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Title: Sieben Jahre in Süd-Afrika. Zweiter Band. - Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von - den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879)
Author: Holub, Emil
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sieben Jahre in Süd-Afrika. Zweiter Band. - Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von - den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879)" ***

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produced from images generously made available by the
Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
http://gallica.bnf.fr.



                            [Illustration]

                      Sieben Jahre in Süd-Afrika
                            Zweiter Band.



                     Sieben Jahre in Süd-Afrika.


                  Erlebnisse, Forschungen und Jagden
        auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi
                             (1872--1879)
                                 Von
                           Dr. Emil Holub.

           Mit 235 Original-Holzschnitten und vier Karten.

                            Zweiter Band.

                             Wien, 1881.
                            Alfred Hölder,
               k. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler,
                        Rothenthurerstraße 15.

                       Alle Rechte vorbehalten.

                 Druck von Friedrich Jasper in Wien.



                               Inhalt.



              Dritte Reise in das Innere von Süd-Afrika.

I. Von den Diamantenfeldern an den Molapo.

Aufbruch von Dutoitspan. -- Uebergang über den Vaal. -- Korannagräber im
Hart-Riverthale. -- Mamusa. -- Wildgansjagd an Moffats Salzsee. -- Ein
Nest des Königskranichs. -- Ein Löwenabenteuer Taylor's. -- Molema's
Town. -- Barolongen-Hochzeit. -- Beschwörungsmittel. -- Eine
Gerichtssitzung. -- Kalte Tage. -- Das Malmanithal. -- Weltevreeden-Farm

II. Von Jacobsdal nach Schoschong.

Jacobsdal. -- Zeerust. -- Ankunft in Linokana. -- Schieferlager. --
Ernteerträgnisse. -- Die Krokodile im Limpopo und seinen Nebenflüssen.
-- Erzlagerstätten im Bushveldt. -- Damara-Emigranten. -- Die Löwenfurth
über den Marico. -- Welsfang im Marico. -- In Lebensgefahr. -- Das
Buffadderthal. -- Ankunft in Schoschong

III. Von Schoschong nach den großen Salzseen.

Geschichte der letzten Kämpfe zwischen Sekhomo und Khama. --
Erosions-Erscheinungen im Lualabette. -- Die Maque-Ebene. -- Frost. --
Wilde Strauße am Wagen. -- Jagdverbot des Königs Khama. --
Eland-Antilopen. -- Die ersten Palmen. -- Wildpfade und Fall-Assagaie an
den Nokane-Quellen. -- Im Gebiete der großen Salzseen. -- Die Tsitani-
und Karri-Karri-Pfanne. -- Am Tschaneng-Flusse. -- Matabele am Wagen. --
Die Salzlager am Nataspruit. -- Jagd auf Zulu-Hartebeeste. -- Auf dem
Anstande auf Löwen. -- Thierleben am Nataspruit

IV. Vom Nataspruit nach Tamasetse.

Die Salzlager im Nataspruit. -- Ein Capitalschuß. -- Von Löwen
aufgeschreckt. -- Das sandige Lachenplateau. -- Strauße am Wagen. --
Nachtreise bei Fackelschein. -- Ein Löwenabenteuer. -- Die
Klamaklenjana-Quellen. -- Vereitelte Elephantenjagd. -- Begegnung mit
Elephantenjägern. -- Die Madenassana's. -- Gebräuche und Sitten
derselben. -- Der Yoruha-Weiher und die Tamafopa-Quellen. -- Nächtliches
Thierleben im Walde. -- Eine verunglückte Löwenjagd. -- Pit schläft auf
dem Anstande

V. Von Tamasetse zum Tschobeflusse.

Henry's Pan. -- Leiden und Freuden der Elephantenjäger. -- Eine
Löwenjagd des jungen Schmitt. -- Makalaka's. -- Ein muthiges Weib. --
Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen. -- Die südafrikanischen
Löwenspecies. -- Leben und Gewohnheiten des Löwen. -- Seine
Angriffsmethoden. -- Ankunft in Panda ma Tenka. -- Blockley. -- Der
Elfenbeinhandel mit Sepopo. -- Elandstiere. -- Aerztliche Praxis an
Henri's Pan. -- Thier- und Pflanzenleben im Panda ma Tenka-Thale. --
Bienenschwärme. -- Westbeech's Handelsstation. -- Saddler's Pan. -- Der
Händler Y. -- Im Leschumo-Thale. -- Gereizte Elephanten auf der Flucht
durch den Wald. -- Am Ufer des Tschobe

VI. Im Tschobe- und Zambesithale.

Das Thal des Tschobe und seine Vegetation. -- Signalisierung meiner
Ankunft. -- Die ersten Boten aus dem Marutse-Reiche. --
Landschaftsscenerie an den Stromschnellen des Tschobe. -- Begegnung mit
Masupia's. -- Mein Mulekau. -- Geschichte der Matabele-Einfälle in das
Reich Sekeletu's. -- Ein Masupia-Grab. -- Thierleben am Tschobe. --
Makumba. -- Begegnung mit englischen Officieren in Impalera. -- Die
Hütten der Masupia. -- Der Schlangenhalsvogel. -- Meine erste Bootfahrt
auf dem Zambesi. -- Die Schilfrohrwälder an den Ufern des Zambesi und
das Thierleben in denselben. -- Letschwe- und Puku-Antilopen. --
Krokodile und Flußpferde. -- Ankunft in Alt-Schescheke. -- Blockley's
Kraal

VII. Der erste Besuch im Marutse-Reiche.

Mein Empfang bei Sepopo. -- Der Libeko. -- Sepopo auf Schleichwegen. --
Sepopo's Residenz. -- Geschichte des Marutse-Mabunda-Reiches. -- Die
Stämme des Reiches und ihre Wohnsitze. -- Unterthanen-Verhältniß
derselben. -- Die Sesuto-Sprache. -- Portugiesische Händler am Hofe
Sepopo's. -- Sepopo ertheilt mir die Erlaubniß zur Bereisung seines
Landes und beschreibt mir den einzuschlagenden Weg. -- Der Bau von
Neu-Schescheke. -- Brand von Alt-Schescheke. -- Culturstufe der Stämme
des Reiches. -- Der Aberglaube und seine Opfer. -- Thronfolge. --
Machtbefugnisse des Herrschers. -- Das Bauwesen bei den Völkern des
Reiches. -- Dreifache Bauart der Hütten. -- Das Innere des königlichen
Gehöftes. -- Der Kischitanz. -- Sepopo's Musikcapelle. -- Die
Musik-Instrumente bei den Marutse-Mabunda. -- Kriegstrommeln. -- Die
Kischitänzer-Masken. -- Rückfahrt nach Impalera. -- Ankunft in Panda ma
Tenka. -- Ein Löwenabenteuer

VIII. Ausflug zu den Victoriafällen.

Ankunft in Panda ma Tenka. -- Neue Enttäuschungen. -- Theunissen verläßt
mich. -- Aufbruch nach den Fällen. -- Jagd auf Orbecki-Gazellen. -- Eine
Giraffenherde. -- Die Süßwassertümpel in der Umgebung der Victoriafälle.
-- Thier- und Pflanzenleben in denselben. -- Ein schmerzenreicher Gang.
-- Der erste Anblick der Fälle. -- Unser Skerm. -- Charakteristik der
Fälle. -- Großartigkeit und Pracht derselben. -- Höhe und Breite der
Fälle. -- Die Inseln an der Fallkante. -- Höhe der Dunstsäulen. -- Die
Erscheinung der Fälle bei Sonnen-Auf- und Niedergang. -- Die Abflußrinne
des Zambesi unterhalb der Fälle. -- Felsenbildungen -- Vegetation und
Thierleben an den Fällen. -- Jagd auf Paviane. -- Ein interessantes
Löwenabenteuer. -- Die Manansa's. -- Schicksale und Charakter derselben.
-- Ihre Sitten und Gebräuche. -- Brautwerbung und eheliches Leben bei
denselben. -- Todtenbestattung. -- Rückkehr nach Panda ma Tenka

IX. Zweiter Besuch im Marutse-Reiche.

Zweiter Aufbruch nach Impalera. -- Die Krokodile im Zambesi und ihre
Gefährlichkeit. -- Begräbnißfeier bei den Masupia's. -- Sepopo und seine
Frauen. -- Reisepläne. -- Baum- und Busch-Vegetation im Walde von
Schescheke. -- Einzug einer Karawane von Tributpflichtigen. -- Die
Marutse als Fischer. -- Maschoku, der Scharfrichter Sepopo's. --
Schmiedewerkzeuge der Marutse. -- Der prophetische Tanz der Masupia's.
-- Besuch der Königinnen. -- Der Fang des Krokodils. -- Die Mankoë. --
Die Verwaltung des Marutse-Mabunda-Reiches. -- Die Beamten-Hierarchie.
-- Eine Elephantenjagd unter Sepopo's Anführung. -- Ausflüge in den Wald
von Schescheke und Büffeljagden in demselben. -- Eine interessante
Löwenjagd. -- Der Löwentanz der Marutse. -- Die Maschukulumbe am Hofe
Sepopo's. -- Moquai, des Königs Tochter. -- Hochzeitsfeier bei den
Marutse

X. Den Zambesi aufwärts.

Aufbruch von Schescheke. -- Die Flottille der Königinnen. -- Erstes
Nachtlager. -- Marutse-Typen. -- Mankoë. -- Fruchtbarkeit des
Zambesi-Thales. -- Die Stromschnellen am centralen Zambesi. -- Die
Mutschila-Aumsinga-Stromschnellen. -- Schiffbruch in denselben. -- Sioma
von Löwen belagert. -- Vom Fieber besinnungslos niedergeworfen. --
Rückkehr nach Schescheke

XI. Dritter Aufenthalt in Schescheke.

Condolenzbesuche des Königs und der Häuptlinge. -- Eine neue Unthat
Sepopo's. -- Masarwa's in Schescheke. -- Ceremoniell bei den Mahlzeiten
an Sepopo's Hof. -- Mein erster Ausflug. -- Der Fischfang im
Marutse-Reiche. -- Sepopo erkrankt. -- Wanderungen eines Arabers durch
Süd-Afrika. -- Unterthanen-Verhältniß im Marutse-Reiche. --
Charakterzüge einzelner Stämme des Reiches. -- Die Zukunft des Landes

XII. Die Culturstufe der Völker im Marutse-Reiche.

Religiöse Vorstellungen. -- Lebensweise der Völker. -- Ackerbau. --
Erträgniß desselben. -- Preis der Feldfrüchte. -- Consum. -- Kleidung
der Männer und Frauen. -- Die Stellung der Frau im Marutse-Reiche. --
Erziehung der Kinder. -- Ehe. -- Todtenbestattung. -- Grabdenkmäler. --
Das Reisen im Lande. -- Die Rechtspflege im Reiche. -- Eine Hinrichtung.
-- Die Doctoren Sepopo's. -- Aberglauben. -- Zaubermittel. --
Menschenopfer. -- Industrie-Erzeugnisse der Marutse. -- Thongefäße. --
Holzarbeiten. -- Calebassen. -- Flechtarbeiten. -- Schneide-Werkzeuge.
-- Jagd- und Kriegswaffen. -- Textil-Industrie. -- Canoebau. --
Tabakspfeifen und Schnupftabakdosen. -- Toilette-Artikel. --
Schmuckgegenstände

XIII. Aufenthalt im Leschumo-Thale.

Abfahrt von Schescheke. -- Renitente Bootsleute. -- Ein treffliches
Schreckmittel. -- Die Fauna im Leschumo-Thale. -- Diamond's
Jagdausflüge. -- Der Häuptling Moja. -- Eine interessante
Naturerscheinung. -- Sepopo's Häscher. -- Kapella's Flucht aus
Schescheke. -- Schwere Gewitter. -- Gährung im Marutse-Reiche. --
Sepopo's Niedergang. -- Aufbruch nach Panda ma Tenka

XIV. Durch das Makalaka- und Westmatabele-Land.

Aufbruch nach Süden. -- Vlakvarks. -- Lager an den
Klamaklenjana-Quellen. -- Der Händler Z. -- Die Weiher von Tamasanka. --
Die Sibanani-Lichtung. -- Reiches Thierleben. -- Die Mambaschlange. --
Ein böses Gewissen. -- Menon, der Chef der westlichen Makalaka. -- Ein
Spion. -- Menon hält über Z. Gericht. -- Langfingrigkeit und
Unreinlichkeit der Makalaka. -- Morulabäume. -- Z. in Lebensgefahr. --
Die Ruinen von Rocky-Schascha. -- Pittoreske Landschaftsscenerie am
Rhamakoban-Flusse. -- Tati. -- Goldgräber. -- Die Familie Lotriet. --
Matabele-Vorposten. -- Geschichte des Matabele-Reiches. -- Africa als
Löwenjäger. -- La Bengula's Schwester. -- Der Leopard im Schlafzimmer
Pit Jacobs

XV. Rückreise nach den Diamantenfeldern.

Ankunft in Schoschong. -- Khama läßt Z. verfolgen und verurtheilt ihn.
-- Aufregende Nachrichten aus der Colonie. -- Aufbruch nach Süden. --
Mochuri. -- Der Krieg der Bakhatla's gegen die Bakwena. -- Ich erstehe
zwei junge Löwen. -- Ein Löwen-Abenteuer Van Viljoens. -- Eberwald
besucht mich. -- Jouberts See. -- Houmans Vley. -- Ankunft in Kimberley

XVI. Mein letzter Aufenthalt in den Diamantenfeldern.

Wiederaufnahme der ärztlichen Praxis. -- Mein neues Heim und kleiner
Thiergarten in Bultfontein. -- Ausstellung meiner Sammlungen im
Varietiestheater zu Kimberley. -- Ausflug nach der Farm Wessels. -- Die
Gravirungen der Buschmänner. -- Hyänen- und Erdferkeljagden. -- Meine
Broschüre über die Eingebornenfrage. -- Irrige Auffassung derselben in
England. -- Ernste Zeiten für die Colonie und Griqualand-West. -- Mayor
Lanyon und Colonel Warren. -- Aufbruch nach der Küste

XVII. Durch die Colonie zur Küste.

Abreise von Bultfontein. -- Straußenzucht auf der Farm Ottersport. --
Straußenzucht im Allgemeinen. -- Meine erste Vorlesung in Colesberg. --
Cradock. -- Ein Unfall bei diesem Orte. -- Der Zulu-Krieg. -- Die
Ursachen der Mißerfolge in der Behandlung der südafrikanischen
Eingebornen. -- Meine Artikel über den Zulu-Krieg. -- Kampfweise der
Zulu. -- Grahamstown. -- Reiche paläontologische Funde. -- Ankunft in
Port Elizabeth. -- Eine Löwenjagd. -- Ausflüge in die Umgebung. -- Meine
marinen Sammlungen. -- Meine Sammlungen in Gefahr. -- Die letzten Tage
auf afrikanischem Boden. -- Heimfahrt nach Europa, Projecte für die
Zukunft


                         Inhalt des Anhangs.

        1)  Die Roiwater-siekte
        2)  Chirurgische Erfahrungen
   3 u. 4)  Meine Behandlung des Fiebers
        5)  Zwei Züge von Kindesliebe bei den Eingebornen
        6)  Eine Löwenjagd Cowley's
        7)  Originaltext einer Stelle aus meiner Broschüre: ^A few words
               on the Native Question^
        8)  Die Dürre-Perioden in der Cap-Colonie
        9)  Die Straußenzucht in Süd-Afrika
       10)  Originaltext eines meiner Artikel über die Zulu's
       11)  Die Maschona
       12)  Zweck und Ziel meiner nächsten Forschungsreise


                               Karten.

   Specialkarte  (Nr. 1)  des von Dr. Holub bereisten centralen Theiles
                             von Ost-Bamangwato und West-Matabele.
        "        (Nr. 2)  Die Victoriafälle des Zambesi.
        "        (Nr. 3)  Dr. Holubs Bootfahrten im centralen Laufe des
                             Zambesi von der Malumba-Bucht bis zum
                             Nambwe-Katarakt (Süd-Barotse).


                   Verzeichniß der Illustrationen.

     1.  Titelbild zur dritten Reise in das Innere von Süd-Afrika
     2.  Batlapinen auf der Bläßbockjagd
     3.  Weiher bei Coetze's Farm
     4.  Gräber unter den Kameeldornbäumen bei Mamusa
     5.  Wildgansschießen an Moffats Salzsee
     6.  Tauschhandel bei Konana
     7.  Rauchender Betschuana
     8.  Felsenpartie bei Molema's Town
     9.  Pavianfelsen
    10.  Bootfontein
    11.  Newport-Farm
    12.  Welsfang im Marico
    13.  Im Sumpfe am Matebe-Flüßchen
    14.  An der Löwenfurth im Marico
    15.  Krokodile im Limpopo
    16.  Kampfesscene auf den Bamangwato-Höhen
    17.  Das Lualabett
    18.  Straußenheerde am Wagen
    19.  Jagd auf Eland-Antilopen durch Masarwa's
    20.  Verfolgende Matabele
    21.  Jagd auf Zulu-Hartebeeste
    22.  Die Soa-Salzpfanne
    23.  Im Baume
    24.  Nachtreise bei Fackelschein
    25.  Von Löwen aufgescheucht
    26.  Pit, schläfst Du?
    27.  Heimkehrende Elephantenjäger
    28.  Ein muthiges Weib
    29.  Unterricht im Elephantenjagen
    30.  Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen
    31.  Elephantenheerde auf der Flucht
    32.  Bootfahrt im Zambesi
    33.  Impalera
    34.  Grab eines Masupia-Häuptlings
    35.  Am Tschobe-Ufer
    36.  Wildebene bei Blockley's Kraal
    37.  Nilpferdjagd
    38.  Im Papyrusdickicht
    39.  Empfang bei Sepopo
    40.  Hafen von Schescheke
    41.  Uebersiedlung nach Neu-Schescheke
    42.  Musik-Instrumente der Marutse
    43.  Kischitanz
    44.  Kischitänzer-Maske
    45.  Am Ufer des Zambesi
    46.  Jagd auf Bushvaarks
    47.  Zusammentreffen mit Giraffen
    48.  Leben und Weben am Grunde der Süßwassertümpel
    49.  Die Victoriafälle
    50.  Der Löwe kommt
    51.  Jagd auf Sporngänse
    52.  König Sepopo
    53.  Kaïka, König Sepopo's Tochter
    54.  Der prophetische Tanz der Masupia
    55.  Besuch der Königinnen
    56.  Meine Hütten in Neu- und Alt-Schescheke
    57.  Krokodilangel
    58.  Jagd auf Wasser-Antilopen
    59.  Büffeljagd
    60.  Löwenjagd bei Schescheke
    61.  Maschukulumbe an Sepopo's Hofe
    62.  Sepopo's Arzt
    63.  Mabunda. Makololo
    64.  Mankoë
    65.  Marutse-Typen
    66.  In den Manekango-Stromschnellen
    67.  Mambari. Matonga
    68.  Zambesi aufwärts
    69.  Verlust meines Bootes
    70.  Sioma von Löwen angegriffen
    71.  Fischotterjagd am Tschobeflusse
    72.  Masupia. Panda
    73.  Das Speeren der Fische
    74.  Gang durch Schescheke
    75.  Ertränken arbeitsunfähiger Personen
    76.  Sepopo's Capellmeister
    77.  Korb aus Bast und Kalebassen-Korngefäße bei den Mabunda
    78.  Schöpflöffel und Kalebassen-Korngefäße bei den Mabunda
    79.  Ein Marutse-Elephantenjäger
    80.  Kalebassen für Honigbier und Korn bei den Marutse und Mabunda
    81.  Tabaks- und Dachapfeifen der Marutse und Mabunda
    82.  Dachapfeifen der Mabunda, Marutse und Masupia
    83.  Scene am Zambesiufer in Schescheke
    84.  Lager im Leschumo-Thale
    85.  Wana Wena, der neue König der Marutse
    86.  Ruinen von Rocky-Schascha
    87.  Ruinen von Tati
    88.  Begegnung mit einem Löwen am Tatiflusse
    89.  Der Leopard im Hause Pit Jacobs
    90.  Rückreise nach den Diamantenfeldern
    91.  Koranna-Gehöfte bei Mamusa
    92.  Platberg bei Rietfontein
    93.  Fingoknabe
    94.  Mein Haus in Bultfontein
    95.  Felsen-Gravirungen der Buschmänner
    96.  Grabstichel der Buschmänner
    97.  Jagd auf Erdferkel
    98.  Colonel Warren
    99.  Bella
   100.  Jacobsdaal im Jahre 1872
   101.  Unfall bei Cradock
   102.  Kampfweise der Zulu
   103.  Masarwadorf
   104.  Fingodorf bei Port Elizabeth
   105.  Mainstreet in Port Elizabeth
   106.  Schlußvignette


                               Errata.

[Anmerkung zur Transkription: Die Errata wurden im nachfolgenden Text
korrigiert.]

   Seite    3  Zeile   6  von  oben   lies:  _Weltevreeden_ statt
                                                Weltufrede.
     "     27  "      17   "     "      "    "
     "    111  "       1   "   unten    "    98 statt 28 Fuß.
     "    127  "       1   "   oben     "    _Manansa_ statt Masarwa.
     "    141  (Illustrations-Unterschrift) lies: _Grab eines
                  Masupia-Häuptlings_ statt Masupia-Grab.
     "    202  Zeile   3  von  oben   lies:  _Brauneisenstein_ statt
                                                Braunstein.
     "    249  (Illustrations-Unterschrift) lies: _Kaïka_ statt Moquai.
     "    253  Zeile   6  von  oben   lies:  ^_Merops_ Nubicus^ statt
                                                ^Herops Nubicus^.
     "    299  "      16   "     "      "    _Thari-_ statt Luchs-.
     "    341  "      15   "   unten    "    nach dem Worte Matschuku:
                                                _Tabak_ einzuschalten.
     "    395  "      17   "   oben     "    ^_Anthiae thoracicae_^
                                                statt ^Carabi
                                                venatores^.

                            [Illustration]



                      Dritte Reise in das Innere
                                 von
                             Süd-Afrika.


                            [Illustration]



                                  I.
               Von den Diamantenfeldern an den Molapo.


Aufbruch von Dutoitspan. -- Uebergang über den Vaal. -- Korannagräber im
Hart-Riverthale. -- Mamusa. -- Wildgansjagd am Moffat's Salzsee. -- Ein
Nest des Königskranichs. -- Ein Löwenabenteuer Taylor's. -- Molema's
Town. -- Barolongen-Hochzeit. -- Beschwörungsmittel. --
Eine Gerichtssitzung. -- Kalte Tage. -- Das Malmanithal. --
Weltevreeden-Farm.

[Illustration: Batlapinen auf der Bläßbockjagd.]

Nach fast dreijährigem Aufenthalte auf dem heißen Boden des schwarzen
Erdtheils, der Ruhmes- aber auch schweren Leidensstätte so vieler von
froher Begeisterung für ihren Beruf erfüllter Männer, stand ich nun an
der Schwelle meiner eigentlichen Aufgabe. Die verschiedensten Gefühle
durchwogten meine Seele, konnte und durfte ich hoffen, das ferne Ziel zu
erreichen, um dessentwillen ich die Heimat und meine Lieben verlassen
hatte, war ich den Schwierigkeiten der geplanten Reise auch gewachsen?
-- Die gesammelten Erfahrungen auf meinen zwei vorhergegangenen Uebungs-
und Recognoscirungs-Touren schienen mir diese Frage zu bejahen, ich
hatte die verschiedenen Tücken und Gefahren der afrikanischen Natur, die
zahllosen widrigen und störenden Zufälligkeiten im Verkehre mit den
Eingebornen, ihre Behandlungsweise, die Tragweite und den Werth treuer
und verläßlicher Begleiter und Diener kennen gelernt, und nach diesen
Erfahrungen mich nach besten Kräften auf diese, meine dritte Reise,
welche eine Forschungsreise im eigentlichen Sinne werden sollte,
vorbereitet; -- doch wo und wann ließ sich in Afrika der Erfolg selbst
der ausdauerndsten und energischesten Bestrebungen beschränkter
Menschenkraft mit Zuversicht vorherbestimmen!

Aus dem Widerstreite aller dieser Gedanken und Gefühle tauchte zuletzt
das Bild des atlantischen Oceans bei Loanda auf und belebte meinen Muth,
stärkte mein Vertrauen; in so manchen schwierigen Fällen war mir das
Glück als treuer Bundesgenosse beigestanden, vielleicht lächelte es mir
auch diesmal und half mir das Unberechenbare, an dem Forschungsreisen in
Afrika so reich sind, überwinden.

                   *       *       *       *       *

Am 2. März 1875 verließ ich Dutoitspan und begab mich vorerst zu einem
Freunde nach Bultfontein, um hier bis zum 6. zu verweilen und den Rest
meiner Geschäfte zu besorgen. Im Plane meiner eben anzutretenden Reise
lag es, Süd-Central-Afrika zu erforschen und da ich deshalb kaum nach
der Capcolonie zurückzukehren glaubte, hatte ich diesmal bei meinem
Scheiden aus den Diamantenfeldern mehr und wichtigeres zu besorgen, als
dies bei den zwei vorhergegangenen Versuchsreisen der Fall war.

Von Bultfontein am 6. aufbrechend legte ich etwa 11 Meilen zurück und
hielt bei einer von einer sandigen, schon von den Diamantenfeldern aus
sichtbaren Bodenerhebung umschlossenen Regenlache die erste Rast. Wir
schliefen in dem tiefsandigen, auf einige Meilen hin den nach dem
Transvaal-Gebiete führenden Weg begleitenden Mimosengehölze, dessen
Durchzug jedem Gefährte so widerlich wird.

[Illustration: Weiher bei Coetze's Farm.]

Am 7. passirte ich die beiden Farmen Rietfley und Keyle. Die erstere
liegt auf einem stark salzhaltigen Grunde und unmittelbar vor dem auf
einem nackten Felsenabhange liegenden unschönen Farmgebäude breitet sich
einer der bekannten Salzseen aus. Zwischen dieser Farm und Keyle steht
eine Lehmbaracke -- eines der vielen Uebel jener Gegenden, eine Cantine.
Der nächste Tagemarsch brachte uns an den Farmen Rietfontein und
Pan-Place vorüber und wir schlugen unser Nachtlager auf Coetze's Besitz
auf. Auf den Grasebenen der ersten Farmen tummelten sich
Springbockheerden, und als wir uns der zweiten, am Fuße des für
Griqualand-West bedeutungsvollen und weithin sichtbaren Platberges
gelegenen Farm näherten, erbeutete ich einiges Federwild, darunter ein
Rebhuhn. Wir begegneten mehreren Haufen nothdürftig bekleideter
Transvaal-Betschuana's, die je von einem Weißen (Diamantengräber)
angeführt, von diesem in ihrem Lande zum Diamantengraben geworben worden
waren. Der mir interessanteste Punkt der bisherigen Reise war ein Sumpf
an Coetze's Farm. Ein rings von Schilf umsäumter, buchtenreicher und von
kleinen Inseln bedeckter Weiher, der ein zahlreiches Wassergeflügel
beherbergte, namentlich Wildenten, Bläßhühner und Taucher.

Als ich am Abend Mynheer Coetze besuchte und auf die vogelreichen Weiher
zu sprechen kam, überraschte er mich mit der Antwort: »Ja, die Vögel
brüten auch da und wir stören sie nicht, noch gestatten wir, daß dies
Fremde thun, wir haben an den Thieren unsere Freude!« Mich erfreute
diese Antwort sehr und ich hatte auch später Gelegenheit, öfters unter
holländischen Farmern ähnlichen Gesinnungen zu begegnen.

Auf dem theilweise bewaldeten Gebiete dieses Farmers, das sich über
Theile von Griqualand-West und des Oranje-Freistaates ausbreitet, findet
sich unter anderem Hochwilde auch noch eine zahlreiche Heerde der
gestreiften Gnu's vor.

Zwei Tage später bewerkstelligten wir die recht mühselige Ueberfahrt
über den Vaal bei Blignaut's Pont. Einige Vogelbälge sowie zahlreiche
Blattkäfer (^Platycorynus^) Arten wurden meine Beute an beiden
Vaalufern. An der Ueberfuhr befand sich am diesseitigen Ufer ein Complex
von windschiefen, allseitig gestützten Lehmhäuschen -- ein Hotel
darstellend -- und am jenseitigen hie und da zerstreute Korannahütten,
deren Bewohner Fährmannsdienste zu versehen hatten. Für die Ueberfahrt
hatten wir an ihren Brodherrn 25 Shillinge zu bezahlen.

Nach einer in dem vom Regen stark aufgeweichten Boden beschwerlichen
Fahrt gelangten wir am 10. in das dem Leser schon von früher her
bekannte Transvaalstädtchen Christiana und zu der schon erwähnten
Hallwaterfarm (fälschlich Monopotapa genannt), und erstanden von den
hier weilenden Koranna's (von Mamusa) unseren Bedarf an Kochsalz.

Am 12. schlug ich eine nördliche Richtung ein und passirte
Strengfontein, Mynheer Webers Farm.[1] Auf der Weiterfahrt betrat ich
ein schön begrastes Buschland, auf dessen Fläche ich mehrere Farmen
gewahrte, und das von den Koranna's, von Gassibone, von Mankuruana,
sowie auch von der Transvaal-Regierung gleichzeitig beansprucht,
factisch keinen Landesherrn besaß. Die Gehölze beherbergten Deuker,
Hartebeest-Antilopen, gestreifte und schwarze Gnu's, die Grasflächen
Springbock- und Steenbock-Gazellen, Trappen und eine zahlreiche
Vogelwelt kleinerer Art.

[Fußnote 1: Die Farm liegt östlich von dem Gebiete der unabhängigen
Koranna's.]

Wir zogen an einer kurz zuvor von den an den nahen Höhen umwohnenden
Eingebornen eingeäscherte Farm (Drie- und Vierfontein genannt) vorbei
und lagerten auf der etwas weiter ab liegenden Houmansvley. An der
erstgenannten standen in der Nähe des Farmgebäudes einige Korannahütten,
deren weibliche Insassen in ihrem Betragen im schroffsten Gegensatze zu
zwei Batlapinenmädchen, die sich scheu zurückzogen, sich sehr
zudringlich geberdeten. Nahe an Houmansvley liegt ein sumpfiger Weiher
(Vley), in dem ich einige Wildenten, den grauen Reiher und langbeohrte
Sumpfeulen (^Otus Capensis^) fand. Mit Houmansvley verließen wir die
letzte der Farmen und betraten das Gebiet der Koranna's von Mamusa.

Am Abend des 15. langten wir im Hart-Riverthale an. Bei der Abfahrt zum
Flusse fuhren wir über einen hochbegrasten, von hundertjährigen
Kameeldornbäumen bestandenen Abhang, in deren Schatten wir mehrere zum
Theil noch erhaltene Batlapinen- und Korannagräber trafen. Das
Ueberschreiten des Flusses wurde uns an diesem Tage durch die starke
Strömung des oft vollkommen trockenen, gegenwärtig aber durch den
letzten Regen bedeutend angeschwollenen Flusses unmöglich, auch war der
Abhang eine zu anziehende Partie, als daß wir ihn so bald verlassen
hätten können. Die zungenförmig von dem im Hintergrunde bewaldeten
Hochplateau in das Hart-Riverthal hereinragende und steile Mamusahöhe
lag uns -- etwas zur Rechten, am rechten Hart-River, etwa 1200 Schritte
entfernt -- gegenüber.

Wir besuchten Mamusa und lagerten an dem kleinen Flüßchen »Prag«, unweit
der unter dem östlichen Felsenabhange der Höhe erbauten Handelsstation.
Mamusa, das noch vor wenigen Jahren einer der meist bevölkertsten Orte
des Hottentotten-Elementes in Süd-Afrika bildete, war zur Zeit meines
Besuches bis auf einige Sprößlinge des ergrauten Königs Maschou und
ihrer Diener verlassen. Die Bewohner waren theils mit ihren Heerden auf
die Weide gezogen, theils hatten sie die Stadt verlassen, um sich an den
Nebenflüßchen der Mokara und des Konana, auf den nach Norden gegen den
Molapo sich erstreckenden Wildebenen anzusiedeln. Dies kleine
selbstständige Fürstenthum der Koranna's von Mamusa ist eine Enclave in
den südlichen Betschuana-Gebieten, doch sein Bestand für die Nachbarn
nicht besonders segenbringend, da der häufige Contact zwischen dem
Hottentotten- und dem Banthu-Elemente stets nur die Decadenz der Stämme
der letzteren Familie zur Folge hatte.

[Illustration: Gräber unter den Kameeldornbäumen bei Mamusa.]

Bei dem Händler fand ich gefälliges Entgegenkommen. Herr Mergusson war
ein Thierfreund und beschäftigte sich mit der Zähmung seines zahlreichen
Wildgeflügels. Er zeigte mir mehrere meterhohe Stöße von Antilopen-,
Gnu- und Zebrafellen, die er nach Bloemhof zum Verkaufe zu
bringen gedachte. Er und sein Bruder hatten schon zweimal ihre
Tauschhandelsreisen bis zum N'Gami-See ausgedehnt. Während meines
Aufenthaltes im Weichbilde der Stadt hörte ich auch von jenen
diebischen, auf meiner zweiten Reise in Musemanjana gemietheten Dienern.

[Illustration: Wildgansschießen an Moffat's Salzsee.]

Am 17. verließ ich Mamusa und langte Abends in dem südlichen Theile der
grasreichen Quaggaebenen an, nachdem wir das bebuschte, hie und da durch
Korannagehöfte belebte Hochland erstiegen hatten. Durch den Regen
aufgeweicht, war die Wildebene theilweise in einen förmlichen Sumpfboden
umgewandelt. An den wenigen trockeneren Partien wurden weißliche
Pünktchen wahrnehmbar, die sich in der Nähe als Springbock-Gazellen
entpuppten. Die schönen melodischen Töne der gekrönten Kraniche grüßten
den Wanderer von allen Seiten und sie selbst -- minder scheu als
anderwärts -- gestatteten ihm sogar die Pracht ihres Gewandes aus
ziemlicher Nähe beobachten zu können. Das Gegacker der bespornten und
der egyptischen Gänse lockte bald dahin, bald dorthin, während
zahlreiche größere Ketten oder einzelne Pärchen von Wildenten über uns
hin- und herschwärmten.

Die Fahrt der nächsten Tage bot uns vielfach Gelegenheit, unserer
Jagdlust zu genügen und lohnte unsere Mühe durch ergiebige Beute, unter
welcher sich ein Silberreiher, Regenpfeifer und Schnepfen befanden. An
einem weiten, mit salzigem Wasser gefüllten See ließ ich unser Lager
aufschlagen und beschloß hier einige Tage zu verweilen, da das reiche
Thierleben für unseren Tisch, als auch für meine Sammlungen manch'
werthvolle Acquisition versprach. Schon mit frühester Stunde des
nächsten Morgens brach ich in Begleitung Th.'s zur Jagd auf.

Da es in der Nacht geregnet hatte, war der Morgen recht kühl und
vergnügt begrüßte ich die ersten Vorboten des Himmelgestirns, die sich
vor mir in das Thal des Salzsee's ergossen und sich in den Fluthen
tausendfach widerspiegelten. Am jenseitigen Ufer entdeckten wir einen
stattlichen Haufen des wunderlichsten der Stelzenvögel, des
dunkelcarminrothen, braunschnäbligen Flamingo und nahebei graste eine
Schaar von schwarzen Gänsen. Nach uns zu watete laut schreiend eine
Doppelreihe der grauen Kraniche, während von einigen aus dem Gewässer
hervorragenden Felsenblöcken aus, Fischreiher Rundschau hielten. Dazu
schallte das schön klingende, langgezogene Mahem-Geschrei vom See
herüber und zwischen den Gruppen der genannten größeren Vögel watschelte
und schwamm eine Unzahl kleinerer Wasservögel, Enten und Bläßhühner. Ein
Pfiff meines Gefährten riß mich aus diesen Betrachtungen und hieß mich
auf der Hut sein; rasch einen Blick auf den See werfend sehe ich, wie
sich eben eine Schaar Wildgänse aus dem Gewässer erhob. Schweren
Schlages, doch ziemlich rasch, kommt es von Süden an mich herangebraust,
denn mächtig verstehen es die dunkelbraunen Gänse, die Luft mit ihren
bespornten Fittigen zu schlagen. Ein Doppelschuß bringt zwei der Thiere
in die Binsen herab. Rasch wendet sich der Rest nach links, Th. zu und
laut klagend eilt er nach den Grasebenen im Westen. Mit den beiden
Schüssen war neues Leben unter die auf dem See ein Asyl suchenden,
befiederten Schaaren gekommen. Die grauen Kraniche an unserem, die
gekrönten am jenseitigen Ufer erhoben sich rasch aus der seichten (kaum
zwei Fuß tiefen) Fluth; die Flamingo's liefen hin und her, nur
zeitweilig flog einer auf, um sich wiederum rasch niederzulassen -- bis
sie durch mein Erscheinen aufgeschreckt, laut schreiend aufflogen und
kaum rabengroß scheinend, lange Zeit hindurch über dem See kreisten.
Ihre Nachbarn, die schwarzen, grasenden Gänse suchten Schutz in den
Fluthen, während sich Schaaren kleinerer Wasservögel aus den
Binsendickichten des Ufers nach der Mitte des See's flüchteten. Als wir
einige Stunden später beim Frühstück saßen, bemerkten wir mit Staunen,
daß sich am jenseitigen Ufer im Sattel zweier Höhen eine mindestens 250
Stück zählende Bläßbockheerde eingefunden, bei deren Anblick wir unser
Mahl -- leider vergeblich -- im Stiche ließen. Als Ersatz gelang es mir,
einen schönen grauen Kranich zu erbeuten. Auch Pit schoß an diesem Tage
mehrmals Vögel an der Pfanne und überraschte mich Nachmittags mit der
Nachricht, daß er an einer kleinen dichtbeschilften Lache ein Nest der
Königskraniche gefunden habe.

Etwa 2000 Schritte nördlich von unserer Lagerstätte, hoch am Ufer des
Moffat'schen See's fand ich im Sumpfe eine kahle Stelle und in ihrer
Mitte eine künstliche aus Binsen errichtete, 2½ Quadratmeter umfassende
Insel, in deren Mitte sich eine Vertiefung -- das Nest mit zwei
faustgroßen, weißen, länglichen Eiern befand. Die eigentliche Nesthöhle
hatte 30 Zoll Durchmesser und war etwa sechs Zoll tief.

An einem der nachmittägigen Ausflüge, als ich in einer Schlucht an dem
Höhensattel lag -- beobachtete ich einen schon auf der zweiten Reise
wahrgenommenen Umstand, daß bei dem Aufsuchen der Tränke die
Springbock-Gazellen die Pionniere bilden und die Bläßböcke und Gnu's
erst dann folgen, nachdem die ersteren die Annäherung gefahrlos gefunden
haben.

Wir verließen am 23. das von mir Moffat's Salzsee benannte Gewässer,
dessen Ufer vorzügliche Schlupfwinkel des ^Canis mesomelas^ sind und
zogen an einigen tiefen Weihern vorüber, in denen es von Bläßhühnern und
Tauchern wimmelte. Auf einer naheliegenden bebuschten Höhe trafen wir
Makalahari's, welche damit beschäftigt waren, das Fleisch eines erlegten
Bläßbockes in schmale Streifen zu schneiden; auch stießen wir auf eine
Reihe von Fanggruben. Sie waren 1--1½ Meter breit und 8--15 Meter lang
und gegenwärtig zum größten Theile ihrer ursprünglichen Tiefe mit Sand
ausgefüllt. Abends passirten wir ein Gehölz, in welchem eine
Batlapinen-Jagdgesellschaft (Mankurnana's Leute) lagerte und uns bald im
bittenden, bald im befehlenden Tone um Branntwein bestürmte. Am 25.
wurden die Gebüsche dichter und das Wild, das am 24. an Zahl abgenommen,
wieder häufiger. Eine etwa 400 Stück zählende Springbockheerde weidete
vor uns, quer über den einspurigen, vom Grase überwucherten Weg, stob
jedoch bei unserer Annäherung auseinander, Th. gelang es indeß, eine
ausgewachsene Gais zu erlegen. Wir kamen nun in ein dichtes Buschfeld
und das Land zeigte einen merklichen Abfall nach Nordwest, wir waren im
Gebiete des Maretsane-Flüßchens angelangt. Wir passirten mehrere
Regenschluchten und seichte, ziemlich breite Thäler mit üppiger
Buschvegetation, von welchen ich eines Hartebeest-Thal nannte.
Nachmittags langten wir im tiefen Thale des Maretsane-Flusses an; an dem
rechten Abhange war ein Barolongen-Makalahari-Dorf erbaut, dessen
Bewohner die Heerden von Molema's Town hüteten. Das Thal selbst war
stellenweise dicht bebuscht und schien mir reich an kleinen
Wildgattungen, während die zwei bis acht Fuß tiefen Tümpel im Bette des
Flusses, der hier mehr den Charakter eines Spruit besitzt, Fische des
Orange-Rivers, Leguane, Krabben und zwei Entenarten beherbergten.

[Illustration: Tauschhandel bei Konana.]

Bei der Schilderung meiner zweiten Reise in dieser Gegend erwähnte ich
der sich im Unterlaufe der Flüßchen Konana, Maretsane und Setlagole
aufhaltenden Löwen. Gegenwärtig kommen sie in nur sehr dürren Wintern,
in denen das Wild die wasserarmen Partien des Kalahari-Buschlandes
verläßt, nach den oberen Thalpartien dieser Spruits. Um so häufiger
waren sie vor einigen Jahren, als hier das Wild noch in großen Rudeln
weidete und auf den Quaggaflats Straußenheerden ebenso häufig waren, als
es heutzutage die Gnu's sind.

Ein Jäger Namens Wilhelm Taylor, den ich einige Tage nachdem ich
Molema's Town verlassen zum erstenmale und später noch zweimal an den
Salzseen und den Klama-Klenjana-Quellen im nördlichen Theile des
Bamangwatolandes traf, erzählte mir folgendes interessante, ihm
zugestoßene Abenteuer.

»Im Jahre 1863 gab es noch so viele des werthvollsten der Riesenvögel an
den obgenannten Flüßchen, daß häufig Partien von bis zu 20 Jägern die
genannten Gegenden zwischen dem Hart-River und Molapo aufsuchten. Taylor
jagte in jenem Jahre immer in Gesellschaft eines Holländers, der
gegenwärtig am Malmanispruit residirt. Die Jäger kamen von Osten her und
hielten an den Quellen des Maretsane Rast, vor Allem, um das Fleisch
eines erlegten Zebra's zu zerschneiden und zu trocknen. Obgleich sie an
den beiden letzten Tagen keinen Löwen erblickten, trafen sie doch die
nöthigen Vorsichtsmaßregeln, um sich gegen die Raubthiere zu schützen.
Sie errichteten um den Wagen aus dürren Aesten eine leichte Umzäunung
und banden die Zugthiere an die Räder des Wagens an. Das gewohnte
Pfeifchen schmauchend, hatten sich Taylor und sein Genosse Abends unter
den Wagen gelegt, während der Hottentotten-Diener am Bocke saß und Wache
hielt. Die Unruhe, das starke Umherspähen desselben, fiel jedoch Taylor
auf und zwang ihn, denselben über die Ursache seiner Unruhe zu fragen.
Der Diener machte hierauf seinen Herrn auf einen Gegenstand aufmerksam,
der wenige Schritte vor dem Zugtaue seit längerer Zeit herumschlich und
den er für eine Hyäne hielt. Taylor beruhigte indeß den Diener, nachdem
er scharf ausgelugt und meinte, es wäre nur ein vom Winde bewegter
Busch. Kaum zu seinem Ruheplätzchen unter dem Wagen zurückgekehrt, hörte
er schon den Ruf des Dieners: »Herr, es ist kein Busch, nein Herr, Du
irrst Dich.« Taylor stand zum zweiten Male auf, betrachtete den
Gegenstand, der sich nun genähert, etwas genauer und erkannte einen --
Löwen, der wahrscheinlich durch das aufgehangene Zebrafleisch angelockt,
den Wagen und dessen Insassen einer genauen Musterung zu unterziehen
schien. Taylor ersuchte den Diener ihm aus dem Wagen sein Gewehr zu
reichen, doch schon bei der ersten Bewegung, die der Bursche machte,
stand der Löwe auf und kam direct an den Wagen heran, um sich etwa neun
Schritte vor dem Feuer zwischen zwei Büschen niederzukauern. In
demselben Momente aber als Taylor etwas zur Seite trat, um dem
blendenden Feuerscheine auszuweichen, riß sein unvorsichtiger Gefährte
dem Hottentotten das Gewehr aus der Hand, legte auf den Löwen an, schoß
und fehlte. Sofort erhob sich das Raubthier und kam während die Weißen
retirirten, rasch auf das Feuer los. Schon wähnten ihn die Jäger mit
einem Satze innerhalb der Umzäunung zu sehen, als sich der an demselben
Tage durch einen Schuß verwundete Hund, der unter dem Wagen lag, erhob
und sich, seitlich über das Feuer springend, dem Löwen entgegenwarf. Der
Löwe sprang erschrocken zurück und verschwand im Dunkeln, aber nur, um
nach einigen Stunden in Begleitung mehrerer seiner Familie
zurückzukehren und die Jäger förmlich zu belagern. Um nicht durch das
Tödten oder Verwunden des einen die Uebrigen zum unmittelbaren Angriffe
zu reizen, beschränkte sich Taylor darauf, die Thiere scharf zu
beobachten und das Feuer in gleicher Mächtigkeit zu unterhalten. Gegen
Morgen zogen die Löwen ab und die Jäger fanden das Gras förmlich
niedergestampft. »^You could'nt go so far as two yards without not to
tap in to a lions-track,^« meinte Taylor.

[Illustration: Rauchender Betschuana.]

Am folgenden Tage begegneten wir, durch einen Mimosenwald ziehend,
zweien Barolongen, welche mich auf die Nähe von Molema's Town aufmerksam
machten und mir mittheilten, daß König Montsua daselbst zu Besuch weile
und in einem Vergiftungsprocesse den Vorsitz führe. Meinem ursprünglich
gefaßten Plane entgegen, entschloß ich mich darauf wieder Molema's Town
zu besuchen und den König wie seinen Bruder Molema zu begrüßen.

[Illustration: Felsenpartie bei Molema's Town.]

Am 28. März langte ich, das Thal des Lothlakane-Flüßchens, in dem König
Montsua eine neue Residenz gründen wollte, hinabfahrend, in Molema's
Town an. Der Molapo floß etwas reichlicher als zur Zeit meines ersten
Besuches: bald nachdem ich seine steinige Furth passirt, schlug ich auf
derselben Stelle wie im Jahre 1873 das Lager auf. Mein erster Besuch
galt Herrn Webb, dessen Wohnung nur noch baufälliger geworden, kaum mehr
bewohnbar war. Mein Freund theilte mir mit, daß der König mit dem
Unterhäuptling die Verhandlungen in dem erwähnten Vergiftungsprocesse
leite.

Am 29. begab ich mich nach beendeter Gerichtssitzung zu Molema, um die
Vornehmsten des Barolongen-Landes zu begrüßen. Ich traf den König sowie
Molema und die anwesenden Häuptlinge auf der Erde, oder auf kleinen
Holzstühlchen sitzend, beim Mahle. Der König gab seiner ungeheuchelten
Freude Ausdruck, ebenso Molema und ich mußte ihnen wiederholt die Rechte
reichen. Montsua begann sofort von meinen Moschanenger Curen zu sprechen
und ersuchte mich ein oder zwei Tage hier zu verweilen. Nach einem
kurzen Aufenthalte in Molema's Höfchen begaben wir uns in das im
europäischen Style aufgeführte Häuschen seines Sohnes, um Kaffee zu
trinken, der in Blechbechern herumgereicht wurde. Molema litt noch immer
an seinem Asthma, doch lief er rüstig umher und bat mich, ihm dieselbe
Medicin wieder verabreichen zu wollen. Seine Erkenntlichkeit ging so
weit, daß er mir zu zwei kräftigen Zugthieren verhalf, von denen mir
sein Sohn Matjes eines für einen englischen Sattel abtrat.

Molema, ein Mann von mittlerer Statur, mager, ist durch eine
Habichtsnase ausgezeichnet, welche mit dem durchdringenden etwas
unstäten Augenpaare, dem Gesichtsausdruck etwas Scharfes verleiht. Er
ist streng, doch gegen manche seiner Unterthanen, die blindlings seinen
Willen thun, sehr nachsichtig, wovon mich auch das Urtheil in dem
erwähnten Gerichtsprocesse überzeugte. Obgleich stets kränklich, ist er
doch ein treuer und helfender Genosse seiner kranken Frau und trotz
seines Alters sehr behend. Während einige seiner Söhne, sowie die
wohlhabenderen Einwohner in der Stadt in europäischen Häuschen wohnen,
bleibt Molema seinem herkömmlichen treu.

Am 29. hatte Herr Webb eine interessante Zeremonie auszuüben, nämlich
drei Pärchen zu trauen, einer der neuen Ehegatten führte den
auffallenden Namen »Er liegt im Bette«; diese und ähnliche Namen
erhalten die Kinder der Betschuana's im zarten Alter nach Eigenschaften,
die ihrer Umgebung besonders auffallen. Als ich am Abend desselben Tages
einen Spaziergang durch die Stadt machte, hörte ich aus einem der
reinlicher ausstatteten Gehöfte einen anmuthigen vielstimmigen Gesang
von Hymnen in der Setschuana-Sprache, der von vier Männern und zehn
Frauen angestimmt wurde, womit die Hochzeitsfeier schloß.

Auf meinen häufigen Gängen durch die Stadt konnte ich beobachten, daß
neben europäischen Kleidungsstücken namentlich Carossen aus den Fellen
der grauen Wildkatze, des grauen Fuchses, der Deukergazelle und der
Ziege getragen wurden. Knaben hatten in der Regel ein Ziegen- oder ein
Schaffell über die Schulter geworfen, Mädchen trugen ein ähnliches, doch
meist aus Gazellenhaut, und nebstdem aus gedrehten Lederstückchen
gearbeitete Schürzen; einige der Knaben prangten sogar mit den Fellen
junger Löwen.

Die Streitigkeiten zwischen der Regierung der Transvaal-Republik und den
Barolongen schienen etwas nachgelassen zu haben, und dies, weil Montsua
gedroht hatte, bei etwaigen Uebergriffen von Seite der Boers das
englische Banner in seinen Dörfern aufzupflanzen.

Zwei Tage später erkrankte mein Gefährte T. schwer an der Ruhr,
wahrscheinlich in Folge des seit mehr denn zwei Wochen anhaltenden
Regenwetters, doch gelang es mir, ihn bald wieder herzustellen; am
folgenden Tage kamen auch kranke Barolongen aus der Umgebung an den
Wagen, um meine ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Da es sich an
diesem Tage endlich etwas aufzuheitern begann, wurde es in der Umgebung
der Stadt lebendig, das Thal des Molapo wiederhallte von dem Geschrei
und Gesange der dunklen Frauen und Knaben, welche aus der Stadt
ausgezogen waren, um die in die Kafirkorn- und Maisfelder einfallenden
Schaaren der langschwänzigen Witwen, Feuerfinken und Webervögel zu
verscheuchen. Die aus den Felsenritzen allerorten emportreibenden Kari-
und Olivenbäume, die, wenn auch zuweilen niedrig, stets eine
umfangreiche, wahrhaft prachtvolle Krone entwickelten, verliehen auf
einer felsigen Erhebung in der Stadt emporwachsend, dem nach Norden von
einer bewaldeten Bodenerhebung begrenzten Thale, einen dem Auge
wohlthuenden Schmuck.

[Illustration: Pavianfelsen.]

In Molema's Town erfuhr ich, daß die Barolongen die getrockneten Blätter
einer bestimmten Pflanzenart zu einem braunen Pulver rösten und dasselbe
sowohl als Gift, wie auch als Beschwörungsmittel gebrauchen; so bedienen
sie sich z. B. desselben, um mit dem zu Brei angerührten Pulver die
höchsten Aehren eines Kornfeldes zu bekleben. Eine Berührung dieses
Zaubermittels von Seite des Diebes würde dessen sofortigen Tod nach sich
ziehen. In ähnlicher Weise sehen wir mit Hilfe desselben Materials,
Striche, Wellenlinien etc. auf der Innenseite der Umzäunungen der
Barolongen-Gehöfte angebracht, »um die Feinde des Haushaltes« fern zu
halten. Als einige Tage vor meiner Ankunft einem der Bekehrten in
Molema's Town allnächtlich etwas Tabak aus seinem Gärtchen zu
verschwinden pflegte, rieth Herr Webb dem Bestohlenen, einen in der
Tabakpflanzung errichteten Pfahl mit Wagenfett zu übertünchen, und siehe
da, der Dieb blieb aus.

Bevor ich noch am 12. April Molema's Town verließ, erfuhr ich das
Urtheil, welches König Montsua in dem bereits erwähnten Proceß gefällt
hatte. Ich will hier die Episode schildern, um den Leser mit der
Gerichtsbarkeit der Betschuana's näher vertraut zu machen.

Ein ältlicher Barolonge hatte auf eine 15jährige Barolongen-Jungfrau
(eine vaterlose Waise) in Molema's Town sein Auge geworfen; da sie ihm
jedoch nicht als Weib in seine Hütte folgen wollte, und er sie auch
nicht kaufen konnte, sann er auf ein anderes Mittel, um seinen Wunsch
erfüllt zu sehen. Er bot der Mutter des Mädchens seine Hand an, welche
sie auch nicht verschmähte und nun, mit dem Mädchen seiner Neigung im
selben Gehöfte wohnend, glaubte er ihre Zuneigung gewinnen zu können;
allein da weder sein Aeußeres, noch seine Conversation, welche sich
meist um Khomo (Vieh) und Mabele (Korn) drehte, bei dem Mädchen einen
guten Eindruck hervorzurufen vermochten, nahm er seine Zuflucht zu einem
Beschwörer. Das Mädchen sah wohl den Beweggrund dieser Heirat ein, und
vermied alles, was ihrem Stiefvater als Zeichen der geringsten Gunst
hätte erscheinen können. Als sie eines Tages zeitlich Morgens wie
gewohnt, zur Feldarbeit ging, ward sie von ihrem Stiefvater eingeholt
und es entspann sich nach ihrem eigenen Geständniß anderen Frauen
gegenüber folgendes Gespräch. »Ich weiß, daß mich Dein Herz haßt.« Ein
»^E-He^« belehrte ihn, daß er sich nicht irre. Vor Zorn zitternd, stieß
der Alte seinen langen Stab heftig in den Boden und sagte. »Ich weiß es,
es soll auch so bleiben, dann aber mußt Du mir versprechen, keinen
anderen Mann zu nehmen.« Das Mädchen konnte sich eines lauten Auflachens
nicht erwehren, und gab ihm frank und frei mit einem ^na-ja^ eine ebenso
bestimmte abschlägige, wie zuvor eine bejahende Antwort. Mit vor Wuth
entstellten Zügen eilte der alte Mann mit den Worten. »Du versprichst es
nicht? dann vergifte ich Dich!« von dannen, während das Mädchen zu den
Gärten am Flusse eilte und der dort arbeitenden Mutter und einer
Nachbarin unter Schluchzen das Geschehene erzählte. Die Frauen suchten
es der Gekränkten auszureden und meinten, es wäre alles nur ein Scherz,
den sich der Stiefvater erlaubt hätte. Am selben Abend wurde sie,
während sie ihr einfaches Mahl von gekochten Wassermelonen genoß, von
ihrem Vater in's Häuschen gerufen und unter einem Vorwande zu einer
Nachbarin gesendet; von ihrem Gange zurückgekehrt, beendete sie ihr
Mahl. Kurze Zeit darauf fing sie an über Unwohlsein zu klagen,
Magenkrämpfe stellten sich ein, die sich so steigerten, daß sich die
Arme laut schreiend auf der Erde rollte. Von den zur Hilfeleistung
herbeigeeilten Nachbarn umringt, klagte sie, die Mutter an das ihr
erzählte Zwiegespräch erinnernd, ihren Stiefvater laut der Vergiftung
an. Gegen Mitternacht war sie eine Leiche und allgemein wurde ihr
Stiefvater als der Mörder bezeichnet. Männer und Frauen, welche
denselben Nachmittag den alten Mann Pflanzen am Flusse sammeln, andere,
meist Nachbarsleute, die ihn Blätter und Zwiebeln im Höfchen kochen
gesehen hatten, meldeten sich freiwillig zur Zeugenschaft.

Der Beschuldigte war Molema's Leibeigener, ein Mann, der durch ein
halbes Jahrhundert hindurch seinem Herrn treu gedient hatte; obgleich im
Vorhinein entschlossen, ihn zu retten, sandte Molema sofort Boten an
seinen Bruder, den König, nach Moschaneng, um ihm den Fall zu berichten.
Montsua versprach selbst den Fall zu untersuchen. So kam es, daß er nur
wenige Tage vor meiner Ankunft in Molema's Town eingetroffen war und
sofort die Leitung der Verhandlungen in die Hand nahm. Inzwischen befand
sich der Beschuldigte auf freiem Fuße, machte seine gewohnten
Spaziergänge, auf denen ihm Alles scheu auswich. Er hielt sich von
Molema's Weichherzigkeit überzeugt und glaubte sich ohne Mühe mit
einigen Ochsen oder Kühen loskaufen zu können. Nach des Königs Ankunft
in der Stadt, begann der Proceß und beschäftigte durch zwei volle Tage
die hervorragendsten Häuptlinge der nördlichen, freien Barolongen. Nach
jeder Sitzung (zwei am Tage) wurden die Anwesenden von Molema mit
Bochobe (Mehlbrei) bewirthet.

[Illustration: Bootfontein.]

Der Verurtheilte, dessen Schuld klar zu Tage lag und der von allen
Anwesenden als schuldig befunden wurde, fand, wie er es gehofft, an dem
Häuptling Molema den wärmsten Vertheidiger. Des Dieners Schuld
anerkennend, um nicht seinen Bruder, den König, durch Widerspruch zu
reizen, wußte doch Molema so viele Milderungsgründe anzuführen, daß der
König angesichts der Haltung der Unterhäuptlinge von Molema's Town und
der Umgebung, sich erweichen ließ und von einer Verurtheilung zum Tode
absah. Der König, dem schon die zweitägige Gerichtssitzung zu
anstrengend vorkam und der es wohl zu verstehen schien, daß sein Bruder
eine Gefälligkeit von ihm fordere, überließ demselben die Bemessung der
Strafe. Molema bedeutete dem Verurtheilten sich sofort zu entfernen, um
dem König den Proceß so rasch wie möglich vergessen zu machen und als
dieser später einen Spaziergang durch die Stadt unternahm, ließ Molema
den Schuldigen holen und sprach das Urtheil. Es war die gelindeste
Strafe für ähnliche Vergehen: Der Beschuldigte mußte ein Rind an die
nächsten Verwandten (in diesem Falle waren er und seine Frau die
nächsten Verwandten) der Gemordeten als Blutsühne bezahlen.

[Illustration: Newport-Farm.]

Als ich mich am 2. zur Abreise rüstete und vor derselben noch einmal
Herrn Webb besuchte, erschien plötzlich eine dunkle Gestalt in der
schmalen Thüröffnung. Es war Montsua. Lächelnd kam er auf mich
zugeschritten, faßte meine Rechte und drückte mir fünf englische
Shillinge in die Linke, indem er mich bat, ihm einen Vorrath desselben
Medicamentes zu bereiten, von dessen günstiger Wirkung an seinem Weibe
er schon während meines ersten Besuches in Moschaneng sich überzeugt
hatte.

Am Nachmittag des 2. April verließ ich die Stadt der oberen Barolongen
und zog im Thal des Molapo aufwärts. Am folgenden Morgen passirte ich
den letzten nach dieser Richtung hin bewohnten Kraal, über den als
Unterhäuptling Linku (ein Schaf), der Bruder Molema's gebietet. Der
Morgen des 3. April war empfindlich kalt, ein eisiger Südostwind
nöthigte uns, »Winterröcke« anzulegen. Auf der westlichsten, der
sogenannten, zu dem Jacobsdaler Bezirk gehörenden Molapo-Farmen,
Riet-Vley, deren Besitzer ein Boer Namens P. C. van Zyl[2] ist, hielten
wir Rast.

Von hier ziehen sich die Farmen dicht aneinander liegend, bis an die
Molapo-Quellen. Das Thal des Flusses erstreckt sich noch etwa 22
englische Meilen nach Osten, es behält zwar stromaufwärts seinen
sumpfigen Charakter bei, doch wird es allmälig enger, seine Ufer
hügelig, steil und bewaldet, und sind diese Partien nicht nur im
Allgemeinen unter die anziehendsten der westlichen Transvaal-Grenze zu
zählen, sondern auch für den Forscher, sei er nun Ornithologe,
Entomologe, Botaniker oder Mineraloge, in jeder Beziehung des Besuches
werth.

Die Wagenspur, der wir bisher gefolgt waren, führte an einer der letzten
Farmen direct nach dem Baharutsen-Kraal Linokana, den ich jedoch über
Jacobsdal und Zeerust zu besuchen gedachte. Ich zog jedoch am Abhange in
der eingeschlagenen Richtung so weit, bis mich Baumdickichte nöthigten,
an Mr. Taylors Farm (deren ich am Maretsane-Flusse gedachte),
Oliv-wood-dry, der steilen Abhänge halber das Thal zu verlassen und die
Hochebene wieder aufzusuchen. Oliv-wood-dry ist unstreitig eine der
schönsten Farmen am oberen Molapo, sie besitzt einen guten Garten und
eine der wasserreichsten Quellen, die den Molapo speisen, der
Pflanzenwuchs der Thalsohle, vor den kalten Winden geschützt, bildet
eine Oase auf dem westlichen Transvaal-Plateau. Um so dürftiger und
eintöniger fand ich die Farm Bootfontein, auf welcher die Insassen
derselben mehr zu vegetiren, denn zu arbeiten schienen.

Abends überschritten wir in dieser Gegend die Wasserscheide zwischen dem
Oranje-River und dem Limpopo und übernachteten an den Quellen eines
kleinen Spruit, den ich Burgerspruit benannte, und der ein linker Zufluß
des Malmani ist. Im landschaftlich anziehenden Thale des Malmani, an
dessen von üppiger Vegetation bedeckten Abhängen zahlreiche Farmen
gelegen sind, trafen wir am nächsten Tage ein.

[Fußnote 2: Ein Bruder des von mir erwähnten Damara-Emigranten.]

Am Morgen des 5. verließ ich das Malmanithal und zog an der Newport-Farm
vorüber über das Hochplateau, eine mit niederen sauren Gräsern
bewachsene Ebene, weiter nach Osten. Nach dieser Richtung hin und nach
Nordost wurden zahlreiche Höhen, die Ausläufer des Marico-Höhennetzes,
und zwar jene des Khama- oder Hieronymusthales sichtbar, die mit diesem
eine der schönsten Partien des genannten südafrikanischen Höhencentrums
bilden. Die Einsenkung zu dem Seitenthale, in das wir hinabfahren
mußten, um zu dem Hauptthale zu gelangen, ist durch eine felsige
Doppelhöhe gekennzeichnet, welche ich Rohlfsberg nannte, weiter nach
abwärts fiel mir ein sattelförmiger Hügel auf, den ich Zizkasattel
taufte. Die Abfahrt zum Thale war ziemlich beschwerlich, denn wir fuhren
über steile Felsenplatten herab. Für die Mühen dieser Fahrt waren wir
durch die Scenerie im Hieronymusthale reichlich entlohnt; die schönste
Stelle bietet unstreitig die Partie an der Farm Büffels Huck, in deren
Hintergrund sich die anziehenden Staarsattel-Höhen malerisch vom
Horizonte abhoben. Abends hatten wir die Mündung des Hieronymusthales in
jenes des kleinen Maricoflusses und die Farm Weltevreeden erreicht.
Diese Farm gehörte einem der wohlhabendsten Boers des Marico-Districtes,
einem Mynheer van Groonen, dessen Söhne durch längere Zeit
Elephantenjäger gewesen und denen es ausnahmsweise gelungen war, sich
damit ein Vermögen zu erwerben. Im Farmgarten sah ich eine junge
Giraffe, eines der Beutestücke, die sie von einem Jagdausfluge
heimgebracht hatten.



                                 II.
                    Von Jacobsdal nach Schoschong.


Jacobsdal. -- Zeerust. -- Ankunft in Linokana. -- Schieferlager. --
Ernteerträgnisse. -- Die Krokodile im Limpopo und seinen Nebenflüssen.
-- Erzlagerstätten im Bushveldt. -- Damara-Emigranten. -- Die Löwenfurth
über den Marico. -- Welsfang im Marico. -- In Lebensgefahr. -- Das
Buffadderthal. -- Ankunft in Schoschong.

[Illustration: Welsfang im Marico.]

Von der Farm Weltufrede schon konnten wir das Städtchen Jacobsdal
erblicken, einige wenige Gebäude an den Ufern eines Baches und ein
nettes Kirchlein war alles, was damals dies werdende Städtchen des
westlichen Transvaal-Gebietes aufzuweisen hatte. Von Jacobsdal änderten
wir unsere Richtung in eine nördliche und nordöstliche, um nach Zeerust,
dem wichtigsten Flecken des Marico-Districtes zu gelangen. Auf der Fahrt
dahin passirten wir eine der ergiebigsten Farmen dieses Bezirks, jene
des D. Bootha, an welcher der Malmani einen niederen, felsigen Höhenzug
durchbricht, um sich dem Marico zuzuwenden.

Wir trafen am nächsten Tage in Zeerust ein, nachdem ich zuvor die das
Städtchen beherrschenden Höhen besucht. Zeerust hat eine größere
Ausdehnung als Jacobsdal und ein längerer Aufenthalt in der Umgebung des
Städtchens wird dem Entomologen, Botaniker und Geologen reichlich seine
Mühe lohnen.[3] Noch bevor wir am folgenden Tage das freundliche
Linokana betraten, begegneten wir Rev. Jensen, der eben im Begriffe war,
die Post aus dem Innern nach der Stadt zu bringen. Unser Zusammentreffen
war ein herzliches und dankbaren Herzens nahm ich die Einladung an,
während der nächsten 14 Tage sein Gast zu sein. Mir war diese
Erholungszeit doppelt willkommen, denn sie bot mir nicht nur
Gelegenheit, die Umgegend naturhistorisch zu erforschen, sondern war
auch meinen Gefährten nöthig.

Die schönen großen eisenhaltigen Schieferlager, die wir in der Umgebung
von Zeerust und Linokana vorfanden, würden in einer europäischen Stadt
sehr gute Verwendung finden, doch werden sie auch von den Bewohnern des
Marico-Districts bei ihren Bauten, namentlich ihren Einfriedigungen und
Pflasterungen in Anwendung gebracht. Die Höhen von Zeerust waren mit dem
Waggonbaum bewachsen, dessen Rinde zum Gerben verwendet wird.

Im Jahre 1875 wurden von den Baharutse in Linokana 800 Säcke Weizen (à
200 Pfund) gewonnen, und werden von Jahr zu Jahr immer größere Flächen
Landes cultivirt. Die Baharutse bauen Mais, Sorghum, Melonen, Tabak etc.
an, und bringen den Ueberschuß über ihren Bedarf nach dem
Transvaal-Gebiete und den Diamantenfeldern zu Markte. Doch sind ihre
Gehöfte minder fleißig und gut gearbeitet als jene der Barolongen. Die
Baharutse haben ihr Ländchen an die Boer-Regierung abgetreten und sich
nur das Gebiet einiger Farmen behalten.

Am 9. unternahm ich einen Ausflug zu den Quellen des Matebeflüßchens und
auf die erzreichen Höhen der Umgebung. Die nächsten Tage waren theils
der Bearbeitung meiner Routen-Aufnahmen, theils dem Besuche der Gärten
und Pflanzungen und der Missionskirche gewidmet. Der Gottesdienst in der
letzteren wurde mit dem Absingen einer Hymne eröffnet. Dann wurde das
Evangelium vorgelesen, worauf abermals Gesang folgte, woran sich die
Predigt des Missionärs anschloß. Der Eindruck des Gottesdienstes auf die
auf ihren kleinen Holzstühlchen kauernden Neophiten war ein sichtlich
guter. In seiner Einfachheit war dieser Gottesdienst erhebender als
viele der mit Pomp celebrirten Feierlichkeiten in den Cathedralen der
Großstädte.

[Fußnote 3: Siehe Anhang 1.]

Spät Abends am 15. kam der eingeborne Postbote von Molopolole an. Er
hatte drei Tage gebraucht, um die Strecke zurückzulegen und blieb nun
bis zum nächsten Tage hier, um die in Zeerust von Klerksdorp erwartete
europäische Post wieder in's Innere nach Molopolole zu bringen. Mich
überraschte die letztere mit einem freundlichen Schreiben des
allbekannten Geographen A. Petermann aus Gotha. Auch kam ein englischer
Major aus dem Banquaketsen-Lande hier an, der das Land nach Edelmetallen
durchforschte, er war im Begriffe nach Kolobeug und Molopolole zu reisen
und erzählte mir und Rev. Jensen eine interessante Geschichte, die ihm
und Capitän Finlason zugestoßen und ihn bewogen hatte, das nordöstliche
Transvaal-Gebiet aufzusuchen.

Die regnerischen Tage, und an solchen war die Zeit meines Aufenthaltes
in Linokana reich, brachte ich in der gastlichen Wohnung Rev. Jensens
zu. Er benutzte diese Tage, um mir verschiedene, nützliche und
interessante Mittheilungen zu machen und Erlebnisse auf seinen
Missionsreisen zu erzählen. Unter anderen betätigte er die Thatsache,
daß die Krokodile aus dem Limpopo unglaublich weit in dessen Nebenflüsse
hinaufschwimmen und erzählte mir, daß er selbst vor einiger Zeit am
Flüßchen Taung auf Krokodile stieß, welchen sein Hund bald zum Opfer
gefallen wäre. Diese Stelle am Ufer des Taung, der ein Nebenfluß des
Notuany ist und daher ein linker Zufluß des Limpopo, ist von dem
letzteren zwei starke Tagreisen entfernt. Als noch Herr Wehrmann,
ebenfalls ein Mitglied der Hermannsburger Missionsgesellschaft bei den
Makhosi wohnte, lag nahe an seiner Wohnung ein kleiner Tümpel am Ufer
des Kolobengspruit. Hier wurde eine Kuh an der Tränke von einem Krokodil
im Spruit ertränkt.

Allnächtlich hörten wir den Gesang der Baharutse-Mädchen und Männer aus
den umliegenden Stadtgebieten, denn die Baharutse lieben den Tanz. Einer
der landschaftlich schönsten und des Besuches werthen Punkte in der Nähe
von Linokana ist das Thal des Notuany etwa drei Meilen unterhalb seiner
Vereinigung mit dem Matebe-Flüßchen. Felsige Bergabhänge hie und da von
üppigen Triften und dichten Wäldern bedeckt, engen es ein
und beherbergen zahlreiches Federwild, in den zahlreichen
Schilfrohrdickichten des Matebe finden Wildkatzen bis zur Größe eines
Leoparden die geeignetsten Schlupfwinkel und reiche Beute.

Am 23. verließ ich Linokana, überschritt den Notuany, an dem mir die
halbzerfallene Brücke über denselben noch mehr Sorgen als auf der
zweiten Reise verursachte und deren Passirung über zwei Stunden in
Anspruch nahm.

In der Buysport-Schlucht, wo wir diesmal im Fischfang in den Tümpeln des
Marupa-Flüßchens eine lohnende Beschäftigung fanden, verlebte ich einen
angenehmen Tag; nicht minder ergiebig war unsere Jagdbeute. Die höher
liegenden Tümpel sind fisch- und leguanreicher, als die nach der
Oeffnung der Schlucht zu gelegenen, indem die höheren tiefer und mehr
beschattet sind und daher weniger leicht austrocknen. Manche der den
Fluß überschattenden Bäume (meist Weiden und Mimosen) waren bei einem
Durchmesser von 4 Fuß, bis 60 Fuß hoch.

Am nächsten Tage, den 25. passirten wir die im Bushveldt liegenden
Farmen Wit- und Sandfontein. Die Bewohner der ersteren rüsteten sich zu
einem großen Jagdzug nach dem Innern, und hofften mich dort wieder zu
finden. Zwarts Farm fand ich verlassen, der Eigenthümer war acht Tage
zuvor nach denselben Gegenden abgegangen. Sein vorjähriger Jagdzug hatte
ihm einige Strauße und Eland-Antilopen eingebracht. Von vorüberfahrenden
Boers erfuhr ich, daß van Zyl, dem Damara-Emigranten, fortwährend neue
Zuzügler aus dem Transvaal-Gebiete Gebiete an den Krokodil-River folgten
und daß sich diese Emigranten bald hinreichend stark fühlen würden, um
ihren Marsch nach Nordwesten fortzusetzen. Das linke Ufer des mittleren
Krokodil-Riverlaufes zwischen dem Notuany und Sirorume war ihr
Sammelplatz.

[Illustration: Im Sumpfe am Matebe-Flüßchen.]

Am Nachmittag selben Tages langte ich auf Fouriers schon bekannter Farm
Brackfontein an. Hier stieß ich auf zwei aus dem Jacobsdaler District
kommende Boers, die mit ihren gebrechlichen Wägen, von einem elenden
Gespann, Kühen und jungen Ochsen gezogen, auf die Jagd in's »Innere«
ausgingen. Das Arbeiten behagte ihnen nicht und so zogen sie das
kostspielige Vergnügen des Elephantenjagens vor, um damit noch das
wenige, das sie besaßen, einzubüßen und krank und mittellos in die
Heimat zurückzukehren. Fourier zeigte mir Quarz, der reichliche
Schwefelkies-Einschlüsse enthielt und theilte mir mit, daß er eine
Stelle kenne, an welcher große Mengen dieses und eines anderen weniger
glänzenden und mehr ockergelben Metalls zu finden sei, wollte mich aber
durchaus nicht zu dem betreffenden Fundorte führen. Auch berichtete mir
Fourier, daß die Batloka von Tschuni-Tschuni vier Wochen vor meiner
Ankunft am Fuße der Dwarsberge einen Löwen erlegt hatten.

Ich verließ am Morgen des 28. die Farm und lagerte am Schweinfurth-Passe
in den Dwarsbergen. Abends gelangten wir zu den in Felsen aufgegrabenen
Quellen an den Ausläufern der Tschuni-Tschunihöhen, umfuhren am
folgenden Tage die schon auf der letzten Reise besuchte Batlokastadt
Tschuni-Tschuni, und lagerten, nachdem wir den Kessel an dem
Betschuanaspruit durchzogen, am nördlichen Abhange der Ausläufer der
Bertha-Höhe. Am Ufer des Betschuanaspruit beobachtete ich ein
verlassenes Barwadorf, aus 15 Hütten bestehend, welche frei auf einer
Wiese lagen und in Nachtmützen-Form aus je vier in ihren oberen Enden
miteinander verbundenen, vier Fuß hohen Pfählen, sowie einigen über
dieselben geworfenen Grasbündeln errichtet waren.

[Illustration: An der Löwenfurth im Marico.]

Am Nachmittag des 30. langten wir am großen Marico an und lagerten an
einer Stelle, an der eine Stromschnelle und zwei kleine Felseninseln das
Uebersetzen des sonst der Krokodile halber nicht gefahrlos zu
durchwatenden Stromes ermöglichten. Da mir die Stelle gefiel und das
jenseitige Ufer wildreich war, entschloß ich mich, zwei oder drei Tage
an der Furth zuzubringen. Etwa 100 Schritte unterhalb derselben wählte
ich mir im jenseitigen Ufergehölze ein Plätzchen aus, an welchem ich
mich auf den Anstand zu legen beschloß, und blieb auch trotz der
Warnungen Pits dabei, der an der Furth frische Löwenspuren gefunden
hatte. Zur Vorsicht versah ich den gewählten Platz mit einer niederen
Hecke und bezog denselben nach Sonnenuntergang. Der Uebergang über den
ziemlich reißenden Strom in der Dämmerung war beschwerlich und ermüdend.

Allmälig, und zwar je unangenehmer mir meine Lage mit der zunehmenden
Dunkelheit erschien, desto mächtiger schlich sich in mein Denken eine
lange zuvor nicht gleich innige Sehnsucht nach der Heimat und
insbesondere nach meiner Mutter ein. Ich sah das Bild der treuen
Pflegerin meiner Kindheit so treu vor mir, als stünde sie an meiner
Seite. Diese spontan auftauchenden Gedanken und Vorstellungen erfüllten
mich mit einer gewissen Bangigkeit. Wäre es nicht besser den Ort zu
verlassen und zum Wagen zurückzukehren? Nein, mußte ich mir sagen, denn
zur Stunde hatten die Krokodile bereits ihre Spaziergänge am Ufer
begonnen, um die Stromschnellen zu umgehen.

Die Dunkelheit nahm indeß immer mehr zu, dichte Wolkenmassen hingen vom
Himmel herab und ich kam zur Erkenntniß, daß mein Aufenthalt hier
zwecklos und meine Lage keine beneidenswerthe war, ich konnte kaum auf
zehn Schritte Entfernung Gegenstände unterscheiden, mein Gewehr bot mir
daher keinen Schutz; das lange Jagdmesser war die einzige Waffe, auf die
ich mich im Falle der Noth verlassen konnte. Krampfhaft faßte ich mein
Messer mit der Rechten und hockte mich nieder. Ich trachtete mit dem
Gesichte die Dunkelheit um mich zu ergründen und strengte das Auge an,
doch ich sah nichts, nichts als tiefe Nacht um mich. Allmälig fieng es
mir vor den Augen zu flimmern an, bläuliche Sterne schienen sich zu
bilden und das Auge glaubte in ihnen das Bild der Mutter zu sehen. Diese
wiederholte Vision versetzte mich in Aufregung, ich konnte das Gefühl,
daß mir hier Gefahr drohe, nicht unterdrücken und beschloß das Wagniß zu
unternehmen, in dieser Finsterniß zum Wagen zurückzukehren. Ich legte
den einen Fuß auf die trockenen Aestchen und brach unter lautem Krachen
durch, erhob mich jedoch wieder, faßte das Gewehr in die eine, das
Messer in die andere Hand, um die Stelle zu verlassen. Doch was nützte
mir das Gewehr im Gebüsch und in der Finsterniß -- ich warf es zurück.
In demselben Momente vernahm ich ein Kratzen und Scharren, vielleicht
das einer Mangusta, doch deutlich davon unterscheidbar. Ich blieb
stehen, der Laut wiederholt sich und schien von einem Brummen begleitet.
War es ein Raubthier und so nahe, waren jene rostigen Gegenstände, die
ich im Zwielicht in den Büschen drüben gesehen, auch in der That Löwen
gewesen? Als ich die Hecke überschritten hatte, fühlte ich den Schlag
des Herzens stürmischer werden. Mit dem Jagdmesser vor mir herumtastend,
suchte ich den herabhängenden Aesten und den Baumstämmen auszuweichen.
Nach jedem Schritte hielt ich einen Augenblick inne, um jedes etwa
hörbare Geräusch möglichst deutlich und sofort aufnehmen und begreifen
zu können. Ungeachtet der äußersten Vorsicht konnte ich es nicht
verhindern, hie und da mit den Aesten in Collision zu gerathen;
pochenden Herzens wartete ich dann mehr denn zwei Minuten, ob kein
Geräusch ein anschleichendes Raubthier ankündige.

Es war nur eine kurze Strecke, die ich zurückzulegen hatte, nur 100
Schritte, doch nahm sie mir viel Zeit in Anspruch. Endlich langte ich,
durch das Zischen des Wassers geleitet, an der Stelle an, wo die enge
Regenrinne den Abstieg zum Flusse ermöglichte. In dieser herabgleitend,
stand ich eine Minute später am Rande des Gewässers. Mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit setzte ich einen Fuß vor den andern und
trachtete nach dem stärkeren oder schwächeren Brausen des Wassers vor
mir die Furth zu erkennen; wie oft ich auch ausglitt und sogar der
ganzen Länge nach in's Wasser fiel, war ich doch immer wieder im Stande,
mich rasch aufzurichten und die Richtung einzuhalten. So gelangte ich
unter unsäglicher Mühe auf die erste der kleinen Inseln, ließ mich dann
wieder in's Wasser herab, durchschritt den engen Mittelarm, durch den
die Hauptströmung zog, schwang mich auf die nächste Insel und gönnte mir
hier einige Minuten Rast, bevor ich den Uebergang vollendete. In Schweiß
gebadet, stieg ich zum dritten Male in das zischende Element herab und
über die schlüpfrigen Steine balancirend, hatte ich endlich glücklich
das diesseitige Ufer erreicht, ohne mit den Kinnladen der Ungeheuer
Bekanntschaft gemacht zu haben. Obwohl ich noch nicht jeder Gefahr
entronnen war, fühlte ich doch meine Brust bedeutend erleichtert, als
ich den Fuß auf festen Boden setzte. Ich war so ermüdet, daß ich mich am
Flußrande niedergesetzt hätte, wenn mich nicht der Gedanke, daß eben das
unmittelbare Ufer an den Stromschnellen die von den Krokodilen zur
Nachtszeit besuchteste Stelle ist, an der sie dann dem zur Tränke
kommenden Wilde aufzulauern pflegten, davon abgeschreckt hätte. Ich war
eben im Begriffe an den Büschen auf das hohe Ufer emporzuklimmen, als
ich ein starkes Geräusch ober meinem Kopfe vernahm; im Aufstiege
innehaltend, unterschied ich, wie dasselbe sich dem Flusse näherte. Ich
kniete nieder und hielt mich am Stamme des Busches fest, um mich desto
ruhiger verhalten und lauschen zu können. Wenige Minuten später erkannte
ich die Ursache des Geräusches; es war eine Heerde der schönbehörnten
Pallah-Antilopen, welche in den Fluthen unter mir ihren Durst stillen
wollte. Ich erkannte sie an dem Anschlagen ihrer Hörner an die Büsche
und dem eigentümlichen Brummen. Meine ganze Kraft aufbietend, zog ich
mich an den überhängenden Aesten der Bäume auf den hohen Uferrand. Jetzt
athmete ich freier auf, der Weg zum Wagen führte über eine Lichtung, auf
diese eben heraustretend, schlug das Gekläffe der Hunde an mein Ohr,
welche die Pallah's gewittert hatten. Ein Pfiff brachte Niger in wenigen
Momenten an meine Seite und bald darauf hatte ich den Wagen erreicht, um
welchen lichterlohe Feuer brannten.

Am folgenden Tage besuchte ich gemeinschaftlich mit Pit den
Rendezvousplatz und fand die Stelle, an der ich gelegen, sowie die
nächste Umgebung von Löwenspuren bedeckt und die niedere Umzäunung aus
trockenem Gezweige vollkommen zertreten. Der Aufenthalt an dieser Stelle
kostete einem meiner Hunde in Folge des Stiches einer Fliege, welche
schaarenweise die Thiere überfällt, und sich an Nase, Augen und Ohren
festsaugt, das Leben.

Am 1. Mai unternahm ich mit Pit einen größeren Ausflug landeinwärts.
Schon früher hatte ich gehört, daß man sich hie und da in der Colonie
den Muth nimmt, in die geräumigen unterirdischen Hyänenbauten
hineinzukriechen, um sich von der Anwesenheit des Raubthieres zu
überzeugen. Ist die Hyäne »eingefahren« so wird in dem äußersten Theile
ihres Baues aus gewissen Sträuchern ein Feuer angezündet, um das Thier
auszuräuchern. Beim Entweichen wird sie erschossen oder mit Knitteln
erschlagen. Ich machte nun auch mit Pit einen Versuch und forderte ihn
bei einem Hyänenbau angelangt, auf, hineinzukriechen, und siehe da, er
wiederholte auch hier, was er schon oft daheim gethan, diesmal leider
ohne Erfolg, da der Ausräucherungsproceß nicht recht von Statten gehen
wollte.

Am selben Tage trat ich die Weiterfahrt an und traf einige Meilen
flußabwärts einen Elfenbeinhändler aus dem Matabelelande an, der im
Auftrage des Königs der Matabele dem englischen Gouverneur in Griqualand
(Kimberley) mittheilen sollte, daß ein weißer Forscher an der Ostgrenze
seines Reiches unter den Maschona's getödtet worden war.

Die überaus reiche Ausbeute des Tages, Vogelbälge, Reptilien, Insecten,
Pflanzen und Mineralien bewog mich, mein Glück auch im Fischfange zu
versuchen. Mit den nöthigen Werkzeugen ausgerüstet stand ich bald an dem
hohen Flußufer und senkte meine Angel in die Fluth. Es gelang mir,
mehrere Welse zu fangen, drei große, etwa sechs Pfund schwere Stücke
vermochte ich nicht an's Ufer zu schnellen, die Thiere brachen die Angel
oder entschlüpften und fielen rasch über das steile Ufer in den Fluß
zurück. Bei den Anstrengungen, die ich machte, um einen vierten zu
landen, verlor ich das Gleichgewicht und fiel kopfüber das Ufer herab,
blieb aber glücklicher Weise an den Dornen eines Wartebichi-Strauches
hängen.

An den Perlhühnern am Marico beobachtete ich, daß sie sich überall da,
wo Gebüsche bis an den Fluß herantraten, häufiger zeigten und daß sie
ihre Bäume nicht vor dem Abtrocknen des schweren Morgenthaues verließen.
Im Laufen leisten diese Geschöpfe Unglaubliches.

Gegen den Abend fuhren wir weiter und begegneten einer größeren Anzahl
von Betschuana-Familien, dem Makhosistamme angehörend, welche nahe an
den Ruinen von Kolobeng auf Seschele's Gebiete wohnten. Sie waren aus
ihren bisherigen Wohnsitzen ausgewandert und wollten sich an der
Transvaal-Grenze am Fuße der Dwarsberge ansiedeln, da sie von Seschele
zuviel geplagt wurden. Seschele bereitete sich vor, die Makhosi und die
Bakhatla mit Waffenmacht zu überfallen, doch wurde dies den letzteren
verrathen und sie trafen sogleich alle Vorkehrungen, um ihn gebührend zu
empfangen, auf welche Nachricht hin aber Seschele von dem geplanten
Ueberfalle abstand. Für den Reisenden und Händler, wie auch für die
nachbarlichen Colonien ist es in jeder Hinsicht besser, wenn die Einheit
der gegenwärtigen sechs Betschuana-Reiche aufrecht erhalten bleibt. Die
Zersplitterung derselben in kleinere Staaten würde dieselben Nachtheile
zur Folge haben, unter denen die europäischen Colonien und Reisende an
der Ostküste nördlich der Delagoabai zu leiden hatten.

Am 4. beobachteten wir eine Wasserbockgaiß im hohen Grase des gegen
seine Mündung leicht bewaldeten Maricothales. Th. beschlich das Thier
ganz vortrefflich, doch das Unglück wollte, daß ihm die Patrone versagte
und bevor ihm Pit eine zweite reichen konnte, hatte das Thier die Flucht
ergriffen. Der Morgen war ausnahmsweise schön, doch hatten wir seit dem
2. täglich Fröste. Ich durchzog das bewaldete Dreieck zwischen dem
unteren Marico und dem Limpopo, indem ich mich von dem ersteren
entfernte, um ihm erst an seiner Mündung zu begegnen. Wir begegneten
einem aus dem Westmatabele-Lande über 500 englische Meilen weit
herkommenden Haufen Makalaka-Männer, welche zu Skeletten abgemagert nach
den Diamantenfeldern zogen, um sich hier auf sechs Monate zu verdingen
und sich ein Gewehr und Schußbedarf zu erwerben; leider konnten wir
ihren Bitten um Fleisch nicht willfahren, da wir in den letzten Tagen
kein Hochwild erlegt hatten.

Am folgenden Morgen fand ich mich am Ufer des Limpopo; da ich hier
einige Tage zu verweilen gedachte, machten wir uns sofort daran, unseren
Lagerplatz mit einer hohen Umzäunung aus Mimosenästen zu umgeben und die
Zugthiere in Sicherheit zu bringen. Am Nachmittage unternahm ich mit Th.
einen Ausflug am Marico-Ufer aufwärts und schoß zwei Meerkatzen und vier
kleine Nachtaffen (^Galakae^), welche sich durch ein sehr feines
seidenartiges Fell und ihre schönen großen Augen auszeichnen. Sie
bringen in der Regel den Tag schlafend zu und beginnen erst mit der
Nacht als wahre Sprungthiere das Leben in den Zweigen der Bäume in denen
sie nach Motten und Insecten jagen, Beeren suchen, und den Gummisaft der
Mimosen belecken. Mit den Krokodilen, welchen der Fluß seinen Namen
verdankt, machte unser Diener am folgenden Tage Bekanntschaft. Mit
Waschen am Ufer beschäftigt, tauchte plötzlich vor ihm ein dunkler
Gegenstand aus der Fluth, bei dessen Anblicke ihm das Kleidungsstück
entfiel und er es nur dadurch wieder gewann, daß er laut aufschreiend
einen Stein dem nach dem eben versinkenden Gegenstande schnappenden
Krokodile an den Kopf warf. Da ich den Limpopo etwas unterhalb der
Vereinigung mit dem Marico blos etwa drei Fuß tief fand, versuchte ich
es, den Strom an dieser Stelle zu überschreiten. Wir fällten mehrere
große Mimosenstämme und bauten daraus ein Floß, doch das frische
Mimosenholz war so schwer, daß es unter mir zwei Fuß tief einsank und
als ich, das Floß im Stiche lassend, auf das Ufer zu springen im
Begriffe war, hatte sich am gegenüber liegenden Floßende ein Krokodil
angeklammert; diese unliebsame Erscheinung veranlaßte mich, vorläufig
auf den Besuch des jenseitigen Ufers zu verzichten.

Am 7. verließen wir unsern Lagerplatz, zogen stromabwärts weiter und
hatten auf der nächsten Strecke 15 enge und tiefe Regenschluchten zu
überschreiten. Die Gegend war ein ununterbrochener Wald, in dem uns
einige sehr schöne und umfangreiche Hardekoolebäume auffielen; das Land
zur Linken gehörte Seschele, dem Bakwenakönig, das jenseitige der
Transvaal-Republik.

Wir setzten an den folgenden Tagen die Reise fort und gelangten zur
Mündung des Notuany, die Reise ging etwas langsam von statten, da das
Thal des Limpopo und die an seinem Ufer befindlichen, höher liegenden
und mit dem Strome nur bei Hochwasser communicirenden Sumpflachen
mannigfache Gelegenheiten zur Jagd und zur Vermehrung meiner Sammlungen
boten. Bevor wir noch den Notuany erreicht hatten, stießen wir auf das
erste der beiden Lager, welche die Damara-Emigranten bezogen hatten, um
sich zu ihrem Zuge nach Nordwesten zu sammeln. Das Lager bestand aus
etwa 30 Wägen und eben so vielen Zelten. Große Vieh- und Schafheerden
weideten von Bewaffneten beschützt ringsum. Die Leute saßen in Gruppen
beisammen, die einen tranken den unentbehrlichen Kaffee, während andere
emsig an der Completirung des Reisematerials arbeiteten. Mir fiel es
auf, daß die meisten der Frauen schwarz gekleidet waren. Die Männer
fragten uns, ob wir nicht einigen Boerwägen begegnet wären, und als wir
es bejahten, daß wir zahlreiche Damara-Emigranten überholt hätten, da
zeigte sich bei allen eine unverhohlene Freude, sie hofften, daß die
Zeit nahe sei, wo sie hinreichend stark an Zahl, ihren Zug nach dem
Damaralande antreten konnten, wobei sie hinzufügten, daß sie sich, im
Falle ihnen von den Königen der östlichen und westlichen Bamangwato der
Durchzug verwehrt würde, denselben erkämpfen wollten. Ich machte die
Leute darauf aufmerksam, daß sie die trockenen, an Wasser so überaus
armen Strecken des westlichen Theiles des nächst anliegenden
Bamangwato-Reiches mit ihren zahlreichen Heerden kaum passiren könnten,
oder dabei mindestens die Hälfte ihrer Thiere einbüßen würden. Doch
sowohl hier als auch im zweiten Lager, in Schoschong und auf meiner
Rückreise, auf welcher ich den Emigranten begegnete, war man gegen meine
Vorstellungen taub und wollte von einer Umkehr nichts wissen, sie
zeigten ein unbegrenztes Selbstvertrauen, besonders wenn man sie auf die
Widerstandsfähigkeit der östlichen Bamangwato aufmerksam machte. Nach
den Gründen ihrer Auswanderung befragt, klagten sie über die Regierung
und die Person des Präsidenten, welcher ganz verkehrte Begriffe über die
Auslegung gewisser Stellen in der Bibel hätte, während u. a. die
Regierung bestrebt sei, Neuerungen einzuführen, die weder gut noch an
der Zeit wären. Ihre Vorfahren südlich vom Oranje-River, sagten sie,
waren grau geworden, ohne je mit solchen, mit großen Kosten verbundenen
Neuerungen geplagt worden zu sein, deshalb wären auch jetzt diese nicht
nöthig und dies um so weniger, als sie einen Zuzug von Fremden,
namentlich von Engländern verursachten. Diese Neuerungen bezogen sich
namentlich auf Verbesserungen, welche Präsident Burgers im Staate
einzuführen bestrebt war, obgleich sie bei Weitem noch nicht die
Abschaffung aller der Krebsschäden, an denen die Republik litt, erzielen
konnten. Von allen diesen Neuerungen wurde mir das vom Präsidenten
Burgers entworfene Eisenbahnproject, welches die Delagoabai mit der
Transvaal-Republik verbinden sollte, als das abscheulichste bezeichnet.

Es ist wirklich staunenswerth und unglaublich, daß Menschen, die sich
mühevoll ihren Besitz, ihre Farmen erkämpfen mußten, in Folge der oben
angeführten Gründe und den Vorspiegelungen eines Mannes Glauben
schenkend, ihre Heimatsstätte verließen, um eine Irrfahrt nach dem
Innern anzutreten. Im Ganzen zählte der erste Trupp ohne Nachzügler etwa
70 Wägen. Sie wollten von den schönen Weideplätzen der Damara's Besitz
ergreifen und im Falle eines Widerstandes die Damara's aus ihrem Lande
vertreiben. Schon auf der Strecke Krokodil-River -- Schoschong hatten
sie sehr an Wassernoth zu leiden und so große Schwierigkeiten, ihre
Heerden weiter zu bringen, daß sie, in Schoschong angekommen,
entschlossen waren, nach dem Limpopo zurückzukehren, um hier so lange zu
verharren, bis häufige Regen auf der Strecke Schoschong-Damaraland
gefallen wären. Unter der Voraussetzung, daß die Boers das nöthige Land
von den Damara's käuflich erstehen wollten, versprachen ihnen der König
Khama der östlichen Bamangwato's, sowie jener der westlichen
Bamangwato's freien Durchzug durch ihre Gebiete. Als dem Ersteren jedoch
die Nachricht zu Ohren kam, daß sie im Nothfalle zu den Waffen greifen
würden, zog er sein Versprechen zurück, da er eine Invasion seines
eigenen Landes befürchtete. Auf dieses hin erklärten die Boers offen,
daß sie im Falle anhaltender Dürre das Königreich der Zulumatabele
erobern, andernfalls aber sich mit Waffengewalt ihren Weg durch das Land
der östlichen Bamangwato bahnen würden.

[Illustration: Krokodile im Limpopo.]

Ich nahm mir damals, nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt (im Jahre
1877), die Freiheit, mich der Sache öffentlich anzunehmen um dem
Bamangwatostamm und seinem edlen Herrscher einen Vernichtungskampf und
den Holländern schwere Kämpfe zu ersparen und schloß den ersten der
diesbezüglichen in den »Diamond News« am 24. März veröffentlichten
Artikel mit den Worten. »Es wäre absurd, wenn Leute wie diese Boers,
welche weder im Stande waren, den Fortschritt in ihrem Mutterlande zu
begreifen, noch fähig ihm zu folgen, vielmehr auf jede noch so nützliche
Neuerung mit Verachtung herabblickten, einen neuen Staat gründen
wollten.«[4]

Zwei Monate später nachdem ich dies geschrieben, erhielt ich die
Nachricht, daß sich die Boers die Freundschaft Khamanes, der bei
Seschele wohnte und Khama feindlich gesinnt war, dadurch zu sichern
gedachten, daß sie ihn zum Könige der Bamangwato's erheben wollten. Als
ihnen dies nicht gelang, trachteten sie auch Matscheng, den Onkel
Khama's, in ähnlicher, aber auch vergeblicher Weise, gegen diesen als
Bundesgenossen zu gewinnen.

Im Jahre 1876, namentlich aber 1877, hatte sich die Lage der am Limpopo
der Entscheidung harrenden Damara-Emigranten bedeutend verschlechtert,
die Leute sprachen nicht mehr von einem gewaltsam erzwungenen Durchzuge,
im Gegentheile wollten sie jedem Kampfe ausweichen, denn viele von ihnen
waren fieberkrank geworden. Als das Fieber in ihren Reihen immer mehr um
sich griff, entschlossen sie sich zum Aufbruche, sie ließen von Khama
nochmals den freien Durchzug fordern und zogen unterdessen statt nach
Schoschong nach dem Mahalapsiflusse, um den König Khama irrezuführen.
Inzwischen hatte sich Khama auf einen möglicher Weise bevorstehenden
Kampf mit den Boers vorbereitet. Seine Leute mußten sich auf dem freien
Raum vor der Stadt täglich in der Führung der Waffen einüben, während er
die vom Limpopo abziehenden Boers mit zahlreichen Kundschaftern umgab,
um sich über jede ihrer Bewegungen zu orientiren. Die Nachrichten, die
er erhielt, bestärkten ihn immer mehr und mehr in der Ueberzeugung, daß
ihm die Weißen in keiner Weise gewachsen seien. Manch' anderer
Eingebornenfürst Süd-Afrika's hätte aus der schlimmen Lage derselben
Nutzen geschöpft und wäre über die durch Krankheiten und Entbehrungen im
Widerstande geschwächten, jedoch noch immer wohlhabenden Herdenbesitzer
hergefallen. Khama jedoch sandte den Missionär Rev. Hephrun an den
Mahalapsi, um sich über die hilflose Lage der Abenteurer zu
vergewissern. Als ihm der Prediger nach seiner Rückkunft ihre Lage
schilderte, gestattete ihnen Khama sofort freien Durchzug. Die
Emigranten waren seit 1875 derart herabgekommen, daß sie nicht nur an
keinen Kampf mit den Bamangwato's denken konnten, sondern Khama selbst
die Befürchtung hegte, daß sie kaum im Stande sein würden, in ihrem
hilflosen Zustande den Zuga-River zu erreichen. Bald nachdem sie
Schoschong verlassen und ihren Zug nach Nordwest angetreten hatten,
mehrten sich täglich und stündlich ihre Mühsale. Der erste Theil der
Strecke Schoschong -- Zuga-River ist ein einziger tiefsandiger Wald (von
den holländischen Jägern gewöhnlich das Durstland genannt) und besitzt
nur fünf Wasserstellen, wie den Letlotsespruit, die Wasserlöcher von
Kanne, Lothlakane, Nehokotsa etc., an denen man Thiere tränken kann. Die
meisten dieser Stellen sind im Sande oder ausgetrockneten Flußbetten
gegrabene Löcher, welche es kaum gestatten, ein Gespann Ochsen auf
einmal zu tränken; Abends aufgegraben, liefern sie am nächsten Tage
einige Eimer Wasser, woher sollten die Emigranten das nöthige Wasser für
ihre nach Tausenden zählende Rinder- und Schafheerde nehmen. So geschah
es, daß die Thiere durch Durst förmlich außer sich, truppweise
davonliefen und die Boers in elendem Zustande am Zuga anlangten.

[Fußnote 4: Diese Boers dürfen keinesfalls mit ihren gebildeten
Stammesgenossen in Süd-Afrika verwechselt werden.]

Die Noth an Dienern machte sich bei den Leuten sehr fühlbar, ich sah oft
Kinder die Leitochsen führen und Frauen, hier die Gattin, dort die
Tochter, die riesige Peitsche schwingen. Nach und nach durch Krankheit
decimirt und nachdem sie etwa 50 Percent ihrer Habe eingebüßt, langten
die Emigranten am N'gami-See an. Von da begann ein neuer beschwerlicher
Zug durch das Land der westlichen Bamangwato. Eine kleine Anzahl von
Familien, deren meiste Mitglieder am Fieber darniederlagen und
zahlreiche Waisen erreichten das Damaraland. Während meines Aufenthaltes
in London im Jahre 1880 erfuhr ich, daß die Ueberlebenden jener
bedauernswerthen Leute von allen Mitteln derart entblößt ankamen, daß
ihnen die englische Regierung durch freiwillige Gaben der opferwilligen,
englischen und holländischen Bevölkerung der Capstadt und anderer
südafrikanischer Städte, an Kleidung und Nahrung etc. unterstützt,
mehrere Sendungen per Dampfer ^via^ Walfischbai zugemittelt hatte. So
endete der Versuch jener starrköpfigen Menschen, die, sich gegen jeden
Fortschritt auflehnend, aus Nationalhaß und Unwissenheit mit offenen
Augen ihrem Verderben entgegen eilten.

Bevor ich noch den Notuany erreicht hatte, konnte ich wahrnehmen, daß
das Wild, welches während meiner zweiten Reise die Ufer des Limpopo so
dicht bevölkert hatte, durch das unausgesetzte Jagen von Seite der
Emigranten decimirt war. Ich fand nur Hippopotamus- und in einem dichten
Gebüsch einige Giraffenspuren und diese führten in einem engen Fußpfade
zum Flusse herab; doch hatte ich keine Muße den Giraffen zu folgen und
wollte sie auch den Boers nicht verrathen.

Auf einem dem Ufer entlang unternommenen Ausfluge schwebte ich in
Lebensgefahr. Wir folgten einer größeren Kette Perlhühner, die Thiere
liefen vor uns her, nur zeitweilig erhob sich eines, um sich nach uns
umzusehen; so kamen wir auf eine unseren Weg kreuzende, über und über
mit Gras überwucherte, etwa 12 Fuß tiefe und etwas breitere
Regenschlucht, ich machte den mir unmittelbar folgenden Th. auf sie
aufmerksam und stieg herab, um sie zu durchschreiten, mein Genosse hatte
jedoch meine Warnung nicht gehört, sondern seine ganze Aufmerksamkeit
auf die vor uns herlaufenden Perlhühner gerichtet und hielt den
Sniderstutzen schußbereit in der Hand. Bei dem Sturze in die Tiefe der
Schlucht fiel er nach vorne, wobei der Finger unwillkürlich den Drücker
berührt haben mußte, denn die Kugel streifte meinen Nacken; zwei
Centimeter mehr nach vorne gesenkt, hätte sie mir das Lebenslicht
ausgeblasen.

Am Notuany schlug ich für einige Tage mein Lager auf, um mich der
Durchforschung der nächsten Umgebung zu widmen. Mein erster Ausflug galt
dem südlichen Winkel an der Mündung des letzteren Flusses in den
Limpopo. Hier, im Schatten riesiger Mimosen, fand ich während meiner
zweite Reise zahlreiches Hoch- und Niederwild, diesmal spähte ich lange
vergebens nach Beute, bis endlich eine Gazelle aus dem hohen Ufergras
vor mir aufsprang. Ein wohlgezielter Schuß aus dem nur mit Hasenschrot
geladenen Gewehre hemmte für immer ihre zierlichen Sprünge. Einige in
dem Walde wohnende Masarwa's -- Seschele's Vasallen -- brachten uns
Pallahfelle zum Verkauf, die ich auch erstand.

Die Ufer am unteren Marico und dem Limpopo bestanden aus Granit, Gneis,
grauem und röthlichem Sandstein, der letztere oft mit zahlreichen
eingeschlossenen Kieseln und dann zuweilen recht groteske Hügelformen,
wie eine am Ufer des letztgenannten Stromes den »Cardinalshut« bildend;
stellenweise gesellt sich Grünstein und eisenhaltiger Kalkschiefer
hinzu. Den ersten oberhalb seiner Mündung in den Limpopo in den Notuany
einmündenden Spruit nannte ich Purkyne's Spruit. Die stärksten unter den
Mimosen, auf denen ich hie und da Geiernester bemerkte und die sonst der
Aufenthalt zahlreicher Vogelarten (^Bubo Vereauxii^ und ^maculosus^,
^Psittacus^, ^Coracias caudata^ und ^nuchalis^ etc. etc.) waren, hatten
einen Umfang bis zu zehn Fuß.

Gegen meine zuerst gefaßte Absicht verließ ich den Notuany schon am 12.
und zog das Limpopothal weiter abwärts. Da jedoch die Gegend meinen
Sammlungen viele und schöne Acquisitionen versprach, hielt ich schon
nach einer Tour von vier Meilen inne. Auf einem am 14. unternommenen
Ausfluge vermehrte sich meine Sammlung um zwei Cercopithecus, einen
Sciurus, zwei Perlhühner und zwei Francolinusbälge. An einem der
erlegten Affen, einem ausgewachsenen Männchen, fielen mir einige
krankhafte Auswüchse auf, die dem Thiere in Form von großen Geschwüren
sein Dasein recht unangenehm gemacht haben mußten. Aus den Fluthen des
Limpopo sah ich fast nach jeden 100 Schritten den Körper eines
erwachsenen Krokodils auftauchen, und ebenso rasch verschwinden.

Am folgenden Tage verließ ich den Limpopo, um die bewaldeten, auf dem
südlichen Abhange tiefsandigen, auf dem nördlichen felsigen Höhen zu
überschreiten und in das Thal des Sirorume zu gelangen. Niger machte
sich hier das Vergnügen, zwei über den Weg nach links laufende gefleckte
Hyänen zu jagen, ohne die unbeholfenen Thiere einholen zu können. Gegen
Mittag langten wir bei der schon erwähnten Lache auf dem Gipfel der
Erhebung an und begannen am Nachmittage dieselbe gegen den Sirorume
hinabzufahren. Die Benennung der nun erreichten Gegend als
Buffadder-Gebiet zeigte sich auch diesmal richtig, unmittelbar am Wege
fanden wir zwei zusammengerollte Schlangen, welche wir erlegten. Nach
Trinkwasser fahndend, kam ich, einem schon früher benützten Masarwapfade
folgend, zu einem etwa zehn Fuß tiefen, kleinen Loch, aus dem mir Wasser
entgegenblinkte. Ich band meinen Hut an den Gewehrriemen, um das
ersehnte Naß herauszuschöpfen; als meine Schöpfkanne beinahe den
Wasserspiegel erreicht hatte, sah ich einen schimmernden Gegenstand
theilweise am, theilweise über dem Wasser glänzen; den Gegenstand näher
beobachtend, erkannte ich eine Buffadder, die sich vergebens bemühte,
aus diesem Gefängnisse zu entschlüpfen. Ebenso häufig wie die
Buffadderschlangen sind im Sirorumethale Leopardenspuren. Dichte
Dorngebüsche, zerklüftete höhlenreiche Felsen an den Thalabhängen bieten
hier dieser Wildkatze die gewünschten Schlupfwinkel.

Auf der Fahrt am nächsten Morgen fand ich am Sirorume einen
Bamangwato-Posten. Sekhomo, der frühere Bamangwato-König, hielt hier
keinen, da er nicht hinreichend Leute zur Verfügung hatte, darum sah
auch zu jener Zeit Seschele diese Gegend als seinen Jagdgrund an. Die
Gegend war von Giraffen, Kudu's, Hartebeest- und Eland-Antilopen, sowie
von Gazellen und Wildschweinen, doch auch zahlreich von Hyänen und
Schakalen bevölkert.

Am 17. erreichte ich Khama's Salzsee, an welchem ich die durstigen
Zugthiere zu den Felsencisternen führen und tränken ließ. Von einigen
herbeieilenden Bamangwato's und Makalahari erhandelte ich einige
Curiositäten, darunter auch ein Schlachtbeil. An meinem Wege fand ich
Hornvipern (Giftschlangen), welche jedoch so gnädig sind, den ahnungslos
sich ihnen nähernden Menschen durch ein lautes Pfauchen zu warnen. Gegen
Abend kamen fünf Makalaka's, wahre Hünengestalten, an den Wagen, um sich
mir als Diener zu verdingen; da ich den Charakter dieses Stammes zu wohl
kannte, ging ich auf ihr Ansuchen nicht ein.

Ich verließ am 19. Khama's Salzsee und langte spät in der Nacht in
Schoschong, der Residenz Khama's, an; ich fand die Stadt sehr verändert.
Nach seinem Siege hatte sie Khama angezündet, etwas mehr
zusammengedrängt und näher der Mündung der Schoschonschlucht in das
Franz Josefs-Thal erbaut, wodurch die Gehöfte der Weißen isolirt wurden.
Das Wiedersehen mit Rev. Mackenzie war ein sehr herzliches, mein Freund
lud mich wieder ein, für die Zeit meines Aufenthaltes, den ich auf 14
Tage bemessen hatte, sein Gast zu sein.



                                 III.
               Von Schoschong nach den großen Salzseen.


Geschichte der letzten Kämpfe zwischen Sekhomo und Khama. --
Erosions-Erscheinungen im Lualabette. -- Die Maque-Ebene. -- Frost. --
Wilde Strauße am Wagen. -- Jagdverbot des Königs Khama. --
Eland-Antilopen. -- Die ersten Palmen. -- Wildpfade und Fall-Assagaien
an den Nokane-Quellen. -- Im Gebiete der großen Salzseen. -- Die
Tsitani- und Karri-Karri-Pfanne. -- Am Tschaneng-Flusse. -- Matabele am
Wagen. -- Die Salzlager am Nata-Spruit. -- Jagd auf Zulu-Hartebeeste. --
Auf dem Anstande auf Löwen. -- Thierleben am Nata-Spruit.

Die Veränderungen im öffentlichen Leben und in den socialen Zuständen
der Bamangwato's seit meinem ersten Besuche der Stadt waren mir sofort
aufgefallen. Damals war Sekhomo, das verkörperte Hinderniß jedweder
Neuerungen, welche als Wohlthaten der Civilisation betrachtet werden
können, ein unermüdlicher Priester in der Pflege heidnischer Gebräuche
und Orgien, am Ruder; jetzt war es Khama, sein ältester Sohn, gerade das
Gegentheil seines Vaters. Da mit Khama der größte Theil derer, die ihm
in seine freiwillige Verbannung gefolgt waren, zurückkehrte, und da sich
ihm die meisten der unter Sekhomo hier lebenden Bamangwato's
unterwarfen, zählte die Stadt gegenwärtig dreimal so viel Bewohner als
zur Zeit meines ersten Besuches. Eine größere Ordnung und Sicherheit
machte sich in Allem und Jedem bemerklich und mit dem Verbote des
Branntwein-Verkaufes hatte Khama eines der wichtigen Beförderungsmittel
des Müßigganges und des Unfriedens außer Wirkung gesetzt. Er war aber
auch bestrebt, nach und nach allen den Sitten schädlichen, sowie den
Geist umnachtenden heidnischen Gebräuchen Einhalt zu thun.

Am 21. besuchte ich mehrere kranke Eingeborne in der Stadt, darunter
einen von Khama's Kriegern, dem das eine Schienbein durch eine Kugel
zersplittert worden war.[5] Ich besuchte Khama während meines
Aufenthaltes in Gesellschaft des Herrn Mackenzie mehrmals, und hatte
Gelegenheit, immer mehr und mehr den lobenswerthen Charakter dieses
Mannes kennen zu lernen. Ausflüge in die nächste Umgegend, die
Bearbeitung meiner Routen-Aufnahmen von Linokana nach Schoschong sowie
die ärztliche Praxis, in welcher ich durch Herrn Mackenzie und Hephrun
bei der Pflege der kranken Schwarzen unterstützt wurde, füllten die Tage
meines Aufenthaltes aus. König Khama war so gütig, mir einen Diener aus
dem Trosse seiner Leibdiener, einen Mann, der mich bis an den
Zambesistrom begleiten sollte, zu versprechen. Dieser Eingeborne sollte
auch, wenn ich nach der Westküste oder nach Norden weiterziehen sollte,
meinen Wagen mit den bis an den Zambesi gesammelten Objecten nach
Schoschong zurückbringen, als Lohn sollte ich dem Manne eine Muskete
geben. Freund Mackenzie beschenkte mich mit zwei schönen, von den
Maschona's gearbeiteten Holztöpfen, Rev. Hephrun mit zwei Unzen Chinin.

Am 27. brachte mir Khama den versprochenen Diener und hielt ihm in
meiner Gegenwart eine Rede, welche mit den folgenden Worten schloß.
»Dein neuer Herr ist ein Mann, und daß er ein Njaka (Doctor) ist, das
hab' ich Dir schon erklärt.«

Auf meinen in Gesellschaft Rev. Mackenzie's unternommenen Ausflügen
zeigte mir dieser alle jene Stellen, welche in der Geschichte der
Bamangwato's durch die letzten Kämpfe zwischen Khama und Sekhomo
Bedeutung erlangt hatten. Die folgenden Zeilen mögen meine gelegentlich
der Schilderungen meines ersten Aufenthaltes in Schoschong angeführten
Mitteilungen ergänzen. Ich erwähnte am Schlusse derselben, daß Khama
Schoschong verlassen, und ihm der größte Theil der Bamangwato's in diese
freiwillige Verbannung an den Zuga-River gefolgt war, als jedoch Khama
sah, daß das Fieber seine Leute in dem Sumpflande decimire, entschloß er
sich, nach Schoschong zurückzukehren, und sich zu seinem Rechte zu
verhelfen, wohl nicht heimlich seinen Vater und Bruder zu überfallen,
sondern diesen offen sein Kommen anzuzeigen; er that dies auch und
bezeichnete den Tag seiner Ankunft. Er drang von Nordwesten über die
Bamangwatohöhen vor, um die die Stadt beherrschenden und die
Schoschonschlucht bildenden Felsenabhänge zu gewinnen. Sekhomo hatte
seine Leute getheilt, um mit der schwächeren Abtheilung die Stadt zu
vertheidigen, während er die größere auf den Höhen postirte, um Khama an
seinem Vorhaben zu hindern; durch den Zuzug der Bewohner der im oberen
Thale des Schoschon gelegenen Makalakadörfer verstärkt, hatte Sekhomo
eine Khama's Truppen ebenbürtige Anzahl von Kriegern. So wie in den
früheren Kämpfen bewiesen sich diese Makalaka's, die sich aus dem
Matabelelande hierher geflüchtet hatten, auch in diesem Kampfe äußerst
unverläßlich und verrätherisch, sie waren diesmal Sekhomo's wirkliche
Bundesgenossen, allein sie hatten auch Khama, den ankommenden
Königssohn, ihrer Hilfe und Freundschaft versichert und sandten ihm die
Nachricht, daß sie ihn an der Schoschonkluft erwarten würden. Khama
schlug die sich ihm entgegenstellenden Krieger Sekhomo's so rasch, daß
diese versprengt den Rückzug nach der Stadt nicht mehr einschlagen
konnten, und da bald darauf der seinen Sieg möglichst rasch ausnützende
Feldherr mit der Vorhut auf dem Plateau erschien, auf welchem die
Makalaka's Posto gefaßt hatten, glaubten diese, daß es ihm in dem Kampfe
schlecht ergangen und er besiegt sei, und diese Richtung blos aus dem
Grunde eingeschlagen habe, um den Versuch zu machen, sich der in der
Schoschonkluft verborgenen Viehheerden zu bemächtigen. Während sich nun
seine Leute vertrauensvoll den Makalaka's näherten, eröffneten diese auf
die Ankommenden ein heftiges Feuer. Dies machte die Bamangwato's so
wüthend, daß die der Vorhut rasch folgende Haupttruppe nur ein einziges
Mal ihre Musketen auf sie feuerte, dann aber auf sie losstürzte, und die
meisten mit dem Kolben erschlug.

[Fußnote 5: Siehe Anhang 2.]

[Illustration: Kampfesscene auf den Bamangwatohöhen.]

Ich ließ bei Herrn Mackenzie eine Kiste mit gesammelten Gegenständen
zurück sowie Briefe, die er den Herrn Jensen nach Linokana abzusenden
versprach, auch wollte er mir etwaige mit der Kaffernpost angekommene
Briefe durch Eingeborene oder nach den Zambesi-Gegenden reisende
Elfenbeinhändler nachsenden. Während meines Aufenthaltes in Schoschong
langte hier eine Gesandtschaft, geführt von Kosi Lintschi, von
Rechtswegen dem eigentlichen Bakwena-Thronerben an. Er kam im Namen
Sekhomo's, der sich zu Seschele geflüchtet, um von Khama Sekhomo's
Mutter zu erbitten, zu gleicher Zeit kam aus dem Matabele-Lande die
Nachricht daß die Matabele-Zulus einen erfolgreichen Angriff auf die
Maschonas ausgeführt hatten.

Herr Mackenzie hielt in einem von ihm selbst aufgeführten Gebäude neben
seiner Wohnung durch fünf Stunden Schule, und zwar waren es schon
Männer, »Seminaristen«, verschiedenen Betschuanastämmen angehörend, die
er belehrte; einige dieser Männer hatten auch zwei Jahre später unter
der Anleitung des Rev. Hebern eine Missionsstation auf Wunsch der
Eingebornen-Bevölkerung am N'gami-See errichtet.

Hatten wir während unseres ersten Aufenthaltes in Schoschong über
fortwährenden Regen, so hatten wir diesmal über anhaltende Dürre zu
klagen, in Folge welcher meine Zugthiere etwas abgemagert waren. Am 4.
Juni verließ ich Schoschong, um meine Reise nach dem Zambesi anzutreten.
Im Franz Josefsthale aufwärts ziehend, schlugen wir am folgenden Tage
eine nördliche Richtung ein und überschritten den Unicornpaß und
gewannen, nachdem wir das Unicornthal passirt, die Hochebene. Die
Scenerie im Unicornthale ist eine sehr anziehende, isolirte Felsenhügel,
welche eine baumförmige, armleuchterförmig sich verzweigende
Euphorbiacea in ziemlich dichten Beständen schmückt, verengen ab und zu
das Thal. Vor wenigen Tagen hatte sich hier eine kleine Episode
zugetragen, deren Lösung Khama zur Ehre gereichte; einem Elephantenjäger
war durch die umwohnenden Bamangwato's ein Zugthier entwendet worden,
der Spur der Diebe folgend, war der nach Schoschong zurückkehrende Jäger
im Stande, dem Könige den Wohnort der Diebe zu bezeichnen. Der König
ließ diese vor sich bringen und befahl den Dieben, nicht allein den
Schaden sofort zu ersetzen, sondern dem Bestohlenen für die erlittene
Verzögerung der Reise zwei Ziegen zu übergeben.

Die Reise am 6. führte über ein tiefsandiges, waldiges Hochplateau, spät
Abends gelangten wir zum Letlotsespruit und lagerten nahe an dem Falle
dieses Spruit, der jedoch nur nach heftigem Regen sichtbar ist und
dessen Wasser dann über die Granitblöcke herabstürzt; die anliegenden
Höhen, von zahlreichem Niederwild belebt, zeigten in ihren obersten
Lagen rothen Sandsteinschiefer, darunter Quarzit, schwarzen
Kieselschiefer, und in den tiefsten Lagen Granit. Die Wasserlöcher von
Kanne waren das Ziel des nächsten Tagesmarsches. In einem Halbbogen zur
Rechten erheben sich mehr denn dreißig kegelförmige Höhenkuppen, welche
die Bamangwato- mit den Serotlehöhen verbinden. In der Nähe dieser
Wasserlöcher befand sich ein Viehposten, dessen Bewohner bei unserer
Annäherung rasch ihr Vieh zum Wasser trieben, um es zu tränken, so daß
wir keines mehr vorfanden und die Löcher neu ausgraben mußten. Am 8.
gelangte ich bis zu dem Thale des Luala-Spruits, dessen Vegetation und
nächste Umgebung ein anmuthiges Landschaftsbild gewährt. Besonderes
Interesse erregen die Gebirgsformation und die Erosions-Erscheinungen im
Flußbette. Hier waren es Grotten und Höhlen, dort Nischen, Bassins oder
gothische Gewölbe, welche das Wasser, obwohl nur kurze Zeit hindurch im
Jahre fließend, im Lualabette ausgewaschen hatte. An der sehr tiefen und
schwierig passirbaren Furth traf ich zwei Elfenbeinhändler an, von
welchen der eine, Herr Anderson, dem Namen nach als ein ehemaliger
Gold-Digger bekannt war. Sie lagen seit einigen Tagen hier, um durch
ihre Diener die Gegend bis an die Maque-Ebene, die ihnen als wasserlos
geschildert wurde, auszukundschaften. Der Luala wie seine Nebenflüsse
waren alle trocken und man mußte allmälig eine Stelle in dem
humusreichen Bette ausgraben, um Wasser gewinnen zu können. Nach den
Mittheilungen der von Herrn Anderson ausgesendeten Boten hatten wir zwei
Tage und zwei Nächte zur nächsten Wasserstelle zurückzulegen, ich ließ
deshalb mit Rücksicht darauf unsere Speisen für die nächsten zwei Tage
hier zubereiten, um an Wasser zu sparen. Da sich Herr Anderson erbot,
mir Gesellschaft zu leisten, so nahmen wir uns vor, die Reise bis an die
Salzseen gemeinschaftlich zu machen.

Am 10. zog ich das Hauptthal des Flüßchens hinauf und gelangte Abends zu
dem bewaldeten tiefsandigen Hochplateau, welches etwa 30 englische
Meilen lang, einen Theil des südlichen Durstlandes bildet. Bei der
Wasserlosigkeit der zu durchziehenden Gegend, empfahl es sich so rasch
als möglich vorwärts zu kommen, weshalb wir auch bis in die finstere
Nacht unsere Fahrt fortsetzten, einige Stunden ausruhten und mit
anbrechender Morgendämmerung die Fahrt bis in die späten
Vormittagsstunden fortsetzten. Nach einer fünf- bis sechsstündigen Rast
während der heißesten Tageszeit brachen wir neuerdings auf. Diese Art
und Weise des Reisens ist in den wasserarmen, tiefsandigen, bewaldeten
Gegenden dringendst geboten. Das enge Weggeleise, der schlangenförmig
sich hin- und herwindende Weg, die wasserarme Gegend und die Anstrengung
der Zugthiere in dem tiefen Sande machen das Reisen zur heißen Tageszeit
vollkommen unmöglich. Abends hatten wir die von Mapanibäumen bewachsene
Tiefebene von Maque erreicht und fanden überall zahlreiche Spuren des
gestreiften Gnus, der Zebras, der Giraffen, und selbst im Weggeleise
äußerst zahlreiche Löwenspuren. Wir stießen auch auf einige Masarwa's,
welche uns jedoch ein einige Meilen zur Rechten vom Wege liegendes
Sumpfwasser zu zeigen verweigerten, da sie die ihnen in diesem Falle
drohende Züchtigung durch die Bamangwato's fürchteten. Die gesammte
Maque-Ebene, nach Westen von Tafelbergen begrenzt und nach Norden gegen
das Salzseen-Bassin abfallend, ist ein einziger Humusboden, der in der
nassen Jahreszeit gänzlich aufgeweicht, in der Trockenzeit durch seine
Dürre das Reisen unendlich erschwert. Unter den Händen eines
europäischen Landwirths würden die gegenwärtig noch Jagdgründe der
Bamangwato's bildenden Flächen dieser Ebene bald von Weizen- und
Baumwollpflanzungen bedeckt sein.

Mit gänzlich erschöpften Zugthieren gelangten wir endlich am folgenden
Abende zu den gesuchten Wasserlöchern, an denen bereits die Händler vor
mir angekommen waren. Am folgenden Tage holte uns ein Bote des Königs
Khama hier ein, welcher den Auftrag hatte, die Bamangwato-Gehöfte auf
dieser Strecke zu besuchen und den Insassen derselben den Befehl des
Königs bekannt zu geben, unter keiner Bedingung einem Jäger einen
längeren als dreitägigen Aufenthalt an einem Gewässer zu gestatten.
Dieser Befehl wurde durch die Handlungsweise der holländischen Jäger
veranlaßt, welche in übermüthiger Weise alles Wild, dessen sie nur
habhaft werden konnten, des Felles halber erlegten und das Fleisch den
Geiern zum Fraße überließen. Obgleich wir keine Jäger waren, kam uns
dieser Zwischenfall sehr ungelegen, da die Eingebornen uns für solche
hielten und ihr Benehmen ziemlich unangenehm wurde. Die Stelle, an der
wir eben gelagert hatten, war erst vor etwa zwei Monaten von den Boers
verlassen worden, wir fanden auch den gabelförmigen Schleifschlitten,
mit dem sie das geschossene Wild zu ihren Wägen herbeischleppten.

Nördlich der Maque-Ebene treten Boas häufiger auf, während sie in Natal
keine Seltenheit sind und auf den Höhen der südlichen Betschuanaländer
nur stellenweise und vereinzelt angetroffen werden. Mit dem Mapanibaum,
dessen Blätter sich durch ihre Oelhaltigkeit, dessen Stamm sich durch
die Porosität des Holzes und Brüchigkeit auszeichnet, treten in der
Flora auch andere, den tropischen genäherte Pflanzenarten und Formen
auf, doch ist die Winterkälte hier noch immer recht empfindlich, wenn
auch nicht in dem Maße wie am Vaal- und Oranje-River, zudem liegt die
Maque-Ebene etwa 1200 Fuß tiefer als jene Hochebene an den genannten
Flüssen. Am Morgen des 14. waren die Löcher mit einer über 1 Cm. starken
Eisdecke überspannt.

Am Nachmittage des 13., als ich eben einige hundert Schritte vom Wagen
entfernt, in einem dichten Gebüsch eine Boa verfolgte, entstand am Wagen
ein Geschrei, das mich zur Umkehr bewog. Ich fand Anderson in nicht
geringer Aufregung. Ueber den Grund derselben befragt, theilte mir der
Jäger mit, daß eben eine Heerde wilder Strauße im vollen Laufe auf die
Lachen zur Tränke herangestürmt sei, daß die Thiere jedoch durch die
Wägen erschreckt, sich in den nahen Mimosenwald geworfen hätten und nun
von den Wagenlenkern und den übrigen Dienern verfolgt würden. -- Nach
einer halben Stunde kehrten diese abgehetzt und abgemüdet zurück, ohne
einem Strauß auch nur auf Schußweite nahegekommen zu sein.

Den zum Wagen rückkehrenden Dienern folgte bald eine Schaar von
Eingebornen nach und eröffneten eine überlaute Discussion mit uns. Sie
erklärten, daß wir keine friedlichen Reisenden, sondern Jäger wie die
Boers wären, die kein Wild verschonen, denn kaum hätten wir die Strauße
gesehen, als wir ihnen auch schon nachstellten. Schließlich drängten sie
zur baldigsten Abreise und wollten von einer Fristerstreckung nichts
wissen.

[Illustration: Das Lualabett.]

An diesen Maque-Lachen hatten sich in den letzten Jahren vor meiner
Ankunft einige interessante Löwenabenteuer zugetragen, von denen ich
eines im weiteren Verlaufe meiner Reiseschilderung wiedergeben will. Wir
verließen am folgenden Morgen die Lachen und zogen in Gesellschaft
Andersons in nördlicher Richtung, in welcher eine von den Boers
»Bergfontein« benannte Quelle in 65 bis 71 Meilen Entfernung liegen
sollte. Hochbegraste und bebuschte Lichtungen wechselten auf dieser
wasserlosen Strecke mit lichten Mapaniwäldern ab, zahlreiche den Weg
kreuzende Spuren zeugten für den Wildreichthum der Gegend. Während des
Marsches wurden wir von zahlreichen Eingebornen eingeholt, welche mit
Assagaien bewaffnet (es waren Makalahari's und Masarwa's) auf die
Elandsjagd ausgezogen waren.

[Illustration: Straußenheerde am Wagen.]

Von allen Antilopen ist das Eland die wohlgenährteste, namentlich die
Stiere, deren Herz in einem bis zu 25 Pfund schweren Fettsack
eingebettet ist, der sie an schneller Flucht hindert. Die Thiere werden
so kurzathmig, daß sie von den behenden Masarwa's im vollen Lauf
eingeholt und gespeert werden. Die Nachfolgenden stoßen ihm die Assagaie
von rechts und links in die Brusthöhle, um die Lungen oder das Herz zu
verletzen. Berittene Jäger (Holländer und Engländer) jagen die Elande
(auch die Giraffen) bis an den Wagen heran, um sie erst hier
niederzuschießen und sich so den Transport des Fleisches und Felles zum
Wagen zu ersparen. Nach den Berichten der Eingebornen und Jäger glaube
ich, daß man ohne Schwierigkeiten das Eland zähmen und zum Tragen und
Ziehen kleiner Lasten verwenden könnte.

Am selben Tage stießen wir auf zwei mit Musketen bewaffnete und von fünf
Masarwa's begleitete Bamangwato's, welche zwei mit Fleisch beladene
Ochsen vor sich hertrieben; jeder der Masarwa's trug etwa 50 bis 60
Pfund Fleisch. Die Leute gingen nach Schoschong, um sich von Khama
Verhaltungsmaßregeln geben zu lassen, da ein Theil der aus dem Reiche ob
ihrer verrätherischen Handlungsweise verbannten Makalaka sich im
nördlichen Bamangwato-Lande umhertrieb, von den Masarwa's bedienen ließ
und dieselben an jeder Dienstleistung für ihre Herren (die Bamangwato's)
hinderte.

Am 17. Früh gelangte ich nach Bergfontein, einer an einem bewaldeten
Abhange liegenden, von den Eingebornen als jene des zur Regenzeit nach
Norden fließenden Nokaneflüßchens angesehene Quelle. Der Abhang, ein
zerklüftetes, dicht bebuschtes und von üppiger Vegetation bedecktes
Hügelland ist der Abfall der Maque-Ebene zu den Lachen der großen
Salzseen. Dicht bei einander stehende Fächerpalmen grüßen etwas abseits
vom Ufer des Nokane-Spruit den vom Süden kommenden Wanderer und bereiten
ihn, der noch nie die Wunder der tropischen Pflanzenwelt erschaut, auf
jene vor; die Gebüsche und Bäume der ganzen Gegend hoch überragend, sind
sie vielleicht die südlichsten Repräsentanten der Königin der Palmen im
centralen Südafrika. Da sie eben reiche Früchte trugen, schoß ich mir
einige herab, um sie meiner Sammlung einzuverleiben. Um die vier
schlanken, von den schönsten Kronen geschmückten Stämme wucherte
reichliches Palmengebüsch, welches aus den herabgefallenen Früchten
emporgekeimt war. Schon an diesen waren die Blätter riesig groß und und
begannen sich fächerförmig zu entfalten. In einem kahlen, seichten, doch
breiten, über eine allmälig abfallende Felsenwand sich hinziehenden
Spruitbette fand ich einen Strauch, der mich an die baobabartigen
erinnerte. Der untere Theil des etwa 4 bis 5 Fuß hohen Strauches war
unförmlich verdickt, bis zu 40 Zoll stark und fleischig, von einer
gelblichen Rinde bedeckt, etwa 1 bis 1½ Fuß über dem Boden verengte er
sich zu 2 bis 3 Zoll dünnen Aestchen, gleich Fortsätzen, die einer
fleischigen, oberflächlichen Wurzel entsteigen. Manche dieser Stöcke
waren mehrere Centner schwer und ich hoffe einen oder zwei das nächste
Mal fortbringen zu können.

Von den am Maque und hier ansässigen Makalahari's und Masarwa's erstand
ich einige aus Holz und Bein gefertigte Schmucksachen und Utensilien,
die ich jedoch später durch einen Unfall einbüßte. Die einzelnen Höhen
des Hügellandes sind dicht bewaldet, durch den Wald führen nur äußerst
wenige Wege und dies meist Wildpfade nach der Nokanequelle. Diese
wenigen Pfade macht sich nächtlich das Wild, aber auch die in der Nähe
wohnenden Eingebornen zu Nutzen, indem sie vergiftete Fall-Assagaien
über diesen Pfaden aufhängen. Rechts und links von dem betreffenden
Baume wird das Gestrüpp flügelartig aufgeschüttet, um die in dem Pfade
oder nahe an demselben schreitenden Kudu's zum Einhalten desselben zu
zwingen. Einen Fuß über dem Boden wird quer über den Pfad eine
Grasschnur gezogen, welche an einem Holzpflöckchen, doch nur so lose
befestigt ist, daß sie sich bei einem mäßigen Rucke von demselben
loslöst. Am gegenüberliegenden Pfadrande stehen zwei Holzstäbchen, mit
einem Querstäbchen verbunden. Die Schnur führt unter diesem hindurch und
wird so in ihrer horizontalen Lage erhalten und dann empor zu den ersten
über den Weg reichenden Queraste geführt, von dem sie mit dem
Fallassagai beschwert, über dem Pfade und senkrecht über der darüber
ausgespannten Schnur herabhängt. Die Waffe ist im Allgemeinen sehr roh
gearbeitet und besteht aus einem drei bis vier Fuß langen,
ungeglätteten, schweren und armdicken Holzstücke, in welches eine
stumpfe, kaum zwölf Zoll lange, rostige mit Gift getränkte Eisenwaffe
eingelassen ist. Die Waffe verwundet das Thier am Nacken nur leicht, das
Gift wirkt rasch, trotzdem wird das Fleisch von den Eingebornen benützt
indem sie das die Wunde umgebende Fleischstück ausschneiden. Die Pfade
werden von den Jägern zu bestimmten Zeiten, in denen das Wild in den
Wintermonaten häufiger das Wasser aufsucht, abgesucht, um so rasch wie
möglich nach dem Eindringen der vergifteten Waffe der Beute habhaft zu
werden. Andersons Genosse war bei der Verfolgung einiger Kudu's auf
einen solchen Pfad gerathen und in demselben fortgestürmt, als ihn sein
ihm unmittelbar folgender Diener noch rechtzeitig auf die drohende
Gefahr aufmerksam machte. Ich selbst fand mehrere Wege in der Nähe des
Wassers in dieser Weise abgesperrt.

Am Nachmittage zog ich in Gemeinschaft mit den beiden Elfenbeinhändlern
nach Norden bergabwärts, mehrmals den Nokane und später zwei andere
trockene Spruits kreuzend. In dem dichten Grase der Thäler beobachtete
ich ungewöhnlich entwickelte hohe Aloë-Pflanzen und zahlreiche
Tigerschnecken.

Am 18. Früh langten wir am Südostufer eines Salzsees an, der den
südlichsten (auf meiner Tour) von einer Unzahl von kleineren, und den
kleinsten von drei riesigen Salzseen bildete. Diesen nach Westen
unabsehbaren Salzsee durchschritt ich an seiner größten Ausdehnung von
Süden nach Norden an seinem Ostufer in zwei Stunden. Er stellte eine
gleichmäßig seichte, kaum zwei Fuß tiefe, weißlichgraue, von steifem
Salzgras umrahmte und von dichtem Waldgebüsch umschlossene Fläche dar,
welche kaum einmal im Jahre mit Wasser vollgefüllt ist. Um ihn herum,
hauptsächlich jedoch im Bereiche des Grases befinden sich zahllose
kleinere, ebenso seichte Salzlachen. Von allen Seiten strömen
Regenflüsse nach heftigen Regengüssen ein, die jedoch in der Regel nicht
bis in den Salzsee einmünden, sondern vertieft mit einem um drei bis
sechs Fuß tieferem Bette nahe am Ufer desselben stagniren. Das von ihnen
geführte Wasser tritt über und füllt in dieser Weise den See. Dieser
südlichste Salzsee heißt Tsitani, ebenso der bedeutendste Fluß an seinem
Ostufer und die Höhe zu unserer Linken, durch welche der Abfall des
Hochplateaus nach dem Salzseebecken als zungenförmiger Ausläufer markant
hervortrat. Ein großer Theil des Bodens am Grunde der Salzseen ist von
einer Felsenplatte gebildet, die theils von dem durch die Regenzuflüsse
angeschwemmten Erdreich überlagert ist, oder frei und nackt da liegt.
Während der Aufnahme der Breite des Salzsees in seinem östlichen Theile,
stieß ich auf eine Heerde gestreifter Gnu's, leider ohne eines der
Thiere habhaft werden zu können. An dem salzigen Gewässer des Flusses
Tsitani (es fanden sich noch einige Lachen davon an seiner Mündung) traf
ich ziemlich häufig Löffelreiher und Enten. Unter dem übrigen
Wildgeflügel sah ich nach längerer Zeit Knurrhähne wieder.

Am folgenden Morgen beendete ich die Kartenskizze der Tsitani-Pfanne und
schoß in den Bäumen des Ufers einen großen Uhu. Der Boden rings um die
kleinen Salzpfannen ist namentlich an allen den geringen Senkungen sehr
salzhaltig. Bleibt hier das Regenwasser auch nur kurze Zeit stehen, so
wird schon die Vegetation in der Entwickelung gehemmt. In Folge der
raschen und mächtigen Verdunstung bildet sich eine ½ bis 1 Zoll starke,
2 bis 6 Zoll vom Boden abstehende Kruste auf weite Flächen hin, welche
bei dem Betreten unter jedem Schritt einbricht. Der Rand des Sees wird
von kleinen Chalcedonen und Milchkieseln bedeckt, welche das Regenwasser
herabschwemmt. Zur Zeit heftiger Winde wird das sich an dem Rande
bildende Salz sowie der feine salzhaltige Boden der trockenen oberen
Rasenfläche in hohen, weißlichgrauen Staubwolken aufgewirbelt.

Am 21. verließen wir gemeinschaftlich das Ufer der Tsitanipfanne,
trennten uns jedoch bald darauf, da ich von den Eingebornen vernahm, daß
weiterhin Wasser anzutreffen sei und ich es nicht für nöthig hielt, das
Reisetempo der beiden Handelsleute einzuhalten. Wir trafen bei der
nächsten Wasserstelle wieder, zwei Wochen später im Thale des Panda ma
Tenka-Flüßchens zum zweiten Male und etwa ein Jahr später in Schoschong
nochmals zusammen.

An der Salzpfanne bemerkte ich auch den ersten Baobab, eines der
südlichsten Exemplare in der von mir eingeschlagenen Richtung (die zwei
südlichsten im centralen Süd-Afrika wurden von Mauch im westlichen
Transvaal-Gebiete am rechten Ufer des Limpopo angetroffen); er hatte bei
25 Fuß Höhe einen Umfang von 52 Fuß. Auf meinem Wege nach Norden hatte
ich zuerst einige der beschriebenen kleineren, am Ostufer der Tsitani
liegenden zahlreichen Salzpfannen, sowie den Tsitanifluß selbst zu
überschreiten, dann hielt ich durch das Becken der großen Salzseen eine
fast nördliche Richtung ein. Dichter Niederwald, in dem die Bäume zum
großen Theile mehr oder weniger verkrüppelt waren, wechselten nun mit
Wiesen ab, die mit saftigem Süßgras und einem reichen Blumenflor
bewachsen waren. An den salzhaltigen Stellen und am unmittelbaren Rande
der Pfannen und seichten Flüßchen und Bäche nahm die Vegetation einen
stachlichen Charakter an. Springbock- und Deukergazellen,
Zulu-Hartebeeste und gestreifte Gnu's, nach den Spuren zu urtheilen auch
Löwen, belebten die Scenerie an der Tsitanipfanne und in den umliegenden
Wäldern.

Die Fahrt führte uns in den nächsten Tagen an einer Reihe von
umfangreichen Bodenvertiefungen vorüber, deren Mitte von kleinen
Salzseen eingenommen werden, ich zählte auf der Strecke bis zu unserem
Nachtlager, dem ersten nach dem Verlassen der Tsitanipfanne, nicht
weniger als 42. An einem derselben, dem kleinen Schoni-Salzsee hielten
wir unsere Mittagsrast. Außer diesen Salzseen stießen wir auf
Süßwasserlachen, die an ihrer Binsenumrahmung leicht zu erkennen sind.

Am Morgen des 22. stand ich am Ostufer eines den Tsitani an Größe weit
übertreffenden, tiefer liegenden und von den Eingebornen Karri-Karri
genannten Salzsees, dessen Ufer zahlreiche Baobabbäume schmückten. Von
besonderem Interesse schien mir die geologische Formation am Ostufer des
Karri-Karri, welcher ebenso wie der Tsitani-Salzsee ein ziemlich
gleichschenkeliges Dreieck bildet, dessen Spitze nach Westen gekehrt ist
und dessen Fläche von Osten nach Westen sich unabsehbar ausdehnt. Im
Westen steht der Karri-Karri-Salzsee und der Tsitani- mit dem nördlicher
gelegenen Soa-See durch den Zuga-River in Verbindung.

Masarwa's, deren Unterschenkel an der Vorderfläche die bekannten rothen
Krusten zeigten, boten uns die Früchte des Baobabs zum Kaufe an und
begehrten für dieselben etwas Mais und Tabak. Drohender Regen trieb uns
zur Eile an und gestattete uns nicht, länger an dem Ufer des Sees zu
verweilen, welcher mir in naturhistorischer Hinsicht sehr reiche
Ausbeute versprach.

Ich überschritt am Nordostende an einer der Hauptbuchten des See's den
Mokhotsifluß, dessen Gefälle nach Nordost gerichtet ist und der das
überschüssige Wasser aus dem seichten See nach dieser Richtung hin
abzuführen scheint. Der Weg führte während des nächsten Tages durch
einen dichten Mapaniwald und später über einen trockenen, etwa 60 Fuß
breiten, 10 bis 16 Fuß tiefen Fluß, der ein deutliches Gefälle nach
Osten zeigte und von den Masarwa's der mit hohen Bäumen bestandenen Ufer
halber, Tschaneng oder der schöne Fluß genannt wird. Mit ihm parallel
läuft ein Spruit (von den holländischen Jägern Mapanifontein genannt),
in welchen zahlreiche Quellen münden und dadurch, daß auch der Tschaneng
bei Hochwasser einen Theil seines Wassers an ihn abgibt, in seinen
tieferen Partien das ganze Jahr hindurch Wasser führt. Ich bin der
Ansicht, daß der Tschaneng ein Abflußarm des Zuga-River oder ein Abfluß
der größten der drei Salzseen, der Soa ist, und sich in den
Matloutse-River oder einen seiner Nebenflüsse ergießt. Auf der Fahrt
nach dem Tschaneng erlegte ich einen auf der Jagd nach Eidechsen
begriffenen großen Raubvogel (Buteo Jackal), welcher den Colonisten
unter dem Namen Schakalvogel bekannt ist. Ich verließ den Tschaneng am
Nachmittage des 23. und zog mit Anderson, der mich eingeholt hatte,
einige Meilen gemeinschaftlich nach Norden. Wir zogen durch den Khori
genannten Wald und an einem verlassenen Masarwadorfe nahe der Furth über
den Tschaneng vorbei und erblickten in den Frühstunden des nächsten
Tages den Spiegel eines dritten großen, Soa genannten Salzsees, in
dessen Nähe wir holländischen Jägern begegneten, welche auf der
Straußen- und Elephantenjagd begriffen waren.

[Illustration: Jagd auf Eland-Antilopen durch Masarwa's.]

Wir konnten Dank dem trockenen Wetter mehrere lange mit ein- und
ausfließenden Spruits in Verbindung stehende Buchten der Soa, welche bei
Regen unpassirbar sein mußten, übersetzen und übernachteten im Thale des
sumpfigen Tsiriflüßchens, in dem ich bis zum 27. verblieb. Im nahen
Walde fanden wir nahe an einem verlassenen Masarwadorfe in einigen im
Flußbette des Momotsetlani (nach einer Baumart von den Masarwa's so
benannt) gegrabenen Löchern vortreffliches Trinkwasser. Ich unternahm
während dieses Aufenthaltes mehrere Ausflüge in die Umgebung und erlegte
auf einem solchen fünf Enten, zwei Perlhühner, die hier in zahlreichen
Ketten anzutreffen sind, sowie einen braunen Storch, das erste Exemplar
dieser Art, das ich bis zu diesem Tage in Süd-Afrika beobachtet.

Die Soa ist der größte, der in dem großen bis über den N'gami-See nach
Westen sich hinziehenden, und durch den Tschaneng mit dem Limpopo-System
zusammenhängenden Pfannenbecken liegenden Salzseen; gleich der Tsitani
und Karri-Karri ist auch die Soa eine seichte, ein bis vier Fuß tiefe,
weißlichgraue, nur kurze Zeit im Jahre theilweise, selten vollkommen
gefüllte Pfanne. Es wäre sehr wichtig, durch ein ganzes Jahr in der
trockenen wie in der nassen Jahreszeit dieses Salzseebecken zu
beobachten, um dessen Verhältniß zum Zuga und zum N'gami-See studiren zu
können; wenn dies bisher nicht geschah, so mag der Grund dieses
Versäumnisses wohl darin liegen, daß das Reisen zur Regenzeit in dieser
Gegend ungemein erschwert und nebstbei auch sehr gesundheitsschädlich
ist. Daß der Zuga manchmal nach Westen und manchmal nach Osten
fließt, läßt sich aus der ziemlich gleichen Höhe dieses großen
central-süd-afrikanischen Beckens erklären. Ist der N'gami-See durch
seine zahlreichen westlichen und nördlichen Zuflüsse gespeist, und sein
flaches Becken gefüllt worden, so gibt er seinen Ueberschuß nach Osten
durch den Zuga an die Pfannen ab, aus denen wieder derselbe durch den
Tschaneng, deren natürlichen Abzugskanal, abfließt. Zeigt der N'gami-See
niederes Wasser, so gibt der Zuga den Ueberschuß aus seinem tiefen Bette
an ihn ab, da sich in ihm durch die reiche Beschilfung auch das Wasser
längere Zeit zu halten vermag und er außerdem zahlreiche Quellen
aufnimmt. Auch mag er zuweilen von dem überschüssigen Wasser der
Westhälfte der Salzseen gespeist werden.

Am 27. Früh verließ ich den Tsiri und zog durch drei Stunden mit meinem
Ochsengespann durch eine Unzahl von Buchten und kleinen Salzpfannen
stets am Ufer des See's hin. Erst gegen Mittag nahmen diese ab und wir
betraten eine nach Norden unübersehbare, nach Westen durch den See und
nach Osten durch ein Mapani-Gehölz begrenzte Grasebene, auf welcher sich
allenthalben zahlreiches Wild in kleinen Rudeln herumtummelte. Hie und
da sichtbare Schilfrohrdickichte ließen Süßwasser vermuthen, wir
täuschten uns nicht und lagerten bald an einer solchen Lache. Von einem
kleinen Ausfluge heimgekehrt und eben damit beschäftigt, meine letzthin
gesammelten naturhistorischen Objecte zu ordnen, vernahm ich plötzlich
zu meiner Linken das Hilfsgeschrei meines Dieners Meriko und als ich
mich rasch am Wagenbrette emporrichtend nach ihm umsah, bot sich mir ein
eigenthümlicher Anblick, eine Scene dar, wie ich sie vorher nie gesehen.
Durch das hohe Gras kam Meriko herangerannt, und schrie in der
Setschuana: »sie tödten mich, ich bin todt, sie tödten mich.« Er
setzte wie ein flüchtiges Wild über die sich ihm stellenweise
entgegenstellenden Zwergbüsche und hatte im Laufe sein aus Gras
geflochtenes Hütchen und seine Khamacarosse verloren. Hinter ihm kamen,
die nächsten etwa 150, die entferntesten 500 Schritte weit, andere laut
schreiende und ihre Kiri's hoch schwingende Eingeborne dahergestürmt.
Endlich kommt Meriko zum Wagen herangekeucht, er umfaßt meine Füße und
weist flehenden, verzweifelnden Blickes auf die ihm folgende Schaar,
seine ersten Worte, die er zu stammeln vermochte, belehrten mich über
die Scene. »Matabele, Herr, Matabele-Zulu wollen mich todtschlagen.«

Mir war es unerklärlich, wie sie hierher auf das Gebiet Khama's gekommen
waren und ich dachte schon, daß vielleicht ein Krieg zwischen beiden
Nachbarstaaten ausgebrochen sei. Was beabsichtigen diese Männer? War das
ein Angriff auf den Wagen und seine Insassen? Sie schienen mir, wie sie
so gellend dahergesaust kamen, wahrhaft Wölfe in Menschengestalt zu
sein. Von den Waffen Gebrauch zu machen, schien mir ein gefährliches
Wagniß und zudem kannte ich nicht ihre eigentlichen Absichten. Ich mußte
also das Weitere ruhig abwarten, nur Meriko wartete ihre Ankunft nicht
ab, sondern sprang über die Deichsel und setzte nach der
entgegengesetzten Seite seine Flucht fort, nur daß er nicht mehr schrie,
um sich wahrscheinlich, wenn er die günstige Gelegenheit dazu ersah, in
dem hohen Grase zu verbergen. Ich rief ihm zu, am Wagen zu bleiben, und
daß die Löwen in dem vier Fuß hohen Grase gefährlicher als die Zulu's
seien, doch mein Mahnruf verhallt ungehört. In den anstürmenden Matabele
sah er seinen sicheren Tod und diesem wollte er entrinnen. Endlich waren
sie da, die berüchtigten Zulukrieger. Sie umringten den Wagen, schrieen
und schwangen ihre Kiri's. Das waren nicht die Vertreter eines Stammes,
das war ein Gemisch verschiedener Stämme, »die gestohlenen Knaben der
unter Moselikatse gemordeten und geplünderten Stämme,« welche zu
Kriegern auferzogen, ebenso roh wie die zwei eigentlichen Zulu's
geworden waren, die sie anführten. Bis auf einen kleinen Lappen von
Leder und Wollfranzen -- einige trugen nur eine Kürbißschale oder ein
cylindrisches Geflechte -- nackt, waren sie beinahe sämmtlich mit einem
aus schwarzen Straußenfedern oder anderen Wildhuhnfedern gearbeiteten
ballonförmigen und auf der Stirnhöhe sitzenden Kopfschmucke versehen.
Das wild rollende Auge gepaart mit dem Ausdrucke von ungewöhnlicher
Rohheit in der Physiognomie, waren beredte Belege, daß sie einem
kriegerischen Eingebornenstamme angehörten, der nur »gebieten« wollte
und konnte. Die meisten der Anwesenden waren wohl schon
Menschenschlächter gewesen, und dies nur einzig des Raubes halber. Der
eine der beiden schwärzesten in der Schaar, die sich als Anführer
kenntlich zu machen suchten, schwang sich auf die gestützte Deichsel und
gab mir in einem gebrochenen Holländisch zu verstehen, daß sie die
Krieger »^La Bengulas^« wären, daß sie gewohnt seien, auf ihren
Streifzügen alle Diener der Weißen zu tödten, wenn man diese nicht
loskaufe, deshalb seien sie gekommen, auch jenen Hund, der zu mir
herangelaufen wäre, todtzuschlagen, wenn ich nicht sofort für ihn
bezahlen würde. -- »Bezahlen will ich nichts,« entgegnete ich, gute
Miene zum bösen Spiele machend, »allein den Matabelekriegern will ich
etwas schenken, wenn sie dann den Wagen verlassen.« Ich hoffte auf diese
Art nicht nur allen möglichen Streitigkeiten und gefährlichen
Situationen auszuweichen, sondern auch der allbekannten Stehlsucht der
Matabele zuvorzukommen. Obwohl Th. und Pit unsere Utensilien mit
Argusaugen bewachten, konnten sie es nicht verhindern, daß einer der
Matabele besonderes Wohlgefallen an einem neben mir liegenden Messer
fand, das er indeß, von mir ^in flagranti^ ertappt, wieder im Stiche
ließ.

[Illustration: Verfolgende Matabele.]

Der Zulu rief seinen Genossen, theilte ihm seine Meinung mit und dieser
damit zufrieden, rief mit lautem Gekreisch alle die Anwesenden zusammen,
um ihnen meinen Entschluß mitzutheilen. Die Nachricht wurde mit gleich
heftigem Geschrei und Grinsen beantwortet. Nun hieß ich alle an der
Deichsel antreten. Meine unerwarteten Gäste im Auge behaltend langte ich
in den Wagen und holte einen Becher Schießpulver und ein Stück Blei
(etwa zwei Pfund) hervor, womit ich die beiden Anführer beschenkte.
»^Lapiana^«, rief der eine der Führer aus, er zeigte auf mein Sacktuch
und ahmte die Bewegung des Zerreißens nach; dabei suchte er mir zu
verstehen zu geben, daß solch eine Lapiana als Gurt um den Leib oder als
Stirnverzierung, wie der mit Riemchen an dem Kopfe befestigte
Vogelfedernschmuck getragen werden solle. Ich begriff nun seinen Wunsch
und brachte zwei Meter Calico hervor, die ich in dünne Lappen riß und
sie dann den Einzelnen reichte; dieselben wurden auch sofort in der
angedeuteten Weise verwendet. Das Geschenk fand bei ihnen so sehr
Gefallen, daß sie um weitere zwei Stücke für ihre Führer baten, welchem
Ansuchen ich auch willfahrte, dann aber vom Wagen herabsprang und mich
zu meinen Gefährten wendend, den lärmenden Gesellen den Rücken kehrte.
Ihren Führern folgend, die langsam den Rückzug eröffneten und die
Geschenke in der Luft schwangen, entfernte sich die Truppe und wir alle
fühlten uns nun etwas weniger beengt als eine Stunde zuvor, da wir von
dem schweißtriefenden Merico vernommen, welch' ehrenvoller Besuch uns
bevorstand. Manche der Matabele hatten von Th. Tabak für Salz
eingetauscht.

Von Meriko erfuhr ich, daß wir uns bereits am Ufer des Nata, des
wichtigsten Zuflusses der Soa befanden, und daß in seinem Bette leicht
Salz zu gewinnen sei und daß die Matabele jährlich von ihren Königen
oder von ihren Häuptlingen hierher gesendet werden, um Salz zu holen;
unsere Matabele-Gäste waren eben auf einem solchen Zuge begriffen
gewesen. Der Bamangwato-König weiß wohl von diesen Raubzügen,
allein er hindert die Matabele nicht, die zuweilen den ihnen
begegnenden Bamangwato's die Waffen abnehmen und den Masarwa's die
Unterschenkelknochen entzweischlagen.[6]

[Fußnote 6: Ich möchte auf diesen Umstand besonders Reisende aufmerksam
machen, welche eingeborne Diener im Gefolge haben und diese Gegenden
berühren sollten. Für sie ist es am angezeigtesten, sich vorher durch
Kundschafter die Gewißheit zu verschaffen, ob die Ufer des Nata
gefahrlos zu passiren sind.]

[Illustration: Jagd auf Zulu-Hartebeeste.]

Zur großen Beruhigung unseres wackeren Bamangwato-Dieners fuhren wir
noch am selben Tage weiter nach Norden, nach dem Ufer des nahen
Nataflusses. Das Wild nahm zu, größere Heerden von Springbockgazellen,
die ich so weit im Norden nicht anzutreffen dachte, mehrere Trupps von
Zulu-Hartebeesten, gestreiften Gnu's, Straußen und Zebra's wurden
sichtbar. Meriko, der wieder vergnügt mit Niger neben dem Wagen
einherlief, sprang zuweilen auf das Wagenbrett, um sich von dem Abzuge
der Matabele zu versichern; bei Gelegenheit einer solchen Umschau bat er
mich, in der Fahrt inne zu halten. Ich folgte der mir angegebenen
Richtung, in welcher etwa 600 Schritte vom Wagen und zur Rechten im
Grase, Meriko auf eine Heerde großer »Polocholo« (Wild), »Sesephy«
(Zulu-Hartebeest) hinwies. Ich konnte mit bestem Willen nichts sehen,
desto besser Pit und Th., die beide mehrere Stücke zählten. Rasch wurde
Kriegsrath gehalten und die Verfolgung der Thiere in folgender Weise
beschlossen: Ich sollte mich schußbereit halten, der Wagen jedoch die
Fahrt fortsetzen, auf etwa 300 Schritte nahegekommen, sollte ich auf der
den Thieren entgegengesetzten Seite (sie befanden sich etwa 200 Schritte
vom Wege) vom Wagen gleiten und im Grase gegen die Thiere bis auf 150
Schritte anschleichen, aus welcher Entfernung ich dann, durch einen
Hardekoolebaum gedeckt, feuern konnte. Es war nicht schwer, diesen Plan
zur Ausführung zu bringen, und bald fand ich mich im Grase und kroch
langsam vorwärts, während der Wagen die Fahrt fortsetzte.

[Illustration: Die Soa-Salzpfanne.]

Bevor ich jedoch noch den schützenden Baum erreichte, machte mich ein
Pfiff von Th. darauf aufmerksam, daß die Thiere durch den Wagen
aufgescheucht worden wären und sich eben zur Flucht wandten. Um so
rascher kroch ich nach dem Baume, spannte den Hahn und als ich eben
vorschaue, erscheint eines der Thiere (der Führer) von einem zweiten
Thiere gefolgt, etwa 150 Schritte im vollen Laufe in meinem
Gesichtskreise. Ich lege auf das erste an und feuere. Meine Gefährten
schreien laut auf und eilen, sich um Wagen und Gespann nicht weiter
kümmernd, von den Hunden gefolgt, alle nach der Stelle, die eben das
Wild eingenommen. Ich sehe vier Thiere flüchten und da ich nicht wußte,
daß es fünf waren und der Pulverrauch den Führer der Heerde meinen
Blicken entzog, staunte ich nicht wenig über meine Gefährten. Ich dachte
zuerst an das Gespann, das die Leute im Stiche gelassen, doch der Weg
war mit üppigem Gras überwuchert, das Gespann stand still und graste im
Joche, so gut es ging. Ich eile den Uebrigen nach und wer beschreibt
mein Erstaunen, als ich vor mir einen schönen Sesephy verendet liegen
sehe. Sanct Hubertus war mir diesmal ungewöhnlich hold und verhalf mir
zu einer ebenso schönen als wichtigen Acquisition.

Am Nata-Spruit angelangt, mußte ich, abgesehen von der verlockenden
Gelegenheit, meine Sammlungen zu bereichern, den ermüdeten Zugthieren
einige Tage Rast gönnen. Unsere nächste Sorge galt der Auffindung von
Trinkwasser, im Flußbette selbst waren alle Lachen salzhaltig. Da uns
jedoch zwei Tage zuvor von einem Masarwa die Möglichkeit, frisches
Wasser im Bette des Nataflusses zu finden, in Aussicht gestellt wurde,
folgten wir zwei dem Fluß aufwärts. Das Flußbett war 100 bis 150
Schritte breit, bis an 20 Fuß tief und schien nach Regengüssen bis an
das Gras am oberen Rande gefüllt zu sein. Ein Freudenschrei Th.'s
kündigte mir an, daß unser Suchen nicht vergebens war, es war ein
glücklicher Fund, denn schon die nächste Lache zeigte wieder
salzhaltiges Wasser.

An unserem Wege im Flußbette hatten zahllose Wildspuren gekreuzt, unter
denen jene der an der Soa erwähnten Wildarten die häufigsten waren, doch
fielen uns auch namentlich sehr zahlreiche, frische Löwenspuren auf. Der
von Pit vorgeschlagene, von mir und Th. gutgeheißene, nur von Meriko
wegen der nur zwei Stunden entfernt lagernden Matabele mißtrauisch
betrachtete Lagerplatz ward sofort bezogen. Der zahlreichen frischen
Löwenspuren halber hielt ich es für angemessen, die Zugthiere in
unmittelbarer Nähe des Lagers zu halten und befahl dem mit einem
Hinterlader bewaffneten Meriko Wache zu halten. Bald war auch die
Umzäunung des Lagers fertig gestellt, welche diesmal hoch und breit
gearbeitet war. Außerdem wurden vier Feuer errichtet und bis zur vollen
Dunkelheit unterhalten, so daß sie durchwegs bis gegen 1 und 2 Uhr
Nachts ungeschwächt fortbrannten.

Der arme Niger hatte schwere Arbeit und bewies sich vortrefflich. Jene
vom königlichen Geblüte machten uns wiederholte Besuche, noch häufiger
fanden sich die beiden Schakalarten, der Schabrackenschakal und der
graue ein, auch die gefleckte und die braune Hyäne ließen sich
vernehmen, schließlich »der lieben Thiere so viele,« daß ich von nichts
als schönen Löwen- und Hyänenbälgen, die vor mir ausgestopft im lustigen
Reigen tanzten, träumte. Schakalgekläffe in zwei Modulationen bildete
die »Ouverture« zu jenem Concert, das Löwengebrüll den »dramatischen«
Theil der Vorstellung, die mit dem unharmonischen Hyänengeheule gegen
Morgen ihren Abschluß fand.

Am 28. unternahm ich mit Pit mehrere Ausflüge an beiden Nata-Ufern. Da
die Partien stellenweise sehr dicht bebuscht waren und wir häufig den
Fluß und die in denselben mündenden Regenschluchten zu passiren hatten,
deckten wir uns gegenseitig gegen unerwartete Angriffe. Zahlreiche
Löwenspuren von respectabler Größe nöthigten uns zur Vorsicht und
scharfem Auslugen. Die längs des Flusses und so hoch oben am Ufer
führenden Wildpfade, von welchem aus das Raubthier eine gute Uebersicht
über das breite und von den Antilopen ob seines Salzgehaltes häufig
besuchte Bett haben konnte, waren von zahllosen Löwenspuren bedeckt.
Neben diesem Wildpfade einhergehend, kamen wir zu einem am Rande einer
kleinen Regenschlucht stehenden, etwa 20 Fuß hohem Baume, der deutliche
Spuren der Löwenklauen trug. Hier pflegten die in der Nachbarschaft
hausenden Thiere ihre Klauen zu schärfen und auf den Hinterpfoten
hockend die Vordertatzen an der Rinde zu wetzen. Der Baum, dessen Aeste
etwas armleuchterförmig gestaltet waren, schien mir für den Anstand wie
geschaffen. Schon vor Sonnenuntergang war ich von Pit und dem Hunde
begleitet, zur Stelle, ich trachtete mir wo möglich die bequemste Lage
zu wählen, da ich in derselben 10 bis 14 Stunden zubringen mußte. Ich
drängte Pit zur raschen Rückkehr, damit er noch bei vollem Tageslicht
den Wagen erreichen konnte. Sowie ich mich allein befand, besah ich mir
die nächste Umgebung rings um mich her; zu meiner Rechten standen in
einer Entfernung von 20 bis 30 Fuß höhere Bäume als jener, auf dem ich
Posto gefaßt. Der Boden war stellenweise hoch, doch schütter begrast, so
daß man überall den lichten Sand, welcher den interessanten Blätterkalk
an den Salzseen bedeckt, durchschimmern sah. Unter mir befand sich eine
runde Stelle, welche außer meinen Fußstapfen und denen des Dieners nur
Löwenspuren zeigte. An meiner Linken führte eine mit dichtem und hohen
Gras überwachsene, etwa 6 Fuß tiefe und 20 Fuß breite Regenmulde, welche
in den nahen, kaum 20 Schritte entfernten Nataspruit mündete. Am
jenseitigen Ufer stand ein dichtes Gehölz, durch welches einer der
Löwenpfade führte, von diesen zweigte sich ein Nebenpfad zu meinem Baume
ab. Da die Nächte äußerst kalt waren, welcher Temperaturfall nach der
bedeutenden Tageshitze um so empfindlicher war, hielt ich es für
angezeigt, mich an einem der stärksten Aeste festzubinden, um nicht vom
Schlummer überrascht mit den Löwen unter mir in nähere und unliebsame
Berührung zu kommen. Mein Sitz ließ sonst nichts zu wünschen übrig, ich
saß bequem in einer dreifachen Astgabel.

Unterdessen war die goldene Scheibe allmälig am westlichen Horizonte
untergegangen, nur ein glühend rother Streifen schimmerte hie und da
durch das lichte Gezweige der höheren Baumkronen. Ohne es vorher zu
ahnen, war es mir in dieser Nacht möglich, so manche Scene aus dem
Thierleben beobachten zu können. Schon bei Sonnenuntergang ließen sich
aus den Grasebenen die Zebrahengste hören, welche mit lautem Quag-ga,
Quag-ga ihre Wachsamkeit über die unter ihrer Führung stehenden Heerden
zu erkennen gaben. Der nächste Laut, der dann und wann von allen
Richtungen her zu mir drang, war das klagende Gebelle der
Schabrakenschakale, aus dem man das mißtönende Einzelgeheul ihres grauen
Bruders gut unterscheiden konnte. Es war zu erwarten, daß das
ausgehängte Wildfleisch seine Pflicht thun werde und sie dem Wagen einen
Besuch abstatten würden, was auch geschah, denn das anfangs
verschwommene Gebelle wurde immer deutlicher und deutlicher, so daß ich
mir sogar gegen Mitternacht einbildete, die Zahl der Concertisten
bestimmen zu können. Bei einbrechender Dunkelheit fesselte ein
eigenthümliches Geräusch, eine Art Kratzen und Scharren, meine
Aufmerksamkeit; es waren Scharrthiere, welche in dem sandigen Boden nach
Würmern und Puppen fahndeten. Diese kleinen Raubthiere arbeiteten die
ganze Nacht hindurch; so oft sich ein Geräusch in der nächsten Umgebung
vernehmen ließ, stellten sie ihre Arbeit sofort ein.

Etwas später, gegen 10 Uhr, verließen die Gazellen und Antilopen ihre
Weideplätze, um noch vor der gewöhnlichen Ausgangszeit der großen
Raubthiere den salzhaltigen Schlamm im Bette des Nata zu belecken und in
die freieren unbebuschten Partien, von woher sie gekommen, zurückkehren
zu können. Der anmuthige Steenbock, einer der anmuthigsten unserer
südafrikanischen Gazellen, kam bedächtig den Löwenpfad herangegangen.
Hätte ich nicht zufällig hingeblickt, so hätte ich seine Annäherung gar
nicht wahrgenommen; im Ganzen waren es drei Thiere, die ich erspähen
konnte. Ein flüchtiger doch leiser Schritt, dem ein Moment Ruhe folgte,
spornte meine Sehkraft zum Aeußersten an, doch konnte ich das Thier
nicht erkennen. Abermals folgten einige flüchtige Sätze und dasselbe,
gewiß eine größere Gazelle oder Antilope, verhielt sich ruhig, es
wiederholte noch dreimal seine Sätze, um in der Zwischenzeit abermals zu
lauschen.

Es mochte 10 Uhr sein, als eine Heerde von Thieren, nicht bedächtig und
lauschend, doch langsam und in großer Zahl längs dem jenseitigen Ufer
der Regenmulde herabstieg. Die Mündung dieser Mulde ermöglichte es den
Thieren, bequem das kleine salzhaltige und einen Süßwasser-Tümpel
enthaltende Flußbett zu erreichen. Die letzterwähnte Thierheerde war an
einem besonderen Geräusche, das dem Anschlagen von Knitteln gegen die
Baumstämme ähnelte, leicht zu erkennen. Es waren die durch ihr
prachtvolles Geweih ausgezeichneten Kudu-Antilopen. Während ich diese
Thiere noch später in dem Flußbette herumarbeiten hörte, näherte sich
dem vom Flusse abwärts längs des Ufers führenden und die Regenmulde
kreuzenden Wildpfade herab, ein kurzer etwas schwerer Tritt, und bald
darauf gewahrte ich ein schwarzes, etwa kalbgroßes Thier, das ich als
eine braune Hyäne erkannte. Das Thier ging langsam durch die Schlucht
und schnupperte wiederholt beinahe bei jedem seiner Schritte, blieb dann
auf einige Secunden stehen und fiel, auf das jenseitige Ufer der Mulde
gelangt, sofort in ein rascheres Tempo ein.

Es schien mir, als sollte ich diese Nacht vergebens den König der Thiere
erwarten. Als sich mir schließlich diese Befürchtung immer mehr
aufdrängte, erscholl aus einer Entfernung von etwa 1000 Schritten das
mir wohlbekannte, tiefe Gebrüll. Ich war jetzt sicher, daß das Thier
seiner Gewohnheit gemäß den Pfad herunter und zu seinen Lieblingsbäumen
kommen werde. Ich suchte nun meine Aufmerksamkeit von allem Anderen,
namentlich von dem lauten Gebelle, mit dem meine beiden Hunde die an den
Wagen drängenden Schakale abzuschrecken suchten, abzulenken. Mehr denn
eine halbe Stunde verrann, bevor sich das Gebrüll des Löwen, diesmal in
der Nähe, wiederholte. Nach etwa 15 weiteren Minuten vernehme ich den
ersten Laut des herantrabenden Thieres, es kam näher und näher, doch
deutlich nehme ich auch wahr, daß es nicht in seinem gewohnten Pfade am
jenseitigen Mulden-Ufer, sondern mitten durch die hochbegraste Mulde
selbst einherschritt.

Nach einigen raschen Schritten hielt das Thier inne, lauschte einen
Moment, um sich wieder zu nähern. So war es bis auf 15 Schritte nahe
gekommen -- doch mir bei der in der Tiefe der Mulde herrschenden
Dunkelheit und dem hohen Grase noch immer unsichtbar geblieben. Auf's
Gerathewohl in's Gras zu feuern, hielt ich aus dem Grunde nicht
gerathen, weil es den Löwen in die Flucht jagen konnte. Der Löwe mußte
jetzt an dem Zweigpfade angelangt sein, der zu meinem Baume führte, er
blieb jedoch volle 15 Minuten, in der Muldensohle, ohne sich zu rühren,
er mußte mich wohl gewittert haben und schien sich für den Angriff oder
die Flucht zu entscheiden. Da höre ich den Schritt wieder, dann eine
Pause, um im nächsten Augenblicke zu hören, wie der Löwe einen Satz in
das jenseitige Gebüsch machte und darinnen verschwand. Bald darauf
belehrte mich Niger's wüthendes Gebell, welche Richtung der Löwe
genommen und ich bereute es, nicht gefeuert zu haben. An allen Gliedern
steif, mußte ich nichtsdestoweniger auf meinem Posten ausharren, bis Pit
und Niger bei Tagesanbruch sich bei mir eingefunden hatten.

[Illustration: Im Baume.]



                                 IV.
                    Vom Nataspruit nach Tamasetse.


Die Salzlager im Nataspruit. -- Ein Capitalschuß. -- Von Löwen
aufgeschreckt. -- Das sandige Lachenplateau. -- Strauße am Wagen. --
Nachtreise bei Fackelschein. -- Ein Löwenabenteuer. -- Die
Klamaklenjana-Quellen. -- Vereitelte Elephantenjagd. -- Begegnung mit
Elephantenjägern. -- Die Madenassana's. -- Gebräuche und Sitten
derselben. -- Der Yoruha-Weiher und die Tamafopa-Quellen. -- Nächtliches
Thierleben im Walde. -- Eine verunglückte Löwenjagd. -- Pit schläft auf
dem Anstande.

[Illustration: Nachtreise bei Fackelschein.]

Am Vormittage des 29., nach jenem angenehmen Zeitvertreib, der im
Löwenbaume durchlebten Nacht, unternahm ich einen Ausflug, um die
Formation an den Nata-Ufern zu untersuchen. Zwei Riesenstörche
(Sattelstorch-Species ^Mycteria senegalensis^) zogen ihre weiten Kreise
über den Fluß; mich rasch niederduckend, störte ich sie nicht beim
Einfallen, beschlich sie dann und es gelang mir, einen für meine
Sammlungen zu erbeuten. Die Thiere stellten den zahlreichen Fischen
nach, welche sich in einer der flacheren Salzlachen des Flußbettes unter
dem Gesteine zu verbergen suchten. Am Nachmittage machte ich einen
längeren Ausflug durch die südliche Ebene, um nach der Matabelehorde zu
sehen, und um die Stelle, an welcher sie das Salz zu gewinnen pflegten,
näher zu untersuchen. Schon 1200 Schritte vom Wagen jagten wir eine
Zebratruppe (von der dunklen Art) auf, welche in wilder Flucht dem
Flusse zueilte, so rasch und in solcher Hast, daß ich schon die ganze
Heerde über das steile Ufer herabstürzen zu sehen wähnte, als die Thiere
ebenso plötzlich stille hielten und dann zur Rechten einbiegend, durch
eine schmale Abflußrinne hinabgelangten. Es dröhnte laut auf und eine
dichte Staubwolke erfüllte die Luft, als die Thiere das trockene Bett
kreuzten, noch einige hundert Schritte hinübereilten, um dann an einer
weniger steilen Stelle unfern meines Wagens auf das jenseitige Ufer
emporzuklimmen. In der Ferne erschienen die Thiere größer als sie sind,
ihre Hauptstärke liegt in dem gewaltigen Kopfe und dem Halse, und da sie
sehr gut genährt sind, ist es nicht schwer, sie mit Pferden einzuholen.
Die Masarwa und Makalahari nennen sie mit Rücksicht auf ihr Wiehern, das
durch »Quag-ga«, wobei die erste Silbe bedeutend kürzer als die zweite
klingt, deutlich wiedergegeben werden kann, Quaggas. Je näher ich dem
Matabele-Lager kam, desto mehr Vorsicht hielt ich für nöthig, da ich
jedoch auf der Ebene wenig Deckung fand, wandte ich mich nach Westen und
kam hier in eine Flußvertiefung, die nach dem Nata zuführte, so daß ich
selbe als einen Arm des unteren Nata ansehen möchte, der nach der Soa
führt. Ich folgte ihm geraume Zeit, er hatte denselben Charakter wie der
Nata und entschloß mich dann, durch das hohe Gras nach dem vermuthlichen
Lager, d. h. bis auf eine englische Meile Entfernung von demselben
anzuschleichen. Doch wie staunte ich, als dieser Arm nach einer Stunde
Wegs, wobei wir rechts und links von uns Zulu-Hartebeest-Heerden
beobachteten, nach Osten in der von mir angestrebten Richtung abbog und
ich ihn verfolgend, das verlassene Matabele-Lager vor mir sah.

Ich stand an einigen mit rosa- und dunkelcarmin gefärbter, stark
salzhaltiger Flüssigkeit gefüllten, ziemlich umfangreichen, in der Mitte
des Bettes liegenden Lachen; rings war der Boden von weißlichem
Salzniederschlage bedeckt, und zerstreute Salzstücke, schöne auf einer 1
bis 2 Zoll dicken harten Thonlage ruhende Krystalle, lagen überall
umher, auch Pfähle, mit denen das Salz aus den Lachen herausgebrochen
worden sein mochte. Die Matabele hatten also die Stelle schon verlassen,
ich hatte die Störenfriede nicht mehr zu fürchten und konnte eine genaue
Besichtigung der Lachen vornehmen. Bei normalem Winterwasserstand sind
dieselben 1 bis 1½ Fuß tief, 30 bis 45 Fuß breit, 30 bis 900 Fuß lang.
Der Niederschlag am Boden ist 1 bis 3 Zoll stark und verbindet die Ufer
einige 6 bis 10 Zoll unter der Oberfläche der Flüssigkeit wie eine
starke Eisdecke, schlägt man diese durch, so kommt man einige Zoll bis
einen Fuß tiefer auf den eigentlichen Boden des Gewässers. Tritt man
hinein, so glaubt man auf Nadelkrystallen zu stehen, und die Füße
bedecken sich mit einem deutlich sichtbaren Niederschlage. Diese stark
salzhaltigen Lachen sind weder von Vögeln noch anderen Thieren besucht.

Die schönen rosarothen Krystalle, mit denen jeder in die Lache geworfene
Gegenstand bald inkrustirt und an der Salzdecke festgepicht wird,
erblassen leider so wie sie der Lache entnommen werden. Wir schleppten
mit, so viel wir konnten, und ich sandte am folgenden Tage Pit und
Meriko zur selben Stelle, um Salz für unseren Gebrauch zu gewinnen. Um
es von seinem Kalkgehalte zu befreien, wird das Salz gekocht und dann
zerschlagen. Ich bediente mich seiner zum Einsalzen des Wildfleisches.
Auf dem Heimwege von diesen Salzlachen (ich folgte dem Bette, indem sie
liegen, bis in den Nata, es ist also ein von ihm abzweigender und sich
wieder mit ihm vereinigender Arm) beobachtete ich die letzten
Springbockheerden nach Norden und Heerden des gestreiften Gnu's, das
hier das schwarze Gnu vertritt, welches ich nicht nördlicher als über
Schoschong zu beobachten Gelegenheit hatte.

Am 29. schoß mein Freund Th. eine Steinbockgazelle, auf der östlichen
Grasebene, es war ein Capitalschuß auf 250 Meter. In der Nacht am 29.
legte ich an mehreren Stellen mit Strichnin vergiftete Stücke Fleisch
aus, um einige Schakalbälge zu gewinnen, am nächsten Morgen fand ich
vier Cadaver dieser Thiere; das Fleisch des abgezogenen Thieres wird
schon in der folgenden Nacht von seinen Genossen verspeist, und man wird
dann in den nächsten Tagen jene, die an dem Mahle theilgenommen, todt in
dem Gebüsche wiederfinden. Die Umgegend des unteren Nataflusses ist
durch zahlreiche Baobabbäume, welche in dem salzhaltigen Boden ebenso
gut gedeihen, wie im Humus, so wie durch dichtes Palmengebüsch
ausgezeichnet.

Meine Sammlungen hatten nun schon derart an Umfang gewonnen, daß ich
mich entschließen mußte, das bisher Gewonnene mit dem ersten, nach dem
Süden zurückkehrenden Elfenbeinhändler oder Jäger zu Rev. Mackenzie nach
Schoschong zu senden. Am 3. Juli verließ ich den Lagerplatz im
Mimosengehölz, den ich trotz der nächtlichen Löwenbesuche liebgewonnen
hatte und zog am linken Nata-Ufer den Fluß nach aufwärts. Der Weg führte
am Rande der östlichen Ebene und war theilweise tiefsandig. Während
unserer Fahrt sahen wir eine Heerde von Zebra's in einer Entfernung von
500 Schritten grasen. Th. wollte seine Kunst als Schütze an den Thieren
erproben, schlich sich auf 50 Schritte an und feuerte aus dem hohen
Grase auf eines der Pferde. Der Schuß traf, das Thier fiel sofort
nieder, sprang auf, lief noch etwa zehn Meter, fiel abermals nieder und
verendete nach 15 Minuten. Wir eilten alle hinzu, Pit faßte
unvorsichtiger Weise das Thier am Kopfe, doch dieses, obwohl in den
letzten Zügen, biß nach ihm, ohne ihn glücklicher Weise zu erhaschen,
andernfalls hätte der Diener eine tiefe Bißwunde davongetragen. Wir
machten uns sofort an das Abhäuten der Beute und nahmen mit Ausnahme des
Brust- und Halsfleisches, alles übrige mit, um Beltong zu bereiten. Etwa
2½ englische Meilen weiter fand ich in einem dichten Gehölze die
geeignete Stelle zu einem neuen Lagerplatz, um hier vollends die Haut
des Thieres zu präpariren.

Während Pit und Th. damit beschäftigt waren, das Fleisch der Zebrastute
in Stücke zu schneiden, um es aufzuhängen, arbeitete ich an dem Felle
und dem Schädel. Meriko wachte mit einer Muskete bei den grasenden
Zugthieren. Am Nachmittag besah ich mir die nächste Umgebung und fand
die Büsche dicht, den Baumwuchs spärlicher, doch stellenweise schöne
Baobabbäume. Das Ufer des Nataspruits, in dem sich hie und da schöne
bewaldete Inseln befanden, war hier hoch und steil und das Bett enthielt
eine mehrere hundert Fuß lange und ziemlich tiefe Lache, welche von
Wasserschildkröten und Fischen wimmelte. Doch auf sie hatten wir nicht
viel Zeit zu verwenden, denn es schien mir geboten, bis Ende dieses
Monats, wenn möglich, den Zambesi überschritten zu haben und bis zum
December in das weniger ungesunde Hochland an seiner nördlichen
Wasserscheide gelangt zu sein.

Da wir keine Löwenspuren bemerkten, errichteten wir eine ziemlich
niedrige Umzäunung -- es war uns bisher nicht bekannt, daß die Löwen oft
Tagereisen weit Streifzüge von ihren gewohnten Schlupfwinkeln aus
unternehmen; die Nacht war kalt, ein eisiger Südsüdwest-Wind hieß uns
die Nähe des Feuers suchen und da die Nacht dunkel zu werden versprach,
bereute ich es, keine höhere Umzäunung gemacht zu haben; ich vertröstete
mich damit, daß das Zebrafell morgen trocken sein und ich den Ort
verlassen konnte. Schon um 8 Uhr war die Finsterniß vollständig
hereingebrochen, zeitweilig fielen Regentropfen und verkündeten im
Vereine mit dem durch die Wipfel der niederen Bäume streichenden Winde
eine unangenehme Nacht.

Plötzlich, so plötzlich, daß wir alle vor Schrecken aufsprangen, wurden
wir durch das heftige Zusammenfahren und Gebrülle der Ochsen in der
Umzäunung aufgeschreckt. Nur zu leicht konnten wir deutlich hören, daß
einige derselben flüchtig geworden und beim Uebersetzen der meist aus
trockenen Aesten errichteten Umzäunung in derselben eingebrochen waren.
Um unsere Ueberraschung noch zu erhöhen, sprang Niger laut bellend nach
den Gebüschen, während sich der kleinere Hund winselnd unter dem Wagen
zu verbergen suchte. Wir drei am Feuer dachten natürlich, daß ein oder
mehrere Löwen über den niederen Zaun in den Kraal eingedrungen waren,
dies um so mehr, als wir die zurückgebliebenen Zugthiere sich in einen
Klumpen aneinanderpressen sahen und uns ein ununterbrochenes, gedämpftes
Blöken beunruhigte.

Von Th., der wenige Augenblicke vorher eben damit beschäftigt war, die
Zugthiere etwas kürzer anzubinden, konnten wir, so weit uns der
Feuerschein etwas in der Dunkelheit zu sehen gestattete, nichts
erblicken. Während sich Meriko und Pit jeder mit einem Feuerbrand
bewaffneten, sprang ich auf den Bock, um meinen Hinterlader zu
ergreifen, und ließ die Diener ihre Leuchten hochhalten, um hinreichend
Licht in den Kraal zu werfen. Ich konnte jedoch nichts von einem Löwen
in demselben erblicken. »Theunissen, können Sie den Löwen sehen,« rief
ich, doch statt einer bejahenden Antwort drang ein wimmerndes. »Helft
mir, helft!« aus dem Knäuel der Zugthiere, aus deren Mitte sich zugleich
das ängstliche Blöken vernehmen ließ. Wir sprangen herbei und fanden,
daß die Zugthiere durch einige sich anschleichende Löwen in Aufregung
versetzt, das in der Erde befestigte Ziehtau losgerissen und sich in der
Verwirrung in dasselbe verwickelt hatten, wobei Th. und zwei Zugthiere
niedergeworfen wurden, während andere zwei über die Umzäunung setzten.

Dank der Wachsamkeit Nigers hatten sich die Löwen zurückgezogen, und
während wir Th., der glücklicher Weise unverletzt war, aus seiner
unerquicklichen Lage befreiten, kehrten auch die beiden entlaufenen
Zugthiere zum Wagen zurück. Ich ließ, nachdem die Thiere am Wagen
entsprechend befestigt waren, rasch fünf Feuer um den Wagen und die
Umzäunung anzünden, und unter ihrem Schutze fällten wir mehrere
Mapanibäumchen und erhöhten damit die Umzäunung.

Erst am 5. konnte ich die Weiterfahrt, und zwar unter strömendem Regen
antreten, der mir indeß diesmal willkommen war, da er den tiefen Sand
compacter machte und den Zugthieren die Arbeit erleichterte. Ich
passirte die durch tiefe Sandmassen ziemlich schwer passirbare Furth des
Nataspruits und traf jenseits derselben auf einem verlassenen Jagdplatze
die Reste eines Boerwagens. Von Wild beobachteten wir blos
Deukergazellen, zwei gestreifte Gnu's, einige Zebra's und Perlhühner,
von denen letzteren ich eines erlegte. Nachmittags traten wir aus den
bewaldeten Partien heraus und zogen über eine hochbegraste Ebene, die
stellenweise mit einzelnen Mapanibäumen oder kleinen Mapani- und
Mimosengehölzen bestanden war. Obgleich ich sehr dagegen war, das
Gespann in von Löwen bewohnten Gegenden Abends oder Nachts weiden zu
lassen, war es diesmal nicht zu vermeiden; wir machten die Thiere frei
und trachteten sie in der Nähe des Wagens zu halten. Doch kaum hatten
sie etwa 150 Schritte weit sich entfernt, als sie durch ein Thier scheu
geworden, in wilder Flucht nach rechts über die Ebene dahinjagten. Mit
Hilfe des braven Nigers, der den Störenfried, eine Hyäne, rasch entdeckt
und verfolgt hatte, gelang es Th. und Pit, die Thiere nach einer Weile
wieder einzufangen. Die Nacht hindurch hatten wir das Vergnügen, ein von
gefleckten Hyänen gegebenes Concert anzuhören.

Am 6. durchzogen wir Vormittags ein Terrain, das dem des vorigen Tages
sehr ähnlich war, während wir am Nachmittage eine ausgedehnte wiesige,
vom Niederwalde rings umschlossene Lichtung passirten, auf welcher sich
zahlreiches Wild tummelte. Ein heftiger Regenguß spendete uns reichlich
das ersehnte Trinkwasser, das uns der Boden nicht finden ließ. Wir sahen
Strauße auf der Ebene, Deukergazellen, gestreifte Gnu's und Löwen im
Anschleichen der Zebra's begriffen. Gegen Abend kamen wir an ein Gehölz,
an welchem ich zu übernachten beschloß.

Am Abende des 8. Juli betraten wir einen Wald, der einen Theil des
»sandigen Lachenplateaus« bildet und sich etwa 100 englische Meilen nach
Norden erstreckt. Der Boden auf dieser Strecke ist mit Ausnahme einiger
Lichtungen, welche Lachen aufweisen, tiefsandig und ist der westliche
Theil des Gebietes, den Mohr das Land der »tausend Teiche« genannt hat.
Ich belege mit diesem Namen nur jene Strecke, welche keinen merklichen
Abfall zeigt und dem Regenwasser keinen Abfluß nach den Flüssen
gestattet. Jene Lachen charakterisiren diese Gegend und werden zumeist
(95 Percent derselben) nur vom Regen gespeist. Sie sind klein und dicht
begrast und enthalten während 2 bis 8 Monaten reichliches Regenwasser.
Nur eine verschwindend kleine Anzahl wird von Quellen gespeist und
solche das ganze Jahr hindurch wasserhaltige Stellen sind von den
Madenassa's, die den wiesigen Niederwald bewohnen, benannt worden.
Andere, die nur zeitweise im Jahre Wasser enthalten, haben von den
holländischen und englischen Jägern und Elfenbeinhändlern
Gelegenheitsnamen erhalten. Dieses Lachengebiet liegt zwischen der Soa
und dem Nata (gegen Süden), den Zambesi-Zuflüssen nach Norden, dem
Mababi-Veldt nach Westen und dem Nata- und Uguaj-River nach Osten. Es
ist im Innern Süd-Afrika's jenes Land, in welchem die riesigen
Säugethiere, wie Elephanten, Nashorne, Giraffen noch häufiger zu finden
sind, und von welchem aus sie sich dann nach Osten und Westen, sowie
nach Norden über den Zambesi ausbreiten. Seiner Wasserarmuth in der
Trockenzeit halber, ist es nicht nur mit großen Opfern zu passiren und
nicht geringere fordert zuweilen im Beginne des Sommers vom October bis
December eine aufsprossende Giftpflanze, die das Gras im Wachsthume
überholt und den Ochsen sehr schädlich wird. Aus diesem Grunde wählen
auch oft die Elfenbeinhändler, welche mit dem am Zambesi wohnenden
Stämmen in Verkehr zu treten suchen, den sogenannten östlichen, d. h.
einen durch Westmatabele und das Gebiet der Makalaka führenden Weg, doch
hat auch dieser zahlreiche Schattenseiten und Nachtheile, welche
namentlich in der Unzuverlässigkeit und Stehlsucht der Eingebornen auf
dieser Strecke begründet sind.

Während der Fahrt am Nachmittage des 7., bevor wir noch in den dichten
Wald einfuhren, und als wir eben die letzte Lichtung passirten, schrie
Meriko, der vor den Ochsen einherging, auf, und wies mit der Hand nach
links, indem er sich eines Ausdrucks bediente, den ich nicht verstehen
konnte. Ich saß neben Th. am Bocke und war natürlich sehr begierig, den
Grund der Aufregung meines in jeder Hinsicht hin braven
Bamangwato-Dieners zu erfahren. Es waren zwei Strauße, die kaum 250
Schritte vom Wege entfernt, seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Ich sah
nur einen, der nahe an einem Gebüsche stand; nicht der Beute halber, die
dem Könige der Bamangwato's gehörte, sondern bloß des Jagdvergnügens
halber sprang ich herab, um mich im hohen Grase anzuschleichen. Der
zweite Strauß, den ich bisher nicht bemerkte, saß auf der Erde, lugte
nur mit dem Kopfe über das Gras und ergriff bei meiner Annäherung sofort
die Flucht, während mich einige Büsche am Gebrauche des Gewehres
verhinderten. Als ich wieder freieres Terrain gewann, waren die Vögel
eben im Begriffe, in einen Niederwald einzudringen und rannten so
ziemlich auf einen und denselben Baum zu. Ich feuerte aus einer
Entfernung von 450 Schritten und hörte die Kugel in den Stamm des Baumes
einschlagen. Die größte Freude über den verunglückten Jagdversuch zeigte
Meriko, weil ich das Eigenthum seines Herrn, des Königs Khama, nicht
geschmälert hatte, und versprach, nach seiner Rückkehr nach Schoschong
es dem Könige selbst zu berichten.

[Illustration: Von Löwen aufgescheucht.]

Da ich alles aufbieten wollte, um die erste der Quellen auf dem
genannten Plateau noch an diesem Tage zu erreichen (wir hatten den Tag
über kein Trinkwasser für die Zugthiere gefunden) blieb mir nichts
übrig, als unsere Reise trotz mannigfacher Schwierigkeiten und Bedenken
Nachts fortzusetzen. Voran lief Niger, selbst ohne erst dazu
aufgemuntert worden zu sein, ihm folgte Pit mit einem Hinterlader, dann
Meriko, der die Leitochsen am Riemen führte, mit einem tüchtigen
Feuerbrande, Th. trieb die Ochsen, und ich saß am Bocke, das Gewehr
schußgerecht in der Hand haltend, ein zweites lag hinter mir, um es
nöthigenfalls dem neben mir schreitenden Th. sofort reichen zu können.
Gegen 11 Uhr Nachts langte ich an der erwähnten Quelle an, welche den in
den Wäldern ringsum wohnenden Madenassana's unter dem Namen der
südlichsten der Klamaklenjana-Quellen bekannt ist. Hier traf ich mehrere
Elephantenjäger, denen ich einige Wochen zuvor, und andere, welchen ich
an der Soa-Salzpfanne begegnet hatte, sie alle klagten über den
Mißerfolg ihrer Jagd.

Ich will hier eines interessanten Löwenabenteuers gedenken, das sich
einige Tage vor meiner Ankunft an der Stelle, an der mir, wie erwähnt,
die Hyänen mein Gespann scheu gemacht hatten, zugetragen, und das mir
den Tag nach meiner Ankunft an den genannten Quellen berichtet wurde.
Die Herren Daniel Jakobs, ein Boer-Jäger, Frank, ein Engländer, der der
Jagd halber diese Gegend aufsuchte, und Kurtin, ein Elfenbeinhändler,
sind die Helden dieser Jagdepisode. Sie hatten eben ausgespannt, als
ihnen die Diener die Nachricht brachten, daß eine Giraffenheerde einige
Meilen vom Wege ab in Sicht sei. Da Herr Frank noch nie zuvor Giraffen
in der freien Natur gesehen, verabredete man sich, ihm den ersten Schuß
zu gönnen. Rasch wurden die Pferde gesattelt und man eilte dem Wilde
entgegen. Obgleich dieses sofort die Flucht ergriff, wurde es doch schon
nach kurzem Wettlauf eingeholt und Jakobs beeilte sich sofort vom Pferde
herab eines der Thiere niederzuschießen. Die Gesellschaft sattelte ab
und war eben damit beschäftigt, das Thier zu zerlegen, als einer der
nachgeeilten Diener die Jäger auf eine andere, etwa 2000 Schritte
entfernt grasende Giraffe aufmerksam machte. Man suchte auch diese auf
und Herr Frank feuerte gleich zwei Schüsse ab, ohne ihr jedoch ein Leid
anzuthun, dann schoß Kurtin und fehlte ebenfalls, Jakobs folgte als
dritter und obgleich er das Thier förmlich mit seinem Pferde
zusammenrannte und sein Doppelgewehr abschoß, entkam die gehetzte
Giraffe unverwundet. Da er sah, daß die beiden anderen Jäger
zurückgeblieben waren, wollte er schon dem Thiere die Freiheit schenken
und von der Verfolgung ablassen, als es ihm einfiel, es mit dem Pferde
zu überholen, zu wenden und in dieser Weise Herrn Frank noch eine
Gelegenheit zum Schusse zu geben. Von neuem jagte er der Giraffe nach
und hatte sie beinahe schon erreicht, als er unmittelbar vor sich, ein
wenig zur Linken, eine sprungbereite Löwin im Grase liegen sah. Sich
nach seinen Begleitern umkehrend, um sie herbeizurufen, sieht er, daß er
an einer zweiten Löwin und einem Löwen vorbeigeritten war, ohne die
Raubthiere vorher bemerkt zu haben. Aus dieser unangenehmen Lage suchte
er sich dadurch zu befreien, daß er rasch nach rechts abbog, einige 30
Schritt in dieser Richtung hin galoppirte, dann auf den Löwen, der ihn
mit seinen Blicken verfolgte, anschlug und feuerte. Er schoß zu hoch,
verfehlte den Löwen und traf die Löwin in's Schulterblatt. Darauf
feuerte der herbeigerittene Kurtin zweimal und fehlte, ohne daß sich die
Löwen in ihrer Ruhe stören ließen. Jakobs schoß nun zum zweitenmal und
verwundete den Löwen schwer, so daß sich dieser in ein nahes Gebüsch
zurückzog. »Da ich dachte, daß uns die beiden Löwinnen, die in das tiefe
Gras so weit hineingekrochen waren, daß wir sie nicht sehen konnten,
bekriechen, d. h. sich zum plötzlichen Sprunge bereit machen würden, gab
ich,« so berichtete mir Daniel Jakobs, »den wohlmeinenden Rath, uns
lieber eiligst zurückzuziehen, als den Kampf mit den Löwen fortzusetzen.
Während unseres Rückzuges sahen wir beide Raubthiere, das eine stark
hinkend, sich ebenfalls davonmachen. Alle diese Löwen gehören in den
Bereich des Nataflusses und finden namentlich in dem stellenweise sechs
bis sieben Fuß hohen Grase vortreffliche Schlupfwinkel.«

Die Klamaklenjana-Quellen bestehen (so weit sie nahe dem Wege liegen)
aus vier von einander getrennten, sumpfigen Gewässern, daher rührt auch
ihr Name »viermal hinter einander«; zwischen ihnen, sowie rechts und
links im Walde, liegt eine Unzahl von während kürzerer oder längerer
Zeit im Jahre gefüllter Regenlachen. Nahe an der ersten Quelle, die wir
am Abend des 7. erreichten, zweigt sich ein von den holländischen Jägern
geschaffenes Geleise nach dem Mababifelde ab. Hier stieß ich auf den
Diener Andersons mit Namen Saul; er reiste in Gesellschaft eines
Makalahari-Mannes, der vier Kinder mit sich führte, Saul hatte ihn am
Nataspruit gefunden und ihn aufgefordert, sich ihm anzuschließen. Er war
dessen sicher, daß sein Brodherr nichts dagegen einwenden werde und dies
um so weniger, da er ihn bei der Straußenjagd verwenden wollte. »Ich
weiß aber, daß Du kein guter Schütze bist, wie kannst Du Strauße
erlegen?« frug ich Saul. -- »Doch, Herr, ich treffe sie schon,«
antwortete derselbe. Wenn ich sie jagen will, nehme ich einige
Makalahari mit mir. Wir suchen hierauf die Spur der Strauße auf, und
streben namentlich nach solchen, welche von einem Pärchen herrühren. Mir
ist es hauptsächlich darum zu thun, daß ich das Nest der Thiere finde.
Beim Neste angelangt, wird ein Loch in die Erde gegraben und hier
verstecke ich mich, um den brütenden Thieren aufzulauern. Den ersten zum
Neste eilenden Vogel erlege ich mit Leichtigkeit aus unmittelbarer Nähe,
den zweiten dadurch, daß ich den Balg des ersteren auf einen Pfahl ziehe
und diesen vor dem Neste aufstelle, wenn mich nicht der zweite Vogel
schon bei dieser Arbeit überrascht, und sich auf Nimmerwiedersehen
empfiehlt. Doch geschieht dies selten und auf diese Weise gelang es mir,
schon viele Strauße sammt ihren Eiern zu erbeuten.«

An der südlichsten der Klamaklenjana-Quellen erfuhr ich die Bedeutung
der hie und da von den Masarwa's und Bamangwato's genannten Flüsse. So
z. B. bezeichnet Khori, das Land am Seitenflüßchen des Tschaneng, »eine
Trappe« und der Mokhotsi »eine starke Strömung«.

Am 9. kehrte der Genosse Andersons von den nächsten
Klamaklenjana-Quellen heim und berichtete, daß ein Boer in dem
anliegenden Walde eine Elephantenkuh geschossen habe, welche Nachricht
die an der Quelle lagernden Jäger in nicht geringe Aufregung brachte,
allein diese steigerte sich noch nach der Rückkehr Theunissens von einem
Ausfluge, den dieser in den Wald nach Osten unternommen, und auf dem er
auf fünf flüchtige Elephanten gestoßen war. Er rief dem ihm unmittelbar
folgenden Meriko zu, ihm rasch die Patronen zu reichen, und hätte
hinreichend Zeit gehabt, ein Dutzend Schüsse abzufeuern, wenn nicht
Meriko, um das dem Könige gegebene Versprechen, keine Elephanten zu
schießen, zu halten, die Jagd dadurch vereitelt hätte, daß er beim
Anblicke der flüchtenden Colosse das Weite suchte und Theunissen ohne
Munition zurückließ.

Auch ich machte zwei Ausflüge tiefer in den Wald hinein und entdeckte
Spuren von Giraffen, Harrisböcken, Kudu's, Elephanten und Büffeln. Den
Tag vor unserer Ankunft war eine Büffelheerde am Wasser beobachtet
worden, doch hatte sie sich so zeitlich nach Mitternacht entfernt, daß
sie die Jäger am Morgen nicht einholen konnten. Bevor ich noch die
Quellen verließ, traf ich hier mit Mr. Taylor zusammen, er klagte auch
über den Mißerfolg der Jagd. Einer der Jäger besuchte alljährig eine
Stelle in der Umgegend, welche ihm reichliche Beute sicherte; mehrere
tief im Walde wohnende Madenassana's waren seine ausgiebigsten Helfer.
Zwei andere Elephantenjäger, die dies vernommen, trachteten auch ihr
Glück an derselben Stelle zu versuchen, ein Versuch, der indessen ihr
gegenseitiges Freundschaftsbündniß nicht inniger gestaltete.

Am 10. verließ ich meinen Lagerplatz und langte nach einer zweistündigen
Fahrt durch den tiefsandigen Niederwald an den nächsten
Klamaklenjana-Quellen an. Ich traf hier einen Elephantenjäger mit Namen
Mayer, sowie einen Holländer, Mynheer Herbst, an; etwas weiter ab, an
einem zweiten Gewässer, einen anderen Holländer mit Namen Jakobs und den
Elfenbeinhändler Mr. Kurtin, dessen ich bei der zuletzt beschriebenen
Löwenjagd gedachte. Der Letztere theilte mir mit, daß er auf einem
seiner ersten Züge in dieses Gebiet nicht weniger als 66 Ochsen durch
die schon erwähnte von October bis December in diesen sandigen
Niederwäldern aufsprossende Giftpflanze verloren hatte. Jakobs theilte
mir einige seiner interessanten, sowie auch die nennenswerteren
Löwenabenteuer Pit Jacobs, des zweitberühmtesten Elephantenjägers
Süd-Afrika's mit. Mayer und Herbst jagten in Compagnie, Herbst schoß
hier eine Elephantenkuh und war noch immer ganz davon begeistert. Herr
Mayer hatte einige Makalaka's in Dienst genommen, welche auch mir einige
Tage zuvor ihre Dienste angetragen hatten, da ich jedoch von diesem
unter den Matabele's wohnenden Banthustamme eine sehr schlechte Meinung
habe und nebenbei die hier Betreffenden wahre Galgen-Physiognomien zur
Schau trugen, rieth ich Herrn Mayer an, sie aus seinem Dienste zu
entlassen. Er wollte nicht darauf eingehen und hatte es leider später zu
bereuen. Denn als ich ihn sieben Monate später wieder traf, da hatte der
arme und gute Mann, dem ich das Beste von Herzen wünschte, über zahllose
Diebstähle zu klagen, welche die Makalaka-Diener verübt, und darnach
verschwunden waren. Ich traf auch hier zum ersten Male die den
Bamangwato's unterthänigen Madenassana's an; es ist ein schöner
Menschenschlag, leider von ziemlich abstoßendem Gesichtsausdruck. Von
Hautfarbe fast dunkelschwarz, sind es meist hohe Gestalten von starkem
Knochenbau, namentlich die Männer. Um so mehr wunderte es mich, unter
den Frauen förmlich zarte Geschöpfe zu finden. Die Madenassana's haben
ein stärkeres und längeres Wollhaar, welches besonders an den Schläfen
und der Stirne oft bis einen Zoll tief herabhängt. Das Cranium ist dann
in der Regel oft kurz behaart.

Besucht ein Bamangwato das sandige Lachenplateau, so sucht er gewöhnlich
zuerst die Madenassana's, die Helfer bei seinen Jagden auf, um für
seinen König und sich Elfenbein zu erwerben. Diese wohnen aber in der
Regel so versteckt in den dichten Partien der Wälder, daß die Jäger ihre
Wohnungen kaum gewahr werden, wenn sie nicht von einem Madenassana
selbst zu denselben geführt werden. Der Aelteste in einer solchen
kleinen Niederlassung ist dann der kleine Stamm-Unterhäuptling; will man
als Blaßgesicht Diener unter den Madenassana's miethen, so ist es immer
das beste, sich an den ältesten des Dörfchens zu wenden. Miethet man sie
auf einige Monate, dann bezahlt man ihnen zwei bis vier Pfund
Glasperlen, oder auch einige Wolldecken, doch zuweilen wird auch
Schießpulver und Blei verlangt, auf die Dauer von sechs bis zehn Monaten
begehrten sie eine Muskete.

Im Gegensatze zu vielen anderen Banthustämmen wird bei ihnen die unter
einfachen Ceremonien vorgenommene Verehelichung respectirt und eheliche
Treue bei ihnen ziemlich hoch gehalten. Während bei manchen Stämmen das
Gefühl von Eifersucht nicht gekannt oder nur in einem schwachen Grade
vorhanden ist, kann sie nach dem, was ich von meinen Berichterstattern
über die Madenassana erfahren, bei ihnen selbst zu schweren Verbrechen
führen. Der Stamm wurde mir als genügsam geschildert und auch als Diener
sind sie besser als die Masarwa's und Makalahari's. Der weiten
Entfernung ihrer Wohnplätze von Schoschong wegen -- sie bewohnen den
nordwestlichen Winkel des östlichen Bamangwato-Landes -- und da sie
nicht gleich den Masarwa's über das Land zerstreut sind, ist ihr
Verhältniß den Bamangwato's gegenüber kein so drückend sklavisches wie
das der Masarwa's. Sie besitzen eigene Gewehre, und werden nur jährlich
von einigen von dem Könige von Schoschong aus abgesandten Bamangwato's
aufgesucht, welche von ihnen die Abgaben einsammeln, oder sie zu Jagden
verwenden. Im Jahre 1874 trafen drei Bamangwato's einen kleinen Haufen
der Madenassana's im Dienste des Elephantenjägers Zwart an, sie
forderten diese auf, den weißen Mann sofort zu verlassen und sich ihnen
anzuschließen, was diese indeß verweigerten. Darauf ergriffen die
Bamangwato's die Frau des Aeltesten (des Anführers) und fingen sie zu
schlagen an, um durch diese Züchtigung den Sinn der Vasallen zu
bekehren, doch der Mann der Geschlagenen ergriff einen ihm zunächst
liegenden Assagai, stürzte sich auf den Bamangwato und hätte auch den
nächsten von ihnen durchbohrt, wenn diese nicht zu ihren Gewehren
gegriffen und auf die Madenassana in Anschlag gebracht hätten.

Die Makalaka's, deren ich kurz vorher erwähnte und von denen ich eine so
geringe Meinung habe, trieben sich in den Jahren 1875 und 1876 recht
zahlreich zwischen dem Nata und dem Zambesi herum. Es waren meist
Flüchtlinge aus Schoschong, die ihrer verrätherischen Handlungsweise
halber aus der unmittelbaren Nähe der erzürnten Bamangwato's weichen
mußten.

Am Nachmittage desselben Tages (des 11.) durchschritt ich, von meinem
Diener Pit begleitet, den dichten Wald nach Nordost und traf ein
Kudupärchen, das jedoch trotz seines Riesengehörns so rasch in den
Büschen verschwand, daß wir keinen Schuß anbringen konnten. Diese
Antilope liebt meist hügelige Dickichte oder bewaldete Höhen und nur
dies kann es mir erklären, daß sie den Löwen, welche in Süd-Afrika
besonders den Rand der Lichtungen lieben, seltener als viele andere
Species zum Opfer fällt.

Am 12. verließ ich die zweiten (mittleren) Quellen und begab mich nach
den nächsten und dritten, wohin der Jäger Jakobs und der Händler Kurtin
schon vorher übersiedelt waren. An diesem Tage langte hier ein
Elfenbeinhändler (ich will ihn X. nennen) an, welcher den König des
Marutse-Reiches, Sepopo, auf welches ich lossteuerte, besucht hatte, er
empfahl mich an seinen guten Freund Z., den ich weiter nordwärts am
Panda ma Tenka-Flüßchen finden sollte. Ich ersuchte ihn, mir zwei Kisten
gesammelter Gegenstände nach Schoschong zu befördern, was er auch
versprach, ohne daß ich später je wieder etwas von denselben sah. Mr.
Kurtin verkaufte an ihn zwei Falben (einen derselben hatte ich im Jahre
1874 in Schoschong von der Dickkopsickte geheilt) für 800 Pfund
Elfenbein. Auf den beiden Wägen des Käufers waren circa 7000 Pfund
Elfenbein geladen, davon waren 5000 Pfund von Sepopo eingehandelt, den
Rest hatten die Diener des Händlers auf ihren Jagdzügen am südlichen
Zambesi-Ufer, zwischen den Victoriafällen und der Tschobemündung
erbeutet. X. berichtete auch, daß am Zambesi das Fieber gefährlich und
die noch zu bereisende Gegend sehr wasserarm sei. X. war so gütig, mir
den sechsten Theil einer geschlachteten Kuh zu senden, wofür ich mir
erlaubte, ihn mit Medicamenten zu versorgen.

Nachmittags reiste ich ab und zog in einer west- bei nördlichem Richtung
nach der nördlichsten der Klamaklenjana-Quellen; die durchreiste
Waldpartie zeigte schöne Kameeldornbäume, Mimosen und ahornartige, doch
auch Mochononobäume und Fächerpalmen-Gebüsche; durch eine ähnliche
Gegend führte uns der Weg am 13., wobei wir unser Mittagslager bei den
eben genannten Quellen aufschlugen. Ich zählte von den südlichsten bis
zu den nördlichsten Quellen 25 nach heftigen Regen gefüllte
Einsenkungen.

Auf einigen während der Fahrt durch den Wald unternommenen Abstechern
erblickte ich Büffel, gestreifte Gnu's, Zulu-Hartebeests und Zebra's im
Wechsel und zahlreiche Löwenspuren. An den nördlichsten
Klamaklenjanaquellen mündet ein von den Elfenbeinhändlern aus
Westmatabele gewählter Weg. Hier traf ich auch drei Elephantenjäger, die
Herren Barber, Frank und Wilkinson, von denen sich der erstere als Jäger
eines ausgezeichneten Rufes erfreut, ebenso wie seine hochgeehrte Mutter
nicht allein eine ausgezeichnete Künstlerin, sondern auch eine äußert
feine Beobachterin des Thierlebens ist, und über die Resultate ihrer
Betrachtungen auch schon mehrere kleinere Schriften veröffentlicht hat.
Mr. Barber zeigte mir sein Skizzenbuch, in dem er seine Jagdabenteuer
künstlerisch wiedergab.

Ich übernachtete einige Meilen weiter nordwärts im Walde. Der Baumwuchs
auf der am folgenden Tage zurückgelegten Strecke war ungleich besser
entwickelt und erreichten mehrere Stämme bis 60 Fuß Höhe; sie gehörten
einer Species an, welche von den Holländern die wilde, Syringa, von den
Bamangwato's »Motscha«, sowie eine andere, nicht minder häufige Art, die
»Monati« genannt wird. An manchen der Büsche bemerkte ich zahlreiche
rothblühende Orchideen.

[Illustration: Pit, schläfst Du?]

Gegen Mittag erreichte ich einen in einer unbedeutenden Vertiefung
liegenden Weiher, Yoruha, d. h. ein Sprung genannt, wo ich abermals den
Jägern, die ich an den letzten Quellen getroffen, begegnete. Der Händler
X. hatte ihnen diese Stelle als bleibenden Aufenthalt angerathen, weil
seine Diener in den Yoruhawäldern eine Unzahl von Elephanten
niedergestreckt hatten. Da nach den Spuren zu urtheilen eine
Elephantenheerde an dem Yoruhawasser zwei Tage zuvor zur Tränke gekommen
war, erwarteten die Jäger sie auch am heutigen Tage. Um keine Störung
durch meine Hunde zu verursachen, ging ich weiter und langte früh am 15.
an den Tamafopa-, d. h. den Skeleton-Quellen an. Etwa eine halbe
englische Meile nordwärts davon, an einigen gewöhnlich das ganze Jahr
hindurch wasserhaltigen Regenlachen entschloß ich mich, den Wagen tiefer
in den Wald zu bringen und hier zwei oder drei Tage zu verbleiben,
hauptsächlich um womöglich das Fell der Säbelantilope, der schönsten der
südafrikanischen Antilopen, zu gewinnen. Auf einem Ausfluge nach dem
Westen sah ich Steenbockgazellen und Zebra's und kreuzte mehrmals von
der vorhergehenden Nacht herrührende Spuren von Deukergazellen, Kudu's,
Giraffen, Büffeln und Elephanten, sowie von Schakalen, Hyänen, Leoparden
und Löwen. Nach den zahlreichen Spuren, die ich an der größeren der
beiden Regenlachen vorfand, zu schließen, mußte diese allnächtlich von
einer großen Anzahl von Thieren, namentlich Zebra's, Büffeln und
Harrisböcken besucht werden und ich entschloß mich, hier eine Nacht auf
dem Anstande zu liegen. Ich wählte mir diesmal Pit als Begleiter, der
mir wohl eine recht amüsante Nacht bereitete, meinen beabsichtigten
Zweck jedoch vereitelte. Bevor wir ausgingen, wurde um unseren Waagen
eine entsprechende Umzäunung errichtet und Th. versprach jedwede
Vorsicht zu gebrauchen, um einer etwaigen Löwenattaque würdig zu
begegnen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang machten wir uns auf den Weg,
um die von mir gewählte Stelle zu besetzen. Der Leser stelle sich in
einem hochbegrasten Walde eine stellenweise mit fünf Fuß hohem
Riesengras bewachsene, etwa 400 Meter im Umfange messende und etwa 10
Fuß unter dem Niveau des Waldes liegende Lichtung vor, in deren Mitte
sich eine kleine, grasbewachsene Regenlache, der Rest des Gewässers
befand, das vor wenigen Monaten die ganze Einsenkung ausgefüllt haben
mochte. Am westlichen Rande der Lichtung stand ein mächtiger
Hardekoolbaum und in der Lichtung selbst, etwa 15 Schritte von dem
letzteren, ein etwa 30 Fuß hoher Baum der ^Acacia detinens^, unter
diesem erhob sich, theilweise durch ihn gestützt, einer der riesigen
Ameisenhügel, und da sich die Aeste des letztgenannten Baumes tief
neigten, schien die Stelle zu unserem Anstande wie geschaffen. Wir
sammelten einige Aestchen, die von dem Hardekoolbaume abgefallen waren,
um damit eine kleine, kaum zwei Fuß hohe Brustwehr zu errichten.
Zwischen uns und dem Grase ringsum befand sich eine etwa 2½ Meter breite
kahle Stelle, die wir beide für sehr günstig hielten. Da Pit noch nie
zuvor auf dem Anstande des Nachts gelegen hatte, frug ich ihn, ob er
sich auch stark genug fühle, die ganze Nacht durchzuwachen, er beeilte
sich, mich dessen zu versichern und so machten wir unsere Gewehre
schußbereit; als wir mit unseren Vorbereitungen fertig waren, hatte eben
die Sonnenscheibe den westlichen Horizont berührt. Einige der schönen
geschwätzigen Glanzstaare, von ihren weiten Ausflügen zurückgekehrt,
zwitscherten noch eine Weile lang in den Zweigen des Hardekoolbaumes,
bevor sie in die alljährlich bewohnten Nester hineinschlüpften. Bevor es
jedoch dunkel geworden war, verließen wir noch für einen Moment die
schon eingenommene Stelle, um dem Rathe meines Dieners nachgebend, von
dem Dornbaume über uns einige seiner dünnen, doch langen Aeste
abzuschneiden, um die Umzäunung damit zu bedecken. Aus der Ferne
ertönendes Schakalgekläffe belehrte uns darüber, daß die Zeit
herangekommen, zu welcher das den Tag über weidende Wild dem Wasser
näher komme und die von den nächtlichen Streifungen zurückkehrenden
Raubthiere sich an ihre gewohnten Raubzüge machten.

Wir nahmen unsere frühere Stellung ein. Pit wählte seine gewohnte
halbliegende, ich zog das Hocken vor, weil es mir für die Dauer noch das
Angenehmste schien; wir sprachen Anfangs mit gedämpfter Stimme, jedoch
hielt ich es für besser, auch davon abzulassen. Wir mochten eine halbe
Stunde lang gelauscht haben, als ich vorsichtig aufstehend auslugte,
doch konnte ich nichts sehen, und selbst über die Richtung, aus welcher
ein eigentümlich gedämpfter Ton zu mir drang, konnte ich mich anfangs
nicht orientiren, erkannte aber bald zu meiner Enttäuschung und
Entrüstung, daß es Schnarchtöne waren, die sich dem weitgeöffneten Munde
meines harmlos eingeschlafenen Dieners entrangen. Etwas unsanft geweckt,
fühlte sich Pit über meine Beschuldigung bitter gekränkt und versprach
den Anfechtungen Morpheus' zu widerstehen -- doch die Allgewalt des
Schlafgottes besiegte schneller als ich es gedacht, den schwachen Willen
des Schwarzen, dessen ganze Seligkeit eben der Schlaf war.

Gegen 10 Uhr, als das fahle Mondlicht über die Lichtung hinfluthete,
vermengten sich seine melodischen Kehlkopftöne mit einem dumpfen Laut,
wie wenn sich von Westen her ein Trupp Pferde dem Wasser nähern würde.
Ich ergriff mein Gewehr und an den Mimosenstamm angelehnt, lugte ich
zwischen diesem und dem an acht Fuß hohen Termitenhügel aus, der Laut
wurde mit jeder Minute stärker und rührte unstreitig von Zebra's her.
Ich sollte auch nicht lange darüber im Zweifel bleiben, denn etwa eine
Viertelstunde später, nachdem ich den Laut vernommen, erschienen auf der
grell vom Lichte des Mondes beschienenen freien Stelle zwei Zebra's,
welche vorsichtig nach allen Seiten Rundschau hielten und beinahe nach
jedem zweiten Schritte stehen blieben, um zu lauschen, wovon die sich
aufrichtenden Ohren deutlich zeugten; nach wenigen Augenblicken kam die
etwa 20 Stück zählende Heerde. Ich war unentschlossen, ob ich sofort
feuern oder vielleicht zuvor noch Pit in die Gegenwart zurückrufen
sollte, damit auch dieser zum Schuß käme. Die ganze Heerde stand nun auf
der Lichtung ruhig wie eine aus Stein gemeißelte Gruppe. Die Betrachtung
dieses schönen Bildes war mir kaum zwei Minuten lang vergönnt, denn aus
der Tiefe unter mir drangen zwei das Gehör, den Geist und die Seele tief
verletzende Mißtöne in die Stille der Nacht, laut genug, um von den kaum
sieben Schritte entfernten Zebra's gehört zu werden. Um die Thiere nicht
vollends zu verscheuchen, weckte ich den Unverbesserlichen. Diesmal
erhob er sich sofort, griff jedoch in seinem Schlaftaumel nach der
niederen Umzäunung, welche mit Ausnahme der obersten Lage aus trockenen
Zweigen bestehend, unter seinem Gewichte zusammenbrach, während ich nun
rasch nach ihm griff, um ihn vor dem Falle zu schützen, damit er die
Thiere nicht vollends vertreibe, wirft sich die Zebraheerde in
Blitzesschnelle herum und war verschwunden, bevor ich noch an's Feuern
denken konnte.

Bald darauf schnarchte Pit lustig weiter. Mitternacht kam und nichts
wollte sich hören lassen, doch gegen 1 Uhr, als sich der Mond wieder
gesenkt hatte, vernahm ich ein Blöken von Nordwest her, welches sich der
Lichtung zu nähern schien. Es war eine Büffelheerde, die Thiere hatten
jedoch unsere Witterung bekommen und waren an der Lichtung
vorübergegangen, und bei einer zweiten, die 500 Schritte nach Osten zu
lag, eingekehrt. Ich wollte auch dieses vorüberziehende Wild zur
Kenntniß meines wißbegierigen Dieners bringen und machte ihn auf das
Brüllen und Blöken aufmerksam. »Kühe, Kühe und Kälber,« meinte er, »Th.
hatte sie nicht fest gemacht.« Dann lehnte sich sein müder Oberkörper
wieder zurück und bevor ich noch mein Lachen über seine Antwort
unterdrückt, war er wieder eingeschlafen. Doch auch bei mir fing die
Müdigkeit an, merklich ihre Rechte geltend zu machen, und ich versank in
einen Halbschlummer, aus dem mich ein Geräusch, einem sich nähernden
Sturmwind nicht unähnlich, emporriß.

Mehr denn 20 Minuten hindurch konnte ich über die Ursache desselben
nicht klug werden, nicht eher, als bis ich dessen sicher war, daß es von
einer der beiden ostwärts von uns liegenden Regenlachen herkam, und ein
schnarrender trompetenartiger Ton mein lauschendes Ohr traf. Es war eine
zahlreiche Elephantenheerde, welche sich in dem größeren, mit Gras
reichlich durchwachsenen Gewässer gütlich that. Deutlich konnte man
zwischen dem trompetenartigen Geschnurre das Plätschern der Riesenthiere
im Wasser vernehmen. Durch diese Wahrnehmung aufgeregt, ergreife ich
Pits Hand und ihn aufrüttelnd, deute ich auf das Geräusch hin. »Ja,«
lallte er, »decken Sie sich nur zu, der Wind bläst heute gar stark«.
Nach wiederholtem Rütteln gelang es endlich, dem blöden Schläfer die
Situation begreiflich zu machen.

»Ich erinnere mich,« sagte ich, »an zwei kleinen Stellen trockenes Gras
gesehen zu haben, wir stecken dies in Brand, der die Thiere erschrecken
und uns einen Anblick bietet, wie wir ihn wohl nach jahrelangem Wandern
im Innern Süd-Afrika's nicht oft erleben werden.« Doch damit zeigte sich
mein Heldenjüngling nicht zufrieden. »Doctor, haben Sie heute Früh die
zahlreichen Löwenspuren gesehen, und dahin sollen wir gehen? Aus dem
hohen Gras können uns die Löwen auf den Rücken springen, bevor wir uns
nur umwenden können.« Der Mond neigte sich zum Untergange, die Nacht
fing an sich zu verdunkeln und nachdem ich mir die Sache reiflich
überlegt, beschloß ich diesmal dem Rathe meines Dieners nachzugeben. Wir
lauschten noch eine Weile und dann entschlummerte Pit, doch es dauerte
nicht lange und unwillkürlich folgte auch ich seinem Beispiele.

Wir mochten uns etwa eine halbe Stunde lang diesem Genusse hingegeben
haben, als ich plötzlich durch ein unmittelbar vor dem Anstande hörbares
Gebrülle zum Bewußtsein gebracht wurde, welches mich zum raschen Handeln
nöthigte und mir die nächtliche Kühle vergessen ließ; es war das
Gebrülle eines Löwen, dem ein schwächeres, mehr ein Brummen, jenes der
Löwin folgte. Das Gebrüll wiederholte sich dann etwa 30 Schritte vor
uns, worauf es sich zu nähern schien, ich kniete nieder und machte mich
schußbereit, doch konnte ich der Dunkelheit halber nichts sehen, weshalb
mir auch meine Lage etwas unangenehm vorkam, und dies um so mehr, als
ich dessen sicher war, daß wir schon lange von den Raubthieren
beobachtet wurden und meine Hände in Folge der Feuchtigkeit ziemlich
starr geworden waren. Doch da liegt ja Pit, gewiß ein Retter in der
Noth, doch konnte ich mich auf ihn verlassen?

Ich will zugeben, daß es ein etwas unsanfter Rippenstoß war, den ich ihm
nun versetzte, denn rasch hob er sich empor und weil sich zufällig in
diesem Augenblicke das Löwengebrülle wiederholte, war es nicht nöthig,
Pit eine Erklärung dieses Lautes geben zu müssen. Er sprang sozusagen
kerzengerade auf, und griff mit der Hand nach dem überhängenden Aste der
Mimose. Auch die Raubthiere mußten das Geräusch vernommen haben, wir
hörten, daß die Thiere näher kamen, nun schien mir auch zum zweiten Male
des Dieners Wink vortrefflich, und der Baum eine rettende Insel werden
zu wollen. Doch wie hinauf gelangen? Ich hatte eine von den schottischen
Flachmützen, so wie ein Paar hohe Stiefel und einen bis an die Kniee
reichenden Ueberzieher, so bewaffnet, war es vielleicht möglich, mir
einen Weg nach Oben durch das dichte Netz der mit Doppeldornen
versehenen Zweige zu bahnen, ich zog zum Ueberfluß den Ueberrock noch
über den Kopf und ließ mich von Pit hinaufschieben, um desto leichter
die Hindernisse zu bewältigen. Als ich den Fuß auf die ersten stärkeren
Zweige setzte, zog ich Pit nach, der mir zu gleicher Zeit die Gewehre
reichte. Trotzdem, daß wir endlich eine etwa drei Meter hohe Stelle über
dem Boden eingenommen hatten, war es uns doch nicht möglich, ob der
herrschenden Dunkelheit und des hohen Grases so viel von den Löwen zu
erblicken, daß wir auf sie feuern konnten. Sie blieben brüllend im
Hochgras der Lichtung hin und her rennend, bis gegen den Morgen, um
welche Zeit sie in der Richtung, aus welcher die Büffel gekommen waren,
verschwanden. Als wir nach ihrer freundlichen Entfernung auch zu unserer
Abreise schritten, besuchten wir das jenseitige Wasser, aus dem indeß
sowohl die Büffel als auch die Elephanten verschwunden waren. Hier
fanden wir, daß wenigstens 30 Elephanten, darunter auch Kälber, dasselbe
besucht hatten.

Da ich an den Thieren Beobachtungen anstellen wollte, so folgte ich
ihnen mit Pit nach, nachdem wir zuvor am Wagen einen Morgenimbiß
eingenommen und von Th. vernommen hatten, daß das Löwenpärchen auf einer
freien Sandstelle kaum einen Steinwurf weit vom Lagerplatze gebrüllt
habe. Doch gab ich die Verfolgung wieder auf, weil die Elephanten, nach
den Spuren zu urtheilen, einen Vorsprung von mehreren Meilen hatten.
Obgleich ich am selben Tage Tamafopa verlassen wollte, hatten mir doch
die Elephanten in der vorigen Nacht das Herz so warm gemacht, daß ich
noch einen Versuch allein unternahm, bei dem Gewässer, wo sie sich
herumgetummelt hatten, auf dem Anstande zu liegen. Ich besah mir genau
den Ort und wählte als den besten Observationspunkt einen etwa 50 Fuß
hohen, dicken schönen Haardekoolbaum, an dem jedoch die niedrigsten
Aeste so hoch begannen, daß es mich Wunder nahm, wie ich hinauf gelangen
sollte. Endlich fand sich auch das Mittel hierzu, ich band acht Stück
Ochsenriemen zusammen, nahm Pit und Meriko mit und ließ mich
hinaufziehen. Oben machte ich es mir zurecht, so wie ich konnte, um das
nächtliche Treiben bei dem Weiher so deutlich als möglich beobachten zu
können. Leider war mein Harren ein vergebliches, es kam die Nacht, in
diesem Theile der südafrikanischen Troppen von eigenthümlicher
winterlicher Kühle und Schönheit, ich fror ganz entsetzlich. Gegen
Mitternacht hörte ich zwar die herannahende Elephantenheerde, doch
zugleich auch das wohlbekannte Knallen der afrikanischen Riesenpeitsche,
und es währte nicht lange, daß das in den Büschen, von der
Elephantenheerde verursachte Knacken, schwächer wurde und endlich, je
näher der Wagen kam, gänzlich aufhörte. Wie ich später vernahm, war es
der Elfenbeinhändler Kurtin, der nach dem Panda ma Tenka-Thale zog, um
hier seinen mit einem Wagen vorausgesandten Bruder zu treffen.

Am 17. versuchte ich, ein Erdferkel (einen Termitenfresser) auszugraben.
In der Nacht auf den 18. tödteten wir zwei Fahlschakale und zogen durch
sehr tiefen Sand nach den Tamasetse- (d. h. sandiger Ort) Weihern, an
denen ich bis zum nächsten Morgen verblieb. Da ein kalter Wind über die
Lichtung, in der die Weiher liegen, herunter pfiff, zog ich meinen Wagen
in's Gehölz, um hier ein ruhigeres Nachtlager zu finden, und dies
deshalb, weil ich bis zum 20. hier zu verweilen gedachte, um einer
Säbelantilope habhaft zu werden. In der Nacht wurden wir plötzlich durch
einen Aufschrei Meriko's wachgerufen. Eine Schlange hatte sich auf
seinem Unterleibe eingenistet. Leider war Meriko über diesen Besuch so
erbittert, daß er das enteilende Thier schwer verletzte, bevor ich es
für meine Sammlungen retten konnte.

In Folge der Anstrengungen der letzten Tage und der schlaflosen Nächte
fühlte ich mich sehr unwohl, und war froh, mich an dem Lagerfeuer
erwärmen zu können. Ich war eben mit der Durchsicht meines Tagebuches
beschäftigt, als mich ein Aufschrei Th.'s dazu bewog, mich rasch
umzusehen. Ich war, ohne das Thier gesehen zu haben, neben einer
wahrscheinlich durch die Wärme des Feuers angelockten Buffadder
gesessen. Wenige Secunden später war diese Schlange meinen Sammlungen
einverleibt.



                                  V.
                   Von Tamasetse zum Tschobeflusse.


Henry's-Pan. -- Leiden und Freuden der Elephantenjäger. -- Eine
Löwenjagd des jungen Schmitt. -- Makalaka's. -- Ein muthiges Weib. --
Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen. -- Die südafrikanischen
Löwenspecies. -- Leben und Gewohnheiten des Löwen. -- Seine
Angriffsmethoden. -- Ankunft in Panda ma Tenka. -- Blockley. -- Der
Elfenbeinhandel mit Sepopo. -- Elandstiere. -- Aerztliche Praxis am
Henry's Pan. -- Thier- und Pflanzenleben im Panda ma Tenka-Thale. --
Bienenschwärme. -- Westbeech's Handelsstation. -- Saddler's Pan. -- Der
Händler Y. -- Im Leschumothale. -- Gereizte Elephanten auf der Flucht
durch den Wald. -- Am Ufer des Tschobe.

[Illustration: Heimkehrende Elephantenjäger.]

Zeitlich Morgens verließ ich am 20. Juli mein Lager im Tamasetsewalde
und zog in der wiesigen Einsenkung weiter nach Norden. Spät am
Nachmittage holte uns zu Pferde ein ärmlich gekleideter holländischer,
etwa 14 Jahre alter Knabe ein. Als ich ihn, nicht wenig erstaunt, über
den Zweck der Reise befragte, erfuhr ich, daß seine Eltern in einer
Hütte an der nächsten Lache wohnten, und daß ihn der Vater unter
Begleitung von nur zwei Schwarzen mit einem Ochsenwagen nach dem
entfernten Makalakalande gesendet habe, um Kaffirkorn gegen Glasperlen
und Kattun einzutauschen.

Am folgenden Morgen langte ich an diesem Gewässer an, das nach dem
Diener eines Jägers mit Namen Henry, der hier eine Giraffe erlegt hatte,
Henrys-Pan genannt wurde. Ich fand hier drei Boerfamilien, drei
holländische Jäger, Schmitt und die Gebrüder Lotriet. Der erstere lebte
bereits in einer geräumigen Grashütte seit einem Monat hier und hatte
Tags vor meiner Ankunft eine Säbelantilope erlegt. Als einer der
erfahrenden Jäger bereicherte er meine Jagdskizzen mit einigen äußerst
interessanten Löwenabenteuern und Scenen aus den Elephantenjagden, von
denen ich die zwei überraschendsten hier mittheile.

Im laufenden Jahre (die halbe Jagdsaison war bereits vorüber) hatte er
neun Elephanten, während seiner gesammten, nahezu zwanzigjährigen
Jagdthätigkeit über 300 erlegt. Er hatte sich vor nicht langer Zeit mit
der Witwe eines Jägers, der im Matabele-Lande gestorben war, durch einen
der Herren Missionäre daselbst trauen lassen. Sein ältester Stiefsohn
ist der Held der beiden folgenden Begebenheiten. Vor zwei Jahren lag
Schmitt an der südlichsten Klamaklenjana-Quelle mit der Absicht, hier
seinen Stiefsohn mit den Elephanten und ihrer Jagd vertraut zu machen.
Als man eines Morgens gefunden, daß zahlreiche Elephanten eine der
Quellen während der Nacht besucht, machte er sich gegen Mittag von
seinem Sohne und dessen kleinem Leibdiener, einem Masarwa, begleitet auf
den Weg, um der Spur der Thiere zu folgen. Kaum eine Stunde weit vom
Wege entfernt, sah Schmitt, der beritten war, einen mächtigen männlichen
Elephanten Siesta halten. Das wohl kranke Thier war hinter seinen
Genossen zurückgeblieben. Schmitt wollte dem folgenden Knaben das Thier
nicht eher zeigen, als bis sie auf 50 Schritte nahegekommen waren,
worauf er sich mit ihnen dem Thiere behutsam und durch Büsche gedeckt
näherte, dann hieß er sie nach der bekannten Weise das Thier »kehren«,
d. h. sie hatten vor das Thier zu laufen, es durch einen Schrei zu
wecken, und nach der Richtung, woher sie gekommen waren, oder nach einer
anderen Seite hin zur Flucht zu bringen. Von der Beschaffenheit des
Windes hängt es nun ab, auf welche Seite des flüchtenden Elephanten sich
der Jäger zu stellen hat. Als jedoch die Nimrod-Aspiranten das
Riesenthier erblickten, nahmen sie Reißaus. Schmitt wandte jedoch sein
Pferd und jagte ihnen nach, löste seine Nilpferdpeitsche vom Sattel
peitschte beide zu dem Elephanten, und befahl ihnen, aus einer
Entfernung von 30 Schritten auf den Elephanten zu feuern. Beide Kugeln
schlugen in die Fleischmasse der Schenkel ein. Der Jäger befiehlt seinem
Gehilfen von Neuem zu laden, sprengt dann vor den Elephanten, der
aufstürzend mit dem Rüssel, aus dem Winde die Stellung seiner Gegner zu
ergründen sucht, um das Thier mit lautem Geschrei zu den Jägern zu
treiben, allein das verwundete Thier machte dem Jäger einen Strich durch
die Rechnung, denn es kehrte sich, sowie es den Reiter erblickte, gegen
diesen und jagte ihm laut brüllend, mit hochgehobenem Rüssel nach. Der
alte Jäger machte aber von seiner Flucht den besten Gebrauch, indem er
nach einem seiner kleinen Genossen zusprengte, um das Thier auf die
neuen Gegner aufmerksam zu machen. Obgleich der Elephant jetzt einen
anderen Anblick darbot als zur Zeit seines Schlummers, wichen doch die
kleinen Jäger, denen vielleicht noch von der vorhergehenden Züchtigung
ein unangenehmes Gefühl zurückgeblieben war, nicht von ihrem Posten und
sandten ihre beiden vierlöthigen Kugeln dem vorüber trabenden Thiere in
das Ohr, so daß sein Tod vor Ablauf von zwei Minuten erfolgte.

Ein Jahr vorher hatte Pit, der Stiefsohn Schmitts, mit seinem kleinen
Diener auf eigene Faust eine Elephantenkuh, einen Löwen, zwölf Giraffen,
sechs Strauße, eine Säbel-Antilope geschossen und zahlreich waren seine
Opfer unter den Zebra's, Eland- und Kudu-Antilopen. Vor drei Jahren, als
noch Pit ein Junge von 11 Jahren war, jagte sein Stiefvater im Matabele-
und Maschona-Lande. Auf dem Heimwege begriffen, war er bis zu dem
Ramakhobanflusse gelangt, wo er einige Tage auszuruhen gedachte. Hier
ritt er mit seinem Sohne Pit aus, um frisches Fleisch für die Seinigen
zu gewinnen. Eine Meile vom Wagen entfernt, wurden die Jäger von einem
tiefen Brummen überrascht, welches aus einem Gebüsche vor ihnen zu
kommen schien. Bevor sie sich noch genau überzeugen konnten, in welchem
Gebüsche das ihnen dem Laute nach wohlbekannte Raubthier liege, stürzte
dieses, eine ausgewachsene Löwin, mit fletschenden Zähnen auf die Jäger
los. »Vater,« ruft Pit, »soll ich zuerst feuern oder willst Du den
ersten Schuß haben?« Der alte Jäger, dem das Benehmen des Raubthieres
ungewöhnlich vorkam, und da es so zornig schien, es irgend verwundet
glaubte, behielt sich den letzten und entscheidenden Schuß vor. Darauf
feuert Pit beide Schüsse seines kleinen Doppelgewehres auf das Raubthier
ab, welches sich eben niedergelegt hatte, um auf seinen Vater den Sprung
zu wagen, beide Kugeln trafen das Thier, in den Schädel über dem linken
Ohre eindringend, daß es sofort zusammensank. Pit war, dem Befehle
seines Vaters Folge leistend, vom Pferde herabgestiegen, und hatte den
Zügel über den linken Arm geworfen, in stehender Stellung gefeuert. Bei
der Untersuchung des Thieres fand sich, daß die Löwin unter einen der
vergifteten Fall-Assagaie gerathen und am Rücken verwundet worden war.

Außer Schmitt befand sich noch ein Mann aus der Colonie an Henry's Pan,
der ebenfalls der Jagd halber hierher gezogen war und der an einem
Epitelialkrebs des Unterkiefers litt. Die beiden Familien der Lotriet,
die eine aus neun, die zweite aus drei Personen bestehend, waren
sämmtlich am Fieber erkrankt. Zwei nothdürftig aus Zweigen und Gras
errichtete Hütten, die weder gegen Regen, noch gegen die sengenden
Sonnenstrahlen hinreichenden Schutz boten, waren der Aufenthalt der
Armen. Hier lagen sie auf der Erde, hungernd und ohne jedwede Hilfe in
einem erbarmungswerthen Zustande. Sie beschuldigten einen Händler, sie
in diese Gegenden und bis zum Zambesi gelockt und sich ihrer dann auf
schnöde Weise entledigt zu haben. Als ich später sechs andere
Elfenbeinhändler darüber befragte, bestätigten mir diese nicht allein,
was die beiden Lotriets freiwillig gebeichtet, sondern berichteten mir
so viel über dieses Individuum, daß ich mich aus verschiedenen Gründen,
namentlich aber, damit sich nicht Aehnliches wiederhole, genöthigt sah,
die traurige Geschichte dieser Lotriets der Oeffentlichkeit zu
übergeben. Ich that dies in den »Diamond News« unter dem Titel »^Dark
Deeds^« und behalte mir weitere ähnliche Veröffentlichungen für später
vor.

Die meisten der kranken Lotriets schwebten in Lebensgefahr, sie trugen
nur zu deutlich an ihrem Körper die Spuren des Fiebers zur Schau und es
fehlte ihnen nicht allein an Kleidungsstücken, sondern auch an den
nöthigen Heilmitteln. Ich verabreichte ihnen diese, und erhielt von dem
einen der Lotriets einen acht Pfund schweren Elephantenzahn dafür,
dessen Werth jenem des verabreichten Chinins annähernd gleichkam. Drei
Tage zuvor hatten die Leute für etwa sechs Unzen Ricinusöl (^Castor
oil^) eine gleiche Entschädigung zahlen müssen.

[Illustration: Ein muthiges Weib.]

Auf einem in die Nähe unternommenen Ausfluge hatte ich die Gelegenheit,
Kudu-Antilopen in der Nähe beobachten zu können, leider hatte ich mich
dabei in dem endlosen Walde verirrt, mit Hilfe der Sonne jedoch spät
Nachmittags den Lagerplatz wiedergefunden. Auf einem anderen Ausfluge
kam ich zu zahlreichen von einer Elephantenheerde gegrabenen Löchern.
Sie waren meist kreisrund und hatten einen Durchmesser von 4 bis 6 Fuß
und waren etwa 1 bis 1½ Fuß tief; hat der Elephant mit dem Tastorgan
seines Rüssels die von ihm namentlich gesuchten Wurzeln und Knollen
gefunden, so läßt er sich auf die Knie nieder, um die beliebte Nahrung
mit den Stoßzähnen herauszugraben. Da jedoch die gesuchtesten solcher
Pflanzen zumeist am Abhange von Felsenhügeln an und zwischen dem Gestein
sich finden, zeigen die sich in diesen Gegenden aufhaltenden Elephanten
an den Spitzen stark abgeschliffene Hauer; daher rührt auch die
Ungleichheit der Elephantenzähne rücksichtlich ihrer Schwere welche
Gewichts-Differenz oft vier Pfund erreicht.

Mein über die Makalaka's gefälltes Urtheil fand ich hier wieder durch
einige Berichte bestätigt. Ich will vorläufig einen derselben im
Folgenden mittheilen. In der Abwesenheit ihres Gemahls hatten es zweimal
Makalakadiener versucht, Frau Schmitt die Gewehre aus dem Wagen zu
stehlen; in dem einen Falle hatte es das Weib des Jägers verhindert, in
dem zweiten kam sie zu spät und hatte nur noch das Nachsehen; da sie
jedoch um jeden Preis die beiden gestohlenen Gewehre wieder bekommen
wollte, ergriff sie den im Wagen verborgen gewesenen Hinterlader ihres
Mannes und eröffnete vom Bocke aus »Feuer« auf die flüchtigen Diebe,
welche dasselbe mit ihren Musketen erwiderten, ohne jedoch die Frau zu
verwunden.

Nur noch eine Reminiscenz aus dem Leben dieser einfachen Holländerin sei
hier erzählt, bevor wir von Henry's Pan scheiden. Vor vier Jahren, als
sie noch an Mynheer van de Berg verheiratet war und mit ihm im
wildreichen, allein ungesunden Maschonalande der Elephantenjagd halber
verweilte, erkrankte er an demselben Fieber, wie jene, die ich an dem
Gewässer getroffen. Drei Monate lag dieser schon darnieder; als sich
keine Aussicht auf Besserung zeigte, lud sie ihn auf den Wagen, ergriff
die Peitsche und trieb das lange Ochsengespann nach dem entfernten
Matabelekraal, in welchem sich der Missionär Thompson aufhielt, um von
diesem Hilfe zu erflehen. Doch schon drei Tage später starb ihr Mann,
die Hilfe war zu spät gekommen. Im selben Jahre verehelichte sie sich
mit Schmitt, der vor sieben Jahren am Ramakhoban-River seine erste
Gemahlin an derselben Krankheit verloren hatte.

Am 23. schoß Schmitt im Walde einen Elandstier und zeigte mir den
Talgsack, in dem sich das Herz befand; dieses Talgstück wog 29 Pfund.
Als ich mich darüber wunderte, antwortete man mir, daß das durchaus
nicht eines der schwersten sei; dieses Elandtalg hält in Bezug auf seine
Qualität die Mitte zwischen Fett und Rindstalg. Ich suchte die beiden
Lotriets von der Jagd abzuhalten, da sie fieberkrank waren, doch erhielt
ich von beiden die leider nur zu begründete Antwort. »Herr, unsere
Familien können doch nicht Hungers sterben.« Auch die beiden Lotriets
vermehrten die Sammlung meiner Erzählungen von Löwenjagden durch einige
interessante Episoden aus ihren vieljährigen Jagden im Bamangwato- und
Matabele-Lande.

Zu meiner Genugthuung nahm ich bei allen den Kranken, mit Ausnahme
jenes, der an Carcinoma litt, am 25. eine Besserung ihres Zustandes
wahr, besonders an jenen, welche in Lebensgefahr schwebten; sie waren
sämmtlich derselben entrückt. Der eine der beiden Lotriets beschrieb mir
eine Stelle, an welcher beinahe täglich vier Strauße, darunter zwei
Hähne, zu finden waren, ihnen selbst einige Stunden aufzulauern, hatten
weder er noch sein Bruder die nöthige Kraft, und da er sich besser
fühlte, wollte er mir seine Erkenntlichkeit in der Weise an den Tag
legen, daß er mir die Jagdbeute verschaffen wollte; aus den bereits
entwickelten Gründen konnte ich jedoch sein Anerbieten nicht annehmen.

In der Nacht vom 24. auf den 25. hatte ein Löwe auf die etwa eine Stunde
weit entfernte Umzäunung, in welcher die Lotriets ihre Zugthiere
hielten, einen Angriff gemacht, als der durch den Löwen in der Umzäunung
wachgewordene Diener mit einem Feuerbrande aus seiner Grashütte
heraussprang und den Löwen in die Flucht schlug.

Am 26. verließ ich Nachmittags Henry's Pan und zog weiter in forcirten
Tagemärschen nordwärts, um eine wasserlose Strecke möglichst bald
überwunden zu haben. In der einförmigen Gegend -- der Weg führte mehrere
Tage durch tiefsandigen Wald -- fiel uns ein Baobab auf, welcher
unmittelbar über der Erde 98 Fuß 10 Zoll im Umfange hatte. Minder arm
und eintönig als die Gegend war die Vogelwelt auf dieser Strecke: unter
den Raubvögeln fielen mir namentlich die ziemlich häufig sichtbaren
Buteo's auf, unter den Nachtraubvögeln fand ich Zwergeulen, unter den
Singvögeln waren zwei Pyrolarten und Fliegenschnapper bemerkenswerth,
die Männchen der letzteren waren durch einen langen Schweif
ausgezeichnet, auch überraschte mich die große Zahl der kleineren
Sänger, ich traf hier mehr derselben an, als an manchen anderen Orten
mit mannigfacher und üppiger Vegetation. Am zahlreichsten von allen
waren jedoch die Würger vertreten, namentlich auffallend war eine große
Species mit prachtvoll rothem Unterleib und Kehle, welche sich die
niederen und dichtesten Gebüsche zum Aufenthalte gewählt.
Gelbgeschnäbelte Tukane waren nicht selten zu erblicken, in großer Menge
wieder die kleineren, langschwänzigen Wittwenarten, sowie die
wiedehopfartigen und Bienenfresser. Meine Sammlungen wurden auch durch
zahlreiche Pflanzen, besonders Samenarten und Früchte, Holzschwämme etc.
vermehrt.

Am 30., nachdem wir den beträchtlichen Aufstieg auf das waldige Plateau
bewältigt, gelangten wir auf eine hochbegraste, nach zwei Seiten von
Wäldern umsäumte Ebene. Dieser Abhang des Plateaus zeichnete sich durch
einige bisher von mir nicht beobachtete Thier- und Pflanzenspecies
tropischen Charakters aus. Manche der Leguminosen (Bäume) fielen mir
durch das eigentümliche Entleeren ihres Samens auf. In Folge der
Sonnenhitze barsten die Samenschoten mit einem lauten Geräusche, wobei
die Samen herumgestreut wurden. Tausende von kleinen Bienchen schwärmten
in der Luft, verkrochen sich in die Haare, Kleider und belästigten
Augen, Ohren und Nase. Seitdem wir den Nata-River verlassen hatten,
waren wir langsam höher und höher gestiegen, nun schien es mir, daß wir
den Culminationspunkt des Plateau's erreicht hatten. Am Nachmittage
fuhren wir zum ersten Male nach längerer Zeit an einigen unbedeutenden,
Melaphyr und Quarzit aufweisenden, niederen Höhen entlang, an welchen
sich namentlich der Baobab bemerkbar machte, die übrigen Bäume und
Sträucher aber, wahrscheinlich ob des steinigen Bodens mehr oder weniger
verkrüppelt erschienen. Am Abend langte ich endlich an dem längst
ersehnten ersten Zuflusse des Zambesi an; es war nur ein Bächlein,
welches nahe an unserem Lagerplatze seinen Ursprung nahm, doch bildete
es stellenweise tiefe Tümpel, denen man, so verlockend sie auch zum Bade
einluden, nicht trauen durfte, da sich in ihnen oft Krokodile aufhalten.
Das Gras an den Lichtungen ringsum und in den Thälern war
niedergebrannt, stellenweise brannten noch die Büsche, die
wahrscheinlich durch Straußenjäger in Brand gesetzt worden waren, um
rasch das frische Gras zum Keimen zu bringen und damit die Strauße an
diese Orte zu fesseln. Von dem Deikha-Flüßchen ab, mehrere Thäler, deren
Regenabflüsse nach den letzteren zuführten, sowie bewaldete Sand- und
Felsenhügel am 31. überschreitend, gelangte ich am Abend in das obere
Thal des Panda ma Tenka-Flüßchens, das eine Strecke lang nach Norden und
später nach Nordwest floß, und nachdem es zahlreiche Regenzuflüsse,
sowie Spruits und stets fließende Berggewässer aufgenommen, unterhalb
der Victoriafälle in den Zambesi mündet. Ich fand am linken Abhange zum
Flusse mehrere Wägen vor, denn die ebenerwähnte Stelle bildet, seitdem
englische Händler mit den Zambesivölkern in Verkehr zu treten begonnen
haben, das Rendezvous derselben und ebenso der Elephantenjäger. Hier
hatte der Zambesihändler Westbeech eine Handelsstation errichtet, welche
aus einem umzäunten, eine Hütte und ein viereckiges Lagerhäuschen
enthaltenden Gehöfte bestand. Einige Zeit im Jahre verweilte der Händler
selbst hier, in seiner Abwesenheit versahen seine Geschäftsführer
Blockley und Bradshaw die Geschäfte. Kam er vom Süden mit neuen Waaren
hieher, nachdem er Elfenbein nach den Diamantenfeldern geführt, so trat
er von hier aus seine Handelszüge nach Schescheke und den Zambesi
abwärts an.

[Illustration: Unterricht im Elephantenjagen.]

Ich traf in der Handelsstation Herrn Blockley an und in den Wägen Herrn
Anderson, dessen ich schon erwähnt und der sich auch diesmal sehr
freundlich zeigte. Als ich mich darüber wunderte, daß man hier so hohe
Umzäunungen um die Wägen errichtet hatte, antwortete man mir: »Ja, aber
die Löwen laufen auch hier wie die Hunde herum.« Der Weg war
thatsächlich mit frischen Löwenspuren bedeckt. Die Löwenabenteuer,
welche sich in der letzten Zeit in der unmittelbarsten Nähe der Station
zugetragen, bilden einige der interessantesten, die ich meinen
Tagebüchern einverleiben konnte. Ich will dem Leser eines derselben hier
anführen und zwar jenes, bei welchen die schon an Henry's Pan erwähnten
Lotriets und zwar der ärmere der beiden Brüder und dessen zahlreiche
Familie argen Schaden erlitten.

Am linken Ufer des Flüßchens, d. h. an dem zum wiesigen Thale
herabführenden Waldabhange, einige hundert Schritte oberhalb der
Handelsstation, standen im Mai 1875 fünf Wägen und ein zweirädriger
Karren. Um die Zeit als sich dieses Abenteuer zutrug, waren die Besitzer
der Wägen mit Ausnahme des A. Lotriet, der sich auf die Elephantenjagd
begeben, anwesend. Obgleich man täglich Löwen in unmittelbarer Nähe oder
auch weiter ab brüllen hörte, hatte sich doch keines der Raubthiere noch
zu einem Angriff auf Menschen und Hausthiere erkühnt und dadurch die
Lagerinsassen in vieler Hinsicht sorglos gemacht, wofür die äußerst
primitive Umzäunung des Lagers sprach.

Auch der 15. Mai verlief ruhig und die ihm folgende Nacht schien den
Bewohnern des Thales umsoweniger gefahrdrohend zu werden, als der Mond
sein silbernes Licht so hell über Berg und Thal ergoß, daß sich die
Objecte deutlich und in großer Ferne abhoben. Trotzdem unterließen es
die Matabele-Diener auch in dieser Nacht nicht, wie sie es in dunklen
Nächten zu thun gewohnt waren, zwei mächtige Feuer zu beiden Seiten
ihrer Hütten anzuzünden. Die Weißen hielten nur ihre Bedürfnisse in den
Wägen, sie selbst, mit Ausnahme Y.'s, schliefen in den Grashütten
nebenan. In der Lotriet'schen Hütte hatten sich die kleineren Kinder
bereits zur Ruhe gelegt, nur die Mutter und die älteste Tochter waren
noch wach, sie saßen an der niedrigen Thüröffnung und blickten durch
dieselbe in die mondscheinhelle Nacht hinaus. Da schien es der Frau, als
ob sie auf einer der freien Stellen vor der Hütte einen dunklen
Gegenstand sich bewegen gesehen hätte. Um besser sehen zu können, kroch
die Beobachterin aus der Hütte und sah schärfer nach dem Gegenstande.
Auch die Tochter lugte aus dem Innern hervor, doch beide konnten den
sich nähernden Gegenstand nicht erkennen, nicht eher, als bis er auf
eine größere, grell beschienene Lichtung herausgetreten war und sich nun
beiden als ein Löwe erkennbar machte. Mit einem Schrei stürzte die
Mutter nach dem Wagen zu und suchte in diesem Zuflucht, während die
Tochter eine Matte gegen die Thüröffnung der Hütte preßte, um sie zu
verschließen. In ihrer Angst vergaß die Frau alle Rettungsmaßregeln,
unterließ es, die Matabele-Diener herbeizurufen, welche mit Feuerbränden
den Löwen verscheuchen und das am Wagen angekoppelte Pferd retten
konnten. Kaum war die Frau in denselben gelangt, so fühlte sie einen
heftigen Ruck am Wagen, dem ein lautes Fauchen und ein zweiter Ruck
folgte, mit dem sich, nach dem Hufschlag zu urtheilen, das Pferd von dem
Wagen losgerissen zu haben schien. Die Frau spähte nun aus, und sah, wie
sich das Pferd mit dem Löwen am Rücken weiter zu schleppen suchte. Nun
schrie die Frau um Hilfe, als jedoch die muthigen Matabele aus ihrer
Hütte hervorstürzten und zu den Bränden griffen, war das Pferd schon
niedergestürzt. Der Löwe hatte es durch wiederholte Bisse in den Nacken
getödtet. Bei dem Geschrei der Frau hatten auch alle ihre Kinder wie Mr.
M. Schutz in den Wägen gesucht. Für Mr. Y. wäre es eine Kleinigkeit
gewesen, von seinem Wagen aus die ihm zur Verfügung stehenden
Hinterlader auf das Raubthier abzufeuern, doch er konnte sich nicht zu
einer solchen Heldenthat ermannen und überließ es den unbewaffneten
Matabele, mit dem Thiere fertig zu werden. Den Muthigen war das Glück
hold und da einige ihrer Wurfgeschosse gut trafen, jagten sie das Thier
in die Flucht.

[Illustration: Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen.]

Man wußte mir nicht zu sagen, warum am folgenden Tage der Cadaver des
Pferdes nicht entfernt worden war, er blieb liegen und am nächsten Abend
wiederholte der Löwe seinen Besuch, um sich an dem Raube gütlich zu
thun. Doch diesmal machte er schon vorhinein durch anhaltendes Gebrülle
die Bewohner der drei Wägen auf seine Ankunft aufmerksam und da war der
vorsichtige Mr. Y. der erste, welcher auf Rettung dachte. Der Ansicht,
daß weder die Wägen, noch die Grashütte ihre Insassen vor den Klauen des
Löwen schützen können, ließ er sich von seinen Matabele-Dienern einen
Assagai reichen und sich in den nahen Mapanibaum emporheben, der sich
über den Hütten seiner Diener erhob. Die übrigen Weißen suchten Schutz
in ihren Wägen, während die Diener den Löwen abermals durch Feuerbrände
zu verscheuchen suchten. Doch gelang es ihnen diesmal nicht, das
Raubthier blieb, es hatte sich an die brennenden Wurfgeschosse gewöhnt,
ja es sprang nach ihnen und die Schwarzen hatten keine Zeit, die
Assagaien aus ihren Hütten zu holen, sondern nahmen eiligst Zuflucht
hinter den Wägen ihrer Herren. Ihnen folgend passirte der Löwe den
Mapanibaum, auf dem Y. thronte und der selig in dem Gedanken, daß der
Löwe von seiner Anwesenheit keine Ahnung hatte, sich auch mäuschenstille
verhielt. Nun feuerte Frau Lotriet ein Gewehr ab, das sie sich im Wagen
zurechtgestellt und blind geladen hatte, um das Thier zu schrecken und
es von jeden weiteren Angriffen auf die Hütten und Wägen abzubringen.
Knurrend und sich nach seinen Feinden umblickend, zog sich der Angreifer
zurück, was die Matabele wieder bewog, sofort aus ihrem Verstecke hervor
nach den Feuern zu stürzen und Feuerbrände zu ergreifen.

Der unter lautem Geschrei unternommene Angriff hatte auch Erfolg, einige
brennende Wurfgeschosse trafen den Löwen so gut, daß er aufsprang und
verschwand, Arnold Lotriet fühlte sich sehr niederschlagen, als er von
dem Verluste hörte, denn ein Pferd, das bereits die endemische Pneumonie
überstanden, ist in allen tsetsefreien Gegenden ein wahrer Talisman.

Unter den südafrikanischen Löwen unterscheide ich drei Species, den
gewöhnlichen vollmähnigen, wie wir ihn in der Berberei treffen, den
mähnenlosen und den von den Holländern Krachtmanetje genannten, der sich
durch ein kurzhaariges lichtes Fell, doch hauptsächlich durch eine kurze
und nie über die Schulter reichende Mähne auszeichnet. Den
Bondpoote-Löwen der Holländer habe ich als selbständige Species
ausgegeben, da es sich ergab, daß vollmähnige Löwen in ihrer Jugend
ebenso braun und schwärzlich gescheckt sind. Ich habe dies an einem
Thiere, das ich mir hielt, beobachtet -- so wie sich in den ersten zwei
Jahren die schwarzen Flecken mehren, so verschwinden sie mit dem
zunehmenden Alter des Thieres.

Die in Nord-Afrika lebenden gemeinen vollmähnigen Löwen sind in
Süd-Afrika die seltensten, man findet sie nur hie und da zerstreut vor.
Die mähnenlosen waren früher häufig am Molapo, jetzt findet man noch
welche im Thale des zentralen Zambesi und des unteren Tschobe. Ich
beobachtete, daß ihr Fell auffallend licht gefärbt ist. Die
gewöhnlichste Art ist die bis zur Schulter bemähnte, in manchen Gegenden
findet man eben nur diese vor, sie ist eine der häufigsten und bewohnt
das Thal des Limpopo von der Mündung des Notuany abwärts, und sind ihre
Vertreter im Alter von zwei bis vier Jahren besonders verwegen und
gefährlich.

Im Allgemeinen ist der südafrikanische Löwe ein äußerst kluges und
berechnendes Thier, er »denkt« viel. Den ihm gegenüber stehenden Feind,
mag nun der Löwe der Angreifer oder der Angegriffene sein, sucht er zu
»beurtheilen« und da wo er denselben überlegen findet, wird ihn selbst
eine wiederholte Verwundung nicht zum Angriffe verleiten. Im Allgemeinen
sucht er zu imponiren, zu schrecken, um sich seiner Beute leichter zu
vergewissern. Einmal geschieht dies durch sein Brüllen, das andere Mal
dadurch, daß er den Kopf hochgehoben langsam einherschreitend die Zähne
fletscht, ein drittes Mal wieder, daß er in großen Sätzen
herangesprungen kommt, oder auch, daß er im scharfen Trab sich nähert
und dabei ruhig brummt. Da er die ganze Zeit hindurch, möge er in dieser
oder in jener Weise seine Schreckmethode in Ausführung bringen, seinen
Gegner stets scharf im Auge behält, entgeht ihm auch die leiseste
Bewegung nicht; die ihm gegenüber beobachtete Bewegungslosigkeit ist das
Beste, was man in einem solchen Augenblicke thun kann. Während eine
Bewegung mit der Hand oder irgend welche andere den Löwen im Allgemeinen
nicht herausfordert, so kann es doch geschehen, daß junge Löwen durch
diese Bewegung gereizt werden und zum Angriff übergehen. Doch gibt es
Umstände, wenn sie auch selten sind, bei welchen alte und erfahrene
Löwen, die einen ihnen gewachsenen Gegner zu würdigen wissen,
ohneweiters zum Angriffe übergehen. Solch' einem Angriffe jedoch kann
der Mensch leichter begegnen, da er in der Regel weniger vorsichtig und
berechnet ist. Wir finden diese Angriffsweise bei Löwinnen, welche ihre
Jungen bewachen, bei Thieren, welche lange gehungert haben und endlich
bei solchen, die auf einer Hetzjagd oder von einer größeren
Menschenmenge verfolgt werden. Sehr wichtig für den Menschen bleibt es
immer, daß er den Löwen zuerst erblickt und beobachten kann; für den
Neuling, daß er sich dabei an seinen Anblick gewöhnt, wenn dies auch nur
einige Minuten währt, bevor der Kampf oder die gegenseitige Vorstellung
beginnt. Selbst für einen erfahrenen Jäger wird es oft unangenehm, wenn
sich Mensch und Thier zugleich erblicken, dann wird es oft schwierig,
dem Löwen und seiner Taktik erfolgreich zu begegnen, d. h. ihm im selben
und weiteren Momente zu »imponiren« suchen, wenn der Jäger nicht schon
zuvor in der Lage war und die Gelegenheit ersah, dem Löwen eine tödtlich
verletzende Kugel zuzusenden. Der schlimmste Fall für den Menschen ist
jedoch jener, bei welchem der arme Käfersucher oder der Bewunderer der
schönblüthigen Liliaceen im Eifer sich in seinem Lieblingsstudium ergeht
und längere Zeit hindurch von dem Raubthiere beobachtet ist, dieses
plötzlich hinter ihm aufbrüllt und im selben Momente vielleicht sich zum
Sprunge anschickt. Während es, wenn auch seltene Fälle gibt, in denen
Eingeborne beim Feuer oder unter anderen Verhältnissen von Löwen
überrascht, mit heiler Haut davon kommen, ist kein Fall bekannt, in dem
ein einzelner Mensch, der vor einem Löwen die Flucht ergriffen, nicht
von diesem niedergeworfen worden wäre.

Löwen, die an das Aufblitzen und den Knall des Schusses gewöhnt sind,
die häufig gejagt wurden und in deren Gebiete nur wenig Wild, oder nur
solches vorhanden ist, dessen sie nicht habhaft werden können, sind
stets muthiger und gefährlicher als jene, welche in wildreichen Gegenden
wohnen und selten einen Menschen zu Gesicht bekommen. So sind in
Süd-Afrika die Löwen am Maretsane- und Setlagole-Flusse berüchtigt und
auch jene im Matabele-Lande verwegene Thiere. Kein Raubthier, mit
Ausnahme des Fuchses, benimmt sich so listig wie der Löwe, wenn er sich
einer schwer erreichbaren Beute bemächtigen will und entwickelt eine um
so größere Schlauheit, in je größerer Zahl er seiner Beute nachspürt.
Die Thiere versuchen sich in Treibjagden, doch theilen sie sich oft in
der Verfolgung, indem ein Theil das Wild, auf das sie ihr Augenmerk
gerichtet haben, beschleicht und nachdem ihm dieses gelungen, sich dem
Wilde zeigt, um dieses nach der entgegengesetzten Seite zu scheuchen, in
welcher der andere Theil im Hinterhalte auf dem Anstande liegt. Diese
Verfolgungsmethode beobachten sie namentlich bei Thieren, welche sich
durch rasche Flucht der ihnen drohenden Gefahr leicht entziehen können,
ferner bei solchen, welche hoch über das Gras blicken und so den
heranschleichenden Räuber, wenn er näher herangekommen, bemerken können,
ferner auch bei solchen, deren Fleisch von ihnen besonders gesucht und
jedem anderen vorgezogen wird. Zu diesem Wilde gehören in erster Reihe
Pferde, Zebra, überhaupt Einhufer und Giraffen.

Kurz nach meiner ersten Ankunft in Panda ma Tenka in einem der kleinen
Seitenthäler, deren ich auf meiner Fahrt nach der Gaschumaebene gedenken
werde, wurden zwei Zebra's in der letztgenannten Weise getödtet. Eine
Zebratruppe graste in dem Thale, mehrere Löwen kamen das Thal
heruntergelaufen. Nachdem sie eine Zeit lang den Pferden ihre
Aufmerksamkeit geschenkt, verließen zwei ihre Genossen und liefen dem
linken bewaldeten, das Thal begleitenden Höhenabhang entlang nach
abwärts. Die übrigen hockten sich an der Stelle nieder, an welcher sie
zuerst die Zebra's erblickt hatten; die beiden ersten, die »Antreiber«,
überholten das im Thale grasende Wild und schlichen sich, als sie etwa
200 Schritte unterhalb desselben gelangt waren, von der Höhe in's Thal
hinab. Doch dadurch kamen sie unter den Wind und die Zebra's wurden auf
sie aufmerksam, bevor sie noch nahe gekommen waren. Die letzteren zogen,
sich häufig thalabwärts umsehend, im Schritt thalaufwärts. Die beiden
ihnen folgenden Löwen hoben zeitweilig ihre Köpfe über das Gras, was,
nachdem sie dies mehrmals wiederholt hatten, die Zebra's zur schleunigen
Flucht veranlaßte. So liefen die nichts ahnenden Thiere, die bewaldeten
Erhebungen zur Rechten und Linken für gefährlich haltend, über die
wiesige Thalsohle förmlich in den Rachen der Löwen. Diese hart an den
Boden geschmiegt, holten zum todtbringenden Sprunge aus, als eben die
Zebra's an ihnen vorbei galoppirten. Zwei wurden das Opfer der Räuber,
d. h. zwei der Löwen saßen im Sattel, und während der Rest der Zebra's
nach rechts und links auseinander stob und sich erst weiter oben im
Thale vereinigte, um die Flucht fortzusetzen, widerhallte das Thal von
dem Gebrülle der siegreichen Löwen. Als noch die Ebenen zwischen dem
Hart-River und Molapo an Straußen reich waren, verloren die daselbst mit
zahlreichen Pferden jagenden Jäger so manches derselben, ohne daß sie
die Räuber je züchtigen konnten. Trotzdem daß die Pferde in der Nähe der
Wägen gehalten wurden, wußten die Löwen in der Regel ihren Angriff zu
einer solchen Zeit zu unternehmen, um welche an denselben tiefe Stille
und Ruhe herrschte. Während mehrere Löwen sich im Umkreise von zwei bis
drei englische Meilen in's Gras niederduckten, machte sich einer daran,
seinen Genossen die Pferde zuzujagen; nur selten geschah es, daß er bei
dieser Gelegenheit von den Hunden am Wagen ausgewittert, es mit dem
Leben büßte, in der Regel kam er unbehelligt mit seiner Beute davon. Das
Thier schlich sich flach auf der Erde wie ein Reptil dahinkriechend, bis
in die unmittelbare Nähe des Wagens, zwischen eines der Pferde und den
Wagen, oder zwischen zwei Pferde, um auf diese Weise das eine Pferd
durch sein Erscheinen aufzuscheuchen. Das erschreckte Pferd zog sich in
den meisten Fällen nach der dem Löwen entgegengesetzten Seite zurück und
dies war eben die Richtung, in welcher die Raubgenossen auf dem Anstande
lagen. Diese Art des Angriffes ist die gewöhnlichere, wo das Terrain
eine mit zwei bis drei Fuß hohem Gras bedeckte Ebene ist. Ich schließe
vorläufig diese Charakterskizze des Löwen und werde später noch
Gelegenheit finden, die Angriffsweise des Löwen auf die einzelnen
Wildarten zu schildern.

Am Abend des Tages nach meiner Ankunft im Panda ma Tenka-Thale war ich
mit Anderson zu Blockley zum Nachtimbiß geladen, da gab es Suppe aus
Büffelfleisch und marinirte Stockfische, von Morton & Co. aus London
präparirt. Von Blockley erfuhr ich, daß Westbeech schon vor neun Monaten
die durch Rev. Mackenzie an ihn gesandte Nachricht von meiner Ankunft an
Sepopo überbracht hatte und daß dieser mir die Erlaubniß willig ertheilt
hatte, ihn besuchen zu dürfen, zu welcher der König die Worte
hinzufügte, er höre gern, daß ich auf dieser meiner Reise seinen
Elephanten nichts Uebles anthun wolle und selbst auch im gegentheiligen
Falle ich ebenso willkommen als Monary sei. Unter dem Namen Monary aber
ist im Marutse-Reiche Livingstone gekannt. Blockley hatte nicht allein
in des Königs Residenz viele Monate zugebracht, sondern auch gleich
Westbeech auf des Königs Einladung diesen in seinem Mutterlande, der
Barotse, aufgesucht und ihm bei dieser Gelegenheit unter den größten
Schwierigkeiten einen Wagen bis nach der Barotse gebracht.

Ich zog später in Gesellschaft Blockley's nach Schescheke und habe
außerdem längere Zeit in seiner Nähe zugebracht, sein Betragen mir
gegenüber war jederzeit ein so freundliches, daß ich mich seiner nur mit
dem Gefühle der tiefsten Dankbarkeit erinnere. In Panda ma Tenka traf
ich auch eine Anzahl von Bakwena's, geführt von einem königlichen
Prinzen, welche Sepopo besuchen wollten; sie überbrachten ihm eine alte
Mähre als Geschenk Seschele's. Die Abgesandten Seschele's erkannten mich
sofort, ich aber nicht sie.

Da Herr Blockley schon am 2. zu Sepopo abreisen wollte, entschloß ich
mich, ihn zu begleiten. Meinen Wagen wollte ich unter der Obhut Th.'s in
Panda ma Tenka zurücklassen und Meriko sollte bis zu meiner Rückkunft
die Ochsen hüten. Pit entschloß ich mich als einzigen Diener mit hinüber
zu nehmen. Da die Zugthiere hier einen guten Preis hatten verkaufte ich
drei der meinen, um mir Elfenbein an Stelle des zu Ende gegangenen
Baargeldes zu verschaffen und war entschlossen, den Rest nur dann zu
verkaufen, wenn mir von Sepopo selbst die Erlaubniß, die
Nord-Zambesi-Gebiete durchforschen zu können, gegeben werden sollte. Ich
verkaufte auch einen meiner Hinterlader an Herrn Blockley und erzielte
einen guten Erlös, den ich zum Ankaufe von Thee, Kaffee, Zucker etc.
verwendete.[7] Westbeech hatte bereits vor vier Jahren den Handel mit
Sepopo eröffnet, seiner Fürsprache bei dem Könige hatten alle übrigen
Händler es zu verdanken, wenn ihnen das Marutsereich offen stand, ihm
selbst kam es vor Allem zu statten, daß er drei Eingebornen-Sprachen,
und zwar das Sesuto, Setebele und Setschuana fließend sprach.

Am 2. August wollte ich Panda und Tenka verlassen, um mich mit Blockley
nach dem Tschobe und zu Sepopo zu begeben, als zwei Manansa, deren ich
noch bei der Beschreibung der Victoriafälle gedenken will, ankamen und
meldeten, daß eine Truppe ihres Stammes mit Elfenbein herankäme.
Blockley verschob auf diese Nachricht hin seine Abreise. Er hatte die
Manansa mit Gewehren versehen, und nun theilten sie die Jagdbeute mit
ihm, indem jeder der Eingebornen einen Zahn von jedem getödteten
Dickhäuter in Anspruch nahm. Diese Theilung der Beute währte so lange,
bis sich der Manansa so viel erworben, daß er sich ein Gewehr und
Schießpulver kaufen konnte, worauf ihm dann der ganze Erlös zufiel, für
welche er dann Kleidungsstücke, Messingdraht, Decken u. s. w. erstand.
In dieser Weise hatten auch Halbcastmänner aus der Colonie, welche mit
den Händlern als Wagentreiber in die Zambesi-Gegenden gekommen waren, so
viel erworben, daß sie Wagen und Ochsen erstanden.

Trotz der Ausbreitung des Elfenbeinhandels und des Umstandes, daß
hierbei Tausende und Tausende von Elfenbeinzähnen jahrelang durch die
Hände der weißen Händler gingen, brachte derselbe diesen keinen
materiellen Gewinn. Vor 20 Jahren, als noch südlich vom Zambesi
Elephanten und Strauße sehr zahlreich waren, gab es nur wenige Jäger,
denen es vortrefflich gut ging, deren Gewinn lockte von Jahr zu Jahr
immer neue herbei, bis sich ihre Zahl um das vierzigfache gesteigert
hatte und deren Erwerb eben so rasch als die Zahl der werthvollen Thiere
abnehmen mußte. Was bei dem Walfischfang in den europäischen Nordmeeren
zu Tage trat, d. i. dessen allmälige Erschöpfung, war auch bei dem
Handel mit Elfenbein zu befürchten. Der Anbau von Weizen, Zucker,
Baumwolle und Reis muß an die Stelle der Jagd treten, und nur der Handel
mit den Erträgnissen des Ackerbaues wird von Jahr zu Jahr blühender sich
gestalten können. Das Verbot der Betschuana-Könige, in ihren Gebieten
Elephanten zu jagen, die Maßregeln, die der König der Matabele, La
Bengula, in dieser Beziehung dictirte, hauptsächlich aber das Verbot der
Waffenausfuhr nach Norden aus den südafrikanischen Colonien werden
allmälig diese Wandlung anbahnen.

[Fußnote 7: Ein Pfund Thee kam hier auf 12, ein Pfund Kaffee auf 4, 1
Pfund Zucker auf 4 Shillinge zu stehen.]

Am 3. September machten wir uns endlich auf den Weg. Blockley hatte
einen Wagen mitgenommen, welcher die für Sepopo bestimmten Handelsgüter
führte, derselbe sollte neun Meilen südlich von der Mündung des Tschobe
in den Zambesi zurückgelassen werden, und die Waaren dann mittelst
Träger bis an den Tschobe und den Zambesi fortgeschafft, um weiterhin
mittelst Kähnen den Zambesi aufwärts nach der neuen Residenz des
Marutse-Mambundakönigs befördert zu werden.

Wir passirten auf den ersten Meilen unserer Fahrt ein interessantes
hügeliges Terrain, welches von zahlreichen nach Nordost und Ost in das
Panda ma Tenka-Flüßchen fließenden Bächen und Spruits durchzogen war;
die deren Thäler trennenden Hügel waren steinig und in der Regel
stellenweise auch dicht mit Bäumen bestanden. Eine markante Stelle auf
dieser Strecke bildete ein mächtiger über eines dieser Flüßchen sich
erhebender Baobab, dessen Umgebung durch den Aufenthalt eines dunkel
bemähnten, mächtigen Löwen, welcher den Jägern und Händlern schon viel
Schaden angerichtet hatte, berüchtigt war.

Abends machten wir Halt, da eine bewaldete Bodenerhebung von West nach
Ost vor uns hinzog, welche der Tsetsefliege zum Aufenthalte diente und
der Zugthiere halber nur bei Nacht passirt werden konnte. Wir trafen an
unserer Lagerstelle einen Halbeastjäger, der etwa 20 Meilen weiter
Strauße gejagt hatte, und nach Panda ma Tenka zurückzukehren im Begriffe
war, um von Blockley einige Waaren zu kaufen. Blockley und »Africa«, so
hieß der Mann, verließen mich nun; ersterer hatte jedoch seinen Dienern
den Auftrag gegeben, mit dem Wagen noch 30 Meilen weit die Reise
fortzusetzen und dann auf ihn zu warten, er wollte so rasch als möglich
nachkommen, um mit mir weiter zu reisen. Africa war mit einigen Leuten
Sepopo's am südlichen Tschobe-Ufer zusammengekommen, und diese hatten
ihm die Nachricht überbracht, daß König Sepopo in Folge der schlechten
Aufführung des Bakwena-Prinzen an seinem Hofe sehr erbittert sei.

Schon während der Fahrt hatte uns das Gebrülle eines Löwen begleitet,
während der Rast kam es derart nahe, daß wir uns schußbereit halten und
mächtige Feuer anzünden mußten. Die Nacht wurde so dunkel, daß wir kaum
auf zehn Schritte vor uns sehen konnten. Wir passirten nach zwei Uhr den
Tsetsewald und erreichten am folgenden Morgen eine rings vom Walde
umsäumte Grasebene, Gaschuma genannt. Sie zeigte zahlreiche, ziemlich
tiefe, von Wassergeflügel bewohnte Lachen, ich passirte sie später noch
dreimal und jedesmal fand ich zahlreiches Wild an derselben. Diesmal
waren es Zebra's, Zulu-Hartebeeste und Harrisböcke. Zum ersten Male
beobachtete ich auch hier die Orbecki-Gazellen.

Am Morgen fuhren wir weiter und über eine zweite Ebene, beide aus dem
schönsten Humusboden bestehend, den man sich nur denken konnte und der
es förmlich unmöglich macht, die Stelle in der Regenzeit zu passiren.
Wir hielten wieder an einem Gehölze und an einer Regenlache, Saddler's
Pan genannt.

Nächsten Tages änderten wir unsere nördliche Richtung in eine
nordwestliche und gelangten zu einer ausgetrockneten Lache, deren Ufer
mehrere Fächerpalmen schmückten. Aehnliche Bäume, die sich durch ihre
besondere Höhe auszeichneten und auf der Gaschuma-Ebene standen, waren,
wie mir später Westbeech mittheilte, aus reinem Muthwillen von einem
Händler oder Jäger gefällt worden.

Abends gelangten wir zu einer anderen, Schneemans-Pan genannten
Regenlache. Hier hatten wir Blockley zu erwarten und ich benützte die
Zeit, um von den am Wagen sich aufhaltenden Manansa's über ihre Sitten
und Gebräuche, sowie ihre Sprache Näheres zu erfahren. Ich erhielt diese
gewünschten Aufschlüsse von einem Manansa, der als Kind mit einem
Händler nach dem Süden gegangen war und sich hier an einen Farmer
verdingt hatte, wobei ihm Gelegenheit geboten war, sich die holländische
Sprache anzueignen. Ich verzeichnete 305 Worte und Phrasen der Manansa-
oder Manandscha-Sprache (von den Jägern haben sie den Spitznamen
Maschapatan erhalten).

An Schneemanns Weiher war ich nicht wenig überrascht, von dem Händler
Y., dessen ich an Henrys-Pan gedacht, besucht zu werden. Ich konnte
nicht umhin, ihm wegen seines Benehmens den Lotriets gegenüber Vorwürfe
zu machen. Er war diesmal lebensgefährlich am Fieber erkrankt und ich
rieth ihm, so rasch wie möglich nach Panda ma Tenka zurückzukehren und
gab ihm einen Brief an Th. mit den nöthigen Recepten mit. Er hielt
jedoch meine Warnung für übertrieben und überflüssig, verzögerte seine
Abfahrt und starb bevor er noch Panda ma Tenka erreicht hatte. Während
Blockley von der Rechtlichkeit der Marutse so viel zu erzählen wußte,
berichtete Y. das Gegentheil davon. Ich forschte später nach dem Grunde
dieser Differenz der Urtheile und fand, daß die Marutse und Masupia von
Schescheke zuvor nicht diebisch gewesen, und es erst wurden, als der
unglückliche Y. bei ihnen eingekehrt war. Er hatte alle seine Diener am
südlichen Tschobe-Ufer Elephanten jagen lassen und behalf sich in
Schescheke, wohin ihn der König Sepopo mit seinen Kähnen hatte bringen
lassen, ohne Diener. So dachte er hier selbst, dort durch seine Diener,
Elfenbein zu erbeuten. Doch er wurde fieberkrank und konnte sich von
seinem Lager nicht rühren, ja kaum sprechen. Die Hütte, die er bewohnte,
war abgetheilt, in der kleineren Abtheilung befand sich sein Lager, in
der größeren, die er von seinem Lager übersehen konnte, waren seine
Waaren unvorsichtiger Weise zur Schau ausgestellt. Dies reizte die
Bewohner von Schescheke, sie besahen sich nicht wie das Jahr zuvor --
seitdem ein englischer Händler vom Süden gekommen war -- die Waaren von
Außen, sondern drangen in die Hütte ein, betasteten die Gegenstände und
als sie daran Niemand hinderte, nahmen sie so manches, später Vieles
mit. Bei meinem späteren Besuche hatte ich viel über den diebischen
Charakter mancher Bewohner Schescheke's zu klagen.

Am 7., an welchem Tage ich Blockley erwartete, erkrankte ich an
Kolik-Symptomen und dies nach dem Genusse von rothschaligen, rundlichen
Bohnen; ich fand, daß der Farbstoff der Schale das schädliche Pigment
sei, weshalb das erste Absudwasser, das sich violett färbt, abgegossen
und frisches nachgegossen werden müsse, und beobachtete auch später, daß
die Eingebornen eine ähnliche Procedur mit denselben vornehmen. Am
Nachmittage stellten sich einige Manausa ein, die mir Talg zum Tausche
anboten. Nachdem ein wohlgenährtes Eland erlegt ist, wird der Talg in
einer thönernen Schale geschmolzen und in einem aus der Platoïdes
desselben Thieres verfertigten Säckchen aufbewahrt. Unsere Diener
brachten grünlich-braunen Honig, der von einer winzigen Biene herrührt
und säuerlich schmeckt und dessen reichlicher Genuß die Sinne betäubt --
er wirkt auch als ein Laxativ ohne Kolikschmerzen hervorzurufen. Die
Erzeuger dieses Honigs besitzen keinen Stachel und nach der Beschreibung
von Seite der Diener und der Masarwa's hielt ich sie mit jenen Bienen,
die uns in dem nördlichen Theile des sandigen Waldplateaus überfielen,
für identisch.

Am 8. ziemlich Früh langte Blockley, von zwei Dienern begleitet, von
Panda ma Tenka an, worauf wir uns auf den Weg machten, um in der Nacht
das zweite und bis zum Zambesi reichende Tsetsegebiet bis zu der
Leschumo-Haltstelle zurückzulegen. Wir erreichten das obere Leschumothal
-- eine enge, beiderseits von einer mäßigen, doch tiefsandigen
bewaldeten Bodenerhebung umsäumte Wiesenfläche, nach Mitternacht. Der
Wagen wurde hier zurückgelassen, die Zugthiere aber sofort wieder nach
Schneemanns Pan zurückgetrieben, damit sie bei Tagesanbruch aus dem
Bereiche des Tsetse-Gebietes waren.

Am 9. August sandte Herr Blockley eben einen Boten an Makumba, den
Masupia-Häuptling (eines den Marutse unterthänigen, an der Mündung des
Tschobe in den Zambesi wohnenden Stammes), um von diesem -- der in
Impalera, einem Dorfe am jenseitigen Tschobe-Ufer, wohnte -- Träger zu
erbitten, mit deren Hilfe die Güter bis an den Tschobe befördert werden
sollten.

Wir zogen eine kurze Strecke das Leschumothal nach abwärts, es wurde
sumpfig und felsig, aus dem dichten und hohen Ufergrase sprangen hie und
da Rietbock-Gazellen auf, welche nach kurzem Laufe weiter abwärts ein
ähnliches Versteck aufsuchten. Eine Stunde später verließen wir das Thal
und wandten uns auf einem Pfade nach Nordwesten, um eine sandige,
dichtbewaldete Bodenerhebung zu betreten. Am Abhange dieses »Sandbultes«
fanden wir sehr zahlreiche Büffel und noch zahlreichere
Elephantenspuren. Die Riesenthiere mußten in der verflossenen Nacht hier
durchpassirt sein. Die Spuren, die in dem Sande kaum einen Zoll tiefe
Eindrücke hinterlassen hatten, führten in einer Breite von 20 Schritten;
die Heerde hatte offenbar Eile, denn die von ihnen durchzogene Strecke
war mit zerknickten Stämmen, Aesten und Büschen besäet. Am häufigsten
waren armdicke Stämmchen entwurzelt und schenkelstarke Bäume im unteren
Drittel so gebrochen, daß der übrige Stamm noch an der Rinde oder an der
Bruchstelle am Rumpfe hing. Doch gab es auch welche, die stärker und in
der Mitte ihrer eigentlichen Stammeshöhe (4 bis 6 Fuß über dem Boden)
vorkommen gebrochen waren, der Bruch war dann ein solcher, daß der
zurückgebliebene stehende Baumstumpf (namentlich der gebrechlicheren
Holzarten) nach unten oft bis zur Wurzel herab geborsten war. Sehr
häufig waren die quer in die Bahn hineinragenden Aeste anderer Bäume
herabgerissen worden und daß dies mit Riesenkraft geschah, konnte man
daraus entnehmen, daß oft ein großes Rindenstück von dem Stamme mit
herabhing oder mit dem Aste herabgerissen worden war.[8]

[Illustration: Elephantenheerde auf der Flucht.]

Wir kamen in eine seichte in das Leschumothal führende Niederung, welche
mit schönen Mimosenbäumen bewachsen war, deren Krone dem ermüdeten
Wanderer den köstlichsten Schatten spendeten, nur hie und da vermochte
der Sonnenstrahl die dichte Laubkrone zu durchdringen. Aus der
Einsenkung ging es wieder hinauf in einen sandigen Wald, dessen Boden
sich nach Nordwest etwas verflachte, um plötzlich gegen das Thal des
Tschobe und Zambesi abzufallen. Unvergeßlich bleibt mir das Panorama,
das sich meinen Blicken an jenem Tage bot, als ich plötzlich aus dem
Walde heraustrat und in das Thal der beiden Ströme herabblickte.

[Fußnote 8: Der beschränkte Raum gestattet es mir nicht, hier näher auf
die Gewohnheiten und die Lebensweise der afrikanischen Elephanten
einzugehen.]

So war ich doch an den Strom gelangt, von dem ich als Knabe so viel
gelesen und geträumt hatte. Vor mir öffnete sich ein weites, nach rechts
etwa drei Meilen breites, nach links in seiner größten Ausdehnung durch
eine unabsehbare Ebene begrenztes Thal. An meiner Seite war es von dem
bewaldeten felsigen Abhang des sandigen Hochplateaus beherrscht. Die
Mitte dieses Thales nehmen zwei Inseln ein, das Land, welches den
Zambesi und Tschobe nach ihrer theilweisen Vereinigung zwischen dieser
und ihrer eigentlichen noch von einander scheidet. Die östliche, die
»Prager« Insel ist einige hundert Schritte lang und etwas weniger breit,
die zweite 2 Stunden lang und 1 bis 1½ Stunden breit. Die erste ist
flach, die zweite zeigt bewaldete Felsenkuppen, von denen sich nur eine
in der östlichen Hälfte, zahlreiche und meist zusammenhängende in der
westlichen befinden. Am Fuße der östlichen liegt Impalera, Makumba's
Stadt, zur Zeit meines Besuches die »Wacht« des Marutse-Reiches nach
Süden. Vor dieser Masupia-Niederlassung schimmert tief unter dem
Beschauer und etwa eine Stunde von ihm entfernt, das von Schilfmassen
besäumte an 300 Schritte breite Bett des Tschobestromes. Die Höhen auf
der großen Impalera-Insel sind ein Verbindungsglied des Abfalls, der
nach Westen zu bis an den Tschobe herantritt, ihn mit Felsenbänken
durchzieht und so Stromschnellen bildet, dann sich zu den Impalera-Höhen
erhebt, um nochmals nach Nordnordost den Zambesi mit Felsenrissen zu
durchziehen, hier ähnliche doch bedeutendere Schnellen und Inseln zu
bilden und sich mit dem, bei den Victoriafällen an das linke
Zambesi-Ufer herantretenden felsigen Plateau-Abfall zu verbinden.

Das Thal war nach Westen nur durch den bläulichen, von dem röthlichen
Glanz der untergehenden Sonne in seinen tieferen Partien in Feuerpracht
schimmernden Horizont umsäumt. Die unbegrenzte Ferne hinter den
unabsehbaren Schilfrohrdickichten war das Land, dem meine eigentliche
Forschungsreise galt, dort wollte ich erringen, was ich seit meiner
Kindheit erstrebt.



                                 VI.
                    Im Tschobe- und Zambesithale.


Das Thal des Tschobe und seine Vegetation. -- Signalisirung meiner
Ankunft. -- Die ersten Boten aus dem Marutse-Reiche. --
Landschaftscenerie an den Stromschnellen des Tschobe. -- Begegnung mit
Masupias. -- Mein Mulekau. -- Geschichte der Matabele-Einfälle in das
Reich Sekeletu's. -- Ein Masupia-Grab. -- Thierleben am Tschobe. --
Makumba. -- Begegnung mit englischen Officieren in Impalera. -- Die
Hütten der Masupia. -- Der Schlangenhalsvogel. -- Meine erste Bootfahrt
auf dem Zambesi. -- Die Schilfrohrwälder an den Ufern des Zambesi und
das Thierleben in denselben. -- Letschwe und Puku Antilopen. --
Krokodile und Flußpferde. -- Jagd auf Flußpferde. -- Ankunft in
Alt-Schescheke. -- Blockley's Kraal.

[Illustration: Bootfahrt im Zambesi.]

Das Thal des Tschobe-Rivers ist gegen seine Mündung eine halbe bis drei
englische Meilen breit, ähnlich auch das Thal des Zambesi, so weit es
noch oberhalb der Victoriafälle die Tschobe-Victoriahöhen begleiten. Mit
Ausnahme jener Stellen, an welchen die Felsenhöhen unmittelbar mit ihren
Ausläufern herantreten, sind die Ufer beider Flüsse sandig, ähnlich wie
die des Zugaflusses und der meisten Zuflüsse des schon erwähnten
Hochlandbeckens des centralen Süd-Afrika; die felsigen Ufer, die, wie
schon erwähnt, ober der Vereinigung beider Flüsse (am rechten
Tschobe-Ufer einige Meilen weiter aufwärts als am linken Zambesi Ufer)
beginnen, sind meist der Abfall eines tiefsandigen Plateaus. Auf dieser
Strecke, sowie am Flusse abwärts fanden wir eine üppige tropische
Vegetation, stromaufwärts nimmt sie, so weit als ich gelangen konnte,
etwas ab. Beim Eintritte in das Thal fallen dem Besucher sofort neue
Baum- und Buscharten auf. Die meisten tragen Früchte, welche, mit
Ausnahme der bis zu zwei Fuß langen, armdicken, wurstförmigen des
Moschunkulu, eines Giftbaumes, theils zu verschiedenen häuslichen
Zwecken verwendet, theils genossen werden. Welche Wandlung die
Vegetation im Zambesithale und auf dem angrenzenden Plateau im Vergleich
zu den südlicher gelegenen Strecken im Innern Süd-Afrika's erfährt,
können wir schon aus der Thatsache ersehen, daß sich die Bewohner am
centralen Zambesi (wohl um so mehr am unteren und oberen Zambesi) das
ganze Jahr hindurch nur von Früchten ernähren können. Jeden Monat im
Jahre finden wir irgend welche Frucht oder eßbare Samen zur Reife
gediehen. Auch die Thierwelt ist reichhaltiger, darunter namentlich
Vögel, Schlangen, Fische, Insecten, und unter diesen wieder besonders
Schmetterlinge. Auch der Mensch ist in jenen Gebieten aus eigener Kraft
höher entwickelt als die Bewohner der Gegenden südlich vom Zambesi.

An einer Uferstelle, welche durch eine kleine Bucht und durch einen
prachtvollen Moschunkulubaum ausgezeichnet war und sich einige hundert
Schritte oberhalb der am jenseitigen (linken) Ufer gelegenen
Masupia-Niederlassung Impalera befand, ließ ich, da es der gewöhnliche
Landungsplatz der den Strom übersetzenden Eingebornen war, einen Skerm
und eine Grashütte errichten. Unterdessen schritt ich zum Flusse hinab
und fand den Tschobe stellenweise 2 bis 300 Schritte breit und so tief,
daß sein Gewässer tiefblau erschien. Die dicht beschilften Ufer gaben
den zahlreichen Krokodilen Gelegenheit, ohne gesehen zu werden, stets
auf der Lauer zu liegen und nicht weit ab auf der klaren Fluth wiegten
und schaukelten zahlreiche Nyhmphaeaceen einer kleinblüthigen und nur
wenige Blumenkronenblätter besitzenden Species.

Auf den Rath der mir von Blockley mitgegebenen Diener, welche schon
mehrmals mit ihrem Herrn hier gewesen waren, feuerte ich einige Schüsse
ab, um die Bewohner von Impalera von unserer Ankunft in Kenntniß zu
setzen. Bald darauf kamen zwei Männer in einem etwa 8 Schuh langen, 14
Zoll breiten und 10 Zoll tiefgehenden, aus einem Baumstamme mit der
Pallahaxt ausgehöhlten Kahne an unser Ufer. Es waren zwei dunkelbraune
Gestalten, groß und stark gebaut, welche das primitive Bekleidungsstück
der Banthufamilie Süd-Afrika's in der geschmackvollsten Weise, die ich
bis jetzt beobachtet habe, angelegt hatten. Sie trugen einen ledernen
Leibgurt, um den bei dem einen drei ausgearbeitete Felle kleinerer
Thiere, bei dem anderen ein etwa drei Meter langes Calicostück so
geschlungen war, daß dieses eine vordere und hintere Schürze und einen
die Lenden bedeckenden mittleren Theil bildete. Unstreitig sahen sie in
diesem primitiven Anzuge schmucker aus als die Zulu, Makalaka,
Betschuana, Colonial-Kaffern etc.

Ich gab ihnen ein Messer, um mich bei ihrem Häuptlinge Makumba
anzumelden, zu gleicher Zeit erwähnten auch meine Diener, daß
Dschorosiana (Georg), Maniniani (der kleine Georg, im Gegensatze zu
Westbeech, der ob seiner Größe Dschorosiana Umutunja genannt wurde), im
Leschumothale auf Träger harre, um des Königs Handelsgüter nach Impalera
zu bringen; die Männer sollten jedoch auf ihrem Wege nach dem
Leschumothale Korn bringen, welches Dschorosiana Maniniani mit Sipaga
(kleinen Glasperlen), Talama (große Glasperlen) und Sisipa (2½ Meter
Kattun) austauschen wolle. Während der Zeit unserer Besprechung hockten
die beiden Männer auf der Erde und standen, nachdem der Manansa-Diener
seine Rede beendet mit einem ^Autile intate^ (wir haben verstanden,
Freund) auf, um sich mit den Worten ^Camaja koschi^ (wir sind im
Begriffe zu gehen, Herr) von mir zu verabschieden. Früh am 11. unternahm
ich einen Ausflug flußaufwärts und fand in dem Thale zahllose Spuren von
Büffeln, Roen und Kudu's, Wasserbock-Antilopen, Pallah-, Deuker- und
Orbecki-Gazellen, Schakalen, Leoparden und Löwen. Auch sah ich
zahlreiche Hyänenspuren und von den Felsenhügeln tönte unaufhörlich
Paviangebelle in's Thal herab, während mich in dem Palmengebüsch
zahlreiche Affen zu einigen Schüssen verleiteten. Vom Wildgeflügel
beobachtete ich zwei Francolinus-Arten, das Perlhuhn, von Sumpf- und
Wassergeflügel den Scopus (Hammerkopf), drei Arten der Spornkibitze,
^Hoplopterus^, Sattelstörche, (^Mycteria Senegalensis^, Shaw), mehrere
Arten von Enten und eine Plectropterus-Art, Sporngänse, sowie eine
Plotus- (Schlangenhalsvogel) und eine Kormoran-Art (^Phalacrocorax^),

Am anziehendsten fand ich den Tschobe an und über den Stromschnellen,
welche sich etwa sechs Meilen oberhalb seiner Mündung und drei Meilen
oberhalb unseres Landungsplatzes befanden. Oberhalb dieser
Stromschnellen verbreiten sich in einer marschigen Gegend in einem
wahren Riesenschilfwalde die Verbindungsarme mit dem Zambesi; es sind
breite natürliche Canäle mit ruhig fließendem Wasser, welche ich mit dem
Auge weit verfolgen konnte. An den Stromschnellen liegen sehr viele
kleinere und größere Felseninseln, die theils kahl, theils mit Sand
bedeckt und von welchen letzteren wieder einige mit Schilf, andere mit
dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen sind. Da, wo zwischen zwei
Felseninseln ein kleiner Wasserstrahl einen winzigen Verbindungsarm
bildet, fand ich äußerst geschickte, aus Rohr gearbeitete, den in
Mittel-Europa gebräuchlichen ähnlich geformte Fischreusen. Auf den
Inseln war auch eine reiche Vogelwelt vertreten, namentlich Sumpfvögel,
welche die höheren Felsenriffe sowie das sandige Ufer occupirt hatten
und in den feuchteren Partien sich herumtummelten. Besonders reich
schien mir der Fluß an Krokodilen zu sein während ich an den Schnellen,
die ich Blockleyschnellen taufte, Wasserleguane bemerkte.

Als ich Abends zu unserem Lager zurückkehrte, traf ich 17 Masupia's
daselbst an, es waren prächtige Gestalten, welche ihre Haarwolle an der
Craniumhöhe in kleine Zöpfchen geflochten trugen und ihre Haare auch
sonst mit verschiedenem Schmucke, wie Haarbüschel verschiedener kleiner
Raubthiere und Gazellen, Korallen und kurzen Glasperlenschnürchen
zierten. Als besonderen Schmuck trugen sie Armringe, die bei einigen aus
Thierhaut, bei anderen, offenbar wohlhabenderen, aus Elfenbein
verfertigt waren. Ich erhandelte von diesen für Glasperlen und Kattun
Alles, was sie mit sich gebracht hatten, Assagaie, Messer, Kafirkorn und
Bohnen. Jener, dem ich gestern das Messer geschenkt, brachte mir heute
einen aus Thon von den Frauen mit der Hand gearbeiteten und mit
Butschuala (Kafirkorn-Bier) gefüllten Topf. Dadurch und ohne es zu
ahnen, wurde ich sein Mulekau (d. h. ich konnte Alles, was sein Haus
bot, beanspruchen). Dieses Mulekauthum ist einer der unglückseligsten
Gebräuche des Marutsereiches, indem dadurch die bei den Völkern dieses
Reiches in einem höheren Grade als bei den anderen Südafrikanischen
Stämmen beobachtete eheliche Zuneigung früh untergraben wird. Da man auf
Alles, in dem Hause des Mulekau Anspruch machen kann, sind auch die
Frauen des Hauses davon nicht ausgenommen, und mein Mulekau wunderte
sich nicht wenig, als ich einige Tage später, nach Impalera kommend, von
seinem Anbote, mit Ausnahme von Fischen, Bier, Korn und einigen
ethnographischen Gegenständen, keinen Gebrauch machen wollte.

[Illustration: Impalera.]

Die Anwesenden theilten mir durch den Manansa-Diener August mit, daß der
Häuptling Makumba auf dem jenseitigen Zambesi-Ufer auf der
Elephantenjagd weile und mich nicht eher sehen und grüßen dürfe, als die
Antwort des Königs Sepopo auf mein Ansuchen in Impalera eingelangt sei.
Aus diesem Grunde nahmen sie auch kein Geschenk für ihren Häuptling
Makumba an. Die in Impalera sowie am Tschobe aufwärts und am Zambesi
abwärts wohnenden Masupia haben den Strom zu überwachen und weder einem
Weißen noch Farbigen ohne Wissen und Willen des Königs das
Ueberschreiten des Flusses zu gestatten. Ihr Verhältniß zum Könige des
Marutsereiches hatte mir später Makumba mit einigen Worten klar
dargelegt. Ich bemerkte auch an ihnen, daß sie das »Mein und Dein« nicht
sonderlich respectirten, ihre Gelüste aber bezähmten, wenn man sie bei
ihren Besuchen im Lager scharf fixirte.

Am 12. erhielt ich zahlreiche Besuche von den Masupia's von Impalera,
sie frugen wiederholt meine Diener, von denen die Manansa der von den
Masupia's gesprochenen Makololosprache vollkommen mächtig waren, ob mein
freundlicher Begleiter Dschorosiani Maniniani, Matabele-Diener im
Leschumothale habe; sie hatten den Auftrag, keinen Weißen, selbst wenn
er vom Könige die Erlaubniß zum Besuche des Reiches erhalten hätte, den
Eintritt in das Reich zu gestatten. Wenn ich Matabele-Diener gehabt und
trotzdem darauf bestanden hätte, das Marutse-Reich zu besuchen, hätte
ich wie Stanley, d. h. mit Gewalt vorgehen müssen.

Die Matabele sind bei den Völkern des Marutsereiches so wie nördlich von
Zambesi, doch auch von den östlich anwohnenden Maschonas so gehaßt, wie
die mohammedanischen, schwarzen Sclavenjäger, die von der Ostküste ihre
Raubzüge gegen die großen Seen Central-Afrika's unternehmen, von den
Bewohnern der Negerländer Central-Afrika's. Als Begleiter hätten sie es
mir ermöglicht, den afrikanischen Continent vom Süden nach Norden zu
durchqueren, allein die mir nachfolgenden Weißen hätten es dafür büßen
müssen. Zweimal hatten es die Matabele unter der Regierung des am
centralen Zambesi herrschenden Königs Sekeletu versucht, ihre Raubzüge
auch auf die nördlich vom Zambesi liegenden Gebiete auszudehnen, doch
beide Versuche mißlangen. Einmal gelangten sie über die Stromschnellen,
auf eine oberhalb der Victoriafälle liegende Insel, welche von den
Batoka's, einen an Sekeletu Tribut zahlenden Stamm, mit der Manzafrucht
bebaut war. Da einige Tage später Hochwasser herabkam, war ihnen die
Rückkehr abgeschnitten, sie gruben sich aus Nahrungsmangel die
Manzawurzel aus dem Boden, und erlagen alle, da dieselbe nur im
getrockneten Zustande genossen werden kann, im frischen jedoch giftige
Eigenschaften besitzt, dem Genusse derselben. Bei einem zweiten Versuche
wurde eine Truppe Matabele von einem Masupia auf eine Insel
stromaufwärts übersetzt. Darauf entschuldigte sich der Mann, daß er von
der Arbeit sehr ermüdet sei und zur Fortsetzung der Ueberfahrt den
Beistand einiger Landsleute in Anspruch nehmen müsse. Ganz gegen ihre
Gewohnheit schenkten die Matabele den Worten des Mannes vollen Glauben
und ließen ihn ziehen. Der Masupia kehrte aber nicht wieder und hatte so
die Feinde seines Landes in die Falle gelockt und sich weiter um sie
nicht gekümmert. Auf der Insel gefangen, hatten die Zulus kein
angenehmes Los. Da sie im Speeren der Fische nicht geübt waren, und den
Fluß ob seiner vielen Krokodile nicht zu durchschwimmen wagten, auf der
Insel aber mit Ausnahme einiger weniger Früchte, der Fächerpalme, nichts
Genießbares vorfanden, war ihre Lage sehr schlimm und der Hunger so
groß, daß sie ihre aus Ochsenhaut verfertigten Sandalen und Schilde im
Wasser aufweichten, sie mit ihren Speeren zerschnitten und genossen. In
Folge der Nahrungsnoth starben viele, der Rest wurde vom Könige
Sekeletu, der inzwischen mit zahlreichen bemannten Kähnen von Linyanti
herbeigeeilt war, ohne Schwierigkeiten überwältigt, gefangen genommen,
und in der Barotse, dem Mutterlande der Marutse, welche damals seine
Unterthanen waren, angesiedelt.

Während meines zweimaligen Besuches am Marutsehofe hatte ich Gelegenheit
einige dieser nach Schescheke Tribut abführenden Matabele kennen zu
lernen. Sie trugen zwar noch die bekannten, aus Federn gearbeiteten
Kopfverzierungen, doch der kriegerische Geist der Zulus war aus ihnen
gewichen, sie waren, wie mir König Sepopo mittheilte, ganz vorzügliche
Ackerbauer geworden.

[Illustration: Grab eines Masupia-Häuptlings.]

Einer von den schon erwähnten, mich am 12. besuchenden Masupia war ein
grauwolliges Männchen, welches sich darauf viel einbildete, den
verstorbenen König Sekeletu, unter dem das Makololo-Reich vernichtet
wurde, bedient zu haben. Ich erstand an diesem Tage für dreiundeinhalb
Meter gewöhnlichen Kattuns einen Ziegenbock, den man von Impalera
herübergebracht hatte. Derselbe war in Folge des Stiches der
Tsetsefliege auffallend klein. Als der Bock geschlachtet wurde, setzte
sich mein Mulekau in der Erwartung eines Geschenkes neben demselben
nieder, das heißt: er machte als neuer Freund seine Rechte geltend,
deren eines es war, jederzeit wenn er mich zur Essenszeit besuchte, von
mir Bewirthung fordern zu können. An diesem und am folgenden Tage zogen
die Masupia, im Ganzen vierzig Mann, haufenweise zu Blockley nach dem
Leschumo-Thale; sie brachten auf Verlangen Korn zum Verkauf, welches sie
in etwa drei bis vier Liter fassenden, aus Kürbisschalen verfertigten
Gefäßen, mittelst Tragstangen transportirten. Diese Gefäße waren mit
Bast umflochten und mit solchem auch an den Tragstangen befestigt.

Diese Kürbisgefäße werden von allen südafrikanischen Stämmen zu den
verschiedenartigsten Zwecken benützt. Die häufigste Verwendung finden
sie aber im Marutse-Reiche und werden von dem Mambunda-Stamme mit
eingebrannten Zeichnungen (Menschen und Thiere darstellend) verziert.
Man gebraucht sie im Allgemeinen als Wassergefäße, wobei sie auch mit
einem aus Riemen gearbeiteten Netze umspannt sind. Die Vasallenstämme
der Betschuana, die Makalahari, Barwa, Masarwa und Madenassana, die
keinen Ackerbau betreiben, bedienen sich zu solchen Zwecken der
Straußeneier. Mittelgroße Kürbisschalen gebrauchen die meisten
Banthu-Stämme als Gefäße zur Aufbewahrung fetter Substanzen. Der
kleinsten bedienen sich namentlich die südlich von Zambesi wohnenden als
Schnupftabaksdosen, und die plattgedrückten, sowie gleichmäßig weiten,
cylindrischen werden zu Musikinstrumenten verwendet.

In der Nacht auf den 13. ließen sich zum erstenmale die Nilpferde mit
ihrem dumpfen Brüllen hören. An diesem Tage kam ein Basuto, mit Namen
April, der Blockley begleitet, um von Sepopo die Erlaubniß zu erhalten,
Elephanten in dessen Gebiet jagen zu können, mit 18 Masupia, welche nach
dem Leschumo-Thale Korn getragen hatten und nun mit Blockley's Gütern
beladen waren; sie trugen 50--60 Pfund per Mann. Blockley selbst hoffte
noch am selben Abend im Tschobe-Thale eintreffen zu können.

Am 14. zeitlich Morgens unternahm ich einen Ausflug flußabwärts und
stieß auf demselben auf verlassene Eingebornengehöfte der Masupia,
welche sich nach der Zerstörung des südlich an die Victoria-Fälle
angrenzenden Manansa-Reiches durch die Matabele -- auf das jenseitige
Tschobe- und Zambesi-Ufer geflüchtet hatten. Ich fand im Thale einige
Gräber von Masupia-Häuptlingen. Es waren kahle, elliptische Stellen, auf
denen Antilopenschädel und Elephantenhauer aufgepflanzt waren; die
letzteren so angebracht, daß ihre Spitzen nach außen und unten
hervorragten. Jene, die schon vor geraumer Zeit auf das Grab gepflanzt
waren, trugen deutliche Spuren des Verwitterungs-Processes an sich, sie
waren gebleicht, porös und zersplittert; mehr nach der Mitte des Grabes
zu, doch nahe an diesen standen ein Paar besser erhaltene, wenn auch
kleiner, 20--30 Pfd. schwere -- doch auch viele von diesen waren schon
durch die Einflüsse der Atmosphäre beschädigt, während die zuletzt
gesetzten Milchzähne, daher werthlose Gaben waren. Sie wurden in aller
letzter Zeit eingepflanzt, als die Marutse den Werth des Elfenbeins
kennen gelernt, und der Herrscher, trotz dieses Actes der Pietät seiner
Unterthanen, seine Revenuen nicht geschmälert sehen wollte.

Auf dem Heimwege fand ich längs des Flusses Sikomoren, von denen sich
namentlich eine dadurch auszeichnete, daß der Stamm, sowie die Aeste mit
Feigen -- leider unreifen -- ungemein dicht behangen waren. Am
Nachmittage kam Blockley aus dem Leschumo-Thale und bezahlte jedem
Masupia als Traglohn ¼ Pfund Glasperlen. Dabei wollten die Masupia's die
ihnen angebotenen blaßrothen Glasperlen nicht annehmen; sie begehrten
kaiserblaue, indem sie betonten, daß sie für dieses Geld Assagaie kaufen
wollten, und der Stamm, von dem sie diese Waffen zu kaufen gewohnt
waren, gegenwärtig nur an den letzteren Glasperlen Gefallen finde.

Einen recht interessanten Anblick bot die Ueberfahrt der mit Blockley
zurückkehrenden Kornverkäufer. Spät am Nachmittage stiegen sie in ihre
Kähne, die etwa 20 an der Zahl in der nahen kleinen Bucht lagen und
ruderten dem jenseitigen Ufer zu. Je nach der Größe des Canoes hatte
dieses ein bis vier der dunklen Gestalten als Bemannung. Die meisten der
engen, von 7 bis 16 Fuß langen Kähne waren mit den leeren Korngefäßen,
einige mit Brennholz gefüllt, auch waren hie und da Fleischstücke von
einer erlegten Büffelkuh zu sehen. Die letzten der Truppe waren fünf
unserer Besucher, darunter auch mein Mulekau, er hatte einen der
kleinsten, die anderen, einen der größeren Kähne zur Verfügung. Da er
seine Kunst im Rudern glänzen lassen wollte, bemühte er sich, vor seinen
vier Gefährten das jenseitige Ufer zu erreichen. Da auch die übrigen
nicht zurückbleiben wollten, entspann sich vor meinen Augen eine
originelle Regatta. Es gelang zwar meinem Mulekau, einen ziemlichen
Vorsprung zu gewinnen, doch in der Mitte des Stromes verfing sich ein
Windstoß in den Falten seines Kubu (Mantel) und trieb ihn mit seinem
Kahn zurück, während seine Gefährten ihn nun leicht überholten.
Eitelkeit hatte ihm diesmal die Siegespalme entrissen, indem er sich von
Pit aus den von mir für zwei Schlachtbeile eingetauschten Calico (6
Meter) eine Kubu (Decke) zuschneiden ließ, die ihm verhängnißvoll
geworden war.

[Illustration: Am Tschobe-Ufer.]

Am 15. schiffte sich Blockley ein, ich selbst mußte noch hier auf die
Antwort des Königs warten und benützte die Zeit bis dahin zu weiteren
Ausflügen. Ich fand weitere zwei warme, salzhaltige Quellen und
vermehrte meine Fischsammlung mit einigen von den Masupias in der Bucht
und in den Flußdickichten gespeerten Fischen. Auch hier hatte ich wie am
Limpopo wiederholt die Gelegenheit, Krokodile nach den, auf über dem
Wasser hängenden Büschen und Röhrichten sitzenden Eis- und Sumpfvögeln
schnappen und sich dabei bis zwei Fuß hoch mit dem Oberkörper aus dem
Wasser emporheben zu sehen.

[Illustration: Wildebene bei Blockley's Kraal.]

Die Nacht vom 15. auf den 16. brachte ich am Flusse zu, indem ich das
nächtliche Thierleben unmittelbar am Wasser beobachten wollte. Ich
wählte mir eine etwas kahle Sandstelle aus, an der ich durch einige
Binsen gegen den Fluß gedeckt, mit Hilfe des Mondlichtes ziemlich
deutlich Alles um mich, namentlich die Gegenstände in dem Wasser der
Lagune beobachten konnte. Gegen 11 Uhr kam eine Pallah-Heerde an das
obere Ende der Lagune, der führende Renner mit einem tiefen Brüllton die
Sicherheit des Ortes seinen Schützlingen meldend. -- Das meiste
Interesse flößte mir ein Pärchen der großen Fischotter ein, welches von
dem Schilfrohrdickicht am jenseitigen Ufer der kleinen Bucht ausgehend,
den seichten Rand derselben abjagte und im Fischfang weit mehr Geschick
zeigte, als die zahlreich aus dem Wasser emporschnellenden Krokodile.

Die Thiere blieben etwa zwei Fuß vom Wasser entfernt, am Rande des
Gewässers einige Momente stehen, dann sprangen sie vorwärts und liefen
rasch durch einige der nächsten Binsen, indem sie mit den Schnauzen die
Stellen um die Binsenwurzeln absuchten; kehrten hiernach wieder zurück
und auf's Ufer, um da die Beute zu verzehren, welche mir nur aus kleinen
Fischen zu bestehen schien.

Am nächsten Tage machte ich einen größeren Ausflug flußaufwärts, doch
war ich nicht im Stande, obgleich es eine interessante Hetzjagd war,
weder einer der Roen-Antilopen oder Pallahgazellen, noch eines der
zahlreichen Paviane habhaft zu werden; hingegen war es mir vergönnt,
namentlich schöne große Eisvögel (^Ceryle Maxima^), ferner Bienenfänger
und Kukuke zu beobachten. Nachmittags begrüßten mich am jenseitigen Ufer
mehrere rasch aufeinander folgende Gewehrschüsse, es war das Rumela (der
Gruß), welchen der Häuptling Makumba abfeuerte, um mir anzuzeigen, daß
die zum Könige abgesandten Boten mit einer für mich befriedigenden
Antwort von Schescheke angelangt waren. Der Sitte gemäß hatte ich darauf
in ähnlicher Weise zu erwidern und benützte diesen Anlaß, um nach den
Früchten des Maschungulubaumes zu schießen. Da es mir gelang, einige
derselben zu spalten, andere zu durchbohren, hatte ich in den Augen der
anwesenden Masupia's sehr an Ansehen gewonnen. Bald darauf stießen zwei
kleine Kähne vom jenseitigen Ufer ab, um mich hinüber zu bringen. Der
untere Tschobe wie der Central-Zambesi sind tiefe Ströme (ich schätze
ihre Tiefe auf 30 bis 40 Fuß), welche selbst größeren Dampfern freie
Schifffahrt ermöglichen. Leider sind die schiffbaren Strecken nach je 50
bis 100 englischen Meilen durch Felsenbänke unterbrochen, welche
Stromschnellen verursachen.

Am jenseitigen Ufer gelandet, wurde ich mit abermaligen Schüssen von
Makumba begrüßt und hatte sie zu erwidern. Was mir beim Betreten des
Masupiadorfes sofort auffiel, waren die aus Schilfrohr erbauten Hütten
und Gehöfte. Die meisten waren nach dem System der Doppelbauten, wie ich
sie bei Mosilili's Ruinenstadt antraf, errichtet. Dieselben hatten einen
Durchmesser von 9 Fuß, die äußeren einen solchen von 25 Fuß bei einer
Höhe von 12 Fuß. Weder zuvor noch später beobachtete ich so hohe
Schilfrohr-Umzäunungen wie in Impalera und bei einem Zweigstamme der
Marutse. Das Schilfrohr war hier in seiner ganzen Höhe belassen,
einestheils, um das Spiel der Winde abzuhalten, anderntheils, um dem
andringenden Schwalle des Hochwassers in den Sommermonaten besser zu
widerstehen und die Hütten zu schützen. Einige Hütten zeigten
Backofenformen, bestanden aus einer Veranda und zwei Kammern und waren
aus Schilfrohr und Gras aufgeführt.

In der Mitte der Niederlassung auf einem Rasenplatze stand eine
Berathungshütte, d. h. eines jener kegelförmigen, auf einigen dünnen
Pfählen ruhenden Strohdächer, und in diesen fiel mir besonders ein
länglicher, hohler Gegenstand, eine Morupa (Trommel) auf, welche sich,
wie ich später erfuhr, in den meisten Dörfern des Marutse- und
Masupia-Reiches vorfindet. Das Trommelfell ist durchbohrt und ein
Stäbchen durch die Oeffnung gesteckt, durch welches oben ein
Querstäbchen läuft. Man entlockt dieser Trommel einen dem Knarren neuer
Stiefel nicht unähnlichen Ton, und wird derselbe dadurch erzeugt, daß
man das Stäbchen im Innern der 1½ Fuß langen röhrenförmigen Trommel mit
der, mit einem befeuchteten Baobab-Baststücke umwickelten Hand schnell
reibt. Die Trommel findet nur dann Verwendung, wenn die Insassen des
Dorfes den siegreich von einer Löwen- oder Leopardenjagd Heimkehrenden
entgegengehen, um sie mit Gesang und Tanz zu empfangen.

Ich wurde von Makumba, einem dunkelfarbigen Masupia von etwa 40 Jahren,
freundlich empfangen und traf noch am selben Tage zwei englische
Officiere, Captain McLoud und Fairly, sowie Herrn Cowley, welche von
Natal der Jagd halber an den Zambesi gereist waren. Sie hatten auch
deshalb Sepopo ersucht, sein Reich betreten zu dürfen. Der König sagte
es zu, und die Herren waren, nachdem sie ihm ihre Geschenke überbracht,
eben im Begriffe, nach Panda ma Tenka zu ihren Wägen zurückzukehren, um
sich für die großen Jagden im Marutse-Reiche zu rüsten. Leider wurden
sie bitter enttäuscht und trotz aller ihrer Opferwilligkeit von Sepopo
nicht gut behandelt.

Captain McLoud erzählte mir, daß er einen Elephanten erlegt habe, dessen
Hauer je hundert Pfund schwer waren. König Sepopo hatte sie in Empfang
genommen und ihm nach seiner Rückkehr nach Schescheke zwei andere, die
er selbst erbeutet, als Ersatz versprochen. Makumba hatte uns in einer
seiner Wohnungen mit Butschuala (Kafirkornbier) bewirthet. Es wurde in
großen Holztöpfen servirt und mit aus Kürbisschalen verfertigten
Schöpflöffeln getrunken. Während des Gespräches machte Makumba, der
seinem König treu ergeben war und später sogar sein Leben für ihn
aufopferte, mich auf des Königs Eigentümlichkeiten aufmerksam, damit ich
mein Betragen darnach einrichten konnte. Bevor ich Impalera verließ,
machte ich wiederholt Gänge durch das Dorf und fand, daß man die
Niederlassung in drei Gehöftgruppen eintheilen konnte. Die dem Flusse
anliegende Gruppe zählte 135, jene gegen den einige hundert Schritte
nach Norden zu liegenden Hügel, auf dem die Bewohner von Impalera sich
bei Hochwasser zu flüchten pflegen, 25 und die westliche 32 Wohnungen.
Die Frauen des Dorfes trugen keine Schürzen, wie wir sie in so
mannigfacher Form bei den Betschuana's finden, sondern bis an die Knie
reichende aus gegerbtem Leder verfertigte Röckchen. Im Allgemeinen fand
ich das Aussehen der Leute bedeutend besser, als das der Betschuana.

Makumba verließ noch am selben Tage Impalera, um sich nach seiner
Residenz, welche am linken Zambesi-Ufer liegt, zu begeben. In Impalera
wohnte nur eine seiner Frauen mit ihren Dienerinnen, um für den
Häuptling das Feld zu bestellen, und ihn zu empfangen und zu bewirthen,
so oft er Impalera mit seinem Besuche beehrte. Er kam diesmal, um mich
in des Königs Namen zu bewirthen. Als ich ihm für seine Freundlichkeit
dankend, ein Geschenk anbot, wies er dieses mit den Worten zurück.
»Würde ich es thun, so hätte ich es mit meinem Leben zu büßen, wir
dürfen von keinem Fremden, ob Schwarzer oder Weißer ein Geschenk
annehmen, bevor nicht der König eines empfangen.«

Spät am Nachmittage des 17. brachen wir auf, um zu der Landungsstelle am
Zambesi zu gelangen, welche in der Nähe eines großem Baobab gelegen,
Makumba-Hafen genannt wird. Die Bootsleute errichtetem für mich und
Blockley einen Skerm; hier verbrachte ich am Ufer des Riesenstromes,
nach dem ich mich jahrelang gesehnt hatte, die erste Nacht zu. Die
Makumba-Landungsstelle liegt unmittelbar an den schon erwähnten
Stromschnellen des Zambesi, kaum vier englische Meilen oberhalb seiner
Vereinigung mit dem Tschobe. Vor uns im Strome lagen die zahlreiche
theils bewaldeten, theils beschilften Inseln. An einigen über die
Stromschnellen hängenden kahlen Aesten saßen Schlangenhalsvögel, und an
den hervorragenden braunen Felsenrissen hatten Kormorane Stellung
genommen. Sie tauchten in die Fluth, ließen sich von dem Wasser nach
abwärts tragen und fischten, mieden jedoch die von Krokodilen bewohnten
Tiefen. Auffliegend, ließen sie sich wiederum an den Felsenblöcken
nieder und breiteten ihre Flügel aus, um sie zu trocknen. Wir schossen
mehren der Vögel, doch konnten wir uns nur zweier bemächtigen, die
übrigen, wie ein von mir erlegter Schrei-Seeadler (^Haliaëtus vocifer^),
wurden von dem Wasser fortgetragen und fielen den Krokodilen zur Beute.
Während der Nacht ließen sich die Nilpferde in Intervallen von zehn zu
zehn Minuten hören, doch blieben wir in Folge des mächtigen, gegen den
Fluß zu angezündeten Feuers von einem Besuche der unwillkommenen Gäste
verschont.

Am 18. unternahm ich nach Sonnenaufgang meine erste Bootfahrt auf dem
Zambesi. In einem gebrechlichen, kaum 18 bis 20 Zoll breiten, aus einem
Baumstamme ausgehöhlten Kahne, dessen Bord nur 2½ Zoll über das Wasser
ragte, schaukelt sich der Reisende auf der klaren Fluth, die unter ihm
schwärzlich-blau erscheint und von der großen Tiefe des Stromes spricht,
während sie sich vor und hinter ihm als ein dunkelblaues Band hinzieht
und die in allen Nüancen des Grün prangenden Inseln umschlingt. Zu
unserer Rechten, etwa sechs Fuß über dem Strome, erhebt sich eine dichte
Wand des riesigen Schilfrohrs, welche sich stellenweise meilenweit in's
Land hineinzieht. Hie und da gewahren wir förmliche Grotten in der
ganzen Breite dieser Schilfrohrmassen, zu welchen Gänge -- die Pfade der
Nilpferde -- führen, welche dieser riesige Dickhäuter benützt, um vom
Flusse aus auf die Weide gelangen zu können. Zahlreiche schöne Winden
mit rothen Blüthen schlängeln sich an den Schilfrohrstängeln empor und
beleben in anmuthiger Weise die dunkle Wand des rauschenden
Schilfwaldes. Zu unserer Rechten breitet sich eine morastige Schilfinsel
aus, ringsum von den wunderlichen Formen der Papyrusstaude, wie mit
einem spitzen Kragen umsäumt, die äußersten der Stauden, deren Stängel
theilweise vom Wasser bespült werden, bewegen deutlich ihre Fiederköpfe,
sie zittern und jene an der stärkeren Strömung schaukeln hin und her. An
kleinen freien Stellen zwischen den phantastischen Gebilden der
Papyrusstauden sieht das Auge hie und da plötzlich weiße, rothe, graue,
oder schwarze Farbentöne durchschimmern und bevor wir uns noch dessen
versehen, ist ein Silber-, Purpur- oder grauer Reiher aufgeflogen,
während wir zahlreiche kleinere Arten des Reihers, der Dommel und
anderer Sumpfvögel, an den etwas gebeugten Stängeln der Staude nach
Fischchen auslugend, beobachten können.

Biegt man in einen der von den Bootsleuten seltener aufgesuchten Arme
ein, so sieht man sich bald von Wildgänsen und Enten umschwärmt, während
die Sandbänke von Klaffschnäblern, Strandläufern und drei Möwenarten
wimmeln. Durch ihren langgezogenen Schrei ziehen die pärchenweise auf
Bäumen oder an erhöhten Uferstellen sitzenden Schrei-Seeadler die
Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich; immer wieder tauchen neue und
anziehende Erscheinungen aus der Thierwelt an dem Ufer des mächtigen
Stromes auf. Zu der interessanten Uferscenerie, dem durch eine bunte
vielstimmige Vogelwelt belebten Schilfrohrwald zu unserer Rechten und
den Papyrusdickichten zu unserer Linken gesellt sich noch der Reiz, den
die Fahrt in dem Canoe auf den Reisenden ausübt. Wir können uns kein
malerischeres Bild denken, als die Bemannung der die Fluthen schnell
durchschneidenden und doch schwer beladenen Kähne, die dunklen Gestalten
der Marutse mit ihren langen Rudern und ihren aus gegerbten Fellen
bestehenden, mit weißem und rothem Calico umwundenen, im Winde
flatternden Schurzfellen. Der am Bootschnabel stehende Mann lenkt
denselben. In einem Tempo werden die Ruder in's Wasser getaucht und
diese Bewegung zuweilen mit Gesang begleitet. Unmittelbar hinter dem
vordersten Ruder sitzt der Reisende und hinter ihm haben in der Regel
noch drei bis vier, doch zuweilen bis eilf weitere Bootsleute Posto
gefaßt und führen stehend ihre Ruder. Die längsten der Kähne messen 22
Fuß.

Ich schätze die Breite des Flusses, je nachdem und in welcher Anzahl
Inseln denselben verbreitern, auf 300 bis 1000 Meter. An vielen Stellen
ist das Ufer unterwaschen und senkt sich unmittelbar zur Tiefe des
Stromes. An den beschilften Stellen beträgt die Tiefe, acht Fuß vom Ufer
entfernt, sechs Fuß, während dieselbe Tiefe an den mit Binsen
bewachsenen Stellen erst in einer Entfernung von 20 Fuß beobachtet wird.

Nach einer dreistündigen Bootfahrt lichtete sich das rechte beschilfte
und bewaldete Ufer zu einer in weiter Ferne von einem Gehölze begrenzten
und von zahllosem Wilde belebten Grasebene, welche die Masupia und
Marutse, Blockley zu Ehren Blockley's-Kraal benannt haben. Hier verließ
ich das Boot und ging dem Ufer entlang weiter. Nahe an dem Schilfwalde,
häufiger noch am Rande des Laubwaldes, trieben sich Büffelheerden herum.
Zum erstenmale beobachtete ich hier Letschwe- und Puku-Antilopen, welche
in Heerden zu Hunderten auf den Grasebenen weideten. Die ersteren Thiere
größer, die letzteren kleiner als die Bläßbock-Antilopen, waren durch
ein gelblich-braunes (wie bei allen Wasserantilopen) dichtzottiges Fell
und ein Paar nach vorwärts gekrümmter Hörner ausgezeichnet. Außerdem sah
ich Trupps von Rietbockgazellen im hohen Grase hinter den
Schilfrohrpartien. Nach dem Gehölze zu bemerkte ich zahllose Heerden von
Zebra's und kleinere 10 bis 20 Stück zählende Trupps des gestreiften
Gnu.

[Illustration: Nilpferdjagd.]

Wir fuhren stets nahe am Ufer und dies namentlich, um den tagsüber sich
in der Strommitte aufhaltenden und nur zeitweilig an der Oberfläche
auftauchenden Nilpferden auszuweichen. Hatten wir an manchen Stellen der
Strömung halber den Fluß zu kreuzen, so wurde dies von den Bootsleuten
so schnell wie möglich ausgeführt. Als wir das linke Ufer mit dem an der
betreffenden Stelle von einer Papyrus-Insel gebildeten rechten,
vertauschten und stromaufwärts dahin glitten, fiel es mir auf, daß die
Leute plötzlich innehielten und der mir zunächst stehende Ruderer mir
das Wort Kubu zuflüsterte. Ueber die Bedeutung dieses Wortes blieb ich
nicht lange im Zweifel, denn mein freundlicher Nachbar wies auf eine
etwa 200 Schritte entfernte Stelle im Strome vor uns, an welcher ein
dunkler kurzer Klotz auftauchte und dem ein niedriger doppelter
Wasserstrahl entstieg, bald darauf erschien auch ein zweiter. Es waren
die Köpfe von Nilpferden. So wie die dunkle Masse unter dem Wasser
verschwand, wurde äußerst leise und langsam vorwärts gerudert, und als
wir mit der Stelle, wo die Thiere zuerst erschienen, in eine Linie
gekommen waren, wurde wieder stille gehalten. Blockley und ich hielten
unsere Gewehre schußbereit; zuerst erschienen diesmal die Köpfe zweier
junger Thiere, dann der große Kopf des männlichen Thieres, dem jener
eines weiblichen unmittelbar folgte. Von acht auf die beiden letzteren
abgefeuerten Schüssen trafen zwei den Alten hinter das Ohr. Die
Bootsleute behaupteten, daß das Thier tödtlich getroffen sei, und es
mußte auch der Fall gewesen sein, denn obgleich wir noch eine Stunde
lang gegen den Willen der Eingebornen, welche, wenn nicht mit den
kleinsten ihrer Kähne und mit eigens dazu verfertigten Speeren
ausgerüstet, aus der Nähe dieser Thiere so schnell wie möglich zu kommen
trachten, auf derselben Stelle blieben, tauchten immer wieder nur drei
Köpfe, nicht aber jener des Alten auf.

Unter den größeren Säugethieren Südafrika's halte ich das Hippopotamus
dem unbewaffneten Menschen gegenüber für das gefährlichste. In der
freien Natur kennt und leidet das Thier nur jene Objecte in seiner Nähe,
die es stets um sich sieht. Jeden ihm fremd erscheinenden Gegenstand
behandelt es als einen seine Ruhe störenden Feind; trifft es bei seinem
Ausgange oder Heimwege zum Flusse (in den Schilfrohrgrotten) ein solches
Object, mag es nun ein Ochs, ein Pferd, ein Stachelschwein oder eine
Kiste, ein angestrichener Holzblock, eine quer über gehängte Wolldecke
oder gar ein menschliches Wesen sein, so stürzt es sofort darauf los, um
sich den Weg frei zu machen. Geschieht es nun, daß der betreffende
Gegenstand rasch entfernt wird oder daß sich das lebende Wesen in die
Büsche zurückzieht, so geht das Nilpferd seines Weges ruhig weiter, es
hat den Gegenstand, der seinen Stumpfsinn für einen Moment aufgeregt
hat, vergessen.[9] Vor ihm findet der unbewaffnete Mensch, der doch so
oft aus einer Begegnung mit dem Löwen und in der Mehrzahl der Fälle, aus
einer solchen mit dem Leoparden, und Büffel (wenn er diese Thiere nicht
gereizt) unbehelligt hervorgeht, keinen Pardon.

Wird von mehreren auf derselben Stelle im Flusse auftauchend Nilpferden
eines verwundet, so kommen die Uebrigen seltener zur Oberfläche des
Wassers, und war die Wunde eine tödtliche, so erscheint das leblose
Thier eine Stunde nach seinem Tode an der Oberfläche und treibt mit den
Wellen abwärts. In einem solchen Falle verstehen es die Völker des
Marutse-Reiches sich auf leichte Weise des Kadavers zu bemächtigen. Ein
an eine Grasschnur befestigter Stein wird über dem Cadaver geworfen, und
indem man das freie Ende der Schnur in der Hand festhält, vermag man mit
einem leisen Zuge der Hand den Coloß gegen das Ufer zu ziehen. Die
Bewohner des Marutsereiches, vor Allem aber die längs dem Zambesi-Ufer
wohnenden, Marutse, Masupia, Batoka und namentlich jedoch die letzteren,
welche ob ihrer Geschicklichkeit im Jagen dieses Dickhäuters von den
Marutsekönigen aus ihren am oberen Zambesi befindlichen Wohnsitzen
geholt und längs dem Flusse in kleinen Dörfern angesiedelt wurden, um
den königlichen Hof sowohl, wie die in den am Flusse grenzenden den
Provinzen wohnenden Häuptlinge mit frischen und getrockneten Fischen und
Nilpferdfleisch zu versorgen, sind passionirte Jäger des Thieres.

[Fußnote 9: Dies Alles beruht wohl auf der Gehirnquantität der
Körpergröße des Thieres gegenüber.]

Diese Stämme haben die kleinsten ihrer Kähne, die kaum eine Person
tragen und äußerst schwierig zu regieren sind, jedoch blitzschnelle
Bewegungen zulassen, Mokoro tschi Kubu (Nilpferdkanoe) genannt. Zur Jagd
bedienen sie sich besonders großer, mit einem einfachen Widerhaken
versehener, langgestielter Assagaie, welche jedoch, da der Stiel aus
weichem Holze gearbeitet ist, nicht schwerer als die gewöhnlichen
kleineren Wurfspeere sind. Als ich später nach Schescheke kam,
berichtete man mir einen höchst traurigen Fall, der sich im vorigen
Jahre (1874) auf einer Sandbank in der Nähe dieser Stadt abgespielt
hatte. Ein den Fluß herabfahrender Masupia bemerkte an der Sandbank ein
schlafendes Nilpferd und hielt es für eine leichte Sache, dasselbe zu
erlegen. So geräuschlos wie möglich heranrudernd, kam er in die
unmittelbare Nähe des Thieres. Er steigt aus dem Boote, nähert sich dem
Thiere und stößt ihm den Speer hinter die Schulter ein. Doch das Eisen
erzeugte nur eine unbedeutende Wunde, indem es an einer Rippe abglitt.
Bei dem Stoße erhob sich das Thier und wandte sich so rasch, daß der
Mann nicht bei Seite und aus seinem Gesichtskreise springen konnte. Da
er sich jedoch sofort von dem Thiere angegriffen sah, warf er sich flach
auf die Erde, um sich unsichtbar zu machen. Doch er mußte diese Bewegung
nicht behend genug ausgeführt haben, um selbst das stumpfsinnige
Geschöpf zu täuschen, denn das Thier warf sich auf ihn und wollte den
Mann zertreten. Als dieser sich wehrend den rechten Arm ausstreckte,
fühlte er denselben auch zwischen den scharfen Hauern des Feindes und
bis auf einen Hautlappen durchbissen. Der unwillkürliche Versuch, auch
die linke Hand zur Abwehr auszustrecken, hatte eine völlige Amputation
derselben zur Folge. Vorüberfahrende Fischer fanden den Verstümmelten in
sterbendem Zustande.

Ich habe wiederholt Nilpferdfleisch genossen, doch konnte ich demselben
keinen besonderen Geschmack abgewinnen. Als ein Leckerbissen wird die
gelatinöse dicke Haut desselben gebraten betrachtet. Roh zugeschnitten,
gibt sie gute Handhaben für Messer und kleinere Werkzeuge, da sie
getrocknet zusammenschrumpft und den Eisentheil festhält.

Wird von den Masupia oder Marutse flußaufwärts oder abwärts bis zu zehn
geographischen Meilen von Schescheke entfernt, ein Flußpferd erlegt, so
wird beinahe in allen Fällen die Hälfte nach Schescheke dem Könige
überbracht, dabei gilt der Brustkorb als Königsstück. In der Regel
verläßt das Hippopotamus sein Element am Abend und geht auf die Weide,
wobei es oft wählerisch ist und zuweilen grasend neun englische Meilen
stromaufwärts streift, um bei Tagesgrauen den Heimweg nach dem Flusse
anzutreten, d. h. die Stelle aufsucht, an der es am Tage im Flusse oder
in der Lagune geweilt, und seine Anwesenheit durch wiederholtes
Auftauchen und »Blasen« kundgibt. Zuweilen wurden die Flußpferde neun
bis zehn englische Meilen weit vom Strome im Walde und dann meist
schlafend angetroffen. Weniger beschwerlich ist die Jagd auf diese
Thiere im östlichen und südlichen Matabele, sowie im Maschona-Land, wo
sie im Süden vom Limpopo, im Norden vom Zambesi die Zuflüsse aufwärts
verfolgen und sich in der Tangente derselben aufhalten. Matabele-Händler
berichteten mir Fälle, in welchen Maschonas vor ihren Augen mit
breitschneidigen Dolchen die Nilpferde im Wasser angriffen und auch
bewältigten.

Die Nilpferde waren in früheren Jahren über ganz Südafrika verbreitet;
die an den Felsenhöhen angetroffenen Gravirungen der Buschmänner
beweisen, daß sie einst nicht nur die Flüsse, sondern auch die
salzhaltigen Regenpfannen bevölkerten.

Man findet sie noch in den Flüssen Natals und in der Cap-Colonie
berichtete man mir, daß sie noch am Unterlaufe einiger der Flüsse in
Kaffraria vorgefunden werden. Im centralen Südafrika trifft man sie von
Süden her zuerst im Limpopo an. Obgleich der Zambesi von Krokodilen
wimmelt, und sie die Hauptursache waren, warum die Bootsleute so sehr
die Nilpferde mieden, sahen wir doch kein einziges. Die Ufer bestanden
aus Thon und Humus in abwechselnden 2 bis 18 Zoll starken Lagen, von
einer torfähnlichen Masse aus den angeschwemmten und vermoderten
Pflanzenresten gebildet. Hie und da, wo eine seichte Einsenkung aus der
Grasebene zu unserer Rechten in eine Rinne endend, am Flusse ihren
Abschluß fand, hatten die Masupia-Fischer ein bis zehn Fuß hohes
Schilfrohrgitter errichtet und damit die Vertiefung gegen den Fluß zu
abgesperrt. Wir machten etwa 3 bis 3½ englische Meilen per Stunde und
kreuzten an dem ersten Tage zehnmal den Strom und dies theils um
scharfen Biegungen desselben, theils um der starken Strömung
auszuweichen. Während wir einen Ueberblick über die Grasebene zur
Rechten (Blockley's Kraal) mit all' ihrem Wildreichthum bis an das sie
begrenzende Gehölze genossen, war uns der Ausblick nach Süden und Westen
durch hohes Schilfrohrdickicht vollkommen verwehrt. Diese lagunenreichen
Dickichte zwischen dem unteren Tschobe und dem Zambesi sind ein wahrer
Lieblingsaufenthalt der Elephanten und Nilpferde. Auf einer sandigen
Insel, auf welcher wir eine verlassene Hütte trafen, schlugen wir unser
Nachtlager auf. Während einige mit ihren Assagaien und Messern das
Schilfrohr abschnitten, es zu Bündeln banden, gruben andere mit den
gleichen Werkzeugen Löcher in den Sand, in welchen die zu Pfählen
verbundenen Schilfbündel eingelassen wurden. Inzwischen hatten drei
Kähne abgestoßen, um vom gegenüberliegenden Ufer getrocknetes Gras
herbeizuschaffen und es auf die oben in ihren Wipfeln vereinigten
Rohrbündel zu werfen. Die nachtmützenförmige etwa 4½ bis 6 Fuß hohe, 2
bis 2½ Fuß breite Hütte war von den Männern in unglaublich kurzer Zeit
fertiggestellt.

Am folgenden Vormittage passirten wir am linken Ufer einen an seiner
Mündung etwa 50 Meter breiten, an Krokodilen reichen Fluß Kascha oder
Kaschteja (der von Livingstone gebrauchte Name Madschilla mußte bei den
Makololo im Gebrauche gewesen sein). Schon einige hundert Schritte
oberhalb der Mündung verengte sich der Fluß stellenweise bis zu 15
Meter; trotz der stellenweise geringen Tiefe (drei Fuß) wäre das
Durchwaten desselben ein gefährliches Wagestück, denn die getrübte Fluth
verräth die tückischen Insassen des Gewässers nur zu deutlich. Wir
begegneten mehreren Kähnen mit Leuten aus Makumba's Stadt, welche
Elfenbein nach Schescheke zu Sepopo gebracht hatten und nun mit
Schießmaterial und zwei Wolldecken als Gegengeschenk auf dem Heimweg
waren. Nach einem erfrischenden Bade an einer seichten und
ungefährlichen Stelle steuerten wir rüstig weiter, um noch vor Abend die
neue Residenz zu erreichen. Die Nähe dieser tsetsefreien Niederlassung
der Masupia verkündeten uns schon kleine Viehheerden, welche längs des
Flusses und wohl bewacht weideten.

Alt-Schescheke lag etwa 1½ Meilen westlich von der Stelle, wo der Strom
von Süden her eine plötzliche Wendung nach Osten macht, an einer
Zambesi-Lagune. Der Marutse-Hof residirte von jeher in dem fruchtbaren
und für die Viehzucht so wohlgeeigneten Mutterlande Barotse. Sepopo, zur
Zeit meines Besuches König des Reiches, hatte sich viele Grausamkeiten
unter seinem Stamme zu Schulden kommen lassen, weshalb er in der Barotse
mißliebig wurde, seine Residenz verließ und sich in der zum größten
Theile durch die Tsetse inficirten Masupia-Provinz niederließ. Ein
zweiter Grund der Uebersiedlung war seine Unzufriedenheit mit den
portugiesischen Elfenbeinhändlern von der Westküste, deren Waaren ihm im
Vergleiche zu jenen Westbeech's werthlos schienen, weshalb er bemüht
war, seine neue Residenz den von Süden kommenden Händlern näher zu
rücken.

Als wir uns der Residenz näherten, rieth Blockley an, unsere Ankunft mit
einem Rumela anzuzeigen. Kaum waren die Salutschüsse verhallt,
erschienen Menschengruppen unter den Bäumen und einige zwanzig Schüsse
folgten sofort als Gegengruß; sie bewiesen, daß sich der König unter der
Menge befand und selbst die Anlage der neuen Stadt leitete. Unter dem
Geschrei der Menge, das uns nun entgegenscholl und welches die
Bootsleute aneiferte, hatten wir eine Viertelstunde später das Ufer an
den Bäumen erreicht und an eine Stelle, wo einige Kähne an's Land
gezogen waren, angelegt. Zur Audienz bei dem Herrscher am centralen
Zambesi hatten wir in Gala zu erscheinen, meine Bestürzung war daher
keine geringe, als zur Completirung des Anzuges mein Hut fehlte.
Blockley ließ mir kaum Zeit, mein Gepäck zu durchsuchen, denn schon
ertönten von den Bäumen her die Klänge der Myrimba.

Wie ich schon früher erwähnte, war mein Kommen dem Könige seit mehreren
Monaten bekannt, er hatte sich wiederholt bei Westbeech und Blockley um
mich erkundigt und geäußert: »Wenn doch der Njaka käme, der wie Monari
(Livingstone) in seinem Reiche reisen wolle.« Deshalb sollte sich auch
mein Empfang feierlicher gestalten, als er seit Livingstone den 15
Blaßgesichtern, die vor mir das königliche Antlitz Sepopo's geschaut,
bereitet worden war.



                                 VII.
                 Der erste Besuch im Marutse-Reiche.


Mein Empfang bei Sepopo. -- Der Libeko. -- Sepopo auf Schleichwegen. --
Sepopo's Residenz. -- Geschichte des Marutse-Mabunda-Reiches. -- Die
Stämme des Reiches und ihre Wohnsitze. -- Unterthanen-Verhältnisse
derselben. -- Die Sesuto-Sprache. -- Portugiesische Händler am Hofe
Sepopo's. -- Sepopo erteilt mir die Erlaubniß zur Bereisung seines
Landes und beschreibt mir den einzuschlagenden Weg. -- Der Bau von
Neu-Schescheke. -- Brand von Alt-Schescheke. -- Culturstufe der Stämme
des Reiches. -- Der Aberglaube und seine Opfer. -- Thronfolge. --
Machtbefugnisse des Herrschers. -- Das Bauwesen bei den Völkern des
Reiches. -- Dreifache Bauart der Hütten. -- Das Innere des königlichen
Gehöftes. -- Der Kischitanz. -- Sepopo's Musikcapelle. -- Die
Musik-Instrumente bei den Marutse-Mabunda's. -- Kriegstrommel. -- Die
Kischitänzer-Masken. -- Rückfahrt nach Impalera. -- Ankunft in Panda ma
Tenka. -- Ein Löwenabenteuer.

[Illustration: Im Papyrusdickicht.]

Ein Haufen sämmtlich mit den schon erwähnten ledernen und Kattunschürzen
bekleideter Eingeborner meldete uns des Königs Anwesenheit. Morena
Sepopo war uns thatsächlich sehr nahe, denn nach kaum 200 Schritten
stand ich dem Könige gegenüber. In europäische Kleidung gehüllt, ein
englisches mit einer weißen Straußfeder geschmücktes Hütchen am Kopfe
kam er, ein Mann von circa 35 Jahren, leichten Schrittes mir entgegen.
Sein Gesicht war breit, sein Ausdruck angenehm, die Augen groß und ihre
anscheinende Gutmüthigkeit verrieth keineswegs den Tyrannen, der in ihm
verkörpert war. Lächelnd streckte er mir seine Hand entgegen, begrüßte
auch Blockley und würdigte sogar den Diener April eines Kopfnickens. Der
König war von einigen seiner hervorragenden Würdenträger umgeben, von
denen nur einer eine Hose, zwei andere Wolldecken über den Rücken
geschnallt trugen, die übrigen unterschieden sich nur durch zahlreiche
Bracelets von dem Haufen ringsum. Das in die Augen Springende des Zuges
war die Musikcapelle des Königs. Neben dem Könige schritten zwei
Myrimbaschläger, d. h. zwei Musiker, welche an einem Riemen ein
Kalebaßpiano trugen und es mit zwei Schlägeln bearbeiteten. Neben diesen
Männern, welche die haarsträubendsten Melodien hervorzauberten,
schritten Tambours, welche riesige röhrenförmige Trommeln mit ihren
Fingern schlugen und dazu sangen. Dann erst folgte der Troß. Der König
führte uns unter eine der hohen Mimosen und hier kam ein europäisch
gekleideter Mann hinzu, der mir als ein Betschuana vorgestellt wurde und
seit drei Jahren an Sepopo's Hofe als Dolmetsch lebte.

Jan Mahura hieß das pfiffige, corpulente Individuum, das auch sofort
sein Amt übernahm, während sich Blockley allein sehr gut dem Könige und
dem Volke ringsum verständlich machen konnte. Durch Mahura stellte sich
mir der Herrscher mit den Worten: ^Kia Sepopo morena a Zambesi^ (ich,
Sepopo, der Herrscher vom Zambesi) vor. Dann setzte er sich auf ein
kleines Holzstühlchen nieder, das ihm ein Diener nachtrug und lud uns
mit einer Handbewegung ein, uns auf die Erde niederzulassen. Als der
König mein Zaudern bemerkte, seinem Winke Folge zu leisten, ließ er zwei
ringförmige Grasbündel herbeiholen und sie als Sitze anweisen. Nun half
kein Zögern und ^nolens volens^ mußte ich mich bequemen, mich mit meinem
schwarzen Gala-Anzuge niederzusetzen. Wir hatten kaum unsere primitiven
Sitze eingenommen, als Sepopo meinen Begleiter Blockley mit zahllosen
Fragen bestürmte.

Da ich noch nie zuvor einer so lebendigen Auseinandersetzung in
Sesuto-Serotse-Sprache beigewohnt, konnte ich dem Gespräch nicht folgen
und wandte meine Aufmerksamkeit den Umsitzenden zu. Sie theilten sich
eben, um einem gebeugten jungen Manne, der eine große Holzschüssel trug,
Raum zu geben. Ein Herold verkündete sein Amt; kaum hatte er uns
begrüßt, als sich ein Duft von Bratfischen verbreitete, der mir die
Unverständlichkeit der Sprache erträglicher machte. Der Mann stellte die
Schüssel auf den freien Raum zwischen dem Könige und uns. Derselbe griff
sofort zu und reichte den Häuptlingen Kapella und Maschoku je einen
Fisch, und nun erst, nachdem diese den halben Fisch bereits verzehrt
hatten, und er sich versichert halten durfte, daß die Speise nicht
vergiftet sei, bot er mir und Blockley je einen Fisch und bediente sich
selbst. Unsere Finger mußten Messer und Gabel ersetzen, wobei uns der
Herrscher eines über 5000 Quadratmeilen großen Reiches mit gutem
Beispiele und nicht geringer Fertigkeit voranging. Trotz unseres sehr
fühlbaren Hungers -- wir hatten seit Früh nichts zu uns genommen --
durften wir, um keinen Verstoß gegen die Landessitte zu begehen, nur den
halben Fisch verspeisen, und mußten den Rest dem nächstansitzenden
Häuptling reichen, dieser aß auch nur einige Bissen und gab den Rest
seinem Nachbar. So wurde mit zehn Fischen die ganze Versammlung gespeist
und selbst die Leibeigenen durften sich an den Köpfen der Fische
delectiren.

Die Bewohner des Marutse-Reiches verstehen es vortrefflich, Fische
zuzubereiten, dieselben werden theils im eigenen Thran geschmort, theils
an der Sonne getrocknet und dann auf Kohlen gebraten. Diese in der
erstgenannten Weise zubereiteten Arten sind jene von den Zambesi-Völkern
Tschi-Mo, Tschi-Gatschinschi, Tschi-Maschona etc. genannten, während sie
Raubfische mit Ausnahme des an den Lippen stark bewehrten Inquisi
verschmähen. So sah ich sie selten den schildköpfigen Wels genießen, und
zwar hauptsächlich deshalb, weil das Fleisch dieses in Süd-Afrika so
gemeinen Thieres im Zambesi von einem Parasiten, einem spiralförmigen,
ähnlich den Trichinen eingerollten, drei Zentimeter langen Wurme
förmlich durchsetzt ist. Eine große Menge von Fischen wird an der Sonne
getrocknet und monatelang aufbewahrt, in Körbe gepackt, nach Norden
geschickt und damit Handel getrieben.

Nach beendetem Mahle brachten mehrere Diener einige mit Wasser gefüllte
Holzschüsseln, mit deren Inhalte sich die nächste Umgebung (der innere
Kreis) die Lippen netzen mußte. Das Wunderlichste war jedoch das zweite
Reinigungsmittel, um sich von den Fettresten des Mahles zu befreien.
Einer der Diener brachte auf einer kleinen Holzschale etwa 20
wallnußgroße, schmutziggrüne Kugeln. Der König und sein Hofstaat nahmen
je eine -- auch uns schob man die Schüssel zu -- bestrichen und rieben
sich die Hände ein und wuschen sie hierauf. Meine Neugierde, den Stoff
dieser Kugeln zu untersuchen, erregte allgemeine Heiterkeit. Jan Mahura
»übersetzte« mir die Worte des Königs. »Rieche Herr«, worauf ich über
den seifenartigen Charakter der Kugeln keinen Zweifel mehr hatte. Wir
Weißen griffen nun zu den Sacktüchern, um die Hände zu trocknen, während
Sepopo ein Libeko, d. h. seinen Nasenlöffel, nahm und sich damit die
Feuchtigkeit von den Fingern abschabte, bis sie trocken waren, dasselbe
thaten auch die Häuptlinge und die ihnen zunächst Sitzenden, doch gab es
welche in den hintersten Reihen, welche selbst einen Libeko ersparen
wollten und sich einfach die Hände an dem reinen Kieselsande trocken
abrieben.

Dieser Libeko ist ein bei den Banthustämmen gebräuchliches, eisernes
flaches, 1 bis 4 Zentimeter breites, 4 bis 35 Zentimeter langes, an
einer Gras- oder Glasperlenschnur oder einem Riemchen etc. getragenes
Miniaturschäufelchen, welches die Stelle eines Sacktuches vertritt und
dessen Gebrauch die Verbreiterung der Nasenflügel und die Verunstaltung
des Gesichtes zur Folge hat. Da sich die Sonne schon zum Untergange
neigte, brach der König, von uns und den spielenden und singenden
Musikern gefolgt, auf. Er lenkte seine Schritte nach unserem
Landungsplatze, wo er mit seinen Leuten drei der Kähne bestieg, um eine
Lustfahrt zu unternehmen. Während der Fahrt ließ er tüchtig drauf
losknallen, worauf die ihm Folgenden würdig erwidern mußten. Nach circa
fünf Minuten verließen wir den Strom, bogen in eine Lagune ein und
waren, eine westliche Zweiglagune aufsuchend, nach einer guten
Viertelstunde an Ort und Stelle, am Landungsplatze von Alt-Schescheke
angelangt. Kaum 20 Fuß über dem eigentlichen Thale, am Rande eines
tiefsandigen Gehölzes, lag das an das alte Masupia-Dorf angebaute
Schescheke, welches der König mit der neu angelegten Residenz
vertauschen wollte. An der Landungsstelle lag das aus Holz und Schilf
errichtete Gehöfte des Händlers Westbeech, worin er seine Waaren so
lange aufbewahrte, bis sie Sepopo gegen Elfenbein ausgetauscht hatte. Im
Hofraume des Gehöftes standen drei Hütten, eine von dem Koch des
Elfenbeinhändlers bewohnt, eine als Küche und die dritte als Wohnhaus
für die Diener verwendet. Hinter dem Häuschen, zwischen demselben und
dem Zaune, stand eine vierte, etwa fünf Fuß hohe, zwei Meter im
Durchmesser haltende Hütte, ähnlich jener der Koranna's (brodlaibförmig)
mit einem niedrigen Eingange, daß man nur nach Art der Vierfüßler
hineingelangen konnte. Diese sollte mein Palast sein, meine Wohnung
während des ersten Aufenthaltes in der Residenz eines mächtigen Königs.

Bevor ich sie bezog, wurde ich noch mit Blockley vom König zum
Nachtmahle gerufen; er saß auf einem mit Zement gepflasterten Höfchen
auf einer Matte. Zu seiner Linken nahmen wir auf einem ähnlichen Teppich
Platz, während sich einige neben der Königin zu seiner Rechten
niederließen. Es wurde gekochtes Elandfleisch auf Tellern servirt, auch
fehlten Messer und Gabeln nicht, deren Gebrauch dem Marutse-Hofe von den
von der Westküste kommenden Händlern beigebracht worden war. Als
Zuspeise zum Fleisch reichte man Manza, einen durchscheinenden Mehlbrei,
den ich später sehr nahrhaft fand.[10] Nach Tisch wurde ein
dickbauchiges, in einem langen gekrümmten Halstheil endigendes
Kürbißgefäß mit Impote (Honigbier) hereingebracht und dieses in
Blechbechern und in den von Westbeech dem Könige geschenkten Gläsern
credenzt. Der Mundschenk setzte sich, nachdem er in die Hände geklascht,
auf den freien Raum zwischen dem Könige und das Volk und trank selbst
den ersten Becher, dann nippte der König von dem nächsten und gab den
Rest der Lieblingskönigin zu seiner Rechten, dann mir und Blockley; auch
von den Häuptlingen wurden manche bedacht, doch nur uns wurde die Ehre
des »Zunippens« zu Theil. Nach beendetem Trunke des Impote stand der
König auf, zog seine Stiefel aus, reichte sie der Dienerin, die das
Essen herbeigebracht, und begab sich dann in seine Wohnung, in welcher
ich ihn am nächsten Morgen zu besuchen und mich beim Frühstück
einzufinden versprach.

[Fußnote 10: Ich hoffe die Manzawurzel zu einem der Ausfuhrmittel aus
dem Marutse-Reiche zu machen.]

Ich schlief schon seit zwei Stunden auf meinem Kistenlager, als ich
durch einen Lichtschimmer und ein Geräusch in dem kleinen Raume der
vorderen Kammer des Waarenhäuschens erwachte. Ich sah nun Sepopo von
seinen Leuten begleitet, unter den von Blockley mitgebrachten Waaren
herumkramen und endlich eine Wagenlaterne, um die er schon am Tage den
Händler vergebens angesucht, ergreifen, und sich dann schleunigst
entfernen. Dies war jedenfalls eine originelle Art und Weise, wie sich
der Marutse-Herrscher ihm gefallende Gegenstände zu verschaffen wußte.

Bevor ich noch die Erzählung meiner Erlebnisse am ersten in Schescheke
zugebrachten Tage beschließe, will ich noch einer Episode erwähnen, die
sich während des Impote-Trinkens zutrug. Es erschienen nämlich während
desselben vier mit Elfenbein beladene Männer, legten ihre Last auf einen
Haufen der in der Mitte der Umzäunung niedergelegten Elephantenzähne,
knieten dann nieder und klatschten in die Hände, indem sie zugleich
fünfmal mit der Stirne die Erde berührten und »Schangwe, Schangwe«
riefen. Dann standen sie auf und setzten sich in die hinterste Reihe und
blieben hier so lange ruhig sitzen, bis der König sein Mahl beendet.
Sodann krochen sie, dazu aufgefordert, etwas näher und klatschten sowohl
während als nach seiner Rede leise in die Hände und erzählten mit einem
nicht endenwollenden Wortschwall die Jagd, auf welcher sie das Elfenbein
erbeutet. Der König befahl ihnen am nächsten Tage wiederzukommen, um
Schießbedarf und eine kleine Belohnung entgegenzunehmen. Das Elfenbein
war als Krongut sein Eigenthum und die an die Unterthanen ausgegebenen
Gewehre waren diesen nur geliehen, d. h. wurden stets als des Königs
Eigenthum betrachtet und konnten jeden Augenblick zurückgefordert
werden.

Bei den anderen Weißen, die den König besuchten, war es Sitte, das
Geschenk, welches die Erlaubniß des Königs, das Land zu betreten,
erwirken sollte, vom rechten Tschobe-Ufer aus, bevor man noch Impalera
betreten, zuzusenden. Von mir wurde dies nicht gefordert, sondern ich
überreichte mein Geschenk, welches in einem Snider-Hinterlader und 200
Patronen bestand, erst nach meiner Ankunft.

Während das Nachtmahl am vorhergehenden Abend vor der Hütte eingenommen,
wurde das Frühstück in der Wohnung servirt. Die längliche einem acht Fuß
hohen Giebeldache nicht unähnliche Grashütte war durch eine Scheidewand
in zwei Hälften getheilt, in der vorderen Kammer, in welcher wir unser
Frühstück einnahmen, waren die Wände mit Marutse-Waffen, riesigen
Gewehren und auffallenden Kleidungsstücken darunter einer
portugiesischen Dragoner-Uniform, und riesigen Elephantenzähnen
geschmückt. Ich benützte die günstige Stimmung des Königs um mir von ihm
Aufklärungen über die Geschichte der Marutse und seines Reiches geben zu
lassen, und will im Folgenden diese Aufschlüsse, soweit sie mir später
von Häuptlingen bestätigt wurden, wiedergeben.

Von Sebituani angeführt, war ein Zweigstamm der zwischen dem oberen
Oranje- und oberen Vaal-River wohnenden Basuto nach Norden ausgewandert.
Der Durchzug durch die Betschuana-Reiche wurde von denselben mit Gewalt
erzwungen und nach der Unterjochung vieler am centralen Zambesi und
unteren Tschobe, namentlich der östlichen Bamaschi und der Marutse ein
an 2000 Quadratmeilen umfassendes Reich, das der Makololo gegründet,
außerdem viele Völker des Ostens bis an den Kafuefluß tributpflichtig
gemacht. Als jedoch schon unter dem folgenden Herrscher Sekeletu
Zwistigkeiten unter den Makololo ausbrachen und sich diese zu offenem
Parteikampfe steigerten, griffen die unterjochten Marutse zu den Waffen,
warfen sich auf die zwischen dem Tschobe und Zambesi sich aufhaltenden
Makololo und schlugen diesen ohnehin auch durch die Malariafieber
decimirten Stamm in mehreren Gefechten, wobei die gesammte männliche
Bevölkerung bis auf zwei Männer und die Knaben ausgerottet wurde. Von
den südlich vom Tschobe wohnenden Makololo traf auch die etwa 2000 Köpfe
zählende männliche Bevölkerung ein ähnliches Los. Wären sie am rechten
Tschobe-Ufer geblieben, so hätte das Makololoreich bis heutigen Tags
noch fortbestanden, so aber fürchteten sie die durch die Mabundas und
andere unterjochten Völkerschaften verstärkten Marutse, verließen das
Stromgebiet des Tschobe und wandten sich zu den westlichen Bamangwato,
nach dem N'gami-See; sie wurden von dem Könige derselben,
Letschuatabele, scheinbar freundlich aufgenommen, allein ihre
Vernichtung war schon im Vorhinein beschlossen. Der Abgesandte des
Königs begrüßte sie mit den Worten: »Wenn Ihr Freunde der Bathowana
seid, dann lasset Eure Speere und Schlachtbeile draußen bei Euren Frauen
und kommt als Freunde in die Stadt.« Das thaten auch die Makololo. Kaum
waren sie aber im Berathungsraume angelangt, d. h. in die Kotla
eingetreten, als die Bathowana den Eingang mit Aesten und Baumstämmen
versperrten und die in der Umzäunung befindlichen Makololo bis auf den
letzten Mann niedermetzelten. Mit den Frauen geschah dasselbe wie bei
den Marutse, die Sieger theilten sie unter sich, der König wählte sich
die schönsten, dann kamen die Häuptlinge an die Reihe und der Rest wurde
vom Herrscher verschenkt. Seither finden wir unter den dunkelgefärbten
Bathowana's und den nördlich vom Zambesi wohnenden Völkern des
Marutse-Reiches Frauen von braunem Teint, auf welche sich die dunklen
Stämme nicht wenig einbilden, da sie das lichtere Colorit als eine
Veredelung ihrer Race ansehen. Sepopo nahm nun das Land der Makololo mit
Ausnahme des östlichen Bamaschi-Territoriums und ihres südlich vom
Tschobe gelegenen Gebietes (aus Furcht vor den Matabele) in Besitz.

Nördlich von den Marutse erstreckte sich das Mabunda-Reich, welches von
Königen aus der Herrscherfamilie der Marutse regiert wurde. Vor wenigen
Jahren starb die Königin der Mabunda, welche auf ihrem Todtenbette
Sepopo's älteste Tochter Moquai zur Nachfolgerin ernannte. Da jedoch
Moquai die Nachstellungen von Seite ihres Vaters befürchtete, übergab
sie ihm die Regierung ihres Reiches, und so fand ich bei meinem Besuche
nördlich vom Zambesi ein vereinigtes Marutse-Mabunda-(Mambunda-)Reich
von Sepopo, dem directen Nachkommen der alten Königsfamilie der Marutse
beherrscht.

[Illustration: Empfang bei Sepopo.]

Während des Frühstücks ließ er die wichtigsten Repräsentanten der 18
größeren, sich in 83 Zweigstämme theilenden Stämme herbeirufen, und
stellte sie mir vor. Von den 18 größeren waren die meisten in Schescheke
mit einem oder mehreren Häuptlingen in einer Zahl von 10 bis 500
vertreten. Die wichtigsten Stämme des Reiches sind: die Marutse, Mabunda
(die beiden herrschenden), Masupia, Matonga, Makalaka, Mankoë, Mamboë,
Manansa, Mabimbi, Bajezi, Bakalomo, Bamata, Banjoka, Basuto, Batoka,
Livanga, Manenga, welche sich wiederum in folgende Zweigstämme theilen:
Aimalio, Aitunga, Alumba, Aluschanga, Ambolela, Ambume, Amoodé, Angoko,
Aquanga, Babuiko, Bahumokume, Bajaoma, Bajeji, Bakabololule, Bakalomi,
Balea, Bolioa, Balobule, Balomokmeci, Bamakoma, Bamalingo, Bamata,
Bamomba, Bamosima, Banamo, Bonoka, Baoë, Bapalesi, Baquanti, Basetuta,
Basioma, Basimavotomo, Basuto, Batoka, Boemenda, Boo, Emafoa, Emunonoco,
Jabia, Jamoë, Jëta, Kasabe, Katulama, Kombala, Liamba, Liamankua, Liato,
Livanga, Linkamba, Loena, Lujana, Luketa, Luueku, Mabimbi, Mafumbe,
Makalaka, östliche Nolianga, westliche Notulu, Malundasieeme,
Mambalango, Mamboë, Mabunda, Mampakani, Manansa oder Manandscha, Mankoja
= Mankoë, Manengo, Marutse, Maschoscha, Masupia, Matomo, Matonga oder
Ma-beker, M'Banga, Milanka, M'Kanda = Makanda, M'Koma = Makoma, Moëna,
Moëlopuma, Monojanda, Nambo, Nikalulunda, Ojukamonde, Salama, Sima,
Wafi, Wassiwanda. Außer diesen schon seit beträchtlicher Zeit in dem
Gebiete ansässigen Stämmen finden wir hie und da zerstreut angesiedelt:
Matabele, Menons-Makalaka und Masarwa; die beiden letzteren sind als
Flüchtlinge aus dem Süden über den Zambesi gekommen (die Masarwa, ein
Vasallenstamm der Bamangwato und Menons-Makalaka, ein den Matabele
tributpflichtiger Stamm).

Die Marutse bewohnen die fruchtbaren Thäler des Barotselandes zu beiden
Seiten des herrlichen Zambesistromes, von Sekhose (Süd) an,
stromaufwärts bis an 150 englische Meilen südlich von der Vereinigung
des Kapombo mit dem Liba. Ich glaube, daß die Barotse der fruchtbarste
Theil des Reiches ist und sich sowohl für die Viehzucht als für den
Ackerbau vorzüglich eignet. Sie hat Ueberfluß an Wild und
wildwachsenden, dem Menschen sehr nützlichen vegetabilischen Produkten,
von denen Gummi elasticum eines der wichtigsten sein dürfte. Das Land
besitzt viele bedeutende Städte und war früher der Wohnsitz der
Königsfamilie. Die Mabunda's umwohnen das Land der erstgenannten von
Nordost und Ost, wobei jedoch die Hauptmasse des Landes östlich von der
Barotse, am oberen Mittellauf der Flüsse Njoko (Noko), Lombe und Loi zu
liegen kommt.

Die Mankoë haben einen Landstrich inne, der von Norden her an das Gebiet
der Mabunda grenzt und seine größte Ausdehnung von West nach Ost hat,
aber nicht auf das westliche Zambesi-Ufer hinübergreift. Die Mamboë
wohnen nördlich von den letzteren am unteren Kapombo und Liba. Die
Bamomba und Manengo leben im Weichbilde der Stadt Kavagola am oberen
Zambesi. Die Masupia bewohnen das Land südöstlich der Barotse bis 30
englische Meilen unter der Tschobe-Zambesi-Vereinigung längs des Zambesi
und an 50 englische Meilen den Tschobe stromaufwärts. Die Batoka wohnen
östlich von den Masupia am linken Zambesi-Ufer bis etwa 30 englische
Meilen unterhalb der Victoria-Fälle. Die Matonga sind Grenznachbarn der
letzteren und theilweise der Masupia (von Norden her); die Hauptmasse
lebt am Mittellaufe des Kaschteja- (Livingstone's Madschila-) Flusses.
Die westlichen Makalaka wohnen am unteren Kaschteja zwischen den Matonga
und Masupia. Die östlichen Makalaka leben als östliche Nachbarn der
Batoka den Zambesifluß abwärts, Wanke's Kraal ist ihre größte
Niederlassung. Die Lujana wohnen am Südufer des Zambesi, westlich von
den Masupia's. Die Wohnsitze der übrigen Stämme ziehen von den Lujana
gegen die Südgrenze der Barotse, ferner nördlich von den Matonga,
Makalaka und östlich von den Mamboë und Mankoë, doch auch in kleineren
Gebieten, da, wo sich oft zwei der erwähnten größeren Stämme berühren,
oder sie sind über das Gesammtreich zerstreut worden und bilden kleine
Colonien im Lande der Makalaka, Mambunda, Marutse etc.

Die meisten der genannten Stämme sind wirkliche Unterthanen und werden
mit Ausnahme der Marutse als Sklaven angesehen, nur ungefähr ein
Viertheil sind Tributzahlende und dies meist Stämme des Ostens (Batoka,
östliche Makalaka, Mabimbi etc.) Durch Sepopo's Grausamkeiten sind viele
Eingeborne aus dem Reiche nach Süden hin geflohen und da dem Tyrannen
dadurch auch viele Schwierigkeiten in dem Centrum des Reiches erwuchsen,
hat sich in den letzten Jahren das Tributverhältniß der an den Grenzen
nach Nordost und Ost wohnenden Stämme bedeutend gelockert. Die den
eigentlichen (wirklichen) Unterthanen auferlegten Steuern bestehen in
Getreideabgaben (Kleinkorn, Kafirkorn, Mais); im Abliefern bestimmter
Mengen getrockneter Früchte, Kürbisse, Tabak, Gummi elasticum, Matten,
Canoës, Rudern, Waffen, Holzarbeiten (Töpfe, Schüsseln,
Musikinstrumente), Thierhäuten, frischem und getrocknetem Fisch- und
Nilpferdfleisch. Außerdem sind Elfenbein, Honig und das nahrhafte
Manza Krongut und jeder sie verkaufende, resp. vertauschende
Unterthan wird mit dem Tode bestraft. Die Tributzahler haben dem
Marutse-Mabunda-Herrscher jährlich eine bestimmte Zahl Elfenbeinzähne
(männlicher und weiblicher Elephanten) und Häute einer großen grauen und
dunkelbraunen lang behaarten Lemurspecies abzuliefern.

Die herrschende Sprache im Gesammtreiche, ich möchte sagen, das Mittel
des leichten Verständnisses zwischen den einzelnen Stämmen, ja ein
wahres Bindeglied, ist die der vernichteten Makololo. Die Makololo haben
sich viel schweres Unrecht zu Schulden kommen lassen, des Geschickes
gerechter Arm hat sie ereilt, doch mit ihrem Verschwinden vom
Schauplatze der Geschichte des centralen Süd-Afrika ist eine
Versöhnungspalme emporgewachsen; ihre Sprache, das Sesuto ist geblieben,
sie vererbte sich auf die Besieger, sie wurde diesen nothwendig,
namentlich als durch Vergrößerung des Reiches (in Folge der Vereinigung
mit dem Mabunda-Reiche) und engeren Verkehr mit den südlich vom Zambesi
wohnenden Völkern sich mehr und mehr und ohne alles absichtliche Zuthun
von Seite der Beherrscher, ein gemeinsamer, namentlich nach der
letzteren Richtung hin leicht verständlicher Sprachlaut nothwendig
erwies.

Welch' eine große Hilfe für den Forscher, wenn er sich im Süden ohne
Schwierigkeit die Sesutosprache zu eigen machen könnte. Die gegenwärtige
Makololo-Sprache ist nicht mehr das reine Sesuto, sondern durch die
Vermischung mit dem Serotse etwas corrumpirt; ein der Sesutosprache
Mächtiger ist im Marutse-Mabunda-Reiche vollkommen sicher. Als ich den
König über die Ausdehnung seines Reiches befragte, da meinte er, daß
seine Leute 15 bis 20 Tagreisen zu gehen hätten, bevor sie die nördliche
Grenze erreichen könnten; nach diesen mit ihm, seinen Häuptlingen, den
Abgesandten der nördlich wohnenden Maschukulumbe und den portugiesischen
Händlern gepflogenen Besprechungen und nachdem ich die Entfernungen nach
Tagreisen in Meilen verwandelt, zog ich die Grenzlinien des Reiches, wie
sie auf der Karte zu sehen sind. Die Grenze wird nach Norden und Osten
von den Maschukulumbe, nach Südwest von den Bamaschi, nach Süden von den
Bamangwato-Reichen und dem Matabelelande gebildet.

Sepopo's Name bedeutet in der Serotse »einen Traum«, seine Mutter hieß
Mangala. Die Vorstellung der in Schescheke anwesenden Häuptlinge und
Würdenträger -- darunter war auch Kapella, der Commandant der Truppen --
schloß der König mit dem häßlichen Maschoku, dem Scharfrichter, einem
riesigen Mabunda, und seinen zwei Schwiegersöhnen, welche zugleich seine
Schwiegerväter waren. Er hatte nämlich von beiden letzteren je eine
Tochter zur Frau genommen und ihnen dafür zwei seiner unmündigen
Töchterchen als Frauen zugesagt.

Als er die gegenseitige Vorstellung schloß, näherten sich mit lauten
Schangwe-Rufen drei Marutse seiner Hütte und brachten drei
Büffelschwänze; der König hatte sie ausgeschickt, um mich und Blockley
mit Fleisch zu versorgen. Bei dieser Vorstellung wurde Honigbier
getrunken, worin Lunga, die schönste der Basutofrauen, Unglaubliches
leistete. Bevor ich noch schied, zeigte mir der König seine beiden
Leibärzte, welche ihn mit Zaubermitteln zu versehen haben, so oft er
sich auf die Jagd begibt. Den Tag benützte ich, um mir die Stadt zu
besehen, und am Abend fand ich mich wieder in dem königlichen Gehöfte
ein. Am selben Abend kam auch Makumba von Impalera und brachte die
betrübende Nachricht, daß der Händler Y., den ich an Schneemanns-Pfanne
getroffen und ihm angerathen hatte, so schnell wie möglich nach Panda ma
Tenka zu meinem Wagen zu reisen, gestorben sei, bevor er noch dahin
gelangt war.

Vom 20. auf den 21. ereignete sich ein Intermezzo, welches die Harmonie
zwischen mir und dem Könige etwas störte. In Folge der Generosität des
Freundes Blockley ging es in unserem Höfchen wieder so lustig wie die
Nacht zuvor her; es mochte wohl schon Mitternacht sein, bevor die in
einen ausgezeichneten Humor versetzten schwarzen Damen und Herren die
drei riesigen Biertöpfe geleert hatten. Als sie endlich vor Müdigkeit
und in Folge des reichlichen Biergenusses in Schlummer verfielen, da
waren es die Kalebaßpiano's, welche mit ihren Tönen jeden Versuch zum
Einschlummern illusorisch machten. Endlich lullten mich die sich
wiederholenden Weisen in den wohlverdienten Schlaf ein, doch es währte
nicht lange und ich wurde durch das Bellen eines Hundes wieder geweckt.
Als ich meine Augen öffnete, schien es mir in der Hütte ungewöhnlich
hell und doch hatte ich die Oeffnung mit einer Kiste geschlossen; nun
bemerkte ich plötzlich einen dunklen Körper in der niedrigen, 2½ Fuß
hohen Thüröffnung. Ein Eingeborner war eben im Begriffe, sich mit der
rechten Hand der neben mir auf einer Kiste liegenden Kleider zu
bemächtigen. Ich hatte außer einigen über mir hängenden Assagaien, die
ich Tags zuvor erstanden, keine Waffe bei mir. Bevor ich noch zum Stoße
ausholen konnte, war der Dieb aus der Oeffnung verschwunden, ich stürzte
ihm nach, doch derselbe war in Begleitung eines Gehilfen, einen Stock
und einen Fisch zurücklassend, zwischen den Hütten verschwunden. Dieses
nächtliche Abenteuer regte mich so auf, daß ich für den Rest der Nacht
das Auge nicht schließen konnte. Als ich am nächsten Morgen den König
davon benachrichtigte, antwortete er mir ausweichend, und ich konnte
bemerken, daß ihm an diesem Tage meine Begegnung nicht sonderlich freue.
Doch ich ließ nicht ab und wollte, daß er die Sache untersuchen lasse.
Ich nahm nun zu einer List Zuflucht, sandte einen von Blockley's Dienern
in die Stadt und ließ bekannt machen, daß ich einen Stock am Flusse
gefunden hätte, und daß ich diesen Gegenstand gerne von seinem Besitzer
erstehen würde. Ich ließ den Stock beschreiben und war begierig, ob die
versprochenen Glasperlen den Dieb eruiren würden. Spät am Nachmittage
fand sich ein ältliches Individuum ein, welches, als man ihm den Stock
zeigte, auf diesen losstürzte und ihn als sein Eigenthum reclamirte. Nun
erst, nachdem er auch den getrockneten Fisch als sein Eigenthum
bekannte, führte ich ihn zum Könige, der eben beim Nachtmahle saß. Da
jedoch ein Freund des Beschuldigten, der mit ihm gekommen war, rasch
heim eilte, um das gestohlene Gut zu verstecken, so fanden die
Abgesandten des Königs nichts in seiner Hütte und er wurde unschuldig
erklärt. Als ich mich jedoch mit diesem Urtheilsspruch nicht zufrieden
gab, meinte der König, daß er den Mann mir zu Liebe bestrafen wolle. Auf
meine Frage, welche Strafe er über den Mann verhängen würde, antwortete
er, daß ihm der Tod bestimmt sei. Damit konnte ich mich nun wieder
keinesfalls einverstanden erklären und bat den König, den Mann auf
freien Fuß setzen zu lassen, bemerkte jedoch dem Könige gegenüber, daß
ich jeden nächtlichen Eindringling künftighin niederschießen werde.
Sepopo meinte hierauf, daß dies das Beste wäre und theilte dies den
zahlreich Versammelten sofort mit lauter Stimme mit.

Am Abend kamen Männer von der Barotse, darunter auch ein von Sekeletu
gefangen genommener Matabele und brachten ihre Abgaben an Korn. Der
König zeigte den Ankömmlingen das Innere seiner Hütte, auf das er nicht
wenig stolz war. Nachdem ich am selben Tage durch Masangu, einem
Würdenträger, den man vielleicht am richtigsten Arsenal-Verwalter nennen
könnte, aufmerksam gemacht worden war, daß der König in Folge der durch
den Diebstahl mir zugethanen Beleidigung geneigt wäre, mir Satisfaction
zu geben, wollte ich die Gelegenheit benützen und den König formell um
die Erlaubniß bitten, sein Reich bereisen zu dürfen. Gleich bei meiner
Ankunft in dem Höfchen fiel mir unter den dreißig in tiefer Stille
Hockenden ein Mann ob seiner äußerst demüthigen und unterwürfigen
Stellung auf, die Verschmitztheit, die aus seinem Gesichte
hervorleuchtete, brachte mir die Vermuthung bei, daß ich es nicht mit
einem Eingebornen des Marutsereiches zu thun habe; nachdem ich ihn etwas
näher fixirt, war ich dessen sicher, daß es ein Halbkast war. Als ich
den günstigsten Moment für gekommen hielt, rückte ich mit meinem
Ansuchen heraus; ich frug den König, ob er mein ihm durch Westbeech
gestelltes Ansuchen kenne, und als er dies bejahte, erläuterte ich nun
den Zweck meiner Reise.

[Illustration: Hafen von Schescheke.]

Nachdem der König zugehört verhielt er sich einige Minuten ruhig, dann
warf er die Frage auf: »Spricht der weiße Doctor die Serotse oder die
Sesuto?« Ich antwortete verneinend. »Spricht der weiße Doctor die
Sprache dieser beiden Männer,« und er wies auf zwei zu seiner Linken
liegende Männer, von denen mir der eine als Halbkast und durch sein
verdächtiges Aussehen so aufgefallen war. Als ich mich darauf
erkundigte, was dies für Leute seien, antwortete mir der eben erwähnte,
indem er seinen Hut lüftete mit demüthiger Stimme. »Wir sind
portugiesische Händler von Matimbundu und gute Christen.« Das waren also
die sogenannten Mambari, von denen ich schon so viel Unfreundliches
vernommen. Der mir vom Könige als ein »großer Mann« und Doctor
vorgestellte, hieß Sykendu. Als der Mann zu mir aufsah, war ich durch
seinen gleißnerischen Blick in meiner erstgefaßten Meinung nur bestärkt.
Als Sepopo vernahm, daß ich auch ihre Sprache nicht verstehe, meinte er,
daß ich sie in Schescheke erlernen müßte, da mir diese Männer als Führer
und Dolmetscher ausgezeichnete Dienste leisten könnten, und so hörte
ich, daß den portugiesischen Händlern (ich lernte später noch mehrere
kennen) von Loanda, Mossamedes und Benguela jene Gebiete, die wir bis
jetzt zwischen der Westküste und dem Bangweolo-See und nach Osten bis an
die Mündung des Kafueflusses als eine ^Terra incognita^ betrachten, in
allen Details bekannt sind; sie kennen nicht allein die verschiedenen
Eingebornenreiche und ihre Herrscher, sondern auch die Unterhäuptlinge
und die Charakterzüge derselben. Sie kannten auch alle Höhenzüge und
Flüsse, welche man auf einem Zuge durch diese Gebiete zu überschreiten
hatte. Und doch hatten es diese Leute, ebensowohl als ihre weißen
Collegen von der Westküste für gerathen gefunden, von diesen Kenntnissen
zu schweigen, um nicht Handelsleute anderer Nationen nach den an
Elfenbein und Gummi reichen Ländern zu locken. Ich ersuchte Sepopo um
zwei Führer, doch bevor er noch antworten konnte, überraschte mich
Sykendu mit einer Antwort. Seinen Hut abermals lüftend, beugte er den
Kopf bis zur Erde und indem er ein lateinisches Kreuz schlug, machte er
einen Schwur bei der Mutter des Heilandes, daß er und der neben ihm
liegende Bruder die beiden besten Christen im Innern und deshalb auch
die besten Führer wären. Dies war wohl die Antwort auf die mißtrauischen
Blicke, mit denen ich die Männer zu betrachten mich nicht erwehren
konnte. Abermals herrschte auf einige Minuten Stille, dann meinte
Sepopo, es wäre gut, wenn ich mir vielleicht die Serotse oder die
Sprache der Makololo aneignen würde. Er meinte, ich würde dann etwas
verhüten, was Livingstone auf seinem Zuge durch das nördliche Mamboeland
begegnet. Der Monary (Livingstone) konnte sich mit den Leuten nicht
verständigen und deshalb dachten jene Häuptlinge, daß er ein Zauberer
und mit dem Regen vom Himmel herabgefallen sei. Monary mußte jeden von
ihnen mit einem Gewehre beschenken, um sie vom Gegentheile zu
überzeugen. Sykendu warf sodann die Frage auf, ob der Engländer auch
wisse, daß man ihre Führerdienste gut bezahlen müsse, worüber ihn Sepopo
vollkommen beruhigte. Sykendu forderte vier 80 Pfund schwere
Elephantenzähne als Führerlohn, ich bot jedoch nur vier solche zu 40
Pfund unter der Bedingung, daß diese von mir bei Sepopo deponirt würden
und meinen Führern erst bei ihrer Rückkehr von Matimbundu, wohin sie
mich zu bringen hatten, vom Könige auszufolgen wären. Als ich jedoch
einige Monate später Schescheke verließ und mich auf meine Weiterreise
begab, zog ich ohne die beiden Mambari, ich hatte sie nämlich in der
Zwischenzeit als Sklavenhändler kennen gelernt und anderweitige Gründe
gefunden, ihnen zu mißtrauen.

Als an jenem Abend die Sache mit den Mambari in's Reine gebracht worden
war, versprach Sepopo, mich mit Kähnen und Bootsleuten zu versehen, die
Letzteren sollten mich bis nach der Barotse bringen, hier sollten diese
von Marutse-Männern und in jeder weiteren Provinz bis in das Mamboëland
durch neue Leute abgelöst werden. Die Mamboë jedoch hätten mich bis an's
große Wasser, d. h. das Meer zu begleiten, wofür ich einen jeden mit
einer Muskete zu entlohnen gehabt hätte, während die mir blos auf kurze
Strecken mitgegebenen Bootsleute mit Hemden oder Kattun bezahlt werden
sollten. Außerdem versprach der König den am Flusse wohnenden
Völkerschaften den Befehl zu ertheilen, mich und meine Gefährten mit den
nöthigen Lebensmitteln zu versorgen. Er rieth mir zwar an, mich nach
Norden gegen den See Bangweolo zu wenden, da ich dann mit Trägern reisen
und Kähne ersparen würde, was für ihn angenehmer und für mich
gefahrloser sein würde.

Wie oft bereute ich es später, seinem Rathe nicht gefolgt zu sein. Ich
dachte der Wissenschaft mehr zu nützen, wenn ich den Zambesi bis an
seine Quellen verfolgte und anderseits hoffte ich, daß mich die
Bootfahrt weniger ermüden würde und ich meine Kräfte für die weitere
große Landreise reserviren könnte.

Ich entschloß mich, so bald wie möglich in das Panda ma Tenka-Thal
zurückzukehren, meine Angelegenheiten zu ordnen und mich dann wider nach
Schescheke zurückzubegeben, um meine Reise nach dem Zambesi aufwärts
fortzusetzen. Am 22. besuchte ich die nach Osten zu gelegene, zum Aufbau
der neuen Stadt bestimmte Stelle; auf dem Wege dahin wie am Orte selbst
bot sich mir ein höchst interessanter, pittoresker Anblick. Die Erbauung
der neuen Stadt war im vollen Zuge, der Fluß wimmelte von Kähnen, in
denen Männer Gras, Pfähle, Schilfrohr herbeizuschaffen bemüht waren. Da
waren eben einige beladene Kähne im Begriffe den Fluß zu kreuzen, um
sich ihrer Last an unserem Ufer zu entledigen, während andere eben
abstießen, zahlreiche andere stromaufwärts und abwärts dahinglitten.
Landeinwärts schleppten einzeln oder im Gänsemarsch einander folgende
Männer und Frauen riesige vorne überhängende und hinten beinahe bis zur
Erde reichende Grasbündel heran. Andere Haufen von Männern trugen an
Pfählen riesige Thongefäße aus den königlichen Kornkammern, um sie in
dem neu zu errichtenden königlichen Gehöfte zu placiren. Von Zeit zu
Zeit begegnete ich einem »wandelnden Dache«. Ich sah vor mir eines der
kugelförmigen Grasdächer sich in dem hohen Grase bewegen, oder ich wurde
durch das plötzliche Erscheinen eines anderen aus meinen Träumereien
gerissen. Nur bei näherer Untersuchung konnte ich die Locomobile dieser
Dächer erkennen, schwarze Schenkel wurden in dem hohen Grase sichtbar,
es waren jene der Träger, welche zu 10 bis 30 durch das hohe Gras
schlichen. An der Vorderseite hatte man eine kleine Oeffnung angebracht,
durch welche der leitende Träger herauslugte. Manche der Arbeiter zogen
singend, andere tanzend dahin, wieder andere liefen in scharfem Trab an
mir vorüber. Auch die Königinnen waren nicht müßig, ich sah welche im
vollen Stolze ihrer Würde einherschreitend und von einem Trosse
Grasbündel tragender Dienerinnen begleitet.

Einmal rief mich der Gruß: »Moro (Guten Morgen), Moro! Njaka Makoa
(Doctor, Weißer) wach und als ich mich umkehrte, sah ich den
Masupia-Häuptling Makumba mit einer Schaar seiner Leute an mir
vorüberpassiren. In der Blockley's Gehöfte von drei Seiten (nach Norden,
Westen, Osten) umgebenden Stadt Alt-Schescheke waren zahlreiche Menschen
mit dem Abbrechen der Rohrhütten und Häuschen und der Uebersiedelung
ihres Eigenthums beschäftigt. Auch Blockley packte seine sieben Sachen
zusammen, um sich einstweilen in Neu-Schescheke in einer für ihn auf
Befehl des Königs errichteten Grashütte niederzulassen.

Ich war, nach Alt-Schescheke zurückgekehrt, eben mit meinem Tagebuche
beschäftigt, als mich der wiederholte Ruf »Molelo, Molelo« (Feuer)
emporriß und vor die Hütte trieb. Ich sah zwar nur ein brennendes
Gehöft, doch dieses eine stand in der Mitte einiger hundert anderer aus
trocknem Rohr errichteter, von der Sonnenhitze gedörrter, und deshalb
rasch in ein Flammenmeer verwandelter Hütten. Ein starker Ostwind fachte
die Flammen immer mehr an, an den nach dem Flusse zu mündenden Pfaden
erschienen heulende und schreiende Frauen und Kinder. Dazwischen
dröhnten die Detonationen der Schüsse aus den in den Hütten
zurückgelassenen Gewehren. Die Kugeln schlugen bald hier bald dort ein
und gefährdeten die Lage der den Brandplatz umgebenden Leute in hohem
Grade. Sowie ich meine wenigen Sachen aus der Hütte herausgeschafft
hatte, kam Blockley herbeigerannt. Er kam um Schaufeln zu holen, da sich
am Waldesrande, an der dem Feuer entgegengesetzten Seite die Hütte
befand, in welcher Westbeech sein, sowie das an Sepopo verkaufte
Schießpulver aufbewahrt hatte. Es galt nun den Pulvervorrath so rasch
als möglich aus der Hütte zu schaffen und es in dem feuchten Boden zu
vergraben, da ein Waldbrand zu befürchten war. Nach Westen, etwa 30
Schritte weit, lag des Königs Pferdestall (aus Pfählen errichtet) und
nach Osten eine kaum zwei Meter ab liegende Gruppe von Hütten, doch da
sie beide von der Hauptmasse, die vor uns (nach Norden) im Feuer stand,
circa fünfzehn Schritte entfernt waren, weniger gefährlich. Die meiste
Gefahr drohte eben von vorne, wo zwei Rohrgehöfte aus der Masse
hervortretend, unserer Schilfumzäunung auf fünf Meter Entfernung
gegenüberstanden, sie war noch vom Feuer verschont geblieben. Wirkte
auch der durch die Flammen sausende Wind mit dem tausendfachen
Geknatter, das von dem Brande zahlloser Rohrschäfte herrührte, sowie die
von der Sonne und von dem Feuer ausgehende Gluth sinnebetäubend, so
verschuldeten es doch in erster Linie die sich entladenden Gewehre, daß
sich die Reihen der Löschenden so stark lichteten, und ich fürchten
mußte, im Augenblicke der höchsten Noth allein zu stehen. Ich hatte nur
meinen Diener Pit und einen von Blockley's Dienern bei mir, welche die
wenigen Thon- und Kürbisgefäße, die uns zur Verfügung standen, am Flusse
füllten und dabei noch die Hälfte davon im Eifer der Arbeit zerschlugen.
Mein Beispiel eiferte bald mehrere Eingeborne zur Nachahmung an und so
gelang es mir, der Verbreitung des Feuers eine Schranke zu setzen,
nachdem ich die Rohrumzäunung unseres Gehöftes niedergerissen hatte.

Mehr als die Hälfte von Alt-Schescheke wurde durch diesen Brand
zerstört; als Sepopo von der Baustelle von Neu-Schescheke aus das Feuer
sah, machte er seinem Unmuth in einer für seine Umgebung recht fühlbaren
Weise Luft. Er hieb auf sie mit dem Stocke los, bis er sich müde
geschlagen. Freudig begrüßte ich den siegreich zurückkehrenden Blockley,
dem es gelungen war, das Schießpulver zu retten und auch er gab seiner
Freude Ausdruck, daß ich sein und Westbeechs Waarengehöfte gerettet
hatte. Ich hatte keine Ahnung, daß ich selbst in der größten Gefahr
schwebte, da in dem Gehöfte, dessen Rettung mir gelungen war, Blockley
700 Pfund Schießpulver in einer Kiste aufbewahrt hatte.

Am nächsten Tage kamen mehrere Kähne von der Barotse, welche der König
zu meiner Verfügung stellte; er rieth mir, rasch zu meinem Wagen nach
dem Panda ma Tenka-Thale zu eilen und mich bald wieder in Schescheke
einzufinden. Ich blieb in Neu-Schescheke, nachdem ich zu Blockley
übersiedelt war und das Häuschen in Alt-Schescheke verlassen hatte, bis
zum 30. August. Die Zeit meines Aufenthaltes in der königlichen Residenz
verwendete ich meist zur Vermehrung meiner ethnographischen Sammlungen
und zum Studium der Gebräuche der hier so zahlreich versammelten
Eingebornenstämme des Reiches, nebstbei zur Erlernung der
Sesuto-Sprache. Da ich dem Versprechen des Königs zufolge den Weg nach
der Westküste offen zu haben wähnte, schloß ich mit Blockley ein
Geschäft ab, wobei er sich verpflichtete, meinen Wagen mit den
Sammlungen nach Schoschong zu bringen, wo sie einstweilen deponirt
werden sollten. Dafür verkaufte ich ihm, da er es außerdem sehr
benöthigte, mein Gespann für Elfenbein und verschiedene Waaren, wie
Calico, Glasperlen etc.

Ich will nun im Folgenden einige Züge aus dem Charakter der das
Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden Stämme anführen und mit der Erzählung
einiger Begebenheiten in der Zeit vom 26. bis 30. August die Schilderung
meines ersten Besuches bei Sepopo schließen.

Mit Ausnahme der östlich von den Matabele wohnenden Maschona ist kein
Stamm in Südafrika so thatkräftig wie mehrere das Marutse-Mabunda-Reich
bewohnenden Stämme und da die Producte ihrer Kunstfertigkeit reichlich
im ganzen Lande verbreitet sind, fallen sie dem vergleichenden
Ethnologen sofort in die Augen und sprechen für die relativ hohe
Culturstufe der Stämme. Dieses Uebergewicht über die südafrikanischen
Stämme wird aber noch schlagender, wenn wir ihre Geschicklichkeit im
Canoefahren, Fischen etc., ins Auge fassen. Die Fertigkeit in der
Production von Gegenständen aus Metall, Bein, Horn, Haut, Holz und ihre
sonstigen Verrichtungen lassen auf eine nicht unbedeutende Stufe
geistiger Fähigkeiten schließen. Sie lechzen nach jeder Belehrung und
Unterweisung und begreifen leicht. Zur Vervollständigung der Parallele
zwischen ihnen und den Stämmen südlich des Zambesi muß ich jedoch auch
erwähnen, daß sie in moralischer Beziehung tiefer als die meisten der
Eingebornenstämme Süd-Afrika's stehen, doch ist diese Erscheinung durch
den primitiven, urwüchsigen Zustand bedingt, in dem Wilde, wenn sie von
der wohlthätig auf sie einwirkenden Außenwelt abgeschlossen sind,
verbleiben und keineswegs ein erworbenes Laster, wie wir es bei der
Hottentottenrace finden. Deßhalb glaube ich auch mit Rücksicht auf ihre
geistigen Fähigkeiten, daß sich diese Schattenseite ihres Charakters
allmälig heben lassen wird.

[Illustration: Uebersiedlung nach Neu-Schescheke.]

Ein weiterer tief im Wesen und in der Tradition des Volkes begründeter
Uebelstand ist der Hang zum Aberglauben, worin die Völker des Reiches
die übrigen Süd-Afrika's weit überragen und der durch die zahlreichen
Menschen, die ihm zum Opfer fallen, noch verschärft wird. Unter allen
anderen südafrikanischen Stämmen herrscht derselbe nur bei den Zulu's
und Matabele's in ähnlich abschreckendem Maße. Da jedoch am Zambesi das
Königshaus die Hauptschmiede des Zauberschwindels ist und die Könige
ihre Grausamkeiten oft aus Aberglauben ausüben, somit von ihnen derselbe
wissentlich bei den Unterthanen genährt und verbreitet wird, dieselben
dann wegen der vielen aus diesen Untugenden des Königs und seiner
Rathgeber hervorgehenden Schreckensthaten das Oberhaupt mit seinen
Lehren vom Zauber und Aberglauben fürchten und hassen lernen, so wäre es
am zentralen Zambesi mehr als irgendwo in Süd-Afrika lohnenswerth, diese
abergläubischen Gebräuche, das wichtigste Hinderniß der Civilisation zu
schwächen und zu beseitigen.

Der König der Marutse ist unumschränkter Herrscher und Besitzer des
Landes und seiner Bewohner. Trotzdem aber streckt -- mit Ausnahme
Sepopo's, dessen Regierung die eines Tyrannen war -- der Herrscher nur
selten seine Hand nach fremdem Eigenthume aus. Der jeweilige Herrscher
oder die Herrscherin (die Frauen sind bei den Nord-Zambesistämmen als
Regentinnen, weil sie weniger grausam als die Männer sind, beliebter)
bestimmen ihren Thronfolger schon bei Lebzeiten. Derselbe kann Knabe
oder Mädchen, muß aber stets einer Marutse-Mutter entsprossen sein. Bei
den conservativen Betschuana's gilt der erste männliche Sprosse der
ersten Frau als Nachfolger und diese Bestimmung besitzt solche
Rechtskraft, daß selbst im Falle eines frühzeitigen Ablebens des
rechtmäßigen Königs, der erste Sohn, dem die verwitwete Königin das
Leben gibt, der rechtmäßige Herrscher des Landes wird. Im Jahre 1875
bestimmte Sepopo, daß sein sechsjähriges Töchterchen die zukünftige
Herrscherin des Marutse-Reiches werden solle, von Rechtswegen hätte
Moquai, seine älteste Tochter, die rechtmäßige Thronfolgerin sein
sollen, da sie jedoch als Königin der Mabunda's einen großen Anhang im
Lande hatte, schien sie ihm als Thronfolgerin zu gefährlich. Die erste
Frau des Königs wird »Mutter des Reiches« genannt.

Der König gilt auch für den größten Zauberer und Heilkünstler und unter
dem Deckmantel dieser bei den meisten Völkern so geachteten Künste
wurden von Sepopo die schrecklichsten Verbrechen begangen, wobei er nach
Herzenslust das Volk hinterlistig täuschte, trotzdem er selbst vom
Unsinn vieler abergläubischer Gebräuche durchdrungen war.

Der jeweilige Herrscher des Marutse-Reiches besitzt sehr große
Einnahmsquellen. Außer seinen ausgedehnten bebauten Ländereien, die
theils von ganzen Colonien seiner dazu beorderten Unterthanen, theils
von seinen vielen mit zahlreichem Gefolge versehenen Gemahlinnen
bewirthschaftet werden, betragen die directen Abgaben, wie der
eingezahlte Tribut ganz erstaunliche Mengen an allerlei Artikeln, welche
ein Marutse-Fürst sich nur wünschen kann und repräsentiren einen
bedeutenden Werth. Da Gummi elasticum wie auch Elfenbein, die ihm als
Krongut abgeliefert werden müssen, die wichtigsten Tauschartikel bilden,
so ist der Herrscher der eigentliche und erste Kaufmann des Landes. Er
kauft oft Wagenladungen von Waaren im Werthe von 3--5000 £ St.,
verschenkt den größten Theil davon an seine nächste Umgebung oder an die
ihn zufällig aus den entlegeneren Theilen des Reiches aufsuchenden
Unterthanen, wobei jedoch die vertheilten Waffen, wie Gewehre etc. stets
des Königs Eigenthum verbleiben. Trotzdem gelüstet es oft doch noch dem
Könige nach einer schönen, einem der wohlhabenderen seiner Unterthanen
angehörenden Rindviehheerde, die ihm seiner Auffassung nach zugehört,
die er jedoch des guten Scheines halber nicht ohneweiters ausgeliefert
haben will, sondern sich ihrer auf andere Weise bemächtigt, z. B.
dadurch, daß er einfach den Besitzer des Hochverrathes, der Zauberei
ober eines Mordes anklagt, verurtheilt und hinrichten läßt.

Der Herrscher kann das Leben nehmen wann und wie er will; er kann zu
Sklaven machen wen und wie viele er will; er kann seine Hand nach der
Frau eines Jeden ausstrecken, wenn diese sein Wohlgefallen erregt, wobei
er einfach den Gemahl zur Seite schiebt und ihm eine andere Frau
anbietet oder gibt; er kann ferner die Kinder den Eltern entreißen, wenn
diese zu dieser oder jener Zauberei nothwendige Objecte bilden sollten.
Die Regentinnen können sich nach Gefallen einen Gemahl wählen, ohne
Rücksicht, ob der Mann schon durch eheliche Bande gebunden ist oder
nicht. Der Regent besitzt immer das Schönste, was von den
Nachbarvölkern, was von den Weißen ausgetauscht, oder was kunstvollst im
Reiche selbst ausgearbeitet wurde. Hochverrath wäre es, wenn Jemand
Schöneres oder Werthvolleres als der Herrscher besitzen würde. Oft bot
ich den Leuten Geschenke an, die jedoch, wenn es ungewöhnlichere Objecte
betraf, mit den Worten zurückgewiesen wurden: »Wir dürfen es nicht
nehmen, wir wissen nicht, ob es Sepopo besitzt.«

Im Bauwesen überragen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches die meisten
südlich vom Zambesi wohnenden Eingebornenstämme, den in diesem Fache
Gewandtesten kommen sie gleich. Es gilt dies jedoch nur von den feste
Wohnsitze innehabenden Stämmen, nicht aber von jenen, die sich blos
periodisch der Ernte, der Fischerei oder der Jagd halber kurze Zeit an
einem selbstgewählten oder ihnen vom Statthalter oder König angewiesenen
Orte aufhalten. Solche periodische Wohnsitze finden wir namentlich an
den Ufern der großen Flüsse, an östlichen und südlichen Waldabhängen und
im Dickicht der Wälder, wo mitten in denselben ebene Lichtungen das Wild
anlocken. Feste Wohnsitze sind über das ganze Land zerstreut; das Land
der großen Städte ist aber die Barotse. Die Völker bauen im Allgemeinen
gefällige, angenehme und gediegene Hütten und Häuser und -- was sehr in
die Wagschale fällt -- sehr rasch. Es läßt sich leicht erkennen, daß es
namentlich die Natur ist, in der die Völker leben, die ihnen das
Baumaterial so reichlich und unter so geringer Mühe liefert und so das
Bauen erleichtert, allein wir dürfen den Leuten auch einen gewissen
Sinn, ein größeres Verständniß in dieser Fertigkeit nicht absprechen,
die wir bei den meisten der südlich vom Zambesi wohnenden Stämme
vermissen, denen ebenfalls von der Natur das Baumaterial in
unmittelbarer Nähe und reichhaltig gespendet wird. Ich erwähnte bereits,
in welch' kurzer Zeit Neu-Schescheke aufgebaut wurde. Man kann nicht
behaupten, daß die Hütten der Betschuana-, der Zulu-, Hottentotten-Race
etc. mehr Schutz gegen das Feuer gewähren, als jene nördlich des
Zambesi; hier jedoch wird der durch das Feuer verursachte Schaden so
leicht und rasch ersetzt, daß das Unglück minder fühlbar wird.

Das Flußnetz des Marutse-Reiches mit seinen ausgedehnten, hoch und dicht
bewachsenen Marschen bietet den Bewohnern reichliche, fruchtbare,
wohlgelegene Ansiedlungsstellen und das Riesenwälder bildende Schilf ein
vorzügliches Baumaterial, Holz zum Baugerüste, Lattenwerk, Bast, und
daraus wie aus Palmenblätter geflochtene Seile und Taue, Nägel und
Klammern, dichtes riesiges Gras als Eindeckungsmaterial, Sand und Thon
zum Cement finden sich fast überall und wo es fehlt, kann es mit den
raschen Booten in kurzer Zeit herbeigeschafft werden. Dabei hilft Einer
dem Andern, wo es nöthig ist. Bezüglich ihrer Anlage sind die Städte so
nahe als es die jährlichen Ueberschwemmungen gestatten, an die Flüsse
angebaut und in der Regel von einem Kranze von Dörfern umgeben, in denen
meistens Leibeigene wohnen, die für ihre Herren in der Stadt in deren
nächster Umgebung Felder bestellen, Getreide anbauen oder auch
Viehheerden hüten müssen. Außerdem sind die Städte bedeutend reiner
gehalten als jene südlich des Zambesi, wozu, wie zur persönlichen
Reinlichkeit, auch wieder der Ueberfluß an Wasser die Erklärung gibt.

Unter den verschiedenen Stämmen des Reiches fand ich die Marutse im
Bauen praktischer als die von ihnen unterjochten und tributpflichtigen
Stämme. Bei den Marutse beobachtete ich drei wesentlich von einander
verschiedene Bauarten, und zwar: concentrische hohe, cylindrische und
Langbauten. Die concentrische Bauart besteht aus zwei Häusern, von denen
das eine, an Umfang kleinere, jedoch höhere, in ein weiteres,
niedrigeres hineingebaut ist und beide von einem kegelförmigen
Riesendache überdacht werden. Die Form des inneren Hauses ist die eines
Kegelstutzens, es trägt ein eigenes kleines, gewölbtes, niederes Dach,
die Form des äußeren Hauses ist eine cylindrische. Das gemeinschaftliche
Dach reicht von der Spitze des Innenbaues ein bis zwei Meter über den
Außenbau und wird an seiner Peripherie von einem Pfahlkranze gestützt,
wodurch noch um den Außenbau eine schattige Veranda geschaffen wird. Den
Bau dieser Häuser übernehmen die Frauen, jenes des Königs die
Königinnen, nachdem ihnen ihre Männer, hier die Diener oder die dazu
beorderten Unterthanen das nöthige Material herbeigeschafft, geebnet und
mit Cement (aus Thon und Sand hergestellt) angeworfen haben. Die
Baustellen haben gewöhnlich einen Umfang von 6 bis 12 Meter. Die
Peripherie wird zu einer 30 bis 40 Centimeter tiefen, 10 bis 15
Centimeter breiten Furche vertieft und in diese lose Bündel von starkem,
über vier Meter hohem Rohr eingelassen und die Furchen sodann
ausgefüllt. Mittelst zwei bis vier Palmenblattstricken wird diese
cylindrische Rohrmauer der Quere nach durchflochten, die Rohrstengel
fest mit einander verbunden, wobei ich beobachtete, daß diese zum
Durch-, Um- und Aneinanderflechten der Rohrbündel und Stengel benützten
Querverbindungen nach oben zu kürzer werden, so daß statt einer
cylindrischen eine kegelstutzförmige, etwa drei bis vier Meter hohe
Rohrmauer entsteht, welcher Vorgang auch genau der Natur des
Baumaterials entspricht.

In einer Höhe von drei bis vier Meter über dem cementirten Boden wird
das Rohr gleichmäßig abgeschnitten und dann in allen Fällen die
Außenseite, bisweilen auch die Innenfläche dieser Rohrwand cementirt.
Nachdem dies vollendet, wird von Männern das niedere kegelförmige
Rohrdach geflochten und von den Frauen einer enganschließenden Kappe
gleich, dem Baue aufgesetzt und von außen cementirt. Mit einer in der
Regel dem Hofeingange entgegen blickenden Thüröffnung von halb ovaler
Gestalt, die man in die Rohrwand einschneidet und deren Rahmen man durch
kunstvolles Cementgesimse ersetzt, vollendet man den Bau des
concentrischen Hauses. Bei der Anlage des Außenbaues wird in ähnlicher
Weise vorgegangen. Auch hier wird eine Furche gegraben, der Boden
cementirt und Rohrbüschel, doch nur von 2-2/3 bis 3-1/3 Meter Höhe
eingepflanzt, die etwa 30 Centimeter tief im Boden sitzen. Da diese
Umfassungsmauer die Wucht des Hauptdaches zu tragen hat, wird die
Rohrwand durch zahlreiche, eng aneinander oder höchstens 50 Centimeter
von einander abstehende, ihr an Höhe gleichkommende oder sie um einige
Centimeter überragende, der Rinde beraubte Pfähle gestützt. Die
Außenfläche dieses äußeren Hauses ist stets, die Innenfläche zumeist
cementirt, weshalb man kaum das leichte Baumaterial vermuthen würde.
Genau mit der Oeffnung des Innenbaues correspondirend ist auch an dem
Außenbaue die Thüre angebracht, bei allen größeren Bauten von
Manneshöhe, 2½ Meter hoch und 80 Centimeter bis einen Meter breit. Ist
der Außenbau (12 bis 24 Meter im Umfange) von den Frauen vollendet, so
wird das Hauptdach von Männern geflochten und die Verandapfähle in einer
Entfernung von 1 bis 1½ Meter von dem Außenbau eingerammt. Der Raum
zwischen diesen Pfählen und dem Außenbau, d. h. das Trottoir der Veranda
wird etwa 10 bis 20 Centimeter hoch aufgeschüttet und cementirt. Ist nun
inzwischen das kegelförmige Riesendach fertiggestellt, so wird es dem
Außenbau aufgesetzt, die schwierigste Procedur bei der gesammten
Bauthätigkeit. In einem Tempo wird das Dach von 40 bis 60 Männern
mittelst 3 bis 4½ Meter langen Pfählen von der Erde gehoben und auf die
kürzeren Pfähle gestützt; nun verwechseln einige, nach und nach alle die
kurzen Pfähle gegen die längeren und abermals wird das Dach in einem
Tempo hoch aufgehoben, daß der Rand an einer Stelle auf der Dachspitze
des Innenbaues ruht und dann mit Bedacht von der entgegengesetzten Seite
weitergehoben, bis es über dem Dache des Innenbaues liegt. Das
ungleichmäßig die Veranda überragende Rohr wird nun zugestutzt und von
Männern wie Frauen das Dach mit dem trockenen, vorjährigen Ufergras
gedeckt. Dabei wird zuerst das Dach mit einer 15 bis 30 Centimeter
dicken Graslage regendicht überschüttet und mit Fächerpalmenstricken und
Tauen netzartig umwunden, um es gegen den Wind widerstandsfähig zu
machen.

Auf das Glätten des grauen Cementes und vor Allem auf den gesimsartigen
Rahmen der inneren Thüre, auf welcher dünne Leisten auf das Feinste und
symmetrisch ausgeführt sind, wird die größte Mühe verwendet. Der
König besitzt in seinem Hofe drei solche in dem Winkel eines
gleichschenkeligen Dreieckes stehende Häuser; zwei bis drei Königinnen
je eines; die Würdenträger in der Regel eines bis zwei. Namentlich schön
und gediegen sollen jedoch die königlichen Gebäude in der Barotse
gearbeitet sein. Die Nebenhäuser der Königinnen sind nach Art der
backofenförmigen Bauten der Masupia's gearbeitet. Der königliche Hof
besteht aus mehreren um die Gebäude des Regenten concentrisch
angeordneten Häusergruppen.

Die königlichen Wohnhäuser sind von einer elliptischen Umzäunung umgeben
und werden nach außen hin von zwei concentrischen Gehöftkreisen umfaßt,
die je sechs bis acht Gehöfte zählen, welche von den Königinnen bewohnt
werden, im weiteren Umkreise befindet sich sodann das königliche
Vorrathshaus, das Küchen-Departement, die Hütte für die königliche
Musikbande; im vierten äußersten Kreise stehen das im europäischen Style
gehaltene Berathungshaus und die Hütten der Dienerinnen und Diener. Die
Häuptlinge wohnen in einem weiten concentrischen Kreise um den Complex
der königlichen Wohnungen, oder wenn sich, wie in Neu-Schescheke, die
königlichen Gebäude an ein Gewässer lehnen, in einem Kreissegmente,
wobei jedem Häuptlinge die Stelle, an der er sich in der Residenz
niederlassen soll, genau ausgemessen ist. Den Hofeingang versperrt man
bei Nacht, um die Raubthiere abzuhalten, mit einer aus Rohr gearbeiteten
Thüre.

Eine zweite Bauart, hauptsächlich bei einem Zweigstamme der Marutse im
Gebrauche, ist die cylindrische. Die in diesem Style aufgeführten Hütten
sind cylindrisch und hoch, selten und dann nur an der Innenwand
cementirt. Sie haben einen Durchmesser von 3 bis 4 Meter und sind mit
einem 1 bis 1¼ Meter hohem Rohrdach gedeckt, welches an seiner Spitze
verschiedene, aus Holzstücken, Gras- und Strohseilen verfertigte
Verzierungen trägt.

Eine andere Bauart der Hütten bei den Marutse ist die giebeldachförmige,
mit einem gewöhnlich in der Mitte angebrachten, der Hofthür zugekehrten
niedrigen Eingang, an dessem Rahmen das Baumaterial, Schilfrohr oder
Gras, vorspringende Kämme bildet, um den Regen abzuhalten und einen
besseren Verschluß zu sichern. Die armförmigen, oben bogenartig in
einander greifenden Rohrbündel sind durch zahlreiche, dünnere aus
gleichem Material geformte Latten der Quere nach verbunden. Bei größeren
Bauten wird der Giebel durch drei bis fünf Pfähle gestützt und durch
Matten-Verschalung das Innere in zwei ungleiche Räume getheilt, von
denen der kleinere als Empfangs-, der größere als Schlafraum benützt
wird. Solcher Giebelbauten enthält ein größeres Gehöfte einen bis zwei,
bei einem Wohlhabenden findet sich in der Regel noch eine Rundhütte als
Kornkammer und bei einem Häuptlinge eine ähnliche als Berathungshaus.
Der Hofraum ist von länglich-ovaler Form und das Hauptgebäude mit seiner
Frontseite dem Eingange zugekehrt.

Von den in Schescheke lebenden Marutse wohnen zwei Drittel derselben in
solchen Häusern unter dem Häuptlinge Maranzian. Die Mabunda's haben den
Langbau der Marutse im Gebrauch, nur sind ihre Hütten kürzer und breiter
und haben einen flacheren First. Die Umzäunung ist eine viereckige und
besteht aus ½ bis 2 Meter hohen Pfählen, die in einer Entfernung von ein
bis zwei Meter in die Erde eingelassen sind, und einem sich an diese
mittelst Querstangen stützenden Rohrzaun.

[Illustration: Musikinstrumente der Marutse.]

Außer den genannten drei Häusern fand ich in dem königlichen Hofraume
noch drei Hütten, welche mir auffielen, erstlich des Königs Apotheke und
sein Badezimmer, eigentlich ein auf dünnen Pfählen ruhendes Strohdach
mit einem Durchmesser von etwa drei Meter und mit einem fünf Fuß hohen
Pfahle in der Mitte. Dieser Pfahl war mit kleinen Körbchen, Kalebassen,
Säckchen, Antilopenhörnern, Knochen, Korallensträngen etc. behangen,
unter denen die gefäßartigen Objecte heilende Kräuter, sowie Gifte,
deren man sich zu den Hinrichtungen bediente, doch auch allerlei
Zauberschwindel, Zauberinstrumente und Mittel aus Holz, Rohr, Vogel- und
Thierknochen, Elephanten- und Nilpferd-Elfenbein, Fruchtschalen,
Thierklauen, zu Pulver gebrannte Knochenstücke, ferner die Schuppen des
Schuppenthieres und des Krokodils, Schlangenhaut, Tuch- und Wolllappen
enthielten. Auch auf dem Boden der Hütte lagen solche Gegenstände in
verschiedenen Gefäßen und an der Innenseite des Hüttendaches war ein
Medicinkistchen aufgehangen, das ein portugiesischer Händler einst
Sepopo verehrt hatte. Außerdem hingen einige Musikinstrumente in der
Hütte und jeden Abend wurde eine riesige runde Holzschüssel
hereingebracht, in der Sepopo sein Bad nahm. Vor derselben stand eine
kleinere Hütte mit einem prismatischen Dache, in welcher verunstaltete
Elephantenzähne, deren man zufällig auf der Jagd habhaft geworden war,
sowie einige Gefäße mit allerlei Zaubermitteln lagen, deren sich der
König auf der Jagd bediente. Hinter dem Empfangshause erhob sich ein
ähnlich geformtes, bedeutend kleineres, prismatisches, auf einen
Baumstamm gehobenes Dach, unter welchem eine Unzahl von
Elephantenschwänzen als Trophäen dieser in der Nähe von Schescheke
erlegten riesigen Dickhäuter, sowie eine Gruppe von Assagaien, die
größten und bestgearbeiteten im ganzen Lande vor dem schädlichen
Einflusse des Regens geschützt wurden. Zwischen dieser Hütte und der
hohen Rohrumzäunung standen auf Holzgestellen und Stäbchen einige Gefäße
(Kürbisschalen und Thon), in welcher zur Jagd benöthigte Zaubermittel
aufbewahrt wurden. Bei meinen Gängen durch die Stadt fand ich in jedem
Höfchen einen Baumast oder einen kleinen trockenen Stamm eingepflanzt,
an dem die Kopfskelette der Antilopen sowie die Atlaswirbel der größten
Säugethiere, die Jagdtrophäen des Herrn des Gehöftes, hingen und die von
dessen Thatkraft Zeugniß geben sollten. Nach dem Tode des Mannes werden
dann diese Trophäen auf sein Grab niedergelegt.

[Illustration: Kischitanz.]

Am 26., als ich mich eben am Ufer des Flusses erging, warf sich ein
Krokodil aus dem Wasser auf einen im Kahne stehenden Mann, der sich
jedoch durch einen Sprung auf das sandige Ufer zu retten vermochte.

Von den Portugiesen, von dem Könige und seinen Häuptlingen, sowie von
Blockley erfuhr ich, daß der Madschila-River ein ähnlich sandiges und
bewaldetes Hochplateau wie jenes zwischen den Salzseen des centralen
Süd-Afrika und dem Zambesi-Gebiete durchströme, bei den später
unternommenen Ausflügen in dieser Richtung hin konnte ich jedoch
bemerken, daß das Land größere, zum Ackerbau vorzüglich geeignete
Lichtungen besaß, welche gegenwärtig zahlloses Wild beherbergten.

[Illustration: Kischitänzer-Maske.]

Am 27. machte ich wiederholte Versuche, um vom Könige Kähne zu meiner
Rückkehr nach Panda ma Tenka zu erlangen, wurde aber mit leeren
Ausflüchten vertröstet. Tags zuvor hatte der König mir zu Ehren einen
Mabunda-Tanz aufführen lassen. Die Idee dieses Tanzes ist eine
verwerfliche, auch ist es vielleicht von Interesse zu wissen, daß die
Schwarzen des Marutse-Reiches sich der in diesem Tanze enthaltenen
Unschicklichkeit bewußt sind und deshalb nur maskirte Männer daran
theilnehmen. Auffallend vorgeschritten erscheinen die Völker des
Marutse-Mabunda-Reiches in ihren musikalischen Begriffen. In der
Fertigkeit der Handhabung musikalischer Instrumente finden sie zwar
Rivalen in den Stämmen an der Ostküste Süd-Afrika's, die häufiger mit
den Portugiesen in Berührung kamen, im Gesange sind ihnen die
Matabele-Zulu überlegen. Im Marutse-Mabunda-Reiche fand ich zum ersten
Male eine vom Könige zu seiner Unterhaltung und Verherrlichung
gehaltene, aus einheimischen Künstlern recrutirte Musikbande. Sie
besteht aus mehreren Tambours, welche längliche, röhren- und
kegelstutzförmige einfache, sowie sanduhrartig geformte Doppeltrommeln
mit ihren Hohlhandballen und Fingern bearbeiten; die Doppeltrommeln
hängen an einem um den Nacken geworfenen Riemen, während die länglichen
von den resp. Künstlern »geritten« werden. Die wichtigsten Instrumente
der Capelle sind die Myrimbas (Kalebaßpianos), welche ähnlich den
Doppeltrommeln getragen werden. Die Musikbande besteht aus 20 Mann, von
denen jedoch nur sechs bis zehn jedesmal auftreten, damit eine
hinreichende Anzahl für den Nachtdienst und als Reserve erübrigt wird.
So treten auch die beiden königlichen Cithervirtuosen meist einzeln auf.
Die Musikanten müssen auch Sänger sein, um in den freien Intervallen,
oder bei den gedämpften Klängen der Instrumente mit schreiender Stimme
des Königs Lob zu verkünden.

Die zum Dienst Befohlenen müssen sich jederzeit bereit halten, dem oder
jenem ihnen vom Könige Bezeichneten vorzuspielen, sie haben den König
bei seiner Ankunft in der Stadt zu empfangen, ihn auf seinen Ausgängen
zu begleiten und müssen bei öffentlichen Tänzen, Hochzeiten etc., doch
immer nur auf des Königs ausdrücklichen Befehl spielen. Außer den drei
Trommelarten und zahlreichen Sylimbas (citherartigen Instrumenten) fand
ich bei der königlichen Musikcapelle noch Streichinstrumente aus
Fächerpalmenrippen, eiserne Glöckchen und eine klöppellose Doppelglocke,
sowie aus Fruchtschalen verfertigte Schellen, ferner aus Elfenbein, Holz
und Schilfrohr gearbeitete Pfeifchen. So werden die Streichinstrumente
beim Elephantentanz, die Glocken beim Kischitanz, die Schellen bei den
Hochzeits-Ceremonien verwendet; für den prophetischen Tanz der Masupia
leiht der König flaschenförmig ausgehöhlte, durchlöcherte, mit trockenen
Samen gefüllte, faustgroße Kürbisse, welche geschüttelt, schellenartige
Laute erzeugen. Nur die aus Fruchtschalen bereiteten Schellen, einige
Glöckchen und kurze Pfeifen sind in ähnlicher Form unter der Bevölkerung
zu finden, häufiger das citherartige Instrument, doch meist in
untergeordneter Gestalt; die größten und bestgearbeiteten besitzt der
König, wie ihm überhaupt alle Capellen-Instrumente gehören, so daß es
mir nicht gelingen konnte, diese zu den schönsten Handarbeiten im
Marutse-Reiche gehörenden Objekte meinen Sammlungen einzuverleiben,
dagegen erstand ich mehrere kleine citherartige Instrumente. Die
Gemeinden, d. h. Niederlassungen, haben in der Regel bei den meisten
Stämmen längliche kleine Trommeln, je eine, in der Berathungs- oder
Gemeindehütte aufbewahrt, die bei besonderen Jagderfolgen, bei
Vergnügungen, bei Bestattungen erschallen.

Die Weisen und Melodien der Marutse-Mabunda sind im Allgemeinen eintönig
doch zahlreich und zeigen, daß einiger Unterricht in kurzer Zeit
verhältnißmäßig guten Erfolg haben würde. Selbstverständlich ist hier
die Musik nur ein mechanisches Bearbeiten der einzelnen Instrumente, nur
bei den Citherspielern fand ich eine Ausnahme. Ich erwähne namentlich
die beiden königlichen Citherkünstler, zwei Greise, die unstreitig mit
Gefühl spielten. Sie sangen, d. h. summten dazu, doch ihre Stimme war
genau den bald ruhig fließenden Accorden entsprechend gemessen, bei der
sich allmälig zu Piano und Pianissimo dämpfenden Melodie zu einem
flüsternden leisen Gesange gesunken, um wieder allmälig zu einem Forte
überzugehen. Ich vermißte hier glücklicher Weise das mißtönende
krächzende Einfallen, wodurch sich der plötzlich in ein schreckliches
Fortissimo ausbrechende Gesang des Obertambours kennzeichnete.

Noch eines Musik-Instrumentes muß ich erwähnen, ich bedauere blos, daß
ich es überhaupt nennen muß, und daß ich es im Marutse-Lande vorfand; es
sind vier Kriegstrommeln, die nur zur Kriegszeit geschlagen, gewöhnlich
im Berathungshause aufbewahrt werden. Der Wahnsinn des Aberglaubens
machte sie zu grausigen Objecten, ihr rother Anstrich, die rothen
Flecken am Trommelfelle, sind Blutzeichen; sie enthalten trockene
Fleisch- und Knochenstücke, die, unschuldigen Kindern angesehener Eltern
bei Lebzeiten abgeschnittenen Finger und Zehen, welche Amulete
(Beschwörungsmittel) abgeben sollten, um dem neuerbauten Schescheke
Krieg und Feuer, und dem Reiche räuberische Ueberfälle fern zu halten.

Im Gesange stehen die Bewohner des Marutse-Mabunda-Reiches höher als die
Betschuana, in manchen Formen ebenbürtig der Zulu-Race, doch werden sie
von diesen und den Matabele durch deren großartige Kriegs- und
Todtengesänge übertroffen. Der oben erwähnte Tanz, den ich am 26.
beobachtete, ist ein Landesgebrauch der Mabunda, wird Kischitanz genannt
und nur auf des Königs Geheiß getanzt und hat geschlechtliche Aufregung
zum Zwecke. Den Kischitanz tanzen zwei oder vier Männer, von denen je
einer den Mann, der andere die Frau vorstellen soll; die große
Röhrentrommel begleitet den Tanz; die Tänzer sind von einem Haufen
junger Leute umgeben, die zu dem Trommelschlag singend in die Hände
klatschen und aus deren Mitte zuerst einzeln, dann je zwei neue Tänzer
hervorkommen und gegen den König gewendet, ihren körperverdrehenden Tanz
beginnen. Ein Anlauf, ein Annähern von der einen, ein Zurückweichen von
der anderen Seite etc. sind das Wesen und die gebräuchlichen Gesten des
Tanzes. Die Costüme sind königliches Eigenthum, es war mir daher nicht
möglich, sie zu erwerben.

Dasselbe besteht aus der eigentlichen Maske, dem Netzwerk und der
Lendenumhüllung. Die Maske, von Knaben aus Thon und Kuhdünger modellirt,
ist mit rothem Ocker und Kalk bemalt und ein ziemlich bedeutendes
Product des Mabunda-Fleißes. Die Maske ist bedeutend größer als der
Kopf, den sie nebst dem Halse vollkommen bedeckt und einer mit
niedergeschlagenem Visir versehenen Helmhaube ähnelt. Für die Augen und
den Mund, seltener für die Nase, sind kleine Spalten offen gelassen. Die
scharf hervorragenden Züge der Maske sind den als Wasserspeier benützten
Zerrgestalten ähnlich und die Maske am Cranium mit Buckeln versehen, am
mittleren in der Regel als Schmuck Schwanzhaare des gestreiften Gnu, an
den übrigen Federbüsche befestigt. An der Maskenhaube oder unter ihr so
weit hinausreichend, daß der Halstheil bedeckt wird, sehen wir das
Netzgewand, das aus einer langen geschlossenen, mit langen Aermeln und
daran befestigten Netzhandschuhen, aus federspuldickem Bastnetzwerk
gearbeiteten Jacke und aus ähnlichen hohen Strümpfen besteht. Von den
Lenden bis zu den Knöcheln reicht eine in Falten gelegte Wolldecke oder
Carosse, welche die die Frau vorstellende Maske trägt, über der
letzteren wird noch je ein Thierfell vorne und hinten getragen. Bis auf
einen um den Hals bandartig geschlungenen Strohwisch ähnelt die
weibliche Maske der männlichen, die letztere zeigt auffallendere
Haubenverzierungen. Am Stahlringe, der um die Hüften läuft, sind
rückwärts einige Glöckchen befestigt, die bei der leisesten
Körperbewegung erklingen. Der Kischitanz, der eine Unzahl von Zuschauern
anlockt und zu dem Kinder nicht zugelassen werden, wird in Schescheke
meist in vierzehntägigen Zwischenräumen aufgeführt.

[Illustration: Am Ufer des Zambesi.]

Am 27. bemerkte ich einige Leute des Alumba-Stammes, welche sich durch
eine besondere Haarfrisur auszeichneten. Die einzelnen kleinen Knoten
ihres wolligen Haares werden mit einem aus Fett und Brauneisenstein
bestehenden Brei derart bestrichen, daß die Wolle vollkommen verhüllt
wird und die 1 bis 2½ Zoll langen Haarknoten an dem herabhängenden Ende
bedeutend verdickt erscheinen. In dieser Weise wird nur das Wollhaar am
Scheitel behandelt, und zwar in etwa vier über einander liegenden Lagen.
Einige der Marutse trugen am Halse Schuppen des Schuppenthieres und
Reste einer Schildkrötenart, welche sie mit gutem Erfolg als
blutstillendes Mittel gebrauchten. Auch zeigte man mir ein Stückchen
Buschholz, an dem man bei Keuchhusten-Anfällen, kleine Kinder mit Erfolg
saugen läßt.

Bei seinen Besuchen, die uns Sepopo abstattete, brachte er stets, von
einem ganzen Trosse seiner Diener begleitet, bedeutende Mengen von
Elfenbein, um von Blockley namentlich Gewehre und Schießpulver zu
kaufen. Während des Nachtmahls stellten sich dann die Schützen ein,
welche am folgenden Morgen zur Jagd befohlen waren; der König gab jedem
circa einen Liter Schießpulver und merkte sich genau den Mann. Blockley
klagte über die Forderungen Sepopo's, die dieser an ihn stelle,
besonders darüber, daß er nach jedem Kaufe ein bedeutendes Geschenk
begehre. Westbeech hatte dies eingeführt und den König daran so gewöhnt,
daß dieser nunmehr sich ohne Geschenk nicht zufrieden gab. Anfangs, da
Westbeech der einzige Händler war, welcher seine Waaren am Zambesi
feilbot und dies am rechten Tschobe-Ufer geschah, konnte er für seine
Waaren jeden beliebigen Preis fordern und bekam ihn auch, als jedoch
andere Händler, durch diesen Erfolg angelockt, nach Schescheke gingen,
waren sie vollkommen in der Gewalt des Königs und da sie sich noch
überdies überboten, klagten sie über den schlechten Ertrag des Handels.

Als ich am 28. den König besuchte und wir abermals über meine Reise
sprachen (der König war in Folge eines Streites mit Blockley in
schlechter Stimmung und ich trachtete ihn, indem ich ihm durch Mahura
lustige Reisebegebnisse erzählte, wieder in guten Humor zu bringen),
zeichnete er mir im Sande mit seinem Stöckchen meine Route durch sein
Reich, zeichnete den Lauf des oberen Zambesi und seiner Nebenflüsse, daß
mir förmlich das Herz vor Freude pochte. Den König freute das Interesse,
das ich an seinen Mittheilungen nahm, er rief zwei vorübergehende Männer
herbei. Es waren zwei Manengo vom oberen Zambesi, welche die mir
bezeichnete Strecke mehrmals bereist hatten und vom Könige befragt, die
eben von ihm beschriebene Route selbst bestimmen sollten. Und siehe da
-- ihre Erklärung stimmte mit der des Königs _vollkommen überein_.

Als ich Abends eben damit beschäftigt war, an meinem Tagebuche zu
arbeiten, versuchte es Jemand, sich durch die Eingangsöffnung zu
drängen. Es war eine Frau, die den Basuto-Diener April suchte. Ihr Mann
hatte bei dem Brande Alles verloren und von April ein kleines Geschenk
an Glasperlen erhalten, wofür er sein Mulekau wurde und nun dessen Frau
während der Zeit seines Aufenthaltes in Schescheke als Gegengeschenk
erhalten hatte.

Alles was Sepopo bei mir sah und ihm neu erschien, wollte er, wenn es
ein ihm brauchbar dünkender Gegenstand war, besitzen, andernfalls aber
wenigstens die Erklärung des Gegenstandes erhalten. So befragte er mich
über meinen Compaß; um ihm die Wichtigkeit des Instrumentes zu zeigen,
zeichnete ich die östliche Hemisphäre in den Sand, dann Afrika allein
und darauf meine Route wie die verschiedenen, südlich vom Zambesi
liegenden, unabhängigen Betschuana-Reiche.

Am Nachmittage besuchte ich das königliche Küchen-Departement, das
mehrere Personen zählte und unter der Leitung einer Frau stand. Die
riesigen Korngefäße ruhten auf Holzgestellen, in eigenen, aus Matten und
Rohr erbauten Hütten. Im Allgemeinen war Alles sehr reinlich gehalten.
Zur Zeit meines Besuches wurde eben -- das Feuer wird stets im Höfchen
auf einem niedrigen Heerde angemacht -- von einem Diener Nilpferdfleisch
in einem riesigen Topfe gekocht. Das Fleisch war ziemlich gar und wurde
auf einer Holzschüssel servirt, dann aus dieser auf kleinere zertheilt
und der Königin zugesendet.

Spät Abends kam ein Bote vom Panda ma Tenka-Thale mit der Nachricht, daß
Westbeech mit dem Händler Francis von Schoschong daselbst angekommen
sei. Da ich am nächsten Morgen die versprochenen Kähne zur Abreise zu
erhalten hoffte, arbeitete ich bis gegen Morgen an den entworfenen
Zeichnungen.

Früh am 29. wurde ich auch zu den Kähnen gerufen. Diese sollten mich bis
zur Makumba-Landungsstelle bringen und dann hier liegen bleiben, um die
von Westbeech zu erwartenden Waaren nach Schescheke zu bringen. Die
Stromfahrt nach abwärts war nicht minder angenehm als die Fahrt zu
Sepopo. Ich gab mich der Betrachtung der reichen Vogelwelt hin und hatte
bald an den insbesondere durch einen verlängerten Unterkiefer
ausgezeichneten, schwarzweiß-gescheckten Scheerenschnäbeln
(^Rhynchopsinae^), den riesigen Marabus und den großen Eisvögeln mehr
denn hinreichende Studienobjecte gefunden. Die Binsen waren mit
Schnecken bedeckt und das Ufer von den Krabben förmlich durchlöchert.
Ein Loch lag neben und über dem andern. Das Wasser war in den wenigen
Tagen, seitdem ich den Strom aufwärts befahren hatte, um 18 Zoll
gefallen.

Am nächsten Morgen, nachdem wir an der Bucht übernachtet, fuhren wir
weiter, die Bootsleute thaten dabei ihr Möglichstes, rasch vorwärts zu
kommen, und schätzte ich die Geschwindigkeit, mit der wir uns vorwärts
bewegten auf vier bis fünf englische Meilen in der Stunde. Als ich nach
Impalera gelangte, fand ich hier die Händler Westbeech und B. Francis,
sowie einen Gehilfen des ersteren, welche eben im Begriffe waren, Sepopo
begrüßen zu gehen. Sie hatten ihre Wägen in Panda ma Tenka
zurückgelassen. Francis war diesmal wie auf allen seinen Handelszügen
von seiner von Weißen wie Schwarzen hochgeschätzten Gemahlin begleitet.
Er war mit zwei Wägen und einem entfernten Verwandten, Oppenshaw, als
Gehilfen (Clerk) gekommen. Westbeech, der sich erst einige Monate zuvor
mit einer Farmerstochter aus dem westlichen Transvaal-Gebiete
verehelichte, kam in der Begleitung seiner jungen Frau, eines Gehilfen
Buuren und eines Mannes mit Namen Walsh, der früher Soldat und dann
Gefangenwärter in Hope-Town gewesen war und sich sehr gut auf das
Abbalgen der Vögel verstand. Er sollte eben dieser Arbeit in den
Zambesi-Gegenden obliegen und beide sich in den Ertrag theilen.
Westbeech und Francis wollten von ihrem Besuche bei Sepopo rasch nach
dem Panda ma Tenka-Thale zurückkehren und dann nach den Victoriafällen
gehen, um dieses Naturwunder ihren Frauen zu zeigen.

Von den angekommenen Händlern erhielt ich meine Correspondenz, darunter
willkommene Briefe aus der Heimat, aus den Diamantenfeldern
(Griqualand-West), aus den Transvaaler Goldfeldern, auch 60 Zeitungen,
deren freie Ränder mir später von großem Nutzen sein sollten; darunter
ein Exemplar der »Diamond News« mit meinem ersten über die dritte Reise
veröffentlichten Artikel. Meine Abreise war durch die Abwesenheit des
Häuptlings Makumba verzögert worden. Das Uebersetzen über den Tschobe
schien mir zwar leicht zu bewerkstelligen, allein ich brauchte ja
Träger, um die in Schescheke gesammelten Objecte und das für den Verkauf
von Ochsen von Blockley erhaltene Elfenbein nach dem Panda ma
Tenka-Thale schaffen zu lassen. Die zweite Ueberfahrt über Tschobe
verursachte mir viel Sorgen und Aerger. Mangel an Trägern und ein Boot,
das ein faustgroßes Leck hatte, wodurch der Transport meiner Sammlungen
sehr gefährdet wurde, hielten mich in steter Aufregung. Im Leschumothale
angekommen, fand ich die schon erwähnten englischen Officiere, Mr. Loud
und Fairly, die einen zweiten Besuch bei Sepopo machen wollten, sie
gestatteten mir, mich ihres Wagens nach Panda ma Tenka zu bedienen. In
der Nacht zum 3. wurde das Gespann geholt und ich verließ das Thal. Auf
meinem Zuge nach der Gaschuma-Ebene beobachtete ich, daß das Abbrennen
des Waldgrases eine Verminderung der Tsetse zur Folge hatte und das Gras
bereits neu zu sproßen begann.

Am Mittag des 4. langten wir in der Gaschuma-Ebene an, welche, trotzdem
sie wieder abgebrannt worden war, an den noch begrasten Stellen
zahlreiches Wild beherbergte. Am Wagen befanden sich auch zwei den
englischen Officieren gehörige Pferde, welche unglücklicher Weise gerade
dem nachlässigsten ihrer Diener anvertraut waren. Ohne meinen Warnungen
Gehör zu schenken, ritt derselbe am nächsten Morgen mit den Pferden
voraus. Als wir uns der Baobabstelle näherten, befahl ich meinem Diener
und dem Wagenlenker scharf auszuspähen, denn ich war dessen sicher, daß
der bekannte Löwe dem störrigen Diener begegnet war. Da es noch nicht
vollkommen Tag war, konnten wir nicht viel sehen, doch bemerkte der
Wagenlenker den Gesuchten auf einem Baume stehend und blos ein Pferd des
Capitän M. nahebei. Das geübte Auge des Hottentotten erkannte zu
gleicher Zeit in den einige hundert Schritte entfernten Büschen zu
unserer Rechten einen sich zurückziehenden Löwen. Mich auf den Bock
stellend, spähte ich aus und sah auch bald darauf das Pferd einige
Schritte links vom Wege mit ausgerissenen Eingeweiden daliegen. Einige
kleine Wunden im Nacken zeigten, wie es der Löwe getödtet. Die Sache
trug sich folgendermaßen zu. Ungefähr auf 300 Schritte dem schon
erwähnten Baobab nahegekommen, wurde der Diener von dem Löwen
angegriffen und bei der Verfolgung vom Pferde abgeworfen, während der
Löwe, ohne sich um den Mann weiter zu kümmern, den Pferden nachsetzte.
Hierbei trat dem Eisenschimmel des Herrn Fairly die herabgleitende Decke
bei dem Fluchtversuche hindernd in den Weg, so daß das Thier eingeholt
und niedergerissen wurde. Der Schwarze suchte seine Zuflucht in dem
nächsten Mapanibaume, auf welchem er auch bis zur Annäherung unseres
Wagens verblieb, während das zweite Pferd bis zu unserer Ankunft, etwa
sechzig Schritte entfernt ruhig graste. Ich nahm mit den Dienern
Verfolgung des Löwen auf, jedoch ohne Erfolg.



                                VIII.
                    Ausflug zu den Victoriafällen.


Ankunft in Panda ma Tenka. -- Neue Enttäuschungen. -- Theunissen verläßt
mich. -- Aufbruch nach den Fällen. -- Jagd auf Orbecki-Gazellen. -- Eine
Giraffenheerde. -- Die Süßwassertümpel in der Umgebung der
Victoriafälle. -- Thier- und Pflanzenleben in denselben. -- Ein
schmerzenreicher Gang. -- Der erste Anblick der Fälle. -- Unser Skerm.
-- Charakteristik der Fälle. -- Großartigkeit und Pracht derselben. --
Höhe und Breite der Fälle. -- Die Inseln an der Fallkante. -- Höhe der
Dunstsäulen. -- Die Erscheinung der Fälle bei Sonnen-Auf- und
Niedergang. -- Die Abflußrinne des Zambesi unterhalb der Fälle. --
Felsenbildungen. -- Vegetation und Thierleben an den Fällen. -- Jagd auf
Paviane. -- Ein interessantes Löwenabenteuer. -- Die Manansa's. --
Schicksale und Charakter derselben. -- Ihre Sitten und Gebräuche. --
Brautwerbung und eheliches Leben bei denselben. -- Todtenbestattung. --
Rückkehr nach Panda ma Tenka.

[Illustration: Jagd auf Bushvaarks.]

In Panda ma Tenka angelangt, fand ich reges Leben in Westbeechs
Pfahlumzäunung, mehrere Wägen waren eingetroffen, ein ganzer Troß von
Dienern bewegte sich bunt durcheinander und dazwischen heulten und
liefen nicht weniger als etwa 20 Hunde. Leider fand ich, daß der Regen
in meinen Wagen gedrungen war und mir die aus Thierfellen bereiteten
Kisten derartig beschädigt hatte, daß die meisten der in ihnen
aufbewahrten Insecten, Pflanzen und Samen verdorben waren. Einige der
bei meiner Abreise zurückgebliebenen Händler fand ich bedenklich am
Fieber erkrankt. Während meiner Abwesenheit wurde einer der Diener
Khama's, des Bamangwato-Königs, der von diesem an den schon erwähnten
Jäger Africa verdungen worden war, von einem Elephanten getödtet. Africa
mußte später, als er nach Schoschong kam, als Entschädigung 50 £ St.
zahlen.

Nach dem Besuche der Victoriafälle wollte Westbeech mit seinem Gehilfen
Bauren einen dreimonatlichen Aufenthalt in Schescheke nehmen, Blockley
sollte es indeß versuchen, mit Wanke, dem östlich von den Victoriafällen
wohnenden Makalaka-Fürsten Handel zu treiben, während Bradshaw in Panda
ma Tenka bleiben, die Oberaufsicht führen und von den Madenassana's und
Masarwa's Elfenbein einhandeln sollte. Mein Gefährte Th. hatte vollauf
zu thun, um für die am Wechselfieber erkrankten Elfenbeinhändler die
nöthigen Medicamente zu bereiten. Während ich tagsüber Ausflüge
unternahm und meine Vorbereitungen zur zweiten Zambesi-Reise traf,
benützte ich die Nachtstunden zur Erledigung meiner Korrespondenz und
Aufzeichnung meiner Erlebnisse.

Am 10. September kehrten Westbeech und Francis von Sepopo zurück und
brachten je einen circa 50 Pfund schweren Elfenbeinzahn als Geschenk des
Königs für ihre Frauen mit. Sie waren auf ihrer Rückfahrt auf mehr als
30 Krokodile und 5 Nilpferde gestoßen, wobei sie von einem der letzteren
angegriffen wurden. Mein zweiter Aufenthalt in Panda ma Tenka brachte
mir viele Sorgen und Enttäuschungen, meine Mühe, Diener und Träger zu
finden, war leider vergeblich. Meine Enttäuschung erreichte den höchsten
Grad, als ich von einem der Händler erfuhr, daß mein Gefährte Th. mit
mir nicht weiter gehen und mich hier verlassen wolle, um nach dem Süden
zurückzukehren; ich hatte mich auf ihn verlassen und seinethalben andere
Offerten zurückgewiesen. Th. war mir die ganze Zeit bisher immer treu
und willig beigestanden und ich konnte es kaum glauben, daß er mich in
der gegenwärtigen entscheidenden Stunde meiner Reise, in welcher ich
einen Freund so nöthig hatte, verlassen konnte, dieses Mißgeschick war
indeß unabwendbar und wurde noch dadurch verschärft, daß Pit sich derart
ungeberdig benahm, daß ich ihn entlassen mußte.

[Illustration: Zusammentreffen mit Giraffen.]

Es war eine Wiederholung jener vielen Enttäuschungen am Vorabende der
Ausführung einer lange gehegten Idee oder eines lange gefaßten Planes,
wodurch ich mich plötzlich von meinem angestrebten Ziele weit
zurückgeschleudert sah. Wo sollte ich Diener miethen, die mir auf meiner
Weiterreise nach Nordwest als Träger dienen mußten? In dieser
unangenehmen Lage, in einer Situation, in der ich, von meinen Leuten
verlassen, selbst nicht im Stande war, in den Wäldern nach Osten die
Eingebornendörfer aufzusuchen, um neue Diener zu miethen, wurden
Westbeech und Francis meine Retter. Als die Beiden meine Noth erfuhren,
versprachen sie mir unter den südlich von den Victoriafällen wohnenden
Manansa oder den ihnen benachbarten Batoka's Diener zu werben -- doch
unter der Bedingung, daß ich sie zu den Victoriafällen begleitete, wohin
sie sich begeben wollten um »^the splendid falls^« ihren Frauen zu
zeigen. Da half kein Zögern und ich ging. Es gelang mir noch zuvor einen
Masupia-Mann, den ich »Elephant« taufte und der vom Zambesi hergekommen
war, um bei einem Eingebornen oder weißen Jäger Arbeit zu suchen, zu
miethen.

Es war eigentlich nicht meine Absicht, die Victoriafälle aufzusuchen
(sie lagen etwa 50 englische Meilen rechts ab von meiner Reisetour),
allein durch diese eigenthümlichen, unerwarteten Umstände _gezwungen_,
mußte ich mich zu einem Besuche derselben entschließen. Heute schätze
ich mich glücklich, der Aufforderung der beiden Händler Folge geleistet
zu haben. Meinen Wagen der Aufsicht der Leute Westbeechs überlassend,
machte ich mich mit den neuen Freunden auf den Weg. Wir fuhren in zwei
Wägen bis zur Gaschuma-Ebene. Die Gegend zwischen der früheren
Handelsstation am Panda ma Tenka-Flüßchen und Gaschuma ist für den
Reisenden sehr anziehend. Wir gelangten gegen 3 Uhr Morgens zu den
ersten Teichen der Gaschuma-Ebene. Die Richtung nach derselben war eine
nordnordwestliche, während die Victoriafälle nordöstlich lagen, wir uns
daher von der Gaschuma-Ebene nach Osten zu wenden und dann eine
Ostnordost-Richtung einzuschlagen hatten.

Um die von der Tsetse inficirte Gegend zu den Victoriafällen durchziehen
zu können, mußten die Wägen mit den Ochsen auf der Gaschuma-Ebene
zurückgelassen werden und bedienten wir uns für die Weiterfahrt eines
von sechs Langohren gezogenen Karrens. Die Reise-Gesellschaft bestand
aus folgenden Personen: Westbeech und seine Frau, Francis und dessen
Frau, Bauren, Oppenshaw, Walsh und mir, ferner vier Cap-Halfcastmännern,
meinem Masupia-Diener und zwanzig Makalaka's und Matabele's. Diese
benutzten wir als Träger, um unsere Nahrung, Kochgeschirre und Decken
fortzuschaffen.

Auf der Gaschuma-Ebene, welche durch dichte Fächerpalmenbüsche und
einige prachtvolle Fächerpalmen geschmückt ist, blieben wir bis zum 15.,
um eine tüchtige Umzäunung um unsere Wagen zu errichten, denn zahlreiche
Löwenspuren nöthigten uns zur größten Vorsicht. Das Gras auf der Ebene
war zum größten Theile niedergebrannt, nur hie und da zeigten sich noch
dichtere Partien. Stellenweise fing neues Gras zu sprossen an und hier,
kaum daß man sie wahrnehmen konnte, lagen flach auf der Erde paarweise
oder zu Vieren die schönen, zierlichen Orbecki-Gazellen, die bei unserer
Annäherung plötzlich aufsprangen und in Sätzen davon eilten, um sich in
der Entfernung von einigen hundert Schritten nach uns umzusehen.

Ich und O. (F.'s Freund) hatten einige der Thiere verfolgt und waren so
von der langsam sich vorwärts bewegenden Karawane abgekommen. Da jedoch
unsere Verfolgung nutzlos war, wandten wir uns nach unseren Gefährten,
hatten auch schon hundert Schritte nach dieser Richtung hin
zurückgelegt, als kaum 30 Schritte vor uns blitzähnlich ein
Orbecki-Pärchen aufsprang. Freund O. schießt auf das eine Thier, das
kaum 50 Yards von uns entfernt stehen blieb und bricht ihm den einen
Vorderlauf nahe am Knöchel, allein auf drei Füßen jagt das Thier in
großen Sätzen weiter. Wir folgen, doch schon auf 200 Schritte Entfernung
springt es wieder auf; wir schießen neuerdings und fehlen, erst ein
dritter von mir abgefeuerter Schuß traf das in großen Sätzen flüchtende
Thier in die Lenden. Es fiel im Sprunge und als wir es erreichten, war
es verendet. Da kein Diener in der Nähe war, mußten wir es abwechselnd
tragen, bis wir nach zweistündigem Marsche in der brennenden Hitze zu
den tief im Walde lagernden Genossen stießen.

Nachmittag brachen wir auf und legten sechs Meilen, im Ganzen bisher
dreizehn englische Meilen zurück. Diese Strecke war von der
Gaschuma-Ebene und einem tiefsandigen Walde gebildet. Dann passirten wir
vier Thäler und schlugen in dem bedeutendsten, dem fünften, unser
Nachtlager auf. Diese Thäler waren seicht, die Spruits bis auf jene im
vierten und fünften trocken, hochbegrast und vertieften sich nach
Südost, wohin die Flüßchen sich wandten, um sich in den Panda ma
Tenka-Fluß zu ergießen. In dem dritten Thale trafen wir eine
Giraffenheerde an, die an uns in einer Entfernung von 600 Schritten
thalabwärts vorbeipassirte. Auf der Strecke von der Gaschuma-Ebene bis
zu unserem Nachtlager trafen wir folgende Wildarten, nebst frischen
Spuren von Thieren, die kurz zuvor unsern Pfad gekreuzt haben mußten.
Orbecki's, Deuker-, Rietbock- und Steinbock-Gazellen, Wasser-Antilopen,
Zulu-Hartebeests, Kudu's, Giraffen, Büffel, Elephanten und Zebra's.

Das Flüßchen, an dem wir übernachteten, hieß Tschetscheta. Dasselbe floß
bald in dünnem Strahle über Steine, bald durch einen schilfigen Morast,
um gleich darauf einen tiefen, klaren, breiten Tümpel zu bilden. Die
Thäler waren alle hochbegrast, das Gras stellenweise bis fünf Fuß hoch
und dicht, und der Boden humusreich. Diese klaren Tümpel der oberen
Zuflüsse des Panda ma Tenka-River und einige, welche hoch oben liegen
und von Krokodilen nicht erreicht werden können, gehören zu den
interessantesten Punkten der hügeligen Umgebung der Victoriafälle. Ich
habe manche Stunde, in der Betrachtung derselben versunken, hier
durchträumt; das klare Wasser zeigt uns, daß der Tümpel von Krokodilen
frei ist und darum lohnt es sich der Mühe, sich in das Gras
auszustrecken und dem Leben und dem Bilde unter der schimmernden
Oberfläche einige Betrachtung zu widmen.

Da wo hohes Gras diese Miniatur-Weiher umgibt, wäre es gefährlich, sich
denselben ohne Vorsicht zu nähern, hohes Gras an Flüssen ist ein
gesuchter Aufenthalt aller Katzenarten Süd-Afrika's und deshalb ist es
nöthig, erst einige Steine in das Gras vor sich zu werfen, um sich zu
vergewissern, daß das Feld rein sei. Nachdem dies geschehen, nähern wir
uns dem Tümpel. Nahe an unserem Lagerplatze lag ein vier Meter breiter,
zwei Meter tiefer und zehn Meter langer Weiher, in den sich ein kaum
zehn Zentimeter breiter Wasserstrahl ergoß, der Abfluß in ein
Binsendickicht war etwas breiter.

Die Fluth war klar, man konnte leicht die Objecte am Grunde des Weihers
erblicken. Wohl die Hälfte der krystallenen Fluth war von einem zarten,
hier hell-, dort dunkelgrünen, die mannigfachsten und groteskesten
Formen und Gestalten bildenden Algengewebe durchsetzt. Hier stieg es in
Schichten empor, neben und übereinander gelagert, den zarten, theilweise
oder halb durchsichtigen Wölkchen in den azurnen Höhen ähnlich, dort zur
Linken, nahe dem Ausflusse bildete es ein dunkles Labyrinth von Grotten
und Höhlen, während es sich zu unserer Rechten zu dem wunderlichen
Gebilde einer Burgruine aufgethürmt hat. Deutlich sieht man den
Bergsockel, dessen dichten Lagen ein hohes, viereckiges Prisma und ein
dieses noch um einige Zoll überragender Cylinder, eine Warte ein Thurm
entsteigt; beide Gebilde, mit einem beiläufigen Durchmesser von 12 Zoll
sind in dem untersten Drittel ihrer Höhe mit einem Querarme verbunden,
der in seiner unteren Hälfte durchbrochen erscheint, diese breite Spalte
in dem zarten Algengewebe, durch die eben ein Fischchen schoß, glich
einer gothischen Thoröffnung. Oben an dem prismatischen Wartthurme
sonderten sich vom Pflanzengebilde einige wenige kurze, theilweise
spitzige Fortsätze ab, welche arg beschädigten Zinnen täuschend ähnlich
waren.

Vom Hintergrunde gegen des Weihers Mitte reicht ein dunkelgrüner, unter
dem Wasser bedeutend umfangreicher erscheinender Säulenwald, die Stengel
des über dem Wasser säuselnden Rohres. An einer freien Stelle in der
Fluth vor uns, zwischen dem Ufer, an dem wir im Grase ausgestreckt, und
den mannigfachen Gebilden der Algen, steigen drei spiralförmig gewundene
Stengel einer großbluthigen Nymphaea empor, zwei tragen die bekannten
flachen, großen und glänzenden Blätter, der dritte eine schöne hellblaue
Blüthe. Wie ein funkelnder Stern liegt sie auf dem Krystallspiegel. Noch
andere Algenformen (nebst jener erwähnten) entsteigen dem dunklen Grunde
des Weihers, manche mit zersägten und lappigen Blättern, ähnlich denen
verschiedener Farrenkräuterarten.

Anfangs scheinen uns diese Pflanzengebilde ruhig zu schlummern, doch
gewöhnt sich das Auge an das Bild, so nimmt es eine leise Strömung wahr,
welche in der klaren Fluth durch den Einfluß des dünnen Wasserstrahles
von rechts her erzeugt wird -- und die Folge davon? -- Die Rohrsäulen
vibriren, jetzt stärker, nach und nach schwächer, bis sich wieder eine
rascher zu bewegen scheint. Und die Grotten, Höhlen und die wundersam
geformten Ruinen der Algen? Jene rechts, namentlich die beiden senkrecht
aufgetürmten Formen zittern deutlich und ununterbrochen, während sich
die dem Abflusse nahen stark nach diesen neigen, als wenn sie Lust
hätten, den scheidenden Tropfen nach dem nächsten Weiher zu folgen.
Einige gelbblüthige Wasserpflanzen und jene gelappten Cryptogamen am
Boden strecken sich, als würden sie sich sehnen, gleich der
reichblätterigen Blume der Wasserrose, welche als erklärte Königin des
kleinen Seereiches sich auf der spiegelnden Oberfläche hin- und
herwiegt, auch die Höhe und mit ihr die letztere zu erreichen, um sich
am Tage von den Sonnenstrahlen erwärmen und küssen, von den Schatten der
Nacht kühlen und vom Morgenthau erfrischen zu lassen.

Das Bild im Weiher gestaltet sich für den Beschauer noch anziehender
durch das Leben der Thierwelt, welcher das Gewässer zum bleibenden
Aufenthalte dient. An der freiesten Stelle, um der Sicherheit halber
Rundschau halten zu können, liegen mehrere dunkelgestreifte
barsch(?)artige Fische, bis auf die leichten, kaum merkbaren Bewegungen
ihrer Schwanzflossen unbeweglich. Zeitweilig tauchen aus den
Grottenlabyrinthen der Algen etwa fußlange, langbebartete Welse auf,
welche meist paarweise, bald neben, bald hinter einander schwimmend,
sich necken und spielen. Doch was ist jener dunkle, gelblich marmorirte,
querüber im Schilfwalde, auf dem gegenüberliegenden Ufer und, wie es
scheint, unbeweglich liegende Gegenstand? Eine Schlange? -- Nein, jetzt
rührt es sich; das eine spitze Ende berührt die Wasseroberfläche, es ist
ein Leguan, der auf die befloßten Bewohner des Weihers lauert. Und
außerdem welch' emsig Treiben der niederen Thierwelt! Kleinere und
größere Wasserkäfer, Dytiscus- und Hydrophilus-Arten, sowie auch
Wasserspinnen, die einen emsig sich emporrudernd, die anderen, schon mit
dem hellschimmernden Luftbläschen versehen, wieder hinab eilend, um sich
unter den Blättern der Wasserpflanzen, oder in dem Algengewebe zu
verbergen. Gleich Seiltänzern klimmen ihre Larven und jene der Lybellen
die Stengel der Seerosen auf und nieder, während jene der Uferfliegen
mühsam kleine, puppenförmige Gehäuse nachschleppen.

Am nächsten Morgen ging es weiter; wir hatten zahlreiche Flüßchen und
tiefe, von schwarzem Humusboden bedeckte und mit hohem Gras überwachsene
Thäler zu überschreiten. Die Flüßchen flossen nach Südsüdwest, nach Süd,
nach Südost und Ost und ergossen sich, wie ich denke, alle in den Panda
ma Tenka-Fluß. Die Thäler waren theils durch felsige Höhen, theils durch
sandige Wälder von einander getrennt. Wir trafen Kudu's, Stein- und
Wasserböcke, Bushvaarks und zahlreiche Elephantenspuren. Am Nachmittage
kamen wir über einen hohen, tiefsandigen Wald in ein größeres und
breiteres Thal, in das von beiden Seiten mehrere Seitenthäler
einmündeten. Unser Nachtlager schlugen wir an einem stets fließenden
Wasser auf, welches auch die sämmtlichen Gewässer, die aus den
Seitenthälern in das Hauptthal münden, aufnimmt und von den hier früher
wohnenden Manansa der Matopa-Fluß genannt wird. Auf zwei Drittel seines
Laufes stellt der 5 bis 22 Fuß breite, 1 bis 4 Fuß tiefe Fluß einen
Gebirgsfluß dar, dessen Bett sich gegen seine Mündung (unterhalb der
Victoriafälle) verbreitert.

Am folgenden Morgen, den 17. September (1875), verließen wir zeitlich
unser Lager, um noch am selben Tage die Victoriafälle zu erreichen. Mir
war dieser und alle die ferneren Tage dieser Reise, bis zu meiner
Heimkehr nach Panda ma Tenka, zu Leidenstagen geworden. Um meine
Fußbekleidung für die fernere lange Reise zu schonen, hatte ich zu
diesem Ausfluge mir von einem im Panda ma Tenka-Thale jagenden Händler
ein Paar Schuhe gekauft; leider zerfielen dieselben schon am zweiten
Tage und ich sah mich gezwungen, die lose anhängenden Stücke mit
Riemchen an den Fuß zu binden. Dazu waren die durchwanderten Gegenden
sehr dornenreich und steinig, und die Felsenplatten durch die heiße
Sonne glühend geworden.

[Illustration: Leben und Weben am Grunde der Süßwassertümpel.]

Schon am selben Morgen und zwar an einer Biegung des Matopa-Thales -- es
wendet sich plötzlich nach Osten -- hörte ich deutlich ein dumpfes
Gebrause, einem in weiter Ferne gleichmäßig rollenden Donner nicht
unähnlich. Da ich meinen Gefährten voraus war -- ich ging immer rascher,
um mich dann auf einige Momente niedersetzen zu können, konnte ich es
mir Anfangs nicht erklären, allein nach und nach schien es mir der erste
Vorbote des berühmten Wasserfalles zu sein. Wir hatten mehrmals den
Matopa-River und manchmal unter großen Schwierigkeiten zu überschreiten;
ich ging voraus, denn meine Füße schmerzten mich sehr, und ich sehnte
mich darnach, mich auf einige Stunden ausruhen zu können. An dem
steilen, bewaldeten Abhange des linken Ufers beobachtete ich einige
flüchtige Zebra's, denen ich, soweit die Richtung ihrer Flucht mit
meinem Ziele, den vor mir noch in ziemlicher Entfernung ober den
Katarakten aufsteigenden Wasserdünsten, zusammenfiel, einige Stunden
nachschlich, doch nicht rasch genug in den zum Matopa-Flüßchen führenden
Schluchten folgen konnte. Je weiter ich ging, desto müder fühlte ich
mich; spät am Nachmittag mußte ich die Sohlen der zerstückelten Schuhe
tragen und trachtete barfuß die Fälle zu erreichen. Ich fühlte mich
jeden Moment mehr und mehr abgemattet, da ich vom Morgen her nichts zu
mir genommen hatte. Endlich gegen 4 Uhr langte ich, über eine
tiefsandige Waldeshöhe eilend, bei dem Falle an. Mir durch die Gebüsche
Bahn brechend, stand ich am Rande des Abgrundes, in den sich die Wässer
stürzen. -- Ich werde nie diesen Anblick vergessen.

Die Füße waren jedoch nicht mehr im Stande, die Körperlast zu tragen,
und so mußte ich mich auch von dem herrlichen Anblick trennen und dem
Ufer aufwärts folgend, einige Wildfrüchte zu erhaschen suchen. Ich
schlich mehr, als ich ging und mußte mich an den Bäumen und Sträuchern
festhalten, um nicht umzusinken, da endlich auf einem halbverdorrten
Klapperbäumchen entdeckte ich eine Frucht. Ich wußte, daß sie ein süßes
Fleisch barg, schlug sie mit einem Steine herab, zerschlug die dünne
gelbliche Schale und leerte in wenigen Augenblicken den Inhalt, als mir
der Same der Frucht auffiel, welcher jenem von ^Nux vomica^ täuschend
ähnlich war. Einige Minuten nach dem Genusse der Frucht stellte sich
auch wirklich heftiges Erbrechen ein und ich sank vollkommen ermüdet
nieder. Mühselig kroch ich zu dem Ufer des Zambesi und schlürfte von dem
klaren Wasser, das meine Lebenskräfte wachrief. Um meine Reisegefährten
aufmerksam zu machen, feuerte ich einige Schüsse ab, erhielt aber keine
Antwort. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich wieder besser, und als
ich etwa 50 Schritte gegen den Wald gegangen war, sah ich die ersten
meiner Genossen aus diesem heraustreten. Zwischen drei laubreichen,
breitkronigen Bäumen, etwa 500 Schritte vom Zambesi und 900 Schritte von
dem Falle wurde nun ein »Skerm« errichtet.

Mit dem Betreten der von Büffeln, Elephanten, Löwen etc. bewohnten
Districte drängt sich den zu Fuß Reisenden die Nothwendigkeit auf,
allabendlich einen Skerm (Schirm, Schutz) anzulegen, innerhalb dessen er
die Nacht unbelästigt zubringen kann. Je nach der Anzahl der Begleiter
und Diener errichtet man einen bis drei solcher Skerme, welche, von
halbmondförmiger Gestalt, aus in die Erde eingetriebenen, etwa sechs Fuß
hohen und mit Zweigen durchflochtenen Pfählen bestehen. In dem zu zwei
Drittel umzäumten Raume befindet sich das Nachtlager; die offene Seite
wird durch ein oder mehrere Feuer geschützt, welche wie eine Secante die
offenen Enden des Halbmondes verbinden. Abwechselnd muß einer der Diener
die Nacht über wachen, um diese Feuer zu unterhalten. Unsere Diener
machten vier Skerme, einen mit zwei Grashütten für die zwei Ehepaare,
einen für uns Junggesellen, Mr. W., B., O. und mich, einen für die
Capdiener (Halbcast), welche sich über die Zulu's und Makalaka's erhaben
fühlend, mit diesen nicht einen und denselben Schlafraum theilen
wollten, und einen für sich selbst. Unser Lagerplatz lag etwa in der
Mitte des eigentlichen Zambesi-Thales, zwischen dem Flusse und der
tiefsandigen, dichtbewaldeten Bodenerhebung, welche einigermaßen
parallel als die Senke eines Hochplateaus und eines Hügelnetzes schon
von der Tschobe-Mündung ab den Fluß stromabwärts begleitet. Längs des
Flusses zieht sich ein dichtes Gebüsch von Saropalmen und zwischen
diesem und jener Bodenerhebung liegt das eigentliche mit hohem Grase
bewachsene, von dichtem Busch- und Baumwuchs bedeckte Thal, aus welchem
die stolzen Fächerpalmen und mächtigen Baobabbäume dem Auge sofort
auffallen. Wir hielten uns drei Tage in der Nähe der Fälle auf, und
trotzdem ich durch meine wunden Füße viel zu leiden hatte, muß ich doch
diesen Zeitraum als einen der mich befriedigendsten meines ganzen
Aufenthaltes in Süd-Afrika bezeichnen. Ich halte die Victoriafälle des
Zambesi für eine der großartigsten Erscheinungen auf der Erdoberfläche.
Während wir an manchen Wasserfällen die Masse des niederstürzenden
Wassers wie an dem Niagara, bei anderen die Höhe der senkrechten Wand,
über die sich das Wasser in die Tiefe stürzt, bewundern, erregt bei den
Victoriafällen nicht nur der in einer Unzahl von einzelnen Strahlen und
Massen getheilte Fall des Wassers, sondern auch der Abfluß des
herabgestürzten Wassers in einer engen, steilwandigen und tiefen
Felsenschlucht, deren Breite sich zu der Strombreite oberhalb der Fälle
etwa wie 1:13 verhält, unser Staunen und Entzücken.

Der von Westen nach Osten zu fließende Strom macht an den Fällen eine
plötzliche Wendung nach Süden, so daß das Ufer an dem wir stehen zum
westlichen, das gegenüberliegende zum östlichen wird. Da jedoch der Fluß
unter denselben nicht in seiner vollen Breite abfließt, ist es dem
Beschauer möglich, einen großen Theil des den Fällen gegenüber nicht
bedeutend tiefer als diese liegenden südlichen Ufers als Standpunkt zu
benützen, um mit dem Gesichte nach Norden gekehrt, die Victoriafälle
betrachten zu können. Leider ist jedoch der unmittelbare Rand des
Abgrundes, in den sich die Wasser stürzen, und der wie erwähnt, den
Fällen gegenüberliegt, durch die stetig auf ihn fallenden Wasserdünste
so glatt, daß man nicht bis unmittelbar an dieselben herantreten kann.
Wir stehen nun etwa 100 bis 200 Schritte von einer klippenreichen,
schwarzbraunen, an 400 Fuß hohen Felsenwand entfernt, ihre untere
Begrenzung können wir nicht sehen; über ihre obere stürzen sich die
Wasser des Zambesistromes. Mehrere durch üppige tropische Vegetation
geschmückte Inseln, etwas über 100 Schritte vom westlichen Ufer
entfernt, theilen den Fall gleich in seinem westlichsten Viertel, und
auch weiterhin nach dem Ostufer ist er unmittelbar über dem Abgrunde, am
Rande der Felsenwand gelegene kleinere und größere, jeder Vegetation
baare, braune Felseninseln circa dreißigmal getheilt. Zu unserer Linken
zwischen den bewachsenen Inseln und dem Westufer ist die Felsenwand
niedrig, so daß das Wasser mit Wucht nach der Kante zueilt und hier in
einem einzigen, wohl 100 Schritte breiten Schwall bogenförmig in die
Tiefe stürzt. Zwischen diesem und den nächsten Strahl ist eine große
Fläche der schwarzbraunen Felsenwand zu erblicken, welche auch überall,
zwischen und hinter den dünnen oder auch breiten, lichten,
weißerscheinenden und zur Tiefe schießenden oder senkrecht über die
Felsenwand herabfallenden Strahlen zu sehen ist, und so einen dunklen
Hintergrund gewährend, diese nur noch deutlicher und schöner hervorhebt.

Die einen sind so dünn, daß sie den Grund nicht erreichen, schon im
oberen oder im unteren Drittel, manche in der Hälfte des Falles
zerstäuben, um als Dunst emporzusteigen. Manche, etwa drei bis fünf
Meter breit, erreichen den Abgrund -- doch mit zerstäubenden und
aufkräuselnden Rändern -- dort wieder fällt ein breiter Strahl auf eine
vorspringende Felsenzacke, daß er sich bricht und in Cascadenform zur
Tiefe stürzt, am wichtigsten schien mir der vom linken Uferrande in die
Tiefe schießende Wasserstrahl. Die Mannigfaltigkeit der fallenden
Wasserstrahlen und Massen ist gewiß unerreicht.

Haben wir diesen durch einige Zeit unsere volle Aufmerksamkeit gewidmet,
so ist es lohnend, den Blick zu erheben, bis er gegen Norden dem blauen
Horizont begegnet. Im weiten Hintergrunde das herrliche Grün der Fächer-
und Saropalmen, mit denen die in der Ferne über das Flußbett zerstreuten
Inseln bewachsen sind, welches angenehm von dem lichten Azur der Höhen
absticht, und neben und um diese Inseln die tiefblauen Ränder des
Stromes, seine Fluthen, die noch so still, so langsam fließen, daß es
scheint, als würden sie stille stehen, und folgen wir ihnen nach der
Richtung, in welcher wir stehen, so sehen wir sie anfangs wenig, doch
dann, je näher sie uns rücken, um so bewegter, bis sie einige Ketten
quer über den Fluß sich hinziehender und größtentheils aus dem Wasser
hervorragender Felsenblöcke erreichen, gegen diese anprallend
zurückweichen, um sich nun zwischen den freien Lücken und Nischen mit
vervielfachter Geschwindigkeit dem Abgrunde zu nähern, die schroffe
Kante zu erreichen und dann brausend in die Tiefe zu stürzen. Besonders
schön erscheinen die mit den Fächer- und Saropalmen und Palmengebüsch,
mit Lianen und Aloëarten bewachsenen, über dem Abgrunde liegenden und
von drei Seiten von den schäumenden Wogen umgebenen Inseln. Nachdem
Livingstone diese Fälle -- zu Ehren der Königin Victoria --
»Victoriafälle« genannt hat, erlaubte ich mir, das hochinteressante, die
Victoriafälle beiderseits umgebende Hügelland zu Ehren des Prinz-Gemahls
»^The Albert country^« und die Inseln zu Ehren der königlichen Prinzen
und Prinzessinnen mit deren Namen zu belegen.

Wenden wir uns zu dem südlichen und zugleich westlichen Ufer, an dem wir
stehen, und zu jenem Abgrunde, der wie ein Felsentrog zwischen uns und
den Fällen sich befindet und das herabstürzende Wasser aufnimmt. Unser
Ufer, wie das gesammte unter den Fällen ist eine Felsenbank, die mit
Humus und Thonerde bedeckt, einer besonders in der unmittelbaren Nähe
der Fälle üppigen Vegetation Raum gewährt.

Indem wir an dem Rande des Abgrundes stehen, genießen wir den Schatten
riesiger Sykomoren, Mimosen, etc. Diese Bäume, welche unsere schlanksten
Pappeln an Höhe überragen, haben meist wohl eine erst im letzten
Sechstel oder Achtel ihrer Höhe beginnende Krone, diese aber ist so
dicht, daß man unter ihnen wie unter einem ausgespannten Schirm steht.
Armdicke Lianen, schnurgerade oder in Spiralen emporsteigend, verbinden
den Fuß des Baumes mit seinem Gipfel und bieten den Affen Gelegenheit,
dem verborgenen Beobachter ihre Kletterkünste vorzuführen. Außer den
hohen Bäumen sind es noch dichte Saro- und Fächerpalmen-Gebüsche und
riesige Farrenkräuter, welche zur Ueppigkeit der Scenerie dieses Ufers
so viel beitragen. Der Reisende schreitet bei einem Gange durch diese
hochinteressanten Formen Floras über einen elastischen, schwellenden
Teppich von kleinen Blumen und Moos, der von Feuchtigkeit durchtränkt
ist, am Rande des Abgrundes aber, da, wo der nackte braune Felsen
hervorblickt, sehen wir einzeln oder in Knäueln, kleine, erbsen- bis
hühnereigroße, etwas plattgedrückte, rundliche, dunkelgrüne Algen lose
dem Felsen aufliegen.

Diese Ueppigkeit der Vegetation ist zu gutem Theil auf die continuirlich
von den Fällen herrührenden und auf die gegenüberliegenden Ufer
herabfallenden, reichlichen Wasserdünste zurückzuführen. Unaufhörlich
steigen längs der oberen Kante des Falles mit den einzelnen Fallstrahlen
correspondirende Säulen von Wasserdünsten einige hundert Fuß hoch in die
Lüfte, auf 50 englische Meilen weit sichtbar. Eben während unseres
Betrachtens sind sie unmittelbar vor uns so dicht, daß sie die
gegenüberliegende Stelle vollkommen verhüllen, doch schon im nächsten
Augenblicke hat sie ein mäßiger Windhauch von Osten her nach Links zu
gedrängt, nur eine dünne und durchscheinende Säule ist zurückgeblieben,
welche wie ein Schleier mehrere der vor uns herabstürzenden Strahlen
verhüllt und nun ein wahrhaft märchenhaftes Bild hinzaubert, denn auch
das tiefe Blau der Fluth über dem Falle und jene herrlichen Inseln mit
den Palmen erscheinen uns so fern gerückt und doch wieder so nah, wie in
einen Nebelschleier gehüllt.

Von unvergleichlicher Schönheit und malerischem Reize sind diese Fälle
bei Sonnen-Aufgang oder Niedergang, wenn kreisrunde, in den Dunstfäden
erscheinende Regenbögen den Effect erhöhen. Das Aufsteigen der Dünste
ist mit einem eigenthümlichen Zischen verbunden, und doch ist dies nur
zeitweilig zu hören, wenn der Wind das Getöse aus dem Grunde der
Felsenschlucht, das den Beschauer im wahren Sinne des Wortes betäubt,
etwas abschwächt. Wie ich schon erwähnt, können wir von dem Südufer --
dem besten Standpunkte des Beobachters -- den Boden des Abgrundes nicht
sehen (wohl von der westlichen Seite, wenn wir uns an den Rand einer
bebuschten Schlucht durcharbeiten können), und darum wirkt das
furchtbare Getöse, das von der Tiefe aus die Lüfte erfüllt und
meilenweit wie das ununterbrochene Rollen des Donners vernommen wird,
nur um so betäubender auf die menschlichen Sinne ein. Wir hören ein
Brüllen und Zischen, zeitweise deutlich das eigentümliche Anschlagen
stürzender Wassermassen an den harten Felsenklippen, der Felsenboden
unter uns scheint zu zittern, als käme dies Getöse aus einer Höhle unter
uns. Wenn wir in die Tiefe des Abgrundes hinabsehen könnten, es würde
die Sinne befriedigen und das ängstliche Gefühl, das sich unwillkürlich
unser bemächtigt, bannen, so aber kommt es uns vor, als stünden wir an
einem Höllenkrater, in dem die Elemente, in einem Vernichtungskampf mit
einander begriffen, rasen. Wie klein, wie machtlos und unansehnlich
erscheint der Mensch gegen solch' ein Product der Natur!

[Illustration: Die Victoriafälle.]

Wir wandten uns nun nach der tieferen Felsenschlucht, durch welche die
ganze Wassermasse des Stromes abfließt. Dieser Abfluß geschieht im
Zickzack, und in folgender Richtung. Von dem Felsenthore (dem Ausfluß)
etwa 300 Schritte weit ist die Richtung südlich, geht dann unter einem
stumpfen Winkel plötzlich auf 1000 Schritte in eine westsüdwestliche
über, welche nach einem scharfen Winkel auf 1100 Schritte in eine
südöstliche umschlägt u. s. w. Wenn wir von dem Thore längs derselben
hinschreiten -- so weit es nämlich die einmündenden Schluchten, die
wegen ihrer Steilheit umgangen werden müssen, gestatten -- so bietet
sich dem Auge, man möchte sagen alle 200 Schritte ein neues Bild der
steilen, die Schlucht bildenden Felsenwände. Hier stehen sie senkrecht,
schroff, als wären sie scharf abgemeißelt, hier erhebt sich eine braune
bis schwärzliche Felsenmauer, dort wieder eine ähnliche dunkle
Felsenwand, hie und da mit grünen und rothen Flecken, stellenweise
marmorirt; Punkte, die sofort in's Auge fallen und zu dem dunklen
Hintergrund einen äußerst angenehmen Contrast bilden. Der Wind hat von
dem hochliegenden Ufer lose Erdtheile herabgeweht, welche sich mit
Aloësamen in den Felsenritzen eingenistet haben, diese fingen an zu
sprossen -- die Wurzeln klemmten sich in die feinen Ritzen -- hefteten
sich innig an den Felsen an und nun gediehen die Pflanzen in den
vollständig mit Erde und vertrockneten Blatttheilen gefüllten
Felsenspalten vortrefflich, wie ihre mächtigen Blüthenähren es beweisen.
Der reife Samen wird in den Fluß hinabgeführt, um weit, weit von den
Fällen, an dem Ufer desselben Stromes neue Keime auszuwerfen und das
Ufer zu schmücken.

Manche Partien der Felsenwände neigen sich terrassenförmig zur Tiefe und
erscheinen theils jeder Vegetation bar, theils an den oberen
horizontalen Flächen mit Vegetation überwuchert. Doch an vielen Stellen
und dies namentlich am westlichen Ufer, sehen wir eine üppige Baum- und
Buschvegetation bis zur mittleren Höhe oder bis zum Strome selbst
herunterreichen. Sie bekleidet die vielen nach abwärts führenden, doch
sehr steilen Schluchten, welche dem Regenwasser der nächsten Umgebung
zum Abfluß dienen. Manche vereinigen sich an ihrer Mündung zu einer
einzigen. In dieser Weise wechseln die Bilder längs der langen Partien
der Zickzacklinie. Die Ueberraschung ist noch größer, wenn wir die
Formen der Wände im kurzen Zickzackscheitel betrachten.

Ich will blos drei solcher Punkte besonders hervorheben. Das rechte
(westliche) Ufer der kurzen Strecke unter der Abflußöffnung ist ein
senkrecht abfallender Felsen, der gegen die Fälle zu etwas zurücktritt
und im Canal eine rundliche Bucht bildet, dann jedoch, nach Osten als
scharfe Felsenwand hervortretend, die westliche Wand des engen
Felsenthores bildet, welches den herabgestürzten und unten wieder
vereinigten Gewässern des Zambesi den Abfluß gestattet. Das uns
gegenüberliegende Ufer, die östliche Wand dieses Thores, wird von einer
kegelstutzförmigen, nach hinten (Osten) mit dem Hinterlande
zusammenhängenden Felsenhöhe gebildet, welche im unteren Drittel, jeder
Vegetation baar, schroff abfällt, in den zwei oberen Dritteln jedoch mit
prachtvoller, tropischer Vegetation ringsum überwuchert terrassenförmig
aufsteigt und mit ihrer Umgebung, dem rechts und links gähnenden
Abgrunde, dem brausenden dunkelblauen Strom an ihrem Fuße, einen
gewaltigen Eindruck hervorruft. Als ich noch im Schauen dieser
Felsenscenerie versunken dastand, tauchte in meinem Geiste ein nie
geschautes, doch oft geträumtes Bild: die hängenden Gärten der
Semiramis, auf.

An dem folgenden kurzen, die zweite und dritte Zickzacklinie
verbindenden Arme finden wir einen ähnlich geformten, doch mehr
schroffen aus aufgethürmten Blöcken bestehenden Felsen. Er ist von
Norden, von Osten und Süden von dem tobenden Wasser umspült, doch gegen
Westen von dem Hinterlande durch eine tiefe Schlucht getrennt. Hier auf
dieser isolirten, wohl über 300 Fuß hohen Felsenkuppe war kein
Blättchen, keine Spur von Vegetation zu sehen, Floras liebliche Kinder
waren von dem unwirthlichen Felsen verbannt. Vergebens haben sich seit
Tausenden von Jahren alle die Elemente gegen den Felsenriesen empört,
der Blitz unzählige seiner vernichtenden Schläge an ihm zersplittert,
Aeolus mit all' seinen Genossen gegen ihn angerast und unten der
grimmigste Feind alles Festen auf der Erde schäumend und tosend an
seinem Sockel sich gebrochen. Er bezwang diesen und wies ihm die Bahn.

Wenden wir uns nun von den Wänden der Schlucht zu der Tiefe selbst, in
der ein dunkelblauer Strahl pfeilschnell dahinschießt. Er scheint kaum
ein Drittel so breit wie die Mündung der Schlucht (nach oben), mit
furchtbarer Gewalt stößt und bricht er sich an der scharfen Wendung der
gegenüberliegenden Felsenwand, daß er theilweise zurückgeworfen wird und
zurückströmend in der Regel in einer Bucht seine Kraft zu sammeln sucht,
um sich mit der nächsten Woge zu vereinigen und von Neuem seine Kraft an
dem Felsen zu versuchen. Stellenweise ragen aus der Fluth Felsblöcke
empor, an denen die reißend dahineilenden Wogen aufschlagen und sich
theilen. An einigen der Ecken, an denen die Fluth unter einem scharfen
Winkel eine verschiedene Richtung einschlägt, sehen wir gleichsam um den
brausenden und schäumenden Strahl zu verspotten, scharfkantige, spitz
zulaufende, bis mehrere Meter lange Vorsprünge der heftigsten Strömung
entgegengerichtet, an denen sich auch die Kraft derselben bricht.

Tausende von Jahren tobt der dunkle Strom in der Tiefe, allein wir
können kaum stellenweise eine merkliche Einwirkung wahrnehmen, die er
auf diese unerschütterlichen Wände hervorgebracht haben mochte. Ich
bedauere nur, daß es mir nicht möglich war, länger als drei Tage an den
Victoriafällen zu verweilen. Um die Schlucht, ja das gesammte,
hochinteressante Naturwunder kennen zu lernen, müßte man 1½ bis 2 Monate
an den Fällen verweilen, die Inseln oberhalb des Falles und das
gegenüberliegende Ufer besuchen. Außerdem bietet die Natur in der
nächsten Umgebung der Fälle so viel Anziehendes, daß ich mit mir längst
in's Reine gekommen bin, bei meinem nächsten Besuche nach Muße hier
verweilen zu wollen.

Während des dreitägigen Aufenthaltes, wobei mir leider der Zustand
meiner Füße den Genuß dieses herrlichen Bildes beeinträchtigte, hatten
ich und mein Diener eine interessante Begegnung mit einer sehr
zahlreichen Pavianheerde. An der von mir »Pavianschlucht« genannten
Felsenschlucht, welche als Regenabfluß der umliegenden Gegend zum Flusse
führt und in ihren beiden Dritteln dicht mit Bäumen bestanden, im
unteren jedoch kahl und steil ist, sah ich an der mir gegenüber
liegenden Wand eine zahlreiche Pavianheerde. Ich wünschte einige
Pavianschädel zu gewinnen und tödtete ein Thier, dessen Leiche jedoch in
den Fluß herabkollerte, verwundete andere und brachte auch den rechten
Flügel des Feindes zum Weichen, dagegen behauptete das Centrum seinen
Platz, während der linke Flügel sogar agressiv vorging und mit Steinen
zu werfen begann, so daß ich, nachdem ich unvorsichtiger Weise alle
Patronen mit Ausnahme einer verschossen, mich mit meinem Begleiter durch
die Flucht einem Handgemenge mit den erzürnten Affen entziehen mußte.

Die am jenseitigen Ufer unter dem Häuptling Mochuri wohnenden Bathoka's
kamen auf Kähnen herüber, um uns Ziegen, Kafirkorn, Bier und Bohnen zum
Kaufe anzubieten. Ich traf später in Schescheke einen dieses Stammes, es
war ein Unterhäuptling und Verwandter Mochuris, und Sepopo, in der
Meinung, daß ich noch keinen Bathoka gesehen, stellte mir denselben vor.
Ich erkannte ihn sofort wieder, doch dieser hütete sich, desgleichen zu
thun, da er sich der Uebertretung des königlichen Verbotes, von den
Weißen Gewehre zu kaufen, schuldig fühlte und höchstwahrscheinlich zum
Tode verurtheilt worden wäre.

Während ich an der kartographischen Aufnahme der Fälle arbeitete, stieß
ich mehrmals auf weidende Pallahheerden, den Capdienern gelang es, ein
Thier zu erlegen. Dieses schöne Thier gehört zu den häufigsten der am
Zambesi angetroffenen Wildarten.

Am 20., dem Vorabende unserer Abreise, hatten wir noch ein interessantes
Löwenabenteuer zu bestehen, das glücklicher Weise einen recht
humoristischen Abschluß fand. Einige Augenblicke, nachdem ich von einem
meiner Ausflüge zu den Fällen zurückgekehrt war, kam auch Walsh von
seiner gewohnten Vogeljagd zum Lagerplatze und berichtete, daß er etwa
1200 Meter vom Lagerplatze einen Löwen eben in dem Momente gesehen habe,
als er eine hochbegraste Wiese überschreiten wollte, um zum Flusse zu
gelangen. Sofort wurde Kriegsrath gehalten und die Jagd auf den Löwen
beschlossen, nur das eine wollte mir nicht gefallen, daß sich auch die
beiden Frauen bereit erklärten, uns zu begleiten. Frau Francis hob zu
ihrer Rechtfertigung hervor, daß ihr Gemahl in ihrer Gegenwart schon
mehrere Löwen erlegt habe, weshalb sie auch diesmal einer solch'
ergötzlichen Scene nicht fernbleiben wollte. Frau Westbeech wieder,
welche erst einige Monate verheiratet war, wollte ihren Georg nicht
allein in der Gefahr wissen.

Wie ich schon erwähnte, war das eigentliche Zambesithal in einer
Entfernung von 100 Schritten bis auf mehrere Meilen hin von einer
sandigen Bodenerhebung begrenzt. Das meist mit Bäumen dichtbestandene
Thal hatte gegen den Fluß zu einige baumlose Wiesen, die unmittelbar am
Flußufer von einem dichten, etwa zwei bis drei Meter breiten
Saropalmengebüsch umsäumt waren. Walsh war eben im Begriffe, über eine
solche, etwa 30 Meter breite Wiese zu schreiten, als nahe an einem Baume
der Löwe aufsprang, und im gegenüber liegenden Palmgebüsche verschwand.
Nahe an dem Baume stand ein etwa fünf Meter hohes Bäumchen, an welches
sich ein pyramidenförmiger Termitenbau anlehnte. An der bezeichneten
Stelle angelangt, formirten wir uns in vier Treffen, um dem Raubthiere
mit Aussicht auf Erfolg an den Leib zu rücken. Im ersten Treffen (von
rechts nach links) standen Westbeech, Francis, Walsh und ich, im zweiten
Mr. O. und B. und zwei Capdiener, im dritten ebenfalls zwei solche und
zwei mit Musketen bewaffnete Matabele, dann folgten die übrigen Diener,
manche mit Assagaien, manche mit Kiri's, manche blos mit Baumästen
bewaffnet. Die drei ersten Treffen sollten gegen den Busch vorrücken,
das vierte auf der etwas erhöhten Bodenstelle am Wiesenrande stehen
bleiben und das Palmengebüsch auf das eifrigste beobachten, um uns
verdächtige Bewegungen in demselben sogleich melden zu können. Wir waren
nicht weit gekommen, als uns Frauenrufe zum Stillstand brachten. Die
Damen fanden sich unter dem Baume nicht sicher genug und wollten auf den
Termitenbau gehoben sein, wozu ihnen auch sofort ihre Männer verhalfen.
Wir setzten hierauf langsam und bedächtig unseren Marsch über die
hochbegraste Wiese fort. Wir waren nun ungefähr bis auf zwei Meter dem
Busch nahegekommen, und da der Löwe noch immer kein Zeichen von sich
gab, hob sich der Muth aller Angreifer, doch dieser Aufschwung nahm ein
jähes Ende, denn plötzlich schallte uns aus dem Dickicht ein wildes
Gebrüll entgegen, stark genug, um selbst dem beherztesten Jäger die
Ueberzeugung beizubringen, daß es einen Unterschied zwischen einer
^Felis Leo^ und einer ^Felis domestica^ gebe. Wir waren dem Thiere so
nahe, daß es Francis mit einem Sprunge erreichen und tödten konnte,
bevor wir es an dessen Leiche erlegt hätten.

Die erste Folge des Gebrülles war, daß wir stille hielten, unverwandten
Blickes schauten wir nach der verdächtigen Stelle, doch konnten wir
nichts sehen. Nach einigen Secunden ertheilte einer der beherzten Jäger
den Rath, an den Rückzug zu denken, welchen wir auch, ohne weiter daran
gemahnt zu werden, antraten. Die Stelle, von welcher das Gebrülle zu
kommen schien, fixirend, das Gewehr schußbereit, zogen wir uns zurück.
Während des Rückzuges hatten sich die einzelnen Treffen etwas gelichtet,
doch den größten Muth bewies das vierte, das wir erst nach einigem
Suchen auf dem großen Baume gewahrten, wohin es sich geflüchtet hatte.
Wir feuerten zahlreiche Schüsse in das Gebüsch ab, doch ohne Erfolg,
darauf zündeten wir das trockene Gras an und trachteten auf diese Weise
das Raubthier zum Verlassen seines Schlupfwinkels zu bewegen, doch das
Geschick war uns an diesem Tage nicht hold, wir hatten heftigen
Gegenwind und da brannte es nach der entgegengesetzten Richtung. Wieder
waren es laute Rufe von Seite der Frauen, welche unsere Aufmerksamkeit
erregten. Der Wind hatte den übelriechenden Rauch in einer dichten Wolke
gegen das Bäumchen getrieben, in dessen Aeste die beiden Frauen, um sich
noch sicherer zu fühlen, hinaufgestiegen waren, und diese förmlich mit
dem Ersticken bedroht, da wurde Löwe und alles andere vergessen und man
eilte den Damen zu Hilfe, die auch bald aus ihrer Lage befreit waren,
und nach allen den Mißerfolgen dachten wir die Löwen leben zu lassen und
heimzukehren; doch Westbeech, der als tollkühner Löwenjäger bekannt war,
wollte sich in Gegenwart seiner Neuvermählten solch' eine Gelegenheit
nicht entgehen lassen, und machte den Vorschlag, das Palmengebüsch
flußaufwärts zu durchstöbern. Um diesen Vorschlag auszuführen, hatten
wir die Wiese in der Richtung zu durchschreiten, in der es Walsh am
Morgen gethan hatte. Mit Ausnahme der Frau Westbeech betheiligten wir
uns alle an diesem zweiten Jagdzuge. Diese wurde unter dem Schutze des
vierten Treffens, der Matabele Diener, welche nicht wenig darauf stolz
waren, die Gemahlin ihres Herrn beschützen zu können, zurückgelassen.

[Illustration: Der Löwe kommt.]

Wir hatten glücklich die Wiese überschritten und suchten bereits in den
Palmenbüschen, als uns ein herzzerreißendes Geschrei zur Stelle bannte;
in demselben Augenblicke hatten wir uns alle umgewendet, und das
Erstaunen mehrte sich, als wir keine Spur von Frau Westbeech mehr sahen.
Der erste, der sich von seinem Schrecken erholte, war Westbeech, mit dem
Gewehre in der Rechten, eilte er an uns vorüber, da sich jedoch das
Angstgeschrei aus dem tiefen Grase der Wiese, die wir eben überschritten
hatten, wiederholte, eilten wir ihm nach; doch wurden wir neuerdings für
einen Moment aufgehalten, als der vor uns laufende Westbeech plötzlich
mit einem Schreie verschwindet. In der Aufregung, die sich unser
bemächtigt hatte, beachteten wir das überlaute Gelächter der
herbeilenden Matabele nicht, Francis, der uns allen Voraus war, machte
zwei Sätze nach vorne und in das von den Matabele angestimmte Gelächter
einfallend, warf er das Gewehr bei Seite und sah in's Gras, wir hörten
nur noch seine Worte. »Bleibt zurück! Bleibt zurück!« Nach einige
Secunden tauchte Westbeech vor ihm auf, beide liefen nun einige Schritte
weiter, beugten sich nieder und nun erschien Frau Westbeech als die
dritte im Bunde. Die Lösung dieses etwas räthselhaften Vorganges war
bald gefunden. Die an dem Zambesi-Ufer wohnenden Manansa's hatten, als
sie noch keine Gewehre besaßen, um sich des Wildes leichter bemächtigen
zu können, am Ufer des großen Stromes zahlreiche Fallgruben gegraben.
Diese von jenen der bei den Betschuana's üblichen abweichenden Gräben
waren 10 bis 12 Fuß lang, 8 bis 10 Fuß tief, bei einer Breite von nur 18
bis 24 Zoll, dabei verengte sich die obere Oeffnung nach unten derart,
daß jedes Thier bei den Versuchen sich zu befreien, nur immer tiefer
einfiel und eingezwängt wurde. In eine solche war die arme Frau
Westbeech am jenseitigen, der ihr zu Hilfe eilende Gemahl am
diesseitigen Ende der Wiese gefallen. Frau Westbeech hatte sich, von
einigen Hautabschürfungen abgesehen, glücklicher Weise nicht beschädigt,
der Zwischenfall veranlaßte es jedoch, die Jagd aufzugeben und nach dem
Skerm zurückzukehren. Als uns Abends die Bathoka wie gewöhnlich
aufsuchten und wir sie fragten, ob es hier Löwen gebe, antwortete man
uns, daß ihnen seit vielen Jahren ein Löwe bekannt sei, der sich in der
Regel nicht weit von unserem Skerm aufzuhalten pflege, es wäre aber ein
so an den Menschen gewöhntes Thier, daß sie selbst bei Nacht unbehelligt
vor ihm vorbeigingen.

Bevor ich noch von den Victoriafällen scheide, will ich des
Eingebornenstammes, der Manansa, gedenken, welchen man hie und da noch
im Albertslande begegnet und der noch in den Dreißiger Jahren sein
eigenes Reich besaß. Die Manansa bewohnen das Hügelland südlich von und
um die Victoriafälle, ein Gebiet, welches den Bamangwato's von
rechtswegen zugehört, das jedoch von dem Matabele-Herrscher auch als das
seine betrachtet wird und unter welcher Streitfrage Niemand mehr als die
Bewohner dieses Striches zu leiden haben. Die Bamangwato's nennen sie
schlechtwegs Masarwa, während in Wirklichkeit die Manansa nichts mit den
Letzteren gemein haben. Die Manansa bebauen kleine versteckte
Thalpartien oder leben als Jäger hie und da, ohne bleibende Wohnsitze zu
haben; werden sie von den Matabele hart bedrängt, so flüchten sie nach
dem Westen auf das Bamangwato-Gebiet, und wenn von den Letzteren
bedrängt, nach Osten auf jenes der Matabele; nur dann, wenn sie nicht
mehr entkommen können -- ergeben sie sich auf Gnade und Ungnade und
erklären sich als gehorsame Unterthanen ihrer »Verfolger«. Man kann
Albertland ein streitiges Gebiet zwischen den Bamangwato und Matabele
nennen und dessen Bewohner nur als periodisch ansässige -- so lang die
Geißel über ihnen schwebt -- Unterthanen und Bewohner des
Bamangwato-Reiches betrachten, die in Wirklichkeit, wenn es auch die
Bamangwato behaupten, reine Sklavendienste verrichten.

Bis zum Jahre 1838 war der Stamm der Manansa in einem selbstständigen
Reiche vereinigt, das südlich bis an die westlichen Makalaka's und den
Ugwajfluß weit aufwärts, sowie zum Mittellauf des Kwebu-River reichte.
-- Dieses Königreich war von einem »Großen Häuptling« beherrscht, der
bei dem Andrange der Matabele nachzugeben bemüht war.

Allein so wie Moselikatze (Tigerkatze hätte besser für ihn gepaßt) den
Königreichen der Makalaka ein Ende gemacht und das große Reich der
Maschona zur Hälfte zerstört, so wurde auch jenes der Manansa von ihm
vernichtet. Den guten Worten des freundlichen, aufrichtigen Häuptlings
wurde kein Glauben geschenkt und da die grausamen Matabele nicht gewohnt
waren, für ihre Erpressungen gute Worte zu ernten, wurde er für
verrätherisch gehalten; man witterte darin einen hinterlistigen Plan.
Auch bei den Wilden glaubt der Schlechte in jedem guten Nebenmenschen
nur Schlechtes zu finden -- und da man sicher dachte, daß er einen
Hinterhalt gelegt habe und nur durch die freundlichen Worte Zeit
gewinnen wolle, um seine Männer zu sammeln, wurde er von den in
Ueberzahl in sein Gehöfte und seine Stadt eingedrungenen Matabele zur
Erde geworfen, sein Leib mit Assagaien aufgeschlitzt, das Herz
herausgeschnitten, und mit den Worten: »Du hattest zwei Herzen, auch ein
falsches, esse es«, ihm dieses an die noch zuckenden Lippen gepreßt.

Bei diesem Raubzuge der Matabele wurde dem Manansa-Reiche ein Ende
gemacht, die Manansa zersplittert, alle Knaben von den Matabele
mitgenommen, um zu Kriegern erzogen zu werden. Seitdem wiederholten die
Matabele oft ihre Raubzüge, und die Reste der Manansa, wurden theils
nach und nach vernichtet, theils flüchteten sie zu Sepopo, dem früheren
Marutsekönig, theils zu Mochuri, dem Chef der Bathoka (nördlich von den
Victoriafällen), sowie zu Wanke, dem Chef der nordöstlichen Makalaka
(nördlich vom Zambesi und östlich von den Victoriafällen). Ich machte
mehrere Versuche, zu erfahren, ob die Uebriggebliebenen einen Häuptling
unter sich anerkennen, doch lange erfolglos, bis sich Jene, mit denen
ich täglich verkehrte, überzeugt haben mußten, daß ich die Antwort mir
in meinem »^lungalo^« (Buch) eintragen wollte, nicht aber um, wie sie
wohl dachten, es dem Matabele-König zu verrathen, theilten sie mir mit,
daß sie alle, wo überall sie zerstreut auch wohnen mochten, einen Chef
verehrten, der östlich von Wanke's Land ein kleines Gebiet von diesem
Fürsten eingeräumt erhalten und hier die Reste des Stammes um sich
gesammelt hatte. »Und warum geht Ihr nicht auch dahin, statt hier wie
die Hunde herumgejagt zu werden?« Eigenthümlich -- ähnlich wie im Süden,
wo der Buschmann an seinen Felsen und Klüften mit seinem ganzen Sein
hält -- ist es auch hier die Liebe zu den bewaldeten Höhen und
anmuthigen Thälern, welche die flüchtigen Manansa an die Scholle bindet,
auf der sie das Licht der Welt erblickten. Jener Chef (Häuptling) ist
der Sohn des von den Matabele ermordeten Königs.

Die Manansa haben viele Gebräuche, mit denen sie sich von anderen
südafrikanischen Stämmen unterscheiden. Ich will einstweilen eines
Gebrauches erwähnen, welcher vielleicht auch einem weiteren Leserkreis
überraschend erscheinen dürfte. Wir ersehen daraus, daß das weibliche
Geschlecht, ähnlich wie bei den Marutse und im großen Gegensatz zu der
ungefälligen Behandlungsweise von Seite der Betschuana und zu jener
abscheulichen bei den Matabele auch bei den Manansa geachtet wird. Wir
wollen die Verlobung eines Manansa-Mannes besprechen. Hat ein solcher
mit Wohlgefallen die Reize eines Mädchens seines Stammes beobachtet und
erkannt, sie auch liebgewonnen (was unter den Betschuana und Zulu eine
Seltenheit ist), so sendet er eine ihm wohlbekannte alte Frau zu ihr,
welche für ihn die _Brautwerbung_ versucht. Die Abgesandte gibt von dem
Antragsteller das bestmögliche Bild, schildert seine Geschicklichkeit im
Erwerben des ^njama^ (^ñama^) (des Fleisches, d. i. des Wildes), seine
    Gutmüthigkeit, zählt die vielen Felle auf, die sein Lager weich
machen, und die Fruchtbarkeit des kleinen Grundstückes, das schon
seine Mutter bebaut hatte.

Nun wird Familienrath gehalten; hier entscheidet nicht blos der Vater
noch befiehlt er, sondern Mutter, Tochter und Vater erörtern den
Gegenstand untereinander. Ist es ein Mann, welcher der Tochter gefällt,
und wissen die Eltern nichts gegen ihn einzuwenden, so wird dem (während
der Unterredung) vor der Thüre wartenden Weibe eine befriedigende
Antwort ertheilt. »Der Antragsteller möge kommen,« was jedoch schon so
viel bedeutet, daß ihn die Eltern als Schwiegersohn, die Tochter als
Mann annimmt. Erscheint er nun in der Hütte und hat er seinen Gruß
gesprochen, so muß er vorerst seiner Auserwählten ein Geschenk machen,
das früher in dem reichen Felle einer Halbaffenspecies bestand, seitdem
jedoch Glasperlen unter ihnen bekannt wurden, bietet er ihr eine
handvoll kleiner, blauer Glasperlen an. Nur nachdem er dies gethan und
es angenommen wurde, spricht ihn das Mädchen an, die von nun an seine
Frau ist. Glücklicher Weise vermissen wir hier die Orgien, wie sie
leider die heidnischen Verlobungs- und Trauungsfeste vieler
südafrikanischer Völker charakterisiren. Der Vater, die Mutter, und hat
die junge Frau erwachsene Geschwister, die in demselben Gehöfte wohnen,
so mischen sich auch diese in ein Gespräch, das bis zur Tagesneige
dauert. Am Abend entfernen sich die Eltern aus der Hütte, um eine der
Nebenhütten im Höfchen zu beziehen, und thun dies je nach der Jahreszeit
durch ein bis zwei Wochen. Täglich am Morgen verläßt der junge Mann
seine Frau und geht seiner Arbeit nach, worauf erst die Eltern für den
Tag ihr Besitzrecht wieder geltend machen. Für jede Gunstbezeugung von
Seite der jungen Frau muß ihr der Augetraute stets eine handvoll
Glasperlen bezahlen. Jeden Morgen nehmen Beide eine Waschung des Körpers
mit lauem Wasser vor, welche Gefälligkeit auch wieder mit einem
Geschenke beglichen wird. Nach ein oder zwei Wochen bringt der
Schwiegersohn dem Vater ein Geschenk von vier Ziegenböcken und vier
Mutterthieren, oder statt derselben acht Glasperlenschnüre (zwei Pfund
Glasperlen).

Von diesem Tage an helfen die Eltern dem jungen Paare zwei Hütten bauen
oder eine, je nachdem der Mann schon eine besaß oder nur bei seinen
Eltern oder Freunden wohnte. Eheliche Treue wird sehr gewahrt,
namentlich von Seite des Mannes, als unerhört wurde mir ein Treubruch
bezeichnet, und dies führt uns zu einem wichtigen Punkt, in welchen die
Manansa die »gebildeten Marutse« überflügeln, die mit ihrem
abscheulichen »Mulekau«-Thum ihre eigenen Frauen zum Treubruche
verleiten, sie oft gegen ihren Willen dazu zwingen. -- Die bevorstehende
Niederkunft einer Frau führt ihre alten Nachbarinnen in's Haus. Das
Erste, was sie thun, ist, die Waffe des Mannes, mag es ein Assagai oder
ein Gewehr etc. sein, hinauszutragen und sie in eine andere seiner
Hütten, sollte er jedoch (was selten der Fall) nur eine Hütte besitzen,
in die Wohnung seines Nachbarn zu tragen, ebenso wie für den Ehemann ein
unwiderrufliches Gebot ist, sich von eben dem Augenblicke aus der Hütte
seines kranken Weibes zu entfernen. Erst am achten Tage nach der Geburt
des Kindes, und nachdem Mutter und Kind mit warmem Wasser und die Hütte
durch und durch gereinigt wurde, führen die alten Weiber den Mann wieder
in sein Haus zurück, um seine Frau zu begrüßen und sein Kind zu sehen.
-- Diese Reinigungsproceduren, welch' ein Gegensatz zu der
Unreinlichkeit der Hottentotten-Race und der Makalaka's! -- Trotzdem,
daß der Mann in's Haus eingeführt wurde, darf er nicht darin wohnen,
erst nach drei bis vier Wochen von dem Tage an gerechnet, an dem er sein
Kind zuerst erblickte.

Tritt ein Todesfall ein, so wird die Person in der Abendstille in der
Nähe des Gehöftes, und wenn es der Boden gestattet, in einer etwa fünf
Fuß tiefen Grube beerdigt. Ein Erwachsener erhält einen Assagai in's
Grab und wird dabei in eine Carosse gehüllt. Die Beerdigung geht außer
dem Gestöhne der weiblichen Angehörigen im Stillen vor sich. Stirbt ein
Hausvater, so wird den Tag nach der eben genannten Ceremonie all' sein
Eigenthum zusammengetragen. Die Bewohner des Dorfes versammeln sich und
nun tritt der älteste Sohn hervor, um von dem Eigenthum Besitz zu
nehmen. Ist kein Angehöriger oder kein Sohn vorhanden, so wird von den
Versammelten ein Mann zum Erben eingesetzt, meist ein Freund des
Verstorbenen, und dieser hat dann den Namen desselben anzunehmen.

Die Manansa sind in der Regel von Mittelgröße und nicht stark gebaut,
doch bereiten sie dem Forscher nicht geringe Schwierigkeiten, weil sie
seit der Zerstückelung des Landes sich mit den ebenfalls flüchtigen
Matonga und Masupia und nördlich vom Zambesi mit den Makalaka und
Bathoka sehr vermischt haben. Schwarzbraun ist der Teint des Stammes,
freundliche Augen, kleiner Kopf und große Lippen. -- Als Verzierungen
beobachtete ich bei ihnen jene der ärmeren Classen im Marutse-Reiche
(doch war es wohl anders als noch ihr Reich bestand), Arm- und Fußringe
aus Gnu- und Giraffenhaut, auch aus Eisendraht. Sie tragen höchst
einfache Ohrringe aus besserem Material und als Kleidung in der Regel
blos einen kaum handbreiten Lappen aus Calico oder aus wildwachsender
Baumwolle bereitet, doch zuweilen ein kleines Fell über die Hüften
geschlungen, die Frauen kurze Röckchen aus gegerbten Fellen. Als Diener
dürften die Manansa allen übrigen südafrikanischen Stämmen vorzuziehen
sein, ich fand sie sehr geschickt im Anschleichen des Wildes, dabei
nicht überhitzig, sondern, was eben nöthig war, sehr vorsichtig,
gefällig, ehrlicher als andere und vor Allem treuer.

Die Manansa werden von den mächtigeren, umwohnenden Stämmen, von den
Marutse, Betschuana und Matabele, mit Verachtung angesehen und demgemäß
behandelt. Sie sind die »Schildbürger« des nördlichen Süd-Afrika
geworden. Was ihnen namentlich zur Last gelegt wird, ist ihre
auffallende Gutmüthigkeit und Friedfertigkeit, zwei Tugenden, welche
seitdem die Zulu-Matabele zwischen dem Limpopo und Zambesi der Rohheit
und Herzlosigkeit Platz gemacht -- als Untugenden, die erstere als ein
gleißnerisches Betragen, die zweite als Feigheit angesehen werden. --
Auch dies ist ein Werk des Vandalenthums der Matabele, nicht nur Mord
und Raub, auch das Ersticken aller edleren Gefühle und Mißtrauen in
jedes freundliche Wort, das da gesprochen, in jede gute Handlung, die
begangen wird, waren eingezogen.

Werden sie verfolgt und ist Flucht nicht mehr möglich, so kehren die
Manansa um und gehen mit gesenktem Assagai ihren Feinden entgegen. Bei
dem Zusammentreffen legen sie die Waffen auf die Erde und hocken sich
nieder. Wenn nun auch der Sturm ihrer Verfolger auf sie losbricht, sie
bleiben ruhig. Als sie von einem (dem vorletzten) der Bamangwato-Könige
Moschesch bedrängt wurden, beschwichtigten sie die Habsucht ihrer
Verfolger mit Elfenbein. Moselikatze's Krieger raubten die Knaben und
auch viele Frauen; die Horden des gegenwärtigen Matabele-Despoten
nehmen, was sie nur zu Gesichte bekommen, auch dann, wenn sie von
La-Bengula einem Weißen als Begleiter nach den Victoriafällen mitgegeben
werden -- nur dann, wenn dem Könige in dem Weißen durch einen der in
Gubulowajo wohnenden Missionäre ein Mann von Bedeutung vorgestellt wird,
wie z. B. im Jahre 1875, als Major S. um Diener nach den Victoriafällen
ersuchte, befiehlt der König den Begleitern, sich jedweden Mordens und
Raubens zu enthalten, damit es der Weiße bei seiner Rückkehr der »großen
weißen Königin« (Königin Victoria) nicht berichten könne.

Als ich einst einem Manansa, der periodisch sich bei einem Händler
verdungen und sich so über das Geistesniveau seiner Landsleute
geschwungen hatte, über die »Feigheit« seines Stammes fragte, antwortete
er mir mit einem gutmüthigen Lächeln und Schütteln des Kopfes:
»Furchtsame Pallahs sind wir nicht und auch von langer Zeit her nicht
gewesen. Allein wir lieben das Leben in den Dörfern und das Jagen der
Thiere, die wir in Gruben fangen, seltener die Waffe gebrauchend. Wir
geben den blutliebenden Matabele unsere Elephantenzähne und zeigen
ihnen, wenn sie es verlangen, die frischen Spuren der Elephanten, um
ihrer noch mehr zu erlegen; allein wir wollen und mögen nicht kämpfen da
wir nicht das Blut und das Tödten der Thiere, noch weniger der Menschen
lieben.«

Nach dem Tode eines Königs versammeln sich die Männer und bringen den
zum Nachfolger bestimmten Thronerben in des Königs Haus. Sie bringen
eine Handvoll Sand und kleine Steinchen vom Zambesi und auch einen
Hammer. »Hier ist die Allgewalt über das Land, das Wasser und das Eisen
(Arbeit und die Waffen).« Dabei erinnern ihn die Häuptlinge und das Volk
von dem Tage an, wo er König wurde, nie vom Fleische des Nilpferdes und
des Rhinoceros zu essen, da diese Thiere »sehr bösartig« seien, und der
König, der ihr Fleisch genieße, wild und böse werden könnte.

Das Albertland, im Süden von dem sandigen Lachenplateau begrenzt, im
Westen bis zur Tschobe-Mündung reichend, und vom Zambesi durchströmt,
gehört unstreitig zu den meist interessanten Partien des zentralen
Süd-Afrika. Nicht allein durch das Naturphänomen der Victoriafälle von
Wichtigkeit, bietet es dem Touristen eine Fülle anziehender, felsiger
und bewaldeter Hügellandschaften und hochbegraster Thäler.

Der Geologe, Botaniker wie auch der Mineraloge werden gewiß nur
befriedigt dieses Hügelland verlassen. Mit Ausnahme des Spring- und
Bläßbockes und des schwarzen Gnu wird der Mammaliajäger die meisten
größeren Quadrupeden, die Süd- und Central-Afrika charakterisiren,
vorfinden; der Mineraloge findet reichliche Arbeit. Unter den niederen
Thieren sind Reptilien zahlreich vertreten, Krokodile oft bis zu den
entferntesten Partien der Bergflüsse anzutreffen, in denen theils Spuren
am Ufer, theils das getrübte Wasser ihre Gegenwart verrathen. Von
Insecten sind alle Geschlechter, namentlich aber die Lepidoptera durch
viele neue Arten ausgezeichnet. Die Thäler besitzen einen so guten
Boden, daß bei dem warmen Klima tropische Gewächse mit Vortheil angebaut
werden könnten, nur muß vorerst die Tsetse-Frage gelöst sein und man
Mittel gefunden haben, den sommerlichen Fiebern vorbeugen zu können.

Auf dem Rückzuge nach Panda ma Tenka schlugen wir eine etwas veränderte
Richtung ein. Unsere Capdiener schossen am Matopa-Flusse ein Wildschwein
und weiter aufwärts im selben Thale wurde unsere Colonne von einem
Geschrei der voranschreitenden Diener alarmirt. Durch einen penetranten
Geruch angezogen, waren unsere Schwarzen abseits in die Büsche
eingedrungen und fanden hier einen männlichen Elephanten in Folge von
Schußwunden verendet. Das Thier war stark von Löwen angefressen; diese
hatten sich an die Lippen gemacht und das Fleisch an den Schußwunden
aufgerissen. Die Diener konnten noch eines der davonschleichenden
Raubthiere erblicken. W. und F., deren Diener das Elfenbein gefunden,
nahmen es in Besitz, und die Diener schnitten die untersten Fußglieder
ab, um sie zu unserem Aerger mitzunehmen. Der penetrante Geruch, der
diesem Leckerbissen der Eingebornen entströmte, zwang uns endlich, auf
dessen Entfernung zu dringen. Frisch zubereitet kommen sie den
Bärentatzen gleich; die der schwartigen Sohle aufliegende Substanz und
das Herz, also winzige Theile im Verhältniß zu seiner Größe, sind die
Leckerbissen, die das Riesenthier dem Menschen bietet.

Der Rückweg mit den wunden Füßen war so beschwerlich, daß ich mich mit
Noth weiter schleppte. Den größten Theil beider Strecken von der
Gaschuma-Ebene bis zu den Fällen und zurück nach der Ebene, hatten auch
die Damen zu Fuße zurückgelegt. Wir gelangten bis auf mich wohlbehalten
in der Gaschuma-Ebene und einen Tag später, am 24. September, in Panda
ma Tenka an. Hier traf ich zwei Matonga's und einen Manansa, welche
Arbeit suchten und die ich sofort miethete, während mir W. und F. mit
ihren Leuten behilflich waren, meine zu einer so weiten Reise nöthigen,
zahlreichen Gegenstände nach dem Leschumo-Thale zu schaffen.



                                 IX.
                  Zweiter Besuch im Marutse-Reiche.


Zweiter Aufbruch nach Impalera. -- Die Krokodile im Zambesi und ihre
Gefährlichkeit. -- Begräbnißfeier bei den Masupias. -- Sepopo und seine
Frauen. -- Reisepläne. -- Baum- und Busch-Vegetation im Walde von
Schescheke. -- Einzug einer Karawane von Tributpflichtigen. -- Die
Marutse als Fischer. -- Maschoku, der Scharfrichter Sepopo's. --
Schmiedewerkzeuge der Marutse. -- Der prophetische Tanz der Masupia's.
-- Besuch der Königinnen. -- Der Fang des Krokodils. -- Die Mankoë. --
Die Verwaltung des Marutse-Mabunda-Reiches. -- Die Beamten-Hierarchie.
-- Eine Elephantenjagd unter Sepopo's Anführung. -- Ausflüge in den Wald
von Schescheke und Büffeljagden in demselben. -- Eine interessante
Löwenjagd. -- Der Löwentanz der Marutse. -- Die Maschukulumbe am Hofe
Sepopo's. -- Moquai, des Königs Tochter. -- Hochzeitsfeier bei den
Marutse.

[Illustration: Jagd auf Sporngänse.]

Am 24. September saß ich wieder in meinem Wagen in Panda ma Tenka, der
Ausarbeitung meines Tagebuches obliegend. Ich fühlte mich äußerst
mißmuthig und bedrückt; die physischen Schmerzen an meinen wunden Füßen
verschärften noch diesen Zustand, aus welchen mich Niger, mein treuer
und anhänglicher Begleiter herausriß, da er mich nach längerer
Abwesenheit (ich hatte ihn bei dem letzten Ausfluge zu den
Victoriafällen zurücklassen müssen) zu begrüßen kam. Es that mir
wirklich leid, mich in der nächsten Zukunft von dem Hunde zu trennen,
denn da ich ihn dem Gifte der Tsetsefliege nicht aussetzen wollte,
gedachte ich ihn mit dem mir von dem Bamangwato-Könige mitgegebenen
Diener Meriko nach Schoschong zu senden, wo er einstweilen bei meinem
Freunde, Herrn Mackenzie, verbleiben sollte. Hätte ich damals geahnt,
daß ich wieder nach dem Süden zurückkehren müsse und Niger nicht wieder
sehen sollte, ich hätte das treue Thier nie von meiner Seite gelassen.
Als ich Meriko den ausbedungenen Lohn bezahlte und ihn mit Lebensmitteln
versehen hatte, machte er sich mit dem Hunde auf den Weg, und langte
nach drei Wochen in Schoschong an. Leider war um diese Zeit mein Freund
Mackenzie nicht anwesend und der Hund wurde einem Wagenlenker von
Francis und Clark, der eben nach Grahamstown fuhr, mitgegeben. Trotz
aller Mühe, die ich mir gab, das Thier wieder zu gewinnen, blieb es
verschollen.

Meine Tauschartikel waren sehr herabgeschmolzen und so sah ich mich
genöthigt, trotz der exorbitanten Preise von den anwesenden
Elfenbeinhändlern Glaskorallen, Kattun und Wolldecken zu kaufen.[11]

Am 27. September erkrankte ich an Dysenterie, doch war der Anfall kein
heftiger, und gelang es mir, mich bald wieder herzustellen. Während des
Aufenthaltes in Panda ma Tenka lernte ich auch einen Mann aus der
Umgegend von Grahamstown, Henry W., kennen, er war ein ausgezeichneter
Jäger, doch konnte ich nicht umhin, es ihm sehr übel zu nehmen, daß er
sich manchmal auf der Jagd arge Schlächtereien erlaubte. So gab er einst
einen weiblichen Elephanten, der ihn verfolgte, nachdem er das Thier
durch einen Schuß zum Falle gebracht, seinen Dienern preis, welche
dasselbe durch mehr denn zwei Stunden mit ihren Assagaien marterten,
bevor er seinen Qualen durch einen Schuß ein Ende machte.

Von Panda ma Tenka schrieb ich einen Brief an einige befreundete
Großhändler in den Diamantenfeldern und Port Elizabeth, um hier einiges
Interesse für den Handel mit Gummi elasticum zu wecken, das die
Portugiesen aus dem Marutse-Reiche nach dem Westen ausführen.

[Fußnote 11: Ich bezahlte für 30 Pfund blaue große Glasperlen, die schon
um nächsten Tage in der Sonne zersprangen, 30 Pfund Elfenbein.]

An beiden folgenden Tagen hatten wir Regen und Sturm, nachdem in den
letzten Monaten zuvor in diesen Gegenden kein Regen gefallen war. Am 30.
September verließen wir Panda ma Tenka, um in gleicher Weise wie das
erste Mal über die Gaschuma-Ebene nach dem Leschumo-Thale zu gelangen,
mußten aber die Fahrt bald unterbrechen, da die Last des Karrens zu groß
war und ich um einen zweiten Wagen nach Panda ma Tenka senden mußte.
Derselbe kam erst am Nachmittage des 1. October an, wir zogen nun weiter
und übernachteten an der Gaschuma-Ebene, auf welcher ebenso wie in Panda
ma Tenka die Nacht zuvor ein Trupp Löwen die Zugthiere aus ihrer
Umzäunung zu scheuchen bestrebt war. Obgleich meine vier Diener drei
verschiedenen Stämmen angehörten und eben so viele Dialecte sprachen,
einer die Sesupia, einer die Setonga und einer die Senanso, so
verstanden sie doch alle die Sesuto-Serotse und ich hatte, mit ihnen
plaudernd, Gelegenheit, neue Ausdrücke in der letztgenannten Sprache zu
erlernen. Auf der Fahrt nach Saddlerspan versuchte es ein Diener
Westbeechs, mit Namen Fabi, einigen in der Nähe grasenden
Zulu-Hartebeests beizukommen und stieß dabei beinahe mit einem Löwen
zusammen, der ebenfalls das Wild beschlich.

In der Nacht auf den 4. langten wir wohlbehalten im Leschumothale an.
Schon am folgenden Tage sandte ich meine vier Diener nach dem
Tschobethale. Da mir Westbeech auch seine acht Langohren, die wir
mitgenommen hatten, zur Verfügung stellte, konnte ich den größten Theil
meines Gepäckes absenden, und langte am 5. selbst dort an. Im
Leschumothale hatte ich die beiden englischen Händler Brown und Kroß
getroffen welche mich sehr freundlich aufnahmen und eben von einem
vergeblichen Versuche, zu Sepopo gelangen zu können, in's Leschumothal
zurückgekehrt waren; sie hatten kurz vor meiner Ankunft zwei prächtige
Löwen, darunter einen alten männlichen und unbemähnten erlegt.

Am Tage nach meiner Ankunft im Tschobethale erschienen hier sechzehn und
am folgenden sechs weitere Bootsleute, die von Sepopo gesendet,
Westbeech mit seinen Waaren und mich mit meinem Gepäcke nach Schescheke
zu bringen hatten. Dem König war es namentlich um die Waaren des
Händlers zu thun, da dieser bei seinem letzten Besuche eine Anzahl von
Elephanten-Gewehren nach Panda ma Tenka gebracht zu haben vorgab und der
König selbe schon mit Ungeduld erwartete. Der giftige Muschungulubaum
war diesmal in voller Blüthe, die Blüthen groß, schön dunkel-carminroth.
Ich wollte mich früh am 6. mit allen Waaren übersetzen lassen, allein
ein heftiger Wind ließ es nicht zu, jedenfalls wäre es sehr gefährlich
gewesen, die Bootfahrt zu unternehmen, da das Umkippen der Kähne für die
Insassen derselben äußerst unangenehm ist und diese sehr oft den
Krokodilen zum Opfer fallen. Ich war später in Schescheke selbst
Augenzeuge solcher Unglücksfälle geworden.

Ich gedenke später ausführlicher über die Krokodile des zentralen
Zambesi zu sprechen, will aber jetzt schon einer Tragödie gedenken, die
sich vor Kurzem unweit der Landungsstelle am jenseitigen (Impalera-)Ufer
abgespielt hatte. Ein Masupia-Mann war mit seinem Weibe und seinem
Töchterchen längs des linken Tschobe-Ufers ausgefahren, um Schilfrohr
für seine Behausung zu schneiden. Während dieser Beschäftigung schlug
der Kahn in Folge eines Windstoßes um und seine drei Insassen fielen
in's Wasser. In Folge der eben an dieser Stelle herrschenden starken
Strömung gelangten Mutter und Tochter wohlbehalten an eine Sandbank. Sie
sahen eben, wie der Mann sich durch das Schilf dem Ufer zuarbeitete,
schon hatte er dasselbe erfaßt und trachtete sich auf die etwa vier Fuß
hohe, steile Wand emporzuschwingen; nach mehreren fruchtlosen Versuchen,
wobei er in's Wasser zurückfiel, gelang es ihm endlich, einen
herabhängenden Buschzweig zu erfassen, so daß er sich auch im selben
Augenblicke emporzuziehen vermochte, als der Freudenschrei seiner
Angehörigen ihnen auf den Lippen erstarb. Im Schilfe zeigte sich
plötzlich der unförmige Körper eines Krokodils. In dem Momente als der
Mann sich emporziehen wollte, war das Krokodil ebenfalls emporgeschnellt
und hatte einen seiner über dem Wasser hängenden Füße ergriffen und riß
den Unglücklichen mit sich in die Fluth zurück. Das Geschrei der Frauen
zog eine im Felde arbeitende Genossin herbei, die nach Impalera eilte,
um die beiden Frauen noch vor dem Dunkelwerden zu retten, da sie sonst
in der Nacht auf der Sandbank ein ähnliches Schicksal wie den Gatten und
Vater ereilt hätte.

[Illustration: König Sepopo.]

Am folgenden Morgen wurde meine Aufmerksamkeit durch wiederholte
Gewehrschüsse wachgerufen; ich erfuhr auf meine Frage, was dieselben zu
bedeuten hätten, daß man eben einen Masupia begrabe. Ungefähr 400
Schritte nördlich der Niederlassung liefen auf einem zwischen zwei
Bäumen gelegenen Raume zwölf mit Gewehren bewaffnete Männer herum,
welche ihre Gewehre abschossen und dazwischen heftig schrieen; unter
einem der beiden Bäume saßen zehn Männer und Frauen Bier trinkend, unter
dem linken Baume befand sich das bereits zugeworfene Grab. Die Masupia's
machen ihre Gräber sechs bis sieben Fuß tief und zwei Fuß breit. Der
Verstorbene wird mit seiner Carosse und seinen Waffen, seiner Haue,
begraben und ihm auch etwas Korn in's Grab gelegt. Seine Freunde
verbleiben den Tag über am Grabe, und ist der Mann wohlhabend, so wird
neben dem Bier auch viel Fleisch von seinen geschlachteten Hausthieren
verzehrt. Das Schießen, Schreien und Umherlaufen soll das Eindringen der
bösen Geister in das frischaufgeworfene Grab verhüten. Als ich einen der
Umstehenden über die Todesursache des Dahingeschiedenen fragte, hob
dieser die Augen gegen das Firmament und meinte Molemo sei daran schuld.
Am selben Tage brachten die Masupia's Fleisch von einem Nilpferde, das
sie erbeutet. Es war, wie sie meinten, ein junges Thier, doch hatte es
bereits zehn Zoll lange Stoßzähne. Beim Transportiren meines Gepäcks
nach der Makumba-Landungsstelle war mir Makumba's Bruder, Ramusokotan,
behilflich, ein Unterhäuptling, der einige Meilen stromaufwärts am
linken Ufer des Tschobe wohnend, den unteren Flußlauf zu bewachen hat.
Auf meinem Gange nach der benannten Landungsstelle stieß ich dreimal auf
Pallahgazellen, zweimal so nahe, daß ich sie aus nächster Nähe
beobachten konnte.

[Illustration: Kaïka, König Sepopo's Tochter.]

Ich fand das Wasser des Zambesi abermals gesunken, auf der Bootfahrt
während des Vormittags entkam mein Boot nur durch ein Wunder der Wuth
des einen der drei Nilpferde, denen Blockley auf unserer ersten Fahrt
nach Schescheke den Führer mit zwei Schüssen geraubt hatte. Als wir an
derselben Stelle diesmal ohne die Thiere zu beunruhigen, vorbeipassiren
wollten, fühlten plötzlich Westbeechs Bootsleute mit ihren Rudern das
Thier unter dem Kahne, doch entkamen sie glücklich, weil vielleicht die
Berührung mit dem Ruder das Nilpferd etwas abgeschreckt hatte. Das Thier
machte nun einen Stoß nach meinem (dem folgenden) Boote; doch die
Bootsleute, gewarnt durch den Schrei und die pfeilschnelle Bewegung des
vorderen Bootes, waren eben so schnell nachgefolgt, und so tauchte der
unförmliche Kopf des Dickhäuters drei Meter hinter meinem Kahne auf.

In Schescheke angekommen, hätte ich in einer vom Könige errichteten
Hütte wohnen können, ich zog jedoch das Anerbieten Westbeechs vor, mich
in einer der Hütten, die in seinem Höfchen standen und in welchem
inzwischen Blockley einen kleinen Pfahlbau als Waarenhäuschen errichtet
hatte, niederzulassen. Als ich Sepopo aufsuchte, rief mir dieser
entgegen, daß ich zu spät gekommen sei und er die für mich bestimmten
Marutse-Männer nicht länger hätte auf mich warten lassen können. Am
Nachmittage kam ich wieder und brachte dem Könige allerlei kleine
Geschenke, wobei es den König recht ergötzlich stimmte, als ich mich
selbst mit ihm in der Sesuto-Serotse zu verständigen suchte.

Gegen Abend rief mich Blockley aus der Hütte, um einen seltenen Anblick
genießen zu können. Der König war von einem Besuche der sich in der
Barotse aufhaltenden Königinnen und seiner Tochter Moaquai, der
Mabunda-Königin, beehrt worden. Es waren etwa 40 Kähne, in manchen war
die Mitte des Bootes für die königlichen Frauen mit je einer Matte
überdeckt, um diese gegen die Gluth der Sonne und den Regen zu schützen,
manche der Kähne hatten 13 Ruderer, die durchwegs stehend ihre Arbeit
verrichteten. Andere Kähne waren mit riesigen Töpfen, Matten, Körben,
theils mit den Bedürfnissen der Reisenden, theils mit den für den König
bestimmten Geschenken beladen.

Am folgenden Tage besuchte ich Kapt. McLoud, Fairly und Kowly. Der König
hatte sie in einer Rundhütte nahe dem königlichen Gehöfte einlogirt. Sie
klagten, daß der König noch immer zaudere, die große Elephantenjagd,
derentwegen sie zum zweiten Male herüber gekommen waren, abzuhalten.
Auch besuchte ich mit Westbeech die Königinnen, welche von der Barotse
gekommen waren und welche dieser während seines Aufenthaltes in der
Barotse kennen gelernt hatte, unter ihnen befand sich Mokena, die Mutter
des Landes. Ich lernte sechzehn Frauen Sepopo's kennen, seine
Lieblingsfrau war eine Makololo Namens Lunga, eine andere hieß
Mafischwati, die Mutter Kaikas, der von Sepopo bestimmten Thronerbin;
die vierte hieß Makaloe, die fünfte Uesi, die sechste Liapaleng, sodann
folgte Makkapelo, durch welche im Jahre 1874 zwei Männer ihren Tod
fanden; Mantaralucha, Manatwa, Sybamba, Kacindo. Als zwölfte nenne ich
Molechy, die von Sepopo wegen Treulosigkeit beinahe ertränkt worden war,
dasselbe geschah einer anderen mit Namen Sitau. Der Verführer wurde
gewöhnlich den Scharfrichterknechten übergeben, um für den König
Büffelfleisch zu holen, d. h. er wurde im Walde gespeert. Der König
selbst bestrafte aber Sitau auf folgende Weise. Unter großem Zulauf der
Bewohner Schescheke's stieß er mit einigen Kähnen vom Lande gegen die
Flußmitte ab, er selbst saß mit Sitau in einem Kahne. Mitten im Strome
angelangt, band er ihr Hände und Füße, und tauchte sie dreimal so lange
unter das Wasser, daß sie mit genauer Noth wieder zu sich gebracht
werden konnte. Als sie zu sich kam, fragte er sie, wie ihr das Ertrinken
gefalle, und drohte ihr, das nächste Mal sie einfach in den Fluß zu
werfen. Die vierzehnte war Silala und zwei andere hatte er zweien seiner
Häuptlinge zum Geschenk gemacht. Der eigentliche Thronfolger war vor
zwei Jahren gestorben, er hieß Maritela und war ein Sohn Marischwati's.
Vor seinem Tode kam zufällig der Gouverneur der Barotse an sein Lager,
und da das Kind über Durst klagte, willfahrte er seinem Begehr und
reichte ihm einen Trunk aus einem in der Nähe stehenden Topfe. Zufällig
starb der Knabe kurz darauf und der allgemein beliebte Gouverneur wurde
von Sepopo angeklagt, sein Söhnchen vergiftet zu haben, zum Tode
verurtheilt und vergiftet. Die ebenfalls aus der Barotse angekommene
Tochter Moquay hatte sich mit einem der aus der allgemeinen Metzelei
geretteten Makololo, Namens Manengo verheirathet. Der König berichtete
mir während eines Besuches, den er mir abstattete, über den König der
Makololo, daß dieser sehr elend zu Grunde ging, da sein Körper mit
Geschwüren gänzlich bedeckt war. Nach seinem Tode begannen die
Parteikämpfe unter seinem Stamme.

Eine weitere Konferenz mit Sepopo und den Portugiesen, die ich am 12.
hatte, ließ schon dem Könige keine Ruhe, er belehrte mich, daß, wenn ich
auf meiner Weiterreise von Schescheke mich nur zwei Tage lang in jeder
Stadt der Barotse aufhalte, ich zwei Monate lang durch sein Reich in
einem Kahne zu reisen hätte, bevor ich jenes des Iwan-Joe erreicht haben
würde. Ich fände hier die Quellen des Zambesi und würde von da zwei
Monate sieben Tage bis Matimbundu brauchen. Auch am 13. besuchten wir
die neu angekommenen Königinnen und fanden, daß sie in hoher Achtung
standen. Gruppen von Besuchern waren um sie gelagert und warteten ruhig
ab, bis es ihnen gestattet wurde, die hohen Gäste ansprechen zu dürfen.

Am 14. wurden wir von einem Tänzer besucht, dessen Waden mit einigen aus
Fruchtschalen gearbeiteten Schellen behangen waren. Sein Tanz war ein
Springen und ein Schütteln des ganzen Körpers, um mit den Schellen
großen Lärm zu erzeugen. Am Hofe Sepopo's fand sich auch ein Mambari,
der bei dem Könige Schneiderdienste verrichtete, er war auf einem nach
Westen unternommenen Raubzuge der Marutse mit seinen Leuten irriger
Weise gefangen genommen worden. Dieser Mambari war mit zwei seiner
Genossen an einer nahen Quelle, als sie bei der Rückkehr eben zu der
Metzelei ihrer Leute anlangten. Die beiden anderen ließ Sepopo wieder
ziehen, nachdem er sie reichlich mit Vieh beschenkt, doch
Kolintschintschi, der nunmehrige königliche Schneider, wurde am Hofe
zurückgehalten.

Auf meinen Ausflügen in den Schescheke umgebenden Wald fand ich außer
derselben Baum- und Buschflora wie in den Betschuana-Wäldern noch
zahlreich mir neue Arten und manche mir schon von den Betschuana-Ländern
her bekannte Species zur doppelten Höhe gediehen. An Vierfüßlern war die
Gegend sehr reich und unter diesen fand sich eine mir noch unbekannte
Art einer Hartebeest-Antilope mit platt gedrückten Hörnern. Sehr
zahlreich war auch die Vogelwelt vertreten, unter anderen fand ich hier
zum erstenmale den Bienenfänger (^Merops Nubicus^), einen grauen,
mittelgroßen Tukan, den großen Plotus und zwei Spornkibitz-Arten, welche
durch gelbliche Hautlappen an ihrem Gesichte ausgezeichnet waren.

Am 17. begegnete ich einer jener Karawanen, welche aus den entfernteren
Theilen des Reiches Abgaben an den König bringen. Sie zählen zehn bis
mehrere Dutzend Menschen. Die freiwillig von ihrer Heimat Scheidenden
oder von ihren Häuptlingen Abgesandten kommen mit ihrem ganzen
Haushalte, da sich in ihrer Abwesenheit Niemand um die Kinder bemühen
würde. Die eben vorüberziehende Karawane zählte 30 Personen, voran
schritten die Männer von ihren Frauen und diese wieder von den Kindern
gefolgt, beim Einzuge in Schescheke ordneten sie sich der Größe nach.
Den Zug eröffnete der Führer, welcher nur seine Waffen und eine eiserne
Glocke trug, mit welcher er unaufhörlich läutete. Dann folgten die
Abgaben tragenden Männer mit Elephantenzähnen und mit Manzawurzeln und
einer kleinen Frucht gefüllten Körben beladen. Die Frauen trugen die
Reise-Utensilien und die Nahrungsmittel.

Am 19. unternahm ich, Westbeech, B. und W., je zwei in einem Kahn eine
Bootfahrt stromaufwärts, um in einer der Lagunen mit der Angel zu
fischen. Es lagen mehrere größere und kleinere Kähne in der hafenartigen
Bucht und wir trafen zweimal eine so gute Wahl, daß wir nach einigen
Minuten zurückkehren und die Canoes wechseln mußten; im kleinsten
konnten ich und Bauer kaum das Gleichgewicht erhalten. Auf diesem
Ausfluge beobachtete ich auch das Fischen der Marutse und Masupia
mittelst Netzen. Aus zwei mit je vier Bootsleuten bemannten Kähnen,
welche je ein großes aus Bastschnüren geflochtenes, weitmaschiges Netz
bargen, warfen die Fischer hier das Netz aus, wobei sie sich, je tiefer
dasselbe einsank, desto mehr nach rechts und links den Ufern näherten;
sie zogen dabei das Netz nach aufwärts, so daß in dem Momente, wo sich
die Kähne berührten, auch das Netz sammt den gefangenen Fischen in
beiden Kähnen lag. Die Fische wurden nun mit Kiri's betäubt und an's
Land befördert. Auf unserer Heimfahrt waren wir Zeugen einer
unangenehmen Prügelscene. Von den in unserer kleinen Bucht badenden
Mädchen hatte eines dem andern einige Glasperlen gestohlen, dies wurde
von den anderen bemerkt, welche nun sich auf die Diebin stürzten, sie
mit Händen und mit Schilfrohrstücken so lange schlugen, bis sie auf die
Knie fiel und schreiend und flehend die Hände aufhob; doch selbst als
sich ihrer ein Mann annahm wurde die Züchtigung fortgesetzt und ihr
endlich von der Beschädigten das kleine Lederröckchen vom Leibe
gerissen.

Als ich Abends beim Könige zum Nachtmahle geladen war, spielte sich eine
Scene ab, welcher leider ein Gebrauch im Marutse-Reiche, sowie die
Grausamkeit Sepopo's zu Grunde lagen. Eine Stunde mochte seit
Sonnenuntergang verronnen sein; im königlichen Gehöfte ging es recht
munter zu. Gewohnter Weise saß der König mit gekreuzten Füßen auf seiner
Matte, ihm zur Rechten die zu seiner Unterhaltung an diesem Tage
bestimmten Königinnen. Zu seiner Linken war mir und seinem Neffen und
nunmehrigen Nachfolger eine ähnliche Matte als Teppich angeboten. Auf
der freien Stelle zwischen uns und dem in einem Halbkreise sitzenden,
zahlreich versammelten Volke hatte der königliche Mundschenk Matungulu
seine gewöhnliche Stelle schon eingenommen und war eben damit
beschäftigt, Honigbier auszuschenken. Der Honig wird von den
Marutse-Königen als Krongut betrachtet und muß an diese abgegeben
werden, der Verkauf desselben wird von dem Könige mit dem Tode bestraft.
Tagtäglich gehen einige dazu bestimmte Männer aus, um mit Hilfe des
Honigkukuks Honig zu sammeln und die königliche Küche zu versehen,
manche kehren gleich, noch am selben Tage, manche jedoch erst nach
einigen Tagen mit ihrer Beute zurück.

Der König hatte eben von dem ihm dargereichten Glase ein wenig genippt
und den Rest seiner Lieblingskönigin Lunga gereicht, dabei, wie er
dachte, einen Capitalwitz vorgebracht, den er, wie gewohnt, zuerst
selbst belachte, welches Lachen der Etikette gemäß von der demüthig
zusammengekauerten Umgebung desselben mit einem wahren Pferdegewieher
beantwortet wurde. Dasselbe war noch nicht ausgeklungen, als eben wohl
den so entstandenen Lärm benutzend, einer der Unterhäuptlinge aus der
Menge zu dem Könige heranschlich und demselben ziemlich leise von kaum
hörbarem Händeklatschen begleitet, Folgendes berichtete: »In meinem
Dorfe lebt ein alter Mann, dessen Füße zu schwach sind, um das Polocholo
(Wild) zu jagen. Schon vor langer Zeit hat es Njambe (Gott) gefallen,
seine Weiber sterben zu lassen und ihm so die Möglichkeit benommen, sich
mit Mabele (Korn) zu nähren; seine Verwandten leben, da er mit Dir, o
König, nach Schescheke gekommen war, in der fernen Barotse, und so hat
er Niemanden hier, der ihm Nahrung reichen könnte, noch ist er selbst im
Stande, sich welche zu erwerben.« Während der Häuptling sprach, schenkte
Sepopo seine Aufmerksamkeit einem Anderen ihm gegenüber sitzenden Manne
und als der erstere geendet, gab er diesem mit einem ^Autile intate^ zu
verstehen, daß er ihn begriffen, und der Ruf »Maschoku« zeigte dem
Berichterstatter, daß er erhört wurde. Maschoku hieß Sepopo's
Scharfrichter und er wurde eben gerufen, um den Häuptling, sein Dorf,
den König und die Nachbarn von der Gegenwart des alten Mannes zu
befreien.

Während meines Aufenthaltes in Schescheke gab es im Marutse-Reiche
keinen so gehaßten Menschen wie Maschoku, keinen gefürchteteren Namen
als diesen. Dem Stamme nach ein Mabunda, war er in Folge seiner
Tauglichkeit ein Werkzeug Sepopo's und seiner Geschicklichkeit halber,
mit der er sein furchtbares Amt versah, von dem Könige zum Häuptling
erhoben worden. Mehr denn sechs Fuß lang, sehr stark gebaut, zeichnete
er sich durch einen unförmlichen Kopf und sehr abstoßende Gesichtszüge
aus, welche ihm meinerseits mit Rücksicht auf sein Amt den Namen die
Mabunda-Hyäne zuzogen. Auf den Ruf des Königs kam Maschoku auf allen
Vieren herangekrochen, ein unterwürfiges, listiges Lächeln, ein Grinsen,
das von der Befriedigung, mit der er des Königs Rufe zu folgen schien,
ließ den Menschen noch widerlicher erscheinen, als er es ohnehin schon
war. Auch er klatschte in die Hände und horchte; vor dem Könige
angekommen, senkte er den Kopf, um gespannt des Königs Befehl zu
vernehmen. »Maschoku,« sprach der König, »kennst Du den Mann, von dem
eben der Häuptling sprach? Trachte die Sache morgen Früh in Ordnung zu
bringen.« Dann nickte der König seinem Günstling zu und nachdem er ihn
noch mit einem Becher Impote ausgezeichnet, entließ er den Mann, welcher
auf dieselbe Weise, wie er gekommen, zurückkroch. So war die Sache
abgemacht und für neue Nahrung der Krokodile des Zambesi gesorgt worden.
Der König machte seinem guten Humor noch in einigen Witzen Luft, zog
sich hierauf in sein Schlafgemach zurück, während die Musikcapelle in
ihrem vor den königlichen Wohnungen erbauten Häuschen die nächtliche
Serenade executirte.

Wir wollen nun sehen, wie am folgenden Morgen dem Befehle des Königs
Genüge geschah. Einige Stunden nach Tagesanbruch hatten sich vor der
Grashütte des den Krokodilen geweihten überflüssigen Mannes fünf Männer
eingefunden, aus denen sich die berüchtigte Gestalt der Mabunda-Hyäne
auffällig hervorhob, der letztere beugte sich nun zu der kleinen
Eingangsöffnung der Hütte herab, streckte seinen unförmlichen Arm aus,
um das Opfer beim Fuße zu ergreifen. Der Greis versuchte es, sich zu
erheben, doch seine Schwäche hinderte ihn daran; wie Espenlaub zitterte
der gebrechliche Körper. Mit den Worten. »Fasset an, ihr Männer, je eher
desto besser für Dich, Vater,« tröstete der Scharfrichter sein Opfer.
Die Gehilfen des Scharfrichters schleppten nun den Mann zum Flusse.
Schweigend schritt die Gruppe dahin; am Ufer angelangt, band Maschoku
die Hände und Füße des Mannes und ließ ihn in das bereit gehaltene Canoe
bringen. Das Boot stieß ab, und nach einigen Ruderschlägen waren die
Mörder in der Mitte des Flusses angelangt; während nun der Gehilfe mit
dem Ruder das Gleichgewicht des Bootes zu erhalten bestrebt war, ergriff
der Scharfrichter sein Opfer mit fester Hand und tauchte es, unterstützt
von einem Gehilfen unter Wasser. Gurgelnde Laute entstiegen der Tiefe
und die Arme zuckten nach aufwärts, doch alles vergebens, an der Gewalt
des eisernen Griffes Maschoku's scheiterte auch der verzweifelt
Rettungsversuch. Auch die Luftblasen, welche bisher noch an der
Oberfläche der Fluth auftauchten, blieben aus, das Leben war aus dem
Körper entwichen. Nun wurde der Körper in's Boot gezogen und näher dem
Ufer an einer Stelle, wo die königlichen Straßenreiniger den Unrath den
Krokodilen vorzuwerfen pflegten, in die Tiefe versenkt. Dies die
gewöhnliche Weise wie König Sepopo mit kranken, alleinstehenden und
altersschwachen Leuten umzugehen pflegte. In Schescheke gab es mehr
solcher Opfer als in anderen Theilen des Marutse-Reiches, weil sich hier
Fremdlinge aus den verschiedenen Provinzen versammelten, um den König zu
begrüßen. Unter manchen Herrschern jedoch, wie z. B. unter dem beim
Volke im guten Angedenken stehenden Großvater Sepopo's, wurde diesem
Gebrauche nie gehuldigt, ebensowenig während der Regierung einer
Königin.

[Illustration: Der prophetische Tanz der Masupia.]

Am 20. besuchte ich Masangu, den schon erwähnten Häuptling, Vorstand der
Metall-Handwerker in Sepopo's Reich, der zugleich die Oberaufsicht über
alle von dem Könige an seine Unterthanen abgegebenen Gewehre zu führen
hatte. Er war eben mit dem Ausbessern eines Gewehres beschäftigt und
bediente sich dabei seiner eigenen Instrumente; Hammer, Meißel, Zange
und Blasbalg waren die best gearbeitsten ihrer Art, die ich bisher unter
den Eingebornen Afrika's angetroffen hatte. Er frug mich, ob ich schon
die Masupia's tanzen gesehen habe; als ich dies verneinte, machte er
mich auf den Schall der aus den königlichen Gehöften ertönenden
Langtrommeln aufmerksam und forderte mich auf, den Tanz der Masupia's zu
beobachten. Die Bewohner des Marutse-Reiches lieben den Tanz sehr, ich
möchte sagen, daß jeder Stamm einen Specialtanz besitzt; mit den
Betschuana's haben sie den Pubertätstanz gemein, den die Mädchen feiern,
wenn sie ihre Reife erlangt haben. Er wird Wochen lang und stets bis
gegen Mitternacht ausgeführt, und dient auch dazu, um das
Freundschaftsband unter den im Alter ziemlich gleichstehenden, in einer
Ortschaft geborenen Mädchen inniger zu knüpfen. Der Tanz wird von Gesang
und Castagnetten-Musik begleitet.

Andere Tänze sind der Trauungstanz, ferner der Elephantentanz, der
zugleich mit dem größten Trinkgelage verbunden ist, bei welcher
Gelegenheit ich auch den schädlichen Effect des Butschuala beobachten
konnte. Die Fächerpalmen-Instrumente werden dabei rasch mit einem
Rohrstäbchen gestrichen und mit den Stahlhandschuhen (klöppellosen
Doppelglocken) der Tact dazu geschlagen. Ferner gibt es den Löwen- und
Leopardentanz, welche nach glücklich ausgeführten Jagden von den
heimkehrenden Jägern und den ihnen entgegenkommenden Dorfbewohnern
ausgeführt werden. Wie an dem Elephantentanze, so betheiligt sich der
König auch an dem Mokoro- oder Bootstanze.

Jener, den ich am 20. October in Schescheke beobachten konnte, war ein
prophetischer Tanz und eine der vielen Gaukeleien, welche dem Stamme der
Masupia's eigenthümlich sind. Zwei Männer tanzten unter dem Schalle der
größten Trommeln der königlichen Capelle und dem Gesange und
Händeklatschen einiger dreißig sie eng umringender Landsleute vom frühen
Morgen bis zum Sonnen-Niedergange, bis sie sozusagen besinnungslos
niederstürzten; in diesem Momente mußten sie Worte ausstoßen welche sich
auf das Vorhaben, eine große Jagd, Krieg oder Raubzug etc., bezogen,
welches der König oder Statthalter auszuführen gesonnen war. Beinahe
durchwegs lautet ihre Weissagung günstig und ein Geschenk von Glasperlen
oder Kattun wird ihnen dafür zu Theil; straft der Zufall ihre Worte
Lügen, so müssen sie sich aus dem Bereiche des erzürnten Hohen ferne
halten, um nicht ein fühlbares Nachgeschenk zu erhalten. Masupia-Tänzer
waren phantastisch mit Gnu- oder Zebraschwänzen am Kopfe, an den Armen
und Hüften geschmückt und bildeten mit ihrem Tanze einen Uebergang zu
den maskirten Tänzern. Der Tanz an sich selbst ist ein Hüpfen von einem
Fuß auf den andern, unterbrochen von einem Sichausstrecken auf dem
Boden, das plötzlich, oder so langsam mit kaum wahrnehmbarer Benützung
der Gelenke geschieht, und mit einem Schütteln des Körpers und Kopfes,
Verschieben des Kopfschmuckes etc. verbunden ist. Auch diese Tänzer
benützen die Wadenschellen und einige kleine flaschenförmige, zu
gleichen Zwecken gearbeitete Kürbisschalen. Zu Hause begehen die
Masupia's ähnliche Tänze mit Gaukeleien verbunden, welche sie oft
geschickt einzufädeln wissen. So scheint es, als wenn sie sich während
des Tanzes mehrmals tief in die Zunge schneiden und nach jedem Schnitt
Blut hervorquellen würde; untersucht man aber die Zunge nach dem Tanze,
so findet man sie nicht im Geringsten verletzt.

Abends kamen Boten von Dr. Bradshaw von Panda ma Tenka mit einem Briefe,
worin wir mit der Nachricht überrascht wurden, daß der den Lesern schon
von den Klamaklenjana-Quellen her bekannte Händler A. X., dem ich zwei
Kistchen gesammelter Objecte nach Panda ma Tenka gesendet, am Nataflusse
von Hyänen getödtet wurde. Der Mann hatte sein wenig glorreiches Leben
damit zum Abschlusse gebracht, daß er einen seiner Diener wegen eines
kleinen Vergehens niederschoß und in der Furcht, von den Genossen des
ermordeten Dieners getödtet zu werden, im trunkenen Zustande seinen
Wagen verließ und sich in den nahen Büschen verbarg. Die erschreckten
Diener hörten sein Geschrei während der Nacht, doch wagten sie es nicht,
ihm zu Hilfe zu eilen. Am nächsten Morgen sollen sie seine frisch
abgenagten Gebeine und zu Fetzen zerrissenen Kleider gefunden haben.
Zwei der Diener hatten sich, nachdem sie sich mit Nahrungsmitteln
versehen auf den Weg nach dem Panda ma Tenka-Flüßchen gemacht, um hier
den Compagnon des Verunglückten aufzusuchen und ihm den Unglücksfall zu
berichten.

Am 21. setzte ich mein einige Tage zuvor angefangenes Studium der Fische
fort, wobei ich diesmal meine Aufmerksamkeit dem auch im Zambesi
vorkommenden schildköpfigen Wels (^Glanis siluris^) widmete. Ich
erwähnte schon des Thieres und seiner Parasiten und will noch
hinzufügen, daß mir seine Farbe hier dunkler erschien als die der
südlicher vorkommenden Thiere. An Stellen, die uns von Krokodilen
weniger dicht bewohnt zu sein schienen, warfen wir die Grundangel aus
und in der Regel mit gutem Erfolg.

In der Nacht auf den 22. vernahm ich aus dem Dorfe des Häuptlings Ratau
(dem westlichsten) Frauengeschrei und früh Morgens einige Gewehrschüsse.
Das erstere bezeichnete das Ableben eines Marutse, das zweite, daß man
ihn bestatte. Am 22. sandte der König einen Kahn, um Blockley und Bauren
nach Impalera zu schaffen, damit der erstere den des Tauschhandels
halber geplanten Ausflug nach dem Lande des Makalaka-Fürsten Wanke
unternehmen könne. Die Sendung eines Kahnes für zwei Weiße und mehrere
Diener wurde von Blockley als Beleidigung angesehen und diente nicht
dazu, um das in letzterer Zeit durch das unfreundliche Auftreten von
Seite Sepopo's eingetretene Zerwürfniß zu mildern. Der König erschien
diesmal von 120 der Seinen und seiner Capelle begleitet. Die Menschen
füllten das kleine Höfchen vollständig, Sepopo wollte durch dieses
imposante Auftreten den Händlern zu verstehen geben, daß sie vollkommen
in seiner Gewalt seien.

Der König hatte sich kaum entfernt und ich war an die Ausführung einiger
Zeichnungen geschritten, als zwölf Königinnen auf meine Hütte
losstürzten. Sepopo hatte ihnen erzählt, daß ich unlängst ihn und
Maschoku abgezeichnet, nun wollten sie sein und des Scharfrichters Bild
sehen; da half kein Widerstreben und ich mußte mit der Zeichnung heraus,
ja ich mußte ihnen auch zeigen, wie ich das Bild gezeichnet hatte, dabei
wurde ich derart umlagert, daß mir das Athmen schwer wurde. Die eine
wies auf das und frug die andere um jenes, während eine dritte nach dem
Bleistifte griff und zwei andere wieder die Feinheit des Papieres
bewunderten; die rückwärts Stehenden, die nicht viel sehen konnten,
drängten hervor und zwei der Vordersten lehnten sich ^sans gène^ an
meine Schultern und entfalteten dabei so viel Koketterie, wie ich sie
nie an den schüchternen Betschuana- und Zulu-Frauen beobachten konnte.
Da ich des Königs Eifersucht wohl kannte, hielt ich es für das Beste,
einen der schwarzen Diener, der sich beim Eintreten der Frauen des
Königs entfernen wollte, bleiben zu heißen. Nach einer halben Stunde
verließen sie mich, um Westbeech in dem nebenan liegenden Waarenhäuschen
anzubetteln. Nach ihrer Entfernung warf ich eine Matte gegen die
Thüröffnung und ließ nur eine Spalte für das Licht offen, ich hoffte nun
Ruhe zu haben, doch hatte ich die Neugierde der Töchter Eva's nicht in
Rechnung gebracht, denn kaum war dies geschehen, als abermals zwei
Königinnen an der Thüre erschienen. Sie dachten mich wohl abwesend, denn
aus den Worten der einen, »^Sikurumela mo' ndu, Njaka chajo^« (der
Deckel liegt an der Thüre, der Doctor ist abwesend), konnte ich ihre
Enttäuschung entnehmen.

[Illustration: Besuch der Königinnen.]

Von allen mir bis jetzt in Südafrika bekannten Eingebornenstämmen halte
ich jene im Marutse-Reiche für die reinlichsten. Gerade an den am Flusse
gelegenen größeren Ortschaften gibt es wenige sandige Untiefen;
nichtsdestoweniger und trotz der Gefahr, welche den Badenden durch die
zahlreichen Krokodile droht, lieben die Stämme des Marutse-Reiches das
Bad. Ist das Ufer zu steil oder das Wasser zu tief, so wird das Wasser
über den Kopf gegossen. Waschen ist ihnen eine Nothwendigkeit, sie
reinigen sich selbst nach jedem Mahle Mund und Hände.

Am 23. machte ich einen Ausflug auf die angrenzende Wildebene
(Blockley's Kraal), wobei ich Gelegenheit fand, die Puku-, Letschwe- und
Wasser-Antilopen beobachten zu können. Am Rande des Gehölzes (die
Ueberschwemmungen des Zambesi setzen diese Ebenen bis an das Gehölz
unter Wasser) beobachtete ich zahlreiche Felder der Eingebornen. Frauen
und Kinder waren mit dem Umgraben, Männer mit dem Fällen der Bäume
beschäftigt, um den Grundbesitz ihrer Herren (die auch sie ernährten)
nach dem Gehölze hin auszudehnen. Heimkehrend fielen mir die an mehreren
Stellen im Umkreise einiger schon errichteten Gehöfte erbauten Hütten
auf, sie hatten eine Nachtmützenform und mußten in wenigen Stunden aus
Gras und Schilfrohr errichtet worden sein. Sie waren für die Sklavinnen
bestimmt und standen ohne alle Umzäunung da, damit ihr Eigenthümer
leicht die Aus- und Eingehenden überblicken konnte.

Am 24. besuchte ich eine Hütte, in welcher einer der Mambari's mit Hilfe
der ihm von dem Masupia-Häuptling Masangu geliehenen Werkzeuge
Schmiedearbeiten verrichtete. Einen Gehilfen Masangu's fand ich damit
beschäftigt, einige Hauen zu schärfen, und sah den von den Marutse
verwendeten doppelten Blasebalg, welcher einen continuirlichen Luftstrom
in das Feuer bließ. Dieser Blasebalg besteht aus drei Haupttheilen,
einem hölzernen, theilweise mit Leder überzogenen, einem aus Horn
verfertigten und einem thönernen Theile. Der hölzerne Theil ein
Doppelgestell aus zwei mit Lederlappen bedeckten Rundschüsseln und je
einer aus diesem parallel laufenden Holzröhre bestehend. Die Lederstücke
sind in ihrer Mitte mit Stäbchen versehen, haben an der Seite je eine
Oeffnung und werden abwechselnd gehoben oder gesenkt und auf diese Weise
Luft eingelassen und ausgepreßt; diese wird abwechselnd in eine der
hölzernen Röhren getrieben und tritt aus diesen in die aus den Hörnern
der Säbel- oder Gemsbock-Antilope verfertigten. Die beiden Hornröhren
sind kürzer als die hölzernen und stehen mit diesen in keinem festen
Zusammenhange, sie laufen auch nicht mehr parallel zu einander, sondern
sind an den vorderen Enden zu einander geneigt und münden in eine
thönerne und diese unmittelbar auf den Feuerherd.

Mein Nachmittags-Spaziergang führte mich zum Flusse, an dem ich einen
Haufen lebhaft gesticulirender Eingeborner antraf. Der Fluß hatte soeben
die Leiche eines vor einigen Tagen von einem Krokodil beim Baden
getödteten Mädchens an's Land geschwemmt. Menschen, sowie größere
Säugethiere werden von den Krokodilen ertränkt, da sie von dem Reptil
nicht verschlungen werden können. Sowie das Krokodil durch das Aufhören
der Zuckungen von der Widerstandslosigkeit seiner Beute überzeugt ist,
öffnet es am Grunde des Wassers seine riesigen Kinnladen und läßt die
Beute fallen. Das riesige Thier ist, außer es zerren zwei um das
ertränkte Opfer, nicht im Stande, mit seinen Zähnen ein größeres Thier
oder den Menschen als frischen Cadaver zu zerkleinern, es bleibt aber
als Wächter bei dem Ertränkten liegen, bis der Verwesungsproceß beginnt
und die Leiche, durch die Gase emporgehoben, zur Wasseroberfläche
aufsteigt. Dann wird erst dieselbe zerstückelt und verschlungen. Hat
jedoch ein Fisch oder sonst ein Gegenstand die Aufmerksamkeit des
Thieres vom Fraße ab und auf sich gelenkt, und geschah dies während des
Tages, so wird der gehobene Gegenstand vor der anbrechenden Dunkelheit
nicht mehr berücksichtigt. Sepopo sowie seine Leute theilten mir mit,
daß in keinem Theile seines Landes die Krokodile so schlimm und
gefürchtet wären, als in der Umgegend von Schescheke. Kurz vor meiner
Ankunft wurde ein Mann von denselben aus dem Boote herausgeholt, vor
drei Tagen ein sechsjähriger badender Knabe erfaßt und während meines
ferneren Aufenthaltes in Schescheke fanden mehr als dreißig Menschen
ihren Tod durch diese räuberischen Saurier.

Kleine Krokodile werden zufällig im Netze mit Fischen, große erwachsene
Thiere mittelst riesiger Angeln gefangen und getödtet. Die Construction
dieser Fangvorrichtung ist sehr sinnreich ausgedacht und ausgeführt. Sie
besteht aus einer eisernen Angel, mehreren dünnen Bastschnüren, einem
Baststrick und einem Rohrbündel; eine eingehendere Beschreibung dürfte
die folgende Skizze ersparen. Der den Angelhaken umhüllende Köder wird
von einem Netze gehalten, mehrere vier bis 4½ Meter lange
federspuldicke, sehr fest gedrehte Bastschnüre vermitteln die Verbindung
zwischen dem Angelhaken und dem 3 bis 4½ Meter langen Basttau, welches
an dem Rohrbündel befestigt ist.

[Illustration: Meine Hütten in Neu- und Alt-Schescheke.]

Haben die Krokodile in Schescheke in kurzem Zeitraume nacheinander
mehrere Opfer gefordert, so werden auf des Königs Geheiß die
Krokodil-Angeln ausgelegt. Man legt das Rohrbündel auf das Ufer, den mit
dem Köder (in Verwesung übergegangenes Hundefleisch)[12] versehenen
Angelhaken auf drei Rohrstöckchen, so daß derselbe am Uferrande 1½ Meter
über dem Wasserspiegel wie auf einem Stühlchen ruht. Wittert das riesige
Reptil den Köder, so schwimmt es in seine Nähe und verhält sich hier
ruhig bis zum Anbruche der Nacht. Sich aus dem Wasser emporschnellend,
erfaßt es den Köder mit seinen riesigen Kinnladen und würgt ihn
hinunter. Doch die vorstehenden Hakenspitzen verhindern dieß, wie auch
das Schließen der Kinnladen, wodurch dann das einfließende Wasser in den
Schlund und in die Luftröhre eindringen kann. Es stürzt damit in die
Tiefe, nach und nach ermatten seine Anstrengungen, sich von der mit den
Widerhaken im Schlunde festsitzenden Angel zu befreien und das Thier
treibt stromabwärts. Von diesem Kampfe gibt das an der Wasseroberfläche
schwimmende Rohrbündel treues Zeugniß. Nach einer halben bis einer
Stunde hat der Saurier ausgerungen und wird vom Strome ab und an eine
Sandbank oder gegen das Ufer getrieben, wobei das Rohrbündel den
Fischern das geköderte Thier verräth. In Schescheke wurden zuweilen auf
fünf aufgestellten Angeln zwei bis drei Krokodile in einer Nacht
gefangen. Gespeert werden die Krokodile nur, wenn man die Geangelten
noch lebend antrifft, oder wenn man ihnen zufällig beim Fischspeeren,
auf der Nilpferd-, Elephanten- oder Otterjagd begegnet. Gleich den
Fischnetzen sind auch die Krokodilangeln königliches Eigenthum. Als nach
einigen Tagen die fünf Angeln ausgesetzt waren, fand ich mich zeitlich
am Flußufer ein, um den Erfolg zu beobachten. Drei der Angeln waren
verschwunden, dafür sah ich drei der größeren Kähne mit je zwei
Bootsleuten bemannt, flußaufwärts nach Schescheke zusteuern. Ein jedes
derselben barg ein riesiges Krokodil, in dessen Leibe ein Mensch füglich
Platz finden konnte. Die Thiere wurden nun an's Ufer geschleppt und
einige von Sepopo's Leuten machten sich daran, ihnen den Kopf
abzuschneiden; die Augenlider und Luftwarzen, sowie einige
Rückenkammschuppen wurden als Heil- und Zaubermittel dem Könige
überbracht.

[Fußnote 12: Einer abergläubischen Ansicht zu Folge halten die Marutse
in Verwesung gerathenes Hundefleisch als eine von den Krokodilen
besonders gesuchte Lockspeise.]

[Illustration: Krokodilangel.]

Als ich eben daranging, die Leiche des vom Krokodile getödteten Mädchens
beerdigen zu wollen, wurde ich von deren Verwandten mit den Worten daran
verhindert: »Njambes Wille war es, daß sie das Krokodil tödtete, deßhalb
muß sie auch dem Krokodile zur Beute werden.« Die Leiche wurde auch
gegen Sonnenuntergang von den Krokodilen in die Tiefe gezerrt. An diesem
Tage kam auch die Königin Lunga, um mir ihre vierzehnjährige Tochter,
mit Namen Njama vorzustellen, sie war eben an Monalula, den ältesten
Sohn Sepopo's, einen Einfaltspinsel, verheiratet worden. Vor der
Hochzeit wurde sie vier Wochen lang von ihrer Mutter sowie einigen
anderen Königinnen in einem nahen Walde in einer Hütte einquartirt, wo
sie die Zeit mit Fasten und Arbeiten zubringen mußte und von den Frauen
in den Pflichten des Weibes unterrichtet wurde. Während dieser Zeit war
ihr Wollhaar bis auf eine elliptische Stelle abgeschabt und mit
Brauneisenstein eingerieben worden. Njama war eine Tochter des
Makololo-Fürsten Sekeletu.

Am 25. fand ich auf einem Ausfluge im Walde ein Mankoë-Dorf. Die Leute,
der schönste Menschenschlag im Marutse-Reiche, trugen bedeutend längeres
Wollhaar, welches sie hoch aufkämmen, wodurch der Kopf wesentlich größer
scheint. Sie waren nach Schescheke gekommen, um dem Könige bei dem
bevorstehenden Elephanten-Jagdzug behilflich zu sein. Ich
beobachtete bei ihnen nächst den Mabunda's die schönsten Holz- und
Hornschnitzereien, wenn diese Gegenstände auch nur Reise-Utensilien
waren. Die Wohnungen dieser Leute bestanden in vier riesigen, zwei Meter
hohen, zwei Meter breiten Längshütten, welche ein parallel laufendes
Doppelhufeisen darstellten. Am Heimwege stieß ich auf mehrere Gräber der
Masupia-Häuptlinge, welche mit Elfenbein geschmückt waren. Ferner fand
ich Kalebassen, mit ihrer Oeffnung nach abwärts auf einem kleinen
Termitenhügel ruhend, durch deren durchlöcherten Boden ein Stab
eingeführt war, dieselben sollten mit dem in der Kalebasse befindlichen
Knochenpulver nach der Ansicht der Marutse den Regen anziehen.

Im Laufe des Tages fand ich Gelegenheit, mir von Sepopo Aufklärungen
über die Verwaltung des Landes und die Beamten-Hierarchie des Reiches
geben zu lassen. Die letztere läßt sich in vier Kategorien scheiden,
welche erstens am Hofe, zweitens in den verschiedenen Gebieten der
einzelnen Stämme als Statthalter des Herrschers, Koschi, amtiren,
drittens in Unterhäuptlinge, die diesen untergestellt als Kosana und
Makosana das Amt eines Statthalters versehen, und viertens in Beamte,
die sich nur mit der Person des Königs zu beschäftigen haben und im
Range zwischen den beiden letztgenannten Classen stehen.

Zu den ersterwähnten Rangstellen gehören: a) der Höchst-Commandirende,
zu Sepopo's Zeiten war es ein Ehrenmann, mit Namen Kapella, ein dem
König verwandter Marutse, der später von dem Letzteren zum Tode
verurtheilt wurde; b) der Arsenal-Gouverneur, welcher das königliche
Waffen- und Munitionslager unter sich hat, und im Auge behalten muß, wie
viel und an wen die Gewehre vom Könige vertheilt werden. Unter Sepopo
bekleideten zwei Masupia's, Massangu und Ramakocan, diese Stelle; c) der
Commandant der Leibgarde, der jedoch blos im Kriegsfalle seine
Functionen ausübt; zu Sepopo's Zeit war es dessen Cousin Monalula; d)
der Commandant der jungen Krieger, die zur Kriegszeit eine besondere
Heeresabtheilung bilden; unter Sepopo war es Sibendi.

In die zweite Rangklasse gehören die Statthalter, welche über die
einzelnen von den verschiedenen bedeutenderen Stämmen bewohnten
Provinzen gestellt sind und Civil- und militärische Gewalt in sich
vereinigen. In Gebieten, wie in der Barotse, im Masupia-Mabunda-Lande,
also in den umfangreicheren Provinzen, sind mehrere Chefs installirt und
dann einem im Hauptorte der Provinz Residirenden unterstellt. Alle diese
bisher genannten Würdenträger sind dem jedesmaligen Ober-Gouverneur der
Barotse untergeordnet. Dieser Mann wird nach dem Regenten als die
höchstgestellte Person betrachtet, unter Sepopo und auch nach seinem
Tode bekleidete Ikambella diesen Posten.

In die dritte Rangclasse gehören die Unter-Häuptlinge, Vice-Statthalter,
höhere und niedere Beamte über größere oder kleinere Städte und Dörfer,
kleinere Landstriche und über Kolonien, welche ausschließlich für den
König Viehzucht, Ackerbau, Jagd und Fischerei betreiben. Die
Beaufsichtigung der regelmäßigen Ablieferung der dem Könige schuldigen
Abgaben ist übrigens auch in allen anderen Provinzen eine hervorragende
Amtspflicht der Beamten. Der größte Theil des Erträgnisses an Getreide
wird an den Statthalter abgegeben, dieser sendet wieder den für den
König bestimmten Theil dem Letzteren zu. Erlegen die Unterthanen ein
Stück Wild oder schlachten Freie oder Sklaven, welche Vieh besitzen
dürfen ein Stück davon, so wird das Bruststück an den Kosana, ist jedoch
der Koschi im Orte oder auf der Jagd anwesend, an denselben, geschah es
in des Königs Residenz oder in deren Nähe, an denselben als Königsstück
abgegeben. Dies ist Gesetz. Die Unterhäuptlinge haben auch alle
wichtigen Begebenheiten ihrem Koschi und dieser dem Regenten
unverzüglich zu hinterbringen.

Die Würdenträger der letztgenannten Rangclasse bilden zum größeren
Theile den »engen Rath des Königs« und stehen nach landläufigen
Begriffen höher als die der dritten Rangclasse, thatsächlich aber sogar
in des Herrschers Gunst höher als die Statthalter. In diese Kategorie
gehören der Scharfrichter, zur Zeit Sepopo's der bereits erwähnte
Maschoku, fünf bis sechs Leibärzte, unter denen der alte Liva und sein
Bruder besonders berüchtigt war, ferner des Königs Mundschenk, ein bis
zwei Detective, der Aufseher, der in der Residenz stationirte Fischer
und der oberste Kahnaufseher. Obgleich Sepopo die Verwaltung des
Mabunda-Reiches seiner Tochter Moquai aus den Händen nahm, hatte sie
doch, vom Volke als die eigentliche Herrscherin angesehen und geehrt,
ihren eigenen Hofstaat, in welchem ihr Gemahl Manengo die höchste Stelle
bekleidete, auch hatten sie einen Kanzler, einen Garde-Commandanten, die
Statthalter ihres Reiches waren jedoch von Sepopo installirt worden.
Außer den genannten Würdenträgern lernte ich noch die Häuptlinge Sambe,
Premier der Königin Moquai, Nubiana, einen Marutse, ebenso Moquele und
Mokoro, auch die beiden Masupia-Chefs Monamari und Simalumba kennen.

Sepopo umgab ein engerer und großer Rath. Der erstere war das »Werkzeug
des Herrschers«, ein Haufe nicht minder grausamer Creaturen als der
König es selbst war (unter Regentinnen ist er nicht vorhanden), der
große Rath aber, der zum Theile aus Ehrenmännern besteht, war ziemlich
machtlos und fristete unter Sepopo eine bloße Scheinexistenz, da die
milden Urtheile der Mitglieder desselben, sowie sie dem Herrscher nicht
zusagten, einfach ignorirt wurden, oder der engere Rath, der stets dem
Könige gehorcht, zu den Berathungen zugezogen, wodurch der große
Rath stets überstimmt wurde. Der große Rath bestand aus den
Hof-Würdenträgern, aus Häuptlingen und Unterhäuptlingen, die zufällig
die nächste Umgebung des Königs bewohnten. Obgleich Sepopo seinen
Wohnsitz mehrmals wechselte, machte er doch die Erfahrung, daß ihm zwar
anfangs die Mitglieder des großen Rathes zu Willen waren, später sich
jedoch seinen Grausamkeiten, namentlich den zahlreichen Hinrichtungen
der von ihm ob des geringsten Verdachtes schon des Hochverrates
Angeklagten, widersetzten. Um den Widerstand des großen Rathes zu
brechen, verfiel Sepopo auf den Gedanken, den großen Rath im
Masupia-Lande, sowie die Häupter jenes der Barotse zum Tode zu
verurtheilen, es war dies eine Gewaltmaßregel, welche nicht wenig seinen
Sturz beschleunigte. Bei den Stämmen im Marutse-Reiche stand der große
Rath in bedeutendem Ansehen, während man mit sklavischer Demuth zu dem
engeren emporblickte.

Unter Sepopo's Regierung führten zwei mumienartig aussehende
Zauberdoctoren, der eben genannte Liva und sein Bruder, das Wort. Sie,
welche schon mehreren Herrschern gedient hatten und eine mehr denn sechs
Decennien dauernde Praxis hinter sich hatten, wußten dem mißtrauischen
und äußerst abergläubischen Sinne Sepopo's zu schmeicheln und ihn in
seinem Aberglauben zu bestärken. So hatten sie sich in der Gunst der
Stämme vom Vater auf den Sohn zu erhalten gewußt und waren weniger
gehaßt denn gefürchtet, wenn sie auch oft die schrecklichsten
Grausamkeiten anriethen. Wenn sich die Stämme nicht früher schon gegen
Sepopo, diesen ungewöhnlichen Despoten erhoben, so beruht diese Schonung
in dem Ansehen, das er als das Haupt des engen Rathes genoß und darin,
daß er als ein Mann betrachtet wurde, der mit seinen Zaubermitteln
leicht die gegen ihn ersonnenen Pläne entdecken und vereiteln konnte.
Seine Grausamkeiten nahmen indeß an Häufigkeit zu. Die höchsten Beamten
des Reiches waren vor ihm nicht mehr sicher, und doch wagte es Niemand,
gegen ihn einen Assagai zu erheben. Da traf es sich, daß er öffentlich
Zaubermittel ausstellte und dem Volke die Wirkung derselben erklärte,
die jedoch ausblieb. Nun fielen den Leuten die Schuppen von den Augen,
sie erkannten, daß die ganze Zaubermacht des Tyrannen Humbug sei,
verloren die Furcht vor derselben und vertrieben ihn endlich.

Als ich am 26. mit Westbeech und einem Koschi über die Würdenträger des
Marutse-Reiches sprach, theilte mir der erstere eine Episode aus dem
Leben eines portugiesischen Händlers mit, welcher periodisch das
Marutse-Reich zu besuchen pflegte. Ein nebenan stehender Häuptling
warnte mich jedoch, vor dem Könige Anspielungen auf diese Episode zu
machen, da es diesen immer in furchtbare Wuth versetze. Der genannte
Händler, von den Eingebornen Intschau genannt, kam in der Regel mit
hundert bis hundertzwanzig männlichen und zwanzig weiblichen Trägern
nach der Barotse, er hielt einen förmlichen Hofstaat und trug seinen
Reichthum an Prätiosen zur Schau, beschenkte auch den damals in der
Barotse geladenen W., der ihm als Gegengeschenk ein Doppelgewehr
übergab. Als nun Westbeech im Jahre 1874 Senhor Intschau in der Barotse
traf, ordnete der König eine der großen Jagden an, wie sie jährlich
während der Zambesi-Ueberschwemmungen abgehalten zu werden pflegen.
Während derselben flüchten sich die Wasser-Antilopen des Zambesi-Thales
(der Letschwe und Puku) in die überschwemmten, dem Flusse anliegenden
Partien, was ihnen aber zum Verderben gereicht, da auf manchen Jagden
bis zu vierzig Stück gespeert werden. Sie werden mit Kähnen gejagt und
diese Jagden gestalten sich zu einem wahren Festtage der Marutse. Der
König Sepopo hatte für seinen Gebrauch ein eigenes großes Boot, das eine
Hütte trug, in welcher in den freien Augenblicken während der Jagd Bier
getrunken wurde, welches die Städte und Dörfer, an denen man
vorüberfuhr, liefern mußten. Jenes floßartige Riesenboot wurde von
vierzig Bootsleuten gesteuert.[13]

Als sich nun Sepopo auf jene Jagd begab, lud er Westbeech ein, an
derselben theilzunehmen, nicht aber den Portugiesen, worüber der
letztere so erbittert war, daß er sich an dem Könige zu rächen beschloß.
Wie schon erwähnt, standen in dem vom Könige allein bewohnten Gehöfte
drei Häuser, jene in der Stadt Sola, die Sepopo damals bewohnte, waren
namentlich solid ausgeführt. In Abwesenheit des Königs nahm sich nun
Intschau die Freiheit, von dem königlichen Gehöfte Besitz zu ergreifen,
wobei er dessen Schlafgemach in einen Düngerhaufen verwandelte. Die
Bewohner von Sola hielten den Portugiesen im Besitze der königlichen
Erlaubniß und berichteten dem Könige nicht eher die Invasion seines
Gehöftes, als bis sie durch das Vorgehen des Fremden die königlichen
Gebäude entehrt sahen. Als sie hörten, daß der König auf der Rückfahrt
begriffen sei, reisten ihm die Solaner entgegen und berichteten ihm, was
geschehen war. Der König wollte den Leuten nicht Glauben schenken und
schickte einige Männer seiner Begleitung voraus, welche sich von der ihm
angethanen Schmach überzeugen sollten. Die Abgesandten konnten nur die
Aussagen der Solaner bestätigen, worauf der König Intschau auffordern
ließ, Sola und sein Reich überhaupt sofort zu verlassen, welchem Befehle
der Elfenbeinhändler auch wohlweislich nachkam.

Darauf berief der König den kleinen Rath. Seine Lieblinge, die vom
Aberglauben umnachteten Rathgeber, hielten eine geheime Sitzung und
kamen zu folgendem Beschlusse, den sie dem Könige und später auch dem
Volke kundgaben. Sie sagten: »Intschau hätte nie eine solche Beleidigung
gewagt, wenn er nicht im Besitze von sehr starken und ganz wundersamen
Medicinen gewesen wäre. Der König dürfe daher nie mehr Sola und um so
weniger seine Wohnung aufsuchen, es würde ihm, sowie auch seinen
Unterthanen und dem ganzen Lande sehr großen Schaden bringen. Um all'
dies abzuwenden, hielten sie es für das Beste, daß die Einwohner Sola
verlassen, daß sie wie der König all' ihr Hab und Gut mit sich nehmen
sollten und daß dann die Stadt dem Boden gleichgemacht, d. h. an allen
Seiten angezündet, damit auf diese Weise die Gewalt der von den
Portugiesen schon angewendeten oder noch hie und da verborgenen
Medicinen und Zaubermittel vernichtet werde.« So geschah es auch.

[Fußnote 13: Als sich später die Marutse gegen ihren Herrscher erhoben,
eröffneten sie ihre Feindseligkeiten damit, daß sie dieses Riesenboot
verbrannten.]

Am 27. sollte endlich die lang besprochene Elephantenjagd abgehalten
werden. Ein ungewöhnlich reges Leben herrschte schon mit dem ersten
Morgengrauen in Schescheke. Das Königsgehöft war so mit Bewaffneten
überfüllt, daß ich mich kaum durchdrängen konnte. Der König war eben im
Begriffe, an dieselben Schießpulver und Kugeln auszufolgen. Ich eilte zu
meinen englischen Freunden, um ihnen die Nachricht zu bringen, doch sie
waren von einem Häuptlinge schon davon in Kenntniß gesetzt, ohne jedoch
formell vom Könige dazu eingeladen worden zu sein, und rüsteten sich
eben zur Jagd. Am lebhaftesten ging es zwischen dem königlichen Gehöfte
und dem Flusse, sowie an demselben her, schreiend und lachend zogen und
liefen einzelne zum Flusse herab, ich sah die Männer von Schescheke nie
vorher so gesellig und dienstfertig einander begegnen. Es war wohl die
Aufregung des Augenblickes, denn nur selten wurden solch' große Jagden
unternommen, man hatte sich schon seit Monaten dazu vorbereitet und ihr
Reiz war um so höher, weil sie einestheils mehrmals aufgeschoben war und
andererseits weil der König selbst mit drei Weißen sich an der Jagd
betheiligen sollte. Am Ufer lagen Kahn an Kahn, auf dem jenseitigen
hatte sich eine ganze Flottille eingefunden, deren Bemannung auf dem
Sande campirte und jeden Augenblick abzustoßen bereit war. Auch den Fluß
entlang zogen Schaaren, welche weiter abwärts an dem Flusse Kaschteja
die herabkommende Flottille erwarten und von ihr auf das jenseitige Ufer
übergesetzt werden sollten. Es waren meist Mankoë, Mabunda's und die
westlichen Makalaka's, welche landeinwärts in Karawanen nach Schescheke
gekommen waren. Am Ufer vor Schescheke hatte jeder Häuptling seine Leute
geordnet, d. h. seine und die Kähne seiner Untergebenen waren an
bestimmten Stellen aneinander gereiht und ihre Insassen harrten in
denselben oder am Ufer, oder sie waren mit dem Einladen ihrer Karossen,
Wassergefäße und Waffen beschäftigt, namentlich waren es ihre Gewehre,
mit denen sie sich viel zu schaffen machten.

[Illustration: Jagd auf Wasser-Antilopen.]

Schon war der König im Begriffe sein Gehöfte zu verlassen, als er von
meinen englischen Freunden an sein ihnen so oft gegebenes Versprechen
gemahnt wurde. Hier zeigte es sich nun deutlich, wie abscheulich der
König an den Engländern gehandelt; trotzdem er sie so lange vertröstet
und sie förmlich ausgesogen, hatten die Herren Alles willig gethan, um
nur jedem seiner Wünsche nachzukommen, sie hatten kaum ordentliche
Kleider mehr am Leibe, zweimal waren sie von Panda ma Tenka nach
Schescheke nur dieser ihnen so angepriesenen Jagd halber herüber
gekommen und nun trachtete Sepopo nochmals sie davon abzuhalten. Er that
dies aus zwei Gründen, erstlich weil er gewohnt war, die erlegten
Elephanten als seine Jagdbeute zu betrachten, wenn er auch selbst nicht
einen einzigen erlegt hatte; es hieß immer, der König habe alle
Elephanten geschossen, und dann, weil er die Neugierde der Weißen
fürchtete, welche durch den Reichthum des Landes an Elephanten leicht zu
öfteren Besuchen verleitet werden konnten. Von mehreren Häuptlingen
gedrängt, gab er endlich nach und stellte den drei Jägern, sowie einem
Händler mit Namen Dorehill, der den König schon ein Jahr zuvor besucht
hatte, einen Kahn zur Verfügung.

Gegen Mittag reiste der König ab und die Flottille -- am Ufer vor
Schescheke standen allein etwa zweihundert Boote -- setzte sich unter
den Klängen von Sepopo's Capelle in Bewegung. Ich bedaure nur, daß ich
die Jagd selbst nicht mitmachen konnte, ohne des Königs Verdacht zu
erregen, auf meiner Weiterreise durch sein Reich seine Elephanten
belästigen zu wollen.

Die Abendstunden, welche ich nun in Gesellschaft W.'s zubrachte,
benützte ich mit seiner Hilfe, um mit den Eingebornen über deren Sitten
und Gebräuche zu sprechen und Erkundigungen einzuziehen. Während des
Mahles am ersten Abende fand sich ein Marutse mit Namen Uana ca Njambe,
d. i. Kind Gottes, ein, er hielt sich für sehr weise und wurde von
Sepopo oft zu Rathe gezogen.

Am 29. blieb ich in unserem Gehöfte als Wächter zurück, während W. mit
seinen Dienern auf die Jagd auszog, sie waren glücklicher als ich am
Tage vorher, denn sie brachten einen Letschwebock heim, das arme Thier
hatte nicht weniger als zehn Kugeln im Leibe. Ich glaube, daß keine
Antilope so stark und mächtig entwickelte Halsmuskeln besitzt wie der
Letschwe. Am 30. kamen mehrere Marutse in unser Gehöft, welche um die
Stirne und Brust aus Schlangenhäuten gearbeitete Binden zu dem Zwecke
trugen, um den Kopf- und Brustschmerz zu verscheuchen; sie belehrten
mich, daß sie dieselben auch zur Abwehr des Hungers trugen, ähnlich wie
dies die Makalaka's mit Riemen und die Matabele mit Kattunstücken thun,
indem sie sich damit den Unterleib zusammenschnüren. Am Abende kamen
zwei Bootsleute von den vier auf die Elephantenjagd ausgezogenen Weißen,
um ihnen Nahrung nachzuführen. Sie brachten die Nachricht, daß die Jagd
bisher ohne Erfolg gewesen sei und am folgenden Morgen fortgesetzt
werden solle. Nach einer Stunde kehrte Herr Dorehill und H. Cowley
unerwartet zurück, sie schienen höchst enttäuscht und entrüstet. Sie
waren mit Sepopo und den hervorragendsten seiner Leute in einem
Schilfdickicht postirt, in welchem sie die zuerst von der Vorhut
angetroffene Elephantenheerde erwarteten. Der König war unvorsichtig
genug, schon aus einer Entfernung von sechzig Schritten zu feuern, so
daß sich die Heerde sofort zur Flucht wandte, und nach allen Seiten in
das Dickicht auseinanderstob. In des Königs Nähe lagen über achthundert
Schützen und eben so zahlreich waren die Antreiber gewesen. Kaum daß
sich die Elephanten zur Flucht wandten, feuerten nun alle ihre Gewehre
auf diese los, viele legten dabei die Waffe gar nicht an die Wange an
und so war es nicht zu verwundern, daß blos fünf Elephanten dabei
getödtet wurden. Die beiden Jäger erzählten, daß sie sich zur Erde
werfen mußten, um den Geschossen auszuweichen, denn die Kugeln flogen
wie Hagel nach allen Seiten. Die ganze Masse der Antreiber benahm sich
sehr ungeschickt und erzielte einen viel geringeren Erfolg, als ihn zwei
Masarwa's erreicht haben würden. Der König machte seiner Entrüstung über
den Mißerfolg der Jagd in der gewohnten Weise Luft, indem er mit einem
Stocke seine schwarzen Unterthanen so lange schlug, bis sein Arm
erlahmte. Der König war mit allerlei Salben beschmiert auf die Jagd
gegangen, welche Vorsichtsmaßregel er ein Molemo nannte, um sich leicht
der Elephanten zu bemächtigen.

[Illustration: Büffeljagd.]

Am 1. November machte ich einen größeren Ausflug nach dem Westen in den
Schescheker Wald. Schon vor Sonnenaufgang passirte ich die Stelle, an
welcher Alt-Schescheke gestanden und zog dann in westlicher Richtung
weiter. Zu meiner Linken breitete sich das Thal des Zambesi, eine
unabsehbare mit Bäumen und Schilfdickichten bewachsene Ebene aus, von
zahlreichen hie und da bis Meilen langen, tiefen Flußarmen durchfurcht.
Der Gehölzrand, an dem ich mich vorwärts bewegte, lag etwa zwanzig Fuß
über dem Flußniveau. Manche der Lagunen erstreckten sich vom Flusse in
nordwestlicher Richtung bis an das Gehölz, welches sie bis auf einige
Meilen begleiteten, während sich der Fluß stellenweise bis drei Meilen
von dem Gehölze entfernte. Etwa zehn Meilen von Schescheke ober einer
der genannten Lagunen, erblickte ich zwei Schlangenhalsvögel. Diese
Thiere bieten, auf einem kahlen, überhängendem Aste sitzend, einen
eigentümlichen Anblick. Der niedrige gedrungene Körper und die kurzen
Füße stehen in keiner Proportion zu dem dünnen langen Halse, der keinen
Moment ruhig, meist schlangenförmige Bewegungen ausführt. Noch
wunderlicher erscheint uns dieser Vogel, wenn wir ihn im Wasser
schwimmen sehen, der gesammte Körper ist dann bis zur Hälfte des langen
Halses in das Wasser eingesunken, nur das schmale mit einem sehr
scharfen Schnabel versehene Köpfchen und die dünnste Halspartie ragt
über das Wasser empor. Ich begegnete dem ^Plotus congensis^ in der
östlichen Cap-Colonie und dann erst wieder am Zambesi. Es scheint kaum
glaublich, daß das Thier seinen Hals derart erweitern kann, daß es
handbreite Fische ohne besondere Beschwerden zu verschlucken vermag; es
gelang mir, einige derselben zu erbeuten, obgleich sie in's Wasser
fielen und das Herausholen derselben mir und meinen vier Dienern der
Krokodile halber, von welchen die Lagune wimmelte, etwas beschwerlich
wurde. Weiter ziehend erlegte ich einen ^Francolinus nudicollis^ und
nach einigen weiteren Schritten stießen wir auf frische Büffelspuren;
diese führten vom Walde zum Flusse herab.

Wir folgten ihnen und kamen in den Wald zurück, dann an einem
Eingebornendorfe vorüber und tiefer in den Wald hinein. Etwa drei Meilen
vom Dorfe fanden wir neben den Spuren frische halbzerkaute Grashalme,
die unsere Aufmerksamkeit auf das Aeußerste spannten weil wir uns die
Thiere in unmittelbarer Nähe dachten. Der Niederwald von Schescheke ist
in dieser Richtung zwar ziemlich dicht, doch sind die Bäume nicht hoch.
Er umschließt viele hochbegraste Lichtungen und bildet gegen dieselben
zu oft Gebüschdickichte von Unterholz welche das Vorwärtskommen äußerst
erschweren.

Wir hatten nun in einer Partie des Waldes ganz frische Spuren bemerkt
und bewegten uns mit größter Vorsicht vorwärts. Gebeugt gingen wir etwa
drei Schritte von einander entfernt und musterten scharf die Umgebung.
Tschukuru, der Matonga-Diener, war der erste, welcher den übrigen
Dienern ein Halt gebot und sich vorbeugend, mir Wort »^Narri^« (Büffel)
zuflüsterte. »^Okaj^ (wo)?« frug ich, »^kia hassibona narri^ (ich sehe
keinen Büffel).« Tschukuru drückte leise an meine Schulter um mich zum
Niederbengen zu bewegen, was die Anderen auch verstanden und sich je
hinter einem Baume niederhockten. Der mir angegebenen Richtung folgend,
sah ich etwa 120 Schritte vor mir einige dunkle auf der Erde liegende
Körper, es waren vier Büffel, von welchen einer mit der Stirne zu mir
gekehrt lag. Auf diesen legte ich nun an und feuerte. Wir erhoben uns
sofort nach dem Schusse, um dessen Wirkung zu sehen; das in das
Dickfleisch des Nackens getroffene Thier wälzte sich auf der Erde herum,
doch im nächsten Momente sprang es wieder auf und mit ihm die Gefährten,
die wir jedoch nicht deutlich zählen konnten, da sich die Büffel
ziemlich dicht aneinander drängend zur Flucht gewendet hatten. Ich
konnte nicht annehmen, daß das getroffene Thier schwer verwundet worden
war.

Wir verfolgten die Thiere äußerst vorsichtig, denn mir sowohl wie den
Dienern war die List eines erzürnten oder verwundeten Büffels
wohlbekannt. Der Büffel vermag besser als das Nilpferd Feinde von
fremden Gegenständen, die es nicht zu fürchten hat, zu unterscheiden und
ist auch ungereizt dem unbewaffneten Menschen gegenüber ungefährlicher
als das Hyppopotamus. Verwundet trachtet der Büffel bis zum letzten
Momente seinem Gegner beizukommen, um ihn zu vernichten. Um dieses zu
erreichen, befolgen die Thiere eine und dieselbe Methode, das Thier
wendet sich zur Flucht und sucht sich hinter einem Gebüsch zu
verstecken, um den folgenden Jäger zu erwarten, dann stürzt dasselbe
hervor, um sich auf ihn zu werfen. Unglücksfälle solcher Art sind
ziemlich häufig und selbst erfahrene Jäger, welche diese List des
Thieres kannten, sind von dem südafrikanischen Büffel überlistet und
schwer verwundet worden. In manchen Fällen begnügt sich dann das
erzürnte Thier, mit gesenktem Kopfe auf diesen zu stürzen und ihn
emporzuwerfen, was in der Regel eine Ausrenkung des Fußes oder einen
Arm- oder Beinbruch zur Folge hat, doch manchmal macht das Thier auch
von seinen Hufen Gebrauch und preßt den Körper des Niedergeworfenen mit
den Hörnern zur Erde. So ist mir ein Fall, der sich am Limpopo
ereignete, bekannt, in welchem ein Weißer und drei Schwarze getödtet und
ein vierter Schwarzer von einem und demselben Büffelstier schwer
verwundet wurde.

Zweihundert Schritte von der Stelle, an der wir die Stiere zuerst
aufgejagt hatten, blieben dieselben stehen, und als wir uns näherten,
konnten wir deutlich sehen, wie die vordersten unsere Witterung zu
gewinnen suchten; als wir um fünfzig Schritte näher gekommen waren,
wandten sie sich mit Ausnahme eines einzigen zur Flucht. Dieser folgte
ihnen zuerst langsam einige Schritte nach und dann blieb er stehen,
indem er sich hinter einem Baumstamme zu decken suchte. Ich hieß meine
Begleiter stehen bleiben, um die Aufmerksamkeit der Thiere auf sich zu
lenken, während ich tief gebeugt näher kroch, und dem Büffel eine Kugel
in den Leib sandte; das Thier sank für einen Moment, erhob sich jedoch
gleich wieder. Ich schlich abermals näher, indem ich mich unter dem
Winde hielt, und von links, von der Seite her, dem Thiere aus fünfzig
Schritte Entfernung eine Kugel zusandte. Dieser Schuß traf das Thier in
die Brust und rasch folgte ein zweiter, der das linke Blatt durchbohrte,
nach diesem Schusse wankte das Thier auf eine freiere Stelle, wo es in
die Knie sank. Tanzend und singend liefen nun die Diener herbei. Ich
aber sandte dem sterbenden Thiere aus einer Entfernung von zwanzig
Schritten eine Kugel hinter das Ohr, worauf der Kopf zurückfiel, die
mächtigen Füße sich ausstreckten und der Büffelstier unsere Beute war.
Jetzt ließen sich die Diener nicht mehr halten und waren mit mehreren
Sprüngen oben auf dem Cadaver, um es sich daselbst für einen Moment
bequem zu machen. Ein großes Feuer wurde nun angezündet, und ein Stück
des Büffelherzens am Feuer gebraten, dann ein Schenkelknochen
herausgeschnitten und das Mark geröstet.

Gegen Abend verließ ich mit Narri die Stelle, um heimzukehren, während
die übrigen Diener zurückblieben, um das Thier vollends zu zerlegen. Der
wilden Thiere halber -- Löwenspuren gab es in Menge und an dem
Gehölzrande gegen die nächste Lagune zu Leopardenspuren -- mußte das
Fleisch auf einem Baume aufgehangen werden; da sich jedoch mit Einbruch
der Nacht ein heftiges Gewitter entlud, waren sie nicht im Stande, Feuer
anzumachen und mußten ebenfalls, auf dem Baume hockend die Nacht
zubringen.

[Illustration: Löwenjagd bei Schescheke.]

Als ich auf der Heimkehr eben die Stadt betrat, ward ein von zwei
Fischern gelenktes, mit Fischen beladenes Boot von dem sich erhebenden
Orkan umgeschlagen. Wunderbarer Weise gelangten beide unbeschädigt an's
Ufer dafür aber war der Fluß von einer Menge todter Fische bedeckt,
welche die Strömung rasch dem Ufer zutrieb. Wie aus dem Boden gewachsen
tauchten nun rechts und links am Ufer Jungen auf, welche es sich
angelegen sein ließen, die ausgeworfene Beute sofort in Beschlag zu
nehmen. Manche hatten schon ihr kleines von der Schulter herabgerissenes
Ledermäntelchen vollgefüllt, als sich plötzlich unter ihnen eine wilde
Bewegung bemerkbar machte und die mir zunächst Stehenden die Fische von
sich warfen und die obere Uferpartie rasch zu gewinnen suchten. Der
durch seine rothe Wolldecke gekennzeichnete Aufseher der Fischer nämlich
war wie ein Raubvogel zwischen die beutelustige, am Strande versammelte
männliche Jugend Schescheke's eingefallen und ließ wacker den Stock auf
dem Rücken der kleinen Freibeuter tanzen.

Am Morgen des 2. November war ich nicht wenig erstaunt, zahlreiche
Bewaffnete nach dem im Westen der Stadt liegenden Walde eilen zu sehen;
es konnte doch unmöglich ein Feind sein, dem es zu begegnen galt. Einige
auf uns zuschreitende Männer lösten bald diesen Zweifel. Es waren
Abgesandte, welche uns den Gruß ihres Häuptlings entboten und uns zu
einer Löwenjagd einluden. Vier Löwen waren in des Königs Heerden
eingefallen und hatten vier Rinder getödtet. Der von Westen fließende
Zambesi machte etwa 150 Schritte oberhalb unseres Gehöftes eine
plötzliche Wendung nach Norden, um sich nach einer kurzen Strecke unter
einem rechten Winkel nach Osten zu wenden, und so Neu-Schescheke zu
umspülen. An dem letzterwähnten scharfen Buge nach Osten zweigt sich
eine Lagune nach Westen ab, welche sich in Arme theilt und an deren
linkem nördlichen Ufer auf einer Halbinsel der Schauplatz der von den
Löwen begangenen Unthat lag. Westbeech und Walsh fanden kein Vergnügen
an der Jagd und lehnten die Einladung ab, Cowley und ich folgten
derselben.

Cowley war ein angenehmer, achtzehnjähriger Jüngling mit einem rosigen
Mädchengesicht; er war sehr zuvorkommend und hatte meiner Ansicht nach
nur den einen Fehler, daß er um jeden Preis ein Gordon Cumming werden
wollte. Auf einer Löwenjagd hätte er um ein Haar sein Leben eingebüßt;
so jung er auch war, hatte er bereits zwei Löwen erlegt, ich fand nun
seine Eile erklärlich, den dritten hinzuzufügen. Außer dem Häuptling
waren etwa 170 Eingeborene anwesend, davon jedoch nur vier mit Gewehren
bewaffnet. Später hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, daß die Marutse
nur in Fällen, wenn der Löwe ihnen einen Schaden zugefügt hat, mit
einigem Muth auf denselben losgehen. Als ich nach einer halben Stunde um
die Lagune bog, kam mir der ganze Troß entgegen, man folgte eben der
größten der vier Löwenspuren, nachdem man noch zuvor die Hirten über den
Vorgang befragt und den Thatbestand bis in's kleinste Detail aufgenommen
hatte. Da man es für unmöglich hielt, daß sich die Löwen so nahe an die
Stadt wagen würden, wurden die königlichen Heerden auch in der Nacht auf
einer freien Stelle gehalten, während die Hirten in kleinen
gebrechlichen Grashütten schliefen.

Nachdem wir uns dem Zuge angeschlossen hatten, brach der ganze Haufe
auf, einige Eingeborene, welche von zwei Hunden unterstützt wurden,
verfolgten die Spur der Raubthiere. Dann kam Marancian in unserer
Begleitung und hinter uns wälzte sich laut schreiend und gesticulirend
der übrige Troß. Lange konnten wir indeß diese Marschordnung nicht
beibehalten, sie war nur in unbebuschten Partien möglich, doch als die
Spur durch Dorndickichte führte, durch welche kaum die Hunde
durchschlüpfen konnten, suchte sich jeder durchzuarbeiten, so gut er
konnte, dabei war es schwer möglich, sich schußbereit zu halten; noch
unangenehmer war unsere Lage dort, wo die Spur durch ausgetrocknete,
hochbeschilfte Vertiefungen führte. Indem wir nicht sofort des Thieres
ansichtig wurden, sondern es erst nach einer mehr denn einstündigen
Verfolgung erblickten, wuchs der Muth unserer schwarzen Begleiter, da
sie der Meinung waren, daß der Löwe seiner Schuld bewußt, auf voller
Flucht begriffen sei. Wir waren eben aus einer solchen Vertiefung auf
eine mit Dornenbüschen bewachsene Düne gelangt, als die Hunde wüthend
gegen eine zweite, unseren Weg kreuzende und in die erstgenannte
einmündende beschilfte, etwa drei Meter tiefe und acht Meter breite
Einsenkung lossprangen. Die Fährte war hier so frisch, daß das Raubthier
sich eben verborgen haben mußte. Hier ließen wir den Troß der
Eingebornen zurück und forderten sie auf, möglichst viel Lärm zu machen;
ich umging die Terrainmulde an ihrem Beginne und stellte mich am
gegenüberliegenden Rande schußbereit auf, während mein Begleiter seine
Hunde in das Röhricht hetzte. Mehrere Eingeborne, darunter auch
Marancian, hatten sich indeß zu mir gesellt.

Das Gebell der Hunde belehrte uns bald, daß das Raubthier uns umgangen
und in unserem Rücken Posto gefaßt hatte. Da wir von dieser Seite dem
Thiere nicht beikommen konnten, hoffte ich es von dem gegenüber und
tiefer liegenden Rande des Röhrichtes zu erblicken und stieg deshalb
nach abwärts, um es zu durchschreiten, wobei mir auch der ganze Schwarm
der Schwarzen folgte. Wir standen nun etwa hundert Mann an der
bezeichneten Stelle und suchten vergebens das Raubthier. Cowley hatte
sich am linken Flügel aufgestellt, ich wählte mir die zum Schusse
geeignetste Stelle, und zwar dem vermeintlichen Verstecke gegenüber. Da
jedoch weder Schreien, noch das Werfen von Holzstücken und Assagaien
irgend welchen Erfolg hatte, so ließ ich die noch immer nachströmenden
Schwarzen die von mir erst wenige Augenblicke zuvor eingenommene Stelle,
wo ich von dem Löwen umgangen worden war, dicht besetzen und mit ihren
langgestielten Assagaien das Dickicht durchwühlen. Es war ein
Höllenlärm, alle schrieen aus Leibeskräften und hielten ihre Wurfspeere
zum Gebrauche bereit. Marancian stand etwa zwanzig Schritte vor mir, von
seinen mit Gewehren bewaffneten Unterthanen umgeben. Je länger das Thier
in seinem Verstecke verharrte, desto mehr wuchs der Muth der Angreifer.
Plötzlich, wie das Aufleuchten eines Blitzes, wirft sich eine Löwin mit
einem Satze aus dem Gebüsch in das Schilfdickicht vor uns und bevor noch
die Wurfgeschosse sie erreichen konnten, erfolgte ein zweiter Satz, mit
welchem die Löwin laut aufbrüllend fünfzehn Schritte rechts von mir
mitten in die Doppelreihe der schwarzen Jäger sprang. Leider war es mir
in diesem sonst günstigen Momente des dichten sich zwischen mir und dem
Thiere befindlichen Menschenknäuels halber nicht möglich, das
Gewehr abzufeuern. Die Löwin hatte die Menschen nieder- und
auseinandergeworfen, ohne sie arg verletzt zu haben und war dann mit
einem dritten Satze in einem überaus dichten, zwei Schritte hinter uns
beginnenden, an zwölf Fuß hohem Dickichte verschwunden. Sofort wandten
wir uns alle dem neuen Schlupfwinkel der Löwin zu. Marancian befahl
seinen Leuten, das Schilfrohr niederzubrechen und das Raubthier nach der
entgegengesetzten Seite zu drängen. Was uns alle befremdete, war das
Verstummen der Hunde, sie waren inzwischen in das Dickicht eingedrungen
und erst, als sich die Leute an das Brechen des Schilfrohres machten,
hörten wir ihr von der Wiese herüberschallendes Gekläffe.

Wir eilten so schnell, als uns unsere Füße nur trugen, auf die Wiese und
sahen die Löwin in weiten Sätzen dahinjagen und die Hunde unmittelbar
auf ihren Fersen. Ich sah meinem armen Freunde den Verdruß an, seine
früher eingenommene Stelle verlassen zu haben. Die Scene, die nun
folgte, wäre wohl des Griffels eines Künstlers werth gewesen.
Vergegenwärtigen wir uns eine nach Südwest und West von
Schilfrohr-Dickichten, nach Norden von einem Gebüsch umsäumte, an 800
Meter lange und 600 bis 700 Meter breite, hochbegraste Wiesenfläche. Auf
dieser als den vordersten Gegenstand der sich dahinbewegenden Gruppe die
gelbliche, sich momentan über das hohe Gras emporschnellende Gestalt der
flüchtenden Löwin, dann die kleineren, jedoch nur seltener sichtbaren
der Hunde und dann der gesammte Troß der Verfolger, an zweihundert
dunkle Menschengestalten, die einen trabend, die letzten raschen
Schrittes folgend, die vordersten jedoch einander in schnellem Laufe
überbietend. Die meisten bis auf die rothen, weißen, carrirten oder
ledernen, braunen Schürzen, vollkommen entblößt, nur wenige mit über die
Schulter geworfenen Karoßmäntelchen, die bei dem raschen Laufe und den
hohen Sprüngen lustig im Winde flatterten. Die Einen schwingen die
langen Waffen, die Anderen haben ihre Speere geschultert, und während
die vorderste durch die Flucht der Löwin ermuthigte Schaar lautgellende
Schreie ausstößt, beginnt die Nachhut die Melodie zum Löwentanz. Etwa
800 Meter von ihrem letzten Schlupfwinkel nahm die Löwin abermals in
einem Schilfrohr-Dickicht von dreieckiger Form, im Umfange von siebzig
Metern, ihre Zuflucht. Dieses Dickicht war an seiner nördlichen, langen
Seite von einer zehn Fuß hohen, bebuschten Sanddüne begrenzt. Marancian
faßte mit seinem Stabe von etwa sechzig Schwarzen circa acht Meter vor
dem Röhricht Posto; ich etwa fünf Meter der Basis des schilfigen
Dreieckes gegenüber (an seinem Ostrande). Cowley stand etwa dreißig
Schritte hinter mir und hinter einem Busche auf der Düne, da er sich
dachte, daß die Löwin von unten gedrängt, nach aufwärts längs der Düne
zu entkommen trachten werde. Etwa zehn Eingeborne hatten sich zu meiner
Seite postirt. Nun folgte die vielleicht interessanteste Episode dieses
Abenteuers. Von Marancian theils durch Worte aufgemuntert, theils auch
fühlbar mit seinem langen Stabe dazu angespornt, begannen die meisten
der Jäger von seiner Seite her das Schilfrohr in der Mitte seiner Höhe
zu brechen und sich darauf zu schwingen. Das Schilfdickicht vor mir
verwandelte sich nach und nach in eine schwankende, dunkelgrüne,
prasselnde, vier Fuß hohe Gerüstdecke, auf der sich vierzig schwarze
Gehalten in einer so eigenthümlichen Weise herumtummelten, daß man trotz
des Ernstes der Situation das Lachen nicht unterdrücken konnte. Dabei
wurde geschrieen und mit der freien Hand gesticulirt, daß man eine
Schlachtscene vor sich zu sehen glauben konnte. Bei allen den Bewegungen
war es jedoch für die Leute äußerst schwierig, das Gleichgewicht auf der
schwankenden Rohrdecke zu behaupten, hier fiel einer der Länge nach
kopfüber, dort zwei nach rückwärts.

Die Scene änderte sich jeden Augenblick. Man hatte von der Spitze des
Dreieckes begonnen und arbeitete gegen seine Basis, gegen uns zu, und
hatte so allmälig das ganze Dickicht bis auf eine kleine Ecke
(Dünenecke) niedergebrochen; die Löwin war unstreitig immer mehr
zurückgewichen und wir mußten sie jeden Augenblick hervorstürzen sehen.
Um so gespannter und aufgeregter schien alles, nur Marancian nicht, der
noch immer auf seinem Platze in aller Gemüthsruhe saß. Plötzlich
erschallt ein zorniges Brummen und aus dem noch ungebrochenem Schilfe
stürzt die Löwin auf ihre Angreifer hervor. Von diesen feuert einer
einen Schuß ab, die Kugel schlägt in den Sand zwischen die Leute zu
meiner Rechten ein, die meisten der Braven auf der schwankenden Decke
fallen aus Bestürzung zurück, ein guter Theil wird unsichtbar, von den
Hintersten werfen einige die mächtigen Wurfspeere auf das Thier, welches
nach dem Ausfalle sofort wieder in seinen Schlupfwinkel zurückkehrt und
sich hier niederkauert, um einen rettenden Sprung auf die Düne zu wagen.
In diesem Momente den Kopf des Thieres erblickend, springe ich heran und
feuere aus einer Entfernung von zwei Metern, drei Speere fallen zu
gleicher Zeit in das Dickicht ein und treffen das Raubthier, dessen
Brummen aufgehört hat. Das Thier war todt, doch um sicherer zu sein,
feuern ich und Cowley zu gleicher Zeit und zwanzig Speere senken sich
noch überdies in den Körper der Löwin, bevor man sie herauszog. Nun kam
jeder der Schwarzen herbei und einen Spruch murmelnd bohrte er seinen
Assagai in den Leib des Thieres. Da die Löwen des Königs Ochsen getödtet
hatten, mußte der Schädel des Thieres als ein Beschwörungsmittel dienen
und über dem Viehkraal in Schescheke aufgehangen werden.

Ich kehrte mit Cowley heim, während unsere Trophäe am Nachmittage unter
Sang und Klang zur Stadt gebracht wurde. Vier kräftige Männer trugen an
zwei Pfählen (die Vorder- und Hintertatzen des Thieres waren
zusammengebunden worden) die Löwin, so daß ihr Kopf beinahe auf der Erde
schleifte. Bei ihrer Annäherung -- es war beinahe um dieselbe Zeit, als
meine Diener mit dem Büffelfleisch heimkehrten -- zog ihnen der Rest der
männlichen Bevölkerung entgegen. Man musizirte auf der schon erwähnten
Löwentrommel und führte dabei den Löwentanz auf. Die Menge ordnete sich
hierbei in zwei Gruppen, die Träger der Beute und die Jäger. Diese
wurden von dem Würdenträger, der den Kampf geleitet, eröffnet; ihm
folgten diejenigen Jäger, die dem Thiere am nächsten gestanden hatten,
während sich in der Mitte der Menge der Musiker, ein Tambour, befand.
Die Tänzer bildeten plötzlich aus der Gruppe nach rechts, links und
vorne hinausrennende, mit Schild und Speer den Löwenkampf
versinnlichende Jäger, die den regsten Antheil an der Jagd genommen
hatten. Der Gesang der zweiten oder tanzenden Gruppe, der von der
vorderen beantwortet wird, ist nicht so monoton wie bei anderen
Gelegenheiten, wird jedoch durch die Töne des Instruments, die ihn
begleiten, sehr verunglimpft.

[Illustration: Maschukulumbe an Sepopo's Hofe.]

Als der Körper des Thieres unter den beiden Mimosen niedergelegt wurde,
untersuchten ich und Cowley die Wunden und fanden, daß mein erster Schuß
die linke Schädelhälfte der Länge nach durchbohrt hatte. Nach dem
Schusse lag die Löwin auf der Erde und von ihrem Gesichte war nur ein
kleiner Theil unter den Augen sichtbar geworden. Dorthin drang meine
zweite und auch Cowley's Kugel ein; ich fand sie in dem zerschmetterten
zweiten Halswirbel, während sich die kleine Bleipille meines Freundes an
den scharfen unteren Schädelknochen in Atome zersplittert hatte.

Mit der Aufzeichnung dieser Löwenjagd war auch das mir von Westbeech
geschenkte und aus seinem Tagebuche geschnittene Papier, das letzte,
dessen ich überhaupt habhaft werden konnte, ausgegangen, ich nahm nun
meine Zeitungen, die ich in Schoschong erhalten und zwischen denen ich
Pflanzen zu pressen pflegte, zu Hilfe, schnitt die freien Ränder ab und
klebte sie mit dem Gummi der Mimosen zu Blättern zusammen.

Am nächsten Tage beehrte mich Marancian mit seinem Besuche und wir
sprachen mit W. über die Barotse, das Mutterland der Marutse. Marancian
meinte, ich würde, da ich Alles unter den Leuten in Schescheke so
beobachte und Häuser und all' die Dinge in mein ^lungalo^ (Buch)
eintrage, weit schönere Bauten und Dinge in den Städten der Barotse
sehen und er machte mich namentlich auf die Denkmäler der Könige
aufmerksam. Mich freute diese neue Aufmunterung zur Reise nach dem schon
von Westbeech, dann eingehend vom Könige, von den Häuptlingen Rattau,
Ramakocan, den Königinnen, Moquai und den Portugiesen besprochenen
Lande. So kamen wir auch auf des Königs verstorbenen Thronfolger
Maritella zu sprechen. Nach seinem Tode ließ der König das zur Stadt und
ihrer Umgebung gehörende Vieh auf dem Grabe zusammentreiben und hier
mehrere Stunden stehen, bis die Thiere durstig und hungrig geworden,
Ihren Unmuth durch Gebrülle kundgaben. »Seht,« sprach der Herrscher,
»auch die Thiere trauern um Maritella, mein Kind.«

An diesem Tage kehrte der König mit seinen Leuten von der großen
Elephantenjagd zurück. Er war höchst unmuthig und mit dem Erfolge
derselben in jeder Beziehung unzufrieden. Am 2. hatte man in den Sümpfen
in der Nähe von Impalera über hundert Elephanten getroffen, jedoch nur
vier davon erlegt. Nicht weniger als zehntausend Schüsse waren gegen die
Thiere abgefeuert worden. Am Abend sah ich bei dem König die erbeuteten
Hauer. Zwei à 60, sechs zwischen 25 und 30 Pfund Gewicht, vier kleine
Kuhhauer und vier werthlose Zähne junger Thiere. Dabei waren die zwei
größten durch die Kugeln arg beschädigt worden.

In der letzten Zeit war es in Schescheke recht empfindlich warm
geworden, so daß man durchaus nicht mehr eine Jacke am Körper ertragen
konnte. Um so schwüler war es in meiner fensterlosen Grashütte und
wahrhaft unerträglich, wenn die über einen Fuß starke, nasse Graslage,
die auf dem Schilfrohrgerippe lag, auszudünsten begann.

Am 7. machte ich einen abermaligen Ausflug, diesmal nach Nordost, es war
die längste Fußreise, die ich je zu Stande gebracht, etwa 52 englische
Meilen. Schon etwa um zwei Uhr hatte ich Schescheke verlassen,
durchschritt den westlichen Theil von Blockley's Kraal bis an den
Kaschteja hin und verfolgte dann den Fluß aufwärts, indem ich vergeblich
eine passende Uebergangsstelle suchte. Das Thal am unteren Laufe des
eben genannten und schon mehrmals erwähnten linken Zambesi-Zuflusses ist
flach, wiesig, von Niederwald umsäumt. Bis zum Kaschteja trafen wir
Zebras, gestreifte Gnu's, Letschwe- und Puku-Antilopen, Rietbock- und
Steinbock-Gazellen, im Thale des Kaschteja den Orbecky und Rietbock in
Heerden, eine Erscheinung, die weder ich noch ein anderer Jäger zuvor
beobachtet hatte.

Die englischen Offiziere wollten am 8., höchst unzufrieden mit dem
Aufenthalte in Schescheke, die Stadt verlassen, doch sie waren nicht im
Stande, Kähne von Sepopo zu erhalten, um nach dem Tschobethal und Panda
ma Tenka zurückkehren zu können. Auch am 9. schlug Sepopo ihre
abermalige Bitte ab. Heute kehrte auch Blockley von Panda ma Tenka mit
einer größeren Anzahl von Gewehren zurück; ich war froh, den
freundlichen Mann, der mir so viele Dienstleistungen erwiesen,
wiederzusehen, und machte mit ihm einen Besuch beim Könige, der mich
wahrhaft beglückte, denn nunmehr sollte mein längst gehegter Wunsch in
Erfüllung gehen. Der König war gesonnen, das mir gegebene Versprechen
baldigst zu erfüllen. Er theilte uns mit, daß in nächster Zeit die von
der Barotse zu Besuche gekommenen Königinnen sowie Moquai nach dem
letzteren Lande zurückkehren würden, und daß ich in ihrer Gesellschaft
reisen solle; ich konnte keine einflußreicheren Begleiter als jene von
den Völkern so hochgeehrten Frauen haben.

Als ich gegen Mittag Sepopo zum zweiten Male besuchte, fand ich sein
Gehöft mit Menschen gefüllt und als ich in das Haus eintrat, fragte mich
der König, ob ich schon Maschukulumbe gesehen hätte, da ich es
verneinte, nahm er mich bei der Hand, führte mich vor sechs auf der Erde
hockende Menschen, die mir fremd und einer eingehenderen Betrachtung
werth schienen. Sie waren von schwärzlicher Hautfarbe und hatten alle
einen weiblichen Zug in ihrem Gesichte, die meisten eine Adlernase.
Jener Zug rührte von der Bartlosigkeit der Gesichter, sowie davon her,
daß ihre Oberlippe stark eingefallen war. Eine weitere Eigentümlichkeit
der fremden Besucher war, daß sie mit Ausnahme ihres Scheitels alle
behaarten Theile an ihrem Körper rasirt hatten, besonders auffallend war
aber die Haarfrisur, welche sich auf ihrem Scheitel auftürmte. Sepopo
berichtete mir, daß es Maschukulumbe seien, welche nach Osten und Norden
die Grenznachbarn seines Reiches bilden. Vom Könige und mehreren
Häuptlingen befragt, berichteten sie, daß die Stämme der Maschukulumbe
unter folgenden Fürsten leben. Sialoba, Mokobela, Kajila, Wuengwa,
Kasenga, Kaingo, Musanana, Similindi, Kasamo, Kanjambo und Nadschindu.
Die Anwesenden waren Abgesandte, welche alljährlich mit Geschenken zur
Begrüßung des Herrschers an den Marutse-Hof kommen und nach einigen
Wochen mit Gegengeschenken heimkehren. In ihrem Lande gehen sie
vollkommen nackt einher, nur die Frauen pflegen sich Eisenglöckchen an
einem Riemen um den Leib zu hängen. Der Stolz der Maschukulumbe ist ihr
Haar, es ist auch in der That sehenswerth. Auf der Höhe des Scheitels,
fest mit dem Kopfe zusammenhängend, ruht ein kegel- oder
kegelstutzförmiger, aus mehreren Lagen aufgebauter Chignon. Die einen
Lagen sind aus horizontalen, die anderen aus verticalen, bei einem
zweiten aus sich kreuzenden, bei dem anderen wiederum aus parallel
laufenden, kunstvoll geflochtenen Zöpfchen gebildet und mit einer
Gummilösung durchtränkt, so daß das Ganze als ein aus dem Haare des
Trägers allein bereiteter Bau angesehen werden könnte; doch dem ist
nicht so. Periodisch schabt der Maschukulumbe bis auf eine kreisrunde,
bis fünfunddreißig Zentimeter im Umfange messende Cranium-Fläche das
wollige Haar von seinem Körper ab. Auf die am Scheitel stehenbleibende
Wolle wird nun der thurmartige Chignon aufgebaut; das durch das
periodische Abschaben gewonnene Haar wird aufbewahrt, bis eine
hinreichende Menge zur Verfügung steht; um diese jedoch in möglichst
kurzer Zeit zu erlangen, erlaubt sich der Gemahl auch den Kopf etc.
seiner Frauen, seiner Sklaven und die Köpfe aller der im Kriege
erschlagenen Feinde abzuschaben, und das so gewonnene, für den
Maschukulumbe unschätzbare Material mit Hilfe von Gummi mit seinem
Eigenen zu verbinden, und dann in kleine Zöpfchen zu flechten. Die
längste dieser Frisuren endete in einen 1.03 Meter langen Schweif. Sie
war nach rechts geneigt, beugte sich der Mann nach vorne, so senkte sich
auch der ganze Haarthurm. Diese Frisur hatte einen Umfang von
sechsunddreißig Zentimeter, die anderen waren zwanzig bis dreißig
Zentimeter hoch. Die Temporalmuskeln waren zu fingerdicken Strängen
entwickelt, nur dadurch konnte der Kopf auch die große Last auf dem
Cranium tragen. Die eingesunkenen Oberlippen waren durch das Aussprengen
der oberen Schneidezähne bedingt, welcher Proceß bei den Maschukulumbe
ähnlich wie die Boguera bei den Betschuana's zur Zeit ihrer Mannbarkeit
oder vor derselben, also in der Abhärtungsperiode des Knaben vorgenommen
wird. In ähnlicher Weise brechen sich ein nördlich vom Zambesi wohnender
Makalakastamm und die an seinen beiden Ufern wohnenden Matonga's die
oberen mittleren Schneidezähne und thun dies aus einem Motiv der
Eitelkeit. Die Matonga-Frauen sind der Ansicht, daß nur Pferde mit allen
Zähnen fressen, die Männer jedoch sollen kein Pferdegebiß haben.

Der König war an diesem Tage mit den Seinen beschäftigt, aus den
Blattrippen der Saropalme ein Musikinstrument zu schneiden, die concave
Fläche desselben wurde mit Ausnahme der Enden tief ausgefurcht und an
der convexen, rückwärtigen Außenfläche zahlreiche zwei bis drei
Millimeter breite seichte Furchen eingeschnitten, das Instrument wurde
dann beim Elephantentanze mit einem Stäbchen gestrichen.

Westbeech, Dorehill und Cowley verließen am 10. Schescheke, um nach
Panda ma Tenka zu gehen, während sich Sepopo noch immer weigerte, den
beiden englischen Officieren, welche sehnlichst abzureisen wünschten,
Kähne zur Verfügung zu stellen. Am 11. zog der König, von einem Haufen
seiner Unterthanen begleitet, durch die Stadt und führte laut singend
den Mokoro- oder Bootstanz auf. Unter den Klängen der Schiffermelodie
wurde eine Bootfahrt versinnlicht. Der Vortänzer, hier der König, machte
die Gesten des Bugruderers, der ihm folgende Schwarm, etwa siebzig
seiner Unterthanen ahmten die Backbordmänner nach. Da ich die Hoffnung
nicht aufgab, Sepopo werde die englischen Offiziere ziehen lassen,
arbeitete ich neue Feuilletons für englische und heimische Blätter aus
und übergab ihnen dieselben sowie meine Correspondenz zur freundlichen
Weiterbeförderung. Sie waren schon im Begriffe in die Boote zu steigen,
als sie abermals von Sepopo zurückgehalten wurden; endlich gab er nach.
Da waren es aber die von den Engländern gemieteten Diener, welche sich
die unfreundliche Behandlungsweise ihres Königs zum Muster nehmend,
nicht minder unverschämt betrugen. Durch meine Intervention gelang es
indeß, auch diese zur Vernunft zu bringen und den Officieren die Abreise
zu ermöglichen. In den letzten Tagen hatte sich eine der Sommerplagen
von Schescheke, die Mosquito's, recht bemerkbar gemacht und ließen mich
kaum zur Ruhe kommen.

Am 16. wurde abermals von den Marutse des notwendigen Köders halber eine
Hetzjagd auf einen Hund unternommen, da eine Frau beim Baden wieder von
den Krokodilen getödtet wurde. Auf meinem Rundgange durch die Stadt kam
ich eben dazu, als ein Menschenschwarm nach dem Flusse hinstürzte;
demselben folgend kam ich zu den zwei Mimosen, in deren Nähe eben zwei
riesige Krokodile an's Land gezogen wurden.

Seit einigen Tagen fiel jeden Nachmittag Regen und am frühen Morgen so
reichlicher Thau, daß ein Ausgang vor zehn Uhr ein Morgenbad genannt
werden konnte. In den meisten Partien war das Gras drei Fuß hoch.

[Illustration: Sepopo's Arzt.]

Am 20. machte ich wieder einen Ausflug nach Nordost und schoß eine
Steinbock-Gazelle, dabei war meine Ausbeute an Coleoptera äußerst reich.
Am folgenden Tage machte ich einen größeren Ausflug nach Norden. Ich
verließ Schescheke noch vor Tagesgrauen und kehrte gegen sechs Uhr
Abends heim. Trotz des starken Thaues und der sonstigen Mühen fühlte ich
mich durch neue Beobachtungen und die gewonnene Beute reichlich
entlohnt. Ich fand manche Theile des Waldes mit einem hohen
umfangreichen Busch, der von Tausenden großer weißer Blüthen bedeckt
war, dicht bestanden. Diese Blüthen dufteten so herrlich, daß die Luft
im Walde von einem starken, förmlich berauschenden Wohlgeruche
geschwängert war. Auf einer der tief im Walde liegenden Lichtungen fand
ich zwei zuvor noch nicht beobachtete Lilien, die eine zeigte eine
schöne violette Blüthe; an der zweiten fand ich einen ockergelben
Blattkäfer, an den jungen Trieben des Mutsetlabusches eine zweite
rothblaugestreifte und zwei mir noch neue Rüsselkäfer-Arten. Am Heimwege
erhaschte ich an zwei weißblühenden Büschen drei Arten kleiner
Rosenkäfer und in einer ausgetrocknete hochbegrasten Bodeneinsenkung,
die auf meiner zweiten Reise erwähnte, im Lande Seschele's angetroffene
^Litta Spec^.

[Illustration: Mabunda. Makololo.]

Abends erschien der König in unserem Gehöfte und lud mich und Walsh auf
einen Becher Honigbier ein; während des Nachtmahls fertigte der König
einen Proceß ab. In der Stadt hatte eine Schlägerei (ein sehr seltenes
Ereigniß) stattgefunden, und ein Mann war dabei von seinen Genossen mit
dem Widerhaken eines Assagai verwundet worden. Sepopo verurtheilte die
Leute zur Zahlung eines Schmerzengeldes und als die Schuldigen (es waren
Makalaka's, welche am Kaschteja wohnen) ihre Insolvenz betheuerten,
befahl er ihnen, dem Verwundeten eines ihrer Rinder zu geben, und durch
zwei Monate in den königlichen Feldern den Königinnen bei der Ausübung
ihrer Arbeiten behilflich zu sein. Am 23. kehrte Bauren über Impalera
von Panda ma Tenka nach Schescheke zurück. Er berichtete, daß mein
früherer Diener Pit von einem Büffel verwundet worden war und daß
Westbeech auf seinem Wege nach Impalera einen Büffel erlegt habe. In
Folge der letzten Regen hatten sich die Lachen und Senken in den
Gehölzen gefüllt und das Wild sich von der am Zambesi anliegenden
Wildebene Blockleyskraal in den Wald zurückgezogen. Am Nachmittage
untersuchte ich die beiden Fischspecies Tschi-Mo und Tschi-Maschona,
doch sollte ich den Tag nicht beschließen, ohne noch Zeuge einer
unerquicklichen und bedauernswerten Scene zu sein, durch die ich die der
Königin Moquai gezollte Achtung bedeutend geschmälert sah.

Da ich mich am 24. auf eine Büffeljagd begeben wollte, zog ich mich
etwas zeitlicher in meine Hütte zurück. Es mochte etwa neun Uhr Abends
sein, als ich ein lautes Weinen vom Flusse her vernahm. Anfangs achtete
ich nicht darauf, doch bald wurde dasselbe von einem dumpfen Gebrause
menschlicher Stimmen übertönt und erweckte meine Neugierde. Narri, einer
meiner Diener, den ich abgesendet, um mich über die Ursache dieser
Bewegung aufklären zu lassen, stürzte wenige Minuten später ganz außer
Athem zu mir und berichtete, daß die Königin Moquai eben eine ihrer
Dienerinnen ertränken lasse. Ich konnte eine solche Handlungsweise von
Moquai nicht glauben und eilte zum Flusse, um mich zu überzeugen.

Mehrere Gruppen von zankenden und schreienden aber auch lachenden
Menschen belagerten das Ufer, an welches man eben einen anscheinend
leblosen Körper einer Sklavin trug. Auf dem Wege nach Moquai's Wohnung,
wohin man diese weiter schleppte, erfuhr ich auch den Sachverhalt. Das
vor uns liegende Mädchen, das indessen wieder ihr Bewußtsein erlangt
hatte, war eine Dienerin (Sklavin) Moquai's. Tags zuvor hatte Moquai der
Dienerin bekannt gemacht, daß sie ihr einen Mann, einen Mabunda, einen
häßlichen Holzschneider, zum Gemahl bestimmt habe. Als Zeichen ihrer
Unterwürfigkeit kreuzte die Sklavin ihre Hände über der Brust, doch
brach sie im selben Momente in ein lautes Schluchzen aus, ein deutlicher
Beweis, wie sehr ihre Gefühle der aufgedrungenen Wahl wiederstrebten.
Darüber wurde die Königin so unwillig, daß sie ihre Magd sofort entließ.
Moquai, die etwas Aehnliches noch nicht zuvor beobachtet, berief das
Mädchen noch einmal vor sich. Als die Königin ihren Befehl wiederholte,
wagte es die Sklavin zu widersprechen. Sie wollte ihrer Herrin treu
dienen, von dem ihr aufgedrungenen Alten jedoch nichts wissen. Moquai
fühlte sich durch diesen Widerstand beleidigt und erzürnt und ließ den
Bräutigam rufen und bedeutete ihm, in der Stille der Nacht seine Braut
an den Strom zu führen und sie so lange unter Wasser zu halten, bis sie
beinahe erschöpft sei, sie dann herauszuziehen und im bewußtlosen
Zustande in seine Hütte zu bringen, damit sie aus ihrem Todesschlummer
als eine Mosari (eine verheiratete Frau) erwache.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als am nächsten Morgen Gesang und
Trommelschlag aus Moquai's Gehöfte an mein Ohr schlugen. Vor der Hütte
der Neuvermählten wurde der Hochzeitstanz aufgeführt. Ich sah zehn
Männer, welche die Füße hoch emporhebend, sich langsam gehend und
gleichzeitig vorwärts bewegend, eine elyptische Bahn beschrieben. In der
Mitte der Tanzenden stand ein schreiender Sänger, der sich in
entgegengesetzter Richtung drehte und mit einem Laubzweige den Tact
angab. Die Tänzer waren sämmtlich mit Schürzen aus rauhgargearbeiteten
Thierfellen bekleidet (meist Thari- und grauen Fuchsfellen). Manche
hatten ihre Waden mit drei bis vier Reihen angefädelter, aus
Fruchtschalen verfertigter Schellen behangen. Der Gesang des in der
Mitte Hüpfenden wurde vom Schlage zweier Langtrommeln begleitet, vier
andere Tänzer hockten auf der Erde, um die müde gewordenen abzulösen.
Unter den Tanzenden drehten sich auch zwei kaum zehnjährige Knaben;
später gesellten sich zahlreiche Vorübergehende hinzu; namentlich um
sich nach dem Tanze an dem Kafirkornbier gütlich zu thun, das die
Königin gespendet. Der Tanz dauerte nicht weniger als drei Tage.
Zuweilen wiederholt der Kreis den Gesang im Chore, zog die Schultern an
einander und führte in demselben Momente eine rasche Vorwärtsbewegung
aus.

Als ich am Nachmittage von einem Ausfluge in das westliche Gehölz
heimkehrte, lenkte ich meine Schritte nach der Hütte der Neuvermählten.
Die Hütten der Leibeigenen ringsum waren im freudigsten Aufruhr; Alles
lachte und scherzte und überall saßen und lagen Gruppen um die gefüllten
Butschualatöpfe; der Trommelschlag rief viele Neugierige herbei, Alles
war lustig und fröhlich, nur Eine, die Hauptperson schien wenig von
alldem zu sehen und zu hören, den Kopf auf ihre Hände gestützt, saß sie
auf der Erde vor ihrer Hütte; ihre Züge waren starr und das Auge blickte
stier auf den nächsten Hüttenzaun.

Am 25. überraschte uns Sepopo und Moquai mit einer Serenade, der erstere
hatte sechs, die letztere zwei Musikanten, zwei Myrimbas
(Kürbisschalenpianos), und vier Morupas (Röhrentrommeln) im Gefolge; um
den König nicht zu beleidigen, blieb ich den ganzen Tag daheim. Gegen
Mittag des 26. kam Westbeech von Panda ma Tenka mit Gewehren für den
König, auch erschienen zwei Portugiesen in Schescheke, von denen einer,
obgleich sie sich beide Señhores nannten, so schwarz wie ein Mambari
war, diesen Beinamen jedoch mit Verachtung zurückwies. Francis Roquette
hieß der eine, und hatte nebst dunklen Frauen zwanzig Diener. Diese
zeichneten sich dadurch aus, daß sie bis auf einen, einem Helmkamm
gleichenden Haarkamm ihre Wolle vom Kopfe abgeschabt hatten. Am 27.
beendeten meine Diener die ihnen aus Segeltuch zugeschnittenen
Segeltuchsäcke, in denen mein Gepäck auf der Weiterreise befördert
werden sollte. An diesem Tage wurde auch das im europäischen Style
errichtete Berathungshaus fertig und die bisher in einem der königlichen
Häuser aufbewahrten Kriegstrommeln darin untergebracht. Da ich deutlich
sehen konnte, daß sich die Königinnen zum Aufbruch nach der Barotse
rüsteten, traf auch ich meine Vorbereitungen, um jeden Augenblick
abreisen zu können. Die beiden Portugiesen kamen vom Norden aus einem
der Maschukulumbe-Länder, in welchen sie den größten Theil ihrer Waaren
für Elfenbein ausgetauscht hatten, während sie den Rest derselben,
Feuerstein-Musketen, grobes Schießpulver in Fäßchen, Blei, Eisenkugeln
und Kattun nach Schescheke brachten. Am 1. December 1875 ging endlich
mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung, ich konnte die Weiterreise
stromaufwärts antreten.



                                  X.
                        Den Zambesi aufwärts.


Aufbruch von Schescheke. -- Die Flottille der Königinnen. -- Erstes
Nachtlager. -- Marutse-Typen. -- Mankoë. -- Fruchtbarkeit des
Zambesi-Thales. -- Die Stromschnellen an centralen Zambesi. -- Die
Mutschila-Aumsinga-Stromschnellen. -- Schiffbruch in denselben. -- Sioma
von Löwen belagert. -- Vom Fieber besinnungslos niedergeworfen. --
Rückkehr nach Schescheke.

[Illustration: Mankoë.]

Am Morgen des 1. December 1875 besuchte mich ein Marutse-Unterhäuptling
und lud mich ein ihm zu folgen. Am Ufer des Zambesi angelangt, fand ich
drei für mich bestimmte königliche Kähne, die indeß kaum für den
Transport meines Gepäcks hinreichten, weshalb ich um einen vierten
ersuchte, wobei meine Diener noch immer zu Lande am Ufer folgen mußten.
Gegen Mittag verließen wir Schescheke und kamen ziemlich rasch vorwärts.
Ich fand so zahlreiche Inseln und Buchten, daß ich es bedauern mußte, in
Folge der herannahenden Fieberzeit rasch reisen zu müssen und nicht die
nöthige Zeit zur Verfügung hatte, das Bett des Zambesi in seiner ganzen
Breite mit seinen Inseln, Lagunen etc. in allen Details kartographisch
aufnehmen zu können. Der Uferabhang, in dessem Sande sich eine 12 bis 24
Zoll starke, mit Thon untermischte Torfschichte bemerkbar machte, zeigte
mir schon auf der ersten Strecke unserer Fahrt einige sammelnswerthe
Pflanzen; doch konnte ich nicht daran denken, die Fahrt zu unterbrechen,
da mir viel daran lag die Flottille der Königinnen, welche bereits
Morgens Schescheke verlassen hatten, einzuholen. Gegen Abend kamen wir
an Stellen, an denen zahlreiche vom Strome herabgeführte und im Grunde
festsitzende Baumstämme die größte Vorsicht geboten; bei Sonnenuntergang
hatten wir endlich die Landungsstelle der Flottille erreicht. Es war ein
nackter, sandiger Uferabhang, doch beiderseits von Schilf und oben von
Gebüschen gegen Wind geschützt. Während die weiblichen Dienerinnen
zahlreiche Herdfeuer angezündet hatten und ihren Küchenarbeiten oblagen,
führten mehrere Kähne das zum Baue der Hütten nöthige Schilfrohr herbei.
Ich wollte an diesem gemeinsamen Lagerplatze übernachten, meine
Bootsleute jedoch schlugen einen, noch einige Meilen entfernteren vor,
und da ich damals ihre Finten nicht kannte, fügte ich mich; erst später
erfuhr ich, daß sie sich möglichst bestrebten, nicht an demselben Orte,
den sich die königliche Flottille zum Lagerplatze erwählt hatte, zu
übernachten, damit mich die Königinnen gegen ihre Belästigungen nicht zu
schützen vermochten. Spät am Abend langten wir endlich an der
auserkorenen Lagerstelle an, es war eine wenige Hütten zählende
Niederlassung von Mamboëfischern und Nilpferdjägern. Einige in den
Ufersand eingetriebene Baumäste, auf denen Netze hingen, zahllose
aufgesteckte Köpfe kleiner Krokodile und nicht minder zahlreiche
herumliegende Welse wiesen deutlich auf ihr Gewerbe hin. Wir logirten
uns in einer 2½ Meter hohen, drei Meter breiten und sechsundzwanzig
Meter langen Grashütte ein. Während der Fahrt beobachtete ich zahlreiche
Wasser- und Sumpfvögel, Staare, Finken, Eisvögel etc.

Als wir am nächsten Morgen eben im Begriffe waren, mit unserem Gepäck
die Boote zu beladen, kam die königliche Flottille in Sicht, die wir nun
erwarteten. Die Mamboë, die Bootsleiter der Königinnen, übergaben
derselben ein Abends vorher geschlachtetes Rind und die Mutter des
Landes, Mokena, war so gütig, mir ein Hinterviertel von dem
geschlachteten Thiere zu überlassen. Meine Bootsleute mußten sich der
königlichen Flottille anschließen und nun ging es rasch vorwärts. Die
vielen, bald vor, bald hinter uns fahrenden, einander überholenden, den
Fluß kreuzenden, dort wieder zwischen den Inseln rechts oder links
einbiegenden stark bemannten Kähne boten, auf dem tiefblauen, von
Mimosengebüschen und den Schilfrohrwalde umsäumten Strome ein
wechselndes und sehr interessantes Bild, das ich gerne festgehalten
hätte, wenn nicht die kartographische Aufnahme des Flusses jede Minute
beansprucht haben würde. Einer am rechten Ufer erbauten
Marutse-Niederlassung gegenüber hielten wir für eine halbe Stunde auf
einer Sandbank, um den Bootsleuten, die sich sehr wacker hielten, einige
Augenblicke Ruhe zu gönnen. Während diese gemüthlich ihre Dachapfeifen
schmauchten, wurde von den königlichen Frauen ein kleiner Imbiß
eingenommen, bei dem sie auch mich nicht vergaßen, indem mir eine der
Königinnen, Mamangala, geröstete Fische übersandte. Flußscenerie und die
Thierwelt blieben sich auch heute gleich.

Gegen Abend landeten wir an einer Stelle, an der schon früher von
vorüberfahrenden Schiffern circa zwanzig Hütten errichtet worden waren.
Es war auch die höchste Zeit, denn ein Gewitter war im Anzuge und es
fing zu regnen an, bevor ich mein Gepäck an's Ufer gebracht hatte; hier
lag auch bereits das vierte Boot. Der Sturm dauerte bis gegen
Mitternacht. Der Regen drang in die Hütten und ich mußte mit meinen
Decken mein Gepäck zu sichern suchen. Auf einem Kistchen sitzend,
entschlummert, glitt ich im Schlafe auf den Boden nieder und erwachte
früh zu meinem Erstaunen in einer in der Hütte entstandenen Regenlache;
die Folgen ließen nicht auf sich warten. Am folgenden Morgen gab ich dem
Drängen meiner Bootsleute nach und unternahm einen Jagdausflug auf einer
mit vier bis fünf Fuß hohem Grase bewachsenen, von zahlreichen Lagunen
und beträchtlichen Sümpfen bedeckten Ebene, welche von dem Schescheker
Walde umsäumt, sich nach Westen erstreckte und hie und da bewaldet war.
Auf niedrigen Bodenerhebungen erblickte ich kleine Marutse-Dörfer, deren
bedeutendstes Katonga hieß. Zur Zeit der Zambesi-Ueberschwemmungen steht
die ganze Ebene bis zu diesen Dörfern unter Wasser.

Von dem leider erfolglosen Jagdausfluge zurückkehrend, fühlte ich
plötzlich eine nie zuvor empfundene Müdigkeit über mich kommen, welche
so zunahm, daß ich etwa eine halbe Wegstunde von unserem Lager entfernt
außer Stande war, weiter zu gehen, und mich meine Diener dahin tragen
mußten. Nach den Symptomen zu schließen, welche diese Müdigkeit
begleiteten, hatte mich das Fieber überfallen. Meine Bootsleute waren
sehr ungehalten darüber, daß ich ohne Beute zurückgekehrt war und ihnen
die Bewohner von Katonga nicht hinreichend Bier und Korn gegeben hatten,
ich war deshalb froh, daß sich der mir als Führer mitgegebene
Unterhäuptling Sekele meiner annahm und die Leute zur Ruhe verwies.
Während der Nacht verschwand eine der Dienerinnen der Fürstin Moquai.
Diese ließ die Spur, die zum Wasser führte, verfolgen, und es zeigte
sich, daß die Person einige Schritte flußabwärts an's Land gestiegen war
und die Richtung nach Schescheke eingeschlagen hatte; sofort wurden
einige der Männer nachgesendet, welche die Flüchtige, die unlängst gegen
ihren Willen verheiratete Sclavin, zurückbrachten.

[Illustration: Marutse-Typen.]

Wir setzten am nächsten Morgen die Bootfahrt fort und liefen gegen
Mittag in einen schmalen Flußraum ein, der von der nördlichsten mehrerer
bewaldeter Inseln und dem linken Ufer gebildet wird. Ich erlaubte mir
diese Inselgruppe die Rohlfs-Inseln zu benennen. Auf der Festlandseite
des Flußarmes lag die westlichste Masupia-Niederlassung Sekhosi, in der
schon seit vielen Decennien fleißig Ackerbau getrieben wurde, unter
Anderem wurden hier auch Manza und Bohnen cultivirt. Gegenwärtig pflegen
die Marutse nur so viel anzubauen, als sie zu ihrem Lebensbedarfe und
ihren Abgaben benöthigen, nur die Masupia, Batoka und östlichen Makalaka
bauen etwas mehr an und verkaufen den Ueberschuß den Händlern und Jägern
aus dem Süden. Dabei cultiviren sie meist nur sandige Abhänge,
Waldstellen um Termitenhaufen, während die fruchtbarsten marschigen
Theile vollkommen brach liegen. Mit Rücksicht auf diese großen Strecken,
die regelmäßige Bewässerung, die man diesen angedeihen lassen kann, das
warme Klima etc., hat das Land eine große Zukunft. Die von den Flüssen
entfernteren Binnengebiete bestehen aus einem oft meilenlange
Wiesenstrecken einschließenden Urwald, so daß auch diese gute Felder
abzugeben versprechen. Nöthigenfalls können auch die Flüsse, wie der
Zambesi selbst, zur Bewässerung des Landes herangezogen werden. Die
Stämme sind strebsam und arbeitsam; hat der Pflug in's Land Eingang
gefunden und ist es einmal vom Süden oder Osten dem allgemeinen Verkehr
geöffnet, so wird das Marutse-Reich rasch aufblühen.

[Illustration: In den Manekango-Stromschnellen.]

Ungefähr zwölf Meilen von Schescheke tritt ein Vorbote der die südliche
Barotse durchziehenden und den Fluß nach abwärts begleitenden
Höhenketten, der Wald von Schescheke, unmittelbar an's Ufer.
Schon östlich von Schescheke, etwa halben Weges zwischen den
Makumba-Stromschnellen und der Mündung des Kaschteja-Flusses, auf
welcher Strecke das Land sich allmälig nach Westen hob, vermißte ich die
Saro- und und Fächerpalme, sowie die Papyrusstaude. Westlich von Sekhosi
ist das Gefälle des Stromes ein bedeutendes, es beginnen hier auch die
Süd-Barotse-Stromschnellen und Katarakte des zentralen Zambesi.
Dieselben sind zumeist durch Felsenbänke gebildet, welche quer in einer
geraden oder schrägen Richtung über den Fluß ziehen und gleichsam
Verbindungsarme zwischen den beiden den Zambesi begleitenden Höhenketten
darstellen. Durch diese Felsenriffe sind zahlreiche Inseln gebildet und
je weiter ich kam, desto interessanter schien das Flußbett mit seinen
vielen nackten, dunkelbraunen, doch auch nicht minder zahlreichen
beschilften, oder stellenweise auch hochbewaldeten Inseln zu werden. Auf
einer Strecke von vierzehn englischen Meilen zählte ich einen Katarakt
und vierundvierzig Stromschnellen, die letzteren waren in der Weise
gebildet, daß sich allmälig das aus einer einzigen Felsenplatte
gebildete Flußbett neigte, oder daß sich dasselbe plötzlich stufenförmig
senkte. Stellenweise waren es wieder Felsenblöcke, welche theils unter
dem normalen Wasserstande liegend oder auch über denselben hervorragend
die Stromschnellen verursachten, nur einmal beobachtete ich, daß eine
Felsenbarrière durch den Fluß lief, welche hie und da Oeffnungen zeigte,
durch welche sich das Wasser mit Wucht Bahn zu brechen suchte.

[Illustration: Mambari. Matonga.]

Diese Schnellen wären mit den Marutse-Kähnen unpassirbar, wenn sie nicht
von den Krokodilen gemieden würden. Die Abwesenheit der großen Saurier
ermöglicht es den Schiffern, an solchen Stellen das Boot zu verlassen
und den Kahn theils schiebend, theils ziehend das Hinderniß zu
überwinden. An den schwierigeren Partien ist es jedoch nöthig, das
Gepäck auf die aus dem Flusse hervorragenden Blöcke umzuladen und dann
den leeren Kahn über die Stromschnellen zu bringen. Die erste dieser
Stromschnellen die wir passirten, nennen die Eingebornen Katima Molelo,
sie bestand mehreren Partien und wir waren im Stande, sie mit den Rudern
an einer Stelle zu überwinden, während an den übrigen die Bootsleute
aussteigen und die Kähne über die Felsenriffe ziehen mußten. Kaum über
das Hinderniß gelangt, beeilten sie sich in das Boot zu springen, um den
im tieferen Fahrwasser auf der Lauer liegenden Krokodilen zu entgehen.
Die nächstbedeutendste Stromschnelle nach dieser, die wir am 5. zu
passiren hatten, war jene von den Eingebornen Mutschila
Aumsinga genannte, es ist die gefährlichste auf der Strecke
Schescheke-Nambwe-Katarakt, sie ließ leider auch mir ihre Gefährlichkeit
fühlen. Meine Krankheit hatte sich an diesem Tage verschlimmert, allein
ich achtete darauf, daß mir selbst das Sitzen in dem Kahne beschwerlich
wurde, indem es mit Gliederschmerzen verbunden war, dennoch ließ ich
mich in meiner kartographischen Arbeit nicht stören.

[Illustration: Zambesi aufwärts.]

Die Mutschila-Aumsinga-Stromschnelle wird durch eine ziemlich bedeutende
Neigung des felsigen Bettes, sowie zahlreiche unter dem Wasser liegende
Felsenblöcke gebildet, doch die dem Schiffer drohende Gefahr rührt von
einem anderen Umstande her. Zwischen einer bewaldeten Insel und dem
linken Ufer gelegen, und nur etwa fünfzig Meter breit, zeigt sie zwei,
durch einige an ihrem Beginn liegende Inseln bedingte Seitenströmungen,
welche die Kraft des Schiffers erschöpfen, und dieß um so mehr, als sie
an keiner Stelle so seicht ist, daß die Bootsleute den Kahn über die
Schwelle ziehen könnten. Ein zweiter Uebelstand in meinem Falle war, daß
die Kähne schwer beladen, aber nicht hinreichend bemannt waren. Meine
Gewehre sowie meine Tagebücher, Glasperlen, Patronen, und die für die
Häuptlinge und Könige bestimmten Geschenke befanden sich in meinem
Boote, das an diesem Tage das dritte in der Reihenfolge war. Das zweite
war jenes, welches mein Schießpulver, meine Medicamente, meine
Provisionen und die in Schescheke gesammelten Insecten und Pflanzen
führte (die übrigen gesammelten Gegenstände hatte ich Westbeech zur
Weiterbeförderung nach Panda ma Tenka übergeben). Da ich sah, daß die
Bemannung dieses Bootes nur mit genauer Noth der Strömung Widerstand
leisten konnte, rief ich den Leuten zu, die vom Ufer überhängenden Bäume
und Büsche zu ergreifen, um das Boot mindestens in seiner Stellung zu
erhalten. Meine Zurufe wurden indeß vom Brausen der Strömung übertönt.
Die Ruder gleiten von der Felsenplatte wie von einer Spiegelfläche ab,
die ihnen allen wohlbekannte Gefahr verwirrt die Bootsleute, statt ihre
Muskeln anzuspannen; regellos greifen ihre Ruder ein und damit war das
Los des Bootes entschieden. Doch nein, es kann nicht möglich sein, so
bitter und unversöhnlich kann ja des Geschickes Walten mir nicht
entgegentreten. Meine Medicamente, die Nahrungsmittel, die Mühen so
vieler Tage sollten vom Wasser verschlungen und mir verloren gehen? und
eben jetzt, da ich an Fieber erkrankt, ihrer bedürftiger als je gewesen,
und wo die Hoffnung und Möglichkeit, das Verlorene wieder zu erlangen,
vollkommen fern gerückt war?

Meine Bootsleute wurden durch die verzweifelte Lage des vorderen Bootes
verwirrt und die Strömung begann auch mit unserem Boote ihr Spiel. Doch
wir waren dem Ufer nahe und rasch genug konnten die überhängenden Aeste
ergriffen und das Boot gegen die Insel herangezogen werden. Das erste
Boot aber war der Wucht der Strömung nachgebend, bald aus seiner zur
Stromlinie parallellen Stellung gebracht und bot der Gewalt des Wassers
seine Breitseite entgegen. »Helft doch!« schrie ich verzweifelt den
Leuten in meinem Boote zu und war eben selbst im Begriffe in das Wasser
zu springen, alles andere, selbst das heftige Fieber, unter dessen
Einwirkung ich seit den letzten zwei Stunden so heftig transpirirte, daß
die Kleider am Körper klebten, war unter den obwaltenden Umständen
vergessen; meine Bootsleute hielten mich aber mit Gewalt zurück. Von der
Strömung erfaßt, auf der einen Seite niedergepreßt, neigte sich das
Boot, seine Lenker, denen bei dem verzweifelten Versuch, die Gewalt der
Strömung zu überwinden, die Ruder gebrochen waren, verloren das
Gleichgewicht und in demselben Momente schlug die erste Welle in das
Boot, bald folgten eine zweite, eine dritte Welle und nun -- ich traute
meinen Augen nicht -- schlug es um. Nach mehrfachen Anstrengungen, wobei
meine und die folgenden Bootsleute treulich mithalfen, gelang es, das
Boot wieder flott zu machen und einige Gegenstände zu retten.

Alle kühnen Hoffnungen, alle Pläne und Wünsche, der Traum vom
atlantischen Ocean -- alles war hier versunken. Mitleidslos zerstörte
das Geschick in wenigen Augenblicken die siebenjährigen Vorbereitungen
zur Ausführung meiner mir selbstgestellten Aufgabe. Angesichts dieses
Unfalls, der alle früheren Enttäuschungen tausendfach überbot, mußte
ich, vom Fieber niedergeworfen, auf die Fortsetzung der Reise, der alle
meine Anstrengungen galten, verzichten. Und um das Maaß der bitteren
Erfahrungen voll zu machen, sah ich auch die Früchte monatelanger Arbeit
emsigen Sammelns vernichtet -- kaum einen nennenswerten Bruchteil konnte
ich retten.

[Illustration: Verlust meines Bootes.]

Nachdem wir das mir für die Dauer meines Lebens denkwürdige
Mutschila-Aumsinga passirt hatten, landeten wir eine Stunde später am
rechten Zambesi-Ufer unterhalb eines Mabunda-Dorfes mit Namen Sioma; die
uns längs des linken Ufers folgenden Diener wurden herübergeholt, um so
rasch wie möglich vor einbrechender Nacht ein Lager errichten zu können.
Wir wurden jedoch von den Mabunda's mit der Nachricht überrascht, daß
die Gegend von Löwen nur wimmle und ihr Dorf sozusagen allnächtlich von
diesen Raubthieren belagert sei. Mir schien diese Mittheilung nur ein
Vorwand zu sein, uns zur Fortsetzung der Reise zu bewegen. Ich erstand
von ihnen für Glasperlen Kafirkornbier, das ich meinen Bootsleuten als
Gratification für die vielen Mühen, die sie an diesem Tage meinethalben
hatten, verabreichte. Da ich mich durch die Mittheilung der Mabunda's
nicht abschrecken ließ und sie mit den Glasperlen günstiger gestimmt
hatte, riethen sie uns, die Dächer einiger verlassenen am Flusse
erbauten Hütten ab- und zusammenzutragen und diese kegelförmigen
Grasbauten in Hufeisenform derart neben einander aufzustellen, daß ein
Theil des Dachrandes (nach Außen) auf die Erde zu liegen komme, der
andere dagegen auf kurzen Pfählen nach innen zu gestützt sei, so daß
unser Lager sieben riesigen kegelförmigen Grasfallen nicht unähnlich
war. Vor den Hütteneingängen ließ ich mehrere große Feuer anzünden.

[Illustration: Sioma von Löwen angegriffen.]

Während der unglückseligen Fahrt des heutigen Tages waren mir am Ufer
des Stromes zwanzig bis vierzig Fuß hohe Bäume mit weißlicher Rinde
aufgefallen, von deren Stamme zahllose Wurzeln, einem dichten Barte
gleich und von den über das Wasser wuchernden Aesten in drei bis sechs
Fuß langen, röthlich braunen Zotten herabhingen.

Am 5. regnete es den ganzen Tag hindurch, der Wind war am Nachmittage
eisig kalt geworden und obgleich die Diener das offene, fallenartig
niedergelegte Dach mit Matten zu verhängen suchten, so wurden diese vom
Winde immer weggeblasen und ich unzählige Male in meiner heißen
Fieberhitze von dem kalten Regenschauer plötzlich abgekühlt. Während ich
fast regungslos auf dem aus Kisten errichteten Lager gebannt war --
meine Krankheit hatte sich nur noch verschlimmert und ich konnte nur mit
Hilfe der Diener meine Lage ändern -- wurde ich Ohrenzeuge eines
Gesprächs, welches von den letzteren, die mich schlafend wähnten,
außerhalb der Hütte geführt wurde. Borili, einer der beiden Matonga's
gab seiner Schadenfreude lebhaften Ausdruck, daß der Njaka (Zauberer,
Doctor) schwer erkrankt sei und suchte seine Genossen dazu zu verleiten,
mit meinen Vorräthen das Weite zu suchen und auf das südliche
Tschobe-Ufer zu flüchten. Da die anderen drei Diener sich ziemlich
passiv verhielten, beschloß ich das Complot im Keime zu ersticken. Ich
rief die Diener und während ich die anderen mit Glasperlen beschenkte,
frug ich Borili, ob er noch immer ein Tlobolo (Gewehr) als Lohn zu
erhalten gedenke. Auf seine rasche bejahende Antwort erwiderte ich mit
Nein und hielt ihm vor, daß er kein guter Diener, sondern ein Dieb sei
und drohte ihm im Wiederholungsfalle eines ähnlichen verrätherischen
Versuches nach Schescheke zur Bestrafung zurückzusenden.

Abends ließ die Fieberhitze etwas nach, so daß ich mich von den Dienern
von meinem Schmerzenslager herabheben und mich auf die Erde setzen ließ;
mit dem Rücken gegen mein Lager gestützt, empfing ich einige Mabunda's
und erhandelte von ihnen einige Handarbeiten, schrieb an meinem
Tagebuche und bereitete aus den noch geretteten, wenigen Medicamenten
für einen der Bootsleute ein Brechmittel, der durch den zu reichen Genuß
der Frucht eines Busches Ki-Mokononga bedenklich erkrankt war. Nach den
Symptomen, unter denen derselbe erkrankte, sowie nach dem penetranten
Geruche konnte ich schließen, daß das Fleisch dieser Frucht die
Eigenschaften des ^Amigdalin^ und ^Dulceïn^ (Blausäure) vereinigt. Die
Früchte waren 2½ bis 3½ Zentimeter lang, 1½ bis zwei Zentimeter dick,
hatten einen länglichen Kern, ein gelbliches Fruchtfleisch und eine zähe
Epidermis, sie schmeckten süßlich und nach bitteren Mandeln. Nachdem
sich der Mann mehrmals erbrochen, fühlte er sich bedeutend besser und am
nächsten Tage wieder ganz wohl.

Da das Fieber etwas nachgelassen, benützte ich die freien Augenblicke,
um den von Sioma herabgekommenen Mabunda-Häuptling und meine Bootsleute
sowie die beiden Führer über Land und Leute im Marutse-Reiche zu
befragen. Den Hauptgegenstand unseres Gespräches bildeten die zwischen
dem Zambesi und Tschobe wohnenden Stämme Livaga, Libele und Lujana,
sowie die am zentralen Tschobe, welcher den Namen Lujana führt,
wohnenden unabhängigen Bamaschi unter den drei Fürsten Kukonganena,
Kukalelwa und Molombe.

In der folgenden Nacht wurden wir von der Wahrheit der Mittheilung der
Mabunda's überzeugt. Schon nach Sonnenuntergang fingen etwa 150 Schritte
vor uns Löwen ein mehrstimmiges Concert an und ließen nicht ab, als bis
der Tag zu grauen begann; oben im Dorfe aber schrieen die Leute die
ganze Nacht hindurch und schlugen auch eine Trommel dazu, sie hatten
mehrere Feuer innerhalb der ihr kleines Dörfchen umschließenden
Umzäunung angezündet und trachteten auf alle mögliche Weise die
Raubthiere abzuhalten. Meine Bootsleute saßen aber die ganze Nacht mit
ihren langen Speeren vor ihren Hütten, auf deren Wände sich ihre
Schatten abzeichneten. Glücklicherweise verging die Nacht, ohne daß es
die Löwen gewagt hätten, uns einen Besuch abzustatten.

Am 6. fühlte ich mich wieder schlechter, so daß ich den ganzen Tag über
liegen bleiben mußte und mich nur meinem Tage- und meinem Skizzenbuche
widmen konnte. Die regnerische und kalte Witterung der nächsten Tage
verschlechterte meinen Zustand immer mehr; obwohl glühend vor
Fieberhitze, fröstelte ich unter dem Hauche des kalten Nordostwindes.
Mit genauer Noth konnte ich schreiben. Ich suchte mir Muth einzuflößen,
allein es scheiterte an der nackten Wirklichkeit. Der Kopf brannte wie
Feuer, die Zeilen flimmerten mir vor den Augen und doch war das meine
einzige Zuflucht.

Am 8. fuhren wir weiter, ich weigerte mich, die Rückfahrt nach
Schescheke anzutreten, während der Fahrt jedoch verschlimmerte sich mein
Zustand so sehr, daß ich Abends aus dem Boote an's Land getragen werden
mußte. Kaum in einer der von vorüberfahrenden Schiffern errichteten
Grashütten untergebracht, stellte sich heftiges Erbrechen und ein
ruhrartiger Anfall ein, welche mich so schwächten, daß ich den Morgen
nicht mehr zu erleben fürchten mußte. Und doch hatten wir an diesem Tage
die interessanteste Partie des Zambesi, die ich mit Ausnahme der
Victoriafälle kennen gelernt habe, durchreist. Wir hatten nicht weniger
als zweiundvierzig Stromschnellen zu passiren und waren bis zum
südlichsten der Barotse-Katarakte gelangt.

Am 9. schleppten mich meine Diener zu einigen geräumigen Hütten über dem
Katarakte (etwa 1000 Schritte weit) die für die Königin Moquai errichtet
waren. Von den Stromschnellen waren die, von den Marutse Manekango,
sowie die, Muniruola genannten, die gefährlichsten zu passiren. Die
letzteren waren von einer förmlichen Felsenmauer gebildet, die
achtundzwanzig Zoll über dem Wasser quer über den Fluß hinzog und durch
welche sich das Wasser durch kleinere und größere Oeffnungen Bahn brach.
Bei der heftigen Strömung mußten die Bootsleute die Kähne emporheben und
an den engen Durchbruchsstellen durchzuziehen trachten, unterdessen
legten mich die Bootsleute aus dem Kahne auf das Felsenriff. In den
erwähnten Hütten hatte die Königin drei Tage lang auf mich gewartet, sie
dachte, daß ich umgekehrt wäre und setzte die Heimreise fort, sandte
aber am 9. von ihrer entfernten Landungsstelle ihren Gemahl Manengo zu
mir. Nachmittags stellte sich heftiges Erbrechen und Athembeschwerden
ein, ließen aber glücklicher Weise am nächsten Tage wieder nach und ich
konnte einige Löffel Maizena zu mir nehmen.

An diesem Tage fuhr Inkambella, der Gouverneur der Barotse, nach Sepopo
der bedeutendste Mann im Lande, stromabwärts vorbei. Abends trat
abermals eine Verschlimmerung meines Zustandes ein und ich ließ die
Bootsleute rufen, um mich mit ihnen über die Rückkehr nach Schescheke
verständigen zu können; von meinen Dienern hörte ich indeß, daß diese
bereits zwei Kähne unterhalb der Fälle in Bereitschaft hielten, meiner
Weisung also schon zuvorgekommen waren. Als ich sie deshalb zur Rede
stellte, erfuhr ich, daß ihnen König Sepopo einen geheimen Befehl
ertheilt hatte, auf mich wohl Acht zu geben und mich wo möglich in
seinem Reiche am Leben zu erhalten. Als Arzt hatte ich mir Achtung
verschafft und der König, der mich deshalb als großen Zauberer ansah,
wollte es verhüten, daß durch meinen Tod ein großes Unglück über das
Land hereinbreche.

Am 11. luden mich die Bootsleute in einen der Kähne, meinen Diener Narri
in den zweiten und steuerten bald darauf mit mir gegen Schescheke zu --
nicht ohne vorher von mir Geschenke erpreßt zu haben. Zu gleicher Zeit
stritten sie sich mit meinen Dienern, weil diese sie beim Diebstahle
einiger meiner Gegenstände ertappt hatten.

Auf der Rückfahrt am 11. brannte die Sonne so heiß und der Durst quälte
mich so sehr, daß ich, um nur etwas Kühlung zu finden, meine Hände aus
dem Boote in's Wasser herabhängen ließ. Die Bootsleute beeilten sich
jedoch, mir sie wieder in den Schoß zu legen und warnten mich vor den
zahlreichen Krokodilen. Abends übernachteten wir einige Meilen östlich
von Katonga und langten am folgenden Tage in Schescheke an. Als ich von
den Bootsleuten zu Westbeech gebracht wurde und mich in der Thüre
aufstellte, erkannte mich dieser nicht wieder.



                                 XI.
                   Dritter Aufenthalt in Schescheke


Condolenzbesuche des Königs und der Häuptlinge -- Eine neue Unthat
Sepopo's. -- Masarwa's in Schescheke. -- Ceremoniell bei den Mahlzeiten
an Sepopo's Hof. -- Mein erster Ausflug. -- Der Fischfang im
Marutse-Reiche. -- Sepopo erkrankt. -- Wanderungen eines Arabers durch
Süd-Afrika. -- Unterthanen-Verhältniß im Marutse-Reiche. --
Characterzüge einzelner Stämme des Reiches. -- Die Zukunft des Landes.

[Illustration: Fischotterjagd am Tschobeflusse.]

Nach Schescheke zurückgekehrt, war es meine Absicht, hier meine Genesung
abzuwarten und die Reise dann fortzusetzen. Mein Zustand verschlechterte
sich indeß wieder, und da eben die ungesunde Zeit eingetreten war, rieth
mir Sepopo sowohl als Westbeech, die Stadt und das Marutse-Reich zu
verlassen, nach dem Süden zurückzukehren und meine Reise erst nach
meiner vollständigen Genesung wieder aufzunehmen. Meine bisherigen
Erfahrungen sagten mir aber, daß die Befolgung dieses Rathes einem
Entsagen aller und jeder Hoffnung, in nächster Zeit das Ziel zu
erreichen, gleichkam.

Der König, sowie mehrere mir befreundete Häuptlinge kamen um mich zu
sehen und drückten ihr Bedauern aus, obgleich mich die meisten
versicherten, daß sie meine Erkrankung vorhergesehen; jeder sprach die
Ansicht aus, daß ich zu spät Schescheke verlassen hatte, der König
beschuldigte mich, daß ich mit meinem Besuche der Victoriafälle des
Zambesi die erste günstige Gelegenheit, Schescheke verlassen zu können,
versäumt habe, seine Unterthanen jedoch gaben ihm die Schuld, indem er
mich von October bis December zurückgehalten habe, und mir vielleicht
selbst damals die Kähne nicht zur Verfügung gestellt hätte, wenn er
nicht wiederholt von Moquai deshalb bestürmt worden wäre.

Da die von mir bewohnte und von Blockley in Westbeech's Gehöfte erbaute
Hütte nach meiner Abreise eine andere Bestimmung erhalten hatte, nahm
mich Westbeech in seinem Waarenhause freundlichst auf. Mit dem Könige
selbst ging es stark herab; ich erwähnte, daß während meines
Aufenthaltes am Njambwe-Katarakt der geachtetste Mann im ganzen Reich an
mir vorüber nach Schescheke fuhr, um den König zu begrüßen. Es war mir
auch bekannt, daß ihn Sepopo wegen seines Ansehens und seiner
Beliebtheit bei dem Volke tief haßte. Da sich kein Unterthan seines
Reiches zu einem Meuchelmord am Barotse-Gouverneur hergegeben hätte,
klagte er ihn und die mit ihm von der Barotse zugleich herabgekommenen
Häuptlinge des Hochverrates an, doch ohne Erfolg, denn dieselben wurden
sofort freigesprochen. Bei dieser Gelegenheit war Westbeech und John
Mahura gegenwärtig; wie tief Sepopo in Macht und Ansehen gesunken war,
mag daraus hervorgehen, daß er sich während der Verhandlung von Mahura
einen Narren und den größten Verräther an seinem Lande nennen ließ.

Am 13. kam der König wieder zu Besuche, indem er mit seinem Hofstaate,
sich an dem Mokoro-Tanze belustigend, in das Höfchen hineingelangt war.
Er nannte mich seinen Mulekau, und während sich Inkambella und seine
Freunde zu mir setzten, trat der König zu Westbeech; die Gesellschaft
Inkambella's war ihm unerträglich geworden.

Am 14. gegen Abend stellten sich bei mir solche Brustschmerzen und
Beklemmungen ein, daß ich mich auf der Erde wand und mich meine vier
Diener kaum zu halten im Stande waren. Erst nachdem mir Westbeech etwas
Ipecacuanha gereicht hatte, und ich mich darauf zweimal erbrochen hatte,
wurde das Athmen etwas freier. Später während meiner sechzehnmonatlichen
Krankheit wiederholten sich diese Anfälle noch mehrmals, bei deren
Bekämpfung mir das oben erwähnte Mittel stets gute Dienste leistete.

[Illustration: Masupia. Panda.]

Am 17. berichtete man mir, daß mein zuerst engagirter, portugiesischer
Führer Sykendu zu gleicher Zeit mit mir Schescheke verlassen und sich
das Zambesi-Thal entlang nach der Barotse gewendet hatte. Unter den
Schwarzen, die er mit nach dem Westen nahm, und die er bei den zwischen
der Küste und dem Innern Central-Afrikas wohnenden Stämmen gegen Gummi
und Elfenbein auszutauschen pflegte, befanden sich auch zwei Mädchen,
die er unmittelbar vor seiner Reise gekauft hatte. Eines der Mädchen
entzog sich der nach der Westküste ziehenden Sklaven-Carawane heimlich
durch die Flucht, sie wurde jedoch wieder eingefangen, mit ihrer
Genossin in Ketten gelegt und weiterbefördert.

In den letzten Wochen waren die zahlreichen Völker Sepopo's durch
Vertreter eines neuen Stammes vermehrt worden. Es waren Masarwa's,
welche aus dem östlichen und weltlichen Bamangwato-Lande entflohen,
Schutz bei Sepopo suchten und hier als äußerst geschickte
Elephantenjäger mit offenen Armen empfangen wurden und ein bedeutend
besseres Los als bei ihren früheren Herren zu erwarten hatten. Bei
meinem späteren Besuche in dem königlichen Gehöfte machte mich oft der
König auf diese Flüchtlinge aufmerksam. »Sieh, Njaka, sieh da die
Masarwa's;« ein andermal. »Hier sitzen Khama's Unterthanen« u. s. w. Am
selben Tage ging es Abends während des Impotegelages in dem königlichen
Höfchen recht lebendig zu. Ein Mambari, der von Sekeletu, dem letzten
Makololoherrscher zum Sklaven gemacht worden war, beklagte sich darüber,
daß er nicht, gleich den anderen, frei gegeben wurde und begann einen
Streit mit den Marutse, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte.

Ich konnte mich noch immer nicht vom Lager erheben, den ganzen Tag mir
allein überlassen, hatte ich Muße genug, über meinen Zustand
nachzudenken und über das harte Walten des Geschickes zu klagen. Durch
Boten, die von dem Panda ma Tenka-Flüßchen zum Tschobe gesendet wurden,
sowie durch Masupia's vom genannten Flusse erfuhren wir, daß meine
englischen Freunde McLaud, Fairly, Cowley, Dorehill, ihre sämmtlichen
Diener, sowie mein Diener Pit in Panda ma Tenka am Fieber schwer
erkrankt waren.

Erst am 19. hatte sich mein Zustand so weit gebessert, daß ich mit Hilfe
meiner Diener einen Gang durch das Gras um unser Gehöfte machen konnte.
Um uns unseren Aufenthalt in Schescheke recht zu verleiden, gesellten
sich zu den schon bestehenden Unannehmlichkeiten noch die Mosquitos,
welche am Zambesi und am Zugariver eine wahre Landplage sind. Der Abend
und die Nacht sind die Zeiten, zu denen diese kleinen blutdürstigen
Insecten ihre wüthenden Angriffe auf Mensch und Thier unternehmen,
selbst Wolldecken schützen vor den langen spitzen Saugrüsseln der
Schnacken nicht. Das einzige Mittel, das uns einigermaßen gegen ihre
Angriffe Schutz gewährte, bestand darin, daß wir von den Dienern drei
bis vier Kuhdüngerhaufen in unserer Hütte anzünden ließen.

Den folgenden Tag begaben sich Walsh und Westbeech auf die Sporngansjagd
und versahen unsere Küche mit frischem Fleischvorrath. Leider erlaubte
es mein Zustand nicht, mich selbst an einer solchen Jagd zu betheiligen.
Die Sporngänse wie die meisten Entenarten halten sich um diese Zeit des
Jahres auf den freien Stellen in den Sümpfen auf, und man nähert sich
ihnen mit Kähnen, indem man ihrem Gekaker folgend, durch das hohe
Schilfrohr streichen muß. Am erfolgreichsten ist die Jagd bei mäßigem
Winde, wobei das Sausen des Schilfes das durch das Boot verursachte
Geräusch deckt. Als der König von den Jagderfolgen meines Freundes
gehört hatte, kaufte er ihm eine größere Menge Schrot ab und sandte
einige seiner Günstlinge auf die Jagd aus, und als ich einige Tage
später beim Könige zu Besuche war, wurden einige der erbeuteten Gänse
zum Frühstück servirt; aus der Zubereitung derselben konnte ich
entnehmen, daß die Marutse gewohnt sind, ähnliches Wild zu erbeuten und
zuzubereiten. Speisen in fester Form werden mit den Fingern,
halbflüssige mit Holzlöffeln zum Munde geführt und die Mahlzeiten
gewöhnlich in sitzender Stellung auf Stroh und Binsenmatten, sei es im
Wohnhause oder vor dem Eingange desselben, eingenommen.

Zum königlichen Frühmahle werden stets einige seiner Frauen (Königinnen)
und Kinder geladen, die sich gegen Sonnenaufgang (Osten) niederlassen,
Fremde (Weiße) erhalten dieselbe Richtung angewiesen, während sie Abends
zur Linken des Herrschers zu sitzen kommen. Die eingeladenen
Würdenträger, wenn sie zufällig hinzukommen, lassen sich bei den im
Hause eingenommenen Mahlzeiten zur Rechten vom Eingange und vom König,
bei den im Freien eingenommenen zu seiner Linken und auf bloßer Erde
nieder. Bei den Früh-Mahlzeiten im Hause gruppirte sich das stets
zahlreich vertretene Volk um den Eingang des Hauses, bei den letzteren
um den König, seine Gäste und die Gouverneure in einem Halbzirkel gegen
den Hofeingang, so zwar, daß zwischen dem Könige und dem
halbkreisförmigen Knäuel eine Stelle offen blieb, die von den das Mahl
auftischenden Dienern, beim Mahlschluß von dem königlichen Mundschenk
eingenommen wurde. Der König und der Hausherr überhaupt, wenn es ein
höherer Würdenträger ist, sucht sich das beste Stück aus, er reicht
sodann das Gericht der Lieblingsfrau und den anderen Königinnen, hierauf
erst dem weißen Gaste (sind zwei anwesend, so müssen sie sich mit einem
Gefäße behelfen) und zuletzt einem oder zweien der Würdenträger. Sind
jedoch die Frauen nicht gegenwärtig, so erhalten die Würdenträger oder
der Mundschenk die ersten Bissen.

Nach dem Frühstück wird Kafirkornbier genossen, gewöhnlich ein, beim
Könige zwei bis drei riesige Töpfe voll. Das Bier wird aus
langgestielten Kürbißlöffeln getrunken. Beim Könige wird außerdem noch
Honigbier nach dem Frühstück, beim Nachtmahle ein bis drei wohlgefüllte
Kalebassen desselben aufgetragen. Für das kredenzen derselben ist stets
ein Mundschenk bestimmt, der zuerst das Getränk verkosten muß, bevor er
es dem König reicht. Der König leert das erste Gefäß, nippt vom zweiten,
um es einer der Frauen oder einem seiner kleinen Kinder zu reichen; dann
thut er ein Gleiches dem weißen Besucher gegenüber. Vom Honigbier
bekamen nur seine besonderen Günstlinge zu verkosten, meist Menschen,
deren Dienst er den Tag über in Anspruch nahm oder es für den nächsten
Tag beabsichtigt.

Da der Honig Krongut ist, wird das Honigbier nur in der königlichen
Familie öffentlich, sonst nur im Geheimen getrunken, es wird, wie ich
schon erwähnte, nicht aus reinem Honig, sondern aus den mit Wasser
übergossenen und an einer der Sonne ausgesetzten Stelle acht bis zwölf
Stunden in einer Kalebasse belassenen Honigwaben und dem unreinen Honig
bereitet.

Am 24. wagte ich einen längeren Ausgang durch die Stadt, ich ging, wie
ich es später zu meiner Hauptbeschäftigung in Schescheke machte, um
gegen die nun leider nicht mehr benöthigten Ausrüstungs-Utensilien von
den verschiedenen Schescheke bewohnenden Stämmen ethnographische Objekte
einzutauschen. Unter den gesammelten Pflanzen fand ich ein Drittel mir
schon bekannter Arten vor, zwei Dritttheile waren mir neu, von welchen
wieder ein großer Theil vom unmittelbaren Ufer des Zambesi aus dem
Zambesi-Hochlande herrührte.[14]

[Fußnote 14: Siehe Anhang 3.]

Die uns durch die Mosquitos bereiteten schlaflosen Abende benützte ich,
um von Westbeech Näheres über die als Unterthanen der Matabele am
Majtengwe wohnenden westlichen Südzambesi-Makalakas zu erfahren, die ich
persönlich während meiner verschiedenen Besuche in Schoschong sowie
durch die Berichte meines Freundes Mackenzie kennen gelernt hatte.

Am 25. fühlte sich der König derart unwohl, daß er den Weißen den
Eintritt in sein Gehöft bis auf Weiteres verbot; es war das unstreitig
das Werk Sykendu's, dem es darum zu thun war, dem gesunkenen Handel
seiner Partei wieder aufzuhelfen und die weißen Männer aus dem Süden
möglichst zu verschwärzen und ihnen die Gunst Sepopo's zu entziehen.

Täglich brachten uns die Fischer Sepopo's Fische zum Kaufe. Die im
Marutse-Reiche übliche Fischerei theile ich in Fisch- und
Wasserreptilien-Fang ein. Im Fange gewisser Wasserreptilien haben
einige, im Fischfange die sämmtlichen am Zambesi vom Kabompo bis weit
über die Victoria-Katarakte östlich wohnenden Stämme eine ungewöhnliche
Fertigkeit, sie übertreffen in dieser Hinsicht manche der Küstenbewohner
(Eingeborne) und jene am N'gami-See, welche keine schlechten Fischer zu
nennen sind. Nicht minder meisterhaft betreiben gewisse Stämme im
Reiche, wie die Marutse und Mamboë's den Fang der beiden großen
Wasserreptilien, des Wasserleguans und des Krokodils. Die Fischerei
verschafft den Bewohnern des Reiches einen nicht unbedeutenden Theil der
Lebensbedürfnisse; die Fische, welche regelmäßige Steuer- und
Tributabgaben bilden, sind auch Handelsartikel. Der Fischfang wird auf
fünffache Art betrieben: 1. in Netzen, 2. in Reusen, 3. in niedrigen
kleinen Dämmen, 4. durch Absperren kleinerer Lagunen mit weitmaschigen
Rohrmatten und 5. mit Speeren. Von den fünf verschiedenen Fangweisen der
Fische im Marutse-Reiche ist der Fang mit Netzen am großartigsten und
reichlichst lohnend. Die Marutse arbeiten sehr gute, weite und
engmaschige, mit Schwimmpflöckchen und Beschwermitteln versehene,
fünfzehn bis fünfundzwanzig Meter breite Netze aus Bastfäden, die zu
Federspul- und kleinfingerdicken Schnüren gedreht sind. Die Netze
entsprechen ihrem Zwecke vollkommen, halten sich auch länger als man
denken würde. Nach beendeten Fischzügen werden sie sorgsam gereinigt und
getrocknet. Die Netze werden meist zum Fischen in den breiten und
längeren Lagunen benützt, namentlich in solchen, die kein
morastig-schilfiges Ufer haben. Die Mamboë, Marutse und Masupia sind als
die besten Fischer im Reiche bekannt. Dieselben sind in Colonien längs
dem Flusse angesiedelt, und bewohnen hier theils stabile, theils
periodische Niederlassungen.

Die zweite Fangweise ist die in Reusen; diese wird zur Zeit des
niedrigsten und des höchsten Wasserstandes, im letzteren Falle oft
combinirt mit der dritten Fangweise, versucht. Im ersteren Falle stets
an den Stromschnellen, wo die Wassermenge des Flusses durch zahlreiche
Inseln getheilt, kleine, zwischen zwei Felsenblöcke eingeengte Strömchen
bildet. Die Reusen sind auffallend schmal, etwa 1½ Meter lang, mit
dreißig bis vierzig Zentimeter Querdurchmesser und in der Form unseren
Reusen ähnlich. Sie sind aus starkem Rohr gearbeitet und werden dem
Strome mit ihren Mündungen entgegengehalten.

Die dritte Fangart besteht in der Errichtung niedriger, aus dem
durchweichten Boden der überschwemmten ebenen Partien der Thäler
aufgeführter Ringdämme. Diese werden mit dem ersten Sinken des Flusses
errichtet, welches so rasch erfolgt, daß man mit Leichtigkeit sich der
Fische innerhalb der Dämme bemächtigen kann. Ich fand ähnliche
Dammüberreste an ebenen Stellen in der Nachbarschaft der Dörfer und
Städte. Der Inquisi wird in dieser Weise häufig erbeutet. Das trübe
Wasser erleichtert das Gelingen des Fanges.

Die vierte Fangweise besteht im Absperren der Mündungen kleiner drei bis
zehn Meter breiter, minder dicht oder gar nicht beschilfter Lagunen mit
weitmaschigen, aus starkem Rohr gearbeiteten Matten. Diese Fangweise
wird in den Monaten Mai, Juni, Juli und August zur Zeit des Sinkens des
Wassers in der Regel mit gutem Erfolge angewendet. In ähnlicher Weise
werden in den Fluß einmündende Regenmulden abgesperrt. Die fünfte
Fangweise ist nächst dem Netzfang die anziehendste und beweist die große
Geschicklichkeit, mit welcher die Zambesi-Bewohner die leichteren Wurf-
und Stoßspeere zu handhaben wissen. Nebst den Fischen werden auch
Leguane gespeert, als Speere bedient man sich einer Waffe, die zwischen
einem Fischotter- und einem Fischassagai die Mitte hält. Die Scheide ist
nur acht bis zehn Zentimeter lang, zierlich gearbeitet und vertritt die
nagelförmige runde Spitze der letztgenannten Waffe, so, daß der übrige
Theil vierkantig und fingerdick ist. Die vier Kanten sind von vier
Reihen gekrümmter Widerhaken gebildet.

Der Unmuth Sepopo's über seine Krankheit mehrte sich von Tag zu Tag, er
wurde mißtrauisch, denn auch diesmal erblickte er in seiner Krankheit
den Einfluß eines bösen Zaubers eines seiner Unterthanen und suchte
durch eine Reihe von Hinrichtungen diesen Bann zu brechen. Die Stimmung
Sepopo's kam Vielen sehr gelegen, sie konnten sich nun auf die
leichteste Weise ihrer Gegner oder Nebenbuhler entledigen, indem sie
dieselben einfach des Hochverrates anklagten.

Da sich der Zustand Sepopo's nicht besserte, ließ er am 27. Sykendu
rufen und drohte, ihn hinrichten zu lassen, wenn nicht rasch eine
günstige Aenderung eintreten würde. Sykendu versprach ihm rasche Hilfe,
jedoch nur unter der Bedingung, daß Sepopo ihm ein schönes Makololo-
oder Masupia-Weib übergebe. Der König, welcher bisher das wiederholt
ausgesprochene Verlangen des Mambari unberücksichtigt ließ, erfüllte es
nunmehr.

Am 30. besuchte mich der Häuptling Rattau; ich lenkte das Gespräch auf
meine zukünftige Reise und er erzählte mir von einem Araber, welcher
diese Reise einst unternommen hatte. Als ich nun Westbeech darüber
befragte, berichtete mir dieser eine Episode, die ebenso abenteuerlich
wie interessant genannt werden muß und die Zähigkeit des Arabers
erkennen läßt. Ein Araber, der im Dienste des Sultans von Zanzibar
stand, schiffte sich mit einem der englischen Dampfschiffe nach Capstadt
ein. Hier lebte er eine Zeit lang unter den Malayen und als er von einem
Weißen, den er darum befragt hatte, über die Richtung belehrt wurde, in
der seine Heimat lag, nahm er sich vor, dahin zu wandern. Man bewilligte
ihm die Ueberfahrt nach Port Elizabeth, von wo er sich nach den
Diamantenfeldern wandte. Von hier wieder die Richtung nach Norden
einschlagend, gelangte er mit dem Wagen eines Händlers bis Kuruman, und
bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm darbot, nach dem
Marico-District, von da kam er irriger Weise wieder nach Kuruman zurück,
um schon in kurzer Zeit darauf nach dem Marico-District zurückzukehren.
Von Zeerust reiste er auf einem zufällig mit Lebensmitteln nach
Schoschong fahrenden Wagen nach dem Lande der östlichen Bamangwato,
woselbst er sich eine Zeit lang aufhielt, ohne jedoch das Anerbieten der
Schoschonger Kaufleute, sich bei ihnen zu verdingen, anzunehmen.

[Illustration: Das Speeren der Fische.]

In ein dürftiges Gewand gehüllt, mit getrocknetem Fleisch und einem Kiri
versehen, trat er, nachdem er sich den Weg nach Norden hatte beschreiben
lassen, seine Weiterreise an. So kam er bis zum Nataflusse, hier fanden
ihn Seschele's Leute (welche von einem Jagdzuge zurückkehrten) in
halbverhungertem Zustande, trugen ihm ihre Hilfe an und forderten ihn
auf, mit ihnen nach dem Süden zurückzukehren. Er schlug jedoch ihr
Anerbieten aus und zog weiter. In Folge Wassermangels wich er jedoch vom
Wege ab, schlug eine östliche Richtung ein und irrte drei Tage lang
umher, schlief in der Nacht auf Bäumen, bis er zuletzt unter einem
derselben in bewußtlosem Zustande liegen blieb. Hier fanden ihn
Matabele, nährten ihn bis er wieder zu Kräften kam und brachten ihn
hierauf zu ihrem Könige La Bengula nach Gubuluwajo, woselbst er einige
Zeit verweilte. Als er von Westbeech's erstem Zuge zu Sepopo hörte,
folgte er diesem, nachdem ihm der Matabele-König eine Strecke weit
Führer mitgegeben. So kam er abermals zum Nataflusse, an dem er den
Wagen des holländischen Jägers van Groonen antraf, jedoch ohne
Aufenthalt weiter nach dem Zambesi zog. Jenseits des Saddler'schen
Tümpels begegneten und berichteten ihm Westbeech's Diener, daß der
letztere am Tschobe weile. In Folge Wassermangels verließ er neuerdings
seinen Pfad und traf einen Haufen Masarwa's, die einen Kudu und ein
Zebra erlegt hatten; von ihnen erhielt er Antilopenfleisch und ließ sich
zu Westbeech führen. Dieser war nicht wenig erstaunt, diesen kaum
bekleideten, und über und über von dem dornenvollen Wege mit Wunden
bedeckten Menschen vor sich zu sehen. Am 9. September 1871 verließ der
Araber Impalera, um sich mit Sepopo's Leuten nach der Barotse, wo der
König damals wohnte, einzuschiffen. Fünf Monate lang blieb er bei
Sepopo, bis er sich erholt hatte; als er sich auf die Weiterreise begab,
wurde er von einem Stamme, der weiter ab wohnte, wieder zu Sepopo
zurückgebracht, verblieb hier einige Zeit und trat neuerdings seine
Reise weiter nach Norden an. Man erfuhr nur noch, daß er nach einer der
nördlichen Provinzen des Landes, nach dem Mankoë-Lande gelangt war und
dann verschollen blieb.

[Illustration: Gang durch Schescheke.]

Am letzten Tage des Jahres 1875 brachten uns Masupia's von Panda ma
Tenka die traurige Nachricht, daß Cowley, der Begleiter der beiden
englischen Officiere, welche zu Sepopo der Elephantenjagd halber
gekommen waren, dem Fieber erleben sei, ferner daß die beiden Officiere
in einem trostlosen Zustande von den Victoriafällen von ihren Dienern
zurückgetragen wurden.

Am 2. Jänner 1876 erkrankte Westbeech an einer Entzündung der Kniehöhle,
nachdem ihm seine Mittel nicht die gewünschte Linderung brachten,
untersuchte ich die erkrankten Stellen und fand, daß beiderseits die
Kniehöhle von zahllosen weißen Blasen bedeckt sei. Ich öffnete einige
derselben und fand zu meinem Erstaunen, daß sie mit feinen äußerst
scharf bewollten Pflanzenhärchen eines binsenartigen Grases gefüllt
waren. Zu dem Könige, den ich seit meiner Rückkehr noch nicht besucht
hatte, war in der letzten Zeit außer Sykendu, drei seiner Frauen und
seinen Günstlingen Niemand zugelassen worden.[15]

Westbeech und auch die mich besuchenden Häuptlinge riethen mir meiner
Gesundheit halber so bald als möglich Schescheke zu verlassen. So
entschloß ich mich zur Rückkehr nach Panda ma Tenka. Jene Tage, an
welchen mich mein Zustand ans Lager oder in der Hütte fesselten,
benützte ich, um von den mich besuchenden Häuptlingen Erkundigungen über
das sociale Leben im Marutse-Reiche einzuziehen. Ich gebe in Folgendem
die Berichte derselben in der Hauptsache wieder.

[Fußnote 15: Siehe Anhang 4.]

Die wirklichen Unterthanen werden als Sklaven angesehen, wenn sie einem
anderen Stamme als den der Marutse und Mabunda angehören und nicht vom
Herrscher frei erklärt wurden. Die Marutse sind allgemein frei von
Sklavendiensten, allein sie können nach begangenen Missethaten oder wenn
sie des Königs Ungunst erregen und deshalb angeklagt und verurtheilt
wurden, zu Sklavendiensten verhalten werden. Erhielt oder nahm ein
Sklave eines anderen Stammes eine Marutse-Frau zur Gemahlin, so werden
die Kinder, wenn der Vater nicht später frei erklärt wurde, als Sklaven
angesehen und gehören demjenigen an, in dessen Leibeigenschaft der Vater
stand. Der Preis für einen ausgewachsenen Sclaven belief sich in
Schescheke auf ein Boot, eine Kuh oder zwei Baumwolldecken; im
westlichen Theile des Reiches ist der Preis noch niedriger, in den
nördlichen Partien wie am oberen Kaschteja-Flusse sind sie sogar für
einige Glasperlenschnüre feil. Im Marutse-Reiche finden keine
öffentlichen Sklavenmärkte statt, trotzdem können aber viele Sklaven in
einem einzigen Dorfe erstanden werden. Leider sind es meist die Mambari,
die so manchen Sklaven kaufen und verkaufen und damit gewiß den
unwissenden Schwarzen kein gutes Beispiel geben. Diese Händler, die
gleich mit ihren Gebetbüchern zur Hand sind, um sich vor Jeden, den sie
als schreib- und lesekundig wähnen, als Christen zu bekennen, haben in
Wirklichkeit nichts von christlicher Liebe und tragen nur Verwirrung
statt Belehrung und Civilisation in die vom Aberglauben befangenen
Gemüther der Völker am oberen und centralen Zambesi.

Ist ein Mann nicht gerade Leibsklave, so kann er, mit Erlaubniß seines
Herrn, mehrere Frauen nehmen. Freie Frauen, die nicht wie Sklavinnen
einfach als Geschenk gegeben oder verkauft werden, sind in ihrer Wahl
frei. Schon die Vorliebe für weibliche Herrscher setzt eine größere
Achtung für das weibliche Geschlecht voraus, größer, als wir sie bei den
Betschuana's finden, bei welchen sie Dienerinnen und Arbeiter, bei den
Masarwa's, bei denen sie Lastthiere sind und bei der Zulu-Race, bei
welchen sie als Sklaven betrachtet und behandelt werden. Verschenkt der
Regent oder ein Angesehener eine Frau, so geschieht dies meist als
Gegengeschenk oder als Gunstbezeugung. Am 10. kam von Panda ma Tenka die
höchst betrübende Nachricht, daß Westbeech's Gehilfe Bauren dem Fieber
erlegen sei. Am 11. erschien der Kommandant Capella in unserem Höfchen
und brachte die Nachricht, daß der König sechs Kähne dem
Elfenbeinhändler zur Verfügung gestellt habe, um sein Elfenbein nach
Impalera zu schaffen. Der Letztere erklärte jedoch, er brauche zweimal
so viel und könne jetzt noch nicht abgehen. Ich jedoch benützte diese
Gelegenheit, um meine Sachen zu packen und die Rückreise anzutreten.
Westbeech versprach, sich noch am selben Tage von Sepopo mehrere Kähne
zu erbitten und mich drei Tage später einzuholen. Ich verließ mich
darauf, traf keine Vorsorge, mir Nahrungsmittel zu verschaffen -- nicht
ahnend, daß durch Sepopo's Hinterlist aus den drei Tagen fünf Wochen
wurden, und ich noch die traurigste Zeit auf dieser dritten Reise
erleben sollte. Im folgenden Capitel will ich Handel und Wandel, Sitten
und Gebräuche der Stämme des weitläufigen Reiches schildern, hier sei es
mir erlaubt, vor dem Scheiden von Schescheke noch einiger Charakterzüge
der bedeutendsten das Marutse-Reich bewohnenden Stämme zu gedenken.

Kein Stamm des Marutse-Mabunda-Reiches ist so tapfer und muthig wie die
südlich vom Zambesi wohnenden Zulu's und Amaswazie's. Von den Matabele
findet sich eine Kolonie in der Barotse, während unter den übrigen
zahlreichen Stämmen die Mamboë und Masupia zu den muthigsten zu rechnen
sind. Mit Rücksicht auf Muth den wilden Thieren gegenüber sind die
Masupia-Elephantenjäger unerschrocken, doch keiner der Stämme besitzt so
tüchtige Löwenjäger wie es die Matabele sind. Nur in der Jagd des
Nilpferdes und des Krokodils werden diese von einem der Zambesi-Stämme,
den Mamboë's übertroffen. Zu Trägern und schweren Arbeiten eignen sich
die Mabunda und Mankoè. Die letzteren sind unstreitig der schönste und
kräftigste Menschenschlag im vereinigten Königreiche. Als die feigsten
werden die Manansa angesehen, ich selbst lernte sie nur als bewährte,
keineswegs feige Diener kennen. Stolz ist unter den Eingebornen meist
mit Muth gepaart, deshalb erreicht er bei den Matabele einen hohen Grad,
während die Stämme des Marutse-Mambunda-Reiches ihn kaum kennen. Zwar
lassen die Marutse es den übrigen Völkern deutlich und öfter fühlen, daß
sie der herrschende Stamm seien, allein von eigentlichem Stolz und einem
auf selbstbewußter Kraft und Machtstellung beruhenden Dünkel, wie ihn
die Matabele und Zulu's zur Schau tragen, bemerkt man hier zu Lande
nichts, selbst die in der Barotse angesiedelten Matabele sind durch ihre
friedliche Umgebung nach und nach zahme Löwen geworden. Deshalb ist auch
das Verhältniß zwischen Herr und Sclave ein ziemlich befreundetes, ein
viel freundlicheres, als bei allen südlich vom Zambesi wohnenden,
Vasallen und Sklaven haltenden Stämmen. Bescheiden erscheinen namentlich
die Mamboë und alle nördlich des Zambesi wohnenden Stämme, welche selten
den Marutse-Hof besuchen. Im Allgemeinen ist die Bescheidenheit von
Seite der Unterthanen den Kosana's und Koschi's und dem königlichen Hofe
gegenüber eine an tiefste Unterwürfigkeit grenzende; wenn sich die
Bewohner des Tschobe-Striches, ferner die Batoka, Matonga am Zambesi und
die in und um Schescheke lebenden Marutse und Mabunda den Weißen
gegenüber oft sehr arrogant betragen, so trägt wohl meist das Benehmen
der Weißen selbst die Schuld daran. Diese Arroganz kann jedoch nicht als
Stolz bezeichnet werden; denn ich beobachtete nur zu oft, daß ein dem
anmaßenden Dünkel und der Frechheit entsprechendes scharfes, strenges
Auftreten die Eingebornen einschüchterte.

Wie blind und treu die Untertanen gehorchen, zeigt das Verhältniß zu
Sepopo. Was die Treue der Sklaven zu ihrem Gebieter betrifft, ist diese
meist eine lobenswerthe, dafür kann man weniger von ehelicher Treue und
Liebe sprechen. Ich bemerkte wohl, daß oft Zuneigung zur Ehe führte,
diese aber in seltenen Fällen als bindend betrachtet wird, wofür schon
das Mulekau-Unwesen spricht. Dasselbe ist ein Krebsschaden des ganzen
Volkes, es zerstört jedes Eheglück und wirkt schon auf die
heranwachsende Jugend so verderblich, daß diese sehr wenig von
wirklicher Zuneigung in's eheliche Leben hinüberbringt. Das Mulekauthum
scheint namentlich den südwestlichen und westlichen Stämmen eigen
gewesen zu sein, sich aber nach und nach über das ganze Reich
ausgebreitet zu haben.

Was die elterliche und kindliche Zuneigung anbelangt, so beobachtete ich
in der Regel blos die erstere, ja ich fand die Eltern oft sehr liebevoll
und zärtlich schon herangewachsenen Sprossen gegenüber, allein in der
Regel wird diese von den Kindern schlecht belohnt, wenn die Eltern
altersschwach und gebrechlich werden. So wie ich die Stämme des
Marutse-Mabunda-Reiches kennen lernte, würde ich es dem Reisenden nicht
rathen, den ihm vom Könige mitgegebenen Dienern blindlings zu vertrauen.
Der Reisende muß einen Chef oder einen sonst angesehenen Mann als Führer
fordern, einen, der mit dem Kiri den Trägern und Bootsleuten gebietet,
wenn sich diese widerspenstig zeigen, er muß schon im Vorhinein die
gegenseitigen Pflichten und Rechte vom Könige genau feststellen lassen.
Der Reisende darf nicht zu freigebig sein und die verschiedenen Stämme
so behandeln, wie es ihre geistige Entwicklung und ihr Charakter
erheischt. Güte hilft bei den Manansa und Mamboë, ein gemessenes etwas
mehr zurückhaltendes Betragen bei den Marutse, Mankoë; unablässige
Vorsicht ist den Masupia, Mabunda und Matonga gegenüber geboten. Ein
ernstes, ich möchte sagen jedes Lächeln bannendes Benehmen muß man den
Matabele zeigen, und vor den Makalaka's Alles nagelfest halten. Den
Herrscher behandle man mit großer Freundlichkeit und suche es geheim zu
halten, wenn man sich mit ihm entzweit. Hilft Güte allein nicht und
stellt der Regent immer unverschämtere Forderungen, so muß man sich
ernst, gemessen und furchtlos zeigen und sich nicht zu übereilten,
gewaltthätigen Schritten hinreißen lassen. Tapferkeit und Muth sind, wie
schon erwähnt, nicht die Zierden der obgenannten Stämme, und darum ist
ein entschlossenes, furchtloses Auftreten das beste Mittel, sich den
Rückzug zu sichern, wenn man an weiteres Vordringen oder an die
Verwirklichung anderweitiger Pläne nicht mehr denken kann.

Die Menschenopfer zu Zauberzwecken, die Art und Weise des Tödtens der
Hausthiere, der Gebrauch der mit Widerhaken versehenen Wildassagaie etc.
zeigen deutlich, daß der thierische Raub- und Vernichtungssinn eine der
größten Schwächen der obgenannten Völker bilden. Haß und Falschheit sind
äußerst selten, ich möchte nur die Makalaka's der letzteren Untugend
beschuldigen. Dankbarkeit den Weißen gegenüber ist unstreitig allen
Stämmen eigen und in um so höheren Grade, je einfacher ihre Lebensweise
und je weiter nach Norden, Nordosten oder Nordwesten dieselben von den
Victoria-Katarakten und der Tschobe-Mündung wohnen. Eitelkeit besitzen
alle wilden Stämme; derselben zu fröhnen, haben im Allgemeinen die
Völker des Marutse-Mabunda-Reiches mehr Geschick und Sinn, als die
meisten der südlich vom Zambesi wohnenden eingebornen Stämme. In
moralischer Beziehung stehen sämmtliche Stämme des Reiches tief, doch
ist diese Schattenseite ein Produkt des Urzustandes und nicht erworben,
wie bei einigen Stämmen der Hottentotten-Race. Ich glaube, daß ein gutes
Beispiel, Bekehrung, ein von den Weißen auf den Herrscher sanft
ausgeübter Druck schon nach zwei Jahren eine äußerst befriedigende
Umgestaltung bezwecken könnte. Es gehört jedoch dazu ein ernsteres
Auftreten von Seite der Weißen und ein Mann als Herrscher, der mehr
Ehrenhaftigkeit besitzen müßte, als ich es an Sepopo beobachtet habe.
Erstlich müßten die Fremden das Anerbieten der Mulekau-Ehre
zurückweisen. Sie gewinnen nicht allein mehr Achtung, sondern zeigen
auch dadurch, daß solche Sitte in dem Lande der Weißen nicht allein
ungebräuchlich, sondern auch verdammt ist.

Das System, nach welchen sich der König seine Gemahlinnen nimmt, indem
er sie in der Regel gegen ihren Willen raubt, und deren sich dann viele,
trotz aller Androhungen des Todes, der Untreue schuldig machen, muß auch
erst gebrochen werden, bevor eine merkliche Besserung der Sitten im
Gesammtreiche erzielt werden könnte. Die Frauen betrachten ohnehin die
ehelichen Bande als sehr lose, selbst da, wo sie sich den Mann frei
gewählt haben. Das Beispiel der Königinnen, die sich der Untreue
schuldig gemacht, trägt sicherlich nicht dazu bei, der allgemeinen
Unsittlichkeit zu steuern, und dies umsoweniger, als Sepopo selbst jeden
ihm zu Gehör gekommenen Fall der Oeffentlichkeit preisgab.

Daß die wenigen Weißen und Eingebornen, die von Süden her das
Marutse-Mabunda-Reich besuchen, schon einen gewissen indirekten Einfluß
auf die Stämme des Zambesi ausgeübt haben, erhellt daraus, daß sich die
Stämme schon, wenn auch noch sehr primitiv, bekleiden, während die
nördlichen Nachbarn des Reiches, die Maschukulumbe, vollkommen nackt
einhergehen.



                                 XII.
            Die Culturstufe der Völker im Marutse-Reiche.


Religiöse Vorstellungen. -- Lebensweise der Völker. -- Ackerbau. --
Erträgniß desselben. -- Preis der Feldfrüchte. -- Consum. -- Kleidung
der Männer und Frauen. -- Die Stellung der Frau im Marutse-Reiche. --
Erziehung der Kinder. -- Ehe. -- Todtenbestattung. -- Grabdenkmäler. --
Das Reisen im Lande. -- Die Rechtspflege im Reiche. -- Eine Hinrichtung.
-- Die Doctoren Sepopo's. -- Aberglauben. -- Zaubermittel. --
Menschenopfer. -- Industrie-Erzeugnisse der Marutse. -- Thongefäße. --
Holzarbeiten. -- Calebassen. -- Flechtarbeiten. -- Schneide-Werkzeuge.
-- Jagd- und Kriegswaffen. -- Textil-Industrie. -- Canoebau. --
Tabakspfeifen und Schnupftabakdosen. -- Toilette-Artikel. --
Schmuckgegenstände.

[Illustration: Ertränken arbeitsunfähiger Personen.]

Ich erlaubte mir in den letzten Capiteln bei verschiedenen Gelegenheiten
auf die mir interessant erscheinenden Gebräuche im Marutse-Reiche und
auf viele Charakterzüge seiner Stämme hinzuweisen; ich will nun die
Schilderung derselben im Folgenden vervollständigen und im nächsten
Capitel zu meinen Reise-Erlebnissen zurückkehren.

Wie schon erwähnt, besaß die Banthu-Familie, bevor sie sich in die
zahlreichen Stämme theilte, welchen wir gegenwärtig begegnen, den
Glauben an einen mächtigen, unsichtbaren Gott; bei den Marutse hat sich
dieser Glaube unter allen Banthu-Stämmen am reinsten erhalten. Man
glaubt an ein unsichtbares allwissendes Wesen, welches genau das Thun
eines Jeden beobachtet und mit jedem Menschen nach Belieben verfährt.

Man scheut sich sogar seinen Namen auszusprechen, und bedient in der
Regel eines Ersatzwortes: »Molemo«, welches Wort jedoch umfangreichen
Begriff in sich schließt und deshalb in seinem jedesmaligen Sinne leicht
verwechselt werden kann. Molemo kann Gott, kann böse oder gute Geister,
Heilmittel und auch Gifte, Zaubermittel Amulete etc. bezeichnen. Ihre
richtige Benennung für das oben erwähnte allwissende Wesen ist »Ñambe« =
Njambe. Beim Aussprechen dieses Wortes erheben sie ihre Augen gegen das
Firmament, weisen mit der Hand dahin oder sie thun beides ohne Njambe
auszusprechen. Ich beobachtete Viele, die es mit »Er da oben« oder »Er«
umschrieben. Sie meinen, das mächtige Wesen lebe »^mo-chorino^«, d. h.
im Blau des Firmamentes. Stirbt Jemand natürlichen Todes, so heißt es:
»Njambe rief ihn hinweg«; unterliegt ein anderer im Kampfe mit seinem
Nebenmenschen, mit wilden Thieren oder der Wuth der Elemente, so heißt
es: »Es geschah auf Njambe's Geheiß;« wird ein Verbrecher zum Tode
verurtheilt, so wird dies als die gerechte von Njambe gesandte Strafe
angesehen und der Schuldige, der davon überzeugt zu sein scheint, ergibt
sich demüthig in sein Geschick, während der unschuldig Verurteilte
(unter Sepopo gab es deren zahllose) wie die ihn begleitenden Freunde
bis zum letzten Momente das größte Vertrauen in Njambe's Allwissenheit
setzend, auf seine Hilfe hoffen, die sich bei dem bei Hinrichtungen
gebräuchlichen Giftgenusse im Erbrechen des Giftes äußern soll.

Die Völker des Marutse-Reiches glauben außerdem an unsichtbare gute und
böse Geister und suchen letztere durch auf Pfähle aufgehangene
Beschwörungsmittel von ihren Gehöften zu bannen oder sie mindestens zu
besänftigen. Die Abwehr- und Besänftigungsmittel sind: Thier- und
Menschenknochen, Nilpferdzähne, besondere Holzstücke, Baumrinden,
Kürbißkalebassen etc., die in aus Bast, Gras oder Baumblättern
geflochtenen sackförmigen Körbchen auf drei bis vier Fuß hohen Pfählen
aufgehangen werden. Die meisten Völker des Marutse-Mabunda-Reiches
glauben an ein Fortleben nach dem Tode, und so pflanzen z. B. die
Masupia mächtige Elfenbeinzähne auf die Gräber ihrer Chefs. Es geschieht
dies hauptsächlich, um den verstorbenen, Njambe näher gerückten Chef
durch die Weihe der Zähne für seine Trennung von seinem Hab und Gut und
von ihnen selbst zu beschwichtigen und sich seines nun doppelt mächtigen
Schutzes zu vergewissern.

Außerdem, daß sie jedes Unheil bösen Geistern zuschreiben, glauben sie
auch viele Unglücksfälle dem Uebelwollen, dem Zürnen eines verstorbenen
Chefs zuschreiben zu müssen, die durch gewisse am Grabe vorgenommene
Ceremonien besänftigt werden können. Erkrankt ein Mitglied der
königlichen Familie, oder ein weiser Besucher in der Umgebung von
königlichen Beerdigungsstätten, so wird der Erkrankte, wenn er sich der
Gunst des königlichen Hauptes erfreut, an das Grab des Angesehensten
gebracht, und hier verrichtet der Herrscher eine gebetartige Ceremonie
in flehender und beschwörender Form, damit sich der Verstorbene des
armen Dulders erbarme und ihn durch seine Fürsprache bei Njambe gesund
mache.

Die Lebensweise der Stämme des vereinigten Marutse-Mabunda-Reiches ist
im Allgemeinen nicht so einfach wie die ihrer südlich vom Zambesi
wohnenden Bruderstämme. Der Boden lohnt die Mühe des Ackerbaues so
reichlich, die Viehzucht gedeiht in zwei Dritttheilen des Reiches so
vortrefflich, und das von der Tsetse inficirte Dritttheil ist derart von
Wild überschwemmt, die Flüsse und ihre Lagunen fischreich und die
Wälder, Büsche und Wiesen so reich an eßbaren Früchten, Samen und
Wurzeln, daß die Eingebornen nicht, wie manche Betschuana-Stämme durch
das Ausbleiben der Sommerregen von Hungersnoth heimgesucht werden. Die
reichliche Wassermenge, der gute Boden und das warme Klima unterstützen
Ackerbau und Viehzucht in der kräftigsten Weise.

Die Felder werden von den Frauen durch fleißiges Ausjäten rein gehalten,
auf den meisten lange Furchen zum Wasserabfluß gezogen. Zur Zeit der
herannahenden Reife errichtet man Wächterhütten, in denen Junge wie
Erwachsene zuweilen Tag und Nacht die Felder bewachen. Beim Ausdreschen
schüttet man die Aehren und Kolben auf große Carossen und Häute, auch
auf Stroh- und Rohrmatten und schlägt mit Knütteln auf dieselben los.
Ein bestimmter Theil der Ernte gehört den Frauen, welche darüber nach
Gutdünken verfügen können. Dabei wissen sie ihr Eigenthum in Wort und
That zu wahren und ihren Theil gut zu verkaufen; ich beobachtete sowohl
bei meinen Unterhandlungen als bei dem Tauschgeschäft der Händler, daß
wir nicht so leicht die gesuchte Waare von dem schönen Geschlechte
erstehen konnten; selbst wenn Männer an Stelle ihrer Frauen die Waaren
feilboten, forderten sie stets einen höheren Preis und sagten: »Die Frau
fordert es, sonst muß ich das Korn wiederbringen.« Für ihren
eigentlichen Bedarf, abgesehen von den Abgaben an den Chef und den
König, baut sich eine Familie von etwa fünf Personen ein bis drei
Grundstücke von je 2800 bis 3000 Quadratmeter Fläche. Da dieselben zu
zwei Dritttheilen in den bewaldeten Theilen des Landes liegen, wird
zuerst von den Männern und Jungen das Unterholz abgehauen, und die
großen Bäume ihrer Aeste beraubt. Mir dem gewonnenen Holze wird das Feld
umzäunt. Das Unterholz und das ausgejätete Unkraut wird hierauf in Brand
gesteckt und mit der Asche das Feld gedüngt und nun die Saat gepflanzt.
Diese Aussaatzeit begreift die Monate September und October in sich; zur
Saat der Kürbisse, bohnenartigen Früchte, des Tabaks etc. wählt man die
Zeit von Ende October bis Anfang December. Die zuletzt erwähnten
Feldfrüchte werden zuerst und bei einem auffallend raschen Wachsthum oft
schon im Jänner reif, die Kafirkornarten und der Mais im Februar, die
Bohnen in beiden Monaten. Am häufigsten wird das gewöhnliche Kafirkorn
angebaut, von dem ich zwei Arten, das rothe und das weiße unterscheide.
Es gedeiht vorzüglich und liefert das Hauptcontingent der
vegetabilischen Abgaben, sowie für den nach außen hin mit Feldfrüchten
getriebenen Handel. Die beiden Arten stimmen vollkommen mit denen
Süd-Afrikas überein.

Die dritte Kornart, die wir auch hie und da, doch selten in Süd-Afrika
vorfinden, wird von den holländischen Jägern »Kleen-Korn«, von den
Marutse »Rosa« genannt. Diese Art zeigt kleine, dem Vogelsamen
(Hanfsamen) ähnliche Samen, welche fein gestoßen, ein schwarzes, zur
Brodbereitung durch größere Bindekraft tauglicheres Mehl als die beiden
sorghumartigen liefern. Es wird von den Marutse als feinere Mehlgattung
angesehen und hat den zweifachen Werth der beiden anderen Gattungen.

Gleich häufig wird der Mais gepflanzt und gedeiht vortrefflich. Noch
häufiger als Mais werden im Marutse-Reiche die kürbißartigen Früchte
angebaut, darunter mehrere Arten Wassermelonen, eßbare Kürbisse und eine
Unzahl Flaschen- etc. Kürbisse, die nur der äußeren Schalen halber
gepflanzt werden. Ebenso häufig werden zwei Bohnengewächse, das eine mit
kleineren farblosen, das andere mit etwas größeren, meist carminrothen
oder violetten Bohnen gepflanzt. Sie bilden wie das Mabele (gewöhnliches
Korn), die Rosa und der Imboni (Mais) einen Theil der Abgaben. Mit
Nilpferdspeck oder Fleisch gekocht, bietet die Li-tu- und die
Di-nau-a-Bohne ein Gericht, welches unsere heimische Art an gutem
Geschmack übertrifft. Zu diesen Feldfrüchten müssen wir noch drei
hinzufügen, von welchen die Manza und die Masoschwani (^Arachis
hypogaea, M'pinda^ der centralen Westküste) im Gesammtreiche, Baumwolle
in den östlichen Landestheilen allein angebaut werden. Die drei
letzteren verbürgen, daß auch Reiscultur mit Erfolg betrieben werden
könnte. Die Arachis bildet einen Theil der Steuern und des Tributs, die
Manza ist Krongut und wird im Gesammtertrage dem Hofe abgeliefert,
während die Baumwolle von den östlichen Stämmen für den eigenen Bedarf
gebaut und verwendet wird. Die Arachis wird in der Asche und in Schalen
geröstet genossen, von den Europäern, welche den Zambesi besuchen, im
Nothfalle geröstet und als Kaffeesurrogat verwendet. Die Manza wird zu
feinem Mehl gestoßen und ohne Zuthat von Salz als Mehlbrei genossen.

Bezüglich der Baumwolle erwähne ich, daß sie zu guten starken Geweben
verarbeitet wird. Weniger als Nahrungsmittel denn als durststillendes
Mittel pflanzt man häufig um die Hütten und zerstreut zwischen Korn und
Mais das gleich üppig und hoch aufwachsende Zuckerrohr (Imphi). Es ist
dieselbe Art, welche man in ganz Süd-Afrika vorfindet und erreicht am
centralen Zambesi ihre Süßreife im December bis Februar.

Der Preis der Feldfrüchte stellt sich wie folgt:

                Am Südufer des Tschobe,   In Schescheke     In den
                Impalera gegenüber,       (in der Barotse   nördlichen und
                oder am Südufer des       sind die Preise   centralen
                Zambesi an den Victoria-  um ein Drittel    Landstrichen
                Katarakten, sowie der     niedriger)
                Stadt Wanke's gegenüber

                      kleine      Kattun  kl. Glas- Kattun  kl. Glas- Meter
                      Glasperlen  Meter   perlen    Meter   perlen    Kattun
                      Pfund               Pfund             Pfund

  Mabele, etwa 20 Pfund   ½         4        ½        3       ¼         1½
  Imboñi, 8 bis 12 Kolben ½         3        ½        2       ¼         1
  Litu, Di-nau 20 Pfund   1        4--5      ¾        3      1/3      1½--2
  Rosa, 20 Pfund         ¾--1      6--6½     ¾        3       ¾         1½
  Masoschwani, 20 Pfund   1       3¼--4½    ¾--1    3--3½    1/3        2
  Manza, 20 Pfund        ½--¾       3        ½        3      1/3        1½

  Stanga, eine große
  Wassermelone oder ein
  eßbarer Kürbis          ¼         1        ¼        1      1/8        ¼

  Flaschenkürbisse       1/3        1        ¼        1       ¼         ¼

  Matschuku-Tabak,      1--1½
  etwa 2 Pfund        od. 1 Baum-  6--8      ½        3      1/3      1--1½
  schwer               wolldecke

  Allerlei Wildfrüchte,
  20 Pfund               1/3        2       1/3       2     gratis   gratis

  Butschnala, etwa 6      ½        3--4      ½        3       ¼         2
  Liter

  Morulabier (im Makalaka-
  Land billiger)          ½        3--4      ½        3       ¼         2

  Imphy, ein Bündel von
  12 Stück                ¼        1½        ¼        2      1/8        ½

Zur Anpflanzung des Tabaks wählt man meist kleine, etwa 10--20
Quadratmeter umfassende Vertiefungen. Der Tabak wird getrocknet,
zerkleinert, etwas befeuchtet und dann in den Kornstampfblöcken zu
kegelförmigen und brodförmigen Ballen festgestoßen. Im Allgemeinen ist
der Tabak, wie ihn die Unterthanen des Marutse-Herrschers anbauen,
dichter gearbeitet, hält sich länger und ist bedeutend nicotinreicher
als jener, den wir bei den südafrikanischen Eingebornenstämmen finden.
Mit Rücksicht auf Boden, Klima und Bewässerungs-Möglichkeit bin ich der
Meinung, daß nicht allein unsere Getreidearten, namentlich Weizen,
sondern auch Reis, Baumwolle, in den östlichen Theilen auch Kaffee,
nicht minder Wein und unsere sowohl als auch Südfrüchte ausgezeichnet
gedeihen könnten.

Ziehen wir die Menge der consumirten Nahrungsmittel in Betracht, so
finden wir, daß nebst Wildfleisch gewöhnliches Kafirkorn, Kleinkorn und
Mais sowie Kürbisse in erster Linie stehen. Nach den Fischen folgt im
Verhältniß der consumirten Mengen: saure Milch, süße Milch, Rind-,
Ziegen- und Schaffleisch, etwa fünfundvierzig wilde Fruchtarten, zwei
Bohnenarten, Erdnüsse, Hühner, Wildgeflügel, Manza, Honig etc. Das
Fleisch wird meist in gut geschlossenen, irdenen Töpfen gekocht, oder
auf Kohlen am und ohne Bratspieß geröstet. In der Fleischzubereitung
übertreffen die Stämme jene südlich vom Zambesi, ich glaube, daß kein
Einziger derselben so wohlschmeckende Fleischgerichte bereiten könnte,
wie man sie in den besseren Häusern des Marutse-Reiches zu bereiten
pflegt. Es wird den Reisenden um so mehr überraschen, wenn er bedenkt,
wie sehr das Reich den Betschuana-Reichen gegenüber »verschlossen«
genannt werden muß. Wildgeflügel wird gekocht oder gebraten, und mit den
Kopffedern oder der Krone auf schön durchbrochenen Holzschüsseln
servirt. Aus Aberglauben verschmähen manche Stämme gewisse Wildarten,
bei einigen wurde z. B. die Pallah nicht beachtet, bei anderen die
Eland-Antilope, bei manchen das Fleisch des Nilpferdes, während wieder
manche Fleisch genossen, welches, wie das der Raubthiere, von den
meisten südafrikanischen Eingebornen als ungenießbar betrachtet wird.
Fleisch und Fische werden auch getrocknet und ohne jeden
Einsalzungsproceß auf längere Zeit aufbewahrt. Die Kornarten werden
gekocht oder in hölzernen Stampfblöcken zu Mehl gestoßen und aus
demselben mit Milch oder Wasser ein Brei bereitet, Mais wird in grünem
und trockenem Zustande gekocht und geröstet. Von Bohnen kochen die
Stämme die genannten Arten und rösten die Erdnuß (Arachis). Die Kürbisse
werden zerschnitten und gekocht, die Wassermelonen roh genossen oder
gekocht. Wichtig ist die Zubereitung der Manza, deren Wurzel im grünen
Zustande giftige Eigenschaften besitzt, im trockenen, fein pulverisirt,
einen schmackhaften arrowrootartigen Brei liefert, der namentlich zu
Fleischspeisen als eine passende Zuspeise gelten kann. Wilde Baum- und
Buschfrüchte werden im frischen und getrockneten Zustande geröstet (am
Feuer sowohl als an der Sonne) oder werden in Milch gekocht oder auch
zerstoßen und in breiartigem Zustande genossen. Da die einzelnen
Wildfrüchte zu verschiedenen Jahreszeiten reifen, so kann man füglich
sagen, daß die Eingebornen im Marutse Reiche sich von diesem
Nahrungsmittel allein das ganze Jahr hindurch nähren könnten.

Zur Würze der Speisen bedienen sich blos die Wohlhabenderen des Salzes,
da dieses von weit her aus West und Südwest herbeigebracht wird. Von
geistigen Getränken erzeugen sie aus Kafirkorn ein starkes und ein
schwaches Bier, das erstere, das Lagerbier, wird Matimbe, das zweite
Butschuala genannt; außerdem erzeugen sie süßliche Biere aus mehreren
Wildfrüchten, so aus der Morulafrucht, das ciderartige, ferner das schon
erwähnte Honigbier Impote. In der Regel halten Wohlhabende zwei
Mahlzeiten, die erste 1½ oder zwei Stunden nach Sonnenaufgang, die
zweite beim Sonnenuntergang, Bier wird nachgetrunken. Die ärmeren
Classen halten nur eine nennenswerthe Mahlzeit und zwar am Abend.

Unstreitig sind die Völker im Marutse-Mabunda-Reiche in der Zubereitung
ihrer Speisen auffallend reinlich und verwahren dieselben in reinen
Holz- und Erdtöpfen, in Körben und Kalebassen. Auch waren die Marutse
die ersten, bei denen ich Butter zubereiten sah; sie rauchen mehr Tabak
als jene Stämme, zu denen er von den Weißen eingeführt wird. Mit dem
Genuß von Rauch- und Schnupftaback wird schon in früher Jugend begonnen,
dem letzteren huldigen alle, auch junge Mädchen nicht ausgenommen. Doch
ist ihr Schnupftabak ein complicirterer als der im Süden gebrauchte, er
enthält gestoßenen Tabak, Asche, getrocknete und gepulverte
Nymphaeastengel und die Secretion aus der Drüse des ^Rhabdogale
mustelina^. Der Rauchtabak wird in brödchenförmigen Kuchen geformt, die
durchlöchert an einer Schnur getragen werden.

Was die Pflege des Körpers betrifft, so halte ich von allen mir
bis jetzt in Süd-Afrika bekannten dunklen Stämmen die das
Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden für die reinlichsten; sie baden
häufig, selbst wenn dies auch in seichten Stellen und in den Lagunen der
Krokodile halber sehr gefährlich ist.

Die Kleidung der Marutse ist trotz ihrer Einfachheit weit
geschmackvoller als jene der meisten südafrikanischen Stämme. Statt der
Riemenfranzen der Zulu-Race und den um die Lenden geschlungenen, kaum
handbreiten Riemen der Betschuana, Makalaka etc. tragen die Männer in
der Regel Leder- und Kattunschürzen, welche an einem Leibgurt, d. h. um
denselben von vorne nach hinten geschlungen werden. Blos die Stämme, die
häufiger das südliche Zambesi-Ufer besuchen, wie die Batoka, Makalaka,
Manansa, Masupia, Marutse etc., d. h. jene, die oft mit den Weißen
zusammenkommen, bedienen sich des Kattuns als Schürze. Gewöhnlich
beanspruchen sie ein 2½ bis drei Meter langes Stück gewöhnlichen
Kattuns, ohne auf Farbenunterschiede Gewicht zu legen. Können sie ein
Stück von obiger Länge (eine Sitsiba) nicht erhalten, so trachten sie
mindestens ein solches zu gewinnen, das vorne bis an die Knie reicht.
Jene, welche Lederschürzen tragen, bedienen sich rauhgar gegerbter Felle
kleiner Säugethiere, so die Marutse und Masupia solcher des Scopophorus
und Cephalopus, welche längs des Randes mit eingeschnittenen rundlichen
oder viereckigen Löchern versehen sind, die Kopftheile finden sich oben
am Gürtel. Die Manansa benützen einen kleinen, kaum handbreiten Kattun-,
Tuch- oder Lederlappen. Auch in ihren Carossen differiren die das
Marutse-Reich bewohnenden Banthustämme bedeutend von den meisten südlich
vom Zambesi wohnenden, zu dieser großen Völkerfamilie gehörenden
Stämmen. Sie lieben die Kreisform, die einem spanischen Mäntelchen nicht
unähnlich ist und bis zu den Hüften herabreicht. Auch sind Mäntelchen
aus Letschwe- und Pukufellen im Gebrauch. Der Herrscher und einige
seiner höchsten Würdenträger kleiden sich zuweilen in europäische
Kleider, doch gehen sie auch oft blos mit der Schürze angethan einher
oder sie hüllen sich, wie bei ungünstiger Witterung in eine Wolldecke
ein. Der Leibgurt ist aus glattgar geerbtem Gnu- oder Gazellenleder, aus
Elephantenhaut, aus der Haut des Wasserleguans, der Boa, Cobra und
anderer Schlangen, oder auch aus Stroh- und Grasgeflecht verfertigt.

Was die Bekleidung der Kinder und Frauen betrifft, gehen kleine Mädchen
bis zum vierten, Knaben bis zum sechsten und zehnten Jahre unbekleidet
einher. Im vierten Jahre erhalten Mädchen ein Riemenschürzchen aus
dünnen, bis fünfundzwanzig Centimeter langen, gedrehten, zuweilen mit
Bronceringelchen geschmückten Riemen; vom zehnten Jahre an tragen sie in
der Regel eine kleine an einem Riemen befestigte viereckige
Lederschürze. Da sie jedoch meist schon in früher Jugend, lange vor
ihrer Reife verlobt werden, so tragen viele zwei Schürzen, eine vordere
kürzere und eine hintere längere. Verheiratete Frauen bedienen sich
eines bis an die Knie herabreichenden, rauhgar gegerbten, mit den Haaren
nach innen gekehrten, meist aus Rindsfell verfertigten Röckchens, das
mit einem Doppelband (Riemen) an den Leib festgehalten wird. Die
Außenseite des Röckchens ist mit einem röthlichbraunen, angenehm
riechenden Rindenstoffe stark eingerieben. Säugende Frauen gehen oft
ähnlich den Männern mit einem Letschwefellmantel angethan umher, der
gewöhnlich über den Rücken geworfen, bei Annäherung von Fremden oder
Besuchern über die Brust zugezogen wird.

[Illustration: Sepopo's Capellmeister.]

Bei ungünstigem Wetter tragen die Frauen, seltener die Männer, riesige
bis auf die Knöchel reichende, kreisförmige, nach vorne geschlitzte, mit
einer Rundöffnung für den Kopf versehene Carossen, die mit einem Riemen
oder einer Holz- und Metallspange um den Hals festgehalten und
gewöhnlich mit der Rechten zusammengehalten werden, so daß die sich
ihrer Bedienenden gleichsam in einen gefalteten Lederkegel gehüllt
erscheinen. Die Stämme gehen meist barfuß einher, was der im Lande
überwiegende Sandboden leichter gestattet, als die meist dornenreichen
Länderstrecken der südlich vom Zambesi wohnenden Stämme. Für größere
Reisetouren bedienen sich die Bewohner des Marutse-Reiches meist aus
rohem Büffel-, Gnu- und Rindvieh-Leder gearbeiteter Sandalen, die mit
Riemchen zur großen Zehe über den Fußrücken und den Fersenhacken
befestigt werden.

Einige der östlichen Tributstämme wie die Makalaka und Matonga, bereiten
aus selbstgezogener Baumwolle Gewebe von Tuch- bis Deckengröße.
Aehnliche werden auch aus Bast von den Maschona's gearbeitet. Die
kleineren Gewebestücke dienen als Schürzen meist für Männer; der
deckenartigen bedient man sich im Hause; sie sind von viereckiger
länglicher Form und auf den kurzen Seiten mit Franzen versehen; sie
werden ein bis zwei Meter breit, 1½ bis 2½ Meter lang, die Franzen zehn
bis vierzig Centimeter lang gearbeitet.

Die Stellung der Frauen im Marutse-Reiche ist eine bei Weitem bessere
und würdigere als bei den südlich vom Zambesi wohnenden Stämmen. Hier
bebauen zwar auch die Frauen die Felder und helfen im Häuserbau, allein
die schwierigsten Beschäftigungen, wie Jagd, Fischerei, das
Herbeischaffen der Baumaterialien fällt den Männern zu. Die älteren
Leute fand ich meist in den Wäldern und auf den Feldern beschäftigt, im
ersteren Falle Männer Wildfrüchte sammelnd, im letzteren Frauen die
jüngeren unterweisend und die weniger beschwerlichen Arbeiten
verrichtend. Die Söhne ärmerer Leute, sowie Sklavenknaben verrichten
meist Hirtendienste allein oder unter der Leitung eines Erwachsenen;
jene der Wohlhabenderen versuchen sich häufig in der Jagd, sei es mit
dem Assagai oder dem Gewehr. Zur Erntezeit haben die Knaben auf
dürftigen, die Felder überragenden Holzgerüsten die Feldfrüchte gegen
Gazellen und Finken zu schützen, sowie bei der Annäherung von Antilopen,
Büffeln und Elephanten die Dorfbewohner zu alarmiren.

Die Bewohner des Marutse-Reiches sind keine Langschläfer, sie gehen
schon eine bis 1½ Stunden vor Sonnenaufgang an die Arbeit und legen sich
spät zur Ruhe. Die Vergnügungen beginnen mit der Tagesneige und dies um
so später, je niedriger die Personen gestellt sind. Man schläft zumeist
auf Carossen, Fellen, Stroh oder Grasmatten; des Königs Lager bestand
aus fünfundvierzig großen prächtigen, auf einander gelagerten Carossen
und jede Nacht waren drei bis vier Königinnen, jede an einem Bettrande
Platz nehmend, beordert, des Königs Schlummer zu bewachen.

Die Kinder werden den Frauen zur Erziehung überlassen, die Knaben
entschlüpfen jedoch schon sehr zeitig dem wachenden Mutterauge und
schließen sich mehr dem Vater an. Kinder eines Freien erhalten
Sklavenkinder zu Genossen, zu Spielgefährten und zu ihrem künftigen
Troß, und diese üben oft nicht geringen Einguß auf die heranwachsenden
Herren aus, welche ihnen oft mit innigerer Zuneigung als ihren
Rathgebern und Willensvollstreckern zugethan sind. Die Eltern sind meist
so von ihren Kindern eingenommen, daß ich schon zwölfjährige Knaben ihre
Väter beherrschen sah. Die Knaben werden frühzeitig im Waffengebrauch
unterrichtet, und bauen sich frühzeitig ihre eigenen Hütten. Die Mädchen
werden tüchtig zur Arbeit angehalten, während der Vater bezüglich des
Unterhalts der Familie in dem aufwachenden Mädchen eine Helferin zu
sehen gewohnt ist. Mädchen bis zum zehnten oder zwölften Jahre werden
meist zum Wasserherbeischaffen und in der Haushaltung bechäftigt.

Die Heiraten werden mit lauten, zu einem gewissen Grade orgienartig
ausartenden Festlichkeiten gefeiert, bei welchen, wie bei den
Beerdigungen, der reichliche Genuß von Kafirkornbier und ein besonderer
Tanz die hervorragendsten Momente bilden. Die Ehen werden in der Regel
unmittelbar, nachdem die Mädchen ihre Reife erlangt haben, geschlossen,
wenn die Kinder nicht schon im zartesten Kindesalter einander verlobt
wurden. Oft geschieht es, daß ein angesehener Mann die erwachsene
Tochter seines Freundes zur Frau begehrt, sein Wunsch vom Vater
gebilligt und von der Tochter angenommen wird, worauf dann der neue
Schwiegersohn, der gewöhnlich schon mehrere Frauen und Kinder besitzt,
eines seiner kleinen Mädchen dem Schwiegervater verspricht, d. h.
verlobt, was zu dem im Marutse-Mabunda-Reiche häufig anzutreffenden
Verhältniß führt, daß der Schwiegersohn zum Schwiegervater wird. Sepopo
war mehreren Koschi's und Kosana's gegenüber Schwiegersohn und
Schwiegervater zugleich. Hat ein Mädchen ihre Reife erreicht, so werden
sofort ihre Gespielinnen davon benachrichtigt, die sie dann täglich,
acht Tage lang, spät am Abend aufsuchen und bis tief in die Nacht in
ihrem Höfchen unter Castagnetten- und Gesangbegleitung einen Tanz
aufführen, nachdem zuvor eines der Mädchen (bei einbrechender
Dunkelheit) die Genossinnen durch lautes Jodeln zum Besuche aufgeboten
hatte. Hat die Tochter eines Koschi oder des Königs, oder eines seiner
nahen Verwandten ihre Reife erlangt und ist sie eine Verlobte, so wird
sie von ihren nächsten verheirateten Verwandten in ein nahes Wald- oder
Schilfdickicht geführt, wo sie eine Woche lang, nur von einer Sklavin
bedient, ein abgeschiedenes Leben führen muß. Sie wird jedoch täglich
von ihren Freundinnen (gegen Abend) aufgesucht, ihr Kopf mit Parfüm
eingerieben und sie mit Ermahnungen und Zureden für den ehelichen Stand
vorbereitet, um nach Ablauf der obgenannten Frist ihrem Gemahl übergeben
zu werden. Die Hochzeiten werden mit Tänzen gefeiert, an denen sich
jedoch blos das männliche Geschlecht betheiligt und die ich unter dem
Namen Hochzeitstänze schon besprach. Solch' ein Tanz dauert in der
Regel, selbst bei Leibeigenen, zwei bis drei Tage und Nächte. Die
Sklavenheiraten sind nichts anderes als die ausgeführten Befehle ihrer
Herren, d. h. der Freie gibt seinem Leibeigenen eine seiner Sklavinnen
zur Frau.

Das Wesen der Beerdigung im Marutse-Reiche bildet zu dem bei den Völkern
südlich des Zambesi beobachteten einen schroffen Gegensatz. Während die
Stämme des Marutse-Mabunda-Reiches ihre Todten unter Singen, Schreien,
Musikbegleitung und Schießen beerdigen, thuen es ihre südlichen Nachbarn
meist im Dunkel der Nacht, ganz nahe an ihren Gehöften zwischen diesen
oder unter den Hecken, damit die Beerdigungsstelle womöglich verborgen
bleibe. Die meisten Völker des Marutse-Mabunda-Reiches suchen ihre
Beerdigungsstellen zu kennzeichnen. Im Reiche ist es Sitte, die
Jagd-Trophäen aufzubewahren. Diese Jagd-Trophäen bestehen, wie schon
erwähnt, in auf Pfählen aufgedeckten Kopfskeleten der Gazellen, Zebras
etc. etc., während die Köpfe der großen Raubthiere, ähnlich der Sitte im
Matabele-Lande, wo Löwenfelle an den König abgeliefert werden müssen, an
den jeweiligen Statthalter, oder in des Königs Nähe an diesen abgegeben
werden. Diese Kopfskelete werden auf dem Grabe des Jägers niedergelegt
und oft Bäumchen um dasselbe in Ellipsenform gepflanzt, oder wenigstens
trockene Aeste herumgelegt, um das Betreten der Stelle durch Thiere und
die Entweihung des Grabes hintanzuhalten. Daß die meisten Stämme des
Marutse-Reiches ihrem Bestattungswesen mehr Zeremonien widmen, fußt wohl
in ihren Ideen, die sie über unsere Vergänglichkeit gefaßt und darin,
daß sie an ein Fortleben nach dem Tode glauben.

Das Vollkommenste in der Form der Grabdenkzeichen findet man im
Mutterlande des herrschenden Stammes, in der Barotse, wo für jedes der
angesehenen verstorbenen Mitglieder der königlichen Familie ein
Mausoleum errichtet wurde. Ich bedaure tief, daß ich auf dem Zuge nach
Nordwest verhindert wurde, diese Grabdenkmäler zu besichtigen, meine
Kenntniß derselben beschränkt sich auf die Berichte Sepopo's, seiner
Leute, der wichtigen in Schescheke lebenden Häuptlinge, sowie der beiden
Elfenbeinhändler Westbeech und Blockley, welche die Barotse auf des
Königs Geheiß im Jahre 1872 bis 1873 besucht hatten.

Besuchen die Unterthanen den König und kommen sie aus entlegenen
Provinzen, so rufen sie beim Eintritt in den königlichen Hof ein
mehrmaliges »Tau-tu-ña, Tau-tu-ña aus«, worauf sie sich abseits, nahe am
Eingange niederhocken und stillschweigend warten, bis sie von einem
Abgesandten des Königs angesprochen werden. Bisweilen werden sie von
ihrem in Schescheke wohnenden Koschi, Kosana etc. eingeführt, der sich
dann in kriechender Stellung nähernd, dem Könige ihre Ankunft meldet.
Werden sie nun zum Herrscher gerufen, so nähern sie sich in demüthiger
Weise auf allen Vieren kriechend, halten in einer Entfernung von vier
bis sechs Schritten vor dem Gebieter inne, um so lange in die Hände zu
klatschen, bis sie von ihm angesprochen werden. Bei mehreren übernimmt
dies ihr Führer. Hat ihnen der Herrscher eine Rückantwort ertheilt, so
ziehen sie sich, abermals laut klatschend, zurück, ihre Audienz ist
vorüber. Solche, die aus der Nähe kommen, begrüßen den König mir
»Schangwe-Schangwe«; gewöhnliche Grußformen sind: »Schangwe, Koschi«
oder »Rume-la, Ra, Rumela Intate«; das erstere namentlich den Weißen
gegenüber.

Was das Reisen im Marutse-Reiche betrifft, so reist man zu Lande mit
Hilfe von Trägern, die man für die ganze Strecke miethet, oder von Stamm
zu Stamm wechselt, was jedoch haarklein beim Könige ausbedungen werden
muß. Für die Bewilligung der Träger gibt man dem Könige einen
Hinterlader mit 200 Patronen oder drei Elephantengewehre (Vorderlader),
jetzt Kleider etc. als Geschenk, diesem oder jenem Statthalter, dessen
Provinz man durchzieht, ein schönes Kleidungsstück oder eine gute
Wolldecke; als Bezahlung gibt man einem dortigen Diener für zwei Monat
Arbeit eine Baumwollendecke oder drei Yards Kattun und ein Pfund
schönblauer kleiner Glasperlen. Für die Zeit von sechs bis zwölf Monaten
muß erst jeder Unterthan vom Herrscher die Erlaubniß einholen, um so
lange eines Weißen Diener zu sein -- außer es wird im Geheimen zwischen
einem Koschi und seinem Sklaven abgemacht. Für zwölf Monate Dienst gab
man am Zambesi eine Muskete und natürlich die Gesammtzeit hindurch die
nöthige Nahrung, zuweilen ein Stückchen Tabak oder Dacha. Haben die
Träger und Bootsleute einen strengen Ausseher über sich, so gehen sie
rüstig vorwärts, sie begnügen sich mit einer täglichen Mahlzeit, einer
halbstündigen und vier- bis fünfmaligen viertelstündigen Rast, um von
Tagesanbruch bis vier oder fünf Uhr dem Marsche oder dem Rudern
obzuliegen. Die freie Rastzeit wird benützt, um rasch ein Feuer
anzuzünden -- ein Feuerbrand wird stets mitgetragen -- und ein Pfeifchen
Dacha zu rauchen.

All' dies bekommt jedoch einen anderen Anstrich, wenn man keinen guten
Makosana als Aufseher hat, dann bereiten namentlich jene, die
schon öfter mit den Weißen in Berührung kamen, dem Reisenden
Unannehmlichkeiten und belästigen ihn nicht wenig, verzögern und hindern
die Reise, wo sie können. Gibt man ihnen nach, wird es umso ärger. Das
Gepäck wird meist auf dem Kopfe oder an einem über die Schulter gelegten
Pfahle, schwere Gegenstände an einem langen Pfahle von zwei bis vier
Männern getragen. Gewöhnlich legen die Träger drei englische Meilen in
der Stunde zurück, in der Bootfahrt stromaufwärts 3½ bis 4½,
stromabwärts 5½ bis sieben Meilen, wenn nicht Strömungen und Schnellen
die Flußfahrt verzögern oder Flußpferde den Weg versperren.

Reisen die Eingebornen allein, so nehmen sie nie größere Quantitäten
Nahrung mit sich, jene, die in den zweirudrigen Booten die Kornabgaben
nach Schescheke bringen, haben die kleinen Fahrzeuge derartig überladen,
daß sie darauf angewiesen sind, sich ihre Nahrung unterwegs zu
verschaffen, sie nehmen sich höchstens einige Fische mit, sammeln wilde
Früchte, und da sie in der Regel geräuschlos längs dem Ufer
dahingleiten, sind sie im Stande, so manchen in dem Uferschilf und Gras
schlummernden Vogel mit einem sicheren Wurfe des Thoboni-Stockes zu
erlegen.

Ich will noch einer Begrüßungsform erwähnen, welche von Seite des
Herrschers sowohl als von Seite der Koschi, Kosana und eines jeden Haus-
und Hüttenherrn, dem fremden Besucher gegenüber beobachtet wird. Nachdem
man einige Worte ausgetauscht (beim Herrscher, wenn die Ankömmlinge
angesehene Personen sind), nimmt der Gastgeber aus seiner am Leibgurte
oder an einem Riemchen um den Hals, an einem der Armringe oder auch an
der Carosse befestigten Schnupftabakdose eine tüchtige Prise; oft wird
ihr ganzer Inhalt auf die linke Hohlhand geschüttet, und nachdem sich
der Eigentümer selbst daran gelabt, reicht er den Inhalt mit halb
geschlossener Hand dem zunächst Begünstigten, dann noch zweien oder
dreien der übrigen.

Die Rechtspflege im Marutse-Reiche hat in der That manche gute Seite,
und vor Allem durch die Bildung des großen Rathes viel gewonnen. Leider
hat diese durch den Geist des herrschenden Stammes und das Wohlwollen
eines lange dahingeschiedenen guten Herrschers gestiftete Institution
nach und nach durch despotischen Königswillen an Macht und Geltung
eingebüßt, bis sie unter Nero-Sepopo den Todesstoß erlitt, so daß sich
in den letzten Decennien die Rechtspflege im Marutse-Reiche, ich möchte
sagen von Jahr zu Jahr verschlechterte. Altgewohnte Gebräuche, welchen
Gesetzeskraft innewohnt, erben sich unter den eingebornen Stämmen treu
fort und werden willig befolgt, und jeder Verstoß gegen ihre
Rechtskraft, d. h. jede willkürliche Beschränkung derselben von Seite
eines Herrschers sehr mißliebig aufgenommen; durch die Unterdrückung
dieser Gewohnheitsgesetze hat sich Sepopo das Volk zuerst entfremdet.
Die Rechte über das bewegliche und unbewegliche Eigenthum, mochte das
erstere sowohl Personen als auch Habe in sich begreifen, die socialen
Rechte der verschiedenen Stämme untereinander und zum herrschenden
Stamm, der Unterthanen und Tributzahlenden zum Herrscher im Allgemeinen,
die Thronfolge-Bestimmungen, Vertragsclauseln, die Strafgesetze etc.,
wurden von Sepopo theils abgeschafft, theils vollkommen nach seinem
Gutdünken zugestutzt und neu formulirt; es ist jedoch sicher, daß unter
Wana-Wena seinem Nachfolger der größte Theil der alten Marutse-Gesetze
wieder zur Geltung gelangen wird.

Kleine Zwistigkeiten werden von den Makosana und Kosana, wichtigere von
dem Statthalter geschlichtet; alle schwerer erscheinenden Verbrechen
etc. müssen, wenn sie nicht in gar zu weiter Entfernung von der Residenz
des Königs begangen, vor diesen und den großen Rath gebracht werden.
Mord ist im Allgemeinen ein seltenes Verbrechen und wird mit gleicher
Münze bestraft. In der Residenz des Königs werden die meisten
Hinrichtungen im Lande vorgenommen, weil so viele Unbeliebte, Beneidete
aus den Provinzen, des Hochverrathes angeklagt und nach der Residenz
geschleppt werden. Sepopo nahm keine Rücksicht; jahrelange, treue
ergebene Dienstleistung, selbst von Würdenträgern, enge
Verwandschaftsbande mit dem Könige etc. konnten nicht schützen, wo sein
Verdacht rege wurde; in einem solchen Falle war jedes Gesetz null und
nichtig. Die Beschuldigung des Hochverrates, des Mordes, der Flucht aus
dem Reiche, des Verkaufes von Elfenbein und Honig, des Diebstahles an
königlichem Eigenthume, des Ehebruches mit einer der Königinnen
begangen, der zufällige Tod eines Nächsten genügten, um vergiftet oder
verbrannt zu werden. Raufereien, Verwundungen, leichter Diebstahl wurden
mit schwerer Arbeit in den königlichen Feldern oder lebenslänglicher
Sklaverei bestraft. Fühlte der König kein persönliches Interesse oder
Uebelwollen, so wurde der Ausspruch dem großen Rathe übergeben, und
stimmte dieser für den Tod, so wurde der Verurteilte dem Gottesurteile
mit dem Giftbecher unterworfen.

Im Folgenden will ich es versuchen, die Vorbereitungen und das
Ceremoniell eines solchen Gottesurtheiles, respective einer Hinrichtung
zu schildern.

Ein glühender Lichtschimmer überfluthete die meilenweite, die neue
Hauptstadt des Marutse-Reiches, Schescheke, im Osten begrenzende Ebene;
in manchen Theilen der Stadt herrschte noch Stille, da die Bewohner sich
bis tief in die Nacht bei Butschuala-Gelagen gütlich gethan hatten. In
den Dörfern der Mabunda und Masupia's war es dagegen bereits ziemlich
rege, namentlich jedoch in den unmittelbar am Flußufer erbauten
Mamboë-Dörfern. Die Mamboë, denen die Fischerei obliegt, pflegen sich
nicht von den schimmernden Vorboten des goldenen Gestirns zur Arbeit
aufmuntern zu lassen; kaum daß es graut, sind sie schon bei ihren Kähnen
und Netzen, um sich in die nahen und entfernten Lagunen und Flußbuchten
zu begeben, und die ihnen von dem königlichen Küchenmeister
vorgeschriebene Anzahl von Fischen zu erbeuten. Das rege Treiben in der
winzigen Bucht nahe an meiner Hütte, wo sie ihre Kähne zu bergen
pflegten, hatte mich oft früh angelockt, und so stand ich auch heute und
schaute ihrem Treiben zu. Als die Letzten abstießen, wandte ich mich
nach meiner Hütte. Zwischen derselben und dem königlichen Häusercomplex
lag ein etwa sechshundert Schritte breiter Streifen freien Landes, und
über dieses hin bewegte sich ein Zug von etwa zwanzig Menschen. Diese
hatten die Richtung nach dem Walde eingeschlagen, einen der Pfade
wählend, der zwischen meiner Hütte und dem aus Schilfrohr erbauten
Häuschen der portugiesischen Händler, durch die Marutse-Dörfer führte.
Voran schritt ein Mann, der, jedem Bewohner von Schescheke nur zu wohl
bekannt, als Vollstrecker der Grausamkeiten des Königs Sepopo, ein
Schrecken im Marutse-Reiche geworden war. Es war Maschoku, die
Mabundahyäne. Er war mit einem bis an die Knöchel reichenden,
buntcarrirten Wollhemd bekleidet; ihm folgte ein Mann von mittleren
Jahren und diesem zwei Greise, wahre wandelnde Mumien, die mit ihren
fezartigen Kopfbedeckungen als des Königs Leibärzte und die Hauptredner
in dem unmenschlichen engeren Rathe, der dem Könige zur Seite stand,
allgemein bekannt waren. Hinter denselben schritten vier mit Assagaien
bewaffnete junge Männer. Den Zug schlossen zwei Gruppen von etwa acht
Personen, in der ersteren bemerkte ich ein Weib und zwei Kinder. Die
Leute bewegten sich, wie es schien, in einer gedrückten Stimmung,
während die letzte Gruppe schreiend und lärmend einherzog. Als ich
diesem Zuge nachsah, hörte ich hinter mir ein leise geflüstertes
»^camaja mo mositu, ku umubulaja mona mo!^« (Die gehen in den Wald, um
jenen Mann zu tödten.) Es war ein Knabe aus Schescheke, der mir für
Glasperlen Fische zum Verkaufe brachte und die Gruppe bemerkte, die
meine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Der zur Hinrichtung Geschleppte war von einigen Nachbarn, die auf seine
reiche Ernte neidisch waren, des Hochverrathes angeklagt und von dem
Könige _gegen_ den Ausspruch des hohen Rathes zum Tode verurtheilt
worden. Der König war unpäßlich geworden, und die Krankheit wurde auf
gewisse Zaubereien geschoben, die jener begangen haben sollte.

An der Hinrichtungsstelle angekommen, riß der Scharfrichter dem
Verurtheilten seine Lederschürze vom Leibe, zerbrach die aus Elfenbein
und Holz gearbeiteten Armringe, während seine vier bewaffneten Helfer
nach den nahen Büschen griffen, um dem Armen aus grünen Buschzweigen
eine Schürze um die Hüften zu flechten. In der Mitte der kleinen
Lichtung standen zwei, drei Fuß von einander abgehende und fünf Fuß über
den Boden ragende rauhe Pfähle, welche im unteren Drittel und an ihren
freien Enden mit je einem Querholze verbunden waren. Hie und da sehen
wir einen Aschenhaufen, aus dem einzelne halbverbrannte Menschenknochen
hervorragen.

Maschoku faßte den Verurteilten bei der Hand, führte ihn zu dem Joche,
ließ ihn auf das untere Querholz niedersetzen und hieß ihn mit den
Händen die Pfähle erfassen. Einer seiner Begleiter brachte eine kleine
Kürbißflasche, ein anderer eine hölzerne Schale. Der Scharfrichter goß
aus der ersteren eine dunkle Flüssigkeit, ein Decoct von giftigen
Kräutern in die Schale, welches er selbst am vorhergehenden Abend von
dem Könige zu diesem Zwecke erhalten hatte; er reichte die Schale dem
Manne hin und gebot ihm zu trinken. Kaum hat der Aermste getrunken, so
stürzten jene, welche gesenkten Hauptes und klagend dem Manne zur
Hinrichtung gefolgt waren, auf diesen zu und brachen in lautes Wehklagen
aus. »Mein Mann, mein Bruder, mein Vater, Freund, Freund!« riefen sie
durcheinander. »Fürchte Dich nicht, Du sollst nicht sterben, Du bist ein
guter Mann, Du hast nie Böses gethan; böse Menschen, die nach Deinem
Mabele (Korn) und nach Deinem Khomo (Vieh) trachteten, haben schlechte
Worte gesprochen, und deshalb hat man Dich hierhergeschleppt; Du hast
nie Böses gegen den König im Sinne gehabt, so wirst Du auch nicht
sterben. Njambe, der gute und schlechte Herzen kennt, sieht auch Deine
Unschuld und wird Dich das Molemo (Gift) erbrechen lassen.« So reden die
Freunde des Verurtheilten; sie streicheln und liebkosen ihn. Wie sie
etwas in ihrem Eifer nachlassen, treten die Ankläger heran, jene, welche
beim Zuge die Nachhut bildeten. Mit geballten Fäusten drohen sie dem am
Schaffot Sitzenden, die ärgsten Verwünschungen gegen ihn ausstoßend. »Du
Verräther, Du schlechter Mensch, schwarz ist Dein Herz, Du wolltest den
König tödten! Schlechte Medicinen hast Du in seine Behausung geworfen,
die ihm die Krankheit in dieselbe brachten, allein wir haben Deine
Schlechtigkeit gesehen, wir sagten es dem Könige, und nun sollst Du
dafür sterben. Siehst Du das Feuerchen da, was eben unsere Brüder
angezündet haben, sieh', das wollen wir groß machen und dann Deine
Gebeine, die Knochen eines schlechten Hochverräthers, daran rösten und
verbrennen!« Und abermals drohen sie mit den Fäusten und speien ihn an.

Nach den alten Marutse-Gesetzen muß jeder Verurtheilte eine Schale Gift
trinken. Fällt er nach dem Genusse des Giftes besinnungslos zur Erde, so
wird er für schuldig erklärt und sofort verbrannt. Wenn im Gegentheile
der Verurtheilte das Gift erbricht, so wird er für unschuldig erklärt,
allerdings kein wohltuendes Begnadigungsmittel, da nach dem Genusse des
Giftes eine Blutzersetzung eintritt, welche Ausschläge und Siechthum und
nach vielen Leiden, einige Jahre später den Tod zur Folge hat. Der König
Sepopo, der die meisten Gesetze und Gebräuche seines Landes umstieß,
berücksichtigte auch diesen nicht und gab oft im Geheimen dem
Scharfrichter den Auftrag, die Verurteilten auf jeden Fall zu tödten.

So geschah es, daß, als der König von der Barotse nach Schescheke
übersiedelte, er von seinem Mutterlande des Tsetse-Gürtels halber, der
die Umgegend von Schescheke umspannt, keine Rinder für seinen Bedarf
nach der neuen Residenz mitnehmen konnte. In Schescheke lebte aber unter
mehreren Häuptlingen Einer, der große Heerden besaß; auf ihn fiel sofort
des Königs Augenmerk und damit war auch das Los des Aermsten
entschieden. Er wurde angeklagt und verurtheilt, doch das Gift hatte
keine Wirkung. Da fand sich ein zweiter Sklave, der den Häuptling des
Hochverrathes beschuldigte, und als auch die zweite Verurtheilung nichts
half, folgte eine dritte, schließlich wurde er so lange mit dem
Vorderkörper in's Feuer gehalten, bis er seinen Geist aufgab.

Nachdem ich Schescheke verlassen, wurde auch die Frau des Häuptlings
Mokoro, zum Tode verurtheilt. Sie war als unschuldig erklärt worden, der
Scharfrichter aber theilte ihr mit, daß ihm der König den Befehl
ertheilt, sie am folgenden Tage zu verbrennen. Um solch' einem Tode zu
entgehen, warf sie sich in den Fluß und wurde sofort von einem Krokodile
ergriffen, doch von diesem längere Zeit hin- und hergezerrt, bevor das
Thier mit ihr in die Tiefe versank und das grause Schauspiel ein Ende
fand.

Nachdem sich die Ankläger müde gescholten, traten die beiden alten
Medizinmänner heran, nahmen den Verurtheilten von dem Gestell und
drehten ihn mehrmals im Kreise herum, sie thaten dies, um, wie sie
sagen, das Gift besser im Körper wirken zu lassen. Kaum hatten sie ihn
wieder seine frühere Stellung einnehmen lassen, näherten sich ihm wieder
seine Freunde. »Freund, entledige Dich doch des schädlichen Stoffes, den
Du getrunken, brich ihn aus, damit Du diesen bösen Menschen und dem
Könige zeigst, daß Du unschuldig bist!« Freunde und Kläger wechseln so
ab, bis das Gift betäubend oder wie ein Brechmittel zu wirken beginnt.
In dem vorliegenden Falle wirkte es betäubend; etwa eine halbe Stunde,
nachdem er das Gift zu sich genommen, fiel der Verurtheilte
besinnungslos zur Erde. Bevor dies jedoch geschah, hatten schon einige
seiner Ankläger ein kleines Feuer angezündet, auf welches sie bei ihren
Spottreden hinwiesen. Kaum war der Verurtheilte zur Erde gefallen,
erfaßten ihn die Diener des Scharfrichters und schleppten ihn zu dem
Feuer. Vergebens rangen seine Angehörigen die Hände; mitleidslos ward er
mit dem Kopfe in das kleine Feuer gehalten, so daß er mit
halbverbranntem Gesichte, bevor noch das Feuer zur Flamme angefacht war,
erstickte. Dann erst wurde trockenes Reisig herbeigetragen und eine Art
Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der Körper gänzlich verbrannt
wurde.

Laut klagend und jammernd zogen die Angehörigen des Verurtheilten heim.
In der Stadt verstummten sie, um nicht des Königs Mißfallen zu erregen.
Sehr Viele trachteten sich, sowie sie nur eine Ahnung von einer etwaigen
Vorladung erhielten, durch Flucht nach dem Süden über die beiden Ströme
zu retten. Andere tödteten sich selbst, als sie sahen, daß sie trotz
ihrer durch das Erbrechen des Giftes erwiesenen Unschuld, doch wieder
angeklagt und verbrannt werden sollten. Die auf der Flucht Ergriffenen
wurden theils von den Verfolgern niedergestoßen, theils wieder nach
Schescheke zur Hinrichtung eingebracht. Verurtheilte, freiwillig
Heimgekehrte und auf die Fürbitte der Weißen oder eines fremden, Sepopo
befreundeten Eingebornenfürsten gestützt, um Nachsicht Flehende wurden
bei ihrer Ankunft in Schescheke wohl begnadigt, allein wenige Tage
darauf wieder verurtheilt.

Bei Diebstählen bestrafte der König oder der Würdenträger nur wenn der
Schuldige der That geständig oder wenn er von mehreren Zeugen überwiesen
war. Im Allgemeinen wird von der Obrigkeit nicht viel gethan, um des
Diebes habhaft zu werden. »Bringe ihn und beweise, daß er Dich bestohlen
hat, ich werde ihn schon empfindlich züchtigen,« heißt es zumeist.

Ich erwähnte bereits, das zwei vom Könige begnadigte Verbrecher in der
Residenz, die Reinigung der Stadt zu besorgen hatten; bevor noch die
Bewohner von Schescheke erwachen, sind diese Beiden schon auf ihren
Füßen und walten ihres Amtes. Dabei ereignete es sich nun mehrmals im
Jahre, daß menschliche Leichen an den Pfaden und in den Straßen lagen;
auf Sepopo's Geheiß, der jeden Todten, die Mitglieder des königlichen
Hofes ausgenommen, als Unrath ansah, mußten dieselben gleich dem
Kehricht behandelt werden.

Von nennenswerter Heilkunde fand ich in dem Marutse-Reiche mehr vor als
in allen übrigen mir bekannten südafrikanischen Eingebornenländern.
Diese Heilkunde bildete die Basis, auf der die schon öfters erwähnten
Doctoren, die Mitglieder des engeren Rathes, ihr Wissen und Ansehen,
späterhin ihre Zaubereien stützen konnten. Mehrere vegetabilische
Heilmittel und Gifte kennend, suchten sie weiter in der Heilkunde
nachzugrübeln, geriethen aber nur zu leicht, geleitet und durchdrungen
von dem volksthümlichen Aberglauben in das verderbliche, den Geist
umnachtende Chaos der Beschwörungsformeln.

Ich beobachtete, daß sie sich auf die Behandlung von Dysenterie,
Fieberanfällen, Husten, Lungenkatarrh, Stillung von Blutungen und
Schlangenbissen wohl verstehen. In der Regel werden jedoch die Arzneien
mit vielen Zeremonien verabreicht, um eben den Kranken glauben zu
machen, daß letztere den Löwenantheil an der Kur haben. Oertliche
Blut-Entziehungen mit Metall-, Horn- und Knochenmessern bewirkt, und das
Blut mit Hornsaugröhren ausgesogen, fand ich -- wie unter den
Betschuana's -- gemein und gewöhnlich an den Schläfen Wangen, Oberarmen,
der Brust und den Schultern applicirt. Es soll Schmerzen an diesen
Körpertheilen mildern, -- wie ich bemerken konnte, meinte man hiemit
Neuralgien sowohl als Entzündungsschmerzen der betreffenden oder der
Nachbarorgane. -- Die Vegetabilien werden zumeist getrocknet und dann im
pulverisirten Zustande oder als Decoct, oder aber der bei ihrer
Verbrennung erzielte Rauch und ihre Asche als Heilmittel gebraucht. Von
thierischen Stoffen gebraucht man Knochenstaub, gebranntes
Knochenpulver, die Schuppen des Schuppenthieres, die, Riechstoffe
enthaltenden Drüsen gewisser Säugethiere und thierische Excremente etc.
etc. Einen wesentlichen Unterschied zwischen den Heilkünstlern des
Mabunda-Reiches und denen der meisten Betschuana's, fand ich in dem
äußeren Auftreten derselben; mit Ausnahme des hohen Alters kennzeichnen
sich die Ersteren durch keine besonderen Abzeichen. Ebenso scheint die
Doctorswürde im Mabunda-Reiche nicht erblich zu sein, während dies bei
den Betschuana's der Fall ist.

Der Aberglaube ist eine der bedauernswerten Erscheinungen, welche der
geistigen Entwickelung der südafrikanischen Eingebornen im Wege stehen.
Es war vor Allem Sepopo, der sich von seinen Unterthanen als Zauberer
gefürchtet und groß zu machen verstand und sich endlich so tief in die
Gaukelei hineinlebte, daß er selbst daran glaubte, wodurch es ihm
möglich wurde, sich trotz seiner nichtswürdigen Grausamkeiten so lange
am Throne zu behaupten. Die abergläubischen Lehren hatten durch die
greisen Doctoren ein nicht geringes Ansehen beim Volke erlangt, dessen
Zweifel oft durch die gewonnene Ueberzeugung der Heilkraft der als
Heilmittel von den Aerzten gebrauchten vegetabilischen Producte, sowie
in Hinblick auf die geheiligte Person des Königs geschwächt oder
benommen wurden. Der Zaubermittel gibt es eine Legion; ich will blos
einige anführen.

Beim Beginne eines Krieges, nach der Erbauung einer Stadt und bei
anderen wichtigen Gelegenheiten, bei Landplagen etc. wurden bestimmte
Theile des menschlichen Körpers geopfert, d. h. bei Lebzeiten vom
menschlichen Körper abgetrennt und an bestimmten Orten in erlesenen
Gefäßen aufbewahrt.

[Illustration: Korb aus Bast und Kalebassen-Korngefäße bei den Mabunda.]

Aus Büffelfett gearbeitete Armringe und Brustbänder sollen gewisse
Krankheiten bannen und gegen menschliche Nachstellungen schützen. Das
Herzfett der Hausthiere, auf Stäbchen in Kreuzform befestigt und bei
Nachtzeit vor die Hütten der aus dem Reiche Geflohenen eingepflanzt,
soll auf die Flüchtlinge höchst verderbend einwirken, daß sie auf der
Flucht die Sinne verlieren, und wie im trunkenen Zustande zu ihrer
Niederlassung zurückkehren, um ihre gerechte Strafe zu erleiden. Das
Pulver verschiedener gebrannter Knochen von Säugethieren, Vögeln,
Amphibien am Körper getragen, wird verkauft, um schnellfüßig zu werden,
das verfolgte Wild in seinem Laufe zu lähmen und dem Jäger reiche Beute
zu sichern. Es wird theils in Säckchen auf dem Leibe getragen, theils in
an den Armen und Beinen geführte Einschnitte eingerieben. Weitere
Zauberkraft enthaltende Mittel sind all' die pharmaceutischen Präparate,
die der Weiße an die Eingebornen verabreicht, seltene Thierfelle, wie
das des großen schwarzen Lemur, anormale Bildungen in der Färbung
kleiner Säugethiere, Ausschnitte aus dem Kamme der Schwanzflossen des
Krokodils, seine Augen und die Luftlöcher; Hörner des ^Cephalopus
Hemprichii^ und des ^Scopophorus Urebi^, seltene Glasperlen, auffallende
pathologische Haar-, Horn- und Knochenbildungen von Thieren; Säckchen,
genäht aus der Haut der Boa, Leib- und Brustgurte aus Schlangen-, Erd-
und Wasserleguanhaut verfertigt, kleine Muscheln, die an Stirn- und
Halsbändern, an Armringen und Leibbinden festgenäht, getragen werden.
Die letzteren, sowie andere Kalkproducte von Seethieren haben die
Portugiesen eingeführt und damit im Allgemeinen einen regen Handel
getrieben.

Diese Amulete und Zaubermittel werden, wenn nicht am Körper getragen,
auf geheimen oder nur dem Hausherrn bekannten Orten aufbewahrt gehalten.
Der König hat hinter seinem Empfangshause längs der Hofumzäunung eine
Reihe von bemalten Thontöpfen und Kalebassen stehen, die sämmtlich
abergläubische Mittel enthalten. Außerdem hat der König eine eigene
Hütte für seinen medicinischen Besitz und die zahlreichen Amulete
erbaut; bei Sepopo stand sie zwischen seinem Empfangs- und dem
Waarenhaus. Zu den offenen, Zaubermittel enthaltenden, Behältern
gehören: aus Bast, Gras und Stroh verfertigte Säcke und Körbe, kleinere
und größere, schwarz gebrannte, einfach gehaltene und gekerbte
Holzschüsseln, große, roh gearbeitete Holzschüsseln, Töpfe und Schalen
aus ungebranntem oder auch gebranntem Thon, gewöhnlich mit dunklen
Glasur-Zeichnungen bedeckt und zuweilen auf Gestellen, Holzfüßen,
Baumstämmchen aufgestellt, oder auf Pfählen aufgehangen; ferner
Kalebassen, die dann gewöhnlich unter Miniaturdächern aufgestellt
werden.

Zu den geschlossenen gehören kleine Makenkekörbe, Miniaturkörbchen aus
Fächerpalmblättern gearbeitet, kleine sanduhrförmige, mit Pfröpfen (aus
Holz) versehene, Schnupftabakdosen ähnliche Kalebassen, zugepfropfte
Hörner kleiner Gazellenarten, mit Linien und Kreisen (Einkerbungen,
Eingravierungen) bedeckte kleine Ziegenbockhörner und nett geschnitzte,
in Pulverhornform gehaltene Hörner größerer Antilopen (Harrisbock,
Gemsbock, Roen-Antilope etc.); sämmtliche sind mit Hängschnüren
versehen. Ferner beobachtete ich solche, die sorgsam aus Holz, Rohr,
Vögel- und Thierknochen, Nilpferd- und Elephanten-Elfenbein, aus
Fruchtschalen, Thierklauen zu Dosen geschnitzt, oder aus Thierfellen und
aus der Haut innerer thierischer Organe (Eingeweide, Blase etc.), aus
Tuch- und Wolllappen zu Säckchen genäht sind. Im Allgemeinen verwendet
man im Marutse-Reiche auf diese Artikel eine bedeutende Sorgfalt, und
Sepopo's Medicin- und Gifthütte allein würde, in ein europäisches Museum
transferirt, eine interessante ethnographische Sammlung abgeben. Leider
ist es für den Sammler nicht leicht, sich mehrere solcher Objekte durch
Tausch anzueignen; die Eingebornen wollen sich der in denselben
enthaltenen Zaubermittel halber nicht von ihnen trennen.

Das Ausschütten von Flüssigkeiten vor der Hof- oder Hausthüre wird als
ein Zauberversuch zum Schaden des Hausherrn oder Desjenigen angesehen,
der unvorsichtiger Weise über die nasse Stelle hinwegschreitet.
Unwohlsein wird in der Regel als die Folge von Zauberei oder
gefährlichem Uebelwollen angesehen. Meine Arbeiten und meine den Kranken
geleistete Hilfe hatten mich im Marutse-Reiche zu einem großen Zauberer
gestempelt, und hatten nur das eine Gute, daß ich von allen mehr als
andere Weiße gefürchtet wurde. Die meisten Geheimmittel sind den
Zauberern (Doctoren), dem König und dem Scharfrichter bekannt und werden
verhältnißmäßig theuer verkauft.

Bisweilen wurden zwei und mehrere Sitzungen abgehalten, um sich über
dies oder jenes unmenschliche Mittel zu einigen. Personen, die dem Rathe
mißtrauten, einzelne nachdenkende Köpfe, wurden nur zu leicht aus der
blindlings gehorchenden und unterwürfigen Menge herausgefunden, des
Hochverrathes oder anderer nicht begangener Verbrechen angeklagt bei
Seite geschafft.

Ich hatte bereits Gelegenheit zu erwähnen, daß von Sepopo zu manchen
abergläubischen Zwecken Menschenopfer verwendet wurden. Dieselben sind
kein landesüblicher Gebrauch, sondern waren dem Könige von dem engeren
Rathe empfohlen worden. Während meines ersten Aufenthaltes begann er,
wie ich bereits erwähnt, Neu-Schescheke zu bauen. Um die neue vor einem
ähnlichen Schicksale wie es die alte Residenz traf zu bewahren, wurde
eine Sitzung des engeren Rathes abgehalten und die Schrecklichen
beschlossen, dem Knaben eines Häuptlings die Finger und die Zehen
abzuhauen und diese in der Kriegstrommel aufzubewahren. Trotz der
Geheimhaltung dieses Beschlusses wurde die Absicht des engeren Rathes
einem Häuptlinge verrathen, der die Nachricht allen seinen Freunden
mittheilte, doch nicht schnell genug und ohne Verdacht zu erregen. Gegen
Ende des Monats September, als Blockley allein in Schescheke zurück
geblieben war, konnte man allnächtlich in dem Walde von Schescheke
Menschengruppen begegnen, welche nach den tieferen Waldpartien zueilten,
es waren die Vertrauten dieses oder jenes Häuptlings, welche dessen
Knaben aus dem Bereiche des Tyrannen zu bringen suchten, ohne daß der
König oder der Scharfrichter eine Ahnung davon hatten, daß man ihre
Pläne zu durchkreuzen suche.

Am bestimmten Tage schickte Maschoku seine Diener in der Stadt umher, um
sie die Häuptlingsgehöfte ausspioniren zu lassen, in welchen man sich am
leichtesten eines Knaben bemächtigen konnte. Alle bis auf einen kehrten
unverrichteter Weise zurück, sie fanden die Gehöfte förmlich kinderleer,
nur der eine wollte einen Knaben im Hofraume seines Vaters spielen
gesehen haben. Als dies der Scharfrichter dem Könige hinterbracht hatte,
befahl er dem Vater des Knaben sofort für die Bedachung eines noch
unvollendeten königlichen Baues das nöthige Gras und Schilf zu holen,
alles andere nahm Maschoku auf sich. Als ihn seine Diener
benachrichtigten, daß der Chef abgereist sei, berief dieser den
erwähnten Diener und gab ihm die nöthigen Instructionen, um das Opfer
auch glücklich in das Gehöft des Königs zu bringen. Hier war eine
größere Menschenmenge versammelt, welche lautlos dasaß; der König schien
unmuthig und deshalb wagte es Niemand, ein Wort zu sprechen.

Um diese Zeit erschien in dem Höfchen des Häuptlings, der sein Gehöft
verlassen, um für den König das nöthige Schilfrohr zu holen, ein
Mabunda-Mann, der Abgesandte des Scharfrichters, setzte sich nahe an der
Umzäunung nieder und wartete bis ihm eine der Hausfrauen mit dem
Willkommgruß »Rumela« ansprach und theilte derselben nur mit, daß der
Kosana, der eben mit seinem Kahne abstoßen wolle, ihn mit dem Auftrage
hiehersende, ihm sein kleines Söhnchen zu bringen. Die Mutter befiehlt
dem Kinde, dem Manne zu folgen und dieses fügt sich willig dem Gebote.
Dieser schlägt aber die Richtung nach den königlichen Gehöften ein, wo
er mit seinem Erscheinen plötzlich die darin herrschende Stille
unterbricht. Aus seinem Hinbrüten durch Maschoku wachgerufen, wirft der
König einen Blick auf den Knaben und steht dann von den Anwesenden
gefolgt auf. Man nimmt nun den Knaben in die Mitte, der durch die
stillschweigende Menge eingeschüchtert, sich willenlos fortschleppen
läßt. Die königliche Capelle beginnt hierauf ihre monotonen Weisen und
begleitet den König. Zum Flusse ging es wohl und dies mochte den Knaben
etwas ruhiger stimmen, doch ein plötzlicher Schrei einer Häuptlingsfrau,
deren Gehöfte man passirte, flößte dem Kinde Furcht und Schrecken ein.
Die Frau kannte das Schicksal des Opfers, das man eben zur Schlachtbank
führte.

[Illustration: Schöpflöffel und Kalebassen-Korngefäße bei den Mabunda.]

Am Flusse angekommen, besteigt die etwa siebzig Köpfe zählende Menge
sämmtliche am Ufer liegende Boote und fährt nach dem jenseitigen Ufer;
die Tambours folgen, während die Myrimba's zurückbleiben. Am jenseitigen
Ufer; angekommen, läßt sich Sepopo auf ein Stühlchen nieder, der
Scharfrichter, seine Knechte und die Mitglieder des engeren Rathes
bilden einen Kreis, die Tambours und die anderen Musiker stellen sich
rings umher, damit das Volk von Schescheke die grausame That nicht sehe.
Der Knabe, durch alle die schweigsamen Männer erschreckt, folgt nur
zögernd. Nun nickt der König mit dem Kopfe und im selben Momente wird
der Knabe zur Erde geworfen, das erschrockene Kind beginnt laut zu
schreien, aber den Tambours wurde zugleich das Zeichen gegeben, und laut
schallen die Trommeln, um das Geschrei des Kindes zu übertönen. Der
Widerstand des hilflosen Kindes ist von den Henkersknechten bald
überwältigt, und nun gehen die alten Doctoren an's Werk und schneiden
dem Opfer Finger um Finger, Zehe um Zehe vom Körper. Trotz des lauten
Trommelschlages vernimmt die Menge am diesseitigen Ufer einige Worte des
sterbenden Knaben. »^Ra, Ra came, Ra Ra^« (Vater, mein Vater),
zeitweilig wird das Wort: »^Umu umu bulaja^« (sie tödten mich) hörbar;
obwohl die Menschenmenge sich mit jedem Augenblicke mehrt, und alle
begreifen, daß Sepopo eine neue Grausamkeit begeht, wagt es Niemand, an
die Rettung des armen Knaben zu denken.

Nachdem sich die Doctoren der genannten Gliedmaßen bemächtigt haben,
wird dem Leben des Knaben sofort ein Ende gemacht, d. h. das Opfer wird
erwürgt und mit einem Kiri erschlagen. Nach vollbrachtem Werke werden
die Boote wieder bestiegen, ganz zufällig scheinen diese in der Mitte
des Fluges einen Knäuel zu bilden, in Wirklichkeit aber nur, um den
Körper des Knaben unbemerkt in den Fluß gleiten zu lassen. Während die
Boote etwas flußabwärts an den königlichen Gehöften anlegen, folgt ihnen
eine jammernde Frau am Ufer nach, watet, die Krokodile und den Zorn des
Tyrannen nicht achtend, in das Wasser und fordert laut ihr Kind, ihren
Muschemani zurück. Der König steigt ruhig aus, was weiß er von
Mutterfreude und Mutterschmerz, ihm folgen die Seinen, und bald sitzt
man bei einigen Töpfen Butschuala, während die alten Doctoren die
getrennten Finger und Zehen in einer der Kriegstrommeln verbergen.

Diese Alarm-, Kriegs-, Schlachttrommeln sind ebenfalls königliches
Eigenthum, von welchen stets drei bis vier vorhanden und im großen
Berathungshause aufbewahrt sind, sie werden nur bei Ueberfällen der
Residenz, beim Ausmarsch in den Krieg, beim Ausbruch revolutionärer
Emeuten u. s. w. geschlagen. Ich vermuthe, daß diese Trommeln mit
ähnlichen Schlägeln wie die Kalebaß-Piano's oder mit kleinen Kiris
bearbeitet werden. Der Holztheil der Trommel ist mit rothem Ocker
bemalt, die Füße sind klein, der Henkel gleich der Lederumreifung aus
ungegerbten Rindsfellen gearbeitet. Diese Trommeln haben dreißig bis
fünfzig Centimeter im Durchmesser und vierzig bis fünfzig Zentimeter
Höhe.

Als ich nach meinem zweiten Besuche nach Schescheke zurückgekehrt war,
berichteten mir zwei der Häuptlinge von Schescheke diese Episode, am
ausführlichsten that es Blockley, denn unser Gehöft lag dem Thatorte
gegenüber.

Noch bevor ich den Zambesi überschritt, hörte ich die industrielle
Thätigkeit der Völker Sepopo's rühmen. Unter den Süd-Zambesi-Stämmen
behaupten die Maschona den ersten Rang. Da ich das Maschona-Land nicht
besuchen konnte und nur nach den mir zugekommenen oder gezeigten
Handarbeiten urtheilen mußte, mag mein Ausspruch nicht jenes Gewicht
besitzen, das ich wünschen würde, doch kann ich mich dahin aussprechen,
daß es Stämme im vereinigten Marutse-Mabunda-Reiche gibt, welche in
gewissen Branchen der Industrie die Maschona übertreffen.

Unter den Küchenutensilien stehen die aus Thon verfertigten Gefäße
obenan. Manche haben Vasenform, andere sind durch die angebrachten
dunkleren und helleren Verzierungen, die am Halse oder Mantelkragen
angebracht sind, und andere dadurch wieder ausgezeichnet, daß sie
geglättet, förmlich von einer Glasur überzogen zu sein scheinen. Am
Boden fand ich nie Zeichnungen vor, auch vermißte ich Henkel. Die als
Getreide-Speicher benützten Thongefäße haben Riesendimensionen und
Urnenform. Diese Riesengefäße sind roher als die vorgenannten gearbeitet
und ohne Ausnahme aus ungebranntem Thon. Die Gefäße sind nach oben mit
einem tellerförmigen Thondeckel geschlossen und zeigen an der vorderen
Seite unmittelbar über dem Boden eine halbkreisförmige, meist handbreite
Oeffnung, die mit einer beweglichen Platte von Innen verschlossen ist.
Diese Platte trägt einen horizontal sitzenden Stiel, mit dessen Hilfe
die Oeffnung nach Belieben geschlossen werden kann. Diese Riesengefäße
sind so schwer, daß ich, wie an den königlichen, sechzehn Männer
keuchend schleppen sah, beim Transport werden sie auf Pfählen getragen.
Die Thongefäße sind meist nur Arbeit der Frauen, während die Holzgefäße
von Männern, und zwar meist von Mabunda's gearbeitet werden. Die
ersteren werden zur Aufbewahrung und Zubereitung von Kafirkornbier, zur
Aufbewahrung von Milch, Wasser und zum Kochen benützt. Sämmtliche
Holzgefäße sind innen und außen mit Eiseninstrumenten tiefschwarz
eingebrannt und dies ist so gleichmäßig und vorsichtig ausgeführt, daß
man sie aus Ebenholz verfertigt halten würde. Die meisten derselben sind
mit erhabenen, symmetrischen, um den Rand, Hals und Mantelkragen
laufenden Schnitzereien und manche mit durchgebohrten, abgeflachten
Buckeln als Henkeln versehen; jeder Holztopf ist mit einem geschnitzten
Deckel versehen.

Nächst den Thongefäßen sind die aus Holz verfertigten Gefäße zahlreich
und nicht minder mannigfach vertreten. Unter diesen gehören die
Vorlegschüsseln für klein gehackte Fleischsorten zu den edelsten
Holzschnitzereien der Mabunda, zu den besten Holzarbeiten in der
Abtheilung der Küchenutensilien. Im Allgemeinen sind die Holztöpfe von
cylindrischer oder Kegelstutz-Form mit abgerundetem Boden. Sie dienen
zur Aufbewahrung von Mehl, Bohnen, kleinen Früchten und Bier. Den
Uebergang von den Holztöpfen zu den zahlreichen Varietäten der
Holzschüsseln bilden die mit Ausgußmulden versehenen Napfschüsseln.

Die eigentlichen Holzschüsseln sind entweder Rundschüsseln oder ovale;
die letzteren wieder schiffchenförmige oder schalenförmige. Die ersteren
der ovalen Gattung sind die früher erwähnten, schön gearbeiteten
Fleisch- und Vorlegeschüsseln, sie trafen durchwegs einen
horizontal-vorstehenden, durchbrochen geschnitzten Rand, sind henkellos
und tiefschwarz von Farbe. Ich fand sie in der Regel im Hause der
Angesehenen, doch die schönsten in des Königs Besitz. Die
länglich-schalenförmigen gehören zu den größten Holzschüsseln, die
riesigsten fand ich bei den Matabele. Sie sind von doppelter bis
dreifacher Größe der obgenannten und stets mit zwei ordentlichen Henkeln
an den Enden des größten Durchmessers versehen. Sie dienen zum
Auftischen von groben Fleischstücken für eine größere Anzahl von
Personen und sind oft an ihrer ganzen Mantelfläche mit symmetrischen
oder unsymmetrischen, ein bis drei Centimeter erhabenen
Arabesken-Schnitzereien bedeckt. Ich glaube, daß den Maschona die Palme
in dieser Arbeit gebührt. Von Rundschüsseln finden wir mehrere
Varietäten vor; alle haben mehr oder weniger hervorragende Henkelbuckel
und in der Regel eine gewölbte, nur in seltenen Fällen eine ebene,
thalergroße Bodenfläche, der Rand ist meist gekerbt. Sie fehlen in
keiner Haushaltung, da ihr Gebrauch ein allseitiger ist, und sie als
Milch- und Oelgefäße und zur Aufbewahrung fetter Substanzen dienen.

[Illustration: Ein Marutse-Elephantenjäger.]

Die getrockneten Fruchtschalen verschiedener Kürbißarten werden sehr
häufig zu Gefäßen verarbeitet. Vor Allem dienen diese Kalebassen als
Wasserbehälter sowohl im Hause als auch auf Reisen, da ihnen das geringe
Eigengewicht zu statten kommt. Sie bieten noch mannigfachere Formen als
die eben genannten Gefäßarten, die einestheils schon von der Natur
mannigfach gegeben sind, anderntheils künstlich hergestellt werden. Für
den öfteren Gebrauch sind sie gelblich, bräunlich, rothbräunlich,
schmutzig- bis dunkelbraun oder ziegelroth polirt und oft mit einem
Bast- oder Grasstricknetz umsponnen; jene zu seltenerem Gebrauche sind
oft mit eingebrannten Zeichnungen versehen. Auf das Einbrennen der
Zeichnungen verstehen sich namentlich die Mabunda, und dies insbesondere
mit Rücksicht auf die Figuren. Ich beobachtete einfache und
verschlungene Arabesken, Abbildungen von Menschen, Säugethieren, Vögeln,
Amphibien, Fischen und Insecten; ferner von Hütten, allerlei
Geräthschaften, namentlich Waffen, Rudern, Kähnen, Pfeifen; außerdem von
Bäumen, Sonne und Mond; doch auch Jagdscenen auf dem Lande und zu Wasser
und Schlachtscenen, von denen mir besonders zwei auffielen, welche die
Eroberung einer befestigten Stadt versinnlichen sollten, und wobei die
gegenwärtig bei diesen Völkern vermißten steinernen Brustwehren deutlich
aufgezeichnet waren. Im Allgemeinen bekunden diese eingebrannten
Zeichnungen großen Eifer und eine ziemliche Fertigkeit, sowie einigen
für Wilde anerkennenswerthen Kunstsinn, obgleich ich sie nicht den
Kunstproben gleichstellen könnte, wie sie die besseren Höhlengemälde der
Buschmänner vor Augen führen. Im Allgemeinen nehmen die mit
eingebrannten Zeichnungen versehenen Kürbißgefäße einen ehrenvollen Rang
in der Industrie der Stämme am centralen Zambesi ein und übertreffen
wesentlich die ähnlichen Erzeugnisse der südlich von diesem Flusse
wohnenden Stämme. Die zu den Kalebassen nöthigen Kürbisse werden theils
auf den Maisfeldern, theils um die Hütten und Häuser angebaut.

Die kleinsten Kalebassen werden zu Schnupftabakdosen, jedoch nicht so
häufig verwendet, wie bei den Betschuana. Auch an Löffeln fand ich die
schönsten Formen im Marutse-Reiche. Die großen Schöpflöffel werden aus
langhalsigen gebogenen, am unteren Ende plötzlich verdickten Kürbissen
verfertigt; sie sind nicht selten mit eingebrannten Zeichnungen
geschmückt, ihre Farbe meist gelb, bräunlich oder rothbraun. Die zweite
Art der Löffel sind Holzlöffel, und zwar gibt es große, bis sechzig
Centimeter lange, zum Auftischen von Mehlbrei, eingedickter Milch,
gekochter Früchte etc. und kleinere, deren man sich bei Tisch bedient.
Unter den Holzlöffeln ragen jene der Mabunda's durch die mühevolle
Arbeit sowie die eingebrannten Zeichnungen nicht nur im Marutse-Reiche,
sondern in ganz Afrika hervor. Zum Zerstampfen von Korn fand ich
hölzerne, pokalartig aus einem Holzstück verfertigte Blöcke und Mörser.
Ferner findet man aus breiten Holzspänen gearbeitete Kornschüsseln zum
Sieben des gestampften Getreides.

Die Flechtarbeiten machen den Bewohnern des Marutse-Mabunda-Reiches alle
Ehre. Zu den einfachsten gehören kugelförmige, aus Gras sowie ebenso
einfach aus Baobabrinde verfertigte Kornsäcke (fünfzig bis siebzig
Zentimeter lang und dreißig bis fünfzig breit), ferner eine dritte Art
aus Rohr und den Stengeln staudenartiger Gewächse oder Fächerpalmblätter
gearbeitet; diese sind größer und dienen zum Transport getrockneter
Fische und nuß- bis faustgroßer Früchte. Auch die aus fingerdicken,
geflochtenen Bastfasern genetzten und Garnsäcke werden von den meisten
Stämmen gleich rasch und gediegen gearbeitet.

Die einfachste Art der Körbe besteht aus einer cylindrischen, nach unten
abgeschlossenen und an der Mündung mit einem hölzernen oder aus einem
Riemen verfertigten Henkel versehenen Röhre, welche aus einer, unserer
rothen Birkenrinde ähnlichen Rinde gearbeitet und mit Bast
zusammengenäht wird. Sie dienen meist zum Sammeln der Früchte.
Flechtarbeiten im engeren Sinne des Wortes sind die Makuluani-Körbe, d.
h. Körbe, die aus lancettförmigen Blatttheilen der Fächerpalme
verfertigt werden. Sie sind sehr gediegen gearbeitet und entsprechen
vollkommen dem Zwecke, mit ihrem dicht schließenden Deckel und dichten
festen Gewebe als Verschlußkästchen oder Truhen zu dienen. Sie haben
eine gefällige, jedoch in zahlreichen Exemplaren nicht ein einziges Mal
übereinstimmende Form. Die in der Barotse angesiedelten Matabele
arbeiten Körbe aus Gras und Stroh so fein, dicht und gediegen, daß sie
ein vollkommen wasserdichtes, zum Biertrinken benütztes Gefäß
vorstellen.

Zu der best gearbeiteten Flechtarbeit wie zu den besten Handarbeiten der
Marutse-Mabunda-Reiche überhaupt gehören unstreitig die beiden in der
Barotse von den Marutse-Stämmen gearbeiteten Arten der Makenke-Körbe.
Sie werden aus einem verhältnißmäßig schwierig zu bearbeitenden
Material, den Wurzelfasern eines ahornartigen Strauches, des Mosura,
verfertigt. Man unterscheidet zwei Arten: die eine ist stets deckellos
und wird beinahe immer in einer und derselben Form und Größe geflochten,
die zweite ist mit einem dichten, falzförmig eingreifenden Deckel
versehen und zeigt die größte Verschiedenheit in Bezug auf Form und
Umfang. Im künstlerischen Werthe stehen sich beide gleich. Ich sah kein
einziges Exemplar ohne Verzierung durch eingeflochtene, schwarz
gebrannte oder dunkelgefärbte Fasern (Strähne) hergestellte Zeichnungen.
Dies Alles macht diese Körbe selbst in der Barotse beachtenswert, in den
anderen Theilen des Reiches bekommt man sie kaum zu Gesicht; ja es hatte
große Schwierigkeiten, in Schescheke, am Hofe des Marutse-Herrschers,
einige zu erstehen.

Die im Haushalte und von den Männern bei ihrer täglichen Beschäftigung
gebrauchten Messer sind scheidenlos und bestehen aus einer dünnen,
scharf zugespitzten, oft an der Schneidekante ausgebogenen oder im
Ganzen sichelförmig gebogenen Eisenklinge, die fest in einen kürzeren,
mit Leguan- oder Schlangenhaut überzogenen Griff eingefügt ist. Unter
den Waffen unterscheide ich Wurf-, Stoß-, Hieb-, Schneide-, Schlag- und
Schutzwaffen. Zu den ersteren gehören gewisse Arten der Assagaie und
Stöcke; zu den zweiten andere Arten von Assagaie und Dolche; zur dritten
Kategorie Schlachtbeile; zur vierten Messer, Dolche; zur fünften Stöcke
und Kiri's und zu der letzten Kategorie Schild und Stock.

Die Assagaie zeigen durchwegs gefällige Form, gute Arbeit, sind sinnig
den verschiedenen Zwecken entsprechend erdacht und repräsentiren die
besten Producte dieser Art, die ich bis jetzt in Südafrika zu beobachten
Gelegenheit hatte. Ihre Assagaie stehen weit über denen der Betschuana
und Makalaka. Von den verschiedenen Arten derselben erwähne ich die
Häuptlings-Assagaie; sie gelten als waffenartige Abzeichen höherer
Würdenträger, gehören zu den kräftigsten, aber auch selteneren Waffen.
Sie sind 1½ bis zwei Meter lang, wovon ein Dritttheil auf den Eisentheil
kommt; der Stiel ist der stärkste unter allen nördlich vom Zambesi
bekannten Hand-Assagaien und gewöhnlich an seinem oberen, noch häufiger
in der Mitte und am unteren Ende ausgeschnitten, zuweilen auch mit
eingekerbten Linien, Ringen etc. verziert.

Der Hand-Assagai dient zur Bewaffnung der Rechten im Handgemenge und ist
eine furchtbare Waffe, namentlich in der Hand der Matabele. Er zeichnet
sich durch eine zur Hälfte ausgeschliffene Längsleiste an der
Schneidefläche, durch einen starken, mit erhabenen Ringen versehenen
Hals und einen kurzen festen Stiel aus, dessen unteres Ende durch ein
fingerdickes Eisenband beschwert ist.

Der lange Schlacht-Assagai ist das Gegentheil des vorher genannten; er
ist leicht, mit langem Stiel versehen und dient als Wurfwaffe. Er wird
1¾ bis 2¼ Meter lang gearbeitet, die Schneide ist einfach, der Hals von
mäßiger Länge.

Im Gebrauche sind ferner kurze und lange Jagd-Assagaie, deren Hals mit
einseitigen oder beiderseitigen Widerhaken versehen ist; der
Hauptunterschied liegt darin, daß die Schneide, d. h. das Eisenblatt
nach abwärts harpunenartig ausläuft oder die gewöhnliche Speerform
zeigt.

In Bezug auf die Gebrauchsweise werden die letzteren in solche für
kleine und mittelgroße Gazellen und kleine Raubthiere, und solche für
starkes Hochwild, wie Büffel, Zebra, Gnu, Nashorn und große Raubthiere,
Pardel, Löwe etc. eingetheilt.

Der eigentliche Krokodilspeer gehört zu den längsten Assagaien und
zeichnet sich durch die Anheftungsstellen der Widerhaken aus, von denen
er nur vier zählt. Die Schärfe gleicht jener der früher beschriebenen,
der Hals zeigt an der Uebergangsstelle an der Schneide beiderseitig
einen Widerhaken und ein gleiches da, wo er in den Stiel einläuft, doch
hier sind dieselben nach aufwärts gekehrt.

Im Gebrauche stehen weiters zwei Arten von Wurf-Assagaien, deren man
sich zur Erlegung der zahlreichen Ottern bedient. Die Schneide, ähnlich
der des vorigen, ist zehn bis zwanzig Centimeter lang, schmal, sehr
scharf und ziemlich stark. Der Leguan-Assagai ähnelt in Allem dem
Schlachtassagai, nur daß seine Schneide um die Hälfte kleiner ist.

Der Fisch-Assagai entbehrt der lanzenartigen Schneide und ähnelt einem
mit einer vierkantigen, ungezähnten, nur am Ende abgerundeten Spitze
versehenen Leguan-Assagai. Die Widerhäkchen an den Kanten sind besonders
scharf seitwärts und etwas nach aufwärts gekrümmt und zeigen
vortreffliche Arbeit. Derselbe entspricht vollkommen seinem Zwecke und
gehört zu den häufigsten Assagai-Formen im Reiche.

Der Nilpferd-Assagai ist der längst gestielte und einer der einfachsten,
der Stiel ist zwei bis drei Meter lang und nur bei dieser Waffe aus
weichem Holz verfertigt.

Die dreizehnte der wichtigen Assagai-Formen ist der Elephanten-Assagai.
Derselbe ist ganz aus Eisen verfertigt, an seinem unteren Stabende
verdickt oder breiter gearbeitet und in seiner Mitte mit einem kurzen
ledernen Ueberzug versehen.

Die Fallgruben-Assagaie sind die am einfachsten gearbeiteten; sie werden
in Fallgruben mit den Stielen eingegraben und mit den Schneiden nach
aufwärts gestellt, um gelegentlich bei der Jagd auf Wasser-Antilopen
verwendet zu werden.

Die Stoßwaffen schließe ich mit den Mabunda-Dolchen, welche unstreitig
zu den niedlichsten Waffen des Marutse-Mabunda-Reiches gehören. Während
die Bamangwato-Dolche nicht zu verachtende, jene der Matabele
gefürchtete Waffen genannt werden müssen, zeichnen sich die im
Marutse-Reiche durch ihre zierliche und lobenswerthe Arbeit aus. Das
Auffallendste an ihnen sind die durchbrochenen, mehr oder weniger in der
Form einer flachen Saturnuslampe gearbeiteten Scheiden. Dieselben wie
die Griffe sind aus hartem Holz gearbeitet, mit Schnitzereien besäet und
durch Einbrennen so gut geschwärzt, daß man bei dem ersten Anblick
Ebenholz als Material vermuthen würde. Die Klinge ist aus minder gutem
Eisen, sowie minder gut als die Assagaie, Schlachtbeile etc. gearbeitet,
dafür ist jedoch große Mühe auf eingeschlagene Zierrathen verwendet,
welche zumeist die breiten Flächen, der dünnen Klinge bedecken. Diese
Zierrathen bestehen in Arabesken, symmetrischen Figuren, Menschen- und
Thiergestalten.

Die Wurfstöcke sind 1 bis 1½ Meter lang, finger- und doppelfingerstark
und in der Regel an einem Ende etwas verdickt.

Die Schlachtbeile zeigen, den Stämmen des Reiches entsprechend, eine
sehr mannigfache Form. Sie übertreffen jene der südlich vom Zambesi
wohnenden Stämme meist durch ihre gefällige Form, ihre Leichtigkeit,
sowie durch die gute Eisen- als auch die gewählte Holzarbeit am Stiele.
Während ich bei den Betschuana's, Kaffern, Makalaka's und den Matabele
die dünnen Tomahawk-Klingen nie fest im Stiele sitzen sah, können diese
nicht fester in den Stiel eingefügt werden. Dieser ist aus hartem Holz
verfertigt, mit eingebrannten Zeichnungen versehen, einfach, doch
entsprechend geformt, das Ganze leicht, geschmeidig wie eine Spielerei
in der Hand eines Erwachsenen, und doch eine tüchtige Waffe im
Handgemenge.

Die gewählteren Formen der Messer, die zumeist zum Holzschneiden und
sonstigem Gebrauch, in seltenen Fällen zur Vertheidigung benützt werden,
übertreffen die gewöhnlichen Küchenmesser an Länge und feiner Arbeit.
Die sanft sichelförmig gekrümmte Klinge hat einen auffallend starken
Rücken und zeigt oft eingeschlagene Zierrathen mannigfacher Art. Sie
sitzt tief im plattgedrückten, oft recht anmuthig geschnitzten,
bisweilen durchbrochenen und dunkelbraun polirten Stiele.

Die Kiri's sind kurze rundliche, an einem Ende dick-kugelförmig
angeschwollene Stöcke. Im Marutse-Reiche werden sie aus verschiedenen
harten Holzarten und aus der Waffe des Nashorn's gearbeitet; die aus dem
ersteren Material sind mannigfacher, die kugelförmige Anschwellung des
oberen Endes hühnerei- bis faustgroß, oft ausgeschnitzt, der Stock
vierzig bis siebzig Centimeter lang, mit einem Stärke-Durchmesser von
zwei bis vier Centimeter, oft polirt, das untere Ende gespitzt,
abgerundet oder scharf abgestutzt, seltener mit einem Eisenreifchen
versehen.

Zu den Schutzwaffen gehören vor Allem die Schilde, in deren Verfertigung
die Stämme des Marutse-Reiches keine so hervorragende Stellung einnehmen
als die südlich vom Zambesi wohnenden Eingebornenvölker. Ihre Schilde
gleichen denen der Betschuana, sind größer als jene der Zulu-Race und
der Masarwa und meist aus schwarzweiß-gescheckter Rindshaut verfertigt.

Ich schließe die Besprechung der Schutzwaffen und der Waffen im
Allgemeinen mit den zur Abwehr üblichen Langstöcken; diese sind 1¾ bis
2½ Meter lang, 1 bis 1½ Centimeter stark (im Durchmesser) und meistens
an beiden Enden mit spiralgewundenen Eisenreifchen versehen.

Zur Zeit meines Aufenthaltes im Marutse-Reiche bezifferte sich die
Zahl der von Westen und Süden eingeführten Gewehre auf 500
Feuerstein-Musketen, 1500 gewöhnliche Percussions-Musketen,
80 Percussions-Gewehre auf Elephanten, 150 Rifles, 30
Percussions-Doppelgewehre aller Art, 10 Hinterlader und 3 Revolver. Nach
meiner Abreise wurden sehr viele und zwar die besseren Gewehre von den
Aufständischen in den Zambesi geworfen und da seitdem nur eine
unbedeutende Anzahl neu erstanden wurde, so mag sich die gegenwärtige
Zahl der Schußwaffen auf eilf- bis zwölfhundert belaufen.

[Illustration: Kalebassen für Honigbier und Korn bei den Marutse und
Mabunda.]

Die Bekleidungs-Industrie steht bei den Völkern des Marutse-Reiches
nicht auf jener Stufe, welche andere Industriezweige einnehmen. Wohl ist
der Schnitt an den Carossen und übrigen Kleidungsstücken ein gewählterer
und zweckentsprechenderer, allein die Fertigkeit, gleichfarbige Felle,
so anzureihen, daß die Farben selbst in sanfteren Nuancen ohne das Auge
zu beleidigen zu einander passen, ja oft so geschickt zusammenzustellen,
daß man sie beim Ansehen der behaarten Fläche gar nicht als Felle
verschiedenartiger Thiere beurtheilen würde; ferner die Kunst,
beschädigte Stellen an den Fellen (Schußlöcher, Bißwunden) mit genau
entsprechend gefärbten und lang behaarten Einsätzen so auszubessern, daß
dies in der Regel nur beim Ansehen der haarlosen Fläche erkannt wird,
ist ihnen _nicht_ eigen.

[Illustration: Tabaks- und Dachapfeifen der Marutse und Mabunda.]

Während der Betschuana zu Bekleidungsstücken oder um einen guten
Verkaufsartikel zu gewinnen, nur gleichartige Thiere ihrer Felle
beraubt, ja, wo er z. B. viele Felle einer Art sammelt, dieselben in
lichtere und dunklere, in dicht- und spärlich behaarte, oft sogar noch
in große und kleine sortirt, und nur die in der Farbe, Behaarung und
Größe einheitlichen Felle zu einer Carosse verarbeitet, finden wir im
Marutse-Reiche zumeist die Felle verschiedener Thiere unsymmetrisch
in einer Carosse zusammengeworfen, von Farben-Nuancen und
Größen-Verhältnissen gar nicht zu reden. Auch vermißte ich an ihren
Carossen die aus den Fellabfällen (wie Füße, Schwänze etc.) bei den
Betschuana verfertigten Fransen und Umsäumungen werthvoller Stücke. In
der Näharbeit, die mit der Ahle und gefaserter Thiersehne ausgeführt
wird, stehen sich die Stämme nördlich und südlich des Zambesi gleich.

Bezüglich der Bearbeitung der Felle habe ich Folgendes beobachtet: die
glattgar zu bearbeitenden, zu Schürzen, Sandalen, Riemen, Säcken etc.
verwendeten Felle werden befeuchtet und einige Zeit hindurch eingerollt
gehalten, dann die Haare mit der Hand oder mit einem stumpfen Messer
abgekratzt und das Fell mit dieser Fläche nach abwärts gekehrt, auf
einer glattgescheuerten Stelle ausgespannt und mit Holznägeln längs des
Randes an den Boden befestigt. Mit Hilfe eines keilförmigen, vertical in
einen daumendicken Stab eingelassenen Eisens oder eines Schabbeilchens
»Pala« genannt, an schwächeren, an dicken Fellen mit Hilfe von zehn bis
zwanzig in ein Bündel zusammengebundenen, zehn bis fünfzehn Zentimeter
langen vierkantigen und scharfspitzigen Nägeln wird die Innenseite des
Felles von allen noch etwa ihr anhaftenden Fleischresten, Sehnenfasern
etc. freigeschabt, das Fell beiderseits mit fettigen oder öligen
Substanzen gut eingerieben und der Proceß damit geschlossen, daß zwei
bis sechs Männer in hockender Stellung im Tacte und unter Gesang, das
Fell mit ihren Händen pressen, Stelle an Stelle an einander reiben, bis
sich das Fell trocken und geschmeidig anfühlt.

Die schon früher erwähnten baumwollenen Tücher und Decken sind eine der
besten industriellen Arbeiten des Marutse-Reiches. Das Gewebe ist ein
gutes, d. h. ein festes und durchaus nicht grobes zu nennen, ja es zeigt
sogar etwas Kunstfleiß, da wir oft dunklere Streifen symmetrisch in das
hellere Gewebe eingewoben finden.

Das Ackergeräthe ist zwar sehr einfach, da wir es eigentlich nur in
einer Grabhacke vertreten finden; allein dieser einzige Gegenstand
übertrifft an Brauchbarkeit beinahe alle südlich vom Zambesi
angewendeten Geräthe. Das Eisen am gewöhnlichen Holzbeil ist
ungewöhnlich stark, ähnelt in Form einigermaßen dem Schlachtbeile und
ist zuweilen mit erhabenen, ausgefeilten Zierrathen im Längendurchmesser
versehen. Der Stiel ist 50 Centimeter lang, stark und gerade. Zum
Aushöhlen der Canoë's und Töpfe, zur Bereitung von brettförmigen
Holzstücken bedient man sich der Beile, die in Form mit der »Pala«
übereinstimmen, in der Größe je nach dem Gebrauchszwecke variiren.
Auffallend gut fand ich Eisen an den Hämmern, welche an Brauchbarkeit
jene der Betschuana weit übertreffen. Meißelartige Geräthe für weiches
Material wie für Metall, sind klein oder größer, von viereckiger oder
rundlicher Nagelform.

Bohrinstrumente werden mit Hilfe von mit Fidelbögen getriebenen
Drehwalzen, in welche sie eingesetzt werden, gehandhabt. Hieher gehören
auch uns nachgeahmte spiralförmig gearbeitete Kugelzieher, Schrauben
etc., die wieder mit eigens gestalteten Feilen erzeugt werden. Zangen
sind zwar sehr primitiver Natur, doch entsprechen sie ihrem Zwecke
vollkommen. Nägel erzeugt man in der mannigfachsten Form und bedient
sich dabei wie bei den Schmied- und Schlosserarbeiten überhaupt eines
einfachen Ambosses.

An Rudern fand ich drei Arten vor: lange, kurze und Jagdruder; die
letzteren sind ausschließliches Eigenthum des Königs und bilden mit dem
größten Theile der beiden anderen Arten Tribut-Artikel. Die langen sind
drei, die kurzen zwei Meter lang und stets aus hartem, astlosem Holze
gearbeitet. Sie sind an ihrem breiteren Ende schmäler als die kurzen und
hier gerade abgeschnitten, die kurzen schiffchenförmig in eine Spitze
zulaufend, beide mit eingebrannten Zeichnungen und Schnitzereien, doch
nicht so häufig wie bei den Jagdrudern versehen. Diese letzteren sind an
ihrem unteren Ende gabelförmig gespalten, über der Spaltspitze geht quer
eine Drahtklammer durch den Ruderstock, um das Bersten zu verhindern.
Die Jagdruder sind in der Regel drei Meter lang und werden bei den
während der Zambesi-Ueberschwemmungen unternommenen Letschwe- und
Puku-Jagden gebraucht.

Die Tabakspfeifen sind in doppelter Form gearbeitet, die einfachere ist
in der westlichen Hälfte des Reiches, die zweite im Süden vorherrschend.
Die erstere ähnelt im Allgemeinen den türkischen Pfeifen und besteht aus
einem einfachen bis einen Meter langen, daumendicken, geraden, zuweilen
mit eingebrannten Zeichnungen versehenen Rohrstück und einem aus
gebranntem Thon gearbeiteten, meist schwärzlichen oder grauen, mit
eingebrannten Linien, Kreisen, Arabesken bedeckten, verhältnismäßig
kleinen Pfeifenkopfe. Die zweite Form der Tabakspfeifen ist im Stiele
abweichend, der aus einer länglichen, oft eingeschnürten Calebasse
verfertigt ist; das obere, dünne Kalebaß-Ende dient als Mundstück. Auf
kurzen Ausgängen vergißt der Eingeborne nie seine Tabakspfeife,
namentlich dann nicht, wenn er in Gesellschaft des Weißen reist. Der
Tabak wird in kleinen Tuch-, Calico-, meist jedoch Lederlappen an der
Carosse oder am Gurte befestigt.

Als unzertrennlicher Genosse auf längeren Reisen gilt jedoch die
Dachapfeife, die in ihrem Wasserbehälter eine große Mannigfaltigkeit
zeigt. Dacha -- sind die getrockneten Blätter einer Hanf-Art, die in
ganz Süd-Afrika von den Eingebornen um ihre Behausung gepflanzt, als ein
leicht berauschendes Mittel durch eine Wasserpfeife geraucht wird. Die
Dachapfeifen bestehen aus drei Theilen, dem Kopfe, einem Rohrstab und
dem das Wasser enthaltenden Horn, durch das der Rauch gezogen wird,
wobei der Raucher mit dem Munde die breite Oeffnung umfaßt und so den
Rauch anzieht. Dies erzeugt einen Hustenreiz und je heftiger derselbe,
desto höher hält der Eingeborne den Genuß.

Obgleich wir Schnupftabakdosen bei allen südafrikanischen Eingebornen
sowohl als eigene Fabrikate als auch in von den Weißen erhandelten
Stücken zahlreich vertreten finden, so habe ich doch in keinem
Eingebornen-Reiche eine solche Auswahl eigener Arbeit in diesem Artikel
gefunden wie bei den Marutse. Man verwendet zu Tabakdosen Elfenbein- und
Nilpferdhauer, Säugethier- und Vogelknochen (Röhrenknochen); Geweihhorn,
Nashorn; Thierklauen; die Haut von Schlangen, Leguanen; Leder
(Säckchen), Holz in mannigfacher Form; Rohr; Fruchtschalen von
Kürbissen; Fruchtschalen kleiner, rundlicher oder länglicher Busch- und
Baumfrüchte; Rinde und endlich von den Weißen eingeführte Metalldosen.

Die Dosen aus Elfenbein sind im Allgemeinen mit kleinen, ringförmigen
eingebrannten Zeichnungen versehen und werden an Glasperlen-, Bast- oder
Riemenschnüren befestigt, am Gurte oder an den Armringen getragen. Ich
fand sie nur bei den Wohlhabenderen im Gebrauche. An Gestalt ihnen
nächstverwandt sind die aus dem Horn des Rhinoceros verfertigten
Schnupfdosen; beide Arten Dosen haben nur eine kleine Halsöffnung,
während die Betschuana's noch eine zweite Oeffnung an der Basis
anbringen.

Die aus Rohr und Vogelknochen gearbeiteten gehören zu den einfachsten
und werden meist von Knaben und Mädchen gebraucht. Die aus den Hörnern
von Hausthieren und Wild geschnitzten sind von einfacher Form, oft
jedoch durch Schnitzereien verziert, am häufigsten bei den Makalaka's
anzutreffen. Die gewöhnlichste Form haben jene aus Fruchtschalen,
während andere zu drei bis fünf an einem Riemchen hängend, meist von
Frauen an ihren Carossen befestigt werden; außerdem trachten die
schwarzen Schönen diese kleinsten der Tabakdosen dunkel zu poliren,
wodurch sie recht nett und glänzend schwarz, dunkelviolett oder
bräunlichviolett erscheinen. Die meisten Schnitzereien und eingebrannten
Zeichnungen verwendet man an den hölzernen, doch scheinen diese mehr den
ärmeren Stämmen, wie den Mamboë's, Manansa etc. eigen zu sein, die sich
auch in vielen Fällen einfacher Tuch- und Lederläppchen bedienen. Ist
eine Dachapfeife für einen reisenden Bewohner des Marutse-Reiches
unentbehrlich, nimmt er bei kleineren Ausgängen einen Kiri, Stock etc.
mit, so muß seine Tabakdose sein treuester Gefährte bei Tag und Nacht,
beim Ruhen und Arbeiten, bei seinen kurzen Besuchen und langen Reisen
genannt werden.

Als Schmucksachen gelten Gegenstände, die nebenbei einem anderen Zwecke
dienen, wie Amulete, Kapseln, Schnupftabakdosen, Dosen für Heil- und
Beschwörungsmittel und am Körper getragen werden. Das Material zu
denselben liefern Metalle, massive und Röhrenknochen, Elfenbein, Zähne
verschiedener Thierarten, ebenso Hautstücke und hornige Bestandtheile,
Hörner, Krallen, Klauen und Schuppen größerer Amphibien,
Schildkrötenplatten, Schuppen vom Schuppenthiere etc., Federn,
Muschelschalen, Talg, Holz, Gras, Bast, Rohr, Früchte, Fruchtschalen und
Samen.

Unter den aus Metall erzeugten Toilette-Gegenständen fand ich Ringe
(Fingerringe), Armbänder, Fuß- und Wadenringe, sowie unbedeutende kleine
Ohrringe aus Eisen, Kupfer und Messing; Gold vermißte ich vollständig.
Die Eisen- und Kupfersachen waren theils aus eigenen Schmelzhütten
hervorgegangen, theils waren sie aus von den Weißen erkauftem Eisen- und
Kupferdraht, die messingenen nur aus dem von den Weißen erstandenen
Messingdraht gearbeitet. Die eingeführten Toilette-Artikel werden sehr
selten in ihrer ursprünglichen Form benützt, sondern ihr Material
zumeist umgeschmolzen und dem Landesgebrauch entsprechend umgearbeitet.
Unter den aus eingeführtem Metalle erzeugten Objecten stehen die
fingerdicken und von den Frauen der Wohlhabenderen, z. B. von den
Königinnen, zu zwei bis acht auf einem Fuße getragenen Fußringe im
größten Ansehen. Ringe aller Art (Fuß-, Armringe etc.) aus heimischem
Eisen und erhandeltem Eisendraht werden meist von den niederen Ständen
getragen; ihre Menge ist jedoch geringer als jene der aus Messing
verfertigten, am seltensten sind Armringe aus Kupfer. Gewöhnlich trägt
man einen bis zwei, die Frauen der Koschi und Kosana zwei bis drei,
selten vier je an einem Fuße. Da der Herrscher den besten und stärksten
Draht selbst kauft, den Unterthanen nur die weniger gute Sorte zu
erstehen möglich ist, so finden sich auch die meisten und ansehnlichsten
metallenen Schmuckringe in der Residenz und in der Barotse, sowie im
Makalaka- und Matonga-Lande (Tributzahler) und nehmen nach dem Norden
und Nordosten des Reiches rasch ab, wo sie einigermaßen durch aus
selbstgewonnenem Eisendraht verfertigte Objecte vertreten werden. Die
einfachen, aus dünnem Messing-, Kupfer- oder Eisendraht gearbeiteten
unansehnlichen Ohrringe weichen nur unbedeutend von denen der
Betschuana's ab.

Mannigfach sind die aus Bein, namentlich aus Elfenbein verfertigten
Artikel; die wichtigsten sind jedoch die fingerdicken Arm- und Fußringe.
Die Elfenbeinringe werden gedrechselt, passen genau den Stellen an, an
denen sie getragen werden, sind stets fein, ich möchte sagen fehlerfrei
gearbeitet, und wenn sie auch der Schnitzereien und eingebrannt
Zierrathen entbehren, eine elegante Arbeit. Es kostete mich auch nicht
geringe Mühe, einiger dieser Objecte habhaft zu werden. Außer den
Bracelets verfertigt man aus Elfenbein allerlei kleine, längliche
Kapseln, cylindrische Stäbchen, Plättchen mit eingebrannten Ringelchen
und Linien, die man durchbohrt und mittelst feiner Bastschnüre in das
Haar befestigt. Ziemlich häufig finden wir Haarnadeln vertreten, die
gleich den vorigen Gegenständen auch aus den Röhrenknochen der Thiere
und häufig aus Nilpferd-Elfenbein verfertigt, in ihrer oberen, stärkeren
Hälfte mit eingebrannten Zeichnungen und Schnitzereien verziert werden.
Mannigfach sind die kleinen Schmuckgegenstände, die aus Holzstäbchen und
Plättchen, Fasern und kleinen Gazellenhörnern oder aus den Spitzen der
Hörner größerer Thiere gearbeitet werden. Meist werden sie mittelst
Baststrängen an das wollige Haar befestigt oder an Schnürchen gefädelt
und als Bracelets getragen. Man sieht Miniaturstäbchen, cylindrische
oder kleine Kegelchen, Zöpfchen etc. Als unerreichtes Product der
Holzschnitzerei unter den südafrikanischen Stämmen, können die dünnen,
anmuthig geschnitzten, langzähnigen Haarkämme der Marutse gelten.

Sklaven verfertigen sich Arm- und Fußringe, sowie Bracelets und sogar
Halsringe aus ungegerbten Gnu-, Zebra- und Büffelfellen, die Masarwa
erzeugen die Stirnbänder aus Zebra-Mähnen. In allen Fällen wird die
Haarseite nach Außen getragen. Vielerlei Zierrath wird auch aus den
feinen wie gröberen Haaren und aus den Borsten der Säugethiere
verfertigt. Aus den feineren Haaren, sowie den steifen Widerrist-Haaren
arbeitet man Büschelchen, Fransen, Quasten, kreisrunde Scheiben,
einfache oder zwei bis drei aufeinander ruhend, von einem Durchmesser
von drei bis fünfzehn Zentimeter, ferner Ballen und Wülste, an welche
man Riemen befestigt, um sie beim Tanzen um das Kinn zu binden. Die
meisten dieser Schmuckgegenstände werden mit Riemchen und Strängen
versehen und zur Ausschmückung des Kopfhaares benützt. An diese Formen
schließe ich den Kopfputz aus Vogelfedern an. Viele schmücken ihr Haupt
mit zwei bis drei schönen Einzelnfedern. Diese Federbüsche werden bei
der Ankunft in des Herrschers Residenz, ferner bei Tänzen, Jagdausflügen
und während eines Raubzuges oder Krieges aufgesetzt. Bei den Matabele
bilden sie einen wesentlichen Theil des Nationalschmuckes und ich erwarb
einen, der größere Dimensionen aufwies, als der Kopf des Trägers.

Aus Gras, feinen Holzfasern, Bast und Stroh, werden nette Armbänder etc.
geflochten, bei weitem kunstvoller von den Stämmen des Marutse-Reiches,
als sie sich z. B. bei den Menons und Makalaka's südlich vom Zambesi
vorfinden, wo diese Industrie doch ziemlich im Schwunge ist. Der
Masupia- und Marutse-Knabe ist schon in der Wahl des Grases vorsichtig;
es muß nur bestimmten Grasarten angehören, zu bestimmter Zeit gesammelt
und entsprechend zubereitet werden, um in dem einen Falle eine stechend
gelbe, im andern eine carminrothe Farbe zu zeigen, dann wird auch die
Flechtarbeit sorgsam ausgeführt -- all' dies kümmert die Makalaka-Knaben
wenig, wenn sie auch so manche Stunde der Grasflechterei für Schmuck-
und Haushaltungszwecke widmen.

[Illustration: Dachapfeifen der Mabunda, Marutse und Masupia.]

Die Säugethier- und Vögelklauen werden aufgefädelt als Bracelets
getragen oder je zwei an einer Schnur aufgefädelt, an der
Hinterhauptwolle befestigt. Von kleinen Wasserschildkröten bedient man
sich der Gesammtschalen, um von diesen eine in der Scheitelhöhe oder
drei in Reihenfolge auf der Längsmittellinie des Kopfes zu befestigen.
Kleine Muscheln, wie sie die Portugiesen von der Westküste bringen,
kleine runde Tarsus- und Carpusknöchelchen, dunkel bis glänzend schwarz
polirt, Samen und kleine hartschalige Früchte werden an Roßhaar- und
Gras-Schnürchen gefädelt, und als Bracelets, als Fußringe und als
Haarschmuck getragen.

[Illustration: Scene am Zambesiufer in Schescheke.]

Die von den Händlern eingeführten Toilette-Artikel (insbesondere
Glasperlen) cursiren als Geldmünzen, dabei herrscht bei diesem oder
jenem Stamme der Geschmack für bestimmte Farben vor; manche, wie z. B.
die hell- und dunkelvioletten, gelben und blaßrothen, werden gar nicht
beachtet. Die gesuchtesten sind die himmel- und dunkelblauen, dann
folgen zinnober- und rostrothe, weiße, schwarze, grüne, sämmtlich klein
mit einem Längendurchmesser von etwa 1½ Millimeter. Unter den
mittelgroßen (Längendurchmesser etwa drei bis vier Millimeter) strebt
man meistens nach den hellblauen, rostrothen, und unter den großen
(sechs Millimeter bis einen Centimeter im Längendurchmesser) nach den
mehrfach gefärbten (mehrere Farben in einer Perle), weißgefleckt auf
schwarzem, dunkelviolettem Grunde, hauptsächlich aber nach
schwefelgelben und grünen. Die Form der Glasperlen ist den Stämmen
gleichgiltig.

Wäre man noch so krank nach einer Reise im Marutse-Reiche, und hätte man
noch so viele Träger nothwendig, man wird mit einem genügenden Vorrathe
schöner blauer Glasperlen nie an Mangel leiden; weder Herrscher, Koschi
und Unterthan, weder Frau und Kind, noch Freier und Sklave könnten
dieser Verlockung widerstehen.

Die Ueberlegenheit der Völker des Marutse-Reiches über jene südlich des
Zambesi in der Verwendung dieser Schmuckgegenstände besteht darin, daß
die Glasperlen in richtiger Menge und geschmackvoll in Ringen, Strängen
etc. über den Körper vertheilt werden; in richtiger Menge, d. h. über
Glieder und Rumpf so vertheilt, daß sie den Körper nicht belasten, nicht
überladen, was wir z. B. in Bezug auf die unteren Extremitäten bei den
Bakwena's, Bamangwato's etc. und bezüglich der Arme, des Halses und
Rumpfes bei den Menon's, Makalaka's südlich vom Zambesi beobachten
können.

Als Anhang zu den Toilette-Artikeln will ich noch einige Worte über die
Behandlung des Kopfhaares folgen lassen. Daß die meisten Stämme auch auf
die Pflege des Kopfhaares viel Sorgfalt verwenden, konnte ich wiederholt
beobachten, ja ich fand sogar sehr viele, die sich regelmäßig kämmten,
während andere, wie z. B. der Stamm der Mankoë, von Natur aus ein
längliches Wollhaar besitzend, dieses wie aufgepudert tragen, was diesem
stattlichen Menschenschlage zur Zierde gereicht. Manche der Marutse
flechten ihr kurzes Wollhaar in Zöpfchen, je zwei bis vier Stränge zu
einem Zopfe vereinigend. Ich vermißte bei den Stämmen des Reiches,
sowohl das bei den Betschuana übliche Betünchen der Haare mit
Eisenstein, als auch die Ring- und Kronenfrisur der Zulu's.

Spielsachen bestehen meist in Thongebilden, in deren Erzeugung sich die
aufwachsende Jugend recht geschickt zeigt. Die zumeist gearbeiteten
Figuren stellen Kischi-Tänzer in ihren Verzerrungen, Männer als Jäger
und Reiter, gehörnte Thiere, ferner Elephanten, Nashorn und Nilpferde
dar. Meist wird dazu dunkler Thon gewählt, und die menschlichen Figuren
fünf bis zwölf Centimeter hoch, die thierischen fünf bis zehn Centimeter
hoch und fünf bis zwölf Centimeter lang, gemodelt. Andere Spielsachen
werden aus Holz ebenfalls in Figurenform geschnitzt, dies meist von den
Mabunda's, oder mit Figuren versehene Holzlöffel und Stücke den Kindern
zum Spielen gegeben.

Matten finden sich in großer Mannigfaltigkeit vor, einfach, aber nett
und mühevoll gearbeitet, oft mit dunkleren einfachen Bändern oder auch
mit Figuren von gleichem Material durchflochten, zuweilen sind diese
eingeflochtenen Zeichnungen von schwarzer, rother etc., von der
gelblichen Matte gefällig abstechender Farbe. Sie sind verschieden
geformt und werden zu verschiedenen Zwecken gebraucht, je nachdem sie
aus Binsen, Gras, Stroh oder Rohr verfertigt sind.

Von den hölzernen Kopfkissen sieht man sowohl primitive als gut
gearbeitete Exemplare; vorwiegend traf ich gefällige aus hartem Holz
gearbeitete Stücke. Die hölzernen Stühlchen sind in der Regel kurz,
zwanzig bis dreißig Centimeter hoch, zehn bis fünfzehn Centimeter im
Breitedurchmesser, stellen durchbrochen geschnitzte, seltener solide,
dann aber primitiv gearbeitete Holzcylinder dar, deren obere Fläche
seicht ausgehöhlt ist. Die durchbrochene Schnitzerei des Stockes ist
säulchenförmig, die Säulchen parallel zur Höhe laufend. Ein solcher wird
hohen Personen bei allen Ausgängen stets von einem Diener nachgetragen.

Als vierten in diese Kategorie gehörenden Gegenstand muß ich noch die
Fliegenwedel nennen. Sie bestehen aus zwei Theilen, dem Stiele und dem
Wedel; der Stiel wird aus Holz, Rohr, Nilpferd-, Nashorn- und
Büffelleder, in selteneren Fällen aus Gazellenhorn und dem Horn des
Rhinoceros, der Wedel aus langen Widerristhaaren der Thiere, aus Mähnen
und Roßhaar, aus den buschigen Schwänzen der hundeähnlichen Raubthiere
und aus Federn gearbeitet. Am häufigsten sind jene aus Ochsen-, Gnu- und
Schakalschwänzen. Der Wedel ist entweder in den Stiel eingelassen oder
über denselben mittelst Bastfäden, Grasschnüren, Roßhaar, Thiersehnen
etc. daran befestigt, der Stiel in der Mehrzahl der Fälle geschnitzt,
mit eingebrannten Zeichnungen versehen, oder mit breiten Messing- und
Kupferringen, mit aus Messing- und Kupferdraht und aus steiferem Roßhaar
geflochtenen Ringen, oder aber mit Binden aus Schlangen- und Leguanhaut
umspannt.



                                XIII.
                    Aufenthalt im Leschumo-Thale.


Abfahrt von Schescheke. -- Renitente Bootsleute. -- Ein treffliches
Schreckmittel. -- Die Fauna im Leschumo-Thale. -- Diamond's
Jagdausflüge. -- Der Häuptling Moja. -- Eine interessante
Naturerscheinung. -- Sepopo's Häscher. -- Kapella's Flucht aus
Schescheke. -- Schwere Gewitter. -- Gährung im Marutse-Reiche. --
Sepopo's Niedergang. -- Aufbruch nach Panda ma Tenka.

[Illustration: Lager im Leschumo-Thale.]

Wie ich bereits am Schlusse des eilften Kapitels erwähnt, mußte ich,
wenn auch mit innerstem Widerstreben, Schescheke verlassen, da ein
längerer Aufenthalt daselbst mein Leben ernstlich gefährdet hätte. Nach
einer Fahrt von einigen Stunden hielten die Bootsleute, die wohl wußten,
daß ich Sepopo auf immer verlassen habe und sich deshalb um mich wenig
kümmerten, an einigen Masupiahütten an. Ich ließ mich aus dem Boote
heben und zu der nächsten Hütte führen. Sie war nur provisorisch von
Masupia-Fischern errichtet worden, um die nöthige Abgabe an Fischen in
den marschigen Lagunen ringsum zu erwerben. Ich erstand fünf Fische, gab
jedem Diener einen und ließ einen für mich rösten.

Schon Nachmittags bemerkte ich, daß sich die Bootsleute unter keiner
Bedingung kräftiger in ihre Ruder zu legen bemühten, und als wollte mich
das Schicksal zu all' den Mühen des Tages verspotten, hatten die
Bootsleute eine Stelle für unser Nachtlager gewählt, welche nicht
unwirthlicher und ungesünder sein konnte. Es war dies an einer kleinen
hochbeschilften Insel unmittelbar vor einem Sumpfe, auf welcher sich
zwei elende, periodisch von den Masupia-Fischern bewohnte Hütten
befanden. Da mein Boot das letzte war, hatten die ersteren von den
Hütten Besitz genommen, und es blieb meinen Dienern nichts übrig, als
für mich eine Hütte zu erbauen. In 2½ Stunden war diese fertig, als sie
hierauf mit Hilfe der Bootsleute mein Gepäck aus den Booten heraus und
in die Grashütte geschafft hatten, zeigte es sich, daß diese zu klein,
namentlich zu niedrig errichtet worden war und daß man mich eben mit
Mühe hinein zerren und auf die Kisten zu legen vermochte. Mein Gesicht
berührte das Gras des Hüttendaches, welches noch vom vorigen Jahre vom
Hochwasser auf die Insel angeschwemmt, hier ringsum gesammelt worden
war; es war feucht und ein widerlicher Geruch entströmte demselben, der
sich mit der Ausdünstung des Sumpfes vermengte. An Schlaf war unter
diesen Verhältnissen nicht zu denken. Mein Bootunglück, die mißlungene
Weiterreise und zahllose andere folternde Gedanken ließen mich eine
höchst unerquickliche Nacht verleben. Die Nilpferde, wie auch die
Riesenreiher ließen sich mehrmals hören, die einzigen Laute, welche die
Stille der Nacht unterbrachen. Vor Mitternacht tauchten mehrere kleine
Wolken auf, die sich sehr schnell vermehrten und bald darauf den Himmel
so verdunkelten, daß ich auch nicht ein einziges Sternlein mehr
erblicken konnte. Mein durch die Krankheit ohnehin angegriffenes Gemüth
empfand die zunehmende Schwüle in der Atmosphäre um so schwerer.

Nach Sonnenaufgang verließen wir die Stelle, um unsere Fahrt flußabwärts
wieder aufzunehmen. Die Art und Weise, in der die Bootsleute die Kähne
luden, und sich während der Fahrt benahmen, mahnten mich, auf Aergeres
gefaßt zu sein. Je mehr ich auf rasche Fahrt drang, desto langsamer ging
diese von statten, ja als sich ein leichter Wind erhob, landeten die
Männer auf einer Sandbank und wollten sich nicht von der Stelle rühren;
die Androhung der von Sepopo zu erwartenden Strafe hatte keinen Erfolg.
Ich versprach Glasperlen, ich drohte, meine Diener schimpften, doch
alles vergeblich. Die Leute fingen an zu lachen, die einen legten sich
auf den Sand, um zu schlafen, die anderen, um sich an meiner Schwäche
und Hilflosigkeit zu ergötzen. Als ich sah, daß alle meine Versuche
erfolglos blieben, nahm ich meine Zuflucht zu einem Schreckmittel, um
mir bei diesen Menschen Respect zu verschaffen. Ich saß am Bug des einen
Kahnes, als es mir einfiel, den an die Musketen gewöhnten Marutse meinen
Hinterlader zu zeigen. Ich ließ mehrmals das Gewehr in der Sonne
blinzeln, wählte mir einen einzeln aus dem Wasser hervorragenden
Rohrhalm, der sich auf einem freien Raume zwischen zwei Gruppen der
widerspänstigen Bootsleute erhob und feuerte drei Schüsse auf denselben
ab. Der erste Schuß traf, die wirklichen und die sich verstellenden
Schläfer sprangen auf die Beine, rasch darauf fiel der zweite Schuß und
schlug nahe seinem Ziele ein, worauf die Leute in ihre Boote sprangen,
und als zufällig die dritte Kugel den übrig gebliebenen Stumpf rasirte,
hatten die ersten Kähne schon abgestoßen und meine Bootsleute hinderten
mich am abermaligen Gebrauche des Carabiners.

»Es saust zu viel in den Ohren, Herr! Wenn Du schießen willst, dann
bringen wir Dich nach Impalera, und dort findest Du auch viel Polocholo
(Wild).« Schon drei Stunden nachher landeten wir unter dem
Makumba-Baobab. Der Himmel hatte sich aufgeklärt und von den bewaldeten
Hügeln der Impalera-Insel wehte uns eine frische Brise entgegen, die auf
mich wie ein erfrischender Labetrunk wirkte. Ich erhob meinen Carabiner,
um einige der über mir hängenden Baobabfrüchte herabzuschießen. Während
die Bootsleute die Kähne entluden, eilten meine Diener in den Wald, um
Früchte für mich zu sammeln. Zu meinem freudigen Staunen traf ich
Blockley hier an, er war eben im Begriffe, mit Gütern nach Schescheke zu
gehen.

Am 13. gelang es mir, für sechs Meter Calico einen Miniatur-Ziegenbock
und eine größere Quantität Korn sowie siebenundzwanzig lebendige Finken
(verschiedener Art) zu erstehen, welch' letztere ich leider schon am
folgenden Morgen bis auf drei einbüßte. Als ich Morgens nach den Thieren
sah, fand ich alle bis auf drei todt, sie waren von einer rostrothen
Termite, die zu Tausenden in den Käfig gedrungen war, getödtet worden.
Ich hatte diese Termitenart früher nie beobachtet; der Kopf war beinahe
von der halben Körperlänge und die Fänge so stark, daß sie sich wie eine
Zecke einbeißen konnten.

Am 14., an dem Tage, an welchem Blockley nach Schescheke gehen und ich
nach Süden reisen wollte, kamen Masupia-Schiffer von der genannten Stadt
und riethen meinen Bootsleuten sowie den Bewohnern von Impalera ab,
Blockley nach Schescheke zu bringen, da der König sein Herz gegen
Dschorosiana Umutunja verschlossen habe.

Am 15. setzte ich über den Tschobe und hatte das dreifache an Fährgeld
zu bezahlen, um das Marutse-Reich verlassen zu dürfen. Da ich um keinen
Preis im sumpfigen Tschobe-Thale übernachten wollte, sandte ich meine
Diener mit einem Theile des Gepäcks sofort nach dem Leschumo-Thale ab,
wo Blockley zwei leere Wagen stehen hatte, um mich in diesen bis zu
Westbeech's Ankunft einzulogiren. Ob meiner Schwäche jedoch konnte ich
nicht sofort folgen, und als sich endlich einige Masupia's von Impalera
einfanden, um mich und den Rest meines Gepäckes nach dem genannten Orte
zu tragen, brach ein Gewitter über das Thal herein, welches mich die
Nacht in der elenden Grashütte zuzubringen nöthigte, in welcher der
wenige Tage zuvor in Panda ma Tenka verstorbene Bauren zuerst erkrankt
war. Wir machten uns gegen Mittag des nächsten Tages wieder auf den
Leidensweg und erreichten das nur drei Stunden entfernte Leschumo-Thal
erst nach zwölf für mich qualvollen Stunden. Ich mußte von hundert zu
hundert Schritte stets einige Minuten innehalten, dabei triefte der
Körper dennoch von Schweiß. Die Anstrengungen dieses Marsches zwangen
mich am nächsten Tage zur vollsten Ruhe.

Am 17. fühlte ich mich etwas leidlicher, doch wurde meine Absicht, in
der nächsten Nähe des Wagens zu botanisiren, durch ein heftiges, den
ganzen Tag hindurch währendes Gewitter vereitelt. Ich hatte schon
während der letzten drei Tage auf Westbeech's Ankunft gehofft, sein
Nichterscheinen vermehrte meine Aufregung, da mein kleiner, auf drei
Tage berechneter Vorrath an Salz, Zucker und Thee zu Ende war. Zu meiner
freudigen Ueberraschung kehrte der Diener Elephant von einem Gange durch
den Wald mit reichlichem Honig zurück. Meine Hände und meine Stirne
waren seit der am Tschobe-Ufer zugebrachten Nacht von besonders bissigen
Mosquito's zerstochen worden und jede dieser kleinen Verwundungen hatte
sich zu einer Eiterpustel verwandelt, deren Spuren ich noch monatelang
trug. In all' diesem Ungemach freute mich die erlangte Ueberzeugung, daß
ich zuverlässige und arbeitsame Diener besaß. Ich bedauerte nur, daß ich
sie nicht dazu bewegen konnte, sich meines Hinterladers zu bedienen und
etwas Wild für mich zu schießen, sie verstanden es nicht und fürchteten
sich zugleich, von demselben Gebrauch zu machen. Mit ihren Assagaien war
es ihnen nicht möglich, das Wild in dem sandigen Walde, durch den sich
das Leschumo-Thal schlängelt, zu erlegen, denn dieses Wild bestand
meistens in flüchtigen Gazellen, Büffeln, Nashorn und Elephanten. Zwei
Nächte zuvor hatte eine größere Elephantenheerde das Thal einige
Schritte unterhalb der Wägen gekreuzt.

Am 19. ließ ich mich in der nächsten Umgebung des Wagens herumführen und
sammelte mit Hilfe meiner Diener Pflanzen und Insecten. Meine letzten
zwei Bücher, welche ich aus dem Schiffbruche meiner Habe gerettet hatte,
wurden nun als Pflanzenpressen benützt. Da sie nur Octavformat hatten,
sah ich mich genöthigt, die Pflanzen zu zerlegen, um sie später wieder
zusammen zu setzen. Ich widmete den Kindern Flora's ein eigenes
Tagebuch, in welchem ich von den meisten gesammelten Pflanzen nebst
anderen Notizen, die Namen, die sie von den Masupia-Dienern oder den
Manansa- und Matonga-Gehilfen erhielten, verzeichnete. Pflanzen und
Pflanzentheile, die ich nicht pressen oder trocknen konnte, wurden
abgezeichnet (dies gilt besonders von Schwämmen und Pilzen, an denen das
Leschumo-Thal sehr reich war) und die Skizzen während der schlaflosen
Nächte weiter ausgeführt. Die Insecten wurden in eine mir von Westbeech
geschenkte weithalsige, mit einigen Papierstreifen gefüllte
Picklesflasche gethan und diese mehrmals in das kochende Wasser in
meinem Kaffeekessel eingetaucht, wodurch die Thiere getödtet wurden.

Die häufigsten unter den im Leschumo-Thale erworbenen Insecten waren
Käfer, Heuschrecken und Wanzen, besonders fielen mir die artenreichen
Lepidoptera auf, die ich zweimal zu sammeln versuchte. Leider mißglückte
dieses Bestreben, eine Ratte, welche im Wagen zwischen den
Gepäcksstücken hinreichende Schlupfwinkel gefunden haben mußte,
zerstörte die angelegten Sammlungen, und ich fand jedesmal die
Schmetterlinge bis auf die Stecknadeln aufgezehrt. Unter den Käfern
waren die häufigsten Laufkäfer (^Cicindela^, ^Mantichora granulata^,
^Carabus^) Scarabaniden, Blattkäfer, Rüsselkäfer und Klopfkäfer
(^Psammodes^). Die letztere Gattung findet man in zahllosen Varietäten,
und fielen sie selbst den für solche Thiere unempfänglichen
holländischen Farmern auf. Sie besitzen einen dicken, walzen- und
herzförmigen Hinterleib, welchen sie heben, um mit ihm in Zwischenräumen
von drei bis zehn Secunden einen leisen Schlag gegen die Erde oder den
Zimmerboden, auf dem sie sich zufällig befinden, auszuführen. Sie
»klopfen«, wie die Holländer meinen und rufen einer den andern heran.
Viel Vergnügen machte mir im Leschumo-Thale die Beobachtung der
^Mantichorae^ und ^Anthiae thoracicae^; diese leben paarweise in selbst
aufgescharrten, bis einen Fuß tiefen oder in verlassenen Erdlöchern. Die
selbst aufgescharrten sind höchstens 2½ Centimeter hoch, dagegen vier
bis sechs Centimeter breit, und es wunderte mich oft, wie die Thiere
diese Gänge im losen Sande graben konnten. Die Thierchen waren den
ganzen Tag auf den Beinchen, sie unterscheiden sich von anderen großen
Carabiden in ihrer Bewegung namentlich dadurch, daß sie sehr oft stille
und auf ihren hohen Beinen ziemlich hoch stehen, man mochte sagen,
förmlich Rundschau halten. Den Holländern sind sie durch eine
Eigenschaft, welche sich dem Neuling, wie es auch mir einige Jahre zuvor
geschah, schmerzlich fühlbar macht, aufgefallen. Trachtet man, diesen
Käfer zu fangen, und ist man im Begriffe, denselben, mit dem Hinterleibe
nach sich gekehrt, in die Sammelflasche unterzubringen, so spritzt das
Thier eine Ladung ätzenden Saftes aus, welcher, da man beim Fange der
Insecten meist gebeugt ist, in der Regel das Gesicht und oft die Augen
trifft.

Da ich mich am 6. etwas besser fühlte und ein von der Jagd
zurückkehrender Diener Westbeechs, »Diamond«, mit einigen Manansa bei
den Wägen eingekehrt war, so unternahm ich, auf einen Diener gestützt
einen kleinen auf sechs englische Meilen sich erstreckenden Ausflug. Es
war mir namentlich darum zu thun, Vogelbälge zu erbeuten, da ich jedoch
den Thieren weder nachlaufen noch sie beschleichen konnte, erbeutete ich
nur einen gabelschwänzigen schwarzen Würger; um so reicher war die
Ausbeute an Pflanzen und Insecten. Im Ganzen hatte mir mein Aufenthalt
im Leschumo-Thale gegen dreitausend der ersteren und etwas über
fünfhundert der letzteren eingetragen. Auf dem eben genannten Ausfluge
stieß ich auf Eisenschmelzöfen, sie waren bis zu einem Meter breit, zwei
Meter lang, niedrig und aus gebrannten Miniaturbacksteinen ausgeführt,
und mochten wohl vor vierzig bis sechzig Jahren von einem der den
Marutse unterthänigen Völkern gebaut worden sein, die vor der Gründung
des Räuberstaates der Zulu-Matabele am südlichen Zambesi-Ufer wohnten.

Am 21. kamen Masupia von Impalera und brachten Korn, welches sie mir zum
Kaufe anboten. Nachmittags kehrte der Jäger Diamond von einem
Jagdausfluge heim; seine Diener trugen das Fleisch einer Büffelkuh, die
er am Morgen erlegt hatte. Auch er klagte über die Unarten der
Büffelstiere, welche namentlich im Sommer in Folge der dichtbelaubten
Gebüsche des Waldes schwierig zu jagen sind. Der Genuß des
Büffelfleisches verschlechterte meine Krankheit, da meine Verdauung
durch die lange Entbehrung jeder Fleischnahrung sehr geschwächt war. Um
so größer war die Freude der Diener über die erwünschte Abwechslung im
täglichen Menu. Diamond erzählte mir bei dieser Gelegenheit die
Jagdabenteuer Pit's (meines früheren Dieners). Derselbe hatte vor
einiger Zeit zwei Rhinocerosse erlegt und kehrte nach diesem glücklichen
Jagdereignisse zu seinen Genossen (er war mit einer Truppe von
Westbeech's Leuten ausgezogen) zurück, um Träger zu holen; als er jedoch
zehn Stunden später wieder an Ort und Stelle anlangte, fand er nichts
als Knochen vor. Zufällig im Walde streifende Madenassana hatten die
erlegten Thiere aufgefunden, und nachdem sie ein herrliches Mahl
gehalten, die besten Stücke mitgenommen, während der Rest von Hyänen und
Schakalen verzehrt worden war.

Meine Hoffnung, daß das höher liegende Thal des Leschumo-Flüßchens sich
gesünder erweisen werde als das Tschobe-Thal, war eine trügerische.
Stundenlang war dasselbe am Morgen von dichtem Nebel erfüllt, die
Ausdünstung an manchen Tagen, namentlich nach heftigem Regen, höchst
unangenehm; am unwohlsten fühlte ich mich in den frühen Morgenstunden,
gegen Mittag besserte sich wohl mein Befinden, doch zitterte ich unter
dem Einflusse auch des unbedeutendsten Windhauches, so daß ich auch an
den heißesten Tagen in den Monaten Jänner, Februar und März nur mit
einem schweren Mentschikoff und einem zweiten Ueberrock angethan, meinem
Sammeleifer gerecht werden konnte.

Am 23. fand sich eine Truppe von Marutse-Männern bei mir ein, die zu
meiner Verwunderung vom Süden kamen. Es war Moja, ein Häuptling und
Bruder des Kommandanten Kapella, der von Sepopo ein Jahr zuvor zum Tode
verurtheilt wurde, mit seinen Leuten. Sepopo fand nämlich eines Morgens
eine Flüssigkeit vor seiner Thüre ausgegossen; er sah dies als Zauberei
an und die Feinde Moja's beschuldigten diesen der That. Da sich der
König zufällig um diese Zeit unwohl fühlte, war er von der Schuld Moja's
überzeugt, und so wurde auch dieser verurtheilt; allein Moja zog es vor,
sich durch Flucht dem Giftbecher und dem Feuertode zu entziehen, und
flüchtete nach Süden zum Könige der östlichen Bamangwato nach
Schoschong. Dieser nahm ihn freundlich auf und begriff auch wohl des
armen Mannes Heimweh; da er annahm, daß Sepopo ihm eher glauben würde,
sandte er Moja mit einem eigenhändigen Begleitschreiben, in welchem die
Unschuld des Marutse-Häuptlings nachgewiesen war, zurück. Ich zweifelte
daran, daß Sepopo Moja verzeihen würde, und rieth ihm ab, heimzukehren,
doch dieser konnte der Sehnsucht nicht widerstehen, seine Frauen, Kinder
und seine Heimat wiederzusehen.

Am 24. sandte ich zwei meiner Diener nach dem Zambesi, um die am
jenseitigen Ufer wohnenden Masupia's herüber rufen zu lassen und diese
zu bewegen, womöglich Manza, einen Ziegenbock und Kafirkorn nach
Leschumo-Thale zu bringen; leider verfehlten die Ausgesandten den Weg
und ich sah mich gezwungen, am folgenden Tage zwei andere Diener senden.
In den nächsten Tagen kamen Masupia's von Impalera mit Korn, wobei es
mir gelang, einige interessante ethnographische Objecte und einen
riesigen Stoßzahn eines Nilpferdes zu erwerben.

Am Abend des 24. beobachtete ich eine äußerst interessante Erscheinung
am Himmel. Die Sonne war eben im Untergange begriffen, über ihr und im
Süden je ein schmaler Streifen des blauen Firmamentes sichtbar, während
am östlichen Horizont ein Gewitter zog, aus dem zahlreiche Blitze
niederfuhren. Als eben nur noch ein Segment der Sonne sichtbar war,
erschien auf der gegenüberliegenden Stelle etwa fünfundvierzig Grad über
dem östlichen Horizont eine feurige Röthe, welche die obere Hälfte eines
Regenbogens zu decken schien, so daß nur sein nördlicher Schenkel in
Ostnordost, der südliche in Südost zu sehen war. Mit dem vollständigen
Untergang der Sonne erblaßte diese Röthe und verschwand dreißig Secunden
später, während nun der ganze Regenbogen sichtbar wurde, wobei sich das
Roth desselben intensiver zu färben begann, bis endlich ein sehr
intensives und prachtvolles Carmin die anderen Regenbogenfarben im
Zeitraume von einer Minute vollkommen deckte. Drei Minuten später
erblaßte das Roth, um aber nach wenigen Secunden wieder am östlichen
Horizont bis zu einer Höhe von etwa zehn Grad über demselben, von den
schweren Regenwolken im Hintergrunde sich deutlich abhebend, zwischen
den Regenbogenschenkeln zu erscheinen. Nach circa vier Minuten erblaßte
die Röthe und die Regenbogenschenkel und eine halbe Stunde später hatte
sich das Dunkel der Nacht über das Leschumo-Thal gelagert.

Am 25. erkrankten zwei meiner und einige der Diener Diamond's an
Kehlkopfkatarrh; eine verabreichte Dosis Brechmittel hatte sofortige
Besserung zur Folge. Die äußerst ungünstige Witterung hatte auch in
meinem Zustande wiederholte Rückfälle zur Folge, deren Heftigkeit ich
wohl bald mildern konnte, welche aber stets ein Schwächegefühl
zurückließen, das mich völlig arbeitsunfähig machte.

Wenige Tage darauf erkrankten zwei Diener Diamond's an Typhus. In diese
trüben Tage brachte die Jagd einige Abwechslung; auf einer solchen war
es dem bereits erwähnten Basuto April gelungen, einen feisten
Büffelstier zu erlegen, dessen Fleisch ins Lager geschleppt wurde. Die
folgende Nacht gab es nun ein förmliches Fest, es wurde gesungen und
getanzt und selbst die kranken Schwarzen sogen gierig an den
halbgerösteten Fleischstücken, nachdem sie selbe nicht zu schlucken
vermochten.

Am 2. Februar kehrte Diamond von einem zweitägigen Ausfluge an den
Zambesi zurück; er war in den dichten Waldpartien, die sich zum unteren
Laufe des Leschumo-Flüßchens erstrecken, auf eine Elephantentruppe
gestoßen und unter sie gerathen, was ihn so einschüchterte, daß er auch
nicht einen Schuß auf dieselben abzufeuern wagte.

Aus Impalera kam mir die Nachricht zu, daß ein Theil von Westbeech's
Elfenbein dahingeschafft worden war, und so konnte ich hoffen, daß
Westbeech bald im Leschumo-Thale eintreffen werde. Mir war dies um so
erwünschter, da ich mich unmöglich länger mit der dürftigen
Kafirkornkost fortbringen konnte. Am 7. kam ein Trupp von etwa dreißig
Marutse an, welche als Häscher von Sepopo ausgesendet waren, um -- zu
meinem grenzenlosen Erstaunen -- Moja und Kapella einzufangen; ich
vernahm auch, daß die Mehrzahl der in Schescheke und im Masupia-Lande
wohnenden Häuptlinge, die den großen Rath bildeten, die vom Könige wegen
Hochverrathes etc. Beschuldigten schuldlos sprachen, und sich den
häufigen Hinrichtungen widersetzten. Sepopo wollte sich mit einem
Schlage dieser Männer entledigen und verurtheilte zwölf der
bedeutendsten Häuptlinge zum Tode, darunter Inkambella, Marancian, auch
Kapella und Moja. Moja war erst wenige Tage zuvor, wie schon erwähnt,
mit einem Briefe Khama's in Schescheke angelangt; wie mir Westbeech
später mittheilte, gab es bei der Ankunft Moja's einen förmlichen
Aufruhr in Schescheke; es war noch nie geschehen, daß ein zum Tode
Verurtheilter nach Schescheke zurückgekehrt war. Westbeech, der gerade
in seinem Höfchen beschäftigt war, wurde plötzlich in aller Hast zum
Könige entboten, er fand den Hofraum Sepopo's mit Leuten überfüllt. Der
König reichte ihm aber sofort einen Brief, der in der Setschuana-Sprache
geschrieben und von Khama, dem Könige der östlichen Bamangwato's
unterzeichnet war. Westbeech wurde ersucht, den Inhalt mitzutheilen,
Sepopo fühlte sich durch denselben sehr geschmeichelt, ließ sofort von
Westbeech einen Brief an Khama schreiben, daß er ihm zu Liebe Moja
pardonnire, doch am selben Abend noch gab er Maschoku den Befehl, am
folgenden Morgen jene zwölf, darunter auch Moja und Kapella
hinzurichten; Maschoku aber, der sich fürchtete, so viele der
einflußreichsten Männer zu tödten, erschien in der Nacht an der Hütte
Kapella's und warnte ihn. »Kapella, Du bist verurtheilt, morgen zu
sterben!« Kapella wußte genug, weckte seine beiden Frauen und einen in
der Hütte nebenan schlafenden Bruder Moja's, sowie drei seiner
zuverlässigsten Diener und seinen jüngsten Knaben und machte sich sofort
auf den Weg. Am Flußufer suchte er Westbeech auf und berichtete diesem
den Vorfall. Westbeech, der immer in solchen Fällen ein gutes Herz
offenbarte, versorgte ihn mit Schießbedarf und anderen Reise-Utensilien.

Kapella nahm zu den zwei nächsten Kähnen seine Zuflucht und rasch
glitten die Flüchtlinge stromabwärts im Dunkel der Nacht dahin. Nach
Mitternacht waren sie schon circa zwanzig Meilen von Schescheke
entfernt, hier ließen sie die Boote flußabwärts treiben und schlugen
sich in die schilfigen Moore am Südufer des Zambesi, um die
Niederlassung der Masupia's zu erreichen, welche oberhalb Impalera
am Tschobe gelegen, unter der Gerechtsame des Bruders des
Masupia-Häuptlings Makumba, eines sehr warmen Anhängers Sepopo's stand.
Hier hofften sie so zeitlich anzukommen, daß sie sich noch vor dem
Erwachen der Masupia's einiger ihrer Boote zur Ueberfahrt über den
Tschobe bedienen konnten. Der Gang in den Pfaden, dem hohen Schilf
entlang, war im Dunkel der Nacht aus sehr vielen Gründen ein äußerst
gefahrvoller und Kapella hätte ihn nie gewagt, wenn es nicht um sein
eigenes und das Leben der Seinen gegangen wäre. Alles ging nach Wunsch
und die Flüchtlinge langten kurze Zeit nach Tagesanbruch bei der
genannten Niederlassung an. Trotzdem waren schon zwei der Masupia's bei
den Booten beschäftigt; bei dem plötzlichen Erscheinen der bewaffneten
Gruppe, in welchen sie wohl Flüchtlinge aus Schescheke ahnen mochten,
ergriffen die Männer die Flucht, um im Dorfe Lärm zu schlagen,
versenkten jedoch, bevor man es ihnen wehren konnte, die beiden Boote.
Die Flüchtlinge machten sich sofort an die Arbeit, die kleinen Kähne aus
der seichten Bucht an's Land zu ziehen, sie vom Wasser zu entleeren, und
dann so rasch als möglich über den Tschobe zu setzen, was ihnen auch
gelang.

Obgleich die beiden Männer ihren Häuptling davon benachrichtigten und
Kapella's Namen nannten, fand es dieser, da er den Commandanten als
einen guten Schützen kannte und sich auch nicht zum Häscher hergeben
wollte, für angezeigt, die Sache erst morgen zu überlegen; seinen Leuten
gegenüber meinte er, daß man das Ganze wohl erwägen müsse, es wurden die
Aeltesten des Dorfes zusammengerufen und ihnen die Sache
auseinandergelegt. Unterdessen waren viele Stunden verflossen, so daß
die Flüchtlinge einen bedeutenden Vorsprung erreicht hatten, als die
Verfolger, jene erwähnten Marutse, im Leschumo-Thale erschienen, um nach
Kapella und den Seinen zu fahnden. Diese Truppe zog erst in der Nacht
auf den 8. wieder ab, sie hatten von ihrem Hauptquartier im
Leschumo-Thale aus den Wald ringsum durchsucht.

[Illustration: Wana Wena, der neue König der Marutse.]

Westbeechs dunkler Jäger Diamond, der abermals am 6. ausgegangen war,
kehrte am folgenden Tage schwerbeladen heim, d. h. seine Diener keuchten
unter den Rumpfstücken eines Büffelstieres. Nahe an der Stelle wo er ihn
erlegt, ließ er sich von seinen Dienern eine Grashütte errichten, um
darin zu übernachten. In der Nacht hörte er nun, daß Raubthiere sich um
das Fleisch zu zerren schienen; der alte Diamond war indeß durch
häufigen Branntweingenuß nicht mehr der Elephantenjäger früherer Tage
und so hielt er sich sicherer in der Hütte. Morgens fand er, daß sich
drei Löwen an den Eingeweiden des Thieres gütlich gethan hatten.

In der Nacht auf den 11. kam plötzlich Diamond an den Wagen und
berichtete, daß zwei Marutse-Männer mit dem Auftrage angekommen wären,
Kapella und Moja einzufangen und sie zu tödten, falls sie in unserem
Lager sich versteckt halten sollten. Diese Mittheilung brachte mich
derart in Aufregung, daß ich den beiden Marutse durch Diamond befehlen
ließ, sich sofort zu entfernen. Zu spät erfuhr ich leider den Irrthum
Diamonds, welcher der Sirotsesprache nicht besonders mächtig war. Wie
hätte ich es auch ahnen können, da ich die Leute nicht sah, daß mir
Diamond gerade das Gegentheil von dem berichte, was ihm die Leute
mitgetheilt hatten. Statt Sepopo's Häscher zu sein, waren es Kapella's
Diener, welche von ihrem Herrn abgesandt waren, um Fleisch von mir zu
erbitten.

Der 12. war ein geräuschvoller Tag für das Leschumo-Thal. Vor- und
Nachmittag kamen mehrere Masupia-Trupps von Impalera mit Elfenbein und
ein Diener Westbeechs mit dem Auftrage von Letzterem, nach Panda ma
Tenka zu gehen und Zugthiere für die beiden Wägen zu holen. In der Nacht
auf den 14. schlief ich etwas besser und hoffte deshalb etwas zeitlicher
aufstehen zu können. Nachdem mich mein Diener Narri nothdürftig
angekleidet, setzte ich mich auf den Bock, um die frische, wenn auch
ungesunde Morgenluft einzuathmen. Der Gedanke, daß mich Westbeech bald
erlösen werde, hatte meine Lebensgeister etwas aufgefrischt. Narri, der
eben mit dem Kochen des Kafirkornkaffee's beschäftigt war, trat heran,
und machte mich auf den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam, welche aus
ziemlicher Entfernung thalabwärts hörbar wurden. Ich rief die Diener
herbei, ließ sie lauschen und sie erkannten singende Masupia's, welche
von Impalera mit Westbeechs Elfenbein beladen sich uns näherten. Die
drei anderen Diener waren schon wieder zum Feuer zurückgetreten, nur
Narri stand noch bei mir, als sich plötzlich etwa dreißig Schritte vor
uns eine dunkle Mannesgestalt, ein unbewaffneter Schwarzer erhob und auf
mich zusprang. »Irre ich mich, trügt mich das geschwächte Gesicht? Ist
es möglich? Doch nein, ich täusche mich. Wie käme mein Freund Kapella,
der Commandant des Marutse-Heeres, in diesem Zustande hieher? Doch ja,
es ist Kapella, nicht mehr der Führer der Marutse-Schaaren, sondern der
Flüchtling.« Ich wollte vom Wagen herabspringen und seine Hände fassen,
doch ich hatte nicht die Kraft dazu. Inzwischen hatte er mich erreicht
und am Arme ergriffen. »Intate (Freund), ich bin hungrig, stehe mir bei,
drüben im Gehölze hungert meine Frau und meine Kinder,« dann unterbrach
er sich plötzlich und horchte auf den Gesang der herannahenden
Masupia's, welche jeden Augenblick an der nächsten Waldesecke erscheinen
mußten. Die gutmüthigen Züge verzerrten sich in diesem Momente zur
Unkenntlichkeit, Todesangst sprach aus ihnen. Ich weiß nicht, ob die
Aufregung in dem Momente es ermöglichte, oder das Mitgefühl der Angst
mich so stark machte, ich ergriff einen etwa zwei Eimer Korn
enthaltenden Sack, der hinter mir im Wagen lag und warf ihn dem Manne in
die Arme. Kapella winkte mir mit der Hand, beugte sich nieder und
schlich, von den Masupia's ungesehen, durch das hohe Gras nach dem nahen
Walde.

Am 15. zog das schwerste Gewitter, das ich bisher in Afrika beobachtet,
über das Leschumo-Thal dahin, es kam so plötzlich, daß meine Diener
rasch Sand und Erde auf die Feuer werfen mußten, um die Grashütten vor
Brand zu schützen. Der darauf folgende, noch immer vom Sturmwind
begleitete Regenschauer drang durch die Wagendecke, so daß ich mit
meinen Decken und Reserve-Kleidungstücken die Sammlungen vor einer
abermaligen Beschädigung schützen mußte. Das Wagendach schwankte hin und
her und die Gewalt des Orkans schüttelte den Wagen, als wäre dieses
formidable afrikanische Transportgebäude ein Spielzeug gewesen. Die eine
der Grashütten war durch den Orkan umgeworfen, und die andere, in
welcher sich die Diener geborgen, eingedrückt worden. Dank dem leichten
Materiale desselben hatte ihnen dieser Unfall nicht viel Leid zugefügt.
Gegen Abend mußten sich die Diener wieder daran machen, zwei neue Hütten
zu errichten, eine für sich und eine für mein Gepäck, da ich den Wagen
für Westbeechs Elfenbein frei machen mußte.

Am 16. langte Westbeech im Leschumo-Thale an. Er beklagte sich über die
ihm von Sepopo nach meiner Abreise widerfahrene Behandlung und entschloß
sich, nicht mehr nach Schescheke zu gehen, sondern die Waaren nur in's
Tschobethal zu bringen und sie hier auszutauschen. Er gab mir die
gewünschten Aufschlüsse über die letzten Vorgänge in Schescheke und
theilte mir mit, daß die Idee eines Aufstandes und der Vertreibung des
Königs bei den Marutse-Mabunda-Häuptlingen immer mehr festen Fuß gefaßt
hätte; dazu kam noch folgender Umstand, der dem Könige in den Augen der
Untergebenen sehr schadete. Als er nämlich am Tage nach der Flucht
Kapella's die Nachricht davon erhielt, gerieth er so in Zorn, daß er,
wie in der Regel, mit dem Kiri auf seine Umgebung losschlug, dann aber
rief er laut, daß er ein Zaubermittel bereiten wolle, welches
unwiderruflich die Flüchtlinge zurückbringen werde, dasselbe müsse auf
sie derartig einwirken, daß sie die Sinne verlieren und in diesem
Zustande nach Schescheke zurückkehren müßten, um sich von Maschoku
tödten zu lassen. Er ließ einen Ochsen schlachten und sich den Talg vom
Herzen überbringen, dann wurden etwa drei Fuß lange Stäbchen
herbeigeschafft und dieselben einen Fuß tief vor der Hüttenthüre der
Entflohenen in den Boden eingeladen. Diese Stäbchen wurden darauf an
ihrem oberen Ende etwas gespalten und ein Stückchen Talg aufgelegt. Es
war das erste Mal, daß sich Sepopo so offen vor seinem Volke über seine
Zaubermittel und deren Wirkung aussprach, so daß sich nun auch zum
ersten Male die Bewohner von Schescheke von diesem Humbug zu überzeugen
Gelegenheit hatten.

Die Portugiesen waren von Sepopo noch immer nicht für ihre Waaren
bezahlt worden, er vertröstete sie von Woche zu Woche. Auch berichtete
mir Westbeech, daß der Dolmetsch Sepopo's, Jan Mahura, und sein Bruder
am nächsten Tage im Leschumo-Thal eintreffen würden, da sie ihres Lebens
nicht mehr sicher waren, und der erstere von dem Könige für seine
fünfjährigen Dolmetscherdienste eben seinen Lohn erhalten hatte.
Westbeech war gezwungen, noch Güter in Schescheke zurückzulassen, auch
sollte sein Koch Fabi, ein Halbcast aus der Colonie, nicht mit nach dem
Süden ziehen, weil die ihm vom Könige geschenkte Frau, Asserat,
mitzugehen sich weigerte.

Am 17., als bereits das gesammte Elfenbein (11080 Pfund) von Schescheke
nach dem Leschumo-Thal gebracht worden war, erkrankte mein Diener
Elephant an einer Entzündung des Schleimbeutels unter dem Knie, einem
Uebel, welches unter den Masupia's und Matonga's häufig angetroffen,
Tschi Kana Mirumbe genannt, und mit warmen aus Bohnenmehl bereiteten
Umschlägen geheilt wird.

Als am 19. Masupia-Männer vom Zambesi und Tschobe Korn, Mais und
Kürbisse zum Verkaufe brachten, boten sie den erhaltenen Kaufpreis dem
Bruder des Jan Mahura an, welcher ihnen dafür Elephanten-Medicin, d. h.
eine solche, die sie in den Stand setzen sollte, Elephanten ohne
Schwierigkeit zu tödten, verabreichen mußte. Jan Mahura machte ihnen zu
diesem Behufe an den Armen und den Schenkeln seichte und lange
Längseinschnitte und rieb ihnen in dieselbe ein schwärzliches Pulver
ein, welches die gewünschte Wirkung äußern sollte.

In der Nacht vom 19. auf den 20. waren die Wagen gepackt, nach
Mitternacht trafen die Zugthiere ein und wir verließen das
Leschumo-Thal, um weiter nach Panda ma Tenka zu ziehen.



                                 XIV.
              Durch das Makalaka- und Westmatabele-Land.


Aufbruch nach Süden. -- Vlakvark's. -- Lager an den
Klamaklenjana-Quellen. -- Der Händler Z. -- Die Weiher von Tamasanka. --
Die Sibanani-Lichtung. -- Reiches Thierleben. -- Die Mambaschlange. --
Ein böses Gewissen. -- Menon, der Chef der westlichen Makalaka. -- Ein
Spion. -- Menon hält über Z. Gericht. -- Langfingerigkeit und
Unreinlichkeit der Makalaka. -- Morulabäume. -- Z. in Lebensgefahr. --
Die Ruinen von Rocky-Schascha. -- Pittoreske Landschaftscenerie am
Rhamakobanflusse. -- Tati. -- Goldgräber. -- Die Familie Lotriet. --
Matabele-Vorposten. -- Geschichte des Matabele-Reiches. -- Afrika als
Löwenjäger. -- La Bengula's Schwester. -- Der Leopard im Schlafzimmer
Pit Jacob's.

[Illustration: Ruinen von Rocky-Schascha.]

Südostwärts reisend, gelangten wir noch am selben Tage bis zu
Schneemann's Weiher, wo wir bis zum Abend verblieben. Die Reise durch
den Wald, zeitig am Morgen war insoferne angenehm, als der Wald förmlich
vom Dufte der schönen weißen, fünfblättrigen Blüthen des
Mopondostrauches erfüllt war. Abends brachen wir wieder auf und fuhren
die Nacht hindurch, bis wir zu Mittag des nächsten Tages am Rande der
Gaschuma-Ebene anlangten; hier mußten wir rasten, da die Regengüsse der
letzten Tage die Wiesenlichtungen in Sümpfe verwandelt hatten. Das Gras
auf den Ebenen war stellenweise sechs bis sieben Fuß hoch und wurde von
den Eingebornen Matimbe genannt. Des hohen Grases wegen sahen wir auch
sehr wenig Wild. Während unseres Aufenthaltes an der oberwähnten Stelle
kamen sechs Marutse von Schescheke, die uns nachgegangen waren, und
brachten meine Büffelhörner, die Westbeech in Schescheke mitzunehmen
vergessen, sowie einen fünfundzwanzig Pfund schweren Elephantenzahn mit.
Die Leute folgten dem Wagen bis Panda ma Tenka unter dem Vorwande,
Zündhölzchen für Sepopo zu erstehen, eigentlich aber in der Absicht,
sich zu überzeugen, ob sich Kapella, der Flüchtling, unserem Wagen
anschließen würde. Kapella, dem ich nach jenem schon erwähnten
denkwürdigen Morgen des 14. Jänner täglich theils aus meinem, theils aus
Westbeechs Kornproviant versorgte, hatte bei der Ankunft des
Elfenbeinhändlers von Schescheke den Leschumo-Wald verlassen, und war
bis zu den Gewässern der Gaschuma-Ebene vorausgegangen. Hier trafen wir
ihn mit den Seinen und mit Moja, und unter den Dienern des Flüchtlings
erkannte ich einen, der sich während meiner letzten Fahrt von Schescheke
nach Impalera durch sein unverschämtes Auftreten hervorgethan hatte. Da
die ganze Gesellschaft seit dem Verlassen des Leschumo-Thales kein Wild
erlegt hatte, war die Ueberraschung, die uns Bradshaw von Panda ma Tenka
aus durch das Zusenden eines Ziegenbockes bereitete, recht erfreulich.

In der folgenden Nacht verließen wir das Tsetsegebiet und gelangten,
nachdem wir noch stundenlang mit dem schwer beladenen Wagen an einem der
vielen Zuflüsse des Panda ma Tenka-Flüßchens aufgehalten worden waren,
noch am selben Tage nach der gleichnamigen Niederlassung. Mein früherer
Diener Pit, sowie Bradshaw waren durch das Fieber förmlich zu Skeleten
abgemagert.

Am 23. theilte mir Westbeech die unangenehme Nachricht mit, daß seine
Zugthiere durch die Tsetse decimirt und er nicht im Stande sei, der bei
dem Verkaufe meiner Zugthiere eingegangene Verpflichtung, meinen Wagen
nach dem Süden zu bringen, nachzukommen, er ersuchte mich, mein Gepäck
auf einem der mit Elfenbein beladenen Wägen unterzubringen. Am 24. kam
der Elfenbeinhändler Saddler von Schoschong an, er berichtete von der
Strenge, mit welcher König Khama gegen die Einfuhr von Branntwein
auftrete und äußerte sich, daß die Leute in Schoschong sich sehr wundern
würden, mich zu sehen, da man mich nicht wieder im Süden erwartete.

Am 27. war ich endlich mit dem Packen meiner Sammlungen fertig geworden
und so benützte ich gleich den Nachmittag, um sie zu vermehren. Ich
erstand auch von Bradshaw eine Sammlung von 1300 Käfern für 20 £ St.,
dann für Elfenbein, zur Completirung der Sammlungen 40 Vogelbälge von
demselben und 63 von Walsh. Am Nachmittage des 28. verließen wir das
Thal, und obgleich mir Westbeech auch auf der Rückreise nach Schoschong
viele Gefälligkeiten erwies, so wurde mir das Reisen in einem fremden
Wagen unangenehm, da meinem Sammeleifer durch den Raummangel bald Halt
geboten war. Ich konnte an Orten nur Stunden verweilen, wo ich eine
Woche hindurch die lohnendste Arbeit gefunden hätte. Ich gewann dabei
die Ueberzeugung, daß Westmatabele allein Jahre lang einen Forscher
ununterbrochen beschäftigen könnte.

Als wir am 28. das Panda ma Tenka-Thal hinaufzogen, jagten unsere Hunde
zwei Exemplare der Vlakvark-Species auf. Es gab eine Hetzjagd, welche
zwanzig Minuten währte und wobei Schwarze und Weiße, die einen mit
Gewehren, die anderen mit Assagaien bewaffnet, dem Wilde nachjagten.
Obgleich das Vlakvark unter den Wildschweinen die drohendsten Hauer
besitzt, ist es doch unserem europäischen Wildschwein gegenüber eine
feige Creatur; es besitzt eine staunenswerth dünne Haut, sowie einen
weißen Backenbart im Gesichte. Die folgende Nacht hatte ich abermals
wenig Rast, denn in Folge der Fahrt über die steinigen Bodenerhebungen
zwischen dem Panda ma Tenka- und dem Dejkha-Flüßchen waren die gepackten
Sachen so hin- und hergeworfen worden, daß ich Alles neu ordnen mußte.
Auf der Fahrt des nächsten Tages, auf der letzten der großen
Graslichtungen, welche das sandige Lachenplateau vom Zambesi-Gebiete auf
der bereisten Strecke trennt, entdeckte ich, daß alle Wildpfade von
zahlreichen wilden Straußenheerden zum »Wechsel« benützt wurden. Wäre
ich in meinem Wagen gereist, so hätte ich mich für die nächsten
achtundvierzig Stunden in eines der nahen Gehölze gelagert, um diese
Thiere nach Herzenslust beobachten zu können.

Am 3. gelangten wir zu Henry's Pan, jeden Augenblick, den der Wagen
hielt, benützend, fand ich auf dieser, sowie auf der Gesammtstrecke bis
Schoschong hin so viel Sammelnswerthes, daß ich nur täglich bei der
Arbeit sowie während der Fahrt und in der Nacht bei dem Recapituliren
des Erlebten stets über den Zeitmangel und das rasche Reisen klagen
mußte. Am 3. beobachtete ich Giraffenspuren im Geleise vor uns, es
mochten wenigstens zwanzig Thiere gewesen sein, welche hier ihren Weg
genommen hatten. Am nächsten Tage erreichten wir die Lachen von
Tamasetse und erstaunten nicht wenig, einen Reiter uns entgegenkommen zu
sehen; wir erkannten in ihm den Compagnon des dem Leser schon bekannten
Elfenbeinhändlers Anderson. Dieser hatte sich zurückgezogen, während der
Erstere mit seinen Dienern hier und um Tamasetse herum Strauße jagte.
Dieser Mann, mir Namen Webster, theilte mir mit, daß er mit noch zwei
Weißen, Herrn Z. und Mayer, den ich dem Leser schon bei der Reise nach
Norden an der zweiten Klamaklenjana-Quelle vorgeführt, in der Nähe
lagere. Herr Z., ein früherer Händler, hatte diesmal aus einem ganz
besonderen Grunde diese Gegenden ausgesucht. Die zoologische
Gesellschaft in London hatte nämlich für ein Junges der weißen (grauen)
Rhinoceros-Art einen Preis von 500 £ St. loco Capstadt ausgeschrieben
und nach diesen gelüstete es dem ehemaligen Händler. Da dieser
Abenteurer sich womöglich geringe Auslagen bereiten wollte, hatte er
solche Tauschartikel mitgenommen, die im Innern Afrika's mit geringer
Mühe 500 Percent Reingewinn abwarfen. Im Maschona-Lande wäre es ihm am
ehesten gelungen, der gesuchten Species habhaft zu werden, doch eines
Vergehens wegen, dessen er sich bei einem früheren Besuche des Landes
schuldig gemacht, wagte er es nicht wieder, offen das Matabele-Land zu
betreten, um von dem Matabele-König den Durchzug nach dem Maschona-Lande
zu erbitten. Als er auf seiner Reise gegen den Zambesi nach Schoschong
kam, hatte der König Khama erfahren, daß er Brantwein am Wagen als
Tauschartikel führe und gebot ihm, sofort nach dem Süden zurückzukehren.
Z. wollte sein Ziel nicht so leichten Kaufes aufgeben, angesichts der
Haltung Khama's versprach er zu den am Limpopo weilenden
Damara-Emigranten zu gehen und hier das Feuerwasser abzusetzen, doch
dies war nur eine List. Er schlug die Richtung nach dem Limpopo, d. h.
nach Südsüdost ein, wandte sich jedoch bald nachher vom Wege ab, kehrte
in einem spitzen Winkel nach Norden zurück und verfolgte diese
eingeschlagene Richtung bis zur Höhe von Schoschong. Das bereiste Land
war hie und da bebuscht, was ihm wohl zu statten kam und als er diesen
Punkt erreicht, verbarg er hier seine Branntweinfässer und ging
denselben Weg zurück, bis er wieder nach Schoschong kam und dem Könige
seinen leeren Wagen zeigte. Dieser glaubte dem Manne, obgleich er sich
über die rasche Erledigung der ganzen Angelegenheit wunderte.

Z. schlug eine östliche Richtung ein, bis er das erwähnte Versteck
erreicht hatte, lud hier die verbotene Fracht wieder auf und zog nach
Westmatabele, um nun nach Nordwest, in das sandige Lachenplateau
einzubiegen; da er jedoch in Westmatabele den ihm begegnenden Zulu's den
Grund seines Besuches mitzutheilen gezwungen war, so nannte er sich
Capitän Y., der die Victoriafälle des Zambesi zu sehen wünsche, und
hiezu La Bengula um Erlaubniß bitte. Er suchte dies durch Boten, die er
nach Gubuluwajo zum Könige sandte, zu erreichen, durchzog dann
Westmatabele und das Makalaka-Land und gelangte nach dem sandigen
Lachenplateau, wo er mehrere Monate zubrachte, während welcher Zeit er
seine vier Pferde, die er der Jagd halber mitgenommen, verlor. Während
dieser Fahrten brachte er bis auf vier Flaschen Spiritus den ganzen
Inhalt seiner Fässer an den Mann. Inzwischen wurde Khama durch die
herumstreifenden Bamangwato's sowie die hie und da postirten Masarwa und
Madenassana das Thun des Z. berichtet, auch ließ er nachforschen und der
Branntweinschmuggel des Letzteren lag klar zu Tage. Auch Z. blieb dies
nicht unbekannt, und er fürchtete, daß ihm der Weg nach dem Süden
abgeschnitten sei, und in die Hände Khama's zu fallen, welcher ihm zur
Strafe das Gefährt wegnehmen könnte. La Bengula, den Zulu-König,
fürchtete er aber noch mehr. In dieser für ihn ziemlich peinlichen Lage
-- es war ihm indessen auch klar geworden, daß er ein weißes Nashornkalb
nicht erwerben könne -- konnte ihm die Ankunft unserer Truppe in
Tamasetse nur sehr willkommen sein.

Niemand begrüßte denn auch unsere Ankunft freudiger als Z. Wie hatte
sich der arme Mayer verändert? Das böse Fieber hatte ihn in wenigen
Wochen siech und so elend gemacht, daß ich ihn mit Noth wiedererkennen
konnte. Z. fragte mich um Rath für seine fieberkranken Diener. Ich
erwiderte, daß ich selbst am Fieber krank, nicht einen Gran von den
nöthigen Medicamenten besitze. Das letzte was ich von Bradshaw gekauft,
hatte ich Pit, dem einen Wagentreiber und Sohn Jan Mahura's gereicht.
Doch rieth ich Z. an, um den Dienern das lästige Gefühl der Müdigkeit in
den Schenkeln zu beheben, Branntwein in die Muskulatur derselben
einreiben zu lassen. »Ich habe keinen Branntwein mehr, doch es sind noch
vier Flaschen mit Spiritus im Wagen, ich werde diese verwenden.« Doch Z.
hatte mit dem Samaritanerwerk keine Eile, er mischte den Inhalt der vier
Flaschen mit Wasser und verkaufte den so gebrauten Branntwein an die
Mitreisenden für 33 £ St., und als mein armer Freund von dem furchtbaren
Genusse umnachtet, nicht mehr seiner Herr war, verkaufte er ihm Wagen
und Ochsen, um sie nicht an König Khama zu verlieren. Ich will die
unangenehmen Auftritte übergehen, die sich damals während des
Aufenthaltes an den Tamasetse-Lachen vor mir entrollten. Z. ging nun
nach dem Süden als Gast meines Freundes und in dem tröstlichen
Bewußtsein, wenn auch keinen Preis gewonnen, so doch keinen erheblichen
Verlust erlitten zu haben.

Am 7. verließen wir Tamasetse und zogen über die Wässer von Tamafopa und
Yoruah nach den nördlichsten der Klamaklenjana-Quellen, von welchem sich
ein Geleise nach Südost nach dem Makalaka-Lande abzweigt. Hatte ich
während unseres Aufenthaltes auf Tamasetse über das Unheil zu klagen,
das Z. mit seinem Brantwein angerichtet, so war dies auf der Weiterreise
nur noch mehr der Fall. Westbeechs Wagenlenker (an dem Wagen, in dem ich
fuhr) war und blieb betrunken, was zur Folge hatte, daß das Gefährt
mehrmals daran war, umzuschlagen, zuweilen sah ich mich gezwungen,
selbst die Peitsche in die Hand zu nehmen, was meinen Zustand wieder
verschlimmerte.

Am 8. gelangten wir zu dem Yoruah-Weiher. Da Bradshaw hier einen
Rückfall erlitt, auch zwei andere Wagenlenker, namentlich Diamond, krank
wurden, blieben wir hier 1½ Tage, die ich so gut es anging zur
Vermehrung meiner Bälgesammlung benützte. Z. erkrankte an Dysenterie,
mein Diener Elephant unter ähnlichen Umständen und zwei andere Diener
Westbeechs am Fieber. Am 12. gelangten wir zu den Klamaklenjana-Quellen
und fuhren von da noch am Abend ab. Ich fand diesmal das Lachenplateau
auffallend wildarm und erkannte auch bald den Grund dieser Erscheinung.
Die zahllosen weitab im Walde liegenden Lachen hatten sich mit
Regenwasser gefüllt, und so war das Wild nicht an die wenigen
Quellenweiher gebunden, sondern konnte sich beliebig weit vom Geleise
zurückziehen. Am Nachmittage wurde ich vom Fieberschauer niedergeworfen
und hatte noch in der Nacht eine arge Beschädigung meiner Sammlungen zu
erfahren. Der betrunkene Wagenlenker war einem vorragenden Aste nicht
ausgewichen, der die senkrechten Stützsäulen der linken Dachseite
rasirte, dabei in den Wagen drang und hier die in den letzten fünf Tagen
gesammelten Coleoptera sowie einige ethnographische Objecte theils arg
beschädigte, theils vollkommen unbrauchbar machte.

Am 13. gelangten wir nach einer sehr beschwerlichen Tour durch einen
tiefsandigen, dichten Niederwald, und nachdem in der Nacht ein Trupp von
Nashorne und Elephanten unsere Route gekreuzt hatte, nach einer mit
Wassertümpeln versehenen Lichtung, Tamasanka genannt. Die Weiher von
Tamasanka trocknen nie aus, ihr Wasser ist rein und beginnt, zwei bis
drei Tage im Gefäß ruhig belassen, sich zu verdicken. Westbeech hatte
dies erprobt, während mir leider die nöthige Zeit dazu fehlte, denn wir
verließen den Ort schon am folgenden Tage. Auf der Nachmittagsfahrt
beobachtete ich zum ersten Mal eine Finkenart, die Paradieswitte (^Vidua
Paradisea^), die an der Westküste häufig anzutreffen ist. Auch fand ich
auf der Strecke vom Tamasetse Fliegenschnapper, Pirole, kleine
grünlich-gescheckte Spechte und die ^Vidua regia^. Im Allgemeinen
zeigten sich im sandigen Pool-Plateau alle die Strecken, welche größere
Lichtungen enthielten, reicher an Vertretern der Vogelwelt, als die
dicht bewaldeten Partien, in welchen man nur kleine, von Regenlachen
ausgefüllte Lichtungen antrifft.

Die Weiterfahrt am 15. und 16. wurde etwas mühevoll, da die Wagenspur
von Gras vollkommen überwachsen war und wir uns den Weg erst suchen
mußten. Unsere Diener fanden am ersten Tage den halb abgenagten Cadaver
einer Giraffe, die wohl von Löwen getödtet sein mußte und delectirten
sich nicht wenig an der so leicht gewonnenen Beute. Am 16. betraten wir
eine von Mapanibäumen bewachsene Ebene, ein Seitenstück zu jener von
Maque, welche von schönen und sehr fischreichen Weihern bedeckt war und
von den Eingebornen Sibanani-Lichtung genannt wird. Sie bildet den
südöstlichen Theil des sandigen Lacheplateaus und gehört den östlichen
Bamangwato und den Matabele an. Der Landstrich war unter Moselikatze bis
in die Fünfziger Jahre im ausschließlichen Besitz der Matabele, es war
ihr westlichster Punkt nach dieser Richtung hin. Die Wachposten wurden
jedoch seither eingezogen, da sie steten Löwen-Anfällen ausgesetzt waren
und die ihrer Obsorge anvertrauten Viehheerden nicht mehr schützen
konnten. Der Wald in der Sibanani-Lichtung ist nur am Rande der Weiher
dicht, welche mir in dem ursprünglichen Bette eines Flusses, dessen
Wasser schon vor mehreren Jahrhunderten versiegt sein mögen, zu liegen
schienen.

Der geringeren Dichte des Waldes halber ist die Sibanani-Lichtung für
die Jäger von besonderem Interesse; alle Wildarten, von der
Deukergazelle bis zum Elephanten, sind hier anzutreffen. Der Ornithologe
findet die Vögel des sandigen Lachenplateaus mit interessanten Formen
von Sumpf- und Schwimmvögeln in Menge vor. In Folge dessen sind auch
Tag- wie Nacht-Raubvögel in vielen Species vertreten, an den zahlreichen
feuchten Partien erstreckt sich ein wahrer Blumenteppich, der
Tummelplatz der zahlreichen Colibris und Bienenfänger, während man an
den das Wasser überhängenden Aesten bald den kleinen, oben azurblauen
und durch einen Schopf ausgezeichneten ^Alcedo Cristata^, bald
eine zweite Art, den ^Halcyon Swansonii^, doch auch den
weißschwarz-gescheckten ^Ceryle Rudis^ erspäht. Ich will noch des
Riesenreihers (^Ardea Goliath^), und des schönsten aller Gänschen, der
^Nettapus Madagascariensis^ gedenken, blos zwölf bis vierzehn Zoll lang
erscheint das Thierchen, oben glänzend schwarzgrün, unten weißlich mit
Ausnahme der Brust und Seiten, welche sich rostfärbig präsentiren, die
Wangen, Stirn und die Kehle sind weiß, der Kopf dunkelschwarzgrün,
welche Farbe sich bis nach dem Halse hinzieht und hier beiderseits einen
hellgrünen Fleck umsäumt.

Zwei Umstände machen indeß den Aufenthalt an dem Sibanani-Weiher weniger
angenehm, als ihn der Forscher sonst unter den obgenannten Umständen
finden würde. Es ist erstlich gegen das Ende des Sommers die ungesunde
Ausdünstung einiger der seichteren Weiher und zweitens die gelbe
Mambaschlange, von der ich schon berichtete, daß sie in der Regel in dem
dichten Geäste zweier, einen Wildpfad überhängenden Bäume auf der Lauer
liegt. Westbeech berichtete mir, daß in trockenen Wintern die
fischreichen Weiher so wasserarm werden, daß man die Fische, unter denen
ein Glanis am häufigsten vorkommt, mit den Händen fangen könne. Hier
hörte ich auch zum ersten Mal wieder nach vielen Monaten den
Silberschakal (^Canis mesomelas^) und ich fand meine Vermuthung, daß die
Sibanani-Lichtung eine der tiefsten Partien des sandigen Lachenplateaus
sei, auch dadurch bestätigt, daß ich zahlreiche Pflanzenspecies mit
denen des Salzseebeckens identisch fand. Ich konnte erst wieder hier,
seitdem ich die Zambesi-Zuflüsse verlassen, schöne Fächerpalmen-Gebüsche
beobachten. Die Mitreisenden machten sich, von ihren Dienern begleitet,
an die nächst anliegenden Weiher, um unseren Tisch mit Wildgeflügel zu
versorgen, leider mit geringem Erfolge. Im Winter soll es hier noch
bedeutend mehr Wild geben, allein schon gegenwärtig fand ich zahlreiche
frische Wildspuren, welche unseren Weg kreuzten und unter welchen ich
auch jene des schwarzen Nashorns bemerkte.

Am 18. brachen wir wieder auf und gelangten nach einem längeren Marsche
in das Thal des Nataflusses, zogen das Thal entlang, und überschritten
ihn sodann. Der Fluß hat hier den Charakter eines sandigen, nur
stellenweise kleine Lachen enthaltenden Spruits. An seinen Ufern, welche
mit sechs bis sieben Fuß hohem Grase dicht bewachsen waren, fanden sich
stellenweise tiefe, zur Zeit der Ueberschwemmungen gefüllte Lachen, ein
Charakteristicon vieler südafrikanischer Flüsse, namentlich aber des
Limpopo-Systems. Am Nachmittage ging es weiter nach Südost, dem
Makalaka-Lande zu; unser Weg führte durch einen dichten Mapaniwald. Da
Westbeech der erste war, der vor vier Jahren diese Route befuhr, die nun
vom Makalaka-Lande über den Majtenque und Nata das Matabele-Land mit den
Tschobe-Zambesi-Gegenden verbindet, so erlaubte ich mir, das genannte
Geleise »^The Westbeech Road^« zu nennen. Am Abend gelangten wir auf
eine mehrseitig von Gehölzen begrenzte Grasebene, in der sich der aus
dem Makalaka-Lande fließende Majtenque-River im Boden verlieren soll.

Am 19. hatten wir sehr viele tiefe, wenn auch schmale, trockene
Regenmulden zu passiren, welche zu dem genannten Flusse führen, der
gegen seine Mündung schmäler und seichter erscheint und dessen Ufer von
Fanggruben förmlich durchwühlt sind. Der Majtenque ist ein sandiger
Fluß, der hunderte von Bergflüßchen aufnimmt, die jedoch nur äußerst
kurze Zeit hindurch fließen, so daß nicht immer dieser Abfluß seine
Mündung erreicht, sondern sich namentlich in dem letzten Drittel seines
breiten Inselbettes verliert. Der größte Theil seines Gebietes liegt in
dem schönen Gebirgslande, welches von den westlichen (Menons) Makalaka's
bewohnt wird. Da sich der Zustand Westbeechs nicht besserte, übernahm
ich ihn in meine Behandlung. Am 20. erkrankte auch Dr. Bradshaw an
Dysenterie. Wir zogen den ganzen Tag das Thal aufwärts am rechten Ufer
des Flusses dahin. Seitdem wir das Panda ma Tenka-Thal verlassen hatten,
gab es sehr warme Tage, namentlich die Spät-Nachmittage waren ungemein
schwül, dagegen waren die Nächte kalt. Am Vormittage des 21.
überschritten wir den Majtenque. Kurz zuvor zeigte man mir einen hohen
Mapanibaum, unter welchem einer der Makalaka-Häuptlinge begraben liegt.
Der Baum war hohl und genoß noch aus einem zweiten Grunde einen gewissen
Grad von Verehrung. Die Makalaka's glaubten, daß in ihm, doch weniger
oft wie in einer der Felsenhöhlen in ihrem Gebirge, ihr Morimo oder der
unsichtbare Gott wohne und während sie alljährig in die Felsenhöhle
Geschenke brachten, warfen Vorübergehende als Zeichen der Hochachtung
ihre Armspangen etc. in die Höhlung des genannten Baumes.

Je weiter wir zogen, desto merklicher erhob sich das Land. Kleine
Granithügel erhoben sich vor uns, ohne uns indeß die Aussicht auf die
Kuppen der eigentlichen Makalaka-Höhen im Hintergrunde zu benehmen. Bei
dem ersten namhafteren Hügel trennte sich Westbeech, um mit Bradshaw,
Menon, den Makalaka-Häuptling aufzusuchen und von diesem einige
Begleiter nach dem Matabele-Lande zu erhalten, in dessen westlichster
Provinz wir uns eben befanden. Westbeech ging seinen in der Residenz des
Matabele-Königs wohnenden Compagnon Philips aufsuchen, um ihn, der
gemeinschaftlichen Abrechnung halber, zur Reise nach Schoschong zu
bewegen. Da Westbeech wegen seiner Gunst beim Könige unter den
Makalaka's geachtet war, entsprach man seinem Ansuchen sofort. Abends
erschien auch Menon, um den Elfenbeinhändler mit seinem Gegenbesuche zu
beehren. Seitdem wir im Majtenque-Thal nach aufwärts zu reisen begannen,
zeigte Z. eine auffallende Unruhe, sowohl während der Fahrt als auch
während der Raststunden war er stets wie auf der Wache, er lugte nach
allen Seiten aus und glaubte stets Makalaka's zu sehen. Oft stand er
neben mir mit verstörten Zügen am Bocke. »Haben Sie den Schrei gehört,
der eben durch den Wald drang? Sahen Sie nicht eben einen Makalaka
hinter jenen Dornenbäumen verschwinden?« Da ihm Westbeech seine
betrügerische Handlungsweise vorhielt, und man ihm überhaupt von Seite
meiner Reisegefährten nicht freundlich entgegenkam, flüchtete er sich zu
mir. Saßen wir in der Nacht am Feuer, so war er in der Regel an meiner
Seite. Doch litt es ihn nicht lange an einer Stelle, wiederholt stand er
auf, und suchte mit seinem unsteten Blick das Dunkel zu durchdringen.
Der Zug in das Makalaka-Land schien Z. mit wahrer Furcht zu erfüllen,
dies veranlaßte mich, nach dem Grunde seines Betragens zu fahnden. »Ja,«
meinte er, nachdem er mir lange genug, ausweichend geantwortet, »so ein
kleiner Zufall hat sich während meines Besuches im Innern ereignet; als
wir von einer Elephantenjagd heimkehrten und auf einen Pfad im Walde
entlang gingen, einer hinter dem Andern folgend, entlud sich ganz
zufällig das Gewehr eines meiner Diener, und einer der Leute Menon's
wurde dabei getödtet; es kann nun leicht geschehen, daß Menon denkt, ich
habe den Makalaka erschossen.«

Als er nun hörte, daß wir uns nahe an Menon's Dorfe befanden, erreichte
seine Unruhe den höchsten Grad. Er folgte den Wägen und war nicht eher
zu sehen, als bis Menon von seinem abendlichen Besuche wieder
heimgekehrt war. Menon ist von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt,
hager, ein Tartüffe ohne Gleichen, mit ihm fanden sich zugleich einige
Makalaka's ein, von denen keiner ein ehrliches Gesicht hatte. Diese von
mir -- um sie von den nördlich vom Zambesi wohnenden Bruderstämmen zu
unterscheiden -- die Süd-Zambesi und westlichen, nach ihrem Häuptlinge
Menon's genannten Makalaka sind mit ihren südlichen Brüdern seit dem
Jahre 1837 Unterthanen der Matabele-Zulu geworden. Sie waren friedliche
Ackerbauer und Viehzüchter, sind gegenwärtig das erstere nur mehr in
einem geringen Grade geblieben und nebstbei die unzuverlässigsten Leute
und die größten Diebe in Südafrika. All' dies haben ihre Herren, die
Zulu-Matabele auf ihrem Gewissen.

Während seine Begleiter sich an's Feuer niederhockten, blieb Menon in
eine schäbige Gepardcarosse gehüllt, stehen, um uns einen nach dem
andern zu mustern. Er schien von dieser Revue nicht befriedigt zu sein
und suchte nach Z., denn der Unfall war ihm von den Z. entlaufenen
Genossen des Erschossenen berichtet und er zugleich von der Anwesenheit
des weißen Mannes, der uns am Nataflusse traf, durch einen seiner Spione
unterrichtet worden. Seinem Unmuthe darüber machte er dadurch Luft, daß
er von mir und Walsh, die wir zum erstenmale sein Land betraten, einen
Durchzugszoll begehrte. Da außer Westbeech Niemand die Makalaka-Sprache
verstand, und dieser uns ruhig zu bleiben bedeutete, ohne von Menon
Notiz zu nehmen, so ließ dieser auch von seiner Bettelei ab, ja in
wenigen Minuten hatte sich das Blatt gewendet. Von Westbeech an die
Pflichten der Gastfreundschaft gemahnt, versprach Menon eine Ziege zu
senden. Er entschuldigte sich, daß er kein Rind senden könne, da die
Matabele seine gesammten Rinder geraubt hätten. Diese Gefälligkeit
Menon's wurde von unserer Seite durch Geschenke an Blei und Schießpulver
erwidert, welche auch freundlichst entgegengenommen wurden. Als sich der
Häuptling verabschiedet hatte, war nur noch einer seiner Leute
zurückgeblieben, anscheinend eine untergeordnete Creatur, die sich am
Feuer der Diener niederließ. Mir fiel der Mann durch sein scheues
Benehmen auf, und ich beobachtete ihn um so schärfer. Anscheinend sich
wärmend, warf der Mann oft den Kopf nach den einzelnen Wägen zurück. Bei
einer dieser Bewegungen hielt er den Kopf längere Zeit vom Feuer
abgewandt, um darauf das letztere in auffallender Weise zu schüren. Was
konnte er gesehen haben? Ich blicke mich um, einige Schritte hinter mir
stand Z.; nun war mir auch das ganze Benehmen des als Spion
zurückgelassenen Makalaka's klar. Z.'s Züge waren mehr denn je verstört.
Nachdem ich mein Erstaunen über sein Fernbleiben geäußert, entschuldigte
er sich damit, daß er sich in einen Busch niedergelegt und dabei
eingeschlafen und erst vor Kurzem erwacht sei. »Menon war hier am Wagen,
hat wohl nach mir gefragt?« Auf die Anspielung auf den ihm widerfahrenen
sogenannten Unfall brauste er auf und schalt Menon einen Lügner.

Der Makalaka am Feuer, der von Z. nicht beachtet worden war, da er für
einen unserer Diener gehalten werden konnte, hatte das Gespräch
belauscht, erhob sich unauffällig und entfernte sich. »Seht, das war
einer von Menon's Spionen!« sagte ich. Z. sprang auf, ballte die Faust,
doch dem Manne nachzusetzen, fehlte ihm der Muth. Wir begaben uns zur
Ruhe, jeder in seinen Wagen. Nochmals nahm ich wahr, wie mein Nachbar
ängstlich nach dem Feuer auslugte, er mochte wohl einen Ueberfall
befürchten.

Während seines Besuches hatte Menon sechs Begleiter bei sich, von
welchen zwei mit Assagaien und vier mit Kiris bewaffnet waren, einzelne
Makalaka's trugen auch Musketen; unter den Frauen trugen einige kurze,
über und über mit weißen und violetten Glasperlen geschmückte
Lederröckchen. Ich erstand von ihnen einige Handarbeiten, welche jedoch
weniger gut als die unbedeutenderen Produkte der Betschuana gearbeitet
waren. Die bereiste Strecke im Majtenque-Thale, scheint, für die Zukunft
ein Eldorado versprechen zu wollen; die bewaldeten Höhen ein
vortreffliches Weideland zu liefern. Für einen Botaniker und
Ornithologen ist die Reise durch das Makalaka-Land eine wahre
Herzensfreude; leider ist sein Forschen in Folge des Charakters des
Eingebornenstammes ununterbrochen behindert und in hohem Maße
beschränkt.

Am 22. ging es weiter, nachdem Westbeech mit einem berittenen Diener und
einigen Makalaka's zu Fuß die Reise nach Osten nach der Hauptstadt des
Landes Gubuluwajo angetreten. Wir anderen legten nur drei Meilen zurück
und hielten unter einem Morulabaume Rast, um hier Korn und Melonen zu
erhandeln, und womöglich auch die versprochene Ziege von Menon zu
erwarten. Wir fanden unter dem Baume schon die Makalaka's versammelt.
Von den Aeltesten in einem Kreise umgeben, harrte bereits Menon unser.
Das Ganze sollte den Anstrich einer Feierlichkeit haben, thatsächlich
aber war es eine Gerichtssitzung, wobei unserem Begleiter Z. die Rolle
des Angeklagten zufiel. Menon hatte Z. mit Mahura als Dolmetsch vorladen
lassen, und die Verhandlung wurde in der Setschuana geführt. Das
Interessanteste daran war wohl die Begründung des Urtheils von Seite
Menon's. Er sagte: »Ob er von den Weißen erschossen wurde oder nicht, ob
Dein Gewehr, da Du hinter ihm schrittest, zufällig losging oder nicht --
das ist Alles gleichgiltig, Du mußt seiner Frau und seinen Angehörigen
zahlen und mir auch, da ich dadurch einen meiner Arbeiter, d. h.
Unterthanen eingebüßt habe.«

Z., dem es im Kreise der Makalaka etwas zu unheimlich wurde -- er
zitterte, daß er kaum sprechen konnte, und sein Gesicht war glühendroth
-- betheuerte seine Unschuld in geläufiger Rede, Mahura fand kaum Zeit,
ihm zu antworten und sprach endlich, da er nur zu deutlich sah, daß sich
sein Client selbst schadete, nach seinem Gutdünken und mit solchem
Erfolge, daß Menon trotz des Wehklagens von Seite der Verwandten des
Getödteten die Zahlung respective Verabreichung eines färbigen
Wollhemdes, einer Wolldecke und sieben Sacktüchern an Stelle der
ursprünglich bestimmten Muskete, Schießbedarf und Wolldecken festsetzte.
Der erstgenannte Gegenstand fiel ihm als »Schiedsrichter« zu. Nachdem
dieser erlauchte Gesetzgeber das Hemd empfangen, verabschiedete er sich,
doch kam er bald wieder, denn die Verwandten machten Z. die Hölle heiß,
sie beschimpften ihn, nannten ihn Mörder und warfen ihm die Decke und
Sacktücher vor die Füße. Menon suchte zu schlichten, da trat jedoch
wieder Mahura als rettender Engel dazwischen, indem er Z. zuflüsterte:
»Reiche die zurückgewiesenen Artikel dem Häuptling als Geschenk, er
nimmt sie an und Du hast Dir einen tüchtigen Bundesgenossen geschaffen.«
Z. folgte; Menon nahm die Sachen an, blies sich auf, um den Seinen noch
mehr zu imponiren und die Sache war beglichen.

So geschickt im Marutse-Reiche die Masupia als Gaukler sind, so sind es
die Makalaka als Langfinger. Mir ist ein Fall von einem Elfenbeinhändler
bekannt, der den Leser wohl interessiren könnte. Ein Händler kaufte von
Makalaka's einen Elephantenzahn und legte diesen in seinen Wagen. Es
währte nicht lange, und die Makalaka's brachten einen zweiten, doch
konnte der Mann diesen nicht mehr so leicht erstehen, der gefordert
Preis war so hoch, daß er ihn nicht nehmen wollte, worauf die Verkäufer
den Zahn zur Erde warfen und den Händler einluden, sich von dem großen
Gewichte desselben zu überzeugen. Dieser that es und unterdessen wurde
ihm der erste Zahn aus dem rückwärtigen Theile des Wagens gestohlen.
Endlich gaben die Verkäufer nach und dies um so mehr, weil sie den
Weißen auf einen dritten Zahn aufmerksam machten, den eben einige von
der Seite herbeitrugen. Sie schienen es eilig zu haben und so kaufte der
Händler auch den dritten. Nach dem Kaufe verschwanden die Makalaka's
auffallend rasch im Walde. Unser Mann, der mit dem Gewinne bei dem Kaufe
zufrieden war, wollte sich nun die Waare noch einmal besehen. Doch zu
seinem Schrecken war der Zahn verschwunden und auch die Makalaka's --
der Händler hatte drei Stück Elfenbein gekauft und nur zwei erhalten.

Der Verkauf von Elfenbein geschieht jedoch nur im Geheimen, da die
Makalaka's alles Erbeutete an den Makalaka-König abliefern müssen. Die
Makalaka's nähern sich dem Reisenden gewöhnlich in Haufen, während die
Einen ihn zu beschäftigen suchen, trachten die Andern ihr diebisches
Handwerk auszuführen; man kann sagen, daß alles, was nicht mit Ketten
und Schrauben an den Wagen befestigt ist, während der Reise durch dieses
Territorium von seinen sauberen Insassen gestohlen wird. Sie lernten
dies von den Matabele, oder wurden von denselben dazu angestiftet und
gezwungen. Es ist nöthig, sich stets diese Langfinger einige Schritte
vom Leibe zu halten und auf jeder Wagenseite wenigstens einen Diener als
Wache aufzustellen, diesem auch wohl einzuschärfen, sich mit den
Makalaka's in kein Gespräch einzulassen. Wird in dieser Weise den Leuten
keine Gelegenheit zum Stehlen gegeben oder sie ^in flagranti^ ertappt
und zur Rede gestellt, so kann man sich für einige Zeit vor weiteren
Angriffen und Belästigungen sicher fühlen, denn die verunglückten Diebe
gehen heim und berichten, daß der Weiße eine gute Medicin habe
(Beschwörungsmittel mit dem er den Diebstahl wahrnimmt), und daß es
nichts nütze, etwas zu nehmen, er sehe Alles, auch wenn er beschäftigt
sei.

Nebst dem genannten Laster sind die Südzambesi-Makalaka's und namentlich
die südlichen und westlichen (d. i. die unter dem Matabele-Scepter
stehenden), noch durch eine nicht zu beschreibende, beispiellose
Unreinlichkeit berüchtigt. Ich glaube, daß sich die meisten Leute im
Makalakalande, mit Ausnahme jener die als Diener unter den Weißen
gelebt, Jahre lang nicht waschen; ich sah Frauen mit Glasperlensträngen
im Gewichte von mehreren Pfunden behangen und belastet und ich mußte
annehmen, daß die untersten dieser Rosenkränze am Leibe klebten. Seitdem
die Matabele die Herren der Makalaka's geworden, ist auch das Bauwesen
unter dem letztgenannten Stamme so in Verfall gekommen, daß die meisten
ihrer kleinen Dörfer ruinenartig aussehen. Die einzige Tugend der
Makalaka's ist neben der Arbeitsamkeit eines guten Theiles dieses mehr
denn decimirten Volkes dessen strenge Sittlichkeit, welche unter allen
anderen südafrikanischen Stämmen nicht ihres Gleichen findet.

Nachmittags zogen wir weiter durch einen Niederwald, aus dem überall um
uns zwanzig bis siebzig Fuß hohe, pyramidenförmige, kegel- und
kegelstutzförmige Granithügel, zuweilen aneinander gereiht emporstiegen.
Je weiter wir am Ufer des Majtenque nach aufwärts zogen, desto höher,
anmuthiger und großartiger gestaltete sich diese Scenerie, hie und da im
Walde machten sich die schon mehrmals erwähnten Morulabäume bemerkbar,
welche mit einem Zaune, der etwa drei bis vier Meter von dem Stamme
abstand, umgeben waren, da sie eben reife Früchte trugen. Diese fielen
ab und um zu verhüten, daß sie nicht vom Wilde verzehrt wurden, hatte
man die Stämme umzäunt. Jede Familie hatte je nach der Einwohnerzahl des
Dorfes einen oder mehrere Bäume als ihr Eigenthum erklärt. Aus dem
Fruchtfleische wird ein Bier zubereitet, welches ciderartig schmeckt und
auch der in eine harte Schale eingeschlossene Kern wird benützt (ich
glaube, daß er zerstoßen und das gewonnene Mehl zu Brei bereitet wird).

Auf unserem Marsche näherten wir uns mehrmals dem Majtenque, oft bot
sein Thal eine höchst anmuthige Scenerie. Während der Fahrt am 22. war
ich Zeuge eines Beweises rührender Kindesliebe bei einem Schwarzen, der
seiner hochbetagten Mutter begegnete. Von Diamond erfuhr ich gleichfalls
eine Episode aus seinem bewegten Leben, die mir den Beweis lieferte, daß
trotz des sonst verwilderten Zustandes der Eingebornen bessere Regungen
in der Brust manches unter ihnen leben und für ihre Empfänglichkeit für
Civilisation sprechen.[16] Nachmittags lagerten wir in der Nähe mehrerer
Dörfer und hörten hier, daß wenige Tage vor unserer Ankunft eine Truppe
von Matabele-Kriegern Menon und die westlichen Dörfer am Majtenque
abgesucht hatte, um Knaben als Tribut zu fordern und mit ihnen das
jüngste Regiment zu completiren. Menon hatte dies verweigert, und nun
glaubte man allgemein, daß ihm diese Verweigerung das Leben kosten
werde, denn obgleich die Makalaka's viele Gewehre besaßen, so reichte
doch ein Regiment der Zulu-Matabele hin, die in kleinen Dörfern
zerstreut wohnenden Makalaka's zu vernichten. In dieser Weise war es
Moselikatze und seinen vierzig Kriegern möglich, seit dem Jahre 1837 ein
Reich zu gründen, das gegenwärtig über 20000 Krieger zählt, doch geschah
es zumeist unter Anwendung der rohesten Gewalt, nachdem die Väter
getödtet und die Mütter geraubt worden waren.

Auch am folgenden Tage führte der Weg zwischen zahllosen Granitkuppen
hindurch, jede tausend Schritte bot sich dem Auge ein neues anmuthiges
Bild dar. An unserem ersten Ausspannplatze trafen wir einen
Unterhäuptling mit Namen Henry, einen alten Bekannten Westbeechs, von
dem Bradshaw für letzteren und seine Diener Sorghum, Mais und Melonen
erstand. Henry hielt seine Leute in ziemlicher Ordnung, so daß wir
wenigstens in seiner Gegenwart nicht erheblich belästigt wurden. Doch
wurde unser Aufenthalt durch das plötzliche Erscheinen eines jener
zahlreichen, die Makalaka's erstickenden Blutsauger, eines
Matabele-Kriegers gestört. »Halloh, Ihr Weißen, Ihr habt Sepopo's Leute
mit Euch als Diener. Wenn Ihr nicht zahlt, tödte ich sie Alle, einen
nach dem Andern,« rief er uns zu. Um seinen Worten den nöthigen
Nachdruck zu geben, schwang er mit der Rechten einen mächtigen Kiri, mit
der Linken sein Gewehr. Trotzdem er mir einmal mit dem Kiri bis unter
die Nase kam und ich in mir das Blut kochen fühlte, blieb ich ruhig. Da
zog der tapfere Kämpe ab und die Makalaka ringsum belachten seine eitle
Prahlerei aus vollem Halse. Nun kam er an Walsh und Bradshaw, doch da
sich diese an ihren Gewehren zu schaffen machten, nahm er dies als eine
Herausforderung an und geberdete sich noch wüthender, bis jene auf ihn
losgingen, worauf er sich von dem ununterbrochenen Gelächter der
Umsitzenden begleitet, zurückzog.

[Fußnote 16: Siehe Anhang 5.]

Auf der Nachmittagsfahrt eröffneten sich uns neue Gebirgsscenerien, die
Höhen mit denselben schönen armleuchterförmigen Wolfsmilchbaume
bewachsen, wie ich ihn an den Bamangwato-Bergen beobachtet. Die Felder,
die wir sahen, waren von beträchtlichem Umfange, ebenso die Gehöfte,
welche umzäunt waren und an deren hervorragenden Punkten die Wohnungen
des Besitzers standen. Die Umzäunung zeigte von achtzig zu achtzig Meter
eine einfache hölzerne Schlagfalle und bildete im Ganzen noch ein
Ueberbleibsel dessen, was die zahllosen Makalaka-Dörfer und Gehöfte vor
dem Einzuge der Matabele in die Matopo-Gebirge gewesen waren.

Das am Morgen durchzogene Dorf Henry's hieß Katheme; Abends langten wir
an einem zweiten Dorfe mit Namen Bosi-mapani an, und am folgenden Tage
erreichten wir eine andere der zahlreichen Niederlassungen der
Makalaka's. Hier waren wir, obgleich eine halbe Meile weit von der
Niederlassung im Walde ausspannend, bald von einigen kleinen Trupps,
zusammen an sechzig Köpfe zählend, belagert. Man bot uns eine Ziege und
zwei Schafe zum Kaufe an. Bradshaw kaufte sie; leider waren in diesem
Momente die Diener bei den Wägen postirt und mußten diese im Auge
behalten, damit uns nichts gestohlen werde. Einer seiner Diener hatte
Mühe, die im Walde etwa fünfzig Schritte vor uns gehenden Thiere
heranzuteiben. Bevor er sie noch erreicht hatte, stoben die drei Stücke
wie auf ein gegebenes Kommando auseinander. Die Thiere gehörten
verschiedenen Heerden an. Diese werden von Hirtenjungen geführt, welche
ihre Thiere mit Pfeifen lenken. Kaum waren die Thiere verkauft, als auch
schon der Plan der Verkäufer fertig war, dieselben ebenso rasch wieder
an sich zu bringen. Sie hatten zu diesem Zwecke die drei Hirtenjungen
herbeigerufen, die auf ein gegebenes Zeichen jeder seine eigene Weise
anstimmte und die Ziegen weglockten. Der ausgesandte Junge lief einem
der Schafe nach und holte es ein, doch bevor er es zurückbrachte und
festknüpfte, war das andere und die Ziege entlaufen. Nun wurden mit
Androhung La Bengula's die Makalaka's, nachdem sie noch Westbeech's
Taschenmesser mit sich genommen, zur Heimkehr gezwungen. Die Thiere aber
waren und blieben verschwunden.

Am 25. hatten wir uns vom Flusse Majtenque etwas entfernt, so daß die
meisten Kuppen uns zur Linken zu liegen kamen. Größere und ganze
Höhenrücken erhoben sich jedoch am südlichen Horizont in der Richtung
unserer Fahrt. Die öfteren Besuche der Matabele-Krieger an unserem Wagen
schienen auf Z. einen unangenehmen Eindruck auszuüben. Er scheute sie
noch mehr als die Makalaka und kroch gewöhnlich in seinen Wagen, so wie
sich einer der Zulukrieger sehen ließ. Ohne von den Matabele erkannt
worden zu sein, wäre er doch während unserer diesmaligen Mittagsrast von
zwei Matabele erschlagen worden, wenn Bradshaw und ich ihm im rechten
Augenblicke nicht beigestanden wären und sich später ein herzugekommener
alter Matabele in's Mittel gelegt hätte. Die beiden Friedensstörer waren
zwei Matabele-Jünglinge, welche den Kopf mit dem bekannten Federschmucke
geziert, ihre Hüften von Günsterkatzen-Schwänzen umhüllt, an den Wagen
um eine Lapiana (Lappen) zu betteln gekommen waren. Z. hatte einen
kleinen Hund, der dem einen der beiden Matabele bellend entgegensprang.
Dieser holte sogleich aus und hätte auf ein Haar dem kleinen Thiere den
Kopf zerschmettert und fuhr auch sofort, als Z. die Hand schirmend über
das Thier ausstreckte, denselben barsch an, womit der Streit begann. Dem
leicht erregbaren weißen Manne stieg die Zornesröthe in's Gesicht und er
antwortete nicht allein im heftigen Tone, sondern ließ sich zu einer
drohenden Handbewegung hinreißen. Dies war aber eben, was die beiden
Strolche wünschten, denn im selben Momente hob der eine seinen Kiri zum
Schlage nach dem Kopfe des Händlers und wurde nur durch unser
Dazwischentreten von der Ausführung seines Vorhabens abgehalten. Da wir
jedoch die mitgenommenen Gewehre wieder in den Wagen zurücklegten,
fingen jene wieder zu schimpfen an und schlugen ihre Kiris wuthschäumend
gegen den Boden. Durch den Lärm angelockt, erschien bald darauf ein
alter Matabele-Krieger, dessen Kopf die bekannte Auszeichnung seines
Standes, der mit einem Haarkreise verwachsene Lederring, zierte. Von Z.
über den Vorfall unterrichtet, ergriff er einen Zweig und schlug damit
auf die beiden Angreifer, ähnlich wie man zwei kleine Jungen züchtigen
würde, worauf sich die beiden Jünglinge grollend zurückzogen.

[Illustration: Ruinen von Tati.]

Am Nachmittage gelangten wir zu dem aus etwa fünfzehn Hütten bestehenden
Makalaka-Dorfe Kambusa genannt. Es gehörte Jantschi an, den Westbeech
wohl kannte und von dem wir keine Belästigung zu fürchten hatten. Sein
Gehöft hatte eine doppelte Umzäunung. Eine aus Pfählen erbaute
Umfriedung der Wohnungen und eine aus Dornengebüsch für die das Gehöfte
in einem Kreise umgebenden Felder. Mit Kambusa schieden wir von den
Makalaka-Dörfern und hatten nur noch eine kurze Strecke durch die
gegenwärtige Makalaka-Provinz des Matabele-Landes zu reisen, während
sich noch vor fünfundvierzig Jahren das Makalakagebiet um hundert
englische Meilen südlicher erstreckte. Gegen Abend überschritten wir die
gegenwärtige Grenze. Diamond machte mich auf ein etwa sechshundert
Schritte vom Wege, am Ufer des Flüßchens Aschangana stehendes Gebüsch
aufmerksam, unter welchem ein Weißer begraben lag. Es war Mr. Oats, ein
Engländer, welcher der Jagd halber in diese Gegend gekommen war, am
Fieber erkrankte und starb. Bradshaw und Diamond reisten mit ihm zu
gleicher Zeit nach dem Süden; da er jedoch im Makalaka-Lande starb, so
durfte er hier nicht beerdigt werden, sondern erst an der Grenze. Im
Jahre 1874 errichtete des Verstorbenen Bruder hier einen Grabstein.

Bevor wir Jantsche verließen, versorgte ich mich auf einige Tage mit
Wassermelonen, die ich für Glasperlen erstand. Zu den Feldfrüchten,
welche die Makalaka's bauen, gehören zwei Species der Wassermelonen,
welche sehr zuckerhältig sind.

Am 26. März überschritten wir zwei Flüßchen, bevor wir den ebenfalls
quer unsere Richtung schneidenden Matloutsi kreuzten. Während der Fahrt
der letzten Tage durch das Makalaka-Land hatten wir siebzehn
Regenflüßchen überschritten, welche Zuflüsse des Majtenque waren und
nach meiner Meinung kaum den zehnten Theil der Zuflüsse desselben
darstellten. Die durchreiste Strecke bot die schönsten Scenerien, die
ich auf meiner eiligen Reise durch das Makalaka-Land beobachten konnte.
Die Formation des Bodens bestand meist aus Granit mit starken Quarzadern
durchschossen, an vielen Stellen von einem dunkelschieferblauen
Glimmerschiefer in verticalen, horizontalen und schiefen Lagen bedeckt.
An der Spitze der Höhen waren diese Schichten meist in schiefen Lagen in
einem Winkel von siebzig Grad und südwestlich streichend gelagert. Das
Interessanteste jedoch, was ich auf der durchreisten Strecke beobachten
konnte, waren die steil sich aus hochbegrasten stellenweise bebuschten
Auen erhebenden, oder kegelförmige Höhen krönenden pittoresken
Granitmassen. Den Formen entsprechend, erlaubte ich mir, einzelne mit
folgenden Namen zu belegen: Eine am Matloutsi »die Mütze«, an dem
nächsten Spruit (nach Süden zu) »die beiden Spatzen«, eine jenseits des
folgenden Spruit »die Keule« und zwei zur Rechten vom Geleise »den
Schweber« und »die Pyramide«, wobei der letzteren die Palme gebührt.
Diese Scenerie im Vorlande gaben mir eine annähernde Vorstellung der
landschaftlichen Reize des eigentlichen Berglandes vom Oberlaufe der
Limpopo-Zuflüsse Matloutsi, Schascha, Tati und Rhamakoban. Da ich die
beiden Schaschaflüsse erst am folgenden Tag überschritt, war es mir klar
geworden, daß der Tschaneng in den Matloutsi oder einen seiner
Nebenflüsse münden müsse. Die Gegend schien sehr wildreich zu sein, doch
bei weitem nicht mehr in dem Grade als vor wenigen Jahren. Das häufigste
Wild waren Pallah, Zuluhartebeeste, Harris-Antilopen und Tigerpferde.

Als wir Abends am rechten Ufer des wegen seines Bettes von den
Eingebornen die felsige Schascha genannten Flusses ausspannten, und ich
einen freien Augenblick benützend, einen Ausflug gegen Osten unternahm,
fand ich an einem der vielen kuppenförmig aufsteigenden Granithügel eine
Ruine, einen jener Anhaltspunkte für die Geschichte der früheren
Bewohner des centralen Süd-Afrika. Der befestigte Felsenhügel war
isolirt und einer der niedrigsten ringsum, die Befestigung bestand aus
Granitziegeln, welche ohne jedes Bindemittel auf einander ruhten. Die
Ruine stellte eine etwa die Mitte der kleinen Felsenkuppe einschließende
Mauer dar, welche jedoch theilweise von schroff aufsteigenden
Felsenblöcken gebildet wurde, so zwar, daß die künstliche Mauer an
manchen Stellen zwanzig Centimeter, an anderen bis zwei Meter hoch und
dreißig bis fünfzig Centimeter stark war. Der Eingang befand sich gegen
Norden, die Mauer trat hier beiderseits vor und bildete einen förmlichen
Gang. Die Granitziegel waren flach, zehn bis fünfundzwanzig Centimeter
lang, acht bis fünfzehn hoch und sechs bis fünfundzwanzig breit, ihre
obere und untere Fläche trapezförmig. Doch glaube ich sicher zu sein,
daß von den früheren periodischen oder stabilen Bewohnern dieser
Miniaturfeste (der Umfang mochte etwa hundertdreißig Meter sein) auf der
Mauer eine Umwallung aus Holz oder Dornenästen errichtet worden war. Da
ich mich gezwungen sah, schon nach zweieinhalbstündigem Aufenthalte
wieder aufzubrechen, konnte ich keine Nachgrabungen anstellen, welche
mir die nöthigen Aufschlüsse darüber gegeben hätten. Wir überschritten
noch an diesem Tage den felsigen Schascha, mußten jedoch der
eingetretenen Dämmerung halber sehr bald am jenseitigen (linken) Ufer
unser Nachtlager aufschlagen.

Am 27. zogen wir, nachdem wir den sandigen Schascha überschritten, der
sich mit dem felsigen verbindet und nachdem wir zwölf Zuflüsse des
ersteren gekreuzt, bis zu dem Punkte, wo wir den sandigen in seinem
Oberlaufe zum letzten Male berührten. Namentlich an dieser Stelle bot
sich uns eine der schönsten Scenerien des Westmatabele-Landes dar. Der
Reichthum der Pflanzenformen in dieser Gegend war in jeder Beziehung
überraschend; da hier auch zahllose kleinere und größere, verschiedenen
Arten angehörende Euphorbiaceen-Stämme im vermoderten Zustande den Boden
der bewaldeten Höhenabhänge bedeckten, so fanden sich in ihren Höhlungen
zahlreiche Scolopender und zwei Scorpion-Arten, auch Eidechsen und
zahlreiche Insecten. Glücklicherweise hatte sich während meiner Reise
durch das Makalaka-Land kein Fieberrückfall einstellt, und obwohl immer
kränklich, konnte ich doch die meinen Sammeleifer anregenden
Gelegenheiten benützen. Die kurzen flußauf- und abwärts unternommenen
Ausflüge waren sehr lohnend. Hier war das Felsenbett sandig, dort wieder
eine einzige Ebene oder gewölbte Granitplatte, welche stellenweise ein
natürliches, tiefes oder seichtes Becken oder Rinnen einschloß, durch
welche sich ein dünner Strahl seinen Weg nach dem Süden bahnte, um sich
nach und nach in sumpfigen und sandigen Partien des Flußbettes zu
verlieren. Wir überschritten nun den Tatifluß, dessen tiefsandiges
breites Bett und sehr steile Ufer uns nicht geringe Schwierigkeiten
bereitete.

Am 29. kamen wir in das Thal des Rhamakoban-Flusses, an dessen rechtem
Ufer wir dahinzogen, wir überschritten weiterhin drei Regenzuflüsse des
Tatiflusses, sowie vierzehn, die nach heftigem Regen dem Rhamakoban
zueilten. Das Land am Rhamakoban-River ist seines Wildreichthums wegen
unter den Elephantenjägern wohl bekannt; Giraffen, Tigerpferde,
Roen-Antilopen, graue Pallah's, Harris-Antilopen, Gnu's, Löwen, Hyänen
und Trappen gehören zu den häufigsten Wildorten und unter den größeren
sind Nashorne und Strauße keine Seltenheit. Auch am 30. reisten wir so
eilig wie am vorhergehenden Tage, da Bradshaw, der nach dem Abgange
Westbeech's die Leitung aller Wägen übernommen, über Mangel an Korn,
Mehl, Thee, Zucker und Salz klagte und sich beeilte, die Handelsstation
am Tatiflusse so bald als möglich zu erreichen. Nach Ueberschreitung von
acht rechtsseitigen Zuflüssen des Rhamakoban, verfolgten wir das Thal
desselben und verließen es erst am Nachmittage, um das zwischen
demselben und dem Tatiflusse gelegene Hochland zu durchziehen. Auch auf
dieser Strecke konnte ich anziehende Felsenformationen beobachten,
welche ich der Reihe nach (von Norden nach Süden) »den Altar«, »die
Gedenktafeln« und die »weißen Marksteine« nannte. In den letzten Tagen
war der Mapanibaum wieder häufiger aufgetreten, und die am Nachmittage
durchreiste Strecke bestand eigentlich aus einem einzigen, durch größere
und kleinere Lichtungen unterbrochenen Mapaniwalde. Nahe an den weißen
Marksteinen mündete der nach dem centralen Matabele-Land führende Weg in
unser Geleise.

Am 31. langten wir an den Ufern des Tati an und erblickten am Abhange
der niederen Tatihöhen einige im europäischen Style ausgeführte Gebäude,
von welchen indeß nur zwei bewohnt waren. Das eine hatte der
Elephantenjäger Pit Jacobs, das zweite der schottische Elfenbeinhändler
Brown inne. Noch vor wenigen Jahren ging es hier sehr lebendig zu.
Goldsucher aus allen Welttheilen waren zusammengeströmt, um des edelsten
der Metalle habhaft zu werden, doch sie fanden statt Alluvial-,
Quarzgold, was ihre Erwartungen bedeutend herabstimmte und schon nach
kurzer Zeit ihre Reihen beträchtlich lichtete. Compagnien übernahmen nun
die Arbeit, doch auch sie ließen nach und nach vom Betriebe ab, als sich
ihre Maschinerien unzulänglich erwiesen. Die Hauptschuld am Mißerfolge
war wohl die bedeutende Entfernung von der Küste, da selbst die
einfachste Maschine nur mit dem fünf- und sechsfachen Kostenaufwande
ihres Werthes hierhergebracht werden konnte.

Man fand sieben Unzen Gold auf eine Tonne Quarz, doch man theilte mir
auch mit, daß stellenweise bis zu vierundzwanzig Unzen aus einer Tonne
gewonnen wurden. Herr Brown, der ein Tauschgeschäft hatte, fungirte
zugleich als Agent der aufgelösten Kompagnie, da noch einiges von dem
Eigenthume derselben zurückgeblieben war. Im Thale des Tatiflusses, eine
kurze Strecke unterhalb der Besitzung, fand ich noch die Ueberreste der
Dampfmaschine, mit der man den Quarz zerkleinert hatte. Das goldhaltige
Gestein wurde von einer eine Gehstunde weit landeinwärts am linken Ufer
liegenden Stelle geholt, und als eben die seichten Goldgruben sich mit
Wasser zu füllen begannen, fehlte es an einer zweiten Dampfmaschine, um
sie zu entleeren, weshalb die Arbeit aufgegeben wurde. Bei unserer
Ankunft war Herr Brown nicht anwesend, sondern auf einem Besuch in
Gubuluwajo, um daselbst durch den Missionär Herrn Thompson mit Fräulein
Jacobs getraut zu werden. Wir fanden jedoch bei seinem Geschäftsführer
eine freundliche Aufnahme und hatten hier die Rückkehr Westbeech's zu
erwarten.

Außer den genannten Personen war ich nicht wenig erstaunt, die bei der
Reise nach Norden am Henryspan angetroffenen Lotriet-Familien in einigen
Grashütten wohnend, wiederzufinden. Alle aus dem Bamangwato-Lande im
Allgemeinen von Süden nach dem Matabele-Lande fahrenden Wägen haben in
Tati zu halten und sich mit einem neuen Gespann zu versehen. Die
Matabele-Händler halten sich schon immer eines bereit, um nicht unnütz
aufgehalten zu werden. Diese Maßregel war von dem Könige erlassen
worden, um das Einschleppen der Roiwatter-Krankheit zu verhüten. Die
Matabele besaßen einst eine große Anzahl von Viehheerden, welche
größtenteils den umwohnenden Völkern geraubt waren, doch die vom Süden
eingeschleppte Lungenseuche hatte unter den Thieren schrecklich
aufgeräumt.

In Tati liegt immer eine Truppe Matabele-Männer, welche das Land nach
Südosten zu bewachen haben; zur Zeit meiner Ankunft waren die Leute
darauf erpicht, zufällig eintreffende Weiße nach Möglichkeit zu quälen
und den von den Diamantenfeldern mit Gewehren heimkehrenden Makalaka's,
nachdem sie die Ankommenden aufgefangen und durchgeprügelt hatten, die
Gewehre und den Schießbedarf in des Königs Namen abzunehmen.

Das Matabele-Königreich war zur Zeit meines ersten Besuches das
zweitmächtigste Eingebornenreich südlich vom Zambesi, gegenwärtig nach
der Niederwerfung der südlichen Zulu's ist das Reich der nördlichen, d.
h. der Matabele als das mächtigste anzusehen. Es hat eine
Längenausdehnung von etwa achtzig bis neunzig, eine Breite von fünfzig
bis sechzig geographische Meilen. Nach Mackenzie war der Gründer dieses
weitläufigen Reiches ein Sohn Matschobane's, eines Zulu-Häuptlings in
Natal. Als Tschaka, der mächtigste der Zulu-Häuptlinge, seine Nachbarn
unterjochte, wurde auch Moselikatze gefangen. Auf einem Raubzuge
begriffen, den er im Auftrage Tschaka's unternahm, welcher seinen Muth
kennen gelernt hatte, wandte er sich mit den geraubten Heerden nach dem
Herzen der jetzigen Transvaal-Colonie, unterjochte die Bakhatla-,
Baharutse- und andere Betschuana-Stämme und ließ sich in dem am Marico
und seinen Zuflüssen liegenden Höhenlande nieder. Hier wurde er von dem
Griquachef Berend-Berend angegriffen, der nicht nur abgewiesen, sondern
auf's Haupt geschlagen wurde. Damit war aber nur der Reigen der gegen
ihn gerichteten Angriffe eröffnet, es tauchten immer wieder neue Feinde
auf. Zuerst waren es zwei Zulu-Heerhaufen, welche von Tschaka und einer
von dessen Nachfolger Dingan dem Flüchtigen, doch erfolglos,
nachgesendet wurden. Dann waren es die dem Transvaal-Gebiete sich
nähernden Boers, welche, den gefährlichen Nachbar wohl erkennend, seiner
los werden und das schöne Land am Marico erobern wollten. Sie griffen im
Jahre 1836 unter Gert Maric Moselikatze am Fuße einer Höhe in dem
genannten Territorium an; der Kampf endete mit einer vollständigen
Niederlage des Zulu-Häuptlings, worauf Moselikatze mit dem Reste seiner
Leute, unter denen sich nur vierzig Ringköpfe (eigentliche Krieger)
befanden, das Land verließ und die Länder verwüstend, gegen den Zambesi
zog, um jenseits dieses Stromes ein neues Reich zu gründen. Doch was
Menschenhand nicht vermocht hatte, that die kleine Tsetsefliege, sie
warf den Zuluwolf zurück. Dieser fiel nun erst über ein, dann über ein
zweites Makalaka-Dorf und nach und nach über die einzelnen
Makalaka-Königreiche, dann über jene der Manansa etc. her. In der Stille
der Nacht überfiel er die Dörfer der Ackerbauer, steckte sie in Brand,
tödtete die herausstürzenden Männer und raubte die Frauen, Kinder und
Viehheerden; in dieser Weise wuchs seine Macht, und so schuf er ein
neues Zulu-Reich in Süd-Afrika. Die geraubten Knaben wurden den Kriegern
zum Unterrichte im Kriegsdienste anvertraut, jene, die schon Waffen zu
tragen vermochten, sofort eingereiht. Die Frauen wurden den Kriegern
geliehen, die Heerden wurden königliches Eigenthum und diente zur
Erhaltung der anfangs in Rotten, später in Regimenter eingereihten
Krieger. Als jedoch Moselikatze bemerkte, daß seine Krieger die ihnen
zugewiesenen Makalaka-Frauen nicht als Beute behandelten, sondern milde
gegen sie auftraten, fürchtete er ihre Verweichlichung und ordnete eine
Schlächterei der seinem Zwecke gefährlich scheinenden Frauen an. Die
Krieger folgten auch den Befehlen und schlugen ohne Ausnahme ihre neuen
Frauen todt. Jährlich unternahm der König Raubzüge in die benachbarten
Länder und Tausende von Unschuldigen wurden auf diese Weise
geschlachtet. Denn außer den Männern wurden auch die arbeitsunfähigen
Greise und die Frauen, Säuglinge und überhaupt kleine Kinder getödtet.

Ich will es versuchen, im Folgenden das Regiment der Matabele-Zulu in
kurzen Zügen zu schildern; außer meinen eigenen Beobachtungen stütze ich
mich auf die eingehenden Forschungen meines Freundes Mackenzie, sowie
auf die mir von den beiden Elfenbeinhändlern Westbeech und Philipps
mitgeteilten Berichte. Das Regiment der Zulu-Matabele ist in jeder
Beziehung militärischer Despotismus, demselben unterliegt Alles, Mensch,
Thier und jedes Atom des Landes. Ueber die einzelnen Heeres-Abtheilungen
sind Häuptlinge gestellt und diesen unterstehen abermals
Unterhäuptlinge, welche Officiersrang einnehmen, während jener des
Induna etwa einem Regiments-Inhaber gleichkommt. Die Krieger führen
blindlings die ihnen gegebenen Befehle aus, dagegen buhlen die
Unterhäuptlinge und Häuptlinge um die Gunst des Königs und wenn dies
nicht durch hervorragende Thaten im Kampfe möglich ist, so suchen sie
sich durch Verleumdung gegenseitig beim Könige zu verschwärzen. Der
König hat mehrere Scharfrichter, welche im Dunkel der Nacht ihre blutige
Arbeit zu verrichten haben. Da die Matabele-Krieger allabendlich nebst
Fleisch auch Kafirkornbier erhalten und darauf in der Regel in einen
festen Schlummer fallen, wird es dem Scharfrichter oder dem sogenannten
Messer des Königs leicht, an die Arbeit zu gehen.

[Illustration: Begegnung mit einem Löwen am Tatifluße.]

Ich will nur eines Beispiels aus Mackenzie's Erfahrung hier erwähnen.
Der Tapferste der Tapferen in Moselikatze's Heer war Monjebe, einer
seiner ersten Häuptlinge, doch weil er seiner Tugenden halber oft vom
König mit Geschenken ausgezeichnet war, blickten die übrigen Induna's
neiderfüllt auf den Günstling und ließen nicht ab, ihn fortwährend beim
Könige der Zauberei und Verschwörung anzuklagen. Anstatt Monjebe zur
Verantwortung zu ziehen, hielt Moselikatze das Ganze geheim, lieh leider
endlich sein Ohr den Verleumdern und gab ihnen auch das Recht, Monjebe
zu tödten. Am folgenden Morgen waren von dem Gehöfte des letzteren
nichts mehr als einige rauchende Pfähle zu erblicken. Als mein Freund
Mackenzie im Jahre 1863 das Matabele-Land besuchte, traf er nur einige
Zulukrieger. Die Männer in der »Blüthe« waren Betschuana,
welche Moselikatze als Knaben während seines Aufenthaltes im
Transvaal-Territorium und auf seinen Zügen geraubt oder als Abgabe
erpreßt hatte. Die jungen Regimenter bestanden meist aus Makalaka- und
Maschona-Jünglingen.

Im Frieden haben die Knaben die Heerden zu hüten, kommen sie heim, so
müssen sie sich im Gebrauche der Waffen üben. Diese Leibesbewegung
stählt und kräftigt ihren Körper derart, daß man einen Masarwa aus dem
Kalahari-Bushveldt und einen der unter den Matabele aufwuchs, nicht als
Männer eines Stammes ansehen würde. Die Matabele-Krieger leben in
Baraken, ein Bild der Häuslichkeit ist nirgends zu sehen. Nur den
Häuptlingen, und in Ausnahmsfällen einem Krieger ist es gestattet, das
ihm als Beute übergebene geraubte Mädchen als seine Frau, nicht als
seine Sklavin zu betrachten, obgleich beide wohl das gleiche Los tragen.
Der König hinderte die einzelnen Stämme nicht, den ihnen zukommenden
abergläubischen Gebräuchen getreu zu bleiben, erlaubte aber auch nicht,
daß einer seiner Leute Christ werde. Das Matabele-Land wurde zuerst von
Missionären aufgesucht, dann folgten Elfenbeinhändler; sie kauften von
diesen wohl Gewehre und Schießbedarf, aber keine Kleidung.

Jahr für Jahr begehen die Matabele, bevor sie auf ihre Raubzüge
ausziehen, den der Gottheit geweihten Tanz Pina ea Morimo. Zu diesem
finden sich die Krieger in voller Kleidung auf dem Paradeplatze ein,
Kopf, Brust und Hüften mit einem aus schwarzen Straußfedern verfertigten
Gewande geschmückt. Den versammelten Kriegern wird ein schwarzer Stier
vorgeführt und dieser so lange gejagt und gehetzt, bis er von Schweiß
und Schaum bedeckt, wie gelähmt, niederstürzt. Nun wird dem Thiere das
Schulterblatt mit einigen künstlich geführten Schnitten sammt der
Muskulatur ausgeschält und an einem kleinen Feuerchen zwei bis drei
Minuten lang geröstet, das Fleisch in kleine Stückchen geschnitten und
in diesem halbrohen Zustande von den heranstürzenden Kriegern
verschlungen. Der Genuß desselben soll sie besonders stark und tapfer
machen.

Rings um die Niederlassung der Weißen am Tatiflusse erheben sich kleine
Hügel, welche theils aus Eisenglimmerschiefer, Quarz und Granit
bestehen und theils einzelne Höhenkuppen, theils den Abfall des
Rhamakoban-Tatiflusses bilden. Ich unternahm Ausflüge nach allen
Richtungen hin, doch hieß man mich die größte Vorsicht gebrauchen, da es
in der Umgebung von Löwen wimmeln sollte.

Am 30. besuchte ich zuerst die beiden von den Weißen bewohnten
Wohnungen. Pit Jacobs, der holländische Jäger, war, von seinem Sohne
begleitet, auf Elephantenjagd ausgezogen. Gegen Abend suchte ich das
rechte Flußufer aus und erbeutete dabei einige ^Virivas colius^. Am
folgenden Tage besuchte ich die umliegenden Höhen und fand, daß man
überall bis zu fünfzig Fuß tief Minen gegraben hatte, um Goldadern auf
die Spur zu kommen. Auf dem nördlichen Hügel, der mit dem Tati-Abhang in
Verbindung stand, fand ich Ruinen in Form einer Mauer, auf der höheren
Kuppe eine kleinere Umwallung, auf der niedrigeren eine dreimal
umfangreichere. Die erstere war 1 bis 1½, die letztere 1½ bis 2 Meter
hoch und beiderseits 1 bis 1¼ Meter breit und ohne jeglichen Cement aus
Eisenglimmerschieferziegeln errichtet. Während die Innenseite der Mauer
immer gleichförmig aus drei bis zehn Centimeter starken, zehn bis
fünfzig Centimeter langen und zehn bis zwanzig Centimeter breiten
viereckigen Platten errichtet war, fand ich an der Außenseite der Mauer,
daß hier wohl der Verzierung halber zwei Reihen kleinerer schief und
dachziegelförmig gegen einander gelegte Platten einander unter einem
rechten Winkel deckten (siehe das vorstehende Bild). Beide Umwallungen
haben einen Eingang von Norden, bei der größeren war dieser Eingang
dadurch geschützt, daß der rechte Mauerflügel nach außen vortrat und daß
vom linken eine gerade Mauer nach Innen zu gegen die Mitte der Umwallung
lief. Im Allgemeinen waren diese Ruinen den am Schascha-River
vorgefundenen ähnlich geformt und mochten wohl von einem Stamme der
Goldgewinnung halber errichtet worden sein. Auch hier hoffe ich auf der
nächsten Reise Nachgrabungen anzustellen und zu entscheiden, ob sie von
den im Osten lebenden Maschona's oder von den Bewohnern Monopotapa's
errichtet wurden. Abends besuchte ich den zurückgekehrten, zweitgrößten
Elephantenjäger Süd-Afrika´s Pit Jacobs und hörte gespannt seinen
Mittheilungen aus seiner fünfundzwanzigjährigen Jägerlaufbahn zu.

Am Vormittag des 2. April besuchte ich auch den Verweser des Herrn
Brown, um den Ankauf einiger Utensilien zu besorgen. Wir waren eben mit
den letzteren beschäftigt, als ein Schwarzer mit dem Rufe hereinstürzte:
»Löwen, Löwen unter der Heerde!« Obgleich an mehreren Stellen im Innern
Löwen sehr zahlreich sind, so ist mir doch keine bekannt, an welcher
dieses gewaltige Raubthier so kühn und verwegen auftreten würde, als in
der Umgebung der Tati-Station. Als noch die Goldgräber hier arbeiteten,
hatten sie von den Thieren sehr viel zu leiden. Hier geschah es damals,
daß die Löwen über einen zwei Meter hohen und an seiner Basis ebenso
breiten aus Dornästen erbauten Kraalzaun setzten, um die Zugthiere darin
zu erwürgen. Sehr oft fanden Jacobs und Brown, daß Löwen in der Nacht
zwischen ihren Wohnungen sich herumgetummelt hatten. Als der
Minenbetrieb hier noch im Gange war, wurde eines Morgens einer der
schwarzen Arbeiter, als er eben aus seiner Hütte treten wollte, um
Brennholz für die Dampfmaschine zu sammeln, von einem Löwen angegriffen,
und des Mannes Leben nur durch den Umstand gerettet, daß der Angreifer
ein altes Thier mit stumpfen Zähnen war.

Während meines Aufenthaltes in der Tati-Station wurde eine Löwin in
meiner Gegenwart erlegt. Am Tage als wir abreisten, wurden sieben Löwen
am Wege vor uns gesehen. Acht Tage nach meiner Abreise schoß Pit Jacobs
einen männlichen Löwen und wenige Tage darauf holte sich ein Löwe in der
Nacht Herrn Brown's Pferd aus dem Stalle, der, weil in einer
Pfahlumzäunung erbaut, nach dem Wohngebäude zu offen war. Diese Vorfälle
mögen dem Leser eine Idee von der Dreistigkeit und Keckheit der Löwen in
Tati geben.

Nach der von dem Schwarzen erhaltenen Nachricht waren wir sofort bereit,
das in die Heerde eingebrochene Raubthier zu züchtigen. Ich lief zu
unserem etwa vierhundert Schritte vom Flusse abseits liegenden Lager, um
mich mit meinem Snyder und Patronen zu versorgen. Als Bradshaw von dem
Vorfalle hörte, schloß er sich mir mit seinem Vorderlader (einem
Doppelgewehre) an, mit dem er wahre Wunder wirkte. Den mit Ruinen
gekrönten Hügel zur Linken lassend, bewegten wir uns, das linke Ufer
entlang, thalaufwärts. Dieses war nur etwa zwei- bis dreihundert
Schritte breit, von bebuschten Höhen zur Rechten umsäumt, stellenweise
bebuscht, dagegen unmittelbar am Flusse in einer Breite von etwa hundert
Meter ziemlich dicht mit Mimosen bestanden. Außer mir und Bradshaw und
einigen zwanzig mittelmäßig bewaffneten Schwarzen betheiligten sich noch
ein Sohn Pit Jacobs' und der ausgezeichnete Halbkastjäger Africa, die
beiden letzteren zu Pferde, an der Verfolgung. Während des Marsches
berichtete uns der Diener, daß der Angriff des Raubthieres auf die
Heerde an einem erst gestern im sandigen Bette des Flusses gegrabenen
Tränkloche geschah. Das Flußbett war hier etwa hundert Schritte breit,
etwa dreißig Schritte von unserem Ufer erhob sich in demselben eine
kleine dichtbebuschte Insel, zwischen ihr und unserem Ufer die genannte
Lache. Als sich nun die Heerde zur Tränke versammelt hatte, stürzte
plötzlich von jener Insel eine Löwin auf dieselbe, die Thiere flohen
an's Ufer und die Löwin zerbiß, einer Kuh nachsetzend (ganz gegen die
sonstige Gewohnheit der Löwen), dieser die Fußgelenke, so daß sie ihr
Opfer zum Falle brachte. Dies geschah unter einem Mimosenbaume, auf
welchem bei dem ersten Erscheinen des Löwen der eine der beiden
unbewaffneten Hirten Zuflucht genommen hatte; sein Hund aber blieb in
der Nähe des Baumes und umkreiste laut bellend das Raubthier. Dem
Hundegebelle folgend, kamen wir auf eine kleine, unmittelbar am Flusse
gelegene Lichtung, und sahen den Kopf eines Rindes über das Gras
herausragen. Africa hatte jedoch schon vom Pferde aus das Raubthier
erblickt, und bevor wir uns dessen versahen, donnerte seine
Elephantenbüchse. Nun erst sah ich wie eben der Kopf der hinter der Kuh
in dem Grase hockenden Löwin in dasselbe zurücksank. Der Schütze hatte
dem Raubthiere die Wirbelsäule am Epistropheus zerschmettert.
Unmittelbar nach dem Schusse war der die Löwin in ihrem Fraße so
beunruhigende und schon durch andere Vorfälle den Weißen von Tati so
wohl bekannte Hund auf die Löwin losgesprungen und hatte ihr, sie an dem
einen Ohre fassend, den Kopf zurückgerissen. Dann stürzten die Matabele
auf die Löwin und hieben auf das todte Thier los. Ohne die Kuh getötet
zu haben, hatte die Löwin derselben oben neben dem Kreuze ein Loch in
den Leib gebissen und verzehrte die mit ihren Klauen herausgerissenen
Eingeweide. Wir befreiten sofort das arme Thier von seinen Leiden und
Africa verehrte mir das Fell des Raubthieres.[17]

Seitdem ich Africa am Tschobe begegnet, war er seiner Straußen- und
Elephantenjagden halber von Khama des Landes verwiesen worden und nun
nach Tati gekommen, um gegen Bezahlung von La Bengula die Erlaubniß zur
Straußenjagd zu erhalten. Meine Zeit bis zum 7. benützte ich
hauptsächlich zur geologischen Untersuchung der nächsten Umgebung, sowie
zur Aufzeichnung der interessantesten Jagderlebnisse von Pit Jacobs und
Bradshaws und eines dritten zugereisten Boerjägers. Am 6. besuchte der
Sohn Africa's seine Eltern, er brachte das Fleisch eines Kudu für
dieselben mit, und hieß uns alle sehr vorsichtig sein, da er an seinem
zwei Stunden entfernten Lager allnächtlich von Löwen beunruhigt wurde.
Am folgenden Tage kam von Süden her über Schoschong ein
Elfenbeinhändler, der, in seinem Geschäfte äußerst tüchtig, alles andere
nicht zu beachten schien. Er klagte über Wassermangel zwischen
Schoschong und Tati und über die Häufigkeit der Löwen auf dieser
Strecke.

Westbeech und sein Compagnon Philipp, sowie ein anderer Elfenbeinhändler
F. und Herr Brown mit seiner jungen Frau kamen am nächsten Tage von
Gubulowajo zurück. Der erstere brachte eine von La Bengula mit einem +
unterzeichnete Vollmacht, Elephantenjäger gegen Begleichung eines
gesalzenen Pferdes in seinem westlichen Territorium jagen lassen zu
dürfen. Herr Brown sowie der zugereiste Elfenbeinhändler theilten mir
sehr interessante Einzelheiten über die Grausamkeiten der Matabele mit.
La Bengula besitzt eine Schwester, eine sehr wohlbeleibte Person, welche
einigen Einfluß auf den König ausübt. Als ihr einst W. vorwarf, warum
sie sich keinen Gemahl wähle, gab sie ihm den Bescheid, sie sei zu
corpulent, um gehen zu können, und da außer dem Könige Niemand im Lande
einen Wagen besitze, müsse sie auf einen Ehegemahl verzichten. So oft
ich an diesen Händler denke, muß ich stets bedauern, daß er seine Gunst,
deren er sich von Seite La Bengula's erfreute, nicht zu allgemeinem
Nutzen geltend machte, daß er sich Sepopo gegenüber zu nachgiebig zeigte
und so dessen Gunst, und durch mancherlei andere Umstände jene Khama's
verscherzte.

[Fußnote 17: Siehe Anhang 6.]

Sein zwölfjähriger Aufenthalt unter jenen Stämmen hatte ihn zum Meister
ihrer Sprachen gemacht. Während seines letzten Besuches besuchte er den
König La Bengula, als diesem eben sein Mahl auf einer Schüssel, die
selten oder nie gescheuert wird, vorgelegt wurde. Ohne dazu aufgefordert
worden zu sein, half sich W. sofort und reichte einige Stücke seinen
Genossen, die mit ihm gekommen waren (mit Ausnahme zweier Missionäre
wohnten stets einige Elfenbeinhändler im Umkreise der königlichen
Stadt), worauf die umsitzenden Induna's zu murren begannen. »Georg,«
hieß es, »behandelt den König wie sein Kind.« »Wie kannst Du ihm das
Fleisch nehmen?« W.'s Antwort. »Habe ich nicht Moselikatzes Wagen
getrieben und so den König herumgeführt? War er da nicht mir anvertraut?
War er nicht mein Kind? Ist nicht da La Bengula sein Sohn auch mein
Kind?« schien die Murrenden sehr zu befriedigen, denn sie klatschten in
die Hände. -- Ich fragte den Masupia-Diener, den Westbeech mit nach
Gubuluwajo genommen, ob die Matabele-Frauen schön seien. »Nein, Herr,
sie haben kein hinteres Schurzfell, noch sind sie tätowirt.« Auf die
wohlgeformten Gestalten und die angenehm sein sollenden Züge nahm der
seiner Heimat ungetreue Sohn keine Rücksicht.

Bevor ich von Tati scheide, will ich noch eines eigentümlichen
Abenteuers gedenken, welches sich im Februar des Jahres 1876 im Hause
des Jägers Pit Jacobs zutrug. Um diese Zeit war der alte Jäger mit
seinen Söhnen und einer seiner beiden Töchter auf der Elephantenjagd im
südlichen Matabele-Lande beschäftigt. Die Frau war nur mit der zweiten
an Herrn Brown verlobten Tochter, zwei kleinen Söhnchen und einem
Masarwa-Diener zurückgeblieben.

Ueber die Höhen am Tatiflusse hatte sich bereits das Dunkel der Nacht
ausgebreitet, und die Bewohner der Station schliefen bereits, nur aus
der halboffenen Thür (aus einer unteren und oberen Hälfte bestehend) und
der dieser entgegenliegenden Fensteröffnung der Wohnung Jacobs
schimmerte ein schwacher Lichtschein. Das Haus des holländischen Jägers
bestand aus einem sogenannten Hartebeest-Bau, d. h. aus vier, aus dünnen
Baumpfählen errichteten, mit rother Ziegelerde überschmierten, mit einem
aus Pfählen und Gras gebildeten Giebeldache überdeckten, dünnen Wänden.
Eine aus dem ersteren Material verfertigte Scheidewand theilte den
inneren beschränkten Raum in einen größeren, das Wohn-, Empfangs-,
Eß-, Wasch- und Arbeitszimmer, und in einen kleineren, das
Familien-Schlafzimmer. In dem ersteren lief eine Holzbank der Mauer
entlang und nur an der südlichen Wand nahe der Thüre stand ein einfacher
Holztisch, und unter der Fensteröffnung, welche man mit einem Brette zu
schließen pflegte, eine Nähmaschine, ein Geschenk des Herrn Brown an
seine Braut. Da wo die Bänke nicht hinreichten, einen ganzen Wandsitz zu
bilden, füllten Kleiderkisten diese Lücke aus. Der zweite Raum hatte nur
zwei nennenswerthe Objecte, zwei rohgezimmerte Bettstätten, eine der
Eingangsöffnung gegenüber, welche die Scheidewand an der Fensteröffnung
durchbrach und eine unmittelbar an der letzteren anliegend.

Um die Zeit des zu berichtenden Vorfalls war Herr B. bei seiner
Verlobten noch zu Besuch. Der Diener war längst in seiner Hütte
entschlummert, welche dem Hausthore gegenüber stand, die Mutter war mit
den Kindern zur Ruhe gegangen. Sie lag mit dem kleineren, dreijährigen
Knäblein auf dem Lager dem Eingange gegenüber, der zweite Knabe schlief
auf dem anderen Bettgestelle. Während die Kinder schliefen, mischte sich
die Mutter zeitweilig in das Gespräch ihrer in der vorderen Kammer
sitzenden, verlobten Tochter. Um das Bild noch zu vervollständigen, muß
ich noch hinzufügen, daß sich das Hauskätzchen am offenen Fenster einen
außergewöhnlichen Sitz gewählt hatte. -- Zur selben Zeit wurde die
Niederlassung durch den Besuch eines hungrigen Leoparden beehrt, welcher
nach mehrtägiger erfolgloser Jagd in den Büschen die Niederlassung
aufgesucht hatte. Hier wurde Viehkraal nach Viehkraal umgangen, doch die
Dornzäune schienen zu hoch für seinen Muth und so wagte er sich an die
menschlichen Wohnungen heran, um doch wenigstens einige Hühner zu
erbeuten. Auf diesem stillen Umzuge hatte er auch die Stätte von Pit
Jacobs häuslichem Glücke umkreist. Der Leopard erblickte die Katze und
den etwas mageren Bissen in der Noth immerhin des Angriffs werth
haltend, wagte er, sich näher schleichend, den Sprung. Kätzchen sind
jedoch kluge Thiere, und jenes hatte seinen Feind noch rechtzeitig
erspäht, denn im selben Augenblicke als er aufsprang, setzte es herunter
und verbarg sich unter der Nähmaschine, das Raubthier jedoch war mit
einem Satze in der Mitte des Zimmers, zum nicht geringen Entsetzen der
beiden Verlobten, sowie zu seinem eigenen Schrecken. Von dem lauten
Aufschrei der beiden begrüßt, sowie von dem flackernden Lichte der in
einer Wagenlaterne ihr ephemeres Dasein fristenden Kerze geblendet,
geräth das Thier außer Fassung und sinnt auf Flucht und ein Versteck.
Der Leopard erhebt sich brummend, blickt sich um und wirft sich dann in
den dunklen Abgrund, der ihm als Eingang zu dem Schlafzimmer
entgegengähnt, worüber die beiden so unangenehm Ueberraschten neuerdings
aufschrieen, denn da drinnen lag ja die wehrlose Mutter mit den beiden
Kindern. Frau Jacobs sah ein Thier in ihre Schlafkammer setzen und sich
unter ihr Bett verstecken; sie fragt, was es wäre, jene wollen sie
beruhigen und sagen es sei blos ein Hund. »Ja, wenn es nur ein Hund ist,
warum schreit Ihr denn so fürchterlich.« In der Meinung, daß es
vielleicht eine Hyäne sei, springt die Frau auf, ergreift das neben ihr
liegende Kind und eilt, das zweite vollkommen vergessend, in die vordere
Kammer. Als die Beiden sie ohne das zweite Kind in der Kammer erscheinen
sehen und die Mutter in sie dringt, den Namen des Thieres zu nennen,
gestehen diese ein, daß es kein Hund oder Pantherkatze sondern ein
Leopard sei. Nun brach die Mutter in Wehklagen aus, sie wollte
hineinstürzen und ihr Kind holen. Mit aller Macht mußte sie
zurückgehalten werden aber um so mehr drang sie hierauf auf die Tödtung
des Raubthieres.

[Illustration: Der Leopard im Hause Pit Jacobs.]

Nachdem die Aufregung Aller sich etwas gelegt hatte, sann man auf die
Mittel, das Thier zu bekämpfen. Auf der Schlafzimmerseite der
Scheidewand hingen einige geladene Elephantengewehre, doch in der
allgemeinen Angst und Bestürzung hatte man diese vollkommen außer Acht
gelassen. Ein großes Küchenmesser war die einzige Waffe, welche zur Hand
war, da fiel jedoch der Frau Jacobs der in der Hütte schlafende Masarwa
ein, dessen, wenn auch höchst primitiver Assagai bessere Dienste leisten
konnte. Bald war auch der Gewünschte mit seiner Waffe zur Stelle und so
bewaffnet nahm Brown den Kampf mit dem Leoparden auf. B. sollte im
gebeugten Zustande mit der Waffe in der Hand und gefolgt von seiner
Braut dem Thiere den Garaus machen; um jedoch auch in der That dieses
Heldenstück auszuführen, war Licht nöthig; hier half Miß Jacobs, indem
sie die Laterne hochhielt. Sowie der erste Lichtschimmer auf den
Leoparden gefallen war, fauchte dieser vernehmbar und sprang mit einem
Satze aus seinem Verstecke auf das gegenüber stehende unbeleuchtete
Lager, auf welchem der fünfjährige Jacobs trotz des Geschreies der
Frauen ruhig weiterschlief. Dies war die Ursache eines neuen Geschreies
von Seite der Frauen, denn alle wähnten das Kind, wenn nicht schon todt,
so doch dem sicheren Verderben preisgegeben. Doch keines von beiden war
der Fall. Das Raubthier mußte unmittelbar vor oder hinter den Knaben
gesprungen sein, ohne die geringste Notiz von ihm zu nehmen, denn der
Knabe schlief weiter und war erstaunt, am nächsten Morgen die aufregende
Scene erzählen zu hören.

Der Leopard saß auf seinen Hinterfüßen und fauchte zähnefletschend die
Eindringlinge an. Abermals stellten sich die Angreifer in eine
Schlachtlinie und vorwärts ging es in die Schlafkammer. Um mit ihrem
Rathe nötigenfalls beizustehen und ihrem Verlobten den Schauplatz besser
zu beleuchten, lehnte sich Fräulein Jacobs, die Laterne vor ihn
hinhaltend, über Herrn Brown, und damit ihre Kinder im wichtigen Momente
nicht verzagen und sie das Ganze sehen könne, lehnte sich auch Frau
Jacobs an ihre Tochter, so daß Brown unter der Last förmlich
zusammenbrach. Wie vermochte er unter diesen Verhältnissen mit
Sicherheit einen tödtlichen Stoß gegen das Thier zu führen. Es darf uns
daher nicht wundern, daß er kaum die Haut des Thieres durchbohrt hatte.
Allein kaum war dies geschehen, als der Leopard auf seine Gegner
lossprang. Im nächsten Momente als sein Assagai abglitt, fühlte Herr B.
die Tatzen des Thieres auf seinem Kopfe und Nacken. Die nächste Wirkung
dieses Sprunges war, daß Herr Brown von Tochter und Mutter und dem
neugierigen, sich gleichfalls an Frau Jacobs anlehnenden schwarzen
Diener beschwert, dem auf ihm lastenden Gesammtgewichte nachgeben mußte
und mit dem Leoparden zu Boden stürzte. Der Stütze beraubt, folgten auch
in der Gefahr getreu, Fräulein und Frau Jacobs, sowie der Masarwa ihm
nach. Dies war wohl die glücklichste, wenn auch für die Betheiligten in
jenem Momente unangenehme Lösung der Situation. Es wäre nun vielleicht
Einem oder dem Andern schlecht ergangen, wenn das Raubthier nicht selbst
durch den Wechsel seines Standpunktes erschreckt worden wäre. Der
Leopard fühlte sich plötzlich auf einem zuckenden, in holländischer,
englischer sowie in der Sesarwa-Sprache schreienden Knäuel und da mit
dem Falle des Herrn Brown auch die Laterne ausgelöscht war, kam es
selbst dem Leoparden in der Dunkelheit unheimlich vor und anstatt zu
beißen und zu kratzen, machte er einen Satz durch die Thüre in das
Wohnzimmer und von da durch die Ausgangsthüre, deren obere Hälfte nicht
geschlossen war, ins Freie. Nach und nach entwirrte sich auch der
Menschenknäuel und nachdem Licht herbeigeschafft war, rief das ganze an
komischen Momenten reiche Erlebniß, das unter Umständen tragisch enden
konnte, allgemeine Heiterkeit hervor.

Am 10. April verließen wir die Tati-Station und fuhren durch ein
bewaldetes Hügelland bis zum Schaschaflusse, einem Sand-River, der unter
anderen zahlreichen Nebenflüssen gleichen Charakters auch den Tatifluß
aufnimmt. Nahe an der Stelle wo wir hielten, fand ich an der Mündung
eines trockenen Regenspruits in den trockenen Schaschafluß, eine kleine
aber tiefe Lache, welche Krokodile beherbergte.

Am Morgen des 12. überschritten wir den Matloutsi- und den Seribe-Fluß,
sowie seit dem wir Tati verlassen, zehn Zuflüsse des Schascha, Matloutsi
und Seribe, am folgenden Tage vier weitere Spruits. Der Weg war abermals
äußerst beschwerlich und voller Felsblöcke. Wir blieben den Tag über am
Matloutsi-Flusse, welcher theilweise die östliche Grenze zwischen dem
Matabele- und Bamangwato-Reiche bildet. (Früher war es der Tatifluß.)
Großes Interesse bot eine doppelte Reihe von Hügeln, deren Form bald
kegelförmig war, bald wieder förmlichen Hexaëdern glich. Wir
überschritten am nächsten, einem sehr heißen Tage Morgens den
Kutse-Khani und den Lothlakhane-Fluß und lagerten am Ufer eines dritten
mit Namen Goque. Da wir vor uns eine weite, wasserlose Strecke hatten,
wurden hier die Zugthiere mehrmals getränkt. Der Weg führte nunmehr an
der Kette der Serule-Höhen vorüber und über drei Regenspruits und
späterhin an den Serule-River, den wir gegen Mittag überschritten, gegen
Süden und Südosten erhob sich der Höhenzug der Tschopoberge, deren
höchste Kuppen am Nord- und Südende liegen.

Am 16. erreichten wir das Thal des Palatschwe-Flusses und überschritten
am selben Tage auch das Thal des Lotsaneflusses. Ich glaube, daß sich
beide Flüsse am Fuße der Tschopo-Höhen vereinigen und am nördlichen
Abhange derselben ihren Lauf gemeinsam fortsetzen. Die Lotsane Furth,
eine der schwierigsten auf dem Wege von oder nach dem Matabele-Lande,
war einige Jahre zuvor bei den Elfenbeinhändlern und Elephantenjägern
durch zahlreiche und äußerst kecke Löwen berüchtigt.

Am 17. betraten wir ein Hochland, in welches zahlreiche Regenlachen
eingebettet waren, von denen jedoch nur drei im Winter wasserhaltig sind
und deren zweite Lemones-Pfanne genannt wurde. An den beiden letzteren
fanden wir Bamangwato-Viehposten. Ich muß noch erwähnen, daß wir von
Tati ab eine Matabele-Begleitung erhalten hatten, welche Z. nicht
geringen Kummer und Sorgen einflößte. An der letzten Lache, Tschakani
genannt, schlugen wir unser Nachtlager auf; hier erfuhren wir, daß
Setschele die in seinem Lande wohnenden Bakhatla bekriege. Da wir kein
Wild erlegen konnten und unsere von Tati mitgenommenen Lebensmittel zur
Neige gegangen waren, wurde eines der Reserve-Zugthiere geschlachtet.
Wir überschritten hierauf den Tawani und kamen in der Nacht bis an das
Ufer des sandigen Mahalapsi-Flusses.

Am frühen Morgen hatten wir den östlichen Fuß der Bamangwato-Höhen
erreicht und zogen nun nach Schoschong. Ein Theil des Trupps blieb
zurück, da es hieß, daß in Schoschong das Gras durch die anhaltende
Dürre förmlich abgebrannt sei und die Quellen des Schoschon so wenig
Wasser lieferten, daß sie kaum den Bedarf der Bewohner deckten. Nachdem
uns Z. verlassen, welcher aus Furcht vor Khama die Richtung nach dem
Limpopo zu den Damara-Emigranten einschlug, zogen wir das Franz
Josefsthal aufwärts und erreichten nach einigen Stunden Schoschong.



                                 XV.
                 Rückreise nach den Diamantenfeldern.


Ankunft in Schoschong. -- Khama läßt Z. verfolgen und verurtheilt ihn.
-- Aufregende Nachrichten aus der Colonie. -- Aufbruch nach Süden. --
Mochuri. -- Der Krieg der Bakhatla's gegen die Bakwena. -- Ich erstehe
zwei junge Löwen. -- Ein Löwen-Abenteuer Van Viljoens. -- Eberwald
besucht mich. -- Jouberts See. -- Houmans Vley. -- Ankunft in Kimberley.

[Illustration: Rückreise nach den Diamantenfeldern.]

Von meinem guten Freunde Mackenzie auf das Herzlichste aufgenommen,
mußte ich abermals sein Gast sein; um meine Erholung zu beschleunigen,
lud er mich ein, so lange bei ihm zu verweilen, als er selbst noch in
Schoschong verblieb. Seiner Gastfreundschaft, sowie der bei Herrn Jensen
in Linokana genossenen danke ich zum größten Theile meine Genesung. Als
ich wieder zum ersten Male ein Stück ordentlich zubereitetes Brod
genießen konnte, kam ich mir wie ein mächtiger Herrscher vor, der jede
seiner Launen zu befriedigen vermag.

Als ich am Tage meiner Ankunft mit Westbeech Khama besuchte, überraschte
er den letzteren mit der Frage nach Z. Khama war davon genau
unterrichtet, daß er mit uns gereist war und da half Westbeech keine
Widerrede, er mußte gestehen, daß Z. Früh Morgens den Wagen verlassen
habe. Am selben Nachmittage noch sandte der König bewaffnete Mannschaft
aus, um Z. einzubringen, doch diese kehrten spät am Abend unverrichteter
Dinge zurück, worauf der König Berittene aussandte, um die Gegend bis
gegen den Khama-Salzsee durchforschen zu lassen.

Am Morgen des 22. kehrten sie mit dem Flüchtigen zurück, beim
Durchstreifen des Bushveldts waren sie von dem Scheine eines kleinen
Feuers angezogen worden, sie ließen ihre Pferde zurück und näherten sich
so leise, daß Z. ohne von seinem Revolver Gebrauch machen zu können
überwältigt wurde. Zum Könige gebracht, zeigte sich Z. über seine
Gefangennehmung sehr aufgebracht. Der König aber hielt ihm sein Vergehen
vor und verurtheilte ihn zu einer Geldbuße von 100 £ St. und als sich
der Verurtheilte entschuldigte, daß er diese Summe nicht besäße,
antwortete Khama, »ich weiß wohl, daß Du Dein Gespann sammt Wagen an W.
verkauft hast, er muß für Dich bezahlen, da er noch das Geld schuldet.«

Die mitgekommenen Matabele brachten einen Brief La Bengula's an Khama,
welcher diesen einlud, gemeinschaftlich an den Präsidenten der
Transvaal-Republik und Sir Henry Bartle, den Gouverneur der Cap-Colonie,
die Bitte zu richten dem Vordringen der Damara-Emigranten Einhalt zu
gebieten. Am 22. wurden zwei Händlergehilfen von dem Könige in
öffentlicher Sitzung zu je 10 £ St. Strafe verurtheilt, weil sie vor
ihren außerhalb der Stadt liegenden Gehöften in betrunkenem Zustande
aufgefunden wurden. »Wenn Ihr Euch schon nicht enthalten könnt,« sagte
Khama, »so thut es innerhalb Euerer Wohnungen oder Wägen, um nicht
meinen Leuten ein böses Beispiel zu geben.«

Am 24. reisten meine Gefährten nach dem Süden ab, während ich mit
Westbeech's Wagen, den er vor der Hand nicht benöthigte, nachdem er das
Elfenbein daraus entnommen, in Schoschong im Hause meines Freundes
Mackenzie zurückblieb. Am 25. und 26. fühlte ich mich leidlich wohl und
hielt im Hofraume Revue über meine Sammlungen, von welcher der von einem
Jagdzuge am Limpopo zurückkehrende Kapitän G. ganz entzückt zu sein
schien. Es freute mich, mit dem Könige bereits ohne Dolmetscher in der
Setschuana plaudern zu können. In den Abendstunden verzeichnete ich
meine Erlebnisse, während mir Rev. Mackenzie wieder Interessantes über
die Gebräuche der Bamangwato's mittheilte.

[Illustration: Koranna-Gehöfte bei Mamusa.]

Am 4. kam der Elfenbeinhändler Shelten vom N'gami-See an und berichtete
von der Gefangennahme des Damara-Emigrantenführers Van Zyl durch die
Damara's, sowie daß eine Horde der Makololo, die sich aus der früheren
Niedermetzelung des Stammes gerettet und heimlich am Tschobe aufhielt,
von den westlichen Bamangwato's vernichtet worden sei. Da ich mich am
10. etwas wohler fühlte, bestieg ich das Plateau auf welchem der
entscheidende Kampf zwischen Sekhomo und seinen Verbündeten, den
Makalaka's einerseits und Khama andererseits stattfand. Ich fand nur ein
einziges der vorgefundenen Skelete der Makalaka's für meine Sammlungen
brauchbar.

Am 13. kam durch die eingebornen Postboten die Nachricht, daß in der
Transvaal-Provinz zwischen den Boers und dem Eingebornen-Häuptling
Sekokuni Krieg ausgebrochen sei. Von Khama aufgefordert, übernahm ich
bis zum Ende meines Aufenthaltes in Schoschong die Behandlung der sich
meldenden kranken Eingebornen, wobei mir die beiden Herrn Missionäre
getreulich beistanden und auch die nöthigen Medicamente lieferten.[18]
Am 15. sandte ich einen Bericht an Lord Derby, dem Minister für
auswärtige Angelegenheiten Großbritanniens, über die Sklaverei im
Marutse-Reiche. In den folgenden Tagen kamen häufige Nachrichten von den
Grausamkeiten, welche von den beiden im Lande Seschele's kriegführenden
Theilen, den Bakwena's und Bakhatla's, ausgeübt worden waren. Anfangs
waren die Bakwena's, dann die Bakhatla's zum Angriff übergegangen.

Am 24. wurde in Schoschong die Boguera an den Mädchen vorgenommen, wie
Khama mir versicherte, zum letzten Male. In den ersten Tagen des Juni
begann Freund Mackenzie Vorbereitungen zu seiner Uebersiedlung nach
Kuruman, wohin er berufen worden war, um ein größeres Seminar zu
gründen. So weit meine schwachen Kräfte hinreichten, suchte ich ihm bei
seinen Arbeiten zu helfen. Doch die Krankenbesuche während der heißen
Zeit verschlechterten meinen Zustand und ich sah mich gezwungen, Khama
zu ersuchen, mir ein Pferd zur Verfügung zu stellen, was er auch that.
Während dieses Aufenthaltes in Schoschong erfuhr ich, daß Matscheng und
andere Betschuana-Häuptlinge am rechten Limpopo-Ufer wohnten, ohne die
Oberhoheit der Transvaal-Republik anzuerkennen und der Limpopo deshalb
nicht als Nordgrenze dieses Landes angesehen werden könne. Am 13. kam
die Nachricht, daß die Bakhatla bei ihrem Angriffe auf Molopolole, die
Hauptstadt der Bakwena's, geschlagen worden waren. Im Kampfe hatten die
Hinterlader der letzteren den Ausschlag gegeben.

[Fußnote 18: Von den achtzig Kranken waren mehr als siebzig mit Lues
behaftet.]

Am 21. verließen wir Schoschong; unsere Karawane bestand aus sieben
Wägen. Außer mir und Herrn Makenzie reisten auch Herr Hephrun und die
beiden Missionäre Thompson und Helm aus dem Matabele-Lande mit, denn die
Herren hatten in Molopolole eine Conferenz abzuhalten. An Khama's
Salzsee wurden wir noch durch einen Abschiedsbesuch des Königs Khama
beehrt, er konnte nicht umhin, noch einmal meinem Freunde Mackenzie, dem
Manne, dem er so viel zu verdanken hatte, die Hand zu drücken. Bei
dieser Gelegenheit fand er mehrere Wägen eines Händlers vor, der durch
sein Land nach dem Matabele-Lande ziehen wollte. Khama gestattete dies
jedoch nicht und zwang den Mann zur Rückkehr nach dem Süden, weil
derselbe ein Jahr zuvor gegen des Königs Willen im Lande Branntwein
verkauft hatte.

Wegen Wassermangel war unser weiterer Zug bis an den Limpopo recht
beschwerlich, statt ihn wie gewöhnlich zu kreuzen, umfuhren wir den
Sirorume, um dem erwähnten tiefsandigen Wald an diesem Flusse
auszuweichen. Kurze Zeit zuvor hatte im Flußthal ein Löwe in der Nacht
das Pferd des Jägers Dracke getödtet, wobei einer der schwarzen Diener
einen Ochsen für das Raubthier ansah und diesen auch glücklich erlegte.
Abends am 23. kamen wir an der Notuany-Mündung an und blieben bis zum
26.; ich lernte hier auch den Afrikareisenden, Kapitän Grandy kennen,
der nach dem Matabele-Lande reiste und später dem Fieber erlag.

Wir zogen nun das Limpopo-Thal aufwärts, die Geleise, welche nur einige
Male, das letzte Mal wohl vor Jahren, befahren worden sein mochten,
waren äußerst schlecht, theilweise tiefsandig, meistens felsig. Am 1.
und 2. lagerten wir an einer jener Lachen, welche, wie schon erwähnt, am
Ufer des Notuany gelegen, von Quellen sowohl wie von dem ausgetretenen
Flusse gespeist werden und selbst dann noch wasserhaltig bleiben,
nachdem der Fluß schon längst ausgetrocknet ist. Die angetroffene Lache
war zwanzig Meter breit, hundertfünfzig lang und enthielt zahlreiche
Fische. Da an einem der Wägen des Herrn Mackenzie ein Rad gebrochen war,
begab sich Rev. Hephrun nach der nahen Stadt der westlichen Bakhatla,
Mochuri, um von zwei daselbst wohnenden Händlern ein Rad zu entlehnen.
Als wir am 3. Mochuri erreichten, hörten wir, daß die Bakhatla Tags
zuvor von ihrem Kriegszuge gegen die Bakwena's heimgekehrt waren. Sie
hatten sich unbemerkt der Hauptstadt Molopolole genähert und nachdem sie
sechzehn Makalahari-Hirten getödtet, sich der Heerden bemächtigt und
alle Angriffe der Bakwena's, die Heerden wieder zu gewinnen,
zurückgeschlagen. Da erst erstand der König der Bakwena's von den
Händlern einige Hinterlader und mit Hilfe derselben war es endlich den
Bakwena's gelungen, so viele Bakhatla niederzuschießen, daß diese die
geraubten Heerden aufgeben mußten. Von den gefallenen Bakhatla's waren
nur zehn todt, die übrigen verwundet, allein von den Verwundeten nur
vier heimgekehrt, die übrigen waren nach Bakwena-Sitte, trotzdem sie
einen christlichen König hatten (Seschele), niedergemetzelt worden. Die
Bakhatla's klagten, daß die Bakwena's einige ihrer Viehposten
überfallen, die Hirten getödtet und ihren Frauen Hände und Füße
abgeschlagen hatten.

Die Stadt der Bakhatla's schien mir die reinlichste Betschuana-Stadt,
die ich bisher besucht hatte. Der Stamm der Bakhatla's war früher im
Transvaal-Gebiete ansässig, verließ jedoch das Land nach der Besitznahme
desselben durch die Boers zum großen Theile und siedelte sich nun unter
zwei Häuptlingen als östliche und westliche Bakhatla im Lande Seschele's
an. Dieser forderte nun von ihnen wie von den Makhosi und den Batloka
Tribut, den sie verweigerten. Mochuri breitet sich an einer Sattelhöhe
aus, der Ort ist von einem hohen Dornzaune umgeben, die Gehöfte sind
äußerst rein gehalten und gut cementirt. Bis zum Jahre 1876 waren die
Bakhatla unter den centralen Betschuana's der einzige Stamm, welcher
sich mit Tabakbau beschäftigte und dessen Erträgnisse in den Handel
brachte. Eine ihrer Hauptbeschäftigungen außer dem Ackerbau ist die
Gerberei und Bearbeitung des Leders zu verschiedenen Artikeln. Die
Mehrzahl des Stammes spricht holländisch.

Ich erstand hier von den Häuptlingen durch Vermittlung Rev. Mackenzie's
zwei junge Löwen und verließ hierauf Mochuri, um weiter nach dem Süden,
gegen Tschuni-Tschuni, zu ziehen, während sich meine Freunde, die
Missionäre, nach Molopolole wandten. Ich schied schweren Herzens von
ihnen, denn beide waren mir stets wahre Freunde gewesen. Von Mochuri
gelangt man nach einer zwölfstündigen Fahrt nach Molopolole (etwa
dreißig englische Meilen). Nachdem ich das bewaldete Thal des Notuany
verlassen, durchfuhr ich in südöstlicher Richtung eine große Ebene,
welche in Folge ihres Salzgrundes nur spärlich mit Gras bewachsen war.
Am 4. meine Reise fortsetzend, langte ich Nachmittags in Tschuni-Tschuni
an. Hier herrschte solche Trockenheit, daß man über dreißig Fuß tiefe
Löcher im Felsengrunde der Spruits graben mußte, um auf Wasser zu
stoßen. Ich hielt mich deshalb nicht lange auf und zog weiter. Während
einer Rast am nördlichen Abhange der Dwarsberge entsprangen mir meine
jungen Löwen. Es währte mehr als zwei Stunden, bis ich und meine Diener,
zerkratzt und mit zerbissenen Händen die Thiere eingefangen hatten.

Am 6. erreichte ich das dem Leser schon bekannte Brackfontein und schlug
von hier statt der südwestlichen über Buysport eine südliche Richtung
ein um nach Linokana zu gelangen, wobei ich auf die Farm Leuvfontein
zusteuernd, das Bushveldt von Norden nach Süden durchzog. Auf diesem
Marsche bemerkte ich, daß das Morupa-Flüßchen von Buysport sich in
einigen seichten Einsenkungen verlor und nur nach sehr heftigen
Regengüssen über die Grasflächen strömend den großen Marico erreicht. In
diesem Thale nahe an der Farm Leuvfontein am Nordabhange des östlichen
Höhenzuges, über welche der Buysport-Paß führt, trug sich vor einigen
Jahren ein Löwenabenteuer zu, welches ich noch wegen seiner Originalität
und weil es dem schon mehrmals erwähnten Van Viljoen, einem der
berühmtesten Löwenjäger zustieß, im Folgenden wiedergeben will.

Im Jahre 1858 unternahm Mynheer Jan van Viljoen mit seinem ältesten
Sohne und einem Holländer mit Namen Engelbrecht eine Reise in das
Bushveldt. Man hatte die Stelle, an der gegenwärtig Leuvfontein liegt,
verlassen, und war eben daran, das untere Morupa-Thal zu kreuzen. Die
drei Jäger ritten voraus, denn die Wägen bewegten sich äußerst langsam
vorwärts. Eine unmittelbar vor ihnen den Weg kreuzende Pallahheerde
verleitete Viljoen sein Jagdglück zu erproben und so verließ er seine
Gefährten und wandte sich rechts in die Büsche. Sich auf hundertfünfzig
Schritte den Thieren behutsam nähernd, ersieht der Jäger eine gute
Gelegenheit, einen tüchtigen Pallahbock aufs Korn zu nehmen; während er
eben anlegt, scheint es ihm, als ob er von links her einen auftauchenden
Schatten wahrnehmen würde. In dem Momente als er sich umsieht, fühlt er
sich von einem Löwen erfaßt und sein Gesicht in des Löwen Rachen. Tiefe
Narben im Gesichte zeugen noch heute für das starke Gebiß des Räubers.
Er war durch den Sprung des mächtigen Raubthieres vom Pferde
herabgerissen worden, allein kaum lag er auf dem Boden, als ihn der Löwe
losließ und bald den vor sich daliegenden und ihn anstierenden Menschen,
bald das ruhig stehende und an die vierfüßigen Räuber ziemlich gewöhnte
Pferd betrachtete. In Folge des Falles Viljoen's, war der Sattelgurt
gerissen und der Sattel hing nun an den Hinterfüßen des Pferdes, das vom
gestürzten Reiter etwa vier Meter entfernt war. Nachdem sich der Löwe
eine Zeit lang Roß und Reiter betrachtet, schnappte er plötzlich nach
der Brust desselben, um ihn davonzutragen, doch Viljoen war eben so
rasch und versuchte mir seinem rechten Arme die Brust zu decken, während
er mit seiner linken Hand den Löwen an seinem linken Ohre festhielt. Das
Raubthier erfaßte nun mit seiner unteren Kinnlade den Arm, mit der
oberen die Brust. In diesem für Viljoen so verhängnisvollen Momente
wurde das Pferd sein Lebensretter. Den Sattel an seinen Hinterfüßen als
unnütze Last fühlend, schlug dasselbe aus, so daß der Sattel aufflog und
die Bügel klingend aneinanderschlugen. Da läßt der Löwe den Jäger fahren
und stiert das Pferd an, das nun zum zweiten Male ausschlägt, wodurch
der Schwanzriemen reißt und der Sattel gegen den Löwen und Jäger
herabkollert. Dies schien selbst dem verwegenen Räuber zu viel. Mit
einigen Sätzen sprang er zur Seite und stellte sich etwa zehn Meter weit
beobachtend auf. Viljoen erhebt sich sofort und ergreift sein nebenan
liegendes Gewehr. Doch beim Anlegen fühlt er einen heftigen Schmerz im
Munde. Der Jäger denkt, der Löwe hätte seine Kinnlade zerbissen, und da
er fürchtet, daß ihm in diesem Zustande das Abfeuern des geladenen
Vierpfünders eine nicht geringere Verwundung als des Löwen Biß eintragen
würde, entschloß er sich, nur im äußersten Nothfalle davon Gebrauch zu
machen. Von einer nahen Höhe herabkommende Baharutse, welche die
gefährliche Situation leicht begriffen, zwangen indessen den Löwen durch
lautes Geschrei zur Flucht. Verwundert sahen Viljoen's Gefährten diesen
über und über mit Blut besudelt sich ihnen nähern.

Sechsundzwanzig Tage lang lag der Jäger in Folge seiner Brust- und
Armwunden darnieder, bevor er sein Lager verlassen konnte. In derselben
Nacht tödtete der Löwe einen von Moilo's Hirten, der in einem nahen
Gehölze wohnte. In Folge der letzteren Unthat wurde er am folgenden
Morgen von einem großen Haufen der Baharutse verfolgt, aufgesucht und
erschossen. Es war ein ausgewachsener Krachmanetje.

Am 8. erreichte ich Linokana und wurde hier von Herrn Jensen auf das
Freundlichste angenommen. Viel Freude bereitete mir der Besuch meines
werten Freundes Eberwald, der meinethalben von den fernen Leydenburger
Goldfeldern hierhergekommen war, um mich zu begrüßen. Während meines
Aufenthaltes in Moilo, wo er Herrn Jensens freundliche Aufnahme mit der
Pflege, die er dessen Gärten angedeihen ließ, entgalt, war er mir sehr
behilflich, und reiste auch später mit mir nach dem Süden. Der Häuptling
Moilo war gestorben und sein Neffe Kopani von Moschaneng, der der
Transvaal-Regierung unterstehende Häuptling der Baharutse, Chef von
Moilo geworden. Den Tag nach meiner Ankunft, als eben ein geräumiger
Käfig für mein Löwenpärchen fertigstellt war, verendete die Löwin.

Im Osten der Republik wüthete der Kampf, wobei sich die Weißen im
Nachtheile befanden. Allenthalben im Marico-District wie in der ganzen
Republik wurden Leute, Vieh und Wägen conscribirt, wogegen die
Ackerbauer sehr murrten.

Am 5. August langte Herr Mackenzie auf seinem Marsche nach Kuruman hier
an, auch Herr Williams kam von Molopolole, um mich wegen seiner
Gesundheit zu consultiren. Am 6. entlohnte ich meine vier Zambesi-Diener
To, Narri, Burilli und Tschukuru, damit sie nach dem Zambesi
zurückkehren konnten und um mich ihrer Hilfe auch auf dem nächsten Zuge
zu versichern, gab ich mehr als ihnen gebührte. Durch Herrn Wehrmann,
einen unter den östlichen Bakhatla's wohnenden Missionär, erfuhr ich,
daß ihre Stadt zwei Stunden westlich vom großen Marico am nördlichen
Abhange gelegen, Melorane, und der Häuptling der westlichen Bakhatla's
Linsch heiße und ein Sohn Khamanani's sei. Bevor noch meine Diener nach
dem Norden abgingen, benützte ich meine geringe Kenntniß der Senansa und
der Sesuto-Serotse-Sprache, um einiges über die Setonga (zwei meiner
Diener waren Matonga's) zu erfahren.

Um mir zur Rückreise nach den Diamantenfeldern einiges Geld zu erwerben,
übernahm ich die Behandlung von Kranken. Unter meinen Patienten befand
sich auch ein Händler K., der durch Westbeech's eminente
Rosselenkerkunst aus dem Wagen geworfen worden war und sich arg
beschädigt hatte. Auch der holländische, allgemein beliebte Prediger de
Vries befand sich unter meinen Kranken, dessen Heilung mir unter der
holländischen Bevölkerung des Districtes viele Freunde erwarb. Am 19.
September erhielt ich von Lord Derby eine freundliche Antwort auf den
ihm von Schoschong aus gesendeten Bericht über die Sklaverei im
Marutse-Reiche. Am 24. verließ ich Linokana, schlug von hier nach Mamusa
den kürzesten Weg ein und berührte Ooisthuizens erzreiche Farm sowie den
südlichen Theil der westlichen Grenze des Marico-Districtes; der Weg auf
dieser Strecke bereitete uns ob seiner felsigen Beschaffenheit ungemeine
Schwierigkeiten.

[Illustration: Platberg bei Rietfontein.]

Bei meinen kleinen Ausflügen in der Umgegend der Farm Dornplace am
Molapo fand ich auch den vom Eigentümer desselben erwähnten Felsensee
(Joubert-See), wohl der kleinste in Süd-Afrika, der in einem tiefen,
etwa hundert Meter langen und etwa über fünfzig Meter breiten
Felsenloche liegt; fünf Meter vom Ufer betrug die Wassertiefe circa
zweiundvierzig Meter. Laut Angabe des Farm-Eigenthümers stand das Wasser
in der Regenzeit bis zu 1½ Meter höher; derselbe glaubte auch, daß der
See mit dem nahe vorbeifließenden, doch tiefer liegenden Molapo
communicire. Ich denke, daß die unteren Felsen aus dem harten grauen
Kalkstein bestehen und der kleine Felsensee am Grunde zahlreiche Grotten
und Höhlen besitze und auch aus diesen gespeist wird. Die steilen
Felsenwände waren von hellrostbraunen großen Klippschliefern,
Felsentauben, Staaren und zahlreichen Bienen bevölkert. Herr Joubert
bereicherte meine Jagdnotizen mit mehreren sehr interessanten
Jagdbegebenheiten, darunter drei Löwenjagden. In früheren Zeiten
schienen Löwen, namentlich die mähnenlose Art sich äußerst zahlreich am
Molapo aufgehalten zu haben. Herr Joubert sowie andere Farmer des
Molapo-Thales klagten über die Krebsschäden der Transvaal-Republik und
gaben mir mit Joubert, dem Feldcornet an der Spitze, die Vollmacht, bei
der englischen Regierung die Annexion des Molapo-Thales zu beantragen.
Sie klagten namentlich über die willkürliche Handhabung der Gesetze,
sowie, daß die Republik sie gegen die Barolongen nicht zu schützen
vermöge, nachdem sie zuvor Concessionen zum Farmankauf und zum Ankauf
von Landgebieten ertheile, welche nicht ihr, sondern den Barolongen
angehören.

Am 30. aufbrechend, gelangte ich nach einer kurzen Fahrt zu der von
mehreren Familien bewohnten Farm Rietvley, spät Nachmittags nach
Poolfontein. Früher eine Farm, ist es jetzt eine Niederlassung von
Barolongen unter dem Häuptling Matlabe; der Stamm wurde aus der Umgegend
von Potschefstroom hieher angesiedelt. Hier war auch Herr Hansen als
Mitglied der Hermannsburger Mission thätig, doch gehörte der größte
Theil der Bevölkerung dem wesleyanischen Bekenntniß an. Eine in dieser
Gegend zu Tage kommende Quelle entspringt aus einem der tiefen Löcher
des harten grauen Kalksteines, in der Umgegend stieß ich auch auf einen
tiefen kleinen Felsenweiher, der sich durch eine schwimmende Grasinsel
auszeichnete.

Noch am selben Abend verließ ich die Barolongen (Stamm der
Ba-Rapulanen), welche fleißig den Ackerbau betreiben. Die Reise in den
folgenden Tagen bis an den Harts-River, den wir eine Tagreise oberhalb
Mamusa überschritten, führte durch die wildreichen Quagga-Ebenen. Das
Gras war niedrig, die Gegend ziemlich trocken und in Folge dessen das
Wild, das sich in wasser- und grasreichere Gegenden zurückgezogen,
seltener. Die Quellen des Maretsane-Flusses berührend, fand ich die
seichte Thalvertiefung ziemlich reich an Niederwald. Am 1. langte ich
bei einem großen Salzsee an, der ähnlich wie der Moffat-See von
Wassergeflügel reichlich belebt war. Leider erkrankte ich hier abermals
am Fieber und so war ich hier sowohl am Kalverts- wie an einem nahen
zweiten, dem Helmor-Salzsee in der Jagd nicht besonders glücklich.

Am 4. November weiterziehend, besuchte ich den Harm-Salzsee, an dessen
Ufer einige Boers in äußerst ärmlichen Verhältnissen von der Jagd und
vom Salzgewinne lebten; an den folgenden Tagten passirte ich den
Mackenzie- und Livingstone-Salzsee und langte nach einer mehrstündigen
Fahrt über sumpfartig aufgeweichtem Boden bei einem von hohen Binsen
umsäumten Weiher an, in dessen Mitte ein tiefes Felsenloch zu liegen
schien. Als wir uns der Stelle näherten, wurden wir förmlich von dem
Geschrei betäubt, das uns von seinen befiederten Bewohnern
tausendstimmig entgegenschallte. Ich glaube, es ist der einzige seiner
Art auf den Ebenen des Harts-River und Molapo. Wir schlugen in zwei
verlassenen holländischen Jagdhütten, um welche ringsum ein wahres
Golgatha von Antilopen- und Gnu-Knochen errichtet war, unser Nachtlager
auf. Ich bedauerte, daß mir zur gründlichen Untersuchung des Sumpfes ein
Kahn fehlte. Außer den mannigfachsten Sumpf- und Wasservögeln waren es
namentlich Finken, welche im Uferschilfe hausten; ein seltenes
Schauspiel brachte der Abend tausende und tausende von Schwalben kamen
von ihrer Tagesjagd von den unabsehbaren Ebenen herangeschwärmt, um
daselbst zu übernachten.

Am 9. überschritten wir zum ersten Mal den Harts-River, der durch Regen
angeschwollen, die Durchfahrt nicht wenig gefährdete. Den Harts-River
entlang ziehend, erreichten wir am 10. Mamusa und am folgenden Tage
Houmans-Vley. Während des Marsches fing ich einen mächtigen Landleguan.
Ich wurde von dem Farmer S. F. Houman freundlich aufgenommen; derselbe
machte mich auf einige Pavian-Skelete aufmerksam, welche auf dem Abhange
zum Harts-River lagen und erzählte mir folgende Jagdbegebenheit. Er war
vor einigen Wochen von vier Hunden gefolgt, ausgeritten, um einige
vermißte Schafe aufzusuchen. Als er heimkehrend sich etwa auf zwei
Meilen seinem Hause genähert hatte, traf er eine dreißig Stück zählende
Pavianheerde an. Trotz der Müdigkeit jagten die Hunde sofort auf
dieselben los, doch wurden sie von diesen übel zugerichtet. Während sich
die meisten Affen auf Bäume flüchteten und so die Hunde zerstreuten,
warfen sich einige der größeren Thiere zu gleicher Zeit auf je einen
Hund. Der unbewaffnete Farmer sprengte nun mit dem Pferde auf die Affen
ein und trennte das stärkste Männchen von der Truppe. Auf dieses hetzte
er seine muthigen vier Hunde, doch der Affe warf sich dem vordersten so
geschickt entgegen, daß er ihm mit seinem furchtbaren Gebiß die Kehle
ausriß. Im nächsten Momente hatte der zweite Angreifer ein gleiches
Schicksal erlitten und beide Hunde waren wenige Augenblicke später
verendet, die beiden anderen, noch jungen Hunde suchten unter dem Pferde
Schutz. Aufgebracht über den Verlust der Hunde eilte der Farmer heim,
bewaffnete sich und erlegte sechs Paviane.

Bevor ich noch von meinem Gastfreunde schied, theilte er mir noch etwas
über seine Abstammung mit. Sein Vater stammte aus Mecklenburg, wo er
durch Unvorsichtigkeit den Tod zweier seinem Vater angehörenden
Rennpferde verschuldete. Aus Furcht vor der Strafe verließ er mit einem
Kaufmannsschiffe die Heimat, kam in Capstadt an und siedelte sich später
hier an.

Am 14. verließ ich die Farm und zog weiter südlich und südwestlich nach
der Hallwater-Farm, welche ich von zahlreichen Koranna's bevölkert fand.
Je näher ich den Diamantenfeldern kam, desto trüber wurde meine
Stimmung. Ich hatte kaum 2 £ St. im Vermögen, dagegen eine Schuld von
120 £ St. an Herrn Jensen zu bezahlen, ohne daß ich je hoffen konnte aus
dem Verkaufe von Wagen und Ochsen diesen Betrag herauszuschlagen, da
solche in Diamantenfeldern billiger als in der Transvaal-Republik
erstanden werden können.

Am 20. langte ich in Christiana an und machte hier die interessante
Bekanntschaft eines Händlers mit Namen Sanders, der an der tropischen
Westküste Afrika's gereist war. Das Vaal-Riverthal nach abwärts ziehend,
stellte sich am 23. bei mir ein neuer heftiger Fieberanfall ein und
krank erreichte ich am 26. Kimberley.



                                 XVI.
           Mein letzter Aufenthalt in den Diamantenfeldern.


Wiederaufnahme der ärztlichen Praxis. -- Mein neues Heim und kleiner
Thiergarten in Bultfontein. -- Ausstellung meiner Sammlung im
Varieties-Theater zu Kimberley. -- Ausflug nach der Farm Wessels. -- Die
Gravirungen der Buschmänner. -- Hyänen- und Erdferkeljagden. -- Meine
Broschüre über die Eingebornenfrage. -- Irrige Auffassung derselben in
England. -- Ernste Zeiten für die Colonie und Griqualand-West. -- Major
Lanyon und Colonel Warren. -- Aufbruch nach der Küste.

[Illustration: Fingoknabe.]

Von allen Mitteln entblößt, traf ich zum vierten Male in den
Diamantenfeldern ein. Nach einundzwanzigmonatlicher Abwesenheit von
denselben konnte ich mir die Schwierigkeiten nicht verhehlen, welche
sich mir bei der Wiederaufnahme meiner ärztlichen Praxis
entgegenstellten, ich war neuerdings fast fremd geworden und doch bot
mir die Praxis die einzige Gelegenheit, meinen Verpflichtungen
nachzukommen. Unwillkürlich regte sich in mir der Wunsch zur Herstellung
meiner erschütterten Gesundheit in die Heimat zurückzukehren. Der
Gedanke, das mir selbst gestellte Problem nicht gelöst zu haben,
verbannte jedoch denselben vorläufig aus meiner Seele. In dieser
drückenden Lage entschloß ich mich schon einige Tage nach meiner Ankunft
eine Ausstellung der gesammelten naturhistorischen und ethnographischen
Objecte zu veranstalten, um mit dem Ertrage derselben später die
Heimreise antreten zu können. Da ich Herrn Werner von meiner Ankunft in
Kenntniß gesetzt hatte, fand sich dieser schon am ersten Tage außerhalb
Kimberley bei mir ein und lieh mir unaufgefordert eine Geldsumme, welche
es mir gestattete, die geplante Ausstellung in's Werk zu setzen. Ich zog
deshalb mit meinem Wagen nach Bultfontein, wo ich einfacher und
zurückgezogener leben konnte. Zudem fand sich gerade ein einsames
Häuschen in der Nachbarschaft meines Freundes, der, obwohl jetzt
verarmt, mir doch in meiner Krankheit treue Pflege angedeihen ließ. Die
gemiethete Wohnung bestand in einem aus Lehm ausgeführten viereckigen
Zimmer, hatte einen einfachen Lehmboden und war mit Zinkblech gedeckt,
welche Bedachung den Aufenthalt namentlich im Sommer recht unerträglich
machte.

Hier hatte ich nun meine Sammlungen untergebracht und wohnte mit meinem
Freunde Eberwald, welcher mir die ganze Zeit treu zur Seite stand und
unter meiner Aufsicht die Medicamente für meine Patienten bereitete. Das
Geschick war mir hold, schneller als ich es je zu hoffen gewagt,
vermehrte sich meine Praxis und hob meinen Muth; mit einiger Beruhigung
konnte ich in die nächste Zukunft blicken. Vor meinem Häuschen standen
die Ruinen einer dachlosen Küche, in dieselbe stellte ich den mit Herrn
Eberwald zu Anfang des Jahres 1877 gearbeiteten großen Löwenbehälter,
während ich im Umkreise derselben die Höfchen, Behälter und Käfige für
meine vierfüßigen Thiere und Vögel errichtete. Leute, die aus der
Colonie, aus dem Oranje-Freistaate aus dem Transvaal-Gebiete etc. nach
den Diamantenfeldern kamen, verfehlten nicht, meine zahmen Thiere (die
meisten waren vollkommen gezähmt) anzusehen und brachten mir bei
späteren Besuchen andere seltene Thiere mit.

[Illustration: Mein Haus in Bultfontein.]

Als sich im Jahre 1878 meine Praxis bedeutend vermehrt und Freund
Eberwald, mein Apotheker, alle Hände vollauf zu thun hatte, wurde die
Pflege der Thiere zwei Schwarzen übergeben, welche es leider an Sorge
und Nahrung fehlen ließen. Durch die Einflüsse der Witterung kamen
manche der Behälter, welche ich so groß wie möglich und der Lebensweise
der Thiere angemessen, construirt hatte, zu Schaden. Einzelne Thiere
entwichen und wurden von der umwohnenden, freien schwarzen Bevölkerung
erschlagen und verzehrt, andere wieder nicht richtig gepflegt und so
hatte ich, bevor ich die Diamantenfelder verlassen konnte, mehr als zwei
Drittel meiner Pfleglinge verloren. Um die großen, bald pyramiden-, bald
thurmähnlich geformten Käfige für kleinere Vögel hatte ich Epheu und
Lianen gepflanzt, so daß die armen Gefangenen im natürlichen
Laubschatten gegen die senkrechten Strahlen der afrikanischen Sonne
geschützt, munter umhersprangen und sangen. Der beschränkte Raum
gestattet es mir nicht, meine zweijährigen Beobachtungen an meinen
Gefangenen hier mitzutheilen, ich muß mich mit der Specification
derselben begnügen. Vor Allem muß ich meines Löwen erwähnen, der mir
ungewöhnlich anhänglich war, obwohl ich ihn der Besuche halber im Käfige
halten mußte. Oft steckte er seine Vorderpfoten aus dem Käfige, um mich
zu umarmen und gab mir seine Anhänglichkeit durch Liebkosungen zu
erkennen. Ich refusirte ein Offert von 100 £. St., als er fünf Monate
alt war und verlor ihn später, nachdem er mich das Doppelte gekostet.
Als ich vierzehn Tage behufs Gewinnung der Felsgravuren der Buschmänner
im Oranje-Freistaate weilte, wurde sein Käfig nicht gut gereinigt und
ich erkannte leider seine Todesursache zu spät. Er erlag einer
Amoniämie. Wenn er während seiner Krankheit mich zufällig auf meinem
Mosco vom Krankenbesuche heimkehrend, erblickte, sprang er so plötzlich
und unerwartet auf, daß die Besucher meines kleinen Thiergartens
auseinander stoben, während er sich schon an die weit von einander
abgehenden Gitterstäbe schmiegte, um sich von mir streicheln zu lassen.

[Illustration: Felsen-Gravirungen der Buschmänner.]

Ich hatte Schakale, die wiederholt wegliefen und wiederum zurückkehrten,
Springhasen, die sich wie Säuglinge hätscheln ließen, doch sie alle
konnten mir nicht den Verlust meines jungen Löwen »Prinz« ersetzen. Als
es mit ihm schon stark bergab ging und er nicht mehr aufrecht stehen
konnte, schleppte er sich, sowie er nur meine Stimme hörte, gegen das
Gitter hin. Ich hatte in meinem Thiergarten weiters Meerkatzen und
Paviane, Igel, Rohrrüßler, einen Caracal, Mangusten, das schwarz-weiß
gestreifte Wiesel, Schabrakenschakale, Wolfshyänen, Springhasen,
Berghasen und Erdeichhörnchen, gestreifte und Blindmäuse,
Schuppenthiere, Steenbock-, Deuker- und Springbockgazellen und einen
Klippschliefer etc., von Vögeln nenne ich drei braune südafrikanische
Adler, einen Schopfadler, zwei Arten von Gabelweihen, Rothfalken, sowie
Sperberarten, ferner Schlangenadler, braune und schwarze Aasgeier (^Gyps
socialis^), zwei Arten Uhu's, Ohreulen, Papageien, Mandelkrähen,
schwarze und weißgescheckte Krähen, Kernbeißer und insectenfressende
Singvögel, einen Tukan, Fischreiher, verschiedene Wildgänse, einen
Pelikan, einen Schlangenhalsvogel u. a. m.

Im Jänner des Jahres 1877 war ich, wie schon erwähnt, im Stande, im
Varieties-Theater in Kimberley eine Ausstellung meiner Sammlungen zu
veranstalten. Ich muß gestehen, daß mir diese Ausstellung, so viele
Freunde sie mir auch schuf, materiell keinen Nutzen brachte, im
Gegentheile mich in Schulden stürzte und ich gezwungen war, um mir die
Mittel zur Rückkehr nach Europa zu verschaffen, neuerdings meine
ärztliche Praxis aufzunehmen und die Gesammtersparnisse des Jahres 1877
auf Tilgung meiner Verpflichtungen zu verwenden.

Obgleich die Diamanten wieder im Preise gesunken, waren doch der
anhaltenden Dürre halber Cerealien theurer wie je; daher war es mir
willkommen, ein tüchtiges Roß als Reitthier zu erwerben, welches mir
dieselben Dienste leistete, als drei oder vier Pferde im Jahre 1873. Die
zunehmende Praxis im Jahre 1878 hatte meine Gesundheit -- denn ich bin
bis jetzt noch immer kränklich gewesen -- nicht gebessert, so daß ich in
der Zeit, zu welcher sich alle meine Patienten bis auf zwei Kinder
bedeutend wohler fühlten, die Diamantenfelder verließ, und mich für
kurze Zeit auf eine der Farmen in dem nahen Freistaate begab, wo ich von
dem Besitzer, Herrn Wessels, freundlich aufgenommen und mir ein Haus zur
Verfügung gestellt wurde. Auf dem Gebiete dieser Farm fand ich die schon
vor mir von dem Geologen Georg Stow und Kapitän Warren besichtigten
Gravirungen der Buschmänner, welche diese auf Bergeshöhen anbrachten.

Im Aussterben begriffen, bewohnen die Reste dieses Stammes einzelne
Theile der Cap-Colonie und haben bis heutigen Tages den Einflüssen der
Civilisation sich zu entziehen gewußt. Einst bewohnten sie felsige Höhen
und die Höhlen an den schroffen Abhängen derselben in der Cap-Colonie
und im Oranje-Freistaat. Sie scheinen die ältesten Bewohner Süd-Afrika's
zu sein und ein Theil derselben sich mit den vom Norden andrängenden
Banthu-Familien zu den Masarwa's, ein anderer Theil mit den noch früher
aus Nordnordosten einwandernden Hottentoten verschmolzen zu haben.

Von ihren Felsenhöhlen erspähen sie das Wild auf den Ebenen und jagen es
mit Bogen und Pfeil. Auf so tiefer intellectueller Stufe sie auch
standen, vermochten sie es, die Felswände der von ihnen bewohnten Höhen
mit Ockermalereien -- Thiere, Schildkröten, Leguane, Schlangen und
Thierkämpfe, sowie Kämpfe mit den sie bedrängenden Banthu's, die
Gestirne und andere in die Augen fallende Objecte darstellend -- zu
verzieren. Als das Wild nach und nach von den eingewanderten Europäern
erlegt worden war, stiegen die Buschmänner von ihren Höhen herab, um die
Heerden der Weißen zu erbeuten, welches Vorgehen einen gegen sie
eröffneten Vernichtungskampf zur Folge hatte. Der wahre Buschmann (es
gibt zu viele Mischlinge) liebt seine Felsenhöhen leidenschaftlich, und
hat er sich auch als Diener vermiethet, oder ist er, wie in früheren
Zeiten, dazu gezwungen worden, so entflieht er bei der nächsten sich
bietenden Gelegenheit, stiehlt ein Schaf und eilt seinen Höhen zu. Fälle
treuen Ausharrens bei ihren Dienstherren sind selten. War man bisher
gewohnt, dem Buschmann eine der tiefsten Stufen im Menschengeschlechte
einzuräumen, so wird man diese Meinung aufgeben, sobald man seine
Arbeiten näher kennen gelernt hat.

Kein Stamm in Süd-Afrika bis tief nach Central-Afrika hat so viel und
wahre Kunstfertigkeit in der Bearbeitung des Gesteins entwickelt, als
der Buschmann. Seine Geräthe sind sowohl aus Holz, Bein und der Schale
des Straußenei's als auch aus Stein gearbeitet. Seine Langweile hat er
sich mit Steinausmeißelungen vertrieben, die abermals mit
Steininstrumenten ausgeführt wurden und mit diesen seine ureinfachsten
Wohnsitze verherrlicht, seinen Kunstsinn bewiesen und sich Denkmäler
gesetzt, die Alles überdauern werden, was die übrigen hier lebenden
Stämme der beiden anderen südafrikanischen Völkerfamilien, der
Hottentoten und Banthu, geleistet haben.

[Illustration: Grabstichel.]

Die Zeichnungen in ihren Höhlenwohnungen sind mit verschiedenfärbigem
Ocker, meist auf Sandstein ausgeführt. Der Geologe Stow hat diesen
Arbeiten besondere Aufmerksamkeit gewidmet und zahlreiche Copien
derselben verfertigt. Ich hoffe auf meiner nächsten Forschungsreise nach
Afrika die größten Exemplare derselben zu erlangen, die von den Höhen
herabzubefördern mir diesmal aus Mangel an nöthigem Werkzeuge und
Arbeitskräften unmöglich war.

Die gesammten Buschmann-Curiositäten zerfallen in zwei Classen, und zwar
in Utensilien und Steinausmeißelungen. Zu den ersteren gehören:
Dreieckige, pfeilspitzartige Kieselschiefer etc., mit denen die
Contourlinien der Zeichnungen eingravirt und sonstige Hausarbeiten
verfertigt wurden, ferner Beschwersteine, welche an das obere Ende eines
unten angekohlten, zugespitzten 1½ bis 3 Fuß langen Stockes angeheftet,
mit dessen Hilfe eßbare Wurzeln ausgegraben oder wasserhaltige Stellen
aufgescharrt wurden. Oft findet man Steine mit nur theilweise
ausgeführter Höhlung, welche mit Hilfe eines Sandschmirgels und eines
anderen Gesteinstückes herzustellen versucht wurde. Was die
Steingravirungen anbetrifft, so sind diese an vielen Höhen blos in
geradlinigen oder in unzusammenhängenden schiefen Strichen //////
dargestellte Objecte, an anderen jedoch vollkommen ausgemeißelt. Solche
Stücke gehören zu den Besten ihrer Art und ich glaube, daß die von mir
mitgebrachten achtzehn Gravirungen bis zum heutigen Tage Unica in Europa
sind.

Von den aus Herrn Wessel's Farm mitgebrachten Stücken sind namentlich
folgende als gute Arbeiten hervorzuheben: Oberkörper eines Buschmann's;
Buschmannsfrau eine Last tragend; Linke Sohle eines erwachsenen
Buschmann's; Strauß mit Reiter; Strauß von einem Nashorn gestoßen;
Roibock-Gazellen; Eland-Antilopen; Buntbock-Antilope; Kopf einer
Gemsbock-Antilope; ein Gnu; ein Rind; ein Schakal eine Gazelle jagend.

Während meines Aufenthaltes auf dieser Farm im westlichen Gebirge des
Oranje-Freistaates gelang es mir, eine große Anzahl von Insecten,
Vogelbälgen und Pflanzen, zu erwerben und bevor ich noch die gastliche
Stätte verließ, nahm ich, von den umwohnenden Farmern dazu eingeladen,
an zwei interessanten Jagdausflügen Theil. Beide wurden von einer
größeren Anzahl von Berittenen und Eingebornen zu Fuß mit einer Meute
unternommen, und galten der Verfolgung der gestreiften Hyänen und
Erdhöhlen-Thiere. Mein Hauptzweck dabei war, womöglich lebende
Stachelschweine, Springhasen und Erdferkel zu erjagen. Die erste dieser
Jagden wurde bei Tage unternommen; wir umstellten zu Pferde eine
Felsenhöhe und sandten die Treiber mit den Hunden hinauf, leider
vergeblich, denn die Hyänen hatten sich schon geflüchtet.

Die Gegend, in welcher die zweite Jagd abgehalten werden sollte, wurde
von großen bebuschten und mit zahllosen brodlaibförmigen Termitenhügeln
bedeckten Grasebenen gebildet, welche ringsum, namentlich aber von
Osten, von mit Gebüsch bestandenen Felsenhöhen umsäumt waren. Jeder der
an der Jagd theilnehmenden Farmer hatte einige Hunde mitgebracht, welche
die Spur der ihre Höhlen verlassenden Nachtthiere aufnehmen sollten. Die
von meinen Freunden für unseren Ausflug gewählte Nacht war unstreitig
eine der reinsten und schönsten Mondscheinnächte, die ich in Afrika
erlebte. Da ich den Tag über entferntere Höhen der Gravirungen der
Buschmänner halber besichtigt hatte und auch am folgenden Tage einen
längeren Ausflug unternehmen wollte, ließ ich meinen Rappen daheim und
ritt ein mir von meinem Gastfreunde geliehenes Pferd, das an die Gegend
gewöhnt, mir bessere Dienste zu leisten versprach. Endlich wurde das
Zeichen zum Aufbruch gegeben und die Hundemeute zur Aufnahme der Spur
angefeuert. Wir mochten etwa sieben Minuten hingaloppirt haben, als zu
unserer Rechten am Fuße der Höhe das Hundegeheul vernehmbar wurde. Mit
einem lauten »Hurrah!« spornten wir die Pferde an und aufwärts ging es
durch das niedere Gestrüpp, wobei wir unseren Rennern die Zügel schlaff
anliegen ließen, da wir die vor uns im Grase zerstreut liegenden
Felsenblöcke nicht sehen konnten und das Ausweichen ihnen überlassen
mußten. Wir sahen vor uns einen sich wälzenden Hundeknäuel, in dessen
Mitte zeitweilig etwas Weißliches aufglitzerte. Es war ein
Stachelschwein, das die Hunde förmlich zerrissen hatten. Unter den
Säugethieren hat die Natur, abgesehen von dem Stachelkleide, diese
Thierspecies mit einer so gebrechlichen Haut versehen, daß ein Raubthier
beim Gebrauche seiner Fänge das Thier zu zerfleischen im Stande ist.
Kaum zur Stelle, waren wir herabgesprungen und hieben auf die Hunde los,
doch es war zu spät, und so fiel das Stachelschwein den eiligen Basuto's
als Beute zu. Ein ähnliches Schicksal hatten zwei andere
Stachelschweine, ein Springhase und ein schwarzweiß gestreifter
Mäusehund (das südafrikanische Stinkthier).

Einer frischen Spur folgend, waren die Hunde nach der Attaque auf den
Mäusehund in einem Bogen nach der Höhe zurückgegangen und stießen auf
ein Erdferkel (^Orycteropus capensis^). Von den Hunden gehetzt,
trachtete sich dieses in ein Erdloch einzugraben und hatte dies schon
theilweise ausgeführt, als wir zur Stelle gelangten. Trotz der vereinten
Anstrengungen unserer schwarzen Diener entkam das Erdferkel nach seinem
Baue, nachdem es die bei der Ausgrabung beschäftigten Männer wie Bälle
bei Seite geworfen hatte. Unter den Zahnarmen ist unstreitig das
Erdferkel das stärkste Thier. Seiner Gestalt nach länglich,
walzenförmig, besitzt es lange, mächtige Nägel an seinen Scharrhänden,
deren Muskulatur einzig in ihrer Art genannt werden darf. Dem
länglichen, walzenförmigen Körper ist der fleischige, keilförmige
Schwanz eine besondere Stütze. Im Nothfalle gebraucht ihn das Thier zur
Vertheidigung, sonst meist auf der Flucht, wenn es in weiten Sätzen
enteilt. Auch bedient es sich seiner, wenn es in hockender Stellung die
Termitenhaufen ausgräbt, denn es ist einer der größten südafrikanischen
Termitenfresser. Es besitzt eine sehr dicke, beborstete Haut, welcher
Schakalfänge wenig anhaben können; außerdem ein Paar lange Lauscher,
welche ihm sehr zu statten kommen. In der Colonie bedient man sich der
Haut, um daraus die kurzen, gedrehten Doppelriemen (Strappen) zu
verfertigen, die man den Zugthieren anlegt. Außer ihm stellen unter den
Vierfüßlern den Termiten namentlich das kurzschwänzige Schuppenthier,
die Wolfshyäne, die Mangusten und unter den Vögeln besonders die
Kiebitze nach.

Nachdem wir so den eigentlichen Zweck unserer Jagd nicht erreicht
hatten, gaben wir jeden anderen Versuch auf und ritten langsam heim. Auf
diesen Mißerfolg hin trachteten ich, sowie meine Freunde, einiger
lebender Thiere habhaft zu werden. Es gelang mir auch, zahlreiche Vögel
zu gewinnen, von denen jedoch die meisten, und darunter namentlich die
Siedelsperlinge, zu Grunde gingen. Auf einem von dieser Farm aus
unternommenen Ausfluge erspähte ich in einem Neste der letztgenannten
eine an fünf Fuß lange Cobra. Es gelang mir jedoch nicht eher das Thier
zu erlegen, als bis es viele der auffliegenden alten Vögel getödtet, und
eine Menge der Jungen und Eier verschlungen hatte.

Die Zeit meines letzten Aufenthaltes in den Diamantenfeldern in den
Jahren 1877--78 war, namentlich aber das letztere, für Süd-Afrika von
großer Bedeutung. Ich erinnere den Leser an den Krieg, den die Colonie
mit den an ihrer östlichen Grenze, sowie Griqualand-West mit den
westlich wohnenden Stämmen zu führen hatten, Kriege, welche das Vorspiel
zu dem Kampfe mit den Zulu's bildeten. Auch erwähne ich der
Einverleibung der Transvaal-Republik in den Verband englischer Colonien.
Meine unmaßgebliche Meinung geht dahin, daß diese Ereignisse für den
ganzen südlichen Theil Afrika's von größter Bedeutung waren, namentlich
rücksichtlich der Lösung der Eingebornenfrage.

[Illustration: Jagd auf Erdferkel.]

Ich erlaubte mir im April des Jahres 1877 meine Ansicht über diesen
Gegenstand in einer kleinen, sechzehn Seiten zählenden Broschüre: »^A
few words on the Native Question^« niederzulegen, und da so manches, was
ich in derselben besprach, seither in Erfüllung ging, will ich hier
einiges daraus dem Leser vorführen. Die Behandlung und Lösung der
Eingebornen-Frage, welche einen Vergleich mit den Verhältnissen in
Süd-Afrika anzustellen mich angeregt, anderseits die ehrenvolle
Aufforderung hervorragender Männer in Süd-Afrika gaben mir Veranlassung,
meine Ansichten in jener Broschüre darzulegen. Die Ereignisse der
letzten Jahre bis zum Zulukriege zeigen uns wohl, daß England in
Südafrika, wenn auch in anderer Weise als in Nordamerika, größere
Erfolge als andere Colonisatoren auf dem Festlande Afrika's errungen
hat. Im Allgemeinen war die Behandlungsweise eine ähnliche; allein das
Eingebornen-Element ist in seinem Charakter von jenem Nordamerika's
verschieden, weshalb eine gleiche Behandlung desselben unmöglich Erfolg
versprechen konnte, umsomehr, da es namentlich zwei Vorurtheile gab,
welche die europäischen Colonisten beherrschten. Das erste derselben sah
in den Eingebornen trotz ihrer angewohnten Laster die unschuldig
Bedrückten; das zweite im Gegensatze hiezu erblickte in den Schwarzen
den Weißen inferiore, kaum menschlich zu nennende Creaturen. Jene,
welche eine gemäßigtere Ansicht hatten, waren sowohl der Zahl als ihrem
Einflusse nach die Schwächsten und meist praktisch denkende Menschen,
welche als jahrelange Nachbarn in das Leben der Eingebornen leicht
Einblick nehmen konnten.

Als ich im Jahre 1875 jene Broschüre schrieb, war mir das Letztere nicht
bekannt, ich fand erst später, daß meine Idee mit jener vieler
erfahrener Colonisten übereinstimmte; sie gewann auch später die
Oberhand und wurde zur Staatsraison. Es gibt in Süd-Afrika
Eingebornenstämme, welche gegenwärtig in ihrer geistigen Beziehung, in
ihrer Auffassung etc. einem gewöhnlich entwickelten Kinde aus unserer
Mitte von etwa fünf bis sechs Jahren nicht unähnlich sind. Spezielle
Charakter-Eigenthümlichkeiten einzelner Eingebornenstämme erklären uns
ihre mindere oder höhere Culturstufe ähnlich wie Geistes- und
Gemüthsanlagen die Kinder einer europäischen civilisirten Familie
untereinander unterscheiden. Gutmütigkeit als Charakterzug bei dem
einen, Sinn für Industrie bei einem zweiten, Hang zum Diebstahle oder
Raubsucht bei anderen Stämmen finden wohl theilweise in der größeren
oder geringeren Gehirnmasse ihre Erklärung. Die Hottentotten, Griqua's
und Koranna's können wir füglich mit Kindern vergleichen, welche sich
willenlos von ihren Gespielen leiten lassen und namentlich nach allem
Glitzernden haschen. Eben deshalb wäre es verfehlt, den südafrikanischen
Eingebornen ohneweiters die Rechte eines Gebildeten einzuräumen, selbst
dann, wenn diese auf mechanischem Wege sich Lese- und Schreibkenntnisse
erworben haben. Von größtem Werthe scheint es mir, ihnen in einer leicht
verständlichen, leicht ausführbaren Weise die richtigen Begriffe der
Arbeit, den Bau der Wohnung, die Pflege und Ernährung des Körpers, den
Feldbau, die Viehzucht, beizubringen und sie dabei zu unterweisen, wie
sie ihren Nebenmenschen, ihren ungebildeten Stammesbrüdern, andererseits
dem Weißen gegenüber sich betragen sollen.

Einer der furchtbarsten Feinde der Civilisation war bis jetzt noch der
Aberglaube. Ich bin der Ansicht, daß wir denselben auf keine andere
Weise erfolgreich bekämpfen können, als indem wir die Eingebornen
Süd-Afrika's sich ihre Lebensbedürfnisse ohne Inanspruchnahme des
vermeintlichen Einflusses der Zauberer, Fetische und Regenbeschwörer
gewinnen lehren.

Ich erlaubte mir, die Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß den
südafrikanischen Schwarzen eine andere Zukunft bevorstehe, als den
Indianern Nordamerikas und daß man aus diesem Grunde gewisse
Krebsschäden, welche jene decimirten, von ihnen fernhalten müsse. Zu
solchen Maßregeln gehört die Beschränkung oder die vollkommene Sistirung
des Branntwein-Verkaufes an die Schwarzen in den Kolonien, sowie das
strenge Verbot, das Feuerwasser nach den nachbarlichen, unabhängigen
Eingebornenländern einzuführen. Einige der Stämme kamen uns schon jetzt
hilfreich entgegen, indem bei ihnen die Einfuhr sowie der Verkauf des
Feuerwassers nicht gestattet ist, und ich fühle mich glücklich, sagen zu
können, daß gegenwärtig dieses Verbot wenigstens in einem Theile Afrikas
gewiß zum Vortheile der dunklen Bevölkerung wie des weißen Mannes selbst
zur Geltung gekommen ist. Ferner erlaubte ich mir, darauf hinzuweisen,
daß sowohl die Regierung, als auch der einzelne Weiße im Umgange mit den
verschiedenen Stämmen den Charakter derselben, sowie jenen der
Häuptlinge wohl berücksichtigen müsse, ferner, daß die Ansuchen gewisser
Eingebornenherrscher um Einverleibung ihres Gebietes in den Verband
englischer Colonien äußerst vorsichtig aufzunehmen sind.

Was ich darüber in meiner Broschüre erwähnte, hat sich später in Bezug
auf den Batlapinen-Fürsten Mankuruan, den Bakwena-König Seschele, ferner
an den Damara's und an Khama, dem Bamangwato-Fürsten, als richtig
erwiesen; ich glaube auch daß meine Schilderung des Zulu-Charakters eine
getreue war. Ich bin längst von der Ansicht abgekommen, daß, nachdem die
Zulu-Macht gebrochen worden, Großbritannien seinen Colonialbesitz in
Süd-Afrika weiter ausdehnen solle. Ich glaube, daß der stabile
Aufenthalt eines oder mehrerer Vertreter (Commissaire) an den Höfen,
sowie Handels- und Colonisations-Verträge mit den einzelnen und
mächtigeren Eingebornenkönigen des centralen Süd-Afrika und des
südlichen Central-Afrika für die endliche Erschließung des Erdtheils die
besten Erfolge versprechen, jedoch unter der Voraussetzung, daß Gewehre
und Munition als Handelsartikel ausgeschlossen bleiben.

In Europa war bisher die irrige Ansicht verbreitet, daß die Engländer in
Süd-Afrika alles Land gierig verschlingen, dessen sie nur habhaft werden
können. Die Gegner und Kritiker der englischen Colonialpolitik in
Süd-Afrika scheinen jedoch nicht zu wissen, daß in den meisten Fällen
die betreffenden Landstriche den Engländern formell von den
verschiedenen Eingebornenherrschern angeboten wurden. Vor meiner dritten
Reise schwärmte ich sehr für die rasche Eröffnung einer Handelsstraße
nach Central-Afrika und dachte damals, es sei dies nicht anders
erreichbar, als indem das Gesammtgebiet zwischen dem Vaal und dem
Zambesi dem englischen Scepter unterworfen würde. Seither haben sich
meine Ansichten über diese englische Machtvergrößerung geändert und ich
weiß nun genau, daß Großbritannien die Annexion mehrerer spontan
angebotener Eingebornengebiete ausschlug. Meine Broschüre war damals,
eben am Vorabende mehrerer solcher Landabtretungs-Anbote von Seite
mehrerer Eingebornenfürsten, geschrieben worden, und darum glaubte ich
die Regierung darauf aufmerksam machen zu müssen, die größtmögliche
Vorsicht dabei zu beobachten.

So heißt es in derselben: »Da sehen wir Mankuruan, den Batlapinen-König
und einen der Batlapinen-Stämme, da den Barolongen-König Montsua u. A.
vor uns. Sie gestehen, daß sie uns angehören wollen, bevor wir sie
jedoch in den Verband unserer Unterthanen aufnehmen, stellen wir einige
Fragen. »Ist es Euer eigener Wille, Ihr Könige, oder seid Ihr die
Abgesandten Eures Volkes? Oder ist es die Ueberzeugung, zu der Ihr beide
gekommen seid? Warum wollt Ihr Unterthanen der Königin werden? Beruht
dies auf innigen Freundschaftsgefühlen den Makoa's gegenüber, die Ihr
Englishmans nennt? Oder ist dies weniger oder gar nicht der Fall und
geschieht es, weil Ihr Euch vor dem anderen Stamme der Weißen, den
Boers, zurückgesetzt fühlt, oder sie hasset oder fürchtet? Ihr sucht
vielleicht unsere Freundschaft, weil Ihr von einem Nachbarstamme
angefeindet werdet? Es mag jedoch auch sein, daß es zwei Herrscher in
Eurem Reiche gibt und einer dadurch, daß er der englischen Regierung
seinen Antheil, in Wirklichkeit jedoch das ganze Land anbietet, in
dieser Weise die Oberherrschaft über seinen Nebenbuhler zu erringen
sucht?

Haben wir auf diese Weise die Wahrheit über das Ebengesagte erfahren, so
ist es nöthig, sich den Charakter des anbietenden Eingebornenfürsten und
die Kulturstufe seines Stammes in allen Details klar zu machen und
darnach zu handeln. So gestanden die vorerwähnten Damara zwei Jahre nach
der Annexion ihres Gebietes ein, daß sie der letztgenannte der erwähnten
Gründe bewogen hätte, die Oberherrschaft Großbritanniens
anzusuchen.«[19]

Ich erwähnte, daß zur Zeit meines letzten Aufenthaltes in den
Diamantenfeldern der Krieg mit den Colonial-Kaffern ausbrach, daß
Griqualand-West, unsere Colonie, von ähnlichen Unglücksfällen
heimgesucht wurde, daß jedoch in beiden Kriegen das Recht bald den Sieg
davontrug. Wenn der Krieg in Griqualand-West, einem kleinen Ländchen mit
wenigen Weißen, so rasch und mit so geringen Menschenverlusten und
Unkosten glorreich zu Ende geführt wurde, so ist dies den beiden
Umständen zu verdanken, daß der Colonie ein erprobter Militär als
Gouverneur vorstand und die Diamantenfelder von beherzten
unerschrockenen Männern bewohnt wurden. Ja, dies zeigte sich namentlich
in der Geschichte dieser Provinz. Die Ereignisse und ihr Verlauf in den
letzten drei Jahren mögen schlagende Beweise für diese Behauptung sein.
Ich meine hier namentlich den Krieg, welchen diese Colonie mit den
Griqua's, Masarwa's und Batlapinen und ihren Häuptlingen Mora,
Donker-Maglas etc. zu bestehen hatte. Diese Eingebornen-Elemente, die zu
denen gehören, welche gegen die Tugenden des weißen Mannes taub
geblieben sind, waren durch andere unreine Elemente, aus dem
Colonialkriege entwichene Rebellen, weggelaufene farbige Diener etc.
verstärkt, von Westen her, von Kuruman und den Langbergen über die ihnen
zunächst wohnenden Ansiedler plötzlich hergefallen, hatten sie getödtet
und ihre Häuser geplündert, Unthaten, die eben zum Kriege führten. Die
schwarzen Räuber rechneten namentlich darauf, daß Griqualand-West von
der in einen Kaffernkrieg verwickelten Colonie keine Hilfskräfte
erlangen und von Schutzmannschaft entblößt sei, sowie daß sich die
Tausende der in den Diamantenfeldern arbeitenden Eingebornen im
geeigneten Augenblicke erheben und so die Hauptader der Provinz in
Schach haltend, diese durch das Niederbrennen der Gebäude und Ermordung
der Bewohner auf lange hin vernichten, sich selbst jedoch und die
Anstifter des Krieges mit der daselbst gewonnenen Beute
widerstandsfähiger machen könnten, während sie selbst, die wahren
Urheber, nach Gutdünken die ^Road-side hotels^ und ^stores^ (an den
Feldwegen liegende Einkehrhäuser und Gehöfte), sowie die Farmen plündern
würden.

[Fußnote 19: Vgl. den englischen Originaltext Anhang 7.]

Die Lage von Griqualand-West war damals gewiß eine kritische, ich selbst
Zeuge der höchst gefährlichen Situation, in der sich damals die Weißen
befanden. Zum Glück für Alle waren es beherzte Männer, welche nach dem
Säuberungsprocesse in den Diamantenfeldern zurückgeblieben waren,
glücklicherweise stand an der Spitze der Regierung ein Mann, der rasch
die Situation überblickend, sich zurechtfand (der frühere Gouverneur
Major Lanyon) und der in Colonel Warren, seinem Nachfolger im Commando
und den gegenwärtigen Gouverneur der Provinz den richtigen Mann fand,
der sich von keiner Gefahr einschüchtern ließ und rasch die besten
Verfügungen traf. So hatten sie Alle, wahrhaft Uebermenschliches
leistend, Griqualand-West befestigt, hatten ihre Frauen und Kinder vor
einem schmählichen Untergange bewahrt und dem Weißen Achtung verschafft,
ohne welche es diesen unmöglich wäre, mit den Farbigen im Frieden und
Einklang zu leben.

Major Lanyon erließ einen Aufruf, in welchem er die Bewohner der
Central-Diggings zur Verteidigung ihres neuen Heimatlandes anspornte und
in wenigen Tagen waren über sechshundert wehrfähige Männer beisammen,
welche sich bereit erklärten, ihr Blut für ihre Freunde und ihr neues
Heim zu opfern. Von diesen waren etwa zweihundert Volontärs, die übrigen
junge Leute, die sich unter sie aufnehmen ließen, oder Diamantengräber,
die zu einem bürgerlichen Freiwilligen-Corps zusammentraten. Rasch
wurden Pferde eingekauft und die Leute, ich möchte sagen Tag und Nacht
gedrillt (einexercirt), wobei meist von früheren, als Diamantengräber,
Diamantenkäufer oder in anderer Lebensstellung situirten Offizieren die
nöthige Unterweisung ertheilt wurde. Durch etwa vierhundert Basuto's
(Betschuana's vom Calcedon, reiche, Ackerbau treibende Eingeborne)
verstärkt, zogen sie gegen den gemeinschaftlichen Feind, der bei einem
Raubversuche überrascht, in seine Berge (Langberge und ihre Ausläufer)
zurückgeworfen wurde. Es entspann sich nun ein Guerillakrieg. Hatte man
einen felsigen, schon von Natur aus befestigten, mit Steinwällen durch
die Eingebornen noch unzugänglicher gemachten Felsenberg erstürmt, so
zog sich der Feind auf einen zweiten, und so weiter -- Hügel auf Hügel
mußte gestürmt und erobert werden und Colonel Warren bewies, daß er
Feldherrntalent besitze und die Männer der Diggings, daß sie es
verstehen »^how to do their duty!^«

Mit dem Ertrage meiner zunehmenden Praxis glaubte ich, etwa im December
desselben Jahres, die Diamantenfelder mit Europa vertauschen zu können,
doch konnte ich diesen meinen Vorsatz meines umfangreichen Gepäckes und
der noch zahlreicheren lebenden Thiere halber nicht sobald ausführen.
Die Fracht für die ersten beiden Sendungen, d. h. die während der ersten
und zweiten Reise gesammelten naturhistorischen und ethnographischen
Objecte hatte großmüthiger Weise Herr Naprstek in Prag beglichen. Auf
meiner Rückreise hatte mir derselbe gütige Freund 20, die geographische
Gesellschaft zu Wien 40 £ St. gesendet, welche Beträge jedoch kaum
hinreichten, um mir einen Wagen, dessen ich zum Transport meiner
lebenden Thiere nach der Seeküste bedurfte, anzuschaffen. Es war meine
Absicht, nicht vor December die Rückreise durch die Kolonie anzutreten.
Ich hoffte mir bis dahin nicht allein den noch fehlenden Betrag, sondern
auch eine eventuell nöthige Reservesumme zu verdienen, um den
Oranje-Freistaat und die Ostprovinz der Cap-Colonie zu einer Zeit zu
durchreisen, zu welcher ich mit Sicherheit auf gute Weide für meine
Zugthiere rechnen durfte. Ich hatte einundzwanzig Kisten mit den
Sammlungen durch einen Transportrider (Miethswagen) nach Port Elizabeth
vorausgesendet, wo sie von dem österreichischen Viceconsul, Herrn
Allenberg, in seinem Waarenhause bis zu meiner Ankunft in Port Elizabeth
aufbewahrt wurden. Ich selbst sträubte mich aber, mit einem Miethwagen
zu reisen, weil ich die Rückreise durch den Oranje-Freistaat und die
Colonie womöglich zu geognostischen und paläontologischen Studien
benützen und nicht ein Sklave des Kutschers sein wollte.

[Illustration: Colonel Warren.]

Ich gab meinen Vorsatz, im Dezember 1878 abzureisen, auf, da mich die
Zusendung von 220 Pfund St. -- 1000 fl. als hochherziges Geschenk Seiner
Majestät des Kaisers, 60 Pfund St. vom böhmischen Landesausschusse und
200 fl. vom Vereine »Svatobor«, sowie ein Darlehen von 1000 fl. welches
mir eine Gönnerin gewährte, -- in den Stand setzten, sechs Monate früher
die Diamantenfelder zu verlassen. Leider trafen mich auf der Rückreise
von den Diamantenfeldern nach Port Elizabeth eine Reihe von Unfällen,
welche einen großen Theil meiner zur Reise bestimmten Mittel
verschlangen, so daß ich mich genöthigt sah, mich in Cradock
niederzulassen und von Neuem als Arzt zu prakticiren. Im Monate August
1878 verließ ich endlich die Diamantenfelder und miethete als
Wagenlenker einen früheren Diener eines mir bekannten Kaufmannes in
Kimberley, außerdem nahm ich noch drei Kinder auf die Reise nach dem
Süden mit mir.

Unter meinen Bekannten und Patienten in den Diamantenfeldern hatte sich
namentlich ein Freund, mein unmittelbarer Nachbar in Bultfontein, durch
seine Zuvorkommenheit hervorgethan. Ich dachte ihm nun meine
Erkenntlichkeit dadurch am besten zu beweisen, daß ich einen seiner
Knaben mit mir nahm und ihm die Oberaufsicht über die lebenden Thiere
überließ, wobei ihn anfangs der braune Wagenlenker, später in der
Colonie ein Fingo, in der Verrichtung der gröberen Arbeiten unterstützen
sollte. Dafür versprach ich seinen Eltern, wenn er sich gefügig und brav
verhalten würde, ihn in meiner Heimat erziehen zu lassen. Damit er mir
jedoch während der Reise nicht zur Last falle und ich ungehindert meinen
Forschungen nachgehen könne, gaben ihm seine Eltern eine kleine
Betschuana-Dienerin, Bella, mit, welche ihm in seinen Arbeiten an die
Hand gehen sollte.

Das dritte Kind war der dreizehnjährige Sohn eines Holländers mit Namen
Schneemann, dessen Familie ich mehrere Wochen hindurch behandelt hatte
und welcher mir aus Dankbarkeit öfter bei meinen Arbeiten half und mir
sein ältestes Kind unter der Bedingung, ihn zum gebildeten Menschen zu
erziehen, als Bedienten mitgab. Der arme Schneemann, ein biederer
Charakter, war einer jener vom Mißgeschick Heimgesuchten, welche statt
des erhofften Glückes und Reichthumes in den Diamantenfeldern Elend,
Kummer und Sorgen einheimsten. Philipp, so hieß der Knabe, nahm es auf
sich, das Gespann zu führen. Bevor ich noch die Meeresküste erreichte,
sah ich mich in Cradock genöthigt, den erstgenannten Knaben seiner
Nachlässigkeit halber heim zu senden. Auch Philipp Schneemann konnte dem
Heimweh nicht widerstehen und so wurde er in Cradock seinem inzwischen
in den Bürgersdorfer District übersiedelten Vater übergeben.

Von den Diamantenfeldern scheidend, kann ich nicht umhin, mit dankbarem
Herzen meinen einstigen Patienten für ihr stets freundliches
Entgegenkommen und ihre mir so vielfach erwiesenen Gefälligkeiten zu
danken, sowie meinen besonderen Dank für die rege Teilnahme, den
aufrichtigen Rath und die mir so oft erwiesenen Freundschaftsdienste den
Herren: J. Wernherr, Alfonse Loewy, Ch. Hartley, R. Murray, Anthony
Davison, Gebrüder Peizer, Stransky und Durack, Wessels und Söhne, R. M.
Scholz, McKay, Burkner, Rothschild, Vries, den Familien der Herren A.
Kerr, Pinkney, Proksch, Fuchs, Scholtz, Stow, Bult, Ch. Sonnenberg, Ch.
Roberts; den Redactionen des »^Independent^«, der »^Diamond News^«, des
»^Diamondfield Advertisers^«, sowie der nicht mehr bestehenden »^Mining
Gazette^« und des »^Diamondfield^« auszusprechen. Desgleichen fühle ich
mich veranlaßt, Fräulein Mathilde Proksch, gegenwärtig Vorsteherin eines
»^Young Ladies Institute^« in Leydenburg, für ihre uneigennützige
Fürsorge bei Durchsicht der in den englischen südafrikanischen Zeitungen
veröffentlichten Artikel auf das Herzlichste zu danken.



                                XVII.
                     Durch die Colonie zur Küste.


Abreise von Bultfontein. -- Straußenzucht auf der Farm Ottersport. --
Straußenzucht im Allgemeinen. -- Meine erste Vorlesung in Colesberg. --
Cradock. -- Ein Unfall bei diesem Orte. -- Der Zulu-Krieg. -- Die
Ursachen der Mißerfolge in der Behandlung der südafrikanischen
Eingeborenen. -- Meine Artikel über den Zulukrieg. -- Kampfweise der
Zulu. -- Grahamstown. -- Reiche paläontologische Funde. -- Ankunft in
Port Elizabeth. -- Eine Löwenjagd. -- Ausflüge in die Umgebung. -- Meine
marinen Sammlungen. -- Meine Sammlungen in Gefahr. -- Die letzten Tage
auf afrikanischem Boden. -- Heimfahrt nach Europa, Projecte für die
Zukunft.

[Illustration: Bella.]

Meine Rückreise von den Diamantenfeldern nach der Meeresküste erlitt
eine längere Unterbrechung in Cradock, auch in Port Elizabeth und in der
Capstadt war ich zu längerem Aufenthalt veranlaßt.

Mich nach Süden wendend, überschritt ich den Modder-River, dessen tiefes
Bett uns während der Durchfahrt viele Schwierigkeiten entgegensetzte.
Der Modder-River bildet tiefe, äußerst fischreiche Lachen. Sein Thal ist
eigentlich eine tiefe, in den Laterit ausgewühlte Regenschlucht. Die
steilen, mit dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsenen Abhänge bieten
zahlreichen Vögeln Schutz und Aufenthalt. Eine der wenigen anziehenden
Scenerien an diesem Flusse ist jene an seiner Vereinigung mit dem
Rietflusse. Stellenweise sind auch seine Uferwände, wie die des
ebengenannten Zuflusses, schlammig (daher der Name Modder- oder
Schlammfluß), Stellen wo so manch' ermüdetes Zugthier der von den
Colonialhäfen mit langen Gespannen nach den Diamantenfeldern ziehenden
Fuhrleute einsinkend, sein Ende fand.

Ich berührte auf dieser Reise Jacobsdaal, welches seit meinem ersten
Besuche im Jahre 1872 ansehnlich zugenommen hatte, und wandte mich dann
gegen das Städtchen Philippolis. Auf dem Wege dahin passirte ich auch
das Riet-River-Hotel. Die frühere Canwaß- und Eisenblechconstruction war
nun zu einem massiven Steinhaus umgebaut worden und ich staunte nicht
wenig, als mich der Hotelier mit den Worten begrüßte: »Waren Sie nicht
vor sechs Jahren mit den Herren Michaelis und Rabinowitz in einem Karren
hier eingekehrt?«

[Illustration: Jacobsdaal im Jahre 1872.]

Auf der Farm Kalke fand ich einige Oolithgesteine und Fossilien,
letztere nach Süden hin an Häufigkeit stetig zunehmend. Das einförmige,
trostlose Landschaftsbild bewies mir, daß ich mich den Strichen näherte,
welche seit Jahr und Tag unter großer Dürre zu leiden hatten. Die Gegend
ringsum konnte im wahren Sinne des Wortes verbrannt, verdorrt genannt
werden, man sah nicht einen grünen Halm; das Braun der Felsen und der
Erde war der überwiegende Farbenton, welchen das Auge gewahrte.[20] Mein
Aufenthalt in Philippolis gestaltete sich durch den Verkehr mit den
Großhändlern Schultze, den Gebrüdern Liefmann, dem Postmeister
Försterlein, Dr. Knobel und Dr. Igel zu einem sehr angenehmen. Sie
unternahmen mit mir mehrere Ausflüge, deren naturhistorische und
ethnographische Ausbeute meinen Sammlungen sehr zu Statten kam. Unter
dem Erworbenen fanden sich mehrere lebende Vögel sowie eine
ausgewachsene Springbockgais und von Herrn Schultze erhielt ich eine
schöne Quarzdruse zum Geschenk, die ich bei meiner Durchreise im Jahre
1872 in seinem Hotel im Drawing-Room bemerkt, allein damals aus Mangel
an Mitteln nicht erstehen konnte, sowie von Herrn Försterlein ein
äußerst interessantes, ethnographisches Specimen. Es war ein Talisman in
einem kleinen, vier Zentimeter langen, zwei Zentimeter breiten, acht
Millimeter starken, an einem Ende schmäleren, schwarzen Holztäfelchen
und einem in das breiteste Enddrittel eingesetzten Bergkrystallstückchen
bestehend und dem Geber von einem ihm zum Danke verpflichteten
Basuto-Doctor geschenkt worden. Als es von Herrn Försterlein zufällig
einigen Basuto's gezeigt wurde, sprachen ihn diese darum an und machten
ihm verschiedene Kaufsofferte. Das bedeutendste davon bestand in zwei
feisten Rindern.

Auf dem Weitermarsche nach Süden war ich einige Tage auf der Farm
Ottersport des Herrn Schultze zu Gast, auf welcher ich die erste
Gelegenheit hatte, zahme Strauße zu beobachten. Die letzteren werden
gegenwärtig in Südafrika, namentlich in der Cap-Colonie und dem
Oranje-Freistaate in solcher Anzahl gezüchtet, daß man schon im Jahre
1879 über hunderttausend Thiere zählte. Der aus dieser Zucht gewonnene
Ertrag ersetzt weitaus den Verlust, der durch die stete Abnahme des
Handels mit Federn der wilden Strauße entsteht. Dem Ei entschlüpft, hat
das Küchlein einen Werth von 5 £ St., halb erwachsene Vögel werden mit
zwanzig bis fünfzig, Brütende bis zu 150 £ St. bezahlt. Die
Straußvogelzucht wird namentlich in jenen Gegenden betrieben, in welchen
die Schaf und Rinderzucht minder einträglich ist.

[Fußnote 20: Siehe Anhang 8.]

Das größte Hinderniß, mit dem die Straußenzüchter zu kämpfen haben, sind
eigenthümlicher Weise Parasiten. Wohl an fünf bis zu fünfundzwanzig
Percent der gezüchteten Thiere sterben in Folge von Band- und riesigen
Palisadenwürmern, von denen eine kleine Species der ersteren sich zu
tausenden und tausenden im Körper des Thieres vorfindet, die letzteren,
welche oft bis Meterlänge erreichen, die Musculatur des Vogels
durchfressen, ohne selbst das Herz zu verschonen. Uebrigens nehmen die
Parasiten oft schon von dem Ei des Straußes Besitz, bevor die Verhärtung
der Außenhaut desselben stattgefunden hat; ich entnehme dies aus dem
Berichte einer englischen Zeitung aus Süd-Afrika, welcher mir vor
einigen Tagen zukam und erzählte, daß man Straußeneier mit Würmern
gefüllt vorfand.[21]

Nachdem ich den Oranje-River an der Furth des Herrn Roß überschritten
hatte, erreichte ich Colesberg. Ich fand in demselben eine so
freundliche Aufnahme, daß ich aus Dankbarkeit nicht umhin konnte, einer
Einladung zu einem Vortrage Folge zu leisten; es war der erste, zu dem
ich mich erkühnte. Der Erfolg desselben veranlaßt mich, auch in anderen
Städten der Kolonie für die Eröffnung Central-Afrika's nach dem Süden zu
plaidiren. Namentlich verpflichteten mich hier die Herren Prediger
sowohl, als auch die Aerzte der Stadt und die Herren Abrahamson, Knobel,
Leviseur, Mader, Weekley. (Redacteur des Colesberg Advertisers) zu
lebhaftem Danke. Mit Herrn Knobel besuchte ich den Colesberg, der nicht
allein in geognostischer und paläontologischer Beziehung interessant ist
sondern auch dem Botaniker durch seine reiche Flora, dem Zoologen durch
das Vorkommen zahlreicher Berghasen, Klipschliefer, etc., Tag und
Nacht-Raubvögel, Höhlenstaare und Tauben, zahlreicher Schlangen und
Eidechsen, Kerbthiere und auch Arachniden reichlich den Aufstieg lohnt.

Von hier wandte ich mich nach Cradock; doch wählte ich der
Unfruchtbarkeit der Gegend halber nicht die kürzeste Route, sondern ging
westlich über Middleburg, da ich hier wenigstens an einer Stelle Futter
für die Zugthiere zu finden hoffte. Ich wandte mich zunächst nach
Kuilfontein, der Farm des Herrn Murray, wo Herr Knobel versteinerte
Rippen eines Thieres in einer Mauer gefunden hatte. Mit Erlaubniß des
Besitzers riß ich die Mauer nieder und fand prachtvolle, in harten
Sandstein eingeschlossene Skelettheile von Sauriern vor und zwar waren
es hauptsächlich die Dicynodon-Species, sowie Eidechsen und
krokodilartige Thiere, außerdem fand ich eine fossile Flora in
weißlichem Sandstein, welche den, namentlich in der östlichen
Capcolonie-Provinz häufiger auftretenden Dicynodon-Schichten aufliegt.
Ich blieb hier neun Tage lang und wäre wohl, mit Rücksicht auf das
gastliche Entgegenkommen von Seite des Besitzers und der reich
entlohnenden paläontologischen Funde, noch länger geblieben, wenn nicht
die Dürre der Gegend, die selbst dem Besitzer zu der enormen Auslage des
Futterkaufens für einen Theil seiner Hausthiere und das Absenden des
anderen in eine grasreiche Gegend des Oranje-Freistaates gezwungen
hatte, mich bewogen hätte, den Colesberger District so bald wie thunlich
zu verlassen.

[Fußnote 21: Siehe Anhang 9.]

Ich machte in Begleitung meines freundlichen Wirthes mehrere Ausflüge in
die Umgegend und traf stellenweise Thonschieferlagen mit kleinen
Muscheln und Schneckenschalen, sowie Spuren riesiger Eidechsen --
wahrscheinlich der Dicynodon-Art? An Wild trafen wir blos Springböcke,
Trappen, Knurrhähne, Rebhühner, Wildtauben und Wildenten. Ich erwarb in
Kuilfontein drei Fischreiher, welche, ziemlich zahm, alljährig in den
Weiden an der Quelle zu nisten pflegen. Meine weitere Reise bis nach
Cradock war der herrschenden Dürre halber ein wahrer Leidensweg.

Auf der Newport-Farm fand ich einige hübsche Fossilien, darunter
Abdrücke von eidechsenartigen Thieren. Auch hier wurde ich äußerst
freundlich aufgenommen und bedaure nur, daß ich der an mich ergangenen
Einladung, eine Jagd auf Berggazellen um die Thiere beobachten zu können
und eine reichlich lohnende Angelpartie mitzumachen, nicht Folge leisten
konnte. Die Newport-Farm-Scenerie ist unstreitig eine der anziehendsten
im Middleburger District und ich hoffe hier mit Erfolg auf meiner
nächsten Reise einen photographischen Apparat verwenden zu können.

[Illustration: Unfall bei Cradock.]

Auch in Middleburg hielt ich, hiezu aufgefordert, einen Vortrag über
meine Reisen und fand die liebenswürdigste Aufnahme bei den Bewohnern
des Städtchens. Ich bin namentlich den Herren Veidling, Heathcoth und
Dr. Moore, welch' letzterer später auch meine Praxis in Cradock
übernahm, zu Dank verpflichtet. Auch in der nächsten Umgebung von
Middleburg fand ich ein reiches Dicynodon-Lager und bedaure nur, daß die
graslose Strecke ringsum mir einen längeren Aufenthalt nicht erlaubte.
Da ich seitdem aus den mitgebrachten Fossilien erkannt, daß dieses Lager
auch Fischspecies aufweist, will ich auf meiner nächsten Forschungsreise
durch die südafrikanischen Colonien dem Orte meine vollste
Aufmerksamkeit widmen.

In Cradock angekommen, war es meine Absicht, meinen erschöpften
Zugthieren, von welchen leider einige in Folge des Futtermangels zu
Grunde gegangen waren, einige Tage Rast zu gönnen, doch sah ich mich
bald genöthigt, daselbst einige Monate zu verweilen, um meine bisher
erlittenen Verluste durch den Ertrag der ärztlichen Praxis zu decken. In
meiner mißlichen Lage war mir das herzliche Entgegenkommen der Bewohner
Cradocks ein wahrer Trost und ich fühle mich namentlich den Familien
Grey, Greaves, Green, Gillfillan, Smolmann, Armstrong, Turkington,
Leigh, Cawood, Woodland, Rice, Wolters, Rawstone und Gardener, sowie den
Herren Brown, Rudd, McLoud zu tiefem Danke verpflichtet. Auch den Herren
Mynheeren van Rensburg und Marais, sowie Mr. Forster von der
Gillfillan-Brücke gedenke ich hier in freundlicher Erinnerung.

Zur Zeit meines Aufenthaltes in Cradock war der Fish-River mehrmals
böser Laune. Ich war anfangs noch nicht dessen sicher, ob ich mich auf
einige Monate in der Stadt niederlassen und praktiziren sollte und
wohnte in meiner Arche etwa eine halbe Meile oberhalb der Stadt am
jenseitigen (rechten) Flußufer. Da ich jedoch schon über zwanzig
Patienten zu behandeln hatte, so ritt ich täglich mehrmals mit meinem
Mosco nach der Stadt. Ich hatte auf meinem Wege zur Brücke zwei meist
trockene Rinnsale zu passiren. Diese zwei etwa vier Meter tiefen, vom
Wasser ausgespülten Mulden bildeten, wie man mir mittheilte, nur sehr
selten und dann höchstens nur auf einige Stunden, meist nach sehr
heftigen Platzregen im westlichen Gebirge (Cradock liegt in einem wahren
Bergnetze) fließende Gewässer. Etwa 1½ Monate nach meiner Ankunft im
Weichbilde der Stadt fiel durch mehrere Tage (nach mehr denn
vierzehnmonatlicher schrecklicher Dürre in der Cap-Colonie) unausgesetzt
Regen, in Folge dessen der Hauptfluß anschwoll und auch jene Rinnsale
sich mit gelblicher, andere mit röthlicher, breiartiger flüssiger Masse
füllten. Ich war schon früh zur Stadt gerufen worden, konnte jedoch des
zahlreichen Krankenbesuches am Wagen halber, erst Nachmittags dahineilen
und als ich zu dem zweiten, sonst immer trockenen Zuflusse des zu meiner
Rechten etwa dreißig Schritte ab brausenden und schäumenden Fish-Rivers
kam, fand ich etwa dreißig Menschen am diesseitigen Ufer, die sich nicht
hinüberwagten -- es waren meist Wäscherinnen, welche Früh die Stadt
verlassen hatten, um ihrer Beschäftigung an den etwa 1½ englische Meilen
flußaufwärts liegenden schwefelhaltigen warmen Quellen nachzugehen, nun
aber nicht heimkehren konnten. Hätte ich meinen Krankenbesuch in der
Stadt nicht für sehr dringend gehalten, wäre ich wieder zum Wagen
zurückgeritten, da ich jedoch nach dem früh mir vom Krankenbette
zugekommenen Bulletin eine Verschlimmerung befürchtete, entschloß ich
mich, den zischenden Strudel vor mir zu durchreiten. Der röthliche dicke
Schwall war etwa acht bis neun Meter breit und schien mir an der
günstigsten Stelle 1½ Meter tief, leider hatte das Wasser unmittelbar
unter dieser Stelle ein Loch ausgehöhlt und bildete hier einen etwa drei
Meter hohen Katarakt, über welchen es laut schäumend sich mit den
tosenden Wellen des Fish-Rivers vereinigte. Ich kannte mein Pferd und
vertraute ihm meine Sicherheit an, selbst bestrebt, ihm seine
anscheinend schwere Arbeit zu erleichtern.

Bei den zwei ersten Schritten fühlte ich den Körper des Thieres
erzittern, ich munterte es auf, rasch bewegte es sich vorwärts; um es
von dem Loche zur Linken abzuhalten, hielt ich mehr nach der
entgegengesetzten Richtung, wo leider die Strömung zu stark war und das
Thier zum Falle brachte; doch waren noch unsere Köpfe über Wasser. Bevor
wir uns noch dem Katarakte genähert, hatte Mosco sich von selbst
emporgerafft und suchte mit einem Satze das jenseitige Ufer zu gewinnen
-- seine Absicht mißlang, er fiel auf die Vorderknie -- doch zum zweiten
Male raffte er sich auf, sein Körper zitterte so sehr, daß ich nicht
mehr mit ihm das Ufer lebend zu erreichen dachte, jeden Moment wähnte
ich ihn mit mir in die schäumende Tiefe zur Linken fortgespült -- da,
ohne angespornt zu werden, noch ein Versuch -- ein zweiter Satz und die
Vorderhufe hatten sich in den Lehmboden des jenseitigen Ufers
eingegraben, nur einige Secunden verharrte Mosko in dieser Stellung, ein
anderer Satz brachte ihn vollends auf's Trockene. Wir waren gerettet!

Während meines Aufenthaltes in Cradock war ich so sehr durch meine
Praxis in Anspruch genommen, daß ich meine seit dem Verlassen der
Diamantenfelder aufgenommenen paläontologischen Forschungen aufgeben
mußte. Ich hatte stets sechzig, zuweilen bis achtzig Personen auf der
Krankenliste und konnte nur selten aufs Land fahren, da mich meine
Stadt-Kranken zu sehr beschäftigten; Herr Kidger sen., der Inhaber eines
Geschäftes, war so gütig, mich mit einigen Dicynodon-Resten zu
beschenken.

In die Zeit meines Aufenthaltes in Cradock fällt auch die wichtigste
Episode, die sich in Süd-Afrika während der letzten fünfundzwanzig Jahre
abgespielt hatte -- der Zulu-Krieg. Für den Culturfortschritt in
Süd-Afrika war der Zulu-Krieg eine Notwendigkeit, doch darf man sich
nicht der Ansicht hinneigen, daß ihn Sir Bartle Frere eigenmächtig
hervorrief, und die englische Regierung in Südafrika ohne die
trifrigsten Gründe zu den Waffen griff. Das Vorgehen Sir Bartle Frere's
war einer der weisesten Schritte, die er, sowie überhaupt ein
Staatsmann, auf dem afrikanischen Kontinente thun konnte. Er sah die
Gefahr, die den Kolonien von dem Zulu-Lande drohte, er wußte von
Ketschwajo's Vorbereitungen und kannte die allgemeine Kampflust, mit
welcher die Zulu-Krieger Ketschwajo's nach einem Zusammenstoße mit den
Weißen lechzten. Bald waren es die Colonisten in Natal, bald die
Grenzbewohner der südöstlichen Districte der Transvaal-Colonie, die über
die Anmaßungen der Zulu's zu klagen hatten. In den letztverflossenen
Decennien hatten in beiden Ländern zahllose Flüchtlinge aus dem
Zulu-Lande Schutz vor den maßlosen Grausamkeiten ihres Königs und der
Induna's gesucht und gefunden.

Hätte die englische Regierung in Afrika nicht zuerst zu den Waffen
gegriffen, so wären die Zulu's wie eine blutgierige Meute Hunde über
Natal hereingebrochen, und in einer Woche hätten durch diesen Ueberfall
zwanzig- bis dreißigtausend Menschen ihr Leben eingebüßt. Ketschwajo
hatte es längst darauf abgesehen. Der dem Zulu-Herrscher eigene Stolz,
das sichere Vertrauen, das er auf die Unerschrockenheit und Tapferkeit,
sowie die anderen Eingebornenstämmen gegenüber verhältnißmäßig große
Anzahl seiner Krieger setzte, machten ihn siegesbewußt, lullten den
Tyrannen, dessen Vorbereitungsmanöver oft Hunderte von Menschenleben
kosteten, in den großen Traum ein, Herr von Natal zu werden. Dieser
Schlag hätte aber einen furchtbareren noch im Gefolge gehabt: die
Erhebung der meisten südafrikanischen Stämme gegen _alle Weißen_.

Wenn es in Süd-Afrika einige, in England jedoch zahlreiche Menschen
gibt, welche den Zulu-Krieg ^pro ipso^ als eine der größten
Ungerechtigkeiten ansehen, deren sich die englische Regierung in
Süd-Afrika schuldig gemacht, so beruht diese irrige Ansicht auf einem
vollkommenen Mißverständniß des Eingebornen-Charakters im Allgemeinen
und des Zulu-Charakters im Besonderen. Die Vertreter der ebenerwähnten
Ansicht sind meist Menschen, welche mit den Eingebornen nie in Berührung
kamen oder nie Gelegenheit hatten, die ungeheuchelte, nackte
Handlungsweise der Zulu's kennen zu lernen, die schließlich von einem
Vorurtheil befangen, stets und in Vorhinein in jedem Schwarzen einen
armen, bedrückten, gequälten und von den Weißen zurückgesetzten Menschen
sehen.

Als ich nach meiner Rückkehr von Afrika in England hochstehenden
Personen gegenüber, welche in verschiedenen Welttheilen durch Jahrzehnte
beschäftigt waren, den südafrikanischen Eingebornen eine erfreuliche
Zukunft in Aussicht stellte, staunte man überall. Man war von der
allgemeinen, bisher geltenden Idee des Aussterbens der schwarzen Race
und ihres Verdrängtwerdens von Seite der Weißen durchdrungen und glaubte
in dem Zulu-Kriege nur eine Bestätigung dieser Ansicht zu finden. Wenn
die Behandlung der Schwarzen von Seite der Weißen in vielen Weltgegenden
bisher zumeist Mißerfolge aufwies, so beruhten dieselben erstlich auf
einer irrigen Auffassung der Natur und Stellung des Eingebornen. Er
wurde entweder als ein untergeordnetes, kaum menschliches Wesen
angesehen und dann übel behandelt, oder er, das ungebildete Kind, wurde
belehrt, daß er seinem Lehrmeister und weißen Herrn vollkommen gleich
stehe. Da der Schwarze diese Identität nicht begreifen konnte, und er,
der ungebildete Unmündige, sich nun plötzlich als Gebildeter betragen,
das Kind den Erwachsenen spielen sollte, kam ein offener Widerspruch zu
Tage, dessen unmittelbare Folge ein schwerer Mißgriff des Weißen war; in
Folge dieser irrigen Auffassung gab man dem Kinde ferner seine eigene
vorzügliche Waffe in die Hand, welches nun nichts Eiligeres zu thun
hatte, als die vermeintliche Ebenbürtigkeit dem weißen Manne gegenüber
geltend zu machen und gegen ihn die Waffe zu gebrauchen. Ein weiterer,
sich nur allzubald rächender Fehler war drittens die Einfuhr und der
Verkauf alkoholhältiger Getränke, viertens die Einschleppung von
ansteckenden Krankheiten, und endlich fünftens, daß sich die zu dem
Verkehr mit den Eingebornen von dieser oder jener Regierung bestimmten
Personen (Commissäre etc.) als untauglich und ihres Amtes unwürdig
zeigten, und zwar dadurch, daß sie namentlich vor Allem ihre
persönlichen und die Vortheile ihrer Nächsten und weniger das Wohl der
Eingebornen im Auge hatten.

Was die beiden ersteren Punkte mit Rücksicht auf Süd-Afrika betrifft, so
glaube ich schon im vorigen Capitel darauf hingewiesen zu haben, daß man
gegenwärtig glücklicher Weise in das richtige Fahrwasser »^how to deal
with the natives^« eingelenkt habe. Der letzterwähnte Punkt kann in
Süd-Afrika gar nicht zur Sprache kommen. Die Berichte der Commissäre ^of
the native-affairs^ können nur zu leicht einer Prüfung unterzogen
werden. Für den geringsten Mißbrauch ihrer Amtsgewalt würde eine
sofortige strenge Bestrafung auf dem Fuße folgen. Bezüglich des dritten
Punktes sehen wir das Unglaubliche in Süd-Afrika möglich geworden, daß
Eingebornenfürsten dem Verkaufe des Feuerwassers steuern und daß auch
einige der Colonial-Regierungen die Ausfuhr desselben nach den
unabhängigen Eingebornenreichen verboten oder eingeschränkt haben.

Eine glückliche Lösung der Zulu-Frage, welche bei diesem kriegerischen
Volke nur mit Waffengewalt zu Stande kommen konnte, war für Süd-Afrika
von derselben Bedeutung, als eine solche der orientalischen Frage für
manche Staaten Europa's. Ein mehrjähriger Aufenthalt unter verschiedenen
Stämmen und mein Wirkungskreis als Arzt, bot mir hinreichende
Gelegenheit, so manche Ansicht derselben kennen zu lernen und über die
wirklichen Verhältnisse der einzelnen Stämme unter einander, ihre
Beziehungen zu den Engländern und Holländern Erfahrungen zu sammeln,
welche mich wenigstens theilweise zu der Veröffentlichung der dem Leser
schon bekannten Broschüre, sowie einer Reihe von Artikeln veranlaßten

Auf der Heimreise durch die Kolonie begriffen, ersah ich (der Leser möge
dies Geständniß entschuldigen) daß mir meine Zulubriefe, meine Reisen
wie auch meine Ausstellung in Kimberley zahlreiche Freunde erwarben. Der
erste dieser Artikel, welchen ich vor dem Ausbruche des Krieges schrieb
und in welchem ich unter Anderem die Kampfweise der Zulu's und die
Gefahr, welche für Afrika von Seite dieser Barbaren bevorstand,
schilderte, verspätete sich in Folge lebensgefährlicher Erkrankung des
Redacteurs des »^Eastern Star^« und erschien, von mir telegraphisch
urgirt, zufällig am selben Tage, an welchem die Nachricht von der
Niederlage der englischen Truppen bei Isandula die Cap-Colonie
erreichte; derselbe war vor dem Ausbruche des Krieges am 16. Jänner
abgesendet worden. Ich erlaube mir im Folgenden einige Citate aus
demselben anzuführen:

»Gibt es gegenwärtig etwas Wichtigeres, Gefahrdrohenderes auf dem
politischen Horizont Süd-Afrika's als jene dunkle Wolke im Osten, als
die Zulu-Frage? Schwarz, dicht geballt, blitzgeschwängert ist diese
Gewitterwolke, die ungebundene Masse eines der rohesten
Eingebornen-Elemente, welche unseren Blick in die Zukunft trübt und seit
Jahren den Frieden und die Wohlfahrt Süd-Afrika's bedroht.

Dort -- nördlich vom Tugelaflusse hängt das Damokles-Schwert über Deinem
Haupte, Süd-Afrika. Und dieses Schwert und jene Wolke? Ein blutdürstiger
Tyrann, dessen Macht auf Tausenden und abermals Tausenden entmenschter,
ihm wie eine Rotte wilder Wölfe in sklavischer Unterwürfigkeit
blindlings folgender Creaturen beruht. Doch wie ist es denn möglich, daß
solch' ein Wütherich so viele Jahre und in einer solchen Weise die
Civilisation hier um uns beeinträchtigen konnte, daß der Weiße jeden
Moment die drohende Meute über sich hereinzubrechen befürchten mußte?
Hast du denn geschlummert, britischer Löwe, daß du dir für die
beispiellose Sanftmuth, die du so oft den Zulu's gegenüber bewiesen, so
lange solch' eine schmähliche Stellung dem Zulutyrannen gegenüber
gefallen lassen mußtest? Ja, dort nördlich von der Tugela, in dem
schrecklichsten durch einen Eingebornenfürsten geschaffenen Gefängnisse
harrt der gordische Knoten Süd-Afrika's seiner Lösung.

Bei der Betrachtung dieser von Osten her verderbendrohenden Wolke haben
wir jedoch nicht allein das Furchtbare des ihr entströmenden Ungewitters
zu fürchten, sondern noch einen zweiten Umstand. Es ist das Verhältniß
zu den übrigen Wolken und Wölkchen, die auf dem Horizonte über uns
schweben. Obgleich Feinde des Zulustammes -- ja ihn hassend -- verbindet
doch den letzteren mit den meisten der südafrikanischen
Eingebornenstämme _ein Gedanke_, der von der Natur eingeimpfte, aus
einem allseitigen Neid hervorgegangene, trotz der wohlwollenden
Behandlung unter dem Gouverneur Sir Henry Barkly durch ein Gefühl einer
irrthümlichen Zurücksetzung gestärkte Haß der dunklen Racen den Weißen
gegenüber.

Von der größten Wichtigkeit ist es nun für uns, zu wissen, ob sich jene
kleinen Wolken, die meisten bedeutenden Stämme, beim Losbrechen jenes
Unwetters mit den Zulu's vereinigen werden oder nicht. Farbige, die sich
seit Jahren und Jahren zwischen den Weißen bewegten, die als Diener,
Aufseher etc. seit Decennien in des weißen Mannes Diensten standen,
Menschen, deren Dörfer um unsere Ansiedelungen liegen, und friedliche
Nachbarn geworden waren, Farbige, die, ob Bastard-Buschmänner,
Hottentotten oder Banthu's, den Zulu als einen Erbfeind haßten, welche
von demselben wiederholt bekriegt, von ihm Schreckliches erleiden mußten
-- lächelten zufrieden in sich hinein, so oft sie von dem arroganten
Auftreten Ketschwajo's hörten, freuten sich im Stillen, daß doch _ein
schwarzer_ Bruder (in Wirklichkeit ihr größter Feind) dem Weißen Trotz
und Hohn bot und zu bieten im Stande war. »Ja, die Zulumacht, die Macht
des blutdürstigen Ketschwajo, ist eine hohe Mauer, ist ein Felsen, über
den das Bleichgesicht nicht klimmen, den es nicht bezwingen kann.« Einen
weiteren Beweis der Zulumacht glaubten sie auch darin zu erblicken, daß
die meisten der Wächter des Weißen -- die schwarzen Policemen --
Zulumänner aus Natal, Flüchtlinge aus Ketschwajo's Gebiete waren. In
keinem Eingebornenlande Süd-Afrika's ist eine solche Rohheit und
Unmenschlichkeit, ist eine solche Barbarei zu beobachten, solch
thierische Wuth manifestirt, wie in Ketschwajo's Land. Ja, wir sehen,
daß selbst der regierende Stamm, die Zulu's selbst, auf die furchtbarste
Weise von ihrem Tyrannen mißhandelt werden, ebenso barbarisch wie die
Eingebornen es sind, sich ebenso sklavisch den Befehlen des Tyrannen
unterwerfen und ihre Mitmenschen abschlachten, um vielleicht bald darauf
selbst abgewürgt zu werden. Muth und Unerschrockenheit sind die einzigen
Tugenden, die wir den Zulu's zuerkennen müssen, doch da dieser
Charakterzug nur zur Stärkung der Macht eines Tyrannen und des Plünderns
halber zur Geltung kommt, büßt er das Lobenswerte ein und wird zur
entfesselten thierischen Wuth, mit der sich der Tiger auf sein Opfer
wirft. Bald in dieser, bald in jener Weise haben sich unsere Brüder in
Natal Drohungen und Erniedrigungen von Seite des Zulu-Fürsten gefallen
lassen. Jede der ihnen angethanen Schmähungen war eine Schmähung für uns
Alle, und es sind nun Tausende und Tausende, die gegenwärtig von der
südlichen Meeresküste bis zu dem nördlichen Bogen des Limpopo, von der
Mündung des Oranje-Rivers bis zur Tugela-Mündung welche, -- die Einen
ein Ende dieser Anmaßungen mit geballter Faust fordern, die Anderen aus
der Tiefe ihres Herzens darum flehen.

[Illustration: Kampfweise der Zulu.]

Jene von uns, die da glauben, daß die vom Zululande drohende Gefahr in
der Cap-Colonie, Griqualand-West u. s. w. weniger zu fürchten sei,
huldigen einer irrigen Auffassung. Das Zulu-Land ist ein Vulcan, von dem
ganz Süd-Afrika Verderben droht. Die Unzufriedenheit unter den
Eingebornenstämmen wird vom Zulu-Lande aus stets angefacht und genährt,
nur wir, die wir seit Jahren unter diesen Stämmen wohnen und uns die
Mühe nehmen, uns in den Charakter dieser Eingebornen einen Einblick zu
verschaffen, fühlen es, daß wir auf einem Vulcan stehen, dessen Ausbruch
nördlich von der Tugela zu suchen ist und dessen Lava-Erguß das gesammte
Süd-Afrika zu überschwemmen droht. Die niedrigsten den südafrikanischen
Eingebornen eigenen Laster finden im Zulu-Lande ihre Pflege. Haben die
Colonisten noch nicht das Zischen vernommen, mit dem die Lava aus dem
Zulu-Krater entströmt? Für jene, die es nicht vernommen, mag es in
Folgendem wieder klingen.

Ich hoffe, es gibt keinen unter uns, der dies nicht glaubt, aber wenn
einige dieser unglücklichen Mitbrüder noch existiren sollten, laßt sie
hingehen und sie, wenn auch nur kurze Zeit, am Ufer des Tugela wohnen.
Fragt sie bei ihrer Rückkehr! Ihr würdet in den früheren Freunden Hasser
der Zulu wiederfinden.

Wem tönt nicht der übliche Spruch der Zulu's in den Ohren.
»Blaßgesichter, Ihr wähnt Euch Indunas (Häuptlinge)? Glaubt Ihr dafür
geschaffen zu sein, zu befehlen, daß wir Eure Gesetze befolgen, die wir
hassen, Gebote, die Ihr gut und schön nennt? Ihr wollt uns arbeiten
lehren? Wir haben diese Schmach (arbeiten zu müssen) nie über uns
ergehen lassen, außer wenn uns des Königs Gebot hieß menschliche Schädel
zu brechen. Haß und Tod für Euch. Wir verachten Alles, was Ihr für uns
gethan, uns geschenkt habt. Schwachheit war es, nichts als elende
Schwachheit, Großmuth nennt Ihr es -- thut es nach Belieben, wir nicht!«
Jene, welche sich zu Vertheidigern der Zulu's aufwerfen, mögen sich
diesen Gedanken, der alle Ketschwajo-Zulu's beseelt und von ihnen
ausging, einprägen.

Ist die Zulu-Frage mit den Waffen glücklich gelöst, dann steht uns eine
frohe Zukunft bevor! Colonisten, ich bin kein Freund von Kriegen, nicht
vielleicht, weil es mir an persönlichem Muthe gebricht, sondern der
armen Opfer willen, die ein Krieg erheischt. Wenn sich mir nicht diese
aus Thatsachen durch mehrere Jahre geschöpfte Ueberzeugung aufgedrungen
hätte, ich würde nie diesen Krieg als eine Nothwendigkeit angesehen
haben.

Außer Ketschwajo's Zulu-Reiche finden wir noch ein zweites, ein
nördliches, das Matabele-Reich des La Bengula. Nur von vierzig wahren
Zulu-Kriegern und einigen ihrer Sklaven gegründet, hat es sich seit 1837
zu einem großen Reiche emporgearbeitet, und seine räuberischen Horden
haben sich noch nicht müde gemordet, denn das Matabele-Reich ist im
steten Wachsen begriffen.

Wäre das südliche Zulu-Land seit Jahren und Decennien nicht von allen
Seiten eng und straff umspannt worden, ein Gleiches hätte sich, und nur
noch in höherem Grade wie bei den Matabele, zugetragen; es hätte sich
durch Raub und Mord nach drei Seiten ausgedehnt. Während das zweite
Zulu-Reich im friedlichen von arbeitsamen und friedliebenden Stämmen
bewohnten Makalaka-Reiche gegründet wurde und sich so leicht im Sinne
eines Raubstaates ausdehnen konnte, wird Ketschwajo's südliches
Zulu-Reich im Süden von Natal, im Westen vom Oranje-Freistaat und der
Transvaal-Republik, im Norden von den kriegerischen Amaswazies, sowie im
Osten vom Meere umsäumt und dadurch noch eine zeitlang in Schach
gehalten. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung jedoch regte und bäumte sich
das Zulu-Element so zusehends, daß es immer arroganter und drohender
erschien und schon seit Jahren an einen Kampf mit der weißen Race
dachte. Die blutigen Manöver Ketschwajo's beweisen hinlänglich, was das
Zulu-Volk und sein Herrscher vorhatten. Die Wirthschaft der Zulu sehen
wir nur zu deutlich an den Matabele, deren Geschichte klar vor unseren
Blicken daliegt.«[22]

Diesem Artikel folgten andere, in welchen ich über die Kampfweise der
Zulu's berichtete und deren Inhalt auch später durch die Nachrichten vom
Schlachtfelde bestätigt wurde. In unbegrenztem Stolze und
Selbstbewußtsein hält sich der Zulu nicht nur für den tapfersten
Eingebornen Süd-Afrika's, sondern auch dem Weißen, seinen Waffen und
seiner Kriegsführung überlegen. Seine Kampfbegierde kommt seiner
Tapferkeit gleich und erklärt die rasche und mächtige Ausbreitung der
Zulu-Herrschaft. Ich möchte sie beinahe als das kriegerischeste und
kampfmuthigste unter den uncivilisirten Völkern bezeichnen. Wir
beobachten an ihnen nicht allein Muth und Tapferkeit, sondern auch einen
hervorragenden Sinn für Strategie. Bei ihrem Angriffe nützen sie alle
Vortheile des Terrains aus, hohe Grasfelder, Regenmulden, dichtes
Gestrüppe etc., dichte Nebel, sowie die nächtliche Zeit, um dem Feinde
so nahe als möglich zu kommen. Doch thun sie dies nicht, wie die
Colonial-Kafferstämme, um sich zu decken, sondern einzig und allein, um
den Feind zu überraschen. Ist dies jedoch nicht möglich, so gehen sie
über eine unbebuschte Grasebene auf den Feind los, ohne Rücksicht
darauf, ob sie sich dabei Stunden lang einem continuirlichen Gewehrfeuer
aussetzen müssen. Dadurch unterscheiden sie sich in ihrer Kampfweise im
Allgemeinen von den Colonial-Kaffern, Hottentotten und ihren Bastarden.
Die ersteren greifen in der Regel im offenen Kampfe an, doch ziehen sie
sich nach der ersten Niederlage sofort auf ihre bebuschten Höhen und den
Niederwald zurück und setzen von hier aus den Guerillakrieg fort. Die
Hottentotten etc. scheuen den offenen Kampf und ihnen ist im Allgemeinen
nur die letztere Kampfweise eigen. Die Zulu's hingegen zeigen eine
Todesverachtung, wie sie sonst bei keinen afrikanischen Farbigen
vorkommt.

Kopf, Brust und Füße mit thierischen Haaren, Hautstücken, Schwänzen oder
Federn phantastisch geschmückt, eilen die Zulu's unter gellendem
Jauchzen oder dem Absingen eines ihrer kriegerischen Lieder, ungeachtet
des Kugelregens und der ihnen entgegenblitzenden Bajonette gegen den
Feind vor. Während ihres Sturmlaufes trachten sie sich mit ihrem Schilde
zu decken, und indem die Linke, die den Schild hält, zugleich einen
Wurf- und zwei kurze Assagaie festhält, schwingt die Rechte einen
Wurfassagai, mit dem der Mann in der Regel auf eine Entfernung von
sechzig Schritten zu treffen weiß. Auf dreißig Schritte dem Feinde
genähert, schleudert er den zweiten und ergreift, ununterbrochen
heranstürmend, seine kurzen Assagaie, um sie im Handgemenge als Waffen
zu benützen. Dabei geschieht es oft, daß die Zulu-Krieger, um freier
auslegen und arbeiten zu können, den Schaft des kurzen Assagai's
abbrechen, um mit dem Eisentheile wie mit einem Dolche weiter zu
kämpfen.

[Fußnote 22: Vergl. den Auszug aus dem englischen Originaltexte im
Anhange 10.]

Mit Vorliebe schieben sie die beiden Flügel ihrer Angriffscolonnen
armartig vor, welche sie die Hörner ihrer Armee nennen. Während nun das
Centrum den Feind direct angreift, suchen die beiden Flügel im weiten
Bogen die feindliche Armee zu umgehen und zuerst ihren Nachtrab, dann
ihre Flanken anzugreifen. Da dem Centrum die schwierigste Aufgabe
obliegt, so ist dieses nicht allein aus den Kerntruppen gebildet,
sondern es hat auch eine Reserve von gleicher Stärke hinter sich. Siegt
das Centrum, so wird die Ausnützung des errungenen Erfolges dem
Reservecorps überlassen, dessen Aufgabe es ist, die Gefangenen
auszurauben und die Verwundeten niederzumetzeln. Sind es Weiße, mit
denen die Zulu's kämpfen, so werden diese in der Regel entkleidet, und
nicht selten geschieht es, daß dem Feinde der Unterleib aufgeschlitzt,
oder die Leichen verstümmelt werden.

Der mir zugemessene Raum gestattet es nicht, hier die Einzelheiten des
Zulu-Krieges vorzuführen. Dem Leser sind wohl die englischen Mißerfolge
wie die Siege bekannt, und die ersteren unstreitig den Umständen
zuzuschreiben, daß man erstens die Zulu-Kampfweise irrthümlich mit jener
der Colonial-Kaffern für identisch hielt, ferner daß man die Zulu-Macht
unterschätzend, mit zu geringen Streitkräften in den Krieg zog (nicht
Sir Bartle Frere's Schuld, der um mehrere Regimenter Verstärkung
ansuchte), und daß man endlich sowohl bei dem Auskundschaften einer
Gegend, wie bei dem Weitermarsche nicht die gehörige Vorsicht
gebrauchte. Der Mißerfolg der englischen Waffen im Anfange des Krieges
wurde durch die folgenden glänzenden Siege rühmlichst wettgemacht und
der Feldherr wie die Befehlshaber der einzelnen selbstständig
operirenden Colonnen, die Officiere wie die Mannschaft, haben die
erlittenen Scharten nicht allein ausgewetzt, sondern auch im Kampfe mit
dem kriegerischsten der Eingebornenvölker Afrikas und auf einem höchst
ungünstigen, felsigen und hochbegrasten Terrain neuen Ruhm erfochten.
Der Sieg bei Ulundi und nicht Wolseley's Thaten hatten den Krieg zum
Abschlusse gebracht. Und ich halte es für vorzeitig, daß die britische
Regierung in London vor der Beendigung des Krieges Sir Bartle Frere den
Machtspruch in dieser Angelegenheit entzog und Lord Chelmsford abberief.
Denn ich denke, daß in Folge dessen die Friedensverträge mit den Zulu's
nicht in entsprechender Weise abgeschlossen worden sind, um einen
dauernden Frieden mit dem Eingebornen-Element in Süd-Afrika zu erzielen.

Die Richtigkeit dieser Behauptung können wir aus den allerletzten uns in
diesem Monate (October 1880), aus Süd-Afrika zugekommenen
Nachrichten über die Erhebung eines Theiles der Basuto's gegen die
Cap-Colonial-Regierung bezüglich des ^Disarmament^ (Waffenauslieferung)
beobachten. Wäre der Friede mit den Zulu's im Sinne der in den
südafrikanischen Kolonien bei weitem vorwiegenden Meinung abgeschlossen
worden, hätten sich gegenwärtig die Basuto's aus dem oberwähnten Grunde
nicht aufgelehnt. Allein die wohlwollende Meinung von Seite der
englischen Colonial-Regierung in London, die sich in den
Vertragsschlüssen mit den Zulu-Häuptlingen nach der Beendigung des
Krieges kundgab, wurde von den übrigen Eingebornenstämmen Süd-Afrika's
(den freilebenden, wie den unter der Oberhoheit der Weißen stehenden)
nicht als eine wohlwollende Handlung, sondern als der Ausdruck von
Schwäche angesehen.

Die Absicht, mit der das Ministerium Sprigg die Waffen-Auslieferung
begründet, und bei einigen Stämmen schon erfolgreich durchgeführt hat,
beruht hauptsächlich: erstlich auf der Idee eines dauernden
südafrikanischen Friedens, zweitens einer friedlichen Lösung der
Eingebornenfrage, und zwar sollen dadurch, daß man den Eingebornen die
Feuerwaffen abkauft und ihnen keine weiteren verkauft, kriegerische
Stämme, sowie jene, welche trotz ihrer sonst friedlichen Gesinnungen
sich nach und nach durch den Erwerb der Feuerwaffen zu kriegerischen
heranbilden, zu friedlichen Ackerbauern und Viehzüchtern erzogen werden.
Es sollte eine langsame doch wohlerwogene stufenförmige Erziehung ganzer
Stämme durchgeführt werden; hat man diese erreicht, so könnte die
Regierung später gewiß einzelnen Jagdfreunden unter den Eingebornen ohne
Gefahr Gewehr-Licenzen (Jagdkarten) ertheilen.

[Illustration: Masarwadorf.]

Auf meiner Heimfahrt nach Europa traf ich zufällig mit General Lord
Chelmsford und seinem Stabe zusammen. Bei dem ersten Zusammentreffen
dankte mir derselbe für die Aufrichtigkeit, mit der ich meiner
Ueberzeugung im Verlaufe des Krieges Ausdruck gegeben hatte. In der
Begleitung Lord Chelmfords fand sich auch der ihm zugetheilte General
der Cavallerie Sir Elevyn Wood, der in der englischen Armee durch seine
persönliche Tapferkeit sich einen rühmlichen Namen erworben hat. Er
wunderte sich nicht wenig, als ich ihm Telegramme vorwies (unter anderen
jenes, in welchen mir sein Sieg über die Zulu's bei Kambula berichtet
wurde) aus denen er entnehmen konnte, daß ich während des Krieges in
direkter telegraphischer Verbindung mit Natal stand.

[Illustration: Fingodorf bei Port Elizabeth.]

Ich muß gestehen, daß sich seit jener Zeit das Band, welches mich an
Süd-Afrika so innig fesselte, nicht gelockert hat, selbst nicht nach der
erfolgten Ankunft in Europa; trotz der Verleumdungen der
Elfenbeinhändler Westbeech und Andersen in einem afrikanischen Blatte,
die mich ebenso wie dieses Blatt selbst während meines Aufenthaltes in
Afrika nicht genug zu rühmen wußten. Hingegen freute es mich lebhaft,
meine Thätigkeit von den bedeutendsten Blättern Süd-Afrika's gerecht und
unparteiisch beurtheilt zu sehen. Ich werde immer das innigste Interesse
an dem Fortschritte der südafrikanischen Colonie nehmen und stets des
mir von Seite der englischen wie holländischen Colonisten bewiesenen
Entgegenkommens eingedenk sein.

Als ich mir die nöthigen Mittel zur Weiterreise erworben hatte, verließ
ich noch vor der Beendigung des Zulu-Krieges Cradock, um mich über
Grahamstown nach Port Elizabeth zu begeben. In der ersteren Stadt
angekommen, miethete ich mir eine Wohnung in Bathurstreet, in deren Hofe
ich mein Pferd sowie die meisten der lebenden Thiere frei herumlaufen
lassen konnte. Mein Aufenthalt in Grahamstown wurde mir namentlich durch
die Herren Redakteure des »^Easter Star^«, Mr. Sheffield, Mr. Slater ^B.
A.^ und »Mail« Mr. Crocott, sowie dem Herrn Very Rev. Dean Williams,
^Med. Dr.^ Williamson und ^Dr.^ E. Atherstone zu einem sehr angenehmen
gemacht. Zu großem Danke bin ich aber auch dem Herrn Bischof Ricards,
Hon. Cawood, der Familie Francis, die ich in Schoschong im
Bamangwato-Lande getroffen, den Familien der Rev. Walton, Wood und
Barton, Herrn Tidmarsh, dem Herrn Glanville, Curator des Museums, und
Anderen verpflichtet. Hier erhielt ich auch manche interessante
naturhistorische Objecte, darunter einen lebenden Luchs von dem Very
Rev. Herrn Dean Williams und einige Trylobiten von Herrn Glanville zum
Geschenke. Auch sammelte ich Mineralien, eine Anzahl exotischer
Gewächse, wobei mir Herr Tidmarsh aus dem botanischen Garten äußerst
zuvorkommend an die Hand ging. Außerdem gelang es mir auch, zahlreiche
lebende Vögel zu erwerben, von denen ich jedoch drei Viertheile am Tage
meiner Reise nach Port Elizabeth einbüßte. Wir hatten so eisigen Regen,
daß die meisten Thiere trotz guter Verwahrung dem Unwetter erlagen,
bevor wir die nur wenige Stunden entfernte Eisenbahnstation erreicht
hatten.[23]

[Illustration: Mainstreet in Port Elizabeth.]

Am Abend desselben Tages langte ich in Port Elizabeth an. Mit Freuden
begrüßte ich nach so vielen Jahren wieder das Meer und nahm mir vor, ihm
während meines Aufenthaltes die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Fast
täglich während meines sechswöchentlichen Aufenthaltes ritt ich zeitig
früh nach dem Cap Recif oder weiter hinaus, zuweilen auch nach der
Mündung des Zwartkops-Rivers, um an seinem Gestade zu sammeln. Ich hielt
in Port Elizabeth einige Vorlesungen. Für eine derselben wurden mir von
der ^Chamber of Commerce^ 60 £ St. verehrt. Ich fand hier allseitig eine
freundliche Aufnahme, besonders von Seite der Redactionen des »^Eastern
Telegraph^«, und des »^Eastern Herald^«. In meinem Sammeleifer standen
mir namentlich die Herren Vermold, Holland und Halok sowie der frühere
österreichische Consul Allenberg bei. Herr Holland, dessen Frau Gemahlin
eine Künstlerin ist und mit Vorliebe das Studium der Botanik der
südafrikanischen Flora betreibt, machte mich auf die Haufen von
thierischen Knochen und Conchilienschalen aufmerksam, welche an gewissen
Stellen am Meeresufer förmlich hügelweise von den früheren Bewohnern
dieses Gebietes bei ihrem Mahle angehäuft worden waren. Da ich von
diesen Funden erst bei meinem Scheiden aus Süd-Afrika Kenntniß erhielt,
konnte ich nicht entscheiden, ob sie etwa von den Buschmännern
herrühren. Ist dies nicht der Fall, so müssen diese Mahlreste von einem
in Süd-Afrika ausgestorbenen Stamme aufgehäuft worden sein. Ich fand in
Port Elizabeth meine schon vor einem Jahre dahin abgesandten Sammlungen
in vierundzwanzig Kisten in gutem Zustande vor und brachte neues
Material hinzu, welches mit dem in Port Elizabeth gewonnenen im Ganzen
siebenundvierzig Kisten füllte; in Capstadt wurden zwei weitere Kisten
hinzugefügt.

[Fußnote 23: Gegenwärtig ist die Eisenbahnstrecke bis Grahamstown
ausgebaut.]

Bevor ich von Süd-Afrika scheide, erlaube ich mir aus meinem Tagebuche
eine der interessantesten Löwenjagden Van Viljoens, eines der
bedeutendsten südafrikanischen Elephantenjäger den Lesern mitzutheilen.
Das an das Matabele-Reich grenzende Maschona-Land wurde seines
Wildreichthums halber, und da sie vom Matabele-Könige specielle
Erlaubniß zu seinem Besuche erhielten, wiederholt von den beiden Jägern
Viljoen und Pit Jacobs der Elephantenjagd halber aufgesucht. Während
eines solchen weiten Jagdausfluges machten beide Jäger mehrmals mit
Löwen nähere Bekanntschaft, eine dieser Begegnungen will ich im
Folgenden zu schildern versuchen.

Van Viljoen jagte diesmal in Gemeinschaft mit seinem Sohne Jan, beide
waren von ihren Frauen begleitet und jene Jan's hatte ihre beiden
Kinder, von welchen das jüngere noch ein Säugling war, bei sich. Die
Jäger hatten ihren Lagerplatz gewechselt und lagen mit ihren Wägen nahe
an einem von der giftigen Tsetse bewohnten und deshalb für ihre Zug- und
Reitthiere unzugänglichem Territorium. Die Frauen im Lager
zurücklassend, pflegten die Jäger dann von ihren Dienern begleitet, zu
Fuß weit in das Tsetsegebiet zu dringen, um den sich mehr und mehr vor
dem Feuerrohr zurückziehenden Elephanten tagelang zu folgen. Die neue
Lagerstelle wurde öfters, sowohl während ihrer Abwesenheit, als nach
ihrer Rückkehr -- wie es schien -- von einem und demselben äußerst
dreisten Löwen heimgesucht. Das erste Mal geschah dies an einem Morgen.
Der werdende Tag hatte die Dämmerung weit nach Westen verdrängt. Im
Lager der Jäger schien noch alles im tiefen Schlafe begraben. Man gönnte
sich eben etwas mehr Ruhe, wenn die Herren abwesend waren. In der aus
Mapanizweigen errichteten Umzäunung standen die beiden Riesenwägen, in
denen die Weißen ihre Vorräthe bargen, während sich ihre Familien in
zwei nothdürftig aus Schilfrohr und Geäste errichteten, mit Gras
überdachten und mit Lehm übertünchten, an die Umzäunung angebauten
Hütten einquartirt hatten. Es ist ein Charakterzug des jagenden Boers,
daß er auf seinen Jagdzügen in der Wildniß stets ein solch' elendes
Hartebeest-Häuschen dem Wagen, der selbst einer großen Familie
hinreichenden Raum bietet, vorzieht. Nahe an der ersten Umzäunung befand
sich eine weniger umfangreiche aber höhere, aus Dornbüschen errichtete,
welche als Viehkraal diente.

Endlich wird die Stille im Lager unterbrochen. Die kleine Matte, welche
die winzige Eingangsöffnung einer der drei an den Kraal angebauten
kegelformigen, von den Matabele-Dienern bewohnten Grashütten schloß,
wird durch einen nackten schwarzen Arm von innen bei Seite geschoben,
und ein kräftiger Zulu, dunkel wie die Kohle, zwängt sich durch, um sich
sofort zu dem vor der Hütte im Erlöschen begriffenen Feuer zu beugen und
es anfachend, neu auflodern zu machen. Bald folgen ihm zwei Gefährten,
der erste aber holt sich aus der Hütte zwei Assagaie, spießt auf den
einen ein Stück Fleisch, und nachdem er auch einen Feuerbrand erfaßt, um
sich dasselbe einige Stunden später auf der Weide zu braten, öffnet er
den Viehkraal, um die Rinder an sich vorbeipassiren zu lassen. Diese die
gewohnte Richtung einschlagend, bewegen sich allmälig dem nahen
Dickichte zu. Der bewaffnete Hirte folgt, ein Lied seiner Heimat vor
sich hinsummend. Doch kaum zweihundert Meter vom Lager entfernt, werden
die Ochsen durch den plötzlichen Ueberfall von Seite eines Löwen aus
ihrer Lethargie gerissen und einer aus ihrer Mitte angegriffen; der auf
diese höchst unsanfte Weise in seinem Gesange unterbrochene Matabele
verlor indeß keinen Augenblick die Fassung, denn kaum hatte der Löwe mit
seiner rechten Tatze den Ochsen am Maul erfaßt, um in der gewohnten
Manier beim Angriffe auf Rinder, diesem den Athem zu benehmen, die
andere in die linke Schulter eingeschlagen und sich in die Kehle
verbissen, sauste schon der Assagai des Hirten durch die Luft -- leider
war es ein zu leichter Speer, -- den rechten Vorderarmknochen des
Raubthieres treffend, prallte dieser hier wie von einer Steinplatte ab
und fiel in's Gras.

Der Wurf sowohl, wie das Geschrei des Mannes, das auch von den zu Hilfe
herbeieilenden Gefährten kräftig aufgenommen wurde, thaten das ihrige um
das Raubthier zu verscheuchen. Die Matabele brachten sofort die
Zugthiere zurück in den Kraal, einer lieh sich von der Frau Jan's ein
Gewehr, während die anderen ihre Speere und Schilde ergriffen und
machten sich hierauf ^in corpore^ an die Verfolgung des Löwen. Sie
nahmen die Spur auf, doch überzeugten sie sich bald, daß er sich mit
gewaltigen Sätzen weit in die Büsche zurückgezogen hatte. Heimgekehrt,
brachten sie die Zugthiere wieder auf die Weide um sie diesmal vereint,
den ganzen Tag über zu bewachen. Man war auf eine Wiederkehr des
Raubthieres gefaßt, doch es verging ein Tag nach den anderen, ohne daß
man den Löwen zu Gesicht bekommen hätte, obwohl allnächtliches Brüllen
seine Nähe verrieth.

Am zwanzigsten Tage nach jenem Zwischenfalle kehrten die weißen Jäger in
ihr Lager zurück. Ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre eigenen Erlebnisse zu
berichten, wurden sie sofort von den Frauen von dem Gebahren des frechen
Eindringlings in Kenntniß gesetzt, und genau der Handlungsweise des
holländischen Jägers entsprechend, machten sich die Jäger noch am selben
Tage an die Verfolgung des Raubthieres, indeß ohne Erfolg, trotzdem sie
durch mehrere Tage mit dem ganzen Trosse ihrer Diener (fünfzehn
Matabele) die Büsche und Dickichte abpürschten. Da man auch in der Nacht
sein Gebrüll seltener vernahm, glaubte man, daß sich das Thier gänzlich
aus der Gegend zurückgezogen hatte.

Acht Tage nach ihrer Rückkehr von der Elephantenjagd verließ der alte
Jäger mit seiner Frau den Lagerplatz, um den König der Matabele, La
Bengula zu, besuchen. Zwei Tage später verließ auch sein Sohn die
Stelle, um neuerdings eine Elephantenjagd im Tsetse-Distrikt zu
unternehmen. Genau sieben Tage später machte sich der Löwe an dem
Lagerplatze wieder bemerkbar, in welchem diesmal nur die junge Frau mit
ihren beiden Kindern und abseits in der Grashütte ein Matabele
zurückgeblieben waren. Für die Frau, die sich -- warum ist mir nicht
erklärlich -- in der Lehmhütte sicherer als in dem von einem
Gestrüppzaune umgebenen Wagen hielt, schien diesmal das zeitiger als je
zuvor schon bei Sonnenuntergang hörbare Gebrüll des Löwen eine schlechte
Vorbedeutung zu sein. Um sie noch trüber zu stimmen, war die Nacht sehr
dunkel und für einen etwaigen Ueberfall von Seite des Löwen wie
geschaffen. »Nachdem ich mich,« so berichtet Frau Van Viljoen,
vergewissert, daß der Viehkraal wohl verwahrt sei, und der Diener die
Feuer um denselben angezündet hatte, begab ich mich etwas früher als
gewöhnlich in das Hartebeest-Häuschen. Das Löwengebrüll war abermals und
bedeutend näher als das erstemal, hörbar geworden; denken Sie jedoch
nicht, daß es mich in Angst versetzt hätte, -- das Weib eines
holländischen Jägers ist an die Wildniß gewöhnt und hat nicht einmal,
sondern oft reißenden Thieren in das grimmige Auge zu schauen. Sie ist
nicht gewohnt zu fliehen, auch nicht, wenn diebische oder raubsüchtige
Schwarze sie bedrohen. Die Waffe in der Hand weiß sie sich wohl zu
vertheidigen, und doch, ich weiß es mir nicht zu erklären, -- in jener
Nacht fühlte ich mich erregt, fühlte etwas wie einen heftigen Schlag
unter meiner linken Brust, ich fühlte dies immer wieder, so oft ich auf
meine beiden auf der Erde in Carossen eingehüllten und schlafenden
Kinder herabblickte; mehrmals erhob ich mich mit der Absicht Licht zu
machen, doch wie durfte ich dies thun. Der durch die zahllosen Ritzen
nach Außen dringende Schein mußte ja den Räuber nur auf uns in der Hütte
aufmerksam machen und ihm auch die geringe Widerstandsfähigkeit der
Hütte vor den Angriffen seiner Tatzen verrathen. Ich fühlte mich derart
beengt, daß ich mich erheben mußte, die Luft schien mir drückend schwül,
so lange ich auf dem Boden saß. Ich stand auf, doch kaum hatte ich mich
erhoben, so zog es mich wieder herab zu den Kleinen, ich konnte sie in
dem Dunkel nicht sehen, und dies machte mich noch ängstlicher. Wie
befriedigt fühlte ich mich, als ich mich zu ihnen herabbeugend, -- sie
ruhig athmen hörte. Inzwischen hatte sich das Löwengebrülle wiederholt,
das Thier mußte schon auf zweihundert Schritte nahe gekommen sein.

Dunkel, aber eben so ruhig wie schwarz war die Nacht, deutlich hörte ich
die Bewegungen der Zugthiere in der sie schützenden Umzäunung, auch das
Prasseln der an mehreren Stellen um dieselbe brennenden Feuer entging
mir nicht, manchmal däuchte es mir, als würde ich den Schlag meines
Herzens hören, so stille und ruhig war es um mich selbst. Leider war
kein einziges Gewehr am Lagerplatze zurückgelassen worden, und so hatte
ich im Nothfalle keine Waffe, um mich zu vertheidigen. Da sich mehr denn
eine Stunde kein Löwengebrüll weiter hören ließ, fühlte ich mich etwas
beruhigter; ich suchte rasch zu vergessen, was mich eben betrübt, und
lauschte mit um so größerer Befriedigung, ja mit ganzem Herzen den
Athemzügen der Kleinen. Doch, ich weiß es mir nicht zu erklären, wie es
kam, eben dieser ruhige, glückliche Schlummer meiner Kinder, machte mich
von Neuem unruhig. Wie, wenn er doch gestört werden sollte, gestört und
mit Gefahr für ihre Sicherheit? Ich fühlte mich unglücklicher denn je.
Sollten sich meine trüben Ahnungen erfüllen? Ich mochte mich mehr denn
eine Stunde mit diesem Gedanken abgequält haben als dieselben nur zu
schnell in Erfüllung zu gehen schienen.

Zuerst wurde ein deutlicher Lärm, ein Zusammenrennen der Rinder im
Kraale hörbar. Wenige Augenblicke später ein schwerer Tritt. Sollte
wirklich das Thier uns gewittert haben und sich an uns heranmachen? Ich
lauschte an den Thürritzen, so wie ich jedoch, den schweren Tritt sich
wieder nähern hörte, flog ich zu den Kindern. Der Säugling athmet
rascher, hatte ich ihn unvorsichtiger Weise berührt? Ich mußte ihn in
die Arme nehmen, sein Köpfchen an meine Brust pressen, auf dem Lager
schien er mir weit, riesig weit entfernt zu sein. Ich suchte es mit
meinem Hauch, mit meinen Küssen zu beruhigen, bis sich der rasche,
schwere Athem zu meiner Beruhigung gelegt hatte. Da »Trab«, »Trab«, der
schwere Tritt des Löwen wieder hörbar, näher der Hütte als zuvor. Dann,
Herr, bevor ich mich dessen versah hörte ich, das Raubthier an der
Hüttenwand, es hatte den Kopf gegen eine der breiten, tiefer liegenden
Ritzen gepreßt und zwar mit einer Kraft, daß der lose Mörtel von der
Innenwand herabfiel. Mit lauten, schlürfenden Athemzügen, schnupperte es
durch die Fugen, vergewisserte es sich von unserer Anwesenheit.

Hatte ich in meiner Unruhe das Kind zu sehr an mich gepreßt, ich weiß es
nicht, doch es fing an zu weinen. Werden Sie nicht unmuthig, Herr, warum
runzeln Sie die Stirn? Konnte ich dafür, daß ich das Kind zu fest an
mich zog? Ich war wohl dasselbe holländische Weib geblieben, allein ich
war wehrlos und in einer finsteren Nacht einem wüthenden Feinde
preisgegeben, den ich nicht einmal sehen konnte. Ich beugte mich nieder
zu dem zweiten Kinde und hob es empor, und dieses durch das Weinen des
Säuglings geweckt, fing nun nicht minder heftig zu weinen an. Was sollte
ich thun? Wie sollte ich die Kinder beruhigen? Verzweiflungsvoll warf
ich mich vorwärts, daß die brennende Stirne das Grasdach berührte, und
preßte die beiden Kinder fest an mich. Ich konnte mich kaum der Thränen
erwehren, aber bemeisterte mich mit fast übermenschlicher Gewalt, das
Weib eines Boerjägers durfte nicht schluchzen.« Einige Tage später als
sie das Erlebte ihrem Manne zu erzählen begann, suchte das so lange
gefolterte mütterliche Gefühl in einem heftigen Schluchzen
Erleichterung.

»Ich wollte an dem feuchten Grase meine brennende Stirne kühlen, allein
um das Maß meines Schmerzes voll zu machen, dringt plötzlich durch all
die Fugen und Ritzen unserer gebrechlichen Nußschale ein sinn- und
ohrbetäubendes Gebrüll ein. Die dünnen, nichtigen Wände, die Luft um uns
schienen zu zittern. Sie kennen es wohl, haben es doch vielmals in der
Wildniß vernommen, dieses eigene Gebrüll! Wie aus der heiseren Kehle
eines rachsüchtigen Riesen herausgestoßen! Die dumpfen Brülllaute zuerst
rasch einander folgend, dann langsamer, in kürzeren Pausen und weniger
deutlich, bis sie in einem dumpfen Stöhnen ihren Abschluß finden. Jeden
Moment glaubte ich die Wand eingedrückt, und den grünlichen Schein der
furchtbaren Augen zu sehen. Ich konnte mich kaum mehr aufrecht halten
und fühlte meine Kraft schwinden. Doch Dank dem Herrn, er hielt Wache
über uns; der Löwe versuchte noch mehrmals sein Manöver, uns durch sein
Gebrüll aus der Hütte zu scheuchen. Doch es gelang ihm nicht. Um so
erfolgreicher war sein Versuch an dem Viehkraal, die Ochsen brachen
durch die Umzäunung aus den Dornbüschen, der Löwe griff eines der Thiere
an und tödtete es nahe an unserer Wohnung. Deutlich hörte ich das
Stöhnen des armen Rindes und das zornige Brummen des Löwen, der mehrmals
während der Nacht den Cadaver verließ und unsere Wohnung umkreiste, ohne
jedoch wieder so nahe anzukommen, wie er es das erstemal gethan.«

Nach seiner Rückkehr nahm Jan van Viljoen neuerdings die Verfolgung des
räuberischen Eindringlings auf, die des hohen Graswuchses auf den Ebenen
und in den Thälern des Maschona-Landes halber, bei weitem mehr Vorsicht
erfordert und gefährlicher ist, als in den Betschuana-Ländern. Doch auch
diesmal war seine Mühe erfolglos. Fünf Tage später kehrte der alte Herr
mit seiner Frau von dem am Matabele-Hofe abstatteten Besuche zurück. Er
war von einem andern holländischen Jäger Namens Grief begleitet.

Am selben Nachmittage als die Jäger sich zu einem kleinen
Nachmittags-Schläfchen niedergelegt hatten, wurden sie durch die Diener
wach gerufen, welche die aus dem Matabele-Lande mitgebrachten Pferde,
deren Bewachung ihnen oblag, herantrieben und die Nachricht brachten,
daß ein und wahrscheinlich der nämliche Löwe einen vergeblichen Versuch
gemacht habe sich eines der Reitthiere zu bemächtigen. Die Jäger
sattelten sofort ihre Pferde, nahmen mehrere Matabele-Diener mit sich
und eilten der Stelle zu, an welcher man das Raubthier wahrgenommen
hatte. Der alte Herr van Viljoen nahm es auf sich, das Ufer des nahen
Umaweja-Flusses hinabzureiten, während sein Sohn und Grief das seichte
Flußbett durchritten, um das jenseitige Ufer abzusuchen. Kaum hier
angelangt, wurden sie von einem der Matabele auf den unter einem Busche
liegenden Löwen aufmerksam gemacht.

Er lag etwa hundert Meter von dem Flusse entfernt. So wie er uns
erblickte machte er sich auf und davon. Nein -- so sagte ich zu mir,
berichtete mir Jan Viljoen, diesmal darfst du uns nicht entkommen, und
dem Pferde die Zügel lassend, holte ich aus, hatte auch bald meinen
Wunsch erreicht und das Raubthier, welches sich zeitweilig mit seinen
Sätzen über das Gras erhob überholt. Schon sechzig Schritte vor ihm
machte ich plötzlich gegen dasselbe Front und es gelang mir, es durch
einen lauten Schrei und eine drohende Handbewegung auf einen Moment zum
Stillstand zu bringen. Diesen Augenblick benutzte der uns
nachgaloppirende Grief um von seinem Pferde aus auf den Löwen zu feuern.
Die Kugel traf das Thier, das scheinbar todt zusammensank. Sofort eilten
unter lautem Geschrei die Matabele-Diener herbei, um der Gewohnheit
gemäß ihre Speere in den Cadaver zu tauchen. Doch -- im selben Momente
als sie demselben nahe kommen, springt der todtgeglaubte Löwe auf und
macht sich sprungbereit. Nur zwei der Schwarzen hielten Stand. Als sie
sich jedoch von ihren Genossen verlassen sahen, dachten auch sie an den
Rückzug, denn sie konnten in dem hohen Grase die Bewegungen des Löwen
nicht verfolgen.

Sobald jedoch der Löwe auch diese Beiden fliehen sah, sprang er ihnen
nach. Der Verfolgte wurde zum Verfolger. Die Reiter, die ihn todt
wähnten, hatten ihre Pferde gewendet und ritten eben langsam dem
Lagerplatze zu, als ihnen durch das Hilfegeschrei der Matabele Halt
geboten wurde. Im selben Momente hatten sie die Pferde herumgeworfen und
eilten den beiden hart Bedrängten zu Hilfe. Doch sie kamen zu spät und
konnten es nicht mehr verhüten, daß der Löwe einen der beiden Letzten
ereilte, ihn zu Boden riß und Schenkel und Schultern zerfleischte. Jan
van Viljoen war der erste zur Stelle, er war unmittelbar an das
Raubthier herangeritten, sprang aus dem Sattel und sandte dem ihn
anstarrenden Löwen die Kugel in das Ohr, daß er nach rechts überschlug
und neben seinem Opfer niederfiel. Dieses jedoch, im Glauben der Löwe
geberde sich scheintodt wie das erste Mal, sprang auf und suchte das
Weite, um jedoch schon zwanzig Schritte weiter in Folge des starken
Blutverlustes besinnungslos niederzustürzen. Drei Monate lag der Arme
krank, bevor seine vielen Wunden heilten. Der Löwe gehörte der
Krachmanetje-Art an und war der letzte, den Jan van Viljoen erlegte.

Mit Herrn Allenberg und Vermold machte ich mehrere Ausflüge nach dem
Zwartkop- und Zondaags-River, auf welchen ich äußerst zahlreiche, der
Juraformation angehörende Fossilien sammelte. Ich wollte meine
Sammlungen sowie die Käfige mit den lebenden Thieren[24] mit dem
Dampfschiff Arab der ^Union Steam Ship Company^ absenden und hatte auch
die Befrachtung des Kutters, welcher die Colli von den Waarenhäusern bis
an das etwa eine halbe Meile von der Küste vor Anker liegende Schiff
bringen sollte, beaufsichtigt, und verließ den letzteren, als Alles
vorsichtig in demselben niedergelegt worden war. Ich begab mich dann in
die Stadt, um meine Abschiedsbesuche zu machen, denn ich wollte mit
demselben Dampfschiffe bis Capstadt fahren, hier vierzehn Tage
verbleiben, um mich dann auf dem Dampfer German einzuschiffen. Zur See
zurückgekehrt, fand ich meine Colli am Meeresufer aufgethürmt; als man
nämlich mittelst eines Taues den Kutter durch die Brandung zu ziehen
suchte, war das letztere gerissen und der Kutter an's Land
zurückgeworfen worden, wobei das Wasser in das Fahrzeug gedrungen war.
Es war ein Wunder, daß es nicht an der hölzernen Landungsbrücke
zerschellte und ich so die Arbeit der letzten vier Jahre nicht eingebüßt
hatte. Da es nun nicht mehr möglich war, mein Gepäck noch vor der am
selben Nachmittage zu erfolgenden Abfahrt des Arab an Bord desselben zu
bringen, überließ ich es der Obhut des neuernannten österreichischen
Consuls für Port Elizabeth, Herrn von Mosenthal, eines ebenso gefälligen
als hochgebildeten Mannes, welcher mir außerdem während meines
Aufenthaltes in Port Elizabeth äußerst zuvorkommend begegnete und einer
der wärmsten Vertheidiger der Interessen Oesterreichs im Auslande ist.

[Fußnote 24: Zu meinem größten Leidwesen gestatteten es mir die
Verhältnisse nicht, meinen treuen Mosco mit in die Heimat zu nehmen.]

Als ich mich vierzehn Tage später in Capstadt einschiffte, fand ich
meine Gepäckstücke in der besten Art und durch einen besonderen
Bretterverschlag geschützt auf dem German untergebracht, wofür ich
besonders den Herren Mosenthal, Allenberg, Vermold und dem zweiten
Offizier des German zu danken habe. Am dritten Tage, nachdem wir Port
Elizabeth verließen, landeten wir in Capstadt, wo ich ein nicht minder
herzliches Entgegenkommen als in Port Elizabeth fand. Ich hielt hier
mehrere Vorlesungen, darunter eine in der philosophischen Gesellschaft,
die mich ein Jahr zuvor zum correspondirenden Mitgliede gewählt hatte.
Ich machte in Capstadt die ehrenwerthe Bekanntschaft Sr. Excellenz des
Statthalters der Cap-Colonie, Sir Bartle Frere, eines der hervorragenden
englischen Politiker und Geographen, ferner einiger Edelleute, welche
seinen Stab bilden, darunter des Sohnes des Lords Hathurton, Herrn
Litleton, ferner der Minister der Cap-Colonie, vieler der
hervorragendsten Mitglieder beider Häuser des Cap-Parlaments, sowie des
berühmten Astronomen Prof. Gill, des Custos des südafrikanischen
Museums, Herrn R. Trimen, des Landesgeologen Dunn, des Geologen Shaw,
des Botanikers Bolus, der Redacteure der »Cape-Times«, Argus »Standard
Mail« und der »Lantern«, sowie des »Uitenhaager Blattes«, Herrn Bidwell
-- sämmtlich Herren, die sich mit Wärme meines Vorsatzes bezüglich der
Erforschung des centralen Süd-Afrika und einer Eröffnung
Central-Afrika's nach dem Süden angenommen hatten. Von den Mitgliedern
des Parlaments wurde mir die hohe Ehre erwiesen, daß am Tage meiner
Abreise von Capstadt durch Hon. Brown im Hause der Antrag gestellt
wurde, daß sich das Gouvernement der Cap-Colonie meine Dienste zum
Zwecke neuer Forschungen im Gebiete zwischen dem Vaal und Zambesi
sichern solle. Die Regierung jedoch ersuchte, wie ich später erfuhr, den
geehrten Herrn Antragsteller, meiner Rückkehr nach Europa halber, den
Antrag zurückzuziehen.

In Capstadt wurden mir neuerdings 40 £ St. verehrt, welche mir sehr
willkommen waren, da ich durch den verlängerten Aufenthalt in
Grahamstown und in Port Elizabeth von der in Cradock erworbenen, zur
Heimkehr bestimmten Summe manches Pfund eingebüßt hatte. Die Hälfte der
in Capstadt verlebten Zeit brachte ich am Meeresufer zu und hier
bildeten Fische und Schwämme meine Ausbeute, während mich die Algoa-Bai
namentlich mit Cephalopoden, Muscheln, Schnecken, Seeraupen und Algen,
die Umgegend mit Pflanzen und Fossilien versehen hatte.

Das in Süd-Afrika, meist während meiner drei Reisen gesammelte
ethnographische und naturhistorische Material besteht in etwa 30900
Exemplaren, von denen ich über 12500 Exemplare in dem mir von dem hohen
k. k. Handelsministerium gütigst überlassenen Pavillon des Amateurs in
Wien vom Beginne des Mai bis Ende October 1880 ausgestellt habe. In
dieser Sammlung befanden sich über 1300 ethnographische Objecte, welche
ich unter den Buschmännern, Hottentotten, den Fingo, Gaika, Galeka,
Pondo, den südlichen und nördlichen (Matabele) Zulu's, den Basuto's, den
Betschuana-Stämmen (Batlapinen, Barolongen, Banquaketse, Makhosi,
Manupi, Baharutse, Bakhatla, Bakwena, Ost- und West-Bamangwato), den
südlichen und nördlichen Makalaka, Maschona,[25] Manansa, Matonga,
Masupia, Marutse, Mabunda, Mankoë, einige Stücke von den Bewohnern von
St. Helena und Madeira erworben habe, sowie einige von den Colonisten
verfertigte Arbeiten. Die naturwissenschaftliche Abtheilung enthält eine
Sammlung von Fellen, welche zum Ausstopfen bestimmt sind, zu welchem
Zwecke nach dem Tode der betreffenden Thiere, an deren Körper die
nöthigen Messungen vorgenommen wurden und 41 Schädelskelete vorlagen.
Außerdem 14 kleinere Thiere in Spiritus aufbewahrt. Ferner 71 lose
Felle, 62 anatomische Präparate, 10 pathologische Objecte, 134
Hörnerpaare von Gazellen, Antilopen, Gnu's, Büffeln etc. Von Vogelbälgen
wurden ausgestellt, und zwar von mir präparirt, 271 Bälge; vom
Elephantenjäger Bradshaw erstand ich 62; 69 waren von Mr. Walsh gegen
Elfenbein eingetauscht; 42 von Mr. X. aus der Transvaal-Colonie und 20
kaufte ich dem Taxidermist des südafrikanischen Museums in Capstadt
ab.[26] Ferner von Vögeln 11 anatomische Präparate, 4 pathologische
Präparate, 23 Nester, 89 Eier und eine Gruppe von 57 in 8 Rahmen
geordnete Straußenfedern.

An Reptilien: 25 Schildkröten (2 anatomische Präparate); 256 Eidechsen,
(2 anatomische Präparate;)[27] 87 Schlangen (10 anatomische Präparate);
45 Lurche. Ferner: 69 Fische (4 anatomische Präparate); 35 Eier
verschiedener Haifischarten. An Gliederthieren waren 2256 ausgestellt.

An Insecten wurden vom Jahre 1872 bis 1878 über 18000 gesammelt, 1300
von dem Elephantenjäger Dr. Bradshaw gegen Elfenbein eingetauscht. In
der Ausstellung befanden sich 2056 Exemplare, und zwar 1744 Käfer, 4
Raupen, 25 Wespen, 1 Termitenkönigin, 162 Heuschrecken, 62 Wanzen, 19
Schaben, 39 Insectenbauten.[28] An Zecken waren 8, Krustenthieren 33,
Spinnen 51, Spinnennestern 8, Scorpionen 36, Scolopendern 40, Julus 20,
Würmern 4 Arten ausgestellt.

Von Weichthieren 782, darunter 9 Cephalopoden und 3 Cephalopodengehäuse,
148 Schnecken, 26 Muscheln, 43 Patellae, 26 Seeraupen, zusammen 243
Exemplare, sämmtlich in Spiritus aufbewahrt. Einsiedlerkrebse 10,
Gehäuse von Schnecken 370; von Muscheln 100; von Patellae 70; zusammen
540 Exemplare.[29] Von den niederen Ordnungen der Seethiere befanden
sich in der Ausstellung 933, darunter 37 Seeigel, 15 Seesterne, 7
Quallen. Von Meeres-Polypen: 31 Corallenbildungen von St. Helena, 336
aus der Algoa-Bai, 3 aus der Tafel-Bai, 365 Schwämme aus der Algoa- und
Tafel-Bai, 59 Schwämme in Spiritus und 7 aus der Tafel-Bai, zusammen 801
Exemplare;[30] schließlich 73 verschiedene niedere Meeresthiere.

[Fußnote 25: Siehe Anhang 11.]

[Fußnote 26: Etwa 50 von den erstgenannten vier Sammlern und einige von
Herrn Brown in Tati gekaufte wurden theils verschenkt, theils nach der
Ausstellung in Kimberley mit anderen Gegenständen verkauft, um das
Deficit der Ausstellung zu decken; etwa 60 Vogelbälge wurden in Prag
zurückgelassen.]

[Fußnote 27: Eine gleiche Anzahl letzterer ging in Folge Mangels an
genügend starkem Weingeiste in Süd-Afrika zu Grunde.]

[Fußnote 28: Die Insecten sind von Herrn Dr. Rickerle in Prag gespießt
und zum großen Theile bestimmt worden.]

[Fußnote 29: Etwa 300 Duplicate nicht eingerechnet.]

[Fußnote 30: Etwa 500 Duplicate nicht eingerechnet. Davon sind 50
Exemplare gekauft, die übrigen selbst gesammelt.]

Von den 1138 ausgestellten Versteinerungen habe ich etwa 60 Stück von
den Herren Dr. Reed in Colesberg, Murray in Kuilfontein, Kidger in
Cradock und Cook in Port Elizabeth zum Geschenk erhalten, die übrigen
selbst gesammelt. Ferner befanden sich in der Ausstellung 1130
getrocknete Meeres-Algen, 364 Früchte und Samen, Holzarten, Schwämme
etc., 3328 getrocknete Pflanzen im Herbarium, wovon ich 64 Exemplare zum
Geschenk erhielt. An Mineralien waren 720 Handstücke ausgestellt.[31]

Nach siebenjähriger Abwesenheit von der Heimat konnte ich nicht länger
die Sehnsucht bemeistern, meine Lieben und Freunde in Europa
wiederzusehen. Allmälig entschwand die Küste bei Green Point und später
die Kuppe des Tafelberges meinen Blicken. Der Ocean, dessen Beute ich
vor sieben Jahren bald geworden wäre, bot diesmal ein Bild beglückenden
Friedens und bewahrte mir auch seine Gunst, bis mein Fuß wieder
europäischen Boden betreten hatte.

Am 5. August 1879 nahm ich an Bord des Dampfers German von Süd-Afrika
Abschied. Meine Sammlungen wurden in einigen Partien heimgesendet. Die
größte Sendung, circa fünfzig Kisten, brachte ich selbst mit. Von den
mitgebrachten lebenden Thieren übergab ich den Caracal, zwei braune
Adler und den Schlangenadler der zoologischen Gesellschaft zu London.
Die übrigen nahm ich mit nach Oesterreich. Seine kaiserliche Hoheit
Kronprinz Rudolph geruhte die Kronenkraniche huldvollst
entgegenzunehmen, den Pavian, ein äußerst zahmes Exemplar, und einen der
grauen südafrikanischen Kraniche übergab ich der Stadtvertretung von
Prag für den Stadtpark, den dunkelbraunen Aasgeier und einen der
langarmigen Zanzibar-Affen der Physiokratischen Gesellschaft.

In London erhielt ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthaltes
abermals Beweise von Hochherzigkeit einiger englischen Familien, welche
es mir ermöglichten, meine Sammlungen nach der Heimat befördern zu
lassen. Namentlich fühle ich mich Herrn Littleton, Sohn des Lord
Hathurton, welcher mir 100 £ St. zur Verfügung stellte, und der
Direction der ^Union Steam Ship Company^, welche mir die ganzen
Frachtspesen von Capstadt bis Southampton nachließ, zu größtem Danke
verpflichtet.

[Fußnote 31: 400 Stück nicht mit eingerechnet, von denen ich viele in
letzter Zeit schleifen ließ und welche sich als Onyxe von besonderer
Schönheit und an Nickelmetall reiche Jaspisgeschiebe erwiesen haben.]

In meiner Seele wurzelt der feste Vorsatz, so bald als thunlich wieder
zurückzukehren, um meine Forschungen fortzusetzen, erstens um gewisse
interessante Punkte, die ich nur vorübergehend besuchen konnte,[32]
einer näheren Besichtigung zu unterziehen, zweitens um auf die in den
letzten sieben Jahren gemachten Erfahrungen bauend, die Forschungen von
Süd-Afrika nach Central-Afrika auszudehnen.[33]

[Fußnote 32: Siehe den Hinweis in Anhange zum ersten und zweiten Bande]

[Fußnote 33: Siehe Anhang 12.]

                            [Illustration]



                                Anhang


1) Die Roiwater-siekte, welche die Zugthiere in Natal und den
angrenzenden Freistaat- und Transvaal-Partien in manchen Jahren
decimirt, tritt meist zur Zeit der Grasreife auf und besteht wohl in
einer acuten, doch auch chronischen Entzündung der inneren Harnorgane,
zuweilen auch mit Ruhr verbunden. Blutharnen ist eines der
gewöhnlichsten Symptome. Die erkrankten Thiere scheinen große Schmerzen
zu leiden, denn viele blöken mit hoch emporgehobenem Kopfe, manche
drehen sich dabei im Kreise herum. Die Thiere erkranken am Orte selbst,
wo sie den Krankheitsstoff (gewisse Pflanzen) in sich aufgenommen, oder
auch acht bis zehn Tage später, nachdem sie bereits die betreffenden
Gegenden verlassen haben. Bei manchen hat es den Anschein, als ob sie
das Uebel in einer gelinden Form überstanden hätten und da soll man
sofort die Thiere von der Arbeit nehmen und sie womöglich in gegen kalte
Winde geschützten Partien bis zur vollen Genesung halten. Beläßt man sie
jedoch im Joche und hat man zur selben Zeit unter kaltem Regen zu
leiden, so erkranken die Thiere unter den gefährlichsten Symptomen und
die Fälle enden dann meist tödtlich. Als bestes Heilmittel bezeichnete
man mir fünfzehn bis zwanzig Tropfen mit Wasser verdünntes Chlorodyn,
welche den Thieren von fünf zu fünf Stunden eingeflößt werden.

2) Bei der Untersuchung der Wunde des Kriegers in Schoschong fand ich
mehrere eiternde Wundkanäle, welche dafür sprachen, daß der Knochen oben
und unten abgefault war. Ich entschloß mich die losen Fragmente zu
entfernen und da der Kranke eine Erweiterung der Wundkanäle mittelst
eines Messers nicht gestatten wollte, erreichte ich den beabsichtigten
Zweck durch ein mehrmaliges Abbrennen mit Lapis, da es jedoch nicht
möglich war, das untenliegende, über acht Zoll lange Knochenstück auf
diesem Wege zu entfernen, lieh ich mir von Herrn Mackenzie eine
Blechscheere, führte ihre Spitzen in den Wundkanal ein, zwickte den
todten Knochen durch und extrahirte ihn wie alle übrigen in Mangel eines
anderen Instrumentes mit einer Mahlzahnzange. Ich entfernte etwa
fünfundzwanzig Knochenstücke und fand dann mit der Sonde die Wundkanäle,
welche durch Kugelsplitter entstanden waren. Nun war es mir möglich, an
der Hinterseite des Unterschenkels durch frische Einschnitte Fragmente
zu entfernen. Mittelst eines wohl noch nie zu einem solchen Zwecke
gebrauchten Meißels schabte ich die vordere, ebenfalls etwas cariös
gewordene Fläche der Fibula rein und reinigte die erkrankten Stellen mit
^adstringentia^. Als ich den Mann zwölf Monate später wieder sah, hatten
sich die beiden Enden des Schienbeines durch neue Knochenmasse vereinigt
und der Mann, der sich zuweilen beim Gehen auf einen Stock stützte,
hatte blos einen etwas verbreiterten Schienbeinknochen.

3 u. 4) Waren die Kopfschmerzen und der Blutandrang zum Kopfe zu heftig
geworden, so half ich mir durch das Auflegen von starkem Senfpflaster
auf den Hals, in Folge dessen der Kopf profus zu schwitzen begann und
die beklemmenden Zustände nachließen. Während der sechzehn Monate,
welche Zeit hindurch ich an Fieber litt, machte ich in verschiedenen
Perioden zusammengefaßt, nur ungefähr durch zwei Monate von kleinen, nie
zwei Gran übersteigenden (meist eingranigen) Chinindosen Gebrauch. Von
bestem Erfolge erwiesen sich starke Schweiße, welche anfänglich wohl
schwächten, jedoch die Athembeschwerden, die Kopf- und Nackenschmerzen,
sowie das Gliederreißen und das dumpfe Gefühl der Schwere in den
Oberschenkeln behoben.

5) Während der Fahrt durch das Makalaka-Land folgte ein Makalaka-Diener
Bradshaw's mit Namen Mapani unserem Wagen. In einer der dichteren
Partien des Waldes sah ich eines Tages einen alten und einen jungen Mann
im Grase liegen von welchen der Jüngere Mapani plötzlich anrief. Dieser
hatte die Beiden kaum bemerkt, als er im nächsten Augenblicke zu ihnen
hinsprang, seinen Hut vom Kopfe riß und dem alten Manne (seinem Vater)
zu Füßen lag und unter einem mehrmaligen »Rumela« zwei eiserne Hauen
aneinanderschlug. Als er sich wieder erhoben hatte, sah ich zum ersten
Male Thränen in den Augen eines erwachsenen Schwarzen. Als wir später
hielten suchte Mapani eine Greisin auf, welche mit vieler Mühe etwa
fünfzig Pfund Korn für ihn gebracht hatte. Es war die Mutter des
Makalaka-Dieners.

Eine andere Episode erzählte mir Diamond, der in den letzten zwölf
Jahren bald als Diener, Koch oder Wagenlenker, Händler und Jäger auf
ihren Zügen durch Süd-Afrika begleitete und später Gelegenheit gefunden
hatte, selbstständig sein Glück als Jäger zu versuchen. Er schoß während
dieser seiner Laufbahn so viel Elephanten, daß er sich für den Erlös
einen Farmbesitz im Griqualande hätte kaufen können, wenn nicht das
Feuerwasser gewesen wäre. Arm, siech und altersschwach, in Folge des
allzuhäufigen Genusses, war er zuletzt nicht mehr fähig, Elephanten zu
jagen und so arm, daß er nicht einmal das Gewehr, mit dem er schoß, sein
nennen konnte. Doch gab es Momente in seinem Leben, wo ihm, einem Opfer
der Trunksucht, bei dem Anblicke der stillen Häuslichkeit eines Andern
das Gewissen erwachte und sich hören ließ. Mit dem Vorsatze sich zu
bessern, kam er einmal nach der Colonie und es fand sich auch ein
braunes Griquaweib, welches seine Frau wurde. Willig überließ er ihr die
Zügel der Regierung, ohne dabei den Kürzeren zu ziehen, denn nie war mit
ihm ein Brodherr so zufrieden, wie jener, bei dem er als verheirateter
Mann diente. Dieser war ein Händler und zog durch das Makalaka-Land nach
dem Zambesi. Bevor noch Diamond das letztere betreten hatte, war er
Vater geworden, was den gebesserten Charakter des Mannes nur noch
stetiger zu machen schien. Es gab um jene Zeit viel Regen im
Makalaka-Lande, der von dem Stamme hochbegrüßt, eine reiche Ernte
versprach, den Reisenden jedoch große Schwierigkeiten bereitete und das
Fortkommen auf dem durchweichten Boden sehr erschwerte. Dieses
Regenwetter machte das braune Weib und ihr Kind kränklich und als sie an
einer kleinen Lichte, nahe an Menons Dorfe lagerten, hatte die Krankheit
des Säuglings in bedenklicher Weise zugenommen. Wir passirten eben diese
Lichtung. Diamond saß neben mir am Bocke und wendete sich plötzlich mit
den Worten zu mir: »Seht, Herr,« und er wies mit der Peitsche nach der
Mitte der Lichte zu, wo üppiges Gras hochaufgesprossen war, »dort liegt
mein Kind begraben!« Als er während seines früheren Aufenthaltes auf
dieser Lichte gegen den Abend des zweiten Tages mit seinen Zugthieren
von der Weide heimkehrte, kam ihm seine Frau entgegen, »Diamond,« sagte
sie, »unser Kind ist todt.« Den Schmerzausbruch meines Weibes hinderte
ich mit einer raschen Handbewegung und mit den Worten: »Weib, sei still
und zeige kein trübes Gesicht, merkt es einer der Makalaka's, so dürfen
wir unser Kind nicht begraben,« denn von irgend einem abergläubischen
Motiv beherrscht, gestatten es die Makalaka's nicht, daß ein Fremder
weder schwarz noch weiß, in dem von ihnen bewohnten Territorium
begraben werde. Stirbt einer unglücklicher Weise im Gebiete des
Majtenque-Flusses, so muß er bis an die Landesgrenze geschafft und hier
erst bestattet werden; dies wußte Diamond wohl und da er in Folge der
schlechten Wege wohl nicht in den nächsten vierzehn Tagen so weit
gelangen konnte, mußte auf jeden Fall der Tod des Kindes geheim gehalten
und dasselbe im Dunkel der Nacht bestattet werden. Diamond entschloß
sich, seinem Herrn den Todesfall geheim zu halten. Seinen Gefährten
gegenüber zwang sich Diamond, so wie es ihm nur thunlich war, vergnügt
zu erscheinen, und um einigen Makalaka's, die eben bei ihm zu Gaste
waren, den bitteren Verlust nicht ahnen zu lassen. Als sich endlich die
Makalaka entfernt hatten, schlich sich Diamond in das nächste Gebüsch,
um sich auch zu vergewissern, daß sie gegangen waren, kehrte dann rasch
zu der neben ihrem todten Kinde anscheinend schlafenden Frau zurück.
»Nimm das Kleine mit Dir in den Wagen und hülle es in ein Tuch, lasse es
im Wagen und ruhe etwas auf den Decken unter demselben aus. Das Weib
that wie ihr geheißen, während sich Diamond mit dem Gespann zu schaffen
machte. Er brachte die am vorderen Ende befestigten Zugthiere an die
mittleren heran, um sie ganz gegen seine Gewohnheit hier zu befestigen
und als er dies gethan, legte er sich anscheinend zur Ruhe nieder, in
Wirklichkeit aber um zu wachen. So hatte er einige Stunden in dieser
Weise zugebracht, dann stand er auf und brachte die sämmtlichen in der
Mitte befestigten Ochsen nach vorne, rief dann sein Weib und beide
machten sich daran, die reichlich angehäuften thierischen Excremente an
einer Stelle, die ihnen für ein Grab ihres Kindes hinreichend groß zu
sein schien, bei Seite zu schaffen, gruben ein seichtes Loch und legten
die Leiche hinein. Den letzten Liebesdienst erwies seinem Kinde Diamond
allein. Er konnte seiner Frau das Schluchzen nicht verwehren, und da er
sich fürchtete, daß dasselbe ihr Thun verrathen könnte, sandte er sie zu
ihrem Lager zurück, während er das kleine Grab schloß, mit den
Excrementen der Thiere die Stelle bedeckte und hierauf die Zugthiere
abermals dicht gedrängt um dieselbe befestigte und erst gegen Morgen auf
ihre gewöhnlichen Posten zurückstellte. Die Makalaka's merkten nichts
von der Bestattung, doch der mehrtägige Aufenthalt auf der Stelle war
eine trübe Zeit für das Hottentottenweib. »Und seit jener Zeit,« fuhr
Diamond fort, »ging es wieder bergab mit mir, die Frau kränkelte mehr
und mehr und es dauerte nur wenige Wochen und ich hatte auch für sie ein
Loch zu graben. Seit ihrem Tode kam der Brandy wieder über mich und ich
bin der Diamond von früher geworden und werde auch so bleiben, bis man
auch mir irgendwo unter einem alten Dornbaum ein Loch gräbt.«

6) Ich erwähnte bereits, daß Herr Cowley, der jugendliche Jäger, mit
aller Macht ein Gordon Cumin zu werden bestrebt war und zu diesem
Ehrgeiz durch den Erfolg seiner ersten Löwenjagd, auf welcher er eine
ausgewachsene Löwin erlegte, angespornt wurde. Ein fernerer Grund dieses
Bestrebens mag wohl auch der Umstand gewesen sein, daß seine ihm an
Erfahrung unstreitig überlegenen Jagdgefährten, die beiden schon
erwähnten englischen Officiere, weder das Glück noch Gelegenheit hatten,
eines der königlichen Thiere zu erlegen. Unter der großen Zahl von etwa
vierzig Löwen-, Elephanten- und Straußenjägern sowie Elfenbeinhändlern,
welche auf ihren Zügen zufällig mit Löwen zusammenkamen und sie zu
bekämpfen hatten, ist mir nur mein seliger Freund Cowley bekannt, der an
einen Eingebornenfürsten im südlichen Afrika die Anfrage stellte:
»Morena (König), bezeichne mir eine Stelle in Deinem Reiche, wo ich mit
Sicherheit Löwen antreffen und erlegen kann!« Da Cowley auch, nachdem
der Fürst seinem Begehren entsprochen, seine Absicht zur Ausführung
brachte, kann ihm Niemand Muth und Entschlossenheit absprechen, doch ihn
vielleicht mit selbem Rechte einer Tollkühnheit zeihen, und dies um so
mehr, als er auf diesem, seinem zweiten Jagdzuge beinahe sein Leben
eingebüßt hätte.

Auf der Reise von Süden nach Norden wird der Reisende in den nördlichen
Betschuanaländern und nördlich am Zambesi so häufig -- er selbst sowohl
auf seinen Jagdausflügen, wie seine Diener beim Wasserholen und Hüten
etc., die Zugthiere beim Grasen, oder sein Lagerplatz in der Nacht, oder
auch zuweilen das Eigenthum des Stammes, bei dem er sich zufällig
aufhält -- von Löwen angegriffen, daß es dann seine Ehre und Pflicht
fordert, ja daß es oft die Nothwendigkeit erheischt, sein, oder das
Leben seiner Umgebung zu schirmen und mit dem stärksten der
südafrikanischen Raubthiere anzubinden. So ist ihm mehr denn
hinreichende Gelegenheit geboten, seinen eigenen Muth, sein sicheres
Auge und festen Arm zu erproben. So oft ich mich an Cowley erinnere,
kann ich mich eines wehmüthigen Gefühles nicht erwehren. Noch immer sehe
ich den frischen Jüngling vor mir mit dem blühenden Gesicht, sehe ihn,
wie männlich er alle Strapazen eines südafrikanischen ^Interior-hunters^
ertrug und dann quält der Gedanke mich umsomehr, daß dieser von
Gesundheit strotzende Organismus in wenigen Tagen dem Malaria-Fieber
erliegen mußte. Am Abhange der bewaldeten Höhen, die sich am Oberlaufe
des Panda ma Tenka-Flüßchens zu dem wiesigen Thale des letzteren
herabneigen, einige hundert Schritte über der Handelsstation gleichen
Namens, hat man den Löwenjäger begraben. Ein Steinhaufen, mit dem man
das Grab beschwerte, um Hyänen und Schakale davon abzuhalten, bezeichnet
die Ruhestätte des jungen Jägers.

Es war am 3. September des Jahres 1875, als Cowley während des
abendlichen Methgelages (womit täglich das Nachtmahl am Marutse-Hofe in
Schescheke schloß) an den König Sepopo die erwähnte Frage richtete und
sich von dem Könige das Geleit einiger Marutse- oder Masupia-Männer
erbat, welche ihn an eine von Löwen häufig besuchte Stelle bringen
sollten. Auf diese Anfrage hin brach Sepopo in ein lautes Gelächter aus.
»Ein Kind hat eben geredet, bist ja noch zu jung, um Löwen zu tödten!
Makoa (Weißer), ich versichere Dich, die Löwen verstehen es zu beißen.«
Da jedoch Cowley durch den Dolmetscher Jan Mahura auf seinem Ansuchen
bestand, berief der König aus dem ringsum hockenden Halbkreise vier
Männer zu sich, und bezeichnete ihnen das linke Ufer des stromabwärts
einige Meilen unterhalb Schescheke in den Zambesi von Norden her
einmündenden Kaschteja-Flusses als die Stelle, an welcher der weiße
Jäger zweifellos Löwen antreffen könnte. Am folgenden Vormittage stieß
man von Schescheke in einem kleinen Kahne ab, steuerte flußabwärts und
gelangte nach drei Stunden an die Mündung des vom Könige genannten
Flusses. Dieser scheidet die schon mehrmals genannte, sich im Osten an
Schescheke anlehnende, Blockley's Kraal genannte Wildebene in eine
kleinere westliche und eine sehr ausgedehnte östliche Partie. Kaum
gelandet, schoß Cowley, zur vollen Befriedigung seiner Geleitsmänner
eine aus dem hohen Ufergras aufspringende, feiste Rietbock-Gazelle. Da
sich durch den Schuß jedoch das sichtbare, ringsum grasende Wild
zurückzog, bestimmte Cowley den folgenden Tag zur Jagd.

Am folgenden Morgen verließ die Jagdgesellschaft schon bei anbrechender
Dämmerung das Lager und ging das linke Kaschteja-Ufer entlang. Ein
dunkler in der Entfernung auftauchender Gegenstand, den die Eingebornen
für einen Löwen hielten, entpuppte sich als ein gestreiftes Gnu. Als man
so fruchtlos mehrere Meilen weit gegangen war, kehrten die Jäger in
einem weiten Bogen nach rechts über die Wildebene zu ihrem Lagerplatze
an der Kaschteja-Mündung zurück; da jedoch die sonst drückende
Tageshitze durch die am Himmel hängenden, dichten Wolkenmassen gemildert
war, versuchte Cowley sein Glück zum zweiten Male, nachdem er einen
Imbiß zu sich genommen. Man ging abermals das Kaschteja-Ufer entlang,
doch weiter landeinwärts als man es am Vormittage gethan und es hatte
den Anschein, als ob die Jäger mehr Glück haben sollten, denn schon zu
Beginn ihres Streifzuges trafen sie zahlreiche Heerden von Zebra's und
gestreiften Gnu's, doch Cowley war entschlossen, seine Waffe nur an
einem Mitgliede der königlichen Familie zu erproben. Man ließ das Wild
zur Rechten und verwandte die vollste Aufmerksamkeit meist auf das hohe
Ufergras, in welchem man mit Sicherheit die Raubthiere vermuthen konnte.
Und abermals waren es die Schwarzen, welche den Weißen auf einen etwa
vierhundert Schritte entfernten Gegenstand aufmerksam machten. Als man
näher herantrat, erhob sich eine Löwin. Nachdem sie einige Secunden die
herannahenden Menschen angeglotzt, machte sie kehrt und zog sich
langsamen Schrittes zurück. Cowley sandte einen der Schwarzen der Stelle
zu, wo das Raubthier gelegen und machte sich mit den zwei anderen (der
vierte war am Lagerplatze zurückgelassen worden) an die Verfolgung der
Löwin. Raschen Schrittes vorwärts eilend, hatte er sich derselben bis
auf zweihundert Schritte genähert, als sie sich gegen ihn umwendend,
stehen blieb. Der Jäger benützte diesen Augenblick zum Feuern und sandte
in rascher Aufeinanderfolge zwei Kugeln dem Raubthiere entgegen. Beide
Schüsse gingen fehl. Der Löwin erschien jedoch das Pfeifen der Kugeln zu
mißfallen und laut knurrend peitschte sie mit ihrem Schweife den Boden.
Für einen Augenblick legte sie sich nieder und kam dann aufspringend in
gerader Richtung auf die Menschen los. Cowley kniete nieder und schoß
auf eine Entfernung von hundertfünfzig Meter, fehlte aber wieder. Um so
rascher bewegte sich die Löwin vorwärts. Die beiden hinter dem Jäger
stehenden Schwarzen überließen diesen seinem Geschicke und liefen, laute
Verwünschungen dem sich nähernden Raubthier entgegenrufend, auf und
davon. Cowley warf sich vollends zur Erde, suchte sich hinter einem kaum
2½ Fuß hohen, brodlaibförmigen Termitenhügel zu decken und feuerte von
hier aus seinen dritten Schuß auf eine Entfernung von dreißig Meter. Die
Kugel traf das Thier mit einer solchen Wucht am vorderen
Schulterblattrand, daß es zurückgeworfen, auf seine Hinterfüße fiel.
Aufbrüllend schnappte es nach der Wunde und sprang nun in großen Sätzen
heran, glücklicher Weise jedoch nur die fliehenden Schwarzen beachtend,
wobei sie Cowley vollkommen übersehen haben mußte. Um nun die
Aufmerksamkeit des Thieres nicht auf sich zu lenken, hütete sich der
Jäger, sein Gewehr zu laden, sondern verhielt sich ganz ruhig. Die
Löwin, die nun das Tempo ihrer Schritte etwas gemäßigt hatte, passirte
zu seiner Rechten in einer Entfernung von drei Schritten; erst als sie
etwa sieben weitere Schritte gethan hatte, lud er sein Gewehr wieder und
warf sich so behutsam wie möglich um den Termitenhügel herum, um mit dem
an dem Insectenbau fest angelegten Hinterlader einen fünften Schuß zu
wagen. Er lag noch nicht vollkommen geschützt, als die Löwin seine
Bewegung wahrnehmend, zurückschaut, ihn jedoch abermals übersieht. So
wie sich das Raubthier wieder den Dienern zuwendet, feuert Cowley. Die
Kugel traf die Löwin hinter und etwas unter das rechte Ohr, so daß sie
auch im selben Momente zusammenbrach. Trotzdem gab ihr Cowley einen
zweiten Schuß, um sich von ihrer Unschädlichkeit zu versichern. Es war
ein beinahe ausgewachsenes Thier, dessen Fell mir der werdende Cuming
zeigte, und auf welches er nicht wenig stolz war. Niemand war aber über
den Erfolg Cowley's mehr erstaunt als König Sepopo.

7) We see before us Mankoroane and a part of the Batlapins and Montsiwe
the Barolongchief and others! They say they wish to be annexed. Our
first question, when accepting the offer, should be: »Is it the wish of
the chiefs or their subjects? Do the people as well as the chiefs ask
for it?« Our second question would then be: Why do you ask for
annexation? Is it because of your great attachment to the Makoa (white
men) called »Englishmen«, or is it because you are disregarded, or
imagine yourself to be so by the other white race called the »Dutchmen«
or perhaps because you are oppressed by one of the neighbouring
tribes?--or is it that the Chief is particularly annexious to gain the
title of Chief Paramount, if two dispute for it?« When we hear impartial
judgment passed on this, then we already know something about the
character of the chief and his people. However, we must endeavour to
gain true information about the manner of life and the intellectual
abilities of the tribe.

8) Die Dürre war leider für einen Theil des Oranje-Freistaates und große
Landstriche der Cap-Colonie so verderblich, daß sehr viele Farmer
verarmten und die meisten derselben, auf deren Boden seit Jahr und Tag
kein Tropfen Regen gefallen war, sowie die den Transport von der Küste
nach dem Innern mit Ochsengespannen vermittelnden Fuhrleute sehr schwere
Verluste erlitten. Leider sind diese Dürren in jenen Gegenden
Süd-Afrika's periodisch wiederkehrend und werden wohl erst in einigen
Decennien in gewissen Strichen durch den Aufbau von Riesendämmen behoben
werden können. Manche Strecken der Cap-Colonie wurden theilweise auch in
diesem wie im vorhergehenden Jahre von einer mehr denn zwölfmonatlichen
Regenlosigkeit heimgesucht, welche den Viehstand mancher Grundbesitzer
mehr als decimirte; so verlor ein Herr Ch. von viertausend Stück Vieh
über dreitausend.

9) Wenn ich nicht irre, nahm die Straußenzucht im Oranje-Freistaate
ihren Anfang, wurde aber bald bis auf einzelne Versuche fallen gelassen.
Hingegen erfreute sie sich in der Cap-Colonie der besten Pflege, so
zwar, daß sie hier beinahe zur Vollkommenheit gedieh und nunmehr aus
derselben zahme Strauße in größerer Anzahl nach der Republik gebracht
wurden, um hier von Neuem, und wie ich höre mit Erfolg, gezüchtet zu
werden. Manche der Züchter verlegen sich auf den Incubator (ein
hölzerner Kasten), in dem durch künstliche Wärme -- meist mit Hilfe
erwärmten Wassers -- den Straußeneiern die nöthige Brutwärme zugeführt
wird; andere ziehen den natürlichen Brutproceß vor. Einige stellen die
den Eiern entschlüpften Küchlein unter die Obhut schwarzer Diener, ohne
sie weiter mit Brutvögeln in Berührung zu bringen, während eine kleinere
Zahl die zur Welt gekommenen Jungen den Aeltern anvertraut. Im
Allgemeinen scheint das letztere System bessere Erfolge als das erstere
zu versprechen, doch ist es nicht für Jeden durchführbar, da es in jeder
Beziehung hin kostspieliger ist. Während man sonst die Küchlein
verschiedenen Alters in beschränkten, die halberwachsenen und
erwachsenen Vögel in mehr oder minder umfangreichen Umzäunungen hält und
weiden läßt und man die letzteren (halberwachsenen und alten Vögel) in
aus Pfählen und vier- bis sechsfachen starken, horizontal und in einem
Abstande von zwölf bis achtzehn Zoll gezogenen Drähten gebildeten
Umzäunungen mit ziemlicher Sicherheit erhalten kann, muß man im ersteren
Falle über große und mit einer dichten und hohen Umzäunung begrenzte
Räume gebieten können. Die Federn zahmer Strauße werden nie so schön,
wie jene der wilden. Letztere werden immer werthvoller bleiben, sowie
sie gegenwärtig immer seltener in den Handel kommen. Darum wäre die
schon mehrmals ausgesprochene Idee bezüglich der Zähmung der Strauße von
Seite jener Eingebornenstämme Süd-Afrika's, respective der Betschuana
und Matabele, in deren Ländern sich diese nützlichen Vögel noch im
wilden Zustande vorfinden, einiger Beachtung werth, umsomehr als die von
ihnen bevölkerten Strecken meist mit Niederwald bedeckt sind, welcher
leicht auf mehrere Meilen hin umzäunt werden könnte. In großen Räumen
sich selbst überlassen, und nur selten aufgesucht, werden sie sich an
den Anblick des Menschen gewöhnen, werden solche Strauße unstreitig ein
den wilden Vögeln vollkommen gleiches oder nahezu gleichkommendes
Gefieder erhalten. Je größer auch der Raum, in dem sich eine
Straußenheerde bewegen kann, desto weniger Gefahr droht ihr durch die
Entozoa-Parasiten, welche die häufigste Todesursache unter zahmen
Straußen bilden. In mehreren Städten der Cap-Colonie, wie in Port
Elizabeth, Grahamstown und Cradock werden allwöchentlich am Samstag
Straußenfedernmärkte abgehalten, auf welchen auch lebende Thiere zur
öffentlichen Versteigerung gelangen. Ich entnehme einem zu Anfang
October aus Süd-Afrika erhaltenen Briefe, daß in Folge der starken
Vermehrung der Strauße der Preis derselben seit kurzer Zeit sehr
gesunken ist. Brutvögel, von denen fünf Paar feilgeboten waren, wurden
mit 100 bis 125, ein erwachsenes aber nicht brütendes Paar (vier Paare)
mit 35 bis 50, zwei einzelne Hähne mit je 35 und zwölf junge Vögel mit
17 £. St. 17 Sh. das Stück veräußert. Ein interessanter Fall wird von
Herrn Johnsohn von Witteklip berichtet, er hatte ein paar Brutvögel,
welche, nachdem sie Eier gelegt, dieselben sofort im Stiche ließen. Herr
J. legte acht Eier davon in einen Incubator. Nach dreiundvierzig Tagen
kamen lebende Küchlein zur Welt, doch alle so schwach und elend, daß sie
schon wenige Stunden darauf zu Grunde gingen. Die meisten waren
Mißgeburten, eines der Thiere hatte mit Ausnahme der Fußknochen keinen
Knochen im Körper. In der Zwischenzeit legten die alten Vögel abermals
zahlreiche Eier, ohne sich wieder um dieselben kümmern zu wollen. Bei
gleichem Vorgehen mit diesen Eiern wurde wieder kein Resultat erzielt.
Die Küchlein waren abermals Mißgestalten, es befand sich ein Cyclop
darunter und ein Thier, das nur einen Oberschnabel hatte.

10) »Is there anything at present more treatening for us on our South
African horizon than the cloud of the Zulu question? Dark, thick,
bearing numerous most pernicious flashes, mercilless as they can only
be, bursting from an untamed savage element, this cloud darkens our
hopes of future peace and prosperity. It threatens daily and hourly,
more and more with its numerous layers, the thousands who blindly,
slavishly, and furiously, like a pack of wild dogs, listen to and follow
Cetyvayo's dread comands.

There, north of the Tugela, there is the sword of Damocles suspended
over thee, South Africa. But behold, not suspended by a mighty Sovereign
or a wise man, who thought to teach a King to give account of every
moment of his life, but by a blood-thirsty, savage king guilty of the
shedding of the innocent blood of thousands of human beings! Shocking!
How has such a creature ever dared to suspend a hanging peril over South
African men? Were thou slumbering, mighty Britannia's fearless symbol?
Could the British Lion so long endure such acts of offence? There, north
of the Tugela, in the horrid prison of native liberty, the Gordian knot
avails its solver.

But there was still another cause which made the already threatening
cloud to appear yet more dangerous. It was the juxtaposition of this
cloud to the remaining ones, here and there obscuring the horizon. Too
often driven by the same boisterus gale,--they are thrown together and
when united, they change the peaceful blue sky into a fire-spitting
volcano. A blue azure sheet the symbol of heavenly peace converted into
a volcano threatening peril and destruction.

The seat of the greatest insolence in our South African Continent, the
seat of the roughest savageness, an image of habitual, animal-like
expression of rage and fury, the seat of the lowest degradation of the
human race, where members of the governing tribe are misdealt with a
great deal worse than many of the species ^ingratae^ of our animals,
than the unclean animals of ancient ages--the Empire of lies and thefts,
the conglomeration of all the vices a savage can boast of--yes, our
South African viper nest lies there north of the Tugela! Courage is the
only virtue we could attribute to them (the Zulu's) if it would be
exhibited, and used for brave acts, but if it is exercised only to
strengthen the power of a tyrannical monster, for the sake of murdering
and plundering, the virtue is misused, and no more a virtue than the
expression of the animal fury of a »tiger of trade«, or by the cries of
his digestive organs! Year after year, insult after insult, has been
offered to, and commited on, the Natal colonists! Are they not our
brethren, united with us under Her Most Gracious Majesty's Sovereignty?
The insults are offerd, to us as well as to them. Every righteous man
who has the welfare of his fellow-subjects in view, every one from the
Cape of Good Hope up to the northern Transvaal boundary from the mouth
of the Oranje River to the Indian Ocean, must feel that degradation in
all the depths of his heart, must feel himself struck by every one of
those shamefull blows, and cannot retain one with a clenched fist, to
demand another with feelings of awe to pray for a stop to these odious
deeds.

A great mistake is made, if any one of us (may be of those to whom I
have referred above) thinks that the danger in store is only for those
living in Natal and the Transvaal colony. We must look upon the matter
just if we were insulted and attacked ourselves. The Zulu crater throws
its fire high over the whole of South Africa; the burning lava spreads
over all its countries, Zululand being the concentration of all the
possible dissatisfaction of South Africa! All those of our unfortunate
native tribes who seek and have sought their heathen welfare by
overthrowing, and overwhelming the race of the whites, look with true
desire towards this volcano in our north eastern corner; sigh in
thought, sigh in words, and most secretly through messengers they sent
into Cetywayo's laager. There the last outburst of all the lowest savage
vices seeks its protection, finds its nursery and hopes for its
salvation. Into the boiling mass of the volcano we see from all
directions, streams of sulphuric fluid flowing. There united with the
vaporous mass, the »Zulu life« burst forth in one gush of seeting,
destroying, hissing lava. And the hiss is repeated every moment, every
day by that native mind in Cetywajo Kingdom. etc. etc.

11) Die Maschona, welche einst mehrere Reiche in Süd-Afrika bildeten,
wurden zum großen Theile von den Matabele vernichtet, welche noch
alljährig Raubzüge in ihre Gebiete, die sich von Osten an das Zulu-Reich
anschließen, unternehmen. In der Regel gelingen den Matabele diese
Raubzüge und sie bringen außer Frauen, Knaben und Kindern auch
verschiedene Industrie-Erzeugnisse heim, welche deutlich die
Kunstfertigkeit des bedrückten Stammes zeigen.[34] Ihre Gebiete sind
sehr fruchtbar, leider aber auch sehr ungesund. Die Elfenbeinhändler
berichteten mir, daß die Maschona's ihre Hütten hoch über dem Boden und
wo es möglich ist, an den Vorsprüngen steil abfallender Felsen- und
Höhenwände erbauen, und zwar einestheils aus Gesundheitsrücksichten,
andererseits um ihre Gehöfte leichter in Vertheidigungszustand setzen zu
können.

Die Stämme bauen Reis an, der sich durch ein größeres, röthlich
gefärbtes Korn auszeichnet. Sie bearbeiten mit Erfolg Metalle und machen
im Gegensatze zu anderen südafrikanischen Stämmen mit Ausnahme der
Buschmänner und Masarwa's von Bogen und Pfeil Gebrauch. Vortrefflich
müssen ihre aus Baumbast und anderen vegetabilischen Flechtstoffen
bereiteten Gewebe, beachtenswerth ihre Waffen und Musik-Instrumente
genannt werden. Sie wurden in der Regel von Osten und Südosten her von
den portugiesischen Händlern von der Ostküste aufgesucht, während
Moselikatze sowohl wie La Bengula den englischen Elfenbeinhändlern, aus
Furcht, daß diese den Maschona's zu Gewehren verhelfen würden, den
Eingang in das Gebiet der letzteren erschwerten oder vollkommen zu
verbieten pflegten. -- Das Maschona-Land ist reich an Quarz,
Alluvial-Gold und sehr reich an Wild.

12) Meine nächste gegen Schluß dieses oder zu Beginn des kommenden
Jahres anzutretende Reise soll den Charakter einer wissenschaftlichen
Forschungsreise an sich tragen, auf welcher ich nicht nur den rein
geographischen, sondern auch allen verwandten Disziplinen meine
Thätigkeit und vollste Aufmerksamkeit widmen will. Das nächste Reiseziel
bilden die Cap-Colonie und die ihr im Osten angrenzenden Kafferngebiete,
deren partielle Durchforschung in paläontologischer, botanischer und
ethnologischer Hinsicht während eines Zeitraumes von circa vier Monaten
ich mir zur Aufgabe stelle und deren Resultate (Sammlungen) von mir
sofort nach der Heimat gesendet werden sollen. Das gesammelte
naturhistorische und ethnographische Materiale soll gleich dem auf
meinen bisherigen Reisen zusammengebrachten von Fachgelehrten
wissenschaftlich bereitet, vaterländischen Museen, Instituten, Schulen
etc. überwiesen werden.

[Fußnote 34: Im Laufe des Jahres 1880 kam mir die Nachricht zu, daß
12000 Matabele-Krieger von den vereinigten Maschona's geschlagen
wurden.]

Indem ich noch vor meiner Reise durch einschlägige Studien und Uebungen
meine Kenntnisse in den einzelnen wissenschaftlichen Fächern nach besten
Kräften vervollständigen will, hoffe ich unter Hinweis auf die bereits
vorliegenden Resultate meiner ersten drei Reisen die mir erwachsende
Aufgabe zum Nutzen der Wissenschaft zu bewältigen.

Das Hauptziel meiner nächsten Reise ist in geographischer Hinsicht die
Durchquerung des afrikanischen Kontinents von Süd nach Nord. Nachdem ich
auf der Strecke zwischen dem Vaal und Zambesi die bisherigen unsicheren
Positionsbestimmungen durch verläßliche und genaue ersetzt, ist es meine
Absicht, das Stammland der Marutse (die Barotse) mit besonderer
Berücksichtigung der dortigen Königsgräber sodann das ganze Gebiet
zwischen diesem Lande und dem Kafueflusse in geographischer,
naturhistorischer und ethnographischer Hinsicht zu durchforschen und die
bis dahin erzielten Sammlungen von den Victoriafällen aus nach Süden zur
Weiterbeförderung nach der Heimat zu senden.

In rein nördlicher Richtung meine Reise fortsetzend, will ich die
Wasserscheide zwischen dem Zambesi- und Congo-System (Bangweolo-See)
erforschen und den Lauf des Kongo bis zu seiner großen Biegung nach
Westen verfolgen. Gestatten es die Verhältnisse und Zustände, so will
ich von hier ab in nordnordwestlicher Richtung weiter vordringen und bei
dieser Gelegenheit das letzte der großen hydrographischen Probleme
Afrika's, die Frage nach dem Unterlaufe des Uëlle zu lösen und weiterhin
Darfur durchziehend, Aegypten zu erreichen suchen. Sollten
unüberwindliche Hindernisse mir die volle Ausführung meines Reiseplanes
verwehren, so ist es meine Absicht, mich nach der Ostküste zu wenden.

Ich will schließlich besonders betonen, daß es mir nicht um eine bloße
Durchquerung Afrikas zu thun ist, sondern daß ich Schritt für Schritt
das durchreiste Gebiet durchforschen und wenn mir dies gelingen sollte,
mit den möglichst vollständigen Sammlungen bereichert, nach drei Jahren
heimzukehren gedenke.



                            [Illustration]

                            Special Karte
                               (No. 1.)
                     des von Dr. Holub bereisten
                          centralen Theiles
                                 von
                            Ost Bamangwato
                                 und
                            West Matabele.
      Nach Compass Aufnahmen. Juli 1875, u. März u. April 1876.
                           Maßstab 1:500000
                Kartog. lith. Inst. v. G. Freytag Wien
                Verlag v. Alfred Hölder, k. k. Hof- u.
                  Universitäts-Buchhändler in Wien.
                   Druck v. Jos. Eberle & Co. Wien

                            [Illustration]

                         Special Karte No. 2.
                          Die Victoriafälle
                                 des
                               Zambesi
                      nach Compassaufnahmen von
                           Dr. Emil Holub.
                           Maaßstab 1:7000.
              Kartogr. lith. Anst. v. G. Freytag, Wien.
    Verlag v. Alfred Hölder k. k. Hof- u. Universitäts-Buchhändler
                               in Wien.
                   Druck v. Jos. Eberle & Co. Wien.

                            [Illustration]

                            Special Karte
                               (No. 3)
                      Dr. Holub's Bootfahrten im
                           centralen Laufe
                                 des
                               Zambesi
                        von der Makumba Bucht
                       bis zum Nambwe Katarakt.
                            (Süd Barotse)
       Nach Compass-Aufnahmen vom August 1875 bis Februar 1876.
                          Maßstab 1:180000.
              Kartogr. lith. Anst. v. G. Freytag, Wien.
                Verlag v. Alfred Hölder, k. k. Hof- u.
                  Universitäts-Buchhändler in Wien.
                   Druck v. Jos. Eberle & Co. Wien.



Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die variierende und inkonsistente Schreibweise des Originals wurde
weitgehend beibehalten. Lediglich die am Buchanfang aufgeführten Errata
und offensichtliche Druckfehler wurden korigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. VII]:
   ... Marutse als Fischer. -- Maschoku, der Scharfrichter Sepopo's.
       -- Schneidwerkzeuge ...
   ... Marutse als Fischer. -- Maschoku, der Scharfrichter Sepopo's.
       -- Schmiedewerkzeuge ...

   [S. VIII]:
   ... der Marutse. -- Thongefäße. -- Holzarbeiten. -- Calebassen.
       -- Flechtarbeiten. -- Schmiede-Werkzeuge. -- Jagd- ...
   ... der Marutse. -- Thongefäße. -- Holzarbeiten. -- Calebassen.
       -- Flechtarbeiten. -- Schneide-Werkzeuge. -- Jagd- ...

   [S. 3]:
   ... Gerichtssitzung. -- Kalte Tage. -- Das Malmanithal. --
       Weltufrede-Farm. ...
   ... Gerichtssitzung. -- Kalte Tage. -- Das Malmanithal. --
       Weltevreeden-Farm. ...

   [S. 7]:
   ... Wir zogen an einer, eine kurz zuvor von den an den nahen
       Höhen ...
   ... Wir zogen an einer kurz zuvor von den an den nahen Höhen ...

   [S. 7]:
   ... Handelsstation. Mamusa, das noch vor wenigen Jahren eine der
       meist ...
   ... Handelsstation. Mamusa, das noch vor wenigen Jahren einer der
       meist ...

   [S. 27]:
   ... jenes des kleinen Maricoflusses und die Farm Weltufrede
       erreicht. Diese ...
   ... jenes des kleinen Maricoflusses und die Farm Weltevreeden
       erreicht. Diese ...

   [S. 28]:
   ... -- In Lebensgefahr. -- Das Buffaerthal. -- Ankunft in
       Schoschong. ...
   ... -- In Lebensgefahr. -- Das Buffadderthal. -- Ankunft in
       Schoschong. ...

   [S. 35]:
   ... ich den harabhängenden Aesten und den Baumstämmen
       auszuweichen. ...
   ... ich den herabhängenden Aesten und den Baumstämmen
       auszuweichen. ...

   [S. 39]:
   ... folgenden Tage Bekannntschaft. Mit Waschen am Ufer
       beschäftigt, tauchte ...
   ... folgenden Tage Bekanntschaft. Mit Waschen am Ufer
       beschäftigt, tauchte ...

   [S. 42]:
   ... Ich nahm mir damals, nach den Diamentenfeldern zurückgekehrt
       (im ...
   ... Ich nahm mir damals, nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt
       (im ...

   [S. 62]:
   ... traf ich ziemlich häufig Löffelreiher und Enten unter dem
       übrigen Wildgeflügel ...
   ... traf ich ziemlich häufig Löffelreiher und Enten. Unter dem
       übrigen Wildgeflügel ...

   [S. 68]:
   ... War das ein Angriff auf den Wagen und seine Insassen. Sie
       schienen ...
   ... War das ein Angriff auf den Wagen und seine Insassen? Sie
       schienen ...

   [S. 81]:
   ... Vom Nataspruit nach Camasetse. ...
   ... Vom Nataspruit nach Tamasetse. ...

   [S. 86]:
   ... zwei gestreife Gnu's, einige Zebra's und Perlhühner, von
       denen ...
   ... zwei gestreifte Gnu's, einige Zebra's und Perlhühner, von
       denen ...

   [S. 91]:
   ... bis sieben Fuß hohen Grase vortreffliche Schlupfwinkel. ...
   ... bis sieben Fuß hohen Grase vortreffliche Schlupfwinkel.« ...

   [S. 104]:
   ... zogen durch sehr tiefen Sand nach dem Tamatsetse- (d. h.
       sandiger Ort) ...
   ... zogen durch sehr tiefen Sand nach den Tamasetse- (d. h.
       sandiger Ort) ...

   [S. 110]:
   ... in welchen sich der Missionär Thompson aufhielt, um von ...
   ... in welchem sich der Missionär Thompson aufhielt, um von ...

   [S. 111]:
   ... unmittelbar über der Erde 28 Fuß 10 Zoll im Umfange hatte.
       Minder ...
   ... unmittelbar über der Erde 98 Fuß 10 Zoll im Umfange hatte.
       Minder ...

   [S. 120]:
   ... Bewegung mit der Hand oder irgend welche andere den Löwen im
       Allmeinen ...
   ... Bewegung mit der Hand oder irgend welche andere den Löwen im
       Allgemeinen ...

   [S. 123]:
   ... Rückkunft die Ochsen hüten. Pit entschoß ich mich als
       einzigen Diener ...
   ... Rückkunft die Ochsen hüten. Pit entschloß ich mich als
       einzigen Diener ...

   [S. 127]:
   ... gewünschten Aufschlüsse von einem Masarwa, der als Kind mit
       einem ...
   ... gewünschten Aufschlüsse von einem Manansa, der als Kind mit
       einem ...

   [S. 132]:
   ... röthlichen Glanz der untergehenden Sonne in seinen tieferen
       Partien im ...
   ... röthlichen Glanz der untergehenden Sonne in seinen tieferen
       Partien in ...

   [S. 133]:
   ... in das Reich Sekelutu's. -- Ein Masupia-Grab. -- Thierleben
       am Tschobe. -- Makumba. -- Begegnung ...
   ... in das Reich Sekeletu's. -- Ein Masupia-Grab. -- Thierleben
       am Tschobe. -- Makumba. -- Begegnung ...

   [S. 141]:
   ... Masupia-Grab. ...
   ... Grab eines Masupia-Häuptlings. ...

   [S. 150]:
   ... annehmen, bevor nicht der König eines empfangen. ...
   ... annehmen, bevor nicht der König eines empfangen.« ...

   [S. 157]:
   ... zur Abwehr auszustrecken, hatte eine völlige Amputation
       desselben zur Folge. ...
   ... zur Abwehr auszustrecken, hatte eine völlige Amputation
       derselben zur Folge. ...

   [S. 168]:
   ... Herrscherr verschenkt. Seither finden wir unter den
       dunkelgefärbten ...
   ... Herrscher verschenkt. Seither finden wir unter den
       dunkelgefärbten ...

   [S. 202]:
   ... Knoten ihres wolligen Haares werden mit einem aus Fett und
       Braunstein ...
   ... Knoten ihres wolligen Haares werden mit einem aus Fett und
       Brauneisenstein ...

   [S. 216]:
   ... trafen Kudu's, Stein- und Wasserböcke, Buschvaarks und
       zahlreiche Elephantenspuren. ...
   ... trafen Kudu's, Stein- und Wasserböcke, Bushvaarks und
       zahlreiche Elephantenspuren. ...

   [S. 222]:
   ... Ketten quer über den Fluß sich hinziehender und größentheils
       aus dem ...
   ... Ketten quer über den Fluß sich hinziehender und größtentheils
       aus dem ...

   [S. 223]:
   ... und Prinzessinen mit deren Namen zu belegen. ...
   ... und Prinzessinnen mit deren Namen zu belegen. ...

   [S. 250]:
   ... Moquai, König Sepopo's Tochter. ...
   ... Kaïka, König Sepopo's Tochter. ...

   [S. 253]:
   ... hier zum erstenmale den Bienenfänger (Herops Nubicus), einen
       grauen, ...
   ... hier zum erstenmale den Bienenfänger (Merops Nubicus), einen
       grauen, ...

   [S. 264]:
   ... dieser Fangvorrichtang ist sehr sinnreich ausgedacht und
       ausgeführt. ...
   ... dieser Fangvorrichtung ist sehr sinnreich ausgedacht und
       ausgeführt. ...

   [S. 286]:
   ... aorderste durch die Flucht der Löwin ermuthigte Schaar
       lautgellende ...
   ... vorderste durch die Flucht der Löwin ermuthigte Schaar
       lautgellende ...

   [S. 299]:
   ... Thierfellen bekleidet (meist Luchs- und grauen Fuchsfellen).
       Manche hatten ...
   ... Thierfellen bekleidet (meist Thari- und grauen Fuchsfellen).
       Manche hatten ...

   [S. 300]:
   ... Am 25. überaschte uns Sepopo und Moquai mit einer Serenade, ...
   ... Am 25. überraschte uns Sepopo und Moquai mit einer Serenade, ...

   [S. 317]:
   ... erichteten Grashütten untergebracht, stellte sich heftiges
       Erbrechen und ein ...
   ... errichteten Grashütten untergebracht, stellte sich heftiges
       Erbrechen und ein ...

   [S. 324]:
   ... Stunden in einer Kalabesse belassenen Honigwaben und dem
       unreinen ...
   ... Stunden in einer Kalebasse belassenen Honigwaben und dem
       unreinen ...

   [S. 340]:
   ... Abgaben. Mit Nilpferdspeck oder Fleisch gekocht, bietet di
       Li-tu- und die ...
   ... Abgaben. Mit Nilpferdspeck oder Fleisch gekocht, bietet die
       Li-tu- und die ...

   [S. 354]:
   ... einem solchen Falle war jedes Gesetz null und nichtig. Die
       Beschuldigung des des ...
   ... einem solchen Falle war jedes Gesetz null und nichtig. Die
       Beschuldigung des ...

   [S. 357]:
   ... folgte eine dritte schließlich wurde er so lange mit dem
       Vorderkörper in's ...
   ... folgte eine dritte, schließlich wurde er so lange mit dem
       Vorderkörper in's ...

   [S. 360]:
   ... Der Aberglaube ist einer der bedauernswerten Erscheinungen,
       welche ...
   ... Der Aberglaube ist eine der bedauernswerten Erscheinungen,
       welche ...

   [S. 362]:
   ... (aus Holz) versehene, Schnuptabakdosen ähnliche Kalebassen,
       zugepfropfte ...
   ... (aus Holz) versehene, Schnupftabakdosen ähnliche Kalebassen,
       zugepfropfte ...

   [S. 395]:
   ... der Mantichorae und Carabi venatores; diese leben paarweise ...
   ... der Mantichorae und Anthiae thoracicae; diese leben paarweise ...

   [S. 399]:
   ... fühlte sich durch denselben sehr geschmeichelt, ließ so fort
       von Westbeech einen ...
   ... fühlte sich durch denselben sehr geschmeichelt, ließ sofort
       von Westbeech einen ...

   [S. 406]:
   ... Ruinen am Rocky-Schascha. ...
   ... Ruinen von Rocky-Schascha. ...

   [S. 421]:
   ... Walde machten sich die schon mehrmals erwähnten Morulabäume,
       bemerkbar, ...
   ... Walde machten sich die schon mehrmals erwähnten Morulabäume
       bemerkbar, ...

   [S. 427]:
   ... anderen bis zwei Meter hoch und dreißig bis fünfzig Centimer
       stark war. ...
   ... anderen bis zwei Meter hoch und dreißig bis fünfzig
       Centimeter stark war. ...

   [S. 470]:
   ... Jeder der an der Jagd theilnehmenden Farmer hatte einige
       Hunde mitmitgebracht, ...
   ... Jeder der an der Jagd theilnehmenden Farmer hatte einige
       Hunde mitgebracht, ...

   [S. 483]:
   ... ihre uneigenützige Fürsorge bei Durchsicht der in den
       englischen südafrikanischen ...
   ... ihre uneigennützige Fürsorge bei Durchsicht der in den
       englischen südafrikanischen ...

   [S. 504]:
   ... hat, beruht hauptsächlich: erstlich auf der Idee eines
       dauernden südafrinischen ...
   ... hat, beruht hauptsächlich: erstlich auf der Idee eines
       dauernden südafrikanischen ...

   [S. 509]:
   ... schon vor einem Jahre dahin abgesandten Sammlungen in
       vierunzwanzig ...
   ... schon vor einem Jahre dahin abgesandten Sammlungen in
       vierundzwanzig ...

   [S. 525]:
   ... Seit ihrem Tode kam der Brandy wieder über mich und und ich
       bin der Diamond ...
   ... Seit ihrem Tode kam der Brandy wieder über mich und ich bin
       der Diamond ...

   [S. 530]:
   ... but by a blood-thirsty, sawage king guilty of the shedding of
       the innocent blood ...
   ... but by a blood-thirsty, savage king guilty of the shedding of
       the innocent blood ...

   [S. 530]:
   ... of thousands of human beings! Schocking! How has such a
       creature ever dared ...
   ... of thousands of human beings! Shocking! How has such a
       creature ever dared ...

   [S. 530]:
   ... and fury, the seat of the lowest degradation of the human
       race, where membres ...
   ... and fury, the seat of the lowest degradation of the human
       race, where members ...

   [S. 530]:
   ... Courage is the only virtue we coud attribute to them (the
       Zulu's) if it would be ...
   ... Courage is the only virtue we could attribute to them (the
       Zulu's) if it would be ...

   [S. 531]:
   ... welfare by overthroving, and overwhelming the race of the
       whites, look with ...
   ... welfare by overthrowing, and overwhelming the race of the
       whites, look with ...

   [S. 531]:
   ... true desire towards this volcano in our north eastern corner;
       sigh in tought, sigh ...
   ... true desire towards this volcano in our north eastern corner;
       sigh in thought, sigh ...

   [S. 531]:
   ... in words, and most secretly troug messengers they sent into
       Cetywayo's laager. ...
   ... in words, and most secretly through messengers they sent into
       Cetywayo's laager. ...

   [S. 531]:
   ... There the last outburst of all the lowest savage vices seks
       its protection, finds ...
   ... There the last outburst of all the lowest savage vices seeks
       its protection, finds ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sieben Jahre in Süd-Afrika. Zweiter Band. - Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von - den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879)" ***

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