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Title: Briefe an Ludwig Tieck (2/4) - Zweiter Band
Author: Holtei, Karl von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Briefe an Ludwig Tieck (2/4) - Zweiter Band" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1864 erschienenen Buchausgabe
möglichst originalgetreu wiedergegeben. Die Zeichensetzung wurde
stillschweigend korrigiert. Aufgrund der Vielfalt der persönlichern
Schreibstile der verschiedenen Autoren wurden ungewöhnliche und
inkonsistente Schreibweisen aber beibehalten.

Der Schmutztitel sowie die Buchwerbung vor der Titelseite wurden
hier nicht wieder mit aufgenommen. Das Inhaltsverzeichnis wurde der
Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben.

Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert:

    S. 23: ‚theure Freund‘ → ‚theurer Freund‘
    S. 35: ‚die Wohnung‘ → ‚in die Wohnung schreiben‘
    S. 56: ‚vorkommend könnte‘ → ‚vorkommen könnte‘
    S. 106: ‚entgegeu‘ → ‚entgegen‘
    S. 116: ‚möge es Ihnen recht recht wohl ergehen‘: doppeltes ‚recht‘
      als Steigerungsform beibehalten
    S. 126: ‚von ihm erschienen Buche‘ → ‚von ihm erschienenen Buche‘
    S. 129: ‚ich weiß nich‘ → ‚ich weiß nicht‘
    S. 131: ‚Wie oft traume ich‘ → ‚Wie oft traume ich‘
    S. 154: ‚langage‘ → ‚language‘
    S. 163: ‚be brought unter‘ → ‚be brought under‘
    S. 165: ‚ververzeih‘ → ‚verzeih‘
    S. 181: ‚Schulpforte‘ → ‚Schulpforta‘
    S. 184: ‚Mühlenfelschen‘ → ‚Mühlenfelsschen‘
    S. 204: ‚Hoffnung mochten.‘ → ‚Hoffnung machten.‘
    S. 217: ‚jenen kleine Wunden‘ → ‚jenen kleine Wunden‘
    S. 231: ‚den Chevalier‘ → ‚dem Chevalier‘
    S. 269: ‚meiner Natur noch‘ → ‚meiner Natur nach‘
    S. 280: ‚Mai 836‘ → ‚Mai 1836‘
    S. 326: ‚Ihres Herzens‘ → ‚ihres Herzens‘
    S. 342: ‚ohne zutäppisch zu werden‘ → ‚ohne zu täppisch zu werden‘
    S. 359: ‚Varnhagens‘ → ‚Varnhagen’s‘

Der Text in der Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; dies
wird hier durch normale Schrift dargestellt; _Unterstriche_ stehen für
gesperrten Text, ~Tilden~ für Antiquaschrift. Fettgedruckte Passagen
werden durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben.

  ####################################################################



                                Briefe

                                  an

                             Ludwig Tieck.

                     Ausgewählt und herausgegeben

                                  von

                           Karl von Holtei.

                             Zweiter Band.

              Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1864.



                      Inhalt des zweiten Bandes.


                                                                  Seite.

    Hormayr, Joseph Freiherr von                                       1

    Humboldt, Alexander Freiherr von                                  18

    Jacobi, Friedr. Heinrich                                          36

    Jacobs, Christian Friedr. Wilhelm                                 37

    Jagemann, Caroline                                                39

    Iffland, August Wilhelm                                           43

    Immermann, Karl                                                   47

    Immermann, Marianne                                              106

    Ingemann, Bernh. Severin                                         129

    Julius, Nik. Henrich                                             134

    Kadach                                                           136

    Kaufmann, Alexander                                              140

    Kerner, Justinus                                                 149

    Killinger, K. A. Freiherr von                                    154

    Kleist, Maria                                                    172

    Koberstein, A.                                                   181

    Köchy, Karl                                                      189

    Koenig, Heinrich                                                 196

    Körber, Gottfried Wilhelm                                        198

    Körner, Christ. Gottfr.                                          203

    Koester, Hans                                                    208

    Koreff                                                           212

    Kratter, Franz                                                   212

    Krause, Karl Christ. Friedr.                                     216

    Krickeberg, Friederike, geb. Koch                                219

    Küstner, Karl Theodor von                                        226

    Laube, Heinrich                                                  227

    Lebrün, Karl                                                     235

    Lenz, J. R. von                                                  238

    Loebell, Johann Wilhelm                                          240

    Loeben, Otto Heinr., Graf                                        264

    Löwe, Ludwig                                                     279

    Ludwig, Otto                                                     281

    Lüdemann, Georg Wilhelm von                                      283

    Mahlmann, Siegfr. August                                         285

    Malsburg, Ernst Friedrich Georg Otto, Freiherr von               289

    Maltitz, Apollonius, Freiherr von                                325

    Marbach, Gotthard Oswald                                         327

    Marmier, Xavier                                                  331

    Martin, Henri und S.                                             333

    Mendelssohn-Bartholdy, Felix                                     336

    Menzel, Wolfgang                                                 340

    Meyerbeer, J.                                                    348

    Minckwitz, ~Dr.~ Johannes                                        351

    Mnioch, Johann Jacob                                             359

    Mörike, Eduard                                                   365



                     Hormayr, Joseph Freiherr von.


    Geb. zu Innsbruck am 20ten Januar 1781, gestorben in München am
    5ten Novemb. 1848, als Direktor des Reichsarchives. Fruchtbarer
    Schriftsteller: Der österreichische Plutarch, 20 Bd. (1807-20) --
    Taschen-Buch für vaterländ. Geschichte, 37 Bd. von ihm redigirt
    (1811-1848) -- ebenso: Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur
    und Kunst, 18 Bd. (1810-28) -- Geschichtswerke über Tyrol --
    Geschichte der neueren Zeit. -- Anemonen -- &c.


                                  I.

    _Schloß Raitz_, am 15. August 1822.

    _Wohlgeborner Herr Hofrath!_

Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Eurer Wohlgeboren mein Andenken
und mein Name nicht schon längst aus dem Gedächtnisse entschwunden sein
sollte, seit jenen Abenden des Spätsommers 1808, die ich bei meinem
unvergeßlichen Freunde, Heinrich Collin und bei Ihrer Frau Schwester,
Sophie von Knorring, damals Bernardi, sammt dem kurz zuvor in Wien
angekommenen Friedrich Schlegel, mit Ihnen zuzubringen, die Ehre hatte.
-- Hätte sich doch das biedere, lebensfreudige Wien öfters Ihres
Besuches erfreuen dürfen!

Seit dieser Zeit sind Sie im strengsten Sinne mein Wohlthäter, der
Urheber meiner liebsten Genüsse, der Erfrischer eines, mit manchem
widrigen Geschick, mit vielen Mühen und Gefahren ringenden Lebensmuthes
gewesen. -- In keiner wichtigen Unternehmung, noch in den himmelweit
verschiedenen Studien kritischer Forschung, konnte ich Shakespeare
und Tieck entbehren. -- Das „~nulla dies sine linea~“ übte ich
buchstäblich an der Genofeva, am Octavian, am Blaubart, am Phantasus
-- und der junge Freund, der Ihnen, verehrter Herr, diesen Brief
überbringt, wiederholt es mir oft, daß er es mir als die größte
Wohlthat verdanke, daß ich sein kräftiges, glühendes, aber etwas
düsteres Gemüth, von seinem sechzehnten Jahre an, mit Ihren Werken
erquickt und genährt habe, die ihm eine ganz neue Welt, einen in allen
Farben und Tönen spielenden Zaubergarten der Romantik aufschlossen.

Dieses Briefes Überbringer ist der junge Graf Hugo von
Salm-Reifferscheid, der einst seinem Großvater in der Fürstenwürde
folgt, sich zum Staatsdienste vorbereitet, und bei großem Fleiße in
seinen Berufsstudien, eine außerordentliche Liebe für redende und
bildende Kunst hat, mein Schüler in der Historie und mittelbar wohl
auch in manchen andern Dingen, da ich seinem Hause seit vielen Jahren
in inniger Freundschaft verbunden bin. -- Sein Vater, der als Berg- und
Hüttenmann, als rationeller Landwirth und als Naturhistoriker bekannte
Altgraf Hugo von Salm-Reifferscheid führt ihn und seinen zweiten Sohn
Robert auf Reisen, vorerst in Ihr deutsches Florenz und nach Leipzig.
-- Wärmere Verehrer als diesen jungen Mann hatten Sie wohl nie in dem
großen Kreise derer, die in Ihnen mit Recht einen der größten Dichter
aller Zeiten und aller Nationen bewundern und lieben, und nichts erhebt
so sehr, als jene freudige Begierde jugendlicher Gemüther: den Mann
von Angesicht zu Angesicht zu schauen, dessen Thaten oder Werke ihr
Herz oder ihre Einbildungskraft beschäftiget haben. -- Nehmen Sie ihn
freundlich auf.

Wie sehr freue auch ich mich, durch ihn Kunde zu erhalten von Ihrer
Gesundheit, die leider öfters als leidend geschildert wird und von den
Hoffnungen, die unsre Literatur auf Sie ihren festen Hort und in so
Manchem einzig und unübertroffen, bauen darf? --

Sollten Sie in Wien Aufträge haben, (den großen Theil des Sommers
verlebe ich auf dem Salm’schen Schlosse Raitz bei Brünn in Mähren)
erlaube ich mir hier meine Addresse herzusetzen: Herrn Joseph Freiherrn
von Hormayr zu Hortenburg, Ritter des Leopoldsordens, wirklichen
Hofrath und Historiographen des kaiserlichen Hauses -- zu Wien No.
747 Untere Bäckerstraße. -- Es sei mir dagegen auch erlaubt, um
Ihre Addresse und um den Namen jener Buchhandlung zu bitten, mit
der Sie am füglichsten verkehren und durch die man Ihnen verläßlich
Sendungen machen kann. -- Mein historisches Taschenbuch dürfte Ihrer
Aufmerksamkeit nicht ganz unwerth sein. -- Seine drei Hauptrubriken:
„_Ahnentafeln_,“ -- „_Burgen_,“ -- „_Sagen und Legenden, Zeichen
und Wunder_“ sind das vorzüglichste Vehikel meiner Haupttendenz,
der Popularisirung der Historie durch die redende und bildende
Kunst und vorzugsweise Anwendung dieser Beiden auf _vaterländische_
Gegenstände. -- Die lezte Wiener Kunstausstellung gab wirklich schon
Proben vorherrschenden nationalen Sinnes. Möchte er nur auch in die
Balladen-Dichtung und in die Dramaturgie hinübergehen! -- Mein nun
schon im XIV. Jahre bestehendes Archiv für Historie, Staats- und
Kriegskunst hatte jahrelang gleichfalls eine eigene Rubrik poetischer
Stoffe aus der Vaterlandsgeschichte und lieferte über hundert solcher
Balladen, worunter freilich auch nicht wenig Mittelmäßiges, aber viel
Gutes und einiges Vortreffliche war. -- Dürfte doch auch mein Journal
oder mein Taschenbuch sich schmeicheln, mit Ihrem Namen prangen zu
dürfen? -- Ich würde stolz darauf sein und gewärtige nur, daß Sie mir
die Bedingungen vorschrieben! Wer weiß wie Sie die Leyer der Sage zu
rühren und bei aller historischen Tendenz ist doch ganz und gar kein
Zwang weder in der Wahl des Gegenstandes, noch in der Behandlung.

Hocherfreut über diese Gelegenheit, meinen Namen wieder in Ihr
Gedächtniß zurückzurufen, erneuere ich angelegentlich den Ausdruck
tiefgefühlter Verehrung und Ergebenheit

    Euerer Wohlgeborn

    gehorsamster Diener

    Frhr. _v. Hormayr_.

Sie vergeben einer langjährigen Augenschwäche, den Übelstand, Alles
fremder Hand zu diktiren.


                                  II.

    _Schloß Raitz_, 27. Juni 1825.

Obgleich Ihre eigene Aussage, theuerster Freund, bekräftigt, daß Sie es
mit Ihrer Correspondenz, selbst gegen gekrönte oder zu krönende Häupter
eben nicht allzu gewissenhaft zu nehmen pflegen, erlaube ich mir doch,
Ihnen eine Briefetikette vorzuschlagen, die Ihnen weder viel Zeit, noch
viel Mühe kosten wird und von der Etikette des alten französischen
Hofes erborgt ist, wo man bekanntlich, nur mit einem einzigen Wort auf
alle Fragen antworten durfte. -- Es sollte sie zwar auch in München ein
Briefchen von mir ereilt haben, allein das thut nichts zur Sache. --
Schreiben Sie mir nur gütigst wenige Buchstaben und wenige Ziffern auf
die rückwärts stehenden Fragen, durch den Überbringer dieses. -- Das
ganze Salmische Haus grüßt Sie hochachtungsvoll und mit den allerbesten
Wünschen. -- Anschütz empfiehlt sich voll Dank und Verehrung Ihrem
Gedächtniß.

    Ganz der Ihrige

    _Hormayr_.


    I.

Haben Sie den gütigst übernommenen Brief und Paquet richtig zu
behändigen Gelegenheit gehabt?

    Ja.                                     Nein.


    II.

Wie lange bleiben Sie in Dresden und wann gehen Sie nach Töplitz?

    Datum.


    III.

Wann ist es Zeit, gegen den Nachdruck Ihrer Werke, die gehörigen
Schritte zu thun und Ihnen die diesfälligen Formulare zuzusenden?

    Datum.


                                 III.

    _Wien_, am 20ten November 1826.

Wäre ich an Divinationsgabe nur einigermassen dem Pfarrer von S.
Sulpice zu vergleichen, so würde ich aus der Stellung ihrer Beine und
Knie augenblicklich errathen, daß es die Beine und Knie eines überaus
geistreichen und liebenswürdigen Mannes sind, der aber zur Abbüßung
schwerer Jugendsünden, ein heiliges Gelübde gethan hat, Niemandem eine
Zeile Antwort zu geben.

Seit Sie Wien verließen, weis ich von Ihnen, zuerst durch einige höchst
scharfblickende und liebevolle Zeilen des damaligen Kronprinzen,
nunmehrigen Königs von Bayern, -- dann brachte mir der Schauspieler
_Stein_ eine Karte, worauf zu meinem versteinernden Erstaunen
sogar ihr Name und noch eine halbe Zeile eigenhändig standen, --
zuletzt hat mir die liebenswürdige _Sophie Müller_ recht
umständliche, meiner Ungeduld halb und halb genügende Auskünfte von
Ihnen, von Ihrem Befinden und von Ihrer Familie gegeben. Noch Näheres
hoffe ich dieser Tage durch Grillparzer zu vernehmen.

Das Haus der Grafen Salm hat hieran den lebendigsten Antheil genommen.
-- So wie ich selbst die tiefere Bekanntschaft Ihres Genius, (denn ich
lese _alle_ Jahre _alle_ Ihre Werke einmal ganz durch,) der
Gräfin Salm verdanke, so wünschte die ganze Familie nichts sehnlicher,
als Sie einmal zu längerem Sommeraufenthalt auf ihrem Schlosse Raitz
bei Brünn zu besitzen. -- Der älteste Sohn, Graf Hugo Salm, ist in Prag
angestellt, Ihnen also recht nahe. -- Er hat seiner Mutter zu ihrem
letzten Geburtsfeste, von dem talentvollen Prager Maler Führich, der
jetzt nach Rom geht, einen Cyklus aus Ihren Elfen componiren laßen, den
ich unendlich zart und genialisch finde. -- Von demselben Führich ist
ein Cyklus aus Ihrer Genovefa, mir lieber, als alle Umrisse von Retzsch
und Cornelius.

Sophie Müller erzählte mir, sie habe Ihnen bereits kundgegeben, wie
mich Ihr „_Dichterleben_“ entzückte, wie ich durch ganz Wien, die
Honneurs desselben gemacht, es den Leuten auf die Brust gesetzt und
Mehreren, mit Gewalt vorgelesen habe. -- Hier und in der Vorrede zu
Heinrichs von Kleist dramaturgischem Nachlaß, fand ich meine eigenen
Ansichten und Wünsche hinsichtlich der Nationalität der Tragödie
und des historischen Drama siegend ausgesprochen. -- Aber was soll
ich Ihnen sagen von dem Krieg in den Cevennen, in dem ich beinahe
jeden Tag wieder lese und über die einzelnen Partien desselben recht
eigentliche Studien mache? -- In unserer deutschen Literatur hat
dieses Meisterwerk nicht seines Gleichen und ich zweifle sehr, ob in
irgend einer andern? Da ich selbst den Tyrolerkrieg von 1809 geleitet
habe und den Gebirgskrieg und den Volkskrieg genau kenne, mögen Sie
auch die Steigerung des Eindruckes ermessen, den die ungeheure,
psychologische Wahrheit, die grandiose Anordnung des Ganzen, die
präcise Charakteristik, die hohe Ruhe in der beständigen Unruhe, das
Unbewegliche im ewig Beweglichen, auf mich gemacht haben. -- Ich weiß
diesen Eindruck mit Nichts zu vergleichen, seit langen Jahren in
unserer wahrlich verhängnißreichen Zeit.

Aber um des Himmelswillen, wie haben _Sie_ es über sich vermocht,
den ersten Theil _allein_ herauszugeben. -- Das heißt, die Leute
bei den Haaren aufhängen und die Schwachen mit aller Gewalt irre
machen. -- Solche Reitze vertragen wenige, ohne endliche Befriedigung.

Ist aber doch ernstliche Hoffnung, daß der zweite Theil =bald=
nachfolge? daß er nicht ~ad Calendas Graecas~ hinausgeschoben
werde? -- Was Sie bereits gegeben haben, ist so bewundernswürdig, so
zart und zugleich so groß, daß Sie die Gesundheit und die Nerven aller
echten und rechten Leser zu verantworten haben und daß Sie meinen
Kindern dafür responsabel sind, wenn auch über mich in allem Ernst der
Geist des Herrn kömmt und ich mich auf ein Haar so gebärde wie der
lange, blöde Michel! -- Was nur unser dicker Friedrich Schlegel dazu
sagen wird? Ich denke, er macht eine bedenkliche Miene, darauf einen
schlechten Witz und ärgert sich zuletzt, daß nichts anders heute Abends
zum Souper kommen soll! So ist in der That sehr zu beklagen, daß ein
_solches_ Talent _so_ endigt! daß es in all den mystischen
Grimassen nicht einmal ~de bonne foi~ ist und daß ihm diese
mühsame Hypokrisie noch obendrein schlecht genug bezahlt wird, ja, daß
er gar keine Partei für sich hat, außer einige Mönche, einige junge
Leute, die er noch ins Narrenhaus bringen wird und eine Dame, die er,
wie die Leute sagen, auszieht, was ich eben nicht glauben will, die
aber eine boshafte Thörin ist.

In der That, wenn Sie auch dem Gelübde nicht abtrünnig werden können
noch wollen, Niemandem eine Zeile zu antworten, so könnten Sie mich
doch durch dritte Hand wissen laßen, bis wann Hoffnung ist, daß der
zweite Theil erscheinen werde? -- In den Almanachen, die mir bisher
unter die Hände kamen, suchte ich vergebens nach einer Novelle von
Ihnen, weiß auch kein Wort, was wir sonst hoffen dürfen? und wie es mit
der Herausgabe Ihrer sämmtlichen Werke stehe?

Das Theater macht Ihnen wohl noch hübsch viel Galle? -- Das ist nun
einmal nicht anders. -- Die Wiener und Berliner Direktionen wetteifern
darin mit einander, das Problem zu lösen, wie man mit einem Verein der
ausgezeichnetsten Kräfte so wenig als möglich leisten könne? -- Die
Censur gibt den Herren freilich leider manche Entschuldigung an die
Hand, allein nichts destoweniger könnten sie weit mehr thun, als sie
wirklich leisten. -- Anschütz bezeigte Ihnen seine tiefe Verehrung. Das
ist doch noch ein Mensch, mit dem es eine Freude ist, von Ihnen und von
Ihren Werken zu sprechen und der eben so die Alten, wie den Shakespeare
in der Ursprache zu lesen vermag. --

Genehmigen Sie mit gewohnter Güte den erneuerten Ausdruck der wärmsten
Theilnahme des Salmischen Hauses und meiner unwandelbaren Bewunderung
und Anhänglichkeit.

    Ganz der Ihrige

    _Hormayr_.

Meine Addresse ist: Nr. 707 am alten Fleischmarkt, dieselbe Wohnung, wo
wir so glücklich waren, Sie zu sehen.


                                  IV.

    _Wien_, am 27. September 1827.

Ich benütze sehr gerne die Gelegenheit einer, die Dresdner Gallerie
besuchenden Künstlerin Therese Eisl, Wittwe eines im Fache der
Archäologie und der rationellen Landwirthschaft verdienten
Schriftstellers, um Ihnen, verehrungswürdigster Freund! ein Zeichen des
Lebens zu übersenden und die hochachtungsvollsten, freudig erneuerten
Grüße von mir und von der gräflich Salm’schen Familie, die wir uns Alle
in gleichem Maße der Anbetung nach Ihrem Wiedersehen sehnen, aber auch
die bittern Vorwürfe des gesammten Deutschlandes theilen, über das
nicht genug zu beklagende lange Ausbleiben des IIten Theiles
Ihres unübertrefflichen Aufruhrs in den Cevennen. -- Das heißt doch
wirklich dem Publikum mehr aufladen, als es zu tragen vermag -- und
was wäre das für ein Publikum, das diese, je wildere, desto heiligere
Ungeduld, nicht aus ganzer Seele theilte!?

Ranke hat mir Ihre theuren Zeilen übergeben, -- ich hoffe, ihm nützlich
gewesen zu seyn, ich hoffe auch, daß er alle seine Zwecke gloriös
erreichen wird.

Es freut mich unendlich, daß Raumer mit meiner Anzeige seiner
Hohenstauffen zufrieden ist. -- Es ist jetzt in der deutschen
Journalistik ein, nicht genug zu bekämpfender, abscheulicher Ton:
nachsichtig gegen das Schlechte und Gemeine, verwöhnend gütig gegen das
Mittelmäßige, aber unerbittlich gegen alles Gute und Treffliche.

Scheuten Sie nur das Clima nicht so sehr, Sie hätten müssen nach
München gehen, wo so viele Schätze altdeutscher Dichtkunst, wo das
Theater einer so kolossalen Reform bedarf und der König ein so feuriger
Bewunderer von Ihnen ist.

Hochachtungsvoll umarmt Sie tausendmal

    Ganz der Ihrige

    _Hormayr_.


                                  V.

    _München_, den 21. Februar 1828.

Seit den letzten Dezembertagen befinde ich mich in München, in
archivarischen Forschungen, sowohl um die Vorarbeiten zu meinem
großen Werk über die vorzugsweise romantische Heldendynastie der
_Babenberger_ zu vollenden, als auch, nach dem Wunsch und nach dem
Rufe des Königs, eine _Geschichte Bayerns_ bis zum westphälischen
Frieden zu schreiben. -- Wie diese Arbeiten auch immer ausfallen
mögen, bleibt es doch gewiß ein großer Gewinn für die Historie
des ganzen südlichen und mittleren Deutschlands, daß ich, der die
österreichischen, böhmischen und ungarischen Archive reorganisirte,
und daher genau kennt, auch noch zu dem Überblick der bayerischen und
fränkischen und zum Theil der schwäbischen komme. Beynebens trachte
ich eifrig jene chinesische Mauer zwischen dem österreichischen
und deutschen Buchhandel hie und da einzureissen, in der sichern
Überzeugung, daß die Geschichte der süddeutschen Länder durchaus nicht
isolirt, sondern nur im strengen Zusammenhang mit glücklichem Erfolge
behandelt werden könne. -- Ich schmeichle mir auch, neues Leben in
die hiesigen archivarischen Forschungen gebracht zu haben, da die
historische Klasse der Akademie, ganz uneingedenk ihres alten Ruhmes,
den Aufschwung des Königreichs nicht getheilt, sondern die letzten 25
Jahre in einem förmlichen Winterschlaf zugebracht hatte.

Professor Rauch aus Berlin ist gestern wieder dahin zurückgekehrt,
nachdem er die Vorbereitungen zum künftigen Gusse seines sitzenden
Bildes des verstorbenen Königs angeordnet hatte. Ich freute mich innig,
Rauch so enge Ihrem geistreichen Bruder verbunden zu wissen. Er war
erstaunt über die hiesigen Kunstschätze, sowohl aus dem griechischen
und römischen Alterthum, als auch in der altitalienischen und
altdeutschen Malerey, nicht minder über die Kunstschule, die sich hier
bildet unter Cornelius, Julius Schnorr und Heinrich Heß. -- Wer München
vor 20 Jahren gesehen hat, kann es unmöglich wieder erkennen. Es ist
nicht allein eine ganz neue Stadt geworden, sondern auch eine Masse
von Kenntnissen, Streiflichtern und heller Tagsbeleuchtung, die nur
noch wenige Zuckungen und Nebel der altbayerischen Schlagschatten zu
überwinden haben. -- Als 1799 König Max Joseph die Regierung antrat,
wollte Niemand der Königin protestantischen Hofprediger Schmidt in
eine Wohnung aufnehmen, und man war gezwungen, ihm bey Hof Quartier
zu geben. -- Wie ganz und gar ist darin Alles umgestaltet und Alles
anders -- und in noch wie vielen andern Dingen?! -- Mit Unrecht würde
man den König einer katholischen Einseitigkeit beschuldigen. Er hat
sich vielmehr stark und entschieden gegen die Jesuiten und gegen die
Kongregation ausgesprochen, und wacht strenge über die Gleichheit
der Rechte beyder Religionspartheyen. -- Was etwa in dieser Hinsicht
früher zuviel geschehen ist, das hat die Wohldienerey dieses und jenen
Werkzeugs verschuldet, das der König, so wie er es gewahr wurde,
ernstlich gerügt und abgewiesen hat. -- In 10 Jahren hat München gewiß
ein unerwartet großes, intellectuelles und künstlerisches Übergewicht,
zumal je verblendeter und ärger Zensur und Geistesdruck ostwärts ihr
lichtscheues Wesen treiben.

Witt-Döring, den ich übrigens gar nicht gesehen oder begegnet, desto
mehr aber von ihm gehört, wollte seine (von Osten wie von Nordost
her) inspirirte Jakobiner- und Demagogen-Riecherey auch in München
fortsetzen, wo er binnen 7 Tagen Alles durcheinander hetzte und
verwirrte, ein unglückliches Duell veranlaßte, und zum Federführer
der Hoch-Torys gerufen schien. -- Der König hat ihn fortgejagt -- und
wahrlich, die Epoche der jetzigen Ständeversammlung bedurfte keines
neuen Brandlegers. -- Zugleich erschien in mehreren öffentlichen
Blättern ein, hier mit allgemeinem Beifall gelesener Aufsatz über
Witts niedrige Ausfälle und unaufhörliche Denuntiationen wider mehrere
geehrte deutsche Dichternamen. Ich schicke denselben als ein pikantes
~Novissimum~.

Schenks Belisar hat ja in Weimar sehr viel Glück gemacht? -- Ich höre
Adam Müller spitze gewaltig die Feder zu jesuitischer Polemik? -- Daß
doch die Leute geschwiegen haben, wo sie hätten reden sollen, und nun
reden, wo sie lieber schweigen sollten. -- Es ist nichts hübscher,
als die Frau seines Gastfreundes zu entführen, zu heirathen, dabey
hyperkatholisch zu seyn, und Bonald über die =Unauflösbarkeit= der
katholischen Ehen, im Geiste des Trientner Conciliums zu übersetzen. --
Wellingtons und Huskissons Erklärungen sind ein neuer Beweis, wie eitel
die Hoffnung sey, die Welt rückwärts zu drehen.

Die Familie Salm empfiehlt sich hochachtungsvoll Ihrem Andenken, und
hofft, _Sie_ doch einmal wieder in Wien oder in den böhmischen
Bädern oder bey sich auf dem Schlosse Raitz zu begrüssen.

Ist denn um Gotteswillen gar keine Hoffnung auf die Fortsetzung der
Cevennen? -- War Raumer zufrieden mit Paris?

Mein brüderlicher Freund Schenk war entzückt über Ihre Bemerkungen
zum Belisar. -- Solche Reflexionen müssen es freilich seyn, um nur
einigermassen zu trösten über die erbärmliche Gehaltlosigkeit fast
aller mimischen und dramaturgischen Critiken. --

Der König Ludwig gedenkt Ihrer stets mit dem ausgezeichnetsten
Wohlwollen. Ich umarme Sie herzlichst mit der innigsten Verehrung und
mit der alten freundschaftlichen Ergebenheit.

    Ganz der Ihrige

    _Hormayr_.


                                  VI.

    _München_, am 15. Oktober 1830.

Nur um wenige Minuten, mein unvergeßlicher, theurer Freund, habe ich
Sie bey Ihrer Abreise von München verfehlt und wie ich höre, ist es
der Frau Ministerin von Schenk in Regensburg auch nicht viel besser
ergangen. -- Mit mir gab es aber noch einen komischen Zufall. Ich fuhr
Ihnen auf der Stelle nach in die Schleißheimer Allee, in der Gewißheit,
Sie noch einzuholen und Ihnen noch einmal zum Abschiede die Hand zu
drücken. Auch erreichte ich glücklich binnen einer halben Viertelstunde
einen Wagen, der nach der Beschreibung dem Ihrigen glich, aber um des
Regens willen ganz zugeknöpft war, sprang aus, hielt den Wagen an
und bat, das Leder aufzuknüpfen, weil ich mich noch gerne von Ihnen
beurlauben wolle; statt dessen aber sah gar bald ein kupferrothes und
grimmiges Gesicht zum Wagen heraus, versichernd, der Inhaber dieser
Schnautze sey kein Hofrath Tieck, sondern ein Bierbräuer von Erding,
der es mir keineswegs gut aufnahm, daß ich ihn aufgehalten hatte.
-- Ich fuhr also voll Ärger unverrichteter Dinge wieder zurück und
drücke Ihnen jetzt noch einmal meine Freude aus, Sie so wohl und so
heiter gesehen und von Ihnen selbst die langersehnte, ernstliche
Fortsetzung der Cevennen erhalten zu haben. -- Jetzt ist wohl auch
Raumer glücklich bei Ihnen angekommen, den ich tausendmal umarme. --
Er möge sich den Kronprinzen von Bayern, den ich voriges Jahr in der
Historie unterrichtete, beßtens empfohlen seyn lassen und ihn so oft
als möglich sehen. -- Der schöne und hoffnungsvolle junge Herr hegt
eine ungemeine Vorliebe für Geschichte und Dramaturgie. -- Welcher
Umgang sollte ihm daher lieber seyn, als Raumers? -- Dieser erwirbt
sich dadurch ein großes Verdienst, nicht nur um den liebenswürdigen
Prinzen, um Preußen und Bayern, die sich nie enge genug verbinden
können, sondern auch um ganz Deutschland. -- Sootzmann wird ihm einen
Brief von mir übergeben. Ich weiß es längst, daß man eher vom Fürsten
Metternich einen _liberalen_ Rathschlag, als von Ihnen einen
_Brief_ herauszwingt, doch könnten Sie irgend einem fahrenden
Schüler auftragen, Ihre Gesinnung mit ein Paar Worten hinzuschreiben
und alsdann blos Ihren Namen darunter setzen? -- Die Fortsetzung des
_Dichterlebens_ war mir ein hoher Genuß und in den Wundersichtigen
mußte ich mich unwillkürlich an die Erscheinung der heiligen Cäcilia
und an die übrigen Mirakel erinnern, die Friedrich Schlegel und
seine Jünger, der Gräfin L. und andern, in der Jugend liederlichen,
im Alter devoten Wiener Damen gewirkt haben. Es ist nöthig, solche
Thorheiten der Zeit zu geißeln. Sie hängen nur allzugerne den Mantel
der Hypocrisie um, -- und gewinnen in Berlin immermehr Boden. -- Ich
fürchte sehr den Einfluß A’s. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Doch sein Genius wird ihn
wohl davor bewahren, wie er auch seinen Vater bewahrt hat. -- Tausend
Glück und Seegen! Rufen Sie mich doch Ihrer Fräulein Tochter und der
Frau Gräfin von Finkenstein in geneigtes Andenken zurück. Ich umarme
Sie von ganzem Herzen!

    Ganz der Ihrige

    _Hormayr_.


                                 VII.

    _Hannover_, am 10. May 1833.

Seit langer Zeit, verehrter Herr und theuerster Freund, haben Sie
Nichts von mir gehört, -- Ich (wie übrigens gewöhnlich,) noch weniger
von Ihnen. Inzwischen sind meine Bewunderung und meine Liebe für Sie
stets dieselben geblieben, und nie vermag ich an Sie zu denken, ohne
die innigsten Wünsche für Ihr Wohlergehen und für die dem gesammten
deutschen Volke wichtige Heiterkeit und Fruchtbarkeit Ihres Geistes.
-- Wie ergeht es mir denn mit Raumer, den ich doch stets so sehr
geachtet und gegen alle Angriffe rüstig vertheidiget hatte? -- Ich
bekomme auf keinen Brief mehr Antwort und weiß mir dieses in keiner
Art zu erklären. -- Leider sah ich Raumer in Göttingen kaum eine
Viertelstunde, als er eben nach Cassel abfuhr. -- Dringen Sie ihm doch
ein wenig auf’s Gewissen.

Diese Zeilen haben übrigens einen höchst interessirten Anlaß, --
nämlich Ihnen eine überaus werthe Freundin dringendst zu empfehlen,
die (überhaupt sehr geistreich und liebenswürdig) an Begeisterung
für Tieck’s Muse mit mir wetteifert und viele seiner Meisterwerke,
insonderheit den, trotz aller Versprechungen noch immer nicht
fortgesetzten Aufruhr in den Cevennen, aus meinem Munde gehört hat.
-- Es ist die Bankierswittwe Madam Philipp aus Hannover mit ihren
trefflichen Töchtern. Sie ist die Schwester des um das Königliche Haus
sehr verdienten Münchner Hofbanquiers und Ritters der bayerischen
Krone Baron Eichthal, der sich jetzt wegen der griechischen Anleihe
bald in London, bald in Paris befindet. -- Sie besucht ihre Familie
in Prag, München, Augsburg, St. Blasien auf dem Schwarzwald und kehrt
dann wieder nach Hannover zurück. -- Ludwig Tieck von Angesicht zu
Angesicht zu sehen, gehört zu den lange gehegten Herzenswünschen dieser
drei hochgebildeten und interessanten Damen. -- Von Ihnen, theuerer
Freund, bin ich der gütigsten Aufnahme dieser meiner intimen Freunde
gewiß, die mir den Anbeginn meiner Mission in Hannover hindurch ein
unentbehrliches und unschätzbares Kleinod gewesen sind. -- Etwas
shakespearisiren müssen Sie mit ihnen. Es ist bei Gott gut angewendet
und ich sehne mich, einmal wieder von Augenzeugen Nachrichten und
~ipsissima~, ~suprema verba~ von Ihnen zu hören.

Ihre neuesten Novellen haben mich wie immer sehr angesprochen. Aber
dennoch ist mein Wunsch nur um so heftiger, Ihre riesige Kraft wieder
einmal an einem grossen und Ihrer würdigen Gegenstande bewährt zu
sehen, vor Allem in der Beendigung des Aufruhrs in den Cevennen! Die
poetischen Gassenjungen und Zwerge dürfen nicht glauben, Tieck habe
die Kraft verlassen, den Zauberknoten zu lösen, den er geschürzt. --
Sehr wünschte ich, meine nun schon 30 Jahre bestehenden, historischen
Taschenbücher und ihre stehenden Rubriken: _Sagen und Legenden_,
-- _Ahnentafeln und Burgen_ wären Ihnen zur Hand und werth, Ihnen
interessante Novellenstoffe zu bieten? -- Fast sollte ich es meinen.

Genehmigen Sie den erneuerten Ausdruck jener aufrichtigen Bewunderung,
treuen Anhänglichkeit und Liebe, mit welchen unaufhörlich beharret

    Ganz auf ewig Ihr alter,

    treuester Verehrer

    _Hormayr_.


                                 VIII.

    _München_, am 3. Juli 1845.

Ich erlaube Mir, Hochwohlgeborner Herr Geheimerrath, und seit so lange
Hochverehrter Freund, zwei geringe Andenken zu überreichen an unsern
seit vierzig Jahren, seit der großen antibonapartischen Rüstung 1808
in Wien, in so edelm Beisein, wie der Frau von Staël-Necker, der
Nyß, der Frau von Knorring, der beiden Brüder Schlegel, so vieler
jenseits der Alpen, der Apenninen und der Pyrenäen des Fremdlingsjoches
Ungeduldigen, so vieler edeln, rachedurstigen Preußen, wie Rühle,
Grollmann, Pfuel, Marwitz, Kleist, Arnim, Valentini u. v. A.
geschlossenen Freundschaftsbund. -- 1825, zehn Jahre nachdem die Welt
in Frieden und doch nirgend ein rechter Friede war, erneute sich dieser
schöne Bund abermal in Wien, in dem herrlichen Hause Salm. Ich kann
wohl sagen, daß die unvergleichliche Fürstin Salm 1815|1825 meine
Erziehung (freilich etwas spät), gleichwohl aber mächtig vollendet
hat, bloß durch die Lesung und das Durchstudiren Ihrer sämmtlichen
Werke, aus denen insonderheit Genovefa den unauslöschlichsten Eindruck
auf mich gemacht und mehrere Meisterwerke der Historienmalerei durch
Führich, Fendi, Ruß und Petter hervorgerufen hat.

Sie erhalten hieneben die göttlichen Burgen des Tyrolischen Etschthales
und meine, der erwünschten (alle österreichischen, fatalistischen
Mißgeschicke entfernenden) Vermählungsfeier des Kronprinzen Maximilian
geweihte goldne Chronik von Hohenschwangau, der Burg der Welfen, der
Hohenstaufen und der Schyren-Wittelsbacher. -- Nehmen Sie die geringe
Gabe freundlich auf. -- Der Himmel erhalte Sie für späte Zeiten, in
denen Ihr üppig reicher Ruhmeskranz unverwelklich fortblühen wird.
-- Ihr Genius hat auch auf alle werthvollen Schöpfungen meiner mehr
als fünfzigjährigen und auf anderthalbhundert Bände betragenden
Laufbahn den entscheidendsten und wohlthätigsten Einfluß geübt. --
Ich lege hier ein Verzeichniß derselben bei, wovon ich Sie, edelster
Freund, bitte, auch an den wahrhaft großen Alexander Humboldt, auch
an Raumer, -- Waagen, von der Hagen, Abdrücke gelangen zu lassen,
die Ihnen vielleicht nicht unwillkommen und die längst von mehreren
Gelehrten-Lexicis, von den Pariser Schmierern der ~biographies des
contemporains~, der ~gallerie des hommes illustres etc.~
verlangt worden sind: -- eine wahrhafte Satyre auf das Horazische: --
_~multum non multa!~_ -- Indessen, wo es sich um Entdeckung
und Veröffentlichung überreicher Materialien handelt, und um deren
kritische Sichtung, immer noch zu rechtfertigen! -- Die in Berlin
erfahrene, außerordentliche Nachsicht und Güte, (worin freilich
_Sie_ mit dem liebenswürdigsten und unvergeßlichsten Beispiele
vorangingen), hat in mir den festen Entschluß erweckt, jedes Jahr
gegen Ende Mai, -- vier bis sechs Wochen dem Besuche Berlins zu
widmen. -- Meine Frau dankt mit mir Ihnen und der edeln Frau Gräfinn
von Finkenstein mit der innigsten Rührung und an die vielen schönen
Stunden, namentlich an Romeo und Julie, das ihre gespanntesten
Erwartungen noch weit übertraf, immer und ewig gedenkend.

Der Himmel erhalte uns in Ihnen lange noch eine der edelsten Zierden
des deutschen Gesammtvaterlandes und der europäischen Dichterwelt. --

Mit ungemeiner Hochachtung und treuester Ergebenheit

    Ew. Hochwohlgeboren

    ganz der Ihrigste

    _Hormayr_.



Humboldt, Alexander Freiherr v.


    Mit zwei Ausnahmen vom 10. und 25. Juni 1846 und vom 10. Mai
    1848 entbehren sämmtliche durch Tieck aufbewahrte Humboldt’sche
    Briefchen und Billete die Angabe einer Jahreszahl. Dieselben
    mit Bestimmtheit chronologisch zu ordnen, dünkte uns unmöglich,
    weil bei jedesmaligem Prüfen und Vergleichen des Inhalts immer
    einzelne Widersprüche hervortraten. Wir sind, um unsrerseits keinen
    Fehlgriff zu thun, endlich bei der Reihenfolge stehen geblieben, in
    welcher Tieck sie hintereinander zusammengeheftet seiner Sammlung
    einverleibt hatte, obgleich diese Anordnung kaum richtig sein kann,
    wie sich beim Lesen ergiebt.

    Was den Inhalt anlangt, so _mußte_ Mancherlei weggestrichen
    werden. Es ist wohl noch Einiges stehen geblieben, und läßt sich
    Anderes aus den Lücken halb und halb errathen, was sich mit dem
    edlen Charakter des großen Mannes nicht gut verträgt. Doch war
    darauf um so weniger Bedacht zu nehmen, nachdem bereits ungleich
    schlimmere kleine Perfidieen weltkundig geworden. Auch hegen wir
    die feste Überzeugung, daß jene oft verletzenden Worte, welche
    hier und da Humboldts Munde und Feder entschlüpften, niemals aus
    seinem _Herzen_ kamen, sondern lediglich einer, allerdings
    nicht löblichen, Angewohnheit entsprangen. Er vermochte nicht, was
    ihm gerade Witziges, Spöttelndes einfiel, zu unterdrücken, ob es
    auch boshaft war. Diese Schwäche hat ihm den Ruf der Falschheit
    zugezogen, den er darum doch nicht verdient.

    Räthselhaft bleibt es immer, wie zwei Brüder, die sich so nahe
    standen, die sich so innig geliebt und geachtet, dabei so
    verschieden sein konnten. _Wilhelm_, der Diplomat, der
    Staatsmann, dessen Laufbahn recht eigentlich durch alle Irrgewinde
    der Kabinets-Intrigue und unerläßlichen Verstellungskünste geführt,
    wird von Allen, die jemals mit ihm in Berührung kamen, als ein
    Muster aufrichtigster, geradester Wahrheitsliebe verehrt; als
    ein Edelstein vom reinsten Wasser; als ein Gelehrter, dessen
    Äußerungen, Silbe für Silbe, die Goldprobe bestanden.

    _Alexander_, den sein selbst erwählter Lebensweg über
    Steppen und Prairieen, über himmelhohe Berghöhen und unermeßliche
    Meere, durch Urwälder und Palmenhaine geleitet; der ein langes
    Menschenalter an die Natur und deren Erforschung gesetzt; der
    bis zum Tode _Freiheit_ und _Wahrheit_ predigte; der
    rothe Revolutionaire als seine „theuren Freunde“ zu bezeichnen
    keinen Anstand nahm; -- Er gilt für falsch, und seinen fast
    schmeichlerischen Artigkeiten ließ sich durchaus nicht ablauschen,
    ob ihnen nicht, wenn sie in’s Gesicht ausgesprochen waren, hinter
    dem Rücken bitterer Hohn folgen dürfte? Wie wenig würde, was er
    auch hinter Tiecks Rücken von diesem gesprochen, übereinstimmen mit
    den Versicherungen, die er ihm hier so freigebig ertheilt!

    Wodurch lassen sich solche Kontraste erklären?


                                  I.

    _Potsdam_, 10. Juni 1846.

Ich eile Ihnen, zu melden mein edler Freund, daß ich im Auftrag des
Königs, (ich muß hinzusezen der Königinn, die vor Ihrer Abreise am 15.
Juli noch gern Sich Ihrer Nähe zu erfreuen wünscht), 2 Conferenzen
mit dem Schloßbaumeister H. gehabt, auch vor wenigen Stunden alle
Zimmer Ihrer Wohnung unter Leitung der weinerlichen, allen Maurern
und Staubmenschen feindlichen Hausfrau inspicirt habe. Es ist
schlechterdings nichts im Inneren berührt worden, bloß in ihrem
Schlafgemach ist die Wand übermalt: ich rathe daher vielleicht: in
der ähnlichen Kammer rechts wo Schränke standen zu schlafen. Der
Schloßbaumeister H. wünscht, daß Sie in 10, die Frau Kastellanin (item
Hausfrau), daß Sie in 14 Tagen von heute an kommen. Die Meubles werden
alle bis dahin hereingebracht, Graf Keller, der einen herzlichen
Antheil an Ihrer Rückkehr nimmt, hat in meiner Gegenwart die nöthigen
Befehle an den Hofstaatssecretär wegen der Meubles gegeben. Die Gerüste
werden Sie abgerissen finden. Die Communication mit dem heidnischen
Tempelsitze wird erst im Spätherbst hergestellt. Das Parquettiren
der scheußlichen Fußböden scheint mir nothwendiger als die Dorischen
canellirten Säulen, die man dem Hause gegeben. ~Povera e nuda va la
Filosofia~ sagen wir beide, aber auch

Mit alter Verehrung

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.

Die Königin von Sachsen kommt mit Carus in den lezten Tagen des Monats.
Der Gemal holt sie ab, die Baiern werden auch wohl sich entfernen,
nicht so die holländischen Medusenhäupter.


                                  II.

    _Potsdam_, den 25. Juni 1846.

Der König und besonders auch die Königin sehen nach Ihren Fenstern
und betrüben sich. Beide möchten dem Sächsischen Hofe (Könige reisen
vermummt, fast eisig verpuppt..) zeigen, daß wir stolz sind, Sie zu
besizen. Geben Sie, theurer Freund, der Bitte aber nur nach, wenn Sie
gewiß sind, daß die Reise Ihnen nicht schade.

Mit alter Verehrung

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                 III.

    _B._, Donnerstags.

Wie sehr bedaure ich, daß Sie mich, verehrter Freund, gestern in meiner
transatlantischen Wohnung verfehlt haben. Diese Zeilen enthalten eine
Bitte: schenken Sie einige Augenblicke einem sehr talentvollen jungen
Manne, 21 Jahre alt, Übersezer eines wunderbar nüchternen allegorischen
indischen Dramas, das man zur Erholung nach dem Saul und David
aufführen könnte. Der junge Mann heißt Goldstücker und will in Paris
über indische Philosophie arbeiten.

Mit alter Verehrung

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                  IV.

    Donnerstags.

Erlauben Sie, theurer Freund und College, daß ich Ihrem Schuze einen
sehr angenehmen jungen spanischen Litteraten, Enrique Gil empfehle,
der mir freundliche Briefe von dem Dichter -- Präsidenten und Minister
Martinez de la Rosa gebracht. Herr Gil ist Legations-Secretär, aber
hier bloß mit commerciellen und Zollsachen, nicht mit Diplomatie
beschäftigt. Ich komme vor meiner nicht sehr nahen Abreise gewiß Sie,
verehrter Freund, noch eingesponnen in Ihrer Winterheimath zu umarmen
und der liebenswürdigen Gräfin meine herzliche Verehrung zu bezeigen.

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                  V.

    Sonntag.

Hier die wunderbare Neugier der Frau von Woltmann über die ~generatio
spontanea p. 169~, über Göthe ~p. 36~, Planetenbildung ~p. 116~, Eva
~p. 160~ und Concentration im Christenthum! Malebranche ahndete die
Natur-Philosophie, wenn er sagte: ~toute philosophie nait de ce que
nous avons l’esprit curieux et la vue courte~.

Ich lege Ihnen bei: in der Staats-Zeitung ein Umlaufschreiben von Mnr.
Rochow, der die _Physiognomie_ des Staats zu ergründen hofft, eine
Redaction voll litterarischer Prätension, wie man sie wohl kaum je
gesehen im Polizei-Amte!

Grimms Brief geben Sie mir, theurer hochverehrter Freund, bei Tische
wieder, um den _teutschen_ König zu heilen.

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                  VI.

    _Potsdam_, Sonnabend.

Ich werde, mein theurer edler Freund, mir eine Freude daraus machen,
dem Könige das romantische Drama des Herrn Eckardt selbst zu
überreichen. Lieber würde Er es gewiß aus Ihrer Hand empfangen haben,
wenn leider Ihr Unwohlsein Sie izt nicht von dem „historischen Hügel“
entfernt hielte. Der Dichter nennt das Publikum eine „geistreiche
und gesellige Dame.“ Als solche zeigt es sich weniger, nördlich vom
Thüringer Waldgebirge. Ich glaube mehr an einen geistreichen jedem
geistigen Bestreben holden König. Mit alter Verehrung und Herzlichkeit

    Ihr

    _Al. Humboldt_.


                                 VII.

    _Donnerstag._

Hier, mein liber, haben Sie einige leere Phrasen wie man sie selbst
deutsch schreiben kann.

Der König hat den Johanniter Ritter ser freundlich, lächelnd
aufgenommen. „Wenn es Tiek gern sit, so thue ich es wohl, Sie mussen es
im aber allein noch sagen.“

Da mich die Eckardtsche Schreibart etwas genirt, so sage ich in
gewöhnlich christlicher Weise, daß König und Königin _unbändige_
Freude über Ihre so schön fortschreitende Besserung geäußert haben.
Da ich es sehr nöthig halte, den König an den Ritter zu erinnern,
und zwar schriftlich, so bitte ich Sie mir schreiben zu lassen:
ob er nicht ein Bären-Kammerherr (nach Bettina, eine heraldische
Bestie) von Anhalt-Dessau ist, ob Sie wissen wer der Vater sei oder
war? Solche Probleme sind zu lösen, wenn man nicht das Glük hat,
ein Ulahnen-Lieutenant von der Garde zu sein und nur altenglisches
Schauspiel kennt. Die Albernheiten des Lebens bannt kein königlicher
Geist.

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                 VIII.

    _Freitags_, Oranienburger Str. Nr. 67.

Ob Sie, Verehrter Freund, mir gleich nichts über den Vater unseres
Bülow in Dresden geschrieben haben (eine Auskunft, die der König
wünschte) so freut es mich doch unendlich, Ihnen zu sagen, was Sie
vielleicht auf anderen Wegen bereits erfahren haben, daß Herrn von
Bülows Ernennung zum Johanniter-Ritter ganz gewiß ist. Der König hat
mir aber befohlen, den G. C. R. Müller daran zu erinnern, was ich auch
schriftlich gethan. Ich muß Sie aber nun bitten, mir recht bald zu
schreiben wegen der Bezeichnung:

    1) wie sein Vornahme ist?

    2) ob er Herz. Anhalt-Dessauer Kammerherr ist?

Mit alter Verehrung

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                  IX.

    _Potsdam_, 16t. Oct.

Ich habe vorgestern (14ten) mit tiefer Rührung theurer Freund, Ihren
liebenswürdigen Brief erhalten und die Einlage am 15t. Morgens
sogleich dem König eigenhändig im Marmorsaal übergeben. Der Brief ist
hastig in meiner Gegenwart erbrochen und von _beiden_ Majestäten
mit dem lebhaftesten Ausdruck schmerzlicher Theilnahme gelesen worden.
Von der herzlichen Zuneigung _beider_ brauche ich Ihnen nichts
zu sagen, es ist mehr als die Huldigung eines Geistes, der groß und
wohlthätig auf sein Zeitalter gewirkt, es ist bei König und Königin das
unverbrüchlichste unwandelbarste Anerkenntniß der Anmuth der Sitten,
der tiefen Achtung des Charakters, der Zartheit der Gefühle, welche
sich durch Gebehrde und Stimme verkündigen. Herrn Altmann _aus der
Ferne_ des Hallischen Thores und den violett-sammtnen brieflosen
Herrn Eckardt, der laut der Vorrede sich das Publikum als den „Salon
einer geistreichen Dame“ denkt, vergesse ich auch nicht. Was mich aber
neben dem so rein menschlichen Antheil des Königs und der Königin an
Ihren Leiden im innersten bewegt sind die erhebenden, freundlichen
Worte, die Sie an mich richten. Wie soll ich meinen Dank dafür
aussprechen: er ist enthalten in den wärmsten Wünschen, die ich zum
Himmel schicke. Meine _feste_ Hofnung ist Ihre herrliche kräftige
Constitution.

    _A. Hdt._

Meine Verehrung der vortreflichen Gräfin. _In Eile._


                                  X.

    Sonnabend früh.

Sie müssen nicht glauben, mein edler Freund, daß ich Sie verrätherisch
in Sanssouci verlassen habe: ich werde vor meiner sehr ungewissen
Abreise nach der großen Babel, wo die „Herrenkammer“ mordet und sticht,
Sie gewiß noch umarmen. Eine plötzliche sehr heftige Erkältung und der
große Camin mit Flammfeuer in den „Neuen Kammern“ hat mich plötzlich
hineingejagt, um mich hier besser zu pflegen und meinen lezten Bogen,
der angekommen ist, selbst noch zu corrigiren -- eine Tugend, die dem
industriellen Weltgeiste sehr gleichgültig ist.

Diese Zeilen werden Ihnen von einem jungen Officier gebracht, den
dieser Weltgeist so wenig ergriffen, daß er, bei einem gewiß viel
Hofnung erregenden, dichterischen Talente, ganz würdig ist, Ihnen
vorgestellt zu werden. Herr B. von L., verwandt mit dem Adjutanten des
Pr. Heinrich in Rom, soll Ihnen, (darum flehe ich) eine Ode über das
Weltall selbst vorlesen, die er mir zu meinem Geburtstag (14. Sept.)
geschenkt. Die großen und einfachen Formen seiner Dichtung haben etwas
sehr anziehendes. Ich hatte den jungen Mann, der schon in Sicilien an
Platens Grabe stand, nie vorher gesehen und ich kann das Lob, das er
mir gespendet ihm nicht schöner und wohlthuender remuneriren, als wenn
ich ihm freundliche Aufnahme und Rath bei Ihnen verschaffe.

Empfangen Sie und die liebenswürdige Gräfinn, die erneuerte
Versicherung meiner Verehrung und unverbrüchlichen Dankgefühle

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.

Ich denke den König noch zu erwarten.


                                  XI.

    Sonnabend.

Ich komme, mein theurer Freund, wie ich versprach um von Ihnen Abschied
zu nehmen. Ich reise morgen oder übermorgen nach der ewigen Babel nicht
über Weimar, wo die Sphinxe am Wege liegen, sondern über Hannover, wo
man uns beide hängen möchte. „Du hast doch niemand von die verfluchte
Landstände vor Dich gelassen?“ So reden sich -- -- an. Ich bitte, daß
Sie mir erlauben, nach 2 Uhr Sie bei erneuertem Sonnenlichte (auch eine
Naturbegebenheit!) heute zu besuchen. Auf den Fall, daß der junge
Mann aus der Caserne von Kaiser Franz, den Sie so freundlich empfangen
(ohne Rache für die _Lange_weile des Überlangen Onkelgeschlechts)
Ihnen das Gedicht, in dem er das Weltall und mich hat verherrlichen
wollen, nicht vor seiner abermaligen gestrigen Abreise hat zu senden
gewagt, biete ich Ihnen ein Exemplar dar. Härten der Sprache, fast
gesuchte, und Schwierigkeit der Construction (der Relativa) abgerechnet
ist doch nicht gewöhnliche dichterische Ader in so einem preußischen
Exercierlieutenant! Werfen Sie doch auch einen Blick auf die ganz
geognostische Mythe des Aufsteigens des Vulcans von Ischia.

Mit alter Verehrung und Anhänglichkeit

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                 XII.

    _Potsdam_, Donnerstag 9ten.

Da ich von Paretz nach Berlin muß zu einer Hochzeit bei dem Geh.
Leg. R. Borck, so benuze ich die wenigen Augenblicke der Durchreise,
um Ihnen zu sagen, theurer Freund, wie dankbar der König für „Ihren
schönen herzlichen Brief“ ist. Er trägt mir auf, es Ihnen zu sagen,
auch hat er mir gedankt, daß ich Sie abgehalten zu erscheinen da „Ihre
Gesundheit ihm und der Königin über alles theuer sei.“ Wir waren im
langweiligen Paretz 130 Personen zu Mittag, mit den Leuten an 300
Personen!

    Ihr

    _A. H._

Der König kommt heute Morgen und geht Sonnabend auf 1 Tag nach Berlin.


                                 XIII.

    Sonnabend.

    Ob Sie mich werden lesen können?

Ich will Ihnen Reue einflößen, mein theurer, edler Freund: ich will die
geistreiche Gräfin zu Hülfe rufen, damit Sie mich beschüze. Während
~Dr.~ Ruthenberg, den die Polizei verfolgt, in der polytechnischen
Gesellschaft meinen Kosmos, als eine „_Naturbibel_ und als ein
_inspirirtes_ Erbauungsbuch“ vorliest, versagen Sie mir die Hülfe,
um die ich flehe. Ich flehte um Bezeichnung durch einen symbolischen
Seidenfaden, ohne allen schriftlichen Commentar (Schriftsteller
schreiben bekanntlich ungern) von zwei Stellen des _Calderon_ und eines
gewissen _Shakespeare_, den Sie vielleicht auf dem Tische haben, in
denen sich _Naturgefühl_ und ein Hang zu _Naturbeschreibung_ finden. Im
Calderon soll dergleichen wunderschön, ~en boca de Segismundo, en la
Vida es sueño~ stehen: „~Los peces y las aves que gozan de la libertad
son come rayos de un astro oscurecido etc.~“ Das alles weiß man in der
Oranienburger Straße, aber mein Flehen wiederholend, will ich kommen,
Ihnen dehmütigst zu danken, wenn Sie den Zauber lösen wollen[1].

    Mit alter Verehrung

    Oranienburger Str.
    Nr. 67.

    der wüthende

    _A. v. Humboldt_.

Meine Verehrung der theuren Gräfin.

Meine Unterhaltungen sind jetzt: _zu begraben_; du armer Wach! --
und zu christnen (?) in Charlottenburg (2 Stunden Ehrenberg!). Da ist
der Kampf der beiden Hofprediger in der Athalie, ~veuve Soram~,
doch unterhaltender.

Ein Prediger T., einst Pfarrer bei Chemnitz, der den Heiland in meinem
Kosmos sucht und ihn vermißt, mir aber doch viel langweiliges über die
Kartoffel-Seuche schreibt (Dresden, Lange Gasse Nr. 10 vier Treppen)
trägt mir auf Sie innigst zu grüßen. Ich thue es um mich für Ihr
Stillschweigen zu rächen.


                                 XIV.

    _Potsdam_, Sonnabend.

Der König und auch die Königin fragen immer so ängstlich und so
liebevoll nach dem Tage, wo wir endlich Sie hier besizen können, daß
ich wohl das Stillschweigen brechen und Sie, hochverehrter Freund und
College, bitten muß, mir einige vertrauliche Worte zu schreiben. Sie
wissen, daß die leiseste Furcht, die Übersiedelung könne Ihrer theuren
Gesundheit oder der der Gräfin nachtheilig werden, jeder Anfrage ein
Ende machen wird. Das Wetter ist warm und schön, viel schöner wird es
ja in dem Scythen Lande nie. Der Hof ist freilich nicht so allein, als
Sie und ich es wünschen möchten, aber Sie wissen ja, daß Sie nicht
alle Tage bei Tische zu erscheinen brauchen, ja daß der Tyrann allen
Freiheit läßt und Freiheit ehrt! Der König sagte heute „er glaube, Sie
müßten nach Töpliz gehen.“ Könnten Sie denn nicht vorher einen kleinen
Aufenthalt in Syracus machen? Die Kaiserin kann sich erst am 26. Juni
entscheiden, es ist wahrscheinlicher, daß sie gar nicht kommt. Mit
inniger Verehrung und Liebe

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.

In dem heute angekommenen ~Journal des Debats~ steht ein Artikel
von Jules Janin (?) über die Antigone voll Freundlichkeit für Sie.


                                  XV.

    Montag früh.

Ich gebe Ihnen, theurer Freund die frechen, unverständlichen,
unehrlichen Aphorismen Schellings zurück. Um den „Jug“ (?) (--
_unlesbar_ --) den er gemacht zu haben sich rühmt, beneide ich
ihn nicht. S. XLIV lesen Sie die verruchtesten Säze über das
Recht der Staatsgewalt, auch giebt es S. XLII „ein Christenthum
vor dem Christenthum.“ Zwischen den Citationen von Luthers Tischreden
und der Kirchenzeitung bin ich auch ~p.~ X citirt und des
„Zurücknehmens“ beschuldigt. Empfangen Sie noch meinen freundlichsten
Dank für lange Geduld, die Sie mir gestern geschenkt.

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                 XVI.

    Sonntag Nacht.

Herr Tholuck, religiöse Dinge, Family Prayers, oder gar Thierquälerei,
mein edler Freund, sind Dinge die _von mir_ kommend, bei dem König
und der Königin nur Lächeln erregen müssen. Sie können denken, wie
gern ich Sie von dergleichen gern befreien möchte, aber da Briefe die
nicht an den König oder die Königin gerichtet sind, ungelesen bleiben,
da alles was man darüber mündlich vorbringt, spurlos verhallet, so
giebt es für Sie und mich nur ein Mittel der Befreiung von solchen
theologischen und thierischen Anmuthungen; das Mittel ist: Briefe zu
fordern, die man _versiegelt_ und _unterzeichnet_ übergeben
wird.

Ich lebe mit den Toten, erst B. und die Pflichten, die eine Familie von
5 Kindern mir auflegt: heute hab’ ich wieder eine Leiche: Der junge
talentvolle spanische Litterator, Enrique Gil, Verf. des Romans ~el
Sr. de~[2]....., ist heute morgen 29 Jahr alt an der Schwindsucht
hier gestorben. Ich bin morgen mit seinem Begräbniß beschäftigt. Das
sind _meine_ Beschäftigungen. Bülow’s Dedication wird gewiß dem
König angenehm sein. Der König und die Königin sind immerdar mit
_Ihnen_ liebevoll beschäftigt wie

    Ihr

    unverbrüchlich

    treuer

    _A. v. Humboldt_.

Zürnen Sie mir heute nicht. Meine Verehrung der theuren Gräfinn.


                                 XVII.

    Montag Nacht.

    Verzeihen Sie die Unvorsicht der verkehrt angefangenen
    Seite!

    Mein verehrter Freund!

Ich habe den König heute in Bellevue, wo man neben dem blühenden
Treibhause speiste, an die „Novellen des Hrn. v. Bülow“ erinnert. Er
trägt kein Bedenken, die angebotene Dedication anzunehmen. König und
Königinn haben mir bestimmt aufgetragen, Ihnen das innigste Bedauern
auszudrücken, wieder des ganzen Wertes Ihres Umganges beraubt gewesen
zu sein. Beide bitten Sie inständigst, doch ja fortzufahren, troz
der Frühlingslüfte Ihre Gesundheit schonend zu pflegen. Ich arbeite
trübe an dem zweiten Theil des Kosmos, von dem ich nächtlichst (denn
die gesellschaftlichen, deprimirenden Störungen sind endlos gewesen)
doch die Hälfte fast schon gedruckt sehe. Das tragische Unglück meiner
Familie, der Tod des armen Spaniers Enrique Gil den ich pflegte,
ein 4tägiger Blutsturz von H. Ackermann, der lungenkrank Berlin
und die Werke Friedrichs II. auf immer verlassen muß, die
trostlosen, Unglück bereitenden Polnischen Zustände... haben mich so
wenig aufheitern können, als der heutige litterarische Artikel der
Staatszeitung, in dem man durch 16 Verse, die unter den 1660 Versen
des Agamemnon ausgewählt werden, meinen Bruder zu züchtigen hofft. Die
Spener’sche (?) Zeitung wird morgen meine Antwort enthalten. Ich handle
nach dem Princip der Polnischen Insurgenten, die zeigen wollen, daß
sie noch existiren. Mit alter Anhänglichkeit

    Ihr

    gehorsamster

    _A. v. Humboldt_.


                                XVIII.

    _Potsdam_, 10. Mai 1848.

Wenn ich Ihnen, mein theurer, verehrtester Freund und College so
spät auf Ihre freundlichen Zeilen antworte, so ist es nur weil ich
erst gestern Abend von Illaire die sichere Nachricht empfangen habe,
daß der so vielbegabte, sprachgelehrte L. wirklich den erbetenen
Geldvorschuß vom König erhalten wird. Das Gelingen, so elend klein
auch die Summe noch ist, war wie ein Wunder, da seit dem Erd- und
Staatsbeben vom 18ten Merz im Geh. Cab. alles abgeschlagen wird und
der Minister keiner die Schwachheit hat zu glauben daß Kunst und
Wissenschaft etwas noch die constitutionelle Monarchie veredelndes
haben. In einem eigenen schriftlichen Berichte über L. hatte ich
mich neben Grimm und dem hier heilig glänzenden Namen Beckedorf ganz
besonders auf Ihre Gunst gestützt, auch wieder aus Joh. Damascenus
_etwas_ vorgelesen. Ich sage etwas, denn außer der nüchternen neuen
Staatszeitung und den langweiligen meerumflossenen Schleswiger
Berichten (~parturiunt montes!~) ist in dem zahlreichen Familienkreise,
in dem allbewohnten Cellulargebäude, das man das Schloß nennt, an
eigentliches litterarisches Vorlesen nicht zu denken! Über Sich Selbst
mein theurer Freund, und die Gesinnungen, die für Sie hier herrschen,
müssen Sie nicht irren. Ihr Name wird bei König und Königin immer
mit Zärtlichkeit genannt. Wie die Wohnungsangelegenheit durch Andere
behandelt worden ist, weiß ich leider! nicht, aber bei König und
Königin habe ich ununterbrochen die freundlichsten Äußerungen über Sie
vernommen. Der König, den ich nach dem unbeantworteten Gedichte zum
Geburtstag befragt, war tief betrübt darüber: er ist aber wirklich ohne
Schuld, weder er, noch die Königin, noch Illaire haben je das Gedicht
gesehen. Alle antworten: wie können Sie voraussezen, „man würde sich
nicht eines Gedichtes von Ludwig Tieck erinnern?“ Wer, theurer Freund,
soll es übergeben haben? Schicken Sie mir ja eine Abschrift davon für
die Königin: sie legt großen Werth darauf, auch der König, dessen
_heiterste_, _sorgenlose_ Liebenswürdigkeit dieselbe geblieben ist. Wie
-- -- -- (?) elende Wahlen! auch unser Friedrich Raumer nicht! Dazu das
_erbliche_ Kunstwerk von Dahlmann und den 50 Dilettanten in Frankfurth,
die unberufen den Bundestag regieren und Preußen mediatisiren! Könnten
Sie denn nicht einmal hier bei dem Könige speisen? Es würde große
Freude machen. Man _wagt_ es nicht, Sie einzuladen, in der Furcht die
ich auch theile, Ihnen zu schaden.

    Mit alter Liebe und Verehrung

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.

Meine Gesundheit ist nur erträglich, aber ich habe mich eifrigst
in die Arbeit geworfen. Kosmos Th. III. und eine neue (3te)
sehr vermehrte Auflage der Ansichten der Natur. Ich möchte auch als
_Arbeiter_ Geld gewinnen, da uns noch einige unsanfte Blutungen
bevorstehen mögen.


                                 XIX.

    Sonntags.

Mein theurer, verehrter Freund! Eine starke Erkältung, die mir die
nothwendigen und häufigen Eisenbahnreisen zuziehen, hindert mich
heute wieder, Ihnen das „Hohe Lied“ selbst zu bringen. Ich habe heute
wieder auf _mehrere_ Briefe und Zusendungen des vortreflichen
~Dr.~ Böttcher freundlichst geantwortet. Der Mann träumt poetische
Vorlesungen, da, wo es sich um „Sein und Nicht Sein“ handelt -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- Ich gehe unter. Sie rettet geistig Ihre Einsamkeit. Mit alter
unverbrüchlicher Verehrung

    Ihr

    _A. v. H._

Rückert’s Festgedicht ist wenigstens _durch mich_ nicht an die
Königin gelangt.


                                  XX.

    Dienstag.

Ich schreibe, mein theurer Freund, diese Zeilen unbequem und also noch
schiefer, als gewöhnlich, in meinem Bette, an das ich seit einigen
Tagen durch rheumatisches Unwohlsein gefesselt bin. Ihr Brief hat
mich tief geschmerzt, es ist der erste Kummer den ich empfunden,
seitdem ich in das Vaterland zurückgekehrt bin. Woher auf einmal ein
solcher Argwohn gegen mich, der, seitdem wir das Glück haben, Sie
den unsrigen zu nennen, nie abgelassen hat dieses Glück zu feiern,
den nie etwas getrübt hat, auch nicht der alte Tragiker (?), der
mir, mit einem Unrecht, das ich Ihnen und dem König zugleich anthat,
wie eine verfinsternde Wolke erschien. Ich soll Ihnen aus den schon
gedruckten Bogen freundlicheres vorgelesen haben, als der Kosmos
bringt. Mein Gedächtniß giebt mir auch auf das Entfernste nichts
wieder, die Correcturbogen (es waren nicht Aushängebogen; denn ich
lasse immer 8-10 Bogen, wie es Cotta erlaubt, zugleich abziehen und
ändere durch das, was auf dem Rand daneben geschrieben wird, bis zum
lezten Augenblick) sind zerstöhrt und Professor Buschmann erinnert
sich ebenfalls keiner Veränderung, er wird sehen ob er im ältern
Manuscripte, ~variantes lectiones~, auffinden kann. Ich rühme mich
Ihrer „edlen Freundschaft,“ ich rühme mich dessen was ich dem „tiefsten
Forscher alter dramatischen Litteratur“ verdanke. Habe ich vielleicht
durch an den Rand zugeschriebene Worte, die in der lezten Correctur
vergessen worden sind, die Worte „tiefster“ und „edel“ verstärkt, das
weiß nicht ich, der ich mein Leben mit Correctur zubringe und das
Gefühl habe, daß man die drei Heroen unseres Vaterlandes, Göthe, Tieck
und Schiller nicht zu rühmen, durch Epitheta zu rühmen unternehmen
darf. Die zwei Bände des Cosmos sind deutsch stereotypirt, und es waren
in der 6ten Woche vom 2ten Bande allein 10,000 Exemplare abgezogen,
aber auch in dem schon Stereotypirten kann ich ändern lassen. Es
kommt dazu mit dem dritten Bande eine 2te Auflage der ersten 2 Bände
heraus. Wenn theuerster Freund Ihr Gedächtniß treuer, wie das meinige
ist, so beschwöre ich Sie mir die fehlenden Worte recht einfach
niederzuschreiben. Wir werden sie wieder aufglimmen sehen, aber bei
Gott! Betrug oder Lieblosigkeit kann nicht im Spiele gewesen sein. Mir
erscheint es beängstigend, wie ein verhängnißvoller Spuck, wie ein
böses Traumgesicht, das sich zwischen Freunde drängt.

Ich will eine Wunde ganz anderer Art nicht berühren, den
schmerzlichsten Verlust, den Sie erleiden konnten. Ich war in Paris
ernsthaft um Sie, mein theurer Freund, besorgt. Wie vielen Dank bin ich
Waagen schuldig, daß er mich so liebevoll beruhigt hat. Es war eine
Frau von einem großen Sinn und Gemüthe.

Ich bitte innigst, daß Sie mir in die Wohnung von Fr. Lenz schreiben,
damit ich Sie einladen kann, sobald ich das Bett verlasse. Mit alter
Verehrung und Freundschaft

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.


                                 XXI.

    Freitags.

Wie soll ich Ihnen lebhaft genug für Ihren freundlichen Brief danken.
Ossa und Pelion bedecken längst den Spuck, dessen Lösungswort Sie,
Böser, mir immer noch vorenthalten. Stand etwa in den Correcturbogen
„der tiefste, geistreichste aller.....“ Das wäre immer noch schwach
gewesen, gegen das, was die Welt empfindet. Ich schreibe noch aus’m
Bette. Es ist ein kleines Schnupfenfieber, das wie eine Natter auf dem
kalten Boden schleicht. Mit dankbarer Liebe,

    Ihr

    _A. v. Humboldt_.



Jacobi, Friedr. Heinrich.


    Geb. zu Düsseldorf am 28. Januar 1743, gest. am 10. März 1819 in
    München. --

    Der Philosoph hat wichtige Werke über Spinoza und David Hume
    geschrieben; der _Dichter_ sprach aus „Woldemar“ und Allwills
    Briefsammlung; der _Mensch_, der Beide: den Poeten und den
    Weisen in sich vereinte, ist von seinen Zeitgenossen als eine der
    liebenswerthesten Persönlichkeiten geschätzt worden. Tieck hat
    seinem Gedächtniß mit ehrfurchtsvoller Liebe gehuldiget.


                                  I.

    (Ohne Datum.)

Verzeihen Sie, verehrtester Freund, daß ich, gestört durch Aretin und
Sömmerring, die letzten Zeilen Ihres Briefes übersah. Ich werde heute
Abend nicht zu Hause seyn, der Beleuchtung wegen, die ich mit betreiben
helfen muß. Morgen Abend bin ich höchst wahrscheinlich zu Hause: das
Nähere darüber laße ich Ihnen in der Frühe sagen. Wir alle empfelen uns
Ihnen und Ihrer Frau Schwester bestens.

    _Jacobi_.


                                  II.

    _Mittewoche_, d. 14. Dec. 1809.

Wenn Sie, mein verehrtester Herr und Freund, wohl genug und dazu
gestimmt sind, so lade ich Sie ein, gegen 12 Uhr zu mir zu kommen
mit dem Niebelungen-Lied, damit ich Unglückseliger, nach so langer
Unterbrechung, doch einmahl wieder etwas davon genieße. Sie theilen
alsdann mein gewöhnliches Mittagseßen mit mir, zu dem ich auch Ihren
Hrn. Bruder, wenn er vorlieb nehmen will, mit einlade. Der Gebrauch der
anderen Hälfte des Tages wird sich finden.

    _Jacobi_.



Jacobs, Christian Friedr. Wilhelm.


    Geb. am 6. Oktob. 1764 zu Gotha, gest. daselbst als
    Oberbibliothekar am 30. März 1847.

    Philologe und belletristischer Autor: -- Erzählungen, 3 Bände
    (1824-37). -- Schule für Frauen (1827-29). -- Vermischte Schriften,
    8 Bde. (1823-44).


                                  I.

    _Gotha_, d. 20. Oct. 1807.

Da ich im Begriff bin, meine bisherige Stelle an der Bibliothek zu
verlaßen, um einem Rufe nach München zu folgen, so nehme ich mir die
Freyheit, Ew. Wohlgeb. zu bitten, die Codices, welche Sie noch in
den Händen haben, nicht an mich, sondern an Herrn Rath Hamberger,
zurückzusenden, etwa mit dem Zusatze auf der Adresse: _für Herzogl.
Bibliothek_, wodurch sie für uns portofrey werden. Könnten Sie
auch die Zurückgabe etwas beschleunigen, so würden Sie uns dadurch
verbinden. Ein Bibliothekar schläft nie ohne Sorgen, wenn er die
wenigen Schätze des ihm anvertrauten Vorraths in der Ferne weiß; auch
ist gerade nach diesen Handschriften öfters Nachfrage gewesen.

Sollte ich an meinem künftigen Wohnort, in der Nähe einer der reichsten
und mit der Beute so vieler Klöster angefüllten Bibliothek, Ihnen
diesen oder jenen Dienst leisten können, so rechnen Sie auf meine
Bereitwilligkeit, und seyn Sie versichert, daß ich es mir zur Freude
mache, Ihnen Beweise der ausgezeichneten Hochachtung zu geben, mit der
ich bin

    Ew. Wohlgeb.

    ergebenster

    _Fr. Jacobs_.


                                  II.

    _Gotha_, d. 3ten Juli 1827.

    _Verehrtester Freund_.

Soeben erhalte ich Ihre Zuschrift vom 30ten Jun. und eile darauf zu
antworten, um, so viel an mir liegt, Ihren Wünschen zu entsprechen.

Herr † † † ist mir mehr durch Andre, als durch eigene Kenntniß bekannt.
Nachdem er nothgedrungen geheirathet hatte, fing er an, bald in
Göttingen, bald in Leipzig zu studiren, und machte bey vorkommenden
Gelegenheiten mittelmäßige Verse, für die er einigemal durch fürstliche
Munificenz kärglich genug, aber immer noch über Verdienst, belohnt
worden ist. Jetzt hält er sich, wie ich höre, in Leipzig auf.

Der Gedanke B.’s Leben zu schreiben, kann wohl nicht in seinem Kopfe
gekeimt seyn. Er ist aber ein Freund Ihres Neffen, des jungen B., der
mit ihm vor etwa 6 Wochen hierher gekommen, und seine Wohnung zuerst
bey † † † Frau genommen hat, um wie er mir sagte, die Bibliothek zu
benutzen, die er auch in den ersten Wochen seines hiesigen Aufenthaltes
fleißig besucht hat. Wahrscheinlich erhält † † † die Materialien zu
B.’s Leben von diesem Freunde.

Ohne Zweifel wird diese Nachricht Sie in den Stand setzen, Maasregeln
zu ergreifen, einem Ihnen unangenehmen Ereignisse vorzubeugen. Ich
kann kaum zweifeln, daß das ganze Unternehmen eigentlich in den Händen
Ihres Neffen liegt, ob er mir gleich nichts davon verrathen hat. Sobald
dieser von Ihnen erfährt, daß Sie dem unbefugten Unternehmen Ihre
Einwilligung versagen, wird er ja wohl Verzicht darauf thun. Kann ich
Etwas dazu beytragen, diese Angelegenheit zu Ende zu bringen, so werde
ich es mit Vergnügen thun.

Die Erinnerung an unser Zusammenseyn in München und an die schönen
Abende, die Sie meinen Freunden und mir verschafften, ist mir immer
gegenwärtig, und erneuert sich beym Lesen jeder Ihrer Schriften auf
das lebhafteste. Werden Sie uns nicht bald mit der Vollendung Ihrer
herrlichen Cevennen erfreuen? Sie sind hier aus einer Hand in die andre
gegangen.

Erhalten Sie mir Ihr freundschaftliches Wohlwollen, und genehmigen die
Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, mit der ich bin

    Ihr

    ergebenster

    _Fr. Jacobs_.



Jagemann, Caroline.


    Geb. zu Weimar 1778, gestorben zu Dresden 1847. Erste
    Schauspielerin des weimarischen Hoftheaters, durch ihren
    fürstlichen Freund zur „Frau von Heygendorf“ erhoben.

    Ihr Brief wurde aufgenommen, theils weil sie, sowohl durch ihr
    intimes Verhältniß zu Karl August, als auch durch ihre Stellung
    zu jener ewig denkwürdigen Bühne eine historische Figur geworden
    ist; theils aber auch, weil er Kennern der Schauspielkunst tiefen
    Einblick gestattet in die leichtsinnige Zuversicht, womit wir in
    Deutschland die Vorstudien dramatischer Darstellung behandeln --
    -- dürfen! Eine Künstlerin von anerkanntem Rufe, von _langer_
    Praxis und Erfahrung, dressirt eine Anfängerin, welche „nicht gehen
    und nicht stehen kann,“ binnen kürzester Frist so vortrefflich,
    daß selbige Schiller’s Maria Stuart „auf jeder Bühne darstellen
    könnte!“ --

    Man glaube nicht, daß dergleichen Wunderwerke Ausnahmen sind. Sie
    tragen sich alltäglich zu, werden von enthusiastischem Beifall
    belohnt. -- Deshalb stehts auch mit unserm Theater gar so gut!


    _Brückenau_, d. 25t. Juli 42.

    _Theuerster Herr Hofrath_.

Schon längst wollte ich mir die Freude machen, Ihnen zu schreiben,
indem ich glaubte auf Ihre Verzeyhung rechnen zu dürfen, die Sie sich
mir immer so gütig und freundlich bewießen haben und es sogar meine
Pflicht ist, Ihnen für die menschenfreundliche Aufnahme, welche die
Schwabhaussen von Ihnen erfahren, meinen wärmsten Dank auszusprechen.
Nehmen Sie ihn Liebster Herr Hofrath gütig auf und erlauben mir über
dieselbe meine Ideen und Ansichten Ihnen mitzutheilen. Sie kam neml.
zu mir und indem sie mir ihre traurige Lage schilderte -- (sie hat
eine kränkliche Mutter und die kleine Stadt bietet nur spärliche
Erwerbsmittel), bat sie mich so dringend, ich möchte versuchen, ob sie
nicht vielleicht so viel Talent hätte, um dadurch auf dem Theater ihr
Fortkommen finden zu können; daß ich es für Härte gehalten haben würde,
sie zurückzuweißen und ohne Prüfung ihre Hoffnungen zu vernichten.
Sie laß mir die Leonore in dem Stükk gleichen Namens, und ich fand,
sie laß mit Ausdruck und Verstand. Ob mehr aus ihr hervorzubringen
seyn würde, mußte ich versuchen, indem ich ihr die Iphigenie in meiner
Weiße vorlaß, und sie nun in der gehörigen Deutlichkeit, in steigen und
Fallen der Töne mich imitiren mußte. Es gieng über Erwartung gut für
eine _solche_ Anfängerin. Sie hatte mich neml. verstanden. Hieraus
schöpfte ich die Hoffnung oder vielmehr den Schluß, es fehle ihr nicht
an Auffassungsgabe, und da ich mir vorgenommen hatte, keine Mühe zu
sparen, sie sich auch unverdrossen zeigte hundertmahl Wiederholungen
dießer oder jener Stelle; so zweifelte ich nicht, es werde ein Resultat
herauskommen was meinen Wünschen und meinen Bemühungen entspräche.

    _Weimar_, d. 1ten Aug.

So lange mußte ich die Fortsetzung dießer Zeilen verschieben. Die
Aufforderungen, die herrliche frische Luft zu genießen in dem
wunderschönen Brückenau waren zu mächtig. Doch vorgestern hier
angekommen, will ich vollenden, was ich vielleicht zum Besten meiner
bisherigen Schützlingin unternommen, und hoffe Liebster Herr Hofrath
auf Ihre gütige Verzeyhung.

Die Schwabh. konnte nicht stehn, vielweniger gehen. Ihr ganzes
Wesen hat nicht eine Spur von der Leichtigkeit und Elegance die das
Lustspiel erfordert. Ich machte also nur im Tragischen Versuche mit
ihr, Studirte ihr die Tecla ein und mußte ihr zugleich die Füße
setzen zu jedem Schritt und iedem Abgang. Es gelang aber zu meiner
besondern Zufriedenheit, und gab mir den Muth gleich auf Maria Stuart
überzugehen, eine Rolle in welcher sie mich nicht nur nach Verhältniß
zufrieden stellte; sondern in einzelnen Stellungen in Ausdruck des
Gesichts oft überraschte, und ich bin überzeugt, würde sie dieße Rolle
so spielen, wie sie hier bey mir gethan; sie würde auf iedem Theater
Glück damit machen. Eben so mit Griseldis, welches die dritte Rolle
war, die sie bey mir einstudirt: Sie hatte noch die Catharine in
Guttenberg gelernt, indeß dieße Rolle verlangt schon mehr Gewandtheit
als die hochtragischen, und ich war mit ihr einverstanden, daß sie
dießelbe erst besser würde spielen können, wenn sie etwas festen Fuß
auf der Bühne würde gefaßt haben. Die Jungf. v. Orleans kann im Zimmer
gar nicht einstudirt werden, denn immer tritt einem der Mangel an der
Scenerie störend in den Weg, und selbst die größern Reden und Monologe
gelingen vielleicht nur einer geübten Künstlerinn im Zimmer ohne die
gehörigen Umgebungen einzulernen und auf die unbekannten Verhältniße
der Bühne zu übertragen. Die Jeanne d’arc ist die einzige Rolle, in
die auch ich mich niemals habe finden können. Es ist zu wenig darinnen
Künstlerisches zu leisten. Warum aber die Schwabh. niemals hat erlangen
können, sich wenigstens durch kleine Rollen auf der hießigen Bühne
einige Routine zu verschaffen, das hat verschiedne Ursachen, die
ich Ihnen mündlich lieber erzählen möchte. Ich bin billig genug zu
vermuthen, daß H. v. Spiegel gefürchtet hat, sich durch die Protection
theils der meinigen, theils derer des Publicums eine Last aufzuladen,
wenn er die Schwabhaussen auch nur in kleinen Rollen hätte auftreten
lassen, dieß ist gewiß _eins_ der Dinge, die sie des Glücks sich
auf der Bühne bewegen zu können nicht theilhaft werden ließen. Nun
aber geht sie nach Dresden, und anstatt sich in den Rollen zu zeigen,
in denen sie _zum wenigsten_ Aufmerksamkeit erregen mußte; stellt
sie sich dar in denen von denen sie selber weiß sie gelingen ihr für
iezt noch nicht. -- Ich konnte nun weiter nichts für sie thun, als
Ihnen theuerster Herr Hoffrath meine Meynung über ihre Fähigkeiten
mittheilen, im Fall daß dieß ihr von Nutzen seyn könnte. Meine Meynung
aber ist, daß sie nur für das hochtragische sich eignet. Ich würde eine
gute Iphigenie, L. Macbeth, Sappho auch Elisabeth aus ihr zu machen
mich getrauen. -- Noch einmal bitte ich Sie liebster Herr Hoffrath mir
meinen langen langen Brief zu verzeyhen. Sie selbst aber sind so gut,
daß Sie zum besten andrer, wohl auch etwas wagen würden. In dießer
Zuversicht hoffe Sie erhalten mir Ihr Wohlwollen; und nehmen die
Versicherung gütig auf das ich mit größter Hochachtung bin

    Ihre

    Ergebenste Dienerin

    _C. v. Heygendorf_.

_Weimar_, d. 2ten Aug. 1842.



Iffland, August Wilhelm.


    Geb. am 19. April 1759 zu Hannover, gest. am 22. Sept. 1814, als
    Generaldirektor der Königl. Schauspiele.

    Wie hart in seinen Urtheilen Tieck über diesen Mann gewesen; wie er
    erst spät, in reiferem Alter, die Gerechtigkeit dem Verstorbenen
    erwies, deren der _Lebende_ weder als Schauspieler, noch als
    Theaterdichter, noch als gewissenhafter Führer der Bühnenleitung,
    als treuer Diener seines Königes sich zu erfreuen gehabt,... das
    ist bekannt.

    In dem kleinen Briefchen vom 21. December 1799 liegt vielleicht der
    _Keim_ zu dem giftigen Unkraut, welches ein Jahr nachher schon
    üppig aufgeschossen war zwischen zwei edlen Gemüthern, die sich
    sonst leicht verständiget hätten.

    Sprach doch der _alte_ Tieck ungleich milder und wohlmeinender
    von Ifflands Verdiensten, wie einst der _junge_ Tieck darüber
    geschrieben! --

    Die zwei nachfolgenden Zuschriften sind, wie wir vernehmen, bereits
    in Teichmann’s Berliner Theatergeschichte abgedruckt. Sie liegen
    uns in der Original-Handschrift vor. Wahrscheinlich hatte Iffland,
    bevor er sie an Tieck sendete, Abschriften für die Kanzelei-Akten
    vorsichtigerweise zurückbehalten.

    Dem sey wie ihm wolle; wir haben darin keinen Grund gesehen, sie
    hier auszulassen.


                                  I.

    _Berlin_, am 21. Xbr. 99.

Haben Sie das Vertrauen in mich, mir auf _drei_ Tage nur Ihre
Arbeit zu senden. Ich will dann mit Gradheit[3], sogleich Ihnen
dieselbe zurücksenden und sagen, was wir können, was wir nicht können.
Ich hoffe alles für uns davon.

    Von Herzen der Ihre.

    _Iffland_.


                                  II.

    _Berlin_, den 14. Novbr. 1800.

Euer Wohlgeboren haben bey Ihrem neulichen Besuch lebhafte
Empfindlichkeit über eine Karikatur, ein Lustspiel Kamäleon geäußert,
welches die Wirkung eines Hörensagens war, das Ihnen Verdruß gemacht
hat und mir sehr leid war.

Ich habe wahre Achtung für Sie und Ihr Verdienst empfunden und stets so
gut ich konnte zu beweisen gesucht, deshalb fragte ich auf der Stelle
bei Ihnen an, ob Sie das Stück ausgesezt verlangten.

Sie bestimmten Sich damals nicht darüber, verlangen es iezt nicht,
wünschen das Stück wiederhohlt, woran Sie Recht haben, auch durfte ich
es nicht füglich zurücknehmen.

Ich wiederhole Ihnen, daß ich mich völlig überzeugt hatte, wie weder
auf Sie, noch irgend Jemand, der durch die Würde welche den Gelehrten
ankündet Sich bewährt, mit dieser flachen Karikatur hat können gedeutet
werden sollen, daher sehe ich auch nicht ein, weshalb -- wie Sie mir
schreiben -- von Ihrer Seite etwas gesagt werden müßte. Vielmehr glaube
ich, daß Mißverstand, den, wie Sie sagen, Einzelne genommen haben
sollen, durch jede öffentliche Erklärung allgemeines Mißverständniß
geben kann.

Das von Ihnen neulich und gestern wiederhohlt zur Durchsicht verlangte
Manuscript, ward von mir einzig in der Rücksicht verwilligt, damit Sie
Sich überzeugen möchten, daß keine Beziehung darin vorkomme, die ein
Gelehrter von gutem Bewußtsein, auf sich zu deuten Ursach habe.

Pflichten gegen den Dichter, welcher der hiesigen Schaubühne ein
Manuscript anvertraut, versagen mir jede Veranlaßung, daß sein Stück,
an welchem er vor dem Druck ja noch ändern kann was ihm beliebt, und
wovon bis er diesen Druck veranstaltet, durch das Sehen der Vorstellung
nur, nicht durch kaltes Lesen geurtheilt werden soll, einer Prüfung
unterworfen werde, für welche es noch der Dichter selbst nicht reif
hält.

Ihr Billet an mich, droht ausdrücklich mit einer solchen Untersuchung.

Indeß will ich zur Ehre des Ihnen unbefangen und nicht zu einem solchen
Zwecke gegebnen Wortes, mich mit meinem ältern Freunde abzufinden
suchen und Ihnen das Stück übersenden aber auch nur Ihnen und in der
gerechten Erwartung, daß Sie solches so bald zurückschicken als Ihre
Durchsicht geendet ist und mit der unerläßlichen Bedingung, daß es in
keine andern Hände komme, als in die Ihrigen. Denn Ihnen brauche ich
ja nicht erst hinzuzusetzen, was sich von selbst versteht, daß die
gedruckte Bekanntmachung einzelner Szenen, dieses von dem Dichter noch
bloß für die Vorstellung bestimmten Lustspiels, von mir pflichtvergeßen
sein würde und daß ich solche daher auch keinem andern verstatten darf.

    Mit Achtung

    Ihr ergebner

    _Iffland_.


                                 III.

    _Berlin_, den 22. Novbr. 1800.

    _Hochgeehrter Herr!_

Die Thorheiten und Laster, welche durch gelungene Darstellungen auf
der Bühne lächerlich und abscheulich gemacht werden, sind überall zu
Hause. Einzelne Züge eines treffend geschilderten Charakters, müßen bei
einzelnen Menschen zutreffen, wenn gleich diese Menschen dem Dichter
und dem Künstler unbekannt waren, welche beide nicht individualisiren,
sondern besonders ihre komischen Personen als Representanten einer
Gattung Narren angesehen wißen wollen. Unerhört ist es daher, einen
Geitzigen, einen Verläumder, einen Intriganten auftreten zu sehen,
der dem Dichter und Künstler zuruft: haltet ein mit der Darstellung
des Geitzes, der Verläumdung, der Intrigue: sie paßt auf mich! Nur
Molierens Tartüffe soll eine ähnliche Wirkung hervorgebracht haben.

Urtheilen Sie folglich was ich empfinden mußte, als ein Mann Ihrer
Art zu mir kam, und mir klagte, der elende Schulberg werde auf ihn
gedeutet. Ich konnte Sie in diesem Augenblicke nur für krank halten
und wünschen, man hätte Sie lieber an einen Arzt als an mich gewiesen.
Indeßen behandelte ich Sie wie einen achtungswürdigen Kranken, deßen
man schont, wenn man ihn nicht zu heilen versteht. Ich fürchtete Sie
durch Widerspruch ohne Noth zu reizen, ich gab Ihrer wiederhohlten
Zudringlichkeit so viel nach, daß, wenn man etwas gewaltsam zu deuten
entschloßen sei, gewiße übertriebne Ausdrücke Schulbergs die Sprache
Friedrich Schlegels nachahmen zu wollen scheinen könnten; ich überließ
es sogar Ihrem Ermeßen, ein Stück von der hiesigen Bühne auf einige
Zeit zu entfernen, das freilich nur dann auf Sie angewendet werden
kann, wenn man es nicht kennt. Ich sezte natürlicher Weise dabei zum
voraus, daß Ihre beßere Besinnung zurückkehren, und Ihnen selbst in
Kurzem sagen würde, was eigne Vernunft wohlthätiger als fremde geltend
zu machen weiß.

Sie haben mich mißverstanden und Ihr lezter Brief beweiset mir, daß Sie
mehr als jemals von der Stimmung entfernt sind, auf welche Nachsicht
und Mäßigung heilsam wirken. Aber was ich Ihnen vielleicht nicht mehr
schuldig bin, kann ich doch meiner selbstwegen nicht aus den Augen
setzen.

Nein mein Herr! Sie sind nicht Schulberg und keiner Ihrer Freunde
ist es. Keiner von Ihnen schmeichelt Sich für adlich zu gelten, ohne
geadelt zu sein; keiner von Ihnen kriecht, schmarozt und borgt von
kleinen Großen; keiner macht einem thörichten alten Weibe den Hof, um
sich vor Pfändungen der Juden zu sichern, keiner von Ihnen verlebt
seine Nächte in leeren Schilderhäusern und Portechaisen. Gott verhüte,
daß es unmöglich werden sollte, einen pöbelhaften Schmierer und seine
Rotte aufzustellen, ohne das Ideal dazu von Ihnen und Ihren Freunden zu
entlehnen!

Die Bibliothek der hiesigen Schaubühne würde in einen leeren Raum
verwandelt werden, wenn jeder mißtrauische Mensch das Recht hätte, alle
Schauspiele daraus zu entlehnen, in welchen etwa ein einzelner Zug
vorkommt, wovon er einige entfernte Ähnlichkeit mit sich zu entdecken
glaubt und die theatralischen Vorstellungen würden zulezt aufhören,
wenn lauter solche Gebrechen dargestellt werden sollten, die im ganzen
Lande nicht zu Hause sind.

Ihre litterarische und physische Existenz vielleicht sogar Ihr Name,
ist dem Verfaßer des Kameleons gänzlich unbekannt.

Ich wohne iezt mit Ihnen an einem Orte und habe nichts von Ihnen
gelesen, als Ihren Sternbald und Ihre beiden Briefe an mich. Die lezten
hätte ich Ihnen gern erlaßen.

Gehen Sie mit Ihrer beßeren Seele zu Rathe. Sehen Sie zu, ob Sie es für
Sich verantworten könnten, den Schulberg auf sich und Ihre Freunde zu
deuten.

Ich werde es für mich nie verantworten noch veranlaßen.

    _Iffland_.



Immermann, Karl.


    Geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, gest. am 25. August 1840 als
    Landesgerichtsrath in Düsseldorf.

    Im Laufe von zwanzig Jahren hat dieser gewaltige Geist zur
    Ehre und Freude deutscher Poesie unermüdlich geschaffen, seine
    eigensten Wege eingeschlagen, und manches hohe Ziel erreicht.
    Die Prinzen von Syrakus (1821) -- Das Thal von Ronceval -- Edwin
    -- Petrarca (1822) -- König Periander (1823) -- Das Auge der
    Liebe (1824) - Cardenio und Celinde (1826) -- Das Trauerspiel in
    Tyrol (1827) -- Ein Morgenscherz -- Die schelmische Gräfin --
    Kaiser Friedrich II. (1828) -- Alexis (1832) - Merlin --
    Die Opfer des Schweigens -- Die Verkleidungen -- Die Schule der
    Frommen - Gedichte (1830) -- Tulifäntchen -- Die Epigonen (1836) --
    Münchhausen (1838) -- u. s. w. verkünden vielfache Erfolge in den
    Gebieten der Tragödie, des Drama’s, der Posse, des Epos, der Mythe,
    des Romanes, der Lyrik!

    Seine Briefe an Tieck sind, jeder einzeln und für sich, so wie
    alle sechszehn insgesammt, gleichsam fortlaufende Belege für
    den heiteren Ernst seines Lebens und Strebens. Deshalb haben
    wir alle _unverändert_ aufgenommen; auch diejenigen worin
    er Verdammungsurtheile ausspricht, in welche viele seiner
    aufrichtigsten Verehrer schwerlich so unbedingt einstimmen möchten.
    Dafür war er denn eben der Immermann, und einem solchen verzeiht
    man wohl auch sein mitunter allzu sicheres Selbstgefühl. Wir
    haben nur wenige Zeilen unterdrückt, die noch lebende Personen
    möglicherweise hätten verletzen können. Auch diejenigen (drei?)
    Schriftstücke sind mitgetheilt worden, welche früher schon in
    dem von G. zu Puttlitz herausgegebenen Büchlein: „Immermann’s
    Theaterbriefe,“ mit Tiecks Zustimmung, erschienen waren.

    Ein Brief, den Tieck ihm geschrieben, nach der Düsseldorffer
    Aufführung des „Blaubart“ wurde hier eingeschoben; die Kopie
    desselben, von Tieck’s Hand korrigirt, fand sich offenbar dazu
    bestimmt, unter mehreren ähnlichen Abschriften.


                                  I.

    _Düßeldorf_, 18. Julius 1831.

    _Wohlgeborner
    Hochverehrter Herr Hofrath!_

Ich erlaube mir, Euer Wohlgeboren beifolgend ganz ergebenst ein
dramatisches Gedicht mitzutheilen, von dem ich wohl wünschte, daß es
vor dem Erscheinen im Druck dargestellt werden möchte. Insofern Sie
glauben, daß es für die Bühne sich eigne, würde ich daher diesen Wunsch
auch in Beziehung auf die dortige hiemit ausgesprochen haben. Nach dem,
was mir durch öffentliche Nachrichten über Ew. Wohlgeboren Verhältniß
zum Dresdner Theater bekannt ist, hoffe ich durch die unmittelbare
Überreichung meiner Arbeit an Sie, mich nicht zu weit von der Ordnung
des Geschäfts entfernt zu haben; jedenfalls wird man wohl den Verstoß
entschuldigen, wenn ich hierin irrte. Es war natürlich, daß ich mein
Gedicht am liebsten in die Hände des Dichters legen mochte.

Lassen Sie mich indessen, mein Hochverehrter Herr! diesen Worten
sogleich hinzufügen, daß mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor Ihrer höchst
würdigen Stellung in der Literatur der Gegenwart mehr angetrieben hat,
Ihnen mein Werk vorzulegen, als ein leidenschaftliches Verlangen,
dasselbe auf den Brettern zu sehn. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre
müssen uns soweit belehrt haben, daß wir uns, selbst im glücklichsten
Falle eines sogenannten Erfolges, einer ungetrübten Freude kaum
überlassen dürfen, die doch nur gerechtfertigt wäre, wenn die scenische
Wirkung uns den dramatischen Werth des Dargestellten noch verbürgen
könnte.

Mein Wunsch bezieht sich ohnehin eigentlich nur auf die ersten beiden
Theile. Obgleich ich auch den dritten dramatisch zu bilden, wenigstens
beabsichtigt habe, so würden doch die Schauspieler, wie sie nun einmal
jetzt sind, schon in der feierlichen Form und in den künstlichern
Maaßen desselben unübersteigliche Schwierigkeiten finden. Mir ergab
sich die Form aus der Natur des Stoffs.

Wenn in den ersten Theilen der Gegenstand mehr von der Seite der
Abnormität gegriffen wurde, so war es die Sache des letzten, diese
Anomalien unter die allgemeinen Gesetze des Daseins auch sichtlich
zu ordnen, und das früherhin vorherrschende Charakteristische in die
Schönheit aufzulösen. Die innere Öconomie sowohl, als die äußere
Gestaltung mußte sich daher in gewissem Sinne der Antike annähern, in
welcher diese Art der Behandlung hervorsticht. Von der Geschichte
bin ich verschiedentlich abgewichen. Die sogenannte Verschwörung
von Susdal, welche den ersten Theil bildet, gedieh nicht zu der
abgeschloßenen Gestalt, wie sie bei mir bekommt; bei der Katastrophe
des Alexis traten die Gegensätze wenigstens sichtbar nicht so schroff
und seltsam auf, wie in meinem zweiten Stücke, und die Fabel des
dritten Theils liegt, den Treubruch der Katharina und die Verzweiflung
der letzten Lebenstage Peters abgerechnet, ganz im Gebiete des nur
Mythischmöglichen.

Sie haben sich zuweilen gegen die Willkühr bei der Behandlung der
Geschichte erklärt, auch der verewigte Solger äußerte sich, wenn ich
nicht irre, gelegentlich auf dieselbe Weise. Ich muß gestehn, daß ich
dem Dichter gern die höchste Freiheit bei der Behandlung des historisch
Gegebenen bewahren möchte. Zeigt sich freilich in seinem Werke statt
der lebenskräftigen Idee, ein hohles verblasenes Wesen, oder ist in
Erzeugnissen höherer Art doch hie und da eine Schwäche fühlbar, dann
muß es erlaubt sein, aus dem Gedichte hinaus in die Geschichte zu
blicken, und die Befangenheit zu rügen, der vielleicht die größten und
gründlichsten Motive nicht erkennbar würden. Immer aber wird, wie ich
glaube, der Tadel von der Poesie auszugehn haben. Und so habe ich Sie
auch nur verstanden, da Ihr Urtheil, wo es auf das Historische Bezug
nahm, in der That immer sich an die Auffindung dichterischer Mängel
knüpfte.

Macht man aber aus dem, was nur im einzelnen Falle Geltung hat, ein
allgemeines Prinzip, tritt man, wie es jetzt wohl zu geschehen pflegt,
von außen mit dem historischen Maaßstabe an das poetische Werk hinan,
so scheinen noch die ersten Erfordernisse einer ästhetischen Erkenntniß
zu fehlen. Wozu es der Poesie noch bedürfe, wenn die Geschichte schon
Alles enthält, läßt sich nicht wohl absehen.

Der Stoff, welchen der Historiker darzureichen meint, möchte auch
wohl für den Dichter erst dann zu existiren beginnen, wenn ihn die
Phantasie nach ihren ganz eigenthümlichen Gesetzen bereits ergriffen,
verknüpft und umgestaltet hat. In diesem neuen vornehmen Kleide zeigt
sich dann nur wieder der alte antikünstlerische Geist der gemeinen
Naturbetrachtung, der im 18. Jahrhundert sich als psychologische
Anforderung, Verlangen nach Wahrscheinlichkeit u. s. w. gebärdete.

Was meinen Stoff betrifft, so wurde ich in meinem Innern davon nur
berührt und erschüttert, insofern er mir das Schauspiel eines großen
und ungeheuren Irrthums darbot.

Vielleicht hat nie ein Mensch tiefer das Unendliche, welches im
Menschen liegt, gefühlt, als Peter der Große, und vielleicht war nie
Einer durch die Schranken seines Wesens und durch eine feindliche
Umgebung unglückseliger gefesselt. Aus Slaven, denen von jeher das
geistig Zeugende fehlte, will er ein weltbestimmendes Volk machen; er
bleibt selbst ein Slave, dem die Aufgabe auf Nachahmung und Aneignung
hinausläuft -- die Muster aber muß er aus seiner Zeit nehmen, der
schlechtesten, die es geben konnte, weil sie allen organischen
Zusammenhang in Kirche, Staat und Lebensgestaltung verloren hatte.

So schafft das gewaltigste Wirken ein äußres Gehäuse von Macht und
Größe, dem die Seele fehlt, und welches den Schöpfer selbst am Abend
seines Lebens mit Widerwillen und Grausen erfüllt.

In diesen Gefühlen und Anschauungen ging mir der Gegenstand auf, und
danach hat sich freilich alles Einzelne bei mir umgebildet. In den
_Bojaren_ zeigte sich mir der Held, unwiderstehlich siegreich, so
lange er es mit dem Elemente und der auch schon in sich zerfallenen
Alt-Russischen Magnatenwelt zu thun hat, Kraft gegen Kraft zerstörend
geht; wo es aber, wie im _Gericht von St. Petersburg_, einen
lebendigen, sittlichen Act galt, da sank er mir immer tiefer in die
lächerlich-fürchterlichen Widersprüche seines eigenen Machwerks. Der
Sohn wird geopfert um etwas, dessen Nichtigkeit der Vater selbst zu
ahnen beginnt, und die schlechteste Gestalt gängelt diesen am Faden
eines armseligen dürren Begriffs, den er denn aber doch nicht entbehren
kann, will er bleiben, was er ist. Die Harmonie dieser Dissonanzen fand
ich endlich in dem völligen Zerfallen dessen, was zu einem Scheindasein
zusammengefügt worden war, wie es der dritte Theil hinstellt.

Ich muß sehr um Verzeihung bitten, daß ich, ohne das Glück Ihrer nähern
Bekanntschaft[4] zu genießen, gewagt habe, so weitläuftig zu sein.
Indessen entsprang aus dem Muthe, Ihnen das Gedicht zu senden, auch
nothwendig der, über den Gegenstand zu reden, der mich eine lange Zeit
hindurch gefesselt hat. Ich hoffe, Sie werden mir die Ausführlichkeit
meiner Bemerkungen vergeben, welche freilich gegen das Conventionelle
streitet. Vor Allem wünsche ich, daß Sie in dem Gesagten keine eitle
Meinung über meine Arbeit erblicken mögen. Daß ich mich lange und
ernsthaft damit beschäftigt habe, weiß ich; wie aber das Resultat zu
stehn gekommen ist, darüber bin ich ganz im Dunkeln. Ich benutze diese
Gelegenheit, um Ihnen meinen aufrichtigsten Dank für den Genuß zu
sagen, den mir der zweite Theil Ihres Dichterlebens gewährt hat. In
den beiden Shakespeare-Novellen ist mir das geheimnißvolle Schaffen
Ihrer wunderthätigen Phantasie am klarsten geworden, und ich kann den
Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, nicht anders bezeichnen,
als indem ich sage, daß wenn es nicht so zugegangen ist, es doch
nothwendig so hätte zugehen müssen. Mögen die Zeitereignisse und die
dortigen Verwickelungen Ihnen Heiterkeit und Freiheit lassen, uns
ferner zu erfreuen und zu belehren.

Ich werde vermuthlich im October Dresden auf einer Reise berühren, wo
es mir dann eine höchst angenehme Pflicht sein wird, persönlich meine
Verehrung zu bezeugen.

Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung

    Ew. Wohlgeboren

    ganz ergebenster

    _Immermann_.

N. S. Der beigelegte Scherz wurde vor einigen Jahren geschrieben. In
unsrer _großen_ Zeit konnte Däumchen wohl auch einmal ritterlich
und heldenhaft auftreten.


                                  II.

    _Düßeldorff_, den 28. Novbr. 1831.

Halten Sie es nicht für Undank für genoßne Güte, wenn ich Ihnen, mein
Hochverehrter, erst jetzt schreibe. Theils zögerte sich meine Rückreise
hin, theils habe ich hier erst eine totale Unlust zu aller Äußrung und
Mittheilung überwinden müssen. Ein Zustand, in den man wohl versinkt,
wenn der Wechsel der Eindrücke mit einem stillren Lebensgange wieder zu
vertauschen ist.

Leider habe ich Weimar nicht berühren dürfen, wollte ich mich nicht
drei Wochen lang für die Sicherheit des westlichen Deutschlands
auf der Heßischen Bergveste Arnstein zum Gesundheitspolizeilichen
Opfer darbringen. Ich hätte Göthe sehr gern gesehn, mich dünkt, daß
sein Wesen grade in diesem sonderbaren Momente eine eigenthümliche
Anschauung gewähren mußte. Auf der andern Seite tröstet mich wieder die
Betrachtung, daß ein persönliches Zusammentreffen mir wahrscheinlich
denn doch die Figur meines Klingsor verrückt haben würde. Ich bestärke
mich in der Stille immer mehr in meiner Ansicht über ihn, die Sie eine
ketzerische nennen müßen. Indeßen würde ich, wäre mir ein längeres
Zusammenseyn mit Ihnen gegönnt gewesen, meine Irrthümer wenigstens
haben darlegen können. Mir ist der ganze Göthe, mit Einschluß seiner
Fehler, auch in seinen größten und frühesten Werken schon vorhanden,
und die nachherigen Schwächen und Verkehrtheiten ergreifen vielmehr
das homogene italiänische und malerische Element, als daß sie durch
dasselbe hervorgerufen würden. Überhaupt, was sind Einflüsse? Man
könnte, wenn man mit Worten spielen wollte, sagen, es seyen eher
Ausflüße unsrer selbst. Es mag wie Anmaaßung klingen, aber ich kann
mir nicht helfen; mir scheint es zuweilen, als ob das Gebiet der
eigentlichen Poesie im höchsten Sinne erst da beginne, wo Göthe -- mit
wenigen Ausnahmen -- aufhört. Gewiß ist es wenigstens, daß von einer so
eignen, aparten Behandlungsweise, wo das Individuum sich immer seine
Rechte gegen den Stoff, und gegen die Gesetze der Gattung reservirt,
bei Homer, Sophokles, Cervantes, Shakespeare keine Spur ist.

Meine nächste Zeit nach dem Dresdener Aufenthalte stand zu diesem in
einem herben Kontraste. In Magdeburg, wo die Krankheit so gewaltsam
auftrat, verlebte ich ängstliche Tage; das halb physische, halb
imaginaire Übel, welches den Dunstkreis um die eigentliche Seuche
bildet, ergriff auch mich, und zwang mich zu einer Art von Flucht.
Ich hatte ein förmliches Prinz-Homburgs-Fieber zu überstehn, und
ich will nur wünschen, daß ich für fernere Fälle der Noth mich nun
zurechtgefunden haben mag, wie der zitternde Held.

Hier fand ich Uechtritz fleißig an einer neuen Arbeit, um welche er den
Spartacus wieder zurückgelegt hat. Sie soll: Die Chaldäer in Jerusalem,
heißen, und die Katastrophe des Volks unter Zedekia behandeln. Was
ihr in meinen Augen den eigentlich poetischen Kern giebt, sind die
Messias-Ideen, die verhängnißvoll unter dem Volke umhergehn, sich
besonders im Könige und einer falschen Prophetin, die den König
liebt, und dieses Gefühl für religiöse Begeisterung nimmt, ausprägen
und die Katastrophe herbeiführen helfen. Ich kenne noch nichts von dem
Gedichte, was mir aber U. vom Plane mittheilte, läßt mich etwas sehr
Gutes und Eigenthümliches hoffen. Vielleicht sind diese orientalischen
Stoffe, in ihrer mehr symbolischen und typischen Natur seinem Talente
am angemessensten. -- Noch von etwas Andrem kann ich Ihnen erzählen,
was aus unsrem Örtchen hier hervorgehn, und Sie, wie ich meine,
erfreuen wird. Ich sprach zu Ihnen dort, wie ich denke, schon von einem
philosophischen Freunde, den wir hier besitzen. Er arbeitet gegenwärtig
an einem Werke über Architektur und bildende Kunst, dessen Keim in
Reise-Erinnerungen aus Holland und Belgien lag, welches sich aber
über das ganze Gebiet jener Künste in metaphysischer und historischer
Hinsicht verbreiten wird. Er hat mir jetzt einige Fragmente der Arbeit
mitgetheilt, die auf mich den schönsten Eindruck gemacht haben. Hier
ist einmal wieder etwas Andres, als das leere Geschwätz, oder die
todte Abstraction, die uns seit Jahren auf diesem Felde ermüdet hat.
Alles wird aus der Natur der Sache deducirt, und der Weg, den er geht,
die einzelnen Kunsterscheinungen in ihrer historischen Nothwendigkeit
nachzuweisen, scheint mir der einzig richtige und fruchtbare zu seyn.
Sein Name ist Schnaase, er steht auch an unsrem Justiz-Hofe, an dem
sich durch einen sonderbaren Zufall drei Leute zusammen gefunden haben,
die so wenig, als ihnen nur möglich ist, an Recht und Gerechtigkeit
denken.

Möchten doch meine Worte etwas über Sie vermögen, daß Sie zweierlei
vollendeten, den jungen Tischlermeister und den Aufsatz über die
Alt-Englische Bühne! -- Je mehr ich in der Stille nachher über den
Tischlermeister gedacht habe, desto eindringlicher ist mir das Feine
und Schöne dieser Composition geworden. Es wird, ohne Frage, eins Ihrer
besten Werke. Die milde abendsonnenhelle Beleuchtung des Sternbald
ist auch darin, an Originalität und Gehalt steht es aber, nach meinem
Gefühle, weit über diesem. Ich bin überaus gespannt auf den Punkt, der
durch das ganze Werk indicirt ist, den ich aber hier nicht nennen will,
weil Ihnen mein Wort gegen die Fülle der poetischen Anschauung, nur
mager und ungenügend vorkommen könnte.

Wenn Sie uns nun durch Ihren liebenswürdigen Handwerker einen Gefallen
thun, so ist dagegen der theoretische Aufsatz eine Art Gewißenspflicht.
Es sind viele Indizien vorhanden, daß das theatralische Unwesen sich
einmal wieder auf einige Zeit legen wird. Raupach stellt wirklich
ein Pessimum dar, nach menschlichem Begriff läßt sich nicht tiefer
kommen, das Korn ist in der Mühle vollkommen durchgeschroten, und
dieser jüngste Meister verkauft, um aufzuräumen, noch die Kleyen in
den Säcken. Selbst die Berliner Comödianten fangen an, sich in seinen
Rollen zu langweilen, was doch viel sagen will. Nun aber kommt in
unsrem Deutschland die Praxis immer nach der Theorie, und nur erst,
wenn den Leuten einmal demonstrirt worden ist, wie schon unser Gerüst
dazu führt, das Elende und Schwache zur Evidenz zu bringen, wird man
anfangen, sich zu besinnen.

Von mir selbst kann ich Ihnen noch nichts berichten. Ich habe mir jeden
Tag vorgenommen an den Merlin die Hand zu legen, und sie immer in einer
Art von Verzweiflung sinken lassen. Ich leide nicht an dem Zweifel, an
der Dunkelheit, was ich noch zu machen habe; im Gegentheil steht mir
dieß zu deutlich vor der Seele, und dieß eben entmuthigt mich. Ich habe
ein Gefühl, wie der Gemsenjäger, der sich zwischen Klippen verstiegen
hat; er sieht den Pfad ganz bestimmt vor sich, aber die Füße eines
Menschen sind nicht gemacht, ihn zu wandeln. Nie habe ich eine solche
Kluft zwischen dem Gegenstande und meinen Organen empfunden. Ob unter
diesen Auspicien noch irgend etwas Poetisches zu Stande kommen kann,
oder ob ich nicht im glücklichsten Falle nur ein transcendentales
Ungeheuer erzeugen werde, muß die Zeit lehren. Es wäre ein Unglück für
mich, wenn ich daran scheiterte, denn ich habe bei diesem Wagniß einen
bedeutenden Theil meiner Lebenskraft eingesetzt.

Von Ihren Verwandten habe ich nur die Schwägerin zu sehn bekommen. Herr
Möller war nicht zu Hause. Wie ich aus den mir gethanen Äußerungen
abnehmen konnte, scheint es doch mit dem jungen Institute so ziemlich
zu gehn. Nur hindert auch hier die Cholerafurcht manche Eltern, ihre
Kinder aus dem Hause zu geben. Aufrichtig gesagt, ich bin wegen der
Zukunft bange. Diese Pestscheu wird mit ihrem heimlichen, nagenden
Einfluße noch den letzten Rest der Regsamkeit und des Muthes, der in
den Menschen geblieben war, aufzehren. Ein sonderbarer Zufall ist es,
daß in jeder Epidemie zu Berlin der Philosoph sterben muß; Fichte am
Typhus, Hegel an der Cholera. Ist es wahr, was man sagt, daß eine
Indigestion die Sache veranlaßt hat, so liegt in dem Ereigniße eine
Ironie, die kein gemachter Ernst hinwegtilgen kann. Da dem Preußischen
Staate nunmehr der Begriff fehlt, so möchte man ihm rathen, es einmal
zur Abwechslung mit der schlichten Natur zu versuchen.

Die Tage in Dresden sind mir eine sehr theure Erinnerung. Ich habe
Ihr Bild ganz rein und gut mit mir genommen, und bedaure nur, daß ich
Sie für mein Bedürfniß viel zu wenig gesehn und gesprochen habe. So
manches, was sich nur in einer gewißen Folge verhandeln läßt, klang
bloß an; Andres, worüber ich Ihre Meinung so gern vernommen hätte, ist
kaum berührt worden. Zuweilen gehn doch auch vernünftige Wünsche in
Erfüllung, und so hoffe ich, daß ich mich dießmal früher, als in andern
zehn Jahren, Ihnen wieder nahen werde.

Ihr Tadel, der gegen den Schluß des zweiten Theils des Alexis geht, ist
ganz richtig, der Fehler steckt aber, wie ich glaube, im fünften Acte
überhaupt. Dieser muß nach einem nothwendigen Gesetze (was Shakespeare
überall befolgt hat) kürzer seyn, als die früheren; er soll nur die
schlagenden Resultate deßen enthalten, was bis dahin mit einer gewißen
Ausführlichkeit vorzubereiten, wohl erlaubt ist. -- Mein 5. Act ist
grade der längste, es ist viel zu viel hineingepackt worden, und so
kommt es, daß die Sachen sich gegen das Ende stopfen und einander
hemmen. Leider ist dieß ein Fehler, der durch die ganze Öconomie des
Stücks herbeigeführt wird, den ich also nicht mehr abzuändern vermag.
Ich würde, wenn es irgend zu machen wäre (was freilich sehr schwer
ist, da zu der Gerichtsszene die ganze Tiefe des Theaters genommen
werden muß) für eine Aufführung vorschlagen, den vierten Act erst
mit dem letzten Monologe der Katharina zu schließen. Poetischer und
dramatischer wäre diese Abtheilung auf jeden Fall.

Möchten Sie diese Zeilen recht frisch und froh treffen! Wegen der
Altspanischen Sachen habe ich in Cöln und Belgien Verbindungen
angeknüpft, ich wünsche, daß meine Commißionaire etwas Ihnen
Erfreuliches finden mögen. Alte Romanzeros und Schauspiele würden
Ihnen, denke ich, am angenehmsten seyn.

Ich bitte, den Damen mich angelegentlichst zu empfehlen, und ihnen
meinen Dank für die mir erwiesene Huld und Güte zu bringen. Sehr
glücklich würde es mich machen, wenn ich von Zeit zu Zeit etwas
von Ihnen vernähme, doch darf ich wohl nicht darauf hoffen, da
Briefschreiben Ihnen unangenehm ist.

Mit aufrichtiger Gesinnung

    Ihr

    treu ergebner

    _Immermann_.

Haben Sie die Morgenländischen Dichtungen von Oehlenschläger gelesen?
Der erste Theil der Fischerstochter und Vieles in den Drillingen von
Damascus hat mir so wohl gefallen, wie der Aladdin. Er ist in den
Orientalischen breiten, lockern und bunten Stoffen recht in seiner
Sphäre, und hätte nie nach dem Tiefen und Bedeutsamen sich abmühn
sollen.


                                 III.

    _Düsseldorf_, 27. Januar 32.

Ich habe neulich in der Zerstreuung vergeßen, Ihnen, mein
Hochverehrter, den Baierischen Noah, den Sie mir so gütig mitgaben,
zurückzusenden, und bin erst jetzt durch den Anblick des Buchs an meine
Pflicht erinnert worden. Mit dem aufrichtigsten Dank hole ich das
Versäumte nach, und bitte Sie, meinen Fehler entschuldigen zu wollen.

Ich habe unterdeßen Ihren Hexen-Sabbath gelesen, und bin davon auf eine
ungemeine Weise getroffen worden. Die Kraft der Dichtung ist sehr groß,
und der Eindruck steigert sich vom Leichten, Heiteren, Anmuthigen bis
in das ganz Erschütternde. Mir scheint dann immer die höchste Gewalt
der Poesie hervorzutreten, wenn sie das beschränkt Historische auffaßt,
dieß auch in seiner Begränzung läßt, und es dennoch zur vollkommnen
Gestalt zu bringen weiß. Im Hexensabbath sind nichts als einmal so und
nicht anders dagewesene Flandrisch-Burgundische Figuren, die Zeit ist
in ihrem singulairen Kostüm ganz fest gehalten, nirgends wird darauf
hingearbeitet, das sogenannte allgemeine Menschliche hervorzuheben,
und dennoch ist Alles allgemein verständlich, und wirkt vollkommen
dichterisch.

Wie mich individuell die Sache berühren mußte, werden Sie fühlen.
In der That sind wir auf eine sonderbare Weise in einem Punkte
zusammengetroffen. Mir war Satan, Luzifer, Beelzebub, oder wie man
sonst das Wesen nennen will, welches uns auf jedem Schritt und Tritt
fühlbar wird, nie das Ungeheuer mit Klauen und Schweif, oder der
listige Kammerdiener, der seinem Herrn die Dirne schafft. Es ging
mir vielmehr mit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, und um die
Ketzerey mit einem Worte auszusprechen: Der Teufel war mir der in der
Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott, der durch diesen Act sich selbst
in seiner Einheit verloren hatte. Weil aber dieser Zustand ~eodem
momento~, wo er geboren war, sich in Gott wieder aufheben mußte, so
war mit der Manifestation als Satan, zugleich die als Logos verbunden,
oder vielmehr beide fielen zusammen. Die Function des letztern war
mir nun, das Vielfache, Vergängliche, in den Abgrund des Einen und
Unvergänglichen hinunterzustürzen; Gott pulsirte für mich in jedem
Augenblicke nach beiden Richtungen durch das Weltall. Hierdurch war
mir Sünde und Tod, der Satz des Widerspruchs und das Werk der Erlösung
erst verständlich. Ich wurde mit den Geheimlehren der Kirche bekannt,
Spinoza kam hinzu, und so rann aus Fremdem und Eignem der Demiurgos
zusammen, der im Merlin auftritt.

Sie stehn nun freilich gegen mich im großen Vortheil. Dergleichen
problematische und eigentlich unaussprechliche Sachen halten sich in
den Grillen eines Labitt mehr innerhalb der Grenzen der Poesie, als
wenn sie, wie sie bei mir mußten, schwer, trüb und ernsthaft sich
hinstellen. Ich fürchte, daß dieser Ernst meine Arbeit zu einer ganz
undichterischen gemacht hat.

In den ersten Tagen des Jahrs habe ich den Merlin zu Ende gebracht. Ich
hätte das gröste Verlangen, Ihnen denselben mitzutheilen, es fehlt mir
aber ein Schreiber, der eine correcte und schöne Copie liefern kann,
und ich möchte Sie nicht durch ein häßliches Manuscript von vornherein
zurückschrecken. Es ist daher wohl besser, daß ich Ihnen erst das
gedruckte Buch sende. Ich werde es bald publiciren, da ich fühle, daß
ich daran nichts ändern kann, und daß es durch Feilen nur abgeschwächt
werden würde.

Nehmen Sie nur nicht übel, daß ich Ihnen allerhand unerbetne
Mittheilungen mache, die sich auf dem Papier vielleicht sonderbar
ausnehmen. Sie haben aber einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß
ich mich immer noch Ihrem lieben belebten Antlitz gegenüber sehe, wenn
ich auch nur den todten Briefbogen vor mir habe.

Indem ich bitte, den Damen mich bestens zu empfehlen, verharre ich in
treuer Gesinnung

    aufrichtig ergebenst

    _Immermann_.


                                  IV.

    _Düsseldorf_, d. 8. October 1832.

Ich sage Ihnen, mein hochverehrter Herr und Freund, den aufrichtigsten
Dank für Ihren theilnehmenden Brief, den ich zu meiner großen Freude
und Erquickung vorfand, als ich von einer Reise in die Ahr- und
Lahngegend und durch Hessen zurückkehrte. Mit meiner Gesundheit hat
es allerdings im letzten Jahre nicht besonders gestanden, ich litt an
Nervenzufällen, über die ich sonst, wenn ich davon reden hörte, nur als
über schwächliche Einbildungen lachte, und war in aller Thätigkeit und
Lebensfreude sehr gehemmt. Jetzt aber ist es besser; die Reisebewegung
hat noch das Ihrige gethan, und ich hoffe, daß der Dämon wieder von mir
gewichen ist.

Eine wahre Stärkung ist mir gewesen, was Sie über meine Sachen sagen.
Ich muß Ihnen nur gestehn, daß mich in den letzten Zeiten bei der
allgemeinen Dumpfheit und Kälte, und bei dem Hohne ungezogner Buben,
den ich bei jeder Gelegenheit zu erdulden hatte, oft ein Verzagen
überschleichen wollte, daß ich mehr als je das Bedürfniß fühlte, mich
in fremdem Urtheile wiederzufinden. -- Ihre Worte über den Merlin sind
ganz meinem Sinne und Wunsche gemäß; ich könnte Ihnen über Manches, was
dunkel erscheinen mag, auch nichts weiter sagen, als daß es mir so in
einer Anschauung vorgeschwebt hat, und ihm kein bestimmter Satz, oder
eine besondre Wahrheit zum Grunde liegt. Die allgemeine Anregung, von
welcher Sie reden, ist also grade die Stimmung, aus welcher wenigstens
bei mir die Arbeit hervorgegangen ist, und die ich gern überall bei
Andern wieder sehen möchte. Ein ins Spezielle gehendes Deuten würde
meine Absicht nicht treffen.

Ich will Ihnen nun die beiden Fragen, die Sie mir stellen, so gut ich
kann, beantworten. Der Unbekannte in der Zueignung ist mein hiesiger
Freund Schnaase, deßen ich ja wohl schon gegen Sie Erwähnung gethan
habe, und von dem Sie vermuthlich jetzt durch Uechtritzens Vermittlung
den Aufsatz „über Genremalerei“ gelesen haben werden. Das Entstehen
unsres näheren Verhältnißes fiel grade in die für mich sonderbare und
unvergeßliche Zeit, wo der Merlin in mir zu werden begann. Er war der
Erste, der von der Idee erfuhr, und nahm auf eine Weise Theil daran,
ohne welche ich sie vielleicht nicht auszuführen vermocht hätte. Ich
hoffe, dieser schöne, vielseitige und tiefe Geist wird Ihnen nicht
lange mehr unbekannt bleiben.

Bei der zweiten Frage muß ich etwas weiter ausholen. Sie fragen: ob
die letzten Worte Merlins auch die wahre eigentliche Meinung des
Autors sagen. -- Anfangs verstand ich Sie nicht, nachher habe ich mir
die Sache aber so ausgelegt, daß Sie damit auf einen Zwiespalt in dem
Gedichte haben hinweisen, und eine Erwartung, die durch das Ende nicht
erfüllt wird, haben andeuten wollen. Habe ich Sie recht gefaßt, so
trifft Ihre Einwendung allerdings den wichtigsten Punkt, und ich muß
Ihnen in gewisser Beziehung Recht geben.

Wie mir die Entfaltung der Welt durch das Christenthum vorkommt,
so hat jener einfache und eigentliche Geist desselben, der das
Menschengeschlecht aus den Fesseln des äußern Naturgesetzes befreite,
nur die ersten, apostolischen Zeiten beherrscht, sehr bald nahm dieses
Gesetz, diese Gewalt der Mannigfaltigkeit, diese Herrschaft des
Irdischen, oder wie man es sonst nennen will, wieder Besitz von den
Gemüthern der Menschen, und die folgenden Jahrhunderte stellen nur den
Kampf der beiden, wenigstens auf Erden unvereinbaren Dinge in Volk
und Individuo dar. Die Kirche sucht sie durch einen schönen Traum zu
versöhnen, die Reformation giebt dafür einen andern Traum, als könne
man zu jener Schlichtheit und Einfalt des Urchristenthums zurückkehren.
Er dauert aber nicht lange, bald tritt die Doppeltheit und der nie zu
schlichtende Zwiespalt immer größer und gewaltiger auf, treibt auf
dieser Seite zu neuen Heiden, die denn doch nichts wären ohne das
Christenthum, auf jener Seite zu Christen, welche ohne die Ausstattung
durch Natur und Alterthum auch zusammenschrumpfen würden, und erscheint
endlich in seiner Spitze da, wo nun selbst die heißeste Andacht, die
tiefste, unmittelbarste Sehnsucht nach dem Göttlichen, so von ihrer
eignen irdischen Fülle durchdrungen, verdichtet und verkörpert wird,
daß die Gnade von diesem Drange sich abwendet, und das Heilige vor dem
Gebete erschrickt. Ich kann, um mich deutlich zu machen, hier Spinoza
nennen, obgleich das Beispiel nicht ganz paßt, da seine Natur noch
einen Schritt weiter gegangen ist.

Vor jenem modernen, unbeschreiblichen, in seinem Reichthume unseligen
Geiste hatte auch ich in mir manchen Schauder verspürt, und Merlin
wurde mir der eminente Repräsentant desselben. Hier war von keiner
psychologischen Unwissenheit, von keinem Unglück durch Sünde, nicht
von Schuld und Buße die Rede, nein, das Elend an sich, die Andacht
ohne Gott, der Untergang der vollkommnen Dinge, eben weil sie die
vollkommnen sind -- dieses Alles hatte mich ergriffen. Was soll also,
kann man fragen, diese Unterwerfung unter Gott ohne Zweck, dieser
Schluß, der nichts schließt und nichts löst, und von dem Drucke der
vorangegangenen Katastrophe das Gemüth nicht zu befreien vermag?

Wirklich sollte das Ende erst ganz anders seyn. Der ganze Merlin war
in seiner ersten Anlage viel bunter, figurenvoller, psychologischer.
Im Nachspiele sollten aus dem Hades herauf die Gesänge der Schatten
der Tafelrunde erschallen, deren Inhalt eine Art wehmüthigen Glückes
war, Merlin selbst sollte als Geisterstimme das Ganze epilogisiren,
sich zum weltlichen Heiland erklären, und aussprechen, daß weil
nun einmal alle Freude und aller Schmerz der Erde in _einem_
Individuo durchgefühlt worden sei, der Fluch sich erschöpft habe, und
jeder Künstler in der Grotte des Dulders Trost finden könne. -- Ohne
darüber zu reflectiren, wurde ich aber genöthigt, das Gedicht in der
einfacheren, mehr symbolisirenden Form zu schreiben, und den Schluß so
populair und beschränkt zu fassen, wie beides nun vorliegt.

Vielleicht war etwas, was eine Darstellung des obersten und letzten
Widerspruchs seyn soll, nur durch den Widerspruch, durch die
Inconsequenz dichterisch abzuschließen, ein vollerer, metaphysischerer
Klang hätte vielleicht das Ganze in die Dogmatik und Philosophie
getrieben. Die Kräfte des Himmels und der Hölle haben sich bewegt,
das Übermenschliche hervorzubringen, eine Figur, die die beiden Pole
zusammenknüpft, und es kommt doch in letzter Instanz nur zu einem
Beschränkten, Anthropologischen. Mich dünkt, der Künstler mußte sich
auf diese Sphäre resigniren.

Ich wünschte, ich hätte Ihnen das Alles mündlich sagen können, ich
schreibe nicht gern über meine Motive, man bekommt da immer etwas
Prätiöses.

Auf Ihre Novelle freue ich mich sehr, Ihre Arbeiten, die im Herbste
zu erscheinen pflegen, sind mir immer ein schöner Segen dieser Zeit,
die mir die liebste im Jahre ist. Noch ist die Urania nicht hier.
-- Im letzterschienenen Bande des Shakespeare hat mich der Timon
mächtig gefesselt, ich kannte dieses außerordentliche Werk noch gar
nicht. Ich muß ihn noch mehrmals lesen, bevor ich sagen kann, daß ich
ihn bewältiget habe. Auf seine eigne Weise hat S. hier wieder das
Hauptmotiv: den schwärmerischen Sinn Timons für Männerfreundschaft,
leicht hingehaucht, es eigentlich nur errathen laßen. Er verfährt oft
so. Die Übersetzung paßt in ihrer schweren Art sehr für den Stoff, nur
hätte ich hier, wie in manchen Stücken der Sammlung eine veränderte
Wortstellung gewünscht. Es ist oft nicht möglich, die richtigen
Redeaccente scharf herauszuheben, wie die Worte jetzt stehn -- was bei
dem mündlichen Vortrage sich sehr merklich macht.

Uechtritzens Chaldäer haben mich ebenfalls ungemein beschäftigt. Nur
soll mich wundern, wie er mit der motivirenden psychologischen Form
den Stoff durchführen wird, der sich nach meinem Gefühle mehr zu einer
lyrisch Aeschyleischen Auffassung qualifizirt hätte. Auf die gedruckte
Rosamunde bin ich auch sehr neugierig. Ich habe vielleicht gegen diese
Dichtung Unrecht, und sehe sie nun mit andern Augen an, da sie mir
ferner und fremder geworden ist.

Die sogenannte romantische Schule der Franzosen macht freilich seltsame
Sprünge. Sobald diese Art sich auszubreiten begann, hatte ich gleich
die Ahnung, daß wir an unsern Verächtern nunmehr durch Ausbrüche ihres
kalten Wahnsinns vollständig gerächt werden würden. Da ich von dort
nie Poesie erwarte, so amüsiren mich die artigen Sachen doch, weil
immer ein gewißes Geschick, eine Art von hasenfüßiger Zierlichkeit
darin sichtbar ist. Louis XI. von ~de la Vigne~ z. B. ist
allerliebst gemacht.

Eine curiose Neuigkeit, die Sie vielleicht noch nicht kennen, las
ich vor wenigen Tagen: die mehreren Wehmüller und Hungarischen
National-Gesichter von Cl. Brentano. -- Das Burleske finde ich hübsch
darin, das Ernsthafte ist wie immer abscheulich.

Sie erkundigen sich nach meinen Arbeiten. Ich habe im Sommer eine
vollständige Revision meiner ältern und neuern kleinen Gedichte
vorgenommen, manches Neue gemacht, und eine gereinigte Sammlung
zusammengestellt. Jetzt liegt der _Hofer_ vor mir, den ich
umarbeiten will. Das Kleinliche und Sentimentale soll hinaus, und das
Ganze wird auf ein einfaches, großes, historisches Motiv gebaut werden.

Außerdem beschäftigen mich drei neue Aufgaben -- die _Epigonen_,
ein Roman, von dem ich Ihnen aber keine Andeutung geben kann, weil
diese zu weitläuftig werden würde; das mythische Gedicht: der
_Schwanenritter_, dessen Eingangsstanzen ich im vorigen Herbste
Ihnen abschrieb und dann: der _Tristan_, dessen Plan und
Eintheilung auch bereits fertig ist. -- Diese drei Stoffe sind ein
wahres Unglück für mich, denn weil sie mich auf gleiche Weise anziehn,
so fühle ich mich oft in ihrer Mitte völlig paralysirt.

Machen Sie nur Ihre Zusage wahr, im künftigen Jahre hierher zu kommen.
Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich Sie hier begrüßen
dürfte. Man kann Ihnen freilich hier nichts Fertiges zeigen, aber es
regt sich doch Manches, was in gutem Wetter und Sonnenschein vielleicht
einmal fertig wird. Schadow, der Sie sehr verehrt, wollte Sie im
October auf der Heimreise von Berlin besuchen, und freute sich sehr
darauf, Sie zu mahlen.

Interessant würde es mir seyn, die Übersetzung des Alexis kennen zu
lernen. Vielleicht macht mir der Herr, der sich damit beschäftigt,
einmal wohl eine Mittheilung.

Mit inniger Hochachtung und Verehrung

    Ihr

    ganz ergebenster

    _Immermann_.


                                  V.

    _Frankfurt_ a/M., 5. September 1833.

Nur wenige Worte kann ich in der Unruhe der Reise dem Buche beifügen,
welches ich Ihnen, mein Hochverehrter, als meinen Vorgänger zuschicke.
Ich werde nämlich auf der Reise, die ich morgen von hier über
Stuttgart, München, Tyrol und Wien weiter fortsetze, auch durch Dresden
kommen, wo ich Sie etwa am 9ten oder 10ten k. M. gesund und wohl zu
treffen hoffe.

Das Buch fand ich hier fertig und wünschte es Ihnen doch gleich
mitzutheilen. Sagen mag ich über diese Composition nichts weiter; sie
commentire sich selbst. Nur Eins: daß in den Stellen über Sie, das
innigste Gefühl für Sie gesprochen hat.

In der für mich beglückenden Aussicht des Wiedersehns

    Ihr

    aufrichtigster

    _Immermann_.


                                  VI.

    _Düsseldorf_, d. 4. Mai 1834.

Sie werden mich für sehr undankbar gehalten haben, theurer Meister,
weil ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben, Ihnen nicht meinen Dank
sagte für die große Güte, deren ich mich abermals im verwichnen Herbst
von Ihnen zu erfreuen hatte. Zum Theil bin ich unschuldig -- ich durfte
nach meiner Rückkehr erwarten, daß sich hier etwas begeben würde, was
ich Ihnen gern mittheilen wollte und harrte darauf Tage, Wochen, Monate
lang. Eine Zeit lang bin ich auch krank gewesen und zwar ziemlich
ernstlich.

In Berlin lernte ich zwar Ihren Freund Steffens kennen, sah ihn
aber für meinen Wunsch zu wenig, wie das in der großen Stadt, wo
Jeder nur in seinem Kreise sich bewegt, bei kurzem Aufenthalte zu
geschehen pflegt. Das jetzige Treiben dort hat mir wenig gefallen,
ich glaube auch kaum, daß es Ihnen behagen würde. Es fehlt durchaus
an einem großen durchgreifenden Interesse, sei es für Gegenstände des
öffentlichen Lebens, sei es für Kunst und Wissenschaft. Was man jetzt
dort Liebe zur bildenden Kunst nennt, ist auch so weit nicht her,
wenigstens klagten grade die ersten Künstler, die mir über diesen Punkt
ihr Vertrauen schenkten, über Mangel an erwärmenden Begegnungen in
dieser Sphäre. Hier, wie in den übrigen ist nichts sichtbar als eine
gewiße unruhige Lebendigkeit, eine Beschäftigung mit den Dingen ohne
Glauben und Enthusiasmus. Was die sogenannten Dichter und Literatoren
betrifft, so sind sie unter aller Kritik; diese Leute halten von sich
und von Andern nichts; damit ist ihr Wesen hinreichend bezeichnet.

Der Sinn für Poesie und ein gewißer freierer Literaturgeist könnte sich
der Natur der Sache nach nur durch ein bedeutendes Theater, welches
sich wunderbare, neue, tiefsinnige Aufgaben stellte, wieder erwecken
lassen. Und da ist nun, wie ich glaube, auf zwei Menschenalter hin,
methodisch verwüstet worden. Die Berliner Bühne hat keine Fehler mehr,
sie ist negativ geworden, sie stagnirt. Ich habe Manches gesehen, was
ganz gut gespielt ward, aber Alles war Routine, Dienst, Reglement,
und nirgends konnte ich den Funken eines Talents, welches sich auf
eigenthümliche Weise Luft machen wollte, erblicken. Einiges, wie
_Wallenstein_ und _Kaufmann von Venedig_ war so schlecht und
geistlos, daß ich mich schämen würde, es hier so mit meinen Anfängern
zu produciren. Im Kaufmann gab Rott den Shylock, von dem er ja wohl
damals bei Ihnen sagte, er spiele ihn ganz hoch und ernst, noch mehr
als zerkniffnen Schacherjuden, als weiland Devrient.

Dieser Zustand der Dinge ist um so beklagenwerther, als eigentlich die
ganze Stadt ein Bedürfniß nach einem guten Theater hat, ohne welches
sie ja auch weniger als eine andre existiren kann. Die Häuser sind voll
und man nimmt auf Berlinische Weise Theil, selbst an der gegenwärtigen
Mittelmässigkeit. Es ließe sich also wohl hoffen, daß wenn die Anstalt
die Sache aus dem Gesichtspunkte der gegenwärtigen deutschen Cultur
griffe, für eine Reihe von Jahren wieder etwas Beßeres dort entstehen
könnte.

Mein hiesiges Theaterproject, dessen Realisirung ich Ihnen eben gern
melden wollte, und leider noch nicht melden kann, beruht grade darauf,
die Literatur und Poesie wieder mit der Bühne in Verbindung zu setzen.
Es ist dieß nicht unmöglich, wenn man die Sache leise anfaßt, und nicht
zuviel auf einmal von den Leuten verlangt. Hin und wieder muß man sich
auch accommodiren können; wenn man aber das thut, so weiß ich durch
selbstgemachte Erfahrungen, daß die Menschen nicht so unempfänglich
für Feineres und Tieferes sind, als sie gemacht werden. So werde ich
z. B. wenn mein Theater zu Stande kommt, gleich im ersten Winter Ihren
Blaubart bringen und bin über den Erfolg ganz ruhig. Ich werde mich
aber nach der Lehre des Katers richten, gar nicht thun, als ob dieß
etwas Besondres wäre, es mit dem übrigen Repertoir sacht herandringen
lassen, und die neue Speise soll genossen seyn, ehe man noch gewußt
hat, daß sie zubereitet worden ist.

Bis mir die Wirkung im Ganzen vertraut wird, fahre ich fort, hier
im Einzelnen thätig zu seyn. Ich habe nach meinen Ideen _Egmont_,
_Nathan_, _Braut von Messina_ und _Andreas Hofer_ in die Szene
gesetzt, wobei mir Seydelmann aus Stuttgart sehr hülfreich war,
der eine Zeitlang hier gastirte. Ich habe Sie nie von ihm sprechen
hören; wenn Sie ihn nicht kennen, so thut es mir leid. Mir ist er
eine neue und wahrhaft künstlerische Erscheinung gewesen, die durch
harmonisches Zusammenwirken von Verstand und Phantasie, Präcision und
weise Beschränkung immer etwas höchst Wohlthuendes hat. Sein Carlos
in Clavigo ist nach meinem Gefühle ein Meisterstück, wie man nur
eins auf der Szene sehn kann. Groß und sonderbar, abweichend von der
gewöhnlichen Darstellungsweise, faßt er den Mephistopheles, und in
leichten komischen oder historischen Masken ist er unübertrefflich.

Da Ihnen zu meiner großen Freude Hofer in seiner gegenwärtigen Gestalt
gefällt, so wird es Sie vielleicht interessiren, wenn ich Ihnen
sage, daß das Stück sich auf der Bühne gut ausnimmt, und hier eine
vollständige Wirkung hervorgebracht hat. Was am meisten eindrang,
war: die Mystification des Herzogs von Danzig im I. Act. Die
heroischen Szenen von Hofer im II. Act. Die diplomatische Szene
-- Die Szene zwischen dem Vicekönig und Hofer. Der Schluß des 4ten Acts
und der ganze 5te.

Obgleich dieser Erfolg in einer kleinen Stadt für mich keinen weitern
Vortheil haben kann, so hat er mich doch sehr gestärkt und beruhigt.
Ich kann nicht bergen, daß ich schon seit Jahren und namentlich seit
dem Erscheinen des Alexis einen großen Mißmuth über die völlige
Geringschätzung, womit mich die sogenannte reale Bühne bei Seite liegen
läßt, empfinde. Hieran reihten sich peinigende Zweifel über meinen
Beruf. Ich habe aber nun an der Aufführung des Hofer gesehen, daß es
wenigstens meine Schuld nicht ist, wenn meine Sachen nicht gegeben
werden.

Wie oft dachte ich der guten Stunden, die ich im Herbst mit Ihnen
zubringen durfte und wünschte mir sehnlichst die Wiederkehr auch nur
einer derselben! Sind Sie denn jetzt auch recht gesund? Werden Sie
in diesem Jahre ins Bad gehn, und wohin? Ich könnte, wenn ich es bei
Zeiten erführe, vielleicht auch dorthin auf einige Tage kommen, denn
Sie hier in Düsseldorf zu sehn, ist doch wohl nur eine vergebliche
Hoffnung. Ihr: „Tod des Dichters“ hat überall, wo ich darüber mit
Jemand sprechen konnte, einen schönen Eindruck hervorgebracht. Mit dem
gestiefelten Kater gelang es mir, hier eine Gesellschaft von achtzig
Personen, vor der ich wieder wie früher, im Winter einige dramatische
Gedichte vortrug, in ein unauslöschliches anderthalbstündiges Gelächter
zu setzen.

Ich bitte Sie, wenn Sie über Ihre Reise entschieden sind, mir ein Paar
Zeilen zu schreiben, oder Fräulein Dorotheen zum Bruch ihres Gelübdes,
nie etwas Schriftliches an einen Mann zu erlassen, zu vermögen. Ich
sehe Sie dann, wenn es mir irgend möglich ist.

Die Handschrift des neuen Hofer habe ich nicht geschickt, weil er bald
gedruckt in den 4 ersten Bänden meiner Schriften erscheint, die ich
Ihnen gleich nach deren Erscheinung überreichen werde. Ich wußte doch
vorher, daß er dort nicht aufgeführt werden würde.

Gegenwärtig bin ich emsig an meinem Romane: die Epigonen, und hoffe
noch im Sommer diese Arbeit zu vollenden. Ich bin seit 11 Jahren damit
beschäftigt; ist er also fertig, so wird mir eine große Last abgenommen
seyn. -- Haben Sie die Güte, Ihrem ganzen Hause, wozu ich auch
Frau Solger zähle, mich auf das angelegentlichste zu empfehlen. Mit
aufrichtigster Gesinnung

    Ihr

    treu ergebner

    _Immermann_.


                                 VII.

    _Düsseldorf_, d. 7. Nov. 1834.

Vor etwa zehn Tagen ließ ich die ersten vier Bände meiner Schriften
an Sie, theurer Meister, abgehn, und dachte mit dem nächsten Posttage
an Sie zu schreiben. Das Gedränge, worin ich jetzt stecke, hat aber
diese Zeilen bis heute verzögert. Unterdessen sind jene Bände bei
Ihnen angelangt, und werden hoffentlich von Ihnen mit gewohnter
Freundlichkeit empfangen worden seyn. Es ist viel Neues darin, noch
Mehreres, was früher schon vorhanden, jetzt eine neue Form gewonnen
hat. So ist namentlich Tulifäntchen in der jetzigen Gestalt knapper und
präciser gehalten.

Ich betrachtete es als ein wahres Unglück, daß wir uns im Sommer
verfehlten. Welchen angenehmen Tag hätten wir zusammen haben können!
Wir sind wenige Meilen an einander durchgefahren, Sie über Heidelberg,
ich über Mannheim; leicht wäre es mir gewesen, jene Tour zu nehmen, und
mit Ihnen einen Tag in Heidelberg zu seyn. Vielleicht, daß das künftige
Jahr mir in dieser Hinsicht mehr Glück bescheert.

Hoffentlich steht es in Ihrem Hause jetzt wieder wohl, oder besser
doch, als damals, wo Sie mir schrieben. -- Ihrer heitern Laune in
der Vogelscheuche habe ich mich sehr erfreut; in diesem Mährchen
ist eine unendliche Fülle des graziösesten Scherzes (trotz des
verhängnißvollen Hans -- im Himmel und auf Erden) und der lieblichsten
Naturanschauungen. Nur fürchte ich, werden es Ihnen unterschiedliche
distinguirte Charaktere in Literatur und Kunst, beim Militair und
Civil übel gedenken, daß Sie ihren Stammbaum von gebranntem Leder so
schonungslos enthüllt haben. Hegel und seine ganze Schule war, wie ich
glaube, ähnlicherweise aus den Erbsenfeldern gelaufen.

Meine Tage werden jetzt ganz von dem Geschäfte für die Bühne absorbirt;
ich kann weder etwas schreiben, noch lesen. Hätte ich auf eine
augenblickliche Vergeltung der sauersten Mühen gerechnet, so müßte mir
meine Lage sehr peinlich vorkommen, da ich aber dieses Geschäft mit
völliger Resignation anfing, so tröstet mich nur der stille Gedanke,
daß, wie übel der Anschein der Dinge auch immer seyn möge, Fleiß und
Liebe nie ganz umsonst aufgewendet wird. Ich eröffnete die Bühne vor
etwa 14 Tagen mit einem Vorspiele von mir, und dem Prinzen von Homburg,
der vortrefflich gegeben wurde. Namentlich wird man, das darf ich kühn
sagen, die Paroleszene, die Schlacht und den 5ten Act nicht leicht
beßer sehn können. Hätte ich Sie doch unter meine Zuschauer zaubern
können!

Von bedeutenden Aufgaben, die seit der Zeit gelöst worden sind, kann
ich Ihnen ferner Macbeth nennen. Ich wollte ihn erst nach Ihrer
Übersetzung geben, aber als ich erwog, daß für diesen Vers unsren
Schauspielern zur Zeit noch die Zunge, und unsrem Publico das Ohr
gebricht, so entschied ich mich doch für Schiller, legte aber die
Hexenszenen aus Ihrer Übersetzung ein. Die Hexen wurden nicht als
Furien, sondern als häßliche ekelhafte alte Weiber gespielt, wo mir
denn wenigstens die Genugthuung wurde, daß während jene Gestalten in
der Regel Lachen erregen, dießmal ein rohes Sonntagspublicum dem alten
Weiber-Gekreische so still zuhörte, als säße es in der Kirche.

Den ersten Act schloß ich, zum Theil durch die Beschränkung meiner
kleinen Bühne gezwungen, mit der 4ten Szene, so daß nun der ganze
Aufzug ein kurzes stürmisches Schlacht-, Zauber- und Gewitterbild war.
Der zweite Act begann mit der Brieflesenden Lady, und in diesem hatte
ich von Shakespeares, mir durch Sie erst klar gemachten Intentionen
soviel gerettet, als möglich war. Die Szene blieb unverändert, und
stellte einen engen gothischen Hof des Schlosses Inverneß mit einem
Balcon und verschiednen Ein- und Ausgängen vor. Der Act begann gegen
Abend, dauerte die Nacht hindurch und schloß am Morgen. Freier Himmel,
der Mond hinter schwarzen Wolken, Sturm und Regen spielten mit.

Das Arrangement war so:

[Illustration]

~a. a. a.~ Hauptgebäude des Schlosses mit einem seitwärts
hervorspringenden Vorbau.

~b.~ Pforte, durch welche die Lady Brief lesend, und am Morgen
nach dem Morde auftritt.

~c.~ Eine Treppe mit einem Balcon an dem Seiten-Vorsprunge des
Hauptgebäudes. In diesem Seitenvorsprunge wurde der Speisesaal, das
Schlafzimmer Duncans und der Prinzen angenommen. Duncan führte die Lady
über diese Treppe durch die Thür ~d~ ab. Die Lords gingen durch
die untre Thür ~b~ und kamen aus derselben.

~e.~ Seitenpforte zu äußern Schloßgebäuden, worin die Schlafzimmer
der Lords angenommen wurden. Sie gingen also am Abend von ~b~ nach
~e~ und stürzten am Morgen aus ~e~.

~f.~ Seitenpforte zu der Pförtner-Wohnung und
Wirthschaftsgebäuden, woher am Abend die Speisen getragen wurden.

~g. g.~ Hintergebäude, Zugbrücken, Thürme, Gebüsch.

Durch diese Anordnung bekamen nun die Szenen, welche sonst trotz
des in ihnen waltenden Übermaaßes von Poesie kalt vorübergehn, ein
außerordentliches Leben. Die winklichte Mondbeschienene Architectur
hatte schon etwas Geheimes, Grauenvolles, und nun das Gehn und Kommen
von verschiednen Seiten, aus 4 Thüren, das Hinauf- und Hinuntersteigen!
Wahrhaft sublim machte sich der Moment, wo die Lady unten an der
Balcontreppe lauschend gekauert, flüstert, und Macbeth eben auf den
Balcon mit den Paar entsetzten Worten hinaus- und gleich wieder
zurückstürzt. Sehr schön baute sich auch bei dieser Einrichtung das
Tableau des Morgens. Von allen Seiten kamen Gruppen zu Stande, und den
Gipfel bildeten die beiden Prinzen, die oben auf dem Balcon blieben.

Reußler, den Sie in Baden kennen gelernt haben, spielte den Macbeth.
Roh, verworren, halbverrückt von Stolz und Zaubersprüchen, nach meinem
Gefühle nicht unwürdig des großen Werks, freilich nicht in dem Sinne
unsres Publicums, welches hier, wie aller Orten verlangt, daß der Held,
wenn er auch seinem König die Kehle abschneidet, von Liebenswürdigkeit
glänzen soll. Herrlich wurde Macduff gegeben, nie habe ich die Reden
des 2ten Acts mit so grandiosem Pathos vortragen hören; ich wurde
an Aeschylus erinnert. Schenck heißt der Schauspieler, der ihn gab.
-- Die Nachtwandelszene ließ ich ohne allen Accent, und scharfes
Einschneiden der Rede, was sonst üblich ist, sondern nur so leise
tonlos hinflüsternd sprechen.

Zunächst habe ich von großen Sachen: Hamlet, Stella, Minna v. Barnhelm,
Schule der Alten, vor mir. Von ganz ungangbaren Werken, deren
Darstellung ich in diesem Winter versuchen will, nenne ich Ihnen den
Blaubart, König Johann, Richter von Zalamea, Coriolan, Alexis. Mein
Repertoir ist wunderbar componirt, ich suche mir durch Auftischung des
Gewöhnlichen Raum und Vergunst für meine Lieblinge zu gewinnen.

Die Gesellschaft ist gut zusammengesetzt. Mehrere hübsche, frische
Talente, kein einziges exorbitantes Genie, kein einziger Dummkopf. Noch
zeigen sie Lust an dem Neuen, was ich mit ihnen, und durch sie versuche.

Aber alles dieses kann, wie man die Hand umdreht, sich ändern. Ich bin
daher auch jetzt bei gutem Fahrwasser und Winde schon auf Schiffbruch
gefaßt.

Mögen diese Zeilen Sie gesund und heiter treffen! Ihrem ganzen Hause
mich bestens empfehlend, bin ich unverändert

    Ihr

    treu ergebener

    _Immermann_.


                                 VIII.

    Den 23ten April 1835.

Wie ich Ihnen vor einigen Tagen schrieb, benutze ich gegenwärtig die
Gelegenheit Ihnen noch einiges Nähere über die Aufführung des Alexis
durch Hrn. Weymar mitzutheilen, den ich Ihnen zu gütiger Aufnahme
bestens empfehle. Er selbst hat sich in der Rolle des Alexis recht gut
aus der Sache gezogen, und das Einzelne, was ich noch hin und wieder
in der Auffassung vermißte, würde wohl auch kein anderer Darsteller
in dieser schwierigen und verwickelten Rolle gleich bey der ersten
Aufführung besser als er geleistet haben.

Die beiden Theile wurden, wie die beyliegenden Zettel besagen, an zwei
Abenden hinter einander gegeben. Es war eine gewaltige Arbeit, diese 10
Acte in wenigen Wochen in die Scene zu setzen. Die Hauptschwierigkeit,
welche sich bey dem Geschäfte zuerst aufthat, war, daß fast alle
Rollen sich als Charakter-Rollen zeigten, und eigentlich keine in der
hergebrachten Bühnenweise zu spielen war; eine fernere Schwierigkeit
lag in dem Laconismus der Expositionen und historischen Töne, so daß
die Schauspieler nun wieder gezwungen waren, von ihrer Gewohnheit
abzuweichen und diese Dinge mit einer Präcision vorzutragen, welche sie
allein für die Zuschauer deutlich machen konnte. Dies waren die wahren
Schwierigkeiten, alle übrigen, welche Direction und Intendanzen aus dem
Scenischen hervor gesucht haben, ließen sich bey dem ernsten Angriff
der Sache nicht entdecken.

Indessen sind auch jene zu überwinden gewesen. Die Darstellung des
ersten Theils hatte noch hin und wieder etwas Unsicheres, Unfertiges,
Überladenes, die Aufgabe war für die Vorstellenden noch zu neu, doch
ging alles im Ganzen mit Geist, Kraft und Energie vorwärts. Die meiste
dramatische Wirkung entwickelte sich in den Bojaren-Scenen des ersten
Aufzugs, in den Scenen des Alexis im zweiten Aufzug, in der für
undarstellbar ausgegebenen Schiffsscene, in den Bauer-Scenen des 4ten
Aufzugs, und in der Schlußscene zwischen Vater und Sohn. Wie ich die
Schiffsscene arrangirt, wird Ihnen Hr. Weymar noch näher sagen.

Im zweiten Theile war nun alles zu Hause, und diese Vorstellung
rollte mit einer Kraft und Gewalt ab, wie man gewiß selten ein
dramatisches Werk produzirt sieht; ich kann sagen, daß ein Jeder darin
mit Begeisterung spielte, man mußte diese Vorstellung eine vollendete
nennen. Die todte Form, an welcher der lebendige Czar zerbricht, gewann
durch charakteristische Darstellung des Tolstoi selbst ein furchtbares
Leben.

Die Erscheinung des Gerichts hatte ich so imposant als möglich gemacht,
auch hierüber wird Ihnen Hr. Weymar näheres sagen.

Was mir sehr zu statten kam war, daß der Schauspieler, welcher den Czar
spielte, ganz in meine Absichten eingegangen war, und wirklich etwas
Großes leistete. Der Effect auf die Zuschauer war denn so, daß der
erste Theil wie ein Prolog wirkte, sie in Spannung und Aufmerksamkeit
erhielt; der zweite Theil aber sie fortriß. In diesem Theile wechselten
nur die untrüglichen Zeichen der vollendeten Wirkung ab, nemlich
Todtenstille und lebhafter Applaus.

Da ich Ihren Antheil an diesen Sachen kenne, so bin ich so weitläuftig
gewesen und fürchte nicht, Sie damit ermüdet zu haben.

Manche trübe Zweifel, welche die Vernachlässigung meiner Arbeiten
seitens der sogenannten realen Bühne in mir hervorgebracht hatte, sind
durch die Aufführung des Alexis und durch die des Hofer im vorigen
Jahre niedergeschlagen worden. Ich weiß nun, daß diese Stücke dem
deutschen Theater angehören, und über Kurz oder Lang über dasselbe
ihren Gang nehmen müssen, wie sehr man sich auch dagegen sperren mag.
(?)

Jetzt bin ich am Blaubart und habe heute die erste Leseprobe davon
gehalten, bei welcher Hr. Weymar auch noch zugegen war.

Ich leide an einem Augenübel und muß mich deshalb fremder gütiger Hand
bedienen, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Das Verdrieslichste
bey diesem Umstand ist mir, daß sich dadurch die Aufführung des
Blaubarts vielleicht verzögert.

Ihr Freund Löbell ist hier und hat sich vorgenommen, letztere
abzuwarten.

Mit treuer Gesinnung der Ihrige.

    _Immermann_.


                                  IX.

    _Düsseldorf_, 4. May 1835.

Ich übersende Ihnen, mein Hochverehrter, den Zettel der gestrigen
Aufführung des Blaubart, welche ein sehr erfreuliches Resultat gegeben
hat.

Das Erfreulichste war mir, daß das Stück sich wirklich, wie ich
beständig geglaubt hatte, als völlig dramatisch-theatralisch bewährt
hat. Die sonderbaren maskenartigen Figuren der ersten Scenen
beschäftigen und fesseln und bringen bei dem überhaupt für Poesie
Empfänglichen sogleich die gehörige Stimmung hervor. Nach und nach
tritt der Ernst heran, die Spannung steigert sich gelinde, und wächst
bis gegen das Ende zum tragischen Affect, auf welchem Gipfel sich das
Werk wieder durch Scherz gelinde beruhigt. Kurz, es sind in diesem
freien Gebilde der Phantasie zugleich alle Requisite des materiellen
Theaters vorhanden. Das wußte ich freilich längst von diesem, wie von
manchem andern Ihrer oder Andrer Werke, allein es ist doch erfreulich,
dieses isolirte Wissen nunmehr durch die Praxis bewahrheitet zu
sehn. Mein Glaube steht fester als je, daß unsre Bühne nicht verarmt
ist, vielmehr auf der Stelle reich dastehn würde, wenn wir nur uns
entschließen könnten, die unbenutzten Schätze, welche wir noch haben,
hinauf zu fördern.

Die Darstellung war eine gute zu nennen; ich glaube, daß Sie mit
derselben nicht unzufrieden gewesen seyn würden. Obgleich Vieles in
den Händen größerer Künstler (denn das Stück verlangt bis in die
kleinen Rollen hinein eigentlich bedeutende Talente) noch schärfer,
origineller, markiger ausgefallen wäre, so kann man doch dreist
behaupten, daß der Sinn und Humor keiner einzigen Szene verloren
gegangen ist. Selbst bis zu den Handlangern herab war es gelungen,
den Geist des Ganzen ihnen beizubringen. Und das Stück zeigte sich
so leicht behandelbar, daß ich mit geringen Vorbereitungen dessen
mächtig geworden bin. Eine Vorlesung, zwei Lese- und drei Theaterproben
genügten, den Blaubart in die Szene zu setzen. In besonders guten
Händen waren Agnes, Simon, Winfried, Rathgeber -- auch der Blaubart
und der Narr waren nicht schlecht. Mechthilden muß ich ebenfalls noch
lobend erwähnen. Sublim machte sich die Erzählung des Mährchens, die
ich tableauartig hatte arrangiren lassen. Im Ganzen ließ ich die Farben
dreist und keck auftragen, auch was Costum, Maske, Apparat u. s. w.
betrifft.

Da wir beide den schändlichen Zustand unsres heutigen Theaterpublicums
kennen, so werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich
mit stiller Resignation ins Theater ging, auf eine völlige Niederlage
gefaßt, wobei indeßen, wie jener französische König sagte, die Ehre
nicht verloren gegangen wäre. Nun war aber der Erfolg ein ganz andrer,
angenehmerer. Von vorn herein herrschte die größte Aufmerksamkeit im
ganz gefüllten Hause (~NB.~ beim schönsten Maiwetter). Alles
Lustige, Humoristische wurde belacht, die tiefsinnigen Unterhandlungen
zwischen Simon und dem Arzt, diesem und dem Blaubart erregten die
größte Lust, tiefe Stille bei den tragischen Szenen, häufiger Applaus,
endliches Hervorrufen von Agnes und dem Blaubart -- kurz, alle Zeichen
eines vollständigen Erfolgs. Ich habe nach diesem Abende die Hoffnung,
den Blaubart förmlich dem currenten Repertoir einverleiben zu können.
Das ist sehr wenig und sehr viel, wie man es nimmt.

Aus dem Zettel ersehen Sie, daß ich Abänderungen und Einrichtungen
vorgenommen habe. Sie trauen mir den lächerlichen Dünkel nicht zu, Sie
verbessern zu wollen, allein man muß durchaus, will man bei gewagten
Sachen noch einige Chancen des Gelingens für sich behalten, sich
gegenwärtig zu Manchem verstehn.

So ist es mir ein Erfahrungssatz geworden, daß bei solchen
Productionen, je weniger Zwischen-Acte sind, desto mehr noch an
einen Erfolg zu denken ist. Die poetische Stimmung verfliegt bei der
barbarischen Menge den Augenblick wieder, wenn sie nicht möglichst
condensirt zusammengehalten wird. Mit der Zusammendrängung der
Stella in 3 Acte war es mir schon gut gelungen, und nun ist dieselbe
Operation, wie ich glaube, auch dem Blaubart zu Statten gekommen.
Ich habe aus Act 1 und 2 den Ersten aus Act 3 und 4 den zweiten Act
gemacht, und der 5te Act ist der dritte geworden.

Manches habe ich gekürzt. Dann war es für das Theater durchaus
nothwendig, die secundaire Handlung (Morloff, Reinhold, Brigitte,
Leopold) völlig zum Abschluß zu bringen, bevor die tragische
Katastrophe der Haupthandlung eintrat, weil das Eintreten der zweiten
Handlung, nachdem die Haupthandlung zum Ende gediehen ist, für
unser nicht mit einem Male von dem Gelüste nach starken Effecten
abzubringendes Publikum eine ~longueur~ gewesen wäre, welche
vielleicht den ganzen Schluß umgeworfen hätte. Ich ließ also schon
im finstern Wald den alten Morloff seine Tochter wiederfinden, ihr
vergeben, und diese ganze Gruppe nur zum Schluß mit einigen auf Agnes
bezüglichen Worten wieder eintreten.

Die Szenerie Ihres Werks zum Schluß hätte eine bedeutende tragische
Handlung auf einen engen Raum zwischen Podium und Soffiten ängstlich
zusammengepreßt, welches, wenigstens auf unsrer kleinen Bühne, die
ganze Wirkung vernichtet haben würde. Ich nahm also das ganze Theater
zum Altan, ließ hinten das Podium aufnehmen, Luft und vorragende
Gebirgsspitzen hinhängen, um die Höhe zu versinnlichen, und Alles von
unten und hinten auf den Altan kommen.

Winfried schloß das Ganze mit einer gereimten ~Captatio
benevolentiae~ an die Zuschauer.

Wenn es Sie interessirt, will ich das Buch, wornach hier gespielt
worden ist, übersenden.

Das Liebste wäre mir nun, wenn _Ihnen_ diese Sache auch einige
Freude machte. Ist dieß der Fall, so würde ich Sie bitten, Ihre
Abneigung gegen das Schreiben zu überwinden, und mir einige Zeilen
zu senden, die ich meinen Schauspielern mittheilen könnte. Das Wort
des Dichters würde sie außerordentlich erfreun, und es ist wohl
gewissermaßen jetzt nöthig, wenn diese verkommenen Menschen einmal sich
zum Ungewöhnlichen aufraffen, das Edlere in ihnen auf jede Weise zu
bestärken.

Mit herzlicher Gesinnung

    der Ihrige.

    _Immermann_.

N. S. Eine im Gebäude verirrte Katze erschien munter hin- und
herspringend in mehreren Szenen auf der Bühne, als wollte sie an der
Handlung Theil nehmen. Wenn man Ihrer Neigung zu dieser Thierart
sich erinnert, so hat das Ereigniß wirklich etwas Mystisches. Dieser
ungestiefelte Kater störte übrigens nicht, da er nur in lustigen Szenen
kam und von Winfried sogleich zu einigen Lazzi verbraucht wurde.
Mehrere Zuschauer haben wirklich geglaubt, die Katze gehöre zum Stück.


                                  X.

    =Ludwig Tieck an Immermann.=

    _Dresden_, d. 10ten Mai 1835.

    _Mein theurer, geehrter Freund!_

Wie unendlich tief bin ich nun schon in Ihre Schuld gerathen und wie
viel glühende Kohlen haben Sie auf mein Haupt gesammelt. Statt zu
klagen und Ihre Verzeihung zu erbitten, will ich, so gut ich kann,
nach der Ordnung die Punkte berühren, auf welche ich Ihnen Antwort
schuldig geblieben bin. Sie erhalten dieses Blatt durch einen wackern,
von mir sehr hochgeschätzten Schauspieler, Herrn P., der sich auch
Ihrer Bekanntschaft erfreut. Ich glaube, dieser Mann hat, seitdem Sie
ihn gesehn haben, noch bedeutende Fortschritte gemacht; er hat hier
mit vielem Glück die beiden Cromwells von Raupach und dessen Friedrich
II. und seinen Sohn (er Friedrich) gegeben. Das Publikum hier
bezeigt ihm so, wie ich, die Hochachtung, die er verdient.

Wie habe ich auf Sie vorigen Sommer in Baaden gewartet! da Sie mir
Ihre Ankunft eigentlich mit Gewißheit versprochen hatten! Ich weiß
nicht einmal mit Gewißheit, ob Sie bis Frankfurt gekommen sind, und den
Brief erhalten haben, den ich Ihnen dorthin schrieb. Es wäre so schön
gewesen, wenn wir uns dort im grünen Lande in dieser so aufthauenden
Sonnenhitze gesprochen hätten. Es lebt sich anders dort, als in einer
Stadt, und Spatziergänge, Natur, alles hätte uns wohl noch näher
gebracht. Nachher ängstete ich mich, Sie möchten doch noch nach meiner
Abreise hingekommen sein, denn die Krankheit meiner Frau zwang mich,
viel früher abzureisen, als ich sonst wohl gethan hätte. Diese fand
ich hier sehr bedenklich und im Winter fast sterbend. Die Wassersucht
macht stets wiederkehrende Operationen nöthig, und die zweite, die
noch im Herbst erfolgte, brachte sie dem Tode ganz nahe. Seitdem hat
sie sich, obgleich diese Operationen wiederholt werden, auf eine fast
wunderbare Art gebessert: ihre Kräfte, die schon ganz geschwunden
waren, stellen sich wieder her, und sie ist jetzt eine bessere
Fußgängerin als ich, so daß sie wenigstens, wenn auch immer leidend,
noch auf einige Lebensjahre rechnen kann.

Den Dank für die 4 Bände Ihrer gesammelten Werke bin ich Ihnen auch
noch schuldig, herzlich gebe ich ihn, wenn auch spät. Mein Freund,
immer wieder habe ich Ihren Alexis gelesen, und oft auch Hoch und
Niedrig, Vornehm und Gering, Dumm und Klug vorgelesen, und er hat immer
allen Menschen und allen Temperamenten auf wunderbare Weise gefallen,
die meisten hingerissen und erschüttert. Das Werk bleibt mir immer neu
und wird mir mit jeder wiederholten Lesung lieber. Mir däucht, das ist
die beste Kritik, sowie der ächte Prüfstein. Diese politische Weisheit
in Anlage und Durchführung, diese feine, edle Ironie, die von diesem
Standpunkte aus so wehmüthige Blicke mit Recht auf alles menschliche
Treiben wirft, diese Doppelheit der Charaktere, alles begeistert mich,
und ich gestehe Ihnen wieder, daß diese beiden Stücke mir unter Ihren
dramatischen Arbeiten die liebsten sind. Mit großer Freude habe ich
es nun erlebt, daß diese großartigen Gemälde unter Ihren Augen und
nach Ihrer Anordnung sind dargestellt worden. Herr Weymar, der hier
mit ganz ungewöhnlichem Glück Gastrollen gespielt hat, hat mir alles
recht weitläufig erzählen müssen. Ich hoffe, von Ihrer Bühne aus
betreten diese kräftigen Tableaux auch die übrigen Theater. Hier und
auch vielleicht anderswo ist eine zu gereizte Zartheit für Rußland eine
Hemmung und peinliche Rücksicht: ich hoffe, aber kein Hinderniß.

Wie oft habe ich Ihr bezauberndes Tulifäntchen wieder in größern und
kleinern Gesellschaften vorlesen müssen! Diese neckische Schalkheit
und bunt beflügelte, leichte Poesie scheint sonst außer Ihrem weit
verbreiteten Reiche zu liegen. Von Russen zu Elfen ist ein weiter
Sprung! Nur das Tüpfchen auf dem I. wünschte ich fort und etwas anderes
an die Stelle; sonst dünken mich alle die Änderungen Verbesserungen;
hier haben Sie verschmäht, etwas anderes einzuführen. Ich kann Ihnen
nicht ausdrücken, welchen Widerwillen es mir erregte, daß der Heine Sie
so lobt und preiset! Die Schriften dieses Zigeuners kenne ich erst, d.
h. seine späteren, seit vorigem Sommer. So bin ich immer hinter meinem
Jahrhundert zurück.

Was Sie mir über Macbeth schreiben, hat mich interessirt und
gefreut. Wie viel hat Ihre Energie und Einsicht schon in kurzer Zeit
geleistet. Im Wesentlichen bin ich gewiß mit Ihrer Einrichtung der
Bühne einverstanden. Was könnte geschehen, wenn man allenthalben
den guten Willen hätte, und die Herrn Comödianten trotz des ewigen
Kunstgeschwätzes ihre eigne kleine Person nicht weit höher als
Shakespear und Göthe schätzten; von Garrick und Schröder kann bei
diesen verwöhnten Eitelkeiten schon gar keine Rede sein. Nur daß Sie
bei dem schwachen Text von Schiller haben Hülfe suchen müssen, thut
mir leid. Wenn Sie einmal Zeit haben und vergleichen, werden Sie
finden, daß dort (ganz nach Eschenburg gearbeitet) der Sinn in den
größten Momenten und bedeutendsten Stellen ein ganz anderer ist; Sie
werden finden, daß ich auch von den Engländern in der Erklärung großer
Poesie-Worte abweiche. Auch haben wir uns bemüht, die Verse selbst
sprachfähig zu machen: sie klingen, wo es sein muß, rund und voll.

                   *       *       *       *       *

Nach so manchen Anmahnungen und Geschenken von Ihrer Seite erhalte
ich nun auch noch zu meiner Beschämung die Nachricht von dem
glücklich durchgebrachten _Blaubart_. (Nicht durchgebracht im
sprichwörtlichen: durch die Gurgel gejagt.) Mich rührt es, daß Sie
Ihren Fleiß auch dieser meiner Jugend-Produktion zugewendet haben. Nur
Ihrem Enthusiasmus, welcher wohl die Spielenden auch entzündet hat,
konnte es gelingen.

Vor vielen Jahren wollten Wolff und Devrient in Berlin auch schon den
Versuch mit diesem Mährchen machen: Wolff, glaube ich, hatte sich den
Simon zugedacht und Devrient sich den Narren und den Arzt, Lemm sollte
den _Blaubart_ spielen. Die Rollen waren schon ausgetheilt und
die Leseprobe gehalten, als irgend etwas die Sache hemmte und die Lust
zum Wagstück wieder dämpfte. Um so mehr Ehre mir, und Dank Ihnen, daß
Sie es nach so vielen Jahren möglich gemacht haben. Ich bin ganz mit
Ihnen einverstanden, daß man so vieldeutige poetische Produkte, die,
wie die Forellen, nur im stets erschütterten Wasser am Leben bleiben,
mit so wenigen Unterbrechungen als möglich geben muß. Aus dieser
Ursach habe ich auch hier den Kaufmann von Venedig nur in _drei_
Acten geben lassen. Ich kann Ihre Änderungen mit dem Mährchen und alle
Einrichtungen nur billigen. Der Kater hat meinen ganzen Beifall. Er
ist klug, daß er die Stiefel nicht anzog, und sich doch, da er diese
bereitwillige Gutmüthigkeit von Direktion, Schauspielern und Publikum
sah, so früh meldete, um anzudeuten, wie er wünsche, daß man auch ihm
sein Recht widerfahren lassen möge: denn auf einer solchen Bühne mag
auch wohl diese parodirende lustige Katze scherzend hinüber laufen;
ich glaube nicht, daß ihre Späße schon veraltet sind, und als ich sie
damals niederschrieb, hatte ich recht eigentlich das wirkliche Theater
im Sinn. Nur muß die Anordnung, das Praktikable, das spielende Publikum
&c. auch spashaft und parodirend genommen und eingerichtet werden. Wie
denn dies wahrscheinlich auch bei Aristofanes geschah, und nicht mit
steifem Ernst.

Und so sage ich auch allen den Damen und Herren, die Ihren Wunsch und
meine Phantasieen mit so großer Anstrengung verwirklicht haben, meinen
herzlichen Dank. Denn daß es eine große Anstrengung ist, sich einmal
so ganz vom Hergebrachten entfernen zu müssen, weiß ich. Hier reicht
beim Phantastischen und Seltsam-Humoristischen, bei dieser Mischung
von Ernst und Scherz das Angelernte und der gute Wille nicht aus; der
Schauspieler muß die Linien und Zirkel überspringen können, in welchen
er sich sonst mit Beifall bewegte, und diesen selbst mit Großmuth und
Aufopferung auf’s Spiel setzen, um ein Ungewisses, Zweifelhaftes zu
gewinnen. Sehr vergegenwärtigen konnte ich mir die Art und Weise, so
ziemlich das ganze Spiel der Dlle. Lauber (jetzt Madam W.), da ich
hier in Dresden ihr schönes Talent, ihre persönliche Liebenswürdigkeit
und ihren gebildeten Verstand habe kennen lernen. Ich hoffe, sie
erinnert sich meiner ebenfalls noch und auch, wie sehr ich damals ihre
Vorzüge anerkannt und auch laut ausgesprochen habe. Auch den Blaubart
(Herrn Reußner) kann ich mir ziemlich deutlich vorstellen, da ich
das Vergnügen hatte ihn im vorigen Jahr oft in Baaden zu sehn. Das
Tückisch-Freundliche, Auffahrende und Seltsam-Burleske der Hauptperson
wird ihm gewiß in vorzüglichem Grade gelungen sein. Ich kann mich
nicht erinnern, ob ich schon sonst einer der Damen oder einem Ihrer
Schauspieler auf meinen Wanderungen durch die Theater begegnet bin.
Sehr wäre ich begierig gewesen, zu sehn, wie der alte Hans und sein
Caspar ihre sonderbaren Scenen durchgeführt haben: daß es dem Publikum
nicht zu lang geworden ist, beweiset, daß sie gut gespielt haben.
Sie sagen mir, mein Freund, daß Mechthilde ihr Mährchen vortrefflich
erzählt habe; das hat mich sehr gefreut, denn diese fremde Erzählung,
während welcher die Handlung eine bedeutende Weile stille steht, habe
ich immer gerade für die allergrößte Schwierigkeit in der Aufführung
gehalten. Sehr begierig wäre ich auch, eine Anschauung zu erhalten,
wie der Narr und der Rathgeber ihre sonderbare und sehr schwierige
Aufgabe gelöst haben. Auch Heymon und Conrad Wallenrod, obgleich nur
Introduction, wollen, sowie der Arzt, mit Kunst und eigenthümlichem
Humor gespielt sein. Bei einem so kapriciösen Gedicht kommt auch
das Tempo sehr in Betracht, was hervorgehoben und gleichsam in den
Vordergrund des Gemäldes tritt, stark gefärbt, accentuirt, oder was
in den Mittel- oder gar den Hintergrund gestellt und abgeschwächt,
verblasen, fast verschwiegen wird. Ist dies ebenfalls gelungen, wie ich
glauben muß, so hat diese Gesellschaft bei Ihnen in Düsseldorf wohl
Ursache, das Haupt einigermaßen empor zu heben, denn ich weiß nicht, ob
dies eben allenthalben gelingt. Das war eben einer der größten Fehler
des ehemaligen Theaters in Weimar, daß im Wallenstein, Maria Stuart u.
s. w., _alles_ auf _einer_ Linie stand: ohne jene dramatische
Perspective, die errathen läßt, beruhigt, zerstreut, um die größten
nothwendigsten Effecte unendlich kräftiger und greller herauszustoßen.
Etwas, worauf schon manche neue Dichter zu wenig achten, wo der
Vorhang, welcher fällt, die Pause des Zwischenactes eine zu große Rolle
spielt, und die Gedichte selbst jene zerstreuenden Ruhepunkte zu wenig
haben, die ich hier und da im Blaubart habe anbringen wollen.

                   *       *       *       *       *

Geliebter Freund! theilen Sie einiges aus diesem Blatt oder das ganze
Blatt ihren Schauspielern, die sich so redlich bemüht haben, mit,
und vielleicht habe ich dadurch zum Theil Ihrem Wunsch genügt. Aber
glauben Sie mir, die allgemein Anerkannten dieser Profession, die
Bewunderten sind heut zu Tage die unerträglichsten, an welchen Hopfen
und Malz verloren ist. Sagen Sie einem dieser: er sei mehr als Garrick,
Schröder, Talma, Baron, Fleck &c. -- er dankt mit Kopfnicken und meint,
das verstehe sich von selbst; ersuchen Sie denselben, er möge das Knie
weniger krümmen, oder den Federhut in die linke, statt in die rechte
Hand nehmen, so ist er Ihr unversöhnlicher Feind. Die minder großen
nehmen noch Lehre an.

                   *       *       *       *       *

Nun noch eine Bitte.

Unser hiesiger sehr braver Schauspieler und Regisseur Dittmarsch
wünscht, daß seine junge Tochter etwas lerne, was sie kann, wenn sie
unter verständiger Aufsicht und ächter Kritik viel spielt. Da hat er
sein Auge auf Sie, theuerster Freund, geworfen, und ersucht mich,
Ihnen dies muntre, gutgeartete Kind zu empfehlen. Sie hat hier, nicht
ohne Beifall, naive Bauernmädchen z. B. _Rosine_ in _Jurist
und Bauer_ gespielt und noch mehr muntre Rollen. Das Neckische,
Possierliche, Gutmüthige, Heitre und ganz Natürliche des Lustspieles
scheint ihr Talent; aber sie kommt hier zu nichts, weil die Concurrenz
bei unsrer Bühne zu groß ist. Viele Rollen dieser Art hat die Devrient
hier, und will sie nicht abgeben, weil sie darin noch immer gefällt;
nun ist die Bauer engagirt, eine Virtuosin in diesem Genre: die Berg,
die Herold sind noch hier, noch einige aufkeimende, alles will spielen,
viele haben ältere Ansprüche und da ist das arme liebe Kind fast ohne
Beschäftigung. Ich, und der Vater mit mir, glaubten, daß unter Ihrer
Leitung das Mädchen wohl etwas Vorzügliches leisten könnte, wenn sie
nur recht viel beschäftigt würde. Können Sie sie irgend brauchen, so
schlagen Sie meine Bitte und Empfehlung nicht ab: die Geldforderung
würde auf keinen Fall bedeutend sein. Herr P. wird Ihnen das Nähere
sagen.

Herr Dittmarsch, der Vater, hat nicht das Talent, die Tugend und das
Laster der meisten Regisseure, daß er seiner Tochter, wie er oft beim
Intendanten könnte, Rollen erschliche oder erbäte; er ist zu ehrlich
und verlangt, man soll ihm entgegenkommen. Da er so schweigsam ist,
geschieht dies zu wenig, und wir nehmen Sie also in Anspruch, geehrter
Freund!

Wie viel hätte ich noch zu sagen; ich muß endigen. Kommen Sie, setzen
Sie die Ausgabe Ihrer Werke fort, bewahren Sie mir Ihre Liebe, so wie
ich bin und bleibe

    Ihr

    wahrer aufrichtiger Freund

    _L. Tieck_.


                                  XI.

    _Düsseldorf_, 13. April 1836.

Ich weiß nicht, mein hochverehrter Freund, wie ich mein langes
Schweigen auf Ihre werthe Mittheilung, die ich im vorigen Frühjahre von
Ihnen empfing, rechtfertigen soll, wenn Sie nicht die Entschuldigung
wollen gelten lassen, daß ich das ganze Jahr hindurch in angestrengter
literarischer Arbeit steckte, außerdem aber noch von dem Theaterwesen
oder vielmehr -- unwesen occupirt war. Dieses allein kann, wie Sie aus
Erfahrung wissen, einen sonst mittheilsamen Menschen um alle Lust und
Fähigkeit zu reden oder zu schreiben bringen.

Zuvörderst danke ich Ihnen auf das verbindlichste für den Rückschub
des Deserteurs I...., woran Ihre Güte und Gefälligkeit gewiß Antheil
hat. Vorigen Sonntag ist er, Kummer im Herzen und den Trotz Cains
auf der Stirn, hier wieder einpassirt. Dieser Mensch kam hieher und
konnte nichts spielen als den Barbierer Schelle; unablässige Mühe,
die ich mir mit ihm gab, brachte es endlich dahin, daß er in Calderon
und Shakespeare producirt werden konnte, und noch zuletzt einen recht
hübschen Mercutio lieferte, und als ich ihn soweit hatte, lief er
zum Danke dafür weg. Ihnen hat er, wie er mir vorrenommirte, viel von
meiner Strenge und Härte gesagt. Streng und hart nennen sie Einen, wenn
man darauf hält, daß sie wie Menschen reden, stehn und gehn sollen,
und daß sie den Dichter nicht zu Fetzen zerreißen. Dieses Geschlecht
will aber immer auf dem Seile tanzen, ehe es noch zu ebner Erde sich
grade halten kann. Die Elemente der Kunst sind vergessen, das ist das
Haupt- und Grundübel; die Schüler meinen, bei dem beginnen zu können,
womit der Meister aufhört. -- Wie oft summen mir Ihre warnenden
Worte, die Sie mir vor zwei Jahren geschrieben, in den Ohren! So
viel auch in Romanen, Novellen und Dramaturgieen über Schauspieler
beigebracht worden ist, so hat doch Niemand das eigenthümliche Larven-
und Maskenartige dieser Zunft darzustellen gewußt. Goethe kommt der
Sache einigermaßen nahe, wenn er sagt, daß Serlo, je versteckter und
künstlicher er im Leben geworden, desto mehr Natur und Wahrheit auf den
Brettern gewonnen habe.

Hiebei lege ich Ihnen denn eine Arbeit vieler Jahre, die Epigonen,
vor. Sie entsprang aus einem kleinen Keime, wuchs aber mir selbst zum
Erstaunen unter den Händen und lebte gewißermaßen mein Leben mit. Früh
fühlte ich mich mit der Zeit und Welt in einem großen Widerspruche, oft
überkam mich eine große Angst über die Doppelnatur unsrer Zustände,
die Zweideutigkeit aller gegenwärtigen Verhältniße, in diesem Werke
legte ich denn Alles nieder, was ich mir selbst zur Lösung des Räthsels
vorsagte. Dieß ist die Genesis desselben, die freilich Viele den
leichten Geschichten nicht ansehn werden. Ein Urtheil habe ich nicht
darüber; möge mir es so gut werden, daß ich zu seiner Zeit einmal von
Ihnen vernehme, wie es auf Sie gewirkt hat. Blicke ich in das Publikum,
so kann ich nur zweifeln und zagen. Die Rahels und Bettinen und
absterbenden Stieglitze sind nebst einigen _Jungens_ Deutschland,
Atheismus und aufgewärmtem Baron Holbach wohl die einzige mundende Kost
der Gegenwart.

Ihre Novelle habe ich im vorigen Herbste mit großem Antheil gelesen.
Ich fand, daß sie mehr in den Gesetzen der Gattung sich bewegte, als
manche andre Ihrer letzten Dichtungen dieser Art. Der Witz und die
Lehre, überhaupt die Idee des Ganzen steckt ganz in der Handlung
und in den Situationen, und das ist mir nun einmal ~cardo rei~
bei der Novelle. In dieser Beziehung haben Sie wirklich etwas
Außerordentliches darin geleistet, auch finde ich bei der Anlage, die
sie ihr gaben, durchaus nichts Hartes und Grelles in den Verknüpfungen
und Katastrophen. Aber freilich -- sagt Zettel -- einen Löwen -- Gott
behüt’ uns -- unter Damen zu bringen, ist eine gräuliche Geschichte! --

Wie ist es denn mit den Cevennen? Haben wir nun wirklich Aussicht dazu?

Im verwichnen Winter habe ich hier Calderons Richter von Zalamea in
die Szene gehn lassen. Ich erinnere mich, bei Malsburg gelesen zu
haben, daß Sie das Stück -- welches auch wirklich etwas ganz Besondres,
eine Art Spanischer Iffland ist -- vorzüglich intereßirt, und so wird
Ihnen diese Nachricht auch nicht ohne Intereße seyn. Meine Bearbeitung
theilte das Stück in 4 Acte, mancher Luxus war hinweggeschnitten, auch
fehlte der närrische Junker und sein Diener, welche zu ihrem Nachtheil
an Don Quixote und Sancho erinnern, und heut zu Tage wohl nicht mehr
populair gemacht werden können. So eingerichtet, kräftig und präcis
gegeben, that es seine volle Wirkung; das atroce Verbrechen des letzten
Acts choquirte auch weniger, als ich selbst gedacht hatte, weil das
Verletzende vor der Tragik und Delicatesse der Behandlung verschwand.
-- Auch Terenzens Brüder wurden einmal hier wieder auferweckt. An
solchen und ähnlichen Abenden kann man denn sich einbilden, man
verzettle seine Zeit nicht unverantwortlich mit der Bühne, was Einem
sonst nur zu oft in den Sinn kommt.

Ich wünsche nun nichts sehnlicher, als daß mir Muth und Stimmung kommen
möge, den Blaubart noch in dieser Saison wieder anzufassen. Die gehören
freilich zu solchem Unternehmen. Wenn er gegeben wird, erhalten Sie von
mir Nachricht.

Herr v. Uechtritz, mit dem ich mich nach einigen Mißverständnissen,
welche uns eine Zeit lang von einander hielten, wieder sehr gut und
freundlich zusammengefunden habe, ist mit den Vorbereitungen zu einer
großen Novelle beschäftigt. Sie soll die ersten Zeiten der Reformation
und deren Wirkungen in Italien darstellen, und er ist zu der Arbeit
wohl durch Rankes Buch angeregt worden. Er wird Sie im Herbst besuchen.
Wie gern nähme ich denselben Weg, doch werde ich wohl hier hausen
bleiben müssen.

Ihrem ganzen Hause mich angelegentlichst empfehlend, bin ich mit
unwandelbarer Gesinnung

    der Ihrige

    _Immermann_.


                                 XII.

    _Düsseldorf_, d. 8. August 1836.

Der anliegenden Einladung der Gräfin Ahlefeldt für Sie, mein theurer
Gönner und Freund, und Gräfin Finkenstein, bei ihr zu wohnen, kann
ich meinerseits nur den Wunsch hinzufügen, daß Sie das freundlich
gemeinte Erbieten annehmen mögen. Ich freue mich sehr auf Ihr Hierseyn,
und um so mehr, wenn mir in der Stille und Ruhe eines Privathauses
die Gelegenheit wird, recht ungestört mit Ihnen mich auszusprechen.
Schlagen Sie also gütig ein.

Wenn es Ihnen möglich ist, so wäre es sehr gut, Sie kämen etwas
früher, als Sie sich vielleicht ursprünglich vorgesetzt haben, und
träfen spätestens am 20. d. M. hier ein. Die Gemälde-Ausstellung wird
kaum bis zum 24. oder 25. dauern, mehrere Künstler verlaßen den Ort
gegen Ende August, um ihre Herbstreisen zu machen, auch Uechtritz und
Schnaase wollen fort, der Eine nach Berlin, der Andre nach München.
So wäre es leicht möglich, daß Sie das leere Nest fänden, wenn Sie
erst in den letzten Tagen des August hier einträfen. Überhaupt müssen
die Ressourcen unsres kleinen Orts beisammen seyn, wenn Sie sich hier
unterhalten sollen. Kommen Sie aber bis zum 20ten, so kann Alles recht
hübsch werden. Sie haben wohl die Güte, mir vorher noch einmal zu
schreiben, und den Tag Ihrer Ankunft zu bestimmen?

Den jungen Tischlermeister habe ich gelesen, und mich sehr daran
erfreut. Man fühlt, daß darin ein Stück Ihrer glücklichsten Jugend
aufbehalten ist, es ist Manches so frisch, wie in den Mährchen des
Phantasus. Zugleich ist die Idee, daß der Mensch, um zur Reife der
Männlichkeit und der häuslichen Verhältniße zu gelangen, erst noch
manche vorbehaltne Jugendsünde und Jugend-Thorheit nachgenießen muß,
sehr schön und wahr durchgeführt. Als ich das erste Fragment von Ihnen
in Dresden vorlesen hörte, meinte ich, der Baron werde dem jungen
Meister in seinem Hause bei der Frau allerhand Leid verursachen, oder
zu verursachen suchen, und war einigermaßen überrascht, als der zweite
Theil hiervon nichts besagte. Außerordentlich glücklich und fein ist
die ganze Führung des Theater-Abenteuers. Ja, dieß ist wirklich die
Geschichte aller Theater in Deutschland, oder des deutschen Theaters
überhaupt. Erst mißverstandne Versuche vor Puppen und Perücken,
dann ein glücklicher Moment, wo Zufall, Begeistrung, Laune und
Empfänglichkeit einander die Hände reichen, und gleich darauf der jähe
Fall in einen wüsten Spektakel von Crethi und Plethi. Unsre hiesige
Bühne steht auch schon hart an der Grenze dieses letzten Stadii,
der Einfluß des Pöbels auf das deutsche Theater ist einmal nicht
abzuwehren, und ich werde binnen Kurzem nur eben noch für meine Person
im Stande seyn, mich von der Sache abzuthun, bevor Hinz und Kunz ihr
liebliches Wesen treiben auf den Brettern, die wenigstens mir meine
Welt nicht bedeuten, wie sie sind.

Was Sie mir über die Epigonen sagen, hat mich sehr erfreut, da es mir
beweist, daß die Production doch einen spezifischen Eindruck auf Sie
gemacht hat, der bei jeder Arbeit immer das Hauptsächlichste ist.
Daß gerade über eine solche, wie die Epigonen sind, die Meinungen
besonders Anfangs differiren, liegt in der Natur der Sache, und so muß
ich Ihnen gestehn, daß mir selbst _die_ Eigenschaften, welche Sie
hervorheben, nicht so einleuchten wollten als das Charakteristische des
Werts. Doch hierüber vielleicht mündlich, wenn Sie Lust haben, mit mir
über das Buch zu sprechen.

Wegen Schlegels glaube ich doch ein ganz reines Gewißen zu haben.
Solche Scherze sind ja von jeher in der Literatur erlaubt gewesen;
blickt aus ihnen keine traurige und feindselige Absicht, schwirren sie,
wie hier, rasch ohne lastendes Gewicht vorüber, so kann man dem Urheber
wohl nicht den Willen beimeßen, das Große und Gute einer Persönlichkeit
zu verunglimpfen, von welchem Willen wenigstens meine Seele, wie ich
versichern kann, sehr fern war. Ich empfinde dankbar, was ich mit
allen übrigen Deutschen Schlegeln schuldig geworden bin. -- Wäre
das angefochtne Capitel ohne rechten Grund willkührlich geschrieben
worden, so stände die Sache wieder anders. Allein in einem Buche von
universeller Tendenz wie die Ep. mußten nothwendig an einem Punkte die
Figuren der deutschen Gelehrtenwelt repräsentirt werden, und es hätte
ohne jene Gestalt eine bedeutende Nüance in dem Tableau gefehlt, so daß
ich daher nicht nur sage, sondern auch davon überzeugt bin, daß dieß,
wie es zu stehen gekommen ist, mit Nothwendigkeit aus der Öconomie des
Ganzen hervorging[5].

Die Schlegels haben zu ihrer Zeit Niemand geschont; ihre Scherze
ergingen sich frei an Voß, Niebuhr und Schiller, die doch gewiß auch
ihre bedeutenden Verdienste hatten; warum es einem Späteren verargen,
wenn eine scherzhafte Nemesis durch ihn redet?

Doch genug hievon. Es lag mir daran, mich bei Ihnen zu rechtfertigen,
und das war mit zwei Worten nicht wohl abzuthun. Ich bitte um meine
gehorsamste Empfehlung an Frau Gräfin v. Finkenstein, und sehe mit
Ungeduld dem Augenblicke entgegen, wo es mir vergönnt seyn wird, in Ihr
liebes Antlitz zu schauen. Treuergeben

    Ihr

    _Immermann_.


                                 XIII.

    _Düsseldorf_, d. 22. Januar 1837.

    _Theurer Freund und Gönner!_

Erlauben Sie mir, Sie nach langer Pause wieder einmal mit diesen
Zeilen zu begrüßen. Wie schmerzlich war es mir, Sie im vorigen Sommer
hier nicht sehen zu können, und wie mußte mich dieser Grund des
Entbehrens erschrecken und betrüben! Doch alle Nachrichten geben uns
die tröstliche Versicherung, daß die Folgen des bösen Falls glücklich
überstanden sind, und so habe ich denn auch die freudige Aussicht, daß,
was das vorige Jahr versagte, dieses bringen und Sie uns hieher führen
wird.

Ich bin um eine Verwendung bei Ihnen angesprochen worden, wozu ich mich
auch mit gutem Gewißen verstehen kann. Unsre Bühne geht mit dem 31ten
März d. J. aus Mangel fernerer Subsistenzmittel wenigstens vor der Hand
ein. Eines ihrer Mitglieder, der Komiker Jencke, wünscht nun auf das
lebhafteste, wenn es möglich, in Dresden placirt zu werden, wo er sich
namentlich von Ihrer Einwirkung die besten Folgen für seine fernere
Ausbildung verspricht. Er hat gehört, daß sein Fach noch immer dort
erlediget sei, und es würde ihm daher äußerst lieb seyn, wenn ihn die
Intendanz zu _Gastrollen im April_ verstatten wollte. Er glaubt,
daß Ihrer freundlichen Vermittlung dieß ein Leichtes seyn werde, zu
bewirken, und hat mich gebeten, Ihre Güte in dieser Hinsicht anzurufen.

Ich habe Herrn Jencke seinen Fehltritt vom vorigen Jahre -- oder
vielmehr seine Fehlfahrt nach Dresden -- vergeben, da er sich seit
_der_ Zeit tadellos betragen hat, und manche Umstände ihn damals
entschuldigten, obgleich ich im Intereße des von mir verwalteten
Instituts streng zu verfahren verpflichtet war. Als Komiker kann ich
ihn nun wirklich durchaus nur empfehlen. Er besitzt natürliche Laune,
charakteristische poetische Auffassungsgabe, weiß seine Rollen vor
allem Gemeinen sehr glücklich zu bewahren, und hat das regste Streben,
sich noch viel weiter zu bringen, als wo er jetzt steht. Aus der Sphäre
des ordinair Komischen, womit sich die gute Deutsche Bühne von Tag zu
Tag hinhilft, ist es ihm schon gelungen, einigemale jenes höhere Gebiet
der Heiterkeit zu erreichen, worin Sie mit Calderon und Shakespeare
walten. Er lieferte mit entschiednem Erfolge den _Junker Winfried_
im Blaubart, den _Syrus_, _Mercutio_ und noch jüngsthin den
Chinto in der Tochter der Luft, so wie den Clarin im wunderthätigen
Magus. -- Ich lege Ihnen daher sein Gesuch an das Herz und bin
überzeugt, daß wenn er zum Spiel kommt, er sich selbst am besten
empfehlen wird.

Unsre Bühne lieferte in diesem Winter von bedeutenden Werken, Othello,
den wunderthätigen Magus, die Tochter der Luft (den 2ten Theil, mit
einem aus dem 1ten Theile entnommen Vorspiele. Semiramis und Ningas
ließ ich von _einer_ Darstellerin geben).

Noch stehen bevor Kleists Schroffensteiner, Iphigenie, Richard der
Dritte, Cäsar. Auch mein Alexis wird in nächster Woche wieder an 2
Abenden gegeben werden.

Es ist Schade, daß die Anstalt untergeht. Denn ohne sie oder mich
zu überschätzen, kann ich doch sagen, daß sie eine poetische Bühne
war, und daß immer neue schwierige Aufgaben alle Kräfte in Spannung
erhielten. Was hätte noch Alles hier möglich werden können, wenn sich
ein großgesinnter Fürst der Sache angenommen hätte!

Doch das sind Dinge, die in Deutschland sich immer wiederholen. Das
Geistige pflegt doch in seinen Nachwirkungen nicht ganz verloren zu
seyn; damit muß ich mich trösten.

Mit herzlicher Liebe und Anhänglichkeit

    der Ihrige

    _Immermann_.


                                 XIV.

    _Düsseldorf_, 3. August 1837.

    _Verehrtester Freund und Gönner!_

Ich habe heute an Herrn v. Lüttichau das Manuscript eines Trauerspiels
mit der Bitte, die Vorstellung auf dortiger Bühne zu veranlassen,
abgesendet. Es heißt: Die Opfer des Schweigens, und der Plan dazu
entstand vor ungefähr 10 Jahren, seinen rohesten Umrißen nach, aus
der Novele 1 des Giornata IV. des Decamerone; der geistige
Inhalt ist freilich etwas Anderes geworden und basirt sich auf manche
Anschauungen, die ich von den Entfaltungen der Liebe insbesondre bei
Frauen gehabt habe.

Es schien mir räthlich zu seyn, nicht vom hergebrachten Geschäftsgang
abzuweichen, und deßhalb habe ich das Stück an die eigentliche
offizielle Behörde gesendet, Ihnen aber, mein Theuerster, lege ich
das Schicksal meiner Dichtung ans Herz, sofern sie Ihre Zufriedenheit
erhält. Ich schrieb das Stück in diesem Frühjahr in kurzer Zeit in der
Reconvalescenz von einem heftigen Fieber, nachdem ich die Direction
der hiesigen Bühne niedergelegt und vermeint hatte, mich für immer
theatralisch und dramatisch resignirt zu haben. So wenig halten unsre
Stimmungen und Entschlüsse Stich.

Wie sehr bedaure ich, Sie in diesem Jahre nicht zu sehen. Noch immer
hatte ich die leise Hoffnung darauf genährt, als Uechtritz, der seit
einigen Wochen wieder hier ist, sie mir bestimmt raubte. Wann und wo
werden wir doch wohl einander wieder einmal begegnen?

In den letzten Tagen las ich mit großem Erstaunen Ben Johnson und seine
Schule. Noch habe ich von diesen höchst sonderbaren und ausgezeichneten
Werken keinen Begriff, ja kaum eine klare Vorstellung, da sie von
allen mir bis dahin bekannt gewesenen Gattungen des dramatischen Styls
abweichen; ich werde mir aber daraus ein eignes Studium machen. Wenn
ich der Structur der Massinger’schen Sachen erst recht inne geworden
bin, und einsehe, was davon seiner Zeit angehört, und was auch heutigen
Augen und Ohren noch verständlich seyn möchte, so werde ich vielleicht
eine Bearbeitung vom Herzog von Mailand für die jetzige Bühne machen.

Leben Sie, mein Verehrtester, recht herzlich wohl und erhalten Sie mir
auch ferner ein gutes Andenken. Mit der treusten Gesinnung

    der Ihrige

    _Immermann_.


                                  XV.

    _Halle_, d. 21. September 1839.

Diese flüchtigen Zeilen, mein hochverehrter Gönner und Freund, werden
an Sie aus den Händen Düsseldorfer Freunde -- einer Familie von Sybel
-- gelangen, welche sich sehr beglückt fühlen würden, wenn mein Wort
es ihnen vermittelte, sich Ihnen und Ihrem gastlichen Hause nahen zu
dürfen, was schon lange ihr inniger Wunsch war. Sie bringen Ihnen meine
herzlichsten Grüße, denen ich selbst vermuthlich bald nachfolgen werde.
Ich denke nämlich nach meiner Verheirathung, welche am 2ten October
seyn wird, mit meiner jungen Frau auf einige Tage nach Dresden zu
kommen. Wie ich mich freue, Sie wiederzusehen, kann ich nicht sagen, da
ich über Tausend und mehrere Dinge mit Ihnen reden möchte.

Ich habe Ihnen einen gedruckten Brief vor dem Publico geschrieben.
Hoffentlich war es Ihnen nicht unlieb. Ich kann sagen, es war eine
glückliche Stunde, als ich Ihnen so unumwunden meinen Dank und meine
Verehrung öffentlich aussprechen durfte. Baron Friesen, den ich in
Leipzig sprach, sagte mir, die letzten Theile des Münchhausen seien
Ihnen auch lieb geworden. Das erfreut mich außerordentlich, denn als
ich das Buch zu schreiben anfing, hatte ich noch keinen Begriff davon,
daß ich so etwas auch machen könnte.

Mit bekannter treuer Anhänglichkeit

    Ihr

    _Immermann_.


                                 XVI.

    _Düsseldorf_, den 29. März 1840.

    _Theuerster Gönner!_

Wollte ich Sie quälen, so könnte ich, Ihren drei Nummern entsprechend,
sagen

    1) 2 Theile Hafner sind verloren gegangen; schießen Sie nun wie
    Bassanio zu Antonio sagt, noch einen Pfeil desselben Weges, d. h.
    theilen Sie mir ein zweites vollständiges Exemplar mit, so finden
    Sie vielleicht das erste wieder;

    2) Johnson ist mir auf der Herreise abhanden gekommen;

    3) Münchhausen ist vergriffen, der Verleger scheute aber dennoch
    das Risico einer zweiten Auflage, ich kann daher mit ~Tom.~ I.
    u. II. nicht dienen.

Allein

~ad~ 1. Ich habe nach Hafner in Weimar redlich gesucht,
jedoch nichts gefunden. Der Kanzler v. Müller theilte mir nun die
Vermuthung mit, der verstorbene Großherzog könne _ihn_ (nämlich
Hafner, nicht v. Müller;) vielleicht in eine Soirée zur Heigendorf
geschleppt haben und erbot sich, danach zu recherchiren. Ich mußte
nun meinen Substituten, den mitgebrachten Theil zur Legitimation
da lassen. Gestern habe ich an Hrn. v. Müller geschrieben und ihn
gebeten, Ihnen im glücklichen Falle beide Theile, im nichtglücklichen
Nichtfindungsfalle aber wenigstens das Depositum zu remittiren.

~ad~ 2. 3. Johnson und Münchhausen erfolgen. Ersterer mit
schönstem Danke, letzterer auch mit Dank für gütige Erinnerung.

Ich hätte Ihnen längst geschrieben, allein ich wollte gern mein neues
Buch beilegen, welches schon im Herbst herauskommen sollte. Nun ist es
noch nicht da. Sobald es erscheint, sende ich es Ihnen. -- Obgleich Sie
mir nur ein Paar Zeilen zugewendet haben, so bin ich doch sehr dadurch
erfreut worden

                      { 1) weil es ein Meerwunder ist, daß Sie
                      {    überhaupt schreiben und man sich
    Sie sehen, daß    {    über jedes Wunder in einer
    Sie mich in die   {    rationalistischen Zeit freuen soll;
    Numeromanie       {
    getrieben haben.  { 2) weil Sie in einer so allerliebst heitern
                      {    Stimmung geschrieben zu haben
                      {    scheinen. --

Das ist hübsch von Ihnen, Sie alter, lieber Herr, bleiben Sie uns fein
lange heiter und frisch.

Mir ist es den Winter über wohl ergangen. Ich danke Gott und der Natur,
daß ich endlich einfache, solide Verhältnisse habe. Man fühlt sich
dadurch erst als Mensch und Bürger, und auch mit den Studien und der
Poesie soll es nun, denk’ ich, erst recht angehen. Am Tristan wird
fleißig geschrieben, der 2te Gesang ist fertig, der 3te wirds in dieser
Woche. Ich habe sehr lange daran gesonnen, nun fließt es nur so, Gott
gebe, nicht wie Wasser. Ich bin während der Arbeit ganz frei geworden
über das Thema. Das conventionell Ritterliche oder Romantische, wie man
es nennen will, würde mich geniren und kein Leben unter meiner Hand
gewinnen; nun dichte ich ihn mir um in das Menschliche und natürliche
Element, und mache mir einen übersprudelnden Liebesjungen zurecht, wie
er ~mutatis mutandis~ auch allenfalls heut zu Tage noch zur Welt
kommen könnte.

Dann machte ich eine Arbeit: Düsseldorfer Anfänge, worin ich eine neue
schon abgewichene Jugendperiode unserer hiesigen Zustände zu schildern
versuchte. Lesen Sie sie doch, wenn sie Ihnen vorkommt. Sie erscheint
in der deutschen Pandora, welche das Literaturcomtoir in Stuttgart
herausgiebt. Viel beschäftigte ich mich dabei mit Aristophanes und
Platon, den ich noch so gut als gar nicht kannte. So ging denn ein Tag
nach dem andern rasch hin. Außerdem brachte ich mit hiesigen Malern
und Dilettanten etwas ganz Curioses zu Stande, was aber noch eine
Überraschung für Sie bleiben soll.

Recht von Herzen dankbar sind wir Ihnen -- meine Frau und ich, für die
guten Tage geblieben, die wir bei Ihnen verlebt haben. Es ist eine
schöne Erinnerung! -- Meine Frau denkt mit großer Liebe an Sie und
Ihre väterliche Güte, sie empfiehlt sich Ihnen, der Frau Gräfin und
Dorotheen angelegentlichst. Ist es Dorotheen lieb, so sagen Sie ihr,
daß sie meiner Frau ganzes Herz gewonnen hat, und daß diese oft das
größte Verlangen empfindet, mit Ihrer Tochter zusammen zu seyn. --
Jetzt sind hier bei mir allerhand kurze Waaren eingerückt, als da sind
Wickelbänder, Jäckchen und Mützchen, ich weiß nicht, was die Bescherung
bedeuten soll. Von Uechtritz die schönste Empfehlung und die Nachricht,
daß er Sie im Herbst besuchen werde. Er schreibt an seinem zweiten
Theile und ich höre, daß dieser noch im Sommer herauskommen soll.

Die deutsche Bühne fährt fort, zu jedem Tage ihr Scherflein Unsinn
beizusteuern. Otto III. hat begonnen auf seinen Stelzen als
großes Meisterwerk die Runde durch Deutschland zu machen, in Berlin
geben sie _Schwärmereien nach der Mode_, worin ein pietistischer
Bösewicht durchgehechelt wird, nachdem man einen harmlosen Scherz über
den Gegenstand, _die Schule der Frommen_, den ich vor einigen
Jahren schrieb und der sich auf der Bühne ganz gut macht, zurücklegte
„weil die Zeitumstände die Darstellung verböten.“ -- Ich bin froh, daß
der Theaterteufel mich verlassen hat.

Haben Sie Wilhelm v. Schütz „Maria Stuart“ gelesen. Ich hätte nicht
geglaubt, daß Ihr alter Freund solche Advocatenstreiche machen könnte.
Maria und Bothwell sind ein Paar platonisch Liebender, bis ganz
zuletzt, wo das Dritte, was nach Pater Brey zu jeglichem Sacrament
gehört, hinzugekommen ist. Unter Andrem erfährt man auch aus dem
Buche, daß Shakespeare’s ganze dramatische Laufbahn ein Abfall
vom Katholicismus war. Es wäre zu wünschen, daß der Herr uns mehr
dergleichen Apostasieen beschert hätte.

Leben Sie wohl, mein theurer Gönner! Ich lasse diesen Brief doch den
Büchern vorangehen, damit Sie in einigen Tagen wenigstens Antwort
bekommen. Die Bücher schleichen hinterher mit Buchhändler-Gelegenheit.
Nochmals Lebewohl und die Bitte, daß Sie lieb behalten mögen

    den

    Ihrigen

    _Immermann_.


                                 XVII.

    _Düsseldorf_, d. 15. Juli 1840.

Hiebei, theurer Freund und Gönner, sende ich Ihnen die Rolle, welche
die Überraschung enthält, wovon mein letzter Brief redete. Es wird
Ihnen, denke ich, Freude machen, daß Ihre gelegentlich geäußerte Idee
Thatsache geworden ist, und ich kann meinem gedruckten Texte nur noch
privatim hinzufügen, daß er keine gedruckte Lüge ist, vielmehr eher
zu wenig als zu viel sagt in Beziehung auf _das_ Factum, daß ein
Shakespeare’sches Gedicht aus dem Alt-Englischen Gerüste selbst durch
Dilettanten ein Leben und eine drastische Anschauligkeit gewinnt, die
ich nie bei den Aufführungen in unsern Theatern wahrgenommen habe.

Ich hätte Ihnen die Blätter schon weit früher gesendet, allein die
erste nur für die Festgenossen abgezogene Auflage war vergriffen und
so mußte ich die zweite abwarten, die erst in diesen Tagen erschienen
ist.

Wollen Sie mein eingerichtetes Buch kennen lernen, worin alle
szenischen Arrangements eingezeichnet sind, so kann ich es Ihnen bei
Gelegenheit schicken.

Es wäre gut, wenn über die Thatsache, daß ein Werk Shakespeare’s
auf „_seiner_ Bühne“ dargestellt worden, einmal etwas im
größeren Publico verlautete. Wir leben hier in Beziehung auf solche
Notizertheilungen im Zustande klösterlichster Abgeschiedenheit.
Vielleicht finden Sie selbst einmal Gelegenheit dazu, oder Einer Ihrer
vielen hundert literarischen Gäste übernimmt es, davon zu reden.

Wie gern hätte ich von Ihnen gehört die Zeit her! Es ist mir aber nicht
so gut geworden. Auch die Anwesenheit der Solger, die hier einen Tag
verweilte, hat nicht dazu geführt, denn sie hat mir keine Veranlassung
gegeben, mit ihr zusammenzutreffen, warum? Das weiß _sie_
vermuthlich allein, ich wenigstens weiß es nicht. Ganz fabelhaft
klingt die Nachricht, daß Sie in tiefster Stille einen Roman in zwei
Bänden geschrieben haben, wovon der verehrte Autor trotz achttägigen
Zusammenseyns im vorigen Herbste mir kein Wort sagte.

Mein Memorabilien-Buch ist noch immer nicht heraus, doch nun zum
künftigen Monat versprochen. Sobald es da ist, werde ich ein Exemplar
übersenden.

Der Canzler Müller schrieb mir vor einigen Wochen, Hafner I. sei Ihnen
remittirt, diesen wiedergekehrten Sohn drücken Sie also wenigstens an
Ihre väterliche Brust, wegen seines Bruders ist nun freilich nichts
weiter zu machen.

Von Tristan habe ich eilf Gesänge geschrieben, d. h. den ersten Theil.
Der zweite wird _neun_ enthalten und soll nun ungesäumt folgen,
denn ich will das Gedicht mir vom Herzen haben. Hoffentlich ist das
Ganze gegen Ende des Jahres fertig. Es wird mir bei dieser Arbeit
so gut, daß ein Paar Enthusiasten sie ohne alle Kritik von Gesang zu
Gesang begleiten, was bei einer Production die fast über _eines_
Menschen Kräfte geht, beinahe nothwendig ist.

Sonst lebe ich still und friedlich fort. Ich wollte, es würde mir noch
einmal so gut, Sie an meinem Heerde sitzen zu haben. Meine gute Frau
empfiehlt sich Ihnen und Ihrem ganzen Hause. Sie sieht ihrem Stündlein
in einigen Wochen entgegen, ist hoffnungsvoll, froh und kräftig. Geht
Alles gut, so werde ich wohl im Herbst einen Abstecher nach Belgien
machen, Brüssel, Gent, Brügge, Antwerpen sehen.

Friedrich Wilhelm IV.! Welche Constellationen, Combinationen
und Figuren des Schicksals! Ist Ihnen auch so wunderbar bei diesem
Thronwechsel geworden? Gott gebe dem neuen Herrn recht gesunden
nüchternen Menschenverstand! Das Andre hat er wohl Alles.

Können Sie mir denn gar keine sichere Notiz über die Gestalt (d. h. die
Architektonik des Gerüstes) der ältern Spanischen Bühne nachweisen?
Ich brauche sie so nöthig. Meine freundlichste Empfehlung allen Ihren
Angehörigen, und behalten Sie lieb

    Ihren

    _Immermann_.

Auf der Adresse: Hiebei eine Rolle in grauer Leinwand Sign. ~H. T. à
Dresden~ enthaltend einen Kupferstich.



Immermann, Marianne.


    Der letzte Brief Immermanns an Tieck ist einige Wochen vor
    seinem unerwartet raschen Tode geschrieben; am 15. Juli hatte er
    noch einmal mit seinem theuren Meister und Freund vertraulich
    aus der Ferne geplaudert, -- am 26. Aug. lag er auf der Bahre.
    An diese _seine_ letzte Zuschrift schließt sich, obgleich
    beinah ein Jahr dazwischen, doch recht unmittelbar die erste
    der zurückgebliebenen _Wittwe_, die einen ganzen Reigen
    nachfolgender beginnt, jede voll von Geist, Seele, wahrhaft
    weiblichem Gemüth. Wie Marianne Immermann zu ihrem Verstorbenen
    steht; wie sie gleichsam nur in ihm, durch ihn, mit ihm fortlebt;
    wie dies aus jeder Zeile hervortritt -- das verklärt seine
    dichterische und menschliche Bedeutung mit mildem, wohlthuendem
    Glanze.

    Wir haben, obgleich schweren Herzens, das Opfer gebracht,
    diejenigen Briefe zu beseitigen, die nach irgend einer Seite hin
    hätten verletzen können; weil sich _gedruckt_ bisweilen
    kränkend zeigt, was eine edle Frau dem väterlich-vertrauten Freunde
    offen und rücksichtslos mittheilen durfte, ohne Furcht, ihrer
    redlichen Gesinnung für andere Freunde treulos zu werden. Doch
    schon die vier aufgenommenen Episteln thun genugsam dar, welch’
    eine Lebensgefährtin in dieser Frau der Himmel Tieck’s edlem
    Freunde zugeführt!


                                  I.

    _Düsseldorf_, den 27. April 1841.

Wie oft und seit wie langer Zeit habe ich Ihnen in Gedanken
geschrieben, mein theuerer, innig verehrter Freund! Ihr schöner Brief,
Ihre liebevoll gütige Aufforderung, und mein eigenes Herz trieben mich
zu Ihnen, und doch fehlte mir der Ausdruck, der Ihnen gesagt hätte, was
ich empfand, die Kraft von dem Nächstliegenden zu reden, und der Muth
bei andern Dingen anzuknüpfen. Es giebt Stimmungen, die sich in Worte
nicht fassen lassen, wenn auch das Herz zu brechen droht an der stummen
Last, mit der sie es erfüllen, denen man geduldig still halten muß, bis
die himmlische Gnade uns mit leiser Hand auch über die wegführt. Es
waren die meinigen in der verflossenen Winterzeit und sie ließen mich
lange nicht zu Ihnen kommen. -- Vor einiger Zeit war ich nun wirklich
im Begriff Ihnen zu schreiben, da vernahm ich Ihr Geschick und wollte
nicht mit Worten an Ihren Kummer rühren. Ich weiß zu wohl an meinem
eigenen Herzen, wie die treuste Meinung in ihrer Äußerung oft Mißklänge
in den Saiten des bewegten Inneren hervorbringt, weil unser Gefühl
augenblicklich nicht mit des Andern Stimmung harmonirt, und wollte um
Alles in der Welt Ihre Betrübniss nicht schärfen. Drum sag’ ich auch
heute nichts weiter. Sie wissen, welches schöne reine Bild Ihre Tochter
in meiner Seele gelassen, wissen, wie meine innige Liebe und Verehrung
Ihren Tagen das Schönste und Heiterste gewünscht hätte, und fühlen,
daß der Schmerz, an dem ich trage, mich jedes andere Leid tiefer
mitempfinden läßt, als es ein vom Kummer unberührtes Herz vermöchte.
Möge des Himmels gnädigster Beistand über Ihnen und über Ihrem Hause
seyn! --

Und nun lassen Sie mich Ihnen danken, mein verehrter Freund, recht
innig und von ganzem Herzen danken für die Güte, mit der Sie meine
Zeilen aufgenommen und erwiedert haben, mit der Sie meinen Wünschen
entgegengekommen sind. Sie haben mir eine große Liebe erwiesen,
die ich immer gleich lebhaft anerkennen werde, selbst wenn die nun
eingetretenen Umstände Ihnen die Erfüllung Ihres gütigen Versprechens
unmöglich machten, wie mich mein Gefühl fast fürchten läßt. -- Ich
komme mir recht unbescheiden vor, wenn ich heute Sie wieder an dasselbe
erinnere, und ständen die Sachen nicht so, daß ich Andern Unrecht
thäte, wenn ich meine Scheu nicht überwände, so würde ich den Muth zu
meiner heutigen Bitte und Anfrage nicht finden. Als Sie mir im November
schrieben, gaben Sie die Hoffnung, daß das Werk mit Ihren Zusätzen zu
Ostern erscheinen könnte. Der Verleger, der Immermann bereits einen
Theil des Honorars bezahlt hatte, trieb zur Herausgabe, und der Druck,
der um Weihnachten begonnen, ist so weit vollendet, daß ich heute
den letzten Gesang „Branyane“ nach Leipzig geschickt habe und die
nächste Woche bis auf Ihre Beigaben alles zum Erscheinen bereit seyn
wird. Von allen Seiten fragt man darnach, der Buchhändler erinnert
unaufhörlich, so daß ich gar zu gern von Ihnen baldmöglichst wüßte, ob
Ihr Versprechen Ihnen überhaupt nicht leid ist, und ob es vielleicht
möglich wäre, mir vor Ihren Sommerreisen aus der Verlegenheit zu
helfen? Es thäte mir und Allen, die sich mit mir über Ihren Vorsatz
freuten, unendlich leid, wenn wir das Buch ohne Ihre Ausstattung in’s
Publikum geben müßten, und es wäre gar schön, wenn Sie den Gedanken,
etwas über I.’s Talent und Bestreben hinzuzusetzen, ausführten, doch
will ich gewiß nicht unbescheiden dazu drängen, und werde begreiflich
finden, wenn Ihnen die Arbeit jetzt unmöglich seyn sollte, so betrübt
es mir auch wäre. Denn freilich geht einerseits dem Gedichte viel
verloren und dann wäre die Meinung eines Freundes wie Sie über I.
ein wahrer Schatz neben manchem Verkehrten und Unerschöpfenden, was
über ihn laut geworden. Doch lassen Sie mich davon aufhören, mein
Wunsch möchte mich immer unbescheidner machen, und es ist doch meine
ernste Absicht, Sie nicht zu quälen, sondern nur Sie zu bitten, Ihren
Entschluß mich irgend wie in einer Zeile wissen zu lassen, damit wir
uns darnach richten können. Darf ich darauf wohl hoffen und darf ich
vor allen Dingen hoffen, daß Sie mir nicht böse sind?

Wenn ich Ihnen nun noch Einiges über unsern hiesigen Zustand, über den
Kreis sagen soll, der Ihnen zum Theil bekannt, so haben Sie leider
nicht viel Frohes zu hören. Ich glaube zwar wohl, daß mir der Blick
für Manches geschwächt ist, seit ich nicht mehr mit befriedigtem
Herzen an den Dingen Theil nehme, indessen, daß es anders geworden
ist, als es war, empfinden auch wohl meine Freunde. Das Leben geht
seinen stillen Weg, Jeder nimmt Theil an _dem_ Schönen, das es
bietet; aber es fehlt oft die Kraft, die es uns schuf oder wenigstens
belebend nahe brachte, und weil man verwöhnt war, fühlt man den Mangel
desto drückender. Mir wenigstens tritt er immer näher, und je mehr ich
wieder Kraft gewinne, mit dem äußern Leben anzuknüpfen, desto tiefer
empfinde ich die Mißstellung, in die mich mein Geschick versetzt hat.
Das macht mich gewiß nicht undankbar gegen den Himmel, ach nein, je
ärmer mir Anderer Leben um mich erscheint, gegen das was ich genossen,
desto jubelnder freue ich mich meiner heiligen Erinnerungen und desto
muthiger fühle ich mich, in ihnen die Gegenwart zu ertragen; aber
eiskalt überläuft es mich dazwischen, wenn ich über heute und morgen
wegsehe, und immer das Unvermögen in mir finde, durch mich selbst
anzueignen, was, eine Himmelsgabe, mir die Liebe bescheerte. Was im
Glück uns Frauen der höchste Segen ist, das eigene Daseyn nur in einem
Zweiten zu empfinden, das macht uns so tief unglücklich, wenn uns das
Geschick allein in das Leben schickt, und wir Alles nur um unsrer
selbst willen thun können. Warum ich Ihnen das Alles schreibe? Weil
ich ein unbeschreibliches Vertrauen habe, von Ihnen auch in _dem_
verstanden zu werden, was Andere leicht für Hochmuth oder Prätension
halten könnten, und weil _das_ Vertrauen so wohl thut. Ich weiß
gewiß, daß mir noch Vieles Gute tagtäglich zu Theil wird; aber ich
kann den Schmerz nicht hindern, mit dem ich nach dem Schönen sehe,
was vielleicht nur ein so hohes Dichtergemüth, wie mir nahe war, in
unendlicher Fülle uns zu reichen vermag. Weinen und klagen kann der
Schmerz selten; aber er macht, daß alle Gegenwart sich nur durch die
Erinnerung beleben kann. --

In voriger Woche war Ihr Freund Loebell bei Schnaases. Das gab manchen
Verkehr unter den Freunden, und daß Ihr Name oft genannt ward, können
Sie denken. Besonders haben wir uns noch gemeinsam mit Ihrer Vittoria
beschäftigt, denn das schöne Gedicht hatte uns Alle hoch erfreut, und
je mehr wir uns damit in Gedanken beschäftigten, desto tiefer empfanden
wir den Reichthum und die unendliche Fülle der Poesie, von der Alles
in dem Buche durchweht ist. Sie haben den Deutschen ein herrliches
Geschenk gemacht, und die schnelle zweite Auflage zeigt Gott sei Dank
einmal, daß auch das größere Publikum es so begriffen. -- Mir hat es
außer der allgemeinen Erhebung, die Poesie uns giebt, in mancher bangen
Stunde Kraft gegeben, denn oft, wenn Alles um mich her zu verschwinden
schien, habe ich mir einige gar zu schöne Stellen wiederholt, in denen
Sie Vittorias Schmerz und ihre Haltung schildern und daran mich selbst
zu stärken gesucht. --

Vielen Dank habe ich Ihnen außerdem im Stillen gesagt. Ich habe den
ganzen Winter sehr häufig Novalis Schriften, durch Sie uns zugänglich,
gelesen; und mich zu keinem Anderen immer aufs Neue so innig hingezogen
gefühlt. Alles habe ich freilich nicht verstanden; aber Vieles ist mir
unendlich nahe getreten. Da fand ich oft in Worten wieder was mich
durchzog, und mit dem schmerzerfüllten Dichter konnte ich auch von den
Klängen der Wehmuth mich zu heitereren Gebieten wenden und mich darin
erquicken. --

Hier beschäftigt man sich bereits mit Festgedanken für den erwarteten
Besuch unseres Königs. Schadow wird in Bildern die Geschichte der
deutschen Poesie darstellen. Mir ist das Ganze noch nicht recht klar,
nur das habe ich als etwas Bestimmtes gehört, daß den Beschluß die
Aufführung Ihres Gartens der Poesie machen soll. Uechtritz hatte an
Bilder aus der deutschen Geschichte gedacht, jetzt aber den Plan für
hier aufgegeben und beabsichtigt ein ausgeführtes Festspiel daraus zu
machen, was etwa in Berlin gegeben werden könnte, gelegentlich. Der
Plan hat uns Alle sehr angesprochen. Den 3ten Theil seines Buches über
Düßeldorf scheint er vorläufig aufgegeben zu haben; wenigstens wünscht
er einen Aufsatz über Schiller und dessen Nachfolger unter dem Titel,
Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters, in Raumers historisches
Taschenbuch zu geben, und läßt einen kleinen Aufsatz über Immermann,
der für jenen bestimmt war, in den Blättern für literarische
Unterhaltung drucken. Letzterer hat mir bis auf einige Einzelheiten
sehr wohl gefallen.

Wenn Sie es noch nicht wissen, freut es Sie vielleicht, daß vom
Münchhausen nächstens die 2te Auflage erscheint. Es wäre ein wahres
Glück gewesen, wenn es I. erlebt hätte, denn es würde ihm Muth und
Zutrauen zu sich und der Welt gegeben haben, was ihm noch bis zuletzt
oft fehlte; nun ist es für mich auch immer eine große Freude.

Mein Töchterchen ist, so klein es ist, schon ein treues Abbild des
Vaters und giebt mir unzählige Freuden, und neben allem Trüben was auch
Ihre Verlassenheit in mir weckt, die einzige Aussicht in der Zukunft,
an der ich mich halten kann. Möge der Himmel sie mir erhalten!

Was werden Sie zu meinem langen Briefe sagen? Böse dürfen Sie nicht
über das viele Schwatzen seyn, denn Sie haben mir erlaubt, mit vollem
Vertrauen zu Ihnen zu reden, und deßhalb schrieb ich weiter, als mir
unter dem Schreiben wohl wurde. -- Nun bitte ich nur noch, mich der
Frau Gräfin und Ihrer lieben Tochter zu empfehlen, wünsche Ihnen von
Herzen ein Lebewohl und bitte mir die Gesinnungen zu bewahren, die mich
so sehr erfreuen.

Mit innigster Verehrung

    Die Ihrige

    _Marianne Immermann_.


                                  II.

    _Düsseldorf_, den 2t. Sept. 1841.


Indem ich Ihnen, mein innig verehrter Freund, beifolgend ein Exemplar
des Tristan übersende, lasse ich mir das Vergnügen nicht nehmen, es mit
einigen Worten zu begleiten, die Sie nöthigen, sich einen Augenblick
mit mir zu beschäftigen. Das Glück, mich Ihnen nahen zu dürfen, ist mir
zu lieb und bedeutsam, als daß ich eine Gelegenheit dazu unbenutzt
vorüber gehen lassen könnte, und es ist keine Redensart von mir,
wenn ich sage, daß ich es recht eigentlich unter die unschätzbaren
Hinterlassenschaften meines geliebten Mannes rechne. Die Tage, die
wir in Ihrem Hause zubrachten, sind mir unvergeßlich, und so frohe
Stunden, wie ich durchlebte, wenn Sie und Immermann in ewig lebendigem
Gespräch überall das Feinste und Höchste der Dinge berührten, kommen
wohl für mich auf dieser Erde nicht wieder. Darum such ich mein Glück
in der Erinnerung, und bin bedacht, alle ihre Bilder mir frisch vor
der Seele zu erhalten; und wenn ich, wie im Gespräch mit Ihnen, mich
der Segnungen bewußt werde, die nicht mit den flüchtigen Minuten
verschwinden, so sind das meine besten Stunden.

Den Tristan erhalten Sie in der Gestalt, die ihm nach Ihrem letzten
Bescheide allein zu geben war. Als uns Loebell in Ihrem Namen
mittheilte, was ich längst erwartet und natürlich gefunden hatte, war
Schnaase so gut, die wenigen einleitenden und beschließenden Worte zu
schreiben, und rieth dringend, das was ich im Herbst an Notizen für Sie
gesammelt, ohne Weiteres drucken zu lassen, wie es nun auch geschehen.
Es war mir anfänglich ängstlich, indessen tritt das Geschriebene so
anspruchslos auf, daß es dem Buche nicht viel schaden kann, wenn es
ihm auch nicht viel nützt, und es war mir daher immer noch weniger
bedenklich als eine sorgsamere Ausführung, die dem Geiste des Dichters
vielleicht nicht ganz entsprochen hätte. Das Gedicht selbst wieder zu
lesen, habe ich noch nicht vermocht, besonders in diesen Tagen und
Wochen, wo ich die Schreckensstunden des verwichenen Jahres wieder mit
neuer Lebendigkeit vor mir sehe, und mich vor Aufregung zu hüten habe.
Andere Stimmen aus dem Publikum sind mir auch noch nicht zugekommen
über den Eindruck des Ganzen, weil man hier in Düsseldorf nie seine
Theilnahme allzu lebhaft zeigt.

Während Sie in Baden waren, haben wir uns mit der leisen Hoffnung
getragen, Sie möchten einmal den Rhein bis zu uns herab befahren, und
haben sie nicht eher ganz aufgegeben, bis uns die Zeitungen meldeten,
Sie seien in Berlin angekommen. Seitdem suche ich nun immer zuerst
nach den Artikeln aus Berlin und nach Ihrem theuern Namen, und freue
mich herzlich, wenn ich auf’s Neue höre, wie man Sie dort liebt
und ehrt, und wie Ihnen das Leben in so mancher geistiger Anregung
und Aufmunterung gut thun muß. Ich wollte, Sie blieben recht lange
dort, vielleicht immer; es müßte sich Ihnen nur so recht allmählig
machen, daß Sie den Übergang nicht viel empfänden, den Entschluß alte
langjährige Gewohnheiten und Umgebungen gegen neue zu vertauschen,
der freilich immer schwer ist. -- Vor einiger Zeit sah ich bei
Uechtritz dessen Cousine Frau v. Buttlar aus Dresden, die ich auch die
Möglichkeit nach Ihnen und den Ihrigen ausgefragt habe, die aber leider
besonders aus der letzten Zeit nicht viel wußte. Sie unterhielt uns
hübsch mit ihren anmuthigen kleinen Bildchen, die aber freilich alle
weichen mußten, sobald wir Dorotheens wohlgelungnes Portrait sahen,
das ein gar schöner Spiegel Ihres Wesens ist. -- Außer diesem Besuch
haben wir den ganzen Sommer nichts von Fremden gesehen. Düsseldorf
liegt schon gar zu sehr am Ende von Deutschland und kriegt wenig ab
von den gewöhnlichen Rheinreisenden. Die Sommermonate sind daher für
das gesellige Leben sehr unangenehm, denn da ein großer Theil der
Einheimischen abwesend ist, so giebt es überall Lücken, und da keine
Veranlassung von außen hinzutritt, sehen sich die Zurückgebliebenen
denn eben auch nicht. -- In diesem Augenblick sind von meinen Freunden
eigentlich nur Uechtritzens hier, mit denen der Verkehr bei seiner
Kränklichkeit und Beider Ängstlichkeit für ihre Gesundheit auch
nicht ganz leicht ist. -- Solche absolute Einsamkeit hat freilich
ihre Schattenseiten, und man durchlebt manche Stunde trüber als
sonst, indeß hat sie auch ihre Vortheile und ich suche durch fleißige
Beschäftigung sie möglichst daraus zu ziehen. -- Für die Bände
zurückgelaßner Schriften Immermann’s giebt es mancherlei zu ordnen und
abzuschreiben, woran ich fleißig bin, und außerdem habe ich in allen
Gebieten der Literatur noch so wenig Kenntnisse, und bin ich auch
in andern Dingen so schlecht unterrichtet, daß ich viel nachzuholen
habe, wenn ich meiner Tochter künftig einmal in irgend einer Sache
nützlich seyn will. Mein Vater sagte immer, ein Mädchen brauche nichts
zu lernen, man gab mir also wenig Unterrichtsstunden, und ich lernte
eigentlich nur, wozu mich bisweilen eigner Eifer und Lust trieben. Daß
das aber bei einem jungen unruhigen Mädchen nicht viel, am wenigsten
etwas Geordnetes war, können Sie wohl denken. So lange Immermann lebte,
habe ich diesen Mangel oft drückend empfunden, weil ihm das ewige
Fragen und Antworten mitunter lästig seyn mußte, jetzt sehe ich auf die
unbekannten Gebiete mit mehr Ruhe und freue mich sogar der Schätze, die
mir über manches Schwere forthelfen werden durch die Bereicherungen,
die sie mir geben müssen. -- Besondere Erquickung geben mir häufig gute
Geschichtswerke, und in dieser letzten Zeit hat mir keine Unterhaltung
die Stunden angenehmer verkürzt, als die Lectüre von Rankes Päpsten. Es
war das erste Werk dieses Schriftstellers, was ich las, und ich wählte
es vorzugsweise, weil es mich in die Zeit führte, die mir durch Ihre
Vittoria so nah und anders belebt erscheint als manche sonst.

Durch weiteres Reden über mich und meine Angelegenheiten darf ich aber
Ihre kostbare Zeit gewiß nicht in Anspruch nehmen, und so will ich nur
noch im Allgemeinen zufügen, daß mir der Himmel mein süßes Kind wohl
und kräftig erhält, und mir in dem Gedeihen und geistigen Entwickeln
des kleinen Engels unzählige Freuden schenkt. Sie ist äußerlich auf
wunderbar auffallende Weise das Bild des Vaters, und wenn ich einst
sehen werde, daß er ihr seine Seele und einen Funken seines Geistes
vererbt hat, so erfüllt sich mir Alles, wonach mich noch auf Erden
verlangt. -- Der rechte Lebensmuth und Lebenslust will mir nicht
wiederkehren, und unendlich oft zieht mich die Sehnsucht gewaltig dem
geliebten Manne nach. Doch blicke ich getrost zum Himmel, der mir noch
immer geholfen, und denke er wird mir auch ferner beistehen. -- --

Uechtritz hat mir freundliche Grüße für Sie aufgetragen, im nächsten
Jahre denkt er wieder nach Berlin und Schlesien zu gehen, jetzt ist
er sehr mit dem Plan zu einem Roman beschäftigt, den er, glaube ich,
schon seit Jahren mit sich herumträgt. Schnaase ist mit seiner Frau im
Harz. Daß Ihr Freund Loebell vor einigen Tagen seine Reise nach Italien
angetreten, wissen Sie vielleicht auch noch nicht.

Der Frau Gräfin bitte ich mich zu empfehlen, und Fräulein Agnes
freundlich zu grüßen. Wenn ich sie auch nicht persönlich kenne, habe
ich doch so viel von ihr gehört, um mich ihr bekannt zu fühlen. Und nun
sage ich Ihnen Lebewohl, mein theurer verehrter Freund und Dichter,
möge es Ihnen recht recht wohl ergehen, und Sie immer eine freundliche
Erinnerung bewahren

    Ihrer

    innig ergebenen

    _Marianne Immermann_.


                                 III.

    _Düsseldorf_, d. 2. September 45.

Als ich mich im vergangenen Winter von Ihnen trennte, mein theurer,
innig verehrter Freund, da glaubte ich nicht, daß ich so lange gegen
Sie schweigen würde, als nun geschehen. Mein Herz war so voller
Dankbarkeit, für alles Schöne, was mir im Umgange mit Ihnen geworden,
daß ich meinte, Ihnen diese wenigstens bald aus der Ferne aussprechen
zu müssen. -- Da kamen Unruhen und Unwohlseyn mancher Art, mein Gefühl
blieb dasselbe; aber der ruhige Ausdruck desselben wollte sich nicht
finden. Hoffentlich habe ich durch mein spätes Kommen nicht in Ihren
Augen das schöne Recht, mich Ihnen vertraulich zu machen, eingebüßt,
das Ihre Freundlichkeit mir bisher einräumte, und das ich so gern
unter die kostbaren Vermächtnisse meines geliebten Mannes rechne. --
Die Trennung von Ihnen trug recht eigentlich im vorigen Winter dazu
bei, mir den Abschied von Berlin schwer zu machen, und ich würde es
für ein gar großes Glück achten, wenn mir vergönnt würde, noch einmal
längere Zeit in Ihrer Nähe zu weilen. Sie sind der einzige Dichter,
dem ich außer Immermann im Leben begegnete, und Ihnen gegenüber finde
ich so Vieles wieder, was sonst mit ihm für mich begraben ist. Was das
ist, das wissen Sie selbst am Besten, in der Klarheit des Besitzes,
mir ist es ein unsäglich, ewig Schönes mich erquicklich Belebendes,
das ich mit durstiger Lippe trinke -- die Poesie. Es ist ein Stück des
göttlichen Schaffens, vom gütigen Genius in des Dichters Brust gelegt,
womit er uns gestaltet wiedergiebt, was wir ahnend zu ihm tragen,
womit er nicht allein und immer Neues zum Geschenke reicht, sondern
auch in uns selbst zu wecken weiß, was irgend Bestes die Natur in uns
versenkt. Mir wenigstens ist immer so dem Genie gegenüber gewesen, was
mich nicht einschüchterte, weil ich seine Größe so gern anerkannte,
und in seiner Nähe Schwingen an den Schultern fühlte, während das
Gewöhnliche und Dumme mich leicht zu seiner Kleinheit herabzog. Die
Natur hat mir Vieles versagt, womit sie Andere freundlich ausstattet,
namentlich alles ausübende Talent, mich dafür aber mit einer lebhaften
Empfänglichkeit beschenkt, durch die ich das Glück einer reichen und
spendenden Natur, wie der Ihrigen, zu begegnen, voll und ganz zu
würdigen weiß. Darum bitte, nehmen Sie mich immer gütig auf, wenn
ein freundlicher Stern mich zu Ihnen führt, und lassen Sie mich Theil
nehmen an Ihrem Reichthum, an dem ich mich auch in der Ferne immer
aufs Neue herzlich erfreue. Sie haben mich schon vor Jahren einmal
freundlich aufgefordert mich Ihnen, wie einem alten längst gekannten
Freunde zu nahen, so daß ich dadurch noch immer ein Recht an Sie zu
haben meine und dieses in Anspruch nehme, bis Sie es mir ausdrücklich
entziehen. Drum rede ich auch heute unbefangen von meinen kleinen
Erlebnissen, weil längst das Herz mich zu Ihnen trieb.

Es war um Weihnachten, als ich Berlin verließ, mit der Hoffnung dahin
zurückzukehren, ehe ich im Frühling wieder an den Rhein ging. Vorher
sollten aber in Magdeburg, Halle und der Umgegend Familienbesuche
gemacht werden, und während derselben rührten sich die, seit meinem
Wochenbett nie ganz überwundnen Nervenleiden auf eine Weise, die
mich nöthigte, den lieben Plan aufzugeben. Gegen Pfingsten reiste
ich nach Düsseldorf, mit großem Verlangen nach häuslicher Ruhe, fand
aber gleich manchen Trouble durch die Vorbereitungen zum Rheinischen
Musikfest, das wir in diesem Jahre hier feierten. Die Musik an und für
sich ist nun schon angreifend, man setzt sich jedoch der Ermüdung, die
sie bringt gern aus, wo sie durch ihre Vollkommenheit wahren Genuß
bringt, bei diesen Pfingstfesten hat sie aber das böse Gefolge vieler
gleichgültiger Menschen. Der Übersetzer der spanischen Dramen, die ich
einmal auf Ihrem Tische sah, Dohrn, war unter diesen der Einzige, der
durch eine frische, volle Persönlichkeit und den wunderhübschen Vortrag
von Volksliedern für sich interessirte.

Wäre nun wenigstens nach dem Musikfeste Ruhe gekommen! Aber nie habe
ich so viel Fremde hier gesehn, nie bin ich so viel von Kleinigkeiten
in Anspruch genommen worden, als diesen Sommer. Da war es denn nicht
zu verwundern, daß die Gesundheit auf keinen grünen Zweig kam, und
die schon gereizten Nerven mir keine Ruhe ließen, und ich mußte mich
entschließen, einem oft wiederholten ärztlichen Rathe zu folgen und ein
Seebad zu gebrauchen. Die Reise nach Ostende, die als die leichteste
erschien, ist mir sauer genug geworden, denn sie nöthigte mich zu
Ausgaben, die meine Verhältnisse übersteigen, und es war das erste Mal,
daß ich mich in der Fremde selbst beschützen mußte. Aber da ich zu
oft empfunden, wie ich nur gesund das Schwere meines Lebens ertragen
und mich des Guten freuen kann, so überwand ich Alles, und machte
mich mit meinem Kinde auf den Weg. Die Bäder haben mich gestärkt,
und jetzt denke ich gern an den Verkehr mit dem köstlichen Elemente,
das ich habe kennen lernen, so wie an die mancherlei Anschauungen,
die mir das interessante Land bot. Das Meer hat mich mit unendlichem
Zauber umfangen, und manche stille Stunde habe ich in lautlosem
Gespräch mit den schäumenden Wogen zugebracht, obgleich der erste
Eindruck fast eine Enttäuschung war. An einem stillen sonnigen Tage,
bei vollständiger Ebbe betrat ich zuerst den Quai, und die ruhige
Wasserfläche, deren Endlosigkeit mein kurzsichtiges Auge nicht weit
verfolgen konnte, imponirte mir viel weniger, als ich vermuthet hatte.
Aber immer wachsend hat sich mir die eigenartige Pracht erschlossen,
die mich lange Zeit wachend und träumend schaukelte, und mich bei
meiner Rückkehr ganz sehnsüchtig stimmte. Je öfter ich der brausenden
Fluth Anschwellen beobachtete, oder die sanften Kreise des scheidenden
Wassers verfolgte, dem tobenden Sturm zusah, oder die Sonne in die
klaren Fluthen sinken sah, desto andächtiger, größer ward mir zu Muthe.

Auf der Rückreise hielt ich mich 8 Tage bei Freunden in Brüssel auf,
und lernte durch diese Gent, Antwerpen und das Schlachtfeld von
Waterloo kennen, auf dem Immermann vor meiner Geburt in den Reihen der
Kämpfenden gestanden, und wo sich ein mächtiges Blatt der Geschichte
vor meinem Geiste ausrollte. -- Sonst waren natürlich die Eindrücke,
die ich durch die alte Niederländische Kunst, besonders Rubens, erhielt
die bedeutendsten, indessen interessirte mich auch Manches, worin
sich die Verschiedenheit des Landes und der Menschen von uns, ihren
Nachbarn zeigte, die sonderbare politische Stimmung u. s. w. Bei meiner
Rückkehr hatte ich Muße zum Ausruhen, denn im Herbst fliegt hier Alles
auseinander, und man hat so gut wie keinen geselligen Verkehr, der sich
erst seit einigen Wochen wieder consolidirt hat. Für mich hauptsächlich
durch die Rückkehr von Schnaases und Uechtritzens, obgleich ich durch
meine jüngste an einen hiesigen Maler verheirathete Schwester, jetzt
mehr als sonst in den Künstlerkreisen lebe, in denen ich mich ganz wohl
fühle. Diese Künstler sind ein eigner Schlag Menschen, und eigentlich
nur genießbar, wenn sie ganz unter sich, und dadurch ganz unbefangen
sind. So wie sie mit Andern, besonders bedeutenden Persönlichkeiten
zusammentreten, werden sie entweder schweigsam oder ästhetisch, und
Beides steht ihnen schlecht, denn bei den Meisten stehen glückliche
Anlagen in gar keinem Verhältniß zu ihrer Ausbildung.

Daß Schnaases in Oberitalien waren, wissen Sie wohl durch Uechtritz.
Sie sind Beide befriedigt, aber nicht sehr wohl zurückgekehrt, und
augenblicklich etwas unruhig durch die Aussicht zu einer Versetzung
nach Berlin, die ihm sehr erwünscht seyn würde. Für uns Hiesige wäre
das ein großer Verlust, freilich aber das längst Erwartete. Auf der
Reise hat er viel Studien zur Fortsetzung seines Buches gemacht, klagt
aber, daß die Erschöpfung ihn jetzt an kein eigentliches Arbeiten
denken lasse, auch wenn er amtlich weniger in Anspruch genommen wäre,
als es leider der Fall ist.

Uechtritz spricht gern und angenehm von seinem Berliner Aufenthalt,
lobt besonders das Theater, und hat mir von Ihnen, verehrter Freund,
erzählen müssen, was er nur irgend konnte, wodurch ich denn lebhaft an
die schöne vorjährige Zeit erinnert ward. Leider fand er Sie zuerst
unwohl; aber bei seiner Abreise so entschieden auf der Besserung, daß
Sie sich hoffentlich jetzt, unterstützt von den schönen frühlingswarmen
Tagen, ganz gut befinden. -- Durch Ue. habe ich gehört, daß Sie sich
mit der Redaction einer Briefsammlung beschäftigen, ja fast damit
fertig sind, und ich freue mich sehr auf dies interessante Geschenk.
Die Briefe von Dorothea, die Sie zu lesen wünschten, läßt Uechtritz
jetzt abschreiben, und Sie werden sie nächstens erhalten, ich lernte
schon vor einigen Jahren etwas davon kennen, und kann nicht sagen, wie
es mich ergriffen und erfreut hat. Es ist ein so durchaus schöner,
ernster, edler Sinn, der überall durchgeht, und uns erfasst, auch
wo man einzelne Stimmungen nicht in der Weise theilt, z. B. in den
religiösen Ansichten, in denen mich die Natur einen andern Weg geführt
hat, worüber ich mich neulich mit Uechtritz förmlich gestritten habe,
weil er meinen Standpunkt als unweiblich angriff. Das kann ich nicht
beurtheilen, es kann mich aber auch nicht ändern, denn ich muß vor
allen Dingen erfassen, was für mich wahr ist, und wenn das nicht
weiblich ist, so kann ichs nicht ändern. Übrigens brauchen Sie meine
Ansichten nicht in abstracten modern philosophischen Begriffen,
oder in wüstem Pantheismus zu suchen, ich glaube, sie als durchaus
christliche vertreten zu können, nicht grade als Uechtritzsche, und
mein Hauptverbrechen war Strauß Leben Jesu gelesen zu haben, von
dem ich nicht durch die wiederholte Versicherung frei gesprochen
wurde, daß ich des Verfassers Consequenzen durchaus nicht durchgehend
theile, im Gegentheil sehr häufig gegen ihn sei. Er verlangte, ich
müsse jetzt Feuerbach und Gott weiß was lesen, ohne zu hören, daß
ich darnach keinerlei Verlangen habe, sondern eben jetzt nach Dingen
verlange, in denen etwas für mich Positives läge. Übrigens kann man
vieles von ihm lernen, und ich schätze seine Kenntnisse in vielen
Dingen sehr hoch, und wünsche mir sehr oft wenigstens einen Theil
seiner Geschichtskenntnisse zu besitzen, zu deren Erlangung mir mein
Gedächtniß wenig behilflich ist. -- Es ist ein wahres Unglück, so
schlecht unterrichtet zu werden, als ich es bin, und in spätern Jahren
sich an dem zu plagen, was einem so leicht hätte können in der Kindheit
gegeben werden. Davor mein Töchterchen zu bewahren, strebe ich redlich
nach Erweiterung meines Wissens, und freue mich am meisten der ruhigen
Zeiten, in denen mir das Glück des Lernens wird, wie die jetzige eine
ist. Freilich entbehre ich auch dabei unausgesetzt der leitenden Hand,
die mir Im. bot, und an der mir oft zuflog, was ich jetzt mühsam suchen
muß; aber auch dies Suchen hat sein Gutes, und wenn mir bisweilen ist,
als ob ich in dieser oder jener Erkenntniß einen Schritt weiter gethan,
so trage ich diesen Segen dankbar zu der Erinnerung an den, der mir
meinen Weg gezeigt, und auch nach seinem Scheiden mein höchstes Glück
bringt.

Mein Brief ist länger geworden, als ich vermuthet, es ward mir so wohl
mit Ihnen, mein theurer Freund. Nun muß ich Ihnen noch eben sagen,
daß mich Ihre dramaturgischen Blätter und Shakespeares Vorschule nach
Ostende begleiteten, und mich sehr erfreut haben. Ganz vorzugsweise
beschäftigt und interessirt hat mich die Vorrede zu Sh. V. und fast
unwillkührlich drängt sich da eine Frage nach dem Werke über den großen
Dichter hervor. -- Nun genug für heute. Ich denke die nächste Pause
ist nicht so lang. Möge es Ihnen wohl und heiter ergehen, und mögen
Sie, verehrter Freund, bisweilen einen Gedanken freundlicher Erinnerung
schenken

    Ihrer

    Sie innig verehrenden

    _Marianne Immermann_.


                                  IV.

    _Düsseldorf_, d. 31. Oct. 46.

Sie wissen, verehrter Freund, wie hoch ich das Recht halte, Ihnen
vertraulich zu nahen, und werden daher nicht verwundert seyn, wenn ich
auch ohne besondere Veranlassung einmal wieder zur Feder greife, um
mich wenigstens im Geist in Ihre unmittelbare Nähe zu versetzen. Sie
haben mir einmal gesagt, daß Ihnen meine Briefe immer angenehm wären,
und was man gern hört, das glaubt man auch gern, und so schreibe ich
weil die Aussicht, Sie einmal wieder persönlich zu begrüßen, sich in
stets weitere Ferne schiebt. Es ist recht lange her, daß ich nichts
Näheres von Ihnen gehört habe, denn was mir Ihr Freund Waagen vor
einigen Wochen in Frankfurt mittheilte, gründete sich doch auch nicht
auf persönliches Sehen. Aber im Frühling brachte dieser uns gute
Nachrichten von Ihnen und freundliche Grüße, die mit großer Freude
empfangen sind. Möchte es Ihnen doch auch ferner so wohl gehen, als ich
es von Herzen wünsche, und wir uns noch lange Ihrer schönen geistigen
Frische erfreuen können. Über das, was Sie Ihren Freunden und dem
Publikum im Allgemeinen noch zu geben denken, hört man bisweilen
lockende Gerüchte, besonders versprach Uechtritz im vorigen Herbste mit
einiger Sicherheit eine Briefsammlung, die Sie im Begriff seien, zu
arrangiren; aber leider ist es vorläufig bei dem Versprechen geblieben,
und wir sehen noch immer hoffend aus. Nun freilich haben Sie ein Recht
zu ruhen, und wenn die Rückkehr zu den köstlichsten Quellen Ihrer
Poesie auch den Wunsch nach immer Neuem aus Ihrem reichen Geiste sehr
natürlich erweckt, so ist doch das Gefühl der Dankbarkeit für das
Gegebene immer das Vorherrschende. -- Dies Gefühl habe ich besonders
lebhaft empfunden, als ich im Frühling mich einmal wieder in die
wundersame Welt des Cevennenaufstandes vertiefte, der mir immer als
eine Ihrer eigenartigsten Schöpfungen erscheint.

Jetzt ist es fast zwei Jahre, daß ich so glücklich war, Sie in
Berlin zu sehen. Einige ruhige Stunden des Gespräches in denen
mir der ganze Vorzug einer Dichternatur reich entgegentrat, die
wunderschöne Vorlesung des Octavian, der ich beiwohnen durfte, werden
mir unvergeßlich seyn. Früher rechnete ich darauf, in diesem Winter
meine damalige Rundreise zu wiederholen; aber die Verhältnisse in
meinen beiden Heimathstädten Halle und Magdeburg, werden immer
weniger anziehend für mich, und doch kann ich nicht daran denken,
in die dortige Gegend zu kommen, ohne an beiden Orten einen mehr
als flüchtigen Aufenthalt zu machen. Dennoch würde ich wohl gereist
seyn, wenn nicht im Juny dieses Jahres meine gute Schwiegermutter
gestorben wäre, welche fortgesetzt die lebhafteste Sehnsucht nach
meinem Töchterchen hatte. Nun habe ich mich hier in Düsseldorf für
die nächsten sechs Monate gefesselt, und werde während dieser Zeit
die 14jährige Tochter einer Freundin bei mir haben, mit der ich mich
ein wenig geistig zu beschäftigen versprochen habe. Das ist freilich
in vielen Beziehungen eine Gene; aber es füllt das Leben auch wieder
aus, und die äußern Verhältnisse sind hier allmählig so dürr und
unerquicklich geworden, daß man sich fast gänzlich auf das eigne Haus
und seine Beschäftigungen angewiesen sieht. Im vergangenen Winter nahm
mir der Tod meine geliebte Freundin, die auch von Ihnen anerkannte
Frau v. Sybel, mit ihr die Hauptstütze meines hiesigen Lebens. Da
trat einen Augenblick der Wunsch mir nahe, Düsseldorf zu verlassen;
aber er verlor sich in der Frage: Wohin? und in der Furcht vor allen
eigenmächtigen Entschlüssen, die uns Frauen nun einmal schwer fallen.
Hier denke ich, hat mich die Hand des Schicksals hingeführt, und trage
in diesem Gedanken leichter die Entbehrungen, die mich treffen, als
in selbstgewählter Umgebung. Auch hat der Rhein einen unsäglichen
Reiz für mich, und viel heimathlichern Klang in meinem Herzen als
mein philiströser Geburtsort. Hier habe ich gelebt und geliebt, schon
das allein macht mir die Wege lieb, durch die ich wandre, auch wenn
sie meinem Auge nur grüne Hecken und Saatfelder bieten. Überdieß
lernt man ja immer mehr sich selbst Freude verschaffen, und wenn ich
nicht grade mich unter langweiligen Leuten quälen muß, so bin ich in
meinem eignen Hause, mit meinem lieblich heranwachsenden Kinde, und
meinen Beschäftigungen ganz zufrieden. Der Reiz des Lernens ist ein
immer frischer, immer wachsender, je mehr man sich in die gewaltigen
Blätter der Geschichte vertieft und den großen Zusammenhang aller Dinge
übersehen lernt, je mehr die Natur uns in ihr geheimes Walten blicken
läßt und die Poesie ihre ewige Jugend in alten und neuen Schöpfungen
ihrer Lieblinge offenbart, desto mehr empfindet man den Reichthum
des Daseyns, auch wenn das Leben uns frühe Entbehrungen zutheilte.
Der kurze Liebeslenz, mit dem der Himmel meine Jugend schmückte,
ist freilich schnell verklungen; aber wir verlieren ja Nichts, was
wir einmal wahrhaft besessen, und obgleich die Sehnsucht nach dem
Vergangnen nicht mehr heftig in den Frieden meiner Seele schneidet, so
lebe ich doch mit meinem geliebten Manne fort, wie mit der Luft, die
mich umgiebt, und erkenne in Allem, was mich erfreut, dankbare Frucht
des von ihm in meine Seele gestreuten Samens. -- Was hier entschieden
fehlt, sind Anschauungen der Kunst, und nach einem guten Schauspiel,
nach Werken der bildenden Künste, die dem Geiste wirklich Nahrung
geben, habe ich allerdings häufig Verlangen. Als ich vor einigen Wochen
das Städelsche Institut besuchte, fühlte ich recht lebhaft, wie ein
einziger der dortigen schönen Abgüsse mehr für mich war, als was ich
hier in der Dauer vieler Monate zu sehen bekomme. -- Den Schätzen
Berlins sende ich auch manchen Gedanken zu; aber den Wunsch, dort
zu leben, der eine Zeitlang durch meine Seele zog, habe ich ganz
aufgegeben, und könnte ich jährlich mit Bequemlichkeit dort einige
Wochen zubringen so wäre ich ganz zufrieden.

In diesem Sommer habe ich ganz neue Zustände kennen lernen, indem ich
einige Monate in Marburg im Hause des Prof. v. Sybel zubrachte, wo
man meinen Beistand für ein zu erwartendes Wochenbett wünschte. Da
ist man in vieler Beziehung noch in der Kindheit, besonders bewegt
sich das gesellige Leben in Formen, vor denen man sich hier am Rhein
entsetzen würde, die aber dennoch viel Gemüthliches, und darum mir
Ansprechendes haben. Freilich mögen sie sich im Winter, und in den
unschönen Räumen der alten winkligen Häuser weniger gut ausnehmen,
als während der Sommer sich in der überaus lieblichen Gegend erging,
und einen reizenden Rahmen um Alles zog. Ich war nie so dauernd in
einer schönen Gegend wie jetzt, und habe den Segen derselben recht
voll genossen. Nun ist aber auch die Marburger Umgebung besonders
anziehend, denn sie stellt sich nirgend in prätentiöse Ferne, und
verlangt Anstrengungen für den Umgang mit ihr. Nein, in jedes Fenster
schaut sie vertraulich herein, wie ein Freundesgesicht, und wo man
den Fuß aus der Thüre setzt, tritt sie in immer neuen Ansichten dem
Auge entgegen. Einen besondern Schmuck erhält sie überdieß durch
die schöne Kirche, die man von allen Seiten in neuen Umgebungen
wiederfindet. Mit Vergnügen lernte ich manchen Anhänger Immermanns
kennen, und fand die Freude am Münchhausen, der erst kürzlich bis in
diese Hügel gedrungen war, ganz allgemein. Unter den Professoren sind
wenig bedeutende Persönlichkeiten. Mir am interessantesten war die
Bekanntschaft eines jüngern Theologen, des Prof. Thiersch, ein Sohn des
Münchner Philologen, den ich auch habe kennen lernen. Ich bin ihm durch
die Beschäftigung mit einem kürzlich von ihm erschienenen Buche nahe
getreten: Vorlesungen über Katholicismus und Protestantismus. Es ist
von ganz orthodoxem Standpunkte aus, aber so wenig aus abgeschlossenem
Protestantismus hervorgegangen, daß man dem Verfasser den Vorwurf des
Katholisirens gemacht hat, gewiß mit Unrecht, denn er übersieht nur
mit unbefangenem Auge die Mängel und Vorzüge beider Confessionen, und
sieht eine letzte und höchste Entwickelung der Kirche in der Einheit
Beider. Man sagt, unsere Königin interessire sich sehr für ihn, und
es soll davon die Rede gewesen seyn, ihn an Marheineckes Stelle nach
Berlin zu rufen; aber er ist ein wenig Antiberliner, und ich fürchte
auch, daß er sich dort nicht ganz wohl fühlen würde, denn es würden
ihn manche als den ihrigen betrachten, zu denen er nicht eigentlich
gehört. Er ist eben so duldsam in Betreff fremder Meinungen, als von
der eignen durchdrungen, und weit entfernt sich im Verkehr oder Urtheil
durch die herausgekehrte Seite irgend eines Bekenntnisses bestimmen
zu lassen. Wenn man übrigens eine Zeitlang gesehen hat, was in Hessen
die Kleinlichkeit der Polizei und Verwaltung, trotz der Constitution
hervorzubringen vermag, so freut man sich, wenn man wieder in die
Staaten seiner Preuß. Majestät gelangt, trotz manches Geschreis, was in
denselben laut wird.

Es wird Sie wohl interessiren, ein Wort von Uechtritz zu hören,
verehrter Freund. -- Ich habe viel Sorge für ihn gehabt, und finde
seinen Zustand noch immer wenig erfreulich. Den vorigen Winter hat
er viel gelitten, und war geistig oft auf die beängstigendste Weise
absorbirt und zerstreut. Nun hat er Marienbad gebraucht, und das
Gespräch mit ihm ist wieder viel leichter. Er holt mich bisweilen gegen
Abend zum Spazirengehen ab, und da habe ich mannichfache Gelegenheit,
mich seines vielseitigen Wissens und seines feinen Verständnisses
gewisser Dinge zu erfreuen. Das letzte Mal war er ganz voll von
Ihrem jungen Tischlermeister. -- An seinem Romane arbeitet er fort.
Könnte man ihm ein drei Mal schnelleres Schaffen anwünschen, so wär
es gut, und er würde hier vielleicht das Beste leisten, dessen er
fähig ist. Aber wann wird er fertig werden, oder wird er’s überhaupt
vollenden? Schnaase war im Herbst in Holland und Belgien, wohl nicht
ohne bestimmte Kunstabsichten. Die Fortsetzung seines Buches ist etwas
hinausgeschoben, denn er ist sehr unzufrieden mit dem, was er dafür
gethan hat, und will Alles noch einmal umarbeiten. Jetzt hat er einen
Freund bei sich, der beschäftigt ist, das Vollendete ins Französische
zu übersetzen, eine Arbeit, deren Anfänge Schn. für sehr gelungen
erklärt. Ich habe diesen Sommer erst seine Niederländischen Briefe
kennen lernen, und sie mit ungemeinem Vergnügen gelesen. Bisweilen ist
für meinen Verstand der Gegenstand nicht fasslich genug behandelt; aber
man wird immer für die Mühe belohnt, und erkennt recht, mit welchem
fein organisirtem Geiste man zu thun hat.

Ehe ich schließe, muß ich Ihnen noch erzählen, daß mein Carolinchen nun
schon ein ganz großes Mädchen wird, und ihre ersten Studien begonnen
hat. Wir malen mit nicht geringer Anstrengung verschiedne Buchstaben
auf die Tafel und lesen ohne Kopfbrechen einzelne Worte. Leider ist das
Kind sehr träge, so wenig sie dumm ist, und ich weiß nicht, wofür mich
der Himmel mit dieser bedenklichen Anlage strafen will, denn Faulheit
ist nicht mein schlimmster Fehler. Übrigens ist die Kleine doch sehr
liebenswürdig, gesund und kräftig und die Quelle unsäglicher Freude für
mich.

Nun finden Sie nur nicht, daß ich allzu geschwätzig war, mein theurer
und gütiger Freund, sondern nehmen Sie mich freundlich auf, die ich mit
immer gleicher Verehrung bin

    Ihre

    herzlich ergebene

    _Marianne Immermann_.



Ingemann, Bernh. Severin.


    Dieser dänische Poet, geb. am 28. Mai 1789, trat mit seinen
    „Gedichten“ zuerst 1811-12 hervor, und hat sodann eine
    große Fruchtbarkeit in romantischen Erzählungen, epischen
    Dichtungen und dramatischen Werken glücklich entfaltet. Auch
    vaterländisch-historische Romane hat er geschrieben.

    Wie allerliebst sind diese zwei Briefe an Tieck! Der herzliche
    Ton derselben erregt wehmüthige Empfindungen, durch den Vergleich
    vergangener Zustände mit den gegenwärtigen. Wie nahe stand doch
    die dänische Litteratur der unsrigen; wie anhänglich zeigten sich
    ihre berufensten Vertreter dem deutschen Wesen! Und wie sinnig
    gingen sie darauf ein! -- Ist nicht, was Ingemann über Hoffmann
    sagt, so wahr und klar, als ob’s Einer unserer würdigsten Kritiker
    geschrieben hätte? --

    Dieses einträchtige Miteinanderstreben scheint für immer zerstört,
    seitdem Dänemarks unselige Tyrannei deutsche Männer zwingen wollte
    dänisch zu werden.


                                  I.

    _Copenhagen_, d. 16. Septbr. 1820.

    _Theuerster Tieck!_

Sie haben glühende Kohlen auf meinem Haupte gesammelt (ich weiß nicht
ob es Deutsch ist), ich habe mich recht geschämt, meine ich nur, daß
ich nicht früher alle Scham überwunden habe, und ohne Scheu ihre edle
Sprache gerädert, um Ihnen zu sagen (was Sie doch gewiß nie bezweifelt
hätten) daß ich oft in der Ferne Ihnen recht nah und herzlich
zugesellt gewesen -- und jetzt beschämt mich ihre Liebe noch mehr,
als ich den Brief durch den Prof. Molbech empfange. Zwei freundliche
Grüße sind mir schon früher vorbeigeflogen und haben mir wohlthuend
zugeflüstert: der Tieck gedenkt Dein noch; ich habe dann auch gleich
die Feder ergriffen, was ich aber sagen wollte ist auf Dänisch in
meiner Seele geblieben. Vor einiger Zeit hat mir eine Zeitung erzählt,
daß Sie nach Berlin gerufen und nach Ihrem Wunsche da angestellt
wären. Darüber habe ich mich schweigend gefreut; jetzt halte ich aber
nicht länger ein Blättchen von den vielen großen Briefen zurück, die
ich fast alle Posttage im Geiste Ihnen geschrieben habe. Wäre ich
indessen gestorben, hätte ich gewiß bey Ihnen spuken müssen, um mein
Versprechen zu erfüllen und Ihnen -- freilich zu spät -- zu erzählen,
daß ich glücklich und gesund nach Hause gekommen. Die Braut hat mich
gesund und liebreich empfangen, und in heimathlicher Ruhe habe ich
im Winter am Ofen Abentheuer gedichtet, und mir dadurch die schönen
Abentheuer-Abende in Dresden zurückgerufen.

Jetzt durchlebe ich noch einmahl das seltsame Reiseleben, und wie
es sich jetzt für mich gestaltet, muß ich es lyrisch und immer wie
gegenwärtig auftreten lassen. -- Noch bin ich weder angestellt noch
verheirathet; beides möchte ich recht gern, aber ich fürchte mich
erstaunlich ein Philister zu werden. Sagen Sie mir doch, wie man den
Philistergeist vom Leibe hält, wenn man ein Amt kriegt und Hausvater
wird! -- Doch das ist wohl die Dichterliebes-Probe, und wer die nicht
hält, war schon zum Philister geboren.

Der Oehlenschläger hat uns eine neue nordische Tragödie gegeben und die
nordische Mythologie in einem Epos behandelt. Der Baggesen schweigt und
auf unserm Parnaßchen scheint Friede zu sein. Von mir ist erschienen
außer Tassos Befreiung (Tod) ein Band „Erzählungen und Abentheuer“ und
„die Reiseleier“ (Reiselgren), wovon der zweite Theil jetzt gedruckt
wird. Im ersten Theil habe ich die schönen romantischen Rheinländer
mit ihren Ritterburgen und Mittelaltersagen, und das herliche
Schweitzerland mit der Leier durchgepilgert, der zweite handelt von
~bella Italia~ und Rom, wo ich mit dem Carneval endete, das ich
dramatisch wie ein lustiges Fastnachtsspiel behandelt habe. -- In der
Buchhandlung habe ich oft nach Ihrem lieben Tischler gefragt; ist er
noch nicht erschienen? Auf die letzten Theile des Sternbalds warten wir
recht mit Schmerzen, ihr Phantasus kann uns nie zu korpulent seyn, er
bleibt immer der nehmliche leichte und liebliche Genius. Den Hoffmann
in Berlin traf ich leider nicht; er saß immer auf dem Richterstuhle
gegen die politischen Umtrieben gewafnet, und hatte keine Zeit für den
poetischen Umtrieber.

Grüßen Sie die liebe Frau und die Gräfin tausend Mahl! und sagen Sie
den holden Dichter-Töchtern daß sie zu den lieblichtsten Erinnerungen
meines Reiselebens gehören. Erinnern Sie noch, wie sie mir Alle einen
Tag entgegen gekommen und mich für einen alten guten Freund genommen?
-- es was leider Täuschung, möchte es doch niemahl -- wenigstens im
Lande der Enttäuschung -- so mir wahr und wirklich begegnen! Gott segne
Sie und Alle die Ihrigen!

    Ihr innigst ergebener

    _B. S. Ingemann_.


                                  II.

    _Copenhagen_, d. 10t. Septbr. 1822.

    _Theuerster Freund!_

Das Jahr hat jetzt seinen dreifaltigen Vergessenheitsschleier zwischen
uns ausgespant, ihr liebes freundliches Antlitz sehe ich doch immer
noch durchleuchten, und, irre ich mich nicht, lächelt es mir noch
herzlich und väterlich entgegen. Wie oft träume ich mich noch in
ihre Mitte zurück: zwischen der lebhaften Dorothea und der stillen
Agnes sitze ich da, im Kreise der freundlichen Hausfrau und der guten
Gräfin; wir hören Ihnen zu, und der große herrliche Shakespeare lebet
und dichtet uns aus Ihren Munde. Der Falstaf steht uns wieder vom
Wahlplatze auf, und der gestiefelte Kater macht dazwischen seinen
genialischen Meistersprung. Ihr schönes Familienleben ist mir ein
wahres Vorbild geworden. Jetzt bilde ich selbst eine kleine angehende
Familie, bin auch Hausvater und Gatte, ich möchte plötzlich alt werden,
um gleich zwei erwachsene liebenswürdige Töchter zu haben, und ein
Leben voll Dichtung und ein Alter voll Jugend und heiterer Ruhe.
Erinnern Sie oder die Töchter noch mein Versprechen, Ihnen voraus
meinen Hochzeitstag anzukündigen, daß Sie meiner und der Braut zur
rechten, astronomisch berechneten Stunde gedenken möchten? ich habe den
freundlichen Scherz nicht vergessen, und würde pünklich Wort gehalten,
wäre der Tag nicht zu spät bestimmt, um so weit voraus mitgetheilt
werden zu können. Es war der 30. July d. J. und im gesegneten Stande
des ächten Lebens bin ich nun fast anderthalb Monat alt.

In diesen Tagen gedenke ich Copenhagen zu verlassen um meinen neuen
Wohnsitz in Soröe einzunehmen, wo ich bey der Academie als Lector in
dänischer Sprache und Litteratur eben angestellt bin.

Der Überbringer dieses Briefes Hr. ~Studiosus~ Hoyer ist
ein junger Liebhaber der Kunst, und eifriger Beflissener der
Kunstgeschichte und der Philosophie des Schönen, doch Gottlob noch mehr
Enthusiast als Kenner. Er theilt meine Verehrung für Sie als Dichter,
und sehnt sich recht inniglich nach Ihrer persönlichen Bekanntschaft.
Er wird einige Zeit in Dresden die Meisterwerke der Kunst genießen und
studieren: möchte ihr Geist bisweilen mit ihm und über ihn seyn und das
Göttliche der Kunst sich ihm recht klar und herlich entschleiern!

Das mitfolgende Gedicht ist schon voriges Jahr erschienen. Seitdem
habe ich Nichts ausgegeben und nur Weniges gedichtet. Die glückliche
Unbefangenheit, womit ich mich vorher dem Reize der Dichtung ganz
rücksichtslos hingegeben ist mir in den letzten Jahren theils von
unsern überlauten Realisten gestört, theils auch für eine ernstere
Selbstkritik gewichen; doch daraus komt Nichts als unfruchtbare
Reflexionen.

Über Vieles möchte ich mich mit Ihnen recht vertraulich aussprechen;
mit dem Schreiben aber, wie Sie sehn, will es nicht recht gehn, und
Dresden ist mir leider zu fern, um jetzt eine Zusammenkunft hoffen zu
können. Doch ist Ihnen mein vorüberfahrendes Bild, wie ich hoffe, nicht
auch aus dem Gemüthe entfallen -- so theilen Sie mir recht bald Etwas
mit von Ihrem Überflusse des Geistes, und von Ihrem heiteren Muthe zum
Leben und Würken im göttlichen Reiche des Schönen!

Ich bedaure das frühzeitige Ableben ihres genialischen Hoffmann;
doch ein innerlich zerrissenes Gemüth scheint sich fast immer in
seiner tiefen Ironie des ganzen Erdenlebens, selbst mitten in seinem
glücklichsten Humor, zu verrathen, und Ruhe zum Leben hat diese
sonderbare phantastische Seele wohl nie genossen; seine Originalität
hat mich mannigfaltig angezogen, und wäre er nicht in Manier verfallen
und in seinen barokken Caprizien von den Ideen verwildert, er würde
gewiß unter ihren größten Geistern, wie jetzt unter ihren sonderbarsten
erkannt gewesen.

Der Walter Scott ist hier, wie bey Ihnen der Lieblingsschriftsteller
der ganzen Lesewelt. Zwar vermisse ist oft bey ihm eine durchgehende
große Totalidee, wie er überhaupt mir größer in Colorit als in
Composition erscheint, und das historische Leben uns mehr in Stücken
darstellt, als es im Ganzen mit Bedeutung und Zusammenhang vorspiegelt,
doch meisterlich weiß er Situationen und Charakteren zu schildern, und
er ist mir ein großes Phänomen in der poetischen Welt. Gern möcht ich
Ihre Ansicht von diesem merkwürdigen Geiste kennen.

Ihre neue angekündigte Samlung von Novellen seh ich mit freudiger
Sehnsucht entgegen: fahren Sie noch lange fort uns mit Ihren
geistreichen Gaben zu ergötzen! Die herliche Malernovelle im letzen
Musenalmanach hat mir einen schönen genußvollen Abend geschenkt.

Und nun tausend Lebewohl und Grüße an die ganze Familie, die ich oft
mit Freundschaft und Sehnsucht erinnere.

    Ihr innig ergebener Freund und

    Verehrer

    _Ingemann_.

_Verzeihen Sie mir alle die Sprechfehler_, könnte ich nur meine
Gesinnungen Ihnen so äußern, daß ihr Herz mich verstände, möchte ich
mich gern in den Formalien ein wenig prostituiren.



Julius, Nik. Henrich.


    Geb. den 3. Oktober 1783 in Altona. Daß dieser menschenfreundliche
    Mann sein thätiges Dasein dem Gefängnißwesen gewidmet, und von
    der preuß. Regierung auf jede Weise gefördert, unendlich viel zur
    Aufklärung und Verbesserung in jenen düsteren Regionen irdischen
    selbstverschuldeten (und darum desto traurigeren) Elendes gethan,
    ist allbekannt und dankbar gewürdiget. Minder bekannt dürften im
    Allgemeinen seine Bestrebungen schönwissenschaftlicher Art auf
    litterar-historischem Grund und Boden geblieben seyn. Er hat auch
    eine vortreffliche Übersetzung geliefert, des Buches: „Geschichte
    der schönen Litteratur in Spanien;“ ein Werk des Amerikaners
    Ticknor, von welchem letzteren wir unter T. einen Brief an Tieck
    bringen.


    _Berlin_, 25. Febr. 1834.

    _Verehrtester Herr Hofrath!_

Dem im umgekehrten Verhältnisse mit seiner Dauer stehenden
unvergleichlichen Genusse, den mir vorigen Herbst Ihre so lang ersehnte
_persönliche_ Bekanntschaft gewährt hat, möchte es, wie ich
wünsche, Ihre Güte zuschreiben, wenn ich meinen liebsten Freunden ein
Gleiches verschaffen will.

Aus diesem Gesichtspunkte wollen Sie es auch freundlichst erlauben, daß
ich durch diese Zeilen Lord Cantelupe (Sohn des Grafen v. Delaware)
und Hrn. Wordsworth (Neffen von Wm. Wordsworth, dem englischen, meines
Bedünkens Tiek am nächsten tretenden Dichter) bei Ihnen einführe. Die
Bekanntschaft dieser Herrn, welche 4-6 Wochen in Dresden zu bleiben
gedenken, wird Ihnen hoffentlich nicht unerfreulich seyn.

Nun ersuche ich Sie noch um die Erlaubniß, Ihnen in meinem und
zahlreicher Freunde Nahmen, für den unbeschreiblichen Genuß zu
danken, den Sie uns durch Ihren Camoens gewährt haben. So wie durch
ein wunderbares, und wahrlich nicht zufälliges Zusammentreffen, der
Untergang Don Sebastians und seines Heeres den düstren Hintergrund
bilden mußte, auf dem die Verklärung der Lusiaden desto herrlicher
hervorleuchtet, so der schreckliche Bruder- und Bürgerkrieg an den
Gestaden des Tejo und Mondego, während durch Sie in Deutschland diese
Apotheose des so wenig gekannten Dichters, unvergänglich für unser
Volk, und hoffentlich auch für fremde Nationen, heraufsteigt.

Portugall, _wenn_ es nach den Zuckungen, in welchen die
pyrenäische Halbinsel und deren edle und ritterliche Bewohner ein
bisher ungekanntes Daseyn zu führen beginnen, noch in Zukunft ein
solches giebt, wird, wenn auch erst nach Menschenaltern, dem deutschen
Dichter danken, der es erkannte und verherrlichte, als es sich selbst
aufzugeben begann. -- --

Das Herz blutet mir, wenn ich an die Ströme des edelsten castilischen
und portugiesischen Blutes denke, die aus diesen von begeistertem Leben
durchrollten Adern, fließen werden, wenn die leichtsinnigen, tückisch
das Holz zum ungeheuren Brande herbeitragenden Buben, schon längst
wieder bald diesem, bald jenem, monarchischen oder republikanischen,
stets aber ihrer Eitelkeit und Genußsucht fröhnenden Trugbilde,
nachgejagt haben werden.

Doch ich werde bitter, das soll man aber nie seyn, am allerwenigsten
Angesichts des Dichters, der Freude und Liebe um sich verbreitend, und
alle welche sein geflügeltes Wort erreicht, beseeligend, auch nichts
als Freude, Liebe und Seeligkeit um und an sich sehen sollte.

Leben Sie wohl, und sein Sie so glücklich, wie Sie es verdienen.

    Ihr dankbarer Bewunderer

    _Julius Dr_.



Kadach.


    K. war Prediger in Ziebingen, und während Tieck’s mehrjährigem
    Aufenthalte daselbst fanden sich die beiden Männer. Wie würdig
    ihr freundschaftliches Verhältniß gewesen und geblieben ist,
    und wie selbstständig der „Landprediger“ dem Poeten gegenüber
    sich benommen, geht aus dem Tone dieses (leider ganz vereinzelt
    vorgefundenen) Schreibens hervor. Späterhin ward er zum Mitglied
    der dortigen Regierung als Konsistorialrath nach Frankfurt
    a/O. berufen, und vermählte sich daselbst in reiferen Jahren
    zum zweitenmale mit der Tochter des Vice-Präsidenten von R.
    Diese Ehe führte denn im Verlaufe der Zeit durch mannichfache
    Familienverbindungen dahin, daß die Tochter seines Ziebinger
    Freundes zur Pflegemutter und liebevollen Erzieherin der von ihm
    hinterlassenen Waisen geworden ist. Und so dauert das vor länger
    als einem halben Säkulo gestiftete Seelenbündniß, über Tod und Grab
    hinaus, lebendig fort.

    (ohne Datum.)

    An den Königl. Sächsischen Hofrath und 2ten Theaterdirektor
    Herrn ~Dr.~ Tieck.

    _Mein herzlichgeliebter Freund!_

Die Nachricht von Ihrer Standeserhebung, Ihrem neuen Amte und der
damit verbundenen Dotation hat uns hier als die größte Neuigkeit des
neuen Jahres ganz außerordentlich angenehm überrascht und bey Marie
und mir eine so große und theilnehmende Freude verursacht, daß ich
mirs nicht versagen kann, Ihnen davon ein schriftliches Zeugniß zu
schicken und Ihnen zugleich zu Ihren neuen Titel und Würden, so wie
zu Ihrem Amte und Gehalte von Herzen Glück zu wünschen. Denn das
letzre, denk ich, werden Sie bei all Ihrem Talent, Ihrer Kentniß und
Ihrer Liebe fürs Theater doch wohl gar sehr brauchen und dessen nicht
leicht zu viel oder genug haben können. Möge Ihnen denn bei Bildung des
Theater- und Künstler-Volks und bei Leitung desselben zu einem schönen
und edlen Ziele ~Fortuna~ aufs günstigste seyn und es Ihnen
besser als Göthen und Lessing gelingen, uns ein wahrhaft deutsches
National-Theater zu geben, oder doch näher dazu zu verhelfen, als es
jenen gelungen ist. Jetzt ist für Sie die Zeit gekommen, Ihre deutschen
Tragödien zu schreiben und Ihr Vorbild Shakespeare, nachzunahmen und
wie ihn, so auch Ihren eigenen patriotischen Genius auf die Bühne zu
stellen. Was würde Deutschland auf der Dresdner Bühne hören, was sehen,
wenn es Ihnen gefallen wollte, die Hand an die Feder zu legen, durch
sie Ihre jugendlich und männliche Begeisterung aussprechen zu lassen
und Ihr ganzes amtliches Ansehen vereinigt mit Ihrer Kunstkenntniß, für
gediegene Darstellung desselben einwirkend zu verwenden. Wie will ich
mich freuen über alles Gute, das durch Ihren Einfluß in diesem Gebiete
der Kunst hervorgebracht wird, wenn auch das wünschenswertheste
und beste nicht erreicht werden könnte. Unter Ihnen wird sich doch
wieder eine Schule bilden, wo die Acteurs und Actricen reden, gehen,
stehen und agiren lernen, und wo das eigentliche Talent sich bilden
kann, ohne verbildet zu werden aus eigner Schuld oder fremder! Mögen
Sie nur dazu recht lange die Lust behalten und recht viele angenehme
Erfahrungen machen, die die natürliche Lust und Liebe zum Dinge in
Ihnen verstärken; und möge zu Ihrem Wirken für diese Kunst Ihnen nur
niemals die Gesundheit fehlen. Bei Ihrer alten Vorliebe, bei der freien
Gunst, die Sie bisher schon der Dresdner Bühne geschenkt hatten, bei
dem Ansehen, in dem Sie schon standen und das jetzt durch das amtliche
noch viel mehr zunimmt, bey der schon vorbereiteten Geneigtheit des
Theaterpersonales, des Publikums und der Direktion, Lehre, Rath,
Beispiel gern anzunehmen und aufs beste zu benutzen, darf jedermann
etwas ausgezeichnetes Gutes und Schönes erwarten, und Ihre Freunde und
Freundinnen dürfen sich Ihrer neuen Thätigkeit, Ihres belebenden Eifers
und Ihres -- neuen Ruhmes freuen, den Sie dem schriftstellerischen
beifügen. Freilich ist nicht zu erwarten, daß jener überall ganz rein
glänzen werde; ebenso wenig als dieser ganz fleckenlos erscheint und
überall anerkannt wird. Vielleicht wird jener grade im Vaterlande eben
so angefochten als es diesem seit Ihren letzten Werken, den Novellen,
ergeht, die viele kaum wollen dafür gelten lassen, aus keinem andern
Grunde, als weil sie sich mit denen des Cervantes und andern ältern
gar nicht in Vergleichung stellen ließen. Soll ich Ihnen, damit Sie
ja nicht bei Ihrem neuen Glücke übermüthig werden, eine Probe der
einheimischen Kritik geben, welche Sie wohl demüthigen könnte, wenn
Sie sich davon wollten demüthigen lassen? Aus Frankfurth schreibt man
mir: „Tieks Novelle, das Landleben, haben wir gelesen; aber unter
allen Erzählungen dieses geistreichen Mannes hat sie uns am wenigsten
gefallen. Das Zopfwesen wird doch zuletzt ein abgehetzter Haase, an
dem weder Fell noch Fleisch zu brauchen ist. Eine ächt humoristische
und wahrhaft witzige Situation abgerechnet, ward uns zuletzt der Zopf
nach allen seinen politischen, moral- und martialischen Beziehungen
sehr langweilig. Kein einziger der aufgeführten Charaktere ist uns
recht klar in sich selbst begründet und poetisch und psychologisch
wahr genug vorgekommen. Auch kommen und gehen die Personen wie in
einem Puppenspiele und damit die Geschichte sich fortbewege, bekommt
sie immer durch einen ~deus ex machina~ einen äußern Anstoß.
Man begreift nicht, wie die zum Theil albernen Menschen zu einem so
tiefen, wahrhaften und wunderbaren Gespräch über Friedrich II.,
das preußische Volk, Lessing, Klopstock, Voltaire, den rel. Unglauben
seiner Zeit u. s. w. kommen! -- Welche gehaltvolle, gediegene Worte!
welch ein tiefes, festbegründetes Urtheil, in dem jedes Wort gewichtig
ist, haben wir da gefunden, aber wie kommt und geht es mit den übrigen
Figuren der Novelle zusammen? Sonst ist alles, was von Tieck kommt,
ein wahres Kunstwerk, wo alles zu einem schönen Ganzen in einander
gewebt ist; aber dieß ist kein Kunstwerk, sondern -- (erschrecken Sie
nicht!) -- Aphorismen und Rhapsodie. -- Wir müßen den herrl. Geist,
dem Shakespeare zur Aufgabe seines Lebens geworden ist, beklagen, daß
er seine Kraft in solchen ~details minutieux~ versplittert. Nicht
als wenn wir die Novelle gering achteten. Es hat uns im Gegentheil oft
verdrossen, daß wir Deutsche auf die lyrische Poesie so viel Fleiß
verwandten und die Erzählungen wie von der Bank gefallene Kinder in die
Findelhäuser des Morgenblattes, der Abendzeitung, des Gesellschafters
&c. absetzen, aber Tieck kann sie anders schreiben als die geschrieben
sind. Höchst gespannt sind wir auf das Dichterleben und den Aufruhr in
den Cevennen, von denen Sie uns so viel gesagt haben; bedauern aber um
so mehr, über das Landleben nicht Ihrer Meinung seyn zu können!“ und
so kann ich mich Ihnen denn mit keiner bessern zu freundl. Andenken
empfehlen; verbleibe aber

    Ihr getreuer

    _Kadach_.

Gern schriebe ich mehr, aber ich kann nicht -- die Briefe müßen endlich
fort! Leben Sie wohl!



Kaufmann, Alexander.


    Über die Lebensverhältnisse dieses Gelehrten wissen wir leider
    nichts Näheres zu sagen. Von seinem gediegenen Wirken geben die
    beiden Briefe das beste Zeugniß. Während er in Berlin verweilte,
    schien Kränklichkeit häufig den Arbeitsfleiß des tüchtigen Mannes
    zu hemmen, und aufmunternder Förderung dürfte er sich eben auch
    nicht besonders erfreut haben. Die Übertragung, welche er vom
    _Lear_ geliefert, ist ein vorzügliches Werk, dessen praktische
    Brauchbarkeit wir durch selbst eingeübte Darstellung schätzen
    lernten. Einem so gründlichen, nach Wahrheit ringenden Kenner
    Shakespeare’s sind die, vielleicht allzu harten, Urtheile, die er
    einer etwas übereilten Bearbeitung des „Caesar“ entgegenstellt,
    gern zu verzeihen; wenn wir auch einzugestehen wagen, daß uns die
    im vierten und fünften Akte jener Tragödie angebrachten Berliner
    Kürzungen nicht so tadelnswerth erscheinen, wie Kaufmann sie
    findet. Denn ableugnen wollen, daß mit Caesars Ermordung, und mit
    den Reden des Brutus und Antonius, die dramatische Wirkung abnimmt
    -- das heißt der Erfahrung widersprechen; in welchem Widerspruche
    sich allerdings viele Theoretiker ausnehmend gefallen.


                                  I.

    _Berlin_, d. 4ten Juli 1829.

    _Hochgeehrtester Herr!_

Mit der innigsten Freude habe ich die Bemerkungen gelesen und
immer wieder gelesen, die Ew. Wohlgeboren die Güte hatten, meiner
Übersetzung des Macbeth beizufügen. Ihre Theilnahme an meinen
Bestrebungen, die Bemühungen, deren Sie meine Arbeit gewürdigt, so wie
Ihre gütige Beurtheilung derselben, zeigen mir, daß Sie meine Richtung
im Ganzen nicht mißbilligen, und diese freudige Überzeugung ermuthigt
mich zu neuem Eifer. Es war mir daher schmerzlich, Ihnen nicht
sogleich bei Empfang des Manuscripts, den herzlichen Dank, von dem
ich mich durchdrungen fühlte, sagen zu können, aber eine hartnäckige
Krankheit, die mich kaum verlaßen hat, hielt mich Anfangs, und später
der Wunsch, Ihnen durch die That zu zeigen, wie ich Ihre Anweisungen
beherzigt habe, bis jetzt davon ab. Wenn ich gleich nur zu gut fühle,
daß es mir unmöglich wird, jetzt schon die hohen Anforderungen,
die Sie (und gewiß auch ich selbst) an einen Übersetzer des großen
Dichters machen, überall zu befriedigen, so kann ich doch schon jetzt
bemerken, welchen wohlthätigen Einfluß, das immer wiederholte Streben
nach diesem Ziel auf meine Arbeit übt. Aus der beiliegenden Probe
des König Lear, die in den letzten Tagen ganz umgearbeitet wurde,
werden Sie, gewiß mit Freude, bemerken, daß Ihre Saat nicht ganz auf
unfruchtbaren Boden gefallen ist, daß dieselbe im Ganzen, der, wegen
ihrer Worttreue gerühmten Voßischen Übersetzung von 1819, in dieser
Hinsicht nicht nachsteht, und zuweilen noch wörtlicher ist, ohne der
Sprache jene Gewalt anzuthun, die dem Voßischen Shakspeare so sehr
schadet. Ich halte es für die erste Pflicht des Übersetzers, den Sinn,
die Intention im Ganzen, die Totalwirkung einer Stelle, namentlich ihr
eigenthümliches Leben in Sprache und Rhythmus wiederzugeben, und erst
für eine zweite, dies soweit es die Natur unserer Sprache zuläßt, mit
denselben Worten und Stellungen zu thun, wie sie das Original hat;
und bin der Meinung, daß man sogar unermüdet streben müsse, beides zu
erreichen, daß aber im Collisionsfalle die letztere Rücksicht der
ersteren weichen müsse. Es kann, wenn ich hier von Nachahmung des
Rhythmus im Ganzen rede, natürlich nicht meine Ansicht sein, daß man
sclavisch Alles nachahmen müsse; denn es giebt natürlich eine Menge
Stellen, wo auf den bestimmten Rhythmus kein großes Gewicht gelegt
werden kann, wo ein anderer ebendieselbe Wirkung hervorbringt, und der
eben gewählte mehr aus der Beschaffenheit der Sprache, als aus dem
Gegenstand oder einer besondern Intention des Dichters hervorgeht. Noch
weniger aber konnte mich bei der Arbeit die schülerhafte Befolgung
eines hergebrachten Versschemas verleiten, an die Stelle einer genialen
Unregelmäßigkeit des Originals, die oft so höchst wirksam ist, jene
nüchterne Regelmäßigkeit treten zu lassen: Denn bei Shakspeare wie
bei jedem wahren Dichter entschiedet nur der Gegenstand über die
Form, er gibt sich gleichsam von selbst dasjenige Gewand, das ihm am
besten paßt; Gebrauch der Prose und des Verses im Allgemeinen sowohl,
als die Behandlung jeder dieser Formen insbesondere folgt lediglich
jener höheren Rücksicht, dem Character des Sprechenden, dem Inhalt
seiner Rede, der Situation, der Gemüthsstimmung; und grade dieses
innige Verwachsen der Form mit ihrem Gegenstand zeichnet neben so
vielem Andern den großen Dichter vor Allen aus, und muß vorzüglich
vom Übersetzer nachzuahmen gesucht werden. Es hat mich daher sehr
gewundert, daß Schiller die ganze erste Scene des 5ten Actes im
Macbeth, die für das Erwähnte den augenscheinlichsten Beweis giebt,
dadurch ihrer Wahrheit beraubt hat, daß er sie in regelmäßigen Jamben
wiedergab. Dies, wie manches Andere machte mich glauben, daß er wohl
nur der prosaischen Übersetzung gefolgt ist, und dieselbe für den
Gebrauch der Bühne eingerichtet und versifizirt habe, ohne dabei das
Original genau zu vergleichen. Denn sonst hätte er gewiß gefühlt,
wie sehr hier die mannichfaltig wechselnde Form motivirt ist, wie
die leichte Conversationsprose der den Act beginnenden Reden des
Arztes und der Kammerfrau durch den Gegenstand bedingt sind, wie sich
aber auch dieselbe, wenn der Arzt aus den Erforschungen des Zustands
der Nachtwandlerin allgemeine Bemerkungen zieht, hebt, und mehr
rhythmischen Klang erhält, und namentlich, welchen Contrast hierzu die
Reden der Lady Macbeth bilden. In unruhigen, abgebrochenen, heftig
hervorstürzenden Lauten, einzeln rhythmisch, aber zerrissen, wie ihr
Gemüth, und scheinbar ohne Verbindung wie im Traum, malt sich ihre
ganze Seelenqual; dann wieder dazwischen die ruhig beobachtenden
Bemerkungen und Fragen des Arztes, und die theils gewählteren Antworten
der mehr in das wahre Geheimniß eingeweihten Kammerfrau, und endlich
die rein rhythmische Schlußstelle der Lady Macbeth, wo ihre Seele durch
den _einen_ Gegenstand des Königmords ganz in Anspruch genommen
ist, und ihre Rede zusammenhängend wird, und nach ihrem Weggehen die
allgemeinen Betrachtungen des Arztes, wegen des gehobenen Gegenstandes
in Versen und in vollem Reim schließend. Das ist kein Zufall, und
noch weniger, wie vielleicht manche der Hrn. Editoren glauben, „~an
extreme negligence in numbers~.“ Nein das ist die Freiheit des
Genius, der mit dem Kunstwerk zugleich seine Regel schafft. -- Es
bedarf übrigens nicht so auffallender Stellen, um das Gesagte zu
beweisen, die Belege sind im ganzen Shakspeare zerstreut, oder vielmehr
der ganze Shakspeare ist nur _ein_ Beleg dazu. Sie verzeihen mir
gewiß diese Ausführung, da Sie ihr Motiv wohl durchschaut haben. Aus
meinem unfertigen Manuscript konnten Sie zwar sehen, was mir gelungen
war, und was nicht; aber nicht, wonach ich strebte, und selbst viele
der Mängel, die Sie mir in diesem Manuscript anmerkten, waren in meinem
eignen Manuscript, das ich zurückhielt, schon verbessert, und sehr
leid war mirs, diese Besserungen wegen der schnellen Abreise des Hrn.
Professor von Raumer nicht beschreiben zu können. Ihren Rath, mich mit
Shakspeares Zeitgenossen bekannt zu machen, habe ich sogleich befolgt,
während meiner Krankheit den größten Theil der in der „~Continuation
of Dodsley’s old plays VI. vol. L. 1816~“ enthaltenden Stücke von
Marlowe, Lyly, Marston, Decker, Chappmann u. A. gelesen und daraus
manches Schätzbare für den Shakspeare gelernt und mir gesammelt. Jetzt
studire ich Ben Jonson in der trefflichen Gifford’schen Ausgabe, und
werde mit diesen Studien immer fortfahren, da ich sehe, wie nothwendig
sie sind. Ich hätte dies gewiß schon früher gethan, wären mir nicht
in Potsdam alle diese Werke, so wie überhaupt auch für den Shakspeare
aller kritische Apparat abgegangen. Ich konnte dort bei meiner
Übersetzung nur die Fleischersche Ausgabe benutzen, da ich leider
keine andere besaß; was also dieselbe an schlechten Lesearten und
Emendationen in ihrem Text hat, das ging in meine Übersetzung über,
nicht aus eigner Wahl, und weil ich den Editoren zu sehr vertraute,
(denn die ertappt man ja, wie ich mich schon aus früheren Studien
überzeugt hatte, überall auf Verkehrtheiten,) sondern weil mir die
Lesearten der alten Ausgaben fehlten, und mir also nichts übrig blieb,
als meiner Ausgabe zu folgen. Ich hatte mir jedoch die Vergleichung der
alten Ausgaben und die Erforschung des Urtextes, sowie die Abänderung
meiner Übersetzung nach diesem Resultat bis zu meiner Ankunft in Berlin
vorbehalten, und habe mir nun die Varianten der ersten Folio von
1623 von Macbeth und Lear schon gesammelt. Die andern alten Ausgaben
jedoch konnte ich nicht bekommen, und auch in den neuern englischen
Ausgaben, die ich bis jetzt verglichen, fand ich keine vollständige
Angabe der Varianten. Die meisten derselben haben gar keine, und auch
diejenigen, die welche haben, sind mehr bedacht, die gewählte Leseart
zu vertheidigen, als dem Leser zur eignen Wahl und Beurtheilung einen
vollständigen Apparat zu geben. Die Baseler Ausgabe scheint mir noch
die vollständigste, aber auch hier vermisse ich die Angabe der
abweichenden Versabtheilung, und selbst, wo ich sie verglichen habe,
oft die Angabe der Lesearten der Folio. Es würde mir höchst erfreulich
sein, wenn Sie mir hierin Ihren gütigen Rath ertheilen wollten. Ihr
durch Herrn von Raumer mir mitgetheiltes Anerbieten, auch meine übrigen
Übersetzungen Ihrer Durchsicht und Beurtheilung würdigen zu wollen,
war mir die liebste Kunde, die ich seit lange erhielt, und nicht
weniger war ich und mein Verleger darüber erfreut, daß Sie auch zu
meinen Stücken in der Ausgabe Ihre Erläuterungen geben wollen. Mein
sehnlichster Wunsch wäre, Ihnen auf irgend eine Weise bei dieser Arbeit
Dienste leisten zu können; ist dies der Fall, so bitte ich, mich die
Art und Weise wissen zu lassen, und verspreche im Voraus, daß es an
meinem Eifer nicht fehlen soll. Wenn es mir irgend möglich wird, so
bin ich gesonnen, im Laufe dieses Sommers einige Wochen in Dresden
zuzubringen, um aus Ihren mündlichen Mittheilungen einen größeren
Nutzen für die Sache, die mein Heiligstes ist, zu ziehen. Schließlich
bitte ich Sie, mir ferner Ihre Theilnahme zu schenken, und verbleibe
Ihnen zu innigem Dank verpflichtet, hochachtungsvoll

    Ew. Wohlgeboren

    ergebenster

    _Kaufmann_.


                                  II.

    _Berlin_, d. 31ten März 1830.

    _Verehrter Freund und Gönner!_

Was müssen Sie von mir denken, daß ich all’ die Liebe und Freundschaft,
die Sie mir geschenkt, die überaus gütige Aufnahme, die ich bei Ihnen
fand, Ihre Theilnahme und Belehrung, all’ die herrlichen Stunden,
die ich Ihrer großen Güte verdanke, so sehr vergessen konnte, Sie
zwei Monate auf einen Brief warten zu lassen, und, wie ich nun durch
Becker erfahren, Sie durch die verzögerte Übersendung der versprochenen
Manuscripte förmlich in Verlegenheit zu setzen. Bei mir selbst kann
ich das durch nichts verantworten, aber in Ihren Augen hoffe ich durch
ein offenes Bekenntniß Gnade zu finden. Gleich nach meiner Rückkehr
machte ich mich mit dem erhöhten Eifer, den mir mein Aufenthalt bei
Ihnen eingeflößt, über den Macbeth her, mit dem festen Entschluß,
ihn Ihnen zur versprochenen Zeit einzusenden. Aber da häuften sich
Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten. Ich fand wieder recht, wie viel
schwerer es ist, etwas umzuarbeiten und auszufeilen, als es neu zu
übersetzen, und je strenger meine Anforderungen an mich in Bezug
auf das Einzelne des Ausdrucks und die Eigenheiten des im Macbeth
herrschenden Tones waren, desto schwerer wurde es mir, sie mit der
Abrundung und Vollendung des Ganzen, und namentlich mit den Eigenheiten
der Rhythmen zu verbinden; was ich auf der einen Seite besserte,
verschlimmerte ich auf der andern, und konnte mir’s nie zu Dank machen.
Ich verzweifelte fast, als ich die mir gesetzte Zeit verstreichen sah,
und noch mit dem ersten Act nicht in’s Reine kommen konnte; und doch
durfte ich auch wieder die Sache nicht leicht nehmen, da ich mir fest
vorgenommen hatte, nicht eher mit der Arbeit wieder vor Ihren Augen zu
erscheinen, bis daß ich das mir Möglichste daran gethan. So entstand
in mir ein doppeltes Gewissen, eins, das mich zur Eile trieb, und ein
anderes, das mich beim Zaudern hielt; mit leeren Händen wollt’ ich auch
nicht kommen, und so schwieg ich lieber ganz. Wenn aber mein Zögern
dennoch strafbar ist, so hab ichs gewiß durch das quälende Gefühl,
Ihnen zu mißfallen, genugsam gebüßt; und wenn das noch nicht genügt,
so bitte ich, ein bedeutendes Opfer, das ich durch mein Zögern meiner
Pietät gegen unsern großen Dichter gebracht, mit in die Schale zu
legen, und dann werden Sie mir gewiß verzeihen. Es war doch gewiß für
einen jungen, ungenannten Schriftsteller der stärkste Antrieb zur Eile,
wenn er dadurch hoffen konnte, in ganz kurzer Zeit unter den Auspicien
seines verehrten Meisters seine Arbeit auf die Bühne gebracht, und sich
selbst so gleichsam eingeführt zu sehen. Das alles gab ich dran, um
meine Übersetzung auch nur einiger Maßen dem Original näher zu bringen,
und die Aufschlüsse, die Sie mir gegeben, daran nach Kräften zu
realisiren; wie wenig mir das auch gelungen ist, so werden Sie doch den
guten Willen daran erkennen, und sich gewiß darüber freuen. Das andre
Stück, die Nebenbuhler, habe ich vor mehreren Jahren schon übersetzt
und hatte damals keine Absicht damit, als mich im dialogischen Ausdruck
zu üben, woher ich es denn mit der Wörtlichkeit eben nicht genau
nahm; können Sie indeß, so wie es ist, irgend Gebrauch davon machen,
so steht es gern zu Diensten. Beide Stücke übergebe ich ganz Ihrer
freien Disposition, daraus und damit zu machen, was Sie gut finden;
und ich hoffe bald die Freude zu erleben, durch Ihre gütige Mitwirkung
eines der Stücke auf der dortigen Bühne zu sehen. Hier werde ich mit
Hoffnungen und glatten Worten gefüttert, und der König Lear bleibt
unaufgeführt, während man alles mögliche Schlechte zusammensucht, um
nur was Neues zu bringen. Der F.’sche Julius Cäsar ist auch zweimal
über die Bühne gegangen, das zweite Mal bei sehr leerem Hause, und
wird, da ihm die Recensenten sehr die Zähne weisen und vor der dritten
Aufführung nicht beißen dürfen, wohl nicht wieder gegeben werden. Sie
kennen glaub ich das Machwerk schon, sonst könnt ich Ihnen viel von
der Lächerlichkeit und Frivolität dieser Bearbeitung erzählen, bei der
man nicht weiß, ob man die Leichtfertigkeit der Auslassungen oder die
freche Selbstgefälligkeit der höchsteignen Zusätze und Änderungen
mehr bewundern soll. In einem eignen Aufsatz hat dieser Herr darzuthun
gesucht: da doch Cäsar einmal der Held des Stückes sei, so höre mit
seinem Tod das Interesse auf, und die Abkürzung der letzten Acte, bei
denen es überhaupt dem Shakspeare auf ein Paar Scenen nicht angekommen,
werde nothwendig. Der sauere mürrische Casca und der politische beredte
Decius sind eine Person geworden, und um die Widersprüche zu versöhnen,
läßt der Bearbeiter an der bekannten Stelle des Brutus: „Was für ein
plumper Bursch ist dies geworden,“ den Cassius antworten: „ja, doch
wenns gilt, so weiß er auch zu reden“ u. s. w. und dann überredet Casca
den Cäsar aufs Capitol zu kommen. In der bekannten Rede läßt er den
Anton ungefähr Folgendes sagen: „Er

          überwand an jenem Tag die _Parther_,
    Und damals wars, als er das große Wort,
    „„Ich kam, ich sah, ich siegte““ heimgesandt,“ u. s. w.

Doch genug -- Sie sehen, der Neid spricht aus mir.

Becker ist gestern Abend zum ersten Male im Opernhause, bei vollem
Hause, als Fiesco aufgetreten, und hat eine sehr gute Aufnahme
gefunden. Anfangs zwar opponirte das Publicum, (das gern gleich vorn
herein weiß, wie es mit seinen Helden dran ist, und keine Halbheit,
kein zweideutiges Betragen an ihnen leiden mag) dem Beifall Einiger,
die es wagten, die fingirte Rolle zu beklatschen; dafür entschädigte
es ihn aber auch nach Erzählung der Fabel bei den Worten: „aber es war
der Löwe“ mit desto rauschenderem Beifall, und wiederholte denselben
ungewöhnlich oft und allgemein bis zum Schluß, wo der Gast gerufen und
mit lebhaftem Beifall empfangen wurde. Sein feines Spiel und die Grazie
seiner Bewegungen, mit einem Wort das Vornehme, das er ausdrückt wird
allgemein anerkannt. Noch muß ich Ihnen melden, daß als ich nach meiner
Rückkehr nach Dresden den Herrn Grafen v. Redern besuchte, und ihm Ihre
Grüße überbrachte, er sonst noch Aufträge von Ihnen an ihn zu erwarten
schien, und mich danach fragte, überhaupt so genaue Kundschaft, als ich
sie eben geben konnte, von Ihrem Wirken bei der dortigen Bühne und den
sichtbaren Früchten desselben bei mir einzog, und darauf lebhaft den
Wunsch aussprach, Sie hier bei der Bühne angestellt zu sehen. Obgleich
er mir Stillschweigen auferlegte, so kann ichs Ihnen doch nicht
verschweigen.

Nehmen Sie schließlich nochmals meinen herzlichsten Dank für all die
Liebe und Freundschaft und all die unvergeßlichen Stunden, die ich
in Ihrem Kreise verlebt; haben Sie die Güte, mich der Frau Gemahlin
und werthen Familie, der Frau Gräfin von Finkenstein und den übrigen
Freunden, zu empfehlen, und leben Sie recht wohl.

    Hochachtungsvoll

    Ihr ergebenster

    _Kaufmann_.

Die beiden Manuscripte schickte ich mit der fahrenden Post.

Nochmals bitte ich, mir mein Schweigen zu verzeihen, und, wenn auch nur
mit einer Zeile mich deßhalb zu beruhigen. Nach Wien und München habe
ich ebenfalls den Macbeth abgeschickt.



Kerner, Justinus.


    Geb. den 18ten Sept. 1786 zu Ludwigsburg, gestorben 1860.

    Romantische Dichtungen (1817). -- Gedichte (1826). -- Die Seherin
    von Prevorst, 2 B. (1829). -- Bilderbuch aus der Knabenzeit (1839).
    -- Der letzte Blüthenstrauß (1853).

    Es erweckt eigenthümliche Betrachtungen, hier zu lesen, wie
    vertraulich und hoffnungsvoll der liebe, sanfte Mensch sich
    an Tieck wendet, mit einem Herzen voll Wehmuth, wegen seiner
    „Somnambüle,“ wegen all’ des Hohnes, der ihn jenes Buches halber
    getroffen; -- und dann zu bedenken, daß Immermann, Tiecks
    vertrauter Freund, diese wunde Stelle am weichen Justinus gerade
    so verletzend berührte! Wie stand Tieck zwischen beiden? Auf
    wessen Seite neigte er sich, seinem innersten Wesen nach? -- Das
    bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, für Alle, die ihn bei
    verschiedenartigen Seelenstimmungen beobachtet haben. Wir meinen
    nicht zu irren, wenn wir muthmaßen: Tieck hat Beiden Recht gegeben,
    weil er Jeden von Beiden nahm _wie er war_!


                                  I.

    _Weinsberg_, d. 18ten Feb. 30.

    _Verehrungswürdigster!_

Sie werden Sich vielleicht meiner nicht mehr -- aber wohl des Stuhles
erinnern, auf dem Sie auf dem alten Thurme zu Weinsberg saßen und auf
die _Gebirge_ sahen. --

In _diesen_ ist nun das Grab jener unglücklichen Frau, die Sie
damals mit Ihrem Besuche erfreuten. Ihre Geschichte, aus der ich
Ihnen damals einige Blätter vorlas, ist inzwischen auf dem Markte
erschienen. Ausser _Eschenmayer_, _Schubert_ und Friedrich
v. _Meyer_ will diese in Deutschland kein schreibender Mensch
verstehen.

Ich hätte sie _Ihnen_ zugesandt, allein ich denke, Sie können
sie in Dresden häufig finden. Ich denke mir, daß Sie sie gelesen.
Ich muthe keinem Menschen zu, den zweyten Theil so zu nehmen, wie
ich und Eschenmayer ihn nahmen -- aber sehr schmerzhaft müßen mir so
verschrobene, _entstellende_ Urtheile seyn, wie Sie sie in Hrn.
~Dr.~ _Menzels_ Literaturblatt von ihm und einem Hrn. Carové
aus Frankfurth, lesen können und inzwischen durch alle Tageblätter
Deutschlands hindurch.

Ich liebe Sie unsäglich und ich traue auf _Sie_. Wäre es Ihnen
nicht möglich, nur _ein_ Wort über diese Geschichte öffentl. zu
sprechen?? Nur den Eindruck zu bezeichnen, den diese Frau auf Sie
machte. Darum bitt’ ich auch Ihre Tochter, die auf uns alle tiefen
Eindruck hinterließ, -- sie soll den Vater darum bitten. Sagen Sie
ihr, daß die verstorbene Frau nach ihrem Weggehen noch vieles von
_ihr_ gesprochen, was ich ihr gern sagen möchte. Ich gebe die
Hoffnung nicht auf, Sie und Ihre Lieben einmal im Leben wieder zu sehen
-- wie glücklich würde mich das machen! -- Dann mündlich, was ich nicht
schreiben mag!

Ich will auch nichts mehr schreiben, Sie nicht von Besserem abzuhalten.
Ihre lieben Hände mit den kurzen Fingern drücke ich herzlich und wir
alle in dem kleinen Hause grüßen Sie und die Lieben, die mit Ihnen in
ihm waren, innigst, vertrauensvollst!

    Ewig

    Ihr Verehrer und Freund

    ~Dr.~ _Justinus Kerner_.

    d. 16ten April 30.

Dieser Brief blieb 3 Monate lang liegen, weil ich immer dachte, es
seye unbescheiden von mir, Sie mit ihm zu beschweren. Inzwischen
mehrten sich recht sehr die Gegner wie die Freunde der Seherin von
Prevorst. Unter letztern zeichnet sich _Görres_ hauptsächlich
aus, auch der Sohn _Fichtes_ schrieb über sie günstig. Durch die
Schrift, „das Bild zu Sais,“ wird diese Frau für wahnsinnig erklärt.
Das will ich gelten lassen: denn es giebt auch einen _göttlichen_
Wahnsinn, in dessen Kreisen vor allen auch _Sie_ leben. _So mein
=ich= es._ Der Verfasser (ein junger Mann in Stuttgardt) zeigt
zu seinem Lobe überall einen Brief von Ihnen. Er kennt mich nicht, sah
diese Frau nie und schwatzt wie ein Blinder von der Farbe.

Von _Eschenmayer_ erscheint in den nächsten Wochen eine eigene
Schrift über die Seherin und die Einwürfe, die die Verstandesherren dem
Buche machen, und das bin ich so frey, Ihnen zuzusenden, wofern Sie
Sich meiner noch erinnern. Wachend und in Träumen sehr oft bei Ihnen!

    Ihr _Kerner_.


                                  II.

    _Weinsberg_, d. 24ten Feb. 41.

    _Verehrungswürdigster!_

Sie werden sich meiner wohl noch als des Wunder- und Geistersüchtigen
erinnern, der Ihnen doch wenigstens einigen Spaß machte? Ich wage Ihnen
hier einen jungen Landsmann zuzusenden, der aus _Hegels_ Schule
ist und an keine Geister glaubt. Er bringe Ihnen meine innigsten Grüße
und die Versicherung meiner Verehrung und Liebe.

    Ihr ergebenster

    ~Dr.~ _Justinus Kerner_.


                                 III.

    _Weinsberg_, d. 14. Juny 41.

    _Verehrungswürdigster!_

Sie hatten die Liebe mir zu erlauben, Ihnen nach Baden-Baden schreiben
zu dürfen.

Von _Möricke_ erhielt ich einen Brief, in welchem er schreibt:
„So innig ich beklage, den herrlichen _Tieck_ damals nicht haben
sprechen zu können, so ganz unmöglich war es durch mein Übelbefinden.
Empfehlen Sie mich demselben, sagen Sie ihm, wie wohl die günstige
Meinung, die er von mir zu hegen scheint, mir thue. Ach! wäre ich
gesund und nicht von aussen immer so gehetzt und beengt, wie viel
zufriedener sollten meine Freunde mit mir seyn. So aber muß ich ihnen
öfters undankbar, als ein launischer Hypochonder erscheinen. Ich weiß
das Alles anders und kann es doch nicht ändern.“ --

M. dauert mich unendlich. Er schreibt auch noch: daß das Schicksal
seines ältesten Bruders ihn ganz niederdrücke, sowie auch ökonomische
Dinge nach dem Tode seiner Mutter. Denkt man sich dabey nun seinen
zerrütteten Nervenzustand, die schlechte Pfarrey, auf der er noch einen
Vikar, die Brüder und eine Schwester, zu erhalten hat, -- so sieht man
leicht ein, wie ihm nach und nach alle Saiten von der _Leyer_
springen müßen. --

Ich weiß für ihn nur _einen_ Trost und der sind Sie und Ihr
Erkennen seiner. Ich bitte innigst -- das auszuführen, wovon Sie so
gütig sprachen, -- ein paar Blätter über _Mörikes_ poetische
Leistungen zu schreiben. Es wäre Ihnen gewiß auch ein Kleines, eine
Quelle zu finden, durch die er unsrem König empfohlen würde, durch
Nennung Ihres Namens, was allein Gewicht hätte. Durch _Münchs_
Tod, der in Stuttgardt für -- _nichts_ einen großen Gehalt bezog,
fiel eine gute Besoldung in die Finanzkasse zurück, die Hälfte davon
würde hinreichen, diesen vortrefflichen Menschen für immer aus seinem
Jammer zu retten und wieder für die Kunst zu gewinnen.

Kämen Sie nach _Ems_ und träfen Sie dort die Töchter des Königs
(die von der Catharina), die Gräfin _Neipperg_, die jetzt dort ist
und die Prinzessin von Oranien, die später dahin kommt, -- so vergessen
Sie nicht, zu ihnen ein Wort von M. zu sprechen. Ich that es bey der
erstern schon früher mit gutem Erfolg, aber Ihr Wort hat größeres
Gewicht. --

Und nun muß ich Ihnen noch meinen unsäglich innigen Dank sagen für
die große Liebe, die Sie mir und meiner ganzen Familie in Heilbronn
erwiesen und die ich nicht verdiente. Wir leben alle in freudiger
Erinnerung Ihrer, der gütigen Frau Gräfin und der herrlichen Tochter.
Für letztere lege ich, nebst den herzlichsten Grüßen von uns Allen,
hier ein paar schwache Gedenkblättchen bey.

Ich wünsche nur, daß Ihnen und der verehrten Frau Gräfin die Bäder
recht gut bekommen und die Wetterveränderung, die sich inzwischen so
schlimm einstellte, keinen Schaden bringen möge!

Verlassen Sie mich nicht ganz -- Gedenken Sie meiner auch zuweilen noch
in Ihrem reichen Geist und Herzen!

Der Himmel schenke Ihnen Gesundheit und inneren Frieden!

    Ewig mit der innigsten Verehrung und Liebe

    Ihr ganz ergebener

    _J. Kerner_.



Killinger, K. A. Freiherr von.


    Geboren 1802 zu Heilbronn, Sohn eines früher beim Regiment
    Hohenlohe in Breslau gestandenen, nachmals (1809) als badischer
    Major auf dem Schlachtfelde gebliebenen Vaters, studirte
    Jurisprudenz, machte das Staatsexamen, -- trat jedoch nicht
    in die Praxis, sondern widmete sich, in Karlsruhe lebend, den
    Wissenschaften ganz und gar; wobei er hauptsächlich neben dem
    Studium verschiedener Litteraturen, die _englische_ sich auf’s
    Innigste vertraut machte. Unter dem Autornamen _K. v. Kreling_
    hat er sich und seinen Arbeiten im Inlande wie im Auslande hohe
    Achtung erworben. (~„Among the most intelligent of the Germans
    who had favoured us with their acquaintance at Carlsruhe, was
    Herr von K....... His mastery of our language was perfect; his
    knowledge of its modern literature greatly beyond that of most of
    my countrymen“ etc. New Monthly-Magazine, April 1855.~)

    Auf diesem mit Fleiß und Glück verfolgten Wege gewann Hr. v. K.
    auch Tieck’s Zuneigung und Achtung; jede Reise des Letzteren
    nach Baden-Baden gab Gelegenheit in Karlsruhe zu verweilen, und
    ihr freundschaftliches Verhältniß durch persönlichen Verkehr
    auffrischend zu beleben.

    Englische Bibliothek, 6 Bde. (1834-38.) Diese bringt Bearbeitungen
    erzählenden, lebensgeschichtlichen, reisebeschreibenden Inhaltes,
    von ihm _allein_ verfaßt. -- Erin, 6 Bde. (1847-49)
    Lebensgeschichten irischer Schriftsteller, Erzählungen derselben
    u. s. w. Mährchen, Legenden und Sagen. (Zu dieser Sammlung,
    über welche Grimm im 3ten wissenschaftl. Theil der Kinder- und
    Hausmährchen ~pag.~ 393-95 redet, gab Herrn v. K.s naher
    Verwandter und vieljährig vertrauter Freund Ludw. Uhland die
    Anregung.) --

    Harris’ Gesandtschaftsreise nach Schoa, 2 Bde. (1845.) mit
    wissenschaftl. Erläuterungen begleitet. -- Ausgewählte Englische
    Synonymen, (1854.) -- als Beigabe dazu: Englische Etymologieen;
    eigene Forschungen über die Ursprünge und Ableitungen der engl.
    Sprache. -- Auch war Hr. v. K. thätiger Mitarbeiter am großen
    Hilpert’schen Deutsch-Engl. Wörterbuch und alleiniger Verfasser des
    „Nachtrags“ (1857) zu demselben; ebenso am Londoner Athenäum, und
    an andern Zeitschriften.


                                  I.

    _Karlsruhe_, 1. September 1837.

    _Verehrter Herr und Freund_,

Ich habe mich den ganzen Frühling und Sommer mit der Hoffnung getragen,
Nachricht von Ihrem Kommen nach Baden zu erhalten oder aufs Freudigste
durch Ihre Gegenwart in Karlsruhe überrascht zu werden: allein ich
sehe und fürchte, ich werde auf Beides für dieses Jahr verzichten
müssen. Muß ich glauben, daß Ihre Gesundheit so angegriffen ist, daß
sie eine Reise nach Süddeutschland nicht erlaubt, oder darf ich mit
dem herzlichsten Vergnügen -- ein Vergnügen, dem ich selbst meinen
eigensüchtigen Wunsch, Sie wieder bei uns zu sehen, gern opfere
-- annehmen, daß Ihr Wohlseyn eine solche Auswanderung aus Ihrem
freundlichen Dresden gar nicht nöthig machte? Beruhigen Sie mich über
jene Besorgniß oder bestätigen Sie mir diese tröstliche Vermuthung,
wenn auch nur mit einer Zeile; aber bald!

Ihre kurze und eilige, mir aber darum doch überaus werthvolle Zuschrift
vom 27. März ist mir erst mehrere Wochen nach diesem Datum zugekommen;
mein Unstern wollte, daß mich der Überbringer, Hr. v. Bernburg, den
ich literarisch schon kannte und achtete und deshalb um so mehr auch
persönlich kennen und lieben zu lernen gewünscht hätte, nicht zu Hause
traf und ich ihn bei wiederholtem Vorsprechen in seinem Gasthofe
ebenfalls jedesmal verfehlte.

Wenn ich nicht aufs Überzeugendste fühlte, daß ich den Inhalt jener
Zuschrift, insoweit er die Verdienstlichkeit der Engl. Bibl. betrifft,
vielmehr Ihrem freundschaftlichen Wohlwollen für mich, als der ernsten
Übung Ihres allgeachteten und -- verdientenfalls -- allgefürchteten
kunstrichterlichen Vermögens zu verdanken habe, so könnte ich über
Ihre beifällige Äußerungen fast stolz werden; ich habe indessen die
aufsteigende Hoffahrt niedergedrückt und mich an Ihrem gütevollen Lobe
so weit zu erfreuen und zu erstärken mir erlaubt, daß ich neue Lust und
neuen Muth zur Fortführung eines -- wie ich aufrichtig gestehen will,
mir _liebgewordenen_ -- Unternehmens gewann, welches mir mancherlei
Umstände zu verleiden geeignet sind; _da_hin gehören vor Allem: der
Unfug, der mit dem Übersetzen mehr als je getrieben wird und _jedem_
Übersetzer in _einer_ Verdammung gewissermaßen eine ~levis notae
macula~ anhängt; ferner: die ganz seltsame Art, mit welcher diejenigen
Zeitschriften, welchen altem Herkommen nach ein Exemplar der Engl.
Bibl. zur Beurtheilung zugesendet zu werden pflegt, verfahren, indem
sie die Zusendung entweder gar nicht einer öffentlichen kritischen
Bemerkung werthhalten oder mit einer blosen Inhaltsaufzählung
abfertigen, und dessenungeachtet, jedoch mit Verschweigung der
benützten Quelle, zu Auszügen in ihre eigenen Spalten verwenden;
endlich: die Anzahl jener freibeuterischen Unterhaltungsblätter, welche
ein kaum erschienenes Heft der Engl. Bibl. auf eine Weise plündern, die
in pekuniärer Beziehung einem solchen Unternehmen nur schaden muß. --

Doch genug und übergenug mit solchen Beschwerden und Klagen, die ein
Altmeister in der Literatur einem literarischen Neuling, der eine
Lieblingsidee, und wäre sie auch nur auf so Unbedeutendes wie der
Plan der Engl. Bibl. gerichtet, ungern verkümmert und aufzugeben sich
genöthigt sieht, mit freundlicher Nachsicht zu gute halten wird.

Ich habe dieses Blatt so unverantwortlich in den lieben Egoismus
ausschießen lassen, daß ich mir zur Buße, und Ihnen gewiß zur
erwünschtesten Erleichterung, das Vergnügen versage, Sie noch länger
anzuplaudern, und mit dem herzlichsten Wunsch für Ihr körperliches
Wohlergehen und die Fortdauer Ihrer, mir sammt allen Ihren Freunden so
hochschätzbaren, geistigen Schaffenslust schließe.

    Ihr Sie innigst verehrender

    K. A. Frhr. v. _Killinger_.

    Stephanistraße Nr. 10.


                                  II.

    _Karlsruhe_, 14. Januar 1842.

    _Verehrter Herr und Freund!_

Es drängt mich, was sich in mir seit Ihrem letzten Hiersein an
neugesteigerten Gefühlen der Dankbarkeit, Liebe und Verehrung gesammelt
hat, Ihnen in geschriebenen Worten, da mir mündliche leider unmöglich
sind, auszusprechen; ich nehme dazu das neue Jahr, zu dessen Beginn
ja selbst lästige Wünsche geduldig hingenommen zu werden pflegen,
der Ausdruck ächter Anhänglichkeit und Hochachtung aber eben durch
die Jahreswende und deren Bedeutsamkeit wie am Erlaubtesten so am
Angemessensten erscheinen dürfte.

Die stolze Freude, mit der ich Sie im Geiste und mit dem Herzen auf
Ihren Feierzügen der Heimreise durch Heidelberg, Darmstadt, u. s. f.
begleitete, wird nur durch den Gedanken getrübt und gedemüthigt, daß
nicht auch hier in Karlsruhe Ihnen eine huldigende Aufmerksamkeit
hatte dargebracht werden können; allein Ihr kurzbemessener Aufenthalt
vereitelte die kleine Festlichkeit, mit der es von einer Anzahl
„bekannter und unbekannter Freunde und Schätzer Tieck’s“ auf Sie
abgesehen war, und so sind Sie denn glücklich und unbewußt mit der
blosen Nachricht in der hiesigen Zeitung weggekommen, _daß_ Ihnen
ein Festmahl bereitet werden _sollte_, was übrigens in der, in der
Mehrzahl der Mitglieder seiner s. g. gebildeten Klassen hinsichtlich
des Genusses dichterischer Schöpfungen und der begeisterten Würdigung
der Dichter noch ziemlich böotischen oder beamtlichen „fächergebaueten
Sandstadt“ ein „Ereigniß“ gewesen sein würde, da man hier wol einen
neuen Bürgermeister oder Stadtdirektor oder Landtags-Abgeordneten
oder fürstlichen Namenstag befestmahlte, einen Dichter aber noch
nicht seit Serenissimus der höchstselige Markgraf Karl-Wilhelm von
Baden-Durlach Anno 1715 den Grundstein zu hiesiger Stadt legte.
Übrigens ist Ihnen die gedrohte Verherrlichung (kurios, daß man Poeten
-- diese Ambrosiaesser und Idealreichswohner -- so gern durch ein
Speisefest feiert und ihnen den Lorbeer, statt um die Schläfe, in einer
Wildschweinsauce reicht) nicht geschenkt, sondern nur aufgehoben;
lassen Sie sich nur wieder dieses Jahr in Baden finden! ja, hätte ich
Ihnen nicht gerade zum Beginn eben dieses Jahres nur gute Wünsche
darzubringen, so möchte ich fast, Sie hätten einen recht rheumatischen
Winter durchzumachen, um desto gewisser wieder die „balsamischen Lüfte“
und das „weiche warme Wellenspiel“ in der von einem schriftstellernden
Engländer so benannten „~City of the Fountains~“ aufsuchen
zu müssen; so aber will ich, aus der Fülle meines Herzens, Ihnen
ein geistig und körperlich recht behagliches Verbringen dieser
nordischen (aber nicht meiner) Lieblings-Jahreszeit und noch recht
vieler _Lenze_ und Badereisensommer und fruchtreicher Herbste
(stehen Sie ja doch selbst erst -- was auch der 31. Mai 1773 dawider
aufbringen möge -- im Lebensherbste und müssen, uns Lesern und
geistigen Feingenüßlingen zu lieb und zum Frommen, noch _mehr_
Früchte geben so reif und so schön und so erquicklich wie Ihre letzte,
aber hoffentlich nicht _letzte_, Ihre Südfrucht, Ihre Vittoria)
wünschen.

Aus den kümmerlichen und wol auch mitunter unrichtigen
Korrespondenznotizen der Zeitungen habe ich mir über Ihr seitheriges
Befinden und Thätigseyn doch manches Erfreuliche zusammengelesen,
besonders über Ihren Aufenthalt in Potsdam-Berlin; die Feier, die Ihnen
dort veranstaltet worden, habe ich nachbegangen, Ihre Mühwaltung um die
Aufführung der „Antigone“ getheilt, den Genuß der Anschauung dieses
erhabenen und erschütternden Spiels Ihnen beneidet, die Auszeichnung
und Freundschaft, die Ihnen ein König bewies, über den man _hier_,
wo man häufig entweder hitzig-liberal oder, infolge gewisser
Einflüsse, österreichisch-dirigirt denkt und ist, die seltsamsten und
zweifelndsten Urtheile hören muß, den _ich_ aber als einen Fürsten
voll der reinsten und hellsten An- und Absichten für die allerdings
nicht französisch-übereilte Förderung des Volksbesten und als einen
Mann von tiefem, aber eben darum dem gewöhnlichen und oberflächlich
blickenden Auge nicht breit offen gelegten Gemüthe und von reichem
feinem Geiste ansehe und hoch halte, herzlich gegönnt. Verzeihen Sie
mir diese, in einem freundschaftlicher Ergießung bestimmten Briefe,
vielleicht unangemessene Hereinbringung meiner Ansicht über den
Herrscher Preußens; allein wie überflüssig und werthlos sie an sich
auch sein mag, so hat sie doch das Verdienst, die eines Mannes zu sein,
der sich einer _ächten_ freien Gesinnung bewußt und unabhängig
genug ist, um nicht einen Bierbank-Liberalismus oder den Servilismus
der Kriecher und Hungerleider sich andenken oder anheucheln zu müssen,
und zudem drängte es mich, gerade Ihnen, dem von mir so Hochverehrten
und hier vor so vielen zum zuständigsten Urtheil Befähigten, das
meinige darzulegen.

Von _meinem_ Leben, Thun und -- Lassen (denn ich Kleiner leide
wie gewisse viel viel Größere auch an der Bequemlichkeitssünde) werden
Sie wol keinen Bericht verlangen und ich Ihnen wahrhaftig auch keinen
geben; zwischen den Freuden und Genüssen des Familienkreises und meiner
Bibliothek -- den besten, den ich kenne -- einerseits und ~the
usual routine of newspaper-writing and dictionary-making~ und just
so vieler Theilnahme an freundschaftlichem Verkehr und öffentlichen
Vergnügen, als nöthig ist, um nicht für einen Menschenfeind oder
Pedanten sich ansehen lassen zu müssen, andrerseits, ~runs the
smooth course of my life~, den selbst der Ärger über die immer
materieller werdende, in Fabrikenwuth und Fabrikennoth sich verrennende
Welt nicht zu stören vermag. Einen besondern Genuß gewährt mir
allsonntäglich Abends das Lesen (versteht sich im Original) und
Besprechen Shakespeare’s gemeinschaftlich mit dem Hofbibliothekar Gentz
hier, einem tüchtigen Sprachenkenner, und dem Ministerialrath Zell,
der Ihnen wol noch von Ihrem letzten Hierseyn in freundlichem Andenken
ist, jedenfalls sich Ihnen dazu wieder empfiehlt. Wir gedenken bei
diesem Shakespeare-Kränzchen oft Ihrer; allein lieber noch, als im
Geiste, möchten wir Sie leiblich bei uns haben zum _Vorlesen_,
was Ihnen aber auch, sobald wir Sie wieder in Karlsruhe bekommen und
festhalten können, sicherlich nicht soll erlassen werden. -- Ein Wunder
hat Hr. M. R. Zell hier gewirkt, das Sie ebenso erstaunen als freuen
wird: angeregt durch die ebenso eigenthümliche wie schöne Idee jener
Wiederauferweckung der altgriechischen Tragödie und die vielbesprochene
Aufführung der sophokleischen Antigone in Potsdam hat er über Beides
eine Reihe freier Vorträge in dem hiesigen Museum gehalten, welche
mit der lebhaftesten Theilnahme und stets, selbst von Seiten der
zahlreichst anwesenden Damenwelt, gespannter Aufmerksamkeit angehört
wurden und mich und andere Freunde _geistiger_ Anregungen und
Genüsse hoffen lassen, daß letztere wenigstens _neben_ dem Tanzen
und Geigen noch ihre Stelle in jenem gesellschaftlichen Vereine
erhalten und Wurzel fassend erfreuliche Blüten treiben und wohlthätige
Früchte tragen werden; es war etwas Unerhörtes, Niegeschautes,
Nimmererlebtes, Hunderte und Hunderte diesen Vorträgen zuziehen
zu sehen, und mag schon Manche der Umstand, daß sie (natürlich)
_umsonst_ gehalten wurden, gelockt oder die Mode hingeführt
haben, so ist doch in Viele der Same eines bessern Geschmacks und
einer reineren Genußrichtung gestreut worden und das Verdienst Hrn.
Zell’s gewiß auch in Ihren Augen nicht unbedeutend. Doch ich merke mit
Schrecken, wie ich mit unsern Herrlichkeiten kleinstädtisch groß thue
und breit werde, und nehme Ihre Nachsicht und Augen nur noch für ein
paar erklärende Worte über die Inlage in Anspruch. Sie rührt von einem
jungen hiesigen Handwerksmeister her, der -- ein ächter, kräftiger,
schlichter, kluger, allgemein geachteter hiesiger Bürgersmann -- neben
seinem Gewerbe, das er tüchtig treibt, in arbeitsfreien Stunden sein
unverkennbares Talent zur Dichtkunst als Erholung und vom inneren
Drang bewegt, walten läßt und pflegt, manches, ja vieles recht Hübsche
und Ansprechende in Versen schon geleistet und geliefert hat (ich
glaube, es würde den Mann und Naturdichter _glücklich_ machen,
wenn Sie ihm erlaubten oder ihn einladen, Ihnen das 1840 gedruckte
Bändchen seiner Dichtungen zu senden?) und gelegentlich mich über
seinen literarischen Bedarf oder dieses und jenes von ihm gelesene
gute Buch zu Rathe zieht; so kam er letzthin ganz im Feuer zu mir,
erzählend, wie er so eben mit inniger Lust Ludwig Tieck’s „jungen
Tischlermeister“ gelesen, in dem die herrlichste, einsichtsvollste
Anerkenntniß des Bürger- und Handwerker-Standes gefunden und sich an
dem Buche ordentlich aufgerichtet und aufs Tiefste erquickt habe; wie
er bedauere, daß ihm jede Gelegenheit mangele, dem Verfasser selbst
sein Entzücken und seine Verehrung auszusprechen u. s. w. Auf meine
Bemerkung, daß Sie mich mit Ihrer Bekanntschaft und Freundschaft
beehrten und ich überzeugt sei, daß jene seine Äußerungen, brieflich
an Sie gerichtet, von Ihnen freundlich würden aufgenommen werden, hat
er mir denn das Beiliegende zur Beförderung an Sie, verehrter Herr,
zugestellt. Ich bin gewiß, seine -- wenn schon manchmal überschwänglich
gesetzten -- Worte werden Ihnen wohler thun, als Dutzende zierlich
gedrehter oder gewöhnlicher Rezensionen.

Indem ich Sie bitte, Ihren Reisebegleiterinnen den Ausdruck meiner
Ehrfurcht und meiner Freude, ihrer Bekanntschaft wenn auch leider nur
kurz gewürdigt worden zu sein, darzulegen, hoffe ich, daß _Sie_
mir -- und meiner Frau, die sich Ihnen bestens empfehlen läßt -- Ihre
freundliche Zuneigung auch ohne _briefliches_ Zeichen, um das ich
Sie bei Ihrer so viel in Anspruch genommenen Zeit anzugehen kaum wagen
darf, immergleich bewahren und _vor Allem_ in diesem Jahre mich,
auf Ihrer Badefahrt, mit Ihrem Besuche wieder beehren und beglücken
werden.

Mit Hochachtung und Anhänglichkeit

    Ihr

    _v. Killinger_.

N. S. vom 15ten. Eben da ich meinen Brief für die Post siegeln will,
kommt mir die neueste Nummer des londoner ~Athenaeum~ vom 8.
Januar und damit der Prospektus einer bei Whittaker & Comp. in London
erscheinenden, _neuen_ Ausgabe von Shakespeare’s ~Plays and
Poems~ zu, welche der Ihnen sicherlich wohlbekannte unermüdliche
und vielfach auch recht scharfsinnige Sammler und Forscher aller,
Shakespeare und seine Werke betreffenden Notizen und Bücher, Hr.
J. Payne-Collier, auf acht Demioktavo-Bände (zu 12 Schillings
der Band) berechnet, vorbereitet, und wovon der erste Band die
Lebensbeschreibung, die Geschichte des engl. Drama’s u. s. w. enthalten
soll. Wenn die Ausführung nur die Hälfte von dem leistet, was der
Prospekt verspricht, so giebt’s wirklich ~an unique and the most
complete and correct edition of all Shakespeare’s~. In Bezug auf
die von ihm den einzelnen Stücken beizugebenden Anmerkungen sagt der
Verfasser u. a.: „~What may have been well and justly said by German
critics, especially by such men as Tieck and Schlegel, will also
be brought under the reader’s notice, taking care, however, not to
obtrude the rhapsodical outpouring of their extravagant and ignorant
_imitators_, whether abroad or at home.~“ Collier hat übrigens
ein, auf diese seine Unternehmung bezügliches, um eine Bagatelle
bei jeder londoner Buchhandlung zu habendes Druckschriftchen u. d.
T. „~Reasons for a New Edition of Shakespeare’s Works~ (London
1841|42 bei Whittaker),“ vorausgehen lassen.

Doch diese meine Notiz ist wol für Sie eine spätkommende und
überflüssige, da Sie wol bereits von dieser literarischen Entreprise
Kenntniß und den _rechten_ Maßstab der Würdigung haben.

    _v. Kr_.


                                 III.

    _Karlsruhe_, 4. Oktober 1845.

    _Hochverehrter Herr_,

Ich wollte, ich könnte Ihnen das Gefühl meines Dankes für den Gruß
gütiger Erinnerung, welchen mir Fräulein von Böckh bei ihrer Rückkehr
nach Karlsruhe von Ihnen gebracht hat, inniger als durch kalte
Briefzeilen, und bedeutender, als durch die beigelegte (materiell
allerdings ziemlich „gewichtige“) Weihgabe ausdrücken. Jener Gruß
und was mir die Überbringerin von dem wohlwollenden Andenken sagte,
das Sie mir, der Ihnen durch so gar kein Verdienst als das der
herzlichsten Verehrung für Sie empfohlen sein kann, bewahren, -- hat
mir den Anlaß und den Muth gegeben, Ihnen einmal wieder mit einer
Zuschrift beschwerlich zu fallen und den soeben herausgekommenen
ersten Band einer Arbeit anzubieten, für welche ich wenigstens das an
der großen Mehrzahl unserer modernen Übersetzer (schmählicherweise)
seltene Verdienst großer Sorgfalt ansprechen darf. Es ist -- seit
meiner „Englischen Bibliothek“ und außer einem von mir mitbearbeiteten
unlängst und endlich (in der G. Braunschen Hofbuchhandlung hier
erschienenen) „großen Deutsch-Englischen Wörterbuche“ -- wieder das
erste von mir erschienene _Buch_, indem meine literarische
Thätigkeit in der Zwischenzeit, und nach der Niederlegung der von
mir versuchten, aber vorzüglich dem Verleger gegenüber für unmöglich
befundenen, selbstständigen und anständigen Redaktion der „Karlsruher
Zeitung,“ auf Beiträge in’s Cotta’sche „Ausland“ und einige
englische Artikel in londoner Zeitschriften sich beschränkte oder --
zersplitterte.

Kann Ihnen das (leider mit Druckfehlern stark durchsetzte) Harris’sche
Reisewerk in seiner Erzählung von mannigfaltigen und eigenthümlichen
Erlebnissen in einer, gewissermaßen erst seit einem Jahrfünft
wieder -- nach jahrhundertelanger Abgeschiedenheit -- den Europäern
erschlossenen Erdgegend ein kleines Interesse abgewinnen, und
erlauben Sie mir daraufhin, Ihnen den (wahrscheinlich um Neujahr
herauskommenden) zweiten Band zu übersenden, so würde ich mich ebenso
beglückt wie geehrt finden. Die Beschäftigung mit dieser -- wie
des Übersetzers natürliche Vorliebe meint -- ebenso unterhaltenden
als belehrungsreichen Arbeit hat mir inmitten des wirren und
unerquicklichen politischen und religiösen (!) Treibens im deutschen
Vaterlande eine wohlthuende Ableitung und Wehr wider das mit Übermacht
sich aufdrängende und anschwellende lügenreiche (und geistarme)
Zeitungengewäsch und kannegießernde dünkelvolle Rednerwesen gewährt;
denn ich mag wohl sagen „~I am sick of politics~“ -- und Gott
verzeih mir’s, fast hätt’ ich geschrieben „~religion too~“
-- „~and all that sort of thing~,“ satt und ekel _der_
Politik, wie sie jetzt unter dem Aushängschild und Deckmantel der
Staatsverbesserung und Volkserhebung von verdorbenen Literaten und
vorlauten Judenbuben in den meisten s. g. Organen der öffentlichen
Meinung getrieben wird, ohne Herz, ohne Wahrheit, um’s Geld im
hochfahrenden Übermuthe der Unwissenheit, in Liederlichkeit und im
Straßenjungengelüst an Unfug und Durcheinander, jener Politik, die
den Parteien zum Tummelplatz und zum Blendwerk des nichtsdenkenden
Volkstheils dient, der nicht begreift, daß -- wie der politisch so
erfahrene, so gediegene, und so besonnen freie Engländer weiß und sagt
-- ~party „is the madness of many for the gain of a few.“~

Empfinde schon _ich_, ein Mensch, der zwar tief und lebhaft
für Poesie fühlt, aber doch ihren Drang und ihre Herrlichkeit aus
eigenem Schaffen nie gelernt hat, das Prosaische und Entnüchterte
unsrer Tage und Literaturrichtung, wie im Dampf der Eisenbahnen
der vom Aktienfieber bethörte Sinn für die Stralen und Genüsse der
Dichtung sich trübt und unlustig wird, wie in den von unbedachten
Schwärmern oder schlauberechnenden Böswilligen aus dem üppigen
aber trüglichen Boden der Theorien und Lehren vom „Musterstaate“
und von der „Glücksgleichheit Aller“ aufgetriebenen Dünsten die
Köpfe sich verwirren und wie selbst Viele der s. g. gebildeten
Klassen den gesunden, klaren, keuschen Born ächter Poesie zu
verkennen und zu verschmähen beginnen, um begierig aus dem nur zu
häufig mit französischem politischem und moralischem Schmutz noch
mehr verunreinigten, unlauteren Quell politischer Dichtung oder
liedermachender Politik zu trinken, -- vergegenwärtige ich mir dann
_Sie_, hochverehrter Mann, der als der letzt- (und hoffentlich
noch _recht lange lange_) lebende Vertreter einer Poesie-reichen
und -freudigen Zeit wie die Abendsonne über die Sturmwolkenmasse
eines vom Parteihader verdüsterten und von der maßlosesten und
grobstoffigsten Geld- und Genuß-Sucht und -Jagd bewegten Deutschland
herleuchtet, so möchte ich fast bedauern, daß Ihre jetzige Stellung
so mildgeborgen, so heiterumglänzt ist, daß Sie sich wohl nicht
versucht oder gedrungen fühlen werden, den alten mächtigen Blitz der
Ironie wieder im Dichterzorn und in einer neuen Dichterschöpfung in
all’ das konfuse und prosaische Wesen hineinzuschleudern. Während
ich aber, mit dem Reichthum und Reiz der Hervorbringungen, die wir
-- Ihre Verehrer -- von Ihnen _haben_ und _genießen_, noch
nicht begnügt -- den „Gewaltigen der Ironie“ zu einer frischen, uns
Allen hochwillkommenen, Lebensäußerung aufrufen möchte, erbitte
ich _mir_ ganz stille von Ihnen eine gnädige Verschonung mit
eben jenem mächtig wirksamen Element für diese etwas wunderlichen
Herzensergießungen.

Meine Frau, welche die Ehre und Freude eines wiederholten Besuchs
Tieck’s in unserem Hause unwandelbar lebhaft in dankbarem und
beglücktem Herzen trägt, empfiehlt sich durch mich Ihrer wohlwollenden
Erinnerung, wie der Fortdauer Ihrer Freundschaft.

    Ihr aufrichtigst ergebener

    _v. Killinger_.


                                  IV.

    _Karlsruhe_, 30. November 1846.

    Beghuinenstraße Nr. 14.

    _Hochverehrter Herr und Freund_,

Ich habe ordentlich mit Ungeduld dem (durch überhäufte Arbeiten der
Druckerei bedeutend verzögerten) Fertigwerden des zweiten Bandes
meiner Übersetzung der Harris’schen Reise entgegensehen, weil ich
dadurch eine hochwillkommene Gelegenheit, ja gewissermaßen ein Recht
erhalten, mich Ihnen, wenn auch leider nur mit einigen kalten Zeilen,
anstatt des warmen Wortes, und mit einer an eigenem Geistesverdienst
trotz ihrem stofflichen Gewicht gar leichten Gabe nähern zu können;
denn da Sie ~A~ gesagt, d. h. den ersten Band nicht ausdrücklich
zurückgewiesen (also der Regel ~qui tacit consentit~ sich
unterworfen) haben, so _müssen_ Sie auch ~B~ sagen, d. h.
den zweiten ebenfalls, wohl oder übel, annehmen -- übrigens ohne
Verbindlichkeit ihn zu lesen oder gar gegen bessern Geschmack und
Überzeugung ihn zu loben. -- Die zahllosen Fallgruben der Druckfehler,
die ich noch mit einem geschriebenen und beigelegten Verzeichniß weiter
ins Licht gestellt habe, bitte ich _mir_ auf keinen Fall zur Last
zu legen. --

Es hat mich schon lange gedrängt, wieder einmal aus wahrem aufrichtigem
Herzen Ihnen zu versichern, wie Sie in meiner Erinnerung ohne Wandel
und ohne Nachlaß geliebt und verehrt fortleben, und in letzter
Zeit mehr als je, anzufragen und -- wenn auch nur in kürzesten
Worten -- Beruhigung von Ihnen selbst zu erhalten, inwiefern an der
Zeitungen Nachricht von Ihrer bedenklichen Erkrankung, „infolge
einer übelgebrauchten Traubenkur,“ _etwas_ Gegründetes (oder,
_hoffentlich_, Nichtgegründetes) _gewesen_ sei? und ob Sie
fortwährend, oder wieder, sich des Wohlseyns erfreuen, welches die
innigen Wünsche Ihrer zahlreichen Freude Ihnen „anewigen“ möchten. Und
so hätte ich denn, in meinen Zweifeln und Besorgnissen, auch ohne die
nun eben noch zu rechter Zeit gekommene, dieses mitgehende Schreiben
gewissermaßen deckende, „nothwendige“ Buch-Sendung noch vor dem
Schlusse des alten Jahres durch ein leises briefliches Anklopfen bei
Ihnen den Versuch gemacht, ob Sie durch eine freundlich bereite Antwort
mich über Sie beruhigt und froh in das neue Jahr hätten eintreten
lassen wollen. --

Da ich nichts, auch gar nichts, mitzutheilen _habe_, was Sie
von _hier_ interessiren könnte, so muß ich, um nicht ganz
neuigkeitenleer vor Ihnen zu erscheinen, ächt-deutsch mit interessantem
Fremdem mir helfen: Die Lind ist hier, singt hier, hat schon zweimal
gesungen, und wird noch zweimal singen. Da Sie den Lind-Taumel in
Berlin und eines Berliner Theaterpublikums in seinen ungeheuerlichen
Ausbrüchen ohne Zweifel erlebt und überlebt haben, so brauche ich Ihnen
keine Beschreibung vom hiesigen zu machen, den Sie sich gefälligst,
nur natürlich im Verhältniß von 24,000 (s. g. Seelen) zu 400,000, in
seiner Gewaltigkeit und Überschwänglichkeit selbst vorstellen wollen.
Ich habe sie noch nicht gehört, da ich meinen theuer bewahrten 1
Sperrsitz und den ersten und zweiten Kunstgenuß oder die Befriedigung
der Neugierde beim ersten und zweiten Auftreten der Sängerin wie billig
meiner Frau überließ, und erst in ihrer dritten Rolle der Vestalin
sie, wo möglich in Ekstase, zu bewundern vorhabe: denn ich will
die „schwedische Nachtigall“ doch lieber im Granaten-, Lorbeeren-,
Pinien- und Eichen-Haine dieser Spontinischen Musik schlagen hören,
als in den trübseligen und saftlosen Cypressen einer Bellini’schen
Nachtwandlerin oder in den ganz marklosen und unsinnig ausgeschnitzten
Kinderspiel-Gehölzen und Kirchhofsbäumchen einer Donizetti’schen Lucia
di Lammermoor -- ihren bisherigen Gesangsproduktionen, die übrigens
in der That, wie mir selbst strenge Kenner und Freunde der Tonkunst
versichert haben, der Bewunderung würdig gewesen seien.

Vom „Auslande“ komme ich auf etwas, das mir „am Nächsten ist,“ nämlich
auf mich „Selbst.“ Meine Carlsruher Mitbürger haben mich nämlich zum
Bürgermeister der Residenz wählen wollen, was ich zwar als einen
Beweis ihres Vertrauens, daß ein Bücherwurm und „Übersetzer aus dem
Englischen“ auch für praktische Zwecke und strenge Geschäftsthätigkeit
noch brauchbar sei, recht erfreuend gefunden, aber natürlich abgelehnt
habe, da ich aus dem Staatsdienst ausgetreten bin, weil ich nicht
der unbedingt gehorsame Diener des Staats d. h. der Regierung sein
wollte, also noch viel weniger Lust haben konnte, meine Unabhängigkeit
aufzugeben, um der Diener einer Stadt oder der Sündenbock zu werden,
auf den ihre Bürger gar zu leicht den Verdruß, den ihnen häusliche
oder gewerbliche Bedrängniß vielleicht verursacht, abzuladen geneigt
sein dürften. Darauf wollten sie mich zum Deputirten machen. Da
ich aber keine Geduld und kein Spezifikum wider die ungeheure
Langeweile und den unendlichen Ärger besitze, welche das Anhörenmüssen
zwei-drei-vierstündiger Vorträge und Abhandlungen selbstliebiger und
ehrsüchtiger radikaler Kammer-Redner jedem wohlorganisirten Menschen
bereiten muß da ich ferner, weder unbedingt mit der Regierung hätte
stimmen können oder stumm sein mögen, noch den oft unmöglichen und
unsinnigen oder hinterlistigen Forderungen der Ultraliberalen resp.
Radikalen mich anzuschließen vermocht hätte, zur Behauptung einer
Stellung _in der Mitte_ aber, (wo nach _meinem_ Gefühl und nach
_meiner_ Denkart oder Anschauungsweise die Wahrheit, die Möglichkeit
einer Ausgleichung und Verwirklichung der widerstreitenden, von oben
herunter und von unten hinauf gehenden, s. g. Rechtsforderungen und die
schön menschliche, jede _treugemeinte_ Gesinnung achtende, jedes neue
Gute fördernde und jedes vielleicht einst Gutgewesene aber mit der Zeit
zum _Un_guten gewordene schonlich entfernende Billigkeit liegt), --
weder in _mir_ die zur _tüchtigen_ Wirkung nach Außen erforderlichen
Anlagen und Gaben fand, noch in der _Kammer_ zur Unterstützung eine
hinlänglich große Anzahl Unbefangener und Ungezwungener hätte erwarten
dürfen, so lehnte ich auch diese „Auszeichnung“ ab.

Daß ich nun so viel von der Lind _und_ von mir geredet habe,
haben eigentlich Sie selbst verschuldet: denn thäten _Sie_ Ihre
Schuldigkeit und schrieben _mehr_ Bücher oder auch nur wieder eine
kleine liebenswürdige und geistvolle Erzählung, zur Erbauung und zur
Freude ihrer _vielen_ Freunde und Verehrer und zur Beschämung und
zum Ärger Ihrer _wenigen_ Feinde und Neider, so hätte ich einen
unendlich weit anziehenderen und bedeutenderen Stoff der Besprechung
Ihnen gegenüber gehabt, als selbst schwedische Nachtigallen oder gar
projektirte Oberbürgermeister und Volksvertreter!

Indem ich die Bitte meiner Frau, sie Ihrem gütigen Andenken zu
empfehlen, hiemit erfülle, bin ich stets mit den _herzlichsten_
Wünschen für Ihr Wohlergehen,

    Ihr treu ergebener

    K. A. Frhr. _v. Killinger_.


                                  V.

    _Karlsruhe_, 30. Juli 1847.

    _Verehrter Herr und Freund!_

Sie sehen, daß ich schon wieder versuche, mich in Ihr Andenken
zurückzurufen, und zwar durch eine Darbringung wieder aus einer andern
Gegend der Welt, als die letzte war. Nachdem ich Sie voriges Jahr mit
zwei ziemlich schwerfälligen Erinnerungszeichen aus _Abyssinien_
(d. h. durch 1 Ex. meiner Bearbeitung der Harris’schen Reise dahin)
heimgesucht habe, nahe ich mich Ihnen jetzt aufs Neue mit zwei
allerdings leichtern Gedächtnißbüchern aus _Irland_, die Sie
übrigens so wenig zu lesen verpflichtet sind wie die vorige Zusendung:
denn schon, daß Sie einem (allerdings fleißigen und gewissenhaften)
Dilettanten in der Literatur stillschweigend erlauben Ihnen seine
Arbeiten vorzulegen, ist mir eine Gunst wie meiner ergebenen
Freundschaft einige Befriedigung, daß sie mit solchen wenn auch
geringen und aus der Ferne dargebrachten Gaben im Geiste sich an Ihr
Herz legen und von ihm vielleicht einer freundlichen Aufnahme sich
getrösten darf.

Da ich Ihre Augen und Geduld für mein Geschriebenes noch viel weniger
als für mein Gedrucktes unbescheiden in Anspruch nehmen möchte, so
erlaube ich mir, wenn Sie letzteres irgendwelcher Beachtung würdigen
wollten, in Bezug auf das, was ich _mit_ und _in_ dem Erin
beabsichtige, Ihnen die Vorrede des ersten Bändchens als hinreichende
Auskunft zu empfehlen und außerdem die fertiggedruckten ersten zwölf
Bogen des _dritten_ Bändchens (bis ich dieses vollständig, Text
und Erläuterungen, Ihnen zu überreichen im Stande bin) beizulegen,
welches den 1sten „Theil“ der eigentlichen „Märchen und Sagen“ enthält.
Diesen nebst den weitern Theilen der eigentlichen „Märchen und Sagen“
entweder durch eine Einleitung von Ihnen geschmückt und gewerthet zu
erhalten oder doch wenigstens mit einer Widmung meiner anhänglichen
Verehrung an Sie zu begleiten, ist mir längere Zeit ein lebhafter und
lieber Wunsch gewesen; allein vom Erstern hat mich minder mein Zweifel
in Ihre Güte als die Äußerung und das Bedenken Cotta’s, der selbst
einen _hohen_ Werth auf einige Einleitungsworte von _Ihnen_
für diese Sammlung gelegt hätte, „daß Sie ähnliche Anliegen abzulehnen
pflegten und so auch das meinige schon aus Rücksichten auf Ihre,
jede Arbeit verbietende, Gesundheit würden unerfüllt lassen müssen,“
abgeschreckt und vom Letztern die Besorgniß, _Ihnen_ aufdringlich
oder gar dem _Publikum_ als unverdient nach Ihrer Gunst haschend
oder mit Ihrem Wohlwollen prahlend zu erscheinen. Glücklich würde es
mich machen, sähen _Sie_ die Sache anders an!

Selbst auf die Gefahr hin, Sie mit weitern Zeilen zu langweilen oder zu
plagen, möchte ich die mir so liebe Unterhaltung mit Ihnen verlängern;
allein eine heitere Stimmung -- und in _der_ bliebe ich doch gern
Ihnen gegenüber -- kann ich auf die Dauer nicht aufbringen und mit
meiner traurigen Sie selbst zu verstimmen, würde ich mir nicht getrauen
noch vergeben. Zu recht tiefer Trauer und schwerem Gemüthsleid habe
ich aber den schmerzlichsten Grund; denn zu Anfang Juni’s ist mir,
nach einer mehrmonatlichen und peinlichen Lungenkrankheit, meine Frau
gestorben. Wir hatten uns in gegenseitiger Jugendliebe versprochen,
erst nach siebenjährigen Schwierigkeiten und Ausharren heirathen können
und auf’s Allerglücklichste mit und für einander gelebt -- --. Ich
verlor in ihr mein bestes Lebenstheil und meine treueste Lebensstütze,
unsere Kinder die sorglichste und aufopferndste Mutter und _Sie_,
wie jeder Schöpfer, Pfleger und Vertreter des Schönen, Guten und
Rechten, eine warme und eifrige Verehrerin.

Über Ihren jetzigen Lebensgang und Ihr körperliches Befinden muß ich
mich leider stets nur aus den zerstreuten Nachrichten in öffentlichen
Blättern, die ich freilich mit der lebhaftesten Begierde und dem
innigsten Antheil aufsuche und lese, unterrichten, und sah soeben aus
einem Berliner Briefe in der Allgemeinen Zeitung vom 27. d. M., daß
Ihre Genesung von Ihrer letzten Krankheit nur langsam vorrücke: möge
sie um so nachhaltiger und ungestörter seyn -- dies ist mein heißes
Hoffen und Wünschen -- und aus ihr Ihnen erfrischte Lust zu geistiger
Schaffensthätigkeit erblühen.

Mit unwandelbar freundschaftlicher Verehrung

    Ihr ergebener

    K. A. Frhr. _v. Killinger_.



Kleist, Maria.


    Vergeblich war das Suchen nach einem Blättchen von Heinrich
    Kleist’s Handschrift. Damit der theure _Name_, für dessen
    lebendigen und vollen Nachklang unser Tieck so viel gethan, in
    diesem Buche wenigstens nicht fehle, geben wir ein Briefchen seiner
    Anverwandten, welches der Schreiberin nicht weniger zur Ehre
    gereicht wie dem Empfänger.

    Auch zwei andere, auf Heinrich Kleist’s Person und Werke bezüglich,
    hielten wir für die Mittheilung sehr geeignet.

    Von dem unglücklichsten aller _großen deutschen Dichter_ kann
    nie zuviel geredet, sein Gedächtniß kann nicht oft genug gefeiert
    werden.


                                  I.

    ? den 3ten März 1817.

Ganz wunderbar ist mir zu Muthe, indem ich heute die Feder ergreife,
um an Tieck zu schreiben, an Tieck mit dem ich seit so vielen Jahren
gelebt und geliebt. Mit einem mahle stehen mir eine ganze Reihe von
Gefühlen und Genüssen im Geiste und im Herzen -- ich weiß nicht mit
welchen Worten ich einen so lieben alten Bekannten begrüßen soll?
Ohnmöglich kann ich Ihnen wie einem Fremden schreiben. Sie sind ja
mein alter Freund Tieck, mit dem ich ganz intim bin, mit dem ich froh,
traurig, fromm, heilig war. Daß eine solche Intimität stattfinden kann,
so ganz von einer Seite, ohne daß der Andere sie ahnet ist wunderbar.
Noch wunderbarer, daß ein Buch den Menschen lebendiger ergreift,
als alle Sterbliche die ihn umringen; mehr _zu_ seinem Innern,
_aus_ seinem Innern spricht, als Alle die er genau kennt, und
die ihn genau kennen; daß manches Buch den Menschen, der es lieset,
deutlicher ausspricht, als er sich selbst auszusprechen vermag!

Ach, wenn dem armen einsamen Sterblichen Dieses begegnet, soll er
sich gleich aufmachen, Pferde bestellen, und mit Extrapost den
Schriftsteller aufsuchen, um durch seinen Anblick die Fäden, die sie
so unbewußt an einander binden, fester und fester zu verweben. Solche
Reise zu Ihnen hätte ich schon lange unternehmen müssen! Außerdem sind
Sie noch der Geistes-Verwandte meines Vetters Heinrich Kleist, den er
oft selbst für seiner Nächsten Einen erklärte. Jetzt wollen Sie noch
seine Werke herausgeben: wie viele Fäden zu einem Seelenbündniß! --
Werde ich Sie denn einmal sehen? sprechen? -- -- --

Über die Details der Herausgabe habe ich mit Schützen geredet;
ohnmöglich kann ich diese Sachen gegen Sie berühren. Das wäre mir eine
unleidliche Störung. Auch abschreiben kann ich diesen Brief nicht;
auch das würde mich Ihnen entfremden. Ach, und leider fühle ich mich
so fremd, daß es mir recht wohl thut, mich Ihnen ganz unzierlich und
bequem darzustellen. Ich drücke Ihnen recht herzlich die Hand.

    _Maria Kleist_.


                                  II.

    L., den 26. Nov. 1816.

    _Ew. Wohlgeboren_

bin ich von meiner Mutter beauftragt, Alles zu senden, was ich noch aus
dem poetischen Nachlaß Heinrich von Kleist’s besize. Leider besteht
mein ganzer Reichthum in einer Abschrift seiner Penthesilea, die ich
Ihnen hierbey mit Vergnügen überschicke, da als sie geschrieben wurde,
nur einige wenige Abschriften in den Händen vertrauter Freunde davon
existirten und ich, schon seit acht Jahren aus jedem litterarischen
Kreis herausgerückt nicht weiß, ob sie schon einmal gedruckt worden
ist. Ich will sie daher lieber Ew. Wohlgeboren _umsonst_
schicken, als mir den Vorwurf machen, die Gelegenheit versäumt zu
haben, zur Verherrlichung eines der edelsten Menschen und genialsten
Dichter unsrer Zeit etwas beyzutragen, der in beiden Eigenschaften
so vielvältig verkannt worden, mir aber in beiden ein Hauptlehrer
gewesen ist, zu der Zeit, als ich in dem interessanten Kreise aufwuchs,
dessen Hauptzierde er mit war. Leider vermuthet meine Mutter auch
„die Geschichte seiner Seele“ bey mir; bey unsrer Trennung behielt
_sie_ aber dieselbe und macht mir durch ihre Nachfrage sehr
bange um die Wiederauffindung dieses unschäzbaren Werkes, welches
wahrscheinlich in dem Getümmel der letzten Zeit verloren gegangen ist,
ohne welches aber Kleists ganze Schriften nur ein Fragment bleiben
dürften, wenigstens für die, welche ihn gern _ganz_ kennen und
würdigen, vorzüglich seinen lezten Schritt gern entschuldigen möchten.
Warum sparte er doch die unglückliche Kugel nicht mindestens so lange
noch auf, um sie, wie Körner aus dem Gewehr des Feindes zu empfangen
und wie ein ächt deutscher Sänger unter den Tönen einer vaterländischen
Siegeshymne zu fallen! -- -- Sollte sich „die Geschichte seiner Seele,“
noch finden lassen, so wäre sie wohl am sichersten bey Herrn Obrist
Rühle von Lilienstern zu suchen, für den sie ursprünglich geschrieben
war. Noch hatte meine Mutter mehrere Hefte von seiner eignen Hand
„Fragmente“ überschrieben. Es waren wirklich nur solche; ausser der
Novelle Josephe und Jeronimo und der Erzählung vom Roßkamm -- (den
Namen habe ich vergessen) enthielten sie nur einzelne hingeworfene
Ideen und Bemerkungen, die aber gröstentheils voll tiefen Sinns waren
und die gleichfalls mehr zur Anschauung „seiner Seele“ dienen, als
seine eigentlichen Dichtungen. Auch von diesen weiß ich nicht, wo sie
hingekommen, noch ob sie im Druck erschienen sind, daher _nenne_
ich sie Ihnen wenigstens. Hat Ihnen meine Mutter, ein Gedicht „an die
Kamille“ und das „an den König“ geschickt, das für seinen im Frühjahr
1809 in Berlin erwarteten Einzug bestimmt war? Beides waren nur
Gelegenheitsgedichte, aber wie alles von ihm doch von Bedeutung; er
dichtete das erste für meine Mutter, die sich einst über die Dichter
beklagte, welche alle Blumen nur die Kamille nicht besängen, die doch
denen so heilsam sey die, wie sie, an Krämpfen litten. Ihr und meiner
kleinen Person zu Ehren, wurden sie denn nebst den Vergißmeinnicht und
Veilchen im Traum des Käthchen erwähnt. Das Gedicht an den König wäre
_jezt_ als erfüllte Prophezeihung doppelt interessant. Die Sünde
die er an seinem herrlichen Robert Guiscard begangen hat, möge ihm Gott
wie die an sich selbst begangene verzeihn! Wohl dem jüngern Dichter,
dem ein alter Meistersänger ein Denkmal sezt, wie Sie ihm! Möge Ihnen
Ihr eignes Bewußtsein lohnen und der inniggefühlte Dank Derer, die sich
gern an dem Schönen erfreuen, sey es auch wie hier der Fall, oft nur
ein schönes Streben und die Ihnen, da Sie selbst jezt so karg sind,
doppelt danken, daß Sie uns mit etwas Fremden die Lücke ausfüllen, die
der Verlust älterer Meister und der Mangel würdiger Schüler uns in der
Litteratur unsers Vaterlandes zu machen drohen. Wann werden sich doch
die guten frommen Jünger endlich überzeugen, daß eine Genoveva und
ein Sternbald nur _einmal_ geschrieben werden kann und daß alle
Nachahmungen davon nur Schattenbilder sein können? -- -- Haben Sie
die Güte unter die, welche Ihnen ganz vorzüglich Kleists Werke danken
werden, auch zu rechnen

    Ew. Wohlgeboren

    ergebenste

    _Johanna v. H._


                                 III.

    _Chemnitz_, d. 12. April 1832.

    _Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Das große Interesse, welches ich stets an den classischen Erzeugnissen
Ihrer Muse, andern Theils aber auch an den Werken der Autoren, durch
deren erneuerte Herausgabe Sie Sich ein bleibendes Verdienst erwarben,
insbesondere an denen Heinrich’s von Kleist, genommen habe, so wie
vornämlich die Hoffnung, daß Ihnen ein kleiner Beitrag zur Biographie
des ebengenannten Dichters nicht unwillkommen sein wird, mögen mich und
meine Dreistigkeit, Ew. Wohlgeboren mit einer Zuschrift zu behelligen,
entschuldigen.

Im Anfuge finden Sie die Copie zweier Originalbriefe von Kleist, welche
ich behufs der Einsendung an Ew. Wohlgeboren habe nehmen lassen und die
ich Ihnen sonach zuständig mache.

Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Ihnen Reliquien eines
Schriftstellers, wie Kleist, und besonders eines Mannes, der in so
naher literarischer Beziehung zu Ihnen stand, nicht ganz unangenehm,
vielleicht sogar interessant sein dürften, zumal da die angefügten
brieflichen Mittheilungen in eine Periode fallen, welche, indem der
Dichter seinen Stand änderte und die Gelehrten-Laufbahn betrat,
vielleicht die Folie zu Kleist’s späterem lit. Ruhme war, --
Mittheilungen, welche einen tiefen Blick in die Fühl- und Denkweise des
Dichters gewähren und die Ihnen wenigstens als eine Privat-Ergänzung
zu den biographischen Umrissen, welche Sie den Schriften Kleist’s
vorangeschickt haben, dienen können.

Die Mittheilung dieser Briefe, (deren Originalia mir vor Kurzem,
beim Durchsehen unterschiedlicher Manuscripte, wieder aufstießen
und bei welcher Gelegenheit mir der Gedanke einkam, Ihnen Abschrift
davon einzusenden) verdanke ich einem Preußischen Geistlichen
(jetzt Consistorial-Rath), der drei Jahre lang auch mein Erzieher
war. Derselbe hatte in der letzten Hälfte der 80er Jahre vorigen
Jahrhunderts in Frankfurt a. O. studirt, war der Familie Kleist’s
befreundet und wurde, nach beendeten Studien (er erhielt eine
interimistische Anstellung alldort), von derselben zum Hauslehrer
Heinrich’s und eines Vetters desselben, eines von P., bestimmt.

Der Lehrer genoß der Liebe und des Vertrauens seiner Zöglinge in hohem
Grade, die ihm auch von Seiten Kleist’s, wie aus beifolgenden Briefen
erhellet, für spätere Zeit verblieben.

Da Sie Kleist nahe befreundet waren und mit den früheren Verhältnissen
desselben eben so wohl, wie mit den späteren, gewißlich genau bekannt
sind und genauer, als ich nach den -- obgleich sehr ausführlichen --
mündlichen Mittheilungen des vorgedachten Geistlichen: so enthalte
ich mich zwar des Weitern, bitte Sie jedoch bescheidentlichst,
nachfolgender Notiz -- welche ich einfließen lasse, da Ihnen deren
Inhalt vielleicht nicht bekannt sein dürfte -- einige Aufmerksamkeit zu
schenken.

Jener Geistliche versicherte mich, daß ihm nichts interessanter gewesen
wäre, als seinen Scholaren, Kleist und P. Unterricht zu ertheilen
und sie zu beaufsichten, indem sie einander ganz entgegengesetzte
Charactere waren: K. ein nicht zu dämpfender Feuergeist, der Exaltation
selbst bei Geringfügigkeiten anheimfallend, unstät, aber nur dann, wenn
es auf Bereicherung seines Schatzes von Kenntnissen ankam, mit einer
bewundernswerthen Auffassung-Gabe ausgerüstet, von Liebe und warmem
Eifer für das Lernen beseelt; kurz der offenste und fleißigste Kopf
von der Welt, dabei aber auch anspruchslos. -- P. war ein stiller,
gemüthlicher Mensch, sehr zum Tiefsinn geneigt. Er stand zwar dem
genialen Vetter Heinrich an Lust und Liebe zum Lernen, an ausdauerndem
Fleiße nicht im Geringsten nach; aber ihn hatte die Natur in geistiger
Hinsicht stiefmütterlich behandelt; er vermochte, so sehr er sich auch
Mühe gab, nur schwer zu fassen, während K. spielend lernte und zur
Fortstellung der Gegenstände beim Unterrichte eifrigst trieb.

Daß der Stand des Lehrers, bei der großen Verschiedenheit der geistigen
Anlagen seiner Zöglinge, deren verschiedenen Temperamenten, ein fast
mißlicher war, läßt sich denken. -- Was K. in einer Lection loskriegte
(um mich eines acad., aber passenden Ausdrucks zu bedienen), dazu
bedurfte P. deren mehre, weshalb sich auch der Lehrer des letztern um
so mehr annehmen und den Eifer des erstern zu zügeln suchen mußte.
Er enthielt sich daher auch jeder Austheilung von noch so verdienten
Lobsprüchen zu K.’s. Gunsten und zwar auf eine Weise, welche der
Eitelkeit desselben nicht zu nahe trat und dessen Lernbegierde nicht
schwächte, und ließ dem wackern Streben P.’s (wenn gleich nicht mit dem
von beiden Seiten gewünschten Erfolge nur einigermaßen gekrönt) stets
gerechte Anerkennung widerfahren und lobte P. in K.’s Gegenwart, statt
daß es eigentlich der umgekehrte Fall hätte sein sollen. -- Doch gaben
die ungewöhnlichen Fortschritte, welche K. machte, die tagtäglichen
Beweise seiner ausgezeichneten Geistesfähigkeiten, der Schwermuth des
sich überaus unglücklich fühlenden und mit sich schon fast zerfallenden
P.’s Nahrung. -- Nach beendeter Lection und auch außerdem warf sich P.
oft, bitterlich weinend, an die Brust des Lehrers und schluchzte: Ach,
warum hat mich gerade, der ich es mir so angelegen sein lasse, etwas zu
lernen, die Natur so stiefmütterlich behandelt? Warum wird mir Alles so
schwer, während dem Vetter Heinrich das Schwierigste so leicht? -- und
so klagte er fortwährend. -- Der Lehrer that alles Mögliche, den Unmuth
des geliebten Zöglings zu scheuchen und ließ es an Zuspruch, Rath und
Anerkennung der äußerst-möglichen Anstrengungen P.’s nicht fehlen.

Die Schwermuth hat P. indeß nie verlassen, sondern schlug noch fester
Wurzel und durch sie fand er auch später einen freiwilligen Tod. Das
Glück ist ihm auch späterhin, als Zögling der Milit. Acad. und als
Officier, nie hold gewesen.

Irre ich nicht, so hörte ich auch, daß K. und P. in der Folge
auch einmal schriftlich (persönlich sind Beide nie wieder
zusammengetroffen) die Verabredung getroffen hatten, beide eines
freiwilligen Todes zu sterben. Verbürgen läßt sich dieß freilich nicht.

In dem ersten der beiliegenden Briefe wendet sich K. (er that es
späterhin, schriftlich und mündlich wiederholentlich und führte einen
langen Briefwechsel darüber) an seinen ehemaligen Lehrer, um dessen
Meinung über eine Standesänderung, unter obwaltenden Umständen,
einzuholen. -- Der Geistliche, an den sich K. dabei inniger schloß,
als an seine Verwandten und Freunde, that natürlich sein Möglichstes
(gleich diesen), um den exaltirten Jüngling von seinem Vorhaben
abzubringen.

K. hatte weiterhin, unter des Conrector’s Bauer in Potsdam Leitung,
die Maturität zur Univ. erlangt und war, nach mannichfachem Mühsal, so
glücklich gewesen, den so ersehnten Abschied zu erhalten. --

Das Concert in Frankfurt a|O. war zu Ende, der mehrberegte Geistliche,
der es auch besucht hatte, schickte sich an, zu gehen, als er plötzlich
hinterrücks einen traulichen Schlag auf die Schulter erhielt. Er
erschrickt, sieht sich um und gewahrt Kleist, der in einen großen
Reitermantel gehüllt ist. Dieser ist in großer Aufregung und theilt ihm
(dem Geistl.) Holter di polter mit, daß er nun endlich seinen Abschied
erhalten habe und in Frankf. studiren wolle.

K. war, seinen Abschied in der Tasche, wie im Fluge von Berlin
geritten, hatte den ehemal. Lehrer in dessen Behausung aufgesucht, aber
gehört, daß derselbe im Concert sei, und war nun ~stante pede~,
wie er war, in dasselbe geeilt, um den Freund sofort von dem Gelingen
des Plans in Kenntniß zu setzen. Der Referent verschwand eben so
hastig, wie er gekommen. --

So weit meine Mittheilungen. Ob die Schwester und bekannte
Reisegefährtin Kleist’s, Ulrike, die früherhin Directrice eines
Erziehung-Instituts für adelige Fräulein in Frankf. a.|O. war, noch
lebt, ist mir nicht bewußt.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich mir nun schmeicheln darf, Ew. Wohlgeboren eben so wenig durch
die Einsendung der Beilagen, als durch vorstehende Mittheilungen,
lästig gefallen zu sein: so glaube ich mich wol zugleich nicht der
Bemerkung enthalten zu dürfen, daß es mir höchst schmeichelhaft sein
würde, wenn Ew. Wohlgeboren Veranlassung nähmen, mich durch einige
gelegentliche Antwortzeilen zu erfreuen.

Mit ausgezeichneter Hochschätzung hat die Ehre zu beharren

    Ew. Wohlgeboren

    ganz ergebenster

    _C. Eduard Albanus_.



Koberstein, A.


    Professor am alt-ehrwürdigen Gymnasium zu Schulpforta,
    hochbegabter, geistreicher und gründlicher Gelehrter. Sein
    Hauptwerk: „Grundriß der deutschen National-Litteratur“
    gilt bei allen Kennern für eines der umfassendsten und
    wissenschaftlich-bedeutendsten in diesem Fache. Was er als
    _Lehrer_ thut, verkünden seine dankbaren Schüler mit lautem
    Munde aller Orten. Wir haben aus mehreren Briefen von seiner
    Hand gerade diesen ausgewählt, weil er den ganzen Charakter des
    vortrefflichen Mannes so schön und vollständig zur Anschauung
    bringt.

    Seiner Notiz, die Erwähnung des _Cabanis_ von W. Alexis in
    einem Zeitungs-Artikel betreffend, möchten wir unsererseits die
    Anmerkung beifügen, daß von einer _solchen_ Zusammenstellung
    jenes Buches mit dem „Phantasus“ Niemand schmerzlicher betroffen
    gewesen sein kann, als Wil. Alexis, Tiecks anhänglicher Schüler und
    Verehrer.


    _Pforta_, d. 14. Novbr. 1839

    _Höchstverehrter Herr Hofrath!_

Mehr als ein Vierteljahr ist seit meiner Abreise von Dresden vergangen,
und noch immer haben Sie kein Wort des Dankes von mir für die überaus
große Güte und Freundlichkeit vernommen, die ich wieder bei Ihnen
gefunden. Schreiben Sie dieß nicht einem Mangel an gutem Willen zu.
Gott weiß, wie mein Herz an Ihnen hängt, und wie kein Tag vergeht,
an dem ich Ihrer nicht in innigster Verehrung und, warum soll ich es
nicht sagen, in kindlicher Liebe gedenke, sei es für mich allein, sei
es im Gespräch mit meiner Frau. Und da hat es mich denn oft gedrängt,
mich gegen Sie auszusprechen und Ihnen für die unvergeßlichen Stunden
zu danken, die Sie gütig genug waren, mir, wie früher so auch diesen
Sommer wieder zu bieten. Allein wie oft müssen wir uns das versagen,
wozu das Herz uns zieht! In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr
wartete ich auf das Buch, welches mir mein Freund v. Mühlenfels zur
Übersendung an Sie einzuhändigen versprochen hatte und das er erst
aus England mußte kommen lassen. Dann brach eine solche Fluth von
Amtsgeschäften und Störungen aller Art auf mich ein, daß ich bis vor
wenigen Tagen nur selten Herr einer Stunde gewesen bin. Jetzt aber,
wo ich wenigstens auf eine kurze Zeit freier athmen kann, will ich
auch nicht länger säumen, mich einmal wieder in Gedanken ganz zu Ihnen
zu versetzen und zu thun, als säße ich Ihnen gegenüber und hätte die
Erlaubniß, mich frei gegen Sie auszusprechen. Ich weiß wohl, wie
unendlich gering der Gehalt dessen immer gewesen ist, womit ich Ihre
goldenen Worte einzutauschen gesucht habe; aber ich müßte Sie gar
nicht kennen, wenn ich nicht glauben sollte, daß es Ihnen doch auch
etwas gilt, wenn Sie in ein volles Herz schauen können, das Ihnen so
aufrichtig ergeben ist und das aus Ihren Worten, aus Ihren Schriften
die schönste Nahrung zu ziehen sich nun schon so lange gewöhnt hat.
Gegen keinen Mann, so viele ich deren auch kennen gelernt habe, ist
mein Vertrauen aber je so groß gewesen, gegen keinen habe ich mich so
ganz rückhaltslos über die tiefsten und heiligsten Bedürfnisse meines
Innern, über das, was mich freudig und schmerzlich bewegt, aussprechen
mögen, wie gegen Sie. Leider hat mir die Sprache nie in dem Maße zu
Gebote gestanden, daß ich Ihnen Alles hätte sagen können, was in mir
vorging, wenn ich mich in Ihrer Nähe befand; doch Sie werden es schon
herausgefühlt haben, was ich empfand und sagen wollte.

Den letzten Abend in Dresden brachte ich im Theater zu. Man gab die
Geschwister von Raupach, wie es mir schien viel besser, als es das
unsittliche Stück verdiente. Ich glaubte Sie öfter durch die Gitter
einer kleinen Loge neben dem Theater zu erkennen; nach der Vorstellung
sah ich beim Heraustreten aus dem Hause eine Sänfte dem Schlosse
zu tragen; ich vermuthete Sie darin, eilte nach, um Ihnen nochmals
Lebewohl zu sagen, aber die Träger waren zu schnell, und ich mußte mit
meinem kleinen Begleiter betrübt in den Gasthof wandern. Am nächsten
Morgen kam ich bei Zeiten in Leipzig an; von da ging es langsam mit
einem Lohnkutscher nach Naumburg. Aber noch ehe ich es erreichte,
gleich diesseits Weißenfels, erfaßte uns ein Gewitter und Regen, wie
ich beides noch nie erlebt. Rechts und links sahen wir die Blitze
einschlagen, der Sturm brach die Bäume an der Straße wie kleine Gerten
und das Wasser schoß, wo der Weg sich aus der Tiefe in die Höhe zog,
in Strömen entgegen. Dabei konnte ich mir nicht verbergen, daß die
allergrößte Gewalt des Unwetters über unser Thal eingebrochen sein
müßte: die Sorge um die Meinigen war groß, und Sie können sich denken,
daß der Augenblick des Wiedersehns, der erst spät Abends eintrat, um
so beglückender für mich war, als Frau und Kinder den Nachmittag in
Kösen zugebracht hatten, wo ganz in ihrer Nähe der Blitz ein Haus, in
welchem sich die Badegäste zu versammeln pflegen und worin die Meinigen
leicht hätten sein können, in Brand gesetzt hatte. Zum Glück für meine
Frau hatte sie mich den Tag noch nicht erwartet, sonst würde sie in
Todesangst um mich gewesen sein.

Seitdem hat sich das Leben denn so in gewohnter Weise abgesponnen. Nur
Zweierlei Bedeutendes ist mir in diesen letzten Monaten begegnet. Das
erste war der Besuch des Geh. Rath Heß aus Darmstadt, der über Naumburg
nach Dresden ging, wo er Sie aufgesucht haben wird, die schönsten Grüße
von uns mitbringend, wenn er sein Wort gehalten hat. Er war leider nur
ungefähr eine Stunde in Pforta, aber ich habe hier nicht leicht eine
genußreichere verlebt, so klug, so verständig sprach er und so wurde
es einem ums Herz, als er auf unsre öffentlichen und literarischen
Zustände die Rede lenkte. Es sollte mich recht betrüben, wenn ich
mich in ihm geirrt hätte: in der kurzen Zeit, die er in meinem Hause
verweilte, schien er mir ein Mann zu sein, dessen Gleichen man jetzt
nicht auf allen Wegen findet. Das andre war der Feier zum Andenken der
vor hundert Jahren erfolgten Aufnahme Klopstocks in unsere Schule,
die wir gestern vor acht Tagen begangen haben. Sie erinnern sich, wie
viel ich Ihnen über die Schlaffheit unsrer Jugend, über den gänzlichen
Mangel an Enthusiasmus und Schwung in ihr vorgeklagt habe. Ich glaubte,
daß sich hier eine Gelegenheit darböte, ihr wieder einmal ans Herz zu
klopfen und brachte diese Feier in Anregung, die in der Weise statt
fand, wie Sie es in dem der Mühlenfelsschen Schrift von mir beigegebnen
Programm lesen können. Es war wirklich etwas Erhebendes in dem Ganzen.
Die Primaner hatten sich fast alle in deutschen und lateinischen
Gedichten versucht, wovon die besten zum Vortrage auserlesen wurden,
wobei sich denn wunderlich genug ereignete, daß alle deutschen, zum
Theil recht guten Gedichte, in Formen gekleidet waren, die der selige
Herr sehr verabscheut haben würde: Terzinen, Octaven, assonierende
Trochäen, Sonette &c. Ich hatte das Mögliche aufgeboten, in meiner Rede
Klopstock in seiner Einwirkung auf die Poesie unsers Volkes in der Zeit
von 1748 bis 1773 zu lebendiger Anschauung zu bringen. Sie wissen,
daß ich eben keinen hohen Begriff von seinem absoluten poetischen
Werthe habe; aber ich glaube, daß Sie es beifällig aufnehmen werden,
wenn ich meine Überzeugung dahin ausspreche: er habe zu seiner Zeit
nächst Lessing doch das Meiste gethan, unsre Poesie aus dem Sande
und Schlamm herauszuheben, in welchem sie lange Zeit ein klägliches
Dasein gefristet hatte. Ich habe in dieser Rede wirklich mit Liebe
gearbeitet. Klopstocks Größe erschien mir wahrhaft Ehrfurcht gebietend,
wenn ich den Blick von ihm auf die Geister lenkte, die heutiges Tages
die Meister spielen und den Markt beherrschen. Es schien auch, als
hätte ich nicht ganz umsonst gesprochen. Mittags hatten wir Lehrer
und Beamten der Schule mit einer Anzahl geladener Gäste aus Naumburg
uns zu einem Festmahle vereinigt, bei dem es so froh zuging und ein
so frisches Leben herrschte, wie ich es hier nie erlebt habe. Unter
den vielen Toasts wurde von Mühlenfels, der mir darin zuvorkam, unter
lautem Jubel der Ihrige als des ersten und größten Meisters der
Gegenwart ausgebracht. Ich gedachte dann in wenigen Worten unsers
großen Lessing, gegen den ich, je mehr ich mich mit ihm vertraut mache,
mit um so größerer Ehrfurcht erfüllt werde. Doch genug von diesem
Feste; eine länger ausgesponnene Beschreibung dürfte Sie nur langweilen.

Wir haben vor Kurzem einen uns sehr nahe gehenden Verlust erlitten.
Ein Assessor beim O. L. Gericht in Naumburg, Gottheimer, ein
geistvoller Mann und ausgezeichneter Jurist ist als Rath an’s
Kammergericht versetzt und hat uns vor vierzehn Tagen verlassen; seine
liebenswürdige, für alles Schöne höchst empfängliche Frau folgt ihm
binnen Kurzem. Dieß waren die letzten Jahre hier unsere liebsten und
nächsten Bekannten. Mit ihnen gehen die beiden einzigen Menschen aus
Naumburg fort, die sich frei von den abscheulichen und wüsten Ansichten
zu erhalten suchten, die jetzt immer mehr über Kunst, Litteratur, Leben
und alles, was diesem einen höhern Gehalt verleiht, zur Herrschaft
gelangen. Es ist doch recht traurig, daß man sich immer vereinsamter
fühlen lernt. Was muß ich hier in der sogenannt besten Gesellschaft
alles hören! Ich komme immer mehr zu dem Glauben, daß dem Menschen
nicht fünf, sondern sechs Organe von Gott gegeben sind: das sechste
befähigt uns die Schönheit zu empfinden und in unser Bewußtsein
aufzunehmen. Dieses Organ ist aber bei den meisten Menschen durch
mancherlei künstliche Mittel in unsrer jetzigen Zeit entweder ganz
zerstört oder bis zur Unempfindlichkeit abgestumpft worden, und daher
erkläre ich mir, daß sonst ganz verständige und einsichtsvolle Menschen
von dem wahrhaft Schönen nichts wissen wollen, und für das Unschöne,
Gemeine, Niedrige oder Fratzenhafte schwärmen können. Wenn ich mitunter
Urtheile über unsere Dichter, über Shakspeare, Cervantes und andere
Heroen der Dichtkunst hören muß, die mich zur Verzweiflung an der
ganzen Zeit und an unserm ganzen Volk treiben wollen, so bleibt mir nur
ein Trost und das ist das Bewußtsein, daß Sie uns noch angehören und
nach Gottes gnädiger Fügung uns noch lange angehören sollen. Ich fühle
dann immer das Weh gelindert, das mein Herz zusammenpreßt, und kann
wieder mit unbefangenem Sinne die großen Dichter lesen, an denen ich
bei dieser babylonischen Verwirrung irre werden könnte, fände ich nicht
in Ihren Schriften, Ihren mir unvergeßlichen Worten die Zuversicht, daß
ich mich jenen Meistern unbedingt hingeben darf.

Gestern habe ich eine recht herzliche Freude gehabt, als ich auf einige
Augenblicke den vierten Band von Immermanns Münchhausen in die Hand
bekam. Ich konnte nur ganz flüchtig die Zueignung an Sie durchlaufen,
aber ich fühlte mich durch diese Worte erquickt, da sie Zeugniß von
einem Geiste ablegten, der Sie erkannt hat. Ich werde erst in einigen
Tagen diesen und den dritten Theil des Buchs erhalten, worauf ich
mich nach dem, was mir die ersten geboten und was mir Frau Gottheimer
von diesen beiden letzten gesagt hat, recht herzlich freue. Ich hatte
gehofft, Immermanns Bekanntschaft vor einigen Wochen zu machen, da ihn
einer meiner Collegen, sein alter Bekannter, auf seiner Rückreise nach
Düsseldorf erwartete; aber er ist an uns vorübergereist.

Mit recht großer Sehnsucht sehen wir dem Erscheinen Ihrer neuen,
bereits angekündigten Novellen entgegen. Es ist immer ein Fest in
unserm Hause, wenn der Buchhändler etwas schickt, das von Ihnen kommt.
Sie mögen einsichtsvollere, tiefsinnigere Verehrer Ihrer Schriften
haben, als uns; wärmere und treuere gewiß nicht. Ich werde den schönen
Sommertag nie vergessen, an dem ich 1819 zu Berlin zum ersten Male Ihre
Genoveva las. Es war das erste Buch von Ihnen, das ich kennen lernte,
und die Wirkung, die es in mir hervorbrachte war unbeschreiblich und
entscheidend für mein ganzes inneres Leben. Kurz vorher hatte ich die
Nibelungen auch zum ersten Male gelesen. In ihnen athmete ich eine
neue Welt, die wahre deutsche Natur, insofern sie durch das Gedicht
uns offenbar wird; Ihre Genoveva riß wie einen Schleier von meiner
Seele fort, ich fing an zu begreifen, was mir die Nibelungen, was mir
die deutsche Poesie, sofern sie in unsrer Vorzeit wurzelt, aus ihr
erwachsen ist und in neuerer Zeit wieder Blüthe getrieben hat, werden
könnte und warf mich nun mit dem vollen Feuer der Jugend unserem
dichterischen Alterthum in die Arme. Und das ist mir immer als das
Höchste und Herrlichste an Ihnen, verehrter Mann, erschienen, daß
Sie so durchaus nur _deutscher_ Dichter haben sein wollen und
sind, und daß Sie, was unserm Göthe leider nicht nachgerühmt werden
kann, das Vaterland so warm im Herzen getragen haben. Darum glaube ich
auch fest und inniglich, daß wenn die Stunde unsers Volks noch nicht
geschlagen hat, was Gott verhüte, und wenn es sich der gegenwärtigen
Trübsal und Wirrniß wieder entwindet, in Deutschland die Überzeugung
immer tiefere und breitere Wurzeln schlagen und treiben wird, daß Göthe
und _Sie_ die beiden Gipfel unserer neueren Poesie sind und nicht
Göthe und _Schiller_, dessen jetzige abgöttische Verehrung spätere
Geschlechter mit gesunderem Sinne kaum werden begreifen können.

Doch ich muß schließen und Sie nur bitten, mir nicht zu zürnen, daß ich
schon soviel und ziemlich bunt durcheinander geschrieben habe. Meine
Frau grüßt Sie allerschönstens und empfiehlt sich mit mir der Frau
Gräfin und Ihren Fräulein Töchtern ganz gehorsamst. Sie wird nächstens
auch an Fräulein Dorothea schreiben. Gott erhalte Sie gesund und uns
noch recht, recht lange am Leben. Von ganzem Herzen

    Ihr

    treuer Verehrer

    _Koberstein_.

Mein Herz ist immer und unwandelbar bei Ihnen und Ihren Lieben.

    Lina.

~NS.~ Sollten Sie die Leipziger Allgem. Zeitung nicht lesen, oder
das Blatt vielleicht übersehen haben, so verschaffen Sie sich doch die
Beilage des Stücks vom 9. oder 10. Nvbr. Darin steht ein Artikel aus
Berlin, der eins der unzweideutigsten Zeugnisse davon ablegt, wie viel
wir bereits in der Barbarei vorgeschritten sind. In vollem Ernst heißt
es daselbst: Ihre Genoveva und Ihr Phantasus hätten in Vergessenheit
sinken müssen sammt Allem, was die romantische Schule geschaffen,
von dem Augenblick an, wo die echte vaterländische Poesie eines
Wil. Alexis’ Cabanis aufgetaucht sei, an den sich dann als weitere
Manifestationen dieses echt vaterländischen Geistes der Eckensteher
Nante, Glasbrenners Darstellungen des Berliner Volkslebens und anderes
der Art angeschlossen hätten. Das klingt toll: ich finde darin aber nur
die nothwendigen Consequenzen der Lehren unserer neuen Philosophen.



Köchy, Karl.


    Es ist eine poetisch-jugendliche, für aufstrebende Talente
    hoffnungsreiche Zeit gewesen, da noch wenig Verkehr von einem
    Ort zum andern auf schlechten Straßen existirte; da auch in
    größeren Städten Wandertruppen wechselten; da der Mangel an
    Manuscripten reisende Unternehmer veranlaßte, sogenannte
    „Theater-Dichter“ anzustellen, welche ihr Repertoir mit neuen,
    oder umgearbeiteten älteren Stücken versahen, und zugleich den
    Platz eines dramaturgischen Berathers ausfüllten. Damals fanden
    junge Männer von Geist, Wissen, Erziehung, deren Seele theaterkrank
    war, ohne daß sie für ihre Person den Trieb gefühlt hätten selbst
    als Darsteller aufzutreten, immer noch, wo sie ihr Haupt auf ein
    Weilchen niederlegen mochten, und brauchten darum nicht dem Wesen
    und resp. Unwesen der Coulissenwelt mit Haut und Haar zu verfallen.
    -- Man denke nur an Zschokke: an Abällino, Zaubrerin Sidonia --
    an dessen spätere Werke! Mit Chausseen, guten Postverbindungen,
    stehenden Bühnen, Gastrollen, kurz mit Allem was die neuere Zeit an
    Verbesserungen und Verschlimmerungen (erstere für’s Leben, letztere
    für die Kunst) gefördert, verflachten sich poetische Träume in
    reale Prosa. Das haben diejenigen empfunden, deren Sehnsucht sie
    um ein halbes Jahrhundert zu spät auf Lessings Spuren trieb. Auch
    Köchy hat es in Mainz (siehe den 2. Brief) empfinden und erfahren
    müssen. Glücklich genug, daß ihm in Braunschweig eine sichere
    Anstellung als Intendanturrath des Hoftheaters zu Theil wurde.
    -- Tieck schätzte in ihm den feinen, liebenswerthen Menschen,
    den ursprünglichen Poeten; wie seine (Tiecks) Dresdener Gönnerin
    und Freundin ~par excellence~ sich in einem französischen
    Schreiben an eine in Berlin lebende Jugendgenossin äußerte: „~il
    en fait grand cas~.“ Und das mit vollem Rechte. Karl Köchy
    ist ein wahrer Dichter; er ist es für Jeden, der ihn und seine
    Dichtungen kennt. Daß dieser Kreis nicht größer wurde, mag wohl
    an ungünstigen Umständen liegen; doch liegt es auch an und in
    _ihm_. Er ließ es von jeher an sich kommen. Er verschmähte in
    vornehmer Bequemlichkeit jenes „Klimpern,“ welches heutigen Tages
    nicht allein „zum Handwerk“ gehört, sondern leider auch zu der
    Kunst.

    Eine der lieblichsten Blüthen neuerer Lyrik hat Köchy gespendet in
    dem Büchlein: Garten, Flur und Wald (Berlin 1854).


                                  I.

    _Braunschweig_, d. 15ten Dec. 1827.

    _Verehrtester Herr_,

Unsere Correspondenz ist sehr früh und auf lange Zeit unterbrochen
worden; die Geschäfte, die mir mein bürgerliches Amt giebt, und zum
Überfluß Krankheit führten mich bald nachdem ich Ihre gütige Antwort
erhalten hatte, von Literatur und Poesie ab. Vielleicht mußte auch
manches in mir erst zur Auflösung und Entwicklung kommen, damit ich
die Heiterkeit wieder gewönne, ohne die uns die Kunst den Eintritt
in ihr Geheimniß zu versagen scheint. Das, hoffe ich, wird mich
bei Ihnen entschuldigen, wird mich rechtfertigen, als ob ich Ihre
Freundlichkeit nicht in ihrem ganzen Werth empfunden hätte. Ich habe
in diesem Jahre einige neue Theaterstücke, ein Schauspiel und zwei
Lustspiele, ein Paar Novellen u. a. m. geschrieben. So sehr ich mich
dieser Fruchtbarkeit freuen kann, und eine gewisse Munterkeit meiner
Geisteskräfte alles in mir schnell emportreibt, so bin ich doch mit
diesen Arbeiten nichts weniger als zufrieden. Sie erhalten sie wohl
ein ander Mal zur Durchsicht, wenn Sie nicht gleichgültig geworden,
und das Vertrauen zu meinem Talent verloren haben. Ich überweise Ihnen
einstweilen nur die ersten Nummern der Horen, einer Zeitschrift, die
ich von 1828 an redigiren werde. Finden Sie den Geist und das Streben,
die sich in der Vorrede und den wenigen bis jetzt gedruckten und noch
nicht beschlossenen Mittheilungen ankündigen, Ihrer Achtung werth, so
bitte ich Sie recht herzlich, die Unternehmung durch Ihren Ruf und Ihre
große Bekanntschaft zu fördern. Das Schicksal der Zeitschrift hängt von
ihrer ersten Aufnahme ab, und schon muß ich von einem Angriff Müllner’s
hören, der sie in der Geburt sogleich tödten soll. Es wird mir aber
eine Quelle des Muths und der Begeisterung werden, wenn ich die edleren
Männer der Nation mir gewogen weiß, und wenn ich die Überzeugung habe,
daß ich meine Kräfte nicht an einen bloßem Versuch verliere.

Mit wahrhafter Hochachtung

    Ihr

    ergebenster

    _K. Köchy_.


                                  II.

    _Mainz_, d. 30sten Mai 1831.

    _Verehrter Herr Hofrath!_

Die wenigen, aber schönen und bedeutenden Stunden, die ich vor einem
Jahre in Ihrem Umgang und in Ihrem Hause gelebt habe, werden niemals
aus meinem Gedächtniß kommen. Ich wünschte, daß auch Sie sich zuweilen
an mich erinnerten, aber ich hoffe es nicht. Das Gedicht, das ich
Ihnen eben zurücklassen konnte, mag wenig dazu geeignet sein, mir eine
solche Theilnahme bei Ihnen zu gewinnen, und was könnte ich in unsern
Gesprächen Ihnen gezeigt haben, als Enthusiasmus und Empfindung, die
doch erst die Bedingungen sind, unter denen ein Mensch etwas werden und
leisten kann.

Seit dem Anfang des Winters lebe ich in Mainz, und in einer Verbindung
mit dem hiesigen Theater. Ein Freund, der Schauspieler Haake, ein
liebenswürdiger Künstler und Mensch, dirigirt dasselbe, und hat
mich auf jede Weise hier festzuhalten gesucht, weil er glaubt, ich
könne mich dem Institute nützlich machen, und zugleich das, was von
theatralischem Dichtertalent in mir sein mag, nur so, im Umgang mit
der realen Schaubühne, und aller andern Geschäfte und Lebenssorgen
entledigt, zur glücklichen Ausbildung bringen. In dem einen Stücke
setzt er wohl zu viel Vertrauen auf mich. Ich habe jedoch angefangen,
dramaturgische Blätter zu schreiben, von denen ich mir Ihnen eine
Probe zu senden erlaube, und einige ältere gute Theaterstücke neu zu
bearbeiten. Im nächsten Sommer, den ich auch meiner Gesundheit wegen,
und um die Heiterkeit meines Gemüths ganz wiederherzustellen, in
Wiesbaden zubringen will, hoffe ich nun auch eine Tragödie „Rochester“
zu vollenden, wozu der Plan während des Winters so ziemlich reif in mir
geworden ist. Da wird es sich denn zeigen, was die Kunst und ich von
mir zu erwarten haben. Ihnen theile ich das Werk zuerst mit, und bitte
Sie im Voraus herzlich, mir freimüthig und streng Ihr Urtheil zu sagen.
Einige Lustspiele, die ich mit schneller Hand in einer Anwandlung von
komischer Laune zu Stande gebracht habe, getrauen sich nicht zu Ihren
Augen, und mögen auch nur wie Kinder unserer Sünden, wenn auch nicht
weniger geliebt, im Dunklen bleiben. Wollen Sie mir jetzt schon einen
wichtigen Dienst erweisen, und zugleich dem hiesigen Theater, so nennen
Sie mir gefälligst Einiges von der älteren deutschen Schaubühne, oder
der ausländischen, was der Wiedererweckung würdig ist; ich hatte selbst
Lust, das Spanische noch zu lernen, (das Italienische lese ich, wie
das Englische ziemlich fertig) könnte ich mir von dem in Deutschland
noch ungekannten Lope de Vega Ausbeute versprechen. Werke, mit deren
Aufführung wir uns jetzt beschäftigen, sind außer dem Wallenstein,
der an drei aufeinanderfolgenden Abenden, unverkürzt, gespielt werden
soll, Ihr Blaubart, der Sturm, Richard II., Calderon’s Richter
von Zalamea, und Arnim’s Befreiung von Wesel. Im nächsten Jahre
kann ein Mehreres geschehen; Haake denkt mit seinem Theater eine
Schauspielerschule zu verbinden, worüber Sie das Nähere in meinen
Blättern erfahren sollen.

Herr von Wehlmann, der Ihnen diese Zeilen bringt, ist im Begriff
abzureisen, und ich kann nichts weiter hinzufügen, als meine Wünsche,
daß Sie mich zu lieben und mit dem freundlichen Sinn eines Lehrers und
Meisters auf mich zu wirken fortfahren mögen. Empfehlen Sie mich Ihrem
verehrten Hause, und glauben Sie mir, wenn ich sage, ich bin mit der
innigsten Verehrung und Dankbarkeit

    Ihr

    ergebener

    _K. Köchy_.

N. S. Ich wünschte, Sie hätten eine Reihe Romanzen von mir gelesen, die
im Januarheft des diesjährigen Gesellschafters erschienen sind; auf
diese Dichtungen lege ich selbst einigen Werth.


                                 III.

    _Braunschweig_, den 7ten Februar 1834.

    _Verehrter Herr Hofrath_,

Mit der gestrigen Post habe ich an die Intendantur der Dresdner
Hofbühne ein dramatisches Gedicht „Rochester“ eingesandt, welches
nun bald auch in Ihre Hände kommen wird. Nehmen Sie es so freundlich
auf, wie einst mich selbst und frühere poetische Versuche von mir;
was Sie für mich thun mögen, ist an keinen Undankbaren verschwendet,
und wird, wenn es anders möglich ist, die Liebe und Verehrung, die
ich seit Jahren für Sie als meinen Meister und Gönner empfinde, noch
erhöhen. Damit es Sie nicht befremde, neben meinem Namen einen zweiten
auf dem Titelblatt zu finden, muß ich bemerken, daß ich mich mit einem
Freunde verbunden habe, um dem deutschen Theater rasch genug eine
Reihe von ernsten und heiteren Stücken zu liefern, wie das englische
sie einst durch Beaumont und Fletscher erhielt. Dürfen unsere Arbeiten
auch nicht sich mit dem Besten in einen Rang stellen, so behaupten
sie doch gewiß Vorzüge vor den alltäglichen Theatererscheinungen, ja
ihr eigentlicher nächster Zweck ist, diese und besonders die Masse
von Übersetzungen, die uns jetzt überdrängen, aus der vaterländischen
Scene zu entfernen. Die heroische und politische Tragödie ist leider
durch widrige Zeitumstände, durch das Mistrauen der Regierungen dem
Theaterdichter jetzt völlig verschlossen, aber vielleicht läßt das
bürgerliche Trauerspiel sich dadurch, daß eine Seite der ganzen
Menschheit in ihm zur Darstellung gebracht wird, durch die Kraft der
Charactere und Leidenschaften und durch eine hinzugegebene Ironie an
jene höhere Dichtart näher heranführen, so wie auch Sie das gewöhnliche
Leben in der Novelle erst zur Poesie erhoben haben. Von diesem Glauben
bin ich bei unserem ersten Versuche ausgegangen; mir gehört die
Idee und der ganze Plan des Stücks, meinem Freunde diesmal nur die
Ausführung einzelner Scenen an. Wenn Sie unserem Unternehmen Beifall
und Ermunterung geben, so werden wir bald ein paar Lustspiele folgen
lassen; das eine behandelt die Anecdote von Beaumont und Fletscher, wo
beide, ein Trauerspiel im Wirthshause erfindend, als Staatsverräther
und Mordanstifter ergriffen werden, das andere stellt die Situation
aus Ariosts Leben dar, da er unter die Räuber geräth. Es wird uns auch
ein leichter Entschluß sein, einmal nach Dresden hinüberzukommen,
um unter Ihrer besonderen Leitung einige fertig liegende Entwürfe
auszuarbeiten. Später, wenn das Glück gut ist, und unser Muth sich
gestärkt hat, können wir uns vielleicht ganz niederlassen in Dresden,
wo uns mit allen Vortheilen Ihrer Nähe zugleich ein vortreffliches
Theater zur Hand ist. Der Winter, die günstigste Zeit für neue
Theaterproductionen, neigt sich schon zu Ende, mit Ihrer Hilfe aber
kann Rochester noch immer zur Aufführung kommen; wir hoffen darauf,
und sehen mit Ungeduld einem Urtheil von Ihnen entgegen. Mein Freund
läßt sich Ihnen unbekannterweise empfehlen, und ich nenne mich, mein
theuerster Meister und Lehrer, mit der aufrichtigsten Verehrung Ihren
ergebensten

    _Köchy_.


                                  IV.

    _Braunschweig_, den 9ten September 1840.

    _Verehrtester Herr Hofrath!_

Es trifft sich seltsam, daß ich eben jetzt, wo ich in voller
Bewunderung Ihres Genius Ihre jüngste Dichtung lese, von einer
Freundin, die nach Dresden zu reisen gedenkt, ersucht werde, sie durch
einige Zeilen bei Ihnen einzuführen. Dieses Anliegen wie die Lectüre
der Vittoria Accorombona erregt mir selbst den leidenschaftlichen
Wunsch, nach so manchen Jahren wieder in Ihrer Nähe sein zu können; ich
werde ihn befriedigen müssen. Nehmen Sie mich dann gütig wie früher
auf, und gönnen Sie jetzt der Dame, die Ihnen meinen Gruß bringt, das
beneidenswerthe Glück, Sie von Angesicht zu sehen.

Madame ~des Marrès~ gehört nicht allein zu Ihren begeistertsten
Verehrerinnen, sie ist auch eine begabte Dichterin, ob sie gleich ihr
schönes, bescheidenes Talent vor der Welt verbirgt, und nur im Kreise
ihrer vertrautesten Bekannten sichtbar werden läßt. Sie und ihr Gatte,
ein Mann voll Sinn und Geschmack, werden Ihnen unendlich verpflichtet
sein, wenn Sie ihnen erlauben, einer jener Vorlesungen beizuwohnen,
wodurch Sie Ihren Zuhörern einen so einzigen Genuß verschaffen, daß
sich ihm nichts, selbst nicht die vollkommenste scenische Darstellung
eines Dichterwerks, vergleichen kann.

Wie wohl thut es mir schon, an Sie zu schreiben! Bald hoffe ich, Ihnen
gegenüber zu stehen.

Mit unwandelbarer Liebe und Verehrung

    Ihr

    ergebenster

    _Köchy_.



Koenig, Heinrich.


    Geboren den 19. März 1790 zu Fulda. Die besten und zuverläßigsten
    Aufschlüsse über diesen -- einen unserer beliebtesten und
    vielgelesensten Schriftsteller, und über sein inneres Werden findet
    man in dem Buche: „Auch eine Jugend“ (1852.) -- Sein erstes Werk:
    Die hohe Braut, 2 Bde. (1833) sicherte ihm gleich den Antheil
    der Verständigen, und diesen hat er, Schritt für Schritt, sich
    erhalten, bis heute immer nur gesteigert.

    Die Waldenser (1836) -- Williams Dichten und Trachten (1839) --
    Regine (1842) -- Veronika (1844) -- Die Klubbisten in Mainz (1847)
    -- König Jeromes Karneval (1855) -- Seltsame Geschichten (1857) --
    Georg Forsters Leben (1858) -- Ein Stillleben (1861) -- u. a. m.
    sind sprechende Belege für seine vielseitigen Verdienste.

    Daß in nachstehendem Briefe Heinrich Koenig auch als Theaterdichter
    erscheint, macht denselben doppelt interessant. Wir wissen
    nicht, was Tieck in dieser Sache gethan haben mag? fürchten
    jedoch sehr, die Berufung auf Müllners günstige Beurtheilung
    möge keinen guten Erfolg gehabt haben. Es würde uns nicht Wunder
    nehmen, wenn Zuschrift und Dramen stillschweigend ~ad acta~
    gelegt worden wären. In derlei Dingen leistete Meister Ludwig
    bisweilen das Unglaubliche. Carl Maria Weber sagte einmal in
    seiner bezaubernd-scherzhaften Weise einem jungen Schriftsteller,
    der sich beschwerte, daß er keine Entscheidung erhalten habe
    über Schauspiele, welche er der Dresdener General-Direktion
    eingeschickt: „Ja, sehen Sie, Lieber, die Manuskripte bekommt der
    Tieck zur Ansicht, und der hat sich unter seinem Schreibtische eine
    Spalte in den Fußboden machen lassen, die führt durch einen langen
    Schlund tief in’s Kellerloch hinab, dort steckt er sie hinein, und
    weg sind sie!“

    _Hanau_, 25. Merz 1827.

    _Hochverehrter Herr Hofrath_.

Ein gänzlich Unbekannter entblödet sich, Eure Wohlgeboren mit Brief
und Pack zu behelligen. -- Ich würde nur die Wahrheit sagen, wenn ich
mich damit entschuldigte, daß es mich längst gedrängt habe, Ihnen meine
herzlichste Verehrung an den Tag zu legen.

Schwerlich würde ich aber sobald aus manchen, Eurer Wohlgeboren wegen,
_gerechten_ Rücksichten und Bedenklichkeiten gekommen seyn, hätte
sich der Eigennutz nicht zum Vorspann gefunden. -- Dieser Vorspann
liegt, blau eingebunden, vor Ihren Augen. -- Beide Hefte waren für die
Direction des Dresdener Hoftheaters bestimmt, und ich überredete mich
gern, daß ich solche auch an Sie, als Mitglied jener Direction senden
könnte, um so auf _einem_ Wege zwei Ziele zu erreichen, da mir
ja doch an Ihrer Meinung von meinen Stücken noch mehr, als an deren
Aufführung gelegen war.

Das gedruckte Heft ist eine Abkürzung jenes Schauspiels, dessen im
Mitternachtblatte (No. 136 v. J. 1826) von Herrn Müllner rühmlich genug
gedacht ist. In dieser Umarbeitung ist das Stück von der frankfurter
Bühne zur Aufführung angenommen worden.

Das Mspt. wäre als _Lustspiel_ einer Bühne vielleicht
willkommener, wenn es überhaupt zur Aufführung geeignet sollte gefunden
werden. Ich biete es der Dresdener Bühne vor allen andern an. Es ist
die Fortsetzung jenes gedruckten Schauspiels, auf welche dann, zum
Schluß einer Art Trilogie, ein Trauerspiel: „Kaiser Ottos (3) Bußfahrt“
-- wiewol in anderm Sinn, als das Raupach’sche Stück, folgen soll.

Übrigens ist an das Lustspiel die letzte Hand noch nicht gelegt worden,
und es erscheint in vorliegender Abschrift aus Rücksicht auf eine
Bühnendarstellung gekürzt. Daher manche zerriß’ne Verszeile und selbst
auch die Rolle des Herzogs Udo, der den Abt von Fulda vertritt, welchem
in ein Theater keine Eintritts-Karte würde zu verschaffen gewesen seyn.

Sollten Sie nun, verehrtester Herr Hofrath, beide Stücke selber
durchsehen können, so wäre mir ein großer Wunsch erfüllt. Sollten Sie
es nicht können -- und um Alles möchte ich Ihre kostbare und fruchtbare
Zeit nicht verkürzen! -- so wird es Sie doch nicht beschweren, die
Stücke an die Behörde abzugeben, wo solche ihr Glück versuchen mögen.

Noch einmal bitte ich um Vergebung meiner Zudringlichkeit. Ein
berühmter Name wird ja so gern für eine offene Zuflucht von denen
angesehen, die sich eines höhern Beistandes bedürftig fühlen.

Mit besonderer Verehrung verharret

    Ew. Wohlgeboren

    ergebenster Diener

    _Koenig_,

    Finanzkammer-Sekretär.



Körber, Gottfried, Wilhelm.


    Geboren am 5ten Febr. 1775 zu Breslau, gestorben am 16ten November
    1827 zu Hirschberg in Schlesien, wohin er 1800 als Prorector des
    damaligen Lyceum’s berufen, daselbst 1808 Rektor dieser Anstalt
    ward und die ehrenvolle Freude genoß, im Jahre 1816 dieselbe zum
    Gymnasium und sich zu dessen Königl. Direktor erhoben zu sehen. Der
    besonders gute Ruf jener gelehrten Anstalt darf zuvörderst seiner
    segensreichen Wirksamkeit zugeschrieben werden.

    Er war verheirathet mit Christine Hermes, einer Tochter des
    Verfassers von „Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen,“ aus
    welcher Ehe gegenwärtig zwei Töchter und ein Sohn noch seinen Namen
    führen.

    Körber war ein gründlich-gelehrter Linguist, Historiker und
    Philosoph. Was er sprach und schrieb trug ein geistreiches
    Gepräge. Gleichwohl hat er, pflichtgetreu an die Berufsgeschäfte
    gefesselt, für größere literarische Leistungen keine Zeit
    gewonnen, sondern nur in Schulprogrammen, Reden und in originellen
    Gelegenheitsdichtungen die Fülle und Eigenthümlichkeit seines
    geistigen Wesens bekundet. Im geselligen Verkehr sprudelte er
    von witzigen, schlagenden Einfällen, deren viele durch treffende
    Wahrheit geradezu populair geworden sind. Und Gneisenau, der
    mit ihm in vertraulichem Verhältnisse lebte, und ihn oft in
    Erdmannsdorf zu sehen liebte, pflegte ihn „den zweiten Lichtenberg“
    zu nennen.

    Ausführlicheres über ihn bietet die Schrift von _Balsam_:
    ~De vita G. G. Koerberi~ (1829.)


    _Hirschberg_, 20ten Nov. 1812.

    _Hochgeehrter Herr_.

In einer Sache, wie die folgende, werden Sie mir wohl die
„Wohlgeborenheit“ &c. erlassen, mit der sich männiglich, ohnehin zum
Überdruß beschleppen muß.

Die Sache ist weiter nichts als -- ein inniger Dank für Ihren
Phantasus. So ein Dank von mir hat freilich Ihnen so wenig zu bedeuten
als mein Urtheil, objectiv gesprochen. Aber wenn nun der Mund
überfließt, wes das Herz voll ist?

Ich riß mich 1½ Tage vom Amte los, um am dritten Orte Fessern (den
Sie ja kennen gelernt haben, Kgl. Gerichts-Kanzler in Grüssau) Ihren
Phantasus vorzulesen. (Hätten wir ihn von Ihrem Munde hören können!)
Sie haben uns Einen der schönsten Tage gegeben, dergleichen sich
nur irgend einem überladenen Geschäftsmenschen (juristischen oder
scholastischen, gleichviel) entwinden lassen. Wie lebhaft dachten wir
an Ihre Gegenwart in Warmbrunn und Grüssau zurück! Und wie genußreich
wirkte der Geist des Symposions auf Manfreds Schlosse auf unser
einsames! Dürfen Lehrlinge den Meister zu guter Stunde irgend einmal
fragen: Meister, wie meinst du dies oder jenes? oder: warum thust du
das? so dürfen wir vielleicht uns auch Belehrung ausbitten,

    ob nicht das Malen der Wasserfälle damit noch zu vertheidigen sey,
    daß die ewig rege Phantasie das ewig successive Leben der Natur im
    Tanzen, Sprudeln, Murmeln, Rauschen &c. von selbst supplire;

    wie denn wohl die Erzählung des Tannhäusers mit der Geschichte zu
    reimen sey, die _Sie_ erzählen -- war das nur ein Phantasma
    und Wahnsinn, daß er den Freund gemordet und daß Emma im Kloster
    gestorben, welcher Glaube bleibt uns für die ~eodem tenore~
    erzählte Wirklichkeit der Ereignisse im Venusberge? --

    ob es nicht zu herzangreifend sey, daß Emil’s Seufzer zur Madonna
    und Gott, das Vertrauen, die ewige Liebe werde ihn schützen,
    so wenig erhört wird, daß er vielmehr wirklich in den Zauber
    verstrickt wird und untergeht;

    ob es nicht noch herzergreifender sey, daß der unschuldige
    Friedrich von Wolfsburg (soll ihm seine _Freundschaft_ mit dem
    Tannhäuser zum Vorwurf gereichen?) um des brennenden Kusses willen
    auch hinunter muß -- so etwas kommt freylich in Volkssagen vor,
    aber spielt hier nicht das dunkle Verhängniß mit einer zu grausamen
    Willkühr, die über alles Tragische hinausliegt? --

    wie doch wohl Emil’s Geliebte, die in allem Übrigen untadelig
    erscheint, zu der gräßlichen Verbindung mit der Alten im rothen
    Leibchen kommt, da man doch von ihr vermuthet, sie werde gut und
    fromm seyn -- daß sie ihrer Liebe sogar das Leben des Kindes und
    ihr Seelenheil zum Opfer bringen werde, erscheint nicht ganz
    motiviert und ist fast gar nicht angedeutet. _Sollte_ sie
    in diesem mystischen Dunkel bleiben? und liegt dieses Dunkel
    nicht viel mehr in der Composition, als in der Sache? (Daß sie
    _nach_ dem Morde von Reue, Bekenntniß, Rettung &c. fern
    bleibt, ist sehr natürlich.)

    ob wohl die Deduction, wirkliche Vorfälle von der Art, wie
    z. E. Urbain Grandier’s Martern im Pitaval, seyen eben so
    grauenhaft als der Runenberg und der Liebeszauber, völlig treffe.
    Sollte wohl das Bewußtseyn des _Nicht_wirklichen (welches
    Bewußtseyn ja ganz cryptisch wird) mildern und trösten können? Das
    Individuelle ist es ja nicht, was uns erschüttert, sondern die in
    einem fingierten Paradigma dargestellte Wahrheit der wirklichen
    Menschennatur. Auch ist der Schauder bei Grandier’s Geschichte,
    der mich freylich ein wenig beschlich, als ich sie im Pitaval
    las, doch anderer und, daß ich so sage, traulicherer Art; er ist
    zusammengesetzt aus physischem Grauen und sittlichem Unwillen,
    zweyen Mißgefühlen, deren Gegenstände uns täglich vorstoßen. Aber
    in dem Crescendo-Mährchen des Phantasus greift die übersinnliche
    Welt gespenstisch in das Leben hinein und da halte Einer dagegen
    aus, wem Gott eine Phantasie gab. Nicht als wollte ich das Recht
    dieses Genre, zu existiren, nicht anerkennen. Auch ein schauderhaft
    Schönes ist schön und schauderhaft ist noch nicht häßlich. Aber
    die Gründe, mit welchen die holden Recensentinnen geschlagen
    werden, dünken mir zum Theil Vexirwaffen zu seyn (wenn gleich die
    Hiebe auf Kotzebue, Iffland &c. treffend sind, denen Gott von
    ihrem dramatischen Unwesen eine fröhliche Urstäte verleihe!) Eine
    wahrhaft gebildete Frau sagte mir, sie habe Ihre Grauengebilde
    immer noch lieber als Jean Paul’s. Das finde ich auch; Sie martern
    uns doch nicht, sondern bestreichen die ~lanx satura~ nur
    mit einer guten Dosis ~Asa foetida~, die freylich den Mund
    mit verzieht, aber doch nachher wohl bekommt (~si ventri bene
    est pedibusque~ u. s. w., denn nervenschwachen Leuten möchte
    ich den Runenberg und Liebeszauber nicht rathen). Die weichliche,
    zerfließende Qual im Jean Paul ist -- des Teufels ~implicite~
    mehr als irgend etwas und man möchte immer hinterher eine Dosis
    ~de la Motte Fouqué~ oder noch lieber classisches Alterthum
    zur Cur nachtrinken, so gern ich auch sonst in den Toast auf Jean
    Paul in dem Manfredschen Schlosse einstimme und so unsterblich
    er ist. -- Daß Christian _wieder kommt_, das ist besonders
    entsetzlich; sowie im Liebeszauber, daß wir mitten im socialen,
    modernen Leben von dem Ungeheuren so überfallen werden, wobei
    vorzüglich das grüne, schielende Auge des Drachenfelses trefflich
    secundirt: äußere Angst zur inneren (sittlichen) gesellt. Emil
    fällt bewußtlos nieder, und ich, der ich jenes Mährchen zwischen
    Geschäften zu Hause still für mich ganz munter gelesen, der
    ich noch dazu dem Freunde, der an Christian schon mit Grauen
    gesättigt war, den Liebeszauber absichtlich recht schlecht voraus
    erzählt hatte, und das schauderhafte Interesse der _Neuheit_
    wenigstens abzuschwächen, las dennoch dieses Mährchen, in banger
    Erwartung schon, zitternd schlecht vor, und bei der ersten und
    zweiten Catastrophe, besonders bei der ersten, schlich mein Blut
    zum Herzen zurück, ich wurde blaß, die Hände erkalteten mir und
    ich war im Daseyn angegriffen. Es war Abend, Leser und Hörer frey
    von aller Störung und ganz dem Mährchen hingegeben. -- Im Grunde
    aber möchte ich doch den wiederkehrenden Christian den Gipfel des
    Grauens nennen; wenigstens ich als Mann (ein Weib setzt vielleicht
    den Liebeszauber eine Stufe höher, wie es auch Ihre Manfredischen
    Damen thun). Ob ein Rest von Krankheit Sie in diese schauderhafte
    Gebilde hinein vibrirt hat? oder ob Sie nicht vielleicht auf dieses
    Anklopfen an den Gränzen des Menschengeistes etwas krank geworden?
    so habe ich fragen hören.

Doch genug des Lehrlingsgeschwätzes. Wie könnten Sie überhaupt
es zu beantworten sich abmüßigen!? Ich darf es wenigstens nicht
_erwarten_. Denn wenn Sie jeden unreifen Zweifel schriftlich
heben wollten, wo nähmen Sie die Zeit her! Aber beweisen wollte ich
Ihnen wenigstens, wie aufmerksam ich das Buch gelesen und wie sehr ich
(wie Fesser) Sie verehre und wie glücklich uns Ihre Nähe machen würde.
Dürfen wir Sie nicht im Sommer 1813 hoffen?

Phantasus II. soll bald erscheinen, höre ich. Möge es wahr seyn!
Und wie sehne ich mich nach Ihrem „Frauendienst, 1813,“ den ich noch
nicht habe erhalten können.

Mit der reinsten Hochachtung

    der Ihrige.

    _Körber_.



Körner, Christ. Gottfr.


    Geb. zu Leipzig 1756, gest. zu Berlin am 13ten Mai 1831. -- Der
    würdige Mann steht uns nahe; denn seine hohen Eigenschaften
    sind uns vollkommen bekannt worden durch den „Briefwechsel mit
    Schiller,“ 4 Bde. (1847).

    Mögen diese drei Blätter, an Tieck gerichtet, sich auch in den
    Kranz verschlingen, der ein Haupt ziert, welches uns an und für
    sich schon theuer seyn müßte, wäre der von der größten deutschen
    Dichter inniger Freundschaft und Achtung Ausgezeichnete nicht
    zugleich _Theodor Körners_ Vater.

    Befremdend scheint es, daß in dem zweiten Schreiben (von 1814)
    Theodor’s mit keiner Sylbe gedacht ist.


                                  I.

    _Dresden_, am 9. Oct. 1807.

Über das Aussenbleiben des Manuscripts habe ich von Zeit zu Zeit den
Bibliothekar Daßdorf beruhigt, weil ich die Ursache vermuthen konnte,
warum Sie es nicht abschickten. Ihr Herr Schwager kam erst vor Kurzem
und Daßdorf hat keinen Groll auf Sie. Die Abschrift des Rosengartens
hat er aber entweder vergessen, oder er hat hier niemand, den er zum
Abschreiben eines solchen Manuscripts gebrauchen könnte. Aber er bot
sich an, Ihnen das Original zu schicken, wenn Sie in einer Zeit von
etwa Vier Wochen es zurückschicken könnten. Sie möchten ihn daher nur
wissen lassen, wenn Sie gerade sich mit diesem Werke beschäftigen
wollten. Ich erwarte hierüber Ihre Erklärung.

Das Manuscript wollte ich gern bald an die Behörde abliefern und hatte
nur Zeit, die Bilder anzusehn. Als eine piquante Situation gefiel mir
besonders, wie ein Riese den Kopf eines Mädchens im Rachen hat, während
er mit einem Ritter -- vermuthlich ihrem Liebhaber ficht. Wird er
besiegt, so braucht er nur zuzubeißen.

Ihr Herr Schwager sagte mir, daß er nicht über Ziebingen zurückgehen
würde; ich konnte ihm also das verlangte Buch nicht mitgeben. Es fragt
sich, ob ich es Ihnen auf der Post zuschicken soll. Eigentlich hätte
ich keine Lust dazu, damit Sie einen Antrieb mehr hätten, bald hieher
zu kommen, wozu Sie uns Hoffnung machten.

Von Oehlenschlägern weiß ich unmittelbar gar nichts. Aber daß er in
Paris wenigstens gewesen ist, lese ich in öffentlichen Blättern. Ob
er noch dort, oder vielleicht jetzt in Italien ist, habe ich nicht
erfahren können. In Italien wird er schwerlich lange bleiben. Er hatte
eine Art von Abneigung dafür und schien eine Furcht zu haben, daß ihm
das Clima nicht bekommen würde. Seinen Aladdin erwarte ich sehnlichst
und begreife nicht, warum er nicht erscheint.

Ich habe jetzt den Calderon zu lesen angefangen. Die ~Autos
Sacramentales~ waren unter meiner Erwartung. Ich fand schöne Verse,
eine gewisse Pracht in der Ausführung, viel Beachtbares für Musik,
aber wenig Phantasie. Nach ein Paar Proben gieng ich zu den Comedias
über, die mich mehr anziehen. Vorjetzt hat mich besonders ein Stück
interessirt: Das Leben ist ein Traum. Ein kraftvoller junger Mann,
durch üble Behandlung verwildert, wird durch die grellsten Contraste
zwischen Thron und Gefängniß dahin gebracht, daß er nicht mehr weiß,
ob er wacht oder träumt. Dieß wird bey ihm ein daurender Zustand, er
handelt in diesem Glauben und wird dadurch gemildert. Vielleicht hätte
diese Idee in der Ausführung noch mehr benutzt werden können. Überhaupt
finde ich in den Comedias oft eine gewisse Flüchtigkeit der Behandlung,
aber die Kühnheit der Ideen hat einen großen Reitz. Shakespear scheint
mehr mit Liebe gedichtet zu haben, und bey Calderon mehr die Kraft zu
prävaliren. Er trotzt allen Forderungen von Wahrscheinlichkeit und
schaltet unumschränkt in seiner Welt.

Der neue Meß-Catalog ist einer der magersten selbst für die
Michaelismesse. Die Buchhändler scheinen sich fast bloß auf
Anecdotenkram und politische Kannegießereyen einlaßen zu wollen.

Bey Herrn von Burgsdorf und seinen unvergeßlichen Nachbarinnen erhalten
Sie unser Andenken. Die Meinigen empfehlen sich Ihnen bestens.

    _Körner_.


                                  II.

    _Dresden_, am 23. Jan. 1814.

Die übersendeten Bücher und Musikalien, theuerster Freund, habe ich
richtig erhalten. Der Farqhuar ist mir sehr lieb, da ich längst mit ihm
genauer bekannt zu werden wünschte, ob er wohl in seiner zügellosen
Manier sich eigentlich unter honetten Leuten nicht sehen lassen darf.
Ich habe aber jetzt sogar Amtshalber eine wahre Sehnsucht nach dem
Ächtkomischen. Man hat mir eine Aufsicht über das hiesige deutsche
Theater aufgetragen, und das Geschäft ist nicht undankbar, da ich
mehr Eifer bey den Schauspielern und mehr Empfänglichkeit bey dem
jetzigen Publikum wahrnehme, als ich erwartete. Mein Wunsch ist nach
und nach den „nassen Jammer“ von dem hiesigen Theater zu verdrängen,
und das Publikum nach und nach an eigentlichen Kunstgenuß zu gewöhnen.
An Tragödien fehlt es uns nicht, aber gute Lustspiele sind äußerst
selten. Inmittelst müssen sogenannte Spektakelstücke, Zaubereyen und
dergleichen mit aushelfen, die mir immer lieber sind, als Ifflands
platte Moral. Vielleicht finde ich jemand, der einen Farqhuar’schen
Stoff nach dem Bedürfniß der Zeit behandelt.

Neulich war im Vorschlage, den Sommernachtstraum einzustudiren, und
das ganze Feenvolk mit Innbegriff von Oberon und Titania durch Kinder
zu besetzen. Die Idee ist gewagt, und ich möchte wissen, was Sie darzu
sagten. Wahr ist’s, daß wir jetzt einige sehr brauchbare Kinder bey dem
Theater haben.

Andere Stücke von Shakespear habe ich auch für die Zukunft ~in
petto~, und gern möchte ich mit Ihnen darüber berathschlagen. Nur
kann nicht alles auf einmal geleistet werden, da jetzt noch manche
Schwierigkeiten zu heben sind.

Der Gräfin Henriette bitte ich mich bestens zu empfehlen. Mit großer
Freude vernehme ich ihre Wiederherstellung. Von meinen Musikalien steht
ihr alles zu Diensten, was sie gebrauchen kann.

Die Meinigen lassen Ihnen viel Freundschaftliches sagen. Leider haben
wir uns in Berlin seltner gesehen, als ich gewünscht hätte. Bey
Burgsdorf bitte ich mein Andenken zu erneuern. Leben Sie recht wohl!

    _Körner_.


                                 III.

    _Berlin_, den 28. May 1816.

Es freut mich, daß ich im Stande gewesen bin Ihren Wunsch, so viel
den Waston betrifft, zu erfüllen. Dieß Werk war in der Partheyischen
Bibliothek, und ich konnte es Ihnen daher verschaffen. Von den andren
Schriften aber, die Sie erwähnen, habe ich keine gefunden. Massingers
Werke besaß der Hauptmann von Blankenburg in Leipzig, der die Zusätze
zu Sulzers Theorie geliefert hat, aber ich weiß nicht wohin sie nach
seinem Tode gekommen sind.

Im Meß-Catalogus finde ich unter den künftig zu erwartenden Schriften
ein altdeutsches Theater von Ihnen in sechs Bänden aufgeführt. Sind
dieß eigne dramatische Arbeiten oder Bearbeitungen fremder ältern
Produkte? Ich erinnere mich aus einem Gespräche mit Ihnen, daß Sie
geneigt waren, Stoffe aus der deutschen Geschichte dramatisch zu
behandeln. Nur hätte ich geglaubt, daß diese Dramen nach und nach
einzeln erscheinen würden.

Hier haben kürzlich Wolff und seine Frau aus Weimar Romeo und
Julie nach Göthens Bearbeitung gegeben. In beyden bemerkt man viel
Studium und Göthens Schule, der auf das Plastische, die Ruhe und den
Totaleindruck der Darstellung den vorzüglichen Werth legt. Ein Theil
des hiesigen Publikums kann sich hieran noch nicht gewöhnen, und die
ganz Ungebildeten verlangen jüngere Gesichter für diese beyden Rollen.
Indessen hatten sie unter den Anwesenden die Mehrheit für sich und
wurden herausgerufen.

Meine Frau und Schwägerin sind wohl und lassen Ihnen viel
Freundschaftliches sagen. Bey uns allen ist der Wunsch recht wieder
rege geworden, einmal wieder von Ihnen etwas aus dem Shakesp. zu hören.

Leben Sie recht wohl!

    _Körner_.



Koester, Hans.


    Geb. in Mecklenburg-Schwerin; seit seiner Verheirathung ganz in
    Preußen, zuerst in Breslau, dann auf seinem Landgute, später in
    Berlin, jetzt in Weimar lebend. Die Bühnen beider Städte haben
    mehrere seiner dramatischen Dichtungen zur Aufführung gebracht.

    K.’s poetische Thätigkeit war immer auf große Vorwürfe gerichtet,
    wie schon die Titel der Stücke: Conradin -- Maria Stuart -- Lucia
    Amadei -- Ulrich von Hutten -- Hermann der Cherusker -- der
    große Kurfürst &c. bekunden. In neuerer Zeit scheint er sich der
    Erzählung zuwenden zu wollen, wofür er mit dem in Tieck’scher
    Novellenform gehaltenen Buche: „Lieben und Leiden“ einen schönen
    Beruf entwickelt.

    Von seiner Zuschrift an T., welche durch ihre klare und sichere
    Weltanschauung bei einem Jüngling, wie er damals gewesen, gewiß
    frappiren darf, haben wir uns genöthiget gesehen, beinah die
    Hälfte wegzulassen, weil sich in derselben, mit allerdings
    recht interessanten litterarischen Notizen, Familiennachrichten
    verbanden, zu deren Veröffentlichung wir uns nicht berechtiget
    glaubten.


    _Paris_, 7. September 1841.

    _Hochwohlgeborner,
    Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Sie erlaubten mir bei meinem Abschiede von Baden, Ihnen fernere
Nachrichten von mir geben zu dürfen; es war mir der frohste Trost,
den die trübe Stunde überhaupt bieten konnte. Die Abreise des Königs
nach Schlesien führt Sie gewiß bald nach Dresden zurück; -- so bin
ich denn vorschneller da, als ich vielleicht sollte; wenn es mich
nicht mit ganzer Seele zum Schreibtische zöge, gewiß, ich würde Sie
nicht belästigen! Sie glauben nicht, mit welcher Gewalt gerade mein
Aufenthalt in Paris die Erinnerung vergangener Zeit in mir zurückruft.
Das Gewühl, welches mich umgiebt, greift oft so betäubend in meine
Sinne ein, daß ich fast glauben muß, ich sei erst hier zur Wirklichkeit
erwacht und habe sonst nur in der Stille meiner Träumereien gelebt.
So gehe ich fremd dem Lande, fremd den Menschen, umher und suche
voller Sehnsucht alles auf, was mich auf Augenblicke wenigstens die
Leere und Unbehaglichkeit der Gegenwart vergessen läßt. -- Ich ging
ungerne nach Paris und meine Ahnung hat mich nicht betrogen; mein
hiesiger Aufenthalt ist kaum etwas anderes für mich, als eine lange,
lange Sprachstunde. Das hiesige Leben entbehrt gewiß nicht großartiger
Elemente und es liegt wohl nur in meiner jetzigen Stimmung, daß ich
nicht geschickt bin, sie mit Gerechtigkeit aufzufassen und zu würdigen.
Wie überall, so auch hier ein ruhloses Ringen und Jagen nach einer
mehr oder minder wohlhäbigen Existenz; nur scheint es mir hier mehr
hervorzutreten, als in irgend einem Lande, wo ich bisher war. Die
Franzosen nennen es „Fortschreiten der Civilisation;“ mir scheint
der Ausdruck verfehlt. Wenn Civilisation Geld und Genuß im Gelde und
durch das Geld ist, so schreitet man allerdings in Frankreich fort; --
giebt es aber eine Civilisation ohne jene Vorzüge der Frömmigkeit, der
bürgerlichen Tugenden, der Vaterlandsliebe? muß das alleinige Vorwiegen
des Interesses nicht die Völker in eine Barbarei zurückführen, die wohl
wilder und gefühlloser sein dürfte, als die mittelalterliche, die man
so gerne im Munde führt? Wenn man untersucht, wo denn eigentlich die
Keime der Revolutionen in Frankreich stecken, so kommen wir in neuerer
Zeit gewiß mehr auf selbstsüchtige, als auf politische Gründe; sie
finden sich im Ganzen nur in der Klasse, die mit ihrer gegenwärtigen
Existenz unzufrieden ist; -- von jener Treue der Meinung aber, von
wahrer Gesinnung, die in der Überzeugung wurzelt und ohne egoistische
Rücksicht nur für diese strebt, kann ein für allemal nicht die Rede
sein. Es ist Schade, daß der tüchtige Kern, den das Volk noch immer
in sich trägt, nicht besser genährt und gepflegt wird; es fehlt den
Franzosen nicht an einem gewissen Edelmuthe, an einer Aufopferung,
die zu großen Dingen geschickt macht; Napoleon aber hat diesen
Nationalvorzügen in der ~gloire~ eine für die Ruhe von ganz Europa
gefährliche Richtung gegeben und so die Zeit der Selbsterkenntniß
in eine Ferne gerückt, die allein die harten Lehren der Geschichte
vermindern können, unter deren Gewichte Frankreich jetzt schon lange
seufzt.

Mit der neuern Kunst scheint es hier zu gehen, wie in Italien; man
dient der Mode, weil man zu keinem selbstständigen Geschmack kommen
kann. Die letzten Anlagen reihen sich im buntesten Wechsel des Stils
an einander; der Concordienplatz übertrifft darin selbst noch die
Münchner Mustercharte. Jetzt ist das Griechische an der Tagesordnung,
vor einigen Jahren glaubte man gothisch zu bauen. Von wahrer Liebe
zur Sache, von jener ernsten und innigen Durchführung, die uns bei
mittelalterlichen Bauten so begeisternd hinreißt, findet man keine
Spur. Ich war oft beim ersten Anblick von dem Umfang und von der Pracht
der neuern Anlagen überrascht; wenn man aber anfängt sich in sie
hineinzudenken, so wird man nur zu bald seine Täuschung gewahr; sie
gleichen jenen Menschen, die viel und mancherlei gelernt haben, ohne
etwas zu wissen: -- alles ist leidiger Effect ohne inneres Bewußtsein.
Der Architect hat Riß und Anschlag gemacht, die Entrepreneurs ihre
Pflicht nach dem Buchstaben des Contractes erfüllt; -- wie soll uns das
aber Hingebung abgewinnen, was ohne Hingebung aufgefaßt und ausgeführt
ist? --

Ich besuche ziemlich regelmäßig die Theater, besonders das ~theâtre
français~. Beim Drama kommt mir Ihre Kritik der Georges -- ich
weiß nicht, ob ich den Namen recht schreibe -- nicht aus dem Sinne.
Ich glaube kaum, daß Talma der sogenannten classischen Tragödie
einen sonderlichen Dienst geleistet hat, indem er Puder und Perrücke
verdrängte; der Zopf ist geblieben, ob er nun vorne oder hinten hängt,
ist am Ende einerlei; -- man muß den Fleiß und die Schule bewundern,
das Ganze bleibt am Ende aber doch nur eine Caricature der lieben
Menschheit. -- Das Lustspiel hingegen hat mich wahrhaft erfreut. Man
darf freilich in den neuern Producten keine Poesie suchen, die kalte
Frivolität der Salons aber versteht man in der That vortrefflich
nachzuahmen. Und wie gut sprechen die Leute! trotz meiner mangelhaften
Kenntniß der Sprache, entgeht mir wenig; den Franzosen mag es in
Deutschland nicht so gut werden. -- Dann der Reichthum des Repertoirs
auf dem ~theâtre français~; -- ich sah während meines Hierseins
vieles von Corneille, Racine und Voltaire und fast sämmtliche Stücke
von Molière. Dabei spielte man nicht vor leerem Hause, wie es bei uns
zu sein pflegt, wenn man die Meisterwerke unserer Dichter aufführt;
-- um einen Platz im Parterre zu erhalten, muß man queue machen und
die Ränge sind meistentheils vollständig besetzt. Der Vorwurf der
Veränderlichkeit, den wir den Franzosen so gerne machen, möchte
wenigstens in dieser Beziehung auf uns zurückfallen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich empfehle mich viel tausendmal der Gräfin Finkenstein und Ihrer
Fräulein Tochter. Ich habe Ihnen ohne Umschweife mein ganzes Herz
ausgeschüttet, verehrter Herr Hofrath; Ihre Güte hat mich verwöhnt und
man glaubt so gerne Rechte zu haben, wo man sein Herz hat! -- Mit den
innigsten Wünschen für Ihr Wohlsein, mit warmer Verehrung

    Ew. Hochwohlgeboren

    ganz gehorsamster

    _Hans Koester_.

    Rue St. Pierre Mont-Martre 15.



                                Koreff.


    Ein Musenjünger, ein „Serapionsbruder;“ ein Mediciner, Mann der
    positiven Wissenschaft, und nichts desto weniger Magnetiseur;
    einflußreicher Leibarzt des Staatskanzlers Fürsten Hardenberg; nach
    dessen Tode in Paris heimisch geworden, und dort wie zu Hause; ein
    wahrer Allerweltsmann stellt sich zu Tieck’s Festtage mit wenigen
    Zeilen ein, die mailich duften. Worin das von ihnen begleitete
    Geburtstaggeschenk bestanden haben könnte, ließ sich nicht errathen.


    _Dresden_, 31. Mai 1822.

    _Mein hochverehrter Freund!_

Ihr heutiger Morgen war voll Blüthen und reizenden Gestalten. Vergönnen
Sie es Ihrem Freunde, daß er die heitre Wassergöttin beschwöre, auch
Ihren Abend und Ihr schon in Schlummer getauchtes Augenlied mit dem
Zauber der Schönheit zu berühren. So möge dies auch zum Symbol meinem
Wunsche dienen, daß es keiner Tageszeit im Leben des Musen-Lieblings an
Blüthen und erquickender Schönheit fehlen dürfe.

    Ihr

    _Koreff_.



Kratter, Franz.


    Geb. 1758 zu Oberndorf am Lech, Kassierer in Lemberg, -- Sekretair
    in Wien, -- Direktor des Theaters in Lemberg, -- Gutsbesitzer --
    gestorben...?

    Der Augarten, Gedicht. -- Der junge Maler am Hofe. -- Das
    Schleifermädchen aus Schwaben, Romane.

    Über seine dramatischen Arbeiten dürfen wir billig schweigen, da
    der Leser durch den Autor im nachstehenden Briefe genügend davon
    unterrichtet wird. Der Brief hat wirklich um seiner Form willen
    wenig Anspruch auf öffentliche Mittheilung zu machen, und wäre die
    darin enthaltene Bitte an irgend einen andern Menschen gerichtet,
    so wäre gar nichts Besonderes dabei.

    Daß aber Herr Kratter sich mit seinem Ansuchen zu Tieck wendet,
    übersteigt die Grenzen kindlicher Naivetät. _Ludwig Tieck_
    soll ihm einen Verleger für alte, längst von den Brettern
    verschwundene Dramen auftreiben, die gerade von den Kritikern,
    zu denen sich damals T. so heftig gesellte, ohne Erbarmen und
    Schonung perhorrescirt worden sind? Es wäre zum Todlachen -- wär’s
    nicht zugleich wahrhaft rührend! Man erinnere sich nur des A. W.
    Schlegel’schen Sonettes aus der „Triumph- und Ehren-Pforte“ für den
    aus Sibirien zurückkehrenden „Theaterpräsidenten:“

    „&c. Und wie ein Jeder kann, so fei’r’ ihn Jeder:
      _Du kratz’ das Herz mit Höllenfratzen Kratter_,
      Du siede neue Zauberinnen Zschokke,
      Du lass’ die Bestien tanzen Schikaneder!“

    Was ihm wohl Tieck geantwortet haben mag? -- Je nun, wir denken,
    das ist leicht errathen. Gar nichts!


    _Lemberg_, den 16ten April 1829.

    _Hochzuverehrender Herr!_

Einer der vorzüglichsten Verehrer Ihrer litterarischen Verdienste ist
so frei, aus dem fernen Norden Ihre Güte in Anspruch zu nehmen. Man hat
mir so viel Rühmliches von der Humanität Ihres Charakters gesagt, daß
ich kein Bedenken trage, mich mit einer Bitte an Sie zu wenden, deren
gefällige Gewährung für mich von großer Bedeutung wäre.

Der Buchhändler Wallishauser in Wien übernahm den Verlag der Ausgabe
meiner sämmtlichen dramatischen Arbeiten. Allein die Wienerzensur
verboth von den ersten sechs zum Drucke eingesendeten Schauspielen zwei
der Interessantesten, und verstümmelte die Übrigen so unbarmherzig,
daß sie mir diese Ausgabe in den Östreichischen Staaten platterdings
unmöglich machte. Da diese Schriften durchaus reine Moralität zum
Zwecke haben, so ist mir die zwecklos übertriebene Strenge dieser
Zensur unerklärbar.

Da ich seit vielen Jahren nichts in den Druck gegeben habe, so sind
alle meine litterarischen Verhältnisse mit dem Auslande nach und nach
gänzlich erloschen. Ich wage es daher, Sie in meiner Angelegenheit um
Ihren gütigen Beistand zu bitten. Ihre vielfältigen Verhältnisse würden
es meiner Meinung nach Ihnen nicht schwer machen, mich in Hinsicht
des Verlages besagter Schriften mit irgend einer soliden Buchhandlung
in Verbindung zu bringen. Deuten Sie mir es nicht ungütig, wenn ich
mich dann unterfange, Ihre Bemühung im Falle eines guten Erfolges
erkenntlich zu honoriren.

Verzeichniß der zum Drucke fertigen Schauspiele.

    1. _Der Weise im Unglück._ Sch. in 5 A. von der Zensur
    verbothen. Ob es gleich vor vielen Jahren unter dem Titel: Der
    Vizekanzler auf dem K. K. Hoftheater sehr oft mit grossem Beifall
    gegeben worden ist. Als eine jugendliche Arbeit verwarf ich es
    nun, und gründete auf den sehr anziehenden Stoff ein ganz neues
    Schauspiel unter der obigen Benennung.

    2. _Das Mädchen von Marienburg_, ein fürstliches
    Familiengemählde in 5 A. nach der neuen Verbesserung von der Zensur
    verbothen, nachdem es auf dem K. K. Hoftheater mehr denn hundertmal
    dargestellt worden ist.

    3. _Die Pflegesöhne_, ein Trauerspiel in 5 A. Noch ungedruckt.
    In Jamben. Es war mehrere Jahre hindurch auf dem K. K. Hoftheater
    ein Repertoirstück. Ich glaube nun, daß es durch eine fleissige
    Umarbeitung an Werth gewonnen habe.

    4. _Athenais_, Sch. in 5 A. in Jamben. Als ein Gegenstück zum
    Mädchen von Marienburg von nicht weniger interessantem Stoff. Es
    ist noch ungedruckt.

    5. _Der Blutzins an die Mauren._ Heroisches Sch. in 5 A. in
    Jamben, und noch ungedruckt. Aus den Zeiten, als die christlichen
    Städte in Spanien jährlich eine Anzahl Jungfrauen als Tribut an die
    Sarazenen abliefern mußten.

    6. _Bruder Franz von Paula._ Heroisches Sch. in 5 A. in
    Jamben, und noch ungedruckt. Meines Erachtens der interessanteste
    Stoff von allen meinen Schauspielen.

    7. _Die Sklavin in Surinam._ Sch. in 5 A. Zwar vor mehrern
    Jahren von Eßlinger in Frankfurt verlegt, nun aber gänzlich
    umgearbeitet.

    8. _Das Oktoberfest_, oder das Paradies des Gutsherrn.
    Ländliches Gemählde in 5 A. So eben verfaßt, und vielleicht kein
    unkräftiges Wörtchen zu unserer Zeit. Noch ungedruckt.

    9. _Die Verschwörung wider Peter den Großen._ Tr. in 5 A. Im
    Jahre 1790 von der deutschen gelehrten Gesellschaft in Manheim
    mit dem Preise gekrönt. Demungeachtet fand ich es jetzt nöthig,
    demselben durch Umarbeitung eine neue Gestalt zu geben.

    10. _Der Friede am Pruth_, Sch. in 5 A. Als Fortsetzung des
    Mädchens von Marienburg.

Die noch ungedruckten und umzuarbeitenden Stücke sind:

    1. _Sebastian der Unächte._ Tr. in 5 A. in Jamben.
    2. _Der Mohrenkönig._ Sch. in 5 A.
    3. _Appius der Dezemvir._ Tr. in 5 A. in Jamben.
    4. _Eginhard und Emma._ Sch. in 5 A.
    5. _Die Kriegskammeraden._ L. in 5 A.
    6. _Der Brautwerber._ L. in 5 A.

Sie dürften in zwei Jahren zum Drucke fertig werden.

Ich ließ diese Schriften größten Theils noch ungedruckt liegen, bis ich
theils zur wesentlichen Verbesserung, theils zur gänzlichen Umarbeitung
derselben einen von allen Geschäften freien Zeitpunkt gewinnen
würde. Dieser traf endlich vor zwei Jahren ein, und ich benützte ihn
mit besonderem Fleiß. Ich glaube daher weder Ihre gütige Verwendung
zu kompromittiren, noch von einer bescheidenen Kritik etwas Arges
fürchten zu müssen. In der Beilage sind die zum Drucke fertigen Stücke
verzeichnet.

Herr Wallishauser würde sich herbeilassen, von dem Verleger eine
bedeutende Anzahl Exemplare zu übernehmen, wenn ihm von demselben der
ausschliessende Absatz in den Österr. Staaten zugesichert würde. Gegen
auswärts gedruckte Schriften ist die Wienerzensur ziemlich nachsichtig.
Es wäre daher von ihr nichts Schlimmes in dieser Hinsicht zu besorgen.

Ich ersuche Sie um eine gefällige Antwort, indem ich mit der
geziemendsten Hochachtung die Ehre habe zu seyn

    Ihr

    ergebenster

    _Franz Kratter_,

    Gutsbesitzer.

N. Sch. Haben Sie die Güte, Ihr Schreiben bei Herrn Doktor und
Professor Maus in der grossen Armeniergasse abgeben zu lassen. --
Unangenehm ist es mir, daß der Brief nur bis zur Grenze frankirt werden
konnte.



Krause, Karl Christ. Friedr.


    Geb. den 6ten Mai 1781 zu Eisenberg im Altenburgischen, gest. in
    München am 27ten Sept. 1832.

    Sein System der Logik (1828) -- Philosophie des Rechtes (1828) --
    Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft (1829) --
    haben seinen Ruf in der gelehrten Welt begründet. Er gilt für einen
    „Philosophen von socialistischer Tendenz.“

    Sein Schreiben an Tieck bezieht sich auf mehrere Namen von
    Bedeutung. Die angedeutete Befürchtung, daß Böttiger’s Einfluß
    ihm (als Tiecks Freunde) in Hannover schaden könne, ist ein
    Anachronismus; denn 1823 waren jene kleinen Wunden, einst
    von schelmischen Krallenhieben des Katers gerissen, längst
    vernarbt, und Böttiger verkehrte ganz freundlich mit seinem
    ehemaligen Gegner.


    _Göttingen_, am 24ten September 1823.

    _Mein verehrter Freund!_

Sehr oft habe ich an Sie gedacht, und mich im Geiste mit Ihnen
beschäftiget, auch während ich auf der Reise, und bei meiner kleinen
Einrichtung in Göttingen, vielfach zerstreut war, noch mehr aber jetzt,
da ich anfange, hier heimisch zu sein. Viele unsrer Gespräche wachten
in mir wieder auf, und ich lebte die angenehmen Stunden, die ich bei
Ihnen, und in Ihrem schönen Kreise zubrachte, im Geiste wieder.

Unsere Reise beendeten wir glücklich, obgleich auf der Höhe zwischen
Nordhausen und Heiligenstadt manche Beschwerde und Gefahr zu bestehen
war. Meine arme Sophie wurde durch die Anstrengung und durch die
Beschwerde der Reise krank, und fiel endlich in ein Fieber, woraus sie
sich erst in diesen Tagen erholt.

Einige Stunden nach unsrer Ankunft in Göttingen, trat unerwartet unser
gemeinsamer Freund ~Dr.~ Thorbecke bei mir ein. Wir freuten uns
Beide des Wiedersehens; er hat sich mir seitdem als Freund erwiesen,
und ich habe ihn noch mehr lieb, als sonst; wir sehen uns jeden Abend
abwechselnd bei ihm oder bei mir. Daß Sie und Ihre Werke sehr oft der
Gegenstand unsrer Gespräche sind, und wie sehr wir uns Beide sehnen,
bei Ihnen zu sein, brauche ich Ihnen nicht zu versichern.

Ich bin Ihnen sehr dafür verpflichtet, daß Sie mich Ihrem Freunde
Ottfr. Müller empfohlen haben, den ich sehr werthschätze und liebe. Die
Aussicht auf den genaueren Umgang mit ihm, und vielleicht auf seine
Freundschaft, erheitert mir den Gedanken an die nächste Zukunft.
Er hatte sich vorgenommen, in den letzten Tagen dieses Monates nach
Dresden zu reisen, mußte aber diesen Lieblingsplan aufgeben, wegen
einer Menge Arbeiten, die er nicht aufschieben kann, und in den Ferien
kaum zu bestreiten denkt, und bedauert daher schmerzlich, es sich
versagen zu müssen, einige Tage bei Ihnen und Ihrem Familienkreise zu
verleben.

Zwei Tage nach meiner Ankunft wurde ich hier durch den Decan, Herrn
Hofrath Mitscherlich bei der Philosophischen Facultät nostrifizirt, und
die Anzeige meiner Vorlesungen kam noch in die einzeln auszugebenden
Abdrükke des deutschen Lectionsverzeichnisses, obgleich die den
Götting. gel. Anzeigen beigelegten Abdrükke schon abgezogen waren.
Vielleicht bringe ich durch Ottfr. Müllers, Thorbeckes, und einiger
anderen Gelehrten Vermittelung meine Vorlesungen über Logik und
Einleitung in die Philosophie, und über das System der Philosophie zu
Stande, -- wenn auch nur für Wenige. Kurz vor Anfang der Vorlesungen
werde ich disputiren. -- Sehr viel ist daran gelegen, daß ich dem
Herrn Minister von Arnsberg und dem Herrn Staatsrath von Hoppenstädt
in Hannover empfohlen werde. Ich habe gehört, daß bei Beiden der Herr
Hofrath Böttiger sehr viel gilt; -- dieß ist vielleicht für mich eine
sehr schlimme Vorbedeutung. Halten Sie es für gut, wenn ich deßhalb
mich an Herrn Hofrath Geißler wendete, so unterstützen Sie mich dabei
mit Ihrem Rathe, und melden mir dessen Adresse.

Mit großem Vergnügen habe ich Ihre belehrende Vorrede zu der Vorschule
zum Shakespeare gelesen, und darin manches angedeutet gefunden, was Sie
die Güte gehabt haben, mir gesprächsweise ausführlicher mitzutheilen.
Ihre Gedichte, zunächst Ihre Schilderungen auf der Reise in Italien,
erheitern und erfreun mich bei meinen ernsten Arbeiten, denn Sie waren
immer und bleiben mir der liebste deutsche Dichter.

Heute las ich den Vorbericht Tafel’s zu dem ersten Theil der von ihm
herausgegebenen Werke Swedenborg’s, der auch Ihnen in mancher Hinsicht
merkwürdig sein wird, besonders wegen der Abschätzung der verschiedenen
christlichen Kirchen, und wegen des Ganges der Gedanken und der
Gefühle, wodurch ein so wohlunterrichteter Mann, wie dieser Tafel
erscheint, dennoch ein Gläubiger an die unmittelbar göttliche Sendung
und Inspiration Swedenborg’s werden konnte.

Ich wünschte, daß der Überbringer dieses Briefes, mein Freund, der
Diaconus M. Wagner, Ihre nähere Bekanntschaft machen dürfte. Er ist
ein sehr schätzbarer Mann, von reger Empfänglichkeit für alles Wahre,
Schöne und Gute, wahrhaft fromm, von kirchlichen Vorurtheilen frei, und
hat sich durch seine Wirksamkeit als Prediger, und als der thätigste
Mitstifter der neuen Freischule, die Anerkennung eines großen Theiles
der Dresdner Bürgerschaft erworben.

Ich, meine Frau und Sophie, wir empfehlen uns hochachtungsvoll Ihnen,
Ihrer Frau Gemahlin, sowie der Frau Gräfin, und Ihren Fräulein
Töchtern, und ich bin stets mit Verehrung und Liebe

    Ihr

    ergebenster Freund

    _K. Chr. Fr. Krause_.



Krickeberg, Friederike, geb. Koch.


    Tochter des Schauspieldirektor Koch, unter dessen Leitung sie
    bei einer reisenden Truppe vergangener Zeiten, im guten Sinne
    geführt, zur beliebten Schauspielerin emporwuchs, und sich auch
    in Berlin Geltung erwarb. Eine Zeitlang hatte sie dann, mit ihrem
    Gatten, Hrn. Krickeberg, im Verein, die Direktion des Schweriner
    Theaters. Während Graf Brühl’s Intendanz ward sie Mitglied der
    Königl. Schauspiele, und behauptete, obgleich im Ganzen wenig
    beschäftigt, bis zum Tode den Rang einer durch Geist und sanfte
    Sitten bevorzugten und im geselligen Umgange hochgeschätzten
    Schauspielerin. Sie hat sich auch mit Erfolg in verschiedenen
    Umarbeitungen (nicht Übersetzungen) französischer Stücke versucht.
    Aber von Allem was sie geschrieben möchte wohl nichts zu
    vergleichen seyn, mit dem zweiten dieser Briefe; und keine Rolle,
    in welcher sie auf mehr denn sechszigjähriger Theaterlaufbahn
    Beifall erworben, kann _der_ Rolle gleich kommen, die sie
    hier bekleidet. Wir haben sehr beklagt, daß alle ihren andern
    Zuschriften an T. abhanden gekommen sind, und schieben, als Ersatz
    für das Verlorengegangene einen Tieck’schen Brief dazwischen; einen
    der wenigen, die sich für solchen Zweck ins Reine geschrieben, und
    von seiner Hand korrigirt, vorfinden.


                                  I.

    _Berlin_, d. 6ten August 1823.

Es würde eitler seyn, als erlaubt ist, wenn ich mir schmeicheln
wollte, der Name am Ende des Blattes hätte jemals so viel Interreße
für Sie gehabt, um Ihrer Erinnerung einmal wieder vorzuschweben, und
Vermeßenheit darauf einen Empfehlungsbrief zu bauen. Mein Name indeß
gehört zu Ihrer Jugend und wer möchte sich deßen erinnern wollen,
wenn Sie der Morgenröthe nicht gern gedächten, die solch einem Tage
voranging? Die Liebe einer Mutter zu dem Sohne ließ mich die Furcht
überwinden, daß Sie Blatt und Überbringer unwillig bey Seite werfen
möchten, und so steht denn, wenn Sie diese Zeilen lesen, ein junger
Mensch vor Ihnen, dem das Glück Sie von Angesicht zu sehen, wie der
Stern geleuchtet hat, der einst die Hirten führte.

Er hatte sich zum Juristen bestimmt und zwey Jahre studirt; aber der
poetische Anklang in seiner Seele, ließ dem Kopfe keinen Raum für die
trockene Wißenschaft, und er hat eine Künstlerlaufbahn eingeschlagen,
auf der ich ihn nicht ganz ohne Sorgen wandeln sehe.

Er kömmt nach Dresden, um sich von den Italienern ein Urtheil über
seine Stimme zu holen, so will es seine Lehrerin, Mad. Fischer. Mit
Freuden habe ich diese Reise veranstaltet, sie wird ihm in jedem Falle
von großem Nutzen seyn. Erlauben Sie ihm, Sie zuweilen zu sehen;
schicken Sie ihn fort, wenn er Sie stört, aber vergönnen Sie ihm das
Glück, wornach er strebt. Er wird Ihnen sagen, mit welcher Freude wir
Ihre belehrenden Kritiken studirt haben; wie uns die Kunst neu belebt
erscheint, wenn solche Männer uns mit ihrem Urtheil zur Wahrheit
führen. Mein Wirkungskreis ist beschränkt, nicht dankbar, aber ich
wollte ums Brod stricken, wenn der warme Eifer für die gute Sache in
mir erkalten könnte. Ich höre auf, um Sie nicht zu ermüden. Grüße von
unserm Freunde L. Robert bringt Ihnen Karl, und ich lasse mir es nicht
nehmen, die freundlichsten von seiner schönen Frau zu schreiben.

Frau von Varnhagen wollte selbst schreiben und das wäre ein ganz
andrer Schutzbrief für meinen Sohn gewesen. -- Sie sollten nur sehen
und hören, wie oft, mit welcher Verehrung Ihr theurer Name in diesem
achtbaren Kreise tönt, gewiß Sie würden schon um deßenwillen, den
armen kleinen Brief nicht unfreundlich ansehen, den ich so gern selbst
gebracht hätte.

Ist mirs doch als könnte ich nicht enden! Der Himmel erhalte Ihre, der
Welt so theure, unschätzbare Gesundheit, damit sie nicht den hellen
Geist trübe, der sie erleuchtet durch seinen Genius verklärt.

Mit der innigsten Verehrung empfiehlt sich Ihrer Güte

    Ihre

    ergebenste

    _Fr. Krickeberg_

    geb. Koch.


                                  II.

    _Dresden_, den 15. Mai 1835.

    =Ludw. Tieck an Friederike Krickeberg.=

Wenn ich Sie, geehrte theure Freundin, so spät mit diesen Zeilen
begrüße, so müssen Sie aus Ihrem guten liebevollen Herzen nur nicht
glauben, daß Vernachläßigung oder Vergessenheit die Ursache daran sind,
-- sondern ein unglückliches Aufschieben, ein verwöhntes Gefühl, als
wenn man wie viele hundert Jahre zu leben hätte, und zu allen guten
und nothwendigen Dingen noch die gehörige Zeit finden würde. Es gehört
zu den schönen Erinnerungen meines Lebens und meiner Jugend, daß ich
Sie, Theure, in den Jahren 1794 und 1795 so oft gesehn habe, so manches
mit Ihnen besprochen, daß Sie mir so freundlich waren. Späterhin
trennten uns Schicksale und der Wechsel des menschlichen Lebens. Mich
hat es bis jetzt sehr erfreut, daß Sie meiner so wohlwollend gedenken,
daß mein Bild nicht ganz in Ihrer Phantasie erloschen ist. Wie viel
Begebenheiten, Zeiten, Weltgeschichte liegt zwischen jetzt und jenem
Abende, als Sie mir auf Ihrem Zimmer die Briefe von Gentz und Ihre
Gefühle so vertrauend mittheilten.

Wie es gekommen, daß ich Sie im Jahre 1819 in Berlin nicht aufgesucht
habe, begreife ich jetzt selbst nicht. Meine Zeit verrann mir unter den
Fingern bei den tausend Bekanntschaften meiner Vaterstadt. Oder waren
Sie damals noch nicht in Berlin? Doch glaube ich, ja! --

Was Sie mir vor einiger Zeit von Ihrer Tochter schrieben, fiel grade
in eine Zeit, in der unser Theater überfüllt war, und es in dem Fach,
in welchem Ihre Tochter auftreten konnte, keine Lücke gab. Wo befindet
sich diese jetzt?

Hochtragische ältere Frauen, ältere Anstandsdamen, ältere Coquetten,
dies Fach ist es, welches vielleicht in einiger Zeit hier zu besetzen
sein dürfte.

Wie gern sähe, spräche ich Sie einmal wieder. Mir sind fast alle
Freunde schon dahin gegangen, mit welchen wir damals lebten, die in
jenen Tagen noch jung und rüstig waren. Dann ist es mir eine wehmüthige
Erquickung, mit jemand, der diese auch noch gekannt hat, über alle
Dahingegangenen und über die Stimmungen jener Tage so recht aus vollem
Herzen sprechen zu können. -- Kommen Sie denn nicht einmal zu uns
herüber? Vielleicht daß ich bald einmal nach Berlin gehe, wo ich dann
nicht unterlassen werde, eine alte Freundin wieder aufzusuchen. Viel
möchte ich auch von Ihnen, von Ihren ehemaligen Freunden und Bekannten
hören, die mir ganz aus dem Gesicht gekommen sind: ich denke, Sie
wissen doch noch von vielen. Gedenken Sie immer meiner mit demselben
Wohlwollen und sein Sie versichert, daß ich immer, wenn ich auch ein
sehr nachläßiger Briefsteller bin, immer bin und bleibe

    Ihr

    ergebener Freund

    _L. Tieck_.


                                 III.

    _Berlin_, d. 9ten May 1841.

Sie würden, mein sehr verehrter, nimmer vergeßner Freund, es gewiß
nicht bereuen, ein paar Minuten an mich verschwendet zu haben, wenn
Sie Zeuge der Freude gewesen wären, die mir Ihr theurer lieber Brief
brachte. Aus der Kirche zurückkehrend, wo ich das Abendmahl empfangen,
fand ich ihn, den beglückenden Gruß aus der Ferne, und mit zehnfachem
Willkommen ward er von mir begrüßt. Recht herzlichen Dank dafür! Und
welche schöne Hoffnung enthält er außerdem noch! Sie werden zu uns
kommen. Sie werden Ihre Vaterstadt wiedersehen, die so viele, so sehr
viele Ihrer Verehrer in sich faßt, wie werden wir alle uns Ihrer
Anwesenheit freuen! Und ich -- vielleicht die einzige noch lebende aus
dem jugendfrohen Kreise -- ich werde wieder jung werden.

Ja, mein theurer Freund, noch jetzt im 71ten Jahre bewahre ich lebhaft
und treu die Erinnerungen aus jener schönen Zeit -- aber sie ist
vorüber! Nicht für mich allein -- für Alle! Es ist nicht das Alter,
was mich so sprechen läßt, Sie selbst werden es finden. Welch ein
geistreiches Treiben war damals unter der jungen Welt; welch ein Kreis
junger Männer reihte sich um Sie her; welche Blüthen entfalteten sich
da, und welche Früchte reiften der litterarischen Welt entgegen! Es mag
seyn, daß ich nicht mehr in diese Welt komme, aber ich höre auch nichts
davon. Ihre Anwesenheit bey uns möchte vielleicht zeigen, was hier noch
zu finden ist, denn um Sie wird sich gewiß Alles drängen, was fähig
ist, Sie zu begreifen, zu verehren! Aber wo gerathe ich hin! Wollten
Sie denn das von mir wissen?

Sie sprachen von einer vergangenen schönen, sehr schmerzhaft theuer
bezahlten Zeit.

Sie wünschen Briefe von Gentz an mich, um sie der heutigen krittlichen
Welt zu übergeben? fodern Sie das nicht von mir! Ihnen durfte ich
Sie damals vertrauen, Sie würden sie noch heute fühlen -- aber
wer sonst? Auch diese Zeit ist vorüber; die Liebe hat ein anderes
Gewand umgehängt; die zarten Stoffe sind verweht, und ich glaube,
ein junger Mann, der jetzt solche Briefe schrieb, würde sich nicht
mehr männlich erhaben vorkommen. Die Briefe würden durch den Namen
Intereße vielleicht erregen, aber kein ehrenvolles für ihn; ich habe
den lebenden geschont, wenn er auch das ganze Leben mir zerstört, und
sollte nun des Todten Asche stören? Zudem, wer würde es beachten,
daß ein Mann der die geheimen Fäden der Staatsgeheimniße ent- und
verwirren konnte, das Herz eines armen Mädchens durch seine hinreißende
Beredtsamkeit entzückte, bethörte und -- brach? Nein mein Freund -- wie
ich mit Todesschmerzen sagte: Vergebung dem Lebenden, so sagt heute die
alte Frau mit gefalteten Händen: Friede dem Todten! Er soll nicht, wenn
er mir auf einem andern Sterne einmal begegnete, sagen: -- „Auch du?“ --

Seyn Sie mir nicht böse daß ich Ihnen abschlage, was Sie wünschen;
gewiß ich vermag es nicht. Auch nach meinem Tode soll Niemand finden,
was mir so nahe war!

Ich will aufhören, sonst muß ich befürchten, Sie geben mir nie wieder
die Erlaubniß mich mit Ihnen zu unterhalten. Wie viel hätte ich Ihnen
zu sagen, über unser künstlerisches Treiben! Aber nur Ihnen; hier
spreche ich nie darüber. Kommen Sie nur, Sie finden mich noch in voller
Aktivität; zwar bey der Invalidenkompagnie; aber noch kann ich, wenn
eine meiner Colleginnen plötzlich heiser wird, eine Rolle vom Tage
vorher, auch noch denselben übernehmen, und das will doch etwas sagen,
wenn man 66 Jahre _auf dem Comödienzettel steht_. Wie freue
ich mich Ihnen eine Reliquie zu zeigen, einen Comödienzettel worauf
_Ekhof_ und ich stehen.

Legen Sie das Blatt nicht weg, ich schreibe kein Wort mehr! Nur meinen
nochmaligen innigen Dank für Ihren Brief, und die Bitte auch ferner
noch meiner zu gedenken; gewiß Sie würden es, wenn Sie wüßten, wie
sehr, wie über Alles Sie dadurch beglücken und ehren Ihre

    alte treue Verehrerin und Freundin

    _Fr. Krickeberg_ geb. Koch.



Küstner, Karl Theodor von.


    Ein Mann der seiner Vaterstadt Leipzig ein gutes Theater
    gegeben, und zu dessen ehrenhafter Aufrechterhaltung jahrelange,
    bedeutende Opfer gebracht, hätte ein besseres Schicksal
    verdient, als dann den Rest seines Lebens sich mit Intendanz-
    und Generalintendanz-Mühen komplicirter Hofbühnen abzumartern,
    und bei allem Fleiß und redlichstem Wollen auf die Länge von
    Niemand Dank einzuerndten. Die theuer bezahlten, schwererworbenen
    Erfahrungen eines selbstständigen Privatunternehmers konnten
    unmöglich zu durchgreifender Anwendung gelangen, wo so mannichfach
    sich durchkreuzende Interessen Rücksichten über Rücksichten
    gebieten, und wo Jeder, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, offne
    oder versteckte Gegnerschaft übt. Aber das alte Sprüchwort sagt:
    „der Mensch ist seines Schicksal’s Schmied,“ und hat nun der
    großmüthige, für Poesie und wahre Kunst unermüdlich wirksame
    Leipziger Theaterdirektor, sich auf Münchener und Berliner Ambosen,
    Rang, Titel und Orden zu schmieden den Drang gefühlt, so mußte er’s
    auch hinnehmen, daß er sich an der, von so vielseitigen Blasebälgen
    angeströmten Gluth mancherlei Brandwunden holte. Sie sind verheilt;
    und er darf, in hohen Jahren, sich an dem Bewußtsein laben, daß
    kein gerechter und vom Theaterwesen unterrichteter Mensch, an
    seinem unausgesetzten Bestreben für’s Beste der ihm untergebenen
    Bühnen zweifelt.


    _München_, den 10ten Juni 1841.

Da ich höre, daß Sie, hochgeehrtester Herr, in unserer Nähe sind,
kann ich nicht unterlassen diese Zeilen an Sie zu richten. Als ich
im vorigen Herbste von Dresden zurückkehrte, gedachte ich gegen S.
Majestät den König Ihrer und unserer Gespräches über Ihre Anherokunft
nach München, wobei S. Maj. äußerten, daß Dieselben Sie mit Vergnügen
hier sehen würden. Führt Sie vielleicht Ihr Weg von Baden nach München?

Ich muß jedoch dabei bemerken, daß wenn Sie S. Maj. treffen wollen,
dieß vor dem 10ten Juli geschehen müßte, indem der König an diesem Tage
von hier abreiset.

Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen meine innigste Theilnahme an
dem Schlimmen -- und Guten zu bezeigen, das Sie erfahren haben. Schwer
war der Verlust einer lieben vortrefflichen Tochter und geistreichen
Gehülfin; -- gerecht die Huldigung dreier deutscher Könige, die sie
dem Lieblingskinde der Poesie darbrachten! Ehrend für die Geber, den
Empfänger, die deutsche Nation!

Möchte Ihnen Baden Tröstung und Stärkung, so wie der spätere Aufenthalt
in Potsdam Zerstreuung und Freude gewähren! Dieß wünscht von ganzem
Herzen

    einer Ihrer innigsten Verehrer

    _K. Th. v. Küstner_,

    ~K. Bair. Hoftheater-Intendant~.



Laube, Heinrich.


    Geb. am 18ten Sept. 1806 zu Sprottau.

    Als er nachstehende Blätter -- (zwei Briefe, und das Bruchstück
    eines dritten) -- an Tieck sendete, lag eine ganze Reihe
    erzählender Werke: Das junge Europa -- Liebesbriefe -- Die
    Schauspielerin -- Das Glück -- Reisenovellen -- Moderne
    Charakteristiken -- Französische Lustschlösser -- Die Bandomire
    -- Der Prätendent -- Gräfin Chateaubriand &c. schon hinter ihm,
    und er war, den Monaldeschi beginnend, eben „mit vollen Segeln an
    die Bühne gegangen.“ Dadurch werden diese Briefe sehr interessant.
    Sie schildern in frischen Farben die mancherlei Nöthe, ja Kämpfe,
    welche der Theaterdichter, bevor er festen Fuß auf den Brettern
    gefaßt, zu überstehen hat. Deshalb auch fügen wir (unter Nr. IV.)
    ein Schreiben bei, welches nicht an Tieck, sondern an den Dresdener
    Hoftheater-Intendanten gerichtet, von Ersterem aber, als hierher
    gehörig, aufbewahrt worden ist.

    Wie mag dem dramaturgischen Direktor des k. k. Hofburgtheaters,
    dem würdigen Nachfolger Schreyvogels, jetzt manchmal zu Muthe
    sein, wenn aus allen Gauen, wo deutsch gesprochen und geschrieben
    wird, ihm die Erstlinge dramatischer Muse, begleitet von
    hoffnungsathmenden, eindringlichen Gesuchen zugehen? Ob er da,
    und mit welchen Empfindungen, des Heinrich Laube gedenkt, der
    ähnliche Begleitschreiben _seinen_ Erstlingen mit auf den Weg
    gab? Sie blieben allerdings nicht lange Erstlinge. Monaldeschi
    -- Rokoko -- Die Bernsteinhexe -- Struensee -- Gottsched und
    Gellert -- Die Karlsschüler -- Prinz Friedrich -- reichten eines
    dem andern die Hand. Und wenn gleich Laube, seitdem er selbst
    Lenker des Burgtheaters ist, seine Gewalt meistens gebraucht,
    Anderer Versuche fördernd zu stützen, so zeigte er doch durch Essex
    -- Montrose -- u. s. w., daß er von Arbeiten überhäuft, eigene
    Produktionskraft als Dichter zu bewahren versteht. Das ist viel,
    doch läßt es sich mit seinem Amte als vereinbar erklären. Wie es
    ihm jedoch möglich wurde, an letzteres solch’ beispiellosen, bis in
    die kleinsten Details der Scenenproben reichenden Fleiß zu setzen,
    und _daneben_ einen umfassenden historischen Roman: „Der
    dreißigjährige Krieg“ zu schreiben... das ist _sein_ Geheimniß.


                                  I.

    _Leipzig_, Sylvesterabend.

Erlauben Sie, hochgeehrter Herr, daß ich Ihnen, glückwünschend zum
neuen Jahre, meine Freude ausdrücke über das nachsichtige Urtheil,
welches Sie meinem Rokoko haben angedeihen lassen. Möchten Sie ihm
auch zum Geleit auf die Bühne Ihre hilfreiche Hand nicht versagen,
und den von Ihnen weniger günstig angesehenen Monaldeschi an solcher
Hilfe Theil nehmen lassen. Vielleicht gelänge es mir häufiger, mit
dramatischer Arbeit Ihren Beifall zu gewinnen, wenn wir einen großen
Mißstand mit unserm Publicum besiegt hätten. Und der ist nur langsam zu
besiegen: unser Lese-Publikum und unser Schau-Publikum sind himmelweit
von einander verschieden, und das letztere verlangt grobe Striche, um
gereizt zu werden. In den Theaterleitungen ist nicht Fleiß und Energie
genug, um einen Unterschied, der theilweise in der verschiedenen
Form begründet ist und immer bestehen wird, durch scharfe und exacte
Darstellung zu vermitteln und durch ein konsequentes System in der Wahl
auszugleichen. So müssen wir, die wir auf den Brettern Platz greifen
wollen, nach zweifacher Front hin fechten: nach unserm Lesepublicum
mit feinern Interessen, und nach dem Schaupublicum mit stärkeren
Mitteln. Hoffentlich giebt die Übung den Takt, der uns dann vor dem
Schlendrian bewahren möge. Aufgeführt zu werden ist aber allerdings
die unerläßliche Hilfe. Mann sieht erst dann, wo es fehlt. Nach bloßem
Vorlesen hab’ ich Monaldeschi um ein Viertheil gestrichen, und auch
in Rokoko kleine Breiten ausgemerzt, obwohl es bei diesem, welches
sich enger und besser um seinen Mittelpunkt bewegt, viel schwieriger
wird. Ich weiß nicht, zu welchem Resultate Sie bei Ihrer fast gleichen
Vorliebe für Shakespeare und die antike Tragödie gekommen sein mögen
im Betreff des Wunsches nach Einheit in Zeit und Raum. Ich habe in der
Praxis unabweisbar gefunden, daß die Wirkung wie die eines Schusses in
geometrischer Progression steigt, auf je geringeren Raum die Handlung
zusammengedrängt wird, und ich halte es für einen unmittelbaren
Nachtheil, daß gerade die derartige Ausschweifung in Shakespeare
_nachgeahmt_ wird. Dies eben macht meines Erachtens so viele
Talente unpraktisch, das ist in diesem Falle unwirksam. Die antike
Einheit auf Kosten aller Wahrscheinlichkeit hilft uns da freilich auch
nicht viel, aber so viel mir im Augenblicke gegenwärtig, sind die
spanischen Mantel- und Degen-Stücke eine vortreffliche Schule. Ich
weiß nicht, ob Sie diese Rücksicht überhaupt eine pedantische schelten
werden, mir ist sie eine ebenso künstlerisch nothwendige ge -- -- -- --
(Schluß fehlt.)


                                  II.

    _Leipzig_, 9. Novbr. 1842.

Ihr Erkranken, hochgeehrter Herr, hat uns in große Bestürzung und
Besorgniß versetzt. Möchten Sie diese Zeilen zunächst als einen
Ausdruck herzlicher Theilnahme und herzlicher Wünsche für Ihr Wohl
ansehn, und die literarische Behelligung, welche folgt, nur als
untergeordnete Veranlassung betrachten.

Hoffentlich ist Ihnen letztere doch von einigem Interesse, auch wenn
Sie meine damit zusammenhängende Bitte abweisen müßten.

Ich habe nämlich vor, aus der eleganten Zeitung, die ich von Neujahr
wieder übernehme, ein Journal zu machen, welches sich entschieden von
der herrschenden Phraseologie abwenden, und sich der Förderung einer
von politischen Sympathieen unabhängigen schönwissenschaftlichen
Production widmen soll. Die Tagesmaaßstäbe, die Einmischung aller
möglichen vorübergehenden Ansprüche an literarische Schöpfung richten
uns die schöpferische Literatur zu Grunde.

Dagegen will ich nicht nur kritisch ankämpfen -- denn mit Theorie
dringt man im jetzigen Lärmen aller ersinnlichen Theorien nicht durch
-- sondern ich will durch die That die Aufmerksamkeit der Nation wieder
zu sammeln suchen. Das heißt: ich will nur von zweifellosen und sich
zweifellos ankündigenden Talenten Erzählungen und Beiträge aufnehmen,
und solcherweise einen abgeschlossenen Mittelpunkt bilden. Die Noth ist
einleuchtend, und die freilich geringe Zahl unzweifelhafter Talente
unterstützt mich.

Es würde uns übel anstehn, wenn wir Ihre Hilfe nicht in Anspruch
nähmen. Möchten Sie Willens und im Stande sein, mir einen Beitrag zu
gewähren. Je bedrohter Ihre körperliche Existenz zu sein scheint,
desto wünschenswerther wird es uns, daß Sie zum Beispiele Ihr Leben
ausführlich beschrieben. Einzelne Abschnitte daraus, Berliner Jugend,
Jena, Reisen, wären uns, wenn auch nur skizzirt, ein Schatz, und was
Sie davon in dem Journale veröffentlichen, thäte dem gesammelten Buche
keinen Eintrag, wäre aber dem Zwecke des Journals, der Ihnen sicherlich
genehm ist, eine unschätzbare Lebenskraft.

Seien Sie, ich bitte sehr, von der Freundlichkeit, dies wohlwollend
in’s Auge zu fassen.

Durch Ihre Theilnahme an „Rokoko“ aufgemuntert, werde ich mir erlauben,
Ihnen den nächster Tage zur Versendung fertigen Roman von mir „Gräfin
Chateaubriant“ zu überreichen. Vielleicht lesen Sie ihn, und vielleicht
gefällt Ihnen Einiges von diesem aus dem Torso eines Stücks (Drama’s)
ausgearbeiteten Romans. Die fünf Bücher darin waren die fünf Akte; ich
wollte, es wäre eine Art „griechischen Kaiser’s“ daraus geworden.

Rokoko hat in Stuttgart, Cassel, (dort am Meisten) Mannheim gutes
Glück gemacht, und jedesmal bei der ersten Aufführung zu ungetheiltem
Beifalle überwältigt. Hinterher zeigt sich unser Publicum immer in
seiner Eigenschaft wunderlichen Tugendverlangnisses, und beschwert
sich, daß lauter „Hallunke“ (Mannheimsch) drinn seien. Ich habe
Lust, für die Berliner Aufführung dem Chevalier (der Liebhaber)
als Repräsentanten besserer Jugend noch einige Äußerungen der
Uneigennützigkeit anzuheften, weil dies dem Stück unbeschadet geschehen
kann, und dem Geschwätze einen Vorwand nimmt. Gestrichen hatte ich zu
Ihrer Unzufriedenheit und zu meiner Qual, weil unsere Schauspieler zu
langsam sprechen; in Berlin kann ich vielleicht die Striche aufheben,
aber leider zögert Herr v. Küstner auf unbegreifliche Weise mit der
Inscenesetzung. Ihnen von Herzen Gesundheit wünschend empfehle ich mich
Ihrem Wohlwollen als Ihr ergebenster

    _Laube_.


                                 III.

    _Leipzig_, 21. Oct. 1843.

Ich übersende Ihnen anbei, verehrter Herr, ein Exemplar meines neusten
Stückes, genannt „die Bernsteinhexe,“ mit der Bitte, dasselbe einer
Lectüre zu würdigen. Vielleicht finden Sie darin irgend ein Interesse,
welches Ihnen „Rokoko“ anmuthend gemacht hat, befriedigt. Daß es ein
Bühnenstück werden sollte, hat mich allerdings in Deutlichkeit, Kraft
und Nachdruck für den dämonischen Lebensstoff des Stückes vielfach
behindert: ich habe die wilden Rosse schärfer im Zügel halten müssen,
als ich, bloß für’s Lesepublikum schreibend, gethan hätte. Daß
Intendanzen wie die Dresdner vor solchem Stoffe des Todes erschrecken,
wird Ihnen nicht zweifelhaft sein, nur für Berlin, wo dies Erschrecken
nicht vorauszusetzen, fehlt es leider gar sehr an Schauspielern.
Möchten Sie doch in diesem Betracht es nicht an Aufmunterung für neue
Acquisitionen fehlen lassen: unter den jetzigen Umständen muß ich zum
Beispiele die Aufführung Rokokos immer noch zurückhalten, weil es
absolut an einem Schauspieler für den Marquis fehlt. Auch in dieser
Bernsteinhexe würde der „Wittich“ an einen leider ganz manierirten und
unerquicklich gewordenen Schauspieler, Herrn Rott, kommen müssen. Es
ist dieser Mangel an Schauspielern eine wahre Verzweiflung für uns;
denn was ließe sich sonst an einem so wichtigen Heerde wie Berlin
kochen und braten! Aufgeführt muß aber doch werden! Das Leben ist kurz
und wir müssen lernen, und lernen nur dadurch, daß wir uns aufgeführt
sehn.

Ich wünsche herzlich, daß Ihr körperliches Befinden erträglich sein
möge. Seit Sie mir gesagt -- ein schreckliches Wort! -- daß Sie
_nie_ ohne Schmerzen, ist ja dies leider der höchste Wunsch.

Von der Stoffquelle „Marie Schweidler &c.“ sprech ich Ihnen nicht, da
sie Ihnen ja sicherlich genau bekannt ist.

Mich Ihrem Wohlwollen empfehlend

    Ihr

    ergebener Diener

    ~Dr.~ _H. Laube_.


                                  IV.

    _Schloß Muskau_, d. 9. Septbr. 1841.

    _Eurer Excellenz_

wohlwollendes Schreiben an mich aus Pillnitz habe ich hier erhalten,
und danke ergebenst für den Antheil, welchen Sie dem Monaldeschi
geschenkt haben. Es war mir von allergrößtem Interesse, daß dies Stück
gerade Ihnen, Excellenz, Theilnahme abgewinne, weil mir die Aufführung
desselben auf keiner Bühne so wünschenswerth scheint, als auf der
Ihrigen. In Deutschland nämlich ist jetzt keine, welche so gute Mittel
dafür besäße, sei’s im Personale wie im Dekorativen. Emil Devrient ist
für die Titelrolle einzig. In Berlin und München hält es zum Beispiele
sehr schwer mit der Besetzung, nur Stuttgart, welches die Herbstsaison
nächsten Monat mit meinem Stück zu beginnen gedenkt, bringt eine der
Dresdner sich annähernde gute Übersetzung der Rollen in Menschen zu
Stande. Nun haben mir Excellenz zwar in Ihrem Schreiben nicht eben gar
viel Hoffnung gemacht für Annahme des Stücks von Ihrer Seite, weil
Ihnen einige Situationen bedenklich scheinen, Sie haben mir indessen
die Aussicht nicht benommen. Erlauben Sie nun, daß ich dringend um
einen geneigten Spruch bitte. Fürst Pückler, ein lebhafter Gönner des
Monaldeschi, ersucht Excellenz unbekannterweise, seine eben dahin
gerichtete Bitte mit der meinen vereinigt anzunehmen. Das Kecke in
den Situationen ist doch anderwärts für kein Hinderniß der Aufführung
erachtet worden, an einigen Orten wohl auch für eine Empfehlung des
Stücks, das Auffallende in den Ausdrücken ist zu streichen, und ich
gebe das Stück ganz und gar der Konvenienz preis, welche jede Bühne
je nach ihren Rücksichten zu nehmen hat, gut Wirksames streicht doch
keine kundige Direktion. Ew. Excellenz aber werden mir zugestehn,
daß es fast unmöglich ist, unsre brach liegende dramatische Poesie
zu fördern, wenn man an neue Stücke mit so speciellen Forderungen
ginge, daß sie um einiger kecken Situationen willen zurückgewiesen
würden. Unser Vorrath an neuen Originalstücken müßte wohl reichlicher
sein für so strenge Auswahl, als er in der That ist, und die Herren,
welche der produktiven Poesie gegenüber eine so wichtige Position
einnehmen, wie die Intendanten der besten Bühnen des Vaterlands wären
dann allerdings dem Vaterlande verantwortlich für die Aufmunterung
oder frühzeitige Verurtheilung dramatischer Schriftsteller. Eurer
Excellenz Brief sagt dem Monaldeschi zum Beispiele so viel Gutes nach,
daß man als Literarhistoriker den logischen Grund schwer herausfände,
um deswillen das Stück doch nicht gegeben würde, und ich fürchte, wenn
Excellenz nicht ein Übriges thun, so wird es eben doch nicht gegeben,
weil man sich gewöhnt hat, Theaterstücke wie diplomatische Handlungen
anzusehn, und neuen Stücken nicht nachzusehn, was man alten Stücken
unbedenklich nachsieht. Ermessen Sie Excellenz, wie niederschlagend
es auf den Autor wirkt, aus Gründen eine lange Arbeit abgewiesen zu
sehn, aus Gründen, die dem Autor fast immer unverständlich bleiben.
Ich zum Beispiele bin, den Monaldeschi schreibend, mit vollen Segeln
an die Bühne gegangen, und ich raffe ein Segel nach dem anderen ein,
und ich ziehe mich zuverlässig von einem Meere zurück, das mit so viel
Klippen der Rücksicht droht, Rücksichten, die man beim Schreiben für
den Druck nicht zu nehmen braucht, Rücksichten, die man nicht nehmen
_lernt_, weil man eben gleich von vornherein abgewiesen wird, und
nicht zur Übung kommt. Und ich kann Ew. Excellenz nicht ausdrücken,
wie schwer Einem das wird, eine Richtung aufgeben zu müssen, für die
man sich Talent zutraut, und für die Einem nun die Phantasie Pläne auf
Pläne zudrängt, desto reichlicher, je bestimmter man weiß: Du schreibst
sie doch nicht.

Finden also Excellenz, daß ich nicht Verurtheilung, sondern Ermuthigung
verdient, so seien Sie mir ein milder Richter: bei späteren Stücken
ist ein Réfus nicht so entscheidend für eine ganze Laufbahn, wie beim
ersten. Erlauben Sie mir, daß ich bei meiner Rückreise nach Leipzig in
Dresden bei Eurer Excellenz anfrage, ob ich persönlich aufwarten und
mündlich ausdrücken darf, mit welcher Ergebenheit und Achtung ich bin
und verharre

    Eurer Excellenz

    bereitwilliger Diener

    ~Dr.~ _Heinrich Laube_.



Lebrün, Karl.


    Geb. 1792 in Halberstadt, gestorben 1842 in Hamburg, wo er, nachdem
    sein Talent und seine Redlichkeit ihm die allgemeine Hochachtung
    erworben, zehn Jahre lang Mitdirektor des Stadttheaters gewesen
    und erst einige Jahre vor seinem Tode zurückgetreten ist. In
    seinem Fache unbedenklich einer der besten deutschen Schauspieler;
    dabei unterrichtet, fein gebildet, für alles Gute begeistert, an
    Gemüth wie an Verstande reich, wohlwollend und wohlthätig, das
    Muster eines Familien-Vaters in fast allen Beziehungen, unterlag
    er doch _einer_ Schwäche, und wurde dadurch sehr unglücklich.
    Er, der ordentlichste, bürgerlichste, solideste Mensch, den es
    je beim Theater gegeben, hatte sich, wie er auf dem Höhepunkt
    künstlerischen Rufes stand, daneben den Ruf der Trunksucht
    zugezogen, und es läßt sich nicht leugnen, daß mancherlei
    Ereignisse dieses traurige Gerücht bestätigten. War es doch schon
    so weit gediehen, daß er auf offener Scene taumelnd die Darstellung
    gestört und lauten Unwillen erregt hatte. Der Direktor des
    Hamburger Stadttheaters, der Kollege eines Schmidt, der Nachfolger
    Herzfeldt’s -- _Schroeders!!_ -- Man begehrte für öffentlichen
    Skandal auch öffentliche Sühne: er sollte von den Brettern Abbitte
    thun. -- Armer Lebrün! Wie muß dein Stolz sich innerlich empört
    haben gegen diese Demüthigung! -- Er unterwarf sich mit männlicher
    Entsagung. Aber wie er vor dem übervollen Hause erschien, da
    ließen sie ihn nicht zu Worte kommen; sie ersparten ihm die Buße,
    und unterbrachen schon bei den ersten Silben den Liebling mit
    lauten Zeichen des alten Wohlwollens. Die braven Hamburger, die
    immer das _Herz_ auf dem rechten Flecke haben, sie wußten
    ja, wie unschuldig Lebrün doch eigentlich an dem sei, was er
    verschuldet hatte! -- Es stand ganz eigen um diesen Mann. Klar,
    verständig, mäßig, Herr des Wortes wie des Gedankens, anmuthig
    beredt, belehrend, empfänglich, inneren Werthes bewußt und dennoch
    bescheiden, -- so zeigte er sich einem Jeden, der ihn besuchte, der
    ihm auf Geschäftswegen begegnete. Eine halbe Stunde nachher traf
    man ihn zufällig wieder.. und erkannte ihn kaum, denn er mengte
    mit schwerer Zunge leeres, breites Geschwätz durcheinander. Und
    was hatte er unterdessen begonnen? Was hatte ihn verwandelt?....
    Er hatte sich verlocken lassen, weil es neblicht und kalt war, den
    sogenannten „Apothekerschnaps“ zu nehmen. Ein kleines Gläschen...
    und er war nicht mehr er selbst. Dann kehrte er noch zwei- --
    dreimal ein... immer nur naschend, und für solchen Tag blieb er
    sich und den Freunden so gut wie verloren.

    Als er, krank und schwer leidend seinem Berufe entsagend, an’s
    Zimmer gefesselt, als die stets bewegliche Regsamkeit gelähmt
    war, da hat er kein Bedürfniß mehr gefühlt, sich durch Getränke
    zu stimuliren. In sanfter Würde, heiter bei Schmerzen, hat er die
    letzten Lebensjahre nur geistiger Thätigkeit gewidmet.

    Als dramatischer und als dramaturgischer Schriftsteller hat er
    sich mannichfache Verdienste erworben. Seine Übertragungen und
    Umarbeitungen zeugen von geläutertem Geschmack, von Kenntniß der
    Sache, von sinnigem Fleiße. Seine Original-Stücke von ungeziertem,
    kecken Humor. „Der freiwillige Landsturm“ kann für aristophanisch
    gelten, und hat ihm, wahrscheinlich eben deshalb, einige
    Gegnerschaft zugezogen.

    Tieck wußte ihn sehr zu würdigen.


                                  I.

    Hbrg., am 1. Ostertage 35.

    _Hochgeehrter Herr Hofrath_.

Mein Schwager Waymar, den Sie ja von Carlsruhe her kennen gastirt in
Dresden: wem könnte ich ihn besser empfehlen, als Ihnen. Er selber,
natürlich, muß seine Sache vor den Lampen verfechten, aber welche
Kritik könnte dem redlich aufstrebenden Talente fördersamer sein, als
die Ihrige. Gönnen Sie ihm diese.

Wie wehe that es mir, Sie am Tage der Vorstellung des „Prinzen v.
Homburg“ nicht mehr in Carlsruhe zu finden: ich hätte bei neurer
Belehrung, dafern Sie eine Austauschung der Ideen mir erlaubt hätten,
gewinnen können.

Mein guter Meyer als Churfürst hat mir viele Wunden geschlagen, und
sicher auch Ihnen. Waymar verfehlte namentlich die Actschlußscene
„Mein Vetter Friedrich will den Brutus spielen u. s. w.“ Ihre Ansicht
wird ihn aufklären, besser denn die meine. -- Der „Hohenzoller“ war
absonderlich komisch. Empfehlen Sie mich gefälligst Ihren Damen, die
einen Fremdling so liebreich aufnahmen, und streichen Sie nicht aus der
Liste Ihres Gedächtnisses

    Ihren Verehrer

    _C. Lebrün_.


                                  II.

    _Hamburg_, d. 3t. Dc. 40.

    _Hochgeehrter Herr Hofrath_.

Sie sind schon daran gewöhnt, unreife Producte zugesandt zu erhalten,
mithin kommt es Ihnen wohl auf das ~plus ou moins~ nicht mehr an.
Der Arbeit, die ich Ihrem Wohlwollen empfehle, habe ich mich mit großer
Liebe unterzogen, und kann ihr nur in sofern das Wort reden, als ich
ihre Nothwendigkeit erkannte. Der einzige, zu einer Fortsetzung der
Schütze’schen Geschichte befähigte, unser _Schmidt_, erliegt fast
der Last der Tagesgeschäfte, und Hand mußte einmal angelegt werden. So
machte ich mich daran. Ich habe schon in der Vorrede gesagt, wie ich
wünsche verbeßert zu werden. Mein Bemühen, die neuere Zeit der älteren
gegenüber zu stellen war ein gewagtes, aber ein nothwendiges. Ob meine
Ansichten Eingang finden werden und können, muß ich dahin gestellt
sein laßen. Mindestens habe ich ehrlich ausgesprochen, wie sich mir
das deutsche Theater jetzt darstellt, und von woher ich glaube, daß
seine Erkräftigung ausgehen müßte. Kann sein, daß ich irre, dann möge,
der guten Absicht wegen, das ~errare humanum est~ auch _mir_
zu Gute kommen. Haben Sie, hochgeehrter Herr Hofrath, einmal Zeit und
Lust, einen Blick in mein Büchlein zu thun, so danke ich Ihnen im
Voraus, und ersuche Sie nur, mir die Zumuthung zu vergeben. Indem ich
mich den lieben Ihren und der Frau Gräfin hochachtungsvoll empfehle,
verbleibe ich mit unwandelbarer Verehrung

    Ihr dankbarer und ergebner

    _C. Lebrün_.



Lenz, J. R. von.


    Lenz, einigen höchst achtbaren Familien in Riga blutsverwandt und
    verschwägert, hatte als junger Mann die Soldaten-Laufbahn verlassen
    und war unter dem Schauspielernamen _Kühne_ zum Theater
    gegangen. Schon auf der Breslauer Bühne erwarb er in Heldenrollen
    sich bedeutenden Ruf, und wurde sodann nach Hamburg gezogen, wo er,
    unter Herzfeldt’s und Schmidt’s, später unter Lebrüns Direktion
    lange Jahre hindurch ein allgemein beliebtes und geachtetes
    Mitglied blieb. Heroische wie humoristische Charaktere brachte er
    zu voller Geltung, excellirte jedoch in bürgerlichen Vätern. Er
    hat auch als Verfasser bühnengerechter und wirksamer Schauspiele
    (z. B. die Flucht nach Kenilworth) Ehre eingelegt. Hochbejahrt,
    und mit Pension vom Theater zurückgezogen, brachte er den Rest
    des Lebens in der Vaterstadt Riga zu, von wo aus er noch kurz vor
    seinem Tode weite Reisen durch Süddeutschland unternahm. In welchem
    _Grade_ er eigentlich mit dem alten Dichter Lenz verwandt
    gewesen? und ob er dessen Neffe war? wissen wir nicht genau zu
    sagen.

    _Hamburg_, d. 25t. Juni 1844.

    _Hochgeehrter Herr!_

Ich kann mein Versprechen, die gewünschten Bücher betreffend, leider
nur zur Hälfte erfüllen, denn trotz aller angewendeten Mühe ist es mir
nicht gelungen die Schrödersche Bearbeitung des „_Hoffmeisters_,“
von Lenz aufzufinden. In der Theaterbibliothek -- auch im Kataloge
-- fehlt sie. Wahrscheinlich hat Schröder sie in seinen Privatbesitz
genommen, und von dem Schicksal seiner hinterlassenen Manuscripte kann
ich nichts und von Niemand etwas erfahren. Lebte der Professor Mayer in
Bramstädt noch, der Depositair seiner geheimsten Papiere -- wüßte ich
mir wohl Raths zu holen. Auch in dem Lustspiel „der _Schmuck_,“
das ich das Vergnügen habe Ihnen zu übersenden, werden Sie auf einige
Verstümmelung stoßen, doch ist sie nicht so arg, daß der Zusammenhang
unerrathbar zerrißen wäre; wenigstens ist die Rolle Wegforts ganz
erhalten. Schröder hat -- wie sichtbar -- auch dieses Stück verkürzt
und bearbeitet, und die statt der gestrichenen und veränderten Stellen
hinein befestigt gewesenen Zettelchen sind leider verloren gegangen.
Ich habe indeß nicht Anstand genommen selbst dies etwas entstellte
Exemplar Ihnen zuzusenden. Sie lernen mindestens daraus die Rolle des
Wegfort kennen, und werden an meinem Eifer, Ihren Wunsch nach Kräften
zu erfüllen, nicht zweifeln. Daß diesem Wunsch nur zur Hälfte Genüge
geschieht, bedaure ich unendlich.

Mich Ihrem ferneren Wohlwollen empfehlend, habe ich die Ehre zu seyn

    Hochgeehrter Herr

    Ihr

    ergebenster

    _J. R. v. Lenz_.



Loebell, Johann Wilhelm.


    Geb. zu Berlin am 15. September 1786, gestorben zu Bonn am
    13ten Juli 1863. Er begann sein Lehramt als Historiker bei der
    Kriegsschule in Breslau, übernahm auf kurze Zeit die Redaktion
    der Brockhausischen Litteraturblätter in Leipzig, kehrte dann
    nach Breslau zurück, stieg in seiner Eigenschaft als Docent der
    Geschichte zum Professor höherer Militair-Unterrichtsanstalten
    in Berlin, und wurde von dort im Jahre 1831 als ordentlicher
    Professor an die Universität in Bonn berufen, wo er zweiunddreißig
    Jahre hindurch lehrte, und ohne sich peinlich an sein Hauptfach zu
    binden, auch außerhalb der akademischen Hörsäle für litterarische
    und poetische Bildung in großen Kreisen von segensreichem
    Einflusse war. Die mehrmalige Be- und Umarbeitung der Becker’schen
    Weltgeschichte hat seinen Namen und seine Verdienste weitaus
    verbreitet. -- Sein eigenstes historisches Hauptwerk ist die
    gelehrte Schrift über „Gregor von Tours und seine Zeit,“ welche ihm
    auch vielfache Anerkennung französischer Historiker gewann.

    Wie sein intimes Verhältniß zu Tieck nach und nach entstand, zeigen
    die (verhältnißmäßig) wenigen Briefe, die wir aus überreichem
    Vorrathe wählten. Wir dürfen nicht verschweigen, daß wir uns
    genöthiget gesehen, viele zu unterschlagen, die wahrscheinlich
    höheres Interesse geboten hätten -- lediglich aus leidigen
    Rücksichten auf Verhältnisse und noch lebende Personen. Wir
    gestehen das ein, mit einem schweren Seufzer über die von so
    unzähligen Vorsichtsmaßregeln und Besorgnissen behinderte Ausübung
    dieser -- voreilig übernommenen, im ersten Anlaufe nicht für so
    schwierig gehaltenen -- Redaktion.

    Das letzte Schreiben, welches sich überhaupt vorfand, datirt
    vom November 1846. -- Ein kurzes, aber tief eingehendes, fast
    erschöpfendes Wort von _ihm über_ Tieck, findet sich als
    Anhang zu _Rud. Köpke’s_ biographischem Werke unter der
    Aufschrift: „Geheimer Rath Loebell in Bonn an den Verfasser.“


                                  I.

    _Breslau_, den 30. Januar 1822.

Schwerlich werden Sie sich noch eines Mannes erinnern, dem es im
Herbste 1810 in Heidelberg verstattet war, einige Worte mit Ihnen zu
wechseln. Stets hegte ich seitdem den Wunsch, Ihnen einmal wieder
nahe zu kommen, oder Ihnen doch die ungemeine Achtung und Verehrung,
die ich gegen Sie hege, durch irgend etwas bezeigen zu können. Um dem
lezteren Verlangen endlich zu genügen, wage ich es Ihnen beyfolgende
Kleinigkeit zu senden. Der Inhalt gehört freilich größtentheils den
engen Schulwänden an, keinesweges den freyen Lusträumen, in welchen
die Poesie sich bewegt. Nur der darin lebhaft ausgesprochene Wunsch,
daß die deutsche Poesie und Litteratur den höheren Bildungsanstalten
künftig nicht so fern bleiben möge als bisher, mag es einigermaßen
entschuldigen, wenn das Schriftchen den Weg zu demjenigen Dichter
sucht, zu dem sich sein Verfasser mehr als zu irgend einem der lebenden
hingezogen fühlt.

Mit dem Gefühle inniger Verehrung

    ~Dr.~ _Loebell_.


                                  II.

    _Leipzig_, den 24. August 1822.

    _Verehrtester Herr und Freund!_

Das Conversations-Blatt und Ihr Versprechen einen Aufsatz für dasselbe
einzusenden haben Sie wahrscheinlich mit einander vergessen, und
obschon ich kaum hoffe, Sie durch eine erneuerte Bitte zur Erfüllung
jenes Versprechens zu bewegen: so kann ich es mir doch nicht versagen,
Sie einmal zu erinnern, da es mir das Vergnügen verschafft, Ihnen
schreiben zu können. Und weil ich denn einmal im Erinnern bin: so
nehmen Sie es mir nicht übel, wenn auch ich Sie an die Einlösung
der großen Schuldbriefe, die Sie an Mit- und Nachwelt ausgestellt
haben, mahne. Denn jeder sollte es thun, der Sinn für das Große in
der Litteratur hat. Was andere sich vorzüglich auslesen mögen, weiß
ich nicht: mir würde das Werk über Shakespear über Alles gehen, da
ich glaube, daß, wenn es von Ihnen ungeschrieben bleibt, Jahrhunderte
vergehen werden, ehe alles dazu Erforderliche sich wieder auf diese
Weise in eines Menschen Geist vereinigt. Und außer dem, was wir
Reales daraus lernten -- wenn irgend etwas unsere matt gewordene
Kritik wieder erfrischen kann: so wäre es ein Werk wie dieses. Dazu
kommt, daß Sie, als ein Überreicher, mit Ihren Schätzen so wenig
haushalten, daß die armen Gesellen, die umher stehen, gierig nach
den Brosamen haschen, die von Ihrem Tische fallen. So hat Franz Horn
neulich im Conversationsblatt, als Probe herauszugebender Vorlesungen
über Shakespear einen Aufsatz über Macbeth abdrucken lassen, dessen
Hauptgedanken, freilich auf seine Weise dargestellt, er Ihnen zu
danken hat; dabey unterläßt er aber natürlich nicht, ausdrücklich zu
versichern, daß er ihm gehöre. Ohne Zweifel wird er noch manches andere
erhorcht haben und sich damit auf dieselbe Weise schmücken. Wollen
Sie dulden, daß ein Theil Ihres Besitzthums auf solche Art verzettelt
wird? daß Ihr Gold in zusammengeflickte Gewänder eingewebt werde?
Erheben Sie sich doch in Ihrer Kraft und machen Sie solche Gesellen
schamroth! Bringen Sie doch Niemanden mehr zu der Klage jenes Schäfers
bey Lessing, der die Frösche nur hörte, weil die Nachtigall schwieg.

Sollte ich in einen Ton gefallen seyn, der mir, Ihnen gegenüber, nicht
ganz ziemt -- verzeihen Sie es der Sache. Ein Schüler ist seinem
Meister nie ganz fremd, und wie viel ich in meiner Bildung Ihnen zu
verdanken habe, kann ich mit Worten kaum ausdrücken. Leben Sie wohl.

    Ihr

    ergebenster

    _Loebell_.


                                 III.

    _Berlin_, den 9ten Mai 1828.

Theurer Freund, schon lange habe ich einige Zeilen an Sie gelangen
lassen wollen, um mich wenigstens des Nichtschreibens wegen bei Ihnen
zu entschuldigen, da ich aber von Tage zu Tage hoffte, mehr schreiben
zu können, so ist es unterblieben. Wenn Sie mein langes Stillschweigen
nur nicht als eine Vernachläßigung gedeutet haben, die ich mir nicht
verzeihen würde. An dem Tage nach Raumers Abreise zu Ihnen wurde ich
krank, das Übel gestaltete sich zur Gelbsucht, die mich an drei Wochen
zu einer gänzlichen Unthätigkeit zwang. Als es besser ward, sah ich mit
Schrecken, wie sich die Arbeit nun gehäuft hatte, denn die ersten drei
Bände der Weltgeschichte sollten zur Messe fertig seyn, und es war noch
so viel daran zu thun. Dazu die Stunden, die Nothwendigkeit einiger
Erholung und Bewegung; es war in der That nicht möglich zu einem Briefe
zu kommen, so ungern ich es mir auch versagte, Ihnen für den Ihrigen
und für die Vorrede zu danken. Was ich bei jener Krankheit am meisten
bedaure, ist, daß sie mich zwingen wird, meine kurzen Ferien hier zum
Gebrauche eines Mineralwassers zu verwenden, und somit die Hoffnung,
Sie in diesem Sommer auf einige Tage zu genießen, sehr schwach ist.
Übrigens höre ich, Sie wollen nach Baden gehen, und da würde die Zeit
wol nicht einmal zugetroffen haben. Schreiben Sie mir doch aber lieber
genau, wann Sie fortreisen und wann Sie zurückzukommen gedenken.

Mich über Ihre Vorrede so auszusprechen, wie ich es gern möchte und
sollte, wird mir schwer. Aber kaum kann es anders seyn bei einem Werk,
welches so manche eigne Gedanken bestätigt, aber auch erst zur Klarheit
bringt, dann so viel Neues aufschießen läßt, und so viel zu denken
giebt. Die Mitte zwischen der in unserm eignen Gemüthe liegenden
Basis zu einem solchen Gedankenwerk, und diesem uns von einem andern
Geiste dargereichten Werke selbst, ist eine unendliche, und wir müssen
tief in unser eignes Selbst schauen und steigen, um sie recht zu
erkennen und festzuhalten, und doch ist sie die nothwendige Bedingung
zu einem activen, praktischen Verständniß, welches ich im möglichst
prägnanten Sinne meine. Gegen Ihre Darstellung scheint mir Alles,
was bisher über das Verhältniß Göthes zu alter Poesie und Litteratur
gesagt ist, oberflächlich, und dieses Gefühl erstreckt sich denn bald
auf die ganze Litteratur. Mit dieser Leuchte muß man überall Schätze
graben. Man kannte bisher, meine ich, nur den Gegensatz zwischen dem
schmiegsamen Talente, sich die Form und den Gegenstand anzubilden ohne
schöpferische Originalität, und der formlos ringenden Kraft, welcher
sich dann in der Durchdringung von Stoff und Form aufhebt und lös’t,
aber dieser von Ihnen aufgestellte Gegensatz zwischen _der_ Form,
die in kunstvoller Vollendung von dem Geiste gebohren und durchweht
ist, und derjenigen, welche vaterländisch, im höchsten Sinn, sich
gestaltet und wirkt, ist neu, und hier ist ein Ton angeschlagen, der
unsere ganze Kenntniß, das ganze Studium der Poesie durchbeben muß, und
zu überraschenden Resultaten führen wird. Wie in der, soll ich sagen
dialogischen oder dramatischen Form die ganz verschiedenen Anfangs-
und Anknüpfungspuncte zu demselben Ziele oder derselben Mitte führen,
ist trefflich. Der freilich sehr schwierige Punct von dem Übergange in
das Reflectirende, Sentimentale, Weiche, wo die Poesie zugleich Sünde
und Glaube, zugleich Abfall und Ringen nach dem verlohrenen Urquell
ist, ist am wenigsten klar gemacht, und ich weiß nicht, ob ich Sie ohne
ein ehemaliges Gespräch über den Euripides recht verstanden hätte.
Dieser Punct ist aber für Ihre Theorie oder System, wenn ich es so
nennen darf, von der höchsten Wichtigkeit, und ich ahnde in ihm den
eigentlichen Schlüssel dazu. Denn aufzuschließen ist hier noch manches;
Klarheit und Verständniß haben verschiedene Grade. Nun aber kann ich
mich auf meine Weise der trüben Betrachtung nicht enthalten, daß diese
trefflichen Gespräche und Reden die gebührende Anerkennung nicht
finden werden. Nicht ohne wahren Schmerz habe ich Hegels Recension von
Solgers Nachlaß, die doch nichts als ein plumper und hämischer Angriff
auf Sie ist, gelesen. Müllner und Consorten, das ganze schlechte
Volk, wird sich eines solchen Alliirten freuen. Ich weiß wol, daß das
Wahre, Herrliche durchdringen wird und die Oberhand behalten, aber
ich möchte so gern erleben, daß das Gebührende geschieht, und wenn
ich mich nach recht vielen sympathisirenden Herzen sehne, gewährt mir
die Appellation an die Nachwelt wenig Befriedigung. Sie wundern sich
keine ordentlichen Recensionen Ihrer Werke in den Litt. Zeitungen
zu lesen. Kennen Sie denn die Tactik dieser Blätter nicht, was man
nicht aufkommen sehn möchte, gar nicht zu besprechen, auch nicht
einmal tadelnd? Zulezt finde ich in meinem Unmuthe darüber Trost und
Beruhigung in der ungetrübten Heiterkeit mit der Sie, unberührt von
aller der Leidenschaftlichkeit und Gleichgültigkeit, Ihren Gegenstand
behandeln für eine kleine Gemeinde von Verehrern und eine noch kleinere
von Verstehenden. Fahren Sie nur so fort, und beschämen Sie Ihre Gegner
recht bald durch die Erfüllung alles von Ihnen Verheißenem.

Wenn indeß diese Ihre neueste Arbeit über Göthe weniger Leser findet,
als sonst der Fall gewesen seyn würde, so sind Sie selbst nicht ganz
ohne Schuld. Wer sucht dergleichen hier, wo bloß eine Vorrede zum Lenz
angekündigt ist? Warum geben Sie nicht gleich etwas mehr, oder auch
nur dieses, als ein abgesondertes Schriftchen, vielleicht unter dem
Titel: Fragmente über Göthe? Auf jeden Fall sollten Sie es bei Reimer
bewirken, daß er die Vorrede unter was auch für einem Titel abgesondert
giebt, damit die Leute sie nur lesen. Und eben so sollte es Max mit
der Vorrede zur Felsenburg machen. Käufer würden sie genug finden, die
Bücher selbst halten die Meisten für eine ihnen uninteressante Zugabe.

An Ihrer Anzeige von der Erscheinung der sämmtlichen Werke habe
ich, Ihrem Auftrage gemäß, Einiges, nicht ohne die Scheu mit Mühe
zu überwinden, geändert. Nur finden Sie meine Redaction in der
gedruckten Anzeige nicht ganz wieder, denn Reimer hat sich einige ganz
willkührliche Änderungen erlaubt.

Meine Bitte wegen des jungen Componisten haben Sie vergessen. Ich
erlaube mir, sie Ihnen nochmals in Erinnerung zu bringen.

Die Weltgeschichte wird mir noch viele Zeit kosten. Dann soll ein
Compendium der Allg. Geschichte für den historischen Unterricht auf
Schulen kommen: erst dann kann ich an die Geschichte von Frankreich
für die von Perthes veranstaltete Sammlung geben. Alles dieß nöthigt
mich, meine Kräfte zu concentriren, nur für diese Zwecke zu leben, zu
excerpiren, zu arbeiten, und vorläufig wenigstens alle Nebenarbeiten
für Journäle bei Seite zu legen. Darum kann ich auch an keine Recension
von Wolfgang Menzel denken; ich bin noch nicht einmal dazu gekommen,
das Buch zu lesen.

Hierin ein Catalog und eine Rechnung. Ich habe für Sie nun zusammen 7
Thlr. 17 Sgr. ausgelegt. Davon gehn 1 Thlr. 11 Sgr. Ihre Auslagen ab,
bleiben 6 Thlr. 6 Sgr. Diese habe ich auf Sie angewiesen.

Nun leben Sie wohl, und schreiben Sie mir in jedem Falle noch vor Ihrer
Reise, und die Zeitbestimmung über dieselbe. Empfehlen Sie mich den
Ihrigen, und behalten Sie lieb

    Ihren Freund

    _Loebell_.


                                  IV.

    _Berlin_, den 22ten März 1829.

Wenn ich Ihnen, theuerster Freund, jetzt, nach einer so langen
Unterbrechung unseres Briefwechsels, über Alles, was ich sonst wol
zu berühren pflegte, schreiben wollte, könnte ein kleines Buch
zusammenkommen, und dazu würde, wenn dergleichen überhaupt thunlich
wäre, jetzt, wo ich in wenigen Tagen Berlin zu verlassen denke,
mir mehr als je alle Muße gebrechen. Daß diese Unterbrechung des
Briefwechsels nicht meine Schuld ist, darf ich Ihnen nicht sagen.
Abrechnen zwar wollte ich gewiß nicht mit Ihnen, ich fühle zu gut, was
Sie mir bedeuten, und was ich Ihnen bedeuten kann. Und Ihr gedruckter
Brief, der mich höchlich gefreut, aber auch tief beschämt hat, wäre
schon eine ganze Reihe geschriebener werth. Aber mir ist so zu
Muthe, als könnte man wol ohne Antwort zu erwarten, an das Publicum
schreiben, oder auch an die Freunde insgesammt, die mit uns fühlen,
und uns verstehen, nicht aber an eine bestimmte Person, weil durch
dieses Bewußtseyn der Brief viel von dem Charakter der vertraulichen
Unterredung verliehrt, und in das Allgemeine hinüberschweift, zumal
in unserem Verhältniß, da ich weit mehr Sie zu fragen habe, als Ihnen
zu sagen. Wenigstens ist es sehr schwer, die rechte Stimmung und Form
zu finden, wenn man sich niedersetzt, um zu monologisiren, ohne es
doch wieder recht und ganz thun zu dürfen. Dieß wird mich bey Ihnen,
wo nicht rechtfertigen, doch entschuldigen, wenn ich mich von Ihrem
Beispiel habe anstecken lassen. Eben darum habe ich sehnlich, ja
wahrhaft sehnlich, in der vollen Bedeutung des oft gemißbrauchten
Worts, gewünscht, Sie vor meiner Reise nach Bonn noch zu besuchen, und
jene Freude und jenen Genuß, welche mir der Aufenthalt bei Ihnen immer
gewährt hat, ein Mal wieder recht zu empfinden. Es war aber unmöglich,
die Abwickelung so mancher Verhältnisse und die sehr schwierige
Fortschaffung vieler Sachen zu Stande zu bringen und doch noch Zeit zu
einer solchen Excursion zu behalten. Aber was mich im vorigen Jahre
betrübt hat, erfreut und tröstet mich jetzt, die Hoffnung, Sie recht
bald an den schönen Ufern des Rheins zu sehen. Und ich bitte jetzt
schon, wenn Sie wieder nach Baden gehen, und nicht so weit hinunter
kommen, wie das letzte Mal, mich doch ja nicht zu vergessen, und mich
zu benachrichtigen, wo wir uns, wenn ich Ihnen nach dem Oberrhein zu
ein Stück entgegen komme, sehen und sprechen können.

Über die Veränderung meiner Lage brauche ich Ihnen nichts zu sagen,
da Sie ja den außerordentlichen Unterschied der Stellung, des
Wirkungskreises, der Muße, so gut wie ich beurtheilen können. Wol ist
dieß bei so weit vorgeschrittenem Alter ein unverhofftes Glück zu
nennen, eine von jenen Begebenheiten im Leben, wo man recht stumpf
und gefühllos seyn muß, um den Finger Gottes nicht zu erkennen und
anzubeten. Wenn ich mich dieses Glücks und Berufs nur auch recht würdig
werde zeigen können!

Obschon ich Ihnen aus großem Zeitmangel von Litteratur und Kunst gar
nichts habe schreiben wollen, kann ich doch nicht übergehen, was in
diesem Augenblicke meine Seele besonders erfüllt, eine Passionsmusik
von Sebastian Bach, von der wir hier bei einer ganz außerordentlichen
und unerwarteten Theilnahme des Publicums in kurzer Zeit zwei
Aufführungen erlebt haben. Ich halte es für ein wahres Ereigniß, daß
mir dieses Werk im Scheiden von Berlin zu hören noch gegönnt war,
denn ich rechne sein Anhören zu jenen Genüssen, von denen Sie ein Mal
bei Gelegenheit des Lear sagen: daß uns als Menschen gegönnt ist, ein
solches Kunstwerk zu genießen, ist schon etwas Großes. Eine neue,
mir bisher unbekannte Kunstwelt ist mir hier aufgegangen. Wenn Sie,
bester Freund, doch dieß mit uns hätten erleben können! Ich dachte
Ihrer dabei so oft. Es ist mit der übermäßigen Strenge Sebastians,
wie mit der Atrocität Shakspeares. Der große Haufe der sogenannten
Kenner, die mit ihrem Urtheile immer höher stehen wollen als solche
Meister, vor denen sie nur in Demuth sich beugen sollten, spricht von
solcher Herbigkeit, und weiß doch nicht, wovon er spricht. Streng ist
Sebastian allerdings und ernst, aber so, daß selbst bei allem dem
ungeheuren Ernste dieses Stoffes, bei dem tiefen Schmerze, den Klagen,
Jammer, Reue, Buße, die Heiterkeit und Freude des Daseyns auf das
wunderbarste durchbrechen, ja unmittelbar daraus hervorblühen. Ich muß
es Ihnen sagen, ich glaube hier den Tonsetzer gefunden zu haben, nach
dem ich lange suchte, den nämlich, der mit Shakespeare zu vergleichen
ist. Ja, er scheint mir gradezu der dramatischste aller Componisten
zu seyn. Er, der große Meister in der vollkommensten Durchbildung und
Ausführung musikalischer Gedanken, hat sich überall, wo die Personen
redend eingeführt werden, alles solches Schmuckes enthalten, um nur
Alles in seiner Eigenthümlichkeit in der kraftvollsten und körnigsten
Kürze hinzustellen. Einige Mal erscheint der unwillkührliche Schrei
der innersten Empfindung, der unaufhaltsame Durchbruch des gepreßten
Herzens mit allem Eindrucke der Natur selbst in den Tönen, und doch ist
auch dieses Kunst und Besonnenheit. Neben dem dramatischen Elemente
tritt nicht nur das lyrische, sondern auch das epische hervor. Das
26te und 27te Capitel des Matthäus werden vorgetragen; der Evangelist
erzählt, was aber die Personen zu sagen haben, tragen sie selbst vor.
Und dazwischen Choräle und Chöre religiöser Empfindungen und Gefühle
einer gläubigen Gemeine, welche den Begebenheiten zuschaut, und bald
Schmerz, bald Zorn, bald Bewußtseyn der Sündenschuld, durch welche
alles dieses hervorgebracht wird, mit der größten Mannigfaltigkeit
darlegt. Und dieß gleichsam prophetische Element einer Christengemeine
und Kirche ist mit der realen Begebenheit auf eine so wunderbare Weise
verschmolzen, und in dieser Einheit des Kunstwerks zeigt sich eine
solche Großheit und Tiefe, daß es mit Worten nicht zu beschreiben ist.
1729 ist diese Musik in Leipzig, wol zum ersten Mal, aufgeführt worden,
ob seitdem je wieder, ist sehr die Frage. So jagt der Mensch nach
dem Neuen und Bunten, und läßt das Große und Herrliche verachtet und
vergessen liegen.

Wenn Sie mir einige Zeilen an Schlegel in Bonn senden wollten, was
mir aus mehreren Gründen _sehr lieb_ wäre, so würde Ihr Brief
mich bis zum _2ten April_ in Potsdam treffen, unter der Adr. der
Postdirectorin Faber, Burgstraße No. 32.

Graf York trägt mir viele Grüße an Sie auf. Ich bitte Sie, mich Ihrer
werthen Familie so wie der Gräfin Finkenstein angelegentlichst zu
empfehlen. Leben Sie wohl und behalten Sie auch in größerer Ferne wie
bisher lieb

    Ihren Freund

    _Loebell_.


                                  V.

    _Bonn_, den 23ten October 1834.

    _Theuerster Freund!_

Vorgestern bin ich hier angekommen, und habe es wieder bewährt
gefunden, daß das Reisen auf dem Schnellwagen Tag und Nacht mich
nicht angreift, sondern eher einen wohlthätigen Einfluß auf mein
körperliches Befinden ausübt. Möge doch auch Sie dieser Brief wieder
ganz hergestellt und gestärkt antreffen! Ich konnte es mir lange nicht
aus dem Sinne schlagen, wie ich Sie verlassen, welche Schmerzen Sie
auszustehen hatten, und nur die Überzeugung, daß der Anfall, bei aller
seiner Heftigkeit, doch nur ein vorübergehender gewesen, ließ allmälig
die schönen und heitern Bilder der Tage unseres Zusammenseyns in
meiner Seele wieder auftauchen, und meine Gedanken darin die reichste
Nahrung finden, wenn das Geschwätz um mich her nicht gar zu störend
war. Wie soll ich Ihnen denn für alles das, was Sie mir während
dieses Aufenthalts in Ihrem Hause mit der edelsten Gastfreundschaft
leiblich und geistig in so vollem Maße gewährten, meinen Dank genugsam
ausdrücken! Freilich habe ich Ihnen für etwas noch Höheres und
Größeres zu danken, für Ihre Liebe und Freundschaft, die im edelsten
Sinne des Worts uneigennützig zu nennen ist, weil Sie so sehr viel,
viel mehr geben als empfangen. Das Beste, was ich meinerseits in die
Wage zu legen habe, um sie zu verdienen, ist meine Liebe für Ihre
künstlerischen Erzeugnisse so wie für die Kunst überhaupt, eine Liebe,
mit der ich mir bewußt bin, es recht ernst und wahrhaft zu meinen.
Und weil in diesem Ernst und dieser Wahrhaftigkeit eine so große und
reiche Fülle des Genußes liegt, ist es mir so räthselhaft, daß die
allermeisten Menschen, die sich überhaupt darum bekümmern, es auf
eine so vorübergehende, leichtsinnige und mattherzige Weise thun,
daß sie nichts fühlen, weder von den Geburtswehen des Ringens nach
Verständniß, noch von der reinen Freude des Gefundenhabens und dem
Genuße, der aus diesem Durchdrungenseyn des Kunstwerks vom Verständniß
entspringt. Zuweilen ist es mir, als ob mich von den meisten Menschen
nichts so sehr trennte als dieses; nicht ihre Mißverständnisse, denn
ich fühle, wie sehr auch ich diesen unterworfen bin, sondern ihr Mangel
an diesem Ernste, da ihnen die Kunst wenig mehr ist, als eine ziemlich
gleichgültige Zuthat zum Leben, gut genug, ein paar müßige Stunden
etwas leidlicher hinzubringen, als in ihrer gewöhnlichen langen Weile.
Und diejenigen, die in unseren Tagen über die Kunstphilosophie grübeln?
Soll man denn nicht schließen dürfen, daß auch sie zu den Kunstgenüßen
den heiligen Ernst, der die Weihe macht, gar nicht mitbringen, weil sie
so Verkehrtes herausgrübeln?

Ich war gestern bei Schlegel, um ihm das von Fr. v. Buttlar Mitgegebene
selbst zu überbringen. Er hatte Ihre Vogelscheuche gelesen, und war
voll von Entzücken über die herrlichen Späße und Einfälle. Weniger
wollten ihm die Elfenscenen behagen, ja auch im Camoens setzt er den
Scherz über den Ernst. Da er über alle diese Dinge ausführlicher war,
als je, so wollte ich es versuchen, mit ihm ein Mal in eine Erörterung
einzugehen, aber was er sagte -- soll ich sagen, es lag mir auf einem
fremden Boden, oder es kam mir gering vor? Fast wie ein Kritiker aus
der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Und doch findet er es so
herrlich, daß Sie von dem wiederauferstandenen Nicolai reden. Hier ist
aber auch ein Stückchen von dem seligen Manne. Der Theil von Schlegel,
welcher einst mit Horaz, Boileau und anderen Helden der Correctheit
seinen Spott getrieben, ist verraucht und verflogen, der übrig
gebliebene hat es immer heimlich und halb unbewußt mit ihnen gehalten,
und nun kommen diese Geister in seinem Alter über ihn und rächen sich
für die ihnen früher angethane Schmach, indem sie sich seiner ganz
bemeistern, und er, wiederum unbewußt, ihnen huldigen muß, obschon
die Form eine etwas andere ist. Aber sind nicht die Principien ganz
ähnlich denen jener Schule, wenn man um ein Urtheil über ein Kunstwerk
zu rechtfertigen, nichts vorzubringen weiß, als einzelne Flecken,
Unrichtigkeiten, Verstöße gegen Costüme u. s. w.? Wo die Streitpuncte
so sehr in der äußern Schale liegen, verlohnt es sich nicht der Mühe,
über diese lange zu rechten.

Ich habe hier so viele zu erledigende Acten in
Prüfungs-Angelegenheiten vorgefunden, und werde den Tag über von
Studenten, die darüber beschieden seyn wollen, so überlaufen, daß ich
noch nicht absehe, wann ich zur ordentlichen Arbeit kommen werde. Meine
Vorlesungen werde ich erst in der künftigen Woche anfangen, und ich
sehe voraus, daß ich dieß Mal vor leeren Bänken reden werde. Es ist
ein bittres Gefühl, seine Anstrengungen unbelohnt zu sehen. Es heißt
freilich: „Such’ er den redlichen Gewinn!“ Wie aber wenn es keinen
redlichen giebt? Wenn sich die Menge nur zu den trocknen Verkündern der
Brodevangelien drängt, oder zu hohlredenden Charlatans?

Leben Sie wohl, theurer Freund, und erfüllen Sie Ihr Versprechen,
mir eigenhändig zu schreiben. Erst dann will ich an Ihre völlige
Wiederherstellung glauben und mich daran erfreuen. Der Gräfin meine
besten Grüße und vielen Dank für alles treufreundlich Erwiesene. Sie
verzeihn nur auch meine häufige Polemik gegen manchen Liebling unter
den Meinungen und gegen einen Liebling unter den Menschen. Nochmals
leben Sie wohl! Mit herzlicher Liebe

    Ihr

    Freund

    _Loebell_.


                                  VI.

    _Bonn_, den 29ten December 1836.

Sie haben das Wort, welches Sie mir in Darmstadt gegeben, nicht
gelös’t, theuerster Freund, den schleunigen Gruß, den ich Ihnen gleich
nach meiner Rückkehr gesandt, mit keiner Sylbe erwiedert. Nun werden
Sie doch hoffentlich durch mein Buch (von dem Sie durch den Verleger in
meinem Namen zwei Exemplare, das zweite für Fr. v. Lüttichau, erhalten
haben werden) zu einem Briefe gebracht, und zwar zu einem recht
ausführlichen, denn ich brauche Ihnen doch wol nicht erst zu sagen,
daß mir diese Töne in die Welt wie in eine Wüste geschickt erscheinen
würden, wenn ich nicht erführe, wie sie bei Ihnen anschlagen. Vergessen
Sie auch nicht, mir ein Wort über die Sprache zu sagen, denn das
verstehen doch ja nur Sie allein, und ich möchte so gern wissen, ob
ich mich täusche, wenn ich eine Sprache zu reden glaube, d. h. eine,
die nicht wie Übersetzung aus einem fremden Idiom klingt. Denken Sie
auch, ob Sie nicht vielleicht Lust haben, die Bitte, die ich Ihnen in
Heidelberg in Betreff dieser Schrift vorgetragen, zu erfüllen.

Zürnen möchte ich Ihnen, daß Sie mir dort nicht ein Mal mitgetheilt
haben, daß Sie in diesem Herbst zwei Arbeiten in die Welt geschickt,
daher mir Ihre Gespenstergeschichte nur durch einen Zufall in die
Hände gekommen ist. Sind Sie zufrieden, wenn sich Ihren Lesern die
Haare empor sträuben, so kann ich Ihnen das von mir sagen. Es ist so
gar nichts Willkürliches, nichts Gemachtes, es ist ein Stück jenes
wunderbaren, räthselhaften Grauens selbst, welches aus der Tiefe der
Natur in unsere Seele hineinspielt. Und dann wieder dieser milde,
versöhnende Schluß, da sind Sie so ganz und gar. Fragen möchte ich nur,
warum dieser äußerste Trumpf des Materiellen, daß das Gespenst dem
Unglücklichen die Brustknochen mechanisch zerdrückt? Offenbar soll es
völlig aus dem Gebiete des Innerlichen herausgespielt werden. Aber ich
kann den Grund nicht finden, warum es hier nicht an dieser Gränze stehn
bleibt, da doch die letzte Lösung des Fluches an der Natur und Art des
Stoffes keinen Zweifel übrig läßt.

Die Wunderlichkeiten haben mich ungemein ergötzt, und wenn Sie ein
Mann wären, von dem man eine ordentliche Antwort erwarten könnte, so
würde ich Sie fragen, ob ich etwas Fremdes und allzu Künstliches in Sie
hineininterpretire, wenn ich annehme, daß das ~punctum saliens~ in
der ironischen Betrachtung steckt: diese vornehmen, fein gebildeten,
hoch verständigen Leute laßen sich doch von einer schlauen Betrügerin
nicht anders täuschen, als die Sammlerin durch ihre erträumte
Kennerschaft, und der arglose Theologe durch den Abenteurer.

Ich freute mich außerordentlich zu hören, daß es mit Ihrer Gesundheit
gut geht, und hoffentlich ist sie so geblieben. Meine gewöhnlichen
Leiden sind in diesem Winter bis jetzt noch milder als sonst geblieben,
dagegen hat mich ein heftiger mit Fieber verbundener Katarrh 3 Wochen
fast zu aller Arbeit unfähig gemacht, was mir in meinem litterarischen
Arbeitsdrange doppelt schlimm bekam. Auch fehlt es nicht an andrer
häuslicher Trübsal. Ein junges Mädchen, von meiner Frau erzogen, als
unsre Pflegetochter zu betrachten, leidet seit 4 Monaten an einem
bedenklichen Husten; meine Frau lebt nur für ihre Pflege, und es ist
dadurch in meinem Hause Alles auf den Kopf gestellt. -- Wie geht es
denn Ihrer Frau? Fr. v. Lüttichau hat ihrer mit keiner Sylbe erwähnt.

Herzliche Grüße an alle Ihrigen und an die verehrte Gräfin! Der Himmel
geleite Sie alle glücklich in das Neue Jahr. -- Von ganzem Herzen

    Ihr

    treuester

    _Loebell_.


                                 VII.

    _Bonn_, den 18ten October 1837.

Zürnen Sie mir nicht, mein bester, theuerster Freund, wenn ich Ihnen
erst heute Nachricht von mir gebe, und Ihnen nochmals meinen Dank für
alle mir erwiesene Liebe, den ich mehr zu empfinden als mit Worten
auszudrücken weiß, abstatte. Theils der Wunsch, Ihnen etwas Gewisses
über den Bestimmungsort unserer Kranken, über den wir erst seit einigen
Tagen ganz ins Klare gekommen sind, zu sagen, theils körperliche
Plagen, mit denen ich schon einige Tage nach meiner Heimkehr wieder
heimgesucht wurde, sind der Grund der mir selbst sehr unangenehmen
Verzögerung.

Meine Rückreise hat mir im Ganzen einen großen, Mühe und Aufenthalt
mehr als lohnenden, Genuß gewährt. Welch eine Stadt ist dieses
Nürnberg, welch ein Genuß, nur durch die Straßen zu gehen, und
die reizende, wunderbare Mannigfaltigkeit der zierlichen Häuser
zu betrachten! Der Eindruck ist unauslöschlich für das Leben, der
Erweiterung kunstgeschichtlicher Anschauungen ganz zu geschweigen. In
letzterer Hinsicht war mir auch Bamberg sehr merkwürdig, die Thürme
seiner Kathedrale lassen einen merkwürdigen Blick in die Bildung,
vielleicht in die Denk- und Anschauungsweise der salischen Zeit thun.
Ist nicht diese Architectur eine in sich geschlossnere, mehr bei
einem bestimmten Ziele angelangte als die gothische in ihrer vollen
Entwickelung? Und entspricht diesem nicht der ganze politische und
sociale Zustand unter den ersten Saliern, wo das ganze Mittelalter
einem freilich beschränktern Schlußpuncte, als die berauschenden
Blüthen der beiden folgenden Jahrhunderte verhießen, nahe schien,
während aus den gewaltsamen Kämpfen derselben gar keiner hervorging?

Würzburg habe ich nicht gesehen, sondern bin bloß in der Nacht
durchgeeilt, und in Pommersfelden hatte ich, dem immer besondere
Fehlschläge aufgespart sind, ein eignes Mißgeschick. Einen ganzen Tag
hatte ich für diese Fahrt auf fast halsbrechenden Wegen bestimmt,
und einen besondern Wagen dazu genommen. Da war der alte zufällig
anwesende Graf einige Tage vorher schwer erkrankt, und jeder Zutritt
zur Bildergallerie versagt.

Als ich am 1t. d. M., am elften Tage, nachdem ich Ihr gastliches Haus
verlassen, wieder zu dem meinigen gelangte, fand ich einen Gast, eine
in Wesel wohnende Jugendfreundin meiner Frau, bereit Louisen nach
Hières zu begleiten. Indeß hatten sich aber gegen die ganze Reise wegen
der sich im südlichen Frankreich ausbreitenden Cholera Zweifel erhoben,
und da der Zustand der Leidenden sich zugleich etwas gebessert hatte,
und bei weitem nicht mehr die Besorgnisse einflößte wie früher, wurde
nach langem Berathen und Schwanken beschlossen, sie zwar in jedem Falle
das hiesige für Brustleidende perfide Clima für diesen Winter mit
einem zusagendern vertauschen zu lassen, dazu aber nicht die fernen
Ufer der Provence sondern einen möglichst nahen Aufenthaltsort zu
bestimmen. Dazu wurde nach dem Rathe mehrerer Erfahrner Wiesbaden als
der passendste Ort ausersehen. Dahin wird sie morgen abgehen, und gebe
der Himmel seinen Segen!

Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich die Kataloge des von
Fürth nach Nürnberg übergesiedelten Antiquar Herdegen auch in Rücksicht
auf Ihre Bedürfnisse und Neigungen durchgesehen, aber nichts entdeckt
habe, was Sie interessiren könnte. -- Die 7 ersten Bände der neuesten
Ausgabe der sogenannt Beckerschen Weltgeschichte gehen morgen mit
Buchhändlergelegenheit an Sie ab. Es wird mir lieb seyn, von Ihnen den
richtigen Empfang zu erfahren.

Der Gräfin, Dorotheen und Agnes die besten und herzlichsten Grüße.
Leben Sie wohl, und möge der Himmel Ihnen Gesundheit und Stimmung
nicht versagen, alle die schönen besprochenen Pläne zu meiner und so
vieler Andern Freude, Genuß und Erhebung auszuführen! Vergessen Sie Ihr
Versprechen nicht, mich recht bald mit ausführlichen Nachrichten zu
bedenken.

    Ihr treuester Freund

    _Loebell_.


                                 VIII.

    _Bonn_, den 10ten September 1838.

Wie sehr habe ich Sie um Verzeihung zu bitten, mein theuerster Freund,
daß ich einen Brief von Ihnen im April geschrieben erst im September
beantworte. Wirklich aber erinnere ich mich keiner Zeit in meinem
Leben, in der ich wie im Verlaufe dieses Sommers so bedrängt war,
daß mir auch zum Briefschreiben nicht ein Stündchen Muße blieb, daß
ich einem Freunde wie Sie ein Lebenszeichen zu geben, den Anfang der
Ferien erwarten mußte. Prinzenprivatissima über Gegenstände, die ich
wenig bearbeitet hatte, und die daher viele Vorbereitung erforderten,
und quälende, Fähigkeit und Stimmung raubende Körperleiden, hatten
über alle meine Zeit so disponirt, daß mir auch zu litterarischen
Arbeiten nichts übrig blieb. Es ist indeß diesmal noch eine dritte
Störung hinzugekommen, deren Grund Sie gewiß nicht errathen würden --
ein Hausbau. Sie sehen aus diesem für mich in mehr als einer Hinsicht
kühn zu nennenden Unternehmen wenigstens, daß es mir bei aller meiner
wahrlich nicht selbst verschuldeter Verstimmung doch noch nicht an
allem Lebensmuth gebricht. Was mich zu dem Ihnen ohne Zweifel seltsam
erscheinenden Entschluß, dessen Bedenklichkeiten und Schattenseiten
ich mir nicht verhehlt habe, hauptsächlich gebracht hat, ist das aus
der großen geistigen Einsamkeit, in der ich hier lebe, entspringende
Gefühl der Nothwendigkeit, es mir innerhalb der Gränzen, auf die ich
angewiesen bin, so bequem und ansprechend zu machen, wie möglich. Bonn
behält indeß auch für den Freundlosen etwas sehr Anziehendes, seine
Natur, und es ist Jedem, der hier leben soll, dringend zu rathen, sich
so viel als möglich in die Mitte derselben zu versetzen. Das sehen
Leute sehr verschiedner Art seit Jahren auch so gut ein, daß wenn es
so fortgeht, nach einiger Zeit die Stadt selbst fast ganz dem Gewerbe
überlassen seyn wird. Vor dem Coblenzer Thore sind die Bauplätze
außerordentlich hoch im Preise und fast gar nicht mehr zu haben, auch
ist es dort schon zu geräuschvoll geworden. Ich habe mir daher ein
Plätzchen an der Poppelsdorfer Allee ganz nah am Thore mit der Aussicht
auf das Siebengebirge ausgesucht, dicht neben einem Hause, welches
Walter vor einem Jahre gekauft hat und bewohnt, und bin mit meinem Bau
so weit vorgeschritten, daß ich vor der Mitte des nächsten Monats unter
Dach zu seyn hoffe.

Dieses, Erschöpfung der Kasse und die Nothwendigkeit, die Ferien
nach einem unthätigen Sommer einigermaßen für die Production zu
benutzen, haben mich gezwungen, alle Pläne zu Herbstreisen für diesmal
aufzugeben. Auch Sie werde ich daher nicht sehen, obschon es mich keine
geringe Überwindung gekostet hat, Ihrer freundlichen Einladung nicht zu
folgen.

Die fehlenden 7 Bände Weltgeschichte werden Sie nächstens erhalten, ich
warte nur noch auf den letzten, der noch nicht eingegangen ist. Meinen
besten Dank für den Moncada (ich weiß nicht, wie mir Mendoza in die
Feder gekommen ist) sowie für die 3 göthischen Bände. Den 3ten, der
dazwischen fehlte, habe ich seitdem auf einer Auction als einzelnen
Band erhalten, und somit nun diese Himburgschen Bände vollständig,
die man so lange nicht wird entbehren können, bis endlich ein mal
Göthen das Recht wird wiederfahren seyn, welches man so manchem
gegen ihn ganz unbedeutenden Autor schon gewährt hat, Arbeiten, die
in mehrfacher Gestalt schon vorhanden sind, zugleich auch in der
frühern wieder abzudrucken. Wie merkwürdig sind doch diese früheren
Gestalten, besonders Erwin und Elmire! Vergleicht man beide, wird man
so recht inne, wie die Vornehmheit, das falsche Ideal, Göthe in seiner
zweiten Periode zuweilen ganz von seinem wahren und natürlichen Boden
verdrängt hat. Welche einfache Kraft, welche Naturstärke ist in der
freilich gar zu leicht und fast roh skizzirten Scene zwischen Elmire
und der Mutter! Das durfte nicht bleiben, es mußte das Ganze zu einer
iphigenisirenden Idylle werden. Aber wer bekümmert sich in unsern Tagen
um die Geschichte eines Dichters und um die Stufen seiner Entwickelung,
selbst wenn sie als ein Spiegel der Nationalentwicklung überaus
lehrreich sind! Diejenigen, die sich für die Feinen halten, construiren
ihn philosophisch, und sind dann in ihrer Dummheit überglücklich, wenn
sie statt der Juno die trübe Wolke ihrer eignen dunstigen und wässrigen
Abstractionen umarmen. Ach unsre Litteratur, unsre Litteratur! Ich
sehe mich vergebens nach einem ähnlichen Zustande um. Da ist mir, der
ich sonst dergleichen weder sehe noch lese, zufällig ein Buch in die
Hände gefallen -- -- -- -- Unser Freund Raumer pflegt zu sagen: solches
Zeug vergeht schnell, das Gute bleibt. Aber das ist es ja nicht, daß
unverständige und schlechte Bücher geschrieben werden. Allerdings ist
das überall geschehen, wo die Litteratur einige Ausbreitung gewonnen
hatte. Aber daß solche Urtheile, die eben so viele Gemeinheit der
Gesinnung oder gradezu Niederträchtigkeit verrathen, als Plattheit und
Unwissenheit, höchstens für etwas excentrisch, aber doch zugleich für
geistreich, angenehm und witzig gelten; daß alle diese Buben selbst von
Leuten, denen ihr religiöser und politischer Aberwitz sonst zuwider
ist, als eine Art von Salz unserer Litteratur angesehen werden -- daß
die Meisten sie ansehen, wie etwa die Altgesinnten die Schlegelsche
Schule vor vierzig Jahren, ein bischen quer und wild, aber doch
ausbündig genial -- das ist das Heillose, woran ich ohne Zorn nicht
denken kann. Ihr Balzac -- ich habe die empfohlnen Romane nun gelesen,
aber -- verzeihen Sie mir, und verzeihe mir besonders Agnes -- er ist
auch Einer von denen, die ein hübsches Talent von Grund aus verderben,
weil ihnen das Schöne und das über Natur und Wahrheit hinausgehende
leider identisch sind. -- Wann erquicke ich mich dagegen -- um all das
Zeug zu vergessen -- wieder einmal an einem neuen Werke von Ihnen?
Sind die beiden Novellen, die Sie mir vor einem Jahre vorlasen, jetzt
abgedruckt? ich habe die diesmaligen Taschenbücher noch nicht gelesen.

Leben Sie wohl, grüßen Sie die Gräfin und Ihre Töchter herzlichst,
lassen Sie bald von sich hören, und behalten Sie lieb Ihren treuesten

    _Loebell_.


                                  IX.

    _Bonn_, den 15t. Mai 1840.

Verzeihung, mein theuerster Freund, daß ich es seit gestern vor acht
Tagen, wo ich zurückgekehrt bin, aufgeschoben habe, Ihnen zu schreiben.
Theils aber fand ich so manches schnell abzumachende Geschäft vor,
und theils hatte mein Unwohlseyn während mehrerer Tage einen solchen
Grad erreicht, daß ich auch zum Briefschreiben untauglich war. Nun
wird es allmählich wieder besser, ich befinde mich etwa wieder auf
der Dresdner Linie, nachdem mein das Mediciniren sonst so scheuender
Arzt sich zum Eingreifen entschlossen hat; bis ich mich aber wieder
zur Höhe des vergangenen Jahres emporschwingen werde, wird wol noch
einige Zeit vergehen. Den Muth lasse ich darum nicht sinken. Daß Sie
überzeugt sind, meine Dankbarkeit sey nicht kälter, weil sie etwas
später bezeigt wird, weiß ich. Dankbar habe ich Ihnen gewiß wiederum
für Vieles, Leibliches wie Geistiges zu seyn. Alles körperliche Leiden
kann das Gefühl, durch diese Reise, durch die Aufnahme und Liebe
meiner Freunde, vor allen der Ihrigen, erfrischt und gestärkt zu seyn,
nicht unterdrücken und schwächen. Warum können solche Silberblicke
des Daseyns nicht länger dauern, warum sich nicht über das ganze
Leben erstrecken? Wären sie es aber alsdann noch, wenn sie nicht
durch andere Perioden des Schattens, der gemeinen Reizlosigkeit erst
zu Silberblicken würden? Vor welchem Räthsel stehen wir doch wieder
mit dieser ganz gemeinen Betrachtung! Wenn wir uns den edelsten und
feinsten Genuß nur vermittelst des Wechsels mit seinem Gegentheil
hervorrufen können, was ist alsdann jene künftige ungestörte Seligkeit,
von der wir träumen, und warum sehnen wir uns nach ihr? Haben wir denn
überhaupt nur ein Organ, sie zu empfinden?

Ich habe an der Abhandlung, von der ich Ihnen ein Stück mitgetheilt,
wieder zu schreiben angefangen, und finde den Stoff, den ich noch
zu bewältigen habe, so überreich, daß ich nur mit großer Mühe so
zusammendränge, wie ich es muß, wenn ich die Gränzen einer kleinen
Abhandlung nicht überschreiten will. Es will mich verlocken, sie
in dieser Form liegen zu lassen, und in einer umfassendern wieder
aufzunehmen; aber es könnte mir dabei noch übler gehen, als bei dem
Gregor, da umfassendere Ansprüche neue, sehr ausgebreitete Studien
erfordern würden. Auch werden Sie mir zugeben, daß bei dieser Arbeit
weit mehr auf die Idee ankommt, als auf die Ausführung.

Vergeben Sie, daß ich am Morgen der Abreise in der Eil vergaß, die
heraufgetragenen Bücher dem Aufwärter zum Wiederherunterbringen zu
geben. Sie müssen sich alle auf dem Tische bei einander gefunden haben.

Den Brief von meiner Frau, der nach meiner Abreise eintraf, werden Sie
wol schon zurückzusenden die Güte gehabt haben.

Leben Sie wohl, und vergessen Sie nicht der Gräfin und Ihren Töchtern
die herzlichsten Grüße zu bestellen. Lassen Sie auch ja bald ein mal
was von sich hören, etwas Besonderes nämlich für

    Ihren treuesten Freund

    _Loebell_.


                                  X.

    _Bonn_, den 1ten März 1841.

Welch ein Unglück hat Sie in Ihrem Alter noch treffen müssen, mein
geliebter Freund! Hätte die Vorsehung nicht diesen bittern Kelch
an Ihnen vorübergehen lassen können[6]! Aber was können wir armen,
schwachen Geschöpfe anders, als uns stumm dem unterwerfen, was uns
hienieden unbegreiflich bleibt? Was soll ich Ihnen sagen? Von der
Trefflichkeit der selig Dahingeschiedenen reden? Das hieße in Ihren
Wunden wühlen. Oder könnte ich Tröstung an Den richten wollen, der das
Vergängliche grade in seiner Vergänglichkeit so wunderbar zu verklären
gewußt hat? Diese Zeilen können also nichts wollen, als Ihnen ein
ausdrückliches Zeugniß geben von meiner tiefen Erschütterung, an der
Sie freilich auch ohne sie nicht gezweifelt haben würden. Das Bild
Ihrer theuren von Kummer erfüllten Züge kommt mir nicht aus der Seele,
ich betrachte es in meinem Innern mit der größesten Theilnahme und
Wehmuth. Möge der Himmel Ihnen Stärkung senden und Sie Ihren Freunden
noch lange erhalten!

Mit der treuesten und innigsten Freundschaft

    Ihr

    _Loebell_.

Empfehlen Sie mich doch recht herzlich der Gräfin.


                                  XI.

    _Bonn_, 28ten November 1846.

    _Mein theurer, geliebter Freund!_

Mit der größten Theilnahme habe ich erfahren, daß Sie wieder ein mal
recht krank waren, und heißen Dank zum Himmel gesandt, daß Sie uns
noch ein mal erhalten sind. -- Vor einigen Monaten hat mir Schack in
Frankfurt triumphirend einen Brief von Ihnen gezeigt, und da hoffe ich
denn die Weltgeschichte, die Sie durch den Verleger erhalten haben
werden und die Kleinigkeit die ich hier beilege, werden der gleichen
Gunst für Ihren alten Freund werth seyn. Die Worte über Schlegel habe
ich fast mehr in Rücksicht auf Sie als auf ihn dem Druck übergeben, und
da hörte ich doch gar zu gern durch Zeilen von Ihrer eigenen lieben
Hand, was Sie dazu sagen. Erfüllen Sie also diese Bitte, wenn ich auch
in Bezug auf die beiden gedruckten Briefe heute ganz kurz seyn zu
dürfen glaube, und nichts hinzusetze, als daß ich noch ganz erfüllt bin
von den alten Gefühlen für Sie, und mit den innigsten Wünschen für Ihr
Wohlergehen wie immer bleibe in Liebe und Anhänglichkeit

    Ihr treuer Freund

    _Loebell_.



Loeben, Otto Heinr., Graf.


    Geb. den 18. Aug. 1786 zu Dresden, gestorben daselbst am 3. April
    1825. Als Dichter nannte er sich Isidorus Orientalis.

    Guido, ein Roman (1808) -- Gedichte (1810) -- Arkadion, 2 Bde.
    (1811-12) -- Erzählungen, 2 Bde. (1822.) --

    Die „Überschwänglichkeit“ die an seinen dichterischen Produktionen
    getadelt wurde, und ihnen wie ihm selbst höhnische Angriffe
    zugezogen, tritt freilich auch in den Briefen hervor. Doch aus
    diesen wie aus jenen spricht ein volles, reines, frommes -- krankes
    Herz.


                                  I.

    _Nieder Rudelsdorf_ bei Görliz in der Ob.-Lausitz,
    22. November 1808.

Sekendorff schreibt mir heute aus Wien, daß Sie letzteres kürzlich
verlaßen, und von da nach München abgegangen sind. Wie theilnehmend ich
allen Ihren Schritten folge, wie oft nach Ihnen mich erkundige, was es
für eine Freude ist, wenn ich einmal irgend etwas aus Ihrem Leben höre
-- das wißen Sie noch nicht, dem bisher zu schreiben und meine Liebe
und Verehrung zu äußern, ein Gefühl der Bescheidenheit mich abgehalten
hat. Zwar sind die Geister der Edlen und Guten schon an und durch sich
selbst vereint; aber wie das Wort, die himmlische Liebe auch Fleisch
ward und unter uns wohnte, so sehnt sich auch die treueste Ergebenheit
nach Zeichen und Näherung, nach Genuß der Gegenliebe, und es ward jenem
Weibe so wohl, als sie die Füße des Meisters salben, als sie ihm sagen
durfte: Herr, ich liebe dich. --

Von Sekendorff erfuhr ich, daß Sie einen Almanach herauszugeben
gesonnen sind. Nehmen Sie, was inliegt, freundlich für denselben an.
Da ich von dem Näheren nicht unterrichtet bin, so trug ich Bedenken,
Ihnen etwas aus meinen mehr pindarisch. Poes., &c. zu senden, nicht
wissend, ob es in den Character des Ganzen eingreifen würde. Das war es
auch, und bescheidener Rückhalt, was mich abhält, Ihnen mehr aus meiner
Poesie zu überreichen. Im Fall Sie von ihnen keinen Gebrauch machen,
-- oder in jedem Fall bitte ich um baldige Antwort, und wollen Sie mir
Freude machen, so schreiben Sie mir auch, wo Sie künft. Sommer seyn
werden. Zwar klagen Ihre Freunde über Ihre Saumseligkeit im Antworten,
um desto inniger will ich bitten.

Durch wen Sie diesen Brief erhalten, weiß ich noch nicht. Ich schicke
ihn an den Sächs. Gesandt. in München, da er aber doch vielleicht Ihre
Addreße nicht recht erfahren kann oder auch Sie abgereißt seyn können,
so habe ich zugleich einige Zeilen an Ast beigelegt, dem ich fest
vertraue, daß er Ihnen den Brief zukommen laßen wird. -- Auch nehmen
Sie eins meiner früheren Werke darum von mir an, weil ich darin zu
Ihnen sprach. Die Form ist noch total vernachläßigt. Ihre Urtheile, wie
Ihr Rath werden mich sehr freuen.

Wenn Sie für den Alm., falls er wirklich erscheint, andere Beitr. von
mir &c. wünschen, so werde ich gern alles thun, wie Sie es gern sehen.
Ich hatte nicht Zeit, einem meiner Freunde, den Sie als Florens aus
dem Ast’schen Journal kennen, zu schreiben; vielleicht eignet sich
manche Nelke von ihm für Ihren Garten.

Gott sei mit Ihnen und die heilige Muse! Oft drängt es mich,
niederzuknien im Schein, den Albrecht Dürers und Novalis Glorie wirft,
im alten frommen Dom, dann denk’ ich Ihrer und ich lieg’ an Ihrer
Seele, ich fühle Sie in mir, wie man eine Gottheit fühlt in geweihter
Stunde. „Liebe denkt in sel’gen Tönen, denn Gedanken stehn zu fern.“ --

    Ihr Freund

    _O. Heinrich Graf v. Loeben_.


                                  II.

    _Stift Joachimstein_, 15. Mai 1820.

Mein theurer geliebter Freund! ich habe mich selbst um die größte
Freude gebracht, indem ich erst jetzt die Feder ansetze, Ihnen meinen
herzlichsten Gruß zu bringen. Durch unseren Freund Malsburg werden
Sie unterdeßen von meinem Ergehen immer Nachricht gehabt haben, an
dem, ich weiß und schätze es, Sie wohlwollend und freundlich Theil
nehmen. In diesen Nachrichten aber lagen zugleich die Entschuldigungen
wegen meines bisherigen seltenen Schreibens, denn es ist mir meistens
nicht gegangen, wie der wärmere Frühlingshauch mich hoffen ließ,
und auch jezt bin ich, bei übrigens ganz gutem Befinden, an meinen
gewöhnlichen Schmerzen so leidend, daß ich die Absicht, unseren Freund
in seine Väterburg zu begleiten, und somit die Hoffnung, Ihrer bei der
Durchreise mindestens einige Tage lang wieder froh zu werden, aufgeben
mußte. Daß ich es recht oft und schmerzlich vermiße, des mir durch
freundliche Sterne gewordenen Freundschaftsumgangs mit Ihnen auf so
lange wieder zu entbehren, das fühlen Sie gewiß aus meiner Seele und
ganzem Wesen heraus, denn ich bin es überzeugt und halte es freudig
fest, daß Sie wißen, wie viel Sie mir sind und wie gern ich Ihnen so
unendlich viel verdanke. Ein frühes Ahnen und Verlangen meiner Seele
flog Ihnen zu, es hielt sich an Ihre Werke, mußten sie aber nicht den
Durst nähren, und zugleich durch ihre Höhe der Sehnsucht des Jünglings
eine unzugängliche Ferne zeigen? Nun aber traten Sie selbst in milder
Freundlichkeit auf mich zu, und wie ich früher aus Ihren mir liebsten
Werken in jener Huld, Sanftmuth und Melodie Sie festhielt, die mir
die innersten geheimnißvollen Engel Ihres Dichterwesens scheinen:
so lernte ich Sie nun, mehr und mehr in Ihrer schönen Klarheit und
Hellsichtigkeit erkennen, und davon strömten Strale auf mich aus, die
mir manche Dunkelheiten, manche Unentschiedenheiten und Kämpfe in mir
erhellten, und mir gleichsam lichte Panzer anlegten, um zu siegen und
Ihrer werth mich zu zeigen in jenem streitenden Gewühl. Gerade recht
an einer Gränze meines ganzen Strebens empfingen Sie mich, reichten
mir, wie der Ritter einem treuen Knappen, die Hand, und eröffneten mir
ein größeres und bestimmteres Feld. Da kehrte mir jenes Bewußtseyn so
schön zurück, das Sie mich von jeher -- nach dem ersten Anfange des
Guido lernte ich das Erste von Ihnen kennen -- als meinen eigentlichen
Meister betrachten ließ, und mit Dank und Freuden will ich Sie gern
immer so nennen, vor Ihnen immer gern ein Lehrling bleiben.

Laßen Sie mich aber nun auch recht bald wißen, wie Ihr eigenes Befinden
ist, mein theuerer Freund, an dem ich wahrlich den zärtlichsten Antheil
nehme. Sie sind nun gewiß in der neuen Wohnung, möge dieselbe Ihrer
Gesundheit und auch unserem Sehnen nach dem Phantasus, dem Werk über
den göttlichen Shakespeare, der schönen Tischlergeschichte u. s. w.
recht förderlich seyn! Wäre ich nur da, mit Ihnen auf der Gallerie
und in der freundlichen Gegend den Geist und die Schönheit beider
doppelt zu empfinden! Luft, Blüthe und Vogelsang hier um mich her aus
der ersten Hand möchte ich Ihnen dagegen manchmal schicken und vor
Ihr Quartier rücken laßen, denn sie sind gar zu lieblich. Auf diesen
Wellen rudre ich nun jezt meinen Karl den Großen mit seiner Hildegard
hin, sie tragen mir auch einen Gruß auf und werden die Fahrt zu Ihnen
als eins Ihrer liebsten Ziele betrachten. Jetzt ist noch viel Weg
zurückzulegen, aber Freude scheint mir rechts und links zu stehn. Der
liebliche Tristan, der hohe Shakespeare (in den Übersetzungen, denn
ich kann kein englisch _noch_) werden nie zur Hand genommen, ohne
stillen Frühlingsgruß an Sie. Der Gräfin, allen den lieben Ihren, meine
herzlichsten Empfehlungen, der freundlichen Pflegerin meines goldenen
Vögleins den schönsten Dank. Unser Gott mit Ihnen Allen!

    Ewig Ihr _Loeben_.

Meine Frau ist vielleicht, während ich dies schreibe, in Ihrer Nähe.
Die anderen Werke Solgers muß ich schon als Commentare des gelesenen
herrlichen mir zu lesen wünschen. Davon ein andermal.


                                 III.

    _Nieder-Rudelsdorf_, 7. Sept. 1820.

Der inliegende Brief, mein geliebter Freund, war mir schon längst für
Sie zugesendet. Meine Frau, Ihrer Güte für mich und sie vertrauend,
wendet sich darin mit einer Bitte zu Ihnen, der ich jedoch, einmal zum
auf die angenehmste Weise dabei compromittierten Mitwißer gemacht,
nicht unbedingt das Siegel meiner Beistimmung aufdrücken konnte.
Gern und die schöne Absicht ehrend, war ich auf ihren Vorschlag
eingegangen, einen Catalog durchzusehn, der alte gute Nürnberger
Waare anbot, und ich habe mir aus demselben mehreres, z. B. einige
Dürerische Holzschnitte und Stiche die mir fehlen, etliche Blätter von
Kranach, verschiedene Bücher und insonderheit die -- selten beisammen
zu findende -- Folioausgabe von Hans Sachs Werken, vollständig, --
ausgezeichnet, und so auch etwas Prädestination versucht, doch denke
ich, das immer noch dem Gange des Ganzen dabei Überlaßene, und die
Bestimmung zum christlichsten und kindlichsten Fest, schüzt mich
vor aller Beschuldigung des Islamismus. Nun kann aber leichtlich,
wenn das Meiste davon mir zu Gute kommt, der Auctionswerth 40-50
Thaler betragen, und aus diesem Grunde erinnerte ich meine Frau,
als ich den Bittbrief an Sie empfing, nochmals an ihre Zusage, mir
inskünftige unbeträchtlichere Gaben zu spenden, und an die Haltung
unsers gegenseitig neuerrichteten Vertrags. Sie hat dagegen excipiert,
daß es das Leztemal seyn solle, und ich Ihnen, mein verehrter theurer
meisterlicher Freund, ihre Zeilen und mein ihr einst gegebenes
Verzeichniß -- ein anderes hat sie verloren -- nur überreichen und
das Weitere Ihrer Weisheit überlaßen möchte. So stelle ich diese nun
täglich zwischen uns beide, die in diesem Falle wie immer mit der
ächten Liebesgüte eins ist -- sind Sie nicht selbst der Salomo auf
dem Throne der Poesie? Entschuldigen Sie also meine vielen, aber
nothwendigen Worte über diese Angelegenheit, nur das laßen Sie mich
noch hinzusetzen, daß ich mich darauf verlaße, Sie werden freundlich
auf mein obiges Bedenken zurückblicken, auch denke ich, daß vielleicht
_eins_ oder keins der angegebenen Werke in der gegenwärtigen
Dresdener Auction vorkommen wird, was mir gewißermaßen zur Beruhigung
gereicht, ob ich gleich auf Bücher meiner Natur nach ein rechtes
reißendes Thier bin.

Die Rückkehr meiner Frau von Wien ist noch nicht bestimmt, sie hat eben
jetzt die Fahrt nach Ungarn zu ihrem Bruder gethan, und scheint sich,
wie es ja nicht anders seyn kann, wenn man ein Gast des wirthlichen
Praters und der Donaunixe ist, sehr wohl zu gefallen. Mit mir geht
es Gott Lob! recht erwünscht und gut, und ich hoffe sonach diesen
Herbst und Winter als rüstiger Ritter zu bestehn und damit meines
gütigen antheilsvollen Freundes Beifall zu erwerben. Unser lieber
Malsburg wird, denke ich, in diesen Tagen bei Ihnen seyn; ich habe
ihm einen Gruß nach Eisenach entgegengesandt; fragen Sie ihn doch,
ob er denselben bei unserer gemeinschaftlichen Freundin, Julie von
Bechtolsheim, erhalten? Graf Kalkreuth wird wohl längst seine Reise
nach Wien angetreten haben; möge auch er uns recht wohl heimkehren!
Wilh. Müller (~i. e.~ der Dessauer Elb-Müller) schreibt mir im
lezten Briefe: „Wie sehr mich diesmal Dresden gefeßelt hat, werden Sie
Sich leicht einbilden können, wenn Sie wißen, daß ich _Tieck_
fast täglich gesehen und genoßen habe, da er überaus mittheilend und
theilnehmend sich gegen mich erwies“ --! und dies freut mich! Wird
uns wohl auch Schütz gewiß zum Winter wiederkehren? ich freue mich
darauf, so wie, seine Evadne und Guiscardo und Gismunda gedruckt zu
sehn. Gedruckt angesehn -- in der Ascania -- scheint mir sein Karl
der Kühne _noch_ ungenießbarer, als an jenem Abende bei Ihnen.
Gern, wie gern möchte ich mich recht bald in dem mir so lieben,
geistesheimathlichen Kreise befinden! Mehrere Umstände vereinen
sich aber, mir vermuthlich eine etwas längere Dauer meines hiesigen
Aufenthalts aufzulegen, und da er mit der Nähe einer innig geliebten
und verehrungswerthen Mutter verknüpft ist, so ist des Herzens Meinen
und Verlangen getheilt. Die Liebe ist von oben, denn sie möchte
_zugleich_ umfaßen, -- darum ist die selige Schmerzlichkeit ihr
Kind. Der theuern Gräfin, allen den lieben Ihrigen meine besten, meine
herzlichsten Grüße. Ihnen die treusten Wünsche für Ihre Gesundheit!
Behalten Sie lieb

    Ihren _O. H. G. Loeben_.

Von Helmina habe ich kürzlich recht liebe und werthe Gedichte erhalten.


                                  IV.

    14. Nov. 1820.

Höchst ungern, mein geliebter Freund, bequemte ich mich gestern nach
den Launen meines kleinen Schnupfenfiebers, und entbehrte doppelt, da
Sie und Shakespeare mir fehlten. Aber der Kopf war mir so eingenommen,
daß ich schon um seiner Unfähigkeit willen mich des Erscheinens für
unwerth hielt und mich nun auf den Donnerstag freue. Schon am Sonntag
blieb ich zu Hause, und hätte lieber bei Ihnen den Abend zugebracht.
Wenn es mir am heutigen nicht wie gestern geht, komme ich vielleicht
ein wenig. Vergeben Sie, daß ich die Minnelieder nicht gleich schickte,
aber sie lagen noch in einer Bücherkiste, die meine Reisegefährtin war.
Mit dem innigsten Gruß

    Ihr

    _Loeben_.

N.S. Die _Brambilla_ bekenne ich sogleich, ohne Aufschnitt,
zurückgeschickt zu haben. Dagegen erfreuen mich jetzt _Griesels_
Mährchen, seine Undine vor allem, aber wie kommt nur der alberne
„_Jünglingsgeist_“ in das höchst glückliche, selbst undinenartige
Büchelchen hinein?


                                  V.

    Stift _Joachimstein_ bei Ostriz, 14. Mai 1821.

Der Anblick Ihrer lieben Handschrift, mein theuerer Freund, war meinen
Augen und meinem Herzen eine Weide, die alle zwei mit freudiger
Rührung in sich aufnahmen. Ja, wahrhaft gerührt hat mich dies zarte
Zeichen Ihrer Liebe, doch was sage ich es Ihnen erst, Sie fühlten
meinen Dank, meine Freude, meine Erwiederung, als Ihre Feder mir Ihre
freundlichen Gedanken zulenkte. Auch ich, mein geliebter Freund, habe
Ihnen im Geist schon Brief über Brief, und zwar lauter Frühlingsbriefe
geschrieben, und mit all’ den köstlichen Blüthen, dem frischen Laube,
das ich hier athmete, in Gedanken unzähligemale Ihr theures Haupt
bekränzt. Wundervoll entfaltete sich hier der Frühling vor meinen
Augen in den ersten Tagen meiner Ankunft und bei dem holden Flüstern
und Wehen, wobei er seine Lauben webt, konnte man fast sagen, daß man
alles wachsen hörte. Diese ersten Tage waren indeß minder genußreich
für mich, da ich mich nicht recht wohl fühlte, als die folgenden,
wahrhaft entzückenden, in denen ich die Flügel der Gesundheit wieder
auseinanderfaltete und neuen Lebensmuth schöpfte. Innigen Dank für
Ihr treues Theilnehmen an meinem Befinden. Es geht, etwas Müdigkeit
abgerechnet, die mich oft überfällt und demüthigt, wieder völlig gut
mit mir. Nun soll die Hildegard wieder vorgenommen werden, die lange
Pause hat mich etwas zu bedächtlich gemacht, und ich freue mich, bald
mehr ins Feuer zu kommen. Meine erste Arbeit hier war eine Erzählung,
„Versöhnende Liebe“, die ich auf die Grundlage der aus dem lezten
Roman weggelaßenen norwegischen Geschichte gebaut habe; ich habe sie
mit großer Liebe und Lust geschrieben, und hätte sie Ihnen gar zu
gern vor der Absendung nach dem Ziele, wo ich längst erwartet wurde,
vorgelegt. Ja wohl ist es übereilt, daß ich Klotar und Sigismunda
nicht noch etwas länger destillieren ließ; obwohl das Beßermachen und
Concentrieren nicht immer gedeihlich ist. Ich werde darin wohl noch
lange ein junger Schwabe bleiben, und wenn ich es nicht mehr seyn
werde, dann wird die unbewußte Zuversicht des Fortschritts, die meinen
Fehler eigentlich beseelt, mich verlaßen haben. Aber Ihr Fehler, mein
theuerer meisterlicher Freund, ist freilich viel, viel größer; denn Sie
halten mehr zurück, als wir alle zu geben vermögen! Indessen waren ja
in der lezten Zeit unseres für mich so schönen Beisammenseyns so manche
Aspecten da, die uns die Gunst Ihres prächtigen Sternhimmels verhießen:
ach so schön es seyn mag, daß Sie alles in Sich selbst fertig dichten,
möchte Ihnen dennoch die Feder und das Papier unentbehrlich erscheinen
und seyn! Sie sagen mir nicht, ob der schlimme Edmund sich wieder aus
seinen Irrgewinden hervortretend hat blicken laßen, und wie es den
Salvator Rosas des jovialen Fabrikanten weiter ergangen? Recht oft muß
ich an diese Gegenstände denken und mich der Stunden erinnern, die Sie
uns schenkten. Graf Kalkreuth schreibt mir von einer schönen Fahrt
auf der Elbe, von Blitzen umleuchtet, und von der allen erfreulichen
Stimmung, in welche der Abend Sie zu versenken geschienen habe. Daß ich
doch hätte mitfahren und Ihre Gespräche theilen können! Meine Pläne
sind aus mehreren Gründen noch unentwickelt, auch hat Malsburg so
lange nichts von sich hören laßen, und ich hege immer noch die Ahnung,
daß seine Bestimmung sich doch wohl unter dem neuen Regiment ändern
wird. Vielleicht ist es dann am Besten für ihn und für alles Tiefere
in ihm, wenn jene ihn an seine Heimath bindet. Doch Gott allein weiß
ja, was einem jeden von uns am meisten frommt. Die Befürchtung, daß
eine weitere diplomatische Bestimmung unseren Freund immer mehr in
die Welt verwickeln möchte, könnte ja z. B. leichtlich in Petersburg
durch Entbehrung und Sehnsucht beseitigt werden. Schütz ist reisefertig
und dabei so geduldig mit Abwarten meiner Entschlüße, daß ich seiner
Gefälligkeit Gerechtigkeit wiederfahren laßen muß. Den 1. bei ihm uns
vorgelesenen Act seines Falieri hatte er mir, wie ich Ihnen mittheilte,
zum Wiederlesen zugestellt, allein der Mangel der Zeit mußte mich bei
ihm entschuldigen. Es ist unbegreiflich, daß er die Hölzernheit und
völlige Todtheit des Dialogs darin nicht selbst einsieht, und leider
bestätigt dies Ihr in dem Brief an mich ausgesprochenes strenges
Urtheil. Weiter als bis Escheberg werde ich wohl nicht reisen, wenn
noch aus dieser Fahrt etwas wird; die Pläne nach dem deutschen Süden
hin sollen, denke ich, im nächsten Frühling zur Ausführung kommen. Bald
schreibe ich wieder. Mag die herrliche Luft Ihnen recht wohlthuend
seyn und bleiben! Der lieben Gräfin und allen den werthen Ihrigen die
Versicherung meines herzlichen Andenkens! Meine Mutter habe ich in der
Erholung gefunden, Gottlob! denn sie war aufs neue sehr übel gewesen.
Ich habe sie durch Ihre Begrüßung erfreut. Nehmen Sie, geliebter
Freund, für heute mit diesen Zeilen vorlieb, die Ihnen lange nicht so
viel sagen, als ich zu sagen wünschte, und als mein Herz Ihnen täglich
sagt.

    Ihr

    _O. H. G. Loeben_.


                                  VI.

    _Laußke_ bei Bautzen, 4. Juli 1821.

Schon längst, mein geliebter Freund, hätte ich Ihnen sagen sollen, wie
sehr Ihre reiche Sendung mich erfreut, und mit wie innigem Danke die
Freude mich erfüllt hat. Wir haben hier, wie am Strande des Meers,
abwechselnd Ebbe und Flut gehabt, ich meine bald tiefe Einsamkeit,
bald rauschende Geselligkeit. Daß ich während dieser nicht schrieb,
bedarf bei Ihnen, der Sie mich freundlich erkannten, wohl kaum einer
Entschuldigung; wohl aber würde sie mein Schweigen während _jener_
bedürfen, wenn die Dauer derselben länger, und die zwei theuern Gaben
von Ihnen mir zur Hand gewesen wären, die ich noch nicht gebunden
vor mir habe, und über die ich Ihnen doch gern ein Wort, als den
eigentlichen Dank, sagen wollte. Indeß gehn wir morgen auf 8 Tage zu
der Fürstin Hohenzollern nach Hohlstein, und ich muß Ihnen durchaus
zuvor dies Wörtchen des Danks zufliegen laßen. Daß Sie die herrlichen
Gedichte und die Schriften unseres Kleist sogar mit einigen Zeilen
begleiteten, setzte Ihrer Freundlichkeit in meinen Augen die Krone
auf. Ich habe durch die eben nach Löbichau reisende Herzogin von
Sagan in voriger Woche selbst an Tiedge geschrieben, um Ihre Aufträge
auszurichten und ihm die Übergabe des Exemplars von Kleist an Frau v.
der Recke anzuempfehlen. Was ich, vorkostend, von der Fortsetzung der
Vorrede zu Kleists Schriften gelesen, hat mich sehr durchdrungen, ich
rechne darunter auch die Mittheilung aus Solgers Briefe. Erst kürzlich
hatte ich den Kohlhaas gelesen und mehrere Bemerkungen gemacht, die ich
in Ihrer Beurtheilung der Kleistischen Erzählungen bestätigt fand. So
wenig das Publicum sich in die Sammlung bereits zerstreut erschienener
Novellen nach dem wahren Gesichtspunkt findet, weil es ja immer und
immer den Zweck augenblicklicher Ergötzung festhält und mit dieser
den Begriff ephemerer Dauer verbindet; so wenig, ahndet mir, wird es
Ihre Gedichtesammlung wahrhaft verstehn und es würde sie vielleicht
zu tadeln wagen, wenn Sie ihm überhaupt nicht zu unerreichbar am
Dichterhimmel ständen. O es hat Sie, es hat Göthe ja nie verstanden,
es müßte sonst anders beschaffen seyn, indeß es wäre Thorheit sich
darüber zu wundern und Thorheit zu denken, daß Sie es anders erwarten.
Wer hinanblickt, für den sind Sie da; und es blicken ja noch manche
aufwärts, -- nur bei stiller Sternennacht, einsam und doch nicht!

Unzähligemal denke ich daran, wie Sie Sich bei dem ungünstigsten aller
Sommer befinden mögen, und theils sorge ich mich darum, theils ist es
mir leid, daß meine liebe Vaterstadt Ihnen einen solchen unbehaglichen
Zustand nicht erspart. Mit mir, mein theurer Freund, werden Sie recht
zufrieden seyn müßen: denn ich schrieb die ganze Zeit gar nicht, aber
wäre es nicht beßer gewesen, da man den Sommer nicht loben konnte? Doch
diesmal sollen Selbst Sie entschuldigt seyn, nicht vor uns, sondern vor
Apoll und der Muse, wenn Sie nicht schreiben; denn so lange wir Dichter
noch Menschen sind, behaupte ich, auch der größte mußte das Joch dieses
Unwetters fühlen. Von unserem bösen holden Freunde erhielt ich --
gerade an seinem Geburtstag -- den ersten Brief seit 2 Monaten! Das
Blatt schien mir durch den Siegel (Spiegel?) der Freundschaft selbst,
zu meiner Besänftigung, bestellt zu seyn, und ich brauchte nicht Milch
statt Blut in den Adern zu haben, um ihm gleich auf der Stelle mit
frohem Herzen zu verzeihn. Im August kehrt er wieder und so ist es nun
wohl zu knapp, um die Flügel meiner Sehnsucht zuvor zu lösen. Meine
Novelle ist noch nicht da! Sie glauben aber gar nicht, was ich für
Angst habe; sie wird Ihnen gedruckt weniger gefallen, und da tröste ich
mich wieder wie ein Thörichter mit der Hoffnung, sie schon in einer
zweiten verbesserten Auflage vor mir und Ihnen zu sehn. Das Blatt ist
voll und ich habe noch so viel Grüße auszutheilen, aufzutragen, --
alles in dieser herzlichen Umarmung!

    _Loeben_.


                                 VII.

    _Escheberg_, 23. Juli 1822.

Mein geliebter Freund! Ich glaube, die schöne innere Zuversicht Ihrer
vielfachen Gegenwärtigkeit unter uns macht mich so faul und nachläßig
gegen Sie, und so bilde ich mir denn steif und fest ein, daß meinem
Schweigen die nämliche Liebe und Hinneigung zu Ihnen zum Grunde liegt,
die mich manchmal, obwohl immer mit einiger, vielleicht lächerlicher,
aber doch auch hübscher, und inniglicher Schüchternheit gepaart,
zum Schreiben trieb und nun auch jezt längst dazu angespornt haben
sollte. Unser Freund hat Ihnen seine Blätter zufliegen laßen, dies
war ein zureichender Grund, bei meinem Briefphlegma zu verharren; Sie
wißen nun, wie es ihm im Sande der Mark, wie es mir in seinen schönen
Wäldern erging und ich habe nur hinzuzusetzen, daß mich das Leben hier
immer herrlicher umfängt, je älter ich darin werde. Der Wechsel von
stiller und lauter Lust thut mir hier so wohl, so ganz in der Mitte
prächtiger Wälder, hoher mannichfacher Abhänge zu wohnen, ohne sich
im freien Athemzug gehindert zu fühlen, thut gar zu wohl. Escheberg
würde Sie sehr anziehen, nur, mein theuerer Freund, müßten wir in der
großen Wetterküche durchaus die Regensuppe oder vielmehr Kalte Schaale
verbitten, denn hat es gegoßen, dann ist das schöne Escheberg nichts
für Sie. Aber wie lange haben wir uns doch der Trockenheit erfreut!
dies setze ich ausdrücklich hinzu, denn wenn unser Freund meine Zeilen
überläse, ich würde selbst in eine Wetterküche kommen, daß ich ein
Wetterfähnchen nach Ihnen hin auf das Escheberger Haus gepflanzt
habe. Nein, mein herrlicher Freund, jede Freude, jede Mittheilung von
ächter Schönheit, deren wir hier genießen, ist zugleich eine Fahne,
die wir grüßend nach Ihnen zuschwenken, womit wir Sie einladen, „in
allen guten Stunden“ -- und derer giebt es hier so viele, so unendlich
viele! unter uns zu seyn. Denken Sie Sich, daß wir gestern Abend
ein Stückchen Sommernachtstraum, die rührenden Liebesirrsale des
Pyramus und der Thisbe, aufgeführt haben. Unser Freund war der Herzog
Theseus, Fräulein von Calenberg -- die schon manchmal unsern lieben
Meister Ludwig mit uns leben ließ -- die Hyppolita, ich machte den
Prolog (von einem ellenlangen Zeddel ablesend) und kroch, brüllte,
und fraß den Mantel als Löwe, wofür mir das gebührende Lob wurde, gut
gebrüllt zu haben. Wir waren alle recht lustig und das Misglückende
selbst war ein neckendes Geistchen des Spiels. -- In Cassel hat mich
die Bekanntschaft von Wilhelm Grimm besonders erfreut, Sie glauben
leicht, daß auch da vielfach von Ihnen die Rede war, obwohl Cassel der
eigentliche Dichterthron Arnims ist. -- Ruhl, den ich übrigens sehr
liebgewonnen habe, und der gewiß sehr hoffnungsvoll ist, (man darf
nur sein Skizzentagebuch aus Italien durchblättern) liest täglich in
der Dolores, wie in Capiteln der poetischen Bibel. Ich habe es nicht
gewagt, ihm zu sagen, daß ich von der ganzen Dolores nur erst ein Paar
Seiten kenne; mir jedoch auch ernstlich vorgenommen, sie denn doch hier
auf ihrem _klassischen_ Boden zu lesen. Neulich machte ich mich
über die vier Rheinfahrts-Erzählungen Arnims, (die Isabella von Ägypten
&c.) und obwohl ich mich alles dessen erinnern mußte, was Sie so oft
geäußert haben, so fand ich mich doch wieder geneigt, mich von manchem
anziehen zu laßen, und eine reiche innere Poesie nicht verkennen zu
mögen, die um so mehr durch den Misbrauch derselben im Wahn, die Fülle
an sich sei das Gesuchte, das Alleinige in der Production, beleidigt.
Wie schön ist der ganze Anfang des glücklichen Färbers, und wie hat
er ihn durch die Einmischung des ganz Fremdartigen, das er auf das
Typische der Geschichte pfropft, verwüstet!

Doch was soll dies Geschwätz vor Ihnen, mein meisterlicher Freund! wir
können es alle gar nicht erwarten, Ihre _Reisenden_ im Wendtischen
Phöbuswagen 1823 ankommen zu sehn. Wendt hat von mir eine Reihe
„Junggesellenlieder“ erhalten, die, wenn sie noch Platz fanden, Ihnen
wie ich glaube gefallen werden. Zweie darunter (es sind ihrer neun)
kennen Sie aus unseren schönen, ach ich weiß nicht warum im Beginnen
besonders schönen, Abenden. Ist Schütz noch unter Ihnen anwesend, so
erinnern Sie ihn doch ja, nebst meinem Gruß, mir wegen des in seinen
Händen gebliebenen Gedichts von mir recht bald Auskunft zu geben.
Der lieben _Feindin_, der theuern Dorothee, ihrer Mutter und
Schwester, meine freundlichsten, meine herzlichsten Grüße. Sie können
uns nicht vergeßen, wir fühlen es aus uns selbst heraus. Unser Gott mit
Ihnen, mein lieber Freund! es ist gar nicht zusammenzufaßen, wieviel
ich Ihnen danke, und wie schön es ist, daß ich Sie gefunden habe.

    Ihr

    _Loeben_.



Löwe, Ludwig.


    Weshalb mag Tieck dies unbedeutende Blättchen sorgsam aufbewahrt
    haben? Enthält es denn etwas weiter, als gewisse höfliche
    Versicherungen eines auf Gastrollen gehenden Schauspielers, der
    sich anmeldet, und um freundlichen Empfang bittet.

    O doch! Es redet ja von _Liebich_, von dem Schauspieler
    und Schauspieldirektor, für welchen Tieck enthusiasmirt war;
    als dessen würdigsten Zögling er Ludwig Löwe betrachtete. Auch
    diesem hatte er aus der Zeit seines Prager Aufenthaltes ein
    liebevolles Gedächtniß bewahrt, und Löwe hatte, da er (1821) die
    erste Kunstreise unternahm, solch’ nachsichtiges Wohlwollen zu
    aufrichtiger Anerkennung gesteigert. Wer die Schauspielkunst liebt,
    ihre Wichtigkeit für höhere poetische Zwecke erkennt und unbefangen
    würdiget; wer alt genug ist, um _Ludwig Löwe_ jung gesehen und
    gehört zu haben, -- der wird gern zugestehen, daß es wohl selten
    einen jugendlichen Verkörperer dichterischen Lebens auf der Bühne
    Deutschlands gegeben, welchem das oft verschwendete Epitheton:
    „hinreißend“ mehr gebührte, als ihm. Tieck bestätigte das;
    erblickte in Jenem einen Freund aus alter, besserer Theaterzeit,
    dessen Zeilen ihm wie ein Gruß der Vergangenheit klangen.
    _Deshalb_ hat er sie in seine Briefsammlung aufgenommen.
    Deshalb auch drucken wir sie ab, damit der Name des Künstlers
    in Ehren erwähnt sei, der oft und voll Begeisterung deutschen
    Landsleuten Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Oehlenschläger,
    Calderon und Shakspeare zur klarsten Anschauung gebracht.

    _Wien_, d. 11ten Mai 1836.

    _Hochgeehrter Herr Hofrath!_

Ihre gütigen Zeilen, welche ich durch Fräulein Bauer erhielt, haben
mich unendlich glücklich gemacht, und ich bringe Ihnen meinen innigsten
herzlichsten Dank dafür. Es war mir eine große Freude durch jenes
liebe Blatt die Überzeugung zu erhalten, daß Sie sich meiner noch aus
jener Zeit erinnern, in der ich als Anfänger den Unterricht meines
unvergeßlichen Liebich’s genoß. -- Ist als Schauspieler etwas aus
mir geworden, so danke ich es nur diesem vortrefflichen Manne, der
auch noch bey Ihnen in ehrenvollem Andenken ist. Mich führt in diesem
Sommer nach Leipzig eine Einladung auf Gastrollen, vielleicht werde
ich bey meiner Rückreise über Dresden auch auf Ihrem Theater mein
Glück versuchen; die Freundlichkeit des Herrn Emil Devrient forderte
mich dazu auf, und ich ergriff gerne die Gelegenheit, um einige Zeit
in Ihrer Nähe verweilen zu können, und Ihnen, Hochverehrter Herr
Hofrath! meine Verehrung und Bewunderung persönlich darzubringen, die
mich stets für Sie durchglüht hat. -- In der Hoffnung, daß ich bey der
Aufwartung, die ich Ihnen bald zu machen gedenke, als eine Erscheinung
aus längstvergangner Zeit, -- nicht unangenehm sein werde, schließe ich
diese Zeilen, und verharre mit der größten Hochachtung und Verehrung
als Ihr

    ergebenster

    _Ludwig Löwe_,

    K. K. Hofschauspieler.



Ludwig, Otto.


    Daß der Dichter so bedeutsamer dramatischer und epischer Werke
    als: der Erbförster -- Die Makkabäer -- Zwischen Himmel und Erde
    -- Thüringer Naturen &c. sich zuerst an _Tieck_ gewendet und
    Ursache gefunden hat, ihm zu sagen, was er ihm in diesem Schreiben
    so schön sagt, kann als schlagende Erwiderung gegen den ungerechten
    Vorwurf gelten, der sich öfters erhob: der alte Meister habe junge
    Gesellen zurückstoßend empfangen und von der neuen Zeit sich
    hochmüthig abgewendet. Es bewährt sich auch hier, was Alle die ihm
    näher gestanden aus Erfahrung wissen, daß er jedwedem Vertrauen
    liebevoll entgegen kam, und sich an jeglichem Talente väterlich
    erfreute.


    Am dreißigsten August 1844.

    _Hochgeehrtester Herr geheimer Hofrath!_

Ihr gütiges Urtheil über meinen Engel von Augsburg und Hanns Frei hat
mir Muth und Kraft gegeben. Den Tadel, den Sie darin aussprachen, hatt’
ich erwartet, grade so, wie Sie ihn aussprachen, nur nicht so mild, und
so konnt’ ich mich doppelt über ihn freuen, da er mich Vertrauen zu
der Richtigkeit meines Gefühles gewinnen lehrte. Wie dank’ ich Ihnen
den Tadel! Was ich nicht recht gemacht habe, wollt’ ich ja wißen,
deßhalb wandte ich mich an Sie. Ich weiß nur zu gut, wie schwer es ist,
das Tüchtige in einer Kunst zu leisten; ich weiß, wie wenig ich noch
leisten kann, aber ich will ja eben lernen, Tüchtiges zu leisten. Daß
ich dies aber für erreichbar halten dürfe, den Glauben hat mir Ihre
Meinung von meinem Talente gegeben, an dem ich bis zur Muthlosigkeit
zweifelte. So hab’ ich bei Ihnen gefunden, was ich bei Ihnen suchte und
was nur Sie mir geben konnten, Belehrung und Ermuthigung in solchem
Grade. Ihr Brief ist mir ein Talisman, zu dem ich mich flüchte; sobald
Eitelkeit zur Überhebung mich kitzelt oder Zweifel niederzieh’n will
zur Muthlosigkeit. Dazu Ihre freundliche Erlaubniß, komme ich nach
Berlin, Sie sehen zu dürfen, die einem sehnlichen Wunsche von mir
entgegen kommt, der wenig jünger ist, als ich selbst. Und für Alles das
weiß ich Ihnen nicht anders zu danken, als dadurch, daß ich selbst Ihr
Werk in mir nach Kräften zu fördern suche.

Wie soll ich’s nun entschuldigen, daß ich Ihnen eine neue Anmuthung
mache, indem ich beifolgende Novelle Ihnen zusende? Was nicht zu
entschuldigen ist, soll man nicht entschuldigen wollen. Ich will dies
Ihrer eigenen Güte überlaßen, zu der ich mehr Vertrauen habe als zu
meiner Kunst.

Ich weiß, daß ich zuviel verlange; ist es Ihnen bei Ihrer Überhäufung
mit Geschäften zu beschwerlich, so senden Sie mir sie ungelesen
zurück. Sie ist aus der Anekdote von dem reichen jungen Voigtländer
Leinwandhändler entstanden, den die Wirthstochter, in dem Gemache,
durch welches er in das seine geführt wird, scheintodt aufgebahrt zur
Leidenschaft und zu dem unnatürlichen Vergehen verlockt, zufolge deßen
er, wie er nach Jahren hier wieder einkehrt, die Begrabengeglaubte als
Mutter wiederfindet, die den Vater ihres Kindes nicht zu nennen weiß.
Ich habe sie mehren Buchhändlern, ohne Honorar zu verlangen, angeboten,
aber vergeblich. Und doch, mein’ ich, wird jährlich so manches noch
Unvollkommnere gedruckt.

Es kann Sie Niemand mehr hochachten und verehren, als

    Ihr ergebenster

    _Otto Ludwig v. Eisfeld_.

Niedergarsebach bei Meißen, Schleifmühle, wo mich Ihre wertheste
Zuschrift bis Ende Septembers trifft. Später -- -- so würden Sie die
Güte haben, sie an Herrn Direktor Jenke in Dresden gelangen laßen zu
wollen.



Lüdemann, Georg Wilhelm von.


    Geb. am 15. Mai 1796 zu Cüstrin, wo sein Vater Direktor der
    Neumärkischen Kriegs- und Domainenkammer war. Noch nicht volle
    siebzehn Jahre alt verließ er das Berliner Gymnasium zum „grauen
    Kloster,“ um die Feldzüge von 1813 &c. im ersten ostpreußischen
    Infanterie-Regimente mitzumachen. Dreimal verwundet kehrte
    er zurück, und wendete sich auf der Universität vorzugsweise
    dem Studium der neueren Sprachen, der Statistik, so wie auch
    juristischen und kameralistischen Wissenschaften zu. Schon 1817
    wurde er bei der K. Regierung angestellt, doch sah er sich durch
    Rücksichten auf seine schwankende Gesundheit genöthigt, längere
    Urlaube zu nehmen, die er zu großen Reisen benützte. 1833 trat
    er interimistisch den Posten eines Landraths zu Sagan, 1835
    jenen eines Polizeidirektors zu Aachen an, und wurde 1843 zur K.
    Regierung in Liegnitz berufen, wo er am 11. April 1863 als Geheimer
    Regierungs-Rath, Ritter &c. gestorben ist. Über die Art seines
    Todes gingen verschiedene Gerüchte um, doch läßt sich für gewiß
    annehmen, daß er auf einem Spaziergange vom Ufer abgleitend in den
    Mühlgraben gestürzt ist.

    Außer seinem bekannten Reisewerke über die Pyrenäen hat er im
    Gebiete der schönen Wissenschaften und Künste wie auch der Kritik
    unübersehbar viel geschrieben. Er war fleißiger Mitarbeiter an
    den Blättern für litterarische Unterhaltung, und mehreren anderen
    gediegenen Zeitschriften, gab sehr beliebte Novellen heraus,
    lieferte auch eine Geschichte der Kupferstech-Kunst. Mit den
    meisten litterarischen Persönlichkeiten seiner Zeit stand er in
    Verbindung. Vielseitige Gelehrsamkeit, gründliche Bildung, feiner
    künstlerischer Geschmack, durch langen Aufenthalt in Italien,
    Frankreich und Spanien erweitert, leuchten aus all’ seinen Arbeiten
    hervor; verleiteten ihn aber auch zu einer Schärfe der Kritik,
    welche, wenn gleich für treffend anerkannt, doch nicht immer
    beitrug, ihm Freunde unter seinen näheren Umgebungen zu erwerben.


    _Zyrus_ b. Freystadt in Schlesien,
    d. 31. Januar 1832.

    _Wohlgebohrner
    Hochverehrter Herr Hofrath!_

Wenn ich es wage, Ihrem Urtheil, hochverehrter Herr Hofrath,
die beiliegende Bearbeitung der ~Two Gentlemen of Verona~
unterzulegen, in der Hoffnung, damit der deutschen Bühne vielleicht
ein Shakspearisches Stück mehr anzueignen, so geschieht es mit
demjenigen Vertrauen, das man dem erleuchtetsten Richter entgegen
bringt. Ich habe dies Schauspiel vor Jahren, und mit stets wachsendem
Vergnügen mehrmals in London darstellen sehn, und indem es dadurch bey
mir zu einem Lieblingswerk des großen Meisters wurde, habe ich der
Versuchung nicht widerstehen können, es, wie irgend möglich, zu einem
deutschen Bühnenstücke umzubilden. Ob und wie dies nun gelungen sey,
darüber erdreuste ich mich, ohne jedes Vorwort die Entscheidung in Ihre
Hand zu legen. Es wäre thöricht, den dichterischen Werth, den Glanz
der neuen Auffassung uralter Naturverhältnisse, die echtdramatische
Handhabung der Fabel, die Wirkung von Charakteren und Verwickelungen,
kurz den ganzen Bau dieses poetischen Schauspiels mit einem Wort
hervorzuheben, wenn man das Glück hat, Ihnen gegenüber davon zu
sprechen. Das Ganze ist von der Art, daß jedes hinzugefügte oder
hinweggelassene Wort als ein hineingetragener Mangel anzusehn ist.
Indeß foderte die deutsche Auffassungsweise einige Abänderungen. Ich
habe mich begnügt, die schonendste Hand an das zu legen, was unleugbar
anders werden mußte. Den etwas verborgenen Hauptgedanken deutlicher
hervorzuheben ist fast mein Hauptbemühen gewesen. Eben dies führte
auf die Änderung des Titels, auf den Umguß der fünf Akte in Drey. Am
meisten haben mir die humoristischen Scenen unantastbar geschienen und
als Grundsatz hat mir vorgeschwebt, unberührt zu lassen, was irgend
bleiben konnte. Die Stellung der Scenen ist an zwey Orten verändert,
weil die Deutlichkeit der Handlung dabey zu gewinnen schien. Szenisch
scheinen keine Schwierigkeiten für die Darstellung übrig geblieben zu
sein und was die Diktion betrifft, so habe ich es, wenigstens nicht an
Bemühung fehlen lassen, auszugleichen, zu ebnen und zu mildern, wo die
Empfindung unserm Ohre allzu rauh erscheinen konnte.

Doch alles dies sind völlig nutzlose Bemerkungen. Ich lege den Versuch
in Ihre Hand, hochverehrter Herr Hofrath! Mit einem Blick werden Sie
darin erkennen, was auseinanderzusetzen vieler Worte bedurfte. Ist
dieser Versuch nun des Meisters nicht unwürdig, ist er geeignet, den
großen Geist auf eine entsprechende Art einem deutschen Theaterpublikum
vorüberzuführen, der auch in dieser minder bekannten Arbeit die
Sonnenlichter der Poesie zurückstrahlt, in denen seine Wohnung ist, --
so wird dieser Versuch _Ihrer_ Bevorwortung nicht zu entbehren
haben.

Indem ich diese für meine Arbeit in Anspruch zu nehmen, so dreust
bin, und indem ich bitte, wenn dieser Versuch Ihren Beifall finden
sollte, diesen auch durch die _Beschützung_, deren er bedarf, zu
bethätigen -- habe ich das Glück, bey diesem Anlaß meine unbegrenzte
Hochachtung für Sie, verehrter Herr Hofrath, auszusprechen und die
verehrende Ergebenheit bezeugen zu können, mit der ich bin

    Ew. Wohlgeboren

    ganz gehorsamer Diener

    _v. Lüdemann_.



Mahlmann, Siegfr. August.


    Geboren am 13. März 1771 in Leipzig; gestorben daselbst am 16.
    December 1826.

    Erzählungen und Mährchen, 2 Bde. (1802). -- Marionetten-Theater
    (1806). -- Sämmtliche Gedichte (1825). -- Sämmtliche Werke, 8 Bde.
    (1839-40).

    Lange redigirte er mit Umsicht und Geschmack die „Elegante Zeitung“
    die wahrlich besser und deutscher war, als ihr zieriger Titel; die
    auch bedeutenden schönwissenschaftlichen Einfluß übte, denn sie
    stand damals in ihrer Art fast allein.

    Mahlmann ist ein _Dichter_; dafür gilt er uns heute noch,
    wenn wir nach seinen Schriften voll Gemüth und Seele greifen. In
    Wehmuth, Innigkeit und Scherz hat er liebliche Lieder gesungen.
    Doch unerreichter Meister bleibt er in einer Gattung, die ihrem
    Wesen nach eigentlich _unpoetisch_ erscheint; die, wenn
    sie nur persönlich verspotten und verletzen will, zu niedriger
    Gemeinheit herabsinkt; die, wo sie sich voll gerechten edlen Zornes
    erhebt, hochpoetisch werden kann: in der Satyre! Sein „_Herodes
    vor Bethlehem_“ ist nur eine Parodie... aber was für eine!
    Sie geißelt nicht allein Kotzebue’s Thränenpresse, die wahrhaft
    abgeschmackten (mit aller sonstigen Anerkennung Kotzebue’s in Posse
    und Lustspiel sei’s gesagt!), „Hussiten vor Naumburg.“ Nein, sie
    trifft mit scharfen Hieben, und mehr noch als Jenen, das Publikum,
    die Kritik, die ganze Zeit. --


                                  I.

    _Leipzig_, d. 9ten Jan. 1803.

Ihr langes Stillschweigen mein werther Freund setzt mich in nicht
geringe Verlegenheit. Kann ich noch auf die Erfüllung Ihres mir
in Dresden gethanen Versprechens rechnen? Wird das projectirte
Marionetten-Theater noch auf Ostern fertig werden? Wenn Sie sich in
meine Lage versetzen, so werden Sie finden, daß mir diese Ungewißheit
in mehreren Rücksichten beträchtlich schadet. Das Papier ist gedruckt:
Meine Dispositionen zur Ostermeße sind im Vertrauen auf die Erfüllung
Ihres Versprechens eingerichtet, und ich habe, weil ich das Geld
_dazu_ bestimmt habe, manchen andern Plan von mir weisen müßen,
um mich am Ende nicht in Geld-Verlegenheiten zu setzen. Verkennen Sie
mich nicht mein werther Freund, ich will Sie weder mahnen noch drücken,
nur _Gewißheit_, nur das Wort eines Mannes verlange ich von Ihnen.
Können oder wollen Sie es nicht zu Ostern liefern, ist Ihnen die Lust
dazu ganz und gar vergangen, haben Sie etwas anders vor, das Sie
gern an die Stelle setzen möchten, so schreiben Sie mir nur darüber.
Ich mache dann andre Dispositionen. Ich schmeichle mir, daß Sie mich
wenigstens in so weit achten, daß Sie mich nicht mit Versprechungen
zum Besten haben werden, und verlaße mich daher auf das Wort, das Sie
mir in der Beantwortung dieses Briefs geben werden.

Von Fr. Schlegel habe ich kürzlich wieder Briefe erhalten, er schreibt
mir ich würde wohl sein Journal _Europa_ schon in Händen haben.
Noch habe ich es nicht gesehen. Man sagt, er habe Aussichten, auf dem
linken Rheinufer als Professor angestellt zu werden. Es würde mich sehr
freuen, wenn diese Reise nach Paris sein Glück befördern sollte.

Leben Sie wohl mein werther Freund, empfehlen Sie mich Ihrer Frau
Gemahlin und haben Sie die Güte mir baldigst und recht offen über unsre
Angelegenheiten zu schreiben. Meine Frau empfiehlt sich.

    Ihr

    ergebenster

    _A. Mahlmann_.


                                  II.

    (Ohne Datum.)

    _Liebster Freund!_

Ich habe mich den ganzen Sommer über so wenig um die Handlung
bekümmert, daß die Verabredung mit Herrn Schulze über das
_Marionetten-Theater_, welche eigentlich durch Spazier zwischen
Voß und Schulze zu Stande gekommen ist, mir nicht eher bekannt wurde,
als wie Schulze hier in Leipzig war und darüber mit _Voß_ sprach.
Es ist mir vielleicht unangenehmer wie Ihnen, daß eine Idee, die
zuerst in uns Beiden lebendig wurde, und von der ich _Voß_ nur
obenhin sagte, von ihm an einen andern übertragen worden ist, der --
so wenig ich auch an seinen Talenten zweifle -- doch vielleicht nicht
_daßelbe_ darunter versteht, was wir damals wollten. Da ich
keinen Antheil an der Voßischen Handlung habe, und überdieß Willens
bin, auf künftiges Jahr, das unter uns bestehende Verhältniß ganz
aufzuheben, so habe ich bey diesen Affairen nur eine Rath gebende, aber
nicht entscheidende Stimme, welches ich gern allen meinen Freunden
sagen möchte, die vielleicht das, was Voß druckt, für das halten, was
mir gefällt. Sie sehen also liebster Tieck, daß ich an der Verabredung
mit Schulzen keinen Antheil habe, und Schulze wird Ihnen _daßelbe_
bestätigen, wenn Sie ihn darüber befragen. Ihr Musenalmanach hat mir
einige herrliche Stunden gegeben, Ihr Gedicht _Sanftmuth_ scheint
mir das vollendetste, und das Sonet von Fr. Schlegel „_wir können
nicht heraus aus unserm Leibe, und Einer kann etc._,“ ist das
tollste. Ich wollte dieser Brief wäre nicht an _Sie_, damit ich
desto freyer davon sprechen könnte, wie lieb ich alles habe was von
Ihnen kommt. Ihre Gedichte sind alle Melodien einer reinen edeln und
stillen Seele, die nicht so wohl gespielt _werden_ als _selbst
spielen_, fromme Töne aus einem frommen Gemüthe. Daher verdrießt es
mich, wenn ich sehe, daß Sie von andern nachgeahmt werden, die sich ein
dichterisches heiliges Gemüth anraisonniren wollen. Nicht jedes O! und
ach! ist ein Gebet, und wenn man spricht wie ein Kind, ist man deshalb
noch nicht kindlich.

Sie sehen ich bin offen, aber ich bin es gegen _Sie_ und damit bin
ich ruhig.

Erlauben Sie mir wegen Ihres Octavianus mit einigen hiesigen
Buchhändlern zu sprechen, denn bei Voß ist eben eine breite Mathematik
für den Landmann angekommen, die das kleine Plätzchen, das allenfalls
zur Ostermeße noch übrig geblieben wäre, ganz besetzt hat. Ich will mir
aber -- wenn Sie noch keinen Verleger haben sollten -- Mühe geben, es
Ihren Wünschen gemäß unterzubringen, und zwar, außer dem Wunsch Ihnen
gefällig zu seyn, aus dem Intereße ein Manuscript von Ihnen zu erhalten
und es im Kreise meiner Freunde zu lesen.

Ich bin Ihrer Meinung, daß die Streitereien mit Merkel überflüssig
sind, aber es ist ganz _Spaziers Sache_, und ich habe an der
Zeitung weder direct noch indirect den mindesten Antheil. Wenn man
diesem Menschen einen Kampf anbietet, so thut man ihm einen großen
Gefallen, denn er lebt von seiner Gallenblase.

Kommen Sie bald nach Leipzig, damit ich Ihnen in meiner Wohnung bei
einem Glase alten Rheinwein sagen kann, daß ich Sie hochschätze und
liebe. Meine Frau grüßt Sie, und erwünscht auch, daß Sie bald zu uns
kommen möchten, aber Ihre Frau müßen Sie mitbringen. Wo bleibt denn Ihr
poetisches Journal? Hat Schillers _Jungfrau_ nicht Ihre Meinung
über Schiller geändert? Was sagen Sie zu den Eumeniden? Doch ich frage
soviel untereinander, und Sie werden nicht Lust haben meine Fragen zu
beantworten.

Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.

    Ihr

    _A. Mahlmann_.



Malsburg, Ernst Friedrich Georg Otto, Freiherr von.


    Geb. den 23. Juni 1786 zu Hanau, gest. den 20. September 1824
    auf seinem Schlosse Eschenberg in Hessen. Seine diplomatische
    Anstellung führte ihn als Geschäftsträger der Kurfürstlichen
    Regierung nach Dresden.

    Gedichte (1817). -- Übersetzungen aus Calderon, 6 Bde. (1819
    bis 25). -- Stern, Scepter, Blume, Übertragung dreier Lope de
    Vegaschen Schauspiele (1824). -- Poetischer Nachlaß und Umrisse
    aus seinem Leben (1825). -- Die Lope de Vega’schen Dichtungen,
    enthaltend: der Stern von Sevilla -- der beste Richter ist der
    König -- das Krugmädchen -- bilden den Inhalt jenes Goethe’n
    zugeeigneten Buches, wovon im zehnten dieser Briefe (dem letzten,
    den er an Tieck geschrieben, denn sechs Wochen nachher lag er im
    Grabe) die Rede ist, wie er es in Weimar selbst überreicht habe.
    Die Meisterschaft dieser Verdeutschung, im Erhabenen gleichwie
    im Scherz-, ja Possenhaften, vermag am Besten zu würdigen,
    wer Gelegenheit fand ihren klaren Redefluß durch Recitation
    zu erproben. Eine solche Reproduktion wiegt manche poetische
    Produktion auf.

    Wenn Malsburg’s Briefe an seinen geliebten Freund unser Herz mit
    Liebe auch für ihn erfüllen, so erwecken sie doch nicht minder
    wehmüthige Empfindungen, welche sich in der bedenklichen Frage
    aussprechen:

    Wäre solche ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit, solche innige
    Freundschaft, solch uneigennütziges Zusammenleben, wie es vor
    vierzig Jahren waltend, hier frühlingblühend an unsere Seele tritt,
    heut zu Tage noch möglich?


                                  I.

    _Eschenberg_, 2. August 1820.

Mein Herz wird doch wohl nicht ruhig seyn, lieber theurer Freund, bis
es Ihnen einmal geschrieben hat. Hoffentlich wissen Sie schon durch
die Fama, wie schwer es mir hier überhaupt wird zu schreiben, denn ich
mag es Ihnen nicht wiederhohlen; das kann ich Sie aber versichern,
daß die Umstände meiner natürlichen Faulheit auf eine Weise zu Hülfe
kommen, die sich kaum ausdrücken läßt, und selbst in diesem Augenblick
habe ich eine halbstündige Voranstalt treffen müssen, ehe ich dazu
kommen konnte, dem Drang meines Herzens Luft zu machen. Dies rührt
daher, daß wir gestern von Cassel kamen, wo wir zehn bis zwölf Tage
verweilt und ich mir die bewußte Fristerstreckung von vier Wochen
gehohlt habe, so daß ich Sie nun erst im nächsten Monat umarmen werde.
Sie glauben nicht, wie viel Treppen ich habe auf und ab laufen, wie
viel kleine und große Schlösser auf- und zuschließen müssen, bevor ich
weiter nichts als Dinte, Papier und Feder zusammen gebracht, und nun
ist doch die Dinte dick, das Papier dünn und die Feder mittelmäßig.
Überhaupt stelle ich jetzt recht oft wehmüthige Reflexionen über die
Unzulänglichkeit alles Schreibens an, wie die Liebe sich davor fürchtet
und wenn sie daran ist, doch nie fertig werden kann, und wie gewiß kein
Mensch mehr schreiben würde, wenn die Aussicht auf eine eigene oder
fremde Freude am Geschriebenen aufhörte. Was für Dinge habe ich Ihnen
und so viel Andern nicht oft schriftlich verkünden wollen, wie oft
habe ich die Briefe im Geist zusammengesetzt, wo Gedanken, Munterkeit
und Rührendes abwechselten, ganze Stellen waren schon mit Wohlgefallen
ausgearbeitet, und nun ich daran komme, ist dies und jenes weggeflogen,
oder wird ganz anders, und ganz neue Dinge drängen sich hervor, so daß
zuletzt vielleicht das Beste vergessen wird. Eine andere Betrachtung
ist die, daß ich was meine gewöhnliche Beschäftigung betrifft, nirgends
weniger zu Hause bin, als in meiner Heimath, und eine dritte, daß ich
mich recht unordentlich angeordnet habe, indem ich die Faulheit mit dem
Fleiß gar nicht in Verbindung zu bringen, keinen Tag einzutheilen und
keine Stunde zu halten weiß, die edelmüthigsten und solidesten Vorsätze
gehen immer in meiner eigenen Schwäche unter, mein Leichtsinn ist so
gewaltig, daß mir die Zerstreuungen zuweilen ganz gelegen sind, und
ich würde mich über mich selbst todtärgern, wenn ich nicht eben diesen
Ärger und diese Schmerzen empfände, die mir die Gewähr einer bessern
Natur und einer möglichen Besserung sind. So thut es mir meist wahrhaft
weh, wenn ich vorauszusehen glaube, daß ich einmal gar nichts mehr thun
werde, wenn ich, wie wahrscheinlich, mich zum Beschließen meiner Tage
hier niederlasse und mir die bestimmte Sorgfalt für einen Grund und
Boden, für vielerley Menschen auch Thiere meine schönsten und feinsten
Gedanken fortnimmt. Inzwischen sey diesem wie ihm wolle, ich freue mich
doch, wieder einmal geradezu mit Ihnen zu plaudern, wenn ich gleich das
Wesentliche dabey vermisse, daß ich Sie nicht wieder sprechen höre,
was mir immer einer der reitzendsten Genüsse war. Die Begebenheiten
meiner Reise, tausend kleine Vorfälle, die possierlich genug sind,
muß ich mir für die mündliche Erzählung zurückbehalten, damit ich Sie
und die lieben Damen lachen sehe; nur das vorläufig, daß Christian
einmal auf dem ~rucio~ des Sancho Pansa angesprengt kam. Die ersten
zehn Tage in Cassel waren wahrhaftig austrocknend, wenn ich irgendwo
noch Hörner gehabt habe, müssen sie sämmtlich abgelaufen, wenigstens
an die Füße verpflanzt worden seyn. Die ersten zehn Tage hier waren
um so schöner und vergiengen in gegenseitiger Freude am Wiederbesitz,
Rührung, und Aberzählen des gegenseitig Erlebten; die zweyten zehn Tage
fingen mit meinem Geburtstag an, Freundinnen, Verwandte und Nachbarn
trafen ein mit schönen Geschenken, sogar ein Sonett, das Herrn von
Sydow zum Verfasser hatte, Kanonen und Tanz wechselten anmuthig ab,
eine Erleuchtung aber litt der Regen nicht. Die dritte Decade brachte
uns den Kurprinzen und mit ihm die Erleuchtung, bey welcher ich Sie
unter andern einmal wieder recht lebhaft hierher wünschte. Die vierte
Decade verging wieder in der Residenz und zu Hofgeismar und die
fünfte, welche jetzt da ist (denn diesen am 2ten angefangenen Brief
setze ich erst heut am 12ten August fort) wird übermorgen durch den
Geburtstag des guten Onkels verherrlicht, für welchen die schöne Tasse
_Aus kindlicher Liebe_ mit einem ebenso schönen Sonett schon bereit
steht. Ohne dieses Sonett hätte ich von der Fähigkeit einige Verse
zusammenzusetzen auch keine Ahndung mehr gehabt, denn daß muß ich
Ihnen leider mit herzlicher Betrübniß gestehen, daß ich von all den
vorgesetzten Herrlichkeiten auch nicht Eine gefördert habe. Kein Sonett
von Shakspeare, keine Recension des Soden, kein Alcalde, keine ~blancas
manos~ -- alles, alles liegt da, und starrt mich gespensterartig an,
-- doch nichts mehr davon, ich komme sonst in ein großes wehmüthiges
Klagen und damit will ich Sie wenigstens schriftlich verschonen, Sie
möchten mich sonst nicht mündlich ausschmälen, was ich doch sehr nöthig
für mich erachte. Vielleicht kann ich Sie im Voraus einigermaßen durch
die Nachricht versöhnen, daß wir aus der Waldeckschen Auction sammt
und sonders für 3 Thlr. 5 ggr. Bücher erhalten haben und Sie mit Ihrem
gewöhnlichen Glück davon wieder die meisten und wohlfeilsten, z. B.
~Bükerstaff~ 4 ~Voll.~ 4 Gr., ~Etherege~ 4 Gr., ~Histoire du Théatre~
2 ~Voll.~ 4 Gr., ~Le Grand Théatre~ 3 ~Voll.~ 4 Gr., ~the british
stage~ 5 ~Voll.~ 22 Gr. Wir wollen doch sehen, ob Sie mir ähnliche
gute Geschäfte in der Ramsgasse gemacht haben. Zum Vertauschen mögte
ich wohl gern manches mitbringen, aber ich fürchte, daß mein Wäglein
sich widersetzt. Dieses werde ich in etwa zehn Tagen besteigen, um nach
Cassel zu fahren, da vielleicht wieder zehn Tage bleiben und mich dann
nach Dresden einschiffen, wo ich, wenn ich alle Zwischenprojekte, wie
Jena &c. betrachte, nach nicht viel weniger als zehn Tagen anlangen
kann. Empfangen Sie mich dann nur recht herzlich und liebevoll, um mir
die verlassene Heimath etwas zu überfärben. Haben Sie einstweilen den
innigsten Dank für das liebe Wort ~Salve~, das mich von Kalkreuths
Brief gleich so traut und lieblich ansah und mir mit den wohlbekannten
Zügen so viel sagte, daß ich mir einen ganzen Brief daraus bilden
konnte. Empfehlen Sie mich Ihrer holden weiblichen Whistpartie aufs
Innigste und Angelegenste und danken Sie besonders der lieblichen
~Reyna Micomicona~ für die Güte, mit welcher sie meinem armen Mohrchen,
über das Sie vielleicht ein mit Lachen vermischtes Mitleiden mit mir
empfunden haben, das Gastrecht angeboten. Doch war mir vor solcher
Pflege zu bang, er wäre mir dann immer und immer wieder weggelaufen.
-- Vielleicht merken Sie es diesem Briefchen ein wenig an, daß ich im
Lesen des Don Quixote eben noch einmal begriffen bin, es ist doch ein
herrliches Buch und gewiß für einen Landjunker, davon jedes Exemplar
mehr oder weniger etwas Don Quixotenmäßiges an sich hat, eine sehr
passende Lectüre. --

Seyn Sie mir noch einmal aus ganzer Seele gegrüßt und umarmt,
Sie lieber theurer Freund, und glauben Sie mir, so viel ich hier
verlasse, so ist doch Freude und Verlangen im Gedanken an das, was ich
wiederfinden werde, sehr groß. Ewig

    Ihr

    _Ernst Malsburg_.


                                  II.

    _Cassel_, 21. März 1831.

    _Mein geliebter theurer Freund!_

Die Vorwürfe, die Sie mir Alle so schelmisch gemacht haben, will ich
diesesmal nicht hören; wehe Ihnen aber, wenn Sie dieses Opfern meiner
Zartheit nicht anerkennen und mich zwingen, Sie vielleicht Jahre
hindurch mit meinen Vorwürfen zu plagen. Doch wer weiß, ob sich Ihrem
hoffentlich wieder ganz geschmeidigen, des Eisenpanzers entledigten
Händchen nicht vielleicht etwas mehr als das mir so wohlthuende
~Salve~ entringt, ob Sie nicht denken, ich sey im italienischen
Dörfchen, Sie hätten ein Buch nöthig und schrieben mir ein Billet? denn
mehr verlange ich ja wirklich nicht. Aber ein Billet, einen noch so
kurz aufgeschriebenen Gruß halte ich für ganz unerläßlich; ich lasse
Ihnen sonst kein einziges Buch mehr in der Auction.

Ich weiß gar nicht wie es kommt, daß ich auf einmal so ganz launig
schreibe. Sie werden mich für sehr fröhlich halten, und ich bin gerade
das Gegentheil; ich denke mich aber jetzt so lebhaft zu Ihnen hin, wo
Sie alle fünf um das Ölkrüglein von Sarepta sitzen, und da kommt es mir
vor, als scherzten wir miteinander. Ich höre Ihren Ton und sehe Ihre
Mienen, mit denen Sie mich gern ein wenig ärgern möchten und doch nicht
können. Lassen Sie mich immer mich so einträumen, es ist mir ein süßer
Genuß, nachdem ich die Brieffaulheit überwunden habe.

Cassel ist wie ein großes weites Grab; alle die schwarzbeflorten
Männer, die langschleyerigen Frauen scheinen nur zerstreute
Bestandtheile eines Leichenzuges, und kein Gespräch wird geführt, das
nicht Tod und Beerdigung und alle Folgen davon zur Basis oder zum
Resultat hätte. Für mich und die Meinigen ist dies Alles in doppeltem
Maße schwermüthig; die natürliche Theilnahme, die wir überall finden,
die mitfühlende Art, womit Jeder, den wir sehen, die Landestrauer
mit unsrer Familientrauer verbindet, thut indessen auch wieder wohl.
Überall muß ich es auch anerkennen und bewundern, wie Gott jedem zu
trüben Eindruck irgend eine Linderung oder Zerstreuung beygesellt;
ich fühle es deutlich, daß der unbeschäftigte Schmerz aufreibend seyn
würde. Meine Furcht vor dem ersten Eintritt in unser hiesiges Haus,
an dessen Schwelle ich meinem theuern Todten zum letztenmal die Hand
geküßt habe, wurde zum großen Theil durch das liebevolle Entgegenkommen
meines Vaters, meines Bruders und aller Hausgenossen vergütet; die
Wehmuth als mein zu behandeln, was mir immer noch würdigeren Händen
zu gehören scheint, wird oft durch eine Reihe kleiner nothwendiger
Beschäftigungen unterbrochen, die bis jetzt nur aus der Pflicht, nicht
aus der Freude der Erhaltung hervorgehen. In drey Tagen fahre ich nach
Escheberg, wohin mein Bruder voraus ist und den 26ten Montags, wird das
Testament publicirt, das mir eine erschütternde Urkunde einer mehr als
väterlichen und zwiefach väterlichen Liebe seyn wird. Drey Tage vor
seinem Tode hat mein seliger Onkel meinem Vater eröffnet, daß er meinen
Bruder und mich zu Universal-Erben nicht nur des Allodiums, sondern
auch der Lehne einzusetzen wünsche, und den Vater deshalb bitte, uns
seine Rechte auf letztere gleich zu überlassen. Mein Vater, der uns
so zärtlich liebt und sich erst in hohem Alter zur Übernahme mancher
Sorgen ohnehin nicht entschließen wollte, hat darein gegen eine Apanage
mit Freuden gewilligt, und wir gelangen so vor der Hand zu einem
Besitz, der unsrer brüderlichen Auseinandersetzung überlassen ist. Vor
dieser ist mir nicht eben bange, da wir Brüder uns von jeher so sehr
geliebt haben, aber doch habe ich zum Himmel gefleht, daß er keine
Wolke in ein Verhältniß kommen lassen möge, das so ungetrübt war, so
lange wir nichts hatten; ich habe solche Entschlüsse gefaßt, mich durch
kleine Neigungen, Vorlieben u. dgl. nicht übereilen zu lassen, und mein
Bruder ist in manchem Betracht noch viel besser als ich, daß es gewiß
gut gehen wird. Ich fürchte nur den Schmerz und die Last des Besitzes
und deswegen thut mir nichts so weh, als wenn mir auch hier manche
Gemeinheit entgegentritt, die es nicht begreifen will, daß ich das
Leben meines Onkels mit Allem was ich habe zurückkaufen möchte. Meine
nächsten Freunde und mein Bruder theilen hingegen ganz mein Gefühl, und
es war mir eine meiner schönsten Nächte, als mein Bruder vor meinem
Bette saß und mir bis drey Uhr Morgens die ganze Geschichte der letzten
Lebenstage unsers väterlichen Freundes erzählte und wir Beyde dabey
abwechselnd und zusammen weinten.

Ich unterhalte Sie wohl recht lang mit diesen Dingen, mein geliebter
Freund, aber sie sind mir eben das Nächste und ich konnte von nichts
Anderem schreiben. Einmal ausgesprochen, werde ich sie in meinen
übrigen Briefen nicht wiederhohlen und unsern nächsten Freunden, Loeben
und Kalkreuth und Schütz, theilen Sie ja ohnehin wohl diese Blätter
mit; ausser unserm kleinen Liederkreise braucht Niemand etwas davon zu
wissen.

Wie geht es denn in diesem lieben Kreislein? vermissen Sie nicht den
Übersetzer (Ihre a. d. Winkell) ein wenig? Die geistlichen Lieder, die
ich Ihnen vorlesen wollte und bey meiner Rückkunft werde, sind durch
Eines auf der Reise vermehrt worden; sagen Sie doch das Ihrer lieben
Frau, die mir einmal etwas so Niedliches darüber gesagt hat.

Von weiteren Bestimmungen für mich ist für jetzt keine Rede; auch das
engländische Gerücht, mit dem man mich hier zur Langenweile verfolgt,
kommt nicht von oben herab. Die von den lieben Damen gewünschte Ungnade
existirt inzwischen auch nicht, denn die Herrschaften sind sehr gnädig
gegen mich und scheinen mich durch die Gleichheit unsers Schicksals
noch als genähert anzusehen. Mein liebster Wunsch ist Sie bald
wiederzusehen, wann aber, kann ich noch gar nicht sagen.

Leben Sie wohl unterdessen, Sie theures Fünfblatt, und reißen Sie
sich (ich bitte darum inständigst) bald ein Blättlein ab um es mir
zuzuschicken, sonst schreibe ich Ihnen von Escheberg aus nicht, wenn es
nicht ohne meinen Willen früher schon geschehen seyn sollte. Bleiben
Sie nur Alle recht von Herzen gut

    Ihrem Freunde

    _Ernst Malsburg_.


                                 III.

    _Escheberg_, d. 7ten Junius 1821.

    _Mein hochgeliebter Freund_.

Wie viel tausendmal habe ich Sie im Geist über mich schmälen hören,
daß ich so lang säumen konnte, Ihnen für Ihre unaussprechlich
lieben Briefe zu danken, aber wenn Sie mich auch im Geiste gesehen
hätten, Sie würden Mitleid mit mir gehabt haben. Es war für den May
eine Familien-Conferenz bestimmt, wobey, wie ich wußte, in Allem was
Geschäftssachen betraf, vorzüglich auf mich gerechnet wurde. Denken Sie
sich nun, daß ich früher in all diesen Dingen unbewandert, ein halbes
Archiv durchlesen mußte, um nur nicht meinen hohen Ruf zu schmälern und
ganz einfältig zu erscheinen, oder gar mich und meinen Bruder, der an
Sitz- und Papierscheu leidet, von den Häusern Malsburg und Elmarshausen
übervortheilen zu lassen. Diese Studien lagen mir mit ihrer Angst
und Langenweile schwer und drückend auf dem Herzen, und je mehr ich
bald hier bald dort hinausschob, desto mehr wuchs dieser Druck, und
ich hätte in Angst und Faulheit vergehen können, wenn ich mich nicht
endlich durchgearbeitet und zuletzt in den trockensten Dingen einen
sonderbaren und pedantischen Genuß gefunden hätte. Zum Glück verschob
sich diese Zusammenkunft durch Krankheit eines jungen und Tod eines
alten Verwandten von Zeit zu Zeit und gewann ich dadurch Raum, bald
dies bald jenes, was mir immer das Allernothwendigste schien, noch zu
erschöpfen. Das Gefühl, daß ich allen meinen lieben fernen Freunden
so stumpf und undankbar scheinen mußte, war mir dabey nicht das
mindeste Trübe und nur die Hoffnung, daß Sie allem was ich sage einen
unbeschränkten Glauben beymessen, daß Sie meine Unschuld empfinden
und mich nicht entgelten lassen werden, kann mich trösten. Fräulein
Calenberg, die sich Ihnen herzlichst empfiehlt, und einige andre Damen
waren abwechselnd hier; hätte ich doch von diesen ein schriftliches
Zeugniß gefordert, daß ich nach dem Frühstück bis zu Tisch, nach
Tisch bis zum Abend beständig in den Acten saß und Galanterie und
Unterhaltung vollkommen im Stich lassen mußte; es war eine rechte
Noth, in den wenigen Momenten des Luftschnappens gehörig lustig und
anständig zu bleiben. Noch jetzt, wo Vettern und Alles fort ist, und
ich für einen Moment ganz einsam bin, fühle ich eine solche Ausdörrung,
daß ich kaum zu schreiben weiß, und nichts thun, als Sie umarmen und
weinen möchte, damit Sie mir Unschuldigen wieder gut würden. Ich kann
Ihnen nur sagen, daß ich Sie ganz unendlich lieb habe, daß Ihre Briefe
wie Lichtstrahlen in meine Finsterniß gefallen sind und daß ich Sie
seitdem noch lieber habe. Ihr Vermissen hat mich gefreut, Ihr Leiden
betrübt, Ihr Arbeiten entzückt. O Sie lieber, herrlicher Freund, welche
frohe, genußreiche Stunden werden Sie dadurch Ihren Freunden und der
Welt bereiten! Arbeiten Sie, arbeiten Sie fort, so wie Sie arbeiten
ja doch niemand wieder. Ihre Attrappe mit der Aprilsnovelle hat mich
gar nicht geärgert, wenn Sie nur thätig sind, bey Ihrer ungeheuern
Schnelligkeit wird doch alles fertig, und hinter dieser Schalksnovelle
sehe ich schon den Shakspeare hervorlauschen.

Ihre Gedichte habe ich erst in der Hamburger Zeitung gelesen, ich
hoffe, Hilscher schickt sie mir bald; und wie vergnügt werden Sie
seyn, daß der Kleist fertig ist, schenken Sie mir ihn nur je eher je
lieber und geben Sie ihn an Hilscher zum Mitschicken. Ums Himmelswillen
schreiben Sie mir nun auf ein Zettelchen, was alles noch fertig ist
und fertig wird, wenn Sie mir auch sonst böse sind und nichts mehr mit
mir zu thun haben wollen. Mit dem Edmund geht es mir ja auch, wie mit
Manchen, wenn sie fern sind; was mich verdrossen hat, sehe ich nicht
mehr, und mich rührt nur, was ich liebte, zur innigern Theilnahme und
Liebe. Jetzt mag er Camisard seyn und wüthen wie er will, ich liebe ihn
doch, ja ich glaube ihn und Sie mit nun erst zu begreifen, seit er ein
Camisard geworden ist, denn nun bleibt er es nicht und wird noch viel
lieber als zuvor. Habe ich Recht? schmunzeln Sie? --

Daß ich an dem schönen 31ten May weder selbst gekommen bin, noch ein
Briefchen, noch ein Liedchen geschickt habe, werden Sie ganz erbärmlich
gefunden haben, wenn Sie gleich ohne Zweifel mit einiger Angst aus
Ihrer Bibliothek getreten sind, ich möchte Sie wieder aus den Blumen
herauserschrecken. Sie können denken, wie es mir gieng, da meine kleine
Gabe längst vorbereitet und eingepackt war, auch schon längst abgereist
ist, und Fräul. Winkell in Schrecken und Ungewißheit gesetzt haben
wird, und ich doch nicht dazu kommen konnte, Ihnen aufs Neue meine
Liebe und meine Wünsche zu sagen. Sehen Sie die kleine Gabe an, weil
ich in dem gelben unter Bäumen versteckten Häuschen wohne und Ihnen
jetzt schreibe, und oben zu dem Dachfenster nach Ihnen hinausschaue.
Der lange Weg im Garten ist recht für Sie zum Gehen gemacht, und denken
Sie! auf die Seite des Wassers nach Ihnen zu, baue ich mir jetzt ein
eigenes Häuschen, weil das alte für zwey Haushaltungen zu klein ist.
Wie hübsch und behaglich will ich alles einrichten und auf Ihr Stübchen
soll besonders gedacht werden, daß weder Thür noch Fenster darin und
aller Zug unmöglich sey; ich habe dann die Aussicht, die Sie auf die
Tasse haben. In der Schale ist das Grabmal meiner seligen Tante, einer
schönen und lieben Frau, aber was da herausströmt, ist kein Fluß,
sondern ein Weg.

Ich danke Ihnen tausendmal für die Einkäufe auf der Auction; ich habe
das Geld auf Fräul. Winkell, die noch andere Auslagen für mich hatte,
angewiesen, ein Begriff, was eigentlich die Nummern in sich verbergen,
fehlt mir gänzlich. Könnten Sie mir vielleicht ein Listchen darüber
schicken? Ist denn das ~theatr. Europaeum~ vollständig? Den Burnet
hat man freylich zu arg getrieben, aber was ist denn das wohlfeile
Fischchen, das Sie mir weggefangen haben? wenn es fett und schimmernd
ist, müssen Sie mir es durchaus wieder herausgeben, oder etwas anderes
Erkleckliches aus Ihren Büchern dafür, z. B. die mir fehlenden Bände
des Gozzi, oder den Montengor, oder sonst etwas. Meine ererbte
Bibliothek ist nicht sehr groß, aber ausgezeichnet hübsch gebunden und
lacht mich aus zierlichen weißen Wandglasschränken rings um mich her
an, in der Mitte des holden Zimmers steht ein platter Schreibtisch
mit Verzierungen und schönen Gefächern, alles von Ebenholz, und an
diesem schreibe ich Ihnen. Das Wichtigste sind weitläuftige historische
und geographische Werke, meist französisch, unter denen auch Burnet
französisch mit schönen Kupfern. Auch habe ich meine Freude an einer
Kupferbibel in 3 Bänden von Scheuchzer (was ist sie wohl werth?) und
an einigen prächtigen ~Atlas historiques~. Über Theater ist
wenig da, aber die ~délices des Pays bas~, die mir so oft in
der Auction entgingen. Eine Menge mathematischer medicinischer und
militärischer Bücher habe ich nebst einer franz. Clarissa Harlowa mit
Chodowieckyschen Kupfern zum Verkaufen zurückgestellt; die Letztere
wäre für Sie vielleicht ein herrlicher Austauschgegenstand.

Jetzt, da ich nun wieder Athem zu schöpfen anfange, denke ich auch
etwas an meine lieberen Beschäftigungen kommen zu können. Vor allen
Dingen quält mich die Vorrede zum 4ten Thl. Calderon, Brockhaus
schreibt, er erwarte sie unverzüglich, und es ist auch nicht eine Zeile
daran geschrieben. Der Brockhaus!! daß er nicht die ganze Urania mit
Ihnen füllt und alles andere herauswirft, ja meine Sachen mit, die
Sie noch etwas verändert finden werden! Ihr Bild kommt doch hinein?
Es ist nicht anders möglich, er muß gefürchtet haben, Sie ließen ihn
sitzen. Wie ist es denn mit dem spanischen Theaterbuch? ~Escribais,
escribais!~ --

Sagen Sie Ihren lieben Damen alles Schöne, was nur zu sagen ist, denn
wenn Sie mir auch schon jetzt wieder gut sind, wie schwer wird es
seyn, diese göttlichen Gemüther zu versöhnen, -- wie oft werde ich sie
noch schmälen hören müssen. Meine erste Absicht war, Ihnen das runde
Schächtelchen durch die liebe Gräfin überreichen zu lassen, ich wollte
ihr dabey schreiben, den 31ten May sollte alles schon dort seyn! Weh,
weh!

Danken Sie Ihrem trefflichen Kinde für das liebe Briefchen aufs
Innigste, das sie in Gefahr ähnlicher Versuche bringt. Grüßen Sie auch
Schütz, wenn er wieder kommt; ich habe seinen Brief erhalten, und
erwarte ihn nun mit oder ohne meinen lieben armen Loeben bestimmt,
aber je eher je lieber, denn ob ich gleich noch gar nicht weiß, wann
ich nach Dresden zurückkomme, so scheint mir Ende August oder Anfang
September der äusserste Termin meines Hierseyns. Sie sehen also,
Theaterdirektor werde ich nicht, aber wenn ich es würde, Sie müßten mir
gleich herbey, wenn wir es gleich schwerlich Beyde Recht machen dürften.

Und nun leben Sie wohl, theurer vielgeliebter Freund! betrachten Sie
diesen Brief nur als einen Anfang, antworten Sie mir auch gar nicht
bis ich wieder schreibe (aber dann müssen Sie ohne Barmherzigkeit
antworten!) lassen Sie mir nur sagen, daß Sie mich noch lieben, wie Sie
ewig und ewig lieben wird

    Ihr

    _E. Malsburg_.

Frl. Indianerin ist durch Cassel nach Hanau geeilt; da ich aber hier
war, habe ich sie verfehlt.

Kalkreuth ist fort; sonst umarmen Sie ihn von mir.


                                  IV.

    _Escheberg_, 2. Octob. 1821.

Es hat zwar etwas Rührendes, mein lieber theurer Freund, daß Sie meine
Bitte, mir nicht zu schreiben, eh’ ich zum zweitenmal geschrieben,
so gewissenhaft erfüllen, aber es hat auch etwas Trauriges, weil ich
darüber so ganz nichts von Ihnen höre. Es ist als wäre Ihr Geburtstag
der Todestag unsers Briefwechsels gewesen, der ein so rüstiger Bursche
zu werden versprach, und wenn ich ihm selbst durch meine Albernheit
den Hals umgedreht haben sollte, so kann ich mir nicht Vorwürfe genug
machen. So lang es Sommer war, obgleich ein so kalter widerspenstiger
Sommer, fühlte ich mich, der ich nie geistig bey Ihnen zu seyn
aufgehört habe, ganz ruhig, ich sah Sie vergnügt, munter, jeden
Sonnenschein benutzend, um sich darin zu ergehen und durchbähen zu
lassen, jetzt aber, wo die grünen Blätter abfallen, heut vollends,
wo das erste Stubenfeuer in meinem Ofen flackert, fühlen sich meine
Herzblätter zu mächtig nach Ihnen hinbewegt und das Liebesfeuer treibt
mich, einige Papier- aber nicht papierne Blätter zu Ihnen hinwehen zu
lassen. Wie geht es Ihnen, Sie Lieber, Guter, Herrlicher, von dem ich
nicht weiß, ob ich ihn lieber liebe oder bewundere, von dem geliebt
zu seyn mir aber eine Seligkeit ist? Die Gicht quält Sie doch nicht,
die Hand ist doch nicht dick, die liebe Hand, die nur von all dem
Trefflichen geschwollen seyn sollte, auf das wir Heißhungrigen noch
warten? Der Gedanke quält und peinigt mich auf einmal recht, daß Sie
nicht wohl seyn könnten, und ich beschwöre Sie, behandeln Sie diesen
Brief wie einen Wechsel auf Sicht, den Sie in drey Tagen auszahlen
müßten, und antworten Sie mir mit umgehender Post, oder wenn Sie nicht
selbst schreiben können, tragen Sie es jemandem zu schreiben auf, daß
und wie gut es Ihnen geht? Diese Nacht, wo ich nicht schlafen konnte,
weil die Aequinoctialstürme sich um unser Haus balgten und sich
verschiedene alte unbefestigte Schaltern an die Köpfe warfen, war ich
sehr lebhaft bey Ihnen und eine so unbezwingliche Sehnsucht trieb mich
zu wissen, wie es so ganz eigentlich mit Ihnen stehe und aussehe, daß
ich mich wenig gewundert hätte, wenn ich auf einmal durch die Luft zu
Ihnen geschritten wäre, mich jetzt vielmehr darüber wundere, daß ich
Ihnen nur dies Blatt als Beglaubigungsschein überschicken kann, das
Sie aber gewiß als ein Creditiv meines Herzens an das Ihrige aufnehmen
werden. Glauben Sie aber nicht, daß es wieder etwa ein begütigender
Vorläufer meiner eigenen Person seyn solle, wie Sie dafür (aber völlig
mit Unrecht) meinen vorjährigen Brief immer ausgaben; vielmehr hat mich
der Gedanke schon geängstigt, daß ich diese Tücke wieder werde erfahren
müssen, so sehr, daß ich darüber bald gar nicht geschrieben hätte. Im
Gegentheil, bilden Sie sich nur recht fest ein, daß ich gewiß noch
vier Wochen ausbleibe und daß also darin noch Raum für manchen Hin-
und Her-Gruß liegt, wiewohl ich die traurige Bemerkung machen muß, daß
meine Briefe mehrentheils so unleidlich und unbegreiflich lang reisen,
eine Bemerkung, die mich auch heut ganz niederschlagen würde, wenn mich
die Hoffnung, ein günstiger Wind werde in die Segel dieses Schiffchens
blasen, nicht aufrecht erhielte. Suchen Sie nur ja nicht in jener
Bemerkung einen Vorwand, mein heißes Verlangen ungesäumt und rasch von
Ihnen zu erfahren, unbefriedigt zu lassen, denn die Briefe von Dresden
sind regelmäßig den vierten oder fünften Tag bey mir, und wie gesagt,
vier Wochen dauert es gewiß noch mit meinem Hierseyn. Erst muß Graf
Bose kommen, dann muß ich mit den Hauptsachen hier in Ordnung seyn,
dann nimmt auch der Abschied in Cassel immer seine Zeit hinweg. Dann
aber und bestimmt sehen wir uns wieder.

Ich habe in den vergangenen Wochen nicht nur mit Ihnen gelebt, sondern
Sie selbst mitgelebt, als ich den reichen Seelengarten Ihrer Liebe
nicht durchwanderte, sondern mich in seinen Rosengebüschen hier ruhte,
dort aus seinen Quellen trank, unter seinen Nachtigallentönen schwelgte
und träumte. Dies sind nicht Redensarten, Sie Geliebter, in denen ich
mir etwa selbst gefalle, sie sind wahrhaft was ich empfunden habe,
und was man bey einem Dichter, wie Sie sind, soll, und wenn ich mit
innerer Herzenslust an den wohlbekannten Gebüschen und Blumen flatterte
und sog, so gelangte ich gewiß immer mit entzückter Überraschung
an die mir neuen anmuthigen, von ewiger Liebes- und Frühlingssonne
durchleuchteten Plätze. So haben die Sonette an Anna den zugleich
tiefsten, sehnsüchtigsten und lieblichsten Eindruck auf mich gemacht,
den ich mir seit langer Zeit erinnere, und ich sterbe sowohl vor Zorn,
daß Sie sie mir nicht früher mitgetheilt hatten, als vor Verlangen,
das Lieben selbst kennen zu lernen, das alle Töne, die in der Liebe
zusammen klingen, auf eine nahmenlos wonnige Weise umfassen muß. Lassen
Sie dieses ja einen der ersten Gegenstände Ihrer Beschenkung unsers
kleinen Liederkreises seyn, den hoffentlich der Winter eben so wieder
verbinden soll, wie ihn der Sommer auseinanderflattern ließ. Für mein
Theil werde ich übrigens mit der tiefsten Beschämung der Armseligkeit
darin auftreten, und ich bitte mir zum Voraus die Erlaubniß zu geben,
den ganzen Winter nur als zuhörender Singvogel figuriren zu dürfen, den
erst der Gesang der Übrigen wieder belebt, oder als welke Pflanze, die
durch den Thau, der von den benachbarten Blumen abträuft, neue Belebung
erhält. Es wird an sich viel Zeit brauchen, eh’ ich den ganzen Schwall
von Prosa, den ich wie ein Schwamm in mich gesogen habe und durch den
ich auch ganz unbildlich so kalt und schwer wie ein Schwamm geworden
bin, der seine leeren Fächer sämmtlich mit Wasser erfüllt sieht, unter
Ihren Händen wieder ausgerungen fühle. Sie werden ja nicht mit Wein
und Geist karg seyn dürfen, um dann die leeren Schwammkammern und
Höhlen wieder so auszustaffiren, daß auch einmal ein Frühlingsgeruch
oder ein Tropfen, der wie Thau und Perle aussieht, ihm entquellen
könne. Diese bleyerne und unabgesetzte Beschäftigungsweise hält zwar
meine Thätigkeit selbst in Thätigkeit, zuweilen lähmt sie mir aber
alle Fittige, und dann denke ich, ob es nicht gar besser wäre, ich
würfe alles hin und würde wieder wie sonst durch Armuth reicher, wenn
nicht Eigen- und Bruderliebe und die Aussicht wieder ruhen zu können,
sobald ich mich aus dem Vorgestrüpp herausgewunden, mich zurückhielte.
Meine einzige, aber auch große und wahrhafte Erquickung besteht in dem
Wohlwollen, das ich in dem Herzen meines Bruders immer fester begründe,
in der Aufheiterung, die mir öfters durch die Anwesenheit meiner lieben
und trefflichen Freundin Calenberg wird, und in den Stunden, die
ich dem Lesen guter oder gescheiter Bücher widmen kann. Im letztern
Betracht gereicht es mir jedoch zum wahren Verdruß, daß ich noch immer
nicht Ihren Kleist habe erlangen können, indem Krieger sein herkömmlich
einziges Exemplar sofort abgesetzt und noch ein neues nicht geschafft
hat. Nun weiß ich zwar, daß Sie mir das Buch, sobald ich nach Dresden
komme, schenken, es fällt mir aber unmöglich, so lang zu warten, eh’
ich die gewiß herrliche Vorrede kennen lerne. Wäre es möglicherweise
erlaubt, nach einer Vorrede von Ihnen eine von mir auch nur zu nennen,
so würde ich Ihnen vertrauen, daß die zum 4ten Calderon das Einzige
ist, was ich hier von allem Vorgesetzten habe durchwinden können, und
demnach fürchte ich auch ernstlich, daß ausser einigen Episoden von
Schütz und Kalkreuth nicht viel daran ist. Es ist etwas Widerwärtiges
und muß mit meiner Natur und meinem Nahmen zusammenhängen, daß alles
unter meinen Fingern dicker und ernsthafter hervorgeht, als ich es
will; dabey ist Brockhaus auf dem Wege, Vorgedachtes dem ersten
Aushängebogen nach auch durch Druckfehler vollends albern zu machen,
wovon ich Ihnen nur _Graciose_ statt _Gracioso_ angeben
will. Ich habe ihn beschworen umzudrucken, zu cartoniren und sonst
alle Verlagsgriffe anzuwenden, um mein gepreßtes Herz durch die Presse
zu beruhigen. Ohnehin bin ich noch zwiefach wüthend auf ihn, einmal,
daß er in der Urania statt einiges dummen Zeuges nicht alles, was Sie
ihm geben wollten, mit vollen Händen ergriffen, dann, daß er auch mein
Montemayor-Novellchen nicht hineingenommen hat, auf das ich mich in
der That freute, und mit dem mir nun ein Pandin[7] (~pantin~)
mit einer Versudelung durch die dritte Hand, nach Malaspina, halb
und halb zuvorgekommen ist. Ihr Bild in der Urania befriedigt mich
auch ganz und gar nicht, und facht nur meine Sehnsucht, ein Bild von
Ihnen zu besitzen, neu und stärker an; dennoch gestehe ich, daß ihm
die Entfernung einigen Werth giebt, und daß ich öfters mit wahrer
Lust diesen oder jenen Zug, diesen oder jenen Blick von Ihnen daraus
hervorspinne.

Ich bin begierig, Ihre Urtheile über die verschiedenen Wanderjahre
zu hören. Die ächten, worin gerade nur die fatalen Personen
aus den Lehrjahren vorkommen, gefallen mir mit ihrem kuriosen
Entsagungs-Einfall, ihren Erziehungs-Anstalten und drey Ehrfurchten
&c. gar nicht und doch ist in einer der darin verstreuten niedlichen
Novellchen wieder mehr Geist und Poesie, als in dem Doppelgänger;
dieser scheint mir dagegen Wahrheit für sich zu haben, wenn auch nicht
als Muse und zuweilen eben so einseitig als im Umgekehrten Schubart
das Luftbild, das er als Wahrheit angezogen hat, und ich finde den
Einfall, seine Polemik gerade so einzukleiden, eben so gescheit als
boshaft, weshalb es mich für den doch auch etwas empfindlichen alten
Herrn in der Seele dauert, daß er dies noch bey seinem Leben erfahren
muß. Er könnte darüber hinsehen in jeder Hinsicht, aber er hat es
sich dadurch schwerer gemacht, daß es den unstreitig noch schwächeren
Schubart präconisirte. Am mattherzigsten scheint es übrigens bey dem
Unbekannten mit der Kritik bestellt zu seyn; seine Urtheile über diesen
und jenen sind kaum zu lesen, er scheint zu den zusammenraffenden
Milden zu gehören, die ich überall nicht leiden kann. Fräul. Calenberg
glaubt, Jakobs habe das Buch geschrieben, wissen Sie nichts davon?
-- Mit viel größerem Gefallen habe ich übrigens den Schweinichen
gelesen, mit minderm lese ich jetzt den Nikolaus Marggraf, bey dem ich
fortgesetzt sagen muß, daß der alte Jean Paul nicht mehr der alte ist.
Gries Semiramis gefällt mir so zu lesen sehr gut, vergleichen konnte
ich nicht, weil mir das Original fehlt, aber ich wollte wetten, daß die
Übersetzung viel besser ist als die mislungene des Tetrarchen.

Doch, mein vielgeliebter Freund, Liebe und Vertrauen arten in
Geschwätzigkeit aus, das merke ich an diesem Briefe, und höre es an
den Seufzern, die Sie über seine Länge ausstoßen. Lassen sie mich nur
noch einmal sagen, wie meine Gedanken Sie tausendmal umarmen, wie
ich mich darauf freue, Sie wiederzusehen, wieder zu hören, Worte,
Scherze, Gefühle, Betrachtungen und Ansichten wieder mit Ihnen
auszutauschen. Ja auch handeln, jüdeln müssen wir wieder; es ist noch
so manches unter Ihren Büchern, was ich haben muß, und ich werde alle
Belagerungs-Maschinen gegen Ihren Geiz in Bewegung setzen. Könnte ich
darunter nur auch Einiges mitbringen, aber es will mir hier nichts
recht dazu passen.

Aber noch einmal bitte ich Sie, daß Sie mir das Wörtchen Ihrer
Gegenfreude nicht vorenthalten, daß Sie mir hier in Escheberg noch
sagen, wie es Ihnen lieb im Herzen ist, daß wir bald wieder unsern
Shakspeare zusammen lesen. Sagen Sie mir dann auch, ob Sie den doch
so herzlich lieben Edmund und die Schalksnovelle vom April fertig,
ob Sie an den Leonhard, den Sternbald und das Werk über Shakspeare
fortschreitend gedacht haben. Ich lasse ein Haus bauen und darin eine
nette Buchstube; wehe Ihnen, wenn ich Sie einmal vollständig und
persönlich im Zimmer habe und nicht complett in den Schränken! --
Leben Sie wohl! wenn nur Loeben auch recht gesund wieder nach Dresden
kommt! ich freue mich auch gar innig auf Kalkreuth und Schütz. Fräulein
Calenberg will Ihnen herzlichst empfohlen seyn. Leben Sie wohl und
gesund, lieben Sie mich, aber sagen Sie es auch

    Ihrem

    Ihnen so treu ergebenen

    _E. Malsburg_.


                                  V.

    _Dresden_, zweyten Pfingstfeyertag 1822.

Der Jasmintropfen, der graue Staar und der Frierwein hatten Sie ja zum
Erbarmen heruntergebracht, zärtlichst geliebter Freund! und zuletzt
waren Sie mir gar unter den Händen fortgekommen. Sie sind doch heut
wieder wohl? --

Ich werde Sie heut nicht bey Kalkreuth treffen, weil mich Rumigny, zu
dem ich schon gebeten war, nicht loslassen will. Fast weiß ich Sie
mit Angst bey dem _unheimlichen Gast_, er wird Sie noch kränker
machen, und doch thut es mir wegen einer gewissen dummen Neugier selbst
fast leid, nicht dabey zu seyn.

Jean Paul schlug das Diner wegen Müllner aus; der Pudel war mit im
Spiel, denn J. P. sagte: er fürchte, Mllnr möge ihm Terpentin ins Ohr
gießen.

Heut oder morgen wird meine Recension von Bärmanns ~casa con dos
puertas~ fertig. Ich möchte Sie gern wegen mancher Stellen zu Rathe
ziehen, könnten Sie mir einmal ein halb Stündchen dazu bestimmen?
Diesen Abend sehe ich Sie vielleicht ein Augenblickchen, da bereden wir
das.

Sind Ihre Reisenden fertig? soll ich denn darauf warten, bis sie
gedruckt sind? Lesen Sie sie nicht vorher einmal? -- Ich bin ja selbst
Reisender.

Den _Cain_ und den _spanischen Ortiz_ geben Sie wohl dem
Pagen mit; Jener ist mir abverlangt worden. Allerschönsten guten Morgen.

    Ihr

    treuer

    _E. Malsburg_.

Zum Lohn, daß mich die Damen nicht überrascht haben, schicke ich ihnen
hierbey etwas Zuckerwerk.


                                  VI.

    3ten Pfingstfesttag 1822.

    _Mein lieber herrlicher Freund_.

Ihre ausserordentlich prächtige und einzige Geschichte hatte mich
so munter gemacht, daß ich noch bis 2 Uhr gearbeitet habe und doch
schon nach 6 aufgestanden bin. Ich habe Ihnen auch noch einen Dank zu
sagen; vor nichts habe ich mich sonst mehr gefürchtet als davor, toll
zu werden, nun Sie mich aber gelehrt haben, wie weise die Narrheit
ist und welch ein Glück darin liegt, bin ich ganz darüber getröstet,
weil ich eben nicht groß sehe, was ich verliehren würde. Sie schließen
da eine neue Welt auf, und bringen Sie bey Allen, Narren und Klugen,
eine gleiche Wirkung hervor, so werden Sie ein Wohlthäter des
Menschengeschlechts. Schreiben Sie, schreiben Sie, daß es fertig wird.

Ich wollte Ihnen gestern beykommendes Briefchen lesen und vergaß es
über meinem innern Jubel; ich schicke es Ihnen. Ich habe dem Lieben
geschrieben, er sey dringend zu Ihnen eingeladen, ich habe doch recht
gethan? Wenn er auch nur ein Stückchen von der Novelle bekommt, so ist
er schon glücklich.

Leben Sie wohl, allerliebstes Männchen! Es ist entsetzlich, daß der
Liederkreis nun auch noch ein liederliches Kreislaufen beginnt. Das
gäbe eine neue Licht- und Wonnepartie in Ihrem Geschichtchen, wenn Sie
nicht etwa eine eigene Novelle daraus machen wollen.

    Ihr

    _E. M._


                                 VII.

    _Escheberg_, d. 9ten Julius 1822.

    _Mein lieber trefflicher Freund!_

Es geht schon in die vierte Woche, daß ich den Abschieds-Kuß auf Ihre
Lippen drückte, und noch habe ich die Finger nicht krümmen können,
um Ihnen zu schreiben, zu danken und zu sagen, wie unendlich lieb
ich Sie habe. Wenn ich Ihnen alle die Anregungen erzählen wollte,
die ich ausser meiner Liebe hatte, an Sie zu denken, mein Brief
würde länger werden als Ihre Langmuth; ganz Berlin kam mir wie ein
Boden vor, der nur dadurch so öde, langweilig und sandig geworden
sey, weil Sie ihn verlassen hatten, aber Ihr Nahme, Ihre Erinnerung
schwebte und hallte überall um mich her und das setzte die Flügel
meiner Seele in hinlängliche Bewegung, um den faustdicken Staub
abzuschütteln, der dort auf alle Blüthen fällt. Ich hätte so gern
Ihren prächtigen Bruder besucht, aber ich lebte wie ein Gefangener in
steter Erwartung der befreyenden Audienz und an dem Morgen, wo mich
das gute Henselchen, das täglich bey mir war, hinführen wollte, stand
ich schon in Luthers erbärmlicher und finstrer Stube zu Wittenberg
und statt heiterer Marmorbilder sahen mich zwey hässliche Konterfeye
von Luther und Melanchthon (nicht Wellington -- nach Casselischer
Pfeifenkopf-Nomenclatur --) an, die von zwey sentimentalen
Superintendenten-Mamsellen mit moderig duftenden Eichenkränzen umhangen
waren. Wahrscheinlich wissen Sie schon, daß ich die Freude hatte, die
Mutter der lieben Solger kennen zu lernen und einen Abend bey ihr
zu seyn, das wissen Sie aber gewiß nicht, daß sie mir Ähnlichkeit
mit Ihnen fand, und daß ich darüber eben so hochmüthig aufschwoll,
als ich in diesem Augenblicke Sie dieses Lesenden gedemüthigt
zusammenschrumpfen sehe. Frau v. Bardeleben fand ich noch so gut und
verständig wie sonst, für Sie noch eben so liebevoll, als Sie es nicht
verdienen, im Übrigen fast zu ätherisch mager; der Geyer des Leidens
frißt der armen Frau den Leib ab, aber das Herz bleibt dasselbe, wenn
es nicht gar noch wächst. Leid war es mir sehr, meine alten Bekannten
Savigny und Bettina nicht einmal aufsuchen zu können, das diplomatische
Handwerk verschlang das poetische (so daß mir gar Hoffmann unter den
Händen gestorben ist) und Hensel hatte ich mir völlig umstellt und
eingefangen wie einen edeln Hirsch, als er von Madame Neumanns runden
Armen umstrickt (ich meyne das blos phantastisch) aus dem Theater kam.
Ich warf ihn dann gleich gewaltsam in meinen Wagen und führte ihn zu
Frau Rosalie, die ich so glücklich war in Berlin anzutreffen. War es
nicht schön, daß mich am ersten Mittag, als ich bey Leboeuf eintrat,
Herr v. Knobelsdorf mit schallender Überraschungsfreude empfieng und
noch schöner, daß er von demselben Champagner kommen ließ, der Sie
in Dresden beynahe von der Eulenböckischen Ungerechtigkeit geheilt
hätte, und auf Ihre Gesundheit mit mir anklang? Derselbe Wollmarkt,
der alle Juden und Edelleute der Sandmark so in den Wirthshäusern von
Berlin zusammengedrängt hatte, daß ich in Gefahr stand, meinen Wagen
mitten auf der Straße einer haus- und speisereichen Stadt zu meinem
Nachtquartier und Hungerthurm erwählen zu müssen, derselbe Wollmarkt
(sage ich) hatte auch den guten Alten hereingeführt. Eine Zuflucht
(wenn Sie diesem meine vorige Periode überspringenden Umstande noch
einige Theilnahme schenken) fand ich zuletzt in einer Art Kneipe, die
ich eher türkisches als deutsches Ham nennen möchte, und woraus ich
am andern Morgen durch meinen Collegen Wilkens erlöst wurde, der mich
unter sein amtsbrüderliches Obdach nahm. Von nun an gieng auch alles
glücklich und am 20ten Junius, Nachmittags 7 Uhr wären meine Pferde
am Reisewagen gewesen, denn nachdem ich beym König in Charlottenburg
gespeist hatte, schien mir der Zweck meines Berliner Ephemerirens
erfüllt, wenn mich nicht Graf Brühl für seinen Freyschützen förmlich
eingegarnt hätte, so daß ich erst um 10 Uhr anschirren ließ. Um 10
Uhr kam aber mein verspäteter Oheim mit seiner Frau aus Oranienburg
an, um halb eilf eine schöne Brillanten-Dose von Seiner Majestät und
ich empfand nun, daß Graf Brühls Freyschuß (nicht Freybillett) mich
gehindert hatte, einige Böcke zu schießen; ich fuhr nun Nachts um
11 Uhr ab. Nie bin ich schneller, stolzer, freudiger und zugleich
erbärmlicher gereist; Brillianten in der Wagentasche, aber nichts als
Butterbrot und rothen Wein im Magen, Müdigkeit in allen Gliedern,
aber keinen Schlaf in den Augen; so kam ich nach einer gerade
sechszigstündigen Fahrt am 23ten Junius Mittags um 11 Uhr zu Cassel an.
Der Kurfürst war zu Wilhelmshöhe, aber unser theurer lieber Loeben war
Tags zuvor in meine Casselischen Hallen eingezogen und mein Tisch mit
Ihren und der Ihrigen Liebesgaben bedeckt. Wie soll ich Ihnen nun mit
der neugenommenen schwachen Feder genug danken, Sie Alle liebe liebe
Männer und Frauen, für die schönen Geschenke und die allzulieben Worte,
womit Sie dieselben begleitet hatten? Zuerst rührte es mich tief, daß
Sie aus der süßen Gewohnheit, mir an meinem Geburtstage nichts zu
schenken, diesesmal herausgetreten waren, dann rührte mich im Detail
das zarte Opfer des Kaisers Oktavianus, der nun zum zweytenmal seinen
Thron von Sammetblättern in mein Bücherherz baut, dann füllte mich ein
innerer Freudenton, wie er von Krystall und Silber nicht anders zu
erwarten war. Ihr Silberstift, mein vortreffliches Männchen, liegt nun
vor mir und ich sehe es als ein Sinnbild unsrer Liebe an, daß der ewige
Kalender auf demselben keinen Anfang und kein Ende hat. Ich fuhr mit
unserm Freunde nach Wilhelmshöhe, der Kurfürst war schon an Tafel, um
5 Uhr bekam ich Audienz, um 8 Uhr Abends standen wir an der Grundmauer
meines neuen Hauses und sahen von dieser Höhe ganz Escheberg, wie Sie
es auf der ersten Tasse haben, aber phantastisch und architektonisch
erleuchtet und von fröhlichen Bauern durchschwärmt. Die Freude, als
wir kamen, war sehr groß, die Trauung zwar eine Stunde vorher gewesen,
aber das meinem verhungerten materiellen Menschen in diesem Augenblicke
fast wichtigere Abendessen im laubverzierten Glashause empfieng uns mit
lachenden Augen und durch eine seltsame Vermischung und Verwischung
in meiner Phantasie schienen mir die dampfenden Gerichte eben so viel
hülfreiche Wesen zu seyn, die meine etwas erschöpfte Natur wieder
aufzurichten kamen. Ich hatte seit dem 20ten nicht gegessen. Nun war
ich aber auch stark genug, ein Feuerwerk am See zu bewundern, einen
mir von einem heranschwimmenden Amor (sonst in die Form einer dicken
kleinen Pächterstochter gebannt) überreichten Pfeil, trotz der mich
umgebenden weiblichen Schönheiten von allem Kaliber, ohne Gefahr in
Gnaden hinzunehmen, und zuletzt sogar bis an den hellen Morgen in
Suwarow-Stiefeln zu tanzen. Einige Tage nachher reisten wir Alle nach
Cassel und hatten die Freude, da Fräulein Calenberg eintreffen zu sehen
und mit uns hierher zu nehmen, wo wir nun ein gottselig fröhliches
Leben führen, abgesehen von viel tausend trockenen und mechanischen
Verdrießlichkeiten, die auf mein Theil und meinen Beutel fallen.
Heinrich hat es besser; er kann schreiben und dichten, während ich
rechne und trachte, und er benutzt auch die Freyheit redlich, indem
er sich nur dann blicken läßt, wann Natur, Musik, Scherz und Nahrung
uns zusammenführt. Meine Schwägerin ist ein sehr gutes, sanftes und
liebliches Wesen, der ich mir nur Einhalt thun muß zu gut zu werden;
ihre Mutter und Schwester thun mir die Liebe, mich ein wenig zu
verziehen, mein Bruder liebt mich wie immer, es fehlt also nichts zu
meiner Zufriedenheit als vielleicht die Zufriedenheit, doch wo ist
denn die so eigentlich zu Hause? Ein Zuwachs anderer Art ist mein
Vetter aus England mit einem muntern Söhnchen von 13 Jahren; ein
schöner, sanfter und liebevoller Mann, der Gottlob von den Engländern
nur die guten Seiten hat, und ungeachtet er nichts als englisch und
gallikanisch-welsch oder Galimathias spricht, sehr bequem im Umgange
ist und Aller Liebe erwirbt.

Der erste Brief eines Reisenden pflegt äußerst faktisch zu seyn,
mein geliebter Freund. Gott gebe, daß die folgenden mehr Gedanken
und Empfindungen enthalten. Ich habe leider die Einrichtung treffen
müssen, Ihren feind- und freundlichen Genossinnen erst das Nächstemal
zu schreiben, weil der Post-Adler schon seine Fange geöffnet hält, aber
gr/k}üssen müssen Sie sie vorläufig viel tausendmal. Auch Kalkreuth
bereiten Sie umarmend auf einen Briefkuß vor, sagen Sie Schütz, der
Solgerin, Allen die mich lieben Liebes, und lassen Sie sich selbst
tausend tausendmal an ein Herz drücken, das ewig für Sie glüht und
schlägt.

    Ihr

    _E. Malsburg_.


                                 VIII.

    (_Ohne Datum._)

    _Mein geliebter theurer Freund!_

Nur um Ihr Haupt mit feurigen Kohlen zu sengen und Ihnen zu sagen,
daß Sie ein recht abscheulicher Freund sind, nehme ich die Feder in
meine vor Wuth zitternde Hand und gebe Ihnen Zeichen eines Lebens,
das Sie diesmal mit gehörigem Gleichmuth zu betrachten scheinen. Und
doch, denke ich mir, welch’ eine Marter es ist, wenn man nicht gern
Briefe schreibt, gern schreiben mögte und es doch nicht kann, wie
diese Marter eben größer ist, je mehr man den liebt, an dem man sich
versündigt, so fühle ich einen solchen Vorrath von Liebe und Rührung
in mir, daß ich Ihnen nicht einmal ernsthaft böse seyn kann, sondern
nur daran eine hämische Lust empfinde, wie ich Sie, wenn wir uns
wiedersehen, mit Ihrem Vergehen quälen will, daß Sie doch manches Mal
im Stillen wünschen sollen, Sie hätten mir geantwortet. Was meiner
Langmuth sehr zu Hülfe kommt, ist von Kalkreuth zu wissen, daß Sie
wohl und munter sind, auch welche große Leute Sie gesehen haben, z. B.
Fouqué, nur daß Sie nicht selbst hierüber schreiben, nicht sagen, was
sie Dummes und Kluges geschwatzt haben, das ist für mich ein großer,
unersetzlicher, fast literarischer Verlust und im Nachdenken hierüber
würde es mir ein Leichtes werden, mich wieder in Zorn zu schreiben,
wenn ich es nicht lieber gewaltsam abbrechen wollte. Ihren lieben
Frauen und Kindern nehme ich es fast noch ungnädiger, daß auch sie
nicht einen Hauch aufs Papier für mich thun, da man weiß, daß Frauen
wie gern sprechen auch gern schreiben und sie zum Theil bey der frommen
Wallfahrt nach Mariaschein wohl gelernt haben sollten, daß die Krone
und Zier der Frauen, die einzige Himmelsfrau, mildthätig war und
keinen Gruß ohne Erwiederung ließ. Sehen Sie, wie groß ich thue, wenn
ich mich einmal außer Schuld weiß, das aber will ich mir wenigstens
nicht wieder sagen lassen, daß ich aus Angst kurz vor dem Thorschlusse
geschrieben hätte, denn wenn Sie es anders wollen, so haben Sie noch
volle Zeit zu antworten (aber nach Cassel, von wo wir erst Ende dieses
Monates abgehen.) Thun Sie es nur, dann verspreche ich Ihnen auch ein
parlamentarisches Silentium über Ihre Grausamkeit sowohl als über
den gleichen Thorschlußfall. Auch unser herrlicher Loeben theilt oft
Wehmuth und Schmälen über Sie, aber wir sind Beyde so außerordentlich
gut, daß wir schon dahin gekommen sind, Sie gegenseitig durch das
Grauen zu entschuldigen, das Ihnen der Gedanke an Zwey auf Einmal
schreiben zu müssen einflößen werde. Punktum.

Wir haben, mein Geliebter, den Sommer dichterisch aber nicht dichtend
durchlebt und sehen nun doch fast mit Freude auf den gelbenden Blättern
den Abschied von hier und das Wiedersehen und Wiederschaffen in Dresden
geschrieben. Wie die Blätter es anfangen, so löst sich auch allmählig
das Leben aus unserm hiesigen Kreise ab. Erst reisten Mutter und
Schwester meiner Schwägerin, dann bald dieser, bald der, und gestern
komme ich mit dem Freunde über Paderborn und Neuhaus, wo Loeben seine
Cousine wiedersah, von Detmold zurück, bis wohin wir die gute und
geistreiche Fräul. Calenberg auf der Reise ins Stift begleitet haben.
Bald reisen auch wir (nächste Woche zuvor mein englischer Vetter), mein
Vater geht nach Cassel und nach genossener Waidlust, im November, führe
ich Ihnen einmal Bruder und Schwägerin ins Haus.

Auch zu einem rechten ächten Lesen hat es ein Leben nicht kommen
lassen, das fast noch zerstreuter war als das Winterleben, über das
Sie so oft schelten und ich selbst seufze. Jetzt eben aber bin ich mit
einem Buche beschäftigt, das Sie gewiß auch kennen und für mich gern in
den Katalog der verbotenen Bücher gesetzt haben würden, denn es ist
selbst ein Katalog, nämlich der Eschenburgische, in welchem ich aus
Bosheit alle Artikel doppelt anstreiche, von denen ich denken kann, daß
Sie sie haben mögten, z. B. die dramatischen, theatralischen u. dgl.
Den Ärger bin ich wenigstens dem Racheteufelchen schuldig, daß Sie mit
Nichts großzufüttern wissen. Wollen Sie aber Schreckliches verhüten, so
entschließen Sie sich schnell mit umgehender Post zu schreiben, denn
Anfang Oktober gehen meine Commissionen nach Braunschweig. In dieser
Hoffnung lassen Sie sich von uns beyden Freunden umarmen, Sie lieber
Gottloser, und umarmen Sie die Lieben, die Sie noch umgeben und die
Freunde, die etwas weiter wohnen wieder von Ihrem

    _Ernst Malsburg_.

N. S. Die Kinder kriegen diesesmal zur Strafe nichts. Das ist ja
herrlich mit Ihrem Fleiße und der neuen Novelle! wie freue ich mich
darauf und auf das Wiedersehen meiner _Reisenden_, mit denen ich
die _Verlobung_ schon vorausgefeyert habe.


                                  IX.

    _Dresden_, 23. Juny 1824.
    Gegen Mitternacht.

Lassen Sie sich nochmals danken, Sie Liebster, für den heutigen schönen
Tag, für Ihren Gruß und Segen auf den Weg.

Seyn Sie doch so lieb, beykommendes Buch der lieben Gräfin an Ihrem
nahen Geburtstage zu den Gaben zu legen.

Ich bin sehr müde und darf doch nicht schlafen; ich gehe gar nicht
zu Bette und krame. Leben Sie wohl, ängstigen Sie sich ja nicht über
Ihren Cervantes; er ist nicht verlohren, aber ich habe ihn unstreitig
irgendwo aufs Trefflichste niedergelegt.

Gute Nacht, ich umarme Sie tausendmal; wäre die gute Gräfin nur schon
ganz wieder gesund!

    Ihr

    _E. Malsburg_.


                                  X.

    _Escheberg_, 8. August 1824.

Eine geraume Zeit ist verstrichen, mein theurer geliebter Freund,
und ich habe Ihnen noch nicht geschrieben, auch Ihre liebe Stimme
noch nicht anders vernommen, als tief in meinem Herzen, und da leider
gewaltig zürnend und scheltend. Aber ich versichere Sie, ich bin doch,
bey allem Anschein, so übel nicht und Sie würden ein Paket erhalten,
das alle Postmeister entsetzte, wenn ich Ihnen die tausend Gedanken
aufschriebe, die ich an Sie gerichtet habe, seit Sie mir so lieblich
aus dem dritten Fenster am Altmarkt Lebewohl zuriefen.

Inzwischen ist es sonderbar: wenn sonst Angst und Unruhe meine
Gemächlichkeit quälend zu einem Briefe spornten, so habe ich jetzt
die behaglichste Empfindung, wenn ich meine ganze Seele zu Ihnen hin
transportire (Sie wissen ja: ~translate~) und statt wie sonst
von Katarrh und Gicht zermartert, am Migränentage mit weißem Überrock
und schwarzen Käppchen im Sorgenstuhl kauernd, oder gar noch viel
kränker und schmerzhafter, umseufzt und umweint, kann ich Sie mir
jetzt nur höchst annehmlich und bequemlich, innerlich und äußerlich
rein gewaschen, sehr freundlich faul und nach Morgen-, Mittags- und
Nachtschlaf sehr munter, gescheut und witzig vorstellen. Zu diesem
erquicklichen Gestaltchen rede ich denn jetzt in Liebe und leidlichem
Aberwitz, und weiß doch, daß Sie mit kleiner inwendiger Freude
holdselig dazu zu schmunzeln geruhen. In Töplitz muß Sie dieser Brief
durchaus noch vorfinden, sonst verrückt sich der ganze Standpunkt,
aus dem ich ihn schreibe, denn das ist doch entschieden, daß man zu
demselben Menschen nicht dasselbe Ding in zwey verschiedenen Stuben
sagen würde, geschweige an zwei verschiedene Orte schreiben. Nun denn,
Sie lieber herrlicher Mann! sind Sie denn recht gebadet vergnügt, nun
noch eingewohnter in Töplitz, in Luft und Wasser den zweyten Theil des
himmlischen _Dichterlebens_ saugend, wie ich Sie Tag und Nacht
vor mir sehen muß? sollte mir der Blüthengeist der Gesundheit, aus
dem mir das Ende der Cevennen und des Tischlers und der Anfang des
Shakespearewerkes &c. entgegenstrahlt, nur ein Phantom gewesen seyn?
gewiß nicht.

Es ist so lange her geworden mit meiner Reise, daß ich sie fast
vergessen habe, und Ihnen nicht ein Zehntel der Dinge zu sagen weiß,
die Ihnen zu ihrer Zeit Gemüth und Phantasie zu sagen gedachten. In
Weimar empfieng Goethe mich und mein Buch, ja selbst meinen kleinen,
mich ihn mitzunehmen peinigenden Neffen sehr holdselig und väterlich;
ich fand den alten Herrn schöner und größer (an Leibesstatur) als vor
zwey Jahren, keine Spur von Krankheit, warme und schalkhafte Augen. Er
sprach schön über Sie, über Shakspeare, über Calderon, und ich verließ
ihn nach einer Stunde viel zufriedener über ihn als über mich, denn
ich weiß nicht, was für ein Dämon in mich gefahren war, ihm tausend
Dinge sagen, ich glaube gar ihm gefallen zu wollen, worüber ich, bald
dies bald jenes vergessend, bald manches im bewegten Gespräch nicht
anbringen könnend, mir in holdem Wechsel bald ein zerstreutes bald
ein albernes Aussehen anfühlte. Und wie ich fort war, glaubte ich gar
meine Hauptsachen ausgelassen (d. h. sie nicht ausgelassen), manches
was er sagte, nicht gehörig aufgefaßt, dagegen fast nie benutzt, oder
aufs Dümmste beantwortet zu haben. Gestehen Sie nur, großer Mann,
daß Ihnen meine Physiognomie recht oft in einem ähnlichen Spiegel
gegenüber gesessen hat, als hier in meiner Selbstbespiegelung,
besonders im Anfang unsrer Bekanntschaft; ich habe gewiß mehr als
Jemand Unbefangenheit und Breite (der Zeit) nöthig, um nicht horribel
zu erscheinen. Glücklicher lief ich (bin ich nicht mit meinem kühnen
Ichgeschreibe etwas wie Kuhn?) bey der Schopenhauer ab (die Arnim nennt
sie Hopfenschauer). Thee, Morgenfahrt nach Belvedere, Mittags-Essen,
wieder Thee und Abschied, bezeichnen die Hauptpunkte meines Lebens
in ihrem Hause. Bey der Frau und ihrer ganzen Art empfand ich wieder
dieselbe Gattung von Anmuth wie das erstemal, gleichsam ein kühlwarmes
und durchsichtiges Gemüthsbad ohne Schwüle und Tiefe; ihre sehr
verbindliche Freundlichkeit tanzte wie eine angenehme Libelle um die
verschiedenen Brunnquellchen meiner dankbaren und diplomatischen Seele.
Mein süßer Gerstenfreund setzte sich mit seinem Malzgenossen (ein
Tröpfchen Wasser auf Ihre Mühle und für Ihr Biergedicht) in chemisch
äugelnde Wahlverwandtschaft, aber mit entsetzlichem Geistesgepolter
rasselte und stolzirte die Tochter, alle Schellen und Orgelzüge ihres
Genius aufgezogen, durch und umher. Diese Bekanntschaft war mir neu,
und ich gestehe, im Anfang entsetzlich, fast lächerlich, dann in
Momenten wieder recht leidlich, so daß ich zwischen Schrecken und
Verwunderung, manchmal auch tragischem Mitleid und Angezogenheit auf-
und abschwankte. Es ist etwas Sonderbares mit solchen Geistreichen; man
wird sehr häufig von Erstaunen angefallen, wie bey einem kunstreichen
Uhrwerke auf einem Marktthurme, aber auf einmal, und da, wo man sich
bewandert glaubt, erscheinen sie Einem ganz unwissend oder einfältig,
und so gieng es mir recht oft bey dieser berühmten Adele. Jeder Ort hat
seinen Heiligen; wie man in Dresden bey Ihnen schwört (in Cassel bei
Arnim), so in Weimar bey Goethe, aber wie es Ihnen dort geht, so auch
diesem großen Manne hier; man rafft Fäserchen auf, zaselt sie umher
und schmückt sich damit, aber das Ganze, das eigentliche, innerste
Wesen wird nicht verstanden, oder neben aller Bewunderung her noch gar
misdeutet. Dabey wird in Weimar der Einfluß der Goetheschen Kritik,
über deren Schwäche wir oft gesprochen haben, besonders empfindlich,
und ich hätte nur gewünscht, daß Sie bey manchem Aberwitze, der auf
diesem Instrumente gespielt wurde, gegenwärtig gewesen wären, oder mir
etwas von den Waffen Ihrer wunderbaren Geistesgegenwart, höflichen Ruhe
und ironischen Beweglichkeit dagegen hätten herleihen wollen. Denken
Sie sich u. a., daß man da über Ihre Theaterkritiken höchst verstimmt
ist; im herrlichen Aufsatze über Wallenstein finden sie ein modiges
Herabsetzen Schillers, auch Goethe würde es mit dem Shakspeare zu arg,
und sey er ganz ärgerlich darüber, und dergl. Plattituden mehr. Wie
selten wird doch ein Geist verstanden!

Zu Neuhausen verlebte ich zwey angenehme Tage und wohl zweyhundertmal
klang Ihr Nahme über vier bis sechs Lippen. Zu Cassel wurde ich zwey
Wochen aufgehalten, ehe ich nach Escheberg kommen konnte, und seitdem
bin ich hier in der sogenannten ländlichen Ruhe. Mein Bruder, Fräul.
Calenberg, der englische Vater mit den Söhnen aus Dresden und Brüssel
sind die nahen Umgebungen, die ferneren wechseln wie das Wetter und
dies ist ja in diesem Sommer meist schlimm. So hat Carl jetzt zwey
Familien aufgegabelt, leidliche Männer mit unleidlichen Frauen,
worunter Eine eine standeserhöhte Bäckerstochter mit einem gespreitzten
greulich singenden oder vielmehr schnalzenden Töchterchen. Während
ich mich möglichst zurückziehe und der Scheidestunde mit Verlangen
entgegensehe, wird der gute Carl nicht müde, sie zum Bleiben zu
nöthigen, und er ist so unruhig und bewegsam, daß ich nicht einmal
die Zeit finde ihm zuzuwinken: lasse sie ziehen. Im Übrigen ist
Escheberg hübsch. Eine neue Felsenpartie, zu der Carl die Basalte
von der Malsburg fahren läßt, überraschte mich; zur Nachfeyer meines
Geburtstages ließ mich der gute Junge mit klingendem Spiel in mein
bekränztes neues Haus einziehen, dessen Anblick mich wahrhaft erquickt
hat, indem es manche innere Unruhe durch das Harmonische seines
Eindrucks beschwichtigte. Daneben haben sich mir manche Geschäfte
gehäuft; der Morgen geht sie abhaspelnd hin, die übrige Zeit in
heiterer Unterhaltung, von manchen Rührungen und Erinnerungen wie von
einem bald dunkeln bald schimmernden Saume umdrängt. Wären Sie nur
einmal hier! ich denke mir immer, wie Ihnen dieses gefallen, jenes Sie
entsetzen würde -- aber schön wäre es doch, Sie, wenn auch in Ihren
Gewitterstündchen, zu haben. Daß ich Carl wegen des Weinverrathes
weidlichst abgescholten habe, können Sie denken; noch behauptet er, die
zwölf Apostel für Sie aufbewahrt zu haben und damit die verscherzte
Gunst wieder zu erringen. Er küßt und liebt Sie zärtlich, Ihr Ruhm
stirbt nicht auf seinen Lippen.

Von unserm Loeben habe ich ein silbernes Lorbeerzweiglein zum
Geburtstag und einen schönen lieben Brief erhalten, der von Gesundheit
nicht spricht, aber Lebenslust und Vergnüglichkeit athmet. Albrecht hat
meinen Bruder hier besucht.

Die Dualität meiner Lebenserscheinungen führte mir in Cassel zwey
geniale Weibsleute vorbey. Primo die Helwig, die auf die Gallerie lief,
um kein einzig Bild anzusehen, sondern über ihre eigenen zu schwatzen,
und sich einen Abend durch bey Fräul. Calenberg mit untermischten
Klagen über ihre Halsschwindsucht absprach; secundo die Arnim, die
einen andern Abend bey meiner Cousine so unablässig schraubelte, daß
sie von einem plötzlichen Halskrampfe ergriffen wurde. Die Grimms und
Andere saßen ihr bewundernd und beyfallachend gegenüber und es ist
wahr, daß mitten unter dem Tollen, Rohen und Groben, das ihre Zunge
drosch, auch wohl dann und wann ein Mutterwitzkorn emporflog. Diesmal
fand ich, daß die vormalige Verliebtheit in Sie einer ziemlichen
Ungezogenheit Platz gemacht hatte; doch ist freylich nicht zu läugnen,
daß Sie auf einen solchen ~dépit amoureux~ reichlich pränumerirt
haben.

Auf dringendste Selbstempfehlung der Helwig haben wir ihre Helene von
Tournon hier gelesen. Die arme Person wird ohnmächtig, weil sie der
Amant nicht auf die richtige Art ansieht, und stirbt, weil er sie nicht
auf die richtige Art anredet; das ist die ganze Geschichte auf 165
Seiten. Am Schlusse sieht man wohl, wo die würdige Vf. hinausgewollt
hat und daß so etwas vielleicht einmal hätte poetisch passiren können,
aber der gespreitzte, geschnörkelte Stylus, der in ellenlangen,
heckerlingartig geschnitzelten Perioden tausend Abgeschmacktes zu
Markte trägt, macht das Büchelchen gewaltig widerwärtig. Jetzt habe
ich ein Buch angefangen, das Goethe dreymal gelesen hat, vier dicke
Bände ~Don Alonso ou l’Espagne~, deren erste 52 Seiten allerdings
einen eigenthümlichen Karakter zu haben scheinen. Wissen Sie denn auch,
daß das erbärmliche Buch W. Meisters Meisterjahre wieder von einem
Pseudo-Pustkuchen ist? Schade, denn der Kuchen ist um nichts besser als
die Hefe.

Was lesen, was treiben, was schreiben Sie denn? wie geht es der lieben
Gräfin und Amalien? sind die Kinder von der Hochzeit zurück? haben Sie
mein Buch abgegeben? hat es Freude gemacht? haben Sie mir etwas in der
Auction gekauft? was macht unser armer Kalkreuth? hat er Sie in T.
besucht? glauben Sie mir es, daß ich Sie auch in diesem Sommer gern
besucht hätte, und nicht nach Prag gelaufen wäre? Sehen Sie, das sind
tausend Fragen, ach und nicht Eine werden Sie mir beantworten, fauler,
hartherziger Freund! Und doch waren Ihre Briefe vor drey Jahren so
schön! und vor zwey Jahren schrieben Sie mir gar nicht! Die winzige
Beylage, nach welcher der Postbote bereits die Hand ausstreckt, wird
auch nichts helfen, denn ich sehe schon das höhnische Kind, wie es
sagt: was will mir das? mit Speck fängt man die Mäuse! und so werde ich
nichts von Ihnen erfahren, bis ich wiederkomme, und das ist doch noch
recht lange. Dieser Gedanke macht mich wahrhaft melankolisch, deshalb
sage ich Ihnen ein trauriges, halb empfindliches Lebewohl, wie denn nie
Jemand das Talent gehabt hat, meine Empfindlichkeit so schmerzlich zu
reitzen, aber freylich auch ihr so wohl zu thun, als eben Sie. Leben
Sie wohl, lieber herrlicher Mann! umarmen Sie die Ihrigen, wie ich
Sie und Alle von meinem Bruder und Frl. C. begrüßen und umarmen soll,
und lassen Sie Ihre Gedanken jeden Kuß zurückgeben Ihrem Sie zärtlich
liebenden Freunde

    _Ernst Malsburg_.



Maltitz, Apollonius, Freiherr von.


    Geb. 1796, Kais. russischer wirklicher Staatsrath, in
    diplomatischen Sendungen an verschiedensten Höfen, zuletzt
    Geschäftsträger am Weimarischen. Weder zu verwechseln mit seinem
    Bruder, welcher ebenfalls Diplomat und ebenfalls Schriftsteller
    gewesen; noch weniger mit dem in Dresden verstorbenen Herrn von
    Maltitz, der mit Bezug auf eine (unter ähnlichem Titel verfaßte)
    epigrammatische Broschüre „der Pfefferkörner-Maltitz“ genannt wurde.

    Apollonius hat u. A. drucken lassen: Gedichte (1817). --
    Geständnisse eines Rappen (1826). -- Neuere Gedichte, 2 Bde.
    (1838). -- Dramatische Einfälle, 2 Bde. (1838-43). -- Drei Fähnlein
    Sinngedichte (1844). -- Lucas Cranach, Roman, 3 B. (1860). -- Der
    Herzog von der Leine, Roman, 4 Bde. (1861) &c.

    Das hier mitgetheilte Schreiben gilt jener früh verstorbenen
    Freundin des Tieck’schen Hauses, Adelh. Reinbold, der wir später
    noch begegnen.


    _München_, am 22sten Februar 1839.

Ich stehe mit Ihnen, verehrter, gütiger Freund, an einem Grabe,
welches, ich darf es sagen, Niemand mehr angehört, als Ihnen
und mir und _so_ wage ich es Ihnen, dem ich nur Namen der
Bewunderung geben sollte, den des Freundes zu geben. Ich habe im
vollsten Frühlingsglanze diese Adelheid gesehen, die Sie als Leiche
haben sehen müssen -- ich habe sie _so_ lächeln gesehen, wie
ihr _ursprüngliches_ Schicksal ihr gelächelt haben mag, ehe
andre _Fügungen_ dazwischen traten; _Fügungen_, um nicht
_Menschen_ zu nennen. Denn der Glaube an ein _unbeugsames_
Verhängniß bewahrt uns, wie kein anderer, vor _Menschenhaß_.
Was die Arme gelitten, ist gewiß längst in Ihrer edlen Menschen- und
Dichterbrust niedergelegt, denn Sie waren der _Wohlthäter_ ihres
Herzens und jeder ihrer schönen Gaben. Sie fühlte es tief, daß Ihre
Stelle bei Ihnen war und bei unserm letzten Wiedersehen bestätigte
ich sie, mit aller Wärme meines Antheils an ihrem Schicksal, in
_diesem_ Glauben. Könnte ich vor Ihnen die Blätter aufschlagen,
die Sie mir über das Meer sandte! -- nein, könnte ich Ihnen mit
lebenden Worten schildern, _wie_ ich sie einst unter Neid,
Mißgunst und unverdienter Verachtung welken und vergehen sah, ehe sie
in Ihre Nähe gelangte! Bald einem tröstenden Glauben an sie, bald einem
Heere von verhaßten Zweifeln und Wahrscheinlichkeiten hingegeben,
die Verworfenheit und Leichtsinn immer zu nähren wissen, wenn ein
_schönes_ Wesen _erniedrigt_ werden soll -- konnte ich nur
in _einer_ Empfindung für sie mit mir selbst einig werden, in
einem ungeheuern Schmerz um sie. Wie wohl wurde mir, als ich nun die
Verfolgte in eine Nähe, wie die _Ihre_ -- hingeflüchtet fand! Sie
hatte dort den Frieden und die Ruhe gefunden, die ihr die Welt noch
geben konnte. Aber wenige Frühlinge sind so gemordet worden! Sie wird
mir nie als ein Schatte vorschweben, sondern immer in jener blühenden
Gestalt, deren Namen, wie noch zum ersten Male, in mein Ohr tönt! Man
hat viel von meinem Herzen mit ihr hinabgesenkt -- und selbst mit
höherer Beredsamkeit, als mir verliehen ist, möchte ich sie nicht
_mit mehr_ Worten rühmen, als mit diesen: Sie war eine zarte,
_große Seele_. Möge es mir vergönnt seyn, ihr in Gesprächen mit
ihrem erhabnern Freunde eine Todtenfeyer halten zu können! Sie waren
ihr mehr, unendlich mehr, als ich -- nur war es mir vergönnt, unter so
vielen Verfolgern ihr wenigstens den Blick des Wohlwollens zu zeigen.

In einem andern Welttheil, wo die Erinnerungen unserer meisten Freunde
so oft vom Ozeane hinweggespült scheinen, erklang mir auf ein Mal
Adelheids liebe Stimme -- ich muß nun wissen, daß ihr Mund auf immer
verstummt ist! -- Bis über die Meere hatte sie Treue an mir geübt --
wie leicht hüte ich sie ihrem Grabe! --

Sie haben, mein hoher Freund, eine Tochter verloren -- der Schmerz
in einer Seele wie die Ihre, kann nicht ganz der bodenlosen Wehmuth
gleichen, mit der ich der theuern Vollendeten nachblicke, aber erlauben
Sie mir, mich Ihrem Herzen jetzt sehr nahe zu glauben.

Mit Bewunderung und Verehrung:

    _A. Maltitz_.



Marbach, Gotthard Oswald.


    Geb. zu Jauer in Schlesien, wo er dem dort verstorbenen Senior K.
    C. H. M. am 13. April 1810 geboren wurde. Unter Franke in Liegnitz
    gediehen seine ersten poetischen Versuche. In Halle gerieth er aus
    der Theologie in die Philosophie, und diese führte ihn auf Spinoza,
    den er 1831 in einer Gedächtnißrede gefeiert. Nachdem er als Doktor
    promovirt hatte, zog er nach Leipzig, wo er sich an der Universität
    habilitirte, sich mühsam aber energisch durchkämpfte, und sowohl
    wissenschaftlich wie kritisch anerkennende Achtung erwarb. Er ist
    mit Rosalie Wagner (siehe Ad. Wagners Briefe in dieser Sammlung)
    verheirathet gewesen; und die Verbindung mit dieser liebenswerthen,
    sanften Künstlerin (die der Tod ihm nach kurzer, beglückender
    Ehe raubte) hat ihn, den Gelehrten, wohl auch zur Theilnahme an
    belletristischen Unternehmungen bewogen. Neben philosophischen,
    philologischen, physikalischen Werken trat er mit litterarischen
    Abhandlungen, ja mit Poesieen verschiedener Gattung hervor. Er lebt
    jetzt (so viel uns bekannt) als Gymnasial-Professor in Leipzig, und
    ist Sächs. Hofrath.


                                  I.

    _Leipzig_, 5. Aug. 1839.

    _Hochverehrtester Herr!_

Auch der Ruhm und die Größe haben ihre Beschwerlichkeiten! Dies
werden Sie, hochverehrter Herr, wahrscheinlich heut nicht zum
erstenmale erfahren. Die Huldigungen, welche ich Ihnen hiermit als dem
Sängerkönige des deutschen Vaterlandes darbringe, sind mit einer Bitte
verknüpft. Das Amt eines Richters, welches ich Sie bei Übersendung
der beiliegenden Proben zu üben bitte, kann beschwerlich, aber auch
erfreulich sein. Beschwerlich, wenn das Urtheil ungünstig; erfreulich,
wenn es günstig ausfallen muß. Dennoch weigern Sie Sich nicht es zu
übernehmen! Müssen Sie Ihrer Überzeugung nach das Verdammungsurtheil
sprechen; so brauchen Sie eines namenlosen Jünglings nicht zu schonen,
sind vielmehr der Poesie, welche Sie mit unsterblichen Kränzen
geschmückt hat, verpflichtet, jeden Andrang eines ungeweihten streng
zurückzuweisen. Können Sie aber einen strebenden, für alles Höchste
begeisterten Jüngling durch Ihre Aufmunterung größere Schwungkraft des
Geistes und freudigeren Muth verleihen; gewiß so wird dieß Geschäft
um so angenehmer für Sie sein, je mehr Sie selbst zu der Überzeugung
gelangt sind, daß unsere Zeit begeisterter und begeisternder Rede vor
allem bedürfe.

Finden Sie, Hochverehrtester Herr, Gedichte ähnlich des beiliegenden
werth das Licht der Welt zu erblicken, so bitte ich um die Erlaubniß,
Ihnen dieselben, sobald ich einen Verleger gefunden, überreichen
zu dürfen. Überglücklich würd’ ich mich preisen, wenn die Hand des
Sängers, vor dem ich mich am ehrfurchtvollsten neige, den Schüler
würdigte, durch sie in die Welt eingeführt zu werden. Doch ich wage
nicht es zu hoffen.

Ich müßte nicht das unbegrenzte Vertrauen auf Ihre Humanität haben,
welches mir der Umgang mit Ihrem Geiste, durch Ihre Schriften gewährt,
mir einflößte wenn ich daran zweifeln könnte, daß ich Verzeihung wegen
meiner Zudringlichkeit erlangen werde. Ich wage sogar auf eine Antwort,
die mein Urtheil enthält, zu hoffen. Wie dies auch ausfalle, ich
verharre stets, Hochverehrtester Herr, Ihres Genius

    eifrigster Verehrer

    ~Dr.~ _G. O. Marbach_.


                                  II.

    _Leipzig_, 17. Aug. 1838.

    _Hochwohlgeborner Herr,
    Hochverehrtester Herr Hofrath!_

Mit großer Bangigkeit schicke ich dieses Schreiben an Sie, Verehrtester
Herr, ab, denn die Furcht durch die Bitte, welche ich an Sie wage,
Ihnen zu mißfallen und keine oder eine zurückweisende Antwort zu
erhalten, ist in mir fast eben so groß, als der Wunsch lebhaft mit
Ihrem allverehrten Namen ein Unternehmen schmücken zu dürfen, mit
welchem ich selbst etwas Ausgezeichnetes leisten und meine Zukunft
als Schriftsteller begründen möchte. Ich will mir das freundliche
Wohlwollen vor die Seele rufen, mit welchem Sie mich mehr als einmal
in Ihrem Hause aufgenommen haben, um mir Muth zu machen, meine Bitte
vorzutragen.

Aus der Beilage werden Sie, Hochverehrtester Herr, ersehen, daß ich
in Begriff stehe, eine Zeitschrift herauszugeben und Sie werden in
den Worten des Prospects auch die Tendenz angedeutet finden, welche
ich in diesem Unternehmen verfolge: eine Zeitschrift herauszugeben,
welche durch die Gediegenheit des Inhaltes, so wie durch die Art ihres
Erscheinens dem buntscheckigen, auf gemeine Weise die Zeitinteressen
verwirrenden und ausbeutenden Treiben der Tageblätter und ihrer
Verfasser einen starken Damm entgegen zu stellen, dem besten und
edelsten Theil des Publikums eine kräftige Geistesnahrung zu bieten und
dadurch die Literatur selbst, welche durch eine gewisse Klasse moderner
Schriftsteller auf das tiefste erniedrigt worden ist, in der Achtung
des Publikums wieder zu heben bestimmt ist.

Meine Kräfte zu diesem Unternehmen sind, ich weiß es wohl, noch gering,
aber mein Muth und mein Eifer sind groß, und ich hoffe, daß auch die
Kraft mit der Übung zunehmen wird. Prüfen Sie, Hochverehrtester Herr,
ob mein mit dem besten Willen und einer gewiß Ihren Beifall habenden
Tendenz unternommenes Werk, wohl verdient, daß der größte Dichter
der Nation mit seinem gewichtigen Namen und mit einigen, wenn auch
vielleicht an Umfang nur kleinen, doch durch die Fülle der Poesie
bedeutenden Beiträgen dasselbe unterstütze!

Vor Allem vergeben Sie meine Dreistigkeit, ich habe mich zu ihr in
keiner gemeinen Absicht entschlossen.

Indem ich diesen Brief absende, nehme ich mir noch die Freiheit
dasjenige, was in meinen „Volksbüchern“ bisher erschienen ist,
beizulegen. Vielleicht sehen Sie alte Bekannte, über deren poetischen
Werth Sie zuerst der Mitwelt die Augen geöffnet, nicht ungern in dem
volksthümlichen Gewande und sind mit meiner für das Volk bestimmten
Bearbeitung nicht ganz unzufrieden.

Genehmigen Sie, Herr Hofrath, die Versicherung der innigsten Verehrung
von

    Euer Hochwohlgeboren

    gehorsamstem Diener

    _G. O. Marbach_.



Marmier, Xavier.


    Viele unserer Leser und -- Leserinnen werden sich beim Anblick
    dieses Namens der Jahre 1832-33 erinnern, und des jungen Reisenden,
    der ab und zu in Leipzig, Dresden, Weimar, Jena und anderen Orten
    heimisch wurde; den wir in Berlin scherzweise „~l’enfant du
    midi~“ zu nennen liebten. Uns hat _er_ damals zwar gesagt,
    daß er aus Bésançon stamme; die Litteraturgeschichten versichern
    jedoch, er sei 1809 zu Pontarlier im Departement Doubs geboren,
    was wir ~réligieusement~ nachschreiben. Er hat viele große
    Reisen gemacht, unterschiedliche Länder und Völker gesehen, und
    in mancherlei Schriften davon Kunde gegeben. Deutschem Wesen und
    deutscher Poesie fühlte er sich am Innigsten zugethan. Er brachte
    dafür mit, was die meisten seiner Landsleute, die Deutschland
    durchzogen haben, weder besaßen, noch zu ahnen vermochten: den
    Sinn für unsere oft verlästerte „Gemüthlichkeit;“ den Keim aller
    romantischen Dichtung. Das hat er vielfach ausgesprochen als
    fleißiger Mitarbeiter an der ~Revue de Paris~ -- der ~France
    litteraire~ -- der ~Revue Germanique~ -- der ~Revue
    des deux mondes~; auch in den ~Études sur Goethe~, und
    hauptsächich durch Übertragungen deutscher Werke. -- Jetzt lebt er
    in Paris, wo er Bibliothekar beim Ministerium der Marine sein soll.
    -- Ob man ihn dort immer noch „~bien germanisé~“ finden? ob er
    sich noch daran erfreuen mag?


    ~_Paris_, 10. décembre.~

    ~_Monsieur!_~

~Permettez moi de vous addresser un de mes compatriotes et amis Mr.
Monnier. Il voyage en Allemagne pour connaitre votre beau pays, et
votre admirable littérature, et je crois ne pouvoir mieux l’initier à
ce qu’il y a de beau et de grand dans la poësie de votre nation qu’en
lui faisant faire connaissance avec vos oeuvres et avec vous.~

~J’ai bien regretté d’apprendre si tard l’automne dernier que vous
deviez venir à Bade, j’allois alors faire un voyage dans le midi, mais
je l’aurois volontiers retardé pour avoir le bonheur de vous voir. Si
l’année prochaine vous revenez encore si près de Strasbourg, rien ne
m’empêchera d’aller passer quelques jours auprès de vous.~

~J’ai quelquefois de vos nouvelles par M. de Raumer, et je m’occupe
avec ardeur de tout ce qui vient de vous. L’année dernière, j’ai lu la
Mort de Camoens, jamais rien ne m’a aussi doucement, aussi fortement
ému. C’est de la poësie qui ressemble à de la musique. Ce sont des mots
qui tombent avec un mélancolique murmure comme les gouttes d’eau d’une
source dans un bassin de cristal. J’aurois voulu traduire ce livre.
J’y ai rêvé mille fois, et je me serais senti trop heureux de venir à
bout d’un tel travail, mais j’ai désespéré de pouvoir jamais rendre
le charme de votre poësie, et je n’ai pas encore osé l’entreprendre.
J’ai emporté d’Allemagne votre portrait. Il est suspendu en face de
moi dans ma chambre. Souvent je le regarde, et je lui demande des
inspirations, mais il ne me rend que des souvenirs. Je regrette votre
bonne terre d’Allemagne, Dresde, Leipzig, Berlin, vos âmes si franches,
vos livres si vrais. Je voudrais retourner auprés de vous, et j’espère
bien faire encore une fois ce pieux pélérinage. On me trouve à Paris
bien germanisé, et je ne répudie pas ce titre. Je l’aime. Du reste, je
m’occupe toujours de littérature, et je passe la moitié de ma vie en
rêves, ce qui fait qu’elle est moins lourde.~

~Adieu, Monsieur, toutes mes pensées se reportent souvent vers les
soirées de l’Alt-Markt. Tous mes voeux s’arrêtent sur vous. Aucun
poëte ne m’a plus attaché que vous, aucun nom d’écrivain ne m’est
devenu plus cher que le vôtre. Puisse-je vous revoir encore, -- et
bientôt.~

~Rappelez moi je vous prie au souvenir de toute votre famille.~

    ~_X. Marmier._~



Martin, Henri und S.


    Zwei Brüder, Zöglinge der Pariser Normalschule, treiben „Deutsch“,
    ihr Lehrer giebt ihnen eine Tieck’sche Erzählung in die Hand, an
    der sie, sich übend, lernen sollen, und lernend machen die jungen
    Leute, den Versuch, den deutschen Dichter ins Französische zu
    übersetzen, weil „sie fürchten schlechte Bürger zu seyn, wollten
    sie sich nicht bemühen ihren Landsleuten den Genuß zu verschaffen,
    den sie gehabt.“ -- Der zweite dieser Briefe, in deutscher Sprache
    geschrieben, spricht sehr für ihren Lehrer und für den Schüler
    Henri.


                                  I.

    ~_Bélesme_, 30. 7bre. 1833.~

    ~_Monsieur_,~

~J’éspère de votre bonté que vous voudrez bien nous pardonner
d’avoir osé porter une main inhabile sur votre charmante nouvelle du
sabbat des Sorcières. Elle a perdu dans notre traduction une partie
de sa grâce, et je crains vraiment que vous n’ayez de la peine à la
reconnaître dépouillée du style enchanteur dont vous aviez su la parer.
Notre première pensée en commençant à traduire cette nouvelle avait
été seulement de faire connaissance avec vos admirables ouvrages; sa
lecture nous a fait éprouver un si vif plaisir que nous avons craint
d’être de mauvais citoyens si nous ne mettions nos compatriotes qui
ignorent votre belle langue à mème de connaître une de vos délicieuses
et nombreuses productions. Mr. De Sinner nous a beaucoup encouragés
dans cette pensée en nous parlant de la bonté et de la bienveillance
toute paternelle avec la quelle vous acceuillez les premiers essais
de la jeunesse; il s’est d’ailleurs chargé d’obtenir de vous notre
pardon, et de revoir notre traduction pour en faire disparaître les
contresens qui auraient pu échapper à notre inexperience de la langue
Allemande; il a été jusqu’à nous faire espèrer que vous auriez la bonté
de répondre quelques mots à la lettre que nous prenons la liberté de
vous écrire. Nous nous sommes enfin rendus aux conseils de Mr. De
Sinner: personne n’a sur nous plus d’empire que lui; et certainement
il l’a bien mérité. Français nous avons été trop heureux de trouver un
étranger qui voulut bien nous initier aux connaissances de la docte
Allemagne, et diriger nos pas dans la carrière de la philologie,
malheureusement trop négligée aujourd’hui dans notre pays. Depuis plus
d’un an notre excellent professeur Mr. De Sinner n’a cessé de nous
prodiguer ses soins avec une admirable constance. Malheureusement nous
craignons que l’Allemagne ne vienne nous l’enlever; nous espérons
toutefois que les hommes qui dirigent l’instruction en France
connaissent trop bien les véritables intérêts de notre patrie pour ne
pas retenir ici un homme qui lui serait si utile par ses talents et son
dévouement pour ses éléves.~

~Vous serez peut-être surpris de trouver à la fin du volume que
nous vous envoyons quelques notes historiques; je vous prie encore de
nous pardonner cette petite pedanterie professorale. Nous avons pensé
qu’il ne serait peut-être pas sans intérêt pour quelques personnes de
connaître positivement les données primitives sur les quelles vous
avez construit cette admirable nouvelle. Nous avons cru par ce moyen
faire mieux ressortir toute la richesse de colorit dont votre pinceau
poëtique a su embellir des faits qui semblent par eux-mêmes bien nus
et bien arides. Nous nous sommes encore permis de rendre à quelques
noms propres leur orthographe primitive: ces noms étaient français;
cette considération nous a paru suffisante. Il eut peut-être mieux valu
adopter l’orthographe de Duclerq de préférence à toute autre; mais
nous n’avions pas alors ce chroniqueur à notre disposition; nous avons
suivi partout Mr. De Barante. J’ai une dernière grâce à vous demander,
c’est de vouloir bien excuser les nombreuses fautes typographiques qui
se trouvent dans ce volume; mais nos occupations à l’école Normale ne
nous permettaient pas de surveiller nous-mêmes l’impression de notre
traduction.~

~Je ne veux pas abuser plus long-temps de votre patience; je crains
d’être déjà trop indiscret d’oser vous demander quelques mots de
réponse.~

    ~J’ai l’honneur d’être,
    Monsieur,
    avec le plus profond respect,
    votre très humble et très obeïssant serviteur,
    _S. Martin_,
    Élève de l’école Normale.~


                                  II.

    _Hochverehrter Herr Hofrath!_

Nehmen Sie mit Wohlgefallen diese Zeilen an, die Ihnen zu schreiben
ein junger Student sich erkühnt. Die deutsche Sprache war mir noch
sehr wenig bekannt, als der gelehrte Herr ~Dr.~ von Sinner, ein
vortrefflicher und vielgeliebter Lehrer, Ihre reitzende Novelle,
der Hexen Sabbath, mir in die Hände gab. Ich habe dieselbe zuerst
mit höchstem Vergnügen, und dann vielmal wieder immer mit stets
vermehrter Bewunderung gelesen. Kein anderes Buch konnte tauglicher
seyn, an dieser schönen Sprache Geschmack mir einzuflößen, und
derselben Kenntniß durch ein vortreffliches Muster mir zu verschaffen.
Das Vergnügen, das ich in der Lesung dieses Buchs gefunden hatte,
wollte ich den französischen Lesern mittheilen; so meinte ich meinen
Landsleuten etwas Gefälliges und Nützliches zu thun. Aber die Furcht
hielt mich zurück, ich könnte durch eine schlechte Übersetzung
Ihre schöne Novelle entfärben. Doch endlich, durch den von mir
höchstverehrten Herrn von Sinner ermuntert, habe ich, mit meinem
Bruder, den Versuch gewagt. Wenn wir etwa gefehlt haben, so bitte ich
Sie, uns, um der guten Absicht willen, zu verzeihen. Das Gefallen an
dieser Arbeit hat uns fortgerissen; wir haben auch dadurch das Vermögen
erworben, Ihre übrigen Werke und die andern Meisterstücke dieser so
reichen Litteratur mit Leichtigkeit zu lesen. Ein gütiges Wort zu uns,
von Ihrer Hand geschrieben, würde uns der tröstlichste Lohn seyn, den
wir kaum zu hoffen und zu fordern wagen: und doch, muß ich gestehen,
wir hoffen noch mehr, das heißt, einmal in Deutschland reisend, bei
Ihnen vorgelassen zu werden, und das Gespräch des Mannes zu hören,
dessen Schriften wir mit so viel Bewunderung gelesen haben, und dessen
Umgang als nicht minder gefällig berühmt ist.

Ich habe die Ehre zu seyn

Euer Hochwohlgeboren

    Hochachtungsvoll ergebenster Diener

    _Henri Martin_,

    Zögling der Normalschule in Paris.



Mendelssohn-Bartholdy, Felix.


    Geb. am 3. Februar 1809 zu Hamburg, gestorben zu Leipzig am 4.
    November 1847.

    Von einem Manne, der sich mit unvergänglichen Ton-Dichtungen die
    Seelen der Weisesten, Edelsten und Besten seiner Zeitgenossen
    zu eigen gemacht; der jetzt im brieflichen Nachlaß auch durch
    inhaltschweres Wort Geister und Herzen neu für sich erweckte; von
    einem solchen Manne ist jedes Zettelchen, worauf seine Handschrift
    ruht, ein glücklicher Fund. Die nachstehenden drei Zuschriften
    scheinen auf den ersten Anblick nur geschäftliche zu sein. Für
    seine treuen Anhänger möchten sie mehr bedeuten, und namentlich
    die erste derselben kann als schöner Belag gelten, wie ernst und
    tief er seine Kunst betrachtete; wie heilig ihm gewesen, was vielen
    anderen Komponisten nur Mittel zu Nebenzwecken ist.


                                  I.

    _Berlin_, 15. October 1842.

    _Euer Hochwohlgeboren_

übersende hierbei mit bestem Danke die Übersetzung der Medea des
Euripides, welche ich, Ihrem Wunsche gemäß, in der Idee einer künftigen
Aufführung und namentlich einer musikalischen Behandlung der Chöre
durchgelesen und wohl bedacht habe. Zu meinem Bedauern bin ich aber
von Neuem zu dem Resultat gekommen, welches ich Ihnen schon mündlich
anzudeuten die Ehre hatte; die Schwierigkeiten einer Darstellung dieses
Stückes scheinen mir so groß, namentlich in Hinsicht der Chöre, daß
ich mir die genügende Lösung dieser Aufgabe nicht zutraue, und die
Composition daher nicht übernehmen kann.

Erlauben Sie mir zugleich die Versicherung, daß es mir hier wie
überall die größte Freude machen würde, wenn ich mit meiner Musik zur
Ausführung Ihrer Pläne nach Kräften mit beitragen könnte, und daß ich
mir herzlich eine Gelegenheit wünsche, Ihnen dies durch die That, nicht
blos durch Worte darzuthun.

Mit vollkommner Hochachtung

    Euer Hochwohlgeboren

    ergebenster

    _Felix Mendelssohn-Bartholdi_.


                                  II.

    _Bad Soden_ im _Taunus_, den 18ten July 1845.

    _Hochgeehrtester Herr Geheime Rath!_

Haben Sie tausend Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 8ten, die ich
erst gestern von einer kleinen Reise zurückkehrend empfing und nun zu
beantworten eile. Hr. v. Küstner hat die Partitur meiner Musik zum
Ödipus bereits in Händen, und ohne Zweifel wird für das Ausschreiben
derselben und für die weiteren Vorbereitungen Sorge getragen, so
daß meine persönliche Gegenwart nur zu den eigentlichen Musikproben
erforderlich sein wird. Da nun Se. Majestät der König, wie Sie mir
sagen, das Ende dieses oder den Anfang des nächsten Monats zur
Aufführung festgesetzt hat, so habe ich mich darauf eingerichtet,
gegen Mitte August, also 3 Wochen vorher, in Berlin einzutreffen,
und von meiner Seite wird also kein Hinderniß dem Königl. Befehle
entgegenstehen. Sehr dankbar würde ich nun aber Ihnen, verehrtester
Herr Geheime Rath sein, wenn Sie mit den Vorbereitungen für die
Tragödie selbst und die darin mitwirkenden Schauspieler denselben
Termin festhalten, und auch Hrn. von Küstner wo möglich dahin bestimmen
wollten die Aufführung nicht länger, als bis zur angegebenen Zeit
zu verzögern. Der König kommt, wie mir Herr von Massow schrieb, in
_jedem Fall_ gegen Ende August wieder nach ~Sans-Souci~,
geht aber früh im September zu den Manoeuvres und kommt dann erst
gegen Ende September zurück. Würde nun die Aufführung verschoben, so
müßte sie auch gleich bis Ende September ausgesetzt bleiben, wodurch
ich in eine sehr große Verlegenheit geriethe, da es mir sehr schwer,
wenn nicht unmöglich sein wird, zu Ende September in Berlin zu sein,
während ich mich, wie gesagt, auf die jetzt bestimmte Zeit nun schon
eingerichtet habe. Daher bitte ich Sie recht inständig und dringend,
verehrtester Herr Geheimerath, mit den Vorbereitungen der Schauspieler
&c. _sogleich_ Hand ans Werk zu legen, und auch Hrn. von Küstner
zu möglichst energischen Vorbereitungsmaßregeln zu bestimmen, damit
wenigstens von unsrer Seite die Zeit, welche Se. Majestät der König
bestimmt hat, eingehalten werden kann. Sie erweisen mir persönlich noch
einen sehr großen Gefallen dadurch.

Wie freue ich mich nun, Sie von Angesicht wiederzusehen und Ihnen den
Dank für so viele große und schöne Genüsse, die ich Ihnen verdanke,
und all meine Freude daran -- abermals zu verschweigen! Denn mit
dem Aussprechen davon ist es nicht gethan, und mir gelingt es immer
am wenigsten damit. Aber hoffentlich treffe ich Sie in gestärkter
Gesundheit und unveränderter geistiger Fröhlichkeit und Kraft! Stets
Ihr ergebner

    _Felix Mendelssohn-Bartholdy_.


                                 III.

    _Leipzig_, d. 4. Sept. 1845.

    _Hochgeehrter Herr Geheime Rath!_

Meinen schönsten Dank für Ihre so eben erhaltnen geehrten Zeilen. Zu
den eigentlichen Clavier-Proben ist ja wohl meine Gegenwart nicht
mehr nothwendig, da ich mich bei meiner vorigen Reise mit dem Herrn
M. D. Elsler sowie mit den Chorsängern über Tempo und Vortrag meiner
Chöre bereits ausführlich verständigt habe, und also erst bei den
Scenen-Proben, sobald die Musik vollständig memorirt ist, wieder
einzutreten wünschen würde. Sollten Sie inzwischen über die Zeit der
Aufführung (die nach Ihrer wie nach der Mittheilung des Comités noch
immer ganz unbestimmt ist) etwas Näheres erfahren, so würde ich Sie
bitten, mir es sogleich durch ein Paar Zeilen mitzutheilen, da ich
mindestens 10-12 Tage vor der Aufführung dort sein und ebensoviel
Proben halten möchte. Hoffentlich werden ja nicht gerade die Tage
zwischen dem 20sten und 30sten d. M. bestimmt werden, die einzige Zeit
des ganzen Jahres, in der es mir schwer oder unmöglich wäre, persönlich
bei der Aufführung zugegen zu sein.

Mit vollkommenster Hochachtung stets

    Ihr ergebenster

    _Felix Mendelssohn-Bartholdy_.



Menzel, Wolfgang.


    Geboren am 21. Juni 1798 zu Waldenburg in Schlesien. -- Lebt seit
    1825 in Stuttgardt. -- Streckverse (1823.) -- Geschichte der
    Deutschen, 3 Bde. (1824, 25.) -- Die deutsche Litteratur, 2 Bde.
    (1828.) -- Rübezahl, Märchen (1830.) -- Furore, Roman, 3 Bde.
    (1851.) -- Geschichte Europa’s &c. 2 Bde. (1853.) -- Deutsche
    Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit, 3 Bde. (1859.)
    -- Die letzten 120 Jahre der Weltgeschichte, 6 Bde. (1860.)
    -- u. s. w. Unzählige kritische u. a. Abhandlungen, Aufsätze,
    Journal-Artikel. --

    Es erweckt ein eignes, angenehmes Gefühl, den nach so manchen
    Richtungen hin feindselig-herben Schriftsteller, als Tieck’s
    aufrichtigen, warmen Verehrer, auch in persönlicher Beziehung
    liebevoll und mild zu finden.


                                  I.

    _Stuttg._, d. 1. Juli 1828.

    _Verehrtester Herr!_

Leider hat mich Ihr so angenehmer Brief in einem Wirrwarr von
Geschäften angetroffen, aus dem ich mich nur schwer werde herauswickeln
können. Wenn es mir aber nur irgend möglich ist, so komme ich noch am
Ende dieser Woche nach Baden, um Ihnen meine Aufwartung zu machen.

Sie beschämen mich durch Ihr freundschaftliches Zuvorkommen. Es war
längst mein Wunsch, den Mann kennen zu lernen, den ich unter allen
unsren Dichtern, wie Sie wissen, am meisten liebe. Allein ich wollte
Ihnen nicht beschwerlich fallen; ich begnügte mich, Sie im Stillen
zu verehren, bis mein Buch über die Literatur mich veranlaßte und
verpflichtete, Ihnen öffentlich meine Huldigung darzubringen.

In der Hoffnung, Sie bald zu sprechen, enthalte ich mich, hier Materien
zu berühren, die nicht leicht in einem Briefe zu erschöpfen sind. Ich
bemerke Ihnen nur in Beantwortung Ihrer Fragen, daß ich Ihre Vorrede
zur Felsenburg und zu Lenz gelesen habe; ferner daß der frühere Aufsatz
in den Europ. Blättern _über Sie_ nicht von mir, sondern von
Follen herrührt, während allerdings alle andern dort erschienenen
kritischen Aufsätze über Goethe &c. von mir sind. Was ~N...~[8]
betrifft, so ist derselbe vor etwa 2 Monaten nach Amerika ausgewandert.
Durch Arbeitsscheu und Verlogenheit verdarb er sich vollends allen
Credit und um einer noch schlimmern Zukunft im Vaterlande zu entgehn,
hat er sich mit der Aussicht auf ein Viceviat in den V. Staaten über
Meer schicken lassen.

Ich eile, alle Anstalten zu treffen, um Sie noch in Baden besuchen zu
können. Wenn es mir wider Erwarten durchaus unmöglich werden sollte,
abzukommen, so werde ich Sie doch ganz gewiß hier auf Ihrer Rückreise
sehn, und Sie werden mich in jedem Fall hier antreffen. -- Meine
Hochachtung, meine Liebe bedarf keiner neuen Versicherung. Ewig

    Ihr

    ergebner

    _Menzel_.

~P. S.~ Die Addresse Ihres Briefes giebt mir einen Titel, welcher
mir nicht zukommt. Ich bitte mich vom Hofrath zum simplen Doctor zu
degradiren.


                                  II.

    _Stuttgart_, d. 24. Sept. 1823.

    _Verehrtester Herr und Freund!_

Ich erlaube mir, Ihnen im Überbringer dieses Briefes den ältesten Sohn
des ~Dr.~ Schott zu empfehlen, dessen Familie Sie hier kennen
gelernt haben. Er reist nach Berlin, wo er als Theologe Schleyermachers
Unterricht benutzen will.

Herr von Cotta wird Ihnen bereits geschrieben haben, daß er auf die
Bedingungen, welche Sie so gütig waren, mir zurückzulassen, eingegangen
ist, und nun bitte ich Sie, theuerster Herr Hofrath, wenn Sie sich von
Ihrer Reise erholt haben, lassen Sie uns nicht die letzten seyn, an
welche Sie denken werden.

Sie haben hier einen ungemein lieblichen Geruch zurückgelassen. Ihre
persönliche Erscheinung hat bey denen, welche Sie längst um Ihrer
Schriften willen liebten, einen Enthusiasmus erzeugt, der über dem
Dichter sogar seine Werke vergaß. Kann ich Ihnen, ohne zu täppisch zu
werden, auch den schönen Eindruck schildern, den Sie auf mich gemacht
haben? Ihre Liebenswürdigkeit, Ihre Ruhe, Ihre Klarheit hat mich in
der innersten Seele erquickt, und wenn Sie mich auch in Bezug auf
andre Dichter nicht bekehrt haben, so hat doch meine Liebe zu Ihnen
so viel mehr an Lebhaftigkeit gewonnen, als es Ihnen gehn würde,
wenn Shakespeare selbst Sie einmal bey der Zeichnung seines Bildes
überraschte. Sie selbst sind Schuld, daß ich weniger als je zu Goethes
Fahnen schwören kann. Je mehr Sie mir zeigen wollen, daß ich auch an
Goethe lieben müsse, was ich an Ihnen liebe, desto schärfer unterscheid
ich Sie beyde.

Mehr als dieser Goethesche Streit liegt es mir auf dem Herzen, daß
Sie, wie es mir wenigstens schien, einigemal Empfindlichkeit gegen
die pöbelhaften Angriffe blicken ließen, die man auf Sie gemacht hat
und macht. Ihnen wäre wahrlich auch der kleinste Ärger darüber weniger
zu verzeihen, als jenen die ärgste Verruchtheit selbst. Sie stehen so
hoch, und wenn es Sie so liebenswürdig macht, daß Sie es nicht ganz zu
wissen scheinen, so fühlen Sie es wenigstens in dem Augenblick, wo sich
andre so tief erniedrigen, Sie beschimpfen zu wollen.

Jakob Böhme ist durch die Schuld des saumseligen Verlegers noch immer
nicht angefangen. Sobald der erste Band gedruckt ist, werden Sie ihn
erhalten. Ich denke diesen Winter auch fleißig an meiner Ästhetik zu
arbeiten, und bitte Sie im Voraus, daß Sie mir erlauben, Ihnen dieselbe
dediciren und das Manuscript vor dem Abdruck zusenden zu dürfen, da mir
an Ihrem Urtheil sehr viel liegt.

Ihren Mittheilungen für das Morgenblatt, und besonders auch für das
Literaturblatt seh ich mit der größten Begierde entgegen. Es wäre mir
äußerst erwünscht, wenn die belletristische Kritik in diesem Blatte
mehr gehoben würde. Wissen Sie niemand, der noch dafür tauglich
wäre? Ich muß dafür sorgen, daß Ihr Name nicht gar zu vereinzelt
steht, daß hinter dem Mond auch einige Sterne sich sammeln. Die
Dresdner Morgenzeitung war im Ganzen eine zu schlechte Folie für Ihre
Edelsteine. Ich wünschte sehr, das Literaturblatt möchte Ihrer würdiger
seyn.

Indem ich Ihnen die erfurchtsvollsten und herzlichsten Grüße meiner
Frau und aller meiner Freunde ausrichte, bitte ich Sie zugleich,
mich der Frau Gräfin und Ihrer liebenswürdigen Tochter aufs
angelegentlichste zu empfehlen. Mit unwandelbarer Ergebenheit

    Ihr

    _Menzel_.

~N. B.~ Die spanischen Bücher und ein aus Straßburg gekommenes
Paket hab ich wenige Tage nach Ihrer Abreise von hier durch die
Frankhsche Buchhandlung an Ihre Addresse in Dresden abgehn lassen.


                                 III.

    _Stuttg._, d. 6ten Aug. 1829.

    _Verehrtester Herr Hofrath!_

Ist es mir erlaubt, bescheiden bey Ihnen anzuklopfen und mich Ihrem
gütigen Andenken zu empfehlen, indem ich Ihnen schüchtern mein
neues poetisches Product überreiche? Da Sie mein letztes Schreiben
unbeantwortet gelassen und auch unsern Wünschen in Betreff des Morgen-
und Literatur-Blattes nicht entsprochen haben, muß ich fürchten, Ihnen
als ein lästiger Mahner zu erscheinen. Allein so schmerzlich mir auch
Ihr Stillschweigen gewesen ist, unterstehe ich mich doch, was Ihnen
gefällt, nicht einmal zu glossiren, geschweige übel zu nehmen. Die
Liebe und Ehrfurcht, die ich für Sie hege, würden sehr verdunkelt
werden, wenn sie Ihnen im mindesten lästig fielen.

Ich setze daher auch voraus, daß Sie nur in dem Falle meinen Brief
beantworten werden, wenn Ihnen das dramatische Mährchen, das er
begleitet, einer Berücksichtigung würdig scheint. In diesem Falle bitte
ich Sie, mir Ihre Meinung darüber zu sagen und mir einen Wink zu geben,
der auf meine künftigen poetischen Bestrebungen wohlthätigen Einfluß
üben kann. Im entgegengesetzten Fall werde ich in Ihrem Stillschweigen
die Verurtheilung meines poetischen Talentes lesen und mich nicht
darüber beklagen, da ich es selbst schon seit geraumer Zeit verurtheilt
hatte, und eigentlich nicht weiß, wie ich auf den Einfall gerathen bin,
dieses Mährchen zu schreiben.

Ich bitte mich der Frau Gräfin und Fräulein Dorotheen angelegentlichst
zu empfehlen und bleibe mit unwandelbarer Liebe und Verehrung

    Ihr

    ergebenster

    _Menzel_.


                                  IV.

    _Stuttgart_, 25. Sept. 1835.

    _Verehrtester Herr und Freund!_

Im Auftrage des Vereins, der das Denkmal Schillers besorgt, soll ich
Sie dringend bitten, uns ein kleines Blatt von Ihrer Hand für das Album
Schillers zu schicken. Der gedruckte Plan liegt bey. Der König von
Bayern und eine große Menge der ausgezeichnetsten Gelehrten und Dichter
haben uns bereits Blätter geschickt. Ihrem Herzen wäre es angemessen,
es wäre höchst edel, würde einen sehr guten Eindruck machen, und Ihnen
aufs neue viele Freunde machen, wenn Sie sich der Aufforderung nicht
entzögen, auch ein Blatt in den Denkstein Schillers niederzulegen. Ich
bitte sehr darum.

Neuerdings haben sich wieder junge ungezogene Leute aufgethan in
einem gegen Sie sehr feindseligen Geist. Ich werde diese Menschen
mit aller mir zu Gebot stehenden Energie bekämpfen und sowohl in
meinem Literaturblatt, als in der zweiten Auflage meiner „Deutschen
Literatur,“ an der jetzt gedruckt wird, Ihre Sache kräftig vertreten.

In der alten, nie wankenden Liebe

    Ihr

    ergebenster

    _Menzel_.


                                  V.

    _Stuttg._, 4. Oct. 1838.

    _Verehrtester Herr und Freund!_

Herr von Bülow wird Ihnen gesagt haben, daß ich durch die lange
Abwesenheit des durch den Tod seiner Frau tief erschütterten Herrn
von Cotta außer Stand gesetzt war, Ihnen früher seine Entschließung
zu melden. Er ist endlich zurückgekehrt und hat mir gesagt, er habe
bereits an Herrn von Bülow geschrieben. Ich hoffe demnach, daß diese
Angelegenheit in Richtigkeit gebracht werden wird. In Bezug auf das,
was Sie mir noch besonders aufgetragen, hat mich Cotta gebeten, Ihnen
zu antworten: Er sey mit dem größten Vergnügen bereit in jedwede
buchhändlerische Unternehmung mit Ihnen einzutreten, entsinne sich
aber nicht, daß Sie ihm desfalls schon irgend einen _bestimmten_
Vorschlag gemacht hätten. Es wird also nur von Ihnen abhängen, das
Nähere mit ihm zu besprechen. Wenn Sie nicht nach einer andern Seite
hin verpflichtet sind, so würde Ihren sämmtlichen Werken wohl keine
Firma besser anstehen, als die von Cotta.

Wenn Ihnen der Himmel nicht vergönnen sollte, die ganze und völlige
Gesundheit wiederzuerlangen, so wollen wir ihn wenigstens bitten, Sie
bey der bisherigen Dauerbarkeit, Fülle des Organs und herrlichen Jugend
und Klarheit des Geistes zu erhalten, die Ihren Krankheitszustand fast
beneidenswürdig macht. Ich wünsche sehr, einmal wieder in Ihr helles
und tiefes Auge blicken zu können. Hoffentlich sehn wir Sie einmal
wieder in Baden. Vielleicht unternehme ich endlich nach zwanzig Jahren
wieder einmal eine Reise nach Norddeutschland und besuche Sie.

Uhland, Reinbeck, Hartmann, Schott, meine Frau, alle Ihre hiesigen
Freunde empfehlen sich Ihnen aufs angelegentlichste. Uhland ist eben
hier beym Landtag. Schwab aber ist schon seit einem Jahre aufs Land
gezogen und lebt als Pfarrer gar idyllisch. Mit den herzlichsten
Wünschen für Ihr Wohl und mit der Bitte, mich den Ihrigen ehrerbietigst
empfehlen zu wollen

    Ihr

    treu ergebner

    _Menzel_.


                                  VI.

    _Stuttg._, 27. Dez. 1839.

    _Verehrtester Herr und Freund!_

Wir hoffen auf die in der Anlage bezeichnete Art und Weise seltene
Sachen zum Druck zu befördern, für welche sich schwerlich ein Verleger
finden würde. Wir wünschen besonders die höhere Aristokratie dafür zu
interessiren. An Sie, als den Freund und tiefen Kenner altdeutscher
und altromanischer Poesie geht nun die Bitte, uns mit Rath und That zu
unterstützen und uns auf Manches aufmerksam zu machen, was des Abdrucks
würdig wäre. Auch schmeicheln wir uns, Sie werden, wenn Ihnen unser
Unternehmen gefällt, die höhern Kreise, in denen Sie walten, dafür
interessiren.

Wir haben unter Anderm im Sinn, einige altspanische Romane abdrucken zu
lassen. Was halten Sie davon?

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit und den herzlichsten
Empfehlungen an die Theuern, die Ihnen angehören

    Ihr

    ergebenster

    _Menzel_.



Meyerbeer, J.


    Die erste der drei Zuschriften, welche den Namen des berühmten
    Compositeurs tragen, ist doppelt interessant; nicht nur weil sie
    die gemeinsamen Autorängste eines Dichters und eines Musikers auf
    einem und demselben Blatte ausstöhnt, sondern noch mehr weil es
    eben Maëstro Joachimo und L. _Rellstab_ sind, zwei ehemalige
    Erbfeinde aus höchst verschiedenen Lagern, welche sich hier im
    „Schlesischen Feldlager“ gleichsam zu einer Person verschmelzen,
    und wie in der _Ehe_ Mann und Weib es sein sollten, in der
    _Kunst_ eine Seele und ein Leib geworden scheinen.

    Das zweite und dritte Zettelchen soll eben nur belegen, wie Tieck
    von allen Seiten in Anspruch genommen ward. Für Michael Beer’s
    „Struensee,“ welchen Meyerbeer, voll brüderlicher Anhänglichkeit,
    durch musikalisches Beiwerk zu neuem Dasein auferweckte, hatte T’s.
    Kritik von jeher väterliche Milde gezeigt.


                                  I.

    _Berlin_, d. 26t. Novbr. 1844.

    _Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Je näher der Zeitpunkt der Eröffnung des Opernhauses rückt, je
dringender fühlen wir die Verpflichtung, uns Ihnen gegenüber,
hochgeehrtester Herr Hofrath, von dem Verdacht zu reinigen, als wüßten
wir den Werth Ihres trefflichen Rathes nicht hinreichend zu erkennen.
Wahrlich aber, es ist nicht eigener Wille, noch weniger Eigensinn oder
Selbstschätzung, die uns zurückgehalten, uns Ihrer rathenden Hülfe noch
mehr zu bedienen: es sind nur die immerfort theils hindernden, theils
eilig drängenden Umstände, unter denen unser Werk ins Leben gefördert
werden mußte. Im Sommer hatten das Bedürfniß der Muße zum Arbeiten,
und andere Ursachen uns örtlich zerstreut; als wir im späten September
(Componist und Dichter) uns wieder an einem Orte zusammenfanden, war
indessen die Zeit so vorgerückt, daß nur _vorwärts_ gearbeitet
werden mußte, häufig selbst so, daß wir nicht einmal mit einander
Rath pflegen konnten. Noch heut giebt es Theile des Werks, die wir
gar nicht _gemeinsam_ betrachtet haben, namentlich den ganzen
so wesentlichen Schluß mit den geschichtlichen Gemälden, den Dichter
und Componist jeder für sich allein behandeln mußten, ohne nur den
Versuch der Zusammenwirkung gemeinsam angestellt zu haben. Die Proben
sind jetzt das einzige, späte Mittel, uns über das Nothwendigste zu
verständigen. Wenn es Ihre Zeit, Ihre Gesundheit irgend gestattete,
daß Sie einer, oder einigen derselben beiwohnten, so würde uns
dies gewiß von unschätzbarem Werthe sein, und dürfte uns Ihr so
einsichtsvoller Rath, vielleicht noch im letzten Augenblick zu größtem
Dank verpflichten. Freilich aber dürfen wir ein solches Ansinnen kaum
stellen, sondern haben nur das Recht und die Pflicht, unsre Gesinnung
in dieser Hinsicht anzudeuten.

Jedenfalls verdanken wir Ihnen schon, besonders über die Verknüpfung
der Oper mit dem Nachspiel, sehr Vieles, wäre es auch nur die Warnung
vor dem Unzulässigen. --

Es bleibt uns jetzt nichts übrig, als die günstigen Auspicien Apollo’s,
dem das Haus, das wir einweihen sollen, gewidmet ist, auch für unser
Werk anzuflehen; wir haben gewiß Viel gefehlt, Manches versäumt; jedoch
wenigstens nach Kräften versucht, uns durch die Klippen der sehr
schwierigen Verhältnisse zum Ziel zu kämpfen.

Möge dieses Bestreben uns auch Ihre Gunst und Nachsicht zuwenden,
wenigstens das Wohlwollen nicht entziehen, was Sie uns bis dahin so
gütig geschenkt haben.

Mit der Versicherung der aufrichtigsten Verehrung haben wir die Ehre
uns zu nennen

    Ihre ergebensten

    _Meyerbeer_,

    _L. Rellstab_.


                                  II.

    Sonnabend früh.

    _Hochverehrter Herr Hofrath!_

Ich wähnte das hier mitfolgende Schreiben von mir an Sr. Majestät
den König, dem Plane des Festspiel’s beigelegt zu haben, welches ich
neulich die Ehre hatte Ihnen zu überreichen. Da dieses Schreiben die
Gründe darlegt, welche mich bei der Wahl des Stoffes leiteten, so war
es mein sehnlicher Wunsch, daß Sie hochverehrter Herr Hofrath die große
Güte hätten, davon Kenntniß zu nehmen. Ich sehe so eben beim Ordnen
einiger Papiere, daß dieses Schreiben bei mir liegen geblieben ist,
und bin daher so frei, es Ihnen nachträglich mit der Bitte zu senden,
einen Blick darauf zu werfen. Verzeihen Sie theurer hochverehrter Herr,
Ihren Rath und Ihre Zeit so dreist in Anspruch zu nehmen. Aber Ihr
wohlwollender liebenswürdiger Empfang giebt mir den Muth dazu.

Ich werde daher auch so frei sein, Ihnen, wie Sie es mir neulich
erlaubten, heute Vormittag zwischen 12 und 1 Uhr meine Aufwartung zu
machen.

Genehmigen Sie hochverehrter Herr Hofrath die Versicherung von der
reinsten Verehrung

    Ihres

    ganz ergebensten

    _Meyerbeer_.


                                 III.

    Montag.

    _Hochverehrter Herr Geheimer Rath!_

Bei dem Interesse, welches Sie die Güte haben dem Werke meines
verstorbenen Bruders Michael zu schenken, wollen Sie mir nun erlauben,
an Ihr Urtheil zu appelliren. Es ist über die Besetzung einiger
Rollen noch einige Meinungsverschiedenheit, die ich zu lösen Sie ganz
ergebenst ersuche, mit der Bitte mir zu sagen, welche Sie für die
beste halten. Herr Hofrath Teichmann hat es freundlich übernommen,
Ihnen mündlich die nähere Mittheilung hierüber zu machen. Genehmigen
Sie hochverehrter Herr Geheimer Rath die Versicherung der reinsten
Verehrung und Ergebenheit

    Ihres

    gehorsamsten

    _Meyerbeer_.



Minckwitz, ~Dr.~ Johannes.


    Geb. am 21. Januar 1812 zu Lückersdorf bei Camenz, studirte in
    Leipzig (von 1830-35) und ging 1836, 37 nach Italien. Durch Bunsen
    in London erhielt er 1845 von dem Könige Friedr. Wilh. IV.
    von Preußen eine Pension und habilitirte sich an der Universität
    Leipzig 1855, wo er 1861 zum Professor ernannt, klassische
    Litteratur lehrt. Als Dichter setzte er die Richtung seines
    Jugendfreundes Platen fort. Humboldt hat ihn, durch ein an die
    deutsche Nation gerichtetes Sendschreiben (1856) für den größten
    Übersetzer der Alten anerkannt.

    Aeschylos und Sophokles, verdeutscht in den Versen des Orig. (5.
    Aufl. 1862) -- Homer, verdeutscht in Prosa, 2 B. (2. Ausg. 1864) --
    Euripides, verdeutscht in den Versarten des Originals, bis jetzt
    9 Th. (1857-64) -- Aristophanes, verdeutscht im Versmaaße des
    Originals bis jetzt 5 Th. (1855-64) -- Gesammelte Werke, erster
    Band Lyrik enthaltend (1854) -- Lehrbuch der deutschen Verskunst
    (5. Aufl. 1863) -- Rhytmische Malerei der deutschen Sprache (1856)
    -- Der neuhochdeutsche Parnaß (1861). -- Sein wissenschaftliches
    Hauptwerk ist: die Vorschule zum Homer (1863), worin die Homerfrage
    vom Standpunkte der Volksdichtung aus gelöset wird. --

    Außerdem mehrere _mythologische_ (z. B. Taschenwörterbuch der
    Mythologie aller Völker, 1856), _poetische_ (namentlich „der
    Prinzenraub,“ Schausp. 1839 und „der Künstler,“ Novelle 1862) und
    _kritische_ Werke von größerem Umfange (z. B. die Schriften
    über Platen). Endlich: Übersetzte Stücke von Pindar, Josephus und
    Lucian.


                                  I.

    _Dresden_, den 4ten November 1841.

    _Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Umstrahlt von dem Glanz einer Weltstadt, sollten Sie noch an einen
einsamen, armen Freund der hellenischen Muse denken, so würde ich
mich höchst glücklich schätzen. Der Herr Graf v. Baudissin, welchen
ich ersucht habe, diese Zeilen einzuschließen, erzählte mir etwas
Näheres über die Aufführung der Antigone, welche das Interesse so
Vieler, auch meines um so mehr erregt hat, als binnen kurzer Zeit der
Sophokles vollständig von mir übersetzt die Presse verlassen wird. Es
wird Ihnen vermuthlich entfallen sein, daß bereits vor sechs Jahren
meine Antigone zu Stuttgart erschienen. Daher haben Sie, wenigstens
melden die Zeitungen dergleichen, die Donner’sche oder Solger’sche
Übersetzung zu Grunde gelegt. Ich will mich nun nicht zum Lobredner
meiner eignen Arbeit aufwerfen, aber deutlicher und sinnrichtiger,
vielleicht auch poetischer achte ich sie, als jene beiden, was freilich
gegen das göttliche griechische Original nicht viel sagen will. Sollte
Ihnen daher, Herr Hofrath, vorausgesetzt, daß Sie weitere Stücke, nach
langem Todesschlaf, wieder die Bühne beschreiten lassen, an einer
bessern Übertragung gelegen sein, die auch in metrischer Hinsicht dem
großen Componisten die Arbeit erleichtere, so erbiete ich mich, Ihnen
ein deutliches Manuskript der Elektra durch Herrn Grafen v. Baudissin
zu übersenden[9]. Oder sollten Sie lieber ein Stück des Euripides
wünschen, da von den drei bisher durch mich ausgearbeiteten Stücken
blos das eine, Ihrem Freund Baudissin gewidmete, die Iphigenie auf
Tauris, einige Theilnahme sich versprechen dürfte, so wäre ich bereit,
für diesen Zweck eine von Ihnen zu bestimmende Tragödie dieses Dichters
zu übertragen.

Indessen scheint es mir, als ob die Elektra des Sophokles unter allen
uns erhaltenen Stücken des attischen Dichtergestirns bei weitem das
wirksamste sei, was, für unsere Zeit wenigstens, den tragischen Effekt
betrifft. Im Übrigen gleichwohl steht sie der Antigone nicht nach.
Gerade für dieses Stück beschloß ich denn schon im vorigen Sommer die
Aufmerksamkeit des Publikums auch dadurch zu suchen, daß ich demselben
Ihren Namen vorsetzte, wozu Sie mir für eines der sophokleischen Dramen
die Erlaubniß zu geben so gütig waren.

Es wäre mir persönlich um so wichtiger, als Sie, der Wiedererwecker
so vieles Schönen, vielleicht Gelegenheit nähmen, ein empfehlendes
Wort an Se. Majestät den König zu meinen Gunsten zu richten. Ich
trachte schon seit mehreren Jahren nach einer kleinen Lehrerstelle in
preußischen Landen, doch hat das Cultusministerium meine Bitte seither
unberücksichtigt gelassen. Nun bin ich zwar Sr. Majestät bereits schon
als Kronprinzen bekannt geworden, indem mir Höchstderselbe meine
Übersendung der Aeschyleischen Stücke sehr huldvoll erwiederte. Wie
gern aber wollte ich Ihnen mein Lebensglück verdanken; das Glück, nicht
mehr von dem großentheils leben zu müssen, was ich schreibe! Denn sehr
vortheilhaft würde mir eine anderweitige philologische Beschäftigung
sein.

Verzeihen Sie diese Wünsche, verehrungswürdiger Greis, deren
Berücksichtigung ich zwar nicht verdiene, aber bedürftig bin, und
der Himmel schütze Sie im hohen Norden, daß Sie noch lange über die
deutschen Gauen Segen verbreiten.

    Mit steter Verehrung

    Ihr

    ergebenster

    ~Dr.~ _Johannes Minckwitz_.


                                  II.

    _Berlin_, den 12. Dezember 1844.

    _Hochzuverehrender Herr Geheimrath!_

Die freundliche Aufnahme, die Sie mir vorgestern angedeihen ließen, hat
mich auf die erfreulichste Weise überzeugt, daß Sie mich nach Ihrer
Trennung von Sachsen nicht vergessen haben. Wie Sie meine Wünsche
liebevoll angehört, so darf ich auch mit Zuversicht hoffen, daß Ihnen
deren Erfüllung wahrhaft am Herzen liegt. Daher beeile ich mich, Ihnen
die Vorlagen zu machen, die Sie für nöthig halten, um meine Sache
bei dem Könige praktisch und mit Erfolg zu führen. Erstens sende ich
Ihnen ein unterthänigstes Schreiben an Sr. Majestät, worin ich meine
persönliche Lage und meine literarischen Zielpunkte auseinandergesetzt,
und zweitens die Stücke von Sophokles und Aeschylos, so gut ich sie in
der Eile hier gebunden erhalten konnte. Bei der Überreichung derselben
bleibt es Ihrer wohlwollenden Gesinnung anheimgestellt, was Sie zu
meinen Gunsten mündlich hinzufügen wollen, und ich zweifle nicht, daß
Ihre Verwendung, da Sie das Ohr Friedrich Wilhelms des Vierten haben,
einen glücklichen Ausgang verbürgen werden. Ein Monarch, der, wie die
öffentlichen Blätter auch aus England melden, so eben im Begriffe
steht, seinem Volke das edelste Geschenk zu geben, welches er ihm geben
kann, wird auf Ihr Andringen kein Bedenken tragen, die Laufbahn eines
einzelnen Gelehrten sicher zu stellen, die seither von so widerwärtigen
Stürmen begleitet gewesen ist. Sie erinnern sich ja Ihres eigenen
Schicksales in Sachsen! Sie wissen, daß es in diesem kleinen Lande
an Männern fehlt, die den ernstlichen Willen haben human zu wirken,
während Überfluß an Leuten ist, die aus niedriger Denkart stets bereit
sind, jedem wackeren Streben Luft und Sonne zu beschneiden.

Vom Aeschylos erwarte ich täglich die drei letzten Stücke aus der
Stuttgarter Presse. Sobald sie, nach meiner Rückkehr, in Leipzig
eintreffen, werde ich um so weniger zaudern, auch diese Ihnen
nachträglich zu senden, als ich hierdurch die beste Gelegenheit
erhalte mein Gesuch in Ihrem Gedächtniß aufzufrischen. Aus den heute
Ihnen vorgelegten Arbeiten werden Sie unterdessen erkennen, daß ich
und Baudissin nicht so sehr im Unrecht waren, wenn wir bedauerten,
daß Sie die Donner’sche Übersetzung der Antigone zur Aufführung
gewählt hatten. Dem Sophokles von Donner fehlt die Hauptsache:
die Poesie und der eigenthümliche Charakter des Urbildes, der in
dieser scheinbaren Glätte verloren gegangen ist. Eine Unzahl feiner
Tinten sind von ihm verwischt, eine Menge Sätze falsch oder schief
wiedergegeben, die Chöre vollständig zur Prosa herabgedrückt. Dazu
kommt, daß bei ihm die logische Gedankenfolge durchaus nicht so
scharf und klar vorgelegt worden ist, wie sie im griechischen Urbilde
dasteht, dessen anmuthige und sonnige Darstellung einst die Hellenen
entzückt hat. Zu einem eigentlich _deutschen_ Gepräge mangelt der
Donner’schen Sprachweise sehr Vieles, zu einem wahrhaft dramatischen
Style Alles. Denn wie die rhythmische Darstellung richtig auf die
Füße zu stellen sei, das ist ihm unbekannt. Ich wundere mich daher
keineswegs, daß unsere guten Freunde, die „jungen Deutschen,“ von
dieser Diktion abgeschreckt, die ganze Antigone mit Stumpf und Stiel
als ein veraltetes Gewächs aus der Kindheit der dramatischen Poesie
verdammen. Noch weniger wundert es mich, daß man fortfährt, gegen
die Anwendung der sechsfüßigen Jambenform zu eifern, als sei sie für
unsere Sprache eine unnatürliche, häßliche und ungelenke. Freilich
bedarf sie einen Meister, der die Zügel sicher und geübt zu handhaben
versteht, nicht blos einen Versifer oder einen jener goethisirenden und
schillerisirenden Nachäffer, die zugleich kein Organ für den Ton des
Trimeters im Kopfe haben.

Was die Form anbelangt, in welcher die „ewigen“ Attischen Poeten
verdeutscht werden müssen, so haben wir uns über dieselbe schon im
Jahre 1835 verständigt, als Sie mir die Wohlthat erzeigten, meine
Antigone in einem zahlreichen Kreise Ihres gastfreundlichen Hauses am
Dresdener Altmarkte vorzulesen. Den modernen Reim für die Chorgesänge
wiesen wir einmüthig ab: er ist und bleibt für die griechische Poesie
ein heterogenes Element. Es handelt sich für den nachdichtenden
Übersetzer nicht darum, antike Stoffe aufs Neue zu bearbeiten und in
einer Weise auszuspinnen, als ob die Dichter nicht schon ihre Gedanken
in die rechte Form gebracht hätten; in diesem Falle würde der begabte
Übersetzer besser thun, freigewählte Stoffe selbstständig nach seinem
eigenen Genius auszuführen, wie etwa der Schöpfer der Aeneïde mit dem
Homer verfahren ist. Was soll aber der mit poetischen Meisterstücken
schon so reichgesegneten modernen Welt an einer derartigen Verarbeitung
antiker Stoffe liegen, die unserer Anschauungsweise, bei vorgerückter
Kulturepoche, mehr oder wenig fremd sind? Es handelt sich vielmehr um
eine getreue und strenge Darlegung der Urbilder selbst, nicht blos
nach dem Gehalt, sondern auch nach der eigenthümlichen Form, so weit
diese Form für uns erreichbar ist: um eine ähnliche Darlegung, wie sie
Luther und seine Zeitgenossen in der Bibelübersetzung geboten haben.
Wir wollen in unserer Sprache lesen, was ein Sophokles, ein Aeschylos,
ein Euripides und Aristophanes gedacht, empfunden und gesagt haben,
nicht was wir etwa denken, empfinden und sagen würden: wir wollen ganz
besonders auch wissen, _wie_ die Alten selbst ihre Gedanken und
Empfindungen entfaltet haben. Daran allein kann uns heutzutag liegen,
uns, die wir in den Alten unsere Muster sehen wollen.

Aus diesem Grunde verwarfen Sie mit mir ebenfalls den Gebrauch der
fünf- und fünfeinhalbfüßigen Jamben: aus richtiger Erkenntniß des
höheren Tones, welcher das antike Drama vor dem heutigen auszeichnet.
Von Lessing ist die uns jetzt gewohnte Weise der Jambenreihen
ausgegangen: hätte dieser Mann im Nathan die sechsfüßigen Reihen
angewandt, welchen unendlichen Einfluß würde dieß auf die rechtzeitige
Gestaltung unsers Rhythmus ausgeübt haben! Wir dürfen nicht glauben,
daß durch Goethe und Schiller die eigentliche Höhe erstiegen worden
ist, welche dem deutschen Drama, bei der herrlichen Beschaffenheit
unsers Sprachmaterials, vorgezeichnet scheint. Es werden in künftigen
Zeiten noch ganz andere, viel vollendetere Harmonieen auf dem deutschen
Parnaß ertönen: dafür bürgt uns schon der Anlauf, welchen Schiller in
der Braut von Messina genommen hat.

Mein Ziel war es, im Sophokles und Aeschylos den antiken Trimeter,
durch angemessene Umgestaltung desselben, in unserer Sprache
einzubürgern und einen neuen Styl für das deutsche Drama vorzubereiten,
einen höheren, reicheren und mannichfaltigeren. Sehen Sie zu, ob mir
dieß gelungen ist, mein verehrter Meister! Schwer und voll klingt
mein dramatischer Vers: das ist sicher; so leicht und locker wie der
Donner’sche tritt er nicht auf, aber ich behaupte demungeachtet,
_deutscher_ und die Poesie erschöpfender. Vergebens werden unsere
Hinkjambenschreiber mich im deutschen Gepräge zu übertreffen suchen:
sie kommen nicht einmal über Christian von Stolberg im Sophokles
hinaus. Auf den ersten Blick mag zwar meine Darstellung etwas
fremdartiger erscheinen, aber hat nicht jeder originelle Autor anfangs
etwas Fremdartiges für uns, und muß man sich nicht erst in die Neuheit
(wenn ich so sagen darf) hineinlesen? Hat die Bibel nicht auch die
Fremdartigkeit beibehalten, die von den Autoren selbst herrührt und die
um dieser Autoren willen nicht übertuscht werden darf: und erachtet die
Bibel Jemand für undeutsch? Ein Mode-Deutsch hat sie freilich nicht.
Lies’t man ein Werk von Ihnen, verehrter Freund, oder eins von Goethe,
Schiller, Jean Paul: versteht man da Alles gleich auf den ersten Blick
und muß man nicht lesen und wiederlesen und nicht nachdenken, um den
Geist, der plötzlich vor uns tritt, aufzufassen und sich mit ihm zu
befreunden?

So waren meine Betrachtungen, als ich über Sophokles und Aeschylos
arbeitete; Werke, die mich sieben volle Jugendjahre, nach einem genauen
Überschlage der Zeit, in welcher ich geradezu Tag und Nacht brütete,
gekostet haben. Glauben Sie aber nicht, daß Ihre Wahl der Antigone von
Donner mir ärgerlich ist. Ich besitze keinen Ehrgeiz, nur Liebe zur
Sache; und wenn man die Verse von Donner lobt, rechne ich im Stillen
mit um so größerer Zuversicht darauf, daß man die meinigen dermaleinst
in ihrer Vollendung erst recht erkennen wird. Sie, verehrter Herr
Hofrath, wirken auf praktischem Wege für den Fortschritt und die Hebung
unsers Theaters, indem Sie jene unvergänglichen Meisterskizzen der
Attiker vor das Auge öffentlich hinstellen: ich meinerseits betheilige
mich an Ihren Bestrebungen dadurch, daß ich für dieses Ziel einen neuen
Styl schaffen helfe.

Leben Sie wohl und bleiben meiner in Liebe eingedenk! Noch fällt mir
bei, Ihnen zu sagen, daß unser beiderseitiger Freund, der Freiherr
Friedrich von Rumohr, denselben Schritt für mich thun wollte, von
welchem ich im Eingange meines Briefs zu Ihnen gesprochen. Im Mai
vorigen Jahres versprach er es mir freiwillig, aber schon im August
raffte ihn zu Dresden der Tod dahin.

    Der Ihrige.

    ~Dr.~ _Johannes Minckwitz_.

Während eines kürzeren Aufenthaltes in Berlin geschrieben.



Mnioch, Johann Jacob.

    Geb. zu Elbing den 13. Oktober 1765; gestorben in Warschau am 22.
    Febr. 1804, als Direktionsrath der preuß. Lotterie-Verwaltung.

    Lyriker, vorzüglich in launigen Dichtungen und geselligen Liedern.

    Sämmtliche auserlesene Werke, 3 Bde. (1798) -- Analekten, 2 Bde.
    (1804).

    Sein Schwiegersohn war _Wilhelm Neumann_, der innige Freund
    Hitzig’s, Chamisso’s, Varnhagen’s, mit welchem letzteren er
    in jüngeren Jahren den parodischen Roman: Karls Versuche und
    Hindernisse schrieb.


    _Warschau_, d. 10. Febr. 1801.

Eben hatte ich einen Brief an Fichte geschlossen, worin ich mich
mit ihm über Sie und für Sie (ich hab’ ihn ersucht, Ihnen den Brief
mitzutheilen) unterhalte, als mir Ihr liebes und werthes Schreiben
(vom 1. Febr.) gebracht wird. Sie sind meinen Wünschen und meiner
stillen Absicht bey Schreibung jenes Briefes auf die erfreulichste
Art zuvorgekommen. Wir lieben und verehren Sie lange in Ihren Werken,
und freuen uns über das herrliche Aufleben der Poesie sowohl in ihrer
unbefangenen Kindlichkeit als im heroischen Ankämpfen gegen die
Befangenheit. Auch in mir ist ein alter Funke, den die Kritik einer
anmaßlich-geschlossnen Grammatik mit Asche bestreut hatte, wieder
geweckt worden. Er wird nun zwar bald verglimmen, aber er verglimmt
dann doch im Freyen, und erstickt nicht. -- Ihre Gedanken über den
Reim gehn aus Ihrem Reim hervor. Ehe man über das Leben im Lebendigen
sprechen kann, muß ein Lebendiges daseyn und man muß es inne werden.
Meine verstorbne Gattin hat in Gesprächen, die ich erst jetzt besser
verstehe, Manches geahnet, auch wohl traummäßig gebildet, was jetzt
im Wachen erkannt und _unaussprechlich-ausgesprochen wird, d. h.
poetisch_. Unsre Reimspiele gehn nicht tief. Das zweite Stück von
den eingesandten ist nehmlich von meiner verst. Frau, und war schon
vor 5 Jahren geschrieben. Das größere und letzte ist von mir; und
schwerlich würd’ ich das erste zum Druck angeboten, noch das zweite im
vorigen Frühjahr selbst versucht haben, wenn ich nicht vorher Ihren
Zerbino gelesen hätte, dieses harmonische Chaos, worüber ich noch
manches zu schreiben gedenke und bereits geschrieben habe. Dieser
Zerbino hat in Bezug, nicht auf mein _Innewerden_ der Poesie,
sondern auf mein _verständliches Denken_ und _Sprechen_
darüber, ein wahres Pfingst-Wunder an mir verübt, an _mir_,
sag ich, d. i. eben an keinem Apostel, sondern vielleicht an einem
von denen, die im 2. Kapitel der Apost. Gesch. vom 9. bis 11. Vers
~inclus.~ genannt werden, vielleicht einem _Kretenser_.
(Den ganzen Epistolischen Kirchen-Text dieses Kapitels vom 1. bis 13.
Vers ~inc.~ sollte man ausführen als Geschichte des jetzigen
Erwachens der Poesie; auch der Schlußvers ist deutungsreich, wenn
vorher nehmlich die Volksnamen in Schulen-Namen verwandelt wären, und
darunter auch _Nikolaiten_ vorkämen.) -- Nochmahls (denn ich
bin vom Wege abgekommen) unsre Reimspiele gehen nicht tief, woher
auch größtentheils Reim auf Reim folgt, ohne künstliche Verschlingung
und große Partieen im Korrespondiren und Zusammenstimmen der Verse.
Die italiänische Stanze ist mir das Bild eines schönes Hausstandes.
Ein Paar Wörtlein darüber stehn im Briefe an Fichte. Nur mit den
Schlußterzetts der Sonette kann ich mich nicht immer vertragen. In den
beiden Anfangs-Quartetts ist ein so erfreuliches Grüßen und Küssen der
Reime, ein so inniges Umarmen der Verse, daraus kömmt mir der Abschied
so kalt, frostig und höflich vor. Ich will einmahl Sonettförmig
ausdrücken, was ich meyne.

    Ein Sonett
    über das Sonett.

    Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,
      Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,
      Mit meinem Herzen an das Deine dringe:
    Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!

    Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;
      Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,
      Und frage nicht nach einem fremden Dinge!
    Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen!

    „Erlauben Sie, ich bin im Reise-Kleide,
    Das Sopha leidet und die blanke Diele,
    Der Weg hieher hat einen feuchten Sand!“

    „Verzeihen Sie, auch mir fehlt Festgeschmeide.
    Nachläß’ger Anzug läßigt Fein-Gefühle;
    Doch vor der Hand -- zum Kuß hier meine Hand!“ --

Ich weiß es, wehe mir, wenn Sie nach Lesung dieses wunderlichen Stücks,
im fortgestzten Prinzen Zerbino meiner gedenken. Aber ich rede hier
nicht mit dem Verfasser des Zerbino, sondern mit dem freundlichen
Mann, der mich über meine Meynung im Vertraun gefragt hat. Wenn
die Schlußreime _so_ stehn, wie oben; so _sieht_ mir ein
Sonett _aus_, wie ein schön gewirktes Band, das aber am Ende
locker geworden, und die Fäden auseinander gegeben hat; -- oder so
_klingt_ mir ein Sonett wie ein schönes Glockengeläute mit dem
Apendix einzelner Nachschläge, wenn der Klöpel nicht gleich angehalten
wird. Freylich, soll eben eine Empfindung ausgedrückt werden, deren
Gedankentext auf eine ähnliche Art verdämmert, oder soll auch das laute
Gefühl allmählig in ein Verstummen des stillen und innigern Beschauns
übergehn; so hab’ ich nichts gegen das Lyrische dieser Form. Sonst
aber scheint sie mir besser zu einem komischen Kontraste zu dienen.
Sollt’ es nicht eine verständige Umkehrung dieser Form geben, die einen
sehr großen und bedeutenden lyrischen Karakter hätte? -- Sie hören,
ich spreche kein vollständiges Wort. Ich zweifle, ich frage. Fragende
Zweifel bitten um belehrende Antwort.

Nun aber ganz ernsthaft über Ihren Scherz und Ernst. Wozu Sie mich mit
Gewalt machen wollen, das bin ich lange, der verehrende Freund Ihres
Geistes und Herzens. Und wenn Sie mir, falls ich zu einem wörtlichen
Bunde nicht geneigt wäre, mit einem zweiten Zerbino drohen, so sind
das Strafgesetze auf die Unterlassung eines Dinges, das man gern thut.
Aber daß Sie gleich nach dieser Androhung alles Vorhergesagte dadurch
zum Scherz machen, daß Sie fortfahren: „Aber ernsthaft, u. s. w.“ das
thut mir leid, denn nun besorg’ ich, nicht bloß Ihre Drohung, sondern
auch Ihre Forderung, auf die ich einen so hohen Werth setze, solle als
Scherz genommen werden. -- --??

Ihr Antrag wegen des Hymnus ehrt mich, und die gütige Offenheit Ihres
Urtheils über die Einleitungen und den Schluß erfreuet mich: Mein
voriger Zweifel ist gelöst, denn Ihrem Freundschafts-Antrage ist
dadurch zugleich eine erste Freundschafts-Probe angeschlossen. Sie
haben ganz recht, beide Anhänge (denn sowohl Anfang als Ende sind
angehängt worden) gehören nicht zum Gesang der Vermählung. Aus dem
Brief an Fichte werden Sie indeß erfahren haben, daß leider jener
Hymnus sowohl, als eine damit verbundne Romanze der Entbindung, nebst
einigen Erläuterungen über Idee und Organisation, zum Druck gesandt
sind. Den Abdruck der Gedichte, der bereits vollendet seyn muß, erwart’
ich mit jedem Posttage. Die Erläuterungen werden später folgen, obwohl
sie auch schon unter der Presse seyn müssen. Die erste Einleitung
ist jedoch beynahe ganz gestrichen. -- Sobald ich ein vollständiges
Exemplar habe, werd’ ich so frey seyn es Ihnen vorzulegen, und erst
wenn Sie die Güte gehabt haben, mir über die weitere Ausführung meiner
Absicht Ihre Meinung mitzutheilen, werd’ ich fortfahren. Der jetzt
gemachte besondre Abdruck der ersten beiden Stücke wird vielleicht in
Jahr und Tag abgesetzt, wenn auch größern Theils an die Lüsternheit,
die sich betrogen finden wird. Bey der Vollendung des Ganzen, was ich
im Sinne habe, kann ich also Ihr offnes Urtheil noch benutzen. Meines
herzlichsten Danks seyn Sie gewiß! -- Eine Anzeige dieser Blättchen
wünscht’ ich wohl im Athenäum. Vielleicht haben Sie Gelegenheit dies zu
bewirken.

Mit welchem Sinn wir Ihre heilige Genoveva feyern, werden Sie theils
im Briefe an Fichte, theils in dem an Schütz angedeutet finden. Nur
ein Paar Köpfe wollen die Varietät der äußern Formen darin unnatürlich
finden. Ich habe diesen aber zu bedenken gegeben, daß die Wahrheit und
Natur in dieser Mannigfaltigkeit nach dem, was dem Ausdruck zum Grunde
liegt und was er will, nicht nach dem Ausdruck an sich beurtheilt
werden muß. Die Poesie will den Menschen lebendig aussprechen, sie will
den Gesang unsers Innern als Gesang hören lassen, ihn nicht bloß in
Noten zum philosophischen Lesen aufschreiben. Wo es nun Reime, Sonette,
Stanzen u. s. w. in unserm Innern giebt, da kehrt sie sich an keine so
genannte Gleichheit des Styls, sondern giebt selbst Reime, Sonette,
Stanzen. Noch immer bleiben wir auch bey dieser Freiheit im Ausdruck
befangen; aber wer mehr befangen bleiben will, als nothwendig ist, der
hat keine Ahnung von dem, was Poesie ist, und wornach sie trachtet.
Mit einem Wort: die Wahrheit und Natur aller Poesie ist nicht, daß
der Mensch im Leben sich so ausspricht, aber wohl, daß er sich so
aussprechen _möchte_, daß er innerlich darnach ringt, seine
Seele also darzustellen. -- Die Kraft und Regung des innern geistigen
Lebens macht dem Menschen die Brust beklommen, es will hinausdringen
und sich im Materiällen verkünden. Da stellen sich nun die Künste um
ihn, und bieten ihm freundlich, Ton und Wort und Farbe und Masse, als
Instrumente des Verkündens dar. So, verehrter Freund, seh’ ich die
höhern Künste an.

Vieles möcht’ ich noch schreiben, besonders darüber, daß, nach Ihnen,
der Karakter romantischer Poesie im großen modernen Reim liege; aber
dies bleibe einer helleren Stunde vorbehalten.

Lassen Sie uns Freunde seyn! Geben Sie meiner dargebotenen Hand die
ihrige; ich glaube inne zu werden, was Sie inne werden, und darum
lassen Sie es hingehn, wenn auch mein Ausdruck dem ihren nicht immer
zusagen sollte. Ein Paar Zeilen, daß Sie diesen Brief erhalten haben,
werden mich erfreun.

    Ganz der Ihrige.

    _Mnioch_.

N. S. Unter meinen Freunden empfiehlt sich namentlich ein Leut. v.
Loewenstern. Mit einer kräftigern und jüngern Sehnsucht als Moses,
als er vom Berge in die Thäler des gelobten Landes sah, schaut dieser
feurige _Jüngling_ von 29 Jahren in das gelobte Land der Poesie
und Mahlerey, wie Sie es uns darstellen. Er zeichnet mit kräftiger
Hand, hat aber nicht Lust zum Ausmahlen, dafür mahlt er desto mehr in
seinen poetischen Versuchen. In wenig Jahren hat er eine Kompagnie und
er ist blutarm; dennoch will er Urlaub nehmen, und Ein Jahr auf der
Akademie studiren. Wie glücklich-unglücklich Ihre Schriften diesen Mann
gemacht haben, kann ich nicht beschreiben. _Göthe_ und _Sie_
betet er an. -- Nächstens werden Sie etwas von ihm lesen. Wär’ ich doch
noch so jung und kräftig wie dieser! -- Aber 36 Jahre sind gerade 7
mehr, als 29. --



Mörike, Eduard.


    Geb. den 8. Sept. 1804 zu Ludwigsburg, seit 1834 Pfarrer in
    Clever-Sulzbach bei Weinsberg.

    Maler Nolten, Roman (1838). -- Iris, Novellen und Märchen (1839).
    -- Idylle vom Bodensee (1846). -- Das Stuttgarter Hutzelmännlein,
    Märchen (1853). -- Mozart auf der Reise nach Prag, Novelle (1856).
    -- Die sanfte, liebewarme Empfindung dieses Dichters klingt mild
    und innig aus den wenigen Zeilen, welche sich von ihm in Tieck’s
    Nachlasse vorfanden.


    _Ochsenrang_ bei _Kirchheim_ unter Teck
    im Königr. Wirtemberg,
    d. 20. Febr. 1833.

    _Hochverehrter Herr!_

Eine poetische Arbeit direkte und ohne alle äußere Veranlassung Ihnen
vorzulegen, habe ich inzwischen billig Anstand genommen; und selbst da
nun verlauten will, daß Dieselben aus Gelegenheit eines Gesprächs mit
einem meiner wirtembergischen Freunde Sich dieser Lektüre im Voraus
nicht ganz abgeneigt erwiesen hätten, gebe ich der Versuchung, mich
Ihnen darzustellen, nicht ohne Zaudern nach.

Denke ich aber, mit welcher unbedingten Hingebung und immer neuen
Bewunderung ich mich seit so viel Jahren an Ihren Werken erfreut, an
Ihrem Genius mich aufgerichtet habe, wie ich mich überall zuerst an
die Reisenden drängte, welche zu Dresden und bei Tieck gewesen waren,
so finde ich mich nun aufs wunderbarste durch die Vorstellung gerührt,
daß Sie, doch wenigstens so lange jene Blätter Sie festhalten können,
Sich noch mit meinem Wesen berühren sollen! Schon dieß Bewußtseyn, kann
ich wohl sagen, ist an uns für sich selbst hinreichend, mich glücklich
zu machen. Dürft ich aber vollends hoffen, daß es für Sie keine
unangenehme, ja vielleicht für mich eine fruchtbare Berührung werden
könnte, so wäre meine Freude desto größer, je geringer in Wahrheit die
Ansprüche waren, womit ich das Buch überhaupt in die Welt hinausgab.

Mit größter Verehrung verharrend

    Euer Wohlgeboren

    gehorsamster

    _Eduard Mörike_,

    Pfarr-Vikar.



              ~Druck von Robert Rischkowsky in Breslau.~



Fußnoten:

[Fußnote 1: In Bezug auf diese Bitte erwähnen wir eine Stelle im
_Kosmos_, Bd. II. erste Aufl., ~pag. 62~: „Als sich die
Comödie der Spanier bis zu einer hohen Vollendung ausgearbeitet hatte“
-- sagt der tiefste Forscher aller dramatischen Litteratur, mein edler
Freund Ludwig Tieck -- „finden wir oft beim Calderon und bei seinen
Zeitgenossen, in romanzen- und canzonen-artigen Sylbenmaßen, blendend
schöne Schilderungen vom Meere, von Gebirgen, Gärten und waldigen
Thälern: doch fast immer mit allegorischen Beziehungen, und mit einem
künstlichen Glanz übergossen, der uns nicht sowohl die freie Luft
der Natur, die Wahrheit des Gebirges, die Schatten der Thäler fühlen
läßt, als daß in harmonischen, wohlklingenden Versen eine geistvolle
Beschreibung gegeben wird, die mit kleinen Nüancen immer wiederkehrt.“
-- --

In dem Schauspiel: das Leben ein Traum (~la vida es sueño~) läßt
Calderon den Prinzen Sigismund (Act. I., Sc. II.) das Unglück seiner
Gefangenschaft in anmuthigen Gegensätzen mit der Freiheit der ganzen
organischen Natur beklagen. Es werden geschildert die Sitten der
Vögel, „die im weiten Himmelsraume sich in raschen Flügen regen,“ die
Fische, „welche kaum aus Laich und Schlamm entsprossen, schon das weite
Meer suchen, dessen Unendlichkeit ihnen bei ihren kecken Zügen nicht
zu genügen scheint.“ Selbst dem Bache, „der im Ringelgange zwischen
Blüthen hingleitet, gewährt die Flur einen freien Pfad.“ Und ich, ruft
Sigismund verzweiflungsvoll aus, der mehr Leben hat, soll bei freierem
Geiste mich in mindre Freiheit fügen!]

[Fußnote 2: Der Titel des von H. hier citirten Romans ist aus seiner
Handschrift um so weniger zu entziffern, als es ein Familienname zu
sein scheint. Es _kann_ Bambibre heißen sollen?

Über Enrique Gil verdanken wir der Gefälligkeit des Herrn ~Dr~.
Max Karow, Cust. an der k. Univ.-Bibliothek in Breslau, nachstehende
Notiz:

„„E. Gil ist Verfasser der Dichtungen „~La gota de rocio~“ --
„~La niebla~“ -- „~A Polonia~“ -- und war Hauptmitarbeiter
des Journals „~El labirinto~,“ in welchem er höchst anmuthig seine
Reise durch die ~Sierra de Leon~ beschrieb.““]

[Fußnote 3: Diese „Gradheit“ ist es, die statt guter Früchte
Zwietrachts-Äpfel getragen. Gehässige Insinuationen sogenannter Freunde
haben das ihrige dazu gethan. Auch Tieck’s begeistert’ster Verehrer
muß Iffland’s Urtheil über die Undarstellbarkeit jenes Operntextes
billigen.]

[Fußnote 4: Dieser Passus ist unverständlich, da wir zwölf oder elf
Jahre früher Zeugen gewesen sind von der herzlichen und zuvorkommenden
Aufnahme, welche der ganz jugendliche Immermann bei Tieck in Dresden
gefunden.]

[Fußnote 5: Mit Freude läßt sich aus dieser klugen und befriedigenden
Vertheidigung entnehmen, daß Tieck, bei all’ seiner Werthschätzung
Immermanns, und gerechtfertigten Vorliebe für den jüngeren Freund, die
Anhänglichkeit für den älteren treu bewahrt, und dessen Parthei redlich
ergriffen hat.]

[Fußnote 6: Dorothea’s Tod.]

[Fußnote 7: Beauregard Pandin (?).]

[Fußnote 8: Siehe den unter ~N.~ befindlichen Brief nebst
Beilage.]

[Fußnote 9: Tieck las, nach Dresden zurückgekommen, am 2. März 1842
die Elektra wenigstens, aus dem noch nicht abgedruckten Manuskripte,
in seinem Abendzirkel vor. In früheren Jahren hatte er die Antigone
(1835) und des Euripides Iphigenia auf Tauris (1837) von Minckwitz
vorgetragen.]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Briefe an Ludwig Tieck (2/4) - Zweiter Band" ***

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