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Title: Ecce homo, Wie man wird, was man ist
Author: Nietzsche, Friedrich Wilhelm
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ecce homo, Wie man wird, was man ist" ***

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Friedrich Nietzsche

Ecce homo

Wie man wird, was man ist



Vorwort

1.

In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung
an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde,
scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte
man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das
Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der
Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass
man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen
eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich
lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im
Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht
lebe... Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die
im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte
revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der.
Verwechselt mich vor Allem nicht!


2.

Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich
bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als
tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu
meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich
zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese
nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese
Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren
und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte,
was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von
mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen,
was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für
"Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man
hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre
Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre
Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und
die Realität... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der
Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten
Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der
umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die
Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.


3.

Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine
Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein,
sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis
ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im
Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! -
Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das
freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden
und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher
in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche
Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher
moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht
sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie
ihrer grossen Namen kam für mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit
erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer
mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal
-) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft,
jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der
Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die
Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in
vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man
verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. -


4.

Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe
mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher
gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende
hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche
Höhenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne
unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum
der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den
kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.
Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von
Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt.
Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen
halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht
erbarmungswürdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es, welche
den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die
Welt."

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem
sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und
reiner Himmel und Nachmittag -

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird
nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und
Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche
Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu
den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu
sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben... Ist
Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?... Aber was sagt er doch
selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt?
Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger",
"Welt-Erlöser" und andrer décadent in einem solchen Falle sagen
würde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders...

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!
So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch:
schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss
auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler
bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?
Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren...

Friedrich Nietzsche.



Inhalt

    Warum ich so weise bin.
    Warum ich so klug bin.
    Warum ich so gute Bücher schreibe.
    Geburt der Tragödie.
    Die Unzeitgemässen.
    Menschliches, Allzumenschliches.
    Morgenröthe.
    La gaya scienza.
    Also sprach Zarathustra.
    Jenseits von Gut und Böse.
    Genealogie der Moral.
    Götzen-Dämmerung.
    Der Fall Wagner.
    Warum ich ein Schicksal bin.
    Kriegserklärung.
    Der Hammer redet



An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube
braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah
rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf
einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr,
ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist
unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben
und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung - Alles Geschenke dieses
Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem
ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.



Warum ich so weise bin.

1.

Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem
Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein
Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt.
Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten
Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang - dies,
wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei
im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht
auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine
feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par
excellence hierfür, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater
starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und
morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, - eher eine
gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen
Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im
sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt
meiner Vitalität, - ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor
mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur
nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den
nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in
Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten"
entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf
Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte
jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an
Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenröthe" hervor. Die
vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche
das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur
mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem
Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner
dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich
bringt, - besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und
dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen
Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug
bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als
Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall:
im Fall des Sokrates. - Alle krankhaften Störungen des Intellekts,
selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis
heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit
ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut
läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können.
Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte
schliesslich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur
nervös." Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung;
kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge
der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems.
Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich
annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an
Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange,
allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet
leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence.
Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence
erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst
jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger
für nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und was sonst
mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk
jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung
selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach
gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle
und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche
Arbeit des Décadence-Instinkts - das war meine längste Übung, meine
eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister.
Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven
umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine
"Umwerthung der Werthe" überhaupt möglich ist.


2.

Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen
Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv
gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während
der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als
summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich
décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung
aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr
besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen - das verräth die unbedingte
Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm
mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die
Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das zugeben - ist, dass man
im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund
werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch
Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum
Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene
lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich
selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen
Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, - ich machte
aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie...
Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität
waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der
Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und
Entmuthigung... Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit!
Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus
einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich
ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine
Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er
erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu
seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er
sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe:
er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist
immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder
Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt,
indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener
Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm
angezüchtet haben, - er prüft den Reiz, der herankommt, er ist
fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an "Unglück", noch
an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu
vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen
muss. - Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich
beschrieb eben mich.


3.

Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt
zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem
er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre
Prediger - sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit
berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur
sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am
wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die
unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine
Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben
wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die
ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen
Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet
eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den
Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen höchsten
Augenblicken,... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm
zu wehren... Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche
disharmonia praestabilita... Aber ich bekenne, dass der tiefste
Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgründlicher
Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. - Aber auch als Pole bin ich
ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben,
um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse
instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles,
was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, -
ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein
Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen
anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner
ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig
sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste
Mann war... Der Rest ist Schweigen... Alle herrschenden Begriffe über
Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht
überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem
Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre
das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein.
Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf
sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen.
Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber
Julius Cäsar könnte mein Vater sein - oder Alexander, dieser leibhafte
Dionysos... In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die
Post mir einen Dionysos-Kopf...


4.

Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das
verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn
es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das
unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man
mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall
abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen
gegen mich gehabt hätte, - vielleicht aber etwas zu viel Spuren
von gutem Willen... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen
Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren
Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam.
In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler
Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine
Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall
bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner
Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so
verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werden kann
- ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm
etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den
"Instrumenten" selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört
hätten... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung
gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter
Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend,
dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch,
der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in
den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in
den Dühring'schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen
Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe
gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die
gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss
über Bayreuth, - aber er wollte mir's nicht glauben... Wenn trotzdem
an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war
nicht "der Wille", am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon
hätte ich mich - ich deutete es eben an - über den guten Willen zu
beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat.
Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt
hinsichtlich der sogenannten "selbstlosen" Triebe, der gesammten zu
Rath und That bereiten "Nächstenliebe". Sie gilt mir an sich als
Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, -
das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den
Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl
vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn
nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich
sieht, - dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch
in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein
Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung
des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als
"Versuchung Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein grosser
Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn
überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben,
hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren
und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen
Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe
vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat - sein eigentlicher
Beweis von Kraft...


5.

Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal
und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich
jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff
"Vergeltung" so unzugänglich ist wie etwa der Begriff "gleiche
Rechte", verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr
grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede
Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede
"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit
so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie
vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit
Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden... Man hat nur Etwas
an mir schlimm zu machen, ich "vergelte" es, dessen sei man sicher:
ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethäter" meinen Dank
auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) - oder ihn um Etwas zu
bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben... Auch scheint es
mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch
honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast
immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein
Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten
Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind
dyspeptisch. - Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt
wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und,
inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. -
Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu
haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun
als Unrecht, - nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen
wäre erst göttlich.


6.

Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment -
wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu
Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss
es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn
irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend
gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche
Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe
wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig
zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, - Alles verletzt. Mensch
und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief,
die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art
Ressentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses
Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus
ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu
hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen,
an sich nehmen, in sich hineinnehmen, - überhaupt nicht mehr
reagiren... Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht
immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter
den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des
Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf.
Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir,
der wochenlang in einem Grabe schläft... Weil man zu schnell sich
verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht
mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab,
als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte
Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach
der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist für Erschöpfte
sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch
von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen,
zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das
Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken - sein Böses:
leider auch sein natürlichster Hang. - Das begriff jener tiefe
Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene
bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie
das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von
dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster
Schritt zur Genesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu
Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am
Anfang der Lehre Buddha's - so redet nicht die Moral, so redet die
Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem
schädlicher als dem Schwachen selbst, - im andern Falle, wo eine
reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein
Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums
ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den
Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein
aufgenommen hat - der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein
Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persönliches
Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an's
Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als
schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war,
verbot ich sie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus",
von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe
unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie
einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, - es
war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, - als
sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stören, mich
gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: - in Wahrheit war
es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. - Sich selbst wie ein Fatum
nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zuständen die
grosse Vernunft selbst.


7.

Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch.
Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein
- das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es
bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich
sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig
zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum
Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut
wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. - Die Stärke des Angreifenden
hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes
Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners -
oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch
Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über
Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine
ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen
hat, - über gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde - erste
Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann
man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich
sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier
Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich
sind, - ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens:
ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde,
wo ich allein stehe, - wo ich mich allein compromittire... Ich habe
nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das
ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie
Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken
Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber
schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen
kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines
altersschwachen Buchs bei der deutschen "Bildung", - ich ertappte
diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer
die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer "Cultur",
welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Grossen
verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede
Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer
Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des
Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne
aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person
verbinde: für oder wider - das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem
Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von
dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, - die
ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein
Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen
nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist.


8.

Darf ich noch. einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen,
der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit
macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des
Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder - was sage ich? -
das Innerlichste, die "Eingeweide" jeder Seele physiologisch wahrnehme
- rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner,
mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Hand bekomme: der
viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in
schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir
fast bei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet
habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen
die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht
wohlriechender... So wie ich mich immer gewöhnt habe - eine extreme
Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme
um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere
ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen
durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr
mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht
nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten,
dass ich ihn mitfühle... Meine Humanität ist eine beständige
Selbstüberwindung. - Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen,
Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden
Luft... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die
Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit...
Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. - Wer Augen für Farben hat,
wird ihn diamanten nennen. - Der Ekel am Menschen, am "Gesindel" war
immer meine grösste Gefahr... Will man die Worte hören, in denen
Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?

Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte
mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen
sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte?
Wahrlich, in's Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust
wiederfände!-

Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born
der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst.

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig
strömt dir noch mein Herz entgegen:

- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,
schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner
Kühle!

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die
Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und
Sommer-Mittag,

- ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh
kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde!

Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen
wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie
sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner
Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
Speise bringen in ihren Schnäbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer
würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen.

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere!
Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,
Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und
solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:
hütet euch, gegen den Wind zu speien!...



Warum ich so klug bin.

1.

- Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich
habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, - ich habe mich
nicht verschwendet. - Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum
Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen,
in wiefern ich "sündhaft" sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein
zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach
dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichts
Achtbares... Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich
lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen
grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim
schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man
that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art "böser Blick". Etwas, das
fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug
- das gehört eher schon zu meiner Moral. - "Gott", "Unsterblichkeit
der Seele", "Erlösung", "Jenseits" lauter Begriffe, denen ich keine
Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind
nicht, - ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? - Ich kenne den
Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss:
er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu
fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu
lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns
Denker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr
sollt nicht denken!... Ganz anders interessirt mich eine Frage,
an der mehr das "Heil der Menschheit" hängt, als an irgend einer
Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum
Handgebrauch, so formuliren: "wie hast gerade du dich zu ernähren,
um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von
moralinfreier Tugend zu kommen?" - Meine Erfahrungen sind hier so
schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört,
aus diesen Erfahrungen so spät "Vernunft" gelernt zu haben. Nur
die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung - ihr
"Idealismus" - erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier
rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese "Bildung", welche von
vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus
problematischen, sogenannten "idealen" Zielen nachzujagen, zum
Beispiel der "klassischen Bildung": - als ob es nicht von vornherein
verurtheilt wäre, "klassisch", und "deutsch" in Einen Begriff zu
einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, - man denke sich einmal einen
"klassisch gebildeten" Leipziger! - In der That, ich habe bis zu
meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, - moralisch
ausgedrückt "unpersönlich", "selbstlos", "altruistisch", zum Heil
der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch
Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer's
(1865), sehr ernsthaft meinen "Willen zum Leben". Sich zum Zweck
unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben - dies Problem
schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen.
(Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die
deutsche Küche überhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen!
Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16.
Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die
fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise
zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen
Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen
dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes - aus
betrübten Eingeweiden... Der deutsche Geist ist eine Indigestion,
er wird mit Nichts fertig. - Aber auch die englische Diät, die, im
Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art
"Rückkehr zur Natur", nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen
Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere
Füsse giebt - Engländerinnen-Füsse... Die beste Küche ist die
Piemont's. - Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier
des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein "Jammerthal" zu
machen, - in München leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies
ein wenig spät begriff, erlebt habe ich's eigentlich von Kindesbeinen
an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs
nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung.
Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein
mit schuld ist. Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich
Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität
ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine,
stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es
sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine
Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache
niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in
der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit
nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu
giessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta
war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch
vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen
Schulpforta... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich
mich freilich immer strenger gegen jedwedes "geistige" Getränk: ich,
ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner,
der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte
Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen.
Wasser thut's... Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat,
aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines
Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass
ich auch hier wieder über den Begriff "Wahrheit" mit aller Welt
uneins bin: - bei mir schwebt der Geist über dem Wasser... Ein paar
Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter
zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in
Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man
muss die Grösse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind
jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne
Opferfeste nenne, die an der table d'hôte. - Keine Zwischenmahlzeiten,
keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber
energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn
er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft
zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten
Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine
Tasse dicken entölten Cacao's den Anfang machen lassen. - So wenig als
möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien
geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln
ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. - Das
Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die eigentliche Sünde wider
den heiligen Geist.


2.

Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort
und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer grosse
Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat
hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den
Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass
ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe
entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er
bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug
bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit
erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein... Eine zur
schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit
genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas
"Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend,
um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen.
Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur
Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der "Geist"
selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die
Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz,
Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig
sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft.
Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen - diese Namen beweisen
Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel,
- das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit,
grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen.
Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter
Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng,
verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte
zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die
Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der
Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und
meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr
feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise
schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der
Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit
Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben bis auf die
letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in
falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg,
Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel - ebenso viele
Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner
ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre
es eine Thorheit, hier sogenannte "moralische" Ursachen geltend
zu machen, - etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender
Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand,
ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die
Unwissenheit in physiologicis - der verfluchte "Idealismus" - ist das
eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dumme
darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine
Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses
"Idealismus" erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen
Instinkt-Abirrungen und "Bescheidenheiten" abseits der Aufgabe meines
Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde - warum zum Mindesten
nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner
Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung
eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher
Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften,
ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede
feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es
war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine "Selbstlosigkeit", ein
Vergessen seiner Distanz, - Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als
ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende war, wurde
ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens - den
"Idealismus". Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. -


3.

Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte,
worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl
seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein
Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst
Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen
Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in
fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, - was ich
nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In
tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich
hüten, jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und
das hiesse ja lesen... Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener
tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde
den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von
aussen her zu vehement wirkt, zu tief "einschlägt"? Man muss dem
Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn;
eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten
der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder
Gedanke heimlich über die Mauer steigt? - Und das hiesse ja lesen...
Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der
Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr
gescheuten Bücher! - Werden es deutsche Bücher sein?... Ich muss ein
Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand
ertappe. Was war es doch? - Eine ausgezeichnete Studie von Victor
Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut
benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem
so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!... Sonst nehme ich
meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im
Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht
nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht
mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu
lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher
schon zu meinem Instinkte, als "Toleranz", "largeur du coeur" und
andre "Nächstenliebe"... Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer
Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur
an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa
"Bildung" nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der
deutschen Bildung... Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in
Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau
Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks,
die ich gehört habe... Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als
das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst
leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten
Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne's
Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe habe; dass
mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht
ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt:
das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten
Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht
ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und
zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im
jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise - denn ihre Zahl ist gar nicht
klein - die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole
France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse
hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin,
Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar
ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie
verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das
Missverständniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit
Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den
Geist in Frankreich "erlöst"... Stendhal, einer der schönsten Zufälle
meines Lebens - denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall,
niemals eine Empfehlung mir zugetrieben - ist ganz unschätzbar mit
seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff,
der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue
Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine
in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, - Prosper
Mérimée in Ehren... Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch?
Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte
machen können: "die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht
existirt"... Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste
Einwand gegen das Dasein bisher? Gott...


4.

Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich
suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich
süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit,
ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, - ich schätze
den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den
Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. - Und wie er
das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei
weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind - in
einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit
ihr gemacht haben. - Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein:
ich fand alle diese Abgründe in mir, - mit dreizehn Jahren war ich für
dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche
in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die
Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann.
Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine
Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte,
dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an
der Euterpe. - Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche,
so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipirt hat.
Dergleichen erräth man nicht, - man ist es oder man ist es nicht. Der
grosse Dichter schöpft nur aus seiner Realität - bis zu dem Grade,
dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält... Wenn, ich einen
Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde
im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von
Schluchzen Herr zu werden. - Ich kenne keine herzzerreissendere
Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um
dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! - Versteht man den
Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig
macht... Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu
fühlen... Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit... Und, dass ich
es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord
Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten
Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz
amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten
Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten
Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie
selbst voraus... Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem
ersten Realisten in jedem grossen Sinn des Wortes, um zu wissen, was
er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat... Und zum
Teufel, mein[e] Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra
auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den von Richard
Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht,
zu errathen, dass der Verfasser von "Menschliches, Allzumenschliches"
der Visionär des Zarathustra ist...


5.

Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort
nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei
weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen
Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse
den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen
Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des
Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle - der tiefen
Augenblicke... Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben:
über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. - Und hiermit
komme ich nochmals auf Frankreich zurück, - ich habe keine Gründe,
ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc
genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn
sich ähnlich finden... So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten
Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Nähe eines Deutschen
meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das
erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als
Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle "deutschen
Tugenden" - Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder
gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff
"deutsch"; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, - wir
werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es
ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt,
ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht...
Wohlan! Wagner war ein Revolutionär - er lief vor den Deutschen
davon... Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris;
die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner's Kunst
voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität,
findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft
in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène - es ist der
Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen
Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser
Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig - Wagner war durchaus
nicht gutmüthig... Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in
"Jenseits von Gut und Böse" S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem
er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik,
jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern
wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von
Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen
durch und durch... Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner's
überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix
verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht
von Artisten wiedererkannt hat - er war vielleicht auch der letzte...
Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen
condescendirte, - dass er reichsdeutsch wurde... Soweit Deutschland
reicht, verdirbt es die Cultur. -


6.

Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne
Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man
von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch
nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift
gegen alles Deutsche par excellence, - Gift, ich bestreite es nicht...
Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab -
mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ich Wagnerianer. Die älteren
Werke Wagner's sah ich unter mir - noch zu gemein, zu "deutsch"...
Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher
Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit,
wie der Tristan ist, - ich suche in allen Künsten vergebens. Alle
Fremdheiten Lionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone
des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's; er
erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder
werden - das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner... Ich
nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade
unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so
weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für
den, der niemals krank genug für diese "Wollust der Hölle" gewesen
ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel
anzuwenden. - Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand das
Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen,
zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark
genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum
Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den
grossen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass
wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses
Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder
zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein
Missverständniss ist, so gewiss bin ich's und werde es immer sein. -
Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst,
meine Herrn Germanen!... Aber das holt man nicht nach.


7.

Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich
eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein
Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein
kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmuth ist... ich werde nie
zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man
deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven,
Croaten, Italiäner, Niederländer - oder Juden; im andren Falle
Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich
Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um
gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei
Gründen, Wagner's Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die
vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt
noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist - diesseits... Ich
würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der
Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich
jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein
andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.
Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich
weiss das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu
denken.

    An der Brücke stand
    jüngst ich in brauner Nacht.
    Fernher kam Gesang:
    goldener Tropfen quoll's
    über die zitternde Fläche weg.
    Gondeln, Lichter, Musik
    trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus...

    Meine Seele, ein Saitenspiel,
    sang sich, unsichtbar berührt,
    heimlich ein Gondellied dazu,
    zitternd vor bunter Seligkeit.
    - Hörte Jemand ihr zu?...


8.

In Alledem - in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung
- gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der
Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn,
nicht hören, nicht an sich herankommen lassen - erste Klugheit, erster
Beweis dafür, dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das
gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack.
Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine
"Selbstlosigkeit" sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein
zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer
wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass
Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit
werdend, eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung
bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das
Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche
sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft.
Man kann, bloss in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug
werden, um sich nicht mehr wehren zu können. - Gesetzt, ich trete aus
meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen
Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren
haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten
und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche
Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding,
Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber
zum Igel werden? - Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein
doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben,
sondern offne Hände...

Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man
so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen
entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine "Freiheit", seine Initiative
gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als
Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur
noch Bücher "wälzt" - der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags
ungefähr 200 - verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich
aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf
einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er reagirt
zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und
Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, - er selber denkt
nicht mehr... Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe
geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der
Gelehrte - ein décadent. - Das habe ich mit Augen gesehn: begabte,
reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren "zu
Schanden gelesen", bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss,
damit sie Funken - "Gedanken" geben. - Frühmorgens beim Anbruch des
Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch
lesen - das nenne ich lasterhaft! - -


9.

An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf
die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich
das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung - der Selbstsucht...
Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal
der Aufgabe über ein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt,
so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe
zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist, setzt voraus,
dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem
Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren
eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die
Verzögerungen, die "Bescheidenheiten", der Ernst, auf Aufgaben
verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse
Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck [kommen]: wo
nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen,
Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen
zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben
für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der
härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem
ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der "selbstlosen"
Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht,
Selbstzucht. - Man muss die ganze Oberfläche des Bewusstseins -
Bewusstsein ist eine Oberfläche - rein erhalten von irgend einem der
grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder
grossen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh "sich
versteht" - - Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur
Herrschaft berufne "Idee" in der Tiefe, - sie beginnt zu befehlen,
sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet
einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum
Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, - sie bildet der Reihe
nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der
dominirenden Aufgabe, von "Ziel", "Zweck", "Sinn" verlauten lässt. -
Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll.
Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen
nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor
Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne dass diese sich stören,
zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu
trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts "versöhnen";
eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist -
dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft
meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark,
dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst,
- dass alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten
Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner
Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, - es ist kein Zug von
Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer
heroischen Natur. Etwas "wollen", nach Etwas "streben", einen "Zweck",
einen "Wunsch" im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung.
Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft - eine weite
Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich
auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als
es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer
gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem
vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um
Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten... So
war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, - ich hatte nie
im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr
alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne,
dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von
meinem Lehrer Ritschl für sein "Rheinisches Museum" zum Druck verlangt
wurde ( Ritschl - ich sage es mit Verehrung - der einzige geniale
Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene
angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der
sogar ein Deutscher sympathisch wird: - wir ziehn selbst, um zur
Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit
diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke,
durchaus nicht unterschätzt haben...)


10.

An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird mich
fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem
Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst
damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten bestimmt sei.
Antwort: diese kleinen Dinge Ernährung, Ort, Clima, Erholung, die
ganze Casuistik der Selbstsucht - sind über alle Begriffe hinaus
wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muss man
anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen
hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger
geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten
Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe "Gott", "Seele",
"Tugend", "Sünde", "Jenseits", "Wahrheit", "ewiges Leben"... Aber man
hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre "Göttlichkeit" in ihnen
gesucht... Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der
Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man
die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, - dass man die
"kleinen" Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens
selber verachten lehrte... Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade
zweideutig... Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob
nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben
wäre!... Das, was heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr.
- Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was
hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe
ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse.
Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste
Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese
angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen überhaupt, - sie sind
für mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und
rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde
unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen... Ich will dazu
der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle
Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug
an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft
geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus
sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine
anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos
der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig
hat, ist falsch... Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! - Das
Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste
von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes
gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges
gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht - oder vormacht, mit einer
Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug
von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende
Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich
schlief nie besser. - Ich kenne keine andre Art, mit grossen Aufgaben
zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine
wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene,
irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen
Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk!... Man darf keine Nerven
haben... Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, - ich habe
immer nur an der "Vielsamkeit" gelitten... In einer absurd frühen
Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein
menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt
gesehn? - Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen
Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in
dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung.
Wen ich verachte, der erräth, dass er von mir verachtet wird: ich
empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe
hat... Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man
Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle
Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger
verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -,
sondern es lieben...



Warum ich so gute Bücher schreibe.

1.

Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. - Hier werde,
bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder
Nicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so
nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist
durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an
der Zeit, Einige werden posthum geboren -- Irgend wann wird man
Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben
und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene
Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre
ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und
Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass
man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich,
es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden,
- dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele. - Nochmals
gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von "bösem Willen";
auch von litterarischem "bösen Willen" wüsste ich kaum einen Fall zu
erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit... Es scheint mir eine
der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er
ein Buch von mir in die Hand nimmt, - ich nehme selbst an, er zieht
dazu die Schuhe aus, - nicht von Stiefeln zu reden... Als sich einmal
der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus
meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung:
sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine
höhere Stufe der Sterblichen hinauf als "moderne" Menschen erreichen
könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur
wünschen, von den "Modernen", die ich kenne -, gelesen zu werden! -
Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer's war,
- ich sage "non legor, non legar". - Nicht, dass ich das Vergnügen
unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu
meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit,
wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden
Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu
bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität
wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form
bedienen: so Etwas lese Niemand. - Zuletzt war es nicht Deutschland,
sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein
Aufsatz des Dr. V. Widmann im "Bund", über "Jenseits von Gut und
Böse", unter dem Titel "Nietzsche's gefährliches Buch", und ein
Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl
Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben - ich
hüte mich zu sagen wovon... Letzterer behandelte zum Beispiel meinen
Zarathustra als "höhere Stilübung", mit dem Wunsche, ich möchte später
doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung
vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen
Gefühle bemühe. - Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder
Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf
den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als
alle "Werthe umzuwerthen", um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise,
über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen - statt meinen Kopf mit
einem Nagel zu treffen... Um so mehr versuche ich eine Erklärung. -
Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr
heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her
keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen
äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die
gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur
seltneren Erfahrung liegen, - dass es die erste Sprache für eine neue
Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört,
mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts
da ist -. Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und,
wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir
verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht,
nach seinem Bilde, - nicht selten einen Gegensatz von mir, zum
Beispiel einen "Idealisten"; wer Nichts von mir verstanden hatte,
leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. - Das Wort "Übermensch"
zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz
zu "modernen" Menschen, zu "guten" Menschen, zu Christen und andren
Nihilisten - ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters
der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit
voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren
Gegensatz in der Figur Zarathustra's zur Erscheinung gebracht worden
ist, will sagen als "idealistischer" Typus einer höheren Art Mensch,
halb "Heiliger", halb "Genie"... Andres gelehrtes Hornvieh hat mich
seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so
boshaft abgelehnte "Heroen-Cultus", jenes grossen Falschmünzers wider
Wissen und Willen, Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich
ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia
als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. - Dass
ich gegen Besprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen,
ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine
Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von
dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu
Gesicht, was über ein einzelnes Buch - es war "Jenseits von Gut und
Böse" - gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber
abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung - eine
preussische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst
lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats - allen Ernstes das Buch
als ein "Zeichen der Zeit" zu verstehn wusste, als die echte rechte
Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?


2.

Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser -
lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen
und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies
unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in
Kopenhagen, in Paris und New-York - überall bin ich entdeckt: ich
bin es nicht in Europa's Flachland Deutschland... Und, dass ich es
bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die
weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber
wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt
sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten
geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben,
bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihren Trauben zusammengesucht
haben. Soweit muss man Philosoph sein. - Man nennt nicht umsonst die
Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird
sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre.
Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens
bis zur Verlegenheit... Deutsch denken, deutsch fühlen - ich kann
Alles, aber das geht über meine Kräfte... Mein alter Lehrer Ritschl
behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen
Abhandlungen wie ein Pariser romancier - absurd spannend. In Paris
selbst ist man erstaunt über "toutes mes audaces et finesses" - der
Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten
Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt,
das niemals dumm - "deutsch" - wird, esprit... Ich kann nicht anders.
Gott helfe mir! Amen. - Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus
Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass
ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig
die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir
verstanden?... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein
welthistorisches Unthier, - ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf
griechisch, der Antichrist...


3.

Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in
einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an
meine Schriften den Geschmack "verdirbt". Man hält einfach andre
Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine
Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt
einzutreten, - man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist
zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir
aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen
des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich
kenne Abgründe, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir
gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen,
- ich störte selbst die Nachtruhe... Es giebt durchaus keine stolzere
und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da
das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man
muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten
Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon,
ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben,
man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die
Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige,
das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein
Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins Gesicht. Ich habe
an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die
verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften
zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will,
meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei "unpersönlich": man
wünscht mir Glück, wieder "so weit" zu sein, - auch ergäbe sich ein
Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons... Die vollkommen
lasterhaften "Geister", die "schönen Seelen", die in Grund und Boden
Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern
anfangen sollen, - folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne
Folgerichtigkeit aller "schönen Seelen". Das Hornvieh unter meinen
Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei
nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel... Ich
habe dies selbst über den Zarathustra gehört... Insgleichen ist jeder
"Femininismus" im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich:
man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten.
Man muss sich selbst nie geschont haben, man muss die Härte in seinen
Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth
und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers
ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus,
ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner
Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu
sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt
hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen?

Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -

euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:

- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo
ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen...


4.

Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des
Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen,
eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen - das ist der Sinn
jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei
mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des
Stils - die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein
Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand
wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der
Zeichen, über die Gebärden - alle Gesetze der Periode sind Kunst der
Gebärde - nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. - Guter
Stil an sich - eine reine Thorheit, blosser "Idealismus", etwa,
wie das "Schöne an sich", wie das "Gute an sich", wie das "Ding an
sich"... Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt - dass es
Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass
die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. - Mein Zarathustra
zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen - ach! er wird noch
lange zu suchen haben! - Man muss dessen werth sein, ihn zu hören...
Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier
verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen,
von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu
verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache
möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am
härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der
deutschen Sprache kann, - was man überhaupt mit der Sprache kann.
- Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik
zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von
übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem
Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, "die sieben
Siegel", überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was
bisher Poesie hiess.


5.

- Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines
Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter
Leser gelangt - ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest,
wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über
die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den
Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen,
Kohlköpfen - erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum
Beispiel jener Glaube, dass "unegoistisch" und "egoistisch" Gegensätze
sind, während das ego selbst bloss ein "höherer Schwindel", ein
"Ideal" ist... Es giebt weder egoistische, noch unegoistische
Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der
Satz "der Mensch strebt nach Glück"... Oder der Satz "das Glück
ist der Lohn der Tugend"... Oder der Satz "Lust und Unlust sind
Gegensätze"... Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle
psychologica in Grund und Boden gefälscht - vermoralisirt - bis zu
jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches"
sein soll... Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen
beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen
zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus
selbstlosen, aus bloss objektiven Männern... Darf ich anbei die
Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner
dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste
Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine
alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die
"Emancipirten", denen das Zeug zu Kindern abgeht. - Zum Glück bin
ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib
zerreisst, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden...
Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines
Raubthier! Und so angenehm dabei!... Ein kleines Weib, das seiner
Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen.
- Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte
am Weibe ist schon eine Form der Entartung... Bei allen sogenannten
"schönen Seelen" giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem
Grunde, - ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden.
Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder
Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit
Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige
Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten
Rang. - Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist
die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe - in ihren
Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. -
Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt -
"erlöst"? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann
ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. - "Emancipation des
Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst
gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, - der Kampf gegen
den "Mann" ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem
sie sich hinaufheben, als "Weib an sich", als "höheres Weib",
als "Idealistin" von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes
herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung,
Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die
Emancipirten die Anarchisten in der Welt des "Ewig-Weiblichen", die
Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist... Eine
ganze Gattung des bösartigsten "Idealismus" - der übrigens auch bei
Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen
alten Jungfrau - hat als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der
Geschlechtsliebe zu vergiften... Und damit ich über meine in diesem
Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse,
will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster
mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder
wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heisst: "die Predigt
der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede
Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben
durch den Begriff `unrein` ist das Verbrechen selbst am Leben, - ist
die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens." -


6.

Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein
curioses Stück Psychologie, das in "Jenseits von Gut und Böse"
vorkommt, - ich verbiete übrigens jede Muthmassung darüber, wen ich
an dieser Stelle beschreibe. "Das Genie des Herzens, wie es jener
grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger
der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele
hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick
blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu
dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht - und
nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang
mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer
innerlicher und gründlicher zu folgen... Das Genie des Herzens, das
alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt,
das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten
giebt, - still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel
auf ihnen spiegele... Das Genie des Herzens, das die tölpische
und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den
verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser
Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für
jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und
Sandes begraben lag... Das Genie des Herzens, von dessen Berührung
jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von
fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber,
sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht
und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher
zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben,
voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und
Zurückströmens..."



Die Geburt der Tragödie.

1.

Um gegen die "Geburt der Tragödie" (1872) gerecht zu sein, wird
man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst
fascinirt, was an ihr verfehlt war - mit ihrer Nutzanwendung auf die
Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war
eben damit im Leben Wagner's ein Ereigniss: von da an gab es erst
grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich
daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es
eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den
Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei. - Ich fand die
Schrift mehrmals citirt als "die Wiedergeburt der Tragödie aus dem
Geiste der Musik": man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst,
der Absicht, der Aufgabe Wagner's gehabt, - darüber wurde überhört,
was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. "Griechenthum und
Pessimismus": das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich
als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem
Pessimismus, - womit sie ihn überwanden... Die Tragödie gerade ist der
Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer
vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. - Mit einiger
Neutralität in die Hand genommen, sieht die "Geburt der Tragödie" sehr
unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter
den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese
Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten
im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon
glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch
indifferent, - "undeutsch", wird man heute sagen - sie riecht
anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem
Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet. Eine "Idee" - der
Gegensatz dionysisch und apollinisch - ins Metaphysische übersetzt;
die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser "Idee"; in der
Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik
Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich
gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen... Die Oper
zum Beispiel und die Revolution. - Die zwei entscheidenden Neuerungen
des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens
bei den Griechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm
die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das
Verständniss des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen
Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt.
"Vernünftigkeit", gegen Instinkt. Die "Vernünftigkeit" um jeden Preis
als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! - Tiefes feindseliges
Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder
apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe -
die einzigen Werthe, die die "Geburt der Tragödie" anerkennt: es ist
im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die
äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die
christlichen Priester wie auf eine "tückische Art von Zwergen", von
"Unterirdischen" angespielt...


2.

Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner
innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die
Geschichte hat, entdeckt, - ich hatte ebendamit das wundervolle
Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen
war damit, dass ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig
unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines
psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie
Gefahr laufen werde: - die Moral selbst als décadence-Symptom ist
eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der
Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche
Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus
hinweggesprungen! - Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: - den
entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer
Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in
gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als
typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel
der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst,
zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins
selbst... Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja
zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste,
die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und
aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts
entbehrlich - die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten
Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der
Rangordnung der Werthe als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen,
gutheissen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen
Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth
sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft nähert man
sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für
den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für den Schwachen,
unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der
Realität - das "Ideal"... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen:
die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer
Erhaltungs-Bedingungen. - Wer das Wort "Dionysisch" nicht nur
begreift, sondern sich in dem Wort "dionysisch" begreift, hat keine
Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig -
er riecht die Verwesung...


3.

In wiefern ich ebendamit den Begriff "tragisch", die endliche
Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden
hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum
Ausdruck gebracht. "Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen
fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer
seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das
nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des
tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,
nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente
Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über
Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst
Zusein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich
schliesst..." In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den
ersten tragischen Philosophen zu verstehn - das heisst den äussersten
Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir
giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches
Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, - ich habe vergebens
nach Anzeichen davon selbst bei den grossen Griechen der Philosophie,
denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb
mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir
wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens
und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie,
das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler
Ablehnung auch selbst des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter
allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht
worden ist. Die Lehre von der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom
unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese
Lehre Zarathustra's könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt
worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre
grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.


4.

Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir
jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik
zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen
wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und
Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die
grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände
nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden
und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder
möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen
muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im
Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die
Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege
hinter sich hat, ohne daran zu leiden... Ein Psychologe dürfte noch
hinzufügen, dass was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik
gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich
die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört
hatte, - dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und
transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark
als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift "Wagner in Bayreuth":
an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die
Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort "Zarathustra"
hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des
dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des
Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen
Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst
hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht
wieder. - Insgleichen hatte sich "der Gedanke von Bayreuth" in Etwas
verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff
sein wird: in jenen grossen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur
grössten aller Aufgaben weihen - wer weiss? die Vision eines Festes,
das ich noch erleben werde... Das Pathos der ersten Seiten ist
welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die
Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth,
die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der
eine unendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst
psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur
in die Wagners eingetragen das Nebeneinander der lichtesten und
verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein
Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen,
die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit
erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die
Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von
Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur
wieder binden, nachdem er gelöst war... Man höre den welthistorischen
Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff "tragische Gesinnung"
eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser
Schrift. Dies ist die fremdartigste "Objektivität", die es geben kann:
die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf
irgend eine zufällige Realität, - die Wahrheit über mich redete aus
einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra
mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und
niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss
Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der
Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. -



Die Unzeitgemässen.

1.

Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass
ich kein "Hans der Träumer" war, dass es mir Vergnügen macht, den
Degen zu ziehn, - vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich
frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf
die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne
Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse "öffentliche Meinung".
Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der grosse
Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser
Bildung - oder gar ihren Sieg über Frankreich... Die zweite
Unzeitgemässe (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und
-Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an's Licht -:
das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an
der "Unpersönlichkeit" des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der
"Theilung der Arbeit". Der Zweck geht verloren, die Cultur: - das
Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt... In dieser
Abhandlung wurde der "historische Sinn", auf den dies Jahrhundert
stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen
des Verfalls. - In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als
Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung
des Begriffs "Cultur", zwei Bilder der härtesten Selbstsucht,
Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässe Typen par excellence,
voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum "Reich",
"Bildung", "Christenthum", "Bismarck", "Erfolg" hiess, - Schopenhauer
und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche...


2.

Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen
Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll.
Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, -
dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht,
vielleicht etwas ganz Anderes... Die Antwort kam von allen Seiten und
durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich
als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als
Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom "alten und neuen Glauben"
lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner
Schrift her in der Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde,
denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt
hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand,
antworteten so bieder und grob, als ich's irgendwie wünschen konnte;
- die preussischen Entgegnungen waren klüger, - sie hatten mehr
"Berliner Blau" in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger
Blatt, die berüchtigten "Grenzboten"; ich hatte mühe, die entrüsteten
Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich
nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen
Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehn gab, mein
Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der
alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner
aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten
Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem
preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich
Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff "Cultur" holen könne.
Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor
wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem
Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine grosse
Bestimmung für mich voraus, - eine Art Krisis und höchste Entscheidung
im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten
und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das,
was mich zu Schopenhauer führte. - Bei weitem am besten gehört, am
bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere
Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen
Deutschen, der die Feder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz
in der "Augsburger Zeitung"; man kann ihn heute, in einer etwas
vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier
war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung,
allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des
deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen.
Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift,
für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der
Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste
polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, - in der gerade
für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik.
Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über
die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute
spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in
gleicher Verachtung gegen die "ersten Schriftsteller" dieser Nation,
endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken -
jenen "höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die
Anklagebank bringt"... Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu
unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel
gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer
düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten
Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten
im "Reich", die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist "unter dem
Schatten meines Schwertes"... Im Grunde hatte ich eine Maxime
Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft
mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt
hatte! den ersten deutschen Freigeist!... In der That, eine ganz
neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist
mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und
amerikanische Species von "libres penseurs". Mit ihnen als mit
unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der "modernen Ideen"
befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem
von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit
"verbessern", nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin,
was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es
verstünden, - sie glauben allesammt noch ans "Ideal"... Ich bin der
erste Immoralist.


3.

Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten
Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur
psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte
ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird
zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das
Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung
bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen
zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als
Psychologie treiben: - ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein
neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte,
ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach
seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei berühmte
und ganz und [gar] noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man
eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein
Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies
ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der
dritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des
Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. - Jetzt, wo ich aus
einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniss diese
Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss
von mir reden. Die Schrift "Wagner in Bayreuth" ist eine Vision meiner
Zukunft; dagegen ist in "Schopenhauer als Erzieher" meine innerste
Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniss!...
Was ich heute bin, wo ich heute bin - in einer Höhe, wo ich nicht mehr
Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich
damals noch! - Aber ich sah das Land, - ich betrog mich nicht einen
Augenblick über Weg, Meer, Gefahr - und Erfolg! Die grosse Ruhe im
Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche
nicht nur eine Verheissung bleiben soll! - Hier ist jedes Wort erlebt,
tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte
darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der grossen
Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als
Einwand. - Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren
Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff
"Philosoph" meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch
einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen
"Wiederkäuern" und andren Professoren der Philosophie: darüber giebt
diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier
im Grunde nicht "Schopenhauer als Erzieher", sondern sein Gegensatz,
"Nietzsche als Erzieher", zu Worte kommt. - In Anbetracht, dass damals
mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich
mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten
nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein
kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber,
was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein
kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um
Eins werden zu können, - um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine
Zeit lang auch Gelehrter sein. -



Menschliches, Allzumenschliches.

Mit zwei Fortsetzungen.

1.

"Menschliches, Allzumenschliches" ist das Denkmal einer Krisis. Es
heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt
einen Sieg aus - ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in
meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der
Titel sagt "wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich - Menschliches, ach nur
Allzumenschliches!"... Ich kenne den Menschen besser... - In keinem
andren Sinne will das Wort "freier Geist" hier verstanden werden: ein
frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat.
Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch
klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse
Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine
leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In
diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige
Todesfeier Voltaire's ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon
für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im
Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem ein grandseigneur
des Geistes: genau das, was ich auch bin. - Der Name Voltaire auf
einer Schrift von mir - das war wirklich ein Fortschritt - zu mir...
Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der
alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, - wo es seine
Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel
in den Händen, die durchaus kein "fackelndes" Licht giebt, mit
einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals
hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver
und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte
Gliedmaassen - dies Alles selbst wäre noch "Idealismus". Ein Irrthum
nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht
widerlegt - es erfriert... Hier zum Beispiel erfriert "das Genie";
eine Ecke weiter erfriert "der Heilige"; unter einem dicken Eiszapfen
erfriert "der Held"; am Schluss erfriert "der Glaube", die sogenannte
"Überzeugung", auch das "Mitleiden" kühlt sich bedeutend ab - fast
überall erfriert "das Ding an sich"...


2.

Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten
Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was
mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff
davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen
waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in
Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte... Wo war ich doch? Ich
erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst
blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen - eine ferne Insel der
Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen
Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die
sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen
hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? - Man hatte
Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner
geworden! - Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche
Bier!... Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten
Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des Geschmacks Wagners Kunst
allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen "Tugenden"
behängt wiederzufinden. - Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich
habe drei Generationen "erlebt", vom seligen Brendel an, der Wagner
mit Hegel verwechselte, bis zu den "Idealisten" der Bayreuther
Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, - ich habe alle Art
Bekenntnisse "schöner Seelen" über Wagner gehört. Ein Königreich für
Ein gescheidtes Wort! - In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft!
Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt
darunter, nicht einmal der Antisemit. - Der arme Wagner! Wohin war
er gerathen! - Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber
unter Deutsche!... Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt,
einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen,
denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der "Geist"
aus, auf den hin man das "Reich" gründete... Genug, ich reiste mitten
drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine
charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich
bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in
Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine
Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum
und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar",
einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich
vielleicht in "Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden
lassen.


3.

Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner
- ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der
einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss
ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein,
dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit
Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit
bereits verschwendet sei, - wie nutzlos, wie willkürlich sich meine
ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte
mich dieser falschen Bescheidenheit... Zehn Jahre hinter mir, wo ganz
eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo
ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über
einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike
Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen - dahin war
es mit mir gekommen! - Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz
abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines
Wissens und die "Idealitäten" taugten den Teufel was! - Ein geradezu
brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts
mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften,
- selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder
zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang.
Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer,
instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten "Beruf", zu dem
man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nach einer Betäubung
des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, - zum
Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick
habe ich entdeckt, dass für eine grosse Anzahl junger Männer der
gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine
zweite. In Deutschland, im "Reich", um unzweideutig zu reden, sind nur
zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter
einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen... Diese verlangen nach
Wagner als nach einem Opiat, - sie vergessen sich, sie werden sich
einen Augenblick los... Was sage ich! fünf bis sechs Stunden!


4.

Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch
längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben,
die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut - Alles schien mir
jener unwürdigen "Selbstlosigkeit" vorziehenswerth, in die ich zuerst
aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus
Trägheit, aus sogenanntem "Pflichtgefühl" hängen geblieben war. -
Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und
gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines
Vaters her zu Hülfe, - im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen
Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden
Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein
Wohlwollen damals eingebüsst und viel noch hinzugewonnen. Die
Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr
aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie
beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum
Warten und Geduldigsein... Aber das heisst ja denken!... Meine Augen
allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch:
Philologie: ich war vom "Buch" erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr -
die grösste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! - Jenes unterste
Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem
beständigen Hören-Müssen auf andre Selbste (- und das heisst ja
lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, - aber endlich
redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in
den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur
die "Morgenröthe" oder etwa den "Wanderer und seinen Schatten" sich
anzusehn, um zu begreifen, was diese "Rückkehr zu mir" war: eine
höchste Art von Genesung selbst!... Die andre folgte bloss daraus.


5.

Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen
Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten "höheren
Schwindel", "Idealismus", "schönen Gefühl", und andren Weiblichkeiten
ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent
niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine endgültige Form
in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen
als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der
Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf
dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er
schrieb ab, er corrigirte auch, - er war im Grunde der eigentliche
Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich
fertig mir zu Händen kam - zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken
-, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch
ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes
Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich "seinem
theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath". -
Diese Kreuzung der zwei Bücher - mir war's, als ob ich einen ominösen
Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten?...
Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir schwiegen beide. - Um
diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff,
wozu es höchste Zeit gewesen war. - Unglaublich! Wagner war fromm
geworden...


6.

Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren
Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der
Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr
ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir
instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen "ich" umgieng und
dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde,
den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie
überstrahlte - zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass... Andre
waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern,
zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt,
dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus
verstehn zu müssen glaubten... In Wahrheit enthielt es den Widerspruch
gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede
zur Genealogie der Moral nachlesen. - Die Stelle lautet: welches
ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten
Denker, der Verfasser des Buchs "über den Ursprung der moralischen
Empfindungen" (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner
ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt
ist? "Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht
näher als der physische - denn es giebt keine intelligible Welt..."
Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag
der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann
vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft - 1890! - als die Axt
dienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss" der Menschheit an
die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen oder zum Fluche der
Menschheit, wer wüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der
erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem
Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen Erkenntnisse
haben...



Morgenröthe.

Gedanken über die Moral als Vorurtheil.

1.

Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es
den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: - man wird ganz andre und
viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige
Feinheit in den Nüstern hat. Weder grosses, noch auch kleines
Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel
um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss,
nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied
nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen
Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im
Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt,
kein Angriff, keine Bosheit, - dass es vielmehr in der Sonne liegt,
rund, glücklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich
sonnt. Zuletzt war ich's selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz
des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei
Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte.
Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs,
fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches
wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten
Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine
kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen,
Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu
machen - nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes,
der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit
etwas Spitzem, mit der Feder... "Es giebt so viele Morgenröthen, die
noch nicht geleuchtet haben" - diese indische Inschrift steht auf der
Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes
bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag - ah, eine
ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! - anhebt? In einer Umwerthung
aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem
Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten,
verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein
Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus,
es giebt ihnen "die Seele", das gute Gewissen, das hohe Recht und
Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen,
sie kommt nur nicht mehr in Betracht... Dies Buch schliesst mit einem
"Oder?", - es ist das einzige Buch, das mit einem "Oder?" schliesst...


2.

Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der
Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurückschaut
und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der
Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten
Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus
der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten
Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr
gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der
Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch
gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist
deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der
Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles
im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine
endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im
Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität,
der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon
nicht aufkommen zu lassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den
schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen,
den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten "Heiligen", diesen
Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das
entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der Priester (-
eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur
innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt
Herr geworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als
Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen
und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer
über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt...
Aber alle Welt ist mit mir uneins... Für einen Physiologen lässt
ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des
Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt,
seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, "Egoismus" mit
vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der
Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint
jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden
mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der
Menschheit: darum conservirt er das Entartende - um diesen Preis
beherrscht er sie... Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die
Hülfsbegriffe der Moral, "Seele", "Geist", "freier Wille", "Gott",
wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren?... Wenn man
den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das
heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus
der Verachtung des Leibes "das Heil der Seele" construirt, was ist das
Anderes, als ein Recept zur décadence? - Der Verlust an Schwergewicht,
der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die "Selbstlosigkeit"
mit Einem Worte - das hiess bisher Moral... Mit der "Morgenröthe" nahm
ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. -



Die fröhliche Wissenschaft.

("la gaya scienza")

Die "Morgenröthe" ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig.
Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza:
fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen
zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den
wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe - das ganze
Buch ist sein Geschenk - verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus
hier die "Wissenschaft" fröhlich geworden ist:

    Der du mit dem Flammenspeere
    Meiner Seele Eis zertheilt,
    Dass sie brausend nun zum Meere
    Ihrer höchsten Hoffnung eilt:
    Heller stets und stets gesunder,
    Frei im liebevollsten Muss
    Also preist sie deine Wunder,
    Schönster Januarius!

Was hier "höchste Hoffnung" heisst, wer kann darüber im Zweifel sein,
der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten
Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? - Oder der die granitnen Sätze
am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle
Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? - Die Lieder des Prinzen
Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz
ausdrücklich an den provencialischen Begriff der "gaya scienza", an
jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene
wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen
Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, "anden Mistral",
ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral
hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. -



Also sprach Zarathustra.

Ein Buch für Alle und Keinen.

1.

Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die
Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese
höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann
-, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt
hingeworfen, mit der Unterschrift: "6000 Fuss jenseits von Mensch und
Zeit". Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder;
bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte
ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. - Rechne ich von diesem Tage ein
paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und
im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in
der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik
rechnen; - sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören,
eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit
Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte,
entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast,
einem gleichfalls "Wiedergebornen", dass der Phönix Musik mit
leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns
vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis
zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen
eintretenden Niederkunft im Februar 1883 - die Schlusspartie,
dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe,
wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard
Wagner in Venedig starb - so ergeben sich achtzehn Monate für die
Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den
Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde
ein Elephanten-Weibchen bin. - In die Zwischenzeit gehört die "gaya
scienza", die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem
hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie
giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des
Zarathustra. - Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus
auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur
vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist: ein
vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres,
wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos
genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal
zu meinem Gedächtniss singen. - Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil
ein Missverständniss darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist
die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals
befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten
des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen,
warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. Der Schmerz gilt
nicht als Einwand gegen das Leben: "Hast du kein Glück mehr übrig mir
zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein..." Vielleicht hat auch
meine Musik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht
c. Druckfehler.) - Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener
anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen
Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit
war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maassen regnerisch;
ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe
See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das
Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis
meines Satzes, dass alles Entscheidende "trotzdem", entsteht, war es
dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein
Zarathustra entstand. - Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung
auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien
vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es
nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa
Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft
ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser
Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt;
ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum
letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. - Auf
diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor
Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich...


2.

Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische
Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit
nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher
zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der
Schlussabschnitte des fünften Buchs der "gaya scienza". "Wir Neuen,
Namenlosen, Schlechtverständlichen - heisst es daselbst - wir
Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem
neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit,
einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle
Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen
Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle
Küsten dieses idealischen `Mittelmeers` umschifft zu haben, wer aus
den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem
Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem
Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem
Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils:
der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die grosse Gesundheit - eine
solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt
und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt, preisgeben
muss... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir
Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und Oft genug
schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als
man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund,
- will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch
unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn
hat, ein jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine
Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und
Göttlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser
sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu
ersättigen sind!... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken
und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am
gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist
unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun
mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht
nicht einmal mehr zusehn... Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein
wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir
Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht
darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst
ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem
spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den
das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits
so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie
Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das
Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens,
welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn
es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige
Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie
deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt - und mit dem,
trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche
Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet,
der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt."


3.

- Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen
Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten?
Im andren Falle will ich's beschreiben. Mit dem geringsten Rest von
Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss
Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu
sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn,
dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas
sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und
umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht
nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz
leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern,
- ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzükkung, deren ungeheure
Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der
Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes
Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner
Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe,
in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt,
sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige
Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt
rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt - die
Länge, das Bedürfniss nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe
das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen
deren Druck und Spannung... Alles geschieht im höchsten Grade
unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von
Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit... Die Unfreiwilligkeit des
Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff
mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste,
der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an
ein Wort Zarathustra's zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen
und sich zum Gleichnisse anböten (- "hier kommen alle Dinge liebkosend
zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken
reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier
springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will
hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen -"). Dies
ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man
Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen
darf "es ist auch die meine".


4.

Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein
schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm - es war
nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des
Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig
gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, - ich
wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft
gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die
Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen
meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den
Zweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder
zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden,
nachdem mich meine Mühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht
hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst
aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob
man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. - Auf einer
loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht
und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied
gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese
Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich
herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand "todt vor
Unsterblichkeit..." Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der
erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich
den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle,
weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im
Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza's, der damals
zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten
Zarathustra - und war fertig. Kaum ein Jahr, für's Ganze gerechnet.
Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza's sind mir
durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie,
welche den Titel "von alten und neuen Tafeln" trägt, wurde im
beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren
maurischen Felsenneste Eza gedichtet, - die Muskel-Behendheit war
bei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten
floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die "Seele" aus dem
Spiele... Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne
einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs
sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ich war von einer
vollkomm[n]en Rüstigkeit und Geduld.


5.

Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor
Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst
es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei
Lebzeiten. - Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne:
alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht,
unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist
er nunmehr schwach - er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr
nicht mehr in's Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie
wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit
eingeknüpft ist - und es nunmehr auf sich haben!... Es zerdrückt
beinahe.. - Die rancune des Grossen! - Ein Andres ist die schauerliche
Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht
Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde:
neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im besten Falle eine Art Revolte.
Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast
von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tiefer
beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, - die vornehmen
Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. -
Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche,
eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der
ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede
schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten
heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit
gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. - Ich wage
noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungern sich bewegt,
den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, - dem
Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff
ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer
Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken,
noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich...


6.

Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite:
es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss
von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff "dionysisch" wurde
hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von
menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein
Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft
und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustra
gehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit
erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die
Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die
Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und
giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in
der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: "ich
schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen
mit mir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer
heiligeren Bergen." Man rechne den Geist und die Güte aller grossen
Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede
Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er
auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter
gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser
jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer
neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der
menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste
strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss
bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger,
was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der
Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen
worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine
Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet
hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die
Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher
unerrathenen Zukünften. Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die
bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache
zur Natur der Bildlichkeit. - Und wie Zarathustra herabsteigt und
zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die
Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet!
- Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff
"Übermensch" ward hier höchste Realität, - in einer unendlichen Ferne
liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm. Das
Halkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und
Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra.
ist nie geträumt worden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt
sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum
Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man
hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach
seinem Gleichniss zu suchen.

- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter
kann,

die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren
und schweifen kann,

die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt,

die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen
und Verlangen will -

die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen
einholt,

die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet,

die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben - -

Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine
andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra
ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut,
zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines
neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal,
ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste
und jenseitigste sein kann - Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der,
welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat,
welcher den "abgründlichsten Gedanken" gedacht hat, trotzdem darin
keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige
Wiederkunft findet, - vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja
zu allen Dingen selbst zu sein, "das ungeheure unbegrenzte Ja- und
Amen-sagen"... "In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes
Jasagen"... Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.


7.

- Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich
allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des
Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18)
mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche
Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste
Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme,
zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die
Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt
zu sein, nicht zu lieben.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine
Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der
Liebe.

Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine
Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.

Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten
des Lichts saugen!

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
zurück, die aus mir brechen.

Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.

Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
Nächte der Sehnsucht.

Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!

Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
überbrücken.

Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen,
welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, - also
hungere ich nach Bosheit.

Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich
nach Bosheit.

Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner
Einsamkeit.

Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
selber müde an ihrem Überflusse!

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere;
wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
Austheilen.

Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine
Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.

Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
mit ihrem Lichte - mir schweigen sie.

Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes:
erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen -
also wandelt jede Sonne.

Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem
unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.

Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft
aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des
Lichtes Eutern!

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.

Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
Und Einsamkeit!

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach
Rede verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine
Seele ist das Lied eines Liebenden. -


8.

Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden:
so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen
Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne... Wer
weiss ausser mir, was Ariadne ist!... Von allen solchen Räthseln hatte
Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, dass je jemand auch hier
nur Räthsel sah. - Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine
Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht
vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur
Erlösung auch alles Vergangenen.

Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener
Zukunft, die ich schaue.

Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.

Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre?

Die Vergangnen zu erlösen und alles "Es war" umzuschaffen in ein "So
wollte ich es!" das hiesse mir erst Erlösung.

An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn
allein "der Mensch" sein kann - kein Gegenstand der Liebe oder gar des
Mitleidens - auch über den grossen Ekel am Menschen ist Zarathustra
Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein
hässlicher Stein, der des Bildners bedarf.

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh
dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!

Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust;
und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil
Wille zur Zeugung in ihr ist.

Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu
schaffen, wenn Götter - da wären?

Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger
Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.

Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der
Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!

Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
stäuben Stücke: was schiert mich das!

Vollenden will ich's, denn ein Schatten kam zu mir, - aller Dinge
Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!

Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich
noch - die Götter an!...

Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers
giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte
des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender Weise
zu den Vorbedingungen. Der Imperativ "werdet hart!", die unterste
Gewissheit darüber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das
eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. -



Jenseits von Gut und Böse.

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

1.

Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich
vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war,
kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die
Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, - die
Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet
der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke
heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten würden. - Von da an sind
alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut
als jemand auf Angeln?... Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld
nicht an mir. Die Fische fehlten...


2.

Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität,
die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die
moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem
Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen,
einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule
des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er
je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur
auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben... Alle die
Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu
diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte
"Objektivität" zum Beispiel, das "Mitgefühl mit allem Leidenden",
der "historische Sinn" mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem
Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die
"Wissenschaftlichkeit". - Erwägt man, dass das Buch nach dem
Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische
régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine
ungeheure Nöthigung fern zu sehn - Zarathustra ist weitsichtiger noch
als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns
scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der
Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden,
aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form,
in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde,
die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit
gehandhabt, - das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts... Alles
das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche
Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht?...
Theologisch geredet - man höre zu, denn ich rede selten als Theologe
- war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks
unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott
zu sein... Er hatte Alles zu schön gemacht... Der Teufel ist bloss der
Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage...



Genealogie der Moral.

Eine Streitschrift.

Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind
vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der
Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist.
Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. - Jedes Mal
ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch
selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich
mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten
aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, - bis endlich ein
tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts
treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen
Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar.
- Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des
Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des
Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem "Geiste",
- eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen
die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die
Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt
wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der
Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach
aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten
und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht
gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher
die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals,
stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille
zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter
den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute
de mieux, - weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen
Concurrenten hatte. "Denn der Mensch will lieber noch das Nichts
wollen als nicht wollen"... Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal - bis auf
Zarathustra. - Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten
eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. - Dies Buch
enthält die erste Psychologie des Priesters.



Götzen-Dämmerung.

Wie man mit dem Hammer philosophirt.

1.

Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll
im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass
ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt
die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres,
Umwerfenderes, - Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon
geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang
mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heisst, ist ganz
einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung -
auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit...


2.

Es giebt keine Realität, keine "Idealität", die in dieser
Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger
Euphemismus!...) Nicht bloss die ewigen Götzen, auch die
allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die "modernen Ideen" zum
Beispiel. Ein grosser Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall
fallen Früchte nieder - Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines
allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt
selbst einige todt, - es sind ihrer zu viele...

Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr,
das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für "Wahrheiten"
in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites
Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir "der Wille" ein
Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher
abwärts lief... Die schiefe Bahn - man nannte sie den Weg zur
"Wahrheit"... Es ist zu Ende mit allem "dunklen Drang", der gute
Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst...
Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg
aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben,
vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter...
Eben damit bin ich auch ein Schicksal. - -


3.

Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur
einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung
an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt,
jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen
mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das
Vorwort entstand am 3. September 1888: als ich Morgens, nach dieser
Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir,
den das Oberengadin mir je gezeigt hat - durchsichtig, glühend in den
Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich
schliessend. - Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria, durch
Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast
dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines
unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen,
sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief
in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an,
meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die
gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via
Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in
dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo
Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich
einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es
war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September
grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Müssiggang eines Gottes
am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur
"Götzen-Dämmerung", deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im
September gewesen war. - Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt,
auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, - ein Claude
Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger
Vollkommenheit.



Der Fall Wagner.

Ein Musikanten-Problem.

1.

Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der
Musik wie an einer offnen Wunde leiden. - Woran ich leide, wenn
ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren
weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, - dass sie
décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist... Gesetzt
aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache,
wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift
voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen
Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten - ridendo dicere
severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde - ist die
Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der
alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein
schweres Geschütz aufzufahren? - Ich hielt alles Entscheidende in
dieser Sache bei mir zurück, - ich habe Wagner geliebt. - Zuletzt
liegt ein Angriff auf einen feineren "Unbekannten", den nicht leicht
ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe - oh ich habe noch
ganz andre "Unbekannte" aufzudecken als einen Cagliostro der Musik
- noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer
träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation,
die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen
zu nähren und den "Glauben" so gut wie die Wissenschaftlichkeit,
die "christliche Liebe" so gut wie den Antisemitismus, den Willen
zur Macht (zum "Reich") so gut wie das évangile des humbles
ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt... Dieser Mangel an
Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und
"Selbstlosigkeit"! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der
Allem gleiche Rechte giebt, - der Alles schmackhaft findet... Ohne
allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten... Als ich das letzte Mal
Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern
und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich
selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der
echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch,
keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen
Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung
listiger Kirchenmusik... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind
Idealisten...


2.

Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen
ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von
ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern
der grosse Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich
abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswürste der Politik (oder
der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen in Acht
gethan. Man muss vorerst "deutsch" sein, "Rasse" sein, dann kann man
über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden - man setzt
sie fest... "Deutsch" ist ein Argument, "Deutschland, Deutschland über
Alles" ein Princip, die Germanen sind die "sittliche Weltordnung"
in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger
der Freiheit, im Verhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die
Wiederhersteller der Moral, des "kategorischen Imperativs",... Es
giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich,
selbst eine antisemitische, - es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung
und Herr von Treitschke schämt sich nicht... Jüngst machte ein
Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen
ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen
als eine "Wahrheit", zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: "Die
Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes
- die aesthetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt." - Bei
solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust,
ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was
sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen
von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen!... Und immer
aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der
Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei
ihnen Instinkt gewordnen Unwahrhaftigkeit, aus "Idealismus"... Die
Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten grossen
Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine
höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden,
die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der
Niedergangs-Werthe zum Sieg gelangt waren - und bis in die Instinkte
der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch, hat
die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum
wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag... Das Christenthum,
diese Religion gewordne Verneinung des Willens zum Leben!... Luther,
ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner "Unmöglichkeit",
die Kirche angriff und sie - folglich! - wiederherstellte... Die
Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu
dichten... Luther - und die "sittliche Wiedergeburt"! Zum Teufel mit
aller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die
Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und
Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine
vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum
alten "Ideal", Versöhnungen zwischen Wahrheit und "Ideal", im Grunde
Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht
auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant - diese zwei grössten
Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa's! -
Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei
décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille
sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische
und wirtschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen,
mit ihren "Freiheits-Kriegen" Europa um den Sinn, um das Wunder von
Sinn in der Existenz Napoleon's gebracht, - sie haben damit Alles,
was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste
Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus, diese
névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der
Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst
um seinen Sinn, um seine Vernunft - sie haben es in eine Sackgasse
gebracht. - Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse?...
Eine Aufgabe gross genug, die Völker wieder zu binden?...


3.

- Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die
Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus
einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis
jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser
machen. - Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu
sein!... Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen,
Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immer mehr sein? -
Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter
zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste"
Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel,
Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind
Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass
der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der
Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei
von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet
wird. Der "deutsche Geist" ist meine schlechte Luft: ich athme schwer
in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis,
die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein
siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die
Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in
Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, - sie haben bis
heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der
Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse... Und wenn
man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt
beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er
hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal
flach. - Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese
Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über
sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort "deutsch" nicht als
internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in
Vorschlag bringen? - In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der
deutsche Kaiser seine "christliche Pflicht", die Sklaven in Afrika
zu befreien: unter uns andren Europäern hiesse das dann einfach
"deutsch"... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das
Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist,
geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief
hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von
Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen
Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren
begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen...


4.

- Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen
Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter
der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den
deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren
ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) - die Deutschen sind für mich
unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen
Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das
Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenprüfe", ist, ob er ein
Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung
zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man
gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den
weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die
Deutschen sind canaille - ach! sie sind so gutmüthig... Man erniedrigt
sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich...
Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard
Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt...
Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen
erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr
unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht... Ich halte
diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft
ist, die keine Finger für nuances hat - wehe mir! ich bin eine nuance
-, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann...
Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine...
Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber
das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie schämen sich nicht
einmal, bloss Deutsche zu sein... Sie reden über Alles mit, sie halten
sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich
entschieden... - Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese
Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von
délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen.
Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin
ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert
nicht, dass ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am
wenigsten meine Freunde, - ich hoffe zuletzt, dass dies meiner
Humanität gegen sie keinen Abbruch gethan hat! Es giebt fünf, sechs
Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. -
Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren
erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im
Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass... Ich sage es jedem
meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie der Mühe für werth genug
hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den
kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was
gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr
darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige
Anmaassung?... Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine
Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde
Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein
Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des
Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde
empörte... An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen
über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit
noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen
gehalten hat? - Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das
Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur.
Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die
welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor
dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in
Convulsionen versetzen wird, den "Fall Wagner" in die Welt geschickt:
die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen
und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! - Ist das erreicht? - Zum
Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment...
Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen,
eine alte Freundin, sie lache jetzt über mich... Und dies in einem
Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, - wo
kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen' mich sein
kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. -



Warum ich ein Schicksal bin.

1.

Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die
Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es
keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine
Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt,
gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.
- Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter -
Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach
der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen... Ich will keine
"Gläubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu
glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche
Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird
errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten,
dass man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber
noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem
oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher
als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist
furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. - Umwerthung aller
Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung
der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos
will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich
gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss... Ich
erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge
als Lüge empfand - roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... Ich
widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der
Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter,
wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff
dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen.
Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses.
Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt,
werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine
Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden
ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg
aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft
gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben,
wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf
Erden grosse Politik.


2.

Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? - Sie
steht in meinem Zarathustra.

- und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein
Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die
schöpferische.

Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat;
dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich
kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum
Vernichten gemäss ist, - in Beidem gehorche ich meiner dionysischen
Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin
der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. -


3.

Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was
gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name
Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes
Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil.
Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das
eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, - die Übersetzung der
Moral in's Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist
sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort.
Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral:
folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur,
dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker -
die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz
der sogenannten "sittlichen Weltordnung" -: das Wichtigere ist,
Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und
sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst den
Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die
Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als
alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen
schiessen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich?... Die
Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung
des Moralisten in seinen Gegensatz - in mich - das bedeutet in meinem
Munde der Name Zarathustra.


4.

Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich
schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der
höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine
andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und
Herrschaft gekommen ist, die décadence-Moral, handgreiflicher geredet,
die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als
den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des
Wohlwollens, ins Grosse gerechnet, mir bereits als Folge der décadence
gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden
und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten
Bedingung. - Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten
Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muss
man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, - muss man
seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist
die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis,
wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um
jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der
Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen
jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt
als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die
niaiserie par excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in
seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es
der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen - aus Mitleiden etwa
mit den armen Leuten... In der grossen Ökonomie des Ganzen sind die
Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden,
im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger
als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte "Güte"; man
muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der
Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu
gönnen. Ich werde einen grossen Anlass haben, die über die Maassen
unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines
optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste,
der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist
und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen reden nie die
Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten;
in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den
Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum
Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges
Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles
"guter Mensch", Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, "schöne Seele"
- oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden
solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse
die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei
herunterbringen. - Und dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man
Moral... In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald "die letzten
Menschen", bald den "Anfang vom Ende"; vor Allem empfindet er sie als
die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit
als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen.

Die Guten - die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom
Ende -

- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende...

Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden
der Guten ist der schädlichste Schaden.


5.

Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich ein Freund
der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art
aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art
geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das
Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss
der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die
Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" für ihre Optik
in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den
schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen
Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der "Besten" gerade sei
es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe;
aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, "fortzuschweben
in ferne Zukünfte", - er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch,
ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniss zu den Guten
übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen
Teufel nennen würden...

Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel
an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen
Übermenschen - Teufel heissen!

So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der
Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte...

An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen,
um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er
concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug
dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst,
sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich,
damit erst kann der Mensch Grösse haben...


6.

- Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist
zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz
darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit
abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt:
dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte
psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war
bisher die Circe aller Denker, - sie standen in ihrem Dienst. - Wer
ist vor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser
Art von Ideal - der Weltverleumdung! - emporquillt? Wer hat auch nur
zu ahnen gewagt, dass es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter
den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz "höherer
Schwindler" "Idealist"? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie.
- Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein
Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste... Der Ekel am
Menschen ist meine Gefahr...


7.

Hat man mich verstanden? - Was mich abgrenzt, was mich bei Seite
stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche
Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das
den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher
die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die grösste Unsauberkeit,
die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner
Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jede
Ursächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei
in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem
Christenthum ist das Verbrechen par excellence - das Verbrechen am
Leben... Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten,
die Philosophen und die alten Weiber - fünf, sechs Augenblicke der
Geschichte abgerechnet, mich als siebenten - in diesem Punkte sind sie
alle einander würdig. Der Christ war bisher das "moralische Wesen",
ein. Curiosum ohne Gleichen - und, als "moralisches Wesen", absürder,
verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch
der grösste Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte.
Die christliche Moral - die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die
eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist
nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick entsetzt,
nicht der Jahrtausende lange Mangel an "gutem Willen", an Zucht, an
Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verräth:
- es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche
Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren
empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der
Menschheit hängen blieb!... In diesem Maasse sich vergreifen, nicht
als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit!... Dass man die
allerersten Instinkte des Leben[s] verachten lehrte; dass man eine
"Seele", einen "Geist" erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; dass
man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas
Unreines empfinden lehrt; dass man in der tiefsten Nothwendigkeit
zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (- das Wort schon
ist verleumderisch! -) das böse Princip sucht; dass man
umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der
Instinkt-Widersprüchlichkeit, im "Selbstlosen", im Verlust an
Schwergewicht, in der "Entpersönlichung" und "Nächstenliebe" (-
Nächstensucht!) den höheren Werth, was sage ich! den Werth an sich
sieht!... Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie
es immer? - Was feststeht, ist, dass ihr nur Décadence-Werthe als
oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die
Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache "ich gehe zu Grunde",
in den Imperativ übersetzt: "ihr sollt alle zu Grunde gehn" - und
nicht nur in den Imperativ!... Diese einzige Moral, die bisher gelehrt
worden ist, die Entselbstungs-Moral, verräth einen Willen zum Ende,
sie verneint im untersten Grunde das Leben. - Hier bliebe die
Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern
nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der
Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, - die in der
christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth... Und in der That,
das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit,
Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents: daher die
Umwerthung aller Werthe ins Lebensfeindliche, daher die Moral...
Definition der Moral: Moral - die Idiosynkrasie von décadents, mit
der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen - und mit Erfolg. Ich lege
Werth auf diese Definition. -


8.

- Hat man mich verstanden? - Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich
nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte.
- Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das
nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie
aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, - er bricht die
Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt
nach ihm... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am
Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn,
ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher
"Wahrheit" hiess, ist als die schädlichste, tückischste,
unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die
Menschheit zu "verbessern" als die List, das Leben selbst auszusaugen,
blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus... Wer die Moral entdeckt,
hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder
geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig
gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die
verhängnissvollste Art von Missgeburten darin, verhängnissvoll, weil
sie fascinirten... Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz-Begriff
zum Leben, - in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische,
die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit
gebracht! Der Begriff "Jenseits", "wahre Welt" erfunden, um die
einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, - um kein Ziel, keine
Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten!
Der Begriff "Seele", "Geist", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele",
erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - "heilig" - zu
machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von
Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit,
Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der
Gesundheit das "Heil der Seele" - will sagen eine folie circulaire
zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff "Sünde"
erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff "freier
Wille", um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen
die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des
"Selbstlosen", des "Sich-selbst-Verleugnenden" das eigentliche
décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das
Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum
Werthzeichen überhaupt gemacht, zur "Pflicht", zur "Heiligkeit", zum
"Göttlichen" im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im
Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken,
Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was
zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal
aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den
jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen
gemacht - dieser heisst nunmehr der Böse... Und das Alles wurde
geglaubt als Moral! - Ecrasez l'infâme!--


9.

- Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ecce homo, Wie man wird, was man ist" ***

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