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Title: Das Leben und der Tod des Königs Lear
Author: Shakespeare, William
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das Leben und der Tod des Königs Lear" ***

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zur Verfügung gestellt.  Das Projekt ist unter der Internet-Adresse


Das Leben und der Tod des Königs Lear.

William Shakespeare

Übersetzt von Christoph Martin Wieland


Personen des Trauerspiels.

Lear, König von Brittannien.
König von Frankreich.
Herzog von Burgund.
Herzog von Cornwall.
Herzog von Albanien.
Graf von Gloster.
Graf von Kent.
Edgar, Glosters Sohn.
Edmund, Bastard von Gloster.
Curan, ein Höfling.
Medicus.
Narr.
Oswald, Gonerills Haushofmeister.
Ein Officier.
Ein Edelmann, der Cordelia begleitet.
Ein Herold.
Ein alter Mann von Glosters Unterthanen.
Ein Bedienter von Cornwall.
Zwey Bediente von Gloster.
Gonerill, Regan und Cordelia, Lears Töchter.
Ritter die dem König aufwarten, Officiers, Boten, Soldaten und
Bediente etc.

Der Schauplaz ligt in Brittannien.



Erster Aufzug.



Erster Auftritt.
(Der Königliche Palast.)
(Kent, Gloster, und Edmund der Bastard, treten auf.)


Kent.
Ich dachte, der König liebe den Herzog von Albanien mehr als den
von Cornwall.

Gloster.
So schien es uns allezeit; allein izt, bey der Theilung seiner
Königreiche kan man nicht sehen, welchen von beyden er höher schäze;
das schärfste Auge könnte nichts entdeken, das einem Theil vor dem
andern den Vorzug gäbe; so genau sind sie nach ihren verschiedenen
Beschaffenheiten und Vorzügen gegen einander abgewogen.

Kent.
Ist dieses nicht euer Sohn, Mylord?

Gloster.
Die Last seiner Erziehung fiel auf mich.  Ich habe schon so oft
erröthet ihn für meinen Sohn zu erkennen, daß ich nicht mehr
erröthen kan.

Kent.
Ich begreiffe euch nicht.

Gloster.
Die Mutter dieses jungen Menschen konnt' es; sie bekam davon eine
gewisse Geschwulst, und zulezt, Sir, fand sich, daß sie einen Sohn
für ihrer Wiege hatte, ehe sie einen Gemahl für ihr Bette hatte.
Riechet ihr den Fehler?

Kent.
Die Würkung dieses Fehlers ist so schön, daß ich nicht wünschen kan,
er möchte unterblieben seyn.

Gloster.
Ich habe zwar auch einen gesezmässigen Sohn, der etliche Jahre
älter, aber mir nicht werther ist als dieser.  Wenn dieser lose
Junge gleich ein wenig unverschämt auf die Welt kam, eh man ihn
verlangte, so war doch seine Mutter schön; es gieng kurzweilig zu
als er gemacht wurde, und der H** Sohn muß erkannt werden.  Kennst
du diesen Edelmann, Edmund?

Edmund.
Nein, Mylord.

Gloster.
Es ist Mylord von Kent.  Erinnere dich künftig seiner als meines
würdigen Freundes.

Edmund (zu Kent.)
Ew.  Gnaden geruhen meine Dienste anzunehmen.

Kent.
Ihr gefallet mir, wir müssen besser mit einander bekannt werden.

Edmund.
Mylord, ich werde mich bestreben euere Gewogenheit zu verdienen.

Gloster.
Er ist neun Jahre ausser Landes gewesen, und soll noch länger seyn.

(Man hört Trompeten, der König kömmt.)



Zweyter Auftritt.
(König Lear, Cornwall, Albanien, Gonerill, Regan, Cordelia und
 Gefolge.)


Lear.
Gloster, gehe denen Fürsten von Frankreich und Burgund Gesellschaft
zu leisten.

Gloster.
Ich gehe, mein Gebieter.

(Geht ab.)

Lear.
Nunmehr ist es Zeit, unser geheimes Vorhaben zu entdeken--Gebet mir
diese Land-Carte--Wisset, wir haben unser Königreich in drey Theile
getheilt, und es ist unsre erste Absicht, unser Alter aller
Regierungs-Sorgen und Geschäfte zu entladen, und solche jüngern
Schultern aufzulegen, indeß daß wir unbelastet dem Tod entgegen
kriechen--Unser Sohn von Cornwall, und ihr, nicht minder geliebter
Sohn von Albanien, wir haben den standhaften Schluß gefaßt, in
dieser Stunde die verschiedenen Morgengaben unsrer Töchter bekannt
zu machen, damit allem künftigen Streit darüber vorgebogen werde.
Die Fürsten von Frankreich und Burgund, ansehnliche Nebenbuler um
die Liebe unsrer jüngern Tochter, haben schon lange ihren
verliebten Aufenthalt an unserm Hofe gemacht, und sollen izt ihre
Antworten erhalten.  Saget mir, meine Töchter, (da wir uns nun der
obersten Gewalt, der Landesherrschaft und der Sorge des Staats zu
begeben willens sind,) von welcher unter euch sollen wir sagen, daß
sie uns am meisten liebe?  damit wir unsre freygebigste Huld dahin
ergiessen, wo die Natur für das gröste Verdienst Ansprüche macht.
Gonerill, unsre Erstgebohrne, rede zuerst.

Gonerill.
Sire, ich liebe euch mehr als Augenlicht, Raum und Freyheit; mehr
als alles was theuer und selten geschäzt werden mag; nicht minder
als Leben, Gesundheit, Schönheit und Ehre; so sehr als jemals ein
Kind geliebt, oder ein Vater geliebt zu seyn verdient hat--mit
einer Liebe, die den Athem arm, und die Sprache unzulänglich macht,
die über allen Ausdruk ist, liebe ich euch.

Cordelia (beyseite.)
Was soll Cordelia thun?  Lieben und schweigen.

Lear.
Von allen diesen Ländereyen, (von dieser Linie bis zu jener,) mit
schattichten Wäldern und offnen Ebnen, mit fruchtbaren Strömen und
weit verbreiteten Matten bereichert, machen wir dich zur
Beherrscherin.  Deiner und Albaniens Nachkommenschaft sollen sie
auf ewig eigen seyn!--Was sagt unsre zweyte Tochter, unsre
geliebteste Regan, Cornwalls Gemahlin?  Rede!

Regan.
Ich bin von eben dem Metall gemacht wie meine Schwester, und schäze
mein getreues Herz nach dem Werth des ihrigen.  Ich finde, daß sie
das wahre Wesen meiner Liebe ausgedrükt hat; nur darinn fällt sie
zu kurz, daß ich mich selbst eine Feindin aller andern Freuden
erkläre, welche die vier* edelsten Sinnen uns zu geben vermögend
sind, und finde, daß Eurer Majestät Liebe meine einzige
Glükseligkeit macht.

{ed.-* Durch diese vier edelsten Sinne sind hier Gesicht, Gehör,
Geruch, und Geschmak zu verstehen; denn eine junge Dame konnte mit
Anständigkeit nicht zu verstehen geben, daß sie die Vergnügungen
des fünften kenne.  Warbürton.

Der Übersetzer überläßt dieses dem Ausspruch der jungen Damen, und
wagt nur die Vermuthung, ob es nicht weit natürlicher sey zu denken,
Regan nenne eben darum die vier edelsten Sinne, weil sie dem fünften
nicht entsagen will.}

Cordelia (beyseite.)
Arme Cordelia!--und doch nicht arm, denn ich bin gewiß, daß meine
Liebe gewichtiger ist als ihre Zunge.

Lear.
Dir und den Deinigen bleibe zum ewigen Erbtheil dieser ansehnliche
Drittheil unsers schönen Königreichs, nicht geringer an Grösse,
Werth und Schönheit, als derjenige, den wir an Gonerill übertragen
haben--Nun du, unsre Freude, nicht die geringste, obgleich die
lezte, deren jugendliche Liebe das weinvolle Frankreich, und das
milchtrieffende Burgund zu gewinnen streben, was sagst du, ein
drittes noch reicheres Loos zu ziehen als deine Schwestern?

Cordelia.
Nichts, Milord!

Lear.
Nichts?

Cordelia.
Nichts!

Lear.
Aus Nichts kan nichts entspringen.  Rede noch einmal.

Cordelia.
Ich Unglükliche, daß ich mein Herz nicht bis in meinen Mund hinauf
bringen kan!  Ich liebe Eu.  Majestät so viel als meine
Schuldigkeit ist, nicht mehr und nicht weniger.

Lear.
Wie?  wie, Cordelia?  Verbeßre deine Rede ein wenig, oder du
möchtest dein Glük verschlimmern.

Cordelia.
Mein theurer Lord, ihr habet mich gezeugt, erzogen, und geliebt.
Ich erstatte diese Wohlthaten wie es meine Pflicht erheischet, ich
gehorche euch, ich liebe und verehre euch.  Wofür haben meine
Schwestern Männer, wenn sie sagen, sie lieben euch allein?  Wenn
ich mich vermählen sollte, so wird der Mann dem ich meine Hand gebe,
auch die Helfte meiner Liebe und Ergebenheit mit sich nehmen.
Wahrhaftig, ich will nimmermehr heurathen wie meine Schwestern, um
allein meinen Vater zu lieben.

Lear.
Sprichst du aus deinem Herzen?

Cordelia.
Ja, mein theurer Lord.

Lear.
So jung, und so unzärtlich?

Cordelia.
So jung, Mylord, und so aufrichtig.

Lear.
So laß denn deine Aufrichtigkeit deine Mitgift seyn.  Denn bey den
heiligen Stralen der Sonne, bey den Geheimnissen der Hecate und der
Nacht, bey allen Würkungen der himmlischen Kreise, durch welche wir
entstehen und aufhören zu seyn--entsage ich hier aller väterlichen
Sorge und Blutsverwandschaft, und erkläre dich von diesem Augenblik
an auf immer für einen Fremdling zu meinem Herzen, und mir.  Der
barbarische Scythe, oder der mit dem Fleische seiner eignen Kinder
seinen unmenschlichen Hunger stillt, sollen meinem Herzen so nahe
ligen, und so viel Mitleiden und Hülfe von mir zu erwarten haben
als du, einst meine Tochter.

Kent.
Mein theurer Oberherr!

Lear.
Zurük, Kent!  Wage dich nicht zwischen den Drachen und seinen Grimm.
Ich liebte sie höchlich, und gedachte den Rest meines Eigenthums
ihren holden Abkömmlingen zu vermachen--Hinweg aus meinem Gesicht!

(zu Cordelia)

--So sey mein Grab meine Ruhe, als ich sie hier aus ihres Vaters
Herzen verstosse.--Ruffet die Fürsten von Frankreich und Burgund!--
Cornwall und Albanien, zu meiner beyden Töchter Mitgift, theilet
auch die dritte unter euch.  Der Stolz den sie Aufrichtigkeit nennt,
mag sie versorgen.  Euch belehne ich beyderseits mit meiner
Oberherrlichkeit, und allen den hohen Gerechtsamen und reichen
Vortheilen, welche die Majestät begleiten.  Wir selbst werden mit
Vorbehalt von hundert Edelknechten, die ihr unterhalten sollet,
unsern monatlichen Aufenthalt wechselsweise bey euch nehmen; dieses
und der königliche Titel mit seinem Zugehör ist alles was wir uns
ausbedingen; die Regierung, die vollziehende Gewalt, und die
Einkünfte, geliebte Söhne, sollen euer seyn.  Zu dessen
Bekräftigung theilet diese Crone unter euch.

(Er giebt die Crone hin.)

Kent.
Königlicher Lear, du, den ich allezeit als meinen König geehrt, als
meinen Vater geliebt, als meinen Meister begleitet, und als meinen
Schuz-Engel in meinen Gebeten angeruffen habe--


Lear.
Der Bogen ist gespannt und angezogen, geh dem Pfeil aus dem Wege.

Kent.
Laß ihn vielmehr fallen, wenn gleich seine Spize mein Herz
durchbohren sollte.  Kent mag unhöflich seyn, wenn Lear wahnwizig
ist!  Was willt du thun, alter Mann?  Denkst du, die Pflicht soll
sich scheuen zu reden, wenn sich die Gewalt vor der Schmeicheley
bükt?  Die Ehre ist zu Aufrichtigkeit verbunden, wenn die Majestät
zu Thorheit herabsinkt.  Behalt deinen Staat, hemme durch reifferes
Urtheil diese entsezliche Übereilung.  Mit meinem Leben stehe ich
davor, deine jüngste Tochter liebt dich nicht am wenigsten.
Meynest du, ihr Herz sey weniger voll, weil es einen schwächern
Klang von sich giebt, als diejenigen, deren hohler Ton ihre
Leerheit wiederhallt?

Lear.
Bey deinem Leben, Kent, nicht weiter!

Kent.
Mein Leben hielt ich nie für etwas anders als ein Pfand, das dir
meine Treue gegen deine Feinde versichern sollte; und ich fürchte
nicht es zu verliehren, wenn deine Sicherheit der Beweggrund ist.

Lear.
Aus meinem Gesicht!

Kent.
Sieh' besser, Lear, und laß mich immer deinen wahren Augapfel
bleiben.

Lear.
Nun, beim Apollo!

Kent.
Nun, beym Apollo, König, du entehrest deine Götter mit vergeblichen
Schwüren.

Lear.
Treuloser Vasall.

(Er legt seine Hand an sein Schwerdt.)

Albanien.  Cornwall.
Theurer Sir, haltet ein!

Kent.
Tödte deinen Arzt, und nähre deinen Schaden--Wiederruffe deinen
Urtheilspruch, oder so lang ich einen Ton aus meiner Gurgel athmen
kan, will ich dir sagen, du thust übel.

Lear.
Höre mich, Abtrünniger!  Weil du uns hast bereden wollen, unsern
Eyd zu brechen, den wir nimmer brechen dürfen, und dich erfrechet
hast, mit übermüthigem Stolz zwischen unsern Ausspruch und dessen
Vollziehung zu treten, welches weder unsre Gemüthsart noch unsre
Würde gestatten, und selbst unsre Macht nicht gut machen kan; so
empfange deinen Lohn.  Fünf Tage vergönnen wir dir, dich mit
Mitteln gegen die Unfälle der Welt zu versehen; am sechsten aber
kehre unserm Reich deinen verhaßten Rüken; denn wenn von izt am
zehnten Tage dein verbannter Rumpf in unsern Herrschaften noch
gefunden wird, so ist der Augenblik dein Tod.  Hinweg beym Jupiter!
diß soll nicht wiederruffen werden.

Kent.
Lebe wohl, König!  Seit dem du dich in dieser Gestalt zeigest, lebt
die Freyheit anderwärts, und die Verbannung ist hier--Die Götter
schüzen dich, Mädchen, die du richtig denkst und sehr richtig
gesprochen hast.  Ihr aber, mögen eure Thaten eure
vielversprechenden Reden bewähren!  Und hiemit, ihr Fürsten, sagt
Kent euch allen, lebewohl, und geht, seinen Lauf in einem fremden
Lande zu vollenden.

(Geht ab.)

(Gloster mit den Fürsten von Frankreich und Burgund, und ihrem
Gefolge, tritt auf.)

Gloster.
Hier ist Frankreich und Burgund, mein edler Lord!

Lear.
Mylord von Burgund, wir wenden uns zuerst an euch, die ihr neben
diesem Könige um meine Tochter euch beworben habet.  Nennet das
wenigste, was ihr zur Morgengabe mit ihr verlangt, oder stehet von
euerm verliebten Gesuch ab.

Burgund.
Königlicher Herr!  Ich fordre nicht mehr als Eure Majestät sich
erboten hat, und weniger werdet ihr nicht geben.

Lear.
Sehr edler Lord, als sie uns werth war, hielten wir sie so; aber
nun ist ihr Preiß gefallen.  Sir, hier steht sie.  Wenn irgend
etwas an diesem kleinen Scheinding, oder alles zusammen genommen,
mit unsrer Ungnade beschwert, Eu.  Gnaden anständig ist, so ist sie
hier und ist Euer.

Burgund.
Ich weiß keine Antwort hierauf.

Lear.
Wollt ihr sie, mit allen diesen Gebrechen, welche alles sind was
sie hat, freundlos, zu unserm Haß adoptiert, mit unserm Fluch
ausgesteurt, und durch unsern Eyd für eine Fremde erklärt, wollt
ihr sie nehmen oder verlassen?

Burgund.
Vergebung, Königlicher Herr!  Auf solche Bedingungen findet keine
Wahl Plaz.

Lear.
So verlasset sie dann, Sir, dann bey der Macht, die mich erschaffen
hat, ich sagte euch ihren ganzen Reichthum.  Was euch betrift,
grosser König, so schäze ich eure Liebe höher, als daß ich euch mit
derjenigen vermählen wollte, die ich hasse.  Ich bitte euch also,
wendet eure Neigung auf einen würdigern Gegenstand als eine
Unglükselige, welche die Natur selbst beschämt ist, für die ihrige
zu erkennen.

Frankreich.
Diß ist sehr seltsam, daß Sie, die bisher der Liebling euers
Herzens, der Inhalt euers Lobes, und die Erquikung euers Alters war,
in etlichen Augenbliken eine That begangen haben soll, die
vermögend sey, sie einer so vielfältigen Gunst zu berauben.  Denn
nur irgend ein unnatürliches ungeheures Verbrechen kan eine solche
Würkung thun.  Dieses aber von Ihr zu denken, erfodert einen
Glauben, zu dem sich meine Vernunft ohne Wunderwerk nicht fähig
findet.

Cordelia.
Ich bitte Euer Majestät, (weil mein Verbrechen ist, daß ich diese
glatte schlüpfrige Kunst nicht besize, etwas zu reden, was ich
nicht meyne; denn was meine wahre Meynung ist, das gebe ich früher
durch Thaten als Worte zu erkennen;) bekannt zu machen, daß keine
lasterhafte Tüke, Mord oder Verrätherey, noch eine unkeusche That,
oder sonst ein entehrender Schritt mich Eurer Gnade beraubt hat,
sondern bloß ein Mangel der mich reicher macht, der Mangel eines
immer bettelnden Auges, und solch einer Zunge, dergleichen ich
nicht zu haben, mich freue; obgleich sie nicht zu haben, mir den
Verlust Eurer Zuneigung gebracht hat.

Lear.
Besser wär' es, du wärest nie gebohren worden, als daß du mir nicht
besser gefallen hast.

Frankreich.
Ist es nur diß?  Eine Langsamkeit des Temperaments, die manchmal
nicht ausdrüken kan, was sie im Sinne hat?  Mylord von Burgund, was
sagt ihr zu der Lady?  Liebe ist nicht Liebe, wenn sie mit
Absichten vermengt ist, die neben dem wahren Ziel vorbey gehen.
Redet, wollt ihr sie haben?  Sie selbst ist das gröste Heurathgut.

Burgund.
Königlicher Herr!  Gebet Ihr nur das Erbtheil, das Ihr willens
waret, so nehme ich hier Cordelias Hand, und erkläre sie zur
Herzogin von Burgund.

Lear.
Nichts!--ich habe geschworen.

Burgund.
So bedaure ich denn, daß ihr einen Vater so verlohren habet, daß
ihr auch einen Gemahl verlieren müßt.

Cordelia.
Friede sey mit Burgund!  weil Absichten auf Vermögen seine Liebe
sind, so werde ich nicht sein Weib werden.

Frankreich.
Schönste Cordelia; desto reicher, weil du arm bist, desto
wählenswürdiger, weil du vergessen, und desto geliebter, weil du
verschmähet wirst.  Hier bemächtige ich mich deiner und deiner
Tugenden, wenn es anders erlaubt ist zu nehmen, was andre
verworffen haben.  Ihr Götter!  wie seltsam, daß die kälteste
Gleichgültigkeit meine Liebe zu flammender Ehrfurcht anfachen soll!
Deine enterbte Tochter, König, von dir verworffen, und meiner
Willkuhr überlassen, ist Königin von Mir, von Frankreich, und von
allem was mein ist.  Alle Herzoge des wasserreichen Burgunds können
dieses ungeschäzte theure Mädchen nicht von mir erkauffen.  Gieb
ihnen das lezte Lebewohl, Cordelia, so ungütig sie sind; du
verlierst hier, anderswo etwas bessers zu finden.

Lear.
Du hast sie, Frankreich!  Laß sie dein seyn, denn wir haben keine
solche Tochter, noch werden wir dieses ihr Gesicht jemals wieder
sehen.  Gehet also, ohne unsre Gnade, unsre Liebe, und unsern Segen.
Komm, edler Burgund!

(Lear und Burgund gehen ab.)

Frankreich.
Beurlaubet euch von euern Schwestern.

Cordelia.
Ihr Kleinode euers Vaters, mit gebadeten Augen verläßt euch
Cordelia; ich weiß wer ihr seyd, und bin als eine Schwester gar
nicht geneigt, eure Fehler mit ihrem eignen Namen zu nennen.
Liebet unsern Vater in der That.  Euerm Liebe-athmenden Busen
empfehle ich ihn!  Und doch, stünde ich in seiner Gnade, ich wollte
ihm einen bessern Plaz anweisen.  So lebet wol!

Regan.
Ihr habt nicht nöthig, uns unsre Pflicht vorzuschreiben.

Gonerill.
Laßt ihr eure Sorge seyn, euerm Gemahl zu gefallen, der euch vom
Allmosen des Glüks aufgenommen; ihr habt durch Mangel an Gehorsam
den Mangel wol verdienet, auf den ihr noch stolz zu seyn scheint.

Cordelia.
Die Zeit wird enthüllen, was die gefaltete List verbirgt.  Wol mög'
es gehen!

Frankreich.
Komm, meine schöne Cordelia.

(Frankreich und Cordelia gehen ab.)



{ed.-In Wielands Übersetzung blieben dritter und vierter Auftritt
ohne Überschrift.}



Fünfter Auftritt.


Gonerill.
Schwester, es ist nicht wenig, was ich über Dinge, die uns beyde
angehen, zu sagen habe.  Ich denke, unser Vater wird diese Nacht
von hier abgehen.

Regan.
Das ist gewiß, und mit Euch; den künftigen Monath zu Uns.

Gonerill.
Ihr sehet, wie veränderlich ihn sein Alter macht; die Gelegenheit
die wir hatten, diese Beobachtung zu machen, war nicht gering.  Er
liebte unsre Schwester immer vorzüglich, und aus was für einem
armseligen Grund er sie izt weggeworffen, ist nur allzu offenbar.

Regan.
Es ist die Schwachheit seines Alters; und doch hat er sich selbst
allezeit nur obenhin gekannt.

Gonerill.
Das Beste und Gesundeste was er in seiner Zeit that, war übereilt;
was können wir also anders erwarten, als nicht nur alle Fehler
einer lang eingewurzelten Gewohnheit; sondern überall diese
unlenksame Wunderlichkeit, die ein schwaches und cholerisches Alter
mit sich bringt.

Regan.
Wir werden noch manche solche unverständige Grillen von ihm
erfahren, wie Kents Verbannung war.

Gonerill.
Der Abschied zwischen ihm und Frankreich ist noch ein solches
Beyspiel.  Ich bitte euch, laßt uns gemeinschaftlich zu Werke gehen.
Wenn unser Vater das königliche Ansehen mit einer solchen Gemüths-
Beschaffenheit beybehält, so ist seine lezte Abdankung vielmehr
etwas beleidigendes.

Regan.
Wir wollen weiter über diese Sache denken.

Gonerill.
Wir müssen irgend etwas thun, und das in der ersten Hize.

(Sie gehen ab.)



Sechster Auftritt.
(Die Scene verändert sich in ein Schloß des Grafen von Gloster.)


Edmund (mit einem Briefe.)
Du, Natur, bist meine Göttin!  Deinem Gesez allein will ich
dienstbar seyn.  Warum sollte ich mich selbst in den Cirkel der
Gewohnheit bannen, warum die ungerechte Gewohnheit der Völker, mich
des Rechts das du mir giebst, entsezen lassen?  Bloß darum, weil
ich zwölf oder vierzehn Mondscheine vor einem Bruder kam?  Warum
Bastard?  Warum unedel?  Wenn ich eben so wol gemacht, von Geist so
edel, von Gestalt so ächt bin als die Geburt der ehrlichen Madam.
Warum brandmahlen sie uns so mit Namen von böser Ahnung?  Unächt,
ehrlos, Bastard?  Wie?  Ich unächt?  Ich,* der in der verstohlnen
Lust der üppigen Natur mehr Stoff und Feuer erhielt, als jener der
in einem abgeschmakten, schaalen, langweiligen Ehebette, bestimmt
eine ganze Zucht von Dumköpfen auszuheken, zwischen Schlaf und
Wachen gezeugt ward?--Wohl dann, mein ächter Edgar!  Mir fehlt
nichts als deine Güter.  Unsers Vaters Liebe ist zu dem Bastard
Edmund was zu dem ächten Sohn--ein feines Wort--ächt!  Nun wohl,
mein ächter Herr, laß nur diesen Brief und meinen Anschlag glüken,
so wird Bastard Edmund der ächte seyn.--Ich wachse, ich gedeyhe!
Wohlan, ihr Götter, haltet fest auf der Parthey der Bastarde!  Ihr
habt es wol Ursache.**

{ed.-* Diese feinen Zeilen sind ein Beyspiel von unsers Autors
bewundernswürdiger Kunst, seinen Charaktern gehörige Gesinnungen
zu geben.  Des Bastards seiner ist der Charakter eines völligen
Gottesläugners; und daß er als ein Spötter über die
Judicial-Astrologie vorgestellt wird, ist nach der Absicht des
Poeten, ein Zeichen eines solchen.  Denn zu seiner Zeit wurde diese
gottlose Taschenspielerey mit einer religiösen Ehrfurcht angesehen;
und daher erkennen die besten Charakter in diesem Stüke die Macht
des Einflusses der Gestirne.  Wie Charaktermässig aber die
folgenden Zeilen sind, kan aus dem ungeheuren Wunsch des
Italiänischen Atheisten (Vanini), in seinem Tractat, (de admirandis
Naturæ & c.) welcher zu Paris 1616. in eben dem Jahr, da unser
Poet gestorben, heraus gekommen, ersehen werden.  (O utinam) (sind
die Worte des (Vanini) extra legitimum & connubialem thorum
essem procreatus!  Ita enim progenitores mei in Venerem
incaluissent ardentius, ac cumulatim affatimque generosa semina
contulissent, è quibus ego formæ blanditiam & elegantiam,
robustas corporis vires mentemque innubilam consequutus fuissem.
At quia conjugatorum sum soboles, his orbatus sum bonis.) Wäre
dieses Buch früher heraus gekommen, wer würde nicht geglaubt haben,
das Shakespeareauf diese Stelle anspiele?  So aber sagte ihm die
prophetische Kraft seines Genius vorher, was ein solcher Atheist
wie (Vanini) über diese Materie sagen würde.  Warbürton.}

{ed.-** Warum dieses?  Das sagt er uns nicht; aber der Poet deutet
auf die Ausschweiffungen der heidnischen Götter, die aus allen
ihren Bastarden Helden machten.  Warbürton.}



Siebender Auftritt.
(Gloster.  Edmund.)


Gloster.
Kent verbannt!  und Frankreich im Zorn entlassen!  und der König
bey Nacht abgereist!  Seine Gewalt abgetreten!  Sein Unterhalt
sogar fremder Willkuhr überlassen!--Alles geht unter über sich--
Edmund?--Wie steht's?  Was Neues?

Edmund.
Mit Euer Gnaden Erlaubniß, nichts.

Gloster.
Warum eilt ihr so eifrig, diesen Brief einzusteken?

Edmund.
Ich weiß nichts neues, Mylord.

Gloster.
Was für ein Papier laset ihr da?

Edmund.
Nichts, Mylord.

Gloster.
Wozu war es denn vonnöthen, mit einer so entsezlichen Eilfertigkeit
in eure Tasche damit zu fahren?  Laßt es sehen!--Kommt, wenn es
nichts ist, so werde ich keine Brille dazu brauchen.

Edmund.
Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung, es ist ein Brief von meinem
Bruder, den ich noch nicht ganz überlesen habe; und so viel als ich
davon gelesen, finde ich ihn nicht so beschaffen, daß Ihr ihn sehen
dürftet.

Gloster.
Gebt mir den Brief, Sir.

Edmund.
Ich vergehe mich, wenn ich ihn zurük behalte, und wenn ich ihn gebe;
der Inhalt, so viel ich zum theil davon verstehe, ist zu tadeln.

Gloster.
Laß sehen, laß sehen.

Edmund.
Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er schreibe ihn nur,
meine Tugend auf die Probe zu stellen.

Gloster (ließt.)
"Diese durch die Geseze eingeführte Ehrfurcht vor dem Alter macht
die Welt für unsre besten Jahre unbrauchbar, und enthält uns unser
Vermögen vor, bis wir es nimmer geniessen können.  Ich fange an,
eine alberne und allzu gutherzige Sclaverey in der Unterwerffung
unter bejahrte Tyranney zu finden, welche nicht herrschet, weil sie
Gewalt hat, sondern weil sie geduldet wird.  Wenn unser Vater so
lange schliefe bis ich ihn wekte, so solltet ihr auf immer die
Helfte seiner Einkünfte geniessen, und der Liebling euers Bruders
Edgar seyn."--Hum!--Verrätherey!--schlieffe, bis ich ihn wekte--
solltet ihr die Helfte seiner Einkünfte geniessen--Mein Sohn Edgar!
Hat er eine Hand diß zu schreiben?  Ein Herz und ein Gehirn, diß
auszubrüten?  Wenn kam euch diß zu?  Wer bracht es euch?

Edmund.
Es wurde mir nicht gebracht, Mylord; das ist die List davon.  Ich
fand es durch ein Fenster in mein Cabinet geworffen.

Gloster.
Kennet ihr die Hand, daß sie euers Bruders ist?

Edmund.
Wenn der Inhalt gut wäre, Mylord, so wollte ich schwören, es wäre
die seinige; aber so wie er ist, möchte ich gerne denken, es wäre
nicht so.

Gloster.
Es ist seine Hand.

Edmund.
Seine Hand ist es, Mylord, aber ich hoffe sein Herz ist nicht in
dem Inhalt.

Gloster.
Hat er euch vorher niemals über diesen Punct ausgeforschet?

Edmund.
Niemals, Mylord.  Doch hab ich ihn oft behaupten gehört, es wäre am
schiklichsten, wenn Söhne bey reiffen Jahren, und Väter auf der
Neige seyen, daß der Vater unter der Vormundschaft des Sohnes
stehen, und dieser das Vermögen verwalten sollte.

Gloster.
O! Bösewicht!  Bösewicht!  Eben das ist die Meynung seines Briefes.
Abscheulicher Bösewicht!  Unnatürlicher, entsezlicher, viehischer
Bösewicht!  Geh', suche ihn, ich will ihn fest machen lassen.--
Schändlicher Bube!  wo ist er?

Edmund.
Ich weiß es nicht eigentlich, Mylord.  Wenn es Euer Gnaden belieben
möchte, Euern Unwillen über meinen Bruder noch zurük zu halten, bis
Ihr ein gewisseres Zeugniß von seinen Absichten aus ihm heraus
gebracht hättet, so würdet Ihr desto sicherer gehen; da hingegen,
wenn Ihr gewaltthätig mit ihm verfahret, und sich's fände, daß Ihr
über seine Absicht geirret hättet, so würde das Eurer eignen Ehre
eine grosse Wunde beybringen, und das Herz seines Gehorsams in
Stüken zerschlagen.  Ich wollte mein Leben für ihn verpfänden, daß
er das nur schrieb, meine Liebe zu Euer Gnaden zu versuchen, und
daß er nichts böses damit meynte.

Gloster.
Denket ihr das?

Edmund.
Wenn Euer Gnaden es gut finden, will ich Euch an einen Ort stellen,
wo Ihr uns beyde über diese Sache reden hören, und durch das
Zeugniß Eurer eignen Ohren befriediget werden könnt; und das ohne
längern Aufschub, diesen Abend noch.

Gloster.
Nein!  er kan nicht ein solches Ungeheuer seyn!

Edmund.
Auch ist er es gewiß nicht!

Gloster.
Gegen einen Vater, der ihn so zärtlich liebt--Himmel und Erde!
Edmund, such ihn auf; mache daß ich ihn ungesehen hören kan,
veranstalte die Sache nach deiner eignen Klugheit.  Ich will den
Vater ablegen, um nur nach den Gesezen der Gerechtigkeit zu handeln.

Edmund.
Ich will ihn sogleich aufsuchen; ich will die Sache so einleiten,
wie es die Umstände erfodern, und euch von allem Nachricht geben.

Gloster.
Diese neuerlichen Verfinsterungen der Sonne und des Monds bedeuten
uns nichts Gutes.  Wenn schon die Ordnung der allezeit weisen Natur
nicht dadurch aufgehoben wird, so leidet sie doch unter den Folgen.
Die Liebe erkaltet, die Freundschaft fällt ab, Brüder trennen sich.
In Städten Aufruhr; in Provinzen Zwietracht; in Pallästen
Verrätherey; und das Band zwischen Sohn und Vater aufgelöst.
Dieser mein Bösewicht fällt unter die Weissagung--Hier ist ein Sohn
wider den Vater; der König tritt aus dem Gleise der Natur--Hier ist
ein Vater wider sein Kind.  Wir haben das Beste von unsrer Zeit
schon gesehen.  Untreue, Ränke, Verrath und alle verderbliche
Unordnungen verfolgen uns bis in unser Grab.  Suche diesen Buben
auf, Edmund; es soll dir keinen Schaden bringen--Thu es mit
Sorgfalt--und der edle treuherzige Kent verbannt!  Sein Verbrechen,
Redlichkeit!  das ist wunderlich!

(Geht ab.)



Achter Auftritt.


Edmund (kommt zurük.)
Es ist doch eine vortreffliche Narrheit der Welt, daß wenn wir
meistens durch eigne Schuld unglüklich sind, wir auf Sonne, Mond
und Sterne die Schuld unsrer Unfälle werfen, und uns bereden
möchten, wir seyen Bösewichter durch fatale Nothwendigkeit, Thoren
durch himmlischen Antrieb, feige Memmen, Diebe und Spizbuben durch
die Obermacht der Sphären; Säuffer, Lügner und Ehebrecher durch
einen unwiderstehlichen Einfluß der Planeten; und alles, worinn wir
schlimm sind, durch göttliches Verhängniß.  Eine unvergleichliche
Ausflucht für den H** Jäger, den Menschen, seine bökische Neigungen
auf Rechnung der Gestirne zu schreiben.  Mein Vater hielt mit
meiner Mutter unter dem Drachenschwanz zu, und unter dem Einfluß
des grossen Bären wurde ich gebohren; folglich kan ich nicht anders
als rauh und schelmisch seyn.  Wahrhaftig, ich würde gewesen seyn
wer ich bin, wenn gleich der allerjungfräulichste Stern am ganzen
Firmament über meine Bastardisation gefunkelt hätte.



Neunte Scene.
(Edgar kömmt zu ihm.)


Edmund.
Husch!--Er kömmt gleich der Entwiklung in der alten Comödie.* Meine
Rolle ist, spizbübische Melancholie mit einem Seufzer, wie Tom von
Bedlam--O! diese Finsternisse bedeuten solche Mißhelligkeiten!  fa,
sol, la, mi,--

{ed.-* Das ist, er kömmt recht (a propos.)  Ein Compliment, welches
Shakespeareden regelmässigen Stüken macht.}

Edgar.
Wie stehts, Bruder Edmund, in was für einer tiefsinnigen
Betrachtung seyd ihr begriffen?

Edmund.
Ich denke, Bruder, an eine Weissagung, die ich dieser Tagen las,
was auf diese Verfinsterungen folgen würde.

Edgar.
Bekümmert ihr euch um solche Dinge?

Edmund.
Ich versichre euch, diese Weissagungen treffen zum Unglük nur gar
zu wol ein.  Wenn sahet ihr meinen Vater das lezte mal?

Edgar.
Verwichne Nacht.

Edmund.
Sprachet ihr mit ihm?

Edgar.
Ja, zwey Stunden an einander.

Edmund.
Schiedet ihr vergnügt von einander?  Fandet ihr kein Mißvergnügen
bey ihm, weder in Worten noch Gebehrden?

Edgar.
Nicht das geringste.

Edmund.
Besinnet euch, worinn ihr ihn etwann beleidigt haben möchtet, und
lasset euch erbitten, seine Gegenwart zu meiden, bis die erste Hize
seines Unwillens sich verlohren haben wird, welche izt so sehr in
ihm tobet, daß es ohne Unglük für eure Person schwerlich ablauffen
könnte.

Edgar.
Irgend ein schändlicher Bube muß mich bey ihm verläumdet haben.

Edmund.
Das fürcht' ich eben; ich bitte euch, weichet ihm sorgfältig aus,
bis sich seine Wuth in etwas gelegt hat; und wie ich sage, kommt
mit mir in mein Zimmer, wo ich machen will, daß ihr ohne bemerkt zu
werden, Mylord reden hören könnet.  Ich bitte euch, geht; hier ist
mein Schlüssel; wenn ihr heraus geht, so gehet bewaffnet.

Edgar.
Bewaffnet, Bruder!

Edmund.
Bruder, ich rathe euch das beste; ich will kein ehrlicher Mann seyn,
wenn man etwas gutes gegen euch im Sinn hat.  Ich habe euch gesagt,
was ich gesehen und gehört habe; doch auf die gelindeste Art; es
kan nichts entsezlichers seyn.--Ich bitte euch, gehet.

Edgar.
Werde ich bald wieder von euch hören?

(Geht ab.)



Zehnter Auftritt.


Edmund.
Ich diene euch in diesem Geschäfte.  Ein leichtgläubiger Vater, und
ein edler Bruder, dessen Gemüthsart so entfernt ist jemand ein Leid
zu thun, daß er auch keines argwöhnen kan, und dessen alberne
Ehrlichkeit die Helfte meiner Ränke unnöthig macht.  Ich sehe
diesem Geschäft unter die Augen.  Wenn mir die Geburt keine
Ländereyen gab, so soll mein Wiz sie mir verschaffen.  Mir ist
alles recht, was sich machen läßt.

(Geht ab.)



Eilfter Auftritt.
(Des Herzogs von Albanien Palast.  Gonerill und Haushofmeister
 treten auf.)


Gonerill.
Wie?  mein Vater schlägt meinen Hof-Junker, weil dieser seinen
Narren ausgescholten hat?

Hofmeister.
So ist es, Gnädige Frau.

Gonerill.
Tag und Nacht beleidigt er mich; es vergeht keine Stunde, da er
nicht in diese oder jene grobe Übelthat aufsprudelt, die uns alle
an einander hezt; ich will es nicht länger leiden: Seine Ritter
fangen an ganz ausgelassen zu werden, und er selbst macht uns um
einer jeden Kleinigkeit willen Vorwürffe.  Wenn er von der Jagd
zurük kömmt, will ich nicht mit ihm reden; sagt, ich befinde mich
nicht wol.  Wenn ihr von euerm vorigen Dienst-Eifer gegen ihn
nachlasset, werdet ihr wohl thun; ich nehme die Verantwortung auf
mich.

Hofmeister.
Er kömmt würklich, Gnädige Frau; ich hör' ihn.

Gonerill.
Ermüdet seine Geduld durch so viel Nachlässigkeiten, als euch nur
beliebt, ihr und eure Cameraden; ich möchte gern, daß es zur
Untersuchung käme.  Wenn es ihm nicht ansteht, so mag er zu meiner
Schwester gehen, deren Sinn mit dem meinigen darinn übereinkömmt,
sich nicht beherrschen lassen zu wollen; der thörichte alte Mann,
der alle diese Gewalt immer ausüben will, die er doch weggegeben
hat.  Nun, bey meinem Leben!  Alte Leute werden wiederum Kinder,
und müssen, wie Kinder, ausgescholten und nicht geliebkoset werden,
wenn man sieht daß sie nur unartiger davon werden.

Hofmeister.
Euer Gnaden haben vollkommen recht.

Gonerill.
Seinen Rittern kan man auch kältere Blike zukommen lassen; was
daraus entstehen mag, das hat nichts zu bedeuten; weiset die
übrigen Bedienten deshalben an; ich will sogleich an meine
Schwester schreiben, damit sie eben denselben Weg einschlägt--Macht,
daß das Mittag-Essen fertig wird.

(Sie gehen ab.)



Zwölfter Auftritt.
(Die Scene verändert sich in einen offnen Plaz, vor dem Palast.)


Kent (tritt auf, verkleidet.)
Wenn ich eben sowol einen andern Accent und eine langsamere
Aussprache annehmen kan, als ich meine Gestalt verändert habe, so
kan meine gute Absicht vielleicht zu dem völligen Endzwek kommen,
um dessentwillen ich meine Person verläugne.  (Man hört Hifthörner.
Lear, seine Ritter und Bediente treten auf.)

Lear.
Laßt mich nicht einen Augenblik auf das Mittag-Essen warten.  Geht,
macht es fertig.  Wie nun, wer bist du?

(Zu Kent.)

Kent.
Ein Mann, Sir.

Lear.
Wofür giebst du dich?  was willt du bey uns?

Kent.
Ich gebe mich für nicht weniger, dann ich scheine; für einen, der
demjenigen treulich dienen will, der mich in Pflicht nimmt, der
ehrliche Leute liebt, und mit vernünftigen Leuten gern umgeht; der
nicht viel spricht, weil er sich vor Tadel fürchtet; der ficht,
wenn er's nicht vermeiden kan, und keine Fische ißt.*

Lear.
Wer bist du?

Kent.
Ein recht ehrlicher gutherziger Kerl, und so arm als der König.

Lear.
Wenn du für einen Unterthanen so arm bist, als er es für einen
König ist, so bist du arm genug.  Was willt du?

Kent.
Dienste.

Lear.
Wem willt du dienen?

Kent.
Euch.

Lear.
Kennst du mich, Bursche?

Kent.
Nein, Sir; aber ihr habt etwas in eurer Person, das ich gerne
meinen Herrn nennen möchte.

Lear.
Und was ist das?

Kent.
Ansehen.

Lear.
Was für Dienste kanst du thun?

Kent.
Ich kan ehrliche Geheimnisse bey mir behalten, reiten, lauffen, ein
lustiges Mährchen auf eine langweilige Art erzählen, und eine
leichte Commission ungeschikt ausrichten--Wozu ein alltäglicher
Mensch nur immer tüchtig ist, dazu bin ich der Mann; und das Beste
an mir, ist Fleiß.

Lear.
Wie alt bist du?

Kent.
Nicht jung genug, Sir, um ein Weibsbild, wegen ihres Singens zu
lieben; und nicht alt genug, um wegen irgend einer Ursache in sie
vernarrt zu seyn.  Ich hab acht und vierzig Jahr auf meinem Rüken.

Lear.
Folge mir, ich nehme dich in meine Dienste; wenn du mir nach der
Mahlzeit nicht schlechter gefällst, so werden wir nimmer von
einander scheiden.  Das Mittag-Essen!  hO! das Mittag-Essen!--Wo
ist mein Schlingel?  mein Narr?  Geht, ruft meinen Narren her.  Ihr,
Ihr, Bengel!  Hört ihr, wo ist meine Tochter?  (Der Haushofmeister
kömmt.)

Hofmeister.
Wenn es beliebt--

(Er geht wieder ab.)

Lear.
Was sagt der Kerl da?  Ruft den Lümmel zurük--Wo ist mein Narr?  ho!
Ich denke, die ganze Welt ligt im Schlaf Was ists?  was sagt der
Maulaffe?

Ritter.
Mylord, er sagt, eure Tochter befinde sich nicht wohl.

Lear.
Warum kam der Sclave nicht zurük, als ich ihn rief?

Ritter.
Er antwortete mir rund heraus, er wolle nicht.

Lear.
Er wolle nicht?

Ritter.
Mylord, ich weiß nicht was es zu bedeuten hat; aber meines
Bedünkens, wird Euer Hoheit nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen
Zuneigung begegnet, wie ehmals--Es zeigt sich eine gewaltige
Abnahme von Freundlichkeit, sowol bey allen Bedienten, als bey dem
Herzog und Eurer Tochter selbst.

Lear.
Ha!  sagst du das?

Ritter.
Ich bitte um Vergebung, Mylord, wenn ich mich irre; aber meine
Pflicht kan nicht schweigen, wenn ich denke, Eure Hoheit werde
beleidiget.

Lear.
Du erinnerst mich nur an meine eigne Beobachtungen.  Ich habe seit
kurzem eine höchst kaltsinnige Nachlässigkeit bemerkt, die ich aber
mehr meiner eignen allzu eifersüchtigen Aufmerksamkeit, als einer
Absicht Unfreundlichkeit gegen mich zu zeigen, beymaß.  Ich will
genauer Acht geben.  Aber wo ist mein Narr?  ich habe ihn diese
zween Tage nicht gesehen.

Ritter.
Seitdem meine junge Lady nach Frankreich abgegangen ist, ist er
ganz niedergeschlagen.

Lear.
Nichts mehr hievon; ich hab es wol bemerkt.  Geht, und sagt meiner
Tochter, ich möchte mit ihr reden.  Und ihr geht, und ruft mir
meinen Narren her--ha--Sir!  kommt ihr hieher, Sir?  wer bin ich,
Sir?  (Der Haushofmeister kömmt.)

Hofmeister.
Milady's Vater.

Lear.
Milady's Vater?  Mylords Schurke!  ihr Hurensohn von einem Hund,
ihr Sclave, ihr Kettenhund!

Hofmeister.
Ich bin nichts dergleichen, Mylord, ich bitte mir's aus.

Lear.
Darfst du solche Blike auf mich schiessen, du Galgenschwengel?

(Er giebt ihm eine Ohrfeige.)

Hofmeister.
Ich will nicht geschlagen seyn, Mylord.

Kent.
Und gestürzt auch nicht, du nichtswürdiger Ballspieler, du?

(Er unterschlägt ihm ein Bein.)

Lear.
Ich danke dir, Camerad.  Du dienst mir, und ich will dich lieben.

Kent.
Kommt, Sir, steht auf, fort!  Ich will euch einen Unterschied
machen lehren.  Fort, fort!  wenn ihr euern grossen Wanst noch
einmal messen wollt, so versucht es noch einmal; aber fort, pakt
euch!  Seyd ihr gescheidt?  So--

(Er schmeißt den Hofmeister hinaus.)

Lear.
Ich danke dir, mein gutwilliger Bursche!  es ist Ernst in deinem
Dienst.  * In Königin Elisabeths Zeiten wurden die Papisten mit
gutem Grund für Feinde der Regierung gehalten.  Daher kam die
Redensart: (Er ist ein ehrlicher Mann, und ißt keine Fische,) um
einen Freund der Regierung und Protestanten zu bezeichnen.
Fletcher zielet hierauf in seinem Weiberfeind, wo er, da Lazarillo
von der Wache vor der Courtisane Haus gefangen genommen, diese
leztere sagen läßt: Meine Herren, es freut mich daß ihr ihn entdekt
habt.  Er sollte vor zwanzig Pfund unter meinem Dach nichts zu
essen gekriegt haben; und wahrhaftig er gefiel mir gleich nicht, da
er Fische verlangte.  Und Marstons Niederländische Courtisane--Ich
versichre, ich bin keine von den gottlosen Leuten, die am Freytag
Fische essen.



Dreyzehnter Auftritt.
(Der Narr kömmt zu ihnen.)


Narr.
Ich will ihn auch miethen--Hier ist meine Kappe. --

(Er giebt ihm seine Kappe.)

Lear.
Wie, mein artiger Schurke!  was thust du?

Narr.
Ihr Esel, ihr thätet am besten, wenn ihr meine Kappe--nähmet.

Kent.
Warum, Junge?

Narr.
Warum?  Weil sich jemands anzunehmen, gefährlich ist; wenn du nicht
lächeln kanst wie der Wind geht, so wirst du bald den Schnuppen
kriegen.  Hier, nimm meine Schellen-Kappe--Wie, dieser Bursche hier
hat zwo von seinen Töchtern verbannt, und der dritten einen Segen
wider seinen Willen gegeben; wenn du ihm folgst, so must du
nothwendig meine Kappe tragen.  Wie gehts, Onkel?  Ich wollt, ich
hätte zwo Kappen und zwo Töchter.

Lear.
Warum das, Junge?

Narr.
Wenn ich ihnen alle meine Haab und Gut gebe, so will ich meine
Kappe für mich selbst behalten.  Hier ist meine, bettle du eine von
deinen Töchtern.

Lear.
Nimm dich in Acht, Schurke!  Die Peitsche--


Narr.
Die Wahrheit ist ein Hund, sie muß in den Hundsstall; muß
hinausgepeitscht werden, wenn der Lady ihre Brake beym Feuer sizen
und stinken darf.

Lear.
Das ist ein verdammter Stich!

Narr (zu Kent.)
Kerl, ich will dich reden lehren.

Lear.
Thu es.

Narr.
Gieb Acht, Nonkel!
Hab mehr dann du zeigst,
Sprich minder als du verschweigst,
Leyh minder als du hast,
Reit mehr als du gehst,
Lern mehr als du glaubst,
Seze minder als du wirfst,
Laß deinen Wein und dein Mensch,
Und bleib fein zu Hause,
So wirst du mehr haben als zwey
Zehner zu zwanzig.

Kent.
Das ist nichts, Narr.

Narr.
So ist es wie der Athem eines unbezahlten Advocaten; ihr gebet mir
nichts davor; könnt ihr nichts zu nichts gebrauchen, Nonkel?

Lear.
Wie?  Nein, Junge; man kan nichts aus nichts machen.

Narr (zu Kent.)
Ich bitte dich, sag ihm, so hoch belauffen sich just die Einkünfte
von seinen Ländern; er würd' es einem Narren nicht glauben.

Lear.
Ein bittrer Narr!

Narr.
Junge, weist du den Unterschied zwischen einem bittern Narren, und
einem süssen?

Lear.
Nein; sag ihn dann.

Narr.
Der Lord, der dir rieth dein Land wegzugeben, komm, laß ihn hier zu
mir hersizen, und du steh vor ihn hin; so wird man den bittern und
den süßen Narren nicht lange suchen müssen; der ist persönlich hier,
und der andere dort.

Lear.
Nennst du mich einen Narren, Junge?

Narr.
Alle deine andre Titel, mit denen du gebohren warst, hast du
weggegeben.

Kent.
Diß ist nicht so ganz und gar närrisch, Mylord.

Narr.
Nein, mein Treu!  Lords und grosse Herren wollen mir's nicht lassen;
wenn ich ein Monopolium dafür hätte, so würden sie auch einen
Antheil daran haben wollen; ja die Damen noch dazu, sie würden
nicht leiden wollen, daß ich alles Närrische für mich allein hätte,
sie würden mich bemausen.  Gieb mir ein Ey, Nonkel, so will ich dir
zwo Kronen geben.

Lear.
Was für zwo Kronen sollen das seyn?

Narr.
Was?  Wenn ich das Ey mitten in zwey geschnitten, und was darinn
ist, aufgegessen habe, so geb ich dir die zwo Kronen von den
Schaalen.  Wie du deine Krone mitten in zwey gespalten, und beyde
Theile weggegeben hast, da trugst du deinen Esel auf dem Rüken
durch den Koth; du hattest wenig Wiz in deiner kahlen Krone, wie du
deine göldne weg gabst; wenn ich hierinn mir selbst gleich rede, so
laß den peitschen, der es zuerst wahr findet.

(Der Narr singt ein Liedchen.)

Lear.
Seit wenn seyd ihr so liederreich, Herr Bengel?

Narr.
Schon lange vorher, eh du deine Töchter zu deinen Müttern machtest;
denn wie du ihnen die Ruthe gabst, und deine eigne Hosen herunter
liessest, da--

(Er singt wieder ein Liedchen.)

* Ich bitte dich, Nonkel, halt einen Schulmeister, der den Narren
lügen lehre; ich habe eine rechte Lust lügen zu lernen.

{ed.-* Der Übersetzer bekennt, daß er sich ausser Stand sieht,
diese, so wie künftig, noch manche andre Lieder von gleicher Art
zu übersezen; denn mit dem Reim verliehren sie alles.  Er hat sie
inzwischen hieher sezen wollen, damit andre, wenn sie Lust haben,
mit mehrerm Erfolg, sich daran versuchen können.

(1.) Fools ne'er had less grace in a Year
for wise Men art grown foppish;
And Know not how their Wits to wear
their Manners are so apish.
(2.) Then they for sudden joy did weep
And I for sorrow sung,
That such a King should play bo-peep
And go the fools among.}

Lear.
Wenn du liegst, Schurke, so wirst du gepeitscht.

Narr.
Mich wundert, von was für einer Art Geschöpfe du und deine Töchter
sind; sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage;
du willt mich peitschen lassen, wenn ich lüge; und zuweilen werd'
ich gepeitscht, weil ich gar nichts sage; ich wollte lieber irgend
etwas anders seyn als ein Narr; und doch wollte ich nicht Du seyn,
Nonkel!  Du hast deinen Wiz an beyden Enden abgeschnitten, und
nichts in der Mitte gelassen.  Hier kömmt eines von den Stüken.



Vierzehnter Auftritt.
(Die Vorigen.  Gonerill.)


Lear.
Wie nun, Tochter?  was will diß Stirnband hier?  Ihr rumpft seit
kurzem die Stirne ein wenig zu viel.

Narr.
Du warest ein ganz hübscher Kerl, wie du nicht nöthig hattest, dich
um ihre Falten zu bekümmern--Nun bist du ein 0 ohne Zahl; ich bin
besser als du izt bist; ich bin ein Narr, und du bist nichts.--Doch,
ja, mein Treu!  ich will mein Maul halten--

(zu Gonerill)

so befiehlt mir euer Gesicht, ob ihr gleich nichts sagt.

(Er singt wieder.)

(Zu Lear.) Du bist eine gescheelte Bohne.

Gonerill.
Nicht allein, Sir, dieser euer zaumloser Narr, sondern auch andre
von euerm übermüthigen Gefolge, fangen hier stündlich Zank und
Händel an, und brechen in ganz ausgelassene und unerträgliche
Unordnungen aus.  Ich dachte, wenn euch dieses nur bekannt gemacht
würde unfehlbare Hülfe zu finden; aber nun muß ich allerdings aus
dem was ihr erst kürzlich gesagt und gethan habt besorgen, daß ihr
diese Ausschweiffungen in euern Schuz nehmet, und sogar selbst
aufmuntert; thut ihr's, so wird der Fehler dem Tadel nicht entgehen,
noch wird es an Mitteln fehlen, Einhalt zu thun; die, obgleich zu
euerm Besten abgesehen, doch die unangenehme Folge haben möchten,
daß ihr, nicht ohne Schaam, von der Nothwendigkeit eine
vorsichtigere Aufführung lernen müßtet.

Narr.
Denn ihr wißt, Nonkel, der Sperling nährte den Kukuk so lang, bis
seine Jungen ihm den Kopf abbissen; So löscht das Licht aus, und
wir sizen im Finstern.

Lear.
Seyd ihr unsre Tochter?

Gonerill.
Ich wünschte, ihr möchtet einen Gebrauch von dem guten Verstand
machen, womit ihr, wie ich weiß, so wol versehen seyd; und diese
Dispositionen von euch thun, die euch seit kurzem zu etwas ganz
anderm machen, als ihr ordentlicher Weise seyd.

Narr.
Kan ein Esel nicht wissen, wenn der Karren das Pferd zieht?  Schrey,
Nachtigall, ich liebe dich.

Lear.
Kennt mich hier jemand?  Diß ist nicht Lear!  Geht Lear so?
spricht er so?  wo sind seine Augen?  Entweder ist sein Hirn
geschwächt, sein Verstand in Todesschlaf versunken--Ha!  wach ich?--
Es ist nicht so!  wer ist hier, der mir sagen kan, wer ich bin?
Lear's Schatten?  Ich möcht' es gern erfahren; denn nach den
Kennzeichen der untrüglichen Vernunft zu schliessen, stand ich in
einem falschen Wahn, da ich Töchter zu haben glaubte.  Euer Name,
schönes Frauenzimmer?

Gonerill.
Diese Verwundrung, Sir, ist sehr im Geschmak eurer übrigen neuen
Grillen.  Ich bitte euch, meine Absichten recht zu verstehen.  So
wie ihr alt und ehrwürdig seyd, solltet ihr auch weise seyn.  Ihr
haltet hier hundert Ritter und Schildknappen, so ausgelassenes,
verwegenes und schwelgerisches Volk, daß dieser unser Hof, von
ihren Sitten angestekt, einer liederlichen Schenke gleich sieht;
Epicurisches Wesen und Unzucht machen ihn mehr einem Weinhaus und
Bordel, als einem fürstlichen Palast ähnlich.  Die Schaam selbst
spricht für ungesäumte Hülfe.  Lasset euch von einer erbitten, die
sonst das was sie bittet nehmen wird, euer Gefolge um fünfzig zu
vermindern; und die übrig bleibenden solche Leute seyn zu lassen,
die sich für eure Jahre schiken, und sich selbst und euch kennen.

Lear.
Finsterniß und Teufels!  Sattelt meine Pferde!  Ruft meine Leute
zusammen--Ausgearteter Bastard!  Ich will dich nicht beunruhigen.
Ich habe noch eine Tochter übrig.

Gonerill.
Ihr schlagt meine Leute; und euer zügelloses Gesindel will von
Leuten bedient seyn, die besser als sie sind.



Fünfzehnter Auftritt.
(Zu ihnen, der Herzog von Albanien.)


Lear.
Weh dem, den zu spät die Reue trift!  O Sir!  seyd ihr gekommen?
Ist es euer Wille, sprecht, Sir?  laßt meine Pferde bereit halten--
Undankbarkeit!  du marmorherziger Teufel; scheußlicher wenn du dich
in einem Kind zeigst, als in einem Meer-Ungeheuer.

Albanien.
Ich bitte, Sir, seyn Sie geduldig.

Lear

(zu Gonerill).)
Verdammter Habicht!  Du lügst!  Mein Gefolge sind ausgesuchte Leute,
von den seltensten Gaben, die alles kennen, was die Pflicht von
einem Ritter fordert, und die den Adel ihrer Namen in allen Stüken
behaupten--O sehr kleiner Fehler!  Wie häßlich schienst du an
Cordelia!  da du, gleich einem Hebel, meine ganze Natur aus ihrer
gewohnten Stellung hubst, und alle Liebe aus meinem Herzen zogst,
und zu Galle machtest--O Lear, Lear, Lear!  Schlag an diese Thür,

(Er schlägt sich an den Kopf.)

die deine Thorheit ein- und deine Vernunft ausließ--Geht, geht,
meine Leute.

Albanien.
Mylord, ich bin so unschuldig, daß ich nicht einmal weiß, was euch
in diesen Unwillen gesezt hat.

Lear.
Es mag so seyn, Mylord--Höre mich, Natur, theure Göttin, höre einen
Vater!  Hemme deinen Vorsaz, wenn er war, diß Geschöpf fruchtbar zu
machen.  Banne Unfruchtbarkeit in ihre Schooß, trokne die Werkzeuge
der Vermehrung in ihr auf, und laß niemals aus diesem geschändeten
Leib einen Säugling entspringen, der ihr Ehre mache.  Muß sie aber
gebähren, so erschaff ihr Kind aus Galle, und laß es leben, sie
ohne Rast mit unnatürlicher Bosheit zu peinigen; laß es Runzeln in
ihre junge Stirne graben, und mit glühenden Thränen Canäle in ihre
Wangen äzen; laß es alle ihre Mutter-Schmerzen, mit Hohngelächter,
alle ihre Wohlthaten mit Verachtung erwiedern; damit sie fühle, wie
viel schärfer als einer Schlange Biß es ist, ein undankbares Kind
zu haben!  Geht, geht, meine Leute!

Albanien.
Nun, ihr Götter, die wir anbeten, woher kommt diß!

Gonerill.
Bekümmert euch nicht, es zu wissen, sondern laßt seinem Wahnwiz
freyen Lauf--

Lear.
Was?  Fünfzig von meinem Gefolge auf einen Streich!--Innerhalb
vierzehn Tagen! --


Albanien.
Was ist denn die Sache, Mylord?

Lear.
Ich will dir's sagen--Leben und Tod!--

(zu Gonerill)

ich schäme mich, daß du Macht hast meine Mannheit also zu
erschüttern!--O! daß diese heissen Thränen, die mit Gewalt aus
meinen Augen brechen, dich ihrer würdig machen könnten--Stürme und
Wetter über dich!  daß nichts dich gegen die unheilbaren Wunden des
Fluchs eines Vaters schüze!--Ihr alten unmännlichen Augen, weint
ihr schon wieder?  Ich will euch ausreissen und wegwerffen, um mit
dem Wasser das ihr verliehrt, Leim zu waschen.  Ha!  ist es dazu
gekommen!  So sey es dann: Ich habe eine andre Tochter, die, wie
ich gewiß bin, zärtlich und hülfreich ist; wenn sie diß von dir
hören wird, sie wird dein wolfisches Gesicht mit ihren Nägeln
zerkrazen; du sollt finden, daß ich die Gestalt wieder annehmen
werde, die ich, deiner Einbildung nach, auf ewig abgelegt habe.

(Lear und Gefolge gehen ab.)



Sechszehnter Auftritt.


Gonerill.
Hörtet ihr das?

Albanien.
Die grosse Liebe die ich zu euch trage, kan mich nicht so
partheyisch machen, Gonerill--


Gonerill.
Ich bitte euch, seyd ruhig--Wie?  Oswald; hO! Ihr, Sir, mehr
Spizbube als Narr, folgt euerm Herrn.

Narr.
Nonkel Lear, Nonkel Lear!  warte, nimm den Narren mit dir.  Ein
Fuchs, wenn jemand einen gefangen hat, und eine solche Tochter
sollten beyde erdrosselt werden, wenn ich für meine Kappe einen
Strik kauffen könnte; und hiemit zieht der Narr ab.

(Geht ab.)

Gonerill.
Dieser Mann hat gute Anschläge!--Hundert Ritter?  das wäre
politisch, und sicher, ihn hundert Ritter halten zu lassen--
Wahrhaftig!  damit er wegen eines jeden Traums, einer jeden Grille,
jeder kleinen Beschwerung oder Unzufriedenheit wegen, seinen
Aberwiz durch ihre Macht schüzen, und unser Leben in seiner
Willkühr haben könnte--Oswald, sag ich!

Albanien.
Eure Furcht kan zu weit gehen--

Gonerill.
Es ist sicherer, als zuviel trauen.  Laßt mich immer die Kränkungen
die ich befürchte, aus dem Wege räumen, anstatt immer zu fürchten,
daß ich gekränkt werde.  Ich kenne sein Herz; ich habe meiner
Schwester geschrieben, was für Reden er ausgestossen hat; wenn sie
ihn mit seinen hundert Rittern unterhalten wird, nachdem ich ihr
die Unschiklichkeit davon gezeigt haben werde. --
(Der Haushofmeister kömmt.) Wie steht es, Oswald?  Habt ihr den
Brief an meine Schwester geschrieben?

Hofmeister.
Ja, Gnädige Frau.

Gonerill.
Nehmet einige Leute mit euch, und ohne Verzug zu Pferde; berichtet
sie umständlich von allen meinen Besorgnissen, und füget solche
Gründe von euern eignen bey, die zu derselben Bestätigung dienen
können.  Eilet, und beschleuniget eure Rükkunft.

(Der Hofmeister geht ab.)

Nein, nein, Mylord, ob ich gleich diese milchigte Gelindigkeit
eurer Gemüthsart nicht schelten will, so werdet ihr doch, mit
Erlaubniß, mehr wegen Mangel an Klugheit getadelt, als wegen dieser
harmlosen Mildigkeit gepriesen.

Albanien.
Wie weit eure Augen ins Verborgne dringen mögen, kan ich nicht
sagen; aber die Bestrebung nach etwas besserm, beraubt uns oft
dessen was gut war.

Gonerill.
Nun dann--

Albanien.
Wohl, wohl, der Ausgang--

(Sie gehen ab.)



Siebenzehnter Auftritt.
(Ein Vorhof an des Herzogs von Albaniens Palast.)
(Lear, Kent, Ritter und Narr treten wieder auf.)


Lear.
Geht ihr voraus zu Gloster mit diesen Briefen.  Sagt meiner Tochter
von allem was ihr wißt, nichts weiter, als was sie euch aus dem
Briefe fragen wird; wenn ihr nicht sehr eilfertig seyn werdet, so
werde ich vor euch dort seyn.

Kent.
Ich will nicht schlafen, Mylord, bis ich eure Briefe abgegeben habe.

(Geht ab.)

Narr.
Wenn jemands Hirn in seinen Fußsolen wäre, wäre es nicht in Gefahr,
Schwülen zu kriegen?

Lear.
Freylich, Junge.

Narr.
So bitt' ich dich, sey nur gutes Muths, dein Wiz wird die Schuhe
nie zu Pantoffeln machen müssen.

Lear.
Ha, ha, ha!

Narr.
Wirst sehen, deine andre Tochter wird freundlich gegen dich seyn;
denn, wenn sie schon dieser hier so ähnlich sieht als ein Holzapfel
einem Apfel, so weiß ich doch wol, was ich weiß--

Lear.
Was weist du denn, Junge?

Narr.
Sie wird dieser hier so ähnlich schmeken als ein Holzapfel einem
Holzapfel.  Kanst du sagen, warum einer seine Nase mitten im
Gesichte stehen hat?

Lear.
Nein.

Narr.
Warum?  Damit er auf jeder Seite seiner Nase ein Auge habe, um das
was er nicht riechen kan, zu sehen.

Lear (vor sich).
(Ich that ihr Unrecht)--

Narr.
Kanst du sagen, wie eine Auster ihre Schaale macht?

Lear.
Nein.

Narr.
Ich auch nicht; aber ich kan sagen, warum eine Schneke ihr Haus
trägt.

Lear.
Warum?

Narr.
Warum?  ihren Kopf darein zu ziehen, und nicht es an ihre Töchter
zu verschenken, und ihre Hörner ohne Futteral zu lassen.

Lear.
Ich will meine Natur vergessen--ein so gütiger Vater!  Sind meine
Pferde fertig?

Narr.
Deine Esel sind gegangen, darnach zu sehen; die Ursache, warum das
Sieben-Gestirn nicht mehr als sieben Sterne hat, ist eine artige
Ursache.

Lear.
Weil es nicht acht sind.

Narr.
Das ist es, in der That--du würdest einen feinen Narren abgeben.

Lear.
Es mit Gewalt wieder zu nehmen!--Ungeheuer von Undankbarkeit!

Narr.
Nonkel, wenn ihr mein Narr wäret, so würd' ich dich geprügelt haben,
weil du vor der Zeit alt worden bist.

Lear.
Wie so?

Narr.
Du hättest nicht alt werden sollen, bis du klug gewesen wärest.

Lear.
O! laß mich nicht wahnwizig werden, nicht wahnwizig, gütiger
Himmel!  Erhalte mich gelassen, ich möchte nicht wahnwizig seyn.
(Ein Ritter kömmt.) Sind die Pferde fertig?

Ritter.
Ja, Mylord.

Lear.
Komm, Junge.

(Sie gehen ab.)



Zweyter Aufzug.



Erster Auftritt.
(Ein Schloß des Grafen von Gloster.)
(Edmund und Curan treten von verschiedenen Seiten auf.)


Edmund.
Glük zu, Curan!

Curan.
Und euch, Sir.  Ich bin bey euerm Vater gewesen, und habe ihm
angesagt, daß der Herzog von Cornwall und Regan seine Gemahlin,
heute bey ihm übernachten werden.

Edmund.
Wie kömmt das?

Curan.
Das weiß ich nicht; ihr habt ohne Zweifel gehört was Neues vorgeht--
ich meyne Neuigkeiten, die ins Ohr geflüstert werden; denn es sind
noch Heimlichkeiten.

Edmund.
Ich weiß nichts; ich bitte euch, was ist es?

Curan.
Habt ihr nichts von einem vermuthlichen Krieg zwischen den Herzogen
von Cornwall und Albanien gehört?

Edmund.
Nicht ein Wort.

Curan.
So könnt ihr euch beizeiten anschiken.  Lebet wohl, Sir.

(Gehen ab.)



Zweyter Auftritt.


Edmund.
Der Herzog auf die Nacht hier!  desto besser!  ja das Beste!  Das
webt sich selbst mit Gewalt in mein Geschäfte ein.  Mein Vater hat
Wachen ausgestellt, sich meines Bruders zu bemächtigen; und ich
habe nur noch eine Kleinigkeit zu verrichten--Kürze und Glük!--
Bruder, ein Wort, kommt herunter; Bruder, sag ich--
(Edgar kömmt.) Mein Vater wacht--O Sir, flieht diesen Ort.  Es ist
verrathen worden, wo ihr verborgen seyd; ihr habt izt den Vortheil
der Nacht--Habt ihr nichts wider den Herzog von Cornwall
gesprochen?  Er kömmt noch diese Nacht hieher, in gröster Eile, und
Regan mit ihm; habt ihr nichts zum Besten seiner Parthey wider den
Herzog von Albanien gesprochen?  Besinnet euch!

Edgar.
Ich kan euch versichern, kein Wort.

Edmund.
Ich höre meinen Vater kommen.  Verzeihet mir--aus Verstellung muß
ich meinen Degen gegen euch ziehen.--Ziehet, stellet euch als ob
ihr euch vertheidiget--Nun ist es genug, weichet--kommt meinem
Vater zuvor--

(laut)

Licht, he!  holla!

(leise)

Flieht, Bruder--

(laut)

Fakeln!

(leise)

lebet wohl!

(Edgar flieht.)

Ein wenig Blut würde die Meynung erweken, daß ich einen härtern
Stand gehabt hätte,

(er verwundet sich am Arm.)

Ich habe Trunkenbolde gesehen, die nur zum Scherz mehr gethan
haben als diß;

(laut)

Vater, Vater!  Haltet ihn!  Haltet ihn!  Will mir niemand helfen?



Dritter Auftritt.
(Gloster und Bediente mit Fakeln.)


Gloster.
Nun, Edmund, wo ist der Bösewicht?

Edmund.
Hier stund er im Finstern, sein blosses Schwerdt in der Hand, und
murmelte verfluchte Zauberwörter um den Mond zu beschwören, seinem
Vorhaben günstig zu seyn--

Gloster.
Aber wo ist er dann?

Edmund.
Sehen Sie, Mylord, ich blute.

Gloster.
Wo ist der Bösewicht, Edmund?

Edmund.
Dahinaus floh' er, Mylord, wie er sahe daß es unmöglich war--

Gloster.
Verfolgt ihn, fort, sezt ihm nach!--daß es unmöglich war--Was?

Edmund.
Mich zu bereden, Euer Gnaden zu ermorden; sondern ich ihm entgegen
hielt, daß die rächenden Götter alle ihre Donnerkeile auf
Vatermörder schiessen, und mit wie vielen und grossen Pflichten ein
Sohn seinem Vater verbunden sey--Kurz, Mylord, da er sah' wie sehr
ich seinem unnatürlichen Vorhaben entgegenstund, fiel er mich in
gröster Wuth an, da ich mich nichts weniger versah', und verwundete
mich am Arm; wie er aber merkte, daß meine billig aufgebrachte
Lebensgeister, kühn auf die Gerechtigkeit meiner Sache, sich seinem
Angriff entgegensezten, oder vielleicht weil ihn der Lerm den ich
machte, erschrekte, floh' er plözlich davon.

Gloster.
Laßt ihn fliehen: in diesem Land kan er nicht bleiben, ohne
gefangen zu werden, und nicht gefangen werden, ohne seinen Lohn zu
bekommen.  Der Herzog, mein Herr, mein würdiger Gebieter und Gönner,
kommt diese Nacht; unter seinem Namen, will ich ausruffen lassen,
daß derjenige, der ihn findet, und den meuchelmördrischen Buben zu
seiner Straffe einliefert, unsern Dank, und wer ihn verbirgt, den
Tod zum Lohn haben soll.

Edmund.
Als ich ihn von seinem Vorhaben abmahnte, und ihn so entschlossen
fand, es zu vollbringen, drohte ich ihm zulezt mit heftigen
Ausdrüken ihn zu verrathen--Du unverständiger Bastard, antwortete
er mir, meynst du wenn ich gegen dir stünde, irgend eine Meynung,
die man von deiner Treue, Tugend oder Rechtschaffenheit gefaßt
haben kan, würde deinen Worten Glauben verschaffen, wenn ich läugne,
wie ich thun werde, und wenn du auch meine eigne Handschrift
aufweisen würdest!  Ich wollte machen, daß alles deinem Antrieb,
deinen geheimen Absichten und verdammten Ränken beygemessen würde;
und du müßtest einen Dummkopf aus der Welt machen, wenn sie nicht
denken sollte, die Vortheile die du von meinem Tode hättest, seyen
stark genug dich anzuspornen, ihn zu suchen.

Gloster.
O! unerhörter verhärtetet Bösewicht!--Er wollte seinen Brief
ableugnen?--Nein, ich hab ihn nicht gezeugt.--Höre, des Herzogs
Trompeten!  Ich weiß nicht warum er kömmt--Alle Häven will ich
sperren--Der Lasterbube soll nicht entrinnen--Das muß mir der
Herzog bewilligen; auch will ich sein Bildniß allenthalben
umherschiken, damit das ganze Königreich die nöthige Kenntniß von
ihm habe; und von allen meinen Ländereyen, will ich dich, mein
getreuer und natürlicher Sohn, erbfähig zu machen wissen.



Vierter Auftritt.
(Cornwall, Regan und Gefolge.)


Cornwall.
Wie geht's, mein edler Freund?  Seit ich hier angelangt bin,
welches doch nur eben izt ist, hab ich seltsame Neuigkeiten gehört.

Regan.
Wenn sie wahr sind, so fällt alle Rache zu kurz, die den
Übelthäter verfolgen kan; wie befindet ihr euch, Mylord?

Gloster.
O, Madam, mein altes Herz ist gebrochen, in Stüken zerschlagen!

Regan.
Wie?  Meines Vaters Taufpathe;* der, dem mein Vater den Namen gab,
euer Edgar?

{ed.-* Hier vergißt der Poet mit einer ihm sehr gewöhnlichen
Distraction, daß seine Personen Heiden sind.}

Gloster.
O Lady, Lady, die Schaam möchte es verbergen können!

Regan.
War er etwann ein Gespiel von den lüderlichen Rittern, die meinen
Vater bedienen?

Gloster.
Ich weiß es nicht, Gnädige Frau; es ist zu arg, zu arg!

Edmund.
Ja, Gnädige Frau, er war von dieser Cameradschaft.

Regan.
Kein Wunder also, wenn er so schlimme Dinge vornahm; sie sind es,
die ihn zur Ermordung des alten Mannes aufgemuntert haben, um seine
Einkünfte mit ihm verprassen zu können.  Ich habe eben diesen Abend
von meiner Schwester genaue Nachrichten von ihnen erhalten, und mit
solchen Umständen, daß wenn sie kommen, sich in meinem Haus
aufzuhalten, ich nicht daheim seyn werde.

Cornwall.
Noch ich, das versichre ich dich, Regan.  Ich höre, Edmund, daß ihr
euerm Vater eine grosse Probe von kindlicher Liebe gegeben habt.

Edmund.
Es war meine Pflicht, Mylord.

Gloster.
Er entdekte seine boshaften Anschläge, und bekam diesen Stoß von
ihm, wie ihr sehet, da er sich bemühete ihn abzuhalten.

Cornwall.
Wird er verfolgt?

Gloster.
Ja, mein gütiger Lord.

Cornwall.
Wenn er ertappt wird, so soll jedermann seinetwegen ausser Furcht
gesezt werden: Bedient euch hierinn aller meiner Gewalt nach euerm
eignen Gefallen.  Was euch betrift, Edmund, dessen Tugend und
kindliche Treue sich in dieser Probe selbst empfiehlt, Ihr sollt
der Unsrige seyn; Gemüther von so vollkommner Zuverlässigkeit haben
wir am meisten nöthig; wir bemächtigen uns hiemit Eurer Dienste.

Edmund.
Aufs wenigste, werde ich Euer Gnaden getreulich dienen.

Gloster.
Ich danke Euer Gnaden.

Cornwall.
Ihr wißt nicht, warum wir euch diesen Besuch machen--

Regan.
Bey so ungewohnter Zeit, und in der finstersten Nacht;--Umstände,
edler Gloster, von einigem Gewicht, worinn wir euers Raths bedürfen,
veranlasen uns.  Unser Vater, unsre Schwester, haben beyde über
Zwistigkeiten geschrieben, die ich am füglichsten aus euerm Hause
beantworten zu können glaubte; die verschiedenen Boten erwarten von
hier, abgefertiget zu werden.  Ihr, unser guter alter Freund,
helfet zu unsrer Beruhigung, und ertheilet euern nöthigen Rath zu
unsern Angelegenheiten, welche augenblikliche Besorgung erfodern.

Gloster.
Ich bin zu Dero Diensten, Madame; Euer Gnaden sind höchlich
willkommen.

(Sie gehen ab.)



Fünfter Auftritt.
(Kent und der Haushofmeister der Lady Gonerill treten von
 verschiedenen Seiten auf.)


Hofmeister.
Einen guten Abend, Freund; bist du hier vom Hause?

Kent.
Ja.

Hofmeister.
Wo können wir unsre Pferde abstellen?

Kent.
Im Koth.

Hofmeister.
Sey so gut und sag mir's, wenn du mich liebst.

Kent.
Ich liebe dich nicht.

Hofmeister.
So frag ich auch nichts nach dir.

Kent.
Wenn ich dich kreuzweise gebunden in Lipsbury hätte, ich wollte
dich lehren nach mir zu fragen.

Hofmeister.
Warum begegnest du mir so, der ich dich nicht einmal kenne?

Kent.
Ich kenne dich, Bursche.

Hofmeister.
Wofür kennst du mich dann?

Kent.
Für einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen
niederträchtigen, hochmüthigen, holen, bettlermässigen, drey-
rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weißleberichten,
maußköpfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten,
überdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine
Kupplerin seyn würde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der
nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem
Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe
einer Bastard-Hündin; einen den ich prügeln will, bis du wie ein
kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem
deinem Titel läugnest.

Hofmeister.
Wie?  was für ein ungeheurer Kerl bist du, einen Menschen so zu
schimpfen, den du nicht kennst, und der dich nicht kennt?

Kent.
Und was für ein ausgeschämter Raker bist du, zu läugnen, daß du
mich kennst?  Ist es schon zwey Tage, seitdem ich dir ein Bein
unterschlug, und dich vor dem König prügelte?  Zieht vom Leder, ihr
Schurke; wenn es schon Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich
will machen, daß er durch euch hindurch scheinen soll; ihr
Hurensohn von einem rakermässigen Bartkrazer, zieht.

Hofmeister.
Fort, ich habe nichts mit dir zu thun.

Kent.
Zieht, ihr Halunke!  Ihr kommt mit Briefen wider den König, und
nehmt des Püppchens (Vanitas) Parthey wider die Majestät ihres
Vaters; zieht, ihr Lumpenhund, oder ich will eure Beine dermassen
rösten--zieht, sage ich, hieher, Schurke--

Hofmeister.
Hülfe!  ho!  Mörder!  Mörder!  Hülfe!

Kent.
Wehr dich, du Sclave!  Steh, Galgenschwengel, steh, du
mausköpfichter Sclave, wehre dich.

(Er prügelt ihn.)

Hofmeister.
Hülfe, ho!  Mörder!  Mörder!--



Sechster Auftritt.
(Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Bediente.)


Edmund.
Was giebts hier?  Was habt ihr mit einander?--Hinweg--


Kent.
Mit euch, Herr Bube, wenn es euch beliebt; kommt, ich will euch
trillen; hieher, junger Herr!

Gloster.
Waffen?  Schwerdter?  Was sind das für Händel hier?

Cornwall.
Haltet Frieden, so lieb euch euer Leben ist; der ist des Todes, der
noch einmal schlägt; was ist die Sache?

Regan.
Es sind die Abgeschikten von unsrer Schwester, und vom König.

Cornwall.
Was ist euer Zwist?  redet.

Hofmeister.
Ich kan kaum Athem holen, Mylord.

Kent.
Kein Wunder, da ihr eure Dapferkeit so angespornt habt; ihr
hasenfüssiger Schurke!  Die Natur sagt sich von allem Antheil an
dir los; ein Schneider machte dich.

Cornwall.
Du bist ein seltsamer Bursche--ein Schneider einen Menschen machen!

Kent.
Ich, Mylord, ein Schneider, ein Steinmez, oder ein Mahler, könnten
ihn nicht so schlecht gemacht haben, wenn er auch nur zwo Stunden
in der Arbeit gewesen wäre.

Cornwall.
Aber sagt, worüber euer Zank entstanden?

Hofmeister.
Der alte Jauner, Mylord, dessen Leben ich aus Achtung für seinen
grauen Bart gesparet habe,--

Kent.
Du Hurensohn von einem Zet; du unnöthiger Buchstabe!  Mylord, wenn
ihr mir Erlaubniß geben wollt, so will ich diesen ungereiterten
Galgenschwengel in einem Mörsel stossen, und die Mauer eines
Secrets mit ihm anstreichen.  Meinen grauen Bart sparen--du
Bachstelze!

Cornwall.
Halt ein, Flegel!  du viehischer Schurke--kennst du keine Ehrfurcht?

Kent.
Ja, Sir, aber Zorn hat ein Privilegium.

Cornwall.
Warum bist du zornig?

Kent.
Daß solch ein Sclave wie dieser, ein Schwerdt tragen soll, der
keinen ehrlichen Blutstropfen im Leib hat; solche lächelnde
Schurken wie dieser, beissen oft, gleich den Razen, die heiligen
Knoten entzwey, die zu verflochten sind um aufgelöst zu werden;
schmeicheln jeder Leidenschaft die ihre Herren dahinreißt, schütten
Öl in die Flamme, und Eis in ihren Kaltsinn; verneinen, bejahen,
und drehen ihren Eisvogels-Schnabel nach jedem veränderlichen
Lüftchen ihrer Gebieter; als Leute, die gleich den Hunden nichts
wissen, als andern nachzulauffen.  Daß die Pest ein solch
epileptisches Gesicht!--Ihr lächelt zu meinen Reden als ob ich ein
Narr sey!  Ihr Gänse, hätte ich euch auf der Ebne von Salisbury,
ich wollte euch schnatternd bis heim nach Camelot* treiben.

{ed.-* Diß war der Ort, wo, nach den Romanzen, König Arthur sein
Hoflager im Westen hatte; und es scheint also dieses eine
Anspielung auf irgend eine sprüchwörtliche Redensart in den alten
Ritterbüchern zu seyn.}

Cornwall.
Bist du aberwizig, alter Bursche?

Gloster.
Wie kamet ihr aus?  Sagt uns das.

Kent.
Es ist keine solche Antipathie in der Natur, als die meinige gegen
einen solchen Schlingel.

Cornwall.
Warum nennst du ihn einen Schlingel?  was ist sein Vergehen?

Kent.
Ich kan seine Figur nicht leiden.

Cornwall.
Vielleicht die meinige, oder dieser oder dessen hier nicht besser.

Kent.
Herr, meine Art ist aufrichtig zu seyn: Ich habe zu meiner Zeit
bessere Gesichter gesehen, als auf irgend einer Schulter stehen,
die ich diesen Augenblik vor mir habe.

Cornwall.
Diß ist einer von den Burschen, die, wenn sie etwann einmal wegen
einer Brüskerie gelobt worden, eine verdrießliche Grobheit
affectieren, und sich von allen Gesezen des eingeführten Wohlstands
los machen--"Er kan nicht schmeicheln, er--ein ehrlicher Mann muß
aufrichtig seyn, er muß die Wahrheit reden; wollen sie sich's
gefallen lassen, gut; wo nicht, so ist er aufrichtig." Diese Art
von Spizbuben kenn ich, die unter dieser Aufrichtigkeit oft mehr
Arglist und schlimmere Absichten verbergen, als zwanzig solcher
seidenen untertauchenden Hofschranzen, die so subtil in Ausdehnung
ihrer Pflichten sind.

Kent.
Mylord, in vollem Ernst, und nach der lautersten Wahrheit, unter
der Nachsicht euers grossen Aspects, dessen Einfluß, gleich der
Crone von stralendem Feuer auf der wallenden Stirne des Phöbus--

Cornwall.
Was willt du mit diesem Galimathias?

Kent.
Eine Sprache fahren lassen, die ihr so übel empfehlet: Ich weiß,
Mylord, daß ich kein Schmeichler bin; der, der euch in einer ganz
platten Sprache betrogen hat, ist ein platter Spizbube, welches ich
nicht seyn will, wenn ich mir gleich dadurch euern Unwillen
zuziehen sollte.

Cornwall (zum Hofmeister).
Was habt ihr ihm denn zu Leide gethan?

Hofmeister.
Nicht das mindeste, Mylord.  Es gefiel dem König seinem Herrn,
unlängst mich wegen eines Mißverstands zu schlagen; sogleich nahm
er sich der Sache an, um dem Unwillen seines Herrn zu schmeicheln,
unterschlug mir ein Bein, verspottete und beschimpfte mich, da ich
zu Boden lag, und wurde von dem König gelobt, daß er einen Mann
anfiel, der aus Respect sich nicht zu wehren begehrte; und von
dieser dapfern That aufgemuntert, zog er hier wieder gegen mich.

Kent.
Es ist keiner von diesen Schlingeln und Memmen, der nicht den Ajax
zu seinem Muster mache.

Cornwall.
Schafft Fuß-Stöke herbey.  Du starrköpfiger alter Schurke, du
ehrwürdiger Großsprecher, wir wollen dich lehren--


Kent.
Herr, ich bin zu alt zum lernen; fodert eure Fuß-Stöke nicht für
mich; ich diene dem König; ihr würdet wenig Ehrerbietung und eine
zu verwegne Bosheit gegen die höchste Person meines Herrn verrathen,
wenn ihr seinen Abgeordneten in den Stok legen würdet.

Cornwall.
Fuß-Stöke herbey!  So wahr ich Leben und Ehre habe, er soll darinn
sizen bis Mittag.

Regan.
Bis Mittag!  Bis Nacht, Mylord, und alle übrige Nächte dazu.

Kent.
Wie, Madame, wenn ich euers Vaters Hund wäre, ihr könntet mir nicht
so begegnen!

Regan.
Sir, weil ihr meines Vaters Spizbube seyd, so will ich.

Cornwall.
Das ist ein Bursche von eben der Gattung, wovon unsre Schwester
spricht.  Kommt, bringt die Fuß-Stöke.

Gloster.
Euer Gnaden lassen sich erbitten, es nicht zu thun.  Sein Vergehen
ist groß, und der gute König, sein Herr, wird ihn deswegen
bestraffen; die Straffe, die ihr vorhabet, ist von einer Art, daß
nur die schlechteste und niedrigste Art von Elenden, wegen
Mausereyen und dergleichen pöbelhaften Unfugen, damit bestraft
werden.  Der König muß es übel nehmen, daß er in seinem
Abgeschikten so schlecht geachtet würde--

Cornwall.
Ich will das verantworten.

Regan.
Meine Schwester kan es noch weit übler nehmen, daß ihr Edelmann
wegen Ausrichtung ihrer Befehle so mißhandelt werden soll--Legt
seine Beine hinein.

(Kent wird in den Stok gelegt.)

Kommt, Mylord, wir wollen gehen.

(Regan und Cornwall gehen ab.)



Siebender Auftritt.


Gloster.
Ich bin deinetwegen bekümmert, guter Freund; aber es ist des
Herzogs Wille so, der, wie alle Welt weiß, sich keinen Einhalt thun
läßt.  Ich will für dich bitten.

Kent.
Ich bitte euch, thut es nicht, Sir.  Ich habe lange gewacht und
gewandert; einen Theil der Zeit kan ich ausschlaffen, und den
übrigen will ich verpfeiffen.  Eines ehrlichen Manns Glük kan
endlich müde Füsse kriegen.  Ich wünsche euch einen guten Morgen.

Gloster.
Der Herzog ist hierinn zu tadeln; es wird übel aufgenommen werden.

(Geht ab.)

Kent.
Du guter König must izt das alte Sprüchwort erfahren: Du kommst aus
des Himmels Segen in die warme Sonne.  Komm näher, du Signal-Feuer
für diese Unterwelt, damit ich bey deinen hülfreichen Stralen
diesen Brief durchlesen könne:

(indem er den Mond ansieht)

Niemand sieht mehr Wunder als der Elende--Ich kenne ihn, er ist
von Cordelia, die höchstglüklicher Weise von meinem verdunkelten
Lauf benachrichtiget worden.  Ich werde in diesem ungebührlichen
Zustand Zeit finden, darauf zu denken, wie unser Verlust ersezt
werden könne; ihr müden und ausgemachten Augen, bedient euch des
Vortheils, diese schändliche Wohnung nicht zu sehen.  Gute Nacht,
Glük; lächle noch einmal, dann dreh' dein Rad.

(Er entschläft.)

(Die Scene verwandelt sich in einen Wald.)

(Edgar tritt auf.)

Edgar.
Ich habe mich selbst ausruffen gehört, und bin, Dank sey einer
glüklichen Höle in einem Baum, der Jagd entgangen.  Kein Seehaven
ist frey, kein Ort, wo nicht Wachen und ungewöhnliche
Aufmerksamkeit auf meine Ertappung warten.  Da ich nicht entrinnen
kan, will ich mir auf eine andre Art helfen, und bin entschlossen,
die niedrigste und armseligste Gestalt anzunehmen, die nur immer
die Dürftigkeit ersinnen kan, den verachteten Menschen näher zum
Vieh herab zu sezen.  Mein Gesicht will ich mit Schmuz entstellen,
meine Lenden mit Binden umwikeln, mein Haar in Knoten schlingen,
und mit dargebotner Naktheit, den Winden und den Verfolgungen des
Wetters Troz bieten.  Die Dörfer zeigen mir ein Muster an den
Tollhaus-Bettlern, die mit heulenden Stimmen, in ihre gefühllose,
abgestorbene, nakte Arme, Nädeln, hölzerne Pfriemen, Nägel und
Rosmarin-Zweige schlagen, und in diesem entsezlichen Aufzug, vor
kleinen Pacht-Höfen, armen Bauerhütten, Schaaf-Hürden und Mühlen,
bald durch mondsüchtige Flüche, bald durch Gebete, der
Mildthätigkeit der Leute Gewalt anthun.  Armer Turlupin*!  Armer
Tom!  Das ist izt etwas--als Edgar bin ich nichts.

{ed.-* Im vierzehnten Jahrhundert entstand eine Art von Zigäunern,
Turlupins genannt, eine Brüderschaft von nakenden Bettlern die in
Europa auf und ab lieffen; dem ungeachtet hat die Römische Kirche
sie mit dem Kezer-Namen beehrt, und würklich einige von ihnen zu
Paris verbrannt.  Was sie aber für eine Art von Religionisten
gewesen, sehen wir aus Genebrards Nachricht von ihnen, (Turelupini
Cynicorum sectam suscitantes, de nuditate pudendorum & publico
coitu.) In der That nichts anders, als eine Art Tollhaus-Narren.
Warbürton.}



{ed.-Bei Wieland folgt, wie schon in der englischen Ausgabe von
Warburton, der neunte Auftritt auf den siebenten.}



Neunter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich wieder in des Grafen von Gloster Schloß.)
(Lear, Narr, und ein Ritter.)


Lear.
Das ist wunderlich, daß sie von Hause abreisen, ohne mir meinen
Boten zurük zu schiken.

Ritter.
So viel ich erfahren habe, war die Nacht vorher noch kein Gedanke
an diese Entfernung.

Kent.
Heil dir, mein edler Meister!

Lear.
Ha!  machst du deine Schmach zu deinem Zeitvertreib?

Kent.
Nein, Mylord.

Narr.
Ha, ha!  er trägt verzweifelte Kniebänder; Pferde werden am Kopf
gebunden, Hunde und Bären am Hals, Affen um die Lenden, und
Menschen an den Beinen; wenn ein Mann gar zu lustig auf den Beinen
ist, so trägt er hölzerne Unterstöke.

Lear.
Wer ist der, der deinen Plaz so sehr mißkennt, dich hieher zu sezen?

Kent.
Es ist Er und Sie, euer Sohn und eure Tochter.

Lear.
Nein.

Kent.
Ja.

Lear.
Nein, sag ich.

Kent.
Ich sage, Ja.

Lear.
Beym Jupiter, schwör ich, Nein!

Kent.
Bey Juno, schwör ich, Ja.

Lear.
Das hätten sie sich nicht unterstanden; sie konnten, sie wollten es
nicht thun; das ist ärger als Mord, die Ehrerbietung gegen mich so
gewaltthätig zu verlezen.  Sage mir, so schnell als möglich,
wodurch du eine solche Begegnung verdienen, oder was sie dazu
bringen konnte, dich so mißzuhandeln, da du von uns kamest?

Kent.
Mylord, als ich Ihnen in Ihrem Hause, Eurer Hoheit Briefe
überreichte, kam, eh ich noch vom Boden, wo mich die Ehrfurcht
knien hieß, aufgestanden war, ein rauchender Postillion an, der
ganz beschwizt und halb athemlos einen Gruß von Gonerill seiner
Gebieterin keuchte, und Briefe übergab, die sogleich, ohne auf die
meinige Acht zu haben, überlesen wurden; dem Inhalt derselben
zufolge, liessen sie sogleich ihre Leute aufbieten, die Pferde
fertig halten, befahlen mir ihnen zu folgen und zu warten, bis es
ihnen gelegen sey mir zu antworten, und gaben mir kalte Blike.  Da
ich nun hier den andern Boten antraf, dessen Willkomm (wie ich
merkte) den meinigen vergiftet hatte, und sah', daß es eben der
Gesell war, der sich lezthin so unartig gegen Eu.  Hoheit aufführte,
so zog ich, weil ich mehr Mannheit als Wiz bey mir hatte, den
Degen gegen ihn; er brachte mit seinem zaghaften Geschrey das Haus
in Bewegung, und euer Sohn und eure Tochter fanden dieses Vergehen
der Schmach würdig, die ich hier erdulde.

Lear.
O! wie schwillt diese Mutter zu meinem Herzen auf!  Herunter
(hysterica passio!) Du klimmender Kummer, dein Element ist unten;
wo ist diese Tochter?

Kent.
Bey dem Grafen, Mylord, hier drinnen.

Lear.
Folget mir nicht--bleibt hier zurük--

(Er geht ab.)

Ritter.
Verbrachet ihr sonst nichts, als was ihr da gesagt habet?

Kent.
Nichts.  Wie kömmts, daß der König in so kleiner Anzahl anlangt?

Narr.
Wenn du um dieser Frage willen in den Stok gesezt worden wärest, so
hättest du es wol verdient.

Kent.
Warum, Narr?

Narr.
Man muß dich zu einer Ameise in die Schule thun, zu lernen, daß man
im Winter nicht arbeitet.  Alle die ihrer Nase folgen, werden von
ihren Augen geleitet, die Blinden ausgenommen; und unter zwanzig
Nasen ist nicht eine die den nicht röche, der stinkt.  Wenn ein
grosses Rad einen Hügel herunter lauft, so laß es unaufgehalten,
oder es bricht dir den Hals, wenn du ihm nachlaufst; wenn es aber
aufwärts geht, so laß dich von ihm nachziehen.  Wenn ein weiser
Mann dir einen bessern Rath giebt, so gieb mir meinen wieder zurük;
ich möchte nicht, daß ihm jemand andrer folgte als ein Spizbube, da
ihn ein Narr giebt.



Zehnter Auftritt.
(Lear und Gloster treten auf.)


Lear.
Sie wollen nicht mit mir reden?  sie sind unpäßlich, sie sind müde,
sie haben die ganze Nacht durch gereißt?  Blosse Ausflüchte!
Anzeigen von Empörung und Abtrünnigkeit.  Bring mir eine bessre
Antwort--


Gloster.
Mein theurer Lord, Ihr kennet die feurige Gemüthsart des Herzogs!
Wie unbeweglich und fest er in seinen Entschliessungen ist--

Lear.
Rache!  Pest!  Tod!  Verderben!  feurig?  was feurige Gemüthsart?
Wie?  Gloster, ich will mit dem Herzog von Cornwall und seinem
Weibe reden.

Gloster.
Gut, Mylord, so habe ich sie berichtet.

Lear.
Sie berichtet?  Verstehst du mich, Mann?

Gloster.
Ja, mein Gnädiger Lord.

Lear.
Der König will mit Cornwallen reden, der Vater will mit seiner
Tochter reden; befiehlt ihr, ihm aufzuwarten--Sind sie dessen
berichtet?--Mein Athem!  Mein Blut!--Feurig?  der feurige Herzog?
Sagt dem heissen Herzog, ich--Nein!  izt noch nicht; es mag seyn,
daß er nicht wohl ist.  Krankheit verabsäumt immer alle Pflichten,
an die unsre Gesundheit gebunden ist; wir sind nicht wir selbst,
wenn die unterligende Natur der Seele mit dem Leib zu leiden
befiehlt.  Ich will Geduld haben; ich war zu hastig, die Laune
eines Kranken dem Gesunden zur Last zu legen.--Verwünscht sey mein
Zustand!--Aber wofür sollte er hier sizen?  Diese Handlung
überführt mich, daß ihre Entfernung von Hause nur ein Kunstgriff
ist.  Gebt mir meinen Diener los--Geht, sagt dem Herzog und seinem
Weib, ich wolle mit ihnen sprechen, izt gleich; sagt ihnen, sie
sollen kommen und mich anhören, oder ich will vor ihrer Kammerthüre
die Trommel schlagen lassen, bis sie schreyt, schlaft zu Tod.

Gloster.
Ich wollte, es wäre alles gut zwischen euch.

(Geht ab.)

Lear.
O! mein Herz, mein schwellendes Herz!  herunter!

Narr.
Schrey ihm zu, Nonkel, wie das Küchen-Mädchen den Älen, die sie
lebendig in die Pastete gethan hatte; sie schlug sie mit einem
Steken ernstlich auf die Nasen und schrie, zu Boden mit euch, ihr
Muthwilligen, zu Boden!  Es war ihr Bruder, der aus lauter
Gütigkeit gegen sein Pferd Butter an sein Heu that.



Eilfter Auftritt.
(Cornwall, Regan, Gloster und Bediente, zu den vorigen.)


Lear.
Ich wünsche euch beyden einen guten Morgen.

Cornwall.
Euer Gnaden sind willkommen.

(Kent wird losgemacht.)

Regan.
Ich bin erfreut Eu.  Hoheit zu sehen.

Lear.
Regan, ich denke, ihr seyd es, ich weiß die Ursachen warum ich es
denke; wenn du nicht erfreut wärest, ich wollte mich im Grab von
deiner Mutter als einer Ehebrecherin scheiden.
(Zu Kent.)
O! seid ihr frey?  Ein andermal hievon.  Geliebte Regan, deine
Schwester ist nichts: O Regan, sie hat ihre Undankbarkeit gleich
einem Geyer hier

(er zeigt auf sein Herz)

angefesselt, an meinem Herzen zu nagen.  Ich kan kaum mit dir
reden; du kanst nicht glauben, mit was für einer ausgearteten
Bosheit--o Regan! --

Regan.
Ich bitte euch, Mylord, habet Geduld; ich hoffe, ihr wisset weniger
ihren Werth zu schäzen, als sie ihre Pflicht zu vergessen.

Lear.
Sagst du?  Wie ist das?

Regan.
Ich kan nicht denken, meine Schwester sollte nur im mindesten ihre
Schuldigkeit beyseite sezen.  Wenn sie vielleicht die
Ausschweiffungen eurer Begleiter eingeschränkt hat, so geschah es
aus solch einem Grund, und zu einem so heilsamen Zwek, daß sie
gegen allem Tadel gesichert ist.

Lear.
Meine Flüche über sie! --

Regan.
O Sir, ihr seyd alt, die Natur steht bey euch auf der äussersten
Grenze ihres Gebiets.  Ihr solltet euch durch einen Verstand leiten
lassen, der besser zu unterscheiden wüßte was euch anständig ist,
als ihr selbst; ich bitte euch also, Mylord, kehret zu meiner
Schwester zurük, sagt, ihr habet ihr Unrecht gethan--

Lear.
Sie um Verzeihung zu bitten?  Merkt ihr auch, wie wol sich das
schiken wird?  Liebste Tochter, ich bekenne daß ich alt bin, Alter
ist unvermöglich, ich bitte dich auf meinen Knien, daß du mir
Kleider, Unterhalt und Bette zukommen lassen wollest.

Regan.
O Sir, nichts weiter; das sind Launen, die nicht auszustehen sind;
kehret ihr zu meiner Schwester zurük.

Lear.
Nimmermehr, Regan.  Sie hat mich um die Helfte meines Gefolgs
geschwächt, mich mit schwarzen Bliken angesehen, mich mit ihrer
Zunge, recht wie eine Natter, ins Herz gestochen.  Alle
aufgehäuften Raachen des Himmels fallen auf ihren undankbaren Kopf.
Schlaget, ihr anstekenden Lüfte, ihre jungen Beine mit Lahmheit--

Cornwall.
Pfui, Sir, Pfui!

Lear.
Ihr durchdringenden Blize, schiesset eure blendenden Flammen in
ihre hochmüthigen Augen!  Steket ihre Schönheit an ihr aus Sümpfen
gesaugte Nebel, von der mächtigen Sonn emporgezogen zu fallen, und
ihren Stolz zu versengen.

Regan.
O! ihr gütigen Götter!--So werdet ihr mir wünschen, wenn der
rasche Humor regiert.

Lear.
Nein, Regan, du sollt niemals meinen Fluch haben; deine zärtliche
Natur wird dich nicht in Härtigkeit ausarten lassen; ihre Augen
sind scharf; die deinen erquiken und brennen nicht.  Du bist nicht
fähig mir mein Vergnügen zu mißgönnen, mein Gefolg zu vermindern,
ein hastiges Wort übel auszulegen, mir an meinem Unterhalt
abzubrechen, und den Riegel gegen meine Ankunft zu stossen.  Du
kennst die Pflichten der Natur besser, das Band der Kindschaft, die
Geseze der Höflichkeit, und die Forderungen der Dankbarkeit.  Du
hast noch nicht vergessen, daß ich dir die Helfte meines
Königreichs geschenkt habe.

Regan.
Guter Sir, zur Hauptsache--

(Man hört Trompeten.)

Lear.
Wer legte meinen Mann in den Stok?  (Der Haushofmeister kommt.)

Cornwall.
Was für Trompeten sind das?

Regan.
Meiner Schwester, ohne Zweifel; ihr Brief sagt, daß sie bald hier
seyn wolle.  Ist eure Lady gekommen?

Lear.
Diß ist ein Sclave, dessen leicht-geborgter Hochmuth in der
wankelmüthigen Gnade seiner Gebieterin wohnt.  Fort, Schurke, aus
meinem Gesicht!

Cornwall.
Was meynten Euer Gnaden hiemit?



Zwölfter Auftritt.
(Gonerill tritt auf.)


Lear.
Wer legte meinen Diener in den Stok?  Regan, ich habe gute Hoffnung,
du wußtest nichts davon--Wer kömmt hier?  O ihr Himmel!  wenn ihr
alte Leute liebet, wenn eure sanfte väterliche Regierung den
Gehorsam heiliget, wenn ihr selbst alt seyd,* so macht meine Sache
zur eurigen, sendet herab und nehmet meine Partey!  Schämt euch
nicht, auf diesen eisgrauen Bart zu sehen--O Regan, du nimmst sie
bey der Hand?

{ed.-* König Lear deutet hier auf die alte heidnische Theologie,
welche lehrt, daß (Coelus) oder (Uranus) (der Himmel) von seinem
Sohn Saturnus abgesezt worden, der sich wider seinen alten Vater
auflehnte, und ihn durch Gewalt der Waffen austrieb.  Da sein Fall
demjenigen, worinn Lear sich befindet, so ähnlich war, so war es
natürlich, sich bey diesem Anlas an ihn zu wenden.}

Gonerill.
Und warum nicht bey der Hand, Sir?  Was hab ich gesündiget?  Nicht
alles ist Verbrechen, was Unbesonnenheit tadelt, und Aberwiz so
benennt.

Lear.
O! meine Seiten!  ihr seyd zu hart!  Könnt ihr noch halten?--Wie
kam mein Mann in den Stok?

Cornwall.
Ich ließ ihn hineinsezen, Sir; aber seine unordentliche Aufführung
verdiente eine noch geringere Beförderung.

Lear.
Ihr?  Ihr thatet es?

Regan.
Ich bitte euch, Vater, erkennet doch eure Schwäche--Wenn ihr bis
zum Verfluß ihres Monats mit meiner Schwester wieder umkehren, und
mit Abdankung der Helfte euers Gefolges, bey ihr wohnen wollet, so
kommet dann zu mir.  Izt bin ich nicht zu Hause, und nicht mit so
vielem versehen, als zu eurer Unterhaltung nöthig ist.

Lear.
Zu ihr zurük kehren, und fünfzig Mann abdanken?  Nein, eher will
ich allen Aufenthalt unter einem Dach abschwören, lieber gegen die
Anfälle der Luft kämpfen, und ein Geselle des Wolfs und der Eule
seyn; so grausam auch ein solcher Zustand ist--Mit ihr zurük
kehren?  Eben so leicht könnte ich dazu gebracht werden, vor den
Thron des feurigen Franzosen, der unsre Jüngste ohne Erbgut nahm,
niederzuknien, und wie ein armer Schildknappe um eine Ritterzehrung
zu betteln--Mit ihr zurük kehren?  Überrede mich lieber ein Sclav
und Karren-Gaul von diesem verfluchten Hofschranzen zu seyn. --

(Er deutet auf den Hofmeister.)

Gonerill.
Es steht in euerm Belieben, Sir.

Lear.
Ich bitte dich, Tochter, treib mich nicht zum Wahnwiz.  Ich will
dich nicht beunruhigen, mein Kind.  Lebe wohl!  Wir wollen nicht
mehr zusammen kommen, einander nicht mehr sehen.  Aber du bist doch
mein Fleisch, mein Blut, meine Tochter--oder vielmehr ein Schaden
der in meinem Fleisch ist, und den ich wider Willen mein nennen muß;
du bist ein Geschwär, eine Pestbeule, eine aufgeschwollene Blatter
in meinem vergifteten Blute.  Doch ich will dich nicht schelten.
Die Schaam mag kommen wenn sie will, ich ruffe ihr nicht; ich bitte
den Donnerer nicht, dich zu schlagen, und erzähle dem
allesrichtenden Jupiter keine Geschichten von dir: Bessre dich wenn
du kanst, und wenn es dir gelegen ist.  Ich kan Geduld haben, ich
kan bey Regan bleiben, ich und meine hundert Ritter.

Regan.
Nicht vollkommen so; ich habe izt nicht für euch gesorgt, ich bin
nicht darauf versehen, euch gehörig zu empfangen; gebt meiner
Schwester Gehör.  Leute die mit Passionen urtheilen, könnten sich
begnügen zu denken, ihr seyd alt, und so--Aber sie weiß, was sie
thut.

Lear.
Ist das wohl gesprochen?

Regan.
Ich darf es behaupten, Sir.  Was?  fünfzig Begleiter?  Ist es nicht
genug?  Wozu braucht ihr mehr?  Ja, wozu so viele?  Da beydes,
Überlast und Gefahr, gegen eine so grosse Anzahl reden.  Wie
könnten so viel Leute in einem Hause unter zweyerley Befehl Friede
halten?  Es ist schwer, es ist ganz unmöglich.

Gonerill.
Könntet Ihr, Mylord, dann nicht von unsern Bedienten zugleich
bedient werden?

Regan.
Warum nicht, Mylord--wenn sie alsdann etwann saumselig seyn sollten,
so könnten wir sie zur Gebühr weisen.  Wenn Ihr zu mir kommen
wollet, (denn nun merke ich, was die Sache auf sich hat,) so bitte
ich nicht mehr als fünf und zwanzig mitzubringen; denn ich werde
nicht mehr als fünf und zwanzigen Plaz und Versorgung geben.

Lear.
Ich gab euch alles--

Regan.
Und ihr gabet es zu rechter Zeit.

Lear.
Machte euch zu meinen Beschirmern, meinen Pflegern, mit dem
einzigen Vorbehalt einer solchen Anzahl; muß ich mit fünf und
zwanzig zu euch kommen?  Regan, sagtet ihr so?

Regan.
Und sag es noch einmal, Mylord, ich werde nicht mehr aufnehmen.

Lear.
Diese runzlichten Geschöpfe sehen doch noch ganz hübsch aus, wenn
sie neben andern stehen, die noch runzlichter sind.  Nicht der
schlimmste zu seyn, verdient einigen Grad von Lob;

(zu Gonerill)

ich will mit dir gehen, deine Fünfzig sind doch noch einmal so
viel als fünf und zwanzig, und du liebst mich um die Helfte nicht
so wenig als sie.

Gonerill.
Höret mich, Mylord, wozu braucht ihr fünf und zwanzig, zehen oder
fünf, euch in ein Haus zu folgen, wo zweymal so viel Befehl haben,
euch aufzuwarten?

Regan.
Wozu braucht ihr nur einen einzigen?

Lear.
O! philosophiert nicht über das was man nicht braucht, oder die
elendesten Bettler haben in ihrer grösten Dürftigkeit noch
Überfluß.  Gestehet der Natur nicht mehr zu, als die Natur bedarf,
so ist des Menschen Leben so wohlfeil als des Viehes.  Du bist eine
Lady; wenn warm gekleidet gehen schon Pracht ist, so wirf deine
Kleider weg, die Natur bedarf nicht was du zur Pracht trägst, da es
dich schwerlich warm halten kan; aber was die wahre Nothdurft
betrift--Ihr Himmel!  Gebt mir die Geduld die ich vonnöthen habe.
Ihr seht mich hier, ihr Götter, einen armen alten Mann, von Gram so
gedrükt als von Jahren: Wenn ihr es seyd, die dieser Töchter Herzen
wider ihren Vater empören--o so treibet euer grausames Spiel nicht
so weit, mich zahm wie einen Thoren dulden zu machen.  Rühret mich
mit edelm Zorn!  o laßt nicht weibische Waffen, Wassertropfen,
meine männliche Wange befleken!--Nein!  Ihr unnatürlichen Unholden,
ich will solche Raache an euch beyden nehmen, daß alle Welt--ich
will solche Dinge thun--die meine Seele sich selbst noch nicht
gestehen darf**--Dinge, worüber der Erdboden sich entsezen soll.--
Ihr denkt, ich soll weinen?  Nein, ich will nicht weinen--ob ich
gleich Ursache genug zum Weinen habe.--Eh soll diß Herz in tausend
Stüke brechen eh ich weinen will--O Narr, ich werde wahnsinnig
werden--

{ed.-**--(Nescio quid ferox Decrevit animus intus & nondum sibi
audet fateri.) (Seneca in Med.)}

(Lear, Gloster, Kent und Narr gehen ab.)



Dreyzehnter Auftritt.


Cornwall.
Wir wollen uns wegbegeben; es kömmt ein Ungewitter.

Regan.
Diß Haus ist klein, der alte Mann und seine Leute können nicht wol
darinn versorgt werden.

Gonerill.
Es ist seine eigne Schuld, daß er keine Ruhe hat; er mag die Folgen
seiner Thorheit kosten.

Regan.
Ihn für seine Person will ich mit Vergnügen aufnehmen, aber nicht
einen einzigen Begleiter.

Gonerill.
Das ist auch mein Vorsaz.  Wo ist Mylord von Gloster?  (Gloster
kömmt zurük.)

Cornwall.
Er begleitete den alten Mann--Hier kommt er wieder.

Gloster.
Der König ist in der äussersten Wuth, und will fort, ich weiß nicht
wohin.

Cornwall.
Das beste ist, ihm den Lauf zu lassen, den er selbst nimmt.

Gonerill (zu Gloster.)
Mylord, sprechet ihm auf keinerlei Art zu, daß er bleibe.

Gloster.
Aber, die Nacht bricht an, und die Winde stürmen entsezlich; auf
manche Meile herum ist kaum ein Busch--

Regan.
O Sir, eigensinnigen Leuten müssen die Übel die sie sich selbst
zuziehen, für Lehrmeister dienen.  Sperret eure Thüren zu; er hat
verzweifelte Leute bey sich; und die Klugheit befiehlt zu fürchten,
wozu sie ihn aufhezen könnten, da es so leicht ist, ihn zu
verführen.

Cornwall.
Verschließt eure Thüren, Mylord, es ist eine ungestüme Nacht.
Meine Regan räth wol; kommt, eh das Wetter angeht.

(Gehen ab.)



Dritter Aufzug.



Erster Auftritt.
(Eine Heyde.)
(Man hört einen Sturm mit Donner und Blizen.)
(Kent und ein Ritter treten von verschiedenen Seiten auf.)


Kent.
Wer geht hier in diesem schlimmen Wetter?

Ritter.
Einer dessen Gemüthsfassung diesem Wetter sehr ähnlich ist.

Kent.
Ich kenne euch; wo ist der König?

Ritter.
Mit den erzürnten Elementen kämpfend, befiehlt er den Winden die
Erde in die See zu wehen, oder die krausen Wellen über das feste
Land aufzuschwellen, damit die Welt eine neue Gestalt bekomme oder
aufhöre.  Er rauft seine weissen Haare, und bemüht sich in sich
selbst, in seiner innerlichen Welt, die streitenden Sturmwinde und
die berstenden Wolken zu überrasen.  In einer solchen Nacht, wo der
wüthende Hunger auch die wildesten Thiere nicht aus ihren Hölen zu
treiben vermochte, rennt er mit unbedektem Haupt hin und wieder,
und stößt seinen Grimm in Verwünschungen aus--

Kent.
Aber wer ist bey ihm?

Ritter.
Niemand als der Narr, der sich bemüht, ihn der Kränkungen, die sein
Herz zerreissen, durch seine Thorheiten vergessen zu machen.

Kent.
Sir, ich kenne euch, und wage es unter der Bürgschaft meiner euch
nicht unbekannten Gesinnungen, euch einen wichtigen Auftrag zu
machen.  Es ist Mißhelligkeit, ob sie gleich aus Staatslist noch
verborgen wird, zwischen den Herzogen von Albanien und Cornwall:
Sie haben Bediente, (und welche Grosse haben nicht solche?) die
unter dem Schein der Treue heimliche Kundschafter sind, und
Frankreich alles verrathen, was in unserm Staat vorgeht--die
Zänkereyen der Herzoge, oder die rauhe Art womit beyde dem guten
alten Könige begegnet sind, oder vielleicht etwas noch tiefferes,
wozu beydes nur die Vorbereitungen sind--was es auch seyn mag,
gewiß ist, daß ein Französisches Kriegsheer im Begriff steht in
dieses geschwächte Königreich einzufallen.  Unsre Nachlässigkeit
hat ihnen schon Zeit gelassen, sich in unsern besten Seehäfen
Anhänger zu machen, und sie werden nicht lange säumen, ihre
Feldzeichen öffentlich aufzusteken.  Wenn ihr nun anders auf meinen
Credit so viel wagen wollet, in Eile nach Dover abzugehen, so
werdet ihr Leute finden, die euch danken werden, wenn ihr ihnen
eine wahrhafte Nachricht gebet, über was für unnatürliche und
unsinnigmachende Beleidigungen der König zu klagen Ursach hat.  Ich
bin ein Edelmann von Stand und Bedeutung, und würde euch diesen
Dienst nicht auftragen, wenn ich nicht wißte, daß ich mich auf euch
verlassen kan.

Ritter.
Ich will weiter mit euch hievon reden.

Kent.
Nein, thut es nicht; zur Bestätigung daß ich weit mehr bin, als
meine Aussen-Seite, öffnet diesen Beutel und nehmt, was darinn ist.
Wenn ihr Cordelia sehen werdet, wie ihr nicht zweifeln dürft, so
zeigt ihr diesen Ring, und sie wird euch sagen wer der gute Freund
ist, den ihr izt nicht kennt.

Ritter.
Gebt mir euere Hand, habt ihr sonst nichts zu sagen?

Kent.
Wenig Worte, aber, der Würkung nach, mehr als alles bisherige.  Wir
wollen uns trennen, um den König zu suchen, und der erste der ihn
erblikt, soll dem andern ein Zeichen geben.

(Gehen ab.)



Zweyter Auftritt.
(Das Ungewitter daurt immer fort.)
(Lear und der Narr treten auf.)


Lear.
Blaset ihr Winde, und zersprengt eure Baken, wüthet, blaset!  Ihr
Wolkenbrüche und Orkane, speyet Wasser aus bis ihr unsre
Glokenthürme überschwemmt und ihre Hahnen ersäuft habet.  Ihr
schweflichten, meine Gedanken ausrichtenden Blize, senget mein
weisses Haupt; und du allerschütternder Donner, schlage die dike
Ründe der Welt platt, zerbrich die Form der Natur, und zerstüke auf
einmal alle die ursprünglichen Keime, woraus der undankbare Mensch
entsteht.

Narr.
O Nonkel, Hofweyhwasser in einem trocknen Haus ist besser als
Regenwasser vor der Thüre.  Guter Nonkel, hinein, und bitte deine
Töchter um ihren Segen; das ist eine Nacht, die weder mit
Gescheidten noch mit Narren Mitleiden hat.

Lear.
Brause und lärme nur so laut du kanst, spey Feuer, ströme Regen;
weder Regen noch Wind, Donner noch Blize sind meine Töchter; ich
beschuldige euch keiner Unfreundlichkeit, ihr Elemente; ich gab
euch keine Königreiche, ich nannte euch nie meine Kinder, ihr seyd
mir keinen Gehorsam schuldig.  So laßt denn euer entsezliches
Vergnügen fallen--Hier steh ich, euer Gegner, ein armer,
entkräfteter, schwacher, und verachteter alter Mann!  Und doch seyd
ihr nur knechtische Diener, die, in Verständniß mit zwo
verderblichen Töchtern eure donnernde Schlachtordnungen gegen einen
so alten und weissen Kopf aufführet--oh!  oh!  es ist
niederträchtig.

Narr.
Wer ein Haus hat, worein er seinen Kopfsteken kan, hat einen guten
Helm--Wer sein Herz zu seinem Zehen macht, wird über Hüner-Augen
schreyen und nicht schlaffen können; denn es ist noch nie kein
hübsches Mädchen gewesen, die nicht Gesichter in einen Spiegel
gemacht hätte.



Dritter Auftritt.
(Kent kommt zu ihnen.)


Lear.
Nein, ich will das Muster aller Geduld seyn, ich will nichts sagen.

Kent.
Wer ist hier?

Narr.
------------*

{ed.-* Der Narr sagt hier etwas so elendes, daß der Übersetzer sich
nicht überwinden kan, es herzusezen.  Der Leser darf versichert
seyn, daß man nichts verliehrt, wenn schon zuweilen Einfälle
weggelassen werden, deren Absicht bloß war, die Grundsuppe des
Londner-Pöbels zu König Jacobs Zeiten lachen zu machen.}

Kent.
Ach!  Sir, seyd ihr hier?  Geschöpfe die sonst die Nacht lieben,
lieben keine solche Nächte wie diese; der ergrimmte Himmel schrekt
sogar die nachtwandernden Gespenster in ihre Hölen zurük.  Seit ich
ein Mann bin, erinnere ich mich nicht solche Feuer-Güsse, solche
fürchterlich berstende Donner, ein solches Geheul und Geprassel von
Sturmwinden und Plazregen gehört zu haben.  Das ist mehr als die
menschliche Natur ausstehen kan.

Lear.
Izt mögen die grossen Götter, die dieses entsezliche Getöse über
unsern Häuptern machen, ihre Feinde aufsuchen.  Zittre, du
Unglükseliger, dessen unentdekte Verbrechen der Ruthe der
Gerechtigkeit entgangen sind!  Verbirg dich, du blutige Hand, du
Meineydiger, du blutschänderischer Heuchler der Tugend; zerfall in
Asche, Bösewicht, der unter dem Schein der Freundschaft nach dem
Leben eines Menschen getrachtet hat--Ihr geheimen verschlossenen
Sünden, öffnet euere verbergende Kammern, und bittet diese
fürchterlichen Aufforderer um Gnade--Ich bin ein Mensch, gegen den
mehr gesündiget worden, als er selbst gesündiget hat.

Kent.
O weh!  mit blossem Haupt!  Mein gütiger Lord, ganz nah an hier ist
eine Hütte; Irgend ein mitleidiges Geschöpf wird sie euch gegen das
Ungewitter leihen; ruhet dort aus, indeß daß ich in dieses harte
Haus (härter als der Fels auf dem es erbaut ist, weil sie nur eben
izt, da ich nach euch fragte, mir den Eingang versagten) zurük
kehre, und ihrer kargen Höflichkeit Gewalt anthue.

Lear.
Mein Kopf fangt an zu schwärmen--Komm mit, Junge.  Was machst du,
Junge?  frierst du?  Ich friere selbst.  Wo ist Stroh, guter
Freund?  Die Kunst der Nothwendigkeit ist wunderbar, daß sie die
schlechtesten Dinge kostbar machen kan.  Kommt, in eure Hütte!--
Armer Tropf!  Ich habe nur noch eine Faser von meinem Herzen übrig,
und die ist izt für dich bekümmert.

Narr
(singt ein kahles Liedlein.)

Lear.
In der That, mein guter Junge; komm, führ uns in die Hütte--

(Geht mit Kent ab.)

Narr.
Das ist eine hübsche Nacht ein verliebtes Weibsbild abzukühlen.
Ich will noch eine oder zwo Propheceyungen sagen, eh ich geh.  (Die
folgende Stelle ist im Original in Reimen.) "Wenn Priester reicher
an Worten als Gedanken sind, und Brauer ihr Malz mit Wasser
verderben; wenn Edelleute die Lehrmeister ihrer Schneider sind, und
anstatt der Kezer nur Hurenjäger verbrennt werden, dann kommt die
Zeit, wer sie erlebt, daß der Gebrauch seyn wird mit den Füssen zu
gehen.  Wenn ein jeder Rechtshandel gerecht seyn wird, kein
Edelmann voller Schulden, und kein Junker arm, wenn Verleumdungen
nicht in Zungen leben, und Beutelschneider sich in kein Gedränge
mischen, wenn Wucherer ihr Gold auf freyem Felde zählen, und
Kupplerinnen und H**n Kirchen bauen: Dann wird das Reich von Albion
in grosse Verwirrung gerathen"--Diese Propheceyung soll Merlin
machen, denn ich lebe vor seiner Zeit.

(Geht ab.)



Vierter Auftritt.
(Ein Zimmer in Glosters Schloß.)
(Gloster und Edmund.)


Gloster.
Edmund, diese unnatürliche Begegnung gefällt mir gar nicht.  Wie
ich sie um Erlaubniß bat, Mitleiden mit ihm zu haben, so nahmen sie
mir den Gebrauch meines eigenen Hauses, und verboten mir bey
Straffe einer ewigen Ungnade, weder mit ihm zu reden, noch für ihn
zu bitten, noch ihn auf irgend eine Weise zu unterstüzen.

Edmund.
Das ist ja ganz barbarisch und unnatürlich.

Gloster.
Geht hinein, aber sagt nichts.  Es ist Zwiespalt zwischen den
Herzogen, und noch etwas schlimmers als das; ich habe diese Nacht
einen Brief bekommen, es ist gefährlich davon zu reden, (ich habe
den Brief in mein Cabinet verschlossen.) Diese Beleidigungen die
der König duldet, werden gerochen werden; es ist schon ein Theil
der Macht auf den Beinen; wir müssen uns zum Könige schlagen; ich
will zu ihm sehen, und ihm heimlich Beystand thun; geht ihr, und
unterhaltet ein Gespräch mit dem Herzog, damit er nicht merke was
ich für den König thun werde; wenn er nach mir fragt, so bin ich
nicht wohl und zu Bette gegangen.  Und wenn ich deßhalb sterben
müßte, (wie mir dann nicht weniger gedräut ist,) so muß der König,
mein alter Herr Hülfe haben.  Es sind wunderliche Dinge auf dem
Tapet, Edmund, ich bitte euch, geht und seyd sorgfältig.

(Geht ab.)

Edmund (allein.)
Diese Großmuth soll mit deiner Erlaubniß der Herzog diesen
Augenblik erfahren, und den Brief dazu.  Das hat das Ansehen eines
wichtigen Verdiensts, und muß mir geben was mein Vater verliehrt;
nicht weniger als Alles.  Der Jüngere steigt, wenn der Alte fällt.

(Geht ab.)



Fünfter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich in einen Theil der Heyde mit einer
 Hütte.)
(Lear, Kent und Narr.)


Kent.
Hier ist der Ort, Mylord; mein gütiger Lord, gehet hinein.  Es ist
der Natur unmöglich, die Strenge dieser Nacht im freyen Feld
auszuhalten.

Lear.
Laßt mich allein.

Kent.
Mein gütiger Lord, gehet doch hinein.

Lear.
Wird es mein Herz brechen?

Kent.
Ich wollte lieber mein eignes brechen; ich bitte euch, Mylord,
kommet herein.

Lear.
Du denkst es sey zuviel, daß dieser wüthende Sturm uns bis auf die
Haut anfällt; für dich ist es so; aber wenn ein grösserer Schmerz
tobet, wird der geringere kaum gefühlt.  Du würdest dich vor einem
Bären entsezen; wenn aber deine Flucht gegen das heulende Meer läge,
würdest du dem Bären in den Rachen lauffen.  Wenn das Gemüth frey
ist, so ist der Leib zärtlich; der Sturm in meinem Gemüth nimmt
meinen Sinnen alles andre Gefühl, als was hier schlägt.

(Er zeigt auf sein Herz.)

Kindliche Undankbarkeit!  Ist es nicht als ob dieser Mund diese
Hand zerreissen wollte, weil sie ihm Speise gereicht habe?--Doch
ich will sie abstraffen; Nein, ich will nicht mehr weinen--In einer
solchen Nacht mich auszustossen--Schütte nur zu, ich will es leiden,
--In einer Nacht wie diese?  O Regan, Gonerill, euern alten guten
Vater, dessen ehrliches Herz alles gab--O auf diesem Wege ligt
Wahnwiz; ich muß ihn ausweichen--Nichts mehr hievon--

Kent.
Mein gütiger Lord, gehet doch hinein.

Lear.
Ich bitte dich, geh du selbst hinein, sieh wie du dir helfen kanst,--
dieser Sturm will mir nicht erlauben an Dinge zu denken, die mich
noch stärker angreiffen würden.--Aber ich will hinein gehen--hinein,
Junge, geh zuerst.  Ihr Dürftigen, die ihr izt ohne Dach seyd--Nun,
geh doch hinein; ich will beten und dann will ich schlafen--Arme
nakende Unglükselige, wo ihr auch seyd, der Wuth dieses
unbarmherzigen Sturms ausgesezt!  Wie sollen eure unbedekten
Häupter, und ausgehungerten Seiten, eure zerlumpte, durchlöcherte
Blösse euch gegen ein Wetter wie dieses ist schüzen?--O! ich habe
zu wenig hieran gedacht!--Nimm Arzney ein, Pracht!--Seze dich in
die Umstände zu fühlen was diese Elenden fühlen, damit du ihnen
deinen Überfluß zuwerffest, und die Gerechtigkeit des Himmels
gerettet werde.

Edgar (in der Hütte.)
Einen Faden und einen halben!  Einen Faden und einen halben!  Armer
Tom!

Narr (indem er aus der Hütte herausläuft.)
Geh nicht hinein, Nonkel, es ist ein Geist drinn; Hülfe, Hülfe!

Kent.
Gieb mir deine Hand; was ists?

Narr.
Ein Geist, ein Geist!  er sagt, er heisse der arme Tom.

Kent.
Wer bist du, der hier im Stroh winselt?  Hervor!



Sechster Auftritt.
(Die vorigen, Edgar in einen tollen Menschen verkleidet.)


Edgar.
Aus dem Wege, der böse Feind folgt mir.  Durch den scharfen Hagdorn
bläßt der kalte Wind.  Hans, geh in dein Bett und wärme dich.

Lear.
Gabst du deinen Töchtern Alles, daß du in diesen Zustand gekommen
bist?

Edgar.
Wer giebt dem armen Tom etwas?  den der böse Feind durch Feuer und
Flammen, durch Furthen und Strudel, durch Sumpf und Pfuhl geführt
hat; der Messer unter sein Küssen und Strike unter seinen Siz
gelegt hat; der Mäusgift in seine Suppe gethan, und ihn übermüthig
gemacht hat, auf einem braunrothen Gaul zu trotten, über vier
zollbreite Brüken seinem eignen Schatten als einem Verräther
nachzujagen--Gott behüte deine fünf Sinnen; Tom friert.  O da, di,
da, di, da, di,--Gott behüte dich vor Wirbel-Winden, bösen Sternen
und Gefangenschaft; gebt dem armen Tom etwas Almosen, den der böse
Feind plagt--Hier möcht ich ihn izt haben, und da, und wieder hier
und dort.

Lear.
Wie?  Haben seine Töchter ihn dahin gebrach t?  Konntest du nichts
davon bringen?  gabst du ihnen Alles?

Narr.
Nein, er behielt sich eine Windel vor, sonst wären wir alle
beschämt worden.

Lear.
Nun, alle die rächenden Plagen, die in der schwebenden Luft über
den menschlichen Übelthaten hangen, blizen auf deine Töchter!

Kent.
Er hat keine Töchter, Mylord.

Lear.
Tod!  Verräther, nichts könnte die Natur zu einer solchen
Erniedrigung heruntergebracht haben, als undankbare Töchter.  Ist
es erhört, daß ausgetriebene Väter so wenig Erbarmung gegen ihr
eigen Fleisch tragen sollten?  Wohlausgesonnene Straffe!  Dieses
Fleisch war es, das diese Pelican-Töchter zeugte.

Edgar.
Pillicok saß auf Pillicoks Stein; holla, holla, la, la!

Narr.
Diese kalte Nacht wird uns noch alle zu Narren und Wahnwizigen
machen.

Edgar.
Hüte dich vor dem bösen Feind, gehorche deinen Eltern, halte dein
Versprechen, fluche nicht, halte nicht zu mit eines andern
geschwornen Weibe, seze dein Herz nicht auf Pracht und Üppigkeit.
Tom friert!

Lear.
Wer bist du gewesen?

Edgar.
Ein Sclave, stolz von Herz und Sinn, der sein Haar kräuselte,
Handschuh auf dem Hut trug, der bösen Lust seiner Buhlschaft
frohnte, und das Werk der Finsterniß mit ihr trieb; so viel Schwüre
that, als Worte aussprach, und sie vor dem milden Antliz des
Himmels brach.  Einer der in unzüchtigen Gedanken einschlief, und
erwachte um sie auszuüben; den Wein liebt' ich tief, die Karten
früh, und bey den Weibern übertraf ich den Türken.  Falsch von
Herzen, leicht von Ohr, blutig von Hand, ein Schwein an
Unreinigkeit, ein Fuchs an Schelmerey, ein Wolf an Gefrässigkeit,
ein Hund an Tollheit, und ein Löwe an Räuberey.  Laß nicht das
Knarren der Schuhe, und das Rauschen der Seide dein armes Herz an
Weibsbilder verrathen.  Halt deinen Fuß zurük von Hurenhäusern,
deine Hand von Unterröken, deine Feder von den Zins-Büchern der
Wucherer, und troze dem bösen Feind.  Immer bläßt durch den Hagdorn
der kalte Wind; sagt, Sum, Mun, Nonny, Delphin, mein Junge, Junge,
Sessey, laß ihn antraben.

(Der Sturm daurt immer fort.)

Lear.
Besser du wärst in deinem Grab, als deinen unbedekten Kopf diesem
Unwetter entgegen zu stellen.--Ist der Mensch nichts mehr als das?
Betracht ihn recht!  Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, den
wilden Thieren keinen Pelz, dem Schaafe keine Wolle, der Bisam-Kaze
keinen guten Geruch.  Ha!  hier sind drey von uns solche Sophisten;
du bist das Ding selbst.  Der unaufgeschmükte Mensch ist nichts
mehr als ein solch armes, naktes, gabelförmiges Thier wie du bist.
Weg, weg, du geborgter Plunder, kommt, knöpft mich auf--

(Er reißt seine Kleider auf.)

Narr.
Ich bitte dich, Nonkel, sey ruhig; es ist keine hübsche Nacht zum
Schwimmen.  Ein kleines Feuer in einem Wald wäre izt gerade wie
eines alten Hurenjägers Herz, ein Fünkchen, und der ganze übrige
Leib kalt; sieh, hier kömmt ein feuriger Mann.

Edgar.
Es ist der böse Flibbertigibbet, er fängt an wenn die Nachtgloke
geläutet wird, und geht bis der Hahn kräht; er verursachet den
Staar, macht schielende Augen, und Hasen-Scharten, milthaut den
weissen Weizen, und stoßt die armen Geschöpfe auf der Erde.  Sanct
Withold u.s.w.*

{ed.-* Hier singt Edgar im Original etliche altenglische Reime,
davon ungefehr der Inhalt, daß Sanct Withold indem er bey Nacht
herumgespaziert, die Nachtfrau (Night-Mare) angetroffen, und
genöthiget habe, die Leute welche sie im Schlaf zu drüken pflegt,
in Ruhe zu lassen.  Diese Begebenheit ist aus der Legende dieses
Heiligen genommen, der deswegen als ein Schuzpatron wider den Alp
angeruffen zu werden verdiente, so wie diese Reime als eine Art
von Beschwörung wider die vermeynte Nachtfrau von dem gemeinen
Volke gebraucht wurden.



Siebender Auftritt.
(Gloster kömmt mit einer Fakel.)


Lear.
Wer ist der?

Kent.
Wer ist hier?  was sucht ihr?

Gloster.
Wer seyd ihr selbst?  wie heißt ihr?

Edgar.
Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Mauer-
Eidexe, und die Wasser-Eidexe, der in der Wuth seines Herzens, wenn
der böse Feind raset, Kühfladen für Salat ißt, alte Razen und todte
Hunde verschlukt, und den grünen Mantel des stehenden Sumpfes
trinkt, der von Haus zu Haus gepeitscht, in den Stok gesezt und
eingesperrt wird; der drey Kleider für seinen Rüken gehabt hat,
sechs Hemder für seinen Leib, ein Pferd zum reiten, und einen Degen
zum tragen;

Aber Razen und Mäuse und solche Waar,
Sind nun Tom's Speise seit sieben Jahr.

Gloster.
Wie, hat Eure Hoheit keine bessere Gesellschaft?

Edgar.
Der Fürst der Finsterniß ist ein Edelmann; er heißt Modo und Mahu.

Gloster.
Unser Fleisch und Blut, Mylord, ist so sehr verdorben, daß es die
hasset, die es gezeugt haben.

Edgar.
Tom friert!

Gloster.
Kommet mit mir, Mylord; meine Treue kan mir nicht zulassen, eurer
Töchter grausamen Befehlen in allem zu gehorchen.  Ob sie mir
gleich eingeschärft haben, meine Thüren zu verrigeln, und euch der
Willkuhr dieser tyrannischen Nacht zu überlassen, so hab ich es
doch gewagt euch aufzusuchen, um euch an einen Ort zu bringen, wo
Feuer und etwas zu essen bereit ist.

Lear.
Zuerst laßt mich mit diesem Philosophen reden; was ist die Ursache
vom Donner?

Kent.
Mein gütiger Lord, nehmet sein Erbieten an, geht in das Haus.

Lear.
Ich will ein Wort mit diesem gelehrten Thebaner hier reden: Was ist
euer Studium?

Edgar.
Dem bösen Feind auszuweichen, und Ungeziefer zu tödten.

Lear.
Laßt uns euch ein Wort in Geheim fragen.

Kent.
Sezt ihm stärker zu mit euch zu gehen, Mylord; sein Verstand fängt
an in Unordnung zu kommen.

Gloster.
Kanst du ihn tadeln?  Seine Töchter suchen seinen Tod.--Ach!  der
gute Kent!  Er sagte, so würd' es gehen; der arme verbannte Mann!
Du sagst, der König wird wahnsinnig; ich kan dir sagen, Freund, ich
bin selbst wahnsinnig; ich hatte einen Sohn, (denn izt ist er aus
meinem Herzen verbannet) er stand mir nach dem Leben, erst kürzlich,
ganz neuerlich; ich liebte ihn, Freund, kein Vater hat jemals
seinen Sohn mehr geliebt; dir die Wahrheit zu sagen, der Schmerz
hat meinen Verstand angegriffen.  Was für eine Nacht ist diß!--

(zu Lear.)

Ich bitte eure Hoheit--

Lear.
O, ich bitte euch um Vergebung, Sir.

(zu Edgar)

Edler Philosoph, eure Gesellschaft.

Edgar.
Tom friert.

Gloster.
Hinein, Bursche, in die Hütte; wärme dich.

Lear.
Kommt, wir wollen alle hinein.

Kent.
Diesen Weg, Mylord.

Lear.
Mit ihm; ich will immer bey meinem Philosophen bleiben.

Kent (zu Gloster.)
Mein gütiger Lord, seyd ihm zu Willen, laßt ihn den Burschen
mitnehmen.

Gloster.
Nehmt ihr ihn mit.

Kent.
Komm mit, Bursche, mit uns.

Lear.
Komm, du guter Athenienser.

Gloster.
Keine Worte, keine Worte, husch!

Edgar.
Kind Roland kam zum finstern Thurm etc.*

{ed.-* Der Name (Infant) wurde in den alten ritterlichen Zeiten denen
jungen Leuten von Stande gegeben, eh sie zu würklichen Rittern
geschlagen wurden.  Das was Edgar hier sagt, ist vermuthlich der
Anfang einer ins alte Englische übersezten Romanze, wo der
Übersezer das Wort (Infant) durch Kind gegeben.}

(Sie gehen ab.)



Achter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich in Glosters Schloß.)
(Cornwall.  Edmund.)


Cornwall.
Ich will Rache haben, eh ich dieses Haus verlasse.

Edmund.
Ich darf kaum daran denken, Mylord, was man urtheilen wird, daß ich
die Natur der Treue gegen euch Plaz machen heisse.

Cornwall.
Nun merke ich, daß es nicht bloß euers Bruders schlimme Gemüthsart
war, was ihn seinen Tod suchen machte.--Es war vielleicht ein zur
Rache gereiztes Verdienst, welches nicht ausstehen konnte, von
einem niederträchtigen Vater vernachlässigst zu werden.

Edmund.
Wie unglüklich ist mein Stern, daß ich bereuen muß gerecht zu seyn.
Hier ist der Brief, wovon er mir sagte; er entdekt ihn als einen
heimlichen Anhänger der Französischen Parthey.  O Himmel!  möchte
entweder diese Verrätherey nicht seyn, oder ich nicht der Entdeker!

Cornwall.
Folget mir zu der Herzogin.

Edmund.
Wenn der Inhalt dieses Papiers wahr ist, so habt ihr sehr viel zu
thun.

Cornwall.
Er mag wahr oder falsch seyn, so hat er dich zum Grafen von Gloster
gemacht.  Suche deinen Vater auf, damit seine Bestraffung vollzogen
werden könne.

Edmund (vor sich.)
Wenn ich finde daß er dem König Vorschub thut, so wird der Verdacht
desto stärker--

(laut.)

Ich will fortfahren euch die Treue zu beweisen, Mylord, die ich
meinem Oberherrn schuldig bin, so schmerzlich auch der Kampf
zwischen Schuldigkeit und Natur ist.

Cornwall.
Ich bin von deiner Treue überzeugt, und du sollt in meiner Liebe
einen theurern Vater finden.

(Sie gehen ab.)



Neunter Auftritt.
(Eine Stube in einem Meyer-Hofe.)
(Kent und Gloster treten auf.)


Gloster.
Hier ist es besser als unter freyem Himmel, nehmt es mit Dank an;
ich will besorgt seyn euch so viel Vorschub zu thun, als ich kan--
ich werde bald wieder bey euch seyn.

(Geht ab.)

Kent.
Alle Kräfte seines Verstandes haben seiner Ungeduld weichen müssen;
die Götter belohnen euer mitleidiges Herz.  (Lear, Edgar und Narr.)

Edgar.
Frateretto ruft mir und erzählt mir, Nero sey ein Angel-Fischer im
Pfuhl der Finsterniß.  Betet in Unschuld und hütet euch vor dem
bösen Feind.

Narr.
Sey so gut, Nonkel, und sag mir, ist ein wahnwiziger Mann ein
Edelmann oder ein Bauer?

Lear.
Ein König, ein König.

Narr.
Nein, er ist ein Bauer, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn das
ist ein wahnwiziger Bauer, der seinen Sohn für einen Edelmann
ansieht.

Lear*.
{ed.-* Hier folgen in der ersten Ausgabe etliche Reden im
tollhäusischen Geschmak, welche Shakespearevermuthlich selbst in
den folgenden weggelassen hat; und welche, wenn es auch möglich
wäre sie zu übersezen, den wenigsten Lesern dieser Mühe würdig
scheinen würden.  Die lezte, welche Lear sagt, ist die einzige, in
der man den Shakespearewieder erkennt.}

--Laßt sie Regan anatomiren--Seht, was in ihrem Herzen ausgebrütet
wird--Ist irgend eine Ursache in der Natur, die solche harte Herzen
macht?  Euch, Sir, unterhalt' ich für einen von meinen Hundert; nur
steht mir der Schnitt euerer Kleider nicht an; man sollte denken,
sie wären persianisch; aber laßt sie ändern.  (Gloster kommt zurük.)

Kent.
Nun, mein gütiger Lord, legt euch hier und ruhet eine Weile.

Lear.
Macht kein Getöse, macht kein Getöse, zieht die Vorhänge.  So, so,
wir wollen morgen früh zum Nacht-Essen gehen.

Narr.
Und ich will des Mittags zu Bette gehen.

Gloster.
Kommt hieher, Freund; wo ist der König, mein Herr?

Kent.
Hier, Sir, aber beunruhigt ihn nicht; sein Verstand ist dahin.

Gloster.
Guter Freund, ich bitte dich, nimm ihn in deine Arme; (ich habe
etwas von einem Anschlag wider sein Leben gehört;) es ist eine
Sänfte bereit, trag ihn hinein, und eile nach Dover, Freund, wo du
beydes, Aufnahm und Schuz, finden wirst.  Nimm deinen Herrn auf die
Schultern; wenn du nur eine halbe Stunde säumest, so ist sein Leben
und deines und eines jeden, der ihn vertheidigen wollte, unfehlbar
verlohren.  Fort, mache fort, nimm ihn auf deine Schultern, und
folge mir; ich will dir einen Wegweiser mitgeben--

Kent.
Die unterdrukte Natur schläft.  Diese Ruhe möchte ein Balsam für
deine verwundeten Sinnen gewesen seyn, die, wie ich besorge, ohne
eine günstige Veränderung der Umstände, unheilbar sind.  Komm,

(zum Narren)

hilf deinen Herrn hinweg tragen, du must nicht zurük bleiben.

Gloster.
Kommt, kommt, hinweg.

(Sie tragen den König fort.)

Edgar (bleibt allein.)
Wenn wir Bessere als wir sind mit unsern Übeln beladen sehen, so
vergessen wir beynahe unsers eignen Elends.  Wer allein leidet,
leidet am meisten am Gemüth, indem er mit Menschen umgeben ist, die
von seinen Übeln frey, durch den beleidigenden Anblik ihrer
Glükseligkeit seine Pein verdoppeln.  Wie leicht, wie erträglich
scheint mir mein Unglük zu seyn, da der König von gleichem Ungemach
gedrükt wird!  Er hat Kinder, wie ich einen Vater habe--Hinweg, Tom--
begegne diese Nacht was will, wenn nur der König unversehrt
entkömmt--

(Edgar geht ab.)



Zehnter Auftritt.
(Cornwall, Regan, Gonerill, Edmund und Bediente.)


Cornwall.
Eilet unverzüglich zu euerm Gemahl und zeigt ihm diesen Brief; die
französische Armee ist angeländet; sucht den Verräther Gloster.

Regan.
Laßt ihn auf der Stelle aufhängen.

Gonerill.
Reißt ihm die Augen aus.

Cornwall.
Überlasset ihn nur meinem Unwillen.  Edmund, leistet unsrer
Schwester Gesellschaft; die Rache die wir an euerm verräthrischen
Vater zu nehmen genöthiget sind, leidet eure Gegenwart nicht.
Überzeuget den Herzog zu dem ihr gehet, von der Nothwendigkeit
einer schleunigen Kriegs-Zurüstung--wir haben die gleiche
Obliegenheit; unsre Couriers sollen ein ununterbrochnes Verständniß
unter uns erhalten.  Lebet wohl, liebe Schwester; lebet wohl,
Mylord von Gloster.  (Der Haushofmeister kömmt.) Wie gehts?  wo ist
der König?

Hofmeister.
Mylord von Gloster hat ihn von hier hinweggebracht.  Fünf oder
sechs und dreissig von seinen Rittern, welche sehr hizig nach ihm
fragten, haben ihn vor der Pforte angetroffen, und sind nebst
einigen von des Lords Angehörigen mit ihm nach Dover abgegangen, wo
sie sich rühmen, wohlbewaffnete Freunde zu haben.

Cornwall.
Hohlet Pferde für eure Gebieterin.

Gonerill.
Lebet wohl, mein liebster Lord, und meine Schwester.

(Gonerill und Edmund gehen ab.)

Cornwall.
Edmund, lebe wohl--Geht, sucht den Verräther Gloster; bindet ihn
wie einen Dieb, und bringt ihn vor uns: Wir können ihm zwar ohne
die Förmlichkeiten der Justiz das Leben nicht nehmen; aber dennoch
soll unsre Macht unserm Zorn eine Gefälligkeit erweisen, welche die
Leute tadeln mögen ohne sie verhindern zu können.



Eilfter Auftritt.
(Gloster wird von einigen Bedienten hereingebracht.)


Cornwall.
Wer ist hier?  der Verräther?

Regan.
Der undankbare Fuchs!  Er ists.

Cornwall.
Bindet ihm seine hagern Arme fest zusammen.

Gloster.
Was meynen Euer Gnaden damit?  Meine guten Freunde, bedenket daß
ihr meine Gäste seyd; spielet mir keinen schlimmen Streich, Freunde.

Cornwall.
Bindet ihn, sag ich.

(Sie binden ihn.)

Regan.
Fester, fester!  du nichtswürdiger Verräther.

Gloster.
Unbarmherzige Lady, ich bin kein Verräther.

Cornwall.
An diesen Lehnstuhl bindet ihn.  Nichtswürdiger, du sollt finden--


Gloster.
Bey den mitleidigen Göttern, das ist höchst unwürdig gehandelt, mir
so den Bart auszurauffen.

Regan.
So weiß, und so ein Verräther!

Gloster.
Boshafte Lady, diese Haare, die du meinem Kinn raubest, werden
lebendig werden und dich anklagen; ich bin euer Wirth, ihr solltet
euch schämen, so mit räuberischen Händen mein gastfreundliches
Gesicht zu zerrauffen!  Was wollt ihr aus mir machen?

Cornwall.
Saget, Sir, was für Briefe hattet ihr lezthin aus Frankreich?

Regan.
Antwortet gerade zu, denn wir wissen die Wahrheit schon.

Cornwall.
Und was für ein Bündniß hattet ihr mit den Verräthern, die erst
kürzlich in dem Königreich angeländet sind?

Regan.
In wessen Hände schiktet ihr den mondsüchtigen König?  Redet!

Gloster.
Ich habe einen Brief, worinn von blossen Muthmassungen die Rede ist,
und der von jemanden kam, der neutral, und nicht von einer
feindlichen Parthey ist.

Cornwall.
Ausflüchte--

Regan.
Und falsch.

Cornwall.
Wo hast du den König hingeschikt?

Gloster.
Nach Dover.

Regan.
Warum nach Dover?  War dir nicht bey Gefahr deines Lebens verboten--

Cornwall.
Warum nach Dover?  Laßt ihn zuerst auf das antworten.

Gloster.
Ich bin an den Pfahl gebunden, und muß nun den Anfall aushalten.

Regan.
Warum nach Dover?

Gloster.
Weil ich nicht sehen wollte, daß deine grausamen Nägel seine alten
Augen auskrazten, noch daß deine grimmige Schwester ihre Bären-
Klauen in sein gesalbtes Fleisch einhakte.  Von einem solchen Sturm,
wie sein kahles Haupt in Hölle-schwarzer Nacht aushalten mußte,
hätte die kochende See bis an den Himmel aufbrausen, und die
gestirnten Feuer auslöschen mögen.  Und doch, das arme alte Herz!
half er dem Himmel regnen.  Hätten Wölfe in dieser entsezlichen
Nacht vor deinem Thor geheulet, du würdest dem Pförtner befohlen
haben, sie zu öffnen; die grausamsten Thiere wurden vor Schreken
mild--Aber ich werd es noch sehen, wie die geflügelte Rache solche
Kinder überfallen wird.

Cornwall.
Sehen sollt du es niemals.  Kerls, haltet den Stuhl; auf diese
deine Augen will ich meinen Fuß sezen.

(Gloster wird auf den Boden gelegt, und Cornwall tritt ihm das eine
von seinen Augen aus.)

Gloster.
Wer so lange zu leben gedenkt bis er alt wird, gebe mir einige
Hülfe--O grausam!  O! ihr Götter!

Regan.
Eine Seite möcht' es der andern vorrüken; das andere auch.

Cornwall.
Wenn ihr Rache sehet--

Ein Bedienter.
Haltet ein, Mylord, ich habe euch von meiner Kindheit an gedient,
aber keinen bessern Dienst hab ich euch nie gethan, als izt, da ich
euch bitte, einzuhalten.

Regan.
Was ist das, du Hund?

Bedienter.
Wenn ihr einen Bart an euerm Kinn trüget, so wollt' ich es mit euch
aufnehmen--

(indem er sieht, daß Cornwall den Degen gegen ihn zieht:)

Wie?  was habt ihr im Sinn?

Cornwall.
Nichtswürdiger Bube--

Bedienter.
Nun so kommt dann, weil ihr mich so herausfodert--

(Sie fechten, Cornwall wird verwundet.)

Regan.
Gieb mir dein Schwerdt--ein Sclave soll sich so auflehnen?

(Sie ersticht ihn.)

Bedienter.
O! ich bin erschlagen--Mylord, ihr habt noch ein Auge übrig, um
Unglük über ihm zu sehen--O! --

(Er stirbt.)

Cornwall.
Wir wollen ihm zuvorkommen; aus, nichtswürdige Sulz--

(Er tritt das andre Aug auch aus.)

Gloster.
Ganz finster und hülflos--Wo ist mein Sohn Edmund?  Edmund, fache
alle Funken der Natur an, diese greuliche That zu rächen.

Regan.
Hinaus, verräthrischer Hund!  du rufst einem, der dich verabscheuet;
Edmund war's, der uns deine Verräthereyen entdekte; er ist zu gut,
Mitleiden mit dir zu haben.

Gloster.
O meine Thorheiten!--So wurde Edgar fälschlich angeklagt!  Ihr
mitleidigen Götter, vergebet mir das, und segnet ihn!

Regan.
Geht, führt ihn vor das Thor hinaus, und laßt ihn seinen Weg nach
Dover durch den Geruch finden.

(Gloster wird weggeführt.)

Wie stehts, Mylord, wie seht ihr so übel aus?

Cornwall.
Ich habe einen Stoß bekommen; folget mir, Lady; Stosset diesen
auglosen Buben hinaus--werft diesen Sclaven auf den Mist--Regan,
ich verblute; dieser Stoß kommt sehr zur Unzeit--

Regan.
Gebt mir euern Arm--

(Sie gehen ab.)

1. Bedienter.
Wenn es diesem Mann wohl geht, so will ich mir um keines Bubenstüks
willen bange seyn lassen.

2. Bedienter.
Wenn Sie lange lebt, und am Ende so stirbt wie andre Leute, so
werden alle Weiber zu Ungeheuern werden.

1. Bedienter.
Wir wollen dem alten Grafen nachlaufen, und irgend einen Bettler
suchen, der ihn führe--

2. Bedienter.
Geh du, ich will etwas Flachs und Eyer-Weiß hohlen, es auf seine
blutenden Augen zu legen.  Nun, der Himmel helf ihm!

(Gehen ab.)



Vierter Aufzug.



Erster Auftritt.
(Ein freyes Feld.)


Edgar (tritt auf)
Immer besser so, und wissen daß man verachtet wird, als immer
verachtet und geschmeichelt werden.  Das ärmste, niedrigste,
verworrenste Geschöpf lebt immer in Hoffnung, und hat nichts zu
befürchten.  Klägliche Veränderungen treffen nur die Glüklichsten.
Wer nichts verliehren kan, kan immer lachen.  Willkommen dann, du
unkörperliche Luft, der Unglükliche, den du unter den Elendesten
hinunter geweht hast, ist deinen Stürmen nichts mehr schuldig.
(Gloster tritt auf, von einem alten Manne geführt.) Aber wer kommt
hier?  Mein Vater, von einem fremden Manne geführt?--Welt, Welt, o
Welt!--Und doch, wenn deine seltsamen Abwechslungen dich nicht
verhaßt machten, wo ist der Greiß welcher sterben wollte?

Der alte Mann.
O mein guter Lord, ich bin euer Pachter und euers Vaters Pachter
gewesen, diese achzig Jahre.

Gloster.
Gehe, gehe deinen Weg, guter Freund, geh, dein Beystand kan mir
nichts nüzen, und dir könnt' er schädlich seyn.

Der Alte.
Ihr könnt ja euern Weg nicht sehen.

Gloster.
Ich habe keinen Weg, und bedarf also keiner Augen; ich strauchelte,
da ich noch sah.  Wie wahr ist es, was uns die Erfahrung so oft
lehrt, unsre Mittelmässigkeit ist unsre Sicherheit, und selbst was
wir entbehren, beweißt, daß wir es nicht nöthig haben--O theurer
Sohn Edgar, unglüklicher Gegenstand des Zorns deines betrogenen
Vaters, möcht ich nur leben dich in meinen Armen zu fühlen, dann
wollt' ich sagen, ich habe wieder Augen.

Der Alte.
Wie?  wer ist der?

Edgar.
Ihr Götter, wer kan sagen, ich bin der Elendeste?  Ich bin elender
als ich jemals war.

Der Alte.
Es ist der arme tolle Tom.

Edgar.
Und doch kan ich noch elender werden; das Ärgste ist noch nicht,
so lang man noch sagen kan, das ist das Ärgste.

Der Alte.
Guter Freund, wo gehst du hin?

Gloster.
Ist es ein Bettelmann?

Der Alte.
Ein Thor und ein Bettler zugleich.

Gloster.
Er hat noch einige Vernunft, sonst könnt' er nicht betteln.  In dem
Sturm der lezten Nacht sah ich einen solchen Burschen, der mich
denken machte, der Mensch sey ein Wurm.  Mein Sohn kam mir dabey in
den Sinn; und doch war er damals fern von meinem Herzen.  Seitdem
hab ich mehr gehört.  Was Fliegen für muthwillige Knaben sind, sind
wir den Göttern; sie tödten uns zu ihrem Zeitvertreib.

Edgar.
Gott helf dir, Meister.

Gloster.
Ist das der nakende Bursche?

Der Alte.
Ja, Mylord.

Gloster.
Geh doch, oder wenn du mir zu lieb eine Meile oder zwoo uns nach
Dover zuvorlauffen willt, so thu es um der alten Liebe willen, und
bring etwas Kleidung für diese nakte Seele, die ich bitten will,
mich zu führen.

Der Alte.
Ach, Mylord, es ist wahnwizig.

Gloster.
Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwizige die Blinden führen; thu was
ich dir gesagt habe, oder vielmehr thu was du willst; alles
überlegt, geh deinen Weg.

Der Alte.
Ich will ihm den besten Anzug bringen, den ich habe; werde daraus
was will.

(Geht ab.)

Gloster.
Hieher, nakter Bursche.

Edgar.
Der arme Tom friert, ich kan es nicht länger verheelen.

Gloster.
Komm hieher, Bursche.

Edgar.
Und doch muß ich; Gott behüte deine lieben Augen, sie bluten.

Gloster.
Kennst du den Weg nach Dover?

Edgar.
Gatter und Zäune, Postweg und Fußsteg: Der arme Tom ist um seine
guten Sinnen gekommen.  Gott behüte dich vor dem bösen Feind, alter
Mann.  Fünf Feinde sind auf einmal in dem armen Tom gewesen;
Obidicut, der Hureteufel, Hobbididen, der Fürst der Taubheit; Mahu,
des Stehlens, Mohu, des Mordens, und Flibbertigibbet, der Grimassen-
Teufel, der seither die Kammer-Jungfern und Stuben-Mädchen besizt.*

{ed.-* Shakespeare läßt den Edgar in seinen phantastischen Reden
öfters auf eine niederträchtige Betrügerey etlicher Englischen
Jesuiten zielen, die um selbige Zeit in Gesellschaften Stoff zur
Unterredung gab, weil eben damals eine von dem nachmaligen
Erzbischof von York Dr. Harsenet mit grosser Kunst und Stärke
geschriebene Geschichte derselben zum Vorschein kam, unter dem
Titel: Entdekung merkwürdiger Papistischer Betrügereyen, um Ihrer
Majestät Unterthanen von ihrer Pflicht abzuziehen u.s.w. unter
dem Vorwand Teufel auszutreiben, gespielt von Edmunds sonst
Weston genannt, einem Jesuiten, und verschiedenen Römischen
Priestern, seinen boshaften Gesellen. 1603. Diese Jesuitische
Comödie wurde zur Zeit der berühmten Spanischen Armada gegen
England gespielt, und hatte zur Absicht, zu Beförderung des
Spanischen Vorhabens, Proselyten unter dem Pöbel zu machen.
Die vornehmste Scene war in der Familie eines Hrn. Edmund Pekham,
eines Catholiken, wo Marwood, ein Bedienter von Hrn. Anton
Babington, Trayford, ein Bedienter des Hrn. Pekham und drey
Kammer-Mädchen in diesem Hause für besessen ausgegeben, und von
gedachten Priestern in die Cur genommen wurden.  Die fünf
barbarischen Teufel, von denen Edgar spricht, sind eben die, von
denen ermeldte fünf dienstbare Personen besessen seyn sollten.
Auszug aus Warbürt.  Anmerk.}

Gloster.
Hier, nimm diesen Beutel, du den des Himmels Plagen allen Streichen
des Unglüks ausgesezt haben.  Daß ich elend bin, macht dich
glüklicher.  Theilet immer so, ihr Götter; Laßt den reichen, von
Überfluß und Wollust berauschten Mann, der euern Schiksalen Troz
bietet, und das Elend seiner Nebengeschöpfe nicht sehen kan, weil
er's nicht fühlt, laßt ihn schleunig eure Allmacht fühlen; so wird
Freygebigkeit den unmässigen Überfluß dämpfen, und ein jeder
Mensch genug haben.  Kennst du Dover?

Edgar.
Ja, Herr.

Gloster.
Es ist ein Hügel dort, dessen hoher und überhangender Gipfel
fürchterlich über die angrenzende Tieffe herabsieht.  Bring mich
auf die äusserste Spize desselben, und ich will dir etwas geben,
das deinem armseligen Zustand ein Ende machen wird; von dort aus
werd' ich keinen Führer mehr nöthig haben.

Edgar.
Gieb mir deinen Arm, der arme Tom soll dich führen.



Zweyter Auftritt.
(Des Herzogs von Albanien Palast.)
(Gonerill und Edmund.)


Gonerill.
Seyd willkommen, Mylord; mich wundert, daß mein sanftmüthiger Mann
uns nicht entgegen gegangen ist.  (Der Hofmeister kömmt.) Nun, wo
ist euer Herr?

Hofmeister.
Gnädige Frau, er ist drinnen; aber so verändert, daß es kaum
glaublich ist; ich sagte ihm, die Feinde seyen angeländet; er
lächelte dazu.  Ich sagte ihm, Euer Gnaden kommen wieder an; desto
schlimmer, war seine Antwort.  Als ich ihm von Glosters Verrätherey
und von der Treue seines Sohns Nachricht gab, nannte er mich einen
Dummkopf, und sagte mir, ich hätte die schlimme Seite herausgekehrt.
Was ihm am unangenehmsten seyn sollte, scheint ihm zu gefallen;
und was ihm gefallen sollte, beleidigt ihn.

Gonerill (zu Edmund.)
So sollt ihr nicht weiter gehen.  Es ist nichts, als die feige
Zaghaftigkeit seines Geistes, welcher nicht Muth genug hat etwas zu
unternehmen: Er wird keine Beleidigung fühlen, die ihn zu einer
Antwort nöthigte.  Auf diese Art können unsre Wünsche zur Erfüllung
kommen.  Zurük, Edmund, zu meinem Bruder; beschleunige dich, mustre
seine Völker und führe sie an.  Hier zu Hause muß ich die Waffen
wechseln, und meinem Manne die Spindel in die Hand geben.  Dieser
getreue Diener soll unser Verständniß unterhalten; ihr sollt in
kurzem von mir hören, wenn ihr Herz genug habt zu euerm eignen
Vortheil, den Befehl einer Geliebten zu wagen.  Traget diß

(sie giebt ihm ich weiß nicht was,)

sparet die Worte,

(leise)

drehet den Kopf ein wenig--Dieser Kuß, wenn er reden dürfte, würde
deine Lebensgeister in die Höhe treiben--Verstehe mich und lebe
wohl.

Edmund.
Der Eurige bis in den Tod.

Gonerill.
Mein allerliebstes Gloster.

(Edmund geht ab.)

Was für ein Unterscheid ist zwischen Mann und Mann!  Du verdienst
die Gunstbezeugungen einer Dame; mein Thor usurpiert meine Person.

Hofmeister.
Gnädige Frau, hier kömmt Mylord.  (Der Herzog von Albanien kömmt.)

Gonerill.
Bin ich nicht mehr werth gewesen, als meinem Bedienten zu pfeiffen,
wie ich ankam?

Albanien.
O, Gonerill, ihr seyd den Staub nicht werth, den euch der Wind ins
Gesicht bläßt.  Ich fürchte die Folgen eurer Gemüthsart; ein
Geschöpf das seinen Ursprung verachtet, kan sich nicht in seiner
eignen Natur erhalten; der Zweig, der sich selbst von seinem
väterlichen Stamm abreißt, muß verdorren, und zu einem tödtlichen
Gebrauch kommen.*

{ed.-* Eine Anspielung auf den Gebrauch, welchen, der Sage nach, die
Hexen und Zauberer von verdorreten Zweigen zu ihren Bezauberungen
machen sollen.  Warbürton.}

Gonerill.
Nichts mehr, welch ein närrisches Gewäsche!

Albanien.
Weisheit und Güte scheinen dem Nichtswürdigen verächtlich;
Tygerthiere, nicht Töchter, was habt ihr gethan?  Einen Vater,
einen höchstgütigen alten Mann habt ihr, auf eine höchst
barbarische, höchst unnatürliche Weise, zum Wahnwiz getrieben.
Konnte mein Bruder zulassen, daß ihr es thatet, ein Mann, ein Fürst,
der ihm soviel zu danken hatte?  Wahrlich, wenn die Himmel nicht
ungesäumt ihre sichtbar werdenden Geister herabsenden, so
schändliche Übelthaten zu straffen, so muß die Menschheit
nothwendig, gleich den Meer-Ungeheuern, sich selbst aufzehren.

Gonerill.
Du Milchleberichter Mann!  der eine Wange für Maulschellen und
einen Kopf für Beleidigungen trägt; der kein Auge hat, den
Unterschied zwischen deiner Ehre und deiner Beschimpfung zu sehen;
der nicht weiß, daß nur Thoren mit Bösewichtern Mitleiden haben,
wenn sie gestraft werden, eh sie ihre Übelthaten ausüben konnten.
Wo ist deine Trummel?  Frankreich spreitet seine Fahnen in unserm
ruhigen Land aus; in befiederten Helmen beginnst dein künftiger
Mörder seine Drohungen, während daß du, ein moralischer Narr, still
sizest und rufst: Ach!  warum thut er denn das? --

Albanien.
Sieh dich selbst, Teufel!  Seine ihm natürliche Häßlichkeit scheint
in einem Teufel nicht so abscheulich, als in einem Weibe.

Gonerill.
O eitler Thor!

Albanien.
Du verwandeltes, ausgeartetes Ding!  Schäme dich wenigstens, deine
Bildung mit so ungeheuern Gesinnungen zu schänden!  Wenn es sich
für mich schikte, diese Hände dem Trieb meines kochenden Blutes zu
überlassen, sie würden fertig genug seyn dein Fleisch von deinen
Knochen abzureissen--Ob du gleich ein Teufel bist, so schüzt dich
doch die Gestalt eines Weibes--

Gonerill.
Wahrhaftig, eine wolangebrachte Mannheit!  (Ein Bote kömmt.)

Bote.
O mein gnädigster Lord, der Herzog von Cornwall ist todt, von
seinem Bedienten erschlagen, da er im Begriff war, Glosters zweytes
Auge auszutreten.

Albanien.
Glosters Augen?

Bote.
Ein in seinem Haus erzogner Bedienter, von Reue durchbohrt,
widersezte sich der That, und zog sein Schwerdt gegen seinen Herrn,
welcher voll Wuth über eine solche Kühnheit, ihn auf der Stelle
tödtete, vorher aber eine Wunde bekam, die ihn nun das Leben
gekostet hat.

Albanien.
Diß zeigt, daß ihr dort oben nicht säumet, ihr himmlischen Richter,
diese unsre unter euern Augen begangne Verbrechen zu rächen.  Aber,
O! der arme Gloster!  Verlohr er das andre Aug auch?

Bote.
Beyde, beyde, Mylord.  Dieses Schreiben, Gnädigste Frau, fodert
eine schleunige Antwort; es ist von eurer Schwester.

Gonerill (vor sich.)
Von einer Seite gefällt mir diß ganz wol.  Und doch da sie izt
Wittwe, und mein Gloster bey ihr ist, so könnte leicht das ganze
Gebäude in meiner Phantasie über mein verhaßtes Leben einstürzen--
Auf einer andern Seite ist diese Neuigkeit nicht so reizend--Ich
will lesen und antworten.

(Geht ab.)

Albanien.
Wo war sein Sohn, als sie ihn seiner Augen beraubten?

Bote.
Er begleitete die Herzogin hieher.

Albanien.
Er ist nicht hier.

Bote.
Nein, Mylord, ich traf ihn unterwegs auf der Rükreise an.

Albanien.
Weiß er die schändliche That?

Bote.
Ja, Gnädigster Herr, er war es selbst der seinen Vater anklagte,
und er verließ das Haus, nur damit ihre Rache freyern Lauf hätte.

Albanien.
Gloster, ich lebe, dir für deine Liebe zu dem König zu danken, und
deine Augen zu rächen.  Komm mit mir, Freund, und sage mir was du
noch mehr weissest.

(Gehen ab.)



Dritter Auftritt.
(Dover.)
(Kent und ein Edelmann treten auf.)


Kent.
Der König von Frankreich so plözlich wieder umgekehrt!  Wißt ihr
die Ursache?

Edelmann.
Umstände, welche seine Abwesenheit in seinem Königreiche dem Staat
gefährlich machen, haben seine schleunige Rükreise nöthig gemacht.

Kent.
Wen hat er zum Feldherrn zurükgelassen?

Edelmann.
Den Marschall von Frankreich, Monsieur le Far.

Kent.
Brachten eure Briefe die Königin zu einiger Äusserung von
Bekümmerniß?

Edelmann.
Ja, Sir, sie nahm sie und laß sie in meiner Gegenwart, und zu
verschiednen malen rollte eine grosse Thräne über ihre sanften
Wangen; es schien, sie sey Königin über ihren Affect, der auf eine
ganz rebellische Weise König über sie zu seyn suchte.

Kent.
So rührte es sie also?

Edelmann.
Aber nicht zum Zorn.  Geduld und Schmerz stritten mit einander,
welches von beyden ihrem Gesicht den schönsten Ausdruk geben könnte;
ihr habt Sonnenschein und Regen zugleich gesehen--ihr Lächeln, und
ihre Thränen schienen wie ein nasser May.  Dieses anmuthsvolleste
Lächeln das um ihre reiffen Lippen spielt, schien nicht zu wissen,
was für Gäste in ihren Augen wären, die aus denselben wie Perlen
von Diamanten, herunter tröpfelten--Kurz, der Schmerz würde die
liebenswürdigste Sache von der Welt werden, wenn er allen so
anstünde wie ihr.

Kent.
Aber gab sie ihn nicht in Worten zu erkennen?

Edelmann.
Ein oder zweymal seufzte sie aus beklemmten, langsam emporathmender
Brust den Namen Vater hervor, rief zu verschiednen Malen--
Schwestern!  Schwestern!--Schandfleke euers Geschlechts!
Schwestern!  Kent!  Vater!  Schwestern!  wie?  Im Sturm?  in einer
solchen Nacht?  Laßt die Menschlichkeit es niemals glauben!--Hier
schüttelte sie das heilige Wasser aus ihren himmlischen Augen; und
in einer Bewegung, als ob es ihr unmöglich sey, den lautesten
Ausbruch des Schmerzens zurük zu halten, fuhr sie auf und eilte in
ihr Cabinet, ihrer Empfindung freyen Lauf zu lassen.

Kent.
Die Sterne sind's, die Sterne über uns, die unsre Zufälle bestimmen,
sonst könnte unmöglich eben dasselbige Paar so ungleiche Kinder
zeugen.  Sprach sie mit euch seit diesem?

Edelmann.
Nein.

Kent.
Geschah diß noch vor der Rükreise des Königs?

Edelmann.
Nein, erst hernach.

Kent.
Gut, Sir, der arme unglükliche Lear ist in der Stadt; in seinen
bessern Augenbliken erinnert er sich, warum wir hieher gekommen
sind, und dann will er sich schlechterdings nicht bereden lassen,
seine Tochter zu sehen.

Edelmann.
Warum, guter Sir?

Kent.
Eine demüthigende Schaam überwältigt ihn so; die Härte, mit der er
sie seines Segens beraubte, sie der Willkuhr fremder Zufälle
überließ, und ihre theuresten Rechte ihren hündischen Schwestern
zuwarf: Diese Dinge verwunden ihn mit so giftigen Stichen, daß
brennende Schaam ihn von seiner Cordelia zurük hält.

Edelmann.
Der arme alte Herr!

Kent.
Hörtet ihr nichts von Albaniens und Cornwalls Kriegs-Macht?

Edelmann.
Man sagt, sie sey auf den Beinen.

Kent.
Gut, Sir, ich will euch zu unserm Herrn führen, und ihn eurer
Sorgfalt überlassen.  Irgend eine wichtige Ursache wird mich eine
Weile verborgen halten.  Wenn ich euch recht bekannt seyn werde, so
wird es euch nicht gereuen, so genau mit mir bekannt worden zu seyn.
Ich bitte, kommt mit mir.

(Gehen ab.)



Vierter Auftritt.
(Ein Lager.)
(Cordelia, ein Medicus und Soldaten.)


Cordelia.
Ach!  es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von
Stürmen gepeitschte See; überlaut singend, mit rankichtem
Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lülch und allem
dem Unkraut bekränzt, das in unsern Kornfeldern wächßt.  Schiket
eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn
vor unsre Augen.  Was vermag die menschliche Weisheit seine
beraubten Sinnen wieder herzustellen?  Der, der ihm hilft, nehme
alles davor, was ich im Vermögen habe.

Medicus.
Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe;
diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Kräfte mancher
Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen
wird.

Cordelia.
Möchten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Kräfte der Erde, von
meinen Thränen begossen, hervorsprossen!--Wendet alles an, die
Krankheit des guten alten Mannes zu heben.--Suchet, suchet ihn auf,
eh seine unbezähmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dämpfen,
den Rest seines Lebens auflöset.  (Ein Bote kömmt.)

Bote.
Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Völker sind im Anzug hieher.

Cordelia.
Das wußten wir schon vorher; unsre Zurüstungen warten nur auf ihre
Ankunft.  O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher
gebracht hat; für dich haben meine Klagen, meine heissen Thränen
den grossen Fürsten von Frankreich erweicht; kein aufgeblähter
Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und
unsers alten Vaters Recht.  O wie verlangt mich ihn zu hören und zu
sehen!

(Gehen ab.)



Fünfter Auftritt.
(Regans Pallast.)
(Regan und der Hofmeister.)


Regan.
Sind meines Bruders Völker ausgerükt?

Hofmeister.
Ja, Gnädige Frau.

Regan.
Und er ist selbst in Person dabey?

Hofmeister.
Ja und noch jemand, der mehr zu bedeuten hat; eure Schwester ist
ein beßrer Soldat als er.

Regan.
Lord Edmund sprach nicht mit eurer Lady, da sie zu Hause angekommen?

Hofmeister.
Nein, Madame.

Regan.
Was mag meiner Schwester Brief an ihn zu sagen haben?

Hofmeister.
Ich weiß es nicht, Gnädige Frau.

Regan.
Er ist in wichtigen Geschäften von hier abgegangen.  Es war ein
grosser Unverstand, dem Gloster nur die Augen, und nicht auch das
Leben zu nehmen; wohin er kömmt, empört er alle Herzen wider uns.
Edmund, denke ich, ist gegangen, aus Mitleiden über seinen elenden
Zustand, seinem nächtlichen Leben ein Ende zu machen; und zugleich
die Stärke der Feinde zu erkundigen.

Hofmeister.
Ich muß ihn nothwendig aufsuchen, Gnädige Frau; um ihm meinen Brief
einzuhändigen.

Regan.
Unsere Truppen rüken morgen vor; bleibet bey uns; die Wege sind so
unsicher--

Hofmeister.
Ich darf nicht, Madame; Mylady gab mir dieses Geschäfte auf meine
Pflicht.

Regan.
Was konnte sie dem Edmund zu schreiben haben?  Konntet ihr ihr
Geschäfte nicht etwann mündlich ausrichten?--Vielleicht, etwas--ich
weiß nicht was--Du sollt alle meine Gunst haben--laß mich den Brief
öffnen.

Hofmeister.
Gnädige Frau, ich wollte lieber--

Regan.
Ich weiß, eure Lady liebt ihren Gemahl nicht; und bey ihrem lezten
Hierseyn, warf sie zärtliche Blike, sehr deutlich redende Blike auf
den edeln Edmund.  Ich weiß, ihr seyd ihr Vertrauter--

Hofmeister.
Ich, Gnädige Frau?

Regan.
Ich weiß was ich sage--ihr seyd's--ich weiß es; merkt euch also,
was ich euch izt sagen will.  Mein Gemahl ist todt; Edmund und ich
haben uns miteinander besprochen; er schikt sich besser für meine
Hand, als für eure Lady.  Das übrige könnt ihr selbst schliessen.
Wenn ihr ihn findet, so gebt ihm dieses, ich ersuche euch; und wenn
ihr eurer Lady diese Nachrichten bringt, ich bitte, so rathet ihr,
ihre Weisheit zurük zu ruffen.  Hiemit lebet wohl.  Wenn ihr etwann
von diesem blinden Verräther hören solltet, so wißt, daß der eine
reiche Belohnung zu erwarten hat, der ihm den Kopf abschneiden wird.

Hofmeister.
Ich wollte ich träfe ihn an, Madame, ich wollte bald zeigen, was
für eine Parthey ich halte.

Regan.
Lebet wohl.

(Gehen ab.)



Sechster Auftritt.
(Die Gegend um Dover.)
(Gloster, und Edgar als ein Bauer.)


Gloster.
Wenn kommen wir dann zu dem Hügel, wovon ich sagte?

Edgar.
Eben izt steigen wir hinauf.  Sehet, wie wir arbeiten.

Gloster.
Mich däucht, der Grund ist eben.

Edgar.
Entsezlich steil.  Horcht, hört ihr das Meer?

Gloster.
Nein, wahrhaftig.

Edgar.
Wie denn, so greift die Verderbniß eurer Augen auch eure übrigen
Sinnen an.

Gloster.
In der That es kan wol seyn.  Mich däucht, deine Stimme ist
verändert, und du sprichst bessere Sachen, und in bessern Ausdrüken
als zuvor.

Edgar.
Ihr irret euch sehr, ich bin in nichts verändert als in meinem
Anzug.

Gloster.
Ganz gewiß, du sprichst besser.

Edgar.
Folget mir, das ist der Ort--Stehet still.  Wie entsezlich und
schwindlicht ist es, die Augen in eine solche Tieffe herab zu
senken!  Die Krähen und Wasser-Raben die in der mittlern Luft
fliegen, scheinen kaum so groß als die Schröter; an der Mitte des
Felsen hängt einer, der Meerfenchel sucht, ein fürchterliches
Handwerk; mich dünkt, er ist nicht diker als sein Kopf.  Die
Fischer die am Ufer herum gehen, kommen mir vor wie Mäuse, jene
lange vor Anker ligende Barke nicht grösser als ihr Hahn, und ihr
Hahn so klein, daß ihn das Auge nicht mehr fassen kan.  Die
murmelnde Welle, die um die unzählbaren nakten Kieselsteine keift,
kan in dieser Höhe nicht mehr gehört werden.  Ich will nicht mehr
hinab schauen, sonst möchte das schwindelnde Hirn und das
gebrechende Gesicht mich überwälzend in die Tieffe hinab stürzen.

Gloster.
Stelle mich dahin, wo du stehest.

Edgar.
Gebt mir eure Hand; izt seyd ihr nur eines Fusses Breite von der
äussersten Spize entfernt; um alles was unter dem Mond ligt, wollte
ich hier keinen Sprung vorwärts thun.

Gloster.
Laß meine Hand gehen; Hier, Freund, ist noch ein andrer Beutel, und
in demselben ein Juweel, das wol werth ist von einem armen Mann
angenommen zu werden.  Götter und Feen mögen es dir gedeyhen lassen.
Geh du izt weiter, sag mir Lebewohl, und laß mich hören, daß du
gehst.

Edgar (stellt sich als geh er fort.)
Nun, so lebet wohl, mein guter Sir.

Gloster.
Ich danke dir.

Edgar (vor sich.)
Warum treibe ich dieses Spiel mit seiner Verzweiflung?  Meine
Absicht ist, sie zu heilen.

Gloster.
O! ihr mächtigen Götter, dieser Welt entsag' ich hiemit, und
schüttle vor euern Augen mein schweres Leiden geduldig ab.  Könnte
ich es länger tragen, ohne über euere grossen unwidersezlichen
Schlüsse zu murren, so wollt' ich, bis der schwache Docht meines
grauenvollen Lebens sich vollends ausgebrannt hätte--Wenn Edgar
lebet, o so segnet ihn!--Nun, Camerade, lebe wohl!

(Er thut einen Sprung, und fällt der Länge nach vor sich hin.)

Edgar (in einiger Entfernung, und vor sich.)
Guter Alter, lebe wohl!  Wäre er da gewesen, wo er zu seyn gedachte,
so hätte er izt aufgehört zu denken.

(Er nähert sich dem Gloster, und verändert seine Stimme.)

Lebendig oder todt?  He, hört ihr, guter Freund!  Sir!  Sir!
Redet!--So könnt' er sterben, in der That--Doch er lebt wieder auf.
Wer seyd ihr, Sir?

Gloster.
Hinweg, und laß mich sterben.

Edgar.
Wärst du gleich nichts anders gewesen als Spinneweben, Federn und
Luft, du würdest durch einen Fall von so vielen Klaftern wie ein Ey
zersplittert seyn: Aber du athmest, bist noch ganz und blutest
nicht.  Rede, bist du unverwundet?  Zehen auf einandergesezte
Mastbäume machen die Höhe noch nicht aus, die du senkelrecht
herunter gefallen bist.  Dein Leben ist ein Wunderwerk.  Rede doch!

Gloster.
Bin ich gefallen oder nicht?

Edgar.
Von dem fürchterlichen Gipfel dieses kreideweissen Felsens.  Schau
in die Höhe, die hellgurgelnde Lerche kan aus dieser Höhe weder
gesehen noch gehört werden; sieh nur auf!

Gloster.
Ach, ich habe keine Augen--Ist das äusserste Elend so gar der
Wohlthat beraubt, sich durch den Tod zu enden?  Es wäre doch
einiger Trost gewesen, wenn mein Jammer die Wuth des Tyrannen
betrügen, und seinen trozigen Willen hätte vereiteln können.

Edgar.
Gebt mir euern Arm.  Auf, so--wie ists?  Fühlt ihr eure Beine noch?
Ihr steht doch?

Gloster.
Nur allzuwohl, nur allzuwohl.

Edgar.
Diß übertrift alles Wunderbare.  Was für ein Ding war das, das auf
der Spize des Felsen von euch weggieng?

Gloster.
Ein armer unglüklicher Bettler.

Edgar.
Wie ich hier unten stand, däuchte mich, seine Augen wären zween
Vollmonde, er hatte tausend Nasen, krumme Hörner, und bäumte sich
auf wie die aufschwellende See; Es war irgend ein böser Geist.
Zweifle also nicht, du glüklicher alter Vater, daß die Götter, die
sich aus dem was Menschen unmöglich ist, eine Ehre machen dich
sichtbarlich errettet haben.

Gloster.
Izt erinnere ich mich einiger Umstände.  Künftig will ich mein
Elend tragen, bis es sich zu tode schreyt, genug, genug, und stirbt.
Ich hielt das Ding wovon ihr redet, für einen Menschen--öfters
rief es aus, der Feind, der böse Feind--Es führte mich an diesen
Ort.

Edgar.
Unterhaltet euch mit geduldigen Gedanken--



Siebender Auftritt.
(Lear, auf eine phantastische Art mit Blumen geziert, tritt auf.)


Edgar.
Aber wer kömmt hier?  Ein nüchterner Verstand wird seinen Besizer
nimmermehr so ausstaffieren.

Lear.
Nein, sie können mir des Münzens wegen nichts thun, ich bin der
König selbst.

Edgar.
O herzdurchbohrender Anblik!

Lear.
In diesem Stük ist die Natur über die Kunst.  Hier ist euer
Handgeld.  Dieser Bursche trägt seinen Bogen, wie ein Krähen-Mann;
spannt mir einen Ellen-Stab--Schaut, schaut, eine Maus.  Still,
still!--dieses Stükchen von geröstetem Käse wird es thun--Hier ist
mein eiserner Handschuh, ich will ihn gegen einen Riesen probieren.
Bringt die Pfeile her--O! wohl geflogen, Kiel!  Im Schwarzen, im
Schwarzen!--Hey da; Gebt das Wortzeichen.

Edgar.
Der liebliche Majoran.

Lear.
Passiert.

Gloster.
Ich kenne diese Stimme.

Lear.
Ha!  Gonerill!  ha, Regan!  Sie streichelten mich wie einen Hund,
und sagten mir, ich hätte weisse Haare in meinem Bart, eh noch die
schwarzen da waren.--Ja und Nein zu allem zu sagen, was ich sagte--
Ja und Nein, aber es war unächte Münze.  Wie der Regen kam und mich
durch und durch nezte, wie der Wind mich schaudern machte, und der
Donner auf meinen Befehl nicht schweigen wollte; da fand ich sie,
da spürt' ich sie aus.  Geht, geht, sie sind keine Leute die auf
ihr Wort halten; Sie sagten mir, ich sey alles; es ist eine Lüge,
ich halte die Fieber-Probe nicht.

Gloster.
Ich erinnere mich des Tons dieser Stimme.  Ist es nicht der König?

Lear.
Ja, jeden Zolls lang ein König.  Wenn ich sauer sehe, seht wie
meine Unterthanen zittern.  Ich schenke diesem Mann das Leben.  Was
war seine Sache?  Ehebruch?  du sollt nicht sterben!  wegen
Ehebruchs sterben?  Nein, der Zaunschlupfer thut es, und die kleine
vergüldete Fliege buhlet unter meinen Augen.  Laßt das Vermehrungs-
Werk gehen wie es will; denn Glosters Bastard war zärtlicher gegen
seinen Vater, als meine ehlichgezeugte Töchter.  Nur zu, Üppigkeit,
alles durcheinander, ich brauche Soldaten.  Sehet jene lächelnde
Matrone, deren Gesicht hinter ihren ausgebreiteten Fingern Schnee
weissagt, die so tugendhafte Grimassen macht, und vor dem blossen
Namen der Wollust den Kopf schüttelt.  Die Meer-Kaze und die
brünstige Stutte bringt keinen so heißhungrigen Appetit dazu; von
der Hüfte herab sind sie Centauren, obgleich von obenher ganz
weiblich: Bis zum Gürtel wohnen lauter Götter; weiter unten ist
alles mit Teufeln angefüllt.  Hier ist die Hölle, hier ist
Finsterniß, hier ist der brennende, siedende Schwefelpfuhl--pfuy,
pfuy!  Gieb mir eine Unze Zibeth, guter Apotheker, meine
Imagination zu versüssen; hier hast du Geld.

Gloster.
O! laß mich diese Hande küssen.

Lear.
Ich will sie vorher abwischen, sie hat einen Todten-Geruch.

Gloster.
O! zertrümmertes Meisterstük der Natur!  So wird einst diese
grosse Welt sich zu nichts abnüzen.  Kennest du mich?

Lear.
Ich erinnere mich deiner Augen ganz wohl; schielst du nach mir?
Nein?  du magst dein ärgstes thun, blinder Cupido, ich will nicht
lieben.  Ließ du diese Ausforderung, bemerke nur die Schrift davon.

Gloster.
Wären alle Buchstaben darinnen Sonnen, so könnte ich doch keinen
sehen.

Edgar.
Ich hab' es dem Bericht nicht glauben wollen, aber es ist, und mein
Herz bricht darüber in Stüke.

Lear.
Ließ.

Gloster.
Wie, mit diesen Augen-Dekeln?

Lear.
O ho, steht es so mit euch?  Keine Augen in euerm Kopf, und kein
Geld in euerm Beutel.  Eure Augen sind in einem schweren Zustand,
und euer Beutel in einem leichten; aber ihr seht, wie diese Welt
geht.

Gloster.
Ich seh es fühlend.

Lear.
Wie!  bist du wahnwizig?  Es kan jemand sehen wie diese Welt geht,
wenn er gleich keine Augen hat.  Sieh mit deinen Ohren; sieh wie
jener Richter jenen einfältigen Dieb ausschilt!  Verändre den Ort,
und die Hand auf, die Hand zu, sag mir einmal, wer ist der Richter,
wer ist der Dieb?  du hast gesehen, daß ein Pachtershund einen
Bettler anbellte?

Gloster.
Ja, Sir.

Lear.
Und der arme Tropf lief vor dem Hund?  Da hättest du das grosse
Sinnbild des Ansehens beobachten können; man gehorcht einem Hund,
wenn er sein Amt thut--Du ruchloser Büttel, halt deine Hand zurük!
Warum peitschest du diese Hure?  Streiche deinen eignen Rüken; du
keuchest vor viehischer Begierde sie eben dazu zu gebrauchen, wofür
du sie streichest.  Der Wucherer hängt den Spizbuben.  Durch
zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; Magistrats-Mäntel
und Pelz-Röke verbergen alles.  Deke die Sünde mit Gold und die
starke Lanze der Gerechtigkeit wird brechen, ohne sie verwunden zu
können.  Kleide sie in Lumpen, so ist eines Pygmäen Strohhalm
hinreichend sie zu durchbohren.  Niemand sündiget, niemand, sag ich,
niemand, nimm das von mir, mein Freund, niemand sündiget, wer die
Macht hat seines Anklägers Lippen zu versiegeln.  Kauf dir gläserne
Augen, und stelle dich, wie ein Stümper in der Politik, als ob du
Dinge sähest, die du nicht siehst.  Nun, nun, nun, zieht meine
Stifel ab, stärker, stärker, so.

Edgar.
O welch eine Mischung von Vernunft und Unsinn!

Lear.
Wenn du mein Unglük beweinen willst, so nimm meine Augen.  Ich
kenne dich ganz wol, dein Name ist Gloster.  Du weissest, in dem
ersten Augenblik da wir die Luft schmeken, winseln und weinen wir.
Ich will dir predigen, horch--

Gloster.
Ach, ach!  der Tag!

Lear.
Wenn wir gebohren sind, so weinen wir, daß wir auf diese grosse
Schaubühne von Thoren gekommen sind--Es ist ein guter Kloz!  Das
wär' ein feines Stratagema, einen Trupp Pferde mit Filz zu
beschuhen; ich will die Probe davon machen, und wenn ich denn diese
Tochtermänner überrascht haben werde, dann schlagt todt, schlagt
todt, schlagt todt, schlagt todt etc.



Achter Auftritt.
(Ein Edelmann, und sein Begleit.)


Edelmann.
O hier ist er, legt Hand an ihn.  Mylord, eure theureste Tochter--

Lear.
Keinen Entsaz?  wie, ein Gefangener?  Ich bin recht dazu gebohren,
der Narr des Glüks zu seyn.  Begegnet mir wohl, ihr sollt Lösegeld
haben.  Laßt mir Wundärzte kommen, ich bin bis ins Gehirn gehauen
worden.

Edelmann.
Ihr sollt alles haben--

Lear.
Keine Helfer?  Bin ichs allein?  Wie, das könnte aus einem Mann
einen Mann von Salz machen, der seine Augen für Garten-Sprengkrüge
brauchte, den Staub des Herbstes zu legen.  Ich will wie ein
tapfrer Mann sterben, wie ein schmuker Bräutigam.  Was?  Ich will
jovialisch seyn; Kommt, kommt, ich bin ein König.  Meine Herren,
Wissen Sie das?

Edelmann.
Ihr seyd ein König, und wir gehorchen euch.

Lear.
So schenk ich euch das Leben.  Kommt, wenn ihr es davon tragen
wollt, so müßt ihr lauffen.  Sa, sa, sa, sa.

(Er geht ab.)

Edelmann.
Ein Anblik der an dem niedrigsten Menschen erbärmlich, aber an
einem König über allen Ausdruk ist.  Du hast eine Tochter, welche
die Natur von dem allgemeinen Fluch befreyt, den zwo über sie
gebracht haben.

Edgar.
Heil euch, mein edler Herr.

Edelmann.
Sir, macht es kurz; was ist euer Begehren?

Edgar.
Hörtet ihr etwas von einem bevorstehenden Treffen, Sir?

Edelmann.
Das ist etwas unfehlbares, und landkündiges; das hört jedermann,
der einen Ton hören kan.

Edgar.
Aber mit eurer Erlaubniß, wie nähert sich die feindliche Armee?

Edelmann.
Sehr eilfertig; der völlige Bericht wird jede Stunde erwartet.

Edgar.
Ich danke euch, Sir; das ist alles, was ich wollte.

Edelmann.
Ob die Königin gleich einer besondern Ursache wegen hier, so ist
ihre Armee doch vorgerükt.

(Geht ab.)

Edgar.
Ich danke euch, Sir.

Gloster.
Ihr allgütigen Götter, nehmt meinen Athem von mir; laßt meine böse
Seele mich nicht noch einmal versuchen, zu sterben eh es euch
gefällt.

Edgar.
Ihr betet recht, Vater.

Gloster.
Nun, guter Sir, wer seyd ihr?

Edgar.
Ein sehr armer Mann, zu den Streichen des Glüks zahm gemacht, den
die Kenntniß und das Gefühl aller Arten von Elend gegen andre
mitleidig macht.

Gloster.
Herzlicher Dank!  die Güte und der Segen des Himmels vergelt es dir
--



Neunter Auftritt.
(Der Haushofmeister mit einem Brief.)


Hofmeister (indem er den Gloster gewahr wird.)
Eine öffentliche ausgeruffene Belohnung!  Das ist höchstglüklich.
Dieses dein augenloses Haupt ist dazu ausersehen, mein Glük zu
machen.  Alter, unglükseliger Verräther, befiehl deine Seele dem
Himmel, das Schwerdt ist gezogen, das dich tödten soll.

Gloster.
Laß nur deine freundschaftliche Hand Stärke genug dazu anwenden.

Hofmeister.
Woher, verwegner Bauer, darfst du dich unterstehen, einen
öffentlichen Verräther zu unterstüzen?  Hinweg, oder sein Schiksal
soll das deinige seyn.  Laß seinen Arm gehen.

Edgar.
Ick werd en nit gahn laaten, Herre, mit juhr Verlöf.

Hofmeister.
Laß ihn gehen, Sclave, oder du stirbst.

Edgar.
Myn leeve Heer, loopt mant uers Pades und latet arme Luite met
Freeden.  Wann ma vo Grootspreken stärve so wurd myn Leven um
viertein Täg nit so verjahet zyn als es is.  Komt mant den verjahet
Mann nit tau näh, seeg ick: taurück!  ick will jau verwarnt hebben,
oder ich well proeven, ob jue Bratspiet oder myn Steecken mehre
duret, ick wells ganz kort metju maaken.  Ick will euk jue Thäne
wyß maaken, komt Man, es brukt jue Finten kar nit.

(Er schlägt ihn zu Boden.)

Hofmeister.
Sclave, du hast mich erschlagen; Nimm meinen Beutel, und wenn du
willt, daß es dir jemals wohl gehen soll, so begrabe meinen Leib,
und gieb die Briefe die du bey mir findst Edmunden, Grafen von
Gloster: such ihn bey der Englischen Partey auf--O! unzeitiger Tod!

(Er stirbt.)

Edgar.
Ich kenne dich wol, ein dienstfertiger Spizbube, so pflichtvoll
gegen die Laster deiner Gebieterin, als Bosheit es nur immer
wünschen kan.

Gloster.
Wie, ist er todt?

Edgar.
Sezt euch nieder, Vater; ruhet aus.  Ich will sehen, was in seinen
Taschen ist; die Briefe von denen er spricht, mögen vielleicht
meine Freunde seyn: er ist todt; es verdrießt mich nur, daß er
keine Begleiter hat.  Laßt sehen--Mit eurer Erlaubniß, mein schönes
Sigel--die Höflichkeit kan uns nicht tadeln.  Wir reissen unsern
Feinden das Herz auf, um in ihr Herz zu sehen; ihre Briefe zu
erbrechen ist nicht so grausam.

(Er ließt den Brief.)

"Erinnert euch unsrer gegenseitigem Gelübde.  Ihr habt viele
Gelegenheiten, ihn aus dem Wege zu räumen; wenn es an euerm Willen
nicht fehlt, so werden sich Zeit und Ort von selbst anbieten.
Kommt er als Sieger zurük--so ist nichts gethan; dann bin ich die
Gefangene und sein Bette ist mein Kerker; befreyet mich von
desselben ekelhafter Wärme, und entsezet den Plaz zur Belohnung
eurer Mühe.  Eure (Gemahlin wünschte ich zu sagen) geneigte Dienerin
Gonerill." Welch ein veränderliches Ding ist ein Weib!  Ein
Anschlag wider ihres Mannes Leben, um meinen Bruder dafür
einzutauschen!  Hier, in diesem Sand will ich dir ein Grab
aufscharren, zum Denkmal für mörderische Hurenjäger, und, wenn es
Zeit seyn wird, dieses schnöde Blat vor die Augen des zum Tode
bestimmten Herzogs legen; es ist sein Glük, das ich ihm von deinem
Tod und von deiner Verrichtung Nachricht geben kan.

Gloster.
Der König ist wahnwizig.  Verwünscht sey die Härte meiner Sinnen,
und eine Vernunft, die mich nur für mein Elend fühlend macht!
Besser ich wäre verrükt, so würden doch meine Gedanken von meinen
Leiden entwöhnt, und Schmerzen durch seltsame Einbildungen die
Empfindung ihrer selbst verliehren.

Edgar.
Gebt mir eure Hand, mich dunkt ich höre von fern die Trummel rühren.
Kommt Vater, ich will euch zu einem Freund führen.

(Gehen ab.)



Zehnter Auftritt.
(Cordelia, Kent, ein Arzt.)


Cordelia.
O du redlicher Kent!  Wie kan ich lange genug leben, und bemüht
genug seyn, deine Güte zu erwiedern!

Kent.
Erkannt zu werden, Gnädigste Frau, ist überflüssig bezahlt; alles
was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder
mehr noch weniger, sondern so.

Cordelia.
Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bösen
Stunden; ich bitte, leget ihn ab.

Kent.
Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt
zu werden.  Ich bitte mirs zur Gnade aus, daß Sie mich nicht kennen,
bis Zeit und ich es rathsam finden.

Cordelia.
So sey es dann also, Mylord--

(zum Arzt)

Was macht der König?

Arzt.
Madame, er schläft noch.

Cordelia.
O! Ihr gütigen Götter, heilet diesen grossen Bruch in seiner
zerrütteten Natur!  O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne
dieses in ein Kind verwandelten Vaters!

Arzt.
Gefällt es Euer Majestät, daß wir den König weken?  Er hat lange
geschlafen.

Cordelia.
Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach
euerm eignen Gutdünken; ist er angezogen?

(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend
hereingetragen.)

Arzt.
Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische
Kleider an.  Bleiben Sie, Gnädigste Frau, wenn wir ihn weken; ich
zweifle nicht an seiner Mässigung.

Cordelia.
O! mein theurer Vater!  Möchte die Göttin der Gesundheit deine
Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kuß den stürmischen Gram
besänftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwürdigen Alter
verursacht haben.

Kent.
Zärtliche und theuerste Princessin!

Cordelia.
Wäret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hätten diese weissen
Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen.  War diß ein Gesicht, den
kämpfenden Winden ausgesezt zu werden?  Dem tiefbrüllenden
furchtbaren Donner entgegenzustehen?  Unter den entsezlichsten
Schlägen fliegender sich durchkreuzender Blize?  Wie ein armer
Verlohrner in diesem dünnen Helm zu wachen?  Meines ärgsten Feindes
Hund, wenn er mich gleich gebissen hätte, sollte in einer solchen
Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater,
warst genöthiget, in einer armseligen Hütte bey Schweinen und
verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu übernachten.
O Jammer!  Jammer!  Es ist ein Wunder, daß dein Leben sich nicht
zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat.  Ach!  er erwacht--
redet mit ihm--

Arzt.
Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten.

Cordelia.
Wie befindet sich mein Königlicher Herr?  wie steht es um Euer
Majestät?

Lear.
Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen;
du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden,
welches meine eignen Thränen gleich zerschmolznem Bley erhizen.

Cordelia.
Mylord, kennet ihr mich?

Lear.
Du bist ein Geist, ich weiß es; wenn starbest du?

Cordelia.
Immer, immer, noch weit--

Arzt.
Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein.

Lear.
Wo bin ich gewesen?  Wer bin ich?  Schönes Tageslicht!  Ich bin
übel zugerichtet--einen andern so zu sehen, könnte mich vor
Mitleiden sterben machen.  Ich weiß nicht was ich sagen soll; ich
wollte nicht schwören, daß dieses meine Hände sind; laßt sehen, ich
fühle diesen Nadelstich--Ich wollte, ich wäre gewiß was ich bin.

Cordelia.
O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen über mich
aus.  Nein, Mylord, ihr müßt nicht knien.

Lear.
Ich bitte euch, spottet meiner nicht.  Ich bin ein sehr thörichter
weichherziger alter Mann, achtzig und drüber, und, aufrichtig zu
seyn, ich fürchte, ich bin nicht bey meinem völligen Verstande.
Mich dünkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch
zweifle ich; denn ich weiß gar nicht was für ein Ort diß ist, und
so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein,
ich weiß nicht, wo ich in der lezten Nacht übernachtete.  Lacht
nicht über mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese
Dame ist mein Kind Cordelia.

Cordelia.
Und das bin ich, ich bins--

(weinend.)

Lear.
Sind eure Thränen naß?  Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch,
weinet nicht.  Wenn ihr Gift für mich habt, so will ichs trinken;
ich weiß ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich
mich erinnre, mir übel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht.

Cordelia.
Keine Ursache, keine Ursache.

Lear.
Bin ich in Frankreich?

Cordelia.
In euerm eignen Königreich, Mylord.

Lear.
Betrüget mich nicht.

Arzt.
Beruhigen Sie sich, Madame; die gröste Wuth hat, wie Sie sehen,
sich bey ihm gelegt.  Und doch wäre es gefährlich ihn an Sachen zu
erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen.  Bitten Sie ihn,
hinein zu gehen.  Beunruhigen Sie ihn nicht länger, bis er sich
besser erholt hat.

Cordelia.
Gefällt es Eurer Majestät nicht, sich eine Bewegung zu machen?

Lear.
Ihr müßt Geduld mit mir haben.  Nun, ich bitte euch, vergeßt und
vergebt; ich bin alt und albern.

(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.)

(Kent und der Edelmann bleiben.)

Edelmann.
Bestätiget es sich, daß der Herzog von Cornwall so ermordet worden?

Kent.
Ja, Sir, es ist gewiß.

Edelmann.
Wer ist der Anführer dieses feindlichen Heers?

Kent.
Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster.

Edelmann.
Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in
Deutschland befinden.

Kent.
Das Gerüchte ist unbeständig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht
des Königreichs rükt mit grossen Schritten uns entgegen.

Edelmann.
Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn--Lebet wohl, Sir.

(Geht ab.)

Kent.
Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder übel, je
nachdem die Sache ausfallen wird.

(ab.)



Fünfter Aufzug.



Erster Auftritt.
(Ein Lager.)
(Edmund, Regan, ein Edelmann und Soldaten.)


Edmund (zum Edelmann.)
Erkundiget euch, ob der Herzog bey seinem lezten Entschluß
verharret, oder ob er indeß sich durch irgend etwas bewegen lassen,
einen andern Weg einzuschlagen?  Er ist sehr wankelmüthig und
mißbilligt jeden Augenblik was er im vorigen beliebt hatte.  Bringt
uns seinen standhaften Willen.

(Der Edelmann geht ab.)

Regan.
Unsrer Schwester Mann ist ganz gewiß auf dem Wege, sich zu Grunde
zu richten.

Edmund.
Es ist möglich, Madame.

Regan.
Nun, mein angenehmster Lord; ihr kennet die Gewogenheit die ich für
euch habe.  Sagt mir aufrichtig, liebet ihr meine Schwester nicht?

Edmund.
Mit einer pflichtmässigen Liebe.

Regan.
Aber habt ihr niemals--*

{ed.-* Das Original ist hier kühner als die Übersetzung.  Shakespeare
läßt Regan fragen: (have you never found my brothers way to the
fore-fended place?)}

Edmund.
Nein, bey meiner Ehre, Madame.

Regan.
Ich werde sie nimmermehr leiden können; mein liebster Lord,
enthaltet euch aller Vertraulichkeit mit ihr.

Edmund.
Fürchten Sie nichts; sie und der Herzog, ihr Gemahl--
(Der Herzog von Albanien, Gonerill und Soldaten treten auf.)

Gonerill (für sich.)
Lieber wollt' ich die Schlacht verliehren als zugeben, daß diese
Schwester mich von ihm trenne.

Albanien.
Ich erfreue mich meine liebe Schwester, euch anzutreffen--Sir, der
König ist wie ich höre bey seiner Tochter angekommen, mit noch mehr
andern, welche die Strenge unsrer Maaßregeln genöthigt hat, eine
andre Partey zu nehmen.  Wo ich kein ehrlicher Mann seyn kan, bin
ich niemals tapfer.  Frankreich thut einen Einfall in unser Land,
in so ferne ist es billig ihn abzutreiben.  Aber er führt die Sache
des Königs und andrer, die, wie ich besorge, durch gerechte und
höchstwichtige Ursachen wider uns aufgebracht worden--

Edmund.
Mylord, Sie sprechen sehr edel.

Regan.
Was für eine Betrachtung ist das?

Gonerill.
Laßt uns gegen den Feind uns vereinigen; von diesen Familien- und
Privat-Händeln ist izt die Rede nicht.

Edmund.
Ich werde Eurer Gnaden sogleich in dero Zelt aufwarten.

Albanien.
Wir wollen uns daselbst mit unsern ältesten Kriegsmännern berathen,
was zu thun sey.

Regan.
Schwester, ihr geht ja mit uns?

Gonerill.
Nein.

Regan.
Das würde sich nicht wol schiken; ich bitte euch, geht mit uns.

Gonerill.
O ho, ich verstehe das Räzel, ich will gehen.



Zweyter Auftritt.
(Indem sie hinausgehen, tritt Edgar verkleidet auf.)


Edgar (zu Albanien.)
Wenn Euer Gnaden jemals mit einem so armen Mann gesprochen haben,
so hören Sie mich nur ein Wort.

Albanien (zu den übrigen.)
Ich werde euch wieder einholen--

(zu Edgar)

Rede!

(Edmund, Regan, Gonerill und Gefolge gehen ab.)

Edgar.
Ehe Sie das Treffen beginnen, eröffnen Sie diesen Brief.  Wenn der
Sieg auf Ihre Seite fällt, so lassen Sie durch den Schall der
Trompeten denjenigen auffodern, der ihn gebracht hat.  So armselig
ich scheine, so kan ich einen Ritter aufstellen, der beweisen soll,
was hier vorgegeben wird.  Verliehren Sie, so hat Ihr Geschäfte in
der Welt ohnehin ein Ende, und die Anschläge der Übelgesinnten
sind zu nichte.  Das Glük stehe Ihnen bey!

Albanien.
Verweile nur, bis ich den Brief gelesen habe.

Edgar.
Es ist mir verboten worden.  Wenn die Zeit es erfodert, so lassen
Sie nur den Herold rufen, und ich werde wieder sichtbar werden.

(Geht ab.)

Albanien.
So lebe wol; ich will das Papier übersehen.  (Edmund kommt zurük.)

Edmund.
Der Feind läßt sich sehen; lassen Sie Ihre Völker ausrüken, Mylord.
Seine eigentliche Stärke ist, aller gebrauchten Sorgfalt
ungeachtet, schwer zu entdeken.  Aber Ihre Gegenwart, Mylord, ist
izt das nöthigste.

Albanien.
Wir wollen der Zeit entgegen gehen.

(Geht ab.)



Dritter Auftritt.


Edmund.
Beyden Schwestern habe ich meine Liebe zugeschworen, jede ist auf
die andre so eifersüchtig als die Gestochenen über die Schlange.
Welche von beyden soll ich nehmen?  Beyde?  Eine?  oder keine von
beyden?  Keine kan genossen werden, wenn beyde beym Leben bleiben.
Nehme ich die Wittwe, so wird Gonerill bis zum Unsinn aufgebracht,
und so lange ihr Gemahl lebt, werd ich schwerlich meine Absicht
ausführen können.  Wohlan dann, wir bedörfen seines Ansehens bey
dem Treffen; ist dieses geendiget, so mag diejenige, die seiner los
seyn möchte, zusehen wie sie ihm beykommen kan.  Was die Gnade
betrift, die er gegen Lear und Cordelia im Sinn hat, wofern sie in
unsre Gewalt kommen, so sollen sie gewiß nichts davon sehen; denn
mein Interesse ist auszuparieren, nicht anzugreiffen.

(Geht ab.)



Vierter Auftritt.
(Ein Getümmel und Trompeten-Stoß hinter der Schaubühne.)
(Lear, Cordelia und Soldaten ziehen mit Trummeln und Fahnen über
 die Scene, und gehen wieder ab.)

(Edgar und Gloster treten auf.)


Edgar.
Hier, Vater, ruhet unter dieses Baumes wirthlichem Schatten aus,
und bittet für den Fortgang der gerechten Sache.  Ich komme gar
nicht wieder zurük, oder ich bringe euch eine tröstliche Zeitung
mit.

Gloster.
Gott steh euch bey, Sir.

(Edgar geht ab.)

(Trompeten-Schall, Gefecht und Flucht hinter der Bühne.)
Edgar tritt wieder auf.)

Edgar.
Laß uns fliehen, alter Mann; gieb mir deine Hand, laß uns fliehen.
König Lear hat verlohren, er und seine Tochter sind gefangen; Gieb
mir deine Hand, komm!

Gloster.
Nicht weiter, Sir; ich kan hier so gut verfaulen als an einem
andern Ort.

Edgar.
Wie?  schon wieder in schwermüthigen Gedanken?  Die Menschen müssen
bey ihrem Ausgang aus der Welt, wie bey ihrem Eintritt, die
natürliche Zeit erwarten; sie müssen zu beyden reif werden; kommet
mit.

Gloster.
Ihr habt würklich recht.

(Sie gehen ab.)



Fünfter Auftritt.
(Edmund zieht mit Lear, und Cordelia, als Gefangenen im Triumph
 auf.)


Edmund.
Einige Officiers können sie hinweg führen.  Bewachet sie genau, bis
uns der hohe Wille derjenigen, die über sie zu entscheiden haben,
bekannt seyn wird.

Cordelia.
Wir sind nicht die ersten, die sich mit der besten Absicht das
schlimmste Glük zugezogen haben.  Nur um deinetwillen, unterdrükter
König, bin ich niedergeschlagen.  Träfe unser Unglük mich allein,
ich würde ihm Troz bieten--Werden wir diese Töchter, und diese
Schwestern nicht zu sehen kriegen?

Lear.
Nein, nein, nein, nein!  komm, laß uns ins Gefängniß gehen; Wir
beyde allein wollen singen wie Vögel im Keficht: Wenn du mich um
meinen Segen bittest, will ich niederknien, und dich um deine
Verzeihung bitten.  So wollen wir leben, und beten und singen, und
uns alte Mährchen erzehlen, und über vergüldete Sommer-Fliegen
lachen, und armselige Schurken von Hofneuigkeiten reden hören, und
dann wollen wir mit ihnen schwazen, wer gewinnt, wer verliehrt, wer
drinnen ist, wer draussen, und so zuversichtlich von den geheimen
Angelegenheiten reden, als ob wir Gottes Kundschafter wären.  Und
so wollen wir in einen Kerker eingemaurt, die Banden und Secten der
Grossen überleben, die, gleich der Ebbe und Fluth, je nachdem das
Glük wächst oder abnimmt, sich zusammendrängen oder zurükfliessen.

Edmund.
Führt sie hinweg.

Lear.
Auf solche Opfer, meine Cordelia, möchten die Götter selbst
Weyhrauch herabstreuen.

(Er umarmt sie.)

Hab ich dich in meinen Armen?  Der uns trennen will, muß einen
Brand vom Himmel bringen, und uns wie Füchse von einander feuern.
Wische deine Augen; ehe soll der Aussaz ihnen das Fleisch von den
Knochen nagen, eh sie uns weinen machen sollen.  Wir wollen sie
eher verhungern sehen.

(Lear und Cordelia werden abgeführt.)

Edmund.
Tritt näher, Hauptmann, und höre.  Nimm dieses Papier; geh, folge
ihnen ins Gefängniß.  Ich habe dich erst um eine Stuffe befördert;
wenn du thust, was dich dieses anweißt, so machst du deinen Weg zu
einem glänzenden Glük.  Wisse, daß die Menschen sind wie die Zeit
ist; ein zärtliches Herz schikt sich nicht zu einem Degen an der
Seite--der wichtige Auftrag der dir gemacht wird, leidet keine
Einwürfe; versprich entweder, daß du es thun willt, oder suche dein
Glük auf einem anderen Wege.

Hauptmann.
Ich will es thun, Mylord.

Edmund.
So beschleunige dich, und schreibe mir in dem Augenblik da du es
gethan hast.  Merke daß ich sage, im gleichen Augenblik, und führe
die Sache aus, wie ich's aufgesezt habe.

(Der Hauptmann geht ab.)



Sechster Auftritt.
(Trompeten--Der Herzog von Albanien.)
(Gonerill, Regan und Soldaten treten auf.)


Albanien.
Sir, ihr habt an diesem Tage eure angestammte Tapferkeit bewiesen,
und das Glük hat euch wol geführt.  Ihr habt die Gefangenen, die in
dem Streit dieses Tages unsre Gegner waren; wir fodern sie von euch
zurük, um so mit ihnen zu verfahren, wie beydes ihr Verdienst und
unsre Sicherheit von uns erheischen wird.

Edmund.
Sir, ich hielt es für rathsam, den alten elenden König unter guter
Aufsicht, irgends in Verwahrung zu bringen, da sein hohes Alter,
und noch mehr sein Titel eine Zauberkraft in sich hat, die Herzen
des Volks auf seine Seiten zu ziehen, und unsre eingelegte Lanzen
in unsre eigne Augen zu stossen.  Ich schikte die Königin mit ihm;
meine Ursache ist eben dieselbe; sie sind aber bereit, morgen oder
zu einer andern Zeit, wenn ihr euer Gericht halten werdet, zu
erscheinen.  Izo schwizen und bluten wir; der Freund hat seinen
Freund verlohren, und die besten Händel werden in der ersten Hize
von denen verflucht, die ihre Schärfe fühlen.  Das Verhör der
Cordelia und ihres Vaters erfordert bessere Gelegenheit.

Albanien.
Sir, mit eurer Erlaubniß, ich hielt euch in diesem Krieg nur für
einen Unterthanen, nicht für einen Bruder.

Regan.
Und das ist die Ehre die wir ihm zugedacht haben.  Mich dünkt, ihr
hättet uns gar wol um unsre Gedanken fragen mögen, eh ihr euch so
weit herausgelassen hättet.  Er führte unsre Völker an, er war mit
dem Ansehen meines Plazes und meiner Person bekleidet, und diese
unmittelbare Vorstellung ist wol berechtiget aufzustehen und sich
euern Bruder zu nennen.

Gonerill.
Nicht so hizig; seine persönlichen Verdienste erhöhen ihn mehr als
eure Beförderung.

Regan.
In dem Recht womit ich ihn bekleidet, kan er die Besten seines
gleichen nennen.

Albanien.
Das wäre nicht weniger, als wenn er euch heurathen würde.

Regan.
Spötter werden oft Propheten.

Gonerill.
Holla, holla!  Das Auge das euch so berichtete, schielte ein wenig.

Regan.
Lady, ich befinde mich nicht wohl, sonst wollte ich euch aus
überfliessendem Herzen antworten.  Feldherr, nimm du meine
Kriegsleute, meine Gefangene, mein Erbgut, und mich selbst; schalte
damit nach deinem belieben!  Die ganze Welt sey Zeuge, daß ich dich
hier zu meinem Herrn und Meister ernenne.

Gonerill.
Bildet ihr euch ein, daß ihr ihn besizen werdet?

Albanien.
Die gröste Hinderniß ligt nicht in euerm guten Willen.

Edmund.
Noch in deinem, Lord.

Albanien.
Allerdings, du nichtswürdiger Bube.

Regan.
So laßt die Trummel schlagen, und beweisen, daß mein Recht das
deinige ist.

Albanien.
Haltet noch und höret: Edmund, ich bemächtige mich deiner Person
wegen Hochverraths, und zugleich mit dir, dieser vergoldeten
Schlange.  Was euern Anspruch betrift, schöne Schwester, so parire
ich ihn zu Gunsten meiner Gemahlin, die mit diesem Herrn bereits in
Tractaten begriffen ist.  Als ihr Ehmann widerspreche ich euerm
Ausruf; wenn ihr heurathen wollt, so bewerbet euch um mich, meine
Gemahlin ist schon bestellt.

Gonerill.
Ein Zwischenspiel--

Albanien.
Du bist bewafnet, Gloster; laß die Trompete blasen; wenn niemand
erscheint, deine schändliche, offenbare und manchfaltige
Verrätherey an deiner Person zu erweisen, so ist hier mein
Handschuh; auf dein Herz will ich beweisen, und eher keinen Bissen
Brodt zu mir nehmen, daß du nichts weniger bist, als wovor ich dich
hier ausgeruffen habe.

Regan.
O! wie übel wird mir--

Gonerill (für sich.)
Wenn es nicht so wäre, so wollt' ich keinem Gift mehr trauen.

Edmund.
Hier ist mein Gegenpfand; wer der auch in der Welt ist, der mich
einen Verräther nennt, der lügt es wie ein Nichtswürdiger: Laßt die
Trompete schallen.  Erscheine, wer es wagen will; an ihm, an euch,
an einem jeden, will ich meine Ehre und Treue standhaft behaupten.

Albanien.
Einen Herold, he!  (Ein Herold kömmt.)

Albanien (zu Edmund.)
Du hast nichts worauf du dich verlassen kanst, als deine eigne
Tapferkeit; denn deine Soldaten, die alle in meinem Namen
aufgeboten worden, haben auch in meinem Namen ihre Entlassung
erhalten.

Regan.
Es wird mir immer schlimmer--

Albanien.
Sie ist nicht wohl, führet sie in ihr Zelt.

(Regan geht ab.)



Siebender Auftritt.


Albanien (zum Herold.)
Hieher, Herold, laß die Trompete schallen, und ließ dieses ab.

(Ein Trompeten-Stoß.  Der Herold ließt.)

Herold.
Wenn irgend ein Mann von Ritterlichem Stand und Würde unter diesem
Heer gegen Edmund anmaßlichen Grafen von Gloster behaupten will,
daß er ein vielfacher Verräther ist, der erscheine bey dem dritten
Trompeten-Stoß; er steht fertig, sich zu vertheidigen.  (1.
Trompeter.)

Herold.
Abermal!  (2. Trompeter.)

Herold.
Zum drittenmal.  (3. Trompeter.)


(Eine Trompete antwortet von innen.)
Edgar, tritt bewafnet auf.)

Albanien.
Frag ihn sein Vorhaben, warum er auf diesen Ruf der Trompete
erscheint?

Herold.
Wer bist du?  Was ist dein Name und dein Stand?  Und warum
antwortest du auf diese Ausforderung?

Edgar.
Wisse, meinen Namen habe ich durch den giftigen Zahn der
Verrätherey verlohren; dennoch bin ich so edel als der Gegner, mit
dem ich es aufnehmen will.

Albanien.
Wer ist dieser Gegner?

Edgar.
Wer ist der, der für Edmund Grafen von Gloster das Wort führt?

Edmund.
Er selbst; was hast du ihm zu sagen?

Edgar.
Zieh deinen Degen, damit wenn meine Rede ein edles Herz beleidigt,
dein Arm dir Recht verschaffen könne.  Hier ist der meine.  Ich
thue, was mein ritterlicher Stand, mein Eyd und mein Beruf von mir
fordern.  Deiner Stärke, Ehren-Stelle, Jugend und Würde ungeachtet,
troz deinem siegreichen Schwerdt und deinem nagelneuen Glük,
behaupte ich daß du ein Verräther bist, treuloß gegen die Götter,
deinen Vater und deinen Bruder, verschworen wider diesen hohen
ruhmwürdigen Fürsten, und von dem äussersten Wirbel deines Hauptes
bis zu dem Staub an deiner Fußsole, durchaus ein Kröten-flekichter
Verräther.  Sagst du, nein, so ist dieses Schwerdt und dieser Arm
gezükt, und meine besten Lebensgeister gesammelt, es auf dein Herz,
zu dem ich rede, zu beweisen, daß du lügst.

Edmund.
Die Klugheit erforderte nach deinem Namen zu fragen; jedoch, da
dein Ansehen so schön und ritterlich ist, und in deiner Sprache ein
Ton von Erziehung athmet, so verachte ich die Bedenklichkeiten,
wodurch ich nach den Gesezen der Ritterschaft deine Ausforderung
ablehnen könnte.  Ich schleudre also alle diese Verräthereyen auf
dein Haupt zurük, und überwälze mit denen hölle-verhaßten Lügen
dein Herz, durch welches ihnen dieses mein Schwerdt einen Weg
machen soll, wo du auf ewig ruhen sollst.* Trompeten, redet!

{ed.-* Dieses Nonsensicalische Gewäsche hat man beynahe so
verworren, als es im Original ist, zu einer Probe stehen lassen
wollen, von einer dem Shakespeare sehr gewöhnlichen Untugend,
seine Gedanken nur halb auszudrüken, übel-passende Metaphern
durcheinander zu werffen, und sich von allen Regeln der
Grammatik zu dispensieren.}

(Die Trompeten erschallen.  Sie fechten.)

Gonerill.
O rettet ihn, rettet ihn; diß ist ein angestelltes Spiel, Gloster:
Nach den Gesezen des Zweykampfs warst du nicht verbunden einem
unbekannten Gegner zu antworten; du bist nicht überwunden, sondern
betrogen.

Albanien.
Schließt euern Mund, Dame, oder ich will ihn mit diesem Papier
stopfen--Du ärgstes unter allen Dingen, ließ deine eigne Schande--
Es nüzt nichts, es zu zerreissen, Lady; ich merke ihr kennt es.

Gonerill.
Sag, ob ich es kenne; die Geseze sind mein, nicht dein; wer kan
mich dafür zu Rede stellen?

Albanien.
Ungeheuer, kennst du dieses Papier?

Gonerill.
Fragt mich nicht, was ich kenne--

(Gonerill geht ab.)

Albanien (zu einem Hofbedienten.)
Geht ihr nach sie ist in Verzweiflung, habt Acht auf sie.



Achter Auftritt.


Edmund.
Alles, wessen ihr mich bezüchtiget habt, das hab ich gethan, und
noch weit mehr, das die Zeit ans Licht bringen wird.  Es ist nun
vorbey, und ich auch.  Aber wer bist du, dem das Glük diesen
Vortheil über mich gegeben hat?  Wenn du edel bist, so vergeb ich
dir.

Edgar.
Diese Gesinnung verdient erwiedert zu werden.  Ich bin von Geburt
nicht weniger als du bist, Edmund, und wenn ich mehr bin, so ist
das Unrecht desto grösser, das du mir gethan hast.  Mein Name ist
Edgar und deines Vaters Sohn.  Die Götter sind gerecht, und machen
aus unsern wollüstigen Verbrechen Werkzeuge uns damit zu peitschen.
Der finstre und unzüchtige Plaz, wo er dich zeugte, hat ihm seine
Augen gekostet.

Edmund.
Du hast recht gesprochen; es ist wahr, das Rad ist ganz umgelauffen,
und ich bin hier.

Albanien (zu Edgar.)
Mich däuchte, dein Ansehen weissage einen königlichen Adel.  Laß
dich umarmen--Kummer möge mein Herz zersplittern, wenn ich jemals
dich oder deinen Vater gehasset habe.

Edgar.
Würdiger Prinz, ich weiß es.

Albanien.
Wo habt ihr euch dann verborgen gehalten, und woher erfuhret ihr
den elenden Zustand euers Vaters?

Edgar.
Indem ich ihn nährte, Mylord.  Höret einer kurzen Erzählung zu, und
wenn sie erzählt ist, o daß dann mein Herz bersten möchte!--Der
blutige Ausruf, der so nah auf meine Flucht folgte, lehrte mich
(wie süß ist das Leben, daß wir lieber stündlich die Pein des Todes
ertragen, als einmal sterben wollen!) lehrte mich in die Lumpen
eines wahnwizigen Bettlers mich zu verkleiden, die Ähnlichkeit
eines verschmähten Hundes anzunehmen; und in dieser Gestalt
begegnete ich meinem Vater mit seinen blutenden Augen-Ringen, die
nur erst ihre kostbaren Brillianten verlohren hatten; ich wurde
sein Führer, leitete ihn, bettelte für ihn, rettete ihn vor der
Verzweiflung, und entdekte ihm niemalen (o daß ich es gethan hätte!)
wer ich sey, bis ungefehr vor einer halben Stunde da ich mich
bewafnet hatte, und zwar in Hoffnung dieses glüklichen Ausgangs,
doch nicht ohne Zweifel, um seinen Segen bat, und ihm meine
Pilgramschaft von Anfang bis zu End erzählte.  Aber ach!  sein
verwundetes Herz, zu schwach den Kampf entgegengesezter
Leidenschaften auszuhalten, brach lächelnd zwischen Freude und
Schmerz.

Edmund.
Diese eure Rede hat mich gerührt, und wird vielleicht eine gute
Würkung haben; aber fahret fort, ihr sehet aus, als ob ihr noch
mehr zu sagen hättet.

Albanien.
Wenn es noch traurigere Sachen sind, so haltet ein; denn das was
ihr erzählt habt, ist schon bereit mein Herz aufzulösen.

Edgar.
Für menschliche Gemüther möchte dieses zum äussersten Grad des
Elends genug seyn; aber diejenigen, die ein Vergnügen an grausamen
Schauspielen haben, möchten gern immer mehr dazu thun, und nur ein
Jammer der sich nicht grösser denken läßt, kan ihr Mitleiden rege
machen.  Während daß ich vor Schmerz laut winselte, kam ein Mann,
der mich in meinem schlimmern Zustand gesehen und meine
verabscheute Gesellschaft geflohen hatte; izt aber, da er fand wer
es war, der so viel erlidten hatte, heftete er seine starken Arme
um meinen Hals, und schrie, so laut als ob er den Himmel zerspalten
wollte; warf sich auf meinen Vater, erzählete die Geschichte von
Lear und ihm, die kläglichste, die je ein Ohr gehört hat; und
machte durch diese Vorstellung seinen Schmerz von neuem so heftig,
daß die Stränge des Lebens zu reissen anfiengen--Indeß erklang die
Trompete zum zweiten mal, und ich verließ ihn ohne Gefühl seiner
selbst.

Albanien.
Wer war dann dieser?

Edgar.
Mylord, es war Kent, der verbannete Kent, der in unkenntlicher
Verkleidung seinem König folgte, und ihm Dienste that, die eines
Sclaven unwürdig gewesen wären.



Neunter Auftritt.
(Ein Edelmann zu den Vorigen.)


Edelmann.
Hülfe!  Hülfe!

Edgar.
Was für Hülfe?

Albanien.
Rede.

Edgar.
Was will dieses blutige Messer?

Edelmann.
Es ist heiß, es raucht; es kommt eben aus dem Herzen--O! sie ist
todt!

Albanien.
Wer ist todt?  Rede, Mann.

Edelmann.
Eure Gemahlin, Mylord, eure Gemahlin, und ihre Schwester ist von
ihr vergiftet worden; sie bekennt es.

Edmund.
Ich war mit beyden versprochen; bald werden wir alle drey zusammen
kommen.

Edgar.
Hier kommt Kent.

(Kent tritt auf.)

Albanien.
Bringt die Leichname herbey, todt oder lebend.

(Gonerills und Regans Leichen werden auf die Bühne gebracht.)

Dieses Gericht des Himmels macht uns zittern, ohne unser Mitleid
zu erregen--

(indem er Kent ansichtig wird)

O! er ists!  Vergebet, Mylord.  Die Umstände worinn wir sind,
erlauben nicht an die Beobachtung der Höflichkeit zu denken.

Kent.
Ich bin gekommen, meinem König und Herrn das lezte Lebwohl zu sagen.
Ist er nicht hier?

Albanien.
Wir haben das Wichtigste vergessen.  Sprich, Edmund, wo ist der
König?  Wo ist Cordelia?  Siehst du dieses Schauspiel, Kent?

Kent.
Himmel!  was ist das?

Edmund.
So wurde Edmund geliebt; Die eine vergiftete die andre um
meinetwillen, und ermordete sich sodann selbst.

Albanien.
So ist es; verhüllet ihre Gesichter.

Edmund.
Ich schnappe nach Leben, um troz meiner eignen Natur, noch etwas
Gutes zu thun.  Sendet eilends in das Schloß, ich habe einen Befehl
gegen das Leben Lears und Cordelias ausgestellt; schiket, eh es zu
spät ist.

Albanien.
Rennet, rennet, O! rennet--


Edgar.
Zu wem, Mylord?  Wer hat die Aufsicht im Schlosse?  Schike ihm ein
Merkmal, woraus er deinen geänderten Willen erkennen kan.

Edmund.
Du hast wohl hieran gedacht; nimm meinen Degen, gieb ihn dem
Hauptmann--


Edgar.
Eile, so lieb dir dein Leben ist.

(Der Bote geht ab.)

Edmund.
Er hatte von eurer Gemahlin und mir Befehl, Cordelia im Gefängniß
zu erhängen, und die Schuld ihrer eignen Verzweiflung beyzumessen.

Albanien.
Die Götter beschüzen sie!--Traget ihn indessen hinweg.

(Edmund wird fortgetragen.)



Zehnter Auftritt.
(Lear tritt auf, Cordelia todt in seinen Armen tragend.)


Lear.
Heult, heult, heult, heult--O! ihr seyd Menschen von Stein; hätt'
ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, daß des
Himmels Gewölbe krachen sollte: Sie ist auf ewig dahin.  Ich
verstehe mich darauf, ob einer todt ist oder ob einer lebt; Sie ist
todt wie Erde.  Leiht mir einen Spiegel; wenn ihr Athem das Glas
trübe macht, dann will ich sagen, sie lebt.

Kent.
Ist das der gehoffte Ausgang?

Lear.
Diese Feder regt sich, sie lebt; wenn es so ist, so ist es ein
Wechsel, der allen Kummer bezahlt, den ich jemals gefühlt habe.

Kent (kniend.)
O mein guter Meister.

Lear.
Ich bitte dich, hinweg.

Edgar.
Es ist der edle Kent, euer Freund.

Lear.
Das Verderben über euch alle, ihr Verräther!  Ich hätte sie noch
retten können; izt ist sie auf immer dahin.  Cordelia, Cordelia,
bleibe noch ein wenig.  Ha!--Was sagtest du?--Ihre Stimme war immer
sanft, anmuthig und gelassen; ein vortrefliches Ding an einem
Weibsbilde!  Ich tödtete den Sclaven der dich erdrosselte.

Der Edelmann.
Es ist wahr, Mylords, er that es.

Lear.
That ichs nicht, Bursche?  Ich weiß die Zeit, da ich sie mit meinem
guten krummen Weidmesser wollte springen gemacht haben: Izt bin ich
alt, und alle diese Widerwärtigkeiten sezen mir zu--Wer seyd ihr?
Meine Augen sind keine von den besten; ich kan es euch nicht
verheelen--Seyd ihr nicht Kent?

Kent.
Ich bin es, euer Diener Kent; wo ist euer Diener Cajus?

Lear.
Es war ein guter Bursche, das kan ich euch sagen; er konnte
zuschlagen, und das ohne sich lange zu besinnen--Nun ist er todt
und verfault.

Kent.
Nein, mein guter Lord, ich bin dieser Mann.

Lear.
Das will ich gleich sehen.

Kent.
Der vom Anfang eurer Unglüksfälle euren traurigen Fußstapfen
gefolget ist.

Lear.
Ihr seyd willkommen.

Kent.
Aber gewiß sonst kein andrer--Alles ist hier freudenlos, finster
und todt.  Eure ältesten Töchter haben sich selbst abgethan, und
sind in Verzweiflung gestorben.

Lear.
Ja, so denke ich.

Albanien.
Er weiß nicht, was er sagt; und es ist izt vergeblich, daß wir uns
ihm vorstellen.

Edgar.
Ganz vergeblich.  (Ein Bote zu den Vorigen.)

Der Bote.
Edmund ist todt.

Albanien.
Das ist nur eine Kleinigkeit.  Ihr Lords und edle Freunde höret
unsre Entschliessung: Was uns übrig gelassen ist, den grossen
Jammer dieses Tages zu lindern, das soll angewendet werden.  Was
uns betrift, so treten wir, so lang diese alte Majestät leben wird,
ihm unsre oberste Gewalt, und euch

(zu Edgar)

unsre Rechte ab, mit allen den Vorzügen, die eure Tugend mehr als
verdient hat.  Alle Freunde sollen die Belohnung ihrer Tugend, und
alle Feinde den bittern Kelch ihrer Übelthaten schmeken--O seht,
seht--

Lear.
Und meine arme Seele ist gehangen Nein, nein, nichts mehr von Leben.
Wie, soll ein Hund, ein Roß, eine Raze leben, und du sollst nur
nicht Athem holen?  Du wirst nimmer wieder kommen, nimmer, nimmer,
nimmer, nimmermehr--Ich bitte euch, macht diesen Knopf auf.  Ich
danke euch, Sir.

(Er deutet auf Cordelias Leiche.)

Seht ihr das?  Sehet hieher, seht auf ihre Lippen, seht hieher,
seht hieher--

(Er stirbt.)

Edgar.
Er wird ohnmächtig.

Kent.
Brich, Herz, ich bitte dich, brich.

Edgar.
Sehet auf, Mylord.

(zu Lear.)

Kent.
Plage seinen Geist nicht: O! laß ihn seinen Weg gehen; er würde
den hassen, der ihn länger auf die Folter dieser unbarmherzigen
Welt ausspannen wollte.

Edgar.
In der That, er ist todt.

Kent.
Das Wunder ist, daß er so lange ausgedaurt hat; er usurpirte nur
sein Leben.

Albanien.
Traget sie von hinnen; unser iziges Geschäfte ist allgemeines Weh.
Freunde meiner Seele, regieret ihr beyde das Reich, und erhaltet
den einstürzenden Staat.

Kent.
Mylord, ich bin am Ende meiner Tagreise: Mein Meister ruft mir, ich
darf nicht sagen nein.

(Er stirbt.)

Albanien.
Vom Gewicht dieser jammervollen Zeit zu Boden gedrükt, reden wir
was wir fühlen, nicht was wir sollten.  Der Älteste hat am meisten
gelidten: Wir, die wir jung sind, werden nicht lange genug leben,
um wieder soviel zu sehen.


Das Leben und der Tod des Königs Lear, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das Leben und der Tod des Königs Lear" ***

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