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Title: Geschichte des Agathon. Teil 2
Author: Wieland, Christoph Martin
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte des Agathon. Teil 2" ***

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Geschichte des Agathon, Teil 2

Christoph Martin Wieland


Erste Fassung (1766/1767)



--quid Virtus, et quid Sapientia possit Utile proposuit nobis exemplar.--



Geschichte des Agathon--Inhalt


Vorbericht

Erster Teil

  Erstes Buch

    Erstes Kapitel: Anfang dieser Geschichte
    Zweites Kapitel: Etwas ganz Unerwartetes
    Drittes Kapitel: Unvermutete Unterbrechung des
                     Bacchus-Festes
    Viertes Kapitel: Agathon wird zu Schiffe gebracht
    Fünftes Kapitel: Eine Entdeckung
    Sechstes Kapitel: Erzählung der Psyche
    Siebentes Kapitel: Fortsetzung der Erzählung der Psyche
    Achtes Kapitel: Psyche beschließt ihre Erzählung
    Neuntes Kapitel: Wie Psyche und Agathon wieder getrennt werden
    Zehntes Kapitel: Ein Selbstgespräch
    Eilftes Kapitel: Agathon kömmt zu Smyrna an, und wird verkauft

   Zweites Buch

    Erstes Kapitel: Wer der Käufer des Agathon gewesen
    Zweites Kapitel: Absichten des weisen Hippias
    Drittes Kapitel: Verwunderung, in welche Agathon gesetzt wird
    Viertes Kapitel: Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird,
                     daß diese Geschichte erdichtet sei
    Fünftes Kapitel: Schwärmerei des Agathon
    Sechstes Kapitel: Ein Gespräch zwischen Hippias und seinem Sklaven
    Siebentes Kapitel: Worin Agathon für einen Schwärmer ziemlich gut
                       räsoniert
    Achtes Kapitel: Vorbereitungen zum Folgenden

   Drittes Buch

    Erstes Kapitel: Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs
    Zweites Kapitel: Theorie der angenehmen Empfindungen
    Drittes Kapitel: Die Geisterlehre eines echten Materialisten
    Viertes Kapitel: Worin Hippias bessere Schlüsse macht
    Fünftes Kapitel: Der Anti-Platonismus in Nuce
    Sechstes Kapitel: Ungelehrigkeit des Agathon

   Viertes Buch

    Erstes Kapitel: Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend
                    unsers Helden macht
    Zweites Kapitel: Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
    Drittes Kapitel: Geschichte der schönen Danae
    Viertes Kapitel: Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer
                     verschönernden Einbildungskraft zu sein
    Fünftes Kapitel: Pantomimen
    Sechstes Kapitel: Geheime Nachrichten

   Fünftes Buch

    Erstes Kapitel: Was die Nacht durch in den Gemütern einiger von
                    unsern Personen vorgegangen
    Zweites Kapitel: Eine kleine metaphysische Abschweifung
    Drittes Kapitel: Worin die Absichten des Hippias einen merklichen
                     Schritt machen
    Viertes Kapitel: Veränderung der Szene
    Fünftes Kapitel: Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe
    Sechstes Kapitel: Worin der Geschichtschreiber sich einiger
                      Indiskretion schuldig macht
    Siebentes Kapitel: Magische Kraft der Musik
    Achtes Kapitel: Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden
                    vorbereitet wird
    Neuntes Kapitel: Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen
                     Mißverstandes
    Zehentes Kapitel: Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie
                      nicht sehr glücklich oder vollkommne Stoiker sind,
                      überschlagen können
    Eilftes Kapitel: Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder von
                     der Seelenmischung

   Sechstes Buch

    Erstes Kapitel: Ein Besuch des Hippias
    Zweites Kapitel: Eine Probe von den Talenten eines
                     Liebhabers
    Drittes Kapitel: Konvulsivische Bewegungen der
                     wiederauflebenden Tugend
    Viertes Kapitel: Daß Träume nicht allemal Schäume sind
    Fünftes Kapitel: Ein starker Schritt zu einer Katastrophe

   Siebentes Buch

    Erstes Kapitel: Die erste Jugend des Agathons
    Zweites Kapitel: En animam & mentem cum qua Di nocte
                     loquantur!
    Drittes Kapitel: Die Liebe in verschiedenen Gestalten
    Viertes Kapitel: Fortsetzung des Vorhergehenden
    Fünftes Kapitel: Agathon entfliehet von Delphi, und findet
                     seinen Vater
    Sechstes Kapitel: Agathon kommt nach Athen, und widmet sich
                      der Republik. Eine Probe der besondern Natur
                      desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura
                      popularis genennet wird
    Siebentes Kapitel: Agathon wird von Athen verbannt
    Achtes Kapitel: Agathon endigt seine Erzählung
    Neuntes Kapitel: Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers
                     Helden



Zweiter Teil

   Achtes Buch

    Erstes Kapitel: Vorbereitung zum Folgenden
    Zweites Kapitel: Verräterei des Hippias
    Drittes Kapitel: Folgen des Vorhergehenden
    Viertes Kapitel: Eine kleine Abschweifung
    Fünftes Kapitel: Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall,
                     der seine Entschließungen bestimmt
    Sechstes Kapitel: Betrachtungen, Schlüsse und Vorsätze
    Siebentes Kapitel: Eine oder zwo Digressionen

   Neuntes Buch

    Erstes Kapitel: Veränderung der Szene. Charakter der Syracusaner,
                    des Dionysius und seines Hofes
    Zweites Kapitel: Charakter des Dion. Anmerkungen über denselben.
                     Eine Digression
    Drittes Kapitel: Eine Probe, daß die Philosophie so gut zaubern
                     könne, als die Liebe
    Viertes Kapitel: Philistus und Timocrates
    Fünftes Kapitel: Agathon wird der Günstling des Dionysius

   Zehentes Buch

    Erstes Kapitel: Von Haupt--und Staats-Aktionen. Betragen Agathons
                    am Hofe des Königs Dionys
    Zweites Kapitel: Beispiele, daß nicht alles, was gleißt, Gold ist
    Drittes Kapitel: Große Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon
                     beging--Folgen davon
    Viertes Kapitel: Nachricht an den Leser
    Fünftes Kapitel: Moralischer Zustand unsers Helden

   Eilftes Buch

    Erstes Kapitel: Apologie des griechischen Autors
    Zweites Kapitel: Die Tarentiner. Charakter eines  liebenswürdigen
                     alten Mannes
    Drittes Kapitel: Eine unverhoffte Entdeckung
    Viertes Kapitel: Etwas, das man ohne Divination  vorhersehen konnte
    Fünftes Kapitel: Abdankung



ZWEITER TEIL



ACHTES BUCH



ERSTES KAPITEL

Vorbereitung zum Folgenden


Die Laune eines Dichters, die Treue einer Buhlerin, und die Freundschaft
eines Hippias, sind vielleicht die drei unzuverlässigsten Dinge unter
allen in der Welt; es wäre denn, daß man die Gunst der Großen für das
Vierte halten wollte, welche gemeiniglich eben so leicht verloren als
gewonnen wird, und mit den Gunstbezeugungen gewisser Nymphen noch diese
ähnlichkeit hat, daß derjenige, welcher unvorsichtig genug gewesen ist
davon zu kosten, einen kurzen Traum von Vergnügen gemeiniglich mit
langwierigen Schmerzen bezahlen muß.

Hippias nannte sich einen Freund der schönen Danae, und wurde von ihr
dafür gehalten; eine Bekanntschaft von mehr als zwölf Jahren hatte dieses
beiden zur Gewohnheit gemacht.  Hiezu kam noch die natürliche
Verwandtschaft, welche unter Leuten von Witz und feiner Lebens-Art
obwaltet, die übereinstimmung ihrer Denkungs-Art, und Neigungen;
vielleicht auch die besondere Vorrechte, die er, der gemeinen Meinung nach,
eine Zeit lang bei ihr genossen.  Alles dieses hatte diese Art von
Vertraulichkeit unter ihnen hervorgebracht, welche von den Weltleuten, aus
einem Mißverstande dessen sie sich nur nicht vermuten, für Freundschaft
gehalten wird, und auch in der Tat alle Freundschaft, deren sie fähig sind,
ausmacht; ob es gleich gemeiniglich eine bloß mechanische Folge
zufälliger Umstände, und im Grunde nichts bessers als eine
stillschweigende übereinkommnis ist, einander so lange gewogen zu sein,
als es einem oder dem andern Teil gelegen sein werde; und daher auch
ordentlicher Weise keinen Augenblick länger daurt, als bis sie auf irgend
eine Probe, wobei sich die Eigenliebe einige Gewalt antun müßte, gesetzt
werden wollte.

Die schöne Danae, deren Herz unendlich mal besser war als des Sophisten
seines, ging inzwischen ganz aufrichtig zu Werke, indem sie in die
vermeinte Freundschaft dieses Mannes nicht den mindesten Zweifel setzte.
Es ist wahr, er hatte einen guten Teil von ihrer Hochachtung, und also
zugleich von ihrem Vertrauen verloren, seitdem die Liebe so sonderbare
Veränderungen in ihrem Charakter gewürkt hatte.  Je mehr Agathon gewann,
je mehr mußte Hippias verlieren.  Allein das war so natürlich und kam so
unvermerkt, daß sie sich dessen kaum, oder nur sehr undeutlich bewußt war;
und vielleicht so wenig, daß sie, ohne die mindeste Besorgnis, er werde
tiefer in ihr Herz hineinschauen als sie selbst, an nichts weniger dachte,
als einige Vorsichtigkeit gegen ihn zu gebrauchen.  Ein Beweis hievon ist,
daß sie, anstatt ihm bei ihrem Liebhaber schlimme Dienste zu tun, sich
vielmehr bei jedem Anlaß bemühete, ihn bei demselben in bessere Achtung zu
setzen.  Und dieses war ihr auch, bei der besondern Sorgfalt, womit der
Sophist seit einiger Zeit ihre Bemühung beförderte, so wohl gelungen, daß
Agathon anfing eine bessere Meinung von seinem Charakter zu fassen, und
sich unvermerkt so viel Vertrauen von ihm abgewinnen ließ, daß er kein
Bedenken mehr trug, sich so gar über die Angelegenheiten seines Herzens in
vertrauliche Unterredungen mit ihm einzulassen.

Unsre Liebende verliefen sich also mit der sorglosesten Unvorsichtigkeit,
welche sich Hippias nur wünschen konnte, in die Fallstricke die er ihnen
legte; und ließen sich nicht einfallen, daß er Absichten haben könne, eine
Verbindung wieder zu vernichten, die gewissermaßen sein eigenes Werk war.
Diese Sorglosigkeit könnte vielleicht desto tadelhafter scheinen, da
beiden so wohl bekannt war, nach was für Grundsätzen er lebte.  Allein es
ist eine Beobachtung, die man alle Tage zu machen Gelegenheit hat, daß
edle Gemüter mit Leuten von dem Charakter unsers Sophisten betrogen werden
müssen, sie mögen es angehen, wie sie wollen.  Sie mögen die Denkens-Art
dieser Leute noch so gut kennen, noch so viele Proben davon haben, daß
derjenige, dessen Neigungen und Handlungen allein durch das Interesse
seiner eigennützigen Leidenschaften bestimmt wird, keines rechtschaffenen
Betragens fähig ist; es wird ihnen doch immer unmöglich bleiben, alle
Krümmen und Falten seines Herzens so genau auszuforschen, daß nicht in
irgend einer derselben noch eine geheime Schalkheit lauren sollte, deren
man sich nicht versehen hatte, wenn sie endlich zum Vorschein kömmt.
Agathon und Danae, zum Exempel, kannten den Hippias gut genug, um
überzeugt zu sein, daß er sich, sobald sein Interesse dem Vorteil ihrer
Liebe entgegenstünde, nicht einen Augenblick bedenken würde, die Pflichten
der Freundschaft seinem Eigennutzen aufzuopfern.  Denn was sind Pflichten
für einen Hippias?  Hingegen konnten sie nicht begreifen, was für einen
Vorteil er darunter haben könnte, ihre Herzen zu trennen; und dieses
machte sie sicher.  In der Tat hatte er keinen; auch hatte er eigentlich
die Absicht nicht sie zu trennen.  Aber er hatte ein Interesse, ihnen
einen Streich zu spielen, welcher, dem Charakter des Agathon nach,
notwendig diese Würkung tun mußte.  Und das war es, woran sie nicht
dachten.

Wir haben im vierten Buche dieser Geschichte die Absichten entdeckt,
welche den Sophisten bewogen hatten, unsern Helden mit der schönen Danae
bekannt zu machen.  Der Entwurf war wohl ausgesonnen, und hätte, nach den
Voraussetzungen, die dabei zum Grunde lagen, ohnmöglich mißlingen können,
wenn man auf irgend eine Voraussetzung Rechnung machen dürfte, so bald
sich die Liebe ins Spiel mischt.  Dieses mal war es ihm gegangen, wie es
gemeiniglich den Projektmachern geht; er hatte an alles gedacht, nur nicht
an den einzigen Fall, der ihm seine Absichten vereitelte.  Wie hätte er
auch glauben können, daß eine Danae fähig sein sollte, ihr Herz an einen
Platonischen Liebhaber zu verlieren?  Ein gleichgültiger Philosoph würde
darüber betroffen gewesen sein, ohne böse zu werden; aber es gibt sehr
wenig gleichgültige Philosophen.  Hippias fand sich in seinen Erwartungen
betrogen; seine Erwartungen gründeten sich auf Schlüsse; seine Schlüsse
auf seine Grundsätze, und auf diese das ganze System seiner Ideen, welches
(wie man weiß) bei einem Philosophen wenigstens die Hälfte seines
geliebten Selbsts ausmacht.  Wie hätte er nicht böse werden sollen?  Seine
Eitelkeit fühlte sich beleidiget.  Agathon und Danae hatten die
Gelegenheit dazu gegeben.  Er wußte zwar wohl, daß sie keine Absicht ihn
zu beleidigen dabei gehabt haben konnten; allein darum bekümmert sich kein
Hippias.  Genug, daß sein Unwille gegründet war; daß er einen Gegenstand
haben mußte; und daß ihm nicht zu zumuten war, sich über sich selbst zu
erzürnen.  Leute von seiner Art würden eher die halbe Welt untergehen
sehen, eh sie sich nur gestehen würden, daß sie gefehlt hätten.  Es war
also natürlich, daß er darauf bedacht war, sich durch das Vergnügen der
Rache für den Abgang desjenigen zu entschädigen, welches er sich von der
vermeinten und verhofften Bekehrung unsers Helden versprochen hatte.

Agathon liebte die schöne Danae, weil sie, selbst nachdem der äußerste
Grad der Bezauberung aufgehört hatte, in seinen Augen noch immer das
vollkommenste Geschöpfe war, das er kannte.  Was für ein Geist!  was für
ein Herz! was für seltene Talente!  welche Anmut in ihrem Umgang!  was für
eine Manchfaltigkeit von Vorzügen und Reizungen! wie hochachtungswert
mußte sie das alles ihm machen!  wie vorteilhaft war ihr die Erinnerung an
jeden Augenblick, von dem ersten an, da er sie gesehen, bis zu demjenigen,
da sie von sympathetischer Liebe überwältiget die seinige glücklich
gemacht hatte!  Kurz alles was er von ihr wußte, war zu ihrem Vorteil, und
von allem was seine Hochschätzung hätte schwächen können, wußte er nichts.

Man kann sich leicht vorstellen, daß sie so unvorsichtig nicht gewesen
sein werde, sich selbst zu verraten.  Es ist wahr, sie hatte sich nicht
entbrechen können, die vertraute Erzählung, welche er ihr von seinem
Lebens-Lauf gemacht, mit Erzählung des ihrigen zu erwidern; aber wir
zweifeln sehr, daß sie sich zu einer eben so gewissenhaften
Vertraulichkeit verbunden gehalten habe.  Und woher wissen wir auch, daß
Agathon selbst, mit aller seiner Offenherzigkeit, keinen Umstand zurück
gehalten habe, von dem er vielleicht, wie ein guter Maler oder Dichter,
vorausgesehen, daß er der schönen Würkung des Ganzen hinderlich sein
könnte.  Wer ist uns Bürge dafür, daß die verführische Priesterin nicht
mehr über ihn erhalten habe, als er eingestanden?  Wenigstens hat einigen
von unsern Lesern, (welche vielleicht vergessen haben, daß sie keine
Agathons sind) die tiefe Gleichgültigkeit etwas verdächtig geschienen,
worin ihn, bei einer gewissen Gelegenheit, Reizungen, die, ihrer Meinung
nach, in seiner bloßen Beschreibung schon verführen könnten, gelassen
haben sollen.  In der Tat; man mag so schüchtern oder so Platonisch sein
als man will; eine schöne Frau, welche sich vorgenommen hat, die Macht
ihrer Reizungen an uns zu prüfen, selbst von dem Gott der Liebe begeistert,
und was noch schlimmer ist, eine Priesterin--in einer so belaurenden
Stellung, mit so schwarzen Augen, mit einem so schönen Busen--ist ganz
unstreitig ein gefährlicher Anblick für einen jeden, der (wie Phryne sagt)
keine Statue ist: Und die Poesie müßte die magischen Kräfte nicht haben,
welche ihr von jeher zugeschrieben worden sind, wenn in einer solchen
Situation das Lesen einer Szene, wie die Verführung Jupiters durch den
Gürtel der Venus in der Iliade ist, den natürlichen Würkungen eines damit
so übereinstimmenden Gegenstands, nicht eine verdoppelte Stärke hätte
geben sollen.  Allein dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiß, daß Danae,
in der Erzählung ihrer Geschichte mehr die Gesetze des Schönen und
Anständigen als die Pflichten einer genauen historischen Treue zu ihrem
Augenmerk genommen, und sich kein Bedenken gemacht, bald einen Umstand zu
verschönern, bald einen andern gar wegzulassen, so oft es die besondere
Absicht auf ihren Zuhörer erfodern mochte.  Denn für diesen allein, nicht
für die Welt, erzählte sie; und sie konnte sich also durch die strengen
Forderungen, welche die Letztere (wiewohl vergebens) an die
Geschichtschreiber macht, nicht so sehr gebunden halten.  Nicht, als ob
sie ihm irgend eine hauptsächliche Begebenheit ihres Lebens gänzlich
verschwiegen, oder ihn statt der wirklichen durch erdichtete hintergangen
hätte.  Sie sagte ihm alles.  Allein es gibt eine gewisse Kunst,
dasjenige was einen widrigen Eindruck machen könnte, aus den Augen zu
entfernen; es kömmt soviel auf die Wendung an; ein einziger kleiner
Umstand gibt einer Begebenheit eine so verschiedene Gestalt von demjenigen,
was sie ohne diesen kleinen Umstand gewesen wäre; daß man ohne eine
merkliche Veränderung dessen was den Stoff der Erzählung ausmacht, tausend
sehr bedeutende Treulosigkeiten an der historischen Wahrheit begehen kann.
Eine Betrachtung, die uns (im Vorbeigehen zu sagen) die
Geschichtschreiber ihres eignen werten Selbsts, keinen Xenophon noch
Marcus Antoninus, ja selbst den offenherzigen Montaigne nicht ausgenommen,
noch verdächtiger macht, als irgend eine andre Klasse von
Geschichtschreibern.

Die schöne und kluge Danae hatte also ihrem Liebhaber weder ihre Erziehung
in Aspasiens Hause, noch ihre Bekanntschaft mit dem Alcibiades, noch die
glorreiche Liebe, welche sie dem Prinzen Cyrus eingeflößt hatte, verhalten.
Alle diese, und viele andre nicht so schimmernde Stellen ihrer
Geschichte machten ihr entweder Ehre, oder konnten doch mit der
Geschicklichkeit, worin sie die zweite Aspasia war, auf eine solche Art
erzählt werden, daß sie ihr Ehre machten.  Allein was diejenigen Stellen
betraf, an denen sie alle Kunst, die man auf ihre Verschönerung wenden
möchte, für verloren hielt; es sei nun, weil sie an sich selbst, oder in
Beziehung auf den eigenen Geschmack unsers Helden, in keiner Art von
Einkleidung, Wendung oder Licht gefallen konnten: über diese hatte sie
klüglich beschlossen, sie mit gänzlichem Stillschweigen zu bedecken; und
daher kam es dann, daß unser Held noch immer in der Meinung stund, er
selbst sei der erste gewesen, welchem sie sich durch Gunst-Bezeugungen von
derjenigen Art, womit er von ihr überhäuft worden war, verbindlich gemacht
hätte.  Ein Irrtum, der nach seiner spitzfindigen Denkens-Art zu seinem
Glücke so notwendig war, daß ohne denselben alle Vollkommenheiten seiner
Dame zu schwach gewesen wären, ihn nur einen Augenblick in ihren Fesseln
zu behalten.  Ihm diesen Irrtum zu benehmen, war der schlimmste Streich,
den man seiner Liebe und der schönen Danae spielen konnte; und dieses zu
tun, war das Mittel, wodurch der Sophist an beiden auf einmal eine Rache
zu nehmen hoffte, deren bloße Vorstellung sein boshaftes Herz in Erzückung
setzte.  Er laurte dazu nur auf eine bequeme Gelegenheit, und diese pflegt
zu einem bösen Vorhaben selten zu entgehen.

Ob dieses letztere der Geschäftigkeit irgend eines bösen Dämons zu
zuschreiben sei, oder ob es daher komme, daß die Bosheit ihrer Natur nach
eine lebhaftere Würksamkeit hervorbringt als die Güte; ist eine Frage,
welche wir andern zu untersuchen überlassen.  Es sei das eine oder das
andere, so würde eine ganz natürliche Folge dieser fast alltäglichen
Erfahrungs-Wahrheit sein, daß das Böse in einer immer wachsenden
Progression zunehmen, und, wenigstens in dieser sublunarischen Welt, das
Gute zuletzt gänzlich verschlingen würde; wenn nicht aus einer eben so
gemeinen Erfahrung richtig wäre, daß die Bemühungen der Bösen, so
glücklich sie auch in der Ausführung sein mögen, doch gemeiniglich ihren
eigentlichen Zweck verfehlen, und das Gute durch eben die Maßregeln und
Ränke, wodurch es hätte gehindert werden sollen, weit besser befördern,
als wenn sie sich ganz gleichgültig dabei verhalten hätten.



ZWEITES KAPITEL

Verräterei des Hippias


Unter andern Eigenschaften, welche den Charakter der Danae schätzbar
machten, war auch diese, daß sie eine vortreffliche Freundin war.  So
gleichgültig sie, bis auf die Zeit da sich Agathon ihres Herzens
bemeisterte, gegen den Vorwurf der Unbeständigkeit in der Liebe auch immer
gewesen war: so zuverlässig und standhaft war sie jederzeit in der
Freundschaft gewesen.  Sie liebte ihre Freunde mit einer Zärtlichkeit,
welche von Leuten, die bloß nach dem äußerlichen Ausdruck urteilen, leicht
einem eigennützigern Affekt beigemessen werden konnte; denn diese
Zärtlichkeit stieg bis zum wirksamsten Grade der Leidenschaft, sobald es
darauf ankam, einem unglücklichen Freunde Dienste zu leisten.  Es war kein
Vergnügen, welches sie nicht in einem solchen Falle den Pflichten der
Freundschaft aufgeopfert hätte.

Eine Veranlassung von dieser Art (wovon die Umstände mit unsrer Geschichte
in keiner Beziehung stehen) hatte sie auf einige Tage von Smyrna abgerufen.
Agathon mußte zurückbleiben, und die gutherzige Danae, mit dem Beweise
zufrieden, den ihr sein Schmerz bei ihrem Abschied von seiner Liebe gab,
versüßte sich ihren eigenen durch die Vorstellung, daß die kurze Trennung
ihm den Wert seiner Glückseligkeit weit lebhafter zu fühlen geben werde,
als eine ununterbrochene Gegenwart.  Ruhig über den Besitz seines Herzens
empfahl sie ihm desto eifriger, sich während ihrer Abwesenheit den Freuden,
welche das reiche und wollüstige Smyrna verschaffen konnte, zu überlassen,
je gewisser sie war, daß sie von dergleichen Zerstreuungen nichts zu
besorgen habe.

Allein Agathon hatte bereits angefangen, den Geschmack an diesen
Lustbarkeiten zu verlieren.  So lebhaft, so manchfaltig, so berauschend
sie sein mögen, so sind sie doch nicht fähig einen Geist wie der seinige
war, lange einzunehmen.  Als eine Beschäftigung betrachtet, können sie es
nur für Leute sein, die sonst zu nichts taugen; und Vergnügungen bleiben
sie nur so lange als sie neu sind.  Je lebhafter sie sind, desto bälder
folgen Sättigung und Ermüdung; und alle ihre anscheinende Manchfaltigkeit
kann bei einem fortgesetzten Gebrauch das Einförmige nicht verbergen,
wodurch sie endlich selbst der verdienstlosesten Klasse der Weltleute
ekelhaft werden.  Die Abwesenheit der Danae benahm ihnen vollends noch den
einzigen Reiz, den sie noch für ihn gehabt hätten, das Vergnügen sie daran
Anteil nehmen zu sehen.  Er brachte also bei nahe die ganze Zeit ihrer
Abwesenheit in einer Einsamkeit zu, von welcher ihn das beschäftigte Leben
zu Athen und die wollüstige Muße zu Smyrna schon etliche Jahre entwöhnet
hatten.  Hier ging es ihm anfangs wie denen welche aus einem stark
erleuchteten Ort auf einmal ins Dunkle kommen.  Seine Seele fühlte sich
leer, weil sie allzuvoll war; er schrieb dieses der Abwesenheit seiner
Freundin zu; er fühlte daß sie ihm mangelte, und dachte nicht daran, daß
er sie weniger vermißt haben würde, wenn die Nerven seines Geistes durch
die Gewohnheit einer wollüstigen Passivität nicht eingeschläfert worden
wären.  Die ersten Tage schlichen für ihn in einer Art von zärtlicher
Melancholie vorbei, welche nicht ohne Anmut war.  Danae war beinahe der
einzige Gegenstand, womit seine in sich selbst zurückgezogene Seele sich
beschäftigte; oder wenn seine Erinnerung in vorhergehende Zeiten zurück
ging, wenn sie ihm das Bild seiner Psyche, oder die schimmernden Auftritte
seines Republikanischen Lebens vorhielt, so war es nur, um den Wert der
unvergleichlichen Danae und die ruhige Glückseligkeit eines allein der
Liebe, der Freundschaft, den Musen, und den Göttinnen der Freude geweihten
Privatlebens in ein höheres Licht zu setzen.  Seine Liebe belebte sich
aufs neue.  Sie verbreitete wieder diese begeisternde Wärme durch sein
Wesen, welche die Triebfedern des Herzens und der Einbildungs-Kraft so
harmonisch zusammenspielen macht.  Er entwarf sich die Idee einer
Lebens-Art, welche (Dank seiner dichterischen Phantasie!) mehr das Leben
eines Gottes, als eines Sterblichen schien.  Danae glänzte darin aus einem
Himmel von lachenden Bildern der Freude und Glückseligkeit hervor.
Entzückt von diesen angenehmen Träumen, beschloß er bei sich selbst, sein
Schicksal auf immer mit dem ihrigen zu vereinigen.  Er hielt sie für
würdig, diesen Agathon glücklich zu machen, welcher zu stolz gewesen wäre,
das schimmerndste Glück aus der Hand eines Königs anzunehmen.  Dieser
Entschluß, welcher bei tausend andern eine nur sehr zweideutige Probe der
Liebe sein würde, war in der Tat, nach seiner Art zu denken, der Beweis,
daß die seinige auf den höchsten Grad gestiegen war.

In einem für die Absichten der Danae so günstigen Gemüts-Zustand befand er
sich, als Hippias ihm einen Besuch machte, um sich auf eine
Freundschaftliche Art über die Einsamkeit zu beklagen, worin er seit der
Entfernung der schönen Danae lebte.  Danae sollte zu frieden sein, sagte
er in scherzhaftem Ton, den liebenswürdigen Callias für sich allein zu
behalten, wenn sie gegenwärtig sei; aber ihn auch in ihrer Abwesenheit der
Welt zu entziehen, das sei zuviel, und müsse endlich die Folge haben, die
Schönen zu Smyrna in eine allgemeine Zusammenverschwörung gegen sie zu
ziehen.  Agathon beantwortete diesen Scherz in dem nämlichen Ton;
unvermerkt wurde das Gespräch interessant, ohne daß der Sophist eine
besondere Absicht dabei zu haben schien.  Er bemühte sich seinem Freunde
zu beweisen, daß er Unrecht habe, der Gesellschaft zu entsagen, um sich
mit den Dryaden von seiner Liebe zu besprechen, und die Zephyrs mit
Seufzern und Botschaften an seine Abwesende zu beladen.  Er malte ihm mit
verführischen Farben die Vergnügungen vor, deren er sich beraube, und
vergaß auch das Lächerliche nicht, welches er sich durch eine so seltsame
Laune in den Augen der Schönen gebe.  Seiner Meinung nach sollte ein
Callias sich an einer einzigen Eroberung, so glänzend sie auch immer sein
möchte, nicht begnügen lassen; er, dem seine Vorzüge das Recht geben,
seinem Ehrgeiz in dieser Sphäre keine Grenzen zu setzen, und der nur zu
erscheinen brauche um zu siegen.  Er bewies die Wahrheit dieser
Schmeichelei mit den besondern Ansprüchen, welche einige von den
berühmtesten Schönheiten zu Smyrna auf ihn machten; seinem Vorgeben nach,
lag es nur an Agathon, seine Eitelkeit, seine Neubegier und seinen Hang
zum Vergnügen zu gleicher Zeit zu befriedigen, und auf eine so
mannichfaltige Art glücklich zu sein, als sich die verzärteltste
Einbildung nur immer wünschen könne.

Agathon hatte auf alle diese schöne Vorspieglungen nur Eine Antwort--seine
Liebe zu Danae.  Der Sophist fand sie unzulänglich.  Eben diese Ursachen,
welche seine Liebe zu Danae hervorgebracht hatten, sollten ihn auch für
die Reizungen andrer Schönen empfindlich machen.  Seiner Meinung nach
machte die Abwechselung der Gegenstände das größeste Glück der Liebe aus.
Er behauptete diesen Satz durch eine sehr lebhafte Ausführung der
besondern Vergnügungen, welche mit der Besiegung einer jeden besondern
Klasse der Schönen verbunden sei.  Die Unwissende und die Erfahrne, die
Geistreiche und die Blöde, die Schöne und die Häßliche, die Kokette, die
Spröde, die Tugendhafte, die Andächtige--kurz jeder besondere Charakter
beschäftige den Geschmack, die Einbildung, und so gar die Sinnen (denn von
dem Herzen war bei ihm die Rede nicht) auf eine eigene Weise--erfordre
einen andern Plan, setze andre Schwierigkeiten entgegen, und mache auf
eine andre Art glücklich.  Das Ende dieser schönen Ausführung war, daß es
unbegreiflich sei, wie man so viel Vergnügen in seiner Gewalt haben, und
es sich nur darum versagen könne, um die einförmigen Freuden einer
einzigen, mit romanhafter Treue in gerader Linie sich fortschleppenden
Leidenschaft bis auf die Hefen zu erschöpfen.

Agathon gab zu, daß die Abwechselung, wozu ihn Hippias aufmuntre, für
einen müßigen Wollüstling ganz angenehm sein möge, der aus dieser Art von
Zeitvertreib das einzige Geschäfte seines Lebens mache.  Er behauptete
aber, daß diese Art von Leuten niemalen erfahren haben müßte, was die
wahre Liebe sei.  Er überließ sich hierauf der ganzen Schwärmerei seines
Herzens, um dem Hippias eine Abschilderung von demjenigen zu machen, was
er von dem ersten Anblick an bis auf diese Stunde für die schöne Danae
empfunden; er beschrieb eine so wahre, so delikate, so vollkommene Liebe,
breitete sich mit einer so begeisterten Entzückung über die
Vollkommenheiten seiner Freundin, über die Sympathie ihrer Seelen, und die
fast vergötternde Wonne, welche er in ihrer Liebe genieße, aus, daß man
entweder die Bosheit eines Hippias oder die freundschaftliche
Hartherzigkeit eines Mentors haben mußte, um fähig zu sein, ihn einem so
beglückenden Irrtum zu entreißen.

"Die Reizungen der schönen Danae sind zu bekannt", versetzte der Sophist,
"und ihre Vorzüge in diesem Stücke werden sogar von ihrem eigenen
Geschlecht so allgemein eingestanden, daß Lais selbst, welche den Ruhm hat,
daß die Edelsten der Griechen und die Fürsten ausländischer Nationen den
Preis ihrer Nächte in die Wette steigern, lächerlich sein würde, wenn sie
sich einfallen lassen wollte, mit ihr um den Preis der Liebenswürdigkeit
zu streiten.  Aber daß sie jemals die Ehre haben würde, eine so ehrwürdige,
so metaphysische, so über alles was sich denken läßt erhabene Liebe
einzuflößen--daß der Macht ihrer Reizungen noch dieses Wunder aufbehalten
sei, das einzige welches ihr noch abging--das hätte sich in der Tat
niemand träumen lassen können, ohne sich selbst über einen solchen Einfall
zu belachen."

Hier ging unserm Helden, welcher die boshafte Vergleichung mit der
Corinthischen Lais schon auf die befremdlichste Art ärgerlich gefunden
hatte, die Geduld gänzlich aus.  Er setzte den Sophisten mit aller Hitze
eines in dem Gegenstande seiner Anbetung beleidigten Liebhabers wegen des
zweideutigen Tons zu Rede, womit er sich anmaße, von einer Person wie
Danae zu sprechen; und sein Unwille sowohl als seine Verwirrung stieg auf
den äußersten Grad, da ein Satyr-mäßiges Gelächter die ganze Antwort des
Hippias war.

Es ist so leicht voraus zu sehen, was für einen Ausgang diese Szene nehmen
mußte, daß wir nach allem was von den Absichten des Sophisten bereits
gesagt worden ist, den Leser seiner eignen Einbildung überlassen können.
Ungeduldige Fragen auf der einen--Ausflüchte und schalkhafte Wendungen auf
der andern Seite; bis sich Hippias auf vieles Zureden endlich das
Geheimnis des wahren Standes der schönen Danae, und derjenigen Anekdoten,
welche wir (wiewohl aus unschuldigem Absichten) unsern Lesern schon im
dritten Kapitel des vierten Buches verraten haben, mit einer Gewalt,
welcher seine vergebliche Freundschaft für Agathon nicht widerstehen
konnte, abnötigen ließ.

Wir haben schon bemerkt, wie viel es bei Erzählung einer Begebenheit auf
die Absicht des Erzählers ankomme, und wie verschieden die Wendungen seien,
welche sie durch die Verschiedenheit derselben erhält.  Danae erzählte
ihre Geschichte mit der unschuldigen Absicht zu gefallen.  Sie sah
natürlicher Weise ihre Aufführung, ihre Schwachheiten, ihre Fehltritte
selbst in einem mildern, und (lasset uns die Wahrheit sagen) in einem
wahrern Licht als die Welt; welche auf der einen Seite von allen den
kleinen Umständen, die uns rechtfertigen oder wenigstens unsre Schuld
vermindern könnten, nicht unterrichtet, und auf der andern Seite boshaft
genug ist, um ihres größern Vergnügens willen das Gemälde unsrer Torheiten
mit tausend Zügen zu überladen, um welche es zwar weniger wahr aber desto
komischer wird.  Unglücklicher Weise für sie erforderte die Absicht des
Hippias, daß er diese schalkhafte Kunst, eine Begebenheit ins Häßliche zu
malen, so weit treiben mußte, als es die Gesetze der Wahrscheinlichkeit
nur immer erlauben konnten.

Unser Held glich während dieser Entdeckungen mehr einer Bild-Säule oder
einem Toten als sich selbst.  Kalte Schauer und fliegende Glut fuhren
wechselsweise durch seine Adern.  Seine von den widerwärtigsten
Leidenschaften auf einmal bestürmte Brust atmete so langsam, daß er in
Ohnmacht gefallen wäre, wenn nicht Eine davon plötzlich die Oberhand
behalten, und durch den heftigsten Ausbruch dem gepreßten Herzen Luft
gemacht hätte.  Das Licht, worin ihm Hippias seine Göttin zeigte, machte
mit demjenigen, worin er sie zu sehen gewohnt war, einen so beleidigenden
Kontrast; der Gedanke, sich so sehr betrogen zu haben, war so unerträglich,
daß es ihm unmöglich fallen mußte, dem Sophisten Glauben beizumessen.
Der ganze Sturm, der seine Seele schwellte, brach also über den Verräter
aus.  Er nannte ihn einen falschen Freund, einen Verleumder, einen
Nichtswürdigen--rief alle rächende Gottheiten gegen ihn auf--schwur,
wofern er die Beschuldigungen, womit er die Tugend der schönen Danae zu
beschmitzen sich erfrechete, nicht bis zur unbetrüglichsten Evidenz
erweisen werde, ihn als ein das Sonnenlicht befleckendes Ungeheuer zu
vertilgen, und seinen verfluchten Rumpf unbegraben den Vögeln des Himmels
preis zu geben.

Der Sophist sah diesem Sturm mit der Gelassenheit eines Menschen zu, der
die Natur der Leidenschaften kennt; so ruhig, wie einer der vom sichern
Ufer dem wilden Aufruhr der Wellen zusieht, dem er glücklich entgangen ist.
Ein mitleidiger Blick, dem ein schalkhaftes Lächeln seinen zweideutigen
Wert vollends benahm, war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten
Liebhabers entgegensetzte.  Agathon stutzte darüber.  Ein schrecklicher
Zweifel warf ihn auf einmal auf die entgegengesetzte Seite.  "Rede,
Grausamer", rief er aus, "rede!  Beweise deine hassenswürdigen Anklagen so
klar als Sonnenschein; oder bekenne, daß du ein verrätrischer Elender bist,
und vergeh vor Scham!"--"Bist du bei Sinnen, Callias", antwortete der
Sophist mit dieser verruchten Gelassenheit, welche in solchen Umständen
der triumphierenden Bosheit eigen ist--"komm erst zu dir selbst; sobald du
fähig sein wirst, Vernunft anzuhören, will ich reden."

Agathon schwieg; denn was kann derjenige sagen, der nicht weiß was er
denken soll?

"Wahrhaftig", fuhr der Sophist fort, "ich begreife nicht, was für eine
Ursache du zu haben glaubst, den rasenden Ajax mit mir zu spielen.  Wer
redet von Beschuldigungen?  Wer klagt die schöne Danae an?  Ist sie
vielleicht weniger liebenswürdig, weil du weder der erste bist der sie
gesehen, noch der erste, der sie empfindlich gefunden hat?  Was für Launen
das sind! Glaube mir, jeder andrer als du hätte nichts weiter nötig gehabt
als sie zu sehen, um meine Nachrichten glaubwürdig zu finden; Ihr bloßer
Anblick ist ein Beweis.  Aber du forderst einen stärkern; du sollst ihn
haben, Callias.  Was sagtest du, wenn ich selbst einer von denen gewesen
wäre, welche sich rühmen können, die schöne Danae empfindlich gesehen zu
haben?"--"Du?"  rief Agathon mit einem ungläubigen Erstaunen, welches eben
nicht schmeichelhaft für die Eitelkeit des Sophisten war.  "Ja, Callias;
ich"; erwiderte jener; "ich, wie du mich hier siehest, zehn oder zwölf
Jahre abgerechnet, um welche ich damals geschickter sein mochte, den
Beifall einer schönen Dame zu erhalten.  Du glaubest vielleicht ich
scherze; aber ich bin überzeugt, daß deine Göttin selbst zu edel denkt, um
dir wenn du sie mit guter Art fragen wirst, eine Wahrheit verhalten zu
wollen, von welcher ganz Smyrna zeugen könnte."

Hier fuhr der barbarische Mensch fort, ohne das geringste Mitleiden mit
dem Zustande, worein er den armen Agathon durch seine Prahlereien setzte,
die Glückseligkeiten, welche er in den Armen der schönen Danae (der Himmel
weiß mit welchem Grunde) genossen zu haben vorgab, von Stück zu Stück mit
einem Ton von Wahrheit, und mit einer Munterkeit zu beschreiben, welche
seinen Zuhörer beinahe zur Verzweiflung brachte.  "Es ist vorbei", fiel er
endlich dem Sophisten mit einer so heftigen Bewegung in die Rede, daß er
in diesem Augenblick mehr als ein Mensch zu sein schien--"Es ist vorbei!
O Tugend, du bist gerochen!--Hippias, du hast mich unter der lächelnden
Maske der Freundschaft mit einem giftigen Dolch durchbohret--aber ich
danke dir--deine Bosheit leistet mir einen wichtigern Dienst als alles was
deine Freundschaft für mich hätte tun können.  Sie eröffnet mir die
Augen--zeigt mir auf einmal in den Gegenständen meiner Hochachtung und
meines Zutrauens, in dem Abgott meines Herzens und in meinem vermeinten
Freunde, die zwei verächtlichsten Gegenstände, womit jemals meine Augen
sich besudelt haben.  Götter!  die Buhlerin eines Hippias!  Kann etwas
unter diesem untersten Grade der Entehrung sein?"  Mit dieser Apostrophe
warf er den verachtungsvollesten Blick, der jemals aus einem Menschlichen
Auge geblitzt hat, auf den betroffenen Sophisten, und begab sich hinweg.



DRITTES KAPITEL

Folgen des Vorhergehenden


Die menschliche Seele ist vielleicht keines heftigern Schmerzens fähig,
als derjenige ist, wenn wir uns genötiget sehen, den Gegenstand unsrer
zärtlichsten Gesinnungen zu verachten.  Alles was man davon sagen kann
ist zu schwach, die Pein auszudrücken, die durch eine so gewaltsame
Zerreißung in einem gefühlvollen Herzen verursacht wird.  Wir wollen also
lieber gestehen, daß wir uns unvermögend finden, den Tumult der
Leidenschaften, welche in den ersten Stunden nach einer so grausamen
Unterredung in dem Gemüte Agathons wüteten, abzuschildern, als durch eine
frostige Beschreibung zu gleicher Zeit unsre Vermessenheit und unser
Unvermögen zu verraten.

Das erste was er tat, sobald er seiner selbst wieder mächtiger wurde, war,
daß er alle seine Kräfte anstrengte, sich zu überreden, daß ihn Hippias
betrogen habe.  War es zuviel, das Schlimmste von einem so ungeheuern
Bösewicht zu denken, als dieser Sophist nunmehr in seinen Augen war?  Was
für eine Gültigkeit konnte ein solcher Zeuge gegen eine Danae haben?--Oder
vielmehr, was für einen mächtigen Apologisten hattest du, schöne Danae, in
dem Herzen deines Agathon!  Was hätte Hyperides selbst, ob er gleich
beredt genug war, die Athenienser von der Unschuld einer Phryne zu
überzeugen, stärkers und scheinbarers zu deiner Verteidigung sagen können,
als was er sich selbst sagte?--Vermutlich würde die Vernunft allein von
dieser sophistischen Beredsamkeit der Liebe überwältiget worden sein: Aber
die Eifersucht, welche ihr zu Hülfe kam, gab den Ausschlag.  Unter allen
Leidenschaften ist keine, welcher die Verwandlung des Möglichen ins
Würkliche weniger kostet als diese.  In dem zweifelhaften Lichte, welches
sie über seine Seele ausbreitete, wurde Vermutung zu Wahrscheinlichkeit
und Wahrscheinlichkeit zu Gewißheit; nicht anders als wenn er mit der
spitzfindigen Delikatesse eines Julius Cäsars die schöne Danae schon darum
schuldig gefunden hätte, weil sie bezüchtiget wurde.  Er verglich ihre
eigene Erzählung mit des Hippias seiner, und glaubte nun, da das Mißtrauen
sich seines Geistes einmal bemächtiget hatte, hundert Spuren in der ersten
wahrzunehmen, welche die Wahrheit der letztern bekräftigten.  Hier hatte
sie einem Umstand eine gekünstelte Wendung geben müssen; dort war sie,
(wie er sich zu erinnern glaubte) verlegen gewesen, was sie aus einem
andern machen sollte, der ihr unversehens entschlüpft war.

Mit einem eben so schielenden Auge durchging er ihr ganzes Betragen gegen
ihn.  Wie deutlich glaubte er itzt zu sehen, daß sie von dem ersten
Augenblick an Absichten auf ihn gehabt habe!  Tausend kleine Umstände,
welche ihm damals ganz gleichgültig gewesen waren, schienen ihm itzt eine
geheime Bedeutung gehabt zu haben.  Er besann sich, er verglich und
kombinierte so lange, bis es ihm ganz glaublich vorkam, daß alles was bei
dem ersten Besuche, den er ihr mit Hippias gemacht, bis zu seinem übergang
in ihre Dienste vorgegangen, die Folgen eines zwischen ihr und dem
Sophisten abgeredeten Plans gewesen seien.  Wie sehr vergiftete dieser
Gedanke alles was sie für ihn getan hatte! wie gänzlich benahm er ihren
Handlungen diese Schönheit und Grazie, die ihn so sehr bezaubert hatte!
Er sah nun in diesem vermeinten Urbild einer jeden idealen Vollkommenheit
nichts mehr als eine schlaue Buhlerin, welche von einer großen Fertigkeit
in der Kunst die Herzen zu bestricken den Vorteil über seine Unschuld
erhalten hatte!  Wie verächtlich kamen ihm itzt diese Gunstbezeugungen vor,
welche ihm so kostbar gewesen waren, so lang er sie für Ergießungen eines
für ihn allein empfindlichen Herzens angesehen hatte!  Wie verächtlich
diese Freuden, die ihn in jenem glücklichen Stande der Bezauberung den
Göttern gleich gemacht!  Wie zürnte er itzt über sich selbst, daß er
töricht genug hatte sein können, in ein so sichtbares, so handgreifliches
Netz sich verwickeln zu lassen!

Das Bild der liebenswürdigen Psyche konnte sich ihm zu keiner ungelegnern
Zeit für Danae darstellen als itzt.  Aber es war natürlich, daß es sich
darstellte; und wie blendend war das Licht, worin sie ihm itzt erschien!
Wie wurde sie durch die verdunkelte Vorzüge ihrer unglücklichen
Nebenbuhlerin herausgehoben!  Himmel!  wie war es möglich, daß die
Beischläferin eines Alcibiades, eines Hippias--eines jeden andern, der ihr
gefiel, fähig sein konnte, diese liebenswürdige Unschuld auszulöschen,
deren keusche Umarmungen, anstatt seine Tugend in Gefahr zu setzen, ihr
neues Leben, neue Stärke gegeben hatten?--Er trieb die Vergleichung so
weit sie gehen konnte.  Beide hatten ihn geliebt; aber, welch ein
Unterschied in der Art zu lieben!  welch ein Unterschied zwischen jener
Nacht--an die er sich itzt mit Abscheu erinnerte--wo Danae, nachdem sie
alle ihre Reizungen, alles was die schlaueste Verführungs-Kunst erfinden
kann; zugleich mit den magischen Kräften der Musik aufgeboten, seine
Sinnen zu berauschen und sein ganzes Wesen in wollüstige Begierden
aufzulösen, sich selbst mit zuvorkommender Güte in seine Arme geworfen
hatte--und den elysischen Nächten, die ihm an Psychens Seite in der reinen
Wonne entkörperter Geister, wie ein einziger himmlischer Augenblick,
vorübergeflossen waren!--Arme Danae!  So gar die Reizungen ihrer Figur
verloren bei dieser Vergleichung einen Vorzug, den ihnen nur das
parteilichste Vorurteil absprechen konnte.  Diese Gestalt der
Liebes-Göttin, bei deren Anschauen seine entzückte Seele in Wollust
zerflossen war, sank itzt, mit der jungfräulichen Geschmeidigkeit der
jungen Psyche verglichen, in seiner gramsüchtigen Einbildung zu der
üppigen Schönheit einer Bacchantin herab--der Wut eines Weintriefenden
Satyrs würdiger als der zärtlichen Entzückungen, welche er sich itzt
schämte, in einer unverzeihlichen Betörung seiner Seele, an sie
verschwendet zu haben.

Ohne Zweifel werden unsre tugendhafte Leserinnen, welche den Fall unsers
Helden nicht ohne gerechten Unwillen gegen die feine Buhler-Künste der
schönen Danae betraurt haben, von Herzen erfreut sein, die Ehre der Tugend,
und gewisser maßen das Interesse ihres ganzen Geschlechts an dieser
Verführerin gerochen zu sehen.  Wir nehmen selbst vielen Anteil an dieser
ihrer Freude; aber wir können uns doch, mit ihrer Erlaubnis nicht
entbrechen zu sagen, daß Agathon in der Vergleichung zwischen Danae und
Psyche eine Strenge bewies, welche wir nicht allerdings billigen können,
so gerne wir ihn auch von einer Leidenschaft zurückkommen sehen, deren
längere Dauer uns in die Unmöglichkeit gesetzt hätte, diesen zweiten Teil
seiner Geschichte zu liefern.

Danae mag wegen ihrer Schwachheit gegen unsern Helden so tadelnswürdig
sein, als man will, so war es doch offenbar unbillig, sie zu verurteilen,
weil sie keine Psyche war; oder, um bestimmter zu reden, weil sie in
ähnlichen Umständen sich nicht vollkommen so wie Psyche betragen hatte.
Wenn Psyche unschuldiger gewesen war, so war es weniger ein Verdienst, als
ein physikalischer Vorzug, eine natürliche Folge ihrer Jugend und ihrer
Umstände: Danae war es vermutlich auch, da sie, unter der Aufsicht ihres
edeln Bruders, mit aller Naivität eines Landmädchens vor vierzehen Jahren
bei den Gastmählern zu Athen, nach der Flöte tanzte, oder den Alcamenen,
für die Gebühr, das Model zu dem halbaufgeblühten Busen einer Hebe
vorhielt.  War es ihre Schuld, daß sie nicht zu Delphi erzogen worden?
Oder, daß sich die ersten Empfindungen ihres jugendlichen Herzens für
einen Alcibiades, und nicht für einen Agathon entfalteten?--Psyche liebte
unschuldiger; wir geben's zu; aber die Liebe bleibt doch in ihren
Würkungen allezeit sich selbst ähnlich.  Sie erweitert ihre Foderungen so
lange bis sie im Besitz aller ihrer Rechte ist; und die treuherzige
Unerfahrenheit ist am wenigsten im Stande, ihr diese Forderungen streitig
zu machen.  Es war glücklich für die Unschuld der zärtlichen Psyche, daß
ihre nächtliche Zusammenkünfte unterbrochen wurden, eh diese auf eine so
geistige Art sinnliche Schwärmerei, worin sie beide so schöne Progressen
zu machen angefangen hatten, ihren höchsten Grad erreichte.  Vielleicht
noch wenige Tage, oder auch später, wenn ihr wollt; aber desto gewisser
würden die guten Kinder, von einer unschuldigen Ergießung des Herzens zur
andern, von einem immer noch zu schwachen Ausdruck ihrer unaussprechlichen
Empfindungen zum andern, sich endlich, zu ihrer eignen großen Verwunderung,
da gefunden haben, wo die Natur sie erwartet hätte; und wo würde da der
wesentlichste Vorzug der Unschuld geblieben sein?--Ein andrer Umstand,
worin Psyche glücklicher Weise den Vorteil über Danae hatte, war dieser,
daß ihr Liebhaber eben so unschuldig war als sie selbst, und bei aller
seiner Zärtlichkeit nur nicht den Schatten eines Gedankens hatte, ihrer
Tugend nachzustellen.  Wissen wir, wie sie sich verhalten hätte, wenn sie
auf die Probe gestellt worden wäre?  Sie würde widerstanden haben; daran
ist kein Zweifel; aber, setzet hinzu; so lang es ihr möglich gewesen wäre.
Denn daß sie stark genug gewesen wäre ihn zu fliehen, ihn gar nicht mehr
zu sehen, das ist nicht zu vermuten.  Sie würde also endlich doch von den
süßen Verführungen der Liebe überschlichen worden sein, so weit sie auch
den Augenblick ihrer Niederlage hätte zurückstellen mögen.  Man könnte
sagen: Gesetzt auch, sie würde die Probe nicht ausgehalten haben, so hätte
sie doch widerstanden; Danae hingegen habe ihren Fall nicht nur
vorausgesehen, und beschleunigt, sondern er sei sogar das Werk ihrer
eignen Maßnehmungen gewesen; und wenn sie ihn aufgezogen habe, so sei es
allein des Vorteils ihrer Liebe und ihres Vergnügens wegen, nicht aus
Tugend, geschehen.  Alles das ist nicht zu leugnen; allein vorausgesetzt,
daß sie sich endlich doch ergeben haben würde, (welches auf eine oder die
andere Art doch allemal der stillschweigende Vorsatz einer jeden ist, die
sich in eine Liebes-Angelegenheit waget) wozu würde ein langwieriger
eigensinniger Widerstand gedient haben, als sich selbst und ihrem
Liebhaber unnötige Qualen zu verursachen?  Genung, daß der strengeste
Wohlstand der heutigen Welt nicht halb soviel Zeit fodert, als sie
anwandte, dem Agathon seinen Sieg zu erschweren.  Und glauben wir etwan,
daß sie sich keine Gewalt habe antun müssen, einen so vollkommenen
Liebhaber, einen Liebhaber dessen außerordentlicher Wert die Heftigkeit
ihrer Neigung so gut rechtfertigte, so lange schmachten zu lassen?  oder
daß die Selbstverleugnung, welche dazu erfordert wurde, eine Person, deren
Einbildungs-Kraft mit den lebhaftesten Vergnügungen der Liebe schon so
bekannt war, nicht zum wenigsten eben soviel gekostet habe, als einer noch
unerfahrenen Person der ernstlichste Widerstand kosten kann?


Wir sagen dieses alles nicht, um die schöne Danae zu rechtfertigen;
sondern nur zu zeigen, daß Agathon in der Hitze des Affekts zu strenge
über sie geurteilt habe.  Es war unbillig, ihr eine Gütigkeit zum
Verbrechen zu machen, welche ihn so glücklich gemacht hatte, als er elend
gewesen sein würde, wenn sie schlechterdings darauf beharret wäre, die
heftige Leidenschaft, von der er verzehrt wurde, bloß allein durch die
ruhigen Gesinnungen der Freundschaft erwidern zu wollen.  Allein das
Vorurteil, von welchem er nun eingenommen war, machte ihn unfähig ihr
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.  Der Gedanke, daß sie einen Hippias
eben so begünstiget habe als ihn, machte ihm alles verdächtig, was ihn
hätte überzeugen können, daß, wenn ihm gleich andere in dem Genuß ihrer
Gunstbezeugungen zuvorgekommen, er doch der erste gewesen sei, der ihr
Herz wahrhaftig gerührt habe.  Kurz, er sah nun nichts in ihr als eine
Buhlerin, welche in dem Gesichtspunkt, worin sie ihm itzt erschien, vor
den übrigen ihrer Klasse keinen andern Vorzug hatte, als daß sie
gefährlicher war.

Indessen konnte sein Unwille gegen sie nicht so heftig sein als er war,
ohne sich gegen sich selbst zu kehren.  Die Vorstellung, daß er die Stelle
eines Hippias, eines Hyacinths, bei ihr vertreten habe, machte ihn in
seinen eigenen Augen zum verächtlichsten Sklaven; er schämte sich vor
seinem ehmaligen bessern Selbst, wenn er an die Rechenschaft dachte,
welche er sich von seinem Aufenthalt zu Smyrna schuldig sei.  Würde er so
gar, wenn Danae würklich diejenige gewesen wäre, wofür er sie in der
Trunkenheit der Leidenschaft gehalten hatte, vor dem Gerichtstuhl der
Tugend haben bestehen können?  Was wollte er dann nun antworten, da er
sich selbst anklagen mußte, eine so lange Zeit ohne irgend eine
lobenswürdige Tat, verloren für seinen Geist, verloren für die Tugend,
verloren für sein eigenes und das allgemeine Beste, in untätigem Müßiggang,
und, was noch schlimmer war, in der verächtlichen Bestrebung den
wollüstigen Geschmack einer Danae zu belustigen, ihre Begierden, ihre von
dem Rest des üppigen Feuers ihrer Jugend noch erhitzte Einbildung zu
befriedigen, unruhmlich verschwendet zu haben?  Er trieb die Vorwürfe,
welche er bei diesen gelbsüchtigen Vorstellungen sich selbst machte, so
weit als sie der Affekt einer allzufeurigen, aber mit angebornen Liebe zur
Tugend durchdrungenen Seele treiben kann.  Die Schmerzen wovon sein Gemüt
dadurch zerrissen wurde, waren so heftig, daß er die ganze Nacht, welche
auf diesen traurigen Tag folgte, in einer fiebrischen Hitze zubrachte,
welche, mit dem Zustande, worin sich seine Seele befand, zusammengenommen,
ein sehr fügliches Bild derjenigen Pein hätte abgeben können, worin, nach
dem allgemeinen Glauben aller Völker, die Lasterhaften in einem andern
Leben die Verbrechen des gegenwärtigen büßen.

Wir haben schon einmal angemerkt, daß das Mißvergnügen über uns selbst ein
allzuschmerzhafter Zustand sei, als daß ihn unsre Seele lange ausdauern
könnte.  Es ist natürlich, daß die Selbstliebe allen ihren Kräften aufbeut,
um sich Linderung zu verschaffen; und wenn wir betrachten, wie wenig
Gutes ein anhaltendes Gefühl von Scham und Verachtung seiner selbst würken
kann, und wie nachteilig im Gegenteil Gram und Niedergeschlagenheit, ihre
natürliche Folgen, der wiederkehrenden Tugend sein müssen: so haben wir
vielleicht Ursache, die Geschäftigkeit der Eigenliebe, uns bei uns selbst
zu entschuldigen, für eine von den nötigsten Springfedern unsrer Seele, in
diesem Stande des Irrtums und der Leidenschaften, worin sie sich befindet,
anzusehen.  Die Reue ist zu nichts gut, als uns einen tiefen Eindruck von
der Häßlichkeit eines törichten oder unsittlichen Verhaltens, dessen wir
uns schuldig fühlen, zu geben.  Sobald sie diese Würkung getan hat, soll
sie aufhören; ihre Dauer würde uns nur die Kräfte benehmen, uns in einen
bessern Zustand emporzuarbeiten, und dadurch eben so schädlich werden als
eine allzugroße Furcht, die zu nichts dient, als uns dem übel desto
gewisser auszuliefern, welchem wir behutsam entfliehen oder mutig
widerstehen sollten.

Agathon hatte desto mehr Ursache, diesen wohltätigen Eingebungen der
Eigenliebe Gehör zu geben, da ihm seine allezeit zu warme
Einbildungs-Kraft seine Vergehungen und den Gegenstand derselbigen
würklich in einem weit häßlichern Lichte gezeigt hatte, als die gelassene
und unparteiische Vernunft getan haben würde.  Die seltsame Abwechselung
dieser launischen Zauberin, und wie wenig ihr der plötzliche übergang von
dem äußersten Grad eines Affekts zum entgegen gesetzten kostet, wird
vermutlich einem guten Teil unsrer Leser aus eigner Erfahrung so wohl
bekannt sein, daß sie sich nicht verwundern werden, zu vernehmen, daß die
Begierde sich selbst in seinen eignen Augen zu rechtfertigen, oder doch
wenigstens soviel möglich zu entschuldigen, unsern Helden unvermerkt dahin
gebracht habe, auch der schönen Danae einen Teil der Gerechtigkeit wieder
angedeihen zu lassen, der ihr von den strengesten Verehrern der Tugend
nicht versagt werden kann.  "Es war schwer, sehr schwer", würde ein
Socrates gesagt haben, "den Reizungen eines so schönen Gegenstandes, den
Verführungen so vieler vereinigter Zauberkräfte zu widerstehen; die Flucht
war das einzige sichere Rettungs-Mittel; es war freilich fast eben so
schwer; aber das Vermögen dazu war wenigstens anfangs in eurer Gewalt; und
es war unvorsichtig an euch, nicht zu denken, daß eine Zeit kommen würde,
da ihr keine Kräfte mehr zum fliehen haben würdet." So ungefähr möchte
derjenige gesagt haben, der den Critobulus, weil er den schönen Knaben des
Alcibiades geküßt hatte, einen Wagehals nannte; und dem jungen Xenophon
riet, vor einem schönen Gesichte so behende wie vor einem Basilisken davon
zu laufen.  Allein so bescheiden und so wahr klang die Sprache der
Eigenliebe nicht.  "Es war unmöglich", sagte sie unserm Helden, "so
mächtigen Reizungen zu widerstehen; es war unmöglich zu entfliehen."  Sie
nahm die ganze Lebhaftigkeit seiner Einbildungs-Kraft zu hülfe, ihm die
Wahrheit dieser tröstlichen Versicherungen zu beweisen; und wenn sie es
nicht so weit brachte, ein gewisses innerliches Gefühl, welches ihr
widersprach, und welches vielleicht das gewisseste Merkmal der Freiheit
unsers Willens ist, gänzlich zu betäuben, so gelang es ihr doch unvermerkt,
den Gram aus seinem Gemüte zu verbannen, und dieses sanfte Licht wieder
darin auszubreiten, worin wir ordentlicher Weise alles, was zu uns selbst
gehört, zu sehen gewohnt sind.

Allein Danae gewann wenig bei dieser ruhigern Verfassung seines Herzens.
Ihre Vollkommenheiten rechtfertigten zwar die hohe Meinung die er von
ihrem Charakter gefasset hatte, und beides, die Größe seiner Leidenschaft;
er vergab sich selbst, sie so sehr geliebet zu haben, so lang er Ursache
gehabt hatte, die Schönheit ihrer Seele für eben so ungemein zu halten als
es die Reizungen ihrer Person waren: Aber sie verlor mit dem Recht an
seine Hochachtung alle Gewalt über sein Herz.  Der Entschluß sie zu
verlassen war die natürliche Folge davon, und dieser kostete ihn, da er
ihn faßte, nur nicht einen Seufzer; so tief war die Verachtung, wovon er
sich gegen sie durchdrungen fühlte.  Die Erinnerung dessen was er gewesen
war, das Gefühl dessen was er wieder sein könne, sobald er wolle, machte
ihm den Gedanken unerträglich, nur einen Augenblick länger der Sklave
einer andern Circe zu sein, die durch eine schändlichere Verwandlung als
irgend eine von denen welche die Gefährten des Ulysses erdulden mußten,
den Helden der Tugend in einen müßigen Wollüstling verwandelt hatte.

Bei so bewandten Umständen war es nicht ratsam, ihre Wiederkunft zu
erwarten, welche, nach ihrem Bericht, längstens in dreien Tagen erfolgen
sollte.  Denn sie hatte keinen Tag vorbeigehen lassen, ohne ihm zu
schreiben; und die Notwendigkeit, ihr eben so regelmäßig zu antworten,
setzte ihn, nach der großen Revolution die in seinem Herzen vorgegangen
war, in eine desto größere Verlegenheit, da er zu aufrichtig und zu
lebhaft war, Empfindungen vorzugeben, die sein Herz verleugnete.  Seine
Briefchen wurden dadurch so kurz, und verrieten so vielen Zwang, daß Danae
auf einen Gedanken kam, der zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber doch der
natürlichste war, der ihr einfallen konnte.  Sie vermutete, ihre
Abwesenheit könnte eine von den Schönen zu Smyrna verwegen genug gemacht
haben, ihr einen so beneidenswürdigen Liebhaber entführen zu wollen.  Wenn
ihr Stolz zu einem so vermessenen Vorhaben lächelte; so liebte sie doch zu
zärtlich, um so ruhig dabei zu sein, als man aus der muntern Art, womit
sie über seine Erkältung scherzte, hätte schließen sollen.  Indessen
behielt doch das Bewußtsein ihrer Vorzüge die Oberhand, und ließ ihr
keinen Zweifel, daß es nur ihre Gegenwart brauche, um alle Eindrücke,
welche eine Nebenbuhlerin auf der Oberfläche seines Herzens gemacht haben
können, wieder auszulöschen.  Und wenn sie dessen auch weniger gewiß
gewesen wäre, so war sie doch zu klug, ihn merken zu lassen, daß sie ein
Mißtrauen in sein Herz setze, oder fähig sein könnte, sich ihm jemals
durch eine grillenhafte Eifersucht beschwerlich zu machen.  Bei allem dem
beschleunigte dieser Umstand ihre Zurückkunft; und der Gedanke, daß es ihr
vielleicht einfallen könnte, ihn durch eine frühere Ankunft, als sie in
ihrem letzten Briefe versprochen hatte, überraschen zu wollen, (ein
Gedanke, den wir sehr geneigt sind der Eingebung des Schutzgeistes seiner
Tugend zu zuschreiben, so prophetisch war er) stellte ihm die
Notwendigkeit der schleunigsten Flucht so dringend vor, daß er sich,
sobald er den Boten der Danae abgefertiget hatte, nach dem Hafen begab,
sich um ein Schiff um zu sehen, welches ihn noch in dieser Nacht von
Smyrna entfernen möchte.



VIERTES KAPITEL

Eine kleine Abschweifung


Unsere Leser werden, wenn sie diese Geschichte mit etwas weniger
Flüchtigkeit als einen Französischen Roman du jour zu lesen würdigen,
bemerkt haben, daß die Wiederherstellung unsers Helden aus einem Zustande,
in welchem er diesen Namen allerdings nicht verdient hat, eigentlich weder
seiner Vernunft noch seiner Liebe zur Tugend zu zuschreiben sei; so
angenehm es uns auch gewesen wäre, der einen oder der andern die Ehre
einer so schönen Kur allein zu zuwenden.  Mit aller der aufrichtigen
Hochachtung, welche wir für beide hegen, müssen wir gestehen, daß wenn es
auf sie allein angekommen wäre, Agathon noch lange in den Fesseln der
schönen Danae hätte liegen können; ja wir haben Ursache zu glauben, daß
die erste gefällig genug gewesen wäre, durch tausend schöne
Vorspiegelungen und Schlüsse die andre nach und nach gänzlich
einzuschläfern, oder vielleicht gar zu einem gütlichen Vergleich mit der
Wollust, ihrer natürlichen und gefährlichsten Feindin, zu bewegen.  Wir
leugnen hiemit nicht, daß sie das ihrige zur Befreiung unsers Freundes
beigetragen; indessen ist doch gewiß, daß Eifersucht und beleidigte
Eigenliebe das meiste getan haben, und daß also, ohne die wohltätigen
Einflüsse zwoer so verschneiter Leidenschaften, der ehmals so weise, so
tugendhafte Agathon ein glorreich angefangenes Leben, allem Anscheinen
nach, zu Smyrna unter den Rosen der Venus unrühmlich hinweggescherzet
haben würde.

Wir wollen durch diese Bemerkung dem großen Haufen der Moralisten eben
nicht zugemutet haben, gewisse Vorurteile fahren zu lassen, welche sie von
ihren Vorgängern, und diese, wenn wir um einige Jahrhunderte bis zur
Quelle hinaufsteigen wollen, von den Mönchen und Einsamen, womit die
Morgenländer von jeher unter allen Religionen angefüllt gewesen sind,
durch eine den Progressen der gesunden Vernunft nicht sehr günstige
überlieferung geerbt zu haben scheinen.  Hingegen würde uns sehr
erfreulich sein, wenn diese gegenwärtige Geschichte die glückliche
Veranlassung geben könnte, irgend einen von den echten Weisen unsrer Zeit
aufzumuntern, mit der Fackel des Genie in gewisse dunkle Gegenden der
Moral-Philosophie einzudringen, welche zu beträchtlichem Abbruch des
allgemeinen Besten, noch manches Jahr-Tausend unbekanntes Land bleiben
werden, wenn es auf die vortrefflichen Leute ankommen sollte, durch deren
unermüdeten Eifer seit geraumen Jahren die deutschen Pressen unter einem
in alle mögliche Formen gegossenen Mischmasch unbestimmter und nicht
selten willkürlicher Begriffe, schwärmerischer Empfindungen, andächtiger
Wortspiele, grotesker Charaktern, und schwülstiger Deklamationen zu
seufzen gezwungen werden.  Für diejenigen, welche unsern frommen Wunsch
zu erfüllen geschickt sind, uns darüber deutlicher zu erklären, oder ihnen
den Weg zur Entdeckung dieser moralischen Terra incognita genauer andeuten
zu wollen, als es hie und da in dieser Geschichte geschehen sein mag,
würde einer Vermessenheit gleich sehen, wozu uns die Empfindung unsrer
eignen Schwäche oder vielleicht unsre Trägheit wenig innerliche Versuchung
läßt.  Wir lassen es also bei diesem kleinen Winke bewenden, und begnügen
uns, da wir nunmehr, allem Ansehen nach, unsern Helden aus der größesten
der Gefahren, worin seine Tugend jemals geschwebt hat, oder künftig
geraten mag, glücklich herausgeführt haben, einige Betrachtungen darüber
anzustellen--doch nein; wir bedenken uns besser--was für Betrachtungen
könnten wir anstellen, daß nicht diejenige welche Agathon selbst, sobald
er Muße dazu hatte, über sein Abenteur machte, um soviel natürlicher und
interessanter sein sollten, als er sich würklich in dem Falle befand,
worein wir uns erst durch Hülfe der Einbildungs-Kraft setzen müßten, und
die Gedanken sich ihm freiwillig darboten, ja wohl wider Willen aufdrängen,
welche wir erst aufsuchen müßten.  Wir wollen also warten, bis er sich
in der ruhigern Gemütsverfassung befinden wird, worin die sich selbst
wiedergegebene Seele aufgelegt ist, das Vergangene mit prüfendem Auge zu
übersehen.  Nur mög' es uns erlaubt sein, eh wir unsre Erzählung
fortsetzen, zum besten unsrer jungen Leser, zu welchen wir uns nicht
entbrechen können eine vorzügliche Zuneigung zu tragen, einige Anmerkungen
zu machen, für welche wir keinen schicklichern Platz wissen, und welche
diejenigen, die wie Shah Baham keine Liebhaber vom moralisieren sind,
füglich überschlagen, oder, bis wir damit fertig sind, sich indessen, wenn
es ihnen beliebt, die Zeit damit vertreiben können, die Spitze ihrer Nase
anzuschauen.

"Was würdet ihr also dazu sagen, meine jungen Freunde, wenn ich euch mit
der Amts-Miene eines Sittenlehrers auf der Catheder, in geometrischer
Methode beweisen würde, daß ihr zu einer vollkommnen Unempfindlichkeit
gegen diese liebenswürdige Geschöpfe verbunden seid, für welche eure Augen,
euer Herz, und eure Einbildungs-Kraft sich vereinigen, euch einen Hang
einzuflößen, der, so lang er in einem unbestimmten Gefühl besteht, euch
immer beunruhiget, und so bald er einen besondern Gegenstand bekömmt, die
Seele aller eurer übrigen Triebe wird?

Daß wir einen solchen Beweis führen, und was noch ein wenig grausamer ist,
daß wir euch die Verbindlichkeit aufdringen könnten, keines dieser
anmutsvollen Geschöpfe, so vollkommen es immer in euern bezauberten Augen
sein möchte, eher zu lieben, bis es euch befohlen wird, daß ihr sie lieben
sollt--ist eine Sache, die euch nicht unbekannt sein kann.  Aber eben
deswegen, weil es so oft bewiesen wird, können wir es als etwas
ausgemachtes voraussetzen; und uns deucht, die Frage ist nun allein, wie
es anzufangen sei, um euer widerstrebendes Herz für Pflichten gelehrig zu
machen, gegen welche ihr tausend scheinbare Einwendungen zu machen glaubt,
wenn ihr uns am Ende doch nichts anders gesagt habt, als ihr habet keine
Lust, sie auszuüben.

Die Auflösung dieser Frage deucht uns die große Schwierigkeit, worin uns
die gemeinen Moralisten mit einer Gleichgültigkeit stecken lassen, die
desto unmenschlicher ist, da wenige unter ihnen sind, welche nicht auf
eine oder die andere Art erfahren hätten, daß es nicht so leicht sei einen
Feind zu schlagen, als zu beweisen, daß er geschlagen werden solle.

Indessen nun, bis irgend ein wohltätiger Genius ein sicheres, kräftiges
und allgemeines Mittel ausfindig gemacht haben wird, diese Schwierigkeiten
zu heben, erkühnen wir uns, euch einen Rat zu geben, der zwar weder
allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten ist, aber doch, alles wohl
überlegt, euch bis zu Erfindung jenes unfehlbaren moralischen Laudanums,
in mehr als einer Absicht von beträchtlichem Nutzen sein könnte.

Wir setzen hiebei zwei gleich gewisse Wahrheiten voraus: die eine; daß die
meisten jungen Leute, und vielleicht auch ein guter Teil der Alten,
entweder zur Zärtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn dieses
Wortes, einen stärkern Hang als zu irgend einer andern natürlichen
Leidenschaft haben.  Die andere: daß Socrates, in der Stelle, deren in dem
vorigen Kapitel erwähnt worden, die schädlichen Folgen der Liebe, in so
ferne sie eine heftige Leidenschaft für irgend einen einzelnen Gegenstand
ist; (denn von dieser Art von Liebe ist hier allein die Rede) nicht höher
getrieben habe, als die tägliche Erfahrung beweiset.  'Du Unglückseliger!'
(sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht begreifen konnte, daß es
eine so gefährliche Sache sei, einen schönen Knaben, oder nach unsern
Sitten zu sprechen, ein schönes Mädchen zu küssen; und leichtsinnig genug
war zu gestehen, daß er sich alle Augenblicke getraute, dieses
halsbrechende Abenteuer zu unternehmen) 'was meinst du daß die Folgen
eines solchen Kusses sein würden?  Glaubst du, du würdest deine Freiheit
behalten, oder nicht vielmehr ein Sklave dessen werden, was du liebest?
wirst du nicht vielen Aufwand auf schädliche Wollüste machen?  Meinst du,
es werde dir viel Muße übrig bleiben, dich um irgend etwas großes und
Nützliches zu bekümmern, oder du werdest nicht vielmehr gezwungen sein,
deine Zeit auf Beschäftigungen zu wenden, deren sich so gar ein Unsinniger
schämen würde?'--Man kann die Folgen dieser Art von Liebe, in so wenigen
Worten nicht vollständiger beschreiben--Was hälf' es uns, meine Freunde,
wenn wir uns selbst betrügen wollten?  Selbst die unschuldigste Liebe,
selbst diejenige, welche in jungen enthusiastischen Seelen so schön mit
der Tugend zusammen zustimmen scheint, führt ein schleichendes Gift bei
sich, dessen Würkungen nur desto gefährlicher sind, weil es langsam und
durch unmerkliche Grade würkt--Was ist also zu tun?--Der Rat des alten
Cato, oder der, welchen Lucrez nach den Grundsätzen seiner Sekte gibt, ist,
seinen Folgen nach, noch schlimmer als das übel selbst.  So gar die
Grundsätze und das eigne Beispiel des weisen Socrates sind in diesem
Stücke nur unter gewissen Umständen tunlich--und (wenn wir nach unsrer
überzeugung reden sollen) wir wünschten, aus wahrer Wohlmeinenheit gegen
das allgemeine System, nichts weniger als daß es jemals einem Socrates
gelingen möchte, den Amor völlig zu entgöttern, seiner Schwingen und
seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine bloße regelmäßige
Stillung eines physischen Bedürfnisses zu machen.  Der Dienst, welcher der
Welt dadurch geleistet würde, müßte notwendig einen Teil der schlimmen
Würkung tun, welche auf eine allgemeine Unterdrückung der Leidenschaften
in der menschlichen Gesellschaft erfolgen müßte.

Hier ist also unser Rat--die Tartüffen, und die armen Köpfe, welche die
Welt bereden wollen, die Exkremente ihres milzsüchtigen Gehirns für
Reliquien zu küssen, mögen ihre Köpfe schütteln so stark sie können!
--Meine jungen Freunde, beschäftiget euch mit den Vorbereitungen zu eurer
Bestimmung--oder mit ihrer wirklichen Erfüllung.  Bewerbet euch um die
Verdienste, von denen die Hochachtung der Vernünftigen und der Nachwelt
die Belohnung ist; und um die Tugend, welche allein den innerlichen
Wohlstand unsers Wesens ausmacht -" "Haltet ein, Herr Sittenlehrer", rufet
ihr; "das ist nicht was wir von euch hören wollten, alles das hat uns
Claville besser gesagt, als ihr es könntet, und Abbt besser als
Claville--euer Mittel gegen die Liebe?"--"Mittel gegen die Liebe?  dafür
behüte uns der Himmel!--oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie
bei allen moralischen Quacksalbern, und--in allen Apotheken.  Unser Rat
geht gerade auf das Gegenteil.  Wenn ihr ja lieben wollt oder müßt--nun,
so kommt alles, glaubet mir, auf den Gegenstand an--Findet ihr eine
Aspasia, eine Leontium, eine Ninon--so bewerbet euch um ihre Gunst, und,
wenn ihr könnt, um ihre Freundschaft.  Die Vorteile, die ihr daraus für
euern Kopf, für euern Geschmack, für eure Sitten--ja, meine Herren, für
eure Sitten, und selbst für die Pflichten eurer Bestimmung, von einer
solchen Verbindung ziehen werdet, werden euch für die Mühe belohnen -"
"Gut!  Aspasien!  Ninons!  die müßten wir im ganzen Europa aufsuchen -"
"Das raten wir euch nicht; die Rede ist nur von dem Falle, wenn ihr sie
findet -" "Aber, wenn wir keine finden?" -"So suchet die vernünftigste,
tugendhafteste und liebenswürdigste Frau auf, die ihr finden könnet--Hier
erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu ersparen)
unter den Schönsten; ist sie liebenswürdig, so wird sie euch desto stärker
einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verführen; ist sie
klug, so wird sie sich von euch nicht verführen lassen.  Ihr könnet sie
also ohne Gefahr lieben -" "Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht;
die Frage ist, wie wir uns von ihr lieben machen -" "Allerdings, das wird
die Kunst sein; der Versuch ist euch wenigstens erlaubt; und wir stehen
euch dafür, wenn sie und ihr jedes das seinige tut, so werdet ihr euern
Roman zehen Jahre durch in einer immer nähernden Linie fort führen, ohne
daß ihr dem Mittelpunkt näher sein werdet als anfangs--Und das ist alles,
was wir euch sagen wollten."



FÜNFTES KAPITEL

Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall, der seine Entschließungen
bestimmt


Wir kommen zu unserm Agathon zurück, den wir zu Ende des dritten Kapitels
auf dem Wege nach dem Hafen von Smyrna verlassen haben.

Man konnte nicht entschlossener sein, als er es beim Ausgehen war; das
erste Fahrzeug, das er zum Auslaufen fertig antreffen würde, zu besteigen,
und hätte es ihn auch zu den Antipoden führen sollen.  Allein--so groß ist
die Schwäche des menschlichen Herzens!--da er angelangt war, und eine
Menge von Schiffen vor den Augen hatte, welche nur auf das Zeichen den
Anker zu heben wartete: So hätte wenig gefehlt, daß er wieder umgekehrt
wäre, um, anstatt vor der schönen Danae zu fliehen, ihr mit aller
Sehnsucht eines entflammten Liebhabers in die Arme zu fliegen.

Doch, wir wollen billig sein; eine Danae verdiente wohl, daß ihn der
Entschluß sie zu verlassen, mehr als einen flüchtigen Seufzer kostete; und
es war sehr natürlich, daß er, im Begriff seinen tugendhaften Vorsatz ins
Werk zu setzen, einen Blick ins Vergangene zurückwarf, und sich diese
Glückseligkeiten lebhafter vorstellte, denen er nun freiwillig entsagen
wollte, um sich von neuem, als ein im Ozean der Welt herumtreibender
Verbannter, den Zufällen einer ungewissen Zukunft auszusetzen.  Dieser
letzte Gedanke machte ihn stutzen; aber er wurde bald von andern
Vorstellungen verdrängt, die sein gefühlvolles Herz weit stärker rührten
als alles was ihn allein und unmittelbar anging.  Er setzte sich an die
Stelle der Danae.  Er malte sich ihren Schmerz vor, wenn sie bei ihrer
Wiederkunft seine Flucht erfahren würde.  Sie hatte ihn so zärtlich
geliebt!--Alles Böse, was ihm Hippias von ihr gesagt, alles was er selbst
hinzugedacht hatte, konnte in diesem Augenblick die Stimme des Gefühls
nicht übertäuben, welches ihn überzeugte, daß er wahrhaftig geliebt worden
war.  Wenn die Größe unsrer Liebe das natürliche Maß unsrer Schmerzen über
den Verlust des Geliebten ist, wie unglücklich mußte sie werden!  Das
Mitleiden, welches diese Vorstellung in ihm erregte, machte sie wieder zu
einem interessanten Gegenstand für sein Herz.  Ihr Bild stellte sich ihm
wieder mit allen den Reizungen dar, deren zauberische Gewalt er so oft
erfahren hatte.  Was für Erinnerungen!  Er konnte sich nicht erwehren,
ihnen etliche Augenblicke nachzuhängen; und fühlte immer weniger Kraft,
sich wieder von ihnen loszureißen.  Seine schon halb überwundene Seele
widerstand noch, aber immer schwächer.  Amor, um desto gewisser zu siegen,
verbarg sich unter die rührende Gestalt des Mitleidens, der Großmut, der
Dankbarkeit--Wie?  er sollte eine so inbrünstige Liebe mit so schnödem
Undank erwidern? Einer Geliebten, in dem Augenblick, da sie in die getreue
Arme eines Freundes zurück zu eilen glaubt, einen Dolch in diesen Busen
stoßen, welcher sich von Zärtlichkeit überwallend an den seinigen drücken
will?--In der Tat, eine rührende Vorstellung; und wie viel mehr wurde sie
es noch durch die unvermerkt sich einschleichende Erinnerung, was für ein
Busen das war!--Sie verlassen; sich heimlich von ihr hinweg stehlen--würde
sie den Tod von seiner Hand, in Vergleichung mit einer solchen Grausamkeit,
nicht als eine Wohltat angenommen haben?  So würde es ihm gewesen sein,
wenn er sich an ihren Platz setzte; und das tut die Leidenschaft allezeit,
wenn sie ihren Vorteil dabei findet.

Allen diesen zärtlichen Bildern stellte sein gefaßter Entschluß zwar die
Gründe, welche wir kennen, entgegen: Aber diese Gründe hatten von dem
Augenblick an, da sich sein Herz wieder auf die Seite der schönen Feindin
seiner Tugend neigte, die Hälfte von ihrer Stärke verloren.  Die Gefahr
war dringend: jede Minute war, so zu sagen, entscheidend.  Denn die
Wiederkunft der Danae war ungewiß; und es ist nicht zu zweifeln, daß sie,
wofern sie noch zu rechter Zeit angelangt wäre, Mittel gefunden hätte,
alle die widrigen Eindrücke der Verräterei des Sophisten aus einem Herzen,
welches so viel Vorteil dabei hatte sie unschuldig zu finden, auszulöschen.


Ein glücklicher Zufall--doch, warum wollen wir dem Zufall zuschreiben, was
uns beweisen sollte, daß eine unsichtbare Macht ist, welche sich immer
bereit zeigt, der sinkenden Tugend die Hand zu reichen--fügte es daß
Agathon, in diesem zweifelhaften Augenblick unter dem Gedränge der Fremden,
welche die Handelschaft von allen Welt-Gegenden her nach Smyrna führte,
einen Mann erblickte, den er zu Athen vertraulich gekannt, und durch
beträchliche Dienstleistungen sich zu verbinden Gelegenheit gehabt hatte.
Es war ein Kaufmann von Syracus, der mit den Geschicklichkeiten seiner
Profession, einen rechtschaffenen Charakter, und, was bei uns, in der
einen Hälfte des deutschen Reichs wenigstens, eine große Seltenheit ist,
mit beiden die Liebe der Musen verband; Eigenschaften, welche ihn dem
Agathon desto angenehmer, so wie sie ihn desto fähiger gemacht hatten, den
Wert Agathons zu schätzen.  Der Syracusaner bezeugte die lebhafteste
Freude über eine so angenehm überraschende Zusammenkunft, und bot unserm
Helden seine Dienste mit derjenigen Art an, welche beweist, daß man
begierig ist, sie angenommen zu sehen; denn Agathons Verbannung von Athen
war eine zu bekannte Sache, als daß sie in irgend einem Teil von
Griechenlande hätte unbekannt sein können.

Nach einigen Fragen, und Gegenfragen, wie sie unter Freunden gewöhnlich
sind, die sich nach einer geraumen Trennung unvermutet zusammenfinden,
berichtete ihm der Kaufmann als eine Neuigkeit, welche würklich die
Aufmerksamkeit aller Europäischen Griechen beschäftigte, die
außerordentliche Gunst, worin Plato bei dem jüngern Dionysius zu Syracus
stehe; die philosophische Bekehrung dieses Prinzen; und die großen
Erwartungen, mit welchen Sicilien den glückseligen Zeiten entgegensehe,
die eine so wundervolle Veränderung verspreche.  Er endigte damit, daß er
den Agathon einlud, wofern ihn keine andre Angelegenheit in Smyrna
zurückhielte, ihm nach Syracus zu folgen, welches nunmehr im Begriff sei,
der Sammelplatz der Weisesten und Tugendhaftesten zu werden.  Er meldete
ihm dabei, daß sein Schiff, welches er mit Asiatischen Waren beladen hatte,
bereit sei, noch diesen Abend abzusegeln.

Ein Funke, der in eine Pulvermine fällt, richtet keine plötzlichere
Entzündung an, als die Revolution war, die bei dieser Nachricht in unserm
Helden vorging.  Seine ganze Seele loderte, wenn wir so sagen können, in
einen einzigen Gedanken auf--Aber was für ein Gedanke war das!--Plato, ein
Freund des Dionysius--Dionysius, berüchtiget durch die ausschweifendeste
Lebens-Art, in welcher sich eine durch unumschränkte Gewalt übermütig
gemachte Jugend dahin stürzen kann--der Tyrann Dionysius, ein Liebhaber
der Philosophie, ein Lehrling der Tugend--und Agathon, sollte die Blüte
seines Lebens in müßiger Wollust verderben lassen?  Sollte nicht eilen,
dem Göttlichen Weisen, dessen erhabene Lehren er zu Athen so rühmlich
auszuüben angefangen hatte, ein so glorreiches Werk vollenden zu helfen,
als die Verwandlung eines zügellosen Tyrannen in einen guten Fürsten, und
die Befestigung der allgemeinen Glückseligkeit einer ganzen Nation?--was
für Arbeiten!  was für Aussichten für eine Seele wie die seinige!  Sein
ganzes Herz wallte ihnen entgegen; er fühlte wieder, daß er Agathon
war--fühlte diese moralische Lebens-Kraft wieder, die uns Mut und
Begierden gibt, uns zu einer edeln Bestimmung geboren zu glauben; und
diese Achtung für sich selbst, welche eine von den stärksten Schwingfedern
der Tugend ist.  Nun brauchte es keinen Kampf, keine Bestrebung mehr, sich
von Danae loszureißen, um mit dem Feuer eines Liebhabers, der nach einer
langen Trennung zu seiner Geliebten zurückkehrt, sich wieder in die Arme
der Tugend zu werfen.  Sein Freund von Syracus hatte keine überredungen
nötig; Agathon nahm sein Anerbieten mit der lebhaftesten Freude an.  Da er
von allen Geschenken, womit ihn die freigebige Danae überhäuft hatte,
nichts mit sich nehmen wollte, als das wenige, was zu den Bedürfnissen
seiner Reise unentbehrlich war, so brauchte er wenig Zeit, um reisefertig
zu sein.  Die günstigsten Winde schwellten die Segel, welche ihn aus dem
verderblichen Smyrna entfernen sollten; und so herrlich war der Triumph,
den die Tugend in dieser glücklichen Stunde über ihre Gegnerin erhielt,
daß er die anmutsvollen Asiatischen Ufer aus seinen Augen verschwinden sah,
ohne den Abschied, den er auf ewig von ihnen nahm, nur mit einer einzigen
Träne zu zieren.

"So?--Und was wurde nun" (so deucht mich hör' ich irgend eine junge Schöne
fragen, der ihr Herz sagt, daß sie es der Tugend nicht verzeihen würde,
wenn sie ihr ihren Liebhaber so unbarmherzig entführen wollte) "--was
wurde nun aus der armen Danae?  Von dieser war nun die Rede nicht mehr?
Und der tugendhafte Agathon bekümmerte sich wenig darum, ob seine Untreue,
ein Herz welches ihn glücklich gemacht hatte, in Stücken brechen werde
oder nicht?"--"Aber, meine schöne Dame, was hätte er tun sollen, nachdem
er nun einmal entschlossen war?  Um nach Syracus zu gehen mußte er Smyrna
verlassen; und nach Syracus mußte er doch gehen, wenn sie alle Umstände
unparteiisch in Betrachtung ziehen; denn sie werden doch nicht wollen, daß
ein Agathon sein ganzes Leben wie ein Veneris passerculus (lassen Sie Sich
das von Ihrem Liebhaber verdeutschen) am Busen der zärtlichen Danae buhlen
sollen?  Und sie nach Syracus mit zunehmen, war aus mehr als einer
Betrachtung auch nicht ratsam; gesetzt auch, daß sie um seinetwillen
Smyrna hätte verlassen wollen.  Oder meinen Sie vielleicht er hätte warten,
und die Einwilligung seiner Freundin zu erhalten suchen sollen?"--Das
wäre alles gewesen, was er hätte tun können, wenn er eine geheime Absicht
gehabt hätte, da zu bleiben.  Alles wohl überlegt, konnte er also, deucht
uns, nichts mehr tun als was er tat.  Er hinterließ ein Briefchen, worin
er ihr sein Vorhaben mit einer Aufrichtigkeit entdeckte, welche zugleich
die Rechtfertigung desselben ausmacht.  Er spottete ihrer nicht durch
Liebes-Versicherungen, welche der Widerspruch mit seinem Betragen
beleidigend gemacht hätte; hingegen erinnerte er sich dessen, was sie um
ihn verdient hatte zu wohl, um sie durch Vorwürfe zu kränken.  Und
dennoch entwischte ihm beim Schluß ein Ausdruck, den er vermutlich
großmütig genug gewesen wäre, wieder auszulöschen, wenn er Zeit gehabt
hätte, sich zu bedenken; denn er endigte sein Briefchen damit, daß er ihr
sagte; er hoffe, die Hälfte der Stärke des Gemüts, womit sie den Verlust
eines Alcibiades ertragen, und den Armen eines Hyacinths sich entrissen
habe, werde mehr als hinlänglich sein, ihr seine Entfernung in kurzem
gleichgültig zu machen.  Wie leicht, setzte er hinzu, kann Danae einen
Liebhaber missen, da es nur von ihr abhängt, mit einem einzigen Blicke so
viele Sklaven zu machen, als sie haben will!--das war ein wenig
grausam--Aber die Gemüts-Verfassung, worin er sich damals befand, war
nicht ruhig genug, um ihn fühlen zu lassen, wie viel er damit sagte.

Und so endigte sich also die Liebes-Geschichte des Agathon und der schönen
Danae; und so, meine schöne Leserinnen, so haben sich noch alle
Liebes-Geschichten geendigt, und so werden sich auch künftig alle endigen,
welche so angefangen haben.



SECHSTES KAPITEL

Betrachtungen, Schlüsse und Vorsätze


Wer aus den Fehlern, welche von andern vor ihm gemacht worden, oder noch
täglich um ihn her gemacht werden, die Kunst lernte selbst keine zu machen;
würde unstreitig den Namen des Weisesten unter den Menschen mit größerm
Recht verdienen als Confucius, Socrates oder König Salomon, welcher letzte,
wider den gewöhnlichen Lauf der Natur, seine größesten Torheiten in dem
Alter beging, wo die meisten von den ihrigen zurückkommen.  Unterdessen
bis diese Kunst erfunden sein wird, deucht uns, man könne denjenigen immer
für weise gelten lassen, der die wenigsten Fehler macht, am bäldesten
davon zurückkommt, und sich gewisse Kautelen für zukünftige Fälle
darauszieht, mittelst deren er hoffen kann, künftig weniger zu fehlen.

Ob und in wie fern Agathon dieses Prädikat verdiene, mögen unsre Leser zu
seiner Zeit selbst entscheiden; wir unsers Orts haben in keinerlei Absicht
einiges Interesse ihn besser zu machen, als er in der Tat war; wir geben
ihn für das was er ist; wir werden mit der bisher beobachteten
historischen Treue fortfahren, seine Geschichte zu erzählen; und
versichern ein für allemal, daß wir nicht dafür können, wenn er nicht
allemal so handelt, wie wir vielleicht selbst hätten wünschen mögen, daß
er gehandelt hätte.

Er hatte während seiner Fahrt nach Sicilien, welche durch keinen widrigen
Zufall beunruhiget wurde, Zeit genung, Betrachtungen über das, was zu
Smyrna mit ihm vorgegangen war anzustellen.  "Wie?"  rufen hier einige
Leser, "schon wieder Betrachtungen?" "Allerdings, meine Herren; und in
seiner Situation würde es ihm nicht zu vergeben gewesen sein, wenn er
keine angestellt hätte.  Desto schlimmer für euch, wenn ihr, bei gewissen
Gelegenheiten, nicht so gerne mit euch selbst redet als Agathon;
vielleicht würdet ihr sehr wohl tun, ihm diese kleine Gewohnheit
abzulernen."

Es ist für einen Agathon nicht so leicht, als für einen jeden andern, die
Erinnerung einer begangenen Torheit von sich abzuschütteln.  Braucht es
mehr als einen einzigen Fehler, um den Glanz des schönsten Lebens zu
verdunkeln?  Wie verdrießlich, wenn wir an einem Meisterstücke der Kunst,
an einem Gemälde oder Gedichte zum Exempel, Fehler finden, welche sich
nicht verbessern lassen, ohne das Ganze zu vernichten?  Wie viel
verdrießlicher, wenn es nur ein einziger Fehler ist, der dem schönen
Ganzen die Ehre der Vollkommenheit raubt?  Ein Gefühl von dieser Art war
schmerzhaft genug, um unsern Mann zu vermögen, über die Ursachen seines
Falles schärfer nachzudenken.  Wie errötete er itzt vor sich selbst, da er
sich der allzutrotzigen Herausforderung erinnerte, wodurch er ehmals den
Hippias gereizt, und gewissermaßen berechtiget hatte, den Versuch an ihm
zu machen, ob es eine Tugend gebe, welche die Probe der stärksten und
schlauesten Verführung aushalte--Was machte ihn damals so
zuversichtlich?--die Erinnerung des Sieges, den er über die Priesterin zu
Delphi erhalten hatte?  Oder das gegenwärtige Bewußtsein der
Gleichgültigkeit, worin er bei den Reizungen der jungen Cyane geblieben
war?  Die Erfahrung, daß die Versuchungen, welche seiner Unschuld im Hause
des Sophisten auf allen Seiten nachstellten, ihn weniger versucht als
empört hatten?--der Abscheu vor den Grundsätzen des Hippias--und das
Vertrauen auf die eigentümliche Stärke der seinigen?--Aber, war es eine
Folge, daß derjenige, der etliche mal gesiegt hatte, niemals überwunden
werden könne?  War nicht eine Danae möglich, welche das auszuführen
geschickt war, was die Pythia, was die Thrazischen Bacchantinnen, was
Cyane, und vielleicht alle Schönen im Serail des Königs von Persien nicht
vermochten, oder vermocht hätten?--Und was für Ursache hatte er, sich auf
die Stärke seiner Grundsätze zu verlassen?--Auch in diesem Stücke schwebte
er in einem subtilen Selbstbetrug, den ihm vielleicht nur die Erfahrung
sichtbar machen konnte.  Entzückt von der Idee der Tugend, ließ er sich
nicht träumen, daß das Gegenteil dieser intellektualischen Schönheit
jemals Reize für seine Seele haben könnte.  Die Erfahrung mußte ihn
belehren, wie betrüglich unsere Ideen sind, wenn wir sie unvorsichtig
realisieren--Betrachtet die Tugend in sich selbst, in ihrer höchsten
Vollkommenheit--so ist sie göttlich, ja (nach dem kühnen aber richtigen
Ausdruck eines vortrefflichen Schrift-Stellers) die Gottheit selbst.--Aber
welcher Sterbliche ist berechtigt, auf die allmächtige Stärke dieser
idealen Tugend zu trotzen?  Es kömmt bei einem jeden darauf an, wie viel
die seinige vermag.--Was ist häßlicher als die Idee des Lasters?  Agathon
glaubte sich also auf die Unmöglichkeit, es jemals liebenswürdig zu finden,
verlassen zu können, und betrog sich,--weil er nicht daran dachte, daß es
ein zweifelhaftes Licht gibt, worin die Grenzen der Tugend und der
Untugend schwimmen; worin Schönheit und Grazien dem Laster einen Glanz
mitteilen, der seine Häßlichkeit übergüldet, der ihm sogar die Farbe und
Anmut der Tugend gibt?  und daß es allzuleicht ist, in dieser
verführischen Dämmerung sich aus dem Bezirk der letztern in eine
unmerkliche Spiral-Linie zu verlieren, deren Mittel-Punkt ein süßes
Vergessen unsrer selbst und unsrer Pflichten ist.

Von dieser Betrachtung, welche unsern Helden die Notwendigkeit eines
behutsamen Mißtrauens in die Stärke guter Grundsätze lehrte; und wie
gefährlich es sei, sie für das Maß unsrer Kräfte zu halten; ging er zu
einer andern über, die ihn von der wenigen Sicherheit überzeugte, welche
sich unsre Seele in diesem Zustand eines immerwährenden moralischen
Enthusiasmus versprechen kann, wie derjenigen worin die seinige zu eben
der Zeit war, als sie in dem feingewebten Netze der schönen Danae gefangen
wurde.  Er rief alle Umstände in sein Gemüte zurück, welche zusammen
gekommen waren, ihm diese reizungsvolle Schwärmerei so natürlich zu machen;
und erinnerte sich der verschiednen Gefahren, denen er sich dadurch
ausgesetzt gesehen hatte.  Zu Delphi fehlte es wenig, daß sie ihn den
Nachstellungen eines verkappten Apollo preis gegeben hätte--zu Athen hatte
sie ihn seinen arglistigen Feinden würklich in die Hände geliefert.  Doch,
aus diesen beiden Gefahren hatte er seine Tugend davon gebracht; ein
unschätzbares Kleinod, dessen Besitz ihn gegen den Verlust alles andern,
was ein Günstling des Glückes verlieren kann, unempfindlich machte.  Aber
durch eben diesen Enthusiasmus unterlag sie endlich den Verführungen
seines eignen Herzens eben so wohl als den Kunstgriffen der schönen Danae.
War nicht dieses zauberische Licht, welches seine Einbildungs-Kraft
gewohnt war, über alles, was mit seinen Ideen übereinstimmte, auszubreiten;
war nicht diese unvermerkte Unterschiebung des Idealen an die Stelle des
Würklichen, die wahre Ursache, warum Danae einen so außerordentlichen
Eindruck auf sein Herz machte? War es nicht diese begeisterte Liebe zum
Schönen, unter deren schimmernden Flügeln verborgen, die Leidenschaft mit
sanftschleichenden Progressen sich endlich durch seine ganze Seele
ausbreitete?  War es nicht die lange Gewohnheit sich mit süßen
Empfindungen zu nähren, was sie unvermerkt erweichte, um desto schneller
an einer so schönen Flamme dahinzuschmelzen?  Mußte nicht der Hang zu
phantasierten Entzückungen, so geistig auch immer ihre Gegenstände sein
mochten, endlich nach denenjenigen lüstern machen, vor welchen ihm ein
unbekanntes, verworrenes, aber desto lebhafteres innerliches Gefühl den
wirklichen Genuß dieser vollkommensten Wonne versprach, wovon bisher nur
vorüberblitzende Ahnungen seine Einbildung berührt, und durch diese
leichte Berührung schon außer sich selbst gesetzt hatten?  Hier erinnerte
sich Agathon der Einwürfe, welche ihm Hippias gegen diesen Enthusiasmus,
und diejenige Art von Philosophie, die ihn hervorbringt und unterhält,
gemacht hatte; und befand sie itzt mit seiner Erfahrung so übereinstimmend,
als sie ihm damals falsch und ungereimt vorgekommen waren.  Er fand sich
desto geneigter, die Meinung des Sophisten, von dem Ursprung und der
wahren Beschaffenheit dieser hochfliegenden Begeisterung Beifall zu geben;
da es ihm, seitdem er sie in den Armen der schönen Danae verloren hatte,
unmöglich geblieben war, sich wieder in sie hineinzusetzen; und da selbst
das lebhaftere Gefühl für die Tugend, wovon sein Herz wieder erhitzt war,
weder seinen sittlichen Ideen diesen Firnis, den sie ehemals hatten,
wiedergeben, noch die dichterische Metaphysik der Orphischen Sekte wieder
in die vorige Achtung bei ihm setzen konnte.  Er glaubte durch die
Erfahrung überwiesen zu sein, daß dieses innerliche Gefühl, durch dessen
Zeugnis er die Schlüsse des Sophisten zu entkräften vermeint hatte, nur
ein sehr zweideutiges Kennzeichen der Wahrheit sei; daß Hippias eben
soviel Recht habe, seinen tierischen Materialismus und seine verderbliche
Moral, als die Theosophen ihre geheimnisvolle Geister-Lehre durch die
Stimme innerlicher Gefühle und Erfahrungen zu autorisieren; und daß es
vermutlich allein dem verschiednen Schwung unsrer Einbildungs-Kraft
beizumessen sei, wenn wir uns zu einer Zeit geneigter fühlen, uns mit den
Göttern, zu einer andern mit den Tieren verwandt zu glauben; wenn uns zu
einer Zeit alles sich in einem ernsthaften, und schwärzlichten, zu einer
andern alles in einem fröhlichen Lichte darstellt; wenn wir itzt kein
wahres und gründliches Vergnügen kennen, als uns mit stolzer Verschmähung
der irdischen Dinge in melancholische Betrachtungen ihres Nichts, in die
unbekannten Gegenden jenseits des Grabes, und die grundlosen Tiefen der
Ewigkeit hineinzusenken; ein andermal kein reizenderes Gemälde einer
beneidenswürdigen Wonne, als den jungen Bacchus, wie er, sein
Efeu-bekränztes Haupt in den Schoß der schönsten Nymphe zurückgelehnt, und
mit dem einen Arm ihre blendenden Hüften umfassend, den andern nach der
düftenden Trinkschale ausstreckt, die sie ihm lächelnd voll Nektars
schenkt, von ihren eignen schönen Händen aus strotzenden Trauben frisch
ausgepreßt; indes die Faunen und die fröhlichen Nymphen mit den
Liebes-Göttern mutwillig um ihn her hüpfen, oder durch Rosengebüsche sich
jagen, oder müde von ihren Scherzen, in stillen Grotten zu neuen Scherzen
ausruhen.

Der Schluß, den er aus allen diesen Betrachtungen, und einer Menge andrer,
womit wir unsre Leser verschonen wollen, zog, war dieser: Daß die erhabnen
Lehrsätze der Zoroastrischen und Orphischen Theosophie, wahrscheinlicher
Weise (denn gewiß getraute er sich über diesen Punkt noch nichts zu
behaupten) nicht viel mehr Realität haben könnten, als die lachenden
Bilder, unter welchen die Maler und Dichter die Wollüste der Sinnen
vergöttert hatten; daß die ersten zwar der Tugend günstiger, und das
Gemüte zu einer mehr als menschlichen Hoheit, Reinigkeit und Stärke zu
erheben schienen, in der Tat aber der wahren Bestimmung des Menschen wohl
eben so nachteilig sein durften, als die letztern; teils, weil es ein
widersinniges und vergebliches Unternehmen scheine, sich besser machen zu
wollen, als uns die Natur haben will, oder auf Unkosten des halben Teils
unsers Wesens nach einer Art von Vollkommenheit zu trachten, die mit der
Anlage desselben im Widerspruch steht; teils weil solche Menschen, wenn es
ihnen auch gelänge, sich selbst zu Halbgöttern und Intelligenzen
umzuschaffen, eben dadurch zu jeder gewöhnlichen Bestimmung des geselligen
Menschen desto untauglicher würden.  Aus diesem Gesichtspunkt deuchte ihn
der Enthusiasmus des Theosophen zwar unschädlicher als das System des
Wollüstlings; aber der menschlichen Gesellschaft eben so unnützlich: indem
der erste sich dem gesellschaftlichen Leben entweder gänzlich entzieht
(welches würklich das Beste ist, was er tun kann) oder wenn er von dem
beschaulichen Leben ins würksame übergeht, durch Mangel an Kenntnis einer
ihm ganz fremden Welt, durch abgezogene Begriffe, welche nirgends zu den
Gegenständen, die er vor sich hat, passen wollen, durch übertrieben
moralische Zärtlichkeit, und tausend andre Ursachen, die ihren Grund in
seiner vormaligen Lebens-Art haben, andern wider seine Absicht öfters,
sich selbst aber allezeit schädlich wird.

In wie fern diese Sätze richtig seien, oder in besondern Fällen einige
Ausnahmen zulassen, zu untersuchen, würde zu weit von unserm Vorhaben
abführen, genug für uns, daß sie dem Agathon begründet genug schienen, um
sich selbst desto leichter zu vergeben, daß er, wie der Homerische Ulyß in
der Insel der Calypso, sich in dem bezauberten Grunde der Wollust hatte
aufhalten lassen, sein erstes Vorhaben, die Schüler des Zoroasters und die
Priester zu Sais zu besuchen, sobald als ihm Danae seine Freiheit wieder
geschenkt hatte, ins Werk zu setzen.  Kurz, seine Erfahrungen machten ihm
die Wahrheit seiner ehemaligen Denkungs-Art verdächtig, ohne ihm einen
gewissen geheimen Hang zu seinen alten Lieblings-Ideen benehmen zu können.
Seine Vernunft konnte in diesem Stücke mit seinem Herzen und sein Herz
mit sich selbst nicht recht einig werden; und er war nicht ruhig genug,
oder vielleicht auch zu träge, seine nunmehrige Begriffe in ein System zu
bringen, wodurch beide hatten befriedigt werden können.  In der Tat ist
ein Schiff eben nicht der bequemste Ort, ein solches Werk, wozu die Stille
eines dunkeln Hains kaum stille genug ist, zu Stande zu bringen; und
Agathon mag daher zu entschuldigen sein, daß er diese Arbeit verschob, ob
es gleich eine von denen ist, welche sich so wenig aufschieben lassen, als
die Ausbesserung eines baufälligen Gebäudes; denn so wie dieses mit jedem
Tage, um den seine Wiederherstellung aufgeschoben wird, dem gänzlichen
Einsturz näher kommt; so pflegen auch die Lücken in unsern moralischen
Begriffen und die Mißhelligkeiten zwischen dem Kopf und dem Herzen immer
größer und gefährlicher zu werden, je länger wir es aufschieben sie mit
der erforderlichen Aufmerksamkeit zu untersuchen, eine richtige Verbindung
und Harmonie zwischen den Teilen und dem Ganzen herzustellen.

Doch dieser Aufschub war in dem besondern Falle, worin sich Agathon befand,
desto weniger schädlich, da er, von der Schönheit der Tugend und der
unauflöslichen Verbindlichkeit ihrer Gesetze mehr als jemals überzeugt,
eine auf das wahre allgemeine Beste gerichtete Würksamkeit für die
Bestimmung aller Menschen, oder wofern ja einige Ausnahme zu Gunsten der
bloß kontemplativen Geister zu machen wäre, doch gewiß für die seinige
hielt.  Vormals war er nur zufälliger Weise, und gegen seine Neigung in
das aktive Leben verflochten worden: itzo war es eine Folge seiner
nunmehrigen, und wie er glaubte geläuterten Denkungs-Art, daß er sich dazu
entschloß.  Ein sanftes Entzücken, welches ihm in diesen Augenblicken den
süßesten Berauschungen der Wollust unendlich vorzuziehen schien, ergoß
sich durch sein ganzes Wesen bei dem Gedanken, der Mitarbeiter an der
Wiedereinsetzung Siciliens in die unendlichen Vorteile der wahren Freiheit
und einer durch weise Gesetze und Anstalten verewigten Verfassung zu
sein--Seine immer verschönernde Phantasie malte ihm die Folgen seiner
Bemühungen in tausend reizende Bilder von öffentlicher Glückseligkeit
aus--er fühlte mit Entzücken die Kräfte zu einer so edeln Arbeit in sich;
und sein Vergnügen war desto vollkommener, da er zugleich empfand, daß
Herrschsucht und eitle Ruhm-Begierde keinen Anteil daran hatten; daß es
die tugendhafte Begierde, in einem weiten Umfang gutes zu tun, war, deren
gehoffete Befriedigung ihm diesen Vorschmack des göttlichsten Vergnügens
gab, dessen die menschliche Natur fähig ist.  Seine Erfahrungen, so viel
sie ihn auch gekostet hatten, schienen ihm itzt nicht zu teuer erkauft, da
er dadurch desto tüchtiger zu sein hoffte, die Klippen zu vermeiden, an
denen die Klugheit oder die Tugend derjenigen zu scheitern pflegt, welche
sich den öffentlichen Angelegenheiten unterziehen.  Er setzte sich fest
vor, sich durch keine zweite Danae mehr irre machen zu lassen.  Er glaubte
sich in diesem Stücke desto besser auf sich selbst verlassen zu können, da
er stark genug gewesen war, sich von der ersten loszureißen, und es mit
gutem Fug für unmöglich halten konnte, jemals auf eine noch gefährlichere
Probe gesetzt zu werden.  Ohne Ehrgeiz, ohne Habsucht, immer wachsam auf
die schwache Seite seines Herzens, die er kennen gelernt hatte, dachte er
nicht, daß er von andern Leidenschaften, welche vielleicht noch in seinem
Busen schlummerten, etwas zu besorgen haben könne.  Keine übelweissagende
Besorgnisse störten ihn in dem unvermischten Genusse seiner Hoffnungen;
sie beschäftigten ihn wachend und selbst in Träumen; sie waren der
vornehmste Inhalt seiner Gespräche mit dem Syracusischen Kaufmanne, sie
machten ihm die Beschwerden der Reise unmerklich, und entschädigten ihn
überflüssig für den Verlust der ehemals geliebten Danae; einen Verlust der
mit jedem neuen Morgen kleiner in seinen Augen wurde; und so führten ihn
günstige Winde und ein geschickter Steuermann nach einer kurzen Verweilung
in einigen griechischen See-Städten, wo er sich nirgends zu erkennen gab,
glücklich nach Syracus, um an dem Hof eines Fürsten zu lernen, daß auf
dieser schlüpfrigen Höhe die Tugend entweder der Klugheit aufgeopfert
werden muß, oder die behutsamste Klugheit nicht hinreichend ist, den Fall
des Tugendhaften zu verhindern.



SIEBENTES KAPITEL

Eine oder zwo Digressionen


Wir wünschen uns Leserinnen zu haben; (denn diese Geschichte, wenn sie
auch weniger wahr wäre, als sie ist, gehört nicht unter die gefährlichen
Romanen, von welchen der Verfasser des gefährlichsten und lehrreichsten
Romans in der Welt die Jungfrauen zurückschreckt) und wir sehen es also
nicht gerne, daß einige unter ihnen, welche noch Geduld genug gehabt,
dieses achte Buch bis zum Schluß zu durchblättern--in der Meinung, daß nun
nichts interessantes mehr zu erwarten sei, nachdem Agathon durch einen
Streich von der verhaßtesten Art, durch eine heimliche Flucht der Liebe
den Dienst aufgesagt habe--den zweiten Teil seiner Geschichte ganz
kaltsinnig aus ihren schönen Händen entschlüpfen lassen, und--vielleicht
den "Sopha", oder die allerliebste kleine "Puppe" des Hrn.  Bibiena
ergreifen, um die Vapeurs zu zerstreuen, die ihnen die Untreue und die
Betrachtungen unsers Helden verursachet haben.

"Woher es wohl kommen mag, meine schönen Damen, daß die meisten unter
Ihnen geneigter sind, uns alle Torheiten, welche die Liebe nur immer
begehen machen kann, zu verzeihen, als die Wiederherstellung in den
natürlichen Stand unsrer gesunden Vernunft?  Gestehen Sie, daß wir ihnen
desto lieber sind, je besser wir durch die Schwachheiten, wozu Sie uns
bringen können, die Obermacht Ihrer Reizungen über die Stärke der
männlichen Weisheit beweisen--Was für ein interessantes Gemälde ist nicht
eine Deanira mit der Löwen-Haut ihres nervichten Liebhabers umgeben, und
mit seiner Keule auf der Schulter, wie sie einen triumphierend-lächelnden
Seitenblick auf den Bezwinger der Riesen und Drachen wirft, der, in ihre
langen Kleider vermummt, mitten unter ihren Mädchen mit ungeschickter Hand
die weibische Spindel dreht?--Wir kennen eine oder zwo, auf welche diese
kleine Exklamation nicht paßt; aber wenn wir ohne Schmeichelei reden
sollen, (welches wir freilich nicht tun sollten, wenn wir die Klugheit zu
Rate zögen,) so zweifeln wir, ob die Weiseste unter allen, zu eben der
Zeit, da sie sich bemüht, den Torheiten ihres Liebhabers Schranken zu
setzen, sich erwehren kann, eine solche kleine still-triumphierende Freude
darüber zu fühlen, daß sie liebenswürdig genug ist, einen Mann von
Verdiensten seines eignen Werts vergessen zu machen."

"Eine alltägliche Anmerkung" werden Kenner denken, "welche weder mehr noch
weniger sagt, als was Gay in einer seiner Fabeln tausend mal schöner
gesagt hat, und was wir alle längst wissen--daß die Eitelkeit die wahre
Triebfeder aller Bewegungen des weiblichen Herzens ist -" Wir erkennen
unsern Fehler, ohne gleichwohl den Kennern einzugestehn, daß unsre
Anmerkung so viel sage.  Aber nichts mehr hievon!

Hingegen können wir unsern besagten Leserinnen, um sie wieder gut zu
machen, eine kleine Anekdote aus dem Herzen unsers Helden nicht verhalten,
und wenn er auch gleich dadurch in Gefahr kommen sollte, die Hochachtung
wieder zu verlieren, in die er sich bei den ehrwürdigen Damen, welche nie
geliebt haben, und, Dank sei dem Himmel!  nie geliebt worden sind, wieder
zu setzen angefangen hat.  Hier ist sie-So vergnügt Agathon über seine
Entweichung aus seiner angenehmen Gefangenschaft in Smyrna, und in diesem
Stücke mit sich selbst war; so wenig die Bezauberung, unter welcher wir
ihn gesehen haben, die charakteristische Leidenschaft schöner Seelen, die
Liebe der Tugend, in ihm zu ersticken vermocht hatte; so aufrichtig die
Gelübde waren, die er tat, ihr künftig nicht wieder ungetreu zu werden; so
groß und wichtig die Gedanken waren, welche seine Seele schwellten; so
sehr er, um alles mit einem Wort zu sagen, wieder Agathon war: So hatte er
doch Stunden, wo er sich selbst gestehen mußte, daß er mitten in der
Schwärmerei der Liebe und in den Armen der schönen Danae--glücklich
gewesen sei.  "Es mag immer viel Verblendung, viel überspanntes und
Schimärisches in der Liebe sein", sagte er zu sich selbst, "so sind doch
gewiß ihre Freuden keine Einbildung--ich fühlte es, und fühl' es noch, so
wie ich mein Dasein fühle, daß es wahre Freuden sind, so wahr in ihrer Art,
als die Freuden der Tugend--und warum sollt' es unmöglich sein, Liebe und
Tugend mit einander zu verbinden?  Sie beide zu genießen, das würde erst
eine vollkommne Glückseligkeit sein."

Hier müssen wir zu Verhütung eines besorglichen Mißverstandes eine kleine
Parenthese machen, um denen, die keine andre Sitten kennen, als die Sitten
des Landes oder Ortes, worin sie geboren sind, zu sagen, daß ein
vertrauter Umgang mit Frauenzimmern von einer gewissen Klasse, oder (nicht
so französisch, aber weniger zweideutig zu reden) welche mit dem was man
etwas uneigentlich Liebe zu nennen pflegt, ein Gewerbe treiben, bei den
Griechen eine so erlaubte Sache war, daß die strengesten Väter sich
lächerlich gemacht haben würden, wenn sie ihren Söhnen, so lange sie unter
ihrer Gewalt stunden, eine Liebste aus der bemeldten Klasse hätten
verwehren wollen.  Frauen und Jungfrauen genossen den besondern Schutz der
Gesetze, wie allenthalben, und waren durch die Sitten und Gebräuche dieses
Volkes vor Nachstellungen ungleich besser gesichert, als sie es bei uns
sind.  Ein Anschlag auf ihre Tugend war so schwer zu bewerkstelligen, als
die Bestrafung eines solchen Verbrechens strenge war.  Ohne Zweifel
geschah es, diese in den Augen der Griechischen Gesetzgeber geheiligte
Personen, die Mütter der Bürger, und diejenige welche zu dieser Ehre
bestimmt waren, den Unternehmungen einer unbändigen Jugend desto gewisser
zu entziehen, daß der Stand der Phrynen und Laiden geduldet wurde; und so
ausgelassen uns auch der asotische Witzling Aristophanes die Damen von
Athen vorstellet, so ist doch gewiß, daß die Weiber und Töchter der
Griechen überhaupt sehr sittsame Geschöpfe waren; und daß die Sitten einer
Vermählten und einer Buhlerin bei ihnen eben so stark mit einander
absetzten, als man dermalen in gewissen Hauptstädten von Europa bemüht ist,
sie mit einander zu vermengen.

Ob diese ganze Einrichtung löblich war, ist eine andre Frage, von der hier
die Rede nicht ist; wir führen sie bloß deswegen an, damit man nicht
glaube, als ob die Reue und die Gewissens-Bisse unsers Agathon aus dem
Begriff entstanden, daß es unrecht sei mit einer Danae der Liebe zu
pflegen.  Agathon dachte in diesem Stücke, wie alle andren Griechen seiner
Zeit.  Bei seiner Nation (die Spartaner vielleicht allein ausgenommen)
durfte man, wenigstens in seinem Alter, die Nacht mit einer Tänzerin oder
Flötenspielerin zubringen, ohne sich deswegen einen Vorwurf zu zuziehen,
in so ferne nur die Pflichten seines Standes nicht darunter leiden mußten,
und eine gewisse Mäßigung beobachtet wurde, welche nach den Begriffen
dieser Heiden, die wahre Grenzlinie der Tugend und des Lasters ausmachte.
Wenn man dem Alcibiades übel genommen hatte, daß er sich im Schoß der
schönen Nemea, als wie vom Siege ausruhend, malen ließ, oder daß er den
Liebesgott mit Jupiters Blitzen bewaffnet in seinem Schilde führte; (und
Plutarch sagt uns, daß nur die ältesten und ernsthaftesten Athenienser
sich darüber aufgehalten; Leute, deren Eifer öfters nicht sowohl von der
Liebe der Tugend gegen die Torheiten der Jugend gewaffnet wird, als von
dem verdrießlichen Umstand, beim Anblick derselben zu gleicher Zeit, wie
weit sie von ihrer eignen Jugend entfernt und wie nahe sie dem Grabe sind,
erinnert zu werden): Wenn man, sage ich, dem Alcibiades diese
Ausschweifungen übel nahm, so war es nicht sein Hang zu den Ergötzungen
oder seine Vertraulichkeit mit einer Person, welche durch Stand und
Profession, wie so viel andre, allein dem Vergnügen des Publici gewidmet
war; sondern der übermut, der daraus hervorleuchtete, die Verachtung der
Gesetze des Wohlstandes, und einer gewissen Gravität, welche man in freien
Staaten mit Recht gewohnt ist von den Vorstehern der Republik, wenigstens
außerhalb dem Zirkel des Privatlebens, zu fodern.  Man würde ihm, wie
andern, seine Schwachheiten, oder seine Ergötzungen übersehen haben; aber
man vergab ihm nicht, daß er damit prahlte; daß er sich seinem Hang zur
Fröhlichkeit und Wollust, bis zu den unbändigsten Ausgelassenheiten
überließ.  Daß er, von Wein und Salben triefend, mit dem vernachlässigten
und abgematteten Ansehen eines Menschen, der eine Winternacht
durchschwelgt hatte, noch warm von den Umarmungen einer Tänzerin, in die
Rats-Versammlungen hüpfte, und sich, so übel vorbereitet, doch überflüssig
tauglich hielt, (und vielleicht war ers würklich) die Angelegenheiten
Griechenlands zu besorgen, und den grauen Vätern der Republik zu sagen,
was sie zu tun hätten: Das war es, was sie ihm nicht vergeben konnten, und
was ihm die schlimmen Händel zuzog, von denen der Wohlstand Athens und er
selbst endlich die Opfer wurden.

überhaupt ist es eine längst ausgemachte Sache, daß die Griechen von der
Liebe ganz andere Begriffe hatten als die heutigen Europäer--denn die Rede
ist hier nicht von den metaphysischen Spielwerken oder Träumen des
göttlichen Platons--Ihre Begriffe scheinen der Natur, und also der
gesunden Vernunft näher zu kommen, als die unsrigen, in welchen Scythische
Barbarei und Maurische Galanterie auf die seltsamste Art mit einander
kontrastieren.  Sie ehrten die ehliche Freundschaft; aber von dieser
romantischen Leidenschaft, welche wir im eigentlichen Verstande Liebe
nennen, und welche eine ganze Folge von Romanschreibern bei unsern
Nachbaren jenseits des Rheins und bei den Engländern bemühet gewesen ist,
zu einer heroischen Tugend zu erheben; von dieser wußten sie eben so wenig
als von der weinerlich-komischen, der abenteurlichen Hirngeburt einiger
Neuerer, meistens weiblicher, Skribenten, welche noch über die Begriffe
der ritterlichen Zeiten raffiniert, und uns durch ganze Bände eine Liebe
gemalt haben, die sich von stillschweigendem Anschauen, von Seufzern und
Tränen nährt, immer unglücklich und doch selbst ohne einen Schimmer von
Hoffnung immer gleich standhaft ist.  Von einer so abgeschmackten, so
unmännlichen, und mit dem Heldentum, womit man sie verbinden will, so
lächerlich abstechenden Liebe wußte diese geistreiche Nation nichts, aus
deren schöner und lachender Einbildungskraft die Göttin der Liebe, die
Grazien, und so viele andre Götter der Fröhlichkeit hervorgegangen waren.
Sie kannten nur die Liebe, welche scherzt, küßt und glücklich ist; oder,
richtiger zu reden, diese allein schien ihnen, unter gehörigen
Einschränkungen, der Natur gemäß, anständig und unschuldig.  Diejenige,
welche sich mit allen Symptomen eines fiebrischen Paroxysmus der ganzen
Seele bemächtiget, war in ihren Augen eine von den gefährlichsten
Leidenschaften, eine Feindin der Tugend, die Störerin der häuslichen
Ordnung, die Mutter der verderblichsten Ausschweifungen und der
häßlichsten Laster.  Wir finden wenige Beispiele davon in ihrer Geschichte;
und diese Beispiele sehen wir auf ihrem tragischen Theater mit Farben
geschildert, welche den allgemeinen Abscheu erwecken mußten; so wie
hingegen ihre Komödie keine andre Liebe kennt, als diesen natürlichen
Instinkt, welchen Geschmack, Gelegenheit und Zufall für einen gewissen
Gegenstand bestimmen, der, von den Grazien und nicht selten auch von den
Musen verschönert, das Vergnügen zum Zweck hat, nicht besser noch
erhabener sein will als er ist, und wenn er auch in Ausschweifungen
ausbrechend, sich gegen den Zwang der Pflichten aufbäumt, doch immer
weniger Schaden tut, und leichter zu bändigen ist, als jene tragische Art
zu lieben, welche ihnen vielmehr von der Fackel der Furien als des
Liebesgottes entzündet, eher die Würkung der Rache einer erzürnten
Gottheit als dieser süßen Betörung gleich zu sein schien, welche sie, wie
den Schlaf und die Gaben des Bacchus, des Gebers der Freude, für ein
Geschenke der wohltätigen Natur, ansahen, uns die Beschwerden des Lebens
zu versüßen, und zu den Arbeiten desselben munter zu machen.


Ohne Zweifel würden wir diesen Teil der Griechischen Sitten noch besser
kennen, wenn nicht durch ein Unglück, welches die Musen immer beweinen
werden, die Komödien eines Alexis, Menander, Diphilus, Philemon,
Apollodorus, und andrer berühmter Dichter aus dem schönsten Zeit-Alter der
attischen Musen ein Raub der mönchischen und Saracenischen Barbarei
geworden wären.  Allein es bedarf dieser Urkunden nicht, um das was wir
gesagt haben zu rechtfertigen.  Sehen wir nicht den ehrwürdigen Solon noch
in seinem hohen Alter, in Versen welche des Alters eines Voltaire würdig
sind, von sich selbst gestehen, "daß er sich aller andern Beschäftigungen
begeben habe, um den Rest seines Lebens in Gesellschaft der Venus, des
Bacchus und der Musen auszuleben, der einzigen Quellen der Freuden der
Sterblichen?" Sehen wir nicht den weisen Socrates kein Bedenken tragen, in
Gesellschaft seiner jungen Freunde, der schönen und gefälligen Theodota
einen Besuch zu machen, um über ihre von einem aus der Gesellschaft für
unbeschreiblich angepriesene Schönheit den Augenschein einzunehmen?  Sehen
wir nicht, daß er seiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt, indem er
diese Theodota, auf eine scherzhafte Art in der Kunst Liebhaber zu fangen
unterrichtet?  War er nicht ein Freund und Bewunderer, ja, wenn Plato
nicht zuviel gesagt hat, ein Schüler der berühmten Aspasia, deren Haus,
ungeachtet der Vorwürfe, welche ihr von der zaumlosen Frechheit der
damaligen Komödie gemacht wurden, der Sammelplatz der schönsten Geister
von Athen war?  So enthaltsam er selbst, bei seinen beiden Weibern, in
Absicht der Vergnügen der Paphischen Göttin immer sein mochte; so finden
wir doch seine Grundsätze über die Liebe mit der allgemeinen Denkungsart
seiner Nation ganz übereinstimmend.  Er unterschied das Bedürfnis von der
Leidenschaft; das Werk der Natur, von dem Werk der Phantasie; er warnte
vor dem Letztern, wie wir im vierten Kapitel schon im Vorbeigehen bemerkt
haben; und riet zu Befriedigung der ersten (nach Xenophons Bericht) eine
solche Art von Liebe, (das Wort dessen sich die Griechen bedienten, drückt
die Sache bestimmter aus) an welcher die Seele so wenig als möglich Anteil
nehme.  Ein Rat, welcher zwar seine Einschränkungen leidet; aber doch auf
die Erfahrungs-Wahrheit gegründet ist; daß die Liebe, welche sich der
Seele bemächtiget, sie gemeiniglich der Meisterschaft über sich selbst
beraube, entnerve, und zu edeln Anstrengungen untüchtig mache.

"Und wozu", (hören wir den scheinheiligen Theogiton mit einem tiefen
Seufzer, in welchem ein halbunterdrücktes Anathema murmelt, fragen)
"--wozu diese ganze schöne Digression?  Ist vielleicht ihre Absicht, die
ärgerlichen Begriffe und Sitten blinder, verdorbener Heiden unsrer ohnehin
zum Bösen so gelehrigen Jugend zum Muster vorzulegen?" "Nein, mein Herr;
das wäre unnötig; der größeste Teil dieser Jugend, welche unser Buch lesen
wird (es müßte dann in die Gewürzbuden kommen) hat schon den Horaz, den
Ovid, den Martial, den Petron, den Apuleius, vielleicht auch den
Aristophanes gelesen; und was noch sonderbarer scheinen könnte, hat seine
Bekanntschaft mit diesen Schriftstellern, welche nach Dero Grundsätzen
lauter Seelengift sind, in den Schulen gemacht.  Wir haben also dieser
Jugend nicht viel neues gesagt; und gesetzt, wir hätten?  Alle Welt weiß,
daß andre Verfassungen, andre Gesetze, eine andre Art des Gottesdiensts,
auch andre Sitten hervorbringen und erfodern.  Aber das verhindert nicht,
daß es nicht gut sein sollte, auch zu wissen, nach was für Begriffen man
außerhalb unserm kleinen Horizont, unter andern Himmelsstrichen und zu
andern Zeiten gedacht und gelebt hat -" "Und wozu sollte das gut sein
können?"  "--Vergebung, Herr Theogiton!  das sollten Sie wissen, da Sie
davon Profession machen, die Menschen zu verbessern; und das hätten Sie,
nehmen Sie's nicht übel, vorher lernen sollen, ehe Sie Sich unterfangen
hätten, einen Beruf zu übernehmen, worin es so leicht ist, ein Pfuscher zu
sein--Doch genug; Sie sollen hören, warum diese kleine Abschweifung
notwendig war.  Es ist hier darum zu tun, den Agathon zu schildern; ein
wenig genauer und richtiger zu schildern, als es ordentlicher Weise in den
Personalien einer Leichenpredigt geschieht--Sie schütteln den Kopf, Herr
Theogiton--beruhigen Sie Sich; man malt solche Schildereien weder für Sie,
noch für die guten Seelen, welche sich unter Ihre Direktion begeben haben;
Sie müssen ja den 'Agathon' nicht lesen; und, die Wahrheit zu sagen, Sie
würden wohl tun gar nicht zu lesen, was Sie nicht zu verstehen fähig
sind--Aber Sie sollen glauben daß es sehr viele ehrliche Leute gibt, die
nicht unter Ihrer Direktion stehen, und einige von diesen werden den
'Agathon' lesen, werden alles in dem natürlichen, wahren Lichte sehen,
worin ungefälschte, gesunde Augen zu sehen pflegen, und werden
sich--seufzen Sie immer soviel Sie wollen--daraus erbauen.  Für diese also
haben wir uns anheischig gemacht, den Agathon, als eine moralische Person
betrachtet, zu schildern.  Es ist hier um eine Seelen-Malerei zu tun--Sie
lächeln, mein Herr?--Nicht wahr, ich errate es, daß ihnen bei diesem Worte
die punktierte Seele in Comenii 'Orbe picto' einfällt?  Aber das ist nicht
was ich meine; es ist darum zu tun, daß uns das Innerste seiner Seele
aufgeschlossen werde; daß wir die geheimem Bewegungen seines Herzens, die
verborgenem Triebfedern seiner Handlungen kennen lernen -" "Eine schöne
Kenntnis! und die etwan viel Kopfzerbrechens braucht?--Ein Herz zu kennen,
von dem ich Ihnen, kraft meines Systems, gleich bei der ersten Zeile Ihres
Buchs hätte vorhersagen können, daß es durch und durch nichts taugt -"
"Ich bitte Sie, Herr Theogiton, nichts mehr; Sie mögen wohl Ihr System
nicht recht gelernt haben, oder--das muß ein System sein!  Aber; in unserm
Leben nichts mehr, wenn ich bitten darf.  Ich sehe, die Natur hat Ihnen
das Werkzeug versagt, wodurch wir uns gegen einander erklären könnten.
Ich hatte Unrecht, Ihnen von geheimen Triebfedern zu sprechen--Sie kennen
nur eine einzige Gattung derselben, die in der Kasse der guten Seelen
liegt, die sich Ihrer Führung überlassen haben; und diese rechtfertiget
freilich Ihr System besser als alles was Sie zu seinem Behuf sagen könnten
-" Also zu unserm Agathon zurück!

Nach den gewöhnlichen Begriffen seiner Zeit wäre es so schwer nicht
gewesen, Liebe und Tugend mit einander zu verbinden; auch unsre jungen
Moralisten hätten hierzu gleich ein Recipe fertig, oder es wimmelt
vielmehr würklich von dergleichen in allen Buchläden.  Aber Agathon hatte
größere und feinere Begriffe von der Tugend--Die Begriffe einer gewissen
idealischen Vollkommenheit waren zu sehr mit den Grundzügen seiner Seele
verweht, als daß er sie sobald verlieren konnte, oder vielleicht jemals
verlieren wird.  Was ist für eine delikate Seele Liebe ohne Schwärmerei?
Ohne diese Zärtlichkeit der Empfindungen, diese Sympathie welche ihre
Freuden vervielfältiget, verfeinert, veredelt?  Was sind die Wollüste der
Sinnen, ohne Grazien und Musen?--Das Socratische System über die Liebe mag
für viele gut sein; aber es taugt nicht für die Agathons.  Agathon hätte
diese Art zu lieben, wie er die schöne Danae geliebt hatte, und wie er von
ihr geliebt worden war, gerne mit der Tugend verbinden mögen; und von
diesem Wunsch sah er alle Schwierigkeiten ein.  Endlich deuchte ihn, es
komme alles auf den Gegenstand an; und hier erinnerte ihn sein Herz wieder
an seine geliebte Psyche.  Ihr Bild stellte sich ihm mit einer Wahrheit
und Lebhaftigkeit dar, wie es ihm seit langer Zeit, seinen Traum
ausgenommen, niemals vorgekommen war.  Er errötete vor diesem Bilde, wie
er vor der gegenwärtigen Psyche selbst errötet haben würde; aber er
empfand mit einem Vergnügen, wovon das überlegte Bewußtsein ein neues
Vergnügen war, daß sein Herz, ohne nur mit einem einzigen Faden an Danae
zu hangen, wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehrte.  Seine wieder
ruhige Phantasie spiegelte ihm, wie ein klarer tiefer Brunnen die
Erinnerungen der reinen, tugendhaften, und mit keiner andern Lust zu
vergleichenden Freuden vor, die er durch die zärtliche Vereinigung ihrer
Seelen in jenen elysischen Nächten erfahren hatte.  Er empfand itzt alles
wieder für sie was er ehemals empfunden, und diese neuen Empfindungen noch
dazu, welche ihm Danae eingeflößt hatte; aber so sanft, so geläutert durch
die moralische Schönheit des veränderten Gegenstandes, daß es nicht mehr
eben dieselben schienen.  Er stellte sich vor, wie glücklich ihn eine
unzertrennliche Verbindung mit dieser Psyche machen würde, welche ihm eine
Liebe eingehaucht, die seiner Tugend so wenig gefährlich gewesen war, daß
sie ihr vielmehr Schwingen angesetzt hatte--er versetzte sich in Gedanken
mit Psyche in den Ruheplatz der Diana zu Delphi--und ließ den Gott der
Liebe, den Sohn der himmlischen Venus, das überirdische Gemälde ausmalen.
Eine süße weissagende Hoffnung breitete sich durch seine Seele aus; es war
ihm, als ob eine geheime Stimme ihm zulisple, daß er sie in Sicilien
finden werde.  Psyche schickte sich vortrefflich in den Plan, den er sich
von seinem bevorstehenden Leben gemacht hatte--was für eine Perspektive
stellte ihm die Verbindung seiner Privat-Glückseligkeit mit der
öffentlichen vor, welcher er alle seine Kräfte zu widmen entschlossen war!
Aber er wollte erst verdienen glücklich zu sein--"Und nun, sagen sie mir,
meine schönen Leserinnen, verdient nicht ein Mann, der so edel denkt
glücklich zu sein?--verdient er nicht die beste Frau?--Sein Sie ruhig; er
soll sie haben, sobald wir sie finden werden."



NEUNTES BUCH



ERSTES KAPITEL

Veränderung der Szene.  Charakter der Syracusaner, des Dionysius und
seines Hofes


Da wir im Begriff sind, unserm Helden auf einen neuen Schauplatz zu folgen,
wird es nicht überflüssig sein, denenjenigen, welche in der alten
Geschichte nicht so gut bewandert sind, als vielleicht im Feen-Lande,
einige vorläufige Nachrichten von den Personen zu geben, mit welchen man
ihn in diesem und dem folgenden Buche verwickelt sehen wird.

Syracus, die Hauptstadt Siciliens, verdiente in vielerlei Betrachtungen
den Namen des zweiten Athen.  Nichts kann ähnlicher sein, als der
Charakter ihrer Einwohner.  Beide waren im höchsten Grad eifersüchtig über
eine Freiheit, in welcher sie sich niemals lange zu erhalten wußten, weil
sie Müßiggang und Lustbarkeiten noch mehr liebten, als diese Freiheit; und
man muß gestehen, daß sie ihnen durch den schlechten Gebrauch, den sie von
ihr zu machen wußten, mehr Schaden getan hat, als ihre Tyrannen
zusammengenommen.  Die Syracusaner hatten den Genie der Künste und der
Musen; sie waren lebhaft, sinnreich und zum spottenden Scherze aufgelegt;
heftig und ungestüm in ihren Bewegungen, aber so unbeständig, daß sie in
einem Zeitmaß von wenigen Tagen von dem äußersten Grade der Liebe zum
äußersten Haß, und von dem wirksamsten Enthusiasmus zur untätigsten
Gleichgültigkeit übergehen konnten; lauter Züge, durch welche sich, wie
man weiß, die Athenienser vor allen andern griechischen Völkern ausnahmen.
Beide empörten sich mit eben so viel Leichtsinn gegen die gute Regierung
eines einzigen Gewalthabers, als sie fähig waren mit der
niederträchtigsten Feigheit sich an das Joch des schlimmsten Tyrannen
gewöhnen zu lassen: Beide kannten niemals ihr wahres Interesse, und
kehrten ihre Stärke immer gegen sich selbst: Mutig und heroisch in der
Widerwärtigkeit, allezeit übermütig im Glück, und gleich dem äsopischen
Hund im Nil, immer durch schimmernde Entwürfe verhindert, von ihren
gegenwärtigen Vorteilen den rechten Gebrauch zu machen: durch ihre Lage,
Verfassung, und den Geist der Handelschaft, der Spartanischen Gleichheit
unfähig, aber eben so ungeduldig, an einem Mitbürger große Vorzüge an
Verdiensten, Ansehen oder Reichtum zu ertragen; daher immer mit sich
selbst im Streit, immer von Parteien und Faktionen zerrissen; bis, nach
einem langwierigen umwechslenden übergang von Freiheit zu Sklaverei und
von Sklaverei zu Freiheit, beide zuletzt die Fesseln der Römer geduldig
tragen lernten; und sich weislich mit der Ehre begnügten, Athen die Schule,
und Syracus die Korn-Kammer dieser Majestätischen Gebieterin des
Erdbodens zu sein.

Nach einer Reihe von so genannten Tyrannen, das ist, von Beherrschern,
welche sich der einzelnen und willkürlichen Gewalt über den Staat
bemächtiget hatten, ohne auf einen Beruf von den Bürgern zu warten, war
Syracus und ein großer Teil Siciliens mit ihr endlich in die Hände des
Dionysius gefallen; und von diesem, nach einer langwierigen Regierung,
unter welcher die Syracusaner gewiesen hatten, was sie zu leiden fähig
seien, seinem Sohne, dem jüngern Dionysius erblich angefallen.  Das Recht
dieses jungen Menschen an die königliche Gewalt, deren er sich nach seines
Vaters Tod (den er selbst durch einen Schlaftrunk beschleuniget hatte)
anmaßte, war noch weniger als zweideutig; denn sein Vater konnte ihm kein
Recht hinterlassen, das er selbst nicht hatte.  Aber eine starke Leibwache,
eine wohlbefestigte Zitadelle, und eine durch die Beraubung der
reichesten Sicilianer angefüllte Schatzkammer ersetzte den Abgang eines
Rechts, welches ohnehin alle seine Stärke von der Macht zieht, die es
gelten machen muß, und aus eben diesem Grunde dessen leicht entbehren kann.
Hiezu kam noch, daß in einem Staat, worin der Geist der politischen
Tugend schon erloschen ist, und grenzenlose Begierden nach Reichtümern,
und der schmeichelhaften Freiheit alles zu tun, was die Sinne gelüsten
(der einzigen Art von Freiheit, welche von der Tyrannie eben so sehr
begünstiget als sie von der echten bürgerlichen Freiheit ausgeschlossen
wird) die Oberhand gewonnen haben; daß, sage ich, in einem solchen Staat,
eine ausgelassene und allein auf Befriedigung ihrer Leidenschaften
erpichte Jugend sich mit gutem Grunde von der unumschränkten Regierung
eines Einzigen ihrer Art, unendlich mehr Vorteile versprach als von der
Aristokratie, deren sich die ältesten und Verdienstvollesten bemächtigen;
oder von der Demokratie, worin man ein abhängiges und ungewisses Ansehen
mit soviel Beschwerlichkeiten, Kabalen, Unruh und Gefahr, oft auch mit
Aufopferung seines Vermögens teurer erkaufen muß, als es sich der Mühe zu
verlohnen scheint.

Der junge Dionysius setzte sich also durch einen Zusammenfluß günstiger
Umstände, in den ruhigen Besitz der höchsten Gewalt zu Syracus; und es ist
leicht zu erachten, wie ein übelgezogner, und vom Feuer seines
Temperaments zu allen Ausschweifungen der Jugend hingerissener Prinz,
unter einem Schwarme von Parasiten, dieser Macht sich bedient haben werde.
Ergötzungen, Gastmähler, Liebeshändel, Feste welche ganze Monate dauerten,
kurz eine stete Berauschung von Schwelgerei, machten die Beschäftigungen
eines Hofes von törichten Jünglingen aus, welche nichts angelegeners
hatten, als durch Erfindung neuer Wollüste sich in der Zuneigung des
Prinzen fest zu setzen, und ihn zu gleicher Zeit zu verhindern, jemals zu
sich selbst zu kommen, und den Abgrund gewahr zu werden, an dessen
blumichtem Rand er in unsinniger Sorglosigkeit herumtanzte.

Man kennt die Staatsverwaltung wollüstiger Prinzen aus ältern und neuern
Beispielen zu gut, als daß wir nötig hätten, uns darüber auszubreiten.
Was für eine Regierung ist von einem jungen Unbesonnenen zu erwarten,
dessen Leben ein immerwährendes Bacchanal ist?  Der keine von den großen
Pflichten seines Berufs kennt, und die Kräfte, die er zu ihrer Erfüllung
anstrengen sollte, bei nächtlichen Schmäusen und in den feilen Armen
üppiger Buhlerinnen verzettelt?  Der, unbekümmert um das Beste des Staats,
seine Privat-Vorteile selbst so wenig einsieht, daß er das wahre Verdienst,
welches ihm verdächtig ist, hasset, und Belohnungen an diejenigen
verschwendet, die unter der Maske der eifrigsten Ergebenheit und einer
gänzlichen Aufopferung, seine gefährlichsten Feinde sind?  Von einem
Prinzen, bei dem die wichtigsten Stellen auf die Empfehlung einer Tänzerin
oder der Sklaven, die ihn aus--und ankleiden, vergeben werden?  Der sich
einbildet, daß ein Hofschranze, der gut tanzt, ein Nachtessen wohl
anzuordnen weiß, und ein überwindendes Talent hat, sich bei den Weibern in
Gunst zu setzen, unfehlbar auch das Talent eines Ministers oder eines
Feldherrn haben werde; oder, daß man zu allem in der Welt tüchtig sei,
sobald man die Gabe habe ihm zu gefallen?--Was ist von einer solchen
Regierung zu erwarten, als Verachtung aller göttlichen und menschlichen
Gesetze, Mißbrauch der Formalitäten der Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten,
schlimme Haushaltung, Erpressungen, Geringschätzung und Unterdrückung der
Tugend, allgemeine Verdorbenheit der Sitten?--Und was für eine Staatskunst
wird da Platz haben, wo Leidenschaften, Launen, vorüberfahrende Anstöße
von lächerlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde von sich reden zu machen,
die Konvenienz eines Günstlings oder die Intriguen einer Buhlerin--die
Triebfedern der Staats-Angelegenheiten, der Verbindung und Trennung mit
auswärtigen Mächten, und des öffentlichen Betragens sind?  Wo, ohne die
wahren Vorteile des Staats, oder seine Kräfte zu kennen, ohne Plan, ohne
kluge Abwägung und Verbindung der Mittel--doch, wir geraten unvermerkt in
den Ton der Deklamation, welcher uns bei einem längst erschöpften und doch
so alltäglichen Stoffe nicht zu vergeben wäre.  Möchte niemand, der dieses
liest, aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke
mitgespielt wird, welches das Unglück hat, der Willkür eines Dionysius
preis gegeben zu sein!

Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als
einen der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen
Verbrechen belastete Nation gegeißelt habe, vorstellen; und so schildern
ihn auch die Geschichtschreiber.  Allein ein Mensch der aus lauter
schlimmen Eigenschaften zusammengesetzt wäre, ist ein Ungeheuer, das nicht
existieren kann.  Eben dieser Dionysius würde Fähigkeit genug gehabt haben,
ein guter Fürst zu werden, wenn er so glücklich gewesen wäre, zu seiner
Bestimmung gebildet zu werden.  Aber es fehlte soviel, daß er die
Erziehung die sich für einen Prinzen schickt, bekommen hätte, daß ihm
nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen Menschen
von mittelmäßigem Stande gibt.  Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der
jemals war, ließ ihn, von aller guten Gesellschaft abgesondert, unter
niedrigen Sklaven aufwachsen, und der präsumtive Thronfolger hatte kein
andres Mittel sich die Langeweile zu vertreiben, als daß er kleine Wagen,
hölzerne Leuchter, Schemel und Tisch'gen verfertigte.  Man würde unrecht
haben, wenn man diese selbstgewählte Beschäftigung für einen Wink der
Natur halten wollte; es war vielmehr der Mangel an Gegenständen und
Modellen, welche dem allen Menschen angebornen Trieb Witz und Hände zu
beschäftigen, der sich in ihm regete, eine andere Richtung hätten geben
können: Er würde vielleicht Verse gemacht haben, und bessere als sein
Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein Poet sein zu
wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Klause gegeben hätte.  Wie
manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und
Trajanen, aus Schuld derjenigen, die über ihre Erziehung gesetzt waren,
oder durch die Unfähigkeit eines dummen, mit klösterlichen Vorurteilen
angefüllten Mönchen, dem sie auf Diskretion überlassen wurden in Nerone
und Heliogabale ausgeartet sind?--Eine genaue und ausführliche Entwicklung,
wie dieses zugehe; wie es unter gewissen gegebenen Umständen nicht anders
möglich sei, als daß durch eine so fehlerhafte Veranstaltung das beste
Naturell, in ein Karikaturenmäßiges moralisches Mißgeschöpfe verzogen
werden müsse, wäre, wie uns deucht, ein sehr nützlicher Stoff, den wir der
Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bei
philosophischen Einsichten eine hinlängliche Kenntnis der Welt besäße.
Unsre aufgeklärten und politen Zeiten sind weder dieses noch jenes in so
hohem Grade, daß ein solches Werk überflüssig sein sollte; und wenn die
Ausführung der Würde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, daß es
glücklich genug werden könnte, von mancher Provinz die lange Folge von
Plagen abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung
ihrer noch ungebornen Beherrscher in den nächsten hundert Jahren
bevorstehen.



ZWEITES KAPITEL

Charakter des Dion.  Anmerkungen über denselben.  Eine Digression


Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu
machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzuschütteln.  Es war nicht
einmal soviel Tugend unter ihnen übrig, daß einige von denen, welche
besser dachten als der große Haufen, und die verächtliche Brut der
Parasiten, den Mut gehabt hätten, sich durch diese letztern hindurch bis
zu dem Ohre des jungen Prinzen zu drängen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von
denen seine eigene Glückseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt
von Sicilien.  Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz groß genug
hiezu war; und auch dieser würde sich vermutlich in eben diese sichere
aber unrühmliche Dunkelheit eingehüllet haben, worein ehrliche Leute unter
einer unglückweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn
seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genötiget hätte, sich
um die Staats-Verwaltung zu bekümmern.

Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der
Gemahl seiner Schwester; der Nächste nach ihm im Staat, und der Einzige,
der sich durch seine große Fähigkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke,
und durch die unermeßliche Reichtümer, die er besaß, furchtbar und des
Projekts verdächtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen,
oder die republikanische Verfassung wiederherzustellen.  Wenn wir den
Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und gutherzigen
Plutarch einen unumschränkten Glauben schuldig wären, so würden wir den
Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend zählen müssen,
welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der Würde und
Größe guter Dämonen, oder Beschützender Genien und Wohltäter des
Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben--welche fähig sind, aus dem
erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des
allgemeinen Besten zu handeln, und über dem Bestreben, andere glücklich zu
machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne
fallenden sterblichen Hülle ein edleres Selbst tragen, welches seine
angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes
animalische Selbst unterdrückt wird--welche im Glück und im Unglück gleich
groß, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz
entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften,
und über die Bedürfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von
sublunarischen Göttern sind.  Ein solcher Charakter fällt allerdings gut
in die Augen, ergötzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort
gebrauchen dürfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, daß die Seele ein
besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und
erweckt den Wunsch, daß er mehr als eine schöne Schimäre sein möchte.
Aber wir gestehen, daß wir, aus erheblichen Gründen, mit zunehmender
Erfahrung, immer mißtrauischer gegen die menschlichen--und warum also
nicht gegen die übermenschlichen Tugenden werden.

Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise großer Fähigkeiten, und
vorzüglich einer gewissen Erhabenheit und Stärke des Gemüts, die man
gemeiniglich mit gröbern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von
Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernsthaft, stolz und
spröde zu machen pflegt.  An jede Art von Temperament grenzen wie man weiß,
gewisse Tugenden; und wenn es sich noch fügt, daß die Entwicklung dieser
Anlage zu demselben durch günstige Umstände befördert wird, so ist nichts
natürlichers, als daß sich daraus ein Charakter bildet, der durch gewisse
hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer völligern
Schönheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum
entgegensetzt.  Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in großem
Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus machen,
wäre eben so viel, als einem Athleten die Elastizität seiner Sehnen, oder
einem gesunden blühenden Mädchen ihre gute Farbe und die Wölbung ihres
Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine
Hochachtung geben sollten.  Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden
vorzüglich unterschieden hätte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt war;
und wenn er es so weit gebracht hätte, sie mit eben der Leichtigkeit und
Grazie auszuüben, als ob sie ihm angeboren wären--aber wie viel daran
fehlte, daß er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel
Ehre gemacht hätte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen,
und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die
zuverlässigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder
vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides läuft
auf Eines hinaus, diese Austerität, diese Unbiegsamkeit, diese wenige
Gefälligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zurückstieß, zu
überwinden.  Vergebens ermahnte ihn Plato den Huldgöttinnen zu opfern, und
erinnerte ihn, daß Sprödigkeit sich nur für Einsiedler schicke; Dion
bewies durch seine Ungelehrigkeit über diesen Punkt, daß die Philosophie
ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine
Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir
ohnehin geneigt sind.

Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien
die Augen gerichtet hatte.  Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung
von allen Arten der sinnlichen Ergötzungen, seine Mäßigung, Nüchternheit
und Frugalität, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je stärker sie mit
der zügellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen kontrastierte.
Man sah, daß er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und
man erwartete das Beste von ihm, es sei nun daß er sich der Regierung für
sich selbst, oder die jungen Söhne seiner Schwester bemächtigen, oder sich
begnügen würde, der Mentor des Dionysius zu sein.

Die natürliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust,
welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge
auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu
flüchten genötiget wurde.  Selbst die Akademie, diese damals so berühmte
Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen
Verwandten des wiewohl unrechtmäßigen Beherrschers von Sicilien, unter
ihre Pflegsöhne zählen zu können.  Die königliche Pracht, welche er in
seiner Lebensart affektierte, war in ihren Augen (so gewiß ist es, daß
auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verfälscht werden) der
Ausdruck der innern Majestät seiner Seele; sie schlossen ungefähr nach
eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf
die Güte ihres Herzens schließen macht; und sahen nicht, oder wollten
nicht sehen, daß eben dieser von den republikanischen Sitten so weit
entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, daß es weniger einer
Erhabenheit über die gewöhnlichen Schwachheiten der Großen und Reichen,
als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die
Vergnügungen der Sinne gleichgültig war, der sich von der Eitelkeit
dahinreißen ließ, durch ein Gepränge mit Reichtümern, deren er sich als
der Früchte seiner Verhältnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr
hätte schämen sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu
wollen.

Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die übertriebene Lobsprüche zu
mäßigen, welche an die Günstlinge des Glückes verschwendet zu werden
pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre
ich nicht in Abrede zu sein, daß Dion, so wie er war, einen Thron eben so
würdig erfüllt haben würde, als wenig er sich schickte, mit einem durch
die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand
zwischen Sklaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die
Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es
hätte geschehen müssen, wenn seine Unternehmung für die Syracusaner und
ihn selbst glücklich hätte ausschlagen sollen.  Plutarch vergleicht dieses
Volk, in dem Zeitpunkt, da es das Joch der Tyrannie abzuschütteln anfing,
sehr glücklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder
aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in
Absicht ihrer Diät zu unterwerfen, sich zu früh wie gesunde Leute betragen
wollen.  Aber darin können wir nicht mit ihm einstimmen, daß Dion dieser
geschickte Arzt für sie gewesen sei.  Sehr wahrscheinlich hat die
platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten--und
Staats-Lehre er ein so großer Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen,
daß er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen
Grundsätzen gehandelt hätte, zum Arzt eines äußerst verdorbenen Volkes
geeigenschaftet war.  Vielfältige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und
unter verschiedenen Völkern haben es gewiesen, daß die Dion, die Caton,
die Brutus, die Algernon Sidney allemal unglücklich sein werden, wenn sie
einen von alten bösartigen Schaden entkräfteten und zerfressenen
Staats-Körper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen.
Zu einer solchen Operation gehören viele Gehülfen; und Männer von einer so
außerordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist
genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist,
das in den vorliegenden Umständen zu erreichen sein mag; und Sie wollen
immer das Beste, das sich denken läßt: Alle Mittel welche zugleich am
gewissesten und bäldesten zu diesem Ziel führen, sind die Besten; und sie
wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln
einer oft allzuspitzfündigen Gerechtigkeit und Güte, rechtmäßig und gut
sind.  "Löblich, vortrefflich, göttlich!"--rufen die schwärmerischen
Bewunderer der heroischen Tugend--wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns
nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen
Geschlecht jemals geholfen habe--Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen
seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine
Regierungs-Form geben, welche so nah als möglich an die Platonische
Republik grenzte--und verfehlte darüber, zu seinem eignen Untergang, die
Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fähig war.  Brutus half den
Größesten der Sterblichen, den Fähigsten, eine ganze Welt zu regieren, der
jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in Rücksicht auf die Mittel
wodurch er zur höchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen
zukam.  Brutus wollte die Republik wiederherstellen.  Noch einen Dolch für
den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende
Cassius verlangte) so wären Ströme von Blut, so wäre das edelste Blut von
Rom, das kostbare Leben der besten Bürger gesparet worden, und der
glückliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen.  Hätte sich
derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so
großes Opfer gebracht hatte als Cäsar war, ein Bedenken machen sollen,
seinem majestätischen Schatten einen Antonius nachzuschicken?--Um eine Tat,
welche, ohne Sukzeß wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein
verabscheuungswürdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt
im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen muß,
zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die große Seele
eines Römers geschwellt hatte.  Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche
ihm eine unzeitige Güte eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte
sich für sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Trümmern,
der auf ewig umgestürzten Republik.  Was half also sein Platonismus dem
Vaterlande?  Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung
aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie
ist, scheint uns wichtig und an praktischen Folgerungen fruchtbar, deren
Nutzbarkeit sich über alle Stände ausbreiten, und besonders bei denjenigen
welche mit der Regierung und moralischen Disziplinierung der Menschen
beschäftiget sind, sich vorzüglich äußern würde, wenn sie besser
eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet würden.
Vielleicht würden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel
noch durch gefärbte Gläser sehen, mit dem weinerlichlächerlichen
Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen
Kräften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen,
und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern,
daß nichts als Stroh auf der Tenne liegt--der Patriotische Phlegon würde
sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene
Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen,
nicht so viel Verdruß zuziehen, und durch diesen Verdruß und die
Vergeblichkeit seiner undankbaren Bemühungen nicht veranlasset werden,
sich zu Tode--zu trinken--Der redliche Macrin würde sich nicht auf
Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen,
aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen--Der wohlmeinende Diophant
würde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche
noch sehr weit entfernt sind erträgliche Menschen zu sein, in eine
Engelähnliche Vollkommenheit hinein zu deklamieren--Doch genug von einer
Materie, welche um gehörig ausgeführt zu werden, eine eigene Abhandlung
erfoderte.

Wie leicht es doch ist, seine nichts übels besorgende Leser in einen
Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzuführen, wenn man sich
einmal über eine abergläubische Regelmäßigkeit hinausgesetzt hat!  Zwar
haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, daß wir uns bei
Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben würden--Und doch wollen wir so
ehrlich sein und gestehen, daß wir uns weder in diesem Stück, noch, die
Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen wünschen.
Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in
dieser unsrer pragmatisch-kritischen Geschichte vermissen; sondern weil es
in der Tat unendlich mal leichter ist Miszellanien zu schreiben, als ein
ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen könnte, daß ein junger
Skribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode
bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen könnte: Currente rotâ
cur urceus exit?  Und wenn auch dieses nicht zu besorgen wäre, so gibt es
sehr wackere Leute, denen es schwer fällt, sich aus dergleichen
mäandrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und sobald es dem
Verfasser beliebt, wieder auf dem Punkt zu stehen, wo er mit ihm
ausgegangen ist.  "Was hat man uns", werden solche Leser, zum Exempel
fragen, "in diesem ganzen Kapitel denn eigentlich sagen wollen?"--"Merken
sie auf, meine Herren, das war es--daß dieser Dion von dem die Rede war,
und um den Sie Sich übrigens, wie ich vermute, sehr wenig bekümmern, eine
ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von
Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu
Chäronea sich eingebildet--oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, daß
er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe,
als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl
mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten,
und was dergleichen mehr ist--Nun verstehen wir einander doch?"



DRITTES KAPITEL

Eine Probe, daß die Philosophie so gut zaubern könne, als die Liebe


Die vorläufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben,
entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, für Eins, so sind
sie zum Verständnis des Folgenden unentbehrlich; und fürs Andere, so
hätten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als daß er im
Begriff sei, den Hausgöttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine
andächtige Libation zu bringen, mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen,
und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt
auszuruhen.

Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines
kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen;
und mit dem Verdruß eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch
einen Haufen junger Wollüstlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren,
welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von
dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Gründen
gebührte, nach und nach ausgeschlossen zu werden.  Bei solcher Bewandtnis
hatte der Patriotismus das schönste Spiel, und die großen Beweggründe der
allgemeinen Wohlfahrt, die uneigennützige Betrachtung der verderblichen
Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes über den
ganzen Staat daherstürzen mußten, wurden durch jene geheimern Triebfedern
so kräftig unterstützt, daß er den festen Entschluß faßte, alles zu
versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.

Er urteilte, den Grundsätzen Platons zufolge, daß die Unwissenheit des
Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pöbel (es
waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben,
die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei.  Diesem nach hielt er
sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn
her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflößen könnte,
welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen
Triebe wo nicht gänzlich zu unterdrücken, doch gewiß zu dämmen und zu
mäßigen pflegt.  Er ließ also keine Gelegenheit vorbei (und die
unzählichen Fehler, welche täglich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden,
gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen,
Männer von einem großen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er führte
so viele Beweggründe an, daß er, unter einer Menge sehr erhabener, die an
einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine
Eitelkeit interessierte.  Doch selbst dieser schlüpfte nur leicht an
seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die
besondern Unterredungen, welche sie über dergleichen Materien hatten,
allemal mit der Versicherung beschloß, daß er nicht ermangeln werde, von
so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so würde doch schwerlich jemals mit
Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physikalischer
Umstand dazu gekommen wäre, der den Vorstellungen des weisen Dion eine
Stärke gab, die nicht ihre eigene war.

Dionysius hatte, man weiß nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der
an Glanz und verschwenderischer üppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen
konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der
Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte.  Die
ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der
einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und
asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn
diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen
erschöpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die
Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner
ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden.  Dionys, der durch eine
Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so
weit über das Original selbst, daß die Feder eines Aretin und der Griffel
eines la Fage sich unvermögend hätten bekennen müssen, weiter zu gehen.
Die Quellen der Natur wurden erschöpft, und die unmächtige Begierde ihre
Grenzen zu erweitern--Doch, wir wollen kein Gemälde machen, das bei
Gegenständen dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen
verfehlen möchte.  Genug daß Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und
Satyren, seinen Gehülfen, die Tibere und Neronen der spätern Zeiten in die
Unmöglichkeit setzte, etwas mehr als bloße Kopisten von ihm zu sein.  Wer
sollte sich vorstellen, daß aus einer so schlammichten Quelle die
heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz
Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen
können?--"Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein
Wort in unserm Compendio steht"--sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem
Schulfreunde, Horazio.

Das unbändigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging,
endlich zu paaren getrieben werden.  Unsre Bacchanten fanden sich von der
Unmäßigkeit, womit sie eine so lange Zeit den Göttern der Freude geopfert,
und von der Wut womit sie ihre Orgyia beschlossen hatten, so erschöpft,
daß sie genötiget waren, aufzuhören.  Insonderheit befand sich Dionyß in
einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden übrig
ließ, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen.  Zum ersten mal seit dem
berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen
Leidenschaften den Zügel zu lassen sah, fühlte er ein Leeres in sich, in
welches er mit Grauen hineinschaute--Zum ersten mal fühlte er sich geneigt,
Reflexionen zu machen, wenn er das Vermögen dazu gehabt hätte.  Aber er
erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen über sich selbst und alle diejenigen,
welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, daß er nichts in sich
habe, das er dem Ekel vor allen Vergnügungen der Sinne, und der
Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen könnte.  Alles was
er indessen sehr lebhaft fühlte, war dieses, daß er mitten unter lauter
Gegenständen, welche ihm seine scheinbare Größe und Glückseligkeit
ankündigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen über eine
sehr elende Figur machte.  Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten
nachgelassen; er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn
alle seine Höflinge nicht herauslachen, und alle seine Tänzerinnen nicht
heraustanzen konnten.

In diesem kläglichen Zustande, den ihm die natürliche Ungeduld seines
Temperaments unerträglich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der
sich während der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut
zurückgezogen hatte; hörte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an,
deren er sonst niemals fähig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die
Vorschläge, welche ihm dieser Weise tat, um so groß und glückselig zu
werden, als er itzt in seinen eignen Augen verächtlich und elend war.  Man
kann sich also vorstellen, daß er nicht die mindeste Schwierigkeiten
machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur
immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande,
worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hätte
überreden lassen, mit Aufopferung der wertern Hälfte seiner selbst in den
Orden der Corybanten zu treten.

Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen
Sinnes-änderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen.
Er schloß zwar sehr richtig, daß die Rasereien des letzten Festes
Gelegenheit dazu gegeben hätten; aber darin irrte er sehr, daß er aus
Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die
Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie
eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, daß die guten
Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physikalischen Ekel vor den
Gegenständen, worin er bisher sein einziges Vergnügen gesucht hatte,
herrühreten.  Er hielt die natürlichen Folgen der überfüllung für
Würkungen der überzeugung, worin er nunmehr stehe, daß die Freuden der
Sinne nicht glücklich machen können; er setzte voraus, daß eine Menge
Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder
gedacht hatte, noch zu denken vermögend war; kurz, er beurteilte, wie wir
fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und
gründete auf diese Voraussetzung ein Gebäude von Hoffnungen, welches zu
seinem großen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys--wieder Nerven hatte.

Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit
gearbeitet worden war; allein er hatte große Schwierigkeiten gemacht, und
würde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagoräer in Italien,
welche die Bitten Dions unterstützten, auf seiner Verweigerung bestanden
sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der glücklichen
Gemüts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in
desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hätten, der
Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik
nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat,
werden zu können.

Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majestät eines Weisen,
dem die Größe seines Geistes ein Recht gibt, die Großen der Welt für etwas
weniger als seines gleichen anzusehen.  Denn ob es gleich damals noch
keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits
sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, daß sie in ihren eigenen Augen,
eine höhere Klasse von Wesen ausmachten, als die übrigen Erdenbewohner.
Diesesmal hatte die Philosophie das Glück eine Figur zu machen, deren
Glanz dieser hohen Einbildung ihrer Günstlinge gemäß war.  Plato wurde wie
ein Gott aufgenommen, und würkte durch seine bloße Gegenwart eine
Veränderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott
zu würken mächtig genug schien.  In der Tat glich das Schauspiel welches
sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro
darstellte, einem Werke der Zauberei--Aber--ô!  caecas hominum mentes! Wie
natürlich geht auch das außerordentlichste zu, sobald wir die wahren
Triebräder davon kennen!


Der erste Schritt, welchen der göttliche Plato in den Palast des Dionysius
tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie
sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich
über den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet.  In wenigen Tagen glaubte
Plato selbst in seiner Akademie zu Athen zu sein, so bescheiden und
eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus.  Die Asiatische
Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz.  Die
Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten
lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten itzt akademische Säle
vor, wo man nichts als langbärtige Weise sah, welche einzeln oder
paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und
in ihre Mäntel eingehüllt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald
gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am
wenigsten dachten, eine so wichtige Miene machten, als ob der geringste
unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu
erfinden, oder den Gestirnen einen regelmäßigern Lauf anzuweisen.  Die
üppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Szepter die
ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische
Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen
Gesprächen über die erhabensten Gegenstände des menschlichen Verstandes,
erlustigte; Statt frecher Pantomimen und wollüstiger Flöten ließen sich
Hymnen zum Lob der Götter und der Tugend hören; und den Gaum zum Reden
anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein
vermischt.

Dionys faßte eine Art von Leidenschaft für den Philosophen; Plato mußte
immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen.
Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermöge
der natürlichen Ansteckungs-Kraft des Enthusiasmus sich auch seinen
Zuhörern mitteilte, würkte so mächtig auf die Seele des Dionys, daß er ihn
nie genug hören konnte; ganze Stunden wurden ihm kürzer, wenn Plato sprach,
als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin.  Alles, was der
Weise sagte, war so schön, so erhaben, so wunderbar!--erhob den Geist so
weit über sich selbst--warf Strahlen von so göttlichem Licht in das Dunkel
der Seele!  In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten
Ideen der Philosophie für Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten.
Und nehmen wir zu allem diesem noch, daß er das wenigste recht verstund
(ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken
zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich
würklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die
erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes
Galimathias über die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen,
daß niemals etwas natürlichers gewesen, als der außerordentliche Geschmack,
welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt)
gefunden; zumal da er noch über dies ein hübscher und stattlicher Mann war,
und sehr wohl zu leben wußte.

Ohne daß sich die überredungs-Kunst des göttlichen Plato, oder die
Kontagion der Philosophischen Schwärmerei darein mischte, teilte sich die
plötzliche Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, daß es Ernst war,
eben so plötzlich allen seinen Höflingen mit.  Nicht, als ob ihnen viel
daran gelegen gewesen wäre, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem göttlichen
Modell der Ideen umzubilden, oder als ob sie sich darum bekümmert hätten,
was in den überhimmlischen Räumen zu sehen sei; aber sie taten doch
dergleichen; der Ton der Philosophie war nun einmal Mode; man mußte
Metaphysik in geometrischen Ausdrücken reden, um sich dem Fürsten angenehm
zu machen.  Man trug also am ganzen Hofe keine andre als philosophische
Mäntel; alle Säle des Palasts waren, nach Art der Gymnasien mit Sand
bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken, Pyramiden, Achtecken und
Zwanzigecken überschrieben zu werden, aus welchen Plato seinen Gott diese
schöne runde Welt zusammenreimen läßt; alle Leute, bis auf die Köche,
sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische Figur
verzogen, und disputierten über die Materie und die Form, über das was ist
und was nicht ist, über die beiden Enden des Guten und Bösen, und über die
beste Republik.  Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames
Aussehen, und konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem
Syracusischen Hofe eher die Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem
Haufen unbärtiger Scholaren gespielt habe, als eines weisen Mannes, der
sich einen großen Zweck vorgesetzt hat, und die Mittel dazu, nach den
Umständen des Orts, der Zeit und der Personen, klüglich zu bestimmen weiß.
Aber man würde sich irren.  Er hatte an den lächerlichen Ausschweifungen
der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern sah, daß diese unnütze
Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte, auf solche
Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vorübungen angesehen
werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten
abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen
Verbesserung, welche er zu bewürken hoffte, vorbereitet wurden.  Allein
seine eigene hauptsächlichsten Bemühungen bezogen sich unmittelbar auf den
Dionysius selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und
seiner Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewöhnen suchte,
trachtete er, ohne es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die
Verachtung seines vorigen Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach
ruhmwürdigen Taten; kurz, solche Gesinnungen einzuflößen, welche ihn durch
unmerkliche Grade von sich selbst auf die Gedanken bringen würden, ein
unrechtmäßiges Diadem von sich zu werfen, und sich an der Ehre, der erste
unter seines gleichen zu sein, genügen zu lassen.  Die Anscheinungen
ließen ihn den vollkommensten Sukzeß hoffen.  Dionys schien in wenigen
Tagen nicht mehr der vorige Mann.  Seine Wissens-Begierde, seine
Gelehrigkeit gegen die Räte des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in
seinem ganzen Betragen übertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen
hatte.  Ganz Syracus empfand sogleich die Würkungen dieser glücklichen
Veränderung.  Er ging mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem
höchsten Grade des tyrannischen übermuts zu der Popularität eines
Atheniensischen Archonten über; setzte alle Tage einige Stunden aus, um
jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhören, nannte sie Mitbürger,
wünschte sie alle glücklich machen zu können; machte würklich den Anfang,
verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte durch so viele
günstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer glückseligen Revolution,
welche nun auf einmal der Gegenstand aller Wünsche, und der Inhalt aller
Gespräche unter dem Volke wurde.

Es könnte genug sein, gegen diejenige, die eine so große und schnelle
Verwandlung eines Prinzen, den wir für ein kleines Ungeheuer von Lastern
und Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen möchte, uns auf
die einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir können
noch mehr tun; es ist leicht, die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit
derselben begreiflich zu machen.  Aufmerksame Leser, welche einige
Kenntnis des menschlichen Herzens haben, werden die Gründe hierzu in
unsrer bisherigen Erzählung schon von selbsten entdeckt haben.  In einem
Gemüts-Zustande, worin die Leidenschaften schweigen, wo uns vor den
Ergötzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an angenehmen Eindrücken uns
in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und Nichtsein
versenkt--in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen jeden
Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer
Kräfte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und
intellektualischer Schönheiten zu empfinden.  Allerdings würde ein
trockner Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt
haben, solche Gegenstände für einen Menschen zu zurichten, der zu einer
scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermögend war.  Allein
die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wußte sie auf eine so reizende
Art für die Einbildungs-Kraft zu verkörpern, wußte die Leidenschaften und
innersten Triebe des Herzens so geschickt für sie ins Spiel zu setzen, daß
sie nicht anders als gefallen und rühren konnten.  Hiezu kam noch die
Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verhärtete Seele neuer
Eindrücke fähig machte.  Warum sollte es also nicht möglich gewesen sein,
ihm unter solchen Umständen auf etliche Wochen die Liebe der Tugend
einzuflößen, da hiezu weiter nichts nötig war, als seinen Neigungen
unvermerkt andre Gegenstände an die Stelle derjenigen, deren er
überdrüssig war, zu unterschieben--Denn in der Tat war seine Bekehrung
nichts anders, als daß er nunmehr, anstatt irgend einer Wollust-atmenden
Nymphe, ein schönes Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem
Weine sich in platonischen Ideen berauschte--und daß eben diese Eitelkeit,
welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer
andern Gottheit, welche wir nicht nennen dürfen, in die Wette zu eifern,
sich itzt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den
Glanz der berühmtesten Männer vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt
auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst
vergöttert zu sehen.

Daß dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in
der Folge würklich bewiesen; und man hätte, deucht uns, ohne die Gabe der
Divination zu besitzen, voraussehen können, daß eine so plötzliche
Veränderung keinen Bestand haben werde.  Aber wie sollten die in einer
großen Angelegenheit verwickelten Personen fähig sein, so gelassen und
uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze
bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des
Zusammenhangs aller Umstände sehr leicht mit vieler Zuverlässigkeit
beweisen können, daß es nicht anders habe gehen können, als wie sie wissen,
daß es gegangen ist?  Plato selbst ließ sich von den Anscheinungen
betrügen, weil sie seinen Wünschen gemäß waren, und ihm zu beweisen
schienen, wieviel er vermöge.  Die voreilige Freude über einen Sukzeß,
dessen er sich schon versichert hielt, ließ ihm nicht zu, sich alle die
Hindernisse, die seine Bemühungen vereiteln konnten, in der gehörigen
Stärke vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen
zuvorkommen möchte.  Gewohnt in den ruhigen Spaziergängen seiner Akademie
unter gelehrigen Schülern idealische Republiken zu bauen, hielt er die
Rolle, die er an dem Hofe zu Syracus zu spielen übernommen hatte, für
leichter als sie in der Tat war.  Er schloß immer richtig aus seinen
Prämissen; aber seine Prämissen setzten immer mehr voraus, als war; und er
bewies durch sein Exempel, daß keine Leute mehr durch den Schein der Dinge
hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit
zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzuspähen.  In
der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, daß es den spekulativen Geistern
nicht geglückt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sphäre heraus
und auf irgend einen großen Schauplatz des würksamen Lebens gewaget haben.
Und wie hätte es anders sein können, da sie gewohnt waren, in ihren
Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn
sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche
eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln mußten, wie ein Uhrwerk durch
den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der
Künstler haben will.  Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es
diese Herren nicht) daß es in der würklichen Welt gerade umgekehrt ist.
Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der große
Punkt ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umständen und
Verhältnissen so lange zu studieren, bis man so genau als möglich weiß,
wie sie sind.  Sobald ihr das wißt, so geben sich die Regeln, wornach ihr
sie behandeln müßt, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst;
dann ist es Zeit moralische Projekte zu machen--aber wenn, ihr großen
Lichter unsers alleraufgeklärtesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, daß
diese Zeit für das Menschen-Geschlecht kommen werde?



VIERTES KAPITEL

Philistus und Timocrates


Während, daß die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines
einzigen Mannes eine so außerordentliche Veränderung der Szene an dem Hofe
zu Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius
sehr weit davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen
Denkungs-Art dieses Prinzen gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man
es aus ihrem äußerlichen Bezeugen hätte schließen sollen.  Als schlaue
Höflinge wußten sie zwar ihren Unmut über die sonderbare Gunst, worin
Plato bei demselben stund, sehr künstlich zu verbergen.  Gewohnt sich
nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle Gestalten anzunehmen,
unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen Absichten am besten
gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune ihres Herrn
gewahr worden waren, die ganze Außenseite des philosophischen Enthusiasmus
mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine Maskeraden-Kleidung
angezogen hätten.  Sie waren die ersten, die dem übrigen Hofe hierin mit
ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem Prinzen
Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie
waren die erklärten Bewunderer des Philosophen; sie lächelten ihm Beifall
entgegen, so bald er nur den Mund auf tat; alle seine Vorschläge und
Maßnehmungen waren bewundernswürdig; sie wußten nichts daran auszusetzen,
oder wenn sie ja Einwürfe machten, so war es nur um sich belehren zu
lassen, und auf die erste Antwort sich seiner höhern Weisheit überwunden
zu geben.  Sie suchten seine Freundschaft so gar mit einem Eifer, worüber
sie den Fürsten selbst zu vernachlässigen schienen; und besonders ließen
sie sich sehr angelegen sein, die Vorurteile zu zerstreuen, die man von
der vorigen Staats-Verwaltung wider sie gefaßt haben könnte.  Durch diese
Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht, den weisen Plato sicher zu
machen, nicht so vollkommen, daß er nicht immer einiges gerechtes
Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt hätte; er
beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, daß er es tun
würde, so war es ihnen leicht davor zu sein, daß er mit aller seiner
Scharfsichtigkeit nichts sah.  Sie vermieden alles, was ihrem Betragen
einen Schein von Zurückhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis hätte geben
können, und nahmen ein so natürliches und einfaches Wesen an, daß man
entweder ihres gleichen sein, oder betrogen werden mußte.  Diese schöne
Kunst ist eine von denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist,
Meister zu sein.  Man könnte die Tugend selbst herausfordern, in einem
höhern Grad und mit besserm Anstand Tugend zu scheinen, als diese Leute es
in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu ihren Absichten werden
kann, die eigenste Miene, Farbe, und äußerliche Grazie derselben an sich
zu nehmen.

Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei
dieser Veränderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten.  Philistus
war bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein
Liebling gewesen.  Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer
Klugheit Ehre machte, in sein Herz, in die höchste Gewalt, wozu er nur
seinen Namen hergab, und in einen beträchtlichen Teil seiner Einkünfte
geteilt.  Itzt zog die gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer
Freundschaft noch enger zusammen.  Sie entdeckten einander ihre
Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschläge; sie redeten die Maßregeln
mit einander ab, die in so kritischen Umständen genommen werden mußten;
und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser kannten, als
irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, daß es ihnen nach
und nach glückte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne daß er
merkte, daß sie diese Absicht hatten.

Wir haben schon bemerkt, daß die Syracusaner, vermöge einer Eigenschaft,
welche aller Orten das Volk charakterisiert, der Hoffnung durch
Vermittlung des Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so
voreiligen Freude sich überließen, daß die bevorstehende
Staats-Veränderung der Inhalt aller Gespräche wurde.  In der Tat ging die
Absicht Dions bei Berufung seines Freundes auf nichts geringers.  Beide
waren gleich erklärte Feinde der Tyrannie und der Demokratie; von denen
sie (mit welchem Grunde, wollen wir hier nicht entscheiden) davorhielten,
daß sie unter verschiedenen Gestalten, und durch verschiedene Wege, am
Ende in einem Punkte, nämlich in Mangel der Ordnung und Sicherheit,
Unterdruckung und Sklaverei zusammenliefen.  Beide waren für diejenige Art
der Aristokratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdrückung hinlänglich
sicher gestellt, folglich die Gewalt der Edeln, oder wie man bei den
Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist;
hingegen die eigentliche Staats-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl
liegt, welche eine genaue Rechenschaft abzulegen verbunden sind.  Es war
also würklich ihr Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern Zeiten
eine uneingeschränkte Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu
verbannen, und die Verfassung dieser Insel in die vorbemeldte Form zu
gießen.  Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr, weil nach Platons Meinung
die vollkommenste Staats-Form eine Zusammensetzung aus der Monarchie,
Aristokratie und Demokratie sein mußte, wollten sie ihrer neuen Republik
zwei Könige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was die
Könige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein.  Dieses
waren ungefähr die Grundlinien ihres Entwurfs.  Sie ließen keine
Gelegenheit vorbei, dem Prinzen die Vorteile einer gesetzmäßigen Regierung
anzupreisen; aber sie waren zu klug, von einer so delikaten Sache, als die
Einführung einer republikanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden,
und den Tyrannen, eh ihn Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben
würde, durch eine unzeitige Entdeckung ihrer Absichten in seine natürliche
Wildheit wieder hineinzuschrecken.

Unglücklicher Weise war das Volk so vieler Mäßigung nicht fähig, und
dachte auch ganz anders über den Gebrauch, den es von seiner Freiheit
machen wollte.  Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch
bei sich behielt, und die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging.
Jeder hielt sich für mehr als fähig, dem gemeinen Wesen gerade in dem
Posten zu dienen, wozu er die wenigste Fähigkeit hatte, oder hatte sonst
seine kleine Forderungen zu machen, welche er schlechterdings bewilliget
haben wollte.  Die Syracusaner verlangten also eine Demokratie; und da sie
sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer Wünsche glaubten, so sprachen sie laut
genug davon, daß Philistus und seine Freunde Gelegenheit bekamen, den
Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen Enthusiasmus zu sich selbst
zurückzurufen.

Das erste was sie taten, war, daß sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und
die zwar von außen noch nicht merklich in die Augen fallende, aber
innerlich desto stärker gärende Bewegung desselben mit sehr lebhaften
Farben, und mit ziemlicher Vergrößerung der Umstände vormalten.  Sie taten
dieses mit vieler Vorsichtigkeit, in gelegenen Augenblicken, nach und nach,
und auf eine solche Art, daß es dem Dionys scheinen mußte, als ob ihm
endlich die Augen von selbst aufgingen; und dabei versäumten sie keine
Gelegenheit, den Plato und den Prinzen Dion bis in die Wolken zu erheben;
und besonders in Ausdrücken, welche von der schlauesten Bosheit ausgewählt
wurden, von der außerordentlichen Hochachtung zu sprechen, worein sie sich
bei dem Volke setzten.  Um den Tyrannen desto aufmerksamer zu machen,
wußten sie es durch tausend geheime Wege, wobei sie selbst nicht zum
Vorschein kamen, dahin einzuleiten, daß häufige und zahlreiche
Privat-Versammlungen in der Stadt angestellt wurden, wozu Dion und Plato
selbst, oder doch immer jemand von den besondern Vertrauten des einen oder
des andern, eingeladen wurde.  Diese Versammlungen waren zwar nur auf
Gastmähler und freundschaftliche Ergötzungen angesehen; aber sie gaben
doch dem Philistus und seinen Freunden Gelegenheit mit einer Art davon zu
reden, wodurch sie den Schein politischer Zusammenkünfte bekamen; und das
war alles was sie wollten.

Durch diese und andre dergleichen Kunstgriffe gelang es ihnen endlich, dem
Dionys Argwohn beizubringen.  Er fing an, in die Aufrichtigkeit seines
neuen Freundes ein desto größeres Mißtrauen zu setzen, da er über das
besondere Verständnis, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm,
eifersüchtig war; und damit er desto bälder ins Klare kommen möchte, hielt
er für das Sicherste, den seit einiger Zeit vernachlässigten Timocrates
wieder an sich zu ziehen; und so bald er sich versichert hatte, daß er,
wie vormals auf seine Ergebenheit zählen könne, ihm seine Wahrnehmungen
und geheime Besorgnisse zu entdecken.  Der schlaue Günstling stellte sich
anfangs, als ob er nicht glauben könne, daß die Syracusaner im Ernste mit
einem solchen Vorhaben umgehen sollten; wenigstens (sagte er mit der
ehrlichsten Miene von der Welt) könne er sich nicht vorstellen, daß Plato
und Dion den mindesten Anteil daran haben sollten; ob er gleich gestehen
müßte, daß seit dem der erste sich am Hofe befinde, die Syracusaner von
einem seltsamen Geiste beseelt würden, und zu den ausschweifenden
Einbildungen, welche sie sich zu machen schienen, vielleicht durch das
außerordentliche Ansehen verleitet würden, worin dieser Philosoph bei dem
Prinzen stehe: Es sei nicht unmöglich, daß die Republikanisch-Gesinnte
sich Hoffnung machten, Gelegenheit zu finden, indessen, daß der Hof die
Gestalt der Akademie gewänne, dem Staat unvermerkt die Gestalt einer
Demokratie zu geben; indessen müsse er gestehen, daß er nicht Vertrauen
genug in seine eigene Einsicht setze, seinem Herrn und Freunde in so
delikaten Umständen einen sichern Rat zu geben; und Philistus, dessen
Treue dem Prinzen längst bekannt sei, würde durch seine Erfahrenheit in
Staats-Geschäften unendlichmal geschickter sein, einer Sache von dieser
Art auf den Grund zu sehen.


Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er
nach Proportion, daß seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu
Tag wieder stärker zu empfinden begann; daß die Einstreuungen seines
Günstlings ihre ganze Würkung taten.  Er gab ihm auf, mit aller nötigen
Vorsichtigkeit, damit niemand nichts davon gewahr werden könnte, den
Philistus noch in dieser Nacht in sein Cabinet zu führen, um sich über
diese Dinge besprechen, und die Gedanken desselben vernehmen zu können.
Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat angefangen hatte.  Er
entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben vorgab, und sagte
gerade so viel, als nötig war, um ihn in den Gedanken zu bestärken, daß
ein geheimes Complot zu einer Staats-Veränderung im Werke sei, welches
zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so
beschaffen sei, daß es Aufmerksamkeit verdiene.  "Und wer kann der Urheber
und das Haupt eines solchen Complots sein", fragte Dionys?--Hier stellte
sich Philistus verlegen--er hoffe nicht, daß es schon soweit gekommen
sei--Dion bezeuge so gute Gesinnungen für den Prinzen--"Rede aufrichtig,
wie du denkst", fiel ihm Dionys ein; "was hältst du von diesem Dion? Aber
keine Komplimenten, denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, daß er
meiner Schwester Mann ist; ich weiß es nur zu wohl--Aber ich traue ihm
nicht desto besser--er ist ehrgeizig -" "Das ist er"--"immer finster,
zurückhaltend, in sich selbst eingeschlossen -" "In der Tat, so ist er",
nahm Philist das Wort, und wer ihn genau beobachtete, ohne vorhin eine
bessere Meinung von ihm gefaßt zu haben, würde sich des Argwohns kaum
erwehren können, daß er mißvergnügt sei, und an Gedanken in sich selbst
arbeite, die er nicht für gut befinde, andern mitzuteilen--"Glaubst du das,
Philistus?"  fiel Dionys ein; "so hab' ich immer von ihm gedacht; wenn
Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst du versichert
sein, daß Dion die Triebfeder von allem ist--wir müssen ihn genauer
beobachten -" "Wenigstens ist es sonderbar", fuhr Philistus fort, "daß er
seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich
der Freundschaft der angesehensten Bürger zu versichern -" (Hier führte er
einige Umstände an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine
Wahrnehmung bestätigen konnten) "Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit,
wie Dion, sich herabläßt eine Popularität zu affektieren, die so gänzlich
wider seinen Charakter ist, so kann man glauben, daß er Absichten hat--und
wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewiß auf keine Kleinigkeiten--Was
er aber auch sein mag, so bin ich gewiß", setzte er hinzu, "daß Platon,
ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu
tugendhaft ist, um an heimlichen Anschlägen gegen einen Prinzen, der ihn
mit Ehren und Wohltaten überhäuft, Teil zu nehmen -" "Wenn ich dir sagen
soll was ich denke, Philistus, so glaub' ich, daß diese Philosophen, von
denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind;
in der Tat, ich sehe nicht, daß an ihrer Philosophie so viel gefährliches
sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen
Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den
Kopf gesetzt, man könnte sichs nicht schnakischer träumen lassen, aber
eben das belustiget mich; und bei alle dem muß man ihm den Vorzug lassen,
daß er gut spricht; es hört sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von
der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so
umständlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem nächsten
Marktschiffe aus dem Mond angekommen wäre" (hier lachten die beiden
Vertrauten, als ob sie nicht aufhören könnten, über einen so sinnreichen
Einfall, und Dionys lachte mit) "ihr möcht lachen so lang ihr wollt", fuhr
er fort; "aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der
gutherzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen
Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so muß man
gestehen, daß alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in
Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann -" ('o göttlicher
Platon!  du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner
Hand zu haben, du der sich das große Werk zutraute, einen Weisen und
tugendhaften Mann aus ihm zu machen--warum standest du nicht in diesem
Augenblick hinter einer Tapete, und hörtest diese schmeichelhafte Apologie,
wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner
Höflinge zu rechtfertigen suchte!') "In der Tat", sagte Timocrates, "die
Musen können nicht angenehmer reden als Plato; ich wißte nicht, was er
einen nicht überreden könnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt hätte -"
"Du willst vielleicht scherzen", fiel ihm der Prinz ein; "aber ich
versichre dich, es hat wenig gefehlt, daß er mich letzthin nicht auf den
Einfall gebracht hätte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine
philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten
anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Kreaturen
sein müssen--wenn ihre Weiber so schön sind, wie er sagt, so mag es keine
schlimme Partie sein, den Tanz der Sphären mit ihnen zu tanzen; denn sie
leben in dem Stand der vollkommen schönen Natur, und treten dir, allein
mit ihren eigentümlichen Reizungen geschmückt, das ist, nackender als die
Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Miene unter die Augen, als die
schönste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz -" Dionys war,
wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines
Hof-Philosophen nicht sehr günstig war; Timocrates merkte sichs, und baute
in dem nämlichen Augenblick ein kleines Projekt auf diese gute Disposition,
wovon er sich eine besondere Würkung versprach.  Aber der weiter sehende
Philistus fand nicht für gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune
fortsprudeln zu lassen.  Er nahm das Wort wieder: "Ihr scherzet", sprach
er, "über die Würkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewiß,
daß er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses würde
mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann
wäre, als ich glaube daß er ist.  Die Macht der Beredsamkeit übertrifft
alle andre Macht; sie ist fähig fünfzigtausend Arme nach dem Gefallen
eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven.
Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gefährliches Vorhaben brütete, und
Mittel fände, diesen überredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so
besorg ich, Dionysius könnte das Vergnügen seiner sinnreichen Unterhaltung
teuer bezahlen müssen.  Man weiß was die Beredsamkeit zu Athen vermag, und
es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortkünstler, die
ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden
sie Athenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze
stellt, wird aus ihnen machen können was er will."

Philistus sah, daß sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde;
er schloß daraus, daß etwas in seinem Gemüt arbeitete, und hielt also inn;
"was für ein Tor ich war", rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit
gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte.  "Das war wohl der Genius
meines guten Glücks, der mir eingab, daß ich dich diesen Abend zu mir
rufen lassen sollte.  Die Augen gehen mir auf einmal auf--Wozu mich diese
Leute mit ihren Dreiecken und Schlußreden nicht gebracht hätten!  Kannst
du dir wohl einbilden, daß mich dieser Plato mit seinem süßen Geschwätze
beinahe überredet hätte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach
Hause zu schicken?  Ha!  nun seh ich wohin alle diese schönen
Vergleichungen mit einem Vater im Schoße seiner Familie, und mit einem
Säugling an der Brust seiner Amme, und was weiß, ich mit was noch mehr,
abgesehen waren!  Die Verräter wollten mich durch diese süßen
Wiegenliedchen erst einschläfern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie
mich mit ihren gebenedeiten Maximen so fest umwunden hätten, daß ich weder
Arme noch Beine nach meinem Gefallen hätte rühren können, mich in ganzem
Ernst, zu ihrem Wickelkind, zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen
wäre, gemacht haben!  Aber sie sollen mir die Erfindung bezahlen!  Ich
will diesem verrätrischen Dion--bist du töricht genug, Philistus, und
bildest dir ein, daß er sich nur im Traum einfallen lasse, diese
Spießbürger von Syracus in Freiheit zu setzen?  Regieren will er,
Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof kommen
lassen, der mir, indessen daß er das Volk zur Empörung reizen, und sich
einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und
Wohltun, und goldnen Zeiten, und väterlichem Regiment, und was weiß ich
von was für Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich überreden ließe,
meine Galeeren zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am
Ende in Begleitung eines von diesen zottelbärtigen Knaben, die der Sophist
mit sich gebracht hat, als einen Neuangeworbenen nach Athen in die
Akademie schicken zu lassen, um unter einem Schwarm junger Gecken darüber
zu disputieren, ob Dionysius recht oder unrecht daran getan habe, daß er
sich in einer so armseligen Mausfalle habe fangen lassen -" "Aber ists
möglich", fragte Philistus mit angenommener Verwunderung, "daß Plato den
sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen solche Räte zu geben?"--"Es
ist möglich, weil ich dir sage, daß ers getan hat.  Ich habe selbst Mühe
zu begreifen, wie ich mich von diesem Schwätzer so bezaubern lassen konnte
-" "Das soll sich Dionys nicht verdrießen lassen", erwiderte der gefällige
Philistus; "Plato ist in der Tat ein großer Mann in seiner Art; ein
vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu einer Welt zu
machen, oder zu beweisen, daß der Schnee nicht würklich weiß ist; aber
seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der
Ausübung.  In der Tat, das würde den Atheniensern was zu reden gegeben
haben, und es wäre wahrlich kein kleiner Triumph für die Philosophie
gewesen, wenn ein einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die bloße
Zauberkraft seiner Worte zu Stande gebracht hätte, was die Athenienser mit
großen Flotten und Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben -" "Es ist
mir unerträglich nur daran zu denken", sagte Dionys, "was für eine
einfältige Figur ich ein paar Wochen lang unter diesen Grillenfängern
gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst Gelegenheit gegeben, mich zu
verachten?  Was mußten sie von mir denken, da sie mich so willig und
gelehrig fanden?--Aber sie sollen in kurzem sehen, daß sie sich mit aller
ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig überrechnet haben.
Es ist Zeit, der Komödie ein Ende zu machen -" "Um Vergebung, mein
Gebietender Herr", fiel ihm Philistus hier ins Wort; "die Rede ist noch
von bloßen Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht
allzuwohl überlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion;
wenigstens haben wir noch keine Beweise gegen sie.  Sie haben Bewunderer
und Freunde zu Syracus, das Volk ist ihnen geneigt, und es möchte
gefährlich sein, sie durch einen übereilten Schritt in die Notwendigkeit
zu setzen, sich diesem Freiheit-träumenden Pöbel in die Arme zu werfen.
Lasset sie noch eine Zeitlang in dem angenehmen Wahn, daß sie den
Dionysius gefangen haben.  Gebet ihnen, durch ein künstlich verstelltes
Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen deutlicher herauszulassen--Wie,
wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust hätte die Monarchie aufzugeben,
und als ob ihn kein andres Bedenken davon zurückhielte, als die
Ungewißheit, welche Regierungs-Form Sicilien am glücklichsten machen
könnte.  Eine solche Eröffnung wird sie nötigen, sich selbst zu verraten;
und indessen, daß wir sie mit akademischen Fragen und Entwürfen aufhalten,
werden sich Gelegenheiten finden, den regiersüchtigen Dion in Gesellschaft
seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Athen machen zu lassen, wo
sie in ungestörter Muße Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie wollen,
alle Tage eine andre Form geben mögen."

Dionys war von Natur hitzig und ungestüm; eine jede Vorstellung, von der
seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, daß er sich dem
mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, gänzlich überließ; aber
wer ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig Mühe, seinen Bewegungen
oft durch ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben.  In dem ersten
Anstoß seiner unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Maßnehmungen, die
ersten, auf die er fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer
Gefahr dabei zu zeigen, so legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er
ließ sich eben so schnell überreden, die sichersten Mittel zu erwählen,
wenn sie gleich die niederträchtigsten waren.

Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-änderung oben
bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, daß er von dem
Augenblick an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen
natürlichen Zustand zurücksank.  Was man bei ihm für Liebe der Tugend
angesehen, was er selbst dafür gehalten hatte, war das Werk zufälliger und
mechanischer Ursachen gewesen; daß er ihr zu lieb seinen Neigungen die
mindeste Gewalt hätte tun sollen, so weit ging sein Enthusiasmus für sie
nicht.  Die ungebundene Freiheit worin er vormals gelebt hatte, stellte
sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und nun sah er den
Plato für einen verdrießlichen Hofmeister an, und verwünschte die
Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in
eine Gestalt, die seiner eigenen so wenig ähnlich sah, umbilden zu lassen.
Er fühlte nur allzuwohl, daß er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit
aufgelegt hatte, in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem
Sophisten, wie er ihn itzt nannte, hatte einflößen lassen: Er stellte sich
vor, daß Dion und die Syracusaner sich berechtiget halten würden, die
Erfüllung des Versprechens von ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser
maßen gegeben hatte, daß er künftig auf eine gesetzmäßige Art regieren
wolle.  Diese Vorstellungen waren ihm unerträglich, und hatten die
natürliche Folge, seine ohnehin bereits erkältete Zuneigung zu dem
Philosophen von Athen in Widerwillen zu verwandeln; den Dion aber, den er
nie geliebt hatte, ihm doppelt verhaßt zu machen.  Dieses waren die
geheimen Dispositionen, welche den Verführungen des Timocrates und
Philistus den Eingang in sein Gemüt erleichterten.  Es war schon so weit
mit ihm gekommen, daß er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person
schämte, die er einige Wochen lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft,
gespielt hatte; und es ist zu vermuten, daß es von dieser falschen und
verderblichen Scham herrührte, daß er in so verkleinernden Ausdrücken von
einem Manne, den er anfänglich beinahe vergöttert hatte, sprach, und
seiner Leidenschaft für ihn einen so spaßhaften Schwung zu geben bemüht
war.  Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der begierigen
Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhaßten
Einschränkung je bälder je lieber loszumachen wünscht; und damit er keine
Zeit verlieren möchte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang,
denselben ins Werk zu setzen.  Er berief den Dion und den Philosophen in
sein Cabinet, und entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des
vollkommensten Zutrauens, und indem er sie mit Liebkosungen überhäufte,
daß er gesonnen sei, sich der Regierung zu entschlagen, und den
Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige Verfassung zu erwählen,
die ihnen die angenehmste sein würde.


Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen.  Doch
faßten sie sich bald.  Sie hielten ihn für eine von den sprudelnden
Aufwallungen einer noch ungeläuterten Tugend, welche gern auf schöne
Ausschweifungen zu verfallen pflegt, und hoffeten also, daß es ihnen
leicht sein werde, ihn auf reifere Gedanken zubringen.  Sie billigten zwar
seine gute Absicht; stellten ihm aber vor, daß er sie sehr schlecht
erreichen würde, wenn er das Volk, welches immer als unmündig zu
betrachten sei, zum Meister über eine Freiheit machen wollte, die es,
allem Vermuten nach, zu seinem größesten Schaden mißbrauchen würde.  Sie
sagten ihm hierüber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato
insonderheit bewies ihm, daß es nicht auf die Form der Verfassung ankomme,
wenn ein Staat glücklich sein solle, sondern auf die innerliche Güte der
Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die
Handhabung der Gesetze anvertraut sei.  Seine Meinung ging dahin, daß
Dionys nicht nötig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur
von ihm abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines
weisen und tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtmäßige
Monarchie zu verwandeln; welcher die Völker sich desto williger
unterwerfen würden, da sie durch ein natürliches Gefühl ihres Unvermögens
sich selbst zu regieren, geneigt gemacht würden, sich regieren zu lassen;
ja denjenigen als eine gegenwärtige Gottheit zu verehren, welcher sie
schütze, und für ihre Glückseligkeit arbeite.

Dion stimmte hierin nicht gänzlich mit seinem Freunde überein.  Die
Wahrheit war, daß er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig
Hoffnung machte, daß seine guten Dispositionen von langer Dauer sein
würden, gerne so schnell als möglich einen solchen Gebrauch davon gemacht
hätte, wodurch ihm die Macht Böses zu tun, auf den Fall, daß ihn der Wille
dazu wieder ankäme, benommen worden wäre.  Er breitete sich also mit
Nachdruck über die Vorteile einer wohlgeordneten Aristokratie vor der
Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gefährlich es sei, den
Wohlstand eines ganzen Landes von dem zufälligen und wenig sichern Umstand,
ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen.
Er ging so weit, zu behaupten, daß von einem Menschen, der die höchste
Macht in Händen habe, zu verlangen, daß er sie niemalen mißbrauchen solle,
eine Forderung sei, welche über die Kräfte der Menschheit gehe; daß es
nichts geringers sei, als von einem mit Mängeln und Schwachheiten
beladenen Geschöpfe, welches keinen Augenblick auf sich selbst zählen kann,
die Weisheit und Tugend eines Gottes zu erwarten.  Er billigte also das
Vorhaben des Dionys, die königliche Gewalt aufzugeben, im höchsten Grade;
aber darin stimmte er mit seinem Freunde überein, daß anstatt die
Einrichtung des Staats in die Willkür des Volks zu stellen, er selbst, mit
Zuzug der Besten von der Nation, sich ungesäumt der Arbeit unterziehen
sollte, eine daurhafte und auf den möglichsten Grad des allgemeinen Besten
abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand,
der von ihm abhange, versprach.  Dionys schien sich diesen Vorschlag
gefallen zu lassen.  Er bat sie, ihre Gedanken über diese wichtige Sache
in einen vollständigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie
selbsten darüber, was man tun sollte, einig sein würden, zur Ausführung
eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am
Herzen lag.

Diese geheime Konferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte Würkung.
Sie vollendete seinen Haß gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in
Gunst bei ihm.  Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den
Pflichten eines guten Regenten sprechen hörte; so hatte er doch sehr gerne
gehört, daß Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als
einen Freund der Monarchie erklärt hatte.  Er ging aufs neue mit seinen
Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich
den Dion vom Halse zu schaffen.  Philistus hielt davor, daß eh ein solcher
Schritt gewaget werden dürfe, das Volk beruhiget und die wankende
Autorität des Prinzen wieder fest gesetzt werden müsse.  Er schlug die
Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen könne; und in der Tat
waren dabei keine so große Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten
die vorgebliche Gärung in Syracus weit gefährlicher vorgestellt, als sie
würklich war.  Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung
für den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art
von Propheten vorstellte, der mit den Göttern umgehe und Eingebungen habe.
"Einen solchen Mann", sagte Philistus, "muß man zum Freunde behalten, so
lange man ihn gebrauchen kann.  Plato verlangt nicht selbst zu regieren;
er hat also nicht das nämliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist
befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung führt, in Ansehen
steht, und Einfluß zu haben glaubt.  Es ist leicht, ihn, so lang es nötig
sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein
Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion
zurückzuhalten."  Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinkt
zu dem Philosophen gezogen fühlte, befolgte diesen Rat so gut, daß Plato
davon hintergangen wurde.  Insonderheit affektierte er ihn, immer neben
sich zu haben, wenn er sich öffentlich sehen ließ; und bei allen
Gelegenheiten, wo es Würkung tun konnte, seine Maximen im Munde zu führen.
Er stellte sich, als ob es auf Einraten des Philosophen geschähe, daß er
dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen
hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne daß
es in die Augen fiel, sich wieder einer gänzlichen Herrschaft über sein
Gemüt bemächtiget hatte.  Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend
gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste Klasse
desselben am stärksten drückten; er belustigte es durch öffentliche Feste,
und Spiele; er beförderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu
fürchten war, zu einträglichen Ehrenstellen, und ließ die übrigen mit
Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die nämliche Würkung
taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern öffentlichen
Gebäuden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine
so gute Art, daß Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen,
der so schöne Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische
Eitelkeit mit so vielen öffentlichen Beweisen einer vorzüglichen
Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht
selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.

Diese Maßnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen.  Das
Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer
immerwährenden Kindheit lebt, hörte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit
den bloßen Wunsch einer Veränderung; faßte eine heftige Zuneigung für
seinen Prinzen; erhob die Glückseligkeit seiner Regierung; bewunderte die
prächtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen;
betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er
unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.

Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen glücklichen Ausschlag in
der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden,
so lange sie selbige mit dem Plato teilen mußten, für welchen er eine Art
von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der natürlichen
Obermacht eines großen Geistes über einen Kleinen hatte.  Timocrat geriet
auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer
des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit
sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des
Philosophen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.

Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine
größere Freiheit bei seiner Tafel einzuführen; die Anzahl und die
Beschaffenheit der Gäste, welche er fast täglich einlud, gab den Vorwand
dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austerität seiner Grundsätze,
einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse
ehrwürdige Männer an gewissen Höfen zu machen pflegen; er sprach bei jeder
Gelegenheit von den Vorzügen der Nüchternheit und Mäßigkeit, und aß und
trank immer dazu, wie ein andrer.  Diese kleine Erweiterung der allzuengen
Grenzen der akademischen Frugalität, von welcher der Vater der Akademie
selbst gestehen mußte, daß sie sich für den Hof eines Fürsten nicht
schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen
seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm prächtige Feste zu geben; wo die
Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der
Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die
Strenge der Weisheit mit ihr aussöhnen konnte.  Timocrat machte sich
diesen Umstand zu Nutz.  Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die
Vornehmsten der Stadt ein, auf seinem Landhause die Wiederkunft des
Frühlings zu begehen, dessen alles verjüngende Kraft, zum Unglück für den
ohnehin übelbefestigten Platonismus des Dionys, auch diesem Prinzen die
Begierden und die Kräfte der Jugend wieder einzuhauchen schien.  Die
schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht versteckt, hatte
dieses Fest angeordnet.  Timocrat verschwendete seine Reichtümer ohne Maß,
mit desto fröhlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder zu
bekommen versichert war.  Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den
Geschmack dieses Günstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergötzt
zu haben; und der göttliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den
Pyramiden und Gymnosophisten, noch zu Athen so etwas gesehen hatte, wurde
von seiner dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, daß er die
Gefahren zu vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts,
und dieser Verschwendung von Reizungen zum Vergnügen, laurten.  Der
einzige Dion erhielt sich in seiner gewöhnlichen Ernsthaftigkeit, und
machte durch den starken Kontrast seines finstern Bezeugens mit der
allgemeinen Fröhlichkeit, Eindrücke auf alle Gemüter, welche nicht wenig
dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall zu befördern.  Indes schien
niemand darauf acht zu geben; und in der Tat ließ die Vorsorge, welche
Timocrat gebraucht hatte, daß jede Stunde, und beinahe jeder Augenblick
ein neues Vergnügen herbeiführen mußte, wenig Muße, Beobachtungen zu
machen.  Dieser schlaue Höfling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato
selbst, bei einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine
feine Art zu schmeicheln.  Dieses geschah durch ein großes pantomimisches
Ballet, worin die Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grundsätzen
dieses Weisen, unter Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die
Hand gegeben hatte, auf eine allegorische Art vorgestellt wurde.  Timocrat
hatte die jüngsten und schönsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu
Corinth und aus dem ganzen Griechenlande hatte zusammenbringen können.
Unter den Tänzerinnen war eine, welche dazu gemacht schien, dasjenige, was
der gute Plato in etlichen Monaten an dem Gemüte des Tyrannen gearbeitet,
in etlichen Augenblicken zu zerstören.  Sie stellte unter den Personen des
Tanzes die Wollust vor; und würklich paßten ihre Figur, ihre
Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr Lächeln, alles so vollkommen zu dieser
Rolle, daß das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdrücklich für sie
gemacht zu sein schien.  Jedermann war von der schönen Bacchidion
bezaubert; aber niemand war es so sehr als Dionys.  Er dachte nicht einmal
daran, der Wollust, welche eine so verführische Gestalt angenommen hatte,
um seine erkältete Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun;
kaum daß er noch so viel Gewalt über sich selbst behielt, um von
demjenigen was in ihm vorging nicht allzudeutliche Würkungen sehen zu
lassen.  Denn er getraute sich noch nicht, wieder gänzlich Dionysius zu
sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeit kleine Züge entwischten, welche dem
beobachtenden Dion bewiesen, daß er nur noch durch einen Rest von Scham,
dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zurückgehalten werde.
Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die
allzureizende Bacchidion bemächtigte sich der Begierde, des Geschmacks und
so gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterhändler
seiner Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, nötig
hatte, so war Timocrat von diesem Augenblick an wieder der nächste an
seinem Herzen.  Der weise Plato bedaurte zu spät, daß er zu viel Nachsicht
gegen den Hang dieses Prinzen nach Ergötzungen getragen hatte; er fühlte
nur gar zu wohl, daß die Gewalt seiner metaphysischen Bezauberungen durch
eine stärkere Zaubermacht aufgelöst worden sei, und fing an, um sich nicht
ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den Hof seltner zu besuchen.  Dion
ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen seines geheimen
Verständnisses mit der schönen Bacchidion, Vorwürfe zu machen, und ihn
seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann nicht
mehr ertragen konnte.  Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten,
und Dion antwortete wie ein Mißvergnügter, der sich stark genug fühlt, den
Drohungen eines übermütigen Tyrannen Trotz zu bieten.  Philistus hielt den
Dionys zurück, der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den
Zügel schießen lassen wollte.  Allein in den Umständen worin man mit dem
beleidigten Dion war, mußte ein schleuniger Entschluß gefaßt werden.  Dion
verschwand auf einmal, und erst nach einigen Tagen machte Dionys bekannt:
Daß ein gefährliches Complot gegen seine Person, und die Ruhe des Staats,
woran Dion in geheim gearbeitet, ihn genötiget hätte, denselben auf einige
Zeit aus Sicilien zu entfernen.  Es bestätigte sich würklich, daß Dion in
der Nacht unvermutet in Verhaft genommen, zu Schiffe gebracht und in
Italien ans Land gesetzt worden war.  Um das angebliche Complot
wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions, und eine noch
größere Anzahl von Kreaturen des Philistus, welche gegen diesen Prinzen zu
reden bestochen waren, in Verhaft genommen.  Man unterließ nichts, was
seinem Prozeß das Ansehen der genauesten Beobachtung der
Justiz-Formalitäten geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer
Menge von Zeugen überwiesen worden war, wurde seine Verbannung in ein
förmliches Urteil gebracht, und ihm bei Strafe des Lebens verboten, ohne
besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien wieder zu betreten.  Dionys
stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und allein durch die Sorge
für die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um eine Probe zu geben,
wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders hochgeschätzt habe,
schonen möchte, verwandelte er die Strafe der Konfiskation aller seiner
Güter in eine bloße Zurückhaltung der Einkünfte von denselben: Aber
niemand ließ sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald
darauf erfuhr, daß er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen
habe, die Belohnung des unwürdigen Timocrat zu werden.


Plato spielte bei dieser unerwarteten Katastrophe eine sehr demütigende
Rolle.  Dionys affektierte zwar noch immer, ein großer Bewunderer seiner
Wissenschaft und Beredsamkeit zu sein; aber sein Einfluß hatte so gänzlich
aufgehört, daß ihm nicht einmal erlaubt war, die Unschuld seines Freundes
zu verteidigen.  Er wurde täglich zur Tafel eingeladen; aber nur, um mit
eignen Ohren anzuhören, wie die Grundsätze seiner Philosophie, die Tugend
selbst, und alles was einem gesunden Gemüt ehrwürdig ist, zum Gegenstand
leichtsinniger Scherze gemacht wurden, welche sehr oft den echten Witz
nicht weniger beleidigten als die Tugend.  Und damit ihm alle Gelegenheit
benommen würde, die widrigen Eindrücke, welche den Syracusanern gegen den
Dion beigebracht worden waren, wieder auszulöschen, wurde ihm unter dem
Schein einer besondern Ehrenbezeugung eine Wache gegeben, welche ihn wie
einen Staats-Gefangenen beobachtete und eingeschlossen hielt.  Der
Philosoph hatte denjenigen Teil seiner Seele, welchem er seinen Sitz
zwischen der Brust und dem Zwerch-Fell angewiesen, noch nicht so gänzlich
gebändiget, daß ihn dieses Betragen des Tyrannen nicht hätte erbittern
sollen.  Er fing an wie ein freigeborner Athenienser zu sprechen, und
verlangte seine Entlassung.  Dionys stellte sich über dieses Begehren
bestürzt an, und schien alles anzuwenden, um einen so wichtigen Freund bei
sich zu behalten; er bot ihm so gar die erste Stelle in seinem Reich, und,
wenn Plutarch nicht zuviel gesagt hat, alle seine Schätze an, wofern er
sich verbindlich machen wollte, ihn niemals zu verlassen; aber die
Bedingung, welche er hinzusetzte, bewies, wie wenig er selbst erwartete,
daß seine Erbietungen angenommen werden würden.  Denn er verlangte, daß er
ihm seine Freundschaft für den Dion aufopfern sollte; und Plato verstund
den stillschweigenden Sinn dieser Zumutung.  Er beharrete also auf seiner
Entlassung, und erhielt sie endlich, nachdem er das Versprechen von sich
gegeben hatte, daß er wieder kommen wolle, so bald der Krieg, welchen
Dionys wider Carthago anzufangen im Begriff war, geendigt sein würde.  Der
Tyrann machte sich eine große Angelegenheit daraus, alle Welt zu überreden,
daß sie als die besten Freunde von einander schieden; und Platons Ehrgeiz
(wenn es anders erlaubt ist, eine solche Leidenschaft bei einem
Philosophen vorauszusetzen) fand seine Rechnung zu gut dabei, als daß er
sich hätte bemühen sollen, die Welt von dieser Meinung zuheilen.  Er gehe,
sagte er, nur Dion und Dionys wieder zu Freunden zu machen.  Der Tyrann
bezeugte sich sehr geneigt hierzu, und hob, zum Beweis seiner guten
Gesinnung den Beschlag auf, den er auf die Einkünfte Dions gelegt hatte.
Plato hingegen machte sich zum Bürgen für seinen Freund, daß er nichts
widriges gegen Dionysen unternehmen sollte.  Der Abschied machte eine so
traurige Szene, daß die Zuschauer, (außer den wenigen, welche das Gesicht
unter der Maske kannten) von der Gutherzigkeit des Prinzen sehr gerührt
wurden; er begleitete den Philosophen bis an seine Galeeren, erstickte ihn
fast mit Umarmungen, netzte seine ehrwürdigen Wangen mit Tränen, und sah
ihm so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor: Und so kehrten beide,
mit gleich erleichtertem Herzen, Plato in seine geliebte Akademie, und
Dionys in die Arme seiner Tänzerin zurück.

Dieser Tyrann, dessen natürliche Eitelkeit durch die Diskurse des
Atheniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war,
hatte sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, für einen
Gönner der Gelehrten, für einen Kenner, und so gar für einen der schönen
Geister seiner Zeit gehalten zu werden.  Er war sehr bekümmert, daß Plato
und Dion den Griechen, denen er vorzüglich zu gefallen begierig war, die
gute Meinung wieder benehmen möchten, welche man von ihm zu fassen
angefangen hatte; und diese Furcht scheint einer von den stärksten
Beweggründen gewesen zu sein, warum er den Plato bei ihrer Trennung mit so
vieler Freundschaft überhäuft hatte.  Er ließ es nicht dabei bewenden.
Philistus sagte ihm, daß Griechenland eine Menge von spekulativen
Müßiggängern habe, welche so berühmt als Plato, und zum teil geschickter
seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu
belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein lächerlich
ehrwürdiges Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem
Staatsmanne vorzustellen, und seine unverständlich-erhabene Grillen für
Grundsätze, wornach die Welt regiert werden müsse, auszugeben.  Er bewies
ihm mit den Beispielen seiner eigenen Vorfahren, daß ein Fürst sich den
Ruhm eines unvergleichlichen Regenten nicht wohlfeiler anschaffen könne,
als indem er Philosophen und Poeten in seinen Schutz nehme; Leute, welche
für die Ehre seine Tischgenossen zu sein, oder für ein mäßiges Gehalt,
bereit seien, alle ihre Talente ohne Maß und Ziel zu seinem Ruhm und zu
Beförderung seiner Absichten zu verschwenden.  "Glaubest du", sagte er,
"daß Hieron der wundertätige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster
aller fürstlichen, bürgerlichen und häuslichen Tugenden gewesen sei, wofür
ihn die Nachwelt hält?  Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was
alle Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein
jeder andrer tun würde, wenn wir zu unumschränkten Herren einer so schönen
Insel, wie Sicilien ist, geboren wären--Aber er hatte die Klugheit,
Simoniden und Pindare an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die
Wette, weil sie wohl gefüttert und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob
die Freigebigkeit dieses Prinzen, und doch kostete ihn dieser Ruhm nicht
halb soviel, als seine Jagdhunde.  Wer wollte ein König sein, wenn ein
König das alles würklich tun müßte, was sich ein müßiger Sophist auf
seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen läßt, ihm zu
Pflichten zu machen?  Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen
Forderungen und Wünschen seiner Untertanen genug tun müßte? Das meiste, wo
nicht alles, kömmt auf die Meinung an, die ein großer Herr von sich
erweckt; nicht auf seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und
den Schwung, den er ihnen zu geben weiß.  Was er nicht selbst tun will,
oder tun kann, das können witzige Köpfe für ihn tun.  Haltet euch einen
Philosophen, der alles demonstrieren, einen sinnreichen Schwätzer, der
über alles scherzen, und einen Poeten, der über alles Gassenlieder machen
kann.  Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht, fällt zwar
nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon Vorteils
genug für einen Fürsten ist, für einen Beschützer der Musen gehalten zu
werden.  Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des
menschlichen Geschlechts ein untrüglicher Beweis, daß er selbst ein Herr
von großer Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt
Zutrauen, und ein günstiges Vorurteil für alles was er unternimmt.  Aber
das ist der geringste Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostgängern zieht.
Setzet den Fall, daß es nötig sei eine neue Auflage zu machen; das ist
alles was ihr braucht, um in einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen
eure Regierung zu erregen; die Mißvergnügten, eine Art von Leuten, welche
die klügste Regierung niemals gänzlich ausrotten kann, machen sich einen
solchen Zeitpunkt zu nutze; setzen das Volk in Gärung, untersuchen eure
Aufführung, die Verwaltung eurer Einkünfte, und tausend Dinge, an welche
vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu, die Repräsentanten des
Volks versammeln sich, man übergibt euch eine Vorstellung, eine
Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus die Bitten in
Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit ehrfurchtsvollen
Drohungen zu unterstützen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist, wenigstens auf
einige Zeit, verloren; ihr befindet euch in kritischen Umständen, wo der
kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es
braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem mißvergnügten
Pöbel an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen Größe.
Hier zeigt sich der wahre Nutzen unsrer witzigen Köpfe.  Durch ihren
Beistand können wir in etlichen Tagen allen diesen übeln zuvorkommen.
Laßt den Philosophen demonstrieren, daß diese Auflage zur Wohlfahrt des
gemeinen Wesens unentbehrlich ist; laßt den Spaßvogel irgend einen
lächerlichen Einfall, irgend eine lustige Hof-Anekdote oder ein boshaftes
Märchen in der Stadt herumtragen, und den Poeten eine neue Komödie und ein
paar Gassenlieder machen, um dem Pöbel was zu sehen und zu singen zu geben:
So wird alles ruhig bleiben; und indessen daß die politischen Müßiggänger
sich darüber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder unrecht
argumentiert habe, und die kleine ärgerliche Anekdote reichlich ausgeziert
und verschönert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erhält: Wird
der Pöbel ein paar Flüche zwischen den Zähnen murmeln, seinen Gassenhauer
anstimmen, und--bezahlen.  Solche Dienste, sind, deucht mich wohl wert,
etliche Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte
zierlich zusammenzusetzen, Sylben zu zählen, Ohren zu kitzeln und Lungen
zu erschüttern; Leute, denen ihr alle ihre Wünsche erfüllt, wenn ihr ihnen
so viel gebt, als sie brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie
wenig Ansprüche machen, hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was
der Wurm im Kopf, den sie ihren Genie nennen, ihnen zum größesten
Vergnügen ihres Lebens macht."

Dionys befand diesen Rat seines würdigen Ministers vollkommen nach seinem
Geschmack.  Philistus übergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig
Kandidaten, aus denen man, wie er sagte, nach Belieben auswählen könnte.
Dionys glaubte, daß man dieser nützlichen Leute nicht zuviel haben könne,
und wählte alle.  Alle schönen Geister Griechenlandes wurden unter
blendenden Verheißungen an seinen Hof eingeladen.  In kurzer Zeit
wimmelte es in seinen Vorsälen von Philosophen und Priestern der Musen.
Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Komische, Lyrische, welche
ihr Glück zu Athen nicht hatten machen können, zogen nach Syracus, um ihre
Leiern und Flöten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen, und--sich
satt zu essen.  Sie glaubten, daß es ihnen gar wohl erlaubt sein könne,
die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der göttliche Pindar sich
nicht geschämt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen.  So
gar der zynische Antisthenes ließ sich durch die Hoffnung herbeilocken,
daß ihn die Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen würde, die
Vorteile der freiwilligen Armut und der Enthaltsamkeit mit desto mehr
Gemächlichkeit zu studieren; Tugenden, von deren Schönheit, nach dem
stillschweigenden Geständnis ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer
guten Mahlzeit am beredtesten sprechen läßt.  Kurz, Dionys hatte das
Vergnügen, ohne einen Plato dazu nötig zu haben, sich mitten an seinem
Hofe eine Akademie für seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher
und Apollo er selbst zu sein würdigte, und in welcher über die
Gerechtigkeit, über die Grenzen des Guten und Bösen, über die Quelle der
Gesetze, über das Schöne, über die Natur der Seele, der Welt und der
Götter, und andere solche Materien, welche nach den gewöhnlichen Begriffen
der Weltleute zu nichts als zur Konversation gut sind, mit so vieler
Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilität und so wenig gesunder Vernunft
disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen
Zeiten zu geschehen pflegte.  Er hatte das Vergnügen sich bewundern, und
wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu
hören, die er sich selbst niemals zugetraut hätte.  Seine Philosophen
waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen hätten, ihn
hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann
seinen Staat regieren müsse.  Der strengeste unter ihnen war zu höflich,
etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem
jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, daß ein Tyrann, der
Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte, so gastfrei war,
und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und
Lustbarkeiten glücklich machte, der würdigste unter allen Königen sein
müsse.

In diesen Umständen befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer
Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der Fürst beschaffen, welchem
er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen
war.



FÜNFTES KAPITEL

Agathon wird der Günstling des Dionysius


Agathon erfuhr die hauptsächlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des
vorhergehenden Kapitels ausmachen, bei einem großen Gastmahl, welches sein
Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in
Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen.  Der Name eines
Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben
hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei,
der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade,
worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten Häusern zu Syracus sehr
willkommen war.  Dieser Philosoph hatte sich, bei jener großen Migration
der schönen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben,
mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch
parasitische Künste die Eitelkeit des Dionys seinen Bedürfnissen zinsbar
zu machen.  Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber
damals kontrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und
der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als daß sie
einander wahrhaftig hätten hochschätzen können, obgleich Aristipp sich
öfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus
einen Tempel der Musen, und eine Akademie der besten Köpfe von Athen
machten.  Die Wahrheit war, daß Agathon mit allen seinen schimmernden
Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Unglück er seinen
Vertrauten öfters vorhersagte--und Aristipp mit allem seinem Witz nach
Agathons Begriffen ein bloßer Sophist war, den seine Grundsätze
geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge
Republikaner zu tugendhaften Männern zu machen.  Der Eindruck, welcher
beiden von dieser ehmals von einander gefaßten Meinung geblieben war,
machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier
Jahren so unvermutet wieder sahen.  Es ging ihnen in den ersten
Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine
Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu können, wer
sie ist, oder wo und in welchen Umständen wir sie gesehen haben.  Das
sollte Agathon--das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst,
war überzeugt, daß es so sei, und hatte doch Mühe, seiner eigenen
überzeugung zu glauben.  Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten,
welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten
nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und
Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veränderung
erlitten hatte.  Ein Umgang von etlichen Stunden lösete beiden das Rätsel
ihres anfänglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils,
und flößte ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden.  Unvermerkt
erinnerten sie sich nicht mehr, daß sie einander ehmals weniger gefallen
hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie
itzt für einander empfanden, für die bloße Erneuerung einer alten
Freundschaft zu halten.  Aristipp fand bei unserm Helden, eine
Gefälligkeit, eine Politesse, eine Mäßigung, welche ihm zu beweisen schien,
daß Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem
Gemüte gewürkt haben mußten.  Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene
etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken,
eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Schüler des
weisen Socrates in ihm erkennen ließen.  Diese Entdeckungen flößeten ihnen
natürlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt
machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten
Zusammenkunft zu tun gewohnt ist.  Agathon ließ seinem neuen Freunde sein
Erstaunen darüber sehen, daß die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil
Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plötzlich, und
auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden.  In der Tat bestund
alles was man in der Stadt davon wußte, in bloßen Mutmaßungen, die sich
zum Teil auf allerlei unzuverlässige Anekdoten gründeten, welche in
Städten, wo ein Hof ist von müßigen Leuten, die sich das Ansehen geben
wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes
vollkommene Wissenschaft hätten, von Gesellschaft zu Gesellschaft
herumgetragen zu werden pflegen.  Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit
dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen,
den Charakter seiner Günstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der
Sicilianer überhaupt so gut ausstudiert, daß er, ohne sich in die
Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt
gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht überzeugen konnte, daß ein
gleichgültiger Zuseher von den Anschlägen, Dions und Platons, den Dionys
zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermögen,
sich keinen glücklichern Ausgang habe versprechen können.  Er malte den
Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die
unglücklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben
können; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und
leicht zu regieren sei, daß alles bloß darauf ankomme, in was für Händen
er sich befinde.  Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche
Gemütsart und der Hang für die Vergnügungen der Sinnen die fehlerhafteste
Seite dieses Prinzen.  Plato hätte die Kunst verstehen sollen, sich dieser
Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen;
aber das hätte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von
Nachgiebigkeit und Zurückhaltung erfordert, wozu der Verfasser des
'Cratylus' und 'Timäus' niemals fähig sein werde.  überdem hätte er sich
zu deutlich merken lassen, daß er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen
zu machen; ein Umstand, der schon für sich allein alles habe verderben
müssen.  Denn die schwächsten Fürsten seien allemal diejenigen, vor denen
man am sorgfältigsten verbergen müsse, daß man weiter sehe als sie; sie
würden sich's zur Schande rechnen, sich von dem größesten Geist in der
Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, daß er eine solche Absicht
im Schilde führe; und daher komme es, daß sie sich oft lieber der
schimpflichen Herrschaft eines Kammerdieners oder einer Maitresse
unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt über das Gemüt
des Herrn unter sklavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu
verbergen.  Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu
spitzfindig, und zu einem Günstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine
vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen
Feinden beständige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verdächtig zu
machen.  Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik
zu machen, an sich selbst nichts getaugt.  Der National-Geist der
Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, daß es,
seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmöglich bleiben würde,
sie zur republikanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter
gewissen Umständen fähig sei ein guter Fürst zu werden, würde, wenn er
sich auch in einem Anstoß von eingebildeter Großmut hätte bereden lassen,
die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer Bürger gewesen sein.
Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die nähern Veranlassungen der
Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des
Platon gewesen sein mögen, hinlänglich begreiflich zu machen, daß es nicht
anders habe gehen können; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit
einer anscheinenden Gleichgültigkeit hinzu) daß ein Anderer, der sich die
Fehler dieser Vorgänger zu Nutzen zu machen wißte, wenig Mühe haben würde,
die unwürdigen Leute zu verdrängen, welche sich wieder in den Besitz des
Zutrauens und der Autorität des Tyrannen geschwungen hätten.

Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, daß
er sich überreden ließ, sie für wahr anzunehmen.  Und hier spielte ihm die
Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete.
Sie flüsterte ihm so leise, daß er ihren Einhauch vielleicht für die
Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu--wie
schön es wäre, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen könnte, was Plato
vergebens unternommen hatte.  Wenigstens deuchte es ihn schön, den Versuch
zu machen; und er fühlte eine Art von ahnendem Bewußtsein, daß eine solche
Unternehmung nicht über seine Kräfte gehen würde.  Diese Empfindungen
(denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, während daß Aristippus sprach,
in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Acht, ihn das geringste davon
merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Höflinge
unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespräch auf andre Gegenstände.
überhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden
vorzüglich auf ihn hätte richten können, desto sorgfältiger, da er
wahrnahm, daß man einen außerordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete.
Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit
unumgänglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung
von Athen gehabt hatte; ließ die Anlässe entschlüpfen, die ihm von einigen
mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine
Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen
Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewöhnlicher Mensch,
der sich auf das was er spricht versteht, und begnügte sich bei
Gelegenheit sehen zu lassen, daß er ein Kenner aller schönen Sachen sei,
ob er sich gleich nur für einen Liebhaber gab.  Dieses Betragen, wodurch
er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen
sei, von sich entfernen wollte, hatte die Würkung, daß die Meisten, welche
mit einem Erwartungsvollen Vorurteil für ihn gekommen waren, sich für
betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der Nähe
nicht, was sein Ruhm verspreche: ja, um sich dafür zu rächen, daß er nicht
so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb hätte sein sollen, liehen sie ihm
noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der
schönen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder
nicht verbergen wollte; gewöhnliches Verfahren der kleinen Geister,
wodurch sie sich unter einander in der tröstlichen Beredung zu stärken
suchen, daß kein so großer Unterscheid, oder vielleicht gar keiner,
zwischen ihnen und den Agathonen sei--und wer wird so unbillig sein, und
ihnen das übel nehmen?

Sobald sich unser Mann allein sah, überließ er sich den Betrachtungen, die
in seiner gegenwärtigen Stellung die natürlichsten waren.  Sein erster
Gedanke, sobald er gehört hatte, daß Plato entfernt, und Dionys wieder in
der Gewalt seiner ehemaligen Günstlinge und einer neuangekommenen Tänzerin
sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu
halten, und sodann nach Italien überzufahren, wo er verschiedne Ursachen
hatte zu hoffen, daß er in dem Hause des berühmten Archytas zu Tarent
willkommen sein würde.  Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte
ihn auf andre Gedanken gebracht.  Je mehr er dasjenige, was ihm dieser
Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Veränderungen gesagt hatte,
überlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato
aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm
Erfolg, anzugreifen.  Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her
gezogen, brachte er den größesten Teil der Nacht in einem Mittelstand
zwischen Entschließung und Ungewißheit zu, bis er endlich mit sich selbst
einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstände bestimmen
würden.  Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen
Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine
Menge Zufälle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Maßregeln bei
sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umständen handeln
wollte.  Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit
war die Seele davon.  Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine
Betrachtung; dieser Punkt lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems;
er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer
die Freiheit behalten, sich so bald er sehen würde, daß er vergeblich
arbeite, mit Ehre zurückzuziehen.  Das war die einzige Rücksicht, die er
dabei auf sich selbst machte.  Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener
Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefaßt hatte, ließ ihn
nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behülflich zu sein,
welche er für einen bloßen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln
eines Volkes und der Pöbel einander wechselweise ärger Tyrannisieren als
es irgend ein Tyrann zu tun fähig ist; der so arg er immer sein mag, doch
durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sklaven gänzlich
aufzureiben;--da hingegen der Pöbel, wenn er die Gewalt einmal an sich
gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen fähig ist.
Diese Reflexion traf zwar nur die Demokratie; aber Agathon hatte von der
Aristokratie keine bessere Meinung.  Eine endlose Reihe von schlimmen
Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger
guter Fürst, war, nach seiner Voraussetzung, vermögend, das Glück seines
Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung
nach) die Aristokratie anders nicht als durch die gänzliche Unterdrückung
des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden könne, und also schon
aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen möglichen
Verfassungen sei.  So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen
als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen,
und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwärtigen Dingen eine
gute Komposition herausbringen zu wollen.  Eine solche Verfassung deuchte
ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Rädern
zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und
sich nach und nach selbst aufzureiben.  Die Monarchie schien ihm also,
von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie
des großen Systems der Natur gemäßeste Art die Menschen zu regieren; und
dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen
zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Händen
schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er
über sein Gemüt zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn
nach und nach durch die eigentümlichen Reizungen der Tugend endlich
vollkommen gewinnen könnte.  Und gesetzt auch, daß es ihm nur auf eine
unvollkommene Art gelingen würde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal
seines Herzens bemeistert haben würde, doch immer im Stande zu sein, viel
gutes zu tun, und viel Böses zu verhindern, und auch dieses schien ihm
genug zu sein, um beim Schluß der Aktion mit dem belohnenden Gedanken,
eine schöne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten.  In
diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und
schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im
Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuführen.


Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwärtigen Geschichte
zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefaßt hat,
so wenig überein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von
seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind.  In der Tat
scheint dasselbe sich mehr auf den Mißverstand seiner Grundsätze und
einige ärgerliche Märchen, welche Diogenes von Laerte und Athenäus, zween
von den unzuverlässigsten Kompilatoren in der Welt, seinen Feinden
nacherzählen, als auf irgend etwas zu gründen, welches ihm unsre
Hochachtung mit Recht entziehen könnte.  Es hat zu allen Zeiten eine Art
von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind;
Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster
durch die Affektation der strengesten Grundsätze in der Sittenlehre
bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia
vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer außerordentlichen Delikatesse
der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem bloßen Schall des Worts
Wollust, mit einem heiligen Schauer, errötend--oder erblassend,
zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten würde, wenn nicht
der größeste Haufen dazu verurteilt wäre, sich durch Masken-Gesichter,
Mienen, Gebärden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und--weiße
Schnupftücher betrügen zu lassen.  Diese vortrefflichen Leute, (welche wir
etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebräuchlich ist,
denenjenigen einen Bündel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht
allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp
für einen Wollüstling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin
bestehe, daß er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsätzen
gemacht, und die Kunst gemächlich und angenehm zu leben, in ein System
gebracht habe.

Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils
zu beweisen; und dieses ist auch so nötig nicht, nachdem bereits einer der
ehrwürdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der
durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines
Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet
seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner kritischen Geschichte der
Philosophie diesem würdigen Schüler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen.

Ohne uns also um Aristipps Lehrsätze zu bekümmern, begnügen wir uns, von
seinem persönlichen Charakter so viel zu sagen als man wissen muß, um die
Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu
können.  Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem
Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die
Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte,
Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische
Niederträchtigkeiten erkaufte.  Durch seine natürliche Denkungs-Art eben
so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gemächliche Philosophie, von
Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines
zulänglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten
Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wußte) um, nach
seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Akteur auf dem Schauplatz
der Welt vorzustellen.  Da er einer der besten Köpfe seiner Zeit war, so
gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt,
Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem
scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenstände des menschlichen Lebens
machte.  Meister über seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig
waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Geschäfte
selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser
Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gemütes zu erhalten, welche
die Grundzüge von dem Charakter eines weisen Mannes ausmachen.  Er hatte
seine schönsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den
größesten Männern dieses berühmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden
und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen,
auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schönheit die geringste
ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gefühl
des Schönen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit
der Severität der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden
lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen Mäntel und Bärte seiner
Zeit auf den Hals zog.  Nichts übertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs;
niemand wußte so gut wie er, die Weisheit unter der gefälligen Gestalt des
lächelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften
einzuführen, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen wäre.  Er
besaß das Geheimnis, den Großen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit
Hülfe eines Einfalls oder einer Wendung erträglich zu machen, und sich an
dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Höfe der
(damaligen) Fürsten wimmelten, durch einen Spott zu rächen, den sie dumm
genug waren, mit dankbarem Lächeln für Beifall anzunehmen.  Die
Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des
Schönen besaß, machte daß er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die
Erfindung sinnreicher Ergötzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes,
die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil über die Werke der
Dichter, Tonkünstler, Maler und Bildhauer ankam.  Er liebte das Vergnügen,
weil er das Schöne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die
Tugend: Aber er mußte das Vergnügen in seinem Wege finden, und die Tugend
mußte ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der
andern seine Gemächlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht.
Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb,
war; daß es in unsrer Gewalt sei, in allen Umständen glücklich zu sein;
des Phalaris glühenden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte
glücklich sein können, davon konnte er sich keinen Begriff machen.  Er
setzte voraus, daß Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden
müßten, und behauptete, daß es als dann nur darauf ankomme, daß wir uns
nach den Umständen richten; anstatt, wie der große Haufe der Sterblichen,
zu verlangen, daß sich die Umstände nach uns richten sollen, oder ihnen,
zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen.  Von dieser sonderbaren
Geschmeidigkeit kam es her, daß er das vielbedeutende Lob verdiente,
welches ihm Horaz gibt, daß ihm alle Farben, alle Umstände des günstigen
oder widrigen Glückes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte,
daß es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von
Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.

Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fähigkeit das
Gute zu schätzen gefehlt habe, daß er Aristippen um aller dieser
Eigenschaften willen höher achtete, als alle andern Gelehrten, seines
Hofes; daß er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich öfters von
ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen ließ, wozu ihn seine
Pedanten mit aller ihrer Dialektik und schulgerechten Beredsamkeit nicht
zu vermögen fähig waren.

Diese charakteristische Züge vorausgesetzt, läßt sich, deucht uns, keine
wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern
Helden zu Syracus erblickte, den Entschluß faßte, ihn bei dem Dionys in
Gunst zu setzen, als diese; daß er begierig war zu sehen, was aus einer
solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schlüpfrigen
Stellung verhalten würde.  Denn auf einige besondere Vorteile für sich
selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne
einen Mittelsmann zu bedürfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu
machen, der in einem Anstoß von prahlerhafter Freigebigkeit fähig war, die
Einkünfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler
wegzuschenken.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als
des nächsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten
pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so
vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, daß Dionys begierig wurde,
diesen außerordentlichen Menschen von Person zu kennen.  Aristipp erhielt
also den Auftrag, ihn unverzüglich nach Hofe zu bringen; und er vollzog
denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an
dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.

Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und
machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen.  Er erschien also vor dem
Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art
empfing.  Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermals daß die Schönheit eine
stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist.  Diese
Gestalt des Vatikanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten--und
schlimmen--Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die
Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen
Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schönen Danae zum
liebenswürdigsten der Sterblichen gemacht hatte--Diese Gestalt, diese
einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit Würde und Anstand
zusammenfließende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen
eigen war--taten ihre Würkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die
allgemeine Bewunderung zu.  Dionys, welcher als König zu wohl mit sich
selbst zufrieden war, um über einen Privat-Mann wegen irgend einer
Vollkommenheit eifersüchtig zu sein, überließ sich dem angenehmen Eindruck,
den dieser schöne Fremdling auf ihn machte.  Die Philosophen hofften, daß
das Inwendige einer so viel versprechenden Außenseite nicht gemäß sein
werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenrümpfen,
welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten,
andeutete, einander zu zuraunen, daß er--schön sei.  Aber die Höflinge
hatten Mühe ihren Verdruß darüber zu verbergen, daß sie keinen Fehler
finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorzüge erträglich gemacht
hätte.  Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige
Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.

Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel
Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und
Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen
gemacht hatte; daß Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war.
Man weiß, wie wenig es oft bedarf, den Großen der Welt zu gefallen, wenn
uns nur der erste Augenblick günstig ist.  Agathon mußte also dem Dionys,
welcher würklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein
anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem
Verhältnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorzüge und
Talente unsers Helden entwickelten.  In der Tat besaß er deren so viele,
daß der Neid der Höflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde
stieg, gewisser maßen zu entschuldigen war; die guten Leute würden sich
viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen
Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hätten, welche in
ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten.  Er
hatte die Klugheit, anfänglich seine gründlichere Eigenschaften zu
verbergen, und sich bloß von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die
Hochachtung der Weltleute am sichersten überraschen läßt.  Er sprach von
allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur über die Gegenstände
dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten Köpfe in der Welt (auf
einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu
geben wissen.  Er scherzte; er erzählte mit Anmut; er machte andern
Gelegenheit sich hören zu lassen; und bewunderte die guten Einfälle,
welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmäßigen und
frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art, welche, ohne seiner
Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen
überzeugte, daß Agathon unendlich viel Verstand habe.

Die großen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch
es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden.  Der große Tanzai
von Scheschian, ein Kenner übrigens von Verdiensten, kannte doch kein
größeres als die Leier gut zu spielen.  Dionys hegte ein so günstiges
Vorurteil für die Cithar, daß der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der
größeste Mann auf dem Erdboden war.  Er spielte sie zwar selbst nicht;
aber er gab sich für einen Kenner, und rühmte sich die größesten Virtuosen
auf diesem wundertätigen Instrument an seinem Hofe zu haben.  Zu gutem
Glücke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der
schönen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der
damaligen Zeit war, einige Lektionen genommen, die ihn vollkommen gemacht
hatten.  Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem
Dionys zu Nacht aß, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des
Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schönen
Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so
übermäßige Entzückung, daß der ganze Hof von diesem Augenblick an für
ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur Würde eines erklärten Günstlings
erhoben zu sehen.  Dionys überhäufte ihn in der ersten Aufwallung seiner
Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut
benahmen.  "Himmel!" dachte er, "was werde ich mit einem König anfangen,
der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu
setzen, weil er ein guter Citharschläger ist?" Dieser erste Gedanke war
sehr gründlich, und würde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er
seiner Eingebung gefolget hätte.  Aber eine andere Stimme (war es seine
Eitelkeit, oder der Gedanke ein großes Vorhaben nicht um einer so
geringfügigen Ursache willen aufzugeben?--oder war es die Schwachheit, die
uns geneigt macht, alle Torheiten der Großen, welche Achtung für uns
zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) flüsterte ihm ein: Daß der
Geschmack für die Musik, und die besondere Anmutung für ein gewisses
Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und
daß es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen
zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man
seinen Beifall erhalten könne.


Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige
Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit
einer akademischen Versammlung, welche Dionys mit großen Feierlichkeiten
veranstaltete, zu einem solchen Grade, daß Philistus, der bisher noch
zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr für
gewiß hielt.

Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, daß Agathon ehmals ein
Schüler Platons gewesen, und während seines Glücksstandes zu Athen für
einen der größesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten
worden sei.  Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu
entdecken, säumte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu
veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens
urteilen könnte; denn es kam ihm ganz übernatürlich vor, daß man zu
gleicher Zeit ein Philosoph, und so schön, und ein so großer
Citharschläger sollte sein können.  Die Akademie erhielt also Befehl sich
zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen,
welches sich mit einem großen Schmaus enden sollte.  Agathon dachte an
nichts weniger, als daß er bei diesem Wettstreit eines Haufens von
Sophisten (die er nicht ohne Grund für sehr überflüssige Leute an dem Hofe
eines guten Fürsten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen würde; und
Aristipp hatte, aus dem obenberührten Beweggrunde, der der Schlüssel zu
seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht
nichts entdeckt.  Dieser eröffnete als Präsident der Akademie (denn seine
Eitelkeit begnügte sich nicht an der Ehre, ihr Beschützer zu sein) die
Versammlung durch einen übel zusammengestoppten, und nicht
allzuverständlichen, aber mit Platonismen reich verbrämten Diskurs,
welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet
wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des
königlichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als
die Größe seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien.  Nach Endigung
dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die
Zuhörer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr hören ließen, nicht
sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit
des einen, die klingende Stimme und den guten Akzent eines andern, die
paradoxen Einfälle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein
vierter zu seinen Distinktionen und Demonstrationen machte, erträglich
belustiget.  Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein
unhöfliches Gähnen bereits zwei Dritteile der Zuhörer zu ergreifen begann,
sagte Dionys: Da er das Glück habe, seit einigen Tagen einen der
würdigsten Schüler des großen Platons in seinem Hause zu besitzen; so
ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, daß der Ruhm, der ihm allenthalben
vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine
Verdienste zu verhüllen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schönen
Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er möchte
sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften
Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Akademie in einen
Wettstreit über irgend eine interessante Frage aus der Philosophie
einzulassen.  Zu gutem Glücke sprach Dionys, der sich selbst gerne hörte,
und die Gabe der Weitläufigkeit in hohem Maße besaß, lange genug, um
unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Bestürzung zu erholen,
worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte.  Er antwortete also ohne
Zaudern: Er sei zu früh aus den Hörsälen der Weisen auf den Markt-Platz zu
Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter
maßen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden,
als daß er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu
Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung
gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene,
welches ihm aus einem allzugünstigen Vorurteil beigelegt worden sei.

Dionys rief also den Philistus auf, (man weiß nicht, ob von ungefähr oder
vermög einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht
wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, für und wider
welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte.  Dieser Minister
bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm
furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage
vor--welche Regierungs-Form einen Staat glücklicher mache, die
Republikanische oder die Monarchische?--Man wird, dachte er, dem Agathon
die Wahl lassen, für welche er sich erklären will; spricht er für die
Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genötiget ist,
so wird er dem Prinzen mißfallen; wirft er sich zum Lobredner der
Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhaßt machen, und Dionys wird
den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Ausländer anzuvertrauen,
der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen
Eindruck auf die Gemüter der Syracusaner gemacht hat.  Allein dieses mal
betrog den schlauen Mann seine Erwartung.  Agathon erklärte sich,
ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer
Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, für die
Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der
Sophist Protagoras alle ihre Kräfte anstrengeten, die Vorzüge der
Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehört hatten, fing er damit an, daß
er ihren Gründen noch mehr Stärke gab, als sie selbst zu tun fähig gewesen
waren.  Die Aufmerksamkeit war außerordentlich; jedermann war mehr
begierig, zu hören, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner würde
überwinden können.  Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte,
welches die Seelen der Zuhörer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks,
der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die Würde des
Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche
Abneigung gegen die Demokratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung
gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Kräfte
seiner Seele höher spannte; seine Ideen waren so groß, seine Gemälde so
stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gründe jeder für sich
selbst so schimmernd, und liehen einander durch ihre Zusammenordnung so
viel Licht; der Strom seiner Rede, der anfänglich in ruhiger Majestät
dahinfloß, wurde nach und nach so stark und hinreißend; daß selbst
diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, daß er Unrecht haben
sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genötiget sahen, ihm innerlich
Beifall zu geben.  Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hören, die
Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten)
bewunderten am meisten, daß er die Kunstgriffe verschmähte, wodurch die
Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu
geben--Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betrügliche falscher
oder umsonst angenommener Sätze verbergen mußten; keine künstliche
Austeilung des Lichts und des Schattens.  Sein Ausdruck glich dem
Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den
Gegenständen mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und
Farbe zu benehmen.

Indessen müssen wir gestehen, daß er ein wenig grausam mit den Republiken
umging.  Er bewies, oder schien doch allen die ihn hörten zu beweisen, daß
diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie
genommen, und daß die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg
bemühet hätte, Ordnung und Konsistenz in eine Verfassung zu bringen,
welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher Gärung alle
Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Kräfte aufzureiben, und
welche des Ruhestandes so wenig fähig sei, daß eine solche Ruhe in
derselben vielmehr die Folge der äußersten Verderbnis, und gleich einer
Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs
sein würde.  Er zeigte, daß die Tugend, dieses geheiligte Palladium der
Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Glück
derselben gebunden hätten, eine Art von unsichtbaren und durch verjährten
Aberglauben geheiligten Götzen sei, an denen nichts als der Name verehrt
werde; daß man in diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit
einander gemacht zu haben scheinen sich durch den Namen und ein gewisses
Phantom von Gerechtigkeit, Mäßigung, Uneigennützigkeit, Liebe des
Vaterlandes und des gemeinen Besten von einander betrügen zu lassen; und
daß unter der Maske dieser politischen Heuchelei, unter dem ehrwürdigen
Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil derselben nirgends
unverschämter ausgeübt werde.  Es würden, meinte er, eine Menge besonderer
Umstände, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in irgend
einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden könnten, dazu erfordert, um eine
Republik in dieser Mittelmäßigkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem
Bestand sein könne: Und daher daß dieser Fall so selten sei, und von so
vielen zufälligen Ursachen abhange, komme es, daß die meisten Republiken
entweder zu schwach wären, ihren Bürgern die mindeste Sicherheit zu
gewähren; oder daß sie nach einer Größe strebten, welche nach einer Folge
von Mißhelligkeiten, Kabalen, Verschwörungen und Bürgerkriegen endlich den
Untergang des Staats nach sich ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom
Kampf-Platze bliebe, nichts als Einöden zu bevölkern und Ruinen wieder
aufzubauen überlasse.  So gar die Freiheit, auf welche diese Staaten mit
Ausschluß aller andern Anspruch machten, finde kaum in den despotischen
Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das Volk sich demütiglich
gefallen lassen müsse, was die Edeln und Reichen, ihrem besondern
Interesse gemäß, schlössen und handelten; oder wenn das Volk selbst den
Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, daß er
nicht morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im
Wege stehen, oder die durch sein Ansehen und Vermögen reicher und größer
zu werden hoffeten.  In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von
seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen, selbst zu denken, und über wichtige
Gegenstände dasjenige was man für gemeinnützlich halte, ohne Gefahr,
bekannt werden zu lassen; alle Vorschläge zu Verbesserungen würden unter
dem verhaßten Namen der Neuerungen verworfen, und zögen ihren Urhebern
geheime oder öffentliche Verfolgungen zu.  Selbst die Grundpfeiler der
menschlichen Glückseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten Menschen
eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend,
Wissenschaften, und die liebenswürdigen Künste der Musen, seien in diesen
Staaten verdächtig oder gar verhaßt; würden durch tausend im Finstern
schleichende Mittel entkräftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch
gewiß weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterstützung der
herrschenden Vorurteile und Mißbräuche verurteilt--Doch genug!--wir haben
zu viel Ursache günstiger von freien Staaten zu denken--wenn es auch nur
darum wäre, weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren
Verfassung selbst republikanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art
von Republik vorstellt, welche jemals auf dem Erdboden gesehen worden
ist--als daß wir diesen Auszug einer für den Ruhm der Freistaaten so
nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten fortsetzen können.  Es geschah
aus diesem nämlichen Grunde, daß wir, anstatt den Diskurs des Agathon
seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben, uns begnügt
haben, einige Züge davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe des
Ganzen anzuführen.  Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem
Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen,
als sie ihm bereits sein mag; oder Anlaß zu geben, daß die Gebrechen
einiger längst zerstörten Griechischen Republiken, aus denen Agathon seine
Gemälde hernahm, zur Verunglimpfung derjenigen mißbraucht werden könnten,
welche in neuern Zeiten als ehrwürdige Freistädte und Zufluchts-Plätze der
Tugend, der gesunden Denkungs-Art, der öffentlichen Glückseligkeit und
einer politischen Gleichheit, welche sich der natürlichen möglichst nähert,
angesehen werden können.  Unsrer übrigens ganz unmaßgeblichen Meinung
nach, gehört die Frage, über welche hier disputiert wurde, unter die
wichtigen Fragen--ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze--und so viele andre
von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein ernsthafteres Ansehen haben)
worüber bis auf unsre Tage so viel Zeit und Mühe--von Gänsespulen, Papier
und Dinte nichts zu sagen--verloren worden, ohne daß sich absehen ließe,
wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre Auflösung sollte
gebessert werden können.  Wir könnten diese unsre Meinung rechtfertigen;
aber es ist unnötig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen wenn er
will, ohne daß wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam petimus,
damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch würde niemalen zu Ende
kommen, wenn der Autor schuldig wäre, alles zu beweisen, und sich über
alles zu rechtfertigen.  Wir übergehen also auch, aus einem andern Grunde,
den wir den Liebhabern der Rätsel und Logogryphen zu erraten geben, die
Lobrede, welche Agathon der monarchischen Staats-Verfassung hielt.  Die
Beherrscher der Welt scheinen (mit Recht, würde Philistus sagen, denn ich
machte es an ihrem Platz auch so) ordentlicher Weise sehr gleichgültig
über die Meinung zu sein, welche man von ihrer Regierungs-Art hat--Es gibt
Fälle, wir gestehen es, wo dieses eine Ausnahme leidet--aber diese Fälle
begegnen selten, wenn man die Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und
fünfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit zu halten, mit deren Beistand
man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich über die Meinung aller
friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu können.  Sind nicht
eben diese hundert und fünfzigtausend--oder wenn ihrer auch mehr sind;
desto besser!--ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der
alle andre unnötig macht, daß eine Nation glücklich gemacht wird?--Genug
also (und dieser Umstand allein gehört wesentlich zu unsrer Geschichte)
daß diese Rede, worin Agathon alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und
alle Vorzüge wohlregierter Monarchien, in zwei kontrastierende Gemälde
zusammendrängte, das Glück hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle
Zuhörer zu überreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche
den Stolz des eitelsten Sophisten hätte sättigen können.  Jedermann war
von einem Manne bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so großen
Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte.  Denn
Agathon hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters
angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und glücklich zu machen sucht.
Man sagte sich selbst, was für goldene Tage Sicilien sehen würde, wenn ein
solcher Mann das Ruder führte.  Er hatte nicht vergessen, im Eingang
seines Diskurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus
Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen
Absichten erhebe: Er hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, daß
er entschlossen sei, nach Tarent überzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit
des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe,
dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gemüts
obzuliegen--(Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und lächerlich
klingen würden, aber damals ihre Bedeutung und Würde noch nicht gänzlich
verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschließung, und
wünschte, daß Dionys alles anwenden möchte, ihn davon zurückzubringen.
Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wünschen seines Volkes
so gleichstimmig befunden wie dieses mal.  Die starke Zuneigung, die er
für die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen
Fähigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Diskurs auf den höchsten Grad
gestiegen.  So wenig beständiges auch in Dionysens Charakter war, so hatte
er doch seine Augenblicke, wo er wünschte, daß es weniger Verleugnung
kosten möchte, ein guter Fürst zu sein.  Die Beredsamkeit Agathons hatte
ihn wie die übrige Zuhörer mit sich fortgerissen; er fühlte die Schönheit
seiner Gemälde, und vergaß darüber, daß eben diese Gemälde eine Art von
Satyre über ihn selbst enthielten.  Er setzte sich vor, dasjenige zu
erfüllen, was Agathon auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung
versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz
auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen ausüben
lassen, der so gut davon reden konnte.  Wo konnte er ein tauglicheres
Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen?  Wo
konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften
mit so vielen nützlichen vereinigte?--Dionys hatte sich, wie wir schon
bemerkt haben, angewöhnt, zwischen seine Entschließungen und ihre
Ausführung so wenig Zeit zu setzen als möglich war.  Alles was er einmal
wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich
selbst überlassen blieb, sah er eine Sache nur von einer Seite an; und
dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergaß,
was ihn in seinem Vorhaben bestärken konnte.  Dieser Philosoph erhielt
also den Auftrag, dem Agathon Vorschläge zu tun.  Agathon entschuldigte
sich mit seiner Abneigung vor dem geschäftigen Leben, und bestimmte den
Tag seiner Abreise.  Dionys wurde dringender.  Agathon bestand auf seiner
Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, daß man hoffen konnte, er
werde sich bewegen lassen.  In der Tat war seine Absicht nur, die
Zuneigung eines so wenig zuverlässigen Prinzen zuvor auf die Probe zu
stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche für das Glück
anderer und für seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben
konnten.


Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, daß die Hochachtung die er ihm
eingeflößt hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er
seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen,
welche ihm Dionys zugestehen mußte.  Er erklärte sich, daß er allein in
der Qualität seines Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als
ihn Dionys dafür erkennen, und seiner Dienste nötig zu haben glauben würde;
er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten
sich zurückzuziehen, so bald er sähe, daß sein Dasein zu nichts nütze sei.
Die einzige Belohnung, welche er sich befügt halte für seine Dienste zu
verlangen, sei diese, daß Dionys seinen Räten folgen möchte, so lange er
werde zeigen können, daß dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die
Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Glückseligkeit des Prinzen zugleich
befördert werde.  Endlich bat er sich noch aus, daß Dionys niemals einige
heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen möchte, ohne ihm
solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhören.

Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu
unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die
Hälfte seines Reichs kosten sollte.  Agathon bezog also die Wohnung,
welche man im Palast aufs prächtigste für ihn ausgerüstet hatte; Dionys
erklärte öffentlich, daß man sich in allen Sachen an seinen Freund Agathon,
wie an ihn selbst, wenden könne; die Höflinge stritten in die Wette, wer
dem neuen Günstling seine Unterwürfigkeit auf die sklavenmäßigste Art
beweisen könne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der
Saturnischen Zeiten entgegen.

Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige
zu überlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick für oder wider
unsern Helden zu sagen haben mag.  Vermutlich mag einigen der Eifer
mißfällig gewesen sein, womit er, aus Haß gegen sein undankbares Vaterland,
wider die Republiken überhaupt gesprochen; indessen daß vielleicht andere
sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem Hofe des Königs Dionys sehen,
einer gekünstelten Klugheit, welche nicht in seinem Charakter sei, und
ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden.  Wir haben uns schon
mehrmalen erklärt, daß wir in diesem Werke die Pflichten eines
Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten übernommen haben; indessen
bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir
zwar nicht für ein Muster, aber doch für ein lehrreiches Beispiel geben,
eben so frei nach unserm Gesichtspunkt zu urteilen, als es unsre Leser aus
dem ihrigen tun mögen.  Was also den ersten Punkt betrifft, so haben wir
bereits erinnert, daß es unbillig sein würde, dasjenige was Agathon wider
die Republiken seiner Zeit gesprochen, für eine, von ihm gewiß nicht
abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als
möglich erkannt hat) unter dem Einfluß günstiger Umstände, durch ihre Lage
selbst vor auswärtigem Neid, und vor ausschweifenden
Vergrößerungs-Gedanken gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr
ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer glückseligen Mittelmäßigkeit
fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agathon
an den Republiken seiner Zeit für unheilbar angesehen.  Ob er aber diesen
letztern zuviel getan habe, mögen diejenigen entscheiden, welche mit den
besondern Umständen ihrer Geschichte bekannt sind.  Hat die Empfindung des
Unrechts, welches ihm selbst zu Athen zugefügt worden, etwas Galle in
seine Kritik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agathon zu
lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu--oder abgehen?)
sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert
ihnen ein Vaterland sein würde, welches ihnen so mitgespielt hätte?  Sie
mögen sich erinnern, daß es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung
ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in
Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobsprüche in Schmähreden, ihre
guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln.  "Wie oft, meine Herren, hat
sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze
Denkungs-Art von Personen und Sachen geändert?--Antworten Sie Sich selbst
so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu hören; und
wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich selbst, unserm Helden nicht
vergeben können, daß er ein Vaterland nicht liebte, welches alles mögliche
getan hatte, sich ihm verhaßt zu machen: So müssen wir zwar die Strenge
ihrer Sittenlehre bewundern; aber--doch gestehen, daß wir Sie noch mehr
bewundern würden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hätten etwas weniger
Parteilichkeit für sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre
sich empfohlen sein lassen wollten."

überhaupt hat man Ursache zu glauben, daß Agathon gesprochen habe wie er
dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug.  Und warum
sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen?  Sein ganzes Betragen, während
daß er das Herz des Tyrannen in seinen Händen hatte, bewies, daß er keine
Absichten hegete, welche ihn genötiget hätten, ihm gegen seine überzeugung
zu schmeicheln.  Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem
Augenblick, da er den Fuß in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er
vielleicht keine gehabt haben?  Was können wir, nach der äußersten Schärfe,
mehr fodern, als daß seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und
so waren sie, wie wir bereits gesehen haben.  Es scheint also nicht, daß
man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit
er, in der neuen und schlüpfrigen Situation, worin er war, alle seine
Handlungen einrichten mußte, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden
sollten.  Wir geben zu, daß eine Art von Zurückhaltung und Feinheit daraus
hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Charakter zu sein
scheint.  Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel.  Es ist noch
nicht ausgemacht, ob diese Unveränderlichkeit der Denkungs-Art und
Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun,
eine so große Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden.  Die
Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, daß wir so wie wir sind, am
besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln.  Es ist unmöglich,
daß indem alles um uns her sich verändert, wir allein unveränderlich sein
sollten; und wenn es auch nicht unmöglich wäre, so wär' es unschicklich.
Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstände, andre Bestimmungen
und Wendungen unsers Verhaltens.  In moralischen Romanen finden wir
freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben--und darum zu
loben sind--denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten
Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit
besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen
ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben?  Aber im Leben finden wir
es anders.  Desto schlimmer für die, welche sich da immer selbst gleich
bleiben--Wir reden nicht von Toren und Lasterhaften--die Besten haben an
ihren Ideen, Urteilen, Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich
sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu verändern.  Und
die Erfahrung lehrt, daß wir selten zu einer neuen Entwicklung unsrer
Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen
Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine
falsche Farbe auf uns reflektiert, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang
verdunkelt.  Wir haben unsern Helden bereits in verschiedenen Situationen
gesehen; und in jeder, durch den Einfluß der Umstände, ein wenig anders
als er würklich ist.  Er schien zu Delphi ein bloßer spekulativer
Enthusiast; und man hat in der Folge gesehen, daß er sehr gut zu handeln
wußte.  Wir glaubten, nachdem er die schöne Cyane gedemütiget hatte, daß
ihm die Verführungen der Wollust nichts anhaben könnten, und Danae bewies,
daß wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird
eine neue vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfindig gemacht
zu haben glauben mag, sich eben so betrogen finden.  Er schien nach und
nach ein andächtiger Schwärmer, ein Platonist, ein Republikaner, ein Held,
ein Stoiker, ein Wollüstling; und war keines von allen, ob er gleich in
verschiedenen Zeiten durch alle diese Klassen ging, und in jeder eine
Nüance von derselben bekam.  So wird es vielleicht noch eine Zeitlang
gehen--Aber von seinem Charakter, von dem was er würklich war, worin er
sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem
alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umstände davon
abgeschieden sein wird, übrig bleiben mag--davon kann dermalen die Rede
noch nicht sein.  Ohne also eben so voreilig über ihn zu urteilen, wie man
gewohnt ist, es im täglichen Leben alle Augenblicke zu tun--wollen wir
fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebräder seiner Handlungen so
genau als uns möglich sein wird auszuspähen, keine geheime Bewegung seines
Herzens, welche uns einigen Aufschluß hierüber geben kann, entwischen
lassen, und unser Urteil über das Ganze seines moralischen Wesens so lange
zurückhalten, bis--wir es kennen werden.



ZEHENTES BUCH



ERSTES KAPITEL

Von Haupt--und Staats-Aktionen.  Betragen Agathons am Hofe des Königs
Dionys


Man tadelt an Shakespear--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der
die Menschen, vom Könige bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack
Fallstaff am besten gekannt, und mit einer Art von unbegreiflicher
Intuition durch und durch gesehen hat--daß seine Stücke keinen, oder doch
nur einen sehr fehlerhaften unregelmäßigen und schlecht ausgesonnenen Plan
haben; daß komisches und tragisches darin auf die seltsamste Art durch
einander geworfen ist, und oft eben dieselbe Person, die uns durch die
rührende Sprache der Natur, Tränen in die Augen gelockt hat, in wenigen
Augenblicken darauf uns durch irgend einen seltsamen Einfall oder
barokischen Ausdruck ihrer Empfindungen wo nicht zu lachen macht, doch
dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer wird, uns wieder in die
Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte.--Man tadelt das--und denkt
nicht daran, daß seine Stücke eben darin natürliche Abbildungen des
menschlichen Lebens sind.

Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürften) der
Lebenslauf der großen Staats-Körper selbst, in so fern wir sie als eben so
viel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt--und Staats-Aktionen
im alten gothischen Geschmack in so vielen Punkten, daß man beinahe auf
die Gedanken kommen möchte, die Erfinder dieser letztern seien klüger
gewesen als man gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie nicht gar die
heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lächerlich zu machen,
wenigstens die Natur eben so getreu nachahmen wollen, als die Griechen
sich angelegen sein ließen sie zu verschönern.  Um itzo nichts von der
zufälligen ähnlichkeit zu sagen, daß in diesen Stücken, so wie im Leben,
die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten Acteurs
gespielt werden--was kann ähnlicher sein, als es beide Arten der
Haupt--und Staats-Aktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen.
Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben?  Wie oft
überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
ohne daß sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder
verschwinden?  Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft
sehen wir die größesten Würkungen durch die armseligsten Ursachen
hervorgebracht?  Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lächerlicher Gravität
behandelt?  Und wenn in beiden endlich alles so kläglich verworren und
durch einander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit der Entwicklung
zu verzweifeln anfängt; wie glücklich sehen wir durch irgend einen unter
Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott, oder durch
einen frischen Degen-Hieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöst, aber
doch aufgeschnitten, welches in so fern auf eines hinaus lauft, daß auf
die eine oder andere Art das Stück ein Ende hat, und die Zuschauer
klatschen oder zischen können, wie sie wollen oder--dürfen.  übrigens weiß
man, was für eine wichtige Person in den komischen Tragödien, wovon wir
reden, der edle Hans Wurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
Denkmal des Geschmacks unsrer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
des deutschen Reichs erhalten zu wollen scheint.  Wollte Gott, daß er
seine Person allein auf dem Theater vorstellte!  Aber wie viele große
Aufzüge auf dern Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten mit
Hans Wurst--oder, welches noch ein wenig ärger ist, durch Hans
Wurst--aufführen gesehen?  Wie oft haben die größesten Männer, dazu
geboren, die schützenden Genii eines Throns, die Wohltäter ganzer Völker
und Zeitalter zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen
kleinen schnakischen Streich von Hans Wurst, oder solchen Leuten vereitelt
sehen müssen, welche ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen?  Wie oft entsteht in
beiden Arten der Tragi-Komödien die Verwicklung selbst lediglich daher,
daß Hans Wurst durch irgend ein dummes oder schelmisches Stückchen von
seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh sie sich's versehen können, ihr
Spiel verderbt?--Manum de tabula!--Aber wenn diese Vergleichung, wie wir
besorgen, ihren Grund hat; so mögen wir wohl den Weisen und
Rechtschaffenen Mann bedauren, den sein Schicksal dazu verurteilt hat,
unter einem schlimmen, oder--welches ist ärger?--unter einem schwachen
Fürsten, in die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten verwickelt zu
sein?  Was wird es ihm helfen, Einsichten und Mut zu haben, nach den
besten Grundsätzen und nach dem richtigsten Plan zu handeln; wenn das
verächtlichste Ungeziefer, wenn ein Sklave, ein Kuppler, eine Bacchidion,
oder etwas noch schlimmers, irgend ein Parasite, dessen ganzes Verdienst
in Geschmeidigkeit, Verstellung und Schalkheit besteht, es in ihrer Gewalt
haben, seine Maßregeln zu verrücken, aufzuhalten, oder gar zu
hintertreiben?  Indessen bleibt ihm, wenn er sich einmal an ein so
gefahrvolles Abenteuer gewagt hat, wie zum Exempel dasjenige, welches
Agathon würklich zu bestehen hat, kein andres Mittel übrig, sich selbst zu
beruhigen, und auf alle Fälle sein Betragen vor dem unparteiischen Gericht
der Weisen und der Nachwelt rechtfertigen zu können--als daß er sich, eh
er die Hand ans Werk legt, einen regelmäßigen Plan seines ganzen
Verhaltens entwerfe.  Wenn gleich alle Weisheit eines solchen Entwurfs ihm
für den Ausgang nicht Gewähr leisten kann; so bleibt ihm doch der
tröstende Gedanke, alles getan zu haben, was ihn, ohne Zufälle die er
entweder nicht vorhersehen, oder nicht hintertreiben konnte, des
glücklichen Erfolgs hätte versichern können.

Dieses war also die erste Sorge unsers Helden, nachdem er sich anheischig
gemacht hatte, die Person eines Ratgebers und Vertrauten bei dem Könige
Dionys zu spielen.  Er sah alle, oder doch einen großen Teil der
Schwierigkeiten, einen solchen Plan zu machen, der ihm durch den Labyrinth
des Hofes und des öffentlichen Lebens zum Leitfaden dienen könnte.  Aber
er glaubte, daß der mangelhafteste Plan besser sei, als gar keiner; und in
der Tat war ihm die Gewohnheit, seine Ideen worüber es auch sein möchte,
in ein System zu bringen, so natürlich geworden, daß sie sich, so zu sagen,
von sich selbst in einen Plan ordneten, welcher vielleicht keinen andern
Fehler hatte, als daß Agathon noch nicht völlig so übel von den Menschen
denken konnte, als es diejenigen verdienten, mit denen er zu tun hatte.
Indessen dachte er doch lange nicht mehr so erhaben von der menschlichen
Natur, als ehmals; oder richtiger zu reden, er kannte den unendlichen
Unterschied zwischen dem metaphysischen Menschen, welchen man sich in
einer spekulativen Einsamkeit erträumt; dem natürlichen Menschen, in der
rohen Einfalt und Unschuld, wie er aus den Händen der allgemeinen Mutter
der Wesen hervorgeht; und dem gekünstelten Menschen, wie ihn die
Gesellschaft, ihre Gesetze, ihre Gebräuche und Sitten, seine Bedürfnisse,
seine Abhänglichkeit, der immer währende Kontrast seiner Begierden mit
seinem Unvermögen, seines Privat-Vorteils mit den Privat-Vorteilen der
übrigen, die daher entspringende Notwendigkeit der Verstellung, und
immerwährenden Verlarvung seiner wahren Absichten, und tausend dergleichen
physikalische und moralische Ursachen in unzähliche betrügliche Gestalten
ausbilden--er kannte, sage ich, nach allen Erfahrungen, die er schon
gemacht hatte, diesen Unterschied der Menschen von dem was sie sein
könnten, und vielleicht sein sollten, bereits zu gut, um seinen Plan auf
platonische Ideen zu gründen.  Er war nicht mehr der jugendliche
Enthusiast, der sich einbildet, daß es ihm eben so leicht sein werde, ein
großes Vorhaben auszuführen, als es zu fassen.  Die Athenienser hatten ihn
auf immer von dem Vorurteil geheilt, daß die Tugend nur ihre eigene Stärke
gebrauche, um über ihre Hässer obzusiegen.  Er hatte gelernt, wie wenig
man von andern erwarten kann; wie wenig man auf sie Rechnung machen, und
(was das wichtigste für ihn war) wie wenig man sich auf sich selbst
verlassen darf, Er hatte gelernt, wieviel man den Umständen nachgeben muß;
daß der vollkommenste Entwurf an sich selbst oft der schlechteste unter
den gegebenen Umständen ist; daß sich das Böse nicht auf einmal gut machen
läßt; daß sich in der moralischen Welt, wie in der materialischen, nichts
in gerader Linie fortbewegt, und daß man selten anders als durch viele
Krümmen und Wendungen zu einem guten Zweck gelangen kann--Kurz, daß das
Leben, zumal eines echten Staats-Mannes, einer Schiffahrt gleicht, wo der
Pilot sich gefallen lassen muß, seinen Lauf nach Wind und Wetter
einzurichten; wo er keinen Augenblick sicher ist durch widrige Ströme
aufgehalten oder seitwärts getrieben zu werden; und wo alles darauf
ankommt, mitten unter tausend unfreiwilligen Abweichungen von der Linie,
die er sich in seiner Karte gezogen hat, endlich dennoch, und so bald und
wohlbehalten als möglich, an dem vorgesetzten Ort anzulangen.

Diesen allgemeinen Grundsätzen zufolge bestimmte er die Absichten bei
allem was er unternahm, den Grad des Guten, welches er sich zu erreichen
vorsetzte, und sein Verhalten gegen diejenige, welche ihm dabei am meisten
hinderlich oder beförderlich sein könnten--jenes, nach dem Zusammenhang
aller Umstände, worin er die Sachen antraf--dieses nach Beschaffenheit der
Personen mit denen er's zu tun hatte, oder richtiger zu reden, nach der
zum teil wenig sichern Vorstellung, die er sich von ihrem Charakter machte.


Er konnte, seit dem er den Dionys näher kannte, nicht daran denken, ein
Muster eines guten Fürsten aus ihm zu machen; aber er hoffte doch nicht
ohne Grund, seinen Lastern ihr schädlichstes Gift benehmen, und seiner
guten Neigungen, oder vielmehr seiner guten Launen, seiner Leidenschaften
und Schwachheiten selbst, sich zum Vorteil des gemeinen Besten bedienen zu
können.  Diese Meinung von seinem Prinzen war in der Tat so bescheiden,
daß er sie nicht tiefer herabstimmen konnte, ohne alle Hoffnung zu
Erreichung seiner Entwürfe aufzugeben; und doch zeigte sich in der Folge,
daß er noch zu gut von ihm gedacht hatte.  Dionys hatte in der Tat
Eigenschaften, welche viel gutes versprachen; aber unglücklicher Weise
hatte er für jede derselben eine andere, welche alles wieder vernichtete,
was jene zusagte; und wenn man ihn lange genug in der Nähe betrachtet
hatte, so befand sich's, daß seine vermeinten Tugenden würklich nichts
anders als seine Laster waren, welche von einer gewissen Seite betrachtet,
eine Farbe der Tugend annahmen.  Indessen ließ sich doch Agathon durch
diese guten Anscheinungen so verblenden, daß er die Unverbesserlichkeit
eines Charakters von dieser Art, und also den Ungrund aller seiner
Hoffnungen nicht eher einsah, als bis ihm diese Entdeckung zu nichts mehr
nutzen konnte.

Die größeste Schwachheit des Prinzen, seiner Meinung nach, war sein
übermäßiger Hang zur Gemächlichkeit und Wollust.  Er hoffte dem ersten
dadurch zu begegnen, daß er ihm die Geschäfte so leicht und so angenehm zu
machen suchte als möglich war; und dem andern, wenn er ihn wenigstens von
den wilden Ausschweifungen abgewöhnte, zu denen er sich bisher hatte
hinreißen lassen.  Unsre Vergnügungen werden desto feiner, edler und
sittlicher, je mehr die Musen Anteil daran haben.  Aus diesem richtigen
Grundsatz bemühte er sich, dem Dionys mehr Geschmack an den schönen
Künsten beizubringen, als er bisher davon gehabt hatte.  In kurzem wurden
seine Paläste, Landhäuser und Gärten, mit den Meisterstücken der besten
Maler und Bildhauer Griechenlandes angefüllt.  Agathon zog die
berühmtesten Virtuosen in allen Gattungen von Athen nach Syracus; er
führte ein prächtiges Odeon nach dem Muster dessen, worauf Perikles den
öffentlichen Schatz der Griechen verwendet hatte, auf; und Dionys fand so
viel Vergnügen an den verschiedenen Arten von Schauspielen, womit er,
unter der Aufsicht seines Günstlings, fast täglich auf diesem Theater
belustiget wurde, daß er, seiner Gewohnheit nach, eine Zeitlang allen
Geschmack an andern Ergötzlichkeiten verloren zu haben schien.  Indessen
war doch eine andre Leidenschaft übrig, deren Herrschaft über ihn allein
hinlänglich war, alle guten Absichten seines neuen Freundes zu
hintertreiben.  Gegenwärtig befand sich die Tänzerin Bacchidion im Besitz
derselben; aber es fiel bereits in die Augen, daß die unmäßige Liebe,
welche sie ihm beigebracht, sehr viel von ihrer ersten Heftigkeit verloren
hatte.  Es würde vielleicht nicht schwer gehalten haben, die Würkung
seiner natürlichen Unbeständigkeit um etliche Wochen zu beschleunigen.
Aber Agathon hatte Bedenklichkeiten, die ihm wichtig genug schienen, ihn
davon abzuhalten.  Die Gemahlin des Prinzen war in keinerlei Betrachtung
dazu gemacht, einen Versuch, ihn in die Grenzen der ehlichen Liebe
einzuschränken, zu unterstützen.  Dionys konnte nicht ohne Liebeshändel
leben; und die Gewalt, welche seine Maitressen über sein Herz hatten,
machte seine Unbeständigkeit gefährlich.  Bacchidion war eines von diesen
gutartigen fröhlichen Geschöpfen, in deren Phantasie alles rosenfarb ist,
und welche keine andre Sorge in der Welt haben, als ihr Dasein von einem
Augenblick zum andern wegzuscherzen, ohne sich jemals einen Gedanken von
Ehrgeiz und Habsucht, oder einigen Kummer über die Zukunft anfechten zu
lassen.  Sie liebte das Vergnügen über alles; immer aufgelegt es zu geben
und zu nehmen, schien es unter ihren Tritten aufzusprossen; es lachte aus
ihren Augen, und atmete aus ihren Lippen.  Ohne daran zu denken, sich
durch die Leidenschaft des Prinzen für sie wichtig zu machen, hatte sie
aus einer Art von mechanischer Neigung, vergnügte Gesichter zu sehen, ihre
Gewalt über sein Herz schon mehrmalen dazu verwandt, Leuten die es
verdienten, oder auch nicht verdienten (denn darüber ließ sie sich in
keine Untersuchung ein) gutes zu tun.  Agathon besorgte, daß ihre Stelle
leicht durch eine andere besetzt werden könnte, welche sich versuchen
lassen möchte, einen schlimmern Gebrauch von ihren Reizungen zu machen.
Er hielt es also seiner nicht unwürdig, mit guter Art, und ohne daß es
schien, als ob er einige besondere Aufmerksamkeit auf sie habe, die
Neigung des Prinzen zu ihr mehr zu unterhalten als zu bekämpfen.  Er
verschaffte ihr Gelegenheit, ihre belustigende Talente in einer
Mannichfaltigkeit zu entfalten, welche ihr immer die Reizungen der Neuheit
gab.  Er wußte es zu veranstalten, daß Dionys durch öftere kleine
Entfernungen verhindert wurde, sich zu bald an dem Vergnügen zu ersättigen,
welches er in den Armen dieser angenehmen Kreatur zu finden schien.  Er
ging endlich gar so weit, daß er bei Gelegenheit eines Gesprächs, wo die
Rede von den anzustrengen Grundsätzen des Plato über diesen Artikel war,
sich kein Bedenken machte, zu sagen: Daß es unbillig sei, einen Prinzen,
welcher sich die Erfüllung seiner großen und wesentlichen Pflichten mit
gehörigem Ernst angelegen sein lasse, in seinen Privat-Ergötzungen über
die Grenzen einer anständigen Mäßigung einschränken zu wollen.  Alles, was
ihm hierüber wiewohl in allgemeinen Ausdrücken, entfiel, schien die
Bedeutung einer stillschweigenden Einwilligung in die Schwachheit des
Prinzen für die schöne Bacchidion zu haben, und in der Tat war dieses sein
Gedanke.  Wir lassen dahin gestellt sein, ob die gute Absicht die er dabei
hatte, hinlänglich sein mag, eine so gefährliche äußerung zu rechtfertigen;
aber es ist gewiß, daß Dionys, der bisher aus einer gewissen Scham vor
der Tugend unsers Helden sich bemüht hatte, seine schwache Seite vor ihm
zu verbergen, von dieser Stunde an weniger zurückhaltend wurde, und aus
dem vielleicht unrichtigen aber sehr gemeinen Vorurteil, daß die Tugend
eine erklärte Feindin der Gottheiten von Cythere sein müsse, einen Argwohn
gegen unsern Helden faßte, wodurch er um einige Stufen herab, und mit ihm
selbst und den übrigen Erdenbewohnern, in Absicht gewisser Schwachheiten,
in die nämliche Linie gestellt wurde--ein Verdacht, der zwar durch die
sich selbst immer gleiche Aufführung Agathons bald wieder zum Schweigen
gebracht, aber doch nicht so gänzlich unterdrückt wurde, daß sein geheimer
Einfluß in der Folge den Beschuldigungen der Feinde Agathons, den Zugang
in das Gemüt eines Prinzen nicht erleichtert hätte, welcher ohnehin so
geneigt war, die Tugend entweder für Schwärmerei oder für Verstellung zu
halten.  Indessen gewann Agathon durch seine Nachsicht gegen die
Lieblings-Fehler dieses Prinzen, daß er sich desto williger bewegen ließ,
an den Geschäften der Regierung mehr Anteil zu nehmen, als er gewohnt war;
und wir an unserm teil können es ihm verzeihen, daß er das viele Gute,
welches er dadurch erhielt, für eine hinlängliche Vergutung des Tadels
ansah, den er sich durch diese Gefälligkeit bei gewissen Leuten von
strengen Grundsätzen zuzog, welche in der weiten Entfernung von der Welt,
worin sie leben, gute Weile haben, an andern zu verdammen, was sie an
derselben Platz, vielleicht noch schlimmer gemacht haben würden.


Außer der schönen Bacchidion, welche, wie wir gesehen haben, allen ihren
Ehrgeiz darein setzte, das Vergnügen eines Prinzen, den sie liebte,
auszumachen--war Philistus, durch die Gnade, worin er bei Dionysen stund,
die beträchtlichste Person unter allen denjenigen, mit denen Agathon in
seiner neuen Stelle mehr oder weniger in Verhältnis war.  Dieser Mann
spielt in diesem Stück unsrer Geschichte eine Rolle, welche begierig
machen kann, ihn näher kennen zu lernen.  Und über dem ist es eine von den
geheiligten Pflichten der Geschichte, den verfälschenden Glanz zu
zerstreuen, welchen das Glück und die Gunst der Großen sehr oft über
nichtswürdige Kreaturen ausbreitet, um der Nachwelt, zum Exempel, zu
zeigen, daß dieser Pallas, welchen so viele Dekrete des Römischen Senats,
so viele Statuen und öffentliche Ehren-Mäler eben dieser Nachwelt als
einen Wohltäter des menschlichen Geschlechts, als einen Halb-Gott
ankündigen, nichts bessers noch größers als ein schamloser lasterhafter
Sklave war.  Wenn Philistus in Vergleichung mit einem Pallas oder Tigellin
nur ein Zwerg gegen einen Riesen scheint, so kommt es in der Tat allein
von dem unermeßlichen Unterschied zwischen der Römischen Monarchie im
Zeitpunkt ihrer äußersten Höhe, und dem kleinen Staat, worin Dionys zu
gebieten hatte, her.  Eben dieser Teufel, der seinem schlimmen Humor Luft
zu machen, eine Herde Schweine ersäufte, würde mit ungleich größerm
Vergnügen den ganzen Erdboden unter Wasser gesetzt haben, wenn er Gewalt
dazu gehabt hätte: Und Philistus würde Pallas gewesen sein, wenn er das
Glück gehabt hätte, in den Vorzimmern eines Claudius aufzuwachsen.  Die
Proben, welche er in seiner kleinen Sphäre von dem was er in einer größern
fähig gewesen wäre, ablegte, lassen uns nicht daran zweifeln.  Ein
geborner Sklave, und in der Folge einer von den Freigelassenen des alten
Dionys, hatte er sich schon damals unter seinen Kameraden durch den
schlauesten Kopf und die geschmeidigste Gemüts-Art hervorgetan, ohne daß
es ihm jedoch einigen besondern Vorzug bei seinem Herrn verschaffet hätte.
Philistus gramte sich billig über diese wiewohl nicht ungewöhnliche Laune
des Glücks; aber er wußte sich selbst zu helfen.  Glücklichere Vorgänger
hatten ihm den Weg gezeigt, sich ohne Mühe und ohne Verdienste zu dieser
hohen Stufe emporzuschwingen, nach welcher ihm eine Art von Ambition, die
sich in gewissen Seelen mit der verächtlichsten Niederträchtigkeit
vollkommen wohl verträgt, ein ungezähmtes Verlangen gab.  Wir haben schon
bemerkt, daß der jüngere Dionys von seinem Vater ungewöhnlich hart
gehalten wurde.  Philistus war der einzige, der den Verstand hatte zu
sehen, wieviel Vorteil sich aus diesem Umstande ziehen lasse.  Er fand
Mittel, die Nächte des jungen Prinzen angenehmer zu machen als seine Tage
waren.  Brauchte es mehr, um als ein Wohltäter von ihm angesehen zu werden,
dessen gute Dienste er niemals genug werde belohnen können?  Philistus
ließ es nicht dabei bewenden; er fiel auf den Einfall, zu gleicher Zeit,
und durch einen einzigen kleinen Handgriff, sich dieser Belohnung würdiger
und bälder teilhaft zu machen.  Eine bösartige Kolik, wozu er das Rezept
hatte, beschleunigte das Ende des alten Tyrannen; Philistus war der erste,
der seinem jungen Gebieter die freudige Nachricht brachte, und nun sah er
sich auf einmal in dem geheimesten Vertrauen eines Königs, und in kurzem
am Ruder des Staats.  Diese wenigen Anekdoten sind zureichend, uns einen
so sichern Begriff von dem moralischen Charakter dieses würdigen Ministers
zu geben, daß er nunmehr das ärgste dessen ein Mensch fähig ist, begehen
könnte, ohne daß wir uns darüber verwundern würden.  Aber was für ein
Physiognomist müßte der gewesen sein, der diese Anekdoten in seinen Augen
hätte lesen können? Es ist wahr, Agathon dachte anfangs nicht
allzuvorteilhaft von ihm; aber wie hätte er, ohne besondere Nachrichten zu
haben, oder selbst ein Philistus zu sein, sich vorstellen sollen, daß
Philistus das sein könnte, was er war?  Wenige kannten die inwendige Seite
dieses Mannes; und diese wenige waren zu gute Hofmänner, um ihren
bisherigen Gönner eher zu verraten, als sein Sturz gewiß war, und sie
wissen konnten, was sie dadurch gewinnen würden; und Aristipp, für den
sein wahrer Charakter gleichfalls kein Geheimnis war, hatte sich
vorgesetzt, einen bloßen Zuschauer abzugeben.  Agathon konnte also desto
leichter hintergangen werden, da Philistus alle seine Verstellungs-Kunst
anstrengte, sich bei ihm in Achtung zu setzen.  Zu seinem großen
Mißvergnügen konnte er mit aller Kenntnis, die er (nach einem gewöhnlichen,
wiewohl sehr betrüglichen Vorurteil der Hofleute) von den Menschen zu
haben glaubte, die schwache Seite unsers Helden nicht ausfindig machen.
Es blieb ihm also kein andrer Weg übrig, als durch eine große
Arbeitsamkeit und Pünktlichkeit in den Geschäften sich bei dem neuen
Günstling in das Ansehen eines brauchbaren Mannes, und durch Tugenden, die
er eben so leicht als man eine Maskerade-Kleidung anzieht, affektieren
konnte, so bald er ihrer vonnöten hatte, sich endlich so gar in das
Ansehen eines ehrlichen Mannes zu setzen.  Da zu diesen Eigenschaften,
welche Agathon in ihm zu finden glaubte, noch die Achtung, welche Dionys
für ihn trug, und die Betrachtung hinzukam, daß es für den Staat weniger
sicher sei, einen ehrgeizigen Minister abzudanken, als ihn mit scheinbarer
Beibehaltung seines Ansehens in engere Schranken zu setzen: So geschah es,
daß sich diejenige in ihrer Meinung betrogen fanden, welche den Fall des
Philistus für eine unfehlbare Folge der Erhebung Agathons gehalten hatten.
Das Ansehen desselben schien sich eher zu vermehren, indem er zum
Vorsteher aller der verschiednen Tribunalien ernennt wurde, unter welche
Agathon, mit der erforderlichen Einschränkung und Subordination, diejenige
Gewalt verteilte, welche vormals von den Vertrauten des Prinzen
willkürlich ausgeübt worden war: In der Tat aber wurde er dadurch beinahe
in die Unmöglichkeit gesetzt, böses zu tun, wofern ihn etwan eine
Versuchung dazu ankommen sollte; da er bei allen seinen Handlungen von so
vielen Augen beobachtet, und verbunden war, von allem Rechenschaft zu
geben, und nichts ohne die Einstimmung des Prinzen, oder, welches eine
Zeitlang einerlei war, seines Repräsentanten, zu unternehmen.

Wir könnten ohne Zweifel viel schönes von der Staats-Verwaltung Agathons
sagen, wenn wir uns in eine ausführliche Erzählung aller der nützlichen
Ordnungen und Einrichtungen ausbreiten wollten, welche er in Absicht der
Staats-ökonomie, der Einziehung und Verwaltung der öffentlichen Einkünfte,
der Polizei, der Landwirtschaft, des Handlungs-Wesens, und (welches in
seinen Augen eines der wesentlichsten Stücke war) der öffentlichen Sitten
und der Bildung der Jugend, teils würklich zu machen anfing, teils gemacht
haben würde, wenn ihm die Zeit dazu gelassen worden wäre.  Allein alles
dieses gehört nicht zu dem Plan des gegenwärtigen Werkes; und es wäre in
der Tat nicht abzusehen, wozu ein solcher Détail in unsern Tagen nutzen
sollte, worin die Kunst zu regieren einen Schwung genommen zu haben
scheint, der die Maßregeln und das Beispiel unsers Helden eben so unnütz
macht, als die Projekte des guten Abts von Saint Pierre, patriotischen
Gedächtnisses.  Die Art, wie sich Agathon ehmals seines Ansehens und
Vermögens zu Athen bedient hat, kann unsern Lesern einen hinlänglichen
Begriff davon geben, wie er sich einer beinahe unumschränkten Macht und
eines königlichen Vermögens bedient haben werde.

Nur einen Umstand können wir nicht vorbeigehen, weil er einen merklichen
Einfluß in die folgende Begebenheiten unsers Helden hatte.  Dionys befand
sich, als Agathon an seinen Hof kam, in einen Krieg mit den
Carthaginensern verwickelt, welche durch verschiedene kleine Republiken
des südlichen und westlichen Teils von Sicilien unterstützt, unter dem
Schein sie gegen die übermacht von Syracus zu schützen, sich der
innerlichen Zwietracht der Sicilianer, als einer guten Gelegenheit
bedienen wollten, diese für ihre Handlungs-Absichten unendlich vorteilhaft
gelegene Insel in ihre Gewalt zu bringen.  Einige von diesen kleinen
Republiken wurden von so genannten Tyrannen beherrscht; und diese hatten
sich bereits in die Arme der Carthaginenser geworfen; die andren hatten
sich bisher noch in einer Art von Freiheit erhalten, und schwankten,
zwischen der Furcht von Dionysen überwältiget zu werden, und dem Mißtrauen
in die Absichten ihrer anmaßlichen Beschützer, in einem Gleichgewicht,
welches alle Augenblicke auf die Seite der letztern überzuziehen drohte.
Timocrates dem Dionys die oberste Befehlhabers-Stelle in diesem Kriege
anvertraute, hatte sich bereits durch einige Vorteile über die Feinde den
oft wohlfeilen Ruhm eines guten Generals erworben; aber mehr darauf
bedacht, bei dieser Gelegenheit Lorbeern und Reichtümer zu sammeln, als
das wahre Interesse seines Prinzen zu besorgen, hatte er das Feuer der
innerlichen Unruhen Siciliens mehr ausgebreitet als gedämpft, und durch
seine Aufführung sich bei denenjenigen, welche noch keine Partei genommen
hatten, so verhaßt gemacht, daß sie im Begriff waren sich für Carthago zu
erklären.  Agathon glaubte, daß seine Beredsamkeit dem Dionys in diesen
Umständen größere Dienste tun könne, als die ganze, wiewohl nicht
verächtliche Land--und Seemacht, welche Timocrates unter seinen Befehlen
hatte.  Er hielt es für besser Sicilien zu beruhigen, als zu erobern;
besser es zu einer Art von freiwilliger übergabe an Syracus zu bewegen,
als es den Gefahren und verderblichen Folgen eines Kriegs ausgesetzt zu
lassen, der, wenn er auch am glücklichsten für den Dionys ausfiele, ihm
doch nichts mehr als den zweideutigen Vorteil verschaffen würde, seine
Untertanen um eine Anzahl gezwungner und mißvergnügter Leute vermehrt zu
haben, auf deren guten Willen er keinen Augenblick hätte zählen können.
Dionys konnte den Gründen, womit Agathon sein Vorhaben, und die Hoffnung
des gewünschten Ausgangs unterstützte, seinen Beifall nicht versagen.
überhaupt galt es ihm gleich, durch was für Mittel er zu ruhigem Besitz
der höchsten Gewalt in Sicilien gelangen könnte, wenn er nur dazu gelangte;
und ob er gleich klein genug war, sich auf die zwar wenig entscheidende
aber desto prahlerischer vergrößerte Siege seines Feldherrn eben so viel
einzubilden, als ob er sie selbst erhalten hätte; so war er doch auch
feigherzig genug, sich zu dem unrühmlichsten Frieden geneigt zu fühlen, so
bald er mit einiger Aufmerksamkeit an die Unbeständigkeit des
Kriegs-Glückes dachte.  Die edlern Beweggründe unsers Helden fanden also
leicht Eingang bei ihm, oder richtiger zu reden, Agathon schrieb die
gefällige Disposition, die er bei ihm fand, dem Eindruck seiner eignen
Vorstellungen zu, ohne wahrzunehmen, daß sie ihren eigentlichen Grund in
der niederträchtigen Gemütsart des Prinzen hatte.  Er begab sich also
ingeheim (denn es war ihm daran gelegen, daß Timocrates von seinem
Vorhaben keinen Wink bekäme) in diejenige Städte, welche im Begriff
stunden, die Partei von Carthago zu verstärken.  Es gelang ihm, die
widrigen Vorurteile zu zernichten, womit er alle Gemüter gegen die
gefürchtete Tyrannie Dionysens eingenommen fand; er überzeugte sie so
vollkommen davon, daß das Beste eines jeden besondern Teils von dem Besten
des ganzen Sicilien unzertrennlich sei; machte ihnen ein so schönes
Gemälde von dem glücklichen Zustande dieser Insel, wenn alle Teile
derselben durch die Bande des Vertrauens und der Freundschaft, sich in
Syracus als in dem gemeinschaftlichen Mittelpunkt vereinigen würden--daß
er mehr erhielt als er gehofft hatte, und so gar mehr als er verlangte.
Er wollte nur Bundsgenossen, und es fehlte wenig, so würden sie in einem
Anstoß von überfließender Zuneigung zu ihm, sich ohne Bedingung zu
Untertanen eines Prinzen ergeben haben, von dessen Minister sie so sehr
bezaubert waren.

Die Veränderung, welche hiedurch in den öffentlichen Angelegenheiten
gemacht wurde, brachte den Krieg so schnell zu Ende, daß Timocrates keine
Gelegenheit bekam, durch ein entscheidendes Treffen (es möchte allenfalls
gewonnen oder verloren sein) Ehre einzulegen.  Man kann sich vorstellen,
ob Agathon sich dadurch die Freundschaft dieses Mannes, den sein großes
Vermögen und die Verschwägerung mit dem Prinzen zu einer wichtigen Person
machte, erworben; und mit welchen Augen Timocrates den allgemeinen Beifall,
die frohlockenden Segnungen der Nation, welche unsern Helden nach Syracus
zurückbegleiteten, die Merkmale der Hochachtung, womit er von dem Prinzen
empfangen wurde, und das außerordentliche Ansehen, worin er sich durch
diese friedsam Eroberung befestigte, angeschielt haben werde.  Genötigt,
seinen Unwillen und Haß gegen einen so siegreichen Nebenbuhler in sich
selbst zu verschließen, laurte er nur desto ungeduldiger auf Gelegenheiten,
in geheim an seinem Untergang zu arbeiten; und wie hätte es ihm an einem
Hofe, und an dem Hofe eines solchen Fürsten, an Gelegenheiten fehlen
können?



ZWEITES KAPITEL

Beispiele, daß nicht alles, was gleißt, Gold ist



Wenn Agathon während einer Staats-Verwaltung, welche nicht ganz zwei Jahre
daurte, das vollkommenste Vertrauen seines Prinzen und die allgemeine
Liebe der Nation, welche er regierte, gewann, und sich dadurch auf diese
hohe Stufe des Ansehens und der scheinbaren Glückseligkeit emporschwang,
welche unverdienter Weise, der Gegenstand der Bewunderung aller kleinen,
und des Neides aller zugleich boshaften Seelen zu sein pflegt: So müssen
wir gestehen, daß diese launische unerklärbare Macht, welche man Glück
oder Zufall nennt, den wenigsten Anteil daran hatte.  Die Verdienste, die
er sich in so kurzer Zeit um den Prinzen sowohl als die Nation machte, die
Beruhigung Siciliens, das befestigte Ansehen von Syracus, die
Verschönerung dieser Hauptstadt, die Verbesserung ihrer Polizei, die
Belebung der Künste und Gewerbe, und die allgemeine Zuneigung, welche er
einer vormals verabscheueten Regierung zuwandte--alles dieses legte ein
unverwerfliches Zeugnis für die Weisheit seiner Staats-Verwaltung ab; und
da alle diese Verdienste durch die Uneigennützigkeit und Regelmäßigkeit
seines Betragens in ein Licht gestellt wurden, welches keine Mißdeutung zu
zulassen schien; so blieb seinen heimlichen Feinden, ohne die ungewisse
Hülfe irgend eines Zufalls, von dem sie selbst noch keine Vorstellung
hatten, wenig Hoffnung übrig, ihn so bald wieder zu stürzen, als sie es
für ihre Privat-Absichten wünschen mochten.

Die heimlichen Feinde Agathons--"wie konnte ein Mann, der sich so
untadelich betrug, und um jedermann Gutes verdiente, Feinde
haben?"--werden diejenige vielleicht denken, welche bei Gelegenheit, zu
vergessen scheinen, daß der weise Mann notwendig alle Narren, und der
Rechtschaffene, unvermeidlicher Weise, alle die es nicht sind, zu
öffentlichen, oder doch gewiß zu immerwährenden heimlichen Feinden haben
muß.  Eine Wahrheit, welche in der Natur der Sachen so gegründet, und
durch eine nie unterbrochene Erfahrung so bestätiget ist, daß wir weit
bessere Ursache zu fragen haben: "Wie sollte ein Mann, der sich so wohl
betrug, keine Feinde gehabt haben?"  Es konnte nicht anders sein als daß
derjenige, dessen beständige Bemühung dahin ging, seinen Prinzen
tugendhaft, oder doch wenigstens seine Schwachheiten unschädlich zu machen,
sich den herzlichen Haß dieser Höflinge zuziehen mußte, welche (wie
Montesquieu von allen Hofleuten behauptet) nichts so sehr fürchten, als
die Tugend des Fürsten, und keinen zuverlässigern Grund ihrer Hoffnungen
kennen, als seine Schwachheiten.  Sie konnten nicht anders als den Agathon
für denjenigen ansehen, der allen ihren Absichten und Entwürfen im Wege
stund.  Er verlangte zum Exempel, daß man vorher Verdienste haben müsse,
eh man an Belohnungen Ansprüche mache; sie wußten einen kürzern und
bequemem Weg; einen Weg auf welchem zu allen Zeiten (die Regierungen der
Antonine und Juliane ausgenommen) die nichtswürdigsten Leute an Höfen ihr
Glück gemacht haben--kriechende Schmeichelei, blinde Gefälligkeit gegen
die Leidenschaften unsrer Obern, Gefühllosigkeit gegen alle Regungen des
Gewissens und der Menschlichkeit, Taubheit gegen die Stimme aller
Pflichten, unerschrockne Unverschämtheit sich selbst Talente und
Verdienste beizulegen, die man nie gehabt hat; fertige Bereitwilligkeit
jedes Bubenstück zu begehen, welches eine Stufe zu unsrer Erhebung werden
kann--und diesen Weg hatte ihnen Agathon auf einmal versperrt.  Sie sahen,
so lange dieser seltsame Mann den Platz eines Günstlings bei Dionysen
behaupten würde, keine Möglichkeit, wie Leute von ihrer Art sollten
gedeihen können.  Sie hasseten ihn also; und wir können versichert sein,
daß in den Herzen aller dieser Höflinge eine Art von Zusammen-Verschwörung
gegen ihn brütete, ohne daß es dazu einiger geheimen Verabredung bedurfte.
Allein von allem diesem wurde noch nichts sichtbar.  Die Maske, welche
sie vorzunehmen für gut fanden, sah einem Gesicht so gleich, daß Agathon
selbst dadurch betrogen wurde; und sich gegen die Philiste und Timocrate,
und ihre Kreaturen eben so bezeugte, als ob die Hochachtung, welche sie
ihm bewiesen, und der Beifall, den sie allen seinen Maßnehmungen gaben,
aufrichtig gewesen wäre.  Diese wackern Männer hatten einen gedoppelten
Vorteil über ihn--daß er, weil er sich nichts Böses zu ihnen versah, nicht
daran dachte, sie scharf zu beobachten--und daß sie, weil sie sich ihrer
eigenen Bosheit bewußt waren, desto vorsichtiger waren, ihre wahren
Gesinnungen in eine undurchdringliche Verstellung einzuhüllen.  Versichert
wie sie waren, daß ein Mensch notwendig eine schwache Seite haben müsse,
gaben sie sich alle mögliche Mühe die seinige zu finden, und stellten ihn,
ohne daß er einen Verdacht deswegen auf sie werfen konnte, auf alle
mögliche Proben.  Da sie ihn aber gegen Versuchungen, denen sie selbst zu
unterliegen pflegten, gleichgültig oder gewaffnet fanden; so blieb ihnen,
bis auf irgend eine günstige Gelegenheit nichts übrig, als ihn durch den
magischen Dunst einer subtilen Schmeichelei einzuschläfern, welche er
desto leichter für Freundschaft halten konnte, da sie alle Anscheinungen
derselben hatte; und je mehr er berechtiget war, in einem Lande, worin er
sich um alle verdient machte, einen jeden für seinen Freund zu halten.
Diese Absicht gelang ihnen, und man muß gestehen, daß sie dadurch schon
ein großes über ihn gewonnen hatten.

übrigens können wir nicht umhin, es mag nun unserm Helden nachteilig sein
oder nicht, zu gestehen, daß zu einer Zeit, da sein Ansehen den höchsten
Gipfel erreicht hatte; da Dionys ihn mit Beweisen einer unbegrenzten Gunst
überhäufte; da er von dem ganzen Sicilien für seinen Schutzgott angesehen
wurde, und das seltne, wo nicht ganz unerhörte Glück zu genießen schien,
in einem so blendenden Glücksstande lauter Bewundrer und Freunde, und
keinen Feind zu haben--die Damen zu Syracus die einzigen waren, welche
ihre wenige Zufriedenheit mit seinem Betragen ziemlich deutlich merken
ließen.  Mit einer Figur wie die seinige, mit allem dem was den Augen und
Herzen nachstellt in so außerordentlichem Grade begabt, war es sehr
natürlich, daß er die Aufmerksamkeit der Schönen auf sich ziehen mußte.
Die Damen zu Syracus hatten so gut Augen wie die zu Smyrna--und Herzen
dazu--oder wenn sie keine hatten, so hatten sie doch etwas, dessen
Bewegungen sehr gewöhnlich mit den Bewegungen des Herzens verwechselt
werden; oder wenn sie auch das nicht hatten, so hatten sie doch Eitelkeit,
und konnten also nicht gleichgültig gegen die eigensinnige
Unempfindlichkeit eines Mannes sein, welcher eben dadurch ein Feind wurde,
dessen überwindung seine Siegerin zur Liebenswürdigsten ihres Geschlechts
zu erklären schien.  In den Augen der meisten Schönen ist der Günstling
eines Monarchen allezeit ein Adonis; wie natürlich war also der Wunsch,
einen Adonis empfindlich zu machen, der noch dazu der Liebling eines
Königs, und in der Tat, den Namen, und eine gewisse Binde um den Kopf
ausgenommen, der König selbst war?  Man kann sich auf die Geschicklichkeit
der schönen Sicilianerinnen verlassen, daß sie nichts vergessen haben
werden, seiner Kaltsinnigkeit auch nicht den Schatten einer anständigen
Entschuldigung übrig zu lassen.  Und womit hätte sie wohl entschuldiget
werden können?  Es ist wahr, ein Mann, der mit der Sorge für einen ganzen
Staat beladen ist, hat nicht so viel Muße als ein junger Herr, der sonst
nichts zu tun hat, als sein Gesicht alle Tage ein paarmal im Vorzimmer zu
zeigen, und die übrige Zeit von einer Schönen, und von einer Gesellschaft
zur andern fortzuflattern.  Aber man mag so beschäftiget sein als man will,
so behält man doch allezeit Stunden für sich selbst, und für sein
Vergnügen übrig; und obgleich Agathon sich seinen Beruf etwas schwerer
machte, als er in unsern Zeiten zu sein pflegt, nachdem man das Geheimnis
erfunden hat, die schweresten Dinge mit einer gewissen unsern plumpern
Vorfahren unbekannten Leichtigkeit--vielleicht nicht so gut, aber doch
artiger--zu tun; so war es doch Augenscheinlich, daß er solche Stunden
hatte.  Der Einfluß, den er in die Staats-Verwaltung hatte, schien ihm so
wenig zu schaffen zu machen; er brachte so viel Freiheit des Geistes, so
viel Munterkeit und guten Humor zur Gesellschaft, und zu den
Ergötzlichkeiten, wo ihn Dionys fast immer um sich haben wollte, daß man
die Schuld seiner seltsamen Aufführung unmöglich seinen Geschäften
beimessen konnte.  Man mußte also sie begreiflich zu machen auf andere
Hypothesen verfallen.  Anfangs hielt eine jede die andere im Verdacht,
die geheime Ursache davon zu sein; und so lange dieses daurte, hätte man
sehen sollen, mit was für Augen die guten Damen einander beobachteten, und
wie oft man in einem Augenblicke eine Entdeckung gemacht zu haben glaubte,
welche der folgende Augenblick wieder vernichtigte.  Endlich befand
sich's, daß man einander Unrecht getan hatte; Agathon war gegen alle
gleich verbindlich, und liebte keine.  Auf eine Abwesende konnte man
keinen Argwohn werfen; denn was hätte ihn bewegen sollen, den Gegenstand
seiner Liebe von sich entfernt zu halten?  Es blieben also keine andre als
solche Vermutungen übrig, welche unserm Helden auf die eine oder andre Art
nicht sonderliche Ehre machten; ohne daß sie den gerechten Verdruß
vermindern konnten, den man über ein so wenig natürliches und in jeder
Betrachtung so verhaßtes Phänomen empfinden mußte.

Unsre Leser, welche nicht vergessen haben können, was Agathon zu Smyrna
war, werden so gleich auf einen Gedanken kommen, welcher freilich den
Damen zu Syracus unmöglich einfallen konnte--nämlich, daß es ihnen
vielleicht an Reizungen gefehlt habe, um einen hinlänglichen Eindruck auf
ein Herz zu machen, welches nach einer Danae (welch ein Gemälde macht
dieses einzige Wort!) nicht leicht etwas würdig finden konnte, seine
Neugier rege zu machen.  Allein wenn die Nachrichten, denen wir in dieser
Geschichte folgen, Glauben verdienen, so hat eine den mehr bemeldten Damen
so wenig schmeichelnde Vermutung nicht den geringsten Grund: Syracus hatte
Schönen, welche so gut als Danae, den Polycleten zu Modellen hätten dienen
können; und diese Schönen hatten alle noch etwas dazu, das die Schönheit
gelten macht; einige Witz, andre Zärtlichkeit; andre wenigstens ein gutes
Teil von dieser edeln Unverschämtheit, welche eine gewisse Klasse von
modernen Damen zu charakterisieren scheint, und zuweilen schneller zum
Zweck führt als die vollkommensten Reizungen, welche unter dem Schleier
der Bescheidenheit versteckt, ein nachteiliges Mißtrauen in sich selbst zu
verraten scheinen.  Es konnte also nicht das sein--Gut!  So wird er sich
etwan des Socratischen Geheimnisses bedient, und in den verschwiegenen
Liebkosungen irgend einer gefälligen Cypassis das leichteste Mittel
gefunden haben, sich vor der Welt die Miene eines Xenocrates zu
geben?--Das auch nicht!  wenigstens sagen unsre Nachrichten nichts davon.
Ohne also den Leser mit vergeblichen Mutmaßungen aufzuhalten, wollen wir
gestehen, daß die Ursache dieser Kaltsinnigkeit unsers Helden, etwas so
natürliches und einfältiges war, daß, so bald wir es entdeckt haben werden,
Schah Baham selbst sich einbilden würde, er habe wo nicht eben das, doch
ungefähr so etwas erwartet.

Der Kaufmann, mit welchem Agathon nach Syracus gekommen war, war einer von
denjenigen, welchen er ehmals zu Athen das Bildnis seiner Psyche zu dem
Ende gegeben hatte, damit sie mit desto besserm Erfolg aller Orten möchte
aufgesucht werden können.  Gleichwohl erinnerte er sich dieses Umstands
nicht eher, bis er einsmals bei einem Besuch, den er ihm machte, dieses
Bildnis von ungefähr in dem Cabinet seines Freundes ansichtig wurde.
Dasjenige was Agathon in diesem Augenblick empfand, war wenig von dem
unterschieden, was er empfunden hätte, wenn es Psyche selbst gewesen wäre.
Die Ideen seiner ersten Liebe wurden dadurch wieder so lebhaft, daß er,
so schwach auch seine Hoffnung war, das Urbild jemals wieder zu sehen,
sich aufs Neue in dem Entschluß bestätigte, ihrem Andenken getreu zu
bleiben.  Die Damen von Syracus hatten also würklich eine Nebenbuhlerin,
ob sie gleich nicht erraten konnten, daß diese zärtlichen Seufzer, welche
jede unter ihnen seinem Herzen abzugewinnen wünschte, in mitternächtlichen
Stunden vor einer gemalten Gebieterin ausgehaucht wurden.

Unter allen denjenigen, welche sich durch die Unempfindlichkeit unsers
Helden beleidiget fanden, konnte keine der schönen Cleonissa in Absicht
aller Vollkommenheiten, welche Natur und Kunst in einem Frauenzimmer
vereinigen können, den Vorzug streitig machen.  Eine vollkommen
regelmäßige Schönheit ist (mit Erlaubnis aller derjenigen, welche dabei
interessiert sein mögen, die Grazien ihrer Königin vorzuziehen) unter
allen Eigenschaften, die eine Dame haben kann, diejenige welche den
allgemeinsten, geschwindesten und stärksten Eindruck macht; und für
tugendhafte Personen hat sie noch diesen Vorteil, daß sie das Verlangen
von der Besitzerin eines so seltnen Vorzugs geliebt zu sein, in dem
nämlichen Augenblick durch eine Art von mechanischer Ehrfurcht
zurückscheucht, deren sich der verwegenste Satyr kaum erwehren kann.
Cleonissa besaß diese Vollkommenheit in einem Grade, der den
kaltsinnigsten Kennern des Schönen nichts daran zu tadeln übrig ließ; es
war unmöglich sie ohne Bewunderung anzusehen.  Aber die ungemeine
Zurückhaltung, welche sie affektierte, das Majestätische, das sie ihrer
Miene, ihren Blicken und allen ihren Bewegungen zu geben wußte, mit dem
Ruf einer strengen Tugend, worein sie sich dadurch gesetzt hatte,
verstärkte die bemeldte natürliche Würkung ihrer Schönheit so sehr, daß
niemand kühn genug war, sich in die Gefahr zu wagen, den Ixion dieser Juno
abzugeben.  Die Mittelmäßigkeit ihrer Herkunft, und sowohl der Stand als
die Vorsicht eines eifersüchtigen Ehmannes, hatten sie während ihrer
ersten Jugend in einer so großen Entfernung von der Welt gehalten, daß sie
eine ganz neue Erscheinung war, als Philistus (der sie, wir wissen nicht
wie, aufgespart, und Mittel gefunden hatte, sie mit guter Art zur Witwe zu
machen) sie in Qualität seiner Gemahlin an den Hof der Prinzessinnen
brachte; unter welchen Namen die Mutter, die Gemahlin, und die Schwestern
des Dionys begriffen wurden.  Nicht viel geneigter als sein Vorgänger,
eine Frau von so besondern Vorzügen mit einem andern, und wenn es Jupiter
selbst gewesen wäre, zu teilen, hatte er anfangs alle Behutsamkeit
gebraucht, welche der geizige Besitzer eines kostbaren Schatzes nur immer
anwenden kann, um ihn vor der schlauesten Nachstellung zu verwahren.  Aber
die Tugend der Dame, und die herrschende Neigung, welche Dionys in den
ersten Jahren seiner Regierung für diejenige Klasse von Schönen zeigte,
welche nicht so viel Schwierigkeiten machen; vielleicht auch eine gewisse
Laulichkeit, welche die Eigentümer dieser wundertätigen Schönheiten
gemeiniglich nach Verfluß zweier oder dreier Jahre, oft auch viel früher,
unvermerkt zu überschleichen pflegt; hatten seine Eifersucht so zahm
gemacht, daß er in der Folge kein Bedenken trug, sie den Prinzessinnen so
oft sie wollten zur Gesellschaft zu überlassen.  Wir wollen nicht
untersuchen, ob Cleonissa damals würklich so tugendhaft war, als die
Sprödigkeit ihres Betragens gegen die Manns-Personen und die strengen
Maximen, wornach sie andre von ihrem Geschlecht beurteilte, zu beweisen
schienen.  Genug daß die Prinzessinnen, und was noch mehr ist, ihr Gemahl,
vollkommen davon überzeugt waren, und daß sich noch keiner von den
Höflingen unterstanden hatte, eine so ehrwürdige Tugend auf die Probe zu
setzen.  Während der Zeit, da Plato in so großem Ansehen bei Dionysen
stund, war Cleonissa eine von den eifrigsten Verehrerinnen dieses Weisen,
und diejenige, welche den erhabenen Jargon seiner Philosophie am
geläufigsten reden lernte.  Es mag nun aus Begierde sich durch ihren Geist
eben so sehr als durch ihre Figur über die übrigen ihres Geschlechts zu
erheben, (eine ziemlich gewöhnliche Schwachheit der eigentlich so
genannten Schönen,) oder aus irgend einem reinern Beweggrunde geschehen
sein; so ist gewiß, daß sie alle Gelegenheiten den göttlichen Plato zu
hören mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende Hochachtung
für seine Person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von
Schönheit und Liebe, und alle übrige Teile seines Systems zeigte, und mit
einem Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen Idee so
ähnlich sah: Daß dieser weise Mann, stolz auf eine solche Schülerin, durch
den besondern Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer
Weisheit unendlich erhöhte.  Es ist wahr, es wäre nur auf ihn angekommen,
bei gewissen Gelegenheiten gewisse Beobachtungen in ihren schönen Augen zu
machen, welche ihn ohne eine lange Reihe von Schlüssen auf die Vermutung
hätten bringen können, daß es nicht unmöglich sein würde, diese Göttin zu
humanisieren.  Aber der gute Plato hatte damals schon über sechzig Jahre,
und machte keine solche Beobachtungen mehr.  Cleonissa blieb also in dem
Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen Lehrsatzes, daß die
äußerliche Schönheit ein Widerschein der intellektualischen Schönheit des
Geistes sei; das Vorurteil für ihre Tugend hielt dem Eindruck, welchen
ihre Reizungen hätten machen können, das Gleichgewicht; und sie hatte das
Vergnügen, die vollkommne Gleichgültigkeit, welche Dionys für sie behielt,
der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues
Verdienst bei den Prinzessinnen zu machen.


Aber--o!  wie wohl läßt sich jener Solonische Ausspruch, daß man niemand
vor seinem Ende glücklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen
anwenden!  Cleonissa sah den Agathon, und--hörte in diesem Augenblick auf
Cleonissa zu sein--Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem
Platonischen Sprachgebrauch richtig gesprochen wäre; aber sie bewies, daß
die Prinzessinnen, und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die
ganze Welt, den göttlichen Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret
hatten, sie für etwas anders zu halten als sie war, und als sie einem
jeden mit Vorurteilen unbefangenen Beobachter, einem Aristipp zum Exempel,
in der ersten Stunde zu sein scheinen mußte.

Sich über einen so natürlichen Zufall zu verwundern, würde unseren
Bedünken nach, eine große Sünde gegen das nie genug anzupreisende Nil
admirari sein, in welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der
menschlichen Dinge) das eigentliche große Geheimnis der Weisheit,
dasjenige was einen wahren Adepten macht, verborgen liegt.  Die schöne
Cleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte also ihren Anteil an den
Schwachheiten, welche die Natur ihrem Geschlecht eigen gemacht hat, und
ohne welche diese Hälfte der menschlichen Gattung weder zu ihrer
Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so
liebenswürdig sein würde als sie ist.  Ja wie wenig Verdienst würde selbst
ihrer Tugend übrig bleiben, wenn sie nicht durch eben diese Schwachheiten
auf die Probe gesetzt würde?

Dem sei nun wie ihm wolle, die Dame fühlte, so bald sie unsern Helden
erblickte, etwas, das die Tugend einer gewöhnlichen Sterblichen hätte
beunruhigen können.  Aber es gibt Tugenden von einer so starken Komplexion,
daß sie durch nichts beunruhiget werden; und die ihrige war von dieser
Art.  Sie überließ sich den Eindrücken, welche ohne Zutun ihres Willens
auf sie gemacht wurden, mit aller Unerschrockenheit, welche ihr das
Bewußtsein ihrer Stärke geben konnte.  Die Vollkommenheit des Gegenstandes
rechtfertigte die außerordentliche Hochachtung, welche sie für ihn
bezeugte.  Große Seelen sind am geschicktesten, einander Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen; und ihre Eigenliebe ist so sehr dabei interessiert,
daß sie die Parteilichkeit für einander sehr weit treiben können, ohne
sich dadurch besonderer Absichten verdächtig zu machen.  Ein so unedler
Verdacht konnte ohnehin nicht auf die erhabene Cleonissa fallen; indessen
war doch nichts natürlicher, als die Erwartung, daß sie in unserm Helden
eben diesen, wo nicht einen noch höhern Grad der Bewunderung erwecken
werde, als sie für ihn empfand.  Diese Erwartung verwandelte sich eben so
natürlich in ein mit Unmut vermischtes Erstaunen, da sie sich darin
betrogen sah; und was konnte aus diesem Erstaunen anders werden, als eine
heftige Begierde, ihrer durch seine Gleichgültigkeit äußerst beleidigten
Eigenliebe eine vollständige Genugtuung zu verschaffen? Auch wenn sie
selbst gleichgültig gewesen wäre, hätte sie mit Recht erwarten können, daß
ein so feiner Kenner ihren Wert zu empfinden, und eine Cleonissa von den
kleinern Sternen, welchen nur in ihrer Abwesenheit zu glänzen erlaubt war,
zu unterscheiden wissen werde.  Wie sehr mußte sie sich also beleidiget
halten, da sie mit diesem edeln Enthusiasmus, womit die privilegierte
Seelen sich über die kleinen Bedenklichkeiten gewöhnlicher Leute
hinwegsetzen, ihm entgegengeflogen war, und die Beweise ihrer
sympathetischen Hochachtung nicht so lange zurückzuhalten gewürdiget hatte,
bis sie von der seinigen überzeugt worden wäre?  Da es nur von ihrer
Eigenliebe abhing, die Größe des Unrechts nach der Empfindung ihres eignen
Werts zu bestimmen; so war die Rache, welche sie sich an unserm Helden zu
nehmen versetzte, die grausamste, welche nur immer in das Herz einer
beleidigten Schönen kommen kann.  Sie wollte die ganze vereinigte Macht
aller ihrer intellektualischen und körperlichen Reizungen, verstärkt durch
alle Kunstgriffe der schlauesten Koketterie (wovon ein so allgemeines
Genie als das ihrige wenigstens die Theorie besitzen mußte) dazu anwenden,
ihren Undankbaren zu ihren Füßen zu legen; und wenn sie ihn durch die
gehörige Abwechslungen von Furcht und Hoffnung endlich in den kläglichen
Zustand eines von Liebe und Sehnsucht verzehrten Seladons gebracht, und
sich an dem Schauspiel seiner Seufzer, Tränen, Klagen, Ausrufungen und
aller andern Ausbrüche der verliebten Torheit lange genug ergötzt haben
würde--ihn endlich auf einmal die ganze Schwere der kaltsinnigsten
Verachtung fühlen lassen.  So wohlausgesonnen diese Rache war; so eifrig
und mit so vieler Geschicklichkeit wurden die Anstalten dazu ins Werk
gesetzt; und wir müssen gestehen, daß wenn der Erfolg eines Projekts
allein von der guten Ausführung abhinge, die schöne Cleonissa den
vollständigsten Triumph hätte erhalten müssen, der jemals über den Trotz
eines widerspenstigen Herzens erhalten worden wäre.  Ob diese Dame, wenn
Agathon sich in ihrem Netze gefangen hätte, fähig gewesen wäre, die Rache
so weit zu treiben als sie sich selbst versprochen hatte?--ist eine
problematische Frage, deren Entscheidung vielleicht sie selbst, wenn der
Fall sich ereignet hätte, in keine kleine Verlegenheit gesetzt haben würde.
Aber Agathon ließ es nicht so weit kommen.  Er legte eine neue Probe ab,
daß es nur einer Danae gegeben war, die schwache Seite von seinem Herzen
ausfündig zu machen.  Cleonissa hatte bereits die Hälfte ihrer Künste
erschöpft, ehe er nur gewahr wurde, daß ein Anschlag gegen ihn im Werke
sei; und von dem Augenblick, da er es gewahr wurde, stieg sein Kaltsinn,
nach dem Verhältnis wie ihre Bemühungen sich verdoppelten, auf einen
solchen Grad; oder deutlicher zu reden, der Absatz, den ihre zuletzt bis
zur Unanständigkeit getriebene Nachstellungen mit der affektierten
Erhabenheit ihrer Denkungs-Art, und mit der Majestät ihrer Tugend machten,
tat eine so schlimme Würkung bei ihm, daß die schöne Cleonissa sich
genötiget sah, die Hoffnung des Triumphs, womit sich ihre Eitelkeit
geschmeichelt hatte, gänzlich aufzugeben.  Die Wut, in welche sie dadurch
gesetzt wurde, verwandelte sich nach und nach in den vollständigsten Haß,
der jemals (mit Shakespear zu reden) die Milch einer weiblichen Brust in
Galle verwandelt hat.  Alles was sie ihrer Tugend in diesen Umständen zu
tun gab, war, die Bewegungen dieser Leidenschaft so geschickt zu verbergen,
daß weder der Hof noch Agathon selbst gewahr wurde, mit welcher Ungeduld
sie sich nach einer Gelegenheit sehnte, ihn die Würkungen davon empfinden
zu lassen.

In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen
Besitzes der immer gefälligen Bacchidion, und ihrer Tänze überdrüssig,
sich zum ersten mal einfallen ließ, die Beobachtung zu machen, daß
Cleonissa schön sei.  Er hatte sie noch nicht lange mit einiger
Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte ihn, daß er noch nie keine so schöne
Kreatur gesehen habe; und nun fing er an sich zu verwundern, daß er diese
Beobachtung nicht eher gemacht habe.  Endlich erinnerte er sich, daß die
Dame sich jederzeit durch eine sehr spröde Tugend und einen erklärten Hang
für die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte er nicht mehr,
daß es dieser Umstand gewesen sein müsse, was ihn verhindert habe, ihrer
Schönheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.  Eine Art von
maschinalischer Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der
furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie
zu besiegen in den Kopf gesetzt hatte, würde ihn vielleicht auch diesesmal
in den Grenzen einer untätigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht
einer von diesen kleinen Zufällen, welche so oft die Ursachen der
größesten Begebenheiten werden, seine natürliche Trägheit auf einmal in
die ungeduldigste Leidenschaft verwandelt hätte.  Da dieser Zufall
jederzeit eine Anekdote geblieben ist, so können wir nicht gewiß sagen, ob
es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber vorgeben) der nämliche
gewesen, wodurch in neuern Zeiten die Schwester des berühmten Herzogs von
Marlborough den ersten Grund zu dem außerordentlichen Glück ihrer Familie
gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungefähr in dem Zustand
überrascht haben mochte, worin der Actäon der Poeten das Unglück hatte,
die schöne Diana zu erblicken.  Das ist indessen ausgemacht, daß von
dieser geheimen Begebenheit an, die Leidenschaft und die Absichten des
Dionys einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschönen
Cleonissa in keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer
so schlüpfrigen Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit
den Pflichten gegen ihren Prinzen vereinigen wollte.  Dionys war so
dringend, so unvorsichtig--und sie hatte so viele Personen in Acht zu
nehmen--sie, die in jedem andern Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte,
und bei jedem Schritt von hundert eifersüchtigen Augen belauret wurde,
welche nicht ermangelt haben würden, den kleinsten Fehltritt, den sie
gemacht hätte, durch eben so viele Zungen der ganzen Welt in die Ohren
flüstern zu lassen.  Auf der einen Seite, ein von Liebe brennender König
zu ihren Füßen, bereit eine unbegrenzte Gewalt über ihn selbst und über
alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben--auf
der andern, der glänzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher
für fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der
Prinzessinnen, die Hochachtung ihres Gemahls--Man muß gestehen, tausend
andre würden sich zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden
Kräften nicht zu helfen gewußt haben.  Aber Cleonissa wußte es, ob sie
sich gleich zum ersten mal in dieser Schwierigkeit befand, so gut, daß der
ganze Plan ihres Betragens sie schwerlich eine einzige schlaflose Nacht
kostete.  Sie sah beim ersten Blick, wie wichtig die Vorteile waren,
welche sie in diesen Umständen von ihrer Tugend ziehen konnte.  Das
nämliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und die
Freundschaft der Prinzessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch
dasjenige, was den unbeständigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der
erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten würde.
Sie setzte also seinen Erklärungen, Verheißungen, Bitten, Drohungen, (zu
den feinern Nachstellungen war er weder zärtlich noch schlau genug) eine
Tugend entgegen, welche ihn durch ihre Hartnäckigkeit notwendig hätte
ermüden müssen, wenn das Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu
setzen gezwungen war, sie nicht zu gleicher Zeit vermocht hätte, seine
Pein durch alle die kleinen Palliative zu lindern, welche im Grunde für
eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden können, ohne daß gleichwohl
die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war, dadurch zuviel von ihrer
Würde zu vergeben scheint.  Die zärtliche Empfindlichkeit ihres
Herzens--die Gewalt welche sie sich antun mußte, einem so liebenswürdigen
Prinzen zu widerstehen--die stillschweigenden Geständnisse ihrer
Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten
Widerstand tat, ihrem schönen Busen wider ihren Willen entflohen--o!
tugendhafte Cleonissa!  Was für eine gute Aktrice warest du!--Was hätte
Dionys sein müssen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung
aufgegeben hätte, endlich noch glücklich zu werden?

Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und
Dionys selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die
unüberwindliche Tugend seiner Göttin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof
wußte, wenn man schon nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren
hätte.  Cleonissa hatte die Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen,
von dem Augenblicke, da sie an seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln
konnte, zu ihren Vertrauten zu machen; diese hatten wieder im Vertrauen
alles seiner Gemahlin entdeckt, und die Gemahlin seiner Mutter.  Die
Prinzessinnen, welche seine bisherigen Ausschweifungen immer vergebens
beseufzet, und besonders gegen die arme Bacchidion einen Widerwillen
gefaßt hatten, wovon sich kein andrer Grund, als die launische
Denkungs-Art dieser Damen angeben läßt, waren erfreut, daß seine Neigung
endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war.  Die
ausnehmende Klugheit der schönen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, daß es
ihr gelingen würde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen.
Cleonissa erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was
zwischen ihr und ihrem Liebhaber vorgegangen war--oder doch von allem, was
die Prinzessinnen davon zu wissen nötig hatten; alle Maßregeln, wie sie
sich gegen ihn betragen sollte, wurden in dem Cabinet der Königin
abgeredet; und diese gute Dame, welche das Unglück hatte, die
Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu empfinden, als es für
ihre Ruhe gut war, gab sich alle mögliche Bewegungen, die Bemühungen zu
befördern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden, den
Prinzen in die Schranken der Gebühr zurückzubringen.  Alles dieses machte
eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe,
der ganze Hof in innerlicher Bewegung war.  Der einzige Philistus,
derjenige der am meisten Ursache hatte, aufmerksam zu sein, wußte nichts
von allem was jedermann wußte; oder bewies doch wenigstens in seinem
ganzen Betragen eine so seltsame Sicherheit, daß wir, wenn uns das
außerordentliche Vertrauen nicht bekannt wäre, welches er in die Tugend
seiner Gemahlin zu setzen Ursache hatte, fast notwendig auf den Argwohn
geraten müßten, als ob er gewisse Absichten bei dieser Aufführung gehabt
haben könnte, welche seinem Charakter keine sonderliche Ehre machen würden.


Alles ging wie es gehen sollte; Dionys setzte die Belagerung mit der
äußersten Hartnäckigkeit und mit Hoffnungen fort, welche der tapfre
Widerstand der weisen Cleonissa ziemlich zweideutig machte--die Liebe
schien noch wenig über ihre Tugend erhalten zu haben, obgleich diese
allmählich anfing, von ihrer Majestät nachzulassen, und zu erkennen zu
geben, daß sie nicht ganz ungeneigt wäre, unter hinlänglicher Sicherheit
sich in ein geheimes Verständnis, in so fern es eine bloße Liebe der Seele
zur Absicht hätte, einzulassen--Die Prinzessinnen sahen mit dem
vollkommensten Vertrauen auf die keuschen Reizungen ihrer Freundin, der
Entwicklung des Stücks entgegen--und Philistus war von einer Gefälligkeit,
von einer Indolenz, wie man niemals gesehen hat: Als Agathon, zum Unglück
für ihn und für Sicilien, durch einen Eifer, der an einem Staats-Mann von
so vieler Einsicht kaum zu entschuldigen war, sich verleiten ließ, den
glücklichen Fortgang der verschiedenen Absichten, welchen
Dionys--Cleonissa--die Prinzessinnen--und vielleicht auch Philistus--schon
so nahe zu sein glaubten, durch seine unzeitige Dazwischenkunft zu
unterbrechen.



DRITTES KAPITEL

Große Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon beging--Folgen davon


Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen Günstlingen zu leben pflegte,
und das natürliche Bedürfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er
sein Leiden oder seine Glückseligkeit entdecken kann--hatten ihm nicht
erlaubt, dem Agathon aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und
dieser trieb die Gefälligkeit anfänglich so weit, sich von dem
schwatzhaftesten Liebhaber, der jemals gewesen war, mit den
Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch Langeweile machen zu
lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal einfiel, daß diese
Angelegenheiten einem dritten unmöglich so wichtig vorkommen könnten, als
sie ihm selbst waren.  Ohne seine Wahl geradezu zu mißbilligen (wovon er
eine schlechte Würkung hätte hoffen können) begnügte er sich anfangs, ihm
die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und
systematischer Tugend finden würde, so fürchterlich abzumalen, daß er ihn
von einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine
entsetzliche Länge hinausziehen würde, abzuschrecken hoffte.  Wie er aber
sah, daß Dionys anstatt durch den Widerstand, über den er sich beklagte,
ermüdet zu werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schöpfte, diese
beschwerliche Tugend durch hartnäckig wiederholte Anfälle endlich selbst
abzumatten: So glaubte er der schönen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn
er sie im Verdacht eines gekünstelten Betragens hätte, welches die
Leidenschaft des Prinzen zu eben der Zeit aufmunterte, da sie ihm alle
Hoffnung zu verbieten schien.  Je schärfer er sie beobachtete, je mehr
Umstände entdeckte er, welche ihn in diesem Argwohn bestärkten; und da
seine natürliche Antipathie gegen die majestätischen Tugenden das ihrige
mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen überzeugt, daß die weise und
tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betrügerin sei,
welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf
der Unüberwindlichkeit zu erhalten, und den leichtgläubigen Dionys desto
fester in ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe.  Nunmehr fing er an die
Sache für ernsthaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der
Freundschaft für einen Prinzen, für den er bei allen seinen Schwachheiten
eine Art von Zuneigung fühlte, als aus Sorge für den Staat, verbunden zu
halten, einem Verständnis, welches für beide sehr schlimme Folgen haben
könnte, sich mit Nachdruck zu widersetzen.  Bacchidion, welche, ohne eine
so regelmäßige Schönheit zu sein, in seinen Augen unendlichmal
liebenswürdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres Herzens--oder
richtiger zu reden, ihrer glücklichen Organisation wegen--ungeachtet des
gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in Vergleichung mit
dieser tugendhaften Dame eine sehr schätzbare Person zu sein: Und da sie
in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des Prinzen
zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto
weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die Würde seines
Charakters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen.  Dionys liebte sie
nicht mehr; aber er maßte sich noch immer Rechte über sie an, welche nur
die Liebe geben sollte.  Die schöne Bacchidion wurde nur zu deutlich
gewahr, daß sie nur die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen
vertreten sollte; und ob sie gleich nur eine Tänzerin war, so deuchte sie
sich doch zu gut, Flammen zu lauschen, welche eine andere angezündet hatte.
Dionys schien bei der anhaltenden Strenge seiner neuen Gebieterin, einer
solchen Gefälligkeit mehr als jemals benötiget zu sein; und eben darum gab
ihr Agathon den Rat, an ihrem Teil auch die Grausame zu machen, und zu
versuchen, ob sie durch ein sprödes und launisches Betragen, mit einer
gehörigen Dosi von Koketterie vermischt, nicht mehr als durch zärtliche
Klagen und verdoppelte Gefälligkeit gewinnen würde.  Dieser Rat hatte
einen so guten Erfolg, daß Agathon, der sich des Sieges zu früh versichert
hielt, itzo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem Dionys
offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er für die angebliche Tugend
der Dame Cleonissa trage.  Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie
mit einander über diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers
Helden nicht.  Alles Nachteilige, was Agathon dem Prinzen von seiner neuen
Göttin sagen konnte, bewies höchstens, daß sie nicht so viel Hochachtung
verdiene als er geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht;
desto besser für seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war.
Diesen edlen Gedanken ließ er zwar den Agathon nicht sehen; aber Cleonissa
wurde ihn desto deutlicher gewahr.  Dionys hatte nicht so bald erfahren,
daß die Tugend der Dame nur ein Popanz sei, so eilte er was er konnte,
Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte sie durch ein
Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr mit der
Majestät ihres Charakters, einen höchst beleidigenden Kontrast machte.
Er war zwar Diskret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was für Begriffe
man ihm von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich,
daß sie nicht zweifeln konnte, es müßte ihr jemand schlimme Dienste bei
ihm geleistet haben.  Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine
geringe Verlegenheit, wie sie dasjenige was sie ihrer beleidigten Würde
schuldig war, mit der Besorgnis, einen Liebhaber von solcher Wichtigkeit
durch allzuweit getriebene Strenge gänzlich abzuschrecken, zusammenstimmen
wollte.  Allein ein Geist wie der ihrige weiß sich aus den schwierigsten
Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging überzeugter als jemals von
ihr, daß sie die Tugend selbst, und allein durch die Stärke der Sympathie,
wodurch ihre zum ersten mal gerührte Seele gegen die seinige gezogen werde,
fähig werden könnte, die Hoffnungen dereinst zu erfüllen, welche sie ihm
weder erlaubte noch gänzlich verwehrte.  Von dieser Zeit an nahm seine
Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schöne
Bacchidion wurde förmlich abgedankt; und Agathon würde in den Augen seines
Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen
hätte, daß er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der
sterbenden Tugend von den Lippen der zärtlichen, und nur noch schwach
widerstehenden Cleonissa aufzufassen.  Itzo glaubte er, daß es die höchste
Zeit sei einen Schritt zu tun, der nur durch die äußerste Notwendigkeit
gerechtfertiget werden konnte, aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste
Mittel war, dieser gefährlichen Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen.
Er ließ also den Philistus zu sich rufen, und entdeckte ihm mit der
ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes, der mit einem ehrlichen
Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre und die Tugend
seiner Gemahlin schwebe.  Freilich entdeckte er dem edeln Philistus nichts,
als was dieser in der Tat schon lange wußte; aber Philistus machte nichts
desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der lebhaftesten
Empfindung für ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft, und
versicherte, daß er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine
Gemahlin, von welcher er übrigens die beste Meinung von der Welt habe,
gegen alle Nachstellungen der Liebesgötter sicher zu stellen.

Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten
einzuschärfen, daß man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen
müsse, und nicht nach der unsrigen.  Agathon glaubte sich kein geringes
Verdienst um den Philistus gemacht zu haben, und würde nicht wenig über
die Apostrophen erstaunt gewesen sein, welche dieser würdige Minister an
ihn machte, so bald er sich wieder allein sah.  In der Tat mußte es diesen
notwendig ungehalten machen, sich durch eine so unzeitige Vorsorge für
seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner bisherigen diskreten
Unachtsamkeit verlustiget zu sehen.  Indessen konnte er nun, ohne sich in
Agathons Augen zum Verräter seiner eigenen Ehre zu machen, nicht anders;
er mußte den Eifersüchtigen spielen.  Die Komödie bekam dadurch auf
etliche Tage einen sehr tragischen Schwung--Wie viel Mühe hätten sich die
Haupt-Personen dieser Farce ersparen können, wenn sie die Maske hätten
abnehmen, und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen?  Aber
diese Leute aus der großen Welt sind so pünktliche Beobachter des
Wohlstands!--und sind darum zu beloben; denn es beweiset doch immer, daß
sie sich ihrer wahren Gestalt schämen, und die Verbindlichkeit etwas
bessers zu sein als sie sind, stillschweigend anerkennen--Cleonissa
rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie sich auf die
Prinzessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld ihres
Betragens berief.  Niemals ist ein erhabneres und pathetischeres Stück von
Beredsamkeit gehört worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die
Unbilligkeit seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wußte sich
endlich nicht anders zu helfen, als daß er den Freund nannte, von dem er,
wiewohl aus guter Absicht, in diesen kleinen Anstoß einer, wie er nun
vollkommen erkannte, höchst unnötigen und sträflichen Eifersucht gesetzt
worden sei.  Die Wut einer stürmischen See--einer zur Rache gereizten
Hornisse--oder einer Löwin, der ihre Jungen geraubt worden, sind nur
schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welche Cleonissens
tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agathon aufloderte.  Würklich
war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke sie
berauschte, daß sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange
gewünschte Rache an diesem undankbaren Verächter ihrer Reizungen zu nehmen.
Sie mißhandelte den Dionys, (den sie für die unerträgliche Beleidigung,
welche sie von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange
und so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen
Günstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agathon für seine
Meinung von ihr verbunden sei.  Nunmehr klärte sich, wie sie sagte, das
ganze Geheimnis auf; und in der Tat mußte sie sich nur über ihre eigene
Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem Manne versehen
hatte, von dessen Rache sie natürlicher Weise das Schlimmste hätte
erwarten sollen--Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich
einbilden, was er für eine Miene machte, da sie ihm, vermittelst einer
Konfidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war,
umständlich entdeckte, daß der Haß Agathons gegen sie allein daher
entsprungen sei, weil sie nicht für gut befunden habe, seine Liebe genehm
zu halten.  Dieses war nun freilich nicht nach der Schärfe wahr.  Aber da
sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu müssen; so
war natürlich, daß sie es lieber auf Unkosten einer Person, die ihr
verhaßt war, als auf ihre eigene tat.  So viel ist gewiß, daß sie ihre
Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte.  Dionys geriet in einen so
heftigen Anfall von Eifersucht über seinen unwürdigen Liebling--dieser
Mann, der der Liebe eines Dionys unwürdig war, war Agathon!--daß Cleonissa,
(welche besorgte, daß ein plötzlicher Ausbruch zu mißbeliebigen
Erläuterungen Anlaß geben könnte) alle ihre Gewalt über ihn anwenden mußte,
ihn zurückzuhalten.  Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen Mann, der zu
allem Unglück der Abgott der Nation wäre, vorsichtig zu behandeln.  Dionys
fühlte die Stärke dieses Beweises, und hassete den Agathon nur um so viel
herzlicher.  Die Prinzessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten
unserm Helden sehr übel aus, daß er, anstatt den Prinzen von
Ausschweifungen abzuhalten, eine Kreatur wie Bacchidion mit so vielem
Eifer in seinen Schutz genommen hatte.  Man scheuete sich nicht, diesem
Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte
unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen
verschiedene Umstände aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die
Enthaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schönen Bacchidion zu
werfen schienen.  Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines
Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, daß es
anstößig, und lächerlich gewesen wäre, über die Freundschaft, womit er sie
beehrte, eifersüchtig zu sein.  Ein täglicher Zuwachs der königlichen
Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelmütige Gefälligkeit.
Timocrat fand bei diesen Umständen Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in
das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der
triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu
beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft
überhäuften.

Wir haben in diesem und dem vorigen Kapitel ein so merkwürdiges Beispiel
gesehen, (und wollte Gott!  diese Beispiele kämen uns nicht so oft im
Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften Charakter, einer
schwarzen, hassenswürdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu geben.
Agathon erfuhr nunmehr, daß es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit
verhaßten Farben zu übersudeln.  Er hatte dieses zu Athen schon erfahren;
aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem itzigen
anstellte, schienen ihm seine Atheniensische Feinde, im Gegensatz mit den
verächtlichen Kreaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so
weiß zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute
kannte, schwarz vorgekommen waren.  Vermutlich verfälschte die
Lebhaftigkeit des gegenwärtigen Gefühls sein Urteil über diesen Punkt ein
wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der
republikanischen und höfischen Falschheit darin zu bestehen, daß man in
Republiken genötiget ist, die ganze äußerliche Form tugendhafter Sitten
anzunehmen; da man hingegen an Höfen genug getan hat, wenn man den Lastern,
welche des Fürsten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befördert
werden, tugendhafte Namen gibt.  Allein im Grunde ist es nicht ekelhafter,
einen hüpfenden, schmeichelnden, untertänigen, vergoldeten Schurken zu
eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewußt ist, nie keine Ehre
gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine
hätte, sie zu verlieren--von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu hören;
als einen gesetzten, schwerfälligen, gravitätischen Schurken zu sehen,
der unter dem Schutz seiner Nüchternheit, Eingezogenheit und pünktlichen
Beobachtung aller äußerlichen Formalitäten der Religion und der Gesetze,
ein unversöhnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als
er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen; und sich nicht das
mindeste Bedenken macht, so bald es seine Konvenienz erfordert, eine gute
Sache zu unterdrücken, oder eine böse mit seinem ganzen Ansehen zu
unterstützen.  Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere
Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Komödiant
ist, der nicht verlangt, daß man ihn würklich für das halten solle, wofür
er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und
Zuschauer nur dergleichen tun, ohne daß es ihm einfällt sich zu bekümmern,
ob es ihr Ernst sei, oder nicht.

Agathon hatte nunmehr gute Muße, dergleichen Betrachtungen anzustellen;
denn sein Ansehen und Einfluß nahm zusehends ab.  äußerlich zwar schien
alles noch zu sein, wie es gewesen war.  Dionys und der ganze Hof
liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien
es ihrer unwürdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu
geben.  Aber desto mehr Mißvergnügen wurde ihm durch geheime, schleichende,
und indirekte Wege gemacht.  Er mußte zusehen, wie nach und nach, unter
tausend falschen und nichtswürdigen Vorwänden, seine besten Anordnungen
als schlecht ausgesonnen, überflüssig, oder schädlich, wieder aufgehoben,
oder durch andere unnütze gemacht--wie die wenigen von seinen Kreaturen,
welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt--wie alle seine Absichten
mißdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkürlich falschen
Gesichts-Punkt beurteilt, und alle seine Vorzüge oder Verdienste
lächerlich gemacht wurden.  Zu eben der Zeit, da man seine Talente und
Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste
von den einen noch von den andern hätte.  Man behielt zwar noch, aus
politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob
man nach den nämlichen Grundsätzen handle, denen er in seiner
Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem
vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben würde;
und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als
jemals.


Hier wäre es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem
Vertrag mit dem Dionys angehängt hatte, und sich zurückzuziehen, da er
nicht mehr zweifeln konnte, daß er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr
nütze war.  Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen
Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab.  "Du
hättest", sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung über den
gegenwärtigen Lauf der Sachen, "du hättest dich entweder niemals mit einem
Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest,
deine moralische Begriffe--oder doch wenigstens deine Handlungen nach den
Umständen bestimmen sollen.  Auf diesem Theater der Verstellung, der
Betrügerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verräterei, wo Tugenden
und Pflichten bloße Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz,
an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Konvenienz, keine andre
Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut
vereinigen als man kann.  Im übrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du
so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen
mit Dionysen abzuwerfen.  Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen
ist die Tänzerin Bacchidion viel schätzbarer, als diese majestätische
Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch
weniger als eine falsche, herrschsüchtige und boshafte Kreatur ist.
Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird
unendlich viel Böses tun -" "Aus dieser Betrachtung" (unterbrach ihn
Agathon) "habe ich mich für jene und gegen diese erklärt -" "Und doch war
es leicht vorherzusehen, daß Cleonissa siegen würde", sagte
Aristipp--"Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erklärt sich nicht für
die Partei, welche siegen wird, sondern für die, welche Recht, oder doch
am wenigsten Unrecht hat -" "Mein lieber Agathon, ein rechtschaffener Mann
muß, so bald er an einem Hofe leben will, sich eines guten Teils von
seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner Klugheit zu zulegen.  Ist
es nicht Schade, daß so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes,
das du noch getan haben würdest, bloß darum verloren sein soll, weil du
eine schöne Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, daß
es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu
erkennen gab, daß sie schlechterdings--geliebt sein wollte.  Doch dieser
Fehler hätte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur
gefällig genug gewesen wärest, ihre Absichten auf Dionysen zu befördern.
Wolltest du auch dieses nicht, war es denn nötig ihr entgegen zu sein?
Was für Schaden würde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben
wärest? Die kleine Bacchidion würde nicht mehr getanzt haben, und
Cleonissa hätte die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer
eben so wohl überdrüssig geworden wäre als so vieler andrer.  Das wäre
alles gewesen.  Und gesetzt, du hättest auch die Gewalt über ihn mit ihr
teilen müssen; so würdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten,
und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun.  Dem
Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, würde dir dein Platz, und die
Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie,
so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehört hätten, etwas neues für ihn zu
sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite
zu schaffen--Aber ich kenne dich zu gut, Agathon; du bist nicht dazu
gemacht dich zu Verstellung, Ränken und Hofkünsten herabzulassen; dein
Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu
warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewöhnen, ohne welche es
unmöglich ist, sich lange in der Gunst der Großen zu erhalten.  Auch kenne
ich den Hof nicht, welcher wert wäre, einen Agathon an seiner Spitze zu
haben.  Das alles hätte ich dir ungefähr vorher sagen können, als ich dich
überreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch
deine eigne Erfahrung davon überzeugt zu werden.  Ziehe dich itzt zurück,
ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, über dich ausbrechen kann.
Dionys verdient keinen Freund wie du bist.  Wie sehr hättest du dich
betrogen, wenn du jemals geglaubt hättest, daß er dich hochachte! Woher
sollte denen von seiner Art die Fähigkeit dazu kommen? Selbst damals, da
er am stärksten für dich eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern
Grunde, als warum er seinen Affen und seine Papageien liebt--weil du ihm
Kurzweil machtest.  Seine Gunst hätte eben so leicht auf einen andern
Neuangekommenen fallen können, der die Cither noch besser gespielt hätte
als du.  Nein, Agathon, du bist nicht gemacht, mit solchen Leuten zu
leben--ziehe dich zurück; du hast genug für deine Ehre getan.  Die Torheit
der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am besten
rechtfertigen.  Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk,
welches deine Zeiten zurückwünschen, und dein Andenken segnen wird, werden
dich am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines
kleinen Hofes voll Toren und schelmischer Sklaven verteidigen, deren Haß
dir mehr Ehre macht als ihr Beifall.  Du befindest dich in Umständen, in
einem unabhängigen Privatstande mit Würde leben zu können.  Deine Freunde
zu Tarent werden dich mit offnen Armen empfangen.  Ich wiederhole es,
Agathon, verlaß einen Fürsten, der seiner Sklaven, und Sklaven die eines
solchen Fürsten wert sind; und denke nun daran, wie du selbst des Lebens
genießen wollest, nachdem du den Versuch gemacht, wie schwer, wie
gefährlich, und insgemein wie vergeblich es ist, für andrer Glück zu
arbeiten."

So sprach Aristipp; und Agathon würde wohl getan haben, einem so guten
Rate zu folgen.  Aber wie sollte es möglich sein, daß derjenige, welcher
selbst eine Haupt-Rolle in einem Stücke spielt, so gelassen davon urteilen
sollte, als ein bloßer Zuschauer?  Agathon sah die Sachen aus einem ganz
andern Gesichts-Punkt.  Er betrachtete sich als einen Mann, der die
Verbindlichkeit auf sich genommen habe, die Wohlfahrt Siciliens zu
befördern.  "Warum kam ich nach Syracus?"--sagte er zu sich selbst--"und
mit welchen Absichten übernahm ich das Amt eines Freundes und Ratgebers
bei diesem Tyrannen? Tat ich es, um ein Sklave seiner Leidenschaften, oder
ein Werkzeug der Tyrannie zu sein?  Oder hatte ich einen großen und
rechtschaffenen Zweck?  Würde ich mich jemals mit ihm eingelassen haben,
wenn er mir nicht Hoffnung gemacht hätte, daß die Tugend endlich die
Oberhand über seine Laster erhalten würde? Er hat mich betrogen, und die
Erfahrungen, die ich von seiner Gemüts-Art habe, überzeugen mich, daß er
unverbesserlich ist.  Aber würde es edel von mir gehandelt sein, ein Volk,
dessen Wohlfahrt der Endzweck meiner Bemühungen war, ein Volk, welches
mich als seinen Wohltäter ansieht, den Launen dieses weibischen Menschen,
und der Raubsucht seiner Schmeichler und Sklaven Preis zu geben?  Was für
Pflichten hab' ich gegen ihn, welche sein undankbares, niederträchtiges
Verfahren gegen mich nicht aufgehoben, und vernichtet hätte?  Oder wenn
ich noch Pflichten gegen ihn habe; sind nicht diejenigen unendlichmal
heiliger, welche mich an ein Land binden, das durch meine Wahl, und die
Dienste, die ich ihm geleistet habe, mein zweites Vaterland worden
ist?--Wer ist denn dieser Dionys?  Was für ein Recht hat er an die höchste
Gewalt, der er sich anmaßt?  Wem anders als dem Agathon hat er das einzige
Recht zu danken, worauf er sich mit einigem Schein berufen kann?  Seit
wenn ist er aus einem von aller Welt verabscheueten Tyrannen ein König
geworden, als seit dem ich ihm durch eine gerechte und wohltätige
Regierung die Liebe des Volks zugewandt habe?  Er ließ mich arbeiten; er
verbarg seine Laster hinter meine Tugenden; eignete sich meine Verdienste
zu, und genoß die Früchte davon, der Undankbare!--und nun, da er sich
stark genug glaubt, mich entbehren zu können, überläßt er sich wieder
seinem eigenen Charakter, und fängt damit an, alles Gute das ich in seinem
Namen getan habe, wieder zu vernichten; gleich als ob er sich schäme, eine
Zeitlang aus seinem Charakter getreten zu sein, und als ob er nicht genug
eilen könne, die ganze Welt zu belehren, daß es Agathon, nicht Dionys
gewesen sei, der den Sicilianern eine Morgenröte beßrer Zeiten gezeigt,
und Hoffnung gemacht, sich von den Mißhandlungen einer Reihe schlimmer
Regenten wieder zu erholen.  Was würd' ich also sein, wenn ich sie in
solchen Umständen verlassen wollte, wo sie meiner mehr als jemals
benötiget sind?  Nein--Dionys hat Beweise genug gegeben, daß er
unverbesserlich ist, und durch die Nachsicht gegen seine Laster nur in der
lächerlichen Einbildung bestärkt wird, daß man ihnen Ehrfurcht schuldig
sei.  Es ist Zeit der Komödie ein Ende zu machen, und diesem kleinen
Theater-Könige den Platz anzuweisen, wozu ihn seine persönliche
Eigenschaften bestimmen."

Unsere Leser sehen aus dieser Probe der geheimen Gespräche, welche Agathon
mit sich selbst hielt, daß er noch weit davon entfernt ist, sich von
diesem enthusiastischen Schwung der Seele Meister gemacht zu haben, der
bisher die Quelle seiner Fehler sowohl als seiner schönsten Taten gewesen
ist.  Wir haben keinen Grund in die Aufrichtigkeit dieses Monologen
einigen Zweifel zu setzen; seine Seele war gewohnt, aufrichtig gegen sich
selbst zu sein.  Wir können also als gewiß annehmen, daß er zu dem
Entschluß, eine Empörung gegen den Dionys zu erregen, durch eben so
tugendhafte Gesinnungen getrieben zu werden glaubte, als diejenigen waren,
welche fünfzehn Jahre später einen der edelsten Sterblichen, die jemals
gelebt haben, den Timoleon von Corinth, aufmunterten, die Befreiung
Siciliens zu unternehmen.  Allein es ist darum nicht weniger gewiß, daß
die lebhafte Empfindung des persönlichen Unrechts, welches ihm zugefüget
wurde, der Unwille über die Undankbarkeit des Dionys, und der Verdruß sich
einer verachtenswürdigen Buhler-Intrigue aufgeopfert zu sehen, einen
großen Einfluß in seine gegenwärtige Denkens-Art gehabt, und zur
Entzündung dieses heroischen Feuers, welches in seiner Seele brannte,
nicht wenig beigetragen habe.  Im Grunde hatte er keine andre Pflichten
gegen die Sicilianer, als welche aus seinem Vertrag mit dem Dionys
entsprangen, und vermöge eben dieses Vertrags aufhörten, so bald diesem
seine Dienste nicht mehr angenehm sein würden.  Syracus war nicht sein
Vaterland.  Dionys hatte durch die stillschweigende Anerkenntnis der
Erbfolge, kraft deren er nach seines Vaters Tode den Thron bestieg, eine
Art von Recht erlangt.  Agathon selbst würde sich nicht in seine Dienste
begeben haben, wenn er ihn nicht für einen rechtmäßigen Fürsten gehalten
hätte.  Die nämlichen Gründe, welche ihn damals bewogen hatten, die
Monarchie der Republik vorzuziehen, und aus diesem Grunde sich bisher den
Absichten des Dion zu widersetzen, bestunden noch in ihrer ganzen Stärke.
Es war sehr ungewiß, ob eine Empörung gegen den Dionys die Sicilianer
würklich in einen glücklichern Stand setzen, oder ihnen nur einen andern,
und vielleicht noch schlimmern Herrn geben würde, da sie schon so viele
Proben gegeben hatten, daß sie die Freiheit nicht ertragen könnten.
Dionys hatte Macht genug, seine Absetzung schwer zu machen; und die
verderblichen Folgen eines Bürgerkriegs waren die einzigen gewissen Folgen,
welche man von einer so zweifelhaften Unternehmung voraussehen
konnte--Alle diese Betrachtungen würden kein geringes Gewicht auf der
Waagschale einer kalten unparteiischen überlegung gemacht, und vermutlich
den entgegenstehenden Gründen das Gleichgewicht gehalten haben.  Aber
Agathon war weder kalt noch unparteiisch; er war ein Mensch.  Seine
Eigenliebe war an ihrem empfindlichsten Teil verletzt worden.  Der Affekt,
in welchen er dadurch gesetzt werden mußte, gab allen Gegenständen, die er
vor sich hatte, eine andre Farbe.  Dionys, dessen Laster er ehmals mit
freundschaftlichen Augen als Schwachheiten betrachtet hatte, stellte sich
ihm itzt in der häßlichen Gestalt eines Tyrannen dar.  Je besser er vorhin
von Philistus gedacht hatte, desto abscheulicher fand er itzt seinen
Charakter, nachdem er ihn einmal falsch und niederträchtig gefunden hatte;
es war nichts so schlimm und schändlich, das er einem solchen Manne nicht
zutraute.  Die reizenden Bilder, welche er sich von der Glückseligkeit
Siciliens unter seiner Verwaltung gemacht hatte, erhielten durch den Unmut,
sie vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine desto größere Gewalt über
seine Einbildungs-Kraft.  Es war ihm unerträglich, Leute, welche nur darum
seine Feinde waren, weil sie Feinde alles Guten, Feinde der Tugend und der
öffentlichen Wohlfahrt waren, einen solchen Sieg davontragen zu lassen.
Er hielt es für eine allgemeine Pflicht, sich den Unternehmungen der Bösen
zu widersetzen, und die Stelle, welche er beinahe zwei Jahre lang in
Sicilien behauptet hatte, machte (wie er glaubte) seinen Beruf zur
besondern Ausübung dieser Pflicht in gegenwärtigem Falle unzweifelhaft.
Diese Betrachtungen hatten, außer ihrer eigentümlichen Stärke, noch sein
Herz und seine Einbildungs-Kraft auf ihrer Seite; und mußten also
notwendig alles überwägen, was die Klugheit dagegen einwenden konnte.

Sobald Agathon seinen Entschluß genommen hatte, so arbeitete er an der
Ausführung desselben.  Dion, welcher sich damals zu Athen befand, hatte
einen beträchtlichen Anhang in Sicilien, durch welchen er bisher alle
mögliche Bewegungen gemacht hatte, seine Zurückberufung von dem Prinzen zu
erhalten.  Er hatte sich deshalben vorzüglich an den Agathon gewandt, so
bald ihm berichtet worden war, in welchem Ansehen er bei Dionysen stehe.
Aber Agathon dachte damals nicht so gut von dem Charakter Dions als die
Akademie zu Athen; eine Tugend, welche mit Stolz, Unbiegsamkeit und
Austerität vermischt war, schien ihm, wo nicht verdächtig, doch wenig
liebenswürdig; er besorgte mit einiger Wahrscheinlichkeit, daß die
Gemüts-Art dieses Prinzen ihn niemals ruhig lassen, und daß er, ungeachtet
seiner republikanischen Grundsätze, eben so ungelehrig sein würde, das
höchste Ansehen im Staat mit jemand zu teilen, als ohne Ansehen zu leben.
Er hatte also, anstatt seine Zurückberufung bei dem Dionys zu befördern,
diesen der äußersten Abneigung, die er davor zeigte, überlassen, und sich
durch diese Aufführung einiges Mißvergnügen von Seiten der Freunde Dions
zugezogen, welche es ihm eben so übel nahmen, daß er nichts für diesen
Prinzen tat, als ob er gegen ihn agiert hätte.  Allein seitdem seine
eigene Erfahrung das schlimmste, was Dionysens Feinde von ihm denken
konnten, rechtfertigte, hatte sich auch seine Gesinnung gegen den Dion
gänzlich umgewandt.  Dieser Prinz, welcher unstreitig große Eigenschaften
besaß, stellte sich ihm itzt unter dem Bilde eines rechtschaffenen Mannes
dar, in welchem der langwierige Anblick des gemeinen Elendes unter einer
heillosen Regierung, und die immer vergebliche Bemühung, dem reißenden
Strom der Verderbnis entgegen zu arbeiten, einen anhaltenden gerechten
Unmut erregt hat, der ungeachtet des Scheins einer gallsüchtigen
Melancholie, im Grunde die Frucht der edelsten Menschenliebe ist.  Er
beschloß also, mit ihm gemeine Sache zu machen.  Er entdeckte sich den
Freunden Dions, welche, erfreut über den Beitritt eines Mannes, der durch
seine Talente und seine Gunst beim Volke ihrer Partei das übergewicht zu
geben vermögend war, ihm hinwieder die ganze Beschaffenheit der
Angelegenheiten Dions, die Anzahl seiner Freunde, und die geheimen
Anstalten entdeckten, welche in Erwartung irgend eines günstigen Zufalls,
bereits zu seiner Zurückkunft nach Sicilien gemacht worden waren: Und so
wurde Agathon in kurzer Zeit aus einem Freund und ersten Minister des
Dionys, das Haupt einer Konspiration gegen ihn, an welcher alle diejenigen
Anteil nahmen, die aus edlern oder eigennützigern Bewegursachen, mit der
gegenwärtigen Verfassung unzufrieden waren.  Agathon entwarf einen Plan,
wie die ganze Sache geführt werden sollte; und dieses setzte ihn in einen
geheimen Briefwechsel mit Dion, wodurch die bessere Meinung, welche einer
von dem andern zu fassen angefangen hatte, immer mehr befestiget wurde.
Der Hof, in Lustbarkeiten und ein wollüstiges Vergessen aller Gefahren
versunken, begünstigte den Fortgang der Konspiration durch eine
Sorglosigkeit, welche so wenig natürlich schien, daß die
Zusammenverschwornen dadurch beunruhiget wurden.  Sie verdoppelten ihre
Wachsamkeit, und (was bei Unternehmungen von dieser Art am meisten zu
bewundern, und dennoch sehr gewöhnlich ist) ungeachtet der großen Anzahl
derjenigen, die um das Geheimnis wußten, blieb alles so verschwiegen, daß
dem Ansehen nach niemand auf einigen Argwohn verfallen wäre, wenn nicht
auf der einen Seite die Unwahrscheinlichkeit, daß Agathon seinen Fall
würklich so gleichgültig ansehen könne, als er es zu tun schien; und auf
der andern die Nachrichten, welche von den nicht sehr geheimen Zurüstungen
des Dion eingingen, den von Natur mißtrauischen Philistus endlich
aufmerksam gemacht hätten.  Von diesem Augenblick an wurde Agathon und
alle diejenige, welche als Freunde Dions bekannt waren, von tausend
unsichtbaren Augen aufs schärfste beobachtet; und es glückte endlich dem
Philist, sich eines Sklaven zu bemächtigen, der mit Briefen an Agathon von
Athen gekommen war.  Aus diesen Briefen, welche die Ursachen enthielten,
warum Dion die vorhabende Landung in Sicilien nicht sobald, als es unter
ihnen verabredet gewesen, ausführen könne, erhellete zwar deutlich, daß
Agathon und die übrigen Freunde Dions an der eigenmächtigen Wiederkunft
desselben Anteil hätten; aber von einem Anschlag gegen die gegenwärtige
Regierung und die Person des Dionys, war außer einigen unbestimmten
Ausdrücken, welche ein Geheimnis zu verbergen scheinen konnten, nichts
darin enthalten.  Man kann sich die Bewegung vorstellen, welche diese
Entdeckung in dem Cabinet des Dionys verursachte.  Man war sich Ursachen
genug bewußt, das ärgste zu besorgen; aber eben darum hielt Philistus für
ratsamer, die Sache als ein Staats-Geheimnis zu behandeln.  Agathon wurde,
unter dem Vorwande verschiedener Staats-Verbrechen in Verhaft genommen,
ohne daß dem Publico etwas bestimmtes, am allerwenigsten aber die wahre
Ursache, bekannt wurde.  Man fand für besser, die Partei des Dion, (welche
man sich aus Panischem Schrecken größer vorstellte als sie würklich war)
in Verlegenheit zu setzen, als zur Verzweiflung zu treiben; und gewann
indessen, daß man sich begnügte sie aufs genaueste zu beobachten, Zeit,
sich gegen einen feindlichen überfall in gehörige Verfassung zu setzen.


Wir sind es schon gewohnt, unsern Helden niemals größer zu sehen als im
widrigen Glücke.  Auf das ärgste gefaßt, was er von seinen Feinden
erwarten konnte, setzte er sich vor, ihnen den Triumph nicht zu gewähren,
den Agathon zu etwas das seiner unwürdig wäre, erniedriget zu haben.  Er
weigerte sich schlechterdings, dem Philistus und Timocrates, welche zu
Untersuchung seiner angeblichen Verbrechen ernannt waren, Antwort zu geben.
Er verlangte von dem Prinzen selbst gehört zu werden, und berief sich
deshalb auf den Vertrag, der zwischen ihnen errichtet worden war.  Aber
Dionys hatte den Mut nicht, eine geheime Unterredung mit seinem ehmaligen
Günstling auszuhalten.  Man versuchte es, seine Standhaftigkeit durch eine
harte Begegnung und Drohungen zu erschüttern; und die schöne Cleonissa
würde ihre Stimme zu dem strengesten Urteil gegeben haben, wenn die
Furchtsamkeit des Tyrannen, und die Klugheit seines Ministers gestattet
hätten, ihren Eingebungen zu folgen.  Sie mußte sich also durch die
Hoffnung zufrieden stellen lassen, die man ihr machte, ihn, sobald man
sich den Dion, auf eine oder die andere Art, vom Halse geschafft haben
würde, zu einem öffentlichen Opfer ihrer Rache-dürstenden Tugend zu machen.


Inzwischen stunden die Freunde Agathons seinetwegen in desto größern
Sorgen, da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das
ärgste gegen ihn einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen
verführen zu lassen.  Denn das Unvermögen ihren Lieblingen zu widerstehen,
macht öfters wollüstige Fürsten, wider ihre natürliche Neigung, grausam.
Sie wendeten also unter der Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu
wagen, dessen Erfolg allzu unsicher gewesen wäre, die Rettung Agathons
befördern konnte.  Dion gab bei dieser Gelegenheit eine Probe seiner
Großmut, indem er durch ein freundschaftliches Schreiben an Dionysen sich
verbindlich machte, seine Kriegs-Völker wieder abzudanken, und seine
Zurückberufung als eine bloße Gnade von dem guten Willen seines Prinzen zu
erwarten, in so fern Agathon freigesprochen würde, dessen einziges
Verbrechen darin bestehe, daß er sich für seine Zurückkunft in sein
Vaterland interessiert habe.  So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil
dern Dionys dadurch die Aussöhnung mit dem Dion angetragen wurde; so würde
er doch dem Agathon wenig geholfen haben, wenn seine italienischen Freunde
nicht geeilet hätten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund
vorzulegen.  Aber zu eben dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um
im Namen des Archytas, welcher alles in dieser Republik vermochte, die
Freilassung seines Freundes zu bewürken, und im Notfall zu erklären, daß
diese Republik sich genötiget sehen würde, die Partei Dions mit ihrer
ganzen Macht zu unterstützen, wofern Dionys sich länger weigern wollte,
diesem Prinzen sowohl als dem Agathon vollkommne Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen.  Dionys kannte den Charakter des Archytas zu gut, um an dem
Ernst dieser Drohung zweifeln zu können.  Er hoffte sich also am besten
aus der Sache zu ziehen, wenn er unter der Versicherung, daß er von einer
Aussöhnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung
Agathons einwilligte.  Aber dieser erklärte sich, daß er seine Entlassung
weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der Fürbitte seiner
Freunde zu danken haben wolle.  Er verlangte, daß die Verbrechen, um
derentwillen er in Verhaft genommen worden, öffentlich angezeigt, und in
Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu
Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehört, und sein Urteil nach den
Gesetzen ausgesprochen werden sollte.  Da er sich bewußt war, daß außer
seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu
rechtfertigen waren, seine boshaftesten Hässer nichts mit einigem Schein
der Wahrheit gegen ihn aufbringen könnten; so hatte er gut auf eine so
feierliche Untersuchung zu dringen.  Aber dazu konnten es die Cleonissen
und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr
verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit
lassen wollten, die Sache in die Länge zu ziehen; so sahe Dionys sich
endlich genötiget, öffentlich zu erklären: Daß eine starke Vermutung, als
ob Agathon sich in eine Konspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die
einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und daß er keinen Augenblick
anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter
Verbürgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei
Weise künftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem
Verdacht am besten gereiniget haben werde.  Die Bereitwilligkeit, womit
die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen ließen, bewies, daß
es dem Archytas allein um die Befreiung Agathons zu tun war; und wir
werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt
einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses
Punkts mit so außerordentlichem Eifer annahm.  Aber Agathon, der seine
Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht
überredet werden, eine Erklärung von sich zu geben, welche als eine Art
von Geständnis angesehen werden konnte, daß er die Partei, die er genommen
hatte, verleugne.  Doch diese in Ansehung seiner Umstände, in der Tat
allzuspitzfündige Delikatesse mußte endlich der gründlichern Betrachtung
weichen, daß er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs
sich selbst in Gefahr setzen würde, ohne daß seiner Partei einiger Vorteil
dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen würde, ihn in der
Stille aus dem Wege räumen zu lassen, als zu zugeben, daß er mit soviel
neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faktion des
Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu
seinem Untergang zu vereinigen.  Die reizenden Schilderungen, so ihm die
Tarentiner von dem glücklichen Leben machten, welches in dem ruhigen
Schoße ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn
warte, vollendeten die Würkung, welche natürlicher Weise der gewaltsame
Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige
Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemüte wie das seinige machen mußte; und
gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem geschäftigen Leben,
welchen er nach seiner Verbannung von Athen dagegen gefaßt, und den ganzen
Hang, welchen er zu Delphi für das Kontemplative gehabt hatte, wieder.  Er
bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden
Dions für eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in
der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umständen, worin er sich
befand, vernünftiger Weise zu tun übrig blieb.  Wie viel dunkle Stunden
würde er sich selbst, und wie viele Sorgen und Mühe seinen Freunden
erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate
früher gefolget hätte!

Einer von den zuverlässigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines
ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in
seine einsame Hütte zurückkehrt, als er gewesen war, da er auf den
Schauplatz des öffentlichen Lebens versetzt wurde.  Die Epaminondas, die
Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten;
aber wenn etwas, welches den verstocktesten Tugend-Leugner, einen Hippias
selbst, zwingen muß, die Würklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch
wider seinen Willen ihre Göttlichkeit zu erkennen: So sind es die
Beispiele solcher Männer.  Der Himmel verhüte, daß ich die Hippiasse
jemals einer andern Widerlegung würdigen sollte!  Sie mögen nach Aekerö
reisen!  Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen
(nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gottheit selbst mit Vergnügen
herabsieht, wenn sie den ehrwürdigen Greis gesehen haben, der daselbst,
zufrieden mit der edeln beneidenswürdigen Armut des Fabricius und
Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige
Belohnung eines langen, ruhmwürdigen, Gott, seinem Könige und seinem
Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewußtsein seiner Selbst,
und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz
umsonst gearbeitet zu haben, findet--und, vergessen, vielleicht so gar
verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den
Glauben einer bessern Unsterblichkeit einhüllt--wenn sie ihn gesehen haben,
diesen wahrhaftig großen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt,
was alle Diskurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben--Nun, so
mögen sie glauben was sie wollen, und tun, was sie ungestraft tun können;
sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung möglich
ist--"Und du, ruhmvoller und liebenswürdiger alter Mann, empfange dieses
wiewohl allzuvergängliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch
feiles, oder gewinnsüchtiges Lob der Großen dieser Welt entweiht worden
ist--Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen--du wirst
dieses niemals lesen--Meine Absicht ist rein, wie deine Tugend--empfange
dieses schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der
wenig Hochachtungswürdiges unter der Sonne sieht--diese, und die
Dankbarkeit für die stillen Tränen der Entzückung, die ihm (in einem Alter,
wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht
versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen
lockte--diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit
dahingerissen--er hat sich nicht entschließen können, seinem Herzen Gewalt
anzutun--und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser
Abschweifung um Verzeihung."

Agathon hatte über den Sorgen für die Wohlfahrt Siciliens, und über der
Bemühung andre glücklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen,
daß er nicht reicher aus Syracus gegangen wäre, als er gewesen war, da er
Delphi verließ, oder da er aus Athen verbannt wurde; wenn ihm nicht zu
gutem Glücke, bald nach seiner Erhebung zu einer Würde, welche ihm in
allen Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines
väterlichen Vermögens wieder zugefallen wäre.  Die Athenienser waren
damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Königs
Dionys benötiget; und fanden daher für gut, ehe sie sich um die
Vermittlung Agathons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Dekret
überreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil
aufgehoben, sondern auch der ganze Prozeß, wodurch er ehmals seines
väterlichen Erbguts beraubt worden war, kassiert, und der unrechtmäßige
Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzüglich wieder
abzutreten.  Agathon hatte zwar großmütiger Weise nur die Hälfte davon
angenommen; und diese war nicht so beträchtlich, daß sie für die
Bedürfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen wäre: Aber es
war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Sekte des Aristippus,
nötig hätte, um frei, gemächlich und angenehm zu leben; und soviel war für
einen Agathon genug.

Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht
längere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu
beurlauben.  Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit
guter Art tun zu wollen, verlangte, daß er in Gegenwart seines ganzen
Hofes Abschied von ihm nehmen sollte.  Er überhäufte ihn, bei dieser
Gelegenheit, mit Lobsprüchen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr
feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in
seine Entlassung einwillige, und als ob sie als die besten Freunde von
einander schieden.  Agathon hatte die Gefälligkeit, diesen letzten
Auftritt der Komödie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in
Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen
getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche günstig von
ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermißt und oft
zurückgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das
Vergnügen hatte, viele Denkmäler seiner ruhmwürdigen Administration zu
hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine
Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschluß bestärkten--keine andre
von dieser Art mehr zu machen.



VIERTES KAPITEL

Nachricht an den Leser


"Dank sei" (so ruft hier der Autor des griechischen Manuskripts, als einer,
dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) "Dank sei den Göttern, daß
wir unsern Helden aus dem gefährlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein
ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist,
mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben!  Er hat allerdings von
Glück zu sagen", fährt das Manuskript fort; "aber--beim Hund (dem großen
Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem Hofe zu tun?  Er,
der sich weder zu einem Sklaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem
Narren geboren fühlte, was wollte er am Hofe eines Dionysius machen?--Was
für ein Einfall--und wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn
eines klugen Menschen gekommen?--einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu
machen!--Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder
Vernunft und gutem Willen in sich gefühlt, ist jemals damit an einen Hof
gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch
zu machen?--Man muß gestehen, es ist eine ganz hübsche Sache um den
Enthusiasmus--eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein Bürger wird, um
sein Vaterland glücklicher zu machen--oder eines Leonidas, der mit
dreihundert eben so entschlossenen Männern als er selbst, sich dem Tode
weiht, um eben so vielen Myriaden von Barbaren den Mut, mit Griechen zu
fechten, zu benehmen.  Doch so groß, so schön diese Taten sind; so sind
sie durch die Kräfte der Natur möglich, und diejenige, welche sie
unternahmen, konnten sich versprechen, daß sie ihre Absichten erreichen
würden.  Aber wenn hat man jemals gehört, daß ein Mensch, oder ein Held,
der Sohn einer Göttin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige
zu Stande gebracht hätte, was Agathon unternahm, da er mit der Cither in
der Hand sich überreden ließ, der Mentor eines Dionys zu werden."

Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Kapitel
beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsüchtige
Deklamation gegen diejenige Klasse der Sterblichen, welche man große
Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen über die Maitressen--über die
Jagdhunde--und über die Ursachen, warum es für einen ersten Minister
gefährlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigennützigkeit, und zuviel
Freundschaft für seinen Herrn zu haben--So viel man sehen kann, ist dieses
Kapitel eines von den merkwürdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen
Werke.  Aber unglücklicher Weise, befindet sich das Manuskript an diesem
Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Hälfte ist durch
Feuchtigkeit so übel zugerichtet worden, daß es leichter wäre, aus den
Blättern der Cumäischen Sibylle, als aus den Bruchstücken von Wörtern,
Sätzen und Perioden, welche noch übrig sind, etwas Zusammenhängendes
herauszubringen.  Wir gestehen, daß uns dieser Verlust so nahe geht, daß
wir uns eher der sinnreichen Ergänzungen, welche Herr Naudot zum Petronius
in seinem Kopfe gefunden hat, oder der sämtlichen Werke des Ehrwürdigen
Paters *** beraubt wissen wollten.  Indessen ist doch dieser Verlust in
Absicht des Lobes der großen Herren um so leichter zu ertragen, da wir
über den weiten Umfang der Einsichten, die Größe der Seelen, die edlen
Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die großen
Herren von den übrigen Erden-Söhnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten
und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir übrigens
ganz unpräjudizierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in
unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius,
alles gesagt finden, was sich über einen so reichen und edeln Stoff nur
immer sagen läßt.  Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression über
die Maitressen, und über die Jagdhunde; über welche Materien der geneigte
Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beiträgen zur Histoire amoureuse des
Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernswürdigen
Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner
Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinlängliche
Auskunft finden kann.  Aber den Verlust der dritten Digression bedauren
wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der größesten
Bücher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in
welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht
auseinandergesetzt und gründlich ausgeführt wäre.  Zum Unglück ist dieses
Kapitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten.  Doch läßt sich aus einigen
Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehören scheinen,
abnehmen, daß der Verfasser neun und dreißig Ursachen angegeben habe; und
wir gestehen, daß wir begierig wären, diese neun und dreißig Ursachen zu
wissen.



FÜNFTES KAPITEL

Moralischer Zustand unsers Helden


Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den größesten Teil dieser
Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat,
darüber, daß er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe
hinweggebracht habe.  Es würde allerdings etwas sein, das einem Wunder
ganz nahe käme, wenn es sich würklich so verhielte; aber wir besorgen, daß
er mehr gesagt habe, als er der Schärfe nach zu beweisen im Stande wäre.
Wenn es nicht etwan moralische Amulete gibt, welche der ansteckenden
Beschaffenheit der Hofluft auf eben die Art widerstehen, wie der
Krötenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig unbegreiflich, daß das
Getümmel des beschäftigten Lebens, die schädlichen Dünste der Schmeichelei,
welche ein Günstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhörlich
einsaugt--die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend
immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren--und was noch
schädlicher als dieses alles ist, die unzählichen Zerstreuungen, wodurch
die Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und über der Aufmerksamkeit
auf eine Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstände, die Aufmerksamkeit
auf sich selbst verliert--nicht einige nachteilige Einflüsse in den
Charakter seines Geistes und Herzens gehabt haben sollten.  Indessen
müssen wir gestehen, daß es ihm hierin eben so erging, wie es, vermöge der
täglichen Erfahrung, allen andern Sterblichen zu gehen pflegt.  Er wurde
diese eben so unmerkliche als unleugbare Einflüsse, und die Veränderungen,
welche sie verstohlner Weise in seiner Seele verursacheten, eben so wenig
gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und schleichenden
Zerrüttungen empfindet, welche die Unbeständigkeit der Witterung, die
kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der
Nahrungs-Mittel, und das langsam würkende Gift der Leidenschaften,
stündlich in seiner Maschine verursachen.  Die Veränderungen, die in
unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, müssen beträchtlich sein, wenn sie
in die Augen fallen sollen; und wir fangen gemeiniglich nicht eher an, sie
deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genötigt finden, zu stutzen, und uns
selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe Person seien, die wir waren?
Aus diesem Grunde geschah es vermutlich, daß Agathon die Progressen,
welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele während
seinem Aufenthalt zu Syracus machte, ohne das mindeste Mißtrauen in sie zu
setzen, ganz allein den neuen oder bestätigten Erfahrungen zuschrieb,
welche er in dieser ausgebreiteten Sphäre zu machen, so viele
Gelegenheiten hatte.

Es ist unstreitig einer der größesten Vorteile, wo nicht der einzige, den
ein denkender Mensch aus dem Leben in der großen Welt mit sich nimmt,
wofern es ihm jemals so gut wird, sich wieder aus derselben herauswinden
zu können--daß er die Menschen darin kennen gelernt hat.  Es läßt sich
zwar gegen diese Art von Kenntnis der Menschen, aus guten Gründen eben so
viel einwenden, als gegen diejenige, welche man aus der Geschichte, und
den Schriften der Dichter, Sittenlehrer, Satyristen und Romanenmacher
zieht--oder gegen irgend eine andere: Aber man muß hingegen auch gestehen,
daß sie wenigstens eben so zuverlässig ist, als irgend eine andre; ja daß
sie es noch in einem höhern Grade ist, wenn anders das Subjekt, bei dem
sie sich befindet, mit allen den Eigenschaften versehen ist, die zu einem
Beobachter erfordert werden.  Denn freilich kann nichts lächerlicher sein
als ein Geck, der nachdem er zehn oder fünfzehn Jahre seine Figur durch
alle Länder und Höfe der Welt herumgeführt, etliche Dutzend zweideutige
Tugenden besiegt, und eben so viel schale Histörchen oder verdächtige
Beiträge zur Chronique scandaleuse eines jeden Ortes, wo er gewesen ist,
zusammengebracht hat, mit deren Hülfe er zween oder drei Tage eine
Tischgesellschaft lachen oder gähnen machen kann--sich selbst mit dem
Besitz einer vollkommenen Kenntnis der Welt und der Menschen schmeichelt,
und denjenigen mit dummem Hohnlächeln von der Seite ansieht, der vermöge
einer vieljährigen tiefen Erforschung der menschlichen Natur,
gelegenheitlich von Charaktern und Sitten urteilt, ohne die sieben Türme
gesehen, oder der Vermählung des Doge von Venedig mit dem adriatischen
Meer beigewohnt zu haben.  Wir wissen nicht, wie groß ungefähr die Anzahl
der so genannten Welt-Leute sein mag, die in diese Klasse gehören: Aber
das scheint uns gewiß zu sein, daß ein Mann von Genie und aufgeklärtem
Verstande (denn die bloße Empirie reicht hier so wenig zu, als in irgend
einer andern praktischen Wissenschaft) durch das Leben in der großen Welt,
(in so fern wir dieses Wort in seiner echten Bedeutung nehmen) durch die
Verhältnisse, worin er an einem beträchtlichen Platze mit allen Arten von
Ständen und Charaktern kömmt, durch die häufigen Gelegenheiten die er hat,
diejenige so er beobachtet, unter allerlei Umständen, mit und ohne Maske
zusehen, sie auf allerlei Proben zu setzen, und so wohl durch den Gebrauch,
den man von ihnen macht, als den sie von andern zu manchen suchen, ihre
herrschenden Neigungen und geheime Springfedern ausfündig zu machen--daß
er dadurch zu einer unmittelbarern, ausgebreitetern und richtigern
Kenntnis der Menschen gelangt, als andre, welche ihre Theorie lediglich
den Geschichtschreibern, Metaphysikern und Moralisten (drei sehr wenig
zuverlässigen Gattungen von Lehrern) zu danken--oder welche ihre
Beobachtungen nur in dem Microcosmus ihres eigenen Selbst angestellt haben.


Es ist oben schon bemerkt worden, daß Agathon bei seinem Auftritt auf dem
Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so
erhaben und idealisch von der menschlichen Natur dachte, als zu Delphi;
denn es macht einen beträchtlichen Unterschied, ob man unter Bildsäulen
von Göttern und Helden, oder unter Menschen lebt; aber nachdem er die
Beobachtungen, die er zu Athen und Smyrna schon gesammelt, noch durch die
nähere Bekanntschaft mit den Großen, und mit den Hofleuten bereichert
hatte, sank seine Meinung von der angebornen Schönheit und Würde dieser
menschlichen Natur, von Grade zu Grade so tief, daß er zuweilen in
Versuchung geriet, gegen die Stimme seines Herzens (welche eben so wohl,
dachte er, die Stimme der Eigenliebe oder des Vorurteils sein könnte,)
alles was der göttliche Plato erhabenes und herrliches davon gesagt und
geschrieben hatte, für Märchen aus einer andern Welt zu halten.
Unvermerkt kamen ihm die Begriffe, welche sich Hippias davon machte, nicht
mehr so ungeheuer vor, als damals, da er sich in den Garten dieses
wollüstigen Weisen in den Mondschein hinsetzte, und Betrachtungen über den
Zustand der entkörperten Geister anstellte.  Endlich kam es gar so weit,
daß ihm diese Begriffe wahrscheinlich genug deuchten, um sich vorstellen
zu können, wie Leute, die in ihrem eigenen Herzen nichts fanden, das ihnen
eine edlere Meinung von ihrer Natur zu geben geschickt wäre, durch einen
langen Umgang mit der Welt dazu gelangen könnten, sich gänzlich von der
Wahrheit desselben zu überreden.

Soweit hätte Agathon gehen können, ohne die Grenzen der weisen Mäßigung zu
überschreiten, welche uns in unsern Urteilen über diesen wichtigen
Gegenstand, und alles was sich auf ihn bezieht, langsam und zurückhaltend
machen sollen.  Aber in Stunden, da der Unmut seine schönsten Hoffnungen
durch die Torheit oder Bosheit derjenigen mit denen er leben mußte, vor
seinen Augen vernichten zu sehen, eine mehr als gewöhnliche Verdüsterung
in seiner Seele verursachte, ging er noch um einen Schritt weiter.  "Nein",
sagte er dann zu sich selbst, "die Menschen sind nicht wofür ich sie
hielt, da ich sie nach mir selbst, und mich selbst nach den jugendlichen
Empfindungen eines gefühlvollen Herzens, und nach einer noch ungeprüften
Unschuld beurteilte.  Meine Erfahrungen rechtfertigen das Schlimmste, was
Hippias von ihnen sagte; und wenn sie nichts bessers sind, was für Ursache
habe ich, mich darüber zu beschweren, daß sie sich nicht nach Grundsätzen
behandeln lassen, die in keinem Ebenmaß mit ihrer Natur stehen?  An mir
war der Fehler, an mir, der einen Mercur aus einem knottichten Feigenstock
schnitzeln wollte.  Sagte er mir nicht vorher, daß ich nichts anders zu
gewarten hätte, wenn ich den Plan meines Lebens nach meinen Ideen
einrichten würde.  Seine Vorhersagung hätte nicht richtiger eintreffen
können.  Hätte ich seinen Grundsätzen gefolgt, hätte ich mich ehmals zu
Athen, oder hier zu Syracus so betragen, wie Hippias an meinem Platze
getan haben würde--so würde ich meine Absichten ausgeführt haben; so würde
ich glücklich gewesen sein--und der Himmel weiß, ob es den Sicilianern
desto schlimmer ergangen wäre.  Dieses ist nun das zweite mal, daß
Philistus, ein echter Anhänger des Systems meines Sophisten, ob er gleich
nicht fähig wäre es so zusammenhängend und scheinbar vorzutragen, über
Weisheit und Tugend den Sieg davon getragen hat.--Und habe ich noch der
Erfahrung vonnöten, um zu wissen, daß er eben so gewiß über einen andern
Plato, und über einen andern Agathon siegen würde?--Wieviel ließ ich von
meinen Grundsätzen nach, wie tief stimmte ich mich selbst herab, da ich
die Unmöglichkeit sah, diejenigen mit denen ich's zu tun hatte, so weit zu
mir heraufzuziehen? Wozu half es mir?--ich konnte mich nicht entschließen
niederträchtig zu handeln, ein Schmeichler, ein Kuppler, ein Verräter an
dem wahren Interesse des Fürsten und des Landes zu werden--und so verlor'
ich die Gunst des Fürsten, und die einzige Belohnung, die ich für meine
Arbeiten verlange, die Vorteile, welche dieses Land von meiner Verwaltung
zu genießen anfing, auf einmal, weil ich mich nicht dazu bequemen konnte,
alles für anständig und recht zu halten, was nützlich ist--O! gewiß
Hippias, deine Begriffe und Maximen, deine Moral, deine Staatskunst,
gründen sich auf die Erfahrung aller Zeiten.  Wenn sind die Menschen
jemals anders gewesen?  Wenn haben sie jemals die Tugend hochgeschätzt,
als wenn sie ihrer Dienste benötigt waren; und wenn ist sie ihnen nicht
verhaßt gewesen, so bald sie ihren Leidenschaften im Lichte stund?"


Diese Betrachtungen führten unsern Helden bis an die äußerste Spitze des
tiefen Abgrunds, der zwischen dem System der Tugend, und dem System des
Hippias liegt; aber der erste schüchterne Blick, den er hinunter wagte,
war genug, ihn mit Entsetzen zurückfahren zu machen.  Die Begriffe des
wesentlichen Unterschieds zwischen Recht und Unrecht, und die Ideen des
sittlichen Schönen, hatten zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefaßt, waren
zu genau mit den zartesten Fibern derselben verflochten und
zusammengewachsen, als daß es möglich gewesen wäre, daß irgend eine
zufällige Ursache, so stark sie immer auf seine Einbildung und auf seine
Leidenschaften würken mochte, sie hätte ausreuten können.  Die Tugend
hatte bei ihm keinen anderen Sachwalter nötig als sein eignes Herz.  In
eben dem Augenblick, da eine nur allzugegründete Misanthropie ihm die
Menschen in einem verächtlichen Lichte, und vielleicht wie gewisse Spiegel,
um ein gutes Teil häßlicher zeigte, als sie würklich sind, fühlte er mit
der vollkommensten Gewißheit, daß er, um die Krone des Monarchen von
Persien selbst, weder Hippias noch Philistus sein wollte; und daß er,
sobald er sich wieder in die nämliche Umstände gesetzt sähe, eben so
handeln würde, wie er gehandelt hatte, ohne sich durch irgend eine Folge
davon erschrecken zu lassen.  Hingegen konnte es nicht wohl anders sein,
als daß diese Betrachtungen, denen er sich seit seinem Fall, und
sonderheitlich während seiner Gefangenschaft, fast gänzlich überließ, den
überrest des moralischen Enthusiasmus, von dem wir ihn bei seiner Flucht
aus Smyrna erhitzt gesehen haben, vollends verzehren mußten.  Der Gedanke
für das Glück der Menschen, für das allgemeine Beste der ganzen Gattung zu
arbeiten, verliert seinen mächtigen Reiz, sobald wir klein von dieser
Gattung denken.  Die Größe dieses Vorhabens ist es eigentlich, was den
Reiz derselben ausmacht--und diese schrumpft natürlicher Weise sehr
zusammen, sobald wir uns die Menschen als eine Herde von Kreaturen
vorstellen, deren größester Teil seine ganze Glückseligkeit, den letzten
Endzweck aller seiner Bemühungen auf seine körperliche Bedürfnisse
einschränkt, und dabei dumm genug ist, durch eine niederträchtige
Unterwürfigkeit unter eine kleine Anzahl der schlimmsten seiner Gattung,
sich fast immer in den Fall zu setzen, auch dieser bloß tierischen
Glückseligkeit nur selten oder auf kurze Zeit, bittweise oder verstohlner
Weise habhaft zu werden.  "Jedes Tier sucht seine Nahrung--gräbt sich eine
Höhle, oder baut sich ein Nest--begattet sich--schläft--und stirbt.  Was
tut der größeste Teil der Menschen mehr?  Das beträchtlichste Geschäfte,
das sie von den übrigen Tieren voraus haben, ist die Sorge sich zu
bekleiden, welche die hauptsächlichste Beschäftigung vieler Millionen
ausmacht.  Und ich sollte", (sagte Agathon in einer von seinen schlimmsten
Launen zu sich selbst) "ich sollte meine Ruhe, meine Vergnügungen, meine
Kräfte, mein Dasein der Sorge aufopfern, damit irgend eine besondere Herde
dieser edeln Kreaturen besser esse, schöner wohne, sich häufiger begatte,
sich besser kleide, und weicher schlafe als sie zuvor taten, oder als
andere ihrer Gattung tun?--Ist das nicht alles was sie wünschen?  Und
gebrauchen sie mich dazu?  Was sollte mich bewegen, mir diese Verdienste
um sie zu machen?  Ist vielleicht nur ein einziger unter ihnen, der bei
allem was er unternimmt, eine edlere Absicht hat, als seine eigne
Befriedigung?  Bin ich ihnen etwan einige Hochachtung oder Dankbarkeit
dafür schuldig, daß sie für meine Bedürfnisse oder für mein Vergnügen
arbeiten?  Ich bin schuldig, sie dafür zu bezahlen; das ist alles was sie
wollen, und alles was sie an mich fordern können."

"Himmel!"--so deucht mich, höre ich hier einige rührende Stimmen
ausrufen--"ist's möglich?  Konnte Agathon so denken?  So klein, so unedel
-" "so kalt, meine schönen Damen, so kalt!  Und sie werden mir gestehen,
daß man in einer Einkerkerung von zween oder drei Monaten, die man sich
ganz allein durch große und edle Gesinnungen zugezogen, gute Gelegenheit
hat, sich von der Hitze der großmütigen Schwärmerei ein wenig abzukühlen
-" "Aber was wird nun aus der Tugend unsers Helden werden?--Was ist die
Tugend ohne dieses schöne Feuer, ohne diese erhabene Begeisterung, welche
den Menschen über die übrigen seiner Gattung, welche ihn über sich selbst
erhöht, und zu einem allgemeinen Wohltäter, zu einem Genius, zu einer
subalternen Gottheit macht?"--"Wir gestehen es, sie ist ohne diese
ätherische Flamme ein sehr unansehnliches, sehr wenig glänzendes Ding -"
"Und wie traurig ist es, die Tugend unsers Helden gerade da unterliegen zu
sehen, wo sie sich in ihrer größesten Stärke zeigen
sollte?--Wie?--erliegen, weil man Widerstand findet?  Die gute Sache
aufgeben, weil man, und vielleicht ohne Not, an einem glücklichen Ausgang
verzweifelt?  Was ist denn die wahre Tugend anders, als ein immerwährender
Streit mit den Leidenschaften, Torheiten und Lastern--in uns, und außer
uns?"--"Vortrefflich!--und in Bunyans 'Reise' so wohl ausgeführt, meine
Herren, daß ihr uns hier weiter nichts zu sagen braucht.  Es ist
bedaurlich, daß unser Held seine Rolle nicht besser behauptet--Aber allem
Ansehen nach, war er wohl niemals ein Held--und wir hatten Unrecht ihm
einen so ehrenvollen Namen beizulegen -" "Das eben nicht; er fing
vortrefflich an; er war ein Held, da er sich den zudringlichen
Liebkosungen der verführischen Pythia entriß -" "Das konnte die scheue und
schamhafte Unschuld der unbärtigen Jugend getan haben; und liebte er
damals nicht die schöne Psyche?"--"So verdiente er doch ein Held genannt
zu werden, als er den Mut hatte, sich eines verlassenen Unschuldigen gegen
eine mächtige Partei anzunehmen?"--"Ihr könntet vielleicht eben soviel aus
Ehrgeiz--oder aus Haß gegen einen der Feinde eures Klienten--oder aus
einer geheimen Absicht auf die Gemahlin eures Klienten--oder um vierzig
tausend Livres aus der Kasse eures Klienten tun?--und ihr hättet in keinem
von diesen Fällen eine Heldentat getan.  Daß Agathon damals aus edeln
Gesinnungen handelte, wissen wir--von ihm selbst; und wir haben Gründe, es
ihm zu glauben--aber er konnte sich mit der größesten Wahrscheinlichkeit
einen glänzenden Sukzeß versprechen; und was für ein Triumph war das für
die Ruhmbegierde eines Jünglings von zwanzig Jahren?"--"Nun, so war er
doch gewiß ein Held, da er gleichmütig und unerschütterlich sich dem
ungerechten Verbannungs-Urteil der Athenienser unterzog, und lieber das
äußerste erdulden, als seine Lossprechung einer Niederträchtigkeit zu
danken haben wollte!--So war er's damals, da er von sich sagen konnte:
'Ich verwies es der Tugend nicht, daß sie mir den Haß und die Verfolgungen
der Bösen zugezogen hatte; ich fühlte, daß sie sich selbst belohnt.'"--"In
der Tat, er war in diesem Augenblick groß; aber wir müssen nicht vergessen,
daß er sich damals in einem außerordentlichen Zustande, auf dem äußersten
Grade dieses Enthusiasmus der Tugend befand, der den Menschen vergessen
macht, daß er nur ein Mensch ist.  Diese Art von Heldentum daurt
natürlicher Weise nicht länger, als der Paroxysmus des Affekts.  Agathon
war sich damals, als er so dachte, einer unbefleckten Tugend bewußt; und
zu was für einem Stolz mußte dieses Gefühl seine Seele in einem Augenblick
aufschwellen, da sich ganz Athen zusammenverschworen zu haben schien, ihn
zu demütigen; in einem Augenblick, da dieser Stolz der ganzen Last seines
Unglücks das Gleichgewicht halten mußte, und ihm den Triumph verschaffte,
die Herren über sein Schicksal die ganze Obermacht, die ihm seine Tugend
über sie gab, fühlen zu lassen?  Diese Art von Stolz gleicht in ihren
Würkungen der Wut eines tapfern Mannes der zur Verzweiflung getrieben wird.
Die Gewißheit des Todes, in den er sich hineinstürzt, macht, daß er
Taten eines Unsterblichen tut.  Aber Agathon hatte dermalen nicht mehr
soviel Ursache, auf seine Tugend stolz zu sein.  Eben diese
enthusiastische Gemüts-Beschaffenheit, welche ihm bei seiner Verbannung zu
Athen die Gesinnungen eines Gottes eingehaucht, hatte ihn zu Smyrna den
Schwachheiten eines gemeinen Menschen ausgesetzt.  Er dachte nicht mehr so
groß von sich selbst, und da ihm nun, in ähnlichen Umständen, dieser
heroische Stolz nicht mehr zu statten kommen konnte, so mußte sich
derselbe notwendig in diejenige Art von Misanthropie verwandeln, welche
sich über die ganze Gattung erstreckt.  In diesem Stücke, wie in vielen
andern, ist die Geschichte Agathons die Geschichte aller Menschen.  Wir
denken so lange groß von der menschlichen Natur, als wir groß von uns
selber denken; unsere Verachtung hat alsdann nur einzelne Menschen oder
kleinere Gesellschaften zum Gegenstand.  Aber sobald wir in unsrer Meinung
von uns selbst fallen, sinkt durch eine innerliche Gewalt über welche wir
nicht Meister sind, unsre Meinung von der ganzen Gattung zu welcher wir
gehören; wir verwundern uns, daß wir nicht eher wahrgenommen, daß die
Torheiten, die Laster derjenigen, unter denen wir leben, Gebrechen der
Natur selbst sind, denen (mehr oder weniger, auf diese oder eine andre Art,
je nachdem Zeit, Umstände, Temperament und Gewohnheit es mit sich
bringen) ein jeder unterworfen ist; je genauer wir die Menschen
untersuchen, je mehr Gründe finden wir, so zu denken; und diese
Denkungsart flößet uns, zu eben der Zeit, da sie uns eine gewisse
Geringschätzung gegen die ganze Gattung gibt, mehr Nachsicht gegen die
Fehler und Gebrechen der einzelnen Personen, und besondern Gesellschaften,
mit denen wir in Verhältnis stehen, ein; so daß wir das, was wir an jenem
tugendhaften Schwulst, welchen die Einfalt übereilter Weise für die Tugend
selbst hält, verlieren, zu eben der Zeit an den notwendigsten und
liebenswürdigsten Tugenden, an Geselligkeit und Mäßigung gewinnen:
Tugenden, welche zwar nichts blendendes haben, aber desto mehr Wärme geben,
und uns desto geschickter machen, unter Geschöpfen zu leben, welche ihrer
alle Augenblicke benötiget sind.

Es ist ein gemeiner und oft getadelter Fehler des menschlichen Geschlechts,
daß sie das Wunderbare mehr lieben als das Natürliche, und das Glänzende
mehr als was nicht so gut in die Augen fällt, wenn es gleich brauchbarer
und dauerhafter ist.  Diese Art von dem Werte der Sachen zu urteilen ist
nirgends betrüglicher, als wenn sie auf moralische Gegenstände angewendet
wird.  Der Schluß, den man öfters von der Erhabenheit der Begriffe und
Empfindungen einer Person, und von der Fertigkeit eine gewisse Sprache der
Begeistrung zu reden, welche (wie die homerische Göttersprache) allen
Dingen andre Namen gibt, ohne daß die Dinge selbst darum etwas anders sind,
als sie unter ihren gewöhnlichen Namen sind, auf eine außerordentliche
Vortrefflichkeit des Charakters dieser Person zu machen pflegt, ist eben
so falsch, als das Vorurteil, welches viele gegen eine gelassene und
bescheidene Tugend gefaßt haben, welche, ohne sich durch feirliches
Gepränge, hochfliegende Ideen, anmaßliche Privilegien von den Gebrechen
der menschlichen Natur, und unerbittliche Strenge gegen dieselben
anzukündigen, nur darum weniger zu versprechen scheint, um im Werke selbst
desto mehr zu leisten.  Dieses vorausgesetzt könnten wir vielleicht mit
gutem Grunde behaupten, daß die Tugend unsers Helden, durch die neuerliche
Veränderung, die in seiner Denkensart vorging, in verschiedenen
Betrachtungen, große Vorteile erhalten habe.  Aber (wir wollen es nur
gestehen) was sie dabei auf einer Seite gewann, verlor sie auf einer
andern wieder.  Die Begriffe, welche wir uns von unsrer eignen Natur
machen, haben einen entscheidenden Einfluß auf alle unsre übrigen Begriffe.
So irrig, so lächerlich und kindisch es ist, wenn wir uns einbilden (und
doch bilden sich das die Meisten ein) daß der Mensch die Hauptfigur in der
ganzen Schöpfung, und alles andere bloß um seinetwillen da sei--So
natürlich ist hingegen, daß er es in dem besondern System seiner eignen
Ideen ist.  In dieser kleinen Welt ist und bleibt er, er wolle oder wolle
nicht, der Mittelpunkt--der Held des Stücks, auf den alles sich bezieht,
und dessen Glück oder Fall alles entscheidet.  Alles ist groß, wichtig,
interessant, wenn die Hauptperson wichtig ist, und eine große Rolle zu
spielen hat; aber wenn Scapin oder Harlekin der Held ist, was kann das
ganze Stück anders sein, als eine Farce?"


Man erinnert sich vermutlich noch der Zweifel, worin sich Agathon
verwickelt fand, als er die bezauberten Ufer von Jonien verließ, wo er,
vielleicht zu seinem Vorteil, erfahren hatte, daß die Ideen, welche sich
in den Hainen zu Delphi seiner jugendlichen Seele bemächtiget, und durch
den Unterricht und Umgang des göttlichen Platons zu Athen noch mehr darin
befestiget hatten, ihm bei einer Gelegenheit, wo er sich mit vollkommner
Sicherheit auf ihre Stärke und beschützende Kraft verlassen hatte, mehr
nachteilig als nützlich gewesen waren, ja sich endlich (zu einem billigen
Verdacht gegen ihre Realität) von ganz entgegengesetzten so unmerklich und
gutwillig hatten verdrängen lassen, daß er die Veränderung nicht eher
wahrgenommen, als da sie schon völlig zu Stande gekommen war.  Agathon
hatte damals keine Zeit, dieser Zweifel wegen mit sich selbst einig zu
werden; er glaubte zwar, oder hoffte vielmehr überhaupt, daß dasjenige was
in seinen vormaligen Grundsätzen wahres sei, sich mit seinen neuerlangten
Begriffen sehr wohl vereinigen lassen werde--aber er sah doch noch nicht
deutlich genug, wie?--und wurde beim ersten Anblick Lücken gewahr, welche
ihm desto mehr Sorge machten, je weniger er geneigt war, sie nach dem
Exempel der Meisten, die sich in dieser Schwierigkeit befinden, mit dem
ersten Besten, es möchte Stroh, Leimen, Lumpen oder was ihm sonst in die
Hände fiele, sein, auszustopfen.  Indes hatten doch damals seine vorigen
Lieblings-Ideen noch einen starken Anhang in seinem Herzen, und er
beruhigte sich, auf die Eingebungen desselben hin, mit der Hoffnung, daß
es ihm, sobald er in ruhigere Umstände käme, leicht sein würde, die
Harmonie zwischen seinem Kopf und seinem Herzen vollkommen wieder
herzustellen.  Allein die Geschäfte und die Zerstreuungen, welche zu
Syracus alle seine Zeit verschlangen, hatten ihn genötigt, eine für ihn so
wichtige Arbeit lange genug aufzuschieben, um sie durch immer neu
hervorbrechende Schwierigkeiten ungleich schwerer zu machen, als sie
anfangs gewesen wäre.  Die ungereimte und lächerliche Seite der
menschlichen Meinungen, Leidenschaften, und Gewohnheiten ist gemeiniglich
die erste, welche sie einem Manne von Verstand und Witz zeigen, der die
Muße nicht hat, sie mit anhaltender Aufmerksamkeit zu betrachten.  Agathon
gewöhnte sich also unvermerkt an diese Art, die Sachen anzuschauen; die
natürliche Heiterkeit und Lebhaftigkeit seiner Sinnesart disponierte ihn
ohnehin dazu; und die Syracusaner, deren Charakter eine Vermischung des
Atheniensischen und Corinthischen, oder eine Komposition von den
widersprechendesten Eigenschaften, welche ein Volk nur immer haben kann,
ausmachte--und ein Hof, wie Dionysens Hof war--versahen ihn so reichlich
mit komischen Charaktern, Bildern und Begebenheiten, daß der Absatz,
welchen der gegenwärtige Ton seiner Seele (wenn man uns dieses malerische
Kunst-Wort hier erlauben will) mit seinem ehmaligen machte, von Tag zu Tag
immer stärker werden mußte.  Der Oromasdes und Arimanius der alten Persen
werden uns nicht als tödlichere Feinde vorgestellt, als es der komische
Geist, und der Geist des Enthusiasmus sind; und die natürliche Antipathie
dieser beiden Geister wird dadurch nicht wenig vermehrt, daß beide gleich
geneigt sind, über die Grenzen der Mäßigung hinauszuschweifen.  Der
Enthusiastische Geist sieht alles in einem strengen feierlichen Licht; der
Komische alles in einem milden und lachenden; nichts ist dem ersten
leichter als so weit zugehen, bis ihm alles, was Spiel und Scherz heißt,
verdammlich vorkommt; nichts dem andern leichter, als gerade in demjenigen,
was jener mit der größesten Ernsthaftigkeit behandelt, am meisten Stoff
zum Scherzen und Lachen zu finden.

Nehmen wir zu diesem noch, daß der leichtsinnige und scherzhafte Ton von
jeher den Höfen vorzüglich eigen gewesen ist--und den besondern Umstand,
daß die anmaßlichen Akademisten, oder Hof-Philosophen des Dionys, den
einzigen Aristipp ausgenommen, eine Art von Tragikomischen Narren
vorstellten, welche recht mit Fleiß dazu ausgesucht zu sein schienen, um
die erhabenen Wissenschaften, für deren Priester und Mystagogen sie sich
ausgeben, so verächtlich zu machen, als sie selbst waren--Nehmen wir alles
dieses zusammen, so werden wir uns kaum verwundern können, wie es möglich
gewesen, daß unser Held nach und nach sich endlich auf einem Punkt befand,
wo ihn damals, da er in der Grotte der Nymphen auf Erscheinungen der
Götter wartete--oder da er die Grundsätze, die Verheißungen und die
Freundschaft des Sophisten Hippias mit einem so feurigen Unwillen von sich
stieß--vermutlich niemand, oder nur die schlauesten Kenner des
menschlichen Herzens erwartet haben mögen--nämlich da, wo ihm ein großer
Teil seiner vormaligen Ideen, an denen er zu Smyrna nur zu zweifeln
angefangen hatte, nun selbsten ganz schimärisch und belachenswert, und
diejenigen, deren Gegenstände ihm zwar ehrwürdig bleiben mußten, doch
subjektivisch betrachtet, in der barokischen Gestalt, wie sie in der
Einbildung der Sterblichen verkleinert, verzerrt, vermischt oder
verkleidet werden, zu nichts anderm zu taugen schienen, als lustig damit
zu machen.

Unsere nachdenkenden Leser werden nunmehr ganz deutlich begreifen, warum
wir Bedenken getragen haben, dem Urheber der Griechischen Handschrift in
seinem allzugünstigen Urteil von dem gegenwärtigen moralischen Zustande
unsers Helden, Beifall zu geben.  Wir können uns nicht verbergen, daß
dieser Zustand für seine Tugend gefährlich ist, und desto gefährlicher, je
mehr man in demselben durch eine gewisse Behaglichkeit, Munterkeit des
Geistes, und andre Anscheinungen einer völligen Gesundheit, sicher gemacht
zu werden pflegt, sich in seinem natürlichen Zustande zu glauben.  Nicht
als ob es uns eben so leid sei, unsern Helden (den wir mit allen seinen
Fehlern eben so sehr lieben, als ob er ein Sir Carl Grandison wäre) auf
dem Wege zu sehen, von allen Arten der Schwärmerei von Grund aus geheilt
zu werden--Denn so viel schönes und gutes sich immer zu ihrem Vorteil
sagen lassen mag, so bleibt doch gewiß, daß es besser ist gesund sein, und
keine Entzückungen haben, als die Harmonie der Sphären hören, und an einem
hitzigen Fieber liegen--aber wir besorgen billig, daß die allzustarke
Nachlassung, welche in der Seele eben sowohl als im Leibe, auf eine
übermäßige Spannung zu folgen pflegt, seinem Herzen wenigstens so
nachteilig werden könnte, als es die liebenswürdige Schwärmerei, womit wir
ihn behaftet gesehen haben, seiner Vernunft sein mochte.  Der neue Schwung,
den seine Denkungsart zu Syracus bekam, würde uns ziemlich gleichgültig
sein, wenn die Veränderung sich bloß auf spekulative Begriffe oder den Ton
und die Verteilung des Lichts und Schattens in seiner Seele erstreckte:
Aber wenn er dadurch weniger rechtschaffen, weniger ein Liebhaber der
Wahrheit, weniger empfindlich für das Beste des menschlichen Geschlechts,
weniger edelgesinnt, und wohltätig, weniger zur vorzüglichen Teilnehmung
an der Glückseligkeit irgend einer besondern Gesellschaft (ohne welche die
anmaßliche Welt-Bürgerschaft gewisser Leute bloße Großsprecherei oder
höchstens eine Art von Don-Quischotterie ist) und zur Freundschaft, diesem
Lieblings-Phantom schöner Seelen, weniger aufgelegt würde--erlaubet mir,
ihr strengen Anti-Platonisten, denen alles Schimäre heißt, was sich nicht
geometrisch beweisen läßt, erlaubet mir noch weiter zu gehen--wenn dieser
schöne, herzerhöhende, wohltätige, und der Tugend so vorteilhafte
Gedanke--für eine größere Sphäre als dieses animalische Leben, für eine
edlere Art von Existenz, für vollkommnere Gegenstände, und zu einer
vollkommnern Art von Aktivität, als unsre dermalige bestimmt zu sein--und
die begeisternden, wiewohl träumerischen Aussichten, die uns dieser Beste
aller Gedanken gibt--wenn er keinen Reiz, keine Macht auf seine Seele mehr
hätte--O! Agathon, Agathon!  dann würdest du, nicht unsern Haß, nicht eine
lieblose Beurteilung, nicht eine triumphierende Freude über deinen Fall,
aber--unser Mitleiden verdienen.

Die Gemüts-Verfassung worin wir ihn in diesem Kapitel gesehen haben,
scheint allerdings nicht sehr geschickt zu sein, uns über diesen Punkt
seinetwegen außer Sorgen zu setzen.  Es ist eine so unbeständige Sache um
die Begriffe, Meinungen und Urteile eines Menschen!  Die Umstände, der
besondere Gesichts-Punkt, in den sie uns stellen, die Gesellschaft worin
wir leben, tausend kleine Einflüsse, die wir einzeln nicht gewahr werden,
haben soviel Gewalt über dieses unerklärbare, launische, widersinnische
Ding, unsre Seele!--daß wir nicht Bürge dafür sein wollten, was aus unserm
Helden hätte werden können, wofern er mit solchen Dispositionen in eine
Gesellschaft von Hippiassen und Alcibiaden, oder zurück in die schöne Welt
zu Smyrna versetzt worden wäre.  Zu gutem Glück sehen wir ihn im Begriff,
zu Leuten zukommen, welche ihn mit der Menschheit wieder aussöhnen, und
seinem schon erkältenden Herzen diese beseelende Wärme wieder mitteilen
werden, ohne welche die Tugend eine bloße Spekulation ist, die zwar einen
unerschöpflichen Stoff zu scharfsinnigen Betrachtungen gibt, aber unter
den vielerlei chemischen Prozessen, welche die allzuspitzfündige Vernunft
mit ihr vornimmt, endlich ein so abgezogenes, so feines, so delikates Ding
wird, daß sich kein Gebrauch davon machen läßt.

So sehr sich auch die Einbildungs-Kraft unsers Helden abgekühlt hat, so
unzuverlässig, übertrieben und grillenhaft er die Geister-Lehre und die
metaphysische Politik seines Freundes Plato zu finden glaubt; so komisch
ihm seine eigene Ausschweifungen in dem Stande der Bezauberung, worin er
sich ehemals befunden, vorkommen; so klein er überhaupt von den Menschen
denkt, und so fest er entschlossen zu sein vermeint, von dem schönen
Phantom, wie er es itzo nennt, von dem Gedanken, sich Verdienste um seine
Gattung zu machen, in seinem Leben sich nicht wieder täuschen zu lassen;
so ist es doch bei weitem noch nicht an dem, daß er diese zarte
Empfindlichkeit der Seele, und diesen eingewurzelten Hang zu dem
idealischen Schönen verloren haben sollte, der das geheime Principium
seiner ehemaligen Begeisterung, und aller der manchfaltigen Schwärmereien,
Bezauberungen und Entzückungen, in deren magischem Labyrinthe sie ihn,
nach Maßgabe der Umstände, herumgeführt, gewesen ist.  Die verstohlnen
Blicke, die er noch so gerne in die Szenen seiner glücklichen Jugend wirft;
das Bild der liebenswürdigen Psyche, welches durch alle Veränderungen,
die in seiner Seele vorgegangen, nichts von seinem Glanze verloren hat;
die Erinnerung dieser reinen, unbeschreiblichen, fast vergötternden
Wollust, in welcher sein Herz zerfloß, als er es noch in seiner Gewalt
hatte, Glückliche zu machen; und als die Reinigkeit dieser göttlichen Lust
noch durch keine Erfahrungen von der Undankbarkeit und Bosheit der
Menschen verdüstert und trübe gemacht wurde--diese Bilder, denen er sich
noch so gerne überläßt--welche sich selbst in seinen Träumen seiner
gerührten Seele so oft und so lebhaft darstellen--die Seufzer, die Wünsche,
die er diesen geliebten verschwindenden Schatten nachschickt--alle diese
Symptomen sind uns Bürge dafür, daß er noch Agathon ist; daß die
Veränderung in seinen Begriffen und Urteilen, die neue Theorie von allem
dem, was würklich ein Gegenstand unsrer Nachforschung zu sein verdient,
oder von Eitelkeit und Vorwitz dazu gemacht worden, welche sich in seiner
Seele zu entwickeln angefangen, die edlern Teile seines Herzens nicht
angegriffen habe; kurz, daß wir uns Hoffnung machen können, aus dem Streit
der beiden widerwärtigen und feindlichen Geister, wodurch seine ganze
innerliche Verfassung seit einiger Zeit erschüttert, verwirrt und in
Gärung gesetzt worden, zuletzt eine eben so schöne Harmonie von Weisheit
und Tugend hervorkommen zu sehen, wie nach dem System der alten
Morgenländischen Weisen, aus dem Streit der Finsternis und des Lichts,
diese schöne Welt hervorgegangen sein soll.



EILFTES BUCH



ERSTES KAPITEL

Apologie des griechischen Autors


Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den
hauptsächlichsten Stücken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den
strengesten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gemäß zu sein, daß wir
keinen Grund sehen, an der Wahrheit derselben zu zweifeln.  Aber in diesem
eilften Buch, wir müssen es gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer
Welt, welche, unparteiisch von der Sache reden, zu allen Zeiten nichts
bessers als eine Werkel-Tags-Welt (wie Shakespear sie irgendwo nennt)
gewesen ist, ein wenig in das Land der Ideen, der Wunder, der
Begebenheiten, welche gerade so ausfallen, wie man sie hätte wünschen
können, und um alles auf einmal zu sagen, in das Land der schönen Seelen,
und der utopischen Republiken verirret zu sein.  Es stehet bei den Lesern,
ihm hierin soviel Glauben beizumessen, als sie gerne wollen; wir an unserm
Teil nehmen uns der Sache weiter nichts an; unsere Absichten sind bereits
erreicht, und die glücklichen oder unglücklichen Umstände, welche dem
Agathon noch bevorstehen mögen, haben nichts damit zu tun.  Indessen
glauben wir doch, daß der Autor allen den gutherzigen Leuten, welche sich
für den Helden einer solchen Geschichte nach und nach interessieren, und
gerne haben, wenn sich am Ende alles zu allerseitigem Vergnügen, mit
Entdeckungen, Erkennungen, glücklichem Wiederfinden der verlornen Freunde,
und etlichen Hochzeiten endet, einen Gefallen getan habe, seinen Helden,
nachdem er eine hinlängliche Anzahl guter und schlimmer Abenteuer
bestanden hat, endlich für seine ganze übrige Lebens-Zeit glücklich zu
machen.  Es mag sein, daß der Verfasser der griechischen Handschrift
hierin seinem guten Naturell den Lauf gelassen hat; denn in der Tat,
scheint es ein Zeichen eines harten und grausamen Herzens zu sein, welches
ein Vergnügen an der Qual und den Tränen seiner unschuldigen Leser findet,
wenn man alles anwendet, uns für den Helden und die Heldin einer
wundervollen Geschichte einzunehmen, bloß um uns zuletzt durch einen so
jämmerlichen Ausgang, als eine schwermütige, menschenfeindliche
Imagination nur immer erdenken kann, in einen desto empfindlichern und
unleidlichern Schmerz zu versenken, da es lediglich bei dem guten Willen
des Autors stund, uns desselben zu überheben.  Gleichwohl aber scheint uns
unser edler gesinnte Verfasser noch eine andre Absicht dabei gehabt zu
haben, welche er, ohne sich einer noch größern Unwahrscheinlichkeit
schuldig zu machen, nicht wohl anders als durch diese nicht
allzuwahrscheinliche Verbindung glücklicher Umstände, worein er seinen
Helden in diesem Buche setzt, erreichen konnte--Und was für eine Absicht
mag das wohl sein?--Ich will es ihnen unverblümt und ohne Umschweife sagen,
meine Herren und Damen, ob ich gleich besorgen muß, daß die ungewöhnliche
Offenherzigkeit, welche ich ihnen in dem ganzen Laufe dieses Werkes habe
sehen lassen, mir von einem oder dem andern aus ihrem Mittel übel
aufgenommen werden möchte--Unser Verfasser wollte dem Vorwurf ausweichen,
welchen Horaz gleichnisweise in dem bekannten Verse-...  Amphora coepit
Institui--currente rotâ cur urceus exit?- denjenigen Dichtern macht, in
deren Werken das Ende sich nicht zu dem Anfang schickt.  Er wollte in
seinem Helden, dessen Jugend und erste Auftritte in der Welt so große
Hoffnungen erweckt hatten, nachdem er ihn durch so viele verschiedene
Umstände geführt, als er für nötig hielt seine Tugend zu prüfen, zu
läutern und zu der gehörigen Konsistenz zu bringen, am Ende einen so
weisen und tugendhaften Mann darstellen, als man nur immer unter der Sonne
zu sehen wünschen, oder nach Gestalt der Sachen, erwarten könnte.  Der
Enthusiasmus, der die eigentliche Anlage seines Helden zu einem mehr als
gewöhnlichen Grade moralischer Vollkommenheit enthielt, verhinderte ihn zu
eben der Zeit da er seine Tugend erhöhte, so weise zu sein, als man sein
muß, um nicht mit den erhabensten Begriffen, und den edelsten Gesinnungen,
von sich selbst und von andern betrogen zu werden.  Eine Art zu denken,
welche ihn zu einer höhern Klasse von Wesen als die gewöhnlichen Menschen
sind, zu erheben schien, setzte ihn dem Neid, der verkehrten Beurteilung,
den Nachstellungen und Verfolgungen dieser Menschen aus; und machte ihn,
welches für seine Tugend das Schlimmste war, unvermerkt vergessen, daß er
im Grunde doch immer weder mehr noch weniger sei, als ein Mensch.  Die
Erfahrungen, die er endlich hierüber bekam, öffneten ihm die Augen, und
zerstreuten einen Teil der Bezauberung; er lernte sich selbst besser
kennen; aber er kannte die Welt noch nicht genug.  Ein neues und großes
Theater, auf welches er versetzt wurde, half diesem Mangel ab; eine immer
weiter ausgebreitete und vervielfältigte Erfahrung stimmte seine
allzuidealische Denk-Art herab, und überführte ihn, daß er, wie der
großmütige, tugendhafte und tapfre Ritter von Mancha (dieses lehrreiche
Bild der Schwachheiten und Verirrungen des menschlichen Geistes!)
Windmühlen für Riesen, Wirtshäuser für bezauberte Schlösser, und
Dorf-Nymphen für göttliche Dulcineen angesehen hatte.  Er wurde weiser,
aber auf Unkosten seiner Tugend.  So wie die Bezauberung seiner
Einbildungs-Kraft vorging, hörte auch die Begierde auf, große Taten zu tun,
allem Unrecht in der Welt zu steuern, mit den Feinden der allgemeinen
Glückseligkeit sich herumzuschlagen, und die Menschen, wider ihren Dank
und Willen, glücklich machen zu wollen.  Nun sage man mir, nachdem es mit
unserm Helden dazu gekommen war, (und, alles wohl erwogen, mußte es auf
eine oder andere Art endlich dazu kommen; denn die edelste, die
liebenswürdigste Schwärmerei, wenn sie gar zu lange dauert, und sich so
gar durch die Maul-Esel-Treiber von Jangois nicht austreiben lassen will,
wird endlich zu Narrheit,) was sollte, was konnte unser Autor nun weiter
mit ihm anfangen?  Einen misanthropischen Einsiedler aus ihm machen?--Dazu
war sein Kopf zu heiter und sein Herz zu schwach--oder zu zärtlich--oder
zu gut; was ihr wollt; und zudem mochte unser Autor, der ein Grieche war,
und wenigstens in die Zeiten des Alciphrons gesetzt werden muß, (wie die
Gelehrten ohne unser Erinnern bemerkt haben) vermutlich von der
Vortrefflichkeit einer einsiedlerischen Tugend die erhabenen Begriffe
nicht haben, welche man sich in den wundervollen Zeiten des dreizehnten
und vierzehnten Jahrhunderts bis zu unsern philosophischen Zeiten davon
gemacht hat, und (allem Ansehen nach) in einigen Ländern noch lange machen
wird.  Ihn wieder in die weite Welt zurückzuführen, wäre nichts anders
gewesen, als ihn der augenscheinlichsten Gefahr aussetzen, in seiner
antiplatonischen Denk-Art durch immer neue Erfahrungen bestärkt, und durch
die Gesellschaft witziger und liebenswürdiger Leute, welche entweder gar
keine Grundsätze, oder nicht viel bessere als der weise Hippias, gehabt
hätten, nach und nach auch um diesen kostbaren überrest seiner ehemaligen
Tugend gebracht zu werden, den er glücklicher Weise aus der verpesteten
Luft der großen Welt noch davon gebracht hat.  Vielleicht hätte er in
solchen Umständen noch immer eine Art von Mittel zwischen Weisheit und
Torheit, eine mehr lächerliche als hassenswürdige Komposition von kühnem
Witz und unschlüssiger Vernunft, von wahren und willkürlichen Begriffen,
von Aberglauben und Unglauben, von guten und bösen Leidenschaften,
Gewohnheiten und Launen, von gleich betrüglichen Tugenden und Lastern;
kurz, eine so vortreffliche Art von Geschöpfen werden können, wie ungefähr
die meisten von uns andern sind, wir mögen es nun einsehen--und wenn wir's
einsehen, eingestehen--oder nicht.  Bei so bewandten Umständen, und da es
(wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden
einen tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, daß man ganz
deutlich möchte begreifen können, wie ein solcher Mann--so geboren--so
erzogen--mit solchen Fähigkeiten und Dispositionen--mit einer solchen
besondern Bestimmung derselben--nach einer solchen Reihe von Erfahrungen,
Entwicklungen und Veränderungen--in solchen Glücks-Umständen--an einem
solchen Ort und in einer solchen Zeit--in einer solchen
Gesellschaft--unter einem solchen Himmels-Strich--bei solchen
Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen stärkern Einfluß auf
Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden)--bei einer
solchen Diät--kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie alle
diejenigen Umstände sind, in welche er den Agathon bisher gesetzt hat, und
noch setzen wird--ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein können,
und (diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, mögen es nun glauben
oder nicht,) unter den nämlichen, oder doch sehr ähnlichen Umständen, es
auch noch heutzutage werden könnte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war,
so blieb ihm freilich kein andrer Weg übrig, als seinen Helden in diesen
Zusammenhang glücklicher Umstände zu setzen, in welchen er sich nun bald,
zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird.  Freilich ist ein solcher
Zusammenfluß glücklicher Umstände allzuselten, um wahrscheinlich zu sein.
Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl überlegt) nur
ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses
ein gewagtes?  Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen
Sprung aus dem Fenster sein sollte.  Der kleine Held der Königin von
Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel helfen mußte:
Julius Cäsar würde ohne einen solchen Sprung das Vergnügen nicht gehabt
haben, als Herr der Welt (wie man, zwar lächerlich genug, zu sprechen
gewohnt ist,) durch die Straßen Roms ins Capitolium einzuziehen.

Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es
anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern
überlassen müssen.  Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so
beladet sich der Herausgeber, wie er schon erklärt hat, dessen im
geringsten nicht.  Die Absichten, warum er die alte Urkunde, welche
zufälliger Weise in seine Hände gekommen ist, in einen Auszug von
derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die vorhergehenden zehen Bücher
weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht.  Es ist verhoffentlich
unnötig, sich hierüber näher zu erklären.  Doch soviel können wir wohl
sagen, daß er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie
sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben
in den Kopf gesetzt haben mögen--und da dieses Buch, in so fern der
Herausgeber Teil daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat
er sich auch um die so genannte Schürzung des Knotens, und ob der
Verfasser der Urkunde seinen Knoten geschickt oder ungeschickt entwickelt
oder zerschnitten hat, wenig zu bekümmern.



ZWEITES KAPITEL

Die Tarentiner.  Charakter eines liebenswürdigen alten Mannes


Archytas, durch dessen nachdrückliche Verwendung Agathon der Hände seiner
Feinde zu Syracus entrissen worden, war ein vertrauter Freund seines
Vaters Stratonicus gewesen; ihre beiden Familien waren durch die Bande des
Gastrechts (welches bekannter maßen den Griechen sehr heilig war) von
uralten Zeiten her verbunden; der ausgebreitete Ruhm, welchen sich der
Philosoph von Tarent, als der Würdigste unter den Nachfolgern des
Pythagoras, als ein tiefer Kenner der Geheimnisse der Natur und der
mechanischen Künste, als ein weiser Staatsmann, als ein geschickter und
allezeit glücklicher Feldherr, und was allen diesen Vorzügen die Krone
aufsetzt, als ein rechtschaffener Mann, in der vollkommensten Bedeutung
dieses Worts erworben, hatte den Namen des Archytas unserm Helden schon
lange ehrwürdig gemacht; und hiezu kam noch, daß dessen jüngerer Sohn,
Critolaus, in den Zeiten des höchsten Wohlstandes Agathons zu Athen zwei
Jahre in seinem Hause zugebracht, und mit allen ersinnlichen
Freundschafts-Erweisungen überhäuft, eine Zuneigung von derjenigen Art für
ihn gefaßt hatte, welche in schönen Seelen (denn damals gab es noch schöne
Seelen) sich nur mit dem Leben endet.  Diese Freundschaft war zwar durch
zufällige Ursachen, und den Aufenthalt Agathons zu Smyrna eine Zeitlang
unterbrochen, aber sogleich nach seinem Entschluß, bei dem Dionys zu leben,
wieder erneuert, und seither sorgfältig unterhalten worden.  Agathon
hatte während seiner Staats-Verwaltung sich öfters bei der weisen
Erfahrenheit des Archytas Rats erholt; und die verschiedenen Verhältnisse,
worin die Tarentiner und Syracusaner, besonders in Absicht der
Handelschaft, mit einander stunden, hatten ihm öfters Gelegenheit gegeben,
sich um die ersten verdient zu machen.  Bei allen diesen Umständen ist
leicht zu ermessen, daß er den zärtlichen und dringenden Einladungen
seines Freundes Critolaus um so weniger widerstehen konnte, als die
Pflichten der Erkenntlichkeit gegen seine Erretter ihm keine Freiheit zu
lassen schienen, andere Beweggründe bei der Wahl seines Aufenthalts in
Betrachtung zu ziehen.

In der Tat hätte er sich auch keinen zu seinen nunmehrigen Absichten
bequemern Ort erwählen können als Tarent.  Diese Republik war damals
gerade in dem Zustande, worin ein jeder patriotischer Republikaner die
seinige zu sehen wünschen soll--zu klein, um ehrgeizige Projekte zu machen,
und zu groß, um den Ehrgeiz und die Vergrößrungs-Sucht ihrer Nachbarn
fürchten zu müssen; zu schwach, um in andern Unternehmungen, als in den
Künsten des Friedens, ihren Vorteil zu finden; stark genug, sich gegen
einen jeden nicht allzuübermächtigen Feind (und solche Feinde hat eine
kleine Republik selten) in ihrer Verfassung zu erhalten.  Archytas hatte
sie, in einer Zeit von mehr als dreißig Jahren, in welcher er sieben mal
die Stelle des obersten Befehlhabers in der Republik bekleidete, an die
weisen Gesetze, die er ihnen gegeben hatte, so gut angewöhnt, daß sie mehr
durch die Macht der Sitten als durch das Ansehen der Gesetze regiert zu
werden schienen.  Der größeste Teil der Tarentiner bestund aus Fabrikanten
und Handelsleuten.  Die Wissenschaften und schönen Künste stunden in
keiner besondern Hochachtung bei ihnen; aber sie waren auch nicht
verachtet.  Diese Gleichgültigkeit bewahrte die Tarentiner vor den
Fehlern und Ausschweifungen der Athenienser, bei denen jedermann, bis auf
die Gerber und Schuster, ein Philosoph und Redner, ein witziger Kopf und
ein Kenner sein wollte.  Sie waren eine gute Art von Leuten, einfältig von
Sitten, emsig, arbeitsam, regelmäßig, Feinde der Pracht und Verschwendung,
* leutselig und gastfrei gegen die Fremden, Hässer des Gezwungnen,
Spitzfündigen und übertriebenen in allen Sachen, und aus eben diesem
Grunde, Liebhaber des Natürlichen und Gründlichen, welche bei allem mehr
auf die Materie als auf die Form sahen, und nicht begreifen konnten, daß
eine fein gearbeitete Schüssel aus corinthischem Erzt besser sein könne,
als eine schlechte aus Silber, oder daß ein Narr liebenswürdig sein könne,
weil er artig sei.  Sie liebten ihre Freiheit, wie eine Gattin, nicht wie
eine Beischläferin, ohne Leidenschaft, und ohne Eifersucht; sie setzten
ein billiges Vertrauen in diejenige, denen sie die Vormundschaft über den
Staat anvertrauten; aber sie forderten auch, daß man dieses Vertrauen
verdiene.  Der Geist der Emsigkeit, der dieses achtungswürdige und
glückliche Volk beseelte--der unschuldigste und wohltätigste unter allen
sublunarischen Geistern, die uns bekannt sind--machte, daß man sich zu
Tarent weniger, als in den meisten mittelmäßigen Städten zu geschehen
pflegt, um andre bekümmerte; in so fern man sie durch keine gesetzwidrige
Tat, oder durch einen beleidigenden Kontrast mit ihren Sitten ärgerte,
konnte jeder leben wie er wollte.  Alles dieses zusammengenommen, machte,
wie uns deucht, eine sehr gute Art von republikanischem Charakter; und
Agathon hätte schwerlich einen Freistaat finden können, welcher
geschickter gewesen wäre, seinen gegen dieselbe gefaßten Widerwillen zu
besänftigen.  Ohne Zweifel hatte dieses Volk auch seine Fehler, wie alle
andre; aber der weise Archytas, unter welchem der National-Charakter der
Tarentiner erst eine gesetzte und feste Gestalt gewonnen hatte, wußte
diejenige Art derselben, welche man die Temperaments-Fehler eines Volks
nennen kann, so klüglich zu behandeln, daß sie durch die Vermischung mit
ihren Tugenden, beinahe aufhörten, Fehler zu sein--eine notwendige und
vielleicht die größeste Kunst eines Gesetzgebers, deren genauere
Untersuchung und Analyse wir, beiläufig, denenjenigen empfohlen haben
wollen, welche zu der schweren, und vermutlich spätern Zeiten aufbehaltnen,
aber möglichen Auflösung eines Problems, welches nur von Lilliputtischen
Seelen für schimärisch gehalten wird, der Aufgabe, welche Gesetzgebung
unter gegebenen Bedingungen, die beste sei?  etwas beizutragen sich
berufen fühlen.

Agathon entdeckte beim ersten Blick an die Italischen Ufer, seinen Freund
Critolaus, der mit einem Gefolge der edelsten Jünglinge von Tarent ihm
entgegengeflogen war, um ihn in einer Art von freundschaftlichem Triumph
in eine Stadt einzuführen, welche sich's zur Ehre rechnete, von einem
Manne wie Agathon, vor andern zu seinem Aufenthalt erwählt zu werden.  Die
angenehme Luft dieser von einem günstigen Himmel umflossenen Ufer, der
Anblick eines der schönsten Länder unter der Sonne, und der noch süßere
Anblick eines Freundes, von dem er bis zur Schwärmerei geliebt wurde,
machten unsern Helden in einem einzigen Augenblick alles Ungemach
vergessen, das er in Sicilien und in seinem ganzen Leben ausgestanden
hatte.  Ein frohes ahnendes Erwarten der Glückseligkeit, die in diesem zum
erstenmal betretenen Lande auf ihn wartete, verbreitete eine Art von
angenehmer Empfindung durch sein ganzes Wesen, welche sich nicht
beschreiben läßt.  Die unbestimmte Wollust, welche alle seine Sinnen
zugleich einzunehmen schien, war nicht dieses seltsame zauberische Gefühl,
womit ihn die Schönheiten der Natur und die Empfindung ihrer reinsten
Triebe, in seiner Jugend durchdrungen hatte--dieses Gefühl, diese Blüte
der Empfindlichkeit, diese zärtliche Sympathie mit allem was lebt oder zu
leben scheint; dieser Geist der Freude, der uns aus allen Gegenständen
entgegenatmet; dieser magische Firnis der sie überzieht, und uns über
einem Anblick, von dem wir zehn Jahre später kaum noch flüchtig gerührt
werden, in stillem Entzücken zerfließen macht--dieses beneidenswürdige
Vorrecht der ersten Jugend verliert sich mit dem Anwachs unsrer Jahre
unvermerkt, und kann nicht wieder gefunden werden; aber es war etwas, das
ihm ähnlich war; seine Seele schien dadurch wie von allen verdüsternden
Flecken seines unmittelbar vorhergehenden Zustandes ausgewaschen, und zu
den zärtlichen Eindrücken vorbereitet zu werden, welche sie in dieser
neuen Periode seines Lebens bekommen sollte.

Eine seiner glückseligsten Stunden, (wie er in der Folge öfters zu
versichern pflegte) war diejenige, worin er die persönliche Bekanntschaft
des Archytas machte.  Dieser ehrwürdige Greis hatte der Natur und der
Mäßigung, welche von seiner Jugend an ein unterscheidender Zug seines
Charakters gewesen war, den Vorteil einer Lebhaftigkeit aller Kräfte zu
danken, welche in seinem Alter etwas seltnes ist, aber bei den alten
Griechen lange nicht so selten war, als bei den meisten Europäischen
Völkern unsrer Zeit, bei denen es zur Gewohnheit zu werden angefangen hat,
die erste Hälfte des Lebens so unbesonnen zu verschwenden, daß man in der
andern die geheimsten Kräfte der Arznei-Kunst zu Hülfe rufen muß, um einen
schmachtenden Mittelstand von Sein und Nichtsein, von einem Tag zum andern
erbettelter Weise fortschleppen zu können.  So erkaltet als die
Einbildungs-Kraft unsers Helden war, so konnte er doch nicht anders als
etwas idealisches in dem Gemische von Majestät und Anmut, welches über die
ganze Person dieses liebenswürdigen Alten ausgebreitet war, zu
empfinden--und es desto stärker zu empfinden, je stärker der Absatz war,
den dieser Anblick mit allem demjenigen machte, woran sich seine Augen
seit geraumer Zeit hatten gewöhnen müssen--Und warum konnte er nicht
anders?  Die Ursache ist ganz simpel; weil dieses idealische nicht in
seinem Gehirne, sondern in dem Gegenstande selbst war.  Stellet euch einen
großen stattlichen Mann vor, dessen Ansehen beim ersten Blick ankündiget,
daß er dazu gemacht ist, andre zu regieren, und dem ihr ungeachtet seiner
silbernen Haare noch ganz wohl ansehen könnet, daß er vor fünfzig Jahren
ein schöner Mann gewesen ist--Ihr erinnert euch ohne Zweifel dergleichen
gesehen zu haben; aber das ist es noch nicht--Stellet euch vor, daß dieser
Mann in dem ganzen Laufe seines Lebens ein tugendhafter Mann gewesen ist;
daß eine lange Reihe von Jahren seine Tugend zu Weisheit gereift hat; daß
die unbewölkte Heiterkeit seiner Seele, die Ruhe seines Herzens, die
allgemeine Güte wovon es beseelt ist, das stille Bewußtsein eines
unschuldigen und mit guten Taten erfüllten Lebens, sich in seinen Augen
und in seiner ganzen Gesichts-Bildung mit einer Wahrheit, mit einem
Ausdruck von stiller Größe und Würdigkeit abmalt, dessen Macht man fühlen
muß, man wolle oder nicht--das ist, was ihr vielleicht noch nicht gesehen
habt--das ist das idealische, das ich meinte; und das war es was Agathon
sah--Ihr erinnert euch doch der guten alten Frau Shirley?--welche ich, für
meinen Teil, so reizend und selbst idealisch auch immer die Henrietten
Byrons, und ihre Rivalinnen sind, dennoch in gewissen Stunden einem ganzen
Serail von Henrietten, Clementinen und Emilien, (die Charlotten, Olivien
und alle andern Göttinnen von dieser Art, zusamt der schönen Magellone,
mit eingerechnet,) vorziehen wollte--Gut; ein Gemälde von dieser nämlichen
alten Frau, von der Hand eines van Dyk, (wenn es noch einen van Dyk gäbe)
würde ein Cabinetstück machen, um welches ich alle Liebes-Göttinnen und
Grazien der Vanloos und Bouchers, so wenig ich sonst ein Feind von ihnen
wäre, mit Freuden geben würde.  Archytas, von der Hand eines Apelles (wenn
zu seiner Zeit ein Apelles gewesen wäre) würde das Gegenbild davon sein.
Agathon hatte nichts nötig, als ihn anzusehen, um überzeugt zu sein, daß
er endlich gefunden habe, was er so oft gewünscht, aber noch nie gefunden
zu haben geglaubt hatte, ohne daß er in der Folge auf eine oder die andere
Art seines Irrtums überführt worden wäre--einen wahrhaftig weisen Mann,
einen Mann, der nichts zu sein scheinen wollte, als was er würklich war,
und an welchem das scharfsichtigste Auge nichts entdecken konnte, das man
anders hätte wünschen mögen.  Die Natur schien sich vorgesetzt zu haben,
durch ihn zu beweisen, daß die Weisheit nicht weniger ein Geschenke von
ihr sei, als der Genie; und daß, wofern es gleich der Kunst nicht
unmöglich ist, ein schlimmes Naturell zu verbessern, und aus einem Silen,
so der Himmel will, einen Socrates zu machen, (ein Triumph, den die Kunst
gleichwohl sehr selten davon trägt,) es dennoch der Natur allein zukomme,
diese glückliche Temperatur der Elemente, woraus der Mensch
zusammengesetzt ist, hervorzubringen, welche, unter einem Zusammenfluß
eben so glücklicher Umstände, endlich zu dieser vollkommnen Harmonie aller
Kräfte und Bewegungen des Menschen, worin Weisheit und Tugend in Einem
Punkt zusammenfließen, erhöht werden kann.  Archytas hatte niemalen weder
eine glühende Einbildungs-Kraft, noch heftige Leidenschaften gehabt; eine
gewisse Stärke, welche den Mechanismus seines Kopfs und seines Herzens
charakterisierte, hatte von seiner Jugend an die Würkung der Gegenstände
auf seine Seele gemäßiget; die Eindrücke, die er von ihnen bekam, waren
deutlich und nett genug, um seinen Verstand mit wahren Bildern zu erfüllen,
und die Verwirrung zu verhindern, welche in dem Gehirne derjenigen zu
herrschen pflegt, deren allzuschlaffe Fibern nur schwache und matte
Eindrücke von den Gegenständen empfangen; aber sie waren nicht so lebhaft
und von keiner so starken Erschütterung begleitet, wie bei denjenigen,
welche, durch zärtlichere Werkzeuge und reizbarere Sinnen zu den
enthusiastischen Künsten der Musen bestimmt, den zweideutigen Vorzug einer
zauberischen Einbildungs-Kraft und eines unendlich empfindlichen Herzens
durch die Tyrannie der Leidenschaften, der sie, mehr oder weniger,
unterworfen sind, teuer genug bezahlen müssen.  Archytas hatte es dem
Mangel dieses eben so schimmernden, als wenig beneidenswerten Vorzugs zu
danken, daß er wenig Mühe hatte, Ruhe und Ordnung in seiner innerlichen
Verfassung zu erhalten; daß er anstatt von seinen Ideen und Empfindungen
beherrscht zu werden, allezeit Meister von ihnen blieb, und die
Verirrungen des Geistes und des Herzens nur aus der Erfahrung andrer
kannte, von denen das schwärmerische Volk der Helden, Dichter und
Virtuosen aller Arten aus seiner eigenen sprechen kann.  Und daher kam es
auch, daß die Pythagoräische Philosophie, in deren Grundsätzen er erzogen
worden war--eben diese Philosophie, welche in dem Gehirne so vieler andrer
zu einem seltsamen Gemische von Wahrheit und Träumerei wurde,--sich durch
Nachdenken und Erfahrung in dem seinigen zu einem System von eben so
simpeln, als fruchtbaren und praktischen Begriffen ausbildete; zu einem
System, welches der Wahrheit näher zu kommen scheint, als irgend ein
anders; welches die menschliche Natur veredelt, ohne sie aufzublähen, und
ihr Aussichten in bessere Welten eröffnet, ohne sie fremd und unbrauchbar
in der gegenwärtigen zu machen; welches durch das Erhabenste und Beste,
was unsre Seele von Gott, von dem Welt-System, und von ihrer eigenen Natur
und Bestimmung zu denken fähig ist, ihre Leidenschaften reiniget und
mäßiget, ihre Gesinnungen verschönert, und (was kein so kleiner Vorteil
ist, als neunhundert und neun und neunzig Menschen unter tausenden sich
einbilden,) sie von der tyrannischen Herrschaft dieser pöbelhaften
Begriffe befreiet, welche die Seele verunstalten, sie klein,
niederträchtig, furchtsam, falsch und sklavenmäßig machen; jede edle
Neigung, jeden großen Gedanken abschrecken und ersticken, und doch darum
nicht weniger von politischen und religiösen Dämagogen unter dem größten
Teile des menschlichen Geschlechts, aus Absichten, woraus diese Herren
billig ein Geheimnis machen, eifrigst unterhalten werden.

Die zuverlässigste Probe über die Güte der Philosophie des weisen Archytas
ist, wie uns deucht, der moralische Charakter, den ihm das einstimmige
Zeugnis der Alten beilegt.  Diese Probe, es ist wahr, geht bei einem
System von metaphysischen Spekulationen nicht an; aber die Philosophie des
Archytas war ganz praktisch.  Das Exempel so vieler großen Geister,
welche in der Bestrebung, über die Grenzen des menschlichen Verstandes
hinauszugehen, verunglückt waren, hätte ihn in diesem Stücke vielleicht
nicht weiser gemacht, wenn er mehr Eitelkeit und weniger kaltes Blut
gehabt hätte; aber so wie er war, überließ er diese Art von Spekulationen
seinem Freunde Plato, und schränkte seine Nachforschungen über die bloß
intellektualischen Gegenstände lediglich auf diese einfältigen Wahrheiten
ein, welche das allgemeine Gefühl erreichen kann, welche die Vernunft
bekräftiget, und deren wohltätiger Einfluß auf den Wohlstand unsers
Privat-Systems so wohl als auf das allgemeine Beste allein schon genugsam
ist, ihren Wert zu beweisen.  Es läßt sich also ganz sicher von dem Leben
eines solchen Mannes auf die Güte seiner Denkens-Art schließen.  Archytas
verband alle häuslichen und bürgerlichen Tugenden, mit dieser schönsten
und göttlichsten unter allen, welche sich auf keine andre Beziehung
gründet, als das allgemeine Band, womit die Natur alle Wesen verknüpft.
Er hatte das seltene Glück, daß die untadeliche Unschuld seines
öffentlichen und Privat-Lebens, die Bescheidenheit, wodurch er den Glanz
so vieler Verdienste zu mildern wußte, und die Mäßigung, womit er sich
seines Ansehens bediente, endlich so gar den Neid entwaffnete, und ihm die
Herzen seiner Mitbürger so gänzlich gewannen daß er (ungeachtet er sich
seines hohen Alters wegen von den Geschäften zurückgezogen hatte) bis an
sein Ende als die Seele des Staats und der Vater des Vaterlands angesehen
wurde, und in dieser Qualität eine Autorität beibehielt, welcher nur die
äußerlichen Zeichen der königlichen Würde fehlten.  Niemals hat ein Despot
unumschränkter über die Leiber seiner Sklaven geherrschet, als dieser
ehrwürdige Greis über die Herzen eines freien Volkes; niemals ist der
beste Vater von seinen Kindern zärtlicher geliebt worden.  Glückliches
Volk!  welches von einem Archytas geregiert wurde, und den ganzen Wert
dieses Glücks so wohl zu schätzen wußte!--Und glücklicher Agathon, der in
einem solchen Mann einen Beschützer, einen Freund, und einen zweiten Vater
fand.



* Der Charakter, der hier den Tarentinern gegeben wird, macht einen
starken Absatz mit demjenigen, den sie zu den Zeiten des Königs Pyrrhus
hatten, und bis zum Untergang ihrer Freiheit behielten; allein es ist zu
bemerken, daß Archytas und Pyrrhus wenigstens 80 Jahre von einander
entfernt sind.  (Zurück)



DRITTES KAPITEL

Eine unverhoffte Entdeckung


Archytas hatte zwei Söhne, deren wetteifernde Tugend die seltene und
verdiente Glückseligkeit seines Alters vollkommen machte.  Diese
liebenswürdige Familie lebte in einer Harmonie beisammen, deren Anblick
unsern Helden in die selige Einfalt und Unschuld des goldnen Alters
versetzte.  Niemals hatte er eine so schöne Ordnung, eine so vollkommne
Eintracht, ein so regelmäßiges und schönes Ganzes gesehen, als das Haus
des weisen Archytas darstellte.  Alle Hausgenossen, bis auf die unterste
Klasse der Bedienten, waren eines solchen Hausvaters würdig.  Jedes schien
für den Platz, den es einnahm, ausdrücklich gemacht zu sein.  Archytas
hatte keine Sklaven; der freie, aber sittsame Anstand seiner Bedienten,
die Munterkeit, die Genauigkeit, der Wetteifer, womit sie ihre Pflichten
erfüllten, das Vertrauen, welches man auf sie setzte, bewies, daß er
Mittel gefunden hatte, selbst diesen rohen und mechanischen Seelen ein
Gefühl von Ehre und Tugend einzuflößen; die Art wie sie dienten, und die
Art, wie ihnen begegnet wurde, schien das unedle und demütigende ihres
Standes auszulöschen; sie waren stolz darauf, einem so vortrefflichen
Herrn zu dienen, und es war nicht einer, der die Freiheit auch unter den
vorteilhaftesten Bedingungen angenommen hätte, wenn er der Glückseligkeit
hätte entsagen müssen, ein Hausgenosse des Archytas zu sein.  Das
Vergnügen mit seinem Zustande leuchtete aus jedem Gesicht hervor; aber
keine Spur dieses üppigen übermuts, der gemeiniglich den müßiggängerischen
Haufen der Bedienten in großen Häusern bezeichnet; alles war in Bewegung;
aber ohne dieses lärmende Geräusch, welches den schweren Gang der Maschine
ankündiget; das Haus des Archytas glich dem inwendigen Mechanismus des
animalischen Körpers, in welchem alles in rastloser Arbeit begriffen ist,
ohne daß man eine Bewegung wahrnimmt, wenn die äußern Teile ruhen.

Agathon befand sich noch in diesem angenehmen Erstaunen, welches in den
ersten Stunden, die er in einem so sonderbaren Hause zubrachte, sich mit
jedem Augenblick vermehren mußte; als er auf einmal, und ohne daß ihn die
mindeste innerliche Ahnung dazu vorbereitet hätte, durch eine Entdeckung
überrascht wurde, welche ihn beinahe dahin gebracht hätte, alles was er
sah, für einen Traum zu halten.

Das Gynäceum war, wie man weiß, bei den Griechen den Fremden, welche in
einem Hause aufgenommen wurden, ordentlicher Weise, eben so unzugangbar
als der Harem bei den Morgenländern.  Aber Agathon wurde in dem Hause des
Archytas nicht wie ein Fremder behandelt.  Dieser liebenswürdige Alte
führte ihn also, nachdem sie sich ein paar Stunden, welche unserm Helden
sehr kurz wurden, mit einander besprochen hatten, in Begleitung seiner
beiden Söhne in das Innerste des Hauses, welches von dem weiblichen Teil
der Familie bewohnt wurde; um, wie er sagte, seinen Töchtern ein Vergnügen,
worauf sie sich schon so lange gefreuet hätten, nicht länger
vorzuenthalten.  Stellet euch vor, was für eine süße Bestürzung ihn befiel,
da die erste Person, die ihm beim Eintritt in die Augen fiel, seine
Psyche war!--Augenblicke von dieser Art lassen sich besser malen, als
beschreiben--diese Erscheinung war so unerwartet, daß sein erster Gedanke
war, sich durch eine zufällige ähnlichkeit dieser jungen Dame mit seiner
geliebten Psyche betrogen zu glauben.  Er stutzte; er betrachtete sie von
neuem; und wenn er nunmehr auch seinen Augen nicht hätte trauen wollen, so
ließ ihm das, was in seinem Herzen vorging, keinen Zweifel übrig.  Und
doch kam es ihm so wenig glaublich vor, daß er glücklich genug sein sollte,
nach einer so langen Abwesenheit und bei so wenigem Anschein, sie jemals
wieder zu sehen, sie in dem Gynäceo seiner Freunde zu Tarent wieder zu
finden!  Ein andrer Gedanke, der in diesen Umständen sehr natürlich war,
vermehrte seine Verwirrung, und hielt ihn zurück, sich der Freude zu
überlassen, welche ein eben so erwünschter als wenig verhoffter Anblick
über seine Seele ergoß.  Psyche sah nicht so aus, als ob sie eine Sklavin
in diesem Hause vorstelle; was konnte er also anders denken, als daß sie
die Gemahlin eines von den Söhnen des Archytas sein müßte? Es ist wahr, er
hätte eben so wohl denken können, daß sie seine wiedergefundene Tochter
sein könnte; aber in solchen Umständen bildet man sich immer das ein, was
man am meisten fürchtet.  In der Tat erriet er die Sache aufs erstemal;
Psyche war seit einigen Monaten die Gemahlin des Critolaus.

Unsere Leser sehen nun auf den ersten Blick, was für schöne Gelegenheit zu
pathetischen Beschreibungen und tragischen Auftritten uns dieser kleine
Umstand gibt--was für eine Situation! Den Gegenstand der zärtlichsten
Neigung seines Herzens, seine erste Liebe, nach einer langen schmerzlichen
Trennung unverhofft wieder finden, aber nur dazu wieder finden, um sie in
den Armen eines andern, und was uns nicht einmal das Recht zu klagen, zu
wüten und Rache zu schnauben übrig läßt, in den Armen unsers liebsten
Freundes zu sehen!--Zu gutem Glück für unsern Helden--und für den
Autor--waren diejenigen, welche in diesem Augenblick Zeugen von seiner
Bestürzung waren, keine so passionierte Liebhaber pathetischer Auftritte,
daß sie hätten fähig sein können, an seiner Qual Vergnügen zu finden.  Sie
wollten sich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu überraschen; aber es
würde grausam gewesen sein, eine Tragödie mit ihm zu spielen, so glücklich
auch am Ende die Entwicklung immer hätte sein mögen.  Die zärtliche
Psyche sah etliche Augenblicke seiner Verwirrung zu; aber länger konnte
sie sich nicht zurückhalten.  Sie flog ihm mit offnen Armen entgegen, und
indem ihre Freuden-Tränen seine glühende Wangen betauten, hörte er sich
mit einem Namen benennen, der ihre zärtlichste Liebkosungen selbst in
Gegenwart eines Gemahls rechtfertigte.

Wäre die Liebe, welche sie ihm in dem Hain zu Delphi eingeflößt hatte,
weniger platonisch gewesen, so würde die Entdeckung einer Schwester in der
Geliebten seines Herzens nicht so erfreulich gewesen sein, als sie ihm war.
Aber man erinnert sich noch, daß ihre Liebe, so ausnehmend zärtlich sie
auch gewesen war, doch mehr der Liebe, welche die Natur zwischen
Geschwistern von übereinstimmender Gemüts-Art stiftet, als derjenigen
geglichen hatte, welche sich auf die Zauberei eines andern Instinkts
gründet, von dessen fiebrischen Symptomen die ihrige allezeit frei
geblieben war.  Sie hatten damals schon ein sonderbares Vergnügen daran
gefunden, sich einzubilden, daß ihre Seelen wenigstens einander
verschwistert seien, da sie nicht Grund genug hatten, so sehr sie es auch
wünschten, die unschuldige Anmutung, welche sie für einander fühlten, der
Würkung der Sympathie des Blutes zu zuschreiben.  Agathon befand sich also
über alles was er hätte wünschen können, glücklich, da er, nach den
Erläuterungen, welche ihm gegeben wurden, nicht mehr zweifeln konnte, in
Psyche eine Schwester, welche er nach der ehmaligen Erzählung seines
Vaters für tot gehalten hatte, wieder zu finden, und durch sie ein Teil
einer Familie zu werden, für welche sein Herz bereits so eingenommen war,
daß der Gedanke sich jemals wieder von ihr zu trennen, ihm unerträglich
gewesen sein würde.  Nun meine zärtlichen Leserinnen, mangelte ihm, um so
glückselig zu sein, als es Sterbliche sein können, nichts als daß
Archytas--nicht irgend eine liebenswürdige Tochter oder Nichte hatte, mit
der wir ihn vermählen könnten.  Aber unglücklicher Weise für ihn hatte
Archytas keine Tochter; und wofern er Nichten hatte, welches wir nicht für
gewiß sagen können, so waren sie entweder schon verheiratet, oder nicht
dazu gemacht, das Bild der schönen Danae, und die Erinnerungen seiner
ehmaligen Glückseligkeit, welche von Tag zu Tag wieder lebhafter in seinem
Gemüte wurden, auszulöschen.

Diese Erinnerungen hatten schon zu Syracus in melancholischen Stunden
wieder angefangen einige Gewalt über sein Herz zu bekommen; der Gram,
wovon seine Seele in der letzten Periode seines Hof-Lebens, ganz
verdüstert und niedergeschlagen wurde, veranlaßte ihn, Vergleichungen
zwischen seinem vormaligen und nunmehrigen Zustande anzustellen, welche
unmöglich anders als zum Vorteil des ersten ausfallen konnten.  Er machte
sich selbst Vorwürfe, daß er das liebenswürdigste unter allen Geschöpfen,
in einem Anstoß von schwärmerischem Heldentum, aus so schlechten Ursachen,
auf die bloße Anklage eines so verächtlichen Menschen als Hippias, über
welche sie sich vielleicht, wenn er sie gehört hätte, vollkommen hätte
rechtfertigen können, verlassen habe.  Diese Tat, auf welche er sich
damals, da er sie für einen herrlichen Sieg über die unedlere Hälfte
seiner selbst, für ein großes Versöhn-Opfer, welches er der beleidigten
Tugend brachte, ansah, so viel zu gut getan hatte, schien ihm itzt
undankbar und niederträchtig-, es schmerzte ihn, wenn er dachte, wie
glücklich er durch die Verbindung seines Schicksals mit dem ihrigen hätte
werden können; und der Enthusiasmus gewann nichts dabei, wenn er zugleich
dachte, durch was für schimärische Vorstellungen und Hoffnungen er ihn um
seine Privat-Glückseligkeit gebracht habe.  Aber der Gedanke, daß er durch
ein so schnödes Verfahren die schöne Danae gezwungen habe, ihn zu
verachten, zu hassen, sich der Zärtlichkeit, die er ihr eingeflößt,
niemals anders als wie einer unglücklichen Schwachheit zu erinnern, deren
Andenken sie mit Gram und Reue erfüllen mußte--dieser Gedanke war ihm ganz
unerträglich; Danae, so sehr sie auch beleidigt war, konnte ihn unmöglich
so sehr verabscheuen, als er in den Stunden, da diese Vorstellungen seine
Vernunft überwältigten, sich selbst verabscheuete.  Allein diese Stunden
gingen endlich vorüber, und das ungeduldige Gefühl der gegenwärtigen übel
trug nicht wenig dazu bei, ihm die Ursachen und Umstände seiner Entfernung
von Smyrna in einem so splenetischen Lichte vorzustellen.  Die glückliche
Veränderung, welche die Versetzung in den Schoß der liebenswürdigsten
Familie, die vielleicht jemals gewesen ist, in seinen Umständen
hervorbrachte, veränderte notwendiger Weise auch die Farbe seiner
Einbildungs-Kraft.  Hätte er Danae nicht verlassen, so würde er weder
seine Schwester gefunden, noch mit dem weisen Archytas persönlich bekannt
worden sein.  Diese Folgen seiner tugendhaften Untreue machten den Wunsch,
sie nicht begangen zu haben, unmöglich; aber sie beförderten dagegen einen
andern, der in den Umständen, worin er zu Tarent lebte, sehr natürlich war.
Die heitre Stille, welche in seinem ohnehin zur Freude aufgelegten Gemüt
in kurzem wieder hergestellt wurde; die Freiheit von allen Geschäften und
Sorgen; der Genuß alles dessen, womit die Freundschaft ein gefühlvolles
Herz beseligen kann; der Anblick der Glückseligkeit seines Freundes
Critolaus, welche im Besitz der liebenswürdigen Psyche alle Tage zu
zunehmen schien; der Mangel an Zerstreuungen, wodurch die Seele verhindert
wird, sich in die Sphäre ihrer angenehmsten Ideen und Empfindungen zu
konzentrieren; die natürliche Folge hievon, daß diese Ideen und
Empfindungen desto lebhafter werden müssen--alles dieses vereinigte sich,
ihn nach und nach wieder in Dispositionen zu setzen, welche die
zärtlichste Erinnerungen an die einst so sehr geliebte Danae erweckten,
und ihn von Zeit zu Zeit in eine Art von sanfter wollüstiger Melancholie
setzten, worin sein Herz sich ohne Widerstand in diese zauberischen Szenen
von Liebe und Wonne zurückführen ließ, welche--aus Ursachen, die wir den
Moralisten zu entwickeln überlassen wollen--durch die in seiner Seele
vorgegangene Revolution ungleich weniger von ihrem Reiz verloren hatten,
als die abstraktern und bloß intellektualischen Gegenstände seines
ehmaligen Enthusiasmus.  Können wir ihn verdenken, daß er in solchen
Stunden die schöne Danae unschuldig zu finden wünschte--daß er dieses so
oft und so lebhaft wünschte, bis er sich endlich überredete, sie für
unschuldig zu halten--und daß die Unmöglichkeit, ein Gut wieder zu
erlangen, dessen er sich selbst so leichtgläubig und auf eine so verhaßte
Art beraubt hatte, ihn zuweilen in eine Traurigkeit versenkte, die ihm den
Geschmack seiner gegenwärtigen Glückseligkeit verbitterte, und sich nur
desto tiefer in sein Gemüt eingrub, weil er sich nicht entschließen konnte,
sein Anliegen denjenigen anzuvertrauen, denen er, diesen einzigen Winkel
ausgenommen, das Innerste seiner Seele aufzuschließen pflegte--"Wohin uns
diese Vorbereitung wohl führen soll?"--werden vielleicht einige von unsern
scharfsinnigen Lesern denken--"ohne Zweifel wird man uns nun auch die Dame
Danae von irgend einem dienstwilligen Sturmwind herbeiführen lassen,
nachdem uns, ohne zu wissen, wie?  das gute Mädchen Psyche, durch einen
wahren Schlag mit der Zauberrute, aus dem Gynäceo des alten Archytas
entgegengesprungen ist -" "Und warum nicht?--nachdem wir nun einmal wissen,
wie glücklich wir unsern Freund Agathon dadurch machen könnten" "aber wo
bleibt alsdann das Vergnügen der überraschung, welches andre Autoren ihren
Lesern mit so vieler Mühe und Kunst zu zuwenden pflegen."  "Es bleibt aus,
meine Herren; und Diderot kann Ihnen, wenn Sie wollen, sagen, warum Sie
wenig oder nichts dabei verlieren werden.  Inzwischen ist uns lieb,
erinnert worden zu sein, daß wir Ihnen einige Nachricht schuldig sind, wie
Psyche (welche wir, in einen Ganymed verkleidet, in den Händen eines
Seeräubers verlassen hatten,) dazu gekommen sei, die Gemahlin des
Critolaus und die Schwester Agathons zu werden.  Ein kurzer Auszug aus der
Erzählung, welche dem Agathon teils von seiner Schwester selbst, teils von
ihrer Amme gemacht wurde, (und die letzte hatte den Fehler, ein wenig
weitläufiger in ihren Erzählungen zu sein, als wir selbst,) wird
hinlänglich sein, dero gerechte Wissens-Begierde über diesen Punkt zu
befriedigen."


Ein heftiger Sturm ist ein sehr unglücklicher Zufall für Leute, die sich
mitten auf der offenen See, nur durch die Dicke eines Brettes von einem
feuchten Tode geschieden finden; aber für die Geschichtschreiber der
Helden und Heldinnen ist es beinahe der glücklichste unter allen Zufällen,
welche man herbeibringen kann, um sich aus einer Schwierigkeit
herauszuhelfen.  Es war also ein Sturm, (und Sie haben sich nicht darüber
zu beschweren, meine Herren, denn es ist, unsers Wissens, der erste in
dieser Geschichte,) der die liebenswürdige Psyche aus der fürchterlichen
Gewalt eines verliebten Seeräubers rettete.  Das Schiff scheiterte an der
Italienischen Küste, einige Meilen von Capua; und Psyche, von den Nereiden
oder Liebes-Göttern beschirmt, war die einzige Person auf dem Schiffe,
welche auf einem Brette glücklich von den Zephyrn ans Land getragen wurde.
Die Zephyrn allein wären hiezu vielleicht nicht hinreichend gewesen; aber
mit Hülfe einiger Fischer, welche glücklicher Weise bei der Hand waren,
hatte die Sache keine Schwierigkeit.  Das war nun alles sehr glücklich;
aber es ist nichts in Vergleichung mit dem, was nun folgen wird.  Einer
von den Fischern (der mitleidigste ohne Zweifel) führte die verkleidete
Psyche, welche sehr vonnöten hatte, sich zu trocknen, und von dem
ausgestandenen Ungemach zu erholen, zu seinem Weib in seine Hütte.  Die
Fischerin, (eine hübsche, dicke Frau von drei oder vier und vierzig
Jahren) welche die Miene hatte, in ihrer Jugend kein unempfindliches Herz
gehabt zu haben, bezeugte ungemeines Mitleiden mit dem Unglück eines so
liebenswürdigen jungen Herrn, als die schöne Psyche zu sein schien; sie
pflegte seiner, so gut es nur immer möglich war, und konnte sich nicht
satt an ihm sehen.  Es war ihr immer, sagte sie, als ob sie schon einmal
ein solches Gesicht gesehen hätte, wie das seinige; und sie konnte es kaum
erwarten, bis der schöne Fremdling im Stande war, nach eingeführter
Gewohnheit, seine Geschichte zu erzählen.  Aber Psyche hatte der Ruhe
vonnöten; sie wurde also zu Bette gebracht; und bei dieser Gelegenheit
entdeckte die Fischerin, welche auf die kleinsten Umstände aufmerksam war,
daß der vermeinte Jüngling ein überaus schönes Mädchen--aber doch nicht
mehr so schön war, als sie in ihren Manns-Kleidern ausgesehen hatte.  Es
war natürlich, über diese Verwandlung im ersten Augenblick ein wenig
mißvergnügt zu sein; aber dieser kleine vorübergehende Unmut verwandelte
sich bald in die lebhafteste und zärtlichste Freude--kurz, es entdeckte
sich, daß die Fischerin Clonarion, die Amme der schönen Psyche war, welche,
mit Hülfe dieses Namens, ihrer geliebten Amme sich wieder eben so gut zu
erinnern glaubte, als diese aus den Gesichts-Zügen der Psyche, aus ihrer
ähnlichkeit mit ihrer Mutter, Musarion, und besonders aus einem kleinen
Mal, welches sie unter der linken Brust hatte, ihre allerliebste
Pflegtochter erkannte.  Clonarion war die vertrauteste Sklavin der Mutter
unsrer Heldin gewesen, und ihrer Pflege wurde nach dem Tode derselben die
kleine Psyche, oder Philoclea, wie sie eigentlich hieß, anvertraut; denn
Psyche war nur ein Liebkosungs-Name, den ihr ihre Amme aus Zärtlichkeit
gab, und welchen die kleine Philoclea, weil sie sich niemals anders als
Psyche oder Psycharion nennen gehört hatte, in der Folge als ihren
würklichen Namen angab.  Stratonicus hatte der Clonarion mit der noch
unmündigen Psyche eine hinlängliche Summe Gelds übergeben, und befohlen,
sie in der Nähe von Corinth zu erziehen, weil er dort die beste
Gelegenheit hatte, sie von Zeit zu Zeit unerkannt zu sehen.  Die junge
Psyche, die Freude und der Stolz ihrer zärtlichen Amme, von der sie wie
ihr eigenes Kind geliebet wurde, wuchs so schön heran, daß man nichts
liebenswürdigers sehen konnte.  Die Hoffnung des Gewinsts reizte endlich
einige Bösewichter, sie, da sie ungefähr fünf bis sechs Jahre alt war,
heimlich wegzustehlen, und an die Priesterin zu Delphi zu verkaufen.  Ein
Halsgeschmeide, woran ein kleines Bildnis ihrer Mutter hing, und womit die
junge Psyche allezeit geschmückt zu sein pflegte, wurde zugleich mit ihr
verkauft, und diente in der Folge zur Bestätigung, daß sie würklich die
Tochter des Stratonicus sei.  Clonarion raufte sich einen guten Teil ihrer
Haare aus, da sie ihre Psyche vermißte; und nachdem sie eine ziemliche
Zeit zugebracht hatte, sie allenthalben (außer da, wo sie würklich war,)
zu suchen, wußte sie kein ander Mittel, sich bei ihrem Herrn von der
Schuld einer strafbarn Nachlässigkeit entledigen zu können, als vorzugeben,
daß sie gestorben sei; und Stratonicus konnte desto leichter hintergangen
werden, weil er damals eben in Geschäfte verwickelt war, welche ihn lange
Zeit hinderten, nach Corinth zu kommen.  Inzwischen hatte die allenthalben
herumirrende Clonarion eine Menge Abenteuer, welche sich endlich damit
endigten, daß sie die Gattin eines schon ziemlich bejahrten Fischers aus
der Gegend von Capua wurde, in dessen Augen sie damals wenigstens so schön
als Thetis und Galathea war.  Sie hatte ihre geliebte Pflegtochter in so
zärtlichem Andenken behalten, daß sie einer Tochter, von der sie selbst
entbunden wurde, den Namen Psyche gab, bloß um sich derselben beständig zu
erinnern.  Der Tod dieses Kindes, der beinahe in eben dem Alter erfolgte,
worin Psyche geraubt worden war, riß die alte Wunde wieder auf; und da ihr
durch diese Umstände das Bild der jungen Psyche immer gegenwärtig blieb,
so hatte sie desto weniger Mühe, sie wieder zu erkennen, ungeachtet
vierzehn oder fünfzehn Jahre einige Veränderung in ihren Gesichts-Zügen
gemacht haben mußten.  Unsre Heldin vermehrte also nunmehr die kleine
Familie des alten Fischers, welcher seinen Aufenthalt veränderte, und in
die Gegend von Tarent zog, wo er sie, weil sie alle unbekannt waren, für
seine Tochter ausgeben konnte.  Psyche bequemte sich so gut in die
schlechten Umstände, worin sie bei ihrer Pflegmutter leben mußte, als ob
sie niemals in bessern gelebt hätte, und ließ sich nichts angelegner sein,
als ihr durch emsiges Arbeiten die Last ihres Unterhalts zu erleichtern.
Endlich fügte es sich zufälliger Weise, daß der junge Critolaus unsre
Heldin zu Gesicht bekam, welche in ihrem bäurischen, aber reinlichen Anzug,
und mit frischen Blumen geschmückt, demjenigen, dem sie in einem Haine
begegnete, eher eine von den Gespielen der Diana, als die Tochter eines
armen Fischers scheinen mußte.  Critolaus faßte die heftigste Leidenschaft
für sie; weil seine Liebe eben so tugendhaft, als zärtlich war, so brachte
er bald die mitleidige Clonarion auf seine Seite; und da Psyche selbst
nunmehr wußte, daß Agathon ihr Bruder sei, so war kein Grund, warum sie
gegen die Zuneigung eines so liebenswürdigen jungen Menschen unempfindlich
hätte sein sollen.  In der Tat war Critolaus in mehrern Absichten der
zweite Agathon; allein die Umstände ließen so wenig Hoffnung zu, daß eine
rechtmäßige Verbindung zwischen ihnen möglich sein könnte, daß Psyche sich
verbunden hielt, ihm dasjenige, was zu seinem Vorteil in ihrem Herzen
vorging, desto sorgfältiger zu verbergen, je entschlossener er war, seiner
Liebe alle andre Betrachtungen aufzuopfern.  Endlich wußte er sich nicht
anders zu helfen, als daß er das Geheimnis seines Herzens demjenigen
entdeckte, dessen Beifall er am wenigsten zu erhalten hoffen konnte.  Die
ganze Beredsamkeit der begeisterten Liebe würde über einen Weisen, wie
Archytas war, wenig vermocht haben; aber Critolaus sagte so viel
außerordentliches von dem Geist und der Tugend seiner Geliebten, daß sein
Vater endlich aufmerksam zu werden anfing.  Archytas hatte die Macht des
Dämons der Liebe nie erfahren; aber er war menschlich, gütig, und über die
gemeine Vorurteile und Absichten erhaben.  Ein schönes und tugendhaftes
Mädchen war in seinen Augen ein sehr edles Geschöpfe, dessen Wert durch
den Schatten der Niedrigkeit und Armut nur desto mehr erhaben wurde.  Kaum
wurde der junge Critolaus gewahr, daß sein Vater zu wanken anfing; so
wagte er's, ihm das Geheimnis der Geburt seiner Geliebten zu entdecken,
welches ihm Clonarion, in Hoffnung, daß es gute Folgen haben könnte, ohne
Wissen der schönen Psyche vertraut hatte.  Archytas, welchem Stratonicus
ehmals seine heimliche Verbindung mit Musarion entdeckt hatte, war über
diesen Zufall nicht wenig erfreut; er wünschte nichts mehr, als daß
diejenige, für welche sein Sohn so heftig eingenommen war, die Tochter
seines liebsten Freundes sein möchte; aber er wollte gewiß sein, daß sie
es sei; und hiezu schien ihm das bloße Zeugnis eines Fischer-Weibs zu
wenig.  Er veranstaltete es, daß er Psychen und ihre angebliche Amme
selbst zu sehen bekam; er glaubte, in der Gesichtsbildung der ersten
einige Züge von ihrem Vater zu entdecken; und die Unterredung, die er mit
ihr hatte, bestätigte den günstigen Eindruck, den ihr Anblick auf sein
Gemüt gemacht hatte.  Er ließ sich ihre Geschichte mit allen Umständen
erzählen, und fand nun immer weniger Ursache, an der Wahrheit dessen zu
zweifeln, was sein Sohn auf die bloße Aussage der Amme, ohne die mindeste
Untersuchung, für die ausgemachteste Wahrheit hielt.  Das Halsgeschmeide,
welches Psyche in den Händen der Pythia hatte zurücklassen müssen, schien
ihm allein noch abzugehen, um ihn gänzlich zu überzeugen.  Er schickte
deswegen einen seiner Vertrauten nach Delphi ab; und die Pythia, da sie
sah, daß ein Mann von solcher Wichtigkeit sich des Schicksals ihrer
ehemaligen Sklavin annahm, machte keine Schwierigkeiten, dieses
Merkzeichen der Abkunft derselben auszuliefern.  Nunmehr glaubte Archytas
berechtigt zu sein, Psyche als die Tochter eines Freundes, dessen Andenken
ihm teuer war, anzusehen; und nun hatte er selbst nichts angelegners, als
sie je eher je lieber in seine Familie zu verpflanzen.  Sie wurde also die
Gemahlin des glücklichen Critolaus; und diese Verbindung gab natürlicher
Weise neue Beweggründe, sich der Befreiung Agathons mit so lebhaftem Eifer
anzunehmen, als es, obenerzählter maßen, geschehen war.



VIERTES KAPITEL

Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte


Agathon hatte zwar viel früher zu leben angefangen, als es gemeiniglich
geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der
Welt gänzlich zurückzuziehen.  Indessen hielt er sich, nachdem er schon
zu zweien malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des
öffentlichen Lebens gespielt, und sie für einen jungen Mann gut genug
gespielt hatte, berechtiget, so lange er keinen besondern Beruf erhalten
würde, seiner Nation zu dienen, oder so lange sie seiner Dienste nicht
schlechterdings vonnöten hätte, sich in den Zirkel des Privat-Lebens
zurückzuziehen; und hierin stimmten die Grundsätze des weisen Archytas
völlig mit seiner Art zu denken überein.  "Ein Mann von mehr als
gewöhnlicher Fähigkeit", sagte Archytas, "hat zu tun genug, an seiner
eigenen Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am
geschicktesten zu dieser Beschäftigung, nachdem er durch eine Reihe
beträchtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen
angefangen hat; und indem er solchergestalt an sich selbst arbeitet,
arbeitet er würklich für die Welt, indem er dadurch um soviel geschickter
wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen überhaupt,
nützlich zu sein, und es sei nun mit vielem oder wenigem Gepränge, in
einem größern oder kleinern Zirkel, auf eine öffentliche oder nicht so
merkliche Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuwürken."

Dieser Maxime zufolge beschäftigte sich Agathon, nachdem er zu Tarent
einheimisch zu sein angefangen hatte, hauptsächlich mit den mathematischen
Wissenschaften, mit Erforschung der Kräfte und Eigenschaften der
natürlichen Dinge, mit der Astronomie, kurz mit demjenigen Teil der
spekulativen Philosophie, welche uns, mit Hülfe unsrer Sinnen und
behutsamer Vernunft-Schlüsse zu einer zwar mangelhaften, aber doch
zuverlässigen Erkenntnis der Natur und ihrer majestätisch-einfältigen,
weisen und wohltätigen Gesetze führt.  Er verband mit diesen erhabenen
Studien, worin ihm die Anleitung des Archytas vorzüglich zu statten kam,
das Lesen der besten Schriftsteller von allen Klassen, insonderheit der
Geschichtschreiber, und das Studium des Altertums, welches er, so wie die
Verbal-Kritik, für eine der edelsten und nützlichsten, oder für eine der
nichtswürdigsten Spekulationen hielt, je nachdem es auf eine
philosophische oder bloß mechanische Art getrieben werde.  Nicht selten
setzte er diese anstrengenden Beschäftigungen bei Seite, um, wie er sagte,
mit den Musen zu scherzen; und der natürliche Schwung seines Genie machte
ihm diese Art von Gemüts-Ergötzung so angenehm, daß er Mühe hatte sich
wieder von ihr loszureißen.  Auch die Malerei und die Musik, die
Schwestern der Dichtkunst, deren höhere Theorie sich in den
geheimnisvollesten Tiefen der Philosophie verliert, hatten einen Anteil an
seinen Stunden, und halfen ihm, das allzueinförmige in den Beschäftigungen
seines Geistes, und die schädlichen Folgen, die aus der Einschränkung
desselben auf eine einzige Art von Gegenständen entspringen, zu vermeiden.

Die häufigen Unterredungen, welche er mit dem weisen Archytas hatte,
trugen viel und vielleicht das Meiste bei, seinen Geist in den
tiefsinnigern Spekulationen über die metaphysischen Gegenstände, von
Abwegen zurückzuhalten.  Agathon, welcher ehmals, da alles in seiner Seele
zur Empfindung wurde, seinen Beifall zu leicht überraschen ließ; fand itzt,
seitdem er mit kälterm Blute philosophierte, beinahe alles zweifelhaft;
die Zahl der menschlichen Begriffe und Meinungen, welche die Probe einer
ruhigen, gleichgültigen und genauen Prüfung aushielten, wurde alle Tage
kleiner für ihn; die Systeme der dogmatischen Weisen verschwanden nach und
nach, und zerflossen vor den Strahlen der prüfenden Vernunft, wie die
Luft-Schlösser und Zauber-Gärten, welche wir zuweilen an Sommer-Morgen im
düftigen Gewölke zu sehen glauben, vor der aufgehenden Sonne.  Der weise
Archytas billigte den bescheidnen Skeptizismus seines Freundes; aber indem
er ihn von allzukühnen Reisen im Lande der Ideen zu den wenigen
einfältigen, aber desto schätzbarern Wahrheiten zurückführte, welche der
Leitfaden zu sein scheinen, an welchem uns der allgemeine Vater der Wesen
durch diesen Labyrinth des Lebens sicher hindurchführen will--verwahrte er
ihn vor dieser gänzlichen Ungewißheit des Geistes, welche eine eben so
große Unentschlossenheit und Mutlosigkeit des Willens nach sich zieht, und
dadurch eine Quelle so vieler schädlicher Folgen für die Tugend und
Religion, und also für die Ruhe und Glückseligkeit unsers Lebens wird, daß
der Zustand des bezaubertesten Enthusiasten dem Zustand eines solchen
Weisen vorzuziehen ist, der aus immerwährender Furcht zu irren, sich
endlich gar nichts mehr zu bejahen oder zu verneinen getraut.  In der Tat
gleicht die Vernunft in diesem Stück ein wenig dem Doktor Peter Rezio von
Aguero; sie hat gegen alles, womit unsre Seele genährt werden soll, soviel
einzuwenden, daß diese endlich eben sowohl aus Inanition verschmachten
müßte, wie die unglücklichen Statthalter der Insel Barataria bei der Diät,
wozu sie das verwünschte Stäbchen ihres allzuskrupulosen Leibarztes
verurteilte.  Das beste ist in diesem Falle, sich wie Sancho zu helfen.
Der Instinkt und dieses am wenigsten betrügliche Gefühl des Wahren und
Guten, welches die Natur allen Menschen zugeteilt hat, können uns am
besten sagen, woran wir uns halten sollen; und dahin müssen, früher oder
später, die größesten Geister zurückkommen, wenn sie nicht das Schicksal
haben wollen, wie die Taube des Altvaters Noah allenthalben
herumzuflattern und nirgends Ruhe zu finden.

Bei allen diesen manchfaltigen Beschäftigungen, womit unser ehmaliger Held
seine Muße zu seinem eigenen Vorteil erfüllte, blieben ihm doch viele
Stunden übrig, welche der Freundschaft und dem geselligen Vergnügen
gewidmet waren--und für seine Ruhe nur allzuviele, in denen eine Art von
zärtlicher Schwermut, deren er sich nicht erwehren konnte, seine Seele in
die bezauberten Gegenden zurückführte, deren wir im vorigen Kapitel schon
Erwähnung getan haben.  In einer solchen Gemüts-Disposition liebt man
vorzüglich den Aufenthalt auf dem Lande, wo man Gelegenheit hat, seinen
Gedanken ungestörter nachzuhängen, als unter den Pflichten und
Zerstreuungen des geselligern Stadt-Lebens.  Agathon zog sich also öfters
in ein Landgut zurück, welches sein Bruder Critolaus, ungefähr zwo Stunden
von Tarent besaß, und wo er sich in seiner Gesellschaft zuweilen mit der
Jagd belustigte.  Hier geschah es einsmals, daß sie von einem Ungewitter
überrascht wurden, welches wenigstens so heftig war, als dasjenige,
wodurch, auf Veranstaltung zwoer Göttinnen, Aeneas und Dido in die
nämliche Höhle zusammengescheucht wurden-Aber da zeigte sich nirgends
keine wirtschaftliche Höhle, welche ihnen einigen Schirm angeboten hätte;
und das schlimmste war, daß sie sich von ihren Leuten verloren hatten, und
eine geraume Zeit nicht wußten, wo sie waren; ein Zufall, der an sich
selbst wenig außerordentliches hat, aber wie man sehen wird, eines der
glücklichsten Abenteuer veranlassete, das unserm Helden jemals zugestoßen
ist.  Nachdem sie sich endlich aus dem Walde herausgefunden hatten,
erkannte Critolaus die Gegend wieder; aber er sah zugleich, daß sie
etliche Stunden weit von Haus entfernt waren.  Das Ungewitter wütete noch
immer fort, und es fand sich kein näherer Ort, wohin sie ihre Zuflucht
nehmen konnten, als ein einsames Landhaus, welches seit mehr als einem
Jahr von einer fremden Dame von sehr sonderbarem Charakter bewohnt wurde.
Man vermutete aus einigen Umständen, daß sie die Witwe eines Mannes von
Ansehen und Vermögen sein müsse; aber es war bisher unmöglich gewesen,
ihren Namen und vorigen Aufenthalt, oder was sie bewogen haben könnte, ihn
zu verändern, und in einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt zu
leben, auszuforschen.  Das Gerüchte sagte Wunder von ihrer Schönheit;
indessen war doch niemand der sich rühmen konnte, sie gesehen zu haben.
überhaupt hatte man eine Zeit lang vieles und desto mehr von ihr
gesprochen, je weniger man wußte; allein da sie fest entschlossen schien,
sich nichts darum zu bekümmern; so hatte man endlich auf einmal aufgehört
von ihr zu reden, und es der Zeit überlassen, das Geheimnis, das unter
dieser Person und ihrer sonderbaren Lebens-Art verborgen sein möchte, zu
entdecken.  "Vielleicht", sagte Critolaus, "ist es eine zweite Artemisia,
die sich, ihrem Schmerz ungestört nachzuhängen, in dieser Einöde lebendig
begraben will.  Ich bin schon lange begierig gewesen sie zu sehen; dieser
Sturm hoff' ich, soll uns Gelegenheit dazu geben.  Sie kann uns eine
Zuflucht in ihrem Hause nicht versagen; und wenn wir nur einmal drinnen
sind, so wollen wir wohl Mittel finden, vor sie zu kommen, ob wir gleich
die ersten in dieser Gegend wären, denen dieses Glück zu Teil würde."  Man
kann sich leicht vorstellen, daß Agathon, so gleichgültig er auch seit
seiner Entfernung von der schönen Danae gegen die Damen war, dennoch
begierig werden mußte, eine so außerordentliche Person kennen zu lernen.
Sie kamen vor dem äußersten Tor eines Hauses an, welches einem
verwünschten Schlosse ähnlicher sah, als einem Landhause in Jonischem oder
Corinthischem Geschmacke.  Das schlimme Wetter, ihr anhaltendes Bitten,
und vielleicht auch ihre gute Miene brachte zuwegen, daß sie eingelassen
wurden.  Einige alte Sklaven führten sie in einen Saal, wo man sie mit
vieler Freundlichkeit nötigte, alle die kleinen Dienste anzunehmen, welche
sie in dem Zustande, worin sie waren, nötig hatten.  Die Figur dieser
Fremden schien die Leute des Hauses in Verwundrung zu setzen, und die
Meinung von ihnen zu erwecken, daß es Personen von Bedeutung sein müßten;
aber Agathon, dessen Aufmerksamkeit bald durch einige Gemälde angezogen
wurde, womit der Saal ausgeziert war, wurde nicht gewahr, daß er von einer
Sklavin mit noch weit größerer Aufmerksamkeit betrachtet wurde.  Diese
Sklavin, (wie Critolaus in der Folge erzählte, denn anfangs hielt er's
bloß für eine Würkung der Schönheit unsers Helden) schien einer Person
gleich zu sehen, welche nicht weiß, ob sie ihren Augen trauen soll; und
nachdem sie ihn einige Minuten mit verschlingenden Blicken angestarrt
hatte, verlor sie sich auf einmal aus dem Saal.  Sie lief so hastig dem
Zimmer ihrer Gebieterin zu, daß sie ganz außer Atem kam.  "Und wer meinen
sie wohl, gnädige Frau", keuchte sie, "daß unten im Saal ist?  Hat es
ihnen ihr Herz nicht schon gesagt?--Diana sei mir gnädig!  Was für ein
Zufall das ist!  Wer hätte sich das nur im Traum einbilden können?  Ich
weiß vor Erstaunen nicht wo ich bin -" "In der Tat deucht mich, du bist
nicht recht bei Sinnen", sagte die Dame ein wenig betroffen; "und wer ist
denn unten im Saal?"--"O!  bei den Göttinnen!  ich hätte es bei nahe
meinen eignen Augen nicht geglaubt--aber ich erkannte ihn auf den ersten
Blick, ob er gleich ein wenig stärker worden ist; es ist nichts
gewisser--er ist es, er ist es!"--"Plage mich nicht länger mit deinem
geheimnisvollen Galimathias", rief die Dame, immer mehr bestürzt; "rede
Närrin, wer ist es?"--"Aber sie erraten doch auch gar nichts, gnädige
Frau--wer ist es?--Ich sage ihnen, daß Agathon unten im Saal ist, ja
Agathon, es kann nichts gewisser sein--er selbst, oder sein Geist, eines
von beiden unfehlbar, denn die Mutter die ihn geboren hat, kann ihn nicht
besser kennen, als ich ihn erkannt habe, sobald er den Mantel von sich
warf, worin er anfangs eingewickelt war"--Das gute Mädchen würde noch
länger in diesem Ton fortgeplaudert haben, denn ihr Herz überfloß von
Freude--wenn sie nicht auf einmal wahrgenommen hätte, daß ihre Gebieterin
ohnmächtig auf ihren Sopha zurückgesunken war.  Sie hatte einige Mühe sie
wieder zu sich selbst zu bringen; endlich erholte sich die schöne Dame
wieder, aber nur, um über sich selbst zu zörnen, daß sie sich so
empfindlich fand.  "Sie machen einem ja ganz bange, Madam", rief die
Sklavin--"wenn sie schon bei seinem bloßen Namen in Ohnmacht fallen, wie
wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen?--Soll ich gehen, und
ihn geschwinde heraufholen?"--"Ihn heraufholen?" versetzte die Dame; "nein
wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen!"--"Sie wollen ihn nicht sehen,
Madam?  Was für ein Einfall!  Aber es kann nicht ihr Ernst sein!  O!  wenn
sie ihn nur sehen sollten--er ist so schön--so schön als er noch nie
gewesen ist, deucht mich; ich hätte ihn mit den Augen aufessen mögen; sie
müssen ihn sehen, Madam--das wäre ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder
fortgehen lassen wollten, ohne daß er sie gesehen hätte--wofür hätten sie
sich dann -" "Schweige, nichts weiter", rief die Dame; "verlaß mich--aber
untersteh dich nicht wieder in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist,
so will ich nicht, daß er dich erkennen soll; ich hoffe doch nicht, daß du
mich schon verraten haben solltest?"--"Nein, Madam", erwiderte die
Vertraute; "er hat mich noch nicht wahrgenommen, denn er schien ganz in
die Betrachtung der Gemälde vertieft, und mich deuchte, ich hörte ihn ein
oder zweimal seufzen; vermutlich -" "Du bist nicht klug", fiel ihr die
Dame ins Wort; "verlaß mich--ich will ihn nicht sehen, und er soll nicht
wissen, in wessen Hause er ist; wenn er's erfährt, so hast du eine
Freundin verloren"--die Sklavin entfernte sich also, in Hoffnung, daß ihre
Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen würde, und--die schöne Danae
blieb allein.


Eine Erzählung alles dessen, was in ihrem Gemüte vorging, würde etliche
Bogen ausfüllen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm.--Was
für ein Streit!  Was für ein Getümmel von widerwärtigen Bewegungen! Sie
hatte ihn bis auf diesen Augenblick so zärtlich geliebt--und glaubte itzt
zu fühlen, daß sie ihn hasse--Sie fürchtete sich vor seinem Anblick--und
konnte ihn kaum erwarten.  Was hätte sie vor einer Stunde gegeben, diesen
Agathon zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, über ihre ganze
Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorzüge ihres ehmaligen Zustandes,
den Aufenthalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reichtümer, unerträglich
gemacht hatte--dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer
ehmaligen Glückseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergnügen war,
welches sie noch zu empfinden fähig war.  Aber nun da sie wußte, daß es in
ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz
auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschließen zu können ihm
zu vergeben.  Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die
Oberhand erhielt; so stürzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden,
sogleich wieder in die vorige Verlegenheit.  Zu allem diesem kam noch eine
andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schönen Danae
allzuspitzfündig scheinen könnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung
sagen müßten, daß die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen,
welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschluß getrieben, der Gedanke daß
ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie
jemals geliebt hatte, verächtlich gemacht--eine Veränderung in ihrer
ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den Umgang mit
Agathon und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im fünften Buche
gesprochen haben, vorbereitet worden war.  Danae ließ sich durch die
Vorwürfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht
ein guter Teil auf ihre Umstände fiel, nicht von dem edeln Vorsatz
abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in
sich schloß, der Tugend zu widmen.  In der Tat hatte eine Art von
verliebter Verzweiflung den größesten Anteil an dem außerordentlichen
Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in
eine Einöde zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu
unterhalten, das einzige Vergnügen war, welches sie für den Verlust alles
dessen, was sie aufopferte, entschädigen mußte.  Aber es gehörte doch eine
große, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den glänzenden Umständen,
worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung fähig zu sein, und in einem
Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwächere Seele gar bald
hätte erliegen müssen.  Wäre Danae nur wollüstig gewesen, so würde sie zu
Smyrna, und allenthalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des
Verlusts ihres Liebhabers zu trösten.  Aber ihre Liebe war, wie man sich
vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der
Liebe der Tugend selbst verwandt, daß wir Ursache haben, zu vermuten, daß
in der gänzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich
endlich gänzlich in dieser verloren haben würde.  Allein eben darum, weil
ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes
Bedenken, bei dem Bewußtsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens
für den allzuliebenswürdigen Agathon, sich der Gefahr auszusetzen, durch
eine nur allzumögliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin
gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine übertriebne Meinung von
ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Mißtrauen
in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein
geringes Gewicht erhalten mußte.  Solchergestalt kämpften Liebe, Stolz und
Tugend für und wider das Verlangen, den Agathon zu sehen, in ihrem
unschlüssigen Herzen--mit welchem Erfolg läßt sich leicht erraten.  Die
Liebe müßte nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel fände, den Stolz und
die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen.  Sie flößte jenem die
Begierde ein, zu sehen wie sich Agathon halten würde, wenn er so plötzlich
und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten
Danae unter die Augen käme; und munterte diese auf, sich selbst Stärke
genug zu zutrauen, von den Entzückungen, in welche er vielleicht bei
diesem Anblick geraten möchte, nicht zu sehr gerührt zu werden.  Kurz;
der Erfolg dieses innerlichen Streites war, daß sie eben im Begriff war,
ihre Vertraute (die einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von
Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die nötige
Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sklavin selbst hereintrat, und
ihrer Dame sagte, daß die beiden Fremden durch einen von den Sklaven, von
denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die
Erlaubnis anhalten ließen, vor die Frau des Hauses gelassen zu
werden--Neue Unentschlossenheit, über welche sich niemand wundern wird,
der das weibliche Herz kennt.  In der Tat klopfte der guten Danae das
ihrige in diesem Augenblick so stark, daß sie nötig hatte, sich vorher in
eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe
auszustellen sich getrauen durfte.

Unterdessen, bis diese schöne Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie
sich entschließen, und wie sie sich bei einer so erwünschten, und so
gefürchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu
unserm Helden in den Saal zurück.  Je mehr Agathon die Gemälde betrachtete,
womit die Wände desselben behänget waren, je lebhafter wurde die
Einbildung, daß er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe.
Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie
vor zweien Jahren gesehen hätte, hieher gekommen sein sollten, daß er für
weniger unmöglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden.  Zudem
konnte ja der nämliche Meister unterschiedliche Kopien von seinen Stücken
gemacht haben.  Aber wenn er wieder die Augen auf ein Stück heftete,
welches die Göttin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den
schlafenden Endymion betrachtet--so glaubte er es so gewiß für das
nämliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu
Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzückung gestanden, daß
es ihm unmöglich war, seiner überzeugung zu widerstehen.  Die Verwirrung,
in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich--Sollte Danae--aber
wie könnte das möglich sein?--Und doch schien alles das Sonderbare, was
ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu
bekräftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken
getrauete.  Die schöne Danae hätte zufrieden sein können, wenn sie gesehen
hätte, was in seinem Herzen vorging.  Er hätte nicht erschrockner sein
können, vor das Antlitz einer beleidigten Gottheit zu treten, als er es
vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit
geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie
ihm damals, da er sie verließ, verächtlich und hassenswürdig schien.
Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre
Empfindungen, von denen sein Herz erschüttert wurde.  Seine Unruhe war so
sichtbar, daß Critolaus sie bemerken mußte.  Agathon würde besser getan
haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und
behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, daß ihm nicht wohl sei.  Dem
ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses
zu sehen, daß Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmaßen
anfing, daß irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein müsse, dessen
Entwicklung er begierig erwartete.  Inzwischen kam der Sklave, den sie
abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort
zurück, daß er Befehl habe sie in ihr Zimmer zuführen.  Und hier ist es,
wo wir mehr als jemals zu wünschen versucht sind, daß dieses Buch von
niemand gelesen werden möchte, der keine schönen Seelen glaubt.  Die
Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblicken sehen wird, ist
vielleicht eine von den delikatesten, in welche man in seinem Leben kommen
kann.  Wäre hier die Rede von solchen phantasierten Charaktern, wie
diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der 'geheimen Geschichte
von Burgund', und der 'Königin von Navarra' hervorgegangen sind, so würden
wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agathon selbst,
da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sklaven folgte,
der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten führte, von der er fast mit
gleicher Heftigkeit wünschte und fürchtete, daß es Danae sein möchte.
Allein da Agathon und Danae so gut historische Personen sind als Brutus,
Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert haben,
weil sie nicht gerade so dachten, und handelten wie gewöhnliche Leute: So
bekümmern wir uns wenig, wie dieser Agathon und diese Danae, vermöge der
moralischen Begriffe des einen oder andern, der über dieses Buch gut oder
übel urteilen wird, hätten handeln sollen, oder gehandelt haben würden,
wenn sie nicht gewesen wären, was sie waren.  Das Recht zu urteilen kann
und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erzählen,
nicht zu dichten; und wir können nichts dafür, wenn Agathon bei dieser
Gelegenheit sich nicht weise und heldenmäßig genug, um die Hochachtung
strenger Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte
des weiblichen Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre,
welche dem Himmel danken, daß sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan
haben würden.


Die schöne Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie
bekommen sollte, mit so vieler Stärke als eine weibliche Seele nur immer
zu haben fähig sein mag, welche zugleich so zärtlich und lebhaft ist, als
eine solche Seele sein kann -.  "Ob es wohl weibliche Seelen gibt?"--"O
mein Herr, ich sagte ihnen ja, daß der letzte Teil dieses Kapitels nicht
für sie geschrieben sei--Sie mögen vielleicht überall in Zweifel ziehen,
ob die Weiber Seelen haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es
weibliche Seelen, der Himmel bewahre uns vor den Penthesileen und
Männinnen, an denen nichts als die Figur weiblich ist!"--Doch darüber
wollen wir itzt nicht streiten.  Danae erwartete also den Anblick ihres
Flüchtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem Herzen
vorging, mögen unsre zärtlichen Leserinnen, welche fähig sind, sich an
ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen.  Sie wußte, daß
Agathon einen Gefährten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber
Agathon befand sich wenig dadurch erleichtert.  Die Türe des Vorzimmers
wurde ihnen von der Sklavin eröffnet--er erkannte beim ersten Anblick die
Vertraute seiner Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die
Dame, die er in einigen Augenblicken sehen würde, Danae sei.  Er raffte
seinen ganzen Mut zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde
Critolaus fortwankte--Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht,
heftete seine Augen auf sie, und sank, vom übermaß seiner Empfindlichkeit
überwältiget, in die Arme seines Freundes zurück.  Auf einmal vergaß die
schöne Danae alle die großen Entschließungen von Gelassenheit und
Zurückhaltung, welche sie mit so vieler Mühe gefaßt hatte.  Sie lief in
zärtlicher Bestürzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen
Strom ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran, daß sie einen
Zeugen davon hatte, der über alles was er sah und hörte, erstaunt sein
mußte.  Allein die Güte seines Herzens, und diese Sympathie, welche
schöne Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm
in einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefaßt machen können,
gerade die nämliche Art des Betragens ein, die er hätte haben können, wenn
er schon von Jahren her ihr Vertrauter gewesen wäre.  Er trug seinen
Freund auf den Sopha, auf welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er
nun schon genug wußte, um zu sehen, daß er hier weiter nichts helfen
konnte, so entfernte er sich unvermerkt weit genug, um unsre Liebenden von
dem Zwang einer Zurückhaltung zu entledigen, welche in so sonderbaren
Augenblicken ein größeres übel ist, als die unempfindlichen Leute sich
vorstellen können.  Allmählich bekam Agathon, an der Seite der
gefühlvollen Danae, und von einem ihrer schönen Arme umschlungen, das
Vermögen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die
Tränen, welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine
wiederkehrende Empfindung anzeigte.  Ihre erste Bewegung war, sich von ihm
zurückzuziehen; aber ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr,
was in dem seinigen vorging, und sie hatte den Mut nicht, ihm eine
Lindrung zu entziehen, welche er so nötig zu haben schien, und in der Tat
nötig hatte.  Allein in wenigen Augenblicken machte er sich selbst den
Vorwurf, daß er einer so großen Gütigkeit unwürdig sei--er raffte sich auf,
warf sich zu ihren Füßen, umfaßte ihre Knie mit einer Empfindung, welche
mit Worten nicht ausgedrückt werden kann, versuchte es sie anzusehen, und
sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit Tränen
beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schoß nieder.  Danae konnte nun nicht
zweifeln, daß sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entzückung
zurückzuhalten, worin sie durch diese Gewißheit gesetzt wurde; aber es war
notwendig, dieser allzuzärtlichen Szene ein Ende zu machen.  Agathon
konnte noch nicht reden--und was hätte er reden sollen?--"Ich bin
zufrieden, Agathon", sagte sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen
verriet, wie schwer es ihr wurde, ihre Tränen zurückzuhalten--"Ich bin
zufrieden--du findest eine Freundin wieder--und ich hoffe du werdest sie
künftig deiner Hochachtung weniger unwürdig finden, als jemals--Keine
Entschuldigungen mein Freund", (denn Agathon wollte etwas sagen, das einer
Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in der heftigen Bewegung,
worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen hätte) "du wirst keine
Vorwürfe von mir hören--wir wollen uns des Vergangenen nur erinnern, um
das Vergnügen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu
genießen -" "Großmütige, göttliche Danae!"  rief Agathon in einer
Entzückung von Dankbarkeit und Liebe--"Keine Beiwörter, Agathon",
unterbrach ihn Danae, "keine Schwärmerei!  Du bist zu sehr gerührt;
beruhige dich--wir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir
uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu
geben--Laß mich das Vergnügen dich wieder gefunden zu haben unvermischt
genießen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu Teil wird."

Mit diesen Worten (und in der Tat hätte sie die letztern für sich selbst
behalten können, wenn es möglich wäre, immer Meister von seinem Herzen zu
sein) stund sie auf, näherte sich dem Critolaus, und ließ dem mehr als
jemals bezauberten Agathon Zeit, sich in eine ruhigere Gemütsfassung zu
setzen.

Coetera intus agentur--Unsere schönen Leserinnen wissen nun schon genug,
um sich vorstellen zu können, was diese zärtliche Szene für Folgen haben
mußte.  Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde.  Dieser junge
Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu
haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergnügen, daß Critolaus der
Gemahl der schönen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester
Agathons sei.  Sie hatte nicht viel Mühe ihre Gäste zu bereden, das
Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden hätten also die
Schuld sich selbst beimessen müssen, wenn sie keine Gelegenheit gefunden
hätten, sich umständlich zu besprechen, und gegen einander zu erklären.
Die schöne Danae meldete ihrem Freunde, daß sie die Verräterei des Hippias,
und die Ursache der heimlichen Entweichung Agathons, bei ihrer
Zurückkunft nach Smyrna bald entdeckt habe.  Sie verbarg ihm nicht, daß
der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluß gebracht,
der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einöde sich selbst
für die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen;
jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, daß wenn sie einmal Gelegenheit haben
würde, ihm eine ganz aufrichtige und umständliche Erzählung der Geschichte
ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein
sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer
Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen--er Ursache finden würde sie,
wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen.
Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was
ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren
hätte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner
Empfindungen in seinem Herzen zu verschließen.  Danae wurde indessen mit
der Familie des Archytas bekannt, man mußte sie lieben, sobald man sie sah;
und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte.  Es war
überdies eine von ihren Gaben, daß sie sich sehr leicht und mit der besten
Art in alle Personen, Umstände und Lebens-Arten schicken konnte.  Wie
konnte es also anders sein, als daß sie in kurzem durch die zärtlichste
Freundschaft mit dieser liebenswürdigen Familie verbunden werden mußte?
Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich
ein Vergnügen daraus, einem alten Manne von so seltnen Verdiensten die
Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs
erleichtern zu helfen.  Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche
Psyche und Danae einander einflößten.  Niemalen hat vielleicht unter zwo
Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so
zärtliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet.  Man kann sich
einbilden, ob Agathon dabei verlor.  Er sah die schöne Danae alle Tage; er
hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihr--aber wie sollte es möglich
gewesen sein, daß er sich immer daran begnügt hätte?--Es gab Augenblicke,
wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Glückseligkeit berauscht,
sich die Rechte eines begünstigten Liebhabers herausnehmen wollte.  Aber
Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als
diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art
so sehr bestärkt, daß die zärtlichsten Verführungen der Liebe nichts über
sie erhielten.  In diesem Stücke wollte sie nicht mehr Danae für ihn sein.
"Das ist unwahrscheinlich", werden die Kenner sagen; "unwahrscheinlich",
antworte ich, "aber möglich".  Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr
Exempel, daß es einer Danae möglich sei; und Agathon erfuhr es so sehr,
daß Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing.  Sie wußte
die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt,
ihr eine aufrichtige Erzählung davon zu machen.  Die Bedenklichkeiten sind
leicht zu erraten, welche der Glückseligkeit dieser Liebenden, welche so
ganz für einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stund.  Aber waren
sie wichtig genug, um ihrentwillen unglücklich zu sein?--Hatte er nicht
das Beispiel des großen Perikles vor sich?  Verdiente Danae nicht in allen
Betrachtungen das Schicksal der Aspasia?--Es wäre uns leicht, unsern
Lesern hierüber aus dem Wunder zu helfen; aber wir überlassen es ihnen zu
erraten, was er tat--oder auszumachen, was er hätte tun sollen.



FÜNFTES KAPITEL

Abdankung


Und nun, nachdem wir in diesem letzten Buche zu Gunsten unsers Helden
alles getan zu haben glauben, was die zärtlichsten Freunde, die er sich
erworben haben kann, (und wir hoffen, daß er einige haben werde,) nur
immer zu seinem Besten wünschen konnten--Nachdem er so glücklich ist, als
es vielleicht noch kein Sterblicher gewesen ist--oder es doch in seiner
Gewalt hat, glücklich zu sein--Nun bleibt uns nichts übrig, als unsern
Lesern und Leserinnen, welche Geduld genug gehabt haben, bis zu diesem
Blatte fortzulesen--dafür zu danken--und sie zu versichern, daß es uns
sehr angenehm sein sollte, wenn sie soviel Geschmack an dieser Geschichte
gefunden hätten, um sie noch einmal zu lesen--und noch angenehmer, wenn
sie weiser oder besser dadurch geworden sein sollten.  Indessen ist das
ihre Sache.  Der Herausgeber dieser Geschichte schmeichelt sich wenigstens,
(und wer schmeichelt sich nicht?) daß er ihnen viele Gelegenheit zu dem
einen und zu dem andern gegeben habe; und wofern der Erfolg seiner
Erwartung nicht entsprechen sollte, so wird er sich durch das tägliche
Beispiel so vieler tausend Anstalten und Bemühungen, welche ihren Zweck
verfehlen, beruhigen, und mit Horaz, sich in die Tugend seiner Absicht
einwickeln.

Übrigens kann er nicht umhin, seinen Freunden im Vertrauen zu entdecken,
daß ihn das griechische Manuskript, welches er in Handen hat, in den Stand
setzt, noch einige Nachträge oder Zugaben zu der Geschichte des Agathon zu
liefern, welche ihrer Neugier vielleicht nicht unwürdig sein möchten.  Es
ist zum Exempel nicht unmöglich, daß sie begierig sein könnten, das System
des weisen Archytas genauer zu kennen; oder zu wissen, wie Agathon in
seinem fünfzigsten Jahre über alles was im Himmel und auf Erden ein
Gegenstand unsers Nachforschens, unsrer Gedanken--Neigungen--Wünsche--oder
Träume zu sein verdient, gedacht habe.  Vielleicht möchte es ihnen auch
nicht unangenehm sein, die Geschichte der schönen Danae (so wie sie den
Mut gehabt, sie dem Agathon zu einer Zeit zu erzählen, da er nicht mehr so
enthusiastisch, aber desto billiger dachte) in einer ausführlichen
Erzählung zu lesen?--Mit allem diesem könnten wir dem Verlangen unsrer
Freunde ein Genüge tun--wenn wir erst gewiß davon wären, daß sie ein
solches Verlangen hätten--und wenn wir einige Ursache finden sollten zu
hoffen, daß dem Publico durch diese Nachträge nur ein halb so großer
Dienst geleistet würde, als der französische Verfasser des Traktats von
den Nachtigallen (dessen Helvetius erwähnt) dem menschlichen Geschlechte
durch sein Buch geleistet zu haben glaubte.



Ende dieses Doctrine Publishing Corporation Etextes "Geschichte des Agathon", Teil 2
von Christoph Martin Wieland


*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte des Agathon. Teil 2" ***

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