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Title: Oesterreich im Jahre 2020 - Socialpolitischer Roman
Author: Neupauer, Josef von
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Oesterreich im Jahre 2020 - Socialpolitischer Roman" ***

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                       Oesterreich im Jahre 2020.



             Verlag von E. Pierson in Dresden und Leipzig.

                           Die Waffen nieder!

              Eine Lebensgeschichte von Bertha v. Suttner.

                             Neunte Auflage.

        Zwei Bände. Brosch. __M__ 6.--, eleg. geb. __M__ 8.--.

                  Auszüge aus den Urtheilen der Presse:

        »Als in diesem Jahre die schönen, stillen Herbsttage waren, saß
     ich in einem Walde bei Krieglach und las ein Buch: »Die Waffen
     nieder« von Bertha von Suttner. Ich las zwei Tage daran und diese
     zwei Tage sind _=ein Ereigniß in meinem Leben=_. Als die Lektüre zu
     Ende war, hatte ich den einen lebhaften Wunsch, dieses Buch möchte
     _=in alle Kultursprachen übersetzt=_, _=in alle Büchereien
     aufgenommen=_, _=in alle Schulen eingeführt=_ werden. Es giebt
     Gesellschaften zu Verbreitung der Bibel; _=möge sich auch eine
     Gesellschaft bilden zur Verbreitung dieses merkwürdigen Buches=_,
     welches ich geneigt bin, _=ein epochemachendes Werk=_ zu nennen.«

                       _=P. K. Rosegger.=_ »Heimgarten«, November 1891.

        ... Das herrliche Werk wird, ich bin überzeugt, ein
     __Standard-werk__ werden. Seit Frau von Staël haben wir _=keine so
     mächtige weibliche Feder aufzuweisen=_.

                               _=Friedrich v. Bodenstedt=_ (Wiesbaden).

        Es ist dies ein Buch, das nach jeder Richtung im schönsten Sinne
     des Wortes veredelt, in dem es den ganzen Zauber, aber auch den
     unvergänglichen Werth echter Liebe klarlegt.

     _=Aus dem »Bertha v. Suttner« überschriebenen und vom
     Reichraths-Abgeordneten Carneri gezeichneten Feuilleton der »Neuen
     Freien Presse«.=_ 15./3. 1890.

        ... Darum gehört ihr Buch zu den gelungensten, die je
     geschrieben worden sind.

     _=O. Neumann-Hofer in einem Feuilleton des »Berliner Tageblatt«.=_

        Ich will das Buch nicht preisen, _=nennen will ich es=_. Von
     Hand zu Hand will ich es reichen! _=Wie ein Evangelium soll es
     Jünger finden, die es in die Welt tragen!=_

             _=Hans Land=_ (in seinem am 13. Februar 1890 im Saale der
            Wilhelmstr. 118 zu Berlin öffentlich gehaltenem Vortrage).

        ... Bei den Schilderungen des Krieges gewinnt ihre Darstellung
     eine Erhabenheit, _=die an die größten Meister der Weltliteratur=_
     gemahnt.

               _=Balduin Groller=_, »Neue Illustr. Ztg.«, 2. März 1890.

        ... Es ist ein _=muthiges=_ und ein _=kluges=_ Buch, das Frau
     von Suttner geschrieben hat.

         _=Max Harden=_, »Die Nation«, 1890, Nr. 22. »Ein Kulturroman«.

        Das ist nicht nur ein Buch: _=es ist ein Ereigniß=_. _=Heinrich
     Hart=_, »Tägliche Rundschau«.

                   Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.



                        =Oesterreich im Jahre 2020.=


                          Socialpolitischer Roman

                                    von

                         =Dr. Josef von Neupauer.=


                                    ___=Motto.=_ It is better to fight
                                         for the good, than to rail at
                                         the ill.__

                     *       *       *       *       *

                          =Dresden= und =Leipzig.=

                          _=E. Pierson's Verlag.=_



                        _=Alle Rechte vorbehalten.=_

              Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.



Inhalt


                          Seite

  Kapitel       I.           1

  Kapitel      II.           6

  Kapitel     III.          25

  Kapitel      IV.          29

  Kapitel       V.          42

  Kapitel      VI.          71

  Kapitel     VII.          77

  Kapitel    VIII.          98

  Kapitel      IX.         115

  Kapitel       X.         136

  Kapitel      XI.         153

  Kapitel     XII.         162

  Kapitel    XIII.         170

  Kapitel     XIV.         193

  Kapitel      XV.         203

  Kapitel     XVI.         233

  Kapitel    XVII.         263

  Kapitel   XVIII.         280



                                       __It is better to fight
                               for the good, than to rail at the ill.__



I.


Ich habe die Ehre, mich zum drittenmal einem verehrungswürdigen
Publikum vorzustellen. Ich nenne mich Julian West und habe bekanntlich
113 Jahre, von 1887 bis 2000 nach Christi Geburt, verschlafen, erwachte
in Boston in Dr. Leetes Hause, wo ich die wunderbaren Veränderungen
anstaunte, welche die Erneuerung der Gesellschaftsordnung im 20.
Jahrhunderte in meinem Vaterlande bewirkt hatte, und träumte mich dann
in einer wüsten Nacht wieder in das Boston vom Jahre 1887 zurück.

Mit diesen Eindrücken hat mich ein gewisser Edward Bellamy seinen
Lesern vorgeführt und mich gegen gutes Honorar meine Erlebnisse
erzählen lassen.

Dann wachte ich wieder im verjüngten Boston auf, wurde als Professor
der Geschichte am Shawmut-College dort angestellt, sollte meine Zuhörer
mit Haß gegen die Periode des Wettbewerbs erfüllen, was mir nicht
gelingen wollte, da jedermann mit der Gegenwart unzufrieden war, und
lernte nach Beendigung meiner ersten Vorlesung einen Mr. Forest kennen,
der von allen der Unzufriedenste war, weil man ihn vom Professor der
Geschichte zum Pedell degradirt hatte, und wurden mir von diesem die
Augen geöffnet über die abscheulichen Zustände, die der Communismus in
den Vereinigten Staaten gezeitiget hatte, und er belehrte mich nicht
nur über die Mängel des Communismus, sondern er unterwies mich auch,
wie wir den Mängeln unserer ehemaligen Gesellschaftsordnung hätten
abhelfen können, ohne sie ganz zu untergraben.

Ich habe Herrn Forest ebenso gläubig zugehört wie früher dem Dr. Leete;
und wurde ich dann von einem gewissen Richard Michaelis in Chicago
neuerdings mit Honorar angestellt und demselben Publikum vorgeführt,
das ich das erstemal zu unterhalten die Ehre hatte, wobei ich bemüht
war, die gänzliche Haltlosigkeit meiner früheren Auffassung klar zu
machen. Ich endete meinen damaligen Bericht mit der Darstellung,
wie Dr. Leete erschlagen, seine Tochter vergewaltigt und Mr. Forest
in Vertheidigung seines Gegners Dr. Leete geschlachtet wurde, womit
ich auf Wunsch des Mr. Richard Michaelis schlagend bewies, daß die
Klagen, die Mr. Forest vorbrachte, gerecht waren; denn wie hätte ein
ungerechter Mann es über sich vermocht, seinen Feind zu vertheidigen,
der durch die Hand eines Dritten fallen sollte! --

Ich war nun ebenso überzeugt, daß der Communismus die erbärmlichste
Einrichtung sei, als ich vorher für denselben geschwärmt hatte, und ich
bedauerte, daß Mr. Forest im Kampfe gefallen war, da ich Arm in Arm
mit ihm das 21. Jahrhundert gerne hätte in die Schranken fordern mögen.

Nun ereignete sich aber das Verwunderliche, daß Mr. Forest sich doch
erholte und langsam von seinen furchtbaren Wunden genas. Ich pflegte
ihn wie meinen Bruder und las ihm Bücher und Briefe vor, um ihm seine
Lage zu erleichtern. So auch einen Brief aus Tulln, einem unbekannten
kleinen Orte in Oesterreich, den wir auf keiner Karte finden konnten.

In diesem Briefe sprach ein gewisser Zwirner den Wunsch aus, Mr. Forest
kennen zu lernen, da er in einer alten Zeitung, »Boston Gazette«,
einen Vortrag abgedruckt gelesen hatte, den Mr. Forest, als er noch
Professor war, über die Cultur des 19. Jahrhunderts gehalten hatte, und
es ihn interessirt hätte, sich mit dem gelehrten Manne zu unterhalten.
Er begreife zwar nicht seinen Haß gegen den Communismus, eine
Gesellschaftsform, die ihn vollkommen befriedige, denn auch Oesterreich
sei längst dazu übergegangen, aber geschichtliche Forschung böte viel
Interesse und er selbst befasse sich mit der Aufhellung der ein wenig
in Vergessenheit geratenen Cultur des 19. Jahrhunderts. Er habe Vieles,
was sich darauf bezog, aus den europäischen Bibliotheken ermittelt,
aber er wünsche, sein Material mit jenem des Mr. Forest zu vergleichen,
und meine, Mr. Forest könnte seine Sommerferien zu einem Besuche in
Oesterreich benützen. Als Professor müsse ihm der Staat die Mittel zu
einer Reise nach Europa zu wissenschaftlichen Zwecken anweisen, während
er selbst, der nur ein junger Landmann sei und keinen Namen unter den
Gelehrten sich erwerben konnte, weder so laugen Urlaub, noch die Mittel
zur Reise beanspruchen dürfe.

Der Arme glaubte Mr. Forest noch im Besitze einer fetten Professur und
hatte nicht gelesen, daß derselbe längst war abgesetzt worden.

Indessen gefiel dem Reconvalescenten der Vorschlag, da er Europa
noch nicht besucht hatte und es ihm nicht ohne Interesse war, dem
zufriedenen Oesterreicher ebenso die Augen zu öffnen, wie er mir
gethan, und er beauftragte mich, bei der Regierung um Ausfolgung der
Mittel einzuschreiten, welche ihm und mir, den er mitnehmen wollte,
die Reise nach Oesterreich ermöglichen sollten. Man mußte sich mit
Reisegeld versehen, da zwischen Amerika und Europa keine Reciprocität
für den Reiseverkehr bestand, wie sie die Continentalstaaten in
Europa untereinander vereinbart hatten. Ich bezweifelte, daß die
Regierung uns das Reisegeld anweisen würde. Aber unserem Wunsche
wurde entsprochen, denn Mr. Forest war wieder in Gunst, weil er Dr.
Leete, ein einflußreiches Mitglied der Regierungspartei, vertheidigt
hatte, und was mich betrifft, so dachte man längst, mich von meiner
Stelle am Shawmut-College zu entfernen, weil ich nicht mehr mit der
anfänglichen Parteilichkeit für den Communismus docirte, andererseits
aber das Auditorium sich größtenteils verlaufen hatte. Zudem hatten wir
unser Gesuch für die Ferienmonate eingebracht und so bezahlte uns die
Staatskasse 3000 Dollars Reisegeld und beurlaubte uns die Regierung für
die beiden Monate Juli und August 2020 zur Reise nach Europa.

Um in einem deutschen Lande reisen zu können, suchten wir uns einige
Kenntniß der deutschen Sprache vorher anzueignen und verkehrten
viel mit eingewanderten Deutschen, die in Boston lebten, und mit
1. Juli 2020 verließen wir Boston und Amerika, um nach glücklicher
Ueberfahrt am 13. Juli 2020 die österreichische Grenze bei Salzburg zu
überschreiten.



II.


Ich übergehe die Erlebnisse auf der Reise bis Salzburg, welche für den
Leser kein Interesse hätten, weil es sich nur um unsere Beobachtungen
in Oesterreich handelt.

Wir kamen am 13. Juli 2020 Abends 6 Uhr in Salzburg, einer reizend
gelegenen Kreisstadt, an, welche einmal ziemlich volkreich war und
gegenwärtig nur etwa 1500 bleibende Einwohner zählt, aber immer an
2500 bis 3000 Fremde beherbergt. Es haben in solchen Städten viele
Pensionisten ihren Wohnsitz, die ihn aber, durch keine Berufspflichten
gebunden, jederzeit beliebig mit einem anderen Wohnorte vertauschen
können, daher sie nicht eigentlich Einheimische genannt werden können.

Die beurlaubten Bürger, welche ihren Urlaub zu einer Reise benützen,
halten sich meist einige Tage in diesen Städten auf, um einigen
Theatervorstellungen beizuwohnen und die Merkwürdigkeiten zu besehen.
Reisende Ausländer, welche die Reisetaxe dritter Klasse bezahlen oder
solchen gleichgehalten werden, haben das Recht, in den Kreisstädten
abzusteigen und liefern auch ein großes Contingent der wechselnden
Bewohnerschaft der Kreisstädte. Auch die Heilanstalten höherer Ordnung
und die Mittelschulen für Technik, Landwirthschaft und Gewerbe führen
manche Kranke und Schüler in die Kreisstädte, wo in früherer Zeit,
als die stehenden Heere noch nöthig waren, auch meist drei Bataillone
Militär garnisonirten. Die stabile Bevölkerung betreibt Gärtnerei,
Industrie, Hauswirthschaft, Krankenpflege und Unterricht. Es ist
ferners an jedem Kreisorte je ein Staatsbeamter für die Angelegenheiten
der Gemeinde, des Bezirkes und des Kreises ansässig und hat der
Kreisbeamte einige Hülfsbeamte nach Bedürfniß zur Seite. Jedem der
drei Staatsbeamten ist ein vom Volke gewählter sogenannter Tribun oder
Volksbeamter zur Seite gesetzt, der die Interessen der Einzelnen,
Gemeinden, Bezirke und des Kreises wahrzunehmen hat. Ebenso ist an
jedem Kreisorte je ein Pädagog und je ein Arzt für die Angelegenheiten
der Gemeinde, des Bezirkes und des Kreises bestellt und zerfallen die
Kreise in beiläufig zwanzig Bezirke und jeder Bezirk in etwa zwanzig
Gemeinden. -- Dazu kommen ein ziemlich zahlreicher Lehrkörper, einige
weibliche Aerzte und viele Specialisten des ärztlichen Standes, so
besonders Operateure, welche im Verbande der Kreisregierung stehen,
aber, wenn es sich um Kranke handelt, die nicht oder nicht schnell
genug nach der Kreisstadt gebracht werden können, an den Wohnort des
Kranken abgehen müssen und welchen die schnellsten Beförderungsmittel
jederzeit zur Verfügung stehen.

Am Kreisorte ist eine permanente Bühne mit meist wechselndem Personale
und, als wir dort ankamen, war eben eine Operngesellschaft in Salzburg,
welche mehrere berühmte Sänger und Sängerinnen zählte.

Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß am Kreisorte die
Trauungen gefeiert werden, daß dort häufig die Versammlungen der
Verwaltungsbeamten, Aerzte und Lehrer tagen und jede Woche irgend ein
Wettbewerb nach Art der olympischen Spiele abgehalten wird, wobei man
sich um die Palme in den verschiedensten Künsten und Geschicklichkeiten
bewirbt. Der Kreisort beherbergt eine permanente Ausstellung der
industriellen und landwirthschaftlichen Produkte und ein historisches
Museum, welches die Fortschritte seit 50 Jahren veranschaulicht.

Wir wurden zuerst dem Staatsbeamten für die Gemeindeangelegenheiten
vorgestellt, der unsere Papiere prüfte und sich erkundigte, nach
welcher Klasse wir reisen wollten. Es richte sich danach die Kategorie
der Städte, in welchen wir Aufenthalt nehmen dürfen, die Beherbergung,
Verpflegung und die Verkehrsmittel, deren wir uns bedienen können.
Wir erhielten einen gedruckten Prospekt zu unserer Orientirung
und entschieden uns für die erste und reichste Klasse, welche uns
überall Zutritt eröffnete und wofür wir 25 Mark in Geld pro Tag zu
erlegen hatten. Wir bezahlten für 20 Tage 1000 Mark zusammen und
wurden ersucht, unsere sonstige Baarschaft in Verwahrung zu geben,
da im ganzen Lande niemand berechtigt sei, Geld anzunehmen oder
etwas zu verkaufen. In die uns ausgestellte Aufenthaltskarte wurde
eingetragen, daß wir 1000 Mark Reisegebühr erlegt und außerdem 9000
Mark in Gold deponirt hätten und berechtigt seien, bis 2. August
2020 abends 6 Uhr als Reisende erster Klasse in Oesterreich uns
aufzuhalten, vorbehaltlich einer etwaigen Verlängerung, die wir mit
der Staatsverwaltung vereinbaren könnten. -- Wir erhielten sodann eine
gedruckte Belehrung in deutscher und englischer Sprache, wie wir uns
in Oesterreich zu benehmen hätten, um nicht gegen Gesetz und Sitte zu
verstoßen, wie auch die gesetzlichen Folgen, welche Contraventionen
nach sich ziehen würden, daraus entnommen werden konnten, und wurden
uns dann zwei prachtvolle Zimmer in den Wohngebäuden angewiesen, welche
eine berückende Aussicht gegen die Berge boten.

Nachdem wir uns gereinigt und mit einem Bade erfrischt hatten,
erhielten wir die Einladung des Kreisbeamten, seinem Empfange nach der
Oper beizuwohnen. Wir stärkten uns mit einem Imbiß im Gemeindehause,
wohnten einer Oper von Mozart bei, der in Salzburg noch im 21.
Jahrhundert als berühmtester Landsmann verehrt wird, und wurden nach
Beendigung der Oper, die vor dichtgefülltem Hause aufgeführt wurde,
von dem Personale des Hauses nach den Empfangssälen des Kreisbeamten
gewiesen, die in einem Gebäude nahe der Oper, zu welchem man durch
einen gedeckten Gang gelangen konnte, gelegen waren. -- Ich will
nicht bei der Schönheit dieses Baues und der Empfangsräume verweilen,
noch die Menge der Besucher erwähnen, da ich mir näheres für später
vorbehalte, wo die Hilfsquellen zur Sprache kommen werden, über die
Oesterreich im 21. Jahrhundert verfügt. Nur will ich sagen, daß wir
verwundert waren, die ersten Sängerinnen nach der Oper mit funkelnden
Steinen an Brust und Hals am Arme höflicher Herren beim Kreisbeamten
erscheinen zu sehen, was wir damals mit der communistischen
Gesellschaftsordnung nicht zu vereinbaren wußten.

Als wir zur Ruhe gingen, machte man uns aufmerksam, daß die Züge in der
Richtung nach Wien um 6 Uhr und um 9 Uhr morgens von Salzburg abfahren,
und wählten wir den zweiten Zug.

Am nächsten Morgen warfen wir von unseren Fenstern einen Blick über
die herrliche Gegend und sahen überall auf Feldern und Wiesen rüstig
arbeiten, Lieder erklangen von den Gefilden und schien ein gewisser
Wetteifer alle zu beleben. Wir frühstückten im Speisesaale, wo uns ein
allerliebstes Mädchen mit dem Nöthigen versorgte, unternahmen einen
Spaziergang in die ihrer Schönheit wegen berühmte Umgebung der Stadt
und reisten um 9 Uhr ab, nachdem uns eine freundliche Hausgenossin,
welche das Geschäft einer Aufwärterin im Fremdenpalaste besorgte, noch
einen Gruß des Kreisbeamten und des Gemeindebeamten gemeldet hatte.
Man darf aber nicht glauben, daß wir uns irgendwelche Freiheiten gegen
dieses »Kammerkätzchen« oder eine geringschätzige Behandlung hätten
erlauben dürfen. Unsere gedruckte Belehrung bedrohte uns für einen
solchen Fall mit unverzüglicher Entfernung aus Oesterreich, wie uns
auch kundgethan war, daß jedes Mädchen und jede Frau in Oesterreich
ohne Rücksicht auf deren Beruf Anspruch auf ritterliche Höflichkeit
erhebt.

Bahnhof, Waggons, Dienstuniformen des Eisenbahnpersonals zeigten
edle Einfachheit und feinen Geschmack. Nach Vorweisung unserer
Aufenthaltskarte wurden wir vom Oberschaffner nach dem besten
Coupé gewiesen, in welchem wir einige Professoren fanden, die ihre
Ferienreise machten. Der Zug war voll besetzt mit Leuten jeden
Berufes, die kürzere und längere Strecken zurücklegten, wozu ihnen
eine Reiselegitimation des Beamten ihrer Heimath das Recht gewährte.
Einigemal war der Andrang von Reisenden etwas zu groß und dann mußten
jüngere Leute ohne Rang sich begnügen, in den Gängen und zwischen
den Sitzen zu stehen, aber es wurde wieder Platz und so dauerte die
Unbequemlichkeit nicht lange. Wer sich nicht fügen wollte, hatte die
Wahl, auszusteigen und zurückzubleiben, was nichts auf sich hatte,
weil man überall angenehm wohnt und mit allem gut versorgt ist und
man ja doch nur zum Vergnügen reist. Die wenigen Personen, die im
Dienste reisen, haben allerdings Anspruch auf alle erdenklichen
Bequemlichkeiten und unaufgehaltene Beförderung.

Wir hatten unterwegs zweimal kalten Imbiß mit Erfrischungen nach
unserer Wahl, erhielten auf unseren Wunsch, da wir uns scheuten, mit
den Reisenden deutsch zu conversiren, englische Bücher und Zeitungen
aus der fahrenden Bibliothek zum Gebrauche und kamen um 4 Uhr über
die Sct. Pöltener Zweiglinie nach Tulln, wo uns der Schaffner einem
am Bahnhofe anwesenden Herrn als die beiden Amerikaner vorstellte. Es
war Herr Zwirner, der, obwohl er englisch an Mr. Forest geschrieben,
doch nur deutsch mit uns sprechen wollte und uns zu unserer Aufklärung
mittheilte, der Schaffner, der uns schon in Wels um das nächste Ziel
unserer Reise gefragt und erfahren hatte, daß wir noch heute zu Herrn
Zwirner in Tulln wollten, habe, wie das immer geschehe, wenn es sich um
Fremde handelt, von Linz aus den Kreisbeamten in Sct. Pölten und dieser
den Bezirksbeamten in Tulln telegraphisch von unserer Ankunft und dem
Zwecke unseres Besuches verständigt. Demnach sei er, Zwirner, der in
den nahegelegenen Bergen arbeitete, rechtzeitig von unserer Ankunft
benachrichtigt worden, damit die Fremden den Zweck ihrer Reise ohne
Umwege erreichen sollten.

Wir begaben uns nach unseren Zimmern, die in gastfreundlicher Absicht
so gewählt waren, daß wir die Aussicht über die Donau und den
Tullnerboden mit den angrenzenden waldbewachsenen Höhen genießen und
sehen konnten, daß das ganze Land wie ein Garten bebaut ist. Zwirner
wollte uns gleich mit dem Landstriche, der vor uns lag, bekannt machen.
Das Gebiet zwischen der linker Hand strömenden Donau und den Bergen,
die sich rechter Hand in sanften Bogen bis meilenweit vor uns nach
Osten erstreckten, nennt man den Tullnerboden. Er ist flach, wie eine
Tenne und unendlich fruchtbar. Links, jenseits der Donau, sieht man
ausgedehnte Auen und weiterhin anmuthige Berge, die sich weit hinaus
im Osten mit den diesseitigen Bergen zu kreuzen scheinen. Doch windet
sich dort die Donau, deren Lauf man nicht mehr verfolgen kann, in
südöstlicher Richtung zwischen den Bergreihen durch. Unsere Bergkette
ist von einem scharf abfallenden Berge abgeschlossen. »Auf diesem
Berge,« sagte Zwirner, »steht die alte Ruine Greifenstein, zwei volle
deutsche Meilen von hier, und links davon, noch eine Viertelmeile
weiter und schon jenseits der Donau gelegen, seht ihr den mächtigen Bau
des Schlosses Kreuzenstein, vormals gräflich Wilczekscher Besitz und
jetzt, wie alle alten Burgen und Schlösser, zur Civilliste geschlagen.
Der Kaiser läßt sich aber dort von altersher von einem Mitgliede der
Familie Wilczek vertreten.« -- Zwirner nannte uns die Ortschaften,
die vor uns lagen. Die Straße rechter Hand führe nach Staasdorf, das
wir nahe vor uns sahen, und nach Ried, das wir nicht sehen könnten,
im Gebirge. Am Saum der Gebirge, von Staasdorf nach Osten vor uns,
nannte er uns die Ortschaften Chorherrn, Tulbing, Königstetten und
näher zu uns liegen in dieser Richtung Frauenhofen und Nietzing, an
der Donau stromabwärts Langlebarn, Muckendorf, Zeiselmauer, dann im
fernen Osten Wördern und Sct. Andrä, welches sich wieder an die Berge
lehnt; von da zurück, halbwegs nach Königstetten, Wolfpassing. --
Tulln sei Bezirksvorort und alle diese Ortschaften, ein großer Theil
des rechtsseitigen Waldgebietes und viele Ortschaften nach Süden und
Westen, die von unseren Fenstern aus nicht zu sehen waren, gehörten
zu diesem Bezirke. Jenseits im Osten beginne der Klosterneuburger
Bezirk. Wir sahen keine Kirchthürme, aber die aus mächtigen,
castellartigen Gebäuden bestehenden Dörfer waren wohlgepflegt, mit
Ziergärten, Parkanlagen und Obstgärten eingerahmt und von großen
Wirthschaftsgebäuden begleitet, die überall abseits angelegt waren.
Eigentlicher Wald war auf dem Tullner Boden nicht zu sehen, aber die
Berge waren herrlich bewaldet. Von den Bergkuppen nannte uns Zwirner
nur den Tulbinger Kogel zwischen Tulbing und Königstetten, den wir
näher kennen lernen sollten. In Königstetten sahen wir auch ein großes
Schloß mit weit ausgedehnten Gärten und Park, das nach Zwirners
Mittheilungen zur Civilliste gehörig sei und wo heuer ein Fürst
Hochberg Hof halte.

Zwirner verließ uns und wir machten uns für den Mittagstisch bereit,
stürzten uns vorher noch in ein Schwimmbecken, um uns nach dem heißen
Tage etwas abzukühlen, und gingen um 5 Uhr mit Zwirner zu Tische. Er
führte uns in den mächtigen Speisesaal des Gemeindepalastes, der an
1500 Quadratmeter fassen mochte und wie sich einer in jeder Gemeinde
und jedem Quartier findet. Dort stellte uns Zwirner dem Beamten vor,
der in diesem Saale, in welchem sich die ganze Gemeinde zur Mahlzeit
versammeln kann und auch, bei der Hauptmahlzeit meist zu zwei Dritteln
versammelt ist, präsidirte, und dieser verkündete dann mit lauter
Stimme, daß die Herren Julian West und N. Forest aus Boston in Amerika
zu Besuch hier seien, was nicht übergroße Verwunderung erregte, wohl
aber von einigen mit einem freundlichen »__Cheer__« beantwortet wurde.

Zwirner führte uns an seinen Tisch, an dem nur unverheirathete junge
Leute saßen, mit welchen wir uns bald im Gespräche befanden, da man
uns ermunterte, von Amerika zu erzählen. Nach dem Essen geleitete uns
Zwirner in den Park, der die Wohnhäuser umgibt, und bot uns Cigarren
an, die wir gerne annahmen. Wir sprachen unsere Verwunderung aus, daß
Zwirner nicht selbst auch rauchte, worauf er sagte: »Die Österreicher
rauchen nicht.«

Da stieß mich Mr. Forest mit dem Ellenbogen: »Da hat man die Freiheit;
den Oesterreichern verbietet die wohlweise Regierung das Rauchen, als
ob sie kleine Kinder wären.« Zwirner verstand nicht, was Mr. Forest
englisch zu mir sagte, aber er erbat sich lächelnd Aufklärung, da er
meine, etwas von »__Austria__« vernommen zu haben, und fügte zugleich
bei, er wolle nicht annehmen, daß wir von etwas gesprochen hätten, was
Mr. Forest zu verbergen wünsche, da dies in Österreich als ungesellig
gelte und man wohl in Amerika nicht anders denken dürfte. Ich gestand
ihm, daß wir Gegner des Communismus seien und im Rauchverbot eine
unerhörte Bevormundung erblickten.

»Ihr irrt, liebe Freunde!« sagte hierauf Zwirner, »in Oesterreich
lebt ein freies Volk, und niemand kann uns das Rauchen verbieten.« --
»Weshalb wagt ihr aber dann nicht zu rauchen?« war meine Frage. -- »Das
mag einer Erklärung bedürfen,« sagte Zwirner. »Oesterreich war einstens
das gesegnete Land der Raucher; die österreichische Regierung hatte
das Tabakmonopol im Lande und erzeugte ungeheure Mengen von Cigarren,
Rauch- und Schnupftabak im Jahre. Sie begünstigte das Rauchen, weil
damals, vor 150 Jahren, das Tabakmonopol große Summen abwarf. Als
dann nach und nach die Gemeinwirthschaft eingeführt wurde, hatte die
Regierung Mittel genug zur Verfügung, um alle staatlichen Bedürfnisse
zu befriedigen, und es wurde die Frage aufgeworfen, ob denn das Rauchen
ein wirkliches oder eingebildetes Bedürfniß sei. Man stritt hin und her
und es gab Provinzen, die für das Rauchen waren, und andere wollten es
abschaffen. Die Regierung wollte nichts von Gewalt wissen und meinte,
nur der Jugend könne der Genuß von Tabak verwehrt werden, wenn man das
für zweckdienlich halte.

Da sich, wie gesagt, einige Provinzen für das Rauchen, andere
dagegen ausgesprochen, schlug die Regierung vor, daß man das Rauchen
zwar den Erwachsenen freigeben, aber eine besondere Krankheits- und
Mortalitätsstatistik für Raucher und Nichtraucher führen solle.
So geschah es und wurden die Nichtraucher für die Ersparnisse an
Rauchtabak mit anderen Genüssen entschädigt. Es stellte sich nun
klar heraus, daß das Rauchen manche specifische Krankheiten im
Gefolge habe und daß der Raucher jährlich 3-8 Tage seines Lebens
zusetze, je nach der Menge und Stärke des verbrauchten Tabaks und der
Widerstandsfähigkeit der Constitution. -- Da verminderte sich nach
und nach die Zahl der Raucher, den jungen Leuten verwehrte man den
Tabak ganz und gar, und es fand sich, daß die Leute nicht nur gesünder
waren, als vorher, sondern auch jährlich das Dreifache jenes Aufwandes
in Ersparung gebracht wurde, den die Versorgung des Volkes mit neuen
Büchern und die gesammte Bibliotheksverwaltung verursacht.«

»Nun aber, wie kommt es, daß wir doch mit Cigarren bewirthet werden?«
fragte ich.

»Wir sind gastfreundlich und sehen jährlich 400000 Ausländer in
unseren Grenzen. Wir suchen jedem Fremden die Annehmlichkeiten seiner
Heimath zu bieten und nur für Fremde haben wir Tabak.«

Mr. Forest schwieg für diesmal und hoffte auf eine bessere Gelegenheit,
über die communistische Sache zu triumphiren.

Zwirner schlug nun vor, einen Plan für die nächsten Tage zu entwerfen.
»Wir haben,« sagte er, »Dienstag, den 14. Juli 2020 und, da wir mitten
in der Ernte sind, kann ich mich nicht beurlauben lassen. Für nächsten
Sonntag stehe ich euch ganz zur Verfügung, aber an Wochentagen muß ich
mich bis 4 Uhr meinem Berufe widmen. Da wir günstiges Wetter haben,
schlage ich euch für morgen einen Ausflug auf das Kahlengebirge vor und
am Donnerstag findet im Prater ein Kreiswettrennen statt, welches in
den Nachmittagsstunden abgehalten wird, und damit ließe sich ein Besuch
der Rotunde verbinden. Für später können wir dann weitere Pläne machen.
Am Kahlenberge könnte ich euch morgen nachmittags abholen.«

Wir gingen auf den Plan ein und Zwirner verließ uns, um das Nöthige
im Gemeindepalaste zu besorgen. Man stellte uns nämlich Karten aus,
womit wir wegen unserer Verpflegung für Mittwoch und Donnerstag an die
Verwaltung der Wirthschaften am Kahlenberge und im Prater angewiesen
wurden, da es gebräuchlich sei, daß jeder dort seine Mahlzeiten
einnehme, wo er beherbergt wird.

Nun führte uns Zwirner in sein Wohnzimmer, um dort in Ruhe mit uns
Gedanken auszutauschen über das, was uns hauptsächlich beschäftigte.
Seine Stube war einfach, aber hell, rein, gut gelüftet und für die
jetzige Jahreszeit angenehm kühl. Das Mobiliar schien sehr spärlich
und einfach, aber es fehlte nichts, was zur Bequemlichkeit dient. Die
Stube lag im dritten Stockwerke nach einer Seite, wo besondere Ruhe
herrschte, und Zwirner hatte diese Lage gewählt, weil er beschaulich
war und gerne seine Muße mit Studien verbrachte. Wir sahen eine
ungeheuere Menge von Büchern aufgestapelt, viele auch in englischer
Sprache, dann viele Jahrgänge alter Zeitungen und Fachschriften,
welche Aufschluß geben über den Stand der Socialwissenschaft im 19.
Jahrhundert, über die Statistik damaliger Zeit und über die Bewegung,
die damals durch alle Völker ging, und wie ein Wetterleuchten das
Nahen eines erfrischenden Gewitters verkündete. Zwirner klärte uns
darüber auf, wie er in den Besitz des Materials gelangt sei. Er sagte,
daß niemand Privateigenthum habe und alle Bücher in öffentlichen
Bibliotheken verwahrt würden. Wien habe zehn große öffentliche
Bibliotheken, jede mit Millionen von Bänden, da dort nach und
nach alle Privatbibliotheken Aufnahme fanden und seit Einführung
der Gemeinwirthschaft alljährlich eine halbe Million Bände den
Centralbibliotheken zuwüchsen.

Die Wiener Bibliotheken umfaßten unter anderem alle Unica und bezögen
seit Jahren alles, was auf dem ganzen Erdkreise jährlich erschienen,
ohne einen Unterschied der Sprache. Mit allen communistischen Staaten
stehe die Regierung im Büchertausche und beziehe auf diesem Wege
alljährlich viele Tausende von Werken, da beispielsweise Deutschland
allein jährlich 12000 Werke herausgebe gegen etwa 7000 Werke im 19.
Jahrhundert.

Gemeiniglich sende man sich nur ein Probeexemplar zu, finde aber die
Reichsbibliotheksverwaltung, daß das Volk an etwas Interesse nehmen
dürfte oder daß die Verbreitung eines Werkes nützlich sei, so bestelle
man eine große Anzahl von Exemplaren, auch bis zu hundert, so daß jeder
Kreis mit einem Exemplar versorgt werden könne. Am Schlusse des Jahres
verrechne man sich wechselseitig und rechne man gemeiniglich Band für
Band, den Band zu 500 Seiten, die Seite zu 250 Worten. Den inneren
Werth eines Werkes ziehe man nicht in Betracht, weil es sich ja doch
nur um einen Abdruck handle und die Staaten untereinander den Grundsatz
beobachten, daß Wissenschaft und Kunst international seien.

»Und die Schriftsteller erhalten auch kein Honorar?« warf ich ein.

»Diese erhalten natürlich kein Honorar in Geld, da die Geldwirtschaft
abgeschafft ist, aber man hat von alter Zeit her den Gebrauch,
für geistige Arbeit von höherem Werthe besondere Vortheile und
Begünstigungen einzuräumen.«

»Wie bemißt man aber diese und wer schätzt den Werth der Arbeit ab?«

»Den Werth der Arbeit schätzt die Regierung ab, wie man im 19.
Jahrhundert die Verdienste eines Staatsbeamten abschätzte und
entlohnte, theils durch Beförderung, theils durch Auszeichnungen,
theils doch auch durch Prämien!«

»Da kann man sich die Protectionswirthschaft vorstellen,« fluchte Mr.
Forest, »und wer gegen die Regierung schreibt oder den Ministern nicht
den Hof macht, wird natürlich umsonst auf Belohnung warten.«

»Man schreibt in Österreich nicht für und nicht gegen die Regierung,
denn, nachdem der Classenstaat durch Verstaatlichung des Besitzes sich
in einen Volksstaat verwandelt hat, haben alle politischen Fragen an
Bedeutung verloren und es kann höchstens Verdienst oder Verschulden
Einzelner in Frage kommen, wobei Wissenschaft und Kunst nicht
betheiligt sind. Allerdings ist bei der Bewerthung geistiger Arbeit ein
sicheres Urtheil nicht zu gewinnen, aber es wird damit folgendermaßen
gehalten. Man unterscheidet in der Literatur Wissenschaft und Kunst.
In der Wissenschaft handelt es sich um Forschung und Mittheilung
ihrer Ergebnisse oder um bloße Tradition. Erstere veröffentlicht der
Forscher in den Fachblättern oder in selbstständigen Werken. Gehört er
dem officiellen Verbande der wissenschaftlichen Körperschaften, also
einer Akademie, einer Hochschule oder einem vom Staate eingerichteten
wissenschaftlichen Institute an, so gilt das Ergebniß seiner Forschung
als geistiges Eigenthum des Staates, der ihm Unterhalt gewährt und
alle Forschungsbehelfe zur Verfügung stellt. Das schließt aber nicht
aus, daß für epochemachende Entdeckungen besondere Entlohnungen in
munificenter Weise bewilligt werden, wie es überhaupt mit der Belohnung
besonderer Verdienste gehalten wird.«

»Wie kann das doch mit den communistischen Principien in
Übereinstimmung gebracht werden und wie stimmt das mit der Forderung
der Gleichheit?« fragte Forest.

»Wir halten Gleichheit nicht für eine Forderung des Communismus in
dem Sinne, daß Mann für Mann dasselbe genießt. Wir verstehen unter
Gleichheit einmal die Festhaltung der gleichen Würde für jeden
Menschen. Jeder ist Mensch und das ist der höchste Adelsbrief.
Gleichheit herrscht ferner darin, daß jeder eine vollkommene Erziehung
und eine vollkommene Ausbildung erhält, so daß alle seine geistigen und
leiblichen Anlagen zur vollen Entfaltung gelangen, gleichviel, wer sein
Vater oder seine Mutter wäre. Wir verstehen ferner unter Gleichheit,
daß jedem in seinem Berufe alle jene Erleichterungen gewährt werden,
die ihn in den Stand setzen, das Höchste zu leisten. Nur durch höhere
Leistungen kann sich der Mensch noch ein wenig über seine Mitmenschen
erheben. Die Geburtsvorrechte wurden eben deshalb abgeschafft, damit
jeder nach Verdienst geehrt und entlohnt werden kann. Das heißt,
_=damit die natürliche Ungleichheit zu voller Entfaltung soll gelangen
können hat man alle künstliche und aus der Knechtung entstandene
Ungleichheit abgeschafft=_.«

»Wir sind ferners der Überzeugung, daß, wenn man jedem die gleiche
Gelegenheit bietet, das Höchste zu leisten, wozu ihn die Natur befähigt
hat, darin allein auch wieder der angemessene Lohn liegt; denn, wenn
man einem Manne, der zweimal so stark ist, als sein Nebenmann und
daher zweimal so große Lasten bewegt, auch zweimal soviel Nahrung
gibt, so ist das eher gleich, als wenn man diesen verschiedenen Leuten
genau gleichviel Nahrung zumessen wollte. Keinesfalls bewirkt das
eine sociale Ungleichheit und so wenig man daran denken könnte, einer
hundertpferdigen Dampfmaschine genau so viele Kohlen zuzuführen, wie
einer einpferdigen, ebensowenig könnte man jedem Arbeiter genau und
mechanisch dieselbe und gleichviel Nahrung zumessen.«

»Erwägen wir aber genauer, welcher Art die Güter sind, auf welche
hervorragende Künstler, Forscher und Erfinder vorzugsweise Anspruch
erheben werden, so werden sie wohl unter den Begriff geistiger Nahrung
fallen. Das Volk also, der Abnehmer aller geistigen und materiellen
Werthe, die durch Menschenarbeit geschaffen werden, hat selbst ein
Interesse daran, daß höheres Verdienst auch höheren Lohn findet. Er
stellt sich nämlich als produktive Auslage dar.«

»Unsere verhältnismäßige Gleichheit folgt weit genauer dem Verdienste,
als die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, die Milliarden des
Jahresproduktes an Leute verschwendete, welche überhaupt gar nichts
leisteten. Aber wir meinen, daß jeder Arbeiter, schaffe er mit den
Händen oder mit dem Kopfe oder mit den Nerven, wo z. B. gespannte
Aufmerksamkeit notwendig ist, sich einigermaßen aufreibt, einen Theil
seines Lebens einsetzt, und das eben in verschiedenem Maße, nach Art
und Menge seiner Leistung, und nach diesem Verhältnisse muß der Lohn
abgestuft werden. Wie man dem Acker selbst wieder gibt, was man ihm in
der Landwirthschaft entzieht, wie man den Ackergaul selbst verschieden
füttert, je nachdem er mehr oder weniger angestrengt arbeitet.«

Da unterbrach ihn das Glockenzeichen, das zur Abendmahlzeit rief, und
wir pilgerten, ehe wir noch erfahren hatten, wie es mit der Kunst
in der Literatur gehalten wird, nach dem großen Speisesaale. Unser
Weg führte am Schwimmbecken vorüber, in dem sich noch Jung und Alt
beiderlei Geschlechts tummelte, und durch den Blumengarten, der den
Zwischenraum der Häuser ausfüllt. Wir fanden den Speisesaal hell
erleuchtet und kaum zur Hälfte gefüllt. Man kam und ging und die
hübschesten jungen Mädchen dienten als Heben von Tisch zu Tisch.



III.


Wir wollen nun mit wenigen Worten der beiden nächsten Tage gedenken,
wo wir uns mehr überlassen waren, weil Zwirner sehr hart arbeiten
mußte. Wir fuhren den nächsten Tag auf den Kahlenberg, wohin die
Eisenbahn und eine Zahnradbahn, die vor 150 Jahren erbaut, seither
aber sehr verbessert worden war, führt und von wo wir zuerst Wien, mit
viel weniger Thürmen, als im 19. Jahrhundert, geschmückt und nicht
erweitert, wie man damals dachte, sondern eher zusammengerückt -- so
lehrten Bilder an den Wänden des Speisesaales -- sahen, und wir waren
verwundert, überall Grünes zwischen die Häusergruppen gemengt zu sehen,
mehr als das sonst in einer Großstadt der Fall ist. Von einer großen
Terrasse sahen wir hinab auf die schimmernde Stadt und die umliegenden
Weingärten, links die Donau mit dem fruchtbaren Marchfelde und blauen
Gebirgen in weiter Ferne und rechts, vom Bergrücken ausgehend, auf dem
wir standen, wohl in zwanzig Farbentönen, immer duftiger und blauer
werdend, abgestuft, ein herrliches Gewoge bewaldeter Berge, die, zu
immer mächtigerer Höhe ansteigend, sich bis weit nach Süden hinziehen,
wo der berühmte Schneeberg deutlich sichtbar ist. Es sind weitläufige
Wohngebäude und Wirthschaften auf dem Kahlenberge zu sehen; eine alte
Kirche, die da gestanden haben soll, ist nicht mehr erhalten und führen
Waldwege im Bogen nach einer zweiten Bergkuppe, zwischen uns und der
Donau gelegen, welche Leopoldsberg genannt wird und auch bewohnt ist.
Die Wohnhäuser dienen alten Leuten, die Gefallen daran haben, Winter
und Sommer zum Aufenthalte und werden oft Tausende von Besuchern
hinaufgeführt, die sich einige Stunden erlustigen, auch wohl bis spät
in die Nacht bleiben und nicht selten im großen Saale sich mit Musik
und Tanz vergnügen, wie auch sehr oft Männergesang ertönt, zur Uebung
oder zur eigenen Lust oder um fremde Besucher zu ehren, die sich eben
in Wien befinden und eine Einladung auf diesen Berg annehmen. Daß alles
für Staatsrechnung geht, ist selbstverständlich.

Die weiten Wälder, von Wiesen unterbrochen, bieten Tausenden
genußreiche Gelegenheit, sich zu ergehen und dem Ballspiel, Cricket
oder Lawn tennis zu huldigen, wozu die Erfordernisse reichlich
vorhanden sind. Es ist ein Aussichtsthurm hier und in einer Stunde
etwa kann man auf herrlichen Wegen den Hermannskogel erreichen, auf
welchem auch ein uralter Thurm steht, dessen Entstehungsgeschichte
der Castellan erzählt. Wir legitimirten uns in der Wirthschaft auf
dem Kahlenberge mit der Anweisung des Tullner Beamten und wurden
mit allem versorgt. Wir ließen Zwirner telephonisch benachrichtigen,
daß wir gleich nach dem Mittagstisch nach Payerbach fahren wollten,
um die herrliche Nacht auf dem Schneeberg zu verbringen. Man versah
uns, als wir aufbrachen, mit einer Tasche, in der wir die nöthigsten
Reiseerfordernisse und Mundvorrath mitnahmen, und wurden ersucht,
Tasche und Reiserequisiten in Tulln abzugeben, von wo sie wieder
gelegentlich zurückgebracht würden.

Ein Amerikaner, den wir zufällig trafen, schloß sich an und über die
Zahnradbahn, Franz-Josefs-Bahn und Südbahn kamen wir um zehn Uhr nach
Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den
Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt
wurden. Mit vielen anderen Besuchern genossen wir das erhebende
Naturschauspiel, ruhten dann wieder und kamen gegen Mittag nach
Payerbach, um direkt in den Prater zu fahren. Dort kamen wir eben gegen
Ende des Wettrennens an, das ebenso verlief, wie anderwärts und zu
anderer Zeit, nur durfte nicht gewettet werden und die zahllosen Frauen
und Mädchen waren nicht __demi-reputation__.

Nun waren wir doch froh, zu unserem verspäteten Mittagessen zu kommen,
das uns angewiesen war, denn unser Mundvorrath war verbraucht und wir
wollten nicht, was wir recht wohl hätten thun können, uns in einen
beliebigen Speisesaal begeben, da wir Abweisung fürchteten. Recht müde
kamen wir gegen neun Uhr nach Tulln und ließen uns das Abendbrot
schmecken. Zwirner gab uns das Versprechen, die Rückstellung der
Reiseeffekten zu veranlassen, was ja sehr leicht sei, da kaum ein Tag
vergehe, daß nicht jemand mindestens nach Nußdorf ginge, und von dort
nähmen dergleichen die Schaffner der Zahnradbahn mit.

Wir wunderten uns, daß da Ordnung möglich sei, und Zwirner sagte,
wenn die Sachen in drei Tagen nicht kämen, würde man gewiß nach Tulln
telephoniren, und wo könnte denn ein Reisender die Sachen, welche
offenbar nicht ihm gehören, hinschaffen? Sie würden ihm abgenommen
werden und sicher immer wieder an ihren Ort kommen, denn die
Centralstellen vermitteln alle Anfragen und Communicationen.

Zwirner erklärte uns das Fernsprechwesen. Es seien schon ursprünglich
alle Ortschaften mit den Bezirksvororten, diese mit den Kreisvororten
und diese mit den Provinzstädten durch Fernsprechleitungen verbunden
worden. In Wien liefen alle Leitungen zusammen und die Kreisstädte
hätten auch telegraphische Verbindung mit den Provinzstädten und diese
mit Wien. Die Leitung führe überall von Kanzlei zu Kanzlei, könne aber
auch von den Einzelnen benützt werden. Eigenes Bedienungspersonal sei
nicht nothwendig, da die Telephone überall dort angebracht seien, wo
das Anrufen von irgend jemand gehört werden muß.



IV.


Es war ein heller Nachmittag und ein Gewitter hatte die Luft abgekühlt.

Ich sagte, daß ich den amerikanischen Gesandten besuchen müsse, da
ich sein Landsmann sei, und Zwirner erwiderte darauf, daß er sich
erkundigen wolle, ob der amerikanische Gesandte Abendempfang habe. Er
begab sich nach dem Gemeindepalaste und kam bald mit der Nachricht
zurück, der amerikanische Gesandte habe sich für den Abend beim Fürsten
Hochberg zum Besuche angesagt und er werde sich übrigens freuen, mit
seinen Mitbürgern Mssrs. West und Forest dort zusammenzutreffen.
Zwirner habe nun beim Fürsten Hochberg, wo übrigens seine Schwester
Hausgenossin sei, angefragt, ob es angenehm wäre, wenn er mit den
Herren West und Forest aus Boston dort den Abend zubringen würde,
hauptsächlich in der Absicht, den amerikanischen Gesandten dort zu
begrüßen. Der Fürst habe zustimmend geantwortet.

Zwirner bemerkte, daß wir nicht begriffen, was ein Fürst in einem
communistischen Staate zu suchen habe und wie sich diese geselligen
Verhältnisse erklären ließen, und sagte: »Die Stellung des Adels
werde ich euch ein andermal erklären, aber es ist ganz natürlich, daß
wir den amerikanischen Gesandten aufsuchen, wo er eben seinen Abend
zubringt, und daß wir uns beim Fürsten Hochberg zu diesem Zwecke
einladen. Hat man nicht eben geschäftliche oder, wie wir sagen,
dienstliche Besprechungen mit jemand zu pflegen, so sucht man sich
abends zu treffen, weil der Abend im ganzen Reiche für gesellige
Zusammenkünfte bestimmt ist. Die Last, Empfangsabende zu halten, fällt
überall dem Verwaltungsbeamten zu, aber in Wien empfängt der Kaiser
oder sein Vertreter täglich und ebenso empfangen die Minister, einige
Volkstribunen und der Adel. Wir haben 200 adelige Familien, deren
Oberhäupter diese Repräsentationspflichten erfüllen müssen und so
gewissermaßen kleine Succursalen des kaiserlichen Hofes vorstellen.
Es hat zwar jedes städtische Quartier seinen Palast, wo jedermann
seinen Abend angenehm verbringen kann, aber in Wien strömen berühmte
Menschen aus aller Herren Länder zu vielen Tausenden zusammen, und
will man Berühmtheiten treffen, so ist es am besten, man geht zu Hofe
oder in diese kleineren adeligen Cirkel. Bei Hofe ist das Gewühl der
Besucher betäubend und man geht gerne einmal, aber sehr ungern zweimal
hin. Dagegen sind die Empfänge des Adels außerordentlich angenehm. In
dem Palaste eines solchen Magnaten können sich nur etwa zweihundert
Personen versammeln. Man verliert sich nicht, jedermann kann beachtet
werden, sich aber auch, wenn es ihm beliebt, der Beschaulichkeit
hingeben, man findet die schönsten Frauen, deren wir jetzt eine Legion
haben, und die interessantesten Männer, viele Künstler und Gelehrte
und niemand beklagt sich, er habe je dort einen Abend verloren. Ich
muß beim Fürsten Hochberg ebenso aufgenommen werden, wie jeder andere
Bewohner des Reiches oder Fremde, aber man sagt sich immer vorher an,
weil die Räume nicht besonders groß sind und man dort ungemüthliches
Gedränge vermeiden will. Das Haus des Fürsten Hochberg ist übrigens
auch mein Haus, die Erfrischungen, die in seinem Hause herumgereicht
werden, bestreitet das gesammte Volk und ich bin bei Hochberg ebenso zu
Hause, wie in Tulln oder sonstwo im weiten Reiche. Unter der Anfrage,
ob mein Besuch angenehm wäre, ist nichts anderes zu verstehen, als
eine Erkundigung, ob die Zahl der angemeldeten Besucher eine bestimmte
Grenze nicht schon überschritten hat. In früheren Zeiten allerdings
konnte eine abschlägige Antwort auch aus anderen Gründen erfolgen.
Als die neue Gesellschaftsordnung begründet wurde und man mit der
degradirten Bevölkerung aus dem 19. Jahrhunderte zu rechnen hatte,
besaß der Adel das heute kaum je mehr ausgeübte Recht, allen jenen den
Zutritt zu verwehren, welche einer solchen Gesellschaft nicht hätten
zur Zierde gereichen können. In drei Generationen seit 1930 ist aber
der Charakter des Volkes so verändert worden, daß der Adel wohl jeden
Einheimischen in seinen Cirkeln zulassen kann.«

»Wie hält man es aber mit den Fremden?«

»Wenn ein verdächtiger Fremde sich bei Hochberg zu Besuch melden würde,
so würde der Fürst sich beim Quartierbeamten vorher Belehrung einholen
und man würde den Mann etwa mit einer Ausrede und einem Theaterbillete
auf andere Gedanken bringen. Für uns hat sich längst ein natürliches
Gefühl der Schicklichkeit herausgebildet, welches uns lehrt, Störungen
aus dem Wege zu gehen und Empfindlichkeiten zu schonen. So gibt es
Leute, welche wegen zwischen ihnen bestehender Abneigung nirgends
zusammentreffen dürfen, da sie nur zu leicht in Streit gerathen oder
doch mindestens nebeneinander des geselligen Abends nicht froh werden
könnten. Dem Zusammentreffen solcher Personen wird immer geschickt
ausgewichen und ist der Fernsprecher für uns eine wahre Wohlthat, weil
sich die verantwortlichen Beamten jederzeit davon unterrichtet halten,
welche Gefahren etwa zu besorgen sind.«

Eben fuhr ein schmucker Junge eine Kutsche, mit zwei Pferden bespannt,
vor und wir stiegen ein, um uns zu Hochberg zu begeben. Der junge
Pferdelenker hatte sich die Begünstigung ausgebeten, so oft als möglich
mit der Lenkung der Pferde betraut zu werden, weil ihm das besonderes
Vergnügen bereite. Er war der Sohn des Arztes und man sagte uns, daß er
mit den Pferden, die diese Tage nicht waren eingespannt worden, nachdem
er uns zu Hochberg gebracht haben würde, spazieren fahren wolle und
dann werde er uns wieder abholen, da der Empfang um 11 Uhr zu Ende sei.

Die Fahrt ging nicht nach dem Stadtpalast der Hochbergs, da der Hof und
der Adel bereits seit anfangs Mai die Landhäuser und Schlösser bezogen
hatten, und der Fürst Hochberg hatte auf Wunsch des kaiserlichen
Obersthofmeisteramtes die Repräsentation im kaiserlichen Lustschlosse
zu Königstetten übernommen, wo auch einige Künstler und Gelehrte,
gewesene Minister und einige Berühmtheiten aus dem deutschen Reiche
Gäste des Kaisers waren. Es ging dort lustig zu und abends versammelte
sich eine täglich wechselnde Gesellschaft von Fremden, die von Wien auf
Besuch herauskamen, und von Beamten und Aerzten aus der Nachbarschaft,
die sich gerade einen Abend frei machen konnten. Daher fuhren auf
derselben Straße auch mehrere Wagen, die beinahe zugleich mit uns gegen
7 Uhr in der Einfahrtshalle des Schlosses hielten.

Das Schloß war im 19. Jahrhunderte Eigenthum eines Grafen Bray und
dann von der Civilliste übernommen und neu aufgebaut worden. Es war
damals ein jämmerliches Haus, zwischen Hütten eingekeilt. Jetzt steht
es prächtig und frei da und der Blumenteppich an dessen Vorderseite
ist ebenso herrlich, als der weitausgedehnte Park, der sich rückwärts
zum Theile den Berg hinan zieht. Auch das Dorf war im 19. Jahrhunderte
armselig und die kaum 1200 Seelen zählende Gemeinde in mehr als
zweihundert elenden Hütten vertheilt, zwischen welchen schmutzige
Straßen liefen.

Im ersten Empfangssaale eilte der Fürst Hochberg auf uns zu, uns zu
begrüßen und willkommen zu heißen, nachdem ein Student, der die Ferien
im Schlosse zubringt und eine Art von Secretariat führt, um dem Fürsten
die Repräsentationspflichten etwas zu erleichtern, ihm unsere Namen
genannt und den Zweck unseres Besuches in Oesterreich, wie auch den
Hauptzweck unseres Erscheinens bei diesem Empfangsabende gemeldet
hatte. »__Very glad to see you here; the Embassador will be here this
moment. In the mean while my daughter will keep you company and I shall
have a talk with you afterwards.__« Damit enteilte der Fürst anderen
gemeldeten Besuchern entgegen. Die Tochter des Fürsten, Lori Hochberg,
lud uns zu sich in eine Fensternische, wo wir Platz nahmen, und nachdem
die junge Dame einige Worte englisch mit uns gesprochen, streifte ihr
Blick unseren Freund Zwirner und sie richtete an ihn die Frage: »Werden
wir englisch conversiren?« Darauf sagte Zwirner, daß er nicht englisch
verstehe, daß wir uns aber ganz gut in deutscher Sprache verständlich
machen könnten. Darauf sagte die Prinzessin, sich der deutschen
Sprache bedienend: »Ihr müßt wissen, daß wir in Oesterreich in einem
wahren Babel leben. Als unser Land die neue Gesellschaftsordnung
annahm, waren vier Hauptsprachstämme im Reiche vertreten, und acht
Sprachen wurden gesprochen. Man einigte sich unter Franz Josef dem
Standhaften, die deutsche Sprache als allgemeines Verständigungsmittel
mindestens für die Gebildeten gelten zu lassen, was übrigens damals
viel bestritten wurde. Seither hat sich ganz Oesterreich mit Vorliebe
auf Sprachstudien geworfen und ist niemand im Lande, der nicht
wenigstens zwei Sprachen geläufig spräche, viele sprechen aber an fünf
und sechs lebende Sprachen, wie uns auch die Geschichte überliefert,
daß Franz Josef der Standhafte mit jedem Bürger seines Reiches in der
Sprache verkehrte, die diesem geläufig war, und als er einmal bei einem
officiellen Anlasse eine croatische Ansprache mit einer deutschen Rede
beantwortete, soll es einen Sturm im Wasserglase gegeben haben und der
damalige Ministerpräsident für die Länder der ungarischen Krone mußte
Rede stehen.«

Diese jetzt zu einer Nationaltugend gewordene Polyglottie sei der
Hauptgrund, weshalb seit 40 Jahren die Fremden aus allen Welttheilen
Oesterreich und gerade Wien mit Vorliebe aufsuchten und die 30
Hochschulen in Wien, worunter auch an mehreren Vorlesungen in fremden
Sprachen gehalten würden, von Studierenden aus Australien ebenso, wie
aus China, Japan und Persien, Süd- und Nord-Amerika und sogar aus den
Colonien in Ostafrika besucht würden.

Wir waren noch nicht zu Worte gekommen, was uns recht lieb war, denn
wir wurden überall überschüttet mit Aufklärungen und Freundlichkeiten
und fürchteten, recht ungeschickte Dinge zu sagen, aber jetzt erlaubte
ich mir doch, einzuwerfen, daß wir verwundert gewesen seien, daß
Zwirner nicht englisch verstehe, da er uns doch in englischer Sprache
geschrieben habe. -- Das erkläre sich wohl leicht, sagte Zwirner.
Er habe gewiß ebensoviel Sprachentalent als irgend ein anderer
Oesterreicher, aber, da sein Beruf der eines landwirthschaftlichen
Arbeiters sei, habe er sich die englische Sprache nicht für seine
Berufsausbildung eigen machen müssen, sondern seine Privatstudien
hätten ihn darauf geführt. Der Volksunterricht führe jeden in alle
Zweige menschlichen Wissens so weit ein, daß er auf autodidactischem
Wege sein Wissen bereichern könne, wie es ihm gutdünkt. Da er sich
nun mit dem Studium des Standes der socialen Frage im neunzehnten
Jahrhunderte zu seinem Vergnügen befasse, habe er die Nothwendigkeit
empfunden, die Zeitungen, Pamphlete und socialpolitischen Werke
Englands und Amerikas aus jener Zeit zu durchforschen, und dazu sei
ihm die Kenntnis der englischen Sprache, aber nur insofern nothwendig
gewesen, daß er fließend lesen und schreiben lernen mußte, was ihm nach
jahrelangen Bemühungen auch gelungen sei.

Mit dem romanischen Sprachenstamme sei er vertraut, da er sich als
zweite Landessprache die italienische Sprache gewählt habe, und nachdem
die englische Sprache eine Mischung von deutschen und romanischen
Wörtern und Formen sei, habe er sich mit Hülfe der Grammatiken und
Wörterbücher in der Gemeindebibliothek von Tulln und durch jahrelanges
Lesen von englischen Büchern eine vollkommene Vertrautheit mit dieser
Sprache erworben. Da er aber niemals jemand habe englisch sprechen
hören, verstehe er kaum ein einziges englisches Wort, das man zu ihm
spricht.

»Das ist erstaunlich Prinzessin!« wendete ich mich an diese, die darauf
bemerkte: »Ihr dürft mich nicht Prinzessin heißen, denn die Töchter
der adeligen Geschlechter gehören nicht dem Adel an und vermählen sich
auch niemals mit Adeligen.« Dabei streifte sie wieder unseren Freund
Zwirner mit einem temperamentvollen Blicke, der mir schon mehrmals
aufgefallen war. »Nennt mich also Lori Hochberg,« schloß das schöne
Mädchen. Lori war eine imposante Erscheinung; lange kastanienbraune
Flechten hingen über den Rücken herab, die funkelnden Augen und der
schwellende Mund verriethen das zur Liebe geschaffene Weib und als
ich jetzt meine Augen auch mit Wohlgefallen auf Zwirner ruhen ließ,
ward es mir klar, daß das ein prächtiges Paar geben würde. Zwirner
war ein schöner Mann von wahrer Hünengestalt und edler Haltung und
nichts deutete auf seinen Beruf, als etwas starke und große Hände, die
übrigens heute in Stulphandschuhen staken. Seine Tracht erinnerte an
altdeutsche Bilder und war aus kurzgeschorenem Sammt von verschiedenen
Farben zusammengesetzt; die Beine waren bis zu den Knieen mit Gamaschen
aus feinem Leder bekleidet und den breitkrämpigen Hut zierten Federn
von verschiedenem Wildgeflügel.

Auch Zwirner schien seine Augen gerne über die schöne Gestalt Loris
gleiten zu lassen, die er zum erstenmale sah. Aber er war durch Loris
Benehmen nicht beunruhigt; im Gegentheile schwebte auf seinen Lippen
immer ein Anflug von ganz leiser Ironie, die aber nichts verletzendes
hatte.

»Ich hatte noch nicht Zeit,« sagte er, »unsere amerikanischen Freunde
über die Stellung unseres Adels, die Umgangsformen in Oesterreich und
über unsere Auffassung von der Gleichheit der Menschen vollständig
aufzuklären. Das will ich besorgen und deine Bemerkungen ergänzen. Doch
bitte ich dich, liebe Freundin, den Gästen Aufschluß zu geben, welche
Besuche heute erwartet werden, die ihnen interessant sein könnten.«

Wir wurden wieder in's Gespräch gezogen und da wir Lori unseren
Beifall zu erkennen gaben, daß man in Oesterreich so verschiedenartige
und geschmackvolle Trachten zu Gesicht bekomme, was sie wieder mit
einem lächelnden Blicke auf Zwirners Prachtgestalt beantwortete, nahm
sie eine Mappe von dem Tischchen, neben welchem sie Platz genommen
hatte, und sagte: »Vergleicht nur einmal diese Trachten aus dem 19.
Jahrhunderte und das verkrüppelte Menschengeschlecht jener Tage mit
unseren heutigen Volkstypen.« -- Zwirner war damit vollkommen vertraut,
da ihn seine Studien längst darauf geführt hatten, und er erzählte
übrigens, daß man sich damals selbst über die zeitgenössische Tracht
lustig machte und daß man die ungeschlachten cylinderförmigen Hüte
»Ofenröhren« nannte und die lächerlich verschnittenen Röcke »Frack«. --

Mittlerweile waren viele Besucher vorgefahren und obwohl alle durch
unseren Saal verkehrten, hatte man uns nicht gestört, weil Lori
niemand ermunterte, sich uns zu nähern, und die Besucher suchten
daher den Fürsten in den nächsten Sälen auf, wo sich lautes Gespräch
vernehmen ließ. Als aber der amerikanische Gesandte, ein verdrießlich
aussehender Diplomat in lächerlicher Uniform, mit Miß Flower, seiner
bleichsüchtigen Tochter, am Arme eintrat, erhob sich Lori, um uns
bekannt zu machen. Die Begegnung war nur eine flüchtige und endete nach
einigen Worten damit, daß die Flowers weiter pilgerten und wir unsere
früheren Sitze wieder einnahmen.

Die Fenster waren geöffnet und eine balsamische Luft strömte von den
weitläufigen Gärten herein, über die sich Dämmerung zu verbreiten
anfing. Jetzt erklangen die Geigen im Tanzsaale und mit den Worten:
»Die Zigeuner«, erhob sich Lori, was Zwirner nicht anders verstehen
konnte, als daß er sie zum Tanze führen könne. Während sie seinen Arm
nahm, rief sie uns freundlich zu: »Werft einen Blick in den Tanzsaal
oder streift durch die Gärten, wir werden nur zum Schein zum Tanze
antreten, der an einem Sommerabende nicht ernst genommen werden kann.«

Wir folgten dem schönen Paare und bewunderten den Tanzsaal, der, mit
weißem Stuck ausgelegt und ohne Aufdringlichkeit mit Vergoldungen
verziert, im elektrischen Lichte strahlte und nicht übermäßig heiß war,
weil alle Fenster nach dem Parke offen standen. Wir entzogen uns bald
dem Gewühle, um Loris Rathe zu folgen und uns in den Gärten zu ergehen,
in welchen Glühlichter in den Bäumen und Gesträuchen funkelten,
Cascaden und Springbrunnen plätscherten und einzelne Gruppen von
Besuchern plaudernd lustwandelten.

Da wir uns nach dem Schlosse zurückwandten und unter den
säulengetragenen Vorbau traten, dessen Boden mit schönem Mosaik, --
man nennt das in Oesterreich Terazzo -- bekleidet war, kamen uns Lori
und Zwirner entgegen, die, ein wenig vom Tanze erhitzt, sich noch
etwas näher gekommen schienen. Ein vorübergehender junger Freund der
Familie wurde gebeten, nachzusehen, ob unser Wagen schon vorgefahren
sei, und als er mit der Nachricht zurückkam, der junge Stirner, -- so
der Name unseres Rosselenkers --, erwarte uns mit Ungeduld, weil die
Pferde nicht stillestehen wollten, verabschiedeten wir uns von Lori mit
der Bitte, uns dem Fürsten zu empfehlen, dessen Gastfreundschaft wir
genossen. »So ist es wohl nicht«, entgegnete Lori lachend, »Herr in
diesem Hause sind die Völker Oesterreichs, aber ich werde den Vater in
eurem Namen grüßen.« Zwirner schüttelte sie herzlich die Hand, nicht
ohne ihm lächelnd in's Auge zu blicken, uns winkte sie freundlich zu
und schon war sie nach dem Garten verschwunden. Wir stiegen in den
Wagen und auf der Heimfahrt in einer köstlichen Sommernacht stellten
wir Zwirner zur Rede über sein Verhältniß zu Lori. Er sagte, er habe
Lori heute zum erstenmale gesehen, und, da beide unvermählt seien
und heirathen könnten, wäre eine Vermählung nur davon abhängig, daß
sie sich liebgewännen. »Lori zeigte mir soviel Wohlgefallen, als
schicklicherweise geschehen konnte, und ohne solche Aufmunterung würde
kein junger Mann es wagen, einem Mädchen seine Liebe zu gestehen. Aber
so entzückend ich auch Lori finde, so ist es doch allgemeine Sitte nur
langsam sich zu nähern und sich nicht vom ersten Anblicke ganz gefangen
nehmen zu lassen. Die Ehe wird bei uns ernst genommen, soviel man auch
unverheiratheten und verwittweten Leuten durch die Finger sieht. Davon
aber ein andermal, denn das Thema können wir heute nicht erschöpfen.«

Eben fuhren wir vor unserem Wohnhause vor und da es schon Mitternacht
war und wir statt des Abendbrotes bei Hochberg mit etwas Thee und
Aufschnitt waren versorgt worden, gingen wir zu Bette, ohne noch in den
Speisesaal zu gehen, wo wir noch Licht sahen.



V.


Am anderen Morgen, Samstag, schliefen wir etwas länger und da die
Fremdenzimmer in dem Flügel der Wohnhäuser untergebracht sind, in
welchem die alten Leute wohnen, welche Ruhe haben wollen, so hörten
wir nicht den Schall der Gongs, womit sonst überall Jung und Alt
allmorgentlich um 5 Uhr spätestens aus den Federn gejagt wird.

Der Morgen war heiter und wir gingen, nachdem wir das Wohnhaus
verlassen hatten, schwimmen, kamen aber schon um 7 Uhr in den
Speisesaal, wo ein Dutzend hübscher Mädchen den Dienst versahen und
jenen das Frühstück brachten, die sich verspätet hatten. Da wir an
Zwirners Tische Platz nehmen wollten, kam ein alter Herr zu uns, nannte
sich Dr. Kolb und entbot uns einen Gruß von Freund Zwirner, der schon
längst über Feld gefahren sei und uns heute nicht mehr sehen könne, da
er abends zu Hochberg wolle und uns eine Wiederholung des Besuches dort
nicht zumuthen könne.

Während wir uns an das Frühstück machten, sagte Dr. Kolb, er wolle
uns Gesellschaft leisten, was der Hauptberuf der alten Herren den
Fremden gegenüber sei, und er bäte, aus dem Metropolitananzeiger, der
nur für Wien und Umgebung herausgegeben werde, uns zu informiren, was
uns von den abendlichen Genüssen am meisten Vergnügen bereiten könne.
Er habe gehört, daß wir Geschichtsforscher seien und wenn uns ein halb
wissenschaftlicher Vortrag Interesse bieten könne, so empfehle er
die Rubrik: »Wissenschaftliche Vorträge« zu studiren. Der Vorschlag
gefiel uns und wir nahmen jeder ein Heft zur Hand, um nach einiger
Berathung einen Vortrag des Professors Lueger über Franz Josef den
Standhaften und seine Zeit im alten Universitätsgebäude am Franzensring
zu wählen. Dr. Kolb zollte dem Vorschlage Beifall und empfahl uns, in
seiner Begleitung nach Wien zu fahren und einmal eine erste Rundfahrt
zu unternehmen, da wir dieser Stadt viele Tage würden widmen müssen.
Da ferners der Vortrag um sieben Uhr abends beginne und kaum vor halb
zehn Uhr geschlossen würde, so wolle er uns ein Quartier in der Stadt
besorgen, wo wir die Nacht zubringen könnten. Er wolle sich uns ganz
widmen und uns am nächsten Morgen, Sonntags, zurückbringen. Das war uns
angenehm und Dr. Kolb entfernte sich auf kurze Zeit, um bald darauf mit
der Nachricht zurückzukommen, Wien sei einer bevorstehenden Regatta
wegen überfüllt, und er habe uns daher nicht in den der Universität
zunächst gelegenen Quartieren Herberge verschaffen können, aber im
Dritten Gumpendorfer Quartier hätte er drei Schlafzimmer belegt.
Solche Festlichkeiten lockten immer viele Menschen nach Wien, aber
trotzdem würde in den Sommermonaten Platz genug sein, da Hof und Adel,
Studenten und Lehrkräfte, ja auch viele Pensionisten fortzögen, um heim
zu eilen oder in den Bergen kühle Wohnungen aufzusuchen. Diese Zeit
aber benütze man doch wieder, um junge Leute aus allen Theilen des
Reiches nach Wien zu bringen. Man halte es für bildend, die Jugend mit
der Weltstadt bekannt zu machen; es gebe das auch Gelegenheit, Fleiß
zu belohnen und Unfleiß zu bestrafen, da jede Gemeinde einen Theil der
zur Wiener Reise bestimmten Altersklasse strafweise ausschließe, und
in Vielen werde ein wahrer Feuereifer für die Schule wachgerufen, wenn
sie das herrliche Wien zum erstenmal schauen und hören, daß die besten
Schüler an die Hochschule kämen und dann fünf Jahre in der Hauptstadt
zubringen könnten.

Die Eisenbahn brachte uns bald nach dem Franz-Josefs-Bahnhofe und Dr.
Kolb rieth uns, die Straßenbahn, und nicht die Stadtbahn zu benützen,
die man am Ausgange des 19. Jahrhunderts gebaut, aber dann wieder
theilweise verlegt habe, um die Störungen zu beseitigen, welche dadurch
in die harmonischen Veduten waren gebracht worden. Wir folgten seinem
Rathe und bestiegen einen Straßenbahnwagen, der den Weg von dort zum
Schottenring, dann im Kreise um den ganzen Ring machte und wieder zu
seinem Ausgangspunkte zurückkehrte. Solche Wagen gingen von jedem
äußeren Bahnhofe aus, weil sich die Gepflogenheit herausgebildet
hatte, daß jeder Ankömmling seinen ersten Besuch mit dieser Rundfahrt
einleite; denn es war eine über den ganzen Erdkreis verbreitete
Legende, daß man nichts Schöneres sehen könne.

Wir nahmen auf der Imperiale des Wagens Platz, der weder mit Pferden
bespannt war, noch von einer barbarischen, qualmenden Straßenlocomotive
bewegt, sondern pneumatisch betrieben wurde, indem der neben
dem Kutscher angebrachte Windkessel an jeder Haltstelle aus den
pneumatischen Röhren mit Druckluft versorgt wurde.

Wir bemerkten, daß die Stadt beinahe aus gleichen Quartieren
zusammengesetzt war; sie glichen in ihrer Hauptanlage Tulln und
anderen kleinen Gemeinden. Vier große Wohngebäude umschlossen immer
einen Palast, der für Verwaltung, Lese- und Speisesäle bestimmt war;
dazwischen liefen Gartenanlagen mit Schwimmbassins und nur zwei oder
drei Flügel der äußeren Gebäude reichten bis zu den Straßen, die
zum großen Theile mit Straßenbahnwagen befahren wurden. Lastwagen
fuhren nirgends auf der Straße und Equipagen schossen nur zuweilen
an uns vorüber, wie auch einige Radfahrer lautlos vorbeiglitten. Nur
die Ringstraße bildete, wie in alter Zeit, eine breite gepflasterte
Fläche. Sonst waren überall schmale Trottoirs angebracht und in vielen
Straßen, welche von Equipagen gar nicht befahren werden durften,
war nur eine ununterbrochene Gartenanlage zu sehen. Es fielen die
Straßenbahnschienen, die in die Wiesenplätze gelegt waren und die
Schlangenwege kreuzten, kaum auf. Um diesen Betrieb zu ermöglichen,
liefen vor den Rädern Schienenräumer einher, welche nicht nur Steinchen
auswarfen, sondern auch Gräser und Halme beiseite schoben. Die
Wechsel konnte der Wagenlenker während des Fahrens von seinem Sitze
aus stellen, da vor jeder Weiche ein Riegel zwischen den Schienen
angebracht war, der durch vom Sitze aus verstellbare, am Wagen
angebrachte Bolzen nach rechts oder links geschoben werden konnte.

Als wir in die Ringstraße einbogen, sahen wir uns gegenüber das schöne
ehemalige Börsengebäude, von Theophil Hansen erbaut, unverwittert in
rother Farbe leuchten und da man schon seit mehr als hundert Jahren
dort nicht mehr schacherte, war das Haus in ein Unterrichtsgebäude
verwandelt worden, wie das ehemalige Polizeigebäude rechter Hand
jetzt als Studentenherberge dient. Dr. Kolb machte uns auf die
Ballustrade aufmerksam, welche die ehemalige Börse krönt, und sagte,
wir hätten bei Leibe nicht zu fürchten, daß die Säulchen brächen und
den Vorübergehenden auf die Köpfe fielen, denn man baue in Wien für
die Ewigkeit. Er deutete auf das ehemalige Polizeigebäude gegenüber
und erzählte, dort stände aus alter Zeit im Hofe ein grün gestrichener
Wagen mit Gittern und Zellenwänden, dessen Bestimmung man sich nicht
klar machen könne; man vermuthe, daß er zum Transporte von Thieren
gedient habe. Es sei ein Ausschreiben ergangen, dieses historische
Räthsel zu lösen. Er belehrte uns übrigens, daß von den Wohngebäuden,
die im 19. Jahrhunderte an der Ringstraße standen, nur mehr wenige
vorhanden wären, da viele Häuser reicher Bürger längst niedergerissen
und öffentliche Gebäude an deren Stelle errichtet worden seien.
Eine Ausnahme bildete das Sühnhaus, übrigens ein Stiftungshaus zur
Erinnerung an den schrecklichen Brand eines Theaters, das an derselben
Stelle stand. Das Sühnhaus ist ein schöner Bau, entworfen von Meister
Schmidt, dem Dombaumeister des 19. Jahrhunderts. »Hier seht ihr die
Votivkirche, vom Architekten Ferstel entworfen. Dieser Bau wurde
vom nachmaligen Kaiser Max, von welchem ihr wohl heute abend in der
Vorlesung hören werdet, gegründet zur Erinnerung an die Errettung des
Kaisers Franz Josef, den ein politischer Schwärmer mit Mordwaffen
angefallen hatte, und hier steht schon die gleichfalls vom Baumeister
Ferstel stammende älteste deutsche Universität dieser Stadt, in der man
neben wirklichen Wissenschaften nur mehr _=Geschichte=_ der Theologie
und _=Geschichte=_ der Jurisprudenz vorträgt, weil diese angeblichen
Wissenschaften nur Requisite des Classenstaates waren. Die Rampe
beweist deutlich, daß die Studenten des 19. Jahrhunderts mit Vieren in
die Vorlesung fuhren.«

»Wie haltet ihr es jetzt mit der Religion?« wollte Mr. Forest fragen;
aber Dr. Kolb bat uns, ihn nicht zu unterbrechen, weil es gelte, die
Wandelbilder zu erläutern.

»Hier links das sogenannte Burgtheater, von Meister Hasenauer, --
man nannte diese Herren im verrückten 19. Jahrhunderte alle Barone
oder Freiherren. Der junge Mann, der dort hoch oben auf der Mauer
sitzt, als wäre er von des Nachbars Garten herübergestiegen, wo er
Kirschen gestohlen, ist der Gott Apollo, und da wir zu nahe am Theater
vorüberfahren, entgehen euch kostbare Merkwürdigkeiten, die auf
dem Dache angebracht sind. Nämlich ein allerliebstes Lusthäuschen,
um das sich ein munterer Blasengel dreht, der im Uebereifer immer
dorthin bläst, wohin ohnedies der Wind zieht. Ferners stehen auf
zwei Dachreitern je zwei waghalsige Genien, welche Kränze zum
Kaufe auszubieten scheinen, aber nicht herabsteigen, sondern uns
hinauflocken wollen. Im Hintergrunde des Parkes rechter Hand steht
das ehemalige Rathhaus mit dem Reiterbild Franz Josef des Standhaften
über dem Portal und dem kupfernen Wächter auf der Thurmspitze. Auch
vom Gemeinderathe und Bürgermeister jener entschwundenen Epoche weiß
man nichts mehr. Die Archive aber erzählen wunderliche Dinge über
die städtische Verwaltung und die kleinlichen Geschäfte, welche
von einer Unzahl von Magistratsräthen, Sekretären und Praktikanten
besorgt werden mußten. Der Rathssaal ist noch erhalten und die
Castellane zeigen den Sitz, von dem aus Dr. Karl Lueger, ein Ahne
unseres Professors, gegen den damaligen Bürgermeister, Dr. Johann
Nepomuk Prix, der auch als Baron gestorben sein soll, donnerte, aber
vergeblich, denn Dr. Karl Lueger war immer Führer einer Minorität,
die er sich unter den verschiedensten Bezeichnungen zusammenzutrommeln
wußte. Da er aber weder im Rathhause auf den Bürgermeisterstuhl,
noch im Abgeordnetenhause, das wir hier sehen, auf die Ministerbank
kommen konnte, hat er in alten Tagen alle Mandate eigensinnig von sich
gewiesen. -- Das Abgeordnetenhaus ist auch von Theophil Hansen erbaut,
den ich euch als Erbauer des ehemaligen Börsengebäudes nannte. Im
ehemaligen Rathhause wohnen heute die obersten Volkstribunen mit ihren
Sekretären und das Abgeordnetenhaus dient zuweilen zu parlamentarischen
Versammlungen, wenn das Volk über größere technische Projekte nicht
durch gemeindeweise Abstimmung entscheiden will und aus jedem Kreise
drei Abgeordnete mit Vollmacht entsendet.«

»Sonst tagen unausgesetzt gelehrte Versammlungen und europäische
Congresse in diesem Bau, weil die Sitzungssäle und Conferenzzimmer
dazu geeignet sind. Man erzählt sich übrigens, daß die Sitzungssäle
im vorigen Jahrhunderte gänzlich umgebaut werden mußten, weil eine
Spezialität dieses Hauses die war, daß man in jenen Sälen sein eigenes
Wort nicht verstand, geschweige denn einer längeren Rede hätte folgen
können. Auch das ehemalige Abgeordnetenhaus ist von vorzüglichem
Material erbaut und ihr müßt nicht glauben, daß die Stufen, die da
hinanführen, oder die Postamente etwa dem Wetter nicht trotzen könnten
oder gar große Stücke herausfielen und häßliche Löcher entstünden,
wenn es friert. Allerdings wird das meiste im Winter in warme Decken
gehüllt und mit Brettern bedeckt, was aber auch einen reizenden Anblick
gewährt. Der Bau hat auch eine meteorologische Bestimmung, denn
inmitten der Marmorbildsäulen, die um den Rand des Daches herumstehen,
hat man eine gewaltige Esse angebracht, aus der immer dicker Rauch
hervorqualmt, den der Wind der einen oder der anderen Statuenkolonne in
den Rücken weht. Daran kann sich der Wiener an den Fingern abzählen,
woher der Wind weht, und schlägt der Wind dann um, so steigen die
Hauswärter hinauf und machen die Statuen wieder blank. Hier links
schimmert durch die Bäume des Volksgartens die Statue des Dichters
Grillparzer herüber, etwas sonderbar von einem Ofenschirm begleitet,
mit dem man sich aber gerne aussöhnt, wenn man die herrlichen
Hautreliefs darauf von Meister Weyr betrachtet. Und nun kommen wir zur
Hofburg, in welcher der Kaiser residirt, mit dem Forum, den Museen,
und im Hintergrunde, an der Stelle des ehemaligen Hofstallgebäudes,
seht ihr den Centralregierungspalast. Die Museen hat der berühmte
Baumeister Semper entworfen und auch theilweise gebaut, den Bau aber
nach seinem Tode Meister Hasenauer beendet. Von diesem wahrscheinlich,
dessen Phantasie immer das Beste auf den Dächern anzubringen wußte,
stammen die großen Kuppeln, die je von vier reizenden Kindern begleitet
sind, welche wahrscheinlich die Aufgabe haben, sich zu großen
Kuppeln auszuwachsen und dann der Reihe nach einzurücken, wenn die
großen einstürzen. Statuen sieht man überall. Entweder sind sie als
Säulenheilige auf ungeheuren Postamenten angebracht und legen rühmliche
Proben von Schwindelfreiheit ab, oder sie stehen knapp hinter der
Dachrinne am Rande der Dächer und sehen neugierig auf die kleinen Leute
herunter, welche auf der Straße herumlaufen. Es ist das gewissermaßen
ökonomisch, denn man erspart die Tafel, auf welche man zu schreiben
pflegt: »Man bittet, die Statuen nicht zu berühren und ihnen nicht mit
den Schirmen die Nasen abzustoßen.« Die Anordnung der Statuen hatte
im 19. Jahrhundert offenbar einen militärischen Charakter. Auf dem
Abgeordnetenhause sind sie in Linien ausgezogen und man meint, den
Major anreiten zu sehen, der mit dem Säbel winkt, der Flügelmann solle
das Knie und der dritte Mann dort die rechte Hand hereinnehmen. Bei der
Votivkirche stehen die Heiligen und Apostel eingepreßt nebeneinander,
als gälte es ein Carré zu bilden, um gegen eine berittene Legion Teufel
Stand zu halten. Das wird aber, ich zweifle nicht, in den Gesetzen der
Schönheit vollkommen begründet sein.«

»Uebrigens, Freunde,« sagte Dr. Kolb lachend, »wir lieben unser Wien
und wenn wir einiges daran tadeln, hoffen wir, daß unsere Gäste die
Schönheiten nicht übersehen werden, von welchen zu sprechen uns nicht
zusteht. Wir haben in Wien zwar eine böse Zunge, aber ein gutes Herz
und in bösen Zeiten haben sich die Wiener oft mit einem Scherz über
großes Unglück hinweggeholfen.«

»Wie ihr seht, ist das ganze ungeheuere Forum, das früher durch Mauern
und ein monumentales Thor abgetheilt war, mit Reiterstatuen und mit den
Bildsäulen berühmter Männer besetzt, die im Wettstreit ihre Nebenbuhler
besiegt und erste Preise davongetragen haben. Es regt das nicht wenig
den Ehrgeiz an. Lasset euch nicht die herrlichen und weltberühmten
Mosaiken entgehen, die die ganze Fläche dieses Riesenraumes durchziehen
und an welchen fünfzig Jahre gearbeitet wurde.«

Nun zeigte uns Dr. Kolb auf einem polychromen Kunstblatte die
Abbildungen der Mosaiken, die wir später auf unserer Fußwanderung
näher in Augenschein nehmen sollten, und wir fuhren an der alten
Oper, einem nicht sehr geschmackvollen großen Baue, und vielen neu
errichteten öffentlichen Bauten vorbei, die einen viel großartigeren
Charakter zeigten, als die Bauten der älteren Periode, dann den
Donaukanal entlang wieder zur alten Börse zurück, um nun auszusteigen
und im nächstgelegenen Quartier, wo wir uns legitimirten, das zweite
Frühstück einzunehmen. Dann pilgerten wir zu Fuß nach der Votivkirche,
besahen den Hofraum der Universität mit den zahllosen Standbildern
und Büsten berühmter Lehrer, erfreuten uns im Rathhausparke an den
Spielen der Kinder, die da zu tollen pflegen, betraten das alte
Rathhaus und den Sitzungssaal, wo auf dem Pulte des Dr. Lueger die
letzte Rede dieses Mannes, der sich seinerzeit als Volksredner und
durch unermüdliche parlamentarische Thätigkeit großes Ansehen erworben
hatte, angeheftet zu lesen war, und hörten in einem Berathungssaale
des alten Abgeordnetenhauses von der Gallerie aus den Verhandlungen
eines hygienischen Congresses zu, zu welchem einem Anschlage zufolge
nur Männer Zutritt hatten, um dann das Forum in Augenschein zu nehmen.
Dr. Kolb führte uns vor eine in der Mitte des Forums aufgestellte im
Sonnenlichte spiegelnde Säule und sagte: »Das ist die Schandsäule
der begrabenen Wirthschaftsordnung, die auf Privatbesitz und Handel
aufgebaut war.« -- Diese Säule hat einen Durchmesser von einem Meter[A]
und eine Höhe von 9,23475 Meter und ist aus purem Golde. Die Inschrift
lautet:

»Diesen werthlosen Goldklumpen hat Oesterreich im Jahre 1893 aus
Frankreich und England bezogen und sich dafür zu einem Jahrestribut an
Nahrungsmitteln für 50000 Menschen verpflichtet.«

»Diese Säule, deren Bewachung im 19. Jahrhunderte eine Armee erfordert
hätte, steht unangefochten und unbewacht seit dem Jahre 1943 auf dieser
Stelle. Am Fuße dieser Säule hat jeder Regent bei Antritt der Regierung
vor versammeltem Volke den Schwur zu leisten, daß er die Rückkehr zur
alten Wirthschaftsordnung verhindern und nach keinem persönlichen
Eigenthume streben wolle.«

Wir wunderten uns, daß man das Gold nicht doch ausmünze, um Waaren aus
Amerika oder China zu beziehen, wo noch Gold im internationalen Handel
verwendet wird, aber Dr. Kolb belehrte uns darüber, daß nunmehr auch
das Gold, wie ehemals das Silber nur in beschränktem Maße ausgemünzt
werde und demnach auch das Gold als Metall keinen erheblichen Werth
mehr habe. Würden aber die europäischen Staaten ihre alten Goldvorräthe
auf den Markt bringen, so müßte das Metall auch im Welthandel auf ein
Fünftel herabsinken. Man behalte sich also vor, das vorhandene Gold zu
Schmuck und Geräthen zu verarbeiten, aber vorläufig thue es bessere
Dienste in der greifbaren Demonstrirung seiner Werthlosigkeit.

Es war nahezu 5 Uhr, als wir mit dieser Besichtigung zu Ende gekommen
waren, und als wir den Straßenbahnwagen besteigen wollten, händigte
uns ein Fremdenführer, deren es überall auf der Straße gibt und die
angesehene Leute sind, welche in Pension stehen und für die Erlaubniß,
sich in Wien niederzulassen, kleine Nebendienste verrichten, je ein
Prachtalbum mit der Aufschrift: »Erinnerung an Wien« ein, in welchem
herrliche Bilder aus Wien, besonders die polychromen Darstellungen der
Mosaiken des Forums, enthalten sind. Auf dem Album war der Tag unseres
dortigen Besuches eingetragen und mit der Unterschrift der obersten
Staatsverwaltung beglaubigt, daß dieses Album dem fremden Gaste, --
dessen Namen einzutragen frei stand, -- am Tage seines Besuches auf dem
Forum war ausgehändigt worden.

Wir fuhren in unser Quartier, wo wir viele Amerikaner trafen, speisten,
badeten und dann ein wenig auf unseren Zimmern ruhten, um nach
halb sieben Uhr wieder den Waggon zu besteigen und nach der alten
Universität zu fahren. Wir kamen durch die berühmte Säulenhalle, welche
glänzend erleuchtet war, über die rechtsseitige Stiege mit den breiten
Absätzen und broncenen Candelabern in einen Corridor, wo Fürst Hochberg
grüßend an uns vorüberhuschte, der die __venia legendi__ hatte und von
Königstetten hereingefahren war, um einen Vortrag über Buddhaismus
zu halten und lenkten unsere Schritte nach dem Saale XXXIX, wohin
eben viele Besucher strömten. Die Sitzplätze, etwa hundert, füllten
sich rasch und lautlos, denn es war keine Vorlesung für Studirende,
sondern für das große Publikum, und mit dem Schlage sieben Uhr trat
Professor Lueger eilends ein und bestieg sein Pult an der Schmalwand,
wohin scharfes Licht fiel, während im selben Augenblicke der Saal sich
verfinsterte.

Der Professor begann:

»Geehrte Zuhörer! Ich habe heute einen Vortrag über Franz Josef den
Standhaften zu halten, der über 70 Jahre, vom Jahre 1848 bis tief in
das 20. Jahrhundert hinein, regierte und als 18 jähriger Jüngling
die Regierung unseres Reiches übernahm. Er war vom besten Willen
beseelt, ritterlich gesinnt und, da er das Reich in größter Unordnung
vorfand und selbes aus einer beinahe mittelalterlichen Verfassung
in eine ganz veränderte Gestaltung hinüberzuführen hatte, nahm er
den Wahlspruch an: ‘__Viribus unitis__.’ -- Wie ihr sehen werdet,
behielt er, was er sich vorgesetzt hatte, zwar unverrückt im Auge,
aber das Ziel schien lange unerreichbar und viele verzweifelten an dem
Unternehmen, mitten unter Staaten, die nach dem damaligen Zuge der
Zeit sich national abrundeten, ein Reich zu kitten, das ein Endchen
Italien, ein Stück Deutschland und ein großes Stück Slavien umfaßte
und ein ugrofinnisches Reich eingeschlossen umfing, welches zwar keine
centrifugale Tendenz haben konnte, aber allen Verschmelzungsversuchen
einen störrischen Nacken entgegensetzte und auf seinem Territorium
Deutsche und Slaven minorisirte, wie man damals ironisch sagte,
nämlich den Willen der geringeren Zahl einer uneinigen Mehrheit auf
constitutionellem Wege tyrannisch aufzwang. Wir lachen heute über die
politischen Winkelzüge von damals, da wir gelernt haben, über die
nationalen Unterschiede hinwegzukommen; aber es ist ein psychologisch
merkwürdiges Bild, dieser zähe und gleichmüthige Fürst im Kampfe
mit so vielen Nationen und Natiönchen, die alle nach der Hegemonie
trachteten oder eifersüchtig darauf waren, dem Uebergewichte anderer zu
entgehen, und wie der Schiffer oft, um die Ladung zu retten, Ballast
auswerfen muß, hat Kaiser Franz Josef I., der wegen seines Sieges über
unglaubliche Schwierigkeiten nach seinem Tode mit dem geschichtlichen
Namen »der Standhafte« ausgezeichnet wurde, oft Opfer bringen müssen,
nicht ohne mehr als einmal am Rande von Klippen in stürmischer Zeit
vorüberzusegeln, die ihm das Steuer brachen, während die Masten über
Bord fielen.«

Nach dieser Einleitung entwickelte der Professor die Geschichte
Oesterreichs bis zum Regierungsantritte des Kaisers Franz Ferdinand,
der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundertes hinein regierte
und der vierte Vorfahr des gegenwärtig regierenden und im Jahre
1980 geborenen Kaisers Rudolf Max war. Der Redner schilderte den
Sieg Franz Josefs über die italienische und ungarische Insurrektion
und den vorübergehenden Sieg über die Politik der Hohenzollern,
ging dann zur Vermählung des Kaisers Franz Josef mit der bairischen
Prinzessin Elisabeth über, zergliederte die Politik des Ministers
Bach, der zuerst vergöttert wurde und nach seinem Sturze in völlige
Vergessenheit gerieth, zeigte die Oktroyierung, dann Aufhebung der
ersten Gesammtverfassung, den grollenden Widerstand der ungarischen
Nation, erwähnte den Mordanfall des Ungarn Libeny, der Anlaß bot,
die Entstehung der nahegelegenen Votivkirche zu erwähnen, die man
vom Hörsaale aus im Abendlicht träumerisch stehen sah, und sagte
dann, daß die Regierung bis zum Jahre 1859 erfolgreich schien, als
Sardinien im Vereine mit Frankreich, das der verschmitzte Napoleon III.
regierte, in Waffen aufstand und Kaiser Franz Josef, nachdem er mit
der Schlacht bei Solferino den Feldzug verloren glaubte, mit Verlust
einer Provinz Frieden schloß. Wir hörten dann die ersten Versuche
schildern, zu constitutionellen Formen wirklich überzugehen, den Trotz
der Ungarn, die ihre alte Sonderverfassung begehrten, die Sistierung
der Verfassung, den unglücklichen Feldzug gegen Italien und Preußen
und dann wieder die erneuerte Aufnahme der bis dahin erfolglosen
Bestrebungen. Daran knüpften sich einige höchst dramatische Episoden
aus dem Leben des Kaisers und aus der Geschichte seiner Familie, die
Verbrennung einer Prinzessin aus der Familie des Erzherzogs Albrecht,
das verunglückte Unternehmen des Erzherzogs Ferdinand Max, der auszog,
ein Reich in Amerika zu gründen, und, als Aufwiegler verurtheilt, bei
Queretaro den Ehrgeiz mit dem Leben bezahlte, die Figur der Kaiserin
Charlotte, welche ihr Leben im Wahnsinn endete, den plötzlichen und
nie ganz aufgeklärten Tod des hoffnungsvollen Kronprinzen Rudolf,
wodurch der Kaiser um den einzigen direkten männlichen Erben gebracht
wurde, und wir sahen den berühmten Habsburger unter all diesen Stürmen
ungebrochen auf dem hin- und hergeworfenen Schiffe ausharren, über
seiner Pflicht seines unermeßlichen persönlichen Leids vergessend,
bis ihn neue Keulenschläge des Schicksals trafen, als er, großmüthig
seinen nicht schuldlosen Gegnern die Hand zum Bunde reichend, in den
fürchterlichsten Krieg verwickelt wurde, den die Welt gesehen, und wie
er, obwohl er am Schlusse wieder siegreich seine Stellung behauptete,
mit blutendem Herzen sehen mußte, wie russische Reiterschaaren im
gesegneten Oesterreich hausten, ganze Provinzen verwüstet wurden,
rauchende Trümmer ganz Polen und halb Ungarn bedeckten und die
Bevölkerung des eben wieder aufblühenden Reiches decimirt wurde,
so daß Oesterreich erst zu Anfang des 21. Jahrhunderts wieder die
Bevölkerungsziffer vom Jahre 1890 erreichte. Während dieses letzten
Sturmes, der auch Deutschland, Frankreich und Italien an den Rand des
Abgrundes brachte und die Thorheit der Oesterreich feindlichen Politik
ein zweitesmal erwies, war Oesterreich so erschöpft worden, daß die
alte Gesellschaftsordnung sich nicht mehr halten ließ und eine neue
eingeleitet werden mußte, die dem Staate unerschöpfliche Hilfsquellen
eröffnete, weil sie dem Selbsterhaltungstriebe der Staaten alle jene
wirthschaftliche Macht verlieh, welche vordem in den Händen einer
tollen Plutokratie dazu diente, kindische Privatlaunen zu befriedigen.

Die fesselnde Schilderung dieser merkwürdigen Regierungsepoche
verfolgte das Auditorium mit ungetheilter Aufmerksamkeit, und nachdem
die ganz natürliche Veränderung der Gesellschaftsordnung in ihrer
Entstehung, ihrem Fortschritte und ihrer schließlich siegreichen
Durchführung dargelegt worden war, folgte eine psychologische Skizze
des Monarchen jener Epoche die als ein philosophisches Cabinetstück zu
betrachten war und frenetischen Beifall entfesselte. Der Vortragende
zeigte die Ursachen, warum dieser merkwürdige Fürst solange und am
meisten in Oesterreich verkannt wurde und welche Charakterstärke und
welches antike Pflichtgefühl dazu gehörte, unter solchen Verhältnissen
auszuharren. So groß auch nach dem Urtheile aller Zeitgenossen und dem
Zeugnisse aller, die mit dem Kaiser arbeiteten, seine vielseitigen
Talente und seine politische Begabung waren, so war doch sein Charakter
noch weit mehr anzustaunen. Die unerreichte Selbstbeherrschung und die
Versöhnlichkeit dieses Monarchen, wodurch mehr als _=ein=_ boshafter
Gegner überwunden wurde, sowie die Arbeitskraft und Ausdauer, die Franz
Josef I. in persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten bewies, haben
ihm den Beinamen des Standhaften erworben.

Zum Schluße erwähnte Professor Lueger, wie wir von Dr. Kolb wissen,
ein Urenkel des Dr. Karl Lueger, dessen Andenken uns Chroniken und
Spottlieder seiner Gegner erhalten haben, einer Legende über das Haus
Habsburg. Er sagte, man behaupte, daß schon Kaiser Josef II. und nach
seinem Beispiele Kaiser Franz Josef I. eine geheime Geschichte ihrer
Regierung und der damit zusammenhängenden politischen Ereignisse und
Familienerlebnisse schrieben, die niemand als dem jeweilig regierenden
Familienoberhaupte zugänglich war. Sie wurde mit dem umfassendsten
Urkundenmateriale belegt und der regierende Fürst suchte in den
begleitenden Memoiren sich selbst auf das gewissenhafteste klar
zu machen und den Nachfolgern zu überliefern, inwieweit Irrthum,
Uebereilung und Leidenschaft des Regenten Antheil hatten an den
Unglücksfällen, die das Reich und das Haus trafen. So bildete sich die
Dynastie selbst und erzog sich zu einem Amte, das an Schwierigkeit
seines gleichen nicht hatte auf dem ganzen Erdenrunde und seit
Entstehung des Menschengeschlechtes. Die beschränkten Zeitgenossen
des Monarchen hatten aber diese Schwierigkeiten niemals in Rechnung
gezogen, sondern Erfolg an Erfolg gemessen, als ob jede Aufgabe gleich
schwierig wäre.

__Take it all in all, he was a man!__

Der Professor schloß und verabschiedete sich mit einer freundlichen
Handbewegung; der Saal erglänzte wieder in strahlendem Lichte und
wir wollten eben über die Rampe nach einem Straßenbahnwagen eilen,
als wir vom Hauspersonale benachrichtigt wurden, daß ein heftiger
Regen niederprassle und wir über Stiege VI den Ausgang nach der
Universitätsstraße nehmen möchten, wo die Waggons unter einer
gedeckten Vorhalle anfuhren. Es waren über fünfzig bereit, welche
alle Besucher der Abendvorlesungen, an tausend Fahrgäste, aufnehmen
konnten, und wir theilten uns nach einem sinnreichen Verfahren in
Gruppen nach Quartieren, wozu anwesende Ordner die Anleitung gaben.
Als die Gumpendorfer Quartiere an die Reihe kamen, nahmen wir Platz,
um heimzufahren. In der Mitte der Gumpendorfer Quartiere hielten wir
unter einer gedeckten Halle aus Eisen und Glas und kamen durch eine
unterirdische gedeckte Verbindung nach unserem Quartier. Man sagte uns,
daß man von jedem Hause nach jedem Hause, auch zu den Palästen in der
ehemaligen inneren Stadt, dem jetzigen Adelsviertel, bei schlechtem
Wetter trockenen Fußes kommen könne und daß die Straßenbahnwagen
zwar nicht über die Grenze des Adelsviertels verkehrten, aber zur
Zeit der Empfänge Wagen genug aufgestellt seien, welche die Gäste
von den Aussteigehallen nach der Burg oder den Palästen der Adeligen
beförderten. Es sei das zwar eine nicht geringe Arbeit, da oft an
50,000 Menschen zu befördern wären, aber es seien über 1000 Wagen zur
Verfügung und sie hätten nur kurze Strecken zurückzulegen. Uebrigens
gehe man daran, die Tramway durch dieses Viertel, das nur ein großer,
mit Palästen gezierter Park sei, zu führen, da man die Erfahrung
gemacht habe, daß dieses Verkehrsmittel pneumatisch betrieben und
die Schienen durch Gärten geführt werden könnten, ohne diese zu
verunstalten.

Nach dem Abendmahle stiegen wir über eine der hohen Treppen in das
erste Stockwerk, wo wir uns leicht zurecht fanden, weil der Grundriß
aller dieser öffentlichen Gebäude ähnlich ist, und gelangten in den
Bibliothekssaal, der die Mitte des ersten Stockwerkes einnimmt und von
kleineren Sälen umgeben ist, welche in den Gemeinden großentheils als
Schulzimmer benützt werden, aber in den hauptstädtischen Quartieren
als Spielzimmer, kleinere Lesecabinete und zu Vorlesungen vor kleinem
Auditorium dienen. Der Bibliothekssaal, der seinem eigentlichen
Zwecke nur entzogen wird, wenn wichtige politische Versammlungen der
ganzen Gemeinde oder Schlußabstimmungen stattfinden, ist hoch hinauf
mit Bücherschränken bekleidet, in welchen sich auch Repositorien
für Karten und Stiche befinden, und der in diesem Saale angestellte
Ordner zeigte uns, daß die Bibliothek schon 10136 Bände zähle. Wir
nahmen einige amerikanische Zeitungen und Bücher, womit wir uns in ein
leerstehendes Nebengemach zurückzogen, um zu lesen. Es erregte unsere
Aufmerksamkeit, daß dieser kleine Saal, zu dem nur eine einzige Thüre
führte, eine kleine Bibliothek enthielt, und in den Kästen sich nur
blau gebundene Werke befanden. Dr. Kolb sagte uns, daß alle Bücher,
die etwas enthalten, was vor Kindern und jungen Leuten geheimgehalten
werden müsse, in blauen Bänden zur Aufstellung käme und daß auch
solche Zeichnungen und dergleichen auf dieselbe Art kennbar gemacht
würden. Solche Bücher, Zeichnungen, Modelle &c. würden in der kleinen
Bibliothek verwahrt, zu welcher die jüngeren Leute und Kinder keinen
Zutritt hätten, und es könne aus dieser Bibliothek nur an zuverlässige
Personen etwas verliehen werden. Die Frauen wieder bänden ihre
Geheimliteratur roth und in ihren Privatlesesaal hätten auch Männer
keinen Zutritt. Uebrigens stehe der Antrag in Verhandlung, Kindern
gegenüber größere Offenheit walten zu lassen, da man erwarte, daß sich
auch da die Vernünftigkeit eines Abhärtungssystemes erweisen werde,
vorausgesetzt, daß es schon vor Eintritt der Pubertät zur Geltung kommt.

Wir geriethen nach einer Weile wieder in ein Gespräch mit Dr. Kolb,
der uns Aufschluß über das Bibliothekswesen und den Bücherverlag gab.
Er sagte, die Reichscentralbibliotheksverwaltung zähle 300 ständige
Beamte. Diese könnten aber natürlich nicht die unermeßliche Menge
der immer aus dem Auslande zuströmenden Werke lesen und sich so auf
dem Laufenden erhalten, daß sie jedermann Aufschluß geben könnten,
der sich über einen Zweig der Wissenschaft oder Literatur orientiren
wolle. Sie hätten genug mit der Katalogisierung und alljährlichen
Ergänzung der gedruckten Kataloge und deren Neuherausgabe,
welche alle 10 Jahre stattfindet, zu thun, auch liege ihnen die
Bücherversendung aus den Centralbibliotheken und die Oberaufsicht
über die Provinzbibliotheksverwaltungen ob, die wieder in einem
ähnlichen Verhältnisse zu den Kreisbibliotheken stünden. Die Kataloge
seien gedruckt, umfaßten viele Bände und würden in jedem Lesesaale
aufgestellt. Wie Gemeinde-, Bezirks-, Kreis- und Provinzbibliotheken
zu dotieren sind, ergebe sich von selbst aus bibliothekstechnischen
Grundsätzen und würden übrigens aus jeder Bibliothek Bücher versendet,
wenn sie entbehrt werden können. In Wien sei ein Röhrensystem
errichtet, wodurch es möglich wird, in kürzester Zeit Bücher aus den
Hauptbibliotheken in die Lesesäle der Quartiere zu befördern. Dazu
bediene man sich der Pneumatik. Die Menschenarbeit bestehe nur darin,
die Bücher in die Wagen zu legen und diese in die Mündung der Röhren
einzuführen. Jede Centralbibliothek habe 35 Lesesäle zu bedienen.
In den Gebäuden der Centralbibliotheken selbst seien zahlreiche
Arbeitszellen errichtet, in welchen Gelehrte, Künstler und auch andere
Personen sich eine Handbibliothek zusammenstellen lassen können, um
ungestört arbeiten zu können.

Wir berechneten, wieviele Bücher Oesterreich brauche, wenn mehr
als 40000 Lesesäle, die Oesterreich besitzt, mit so großen Mengen
von Büchern dotirt sind, und noch so bedeutende Reservoirs in
großen Centralbibliotheken bestehen, aber Dr. Kolb sagte, daß die
Landgemeinden durchaus einen geringeren Bibliotheksstand hätten und nur
die Bezirksbibliotheken, deren es 2000 gäbe, reichhaltig ausgestattet
seien. -- Zwirner habe ihm übrigens erzählt, daß nach seinen
Forschungen schon im 19. Jahrhunderte Deutschland allein jährlich über
6000 Werke von oft vielen Bänden und großen Auflagen druckte und man
also wohl auf eine Jahresproduktion von 10 Millionen Bänden jährlich
in Deutschland für jene Epoche schließen könne. Die vergleichsweise
Bücherarmut jener Zeit sei nur daraus erklärlich, daß die Bücher
meist jahrelang bei Buchhändlern müssig standen, dann kaum einmal
gelesen wurden und wieder in Privatbücherregalen verstaubten, während
jetzt jeder Band aus der Buchbinderei in die Bibliothek wandert.
Die Jahresproduktion betrage jetzt in Oesterreich alljährlich 40
Millionen Bände, also etwa viermal soviel, als im 19. Jahrhunderte in
Deutschland, und etwa 20 Millionen Bände würden jährlich ausgemustert
und wieder in die Papierfabriken geliefert, daher der Jahreszuwachs
20 Millionen Bände beiläufig betrage, und da dieser Zuwachs in den
letzten 20 Jahren constant blieb, so ergebe das allein für diese
Jahre 400 Millionen Bände und erhöhe sich die Mannigfaltigkeit der
Werke erstaunlich durch den internationalen Tausch, beziehungsweise
internationalen Buchhandel, der meist 5 Millionen Bände im Jahre
betrage. Es belaufe sich die Zahl der jährlich aufgestellten
inländischen und ausländischen Werke auf 50000. -- Außerordentlich
verschieden allerdings sei die Zahl der Exemplare, da man von manchen
Werken 45000 Exemplare auflege, von vielen ausländischen Werken
aber nur ein einziges beziehe. Wir bestritten die Möglichkeit,
die Jahreskataloge im Drucke zu veröffentlichen, aber Dr. Kolb
versicherte, er habe bei Zwirner einen Waarenkatalog von einem gewissen
Rix in Wien aus dem 19. Jahrhunderte gesehen, worin Kinderspielwaaren
und anderer Tand bis zu einem Preise von 5 Kreuzern verzeichnet waren.
Viel mehr als das könne man für die Literatur thun. Uebrigens werden
chinesische, japanische und andere Werke der fremdesten Literaturen
meist nur summarisch der Zahl und dem Gegenstande nach am Schluße des
Katalogs erwähnt.

Wir glaubten, eine Jahresproduction von 40 Millionen Bänden müßte
die nationalen Papiervorräthe erschöpfen, aber auch das widerlegte
Dr. Kolb, indem er darauf verwies, daß man den Papierverbrauch in
Oesterreich schon im Jahre 1890 auf 3-1/2 Kilogramm per Kopf der
Bevölkerung berechnete und jetzt betrage er 5 Kilogramm per Kopf. Da
nun der Papierverbrauch per Band durchschnittlich nicht einmal ein
halbes Kilogramm betrage, sei es leicht ausführbar, für jeden Kopf der
Bevölkerung einen Band jährlich zu präliminiren.

Das führte uns noch einmal auf das Verlagswesen, worüber uns
Zwirner erschöpfende Mittheilungen nicht gemacht hatte. Dr. Kolb
sagte, es seien für den öffentlichen Verlag 3000 Werke mit 40
Millionen Einzelbänden jährlich präliminirt und sei das Verlagsrecht
gewissermaßen budgetmäßig auf Civilliste, Reich, Provinzen, Kreise
aufgetheilt und könne sogar jede Gemeinde nach einem 40 jährigen
Turnus einen Band auf Rechnung des öffentlichen Verlags in 1000
Exemplaren drucken lassen. Der Verfasser reiche also das Manuscript
der Centralregierung ein, welche die ausgestoßenen Manuscripte an die
Provinzverwaltungen gebe und so weiter. Aber der Verfasser könne sich
auch direct an die Civilliste oder einen Kreis, eine Gemeinde &c.
wenden. Wer seit fünf Jahren Mitglied des literarischen Vereines sei,
könne 1000 Exemplare eines einbändigen Werkes auch in Druck legen, ohne
jemandes Erlaubniß einzuholen.

Das verhalte sich so. Wie schon erwähnt, können die Bibliotheken ihre
Arbeit unmöglich vollkommen bewältigen. Sie würden zwar von Professoren
und Studenten unterstützt, aber auch das genüge nicht und man habe
daher einen literarischen Verein gegründet, der jetzt weit über 50000
Mitglieder in allen Theilen des Reiches zähle und sich nach Sprachen
Wissenschaften und Literaturzweigen in Sectionen und Unterabtheilungen
gliedere.

Die Regierung stelle dem Vereine ein Centralbureau, das sich derzeit
in St. Pölten befinde, eine Druckerei und Buchbinderei und jährlich
eine bestimmte Menge Druckpapier zur Verfügung und könne der Verein
einmal jährlich 100 Werke auswählen, die auf Rechnung des öffentlichen
Verlages gedruckt werden, er könne aber auch selbst Werke drucken.
Letztere Werke müßten die Mitglieder, welche sie verfaßt haben, selbst
setzen und es machten daher nicht viele von dem Verlagsrechte Gebrauch.

Der Verein habe dagegen der Regierung gewisse Dienste zu leisten.
Sie weise den Mitgliedern Manuskripte zur Begutachtung und die
ausländischen Werke zur Bearbeitung für die Bibliothekszwecke zu. Alle
Vereinsthätigkeit sei aber freie Wirksamkeit und könne in die geregelte
Arbeitsleistung nicht eingerechnet werden.

Es war Mitternacht und wir ergingen uns noch im Mondscheine im Garten
und Dr. Kolb, der als alter Herr aufstehen kann, wann es ihm gefällt,
war so gut, uns noch Gesellschaft zu leisten, wobei er uns auf die
Straße führte und zeigte, daß eben jetzt der Lastenverkehr beginne,
der Waaren und Vorräthe von den Bahnhöfen in die Quartiere bringe
und dann den Unrath wegschaffe, was täglich geschehe. Der letztere
Dienst gehe nur junge Leute der bestimmten Altersklassen an, aber die
meisten hauptstädtischen Dienstleistungen würden, wie wir schon gehört
hatten, von den alten Herren des Arbeiterberufes besorgt. Es lebten
an 60-70000 solcher Pensionisten in Wien, welche aber meist wieder
nach einigen Jahren auf diese Art von Pfründe verzichteten, weil die
Oesterreicher es nicht lange in einer Großstadt aushielten. Von jenen
Pensionisten hätte jeden Tag in der Woche der siebente Theil Dienst,
trüge gewisse Abzeichen und besorge neben der Aufsicht auf den Straßen
und in den öffentlichen Gebäuden manche hauswirthschaftliche Arbeiten,
den Briefdienst u. s. w., insbesondere auch die Schneesäuberung und die
Lenkung der Wagen und Pferde. Jeder Aeltere wähle sich den Standort,
der ihm gefällt, und die Jüngeren müßten die zugewiesenen Arbeiten
übernehmen.

Eben waren die Unrathsgefäße weggefahren worden und die jüngeren
Männer, die den Dienst hatten, entstiegen den unterirdischen Canälen.
Dr. Kolb regte den Gedanken an, daß wir uns die Canäle besehen sollten.
Einer der jungen Männer stieg wieder hinab und wir folgten auf einer
eisernen Leiter. Die durch das ganze Quartier verzweigten Canäle sind
mehr als mannshoch, ganz trocken betonirt, können mit Glühlampen
erleuchtet werden und, was uns verwunderte, es war merklich übler
Geruch kaum wahrzunehmen. Die Canäle stehen nämlich mit mächtigen Essen
in Verbindung, in welchen immer Feuer unterhalten wird, und außerdem
setzt man vor dem Abstieg in den Canal einen mächtigen Ventilator in
Bewegung.

Dr. Kolb empfahl sich jetzt und sagte, er müsse am nächsten Tage früh
nach Tulln zur Vorbereitung der Regatta fahren, und es stehe uns frei,
mitzufahren oder uns an eine andere Begleitung weisen zu lassen oder
auf eigene Faust zu flanieren. Letzteres wollten wir wagen und Mr.
Forest sagte leise zu mir, er hätte längst gewünscht, die Begleitung
los zu werden, die uns offenbar jeden Einblick in die Gebrechen der
Zustände entziehe.



VI.


Es war Sonntag Morgen und wir hatten uns vorgesetzt, in Wien zu
wandern, um verläßliche Informationen einzuholen, und zum Mittagessen
nach Tulln zu fahren, weil abends die interessante Regatta stattfinden
sollte. Wir fanden auch am Sonntag alles in Bewegung, alle öffentlichen
Säle und Gebäude vom frühesten Morgen an geöffnet, denn Wien war die
Stadt geworden, in der man sich nicht langweilen wollte. Obgleich
wir recht müde waren, pilgerten wir doch nach den Museen. Die Ordner
auf den Straßen gaben uns genau die Richtung an und da sie sahen,
wir seien Fremde und rauchten nicht, fragte uns ein alter Herr, ob
wir denn keine Cigarren hätten. Mr. Forest witterte einen Versuch,
ein Trinkgeld zu ergattern, aber eingedenk der Vorschriften, die wir
gedruckt in der Tasche hatten, wagte er sich doch nicht mit einem
Versprechen hervor und sagte nur, wir hätten keinen Vorrath mehr. Der
Alte bat sich die Aufenthaltskarten aus und sagte dann, damit könnten
wir in jedem Speisesaale Cigarren beziehen, da man ja wisse, daß die
Fremden rauchten. Wir meinten, wir seien in Tulln im regelmäßigen
Aufenthalte, aber man beruhigte uns, man nehme es nicht so genau, sonst
wäre es ja nicht gemüthlich. So wandten wir uns zum nächstgelegenen
Speisesaale und erhielten richtig Cigarren für den Tag, nachdem die
Daten der Aufenthaltskarte waren notirt worden. Das war uns sehr lieb,
wir mußten aber jetzt im Freien bleiben, denn in den Gebäuden ist das
Rauchen verboten, es wäre denn in der eigenen Wohnstube. Als wir unsere
Cigarren geraucht hatten, besuchten wir die Museen, in denen sich viele
Tausende drängten, weil an Sonntagen auch Leute von den benachbarten
Dörfern in die Stadt strömen, und wir bewunderten nicht nur die
reichhaltigen Sammlungen, sondern auch die herrlichen altersgrauen
Gebäude mit den Kuppelsälen und Deckengemälden. Wir forderten einen
Katalog, der uns bereitwillig mit der Bitte verabfolgt wurde, ihn beim
Weggehen zurückzustellen, weil er nicht zum Verkaufe bestimmt sei.
Wollten wir jedoch einen Katalog mit nach Hause nehmen, was wohl der
Mühe werth wäre, weil auch interessante Abbildungen und Farbendrucke
darin enthalten seien, so müßten wir uns an die Hausverwaltung wenden.
Wir verlangten aber für heute nicht darnach, denn es drängte die Zeit
und wir wollten lieber früher nach Tulln kommen. Auch waren wir betäubt
und hatten uns bisher zu wenig Ruhe gegönnt. Unsere Anfragen bei diesem
und jenem, ob man hier zufrieden sei, hatten zu nichts geführt und
obwohl Mr. Forest immer Furcht vor Spionen und verkappten Oberbeamten
witterte, konnte ich doch an den heiteren Gesichtern und dem ganzen
Getümmel erkennen, daß es da Unzufriedene wirklich nicht gebe.

Wir bestiegen einen Straßenwagen, kamen auf den Franz-Josefs-Bahnhof
und gelangten ziemlich früh nach Tulln. Nach dem Lunch gingen wir,
da wir noch zwei Stunden bis zum Mittagstisch hatten, nach dem
Centralrudersporthause, das von der eisernen Brücke etwas stromabwärts
dastand, ein schöner Bau mit Empfangssälen, Berathungszimmern und
Archiven, an den Wänden Trophäen mit den Namen der einzelnen Sieger und
der preisgekrönten Ortschaften. Wir fanden da Zwirner und Dr. Kolb, die
alle Hände voll zu thun hatten und uns nur flüchtig begrüßen konnten.

Ruderer in allen Farben, mit bloßem Halse und Armen, hatten hin und
her zu laufen und zu ordnen und wurden unzählige Boote in's Wasser
gelassen, Ruder eingeseift, Wimpel aufgesteckt und man sah in der
Ferne den Rauch von Dampfern, welche Gäste aus Wien brachten, die den
Ruderern zur Seite fahren wollten.

Ein kräftiger Junge, selbst Ruderer, belehrte uns über die Farben.
Es wäre hier, wie bei Wettrennen, Bicyclefahren &c. jeder Kreis, ja
jeder Bezirk erkennbar. Einheimische seien mit den Farben vollkommen
vertraut, Fremden gebe man eine Karte mit Provinzen und Kreisen,
woraus man die Farben entnehme. Der Knabe hatte eine dunkelrothe
Mütze, hellrotes Wamms und eine dunkelorangefarbige Schärpe. Er sagte,
die Farben seien von dunkelroth beginnend nach dem Prisma geordnet
und zwar: dunkelroth, hellroth, dunkelorange, hellorange, dunkelgelb
u. s. f., dann endlich weiß und schwarz, insgesamt vierzehn Farben.
Dann kämen in derselben Ordnung zwei aufeinanderfolgende Farben, als
dunkelroth-hellroth, hellroth-dunkelorange, u. s. w. bis zu schwarzroth
wieder 14 Farben. Da nun Niederösterreich die erste Provinz des Reiches
sei, sei die Kappe dunkelroth und da Sct. Pölten der zweite Kreis
sei, -- Wien bilde den ersten, -- sei das Wamms hellroth, nachdem
Tulln der dritte Bezirk im Kreise St. Pölten sei, sei die Schärpe
dunkelorangefarbig. So sei der Bezirk außer Zweifel. Das genüge den
meisten, aber das letzte Abzeichen zeige sogar die Gemeinde an, nämlich
das Band, das von den Schultern flattert.

Da Alles vorbereitet war, luden Zwirner und Dr. Kolb die ganze Menge
von Gästen zum gemeinsamen Mahle auf dem großen Wiesenplane vor dem
Gemeindepalaste.

Da kamen Kinder, Mädchen und Frauen zur Begrüßung, der Bezirksbeamte
hielt eine Ansprache, mit einem Hurrah ging's zu Tische und da fehlte
es nicht an Jubel und Trinksprüchen aller Art, wobei vor allen
Zwirner gefeiert wurde, dem man zutraute, daß er im Einzelkampfe
den Meisterpreis erringen werde. Die erschienenen Ruderer waren
alle Meister in der Kunst, wohl trainirt und hatten bei kleineren
Wettkämpfen Preise errungen, und nur die fünf tüchtigsten Vereine
waren zum Start erschienen. Es sollte das Clubwettfahren von der
Eisenbahnbrücke bis Greifenstein gehen, wo die ersten Tribünen
errichtet waren, und nach einiger Rast sollten drei Matadore, worunter
Zwirner, von der Krümmung, die die Donau bei dem ehemaligen und längst
verfallenen Dorfe Höflein beschreibt, bis zur neuen Donaubrücke bei
Klosterneuburg um die Wette rudern. Beim Clubruderwettfahren kam
es nicht darauf an, welchem Club das erste Boot angehörte, sondern
welcher Club im Durchschnitte siegte, was schwierig zu bestimmen war,
daher gewiegte Schiedsrichter aufgestellt waren. Sie nahmen übrigens
Momentphotographien auf, wodurch die Beurtheilung erleichtert wurde.

An vielen Punkten an der Donau waren optische Signale aufgestellt, die
sich bis zum Tullner Gemeindepalaste fortpflanzten, um den Verlauf
telegraphisch nach Sct. Pölten und von dort über Wien weiter in die
Provinzvororte zu melden; die Provinzvororte gaben die einlaufenden
Nachrichten an die Kreise weiter und so fort, so daß man im ganzen
Reiche Nachrichten hatte, und hieß es bald: »Graz hat Vorsprung,« dann:
»Linz kommt heran,« und »Pest überholt alle,« bis zuletzt Tulln, wie
erwartet, von den Schiedsrichtern als Sieger erklärt wurde. Zwirner
stieg aus dem Boote und eilte die Treppe der Frauentribüne hinan,
um den Seinigen den Frauendank zu bringen, den eine Erzherzogin
überreichte.

Aber das Interessanteste stand uns bevor, denn wir wußten, daß der
Sieger im Einzelkampfe den Preis aus der Hand der Lori Hochberg
empfangen solle, und wir waren froh, daß unser Dampfer das rechte
Ufer entlang fuhr, weil wir gerade vor der Tribüne anhalten sollten.
Zwirner siegte um zwei Bootlängen und kam vor unseren Augen zur
Tribünentreppe, um von Lori einen Kranz von goldenen Lorbeerblättern zu
empfangen, wofür ihm die Sitte gestattete, die Hand der krönenden Dame
zu küssen. Mit donnerndem Bravorufen von den Booten und Schiffen, der
Brücke, die dicht voll Menschen war, den Ufern und Tribünen wurde der
Sieger gefeiert, der noch seine Anordnungen wegen vorläufiger Bergung
der Boote traf und dann mit den Genossen und uns Begleitern den Zug
bestieg, der ihn erwartete.

Wir zweifelten nicht, daß der Lorbeerkranz, der übrigens in den
Trophäensaal wanderte, für Zwirner mehr bedeute, als nur eben einen
Siegespreis.



VII.


Zwirner war von vielerlei Geschäften in Anspruch genommen,
weil Deputirte aller Hauptrudervereine da waren, Statuten und
Preisausschreiben berathen werden sollten und internationale
Verhandlungen schwebten wegen einer Regatta, die den Sieg unter allen
Meistern Europas für die nächsten drei Jahre entscheiden und welche im
nächsten Jahre am Rhein stattfinden sollte. Wir nahmen daher seinen
Vorschlag gerne an, Reisen und Ausflüge auf eigene Faust zu unternehmen.

Wir besuchten den Badeort Baden und kamen dann auf den Semmering,
wo noch ein altes Hôtel der vormals bestandenen Südbahngesellschaft
steht. Wir sahen auf Photographien, die noch aufbewahrt waren, die
ursprüngliche Anlage, die natürlich sehr erweitert und verschönert
worden war, wie auch ein kaiserliches Lustschloß jetzt am schönsten
Punkte steht, wo heuer ein Graf Coronini Hof hielt. Wir hätten uns kaum
an diesem schönen Platze aufhalten können, der meist überfüllt ist,
wenn nicht viele Gäste eines Festes wegen nach Graz gefahren wären.
Man bat uns aber, nicht länger als bis zum nächsten Abend zu bleiben,
weil der Aufenthalt für Leute von schwacher Gesundheit bestimmt sei,
die hier Stärkung fänden.

In Bruck an der Mur, einem reizend gelegenen kleinen Orte, brachten wir
eine Nacht zu. Um ein Uhr ertönten alle Gongs. Wir fuhren erschreckt
auf und hatten nur noch Zeit, über die Stiege hinabzustürzen, da unser
Wohnhaus in hellen Flammen stand. Kein Leben wäre in Gefahr gekommen,
da überall Nachtwache gehalten und jedermann rechtzeitig gewarnt werden
soll. Pflichtvergessenheit hatte das Uebel aber vergrößert. Alle
waren guten Muthes; man half das Feuer localisiren und eine tapfere,
todesmuthige freiwillige Feuerwehr, wohl ausgerüstet, rettete, was zu
retten war.

Aber wir Armen! Wir hatten von unserer ganzen Habe nur das Hemd und
die Socken gerettet und waren in Verzweiflung, deren Eingeständniß nur
mit Lachen beantwortet wurde. Einige Männer nahmen uns, um uns vor
den Frauen zu verbergen, in die Mitte, führten uns in ein gesichertes
Gebäude, und ehe wir uns dessen versahen, waren wir mit neuer Wäsche
und Kleidern aus den Vorräthen versehen und der Verwaltungsbeamte bat
uns anzugeben, was uns sonst abhanden gekommen wäre. Wir hatten Ersatz,
aber nicht das geringste persönliche Eigenthum mehr. Wie sollten wir
nach Amerika kommen? Doch fühlten wir uns geborgen und begriffen, daß
der Communismus auch sein Gutes habe. Nun erfuhren wir aber, daß uns
alles, was noch fehlte, in Graz ersetzt werde, wo wir ja doch einige
Stunden verweilen würden.

Wir wurden auch unterrichtet, daß die bezahlte Reisegebühr auch als
Versicherung für Zufälle gelte und wir nach unserer Wahl beim Austritte
aus Oesterreich die uns zur Verfügung gestellten Sachen, die besser und
schöner waren, als was uns verbrannt war, behalten oder baaren Ersatz
begehren könnten, der nach unserer Schätzung werde bezahlt werden.

Endlich fertigte uns noch der Ortsbeamte eine Interimsreisekarte
aus. Da unsere Karten verbrannt waren, und er sagte uns zu, daß wir
Duplicate unserer Reiselegitimationen in zwei Tagen aus Salzburg in
Graz zugestellt erhalten würden.

Noch in der Nacht wurde Gericht gehalten über die schuldtragenden
Personen. Es waren drei angeklagt. -- Ein 15jähriges Mädchen hatte
sich spät nachts, nachdem es sich entkleidet hatte, im Spiegel beguckt
und dabei war das Licht dem Vorhange zu nahe gekommen. Da entstand das
Feuer. Eine Matrone, welche in den Schlafsälen der unmündigen Mädchen
die Aufsicht hatte, war auf ihrer Runde nach diesem Gemache gekommen
und hatte auf die Bitten der kleinen Uebelthäterin versucht zu löschen
und es unterlassen, das Haus und die Verwaltung zu alarmieren, was mit
einem Drucke auf eine elektrische Klingel hätte bewirkt werden sollen.
Der junge Mann endlich, welcher auf dieser Seite die Nachtwache hatte,
war im Garten auf einer Bank eingeschlafen.

Die Angeklagten wurden vor den Verwaltungsbeamten gerufen, der die
Disciplinargewalt hatte. Ein Verbrechen lag nicht vor und es kam
daher die Jurisdiction ihm zu. Der Sachverhalt war in wenigen Minuten
festgestellt, da viele Zeugen zugegen waren.

Die jungen Leute, welchen nur Nachlässigkeit zur Last fiel, kamen
gelinde durch. Es wurden ihnen die Sonntage auf ein Jahr und die
Ferien auf drei Jahre gestrichen. Der junge Mann sollte auf die
Hochschule kommen, da man ihn zum Verwaltungsdienste hatte ausbilden
wollen; daraus konnte nun wohl nichts mehr werden, weil dieser Beruf
Aufmerksamkeit, Ordnungssinn und Pflichttreue voraussetzt.

Die Matrone aber wurde am härtesten bestraft, weil sie im Amte war
und die Schuld einer Person hatte verhehlen wollen, die unter ihrer
Aufsicht stand.

Sie traf zunächst dieselbe Strafe, wie die beiden anderen, außerdem
aber verlor sie das Amt und dessen Vortheile, und wurde zu dreijährigem
Nachdienen verurtheilt. Das seit vielen Jahren vorwurfsfrei bekleidete
Amt gab ihr gesetzlichen Anspruch, nach dem vollendeten sechzigsten
Lebensjahre in Ruhestand versetzt zu werden, und ihre Zeit wäre in zwei
Jahren um gewesen. Nun sollte sie nicht nur weitere fünf Jahre dienen,
wie der einfache Arbeiter, sondern noch drei Jahre nachdienen, also
erst nach vollendetem achtundsechzigsten Jahre arbeitsfrei werden.

Sie brach in Thränen aus und bat um Milderung. Der Beamte solle
bedenken, daß ihr Sohn ein berühmter Arzt in Graz sei und sich bald
vermählen werde; sie habe gehofft, zu ihm ziehen zu können und Enkel
auf ihren Knieen zu wiegen. Sie habe doch nur aus Herzensgüte gefehlt.

Der Beamte entgegnete ihr, daß ein anvertrautes Amt gewissenhaft geübt
werden müsse, und sie selbst müsse wünschen, daß Strenge walte, denn
auch ihr Leben sei jederzeit von der Pflichttreue anderer abhängig. Sie
habe das Leben von mehr als zweihundert Menschen in Gefahr gebracht und
der Schade, der hätte verhütet werden können, sei auf mindestens 300
Arbeitsjahre zu schätzen.

Da traten die beiden jungen Uebelthäter vor und erboten sich, je vier
Jahre Arbeitszeit auf sich zu nehmen, damit die Alte davon befreit
werde.

Der Beamte lachte über diesen Vorschlag und sagte, sie seien junges
Blut und dächten leichtsinnig von einer Last, die sie für ihre alten
Tage auf sich nehmen. Er wisse, wie man ganz anders davon denke, wenn
man alt geworden. Auch hingen sie noch von jenen ab, in deren Gewalt
sie stünden, und dann stehe es nicht in Uebereinstimmung mit den
Gesetzen, daß Freiwillige für einen Straffälligen eintreten. Endlich
sei es der Verwaltung nicht gleichgiltig, wann die Arbeit geleistet
werde, die einen theilweisen Ersatz schaffen soll.

Die Matrone erklärte nun, an den Bezirksbeamten berufen zu wollen, und
bat den Tribun, sich ihrer Berufung anzuschließen. Da dieser aber die
Bitte abschlug, hatte die Arme geringe Hoffnung, daß ihre Berufung
Erfolg haben werde. Viele bezeigten ihr Mitleid, aber man fand das
Urtheil doch gerecht und nicht übermäßig hart.

Die obdachlos Gewordenen waren schon versorgt und theilweise in
benachbarten Ortschaften untergebracht und für den zweiten Tag waren
schon alle Arbeitsleute bestellt, um den Bau in kürzester Frist
wiederherzustellen.

In Graz erhielten wir alles Versprochene pünktlich übergeben.

Nichts von der Adelsberger Grotte, dem herrlichen Miramare, den
Kriegsschiffen.

Oesterreich hat kein Heer mehr, da längst ein Abrüstungstraktat in
Europa besteht; aber man unterhält eine sehr bedeutende Seewehr. Alle
Continentalstaaten, welchen im Osten Rußland gegen Subsidien und
Mannschaften vollen Schutz sichert, haben einen Küstenschutzverband
verabredet und unterhalten nicht nur Küstenbefestigungen, sondern auch
eine starke Marine, theils zum Schutze gegen England, das von Gibraltar
bis zum rothen Meere aus allen Meeren und Inseln verdrängt worden ist,
theils zum Schutze gegen die Raubstaaten in Argentinien und China, von
wo aus die Piraterie schamlos betrieben wird.

Wir erkundigten uns, ob die Seeleute für den Handels- und Marinedienst
ausgehoben würden, und erfuhren, daß man dazu, wie auch für die
Truppen, welche in Sibirien dienen, nur jene Freiwilligen nehme, welche
dafür die geringste Entschädigung fordern. Natürlich könnten sie kein
Handgeld fordern, aber sie begnügten sich meist damit, daß ihnen ein
Friedensjahr für 18, ein Kriegsjahr für 24 Monate gerechnet würde.

Auch von Abbazzia und dem großen Feuerwerke, das dort zu Ehren fremder
Gäste stattfand, brauchen wir wohl nicht zu berichten. Wohl aber will
ich einiges von unserem kurzen Besuche am kaiserlichen Hoflager auf der
Insel Lacroma erwähnen.

Wir fuhren am Freitag um drei Uhr auf einer kaiserlichen Yacht vom
Festlande auf die Insel hinüber. Der Hof mied sonst die südlichen
Gegenden in den Sommermonaten, aber auf den Wunsch der Frauen der
kaiserlichen Familie hatte man heuer versucht, den Aufenthalt im Süden
dadurch erträglich zu machen, daß man der Natur trotzte. Man schlief
vom Morgen bis zum Abende und stand um sechs Uhr abends auf. Die ganze
Insel und die weitläufigen Schloßgebäude waren die Nacht über feenhaft
beleuchtet. Man hielt die Mittagstafel um zwei Uhr morgens.

Der Kaiser und die Kaiserin blieben auf den Schlössern __incognito__
und verkehrten wie geladene Gäste. Die Repräsentation führte diesmal
ein Graf Andrassy mit seiner reizenden jungen Frau. Es war aber bereits
für Samstag die Uebersiedlung des Hoflagers nach der Rosenburg bei Horn
festgesetzt.

Da die Bewohner der Schloßgebäude noch im tiefsten Schlafe
lagen, führte mich, -- Forest hatte sich einem anderen Begleiter
angeschlossen, -- eine Aufwärterin, die Tochter des Schloßverwalters,
Anselma, in die kaiserlichen Gemächer, die den Besuchern geöffnet
waren. Eine Brise vom Meere her kühlte die Luft ab und wir
durchwanderten die weitläufigen Räume. Anselma lüftete zuweilen die
schweren Verhänge, um mich nach den Gärten und Wäldern blicken zu
lassen.

Dann kamen wir nach dem Cabinete, wo der Kaiser seine Amtsgeschäfte
erledigt, und dem Secretariate. In das Arbeitszimmer des Kaisers und
das Secretariat führen die elektrischen Drähte. In letzterem zeigte
mir meine Führerin die Phonographen mit einer Anzahl von einzulegenden
Rollen und sie sagte, daß um sieben Uhr abends die Sitzung des
Ministerrathes und der Reichstribunen am Forum in Wien begänne und
da finde eine genaue Aufnahme der Referate und abgegebenen Voten
durch die Phonographen statt. Jene würden von den Secretären im Nu
schriftlich übertragen und beinahe gleichzeitig mit den Verhandlungen
vom Cabinetschef dem Kaiser vorgelesen, der seine Entscheidungen
bekannt gebe und oft Aufklärungen fordere, oder Aufschub anordne, wenn
er schriftliche Vorlagen für nöthig halte.

Die Amtsgeschäfte des Kaisers werden meist in einer Stunde erledigt.

Ich erkundigte mich, um was sich diese Verhandlungen drehten, und
Anselma sagte, es würden immer die wichtigsten Vorkommnisse der letzten
Tage besprochen. Sie könne mir darüber Aufschluß geben, da man keine
Amtsgeheimnisse kenne und vor den Hausgenossen verhandle, die in den
Amtsräumen beschäftigt sind. Gestern sei der Brand in Bruck a. d. Mur
zur Sprache gekommen und habe besondere Aufmerksamkeit erregt, weil
seit vielen Jahren kein so großes Schadenfeuer sich ereignet habe und
die bedenkliche Thatsache vorlag, daß amtliche Pflichten verletzt
wurden. Man hatte vom frühen Morgen an Berichte über das Ereigniß
auf telegraphischem Wege eingeholt und der Statthalter in Graz war
persönlich nach der Unglücksstätte abgegangen. Das Ministerium habe
befunden, daß der Verwaltungsbeamte ohne alles Verschulden sei und
daß sowohl sein Disciplinarerkenntniß, als auch seine Verfügungen
wegen Wiederherstellung der Gebäude und ununterbrochenen Betriebes der
Produktion volle Anerkennung verdienen, weshalb seine Beförderung bei
nächster Gelegenheit ihm zugesagt wurde.

Meine Begleiterin zeigte mir zahllose Kunstwerke der verschiedensten
Art und machte mich aufmerksam, daß alles, was die Privatgemächer des
Kaisers bergen, von der Hand der Mitglieder der kaiserlichen Familie
herrühre. Seit Jahrhunderten erlerne jeder Erzherzog ein Gewerbe und
die Erzeugnisse seiner Arbeit, wohl selten ohne Beihilfe geschulter
Arbeiter zu Stande gebracht, werden in den Wohnungen der Familie
aufgespeichert. Aber auch der Kunst widmeten sich viele Erzherzoge
und zähle die Familie der Habsburger nicht nur Schriftsteller und
Compositeure, sondern auch Maler, Bildhauer, Medailleure. Dazu die
Kunstfertigkeiten der Frauen.

Man hörte klingeln und Anselma lud mich ein, die Gemächer zu verlassen,
weil sich der Kaiser eben ankleide, und dann den Weg in sein
Arbeitszimmer nehme. Sie führte mich auf mein Zimmer und ich setzte
mich in Stand, um mich beim Frühstücke einführen zu lassen.

Der Verkehr war zwanglos. Graf und Gräfin Andrassy wurden so behandelt,
als wären sie die Herren des Schlosses. Der Kaiser, dessen Ansprache
man abzuwarten hatte, sprach mit mir, als ihm mein Name auf seinen
Wunsch war genannt worden, ungezwungen über Amerika. Er sprach von
dem Präsidenten unserer Union, »seinem brüderlichen Freunde,« und
erkundigte sich nach den Eindrücken, die ich in Oesterreich gewonnen.
Ich sagte, daß ich davon sehr befriedigt sei und weit mehr Aesthetik
im öffentlichen Leben fände, als bei uns. Das freue ihn zu hören,
sagte der Kaiser; es sei, fügte er lächelnd bei, wie die Geschichte
berichtet, nicht immer so gewesen. Gerade die Aufgabe des Monarchen
sei es, auf Wohlanständigkeit im geselligen und öffentlichen Leben
hinzuwirken. Denn politische Aufgaben habe die Staatsverwaltung kaum
je mehr zu lösen. Der Reichthum von Jahrhunderten, den die Dynastie
und der Adel im Auftrage des Volkes verwalte, müsse dazu dienen, den
Schönheitssinn bei allen zu entwickeln, so daß dieser auch alle
Umgangsformen und die Beziehungen unter den Staatsbürgern beherrsche.
»Das leiseste Unrecht, ja eine bloße Rücksichtslosigkeit verletzt unser
Gefühl und man beeilt sich, jedem Genugthuung zu geben, bevor er sie
gefordert; man könnte sagen, wir haben ein verweichlichtes Gemüth. --
Aber entschuldige, junger Freund, ich muß jetzt die Gräfin Andrassy zu
mir bitten, um zu fragen, wie sie geruht hat.« -- Wie ich mich grüßend
erhob, schritt eben die Gräfin, dem freundlichen Nicken des Kaisers
folgend, auf ihn zu.

Später sah ich den Kaiser im Gespräche mit Arbeitern aus mehreren
Provinzen, die zur Besichtigung der Insel und Baulichkeiten gekommen
waren und gleich jedem anderen Oesterreicher Zutritt am Hoflager
hatten. Ich verstand nicht, wovon die Rede war, da der Kaiser nach
alter Habsburger Sitte mit jedem in dessen Muttersprache spricht.

Die Habsburger müssen ein Gehirn haben, das hundertjährige Anpassung an
eigenthümliche Bedürfnisse ganz absonderlich entwickelt hat. Auch der
gegenwärtige Kaiser spricht zehn lebende Sprachen und beherrscht sie
in Rede und Schrift. Er war von frühester Jugend auf von Männern und
Frauen umgeben, die in den verschiedensten Idiomen mit ihm verkehrten;
er lebte abwechselnd unter den verschiedensten Völkern seines Landes,
er liest, schreibt, verhandelt in allen diesen Sprachen, und auch in
einigen der wichtigsten außerösterreichischen Cultursprachen mit voller
Sicherheit. Dazu besitzt er ein ungewöhnliches Personengedächtniß
und Menschenkenntniß. Man behauptet, daß er die Namen, persönlichen
Verhältnisse und den Beruf von mehr als zwanzig Tausend Bewohnern
Oesterreichs kenne und nur in den seltensten Fällen bedürfe es einer
Nachhilfe der Personen, die seine Umgebung bilden, um sein Gedächtniß
auf die richtige Fährte zu bringen, wenn er jemanden nach langen Jahren
wieder sieht. Man liest es ihm an den Augen ab, wenn es nothwendig ist.

Eben hörte ich ihn lustig ausrufen: »Ei, die Gräfin Taaffe! Schon
wieder ausgekniffen von Ellischau?«

»Wir haben eine gar zu lederne Gesellschaft in Ellischau
zusammengewürfelt bekommen,« sagte die junge Dame heiter. Aber der
Kaiser hielt ihr lachend den Mund zu; er fürchtete einen medisanten
Bericht und dergleichen durfte der Monarch gar nicht anhören. Es war
aber nur eine Verlegenheitsausrede der allerliebsten Frau, einer
jugendlichen schlanken Blondine. Sie war von der Kaiserin wiederholt zu
geheimen Berathungen berufen worden. Die Kaiserin beabsichtigte, ihrem
Gemahl ein Bildwerk aus Marmor nach ihren Ideen meiseln zu lassen.
Sie war eine Schwester des Grafen Eduard Taaffe und dessen Frau eine
Schwester des Künstlers, der die Arbeit auszuführen gebeten wurde.

Es sollte das Bildwerk eine dahinschreitende Venus vorstellen, die
von Liebesgöttern ihrer Gewänder beraubt wird. Von den Räubern war
ihr einer in den Nacken geflogen, kniet auf ihren Schultern und
verschließt ihr mit seinen Kinderhänden die Augen. Die Göttin greift
nach seinen Armen, um sich zu befreien, und diesen Augenblick benutzen
die Mitverschworenen, ihr die Schulterbänder, den Gürtel und die
Schuhriemen zu lösen.

Die Fürstin wollte mit dem Meister nicht selbst verkehren; sie
fürchtete, es könnte, wenn auch unbeabsichtigt, eine Porträtstatue
aus dem Kunstwerke werden, was der Kaiser übel vermerkt haben würde.
Beschreibungen, Zeichnungen und Modelle wanderten hin und her und
der Künstler -- wir kannten ihn genau -- hatte sich der Sache mit
allem Eifer bemächtigt. Seine Ideen vervollständigten die Angaben der
Kaiserin und führten daher zu Controversen.

Der Künstler wollte, daß die Ideenassociation des Beschauers
berücksichtigt werde. Man solle denken können, daß die Göttin ihren Weg
ungehindert fortsetzen werde, von bewundernden Amoretten umflattert.
Das bedingte eine andere Einrichtung der Gewandung, als die Kaiserin
geplant hatte, und der Künstler wollte noch einen Zephyr zu Hilfe
nehmen, der die lose Gewandung an die Glieder der Göttin weht und die
Hülle entführen helfen soll.

Von diesen Machenschaften wußte der Kaiser nichts und es war bereits
ein herrlicher Block von milchweißem Marmor aus Griechenland für die
Civilliste erworben worden, worüber die Beamten des Hofes und der
Centralregierung unter Beiziehung des Hoftribunes -- die Ungarn
nannten ihn den Tribun __a latere__ -- verhandelt hatten.

Eigenthümlich war das Auftreten der Hausgenossen. Es war schwierig,
die alte Hofetiquette zu brechen und die Gleichberechtigung der
Menschen zur vollen Geltung zu bringen, obgleich ja Christus gezeigt
hatte, wie das Bedienen der Mitmenschen mit der vollen Menschenwürde
zu vereinbaren sei, da er seinen Dienern die Füße wusch. Es war
noch immer nicht erreicht worden, daß die aufwartenden Personen in
der Gesellschaft gleich berechtigt verkehren konnten. Es waren alle
Arbeiten der Hofhaltung durch mancherlei Behelfe veredelt worden.
Man hatte ferner nur wohlgestaltete Mädchen und Jünglinge im Alter
von fünfzehn bis zwanzig Jahren an den Hof gezogen, die ein gewisses
Maß von Ehrerbietung schon wegen ihrer Jugend bezeigen durften. Die
Kleidung war natürlich würdig und erinnerte nichts weniger als an
eine untergeordnete Stellung. In heißen Landstrichen liebte man, die
Tracht der Römer und Griechen zu verwenden, wo es anging. Nur wenn die
Hausgenossen Dienst hatten, legte man sich gegenseitig etwas Reserve
auf. Niemand aber versäumte, jeden Wunsch mit einer freundlichen Bitte
einzuleiten, und der Kaiser selbst vergaß nie, jede Handreichung mit
einem »Danke, lieber Freund« oder »Vielen Dank, schönes Kind« zu
erwidern. Hatten die Hausgenossen ihren dienstfreien Tag, so verkehrten
sie seit einigen Jahren vollauf gleichberechtigt in der Gesellschaft.
Das verdankte man dem Einflusse des Hoftribuns, der ein Ungar war und
seit Jahren darum gekämpft hatte, daß man das Ceremoniell umändere,
denn er pflegte zu sagen: »Jeder Ungar ist ein König.«

Der Kaiser aber wurde durch diesen edlen Stolz seiner Mitbürger nicht
herabgewürdigt, sondern offenbar erhöht.

Nach dem Frühstück schlenderten wir in den Anlagen umher, machten
Bootfahrten in Gesellschaft vieler Herren und Frauen, die uns, weil
wir fremde waren, auszeichneten, und wir sahen den Fischern zu, welche
ihre Netze auswarfen. Weit hinaus in's Meer warfen die Bogenlichter
ihren hellen Schein, als wir endlich gegen elf Uhr heimkehrten, um
an der Gesellschaft theilzunehmen. Es versammelten sich über hundert
Personen im großen Park, wo auf einem weiten Platze kostbare Teppiche
aufgebreitet waren, auf welchen man sich, wenn man nicht auf Stühlen
oder Bänken Platz nehmen wollte, im Halbkreise lagerte.

Im Mittelpunkte der Gesellschaft saßen Kaiser und Kaiserin, dann
Graf und Gräfin Andrassy, die mittlerweile zur Besichtigung einer
Ausstellung nach dem Festlande gefahren waren, und dem Programme gemäß
wurde ein berühmter Vorleser eingeladen, das Werk eines Dichters,
der anwesend war, vorzutragen. Es war eine poetische Erzählung aus
dem neunzehnten Jahrhunderte, von unbeschreiblicher Feinheit der
Charakteristik und der Darstellung.

Als die Vorlesung beendet war, leitete der Kaiser die Debatte ein und
so sehr er auch das Werk lobte, sprach er doch einige Bedenken aus.
Der Dichter vertheidigte sich und eröffnete Gesichtspunkte, die dem
Kaiser entgangen waren. Man wollte das Urtheil der Frauen hören und
eine junge Frau fand mehreres unzart. Das gab nun Anlaß, zu erörtern,
ob der Dichter es an Zartheit hatte fehlen lassen oder ob er innerhalb
der Grenzen des reinsten Schönheitssinnes nur berichtet habe, was zum
Verständnisse der Zeit und der Menschen jener Periode, sowie, um den
Gang der Handlung zu begreifen, nothwendig war.

Das Gespräch drohte allgemein zu werden, aber der Kaiser bat, einen
parlamentarischen Vorgang einzuhalten, da es sich um ein Werk handle,
welches Hoffnung habe, bei der nächsten Preisvertheilung den Lorbeer zu
erringen. Literaten, Professoren und besonders auch Schauspieler wurden
aufgefordert, ihre Anschauung zu äußern.

Der Vorleser selbst sprach sich rühmend aus. Er sagte, daß gerade er
zu einem Urtheile berufen sei, da sich ein gutes Werk leichter lese
und es den Vorleser mit fortreiße. Das gelte besonders von einem neuen
Werke, das der Recitator noch nicht kennt. Wäre irgend etwas dunkel,
irgend eine Andeutung zu schwer zu verstehen oder etwas am unrechten
Orte beschrieben, so würde der Vorleser auf Schwierigkeiten stoßen,
eine vollendete Wiedergabe zu bieten; auch lese sich nur das leicht,
was mit vollendeter Beherrschung der Sprache verfaßt und auf einen
fließenden Vortrag berechnet sei.

Da nun der Dichter noch einiges zu seinen Gunsten vorbrachte und
manchen Tadel siegreich widerlegte, schlug der Kaiser vor, man solle
über die Frage abstimmen, ob hier ein Meisterwerk vorliege, an dem
nichts zu tadeln sei. Alle stimmten für den Dichter, an den die Gräfin
Andrassy herantrat, um ihm Glück zu wünschen.

Es wurde jetzt das zweite Frühstück gereicht und man stellte dann
Bilder. -- Zwischen zwei hochstämmigen Bäumen schlossen sich zwei
mächtige Teppiche, hinter welchen die Aufstellung vor sich ging. So oft
sich die Teppiche öffneten, bot sich ein entzückendes Bild, in welchem
bekannte Scenen aus der griechischen Göttersage dargestellt waren.
Die Frauenschönheit feierte Triumphe und umgaukelte unsere Sinne mit
einer für Amerikaner unerhörten Freiheit. Ein unermeßlicher Schatz von
Juwelen und Prachtgewändern, Gefäßen und Waffen bildete das Beiwerk.

Als der Vorhang für die Aufstellung des letzten Bildes zugezogen
wurde, hörte man geschäftig hin und her laufen, es wurde gehämmert
und die Pause verlängerte sich eine gute Weile. Man war in gespannter
Erwartung. Als die Vorhänge sich öffneten, bot sich uns ein
überraschender Anblick dar.

Es war die Darstellung der Anpreisung einer Sklavin, die römischen
Patriciern zum Kaufe angeboten wird, nach einem alten Bilde. Durch
einen großen Rahmen und die getroffenen Anordnungen, welche den Raum
hinter dem Rahmen abschlossen, als spielte die Scene in einem Gemache,
war der Eindruck hervorgerufen, als hätte man das herrliche Gemälde
wirklich vor sich. Linker Hand stehen die Verkäufer, einer hinter
dem andern, gemeine Menschen, den Blick auf die Käufer gerichtet.
Der vordere von den Beiden zieht der Sklavin das Gewand vom Leibe,
welches sie festzuhalten sucht, und hält sie roh am Arme, um sie zu
verhindern, daß sie sich schamhaft abwende. Der alte Römer, der ihr
gegenüber sitzt, ein schönes Gefäß auf den Knieen haltend, mit einem
breiten unedlen Kopfe, hat ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, und
verräth Bewunderung und mühsam unterdrückte Begierde. Hinter ihm auf
der rechten Seite des Bildes, der Sklavin zugewendet, steht ein junger
Mann, ein Knie auf den Stuhl gebogen, dessen Lehne er mit beiden Händen
hält. Auch sein edles Gesicht ist in den Anblick der reizenden Sklavin
versunken. Diese Figur stellte ein junger Prinz vor, der das ganze in's
Werk gesetzt.

Die Sklavin war die liebreizende Anselma, die herrliche leuchtende
Gestalt der Jungfrau war ebenso entzückend, wie die edle Haltung, die
Scham und Keuschheit zum Ausdrucke brachte.

Unser Athem stockte, kein Laut ließ sich vernehmen und geraume Zeit
blieb das Bild stehen, um uns Muße zu lassen, alle Einzelnheiten zu
bewundern. Es schien, daß man der schönen Anselma freigestellt hatte,
die Dauer der Vorstellung zu bestimmen, denn wir glaubten, sie etwas
flüstern zu hören, als die Vorhänge rasch zugezogen wurden.

Jubelnder Beifall erscholl. Der junge Patricier kam in seiner römischen
Gewandung hervor, während Anselma nach ihrer Wohnung gebracht wurde,
und der Kaiser befahl ihm, Anselma zu bitten, den Dank des Monarchen
entgegenzunehmen, sobald sie sich würde angekleidet haben.

Das Bild wurde besprochen und ebenso die Kunst des Malers, wie die
Sorgfalt der Darstellung und die Schönheit Anselmas gerühmt. Nun kam
sie, von dem jungen Manne geleitet, in einem herrlichen Gewande aus
elfenbeinfarbigem Stoffe, das nur die Arme unverhüllt ließ, und als
sie vor den Kaiser trat, sagte er: »Herzlichen Dank, schöne Anselma,
für die Gnade, die du uns erwiesen.« -- Doch die Kaiserin erhob sich
mit den Worten. »Nicht so, lieber Rudolf, können wir soviel Liebreiz,
Anmuth und Güte abdanken;« und sie faßte Anselma an den Schultern, um
sie zu küssen. Dann schob sie die Jungfrau vor den Kaiser, daß auch
er sie küssen solle, und das that er mit den Worten: »Sind wir nicht
Schwester und Bruder?« -- »Das sind wir,« sagte Anselma, »so lehrt
es uns Jesus von Nazareth und meine Eltern haben mich von frühester
Jugend an ermahnt, mich nicht geringer zu halten, als irgend jemand,
der auf Erden wandelt.« -- »Daran erkenne ich meinen Perger!« sagte der
Kaiser lachend, »treu wie Gold, aber voll trotzigen Selbstbewußtseins!«
-- Darauf ergriff nun ihrerseits die Jungfrau die Hände des Kaisers
mit den Worten: »Du hast vorhin Deine Schwester geküßt; ich mache
von meinem Rechte Gebrauch und küsse meinen Bruder.« -- Darauf bog
sie sich über den Kaiser. Wir waren begierig, zu sehen, wie sich der
Fürst benehmen würde. Er sagte: »Wohlan, ich will Dich schirmen, wie
ein Bruder und wer Dich kränkt oder beleidigt, an dem will ich mit
eigenen Händen Rache nehmen.« So fand sich der stolze Fürst in die ihm
bereitete Lage und benahm dem Vorgange alles Zweideutige.

Es trat jetzt Prinz Lobkowitz an das Mädchen heran, das der Liebling
aller geworden war. Es nahm erröthend seinen Arm und er entführte
uns die Liebreizende. Da ich meinem Nachbar, einem jungen Künstler
zuflüsterte, daß man in Amerika ein Mädchen für beschimpft hielte, das
eine solche Rolle in Gegenwart von Männern übernehme, sagte dieser
es sei dies auch in Oesterreich bis jetzt nie erhört worden, aber es
sei nicht zu zweifeln, daß Anselma nicht ohne die Einwilligung der
Frauencurie gehandelt habe, die wohl in Anbetracht des künstlerischen
Vorwurfes zugestimmt habe. Darum sei auch Anselma vor jedem Tadel
sicher und habe keine Unehre zu fürchten.

Die Gesellschaft brach auf, um auf verschiedenen Wegen nach dem
Schlosse zu pilgern, wo die Tafel bereitet war. Man speiste diesmal
nicht im Garten, sondern es hatte der Haushofmeister die Tafel im
Schlosse rüsten lassen. Es waren schon geraume Zeit bedrohliche
Wetternachrichten aus Spanien, dem südlichen Frankreich und Italien
eingelaufen und nach der Windrichtung war nicht zu zweifeln, daß bald
ein Ungewitter losbrechen würde, obgleich wir noch Sterne am Himmel
sahen.

Nach dem zweiten Gange prasselte auch ein Regenschauer, begleitet von
Donner und Blitz, nieder und da man in den Sälen tafelte, die der
Wetterseite gegenüber lagen, konnte man das Naturschauspiel bei offenen
Fenstern genießen. Die berühmte meteorologische Reichsanstalt auf der
Hohen Warte bei Wien hatte das Auftreten des Gewitters in Lacroma um
fünf Minuten zu früh berechnet.

Wir aber reisten bei Morgengrauen ab, weil uns interessante Dinge nach
Tulln riefen.



VIII.


Wir setzten uns am nächsten Abend, Samstags, mit Zwirner im Parke unter
einen schattigen Baum und baten um die längst versprochenen Aufschlüsse
über die Frauen. Zwirner sagte Folgendes: Man habe ursprünglich in den
Tag hinein gelebt und die vorsorgliche Regierung habe sich begnügt,
täglich den Geburtenüberschuß bekannt zu geben und allmonatlich eine
Uebersicht des wachsenden Mißverhältnisses der Erwachsenen und der
erziehungsbedürftigen Jugend ziffermäßig nachzuweisen.

Man begriff sofort, daß man zum Rechten sehen und daß das Volk über
eine Gesetzgebung in Ehesachen schlüssig werden müsse. Ein Grübler
verwies auf die Bemerkungen Platos in seinem Buche vom Staate und auf
die Lehren Christi im Evangelium Matthäus 19, 11. 12, welche er auf
seine Weise auslegte. Man verlangte Gesetze und in allen Gemeinden
berieth man hin und her, um den richtigen Ausweg zu finden. Da
entstand nun die Frauencurie. Die stimmberechtigten Mädchen und Frauen
wollten sich in diesen Fragen nicht überstimmen lassen und forderten
Abstimmung nach Curien. Diese Curien stimmten später auch noch
abgesondert über Mutterrechte und einen Gesammtcodex für den Verkehr
der Geschlechter.

Es wurde ermittelt, daß zur Zeit der alten Gesellschaftsordnung von
sechs, sieben oder acht Frauenspersonen im Alter von 16-45 Jahren
jährlich nur _=eine=_ ein Kind zur Welt brachte. Man kannte die ältere
Literatur für und wider den Malthusianismus und kannte die Geschichte
des Verkehrs der beiden Geschlechter seit Onan, dem Gatten Thamars.

Nach mehrmonatlichen Verhandlungen, Anhörung der Aerzte, und nachdem
auch festgestellt worden war, daß durch die vermehrten Geburten
vor allem eine bedenkliche Vermehrung der Cretins, Krüppel und
voraussichtlich Arbeitsunfähigen herbeigeführt wurden, wurde unter
Annahme vieler Detailgesetze beschlossen, daß nur die gesündesten
Mädchen und Jünglinge in einer bestimmten, verhältnismäßigen Anzahl zur
Ehe zugelassen werden sollten und die anderen Mädchen, wenn sie ein
illegitimes Kind zur Welt brächten, in Strafe zu nehmen seien.

»Nun sehen wir doch endlich die Tyrannei eingestanden,« rief Mr. Forest
frohlockend aus.

»Es handelte sich um ein offenbares Volksinteresse und die Gesetze
wurden vom Volke selbst vorgeschlagen und angenommen und es waren
doch unter den Gesetzgebern die von der Ehe Ausgeschlossenen in der
Mehrheit, also ist von einer Unfreiheit keine Rede. Uebrigens werdet
ihr hören, daß ich nur von einer vorübergehenden Phase unserer
Gesetzgebung im vorigen Jahrhundert spreche.«

»Aber wie kann ein solches Gesetz aufrecht erhalten werden und welche
Unsittlichkeiten muß das im Gefolge habe?«

Zwirner sagte, die künftigen Ehefrauen seien zu jener Zeit, wie auch
heute noch, schon als kleine Kinder ausgewählt worden, da die Aerzte
ein scharfes Auge hätten für Konstitution und Gesundheit und da auch
die Sektionen der Voreltern bekannt wären. Auch auf Schönheit sehe
man und nun ließe man den künftigen Ehefrauen die Haare frei wachsen,
den anderen schneide man die Haare kurz, und so wüchsen sie auf und
erführen in einem Alter, wo noch jedes Verständniß mangelt, was ihnen
bestimmt sei. So spielten sie auch ihre Rollen und es falle bis zu
einem bestimmten Alter nicht auf, wenn etwa, späterer Beobachtungen
wegen, das eine Mädchen, das Flechten trug, geschoren würde, einem
anderen, das geschoren war, die Haare in Flechten wüchsen. »Sind
die Mädchen einmal schon nahezu reif zur Ehe, haben sie schon Pläne
im Kopfe und sich den Hochzeitstag ausgemalt, dann sind allerdings
schonende Mittheilungen und Vorstellungen erforderlich, wenn ein
Irrthum zu corrigiren ist; aber es muß sich jedes Mädchen fügen. Man
sieht sie, ehe die Flechten fallen, mit rothen Augen und sie verlangen
auch wohl, vorher in die Fremde gebracht zu werden, weil sie sich vor
ihren Gespielinnen schämen, den Haarschmuck zu verlieren, der ihr Stolz
war.«

»Wenn eine künftige Braut eines Fehltrittes überwiesen wird, begegnet
ihr dasselbe strafweise, es wäre denn, daß ein junger Mann, gewiß der
Mitschuldige, vorausgesetzt, daß ihm die Ehe verstattet ist, sich
innerhalb acht Tagen erböte, die Ehe mit ihr einzugehen.«

»Nun muß ich auf die ältere Periode unseres gegenwärtigen Volkslebens
zurückgreifen und jener Gesetzgebung erwähnen, die außer Kraft gesetzt
wurde. Wegen der Geburt eines illegitimen Kindes verfiel damals das
Mädchen, wegen Ehebruches die verheirathete Frau, in öffentliche
Strafe. Die härteste Strafe war damals, daß man die Schuldige zum
Büßerhemde verurtheilte. Es war aus grauer Leinwand und hat den ganzen
Leib eingehüllt, nur Mund und Augen sind freigeblieben. In ihrer
Schlafkammer allein durfte die Sünderin es ablegen, außer ihrer Kammer
nie und außer ihrer Kammer durfte auch niemand mit ihr verkehren, noch
über andere, als dienstliche Angelegenheiten mit ihr sprechen. Bei
Abstimmungen oder Belustigungen mußte sie hinter allen zurückbleiben.
Sonst ist ihr kein Leid widerfahren, aber das Erscheinen dieser Person
hatte etwas erschütterndes.«

»Die Schuldigen selbst haben sich bald daran gewöhnt und, wenn es ihnen
zu hart schien, konnten sie ja, was wir jedem erlauben, der mit seinem
Lose in der Gesellschaft unzufrieden ist, ausscheiden und sich ihren
Antheil am Nationalvermögen herausgeben lassen, womit sie aber auf die
Vortheile der Gesellschaft verzichteten, und mußten sie dann zusehen,
wie sie sich selbst fortbrächten, oder sie konnten in die Colonieen,
die wir in Afrika haben, auswandern und so ihr Büßerhemd loswerden.
Auch in den Colonieen genießt der Oesterreicher volle Versorgung vom
Staate, er ist nicht seinem guten Glücke überlassen und er beginnt dort
wie hier mit geregelter Arbeit und gesicherter Lebensstellung, wie wir
auch jedem auf Wunsch Grund und Boden und ein Haus in der Colonie zu
Lehen geben, wenn er allein oder in Familie leben will. Allein dort ist
die Sterblichkeit für Einwanderer so groß, daß wir es für Mord halten
würden, jemand zur Auswanderung dorthin zu zwingen. Wollte die Sünderin
mit ihren Kindern sonst wohin auswandern, so ermöglichte es der Staat,
aber die Liebe zur Heimath ist so groß, daß zu jener Zeit beinahe alle
diese schönen Sünderinnen das Büßerhemd vorzogen. Junge Leute wandern
übrigens unternehmungslustig zuweilen aus, bevor sie mit den Gesetzen
in Widerspruch gerathen, und will ich nur noch bemerken, daß wir wegen
Mord oder anderer großer Verbrechen niemals Strafe verhängen, wenn der
Verbrecher die Verbannung selbst wählt. Wir wollen, daß die Verbannung
härter scheinen solle, als selbst der Tod.«

»Nun muß ich weiters erwähnen, daß übrigens auch damals das Gesetz
gegen illegitime Geburten nur im Nothfalle angewendet wurde, wenn
nämlich deren Zahl derart überhand nahm, daß es wirklich bedrohlich
wurde. Einige tausend solcher Geburten, besonders wenn die Kinder doch
kräftig und gesund waren, erschienen nicht als eine Last, die zu großer
Strenge berechtigt hätte; es sollte nur Nothwehr geübt werden, wenn
große Uebelstände drohten. Sehr oft also wurde ein solches Mädchen nur
mit einem Verweise der ältesten Frau im Orte entlassen.«

»Allein selbst diese schonende Anwendung eines Gesetzes, das an eine
böse Vergangenheit erinnerte, war unsern Vätern ein Gräuel und so fand
sich bald ein Ausweg. Die Hauptgrundsätze sollten beibehalten werden;
Fortpflanzung der kräftigsten Menschen innerhalb einer Grenze, die kein
zu rasches Anwachsen der Bevölkerung erwarten ließ, Kinderlosigkeit
der von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen, Ahndung des Ehebruches einer
Frau, die nicht die Scheidung erwirkt hatte; aber wir hoben die alten
Strafgesetze auf.«

»Die Frauencurie, von der wir noch zu sprechen haben werden und die
ihre geheime Organisation hat und von weiblichen Aerzten vortrefflich
und auch über manche uns geheim gebliebene Naturgesetze berathen ist,
stellte den Antrag, wir sollten jene Strafgesetze aufheben und alle
verwirkten Strafen erlassen; sie wolle sich dafür verbürgen, daß, was
das Gesetz beabsichtige, ohne solche Strafen erreicht werde, man möge
es aber der Frauencurie überlassen, das so zu bewirken, wie sie es für
gut hielte.«

»Aber bei der Auswahl der künftigen Ehefrauen, dem Abschneiden und
Wachsenlassen der Haare möge es wie von altersher verbleiben, nur
verlange man, daß die Begutachtung der Gesundheit von Mädchen nicht
von den Aerzten allein, sondern von ihnen in Gemeinschaft mit einer
Vertrauensperson der Frauencurie und einer Vertrauensperson der Mutter
des Mädchens geschehe, und darauf ist man eingegangen. Wir können damit
ganz zufrieden sein; es ist zur feststehenden Sitte geworden, daß
kein weibliches Geschöpf das Gesetz übertritt, und ist übrigens das
Frauenleben zum Theile ein Geheimniß für uns.«

»Die Frage, was die Nothwendigkeit, das Geschlechtsleben mit den
gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, für Folge
für die Sittlichkeit mit sich bringe, könnt ihr euch ja zum Theile
selbst beantworten, da mir Dr. Kolb erzählt, daß darüber vor euch
im hygienischen Congresse verhandelt wurde. Wir pflegen nicht davon
zu sprechen, da es Dinge giebt, die man heilig hält und die eine
Besprechung bloß der Neugierde wegen nicht gestatten. Wer dazu
berufen ist, mag darüber in gelehrten Versammlungen zum Zwecke der
Förderung des öffentlichen Wohles sprechen, oder in gleicher Absicht
in Fachblättern schreiben, aber ein Gesprächsstoff allgemeiner Art
ist dergleichen nicht. Entbindet mich daher von der Aufgabe, mich auf
Einzelheiten einzulassen, die unserem Zartgefühle widerstreben. Wir
geben uns aber nicht für Heilige aus, wir verabscheuen nichts mehr als
den Pharisäismus, wir schweigen nicht, weil wir Gott danken, daß wir
nicht sind, wie diese und jene, sondern weil wir uns die Freude am
Weibe nicht selbst zerstören wollen.«

»Im Allgemeinen nur sagen wir, daß man von den Menschen nichts
Unmögliches, also Unvernünftiges, hoffen darf; es ist uns nicht
gestattet, jemand Lasten aufzubürden, die wir selbst mit dem Finger
nicht berühren möchten. Unter vielen Uebeln das kleinste zu wählen,
ist in sittlicher Beziehung genug, und Aufgabe der Menschen ist,
vorwärts zu streben und unablässig auch für das kleinste Uebel wieder
Abhilfe zu suchen, sei es auch, daß wir doch wieder nur ein neues,
wenn auch kleineres Uebel fänden. Wir können nur sagen, daß einerseits
aus religiöser Schwärmerei, die manche alte Männer zu verbreiten
suchen, andererseits aus Schamhaftigkeit sich sehr viele Mädchen von
der Geschlechtsliebe ganz zurückziehen. Aber es bestehen gerechte
Zweifel, ob das selbst für jene, die der Ehe entsagen mußten, sittlich
gerechtfertigt ist. Es wird behauptet, daß sie sich dadurch das
Leben verkürzen, und die Schwachheit des anderen Geschlechtes, der
unvermählten Männer, erheischt ja auch Schonung.«

»Wie ihr bemerken werdet, sind unsere Mädchen und Wittwen gleichweit
von Prüderie, wie von Frechheit entfernt, und ist uns eine anmuthige
Geschichte aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts überliefert. Ein
fremder Prinz, der für Frauenschönheit schwärmte, war in der Hofburg
abgestiegen und unser damaliger Kronprinz hörte, daß jener besonders
das goldblonde Loreleyhaar vergöttere. Noch am selben Morgen hatte
der Kronprinz festgestellt, daß Oesterreich über 150 der schönsten
Mädchen mit langen goldblonden Haaren besitze, die im Alter von 15-18
Jahren ständen, und auf seine Einladung waren alle am nächsten Morgen
mit ihren Müttern in Wien angekommen. Am Abend, als die Versammlung
im großen, weißen Marmorsaale conversirte, wurde die Mitte des Saales
geräumt und Hof und Gäste sich im Kreise auf Stühlen niederzulassen
eingeladen, worauf sich Feenmusik hören ließ und durch die geöffnete
Saalthüre eine Schaar von Elfen in weißer Tracht und Geschmeide
tanzenden Schrittes hereinschwebte, mehrmals den Saal langsam umkreiste
und wieder verschwand. Die Mädchen kleideten sich sofort um, um
heimzufahren. Niemand durfte folgen. Aber man war wie gelähmt davon,
zu sehen, daß die jungen Damen, welchen die goldenen Haare frei um
den Rücken flatterten, nicht nur die nackten Füße in goldschimmernden
Sandalen stecken hatten, sondern daß auch ihr künstlich drapirtes
mattweißes Oberkleid, nur auf der rechten Schulter von einer Agraffe
festgehalten, die linke Achsel und Brust frei ließ. Der Kronprinz
hatte diese Oberkleider, die ja nicht an den Leib zu schneidern waren,
mittlerweile anfertigen lassen und Geschmeide und Sandalen gab es von
den Bühnen und in der Schatzkammer in Menge. Die jungen Damen und ihre
Mütter waren, an dem Vorschlage überrascht, nach kurzem Besinnen darauf
eingegangen und so war es gelungen.

Die Kronprinzessin schmollte, der Kaiser zweifelte, ob man nicht zu
weit gegangen sei, aber der fremde Prinz erging sich in lebhaften
Danksagungen.

Das Reichsblatt berichtete alles getreulich und die Curien der Frauen
und Mädchen traten sofort zusammen, um zu berathen, was zu thun
sei. Die Frauenzeitung, welche von Frauen redigirt und gedruckt, in
gut verschlossenen Couverts verschickt, nur von Frauen und Mädchen
gelesen wird und in die noch nie ein Männerauge einen Blick geworfen
hat, muß vielerlei Bemerkungen und Anträge enthalten haben, bis
nach vierzehn Tagen das Verdict der Frauen und Mädchen Oesterreichs
verlautbart wurde. Die Elfen und ihre Mütter wurden von aller Schuld
freigesprochen, da sie überrascht worden waren. Gerade auf Betreiben
der älteren Frauen wurde auch erkannt, die Schicklichkeit sei doch
nicht verletzt und man befürchte keine üblen Folgen, da man strenges
Regiment führe und nicht dulden werde, daß dergleichen zu weit gehe.
Auch wüßte jedes Mädchen in Oesterreich, Bewerber in gebührende
Schranken zu weisen, aber daß dergleichen einem fremden Prinzen zu
Ehren geschehen und man glauben könnte, von solchem müsse sich eine
Oesterreicherin mehr gefallen lassen, als von ihres gleichen, das
habe empört und man beauftragte das Reichstribunat, dem Kronprinzen
die Mißbilligung auszusprechen. Es verfügte sich auch der älteste
Reichstribun im Auftrage seiner Collegen zum Kronprinzen, der die
Mittheilung achtungsvoll anhörte und bat, die Frauen und Mädchen in
Kenntniß zu setzen, daß er sich schuldig bekenne und dergleichen nicht
wieder thun wolle, aber um die Gunst nachsuche, wieder zu Gnaden
aufgenommen zu werden. Das meldete wieder pflichtschuldigst die
Reichszeitung und zum Zeichen der Versöhnung wurde beschlossen, der
Kronprinzessin ein Spitzentuch zu klöppeln, wie ein schöneres noch
niemals zu sehen gewesen.«

»In Anlehnung an jene Scene hat sich für die jährliche Brautschau, wo
die Ehecandidaten beider Geschlechter, insgesammt unbewacht, aber gewiß
in strenger Zucht und Ehren, verkehren, eine Sitte, oder nennen wir
es eine Unsitte, herausgebildet, von welcher man aber Fremden nichts
verrathen darf.«

Zwirner schien aber seine Gedanken jetzt nicht bei uns zu haben.

Wir schwiegen und gedachten unserer Liebesabenteuer auf der Reise nach
Abbazzia. Denn so ganz unbegnadet verläßt ein Reisender nicht leicht
das gastfreie Land, wo jede unschädliche Freiheit Duldung findet. Die
Wittwen und die Mädchen mit verschnittenen Haaren verkehren frei mit
jungen Männern, ohne aber lästige Zudringlichkeit zu dulden. Es ist
auch nicht im geringsten anstößig, wenn sie Fremde oder männliche
Genossen auf ihre Stube laden, um mit ihnen ungestört zu plaudern,
mit ihnen ein Buch zu lesen, ihnen Stickereien oder Zeichnungen zu
zeigen und hört man überall in den Frauencorridoren, viele von ihnen
wohnen in ihnen besonders vorbehaltenen Corridoren, schäckern, lachen
und plaudern und weiß man auch, daß solchen Besuchen eine Einladung
vorausgegangen sein muß, so weiß man doch auch, daß daraus noch nicht
das geringste gefolgert werden kann und es sich in der Regel nur um
eine Höflichkeit handelt. Es gilt das auch keineswegs schon als eine
Aufmunterung und meistens folgt dem leisesten Zeichen von Galanterie,
die Wünsche verrathen läßt, auf welche die Schöne nicht eingehen will,
eine deutliche, aber nicht unfreundliche Ablehnung. Es bleibt die
Antwort aus, das Lächeln macht einem leichten Stirnrunzeln Platz, auch
heißt es wohl: »Ergehen wir uns lieber im Garten«, und wird dann die
Einladung auf die Stube schwerlich wiederholt. Unter zehnmal mag es
aber doch einmal vorkommen, daß man fühlt, man dürfe langsam weiter
gehen, und so ist es mir, vielleicht auch Mr. Forest, ja auch einmal
ergangen, aber wehe mir, wenn jemand hätte errathen können, wer mir
hold gewesen. Ich hätte unfehlbar abreisen müssen; Oesterreicher aber,
die nicht schweigen können, werden in Bann gethan und Fluch derjenigen,
die einem solchen Gunst erweist. Sie wäre vervehmt.

Ich dürfte nicht einmal verrathen, an welchem Orte mir Heil widerfahren
war. Das wäre eine schöne Sache, wenn die Welt erführe, die Frauen in
dieser oder jener Gegend seien entgegenkommender, als wo anders. Es
sehe jeder, wie er's treibe.

Man fühlt es bald heraus, wo man Hoffnung hat, Gunst zu finden,
obgleich die Anzeigen einem Dritten nicht erkennbar sind. Nur die
Frauen scheinen sich immer zu verstehen; ihre Wege kreuzen sich nie.
Dann aber ist es nicht gestattet, täppisch zuzugreifen. Die kleinste
Gunst will erworben und erstritten sein; es entspinnt sich ein Kampf,
zu dem sich zwar beide Theile stellen, der aber den Sieg verzögert,
oft lange verzögert. Das brennendste Verlangen muß der begehrende Mann
zu zähmen wissen, will er der Gunst theilhaft werden, deren sich nur
jener erfreut, der weiß, und gesteht, daß er sie nicht verdient und daß
sie ihm nur als Geschenk gewährt werden kann. Dieses lang hingehaltene
Warten erhöht aber auch das Glück und wir lernen in diesem Lande die
käufliche Gunst hassen. Wie kann sich ein Mann so erniedrigen, ein Weib
zu umarmen, das, von Allen verachtet, sich selbst verachtet?

Giebt uns aber nach langem Zögern ein Blick der Umworbenen
Vollmacht, die Thüre zu verriegeln, dann entschädiget uns auch eine
unvergleichliche Liebesglut für die Selbstbeherrschung, die wir uns
auferlegen mußten, und wer die Umarmung eines Weibes genossen hat, das
sich seiner Würde bewußt bleibt, wird niemals an einer Hetäre Gefallen
finden.

Eines noch sei erwähnt. Zu ganz hoffnungslosem Werben verleitet uns die
Oesterreicherin nie. Das grausame Spielen mit Gefühlen, die unerwidert
bleiben sollen, hält das Weib hier zu Lande für eine Verruchtheit. --
Die ganze Gesellschaft in Oesterreich durchweht ein so homogener Zug
eines lebendigen Gefühls für Würde und Wahrhaftigkeit, daß jeder, der
diese Luft einathmet, erzogen wird und er sich bald zurechtfindet in
diesem Liede ohne Worte: »Liebe und Frauengunst«, ein Lied, das in
Vergessenheit gerathen war in der traurigen Epoche, in der das feile
Weib mit dem gleichermaßen feilen Manne verächtliche Buhlschaft trieb.

       *       *       *       *       *

Man hörte »Zwirner« rufen und dieser erhob sich mit den Worten:
»Kommt mit auf meine Stube, wir haben Versammlung.« -- Es erwarteten
ihn dort acht Altersgenossen, die uns begrüßten und nachdem man
fehlende Stühle aus den Nebengemächern herbeigeschafft hatte, wählte
man Zwirner zum Obmanne, der die Versammlung eröffnete. Er begann:
»Ihr wißt, Freunde, daß zwei Gesetzesvorschläge in Berathung stehen;
die Aufhebung des Adels und die Beseitigung der Monarchie. Die nach
der Verfassung erforderlichen zwanzig, beziehungsweise vierzig
Bezirke haben zugestimmt und der Antrag ist genügend unterstützt. Die
Verfassung schreibt vor:« -- Zwirner hatte die Verfassungsurkunde
mit den beigedruckten Voten sachkundiger Forscher vor sich liegen
und es ging daraus hervor, daß der erste Antrag sofort mit einfacher
Stimmenmehrheit angenommen werden kann, der Beschluß aber im Falle
eingelegten Vetos über ein Jahr erneuert werden muß. Dann kann das
Veto nicht wiederholt werden; wird der Antrag aber bei der ersten oder
zweiten Abstimmung vom Volke verworfen, so darf er vor Ablauf von zehn
Jahren nicht wieder eingebracht werden.

Der zweite Antrag erfordert zur Annahme eine volle Zweidrittelmajorität
und es ist zwar kein Veto zulässig, der Beschluß tritt aber erst
nach fünf Jahren, wenn es sich bloß um die Absetzung des Kaisers
handelt, nur mit Zustimmung der kaiserlichen Familie in Kraft und kann
mittlerweile widerrufen werden. Auch setzt der Vollzug des Beschlußes
auf Abschaffung der Monarchie voraus, daß innerhalb der nächsten fünf
Jahre eine neue Verfassung mit einer Mehrheit von zwei Dritteln aller
Stimmen genehmigt wird, wider welchen Beschluß aber auch kein Veto
stattfindet.

Die Debatte wurde eröffnet und wurden viele Meinungen vorgebracht.

Ein junger Mann schrie laut, daß der Adel überflüssig sei, die
Monarchie könne beibehalten werden. Der Redner war auffallend
vernachlässigt und unreinlich und wir erfuhren später, daß er nie in
die Adelscirkel sei zugelassen worden, was aber allgemein gebilligt
worden war, daher das Tribunat sich seiner nicht annahm.

Ein anderer sagte, es lägen Voten der Professorencollegien und
Studentenverbindungen vor, daß man sich an diese Zirkel gewöhnt habe
und man sie nicht missen wolle.

Die meisten Stimmen sprachen sich dahin aus, daß der Adel Functionen
verrichte, die nicht entbehrt werden könnten und wozu andere
Volksgenossen nicht besser geeignet wären. Einige beklagten die Höhe
der Civilliste, aber andere fanden nichts zu bemerken; man sehe ja
klar, wie sie verwendet werde. Von der Aufhebung der Monarchie wollte
niemand hören. Ein Antrag auf Verminderung der Civilliste wurde
nicht in Verhandlung gezogen, weil es sich jetzt um andere concrete
Angelegenheiten handle und die Verhandlung in diesem Stadium nicht
gestört werden solle. Die Mehrheit war gegen beide Anträge.

Als sich Zwirner erhob, fragte ich: »Was sollen nun diese neun
Stimmen?« -- Zwirner erwiderte hierauf: »Dieselbe Berathung haben
alle anderen Genossen und Genossinnen in Oesterreich heute gepflogen
und ich werde in einer Stunde mit den Obmännern meiner Section
zusammentreten. Jede Gemeinde und jedes Quartier hat sechs bis
zehn Sectionen weiblicher und männlicher Staatsbürger, die sich
in Urversammlungen gliedern, deren einer ihr beigewohnt habt. Die
Obmänner der Urversammlungen berathen dann, tauschen die Berichte
über die Urversammlungen aus, erwähnen der vorgebrachten Argumente,
vergleichen die Stimmen für und wieder und stellen dann fest, wie viel
schwankende Stimmen abgegeben wurden. -- Nach eingehender Berathung
wird das wahrscheinliche Stimmenergebnis der Sectionen festgestellt und
es wählt jede Section den Obmann, der mit den Obmännern der übrigen
Sectionen zusammentritt, um noch einmal zu berathen. Der letzteren
Versammlung wohnen die Beamten und Tribunen bei und kann die Berathung
auch mehreremale an die Urversammlungen zurückgeleitet werden, wenn
bis zum vorausbestimmten Abstimmungstage noch genügend Zeit übrig ist.
Der Endabstimmung gehen meist noch Versammlungen des ganzen Bezirkes
voraus, in welchen man Redner anhört, und kann die Versammlung jedem
Redner das Wort entziehen.«

Ich sagte nun: »Und wenn die Regierung die Abstimmung hintertreibt?«

»Das kann sie nicht, weil die Einleitung der Abstimmung Sache des
Tribunats ist.«

Ich sah Forest an und dieser war offenbar in Verwirrung. »Und was mag
das Endergebniß sein?«

»Ich habe gar keinen Zweifel, daß Adel und Monarchie beibehalten
werden, denn das Volk ist conservativ, wenn es Einrichtungen gilt, die
sich nicht als offenbar schädlich erwiesen haben.«

Nun erwähnte Mr. Forest der Bücher von Bellamy, und Michaelis[B] und
sagte, daß man in Amerika zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sei.
Darauf sagte Zwirner, es werde sich empfehlen, daß wir ihm die Bücher
zum lesen geben, und er werde dann seine Meinung sagen.

Er ging in die Sectionsversammlung und überließ uns unseren Gedanken.



IX.


Der Sonntagmorgen brach an und gab zunächst wenig Hoffnung auf einen
vergnügten Tag, da regnerisches Wetter war und man sich auf die
Nothwendigkeit gefaßt machte, die geplanten Ausflüge aufzugeben. Viele
hatten zwar vor, nach Wien zu fahren und Museen oder die Ausstellung
der neuen Bilder zu besuchen, welche von den Bewerbern um den
Malerpreis waren eingesandt worden und welche nach Zuerkennung der
Preise am zweitnächsten Sonntage ihre Rundreise um die Kreisstädte
machen sollten, weshalb sie dann jahrelang für die Bewohner von
Wien und Umgebung nicht mehr zu sehen waren, und es bot ein großes
Interesse, sich darüber zu streiten, wer wohl den ersten Preis erlangen
würde.

Diesmal hatte sich eines der schönsten Mädchen erklärt, es wolle
dem Sieger in diesem Wettstreite seine Hand reichen, wenn es ihm
gefalle, ein Anerbieten, das sich nicht zurückweisen ließ, das aber
nicht gebilligt wurde, weil es frivol schien, auf das ungewisse sich
zu binden, und es ebenso Mißfallen hätte erregen müssen, wenn die
Uebermüthige dann ihr Wort nicht erfüllt hätte. Aber man vermuthete,
daß es gerade kein Anerbieten auf's Gerathewohl gewesen, sondern daß
die Schöne im unerschütterlichen Glauben lebte, der Preis könne nur dem
Künstler zufallen, der die Hunnenschlacht eingeliefert hatte, und daß
dies der Mann war, auf den sie ein Auge geworfen.

Es gab auch sonst in Wien Gelegenheit genug, sich zu unterhalten,
und ebenso konnte man nach St. Pölten fahren, wo es immer etwas für
Schaulustige zu sehen gab und heute ein interessantes Stück gegeben
wurde, zu welchem man wohl eine Karte erhalten konnte. Die Rückfahrt
konnte nach dem Theater noch immer erfolgen und stand der Besuch der
Städte an arbeitsfreien Tagen jedermann frei, wenn es sich nicht darum
handelte, dort zu übernachten. Die zurückgelegten Eisenbahnmeilen mußte
man sich einrechnen lassen.

Die Nachbarorte von Wien waren etwas begünstigt, daher bei einem
Wohnungstausche alles nach den Gemeinden des St. Pöltener und des
Wienerneustädter Kreises drängte und es ebenso eine Belohnung für große
Verdienste war, wenn jemand vom Arbeiterberufe dorthin versetzt wurde,
wie es umgekehrt zu den Strafen gerechnet wurde, wenn eine unerbetene
Versetzung in entferntere Gemeinden verfügt wurde. Es waren daher
auch meistens besonders tüchtige Leute in den Gemeinden dieser Kreise
anzutreffen.

Allein die Besuche in Wien blos für den Abend waren doch oft nicht
besonders lohnend, denn da alle Arbeiter in drei bis vier Jahren einmal
nach Wien beurlaubt wurden und diese Besucher aus entfernteren Gegenden
natürlich für alle Genüsse den Vorzug vor jenen hatten, die jeden
Sonntag wieder kommen konnten, so konnten diese ihren Zweck in Wien oft
verfehlen.

Man schätzte die durchschnittliche Bevölkerung der Hauptstadt auf 350
Tausend. Es waren außer dem Adelsquartiere 350 Wohnquartiere, die für
je 1000 Bewohner reichlich Raum hatten; aber zur Noth konnten auch
1200 in jedem Quartiere Aufnahme finden, was 420000 Anwesende ergab.
Es kam auch bei besonders interessanten Festen, wenn eine Krönung
oder ungewöhnliche Centennarfeier stattfand, vor, daß jedes Plätzchen
besetzt war.

Die Bevölkerung bestand größtentheils aus vorübergehenden Besuchern
aus der Provinz und dem Auslande. Die täglich nach Wien verkehrenden
Züge brachten durchschnittlich 20000 Besucher und eben so viele mochten
abreisen. Da die Fremden im Durchschnitte 7 Tage in der Residenz
bleiben, so ergab das 140000 wechselnde Besucher. Die Hochschulen
hatten an 60000 Studirende, worunter auch etwa 15000 Mädchen inscribirt
waren, und dazu konnte man 20000 Professoren, Gelehrte, Künstler und
Beamte an den wissenschaftlichen und Kunstanstalten rechnen, dann 70000
Pensionisten des Arbeiterberufes, was schon 290000 ergab, und rechnete
man noch Hof, Adel, Beamte, andere Pensionisten, hauswirthschaftliche
Arbeiter und Handwerker, worunter besonders viele die verschiedenen
Kunstgewerbe als Beruf betrieben, so hatte man 350 Tausend. Diese alle
waren für den Abend zu versorgen, an welchem sich niemand langweilen
sollte.

Es war also, wie ersichtlich, abgesehen von der Geselligkeit, die
man zu Hause fand, niemand in Verlegenheit, seine Zeit auch auswärts
und insbesondere auch in der Kreisstadt oder in Wien angenehm zu
verbringen, wenn etwa der Sonntag verregnet wurde, und man wartete in
Geduld ab, ob es sich aufhellen würde. Aber Zwirner war verstimmt.
Er sagte, er wolle mit uns zu Pferde den Kahlenberg besuchen und wir
möchten uns ihm überlassen, der Mittag wäre auch vergeben. Es fiel uns
auf, daß ihn das Regenwetter so mißgelaunt machte und wir sahen, daß er
recht vergnügt aufsprang, als der erste Sonnenstrahl sich zum Fenster
hereinstahl und bald darauf die Wolken sich zerstreuten und ein klarer
Himmel uns einlud, in's Freie zu gehen. Jetzt war es umso besser, weil
es weniger heiß war, und wir bestiegen also um 1/2-8 Uhr morgens unsere
Pferde, die uns ohne Schwierigkeit waren angewiesen worden, da wir als
bevorzugte Fremde einen Anspruch darauf hatten und übrigens die meisten
sich der Eisenbahnen bedienten.

Wir sahen, daß Zwirner, der sein Pferd in scharfen Trab setzte, nicht
den beliebten Weg über Tulbing einschlug, sondern gegen Königstetten
einlenkte, und begriffen alles, als wir von weitem zwei Frauen auf
herrlichen Goldfüchsen gewahrten, die uns zu erwarten schienen. Und
so war es auch. -- Zwirner hatte eine Verabredung mit Lori und seiner
Schwester, die noch schöner als ihre Freundin war und sich durch
lange aschblonde Flechten auszeichnete. Wir schätzten sie in dem
Alter, in welchem Oesterreicherinnen sich zu vermählen lieben. Sie
nahm uns rechts und links und unterhielt uns auf das reizendste mit
ganz guter englischer Conversation, wobei sie nicht verfehlte, von
älteren amerikanischen Autoren, Bret Harte, Prescott, Lawrence Gronlund
und anderen zu sprechen. Sie mochte beabsichtigt haben, was sich
scheinbar wie von selbst ergab, daß nämlich Zwirner und Lori hinter uns
zurückbleiben und sich aussprechen sollten.

Kaum hatten wir Königstetten hinter uns, als die Straße sich rechts
nach dem Gebirge wandte und in zahllosen Windungen, die oft beinahe
wieder zum Ausgangspunkt zurückführten, die Höhe langsam erklomm. So
hatten wir abwechselnd die Berge vor uns, dann wieder den Ausblick in's
Thal und auf die Donau und wir hielten zuweilen die Pferde an, als
wollten wir die Fernsicht genießen, in Wahrheit aber, um Freund Zwirner
zu necken. Aber wenn die schöne Mary auch zwischen uns stille hielt und
die Namen der Dörfer nannte, die wir zu unseren Füßen sahen, so glitt
doch dann ein feines Lächeln über ihr allerliebstes Gesicht, wenn die
Zurückgebliebenen in Gehörweite kamen, und sie wandte ihr Pferd der
Straße zu, uns rechtzeitig entführend.

Die Straße führte lange so fort und wir konnten oft vier und fünf
Wegschlingen hinter uns überblicken. Die kleinen waldigen Berge,
zwischen denen kleine Mulden lagen, die entweder mit Wein bepflanzt
waren oder frische Matten trugen, verschoben sich in einem fort und
boten die abwechslungsreichsten Bilder. Lange blieb der Tulbinger
Kogel rechter Hand sichtbar, endlich aber hatte die Straße die Höhe
des Bergüberganges erreicht und führte tief in ein waldreiches Gebiet,
von wo kein Ausblick mehr auf den Tullner Boden zu gewinnen war.
Zwischen Wäldern und Wiesen ging es mehr als zwei Stunden fort und wir
setzten die Pferde ab und zu in scharfen Trab. Endlich verließen wir
die Heerstraße, um einen köstlichen Waldweg einzuschlagen, der hoch
mit abgefallenem Laub bedeckt, unter jungen Bäumen fortführte, die nur
selten ein Stückchen Himmel freiließen und eine herrliche lichtgrüne
Wölbung bildeten. Die Bäume mochten in den letzten 150 Jahren wohl oft
abgeholzt worden und wieder aufgewachsen sein.

Jetzt führte der Weg wieder in's Freie und auf hochgelegene Wiesen
und Mary erzählte uns, daß nach den alten Karten da einstmals ein
Bauernhof zum Steinriegel müsse gestanden haben, daß aber solche
abgelegene Gehöfte selten mehr vorkämen, weil sich nicht leicht
jemand entschließe, dem abwechslungsreichen Leben in der Gemeinde zu
entsagen und weil solche Gebäude doch zum Schlupfwinkel für Feinde der
Gesellschaft dienen könnten, wenn sie nicht regelmäßig bewohnt würden.

Nun führte unser Weg wieder durch Wald und dann kam ein reizendes
langgestrecktes und vielfach gewundenes Thälchen, gebildet von
einem schmalen Wiesenstreifen, der auf beiden Seiten von niederen
Hügeln begleitet war, die, dicht mit Eichen und Buchen bestanden,
förmliche von Grün strotzende Mauern bildeten. Jetzt hatten wir den
Gebirgsstock erreicht, dessen nordöstliches Ende der Kahlenberg
und Leopoldsberg bilden, und nachdem wir auf einer viel gekrümmten
Straße eine ansehnliche Höhe erklommen hatten, ritten wir am Fuße des
Hermannskogels herum und dann auf dem Gebirgskamme über Wiesen und
durch herrliche Wälder nach dem Endziele unseres Ausfluges, das wir
erst nach Mittag erreichten.

Wir ließen die Pferde, welche ziemlich angestrengt worden waren, in den
Stall führen und wählten, um unseren Lunch einzunehmen, Plätze auf der
Terrasse, von wo man den Ausblick über Wien hat. Da Lori und Mary, wie
auch Zwirner, hier wohl bekannt waren, bedurfte es keiner Legitimation
und wir erinnerten uns noch unseres ersten Besuches hier oben.

Die drei Oesterreicher traten an die Brüstung, blickten nach der
Riesenstadt vor uns und wiesen, im Gespräche vertieft, auf den
Tribunatspalast, der ihre Aufmerksamkeit zu erregen schien und
allerdings mit seinen Thürmen aus dem Häusermeer besonders hervorragt.

Sieh' da, die schöne Selma kam, uns das Frühstück zu bringen. Sie
grüßte uns heiter. -- Wir erkundigten uns, ob die Sachen zurückgekommen
wären, die wir uns bei unserem ersten Besuche ausgeborgt hatten, und
Selma bejahte und sagte, man habe ihr auch den Gruß bestellt, den ich
ihr entrichten ließ. Es sei aber allzu bequem gewesen, das anderen zu
überlassen; man führe ja täglich an zwanzig Gespräche zwischen Tulln
und dem Kahlenberge, da hätte ich mich wohl auch einmal hinsetzen
und mich mit Selma »verbinden« lassen können. Ich entschuldigte mich
lachend und sagte, wir hätten mittlerweile eine Reise nach Abbazzia
und Lacroma gemacht, sonst würde ich wohl die angenehme Gelegenheit
benützt haben. Lächelnd ging sie ihrer Wege, nachdem sie Lori und
Mary, welche sich jetzt zu uns wandten, die Hand gereicht hatte. Nach
dem Lunch streiften wir über Wiesen und Wälder und wieder zogen sich
Lori und Zwirner mit Vorliebe seitwärts. Aber nun schlossen wir uns
einem Lawn-tennis-Spiele an, obwohl unsere Freunde mit den anderen
Spielgenossen nicht bekannt zu sein schienen. Als aber ein hübscher
junger Mann, der wohl ein Auge auf Mary Zwirner geworfen haben mochte,
vorschlug, daß wir mit ihm und seinen Genossen einen Tisch für Mittag
bestecken sollten, sagte Mary, die seine Aufmerksamkeiten nicht
beachtete, daß wir in Königstetten speisen wollten.

Nun war es nahezu drei Uhr geworden und wir sollten in Königstetten um
fünf Uhr zur Tafel erscheinen. Zwirner und die beiden Mädchen waren
etwas beunruhigt. Man hatte nicht bedacht, daß die Entfernung groß war
und unsere Pferde schon mehr als fünf Stunden, die edlen Pferde aus
dem Marstall von Königstetten mehr als vier Stunden gegangen waren
und daß es jetzt gelte, einen scharfen Trab einzuschlagen, wenn wir
Königstetten rechtzeitig erreichen wollten, worauf die Oesterreicher
sehr bedacht schienen.

Wir befürchteten den Pferden zu viel zuzumuthen, und Zwirner ging
mit mir nach dem Stalle, um sich umzusehen. Er erkundigte sich, was
sonst für Pferde hier wären, und erfuhr, daß der Arzt und die Lehrer,
im ganzen eine Gesellschaft von acht Personen, aus Klosterneuburg
zu Pferde heraufgekommen wären. -- Zwirner suchte den Arzt auf und
erkundigte sich, ob die Klosterneuburger Pferde schon einen weiten Weg
gemacht hätten, worauf sich ergab, daß das nicht der Fall war, und
die Gesellschaft erbot sich, uns fünf gute Traber zu überlassen und
unsere Pferde zu übernehmen, die den Weg nach dem nahen Klosterneuburg
umso leichter machen konnten, als die Gesellschaft erst spät abends
aufbrechen wollte. Da die jungen Leute jetzt Ferien hätten, würden
sich dann am nächsten Tage recht gerne einige von ihnen bereit finden
lassen, unsere Pferde nach Hause und die anderen dafür zurückzubringen.

So wurde denn aufgebrochen, und als wir Klosterneuburg hinter uns und
die Höhen gegen Kierling erreicht hatten, ging es größtentheils im
scharfen Trabe, zuweilen im Galopp über St. Andrä nach Königstetten.
Auch dieser Weg war anmuthig und besonders der Abschnitt zwischen
Kierling und St. Andrä bot eine reizende Abwechslung. Die Freundinnen
waren nun voraus und es war ein Genuß, die herrlichen Gestalten der
Mädchen zu schauen, die frohgemuth dahinritten. Wir folgten mit
Zwirner, und Lori rief diesem zurück, daß der Fürst und die Fürstin
heute aus _=besonderer Ursache=_, wie sie lächelnd betonte, zu Hause
geblieben seien und daher Mary nicht, wie beabsichtigt war, die
Repräsentation führen werde.

Zwirner ließ die Freundinnen etwas vorausreiten und erklärte uns
die Stellung seiner Schwester im Hause Hochberg. Er sagte: »die
Heirathskandidatinnen werden in gewisser Beziehung wie Priesterinnen
heilig gehalten und die anderen Mädchen sind damit ganz einverstanden
und auch von Jugend auf an den Gedanken gewöhnt, daß ihnen ein
anderer Beruf bestimmt wäre, den man in früherer Zeit hätte etwa
ein »Dienen« nennen können. Es liegt im Interesse aller, die
Frauenschönheit zu pflegen und den künftigen Gattinnen und Müttern
die Schönheit nicht durch Arbeiten zu verkümmern, die doch immer
Spuren zurücklassen müssen, wenn selbst alle Kunst angewendet wird,
das Gemeine vom Menschen fernzuhalten. Aber die gänzliche Veränderung
der Lebensformen hat auch die Beziehungen der Menschen verändert.
Jeder erhebt Verdienste und Vorzüge seiner Mitmenschen in den Himmel
und thut sich etwas auf andere zugute, die ihm nahestehen, und da es
der ganzen Gemeinde zur Ehre gereicht, wenn eine goldene Rose einer
Schwester zufällt, so setzen alle Mädchen einen Stolz darein, etwas
dazu beizutragen, daß die Schöneren aus ihrem Kreise nichts von ihrer
Schönheit einbüßen, und sie selbst verbreiten den Ruf derjenigen,
welche sie unter anderen Verhältnissen mit Mißgunst betrachten würden.
Dann fällt ja den anderen wieder das Los zu, auf einem anderen Gebiete
hervorzuragen, und nicht durch hämisches Herabsetzen der Mitmenschen,
sondern durch möglichste Pflege und Entwicklung jener Vorzüge, die
einem jedem zu Theil geworden sind, sucht man glücklich zu werden.
Darum sind die von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen gerne bereit,
sich in die Arbeiten zu theilen, welche einstens verachtet waren,
und oft ist nachgewiesen worden, daß es keinen Menschen gibt, der
nicht auf irgend einem Gebiete sich auszeichnen könnte. -- So ist nun
Mary als die schönste von den Schönen in Tulln von ihren Schwestern
verzogen worden. Man hat ihren Ruf verbreitet und ihr Zeit gegönnt,
ihre gesellschaftlichen Talente zu pflegen, ohne welche Schönheit
ein unnützes Ding wäre. Sie ist unzählige male zum Kreisbeamten
geladen worden, wo man die Gesellschaft auch mit schönen Mädchen zu
zieren bedacht ist, und so wurde sie mit den Hochbergs bekannt, die,
wie das sehr häufig vorkömmt, sie baten, in die Familie einzutreten,
um an der Hausverwaltung und Repräsentation theilzunehmen, welcher
die eigentlichen Familienmitglieder allein nicht gewachsen sind, da
die Aufgabe, so vielen Gästen aufzuwarten, eine größere Zahl von
Hausgenossen erheischt. Man affiliirt so dem adeligen Hause allerhand
ganz und gar unentbehrliche Hilfskräfte, die in freundschaftlicher
Weise angeworben werden müssen, weil im Lande niemand für Lohn dient.«
-- Wir fragten, weshalb Mary dann am ersten Freitag nicht zu sehen
gewesen, und erfuhren, daß sie damals die Hausverwaltung übernommen und
in den Wirthschaftsräumen zu schaffen hatte, auch gar nicht aufgelegt
gewesen sei, sich zu zeigen.

Mit diesem Gespräche ritten wir in den Schloßhof ein, wo galante
Herren, es waren besonders viele Künstler für die Sommermonate hier,
den Mädchen von den Pferden halfen. Man gab uns Gelegenheit, uns ein
wenig zurückzuziehen, und dann ging es zu Tische.

Im großen Saale waren lange Tafeln aufgestellt, und wir waren an
dreißig Personen beim Speisen. Das Gespräch war anregend und wir
lernten wieder manche interessante Leute kennen.

Da erhob sich gegen Ende der Tafel Fürst Hochberg, um uns zu verkünden,
daß zwei glückliche Paare unter uns seien. Professor Lueger habe
der reizenden Freundin des Hauses, Mary Zwirner, und deren Bruder
seiner eigenen Tochter Lori Hochberg die Liebe gestanden und beide
seien erhört worden, und wenn auch die Ceremonie der Brautschau nicht
vorausgegangen sei und solche Verbindungen -- man möchte sagen: ohne
Concurrenz -- nicht ganz nach den Sitten des Landes seien, wisse
man doch, daß sich den Herzen nicht gebieten lasse, und er lade die
Anwesenden ein, das Glas auf das Wohl der künftigen Eheleute zu
leeren. -- Es war Champagner in den Gläsern und die Mädchen, die uns
aufwarteten, fielen den beiden Bräuten um den Hals, wie auch Fürst
und Fürstin Hochberg Mary herzlich küßten und beglückwünschten,
als wäre sie ihre eigene Tochter. So erklärte sich, was uns am
Morgen aufgefallen war, und wir begriffen, daß Zwirner heute seinen
olympischen Gleichmuth verloren hatte. Denn Lori war ein herrliches
Weib und offenbar dazu angethan, stürmische Liebe zu fordern und zu
gewähren.

Zwirner, welcher sich mit Lori nach dem Essen im Garten erging und oft
Arm in Arm mit ihr Wege einschlug, auf welchen wir ihnen offenbar nicht
folgen sollten, wollte heute nicht aufbrechen, und die Fürstin mußte
sich unser annehmen.

Diese Frau war nicht mehr jung, aber auch ihr fehlte es nicht an Spuren
vergangener Schönheit. Sie war in einem Dorfe bei Salzburg geboren
und es gereichte ihr zum Vergnügen, zu hören, daß wir dort einen Tag
zugebracht hätten. Sie erinnerte sich nicht ohne Wehmuth der jungen
Tage in jenem Paradiese und schilderte uns die Berge, in welchen sie
viele Jahre gewandert war. Besonders rühmte sie die Aussicht von der
Schmitterhöhe und, da sie hörte, daß wir die Rückreise über Zell am See
und Wörgl nehmen wollten, um über die Schweiz zu reisen, empfahl sie
uns, diesen Berg zu besteigen der gar nicht beschwerlich sei. Uebrigens
sei die Hohe Salve vielleicht noch vorzuziehen. -- Sie unterließ nicht,
zu erwähnen, daß man auf allen diesen Bergen übernachten könne.

Mich langweilte das Gespräch mit der Fürstin, die uns nur unterhalten
wollte, weil es die Höflichkeit gebot, und ich überließ ihr daher
meinen geduldigen Freund Forest, indem ich vorschützte, daß ich einen
Handschuh suchen wolle, den ich auf einer Bank im Parke müsse haben
liegen lassen. Und so wandte ich meine Schritte nach einem stillen
Plätzchen, wo man vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnte, aber
einen herrlichen Ausblick über das Thal genoß. Dort wollte ich mich ein
wenig mit mir selbst beschäftigen und ließ mich auf einer Bank nieder,
die neben dem Kieswege zur Ruhe einlud.

Da hörte ich hinter mir ein Seidenkleid rauschen, eine warme
klangvolle Stimme ließ sich vernehmen und ich erkannte Loris mir
wohlbekanntes Organ. Sollte ich bleiben oder fliehen? -- Es war zu
spät, das Knirschen im Kiese hätte mich verrathen und ich hoffte, die
Liebesleute würden ihre Schritte bald weiterlenken.

Es kam anders: »Liebster, lassen wir uns auf dieser Moosbank nieder
und wiederhole mir das Gelöbniß der Treue.« -- »Gerne spreche ich
davon, daß mich nichts mehr von dir reißen kann und wir kein anderes
Glück kennen wollen, als ein gemeinsames. Aber es scheint mir, daß du
nicht das rechte Wort gefunden, wenn du Wiederholung eines Gelöbnisses
forderst. Was euch die Keuschheit und Jungfräulichkeit ist, ist dem
Manne Wahrhaftigkeit und wir fordern unerschütterliches Vertrauen.
Nicht ein Schatten von Zweifel an mir soll deine Seele beflecken,
da wir uns versprochen haben.« -- »Ich zweifle auch nicht an dir,
ich will mich aber berauschen an deinen Verheißungen, daß du ganz
und gar nur mein sein willst, daß du die Welt und die Gottheit, die
Wahrhaftigkeit und das Schöne, die Kinder selbst, mit welchen uns
Mutter Natur beschenken wird, nur in und mit mir, um unser beider
willen lieben willst. Ich habe es immer hart gefunden, wenn ich die
Worte Christi las: »Mann und Weib seien zwei in einem Fleische.« In
welch grausamer Nacktheit stellt er uns das Band vor Augen, das uns an
unseren Gatten knüpft. Aber doch nur um das Gebot _=wechselseitiger=_,
alles umfassender Gattentreue zu begründen und beglückend ist das
unermeßliche Opfer, das die Ehe von uns Jungfrauen fordert, wenn
sich auch die Seelen der Gatten verbinden. Wir wollen auch zwei
sein in _=einem=_ Fühlen und in _=einem=_ Denken. Nie könnte ich
mich entschließen, die jungfräuliche Hoheit zum Opfer zu bringen,
ausgenommen einem Manne, dem ich die ganze Welt bedeute, der mit mir
nur ein einziges Ich bildet. Ganz fordere ich dich und nur dafür gebe
ich mich Dir. So heiß auch das Blut in meinen Adern tobt, so hätte
doch Sinnlichkeit niemals den Sieg davon getragen über das göttliche
Gefühl jungfräulicher Unantastbarkeit. Aber als ich dich zum erstenmale
erschaute, ward es mir klar, was die griechische Göttersage bedeutet,
daß die Göttinnen zuweilen aus dem Olymp herabsteigen, um einen
Sterblichen zu beglücken. Es ist nicht Hochmuth, Geliebter, wenn ich
empfinde, als käme ich so zu Dir herab. Nur das Verlangen treibt mich,
ein Glück zu gründen, dem nichts zu vergleichen ist, und um dieses
Glück zu zeugen und es im Mitempfinden zu genießen und zu vermehren,
streife ich ab, was mich über die Menschen erhöht hat. Da ich in deinem
Glücke glücklich sein will, kann das Gut nicht groß genug sein, das ich
dir mitbringe. Darum danke ich dir auch, daß deine Lippen mich nicht
entweiht haben, und weder Auge, noch Mund mit kühner Anmaßung mich
beleidigten. Die Stunde der Vereinigung soll dir und in dir mir einen
Himmel öffnen.«

»Ich opfere dir meine Gottheit auf und mache dadurch dich zu meinem
Gotte, mich zu deiner Magd, aber, um im menschheitlichen Sinne
glücklich zu werden und ohne jeden äußeren Zwang, aus eigener Wahl.« --

Nach kurzem Schweigen sagte Freund Zwirner:

»So nehme ich dich auch als das kostbarste, das der Mensch auf seinem
Lebenswege finden kann. Aber der Mann gehört doch auch dem Staate und
der Welt an.«

»Das sollst auch du, lieber Mann, aber lasse mich an allem theilnehmen,
was du erstrebst. Wir müssen nicht nur für unsere persönlichen
Interessen gemeinsame Ziele, sondern auch für die Gesellschaft
gemeinsame Ideale haben und zu solcher Einigkeit zu gelangen, ehrlich
bestrebt sein. Lasse mein Bild dich umschweben, wo immer du bist, und
trenne dich nicht von mir, was immer du unternimmst.«

»So wird es sein,« antwortete Zwirner, »auch ich trete nicht mit
anderen Gesinnungen in die Ehe. Du weißt doch, Göttliche, wie wir uns
erkennen gelernt haben. Ich habe schon oft deine Gedanken wieder darauf
gelenkt. Wie ich in der Nacht nach unserer ersten Begegnung, als ich
mit mir allein war, dich immer mir zur Seite, dein strahlendes Auge
auf mich gerichtet sah. In diesen wachen Träumen enthülltest du dich
mir, alle Reize deines süßen Leibes, die Schönheit deines Empfindens,
die Reinheit deines Herzens, dein ganzes Selbst glaubte ich vor mir zu
sehen und schon in jener Nacht vermählte ich mich dir. Ich hatte keine
Ruhe mehr und gleich am folgenden Abende kam ich wieder und bekannte,
daß mich dein Bild nicht mehr verlassen habe. Du auch hattest nur
von mir geträumt und mich im Traume zu deinem Gatten gemacht und du
wußtest, daß ich wieder kommen und um dich werben würde.«

»Da kam eine Woche der Prüfung. Je mehr wir verkehrten und unsere
Gedanken austauschten, umso sicherer fühlten wir, daß wir uns nicht
getäuscht. Du sagtest mir schon damals wie heute, wie groß du dir das
Glück der Ehe vorstelltest und wie die Verbindung der Gatten alles,
alles umfassen müsse. So ließest du mich die ganze Welt durch dein Auge
sehen und ich ließ dich in mein Herz blicken. Ich fand, daß wir seien
wie ein Augenpaar, immer zugleich daran, das Welträthsel zu lösen;
niemals suchen die beiden Augen verschiedene Ziele. Und da jubeltest
du, daß ich in diesem Bilde den wahren Sinn der Ehe entdeckt. Du
verfolgtest den Gedanken weiter und zeigtest mir, wie die Augen, weil
sie niemals an ein und dieselbe Stelle im Raume rücken können, der
Seele zwei Botschaften bringen, aber doch nur, um die Dinge besser zu
erforschen, als es ein Auge allein vermöchte, und wie die Seele die
beiden Bilder zu einer Einheit verbinde. Und so sollten wir zu einer
Anschauung der Welt gelangen, die dem Einsamen verschlossen bleibt.
Auch wir sollten unsere Anschauungen zu einer Einheit verschmelzen
lernen. Und sinnig bemerktest du, wie die beiden Augenbilder stark
von einander abweichen, wenn wir auf das nächste schauen, und wie sie
sich decken, wenn wir uns in das Anschauen der Gestirne versenken; wir
sollten daher das unendlich Große, das Ewige und nur dem Geiste nahe
nicht aus den Augen lassen.«

»Und so lernten wir an unserem Weltbilde uns selbst wechselseitig
erkennen.«

»Nachdem das vorausgegangen, sollte da noch eine Selbsttäuschung
möglich sein? Wie könnte uns das Glück irgendwo fehlen, wo wir zusammen
weilen?«

»Ich träume für und für von einem unverwelklichen Glücke, das ich in
deinen Armen und in einer alles umfassenden Lebensgemeinschaft mit dir
finden werde.«

Und da hatten sie sich erhoben und ihre Stimmen erstarben in der
Entfernung. -- Nun verließ ich meinen Ruheplatz und als ich später
im Schlosse den jungen Leuten begegnete, schämte ich mich, daß ich
mich zum Mitwisser solcher Seelenergüsse gemacht. Lori reichte mir
unbefangen die Hand und wir schieden.

Zwirner war auf dem Heimwege in Gedanken verloren.

Ich erinnerte mich, als wir nach Tulln kamen, daß ich mich mit
Selma sollte »verbinden« lassen, und ging nach dem Telephone im
Gemeindepalaste, der beinahe verödet war. Ich ließ mich mit dem
Kahlenberge in Verbindung setzen und fragte nach Selma, die mich bald
darauf anrief und mich begrüßte. -- »Schöne Selma, ich freue mich, mit
dir zu plaudern.«

»Du kommst mir gerade recht, sage mir doch, was haben denn Lori und
Zwirner so gedrängt, nach Königstetten zu kommen?« -- »Das ist ein
Geheimniß.«

»Warum nicht gar, in Oesterreich hat man keine Geheimnisse.«

»O doch, ich selbst habe ein gar liebes Geheimniß, das ich mit nach
Hause nehme.«

»Du scheinst mir ein lockerer Zeisig zu sein.«

»O gar nicht, ich bin im Gegentheile recht beständig.«

»Ich traue dir zu, daß du in nichts beständig bist, als in der
Unbeständigkeit.«

»Falscher Verdacht, aber immerhin will ich mich von dir unterweisen
lassen, wenn ich noch der Vervollkommnung bedarf.«

»Danke für das Vertrauen, ich habe einen Schüler, dem ich mich ganz
widme und der erstaunliche Fortschritte gemacht hat, und wenn ich seine
Erziehung vollendet habe, will ich mich zur Ruhe setzen und keine
Schüler mehr annehmen.«

»Da bin ich wohl zu spät gekommen?«

Nun höre ich ganz deutlich einen Schmatz durch das Telephon. Den glaube
ich erwidern zu sollen; darauf mehrstimmiges Gelächter, und da ich
etwas verdrießlich »Selma« rufe, antwortet eine Baßstimme: »Selma ist
abgerufen worden, was beliebt?« -- »O es ist nichts von Belang; wer
spricht?« -- »Martin, der gelehrige Schüler.« -- »So, so; gute Nacht
euch beiden,« -- »Wir danken schön.« -- »Schluß!« -- »Grrrrrg.« --

Ich hätte mir das ersparen können, denn als ich mich recht besann,
erinnerte ich mich nicht nur an herrliche über den Rücken fließende
dunkle Haare, sondern auch an einen Goldreif an Selmas Ringfinger und
ich erfuhr später, daß Selma mit Martin die Flitterwochen auf dem
Kahlenberge verbrachte und daß sie entschieden hatte, sie wollten sich
nicht ganz dem verliebten Getändel hingeben, sondern in der Wirthschaft
Aushilfe leisten. Meine Wege würden mich mit dem Paare wohl nicht mehr
zusammenführen und ich dachte, daß das kleine Mißverständniß bald in
Vergessenheit gerathen werde.



X.


Von nun an war es klar, daß Zwirner, dem zu Liebe wir über den
Ocean gekommen waren, für uns verloren sei. Wir widmeten den
folgenden Tag, da auch Dr. Kolb nicht daheim war, obgleich es uns
an gastfreundschaftlicher Begleitung nicht gemangelt hätte, einer
Besichtigung von Tulln, beziehungsweise der wenigen Gebäude, die
diesen Ort ausmachten. Den Mittelpunkt bildete, wie überall, der
Gemeindepalast, dessen Erdgeschoß als Speisesaal diente. In den
Pavillons an den vier Ecken führten Treppen empor und das obere
Stockwerk enthielt in der Mitte einen großen Lesesaal, der von etwa
16 kleineren Sälen umgeben war. Die Mauern, welche den Lesesaal
bildeten, waren im Erdgeschosse von mächtigen Säulen gestützt. Um den
Gemeindepalast herum standen vier weitläufige, drei Stock hohe Gebäude,
deren jedes ein Kreuz bildete, in dessen Mitte die Stiege angebracht
war. Diese Gebäude standen so, daß je zwei ihrer Flügel parallel mit
den verlängerten Baulinien der Mauern des Gemeindepalastes lagen und
die zwei anderen Flügel sich ins Freie hinaus erstreckten. Aus einem
der Stockwerke konnte man durch einen verschließbaren Gang nach dem
Gemeindepalaste gelangen. Die geselligen Bedürfnisse der Gemeinde
erheischten, daß man geschützt vor Regen und Wind von den Wohnhäusern
nach dem Gemeindepalaste verkehren konnte. Die vier Wohngebäude
enthielten im Ganzen 1024 Wohneinheiten, die zu größeren oder kleineren
Wohnungen, gemeinschaftlichen Schlafsälen und besonderen Stuben
abgetheilt waren, so daß man den mannigfaltigsten Bedürfnissen gerecht
werden konnte. Auch eine besondere Krankenabtheilung bestand. Die
Funktionäre, Beamten, Aerzte und Lehrer waren insofern etwas bevorzugt,
als sie geräumigere Wohnungen mit besserem Mobilar und besondere
Empfangsräume für ihre Freunde hatten.

Die Räume zwischen den Wohnhäusern und dem Palaste waren mit Rasen,
Blumen und Sträuchern geziert und die Abschnitte, welche sich außerhalb
bildeten, waren theils zu Schwimmbecken, theils zu Spielplätzen und
Speisegärten verwendet, theils hatte man geschlossene Gärten mit
Glashäusern angelegt. In den zwei Schwimmbecken konnte man bei warmem
Wetter immer Badende sehen.

Tulln als Bezirksort hatte noch einen zweiten Palast, ähnlich dem
Gemeindepalaste, in welchem Bezirksversammlungen abgehalten wurden,
eine Musik-, Zeichnen- und Modellirschule untergebracht war, größere
Wohnungen für den Bezirksbeamten, Bezirksarzt und Bezirkspädagogen
sich befanden und große Gesangs- und Musikfeste, auch theatralische
Vorstellungen geringerer Art gegeben werden konnten. In diesem
Palaste fanden auch die Berathungen der Beamten, Aerzte und Pädagogen
des Bezirkes statt. Es hatte Tulln noch zwei große Wohnhäuser für
Pensionisten und Fremde, welche Häuser im Nothfalle zu Spitalszwecken
bei Epidemieen eingerichtet werden konnten.

Unter dem großen Speisesaale des Gemeindepalastes war ein Geschoß,
welches für Küche und Wirthschaftsräume, Keller, Wäscherei und gedeckte
Bäder, dann zum Turnen bestimmt war. In dieser von der Straße abseits
liegenden Wohnansiedlung wurde nicht gearbeitet, ausgenommen für die
Hauswirthschaft. Die großen Stallungen lagen ziemlich entfernt und
waren nicht zu sehen. Dort waren auch die Scheuern, Fabriksräume u. s.
w. Dorthin wandten wir unsere Schritte.

Der Viehstand einer solchen Gemeinde ist natürlich sehr groß, da an 400
Rinder, 70 Pferde und viele andere Hausthiere im Durchschnitte auf eine
Gemeinde entfallen.

In Tulln gab es keine andere Industrie, als eine Schuhmacherwerkstätte,
welche wir besichtigten. Die Fabrik arbeitete nur für den Bezirk Tulln
und hatte also an 40,000 Fußbekleidungen im Jahre zu liefern. Dazu
sind, obschon alle erdenklichen Maschinen im Betriebe sind, zwischen
60 und 80 Arbeiter erforderlich, worunter viele Frauen und Mädchen.
Viele Arbeitsplätze standen leer und man sagte uns, daß während der
Ernte die Industriearbeiter auf dem Felde aushülfen, während die
landwirthschaftlichen Arbeiter im Winter sich an den Industriearbeiten
betheiligten. Es käme aber auch vor, daß, wenn es gelte, von Sturm
oder Regen bedrohte Früchte zu retten, alles, auch Kinder, Lehrer
und Greise, aufs Feld liefen und nur einige Wärter bei den kleinsten
Kindern und den Kranken zurückblieben.

Vom Staate ist in jeder Werkstätte ein Fabriksleiter bestellt, welcher
dafür zu sorgen hat, daß soviel als möglich an Arbeitskräften und
Material gespart wird. Seine statistischen Arbeiten, deren Ergebnisse
er mit jenen anderer Fabriken vergleichen kann, geben ihm Anhaltspunkte
für seine Aufgabe. Von den Arbeitern wählt die Bevölkerung die
geschicktesten aus, deren Aufgabe es ist, die Beschuhung anzupassen und
daher genaue Maße zu nehmen. Man hat für gut befunden, auch über diese
Maße eine Art von Statistik anzulegen, woraus sich manches für die
Wissenschaft und die Verwaltung Wissenswerthe ergibt.

Ebenso wird es mit der Schneiderei für Männer und Frauen gehalten, die
mehr Arbeiter erfordert. Die jährlich erzeugten Stoffe werden über
Bestellung der Gemeinden angefertigt und zwar nach Mustern, welche in
allen Bezirken eingesehen werden können. Die Verwaltung sorgt dafür,
daß die Anforderungen nicht das Verhältniß überschreiten. Die Fabriken
haben aber nur die Aufträge der Regierung auszuführen. Die Vertheilung
ist in allen Stücken, also auch bei den Stoffen, principiell eine
gleiche, wenn auch der Dienst oder Beamtenrang und die Körpergröße
einige Unterschiede bedingen.

Auch hier ist das Verhältniß dasselbe. Der Fabriksleiter wird vom
Staate bestellt und ist für die Oekonomie verantwortlich; die
Bevölkerung aber wählt die Arbeiter aus, welche die Kleider dem Wunsche
und dem Wuchse der Einzelnen anpassen. Es kann die Hauptvertheilung
durch Vereinbarungen der Gemeindeglieder verändert werden, wie ja
auch sonst eine Art Tausch stattfinden kann. Die Centralverwaltung
theilt die Stoffe nach statistischen Daten auf die Provinzen, die
Provinzverwaltung auf die Kreise, die Kreisverwaltung auf die Bezirke
auf und unterliegen die weiteren Vertheilungen zunächst genauen
Vorschriften. Ueberschreitet eine Gemeinde ihren Antheil an Stoffen
und Arbeitskräften nicht, so kann sie auftheilen, wie sie will. Das
ganze Vertheilungsgeschäft erfolgte anfänglich nach sehr rigorosen
Bestimmungen, man ist aber später laxer geworden, da man fand, daß das
Verrechnungswesen selbst große Arbeit verursache und der Nutzen ein
geringer sei. Da sich eine Art Gewohnheitsrecht gebildet hat, wonach
die Ziffern im großen sich wenig unterscheiden, so ist in diesem Punkte
für die Regierung nicht allzuviel zu thun, aber der Verbrauch wird
doch regelmäßig in den statistischen Tabellen verlautbart, damit allem
Unterschleife vorgebeugt werde.

Aehnlich verhält es sich auch mit anderen Vertheilungen von Material
für Privatthätigkeit. So von Wolle und Zwirn, Leder, Papier, Schreib-
und Zeichenrequisiten und dergleichen. Alle Abfälle und abgenützten
Materialien fallen in der Regel wieder an den Staat. Ausnahmsweise
kann jemandem gestattet werden, einen Lieblingsrock über die Dauer zu
behalten, wenn er noch Dienst thun kann, aber die Regel ist, daß der
Staat alles wieder zurückfordert und verwendet.

Die Gemeinden bedürfen auch allerhand Werkzeuge und Instrumente für
Liebhabereien, Spiel und Musik. Es ist gleichgiltig, was die Gemeinden
haben wollen, wenn sie nur ihre Ansprüche verhältnißmäßig stellen und
die Gesammtforderungen den Arbeitskräften und Materialvorräthen nicht
widersprechen.

Da wir die Pracht bei öffentlichen Festen etwas verwunderlich fanden
und fragten, wie denn der Aufwand bestritten werden könne, sagte uns
der Leiter der Schuhmacherwerkstätte, daß seit 80 Jahren keine Unze
Gold oder Silber gegraben und kein Edelstein angeschafft worden sei.
Wenn es den Amerikanern gefiele, das alte Silberbergwerk Pribram, in
welches man jetzt die jungen Leute führe, um ihnen das harte Loos der
Arbeiter der älteren Periode zu schildern, -- auf Salz, Kohle, Eisen,
Blei, Kupfer und dergl. wird übrigens heute auch noch gebaut, -- wieder
in Betrieb zu setzen, würde die Regierung es erlauben und keinen Pacht
fordern. Ebenso könne man die Opalgruben in Ungarn ausbeuten, es lege
niemand Werth darauf. Die ungeheueren Vorräthe an Gold und Silber in
Barren und Münzen aus der alten Zeit reichten für alle Ewigkeit für
technische Zwecke und für die Schatzkammern aus. Die alten Juwelen und
Schmuckgegenstände seien in Schatzkammern aufgetheilt und würden nur
zuweilen in kunstreichere Fassungen gebracht. Die Civilliste habe immer
Künstler in diesem Fache zur Verfügung. Eine Vermehrung finde nicht
statt, da für Hoffeste, das Theater und die Vermählungsfeierlichkeiten
ganz unermeßliche Vorräthe aus alter Zeit aufgestapelt seien. So sei
es auch noch mit vielerlei Stoffen. Seide, Sammt und Gobelins würden
übrigens noch angefertigt; da sie aber nicht Einzelnen, sondern dem
Volke angehören, sei für zahllose Festlichkeiten auch in kleineren
Orten gesorgt.

Ich sagte, daß wir Zwirner jetzt wiederholt in beinahe reicher Tracht
gesehen hätten, worauf unser neuer Freund erwiderte, der gehe jetzt
auf Freiersfüßen und suche seine Festkleider hervor, die sonst oft
jahrelang nicht getragen würden und auf Decennien berechnet seien.
Die Arbeitskleider, wie wir sehen könnten, seien sehr einfach und
billig und die gewöhnlichen Gesellschaftskleider, die man zu schonen
trachte, auch. Man halte mehr auf Reinlichkeit und Körperschönheit, in
der Tracht auf Geschmack und Mannigfaltigkeit, als auf Kostbarkeit.
Die alten, lächerlich gemusterten Stoffe, seien ganz außer Gebrauch
gekommen. Junge und schlanke Mädchen und Frauen wüßten sich auch sehr
geschmackvoll in losen Kleidern zu schmücken, die nicht an den Leib
gepaßt und nur geschürzt und drapirt würden, was verstatte, allerhand
Tausch und Wechsel vorzunehmen, und unendlich viel Arbeit erspare.
Auch nützten sich solche Kleider weniger ab und die Schönen gefielen
den jungen Männern besser in dieser reizenden Tracht, als etwa im
barbarischen Mieder und Reifrocke, wovon zur heilsamen Abschreckung
überall die lächerlichsten Bilder zu sehen seien, wie man überhaupt
nicht müde werde, die Cultur der früheren Periode zu schildern. ‘Was
sie Schönes hatte, haben wir hundertfältig auch, und was barbarisch
war, ist verschwunden. Wir glauben jetzt zu wissen, was Christus
meinte, als er sagte: Wer vom Himmelreiche wohlunterrichtet ist, ist
einem Hausvater zu vergleichen, der Altes und Neues aus seinem Schatze
hervorbringt.’[C]

Wir grüßten und kamen nach dem Rudersporthause, wo wir seit dem
Ruderfeste nicht mehr gewesen waren. Ein alter Herr, der dort allerlei
Schreibereien besorgte, und ein eifriger Ruderer war, zeigte uns das
Museum, das Archiv und den Trophäensaal und gab uns Aufschluß über die
Einrichtung der Vereine und deren Unterstützung durch den Staat. Er
sagte, daß man für die unerläßliche Deckung der leiblichen Bedürfnisse,
aber auch -- innerhalb gewisser Grenzen -- der idealen Bedürfnisse
durch geregelte Arbeit vorgesehen habe, daher jedermann täglich eine
gewisse Anzahl von Stunden durch so und so viele Jahre, das sei nach
dem Berufe verschieden, arbeiten müsse, was das Volk von ihm fordere.

Allein man habe gefunden, daß der Mensch eigentlich arbeitsbedürftig
sei und, kaum von der Arbeit gekommen, wieder etwas schaffen wolle.
Dadurch sei nun der Gedanke angeregt worden, nicht nur Einzelnen, wie
das auch früher geschehen, gewisse Materialien zur freien Arbeit zu
überlassen, sondern auch Vereine ins Leben zu rufen und denselben große
Mittel anzuweisen, um eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, die ja
offenbar nützlich sei.

So habe man den Rudervereinen Häuser gebaut, die Anfertigung von Booten
nach ihren Angaben ermöglicht, den Mitgliedern zweckmäßige Kleider zur
Verfügung gestellt, ihnen den Druck einer Zeitung auf Staatskosten
gestattet, Preise bewilligt und der Centralleitung eine Million
Eisenbahnfahrtmeilen zur Vertheilung unter die Mitglieder angewiesen,
damit sie zu Berathungen und Uebungen, sowie zu den Wettbewerbungen
Reisen unternehmen könnten, die dem Einzelnen nicht in seine
gewöhnlichen Reisen eingerechnet werden. Es sei durch diesen Sport das
Menschenmaterial verbessert worden; die Leute würden breitschulteriger
und der Brustkorb dehne sich aus, was immer mehr im Volkstypus sich
auspräge. Dr. Kolb predige immer, diesen Sport zu fördern, weil er
offenbar der menschlichen Gestalt zum Vortheile gereiche.

Eben kam Dr. Kolb hinzu und bestätigte das. Er erzählte, daß die
Gemeinde Tulln ihn gebeten habe, -- von seiner Kunst wolle er später
einmal sprechen, er sei Bildhauer, -- eine Statue des Zwirner zu
entwerfen, durch deren Aufstellung man ihn und mehr noch seine Frau
erfreuen wolle, wenn sie nach den Flitterwochen einrückten. Er habe
einen ganz hübschen Entwurf gemacht und hoffe, daß man ihm diesmal
seine Arbeit in Stein gießen werde, was ihm für große Werke besser
gefalle, als Bronce, mit der man auch ein wenig sparen müsse. Er wolle
an der Zwirnerstatue den linken Arm auf ein schlankes und überragendes
Ruder gestützt und den rechten Arm, wie weithin auf die sich sammelnden
Boote weisend, ausgestreckt darstellen. Die Rudertracht verstatte
ihm, den prächtigen Nacken und die Muskeln der Arme zu bilden, und er
habe den Gedanken, die gegenwärtige Braut des Zwirner, die bald seine
Frau sein werde, in den Brautgewändern, ohne Zweifel griechischen,
anliegenden Kleidern, nackten mit Sandalen bekleideten Füßen, nackten
Schultern und Armen, die Rose im Haare, darzustellen. Dann könne man
die Statuen im Parke von Tulln aufstellen und kommenden Geschlechtern
eine Erinnerung an ein Paar prächtiger Menschen sichern.

Wir wurden allesammt zu Tische gerufen, wo heute viel von Zwirner
die Rede war, der wieder in Königstetten und seit der Verlobung
beurlaubt war. Nach Tisch aber ertönte von den Gongs ein für diese
Fälle bestimmtes Zeichen, worauf alles hinauseilte und sich auf das
gegebene Signal in die Häuser, Wirthschaftsräume, Stallungen und
Werkstätten vertheilte. Es war eben ein Wagen eingefahren und Fürst
Hochberg, vom Gemeindebeamten empfangen, stieg aus, um eine Musterung
vorzunehmen, wozu er von der kaiserlichen Kanzlei heute den Auftrag
erhalten hatte. Er ließ sich die Inventarsverzeichnisse vorlegen und
mittlerweile mußte alles an seinen Platz gebracht werden. Es wurden
die sämmtlichen Inventarstücke und Vorräthe, Bücher, Werkzeuge und der
Viehstand durchgemustert, und da mehrere Stücke abgängig waren, die
Aufklärung ertheilt, daß dies und jenes an Nachbargemeinden verliehen,
zwei Thiere in eine Thierheilanstalt abgegeben worden seien u. s. w.
Mittlerweile war der Kreisbeamte von St. Pölten herübergekommen und
einige Techniker aus verschiedenen Orten erschienen, da es sich darum
handelte, nicht nur die eiserne Eisenbahnbrücke einer Generalprobe und
Prüfung zu unterziehen, sondern auch aus den Acten zu ermitteln, ob
die vom Gesetze vorgeschriebenen regelmäßigen Prüfungen genau waren
vorgenommen worden. Alles befriedigte den Fürsten und da er den Wagen
wieder besteigen wollte, sagte der Beamte, die Gemeinde wolle, da er
eben hier sei, die Gelegenheit benutzen, der Familie Hochberg und dem
jungen Brautpaare ein Fest zu geben, und man bitte den Fürsten, da
zu bleiben; es seien Einladungen an die Fürstin und die jungen Leute
abgegangen, die man endlich in Sieghartskirchen ausfindig gemacht habe.

Da kamen schon die Fürstin im Wagen und bald darauf Zwirner mit Lori
und Mary mit Professor Lueger zu Pferde, und da es schon spät war,
bereitete man sich zum Abendmahle vor. Der Beamte sagte aber, der Fürst
und die Fürstin würden diesmal wohl auch ein Stück Nacht opfern müssen.
Das wolle man sich nicht gereuen lassen, sagte der Fürst lachend.

Die Fürstin hatte, bevor sie von Königstetten wegfuhr, für
Stellvertretung gesorgt. Denn es muß immer, wo officielle Geselligkeit
mehrere Menschen vereinigt, jemand repräsentieren. Diesmal hatte die
Fürstin eine in Königstetten zu Gaste anwesende Tragödin gebeten,
die Stelle der Hausfrau zu übernehmen, da sie sich dazu vortrefflich
eignete, denn sie war gewaltig würdevoll und gab auf der Bühne immer
die Königinnen.

Beim Abendmahle fehlte niemand als die Kranken und die Säuglinge, zu
deren Wartung einige ältere Mädchen waren strafweise bestimmt worden.
Sie wären natürlich gar zu gerne mit dabei gewesen, da sie sich aber
etwas in der Schule hatten zu Schulden kommen lassen, was noch nicht
gebüßt war, war diese Gelegenheit erwünscht.

Natürlich darf man sich kein üppiges Mahl vorstellen, denn
die Oesterreicher leben mäßig aus ästhetischem Gefühle, aus
Gesundheitsrücksichten und weil jedermann satt werden muß. Trotzdem kam
zum Thee nicht nur Aufschnitt, wie sonst oft, mindestens an Sonntagen,
sondern auch Backwerk, Früchte und Eis, und am Schlusse, da es galt,
den Brautleuten ein Hoch auszubringen, wurden 5 Hektoliter vom besten
Klosterneuburger angefahren, mit dem die Gemeinde sehr sparsam umgehen
muß, weil die besseren Weine nicht eben im Ueberflusse wachsen.

Nach kurzer Pause, während welcher sich der Saal geleert hatte, bat man
die Gäste zu den Spielen im Riesensaale des Bezirkspalastes. Dieser
Saal war mittels ansteigender Gerüste in ein Amphitheater verwandelt
worden und man belehrte uns, daß man der vielen Regatten und anderer
Feste wegen beim Rudersporthause zerlegbare Tribünen, die dort in
einem Hofe aufgeschichtet seien, für Tausende von Zuschauern habe, und
man habe sie zu diesem Zwecke benützt, wie auch viele Hunderte von
Operngläsern vertheilt werden konnten, die zur letzten Regatta von den
Wiener Bühnen waren geschickt und noch nicht abgeholt worden.

Alles nahm Platz, unten die Kinder, oben die Erwachsenen nach der
Größe. Die Kleinen waren übrigens größtenteils von anderen Gemeinden,
denn während der Ferien ziehen die Kinder mit ihren Wärterinnen viel
herum, um schon in jungen Jahren die Welt kennen zu lernen.

Im freien Raume in der Mitte war ein grasgrüner Teppich ausgebreitet
und mit kleinen Gewächsen darauf gewissermaßen eine waldige Gegend
markirt, die eine Matte umsäumt. Nun schoß von der Decke ein greller
Strahl elektrischen Lichtes herab, der nur diesen Raum, der als Bühne
diente, scharf beleuchtete, während der ganze übrige Theil des Saales
ganz finster war, und so konnten die verschiedenen Acteure aus der
Finsterniß auftauchen und wieder darin verschwinden und die Illusion
wurde nicht gestört. Es konnten aber viele Hunderte von Menschen das
Schauspiel genießen.

Erst kamen gutgeschulte kleine Schauspieler aus Klosterneuburg, die,
als Zwerge verkleidet, eine allerliebste kleine Feerie aufführten. Dann
eine reizende Tänzerin, als Bajadere gekleidet. Sie war Mitglied der
Ballettruppe, aber beurlaubt und in Tulln zu Hause. --

Dann kamen braune Gesellen, bei deren Anblick wir Lori rufen hörten:
»Die Zigeuner!« -- Man hatte längst keine Zigeuner mehr, da jedermann
seßhaft werden und sich in die neue Ordnung der Dinge einleben mußte,
aber die Spielweise der Zigeuner hatte sich in Ungarn erhalten,
wie auch ihr Aussehen und ihre Kleidung aus Bildern noch erkennbar
waren, und da hatten sich Berufsmusiker, die den großen Orchestern
angehörten und auch Unterricht ertheilten, zusammengethan und einige
Zigeunerkapellen gebildet, die, um sich und anderen ein Vergnügen
zu machen, zuweilen, aber aus freien Stücken und selbstverständlich
ohne Entgeld, abends, bald hier, bald dort mit Geige und Hackbrett
aufspielten. Lori war eine große Liebhaberin von dieser Art Musik,
daher man sie bei deren Erscheinen immer: »Die Zigeuner« rufen hörte,
und darum kamen sie gerne ihr zu Liebe.

Als diese einige Musikstücke zum besten gegeben hatten und wieder
abzogen, kam nach kurzer Pause aus dem Dunkel eine komische Figur ins
Licht gewirbelt und nachdem sie einigemal im Kreise herum blitzschnell
Räder geschlagen, daß man nicht ausnehmen konnte, was es sei, stand
der sonderbare Kauz plötzlich aufrecht da, mit aufgerecktem Halse und
gravitätischer Grandezza. Man hatte dergleichen nie gesehen und wußte
nicht, was man davon halten solle. Er hatte die Haare nach drei Seiten
wie zu Flammen aufgebürstet, das Gesicht weiß gefärbt, dagegen Wangen
und Lippen mit abscheulicher rother Farbe bekleckst und hochaufgezogene
Augenbrauen gemalt. Er stak in einer weißen Kleidung mit faustgroßen
schwarzen Knöpfen und begann wie ein Hahn herumzustolziren und
dummes Zeug zu reden, wobei er sich ab und zu ein paarmal in der
Luft überschlug und dann wieder steif und aufrecht stand. Da kam aus
dem Dunkel eine Fidel sammt Bogen in den Lichtkegel geflogen, die er
geschickt auffing und, scheinbar kindisch darüber erfreut, zu spielen
versuchte. Er that, als ob er es nicht verstünde, vervollkommnete sich
aber zusehends und kam endlich in ein verrücktes Tempo, wobei er vor
Freude Luftsprünge zu machen anfing und endlich, sich überschlagend
und zugleich fortspielend, immer toller wurde und plötzlich mit einem
Satze im Dunkel verschwand. Alles lachte und fragte sich, was das
wäre. Ich konnte bestätigen, daß dergleichen zu meiner ersten Zeit von
herabgekommenen Leuten aufgeführt wurde, ich wisse aber nicht, wie die
Tollheit daher gekommen. Im Verlassen des Hauses erfuhr ich denn, das
sei der jüngere Bruder Zwirners, ein bildsauberer und äußerst gelenker
Bursche. Selbstverständlich lebten die Eltern Zwirners nicht mehr, denn
sonst hätte ich das verehrte Publicum mit ihnen bekannt machen müssen.
Der Junge nun hätte bei seinem Bruder unter den alten Sachen Bilder und
Beschreibungen gesehen, aus welchen er diese Eulenspiegelei entnommen
und sich insgeheim eingeübt habe, um auch einmal etwas zum allgemeinen
Vergnügen beizutragen. Er durfte dafür, nachdem er sein Gesicht blank
gescheuert hatte, Lori auf den Mund küssen.

Nachdem man sich verabschiedet hatte, fuhren die Hochbergs mit dem
Professor und Mary heim.

Spät am Abend noch benützte der Beamte von Tulln eine zufällige
Begegnung, um mir zu sagen, die Vorsteherin der Frauencurie habe ihn
beauftragt, die Freiheit zur Sprache zu bringen, die ich mir gegen
Selma erlaubt. Diese selbst habe für nöthig erachtet, das Vorkommniß
ihren Schwestern mitzutheilen, und man glaube, daß ich nicht ganz ohne
Vorwurf sei. Es sei schon nicht ganz zu billigen, daß ich mich irgend
einer Gunst berühmte, die ich erfahren; es sei das etwas rücksichtslos
gegen die Frauen im allgemeinen, und man meine, daß Selma unrecht
gehandelt habe, darauf mit einem Scherze zu antworten, sie würde am
besten gethan haben, es zu überhören. Aber die anmaßende Galanterie
gegen eine verheirathete Frau, wozu ich mich im Verlaufe der
Conversation verleiten ließ, sei denn doch nicht wohl zu entschuldigen.
Ich sagte darauf, daß Selma verheirathet sei, hätte ich nicht gewußt.
Darauf bemerkte der Beamte, die Instruction belehre mich doch darüber,
daß verheirathete Frauen, welche den goldenen Reif am Finger tragen,
auf besondere Zurückhaltung Anspruch hätten. Ich schützte vor, daß ich
darauf nicht geachtet habe, aber darauf wurde mir geantwortet, es wäre
doch das Klügste, im Zweifel eher größere Zurückhaltung zu beobachten,
als sich Freiheiten anzumaßen, die übel aufgenommen werden könnten. Es
sei übrigens das Ganze ohne Folgen geblieben, denn der junge Ehemann
habe keinen Anstoß genommen und halte alles für recht, was seine
vergötterte Selma thue, und es sei nur zu wünschen, daß ich in Hinkunft
die Empfindlichkeit der Frauen mehr schonen möge.

Gleich jenem Kronprinzen in der Fabel schwur ich, in Hinkunft
vorsichtiger zu sein und ließ Selma und die Frauen im allgemeinen
bitten, mir Vergebung zu gewähren.



XI.


Heute, am Tage vor der Hochzeit, wollten wir ruhen und lagen viel
im Walde und auf schattigen Stellen der Wiesen, stürzten uns auch
einigemale in die Donau an Stellen, wo man baden durfte, ruderten ein
Boot und verlebten einige Stunden der Beschaulichkeit. Da plauderte ich
einmal wieder vertraulich mit Mr. Forest. Er erkundigte sich nun, wie
es im Jahre 1887 gewesen sei, im Vergleiche mit heute. Ich hatte damals
Reisen in Europa gemacht und kannte die Zustände des 19. Jahrhunderts
auch in diesem Theile der Erdkugel.

Ich gab meine Meinung folgendermaßen kund: Damals würde die Lori eine
hochnasige Comtesse, geheimen Sünden ergeben und sehr fromm gewesen
sein und schließlich, wenn sie etwa arm war, einen Cavalier um seines
Reichthums willen geheirathet und sich für das, was ihm abging, bei
einem Stallknechte schadlos gehalten haben. Die Hochbergs würden ebenso
vor dem Kaiser gekrochen sein, wie die Bauern verachtet haben, und wenn
ein Prinz an Lori Gefallen gefunden hätte, würde sie sich vor ihrer
Verheirathung ihm pflichtschuldigst, aber ohne Liebe und wie eine Dirne
hingegeben und damit den Wunsch ihres Herrn Vaters erfüllt haben, der
sich das zur Ehre anrechnete, was er wieder in fürstlicher Herablassung
seinem Schloßverwalter als Gunst erwies.

Zwirner wäre ein roher Holzhauer, der zwar rechtschaffen wäre, aber
vielleicht doch in's Criminal käme, wenn es ihn juckte, einmal ein
Stück Wild im Hochberg'schen Parke zu schießen.

Mary wäre vielleicht eine ehrsame Bauerndirne ohne Bildung und
Geschmack, viel wahrscheinlicher aber, da sie ungewöhnlich schön und
Wien nicht weit ist, ein lichtscheues Geschöpf, das sich bei Tage nicht
sehen lassen kann, krank, dem Trunke ergeben, mit heiserer Stimme und
verachtet, obgleich nicht ein Tüpfelchen schlechter, als alles um sie
herum. Doctor Kolb wäre ein Quacksalber, der den reichen Leuten für
theueres Geld zu Diensten steht, aber den Armen an die Klinik verweist;
er würde sich am besten mit geheimen Krankheiten befassen, die er eher
schonungsvoll pflegen, als heilen würde, und nicht _=ein=_ Recept
würde er schreiben, ohne sich am nächsten Tage ein kleines Douceur
beim Apotheker zu holen, der dafür den dreifachen Preis nehmen würde.
Wenn eine Freundin heirathete, würde er nicht eine Photographie -- ich
hatte zufällig etwas von seiner Absicht wegen eines Hochzeitsgeschenkes
für Lori erfahren --, sondern, da nur Werth hatte, was viel Geld
kostete, seinen Einkünften gemäß eine silberne Theekanne oder ein
Porzellanservice schicken und die Empfängerin würde ihm sehr freundlich
danken, sich aber im Stillen über seinen schlechten Geschmack und die
Knauserei ärgern.

Dem kleinen Zwirner würde es am besten von allen gehen, vorausgesetzt,
daß er sich ganz dem Gewerbe widmen und sein Lebtag nur Purzelbäume
schlagen wollte.

Denke man an die Photographien, die Dr. Kolb von seinen weiblichen
Statuen mache, so hatte das Europa von damals sein Gegenstück in
schmachvollen Photographien, die allen feineren Sinnes baar, das
Roheste auf das Roheste darstellen, und würden Hunderte davon leben,
diese Photographien geheim herumzuzeigen und zu verkaufen, am liebsten
an junge Leute, denen es recht zum Schaden gereicht und die ihren
Eltern das Geld aus der Lade stehlen, um recht hohe Preise für solche
schöne Sachen zu bezahlen.

Wollten sich die Dorfbewohner einen guten Tag machen, so würden sie
sich betrinken und dann wechselseitig halb todt schlagen. Aber -- nicht
wahr »Mr. Forest? -- damals war es doch schöner!«

»Das will ich nicht behaupten, aber auch damals hätte man ja das alles
bleiben lassen können!«

Ich erwiderte darauf, daß ich wieder an der Richtigkeit seiner, des Mr.
Forest, Anschauungen zu zweifeln angefangen hätte und, wenn ich noch
hundert Jahre lebte, hoffte, die Wahrheit zu ergründen.

Wir gingen dann zu Dr. Kolb ins Atelier. Er war Bildhauer aus
Liebhaberei und hatte im Bezirkspalaste neben der Modellirschule
einen großen Saal für seine Zwecke angewiesen erhalten, da man
seine Kunst für nützlich hielt und ihn auf alle Weise unterstützen
wollte. Es stand neben ihm ein Modell -- nun ein Modell -- aber ohne
mütterliche Begleitung, denn es war ein Riesenkerl, der, selbst ein
Ruderer, Schultern und Arme hatte, die zur Zwirnerstatue vortrefflich
paßten. Den Kopf Zwirners hatte Dr. Kolb unzähligemale nach der Natur
modellirt, daher er eine Portraitstatue machen konnte, obgleich Zwirner
nicht erfahren sollte, was im Werke sei. Während der Arbeit, die
wesentlich nur mehr im Vollenden des Nackens, der Schultern mit den
Schlüsselbeinen, der Arme und Hände bestand, plauderte Dr. Kolb mit
uns und da wir unsere Verwunderung über die gestrige Improvisation der
Abendunterhaltung aussprachen, sagte er, wo viele Hände zusammenwirken,
vollbringe der Mensch Erstaunliches. Er bat uns, während er arbeitete,
unter den zahllosen Statuen und Büsten auf den niederen Schemeln Platz
zu nehmen, auf welche er seine lieben Modelle zu stellen pflegte, und
erbot sich, uns eine Geschichte zu erzählen. Wir sahen eine Statue,
die, ganz mit Tüchern verhüllt, im Hintergrunde stand.

»In Gutenstein,« fing er an, »lebt heute noch ein Ingenieur, der in
jungen Jahren die unglaublichsten Dinge vorschlug und auch ausführte,
und dem man sich seiner Findigkeit wegen gerne zu Diensten stellte,
wenn er ein Projekt ausgesonnen hatte. Da war er eines Tages, -- es war
ein Freitag Abend, -- mit einigen Freunden im Parke von Gutenstein,
wohin sie sich ein kleines Fäßchen Bier gerollt hatten, das sie, auf
die Wiese gelagert, zu vertilgen beschlossen hatten. Nun kam die Rede
auf viele große Dinge, die schon durch das Zusammenwirken vieler rasch
wären ausgeführt worden, und der Ingenieur vermaß sich, alles zu
übertreffen. Man lachte und sagte, man wolle es auf eine Probe ankommen
lassen, und als das Bier alle geworden, gingen die jungen Leute in der
Nacht ihrer Wege. Sie waren ihrem Freunde zu Liebe aus verschiedenen
Gemeinden gekommen, ihn zu beglückwünschen, weil er in Kürze sich
vermählen sollte. Alle waren Techniker und am nächsten Tage bei der
Tafel erhielten sie, jeder von ihnen an seinem Orte, ein versiegeltes
Packet von dem Ingenieur, -- sein Name war Schneider, -- zugesandt,
worauf stand, der Empfänger solle sich mit so vielen Männern und
Jünglingen, als er auftreiben könne, um 6 Uhr beim Telephon einfinden
und dann erst das versiegelte Packet eröffnen.«

»Das thaten nun die Empfänger auch, und da alles gespannt war, was
denn der Teufelsschneider wieder ausgeheckt habe, blieben alle jungen
und alten Männer auf Meilen in die Runde zu Hause, obschon sonst am
Samstage alles mobil wurde und auf Ausflüge sann, besonders nahe dem
Schneeberg, den in solchen Nächten viele Tausende erstiegen. Zwischen
6 und 7 Uhr löste sich das Räthsel. Schneider hatte beschlossen, auf
eine Nebenkuppe des Schneeberges, die bisher von den Touristen war
vernachlässigt worden, in 24 Stunden nicht nur ein Touristenhaus zu
zaubern, sondern auch einen ganz neuen Aufstieg dahin zu machen,
der, in Serpentinen sachte ansteigend, für Fußgänger und Saumthiere
zu brauchen sein sollte. Jeder von den Freunden hatte für seine
Section, in welcher er die Arbeiten leiten sollte, an zehn Gehilfen
zu ernennen und zu instruieren. In den versiegelten Packeten waren
die zehn Sectionen der Wegstrecke von dem bergkundigen Erfinder auf
das klarste angegeben und fand sich auch der Plan des Touristenhauses
mit Zeichnungen aller Werkhölzer und genauen Anweisungen beigegeben,
welche Materialien erforderlich seien und wie viele Tragthiere man
brauche, um alles richtig auszuführen, und welche Werkzeuge man
mitnehmen müsse, wobei auch Dynamitpatronen nicht vergessen waren, da
an gewissen Stellen Sprengungen erforderlich waren. Aber man brauche
5000 Arbeiter, legte der Erfinder dar, denn die gesammte Länge des
Weges betrage des sanften Anstieges wegen 15.000 laufende Meter
und er wolle im Durchschnitte keinem mehr als 3 Meter der Wegstrecke
zumuthen. Die am Fuße des Berges hatten aber 7 Meter herzustellen und
jene, die bis zur Spitze zu wandern hatten, brauchten nur 2 oder 1
Meter zu übernehmen. Für jede Gemeinde war die Stelle angegeben, wo sie
zu arbeiten habe, und so genau waren die einzuschlagenden, oft nur dem
Schneider bekannten Wege, auf welchen zur Arbeitsstelle zu gelangen
sei, angegeben, daß man sich auch im Finstern hätte zurechtfinden
können. Es war aber eine mondhelle Nacht. Die Zimmerleute, Tischler,
Schlosser und Glaser sollten in der ersten Hälfte der Nacht oder
mindestens bis 4 Uhr Morgens alles fertig machen und die Hütte in
ihren einzelnen Theilen hinaufschaffen, was nicht schwierig sei, da
bis dahin der Weg schon gangbar sein müsse. Freilich müßten viele
zusammenarbeiten und die Beamten, die ja eine Art Dispositionsfond
für solche Zwecke besaßen, trockenes Holz und die Dampfsäge sammt
anderen Holzbearbeitungsmaschinen zur Verfügung stellen. Da aber in
Neunkirchen eine große Bautischlerei mit allen Maschinen sei, könne es
nicht fehlen, daß der Plan gelinge. Die Maurer brauchten nur gelöschten
Kalk in Truhen mitzunehmen, die ja von zwei Saumthieren getragen werden
könnten. Sand, Stein und Wasser fänden sie im Ueberflusse und bedürfe
es ja nur unbedeutender Fundamente.«

»Man jubelte und ging an's Werk und schleppte auch aus den Vorräthen
die ganze Einrichtung sammt Kochherd mit. Morgens holte sich der
Schlaue, der in der Nacht vom Freitag auf Samstag rastlos an seinen
Plänen und Instruktionen gearbeitet hatte, vom Samstag auf Sonntag aber
ganz ruhig in seinem Bette schlief, sein Bräutchen ab und sagte, er
wolle ihr ihre Morgengabe heute schon geben. Da sie reisefertig war und
er durch das Telephon erfahren hatte, alles sei gelungen, führte er
sie den neuen Serpentinenweg hinan, von jenen, die noch die letzte Hand
ans Werk zu legen hatten, stürmisch applaudirt, bis zur Schutzhütte,
leerte ein Glas Wein, das er dann 200 Meter tief in einen Abgrund
schleuderte, auf das Wohl seiner Braut und sagte. ‘Nun, Freunde! tauft
die Hütte ‘zur schönen Schneiderin’ und entweiht mir sie nicht bis zum
Ablauf meiner Flitterwochen, die ich hier mit meiner Kathi verleben
will. Dann gehört das Haus der ganzen Welt.’ -- Das fand man gerecht,
und, nachdem er sich vermählt hatte, zog er mit Proviant, Büchern und
Bildern und einem Photographenapparate mit ihr hinauf und verjubelte
einen Monat. Als er zurückkam, zeigte er zahllose photographische
Ansichten, die er aufgenommen hatte, und man begriff nicht, was der
Teufelskerl gemacht hatte; denn es war doch keine Seele bei ihnen und
auf allen Bildern war er mit seiner jungen Frau abgebildet; da sah er
ihr kochen zu, dort schnitt sie einem Huhn, das sie verzehren wollten,
den Kragen ab, dann wieder speisten sie oder tranken sich fröhlich
zu, hier neckten sie sich, dann hielt er ihr eine Strafpredigt und
sie schien ganz unbändig zerknirscht, bald darauf wieder lag er wie
verzweifelt vor ihr auf den Knieen und sie drehte ihm ärgerlich den
Rücken, und so ging es fort; auf allen schönen Plätzen und Ruhebänken
und Aussichtspunkten waren Schneider und Schneiderin verewigt, und an
einem Abgrunde stand er gar, als wollte er sich hinabstürzen, und
sie zog aus Leibeskräften an seinen Rockschößen. Nachdem man sich den
Kopf zerbrochen hatte, wie das zugegangen, zeigte Schneider, wie er
mit Häckchen, Bindfaden, Rollen und Steinen, die als Gewichte dienten,
es zu Stande gebracht hatte, daß sich die Klappe des Apparates zur
bestimmten Zeit blitzschnell von selbst öffnete und wieder schloß, und
so hatte er, nachdem er den Apparat eingestellt hatte, Zeit, seine
Stelle einzunehmen und mit seiner Frau das gewünschte Stück zu spielen.
Aber die Freunde behaupteten, Schneider verheimliche einen Theil seiner
Bilder, man wisse, daß er 100 Platten mitgenommen, und es wären nur 97
Aufnahmen da. Das sei gegen den Communismus, er müsse auch die drei
anderen Bilder zeigen. Frau Schneider wurde unmerklich roth, er aber
schwur hoch und theuer, das sei Verläumdung, bei seinem Kampfe mit
seiner Frau am Abgrunde seien drei Platten hinabgestürzt und wenn sie
es nicht glaubten, möchten sie nur nachspringen.«

»Da habt ihr die Entstehungsgeschichte vom Schutzhause zur schönen
Schneiderin, die ihr gesehen haben müßt, als ihr auf dem Schneeberge
übernachtetet.«

Das hatten wir auch. Wir glaubten dem Erzähler alles aufs Wort.



XII.


Wir fuhren am Mittwoch den 29. Juli 2020 nach Wien, wo heute die
Vermählung der 100 Schönsten stattfinden sollte. Die Nächstbetheiligten
waren schon früh in Kutschen voraus gefahren und wir gelangten
vom Franz Josefs-Bahnhofe aus auf einem Straßenbahnwagen bis zum
Burgtheater, wo wir ausstiegen und durch den Rathhauspark zum Palaste
des Tribunats wanderten, um über eine Prachtstiege in den großen
Festsaal emporzusteigen, wo man uns neben vielen Broncestatuen die des
Dr. Johann Nepomuck Prix, des ersten Bürgermeisters von Groß-Wien,
zeigte. Wir stellten uns mit den anderen Zusehern im Kreise der
Fensterseite gegenüber auf und ließen von den Thüren her Gänge frei
für den Einzug der Bräute. Auf der Gallerie wimmelte es von Frauen
aller Art, die Eintrittskarten erobert hatten, und uns gegenüber war
unter einem Zelte von rothem, goldgesticktem Sammt und vergoldeten
Zeltstangen ein Thron aufgerichtet, zu dem man über Stufen aus
seltenem Holze, auf denen ein kostbarer Teppich lag, hinaufschritt.

Es war eben 2 Uhr; die Thurmuhr schlug dröhnend und man hörte drei
Schläge an der Saalthüre, die aufsprang und hinter Hellebardieren und
den Tribunen in ihrer Amtsfesttracht schritt der Unterrichtsminister
im rothen Talare mit dem rothen Barett auf den weißen Haaren, die
Amtskette mit zahllosen Diamanten auf der Brust, herein, gefolgt von
hohen Beamten und Hellebardieren, die den Schluß machten. Die Julisonne
spielte in den Bäumen im Parke und durch die mächtigen Fenster sah ich
das Burgtheater, über dem der verdächtige Apollo thront, uns gegenüber
stehen.

Nachdem der Unterrichtsminister, der heute die Stelle des Kaisers
vertrat, sich niedergelassen und die Begleitung und die Hellebardiere
ihre Plätze eingenommen, wurde das Zeichen gegeben und zwei Saalthüren
öffneten sich, durch welche die Bräute, geführt von ihren Auserwählten
und zu beiden Seiten geleitet von einem Schwarm von Ehrenfräulein,
eintraten und einen engeren Kreis um den Thron bildeten. Der junge
Mann stand hinter seiner Braut und weiter zurück die Ehrenfräulein.
Die Bräute trugen das Haar in Flechten. Die Tracht war griechisch,
das Oberkleid an beiden Schultern aufgeknüpft, und hatte man heute
Goldbrocat gewählt. Das an den Hüften aufgeschürzte Oberkleid bildete
dort etwas überhängende Falten und floß bis zu den Knöcheln; an den
nackten Füßen trugen sie reichgezierte Sandalen und mit Geschmeide
an Hals und Armen war man nicht sparsam umgegangen, da nicht nur die
Brautschatzkammer zur Verfügung stand, sondern das Obersthofmeisteramt
auf Befehl des Kaisers die ganze kaiserliche Schatzkammer geplündert
hatte. Schon seit drei Tagen waren die Bräute zur Probebekleidung
gekommen, denn das Schmücken einer Braut war eine Kunst, welche nur
wenige verstanden, und tagelang wählte man unter dem Schmucke herum,
bis man das richtige gefunden hatte, das zu Haar- und Hautfarbe am
besten stand. Jede einzelne Braut war in der Eigenart ihrer Schönheit
auf das sinnigste geziert. Da nicht _=eine=_ Braut im Saale war, die
nicht Rosenkönigin gewesen wäre, hatten sie alle die goldene Rose im
Haare und man war geblendet von der Schönheit, die hier zu schauen
war. Vergebens suchten Perlen und Diamanten uns irre zu machen, wir
sahen nur Hälse und Schultern, kräftige Arme im schönsten Ebenmaße, die
Haut schimmernd vom reinsten matten Weiß bis zum hellen Bernstein und
ein Königreich hätte man geben können für das allerkleinste Muttermal
oder eine Sommersprosse. In allen Farben spielten die Haare, aber das
Schwarz überwog; nur unsere Mary Zwirner hatte aschblonde Haare.

Nun hielt der Unterrichtsminister sitzend, etwas vorgebeugt, die
Ansprache und beglückwünschte erst die jungen Männer, welche so
herrliche Frauen heimführten, aber auch die Bräute, die Freude an
ihren Männern erleben würden. Den Bräuten sagte er, daß sie eine
schwere Bürde auf sich nähmen und viel zu leiden haben würden, aber
es beseelige sie der Gedanke, daß in ihnen das Geschlecht fortleben
werde, und das Vaterland sei dankbar. Niemand stehe höher in Ehren
im Vaterlande, als die Mutter, von blühenden Kindern umgeben, und es
würde ihnen an solchen nicht fehlen. Oesterreich habe sich seiner
Frauen nicht zu schämen. Schönheit, Anmuth, Kraft und Geschmeidigkeit
zierten ihren Leib und Grazie entzücke in ihren Bewegungen und ihrem
Mienenspiele, aber die hundert Freundinnen, die hier vor ihm stünden,
hätten ihresgleichen nicht auf dem Erdenrund; die Gottheit sei in ihnen
lebendig geworden und diese Stunde sei für alle, die anwesend seien,
eine weihevolle.

Er ließ die Ehepaare, welche ein Herold beim Namen aufrief und der
Reihe nach vor ihn hintraten, nachdem er die Stufen herabgeschritten
war, den Ringwechsel vollziehen, und entließ jedes Paar mit den Worten:
»Von dieser Stunde an seid ihr Mann und Frau.«

Als die Ceremonie vorüber war und die Ehepaare mit den Ehrenjungfrauen
den Saal verlassen hatten, stürzte alles nach den Ausgängen, um auf die
Straße zu kommen und ein Plätzchen nahe dem Burgtheater uns zu sichern,
denn nun kam der Brautfestzug, der sich um die Ringstraße bewegen
sollte. Voran die Herolde mit silbernen Trompeten, aus welchen ab und
zu Fanfaren klangen, dann die Ehrenfräulein auf weißen Pferden, endlich
die herrlichen 100 Brautwagen, von Isabellen gezogen, mit glänzendem
Geschirre, von schönen und reichgekleideten Jünglingen gelenkt und in
jedem saß die liebliche Braut neben ihrem Erwählten in großer Bewegung
und sich beständig verneigend, während der von Glück strahlende
Gatte den Freunden winkte und grüßte, die Rechte aber nicht wollte
von der Schulter seiner Frau nehmen, der er am liebsten um den Hals
hätte fallen mögen. Da der Zug sich sehr langsam bewegte, um all' den
Tausenden von Zuschauern Zeit zur Bewunderung der Schönen zu lassen,
eilten wir, als der Zug, in dessen Mitte der Unterrichtsminister,
umgeben von berittenen Tribunen und Beamten fuhr, kaum vorüber war,
durch das Gedränge voraus und konnten gerade noch auf den Stufen
des Monumentes der Kaiserin Maria Theresia einen Platz erobern, als
die ersten Wagen auf dem Forum anlangten und links einbogen, um im
Halbkreise unter den Fenstern der dreitheiligen kaiserlichen Burg
vorüberzufahren, die mit Teppichen und Gewächsen geschmückt war. Dort
in der Mitte auf einem weiten Balcon stand der Kaiser, der vom Hoflager
auf der Rosenburg bei Horn hereingefahren war, und die Kaiserin mit
den Prinzen und Prinzessinnnen und alle Fenster waren besetzt mit
Hofbeamten und Adeligen, fremden Gesandten und den Hausgenossen des
Kaisers, von den Ehrendamen und Castellanen bis zu den Wagenlenkern und
Köchen mit ihren Gehilfen und Gehilfinnen. Alle schwenkten die Tücher
und man sah einige Bräute in Thränen ausbrechen. So ging es weiter
über die Ringstraße bis wieder zur Burg zurück, wo mittlerweile die
Tafel gedeckt wurde, weil die jungen Eheleute und das ganze Gefolge,
worunter wir uns auch mischen durften, beim Kaiser zu Tische waren.

Im Riesensaale, der, nachdem man, um das Tageslicht auszuschließen,
die Fenster geschlossen hatte, hell erleuchtet worden war, waren die
Tafeln aufgerichtet. Das Mahl verlief fröhlich und war nicht nur eine
große Pracht entfaltet, sondern es fehlte auch nicht an Musik, welche
der Natur des Festes angepaßt war. Nach dem dritten Gange erhob sich
der Kaiser und alle Tischgenossen folgten seinem Beispiele. Mit weithin
tönender Stimme sprach der Fürst den Trinkspruch: »Ich leere mein Glas
zum Preise und zur Ehre der Frauenschönheit, die in so vielen und
mannigfaltigen Gestalten hier verkörpert ist, und zum Ruhme der jungen
Frauen, die das kostbare Gut göttlicher Schönheit vererben auf kommende
Geschlechter, ihren Ehegenossen zum Entzücken, ihren Kindern zum Segen
und dem menschlichen Geschlechte zur Vervollkommnung, -- hoch die
jungen Frauen!«

Die Männer fielen ein und die Frauen verneigten sich lächelnd. Der
Kaiser ließ das Glas an das seiner Nachbarin, der Fürstin Anselma
Lobkowitz, anklingen. Diese erwiderte: »Dank Dir, dem Fürsten so
vieler edler Völker, die den vaterländischen Boden besitzen, im
gleichen Ansehen und durch redliche Arbeit habsburgischer Kaiser in
wechselseitigem Vertrauen und Frieden vereint. Dir und deinem Hause
hängen wir an und unsere Söhne und Enkel, solange dein Haus den Völkern
Treue bewahrt. Habsburg hoch!« -- »Habsburg hoch!« scholl es von Aller
Lippen. -- Der Kaiser sah lächelnd auf die freimüthige Sprecherin.

Nun erhob sich Zwirner zur Rechten der Kaiserin, Lori an der Hand
haltend: »Unsere Frauen vererben mit uns vereint den kommenden
Geschlechtern Schönheit und Kraft. Ein Erbe wollen wir Männer vor
Allem auf sie übertragen, Treue und Verehrung den Frauen und Treue der
bürgerlichen Gesellschaft, jene Pflichttreue, worin uns die Habsburger
bisher Wegweiser gewesen. -- Dem wir Alle dienen, Oesterreich, hoch!« --
Begeistert fielen alle ein und nun machte man der Tafel, an welcher nur
wenige Schüsseln, aber vortreffliche Weine gereicht wurden, bald ein
Ende, denn die Ehemänner wollten nach Hause fahren.

Die Nacht war schon hereingebrochen und die Kutschen geschlossen und es
steht uns frei, Betrachtungen anzustellen, ob da vielleicht das Küssen
schon angegangen.

Unserem Freunde war für die Honigmonde ein allerliebster Pavillon im
Schloßparke von Königstetten, versteckt im rückwärts gelegenen Theile
unter hohen Linden, eingeräumt und dieser Theil weit herum in Bann
gethan, daß niemand bei schwerer Strafe eindringen dürfe, ausgenommen
die Freundinnen, die gerufen wurden, um die Mahlzeiten aufzustellen und
die Gemächer in Stand zu halten. Wir konnten weder Zwirner noch Lori
mehr zu Gesichte bekommen und erwarteten, daß sie uns ganz vergessen
würden. Wir mußten uns an Dr. Kolb als Vertreter unseres Freundes
genügen lassen, der uns für den nächsten Tag versprach, uns über einige
Zweifel Aufschluß zu geben.

Zwirner, der anderes zu thun gehabt, habe ihm die Bücher von Bellamy
und Michaelis zum Lesen überlassen und er wisse uns Bescheid zu geben.



XIII.


Am nächsten Tage wanderten wir mit Dr. Kolb über Tulbing ins Gebirge,
wo wir, das sei im Vorbeigehen bemerkt, später von einer Höhe aus
den verzauberten Pavillon unserer Freunde ein wenig durch dichtes
Baumgezweige schimmern sahen, und widmeten einige Stunden der
Besprechung jener Frage, die uns hierhergeführt hatte.

Dr. Kolb leitete seine Erörterungen mit einem Ueberblicke über die
Bücher von Bellamy und Michaelis ein und wies nach, daß Bellamy viele
Irrthümer begangen hätte, aber Michaelis noch weit mehr und daß
offenbar beide fehlerhaft berichtet hätten. Das Fernsprechwesen diene
nach Bellamy nur zu kindischen Spielereien, nicht als Hilfsmittel der
Produktion und Vertheilung; die größeren Städte ließen auf zerstreute
Farmen schließen, welchen alle geistige Kultur fehlen müsse, und wenn
Dr. Leete mir berichtet habe, daß die Waaren durch pneumatische Röhren
in die Dörfer befördert würden, so habe er mir offenbar einen Bären
aufgebunden. Aus solchen Verhältnissen müsse sich nothwendig eine
Schichtung im Volke ergeben zwischen überfeinerten und rohen Elementen,
die sich nicht verstehen und anfeinden, daher man sich den Anfall des
Fest auf Dr. Leete recht wohl erklären könne.

So, wie Bellamy, oder eigentlich ich als seine Puppe gesehen, könne
Amerika im Jahre 2000 nicht ausgesehen haben und ebenso irrig seien
die Anschauungen gewesen, die Michaelis den Mr. Forest habe äußern
lassen. Bellamy habe unmögliche Dinge gesehen und Einrichtungen
bewundert, die herzlich schlecht waren, aber nicht schlecht, weil sie
communistisch waren, sondern schlecht, weil der Communismus nicht
vollständig zum Durchbruch gekommen und das neue Prinzip möglichst
ungeschickt angewendet worden war. »Auch sehen wir aus Bellamys
Berichte wohl, wie es Dr. Leete ergeht, er gibt uns aber gar keinen
Aufschluß über die Lage des Bauern- und Arbeiterstandes, über die
Vertheilung der Bevölkerung, den Volksunterricht und vieles andere.
Die Reste von Privatwirthschaft verwirren alle Verhältnisse, ohne
irgend einen Nutzen zu gewähren. Das Eigenthum muß ganz abgeschafft,
oder richtiger, alles muß Collektiveigenthum werden und wenn auch die
Arbeitstheilung und damit die Berufstheilung nicht nur beibehalten,
sondern bis ins kleinste hinein durchgeführt und noch weit über das
dem 19. Jahrhunderte bekannte Maß vervollkommnet werden muß, so dürfen
die einzelnen Berufe sich nicht wie hinterlistige Gegner gegenüber und
in demselben Interessenkonflikte stehen, in dem früher die Individuen
standen. Es hat sich ja auch unter den von Zwirner geprüften Werken
des 19. Jahrhunderts ein Buch von Dr. Theodor Hertzka, »Die Gesetze der
sozialen Entwicklung« betitelt, vorgefunden, wo neben scharfsinniger
Kritik der landläufigen Lehren die abstrusesten Vorschläge enthalten
waren, wie alle Berufe, die doch auf eigene Rechnung arbeiten und
Eigenthümer der Produkte bleiben sollten, schuldig wären, darüber
Rechnung zu legen, damit die ganze Welt sollte erfahren können, in
welchem Berufe die höchsten Dividenden abfallen und jeder sein armes
Gewerbe sollte aufgeben und dem lukrativsten beitreten können.«

»Es waren unklare Gedanken, die Eigennutz und Uneigennützigkeit
durcheinander warfen, und immer zeigte sich ein Angstgefühl, daß der
Wettbewerb erlöschen könnte. Man sah nicht, daß damals ein Wettbewerb
für Spekulanten und Raubritter bestand, daß aber die ehrliche Arbeit
keinen Lohn fand und der Wettbewerb der Arbeiter nur den Taschen
der Unternehmer zugute kam und am Ende immer wieder zu verschärfter
Sklaverei der Arbeiter führte, daher diese mit vollem Rechte, weil ihr
eigenes Leben daran hing, besonderen Fleiß ihrer Kameraden mit ihrem
Hasse verfolgten.«

»Auch war es ein Zeichen großer Begriffsverwirrung, daß man damals
keinen Unterschied zwischen materieller und geistiger Produktion,
zwischen jener menschlichen Thätigkeit, welche die bereits erworbene
Kultur ausbeutet, und jener, welche dem Fortschritte dient und der
Menschheit neue Bahnen eröffnet, machte und daß man nicht erkannte,
daß die eine Art menschlicher Thätigkeit nur fruchtbar ist, wenn sie
geregelt wird, die andere nur fruchtbar, wenn sie freien individuellen
Impulsen folgt, und daß es ebenso absurd ist, alle menschliche
Thätigkeit zu regeln, wie es absurd ist, für alle menschliche
Thätigkeit Freiheit und Individualismus in Anspruch zu nehmen. Da aber
dem Fortschritte und der geistigen Cultur offenbar nur ein kleiner
Theil der wirthschaftlichen Mittel zugewendet werden kann, so war es ja
auch offenbar, daß die überwiegende Masse der menschlichen Arbeit eine
gebundene und kollektive sein müsse, wie sie es ja auch damals schon,
aber nicht zum Vortheile des Volkes und der arbeitenden Classe, sondern
zum Vortheile einer kleinen Zahl glücklicher Unternehmer wirklich war.
Der Erfolg des Großbetriebes wies auf die absolute Nothwendigkeit hin,
die mechanische Arbeit der Menschen zu regeln.«

»Für den _=Fortschritt=_ allerdings mußte ein Wettbewerb fortdauern.«

»Wir _=haben=_ einen Wettbewerb, aber nur in der edelsten Form. Ich
bin längst arbeitsfrei, das heißt, ich brauche keine geregelte Arbeit
mehr zu leisten, weil ich als Arzt diente und daher, da Aerzte einen
verantwortlichen Beruf haben und Tag und Nacht zur Verfügung stehen
müssen, schon mit 47 Lebensjahren meine Dienstzeit abgeleistet hatte.
Es sind seither drei Jahre verflossen und ich habe mich immer noch mit
Liebe meinem früheren Berufe gewidmet, nur nicht mit der Gebundenheit
eines Beamten und mit einer Einschränkung, die mir erlaubt, dem
Vaterlande auch andere Dienste zu leisten, auf die es kein Recht mehr
hätte. Wo man erfährt, daß ich mich im Orte oder in der Nähe aufhalte,
lassen mich Schwerkranke oder ihre Angehörigen bitten, am Krankenbette
zu erscheinen, und ist mein Rath manchesmal von Nutzen gewesen, denn
die geschicktesten Collegen sind oft in einem einzelnen Falle mit
Blindheit geschlagen, wie es mir ja auch oft ergangen. Ich betheilige
mich oft an gelehrten Congressen, erstatte Gutachten über allgemeine
Einrichtungen, diene als Sachverständiger in Rechtsfällen und schreibe
Artikel für die Fachblätter. Aber das geschieht nur mehr aus Liebe
zur Sache und zum Vaterlande und weil ich sehe, daß sich alle anderen
Leute, die sich zur Ruhe gesetzt haben, nützlich machen, und weil wir
Aerzte überdies genau wissen, daß man dadurch sein Leben verlängert.
Es ergeht jedem übel, der nach beendeter Dienstzeit in Trägheit und
Genußsucht verfällt.«

»Aber ich bin, wie jeder andere, nicht nur Berufsmensch, sondern auch
Dilettant und habe mich, wie ihr schon wißt, hauptsächlich der Plastik
zugewendet, wobei mir meine anatomischen Kenntnisse zustatten kamen.
Ich habe dieser Kunst schon früher gehuldigt, seit Beendigung meiner
Dienstzeit aber an hundert Büsten und Statuen in Thon geschaffen, wobei
mir von Vortheil war, daß ich für meine Lehrjahre Materiale in Hülle
und Fülle hatte und nicht um Stoff zu betteln brauchte. Ich habe bald
einen Ruf erlangt und die Staatsverwaltung, wie auch die Civilliste,
haben viele meiner Statuen gießen lassen und mir so einen weitbekannten
Namen gemacht. Erst in neuerer Zeit habe ich mich daran gewagt, meine
Werke in Marmor zu meißeln, und ist ein Werk für eine hohe Frau in
Arbeit, von welcher die reizende Idee stammt, welche dem Ganzen zu
Grunde liegt.«

»Es wird sehr viel in Bronze gegossen, weil die Feld- und
Festungskanonen aufgelassen und auch die zahllosen Glocken
größtentheils eingeschmolzen wurden, und es liegen noch einige tausend
Uchatius in den Magazinen die darnach lüstern sind, sich in berühmte
Männer oder schöne Frauen umgießen zu lassen. Das Ciseliren meiner
Werke übernehme ich zwar in der Regel selbst, aber auch das Ciseliren
ist zu einer weit verbreiteten Liebhaberei geworden und oft sehe ich in
einer Ortschaft Freunde beschäftigt, einen Abguß meiner Statuetten zu
ciseliren.«

»Wir haben auch andere Vervielfältigungsverfahren, wie den Steinguß
nach einer Methode, die im 19. Jahrhunderte der Firma Matscheko und
Schrödl patentirt wurde, deren Werkstätten, zehnfach vergrößert, noch
an den südlichen Marken von Wien stehen. Dann hat man auch versucht,
von schon ziselirten Bronzestatuen Formen zu machen und mit Hilfe
elektrischer und galvanischer Prozesse in den Formen einen metallischen
Ueberzug herzustellen, der mit einer Pasta ausgegossen werden kann, die
steinhart wird. Wenn dann die Formen abgenommen werden, hat man eine
Reproduktion, die die feinste Ciselirung haarscharf wiedergibt, und es
ist mir nicht klar, weshalb diesem Abguß nicht dem Originale im Werthe
vollkommen gleich gehalten werden sollte. So werden plastische Werke
überallhin verbreitet und sie sind nicht mehr blos in Sammlungen zu
finden.«

»Wie bemerkt, habe ich schon einen großen Ruf und da die Frauen die
Künste verehren, fehlt es mir nicht an Modellen. Die schönsten Mädchen,
auch solche, die zur Ehe bestimmt sind, kommen, natürlich unter dem
Schutze der Mutter oder Adoptivmutter, in mein Atelier und hat mein
Auge Schönheit geschaut, für die es keinen Ausdruck gibt. Als Anatom
weiß ich das Entscheidende festzuhalten und wiederzugeben. Ich habe
eben mein Meisterstück beendet, das noch niemand sehen darf und womit
ich hoffe, -- es mag eine Täuschung sein --, einen Meisterpreis zu
erringen. Der Wettbewerb für Plastik findet im Dezember statt und bis
dahin will ich niemand mein Werk sehen lassen. Ihr sahet ja in meinem
Atelier die verhüllte Statue stehen.«

»Es stellt die Braut dar, die, das Haupt soviel als möglich seitwärts
gewendet, nur das Antlitz in dem im Ellbogen eingeknickten Arme
vergräbt, um wenigstens davon soviel, als ohne Hilfsmittel geschehen
kann, in holder Scham zu verbergen, die rechte Hand, wie ganz leise
abwehrend, senkt, so tief der Arm reicht, und, man möchte glauben, es
zu fühlen, wonneschauernd Schonung heischt. Den jungen Gatten müssen
wir uns dazu denken, wie er, vor seiner Göttin zu Boden gesunken, die
lieben Füße küßt. Ich schmeichle mir, daß die Haltung der Statue jeden
das Bild so ergänzen läßt, und das scheint mir die Aufgabe der Kunst;
sie soll keine Räthsel aufgeben, die sich nicht im bloßen Anschauen und
mit voller Sicherheit lösen lassen.«

»An fünfzig Modelle habe ich Probe stehen lassen, bis ich das Mädchen
fand, das nicht nur unvergleichlich schön war, sondern auch die
plastische Haltung in meinem Sinne wiederzugeben schien.«

»Wenn mir nur die Frauencurie nicht den Vorwurf macht, ich hätte die
Phantasie nicht bis in das Brautgemach führen dürfen, oder meinem
Kunstwerke fehle die Wahrheit, weil kein keusches Weib solche Gunst
selbst dem Gatten erweise. Ich aber werde nicht müde, für unsere armen
schönheitshungrigen Männer zu wirken.«

»Die Statue,« sagte Mr. Forest, »könnte man wohl eher für eine zur
Besichtigung ausgestellte Haremssklavin halten.«

Darauf bemerkte Dr. Kolb, ein wenig ärgerlich: »Das hängt von der
Lebensanschauung des Beschauers ab. In unserer Zeit, in welcher wohl
eher die Männer in einer Art -- allerdings süßer -- Sklaverei gehalten
werden, wird diese Auslegung nicht leicht sich aufdrängen, und dagegen
spricht auch die Rose, die wir unseren schönsten Jungfrauen verleihen,
und der im Haare zurückgebliebene Brautschmuck.«

Unsere Lebensanschauung sträubte sich dagegen, die unserem
Gesellschafter erwünschte Auslegung so unzweifelhaft zu finden, doch
gaben wir unseren Gedanken nicht weiter Ausdruck.

»Was könntest du in Amerika für eine solche Statue bekommen und hier
wird man dir gewiß kargen Lohn geben,« bemerkte Mr. Forest.

»Ich will meine Statuen im Lande behalten, der Lohn wäre aber nicht
karg, wenn die Kunstrichter und das Volk mit mir zufrieden wären.
Ich könnte mir ein Schloß auswählen und Gärten fordern, Pferde und
Wagen und ein Dutzend Hausgenossen aussuchen, bis etwa die Geduld
der Regierung reißen und man das Volk befragen würde, ob man meiner
Unersättlichkeit noch ferner nachgeben solle. Aber wenn ich Lohn
verlange, schließe ich mich selbst vom Wettbewerbe um die Ehrensäule
aus und ein Communist, der bald hier, bald dort wohnen und den Freuden
nachgehen will, hat kein Vergnügen daran, sich mit einem Schlosse
an eine kleine Scholle binden zu lassen. Denn das ist eine gerechte
Forderung, daß derjenige, welcher etwas ausschließlich für sich
verlangt, sich dafür ausschließen läßt von jenem, was allen gemeinsam
ist.«

Ich sagte darauf, wir glaubten, von dem Gegenstande, der hier alle
Köpfe zu beherrschen scheine, genug zu wissen und daß ja jetzt
vielleicht die Antwort auf Mr. Forests Frage folgen könnte, wie man es
hier mit Religion halte, und ob denn keine Christen im Lande seien, da
man keinen Gottesdienst sehe.

Darauf sagte Dr. Kolb, daß die sichtbare Kirche sich aufgelöst habe
und es nur eine unsichtbare gebe. Es scheine geheime Sekten zu geben,
die niemand eindringen lassen, den man für freigeisterisch hält, aber
sie hätten es aufgegeben, sich gewaltsam aufzudrängen. Die Kirchen
seien nach einem stillschweigenden Einverständnisse meist abgetragen
worden, Geistliche habe man nicht wieder angestellt und beim letzten
Conklave habe man zwar die weißen Wölkchen aufsteigen sehen, die von
den nach beendeter Wahl verbrannten Wahlzetteln aus einem bestimmten
Schornsteine aufzusteigen pflegen, aber als einige Nobili und
Frauen begeistert riefen: »__Habemus papam!__« seien die Cardinäle
unverrichteter Dinge aus dem Conklave gekommen und hätten gesagt:
»__Papam non habemus.__«

»Die Evangelien wurden durchgeprüft und man fand, daß Christus eine
_=öffentliche=_ Gottesverehrung _=ja gar nicht haben wollte=_ und
daß der Kern des Christenthums ist: ‘Liebe Deinen Nächsten, wie
dich selbst,’ was in eigenthümlicher, aber wirklich tiefsinniger
Ausdrucksweise Paulus mit den Worten bezeichnet: ‘Keiner suche das
seinige, sondern das des andern.’ Lange wurde hin- und her gekämpft und
dann nahm die Bewegung doch jenen Verlauf, den die Denkenden vermuthet
hatten. In Wien sind noch drei Kirchen zu sehen, die Stefanskirche,
die Votivkirche und die Kapuzinerkirche, die der alten Kaisergruft
wegen fortbesteht. Auf der Eingangsthüre stehen aber die Verse: Was
ist das für ein Haus, das ihr _=mir=_ bauen wollt, und was ist das
für ein Ort, da _=ich=_ ruhen soll?[D]« »Du aber, wenn du betest, gehe
in deine Kammer und schließe die Thür zu und bete zu deinem Vater im
_=Verborgenen=_«[E].

»Habt ihr keinen Religionsunterricht mehr?« fragte ich. Dr. Kolb sagte,
daß man das Evangelium Matthäus von einigen für Kinder unpassenden
Stellen gereinigt und bedeutend gekürzt habe und daß die Lehren Christi
vorgetragen würden, wie eine Legende oder ein Märchen. Dogmen lehre
man Kindern gar nicht und die Erzählungen von Christus übten doch
eine große Wirkung aus, da man auch zwei Feste daran knüpfe, die das
Gemüth der Kinder feierlich stimmen. Man habe den Christbaum mit der
Krippe darunter und das Osterfest im dunkel gemachten Bibliothekssaal,
in welchem farbige Lichter mehr glühen als leuchten, beibehalten und
an letzteres Fest schließe sich die Auferstehung an und ergreifende
Gesänge begleiteten die Feier.

»An die Stelle des Dogmas ist die Symbolik getreten und lehrt man
-- wie Christus erwiderte: ‘Ich aber sage euch, Elias ist schon
wiedergekommen[F]’ --, daß Christus in Wirklichkeit schon auferstanden
sei, denn in unserem Staate hätten wir das Reich Gottes verwirklicht
und die Auserwählten seien bereits eingezogen in das Reich, das ihnen
von Anbeginn der Welt bestimmt war, da jeder Hungrige gespeist, jeder
Durstige getränkt, jeder Nackte bekleidet, jeder Fremdling beherbergt
und jeder Kranke besucht werde.«[G]


Der mächtige Christbaum werde beim Weihnachtsfeste in Stücken in den
Saal gebracht und von den Müttern mit Lichtern besteckt und geschmückt.
-- Spielzeug und Näschereien fehlten nicht und der Abend bringe manches
Neue, so insbesondere auch Kleidchen und Bücher. Man lasse noch immer
die kleinsten Kinder bei den Glauben, daß alles von dem hoch oben
schwebenden Christkinde herbeigezaubert sei. »Wir halten dafür, daß
gerade _=wir=_ Christen und unsere Gegner Pharisäer seien. _=Wir=_ sind
es, die das Christenthum verwirklichen, aber aus Ueberzeugung, nicht
nach den Irrlehren der Confessionen.«

»Die Erfahrung wurde gemacht, daß das Einschlafen des öffentlichen
Gottesdienstes keine üblen Folgen hatte. Wer ein Bedürfniß empfindet,
sich an religiösen Uebungen zu betheiligen, kann in privaten
Conventikeln Erbauung suchen oder die zahllosen Erbauungsbücher
der früheren Zeit lesen. Das Bedürfniß darnach wird aber niemand
durch Schule und Erziehung aufgezwungen. Wir glauben, daß viele
unverheirathete Mädchen dieser Schwärmerei sich hingeben, aber es wird
nichts davon bekannt. Die staatliche Ordnung ist so mächtig geworden,
daß sie einer Unterstützung der Kirche nicht bedarf, religiöse Secten
aber niemals gefährlich werden können. Jemand seiner Ueberzeugung oder
seiner religiösen Uebungen wegen zu kränken, ist strenge verpönt.«

»Und die Frauenemancipation hat keinen Schaden angerichtet?«

»Sicher nicht. Die Frauen haben sich von allem Anfange an mit
großem Tacte ein Gebiet erobert, auf dem sie herrschen, die Liebe
und die Familie. Sie haben eingesehen, worin die Familie dem Staate
Zugeständnisse machen muß. Dagegen ist in dieser Hinsicht und in der
Liebe nichts geregelt worden, was die Frauen nicht einmüthig gebilligt
hätten. Es hat sich gewissermaßen von selbst gemacht, daß sie sich
eine Art geheimer Nebenregierung errichteten, und der Gebrauch, ihre
Ideen über diese Gegenstände in geheimen Berathungen und einer geheimen
Zeitung auszutauschen, ermöglicht eine reifliche Erwägung ganz im
Sinne der Frauen. -- Für alle Feierlichkeiten und Gebräuche gingen die
Vorschläge von ihnen aus und sie billigen jede Freiheit, die die Frauen
in überwiegender Mehrheit gutheißen. Gegen den Frauentact verstößt
keine und die Position, die die Frauen in der Ehe und in der Liebe
einnehmen, ist unerschütterlich. Gegen Bewilligung der Aufnahme ihres
Curiatsrechtes in die Verfassung haben sie eingewilligt, daß weder der
Staatsbeamte, noch der Tribun, noch der Pädagog oder der leitende Arzt
aus den Frauen solle gewählt werden können. Dagegen haben sie ihre
medicinische Schule, wo nur Frauen tradiren und demonstriren, auch
nur Frauen behandelt und weibliche Leichname zergliedert werden, und
ihre medicinische Wissenschaft entwickeln sie in ihrer Frauenzeitung.
Nur Forschungsergebnisse und Lehrmeinungen, die ohne Zusammenhang
mit dem Geschlechtsleben sind, verhandeln sie öffentlich und in den
öffentlichen Blättern.«

In allen wirthschaftlichen Fragen sei die Frau natürlich ebenso fähig
zu stimmen, wie die Männer, aber auch in Verfassungsfragen und anderen
öffentlichen Angelegenheiten seien die Frauen gerade so competent, wie
Männer. In gewissen Fällen vertraue sich eine Frau oder ein Mädchen nur
dem weiblichen Arzte an und müsse die Frau Doctor sich übrigens der
Leitung des ärztlichen Beamten unterwerfen und die amtlichen Geschäfte
ihm überlassen, wie auch ihm Aufschlüsse ertheilen. So sei das uralte
Unrecht der Hörigkeit der Frau abgeschafft und gerade die Frauen hätten
dem Lande zu den möglichst vollkommenen, wenn auch gewiß noch immer
verbesserungsfähigen Zuständen des Geschlechtslebens verholfen.

Wir wollten nun hören, ob kein Mißbrauch der kaiserlichen Gewalt und
keine Parteilichkeit oder Tyrannei der Beamtenschaft vorkomme. --
Darin gerade, sagte unser Gewährsmann, unterscheide sich Europa von
Amerika, daß es die Monarchie beibehalten habe und daß die Beamten
nicht so, wie man es oft als ein Erforderniß der Freiheit betrachtete,
vom Volke, sondern vom Kaiser oder in seinem Namen ernannt werden.
Damit hänge auch die Ersprießlichkeit der Monarchie zusammen. Der
Kaiser habe vor Allem eine Stelle zu besetzen, auf die sich niemand
drängen kann, und er sei in der Lage, sich über die Würdigkeit und
Rechtschaffenheit der Beamten ein Urteil zu bilden, das dem Volke
großen Schutz gewährt. Das Tribunat habe auch Gelegenheit, über Beamte
direct beim Kaiser Klage zu führen, was rascher zum Ziele führe, als
eine zeitraubende Volksabstimmung, mit der das Volk gerne verschont
bleibe, wenn andere Abhilfe gefunden werden kann. Die Staatsverwaltung
müsse sich aber als eine offenbar organische Institution auf eine
Organisation stützen und diese sei die Beamtenschaft. Eine Organisation
erheische ebenso Stetigkeit, wie Stoffwechsel, das heißt, es müssen
unbrauchbare und absterbende Theile rasch ersetzt werden können,
ohne das Ganze in Zerfall gerathen zu lassen. Das treffe zu in einem
Beamtenkörper, der im Ganzen beharrt, aber immer in der Lage ist,
faule Theile abzustoßen und für diese, sowie sonst ausscheidende
Elemente, geeigneten Ersatz zu finden. So geartet sei nicht nur die
monarchische Beamtenschaft, sondern auch jede Beamtenschaft in einem
prosperirenden Privatunternehmen. Ganz im Gegensatze damit stehe ein
gewählter Beamtenkörper, der von vier zu vier Jahren oder in anderen
Intervallen abtreten und anderen Beamten Platz machen müsse. Das sei
der Gipfel der Unvernunft, hervorgegangen aus einem Mißverständnisse,
daß es nämlich die Organisation sei, wodurch die Bureaukratie schädlich
wirke. Das Volk könne die Ernennung der Beamten getrost der Regierung
überlassen, wenn es in der Lage ist, in die Beamtenthätigkeit Einsicht
zu gewinnen und den einzelnen Beamten, wie auch die Regierung selbst,
zur Rechenschaft zu ziehen. Die Einrichtung des Volkstribunats und
die Verwirklichung der Volkssouveränität habe allen Uebeln der
Beamtenwirthschaft ein Ende gemacht, ohne die Stetigkeit der Verwaltung
zu beeinträchtigen. Der von der Regierung ernannte Beamte habe zwar
die eigentliche Entscheidung in allen Fragen der Production, dann der
Vertheilung von Arbeit und Gütern, aber er arbeite mit einem vom Volke
gewählten und jederzeit absetzbaren Volkstribune, vor dem er keinen
seiner Schritte verbergen könne, der von allem Einsicht nehme, der
jederzeit an den vorgesetzten Beamten berufen, über alles an das Volk
berichten könne.

»Wie halten es aber Monarch und Prinzen mit den Frauen?«

»Was das Privatleben der Glieder des kaiserlichen Hauses anbelangt,
so ist es ebenso heilig gehalten, wie das der einfachen Bürger.
Oeffentliches Aergerniß aber darf nicht geboten werden. Gerichtsbarkeit
unter ihnen kann nur der Kaiser üben und alle sind unverletzlich.«
Aber wer ihnen nur im geringsten in etwas ungerechtem oder auch nur
unschicklichem diene oder auch nur passive Assistenz leiste, werde von
dem Volksgerichte bestraft. Wenn ein Mädchen, eine geschiedene Frau
oder eine Witwe mit dem Kaiser oder einem Prinzen ein Liebesverhältniß
unterhielte, so würde sie nur dann Tadel treffen, wenn ein Hauch
von Käuflichkeit gewittert würde. Auch wolle man keine kaiserlichen
Bastarde haben. Glaube man, daß diese Frauen nicht aus Liebe gewähren,
sondern um äußeren Vortheil oder gewisse Parteilichkeit, so werde das
Volk und vor allem die Frauencurie, sich immer Recht zu verschaffen
wissen. -- Die Geliebte in seine Nähe zu bringen, sei dem Kaiser oder
Prinzen nicht schwierig, da in allen Palästen der kaiserlichen Familie
männliche und weibliche Hausgenossen, die der Civilliste zur Last
geschrieben werden, angestellt seien. Käme aber eine Ueberführung wegen
Käuflichkeit vor, so würde die Schuldige abgerufen und die Fortsetzung
des Liebesverhältnisses unmöglich gemacht, indem man sie internirt. --
Die Frauen wollten ihre Ehre und Würde corporativ wahren, und das sei
von unermeßlichem Werthe.

Da warf Mr. Forest ein, daß man zwar den Mitgliedern der kaiserlichen
Familie nicht verwehren könne, in der Liebe dieselbe Freiheit zu
genießen, wie der einfache Bürger, aber man scheine es da mit der
Heiligkeit der Ehe minder genau zu nehmen, als im Volke. Dr. Kolb
bemerkte darauf, es habe sich ja vorhin nur darum gehandelt, ob die
Bürger nicht für die Ehre ihrer Frauen und Töchter zu fürchten hätten.
Was die Frauen in der kaiserlichen Familie anbelange, so könnten
sie jederzeit Schutz gegen Untreue finden, wenn sie die Hilfe der
Frauencurie anriefen. Wenn man auch keine Gewalt über den Gatten
habe, so habe man doch volle Gewalt über die Mitschuldige. Auch könne
die beleidigte Frau ihren Gatten verlassen und das Volk sei reich und
mächtig genug, ihr Ersatz für den Hausstand zu bieten, den sie aufgebe.

Er wolle aber noch einiges über die Beamtenschaft auseinandersetzen.

»Die Beamten sind unter der allerstrengsten Aufsicht. -- Der nächste
Vorgesetzte ist für seine Untergebenen verantwortlich insoferne er
nicht beweisen kann, daß er ein Unrecht oder eine Nachlässigkeit nicht
habe erfahren oder nicht habe hindern können. Die Beamten sind schon
von der Schule her nach Charakter und Begabung genau beschrieben. Sie
rücken nur vor, wenn sie sich bewährt haben, und auch eine größere
Ungeschicklichkeit kann sie ihre Stelle kosten, in welchem Falle sie
Landarbeiter oder Handwerker werden müssen. Der Geist, der im ganzen
Beamtenkörper herrscht, erfaßt jedes einzelne Mitglied. Arbeit und
Güter werden in den statistischen Ausweisen so genau verrechnet, daß
ein Mißbrauch der Stellung gar nicht möglich ist, und wenn man noch
weiters in Betracht zieht, daß man annimmt, jede Mehrbelastung oder
Minderversorgung eines Menschen müsse auf sein Leben zurückwirken
und somit jede Parteilichkeit fühlbar in der mittleren Lebensdauer
zum Ausdrucke kommen, so hat man auch darin einen Maßstab für die
Beurtheilung der gerechten Amtsverwaltung und einen Antrieb für den
Beamten, größte Gerechtigkeit walten zu lassen.«

»Was die Verrechnung betrifft, so kann ich euch nur an einzelnen
Beispielen zeigen, wie sie gehandhabt wird und daß die Beamten
Unterschleife nicht begehen können, es wäre denn beim Verkehre mit
handeltreibenden fremden Staaten, wo ganz besondere Controllmaßregeln
Anwendung finden. Ein wichtiger Verrechnungsartikel ist die Milch,
weil sie rasch verbraucht wird, und darum wird die Verrechnung der
Production von Milch und ihres Verbrauchs täglich veröffentlicht.
Jede Gemeinde hat eine Vorsteherin für die Milchwirthschaft, welche
unter Controlle ihrer Arbeiterinnen täglich die Menge der gemolkenen
Milch und ihre Verwendung feststellt und dem Beamten verrechnet.
Soviel ermolken, soviel an die Küche, soviel an die Butter- und
Käseerzeugung, soviel an die Bezirksverwaltung abgegeben, soviel
Vorrath vom Vortage, bleibt soviel Vorrath für morgen. Ebenso wird
die Käse- und Buttererzeugung und die Gewinnung und der Verbrauch der
dabei sich ergebenden Abfälle verrechnet. Die Verrechnung wird täglich
schriftlich in der Gemeinde, beim Bezirksbeamten und beim Kreisbeamten
hinterlegt und zunächst das Bezirkssummarium aufgestellt. Ist die
erste Verrechnung richtig -- und auf diese hat der Beamte nur einen
mittelbaren Einfluß, -- so kann nichts mehr gefälscht werden. Das
Kreisblatt veröffentlicht nun nach Art einer statistischen Tabelle
am nächsten Tage das Kreissummarium und dessen Entstehung aus den
Bezirkssummarien, und da die Richtigkeit der letzteren Angaben von
jedem Bewohner des Bezirkes aus den Acten constatirt werden kann, so
ist diese Verrechnung für den Kreis ebenso zweifellos richtig, wie das
Provinz- und Reichssummarium.«

»Da nun zugleich die Bevölkerungsstatistik täglich publicirt wird,
so ist jedermann in der Lage, die Vertheilung dieses einen Artikels
genau zu prüfen. Andere Verbrauchs- und Gebrauchsgegenstände werden
wöchentlich oder monatlich verrechnet, Bauten jährlich. Dieser
statistische Theil der Regierungsblätter, die unter Verantwortung des
Staatsbeamten und des Volkstribuns für den Kreis, beziehungsweise
die Provinz und das Reich erscheinen, liegen in jeder Gemeinde der
Circumscription in zehn Exemplaren auf, was vollkommen genügt, um
volle Oeffentlichkeit zu verbürgen. Die Statistik fremder Kreise und
Provinzen findet man nur am Bezirksorte.«

»Nun aber, welche Sicherheit habt ihr, daß der Monarch nach außen
Frieden hält und den Volksrechten nichts vergibt?«

Hierauf sagte Dr. Kolb: »Die Völker des europäischen Festlandes sind
bis zur Ostgrenze des russischen Reiches in einen Verband getreten,
der gemeinsame Vertheidigung gegen außen und ewigen Frieden im Innern
der Union verbürgt.« Die Unionsarmee, über die Rußland, und die
Seewehr, über die Oesterreich das Commando führe, werde gemeinsam
erhalten und der Beitrag an Truppencontingent und Naturalien nach der
Bevölkerungsziffer aufgetheilt. Dagegen haben alle Staaten abgerüstet
und auch Rußland sich verbunden, nicht mehr Truppen auszuheben, als
percentuell auf dieses Reich entfallen. Europa habe viele Millionen
an Gewehren zerstört und das Arsenal für die Wehr zu Land sei in
Ostrußland. England sei außerhalb der Union und besitze nichts mehr in
den Gewässern von Gibraltar bis Aden. Dieses Seegebiet werde von der
Union wie ein Binnensee behandelt, die Einfahrt bei Gibraltar und in
das rothe Meer sei allen fremden Handels- und Kriegsschiffen verwehrt
und demgemäß befestigt.

»Die innerhalb dieses Gebietes gelegenen Küsten bedürfen gar keiner
Befestigungen und befinden sich übrigens in diesem ganz gesicherten
Gebiete die Hauptmarinearsenale und die Schiffswerften und es
ist gewissermaßen der Exerzirplatz für die Unionsmarine. Fremde
Handelsschiffe, die in unseren geschlossenen Meeren ausgeladen werden,
werden von Unionsmatrosen übernommen und nach Löschung der Ladung
zurückgebracht wie ein Waggon, der die Reichsgrenze passirt. Aber der
auswärtige Handel nach den Häfen der geschlossenen Meere hat beinahe
ganz aufgehört. Auch die Ostsee ist __mare clausum__.«

Die türkische Herrschaft sei ganz beseitigt worden und habe Rußland
Kleinasien und Arabien in Verwaltung genommen, Italien Egypten,
Frankreich das Gebiet von Egypten bis an die Westgrenze von Algier,
Spanien den ganzen Westen des nördlichen Afrika. Die Völker der
Balkanstaaten hätten vier selbständige christliche Reiche gebildet, die
unter der Oberhoheit des Kaisers von Oesterreich ständen, der auch den
Befehl über die Marine und den Küstenschutz habe.

Nun müsse nicht nur jedes republikanische Staatsoberhaupt, sondern auch
jeder Monarch, der sein Amt antritt, in Gegenwart des Tribunats und,
wenn das Volk es verlange, gewählter Deputirter, zuerst den Eid auf
die Verfassung, dann den Eid auf die Unionstraktate schwören, wodurch
für ewige Zeiten jede Verschiebung der Grenzen ausgeschlossen sei.
Zu dieser Eidesleistung erschienen meistens alle Staatsoberhäupter
Europas. Den Eid wolle man jetzt durch die Worte ersetzen: »So wahr
meine Rede ja, ja und nein, nein ist!« Internationale Streitigkeiten
der Unionsstaaten würden durch die nichtbetheiligten Staatsoberhäupter
als internationalem Gerichtshof entschieden und sei die unverbrüchliche
Beobachtung dieser Erkenntnisse ein Theil der beschworenen
Unionspflichten.

»Wir halten eine Gefahr, daß die Union in die Brüche gehen könne, wie
weiland der deutsche Bund, für ausgeschlossen, und es ist übrigens
auch Vorsorge getroffen, daß das Unionsrecht sich zeitgemäß entwickeln
kann. Wir hoffen, daß England bald gezwungen sein wird, der Union
beizutreten, und für die allerdings noch ferne Zukunft können wir wohl
annehmen, daß ganz Asien für das Collektivprinzip wird gewonnen und
dann Europa, Asien und Afrika, welche ja in Wirklichkeit nur _=einen=_
Continent bilden, zu einem einzigen Staatenbunde werden vereinigt
werden.«

Unter diesen Gesprächen war es Nacht geworden und wir gingen im
Mondscheine heim, um das Nachtmahl einzunehmen und uns den geselligen
Freuden in Tulln hinzugeben. Wir hatten davon, zuviel von anderen
Dingen angezogen, bisher wenig kennen gelernt. Es war großes
Kinderspiel unter den Linden, woran sich alte Leute gerne als Zuseher
betheiligten. In einem Theile des Speisesaales hatte sich das junge
Volk für heute die Abhaltung eines Tanzvergnügens ausbedungen und in
den kleinen Sälen und Schulzimmern neben dem Bibliothekssaale fanden
heute die Schlußberathungen für die Abstimmung über die Anträge auf
Aufhebung des Adels und Abschaffung der Monarchie statt, da morgen
abends 7 Uhr die Stimmen abgegeben werden sollten. Wir aber gingen auf
Anrathen des Dr. Kolb in einen Musiksaal, wo heute Sänger aus Tirol,
die eben auf Besuch hier waren, sich hören lassen wollten. Wir hatten
hier einen eigenartigen Genuß und haben uns vortrefflich unterhalten.
Die Fortsetzung unserer Gespräche wurde aufgeschoben.



XIV.


Heute hatte uns Dr. Kolb warten lassen und als er sich Abends zu uns
gesellte, sagte er: »Denkt, wo ich eben war! Ich bin doch eingedrungen
in die verzauberte Höhle unserer Freunde, die sich uns ganz hatten
entziehen wollen. Zwirner ist unwohl und Frau Lori, welche übertriebene
Besorgnisse hatte, ließ mich bitten, zu kommen. Ihr Mann ist auch
in der That nicht fieberfrei, wenn es auch nicht viel auf sich hat.
-- Ich sage euch, die Leute haben's angenehm! Ein reiner Tempel für
Liebende und dazu geschaffen, ungetrübtem Liebesglücke als Hintergrund
zu dienen. Der Pavillon enthält nur die vier Zimmer, die solche
Glückliche brauchen; keine Treppe, keine Küche, nichts, was an die
Alltäglichkeiten des Lebens erinnert. Man tritt ins Plauderstübchen, wo
Bücher, Statuen und Bilder uns fesseln, dann in ein Speisezimmer für
Zwei, weiter führt der Weg in das Schlafzimmer, von da ins Badezimmer
und wieder zurück in's Plauderstübchen. Von jedem Fenster hat man
ein anderes entzückendes Bild. Das Lusthäuschen ist auf Kosten der
Civilliste für den Kaiser gebaut worden, als er noch Kronprinz war
und seine Vermählung für die nächsten Jahre erwartet wurde. Die Tage
unseres jetzigen Kronprinzen, der ein netter Junge ist, lassen sich
auf dasselbe Schlafzimmer zurückführen, in dem jetzt unser ‘armer’
Freund ein paar Tage seines Honigmondes versäumen muß, und ich will
mein Bestes thun, ihn herzustellen. Uebrigens möchten wir uns alle
krank zu sein wünschen, wenn Lori an unserem Bette säße. Sie weicht,
obwohl es offenbar nicht ans Leben geht, nicht von seiner Seite und
forderte von mir, ich solle ihr ohne Verzug ihren Mann wiedergeben,
ihren Abgott, der Gesundheit vonnöthen habe. ‘Muß das jetzt sein,’
sagte sie, ‘soll mir die Zeit gestohlen werden, in der ich meinen Mann
so an mich ketten will, daß er nicht mehr daran denken kann, meine
Fesseln zu brechen? Wir armen Frauen müssen leider abnehmen; wenn wir
am reichsten sind, geben wir uns dem, der uns liebt und den wir lieben.
Einige Wochen gehören wir zwei nur uns an. An diesem Glücke soll uns
nichts verkümmert werden, denn bis zum letzten Athemzuge soll dem
Manne die Erinnerung eine verblassende Gegenwart ergänzen.’ -- Zwirner
protestirte und sagte: ‘Holde, ich möchte immer krank sein und mich von
Dir pflegen lassen. Es wird mir so wohl, wenn deine thaufrische Hand
über meine Stirne streicht, und auch _=diese=_ Erinnerung wird mich
nicht mehr verlassen.’ Lori bedeckte seinen Mund mit Küssen und vergaß,
daß ich hier stand und die allerliebsten Erinnerungen nicht mit dem
Bilde eines Dritten vermengt werden sollten. Darum versprach ich,
etwas zu schicken, wovon alle Stunden ein Löffel zu nehmen sei, sprach
die Hoffnung aus, daß das Unwohlsein höchstens noch eine Nacht währen
werde, und verschwand unbegleitet von Lori. Das Mittel ließ ich in der
Königstettner Apotheke bereiten und beim Arzte, der sich ja auf mich
vollkommen verlassen und auf den Besuch beim Kranken verzichten konnte,
füllte ich den ärztlichen Bericht aus.

Beim Scheiden aus dem Zwirnerparadies sah ich noch, daß mein Wunsch
von den Hochbergs war erfüllt worden. Es hingen zwei Photographieen
im Schlafzimmer, die ich, um die jungen Eheleute zu überraschen,
hingesandt hatte. Eine Momentphotographie hatte ich aufgenommen von
dem Augenblicke, wo Zwirner von Lori den Lorbeerkranz empfängt, und
dann war mir die Schelmerei, die doch keinen Anstoß mußte erregt haben,
eingefallen, eine Photographie meiner »Braut« die noch niemand gesehen,
mitzusenden, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, wenn Zwirner ab und
zu lächelnd seinen Blick dahin richtete, Lori ein wenig erröthete.
Ich bin aber gewiß, daß sie keine Ahnung hat, ich sei der Bildhauer.
Ich muß überlegen, ob ich es Lori nicht schulde, meine Statue zu
zertrümmern. Ich hoffe sie aber retten zu können, denn Lori wird mir
nicht grollen, wenn sie erfährt, daß ich der Bildner sei, da sie wohl
nicht denkt, daß sie sich durch Erröthen verrathen habe. Schwört mir
auf der Stelle, zu schweigen, wie ein Grab; Oesterreichern dürfte ich
nicht erzählen, was ich gesehen und wie es zusammenhängt.«

»Fast bereue ich jetzt, daß ich in jungen Jahren, entflammt von dem
Gedanken, mich ganz der Wissenschaft zu widmen, mich nicht wollte
durch die Ehe binden lassen. Mir scheint, ich habe mehr verloren, als
gewonnen.«

Wir legten gegen diesen unehrlichen Kampf Verwahrung ein. Wir wollten
ein unbefangenes Urtheil über den Staat und die Gesellschaft fällen
und wollten uns nicht verwirren lassen durch Erzählungen von Dingen,
die wir nicht sehen können. Mr. Forest fügte auch bei, da sei nichts
von Gleichheit zu bemerken, wenn Begünstigte ihr eigenes Häuschen für
den Spielmonat der Ehe hätten. Aber Dr. Kolb sagte, daß der Pavillon
seit den Tagen der jungen Ehe des gegenwärtigen Kaisers schon oft
jungen Eheleuten zum Aufenthalte gedient habe, denn der Kaiser halte
diese Räume nicht für entweiht, wenn auch andere dort glücklich
sind. Und es gebe übrigens überall solche Plätzchen, da die Mehrzahl
der Neuvermählten diese poetische Zurückgezogenheit der lärmenden
Hochzeitsreise vorzöge, wozu auch Gelegenheit geboten sei, wenn die
jungen Eheleute lieber reisen wollten. Geradezu barbarisch wäre es,
wenn man die junge Frau am Morgen nach ihrer Vermählung in das Treiben
einer communistischen Gemeinde stürzen wollte, wenn sich auch niemand
würde beikommen lassen, sie mit einem banalen Scherze zu necken. Von
den 100 Bräuten, die sich neulich vermählt, hätte sich gewiß keine zu
beklagen, und wollte man Gleichheit in dem Sinne fordern, wie sie die
Gegner des Collectivismus schildern, so wäre die Welt allerdings recht
armselig. Im Gegentheil sei der Communismus die Quelle des Reichthumes
und gerade darum, weil jede Sache allen dient, während nach der alten
Gesellschaftsordnung dieser Pavillon für immer wäre abgesperrt worden.

Er sprang auf und rief: »Nun muß ich aber zur Volksabstimmung. Kommt
mit!«

Die Abstimmung bereitete sich schon vor. Anzeichen einer großen
Bewegung gingen durch die Bevölkerung. Alle Spaziergänger kamen heim,
die Badenden stiegen aus dem Wasser, die Kinder wurden unter die Obhut
der Mädchen gestellt, welche noch nicht volle achtzehn Jahre alt waren
und daher noch kein Stimmrecht besaßen, auf welche man sich aber
vollkommen verlassen konnte; auch aus den Ställen und Wirtschaftsräumen
und den Krankenstuben kam alles hervor, was stimmberechtigt war, und
auch Kranke, die sich weiter schleppen konnten, und Reconvalescenten
kamen in den Bibliothekssaal und wurden theilweise hereingetragen, denn
niemand soll sich der Abstimmung enthalten. Da wir Fremde waren und in
Oesterreich nicht stimmen durften, erhielten wir im Bibliothekssaale
als Zuseher und Zeugen einen abgesonderten Platz angewiesen, die
Tiroler aber und einige andere Gäste aus Polen und Ungarn sonderten
sich auch ab, weil ihre Stimmen besonders gezählt werden mußten. Am
Telephon nahmen zwei alte Herren Platz und der Beamte mit dem Tribun
bestieg eine erhöhte Bühne, von wo aus er den ersten Antrag und dann
den zweiten laut vorlas. Als die Uhr, welche nicht nur die Ortszeit,
sondern auch eine gesetzlich festgesetzte mittlere Reichszeit anzeigte,
auf 7 Uhr Reichszeit stand, forderte der Beamte die stimmberechtigten
Einwohner auf, zunächst über den Antrag Eins abzustimmen, und sollten
die »für« nach rechts, die »dagegen« nach links sich aufstellen. Es
wurde nun von den beiden Beamten genau ausgezählt und zugleich zählten
zwei Vertrauensmänner von einem erhöhten Standpunkte aus die Stimmen ab
und traten dann alle vier Stimmenzähler mit den schriftlichen Notizen
zusammen und verkündeten einstimmig, daß 810 »Nein« und 198 »Ja«
gezählt worden seien, und erklärten sie ferners, daß die beiden Beamten
und einer der Vertrauensmänner mit »Nein«, der zweite Vertrauensmann
mit »Ja« gestimmt hätten, daher 813 »Nein« und 199 »Ja« abgegeben
worden seien. In Tulln schwankte nämlich die Zahl der Stimmberechtigten
zwischen 1000 und 1100, weil es als Bezirksvorort eine Einwohnerschaft
von nahezu 1500 Köpfen hatte. Dann wurde ebenso die Stimmenabgabe für
die zweite Frage eingeleitet.

Nun stimmten die Fremden nach Provinzen und dann wurden die
Vertrauensmänner mit den beiden Beamten abgeordnet, die Stimmen im
Krankensaale abzunehmen, wodurch noch 13 beziehungsweise 10 verneinende
und 8 beziehungsweise 11 bejahende Stimmen ermittelt wurden. Das
Totale für Antrag Eins war also 826 zu 207, für Antrag Zwei aber 801 zu
232.

Vor allen Zeugen postirten sich nun der Bezirksbeamte und der
Bezirkstribun, welche ihre Stimmen als Ortsinsassen abgegeben hatten,
an das Telephon, wo auch die beiden Alten Platz genommen hatten.
Jeder dieser vier Männer ergriff nun ein Hörrohr und erwarteten sie
die Nachrichten. Zuerst lief Langenlebarn mit 425 »Nein« und 205 »Ja«
für Frage Eins ein, dann die Zahlen für Antrag Zwei, immer auch mit
besonderer Angabe der Abstimmung der Fremden, und so von Tulbing,
Königstetten, dann St. Andrä und so weiter. Nun wurden noch die
Abstimmungen von Tulln überallhin zurückgerufen, und es ging dann ein
längeres Hin- und Herverbinden der Leitungen zwischen den einzelnen
Orten an, wo man sich direct über die Abstimmung erkundigte, bis
schließlich jeder Ort des Bezirkes wußte, wie in jedem anderen Orte das
Stimmenverhältniß gewesen, und dann rechnete jede Gemeinde für sich.
Der Beamte verkündete das Stimmenresultat mit 8350, beziehungsweise
9010 »Nein« und 4110, beziehungsweise 3450 »Ja« und machte die
verhältnißmäßig hohe Ziffer der Minoritätsvoten Sensation, da man
glaubte, die Anhänger der Anträge würden eine viel größere Niederlage
erleiden. Auch die anderen Ortschaften hatten das Ergebniß der
Abstimmung im Bezirke genau übereinstimmend angegeben und war also kein
Zweifel über die richtige Stimmenzählung. Das Ergebniß wurde sofort
nach St. Pölten gemeldet. Man schritt zur Abfassung der Protocolle, die
laut verlesen, genehmigt und von dem Beamten und Tribun unterschrieben
wurden. Das Protocoll für den Bezirk fertigten der Bezirksbeamte und
der Bezirkstribun.

Nun plauderte man eine Weile und verharrte in einer etwas
erwartungsvollen Stimmung. Viele hatten mittlerweile das Abendbrot zu
sich genommen, als ein Zeichen vom Telephon erscholl und jedermann
wieder in den Saal gerufen wurde. Es lief jetzt um neun Uhr die Meldung
über das Abstimmungsverhältniß im Kreise ein, und um halb zehn Uhr
erfuhr man, wie die Provinz, um zehn Uhr, wie das Reich abgestimmt
hatte. Alle Nachrichten wurden in Gegenwart aller Anwesenden laut an
die Gemeinden des Bezirkes weiter bekannt gegeben.

Allgemeine Befriedigung wurde laut, als man hörte, daß nur etwa ein
Fünftel für Abschaffung des Adels und ein Zwölftel für Aufhebung der
Monarchie stimmten und es bestand offenbar im Bezirke eine etwas
größere Verstimmung gegen Adel und Monarchie, als anderwärts.

Nun trat Dr. Kolb zu uns und sagte, daß jetzt in allen Kreis- und
Provinzstädten besondere Zeitungsblätter gedruckt würden und daß wir
am nächsten Morgen um 7 Uhr unfehlbar im Kreisblatte, Provinzialblatte
und Reichsblatte den genauen Abstimmungsbericht, wie auch die Statistik
derjenigen finden würden, die an fremden Orten gestimmt oder sich der
Abstimmung enthalten hätten oder gar zur Abstimmung nicht erschienen
seien. So fanden wir es dann auch am anderen Morgen und es stimmten
alle gedruckten Daten untereinander ganz genau überein; man hatte sich
nirgends verzählt. So war auch genau ersichtlich, wie viele Bürger in
jeder Provinz ortsabwesend und wie viele fremd waren, und verglich man
alle Ziffern, so fand man genau, daß alle Ortsabwesenden in irgend
einer anderen Provinz gestimmt hatten.

Kolb sagte, nirgends wären die Bürger so gewissenhaft, als in
Oesterreich, und es gab, abgesehen von etwa 45.000 Oesterreichern,
die im Auslande reisten, nur 3.110 Stimmenenthaltungen, während
der abgegebenen Stimmen 22.846.010 waren.

Es interessirte meinen Freund, Mr. Forest, das Publicationswesen und
da er wußte, daß auch eine Fremdenstatistik publicirt werde und in
Tulln, als dem Bezirksorte, alle Kreisblätter aufliegen, nahm er die
Nummern vom Juli und zeigte er mir dann ganz befriedigt, daß am 13.
Juli 2020 im Bezirke Salzburg, am 14. und 15. im Bezirke Tulln &c. und
überall, wo wir die Nacht zubrachten, zwei Amerikaner notirt seien,
nur in Wien waren wir mehrere hundert Amerikaner und in Gloggnitz,
wohin das Semmeringhotel gerechnet wird, waren unser fünf, und an
einigen größeren Orten war eine größere Anzahl verzeichnet. Auch der
Chinese war da, auf den wir zweimal gestoßen, und mit der Gesammtzahl
der überall ausgewiesenen Fremden stimmte wieder der Gesammtausweis
der Einbruchstationen, welche täglich die ankommenden und abreisenden
Ausländer anzeigen und mit Hinzurechnung der Ziffer vom Vortage die
Gesammtzahl der in Oesterreich reisenden Fremden angeben. Ebenso weiß
man genau, wie viele Oesterreicher im Auslande reisen.

Wir blätterten nun in den Zeitungen der Monate Juni und Juli und zwar
sowohl in mehreren Kreisblättern, als auch in den Provinzblättern
und der Reichszeitung, und fanden überall die heute entschiedenen
Fragen erörtert. Jedes solche Blatt besteht aus zwei gesonderten
Abtheilungen, der Abtheilung der Staatsverwaltung und der Abtheilung
des Volkstribunates, und steht die Redaction dieser Abtheilungen
dem Staatsbeamten beziehungsweise dem Tribun für den betreffenden
Amtsbezirk zu. Das Tribunat veröffentlicht nicht nur seine eigene
Anschauung über schwebende Anträge, sondern es berichtet auch über
Probeabstimmungen der Gemeinden, faßt die Berichte der untergeordneten
Tribunen zusammen, erwägt Argumente für und wider und ist verpflichtet,
auch die Einsendungen Einzelner wenigstens so zu erwähnen, daß neue
Argumente und Gesichtspuncte nicht ganz verloren gehen. Insoweit es
sich um statistische Daten und andere Beobachtungen handelt, unterläßt
es kein Theil, etwa irrige Anführungen des Gegners richtig zu stellen,
und ist auch eine solche Richtigstellung oft noch in derselben Nummer
zu finden. Bei sehr wichtigen Anträgen werden auch Reden, welche
öffentlich gehalten wurden, ganz abgedruckt, wenn es das Tribunat oder
die Staatsverwaltung zweckmäßig findet.



XV.


In später Nacht nach jener Volksabstimmung saßen wir noch lange auf,
um mit Dr. Kolb zu plaudern, denn am nächsten Morgen, Sonntag, den 2.
August 2020, wollten wir Tulln verlassen und nach Tirol reisen. Es wäre
zwar schon Sonntag Abends unsere vorausbezahlte Reisefrist abgelaufen,
aber wir hatten, da wir doch einiges im Salzburgischen und in Tirol
sehen wollten, unsere Reise um fünf Tage verlängert. Da wir auch für
3000 Mark Geschenke, darunter eine herrliche Statue von Dr. Kolb, in
Bronce gegossen, bestellt hatten, die wohl schon schwimmen mochten,
so war bei der Verwaltung in Salzburg auf unser dort deponirtes
Guthaben von 9000 Mark dieser Betrag von 3000 Mark und ebenso das
Reisegeld für fünf Tage von 250 Mark angewiesen und veranlaßt worden,
daß wir unser Restconto von 5750 Mark in Bregenz, wo wir Oesterreich
verlassen wollten, in Baarem oder einem Wechsel der österreichischen
Staatsverwaltung sollten beheben können.

Die Einkäufe hatten wir im Prater gemacht, wo die Rotunde zu einer
großen Waarenhalle war umgestaltet worden. Für Einheimische und
die europäischen Staaten war dort keine Verkaufsstelle, wohl aber
konnten Fremde aus Staaten, in welchen noch Geldwirthschaft bestand,
dort Einkäufe machen. Nach den dort aufgegebenen Bestellungen wurden
dann die Aufträge wie von einem Kaufmann ausgeführt, nachdem vorher
Zahlung war geleistet worden. Oesterreich handelte damals, wie alle
europäischen Staaten, in Mark Gold und die auf diese Art einlaufenden
Beträge, welche alljährlich etwa 500 Millionen Mark ausmachten,
wurden theils zum Ankaufe von Waaren in Amerika, China, Japan und auf
englischen Gebieten verwendet, theils bestritt man davon jene Reisen
in solchen Ländern, welche Oesterreicher mit staatlicher Bewilligung
dorthin unternahmen. -- Diese Reisen wurden meistens Technikern,
Künstlern und Gelehrten ermöglicht, es hatten aber besonders
verdienstvolle Männer, Erfinder, hohe Staatsbeamte und solche, die es
im Tribunat mindestens zum Range eines Provinztribunen gebracht und
in dieser Stellung drei Jahre ohne Vorwurf gedient hatten, Anspruch
auf Reisegelder in bestimmter Höhe. Der der Staatsverwaltung für diese
Zwecke ausgeworfene Credit wurde vom Volke bewilligt und wurden dabei
die erfahrungsmäßigen Baareinnahmen, die Menge der Produkte, welche
nach dem Auslande waren verkauft worden, der Bedarf an Waaren, die von
dort bezogen werden mußten, und anderes in Betracht gezogen. Es wurde
da immer ein gewisser Credit für eine Reihe von Jahren ausgeworfen,
denn die alljährlichen Abstimmungen über solche Angelegenheiten
schienen zu lästig und man verließ sich nicht nur auf die Tribunen,
die ja in Fällen von Mißbrauch hätten Abstimmungen veranlassen können,
sondern man hielt darauf, daß die Abrechnungen über Baareinnahmen und
Baarausgaben allwöchentlich veröffentlicht und ausgewiesen wurde,
wozu die Einnahmen verwendet wurden. Auch die Civilliste konnte ihren
Antheil am Jahresprodukte innerhalb gewisser Grenzen nach dem Auslande
verkaufen und entweder Waaren dafür beziehen oder Auslandsreisen davon
bestreiten. Was aber letztere Aufwendung betraf, so mußte ausgewiesen
werden, daß ein gewisser Betrag nicht überschritten wurde. Reisen im
Unionsgebiete wurden von der Civilliste der einzelnen Länder reciproc
zugestanden und der Aufwand wechselweise ausgeglichen oder richtiger,
wechselseitige Gastfreundschaft geübt.

Nun wollten wir doch ein wenig nüchtern wie Kaufleute rechnen und
prüfen, ob wir billig daraus gekommen wären. Mr. Forest berechnete, was
uns unsere Reise in Amerika würde gekostet haben. Er bekannte, daß wir
mehr als die Hälfte von dem, was wir in Oesterreich genossen, dort gar
nicht würden haben finden können, das Uebrige aber berechnete er für
zwei Personen, die Waaren eingeschlossen, auf 2560 Dollars oder 10746
Mk. 97 Pf., so daß uns 6496 Mk. 97 Pf. Profit erwachsen waren.

Dr. Kolb meinte, daß das eine natürliche Folge des Principes sei,
nicht durch Kauf und Verkauf zu vertheilen, sondern alles direkt dem
Verbrauche und Genusse zuzuführen, wodurch eine viel vollständigere
Ausnützung erzielt wird und Handlungskosten erspart werden. Uebrigens
sei der Oesterreicher auch gastfreundlich, er habe nichts dagegen, dem
Fremden mehr zu bieten, als dieser bezahlt, da man der Meinung sei,
daß der Verkehr mit Ausländern an und für sich ein Gewinn sei. Er rege
den Geist an, entwickle neue Ideen und es sei auch nicht ohne Nutzen,
sich im Auslande Freunde zu machen. Zudem sei der Oesterreicher mit
jenen Genüssen übersättigt, die den Ausländer oft entzücken, und da
nicht nur die Berufsmenschen für Zerstreuung und Unterhaltung in immer
wechselnden Formen sorgen, sondern jeder, der nur die erforderliche
Gabe besitzt, das seinige zur Unterhaltung beitrage, so gebe es in
Oesterreich vieles, was das Volk nichts koste, im Auslande aber mit
theuerem Gelde bezahlt werden müßte. Der hohe Bildungsgrad, der in
Oesterreich erreicht wurde, sei die Ursache, daß man sich in diesem
Lande gar nicht langweilen könne. Jeder Oesterreicher reise 14 Tage
mindestens im Jahre, da man alle Feiertage abgeschafft und dafür
jedem das Recht eingeräumt habe, jährlich einen 14tägigen Urlaub
anzusprechen. In dieser Zeit stehe ihm das Reisen in Oesterreich
frei, wenn auch der Aufenthalt in den Städten beschränkt sei. Aber
es sei schon von Interesse, in anderen Provinzen sich umzusehen,
andere Gewerbe, Verfahrungsweisen, Spiele und Kunstfertigkeiten
kennen zu lernen. Nun kommen die Urlauber aus allen Theilen des
Reiches zurück, befruchtet mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, was
den Erfindungsgeist belebe und dazu führe, daß die mannigfaltigsten
Unterhaltungen und Spiele heimgebracht und wieder neues und originelles
ausgeheckt werde.

Nun baten wir unseren Freund, uns noch näher zu erklären, weshalb die
Monarchie und der Adel bei den veränderten Bedingungen, besonders
nachdem es eigentlich keine internationale Politik mehr gebe, doch
noch eine Existenzberechtigung hätten, und er sagte, das wolle er uns
begreiflich machen. Dr. Kolb hub an: »Ich werde euch die Aufgaben der
Monarchie und des Adels in unserem Lande klar machen und dabei auch
meine Eigenart und was ich für meinen, erst im höheren Alter freiwillig
gewählten Beruf halte, erläutern.

Monarchie und Adel sind bei uns erblich, sie sind ein Restchen aus
der alten Zeit des Classenstaates, aber es sei mir erlaubt, für
deren Erhaltung doch auch eine Rechtfertigung vorzubringen. Die
Aufgabe des Monarchen ist zwar zum Theile auch eine praktische, der
Monarch hat die wirthschaftlichen Angelegenheiten des Reiches unter
Mitwirkung verantwortlicher Beamten in höchster Instanz zu leiten,
auch dort, wo es sich um Ersätze von Provinz zu Provinz oder um
Differenzen zwischen Nationalitäten handelt, die oberst richterliche
Entscheidung zu fällen. Aber die Hauptfunction des Monarchen und die
Aufgabe des Adels ist die Pflege der höchsten idealen Interessen des
Volkes. Obwohl, wie wir recht gut wissen, auch die idealen Güter ihre
Rückwirkung auf die ökonomische Welt haben und sie immer Ansprüche an
die ökonomischen Güter machen oder materiellen Aufwand verursachen,
so ist doch die ästhetische Seite des Menschenlebens dem materiellen
Leben gewissermaßen entgegengesetzt; sie ist scheinbar immateriell,
weil das Materielle im Verhältnisse zum Werthe, die diese Güter für den
Menschen haben, unscheinbar und der materielle Nutzen des Aesthetischen
nicht in die Augen springend ist. Gewiß concipirt der Dichter sein
Gedicht ohne Zuhilfenahme von Materie, ausgenommen insofern das zum
Denken und geistigen Schaffen unentbehrliche Organ, sein Gehirn,
materiell ist. Will er das Gedicht aber verbreiten, so braucht er
Feder, Papier und Tinte, dann Druckerschwärze und Arbeitskräfte, deren
Erhaltung wieder materielle Mittel voraussetzt und so findet sich, daß
die Kunst, will sie auf andere wirken, auch der Zufuhr materieller
Hilfsmittel bedarf. Dagegen kann man nicht sagen, daß sie nicht auch
an die materielle Welt das wieder reichlich zurückgibt, was diese
ihr zuwendet. Genießen Millionen das, was der Dichter schafft, so
belebt das wieder die Lebensfreudigkeit jener Bevölkerung, die in der
materiellen Güterproduction wirken muß; die Kunst selbst kann zum
Schaffen anspornen, sie zeigt, wie selbst das Handwerk durch die Kunst
geadelt wird, wie das z. B. im Liede von der Glocke zum Ausdrucke
kommt; sie weist auf den Verband hin, der unter allen Thätigkeiten der
verschiedensten Menschen besteht, und, da die Leute, die mit der Hand
schaffen, durch die Kunst auch wieder zu edleren Genüssen hingeleitet
werden, so kommt sie der Oekonomie insofern zustatten, als sie von
jenen gröberen Genüssen ablenkt, welche oft die Menschen erschlaffen
machen, unter allen Umständen aber zur Vergeudung materieller Güter
führen. Bei den Wissenschaften ist der Verband zwischen der idealen
Production und der ökonomischen Welt deutlicher, bei der Kunst ist
dieser Zusammenhang beinahe unmerklich und man spricht von rein idealen
Gütern, obschon das auf einem Irrthume beruht; denn frei von Materie
kann nichts gedacht werden. Immerhin nun ist die ästhetische Seite des
menschlichen Lebens das, was am wenigsten Ansprüche an die Materie
stellt und doch in der ökonomischen Welt mächtig mitwirkt und die
Menschen lehrt, sich die materiellen Güter auf die zweckmäßigste Weise
zu Nutzen zu machen. An meinen Statuen erfreuen sich Millionen und ich
werde bald sagen können, daß es keinen Oesterreicher giebt, dem ich
nicht mit meiner Kunst einige kostbare Augenblicke freudigen Genusses
verschafft habe. Und gewiß ist mein Lohn größer, der darin besteht,
daß ich kein Dorf in Oesterreich wüsste, wo ich nicht gefeiert würde,
wenn ich meinen Fuß hinsetze, als der eines Künstlers der früheren
Welt, der mit Kunsthändlern zu schachern, mit Kritikern zu verhandeln
hatte, den dann ein reicher Mann mit Geld abfertigte und der oft in
recht gemeiner Weise das Geld wieder anzubringen bedacht war. Meine
Kunst gehört aller Welt, dafür erobere ich mir aber auch damit die
ganze Welt, denn als anerkannter Künstler bin ich überall geehrt, ich
reise wohin ich will, ich bin in Madrid ebenso willkommen, wie in
Irkutsk, und will ich fremde Welttheile durchstreifen, so wird mir
mein Vaterland die Mittel verschwenderisch anweisen, denn ich habe
mit meiner Kunst vorausgezahlt und man weiß daß der Künstler schaffen
_=muß=_, daß ihn sein Genius _=treibt=_ und daß sich alles, was ich
auf Erden sehe, wieder in Statuen umsetzen und dem Vaterlande wieder
Gewinn bringen wird. Daß ich diesem Vaterlande nicht untreu werde, das
bezweifelt niemand, und da die europäischen Staaten im engsten Verbande
stehen, würde auch, was ich den Spaniern oder Schweden schenke, für
mein Oesterreich nicht verloren sein. Der Ruhm bleibt aber doch den
Meinen, denn nie wird man vergessen können, daß ich hier geboren und
hier zum Künstler wurde, und wie ich längst in der Chronik von Tulbing
verzeichnet stehe, wo meine Wiege stand, und in der Chronik von St.
Pölten, wo ich dauernd als Kreisarzt wirkte, wird mich auch die
Geschichte von Tulln erwähnen, wo ich vieler Freunde und eines Bruders
wegen, der hier in Arbeit steht, seit drei Jahren am meisten weile und
auch am meisten geschaffen habe.«

»Aber das allein ist nicht der Nutzen, den meine Kunst schafft, daß
sie Unzähligen Freude macht. Ich begeistere mit meinen Werken für die
plastische Schönheit, ich entwickle den Sinn für die Schönheit des
Menschenleibes und predige allerorten die Lehre, daß am Menschen nur
schön ist, was gesund ist, was kräftig ist und dem Wetter ebenso,
wie den Unbilden des Lebens trotzen kann. Ich trage durch Kunstwerke
und Lehre dazu bei, eine rechte Freude an schönen Menschenkindern
wachzurufen, und so ist es dahin gekommen, daß jene, denen die Ehe
versagt ist, sich damit getrösten, daß es eine für alle heilsame
Enthaltsamkeit ist, die von ihnen gefordert wird, und daß jene, die in
der Ehe leben, sich wie Priester betrachten, die an dem ungeheueren
Werke mitarbeiten, eine Menschheit fortzuerhalten, die sich die Erde
vollkommen unterwirft und einst alle Gottheitsideale in sich verkörpern
wird. Wie das neunzehnte Jahrhundert die innerliche Einheit der
Naturkräfte feststellte, haben wir zur Evidenz gebracht, daß die Ideen
des Guten, Wahren und Schönen in ihrem Wesen nur _=ein=_ Gesetz sind
und das Gute nichts anderes ist, als das im menschheitlichen Sinne
Zweckmäßige oder Oekonomische. Was einst nur wenige träumten, erfüllt
jetzt ganz die Phantasie aller. Nicht müde werden unsere Jugendbildner,
die Worte des Jesaias einzuprägen:

‘Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde und
dessen, was vorher war, wird man nicht gedenken, noch wird es kommen
in den Sinn.’

‘Dann wird kein Kind sein, das nur Tage lebt, kein Greis, der seine
Zeit nicht erfüllt; denn ein Knabe wird nur nach hundert Jahren sterben
und ein Sünder von hundert Jahren verflucht werden.’

‘Sie werden Häuser bauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und die
Früchte davon genießen.’

‘Sie werden nicht bauen und ein anderer bewohnen, nicht pflanzen und
ein anderer davon essen, denn die Tage meines Volkes werden sein wie
die Tage des Baumes, und die Werke ihrer Hände werden ein hohes Alter
erreichen.’

‘_=Meine Auserwählten sollen nicht vergebens arbeiten, noch Kinder
zeugen mit Schrecken.=_’[H]

Und auch Petrus hat als das Werk des Zimmermannes von Nazareth uns
bezeichnet:

‘Wir erwarten nach seiner Verheißung eine neue Erde, in welcher
Gerechtigkeit wohnt.’[I]

Das alles haben wir, wenn nicht vollendet, doch vorbereitet und ich
als Künstler gebe meinen Segen dazu; auch die menschliche Gesellschaft
ringt nach jenen idealen Formen des Gleichgewichtes und der vollendeten
Harmonie, nach denen jeder Künstler auf seinem Gebiete strebt. Ich in
meinen gemeiselten Liedern vom schönsten Weibe, das, um schön zu sein,
in allen Theilen jene herrliche Ebenmäßigkeit zeigen muß, die doch auch
überall wieder, wenn wir es nüchtern betrachten, nur der Ausdruck für
die größte Zweckmäßigkeit ist.

So nun ist die ganze Welt materiell und die ganze Welt, anders
betrachtet, ideal. Kein Gebilde ohne Materie, keine Materie, die nicht
in einem Gebilde gefangen säße. Allein unsere Arbeitstheilung bringt es
mit sich, daß vielen auf dem Gebiete des Idealen das Schaffen, allen
aber auf diesem Gebiete das Genießen und Empfangen zufällt.

Die Monarchie und der Adel nun sollen vorzüglich das Aesthetische
im Leben nach ihrem Vermögen im Gange erhalten und insbesondere in
den geselligen Formen zur möglichsten Vollendung bringen. Sie sind
gewissermaßen von Geburt dazu berufen, dem Volke als Festordner zu
dienen, zu jenen schönen Formen des Verkehres unter den Menschen
anzuleiten, die zur Tradition werden müssen, die aber niemals zur
Geltung gelangen, wo nicht ein edles Gleichheitsgefühl sich Bahn
gebrochen hat. Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, wie sie
Freund Zwirner, von dem ich vieles lernte, bereits ganz festgestellt
hat, zeigt uns, wie die Monarchie sich damals verwandelte. -- Zu Ende
des achtzehnten Jahrhundertes waren der König von Frankreich und die
Königin aus dem Hause der Habsburger auf dem Schaffotte hingerichtet
worden. Ein armer Lieutenant erklomm in wenigen Jahren den Thron von
Frankreich und wurde der mächtigste Monarch, vor dem die Fürsten
zitterten und dessen Wagen gewissermaßen deutsche Fürsten nachliefen
wie Schuljungen. Es gab da etwas zu lernen. Dieser Kaiser konnte nicht
mit seiner Umgebung verkehren, wie ein Monarch alten Schlages. Als
er einmal seinem Secretär Bourienne läutete, erklärte dieser, man
könne ihm nicht wie einem Lakaien klingeln, und der Titan mußte die
Zurechtweisung sich gefallen lassen. Die Monarchen wurden höflich.
Während der König von Spanien noch im 18. Jahrhunderte, wenn seine
Höflinge vor ihm kniebeugend defilirten, auf dem Throne saß, die Nase
zum Himmel gereckt, um dieses Gewürm nicht zu sehen, verheirathete sich
Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine deutsche Prinzessin mit einem
Arzte, der dritte deutsche Kaiser redete seine Garden mit den Worten:
‘Guten Morgen, Kameraden!’ an und ließ sich die Antwort gefallen:
‘Guten Morgen, Majestät!’ und man veränderte die Formen des Verkehrs
sichtlich nach der Richtung, die einen völligen Umschwung im socialen
Leben vorbereitete. Zwirner fand in einem Bande der ‘Neuen freien
Presse’ aus dem Jahre 1890 einen Bericht, den ich euch hier vorlese:

     ‘Die englischen Zeitungen berichten eine Anzahl hübscher Züge aus
     dem Leben des kürzlich verstorbenen Cardinals Newman, dessen Leiche
     morgen Dienstag den 19. d. M. in Birmingham feierlich beigesetzt
     werden wird. Binnen kurzem sollen seine Briefe veröffentlicht
     werden. -- Interessant ist seine in den Ansprachen an die
     Katholiken von Dublin abgegebene Definition eines Gentleman.’

     ‘Ein Gentleman, sagte Cardinal Newman, ist einer, welcher niemandem
     einen Schmerz verursacht. Der wahre Gentleman vermeidet alles, was
     seiner Umgebung mißliebig sein oder was auch nur einen Mißton
     hervorbringen könnte. Er weiß es so einzurichten, daß die Meinungen
     nicht aufeinanderplatzen, die Gefühle nicht verletzt werden, kein
     Verdacht ausgesprochen wird, daß kein Gegenstand berührt wird, der
     bei dem einen oder dem anderen Trauer oder verletztes Ehrgefühl
     wachrufen könnte. Er hat das Auge auf jeden einzelnen gerichtet, er
     ist zärtlich mit den Schüchternen, mitleidvoll gegen die
     Lächerlichen, er weiß sich immer zu erinnern, mit wem er spricht,
     über den Dienst, den er jemandem erweist, kommt er leicht hinweg,
     von sich spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Die Erfahrung
     hat ihn gelehrt, sich so gegen einen Feind zu benehmen, als sollte
     er dereinst sein Freund werden. Er muß nicht immer richtige
     Ansichten haben, aber ungerecht ist er nie. Auch wenn er selbst
     ungläubig ist, wird er den Glauben anderer weder verhöhnen, noch
     bekämpfen. Er wird alle Religionen toleriren, nicht nur, weil ihn
     die Philosophie Unparteilichkeit gelehrt hat, sondern auch, weil er
     das milde, beinahe weibliche Gefühl besitzt, welches eine der
     schönsten Errungenschaften der Cultur ist.’

Da uns diese Skizze vorgelesen wurde, gedachte ich des Kaisers Rudolf
in Lacroma. Der erste Gentleman in Oesterreich war dieser Fürst. Wie
erhob er alle zu sich, wie lehrte er alle unbemerkt Unschickliches
vermeiden, wie wußte er den gewagten Versuch, zu dem sich Anselma
verleiten ließ, vor übler Nachrede sicherzustellen, und wie blieb er,
nur noch __primus inter pares__, so ganz Kaiser.«

Dr. Kolb fuhr nun fort: »Diese Formen nun hatte der bessere Theil
der Aristokratie im neunzehnten Jahrhunderte angenommen und so hatte
sich die herrschsüchtigste und roheste Kaste in ein Element der
Versöhnlichkeit verwandelt, und der Aristokrat von wirklich guter
Erziehung war im socialen Leben gewiß von Nutzen. Freilich haben diese
Leute oft das, was sie im Stillen doch nur für Herablassung halten
mochten, dahin aufgefaßt, der Aristokrat müsse sich mit den Gemeinen
gemein machen, und sie suchten nicht das auf, worin der Mensch dem
Menschen gleicht, das Recht und die Würde, die ihm die Natur mitgibt,
sondern die Degradation, die zwar dem Einzelnen nicht anzurechnen,
die ein Erzeugniß der herrschenden Mißstände ist, der gegenüber man
duldsam sein muß, an der man aber darum nicht Antheil nehmen darf. Es
gab hohe Aristokraten überall, welche die gemeinsten Dirnen zu sich
riefen und dem Bänkelsänger um der Rohheit wegen Gehör schenkten, die
ihr Gefallen erweckte. Von dieser Versunkenheit mußte der Adel wieder
gereinigt, darüber aufgeklärt werden, daß er zu dienen hat, wie jeder
andere Stand, aber es wurde auch anerkannt, daß er im Vereine mit der
Dynastie eine bevorzugte und erbliche Stellung einnehmen könne, wenn
er sich vom wirthschaftlichen Getriebe und von der Ausbeutung des
arbeitenden Volkes ganz frei macht, sich auf vom Volke ausgeworfene
Mittel beschränkt und selbe nicht für eine exclusive, volksfeindliche
Gesellschaft, sondern im Interesse des gesammten Volkes verausgabt,
und zwar wesentlich in dem Sinne, daß die Kunst und die Geselligkeit
in ihrer edelsten Form gepflegt werden. Man findet, daß zum mindesten
die Pflege einer verfeinerten Geselligkeit und die Veranstaltung von
Festen im großen Style am besten solchen Menschen anvertraut werden
kann, welche, von Jugend auf dazu bestimmt und erzogen, eine gewisse
Tradition dafür mitbringen und auch in ihrer äußeren Erscheinung
einen gewissen Adel ausgeprägt zeigen. Das hat es möglich gemacht,
daß wir Adel und Monarchie beibehalten konnten, und wir haben uns so
zusammengewöhnt, daß wir nicht glauben, es werde je ein Antrag auf
Abschaffung der Monarchie oder des Adels die erforderliche Stimmenzahl
finden. Uebrigens ist die Zahl der adeligen Familien klein und daß man
dem Monarchen und dem Adel die richtige Stellung anwies und ihnen im
Gesammtleben des Volkes einen Platz vorbehalten konnte, erleichterte
den Sieg der neuen Ideen. Denn zur Zeit der Geburtswehen, die diesem
Umschwunge vorhergingen, hatte der alte Adel seinen Glanz und Reichthum
neben einer täglich wachsenden plebejischen Plutokratie kaum mehr
behaupten können und nur durch den Uebergang in das Lager der Reformer
konnten die Aristokraten diesem Aufwuchern neben sich Einhalt gebieten
und wieder zu einer bevorzugten Stellung gelangen. Uebrigens ist es ein
verfassungsmäßiger Grundsatz, daß die Töchter der adeligen Geschlechter
sich nicht innerhalb dieser nicht zahlreichen Familien vermählen,
und daß diese daher sich immer frisches Blut aus dem Volke holen.
Auch findet eine Art von Auslese innerhalb der männlichen Glieder
dieser Häuser insofern statt, als mißgebildete Söhne den Adel nicht
fortpflanzen.«

Wir waren mit diesen Erklärungen ziemlich zufriedengestellt, wenn auch
ein Amerikaner von Monarchie und Adel nichts wissen will, und wir
erkundigten uns, wie man es in Oesterreich mit Schwachen, Kranken und
Krüppeln halte.

»Habt ihr nicht in der Schuhmacherwerkstätte jenen verstümmelten Mann
gesehen,« sagte Dr. Kolb, »der auf einem eigens für ihn gebauten Stuhle
sitzt und eine Nähmaschine bedient, die durch den Motor betrieben
wird? Denn beide Beine sind ihm hoch über den Knieen von einer
Maschine weggerissen worden. Er arbeitet genau und unermüdlich und
stellt seinen Mann, er sagt, er wolle seine Zeche selbst bestreiten.
Unmerklich kommt ihm alles heran, was er braucht und die fertige Arbeit
verschwindet, denn andere thun für ihn, was er nicht selbst besorgen
kann, weil er keine Beine hat. Ehe er sich's versieht, hat ihn jemand
auf die Schulter genommen, wenn es zur Arbeit oder zur Mahlzeit geht.
Immer ist jemand in der Nähe wachsam, seine Wünsche zu errathen oder
ihm, was er nöthig hat, zu besorgen, und so geht's zu Tische und dann
im Rollstuhle wohin es ihn gelüstet. Man setzt ihn in seinen eigenen
Schwimmsattel, wenn er baden geht. Doch ist er niemand zur Last, denn
tausend Arme und Hände sind's, die ihm dienen. Man liest ihm von
den Augen ab, was er will, und man weiß, daß er immer dabei zu sein
verlangt, wenn die Mädels und Burschen tanzen, denn er sagt, er habe
sich so in die anderen hineindenken gelernt, daß er meine, er selber
tanze wie toll, wenn es sich im Wirbel um ihn dreht.«

»Was ihr aber nicht gesehen habt, das will ich euch jetzt verrathen.
Er hat auch sein Weib, sein eigenes liebes Weib. Es ist das jene
Stepperin, die mehr noch als alle anderen die Augen auf ihm hat, die
sich nicht am meisten an ihn herandrängt, aber gewiß immer einspringt,
wenn der Arme plötzlich durch Zufall irgendwo allein bleibt, die ihm
die besten Bissen zuträgt und mit der größten Fröhlichkeit um ihn herum
sich zu schaffen macht, als gäbe es kein größeres Glück, als die Beine
an den Mann gebracht zu haben. Sie war in jungen Jahren schwächlich
und sollte nicht heirathen und war recht verdrossen. Da erholte sie
sich, ihre Lunge kräftigte sich, sie wurde das Bild der Gesundheit und
als man sie jetzt unter die künftigen Ehefrauen einreihen wollte und
ihr die Zöpfe wachsen ließ, trotzte sie und schnitt sich die Haare
immer wieder ab. Man meinte, sie entsage aller Liebe und wolle der
Gesellschaft nicht die Kränkung vergeben, daß man sie zurückgesetzt
hatte. Da brachte man den blutenden Mann aus dem Maschinensaale, auch
verstümmelt und halb, wie das Weib, das den Mann nicht haben soll,
den es liebt, und Kinder zeugen und in den Armen geliebter Menschen
sterben. Während der langen Leiden, die der Operation nachfolgten,
pflegte sie den Armen in den Stunden, die ihr die Arbeit freigab.
Sie kam anfangs häufig, dann immer öfter, schließlich wich sie nicht
von seinem Bette und fing an, mit ihm zu scherzen und zu lachen, daß
er alles Unglücks vergaß und ein lustiger Mann wurde, der derjenigen
spottete, die Beine brauchen, um sich durch's Leben zu helfen. Sie war
die erste, die ihn im Rollstuhle ins Freie brachte, aber sie machte
doch auch anderen Mädchen gerne Platz, damit es dem Verstümmelten nicht
an Freundinnen gebräche. Wir Communisten wollen uns nicht immer nur an
_=einen=_ hängen wir wollen _=alles=_ besitzen und _=alle=_ zu Freunden
haben. Und so hielt sie sich in der Reserve und lehrte alle, wie sie
es ihm am besten machen konnten. Und da der arme Jakob nicht der Welt
nachlaufen konnte, wie wir alle, lief die Welt dem Jakob nach und er
wurde der fröhlichste Mensch in Tulln, dem es an nichts gebrach und der
nur wünschen durfte, auf einen hohen Berg zu gelangen, um sicher zu
sein, dahin gebracht zu werden.«

»Und nun brach sich der Trotz der schönen Anna. Jetzt ist der Mann
hergestellt und versorgt, jetzt soll er auch sein Weib haben. Nicht
nach den Gesetzen der Gesellschaft, nein, ihr eigenes Gesetz wollte sie
machen, der gerade sollte glücklicher werden, als alle anderen; das
jetzt in Schönheit, Gesundheit und Fröhlichkeit strahlende Weib sollte
er besitzen, gerade der sollte jetzt vor allen begünstigt sein und sie
erklärte ihm, er müsse ihr Mann werden. »So wie _=ich=_ es will, Jakob,
_=ich=_ will es so, gerade du sollst ein Liebesglück genießen, wie ein
Olympier; nimm mich und ich werde es niemals in meinem Leben bereuen.«
Und er nahm sie guten Muths, er vertraute, daß sie ihm, was sie ihm in
dieser Stunde bot, niemals wieder rauben würde. Und so geschah es; sie
sind ein glückliches Paar und niemals sah man sie verdrießlich oder
besorgt, eifersüchtig oder gleichgültig. Der Fremde sieht es kaum, daß
die zwei Mann und Weib sind. Es hat sie niemand getraut und sie haben
keine Kinder, aber sie hängen so fest zusammen, als wären sie nur ein
Leib. -- Man machte mit ihnen auch eine Ausnahme. Es ist Liebesleuten,
die nicht gesetzlich verheirathet sind, sonst das Zusammenwohnen nicht
gestattet. Auch nächtliche Zusammenkünfte werden strenge geahndet.
Aber in diesem Falle, wo so viele Gründe der Billigkeit zusammentrafen
und wo es sich um die Pflege eines Mannes handelte, der auf die Hilfe
anderer angewiesen war, gestattete man, was sonst verpönt war. Die
Gesellschaft hatte ja auch auf einen Mann Rücksicht zu nehmen, der in
der Arbeit war verstümmelt worden.«

»So verstehen wir die Nächstenliebe und so weiß sich der, dem die
gesellschaftliche Ordnung nicht ganz gerecht werden kann, sein eigenes
Glück zu zimmern. Wüchsen dem Jakob die Beine, es wäre vielleicht aus
mit seinem und seiner Anna Glücke. Und nun, Freunde, hören wir Dr.
Leete und Mr. Forest.«

»Dr. Leete hat dich, lieber West, wie folgt belehrt:«

     »Ich muß auch noch erwähnen, sagte er, daß wir für diejenigen,
     welche in geistiger oder körperlicher Hinsicht zu schwach sind, als
     daß sie billigerweise in das Hauptheer der Arbeiter eingereiht
     werden könnten, eine besondere Classe haben, die außer Zusammenhang
     mit den anderen ist, eine Art Invalidencorps, dessen Mitgliedern
     leichtere, ihren Kräften angemessene Arten von Arbeiten zugewiesen
     werden. Alle unsere geistig oder körperlich Kranken, alle unsere
     Taubstummen, Lahmen, Blinden und Krüppel und selbst unsere
     Irrsinnigen gehören zu diesem Invalidencorps und tragen dessen
     Abzeichen. Die Stärksten unter ihnen leisten oft beinahe die volle
     Mannesarbeit, die Schwächsten natürlich nichts, aber keiner, der
     irgend etwas thun kann, will die Arbeit ganz aufgeben. In ihren
     lichten Augenblicken beeifern sich sogar unsere Irren, zu thun, was
     sie können.«

     »Die Idee des Invalidencorps ist wirklich gut,« sagte ich. »Selbst
     ein Barbar aus dem neunzehnten Jahrhunderte muß das einsehen. Sie
     ist eine sehr schöne Art, die Mildthätigkeit zu verhüllen, und muß
     für die Gefühle der die Gaben Empfangenden sehr wohlthuend sein.«
     -- »Mildthätigkeit!« wiederholte Dr. Leete. -- »Meinten Sie, daß
     wir die Classe der Untauglichen, von der wir sprechen, als
     Gegenstände der Mildthätigkeit ansehen?«[J]

»Wie hölzern ist die Versorgung der Untauglichen aufgefaßt, wie grausam,
alle Krüppel zu einem besonderen Corps mit besonderen Abzeichen
zusammenzuthun, und wo bleibt da das wahre Mitgefühl, wenn man die Leute
nur eben abfüttert, wie abgerackerte Hausthiere? -- Und was sagtest du,
lieber Forest?«

»Nun hat ohne Zweifel,« fuhr Forest mit großem Nachdrucke fort,
»jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit.
Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen
Theil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl
aus der sechsten Abtheilung zu geben. Das ist natürlich offenbare
Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines
»Regierungsgrundsatzes« verbirgt; denn durch die Einteilung der
Arbeiter in sechs Abtheilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen
wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit nichts ist! Demnach
werden alle diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten
der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen,
als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die
Geschichte der Menschheit uns meldet?«[K]

»Schäme dich, lieber Freund, dieser Anwandlung von Brutalität!
Unter uns ist keiner, der nicht morgen in die Lage des armen Jakob
gerathen kann. Ueberall kommen wir mit Maschinen in Berührung, die
Eisenbahn schleppt uns mit großer Sicherheit herum, aber wir haben
doch alljährlich über hundert Eisenbahnunfälle und die Statistik
beweist, daß alle Jahre einer unserer Mitbürger die zwei Beine geradeso
verliert, wie unser Jakob. Der Kaiser ist so wenig sicher davor, wie
der Tischler, der mit den besonders bösen Holzbearbeitungsmaschinen zu
thun hat, oder ein Eisenbahnbediensteter. Was wir diesen Armen thun,
thun wir uns selbst, wir wissen, daß der Oesterreicher glücklich ist,
wenn er auch zum Krüppel wird. Und wir wissen noch etwas, daß, so groß
auch das Glück ist, das uns die Gesellschaft als solche sichert, immer
noch das beste das ist, was ein liebendes Herz _=allein=_ uns sein und
_=uns=_ allein bieten will.«

»Aber auch der Faule, von dem die Parasiten des neunzehnten
Jahrhundertes mit so großer Verachtung sprachen, ist nicht mehr
schuldig, als der Krüppel. Die moralische Welt ist genau so an die
strengsten Gesetze gebunden, wie die materielle. Was immer an uns
schlecht ist, ist uns von Geburt aus mitgegeben oder durch die
Erziehung erworben. Keiner von uns thut, was seine Laune ist, sondern
er thut, was er nicht lassen kann. Alle Eigenschaften der Menschen
so auszunützen, daß sie der Gesellschaft doch wieder zum Vortheile
gereichen, das ist die Aufgabe der Verwaltung. Wo sie das aber nicht
kann, müssen wir unserer Mitbürger Gebrechen tragen lernen, wie die
üble Ausdünstung eines Kranken. Wir fahren dabei auch am besten, wir
bringen keine Opfer, wenn wir alle versorgen.«

»Läßt sich die moralische Krankheit heilen, wozu wir ja auch ein
System von Disciplinarstrafen anwenden können und in früheren Zeiten
oft angewendet haben, dann werden wir nicht anstehen, es zu thun,
aber da wir moralische Krankheiten genau so wie physische ansehen und
angeborene den erworbenen gleichstellen, so lassen wir niemand zu
Grunde gehen und die Gesellschaft hat davon nur Vortheil. Wenn aber
jemand fände, das sei ungerecht oder Räuberei, wie du das bezeichnest,
so hüten wir uns, ihm Gewalt anzuthun.«

»Nun, wie verfahrt ihr dann?« frug Mr. Forest.

»Wir erlauben ihm wie jedem anderen auszuwandern, aber wir vertreiben
ihn nicht gegen seinen Willen aus dem Lande. Wir geben ihm auch,
wenn er es wünscht, seinen Theil am Volksvermögen ein und einhalbmal
heraus, nach seiner Wahl Grund und Boden, Wohnung oder Baumaterialien,
Werkzeuge und Sämereien, und dann lassen wir ihn, indem wir ihn von
unseren _=räuberischen=_ Vertheilungen ausschließen, machen was er
will, _=er behält seine Producte und wir die unseren=_. Er bleibt auf
seinem Besitze und wir betreten ihn nicht.«

Dr. Kolb lächelte ironisch und Mr. Forest schwieg.

»Und jetzt noch eine Reminiscenz aus dem 19. Jahrhunderte. Wir lesen in
dem Jahrgange der »Heimat« vom Jahre 1891 die folgende kleine Mahnung
aus der Feder der damals viel gefeierten Dichterin Karoline Bruch-Sinn:«

     »Wie lassen wir doch unsere Mitmenschen verkümmern! Ich hatte in
     der Stadt zu thun und nahm den Weg durch die Währingerstraße, durch
     ein Gewühl von Wagen, Reitern und Fußgängern. Da, was humpelt über
     den Weg? Ich war starr -- und nun laß dir beschreiben, lieber
     Leser, wie es unseren Brüdern geht. Dort drüben vom anatomischen
     Institutsgebäude herüber schwang sich ein armer Schelm. Der starke
     knochige Mann, er mochte 30 Jahre zählen, schmutzig und verrissen,
     hatte keine Beine. Kaum drei Zoll lang waren die Stümpfe,
     die über den Rumpf hinabhingen. Und der Arme hatte es eilig, er
     lief wie ein Wiesel; ja er lief, glaub' es mir, lieber Leser! Die
     Hände hinter sich in den Straßenkoth gestemmt, schleudert der
     Unselige seinen Rumpf nach vorne, zieht die Arme wieder nach und
     schlendert den unförmlichen Sack, auf dem ein leibhaftiger
     Menschenkopf sitzt, weiter so fort, und jetzt geht es quer über die
     Straße vor den Passanten vorbei, jetzt entgeht er einer Escadron
     Cavallerie, dort streift ihn der Huf eines Tramwaypferdes, dann
     hätte ihn fast ein Karrenrad gefaßt und jetzt ist er herüber und
     wirft sich vor meinen Füßen auf das Trottoir, um weiter zu eilen
     gegen die Nußdorferstraße, wohin ich ihm entsetzt folge. Er kann
     nicht achten, wohin er seine Hände setzt, jetzt in eine Kothpfütze,
     dann auf die scharfen Schienen, hier in den Pferdemist, dort in den
     Auswurf eines Kranken. Und das ist ein Mensch, wie wir. Ich muß
     wissen, was ihm geschehen. Endlich bei einem elenden Häuserreste
     der Sechsschimmelgasse hält er vor einer Thüre, ein zänkisches Weib
     öffnet und mit den Worten: ‘Da kommt das Scheusal’ läßt sie ihn in
     ihre Wohnung ein.«

     »Und der Mensch hat gearbeitet sein Leben lang, ist von einer
     Maschine erfaßt und verstümmelt worden und war unglücklich, daß man
     ihn an seinen Wunden nicht sterben ließ. Eine Wohlthat wäre es ihm
     gewesen, hätte man ihn mitleidig verbluten lassen. Nein, die
     medicinische Wissenschaft hatte ihn nöthig, die Klinik requirirte
     ihn als »Lehrmittel«, man heilte ihn, damit man am Armen lerne, wie
     man den Reichen gesund machen kann, und dann warf man ihn auf die
     Straße und die Unfallskasse bezahlte ihm zu wenig zum leben und
     zuviel zum sterben. Und nun ist er sich zum Eckel, den Seinigen zur
     Last. Wir aber sitzen auf den Stühlen, die er gemacht hat, und
     recken die Glieder, ohne zu denken, wie er sich durch's Leben
     schleppen muß.«

»Und Freunde, was hat die Dichterin damit gutes gethan? Nichts, denn
wir lesen in der folgenden Nummer der ‘Heimat,’ daß die Erzählung der
mitfühlenden Frau confiscirt worden war.«

Wir gingen einige Zeit schweigend unseres Weges, denn längst hatten
wir uns aufgemacht und den Park von Tulln verlassen, um die herrliche
Nacht einem Spaziergange in die Wälder zu widmen, wobei wir unvermerkt
gar weit gewandert waren. Wir hatten Tulbing schon hinter uns und
stiegen die Anhöhe hinan, als wir am Fuße des Tulbinger Kogels laut
singen und scherzen hörten, und da eben der Mond sein mildes Licht zu
verbreiten anfing, folgten wir dem Rathe des Dr. Kolb und erstiegen
die Höhe dieses Berges. Es mochte etwa halb zwei Uhr morgens sein,
als wir aus dem Walde in eine Lichtung heraustraten, auf der heiters
Leben herrschte. Es war ein Zeltlager errichtet worden und etwa hundert
junge Leute beiderlei Geschlechtes aus verschiedenen Dörfern der
Nachbarschaft hatten sich hier zusammengethan, um einen Theil der
Nacht bei Spiel und Tanz zu verbringen und den Morgen zu erwarten, dann
aber ein wenig auszuruhen und erst gegen Mittag etwa das Lager wieder
abzubrechen. Pferde weideten am Rande des Gehölzes, welche die Zelte,
Decken und Kissen heraufgebracht hatten, und es fehlte auch nicht an
Erfrischungen und Proviant.

Eine Weile sahen wir dem fröhlichen Treiben zu und lauschten den
Wechselgesängen, die Jünglinge und Mädchen bei solchen Gelegenheiten
erschallen lassen, und erfuhren von Dr. Kolb, daß solche fröhliche
Gelage sehr beliebt seien und man dazu gerne die Nacht von Samstag
auf den Sonntag benütze, weil an diesem die Arbeit ruht. Die Zelte
rührten meist von der ehemaligen Heeresausrüstung her und dienten
jetzt hauptsächlich für die Beherbergung der Arbeiter, welche bei
Flußregulierungen, Kanal- oder Straßenbauten oder bei Erbauung
neuer Ansiedlungen beschäftigt wären, deren jährlich in Oesterreich
über zweihundert errichtet werden müssen, um für die nachwachsende
Bevölkerung Wohnungen zu schaffen.

Man schlug uns vor, uns an den Spielen zu betheiligen und den
Aufgang der Sonne, die dort über der Burg Kreuzenstein heraufkomme,
abzuwarten, und da wir die für den nächsten Morgen beschlossene Abreise
vorschützten, beredete man uns, diesen Gedanken fahren zu lassen und
noch einen Tag zuzugeben, da wir durch nichts gebunden seien.

Die frische Morgenluft war so verlockend, daß wir uns überreden ließen
und den Rest der Nacht mit den Anderen verjubelten. Dr. Kolb aber war
etwas ermüdet und legte sich in einem Zelte schlafen.

Man schlug Pfänderspiele vor und die Burschen waren nicht eifersüchtig,
wenn die Amerikaner ihre Pfänder ziemlich oft mit einem Kusse auslösen
mußten. So gingen etwa zwei Stunden herum, als der Mond zu erblassen
anfing, die Sterne erloschen und nun auch wir die lärmende Unterhaltung
einstellten. Es bildeten sich Gruppen und mancher, der liebte, legte
seinem Mädchen den Arm um den Nacken. Alles sah nach Osten, nicht
mit abergläubischen Geberden, aber in feierlicher Erwartung des
Naturschauspieles, das sich vorbereitete. -- Auch Dr. Kolb kroch aus
seinem Zelte und einzelne Schläfer wurden aufgeweckt, denn um diese
Zeit wollte keiner fehlen. Die Vögel, die schon längst den Wald mit
Gezwitscher und Gesängen erfüllt hatten, verstummten jetzt auch und ein
frisches Lüftchen strich über unsere Köpfe hin. Der Himmel war schon
hell, aber zu unseren Füßen lag das Thal im Morgengrauen und die fernen
Berge hoben sich dunkel vom Himmel ab.

Die leuchtenden Wölkchen am östlichen Horizonte glitzerten, von der
noch verborgenen Sonne beschienen, in blendendem Licht. Sie drängten
sich der Sonne entgegen, wie die Höflinge erwartungsvoll an der Thüre
des Erscheinens ihres Königs gewärtig sind.

Jetzt erstrahlte eine Bergspitze um die andere, die höchste voran, in
hellem Morgenroth, das sich leuchtend von dem Gewoge dunkler Bergreihen
abhob. Noch einige Secunden und aufschwebte die mächtige Feuerkugel,
die bald darauf frei am Himmel thronte. Ein lautes Freudengeschrei
begrüßte sie, die, wie die Erde, das gemeinsame Erbtheil aller ist, und
wußte man doch, daß viele, viele Tausende auf allen Bergen Oesterreichs
und weit hinaus über die Grenzen des Reiches jetzt desselben
Schauspieles froh wurden. Nichts belebt die Liebe zur Natur so mächtig,
als die Ruhe und Sorglosigkeit, welche das Leben des Communisten
begleitet. Das war die Frühmesse im Tullner Gebiete.

Und jetzt war überall Tag und die Sonne spiegelte sich in der Donau
dort unten. Der Hahn, der auch eine Zeit geschwiegen, rief jetzt, als
verkündete er die Beendigung dieser wahrhaft ergebenden Feier, sein
kräftiges: »___=Ite, missa est=___« und der Ruf pflanzte sich von
Dorf zu Dorf, so weit man hören konnte, fort. Und so war es fünf Uhr
geworden; jetzt erschollen die Gongs in den Dörfern, alle Schläfer zu
wecken, und bald sah man dort, weit unten, die Menschen sich regen, ab
und zu auch hörte man sie rufen.

Aber in Königstetten sahen wir deutlich unter den Linden ein weißes
Morgenkleid flattern und wir priesen den glücklich, dem eine andere
Sonne aufgegangen war, die nicht jedem dasselbe bedeutet.

Nun legten sich die anderen zur Ruhe und wir traten mit Dr. Kolb den
Rückweg an.



XVI.


Als wir nach Tulln gekommen waren, fühlten auch wir das Bedürfniß,
etwas auszuruhen, und so ließen wir den Plan, schon diesen Morgen
abzureisen fahren und verschliefen einen Theil des Vormittags. Dann
fuhren wir auf den Rath des Dr. Kolb, der sich uns bisher schon zuviel
geopfert hatte, nach Klosterneuburg mit der Absicht, abends der
Eröffnung und Besiedelung einer neuen Gemeinde im Bezirke, nämlich des
früher verfallen gewesenen und jetzt wieder aufgebauten Dorfes Höflein
a. d. Donau beizuwohnen.

Klosterneuburg, berühmt wegen seines vortrefflichen Weines, ist
gegenwärtig Vorort eines Bezirkes und zählt etwa 1500 Einwohner.
Aus alter Zeit steht nur noch die Abtei mit der Kirche, die aber
ohne Priester und Mönche sind. Wir besuchten den weitausgedehnten
Klosterbau, der gegenwärtig nur zur Aufbewahrung bibliographischer
Raritäten und historischer Urkunden dient und ein unermeßliches
Material birgt. Alle europäischen Staaten haben nicht nur ihre
Archive der historischen Forschung geöffnet, sondern auch ihre
Urkundenschätze, theils im Facsimile, theils in modernen Lettern
gedruckt, vervielfältigt und sich dadurch gegenseitig zugänglich
gemacht. Dieser unermeßliche Urkundenschatz ist im Bezirke
Klosterneuburg in den verschiedenen Gemeinden aufgetheilt und lockt
unzählige Forscher nach diesem Bezirke. Die Centralsammlung aber
befindet sich im ehemaligen Kloster von Klosterneuburg und füllt
dort alle Räume und auch die ehemalige Kirche, in welcher riesige
Schränke aufgestellt sind, die bis zur Decke reichen. Zahlreiche Beamte
verwalten den Schatz und ist jedermann die Forschung dort freigegeben.
Wir besuchten den Bau und wurden von einem Castellane auch in den
Kreuzgang geführt, der noch erhalten ist. Nebst einigen Grabmälern
fesselte uns ein prachtvolles Marmorbildniß, Maria, die, in Trauer
aufgelöst, den Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes auf dem Schooße
liegen hat, darstellend. Unser Führer machte uns auf die Schönheit
des Meisterwerkes aufmerksam, fügte aber bei, daß das Kunstwerk den
Evangelien widerspreche, da Maria zur Zeit der Kreuzigung nicht in
Jerusalem gewesen sei und überhaupt mit Christus, seit er das Lehramt
angetreten, keine Gemeinschaft gehabt habe. Es könne kaum einem Zweifel
unterliegen, daß Maria der allmächtigen Secte der Pharisäer angehört
und darum Christo die Gesellschaft seiner Brüder vorgezogen habe, die
nach Johannes Gegner Christi waren. Darum sagte Christus verzweifelnd,
daß er nirgends weniger gelte, als in seiner Familie, darum sagte er,
wenn man seiner Mutter und Brüder erwähnte, nur jene seien ihm Mutter
und Brüder, die den Willen Gottes thun, und daraus erkläre sich, daß
die Seinigen, zu welchen auch seine Mutter gehörte, ihn in Gewahrsam
nehmen wollten und aussprengten, er sei wahnsinnig. So auch berichteten
die Evangelien nichts davon, daß Christus nach der Auferstehung nach
seiner Mutter verlangt habe, wohl aber, daß er seine Freundinnen und
Schüler zu sehen begehrte.[L]

Wir mußten uns von dem eifrigen Bibelforscher verabschieden, denn wir
hatten auf Zureden unserer Freunde die Absicht gefaßt, der Eröffnung
der Gemeinde Höflein beizuwohnen, welche für vier Uhr den 2. August
2020 angesetzt war. Da die Zeit schon vorgeschritten war, entlehnten
wir von der Verwaltung ein paar Zweiräder und kamen gerade noch zu
rechter Zeit an, um der Eröffnungsfeierlichkeit beizuwohnen.

Da die Bevölkerung in Oesterreich sich jährlich um mehr als 200.000
Seelen vermehrt, werden alljährlich etwa 200 Gemeinden neu aufgebaut,
um die Bevölkerungsüberschüsse aufzunehmen. Man zieht es vor, in
dieser Weise vorzugehen, statt die Gemeinden zu vergrößern, weil
durch eine solche Ausdehnung der Gemeinden die Verwaltung erschwert
und mancherlei, insbesondere das Schulwesen, in Verwirrung gebracht
würde. Die Besiedlung geschieht im Wege der freiwilligen Anmeldung
und da es einerseits immer Unzufriedene gibt, welche durch eine
Veränderung ihre Lage zu verbessern hoffen, andererseits aber bei der
stets fortschreitenden Cultur die jüngeren Ansiedlungen meistenteils
Annehmlichkeiten bieten, die in den älteren noch nicht eingeführt
werden konnten, so ist die Zahl der Anmelder immer weit größer als
die der frei werdenden Wohnstellen. Die allgemeinen Grundsätze für
die Auswahl der neuen Ansiedler sind folgende: Zunächst wählt die
Regierung für die Verwaltung, den ärztlichen Dienst und das Lehrfach
besonders tüchtige Männer aus, weil es schwieriger ist, unter einer neu
zusammengewürfelten Bevölkerung den Dienst erfolgreich zu versehen,
als in einer Gemeinde, in welcher die Mehrzahl der Bewohner zusammen
aufgewachsen ist, und unter einer längeren stabilen Verwaltung
bereits sich Ordnung eingelebt hat. Sodann ist man bedacht, für die
Produktionszweige welche in der neuen Gemeinde betrieben werden
sollen, tüchtige Leiter und Vorarbeiter zu gewinnen. Auch sollen alle
Lebensalter dergestalt vertreten sein, daß die verschiedensten Aufgaben
der Erziehung, des Unterrichtes und der Versorgung sofort die ganze
Administration beschäftigen. Das wird auch dadurch erreicht, daß man
überall die Ueberzähligen zur Uebersiedlung bestimmt und auf diese Art
ein gewisses Gleichgewicht auch dort herstellt, wo es gestört wurde.
Darum findet man nirgends überfüllte Schulklassen und die Lehrer können
ihren Schülern überall eine ziemlich gleiche Sorgfalt widmen. Endlich
werden die der neuen Gemeinde näher wohnhaften Anmelder vor jenen
bevorzugt, welche aus größerer Ferne her zuwandern wollen, damit doch
eine möglichst homogene Bevölkerung größere Gewähr eines friedlichen
Zusammenlebens biete.

Da das Gemeindegebiet von Höflein an der Donau nicht groß ist
und wenig Gelegenheit zur Viehzucht bietet, hatte man eine große
electrotechnische Fabrik dort errichtet. Diese Industrie machte ohnehin
eine Erweiterung nothwendig. Dagegen war der Viehstand gering und
rechnete man nicht nur auf keine Ueberschüße von Milch zur Butter- und
Käsebereitung, sondern man erwartete, daß auch der tägliche Bedarf
an roher Milch aus dem fruchtbaren Gebiete des Tullner Bodens würde
theilweise zugeführt werden müssen. Große Obstculturen waren bereits
auf dem Gemeindegebiete, das von Nachbargemeinden abgetrennt werden
mußte, errichtet, und war also Obstbau ein wichtiger Produktionszweig.
Besonders Beerenobst wurde hier reichlich gewonnen und lieferten die
Johannisbeeren auch ein erfrischendes Getränk.

Die hierher bestimmten Thiere waren bereits zugetrieben und theilweise
auch der Eisenbahn zugeführt worden und sollten die Wärter die Thiere
heute noch dem Wartepersonale der neuen Gemeinde übergeben und dann
abreisen.

Die Fabrik und die Stallungen standen hart an der Bahn auf der
Flußseite. Aber die Wohnungsansiedlung war an beiden Abhängen des
malerischen Margarethenthales, das gerade der Eisenbahnstation
gegenüber liegt und sich durch sehr milde Luft und vortreffliches
Trinkwasser auszeichnet, aufgebaut worden, so zwar, daß man von den
Wohnhäusern über die ihres hohen Alters und ihrer romantischen
Lage wegen erhaltene Kirche einen entzückenden Ausblick über die
Donau genießen konnte. Das Bett des tiefen Baches, der sich murmelnd
durch das Thal windet, war zwischen den Bauten hindurch über die
selbe verbindenden Gärten geleitet worden und hatte man, um weitere
Aushöhlungen zu verhindern, das Gerinne gepflastert und die Ufer durch
Faschinen und Mauerwerk versichert. Reizende Brücken verbanden die Ufer
und es führten von der Wohnungsansiedlung steile Wege über steinerne
Stufen, die theilweise von Eisengeländern begleitet waren, in die
Obstgärten, welche sich höher und höher hinanzogen.

Als wir um 4 Uhr den großen Speisesaal betraten, stellte der
Bezirksbeamte von Klosterneuburg den Ortsbeamten der versammelten
Gemeinde vor, worauf dieser die Leitung der Eröffnungsverhandlung
übernahm. Er stellte den Gemeindegenossen nun seinerseits den Arzt, den
Pädagogen und die Lehrer, dann die Produktionsleiter vor und ließ ein
gedrucktes Verzeichnis der Gemeindemitglieder unter Anführung ihres
Berufes, Alters, der bisherigen Ortsangehörigkeit, der Verwandtschaft
und solcher Daten vertheilen, welche es jedem möglich machen sollten,
sich bald bekannt zu machen und für die Wahl des Tribuns, welche noch
heute Abend stattfinden sollte, vorzubereiten. Auch sollten die neuen
Gemeindemitglieder nach Rang und Alter sich die Wohnzimmer auswählen
und sich heute in Urversammlungen und Sectionen einzeichnen, damit
sofort auch für die Berathung öffentlicher Angelegenheiten die
erforderliche Constituirung erfolgen könne.

Der Beamte hielt dann eine Ansprache, in der er die neuen
Gemeindegenossen ermahnte, Frieden zu halten, sich wechselseitige
Förderung zu gewähren und die Bestrebungen der Verwaltung zu
unterstützen. Er erinnerte daran, daß an dieser Stelle in früheren
Zeiten bereits eine Gemeinde bestanden habe, die allerdings arm war
und dann in Verfall gerathen sei; man habe aber doch alle darauf
bezüglichen Daten, Kirchenbücher, Baupläne, Volkszählungsacten und
dergleichen zu sammeln nicht unterlassen, und verweise er übrigens
auf ein Bildniß, das im Bibliothekssaale hänge und einen Mann
darstelle, der deshalb Interesse einflöße, weil er schon im neunzehnten
Jahrhunderte, wo die sociale Bewegung kaum in Fluß gerathen war,
kräftig eingegriffen und durch eine gedruckte Flugschrift: »Die
weißen Sclaven der Tramway« auf die hartherzige Ausbeutung des
Bedienungspersonales der Straßenbahn mit dem Finger hingewiesen
und großen Erfolg gehabt habe. Er habe auch mit Hinweisung auf
die Statistik, die damals freilich noch in den Windeln lag, die
Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit der damaligen Zustände beleuchtet und
so unserer Epoche, soviel es seine Stellung zuließ, vorgearbeitet.

Hierauf wurde dem Andenken dieses Mannes ein donnerndes Hoch
ausgebracht und mit Befriedigung vernommen, daß die erwähnte
Flugschrift und andere von demselben Manne, dem damaligen Pfarrer
Rudolf Eichhorn, herrührende Aufsätze und Schriften gesammelt wurden,
und jetzt den Grundstock des neuen Gemeindearchives bildeten.

Der Beamte verkündete dann noch, daß der heutigen
Eröffnungsfeierlichkeit zwei amerikanische Gäste, die er den
Gemeindegenossen vorstellte, beiwohnten und Antheil an der Mittagstafel
nehmen würden, worauf ein kräftiges __»Cheer«__ erscholl. Endlich wurde
bekannt gemacht, daß die Bezirksverwaltung anläßlich der heutigen
Feier und in der Absicht, aus dem Feste zugleich ein Verbrüderungsfest
unter den neuen Gemeindegenossen zu machen, einige Fässer köstlichen
Klosterneuburger Weines übersandt habe, der zwar nicht hundert Jahre
alt sei, aber aus dem besten aller bisherigen Weinjahre, dem Jahre
1985, stamme.

Da die neuen Gemeindegenossen bereits alle Wohnräume in Augenschein
genommen hatten, wurden sie aufgefordert, während des Mittagessens
ihre Wünsche auf ein neben jedem Teller aufliegendes Blatt Papier zu
schreiben, und werde dann noch vor Schluß der Tafel die Vertheilung
der Wohnräume bekannt gegeben werden. Mit einem Hurrah auf den Kaiser,
das Vaterland und den Völkerfrieden ging es dann zu Tische. Das
Personal für die Bedienung der Küche und der Wohnhäuser war für heute
ausnahmsweise aus den benachbarten Gemeinden herangezogen worden und
sollten alle Arbeiten von heute Abend an an die theils ernannten,
theils hierzu erwählten Angehörigen der neuen Gemeinde übergehen.

Denn nach dem Grundgedanken der staatlichen Organisation wurde die
ökonomische Leitung des Küchenwesens einem von der Staatsverwaltung
ernannten Organe übertragen, die Leitung der Speisenbereitung aber
besorgten solche Personen, die von den Gemeindegenossen gewählt wurden.

Nach Schluß der Tafel besichtigten wir alle Räume, durch welche die
Ankömmlinge streiften, um alles noch genauer in Augenschein zu nehmen,
und bevor noch die Berathungen wegen der Wahl des Tribuns begannen,
verließ ich, nachdem ich mit Mr. Forest verabredet hatte, daß wir
um acht Uhr nach Tulln fahren wollten, die Ansiedlung, um den Berg
hinanzusteigen, von wo aus ein weiter Ausblick über die Gegend jenseits
der Donau zu gewinnen war. Immer höher stieg ich hinan, ab und zu mich
zurückwendend, um das immer mehr sich ausdehnende Gebiet zu meinen
Füßen zu betrachten.

Sieh! was kommt dort für ein schwarzer Krauskopf langsam herab?
Giulietta, ich will's verrathen; meine Giulietta. Sie reichte mir
fröhlich die Hand zog mich mit fort und sagte, sie habe mich heute
schon gesehen, als die Amerikaner der Gemeinde vorgestellt wurden. Nun
gings an ein wechselseitiges Ausfragen und Giulietta bekannte, daß sie
weit weg von ihrer Heimath verlangt habe, um eines Mannes willen, den
sie liebte, und den sie nicht besitzen solle. Er hätte sich in ihrer
Heimath vermählt und obgleich sie wußte, daß sie entsagen müsse, und
auch längst entsagt hätte, auch die glückliche junge Frau ihr eine
liebe Freundin sei, so habe sie es doch nicht über sich vermocht,
neben diesem glücklichen Paare auszuharren, und so habe sie gebeten,
weit weg versetzt zu werden, um leichter zu vergessen. Das habe die
Verwaltung berücksichtigen müssen und viele, die sich in gleicher
Lage befänden, versuchten dasselbe Heilmittel, immerhin oft mit
Erfolg. Wie wir so dahin schlenderten, schlug ihr Ernst bald wieder
in fröhliche Heiterkeit um, sie sprach von tausend Dingen, von der
Reise, die sie zurückgelegt, und den Eindrücken in ihrer neuen Heimat,
von der Neugierde, sich in Wien umzusehen, und vielem anderen. Dann
erinnerte sie sich, gehört zu haben, daß der heutige Tag für unsere
Abreise bestimmt gewesen. Ich sagte, daß ich ungern aus Oesterreich
scheide, und sie frug, wie in Gedanken weit hinaus ins Thal blickend,
aber mit einem leisen Anfluge von Heiterkeit die sich doch nicht auf
einen Gegenstand in jener Ferne beziehen konnte, ob ich nicht noch ein
wenig zurückzuhalten wäre. Und da ich wirklich zu halten war, nahm
ich ihre Hand und sagte, ich sei schon entschlossen, meine Abreise
aufzuschieben. Darauf eine kurze Pause und dann drückte ich das liebe
Händchen leise und nach einem ganz kurzen Intervalle kam der Druck
zurück. -- -- -- Und so kamen wir dann als gute Freunde, die sich
wiedergefunden, ins Dorf hinab.

Mr. Forest hatte eine Botschaft hinterlassen, er wolle mich in Tulln
treffen. Das hatte gute Weile. -- Und er?

Hier sei es erlaubt, meine Erinnerung an Mittheilungen einzuschalten,
die ich in Giuliettens Heimat erhalten hatte und die erklären, weshalb
diese blühende Schönheit sich die Ehe versagen mußte. Sie hatte das
siebzehnte Jahr erreicht, als ihr Mutter und Vater im rüstigen Alter
starben. Die Leichenöffnung ergab, daß beide vom Krebs befallen waren,
und zwar hatte er beiden dasselbe Organ zerstört. Da in früheren Zeiten
die Leichenöffnung noch nicht allgemein war, war die Constitution der
Vorfahren nicht in Betracht gezogen worden, als die Eltern Giuliettens
sich vermählten. Es wurden aber die Krankengeschichten mehrere
Generationen zurück verfolgt und noch wohl erhaltene Photographien
verglichen und ging das Gutachten der Aerzte und des Lehrkörpers dahin,
daß die erbliche Uebertragung auf die Nachkommen der betreffenden
Familien wahrscheinlich sei. Trotz Einsprache Giuliettens und ihrer
Wahlmutter wurde ihr und ihren Brüdern und Schwestern die Ehe versagt.

       *       *       *       *       *

Die Ansiedler wurden zur Wahl berufen, von welcher Giulietta nicht
fern bleiben durfte. Ich benützte die Zeit und erbat mir von einer
jugendlichen Aufwärterin, die in Abwesenheit ihrer stimmberechtigten
Schwestern geschäftig ihres Amtes waltete, die Zuweisung einer
Badekammer. Auch wünschte ich, da der Tag glühend heiß gewesen und
ich nicht aus den Kleidern gekommen war, frische Wäsche, weshalb die
Kleine mir pedantisch Kragenweite und Aermellänge abmaß und mich mit
allem Nöthigen versah, auch mit einer Tasche aus Wachstaffet für meine
Siebensachen. So kühlte ich mich im Staubbad und kam wie neugeboren in
den Garten. Da die Wahl soeben beendet war, strömten die Ansiedler aus
dem Verwaltungsgebäude und eben schlug es sieben Uhr.

Ich fragte nach Giuliettens Wohngemach. Die Zimmerwärterin war wohl
verständigt worden, daß ich kommen würde, denn sie ließ mich bei
Giulietten ein, ohne ihre Erlaubniß einzuholen. Diese war guter Dinge.
Sie hatte sich schon wohnlich eingerichtet. Blumen in Töpfen standen
am Fenster, alles war nach ihrem Geschmacke zurechtgerückt, das Bett,
mit dem Kopfende an der Wand, ragte in die Mitte des Zimmers, eine
kunstreich gestickte seidene Decke war darüber gebreitet, die Kissen
waren gleichfalls geziert und alles, was zum Schmucke dient, Vorhänge,
schwere Teppiche auf dem Ruhebette, gestickte Kissen, waren Erzeugnisse
vieljährigen Fleißes meiner geliebten Giulietta, welche sie aus ihrer
Heimat hatte mitbringen dürfen.

Beim Eintritte in das Zimmer wurde man das Bett nicht gewahr, weil ein
großer dreitheiliger Wandschirm davor stand. Die Rahmen waren aus Holz
geschnitten und mit zierlichem Laubwerke umgeben. Die Füllungen waren
aus reizendem Strohgeflechte von Giuliettas Hand. Vor dem Wandschirme
stand ein Schaukelstuhl, mit Stickereien belegt. An den Wänden waren
schöne Photographien mit Darstellungen von Landschaften aus ihrer
Heimat und Bildnisse ihrer Eltern angebracht. Auch hier wiesen die
Holzrahmen außerordentlich feine Schnitzereien auf. Sie nannte mir den
Künstler, mit dem sie an der Adria aufgewachsen war.

Mit Stolz zeigte mir Giulietta eine herrliche, in Holz ausgeführte
Arbeit desselben Künstlers, eine jugendliche Nymphe, die Hände
rückwärtsgelegt, und an eine Säule gelehnt, wie sie das Gevögel zu
ihren Füßen betrachtet, das die gestreuten Körner aufpickt. Im Munde
hat sie ein Weizenkorn, nach dem ein Sperling lüstern blickt, der ihr
auf die Schultern geflogen war und bei der nächsten Wendung des Kopfes
als begünstigter Liebling darnach haschen zu dürfen hofft.

Die prachtvollen Glieder der Nymphe erschauend warf ich betroffen
und zürnend einen Blick auf das Antlitz meiner Schönen und prüfte
die Umrisse ihrer jugendlichen Gestalt. Giulietta beantwortete den
eifersüchtigen Zweifel, den ich nicht ausgesprochen, indem sie lächelnd
sagte: »Der Künstler, ein dalmatinischer Fischer, der seine Ferien
alljährlich an den Bildhauerschulen verbringt, aber weder Heimat noch
Beruf verlassen will, ist mein Wahlbruder nach den Sitten südlicher
Länder. Er weiht mir sein Leben und seine Kunst ohne Wunsch für sich.
Ich bin überall seines Schutzes und seiner Rache sicher, wenn ich sie
gegen einen Beleidiger anrufe.«

Auch ein paar feingeschliffene Kristallgläser standen auf dem Tische.

Wir saßen am geöffneten Fenster einander gegenüber und plauderten.
Manchmal näherte ich meinen Mund ihren Lippen, aber sie bog sich zurück
oder hielt mir die Rosenfinger entgegen. Nur einmal that sie, als
vergäße sie sich, und da ich die Gelegenheit erhaschte, stellte sie
sich böse.

Giulietta nahm, während wir schwätzten, eine Knüpfarbeit zur Hand
und da sie sah, daß mich brennender Durst quälte, ließ sie mich eine
Caraffe aus der Wasserleitung neben der Thüre mit frischem Wasser
füllen, und träufelte mir etwas Fruchtsaft in mein Glas, mir so
gewissermaßen Gastfreundschaft in ihrem engen Heim anbietend. Als
ich auf ihren Wunsch das Fläschchen mit Fruchtsaft in ihren Schrank
stellte, strömte mir der Duft von Rosenblättern entgegen, die sie
zwischen ihre Hemdchen und Schürzen gestreut hatte.

Ich suchte meine Giulietta auf ein gefährliches Gebiet zu lenken,
erwähnte die Gallerien in Wien und sprach von den Meistern, deren Werke
man dort bewundern kann. Von den Bildern Bordones und seinen üppigen
Frauen, kam ich auf Rubens' Bilder, dann zu Tizians Diana und Kallisto,
um endlich zu Corregios Io zu gelangen, und versuchte ich auf diese
Art dem Gespräche eine Wendung zu geben, die Giulietta außer Fassung
bringen sollte. Aber die Schöne ging den Weg dieser Vorstellungen ohne
merkliche Erregung mit, indem sie mich beständig im Zaume hielt und
mich fühlen ließ, daß ich meine Worte auf die Wagschale legen müsse.

Sie war mit den Bildern nicht unvertraut. Zwar war ihr von ihrem
Besuche in Wien nichts im Gedächtnisse geblieben. Sie war damals ein
unreifes Kind und man hatte zu jener Zeit den Grundsatz, der später
für irrthümlich gehalten wurde, Kinder in Bildersammlungen nicht zu
führen, in welchen, wie man glaubte, die Phantasie vergiftet werden
könnte. Aber jede Gemeinde hatte zahlreiche Stiche in der Bibliothek
und die Sammlungen der Bezirksvororte waren sogar sehr reich. Von jenen
Bildern, insbesondere von Correggios Meisterwerken, gab es mehrere
Reproductionen und Giulietta hatte sie genau studirt und verglichen.
Tizians Diana und Kallisto verwarf sie, die Bilder Rubens' waren nicht
nach ihrem Geschmacke, obgleich sie das Genie des Malers bewunderte.

Ich bemerkte, daß Correggios Io das anstößigste Bild sei, das ich
kenne. Giulietta sagte, sie theile diese Meinung gar nicht. Das
Anstößige entziehe sich dem Beschauer und es wäre eine armselige
Phantasie, die es sich hinzudächte. »Dagegen welch zarte Poesie in
diesem Doppelbilde. Die nach Regen lechzende Erde als liebendes und
empfangendes Weib darzustellen und die Umarmungen des Mannes zu
idealisiren durch das Naturbild des allbelebenden Elementarvorganges.«
--

Hier flog eine Wolke über die Stirne meiner Freundin, die aus dem
Kreislaufe der sich immer verjüngenden Natur ausgeschlossen war. Aber
meine Berechnung hatte fehlgeschlagen, denn ich hatte mein Gegenüber
nicht mit einer neuen Vorstellung überfallen, sondern auf einen
Gegenstand gebracht, mit dem sie vertraut war.

Ich schämte mich meiner Niederlage, aber ich schätzte Giulietta umso
höher wegen der Feinheit ihrer Empfindung. Es war etwas eigenes um
diese mit ein wenig Seelenschmerz versetzte sprühende Lebenslust.

Sie verlangte, ich solle ihr von meinen Bekannten hier erzählen, mit
welchen sie bald auch im geselligen Kreise zusammenkommen würde. Da
ich von meinem Mißgeschicke mit Selma -- nicht ohne einigen Rückhalt
-- berichtete, machte sie ein ernstes Gesicht und meinte, ich sei
zu gelinde bestraft worden. Die Erwähnung des Liebesglückes der
Neuvermählten machte sie verdrießlich, ein Schatten legte sich auf ihre
Stirne, und um sie zu zerstreuen, sprang ich schnell ab und schilderte
die Streiche des kleinen Gauklers, der so putzige Kunststücke
aufgeführt hatte. Jetzt lachte sie. Sie sagte aber dann: »Wir lieben es
nicht, wenn einer von uns die Menschengestalt dem Gelächter preisgibt.
Wir sind Halbgötter und nicht Hanswurste.«

Ich nannte Dr. Kolb unter meinen Freunden und da wollte sie mehr
wissen. Sein Ruf war in ihre Heimath gedrungen, wo die Kunst höher
in Ehren stand als irgendwo und besonders die Bildhauerkunst war
gefeiert. Da wußte ich nun, wo ich zu verharren hatte. Ich schilderte
auch das verhüllte Bildwerk nach den Mittheilungen meines Freundes; ich
verfolgte den begehrenswerten Feind mir gegenüber und brachte ihn in
immer größeres Gedränge; schon schossen Feuerblitze aus ihren Augen,
ihr Busen wogte stärker, die Lippen bebten, Unruhe bemächtigte sich der
Schönen; ich drang immer mehr auf sie ein.

Da unterbrach sie mich, als wollte sie, daß ich innehalten sollte,
und sagte: »Freund, eine Bitte! Ich sah im Garten eine halb geöffnete
köstliche Rose. Du wirst sie leicht finden. Der Strauch blüht neben
der Statue der Göttin der Fruchtbarkeit. Ein Insect hat sich in den
innersten Blättern verstrickt, aus welchen es vergeblich den Ausweg
sucht, denn ich habe ein Stück eines Spinnegewebes darüber gebreitet.
Bringe mir die Rose und den Gefangenen.«

Als ich mich jetzt erhob und über sie beugte, bog sie sich zwar zu
mir aufschauend zurück, aber sie breitete, um ihre Wehrlosigkeit zu
bekennen, die Arme weit auseinander und drückte ihre Hände an die
Mauer, an der sie saß, und da sich unsere Lippen festsogen, ergoß sich
sengendes Feuer aus den Sternen der Italienerin in meine Augen. Wie
verheißungsvoll ist doch eine Bitte aus schönem Frauenmund!

Ich stürmte in den Garten hinab, konnte aber das Gesuchte eine geraume
Zeit nicht finden. Da ich die Statue erblickte, standen Frauen im
Gespräche dort und ich wollte den Raub lieber verschieben. Endlich
schnitt ich verstohlen die kostbare Rose, die das Insect noch in ihrem
Kelche gefangen hielt, ab und jagte zu Giulietten zurück.

Jetzt aber war mattes Licht im Gemache, das von Wohlgeruch erfüllt
war, und Giulietta stand im herabfließenden Hausgewande einer stolzen
Römerin, an den Seiten bis zur Hüfte geöffnet, vor meinen entzückten
Augen, die noch den Anblick der rosigen Zehen eines göttlichen
Frauenfußes erhaschten, der unter dem Saume hervorguckte; und schon
lagen wir Brust an Brust. Ihre weichen Arme umstrickten meinen Hals,
sie küßte mich stürmisch und dann barg sie ihren Kopf an meinem Busen.

Da erspäht mein Blick zwei Knöpfe auf ihren Schultern. Ich löse sie,
das Gewand gleitet mir aus den Fingern. Ich hebe dies köstliche
Geschenk der Natur auf meine Arme, trage die Herrliche auf ihr Lager,
lege die Rose auf den schimmernden Busen, den ich mit Küssen bedecke,
und so überläßt sich dieser Prachtleib mit geschlossenen Augen, das
selige Lächeln des Beglückens auf den Lippen, im Wonneschauer erbebend,
meinen Umarmungen.

       *       *       *       *       *

Es war halb neun Uhr, als ich in den Speisegarten kam. Es dämmerte
schon und ich suchte einen einsamen Tisch, an dem ich mich niederließ.
Lauter Lärm wogte um mich herum, weil die neuen Ansiedler suchten, mit
einander bekannt zu werden. Die Mütter nannten mit Stolz die Namen
ihrer Kinder; diese jagten sich zwischen den Tischen herum und ab und
zu hörte man einen warnenden Ruf, dem sogleich aufhorchend entsprochen
wurde. Die Aufwärterin, ein junges Mädchen, trat an meinen Tisch, um
meine Wünsche zu erfragen. -- Bald brachte sie das Abendbrod und ein
Glas feurigen Weines. »Du bist unser Gast aus Amerika?« -- »Ja wohl.«
-- »Wie gefallen dir Land und Leute?« -- »Vortrefflich, besonders die
Leute.« -- »Eure tausendjährigen Bäume fehlen uns allerdings.« -- Und
sie wandte sich zum gehen.

Ich sah mit Wohlgefallen auf die Kinder, die sich in meiner Nähe
tummelten. Die Tracht der Kinder war einfach. Bis zum Alter der
Selbständigkeit unterschied man die jungen Leute nicht in der
Kleidung, etwa nach dem Range der Eltern, und bis zum Eintritte in
die Schule trugen Knaben und Mädchen eine ganz einfache Sommertracht,
die doch reizend stand. Meistens trugen sie an den Füßen etwas, was
halb Schuh, halb Sandale war. Kurze Höschen und ein von einem Gürtel
zusammengehaltenes Röckchen von weißem, dünnen Stoff ohne Aermel, dann
ein großer Basthut waren die ganze Kleidung, Beine und Arme nackt, der
Hals frei; Reinlichkeit, Schönheit und Frohsinn gewannen ihnen alle
Herzen. --

Ich sehnte mich nach Giulietta, die herabzukommen versprochen hatte. Wo
blieb sie? --

Wir hatten oft dem Treiben der Jugend zugesehen. Die jungen Leute
waren, bis die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen, in Schaaren,
beiläufig nach dem Alter gesondert, unter Aufsicht von Frauen oder
Mädchen, die älteren Knaben auch oft unter den Befehlen der Lehrer. Es
wurde alles mögliche gespielt, nur nicht Krieg. Man spielte Besuch,
Schule, Hochzeit, Gericht und Strafe, Häuserbauen, Pfänder, Charaden.
Die älteren Knaben versuchten sich im Vortrage über aufgeworfene
Fragen, dann wurde gerungen oder um die Wette gelaufen, und dann
wählten sich die Knaben vorerst eine Preisrichterin, welche der Sieger
küssen durfte.

Bald zerstreuten sich die Kinder auf Befehl der Erzieherin, um in den
Wäldern Schwämme und Erdbeeren zu suchen, bald sammelten sie sich
wieder auf ein Häuflein, um einer Erklärung oder einer Geschichte
zu lauschen, deren jede Erzieherin viele Hunderte für jedes Alter
wußte. Dann durfte wieder ein halberwachsenes Mädchen den Bübchen
etwas vorlesen, und dann ging es wieder weiter. Regen und Sonnenbrand
kümmerte sie gar wenig und wenn sie nach einigen Stunden heimkamen,
hatten sie oft das ganze Gemeindegebiet durchstreift.

Große Aufmerksamkeit wendete man daran, den Ortssinn zu entwickeln. Ehe
die Kinder in die Schule kamen, hatten sie schon jeden Weg und Steg
im ganzen Bezirke inne, wußten überall die kürzesten Verbindungen zu
finden, lernten sich in fremden Gegenden orientiren und hatten einen
Begriff von der Größe ihres Vaterlandes, das man sie lehrte, als ihren
Besitz zu betrachten. Auch mit den heimischen Thieren und Pflanzen
und dem Nutzen, den sie gewähren, waren sie vom zartesten Alter auf
vertraut, wie man auch nicht versäumte, sie am nächtlichen Himmel
mit den Sternbildern bekannt zu machen und ihre Liebe zur Natur und
insbesondere zur Heimat zu wecken. --

Himmlische Giulietta, zögere nicht länger! -- --

Das Erziehungspersonal hatte nur ein beschränktes Strafrecht. Dieses
stand der Mutter oder Wahlmutter zu und einem störrigen Kinde wurde
angedroht, daß man vor der Mutter Klage führen würde. Dieser wurde
dann nach Tisch berichtet und sie verhängte oft die strengste Strafe,
nachdem die Erzieherin und etwa andere Kinder Zeugnis abgelegt hatten.
War sie zu nachsichtig, so vermied man, ihr Verhalten vor den Kindern
zu rügen, aber die Sache kam dann vor den Pädagogen, der seinen Einfluß
geltend machte. Nur im Nothfalle wurde von dem Rechte Gebrauch gemacht,
der Mutter das Erziehungsrecht abzunehmen. --

Giulietta kam noch immer nicht. -- Ich träumte von ihrer Herrlichkeit.
Seit ich Anselma geschaut, war ich erst kundig geworden, welchen
Inbegriff von Schönheit ein Frauenleib in sich schließt. Giulietta
war der Typus der österreichischen Frauen. Augen und Haare waren vom
schönsten Glanze, die etwas gebräunte, fleckenlose Haut hatte einen
Perlenschimmer und stellenweise leuchtete das blaue Geäder hervor, an
der Außenseite der feinen Hände aber trat es deutlich und kräftig zu
Tage. Die gleichförmigen enggeschlossenen weißen Zähne bedeckte zum
guten Theile das korallenrothe Zahnfleisch, die breiten Schultern
verbanden sich mit zart geschwungenen Bögen, weder zu flach, noch zu
steil, dem schlanken Halse, und all diese Pracht war in beständiger
anmuthiger Bewegung, wie auch das Mienenspiel unaufhörlich Rede
und Gegenrede begleitete. Das Leibchen trug sie wie ein kreuzweise
geschlungenes Busentuch, nicht viel mehr als ein Flor; es verrieth die
jugendlichen Formen in den Umrissen, stellenweise auch in der Farbe,
und es konnte wohl Giulietta noch viele Jahre des Mieders entrathen,
das die Oesterreicherin erst trägt, wenn sie zu verblühen beginnt.

Es ist unter ihnen Tradition, daß Mäßigkeit in Allem, besonders in der
Liebe -- aber auch in der Enthaltsamkeit -- die Schönheit bewahrt und
daß auch heftige Gemüthsbewegung, Kränkung, Eifersucht, Zorn den Zauber
vom Frauenleib nimmt. Auch dieser Glaube ist heilbringend. Und davon
geleitet, überließ sich Giulietta nicht allzusehr dem Kummer, der sie
doch immer an verlorenes größeres Glück gemahnte. --

Giulietta war noch nicht herabgekommen. Sehnsucht nach ihrem Anblicke
quälte mich. --

Sie war zur Vorsteherin einer Strohflechtschule bestimmt worden, da
sie in dieser Arbeit eine außerordentliche Geschicklichkeit erworben
hatte. Diese Industrie beschäftigte tausende von Mädchen und Frauen
im Lande und es sollte eine Schule in Höflein unterhalten werden.
Wenn mein Liebling pädagogische und ökonomische Fähigkeiten zeigte,
so konnte sie es zum Range eines Pädagogen bringen, womit große
Vortheile, insbesondere ein sechswöchentlicher Urlaub, Arbeitsbefreiung
vom zurückgelegten fünfzigsten Lebensjahre und etwas größerer Aufwand
für Kleidung und Wohnung verbunden waren. Ihrer Schönheit, Anmuth
und Bildung wegen hatte die Verwaltung den Auftrag erhalten, ihr
allwöchentlich den Zutritt zu den geselligen Abenden der Residenz
oder der höheren Beamten anzuweisen, worauf andere nur einigemale
des Jahres und während der kurzen Ferien Anspruch hatten. Es war
überhaupt Grundsatz der Staatsverwaltung, solche Mädchen, die in
ihren Hoffnungen getäuscht worden waren und den Bedürfnissen der
Gesellschaft ein so schweres Opfer bringen mußten, durch jede mit der
Gerechtigkeit vereinbare Bevorzugung zu entschädigen. Dabei wirkte
nicht nur die Frauencurie mit, die sich außer Stande erklärte, ihre
Zusagen zu erfüllen, daß die weibliche Hälfte der Gesellschaft sich
den allgemeinen Bedürfnissen unterordnen wolle, wenn nicht die größte
Rücksicht für die Opfer dieser Interessen geübt würde, sondern es war
in allen Theilen der Bevölkerung das Gefühl vorherrschend, daß solche
Mädchen besondere Rücksichten verdienen, und mußte es das Bestreben
aller werden, Giulietten mit ihrem Schicksale auszusöhnen. --

Wo bleibst Du, Berückende? Willst Du mich verschmachten lassen? Welches
Bild gaukelt vor meinen Sinnen? -- --

Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte sie ihr Tagewerk in Triest
beendet und mit dem nächsten Morgen um sechs Uhr sollte sie ihr
neues Amt antreten. Es war wohl vorauszusetzen, daß Giulietta bald
ein gern gesehener Gast im Schlosse zu Königstetten sein und im
freundschaftlichen Verkehre mit Dr. Kolb stehen würde, wodurch sie in
Kurzem mit vielen bedeutenden Personen des Bezirkes bekannt werden
konnte. Die Sonntage brachte das kunstsinnige Mädchen wohl in den
zahlreichen Museen der Residenz zu und auch an italienischer Musik
konnte sie sich satt hören, die in Wien eifrig gepflegt wurde. Es soll
uns nicht bange sein um Giuliettens Zukunft. -- Noch eine Aufgabe hatte
sie übernommen. --

Ein Kleid rauscht in meiner Nähe, ich erwache aus meinem Traume. -- Sie
ist es nicht.

Wie in allen deutschen Gemeinden gab es auch in Höflein viele
Gemeindegenossen, die einige Jugendjahre in einer italienischen
Gemeinde zugebracht hatten, um sich die italienische Sprache eigen
zu machen, wie andere der ungarischen oder einer slavischen Sprache
mächtig waren. Denn es war in Oesterreich beinahe zum Gesetze geworden,
daß die Angehörigen aller Nationen sich die deutsche Sprache und die
Deutschen wieder eine zweite Reichssprache aneigneten, um die lebendige
Verbindung aller Nationen unter einander herzustellen. Und dadurch war
Oesterreich in gewisser Hinsicht der geistige Mittelpunkt der Welt
geworden, wo alle Völker der Erde ihre geistigen Schätze austauschten
und verbanden.

Ja, man hatte auch allen orientalischen Völkern eine Heimstätte
errichtet und es wurde allen Culturnationen des Erdkreises ermöglicht,
eine Hochschule in Oesterreich zu unterhalten. Die Chinesen, Japanesen
und Perser, Araber und Türken hatten ebenso, wie Spanier, Franzosen
und Engländer, Dänen und Schweden, Russen und Finnländer, in Wien
Hochschulen, die mit den österreichischen Anstalten wetteiferten, und
an welchen Oesterreicher gemeinschaftlich mit den Gästen fremder Länder
Unterricht ertheilten und genossen.

Die Deutschen aber, welche eine zweite Reichssprache sich eigen gemacht
hatten, suchten in ununterbrochener Uebung zu bleiben und unterhielten
nach Sprachen gegliederte Vereine, von welchen die Literatur dieser
Sprachen verfolgt wurde. Giulietta nun, die ihre Muttersprache in
herrlicher Vollkommenheit sprach und schrieb und die italienische
Poesie leidenschaftlich liebte und auch selbst improvisirte, sollte
dem italienischen Club präsidiren. So hatte sie mir in ihrem Stübchen
mitgetheilt. --

Ich fuhr auf aus meinen Träumen. -- Es wogte noch fröhliches Leben
um mich herum. Alle mieden, wie auf Verabredung, meinen Tisch und
wenn die Kinder in meine Nähe kamen, wurden sie weggerufen. Man hatte
offenbar bemerkt, daß ich allein sein wolle, und da, wie es schon
finster zu werden beginnt, tritt dort Giulietta aus ihrem Wohnhause.
Ein züchtiges, hellfärbiges Kleid umschloß die Gestalt der schönen
Sünderin, ein goldschimmernder Gürtel hielt sie umfangen und im
Haare trug sie die noch frische Rose mit dem Gefangenen. Gemächlichen
Schrittes näherte sie sich mir und ließ sich mit freundlichem Nicken an
meiner Seite nieder.

Die Aufwärterin trat an unseren Tisch und fragte nach Giuliettens
Begehren: »Bist du nicht Schwester Giulietta aus Triest?«

»Das bin ich, ich heiße Giulietta Chiari. Wie nennst du dich, Kleine?«

»Ich heiße Josepha Ohnewas und bin von Klosterneuburg herübergekommen.
Der Verwaltungsbeamte hat mir aufgetragen, dich für morgen abends in
seine Empfangsgemächer zu laden. Er will einige hervorragende Glieder
der neuen Gemeinde zusammenführen, damit sie engere Bekanntschaft
knüpfen.« -- »Sage ihm meinen Dank, ich werde gerne kommen. Und nun
reiche mir deine Hand, freundliche Botin, und werde mir eine treue
Freundin.« -- »Das will ich dir sein,« sagte sie mit einem Händedrucke.
--

»Was ist das für ein furchtsames Bübchen?« fragte Giulietta, indem
sie freundlich den Knaben am Kinn faßte, der, ängstlich ihr in die
Augen schauend, sich an Josephas Rockfalten hielt. -- »Es ist meiner
Schwester Kind. Sie ist vor wenigen Tagen gestorben, ihr Mann schon
früher, und nun ist der Kleine verwaist.« -- »Willst du ihn unter
deinen Schutz nehmen?« -- »Es soll ihm eine Wahlmutter bestellt werden.
Ich wurde befragt, ob ich ihn an Sohnesstatt nehmen wolle, aber ich
sähe es lieber, wenn diese Sorge nicht auf mich fiele, denn ich werde
in einigen Jahren meine eigene Familie gründen und ich halte es nicht
für gut, wenn die Mutter eigener Kinder auch Verpflichtungen für ein
fremdes Kind zu erfüllen hat.« -- »Wolltest du mich zur Mutter haben?«
fragte Giulietta den Knaben; dieser aber sagte: »Du bist nicht meine
Mutter!« -- Giulietta und Josepha sahen sich an, als ob sie sich
dieselbe Frage stellen wollten. Diese sagte dann: »Ich habe Vertrauen
zu dir. Möchtest du Mutterpflichten auf dich nehmen?« -- »Es wäre eine
Wohlthat für mich,« sagte Giulietta seufzend. »Doch laß mich den Knaben
einige Tage beobachten und besprechen wir uns darüber. Wir müssen
uns erst kennen lernen.« -- »Ich will es mir bedenken und wir können
dann dem Verwaltungsbeamten einen Vorschlag machen. Einstweilen ist
Peterchen in meiner Obhut.« -- Damit schied Josepha.

Giulietta saß sinnend neben mir. Zuweilen sahen wir uns an, wir
sprachen aber nicht.

Nach einer Weile bediente Josepha auch Giulietta und da diese sah, daß
mein Glas noch unberührt war, trank sie mir freundlich lächelnd zu. Sie
nippte, ich aber leerte mein Glas auf einen Zug bis auf die Neige. Sie
sah ernst auf mein leeres Glas und verband damit wohl einen sinnigen
Gedanken. Wir verharrten im Schweigen, aber sie ließ es geschehen,
daß ich verstohlen ihr dankerfüllt das Händchen drückte. Es war jetzt
badefrisch und frostig; ich hätte es gerne warmgehaucht, wenn es hätte
ungestraft geschehen können.

Der Tag war gewichen, Stern um Stern flackerte auf, dort im Westen
einer im wechselnden Lichte, als ahmte er das Funkeln der Augen meiner
Giulietta nach. Es wurde stiller um uns, die Tische wurden abgeräumt.
Alles war zur Ruhe gegangen; Giulietta sprach auch jetzt nicht, aber
sie schien zu glauben, daß sie den Gast nicht verlassen dürfe. Sie nahm
jetzt zögernd, als wäre sie nach einem Kampfe mit sich selbst zu einem
Entschlusse gelangt, die Rose aus dem Haare, befreite den Gefangenen
und lächelte mir, Vergebung kündend, zu. -- Nun sagte ich mit einem
Händedrucke -- ein Kuß war mir hier durch strenge Sitte verwehrt --:
»Gehe auch zur Ruhe, Liebste.« Sie erhob sich, freundlichen Gruß im
Auge, und ging. Unter der Thüre wandte sie sich noch einmal langsam um,
winkte grüßend und verschwand. Bald darauf erhellte sich das Fenster
ihres Gemaches, sie wurde noch einmal sichtbar, dann, nach kurzem
Verweilen, fielen die Blenden. -- Zu dieser Stunde in ihr Gemach zu
dringen, war mir durch unerbittliche Satzungen verboten.

Jetzt erhob ich mich, ging nach den Ställen, zeigte meine
Aufenthaltskarte vor und bat die Stallwache um ein feuriges Pferd.
So jagte ich, mein Bündelchen am Sattelknopfe befestigt, im Sturme
nach meinem Quartier, den flackernden Stern vor mir. Ein junger
Mann, der die Nachtwache hatte, grüßte mich, als ich von den Ställen
nach der Ansiedlung kam. Ich dankte schweigend und ging nach dem
Bibliothekssaale, der, wie alle anderen Räume, offen stand, drehte
eine Glühlampe auf und schrieb einige Zeilen an Giulietta. Ich kündete
ihr, daß unsere Wege auseinander gingen, ich ihrer aber niemals
vergessen würde. Ich bekannte mich unwürdig der königlichen Gunst, mit
der sie mich beglückt.

Den Brief warf ich in den Briefkasten für die östliche Fahrt und nun
suchte ich mein Lager auf.



XVII.


Nun war es aber Ernst -- wir reisten ab. Mr. Forest und ich hatten
uns von dem Beamten verabschiedet und harrten am Bahnhofe des Zuges,
der von Wien her kommen sollte, und nun kamen sie alle, unsere neuen
Freunde, uns die Hand zu reichen. Die vielen lieben Mädchen und Frauen,
die uns bei Tische und sonst bedient hatten, nicht wie Diener, sondern
wie Freundinnen und Schwestern, auch Anna, die wir näher kennen gelernt
hatten, mit ihrem Jakob, den sie im Rollstuhle vor sich herschob, und
der jüngere Zwirner und gar viele liebe Gesichter. Von der schönen
Anna forderte ich resolut einen Abschiedskuß und sie sah zuerst Jakob
ins Gesicht und dann bot sie mir ihren Mund, aber sie sagte, ein
Abschiedskuß sei es nicht. Aufklärungen gab sie nicht. Und wie wir so
inmitten vieler Freunde standen, kam Dr. Kolb eilends heran, sich zu
verabschieden und uns auch etwas zu überbringen. Es war Zwirners Brief
und ein Angebinde.

Zwirner schrieb, er bedauere, uns nicht mehr sehen zu können; er
hoffe aber auf Briefe aus Amerika und auf ein Wiedersehen. Dr.
Kolb habe ihm oft von uns geschrieben und er sei darüber beruhigt,
daß wir in Oesterreich gut aufgehoben gewesen. Auch hätte uns Dr.
Kolb ebenso, wie er, über alles Auskunft geben können und habe sie
auch gegeben. Er selbst lebe in süßer Gefangenschaft und wolle auch
unsertwegen nicht ausbrechen. Wir möchten das Angebinde annehmen, das
uns Dr. Kolb überreichen werde, und fänden wir die glücklichen jungen
Eheleute erstens im Plauderstübchen und zweitens im Speisezimmer. Auf
Nummer drei und vier dürften wir Anspruch nicht erheben. Neben seiner
Unterschrift standen die Worte: »Auch ich bin euch gut und wünsche
euch das Beste. Aber meinen Gefangenen gebe ich nicht heraus. Seid mir
gegrüßt. Lori Zwirner.« -- Das Angebinde waren zwei gleiche Cartons mit
Photographieen. Das Carton war in schönem gepreßtem Leder ausgeführt
und zeigte vorne vier Medaillons und in der Mitte ein Schild in Bronce.
Die Medaillons enthielten kunstreich geschnittene Brustbilder unserer
Freunde: Zwirner, Dr. Kolb, Lori und Mary und das Mittelschild die
Landschaft, auf die wir so oft von unserem Fenster aus geblickt hatten.
Dr. Kolb erklärte uns, daß die Liebhaberei, Medaillen zu schneiden,
weit verbreitet sei, und schöne Köpfe, wie die hier dargestellten,
zögen oft die Aufmerksamkeit der Künstler in diesem Fache auf sich.
Dann erhält das Modell natürlich ein kunstvoll gearbeitetes Exemplar.
Von diesen Bildnissen hatte man galvanoplastische Copien gemacht und
auf den Cartons angebracht. Ebenso beiläufig verhalte es sich mit
der Landschaft und die Cartons selbst seien auf Wunsch des Zwirner
angefertigt worden und die Verwaltung habe gestattet, das Ganze den
Fremden als Angebinde zu widmen. Die Photographien waren theils von
Zwirner eingesandt, theils nach seinem Wunsche besorgt worden. Zwei
allerliebste Bilder aus dem »Gefängnisse« in Königstetten, einige
Bilder aus dem schon erwähnten Schneideralbum, die Bildnisse des
Ehepaares Lueger, des Dr. Kolb, dann der schönen Anna und des Jakob und
-- vorher mußten wir aber Treue geloben -- der »Braut«.

Eben kam der Zug heran. Noch ein rasches Händeschütteln, ein Winken,
und wir waren im Wagen, der uns entführen sollte.

Lange fuhren wir schweigend dahin und als wir Tulln aus dem Gesichte
hatten, begehrten wir nach Büchern und lehnten uns zurück, um uns in
Lectüre zu vertiefen.

Fort ging's nach St. Pölten, wo wir umzusteigen hatten, und weiter über
Linz und Salzburg, wo wir diesmal nicht wieder anzuhalten gedachten.

Die Reise ging Tag und Nacht weiter und kamen wir am 4. August morgens
nach Meran und von da mittels Wagens und zum Theile zu Fuße gegen
4 Uhr auf die Ortlerspitze. Am Fuße des Gletschers fanden wir im
Unterkunfthause viele Fremde und darunter über fünfzig Engländer und
Amerikaner. Vom Ortler sprechen wir nicht, er steht am selben Flecke,
wie im neunzehnten Jahrhunderte, und herrscht über alle Berge wie
ehemals.

Wir blieben vom 4. August abends bis zum 6. August morgens und setzten
dann unsere Reise über Finstermünz und Landeck nach Bregenz fort.

       *       *       *       *       *

Bevor wir von Oesterreich Abschied nehmen, will ich noch einige
Informationen zusammenfassen, welche ich an verschiedenen Orten mir
verschaffte und welche in meinem bisherigen Reisebericht keine Aufnahme
fanden.

Was die Familie anbelangt, so ist sie durch die Antheilnahme des
Staates an der Erziehung keineswegs beseitigt. So lange die Eltern,
insbesondere die Mutter, das Recht auf die Erziehung nicht durch
Nachlässigkeit oder Mißbrauch verwirken, steht ihnen dieses Recht
vorzugsweise zu. Nur eine Oberleitung und Aufsicht haben die
staatlichen Organe und wenn die Eltern durch Arbeit oder Abwesenheit
oder andere Gründe verhindert sind, die Kinder zu beaufsichtigen,
oder ihre erziehliche Thätigkeit auszuüben, geht die Erziehung an
die staatlichen Organe über. Bei der Wahl der Aufsichtspersonen und
Kinderpflegerinnen haben die Mütter einen entscheidenden Einfluß.
Ebenso sind sie es, welche die Pflegerinnen wählen, wenn die Kinder
an anderen Orten Erziehung oder Unterricht genießen; sie können
testamentarisch Adoptivmütter für den Fall ihres Todes delegiren, sie
vertreten die Kinder gegen den Staat und die staatlichen Organe,
durch sie werden Belohnungen und Strafen zugetheilt und auch sonst
werden die Kinder mit allen ihren Bedürfnissen und Wünschen an die
Mutter gewiesen, soweit das überhaupt angeht. Die Weisungen des
Arztes bezüglich der körperlichen Erziehung und die des Pädagogen
bezüglich der Ausbildung des Geistes und Herzens müssen sie befolgen
und das Erziehungsrecht kann ihnen entzogen werden, wenn sie sich
Nachlässigkeit oder Mißbrauch zu Schulden kommen lassen. Es steht den
Eltern frei, die arbeitsfreie Zeit mit den Kindern in ihren Zimmern
zuzubringen und sich dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu
entziehen, insoferne darunter die Erziehung nicht leidet. Einblick in
dieses Privatleben konnten wir nicht gewinnen, weil wir fremd waren und
in den Familienkreis nicht gezogen wurden.

Der Volksschulunterricht beginnt mit dem vollendeten sechsten und
endet mit dem vollendeten achtzehnten Lebensjahre. Der Unterricht in
den ersten vier Jahrgängen wird Kindern beiderlei Geschlechtes von den
weiblichen Aufsichtsorganen ertheilt. Erst vom fünften Jahrgange an
werden die Geschlechter getrennt unterrichtet und zwar von eigentlichen
Fachlehrern in Classen, die selten mehr als 25 Schüler zählen. Jede
Gemeinde hat mit Einschluß des Pädagogen, der die Oberleitung des
Erziehungswesen hat, acht Volksschullehrer, und zwar sind diese
Lehrkräfte für die Mädchenclassen den Frauen und Mädchen entnommen,
unterstehen aber auch dann einem Manne, der das Erziehungswesen leitet.
Benachbarte Gemeinden sind immer so zu zweien verbunden, daß die
Mädchen aus der einen und die Knaben aus der anderen den Unterricht
in der Nachbargemeinde empfangen, und werden sie entweder unter
gemeinsamer Aufsicht hin- und wieder zurückgebracht oder die Mütter
wählen ihnen eine Pflegemutter, bei welcher sie untergebracht werden.

Der Unterricht ist mit productiver Arbeit verbunden und steckt sich
das Ziel, nicht nur in alle Zweige des Wissens einzuführen und zum
Selbstunterrichte zu befähigen, sondern auch zur Arbeit im Felde und in
der Industrie zu qualificieren. In den Ferien werden gemeinschaftliche
Ausflüge und Reisen unternommen. Die Schüler älterer Jahrgänge müssen
sich am Unterrichte der jüngeren Kinder betheiligen, mit ihnen
correpetiren und üben und sind alle Kinder ununterbrochen unter
Aufsicht erwachsener Personen. Bei der Berufswahl hat die Mutter,[M]
in ihrer Verhinderung der Vater, mitzuwirken, und müssen ihnen alle
erforderlichen Informationen ertheilt werden. Der Uebergang zu einem
wissenschaftlichen Berufe ist von dem Erfolge der Studien abhängig.

Mit Beendigung des achtzehnten Lebensjahres endet der Schulunterricht
und tritt mit der Verpflichtung zur vollen Arbeitsleistung auch
Selbständigkeit und Stimmrecht in öffentlichen Angelegenheiten ein.

Der Arzt einer jeden Gemeinde und eines jeden Quartiers hat für
die Verhütung und Heilung aller Krankheiten, Beobachtung aller auf
die Gesundheit Bezug habenden Daten, dann für Hygiene zu sorgen,
Einfluß auf die Vertheilung von Arbeit und Gütern zu üben und die
Bevölkerungs-, Mortalitäts- und Morbilitätsstatistik aufzustellen. Er
hat alle Gemeindemitglieder einmal des Jahres genau zu untersuchen
und tägliche Berichte an den Bezirksarzt zu erstatten, wobei
insbesondere Befund und Diagnose für jeden Kranken vorzulegen sind. In
zweifelhaften Fällen hat er Abordnung eines Specialarztes zu beantragen
und bei chirurgischen Fällen alle bis zum Eintreffen des Operateurs
erforderlichen Maßnahmen zu beobachten. Der Gemeindearzt kann vom
Krankenbette nie ferngehalten, wohl aber die Beiziehung eines anderen
Arztes vom Kranken oder dessen Angehörigen beantragt werden. Der
Arzt hat die Geburtshilfe und die Pflege der Zähne, wofür geeignetes
ärztliches Personal geringerer Art bestellt ist, zu überwachen, den
Einfluß der Arbeit und Lebensweise auf Gesundheit und Lebensdauer zu
beobachten, die Ernährungsfrage zu studiren und alle Leichname zu
seciren.

Die europäischen Continentalstaaten bilden einen gemeinsamen
Sanitätsbezirk und werden alle von auswärts kommenden Reisenden
einer so genauen Untersuchung unterzogen, daß die Einschleppung von
Krankheiten ganz unmöglich ist.

Der Staatsbeamte für die Gemeinden und Quartiere hat die eigentliche
Executive, da die Oberbehörden sich zumeist auf Ueberwachung,
Entscheidung von Berufungen und allgemeine Leitung zu beschränken
haben. Nur das Zeitungswesen gehört in den Bereich der höheren Beamten.
Die Beamten repräsentiren auch bei der offiziellen Geselligkeit und
können diese Function auch bestimmten anderen Personen übertragen. Sie
haben das Disciplinarstrafrecht. Bei schweren Vergehen und Verbrechen
gegen das Staatseigenthum, die persönliche Sicherheit und gegen den
Staat erkennen Schwurgerichte unter Leitung pensionirter Beamten,
welche das Richteramt als Ehrenamt ausüben. Die Gesetzgebung ist
einfach und werden die Gesetze in den Volksschulen gelehrt.

Prozesse wegen Ersatzleistung für besondere Belastung -- z. B.
anläßlich eines Elementarereignisses oder wegen sonstiger Verkürzungen
-- werden gleichfalls von Schwurgerichten, welche aus Pensionisten
des Arbeiterstandes zusammengesetzt sind, unter Leitung höherer
pensionirter Beamten entschieden. Ueber Ersatzleistungen von Provinz
zu Provinz oder Streitigkeiten zwischen Nationalitäten entscheidet
der Kaiser persönlich. Jederzeit gehen Vergleichsversuche voraus. Die
Disziplinarstrafen bestehen in Entziehung von solchen Genüssen, welche
nicht zum nothwendigen Unterhalte gehören, Herabsetzung des Ranges,
Verweigerung des Urlaubes, Verlängerung der Arbeitszeit, die Strafen
wegen Vergehen und Verbrechen in der Versetzung in Strafgemeinden,
Entziehung des Stimmrechtes, und wird bei den allerschwersten
Verbrechen die Todesstrafe verhängt. Den Disciplinarstrafen kann
man sich durch Ausscheidung aus dem gesellschaftlichen Verbande
gegen Anweisung von Grund und Boden, Baumaterialien, Werkzeugen und
Sämereien, den schwereren Strafen durch Auswandern oder freiwillige
Verbannung in die österreichische Colonie in Afrika entziehen. Die
Arbeit ist bei weitem nicht so vermindert worden, als Bellamy oder
sonst ein socialistischer Theoretiker des neunzehnten Jahrhunderts
gelehrt hat. Die volle Arbeitsleistung beginnt nicht mit dem 21.,
sondern mit dem 19. Lebensjahre und dauert für einfache Arbeiter
bis zum beendeten 65. Lebensjahre, kürzer für geschickte Arbeiter,
Productionsleiter, Lehrer, Aerzte und Beamte. Die tägliche mittlere
Arbeitszeit war Anfangs zehn Stunden an 300 Tagen im Jahre und sank
erst allmählig auf neun und acht Stunden. Es hat sich erwiesen, daß
eine noch weiter herabgesetzte Arbeitszeit nicht genügt hätte, um
den Aufwand für eine rationelle physische und geistige Versorgung
des Volkes zu bestreiten. Es war nothwendig, den ganz verwilderten
Zustand der Gewässer und Waldbestände zu verbessern und zu diesem Ende
enorme Investirungen vorzunehmen. Zur Erhöhung des Bodenertrages waren
gleichfalls sehr große Anlagen zu schaffen und es mußten nach und nach
für die ganze Bevölkerung neue Wohnungsansiedlungen erbaut werden,
welche Arbeiten sechzig Jahre in Anspruch nahmen. Oesterreich ist nun
vom Welthandel ganz unabhängig und tauscht Güter mit dem Auslande nur
aus, wo es zur Vermehrung des Volkswohlstandes dienlich erscheint. Es
besitzt zweijährige Reserven von allen Bodenproducten. Die ökonomischen
Vortheile des neuen Wirthschaftssystems sind übrigens unermeßliche.
Beste Ausnützung aller Arbeitskräfte, größte Stetigkeit der Production,
Ersparung der Handelskosten oder jener volkswirthschaftlichen
Arbeit, welche den Umsatz der Güter durch Kauf und Verkauf bewirkt,
vielfach höhere Ausnützung der Gebrauchsgüter, Ersparung an Capital,
bessere Verwerthung der Fäcalien durch stärkere Besiedlung der
landwirthschaftlichen Flächen, vollständigere, raschere und kostenlose
Gewinnung aller Abfallstoffe, wechselseitige Unterstützung der
industriellen und landwirthschaftlichen Arbeit, vor allem aber Erhöhung
der körperlichen und geistigen Kräfte des Volkes und demgemäß nicht
nur Belebung des Erfindungsgeistes, sondern auch vielfach raschere
Einführung erprobter Erfindungen.

Was das Eigenthum betrifft, so herrschen folgende Grundsätze. Die
Socialisten des neunzehnten Jahrhunderts, sagt man, seien gemeiniglich
von der Ansicht ausgegangen, der Arbeiter müsse Eigenthümer des
Arbeitsproductes sein und dadurch in die Lage gesetzt werden, den
vollen Ertrag seiner Arbeit aus dem Producte zu ziehen. Da es nun
aber klar war, daß, wenn der einzelne Arbeiter für sich producirt,
alle Vortheile der Großproduction verscherzt werden, wollte man
dem dadurch abhelfen, daß die Arbeiter sich zu Genossenschaften
vereinigen. Da auch das nicht viel versprach, da niemand gezwungen
werden konnte, einer Vereinigung beizutreten, bestehende Vereinigungen
nicht gezwungen werden konnten, neue Mitglieder aufzunehmen, so wollte
man Zwangsgenossenschaften derart begründen, daß alle Angehörigen
eines Gewerbes auf einem bestimmten Gebiete für gemeinschaftliche
Rechnung arbeiten sollten. Dadurch wieder mußte ein Interessenconflict
zwischen den einzelnen Productionszweigen entstehen. Wären die Bauern
zu einer solchen Genossenschaft vereinigt, so könnten sie alle
Gewerbsleute aushungern und in die drückendste Abhängigkeit versetzen,
weil die Nahrungsmittel unentbehrlich sind, die Befriedigung aller
anderen Bedürfnisse aufgeschoben werden kann. Da wollte man wieder
festsetzen, daß jene Produzenten, die ihre Producte zurückhalten,
um eine Preissteigerung herbeizuführen, sollten gezwungen werden
können, ihre Producte zu verkaufen.[N] -- Wozu sollte nun der
Producent Eigenthümer seines Productes bleiben, wenn man ihn dann
wieder sollte zwingen können, zu verkaufen? Das hätte übrigens gerade
bei den landwirthschaftlichen Producten gar keinen Sinn, denn der
Bauer braucht Vorräthe für den Hausbedarf und für die Bestellung
der Felder, und wer könnte ihm festsetzen, wie viel er verkaufen
müsse und wie viel er für sich behalten könne. Alle Versuche, die
Wirthschaftsordnung nach dem Principe zu regeln, daß jeder einzelne
oder einzelne Berufsgenossenschaften über das ganze Reich oder nach
Provinzen, Kreisen &c. für eigene Rechnung produciren sollten, mußten
scheitern. Zudem ergeben sich vielerlei Wechselfälle, Viehseuchen,
Hagel, Feuer u. s. w., gegen welche wieder Versicherung gewährt werden
sollte, und die Verwirrung wurde immer größer, abgesehen davon, daß
alles dahinzielte, noch mehr Vertheilungsarbeit hervorzurufen, als man
damals ohnehin schon für den Güterumsatz und ein höchst mangelhaftes
Versicherungswesen aufwenden mußte.

Eine niemals genügend untersuchte Frage war auch die, wie es mit den
Wohngebäuden zu halten wäre. Da der Staat nicht selbst produciren
sollte, so konnte er auch auf die Niederlassung der Staatsbürger nicht
nur keinen Einfluß nehmen, sondern er konnte nicht einmal rathen,
wohin sich jemand wenden sollte, der in die Production eintritt. Man
bildete sich auch ein, jeder müsse sein eigenes Haus haben. Abgesehen
davon, daß das äußerst unökonomisch ist, daß diese planlose Aufbauung
zahlloser Häuser auch die größte Verwirrung in viele öffentliche
Anstalten, Schulen, Straßen, Beleuchtung bringen mußte, war auch an
ein öffentliches Leben, geordnete Geselligkeit, eine verläßliche
Volksabstimmung nicht zu denken, wenn die Ansiedlung nur nach
individuellen Impulsen sich ausdehnten oder verkümmerten. Und nun,
was sollte derjenige thun, der ein Haus gebaut oder erworben hatte,
um hier ein Geschäft zu betreiben, wenn er in seinem Berufe nicht
fortkommen konnte? Man wollte ihm freien Uebertritt zu anderen Gewerben
oder den Wechsel des Wohnsitzes aus Erwerbsgründen ermöglichen; nun war
er aber Eigenthümer eines Hauses, das sollte er mit Verlust verkaufen
oder es vermiethen und einem Dritten die Verwaltung überlassen. Es war
doch klar, daß es vor allem galt, die Glieder des Volkes gegen die
Wechselfälle im wirthschaftlichen Leben zu schützen, und man bereitete
ihnen unter dem lockenden Namen »Freiheit« zahllose neue Gefahren, eine
Zerfahrenheit und Verwirrung, die größer war, als man je erlebt hatte.

Eine Versicherung war überdies zu gewähren für Zufälle, durch die
jemand erwerbsunfähig wurde. Es war also auch der Nichtarbeiter zu
versorgen. Wenn nun die Arbeitsproducte Eigenthum der Producenten
waren, wie sollte da der Erwerbsunfähige erhalten werden? Man mußte
wieder die Producenten besteuern, also auch aus diesem Grunde
einen Theil ihres Eigenthumes ihnen nehmen. Und wie sollten die
Productionsmittel an die Producenten gelangen, wenn sie Staatseigenthum
sind, was die Socialisten forderten? Sollte jeder einen gleichen
Antheil an Grund und Boden und einen gleichen Antheil an Maschinen
erhalten und was waren gleiche Antheile bei der außerordentlichen
Verschiedenheit der Ertragsfähigkeit des Bodens? Oder sollte
verpachtet werden? Mit Wohn- und Wirthschaftsgebäuden oder ohne selbe,
an Einzelne oder Genossenschaften, auf wie lange, unter welchen
Bedingungen? Und wer sollte investieren, wie sollte man Raubwirthschaft
verhindern?

Das war alles unausführbar; ausführbar war nur die Nachahmung bes
Großbetriebes, wie er im neunzehnten Jahrhundert mit so großem
Erfolge gedieh, aber nicht für Rechnung eines Einzelnen oder
eines Unternehmers, sondern für Rechnung des Staates, der die
Niederlassungen nach statistischen Daten erbaute und besiedelte, die
Bevölkerung nach dem Arbeitsbedürfnisse vertheilte, die Arbeiten
anordnete und vertheilte, producirte, was das Volk brauchte und alle
wirthschaftlichen Gefahren auf sich nahm. Jeder mußte nach Kräften an
der Herstellung der Gesammtproduction mitwirken und erhielt dafür die
Versorgung aus dem Gesammtproducte zugewiesen.

Der Staat also blieb Eigenthümer der Materie durch alle Stadien
der Production und betrachtete die Arbeiter, wie sie ehemals der
Unternehmer betrachtet hatte; der Arbeiter war besitzlos und blieb
besitzlos, das Product gehörte ebenso dem Staate, wie der Grund und
Boden und die Urstoffe, und der Arbeiter erhielt nur das zugewiesen,
was er verbrauchen mußte, und zwar nur zum Verbrauch, nicht zur
Ansammlung von Vorräthen.

Der Unterschied aber gegen früher war der, daß der Staat wieder nur die
Gesammtheit der Arbeiter war, daß der Arbeiter als stimmberechtigter
Bürger im Staate herrschte und daß das ganze Product unter die
Arbeiter vertheilt werden mußte nach Grundsätzen, die die Gesammtheit
der Arbeiter guthieß. Es entfielen alle Abgaben an Parasiten.

Da der arbeitenden Bevölkerung die Wichtigkeit tüchtiger und
gewissenhafter Beamten, Lehrer und Aerzte, die Notwendigkeit der
Monarchie, die Nützlichkeit der Adelsinstitution, der Ermunterung des
Erfindungsgeistes, der Forschung und der Künste, die Notwendigkeit
ferners der höheren Entlohnung fleißiger Arbeiter und gewisser
gefährlicher und gesundheitsschädlicher Arbeiten einleuchtete,
bewilligte sie, daß ein gewisser Bruchtheil des Productes dazu
verwendet wurde, aber das sollte ein Zehntel des Gesammtproductes nicht
übersteigen, und so konnte niemals eine erhebliche Beeinträchtigung des
Einzelnen herbeigeführt werden.

Ein Zehntel des Gesammtproductes war in Oesterreich die Arbeit von
2.200.000 Arbeitern und es ist evident, daß das nicht nur ausreichen
mußte, um Krone und Adel, wofür nur ein Procent ausgeworfen wurde,
sondern daß es auch genügen mußte, Beamte, Lehrer und Aerzte zu
erhalten, die etwas mehr als ein Procent der Bevölkerung ausmachen
und auf welche drei bis vier Procent des Productes verwendet werden
konnten, was bei ungleicher Vertheilung unter den betreffenden Personen
wieder eine glänzende Dotirung der höchsten Stellen verstattete. Der
Rest von fünf Procent wieder war übergenug, um Künste und Wissenschaft
zu fördern, Erfinder zu belohnen und eine Abstufung in der Entlohnung
unter den Arbeitern nach Fleiß, Geschicklichkeit und Opferwilligkeit zu
begründen, und endlich, um das Capital zu erhalten und zu vermehren.
Der Staat nun konnte aber doch nicht alle Materie bis zum gänzlichen
Verbrauche festhalten, weil dadurch jede freie Thätigkeit selbst auf
dem Gebiete der geistigen Production wäre unterbunden worden. Das Volk
bewilligte also, daß ein Theil des Productes unter der Bezeichnung
Consumtibilien vertheilt werde. Auf diese Weise baute Schneider sein
Schutzhaus, erzeugte man Photographien, Statuen, Schnitzereien,
Modelle für neu erfundene Gegenstände, Werkzeuge und Maschinen &c.
&c. An solchen Consumtibilien mußte man gewissermaßen das Eigenthum
erwerben können, wenn auch kein volles, denn in Wahrheit gab der Staat
sein Eigenthum an nichts auf. Wer in freien Stunden, und nicht im
Auftrage des Staates, ein Bild malte, eine Zeichnung anfertigte, ein
Werkzeug oder eine Maschine nach seiner Erfindung herstellte, war, da
ihm alles dazu erforderliche zum Verbrauche war überlassen worden,
ebenso berechtigt, daran zu ändern, es umzugestalten oder auch es dem
Verbrauche auszusetzen, als wäre es sein Eigenthum, aber doch nur in
Folge einer Gestattung des wirklichen Eigenthümers, der immer der
Staat blieb. -- Dieser konnte sein Eigenthum auch jederzeit wieder
geltend machen, dem Gebrauche und Verbrauche Einhalt zu thun und die
Sache wieder zurückfordern, wie dem Staate auch zweifellos das Recht
zustand, hinterlassene Briefe eines berühmten Mannes in Anspruch zu
nehmen, wenn sie durch die Geschichte des Briefschreibers einen Werth
erlangten. Auch war es Niemand erlaubt, etwas ohne Bewilligung des
Staates ins Ausland zu schaffen oder irgend etwas zum Gegenstande des
Handels zu machen oder gar in der Absicht, jemand zu corrumpiren,
anderen geschenkweise zu überlassen. Das wäre nicht nur strafbar
gewesen, sondern der geschenkte Gegenstand wäre auch zurückgefordert
worden.

Dabei konnte aber die Staatsverwaltung auch nicht willkürlich, sondern
immer nur nach dem Volkswillen verfahren. Hätte bei der Vertheilung von
Consumtibilien Dr. Kolb soviel Erz, Feuerungsmaterial &c. auf seinen
Antheil erhalten können, um eine Statue zu gießen, so würde er oder
seine Familie oder die Gemeinde, ein Freund, eine Geliebte bis auf
weiteres im ausschließlichen Genusse der Statue verblieben sein, aber
die Statue bliebe Eigenthum des Staates und von diesem hinge es ab, ob
die Statue etwa auch auf Erben übergehen dürfe.



XVIII.


Wir kamen nachmittags nach Bregenz. Der Bodensee bot im hellen
Sonnenscheine einen entzückenden Anblick. Tausende von Booten aller
Größen drängten sich an den Ufern, in der Ferne sah man zahlreiche
Dampfer, welche heute viele Tausende von den schweizerischen und
deutschen Ufern des Sees herangebracht hatten, laviren.

Es war Donnerstag der 6. August, der Vorabend unserer Abreise aus
dem uns liebgewordenen Oesterreich. Vom Bahnhofe bis zu den schönen
Gebäuden der Stadt und die Ufer entlang war ein Gedränge von Menschen
zu sehen, worunter auch Fremde aller Zungen und aus allen Welttheilen.
Wir eilten zu Tische, denn in kurzem stand die Ankunft des Kaisers und
des kaiserlichen Hofes bevor. Die Nachrichten liefen von Zeit zu Zeit
ein, wie der kaiserliche Zug die Stationen durchfuhr und nun eilten
viele zum Bahnhofgebäude, den Monarchen zu empfangen.

Die Kaiserin am Arme, gefolgt vom Kronprinzen und dessen jüngeren
Brüdern, dann von zahlreichen Erzherzogen und Prinzessinnen und dem
Hofstaate, schritt der Fürst, begrüßt und grüßend über den mit
Teppichen belegten kurzen Weg nach dem mächtigen Portale des herrlichen
Baues, der heute eröffnet werden sollte. Er war noch verschlossen und
am Eingange harrten die Baumeister und die Werkleute in alterthümlicher
Tracht, die kunstreich angefertigten Schlüssel in den Händen, um,
nachdem einige der Feier angemessene Reden gewechselt worden waren, die
Thore zu öffnen, über deren Schwelle voran der Kaiser und die Kaiserin
schritten und ihnen nach die Prinzen und Prinzessinnen, dann hohe
Beamte und Mitglieder des Adels, Einheimische und Fremde flutheten und
in kurzem beinahe den Riesensaal füllten. Der Seeseite gegenüber an der
Längswand, von wo aus man durch hohe Fenster und Glasthüren in einen
herrlichen Wintergarten blickte, war eine erhöhte Bühne, mit Teppichen
bedeckt, aufgerichtet, welche der Kaiser mit seiner Familie, dem Adel
und den hohen Beamten hinanstieg und, nachdem der Saal gefüllt und Ruhe
eingetreten war, nahm der Kaiser, die Kaiserin zur Rechten und den
Kronprinzen zur Linken, auf dessen goldgelockten Kopf er seine Hand
legte, das Wort, um eines Ereignisses in seiner Familie zu gedenken,
das Anlaß zum Baue des Palastes und zur heutigen Feier bot.

Am selben Tage vor drei Jahren war der Kronprinz, der jetzt in
blühender Gesundheit neben dem Kaiser stand, im Bodensee, wo er, noch
des Schwimmens unkundig, badete, von einer Welle ergriffen und in den
See, der ziemlich bewegt war, hinausgetragen worden. Händeringend
stand die Mutter am Ufer und zwei Schiffer stürzten sich ins Wasser, um
den Prinzen zu retten. Sie wollten nichts von Dank wissen und sagten
freimüthig, es sei ihnen um das Menschenkind, nicht um den Prinzen
gewesen, und der Kaiser, darum nicht weniger dankbar, beschloß, zur
Erinnerung an diese That der Nächstenliebe die Stadt Bregenz mit einem
Palaste zu beschenken, der auf Kosten der Civilliste erbaut werden
sollte. Nachdem der Kaiser noch einmal den Rettern, die weder genannt
werden wollten, noch bei der heutigen Feier erschienen waren, den Dank
ausgesprochen, erklärte er, den Bau nunmehr den Einwohnern der Stadt zu
übergeben, damit sie hier sollten frohe Stunden verleben und den vielen
Gästen, die das ganze Jahr über hier zusammenströmten, bereiten können.

Dann gab der Kaiser, der stehend und unbedeckten Hauptes gesprochen,
das Wort dem obersten Beamten der Provinz, der die Festrede hielt, in
welcher er die Nächstenliebe pries und schilderte, was sie schon Großes
in Oesterreich vollbracht habe.

Nach Beendigung der Festrede intonirten die anwesenden Sänger eine
passende Cantate, worauf man den Rundgang im herrlichen Baue antrat,
der in den letzten drei Jahren ausgeführt worden war und, wie wir
Amerikaner sagen würden, mehr als zwei Millionen Mark gekostet hatte.
In Oesterreich schätzte man den Bau auf zweitausend Arbeitsjahre.[O]

Die Gesammtanordnung war dieselbe, die alle diese Bauten zeigten.
Doch war das Geschoß, welches den großen Saal enthielt, höher, als
gewöhnlich und erreichte eine Höhe von sechzehn Metern. Die Pfeiler
zwischen den bis zur Decke reichenden Fenstern und die Säulen, welche
die Decke und den darüber errichteten Bau trugen, waren mit Stuck
bekleidet, die Stuckadorung der Gesimse und der Decke war weiß mit
Gold und an den Pfeilern sah man, gestützt von Consolen, die Büsten
des Kaisers und der Kaiserin, dann der Prinzen, endlich die der
Reichstribunen und der Provinzialtribunen des Jahres. Die Büsten der
Lebensretter durften nicht aufgestellt werden, weil diese es nicht
gestatteten.

Der Ausblick nach der Seeseite war ebenso entzückend, wie der Blick
nach dem gegenüberliegenden Wintergarten, der mit Palmen und anderen
Gewächsen geziert war. Auch der Bibliothekssaal war reich geschmückt
und war dort die Statue des Dichters Hermann von Gilm aufgestellt.
Diesen großen Saal, der sechshundert Quadratmeter maß, umgaben sechzehn
kleinere Säle, die in den verschiedensten Stilarten auf das herrlichste
ausgestattet und eingerichtet waren, und befanden sich dort zahllose
Broncen, Marmorbildwerke und Gemälde.

Für die Ventilation hatte man ein neues System angewendet, das nach
vielen Versuchen und Verbesserungen allgemein anwendbar war gemacht
worden. Man erzeugte durch Maschinen, die im Dachraume angebracht
waren, große Kälte in einem geschlossenen Raume, in dem die von außen
eingeführte Luft stark abgekühlt wurde, und diese wurde dann durch im
Mauerwerke und den Säulen angebrachte Röhren zum Fußboden der Säle und
dem des großen Speisesaales geleitet.

Dagegen waren die hohen Saalfenster an den Decken der zu ventilirenden
Räume zu öffnen und zog dort die verdorbene und erwärmte Luft umso
rascher ab, weil die am Fußboden nachströmende kältere und schwerere
Luft sie verdrängte. Die Luft, die man den Räumen zuführte, wurde
aus dem angrenzenden Fichtenwalde eingesaugt und duftete auf das
köstlichste.

Auch von außen bot der Bau einen schönen Anblick. Die Thürme an den
vier Ecken, welche die Stiegen enthielten, waren mit Epheu umrankt
und ragten hoch über den Bau hinweg, oben mit einer Brustwehr
abgeschlossen. Auch die Hauptmauern des Baues waren weit über das obere
Geschoß hinaufgeführt und über dem eigentlichen Dache eine flache Bühne
aus starker Construction errichtet, welche theils mit Erde bedeckt,
theils gepflastert, einen reizenden Garten bildete, in dessen Mitte der
obere Theil des Bibliothekssaales emporragte. Zum Baue gehörte auch
noch ein Schatz von Glas und Porzellan, Tafelsilber und Tafelwäsche,
sowie die kostbare Einrichtung der Küche und der unterirdisch
angebrachten Bäder.

Nachdem der Bau in allen Theilen war besichtigt worden, strömte nach
und nach alles zu den drei großen Ausgängen, die nach dem See führten,
und da sah man zuerst den Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen und
dann das Gefolge und die Sänger, Fremde und Einwohner heraustreten,
um über den Vorplatz und die Treppen nach den Schiffen zu gelangen.
Zuerst füllte sich das reich geschmückte kaiserliche Boot und dann
die Sängerpontons. Es waren drei berühmte Sängervereine zum heutigen
Feste gekommen. Voran der Wiener Verein, der noch immer den ersten
Platz behauptete und dessen Leitung in den Händen eines Mannes lag,
dessen Aeußeres kaum den Künstler verrathen hätte. Ein breites
etwas rothbrüchiges Gesicht, eine große knochige Gestalt, ein etwas
verkürztes Bein waren Merkmale, die an einen berühmten Sänger aus
alter Zeit erinnerten, dessen Name und Gedenken den Oesterreichern
überliefert waren. Aber auch die Stimme war dieselbe, ein entzückender
lyrischer Tenor, der, sobald er nur anschlug, sich schon alle Herzen
gewann. Der Name des Sängers war Rieger.

Dann waren hier die Kölner, die lange rangen, es den Wienern
zuvorzuthun, aber auch mit der zweiten Stelle zufrieden sein konnten,
und der dritte Verein war der Berner Sängerbund.

Die Pontons für die Sänger waren auf großen Booten, die die schwere
Last zu tragen vermochten, errichtet und konnte jedes über vierhundert
Sänger fassen. Die Fortbewegung geschah durch eine verstellbare
Schiffschraube, die vom Verdecke aus mit der Hand in Bewegung gesetzt
werden konnte. Diese Pontons schwammen langsam in den See hinaus, das
kaiserliche Boot und einige andere Boote in die Mitte nehmend und von
außen von tausenden kleiner Boote und den Dampfern umschwärmt. Die
Berner eröffneten das Sängerfest, dann folgten die Kölner und dann
harrte man erwartungsvoll des altberühmten Sanges der Wiener. Ein
mächtiger Chor begann und nachdem er leise verhallt war erhob sich der
himmlische Tenor des Wiener Meisters in getragenen, anschwellenden und
wieder verklingenden Weisen. Nach wenigen Tönen hatte diese herrliche
Stimme alle Herzen bezaubert, aller Lärm erstarb und nicht nur die
Menschen lauschten athemlos, auch der Wind und die Wellen, die eben
noch spielten, schienen sich zu legen, kein Ruder rührte sich und die
Vögel des Himmels ließen sich auf den Booten nieder, um zu hören.
Andächtig folgte man den Tönen, die, vom Wasser getragen, so leise sie
auch klangen, doch weithin hörbar waren.

Da plötzlich ein markerschütternder Schrei: »Jakob, mein Jakob!«
und da man sich nach einem Boote mitten zwischen den Sängerschiffen
wandte, sah man auch die Kaiserin erschreckt und mit herzbrechendem
Jammer sich nach dem Wasser neigen. Doch der Kaiser gebot mit einer
Handbewegung Ruhe, daß kein Ruder ins Wasser tauche und kein Boot
in dem fürchterlichen Gedränge sich bewege, und sieh', da taucht
ein Blondkopf neben dem Sängerschiffe auf, der Kronprinz erfaßt die
Planken, die sicheren Halt bieten, und indem er sich hinaufschwingt,
zieht er aus dem See den halbtodten Jakob nach, der unfehlbar hätte
ertrinken müssen, wenn der Prinz sich nicht, ehe ihn die Kaiserin
zurückhalten konnte, ins Wasser gestürzt und das eigene Leben gewagt
hätte, -- und dort, wo tausende von Booten eingekeilt und sich
stoßend, das Emporkommen erschwerten. Allgemeiner Jubel erscholl und
die arme Anna, die schon fürchtete, den Schützling zu verlieren, fiel
der Kaiserin und dem Kronprinzen um den Hals. Eine mächtige Bewegung
pflanzte sich über den See und bis ans Ufer fort, als man erfuhr, was
vorgegangen war. Sie nahmen den armen Jakob, der sich bald erholte, auf
das kaiserliche Schiff und nachdem man die Geretteten ans Land gerudert
hatte, um ihnen trockene Kleider zu besorgen, traten die ersten Sänger
zusammen, um sich auf das Lied zu einigen, das für diese Stunde sich
am besten zu eignen schien. Es war das Lied: Freiheit, Gleichheit und
Menschenliebe, das die drei Chöre vereint erschallen ließen. Voran
die Berner die Strophe von der Freiheit, wo dem Chore eine mächtige
Baßstimme folgte, dann die Kölner die Strophe von der Gleichheit,
die ein sympathischer Bariton pries, und am Ende die Wiener, welche
abwechselnd mit dem Tenor die Menschenliebe besangen.

Mittlerweile flammten auf den Bergen in Vorarlberg und der Schweiz die
Freudenfeuer auf, die der alten Sitte gemäß den Kaiser begrüßten und
deren Schein vortrefflich zu der Stimmung paßte, welche sich über so
viele hier verbreitet hatte.

So hatten wir am letzten Abende unseres Aufenthaltes in Oesterreich
Zeuge sein können, wie der Kronprinz für seine Rettung den einzigen
Dank abstattete, der dem empfangenen Dienste ebenbürtig war. Und da
nun, spät am Abende, nachdem längst alle Schiffe waren beleuchtet
worden, die gesammte Flotte den Bernern, die nach Rorschach fuhren, das
Geleite gab, schlossen wir uns an und kehrten erst um Mitternacht nach
Bregenz in unsere Quartiere zurück.

Des anderen Morgens ließ mir die schöne Anna sagen, ich möge sie
besuchen und ihr Hilfe bringen. Jakob liege im Fieber und wenn er ab
und zu zu sich komme, zeige er eine unbegreifliche Melancholie. Er
beklage, daß er nicht den Tod im See gefunden, und härme sich ab, daß
seine Anna, an einen Krüppel gekettet, ihr Leben vertrauere, wie er
sich ausdrückte. Hier theile niemand die Sorge um ihn mit der Gefährtin
und da er jetzt krank liege, bedrücke ihn der Gedanke, daß sie sich
ihm opfere. Gewiß habe sie längst bereut, wolle aber ihrem Worte nicht
untreu werden. Der Freund möge kommen und versuchen, ob er rathen
könne.

Ich hatte noch einige Stunden vor unserer Abreise vor mir und bat
Mr. Forest, die Geschäfte mit der Verwaltung abzumachen, während ich
zu dem unglücklichen Paare eilte. Gerade gingen die Kaiserin und der
Kronprinz, dem das kalte Bad nicht geschadet hatte, vom Krankenbette
weg. Erstere grüßte freundlich und erinnerte sich, daß wir nun schon
zum dritten male zusammentrafen. Dem Kronprinzen reichte ich die Hand,
indem ich seiner muthigen That rühmend gedachte. Er ergriff sie zögernd
und befangen.

Als ich bei Anna eintrat, fand ich die zwei in Verzweiflung. Jakob ließ
sich nicht überreden. Das Opfer sei unnatürlich. Da zog ich ein uraltes
vergilbtes Zeitungspapier aus der Tasche und bat um die Erlaubniß,
ihnen daraus vorlesen zu dürfen. Er lächelte wehmüthig und willigte
ein. Folgendes war meine Erzählung.

     »Eine Storchengeschichte.

     Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die »Kieler Zeitung,«
     ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem
     eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er
     flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem
     armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder
     herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen
     konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig
     auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und
     schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.

     Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im
     Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome
     aufzusuchen, sah Peter -- so hatte man den Verunglückten getauft --
     ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in
     das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem
     Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die
     erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische
     von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der
     rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß
     er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem,
     überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für
     Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus
     Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste
     bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte
     des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu
     den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre
     Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun
     sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein
     freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten
     Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen
     Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und --
     mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind -- fand sie Gefallen an
     dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.

     Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden,
     entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem
     Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu
     nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes
     einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles
     wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als
     die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über
     Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren
     Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der
     arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt
     und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge
     Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell
     vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was
     half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer
     verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling.
     Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und
     verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt
     seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach
     anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren
     geglaubte Gattin.

     Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das
     wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer
     merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des
     Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen.
     Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das
     Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber
     gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren
     Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.«

»Nun, Jakob, was sagst Du zu dieser Erzählung, die über 100 Jahre alt
ist?«

Jakob war nachdenklich geworden und sprach lange nicht: »Sollte es wahr
sein, daß das Thier selbst daran Freude findet, sich dem Unglücklichen
zu opfern? So wärst Du meine Störchin,« sagte er heiterer auf seine
Anna blickend. -- »Es ist wohl so,« sagte diese lächelnd, »ich habe
nichts lieberes auf der Welt, als dich. Was wir lieben, machen wir uns
zum Schatze und ihn zu verlieren, ist unser Verderben.«

Nach einigem Besinnen sagte Jakob: »Wenn du meine Störchin bist,
mußt du mich als deinen Storch gelten lassen. Was wäre dir denn von
mir geblieben, wenn ich ertrunken wäre? Storch und Störchin hielten
beisammen aus, aber sie hatten ihr Nest.« Anna wurde ernst und
antwortete nicht. Jakob sagte dann wieder: »Lasse deinen Trotz fahren,
liebes Weib, lasse dich mit mir regelrecht trauen und schenke mir
Kinder, dann zweifle ich nicht mehr.«

Anna jubelte auf: »Aber Beine müssen die Jungen haben,« und damit fiel
sie dem Kranken um den Hals. »Natürlich, denn wo fände sich eine Zweite
wie du?« --

Jakob in den Armen haltend blickte Anna jetzt lustig zu mir auf und
rief: »Nicht blos unsertwillen habe ich dich herüberbitten lassen. Ein
Brief ist für dich eingelangt und er duftet nach Rosen, er wird von
Frauenhand sein.«

Sie gab mir ein Schreiben, das ich sofort erbrach. Es war von
Giulietta. Hier folgt es:

»Lieber Julian! Ich empfing deinen Brief aus Tulln. Er war frostiger,
als ich denken mochte, obschon ich nicht zweifelte, was der Ausgang
meines Romanes sein müsse. Freilich ist ja die Geschraubtheit des
Amerikaners mit Schuld daran. Euch fehlen die Grazien. Ich mache dir
keinen Vorwurf. Ich bereue nicht, was ich gethan; ich habe eine süße
Stunde genossen und dir bereitet, aber ich habe auch erfahren, daß wir
Frauen anders lieben, als ihr. Wir wollen erhalten, ihr wollt vermehren
und verändern, ihr seid unersättlich.

Ich hatte am Sonntag kein Ziel, keine Absicht leitete mich; aber
unvermerkt verband sich, da ich mich dir hingab, mit dem Entzücken des
Augenblickes die Vorstellung von einem dauernden Glücke. Ich hoffte
nicht, denn du machtest mir keine Hoffnungen, aber es schien, als ob
das Glück werth wäre, festgehalten zu werden.

Hätte ich kühl überlegt, so hätte ich nicht geirrt, aber wie könnten
wir Frauen überlegen, wenn wir liebend beglücken!

Wie bald wurde ich gewahr, daß du nicht vom selben Wunsche erfüllt
bist, wie ich, und daß du nicht daran denkest, die Schwierigkeiten zu
überwinden, die uns Frauen niemals abhalten, Liebe zu vergelten. Kein
Mann wird Giulietta mehr umarmen. Ich habe nicht von dir, ich habe von
der Liebe Abschied genommen, nicht ohne das Gefühl eines Menschen, der
das bessere Gut verliert und sich an ein geringeres klammert, aber
nur um zu erfahren, daß ihm auch dieses versagt ist. Gräme dich aber
nicht darüber. Ganz ohne bange Zweifel konntest du nicht abgereist sein
und ich will dich beruhigen. Es ist mir genug geblieben, daß du ohne
Gewissensbisse in dein Land zurückkehren kannst. Ich bereue nicht und
die Gewißheit, einem lieben Menschen eine Stunde seligen Entzückens
geschaffen zu haben, bleibt mir doch.

Nun sieh' aber, was mir ein günstiges Schicksal gewährt hat. Peterchen
wird doch mein Söhnlein. Ich habe ihn beobachtet und mir über ihn
berichten lassen. So klein der Kerl ist, so weiß man doch, daß er gute
Anlagen und das beste Gemüth hat. In so jungen Jahren vergißt er seine
Mutter doch leicht und er wird an mir hängen. Der Verwaltungsbeamte hat
ihn mir überlassen, nachdem Josefa und andere Verwandte dazu riethen.

Der Abend beim Beamten verlief sehr angenehm. Man hat gesungen und
getanzt und ich bin gebeten worden, zu improvisieren. Die Italiener
lieben es, über ein aufgeworfenes Thema Gedichte zu rezitiren, die der
Augenblick gebiert.

Ich hatte großen Beifall und freute mich, unter Deutschen meine
göttliche Sprache zur Geltung zu bringen.

Die Empfangsräume der Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde --
wozu wir auch die Lehrer rechnen -- sind, dem Fortschritte und dem
Aufschwunge unseres Staatswesens entsprechend, ganz besonders prächtig.
Sie reichen durch zwei Stockwerke des Wohnhauses, in dem ich meine
Stube habe, und sie bilden zwei große und zwei kleine Säle, von welchen
man auf einer Seite in einen reizenden kleinen Garten gelangen kann,
und auf einer anderen Seite in einen blumengeschmückten Glassaal. Der
schönste Saal ist mit Stuckmarmor, Spiegeln, Broncecandelabern und
Lustern reich verziert. Die Herren vom Vorstande haben sich darüber
geeinigt, daß sie hier abwechselnd ihre Abende geben werden. Jeder
bestimmt seine Einladungen nach seinem Gutdünken. Es wird zwar niemand
ganz ausgeschlossen, aber der Zutritt wird nicht ganz gleichmäßig
vertheilt werden. Diesmal war auch ein Erzherzog auf kurze Zeit zu
sehen, der im Auftrage gekommen war, die neue Gemeinde zu begrüßen.

Dr. Kolb war da. Ein gesprächiger Mann. Es machte ihm Freude, zu hören,
daß ich von ihm weiß und daß ich die Bildhauerkunst hoch schätze. Auch
die Arbeiten meines Wahlbruders haben ihm sehr gefallen. Er vertraute
mir an, daß er den Auftrag habe, -- er sagte mir nicht, von wem, --
eine Venus in Marmor auszuführen. Ich solle ihm Modell stehen. Werde
mir nicht eifersüchtig, kein Mann soll mich mehr schauen. Der Künstler
aber erklärte mir den Vorwurf und er ist nicht von der Art, daß ich
seinem Wunsche nicht willfahren könnte. Peterchen wird nackt ausgezogen
und mir als Amor in den Nacken gesetzt, um mir die Augen zuzuhalten.
Wir streiten uns darum, ob der kleine Gott auf den Schultern knieen
oder rittlings hingesetzt werden soll. Wir neigen jetzt dem letzteren
Gedanken zu.

Ich wollte einige alte Toilettestücke verwenden, um die den Absichten
des Künstlers entsprechende Kleidung anzufertigen. Aber er wehrte mir;
man brauche da nicht zu sparen, der Stoff müsse von der Art sein, daß
der Faltenwurf schön ausfalle. Es werde eine Bekleidungskünstlerin aus
der Residenz kommen und man werde es sich etwas kosten lassen, um etwas
wahrhaft Schönes zustande zu bringen.

Wir -- Dr. Kolb und ich -- werden uns oft treffen, denn ich soll mehr
als andere Mädchen von der Geselligkeit in meiner neuen Heimath und
wohl auch in der Residenz genießen.

So magst du, Lieber, voraussetzen, daß Giulietta geachtet und glücklich
leben wird.

Lebe wohl und gedenke deiner Giulietta.« --

Ich verabschiedete mich von Anna und Jakob, die mir dankten, daß ich
Anlaß gegeben hatte zu einem Wiederaufleben ihres Liebesglückes. Als
ich in meine Wohnung kam, las ich den lieben Brief noch einmal. Es war
mir wirklich ein Stein vom Herzen, zu wissen, daß mich Giulietta ganz
und gar und ohne Kränkung frei gegeben hatte. Sie maß mir keine Schuld
bei und so konnte ich ohne Schuldbewußtsein aus Oesterreich scheiden.
Bei blankem Himmel fuhren wir mit vielen Schweizern, Franzosen und
Engländern auf dem Dampfer nach dem schweizerischen Ufer.

So endete unsere Reise.

       *       *       *       *       *

Hier sei es mir gestattet, noch einer Nachricht zu gedenken, die ich
nach Jahresfrist empfing und die mir Giuliettens Wesen noch deutlicher
machte. Meine Schwester Ellen ging nämlich auch nach Oesterreich, um
sich das Land anzusehen, von dem ich gerne erzählte. Sie brachte den
letzten Theil des Winters 2021 in Wien zu und blieb dann noch einige
Wochen, um auch auf dem flachen Lande sich umzusehen. Sie hatte mit
Lydia, der Tochter eines eingewanderten Amerikaners, Freundschaft
geschlossen, und diese erleichterte ihr die Nachforschungen, die sie
anstellen wollte.

Hier traf sie, ohne es zu wollen, mit Giulietta zusammen und den Theil
ihres Reiseberichtes, der sich auf diese Begegnung bezieht, lasse ich
hier folgen.

       *       *       *       *       *

In Höflein angekommen bat ich meine Begleiterin, mich mit den Frauen
und Mädchen bekannt zu machen, und wir wanderten daher nach dem
Parke, wo zu dieser Stunde lebhaftes Treiben herrschte. Unter einem
mächtigen Baume war eine große Anzahl von Damen versammelt und nachdem
Lydia sich genannt hatte, stellte sie mich vor: »Miß Lydia West aus
Boston.« -- Man erinnerte sich, daß im vergangenen Jahre ein Amerikaner
meines Namens in dieser Gegend weilte, und ich bekannte, daß er mein
Bruder sei und daß ich durch seine Schilderungen bewogen worden war,
gleichfalls dieses Land zu besuchen, um es kennen zu lernen und mich
insbesondere über die Stellung der Frauen aufzuklären.

Die Vorsteherin der Frauencurie, welche anwesend war, sagte mir alle
Aufschlüsse zu, die ich wünschen möge. Ein Mädchen von strahlender
Schönheit und stark sinnlichem Gepräge sah mir forschend ins Angesicht,
als ich mein Verlangen kundgeben, und, indem sie mir die Hand
entgegenstreckte, sagte sie: »Liebe Schwester, gestatte, daß ich dir
meinen Namen nenne; ich heiße Giulietta Chiari und will dir helfen,
deine Wißbegierde zu befriedigen.« Ich dankte lächelnd und wandte mich
anderen Frauen zu.

Als sich nach einer Weile die Gruppe aufzulösen begann, schob
Giulietta ihren Arm in den meinen und sagte: »Erlaube jetzt, daß ich
dich entführe nach jenem Hain.« -- Sie rief einen Knaben, der in
der Nähe spielte, und als sich Peterchen langsam erhoben hatte und
herangetrippelt war, brachen wir nach dem schattigen Wäldchen auf.
Lydia verabschiedete sich von mir und rief mir zu, daß wir beim
Abendessen um neun Uhr uns finden und dann beim Einbruche der Nacht
heimkehren wollten.

Da mich Giulietta mit sich fortzog, fragte sie: »Sage mir, Schwester
Ellen, ist dir mein Name bekannt?« Ich antwortete mit einem ehrlichen
nein! und sie sagte, nachdem sie sich umgesehen hatte, um sich zu
überzeugen, ob Peterchen seiner »Mama« folge. »So ist dein Bruder doch
verschwiegen.« -- »Hast du ihn näher gekannt?« -- »Gewiß, und was er
pflichtgemäß verschwiegen, will ich dir ohne Scheu anvertrauen, denn
wir Schwestern haben keine Geheimnisse unter uns.«

Giulietta versprach, mich am nächsten Donnerstage in die Versammlung
der Frauencurie in Höflein einzuführen, und schilderte ihre Verfassung
und Wirksamkeit. Jeden Donnerstag nach Tische versammelt sich die
Frauencurie im großen Bibliothekssaale und ist zu dieser Zeit das ganze
Stockwerk Männern und jungen Leuten verschlossen. Die Frauencurie
besteht aus allen Mädchen und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr
vollendet haben. Sie bestellt eine Vorsteherin und einige Lehrerinnen,
welche die Pflicht haben, heranwachsende Mädchen zur geeigneten Zeit
in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einzuweihen und sie in allem
zu unterrichten was erforderlich ist, um sich die Achtung der Männer
und den Frieden unter den Frauen zu erhalten. »Innerhalb dieser Grenzen
aber lassen wir umso größere Freiheit walten. Auch die staatlichen
Gesetze betreffend die Ehe, die Zeugung, die Familie, die Erziehung
und die Rechte der Mutter und Ehefrau sind Gegenstand des Unterrichtes.
So auch der Inbegriff aller jener Geheimnisse, die es uns erleichtern,
den Bedürfnissen der Gesellschaft zu entsprechen.«

»Nun liebe Freundin, haben die Bekenntnisse, die du mir versprochen,
eine Beziehung zu dem Frauenleben?«

»Gewiß und sie werden umso größeren Eindruck auf dich machen, weil dein
Bruder in meine Erzählungen verflochten ist. Sage ihm auch, wenn du
zurückkommst in dein Land, daß ich ihn der Pflicht der Verschwiegenheit
entbinde, wenn er dir seinerseits Bekenntnisse machen will, um dir noch
bessere Einsicht in unsere Verhältnisse zu gewähren.«

Wir ließen uns abseits vom Wege auf eine Bank nieder und Peterchen, der
sich neben einem Bache ins Gras legte, verfiel alsbald in Schlaf.

Ich sagte zu Giulietten mit einem Blicke auf den Knaben: »Bist du denn
verheirathet?«

»Nein, der Knabe ist verwaist und ich bin seine Pflegemutter. Das hängt
ein wenig mit der Begegnung zusammen, die ich mit deinem Bruder hatte.«

Giulietta erzählte mir ihre Lebensgeschichte; ich bat sie aber, darüber
hinwegzugehen, denn darüber hatte mir Julian berichtet, nur hatte er
mir keinen Namen genannt.

»Sage mir aufrichtig, liebe Schwester, hat er sich auch der Gunst
berühmt, die ihm jene Ungenannte erwiesen?«

»Ich kann diese Frage wahrheitsgemäß verneinen.«

»Nun,« sagte Giulietta, »mir ist es nicht verwehrt, davon zu sprechen,
denn es ist nur _=mein=_ Geheimniß. Höre.«

»An einem heißen Julitage badete ich in einer etwas abgelegenen Bucht
des Meeres bei Triest, als ich in einiger Entfernung einen Mann gewahr
wurde, der sich in den Fluthen tummelte. Ich war damals gegen meinen
Willen frei geworden eines Versprechens, das mich seit zwei Jahren
an einen Jugendfreund band. Die Bewerbungen anderer junger Männer,
welchen mein Schicksal bekannt war, hatte ich zurückgewiesen, eben weil
ich ihnen vorher mit der Hoheit einer für die Ehe geweihten Jungfrau
begegnet war und sie nicht den Gedanken fassen sollten, aus meinem
Unglücke Vortheil zu ziehen. Aber das Weib regte sich in mir, das
Verlangen, zu beglücken und darin selbst mein Glück zu finden, brach
zuweilen hervor und die Natur erinnerte mich daran, daß sinnliche
Begierden Gewalt über uns haben. Meiner Rechte war ich mir bewußt und
so wurde das Verlangen nach den Umarmungen jenes Fremdlings immer
stärker. Dein Bruder, jener Fremdling, ist ein Apollo und da er sich
mit dem Wasser balgte, bald mit mächtigen Stößen die Fluthen theilte,
bald untertauchte, dann wieder emporschnellte, verlor ich mich in
Betrachtung, ließ mich vom Wasser tragen und legte meine Wange auf
die glatte Fläche, ohne meine Glieder mehr zu bewegen, als nöthig war,
um nicht unterzusinken. Nun wurde jener Mann auf mich aufmerksam und
wie er errathen haben mochte, daß dort ein Weib bade, wandte auch er
seinen Blick nicht mehr von mir. Er näherte sich langsam, nicht ohne
mir Zeit zu lassen, mich zu flüchten, und da ich die Gelegenheit nicht
ergriff, meine Augen auch nicht von ihm ließen, steuerte er endlich
an meine Seite und grüßte achtungsvoll. Er bat um die Erlaubniß, in
meiner Nähe zu bleiben, und nun durchmaßen wir die Bucht und schwätzten
von unserer Heimath und dergleichen. Julian schlug mir vor, ins weite
Meer hinauszuschwimmen, und da ich sah, daß er sich in den Schranken
zu halten wisse, die wir den Bewerbungen der Männer setzen, willigte
ich ein, sagte aber scherzhaft, ich wolle mich versichern, daß er mich
nicht etwa auf der weiten Wasserwüste allein verschmachten lasse,
wenn er meine Gesellschaft würde satt haben. Ich band einen Kahn, in
welchem ich meine Kleider abgelegt hatte, vom nahen Ufer los, zog die
lange Leine hervor und knüpfte sie an seinen linken Fuß. Er lachte und
zog das Fahrzeug, als er mit mir ins Meer hinausschwamm, sich nach.
Obwohl er nun nur _=ein=_ Bein zum Schwimmen frei hatte, ging es doch
rasch vorwärts, denn Julian ist von herkulischer Kraft und wunderbarer
Gewandtheit, was ich in der Erregtheit, die ich fortwuchern ließ, mit
Wohlgefallen bemerkte. Bald waren wir soweit ins Meer hinausgekommen,
daß wir kaum mehr die Ufer unterscheiden konnten, und Julian regte
den Gedanken an, daß wir uns jetzt von den Fluthen tragen lassen und
das Gesicht dem Himmel zuwenden sollten. Obwohl mein Schwimmkleid den
Oberkörper nicht verhüllte, wies ich diesen Vorschlag nicht zurück
und so lagen wir nun eine Weile wie Gatten auf einem endlos weiten
Brautbette. Julian verschlang mich mit den Augen, hielt aber immer
auf Armeslänge von mir, und so schwelgten wir im wechselseitigen
Anschauen. Nun näherte ich mich selbst und schob meinen Arm unter des
Gefährten Schultern. Er that desgleichen, aber da wir so verstrickt
neben einander lagen, wagte der Genosse dieser süßen Stunde doch nicht,
seine Lippen den meinigen zu nähern, und so zog ich ihn jetzt an meine
Brust und besiegelte mit einem Kusse das Bündniß, nach dem wir beide
verlangten. Und denke, auch jetzt noch beschränkte sich sein Mund auf
meine Lippen und darum vergrub ich meine Finger in seine Haare und
lenkte ihn sanft nach meinem Busen: Da erfaßte ihn wilde Begierde --
und doch, da ich sagte: »Julian, sei vernünftig, laß mich die Zeit
wählen,« riß er sich los und wir trennten uns wieder. Nur seine Augen
ließen nicht mehr von mir und zu unbefangenem Plaudern konnte ich ihn
nicht mehr bringen.«

»Ich war jetzt seiner Selbstbeherrschung gewiß und so forderte ich ihn
bald auf, den Kahn heranzuziehen. Wir nahmen in selbem Platz und Julian
ruderte mich ans Land.«

»Als wir uns dem Ufer näherten, bat Julian um die Erlaubniß, mir die
Dienste einer Zofe zu leisten, und ich erlaubte ihm, mich zu bekleiden.«

»An jenem Abend genoß ich das Liebesglück in seinen Armen; das erste
Mal in den Armen eines Mannes!«

»Welcher Sturm des Genießens, welche Leidenschaft! Ich hätte
mich wahrlich willig erdrücken lassen. Das Weib fühlt sich in
diesem Augenblicke dem Universum verbunden und glaubt, in sich
zusammenzufassen alles Liebesglück, das unzählbare Menschen in Aeonen
genossen.«

»Eine Woche später trafen wir hier zusammen. -- Ich hatte mich von
meiner Heimath losgerissen und war am Tage der Eröffnung dieser jungen
Gemeinde hier eingetroffen. Der Zufall führte uns auf dem Gelände
zusammen. Er warb noch einmal um meine Gunst, indem er sich eines
Fingers bemächtigte und ihn zärtlich drückte. Nach kurzem Besinnen
erwiderte ich den Druck und gab ihm so meine Einwilligung zu erkennen,
ihm wieder anzugehören.«

Während dieser Erzählung hatten wir unseren Ruheplatz verlassen und
Giulietta hatte ihren Schützling in ihre Arme genommen. Der hatte
ein paarmal im Schlafe aufgeredet, dann lag er wie ein Mehlsack an
ihrer Brust, das Gesicht auf ihrer Schulter. Wir betraten Giuliettens
Stube und nachdem sie Peter in seinem Bettchen niedergelegt, den
Schlummernden entkleidet und ihm zärtlich die Wange geküßt hatte, fuhr
sie fort.

»In diesem Stübchen warb dein Bruder wieder um mich. Er war weniger
rücksichtsvoll als in Triest. Ich mußte ihn mehr als einmal
zurechtweisen.«

»Endlich siegte sein Werben über meine Zurückhaltung und da ich ihm
willfahren wollte, entließ ich ihn auf kurze Zeit aus meiner Gegenwart
unter dem Vorwande, daß ich nach einer Rose begehrte, die er mir aus
dem Garten holen solle.«

»Ich hatte dort eine herrliche Rose gesehen, in deren innerstem
Kelche ein Insekt, halbbetäubt vom Dufte, wie taumelnd nach einem
Auswege suchte. Es kam mir vor, wie ein verliebter Mann, der seinen
Wunsch erfüllt sah und nun nach Freiheit begehrt. Ich wollte es nicht
entkommen lassen und meinte, es solle im Uebermaße des Wohlgeruches den
Tod finden. So nahm ich ein Stück vom Spinnengewebe, das sich von einem
Zweige der Rose zum andern spann, und versperrte ihm alle Auswege.
Dieser Rose erinnerte ich mich und Julian sollte sie mir bringen. Als
er, schönen Lohnes sicher, davon gerannt war, um die Rose zu holen,
bereitete ich mich und mein kleines Gemach vor, ihn zu empfangen. Da
er wieder kam und sich an meine Brust warf, wurde er die Gelegenheit
gewahr, die ich ihm bot; er bemächtigte sich ihrer und holte sich aus
der losen Hülle seine Najade hervor. Da er sah, daß ich unserer ersten
Zusammenkunft gedacht, hob er mich mit einem Freudenrufe in seine
Arme und bettete mich auf meinem Lager. Noch einmal schwelgten wir im
Entzücken des Liebesgenusses. Aber da kam dann eine Enttäuschung. Es
bemächtigte sich meiner ein süßes Gewöhnen, ich suchte nach dauerndem
Glücke, ich träumte davon, mich immer wieder aufs Neue zu berauschen,
ich glaubte, wir sollten uns immer angehören. Er konnte ja hier bleiben
oder mich nach Amerika mitnehmen. Ich war mir nicht klar, wie es werden
sollte, aber ich wurde für einen Augenblick Sclavin einer Leidenschaft.«

»Als wir uns später im Garten begegneten, mochte er ebenso, wie ich,
gedacht haben, was werden solle. Ich glaubte aber zu bemerken, daß
seine Neigung zu mir weniger ernst sei; ich zweifelte daran, daß er
meine Gunst nach ihrer ganzen Größe zu schätzen wisse, und da nahm
ich die Rose aus meinem Haare und entließ das Insekt. Er deutete die
symbolische Handlung offenbar richtig, protestirte nicht, und ich war
überzeugt, daß er der Freiheit, die ich ihm eröffnete, sich bemächtigen
wolle. So schieden wir und ich suchte mein Verlangen niederzukämpfen.«

»Von meinem Fenster sah ich noch, wie er, vorgebeugt und innerlich
zerrissen, nach meiner Stube blickte. Aber bald darauf hörte ich auf
der Landstraße einen Reiter davon stürmen und ich wurde Herr über meine
Schwäche.«

»Und hast du deine Ruhe wieder erlangt, liebe Giulietta?«

»Es hat mich einen Kampf gekostet, aber ich habe deinen Bruder
großmüthig freigegeben und der Liebe ganz entsagt. Seit dem Liebesfeste
in Triest schien mir, als hätte ich den Gipfel des Glückes erreicht
und als ob die zweite Hälfte des Lebens nur noch geringen Werth hätte.
Ich hätte damals aus dem Uebermaße des Glückes willig in das Reich
der Schatten hinüberschlummern mögen. Und als ich dann sah, daß die
Liebe, losgelöst von der reinen Freude des Mutterglückes, nicht dauernd
befriedigen kann, beschloß ich, ihr zu entsagen.«

»Kann man das, wenn man vom Kelche der Liebe gekostet?«

»Mir war es möglich, denn ich hatte zweimal mit aller Gluth geliebt und
war zweimal um das Glück betrogen worden.«

»Und hast du dich wirklich wiedergefunden?«

»Das habe ich. Mein väterlicher Freund Dr. Kolb pflegt zu sagen, unsere
Gesellschaftsordnung sei einem gesunden Organismus zu vergleichen, der
einen mächtigen Heiltrieb in sich birgt. Alle Wunden vernarben schnell.
Bei mir hat dazu dieser kleine Schatz viel beigetragen.« -- Giulietta
wies auf ihren schlummernden Schützling und erzählte mir, daß sie den
Knaben das erstemal gesehen habe, als sie mit Julian das letztemal im
Garten gesessen. Sie habe ihn adoptirt und lebe jetzt nur der Pflicht,
einen rechten Menschen aus diesem Kinde zu machen. »Dr. Kolb nennt das
einen antiseptischen Verband,« sagte Giulietta lachend.

Es war mittlerweile dunkel geworden und als Giulietta Licht gemacht
hatte, sah ich verwundert, daß ihre Stube reizend decorirt war und
viele Kunstschätze barg. Eine in Holz geschnitzte Nymphe erkannte ich,
da mir Julian davon erzählt. »Ich sehe daß Julian viel an Dich gedacht
hat, denn von dieser Nymphe sprach er oft und gerne, und niemals wollte
er sagen, wo er dies Meisterwerk gesehen. Aber ich bemerke da vielerlei
was er mir wohl würde beschrieben haben, wenn es ihm bekannt gewesen
wäre. Du nimmst wohl eine hohe Stellung im Staate ein, da dich solche
Pracht umgiebt?«

»Nein, Ellen, ich bin nur Vorsteherin einer Unterrichtsanstalt für
die Strohflechterei, in welchem Berufe ich mir wohl große Verdienste
erworben habe, weil ich ebenso erfinderisch als ökonomisch bin. Aber
diese kleine Schatzkammer verdanke ich nicht meiner Stellung.«

»War Julian nie hier?«

»Doch, unsere Schäferstunde haben wir hier genossen und gerade
darum möchte ich die Stube nie vertauschen. Aber ich war erst aus
Italien angekommen, was da angesammelt ist, hat sich nach und nach
zusammengefunden. Zuerst sandte mir ein gewesener Arzt, Dr. Kolb, der
jetzt ein großer Bildhauer ist, diese Broncefigur, eine Venus. Ich habe
sie redlich verdient, denn ich stand ihm Modell zu der Marmorstatue,
die er auf Wunsch der Kaiserin anfertigte, welche damit den Gemahl
zu Weihnachten überraschte. Mit ihrer Erlaubniß hat der Künstler das
Werk in verkleinertem Maße copirt und mir diesen reizenden Bronceguß
übersandt. Aber das kostbarste in meinem Besitze ist diese Glastafel.«

Sie nahm eine Glastafel vom Fenster und hielt sie gegen das Licht, um
mich das merkwürdigste Kunstwerk sehen zu lassen.

»Das hat der Bruder meiner verstorbenen Mutter, __Matteo Folco,__
gemacht. Er ist der berühmteste Glasschleifer des Kontinents und
seiner Arbeiten hätte sich der erste Gemmenschneider der alten Welt
nicht zu schämen. Die Civilliste hatte ihn angeworben und er bedang
sich viele Vortheile aus. Er hat sich und seine Kunst außerordentlich
vervollkommt und viele Schüler ausgebildet. Mit fünfundvierzig Jahren
wurde er vertragsmäßig in Ruhestand versetzt, und die Civilliste hat
ihn bis an sein Ende zu erhalten und ihm alle Vortheile zu gewähren,
die er früher genossen hat. Er arbeitet jetzt nur, wenn es ihm
Freude macht, und alle seine neuen Werke stehen für dreißig Jahre zu
seiner alleinigen Verfügung. Erst nach dieser Zeit fallen sie an die
Civilliste. Er mag sie in seinem Besitze behalten, oder Freunden und
Verwandten überlassen, oder verdienten Männern widmen, das ist seine
Sache. Da ich sein Liebling bin und er gerade mir auch, weil ich
Kränkung erlitten, nach seinem Vermögen eine Freude bereiten wollte,
hat er mir dies Kunstwerk übersandt. Sieh nur, diese Pracht! Adam und
Eva im Paradiese, die Menschheit in ihren Anfängen. Glücklich, in der
Hoffnung ewigen Lebens auf dieser Erde; nicht von Sorge, Krankheit,
Arbeit oder Schuld bedrückt, Urbilder menschlicher Schönheit. In
trauter Gemeinschaft schreiten sie durch das hohe Gras, Adam mit
Früchten des Waldes beladen, Eva mit Blumen tändelnd, die beiden
Gruppen unseres Reichthums vertretend, das Nützliche und das Schöne.
Dem entspricht auch die Riesenkraft des Urvaters und die Anmuth seiner
Genossin. Das Paradies zeigt uns den Urwald, die reich bewachsene Flur,
die strotzende Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und alles Gethier umgibt
das Menschenpaar, ihm unterthan. Welche Fülle der Formen und Gestalten
hat der Künstler hier in den Bereich seiner Darstellung ziehen können.
Herrlich sieht man dort zur Rechten zwischen Bergen in das weite
Meer hinaus und in den leicht gekräuselten Wellen spiegelt sich die
Sonne, welche eben emporsteigt. Der Rand ist mit farbigen Ranken und
Blumen aus gesponnenem Glase umgeben. Die Spiegelscheibe, die Matteo
nöthig hatte, könntest Du in Amerika für dreißig Cents kaufen; was
aber hat die Kunst des Oheims daraus gemacht! Er selbst hat niemals
etwas von dieser Vollendung und diesem Reichtum geschaffen. Der beste
Zeichenkünstler in Oesterreich hat ihm das Bild entworfen und die
Arbeit von zwei Jahren ist darauf gewendet worden. Ein englischer Lord
hat zehntausend Pfund Sterling dafür geboten. Aber mir steht natürlich
kein Recht zu, das Werk zu veräußern, wie ich auch kein Geld besitzen
darf, und der Civilliste ist es gar nicht feil. Es wäre auch dem Volke
gegenüber nicht zu verantworten, wenn man das Meisterwerk außer Landes
gehen ließe. Im Gegentheile ist auch die Civilliste eifersüchtig
darauf, daß kein __Matteo Folco__ in ihren Sammlungen fehle.«

»Und du verbirgst diesen Schatz neidisch?«

»Nein, das wäre eine Sünde; alles, was schön ist, soll genossen werden.
In ganz Europa ist bekannt, daß hier diese Merkwürdigkeit zu sehen ist,
und kein Reisender versäumt es, hier abzusteigen.«

»Da müssen dir doch die Besuche lästig werden.«

»Wenn ich alle empfangen müßte, die hierher pilgern, das wäre eine
Qual! Aber es hängt von mir ab, wen ich zu meiner Stunde vorlassen
will. Das Werk wird meistens in den Stunden besichtigt, die ich in
der Schule verbringe. Nur berühmte Männer und schöne Frauen, die ich
begünstigen will, lasse ich in den Stunden vor, die ich für den Empfang
gewählt habe.«

»Das mag dir viel Anregung bieten.«

»Es wird mir vielleicht noch lästig werden, aber jetzt macht mir der
Besuch merkwürdiger Menschen noch viel Vergnügen. Für nächste Woche
erwarte ich den Besuch des Kaisers und der Kaiserin. Die Erzherzoge
waren alle da; aber den Kaiser haben die Jagden und die Empfänge in der
Hofburg bisher abgehalten. Nun hat mich die Kaiserin bitten lassen, Tag
und Stunde für den kaiserlichen Besuch zu bestimmen. Ich ließ sagen,
daß ich sie am nächsten Sonntage um 12 Uhr erwarte, es müsse aber der
Kronprinz mitkommen und mir erlaubt sein, ihn zu küssen. Wir sind
nämlich dem Prinzen sehr zugethan, weil er den Jakob aus dem Wasser
gezogen.«

»Davon erzählte mir Julian.«

»Er soll ein allerliebster Junge sein und ich freue mich, ihn bei mir
zu sehen. Die Kaiserin versprach, den Prinzen mitzubringen, meinte
aber, den Kuß sollte ich erlassen. Ihr Sohn sei im vierzehnten Jahre,
man wolle ihm die Unbefangenheit bewahren. Aber ich bestehe auf meinen
Bedingungen; es wird ihm nicht schaden, wenn er bei Zeiten küssen
lernt.«

»Du scheinst mir eine Egoistin zu sein.«

»Ellen, wo denkst du hin! Der Prinz muß es sich zur Ehre rechnen, wenn
ihn ein schönes Mädchen küßt, und die Kaiserin hat auch nachgegeben.«

»Bei uns würde man einen Dollar Eintrittsgeld bezahlen.«

»Das kann ich mir denken. Nun aber habe ich doch auch allerhand
Vortheile. Man sendet mir mancherlei schöne Sachen aus allen Theilen
Europas. Teppiche, Vasen, Broncen, kostbare Möbel, Vorhänge und Tapeten
haben sich nach und nach angehäuft. Es ist nicht das Kunstwerk allein,
das mir Freunde macht, man will mir, so gut es geht, wettmachen, was
ich verloren. Freilich ersetzen mir die zahllosen Tropfen von Liebe,
die die Mitmenschen auf mich niederträufeln lassen, das weite Meer
des Glückes nicht, das ich einmal geträumt habe, aber ich wäre eine
Närrin, wollte ich die Freundlichkeiten zurückweisen. -- So hat sich
nach und nach alles hier verändert, nur das Bett lasse ich mir nicht
vertauschen.«

Und unverwandt den Blick auf diese Lagerstätte gerichtet, wandte sie
ihr Antlitz mit einem reizenden Lächeln mir zu und küßte mich beinahe
inbrünstig.

»Frachtgut,« sagte sie dann, mich etwas coquett anlachend. --

»Ich will es an die Adresse befördern,« sagte ich darauf. »Aber sage,
Giulietta, soll Julian wiederkommen?«

»Um Gotteswillen, nein. Das Meer, das uns zusammengeführt, liegt jetzt
zwischen uns und so soll es bleiben. Siehst du, ich denke mir, daß
Julian sich nicht entschließen konnte, sein Vaterland zu verlassen,
und daß er zu gewissenhaft war, mich zur Expatriirung zu bestimmen.
Darin liegt ja doch noch keine Kränkung, wenn man es nicht vermag,
dem Geliebten das Vaterland zu ersetzen, das Größte was der Mensch
besitzt. Käme er wieder, so begänne vielleicht eine neue Reihe von
Enttäuschungen, welchen ich nicht gewachsen wäre. Und andererseits
denke ich, wenn ich bei dem mein Glück nicht fand, dem ich das
kostbarste Geschenk darbrachte, das ich nicht wieder bieten kann, wie
sollte ich bei irgend einem Manne auf jene nie verlöschende Gluth der
Leidenschaft rechnen, ohne die mir die Liebe eine Unwürdigkeit scheint.«

Ich stellte jetzt die Frage:

»Hast du der Gesellschaft vergeben?«

»Das habe ich allerdings. Zuweilen träume ich von dem Glücke, das ich
mir in jungen Jahren ausgemalt. Mein Giacopo sitzt wieder zu meinen
Füßen, er flüstert von unseren Hoffnungen, und rasch zieht Bild um
Bild an meiner Seele vorüber. Die Vorbereitung der Trauung, die süße
Bangigkeit der Braut, die Hochzeitsfeierlichkeit, die Besitzergreifung
vom heißersehnten Glück, die zärtliche Besorgtheit des jungen Gatten;
jetzt glaube ich, daß sich ein neues Glück ankünde, ich sehe den Mann
frohlocken über meine Botschaft, dann umstehen Frauen mein Bett,
bereit, mir beizustehen und jetzt will ich den Sprößling an meine Brust
drücken. Da grinst mir ein sieches, unschönes Geschöpf entgegen und
mit einem Angstruf werde ich wach. Mache ich dann Licht und sehe den
blühenden Schützling neben mir sorglos schlummern, so fühle ich mich
wie erlöst.«

»Dr. Kolb pflegt zu sagen: Gut und bös, schön und häßlich streiten sich
um die Materie, ohne welche nichts ist. Wir müssen alle Materie für die
Schönheit gewinnen, die Erde muß ein Himmel werden. Ich bin dem Schönen
zu sehr ergeben, daß ich mich ihm in den Weg stellen möchte.«

Nach einer Pause sagte ich, um Giulietta aus ihren Träumereien zu
reißen:

»Julian wird mich fragen, was aus seinen Bekannten geworden ist.«

»Man erinnert sich gerne an ihn und ich kann mir denken, was ihn
interessiert. Dr. Kolb hat zwar nicht mit seiner ‘Braut,’ wohl aber
mit der ‘Venus’ den ersten Preis errungen, ist Akademiker geworden
und hat vom Staate unbeschränkte Mittel angewiesen erhalten, seine
Kunst zu pflegen. Er will Tulln nicht verlassen, hat dort aber einen
Kreis von Schülern um sich versammelt, die ihn in der Ausführung großer
Werke unterstützen. Anna hat noch am Tage der Abreise deines Bruders
sich mit Jacob trauen lassen. Da die kaiserliche Familie noch in
Bregenz war, nahm diese an den Hochzeitsfeierlichkeiten theil und der
Kronprinz selbst überbrachte Anna einen herrlichen Blumenstrauß. Jacob
war zur Stunde gesund geworden, denn er wollte wohl noch am selben
Tage für Nachkommen sorgen. Und Anna hofft auch, am 7. Mai Mutter zu
werden. Jacob ist jetzt sehr stolz. -- Die Hochzeitsferien brachten die
‘jungen’ Eheleute auf dem Rigikulm zu; der Kaiser hat den Aufwand zu
Lasten der Civilliste übernommen. -- Aber Jacob wollte auch mit seiner
Anna die »Jungfrau« besteigen. Das hatte einige Schwierigkeiten. Es
müssen zwölf gewandte Bergsteiger mit eigenem Geräthe zusammenwirken,
um den Verstümmelten auf solche Höhe zu schaffen. Das Geräthe
übersandte man von Tulln aus und im Berner Touristenvereine fanden sich
auf Empfehlung des Schwestervereines von St. Pölten ein Dutzend junge
Männer, die das Wagniß unternahmen und glücklich durchführten.«

»Lori ist zweite Vorsteherin der Krippe in Tulln und hat nach dem
Zeugnisse des Arztes eine vollendete Geschicklichkeit und Kenntniß in
der Pflege der Neugeborenen erworben, unter welche wohl noch im April
ihr eigener Sprößling wird aufgenommen werden. Ihren Mann haben sie
zum Tribun erwählt und er zeichnet sich durch Besonnenheit, Festigkeit
und persönliche Würde vor allen seinen Amtsgenossen aus.«

»Martin ist Wagenlenker am kaiserlichen Hofe und Selma oberste
Verwalterin der Kleiderkammer unserer Kaiserin.«

»Die jüngere Schwester der Lori ist die Braut des Erzherzogs Adolf
geworden. Die Hochberg'schen Mädchen sind zur Liebe geschaffen, aber
wehe dem Manne, der nicht Treue hielte. Der Erzherzog ist etwas
verliebter Natur. Ich sah ihn in den ersten Tagen meines Hierseins
beim Verwaltungsbeamten. Er fand später oft einen Vorwand, unsere
Montagabende zu besuchen und bald verrieth er sich: er hatte Gefallen
an mir gefunden. Obgleich er ein schöner junger Mann ist, wollte ich
meinem Vorsatze nicht untreu werden, und ich ermunterte ihn nicht.
Als er eines Abends immer nur mit mir tanzte und sich noch einmal um
einen Tanz bewarb, willigte ich zwar ein, aber unter der Bedingung,
daß er demnächst einen allgemeinen Tanzabend in Höflein besuche und
mit allen Mädchen ohne Unterschied tanze. Das sagte er lachend zu,
aber er kam nicht mehr zum Montagempfange. Als nun im Dezember die
Wintertanzabende begannen und wir im tollsten Tanze begriffen waren,
hörten wir auf der beschneiten Landstraße lustiges Schellengeklingel
und schon hielt ein Zug Schlitten vor dem Gemeindepalast und Erzherzog
Adolf entstieg mit vielen Herren und prächtigen Mädchen den Pelzen und
warmen Decken, um an unserem Feste theilzunehmen. Der Prinz begrüßte
mich hochachtungsvoll und sagte, er wolle sein Wort einlösen, und so
tanzte er denn auch mit allen Mädchen und jungen Frauen, nur nicht
mit mir. Er sagte, den jungen Männern habe er Ersatz mitgebracht für
das, was sie an ihn und die Herren seiner Begleitung verlören. Die
Wiener Mädchen waren durchweg hervorragende Schönheiten der Residenz,
allen voran die jugendliche Schwester des Erzherzogs. Sie unterhielten
sich vortrefflich, etwas ungezwungener vielleicht, als auf den Bällen
in Wien, und Erzherzog Adolf verabschiedete sich am Morgen mit einem
Händekuße von mir und sagte, er habe sich Hoffnungen auf meine Gunst
gemacht, halte aber seine Bewerbungen für abgelehnt. Ich erwiderte ihm
daß ich keinem Manne Gehör schenken würde und meine Zurückhaltung ihn
nicht kränken solle. Als die Gesellschaft heimfuhr, stiegen einige
junge Männer zu Pferde und geleiteten die Gäste mit Fackeln bis
Klosterneuburg. Die Mädchen riefen ihnen zum Abschiede zu, sie hätten
sich königlich unterhalten.«

»Ich erzähle mehr als billig von mir, liebe Ellen aber es ist mir, als
spräche ich mit Julian.«

»Von Mary Lueger hast du mir noch nichts berichtet.«

»Mary! Sie ist eine Convertitin geworden.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Mary war voll Liebenswürdigkeit und voll Herzlosigkeit. In den ersten
Monaten ihrer Ehe spielte sie mit ihren Manne wie die Katze mit der
Maus. Lächelnd beobachtete sie seine Werbungen, lächelnd ergab sie sich
ihm, lächelnd ruhte ihr forschendes Auge auf ihm, wenn er seine Lust
gebüßt hatte. Es wollte sich kein rechtes Glück in der Ehe einstellen.
Sie glaubte ihn unzufrieden und mit Tändeleien und Coquetterien
führte sie ihren Mann immer wieder zu sich zurück, wenn es schien,
er werde gleichgiltig. Es kam zu keiner Aussprache. Es erweckte aber
doch einiges Mißbehagen in Marys Gemüth, da sie zu entdecken glaubte,
daß Lueger sich unglücklich fühle. Sie war sich klar darüber, daß
ihr Mann nicht nur Leidenschaft fühlen, sondern auch erwecken wolle.
Sie war aber von Natur kalt und glaubte, da sie seine Frau wurde,
es wäre genug, wenn sie den stürmischen Mann gewähren ließe. Sie
fühlte aber später doch, die »Lebensart« fordere etwas mehr, und es
widerstrebte ihr, eine Dissonanz in ihrem Verkehre mit dem Manne ihrer
Wahl aufkommen zu lassen. Aus purer Güte und geselliger Gentilliezza
spielte sie jetzt ein wenig die Sinnliche. Sie lächelte weniger,
zeigte sich unruhig, schien sich in seinen Armen zu erwärmen, drückte
ihm dankbar die Hand und da sie früher mit ihren Reizen Verschwendung
trieb, wurde sie zurückhaltend, als wünsche sie den Mann zu größerer
Leidenschaft aufzustacheln. Dieser zeigte sich freudig überrascht, die
erste Leidenschaft kehrte zurück und je stürmischer er wurde, umso
weniger konnte sie es über sich bringen, die Maske fallen zu lassen
und einzugestehen, daß sie sich verstellt habe. Im Gegentheil, je
glühender der Mann wurde, umso größere Wollust heuchelte die Frau. Da,
im vierten Monate der Ehe, löste sich der Bann. Eines Tages, fühlte
Mary in den Umarmungen ihres Gatten wirkliche Wollust, ein elektrischer
Schlag durchzuckte ihren weißen Leib und sie sah mit Sehnsucht und
Verehrung auf ihren Mann. Immer mächtiger wurde ihr Liebesbedürfniß,
sie umschlang den Gatten mit einer Gluth, die ihm bisher fremd war, und
einmal, da er gleichgiltig schien, warf sie sich vor ihm auf die Kniee
und warb in sinnloser Begierde um seine Liebe. Er streichelte ihr erst
mitleidig die Haare und da sie nicht müde wurde, seine Sinnlichkeit
herauszufordern, zog er sie endlich entzückt in seine Arme und es
folgte eine jener süßen Stunden, in denen sich zwei Menschen alles
sind.«

»Lori hatte ihre Freude daran, als ihr Mary bekannte, sie sei jetzt von
Sinnlichkeit beherrscht, wie jede andere Frau. Es habe ja so kommen
müssen, sagte Lori, Kälte sei unnatürlich an einer Frau.«

»Seid ihr so offen gegenseitig?« fragte ich.

»Die Frauen untereinander schenken sich jedes Vertrauen. Uns
Unvermählten gegenüber sind sie sonst verschlossen, wie auch wir den
verheiratheten Frauen gegenüber eine geschlossene Kaste bilden. Wir
tauschen unsere Erfahrungen sonst nur theoretisch aus und lassen
Offenheit nur walten, wo sie durch die Gesetze geboten ist, die wir uns
selbst gegeben.«

»Welcher Art sind diese Gesetze?« fragte ich.

»Sie zielen darauf ab, die Männer uns unterthan zu erhalten in allem,
was die Liebe betrifft. Sie sollen nicht erkalten, aber auch nicht
in stumpfe Sinnlichkeit verfallen, es soll ihnen nicht gelingen,
Uneinigkeit unter uns zu säen. Kein Ehemann darf Gehör finden, wenn er
sich von seiner Frau wendet, ausgenommen, er erwirkt die Scheidung und
wird von der Frauencurie schuldlos befunden.«

»Fürchtet ihr nicht die Geschwätzigkeit der Männer, wenn ihr
untereinander keine Geheimnisse habt?«

»Wir führen ein strenges Regiment. Es ist vorgekommen, daß ein
Unersättlicher sich, um eine Umworbene willfähriger zu machen, auf
Gunstbezeugungen berief, die ihm andere Mädchen erwiesen. Das wurde
hart geahndet. Ein solcher Rebell wurde für ein halbes Jahr unter
Bann gethan und wir kehrten ihm alle den Rücken, bis er seine Strafe
abgebüßt hatte.«

»Sollte sich da keine Schwache unter euch finden, die den Verbrecher
heimlich begünstigt?« entgegnen ich.

»Das halte ich für unmöglich. Jede einzelne von uns hat heiligen
Respect vor der Curie.«

»Und woran ist denn die Vervehmung erkennbar?«

»Wir haben genügende Mittel, uns untereinander zu verständigen, unsere
Rache verfolgt den Verbrecher bis an die äußerste Grenze des Reiches.«

»Und wie bist du, eine Unvermählte, hinter die Geheimnisse Marys
gekommen?« forschte ich weiter.

»Ich bin exemt« sagte Giulietta. »Ich gelte für eine Philosophin und
Gelehrte in Liebessachen, die sich darüber nur aus wissenschaftlichem
Interesse informirt, daher ich auch zu Rathe gezogen werde und
Anwartschaft habe, zur Vorsteherin gewählt zu werden. Ich vereinige
auch eine große Summe von Erfahrungen in mir. Ich bin halb und halb
Frau, denn ich war nahe daran, mich zu vermählen. Ich habe die Liebe
gekostet und bin dann doch Vestalin geworden. Seither habe ich die
Frauenliebe in den edelsten und abschreckendsten Formen zum Gegenstande
des Studiums gemacht. In unserer Frauenbibliothek habe ich alles
durchforscht, was auf die Liebe Bezug hat; Geschichte, Dichtung,
Psychologie und Physiologie habe ich unermüdlich ausgebeutet, um die
Frage zu erschöpfen, was Leib und Seele in der Liebe gewirkt, genossen
und gelitten haben. Und gerade diese theoretische Befassung mit dem
großen Räthsel »Liebe« hat mich gefeit gegen jede Versuchung, meinem
Vorsatze untreu zu werden. Ich habe viele Vorträge in der Frauencurie
gehalten, und da man erfahren hat, wie sehr meine Wissenschaft und
Lehre meinen Schwestern nützlich werden kann, tragen mir alle Bausteine
zu für den Aufbau meiner Theorieen. Allerdings habe ich mir das
Vertrauen aller erworben, da ich keinen Mißbrauch mache von dem, was
man mir mittheilt.«

»Unter diesen Umständen wage ich nicht zu forschen, wie Marys Eheroman
weiter verlaufen.«

»Ich rechne darauf, daß du und Julian mich nicht blosstellen werdet.
Amerika ist weit und du bist gewiß nicht weniger gewissenhaft, als sich
dein Bruder erwiesen hat.«

»Mary und Lueger wurden die verliebtesten Eheleute, die man sich
vorstellen kann. Mary, welche vorher kalt wie Eis war, fürchtete, in
unersättliche Sinnlichkeit zu verfallen und sich gegen alle anderen
Reize des Lebens abzustumpfen. Auch regte sich die Eifersucht, bevor
noch ihr Mann ihr den geringsten Anlaß zu Befürchtungen gegeben,
und eines Tages, als Lueger mit seiner Frau tändelte, zog sie einen
scharfgeschliffenen Dolch hervor und ließ ihn die Inschrift lesen,
die darauf eingeprägt war: ‘Jeder, der ein Weib, mit Begierde nach
ihr, ansieht, hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinen Herzen.’
Betroffen sah er auf und seine blonde, gleichmütige, immer freundliche
Mary war ganz verändert. Sie küßte ihren Mann und sagte: ‘Ebenso
heilig, wie dir die Gattenrechte deiner Brüder sein sollen, muß dir
auch das Recht sein, das ich auf dich habe. Gieb mir je Anlaß, an dir
zu zweifeln, und, ich schwöre es dir zu, diese Waffe wird das Band
lösen, das dich an mich kettet.’ Er umarmte sie stürmisch und versprach
ihr Treue auch in Gedanken.«

»Mary wurde nun gewahr, daß sie von einem Fehler in den
entgegengesetzten verfallen war. Sie wurde ungesellig, abstoßend
gegen andere Männer, sie schloß sich mit ihrem Manne ein, und unsere
»Medizinschwester,« wie wir die Frau Doktor nennen, machte ihr
Vorstellungen. Die junge Frau wurde bleich, die Augen verloren den
Glanz, sie war oft in Gedanken verloren, wenn ihr Mann abwesend war,
es drohte Gefahr, daß ihr Nervensystem erschüttert werde, und da
rieth ich zu theoretischen Studien über die Liebe. Ich sagte, sie
solle ihren Mann auffordern, ihr Geschichtsvorträge über die Liebe
und Ehe zu halten. Er sammelte Material und that ihr ihren Willen.
Gewöhnt, die Geschichte mit philosophischem Geiste zu erfassen und
zu tradieren, wurden diese Vorträge ihm und seiner Frau zu einer
heilsamen Belehrung und mittlerweile hatte ich Mary auch unser
reichhaltiges Materiale erschlossen, und so hielt auch sie dem Gatten
Vorträge, in welchen zu seiner Ueberraschung neue historische Bilder
und philosophische Theoremen zu einem Ganzen verwebt waren, wobei Mary
aber gewissenhaft allem auswich, was zu unseren Geheimlehren gehört.
Die Eheleute vermieden es, die Folgerungen auszusprechen, die sie aus
der Wissenschaft auf das eigene Eheleben zogen, aber Erkenntniß macht
weise, und sie fanden von selbst den Weg zu der Ausgeglichenheit im
Leben, welche zu dauerndem Glücke erforderlich ist.«

Nun that sich die Thüre auf und ein paar Prachtmenschen traten ein.
Giulietta erhob sich: »Professor Lueger und Frau; Miß Ellen West.«
Die Beiden standen eine Weile vor mir; Mary, sich an den Arm ihres
Mannes hängend und den Kopf in zärtlicher Vertraulichkeit an seine
Schulter gelehnt, betrachtete mich und sagte dann, mir die Hand
entgegenstreckend: »Wie ähnlich unserem Freunde Julian. Wie geht es
ihm und was macht Mr. Forest, der stumme Begleiter?« Da ich Antwort
geben wollte, kamen Dr. Kolb und Lori. Ich erkannte sie nach den
Medaillons, die ich gesehen, und rief erfreut ihre Namen, bevor
Giulietta sie mir vorgestellt hatte. »Ich habe, bevor wir uns in das
Wäldchen verloren, Auftrag gegeben, die Freunde für den Abend zu mir
zu bitten; sie würden Julians Schwester bei mir finden,« erklärte sie.
»Sie haben ihre Verabredungen für den Abend gerne fahren lassen, nur
Zwirner ist durch Amtsgeschäfte verhindert. Macht es euch bequem, wir
werden uns mit Stühlen versorgen müssen!«

Eben kam Lydia, die einige Bekannte aufgesucht hatte, und von Giulietta
geladen worden war, und dann ein hübsches, halbwüchsiges Mädchen,
mit dem Giulietta einiges bei Seite zu verabreden hatte. Bald darauf
brachte man ein paar Tischchen und Stühle und während wir Frauen
Platz nahmen, lud Giulietta die Männer ein, sich ein Tabouret in die
Fensternische zu rücken; sie wisse, daß die Freunde das Schachspiel
lieben, sie möchten ein Match machen.

Da Mary, die neben mir saß, bemerkte, daß mein Auge teilnahmsvoll auf
Lori gerichtet war, flüsterte sie mir ins Ohr: »Ich habe auch seit
ein paar Monaten Hoffnung auf Nachkommenschaft.« Die böse Frau hatte
ein halbes Jahr gegen ihren Beruf gesündigt, war aber, wie in allem
anderen, auch darin zur Pflicht zurückgekehrt. »Ich necke meinen
Mann damit, daß ich ihm drohe, den Schlingel, wenn es ein Knabe ist,
Boanerges zu taufen, denn er wird gewiß ein großer Redner vor dem
Herrn. Die Luegers kommen immer mit viel Geschrei auf die Welt.«

Mittlerweile -- Giulietta hatte mit Lori geplaudert -- kam das Mädchen
von vorhin mit einer großen Last von nützlichen und angenehmen Dingen.
Der Oesterreicher kann in der Regel seine Mahlzeiten einnehmen, wo es
ihm beliebt. Unsere Bewirthung machte also Giulietten keine Auslagen.
Aber in Fällen, wo Fremde oder auswärtige Freunde irgendwo zu Gaste
sind, pflegt die Verwaltung auch ein übriges zu thun, so weit die
Vorräthe reichen. Es waren also viele köstliche Dinge gebracht worden.
Den großen Samowar füllte Giulietta mit Wasser aus der Leitung und dann
ging sie daran, den Punsch zuzubereiten, der uns in fröhliche Stimmung
versetzen sollte. Dazwischen hatte Giulietta mit Peter zu thun, der
aufgewacht war. Sie kleidete ihn an, rückte ihn im Kinderstühlchen
an unseren Tisch, ließ ihn seine schwierigsten Worte sagen und
das Bilderbuch erläutern und ging dann wieder an ihre Arbeit. Wir
plauderten eine Weile und dann rief Giulietta: »Fertig! Laßt jetzt die
Königin in Bedrängniß allein auf Rettung sinnen und kommt herüber, wir
brauchen Männer, die uns den Hof machen.«

Die Herren übersiedelten zu uns und während wir uns ans Genießen
machten, warf Dr. Kolb die Frage auf, was der Sommer bringen solle.

»Da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, lieber Professor, so
plane ich für den Sommer Reisen und Ausflüge mit dir. Ich habe bei
der Hofcentralverwaltung angefragt; man stellte mir für das Frühjahr
die Wahl zwischen Gödöllö, Abbazzia und Miramar frei, im Hochsommer
ein Schloß in den Karpathen oder Amras. Was sagst du zu Amras? Es hat
eine reizende Lage auf dem Mittelgebirge; der Garten, den Erzherzog
Karl Ludwig anlegen ließ, ist jetzt mit uralten Bäumen bewachsen, und
außerordentlich poetisch ist der alte Park in den Bergen und Schluchten
hinter dem Schlosse mit zahllosen Brücken und Grotten und einem
verwirrenden auf und ab wohlgepflegter Wege, die oft einer tief unter
dem anderen sich kreuzen.«

»Ich glaube,« sagte Mary, »du machst die Rechnung ohne den Wirth,
Doktor. Willst du mit meinem Manne sein, so mußt du dir das alles aus
dem Kopfe schlagen.«

»Ich wüßte nicht, Mary,« sagte der Professor »daß wir andere Pläne
hätten.«

»Deine kleine Frau hat schon an den Sommer gedacht.«

»Laß hören, ich bin neugierig.«

»Vor allem kannst du ja nicht über deine Zeit verfügen, wie Dr. Kolb,
du mußt deine Vorlesungen pünktlich einhalten, kein Tag wird dir
geschenkt und zum ersten September hast du wieder einzutreffen. Für
die Ferien habe ich meinen Plan festgelegt -- das heißt, wenn mein
gnädiger Herr mir huldvoll beistimmen will, -- und Dr. Kolb rathe ich,
im Frühjahre nach Schottland oder den schwedischen Fjords zu reisen
und im Juni das Nordkap zu besuchen, der Mitternachtssonne wegen;
vielleicht interessieren ihn diese Naturschönheiten auch, wenn er sich
schon sattgesehen an den Herrlichkeiten, die er an seinen Modellen
zwischen dem Kinn und den Knöcheln zu suchen gewöhnt ist.«

»Jeder bleibe bei seinem Leisten,« sagte Dr. Kolb lachend, »die
Mitternachtssonne gebührt den Malern.«

»Und im Herbste schicke ich unseren Doctor auf eine Studienreise nach
Griechenland und Kleinasien.«

»Das läßt sich hören,« sagte dieser, »und was ist's mit den
Ferienplänen?«

»Ich glaube,« sagte Mary, »mein Mann könnte sich nicht auf sechs Wochen
von seiner armen Frau trennen.«

»Bewahre; du mußt mitkommen, sage nur wohin du willst.«

»O bitte, das geht nicht so, deine Frau hat ein Amt.«

»Ich weiß, Frau Bibliothekarin, aber es gibt ja Urlaube.«

»Ich habe mit dem Verwaltungsbeamten gesprochen, aber er will nur von
vierzehn Tagen wissen. Er sagt, ich hätte nicht mehr Anspruch, und« --
sagte der Schelm, wie zögernd und nachdenklich vor sich hinblickend,
-- »mein Einfluß reicht nicht so weit, einen österreichischen Beamten
zu verführen.«

»Vierzehn Tage, das geht nicht, was fangen wir mit vierzehn Tagen an!«

»Deine kluge Frau hat alles bedacht. Es wird vielleicht meinem Herrn
Gemahl belieben, sich der Tage zu erinnern, die er mit seiner Braut in
Königstetten verbrachte. Die Hochbergs residieren heuer wieder dort,
ihre zweite Tochter vermählt sich und der einzige Sohn ist bei seinem
Regimente in Sibirien; da wollen die alten Leute den Sommer in der
Nähe Loris verbringen und bis dahin haben sie ja auch ein Enkelchen in
Tulln.«

»Du hast recht, ich werde mit der Fürstin sprechen; wir lassen uns
dein Zimmerchen zum ehelichen Gemache umgestalten. Weißt du noch, wie
ich dir dort zuweilen vorlesen durfte? den wilden Jäger, Ekkehard
--« »-- und was ich dir losem Werber anderes vorzulesen verwehrte.«
»Das stimmt, Gestrenge, -- und wie ich im übrigen mit unverzeihlicher
Härte behandelt wurde.« -- »Ja;« sagte Mary, »aber du sollst heuer
dort allein wohnen.« »Was soll das heißen?« »Scheidung von Tisch und
Bett, mein Lieber,« sagte Mary lachend. »__Divorçons!__« »Eine neue
Variante,« sagte Lueger schmunzelnd. Mary verrieth nur unmerklich, daß
das Wort ihre Heiterkeit errege, und wir blickten so harmlos, wie nur
immer möglich. Lori warf nun ein: »Es wird nicht zu hart ausfallen.«
»Siehst du,« erklärte jetzt Mary, »ich habe allerlei ausgebrütet. Du
sollst deine Ferien haben und ich will dir die Kette etwas verlängern,
aber aus den Augen laß ich dich nicht. Ich werde in Tulln wohnen.«

»Und die Bibliothek in Wien besorgen? Wie reimt sich das zusammen?«

»Frage Lori.«

»Wenn du einverstanden bist, guter Professor, so tauscht Mary für die
Ferienwochen mit der Bibliotheksverwalterin in Tulln. Ich habe das auf
ihren Wunsch ins Reine gebracht. Es ist eine ziemlich alte Wittwe, die
den Wunsch hat, einmal Wien recht nach Herzenslust zu genießen. Ihre
Tochter ist dort verheirathet und außerdem haben wir Veranstaltungen
getroffen, daß ihr alle möglichen Annehmlichkeiten bereitet werden.«

»Das wäre ja vortrefflich, die Verwaltung wird das gewiß erlauben.«

»Hat schon!« sagte Mary.

»Aber jetzt sehe ich nicht ein, wozu die Trennung,« sagte Lueger.
»Bleibe bei mir in Königstetten, der Fürst läßt dich täglich nach Tulln
fahren und im Wagen zurückbringen.«

»Ich danke schön,« sagte Mary, »du weißt, in welchem Zustande ich mich
befinden werde zu jener Zeit. Meinst du, die schöne Mary hat Lust,
unter den Damen in Königstetten zu erscheinen mit verzerrtem Gesichte
und entstelltem Leibe? -- Das nicht. Aber vielleicht wird es,« sagte
sie mit heuchlerischer Miene, die Arme über der Brust gekreuzt und das
Haupt demüthig vor ihrem »Herrn« gesenkt, »meinem Gebieter gefallen,
einmal nächtlicher Weile sich aus dem Schlosse wegzustehlen und seine
»Magd« zu Tulln aufzusuchen.«

»Vortrefflich! Bei der eigenen Frau fensterln!« lachte der Professor.

»Und wenn sich eine Vermummte abends im Schlosse einschleicht, beim
Professor eindringt und demüthig an der Thüre stehen bleibt?«

»Dann wird sie der Professor nicht wieder fortlassen, bis die Lerchen
zu schlagen anfangen.«

»Und wenn die Schwestern aus dem Schlosse mir dann klatschen kommen,
das wird ein »Jux« werden.«

»Die Sommerpläne wollen wir uns überlegen,« sagte der Professor.

Schweigend hatte man den letzten Reden Marys zugehört und Dr. Kolb
war aufgestanden, um einige ihm noch unbekannte Kunstgegenstände zu
betrachten. Giulietta brachte das Gespräch plötzlich auf ein anderes
Thema und Mary nahm daran unbefangen, aber etwas ernst theil. Peter
war nach seinem Mahle wieder eingeschlafen und von Giulietta zu Bette
gebracht worden.

Da es Zeit zum Aufbruche war, stellte man noch einige Fragen an mich,
wie es Julian gehe, was sein Beruf wäre, ob er bald heirathen würde und
ich sollte Vergleiche anstellen zwischen Oesterreich und Amerika. Ich
sagte, ich sei zu patriotisch, als daß ich Vergleiche ziehen möchte,
die meinem Vaterlande nicht zum Vortheile gereichen könnten, und man
drang nicht weiter in mich. Die Kleine kam wieder und sagte, der
Verwaltungsbeamte habe uns Wagen gesandt, weil wir den letzten Zug
versäumten, und als wir uns von Giulietta verabschiedet hatten und die
Treppe hinabgestiegen waren, standen zwei Wagen bereits vor dem Hause.
Höflein ist halbwegs zwischen Wien und Tulln gelegen und wir hatten
zwei Stunden scharfen Fahrens vor uns. Es war nur _=ein=_ junger Mann
da, die Pferde zu lenken, und da Dr. Kolb seine Dame nicht verlassen
durfte, übernahm jener dieses Gefährte und bat Lueger, unseren Wagen
zu fahren. Mary wollte Protest einlegen; die Nachtluft sei gefährlich;
aber der Professor war gut versorgt und mußte sich fügen, wenn wir
nicht hier bleiben wollten. Es war niemand zu finden, dem man die
Wagenlenkung hätte übertragen können.

Der junge Mann gab noch seine Weisungen, nach welchem Stalle Pferde und
Wagen zu bringen seien, und wir nahmen Platz.

Mary sagte: »Jetzt können wir englisch sprechen.« Ich nahm dankbar an
und erwähnte, daß wir einen recht frohen Abend verbracht hätten. »Wenn
ich mich nur nicht gegen das Gefühl meiner Schwestern vergangen hätte,«
sagte Mary unbefangen. »Du hättest Lori nicht an ihr Aussehen erinnern
sollen,« sagte Lydia. »Das war es wohl nicht; Lori hat wohl selbst das
Gefühl, daß sie jetzt nicht viel unter fremde Leute gehen möchte. Aber
man hat gewiß gefunden, daß ich zu frei geredet.« »Seid ihr so streng?«
»Es ist schwierig, die richtige Linie einzuhalten und nicht langweilig
zu werden. Man findet, man dürfe die Männer nicht an leichtfertige
Reden gewöhnen; sie würden nur zu leicht in Rohheit verfallen. Ich
bin schon einigemale getadelt worden. Auch sollen Eheleute alles aus
dem Spiele lassen, was an ihr vertrautes Leben erinnert.« »Ich habe
aber schon sehr vertrauliche Mittheilungen aus Frauenmund hierzulande
gehört.« »Das mag sein, zu zweien oder in einer Curiatsversammlung.
Gewiß nicht vor Männern oder aus muthwilligem Scherze.« »Das ist
wohl richtig. Wird das Vorkommniß Folgen haben?« »Ich glaube, unsere
Vorsteherin wird mir Vorstellungen machen, aber das geschieht mit
größter Schonung.« »Wer wird ihr denn davon Mittheilung machen?«
»Giulietta. Es war ja ihr Territorium und sie ist eine Haarspalterin.«
»Führt das nicht zu Verdruß zwischen ihr und dir? Eine Denunciation!«
»Das haben wir unter uns abgemacht; in der Curie darf alles zur Sprache
gebracht werden und niemand darf eine Beschwerde, wenn sie auch
ungerecht befunden wird, nachtragen.« »Die Geheimnisse des Ehelebens
sind doch gewiß unantastbar,« sagte ich inquisitorisch. »Nicht so
ganz unbedingt, ausgenommen sie bleiben eben unentdeckt.« »Was gehen
die die Curie an?« »Ich will dir von meinen Erlebnissen erzählen und
du magst daraus entnehmen, welche Gewalt die Curie über uns hat. Ich
wollte keine Kinder haben. Ich war zu eitel und es fehlte mir an Muth
und Selbstverleugnung. Zum mindesten wollte ich Frist haben. Das wurde
mir nun von der Vorsteherin vorgehalten. Sie sagte, ich hätte auf die
Ehe verzichten sollen, wenn es mir an Standhaftigkeit fehle. Mein Mann
habe das Recht, zu fordern, daß ich ihm Kinder schenke, und auch die
Gesellschaft rechne darauf. Ich brauchte Ausflüchte und schützte Zufall
und Schwäche vor. Die Vorsteherin ließ sich aber nicht irre machen.
Die Frau Doctor habe mir einige Besuche gegen meinen Willen gemacht,
die Ursache meiner Unfruchtbarkeit sei nicht zweifelhaft. Diese
Angelegenheit wurde wiederholt erörtert, immer mit großer Schonung,
und die würdige alte Frau hatte mehrere Monate Geduld. Da vollzog sich
dann ein Umschwung in meinem Gemüthe; mein Mann sprach wiederholt von
seiner Hoffnung, Vater zu werden, und so -- wurde er es auch,« sagte
Mary mit reizendem Lächeln, »das heißt in __spe__.« »Entstehen aus
solchen Einmengungen dritter Personen keine Mißhelligkeiten?« »Wir sind
von früher Jugend daran gewöhnt, uns der Frauencurie zu unterwerfen,
und die Vorsteherin ist immer eine Frau, die sich die Liebe und das
Vertrauen aller zu erhalten weiß. Sie schont auch die Empfindlichkeit
auf das sorgfältigste und wir haben uns unserer kleinen Fehler nicht zu
schämen, weil niemand davon frei ist.« »Diese Institution erinnert an
die Beichte,« sagte ich. »Doch mit einem sehr wichtigen Unterschiede.
Wir werden zu keiner Selbstanklage verhalten, wir werden nicht von
einer ordinirten Person, sondern von einer selbstgewählten Vorsteherin
beraten und vielleicht zuweilen getadelt und es darf sich kein Mann
in Dinge mischen, welche ihm wahrlich Scheu und Ehrfurcht einflößen
sollten.« »Es kann aber doch vorkommen, daß die Vorsteherin nicht das
Vertrauen aller Schwestern ihrer Gemeinde hat.« »Gewiß, dann bezeichnet
man eine Schwester der Vorsteherin als Vertraute und diese bedient sich
ihrer als Vermittlerin.«

Eben hielt der Wagen vor meinem Wohnhause und ich verabschiedete mich.



_=Nachwort.=_


Ich folge dem Beispiele Tolstois, wenn ich, wie er in der
Kreuzersonate, dem vorstehenden Buche ein Nachwort folgen lasse. Denn
es entspricht unserer Zeit, die an der Wende einer neuen Weltordnung
angelangt ist, daß eine Vision vorangeht und ihre Deutung nachfolgt.

Meine Vision wendet sich nicht nur gegen Bellamy und Michaelis,
sondern auch gewissermaßen gegen Tolstoi und ganz besonders gegen
seinen sonderbaren Posdnyschew. Tolstoi hat zwar den barbarischen
Reinheitsfanatismus seines Helden im Nachworte gemildert, aber er
findet das Ideal des Christenthums nicht in der Menschenliebe, sondern
in der Vergeistigung und Entmaterialisirung des Menschen. Er sagt mit
Recht, das Christenthum setze ein Ideal, das in seiner Vollkommenheit
nie erreichbar sein wird, uns aber darum doch immer vorzuschweben
hat. Dessen nächste Wirkung muß, wie ich meine, sein, uns über den
das Christenthum überwuchernden Pharisäismus hinüberzuhelfen. Das
christliche Ideal ist aber im Sinne Tolstois nicht die Liebe, sondern
die Askese, wenn auch nicht die Askese im gottesdienstlichen Sinne, so
doch die Askese im Sinne einer unnöthigen Verleugnung der thierischen
Natur des Menschen. Nach Tolstoi hätte Christus gesagt: »Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst, dich selbst aber hasse.«

Hierin ist Leo XIII. Tolstoi weit überlegen, denn in seiner __Encyklika
de conditione opificum__, die in der Erörterung der socialen Frage
herzlich unbedeutend ist, sagt Leo XIII. doch, daß der Mensch auch
Thier sei, und zwar, daß die thierische Natur in ihrer Ganzheit und
Vollkommenheit zum _=Wesen=_ des Menschen gehöre (Absatz 4). Und das
entspricht auch ganz der Lehre Christi. Christus hat dem Menschen, der
ißt und trinkt, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Pharisäer
waren es, die Christus einen Fresser und Weinsäufer schalten und
Christus antwortete darauf: »Jawohl, des Menschen Sohn ißt und trinkt.«
Er vergab sogar der öffentlichen Sünderin. »Ihr werden viele Sünden
verzeihen werden, denn sie hat viel geliebt.«[P] Johannes sagt von
ihm: (11, 5.) »Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester Maria
und den Lazarus.« Christus sagte: Meine Lehre ist in Wahrheit Brod und
Wein, Nahrung und Getränke, und nicht im mystischen Sinn. Er setzte
das gesellige Abendmahl als einzige religiöse Handlung ein und seine
Anforderung geht schließlich nur auf wirthschaftliche Arbeit, denn
wenn er beim letzten Gerichte verdammend ruft: Ich war hungrig und
du hast mich nicht gespeist, ich war durstig und du hast mich nicht
getränkt, ich war ein Fremdling und du hast mich nicht beherbergt,
ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet, ich war krank und im
Gefängnisse und du hast mich nicht besucht, -- so sagt Christus doch
nichts anderes, als daß der Mensch gerade als Thier Forderungen an
den Menschen zu stellen und daß dieser gerade als Thier und Arbeiter
Schulden zu zahlen hat, und diese wirthschaftlichen Verpflichtungen
sind es, die den wahren Cultus des Christenthums ausmachen. Der
Gottesdienst geht bei Christus in Menschendienst, der Menschendienst
in Arbeit auf und diese Anforderungen setzen gerade die Fortdauer des
thierischen Menschen mit seinen thierischen Bedürfnissen bis ans Ende
der Zeiten voraus und dort ist das Ideal des Christenthums gewiß nicht
zu suchen, wo es Tolstoi zu finden glaubt.

Wenn Christus sagt: ‘Mann und Weib sind zwei in einem Fleische’, so
gibt er der Geschlechtsliebe einen gerade wegen der materiellen
Fassung charakteristischen Ausdruck und bestätigt die Berechtigung der
Animalität auch in der Liebe, und da er sagt, jener, die viel geliebt,
wird auch viel vergeben werden, bestätigt er weiter, daß auch darin
sich die Nächstenliebe bekunden kann und immer wird.

Sagt er: ‘Nicht was zum Munde eingeht, sondern was zum Munde herausgeht,
verunreinigt den Menschen, denn was zum Munde hineingeht, kommt in
den Magen und nimmt seinen natürlichen Ausgang, aber, was zum Munde
herausgeht, kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen,’ so
sagt Christus damit ganz offenbar, nicht durch die Paarung verunreinigt
sich der Mensch, sondern durch die Paarung ohne Liebe. Posdnyschew
sucht die Dissonanz am unrechten Orte; nicht die Verunreinigung durch
einen sinnlichen Genuß ist abscheulich, sondern die Fälschung der
Liebe darin, daß man nur eigene Befriedigung sucht, nicht zugleich,
ja mehr noch, die des anderen. Ich habe nicht ohne Grund, und ohne
Zögern, Julian West sagen lassen, daß die Oesterreicherin der Zukunft
dem Fremden gegenüber Gastfreundschaft gewährt, und niemand wird mich
überzeugen, daß darin Frivolität liegt, oder, daß ich darin den Boden
des Christenthums verlassen habe. Weßhalb sollen wir härter sein gegen
die Oesterreicherin, die nicht gebunden ist, als Christus gegen die
Ehebrecherin?

Aber eine egoistische Liebe, eine Liebe, die mit Geld bezahlt und sich
mit Geld bezahlen läßt, eine Liebe, die nicht fragt, welchen Schaden
wirst du davon haben, oder ob ein Herz davon brechen wird, mit einem
Worte der Egoismus in der Liebe, dessen Abscheulichkeit Posdnyschew
richtig erkannt hat, eine solche Liebe ist dem Christenthume, der
Nächstenliebe zuwider.

Allerdings ist eine Askese aus Menschenstolz, wie sie Tolstoi
imaginirt, edler, als eine Askese aus pietistischem Hasse gegen das
Fleisch. Aber Reinlichkeit ist nicht Reinheit und das hat Christus
classisch gelehrt mit dem, was er vom Händewaschen sagt. Die bloße
Paarung ohne alle Liebe ist vielleicht um ein Geringes unästhetischer,
als gieriges Essen, oder unmäßiges Trinken, aber die Liebe, angetrieben
von dem Verlangen, zu beglücken, ist gewiß nicht unrein und der
Instinkt, der uns lehrt, uns zurückzuziehen, wenn wir lieben, und
unser Glück vor anderen zu verbergen, zeugt keineswegs von schlechtem
Gewissen oder davon, daß wir einer bloß verzeihlichen Schwäche opfern,
sondern er weist uns darauf hin, ganz und gar in der Geliebten
aufzugehen. Und ich sage in meinem Sinne absichtlich: der Geliebten,
denn wehe der Frau, die aufhörte, die Geliebte zu sein.

Auch August Bebel in seinem kostbaren Buche: »Die Frau und
der Socialismus«, verkennt das Christenthum, wenn er lehrt,
das Christenthum predige die Verachtung der Frau, es verlange
Enthaltsamkeit und Vernichtung des Fleisches.[Q] -- Christus, der
dem Weibe volle Gleichberechtigung zuerkannte, da er, über Moses
hinausgehend, auch dem Weibe ein Recht auf Gattentreue zusprach,
Christus, dem so viele Frauen nachfolgten, bei dessen Kreuzigung
nur Frauen ausharrten, der der Ehebrecherin selbst keine andere
Zurechtweisung ertheilte, als: »Geh' und sündige nicht mehr,« dessen
Freundschaft zu Maria und Martha eine so menschlich edle war, soll
Verachtung der Frauen gepredigt haben, und er, dessen Schlußlehre war:
»Gebt den Menschen zu essen und zu trinken, kleidet sie, beherbergt sie
und besucht sie, wenn sie krank sind, _=anderen Gottesdienst gibt es
nicht=_« -- er soll Vernichtung des Fleisches gefordert haben, als ob
nicht gerade dessen Erhaltung allein das Endziel jener Werke nicht der
Liebe, sondern der christlichen Gerechtigkeit, der productiven Arbeit
wäre? Dabei will ich aber nicht unterlassen, zu bemerken, daß im Sinne
Christi jener uns ernährt, kleidet und beherbergt, der seine Hände
rührt, nicht der Parasit, der blos seinen Beutel aufmacht. Christus
wird verlästert von jenen, die ihn einen Asketen schelten. Noch einmal,
er lehrt, daß der Menschensohn ißt und trinkt. Gewiß ist, daß er sagt:
»Geht alle hin, verlasset Güter und Häuser, Weiber und Kinder um des
Himmelreiches willen,« aber er fügt hinzu, »dann werdet ihr hundert
Güter und Häuser, und hundert Kinder haben und das ewige Leben dazu.«

Mein Roman zeigt, daß, wer alles verläßt in dem Sinne, wie es Christus
versteht, nämlich zur Begründung des Collectivismus, reicher wird und
nicht ärmer, und ein Bild dafür ist der verstümmelte Jacob, der mehr
Beine hatte, als irgend einer seiner Volksgenossen. Christus fordert,
daß wir das Himmelreich suchen, aber er lehrt, _=daß die Aufgabe des
Himmelreiches sei, Nahrung, Kleidung und Wohnung nach Gerechtigkeit
zu vertheilen=_[R], daß es also eine irdische und höchst praktische
Einrichtung ist. Das Christenthum ist helle Freude am Leben, das
Christenthum ißt und trinkt nicht nur, es liebt auch, und die Aesthetik
des Christenthums ist nicht Enthaltsamkeit sondern göttergleiche
Mäßigkeit und vor Allem Gerechtigkeit gegen unsere Tafelgenossen.

Auch Paulus, leider neben Johannes der erste Dogmatiker, versteht das
Christenthum in meinem Sinne. Auch er ist liberal gegen die animalische
Natur des Menschen und sagt im ersten Briefe an die Corinther 6, 12:
»Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll die Herrschaft über mich
erhalten,« und nach diesen Grundsätzen lasse ich die Oesterreicher der
Zukunft leben; diese Lehre des Paulus ist nicht pietistisch, sondern
philosophisch.

Wie thöricht es ist, das helle, lebensfreudige Christenthum der Askese
anzuklagen, zeigt Paulus an die Colosser 2, 20. 21. 22. 23. Paulus
spottet über die pharisäische Lehre: »Rühret nicht an, kostet nicht,
tastet nicht an,« und tadelt, »den selbstgewählten Dienst und die
Verdemüthigung und Nichtschonung des Lebens, dem man keine Ehre gibt
zur Sättigung des Fleisches.«

Askese zu _=üben=_ ist ganz und gar nicht christlich und Askese zu
_=fordern=_ geradezu unchristlich.

Irregeführt ist Bebel durch das, was Christus von der Ehe sagt, indem
dieser bestätigt, daß es nicht gut heirathen sei. Allein Christus
sprach in Räthseln und gerade an diesem Orte erklärte Christus, daß
er nicht sagen könne, was er denke. »Wenige verstehen dieses Wort«
und »wer es fassen kann, der fasse es.« Es ist also gewiß gerade diese
Lehre Christi am wenigsten wörtlich zu nehmen und Bebel nimmt sie
gerade so brutal wörtlich, wie die russischen Skopzen. Ich glaube, daß
Christus nicht im entferntesten meinte, _=alle=_ sollen verschnitten
sein, und daß er unter Verschneidung zwar eine _=Entsagung=_, aber
keine _=asketische=_ Entsagung verstand. Ich glaube, Christus meinte,
daß sein »Reich« unmöglich sei, wenn alle Familien gründen wollen,
er setzte voraus, daß _=viele=_, aber keineswegs, daß _=alle=_ dem
Familienglücke entsagen würden, damit das »Reich« bestehen könne.
Die Entsagung betrifft also die Zeugung, nicht die Liebe. Auch ich
glaube, daß der sociale Staat unmöglich ist, wenn nicht ein großer
Theil des Volkes der Familie gänzlich entsagt. Ob aber diese Annahme
richtig ist, wird erst die Erfahrung zeigen, wenn die neue Ordnung wird
eingeleitet sein. Alle Beobachtungen unter den heutigen Verhältnissen
sind trügerisch. Aber die Beschränkung der Zeugung war zu allen
Zeiten und bei allen Völkern bekannt und selbst bei jenen, die noch
im Naturzustande leben, wie Azara von Wilden in Südamerika berichtet.
Es giebt zwingende Verhältnisse, die alle Theorie und aprioristische
Moral zu Schanden machen und darum möge man ein endgiltiges Urtheil
über vieles aufschieben, was ohne Anstellung vielfältiger Beobachtungen
nicht beurtheilt werden kann.

Malthusianismus scheint gewiß verwerflich zu sein, aber eine
Propagation bis an die Grenze der von der Natur gebotenen Möglichkeit
halte ich für ein Absurdum. Doch wir brauchen Erfahrungen, die unter
der heutigen Weltordnung nicht gesammelt werden können.

Auch darüber hat sich Bebel in seinem Buche: »Die Frau und der
Socialismus« ausgesprochen, aber seine Lehre halte ich, ich _=halte=_
sie für eine irrthümliche. Wenn er Spencer citirt, der sagte: »Immer
und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungs_=fähigkeit=_
einander entgegengesetzt,« so bleibt noch immer die Frage, ob Spencer
nicht hätte sagen müssen: »Immer und überall sind Vervollkommnung
und Fortpflanzungs_=wille=_ einander entgegengesetzt,« denn
aus der _=thatsächlichen=_ Vermehrung eines Volkes auf dessen
Fortpflanzungs_=fähigkeit=_ zu schließen, ist absurd. Was bisher aber
alle Sociologen übersehen zu haben scheinen, ist das, daß es sich nicht
darum handelt, wieviele Menschen die Erde und, da man doch nicht die
Auswanderung zur Regel machen kann, wieviele Menschen die heimathliche
Erde ernähren kann. Nicht die Erde ernährt die Menschen, sondern die
produktive Bevölkerung und der Mensch lebt ja nicht allein vom Brode.
Die Frage ist daher, wie viele Kinder ein Erwachsener erziehen und
verpflegen kann. Mit Hilfe von ausgebeuteten Lohnsklaven allerdings
kann man auch zehn und zwanzig erziehen und ernähren, aber jeder für
sich? Können wir, wenn die Kinder sich verdreifachen, sie erziehen und
ihnen Häuser bauen? Da von sechs Kindern, die geboren werden könnten,
nur eins geboren wird[S], so muß doch ein anderer Factor auf die Zahl
der Geburten einwirken, als blos die Begrenztheit des natürlichen
Zeugungsvermögens. Da liegt ein noch ungelöstes Räthsel und eine Seite
der Frage, die noch nicht ins Auge gefaßt worden ist.

Damit widerlegt sich auch, was Bebel mit Berufung auf Liebig Seite 259
und 260 ausführt. Denn durch rasche Vermehrung der Geburten vermehren
sich vorerst nur die Zehrer, aber nicht die arbeitenden Hände, und ohne
diese vermehrt sich ja auch die Bodenrente nicht, noch weniger aber
vermehren sich die Wohnhäuser.

       *       *       *       *       *

                 Oswald Schmidt, Leipzig-Reudnitz.



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     Oswald Schmidt Leipzig-Reudnitz.



FUSSNOTEN:

[A] Nach dem spezifischen Gewichte des Goldes von 19,32 und dem
österreichischen Gesetze vom 2. August 1892 R. G. Bl. No. 126 hat ein
Cubikdecimeter puren Goldes einen Werth von 63369,60 Kronen und wurde
der österreichische Finanzminister mit Gesetz vom selben Tage R. G. Bl.
No. 130 ermächtigt, ein Golddarlehen von 183,456,000 alten
österreichischen Goldgulden oder 4369 Millionen Kronen für Valutazwecke
zu kontrahiren. Feingold in dieser Menge ergibt eine kreisrunde Säule
von ein Meter Durchmesser und 9,23475 Meter Höhe.

Die Zinsen des erwähnten Darlehns wurden auf neun Millionen Gulden
veranschlagt und müssen durch den Export von Brodfrüchten und
Schlachtvieh aufgebracht werden, entziehen daher dem Vaterlande die
Nahrungsmittel für 50000 gut genährte oder 200000 kümmerlich genährte
Menschen.

Auch in Peru zur Zeit seiner Eroberung durch Pizarro galt das Gold für
werthlos, weil es nicht zu Geld ausgemünzt wurde. Man deckte die Paläste
mit Goldplatten ein und die Soldaten trugen goldene Rüstungen.

[B] »Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887« von
Bellamy, Universalbibliothek Nr. 2661, 2662, und »Ein Blick in die
Zukunft« von Richard Michaelis, U.-B. Nr. 2800.

[C] Matthäus 13, 52.

[D] Jesaias 66, 1. Apostelgeschichte 7, 48. 49.

[E] Matthäus 6, 6.

[F] Matthäus 11, 14. und 17, 12.

[G] Matthäus 25, 34-45.

[H] Jesaias 65, 17. 20. 21. 22. 23.

[I] Petrus II, 3, 13. Jesaias betrachtete die noch heute
geltende Wirthschaftsordnung als eine verderbliche und solche, die auf
Ausbeutung der Menschen durch die besitzenden Klassen beruht und er
weissagt eine künftige andere und bessere Gesellschaftsordnung. Daraus,
nämlich aus der Erkenntniß der Ungerechtigkeit der Besitzherrschaft
erklärt sich der Kampf Christi gegen die Reichen und die Begriffe »diese
Welt« und die »andere Welt« bezeichnen den Gegensatz der herrschenden
und der künftigen Weltordnung.

[J] Ein Rückblick. -- Seite 104.

[K] Ein Blick in die Zukunft. -- Seite 27.

[L] Johannes 7, 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. Marcus 3, 21. Matthäus 13,
57. 58., Marcus 6, 4. Matthäus 12, 46. 47. 48. 49. 50. Marcus 3, 31. 32.
33. 34. 35. Lucas 8, 19. 20. 21., besonders die Apostelgeschichte 1, 14.
-- Es ist merkwürdig, daß Christus nach der Hochzeit zu Kanaan und einem
kurzen Besuche in Kapharnaum niemals mehr mit Maria zusammen war und
diese immer mit den »ungläubigen« Brüdern ging, auch nach dem Tode
Christi mit den Brüdern zugleich auftrat, und die Art, wie Christus
jeder Erinnerung an Maria auswich, ist in Matthäus 12, 50. Marcus 3, 35.
Lucas 8, 21. einerseits und Lucas 11, 28. andererseits in eine
eigenthümlich indirecte Form gekleidet, was mit dem Satze übereinstimmt,
daß ein Prophet nirgends weniger gelte, als in seinem Hause und in
seiner Verwandtschaft. -- Lucas 11, 28. läßt keine andere Deutung zu,
als Maria könne _=nicht=_ selig gepriesen werden, weil sie das Wort
Gottes _=nicht=_ höre und dasselbe _=nicht=_ beobachte. Dann stimmt es
genau mit jenem anderen Worte »wer ist mir Mutter und Brüder, nicht
_=Maria=_ ist meine Mutter und nicht ihre _=Begleiter=_ sind meine
Brüder, sondern jene sind es, die den Willen Gottes thun.« Siehe noch
Matthäus 27, 55. 56. Marcus 15, 40. 41. Lucas 23, 49. -- Dagegen muß man
offenbar annehmen, daß Johannes 19, 25. 26. 27. nicht historisch
richtig, sondern nur bildlich zu nehmen ist, was schon daraus
hervorgeht, daß ja Johannes nach dem Zeugnisse der Synoptiker entflohen
war. Matthäus 28, 10. Marcus 16, 9. Lucas 23, 55. 56. und 24, 1. 2. 9.
10. -- Johannes 20, 2. 4. und 8. zeigt deutlich das Motiv, welches die
abweichenden Berichte dieses Evangelisten erklärt. Siehe auch Johannes
13, 23. dann 18, 15. 16. 19, 27. al. 2, 21, 20. 23.

[M] Wie aus Morgan »Die Urgesellschaft« hervorgeht, ist
ursprünglich die Mutter das Haupt der Familie und die weibliche
Abstammung für die Verwandtschaft entscheidend gewesen und erst mir
Einführung des Sondereigenthumes wurde die Abstammung von väterlicher
Seite entscheidend. Die Rückkehr zum Gesammtbesitze muß naturgemäß
wieder den Einfluß der Mutter zum entscheidenden in der Familie und im
Erziehungswesen machen.

[N] Michaelis, Ein Blick in die Zukunft, Seite 83.

[O] Die Civilliste war in Oesterreich mit einem Prozent vom
Gesammtproducte oder, was dasselbe war, vom Arbeitsaufwande, durch das
Volk bewilligt worden und da 55% der Bevölkerung produktiv waren, das
Volk somit 22 Millionen Arbeiter stellte, war die Civilliste gleich
220000 Arbeitsjahren, daher der gedachte Bau, dessen Herstellung sich
auf drei Jahre vertheilte, nur einen geringen Theil der öffentlichen
Bauten bildete, die die Civilliste auf sich nahm. Sie war für Hof und
Adel ausgeworfen und diente den Volksinteressen.

[P] Lucas 7, 47.

[Q] Seite 41 der 10. Auflage.

[R] Matthäus 6, 33.

[S] Nach der Volkszählung der im Reichsrathe vertretenen
Königreiche und Länder Oesterreichs betrug am 31. Dezember 1880 die Zahl
der Frauenspersonen im Alter von 15 bis 45 Jahren 5123884 und im Jahre
1882 die Zahl der Geburten 873522. Bliebe aber selbst dieses
Geburtenprocent von nur vier zu hundert der Gesammtbevölkerung (circa 22
Millionen) constant und würde die Sterblichkeit, was erwartet werden
muß, wenn eine rationelle Ernährung und Pflege aller Volksgenossen
eintritt, auf 1.5 % sinken, also der Jahreszuwachs auf 2.5 % steigen, so
würde sich die Bevölkerung in circa 30 Jahren verdoppeln, in 60 Jahren
aber vervierfachen. Wer wird die erforderlichen Wohnhäuser bauen? Kann
die Arbeit dieser Vermehrung folgen, dann allerdings wird sie zum Segen
werden. Je enger wir wohnen können, um so beglückender der Communismus.



Notizen des Bearbeiters:

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