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Title: Geld und Erfahrung
Author: Eyth, Max
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geld und Erfahrung" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so dargestellt~.

    Im Original kursiver Text ist _so dargestellt_.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Hausbücherei

    32



    Hausbücherei

    der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

    32. Band

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
    1910

    11.-20. Tausend



    Geld und Erfahrung

    von

    Max Eyth

    Mit einem Bildnis Eyths, einer Einleitung
    von ~Dr.~ +Carl Müller+-Rastatt und Bildern
    von +Theodor Herrmann+ in Hamburg

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
    1910

    11.-20. Tausend



[Illustration]



Inhalt


                                                   Seite

    Einleitung von ~Dr.~ Carl Müller-Rastatt      5-- 10

    +Max Eyth:+ Geld und Erfahrung               11--176

[Illustration]

Für die Abdruckserlaubnis dieser Erzählung schulden wir der Deutschen
Verlagsanstalt in Stuttgart Dank. Die Erzählung ist dem zweiten Bande
des Max Eythschen Werkes »Hinter Pflug und Schraubstock« entnommen.

[Illustration]

    Ein Bild Max Eyths ist hinter Seite 4 eingeheftet.

[Illustration]

Ein ausführliches Verzeichnis der früher erschienenen Bände der
»Hausbücherei« sowie der »Volksbücher« befindet sich am Schluß des
Bandes.

[Illustration]

[Illustration: M. Eyth]



[Illustration]



Einleitung.


+Geld und Erfahrung!+ Man kennt das Geschichtchen von den beiden
Männern, die zusammen ein Geschäft begründeten. Der eine brachte das
nötige Geld dazu mit, der andere die Erfahrung. Als aber ein paar Jahre
ins Land gegangen waren und die beiden sich wieder trennten, da hatten
sie die Rollen getauscht: der das Geld mitgebracht hatte, der hatte
jetzt die Erfahrung; aber der andere hatte das Geld.

Das Geschichtchen ist eines von denen, die ewig neu bleiben und
die sich in der Welt immer wieder abspielen. Umsonst ist der Tod,
und Erfahrung gewinnt man nicht, ohne Lehrgeld dafür zu zahlen. Es
hilft nichts, daß man darüber klagt und jammert. Man wird am besten
damit fertig, wenn man gute Miene zum bösen Spiel macht und sich mit
fröhlichem Humor in sein Schicksal findet. Das haben wenige so gut
verstanden wie +Max Eyth+. Sein ganzes Jünglings- und Mannesalter ist
ein einziges Sammeln von Erfahrungen gewesen, und er hat sie alle
redlich bezahlen müssen. Aber statt sich darüber zu grämen, hat er aus
all seinen Erlebnissen lustige und unterhaltsame Geschichten gemacht,
von denen dieses Buch eine treffliche Probe gibt.

Es gibt Schriftsteller, die sich ihre Bücher zusammenfabeln, weil sie
uns recht absonderliche Dinge erzählen wollen, ohne Rücksicht darauf,
ob sie wahr sind oder nicht. Und es gibt andere, die sich ihre Bücher
zusammenträumen, während sie irgendwo in der schlichten Alltäglichkeit
sitzen und sich heimlich hinaussehnen in Abenteuer, in fremde Länder
und zu fremden Menschen. Max Eyth hat nicht gefabelt und nicht
geträumt: er hat erlebt. Und das, was er erlebt hat, hat er mit klarem
Auge und fröhlichem Wesen beobachtet und dann niedergeschrieben, andern
zur Belehrung und zur Freude.

+Max Eyth+ ist im Jahr 1836 im Pfarrhaus des Städtchens Kirchheim
unter Teck geboren worden. Die Kunst, mit der Feder umzugehen, war ihm
von seinen Eltern überkommen, die sich beide dichterisch betätigten.
Daneben hatte er schon in seinen Kinderjahren besonderes Interesse an
praktischen Dingen, an Maschinen. Und so entschied er sich dafür, das
Stuttgarter Polytechnikum zu besuchen, um Maschinenbauer zu werden.
Das war damals, wo die Maschinen erst ganz allmählich anfingen, die
Bedeutung zu gewinnen, die sie jetzt in der Welt haben, noch ein kühnes
Unterfangen. Aber Max Eyth hat Zeit seines Lebens frischen Wagemut
besessen und darauf vertraut, daß dem Kühnen das Glück lächelt und der
Erfolg hold ist. Mit diesem Wagemut begann er sein Studium: mit diesem
Wagemut beschloß er, als es glücklich beendet war, ins Ausland zu
ziehen und sich draußen den Wind um die Nase wehen zu lassen.

Der Anfang war nicht vielversprechend. Er zog rheinabwärts und klopfte
in all den großen Fabriken an, die sich links und rechts des schönen
Stroms aufgetan hatten. Aber auf seine Frage nach einer Anstellung fand
er von Mainz bis Antwerpen nur ein Achselzucken. Und es beweist seine
Energie, daß er nicht reumütig umkehrte, sondern über See nach England
ging, um dort sein Heil zu versuchen. Auch hier wiederholte sich
zunächst, was er auf seiner Rheinfahrt erlebt hatte: Monat für Monat
wurde er abgewiesen, wo er anklopfte. Endlich aber kam der Tag, an dem
sein Ausharren belohnt wurde: sein guter Stern führte ihn mit +John
Fowler+ zusammen, einem der größten englischen Maschinenfabrikanten,
der hauptsächlich Dampfpflüge baute.

Fowler berief Eyth in seine Fabrik. Ein Schraubstock, an dem er
arbeiten sollte, und dreißig Schilling Wochenlohn: viel war es
nicht, was dem jungen Ingenieur geboten wurde. Aber er griff rasch
entschlossen zu und hatte es nicht zu bereuen. Bald fand er an
den Dampfpflügen Gefallen und Fowler an ihm. Auf der Londoner
Weltausstellung hatte er schon als Vertreter der Firma die dort
arbeitenden Dampfpflüge zu leiten. Da er sich dabei ausgezeichnet
bewährte, entsandte man ihn im Anschluß daran nach Ägypten. Halim
Pascha, der Oheim des damaligen Vizekönigs des Pyramidenlandes,
einer der größten Grundbesitzer in der ungeheuren Nilebene, wollte
seine Güter besser ausnützen, als dies bei der bis dahin üblichen,
altväterlichen Weise des Ackerbaues möglich war. Er bestellte bei
Fowler ein paar Dampfpflüge und Eyth wurde ausersehen, sie ins Nildelta
zu bringen, dort aufzustellen und aus der eingeborenen Bevölkerung die
nötige Bedienungsmannschaft heranzubilden.

Es war keine Kleinigkeit, die hier gestellte Aufgabe in einem
halb zivilisierten Lande zu lösen. Aber Eyth fand sich in die
fremdländischen Verhältnisse so glücklich hinein und stand so wacker
seinen Mann, daß Halim Pascha ihm den Antrag machte, als Oberingenieur
ganz in seine Dienste zu treten. Eyth ging darauf ein und blieb vier
Jahre in Ägypten.

Dann trat er wieder in die Dienste der Fowlerschen Fabrik, aber
nicht, um in England hinter Zeichentisch und Schraubstock zu sitzen,
sondern um das in Ägypten begonnene Wanderleben weiter fortzusetzen.
Zunächst sandte man ihn in die Vereinigten Staaten von Nordamerika,
um hier den Dampfpflug einzuführen. Es war bald nach der Beendigung
des Sezessionskrieges und der Niederwerfung der Südstaaten, als er
den Boden der Neuen Welt betrat. Wie es ihm dort erging, das hat er
in »Geld und Erfahrung« ebenso anschaulich wie humorvoll geschildert.
Der Kontrast zwischen Nord- und Südstaatlern, das übertriebene
Selbstgefühl des Nordamerikaners, sein Drang, Geld zu »machen« um
jeden Preis, kurz, das ganze, seltsam zusammengesetzte Wesen tritt
uns in der Geschichte lebenswahr entgegen. Und Eyth verhehlt dabei
nicht, wie er, der so stolz war, in Ägypten sich durchgesetzt zu haben,
dieser amerikanischen Art zunächst ziemlich hilflos gegenübersteht,
wie er erst allmählich sie begreift und festen Boden unter die Füße
bekommt. Schließlich gelang es ihm auch hier, seinem Auftrag gerecht
zu werden. Aber schon harrten seiner neue Aufgaben in der alten Welt.
In Deutschland, Österreich, Belgien hatte er zunächst tätig zu sein.
Dann ging er mit seinen Pflügen ins Innere des heiligen Rußland, das er
verließ, um Fowlers Maschinen in Rumänien einzubürgern. Von Rumänien
zog er nach Italien, und weiter übers Mittelmeer in die heißen Gefilde
Algiers. Dann beorderte man ihn in die Türkei, die er nur verließ, um
nach Westindien zu fahren. Als seine Aufgabe da erfüllt war, schickte
Fowler ihn nach Peru und von dort wieder nordwärts nach Kalifornien.
Wahrlich, ein buntes, wechselvolles Wanderleben. Und er lebte es nicht
in gemütlichem Behagen als Vergnügungsreisender: wohin er ging, folgte
ihm als treue Reisegefährtin die Arbeit.

Aber nach zwanzig Jahren solcher Tätigkeit war seine Wanderlust
befriedigt. Er gab seine Stellung bei Fowler auf und kehrte nach
Deutschland zurück. Freilich war er nicht der Mann dazu, sich hier
ruhig auf die Bärenhaut zu legen: Erstens gründete er die große
Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, deren Leitung ihm bis 1896
oblag. Und dann ging er jetzt daran, was er erlebt und erfahren
hatte, schriftstellerisch festzuhalten und andern mitzuteilen. Damit
beschäftigte er sich, bis ihn am 25. August 1906 der Tod abberief.

Eyths Erzählungen dürfen also nicht als freie Erfindungen
angesehen werden. Er hat in ihnen nur Bruchstücke seines eigenen,
abwechslungsreichen Lebens aufgefangen und dargestellt. Er hat
sich aber nicht damit begnügt, die Wirklichkeit so peinlich treu
wiederzugeben, wie etwa ein Photograph es tun würde, sondern er
hat jedes Stück in einheitlichen Fluß gebracht und geschickt
abgerundet, wie ein Maler die darzustellende Landschaft abrundet. Und
er hat seine Erlebnisse nicht rein sachlich, trocken und nüchtern
heruntererzählt, sondern er hat die Erzählung mit seinem köstlichen,
herzerquickenden Humor gewürzt. Er sieht all die kleinen Schwächen und
Absonderlichkeiten der Menschen, mit denen er zu tun hat. Aber sie
machen ihn nicht zum Griesgram und nicht zum bissigen Spötter. Er freut
sich an ihnen und möchte die Menschen gar nicht ohne sie sehen. Er
lacht über sie ein gesundes, herzhaftes Lachen und weiß uns dies Lachen
durch seine Darstellung mitzuteilen. Seine Bücher sind voll gesunder
Lebenskraft und Lebensfreude. Das macht sie dem Leser lieb und wert,
und das ist der Grund, daß sie eine so große Verbreitung gefunden haben.

    +Hamburg.+

            +~Dr.~ Carl Müller-Rastatt.+



1. Im Süden


[Illustration]

»Passen Sie auf, Mister Eyth, wenn ich Ihnen die Geschichte noch nicht
erzählt haben sollte: Vor drei Jahren begegnete mir im Broadway in
New York ein junger Engländer, frisch und grün, wie sie die Alte Welt
manchmal noch liefert. Er hatte schon drei Wochen in der Metropole der
Neuen verbummelt und darüber nachgedacht, wie er es angreifen könne,
sein Glück zu machen, und hatte sogar mich darüber befragt, obgleich
ich damals so wenig wie jetzt danach aussah, als ob ich das Problem
gelöst hätte. Ein Bürschchen aus guter Familie, dem seine Mama tausend
Pfund in die Tasche gesteckt hatte, um ihm den Anfang zu erleichtern.
Er strahlte vor Vergnügen, als ich ihn zum zweitenmal sah. Er hatte
einen entfernten Vetter gefunden, der Amerika seit fünfundzwanzig
Jahren kannte und schon ein halber Yankee geworden sein mußte, scharf
und hell wie ein Eingeborener. Sie wollten sich assoziieren, ein
Agenturgeschäft gründen, Zucker, Baumwolle, Tabak verkaufen -- was weiß
ich! Mein Engländer hatte das Geld, der entfernte Vetter die Erfahrung.
Das mußte gehen! In fünf Jahren konnten sie Millionen verdient haben!
-- Zwei Jahre darauf begegnete ich ihm wieder, fast am gleichen Fleck;
aber er war traurig. ›Nun, wie geht's mit der Agentur?‹ frage ich. --
›Mittelmäßig‹, sagt er zögernd. -- ›Was!‹ rufe ich, ›Ihr Vetter mit der
Erfahrung und Sie mit dem Geld -- das mußte ja gehen!‹ -- ›Wir haben
uns gestern getrennt, mein Partner und ich‹, -- erklärte er seufzend.
›Jetzt hat +er+ das Geld und +ich+ die Erfahrung!‹ -- Passen Sie auf,
Mister Eyth, daß ich mit Ihnen in kurzer Zeit nicht etwas Ähnliches
erlebe. Seit dem Krieg sind wir alle zweimal so scharf geworden als vor
fünf Jahren.«

»Gehört habe ich die Geschichte schon, aber nicht von Ihnen«, sagte
ich lachend. »Doch bange machen gilt nicht. Ein Mensch, der in Ägypten
vier Jahre lang unter Mamelucken und Eunuchen gepumpt und dampfgepflügt
hat und aus dem großen Baumwollkrach vor zwei Jahren lebendig
herausgekrochen kommt, ist so grün nicht mehr wie Ihr Engländer.
Die Griechen und Armenier von Alexandrien sind keine schlechten
Lehrmeister.«

»Mag sein«, nickte der Oberst, indem er nachdenklich an seinem
zweiten Frühstücksei herumknusperte. »Ich wünsche Ihnen alles Glück
zu Ihrem Glauben und Ihrer Schlauheit und wollte nur, der nächste
Dampfer brächte auch mir einen Dampfpflug, der achttausend Golddollar
wert wäre. Ich wollte ihn geschwind genug losgeschlagen haben, unter
Kostpreis, wenn nötig.«

Wir saßen beim Frühstück an einem der grünen Tischchen im Garten
des deutschen Restaurants und Biersalons von Breitling, in der
Tschapatulastraße von New Orleans, Louisiana. Der Garten war eine
Schöpfung nach Erinnerungen Breitlings aus seiner deutschen Heimat
und bestand aus sechs Tischchen und einem alten, knorrigen, schlecht
belaubten Hickorybaum, an dem als natürlicher Festschmuck zerlumpte
Fetzen hängenden Mooses klunkerten. Der Baum stammte ersichtlich
aus der Zeit, in der der Mississippi an dieser Stelle noch wildes
Swampland anzuschwemmen pflegte, und stand jetzt trübselig zwischen
vier hohen Backsteinmauern, die ihm und uns den stets willkommenen
Schatten gaben. Die Luft war dumpf und schwül; doch war man sozusagen
im Freien. Die Mittagsglut, welche über die große Stadt hereinzog, war
morgens um acht Uhr noch nicht bis in diesen Winkel gedrungen, so daß
schon seit vierzehn Tagen, seitdem ich in der Nähe wohnte, mir diese
Frühstücksstunde zu den angenehmeren des Tags gehörte. Breitlings
Figur, die seinem Namen, sonderlich von hinten, Ehre machte, und eine
zerrissene, etwas bierbefleckte »Gartenlaube« sorgten dafür, daß man
sich halb in Deutschland fühlen konnte.

Auch der Oberst, den ich hier kennen gelernt hatte, trug dazu bei.
Es war ein großer, hagerer, vierzigjähriger Mann, dem man allerdings
ansah, daß er einiges erlebt hatte. Schmettkow, Herr von Schmettkow
erlaube ich mir ihn aus Rücksicht für seine Familie zu nennen. Er
erzählte gerne von seinen leichteren Jugendstreichen, die er in die
Zeit verlegte, in welcher er Rittmeister in der preußischen Garde zu
Berlin gewesen sein wollte. Dies hatte wohl seine Richtigkeit; ich
hatte wenigstens keinen Grund, daran zu zweifeln. Dagegen beobachtete
er ein tiefes Schweigen darüber, wie es kam, daß er aufgehört hatte,
es zu sein. Nach seiner eignen, etwas unzusammenhängenden Lebensskizze
befand er sich plötzlich in Amerika, den üblichen Kampf ums Dasein
fechtend, und zwar von der Pike auf; und von was für einer Pike! Der
Ausbruch des Bürgerkriegs fand ihn bei Baltimore als Buchhalter einer
Baumwollplantage, auf der Südseite der Sezessionsgrenze. Politische
Grundsätze beeinflußten ihn sichtlich wenig. Er focht mit als braver
Soldat und biederer Landsknecht, wo ihn der Zufall hingestellt
hatte, und schied als Oberst von seinem nur noch aus vierundzwanzig
Mann, meist Majoren, bestehenden Regiment, als die große Sache der
Aristokratie des Südens zusammenbrach. Bei Atlanta, im letzten Gefecht,
in dem sich das Regiment auszeichnete, hatte er einen Sergeanten der
föderierten Armee unter Sherman samt der Kompagnie, welche dieser
zufällig befehligte, beim Frühstück überrascht und gefangen genommen,
oder vielleicht richtiger gesagt: er hatte Breitlings Frühstück
gefangen genommen und diesen, der ihm sofort wieder entwischte,
hierdurch unangenehm überrascht. Die beiden Herren konnten sich über
den Hergang der Waffentat nie völlig einigen. Breitling war nach dem
Friedensschluß mit andern politischen Kräften gen Süden gewandert und
besaß nach kurzer amtlicher Tätigkeit als Steuereinnehmer genügende
Mittel, seinen Biersalon in der Tschapatulastraße zu eröffnen. Dort
überraschte ihn Oberst von Schmettkow zum zweitenmal, den ein rauhes
Schicksal ebenfalls nach Louisiana verschlug. Es war hohe Zeit, denn
der Oberst, einer der wenigen Deutschen, die auf der verlorenen Seite
des großen Bürgerkriegs gefochten hatten, war dem Versinken nahe.
Breitling hatte ein gutes, dickes Herz und zwei Töchterchen von elf und
neun Jahren, die während der Kriegsjahre in ihren Elementarkenntnissen
etwas zurückgeblieben waren. Das paßte vortrefflich. Der Oberst wurde
Haus- und Mädchenschullehrer, hatte bereits sechs höhere Töchter und
bei Breitling freie Kost gefunden. Das Dameninstitut befand sich im
Tanzsalon hinter der Bierwirtschaft. Wo der Herr Professor wohnte,
wußte niemand. Aber seine Schnurrbartspitzen hoben sich aufs neue, und
der auf »Ä« gestimmte Ton des einstigen Offiziers vom Tempelhofer Feld
klang leise und gedämpft wieder durch. Ganz war er ja auch im größten
Elend nicht verschwunden, denn er war hörbar waschecht.

Ich selbst hatte vor zwei Wochen das Sankt Charleshotel verlassen
und war in eine Privatwohnung in der benachbarten Tschapatulastraße
übergesiedelt. Es war mir im Gasthof etwas zu unruhig geworden. Ein
Senator von Alabama hatte am Hotelschenktisch nach dem Mittagsmahl
im ruhigsten Gespräch sechs Schritte von mir einen Richter aus
Texas niedergeschossen. Man hatte zwar den toten Richter sofort auf
die benachbarte Polizeistation und den Senator, nach einem kleinen
Wortwechsel mit den Umstehenden, nach seinem Zimmer gebracht. Auch
ließ man dessen Tür von zwei nach und nach herbeigeholten Schutzleuten
zur allgemeinen Genugtuung der ängstlicheren Hotelbewohner streng
bewachen, nachdem der Senator kurz zuvor durch das Fenster abgereist
war. Da ich diesen Herrn aus Alabama persönlich nicht kannte, mit
ihm also auch nicht sympathisieren konnte, dagegen mit dem Richter,
der gleichzeitig großer Grundbesitzer war, schon mehrere Cocktails
getrunken und intime Beziehungen betreffs der Dampfkultur in Texas
angeknüpft hatte, ärgerte mich dieser Zwischenfall lebhaft und
veranlaßte, neben anderm, meinen Umzug nach der Tschapatulastraße. Auch
fand ich, daß meine augenblickliche Beschäftigung, das Warten auf den
englischen Frachtdampfer »Wild-West«, in einer Privatwohnung ebenso
wirkungsvoll gefördert werden konnte als in dem in ganz Louisiana,
wenn auch nicht wegen seiner Billigkeit, berühmten Sankt Charleshotel.
Meinen anderweitigen leiblichen Bedürfnissen genügte das Nachbarhaus,
Breitlings Restaurant und Biersalon, vollständig. Und so genoß ich
nach etlichen bewegten Reisewochen in unerwarteter Weise eine kleine,
wohlverdiente Ruhepause während meines ersten Aufenthalts in der
Crescent City, der »Mondsichelstadt«, wie der poetische Amerikaner New
Orleans zu nennen liebt, und konnte mir Land und Leute ansehen, ehe ich
mit ihnen handgemein werden sollte.

Das heutige Frühstück war der letzte Takt dieser Pause. Ich hatte schon
gestern abend einen Zettel von General Longstreet, dem Haupt der jungen
Firma Longstreet, Owen & Co., erhalten, der mich benachrichtigte, daß
der »Wilde Westen« signalisiert sei und an der Barre, der achtzig
Meilen entfernten Mündung des Mississippi, nur auf die Flut warte, um
heraufzukommen. Ich segnete meine Sterne und war schon in einem kleinen
Arbeitsfieber, ohne etwas Greifbares tun zu können; denn es war hohe
Zeit, daß ich meines Dampfpflugs habhaft wurde, wenn ausgeführt werden
sollte, was ich mit Longstreet geplant hatte.

»Nur kühl!« rief mein Oberst, indem er auf die Uhr und die zwei
internen Zöglinge seines Dameninstituts sah, die am Nachbartisch Lotto
spielten. »Und passen Sie auf! Die Geschichte mit Ihrem Obersten in
Washington -- wie heißt er?«

»Olcott, Oberst Olcott, Kongreßmitglied aus Ohio«, antwortete ich mit
Betonung, um meinen schwankenden Glauben zu stärken.

»Ich möchte vor allen Dingen wissen,« fragte sich Schmettkow
nachdenklich, »ob er schon Pulver gerochen hat, Ihr Oberst, oder nur
das riecht, das Sie mitbringen. Die Geschichte gefällt mir nur halb.«

»Aber sie kann kaum schief gehen, so wie sie jetzt eingeleitet ist«,
meinte ich zuversichtlich.

»Es kann in Washington alles schief gehen, seitdem die große Sache
schief gegangen ist«, versetzte der Oberst mit einiger Wärme. »Sie
kennen die Yankees noch nicht. Ein Kongreßmitglied in Washington!
Guter Gott! Ehe Sie sich umsehen, hat man Ihnen die Augen von Ihrem
Wassersüppchen geschöpft. Vollends ein Kongreßmann, den man Ihnen in
der Quäker-City angehängt hat, in der Sie am Sonntag in Gegenwart von
sechshunderttausend Mitmenschen verdursten können! Lieber Herr Eyth, es
mag ziemlich heiß sein in Ihrem Ägypten, aber Sie sind trotzdem grüner
geblieben, als Sie es selbst ahnen. Passen Sie mal auf!«

»Hexen können Sie hier auch nicht«, meinte ich, etwas verstimmt. »Ich
sehe wirklich nicht ein, wie --«

»Einsehen! Das ist gar nicht nötig. Das Einsehen kommt immer erst
später. Sie werden Ihr Lehrgeld bezahlen wie jeder andre. Zum Glück
haben Sie, wie es scheint, einen soliden Kassierer im Hintergrund.
Lernen Sie wenigstens +den+ benutzen! -- Übrigens gebe ich zu, um Sie
nicht zu ärgern, daß Sie die Sache nicht ganz ungeschickt angegriffen
haben. Wenn Sie so fortfahren, werde ich Ihnen auch künftig gewogen
bleiben.«

Er sagte dies im Ton gutmütiger Bevormundung, den wir bei unsern
abendlichen Schachpartien unter dem Hickorybaum gegenseitig
gebrauchten, um eine drohende Niederlage zu beschönigen. Die Sache
aber, um die es sich handelte, war die folgende:

Ich war vor zwei Monaten mit dem Auftrag der Fowlerschen Fabrik ans
Land gestiegen, unsre Dampfpflüge in Amerika einzuführen. Das war fast
die einzige Weisung, die ich mitbrachte. Man steht mit einer solchen
Aufgabe etwas zweifelnd am Strande eines neuen Weltteils; doch scheint
der Zeitpunkt, aus der Ferne gesehen, nicht ungünstig. Die Südstaaten,
die nach dem furchtbaren Krieg und nach der Befreiung der Sklaven in
irgendwelcher Weise weiterleben mußten, hatten sich irgendwie den neuen
Verhältnissen anzupassen. Für die Sklavenarbeit auf den Plantagen mußte
ein Ersatz gefunden werden. Hier konnte die Dampfkraft eingreifen und
nach der blutigen eine friedliche Revolution einleiten; wieder aufbauen
helfen, was jene zerstört hatte. Ich war nicht ohne einige Begeisterung
bei diesem Gedanken, wenn auch sehr seekrank, über den Atlantischen
Ozean gekommen und suchte so rasch als möglich Angriffspunkte für
meine Aufgabe zu finden. Leicht fand ich es nicht -- nach einigen
Wochen --, einen Weltteil zu erschließen; man mußte offenbar an die
Arbeit im kleinen und einzelnen gehen. Doch hatte die Firma Fowler
Freunde und sogar Verwandte in New York und Philadelphia, ein Haus, das
»in Blei« groß geworden war und zur alten Aristokratie der Quäkerstadt
gehörte. Hier fand ich wenigstens Ratschläge, auf die ich mich
verlassen konnte.

Eins wurde mir sofort klar: mit einem Eingangszoll von fünfundvierzig
Prozent des Maschinenwertes, der für jeden Dampfpflug viertausend
Dollar in Gold, siebentausend Dollar in Papier jener Tage
ausmachte, war die Einführung der Dampfkultur von England aus eine
augenscheinliche Unmöglichkeit. Dieses Verhältnis mußte vor allen
Dingen geändert werden. Mit einem Brief der Gebrüder Tatham, meiner
Berater in Philadelphia, ging ich nach Washington und stellte mich am
Schenktisch des Hotels Villard einem Herrn Oberst Olcott vor. Ich fand
in ihm einen klugen, energischen Mann, der im Tone biederer Offenheit
den kitzlichsten Verhandlungen den wohltuenden Schein der Ehrlichkeit
zu geben wußte. »Der Zweck heiligt die Mittel« war für ihn ein über
alle Zweifel erhabener Grundsatz. Es schien ihm völlig ausgeschlossen
zu sein, daß in unsrer Zeit noch Menschen geboren werden könnten, die
in diesem Punkt nicht völlig kapitelfest waren. Was aber die Heiligkeit
des Zwecks anbelangt, so kam es eben hauptsächlich darauf an, wieviel
dabei zu verdienen war.

Ein gemeinsames Frühstück, zu dem ich mir erlaubte, ihn sofort
einzuladen, genügte, ihm das Wesen und die Vorzüge eines Fowlerschen
Dampfpflugs zu erklären, ein Mittagsmahl, ihn von der Notwendigkeit
der Einführung und Verbreitung dieses großartigen Fortschritts auf dem
Gebiet der landwirtschaftlichen Technik zu überzeugen. Mit Papieren
aller Art war ich wohl vorbereitet. Ein begeisterter Aufsatz, noch
im Manuskript, stellte fest, daß namentlich der wirtschaftliche
Wiederaufbau des Südens, dem durch die Sklavenbefreiung die Hauptquelle
von Kraft und Arbeit entzogen worden war, nur durch Fowlers Dampfpflüge
möglich sei, die in Ägypten in der Hand halbwilder Fellachin Wunder
geschaffen hätten und in Indien -- hier dichtete ich beträchtlich
-- die vertrockneten Riesenflächen entlang des Ganges in blühende
Teegärten zu verwandeln in Begriff stünden. Ist es nicht die
patriotische Pflicht einer erleuchteten Gesetzgebung, fragte ich in
einem Wald von Ausrufungszeichen, die Einführung eines derartigen
menschenbeglückenden Apparates mit allen zu Gebot stehenden Mitteln zu
fördern? jeden Schritt freudig zu begrüßen, der den von ihren Irrtümern
befreiten, aber heute daniederliegenden Bruderstaaten ihre materielle
Wohlfahrt wiedergibt und sie gleichzeitig dem Fluch einer sündhaften
Ausbeutung der Menschenkraft entzieht? Darf nicht erwartet werden, daß
die weitsichtige Vertretung des größten Volkes unsrer Zeit mit Freuden
das einzige Hindernis entfernt, das der Erreichung dieses herrlichen
Zieles Schwierigkeiten bereitet, und ohne Verzug die Abschaffung
oder wenigstens die zeitweise Aufhebung eines Prohibitivzolls auf
Dampfpflüge beschließen wird?

»Sehr gut!« sagte Olcott, als ich ihm mein Memorandum vorgelesen hatte;
»was bezahlen Sie dafür?«

Obgleich selbst nicht Amerikaner, war ich in einen patriotischen
Schwung geraten, dem ich so rasch als möglich Einhalt tun mußte, um
antworten zu können.

»Wofür?« fragte ich, ein wenig nach Luft schnappend, um Zeit zu
gewinnen.

»Nun -- für das Spezialgesetz, für die Aufhebung des Zolls auf
Dampfpflüge, sagen wir auf ein Jahr.«

»Sagen wir auf fünf Jahre«, schlug ich vor, nach Fassung ringend.

»Gut! Nehmen wir an auf fünf Jahre. Wieviel?«

Ich schwieg. So nahe hatte ich mir das Ziel nicht gedacht. Das schien
ja über alles Erwarten einfach zu sein. Aber die Frage kam mir doch mit
gar zu betäubender Wucht über den Kopf.

Olcott sah mich verwundert an. Nach einer Pause bemerkte er:

»Ihr Dampfpflug mag vortrefflich sein. Das müssen Sie am besten wissen.
Auch was Sie da auf Ihrem Papier haben, ist nicht übel. Jedenfalls
läßt sich etwas damit machen. Aber Sie glauben doch wohl selbst nicht,
daß man eine wertvolle Verordnung wie die, die Sie brauchen, durch den
Kongreß drückt ohne Schmiermaterial. Da hat man zunächst alle möglichen
Kosten: Druckkosten, Trinkkosten, Reisekosten, Konferenzkosten,
Reklamekosten -- alle möglichen Kosten, die sich nicht spezifizieren
lassen! -- Doch kommen wir zum Geschäft -- Zeit ist Geld -- Wieviel?«

So rasch ging es nun doch nicht, wie ich es voreiligerweise vermutet
hatte. Die Verhandlungen dauerten drei Tage. Ich wand und krümmte mich,
so gut ich konnte; Olcott hatte viel Geduld mit mir. Am zweiten Tag
war ich nahe daran, in einem Anfall heiligen Zorns abzureisen; er half
mir selbst meinen Koffer wieder auspacken. Ich sei furchtbar grün; das
sei kein Wunder, meinte er, mich entschuldigend, bei meiner kurzen
Anwesenheit in diesem großen und freien Lande; aber ich sei sichtlich
ehrlich. Beides würde sich wohl mit der Zeit geben; dann könne noch ein
tüchtiger Mann aus mir werden. Jedenfalls werde er meine Laufbahn mit
großer Teilnahme verfolgen. Ich habe ihm vorläufig viel Spaß gemacht.
Das einzige, was er bedaure, sei, daß ich mit ihm auf politischem
Gebiet nicht ganz übereinzustimmen scheine. Dann formulierte er den
zehnten Vorschlag eines Abkommens, das ihm die Dampfkultur Amerikas
zinspflichtig machen sollte.

Schließlich waren wir am Ziel; wo ein Wille ist, findet sich ein
Weg. »Oberst Olcott verpflichtet sich,« lautete die geheimnisvolle
Vereinbarung, »nach Kräften dahin zu wirken, daß der Kongreß der
Vereinigten Staaten von Nordamerika innerhalb der nächsten zwölf
Monate die zollfreie Einfuhr von Dampfpflügen auf eine Reihe von
Jahren, jedoch nicht unter drei, zum Gesetz erhebt. Für die hierdurch
entstehenden Geschäftskosten und Bemühungen erhält Oberst Olcott von
der durch Herrn Eyth vertretenen Firma zunächst zur Einleitung der
erforderlichen Schritte tausend Dollar bar, sodann 7½ Prozent von
jedem unter dem Gesetz eingeführten Dampfpflug, bis die erhaltene
Summe zehntausend Dollar beträgt, und später 2½ Prozent bis zur
Wiedereinführung des gesetzlichen Normalzolls für landwirtschaftliche
Maschinen.« Damit konnten wir beide zufrieden sein. Ich oder vielmehr
Olcott hatte mich überzeugt, daß man auch in der größten der Republiken
dem Lande nicht umsonst Wohltaten erweisen kann. Ich fühlte eine
gewisse Dankbarkeit gegen den Biedermann, der mit seinem offenen
Lächeln der ganzen Verhandlung jeden bösen Schein abzustreifen gewußt
hatte und mit Eifer an die Arbeit zu gehen versprach. Wir schieden
an den Marmorstufen des Kapitols mit lebhaften Versicherungen
gegenseitiger Hochachtung. Mir jedenfalls war es um tausend Dollar
leichter zumute, was auch aus der Sache weiter werden sollte.

»Und seitdem haben Sie nichts mehr von Ihrem Oberst und Gesetzgeber
gehört?« lachte Schmettkow etwas verächtlich, nachdem ich ihm die
Geschichte zu meiner eignen Beruhigung beim dritten Male etwas
ausführlicher mitgeteilt hatte. »Na, das wird schon kommen. Mit tausend
Dollar ist mein Herr Kamerad im Norden nicht zufrieden. Ich kenne meine
Pappenheimer.«

»Wir werden ja sehen,« meinte ich etwas kleinlaut; »unter tausend
Dollar konnte ich wohl kaum erwarten, mit dieser Aufgabe durch
Washington zu kommen. So weit kennen glücklicherweise auch meine
englischen Freunde das Land. Im übrigen soll mich das alles wenig
kümmern, wenn ich in ein paar Tagen meinen Dampfpflug zwischen die
Finger bekomme. Dann sollen die Herren Amerikaner schon die Augen
aufmachen.«

»Na, na!« machte der Oberst, in dessen Seele der Stolz des werdenden
Yankees mit dem Ärger, in Amerika zu sein, in fortwährendem Kampfe lag.
Wir hatten, wie es die Unsitte des Landes will, halb deutsch, halb
englisch gesprochen und kaum bemerkt, daß sich auch am Nachbartisch
jemand niedergelassen und zu frühstücken begonnen hatte: ein älterer,
gutmütig aussehender Herr mit einem furchtbaren Knotenstock.

»Na, na!« sagte auch der neue Gast, sichtlich bestrebt, deutsch zu
sprechen, fuhr aber dann sogleich auf englisch fort: »Entschuldigen Sie
mich, Gentlemen; ich bin Mister Lawrences Bruder; Mister Lawrence,
Magnoliaplantage, Plagueminegrafschaft, Louisiana -- Sie kennen ihn?« --

Wir kannten nichts von all dem, glaubten ihm aber aufs Wort. Der Mann
hatte ein so ehrliches, zutrauliches Aussehen, nahm seinen Knotenstock,
ein wunderbares Naturerzeugnis, zwischen die Knie, stützte sein Kinn
darauf und sah uns freundlich an.

»Dampfpflüge!« fuhr er nach einer Pause fort, »Dampfpflüge -- das
interessiert mich. Wir haben in diesem großen Land Dampfpflüge in
Menge. In Vicksburg läuft einer seit drei Jahren -- in Cincinnati -- in
Chikago --«

»Mein lieber Herr!« sagte ich etwas erregt, denn er hatte mich an
einer wunden Stelle berührt, »das geht nicht! Ich bin noch nicht
lange in Ihrem großen und ruhmgekrönten Land, aber eins weiß ich: den
amerikanischen Dampfpflug, von dem mir jedermann erzählt, hat noch
niemand gesehen. Haben Sie ihn schon gesehen?«

»In Baltimore ist einer,« fuhr Herrn Lawrences Bruder ausweichend,
aber eifrig fort, »in Saint Louis hat erst vor wenig Wochen ein
außerordentlich talentvoller Milchhändler einen Pflug erfunden, der mit
dem Wind segelt. Warten Sie ein wenig; sehen Sie, hier!« -- Er zog aus
seinem geräumigen Rock ein großes, blaues Heft hervor, nachdem er sechs
kleine Tüten, die mit Zuckerproben gefüllt waren, auf den Tisch gelegt
hatte. Das blaue Heft enthielt zahllose, in kreuz und quer eingeklebte
Zeitungsausschnitte, unter denen er eifrig nach dem gewünschten
segelnden Pflug suchte.

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte ich hartnäckig. »Nein? -- Nun will ich
Ihnen erzählen, wie es mir in diesem großen und erleuchteten Land damit
ging. Auf der Überfahrt von Liverpool nach Boston sagte mir die ganze
Schiffsgesellschaft, soweit sie amerikanisch war, daß es bei ihnen
von Dampfpflügen wimmeln müsse. Ein Herr aus Boston meinte, in seiner
Vaterstadt seien allein drei, wahrscheinlich in vollem Gang, denn er
erinnere sich, schon als Schuljunge davon gehört zu haben. Ich hielt
mich zwei Tage auf, um sie zu finden. Niemand wußte etwas davon. Aber
in Philadelphia sei ein blühendes Geschäft, das sie fabriziere. Ich
interessiere mich ein wenig dafür; es ist mein Handwerk. Ich gehe also
nach Philadelphia und finde mit Müh' und Not die Adresse eines Herrn
in New York, der einmal mit einem englischen Geschäft korrespondiert
habe, um sich einen kommen zu lassen. Es wurde nichts daraus wegen
des hohen Eingangszolls. Aber in Cincinnati sei ein Mister Fox; der
mache amerikanische Dampfpflüge, hauptsächlich fürs Präriepflügen,
höre ich in der Metropole der Welt. Ich gehe nach Cincinnati. Mister
Fox war tot. In einem Schuppen fand ich eine alte Straßenlokomotive,
die seiner armen Schwester gehörte und aussah, als ob sie Noah gebaut
hätte. Pflüge wolle ich sehen? Nein, das sei nicht zum Pflügen; das
sei ein Lastwagen mit Dampfbetrieb, erklärte mir die Schwester. Aber
in Chikago: dort werden für die Maisfelder von Illinois Hunderte von
Dampfpflügen gebaut. Ich war auf dem Weg nach dem Süden, aber ich ließ
mich's nicht verdrießen: ich gehe nach Chikago. Die Firma Thompson &
Smith, von der ich in Cincinnati gehört hatte, war bankrott. Einen
Dampfpflug habe sie nie gebaut. Dagegen habe allerdings Mister Thompson
einen erfunden, der zehn Morgen in drei Minuten aufbreche. Nur der
Bankrott sei ungeschickterweise dazwischen gekommen, die epochemachende
Erfindung auszuführen. Jetzt sei er in Kalifornien, um das Geschäft
fortzusetzen. Dort werde eigentlich nur noch mit amerikanischen
Dampfpflügen gearbeitet. So werde es in Louisiana wahrscheinlich auch
sein, namentlich in New Orleans, seitdem die Sklavenarbeit aufgehört
habe. Hier bin ich jetzt, Mister Lawrence,« schloß ich, ganz warm
von meinem Bericht, »und Sie schicken mich nach Vicksburg. Bei Gott,
es ist ein großes Land, Ihr Amerika! Aber die Geschichte von seinen
Dampfpflügen fängt an, etwas monoton zu werden.«

Lawrence tat, als ob er mir nicht zugehört hätte, und suchte eifrig in
seinem blauen Heft.

»Sehen Sie hier!« rief er triumphierend. »Vicksburg, den 2. November
1866 -- na nu! Das ist eigentlich etwas andres, aber nicht weniger
interessant, und zeigt Ihnen, was unsre Erfinder leisten. Ein Land
mit solchen geistigen Kräften ist nicht umzubringen, darauf können
Sie wetten! Hören Sie zu. ›Vicksburg, den 2. November. Wir vernehmen
mit Vergnügen, daß es einem unsrer Mitbürger, einem genialen jungen
Erfinder, Mr. Hodgekiß, nach langem Studium und kostspieligen Versuchen
gelungen ist, einen Dampfneger zu konstruieren. Derselbe kann
bereits Holz sägen, Maiskolben raspeln und Zuckerrohr kauen. In der
gegenwärtigen verzweifelten Lage unsers Südens ist diese Erfindung von
der höchsten Bedeutung. Der Neger ist gegen ein Eintrittsgeld von 50
Cents zu New York, 218 Fultonstreet, zu sehen. Der geniale Erfinder ist
nunmehr eifrig damit beschäftigt, auch ein Dampfmaultier anzufertigen,
teilt uns jedoch in der liebenswürdigsten Weise mit, daß dies eine
sehr viel schwierigere Aufgabe sei als die von ihm bereits glücklich
gelöste. Es wird dies jedermann, auch der Nicht-Techniker, begreifen,
wenn man bedenkt, daß ein Maultier gewöhnlich vier artikulierte Beine
in Bewegung setzen muß, während der Neger nur zweibeinig ist. Mr.
Hodgekiß ist übrigens noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt und im
Begriff, sich mit der reizenden Miß Evelin Sharp aus Warrenton zu
verheiraten. Er geht mit dem Plane um, auf Grund seiner Erfindungen
eine Dampfneger- und -maultier-Aktiengesellschaft mit beschränkter
Haftpflicht zu gründen, worauf wir Kapitalisten und Freunde der
Regeneration des Südens besonders aufmerksam machen.‹«

»Wieviel Aktien haben Sie genommen?« fragte Oberst von Schmettkow
Herrn Lawrence, der sich siegreich umsah.

»Vorläufig noch keine«, sagte Lawrence, ohne eine Miene zu verziehen.
»Mein Bruder befindet sich augenblicklich im Norden und will sich den
Neger erst ansehen. Das ist jetzt nicht mehr so einfach als früher. Sie
wissen, mein Bruder ist ein vortrefflicher Geschäftsmann und läßt sich
nicht leicht einseifen. Man muß sich mit den Yankees in acht nehmen.
Auch in der guten alten Zeit haben wir keine Neger gekauft, ohne sie
anzusehen. Und wenn Sie uns Ihren Dampfpflug zeigen, wer weiß, dann
läßt mein Bruder am Ende den Dampfneger fahren und läuft Ihnen nach. Es
sollte mich freuen, Mister -- Mister -- wie heißen Sie?«

Ich befriedigte seine Neugierde.

Wir schüttelten uns heftig die Hände, während ich mich zum Fortgehen
anschickte. »Mister Lawrences Bruder« gefiel mir, obgleich mir noch
nicht ganz klar war, was ich aus ihm machen sollte. Jedenfalls war
er ein lebender Beweis der Zuträglichkeit des Klimas von Louisiana,
über das man mir in der Ferne viel Böses gesagt hatte. Sein breites
Gesicht lachte harmlos, seine Äuglein blinzelten listig hinter
den roten Wangen und unter den struppigen weißen Augenbrauen. Ein
kindlicher Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten des menschlichen
Fortschritts schien der leitende Gedanke, die Poesie seines Lebens
zu sein und ihn häufig, nach Art der Poesie, in etwas nebelhafte
Regionen zu entführen. Wenn jedoch von Dollars die Rede war, hatte
er plötzlich festen Grund unter den Füßen. Er hoffte, mich wieder
zu sehen. Wenn mein Dampfpflug ankäme, wolle er der erste sein, der
seinen Ruhm in der Crescent City verkündige. Und seinen Bruder wolle er
mitbringen! »Sie wissen, wir haben dreitausend Acker Land in Zucker.
Das ist kein Kinderspiel ein Jahr nach dem Krieg, wenn alles die Arme
hängen läßt und die verfluchten Reisesäckler[1] dem Süden den letzten
Blutstropfen aussaugen. -- General Longstreet, sagten Sie? Sie gehen
zu General Longstreet? Das ist ein Mann, wie er sein soll, Mister
Eyth, unser bester Soldat und heute der ehrlichste Baumwollmakler in
ganz Louisiana. Ich werde Sie begleiten. Es ist mir eine Ehre, Sie zu
General Longstreet zu begleiten.«

»Passen Sie auf!« flüsterte mir Schmettkow zu, der sich's zur
Lebensaufgabe gemacht zu haben schien, mich vor den üblichen Gefahren
des Landes zu schützen.

Dann gingen wir in die glühende Helle der Kanalstraße hinaus.

[Illustration]



2. Eine Generalversammlung


Die Geschäftszimmer der Firma Longstreet, Owen & Co. in der
Jacksonstraße bestanden aus zwei geräumigen, hellen Gemächern mit dem
freundlichen Ausblick auf einen etwas verwilderten Garten, in welchem
Palmetten, Kaktusbirnen und Aloes in der weißen Vormittagssonne
schimmerten. Er mußte vor fünf Jahren ein prachtvolles Bild südlicher
Pflanzenüppigkeit geboten haben. Jetzt schien er sich selbst überlassen
zu sein, und seine Lianen machten ernstlich Anstalt, über das Haus
wegzukriechen, um sich dessen Straßenfront anzusehen. Im äußeren,
größeren Zimmer hausten die zwei jungen Owen, von denen der eine
Major, der andre Kapitän genannt wurde. Dies waren sichtlich keine
bloßen Ehrentitel: der Major hinkte infolge eines Schusses im Bein,
der Kapitän hatte einen tiefen Säbelhieb in der im übrigen rosigen
Wange. Das zweite, kleinere Gelaß war das Geschäftszimmer des Generals
Longstreet, den Freund und Feind im Süden mit sichtlicher Hochachtung
die rechte Hand des Generals Lee zu nennen pflegten, seitdem Longstreet
selbst nur noch eine linke hatte. Seine eigne Rechte lag auf dem
Schlachtfeld bei Chattanooga begraben. Alle drei waren jetzt ehrsame
Baumwollmakler und Generalagenten für alles mögliche, was der Süden
brauchen oder nicht brauchen konnte, auch für unsre Dampfpflüge. Ich
selbst bin ein Mann des Friedens, und als mich der junge Owen mit der
liebenswürdigen Höflichkeit des Südländers bat, ein wenig zu warten,
da sich General Beauregard und General Taylor augenblicklich bei
General Longstreet befänden, wurde es mir doch etwas schwül in dieser
kriegerischen Umgebung, trotz der Baumwollproben, die auf allen Tischen
und Gesimsen umherstanden. Doch so ist nun einmal das amerikanische
Leben. Gestern standen die drei Männer, die im Nebenzimmer das Sinken
der Baumwollpreise besprachen, an der Spitze von Armeen und schrieben
in blutigen Schriftzügen an der Geschichte der Neuen Welt. Beauregard
hatte zur Eröffnung des großen Bürgerkriegs die ersten Schüsse bei
Fort Sumter abgefeuert, Taylor war vier blutige Jahre lang der
Soldatenliebling aller Damen Louisianas gewesen, und Longstreet, eine
mächtige, echt ritterliche Gestalt, hatte bis zum bitteren Ende beim
Appomatox-Courthouse mit seiner verstümmelten Rechten an der Seite
seines großen Chefs gefochten, wobei ihm die beiden Owen als seine
persönlichen Adjutanten zur Seite standen. Der Kapitän hatte mir schon
davon erzählt, wie es ihm und den Tausenden seiner halbverhungerten
und halbverbluteten Kameraden am Abend bei der Übergabe der Armee,
die den furchtbaren Krieg beendete, zumute gewesen war, wie ihm und
allen andern eine Zentnerlast vom Herzen gefallen sei, an der sie
seit Monaten geschleppt hatten, und wie er in der nächsten halben
Stunde sein armes, halbtotes Pferd um 32000 Dollar in konföderiertem
Papiergeld verkauft und ein Paar Stiefel um 430 Dollar gekauft habe.
So stand es damals um Stiefel, Pferde und Geld. -- Etwas besser war's
nun doch schon geworden. Taylor war Präsident des kleinen versumpften
Kanals, der von New Orleans nach dem Pont Chartrin führt, Beauregard
geschäftlicher Leiter einer im Bau begriffenen Bahn nach Texas,
Longstreet und seine einstigen Adjutanten Baumwollhändler. Der Major
war nicht anwesend. Er sagte mir, sein jüngerer Bruder sei auch in
kaufmännischen Dingen noch heute Longstreets rechte Hand. »Lauter
rechte Hände,« dachte ich, »und doch ist die ›große Sache‹ schief
gegangen.«

Während mein neuer Freund Lawrence sofort in lebhaftem Gespräch
mit dem jungen Owen seine Zuckertüten aus der Tasche holte, sie
auf den Tisch schüttete und ihn für die herrlichen Kristalle der
Magnoliaplantage zu begeistern suchte, öffnete sich die Tür des
Nebenzimmers, und Longstreets breites, treuherziges Soldatengesicht
winkte mir zu, einzutreten. Die beiden andern Heerführer standen
um ein Tischchen und zupften mit jener langsamen, sachverständigen
Handbewegung Baumwollflocken auseinander, die bewies, daß sie wußten,
was sie taten. Jedes Gewerbe hat gewisse zünftige Bewegungen, an denen
sich die Eingeweihten sofort erkennen: man weiß, wie der richtige
Getreidehändler das Korn von einer Hand in die andre rollen läßt, der
Zuckersieder den zähflüssigen Zucker zwischen Daumen und Zeigefinger
ausspinnt und der Gastwirt seinen Kaviar empfiehlt, indem er Daumen
und Zeigefinger zusammendrückt und mit halbgeschlossenen Augen den
Mund zuspitzt, als ob er küssen oder pfeifen wollte. So wußte ich nun
auch, daß sämtliche drei Generale aus Familien stammten, die große
Baumwollplantagen besessen hatten.

Longstreet stellte mich vor: »Herr Eyth, Ingenieur und Vertreter der
berühmten Firma John Fowler & Co. aus Leeds in England; Herr Eyth
ist im Begriff, Gentlemen, einen Ersatz für unsre Neger in Louisiana
einzuführen, so daß die farbigen Gentlemen sich in Zukunft mit größerer
Ruhe der Anfertigung unsrer neuen Konstitution widmen können.«

Beauregard, ein schweigsamer Mann mit weißen Haaren, machte ein
finsteres Gesicht und zeigte keine Lust, auf Longstreets Witzchen
einzugehen. Der kleine, elastische General Taylor dagegen lachte.

»Was hilft das Zähneknirschen, Beauregard?« sagte er munter. »Wir
sind geschlagen. Darüber ist kein Zweifel. Man muß sehen, wie man
sich daran gewöhnt. -- Waren Sie schon in unserm Abgeordnetenhaus?«
wandte er sich an mich. »Dorthin müssen Sie gehen. Alles schwarz. So
etwas hat man nicht gesehen, seit sich der Erdball um die Sonne dreht.
Mein Plantagenhufschmied, der mich seinerzeit dreizehnhundert Dollars
kostete, ist erster Schriftführer. Aber reden sollten Sie den Mann
hören! Alle sechs Wochen erhöhen die Herren in namentlicher Abstimmung
ihre Tagegelder. Bis jetzt war dies ihre einzige gesetzgeberische
Tätigkeit. Aber reden muß man sie hören. O Jerusalem!« ...

»Mittlerweile müssen wir jetzt danach sehen, wie man Maulesel
beschlägt«, meinte Longstreet, »und den Boden aufreißt, Kanalschiffe
durch die alten Swamps schleppt und Schienen im Sand von Texas begräbt.
Das ist Beauregards Spezialität. -- Sie also wollen uns pflügen helfen,
Herr Eyth?«

»Ich hoffe so, General«, antwortete ich mit erwachender Zuversicht
und fühlte mich den drei Helden des großen Bürgerkriegs mit jeder
Minute menschlich näher. »Der Dampf hat schon größere Schwierigkeiten
überwunden.«

»Sie scheinen einen guten Glauben an den Dampf zu haben«, meinte
Beauregard grimmig. »Vor fünf Jahren ging mir's ähnlich: mit dem
Pulverdampf!«

»Wenn einmal die erste Lokomotive über seine ›Texasstrandlinie‹ läuft,
wird sein Glaube wieder lebendig werden«, sagte Taylor tröstend.
»Nehmen Sie ihm ein paar hundert Aktien ab, Herr Eyth, wenn Sie den
alten Bären lachen sehen wollen. Ich habe leider mit dem größeren
Teil meines Vermögens meinen Salon tapezieren lassen: alles echte
konföderierte Tausenddollarnoten, die die Yankees für uns fabrizierten.
Das müssen Sie sich ansehen, ehe Sie uns verlassen. Verstehen Sie etwas
von Kanalschiffahrt? Ich nicht; und ein unbehagliches Gefühl ist es für
einen Soldaten und Kanaldirektor.«

Als in diesem Augenblick Major Owen eintrat, verabschiedeten sich die
Herren mir gegenüber mit allgemeinem Händeschütteln, untereinander
mit halb militärischen Grüßen und kaum bemerkbaren Blicken, die
jedoch erraten ließen, daß sich unter der Oberfläche einer zu lauten
Heiterkeit manches regte, das der Fremde nicht zu sehen brauchte.

»Galgenhumor!« sagte Longstreet, von der Tür zurückkommend, mit einem
leichten Schatten auf seinem guten, wohlwollenden Gesicht. »Taylor
hat sein ganzes, großes Vermögen endgültig verloren. Er hat zwei
Schwestern, vor fünf Jahren die ersten Damen von New Orleans, die
eine Nähschule anfangen wollen, um zu leben. Übrigens geht es uns
allen nicht viel besser. Doch es wird wieder anders kommen! Bei Gott,
schlechter kann's nicht werden! -- Ihr Schiff, der ›Wilde Westen‹, muß
jeden Augenblick hier sein, Herr Eyth. Der Major ist auf dem Zollamt,
um den Betrag des Zolls festzustellen. Er hofft, Ihren Pflug um
fünfzehnhundert Dollars hereinzubekommen. Natürlich muß er erklären,
daß die ganze Sendung aus rohem Gußeisen besteht. Das wird ihm um so
leichter, als er noch nichts davon gesehen hat und einen Dampfpflug von
einem Bienenkorb nicht unterscheiden kann, wenigstens zollamtlich. Sie
sehen, wir haben schon einiges von unsern nordischen Freunden gelernt.
Im schlimmsten Fall müßten Sie allerdings beschwören, daß die Angaben
meines Geschäftsteilhabers ihre Richtigkeit haben.«

Ich schnappte nach Luft. Jedermann kannte Longstreet als einen
Ehrenmann ohne Furcht und Tadel, und seine treuherzigen blauen Augen
sahen so kindlich in die Welt hinaus, daß ihm der größte europäische
Spitzbube aufs Wort geglaubt hätte.

»Aber, General, das geht wirklich etwas zu weit«, stotterte ich.
»Gußeisen! Seit zehn Jahren trompeten wir in Wort und Schrift in alle
Welt hinaus, daß wir den besten Stahl an Stelle jedes Stückchens
Gußeisen anwenden, das durch Stahl zu ersetzen ist. Ich habe erst
gestern einen Zeitungsartikel an den ›New Orleans Picayune‹ gesandt, in
dem ich mit Nachdruck darauf hinweise.«

»Und ist das alles, was Sie da geschrieben haben, so ganz wörtlich
zu nehmen?« fragte Longstreet, indem er mich zutraulich anblinzelte.
»Sehen Sie, lieber Herr Eyth, Sie müssen sich in unsre Sitten einleben.
Geschworen wird bei uns das Blaue vom Himmel herunter; an das müssen
Sie sich vor allen Dingen gewöhnen. Auf dem hiesigen Zollamt werden
an guten Tagen etliche fünfzig Eide geleistet. Schweinefleisch,
Baumwollballen, Stockfische, Seidenkleider, Guß- und Schmiedeeisen,
alles, was die Barre passiert, wird im Namen des allmächtigen Gottes
für das erklärt, was es meist nicht ist. Die ganze Union ist entlang
ihrer zwölftausend Meilen langen Grenze von einem Schnellfeuer von
Meineiden beschützt, die jahraus jahrein ununterbrochen, außer am
Sabbat, gen Himmel knallen. Das verlangt die Konstitution dieses
großen und erleuchteten Landes und gehört zum Segen des Schutzzolls.
Sie sehen, wir sind ein religiöses und gesetzliebendes Volk, seitdem
wir wieder zur glorreichen, unteilbaren Republik gehören und ein
Rudel Schwarzer unsre Gesetze macht. Auch uns, den alten Herren von
Louisiana, wird es nicht immer ganz leicht, im neuen Fahrwasser zu
schwimmen, das kann ich Ihnen unter der Hand versichern.«

Major Owen trat ein, ein noch junger, hübscher Mann, dem man übrigens
die Strapazen einer harten Zeit deutlich ansah, und bei dem unter
der höflich lächelnden Oberfläche häufiger als bei Longstreet der
verhaltene Grimm, die kochende Bitterkeit gegen die Verhältnisse
durchbrach, in denen wir lebten. Der kurze Gruß der beiden zeigte
deutlich die soldatischen Beziehungen der kaum vergangenen Zeit und
zugleich von seiten des jüngeren Mannes eine fast schwärmerische
Verehrung für den älteren. Man weiß in langen Friedenszeiten so viel
von der Verrohung zu erzählen, die der Krieg mit sich bringt. Mitten im
Kampf und oft genug nach demselben sieht man nicht selten auch Blüten
und Früchte andrer Art.

Nein, es sei nichts mit den 1500 Dollars, berichtete der Major. Der
Zolldirektor, ein regelrechter Reisesackpolitiker aus dem Norden,
bestehe auf dem vollen Zoll von 4200 Dollars in Gold, wenn ich nicht
vielleicht bereit sei, andre Überredungskünste in Bewegung zu setzen.

»Wieviel?« fragte ich. Diese Form der Frage begann mir schon geläufiger
zu werden.

»Ich denke, mit 500 Dollars ließe sich der Gußeisenzoll erreichen«,
sagte der Major nachdenklich. »Das wären noch immer 2200 Dollars in
Ihre Tasche. Aber bei Jupiter! das müssen Sie selbst regeln, Herr Eyth.
Ich habe die Spitzbubengeschichte satt.«

»Und ich bin für eine solche Verhandlung noch nicht lange genug in
Ihrem großen und erleuchteten Lande gewesen!« rief ich in einer
Aufwallung moralischer Entrüstung, die beide Herren höchlich belustigte.

»Aber Sie kommen doch aus der Türkei oder aus Ägypten«, meinte
Longstreet nach einer Pause.

»Wohl wahr, und ich überlege selbst gelegentlich, worin eigentlich
der Unterschied liegt. Das tröstliche Wort Bakschisch erklärt ihn
vielleicht teilweise. Dort, einem schmunzelnden Effendi gegenüber,
hat man das Gefühl, als sei dies alles, wie es der Schöpfer gewollt
hat, als habe man es mit einer andern Gattung von Säugetieren zu tun,
die nun einmal nicht leben können, wenn sie nicht geschmiert werden.
Hier, im Verkehr mit Herren in schwarzen Sonntagshosen, mit einem
Gesicht ernst und ehrenfest und wie aus Holz geschnitzt, finde ich den
richtigen Ton noch nicht.«

»Das wird kommen, Herr Eyth,« meinte Longstreet, »ich fürchte, das
wird rasch genug kommen. Eine im Grunde aufrichtige Natur wie Sie
findet sich bei uns bald zurecht. Man muß uns nur verstehen. Sie haben
noch keinen Begriff davon, mit welcher Ehrlichkeit unsre Spitzbuben
zu Werke gehen. Lesen Sie die Verhandlungen, in denen der große Boß
des Tammanyrings, Mister Tweed, in New York seit ein paar Wochen
glänzt. Sie kommen gerade zur rechten Zeit hierher. Wir wissen das
alles schon seit fünf Jahren: für Sie ist es eine gute Anfangslektion.
Bitte, beachten Sie die Ehrlichkeit, mit der der Mann seine fünfzig
Millionen aus dem Steuerbeutel der New Yorker gestohlen hat. Keine
Intriguen wie in der alten, verrotteten Welt, aus der Sie kommen,
keine Heimlichkeiten, keine Hintertreppengemeinheiten. Alles offen und
geradeaus, was man auf beiden Seiten des Wassers ›~fair play~‹ nennt.
›Ich greife in die Stadtkasse und hole mir eine Million heraus --
ungezählt. Sie, Mister Schatzmeister, drücken die Augen zu und erhalten
hierfür dreimalhunderttausend Dollars. Abgemacht?‹ sagt der eine. --
›Abgemacht!‹ sagt der andre. Das war die Formel für alle Geschäfte des
großen Mannes, der New York bis gestern regierte. Möglich, daß er jetzt
ins Zuchthaus wandert. Alle zwölf Jahre schüttelt sich das unglaublich
faule Volk der wirklich achtbaren Leute, und das Geschmeiß fällt ab.
Wahrscheinlicher ist aber, daß er das Geschäft nach einigen Monaten
wieder aufnimmt. Ein andrer, wenn nicht er, tut es sicher.«

Ich erzählte, was ich mit Olcott in Washington vereinbart hatte.

»Sehr schön,« sagte Longstreet, »für einen Anfang sogar recht brav
gemacht! -- Olcott? -- Olcott? -- Ich erinnere mich des Namens. --
Major, wissen Sie, wo wir einem Olcott begegnet sind?«

»Wenn es der Artilleriehauptmann ist, der uns bei Chattanooga
gegenüberstand,« sagte Owen, »so ist es wenigstens ein braver Soldat.
Der Mann stand bei seinen zerschossenen Kanonen, bis der letzte
Artillerist am Boden lag. James Olcott. Ich ließ mir den Namen von ein
paar Gefangenen sagen, die zu seiner Batterie gehört hatten. Er selber
entwischte uns schließlich doch.«

»James Olcott!« rief ich erfreut, »das stimmt! Da glauben Sie wohl
auch, daß ich an den richtigen Mann geraten bin, der unsre Sache
ehrlich vertreten wird?«

»Was das betrifft,« meinte Longstreet gedehnt, »warten wir's ab!
Bei Chattanooga hätte ich dem Mann mein Vermögen samt Weib und Kind
anvertraut, in Washington würde ich keinen roten Cent an ihn wagen.
Für den Augenblick hilft uns Ihr Freund jedenfalls nichts. Sie müssen
sich entscheiden: entweder bleibt der Pflug unter Zollverschluß, bis
der Kongreß zu einer Entscheidung kommt -- das mag sechs Wochen dauern
oder sechs Monate oder sechs Jahre, kein Mensch kann es wissen -- oder
Sie entschließen sich, die 4200 Dollars zu zahlen. Einen dritten Ausweg
sehe ich nicht, wenn Sie dem Zolldirektor keinen Privatbesuch machen
mögen. Was wollen Sie tun?«

»Aber so viel Geld habe ich nicht hier«, bemerkte ich sorgenvoll.

»Natürlich, doch das ist einfach!« tröstete Longstreet. »Ein Wechsel
auf Ihre Freunde in London regelt die Sache in drei Minuten.«

Kapitän Owens rosiges Gesicht sah zu der sich leise öffnenden Tür
herein:

»Kann Sie Mister Lawrence sprechen, General? Der Bruder des Mister
Lawrence von der Magnoliaplantage. Es betrifft den Dampfpflug.«

»Sicherlich!« rief Longstreet fröhlich. »Wie geht es Ihnen, Mister
Lawrence?« Mister Lawrence stand nämlich schon mitten im Zimmer, den
Hut auf dem Hinterkopf, beide Hände auf dem Knotenstock, die stämmigen
Beinchen ausgespreizt wie eine kleine Kopie des Kolosses von Rhodos,
und lächelte uns der Reihe nach verständnisvoll an.

»Wie geht es Ihnen, General?« rief er eifrig. »Ich bin Mister
Lawrences Bruder von Magnoliaplantage, Plagueminegrafschaft; Sie
wissen, General? Ein guter Südländer in der Zeit der Sezession. Aber
wir müssen mit den Wölfen heulen und schließlich auch dampfpflügen,
wenn unsre farbigen Herren es wünschen. Übrigens bin ich im Ausschuß
der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana und habe Ihnen einen
Vorschlag zu machen.«

»Was, sind Sie noch nicht bankrott?« fragte Longstreet verwundert.

»Die Landwirtschaftsgesellschaft? Noch nicht, im Gegenteil! Wir haben
bloß kein Geld. Aber hier, dieser Gentleman aus der Alten Welt hat
mir eine Idee eingegeben, aus der sich etwas machen läßt. Wir haben
unsern Ausstellungspark vor der Stadt, einen prächtigen Platz. Die
Herren Owen kennen ihn; Rennbahn, Tribüne, alles. Wir machen den
nötigen Lärm, dafür lassen Sie mich sorgen. Herr Eyth läßt dort seinen
Dampfpflug laufen, und die ganze Welt strömt zusammen, das Weltwunder
anzustaunen. Überall hört man vom Dampfpflug; kein Mensch hat das Ding
je gesehen. Das muß ziehen. Die Landwirtschaftsgesellschaft nimmt das
Eintrittsgeld; Sie, General, haben die Ehre, den Süden zum zweitenmal
zu retten; das heißt« -- Lawrence wurde sichtlich verlegen -- »das
heißt zum erstenmal, und Mister Eyth verkauft ungezählte Apparate an
die Yankees, die unsre Plantagen in Besitz genommen haben und nicht
wissen, was sie jetzt weiter tun sollen.«

»Und die Kosten?« fragte ich nicht ganz ohne Bedenken, obgleich
Lawrences Plan wie ein Lichtstrahl in das zweifelhafte Dunkel fiel,
in dem ich bis jetzt gelebt hatte. Denn auch ich wußte kaum, wie ich
weiterkommen sollte. »Es kostet ein rundes Sümmchen, Herr Lawrence, den
großen Apparat, sagen wir, eine Woche lang auf Ihrem Ausstellungsplatz
in Gang zu erhalten.«

»Ganz einfach!« sprudelte mein neuer Freund. »Die
Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana schreibt einen glänzenden
Preis für den besten Dampfpflug aus. Sie erhalten den Preis, den wir
aus den Eintrittsgeldern bezahlen. Was kostet der Rummel, wenn wir acht
Tage arbeiten?«

»Ich denke, ich sollte mindestens 500 Dollars haben, um die Kosten
zu decken«, sagte ich, mit höchst unnötiger Gewissenhaftigkeit
kopfrechnend.

»Sagen wir 750!« meinte Lawrence. »Gut! Morgen schreibt unser Komitee
einen Preis von 750 Dollars aus; dafür lassen Sie mich sorgen.«

»Sie können nichts Gescheiteres tun, als ja sagen, Herr Eyth«, sagte
Longstreet, sichtlich erstaunt über mein Zaudern. »Mister Lawrences
Bruder ist ein praktischer Mann, das sieht man auf den ersten Blick.
-- Ich gratuliere Ihnen, Herr Lawrence! Sie sind ein würdiges
Ausschußmitglied unsrer großen Landwirtschaftsgesellschaft von
Louisiana!«

»Wann kann die Prüfung losgehen, Mister Eyth?« fragte Lawrence, ohne
des Generals Komplimente zu beachten, indem er seinen Hut noch weiter
auf den Hinterkopf schob, der vor Eifer zu dampfen schien.

Das war der rasche Pulsschlag des amerikanischen Lebens, der uns
langsame Europäer manchmal fast betäubt. Ich hatte, wie es schien,
zehn Sekunden Zeit, mir alles zu überlegen. Der Pflug, in etlichen
fünfzig gewaltigen Kisten, schwamm noch wohlverpackt und unverzollt auf
dem Mississippi. Ich wußte nicht, ob der unentbehrliche Monteur und
Dampfpflüger mitgekommen war, ohne den es nahezu unmöglich war, eine
öffentliche Vorstellung mit dem neuen Apparat und einer Bemannung von
völlig unerfahrenen Heizern und Pflügern zu geben. Dann, wer weiß, in
welch unpflügbarem Zustand sich der gerühmte Ausstellungspark befand,
in dem das Experiment stattfinden sollte. Doch es war nicht mein erster
rascher Entschluß. Frisch gewagt ist halb gewonnen, und die vierzehn
Tage Wartens in der schwülen Luft des Mississippideltas hatten mich ein
wenig ungeduldig und tatendurstig gemacht.

»Haben Sie ein Wechselformular zur Hand?« fragte ich.

Major Owen reichte mir die Feder; das Papier lag bereits säuberlich
ausgeschrieben auf des Generals Schreibtisch, der es in wundersam
wackligen, nach links fallenden Schriftzügen mit seiner noch
vorhandenen Hand ausgefüllt hatte, während wir uns unterhielten. Ich
unterzeichnete das Dokument, demzufolge die Herren John Fowler & Co.
sich verpflichteten, vierzehn Tage nach Sicht dem Überbringer 4200
Dollars in Gold auszuzahlen.

Der Major verabschiedete sich mit dem kleinen Zettel, um ihn zu
versilbern. Es war keine Zeit zu verlieren. Ein Junge stand im äußeren
Bureau mit der Nachricht, daß der »Wilde Westen« soeben am Fuße der
Tschapatulastraße anlege. Der Kapitän wolle wissen, was mit den fünfzig
Maschinenkisten geschehen solle, die sofort ausgeladen werden müßten,
da der Pflug als Deckladung verschifft sei.

Und damit hatte ich ja meinen Pflug und konnte die Neue Welt fünfzehn
Zoll tief aufbrechen, wann und wo ich wollte!

[Illustration]



3. Die erste Großmacht unsrer Zeit


Herrn Lawrences Bruder nahm seinen Knotenstock unter den Arm und rieb
sich die Hände vor Vergnügen, als wir Longstreets Bureau verließen.
»Sehen Sie, das freut mich!« rief er noch unter der Türe. »Seit sechs
Monaten gebe ich mir alle erdenkliche Mühe, den Dampfnigger hierher
zu bekommen. Aber der Kerl will zu viel Geld und verlangt dazu noch
Vorausbezahlung. Das geht nicht. Der Erfinder ist kein Südländer,
darauf können Sie wetten, und wenn er zehnmal in Vicksburg geboren
wäre. Ein kniffiger Yankee, ohne Zweifel, der kein Herz unter den
Rippen hat wie alle. Nun haben wir dafür einen Dampfpflug und Sie! Und
Sie -- Sie sind« -- er suchte offenbar nach einem schmeichelhaften
Ausdruck, doch was ihm einfiel, schien diesem löblichen Streben kaum
zu entsprechen, so kam schließlich nicht viel dabei heraus -- »Sie
sind ein vernünftiger Mensch, ein ganz vernünftiger Mensch! Wenn ich
etwas für Sie tun kann, Mister Eyth, rechnen Sie auf mich und auf
meinen Bruder, der in vierzehn Tagen zurückkommt. Sie müssen sich die
Magnoliaplantage ansehen, wenn Sie Land sehen wollen und Zucker. Haben
Sie die hiesigen Zeitungsredaktionen schon besucht?«

»Nein. Wozu?«

»Was! Sie haben die Redaktionen nicht besucht und einen Dampfpflug
am Fuß der Tschapatulastraße? Sie sind wohl nicht bei Trost! -- das
heißt -- verzeihen Sie -- Sie kennen dieses große Land noch zu wenig,
lieber Freund. Das erste ist, allen Redakteuren von New Orleans Ihre
Aufwartung zu machen. Es ist weitaus billiger als jeder andre Weg. Ich
werde Sie begleiten.«

»Sehr gütig, Herr Lawrence,« versetzte ich, »aber ich wollte vor allen
Dingen nach meinen Kisten sehen und hauptsächlich auch nach meinem
Monteur, der im ›Wilden Westen‹ mitgekommen sein muß und sich nicht zu
helfen weiß.«

»Das ist alles Nebensache«, erklärte mein hitziger Freund. »Die
Redaktionen müssen Sie besuchen, ohne eine Minute zu verlieren.
Ich werde Sie vorstellen. Und dann gehen wir zum Sekretär der
Landwirtschaftsgesellschaft. -- Donnerwetter!« -- er blieb stehen;
es schien ihm plötzlich etwas einzufallen -- »ich glaube, ich habe
Ihnen versprochen, daß die Gesellschaft morgen einen Preis von
siebenhundertfünfzig Dollars für den besten Dampfpflug aussetzen wird.
Wir müssen doch wohl eine Komiteesitzung abhalten.«

Der Hickorystock setzte sich in Bewegung, Lawrence, flink wie ein
Wiesel, hinterher. Ich folgte fast willenlos: die kleine dicke
Verkörperung eines Wirbelwinds riß mich mit. Ich mußte mich zum
wenigsten vergewissern, ob es mit der Komiteesitzung ernst werden
würde, von deren doch noch sehr zweifelhaften Beschlüssen meine
nächsten Schritte abhingen.

In der St. Charlesstraße fanden wir das übliche Gewimmel von Menschen
und Tieren. Es war kaum möglich, meinem übereifrigen Führer zu folgen.
Da plötzlich, hinter dem Rücken eines vierschrötigen Negers, war er
verschwunden, als hätte ihn vor meinen Augen die Erde verschlungen,
ohne sich zu öffnen. Ich stand etwas erschrocken und völlig ratlos
da, ging auf dem Fußsteig der Straße, vom Strom der Vorübergehenden
geschoben und gestoßen, zehn Schritte weiter, dann zehn Schritte
zurück und wiederholte dies mit wachsendem Staunen. Lawrence blieb
verschwunden. War die ganze Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana
samt ihrem Ausschußmitglied eine amerikanische Sinnestäuschung gewesen,
deren Bedeutung ich noch nicht begreifen konnte?

Plötzlich hörte ich aus dem Dunkel eines kleinen Tunnels, der
unmittelbar von der Straße in ein altes, finsteres Gebäude führte,
die mir wohlbekannte Stimme: »Wo stecken Sie denn? Hier haust der
›Picayune‹! Kommen Sie! Schnell!«

Ich stürzte mich erfreut in die stockfinstere Nacht, in der mein
wiedergefundener Freund völlig zu Hause zu sein schien, erwischte ihn
am Rockärmel und war entschlossen, ihn nicht mehr zu verlieren, bis der
Preis für den besten Dampfpflug schwarz auf weiß ausgeschrieben war.

»Dies sind die Geschäftsräume des Picayune,« sagte er, mich an der
Wand des Tunnels vorwärtstreibend; »das älteste Blatt der Stadt. Die
größte Zeitung im Süden. Nehmen Sie sich in acht, was Sie sagen. Guter
Demokrat. Südliche Sympathien. Der Redakteur ist Oberst, hat in Texas
kommandiert, aber nicht viele Schlachten gewonnen. Mehr Federmann. Hier
sind wir!«

Es dämmerte in der Wand, die sich teilweise auf meinen Rock übertragen
hatte. Seitlich ging es eine schmale, steile Treppe empor, die den
letzten Grad der Abnutzung erreicht zu haben schien, den eine Treppe
erreichen kann. Mehrere Herren kamen uns hastig entgegen; auch Arbeiter
mit Setzkästen. Es war nicht leicht, hinaufzudringen. Oben summten und
rasselten die Pressen. Dort in dem schwülen Halbdunkel eines großen,
niederen Saals wurden in allen Richtungen feuchte Zeitungsblätter
von wunderlich zuckenden und rollenden Maschinen in beängstigendem
Takte ausgespieen. Lawrence zog mich weiter, durch den Setzersaal.
Es war jetzt nicht an der Zeit, Maschinenbewegungen zu studieren. In
der kleinen, aber fürchterlichen Höhle, die wir ohne jede Zeremonie
betraten, hauste der Geist, der diese halbdämonische Welt regierte.

Ein Räuberhauptmann, dem Aussehen nach, braun wie ein Mulatte,
mit gewaltigem Schnurrbart und einer imponierenden, unzweifelhaft
rötlichen Adlernase, maß uns während des energischen Händeschüttelns
mit schwarzen, stechenden Augen, machte jedoch gleichzeitig mit einer
nicht unhöflichen Bewegung zwei Stühle frei, indem er die Berge von
Manuskripten, Zeitungsschnipfeln und Fahnenabzügen, die sie bedeckten,
auf den Boden fegte. Dann deutete er uns mit einer riesigen Schere an,
Platz zu nehmen, wenn uns unser Leben lieb sei.

»Mit was ist Ihnen gedient, Mister Lawrence?« fragte er, indem er mit
seiner Waffe nach der Wand wies, wo auf einem langen Papierstreifen in
roten Buchstaben der Zauberspruch »~Time is money!~«[2] prangte. Über
der Inschrift waren zwei sich kunstreich kreuzende Revolver angebracht,
der einzige Schmuck an den im übrigen kahlen Wänden. Man hatte den
Eindruck, daß man sich hier nicht am richtigen Ort für ein gemütliches
Plauderstündchen befand.

»Ich wünsche, Ihnen diesen Gentleman vorzustellen,« sagte Lawrence
eifrig: »Mister Eyth, Mister Rawley; Mister Rawley, Mister Eyth,
-- mit dessen Ankunft eine neue Zeit für unsern unglücklichen
Süden beginnen wird. Mister Eyth ist der Vertreter der größten und
berühmtesten englischen Fabrik für Dampfkulturgeräte: Dampfpflüge,
Dampfkultivatoren, Dampfeggen, Dampfwalzen, Dampfsäemaschinen,
Dampfzuckerrohrschneider und Dampfbaumwollpicker. Sie machen doch
auch Dampferntemaschinen jeder Art, Herr Eyth? -- versteht sich --
natürlich!« -- wandte er sich an mich im Ton unerschütterlichen
Glaubens an seine Inspiration. »Kurzum, Mister Rawley, die Negerfrage
existiert nicht mehr, wenn wir Herrn Eyth in Louisiana aufnehmen, wie
er es verdient.«

Rawley brummte mürrisch: »Hm! sehr angenehm! Immer noch lieber von
England als von jenseits des Potomaks. -- Sehr angenehm, Mister Eyth.
Ich nehme an, daß Ihr Dampfpflug uns besser hilft, als Ihre Landsleute
es getan haben. Ah so -- Sie sind kein Engländer; um so besser! --
Wie gefällt Ihnen unser schönes Land in seinem jetzigen, jammervollen
Zustand? Nicht übel -- wie?«

»Longstreet, der General, hat die Agentur für die Sache übernommen«,
fiel Lawrence ein.

»Der General Longstreet, die rechte Hand von Lee? Das ist etwas andres!
Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« fragte Rawley, während sich
seine Räuberhauptmannszüge in etwas menschlichere Falten legten.
»Wir werden Sie mit Interesse beobachten, Mister Eyth! Wann soll es
losgehen?«

»Was meinen Sie, Herr Rawley?« fragte ich, etwas Mut schöpfend.

»Die Rettung des Südens, das Gepflüge«, versetzte der Redakteur. »Sie
geben doch ein Frühstück, um die Sache einzuleiten? Wir werden einen
Berichterstatter hinschicken, wenn ich nicht selbst kommen kann. Sie
wünschen ohne Zweifel eine redaktionelle Notiz schon vor dem Frühstück?
Natürlich! Wollen Sie die Gefälligkeit haben, mir einige Anhaltspunkte
zu geben. Wie alt sind Sie? verheiratet? glücklich verheiratet? Wo
wurden Sie erzogen? Bitte, teilen Sie mir alles mit, was zur Sache
gehört. General Longstreet ist mein Freund, ein Mann, den ich hoch
verehre. Nehmen wir einen Tropfen Rum -- echten Jamaika -- wie, Herr
Lawrence?«

Sie winkten sich, verständnisinnig. Eine geschäftige Freundlichkeit
durchbrach endlich die rauhe Schale des Räuberhauptmanns. Es gelang
mir zwar nicht, seine Aufmerksamkeit von meinem ~curriculum vitae~
auf die Vorzüge des Fowlerschen Doppelmaschinensystems zu übertragen.
Auch Lawrence half mit, meinem Jugendleben und meinen persönlichen
Wünschen und Hoffnungen auf den Grund zu kommen, und fügte, gegen
Rawley gewendet, von Zeit zu Zeit die Versicherung bei, daß ich von
Kindesbeinen an ein wirklicher Gentleman und ein unzweifelhafter
Demokrat -- im amerikanischen Sinne des Wortes -- gewesen sei. In
der Sklavenfrage halte ich noch jetzt »mit Zähnen und Klauen« an
den geheiligten Gesetzen unsrer Vorfahren fest. Dies brachte mir
jedesmal einen stummen, schmerzhaften Händedruck des Redakteurs ein,
der seinerzeit selbst fünf Neger besessen hatte. Dazwischen wurde
festgesetzt, daß Longstreet ein großes Frühstück geben müsse, zu dem
die gesamte zu rettende Gesellschaft Louisianas sowie die Vertreter
der Presse, in erster Linie aber des Picayune, einzuladen seien.
Daran werde sich das Pflügen in würdiger Weise anschließen. Bezahlen
werde ich es ja mit Vergnügen; eine solche Einführung des englischen
Dampfpflugs sei etwas mehr wert, sollte man denken, als ein paar
Dutzend Hummern und das erforderliche Zubehör. Ich selbst mußte dies
zugeben und bekämpfte mannhaft eine vorübergehende Trübung meiner
Stimmung. »Noch einen Tropfen Rum, Herr Eyth!« rief der finstere
Redakteur, indem er nach der steinernen Flasche griff, die neben seinem
Tintenfaß stand. »Nein? Das müssen Sie noch besser lernen, wenn Sie uns
retten wollen. Das oder Temperenzler werden. Dazwischen liegt nichts.
Adieu! Schicken Sie mir, was Sie gedruckt haben wollen, schon vor dem
Frühstück!«

[Illustration]

Wir gingen. Lawrence nahm im Tunnel den Knotenstock wieder unter den
Arm. Ich bemerkte es, weil er mich damit heftig in die Magengegend
stieß. Es war der Ausdruck seiner Befriedigung. Dann lief er weiter,
als ob er feurige Kohlen in den Stiefeln hätte. »Jetzt rasch, solange
wir noch warm sind, in die Konkurrenzbude!« sagte er, mehr für sich als
zu mir. Unser Ziel befand sich in derselben Straße, nur zwei »Blocks«,
zwei Häuserviertel, entfernt; ein prächtiger, noch im Bau begriffener
Palast, an dessen Steinfront der Titel der Zeitung: »~The Crescent City
News~« in goldenen, riesengroßen Buchstaben prangte. Eine prachtvolle
Marmortreppe, deren vergoldete Eisengeländer man anzuschrauben im
Begriff stand, führte in die hellen, luftigen Drucksäle. Alles glänzte
und funkelte hier, und selbst das Maschinengerassel hatte einen
schärferen Klang als beim Nachbar. Auch flogen die Abendzeitungen nicht
unordentlich aus allen Winkeln heraus wie dort. Ein schwarz gekleideter
Herr empfing uns an der Tür eines geräumigen Bureaus, wohlwollend und
würdig, so daß ich ihn für einen Geistlichen zu halten geneigt war. Es
war Herr Smithson, der erste Redakteur der »Crescent City News«. Er war
entzückt, Herrn Lawrence zu sehen, entzückt, daß Herr Lawrence mich
mitgebracht hatte, direkt aus England. Er rang mit meiner Hand, als ob
er sie aus dem Gelenke schütteln wollte. »Entzückt, Herr Eyth, Ihre
Bekanntschaft zu machen. Ein Deutscher aus England, höchst interessant!
Wie gefällt Ihnen dieses herrliche Land?«

Mister Smithson bot uns zwei große, mit braunrotem Leder überzogene
Armstühle, aber keinen Rum an. Ich war ihm wahrhaft dankbar
dafür, Lawrence dagegen ließ seine Blicke fragend im Zimmer
umherschweifen: nirgends die Spur einer Flasche. Die Tatsache war
in die Augen springend: Smithson war nicht bloß ein Yankee, er war
ein Mäßigkeitsapostel. Zum erstenmal glaubte ich durchzufühlen, daß
Lawrences überwallendes Herz ein wenig sank.

Der Redakteur dagegen blieb freudig erregt. »Dampfpflüge!« rief er,
mir nochmals die Hand schüttelnd, »und schon auf dem Wege! Sehr schön!
Im Begriff zu arbeiten; ausgezeichnet! Dem unglücklichen Neger, dem
bedrückten Mitbruder die Last der Arbeit abzunehmen, welch glücklicher
Gedanke; welch großes Ziel Ihres Wirkens, Herr Eyth! Die Rasse bedarf
der Erziehung; unter uns muß ich dies zugeben. Aber wie kann sie
erzogen werden, wenn sie nach wie vor vor den Pflug gespannt bleibt,
um der alten verkommenen Aristokratie des Landes Sklavendienste zu
leisten? Ich frage Sie, Herr Lawrence, als Mann den Mann, als Christ
den Christen: Wie wollen Sie den Neger erziehen, solange er am Pflug
zieht? Da kommt Herr Eyth mit seinem Dampfpflug, und die Sache ist
gemacht. Große Gesichtspunkte; ich halte mich an große Gesichtspunkte!
Nur indem wir an großen Gesichtspunkten festhalten, können wir
den fürchterlichen Bürgerkrieg zu einem Segen für unsern teuren
Süden ausgestalten. Nur so wird einem Volke von Brüdern die Kraft
wiederkehren, das sternbesäte Banner der Union über dem unteilbaren
Kontinent zu schwingen.«

»Das war Mister Eyths Ansicht schon von Kindesbeinen an!« rief Lawrence
mit Überzeugung.

Smithson drückte auch ihm die Hand. »Dampfpflüge!« fuhr er fort, fast
ohne Atem zu schöpfen. »Ich habe sie längst mit Spannung erwartet.
Allerdings habe ich noch nie einen gesehen, aber in unserm Norden,
in Philadelphia, in Cincinnati, in Chikago sind in diesem Augenblick
Hunderte im Gang! Meine Landsleute, Herr Eyth, sind ziemlich
erfinderisch und warten gewöhnlich nicht darauf, was Sie drüben in der
Alten Welt machen; -- Hunderte!«

»Das heißt,« -- begann ich, bestrebt, ein paar Worte einzuschalten, kam
aber nicht weiter.

»Das soll uns natürlich nicht hindern, den vortrefflichen Apparat
gebührend zu würdigen, den Sie uns bringen. Sie wünschen natürlich eine
präliminare, eine hervorragende präliminare Anzeige Ihrer Bestrebungen
im redaktionellen Teil der ›Crescent City News‹. Vortrefflich! Fünfzig
Cents die Zeile. Die Sache muß diesen Herren im Süden eindringlich ans
Herz gelegt werden. Wie alt sind Sie? Wo sind Sie geboren? Sind Sie
verheiratet?«

Ich kämpfte abermals, und sichtlich ebenso vergebens, gegen diese
Art, die Dampfkultur dem Publikum näher zu bringen. Auch hier ließ
mich Lawrence völlig im Stich und hetzte den sprachseligen Redakteur
nur noch tiefer in seine Forschungen nach meinem Stammbaum und nach
andern Einzelheiten, die für ihn von Interesse gewesen wären, wenn ich
seine Tochter hätte heiraten wollen. Ich ergab mich schließlich und
erzählte ihm alles, was mir aus meinen Jugendjahren einfiel. Er schien
befriedigt.

»Sehr schön! Höchst interessant!« rief er schließlich. Als ich selbst
im besten Zuge war und ihm die Herkunft meiner Mutter aus einer
Schweizer Adelsfamilie erklären wollte, glaubte er genug zu wissen und
steuerte plötzlich rückwärts. »General Longstreet steht an der Spitze
der Sache, wie Sie mir sagen; ein vortrefflicher Mann, der leider auf
die falsche Seite geraten ist. Nehmen Sie sich ein wenig in acht,
Herr Eyth, daß Ihr Dampfpflug nicht allzu konföderiert wird. Mister
Lawrence versteht mich; er kennt beide Seiten; ein vortrefflicher
Mann, Mister Lawrence! -- Also Longstreet wird ein großes Frühstück
geben, ehe Sie zu pflügen anfangen. Ausgezeichnet! Wir werden einen
Berichterstatter schicken, wenn ich nicht selbst kommen kann. Ich
hoffe, ich werde selbst kommen können! Doch möchte ich um Limonade
bitten; nur Limonade für mich! Adieu, Herr Eyth. ~Time is money!~ Die
Rechnung für die heutige redaktionelle Anzeige werde ich Ihnen schon
morgen zusenden können. Es war mir höchst angenehm! Adieu! Adieu!«

Damit komplimentierte er uns durch die Druckerei.

»Verfluchter Yankee!« brummte Lawrence schon auf der Prunktreppe.
»Trinkt nur Wasser und schwatzt wie ein altes Brunnenrohr. Vor
dem müssen Sie sich in acht nehmen, Herr Eyth: der regelrechte
Reisesackpolitikus. Aber es hilft nichts, wir brauchen sie alle,
solange sie mit Kind und Kegel auf unserm Land herumsitzen wie die
Heuschrecken. Uff! Mister Eyth, wenn Sie vor fünf Jahren zu uns
gekommen wären, hätten wir anders mit dem Herrn geredet. Aber wir
brauchen sie, Gott sei's geklagt, wir brauchen sie alle!«

Lawrence schleppte mich weiter. Wir besuchten die hochdemokratische,
das heißt aristokratische »Biene«, die republikanischen »Louisiana
Times«, die neutralen, leicht nach Süden hängenden »Commercial News«.
Mein treuer Führer schien unermüdlich, bis sie alle wußten, wie alt
ich sei, wo ich geboren wurde und daß ich mich vorläufig nicht zu
verheiraten gedenke. Zuletzt kamen wir auch über die Kanalstraße, in
das alte französische Viertel der Stadt. Dort, vor einem unansehnlichen
Hause in der St. Louisstraße, blieb er stehen, wartete, bis ich ihn
erreicht hatte, denn er war mir gewöhnlich zehn Schritte voraus, und
sagte:

»So! da können Sie allein hinaufgehen, Herr Eyth. Hier hausen Ihre
Landsleute, die ›Deutsche Zeitung‹. Ich muß jetzt nach meinem Komitee
und nach Ihrem Preis sehen. Die Sache bekommt Hände und Füße, wenn Sie
so noch ein paar Stunden fortmachen.«

Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne, und wahrhaftig, er
hatte das Recht dazu. Es war glühend heiß geworden. Sein Eifer hatte
mich jedoch angesteckt. Ich wußte jetzt, wie man Redakteure besucht,
und machte mir nichts daraus, auch meinen Landsleuten die offenbar
landesübliche Aufwartung zu machen.

»Und glauben Sie wirklich, daß Sie das Preisausschreiben seitens Ihrer
Gesellschaft so rasch zustande bringen werden?« fragte ich Lawrence,
ehe wir uns trennten. Ich konnte meine Zweifel noch immer nicht los
werden; es ging alles so verblüffend geschwind. »Man muß doch wohl eine
Art Programm ausarbeiten, Bedingungen beraten, eine Prüfungskommission
aufstellen --«

Er unterbrach mich: »Verlassen Sie sich darauf, Herr Eyth! Morgen früh
lesen Sie das Ausschreiben in allen Zeitungen. Was wetten Sie?«

Dies zu hören, war mir außerordentlich lieb. Wenn ein Amerikaner so
fragt, ist ihm die Sache ernst.

»Zehn Dollar!« sagte ich deshalb ohne langes Bedenken.

»Sie scheinen kein großes Vertrauen in Ihre Zweifel zu haben«,
versetzte er lachend und fuhr dann mit einer gewissen Feierlichkeit
fort: »Gut, zehn gegen zehn; Sie lesen das Preisausschreiben morgen
in allen Zeitungen der Stadt, die täglich erscheinen. Eine ehrliche,
gradlinige Wette. Ich kann sie verlieren, wenn ein Drucker Dummheiten
macht oder ein Redakteur zu tief in die Whiskyflasche sieht, anders
nicht. In Hunderten wäre mir die Wette lieber gewesen.«

Er machte mit einem Bleistift von einem halben Zentimeter Länge eine
Notiz auf eine seiner Zuckertüten und war schon um die Straßenecke
verschwunden, als ich die mit Papierfetzen reich geschmückte Treppe
der »Deutschen Zeitung« hinaufkletterte und mit einer Beilage um das
linke Bein oben anlangte. Es war alles etwas klebrig im Hause, trotz
der Hitze. In der Druckerei, die kleiner war als die andern, die ich
heute kennen gelernt hatte, standen die Maschinen still. Dagegen schien
eine Art Volksversammlung stattzufinden. An einen Setztisch gelehnt,
stand eine teutonische Gestalt von echtem Schrot und Korn, mit blonden,
wallenden Haaren, blauen Augen, einem mächtigen roten Bart. Auch der
Schnitt ihres Anzugs, namentlich die Weite der Beinkleider, verriet
etwas vom deutschen Studenten der älteren Generation, die noch Ideale
kannte. Der Herr schien mitten in einer Volksrede für fünftausend
Zuhörer zu schwimmen und ließ sich durch mich, der ich etwa der
sechzehnte war, nicht unterbrechen.

»Ich wende mich an Sie, meine Herren«, rief er, »vertrauensvoll,
schmerzbewegt! Wir haben ein gemeinsames Ziel: unsre Grundsätze
der Wahrheit und Freiheit der deutschen Welt unsers großen neuen
Vaterlandes täglich zu verkündigen, das Panier der Gleichheit und
Brüderlichkeit, ohne Ansehen der Farbe unsrer Leser, im Süden
voranzutragen. Wir haben dieselben Freuden, dieselben Sorgen. Im
Schweiß unsers Angesichts haben wir wieder vierzehn Tage lang der
großen Sache gedient. Die Zahl unsrer Abonnenten ist um fünf gestiegen;
das Ergebnis des Straßenverkaufs hat jedoch bedauerlicherweise
abgenommen, da unser tätigster Austräger samt seinen Freitagsexemplaren
spurlos verschwunden ist; Fritz Kleile ist mit einem kleinen Vorschuß
aus unsrer Mitte geschieden, ich fürchte, für immer. Sie, meine Herren,
waren schon gestern berechtigt, den sauer verdienten Lohn für Ihr
aufopferungsvolles Wirken aus meiner Hand zu empfangen. Ich mußte Sie
auf heute vertrösten. Meine Herren, auch heute ist unsre Kasse« --
der Redner hob ein Blechkästchen, das neben ihm stand, in die Höhe,
öffnete es feierlich und zeigte nach allen Seiten das glänzende Vakuum
seiner Innenseite -- »diese unsre Kasse ist leer! Wollen Sie sich
gefälligst selbst überzeugen«, fügte er in vertraulichem Tone bei,
indem er sich an seine nächsten Nachbarn, einen grimmigen alten Setzer
und zwei schmächtige zwölfjährige Jungen, wandte, die ihn hungrig
ansahen.

»Aber wo der Teufel ist das Geld von gestern?« fragte einer der
fünfzehn, dessen trockene Kehle eigentümlich krächzende Laute
hervorbrachte. Der Mann war sichtlich übermäßig durstig.

»Sie haben ein Recht, diese Frage aufzuwerfen, verehrter Freund!«
entgegnete der Redakteur mit einem mitleidigen Blick auf den Sprecher.
»Ich werde sie beantworten. Wir hatten das Unglück, gestern abend den
Besuch des Geschäftsführers unsres Papierlieferanten zu empfangen. Ich
stand vor der peinlichen Gewißheit, der heutigen Ausgabe der ›Deutschen
Zeitung von Louisiana‹ papierlos entgegensehen zu müssen. Ich hatte die
Wahl, den nicht ganz unberechtigten Forderungen des unerbittlichen,
ich darf sagen, herzlosen Geschäftsmenschen zu trotzen und damit uns
alle zu vernichten oder ihm den Inhalt unsrer Kasse einzuhändigen. Da
gedachte ich Ihrer Seelenstärke, meine Herren, gedachte der deutschen
Treue, die sich in schweren Zeiten seit zwei Jahrtausenden bewährt
hat. ›Besser,‹ sagte ich, ›noch einmal ohne Geld vor meinen Freunden
zu erscheinen als ohne Papier.‹ Und nun« -- der Ton des Redners wurde
um eine halbe Oktave tiefer, seine Stirne legte sich in Falten und
sein blonder Haarbusch schien in die Höhe zu steigen -- »und nun,
meine Leidensgenossen, frage ich Sie. Sie selber werden entscheiden.
In Ihre Hand lege ich das Panier unsrer großen Sache. Wollen Sie -- ja
oder nein -- wollen Sie nochmals zwei Wochen ungelohnt in alter Treue
Ihre Pflicht erfüllen? Oder wollen wir gemeinsam das sinkende Schiff
verlassen und jeder für sich an unbekanntem Strande eine zweifelhafte
Rettung suchen? Im ersteren Falle« -- er verfiel plötzlich wieder in
den gemütlichsten Gesprächston, in welchem er alle wichtigeren Teile
seiner Rede vorzutragen schien -- »im ersteren Falle bekommen Sie
vorläufig allerdings noch einmal nichts, aber es wird ohne Verzug
weitergedruckt. Im zweiten Falle schließe ich die Bude, und Sie
bekommen auch nichts.«

»Weiterdrucken!« riefen die zwei hungrigen Jungen mit vor Begeisterung
glänzenden Augen.

»Abstimmen!« stöhnte der Durstige.

»Abstimmen!« riefen noch drei oder vier der Älteren, und so kam es
nach den besten Regeln eines in Trübsal geläuterten Parlamentarismus
zur namentlichen Abstimmung. »Herr Faktor Müller?« -- »Weiterdrucken!«
-- »Herr Setzer Kunze?« -- »Der Teufel hole die ganze Bude samt dem
Herrn Redakteur; schließen!« -- »Der nächste?« -- »Weiterdrucken! --
Weiterdrucken! -- Schließen! -- Weiterdrucken!« und so weiter.

Die Abstimmung war rasch beendet. Der Redakteur tat einen tiefen,
theatralischen Atemzug und begann wieder: »Meine Herren und Freunde!
Das Ergebnis unsrer Abstimmung ist das erwartete. Die deutsche Treue
hat auch auf fremder Erde abermals glänzend gesiegt. Sieben Stimmen
sind für den Schluß der Bude, acht fürs Weiterdrucken. Die gute Sache
ist gerettet. Wie ein Phönix wird das Panier der ›Deutschen Zeitung von
Louisiana‹ aus der Asche dieser vorübergehenden Prüfung erstehen, und
Arm in Arm mit dem sternbesäten Banner dieses großen und freien Landes«
-- er hielt plötzlich an, wie wenn ihm etwas Wichtiges eingefallen wäre
-- »Meine Herren! Ich bitte die Herren Setzer, sich an ihre Plätze zu
begeben. Es ist die höchste Zeit, wenn die Abendzeitung rechtzeitig auf
die Straße kommen soll. Und, bei Gott, wir müssen heute abend etwas
Geld haben. Was eingeht, wird verteilt. Rasch an die Arbeit, meine
Kinder! -- Was wünschen Sie?«

Das galt mir. Der kleine Bienenkorb war in einer halben Minute in
voller Tätigkeit. Der Redakteur, Herausgeber und Eigentümer der
»Deutschen Zeitung von Louisiana« trocknete sich den Schweiß von der
Stirne und gab mir vorsichtig die Hand. Ich war ein Landsmann. Sollte
ich gekommen sein, ihn anzupumpen?

»Sie kommen in einem nicht ganz glücklichen Augenblick, verehrter
Herr!« sagte er, ohne jedoch im geringsten verlegen zu sein. »Das
nennen wir den Kampf ums Dasein. Er ist Ihnen vielleicht aus den
neuesten Schriften eines gewissen Darwin bekannt. Hier sehen Sie die
Theorien des großen Naturforschers ~in natura~.«

»Es war mir höchst interessant, und ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem
Siege«, sagte ich höflich. »Ich verstehe und würdige Ihre freudige
Erregung, denn auch ich, Herr Doktor, --«

Er nickte freundlich.

»-- auch ich bin damit beschäftigt, im Kampf ums Dasein ein kleines
Gemetzel vorzubereiten.«

»Was? Doch nicht hier bei uns?« rief der Redakteur. »Sie haben gehört,
wie es augenblicklich bei uns steht. Augenblicklich? Der Zustand ist
chronisch, Verehrtester. Ich kann Sie nicht brauchen!«

»Vielleicht doch«, entgegnete ich zuversichtlich und erklärte ihm, um
was es sich handle. Jetzt erst schüttelte er mir die Hand nach gut
amerikanischer Art, und dann beide Hände wie ein Deutscher, der seinen
längst erwarteten Schutzengel gefunden hat. Um fünfzig Dollar wollte
er meinen Dampfpflug über alle Himmel erheben. Um die Hälfte, wenn ich
sofort bar bezahle. Zwei Artikel von je zwei Spalten, die ich morgen
selbst liefern könne, wenn ich wolle. Dies war in der Tat billig. Die
Zeitung hatte ohne Zweifel wenig Einfluß und keine Abonnenten. Aber
-- wer weiß? -- ein geschickt geschriebener Artikel aus dem Süden
ging in andre Zeitungen über. Man war gegenwärtig in der ganzen Union
neugierig, was in New Orleans vorging. Ich legte fünfundzwanzig Dollar
auf den Tisch, lud den Redakteur zum kommenden Dampfpflugfrühstück ein
und hatte in Doktor Wurzler nach seiner Versicherung den treuesten
Freund gewonnen, den ich in diesem -- ebenfalls nach Doktor Wurzler --
gottverfluchten Süden finden konnte.

[Illustration]



4. Wolken


Mit all diesen Seitensprüngen war es spät am Tage und höchste Zeit
geworden, nach der Hauptsache zu sehen, von der alles andre abhing.
Ein hastiges Gabelfrühstück, Mittag- und Abendessen, in einheitlicher
Zusammensetzung, die eine Wirtschaft in der Kanalstraße bot, setzte
die menschliche Maschine wieder in arbeitsfähigen Zustand. Aber es war
fast Dämmerung, ehe ich auf die Levees einbog, um nach dem »Wilden
Westen« zu fahnden. Der gewaltige, halbkreisförmige Landungsplatz, den
der Mississippi gegen die Stadt hin ausgegraben und vertieft hat, lag
schon in seiner Feierabendstille vor mir. Für eingeborene Landratten
bleibt ein Seehafen, in welcher Form er sich auch darstellt, zeitlebens
ein Anblick, der das Blut in lebhaftere Wallung bringt. Der Bogen der
»Levees« von New Orleans, der zu einem großartigen Staden ausgebauten
Schutzdämme der Stadt, macht hiervon keine Ausnahme. Man sieht, wie
der gewaltige Strom schon hier, achtzig Meilen von der See, einen
großen Kontinent mit den Meeren aller Weltteile verbindet. Gegen Norden
reiht sich, enggedrängt, nur mit den Vorderteilen das Ufer berührend,
Boot an Boot: die phantastisch verzierten, schwimmenden Paläste
des Mississippi, des Missouri, des Ohio mit ihren Riesenrädern und
ihren barock gekrönten Doppelschornsteinen; dazwischen auch kleinere
Dampfer, unter ihrer Last von Baumwollballen und Zuckerfässern fast
versinkend. Nach Süden liegen die Seeschiffe, schwarze, wuchtige
Massen, die volle Breitseite gegen das Ufer gekehrt, haushoch aus dem
Wasser ragend, die roten Schraubenflügel, unheimlichen Seeungeheuern
gleichend, halb in der Luft, ihre stumpfen, trutzigen Kamine kaum über
der Brüstung sichtbar. Noch weiter unten liegen die Segelschiffe:
Schoner, Brigantinen und Dreimaster jeder Art und Größe, die mit ihren
Rahen und Tauen eine zierliche, wenn auch unentwirrbare Filigranarbeit
in den goldenen Abendhimmel zeichnen. Das sind die Gäste aus der
Havanna und New York, aus Rio und Quebek, aus Genua und Stockholm, aus
Liverpool und Southampton und vor allem aus der eignen Heimat, aus
Bremen und Hamburg. Auf den Levees selbst, der riesigen Holzplattform,
die sich in stattlicher Breite und mehrere Meilen lang zwischen Fluß
und Stadt hinzieht, liegen Hunderte von Zuckerfässern, Tausende von
Baumwollballen, Pyramide an Pyramide von Fäßchen mit gesalzenem
Schweinefleisch aus Kentucky und Illinois, Berge von Mais aus Illinois
und Missouri, alles hübsch geordnet und aufgestellt wie die Bataillone
einer Armee, die vor dem Abmarsch ins Feld ihre letzte Parade erwartet.
Dieses Bild beleben trotz der Abendstunde Gruppen von Negern, auf den
Ballen umherlungernd, unermüdlich schwatzend und lachend, und da und
dort ein paar Matrosen, die der Stadt zueilen, sichtlich entschlossen,
mit leeren Taschen und schwerem Kopfe zurückzukehren. Doch der Lärm der
Tagesarbeit war verstummt. Eine schwüle Stille lag über dem Ganzen, und
der Mond, eine blutrote Riesenscheibe, stieg hinter der Stadt zwischen
den Türmen der Kathedrale des heiligen Ludwig auf dem Jacksonsquare
langsam in die Höhe.

Wo die Tschapatulastraße in den Landungsplatz einmündet, ragte
ein gewaltiger, pechschwarzer Dampfer über die kleineren Schiffe
heraus, die ihn umgaben, und sendete noch zarte Rauchwölkchen in
den Abendhimmel empor. Er hatte die schmucklosen, trotzigen Formen
englischer Frachtschiffe, die man überall auf den ersten Blick erkennt:
keinen Bogen, keine Krümmung, die nicht unbedingt erforderlich war,
keinen Farbenfleck, der seine dunkle Geschäftsjacke verunziert hätte.
Das war mein »Wilder Westen«; es war unmöglich, sich zu irren.

[Illustration]

Und in der Tat, am Fuß der haushohen Schiffswand, die fensterlos und
senkrecht von der Landungsplattform aufstieg, standen schon in wildem
Gewirr etliche dreißig wuchtige Kisten, ein Lokomotivkessel, ein
halbes Dutzend schmiedeeiserner, walzenförmiger Riesenräder, wie
sie auf dem leichten Bretterboden der Levees noch nie gesehen worden
waren. Der »Wilde Westen«, das war klar, ließ sich nicht viel Zeit.
Die Kisten und Räder gehörten mir; mein Dampfpflug war schon halb
ausgeladen. Da er als Deckladung herüberkam, war er das erste, was das
Schiff ans Land setzen mußte. In reiner Freude kletterte ich über die
Kisten und feierte ein kleines Wiedersehen; ich war zu Hause in diesem
zyklopischen Wirrwarr.

»Hallo! Wer ist da drunten?« schallte plötzlich hoch über mir eine
scharfe Stimme, und ein Kopf erschien über der Schiffsbrüstung. »Wozu
krabbeln Sie auf den Kisten herum?«

»Eigentümer der Kisten!« schrie ich hinauf.

»Gut, daß Sie kommen!« rief es zurück. »Wir brauchen Platz. Morgen früh
müssen sie abgefahren sein.«

»Na, so geschwind schießen die Preußen nicht!« rief ich hinauf, mich in
meinem Kistenheimatsgefühl ein wenig vergessend.

»Was?« brüllte es herunter.

»So schnell werden die Nigger von Louisiana nicht kutschieren«,
übersetzte ich dem Mann, der jetzt am Nachthimmel etwas deutlicher zu
sehen war. »Haben Sie einen Engländer mitgebracht, einen Monteur?«

»Nicht daß ich wüßte«, war die Antwort.

»Was!« schrie ich entsetzt, »keinen Monteur von Fowler aus Leeds? Einen
Passagier, James Parker. Sie +müssen+ einen Passagier mitgebracht
haben.«

»Wir führen keine Passagiere. Nur manchmal -- aus Gefälligkeit --
ausnahmsweise!« erklärte der Mann von oben.

»Dann ausnahmsweise! Sie müssen James Parker an Bord haben! Den Mann,
der zu den Maschinen gehört!« Ich bestand darauf und fühlte, daß ich
zornig wurde.

»Mein guter Herr,« rief es begütigend zurück, »ich bin der Zahlmeister
des ›Wilden Westens‹ und sollte es wissen. Wir haben ausnahmsweise
einen Methodistenpfarrer mitgenommen und seine zwei Töchter. Wenn Ihnen
mit diesen gedient ist -- aber sie sind aus Bradford.«

»Also keinen Monteur, der zu den Kisten gehört?« rief ich nochmals
hinauf und fühlte, daß mich die Kraft meiner Lungen verließ.

»Keinen Monteur!« tönte es wie aus weiter Ferne zurück. Der Kopf des
Zahlmeisters war verschwunden.

Ich setzte mich und dachte nach. Also kein Monteur, kein Brief, keine
Erklärung nach der feierlichen Zusage, daß Parker mit den Kisten
ankommen solle! Was konnten sie in Leeds gedacht haben? Wußten sie doch
so gut als ich, daß kein einzelner Mann mit seinen zwei Händen einen
Doppelmaschinendampfpflug in Bewegung setzen kann, der sich vom ersten
Tag an wenigstens leidlich präsentieren sollte. Es handelte sich hier,
wenn der Himmel nicht eingriff, um eine physische Unmöglichkeit.

Die Kisten um mich her, die jetzt der Mond grell beleuchtete, wuchsen
mit ihren schwarzen, viereckigen Schatten ins Ungeheure; um das offene,
rot angestrichene Feuerloch des ausgeladenen Kessels spielte ein
dämonisches Lächeln. Ich kochte vor Zorn. Was konnten sie in Leeds
gedacht haben? Mich so hinzusetzen! Aber ich kam nicht über die Frage
hinaus. Über mir begannen die Sterne zu funkeln, still und friedlich,
als ob hier unten alles in Ordnung wäre. Der reinste Hohn!

»Was machen Sie da droben?« näselte jetzt eine grätige Yankeestimme
von unten, die zu einem herumlungernden Schutzmann gehörte, der
wahrscheinlich an der Nachtwache der Levees beteiligt war.

»Luft schöpfen! Eigentümer!« brummte ich, ohne Anstrengung, so mürrisch
als möglich.

»Gut, daß Sie kommen!« sagte auch dieser Mann. »Die Kisten müssen
morgen früh von der Levee abgefahren werden, Mister! Und so schnell als
möglich. Die Levees sind für Baumwolle gebaut, nicht für vierschrötige
Eisenklumpen wie diese Engländer.« -- Er klopfte entrüstet auf meine
Kisten. -- »Die Fundamentpfähle sind heute abend schon um drei Zoll
gesunken, sagt der Levee-Inspektor. Sie werden eine gesalzene Rechnung
bekommen, Mister Eigentümer! Wenn die Bohlen brechen, ist der Teufel
los.«

Ich hütete mich, zu antworten, und schlüpfte lautlos von meiner
mondbeglänzten Höhe auf der andern Seite des Kistengebirgs in die Tiefe.

Fünf Minuten später sah man entlang der finsteren Schattenseite der
Tschapatulastraße einen Mann, den Hut über die Augen gedrückt, mit
gesenktem Kopfe langsam seiner Wohnung zusteuern. Manchmal murmelte er
halblaut vor sich hin. Dann versank er wieder in stummes Nachdenken.
Der Mann war ich.

Und ich fühlte nur eins: noch ehe ich heute einschlief, mußte ich
wissen, was am nächsten Morgen zu geschehen hatte.

[Illustration]



5. Arbeitstage


Ein kurzer, tiefer Schlaf tat das übrige.

Mit beiden Füßen sprang ich in den jungen Tag; ich wußte jetzt, was
zu tun war. Zuerst mußte Kapitän Owen aufgefunden werden. Die seine
war die einzige Adresse einer Privatwohnung in der Stadt, die ich
kannte. Auf dem Wege sang ich eine meiner Schlachthymnen, aber nur
und wiederholt, den ernsten Zeiten entsprechend, ihren dritten Vers:
»Und wenn die Welt voll Teufel wär'!« Er war mir schon als kleiner,
ahnungsloser Junge der liebste gewesen und hat mir im späteren Leben
mehr als einmal treulich gedient, wenn ich nicht mehr genau wußte, wo
hinaus? Warum auch nicht? Hatte ich nicht ein Recht zu dem Vers, so
gut als ein andrer? Stand ich nicht seit Jahren mitten in einer Art von
Bodenreformation, in der »der arg' böse Feind« oft genug sein Wesen
trieb?

Sie sind im allgemeinen keine Langschläfer in New Orleans. Der frühe
Morgen ist der beste Teil des Tages an den Bayous des Mississippi. Doch
schlief Owen noch, als ich versuchte, ihm die Adresse der nächsten
besten Maschinenfabrik zu entlocken, und war, sich die Augen reibend,
über meinen Besuch nicht wenig erstaunt. Eine halbe Stunde später stand
ich in einem fast leeren Fabrikhof, der müde und lebenssatt aussah. Wie
alles in der Stadt, war das Geschäft halb bankrott und hatte keinen
Mangel an müßigen Arbeitern. Man ließ mir die Wahl. Nach weiteren
dreißig Minuten hatte ich zwei junge Monteure ausgesucht -- der eine
war allerdings, wie sich später herausstellte, ein gelernter Schneider
--, die mit Brechstangen, Hämmern und Meißeln bewaffnet hinter mir
drein liefen. Auf den Levees war alles schon voll Leben. Zuckerfässer
rollten hin und her, Baumwollballen flogen durch die Lüfte. Dampfer
rauchten und spieen Wasser und Feuer aus. Geschrei, Gerassel und
dröhnendes Gepolter auf dem hohlen Bretterboden in allen Richtungen.
Hunderte von Negern aller Schattierungen, darunter wahre Herkulesse,
rollten im Eifer der Arbeit lachend über die Ballen oder sprangen
singend hinter den Fässern her. Es wurde viel und kräftig geflucht;
aber auch des Herrn Lob erschallte in wundersamen Liedern unter Lachen
und Gejauchze. »Wir gehen alle über den Jordan -- o Jerusalem!« war ein
besonders beliebter Kehrreim der Ernstergesinnten. Den Schwarzen war
es in diesen Morgenstunden sichtlich wohler als ihren einstigen weißen
Herren.

Auch auf dem Deck des »Wilden Westen« war schon alles in Bewegung.
Mein zweiter Kessel schwebte an einem kräftigen Schiffskranen hoch
in der Luft, machte eine elegante Schwenkung über Bord, als sei ihm
das Fliegen zeitlebens eine liebe Gewohnheit gewesen, und sank in der
nächsten Minute auf die krachende Levee nieder. In zehn Minuten hatte
ich sechs Neger, Jem, Jo, Jack, Kato, Alexander und Bucephalus, in
meine Dienste genommen. Neugierig und energisch machten sie sich daran,
die Deckel der Kisten aufzureißen, die ich den Monteuren bezeichnete,
und die blanken Stangen und Wellen, die schweren Lager und Ständer aus
den Spänen herauszuschälen, welche sich in gewaltigen Haufen um uns
auftürmten. Vor der Frühstücksstunde noch war mein Trüpplein im besten
Zuge; mir selbst begann es ganz leicht ums Herz zu werden. Dazu kam
noch »Lawrences Bruder«, der schon in der Ferne eine Zeitung in der
Luft schwenkte, als er den »Wilden Westen« und mich entdeckt hatte.

»Sie haben verloren, Mister Eyth, Sie haben verloren!« rief er aus
weiter Ferne. »Geben Sie mir zehn Dollar und hören Sie zu!«

Er kletterte auf eine der Kisten, setzte sich, entfaltete die nasse
Morgenzeitung und las:

»›Die berühmte und stets auf das Wohl unsres Staates bedachte
Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana hat sich entschlossen, den
beträchtlichen Preis von siebenhundertundfünfzig Dollar für den besten
Dampfpflug zur Bearbeitung von Baumwoll- und Zuckerland auszusetzen.
Man hofft mit Recht, auf diese Weise der unglaublichen Not des Südens,
dem Mangel an Arbeitskräften jeder Art, für alle Zeiten abhelfen zu
können. Wie wir hören, soll sich bereits ein Bewerber für diesen
ansehnlichen Preis eingestellt und am Fuß der Tschapatulastraße seine
Vorbereitungen begonnen haben. Ehre einer Gesellschaft, die auch in
den schwersten Zeiten Mut und Tatkraft bewahrt, an dem Wiederaufbau
und der Wohlfahrt unsres glorreichen Südens weiterarbeiten zu können!‹
-- Wie gefällt Ihnen das? Sie brauchen die andern Zeitungen nicht
nachzusehen. Sie bringen alle denselben packenden Artikel, den ich
und unser Geschäftsführer noch gestern nacht ausgebrütet haben. Er
wollte zuerst nicht recht dran; die Komiteesitzung kann erst übermorgen
stattfinden, und so ist eigentlich noch nichts beschlossen. Merken Sie
allmählich, daß Sie in Amerika sind?«

»Merken Sie, daß Sie auf einer englischen Maschine sitzen?« antwortete
ich vergnügt, indem ich gleichzeitig Bucephalus anwies, meinem Freund
eine Brechstange zwischen die Beine zu stoßen, denn er saß auf der
Kiste, die ich vor allen andern geöffnet haben wollte. Bucephalus
war energisch, aber etwas ungeschickt. Lawrence sprang deshalb mit
jugendlicher Behendigkeit in die Höhe, um dem gefährlichen Stoß zu
entgehen.

»Und sehen Sie, da kommen Sie selbst!« rief er aus der Zeitung heraus,
seinen Knotenstock schwingend, ohne jedoch den Zwischenfall eines
weiteren Wortes zu würdigen.

»Frühstück, Frühstück!« schrieen die Neger, während ein halbes
Dutzend Glocken und hundert heulende Dampfpfeifen entlang der ganzen
Levee einen infernalischen Lärm erhoben. Ein paar Stunden nüchterner
Morgenbeschäftigung mit dreiundfünfzig Kisten eines demontierten
Dampfpflugs verfehlen ihre appetiterregende Wirkung auch in einem
halbtropischen Lande nicht. Ich war deshalb mit den Negern völlig
einverstanden und bat Lawrence, mir Gesellschaft zu leisten. Er kannte
eine Wirtschaft in unmittelbarer Nähe, wo wir unter Schiffskapitänen,
Baumwollmaklern und Zuckerbörsenleuten rasch ein Tischchen und ein
»elegantes« Frühstück fanden. Als Beilage las er mir eifrig die
Morgenzeitungen vor, deren Inhalt, soweit er unsre Sache betraf, ihn
sichtlich mit dem erhebenden Gefühl der Vaterschaft beglückte.

Der »Picayune« erzählte in Sperrdruck:

»Wir hatten gestern das Vergnügen, den Besuch des Herrn Eyth, des
gentlemännlichen Vertreters der großen englischen Firma John Fowler &
Co. von Leeds und London, zu erhalten, der uns von dem Bruder unsres
großen Zuckerplantagenbesitzers, Herrn Henry Lawrence, freundlich
zugeführt wurde. Herr Eyth beabsichtigt, durch die Einführung der
weltberühmten Dampfpflüge seiner Firma, die alles bisher Dagewesene
übertreffen sollen, an der Regeneration des Südens mitzuwirken, und
wird damit voraussichtlich in wenigen Tagen im Ausstellungspark der
Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana den Anfang machen. General
Longstreet und die hervorragendsten Männer unsres Staats nehmen den
lebhaftesten Anteil an seiner Tätigkeit. Sein Pflug soll stündlich fünf
Acker des schwersten Zuckerbodens auf eine Tiefe umbrechen, die nach
der Versicherung unsres Freundes, Herrn Lawrence, von sechs Paar Ochsen
nicht erreicht wird. In liebenswürdigster Weise teilte uns Herr Eyth
mit, daß er ein Deutscher von Geburt und, im Gegensatz zur Mehrzahl
seiner übrigens hochachtbaren Landsleute, der Sache der Südstaaten
stets aufs wärmste zugetan gewesen sei. Hochinteressant finden wir,
daß Herr Eyth aus einer alten Schweizer Fürstenfamilie abstammt und
daß er in einem mittelalterlichen Männerkloster seines Vaterlandes
das Licht der Welt erblickte. Der letztere Punkt bedarf jedoch noch
der Aufklärung. Trotz dieser geheimnisvollen und hochromantischen
Vergangenheit scheint Herr Eyth ein lebhaftes Verständnis für die
modernen Verhältnisse unsres glorreichen Vaterlandes mit nicht
gewöhnlicher Geschäftsenergie zu verbinden. Unsre geschätzten
Leserinnen dürfte es jedoch mehr interessieren, zu vernehmen, daß Herr
Eyth durch keine zarten Bande an den alten Kontinent geknüpft ist und
nicht unweigerlich an den klösterlichen Grundsätzen seiner Jugend
festzuhalten gedenkt. Wir wünschen ihm in dieser und jeder andern
Beziehung einen erfolgreichen Aufenthalt in den wieder auflebenden
Golfstaaten.«

»Das ist gut, das ist sehr gut für einen Anfang!« meinte Lawrence. »Sie
werden sehen, unsre schönen Kreolinnen werden sich nach Ihnen umsehen;
das kann nichts schaden. -- Weiter!«

Er griff nach dem »Crescent City News«. Der Anfang des Artikels der
republikanischen Zeitung, den er mit raschem Kennerblick gefunden
hatte, war nahezu der gleiche. Auch hier war der Vertreter der großen
Firma von John Fowler & Co. vor allen Dingen »gentlemanly«, ein
Ausdruck südlichen Zeitungsstils, dem kaum jemand entgeht, und den ich
oben in der Not mit »gentlemännlich« zu übersetzen suchte. Geboren
war ich hier, nach meinen eignen liebenswürdigen Mitteilungen, in den
Tiefen des Schwarzwalds und der Rauhen Alb, wo mein Vater, »wenn wir
Herrn Eyth, der ein Deutscher ist, richtig verstanden haben, teils dem
Holzhandel, teils der schon von Tacitus erwähnten Jagd auf Bären und
Wölfe oblag. Schon von Jugend an hatte deshalb Herr Eyth eine fast
schwärmerische Zuneigung für das große Amerika, namentlich aber für
unsern lebenskräftigen Norden, der in dem soeben glorreich zu Ende
geführten Kampf seine Stärke und seinen gesunden Sinn zum Wohle des
Ganzen mit blutiger Energie bewährt hat. Die Jugendzeit, verbracht
in der finsteren Einsamkeit primitiver Wälder, mag auch die Ursache
gewesen sein, daß der übrigens nicht unsympathische Vertreter der
englischen Firma, dessen politische Ansichten im Gegensatz zu der in
England herrschenden bedauerlichen Stimmung durchaus korrekt zu sein
scheinen, sein Geschick noch nicht mit dem Rosenband einer glücklichen
Liebe umwunden hat. Eigentümlicher ist, daß die englische Firma es für
nötig hält, dem erfindungsreichen Amerika, das in nichts, somit auch
nicht in Dampfpflügen, hinter irgendwelchem Lande zurücksteht -- wir
machen nur auf die Dampfkulturgeräte in Pennsylvanien, in Ohio, in
Illinois und neuerdings auch in Kalifornien aufmerksam --, derartige
Apparate uns zusenden zu müssen glaubt. Ihre Nützlichkeit bleibe
hierbei unbestritten. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß Herr Eyth,
dessen offener Blick uns sofort sympathisch berührte, mannigfach und
reichlich belehrt zu seinen englischen Freunden zurückkehren wird, und
wünschen ihm hierzu wie in jeder andern Beziehung den besten Erfolg.«

»Ein verfluchter Yankee!« meinte Lawrence, ohne große Aufregung,
während ich, etwas grimmiger als er, ein Beefsteak von landesüblicher
Zähigkeit zersäbelte. Sämtliche sieben Morgenblätter brachten ähnliche
Aufsätze, so daß sich seitdem sieben verschiedene Städte um die Ehre
streiten können, meine Wiege beherbergt zu haben. Alle aber waren in
einem Punkte einig: daß meinem armen, unschuldigen Dampfpflug eine
hervorragende politische Rolle zukomme. Ein unverkennbarer, wenn auch
leichter Hang gegen den demokratischen Süden schien von der einen Seite
das höchste Lob, von der andern den schärfsten Tadel zu verdienen.
Nur mit Rücksicht auf das noch nicht ganz ausgesprochene pekuniäre
Verhalten des sympathischen Vertreters der Firma John Fowler & Co.
legten sich die kleineren Blätter noch einige Zurückhaltung auf. Das
Beefsteak aus Texas war wirklich zu zäh; ich warf Messer und Gabel weg
und stand auf.

»Lieber Herr Eyth,« sagte Lawrence, der meine Verstimmung
kopfschüttelnd bemerkte, »an das müssen Sie sich gewöhnen, wenn es
Ihnen bei uns wohl werden soll. Es tut nicht weh, sobald man's gewöhnt
ist. Was Sie zu tun haben, ist, Ihren Pflug auszupacken. Je mehr man
über Sie schimpft, um so besser. Man wird auf Sie aufmerksam; das ist
alles, was Sie brauchen, und kostet Sie nichts. Übrigens läßt sich
die Sache auch sehr leicht in Ihrem Sinn regeln. Ich will Ihnen das
besorgen. Wieviel wollen Sie an die ›Crescent City News‹ rücken?«

»Keinen roten Cent!« rief ich grimmig, indem ich unser Frühstück
bezahlte.

»Sie sind aufgeregt!« meinte Lawrence begütigend. »Das ist nicht gut.
Kühl bleiben ist die erste Regel des Lebens, namentlich im Süden und
heutzutage. Wir wären alle besser dran, wenn wir sie vor fünf Jahren
mehr beherzigt hätten.«

Ich ging wieder nach den Levees, dem »Wilden Westen« zu. Ein gewaltiger
Menschenhaufen umstand jetzt die Ausladestelle des Schiffs. Im Kern
des Knäuels schien es lebhaft zuzugehen. Meine sechs Neger hatten sich
auf die übereinandergetürmten Kisten geflüchtet und verteidigten ihre
günstige Stellung mit rühmlicher Hartnäckigkeit. Zoll- und Leveebeamte
waren die Angreifer. Das unparteiische Publikum begrüßte jede Wendung
des Wortgefechts mit lauten Lachsalven.

»Herunter von den Kisten!« schrie ein bärtiger Mann, der in Reste einer
unbekannten Uniform gekleidet war. »Herunter, verdammte Nigger! Die
ganze Bagage muß in dreißig Minuten verschwunden sein. Nichts darf auf
den Levees ausgepackt werden. Fort mit dem Zeug!«

Der aufgeregte Herr hatte eine Hilfstruppe von drei Mann in Zivil,
die nach den nackten Beinen meiner Neger griffen. Eine Brechstange,
welche zufällig auf die Finger eines der Angreifer fiel, veranlaßte die
heftige Fortsetzung des bloßen Wortgefechts. Ich drängte mich durch.

»Hier ist unser Herr!« schrieen die Neger triumphierend. »Hurra für
Alt-Dixies Land!«

Der Levee-Inspektor wandte sich zornig an mich.

»Wissen Sie nicht, Mister, daß nichts auf den Levees montiert werden
darf?« fragte er mich mit ausgesprochener Unhöflichkeit. »Wollen Sie
Ihren Kram fortführen?«

»Wollen +Sie+ ihn fortführen?« fragte ich mit völlig wiedergewonnener
Ruhe, seitdem ich die Zeitungen nicht mehr sah. »Soll ich ein paar
Kesselwagen und zwanzig Pferde auf Ihren Tanzboden bringen lassen und
die alten Bohlen durchbrechen?«

Er starrte mich an.

»Seien Sie vernünftig und lassen Sie mich machen«, fuhr ich zutraulich
fort. »Ich vermute, ich verstehe mein Geschäft besser als Sie. Zum
Vergnügen bleibe ich nicht hier. Ich bringe meine Sachen weg, so
schnell ich kann. Mehr kann auch ein Yankee nicht tun, soviel ich weiß.«

»Aber es ist gegen das Gesetz; es darf auf den Levees nichts montiert
werden«, erklärte mein Gegner.

»Was wollen Sie machen?« fragte ich ruhig. »Es gibt nur einen Weg, die
Sachen fortzuschaffen: ich montiere meine Maschinen, mache Dampf in den
Kesseln und fahre davon, wie es bis jetzt überall gehalten wurde. Haben
Sie noch nie von einem Dampfpflug gehört? Wenn Sie's besser wissen,
greifen Sie zu. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.«

»Aber die Instruktionen, das Gesetz!« rief er, etwas kleinlauter.
»Donnerwetter, ich bin hier, um Ordnung zu halten.«

»Was wollen Sie machen?« wiederholte ich. »Ich stelle die Ordnung auf
dem schnellsten Weg her, der überhaupt möglich ist. Sehen Sie das
nicht?«

Er starrte mich aufs neue fragend an, dann die Kessel, dann die
dreiundfünfzig Kisten.

»Was will ich machen?« fragte er endlich, sehr nachdenklich werdend.

»Ich will Ihnen das andeuten!« antwortete ich und drückte ihm zwei
Fünfdollarscheine in die Hand. »Dort an der Ecke ist ein Biersalon.
Von dort aus können Sie die Fortschritte, die wir machen, genau
kontrollieren. Wenn Ihnen die Sache nicht flott genug zu gehen scheint,
so wenden Sie sich nur gütigst an mich. Wir wollen schon Ordnung
halten, Sie und ich.«

Er lachte befriedigt. »Vorwärts, Jungen!« rief er seinen Hilfstruppen
zu. »Dieser Herr ist ein Gentleman. Guten Morgen, Sir!«

Die vier Mann des Gesetzes marschierten in geradester Linie dem
angedeuteten Biersalon zu und erschienen erst am folgenden Morgen
wieder, um sich weitere Instruktionen zu holen, die mich fünf Dollars
täglich kosteten. »Billig!« meinte Lawrence. »Sie machen Fortschritte.
Aus Ihnen kann schon noch etwas werden.«

Gegen Abend stand der erste der zwei Kessel auf seinen vier
Straßenrädern. Meine Negertruppe hatte sich auf zwölf Mann vermehrt,
die mit wachsendem Stolz ihr eignes Werk betrachtete. Auch die
Zeitungsartikel hatten sichtlich schon gewirkt. Wir bekamen Besuche von
Herren, denen der »Picayune« aus der hinteren Rocktasche sah, und die
viertelstundenlang still beobachtend unter meinen Kisten und Kasten
herumstöberten. Keiner versäumte, die Breite der mächtigen Fahrräder
mit den ausgespreizten Fingern beider Hände abzugreifen. Die meisten
zogen hierauf verstohlen einen Maßstab aus der Tasche, steckten ihn
aber rasch wieder ein, wenn sie bemerkten, daß sie beobachtet wurden.
Dann kamen sie gewöhnlich etwas verlegen an mich heran.

»Dies soll wohl der neue englische Dampfpflug sein?« begann die
Unterhaltung.

»Jawohl!« antwortete ich zuvorkommend. »In einigen Tagen werden Sie
deutlicher sehen, wie das alles zusammenhängt. Vorläufig sind es nur
zerbrochene Kisten.«

»Ich denke, ich könnte wesentliche Verbesserungen in Vorschlag
bringen«, war fast regelmäßig die nächste Bemerkung, und dann, wenn
ich hierauf nicht einging, studierte der Mann mit dem Ausdruck
wohlwollenden Mitleids in seinem intelligenten Gesicht weiter.

Einer derselben hatte in dieser Weise mehrere Stunden des Nachmittags
zugebracht, ehe er sich an mich wandte, ein Mann von mittleren Jahren,
in schwarzem Anzug, mit einem scharfen Yankeegesicht, das seinen
nördlichen Ursprung nicht verleugnete. Erst am Schluß der Arbeit,
als ich die Neger unsre Winden, Hebel und Brechstangen für die Nacht
zusammenstellen ließ, kam auch dieser Herr mit seinem: »Dies ist wohl
der neue englische Dampfpflug?« an mich heran.

»Jawohl,« sagte ich, »in einigen Tagen werden Sie deutlicher --«

Er unterbrach mich mit einem leisen, nicht unfeinen Lächeln um den
zusammengepreßten Mund. Er hatte meine Antwort wohl schon mehrmals
gehört und wollte mir die weitere Mühe ersparen.

»Ich bin Maschinenbauer«, sagte er, »und habe eine Stellung bei den
städtischen Wasserwerken in Aussicht. Augenblicklich habe ich nichts zu
tun und Langeweile. Lassen Sie mich mitarbeiten.«

»Aber ich habe die Leute, die ich gebrauche«, bemerkte ich.

»Ohne Lohn«, antwortete er. »Ich habe genügend Geld und muß fünf Wochen
warten, ehe ich bei den Wasserwerken eintreten kann. Ihr Pflug würde
mich unterhalten.«

»Sehr hübsch!« sagte ich, etwas mißtrauisch. »Sie wollen ihn wohl
verbessern?«

Er lächelte wieder, kaum merklich.

»Ich bin ein praktischer Maschinenbauer von Beruf«, versicherte er,
»und mit dem Verbessern nicht so rasch bei der Hand. Aber ich möchte
sehen, was sie im alten Land drüben zuwege gebracht haben, und will
dafür arbeiten. Versuchen Sie mich.«

»Ich lasse niemand gerne umsonst für mich arbeiten; das bezahlt sich
nicht«, versetzte ich. »Und ich bin nicht in der Lage, Ihnen so viel
zu geben, als Sie, wie mir scheint, beanspruchen können. Die zwei
Monteure der Ankerwerke, die Sie hier sehen, werde ich zurücksenden,
sobald die Maschinen zusammengestellt sind. Dann will und werde ich mit
den Schwarzen auskommen. Ich kann Ihnen deshalb nicht mehr zahlen, als
ich einem dieser Leute gebe: zwei Dollars den Tag.«

»Ganz vernünftig!« sagte der Amerikaner trocken. »Ich heiße Stone.
Morgen früh werde ich hier sein.«

Der Mann in seiner ruhigen, geraden Weise gefiel mir wohl. Es gibt
doch auch in diesem kuriosen Lande vernünftige Menschen, überlegte
ich. Wenn sie Dampfpflügen lernen wollen, um so besser; Hunderte
müssen es lernen, ehe ich hier fertig sein kann. Geheimnisse gibt es
bei der Dampfpflügerei kaum. Die es gibt, lernt man nur in ein paar
Jahren harter Arbeit, zu der mir jeder Yankee willkommen sein soll.
-- Der Horizont fing an sich ein wenig aufzuhellen und der Mut mir
fühlbar zu wachsen, als ich in der Abenddämmerung einen letzten Blick
über die Levees warf und den Schornstein der ersten meiner Maschinen
über die Baumwollballengebirge hervorragen sah. Ich hatte ihn bloß zu
diesem Zweck im letzten Augenblick noch aufstellen lassen. Es war unsre
Standarte, die ich auf dem Boden von Louisiana aufgepflanzt sah, und
die Hoffnungen, die ein solches Zeichen weckt, erfrischen, auch wenn
sie niemals in Erfüllung gehen.

Die nächsten fünf Tage verliefen in gewohnter Arbeit, wenn auch in
etwas ungewohntem Geleise. Stone war eine große Errungenschaft und
arbeitete fleißig mit Kopf und Händen. Bei den Negern war die Neugierde
und der Eifer des ersten Tages allerdings rasch verdampft, aber die
gutmütige und gutwillige Kraft des Herrn Bucephalus und die naseweise
Intelligenz des kleinen Jem, der als der Schlauste der Bande die andern
mit komischer Überhebung kommandierte, förderte die Zusammenstellung
der Maschinen so, daß die Arbeit hinter dem üblichen Tempo nicht
zurückblieb. Der junge Owen besuchte uns gelegentlich, beschäftigte
sich aber allerdings ausschließlich mit dem geplanten Frühstück,
mit dem der erste englische Dampfpflug auf dem Boden der Südstaaten
seine rettende Tätigkeit beginnen sollte. Ich war hierfür von Herzen
dankbar und überließ ihm mit Freuden die ganze Sorge für diesen, wie
es schien, hochwichtigen Teil unsrer Aufgabe. -- Lawrence stattete
mir täglich zweimal seinen Besuch ab. Sein Bruder war noch immer im
Norden. Er selbst wohnte im Hause seiner Schwägerin, einer reichen
Kreolin, und war damit beschäftigt, Verkaufsverträge für den Zucker
der nächsten Ernte abzuschließen. Dies hielt ihn noch auf mehrere
Wochen in der Stadt zurück und gab ihm Zeit, sich dem Dampfpflug
zu widmen, den er mehr und mehr als seine Schöpfung ansah und mit
wachsendem Eifer unter seinen Schutz nahm. Seine Sonderaufgabe blieb
die Leitung der Presse. Der »Picayune« machte schon zum drittenmal
auf die bevorstehende Rettung des Südens aufmerksam, während die mir
persönlich weniger bekannte »Tribüne« laut auf die großartige Feier
hinwies, die bei dieser Gelegenheit im Ausstellungspark stattfinden
und voraussichtlich die ganze landbesitzende Aristokratie Louisianas
an festlicher Tafel vereinigen werde. Wohl zum erstenmal, nach langer,
bitterer Unterbrechung, dürfte in greifbarer Weise die Erinnerung an
den alten Glanz des Südens wieder auftauchen. Ohne indiskret zu sein,
glaubte die »Tribüne« darauf hinweisen zu können, daß Monsieur Mercier,
der ~Chef de cuisine~ des ersten Restaurants der Kanalstraße, seit
Wochen mit der Zusammenstellung eines exquisiten Menüs beschäftigt sei,
und daß eine schwere Sendung Sekt mit dem nächsten Dampfer von New York
erwartet werde; Nachrichten, die ich nicht ohne Besorgnis entgegennahm.
Nur die »Crescent City News« blieben weniger guter Laune und erzählten
von den riesigen Eisenmassen des englischen Dampfpflugs, »die unsre
herrlichen Levees am Fuß der Tschapatulastraße mit Zerstörung
bedrohten«. »Geduld!« meinte Lawrence, »bis wir den Redakteur bei
dem Eröffnungsschmaus gehabt haben. Er ist von Natur kein schlechter
Mensch, aber hungrig, wie alle Reisesackpolitiker.« -- Ich selbst kam
jeden Abend müde genug nach Hause und war mit der Arbeitsteilung,
die sich wie von selbst unter meinen unerwartet heranwachsenden
Mitarbeitern vollzogen hatte, höchlich befriedigt. Es kam sichtlich ein
gewisser Zug in die Sache; auch gewöhnt man sich's ab, in derartigen
Lagen allzu weit in die Zukunft sehen zu wollen. Jeder Tag bringt
schließlich von selbst seine Aufgabe und die Zeit deren Lösung.

Auch den Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft, Herrn Delano,
lernte ich in diesen Tagen kennen; einen spanisch aussehenden, kleinen,
gelbbraunen Herrn, der sehr elegant gekleidet war, sieben Ringe an
jeder Hand trug und durchbohrte Ohrläppchen besaß, die in seiner
Jugendzeit wohl auch mit Ringen geschmückt gewesen waren. Trotzdem
gefiel er mir nicht allzu sehr. Die Komiteesitzung seines Vereins hatte
mittlerweile stattgefunden und nach einer stürmischen Beratung den
Preis von 750 Dollars für den besten Dampfpflug nachträglich bewilligt.
Herr Lawrence hatte mit dem Austritt seines Bruders drohen müssen, der
im fernen Norden von der ganzen Sache natürlich nichts wußte, um die
Opposition der Herren zu überwinden, die mürrisch auf die völlige Ebbe
in der Gesellschaftskasse hinwiesen. Aber mein Freund hatte einen guten
Tropfen echten Yankeebluts in den Adern und damit ein unzerstörbares
Vertrauen in die Zukunft.

»Kein Geld?« rief er; »Unsinn! wir brauchen kein Geld. Dieser gute
Eyth pflügt uns acht Tage lang im Ausstellungspark. Unser Herr Delano
rührt die Trommel, was er meisterlich versteht. Wir lassen uns fünfzig
Cents Eintrittsgeld bezahlen. Ganz Louisiana will den Dampfpflug sehen.
In zwei Tagen -- was! in einem halben Tag hat sich Eyth seinen Preis
selbst verdient. Alles übrige fließt in die Gesellschaftskasse.«

»Und wenn der ganze Dampfpflug ein verflixter englischer Humbug ist?«
warf der mürrische Geschäftsführer ein. »Fragen Sie einmal im Bureau
der ›Crescent City News‹ nach, Herr Lawrence.«

»Um so besser!« rief Lawrence, entrüstet über Delanos böswillige
Kurzsichtigkeit. »Dann will jedermann den englischen Humbug sehen; wir
brauchen keinen Preis zu bezahlen und das ganze Eintrittsgeld gehört
der Gesellschaft!«

Die Opposition war vernichtet. Lawrences Vorschlag wurde einstimmig
angenommen, worauf er mir mit der größten Zutraulichkeit den Verlauf
der Verhandlung mitteilte. Er hatte die große Gabe, jedermann davon zu
überzeugen, daß er unter einer Decke mit mir stecke. »Da der Beschluß
schon zwei Tage zuvor in allen Zeitungen gestanden hat, war mir's doch
nicht unangenehm, daß wir durchdrangen«, schloß er seinen Bericht.
»Wann kann die Vorstellung losgehen, Herr Eyth?«

Die zwei Straßenlokomotiven mit ihren Drahtseiltrommeln, ein
Sechsfurchenkippflug, ein Kultivator, eine Egge und zwei Wasserwagen
standen fast fertig um uns her, als mir Lawrence all dies erzählte.
Ich fuhr nun zum erstenmal mit ihm nach dem Ausstellungspark im Osten
der Stadt, um unser künftiges Schlachtfeld anzusehen. Etliche sechzig
Hektar leidlich flachen Landes waren dort von einem eleganten weißen
Zaun und einem tiefen Entwässerungskanal umgeben, über den eine
breite hölzerne Brücke führte. Da und dort standen malerische Gruppen
von Akazien und uralten Hickorybäumen, deren knorrige, teilweise
kahle Äste die wirren Guirlanden des »hängenden Mooses« schmückten,
das den Sumpflandschaften des Mississippis eigentümlich ist. Da und
dort staken aus dem Boden noch verkohlte Stämme und Wurzeln; ein
nicht unbedenklicher Anblick für einen Dampfpflüger. Ob der Boden,
der an vielen Stellen unter unsern Tritten fühlbar schwankte, meine
Maschinen tragen würde, mußte ebenfalls erst die Erfahrung zeigen.
Aber all diese Bedenken konnten das rollende Rad des Geschicks jetzt
nicht mehr aufhalten. Im stillen nagte eine viel schwerere Sorge an
meinem Herzen. Wie wird vor der ganzen Aristokratie Louisianas, von
der ich fortwährend hören mußte, das Pflügen gehen, mit nicht einem
Manne, außer mir selbst, der die Behandlung der Maschinen und die
notwendigsten Handgriffe bei ihrer Bedienung kannte? Wenigstens an drei
Punkten, die Hunderte von Metern auseinanderliegen: auf dem Pflug und
auf jeder der zwei Dampfmaschinen, war ein Mann dringend erforderlich,
der wußte, was er zu tun hatte, wenn nicht alles in Stücke gehen
sollte. Aber es wäre Wahnsinn gewesen, diese Sorgen meinen neuen
Freunden anzuvertrauen. Ihr Glaube mußte aufrecht erhalten werden,
solange noch eine Möglichkeit vorhanden war, in diesen herrlichen Park
hinein und mit heiler Haut wieder herauszukommen. Mit einer nagenden
Angst auf der Seele mutig zu lächeln, will gelernt sein. Ich hatte zum
Glück diese Kunst nicht zum erstenmal geübt. --

Die Herren, die meinen Pflug zu verbessern wünschten, hatten sich mit
der Zeit stetig vermehrt und waren unerschöpflich in ihren Vorschlägen.
Als ich am sechsten Tage die Kessel mit Wasser füllen ließ, und die
ersten weißen Rauchwölkchen schüchtern aus den Schornsteinen stiegen,
waren sie in Scharen versammelt und prophezeiten allerhand Unheil. Ich
hatte beschlossen, zuerst nur eine Maschine mit dem Pflug nach dem
Ausstellungsplatz zu führen und die zweite am folgenden Tag zu holen.
Deshalb nahm ich zunächst Stone und den kleinen Jem auf den Tender,
um ihnen den ersten Unterricht im Führen einer Straßenlokomotive
zu geben. Dies beleidigte Bucephalus aufs schwerste. Der riesige
Neger konnte nur durch das Versprechen getröstet werden, daß er am
folgenden Tage die zweite Maschine führen solle und heute mit einer
roten Flagge vorauslaufen dürfe, um uns die Straße frei zu halten.
Mit fast übermäßigem Eifer stellte er sich auf seinen Posten, wo er
seine Tätigkeit damit begann, an die sich ansammelnde, hundertköpfige
Volksmenge erklärende Anreden zu halten. Als aber nach einer Stunde,
die wir zur Dampfentwicklung brauchten, die Maschine ihre ersten
Bewegungen machte, und das Ungetüm langsam über die krachende Levee
hinschlich, erschrak er so heftig, daß er eine halbe Stunde lang
still, mit gesenktem Kopfe und in achtbarer Entfernung von der
Maschine voranging, ohne sich seiner führenden Stellung bewußt zu
werden. Später kam er wieder zu sich und begann aufs neue der Menge
zu predigen, wobei er alte Bibelsprüche und seine jüngst erworbenen,
noch etwas wirren technischen Kenntnisse wundersam zu mischen verstand.
Beim Einbiegen in die Kanalstraße liefen einige Droschkenpferde in
wildem Schrecken davon. Dies setzte die Stadtpolizei in Bewegung. Fünf
Dollars genügten auch hier, ihr wohlwollendes Interesse an uns zu
fesseln, so daß der brausende Festzug ohne Zwischenfall von Bedeutung
nach drei Stunden einer ermüdenden Fahrt mitten durch die große
Stadt im Ausstellungspark anlangte. Nur in der äußersten Vorstadt,
nicht weit von unserm Ziele, wo ich Jem seinen ersten Versuch machen
ließ, die Maschine allein zu steuern, hatten wir den Eckpfeiler
eines unbedeutenden Biersalons mitgenommen. Da sich jedoch infolge
dieser kleinen Verirrung die Kundschaft des Wirts für den Augenblick
verzehnfachte, fand derselbe zu unliebsamen Auseinandersetzungen weder
Zeit noch Lust. Die Sache wäre völlig unbemerkt geblieben, wenn nicht
am folgenden Morgen die »Crescent City News« eine Notiz gebracht
hätten, die bewies, daß der Redakteur noch immer hungrig war. Sie
lautete:

»Der englische Dampfpflug begann gestern seine Tätigkeit damit,
den eleganten Biersalon des Herrn Henry Cooper an der Ecke der 42.
Avenue und der Show Park Road mitzunehmen. Menschenleben sind nicht
zu beklagen. Im Gegenteil. Die Frau des Gastwirts, eines unsrer
geschätztesten Mitbürger, die sich zur Zeit der Katastrophe im oberen
Stockwerk des mitgenommenen Hotels befand, soll unsrer großen Republik
fast gleichzeitig, wenn auch in etwas überstürzter Weise, einen
gesunden kleinen Mitbürger geschenkt haben. Wir wünschen dem achtbaren
Ehepaar von Herzen Glück zu dieser Wendung der Dinge, möchten es dem
unförmlichen englischen Dampfpflug aber trotzdem nahelegen, namentlich
mit Rücksicht auf unsre Damen, seine Tätigkeit für die Regeneration des
Südens in etwas weniger gewaltsamer Weise auszuüben.«

Als wir am Abend des folgenden Tags mit der zweiten Maschine an dem
erschütterten Salon vorüberkamen, unterließ ich nicht, einzutreten,
um auch meinerseits der Familie meine Glückwünsche darzubringen. Ich
fand den Salon schon provisorisch genügend gestützt und in blühendem
Geschäftsschwung. Herr Cooper war vollständig befriedigt, denn meine
Maschinen brachten ihm Gäste, wie er sie in seiner bescheidenen
Trinkstube noch nicht gesehen hatte. Im übrigen versicherte er mir,
er sei kein Amerikaner, sondern ein Irländer, sei nie verheiratet
gewesen und denke nicht daran, es zu werden. Und da der Salon kein
zweites Stockwerk besaß, in dem das interessante Ereignis, von dem
die »Crescent City News« berichtete, hätte stattfinden können, so
mußten wir wohl annehmen, daß die Nachrichten auf einem kleinen
Mißverständnis beruhten. Erfreut hierüber trank ich mit meinem
auf diese Weise gewonnenen neuesten Freund zwei Gläschen seines
schauderhaften Whiskys und versprach, ihm auch künftig meine Kundschaft
zuzuwenden, sobald ich körperlich genügend gekräftigt sein würde.

Doch eine weit größere Freude und Überraschung stand mir an jenem
sichtlich glückbringenden Tage bevor. Es war schon Abenddämmerung,
als Bucephalus mit seiner roten Flagge über die Holzbrücke des
Ausstellungsparks einzog. Er hatte nämlich selbst vorgezogen,
ständiger Bannerträger der Dampfkultur zu bleiben, nachdem ihm tags
zuvor der kleine Jem, schwärzer als je und halb gebrochen, die Leiden
eines Heizers geschildert hatte. Da bemerkte ich schon aus der Ferne
und mit wachsender Entrüstung auf der ersten Maschine, die gestern
unter einem Hickorybaum mitten im Park stehen geblieben war, eine
geheimnisvolle Gestalt. Der Mann hatte die die Maschine schützende
geteerte Leinwanddecke halb zurückgeschlagen und schien, auf dem
Tender knieend, in seine Arbeit versunken zu sein. Als wir näher
kamen, bemerkte ich sogar, daß der Werkzeugkasten vor der Rauchkammer
jener Maschine geöffnet war. Das war denn doch zu bunt, selbst für
die Neugier eines verbesserungssüchtigen Yankees. Ich gab Stone den
Anlaßhebel unsrer Maschine in die Hand, sprang ab und lief auf die
andre zu, um den Eindringling womöglich ~in flagranti~ abzufangen.
Er bemerkte mich nicht, so fleißig war er an der Arbeit, und mein
Erstaunen wuchs, als ich wahrnahm, daß der Mann damit beschäftigt war,
ein neues Wasserstandsglas einzusetzen, das er in dem Werkzeugkasten
gefunden haben mußte. Das alte war nämlich bei dem Zusammenstoß mit
dem Biersalon schon gestern zerbrochen. Unerklärlich! aber dennoch,
welche Unverschämtheit! Der Fremde kniete mit gesenktem Kopf vor der
Kesselwand, noch immer ohne aufzusehen. Ich sprang auf den Tender,
entschlossen, ihn an den Ohren zu packen, was auch aus der Begegnung
werden würde. Da, nicht eine Sekunde zu früh, hob er den Kopf auf. Ein
rundes, mir wohlbekanntes Gesicht mit treuherzigen blauen Augen, aber
mit der mir ebenso bekannten steinernen Ruhe, sah mir entgegen und
sprach: »Guten Abend, Sir!« Dann fuhr der Fremde in seinen Versuchen
fort, einen eigensinnigen kleinen Kautschukring über die neue Glasröhre
zu schlüpfen, die er an Stelle der zerbrochenen einschalten wollte.

Es war Jem! Jem Parker, der Monteur und Dampfpflüger, den ich mit dem
»Wilden Westen« erwartet hatte. Er hatte sich in Schottland bei der
Aufstellung eines andern Dampfpflugs verspätet, wurde mit einem der
nächsten Schiffe nach New York geschickt und kam von dort über Land
mit der Bahn nach New Orleans. Er hatte heute früh nach viertägiger
Eisenbahnfahrt die Stadt erreicht, hatte sich nach dem Ausstellungspark
durchgefragt und dort die einsame Maschine gefunden. Und da er bei
näherer Betrachtung das zerbrochene Wasserstandsglas entdeckte und
der Werkzeugkastenschlüssel tags zuvor stecken geblieben war, hatte
er in aller Gemütsruhe angefangen, ein neues Glas einzusetzen, wie
wenn nicht viertausend Meilen zwischen seiner heutigen und seiner
letzten Beschäftigung lägen. Er habe gedacht, es werde schon jemand
kommen und nach ihm sehen. Das alles kam in kurzen, trockenen Sätzchen
heraus, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Jetzt saß das Glas zu seiner
Zufriedenheit an der richtigen Stelle; er probierte die Hahnen und
schüttelte, wegen des niederen Wasserstands, vorwurfsvoll den Kopf.
Dann richtete er sich auf, zog wortlos einen Brief aus der Jacke, die
er unter dem Rock trug, und gab ihn mir. Derselbe war von Herrn Fowler
in London und erklärte, wie es kam, daß Parker erst mit einem späteren
Schiff abgereist sei. Zwei Leute könne er mir zu seinem Bedauern
nicht schicken. Es seien alle verfügbaren, brauchbaren Kräfte vollauf
beschäftigt. Ich müsse mich mit Parker behelfen, so gut ich könne.
Ich habe mich in Ägypten ja auch schon in ähnlichen Lagen glücklich
herausgewunden.

Dies war richtig; und zugleich war mir ein förmlicher Stein vom
Herzen gefallen. Stone und der kleine schwarze Jem, wenn sie auch
noch gelegentlich einen Biersalon umfahren mochten, waren anstellige
Leute. Nun hatte ich noch den weißen Jem, der das Handwerk verstand,
und mich. So konnte die Sache doch nicht völlig schief gehen und die
»Regeneration des Südens«, von der seit acht Tagen halb New Orleans
sprach, allen Ernstes beginnen.

Seit ich Amerika betreten hatte, war ich nie so müd und wohlgemut nach
Hause gekommen als an jenem Abend, spielte zum erstenmal wieder ein
Schach mit Oberst Schmettkow und gewann's.

[Illustration]



6. Ein Fest


Niemand hat übrige Zeit in Amerika. Lawrence, obgleich um eine volle
Generation der ältere der beiden, war ungeduldiger als selbst der junge
Owen, seitdem der letztere die Speisenfolge seines Gabelfrühstücks mit
Hilfe Monsieur Merciers und mehrerer Privatgelehrter auf diesem Gebiet
festgestellt hatte. Sie ließen mir kaum einige Stunden zu, wie es ihnen
schien, nutzlosen Proben meiner Maschinen. Delano, dem mürrischen
Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft, wurde überdies um
seinen Park bange, als ich die erste Furche durch den jungfräulichen
Grasboden zog, der nie zuvor mehr als leise gekratzt worden war, und
mein Pflug den schwarzen Urschlamm des verschwundenen Sumpfwaldes
ans Tageslicht förderte. Nach seiner Ansicht sei es um so besser,
je weniger ich ihnen von meiner Kunst zeige, an der er nicht mehr
zweifelte, seitdem er im ersten Schrecken über das gespannte Drahtseil
gefallen war. So wurde der nächste Donnerstag, zwei Tage, nachdem der
Dampfpflug sein Arbeitsfeld erreicht hatte, für die Eröffnungsfeier
bestimmt.

Das Programm war einfach. Zwischen zehn und elf Uhr sollten die
geladenen Gäste erwartet werden. Von elf Uhr an hatte ich eine halbe
Stunde lang den Pflug, eine weitere halbe Stunde den Kultivator laufen
zu lassen. Um zwölf Uhr mußte in dem Pavillon, der sich neben der
Rennbahn befand, das Gabelfrühstück bereit stehen. Um zwei Uhr sollte
das Publikum gegen ein Eintrittsgeld von einem Dollar zugelassen und
das Pflügen bis gegen Abend fortgesetzt werden. Am folgenden Tag
konnte die Presse sodann erklären, daß der Dampfpflug den seitens
der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana ausgesetzten großen
Preis von 750 Dollar nach eingehender Prüfung errungen habe, und ich
sollte in der Freude meines Herzens drei Tage lang und mit häufigen
Ruhepausen, um den Park nicht allzusehr zu ruinieren, weiterpflügen.
Während dieser Zeit hatte die herbeiströmende Volksmenge ihre fünfzig
Cents an der Parktorkasse abzuliefern, teils um die Gesellschaft in die
Lage zu versetzen, mir möglichst schmerzlos 750 Dollar auszubezahlen,
teils um ihr selbst eine sorglosere Zukunft anzubahnen. Im ganzen ließ
sich gegen diesen Plan nichts einwenden. Er kostete mich ein, wie mir
schien, allzu üppiges Frühstück, verschaffte dagegen, wenn alles gut
ging, dem Dampfpflug, was er vor allen Dingen brauchte: eine tüchtige,
gut amerikanische Reklame.

Die kurzen Versuche, die ich anstellen konnte, verliefen erträglich.
Der Pflug rannte nur zweimal in die Dampfmaschine, die Herrn Stone und
seinem Heizer Kato anvertraut werden mußte, während auf der andern
Lokomotive der weiße und der schwarze Jem als Lehrer und Schüler gut
miteinander auskamen; abgesehen davon, daß der schwarze sich laut und
lebhaft beschwerte, durch seinen Ehrgeiz in eine hervorragende Stellung
gedrängt worden zu sein, die unerwartet viel Mühe und Arbeit mit sich
brachte. Ich selbst saß mit Bucephalus auf dem Pflug und suchte ihm das
Steuern des Gerätes und den Begriff einer geraden Linie im allgemeinen
beizubringen. Der Mann hatte eine Riesenkraft und ließ sich mit großer
Gutmütigkeit an den Ohren ziehen, wenn er gar zu krumm dreinfuhr.
Ich tat dies zwar energisch, da er sonst nichts bemerkt hätte, aber
doch stets mit der Miene väterlichen Wohlwollens; denn es war von
der höchsten Bedeutung, meine rohen Hilfstruppen bei guter Laune zu
erhalten. Das erkannte Bucephalus auch grinsend an und hatte bald die
Genugtuung, mich wiederholt darauf aufmerksam zu machen, wie gerade
seine krummen Furchen ausfielen. -- Übrigens hielt ich es selbst für
gut, nicht allzuviele Proben abzuhalten. Jeder Augenblick, wenn das
böse Schicksal es wollte, konnte, während ich an einem Ende des Feldes
das Drahtseil regulierte oder dem mangelnden Wasserstand im Kessel
nachhalf, am andern Ende eine zerschmetternde Katastrophe herbeiführen
und uns unter Umständen auf Wochen und Monate das Handwerk legen.
Das wichtigste blieb zunächst, wenigstens mit heiler Haut und ganzen
Gliedern über das drohende Frühstück hinwegzukommen.

Eine prachtvolle Frühlingssonne strahlte über dem lieblichen Park
mit seinen moosbehangenen Baumgruppen und den noch nicht verbrannten
Grasflächen, die in dem Untergrund des Mississippideltas reichlich
Wasser finden. Die beiden Maschinen standen kampfbereit an den Enden
eines dreihundert Meter langen Feldstücks und sandten weiße, senkrechte
Rauchsäulen friedlich in den blauen Himmel empor. Jem, Bucephalus,
Kato und ein halbes Dutzend weiterer Nigger, die als Extrahilfskräfte
im Wege standen, waren nicht nur infolge der Wichtigkeit des
Tages und ihrer eignen Person, sondern auch durch das Versprechen
eines königlichen Trinkgeldes, wenn alles gut gehe, in gehobener
Stimmung. Zwischen Stone und Parker war eine gewisse ehrgeizige
Wettbewerbstimmung entstanden, die sich in kleinen trockenen Neckereien
äußerte und mir im Interesse der Sache so wohl gefiel, daß ich sie bei
beiden heimlich schürte. Es war das instinktive Gefühl zwischen jung
und alt; zwischen Amerika und Europa. Beide waren stille, wortkarge
Leute und sich kaum bewußt, was sie reizte. Aber ich sah das Gefühl
deutlich in ihnen arbeiten, und in beiden arbeitete es für mich. --
Im Pavillon hinter unserm Felde deckten sechs schwarze Kellner in
tadellosen Fräcken und weißen Halsbinden eine hufeisenförmige Tafel,
und geheimnisvolle, angenehm duftende Korbwagen fuhren durch das
Parktor. Lawrence hing seit dem frühen Morgen an meinen Fersen, und
Kapitän Owen erwartete in fieberhafter Aufregung den Champagnerwagen,
der irgendwo aufgehalten, wenn nicht umgeworfen worden war.

Dann kamen in leichten, eleganten Kabrioletts und Buggies die
vornehmeren, in den maultierbespannten Tramwagen die einfacheren der
geladenen Gäste: Longstreet mit Beauregard, Taylor mit Burnside und
Jackson, leider nicht der berühmte Stonewall Jackson, der wenige Wochen
zuvor gestorben war. Auch General Lee hatte zum allgemeinen Bedauern
abgesagt. Doch fehlte es nicht an Generalen, Regimentskommandeuren,
Majoren und Kapitänen in verwirrender Menge; dann aber kamen auch große
Grundbesitzer vom oberen und unteren Mississippi und weltbekannte
Politiker aus der alten Zeit, die heute von ihren Erinnerungen lebten
und jeden einluden, sie mit ihnen aufzufrischen; kurz, es sammelte
sich rasch eine zahlreiche, fröhlich belebte Gesellschaft, in der sich
jedermann zu kennen schien und in deren Mitte der wackere Longstreet
den liebenswürdigen Wirt spielte, während mir Owen die Heldentaten
jedes einzelnen ins Ohr flüsterte. Auch unbekannte Gestalten erschienen
zur Genüge. Ich selbst hatte nur dafür gesorgt, daß Oberst Schmettkow
nicht fehlte und der teutonische Redakteur der »Deutschen Zeitung«
seine Einladung erhielt. An alles übrige ließ ich Owen denken, der
seinerseits vertrauensvoll auf meine Fähigkeit baute, mit einem
Check auf meine englischen Freunde am Tag der Abrechnung die kleinen
Schwierigkeiten auszugleichen, die etwa entstehen sollten.

Alles sammelte sich in dem Felde, in welchem der Dampfpflug kampfbereit
aufgestellt war. Noch nie hatte dieser friedliche Träger der Kultur
ein so kriegerisches Publikum um sich gesehen. Die alten Haudegen des
großen Bürgerkriegs standen entlang dem ausgespannten Drahtseil und
sahen verständnisvoll, oder auch anders, in die tiefe Furche hinab, die
gestern abend noch gezogen worden war. Longstreet erklärte, mich von
Zeit zu Zeit zu Hilfe rufend, was er von der Sache wußte, sichtlich
bemüht, das Interesse dem Pflug zuzulenken; aber unwillkürlich
verirrte er sich samt seinen Freunden jeden Augenblick wieder in
die Erinnerungen an ein abenteuerliches Gefecht, in die Beurteilung
einer strategischen Bewegung und vor allem in die Betrachtung der
jammervollen politischen Lage der »alten und wahren« Herren des Landes.
Alle Stimmungen kamen zum lebhaften Ausdruck, vom Galgenhumor völliger
Hoffnungslosigkeit bis zur finsteren Entschlossenheit, sich knirschend
zermalmen zu lassen. Der Dampfpflug schien mit jeder Minute mehr vor
den Augen der ganzen Gesellschaft zu verschwinden.

Da ließ ich pfeifen. Das Drahtseil schnellte in die Höhe und zog an.
Die lange Reihe der leidenschaftlich gestikulierenden Herren sprang
mit Entsetzen und militärischer Präzision auf die Seite. Der Pflug
setzte sich in Bewegung, die schweren, schwarzbraunen Schollen in
sechs glatten geradlinigen Reihen aufstellend. Dies brachte meine
Gäste zur Sache zurück. Eifrig liefen die meisten hinter dem Pfluge
her, nachdenklich maßen andre die Tiefe der Furche. Es ging in der Tat
nicht schlecht, wenn man den Umständen einigermaßen Rechnung trug.
Stone und Kato auf der fernen Maschine übertrafen sich selbst. Stolz
saß Bucephalus auf dem Pflug und steuerte ihn in sanftem Zickzack über
das Feld. Er war überglücklich, da er unter den Eingeladenen seinen
alten Herrn aus der Sklavenzeit entdeckt hatte und ihm die Geheimnisse
seiner neuen Würde, als erster Dampfpflüger Amerikas, auseinandersetzen
konnte. Nachdem der Pflug sechs- bis siebenmal auf und ab gefahren
war, ohne Schiffbruch zu leiden, näherte sich allerdings das Aussehen
der letzten Furche den Windungen eines durch ein Wiesental sich
hinschlängelnden Bächleins. General Burnside tröstete mich. Die Linie
erinnerte ihn lebhaft an seinen ersten Sieg: an die Schlachtlinie der
Föderierten bei Bull Run. Dank seiner südlichen Lebhaftigkeit hatte
General Taylor mittlerweile alles begriffen und hielt den Augenblick
für gekommen, tatkräftig einzugreifen. Er schob Bucephalus von seinem
Sitz, setzte sich auf das Geräte und erfaßte das Steuerrad. Dreißig
Schritte weit ging alles gut. Der Pflug blieb in seinem durch die
Furche gegebenen Geleise, und Taylor sah sich triumphierend um. Dann
aber nahm das Instrument plötzlich eine Wendung nach dem ungepflügten
Teil des Feldes und lief, als sei es verrückt geworden, trotz der
verzweifelten Steuerbewegungen des Generals, querfeldein. Kein Pfeifen
von Parkers Maschine half. Stone, dessen Maschine am andern Ende des
Feldes während der Katastrophe den Pflug zog, war mit seinem Feuer
beschäftigt und merkte zu spät, welches Unheil vor sich ging, so daß
er erst dazu kam, anzuhalten, als sich der General mit dem entlaufenen
Pflug mitten auf ungepflügtem Felde befand, hundert Schritte von dem
Platz, wo er hätte sein sollen. Er hatte allerdings eine merkwürdig
gerade Linie diagonal zur Pflugrichtung über das Feld gezogen. Beschämt
stieg er ab und betrachtete sein Werk. Seine alten Kriegskameraden
waren außer sich vor Vergnügen. Selbst der unehrerbietige Bucephalus,
der staunend dem Pflug nachgesehen hatte, lachte mit, daß sein roter
Mund das schwarze Gesicht von Ohr zu Ohr spaltete. Der Erfolg -- der
Heiterkeitserfolg des Dampfpflugs war großartig. Der ältere Owen,
der mehr Verständnis für die wahre Lage der Dinge zu haben schien
als alle andern, sagte leise zu mir: »Lassen Sie aufhören! -- Die
Schildkrötenbouillon wird sonst kalt!« Longstreet nahm Burnside unter
den Arm. Taylor wurde von den andern im Triumph herbeigeholt und als
preisgekrönter Dampfpflüger Louisianas fast auf den Händen getragen.
Alles strömte dem Gartenpavillon zu, wo sich das blinkende Hufeisen im
Nu gefüllt hatte und die Sektflaschen zu knallen begannen.

Es ging hier noch brillanter als im Felde. Die Not der Zeit löste
sich fühlbar in dem warmen Sonnenschein, der durch den luftigen
kleinen Saal, und im perlenden Wein, der kühlend durch unsre Adern
strömte. Longstreet hielt eine prächtige kleine Rede: ernst, männlich,
geradeaus: Die große Sache sei verloren; wozu die Augen schließen und
die Hände sinken lassen? Die Männer seien noch da, die ehrlich für
sie geblutet hätten; sie würden sich nicht erdrücken lassen. Die alte
Kraft rege sich wieder und werde auf andern Feldern neue Siege bringen.
»Das Schwert ist in unsrer Hand zerbrochen«, schloß er. »In Gottes
Namen -- nehmen wir die Lage, die uns der Himmel geschickt hat. Es
lebe der Pflug!« Darauf verlangte es der Anstand, daß ich etwas sagte.
Der Staub der Pflugfurchen steckte mir noch in der Kehle und die Angst
vor dem jeden Augenblick möglichen Zusammenbruch der einen oder der
andern Maschine in der Seele; aber ich ließ getrost den Süden leben,
dessen tropische Lebenskraft schon mehr als einmal aus den Sümpfen
um den Mississippi ein Paradies geschaffen habe. Dann kamen andre,
weniger harmlos, manchmal bitter und zornig, manchmal allzu laut der
wiederkeimenden Hoffnung entgegenjubelnd. Der Pflug war vergessen. Die
politischen Phrasen rollten mächtig über die erhitzten Köpfe weg. Doch
fühlte ich mich ziemlich beruhigt, als ich unter den letzten, die das
Gartenhaus verließen, den Chefredakteur des »Picayune« Arm in Arm mit
seinem Feind, dem Chefredakteur der »Crescent City News«, bemerkte,
die abwechslungsweise versuchten, föderierte und konföderierte
Kriegslieder zweistimmig zu singen. Ein erstaunlicher Grad mangelhaften
musikalischen Sinns und der gute Wille, mit dem sie sich gegenseitig
unterstützten, ergab eine Verschmelzung von Dissonanzen, die das
Beste für die Zukunft hoffen ließ. Nur ein einziger Mißton trübte den
Schluß der schönen Feier. Meine zwei deutschen Freunde waren sich
in die Haare geraten. Oberst Schmettkow versuchte den Redakteur der
»Deutschen Zeitung« über die Irrtümer seiner politischen Auffassung des
Zustandes der Südstaaten aufzuklären. Doktor Wurzler machte vergebliche
Anstrengungen, den Obersten zu überzeugen, daß ein verunglückter
Jarde-Offizier von der Sache nichts verstehen könne. Sie wurden laut
und heftig, und nur mit Mühe konnte ich sie bewegen, in zwei getrennten
Trambahnwagen nach der Stadt zurückzukehren.

[Illustration]

[Illustration]



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7. Rettungspläne


Regen nach Sonnenschein -- können wir mehr fordern vom wechselnden
Leben? Aber allerdings, es brauchte nicht gerade ein Donnerwetter
zu sein, mit der Aussicht, in einen vierwöchentlichen Landregen
überzugehen.

Am folgenden Morgen brachten die »Crescent City News« einen zornigen
Aufsatz über England und die heimtückische Art und Weise, wie John Bull
die Einführung der sonst nicht ganz nutzlosen Dampfkultur benutze,
um einer verderblichen und verlorenen Sache neue Lebenshoffnungen
einzuflößen, die nie in Erfüllung gehen können. Doppelt bedauerlich
sei, daß der in andrer Beziehung anständige und nicht unintelligente
Leiter des unförmlichen englischen Dampfpflugs sich zu Kundgebungen
mißbrauchen lasse, die einem förmlichen Wiedererwachen der alten
sezessionistischen Bestrebungen gleichkämen. Der Herr möge sich
nicht täuschen: neuer Wein, auch der, den er zu verzapfen wünsche,
lasse sich nicht in alte Schläuche füllen. Weder Dampf noch Sekt
werde die verbrauchten Männer einer verlorenen Partei zu neuem Leben
erwecken. Die Sezession sei tot. Den Dampfpflug an die tote Sezession
binden zu wollen, sei sicherlich das törichtste, was dieser fremde
Herr jemals versucht habe. Es wäre ihm vielleicht nützlich gewesen,
wenn er sich zuvor über die Verhältnisse des Südens etwas eingehender
belehrt hätte. Als charakteristisch sei zu erwähnen, wie ein gewisser,
in Louisiana sehr überschätzter General, der sich neuerdings mit
Kanalschiffahrt beschäftige, den Pflug quer über das Feld gesteuert
und das unglückselige englische Instrument in einer Lage stecken
gelassen habe, über die mehrere Sachverständige sich heute noch den
Kopf zerbrächen. Übrigens sei Wohlwollen und Gerechtigkeit auch
dem Gegner gegenüber stets der Grundsatz der »Crescent City News«
gewesen. Die Schriftleitung stehe deshalb nicht an, ihren Lesern die
vortreffliche Speisenfolge des Gabelfrühstücks mitzuteilen, das den
Kern der Eröffnungsfeier des englischen Dampfpflugs gebildet habe:
Schildkrötensuppe mit Heydsik usw.

Der freundlicher gesinnte »Picayune« begann mit der Speisekarte,
brachte eine enthusiastische Beschreibung des Dampfpflugs, die kein
Mensch verstehen konnte, und war überzeugt, daß der erste Stein
zum Wiederaufbau des Südens gestern gelegt worden sei, »dank den
Männern,« schloß er, »die entschlossen den großen Aufgaben unsrer Zeit
entgegentreten und die Not der Gegenwart mit den glänzenden Waffen der
Zukunft zu bekämpfen wissen.«

Da Lawrence, der energisch mitgekämpft hatte, ebenso wie Schmettkow
am folgenden Tag etwas unwohl waren, hörte ich von dem kleinen
Zeitungskrieg, der um meinen Dampfpflug entbrannt war, zunächst so
viel wie nichts. Die ruhigere, planmäßige Arbeit nahm ihren Fortgang.
Ich pflügte in den nächsten Tagen jeden Morgen und Abend für das
Fünfzigcentpublikum ein paar Stunden lang. Meine Leute kamen nach
und nach in Übung, es ging mit jedem Versuch etwas besser; nur der
Strom der erwarteten Volksmassen blieb aus. Der Geschäftsführer der
Landwirtschaftsgesellschaft war mein getreuester Zuschauer, und sein
Gesicht wurde nach jeder Vorstellung um einen Zoll länger. Am zweiten
Tag wurde der zweite Kassierer am Eingangstor als völlig überflüssig
eingezogen, und am dritten konnte auch der noch im Dienst stehende
seine Siesta, die um die Mittagsstunden in seinem kleinen Brathäuschen
verzeihlich war, über den Rest des Tages ausdehnen, ohne seine
Amtspflichten zu vernachlässigen.

Am Abend dieses dritten Tages kam Lawrence mit Delano in ungewöhnlicher
Eile über das Feld, als ich soeben die Vorstellung, die wir den zwei
Söhnchen des eingeschlafenen Kassierers gegeben hatten, abzuschließen
im Begriff war. Man sah es dem Gang der beiden Herren an, daß sie
ein neuer, belebender Gedanke trug. Lawrence grüßte vergnügt, der
Geschäftsführer grämlich, und betrachtete sodann kopfschüttelnd
die beiden Knäblein, die eifrig auf dem stillstehenden Pflug
herumkletterten und nach Yankeejungenart versuchten, ob nicht da oder
dort eine Mutter loszuschrauben, eine Schraube abzudrehen war.

»Nun, wie ging's heute, Herr Eyth? Mehr Publikum hier gewesen?« rief
Lawrence, als ob alles, was er sah, seine höchste Befriedigung erregt
hätte.

»Sie sehen, welches Interesse die Bevölkerung an unserm Pfluge nimmt«,
antwortete ich, auf die zwei Jungen weisend, die wirklich eine
lose Mutter gefunden hatten und emsig an der Arbeit waren. »Heute
Vormittag war auch ein alter Herr hier, der sich ernstlich nach der
Leistungsfähigkeit der Maschinen erkundigte. Er brauche eine billige
Lokomobile zum Wasserpumpen, erzählte er mir.«

»Der Kassierer behauptet, er müsse am Ostende des Platzes über den
Parkzaun gestiegen sein«, bemerkte Delano, die zwei Bürschchen mit
finsteren Blicken messend. »Das kann so nicht fortgehen, Herr Lawrence.
Wir müssen den Zaun am Ostende reparieren lassen. Wenn nur Geld in der
Kasse wäre! Guter Gott, wenn nur etwas Geld in der Kasse wäre!«

»Man wird doch deshalb den Mut nicht sinken lassen!« rief Lawrence,
ohne den Geschäftsführer zu beachten. »Zweifellos haben wir den
richtigen Weg noch nicht gefunden, das gesamte Interesse des Südens
auf unsre Sache zu lenken, Herr Eyth. Die »Crescent City News« fahren
allerdings fort, Ihnen Opposition zu machen. Das ist gut; das regt an.«

Er holte das widerwärtige Blatt aus der Tasche.

»Mir scheint es eher abzuschrecken«, meinte ich. »Der Lump von
Redakteur schrieb gestern wieder ein paar Zeilen über den plumpen
englischen Dampfelefanten, der in blinder Arbeitswut unsern schönen
Ausstellungspark aufwühle.«

»Sehr gut! Sehr gut!« rief Lawrence. »Sehen Sie, Herr Eyth, Sie
verstehen unsre Sprache noch nicht völlig. Das ist ja verzeihlich; aber
Sie sollten mit sich selber etwas Geduld haben. Wir müssen den Mann
bezahlen, wenn er verspricht, kräftiger zu schimpfen. Hören Sie einmal,
was der »Picayune« heute früh sagt. Es gefällt Ihnen vielleicht besser;
aber es ist nicht halb so wirksam.«

Er zog eine zweite Zeitung hervor, setzte sich auf den Pflug und las
mit pathetischem Feuer:

»Der glänzende Erfolg der großen englischen Erfindung, welche uns
einen Ersatz für die wohl für immer verlorene Arbeit unsrer farbigen
Mitbürger zu schaffen bestimmt ist, zieht täglich Tausende von
Schaulustigen nach dem Ausstellungspark der Landwirtschaftsgesellschaft
von Louisiana. Die Prüfungskommission dieses wahrhaft patriotischen
Vereins, bestehend aus den Herren Lawrence -- hier folgten
zehn weitere, mir völlig unbekannte Namen -- hat dem riesigen
Kulturinstrument einstimmig den ausgesetzten Ehrenpreis von 750 Dollar
zuerkannt. Wenn in Indien der Elefant am Pfluge des Rajahs Wunder der
Kraft und Klugheit verrichtet, so arbeitet in unserm erleuchteteren
Lande die elefantine Kraft des Dampfes an der neu erstehenden Wohlfahrt
unsres zu Boden getretenen Südens. Ein Volk, das im Handumdrehen
den Pflug mit dem Schwert zu vertauschen weiß, wie unser wackerer
Longstreet so wahr bemerkte, kann nicht untergehen.«

»Wenn ich nur wüßte, wo ich die 750 Dollar auftreiben sollte, mit
denen mir das verehrliche Komitee seit acht Tagen in den Ohren liegt«,
brummte der Geschäftsführer.

»Deshalb kommen wir zu Ihnen, Herr Eyth«, sagte Lawrence mit
wachsendem Frohsinn. »Die Elefantenidee hat gezündet; ich weiß es von
verschiedenen Seiten. Wenn Sie uns ein wenig die Hand bieten, so wird
sich alles zum besten wenden.«

»Aber was kann ich mehr tun, als Ihren Park vierzehn Zoll tief
aufreißen?« fragte ich, ziemlich ratlos um mich blickend. »Wenn dies
Ihren ruhmbedeckten Süden nicht interessiert, so bleibt mir schließlich
nichts andres übrig, als ihn seinem Schicksal zu überlassen.«

»Fangen Sie nicht auch an, die Flügel hängen zu lassen!« mahnte
Lawrence. »Das tut unser Geschäftsführer schon hinreichend für uns
alle. Aber hören Sie mir zu! Das Pflügen interessiert die Stadtleute
nicht; zugegeben! Die großen Gutsbesitzer sind keine Volksmasse; auch
kommen sie nicht in die Stadt. Sie haben kein Geld mehr, wie vor fünf
Jahren. Wir müssen es anders angreifen. Wenn Sie damit einverstanden
sind, lasse ich heute abend in alle Zeitungen eine Anzeige einrücken.
Ich habe sie schon im Entwurf in der Tasche. Hören Sie! Passen Sie auf,
Delano!«

Er zog einen Bogen Papier aus der Brusttasche, auf dem in viel
korrigierter Schrift folgendes zu lesen war:

»Große Sensation! Wettrennen der zwei Dampfelefanten John Bull
und Jonathan; John Bull, geritten von dem berühmten englischen
Dampfelefantenjockey Mister Jem Parker; Jonathan von dem amerikanischen
Gentlemanreiter Mister Eleazar Stone. An die gesamte Bevölkerung,
Damen und Herren, groß und klein, alt und jung der Staaten Louisiana,
Alabama, Mississippi und Texas! Nachdem die berühmten Dampfelefanten
John Bull und sein Bruder Jonathan während der vergangenen Woche in
gewaltiger Arbeit den Urgrund des Mississippitals aufgewühlt haben,
beabsichtigen diese gewandten und zu heiterem Spiel geneigten Tierchen
ihre angeborene Munterkeit in einem kleinen Wettlauf zum Ausdruck zu
bringen, der auf der Rennbahn des Parks der Landwirtschaftsgesellschaft
von Louisiana am Donnerstag, den 4. März, nachmittags fünf Uhr
stattfinden wird. Besondere Anziehung wird das Rennen dadurch ausüben,
daß der Elefant Jonathan von dem amerikanischen Amateur Mister Stone,
John Bull dagegen von dem berühmten englischen Berufsjockey Parker
gesteuert werden wird. Es sollen bereits beträchtliche Wetten auf den
Erfolg des einen oder andern der kühnen Reiter angeboten und angenommen
worden sein. Herr Stone stammt aus einer alten Familie Virginiens und
wird die Ehre des neuen Kontinents aufrecht zu erhalten wissen, während
Parker vor einigen Tagen aus England eintraf, so daß ihm die ganze
Geschicklichkeit und Erfahrung der älteren Kulturwelt zur Verfügung
steht.

»Achtung, Bürger von Louisiana, Alabama, Texas und Mississippi,
Achtung! -- Der Riesenmammutwettkampf zweier Welten, in Arbeit und
Sport! Amerika gegen England! England gegen Amerika! Wer wird der
Sieger bleiben? Parkkassenöffnung um zwei Uhr. Eintritt einen Dollar.
Tribünenkarten drei Dollar.«

Lawrence sah sich um, als habe er zu eigner Verwunderung das Ei des
Kolumbus auf den Kopf gestellt; die trüben Augen des Geschäftsführers
blitzten, eine hektische Röte war in seine gelben Wangen gestiegen. Mir
standen die Haare zu Berge.

»Das ist ja aber rein unmöglich, mein lieber Herr Lawrence«, rief ich,
nach Luft schnappend.

»Unmöglich?« schrie Lawrence stürmisch. »Unmöglich! Mein bester Gedanke
seit dreißig Jahren! Aber warum denn, mein lieber Herr Eyth?«

Ich suchte mich zu fassen und ruhig zu sprechen.

»Ich kann doch ganz unmöglich meinen Dampfpflug zu einem solchen
Karnevalsstreich, zu einer so verrückten Barnumiade hergeben.«

»Ich bitte Sie! Barnum ist einer der geachtetsten Bürger unsrer
großen Republik. Ein Charakter! Ein Charakter, Herr Eyth! Er hat
kleiner angefangen als Sie und hat heute das größte Museum der Welt.
Er ist Millionen wert, Millionen, hat schon drei Kirchen gebaut, ist
dreifacher Kirchenältester in seinen eignen Gotteshäusern und kann sich
den Degen umschnallen, den Napoleon bei Waterloo verlor, wenn es ihm
beliebt. Ich bitte Sie, warum denn nicht?«

»Meine Dampfpflugmaschinen -- wettrennen!« rief ich mit neu erwachendem
Entsetzen. »Die plumpen englischen Dampfelefanten, wie die ›Crescent
City News‹ sagen! Sie laufen ja keine vier Meilen in der Stunde, beim
besten Willen.«

»Das ist ja eben das Pikante! Ein Elefantenwettrennen, ein
Dampfmammutwettrennen! Nichts von Ihren windigen Vollblutskniffen der
Alten Welt; keine brutale Tierquälerei ihrer barbarischen Vergangenheit
-- das Ganze elegant, human, würdig -- Zukunftsmusik! Der ›Picayune‹
wird jubeln; der ›Crescent City News‹-Redakteur wird sich die Haare
ausreißen. Die ganze Stadt wird auf unsrer Seite sein. Und diese
Reklame! Diese Reklame! Bedenken Sie doch!«

»Vor der ganzen Welt werden wir dastehen wie blamierte Hanswurste«,
sagte ich düster, denn ich fühlte, daß etwas in mir nachgab, daß eine
Feder meines Innersten brechen wollte, die ich bis jetzt für stahlhart
gehalten hatte. Lawrence merkte es ebenfalls, setzte sich wieder auf
den Pflug, von dem er in der Hitze des Gefechts aufgesprungen war, und
fuhr ruhiger und eindringlich fort:

»Sie verstehen dieses Land nicht. Sie können den mächtigen Strom des
Fortschritts nicht fassen, der uns über solch kleinliche Bedenken
wegträgt und uns größer gemacht hat als alle andern Nationen des
Erdballs. Aber Sie müssen einsehen, was ich Ihnen hier biete. Jetzt
sitzen Sie da vor zwei kleinen Jungen, die Sie auslachen. In ein paar
Tagen haben Sie fünfzigtausend Menschen hier, die Sie anstaunen.«

»Ich glaube gar nicht, daß ich Jem Parker bewegen kann, den Narren zu
spielen,« brummte ich.

»Dafür lassen Sie mich sorgen!« rief Lawrence freudig, denn er sah, wie
schwach ich wurde. »Sechs Glas Jamaikarum und fünfzig Dollar Trinkgeld!
Damit zieht er uns eine brennrote Jockeyjacke an. Stone, der ein Vater
von sieben Kindern ist und Professor an einem Technikum in Buffalo war,
will in grünem Spenzer und gelben Hosen antreten. Er denkt wie ich.
Aber wohlgemerkt, Sie müssen es ihn gewinnen lassen. Er repräsentiert
Amerika.«

»Das ist ein weiterer Punkt«, warf ich ein. »Die beiden Maschinen
gleichen sich wie ein Ei dem andern und laufen genau gleichschnell.
Von einem Wettrennen ist also nicht die Rede.«

»Kann man dies nicht machen wie man will?« fragte Lawrence, fast wieder
aufgebracht über meine Borniertheit. »Das wird mit Stone und Parker
ganz genau verabredet. Dreimal über die Bahn, denke ich mir; zuerst
Stone voraus; dann Parker voraus, immer weiter voraus, eine halbe
Bahnlänge zwischen beiden. Stone in Nöten -- Parker lachend. Dann auf
einmal Stone hinterher wie der Teufel, mit offenen Zylinderhähnen,
damit man sieht, daß sein Elefant sich anstrengt. Parker pustet
und keucht. Vergeblich. Fünfzig Schritte vom Ziel sind sie beide
Schornstein an Schornstein. Parker hat die Innenseite der Bahn; noch
immer kann er gewinnen -- aber in den letzten drei Sekunden, unter dem
donnernden Jubel von fünfzigtausend Menschen, siegt Amerika mit einer
Nasen- oder Rüssel- oder Kessellänge, ganz wie Sie wollen. Was sagen
Sie jetzt?«

»Die einzige Rettung für uns alle!« stöhnte Delano, der mich ängstlich
betrachtete. Es mußte mit der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana
in der Tat schlecht stehen.

»Ich will mir's überlegen!« sagte ich zögernd und fühlte, wie die
scharfe Luft Amerikas mein Lungengewebe durchdrang und das schwere,
deutsche Blut rascher oxydierte. Die Empfindung steigender Wärme war
nicht unangenehm. Auch leichter fühlte ich mich, wie ein Ballon,
dem plötzlich mit weiteren fünfzig Kubikmetern Gas unter die Arme
gegriffen wird.

»Und ich«, rief Lawrence, indem er mir rasch die Hand drückte, »laufe
auf die Redaktionen. Für die Morgenblätter wird es gerade noch Zeit
sein. Aus Ihnen, Herr Eyth, kann immer noch etwas werden. Ich gebe Sie
nicht ganz verloren. Adieu!«

Er lief, den nächsten Weg über das gepflügte Feld nehmend, dem Parktor
zu und zwar so eifrig, daß er, über die mächtigen Furchen stolpernd,
zweimal auf die Knie fiel, ohne Zeit zu verlieren.

Delano und ich sahen einander an, zaghaft, trübselig, ich noch immer
in einem unbeendeten Seelenkampf, in dem die Neue und die Alte Welt
miteinander rangen und mich qualvoll hin und her zerrten; Delano mich
mißtrauisch betrachtend, als ob er fürchtete, es könne doch noch alles
schief gehen.

»Es ist gut, daß Sie sich entschieden haben«, sagte er endlich mit dem
ersten Lächeln auf seinem gelben Gesicht. »Wenn Sie nein gesagt hätten,
wäre ich morgen früh nach Kuba abgereist. Ohne die Gesellschaftskasse.
Die ist leer.«

[Illustration]



8. Neue Hoffnung


Die »Crescent City News« waren besiegt, sogar vor dem großen Tage, auf
den Lawrence seine ganze Hoffnung setzte. Wie er dies zuwege gebracht
hatte, blieb ein Geheimnis. Die spaltenlangen Inserate, in denen das
kommende Wettrennen zur Anzeige kam, konnten den Stimmungswechsel kaum
hervorgebracht haben, dafür waren sie trotz der fetten Buchstaben nicht
groß genug. Aber die spitzen Bemerkungen über die plumpen Dampfpflüge
hörten plötzlich auf. Die löbliche Absicht, ein Wettrennen abzuhalten,
wurde laut und dankbar anerkannt, die beiden Dampfelefanten John Bull
und Jonathan in begeisterten Farben geschildert, ihre merkwürdige
äußerliche Ähnlichkeit nicht verschwiegen, jedoch darauf hingewiesen,
daß in ihrem Innern wesentliche Verschiedenheiten bestehen dürften.
Das Verhältnis von Heiz- und Rostfläche, vom Zylinderraum zum
Dampfraum im Kessel, eine künstliche Zugvorrichtung, ein heimlicher
Expansionsschieber, kurz das eigentliche Seelenleben beider Maschinen
lasse den Ausgang des Kampfes durchaus zweifelhaft erscheinen. Übrigens
komme es, wie bei jedem Rennen, doch auch wesentlich auf die Jockeys
an, und da Jonathan von dem berühmten Amerikaner Stone (grün und gelb),
John Bull von einem nicht minder hervorragenden Engländer, Jem Parker
(rot und blau) geritten werde -- der Berichterstatter entschuldigte
sich hier, daß er beim Anblick der eleganten Dampfrenner unwillkürlich
in die Sprache des Turfs verfalle --, so sei der Sieg des einen oder
des andern keineswegs eine leicht vorauszusehende Sache. An den
Schenktischen der Hotels und Salons von St. Charles- und Kanalstraße
sei das Wetten bereits in lebhaftem Gang. Im allgemeinen sei in
den Kanalstraßenrestaurants Jonathan der Favorite, während im St.
Charleshotel Wetten von zwei gegen eins auf John Bull, dessen Jockey
man größere Erfahrung zuschreibe, bereitwillig angenommen werden.

Unser nutzloses Pflügen im Ausstellungspark wurde nicht wieder
aufgenommen. Das amerikanische Fieber, das den wohlakklimatisierten
Lawrence in einen jungen Mann voll Feuer und Energie verwandelt
hatte, packte auch mich mit jeder Stunde mehr. Am Morgen nach unsrer
Besprechung im Park, nachdem ich nicht ohne Herzbeklemmung die bekannte
Anzeige in fünf Zeitungen gesehen und mich an deren Aussehen ein wenig
gewöhnt hatte, schlug ich mit einer entschlossenen Aufwallung alle
Bedenken in den Wind. Ein Trost blieb mir ja immer: Louisiana war
viertausend Meilen vom würdevollen England entfernt. Wenn es nun einmal
sein mußte und mein ernster, ehrbarer Dampfpflug auf ein paar Stunden
den Narren spielen sollte, nun, dann lieber auch recht! -- General
Longstreet fand nichts Bedenkliches in der Sache. Im Gegenteil; er
lobte mich, daß ich Land und Volk so rasch begreifen lerne. Persönlich
wünsche er allerdings in diesem Fall mehr in den Hintergrund zu treten.
Um so tätiger waren seine jungen Geschäftsteilnehmer, die beiden Owen,
die das Wetten unter ihren Freunden in einen Schwung brachten, der mich
kleinen Anwandlungen von Gewissensbissen aussetzte. Lawrence lachte
mich aus: »Ist es unsre Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die jungen Leute
ihr Geld in der Tasche behalten?« fragte er. »Ist es für das gemeine
Wohl von irgend welcher Bedeutung, in wessen Tasche des Volkes es
schließlich sitzen bleibt?« Ich mußte ihm recht geben.

Parker machte keine Schwierigkeiten. In seiner trockenen Weise sagte
er: »Mister Fowler schickte mich hierher und befahl mir, zu tun,
was +Sie+ befehlen. Das sind meine Anweisungen. Wenn ich mit meiner
Maschine wettrennen soll, so wettrenne ich; das ist einfach!« -- Ich
klopfte ihm auf die Schulter und begann, etwas zögernd, von der roten
Jacke zu sprechen. Aber auch hier kam mir ein unerwarteter Zwischenfall
zu Hilfe. Der ruhige Jem hatte bereits die intime Bekanntschaft
einer jungen Dame gemacht, der hübschen, wenn auch etwas bronzierten
Tochter eines Handelsgärtners, der in der Nähe des Parks einen
stattlichen Bananen- und Orangenwald pflegte. Der Engländer teilte
die amerikanische Abneigung gegen leichte Farbenmischungen nicht, und
die junge Dame war Feuer und Flamme für den hübschen, kräftigen, wenn
auch stummen Liebhaber, dessen ehrliche Augen die besten Absichten
verrieten. Fräulein Sally war begeistert für die rote Jacke, half sie
anmessen und setzte Goldborten auf den Kragen. Ihr Jem sah prächtig
aus, wie ein Kakadu! Jetzt erst war sie wirklich überzeugt, eine
glückliche Frau zu werden. Er brummte, aber er war ein herziger Junge,
ihr Jem, wenn er die Kakadujacke anhatte.

Die Ackergeräte blieben im Felde stehen, wo sie standen, verstaubt
und verachtet. Beide Dampfmaschinen dagegen wurden drei Tage lang
geputzt und geschmirgelt, daß sie in der Sonne blitzten. Auf der
Rückseite des Tenders und auf dem Deckel der Rauchkammer ließ ich durch
einen hervorragenden Künstler aus Deutschland, der drüben mehrere
Malerschulen besucht hatte und dementsprechend am Hungertuch nagte, die
eine mit den Worten »John Bull«, die andre mit dem Namen »Jonathan«
bemalen, so daß ich nun auch selbst wußte, welches die eine und
welches die andre war. Stone brachte auf eigne Kosten nationalfarbene,
besternte Tücher, mit welchen er Jonathan schmückte. John Bull fand
sich am Mittwoch nachmittag mit Guirlanden über und über bedeckt, in
denen sich reife Orangen besonders reizend ausnahmen. Das war Sallys
Werk. Ich selbst sorgte dafür, daß am Tender jeder Maschine zwei
Banner befestigt wurden: Parker erhielt die englische Union-Jack, die
er mit ruhigem Stolz aufsteckte, Stone die sternbesäte Flagge seiner
amerikanischen Heimat. Das eigentümliche Verhältnis beider war auch
nach längerem Zusammenarbeiten das gleiche geblieben. Sie sprachen
nicht viel und nicht höflich, wenn sie sich etwas zu sagen hatten,
aber die magnetische Antipathie, mit der sie sich betrachteten, war
im Wachsen. Parker verachtete Stone, Stone ärgerte sich über Parker.
Das geschah aus nationalem Instinkt. Hätten sie sich als Individuen
gegenübergestanden, so wäre das umgekehrte Verhältnis natürlicher
gewesen. Stone, der ältere, verhältnismäßig gebildetere Mann, hätte
Jem verachten, Jem sich über Stone ärgern sollen. Aber das unbewußte
Rassengefühl ist meist stärker als das bewußte Empfinden des einzelnen.
Zum Glück hatten sie bis jetzt nicht viel Gelegenheit gehabt, sich
aneinander zu reiben. Es ist dies schwierig, wenn jeder den ganzen Tag
an einem der beiden Enden eines vierhundert Meter langen Drahtseils
beschäftigt ist.

Auch Delano hatte nun genügend zu tun und wurde deshalb etwas heiterer.
Er ließ die Tribüne abstäuben und stützen, da sie sich gefährlich
nach hinten neigte, und ein drittes Kassenhäuschen aufstellen.
Man sah, meine amerikanischen Freunde glaubten an die englischen
Elefanten. Ich selbst war sehr beschäftigt und warf kaum einen Blick
auf die Zeitungsnotiz, die mir Lawrence, der jetzt alle Taschen
voll Fahnenabzüge und Ausschnitte hatte, am Dienstag vor dem Rennen
auf die Maschine heraufreichte. Einen Augenblick später sprang ich
jedoch erregt zur Erde. Der Himmel klärte sich. Es regnet auch im
Mississippidelta nicht immer. Dann las ich mit gespannter, aber
freudiger Aufregung:

»Washington, den 1. März 1867. Der unerwartete Schluß der Sitzungen des
Kongresses war in den letzten Tagen die Veranlassung, eine ganze Reihe
weniger bedeutender Vorlagen, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete,
zur Beratung zu bringen, die meist ohne längere Diskussion zur Annahme
kamen. Die sichtliche, die Arbeit fördernde Ermüdung der würdigen
Vertreter des souveränen Volkes mag hierbei ebenso kräftig mitgewirkt
haben wie die sachlichen Interessen, die von einzelnen Mitgliedern
mit Gewandtheit und Umsicht vertreten wurden. Namentlich war dies am
letzten Tage der Session der Fall, an dem die folgenden neun Anträge
die Zustimmung des hohen Hauses erhielten.« Dann folgte die Liste
von acht mir völlig gleichgültigen Bestimmungen, die sich auf die
Gewährung von Pensionen, die Bezahlung von Komitees, die Erhöhung von
Beiträgen zu verschiedenen Verkehrsunternehmungen bezogen. Dem neunten
Paragraphen sah man es fast an, wie hastig er im letzten Augenblick
noch angehängt worden war. Er lautete:

Ferner wird beschlossen, daß Geräte und Maschinen, die zur Bearbeitung
des Bodens mittels Dampfkraft bestimmt sind, zoll- und steuerfrei
eingeführt werden können, und soll diese Zollbefreiung auf die Dauer
von drei Jahren festgesetzt sein. Auch soll die Bestimmung rückwirkende
Kraft besitzen und vom 1. Januar 1867 an Geltung haben. --

»So hat mein zweifelhafter Freund Olcott doch nicht umsonst gearbeitet,
und Schmettkow wird mir beschämt zugestehen müssen, daß auch im Norden
noch Menschen wohnen, auf die man sich verlassen kann!« rief ich
innerlich hocherfreut und schickte Stone in die Stadt, um noch zwei
Banner zu bestellen, mit denen ich Jonathans Schornstein schmücken
wollte. Die Sterne und Streifen waren nicht so schlimm, als ich seit
einigen Wochen zu fürchten begonnen hatte.

Noch am gleichen Nachmittag, als meine zwei Renner blank und glänzend,
mit Kohlen, Wasser und Öl versorgt, hinter der geschmückten Tribüne
aufgestellt waren, fuhr ich nach dem Zollamt und überreichte dem
Generalzolldirektor von New Orleans den »Picayune« und die »Crescent
City News« mit ihren Telegrammen aus Washington. Der Herr, ein dünner,
schwarzgekleideter Yankee mit der Miene eines Kirchenältesten, schien
in eifrigem Geschäftsgespräch mit einem seiner Unterbeamten. Beide
hatten zerrissene Taschenbücher in der Hand und ließen sich durch
meinen Eintritt kaum stören. Zwei gegen eins auf Jonathan; so weit
wollte der Zolldirektor gehen, während der Assistent zögernd an seinem
Bleistift kaute. Beide Herren empfingen mich unwirsch, als ich eintrat,
und sehr höflich, als ich mich zu erkennen gab. Mit sichtlichem
Widerstreben entfernte sich der Assistent auf einen energischen Wink
seines Vorgesetzten. Ich zog den »Picayune« hervor und zeigte ihm den
dickunterstrichenen Paragraphen.

»Sehr gut, sehr gut, Sir!« sagte er mit unerwarteter Zuvorkommenheit.
»Ich gratuliere Ihnen, Herr -- Herr Jed! Nebenbei: würden Sie
vielleicht die Güte haben, mir den Unterschied, die wesentlichen
inneren Eigenschaften von Jonathan und John Bull zu erklären? Ich
verstehe nicht viel von Dampfmaschinen, interessiere mich aber doch
außerordentlich für die Fortschritte der Technik. Die beiden Elefanten
seien äußerlich ziemlich ähnlich, habe ich mir von sachverständiger
Seite sagen lassen. Welchen -- ganz unter uns -- welchen halten Sie bei
einem Viereinhalbmeilen-Rennen für den leistungsfähigeren? Sie wissen,
die Bahn ist anderthalb Meilen lang.«

Hier handelte es sich offenbar um ein unerwartet glückliches
Zusammentreffen von Umständen, das ich nicht ungenützt vorübergehen
lassen durfte.

»Ich komme, verehrter Herr,« sagte ich, »um Sie auf den Paragraphen
bezüglich der rückwirkenden Kraft dieser Zollbestimmung aufmerksam zu
machen.«

»Sehr interessant!« rief der Zöllner. »Ich höre, Jonathans Feuerbüchse
sei um zehn Zoll länger. Wenn dies der Fall ist, muß er ein verdammt
guter Dampfer sein --«

»Wie Sie wissen,« unterbrach ich ihn mit großer Ruhe, »haben
wir, unsre Vertreter Longstreet, Owen & Co., in meinem Namen
viertausendzweihundert Dollar Zollgebühren für den Dampfpflug bezahlt,
der sich augenblicklich im Ausstellungspark befindet.«

»Gewiß, gewiß! ich erinnere mich. Dagegen habe ich gehört, daß John
Bull größere Straßenräder hat. Das müßte man aber doch sehen, und mein
Sohn, den ich gestern nacht hinausschickte, konnte einen Unterschied
nicht mehr feststellen; es war allerdings schon dunkel. Niemand kann
mich nun hierüber so gut aufklären als Sie, mein werter Herr Jed. Ich
betrachte es als eine ganz besondere Vergünstigung, daß ich die Ehre
habe, Sie heute bei mir zu sehen.«

»Nun denke ich,« fuhr ich mit Beharrlichkeit fort, »werden wir wohl
die viertausendzweihundert Dollar ohne weiteres zurückerhalten
können. Etwas Bargeld wäre mir augenblicklich nicht unangenehm, Herr
Generalzolldirektor! Jonathan frißt, wie Sie richtig vermuten, eine
erstaunliche Menge Kohlen.«

»Sie glauben also auch, daß Jonathan, namentlich auf viereinhalb
Meilen, die Wahrscheinlichkeit für sich hat?« drängte der
Kirchenälteste.

»Ich kann natürlich nichts Bestimmtes sagen, Sir«, sagte ich
zurückhaltend. »Jonathan ist ein feiner, junger Dampfelefant, dem ich
viel zutraue -- viel zutraue, Herr Direktor, und John Bull ist nicht
schlecht für sein Alter. Beide sind am gleichen Tage geboren. Es wäre
nicht ehrlich, wenn ich mehr plaudern wollte. Auch kann man ja nie
wissen, wie es geht. Der Zustand der Bahn, das Wetter, Wasser und
Kohle, die Jockeys, alles hat seinen Einfluß. Von den Elefanten als
Renner wissen wir alle nicht zuviel. Was die viertausendzweihundert
Dollar betrifft -- --«

»Das genügt«, unterbrach mich der Direktor mit schlauem Augenblinzeln.
»Jonathan ist fein und jung. Sie sagen, Jonathan kann man viel
zutrauen. Mehr als einen Wink darf ich von Ihnen nicht verlangen. Ich
hoffe, Sie zu verstehen.«

»Und was die viertausendzweihundert Dollar betrifft«, mahnte ich,
zutraulich lächelnd, als ob wir jetzt unter einer Decke steckten.

»Ja, sehen Sie,« sagte der Kirchenälteste mit der wohlwollendsten
Freundlichkeit, »das ist so eine Sache! Das Geld werden Sie ohne
Zweifel bekommen, namentlich -- namentlich wenn Jonathan gewinnt. Aber
ich muß doch erst Weisungen von Washington haben; direkte Anweisung. So
geschwind wie mit Ihren Dampfelefanten geht es in den Regierungsbureaux
gewöhnlich doch nicht. Besuchen Sie mich in einer Woche wieder, Herr
Jed. Da soll die Summe auf dem Tisch liegen, wenn der ›Picayune‹ nicht
gelogen hat; mein Wort darauf! -- Also Jonathan? Sie denken wirklich
Jonathan?«

»Wie Sie sagen: ich denke Jonathan«, bestätigte ich halblaut, sinnend,
wie wenn ich meine eignen Gedanken belauschte, und dachte dabei an
das Orakel von Delphi. Dann verabschiedeten wir uns mit lebhaftem
Händeschütteln. Ich kann es nicht leugnen, so unerklärlich es ist:
noch nach Jahren meines amerikanischen Lebens machte dieses biedere
Händeschütteln einen gewissen Eindruck auf mich.

In dem dunklen Gange vor der Tür kam der kleine, aber greisenhafte
Assistent aus einer Nische hervor. Er hatte auf mich gelauert und
schüttelte mir noch heftiger die Hand.

»Sie kommen wegen des Zolls auf Ihren Dampfpflug«, sagte er leise und
eifrig. »Ich weiß, ich weiß! Ich las die Nachricht selbst heute früh
in den ›Crescent City News‹ und dachte sofort: hier gibt es etwas für
mich zu tun. Ohne mich geht das nämlich nicht. Er ist zäh wie ein
Hickorystock, wenn er herauszahlen soll« -- dabei deutete der Kleine
auf die Zimmertür des Großen. -- »Eine höchst wichtige Nachricht für
Ihr Geschäft. Gratuliere, gratuliere! Die viertausendzweihundert Dollar
werden Sie übrigens im Handumdrehen bekommen, wenn ich die Sache in
die Hand nehme, und das habe ich zu tun im Sinn, Mister Eyth! Nebenbei
-- was halten Sie von John Bull? Ich glaube nicht, daß die beiden
Elefanten so verschieden sind, als sie aussehen. Sie sehen verschieden
aus, höre ich von sachverständiger Seite, aber nicht so verschieden,
daß man daraus seine Schlüsse ziehen könnte. Auf die Jockeys wird es
wohl ankommen -- unter uns --«

»Die Jockeys sind allerdings auch bei wirklichen Elefanten ein
wichtiges Element«, sagte ich zustimmend.

»Herr Eyth, ich heiße Smith und habe die Geldanweisungen
auszuschreiben. Es wird mir das größte Vergnügen machen, Ihnen gefällig
zu sein. Ich weiß, die Engländer lieben einen prompten Geschäftsgang;
ich war selbst drei Wochen in England. Und da John Bulls Jockey,
wie ich höre, ein Engländer ist und natürlich besser mit diesen
Dampfelefanten umzugehen weiß --«

»So würde ich selbst vermuten,« unterbrach ich ihn entgegenkommend,
»daß John Bull die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, als Sieger
aus dem Rennen herauszukommen.«

»Das genügt, das genügt!« rief der Kleine stürmisch. »Natürlich, es
wäre unrecht, Sie zu veranlassen, weiter aus der Schule zu schwatzen.
Aber kommen Sie nach dem Wettrennen wieder. Sie sollen Ihr Geld haben,
ehe wir ein Schnippchen schlagen. Mein Chef?« -- Herr Smith machte eine
unehrerbietige Grimasse -- »er läßt niemand in Ruhe, die alte Schraube!
Er hat mir bei unsrer letzten Wette meinen halben Jahresgehalt
abgeschwindelt, und ich bin ein verheirateter Mann mit einer kleinen
Familie von sieben. Diesmal soll er mir einmal bluten! -- John Bull;
natürlich! Sie werden es den Amerikaner nicht gewinnen lassen; das kann
ja ein Kind sehen. -- Diesmal soll er geschröpft werden. Besten Dank,
wertester Herr Eyth!«

Er klopfte mit schneidiger Schärfe an die Zimmertür seines
Vorgesetzten. Ein freudiges Herein! der etwas krächzenden Stimme
des kirchenältesten Zöllners drang bis zu mir. Ich konnte noch auf
der Treppe an dem heiteren Ton ihres Gesprächs hören, wie sie beide
glaubten, sich gegenseitig in der Tasche zu haben. Ein schöneres
Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen konnte es doch wohl
kaum geben. Und hierfür, sagte ich mir mit heimlichem Stolze, sind mir
beide jetzt gleich dankbar.

[Illustration]



9. Das Elefantenrennen


Ein kurzer, scharfer Regenguß, der in der Nacht gefallen war und die
Frühlingsregenzeit einleitete, konnte unsrer Rennbahn zwar nicht
sonderlich zuträglich sein, doch trocknete der sonnige Morgen die
Wege, die Tribüne und deren etwas spärliche Dekoration genügend,
so daß alles glänzte und prangte, wie es sich für einen großen
Tag geziemt. In der Stadt war für ein kundiges Auge eine gewisse
Bewegung deutlich erkennbar. Gruppen umstanden die Anschlagsäulen
und die Bretterwände der im Bau begriffenen Häuser, an denen sich
das von Lawrence gedichtete Plakat in Riesenbuchstaben breit machte:
»Unerhörte Sensation! Amerika gegen England; England gegen Amerika! Das
Mammutwettrennen der zwei Dampfelefanten Jonathan und John Bull« usw.
An Straßenecken wurden von zweifelhaften Gestalten Wetten angeboten und
angenommen. Gegen nachmittag war die Trambahnlinie in der Richtung des
Ausstellungsparks belagert, und von vier Uhr an hingen aufgeregte und
im allgemeinen fröhliche Menschen in lebensgefährlicher Weise an den
Geländern und Treppen der Wagen, von denen alle acht Minuten fünf und
sechs unmittelbar hintereinander nach Osten fuhren.

Schon um elf Uhr hatten wir bei verschlossenen Türen im Parkpavillon
eine geheime Sitzung abgehalten: Lawrence, Delano, ich und die
zwei Elefantenjockeys Parker und Stone. Es handelte sich um genaue
Anweisungen für die beiden letztgenannten. Flüsternd ersuchte ich sie,
nachdem die Türen verriegelt waren, ihr heiliges Ehrenwort abzugeben,
daß nichts -- aber auch nichts! --, was sie in dieser feierlichen
Stunde hören sollten, jemals über ihre Lippen kommen werde. »~I will
be blown~,« sagte der Engländer bereitwillig, aber ernst, »wenn ich je
etwas ausplaudere.« -- »~I will be darned!~« schwur der Amerikaner.
Wörtlich übersetzt heißt das eine: »ich will geblasen«, das andre
»ich will gestopft sein« und ist in der Heimat der Betreffenden die
landesübliche Umschreibung für den Wunsch, in der untersten Hölle zu
braten. Ich konnte beruhigt fortfahren:

»Sie wissen, meine Herren, daß, was wir heute zu tun haben, die Grenze
eines kleinen, heiteren Humbugs nicht überschreitet. Ich brauche Ihnen,
bei Ihrer Intelligenz, nicht mitzuteilen, daß unsre Elefanten keine
wirklichen Elefanten, unser Wettrennen kein wirkliches Wettrennen ist.
Herr Lawrence wird Ihnen vielleicht auseinandersetzen, wenn Sie dies
wünschen sollten, wie weit unser Vorgehen vom ethischen Standpunkte
aus haltbar ist. Ich überlasse ihm diesen Punkt, da derselbe
ausschließlich die Anschauungsweise der großen und erleuchteten Nation
betrifft, die wir heute zu erfreuen und zu belehren hoffen, und für
deren hervorragenden Vertreter ich ihn ansehe. Ich beschränke mich
darauf, Ihnen die Versicherung zu geben, daß Herr Lawrence in diesem
Punkte völlig beruhigt ist.«

Stone nickte mit einem kaum merklichen Anflug eines Lächelns um seine
dünnen Lippen, Parker in stummem Staunen.

»Die Sache ist also einfach die,« begann ich wieder in
geschäftsmäßigerem Ton, »Punkt halb fünf Uhr haben Sie sechs
Atmosphären Dampf im Kessel, Wasser und Kohle in Ordnung, alle Lager
gut geölt -- vergessen Sie das Bremsband auf der Hinterachse nicht,
Herr Stone --, kurz, die Maschine zur Abfahrt vollständig bereit zu
halten. Sie fahren dann vor die Tribüne, wo ich Ihnen Ihre Plätze
anweisen werde. Punkt fünf Uhr gibt Herr Delano ein Zeichen; er wird
einen Revolver abschießen, wenn ich recht weiß, und Sie, meine Herren,
fahren dann dreimal auf dem großen Ring herum. Keine Übereilung; keine
unnötige Anstrengung. Zuerst bitte ich Herrn Stone, vorauszufahren, --
dann, nach etwa hundert Schritt, muß Parker ihn überholen und einen
ziemlichen Vorsprung beibehalten, bis bei der dritten Umfahrt, kurz vor
dem Ziel, Herr Stone ihn wieder einholt und eine halbe Minute, oder
besser nur ein paar Sekunden, vor Parker durchs Ziel fährt. Hier zum
Schluß müssen Sie natürlich ein wenig aufpassen, daß die Sache nicht
umgekehrt ausfällt. Sie haben mich verstanden?«

Parkers rundes, harmloses Gesicht verdüsterte sich. »Aber« -- fing er
an.

»Kein ›Aber‹, Parker,« sagte ich bestimmt, »Sie tun, wie ich Ihnen
sagte. Wir sind in Amerika und müssen den Herren Amerikanern zeigen,
daß ein englischer Gentleman höflich sein kann.«

Stone lächelte mitleidig; Parker hing den Kopf. »Ich möchte mit Ihnen
allein sprechen«, murmelte er in sichtlicher Seelennot.

Wir traten in eine Fensternische, und Jem flüsterte, während sein Kopf
purpurrot wurde:

»Mir wäre es ja gleichgültig, Sir, wer am Schluß vorausfährt; aber
Sally -- ich habe Sally versprochen --«

»Weibergeschichten! Dummheiten! Schämen Sie sich, Parker!« sagte ich
entrüstet. »Ich hoffe -- die Herren Fowler in England hoffen, daß Sie
Ihre Pflicht tun werden.«

Er schwieg und schämte sich. Hiermit konnte die geheime Konferenz
geschlossen werden. Stone und Parker entfernten sich, um ihren
Maschinen, die hinter der Tribüne und einer provisorischen Zeltwand
friedlich nebeneinander rauchten, vor dem großen Kampfe die letzten
liebevollen Handreichungen angedeihen zu lassen und sich sodann in
den dunklen Hohlräumen der Tribüne in ihr schmuckes Jockeykostüm zu
werfen. Delano eilte in fieberhafter Stimmung nach den Kassenhäuschen
am Eingang, wo bereits zwei Kassierer auf ihre kommende Tätigkeit
warteten. Sie kam auch, mit jeder Viertelstunde sichtlich wachsend. Der
Ausstellungspark, sonst ein Bild tiefer, melancholischer Einsamkeit,
begann sich zu beleben. Lawrence strahlte wie eine zweite Sonne über
dem Platz, Freunde begrüßend, Fremde zurechtweisend. Es war sein Werk,
das sich ringsumher entwickelte, und er fühlte, daß die Augen von zwei
Weltteilen auf ihm ruhten.

Die Tribüne füllte sich langsam; um die Barrieren des großen Rings
schloß sich ein Menschenring in Form einer dünnen riesigen Mondsichel,
deren Hörner sich bereits zu einem Kreis zusammenschlossen. Daß das
Sonntagspublikum der Stadt in Bewegung geraten könnte, hatte ich halb
und halb gehofft; daß aber auch die Aristokratie der Crescent City
erscheinen werde, war mehr, als ich erwartete. Longstreet kam --
man hörte sein vergnügliches lautes Lachen schon von weitem --, der
ernste Beauregard, Taylor, unruhig wie ein Wiesel, nach allen Seiten
auf Jonathan und gegen John Bull wettend. Die Owens mit der jüngeren
Generation belebten das Innere des Rings und brachten ganze Scharen von
Damen in glänzenden Toiletten. Es gab doch noch schwarze leuchtende
Augen und blitzende Diamanten in der Stadt. Gelegentlich sah man Delano
mit einem Leinwandbeutel im Arm vom Eingangstor nach dem Pavillon
laufen. Es waren Geldsäcke, die er in Longstreets Bureau entlehnt
hatte. Er lachte förmlich, zum erstenmal seit dem Bürgerkriege, wie
mir Owen, ebenfalls lachend, versicherte. Eine heitere Aufregung
bemächtigte sich der Menge in steigendem Grade. Der improvisierte
Zeltverschlag, hinter dem in stoischer Ruhe die zwei Maschinen ihre
Rauchwolken zum Himmel sandten, war von hundert Jungen umdrängt, die
die Leinwandwände einzudrücken versuchten und von Zeit zu Zeit von
Bucephalus und dem schwarzen Jem mit entrüsteter Beredsamkeit verjagt
wurden. Es half wenig, da der eine eine riesige amerikanische, der
andre eine englische Kokarde trug, die sofort der Mittelpunkt jubelnder
Bewunderung wurden.

So wurde es halb fünf Uhr. Aus einem Loch in der Rückwand der Tribüne
schlüpfte jetzt Stone in hellgrüner Jacke und gelben Beinkleidern und
marschierte, von dreißig Jungen geleitet, ernst, als ob er in einer
grünen Jacke geboren wäre, dem Maschinenzelt zu. Keine Muskel rührte
sich in seinem steinernen Gesicht. Er war der echte Jockey, der mit
zusammengebissenen Zähnen einem Kampf auf Leben und Tod entgegengeht.

Vor dem Loch in der Tribüne wartete in sichtlicher Ungeduld eine
junge Dame in feuerrotem Seidenkleid und einem wogenden Federhut
von erstaunlicher Größe. Als Parker in seinem prachtvollen
Kakadugefieder, rot und blau, in der Öffnung erschien, wollte er
wieder zurückschlüpfen. Der große Junge war so rot wie seine Jacke.
Aber es half ihm nichts; die begeisterte Sally erfaßte ihn beim Arm,
zog ihn heraus und begleitete ihn stolz nach dem Maschinenzelt, wo sie
mit Bucephalus in ein entrüstetes Zwiegespräch geriet, der ihr rund
erklärte, daß hier Damen nicht zugelassen würden.

Fünfzehn Minuten vor fünf öffneten sich die Zeltwände mit erfreulicher
Pünktlichkeit. Es ging alles wie am Schnürchen. Die beiden Elefanten
dampften keuchend und rasselnd, aber mit feierlichem Ernste, aus
der Hütte hervor und wälzten sich in den Ring, der Tribüne zu. Die
Aufregung wuchs; die Volksmenge umringte sie schreiend, manchmal
in jähem Schreck auseinanderstiebend, dann wieder sich gefährlich
zusammenballend. »Das ist Jonathan!« -- »Das ist John Bull!« erklärten
sie sich hundertstimmig. »Ein feiner Bursche, John Bull!« -- »Sehen
Sie, die Räder! diese Breite!« -- »Und wie Jonathan dampft! Das
heiß' ich ein paar Lungen!« -- »Aufpassen! Aus dem Weg!« -- »Vier
gegen drei auf Jonathan!« -- »Zwei gegen eins auf John Bull!« --
»Hipp, hipp, hurra für Amerika!« -- »Zwei gegen eins auf Jonathan!«
So schwirrte es durcheinander, bis die beiden Maschinen vor der
Tribüne angelangt waren und nebeneinander zum Stillstand kamen. Der
kleine schwarze Jem, der bei Jonathan, und Bucephalus, welcher bei
John Bull Heizerdienste versah, grinsten sich an. Parker und Stone
lehnten auf ihren Steuerrädern und sahen ernst und schweigend auf die
brausende Volksmenge herab, die zögernd die Rennbahn freigab und,
heftig protestierend, von sechs Schutzleuten unter die Barrieren
durchgejagt wurde, wobei abgestreifte Zylinderhüte die Heiterkeit
wieder herstellten. Das Ganze schien einen durchaus würdigen Verlauf
nehmen zu wollen. Lawrence, der an alles zu denken schien, hatte selbst
für Komiteemitglieder gesorgt, die in amerikanischen und englischen
Schärpen um die Maschinen herumliefen, sichtlich ohne zu wissen, was
sie zu tun hatten, und dadurch dem Publikum zu denken gaben.

Auf der Pavillonuhr schlug es fünf. Atemlos kam Delano aus der Richtung
des Kassentors herbei, eine riesige Pistole in der Hand. Er wechselte
mit Parker und Stone einige hastige Worte, um sicher zu sein, ob er das
Zeichen geben könne. Beide nickten. Fräulein Sally, die ihre nächste
Umgebung nur mit Mühe verhindern konnte, die Barriere zu überklettern,
rief ihrem Jem ermunternde Zärtlichkeiten zu. Dann knallte der
Schuß. Sally stieß einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme
ihres Nachbars, raffte sich aber ebenso rasch wieder empor. Mit acht
offenen Zylinderhähnen, Dampf und Feuer speiend, beide Pfeifen schrill
trompetend, hatten sich die zwei Maschinen in Bewegung gesetzt. Das war
nicht der Augenblick für weibliche Schwächen. »Hurra, Jonathan!« --
»Hurra, John Bull!« brüllte die beglückte Menge. »Vorwärts, vorwärts!«
-- »Hurra, Jonathan!« -- »Amerika für immer!« -- »Hurra, Jonathan!«

Der Start war untadelhaft; das Wettrennen hatte durchaus programmgemäß
begonnen. Beide Maschinen liefen in behaglicher Ruhe hintereinander her
die Rennbahn entlang. Da aber sämtliche Zylinderhähne geöffnet blieben
und sie demgemäß unter lautem Zischen Wolken von Wasser und Dampf
ausspieen, machten sie den Eindruck außerordentlicher Kraftanstrengung,
so daß das Publikum hochbefriedigt war. »Hurra, John!« -- »Vorwärts,
vorwärts, Jonathan!« schrie es in steigender Erregung. Ich wunderte
mich anfänglich, daß der England repräsentierende John Bull mindestens
ebenso viele brüllende Freunde zu haben schien als Jonathan. Aber
eine große Anzahl Wetten waren zugunsten Johns abgeschlossen worden.
Der schlauere Teil der Wettlustigen traute der Sache doch nicht ganz
und vermutete, daß ich, der Leiter und Besitzer der Elefanten, dem
Engländer geheime Vorteile verschaffen werde. Daß ich weder Engländer
noch Amerikaner, sondern »nur« -- wir schrieben, wie erwähnt, noch
nicht 1870 -- ein ehrlicher Deutscher war, wußten natürlich die
wenigsten. -- Eine schrille, den größeren Teil des Ringes beherrschende
Stimme leitete den Chor der Rotblauen. Es war Sally, die den
Tribünenaufgang erklettert hatte, auf dem ich selbst stand und mich
vergebens bemühte, unberechtigte, aber enthusiastische Zuschauer
hinunterzujagen. Sally sah mir mit ihren blitzenden, kohlschwarzen
Augen lachend ins Gesicht, ohne ihr Schreien einzustellen, und
klammerte sich fest ans Geländer an. Man sah, sie war entschlossen,
nicht zu weichen, ohne das Gebälke mitzunehmen. Ich kapitulierte ohne
weiteres. Diese Lungen! Ein gewaltiger Perlmutterknopf über ihrem
königlichen Busen sprang mit einem hörbaren Knall ab und flog in
großem Bogen in die untenstehende Volksmenge. »Hurra, Jonathan!« --
»Hurra, Jem!« Ihre Gefühle für die Lokomotive mischten sich bereits
bis zur Unkenntlichkeit mit denen für den Lokomotivführer, und als die
Maschinen die Bahn zum erstenmal umkreist hatten und John Bull sechs
Maschinenlängen vor Jonathan durch das Ziel dampfte, kannte ihre Freude
und ihr Stolz keine Grenzen mehr. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« jubelte sie
dem Blauroten zu, der in stoischer Ruhe, den Anlaßhebel in der einen,
den Regulator in der andern Hand, auf seinem Tender stand und sich
sichtlich bemühte, die Freudenrufe seiner jungen tropischen Liebe nicht
zu hören. Zu unsern Füßen sahen Leute entrüstet herauf und suchten ihre
Chorführerin zu belehren, daß ihr Elefant nicht Jem heiße, sondern
John, John Bull. Aber nichts in der Welt hätte Sally irre gemacht.
»Hurra, Jem! Hurra, Jem!«

[Illustration]

Höhnend behandelte sie Jonathan, der eine halbe Minute später an uns
vorüberdampfte. Auch Stone sah ruhig und trocken, wie sich's geziemt,
von seiner Maschine herab. Das Brüllen der Grüngelben, aus dem schon
Angst und Zorn deutlich durchklang: »Vorwärts, Jonathan!« -- »Nicht
nachlassen, nicht nachlassen!« -- »Schneller!« -- »Hurra für Amerika!«
-- »Schneller, schneller!« schien an seinem starren Yankeegesicht
abzuprallen wie ein tosender Gebirgsbach an einem Felsblock. Dagegen
konnte ich jetzt mit meinem Opernglas bemerken, daß der schwarze Jem,
sein Heizer, in sichtlicher Aufregung große Klumpen Kohle in das Feuer
warf und dazu zornig in das Feuerloch hineinschrie. Trotzdem erweiterte
sich die Entfernung zwischen den beiden Rennern mehr und mehr.

»Donnerwetter, der Amerikaner verliert's!« sagte Longstreet, der
unmittelbar hinter mir auf der Tribüne stand, zu seinem Freund
Beauregard. Die Aufregung und das Geschrei der tausendköpfigen Menge
hatte seine bekannte, magnetische Wirkung. Selbst die beiden, damals
weltberühmten Generale der konföderierten Armee, die in blutigen
Schlachten kühl ihre Befehle gegeben hatten, begannen den Einfluß der
wunderlichen Nervenströmung zu fühlen, die in solchen Augenblicken
durch die schwüle, brausende Luft zieht. »Was wetten Sie, Beauregard,
der Amerikaner verliert's?«

»Zwei gegen eins, in Zehndollarnoten«, sagte der andre trocken. »Vor
dem Krieg hätten wir mit Hundertdollarnoten gespielt, Longstreet, aber
es geht auch so.«

»Und es geht ehrlich zu, da drunten?« fragte Longstreet, sich über
meine Schulter neigend.

»So ehrlich wie irgendwo in diesem großen und erleuchteten Lande!«
antwortete ich, in der Hoffnung, er werde mich verstehen. »Es ist alles
aufs beste geordnet und geregelt, General!«

Aber Longstreet war zu ehrlich für sein großes und erleuchtetes
Vaterland und verstand mich nicht. Die beiden notierten die Wette und
verfolgten jetzt das behagliche Elefantenrennen mit derselben Teilnahme
wie die Volksmasse unter uns, deren brausendes Geschrei mit den
Maschinen zum zweitenmal um den Ring lief.

Jonathan, welcher keuchend schwarze Rauchwolken ausblies, war jetzt
über hundert Schritte hinter John Bull geblieben, mehr, als ich für
gut hielt. War nicht alles in Ordnung? Wollte Stone den Schlußeffekt
um so glänzender gestalten? Schon bewegte sich seine Maschine in einem
Sturm von Entrüstung entlang der Barriere. Höhnische Zurufe, zornige
Mahnungen, sein Vaterland nicht zu verraten, wurden ihm zugeschleudert.
Der schwarze Jem, in heftigem Wortwechsel mit seinem Vorgesetzten, warf
eine Schaufel Kohle nach der andern ins Feuer. Und wirklich, jetzt
endlich schien die Maschine sich aufzuraffen. Rasselnd und klappernd
brauste sie ihrer Genossin nach. Der Zwischenraum nahm sichtlich ab.
»Hurra, Jonathan! Hurra, Jonathan!« Die Grüngelben gewannen wieder Mut.

Bei der zweiten Vorbeifahrt am Ziel war Jonathan eine halbe
Elefantenlänge voraus! Dies war gegen das verabredete Programm. Als sie
aneinander vorübergefahren waren, hatte Parker seinem Kollegen zornige
Blicke zugeworfen. Stone sah nach der andern Seite, als ob er allein
in der Welt wäre. Die beiden Heizer dagegen, der schwarze Jem und
Bucephalus, hatten ein lebhaftes Zwiegespräch eröffnet, sobald sie sich
hören konnten.

»Glaubst du in den Himmel zu kommen mit deinem Gekeuch, du großer
Maulesel?« erkundigte sich Jem.

»Wir alle gehen über den Jordan, o Jerusalem!« sang Bucephalus mit
lauter Stimme, indem er das alte Baptistennegerlied benutzte, um
seinen schwarzen Mitbruder außer sich zu bringen. Aber auch er
tanzte vor Wut auf dem Tender, als seine Maschine wirklich langsam
zurückblieb. Es war für den Augenblick nicht zu ändern. Parkers Dampf
war um etwas gesunken, während bei Stone beide Sicherheitsventile
abbliesen wie toll. Der weiße Jem unterbrach die nutzlosen Wutausbrüche
seines Heizers mit einer gelinden Ohrfeige und stieß ihm den Kopf gegen
das Feuerloch. Diesen Wink billigte der Schwarze und begann wie wütend
Kohlen in die Feuerbüchse zu schaufeln.

Sally war zum erstenmal seit Beginn des Rennens still geworden und
starrte mit weit aufgerissenen Augen dem Unheil entgegen, das ihren
Jem betroffen hatte. Jetzt riß sie ihren prachtvollen Federhut vom
Kopf und schwenkte ihn an den Bändern wie ein Rad in der Luft, um
den Geliebten aufzumuntern. »Hurra, Jem! Schnell, schnell! Vorwärts!
Hurra!« Der Chor der Blauroten, der etwas schwächer geworden war,
brauste unter diesem Gefühlssturm seiner Führerin wieder auf, die sich
durch das Hutschwenken rasch Platz verschafft hatte und jetzt auf der
Tribünentreppe eine hervorragende Stellung einnahm. Aber Jonathan
gewann noch immer. Fünf Minuten mußten vergehen, ehe Parker Dampf genug
hatte, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen.

Nun aber war es an mir, etwas bange zu werden. Mein Opernglas war gut,
so daß ich die Bewegungen der zwei Leute auf jeder Maschine genau
beobachten und fast sehen konnte, was sie sich sagten. Es war klar,
sowohl Stone als Parker hatte das Programm völlig vergessen. Vielleicht
hatte der erstere den Hohn seiner Landsleute nicht länger ertragen
können, vielleicht war der Stoizismus Parkers den leidenschaftlichen
Ausbrüchen seiner hitzigen Geliebten erlegen. Tatsache war: die
Maschinen liefen nicht mehr hintereinander her, wie es der Würde eines
braven Dampfpflugs entspricht; sie stießen zornige Rauchwolken aus, sie
rannten, sie suchten sich zu überholen. Beide Maschinenführer hatten
die eine Hand auf den Sicherheitsventilhebeln -- ein böses Zeichen --,
die erregbaren Heizer drohten sich mit den Kohlenschaufeln und stimmten
jauchzend in das Geschrei der Menge ein. -- Das Wettrennen war ernst
geworden, und von allen Beteiligten wußte eigentlich nur Parker genau,
was er tat. Wenn es so fortging, konnte der Spaß jeden Augenblick mit
einer Katastrophe enden, und die Zeichen mehrten sich, daß wir einem
tragischen Ende entgegentrieben.

Auch der Himmel hatte sich plötzlich verdüstert. Eine schwarze
Regenwolke trieb mitten durch den Sonnenschein über den Park hin, eine
im März gewöhnliche Erscheinung des Klimas von Louisiana. Das helle
Bild lag plötzlich in tiefem Schatten, und eine Minute später schüttete
der Himmel Wasser in Strömen auf die Rennbahn. Doch dauerte der
sündflutartige Guß nur zwei Minuten lang, dann glänzte die Abendsonne
wieder durch das dampfende Gewölke, und alles strahlte und funkelte in
frischen Farben.

Auf die Volksmenge hatte das gewohnte Zwischenspiel kaum einen
merklichen Eindruck gemacht. Lachend wurden tausend triefende
Regenschirme wieder zugeklappt und der gefüllte Rand von hundert
Hüten dem zu nahe stehenden Nachbar in den Nacken geschüttet. Dagegen
hatten die Elefanten mit einer neuen und jedem, außer mir und Parker,
unerwarteten Schwierigkeit zu kämpfen. Während des Regens war John
Bull wieder vorgeeilt und hatte Jonathan um zwanzig Schritte überholt.
Beide rangen jetzt mit allen Mitteln um den Sieg. Sie waren noch
hundert Schritte vom Ziel, aber auf dem nassen Rasen, auf dem der
kurze stürmische Regen da und dort kleine Seen zurückgelassen hatte,
glitten und glitschten jetzt die Triebräder in hilflosem Eifer. Auch
die Vorderräder, durch deren Stellung die Maschine gesteuert wird,
hatten keinen Halt mehr und schlüpften nach rechts oder links mit
unberechenbarer Willkür. Die wuchtigen Lokomotiven schwankten hin und
her wie Betrunkene, blieben stecken, schossen vorwärts, versuchten sich
quer zur Bahn zu stellen. Es war ein tolles Ringen mit den Elementen,
die sich gegen beide Renner gleichmäßig verschworen hatten.

Da hielt Parker plötzlich still und sprang von seiner Maschine,
Bucephalus ihm nach. Zischend heulte der gepreßte Dampf durch die
sich weit öffnenden Sicherheitsventile. Stone, wenn auch mühselig
und in unregelmäßigen Stößen sich fortbewegend, fuhr an der stehenden
Maschine vorüber. England brüllte vor Wut; Amerika brach in brausenden
Siegesjubel aus. Sally verlor den zweiten Perlmutterknopf über dem
gepreßten Herzen: »Vorwärts, Jem! Vorwärts! O Jerusalem, vorwärts!«

Parker, der noch hundert Meter der überfluteten Rennbahn vor sich
sah, war nicht stehen geblieben, um Luft zu schöpfen, und verstand
sein Geschäft. Mit aller Macht, aber stumm drauf los arbeitend, den
willigen, aber ungeschickten Bucephalus nur mit Rippenstößen anleitend,
seine rotblaue Jacke mit Schmutz und Lehm bedeckend, befestigte
er an den Triebradreifen ein halbes Dutzend sogenannter »Sporen«,
gewaltige eiserne Schaufeln, die, in den Boden einhauend, auch auf
nassem, schlüpfrigem Felde die Maschine vorwärts bringen. Stone hatte
trotz seiner Nöte sechzig Schritte Vorsprung gewonnen, ehe Parker mit
dieser Arbeit fertig war. Er war nur noch vierzig Schritte vom Ziel,
aber seine Maschine, kaum mehr steuerbar, die Räder handhoch mit Lehm
bedeckt, taumelte hilflos hin und her. Jetzt sprang Parker wieder auf
den Tender, ließ die Dampfpfeife spielen, und stolz und ruhig hieb sich
die Maschine vorwärts.

Das Geschrei wurde betäubend. John Bull klatschte mit einer Sicherheit
durch das Wasser, als sei er darin geboren. Sally warf ihren Federhut
in die Luft, der einen wild gestikulierenden, achtbaren Geistlichen
unter ihr zudeckte. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« So dampfte Parker an uns
vorüber. Noch zwanzig Schritte, und England hatte gesiegt.

Doch plötzlich stockte auch John Bull wieder. Die Hinterräder drehten
sich, aber die Maschine ging nicht vorwärts. Auf einen Augenblick wurde
die tausendstimmige Menge fast still; das Interesse war aufs höchste
gestiegen. Wasser spritzte nach allen Seiten; große Klumpen Erde flogen
in die Luft. Die Nächststehenden stoben entsetzt auseinander; sie
wußten nicht, was vorging. Ich wußte es nur zu gut: Parkers Maschine
war auf eine besonders weiche Stelle geraten; die Sporen, anstatt
einzuhauen und die Maschine vorwärts zu treiben, warfen den Boden nach
hinten und begannen nach den besten Regeln der Kunst der Maschine ihr
eignes Grab zu graben. Parker sprang wieder herab und riß Bucephalus
mit. Beide hoben mit Anstrengung aller Kräfte, Bucephalus laut heulend
vor Wut, ein Stück der nächstgelegenen Barriere aus dem Boden und
warfen das gewonnene Gebälk unter die Räder. Aber es half nichts.
Knirschend, alles zermalmend arbeiteten die Sporen das Holz in die
tiefer und tiefer werdende Grube. Die Maschine sank -- sank! -- Der
Schornstein neigte sich wie zum Sterben. Im nächsten Augenblick saß der
Tender auf dem Boden, und alle weiteren Versuche, vorwärts zu kommen,
waren zu Ende.

Und langsam, bedächtig, durch nichts entmutigt, kroch Stones Maschine
hinterher. Jetzt passierte sie Parker. »Hipp, hipp, hurra!« schrie
der kleine Jem, ganz außer sich vor Freude, obgleich ihm Bucephalus
ein Stück Kohle an den Kopf warf. Glitschend und gleitend, oft fast
quer über die Bahn stehend, quälte sich Jonathan weiter. Drei Minuten
brauchte er zu den letzten zehn Schritten. Aber keuchend und röchelnd,
platschend und scheinbar halb schwimmend, über und über mit Schmutz
bedeckt, glitt er endlich durch das heiß erkämpfte Ziel.

Jonathan hatte gewonnen -- programmgemäß.

Stone sprang ab. »Hurra für Amerika!« schrie er laut und schwenkte
feierlich seine Mütze. »Hurra für Amerika!« heulten tausend Stimmen
in dem rasch sich füllenden Ring. Dreißig Schritte davon stand Parker
trotzig und stumm neben seiner versunkenen Maschine und versuchte
vergeblich, sich Sallys zu erwehren, die laut schluchzend an seinem
Halse hing.

[Illustration]



10. Hans im Glück


Leider verläuft nicht alles programmgemäß unter diesem wechselnden Mond.

Die drei folgenden Tage waren der Aufgabe gewidmet, meist unter
strömendem Regen, die beiden Maschinen aus dem Sumpf herauszuschleppen,
in den sich der Ausstellungspark der Landwirtschaftsgesellschaft von
Louisiana verwandelte. Dabei galt es, nicht bloß die Maschinen, sondern
auch den Mut meiner farbigen Hilfstruppe aufrecht zu erhalten, die an
derartige Zwischenfälle nicht gewöhnt war und in den entscheidenden
Augenblicken mehrfach davonzulaufen drohte. Nur fröhliches,
persönliches Zugreifen konnte hier eine schwere Katastrophe verhindern.
Nachdem wir mehrere Klafter Holz in dem schwarzen Untergrund des
Mississippideltas begraben und den Weg von der Rennbahn zum Parktor in
den Zustand des Chaos vor der Scheidung von Wasser und Feste verwandelt
hatten; nachdem schließlich auch die Holzbrücke, welche über den
den Park umgebenden Kanal führt, unter der Last John Bulls zermalmt
zusammengebrochen war -- ein großartiger Augenblick für die nicht
unmittelbar Beteiligten -- und wir uns selbst täglich zweimal mit einer
klebrigen Schichte aus den Urbestandteilen der Schöpfung überzogen
hatten, standen endlich am Abend des dritten Tages die beiden berühmt
gewordenen Renner erschöpft und mannigfach zerstoßen und verwundet auf
dem festen Straßendamm, der nach der Stadt führt.

Während ich so drei harte Tage lang mit den Mächten der Unterwelt rang
und mich damit tröstete, daß in dem einsamen, sturmgepeitschten Park
wenigstens keine Seele diesen Kampf mit ansah, erschienen glänzende
Beschreibungen des großen Rennens in der Presse der Stadt. Selbst
die »Crescent City News« erklärten sich für überwunden. Wenn in der
Alten Welt, sagten sie, der plumpe indische Elefant den Pflug einer
modernden Kultur mühselig durch den entkräfteten Boden schleppe, so
mache die Neue Welt in unsrer Zeit, der Zeit des Fortschritts und der
Intelligenz, sich die Arbeit des Dampfes nutzbar. An Stelle der rohen
tierischen Kraft trete der Genius der Menschheit und schaffe sich aus
Kohle und Wasser die Diener seiner Macht. Für seine Bedürfnisse, für
sein Wohlergehen, für seinen Genuß, ja selbst für jene Verbindung
von höchster Arbeitsleistung und höchstem Genuß, die in jedem Sport
zum Ausdruck komme, dienen ihm heute wunderbare, selbstersonnene
Werkzeuge. Das Wettrennen der beiden Dampfelefanten Jonathan und John
Bull sei ein Beweis dieser jedes Herz mit freudigem Stolz erfüllenden
Tatsache. Dann folgte eine lange, etwas konfuse Beschreibung des großen
Ereignisses, in welcher meist richtige Sportausdrücke, meist falsche
maschinentechnische Erörterungen und die dem Konversationslexikon
entnommene Zoologie des Elefanten wundersam gemischt waren. Einen
kleinen Stoßseufzer konnte zum Schluß die Schriftleitung des Blattes
nicht unterdrücken: daß die zwei Elefanten von England importiert
seien, sei zwar bedauerlich, aber, bei Licht betrachtet, nebensächlich.
Hier erst, auf amerikanischem Boden, sei ihnen Gelegenheit gegeben
worden, ihre Kraft im Dienste der Menschheit völlig zu entwickeln, und
doppelt erfreulich sei es, daß dies mit dem Sieg des zäh ausdauernden,
froh einherbrausenden Jonathan über den schwerfälligen John Bull
geendet habe. Während jener spielend das Ziel erreichte, habe sich
dieser unter dem Jubel einer tausendstimmigen Volksmenge mit den
hinterlistig benutzten Radsporen sein eignes Grab gegraben.

Der glänzend geschriebene Artikel ging durch alle Zeitungen von Alaska
bis Texas. Noch zwei Wochen später bekam ich ihn aus entlegenen Wald-
und Prairiegegenden zugesandt, mit dem gedruckten Winke, mich doch auf
die »Bluff Creek Times« oder den »Jacksonville Herald« zu abonnieren,
die in so aufopferungsvoller Weise meine Bestrebungen unterstützten.
Ich war für die Zeit meines irdischen Daseins mit -- allerdings
brüchigem -- Packpapier überreichlich versorgt.

Was aber nun? Todmüde und mit Schmutz bedeckt war ich am Abend
des dritten Tags nach dem Rennen nach Hause gekommen. Der ganze
Apparat stand gerettet, aber wie ein großes Fragezeichen,
dazu nach europäischen Begriffen völlig polizeiwidrig auf der
muschelgepflasterten Chaussee drei Kilometer vor der Stadt. Parker,
Stone und die schwarze Gesellschaft brauchten, so gut wie ich, zunächst
ein paar Ruhetage. Soweit war die Sache gut. Aber was dann?

Doch die Welt steht nicht still, wenn wir selbst keinen Weg mehr sehen.
Während ich, alle Fragen und Sorgen des Daseins vergessend, noch in
tiefem Schlafe lag, war ein ereignisvoller Tag angebrochen.

Mein erster Gang galt dem Hauptzollamt und seinem Direktor. Der Herr
empfing mich mit einer Herzlichkeit, welche keiner der mir bekannten
europäischen Zollbeamten, deren Herzlichkeit gemäßigt zu sein pflegt,
auch nur entfernt erreicht hätte.

»Sehr angenehm, Herr Eyth! Entzückt, Sie zu sehen, Herr Eyth!« rief
er mir entgegen, indem er gleichzeitig seinen Assistenten aus dem
Zimmer jagte, der ein Gesicht schnitt wie die letzten Regennächte gegen
zwei Uhr morgens. »Ich gratuliere Ihnen zum Sieg Jonathans! Das wird
Ihr Glück machen; ich bin fest überzeugt, das muß Ihr Glück machen.
Mein Assistent hat zwar ein verteufeltes Häufchen Geld verloren; der
wird Ihnen nicht gratulieren. Aber er hat mir die Wette förmlich
aufgedrängt. Geschieht ihm recht, dem Querkopf! Er konnte sich doch
denken, daß ich Elefanten besser beurteilen kann als er. Ich und Sie,
Herr Eyth! Ha, ha!«

Er lachte mit einer Stimme, die dem Klang eines zersprungenen
Zinntellers nicht unähnlich war.

»Sie haben wohl Nachrichten von Washington, Herr Generaldirektor?«
bemerkte ich, um etwas rascher zur Sache zu kommen.

»Von Washington, Herr Eyth?« fragte er, mich groß ansehend. »Alle
Zeitungen sind voll! Natürlich, auch dort. Es soll mich nicht wundern,
wenn Sie bald Anträge bekommen, mit Ihren Doppelelefanten in allen
größeren Städten der Union aufzutreten. Bei Zeus, das wäre keine
schlechte Spekulation. Wie ich sage: alle Zeitungen sind voll! Der Sieg
des amerikanischen Dampfrenners Jonathan -- Mister Harris, bringen Sie
uns doch die neuesten Zeitungen von Washington!«

»Ich meinte eigentlich unsre Zollangelegenheiten«, warf ich ein.

»Ach -- das!« rief der Direktor mit einem leichten Schatten auf den
mehr und mehr in Leder übergehenden Zügen. »Gewiß! Ich habe für
Sie telegraphiert. Soeben Antwort erhalten; interessant -- etwas
unerklärlich.«

»Weshalb? Die Sache schien mir doch ziemlich einfach«, bemerkte ich.

»In der Hauptsache ist alles in Ordnung, gewiß!« versetzte der Zollmann
mit unangenehmem Zaudern. »Sie bekommen die viertausendzweihundert
Dollars zurück, die Sie für den Pflug bezahlt haben. Ich garantierte
Ihnen dies schon vor dem Rennen. Kongreßbeschluß unzweifelhaft und ganz
klar. Sie müssen sie zurückbekommen.«

»Sehr schön«, sagte ich freudig. »Können Sie mir gleich eine Anweisung
ausstellen? Bargeld wäre mir augenblicklich nicht unangenehm.
Elefantenrennen kosten runde Sümmchen.«

»Bringen auch hübsch Geld«, lachte der Direktor mit einem Wink auf die
Tür, hinter der der Assistent verschwunden war. »Ja, ja, Herr Eyth, die
Sache ist ganz in Ordnung. Sie sollen die viertausendzweihundert Dollar
zurückerhalten. Aber --«

»Was aber?« drängte ich ungeduldig.

»Der Generalzolldirektor von Washington schreibt mir, daß am Tage nach
dem Kongreßbeschluß einer Ihrer Freunde die ganze Summe für Sie in
Washington erhoben habe.«

»Olcott!« rief ich, während mein ganzes Innere von einem elektrischen
Gedankenblitz erhellt wurde.

»Oberst Olcott. Wissen Sie es schon?« bestätigte der Direktor. »Sie
sehen, daß sich alles bei uns ziemlich prompt und flink abwickelt. Ein
andres Tempo als in Ihrer alten Heimat, das müssen Sie zugeben. Oberst
Olcott, einer unsrer schneidigsten Kongreßleute -- ich gratuliere Ihnen
dazu, daß Sie mit +dem+ befreundet sind. Ich habe schon öfter von ihm
gehört und wollte, er wäre mein Freund!«

»Und dagegen ist nichts zu machen?« fragte ich halb betäubt.

»Zu machen? Was wollen Sie dagegen machen?« fragte der Direktor. »Ich
gratuliere Ihnen zu Ihrem Freund, und Sie wollen etwas dagegen machen?«

»Aber das Geld sollte nicht Olcott, sondern ich erheben! Olcott hatte
nicht entfernt die Berechtigung --«

»Was, ist er nicht Ihr Freund?«

»Gewiß, aber wie bekomme ich jetzt das Geld von dem Obersten?« fragte
ich, aufs tiefste beunruhigt.

»Ja, das ist eine ganz andre Sache, lieber Herr Eyth«, versetzte der
Direktor und preßte einen leisen, dünnen Pfiff durch seine schmalen
Lippen. »Dies geht das Zollamt eigentlich nichts an. Ich würde ihm
schreiben.«

»Donnerwetter!« rief ich mit überwallendem Gefühl, »das will ich auch.
Einen gepfefferten Brief!«

»Freilich, es wird seine Häkchen haben. Ich würde mit dem Pfeffer
vorläufig recht sorgfältig umgehen«, sagte mein Berater sehr
nachdenklich. »Ein Kongreßmann, der vierundzwanzig Stunden nach der
Annahme einer derartigen Verordnung viertausendzweihundert Dollars
aus der Hauptzollamtskasse gabelt und für seinen Freund in die Tasche
steckt, versteht das Geschäft. Aber schreiben Sie nur. Ich würde ihm
sehr höflich schreiben. Und wenn er nicht antwortet, telegraphieren
Sie, am sichersten mit bezahlter Antwort. Die Herren haben nicht immer
bar Geld bei der Hand.«

Er lachte vergnügt mit seiner dünnen, zersprungenen Stimme und schob
mich höflich zur Tür hinaus. Ich war selbst in Eile. Der Brief an
Olcott brannte mir unter den Fersen. Diese Unverschämtheit!

Eine Stunde später war die Epistel im Briefkasten, leidlich gesalzen,
trotz der Warnung des Direktors, und ich auf dem Wege nach dem
Bureau der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana. Das Ereignis
des Morgens hatte mich aufgeweckt. Ich wollte wenigstens zunächst
die siebenhundertundfünfzig Dollar sichern -- meinen Ehrenpreis für
den besten Dampfpflug, den ich mir wettrennend redlich verdient
hatte. ›Wer weiß,‹ dachte ich, ›ob mein zweiter Freund Delano mit dem
bescheidenen Betrag nicht schon auf dem Wege nach der Havanna ist!‹

Doch nein, Delano war noch in Amt und Würden. Seine trübselige Stimmung
hatte ihn allerdings wieder erfaßt; auch war er gelber als je und
empfing mich mit dem hoffnungslosen Lächeln, das ihm eigen war. Ich
begrüßte ihn mit künstlicher Fröhlichkeit. Es war für meine Zwecke
notwendig, seinen Mut aufzurichten.

»Ich besuche Sie hauptsächlich, Verehrtester, um Ihnen zu den
glänzenden Einnahmen Glück zu wünschen, die uns der Donnerstag gebracht
hat«, log ich, mit derselben Absicht, munter. Es machte mir nicht die
geringsten moralischen Bedenken, denn Delano durchschaute mich, trotz
seines trüben Blicks, ohne alle Schwierigkeit, und ich wußte dies.

»Glänzende Einnahmen!« stöhnte er. »Wenn Sie nur wüßten! Es reichte
gerade, um die dringendsten Schulden zu bezahlen, wenn wir weiter
existieren wollen. Fünf Minuten vor Ihnen war ein Mann hier, der
die zweite Anzahlung für die Holzbrücke haben wollte, die Sie uns
zusammengefahren haben. Sieht das wie Kredit aus? Ah, dieser Krieg,
dieser Krieg! Das war anders vor fünf Jahren, und ich fürchte, selbst
Ihr Dampfpflug wird uns nicht herausreißen.«

»Fassen Sie Mut, Herr Delano«, sagte ich mit steigender Besorgnis;
»selbst in den alten Sklavenzeiten haben Sie sicherlich nie
einen besseren Tag gehabt als den letzten Donnerstag. Sie müssen
fünfzigtausend Dollar eingenommen haben, nach dem Gesicht zu urteilen,
mit dem Sie abends in Ihrer Gelddroschke saßen. Seinen Ehrenpreis hat
der Dampfpflug zehnmal verdient.«

»Mein Gesicht!« rief Delano mit schmerzlicher Entrüstung. »Kann ich
dafür, daß ich mit einer heiteren Miene geboren wurde? Sie täuschen
sich bitter. Mein Gesicht wird noch mein Tod sein. Alle Welt zieht mich
mit meinem vergnügten Gesicht auf, wenn ich vor Sorgen zusammenbreche.
Dieser Krieg hat uns alle ruiniert. Nichts aus der guten alten Zeit
ist übrig geblieben als mein Gesicht; glauben Sie mir das. Aber daraus
Schlüsse zu ziehen auf unsre Kasseneinnahmen, das ist grausam!«

Delano war offenbar kein Freund seines Rasierspiegels. Er hätte sich
sonst besser kennen müssen. Ich suchte jetzt ohne Umschweife auf mein
Ziel loszugehen.

»Jedenfalls wird es Ihnen Vergnügen machen, mir meinen Ehrenpreis
auszuhändigen. Ich wenigstens könnte mir keinen größeren Genuß
für den Generalsekretär einer Landwirtschaftsgesellschaft denken.
Siebenhundertundfünfzig Dollar ist wahrhaftig ein bescheidenes
Sümmchen, alles in Betracht gezogen! Mir selbst liegt eigentlich mehr
an der Ehre. Es ist der erste Preis, den unser Dampfpflug in Amerika
erringt.«

»Das freut mich, Herr Eyth, das freut mich in der Tat«, sagte Delano
mit ungewohnter Wärme. »Ich dachte mir's übrigens sogleich, daß Ihnen
die Ehre genüge. Die Sache wird in der ganzen Welt Aufsehen erregen und
Ihnen tausendfältige Früchte bringen, davon bin ich fest überzeugt.«

»Ich auch. Aber doch wäre mir's lieb, wenn Sie mir, der Ordnung wegen,
die siebenhundertundfünfzig Dollars einhändigen wollten, Herr Delano!«
drängte ich mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ.

»Und an die Parkwege, die Sie uns zerfahren haben, denken Sie nicht,
Herr Eyth«, entgegnete Delano vorwurfsvoll. »Sie hätten gestern unser
Rennkomitee schimpfen hören sollen über den Zustand, in den Sie den
großen Ring versetzt haben. Was glauben Sie wohl, was es uns kosten
wird, die Löcher und Gruben, die Berge und Täler wieder einzuebnen, die
Ihre Elefanten auf meinem Rasen angelegt haben? Von den zwei Klaftern
Holz will ich gar nicht sprechen, die ich für Sie anfahren ließ und die
spurlos versunken sind. Sagen Sie einmal, wie ging das denn eigentlich
zu? wie machten Sie es? Der Erdboden in Louisiana hat doch kein Loch,
so daß zwei Klafter Holz spurlos unten durchfallen könnten?«

Unser Gespräch nahm eine bedenkliche Wendung. Ich fühlte, daß ich
zornig wurde. Je düsterer ich aber dreinsah, um so heiterer wurde
Delano, während er mir die Not der letzten drei Tage mit wachsender
Beredsamkeit vorhielt. Zum Glück trat in diesem Augenblick Lawrence
ein, guter Dinge und voller Geschäfte, wie immer. Ich weihte ihn sofort
in unser Gespräch ein, während Delano wieder gelb und traurig wurde.

»Natürlich! selbstverständlich!« rief mein Freund und Gönner, »Ihren
Ehrenpreis müssen Sie haben. Die Landwirtschaftsgesellschaft von
Louisiana läßt sich nicht lumpen; dafür stehe ich Ihnen, ich, Mister
Lawrences Bruder! Machen Sie keine Umstände, Delano! Heraus mit der
Kasse!«

Mit allen Anzeichen hoffnungsloser Gebrochenheit wandte sich Delano
zögernd nach dem Kassenschrank. Auf dem Wege machte er einen letzten
Versuch, sich an die zwei Klafter Holz anzuklammern, und wollte von
Lawrence wissen, wie zwei ganze Kubikmeter wertvoller Hickoryscheiter
spurlos verschwinden können. Lachend half ihm Lawrence den Schrank
öffnen und erklärte, daß sie beide nichts von Elefanten verstünden.
Dann zählten sie siebenhundertundfünfzig Dollar in Papierscheinen
auf den Tisch, wobei Delano mit der peinlichsten Vorsicht, Lawrence
mit jugendlicher Unbesonnenheit darauf los arbeitete. Ich hatte in
meinem ganzen Leben eine solche Lumpensammlung nicht gesehen. Ein
halbes Dutzend völlig entwerteter konföderierter Papiere wurde von
Lawrence mit ehrlicher Entrüstung auf den Boden geworfen und von Delano
sorgfältig wieder aufgehoben.

»Aber das ist ja lauter Stadtgeld«, sagte ich, als die beiden Herren
fertig zu sein schienen und Lawrence mich triumphierend heranwinkte,
um die Kolonnen zu bewundern, die er mit militärischer Präzision
aufgestellt hatte.

»Stadtgeld!« rief er, mich mit einem Anflug von Verstimmung ansehend.
Delano brach in ein bitteres Lachen aus.

»Guter Gott!« rief er, »Herr Eyth wünscht ohne Zweifel Golddollars zu
sehen; Golddollars in New Orleans.«

»Das nicht«, entgegnete ich etwas niedergeschlagen. »Aber Greenbacks,
Unionsgeld glaube ich beanspruchen zu dürfen. Das steht wahrhaftig
schlecht genug. Bedenken Sie, meine Herren, meine Dampfelefanten
fressen gute englische Pfunde, und nicht wenige.«

Delano und Lawrence sahen sich an, Lawrence etwas verlegen, Delano mit
dem Mephistogesicht aus der Papiergeldszene im zweiten Teil des Faust,
boshaft, höhnisch und voll Profits.

»Ihr Stadtgeld nimmt kein Mensch außerhalb New Orleans,« fuhr ich fort,
»und auch hier weiß niemand, was er in der Hand hat. Vorige Woche waren
Ihre Kommunalwahlen. Die Zeitungen sagen, daß die ›Crescent City‹ nun
auch mit ihrem Tweed gesegnet sei, wie das glückliche New York.[3]
Am Tag nach der Entscheidung fiel das Stadtgeld um zwanzig Prozent,
gestern wieder um fünf. Siebenhundertundfünfzig Dollar sind heute
keine dreihundertundfünfzig Dollars in Gold wert, keine fünfhundert
in Greenbacks! Ich glaubte mit einer achtbaren, zahlungsfähigen
Körperschaft zu tun zu haben, Herr Lawrence, als wir unser Abkommen
besprachen.«

Meine Stimme zitterte vor innerer Bewegung.

»Achtbar ohne allen Zweifel,« antwortete Delano für ihn mit einiger
Schärfe, »zahlungsfähig, lieber Herr Eyth, solvent, wie Sie noch
entdecken werden, ist nichts in der Welt, in der Sie sich seit
einiger Zeit bewegen. Glauben Sie, wir haben Golddollars am Parktor
eingenommen? Glauben Sie, die achtbaren Bürger dieses blühenden
Gemeinwesens haben sich verdammte Greenbacks gekauft, um Ihre Elefanten
ansehen zu können? Waren übrigens, wenn ich mir die Frage erlauben
darf, diese Elefanten echte Elefanten, oder, unter uns, auch nur halb
so echt, als unser Stadtgeld echtes Geld ist? Wir bezahlen in dem Geld,
das wir empfingen. Wenn Sie klug sind, machen Sie es bei der nächsten
Gelegenheit auch so. Nebenbei -- zahlen Sie Ihre Nigger in englischen
Sovereigns?«

Der Geschäftsführer war warm geworden, und ich schwieg. Ich schweige
immer, wenn die Währungsfrage in irgendwelcher Form auftaucht. Auch
wäre es nicht weise gewesen, um siebenhundertundfünfzig Dollars mit
der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana in ernstlichen Streit zu
geraten, wenn man an den Ufern des Mississippi dampfpflügen will.

»Delano hat recht«, sagte Lawrence begütigend und klopfte mir tröstend
auf die Schulter. »Man muß das Leben nehmen, wie man es findet. Auch
die Menschen. Auch das Geld. Packen Sie die Papierpäckchen zusammen,
Herr Eyth. Gehen Sie in Frieden, und preisen Sie mit uns den Herrn,
der das alles geschaffen hat. -- Bei Gott, Mann!« rief er plötzlich,
als ob ihn der glücklichste Gedanke beseelt hätte, »bei der nächsten
Kommunalwahl steigt der Plunder wieder um fünfzig Prozent. Das geht wie
die Wassereimer in einem Ziehbrunnen, seitdem die Reisesäckler unsern
Staat regieren. Packen Sie ein, Sie Glücksvogel!«

Es war sichtlich das klügste, was ich tun konnte. Delano gab mir
mit großer Zuvorkommenheit ein mächtiges Kuvert, das ich mit
meinem ungefähr um die Hälfte geschwundenen Sieges- und Ehrenpreis
vollstopfte. Es war noch immer ein sehr ansehnliches Paket. Dann
unterzeichnete ich eine Empfangsbescheinigung, die der Geschäftsführer
seufzend in den Kassenschrank legte, und verabschiedete mich von den
Herren mit dem unbehaglichen Gefühl, den amerikanischen Verhältnissen
vielleicht doch noch nicht ganz gewachsen zu sein.

Nachdenklich ging ich die schöne Kanalstraße hinunter, ohne sie zu
sehen. Anstatt ruhiger zu werden, fühlte ich, wie mein Zorn wuchs und
sich langsam gegen mich selbst wendete. Als ich um die Ecke in die St.
Charlesstraße biegen wollte, stieß ich mit Oberst Schmettkow zusammen,
der in seinem abgeschabten Schulmeistersröcklein mit gewohnter
Sorglosigkeit daher geschlendert kam. Es war mir lieb. Er war, soweit
ich ihn kannte, eine ehrliche Haut und ein Landsmann. Ich brauchte
jemand, um mein Herz auszuschütten, jemand, mit dem ich über Amerika
schimpfen konnte, und der Oberst war hierzu wie geschaffen. Wir gingen
langsam die St. Charlesstraße entlang und taten es.

Ich erzählte ihm, was ich erlebt hatte. Er wurde mit einemmal sehr
nachdenklich, tiefsinniger, als ich ihn je gesehen hatte. Er ließ mich
sogar fünf Minuten lang sprechen, ohne mir zu widersprechen. Auch das
war noch nie vorgekommen, denn trotz all der bunten Erlebnisse, die
sein Gesicht gefurcht und seine Haare gebleicht hatten, war er doch
immer noch ein halber Berliner. Plötzlich blieb er stehen.

»Herr Eyth!« sagte er, war dann wieder still und atmete, wie wenn es
ihm schwer würde, weiter zu sprechen. Ich sah ihn verwundert an; es
wurde auch mir etwas unbehaglich. Einen so tiefen Eindruck hatte ich
mit meinem leidvollen Bericht kaum hervorzubringen gehofft. Nach einer
qualvollen Pause begann er mit gedämpfter Stimme aufs neue:

»Herr Eyth, wollen Sie mir --«

So kam es endlich! Ich hatte es schon längst erwartet.

»Herr Eyth, wollen Sie ein altes Menschenleben retten?«

»Eine meiner Liebhabereien, Oberst!« antwortete ich, in dem Bestreben,
die Schärfe des Angriffs durch einen schlechten Witz zu mildern.

»Ohne Scherz«, fuhr Schmettkow rasch fort; seine Worte überstürzten
sich jetzt. »Gestern abend begegnete ich dem Kapitän eines deutschen
Schoners, der morgen nach Bremen absegelt. Ein braver Kerl, der aus
Danzig stammt und die Schmettkows kennt. Er will mich für achtzig
Dollars -- Greenbacks -- mitnehmen. Ich habe einige Schulden hier, die
bezahlt sein wollen: zweihundertundfünfzig Dollars bei unserm Wirt
in der Tschapatulastraße, ungefähr fünfzig Dollars in dem deutschen
Zigarrenladen an der Ecke dort, fünfundsiebzig bei meinem Schneider.
Man sieht mir das nicht an. Die Leute sollen nicht glauben, ich habe
sie um ihr Geld gebracht. Die Schulden müssen bezahlt werden, ehe
ich abreise. Dann, das werden Sie einsehen, Herr Eyth, muß ich mich
ein wenig ausstatten, Kleider, Koffer kaufen; ich kann nicht wie ein
fechtender Handwerksbursche in Bremen ankommen. Hundert Dollars laufen
Ihnen hierbei wie Wasser durch die Finger.«

Er schwieg und rechnete, in der Stille, mit aller Macht. Dabei stieg
seine Aufregung.

»Ungefähr siebenhundert Dollars -- Stadtgeld, Herr Eyth, nur Stadtgeld
-- muß ich haben. Sobald ich deutschen Boden berühre, bin ich gerettet.
Ich habe reiche Verwandte, die mich nicht stecken lassen, wenn sie mich
wieder sehen. Mein Onkel, wenn er noch lebt, ist Rittergutsbesitzer
bei Bromberg. Alte Streiche sind längst vergessen. An alte Zeiten
denkt er noch. Ist er tot, so hat mein Vetter das Gut, dem fünfhundert
Dollars von jeher eine Prise Tabak waren, wie mir seinerzeit auch. Mein
Bruder muß jetzt Generalleutnant sein, zum mindesten. Sie müssen nicht
glauben, daß ich bettle; so weit hat es noch kein Schmettkow gebracht.
Drei Tage nach meiner Ankunft in Bremen schicke ich Ihnen fünfhundert
Dollars in Gold. Leihen Sie mir die siebenhundertundfünfzig Lumpen, die
Sie in der Tasche haben. Sie machen ein gutes Geschäft, und Sie retten
einen Mann, der nicht schlechter ist als andre, aber am Zugrundegehen.
Der Schoner heißt ›Die Hoffnung‹, Kapitän Petersen; wie das stimmt!«

Seine Stimme bebte. Er faßte meine Hand; die seine war heiß und naß.
Daß es ihm ernst war mit meinem Geld, war nicht zweifelhaft; er keuchte
fast, indem er fortfuhr:

»Was riskieren Sie, wenn ich mein heiliges Ehrenwort gebe, daß die
Summe mit der nächsten Post Ihnen zurückgeschickt wird? Fünfhundert
Dollars in Gold; die kleine Differenz ist unter Freunden nicht
erwähnenswert. Wollen Sie? Sie schinden sich die Haut ab für diese
Engländer; tun Sie einmal ein gutes Werk für einen Deutschen. Wollen
Sie?«

Wir standen vor einem der eleganten Austernsalons der Charlesstraße.
Er zog mich am Arm hinein und rief dem Austernmann zu, uns Tinte
und Papier zu geben. Dann, leiser und dringender, setzte er seine
Auseinandersetzungen fort: wie er sich fünfzehn Jahre lang in Amerika
herumgeschlagen, bald im Elend, bald in ehrenhaften Verhältnissen,
gleich tausend andern, die dazu bestimmt scheinen, aus unerklärlichen
Gründen im Leben auf keinen grünen Zweig zu kommen; wie er jetzt
in seinem achtundvierzigsten Jahr als Oberst und Schulmeister sich
ermatten fühle und wisse, daß er auf Stroh sterben werde, wenn es noch
länger so weitergehe. Da sende ihm der Himmel diese Möglichkeit!

Wieder drückte er mir die Hand. Seine matten Augen glänzten; seine
etwas rote Nase glühte. Was mich aber mehr als alles bewegte,
war die geheime Angst, die aus seinen zitternden Gesichtszügen
sprach; die Sorge, ob es ihm gelingen werde, mich bis zum Jasagen
hinaufzuschrauben, denn ich hatte noch immer nicht zugestimmt.

Er nahm den großen weißen Bogen, den ihm der Wirt reichte, und schrieb
leise murmelnd, aber mit großer Gewandtheit eine Schuldverschreibung,
indem er mich von Zeit zu Zeit ansah. Sie lautete:

New Orleans, den 14. März 1867. Der Unterzeichnete bekennt sich zum
Empfang eines Anlehens von siebenhundertundfünfzig Dollars in New
Orleans Stadtgeld zum heutigen Kurse von fünfundvierzig Prozent und
verpflichtet sich, in Bezahlung dieser Schuld drei Tage nach seiner
Ankunft in Bremen fünfhundert Dollars in Gold an Herrn Ingenieur Eyth
zu New Orleans, Tschapatulastraße Nr. 21, abzusenden.

»Genügt uns das?« fragte er, aufblickend und mich mit einer Miene
ansehend, wie wenn ich der Schuldner und er der Gläubiger werden sollte.

Ich hatte meinen Entschluß gefaßt.

»Sie brauchen das Geld nicht hierher zu schicken«, sagte ich.
»Senden Sie nicht fünfhundert Dollars, sondern den richtigen Betrag,
dreihundertsiebenunddreißig Dollars fünfzig Cents an meinen Vater in
Württemberg, mit dem ich die Sache dann leicht regeln kann.«

»Sehr gut, sehr gut!« rief er, fröhlich aufatmend, bestellte zwei
Dutzend Austern der besten Sorte und eine Flasche englisches Stout,
öffnete das Paket, das ich ihm überreicht hatte, nahm zwei Dollars
heraus und bezahlte die Zeche. Wir aßen plaudernd die prachtvollen
Seetiere des Golfs. Dann unterzeichnete er die Schuldverschreibung mit
fester Hand und einer Handschrift, die an energischer Entschlossenheit
von keiner Keilschrift übertroffen wird. Ich steckte das wertvolle
Schriftstück sorgfältig in meine Brusttasche, an Stelle des
beschwerlichen Pakets. Erklärlicherweise war er jetzt etwas in Eile. Er
mußte vor Abend Schulden bezahlen, Koffer und Ausstattung einkaufen,
das Dameninstitut auflösen! So schied ich von Oberst von Schmettkow
mit einem warmen Händedruck an der Tür des Austernsalons. Ich habe
ihn nie wieder gesehen, auch nie mehr von ihm gehört; weder von
ihm noch von den dreihundertsiebenunddreißig Dollars in Gold, eine
Summe, die ich so gewissenhaft ausgerechnet hatte. Möglich, daß die
»Hoffnung« untergegangen ist oder aus andern Gründen nie in Bremen
ankam. Zur Ehre des Menschengeschlechts habe ich das schon längst als
selbstverständlich angenommen.

Es war ziemlich spät am Tage geworden, als ich selbst nach
Hause kam; noch nachdenklicher als zuvor. Ich legte Schmettkows
Schuldverschreibung in ein geheimes Fach meines Blechkoffers neben
die Kopie meines Briefs an Olcott. Noch nie und nirgends, seit dem
ersten Kanonenschuß bei Fort Sumter, lagen ein föderierter und ein
konföderierter Oberst so friedlich und einträchtig beisammen wie diese
beiden. Und was mich anbelangt, so war das friedliche Zusammenwirken
der zwei Herren von gleich erfreulichem Erfolg für sie. Eine
geheimnisvolle Ahnung sagte mir dies schon in jener Dämmerstunde;
ich fühlte mich deshalb so ziemlich wie Hans im Glück in modern
umgearbeiteter Auflage, nur etwas weniger vergnügt. Was sollte nun aber
werden? Wie sollte die Sache weiter gehen? Wo konnte ich, für teures
Geld, meinen Pflug einsetzen? Es war offenbar nicht so leicht, als
ich mir vorgestellt hatte, diesen starren Kontinent aufzureißen. Ich
sammelte allerdings Erfahrungen in erstaunlichem Grad, und keine von
den billigen. Aber das Ergebnis war vorläufig nicht ermutigend, es war
nicht zu verhehlen.

Ich war müde -- schon amerikamüde! -- und starrte wohl eine Stunde lang
über die Dächer der Nachbarhäuser hinweg in den glänzenden Abendhimmel,
die ungelesenen »Crescent City News« auf den Knien, ohne Ziel und
Zweck, denn ich wußte wirklich nicht, was dabei herauskommen sollte.
Doch ist es manchmal auch gut, die Ruder sinken zu lassen und ruhig zu
warten, bis sich das müde Segel wieder rührt.

Da klopfte es. Ich schreckte auf, denn ich war halb eingeschlafen in
trübseliger Erschöpfung. »Herein!«

Es war Lawrence, munter und quecksilbern wie immer -- wurde dieser Mann
nie müde? --, und hinter ihm ein Fremder, ein großer, stattlicher Herr,
der wie gewohnheitsmäßig sich bückte, um zur Tür hereinzukommen und,
gut amerikanisch, erst den Hut abnahm, als er mitten im Zimmer stand.

»Frederic, hier ist Herr Eyth!« sagte der kleine Lawrence. »Herr
Eyth, ich bringe Ihnen meinen Bruder, Herrn Frederic Lawrence von
Magnoliaplantage.«

Es wäre nicht leicht gewesen, unähnlichere Brüder zu finden. Herr
Lawrence der Ältere war eine schöne, imponierende Gestalt mit schwarzen
Haaren, gebräuntem Gesicht und hellen, durchdringenden Augen, elegant
gekleidet, sehr bestimmt in seinem Auftreten und klug und klar in dem,
was er sagte. Man hatte das Gefühl, jemand vor sich zu haben, der
wußte, was er wollte, und es gewöhnlich auch bekam. Der Mann gefiel mir
auf den ersten Blick.

»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte er, mir die Hand schüttelnd.
»Ich kam gestern aus dem Norden zurück und sah heute Ihren Dampfpflug
vor dem Ausstellungspark. In Baltimore hatte ich schon von den
Dampfelefanten gelesen und hielt sie für einen Humbug. Natürlich.
Aber ich muß sagen, die Art, wie Sie die Maschinen aus dem Sumpf
herausgezogen haben, in den Sie den Park verwandelt haben, hat mir
imponiert. Damit läßt sich bei uns etwas machen. Ich bin jetzt
überzeugt, daß Ihre Maschinen mehr können als wettrennen. Der Park
sieht aus, wie wenn sich hundert Riesenschweine drin herumgewälzt
hätten. Meine Glückwünsche, Herr Eyth!«

Er lachte ermunternd. Ich wußte kaum, sollte ich es für Spott
oder Ernst nehmen, und sagte ausweichend: »Leider finden Sie mich
augenblicklich in einiger Verlegenheit, ein weiteres Feld der Tätigkeit
für meine Elefanten zu finden.«

»Deshalb komme ich zu Ihnen, Herr Eyth«, sagte Frederic. »Schon in
Baltimore, wo ich von dem Wettrennen las und nachträglich von dem
Pflügen hörte -- der Unsinn läuft immer flinker als der Sinn --, war es
meine Absicht, Sie aufzusuchen. Für einen bloßen Schwindel sah mir die
Sache selbst von der Ferne zu groß aus. Aber fix war es von Ihnen, das
Wettrennen zu veranstalten. Man muß Lärm machen in unserm großen Land,
wenn man gehört werden will; ob die Trommel rot oder blau lackiert ist,
die Sie benutzen, tut nichts zur Sache.«

»Den Lärm verdanke ich Ihrem Bruder, Herr Lawrence,« bemerkte ich,
»ganz allein Ihrem Herrn Bruder. Und ich beginne zu glauben, daß ich
ihm mehr zu danken habe, als ich ahnte.«

»Fangen Sie an zu begreifen?« lachte Henry, sich vergnügt die Hände
reibend. »Es ist einfach phänomenal, Frederic, wie langsam die
Deutschen sind. Er fängt an zu begreifen!«

»Kurz, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen«, fuhr Lawrence der
Ältere fort, ohne sich um seinen Bruder zu kümmern, was diesem ganz
natürlich vorkam. »Sie packen Ihren ganzen Apparat morgen zusammen und
bringen ihn nach der Magnoliaplantage, sechzig Meilen stromabwärts.
Ich stelle Ihnen einen Flußdampfer zur Verfügung. Drunten finden Sie
tausend Acker Ratoons[4], in denen Sie pflügen können, solange Sie Lust
haben. Ebensolange sind Sie mein Gast. Ihre Leute finden ein bequemes
Unterkommen auf dem Gut. Alle Auslagen bezahle ich. Wenn mir nach einem
Monat Ihr Pflügen gefällt, so behalte ich den Pflug und bin und bleibe
der erste Dampfpflüger in Louisiana. Was kostet er?«

»Magnolia liegt im besten Zuckerdistrikt des Staats«, fuhr er fort,
als ob er mich überreden müßte. »Eine stolze Plantage, Sir, trotz
des Kriegs. Aber nur eine von fünfzig, entlang dem Strom. Und alle
wissen nicht mehr, wie sie pflügen sollen, seitdem die Schwarzen in
die Stadt zu laufen anfangen. Ein Feld für Sie, ein kolossales Feld.
Aber den Anfang müssen Sie bei mir machen. Ich biete Ihnen, was ich
vernünftigerweise bieten kann.«

Ob ich einschlug?!

Es wurde wie Sonnenschein um mich her, trotz der Dämmerung. Hurra!
sagte ich im tiefsten Innern und war kaum imstande, es nicht laut zu
rufen. Endlich kommt die ehrliche, einfache Ochsenarbeit, um die ich
seit einem Monat kämpfe! Dem Himmel sei's getrommelt und gepfiffen; das
Elefantenrennen hat ein Ende!


[Illustration: Ende gut -- Alles gut.]

        Buchdruckerei Richard Hahn (H. Otto), Leipzig.



    Fußnoten


    [1] Carpet-baggers -- politische Intriganten, die nach der
    Sklavenbefreiung aus den Nordstaaten in die Südstaaten reisten, um
    dort im Trüben zu fischen.

            (Anm. der Stiftung.)

    [2] Zeit ist Geld.

    [3] Der Gauner Tweed beutete damals die New Yorker Stadtverwaltung
    furchtbar aus.

    [4] Zuckerrohrschößling, der aus der Wurzel des abgeschnittenen
    Rohrs wächst.



[Illustration: ~F 1506b X 10~: 100.000]

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Heft 4. +Schiller+: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S. Geh.
30, geb. 60 Pf. _11.-20. T._

Heft 5. +Schiller+: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
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_Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark._ _11.-20. T._

Heft 6. +Brentano+: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem schönen
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Heft 7. +E. Th. A. Hoffmann+: Das Fräulein von Scuderi. 113 S. Geh. 20,
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Heft 8. +Fr. Halm+: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. v. H.
Amberg. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. _11.-20. T._

Heft 9. +Fritz Reuter+: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh. 15, geb.
40 Pf. _11.-20. T._

Heft 10. +Max Eyth+: Der blinde Passagier. Ill. v. Th. Herrmann.
_21.-30. T._ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 11. +Marie von Ebner-Eschenbach+: Die Freiherren von Gemperlein.
_11.-20. T._ 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 12. +Wilhelm Jensen+: Über der Heide. _11.-20. T._ 127 S. Geh. 25,
geb. 55 Pf.

Heft 13. +Ernst Wichert+: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
_11.-20. T._

Heft 14. +Levin Schücking+: Die drei Großmächte. Illustr. v. H.
Schroedter. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. _11.-20. T._

Heft 15. +Ludwig Anzengruber+: Der Erbonkel u. andere Geschichten.
_11.-20. T._ 86 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 16. +Helene Böhlau+: Kußwirkungen. _11.-20. T._ 68 S. Geh. 20,
geb. 50 Pf.

Heft 17. +Ilse Frapan-Akunian+: Die Last. _11.-20. T._ 87 S. Geh. 25,
geb. 55 Pf.

Heft 18. +H. v. Kleist+: Die Verlobung in St. Domingo. Das Erdbeben in
Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 19. +Peter Rosegger+: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S. Geh.
30, geb. 60 Pf. _11.-20. T._

Heft 20. +Ernst Zahn+: Die Mutter. _11.-20. T._ 66 S. Geh. 20, geb. 50
Pf.

Heft 21. +E. J. Groth+: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v. Gg. O.
Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. _11.-20. T._

Heft 22. +A. Schmitthenner+: Die Frühglocke. Mit Illustr. v. Wilh.
Schulz. ~11.-20. T.~ 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 23. +G. Freytag+: Karl d. Große. -- Friedrich Barbarossa.
Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb. 55
Pf.

Heft 24. +Fr. Spielhagen+: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th. Herrmann.
_11.-20. T._ 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf.

Heft 25. +St. v. Kotze+: Geschichten aus Australien. 88 S. Geh. 25,
geb. 55 Pf.

Heft 26. +Paul Heyse+: Andrea Delfin. 136 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 27. +H. Villinger+: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v. H.
Eichrodt. 72 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 28. +Otto Ludwig+: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. v. H.
Schroedter. 123 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 29. +Richard Huldschiner+: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H.
Amberg. 250 S. Geh. 70 Pf., geb. 1 Mark.

Heft 30. +Franz Grillparzer+: Weh dem, der lügt! 132 S. Geh. 25, geb.
55 Pf.


        Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Sofern nicht unter den Korrekturen aufgeführt, wurde die
    Originalschreibweise beibehalten.

    Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

    S. 18: ihnen → Ihnen
      Vollends ein Kongreßmann, den man {Ihnen}

    S. 31: Jaksonstraße → Jacksonstraße
      in der {Jacksonstraße} bestanden aus zwei geräumigen

    S. 49: vorwärtsreibend → vorwärtstreibend
      mich an der Wand des Tunnels {vorwärtstreibend}

    S. 77: ihnen → Ihnen
      Wie gefällt {Ihnen} das?

    S. 88: aufgeflanzt → aufgepflanzt
      auf dem Boden von Louisiana {aufgepflanzt} sah

    S. 97: Ueberraschung → Überraschung
      Doch eine weit größere Freude und {Überraschung} stand mir

    S. 101: Dampfflug → Dampfpflug
      nachdem der {Dampfpflug} sein Arbeitsfeld erreicht hatte

    S. 107: zur → zu
      das schwarze Gesicht von Ohr {zu} Ohr spaltete

    S. 129: mußte → müßte
      Das {müßte} man aber doch sehen

    S. 150: Nöten → Nöte
      Stone hatte trotz seiner {Nöte} sechzig

    S. 154: jäh → zäh
      mit dem Sieg des {zäh} ausdauernden

    S. 157: Sie → sie
      Sie müssen {sie} zurückbekommen





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geld und Erfahrung" ***

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