Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Die Innerste - Erzählung
Author: Raabe, Wilhelm
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Innerste - Erzählung" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



                            Wilhelm Raabe
                               Bücherei
                             Erste Reihe
                               Band 12

                            Wilhelm Raabe
                               Bücherei

                             Erste Reihe:
                               Kleinere
                             Erzählungen

                            Zwölfter Band

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt für Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                            Wilhelm Raabe



                                 Die
                               Innerste


                              Erzählung

                            Dritte Auflage
                           11.-16. Tausend

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt für Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                 Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
            Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
            Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig



                             Die Innerste



                           Erstes Kapitel.


Diese Geschichte handelt von einem Bach und zwei Mühlen und ist wahr. Es
hat sich alles so zugetragen, wie es erzählt werden wird: wer da meint,
daß es anders hätte zu Ende gehen können, der erzähle es anders.

Es waren drei Fräulein vor etwa hundertundzwanzig Jahren, und sie leben
heute noch und heißen die _Leine_, die _Ihme_ und die _Innerste_. Sie
sind im Laufe der Zeiten reguliert worden; aber hübscher sind sie nicht
dadurch geworden. Vor hundertundzwanzig Jahren war ihnen allen dreien
nicht zu trauen; doch die Innerste war die schlimmste und ist es bis auf
den jetzt vorhandenen Tag geblieben. Wenn wo das alte Wort Gültigkeit
hat, daß schlechter Umgang gute Sitten verdirbt, so ist es in diesem
Falle.

Man sagte wohl im Lande umher: »Die Leine ist falsch! Die Leine ist ein
böses Wasser! Die Leine ist tückisch!« und es war ein gut Stück
Verleumdung in jeglichem landläufigen Diktum. Die Leine war nicht
besser, als sie war; aber von Natur aus war sie jedenfalls besser als
ihr Ruf. Von Natur ein braves Wasser, ein gutes Wasser, ein gutmütiges
Wasser, wurde sie durch die Innerste verdorben.

Im Hildesheimschen Amt Rethen vereinigt sich die Innerste mit der Leine,
und nachher ist's freilich zu Ende mit den guten Sitten der letzteren,
und die Stadt Hannover hat zweifelsohne mancherlei zu erzählen von ihrer
üblen Laune und Heimtücke.

Von der Ihme brauchen wir eigentlich nichts zu erzählen. Reißend und
sumpfig zugleich, voll von Wirbeln und Drehkuhlen, faulen Bäumen,
Pfählen und Klötzen, stinkend von den Flachsrotten der Anwohner und
überall sehr trübe, lassen wir sie laufen und sagen nur noch, daß auch
ihre schlechten Eigenschaften die arme Leine auf ihre Rechnung zu nehmen
hat, nachdem sie, die Ihme oder der Ricklinger Bach, vom lieblichen
Deister heruntergekommen ist, die freundlichen Dörfer Bredenbeck und
Vörie und die Landwehrschenke im Amt Kalenberg passiert und gleichfalls
ihre Sehnsucht nach der Stadt Hannover befriedigt hat. Wer mehr von dem
Wasser wissen will, schlage nach in Grupens hannöverschen Altertümern.

Jetzo wenden wir uns zur Innerste.

Von ihrem Ursprunge mitten im wilden Harzgebirge an bis zu ihrer
Ausmündung im Amt Rethen verschlechtert sich ihr Charakter von Schritt
zu Schritt, und alle Glocken und alle Pfaffengesänge von Hildesheim
treiben ihr die bösen Teufel nicht wieder aus. Selten aber auch geriet
ein unschuldig hellblickend, klaräugig Bergwässerlein und Quellnixlein
sofort bei seinem Austritt aus dem dunklen Schoß der Erde in so
schmutzige Hände und an solch schwarz schweflicht Handwerk als diese
arme hercynische Najade oder Nymphe. Wahrlich, ihr sind niemals Öl,
Wein, Milch und Blumen geopfert worden! Wildemann nimmt sie beim
Schopfe, Lauthenthal und Langelsheim mit ihren Hütten und Pochwerken tun
ihr alle erdenkliche Schmach an, und so ist es kein Wunder, daß sie bei
Ringelheim schon vollständig verderbt ist und bei Himmelstür frech,
boshaft und scheußlich in die Ebene hervorgeht, und daß trotz allen
Hildesheimschen Pfaffengesängen und Glockenklängen bei _Sarstedt_ die
schlimmsten Gerüchte von ihr im Schwange sind. Es hilft ihr nichts, daß
sie da zur Leimoniade, zur Wiesennymphe wird: wild, heimtückisch und
_blutdürstig_ bleibt sie. Mit dem Auswurfe des Harzes, dem verderblichen
Puchsande geschwängert, bleiben ihre Begierden unordentlich und wird sie
von Zeit zu Zeit von unheimlichen Gelüsten ergriffen, und dann _schreit_
sie.

Der Erzähler hörte sie schreien, der junge Müller Albrecht Bodenhagen
gleichfalls. Nun aber wollen wir von der einen Mühle reden und nachher
von der andern.

Zwischen Groß-Förste und Sarstedt war die eine Mühle gelegen, heute ist
sie nicht mehr vorhanden. Die Gebäude sind längst niedergebrochen, der
Garten ist wieder zur Wiese geworden; wo die junge Müllerin unter dem
Flieder saß und spann, wächst manneshohes Schilf. Die Innerste ärgert
sich hier nicht mehr an dem lustigen Rade, das sich sonst an dieser
Stelle drehte; sie hat sich über ganz andere Dinge zu erbosen; der
harzische Bergmann quält sie nicht allein mehr; es ist manche
nichtswürdige Fabrik an ihrem Laufe entstanden seit dem Jahre 1760, und
von Rechts wegen müßte sie heute da heulen, wo sie sonst nur schrie.

Im Jahre 1760 drehte sich das Rad, klapperte das Werk und war alles im
Gange, wie das Säkulum selber. Es war eine muntere Zeit. Eine
vollständige Tressenbesetzung für eine Mannsperson kostete, wenn man sie
billig kaufte, ihre sechsundsiebzig Reichstaler; aber kaum der dritte
Teil der meisten Städte war bewohnt, und zwei Teile bestanden aus wüsten
Stellen und leeren Häusern. Zwar führte jedermann seinen Haushalt wie
die Patriarchen im Alten Testamente, ein jeglicher zwischen seinen
eigenen vier Pfählen mit eigenem Acker, Garten und Vieh; aber es war
denn auch danach. Nur einige Mal in der Woche kochte man und fraß sich
durch die schwere Zeit an Brei, Hülsenfrüchten und gemeinen Kohlarten.
Wer sich recht gütlich tun konnte, hielt sich zum Neide der Nachbarn an
das eingeschlachtete, entweder geräucherte oder gepökelte Fleisch, wer
aber ganz und gar sardanapalisch schlampampen wollte und nach frischem
Fleische lechzte, der hatte sich mit einem gleichen Schwelger zum Ankauf
eines Stück Viehs zu einigen. Auf gut Glück schlachtete kein Metzger.

Das war die gute alte Zeit, wo niemand von dem andern etwas nötig hatte,
die gute alte Zeit des Siebenjährigen Krieges, wo man, wenn die
Einquartierung es litt, sich früh zu Bett legte und spät wieder
aufstand, und wo man bei festlichen Gelagen Honigkuchen in eine Schale
Branntwein brockte und je nach der politischen Meinung entweder den
König Fritz oder die Kaiserin-Königin hoch leben ließ in dem olympischen
Göttertranke; immer selbstverständlich dabei vorausgesetzt, daß die
Einquartierung nicht hinderlich dabei in den Weg trat und den
bürgerlichen Nektar in die eigene ausgepichte Kriegsgurgel
hinüberfließen ließ.

So war es in Hannover, so war's in Göttingen und in Hildesheim, und so
war's auch in Sarstedt an der Innerste. Trotz allem eine wunderlich
real-geheimnisvolle Zeit voll seltsamer Schwingen und Flüge! Wer da etwa
glauben möchte, daß heutzutage hinter den Stirnen und unter den Schädeln
mehr in den Menschenköpfen vorgehe als damals, der irrt sich bedeutend.
Ja wahrlich, jeder gegenwärtige Augenblick ist stets ein ^novus homo^,
ein Emporkömmling; und die Vergangenheit, selbst mit dem Zopf und der
Beutelperücke und im Reifrock auf den hohen Stöckelschuhen, erscheint
merkwürdig als der vornehme Herr und die erlauchte gnädige Dame. Sie tun
aber meistens so, als lachten sie darüber, die Leute des Tages, und
beweisen gerade durch ihr Lachen nur die niedrigere Beschaffenheit ihres
Standes. Wer wahrhaft vornehm ist, hat immer Respekt, wo er hingehört,
der Pöbel nicht.

Die Franzosen waren im Lande, und der Herzog Ferdinand lag gegen sie zu
Felde. Bei Bergen war er von Broglio zurückgedrängt worden, und bei
Minden sollte er über Contades siegen. Zwischen den beiden Schlachten,
also im Jahre 1759, und gerade in der schönsten Sommerzeit hebt unsere
Historie an.



                           Zweites Kapitel.


Damals saß noch ein alter Müller mit seiner ebenso alten Müllerin in der
Mühle und der nachherige Herr war noch in der Fremde -- fern und
verschollen, wenn er noch lebte. Die ihn genau gekannt hatten,
erwarteten ihn gar nicht zurück; es gab mehr als einen handfesten Galgen
in der Welt, und mehr als ein würdiger, ehrenfester Sarstedter
Bürgersmann legte, wenn die Rede auf den Jungen aus der Mühle, Albrecht
Bodenhagen, kam, den Finger an die Nase und gab seine Meinung dahin ab,
daß niemand wissen könne, wo _der_ sich im Winde drehe; daß er sich aber
im Winde drehe, das sei sicher.

Der brave Albrecht hatte es seinerzeit in der Stadt und der Umgegend,
weit über Groß-Förste hinaus, nicht danach gemacht, daß man sich nach
ihm sehnte, und die alten Eltern wußten nichts von dem einzigen Sohn.
Seit dem Beginn des Krieges hatten sie ihn nicht zu Gesicht gekriegt.
Eines Morgens hatte er seine Pelzmütze geschwenkt.

»Vivat Fridericus! Adjes, Herr Vater! Adjes, Frau Mutter! Aushalten tu
ich's nicht länger zu Hause. Wär' ich nicht zu gut gewesen, so hätt's
der Herr Vater nicht zu schlimm mit mir gemacht. Adjes!«

Und dann war er mit einem Sprunge über die nächste Hecke weg gewesen,
und die Sarstedter Jungfern hatten mit den Eltern das Nachsehen nach dem
angenehmsten Junggesellen der Gegend gehabt. Nachher sind nur Gerüchte
über ihn und sein Verbleiben nach Hause gekommen, und es stand jedem
frei, dieselbigen zu glauben oder nicht.

Da hat mit ihm einer in einem berüchtigten Freibataillon Schulter an
Schulter gestanden; ein anderer hat mit ihm nach der Schlacht bei
Leuthen vor Schweidnitz gelegen, und wieder ein anderer hat ihn
Spießruten laufen sehen im Lager vor Olmütz. Ein Vierter jedoch, und der
war, wie viele meinen wollten, der einzige Glaubwürdige -- Barthold
Dörries aus Dielmissen behauptete, Albrecht Bodenhagen habe freilich
zuallererst sein Glück in dem preußischen Freibataillon probiert, doch
nicht lange. Nach Kollin sei er desertiert, und droben im Harz zwischen
Wildemann und Lautenthal, gleichfalls an der Innerste, sei auch eine
Mühle gelegen, und die Tochter daselbst, die wisse vielleicht am meisten
von dem Albrecht! Er -- Barthold Dörries -- habe auf der Wanderschaft
daselbst das Handwerk angesprochen und eine Nacht allda genächtiget,
aber kein Teufel kriege ihn wieder unter das Dach, denn da könne man
zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang mehr erleben als in einem
ganzen Feldzug des Königs Fritz, zwischen dem ersten Aufbruch aus den
Winterquartieren und der letzten Schlacht vor dem ersten Schnee.

Dem Meister und der Meisterin sprach der gute Müllerknappe nicht
hiervon, denn der Alte hatte ihm beim ersten Wort das Maul verboten,
wohl aber erzählte er den Mühlgästen, die ihm ein offenes Ohr liehen,
und das taten sie alle, wenn die Rede auf den tollen Albrecht kam. Das
ging denn wie der Laufer um das Mühleneisen, und wenn nur der Bodenstein
irgend feste lag, so gab's ein erklecklich fein Mehl.

Es war ein feiner Meisterssohn, dieser Barthold, und mit Grausen war er
aus dem wilden Harz hervorgekommen. Wie gesagt, verschwur er sich am
Schlusse jeder Rede jedesmal hoch und teuer, daß ihn nie wieder einer in
die wüsten Berge unter das wüste Volk da kriegen tun täte. Von der
Waldmühle, ihren Leuten und Gästen aber erzählte er, daß dem Hörer die
Haare sich sträubten -- und da -- da sollte dieser Albrecht Bodenhagen
immer noch sitzen, und die Müllerstochter, die rothaarige Doris
Radebrecker, sollte sein Liebchen sein!

»Das ist freilich ein Ort für den bösen Jungen!« murmelten die Leute aus
dem Mühlenbann zwischen Sarstedt und Groß-Förste und sahen mit
melancholischem Kopfschütteln auf den alten Vater und die alte Mutter
Bodenhagen, und die Gerüchte wurden immer schlimmer.

Nun stand einmal im Juli des Jahres 1759 der alte Müller Bodenhagen an
seinen Gartenzaun gelehnt und sah verdrossen auf die leise an demselben
hinfließende Innerste, und schien die Blasen zu zählen, die vom Grunde
des Flüßchens emporstiegen, zerplatzten und anderen Platz machten. Es
sollen aber diese Luftblasen von dem Atem der Wassergeister in der Tiefe
herrühren, und was viele Leute auf Hörensagen hier weiter sprechen, das
wußte der alte Christian Bodenhagen ganz genau. Er sprach aber nicht
gern davon und zog meistens ein finsteres Gesicht und verlor sich hinter
dem Dampf seiner schwarzen Tonpfeife, wenn die Rede darauf kam. Er
kannte sein Mühlwasser genau und wußte, daß nicht mit ihm zu spaßen war.

Die Morgensonne schien, die Lerchen sangen in der blauen Luft, auf den
Wiesen lag das Heu in Haufen, und der leichte Wind trug den Duft her;
doch die Wassergeister schienen schwere und heftige Atemnot zu haben.
Die Blasen perlten in Stößen auf, und der Meister Bodenhagen zog seinen
Atem gleichfalls bedrückt aus der Tiefe der Brust herauf und stieß ihn
in Seufzern von sich. Sein altes Weib hatte ihm wieder mal des
verlorenen Sohnes wegen von Mitternacht an den doch schon so
kümmerlichen Schlaf ganz verscheucht und dann sich natürlich an ein
gesundes Schnarchen gegeben und ihn wachen lassen.

»Und kann ich denn dafür?« murmelte er jetzo. »Liegt es nicht seit der
Schwedenzeit auf dem Dach und dem Rade? Ich habe nicht gezählt, wie
viele Räder die Innerste dreht, vom Ursprung an bis zum Eingang in die
Leine; aber daß sie auf dieses seit vielen hundert Jahren trotz aller
guten Nahrung einen besonderen Groll hat, das weiß ich, und mein Vater
und mein Großvater haben ihn auch verspüren müssen. Sie sagen, seit der
Schlacht bei Lutter am Barenberge, allwo der General Tilly und der König
von Dänemark aneinander waren, hat sich alles geheime Volk in Wasser,
Wald und Luft hier in der Gegend mit dem Menschen überworfen. Gott soll
mich behüten, darauf nachzusagen, aber die Bodenhagen-Mühle weiß das
Ihrige davon. Vor der Bataille soll dieses alles nicht gewesen sein.
Zwerg, Nix und Waldspuk hat wohl auch sein Wesen getrieben, aber mit
Gutmütigkeit und im Spaß. Nachher erst sind sie giftig geworden -- sie
mögen wohl ihre Gründe gehabt haben -- und begnügen sich nicht mehr mit
dem bloßen lustigen Schabernack; sondern --«

Er brach ab und sah sich scheu um und legte die Hand auf den Mund.
Beinahe hätte er von dem Herzeleid gesprochen, was insbesondere die
Innerste ihm und seinen Vorfahren in der Mühle angetan haben sollte;
allein er besann sich noch zur rechten Zeit und schwieg. Es ist gewissen
Mächten gegenüber stets sicherer, zu schweigen, als sich zu
beklagen; aber recht hatte der alte Meister doch in betreff der
Charakterveränderung des geheimnisvollen Volkes seit dem Dreißigjährigen
Kriege.

Schon lange ging man nicht mehr mit einem bloßen Grusel oder gar einem
behaglichen Lächeln zu Bett, wenn man am Winterabend hinter dem warmen
Ofen ein neues Histörchen von ihm vernommen hatte. Seit der Schlacht bei
Lutter am Barenberge, wo die Liguisten den Dänenkönig klopften und sein
Heer ausreuteten, und gar seit der Schwedenzeit hatte sich das gründlich
zum Schlimmen und Bösen geändert. Mit der Menschennatur verwandelte sich
in jener greulichen Zeit auch der Sinn der Geister in allen Elementen.
Wo sie schalkhaft gewesen waren, wurden sie nun boshaft. Ihr spaßig
Lachen wurde zu hämischem Grinsen, und wie der Mensch fanden auch die
Geister nunmehr ihre Lust an der Grausamkeit, dem Elend, dem Verderben.
Es war die Axt an alles harmlose Behagen gelegt worden, und die Leine
und die Ihme sahen viel zu viele niedergeschlagene Wälder und verbrannte
Wohnstätten der Menschen an ihrem Wege, um bleiben zu können, was und
wie sie waren. Was aber die Innerste anbetraf, so gab ein Müller
Bodenhagen die Überlieferung, daß ihr nicht zu trauen sei, weiter an den
andern. Es ging kaum ein Jahr vorbei, ohne daß man sie schreien hörte --
kein Auftauen des Winterschnees, ohne daß sie das Land weit und breit
überflutete. Die Leute in der Mühle jedoch hielten das Schreien für das
Schlimmere und Unheimlichere.

Gegenüber dem Mühlengarten zog sich am andern Ufer ein ziemlich dichtes,
ineinander geflochtenes und gewirrtes Erlen- und Weidengebüsch hin, und
gerade dem Orte gegenüber, allwo der alte Meister Bodenhagen an seinem
Zaune lehnte, hatten die Wirbel das Erdreich unter einem knorrigen
Stamme weggespült, der Baum hatte sich gesenkt, lag mit dem Gezweig im
Wasser und streckte sein verworren Wurzelwerk in die Luft: die Nixen
spielten auch den Baum- und Buschnymphen ihre Streiche, wo sie es
konnten.

»Guten Morgen, Herr Vater!« sprach es plötzlich von dort herüber, und
der Alte, von den Wasserperlen der Innerste mit einem heftigen Schrecken
in die Höhe sehend, hielt sich mit beiden Händen am Zaune.

»Schmeckt Ihm sein Pfeifchen wie sonsten? Es soll mich freuen,« erscholl
es wieder, und die Pfeife wäre fast dem Munde des Müllers Bodenhagen
entglitten. Er griff aber doch noch danach, wie der Held der
Pfeffelschen Ballade, und legte die zitternde linke Hand über die Augen
-- traute ihnen noch immer nicht und starrte wortlos über sein
Mühlenwasser nach dem Weidenstamm hin.

Da saß auf dem klumpigen Wurzelwerk, das in der Tat einen recht
bequemlichen Sitz bildete, ein Mensch, der sich immer noch nicht wie ein
Phantom in dem flimmernden Sonnenschein auflösete oder in das Wasser,
aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte, zurücksank. Ein
Mensch, ein richtiger Mensch, aber nicht gar erfreulich anzuschauen! Er
trug einen zerlumpten blauen Rock mit schmierigen roten Aufschlägen,
Kragen und Futter; er trug gelblich-schmutzige Kniehosen und zerfetzte
Gamaschen; und den dreieckigen alten Soldatenhut trug er schräg über das
eine Auge gedrückt, über dem andern eine Binde. Wie der greise, weiße,
reinliche alte Müller hielt er auch eine Tonpfeife zwischen den Zähnen,
und jetzo legte er militärisch grüßend die Hand an den Hut und rief von
neuem über die Innerste:

»Ich wünsche dem Herrn Vater den allerschönsten guten Morgen und
rekommandiere mich fürs geschlachtete fette Kalb. Ich bin's, Herr Vater,
und frage an, ob Er und die Frau Mutter was dagegen einzuwenden haben,
daß ich über den Steg laufe und den lieben Eltern mit Tränen in die Arme
renne?«

Der Alte stieß ein Gestöhne aus; aber zu antworten vermochte er noch
nicht.

»Nun, wie ist's?« fragte der Blaurock von jenseits her. »Soll es heißen:
Pardon, Grenadier; oder gebt Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen
zerschlagenen Kopf bringe ich mit, ich komme aus dem Westfalenland, und
es ist uns als wie den hohen Alliierten und dem Herzog Ferdinand
herzlich schlecht ergangen. Sage Er Quartier, Herr Vater -- ich bringe
zu allem übrigen ein gebessert Gemüte und weiß nun aus der Erfahrung,
daß es zu Hause bei der Frau Mutter am besten ist. Mache Er ein Ende,
Vater, und lasse Er mich wieder ein; es ist mein blutiger Ernst, und ich
habe beides satt, den Krieg wie das Wandern!«

»Ist Er es? Oh!« ächzte der Alte; aber er antwortete den Fragen von dem
anderen Ufer der Innerste auch jetzt noch nichts. Er ließ den Zaun los
und drehte sich um und wackelte dem Hause zu durch den engen Gartenweg,
beide Hände mit ausgespreizten Fingern vor sich hinstreckend, als müsse
er seinen Weg durch eine dicke Finsternis tasten. Aus dem Garten trat er
in die Küche, wo seine graue Frau am Herde wirtschaftete, und er setzte
sich stumm auf die Bank neben dem Herde, und die Müllerin ließ
erschreckt ihren Topf und Löffel und schrie:

»Jesus Christus, Vater, was ist? was ist los? was ist geschehen?«

»Ja, Vater, Vater, Vater!« murmelte der Müller Bodenhagen; und drüben
auf dem Weidenstamme hob der zerlumpte Kriegsmann den Dreiecker vom
wirren Haarwulst, ließ ihn wieder fallen und sagte zwischen den Zähnen:

»Kotz Kreuz und tausend Schwadronen, hab' ich nun eine Antwort oder
nicht? Da geht der Dampf aus dem Schornstein, und ich meine, den
gebratenen Speck bis hierher zu riechen. Hu, Speck und Eier, und gestern
ist auch der Tag gewesen, allwo wir frisch backen! Der Teufel, im Lager
zu Pirna konnte kein Sachs mehr Wehmut ausstehen, als ich anjetzt auf
dieser hohlen Weide! Nun hält er Kriegsrat drinnen mit der Alten. O,
Albrecht Bodenhagen, wie bist du heruntergekommen seit der Bataille bei
Bergen!«

Er starrte auch in das Wasser nach den aufsteigenden Blasen und Perlen,
und mit einem Male setzte er finsteren Auges die Zähne fester auf die
Lippen, daß ihm das Pfeifenrohr zerbrach, und murmelte:

»Und da ist die Innerste wieder! Wie wär's, wenn ich noch einige
Tagemärsche dran aufwärts rückte und den Speck in der Pfanne an einem
anderen Ort in die Naslöcher zöge? O, heulen möchte man, daß man so
wenig geschickt ist für den Krieg und das Wandern. Sie würden alle
lachen, wenn sie das wüßten!«

In diesem Augenblick ließ sich ein Weibergeschrei aus der Mühle
vernehmen, und der Mensch auf der Weide stotterte:

»Die Alte! das war die Alte! jetzt weiß die Alte, wie weit es am Tage
ist!«

Und es war so. Die Alte war's, und die Alte wußte, wie weit es am Tage
war. Sie kam durch den Garten, so hastig, als es ihr ihre fünfundsechzig
Jahre erlauben wollten, sie streckte auch die Arme weit vor sich hin,
doch durch eine Finsternis brauchte sie sich nicht zu tasten.

»Mein Sohn! mein Kind!« kreischte sie; und drüben hatte der Soldat den
preußischen Infanteristenhut abgenommen und hielt ihn in den Händen, und
der Pfeifenstummel war ihm entglitten und in die Innerste gefallen.

»Frau Mutter, wenn Sie Gnade für Recht ergehen lassen will, und wenn der
Herr Vater damit zufrieden ist, so komme ich über den Mühlensteg. Ich
hab' es satt in der weiten Welt, und den Krieg um Schlesien sollen sie
unter sich allein ausmachen, und den Colignon, den Werber, den soll der
blutige Teufel holen. Frau Mutter, will Sie mir heute wieder mit einen
Teller auf den Tisch setzen? Den Geruch Ihres Specks, Frau Mutter, halte
ein anderer aus, ohne zu schluchzen wie ein Kind: ich heule Ihr
geradeweg was vor, wenn der Herr Vater mich nicht über den Steg am
Mühlenschütt kommen läßt und mich weiter schickt zum Träberfressen und
Schweinehüten oder zum General Freytag.«

Der Vater Bodenhagen zeigte sich nicht wieder vor dem Hause; aber Mutter
und Sohn begegneten einander auf dem Mühlensteige, und zwischen ihnen
beiden war alles in Richtigkeit, und als ob nie etwas vorgefallen sei,
was dem schlimmen Jungen, dem Albrecht, einen häuslichen Verdruß bei
seiner Heimkehr aus dem Felde und von der Wanderschaft hätte einbringen
können. Als sie jedoch Hand in Hand und die Alte in Tränen in die Stube
traten, da saß der Alte am Tisch, drehte der Tür den Rücken zu und hatte
die Faust auf die Tischplatte gelegt. Er wandte sich nicht um bei ihrem
Eintritt.

»Mit Permission, Herr Vater --«

»Er Halunk!« murrte der Alte. »Wenn Er es wirklich ist, so sage Er mir,
wer ihn gerufen hat? Hat sich der Herr wirklich nicht in der Tür
geirrt?«

Die alte Frau legte ihrem Ehemanne die Hand auf die Schulter:

»Ich habe ihn gerufen in meinen bangen Nächten; er muß es mitten unter
dem Volk gehört haben.«

»Der Vagabonde -- der Landläufer!«

»Und er ist zurückgekommen mit schleppendem Fittich und hat sich nicht
in der Tür geirrt. Sieh dich um, Bodenhagen, sieh ihn an, Vater. Hab'
ich ihn mit meinen Tränen hergeweint, so hast du in deinem Ärger nach
ihm geschnarrt. Sieh dich um, Alter.«

Und der Müller Christian Bodenhagen sah sich um nach seinem lieben
Söhnchen und zwar trotz seinem Alter mit den munterst funkelnden Augen.

»Das ist das Wort! In meinem Ärgernis hab' ich nach dem Strolchen, dem
schwachmütigen Lumpen auch gerufen und es kaum erwarten können, daß es
so käme, wie es heute endlich gekommen ist! Ho, wirklich, er ist's, und
ganz so, wie ich ihn mir im Traum und Wachen phantasiert habe, der Haas
im Marderpelz! Alte, Alte, wenn ich den Schlingel nicht zu genau kennte,
so würde er mir wahrhaftig nicht über die Innerste gekommen sein. Das
ist der Milchtopf auf dem Feuer -- er kocht über und es stinkt. Du
rückst ihn ab von der Glut, und er gibt sich fein zur Ruhe. O, du
jammerhafter Wischlappen, was hattest du im Felde beim König Fritz und
dem Prinzen Ferdinand zu suchen? Du Großmaul, haben sie dir nach
Verdienst den Buckel zerbläut und dich heulend zu Vater und Mutter
heimgeschickt? Ich habe es so gewußt, mein Sohn, verlaß dich drauf. Du
bist mir nicht als etwas ganz Neues drüben am Wasser aufgegangen; und
weil dem so ist -- deshalb -- sei gesegnet dein Eingang!«

Er hatte sein spanisch Sonntagsrohr neben der alten knochigen harten
Hand auf dem Tische liegen, und jetzo war er aufgesprungen, und es erhub
sich ein Tanz, beinahe noch lustiger und wilder, als er am kommenden
ersten August bei Minden zwischen dem Herzog von Braunschweig und dem
französischen Marschall Contades aufgeführt werden sollte. Die Mutter
Bodenhagen flüchtete sich schreiend in eine Ecke; das Haus- und
Mühlengesinde lief entsetzt zu Hauf -- der Meister Christian schlug brav
zu und kümmerte sich nicht, wohin er traf. Den wilden Albrecht aber
mußte die Schlacht bei Bergen und der darauf folgende Hunger wahrlich
tief heruntergebracht haben. Er wehrte sich kaum anders als durch ein
ununterbrochen Ausweichen rund um den Tisch herum.

Sie wußten im achtzehnten Jahrhundert, selbst in der rand- und
bandlosesten Zeit des Siebenjährigen Krieges, immer noch in der
richtigen Art und Weise mit den verlausenen Herren Söhnen umzugehen, die
Herren Väter. Sie hatten es gelernt von Seiner königlichen Majestät in
Preußen, Friedrich Wilhelm dem Ersten, und waren imstande, Seine
Majestät König Fritz den Zweiten als glorreiches Exemplum hinzustellen
und sich des weiteren und breiteren darüber zu ergehen, daß der das
hispanische Rohr selber fühlen müsse, welcher es einmal selber führen
und andere, als z. B. die Kaiserin Maria Theresia und den französischen
König Louis, fühlen lassen wolle.



                           Drittes Kapitel.


Es war der gutmütige und handfeste Mühlknappe Barthold Dörries aus
Dielmissen, der dem zornigen Hausvater endlich den Stab Wehe entrang und
den Haussohn vor dem Schicksal errettete, zu fein gemahlen zu werden.
Auch das übrige Gesinde sprang endlich zu; dann kam die Mutter und am
andern Morgen die ganze umliegende Landschaft zu Worte. Letztere behielt
es längere Wochen hindurch über die Vorgänge in der Sarstedter Mühle.

Es gibt nicht wenige Leute, die, wenigstens zu einer gewissen
Lebenszeit, einen schlimmen Ruf für besser als gar keinen halten; allein
es gehört Charakter dazu, diese Ansicht bis zum Ende festzuhalten, und
solche Seelenstärke besitzen freilich nicht alle. Albrecht Bodenhagen
besaß sie sicherlich nicht.

Er hatte genug des Ruhmes oder Rufes und gab, wie man das nennt, klein
bei; und auch darüber machte die Umgebung dann natürlich wieder ihre
Glossen.

Selten sind zu irgendeiner Zeit so viele Kornsäcke nach der Mühle an der
Innerste getragen und gefahren worden als in jenen Tagen. Ein jeglicher
wollte den verlorenen Sohn sehen, ein jeglicher gern ein Wort mit ihm
reden, und manch einer kam zu seinem Zweck zum großen Verdruß des
Heimgekehrten, dem beides ein Greuel war, das Vermahnen sowohl als das
Beglückwünschen, und der jedem Gevatter und jeder Gevatterin unter dem
wachsamen Auge des Herrn Vaters still zu halten hatte. So blühte mit dem
Geschwätz das Geschäft, und die Räder drehten sich, und der Laufer
drehte sich auch, und die Innerste quirlte lautlos ihr schmutzig Wasser
vorbei und nach Sarstedt, um jenseits der Stadt andere Mühlen zu treiben
und auf anderer Leute Angelegenheiten tückisch Achtung zu geben. Das
geht uns aber nichts an.

An einem Donnerstage war Albrecht nach Hause gekommen, und am Sonnabend
kam nach alter fester Sitte der Balbierer von Sarstedt, um dem Meister
Christian den Wochenbart abzunehmen. Stumm und mürrisch ließ sich der
Alte an der Nase ziehen, drehen und wenden und das Messer gewähren; aber
nachdem das glattmachende Werk an ihm vollendet war und er den Schaum
abgetrocknet hatte, winkte er dem Sohn auf den Stuhl, und der
kriegerische Schnauzbart desselben fiel dem Messer geradeso zum Opfer
wie die Wochenstoppeln des Vaters. Der tapfere Kriegsmann ging mit einem
ganz anderen Gesicht aus der Prozedur hervor, und die Hausgenossenschaft
wie die Umgegend hatten von neuem Grund, sich zu verwundern.

Es war doch etwas an dem Wort des Alten vom Hasen im Marderpelze! Eine
gar gutmütige und augenblicklich gar melancholische Menschenvisage kam
hinter dem grimmen Bart zum Vorschein. Es fehlte weiter nichts als eine
weiße gestrickte Zipfelkappe zu einer weißen Müllerjacke, und als am
Sonntagmorgen die Mutter mit Freudentränen im Auge dem Söhnchen beides
brachte, und er mit der Kappe über den Ohren zur morgendlichen Biersuppe
schlich, da mangelte nichts an der Verwandlung zum Besseren, und die
Böswilligsten und Mißtrauischsten mußten zugestehen, daß sie doch wohl
an dem »wilden« Bodenhagen sich geirrt haben könnten. Nun fehlte bald
wenig, daß der verlorene Sohn durch das halbe Fürstentum Kalenberg und
das ganze Fürstentum Hildesheim als ein Muster aufgestellt worden wäre.
Entrüstete Väter und betrübte Mütter waren jetzo um so geneigter Beifall
zu nicken, als sie vordem den braven Albrecht als schlechtes Exemplum
für ihre eigenen wilden Sprößlinge verwünscht hatten. Auch die Jungfern
in der Stadt und auf dem Lande guckten auf und hin, und manch ein
Mägdelein machte sich ein Geschäft in der Mühle, das ein anderer ebenso
gut oder besser hätte ausrichten können.

Am 1. August fiel die Schlacht bei Minden, und am 12. desselbigen Monats
die bei Kunersdorf vor, in welcher es dem alten Fritz so herzlich
schlecht erging. Nach der letzten Bataille verschwand eines Tages der
Knappe Dörries aus der Mühle; er war nach Pattensen auf den Jahrmarkt
gezogen, sich einen vergnügten Tag zu machen und eine neue Mütze zu
kaufen. Beides soll er zustande gebracht haben, dem Gerüchte nach; aber
auf den vergnügten Tag folgte auch eine kreuzlustige Nacht; der gute
Barthold ist nicht nach der Mühle zurückgekommen; der Oberst Colignon
hatte auch ihn, und schon am 21. November hat ihn bei Maxen ein Stück
von einer Haubitzgranate des Feldmarschalls Daun zu den übrigen auf den
Boden gelegt. Es war schade um ihn, und der König Friedrich ist nachher
auch sehr ergrimmt darob auf den Herrn General von Fink gewesen, hat ihn
vor ein Kriegsgericht gestellt und auf die Festung gesetzt, aber den
guten Barthold nicht wieder lebendig dadurch gemacht.

Meister Christian Bodenhagen in der Mühle an der Innerste nahm keinen
andern an seiner Statt an. Er hatte ja seinen Sohn zurück und konnte ihm
aufladen, was ihm beliebte; und Vater, Mutter und Kind waren und blieben
allein und feierten Weihnachten im engsten Familienkreise. Man hat
diesmal aber nicht gesehen, daß sie einen Tannenbaum mit goldenen Äpfeln
und Nüssen behängten und mit Lichtern besteckten. Es wäre auch schade um
den Baum gewesen, denn in diesem Jahre schwamm der ganze Torgauer Wald
die Elbe hinunter nach Hamburg und durch des Obersten Colignons
Werbetaschen so nach und nach in die Taschen von sechzigtausend neuen
Rekruten. Und was an gutem Holz in den Lagern von Dresden, Freiberg und
Dippoldiswalde in den Brandhütten der Österreicher und Preußen in Rauch
aufging während des harten Winters, ist von der gütigen Mutter Natur
auch erst lange Zeit nachher ersetzt worden.

Um Weihnachten drehte sich das Rad noch; aber dann kam der Frost, die
Innerste wurde zu Eis, und die Mühle stand still. Da hat man Zeit
gehabt, allerlei miteinander zu überlegen, und über allerhand
Vergnügliches und Zärtliches zu einem festen Beschluß zu kommen. Bald
hat man es weit und breit gewußt, daß der Vater Bodenhagen mit großem
Nachdruck von dem Sohne verlangt habe, er solle ihm nun auch eine junge
Frau ins Haus bringen und zwar schon zu Ostern des kommenden Jahres.
Rundum haben die Jungfern aufgehorcht; aber auch nicht wenig die Näschen
gerümpfet, als sie zu dem übrigen vernahmen, daß sie keine Stimme bei
dem Handel haben sollten, daß derselbige schon so gut wie abgemacht und
durch Handschlag zwischen den Eltern besiegelt worden sei; daß der
Albrecht ja gesagt habe, ohne sich lange zu zieren und zu besinnen, und
daß die Braut zu Groß-Förste sitze und wirklich niemand anderes sei als
Lieschen Papenberg, des Brinksitzers Papenberg einzige Tochter!

Das hatten sie nicht erwartet, die Jungfern in der Stadt Sarstedt und
sonst im Fürstentum Hildesheim. Nun hatten sie sich zum zweiten Male in
dem Albrecht Bodenhagen geirrt, aber voraus zu sehen war's doch gewesen;
denn ein Mensch, der so fortlief in die Welt und so wiederkam und so
weichmäulig und so weiß, so hammelweiß vom Mehlstaub über die
Gartenhecke greinte, dem konnte man alles zutrauen, selbst den
schlechtesten Geschmack im Lande, weit über den Deister hinaus und bis
tief hinein in die Lüneburger Heide.

So dachten und zischelten die Jungfern hinter den Türen, auf den
Dorfgassen, am Brunnen und hinter den Spinnrädern; aber die Eltern
dachten anders und nannten den Meister Christian einen Hauptkerl, der es
verstehe, einen Windhund an die Leine zu nehmen, und auf die Haus- und
Staatsräson fast ebensogut ausgelernt habe wie der preußische König
Fritz und sein Herr Vater Friedrich Wilhelm.

Man hat auch das Lieschen gefragt, wie ihr denn eigentlich nun zumute
sei? und sie hat den Schürzenzipfel an den Mund genommen und gemeint,
das sei eine dumme Frage. Dabei aber hat sie gekichert, und die Fragerin
hat auch nichts weiter gewußt, als gleichfalls zu kichern, ist jedoch
hingegangen und hat, drei Häuser weiter, erzählt: ihr sei eben eine Gans
über den Zaun geflogen, der sei sie nachgelaufen bis auf Papenbergs Hof,
und da habe sie sich beinahe vergriffen und das Lieschen dafür am Flügel
genommen; solch ein kurios Gegacker sei seit Erschaffung der Welt nicht
erlebt worden, und auf die Hochzeit sei das ganze Freikorps des Obersten
Bauer geladen, dazu aus Böhmen viele schöne Fräulein; wer aber zu
allererst gebeten sei, das sei die Müllerstochter oben im Harz, die auch
an der Innerste sitze und tagtäglich ihre Grüße mit dem Wasser
herunterschicke, wie der arme Barthold Dörries das ja hundertmal erzählt
habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, gelacht mußte Lieschen Papenberg
haben: wer das Mädchen lachen sehen wollte, der konnte überhaupt leicht
dazu kommen. Es war ein fröhliches Ding von den Kinderschuhen an
gewesen, brachte von Natur ein vergnügt geduldig Herz mit zu allem, was
die Frauen erleben können auf dieser Erde; die Innerste hüpfte da oben
in den Bergen, an ihrem Geburtsorte im Walde nicht unschuldiger, klarer
und lieblicher in die Welt hinaus.

Gegen Ende Februars, als es in Schlesien und Sachsen wieder lebendig
wurde und überall das Eis aufging, schrie die Innerste im neuen Jahre
1760 zum ersten Male, aber die junge Braut hat sie damals noch nicht
schreien hören.



                           Viertes Kapitel.


Es war ein Sonntag, und die Kirche war überall zu Ende im Lande. Der Tag
war regnerisch, doch konnte man gerade nicht sagen, daß es regne; es war
eben ein Tag im Hornung, und man mußte das Wetter nehmen, wie es sich
gab. Der junge Müller befand sich allein zu Hause, beide Alten mit den
Mägden waren nach Sarstedt zur Kirche und konnten kaum vor Mittage
zurück sein. Das Rad war gestellt, und der junge Müller lag faul auf der
Bank am Ofen und hörte der Uhr zu, die hinter seinem Kopfe im Winkel
tickte. Die Hauskatze saß zu seinen Füßen auf der Bank und putzte sich
über die Ohren; denn es war Feiertag, und dazu sollte am Nachmittage
Besuch kommen: Jungfer Lieschen mit Vater und Mutter, der Vetter und die
Base aus Harsum, ja, auch die Verwandtschaft aus Groß- und
Klein-Algermissen wollte kommen, und am Abend sollte es hoch hergehen in
der Mühle.

Der Haushund kam von Zeit zu Zeit und leckte dem Träumer auf der Bank
die Hand; dann sagte der junge Müller:

»Nieder, Laudon! Gib dich zu Ruhe; ich habe mich auch zu Ruhe geben
müssen.«

Er gähnte schläfrig, und doch zogen ihm allerlei bunte Bilder durch den
Kopf. Da dachte er, daß er nun bald ein junges Weib haben werde, und
lächelte. Dann fragte er sich, wie es dem Alten und der Alten wohl auf
dem Altenteil gefallen werde, und kratzte sich hinter dem Ohre. Nun
richtete er sich auf dem Ellenbogen halb empor und drehte sich gegen das
Fenster, um nach dem grauen Gewölk zu sehen, und da mußte er an die
Kriegsvölker im Westen und Osten denken, mit denen er's vor einem Jahre
noch hatte Frühjahr werden sehen, -- es war ihm, als höre er fern die
Trommeln und die Trompeten, und auf einmal die ersten Schüsse von den
Vorposten her. Er schüttelte sich, schob von neuem die Hände unter den
Hinterkopf und seufzte:

»Uh!« --

Mit einem Male aber setzte er sich aufrecht, daß die Katze erschreckt
von der Bank sprang und Laudon am Ofen verwundert den Kopf erhob. Es war
so still in der Stube, daß man außer dem Picken der Uhr nichts weiter
hörte, als dann und wann ein lauteres Rauschen der Innerste, und die
Innerste war's eben, die den jungen Müller Albrecht Bodenhagen so jach
aufgejagt hatte. Er war in seinen schläfrigen Phantasien, anfangs ohne
darauf zu achten, an dem Wasser hinaufgeschritten, und plötzlich --

Der Hund stand und bellte gegen die Tür, und der Müller sah verstört
darauf hin; es hatte gepocht, und es pochte jetzt noch einmal.

»Herein!« rief Albrecht, doch es kostete ihm Mühe, das kleine Wort
hervorzubringen. Mit stieren Augen sah er auf die Tür --

»^Bon jour!^« sagte der eintretende Besuch, den Hut abnehmend, und zwar
mit der linken Hand. Rechts trug er nur einen an die Jacke geknöpften
Ärmel. »^Bon jour!^ Richt' euch! Na, Musketier, hat Er's so schnell
verschwitzt, wie der Soldat sich gegen seinen Vorgesetzten zu behaben
hat? Tausend Donnerwetter, soll ich Ihm die Hände an die Naht bringen,
Musketier Bodenhagen? Ja, ja, so sieht die Kuh das neue Tor an, aber
Seinen alten Unteroffizier sollte Er doch noch kennen, Albrecht!
Schockschwerenot, da sieht man wieder, was es nützt, mit einem Esel
Freundschaft zu schließen und an tausend Beiwachtfeuern ihn zu
Sittsamkeit und Tugend anzuhalten! Kerl, so dumm sah Er nicht aus, als
ich Ihn zum ersten Mal in Reih' und Glied stellte. Na, geht Ihm endlich
ein Licht auf, Kamerad? Es hat mich lange nichts so sehr gefreut! Guten
Morgen, Albrecht; es ist wirklich ein Pläsier, daß du endlich den Mund
zumachst. Ich bin es und -- da bin ich und verhoffe, daß du es für einen
Affront genommen hättest, wenn ich heute an deiner Tür vorbeimarschiert
wäre, ohne vorzusprechen. Ich bleibe auch zu Mittag und nehme mit einem
Strohsack zur Nacht vorlieb: Du weißt, verwöhnen tut unsereinen weder
Seine königliche Majestät, noch Seine herzogliche Durchlaucht; aber ein
Vivat wirft's doch noch für beide ab; vorzüglich wenn das Getränk danach
ist. Gewehr ab! Rührt Euch! Musketier, auf _das_ Wiedersehen hattest du
dich wohl auch nicht eingerichtet, als die Glocke heute morgen in die
Kirche läutete?«

Er hatte den Hut auf den Tisch geworfen und sich in den Sorgenstuhl des
Meisters Christian. Der junge Müller Bodenhagen stand vor ihm:

»Ist Er es denn wirklich, Korporal? Bist du es wirklich in Fleisch und
Blut, Jochen?«

»In Fleisch und Blut bis auf das, was bei Minden liegen geblieben ist,
Joachim Brand aus der Bergstadt Grund im Harz; königlich preußischer und
kurfürstlich hannoverscher Korporal auf der Retraite, und bis auf das
Stück von ihm, das bei Minden liegt, immer noch dein guter Freund und
Kamerad, Musketier Bodenhagen.«

Der junge Müller sah sich um. Rechts über die Schulter und links.

»Das ist freilich Sonntagsbesuch, auf den ich mich nicht eingerichtet
hatte, Korporal,« stotterte er; aber der Einarm lachte:

»Will's Ihm glauben, Albrecht; aber das muß ich sagen, warm sitzt Er und
propre. Ist das das Nest, aus dem Er aufgeflogen ist, um mit uns zu
ziehen? Da kann ich es dir freilich nicht verübeln, daß du dich
beizeiten wieder aus dem Pulverdampf in den Mehlstaub verzogen hast! Was
sieht Er mich so jammerhaft an, Musketier?«

Der junge Müller sah in der Tat den Kriegskameraden ein wenig kläglich
und verlegen an. Die Uhr im Winkel hob eben aus und tat ihre zwölf
Schläge: lang konnt's nicht mehr dauern, so waren die beiden Alten aus
Sarstedt zurück; und was der Alte zu dem verwilderten Gaste mit dem
leeren Ärmel sagen würde, das wußte der junge Meister fürs erste noch
nicht zu sagen. Er erinnerte sich nur mit merkwürdiger Deutlichkeit
seines eigenen Empfangs zu Hause nach der Rückkehr aus dem Felde und
blickte jetzo nach dem Winkel neben der Uhr, aber einen Trost gewährte
es nicht, daß das spanische Rohr daselbst nicht an seinem gewohnten
Platze lehnte. Der Meister Christian führte es mit sich, würdig war er
daran zur Kirche geschritten, und unbedingt brachte er es wieder mit
heim; er hielt etwas auf den Stab, den er bereits von seinem Vater
ererbt hatte und noch um eine Generation weiter zu geben hoffte.

»Ich sehe dich nicht jammerhaft an, Jochen,« sagte der junge Müller.
»Aber mein Vater und meine Mutter --«

»Hoho,« lachte der andere, »steckt's da? Die halten das liebe Söhnchen
wohl fest am Bande? Sie haben wohl nicht Lust, es zum zweiten Mal im
weiten Felde zu suchen? He, Albrecht, Bruder, da laß du mich nur sorgen;
aus dem Quartier geh' ich bis morgen früh nicht. Schaff zu trinken; den
Hunger heb' ich mir zu Tisch auf! Nestküchelchen, Füsilier Bodenhagen,
Bruderherz, sind wir darum in so erschrecklichen Bataillen gestanden, um
uns zu Hause den Suppenlöffel ums Ohr schlagen zu lassen? ^Mordieu^, her
mit der Flasche -- schaff einen Schnaps; oder ich hetze deinen eigenen
Hund auf dich! wie heißt denn der Köter?«

»Schrei nur nicht so, Jochen. Hierher -- ruhig, Laudon! will er Ruhe
halten, Laudon? O Jochen, tu mir die Liebe an --«

»Laudon heißt das Beest? Nenn es Sackville, Kamerad! Feig und
niederträchtig genug sieht die Kreatur zu dem Namen aus! Hetz sie nur
auf den Zeltkameraden, Bruder Albrecht! He, Sackville! He, Sackville!
faß an, pack an, Lord Sackville! Mit meinem leeren Ärmel wehr' ich mich!
Siehst du, da verkriecht sich der Kujon unter der Bank, und da -- dort
verkriecht sich der Broglio aus der Affäre, und da lieg' ich im Sumpf,
und der Arm ist zum Teufel. Sackville, hoho, Sackville, Mylord
Sackville! so zieh' ich als ein Invalid mit dem Bettelsack aus dem
Feldspital nach Hause, und mein bester Freund fürchtet sich vor der Rute
hinterm Spiegel. Pfui, Satan; ich spucke aus und wünsche dir alles Glück
bei deinen Mehlsäcken, Albrecht Bodenhagen. Adjes, und wenn du es gar
nicht mehr aushalten kannst, laß dich beim Sackville unter die englische
Kavallerie anwerben, und deinem Hundevieh tu' ich Abbitte, das ist viel
zu gut für den Namen. Gott befohlen, Müller, und die englische Krankheit
in deine Knochen!«

Er hatte den Hut aufgestülpt und wollte eben zornig zur Tür hinaus, als
sich dieselbe öffnete, das heißt, als sie weiter aufgemacht wurde. Es
hatte seit mehreren Minuten bereits jemand da dem Dinge zugehört. Der
alte Meister Christian stand auf der Schwelle, und hinter ihm stand
angsthaft seine Hausehre und hielt ihn am Rockschoß; es wies sich jedoch
sonderbarerweise aus, daß das gar nicht notwendig war.

Der Invalide von Minden rannte an den Meister an und fuhr zurück.

»Wo will Er hin?« fragte der Greis. »Halt da! Daß Er das große Maul
gleich allen übrigen aus dem Kriegselend mitbringt, weiß ich schon.
Erwartet Ihn etwa auch zu Hause ein alter Vater und eine Mutter, die
Jahre lang allnächtlich ihr Kissen in ihren Tränen wäscht? Die Rute
hinterm Spiegel? Ei, ei, führt nicht der König gerade darum den Krieg,
um der ganzen Welt zu zeigen, daß die Rute immer noch hinter dem Spiegel
stecke? Lege Er Seinen Hut hin, Musje, sage ich; Er kann bleiben in der
Mühle bis morgen und auch noch einen Tag länger, wenn's Ihm beliebt. Auf
den Jungen da aber hatte Er nicht so hineinzuräsonieren das ist _mein_
Junge, und den hab' ich abzurichten! Marsch in die Küche, Mutter, wir
haben einen Gast zu Tisch, und wir haben auch heut abend einen Gast
mehr. Hänge Er Seinen Hut da an den Nagel, Kamerad -- da, stell meinen
Stock in die Ecke, Albrecht, und leg mein und der Mutter Gesangbuch ins
Schaff. Setze Er sich, Kamerad, und lasse Er mich von Sich und Seinen
Umständen ein Weiteres wissen.«

Der Korporal schüttelte mit einem eigentümlichen Blick auf den früheren
Kriegsgenossen dem Alten die Hand.

»Er ist mein Mann, Müller! Nehme Er vorlieb mit der Linken; ich würde
Ihm nur zu gern die Rechte geben, wenn's anginge. Mit Seinem Jungen da
darf Er natürlich machen, was Er will. Ich bin auch nicht umsonst sein
Unteroffizier gewesen und weiß, wie er traktieret sein muß. Hänge Er
auch meinen Hut an den Nagel, Musketier Bodenhagen.«

Der »Junge« tat verdrossen, was ihm geheißen worden war, trieb sich
kläglich-mürrisch noch einen Augenblick in der Stube herum und ging dann
hinaus und durch den Garten an den Zaun. Er stützte beide Arme auf den
Zaun und sah die mürrische Innerste vorbeifließen.

»O Jemine,« seufzte er, »jedermann hat seinen Willen mit mir, und wie
ich auch aufwerfen mag, es ist doch, als ob sie alle Bescheid in mir
wüßten. O je, es ist doch ein miserabel Dasein -- die ganze Welt hunzt
an einem herum, und nichts, gar nichts hat es genützet, daß man sein
Leben dran setzte, der wilde Albrecht zu heißen. Der Krieg hat mich
kaput gemacht -- und der tolle Albrecht, der wilde Bodenhagen ist zahm
genug geworden. Ohne die Alte sollte mich die Innerste schon längst mit
sich weggenommen haben. Und jetzo krieg ich auch ein junges Weib --«

Sie riefen ihn vom Hause her, und ohne sein letztes Wort zu Ende zu
bringen, schlich er zurück, fand die Suppe auf dem Tische stehend und
den Korporal Brand im besten Einvernehmen mit dem Vater und der übrigen
Hausgenossenschaft daran sitzend. So setzte er sich auch, tat den Mund
nur zum Essen auf und hörte den Jochen von der Schlacht bei Minden
erzählen; nach dem Essen aber, als der Alte schlief, stand er abermals
am Zaun an der Innerste, doch diesmal mit dem Korporal Jochen an seinem
Ellenbogen, und sah hin auf den aufgeweichten Feldweg, der von
Groß-Förste auf die Mühle zuführte durch die Felder und Wiesen, und auf
welchem die Verwandtschaft mit der jungen Braut jetzt herangezogen
kommen sollte. Der Korporal aber redete ihm ins Gewissen.



                           Fünftes Kapitel.


»Kerl,« sagte der Korporal Jochen Brand, »nun sage mir mal, was das mit
dir ist? Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit
meinem Arm ruhig bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus,
wie dir's ums Herz ist; es deucht mir, die Marschroute sei mir nur
deshalb so vorgeschrieben worden, um dir die Beichte zu hören, als ob
ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als ein Hildesheimscher
Kanonikus.«

»O Jochen!« seufzte der junge Müller.

»Als ein Hildesheimscher Kanonikus! Kerl, wenn es auf die Kanonen
ankommt, so hast du die auch oft genug singen hören im freien Felde und
hinter Wall und Schanze -- schäme dich, die Ohren hinter der Front und
gar in solch einem Quartier wie dieses also hängen zu lassen. Und deine
gesunden Gliedmaßen hast du gleichfalls nach Hause mitgebracht, und
freien sollst du das properste Mädchen im Lande -- Himmeldonner,
Kamerad, setze mich an deinen Platz und sieh dir dann das Gesichte an,
was ich dann machen werde! Aber so ist's, das Gute auf Erden wird immer
an die Unrechten weggeworfen; wenn nicht dann und wann so ein Richtiger
das Pläsier hätte, so einem unverdienten Glückspilz in seiner Fortun'
beizuspringen und mit Trost aufzurichten, so wär' es gar nicht länger
auszuhalten in der Welt. Das hätt' kein Lutherscher und päpstlicher
Pfaff besser gesagt: also heraus damit, Bodenhagen, wo fehlt's Ihm? Wo
kann der einarmige Invalide Jochen Brand aus Grund seinen Trosthebel
ansetzen?«

Der melancholische junge Müller sah nach der Mühle hin; dann von neuem
auf den Weg nach Groß-Förste, und dann faßte er den Kriegskameraden am
heilen linken Arm und fragte leise:

»Sieht Er's mir wirklich auch nicht mehr an, daß sie mich hier rundherum
auf drei Meilen Weges den tollen Bodenhagen nannten, Korporal?«

»Ne!« sprach der Korporal, ohne sich nur den kürzesten Augenblick auf
die Antwort zu besinnen.

»Dann will ich Ihm sagen, was schuld daran ist; das Wasser -- da -- das
schlechte schlimme Wasser ist schuld daran! Die Innerste ist's! Kennt Er
die Innerste, Korporal Brand?«

Der Korporal machte seinen Arm so sacht als möglich von dem Griffe
seines Kameraden los.

»Ob ich die Innerste kenne?« fragte er in der festen Überzeugung, daß
sein voreinstiger Zeltgenosse zu allem übrigen auch verrückt geworden
sei.

»Die Innerste! das böse Wasser! die schlimme Innerste!«

»Kotz Blitz?« schrie der andere. »Musketier Bodenhagen, treibe Er nicht
Seinen Spaß mit Seinem Korporal! Wenn auch der Stock mit dem rechten Arm
bei Minden liegt, so hab' ich mich doch allmählich auf den linken
einexerziert, und ich weiß von Seinem Herrn Vater, daß ein spanisch Rohr
immer noch seine Wirkung auf Ihn tut. Was meint Er zu einem Knittel hier
aus dem Zaune? Rede Er Vernunft, oder ich wecke Seinen Herrn Vater, und
auf ein Wort mit der Jungfer Braut soll's mir auch nicht ankommen.«

»Nimm du endlich Vernunft an, Jochen,« sagte Albrecht Bodenhagen. »Du
hast jetzt dein Vergnügen an mir lange genug gehabt und kannst recht
gut, ohne dir was zu vergeben, das Maul halten. Daß du mein Korporal
gewesen bist, das ist richtig; daß du mich nicht schlimmer traktiert
hast als die anderen Kerle, mag auch seine Richtigkeit haben --«

»Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man
dich unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Küstrin hat's nicht
viel besser gehabt! Hab' ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine
Mutter ihr Kind?«

»Das weiß der liebe Himmel!« ächzte der junge Müller. »Aber es mag sein,
wie's will, als du mir heut morgen in die Stube rücktest, ist es mir
wahrhaftig nur ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da
ist doch zuletzt doch einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige
reden kannst, Bodenhagen. Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber
dein Kamerad war er doch! will Er mich nun reden lassen oder nicht,
Korporal Brand?«

Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen
Müller um den Nacken.

»Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht
verlangen, daß er Spaß verstehe, und so ist's auch von dir nicht zu
pretendieren. Sonst aber weißt du wohl noch, daß in unserem ganzen
hochlöblichen Regiment nur der Oberst ein Schnupptuch in der Tasche
führte; das ganze übrige Korps, Offiziere, Unteroffiziere, Trommler,
Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams Art: also daß ich ein
Taschentuch der Rührung wegen an die Augen bringe, kannst du beim Satan
nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen Luft! wo
steckt's? wo quält dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das
Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?«

»Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen,« flüsterte der Müller, »war
ich droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat
Fridericus über den Bach zugeschrien; aber Ernst ist's mir nicht damit
gewesen. In die lustige weite Welt wollt' ich, und so bin ich
hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal. Kennst du die Buschmühle
zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen Brand?«

Der Einarm trat einen Schritt zurück und tat einen langen,
verständnisvollen Pfiff.

»Hui -- die Radebreckers Mühle! Da also liegen die Kroaten im Busch?
Alle Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da möchte ich wirklich
zurückfragen, ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmühle weiß?«

Der Müller nickte, über die Schulter scheu nach seines Vaters Hause
blickend, und der Korporal fuhr fort:

»Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten
genug, als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen,
als sich um ihr Mühlenwerk zu kümmern. Seit sechs Jahren stehe ich im
Felde; aber vor sechs Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und
Doris Radebrecker war ein sechzehnjährig Ding. Die Werber holten mich
aus dem Forst am Hübichenstein und legten mir statt der Jägerbüchse des
Königs in Preußen Kommißflinte auf, sie hätten mich vielleicht noch
bequemlicher in der Buschmühle gefunden.«

»Mich faßte dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb
Jahren, und damals war _die_ Innerste, die Doris wollt' ich sagen, so
zwischen Neunzehn und Zwanzig.«

»Wem möchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?«
murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein
wenig grimmig, und rief, seinen leeren Ärmel schüttelnd:

»Nur weiter, du Armsündergesichte!«

»Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, daß ich
in den Krieg ziehe, da meinte ich für ganz gewiß, daß ich ihm was
vorlöge. Aber gelogen hab' ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist,
Korporal; unter dem Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen
geraten, Korporal Brand; aber in der Buschmühle bin ich bekannt, und wie
ich in den Krieg gekommen bin, davon weiß Doris Radebrecker in aller
Welt am besten auszusagen.«

»Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen
und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht,« sprach der einarmige
Invalide mürrisch. »Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der
Sägemühle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der weiß
sein übrig Leben davon zu erzählen, wenn er nicht lieber den Mund hält
zu seinem eigenen Besten.«

»Laß sie nicht wissen, daß ich wieder zu Hause sitze!« flüsterte
Albrecht Bodenhagen angsthaft. »Bei unserer Kameradschaft in Not und
Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mußt -- und ich weiß es ja, daß du
jetzo es nicht lassen kannst, und wenn der Strick drauf stünde, rede
nicht von mir. Da kommt die Verwandtschaft aus Groß-Förste; ich bin
versprochen worden mit dem Lieschen von Papenbergs Hofe, und zu Ostern
ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der Doris, ich läge bei Bergen vor
der Stadt Frankfurt mit den anderen -- sechshundert in einer Grube! Sag
ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu Hameln auf Fort George
Spießruten laufen sehen -- sag ihr, ich sei verendet mit einer
zerbissenen Bleikugel zwischen den Zähnen unter den Haselruten. Sag ihr,
du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall
--«

»Lüg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; -- o Kamerad,
wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, daß sie dich hier den wilden
Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an.
Jetzo weiß ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affäre meine Pflicht
gegen den König von Preußen war, dich im Feuer stets mit dem
Flintenkolben zum Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen,
daß die Innerste dann und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges
für ihren Hunger verlange. Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von
Groß-Förste an, und jetzo will ich Seinen jetzigen Schatz mit meinen
Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und Ihm dann meine letzte Meinung
gewißlich nicht vorenthalten. Verlaß Er sich darauf; ehe ich hier aus
meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine Meinung sagen, grad
als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber hätte es
denken können, daß beim ersten Ausrücken aus dem Spital die liebe Doris
-- Doris Radebrecker wieder die erste sein würde, mir das Lachen zu
vertreiben und von vornherein den Spaß am ewigen Urlaub zu verderben.
Wie wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen
Fittich! ^Mordieu^, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund
sitzen hätte, so wär's freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder
hinterm Hamelnschen Wall seine fünf Fuß tief unterm Erdboden zu liegen.«

In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen
Erlen und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die
Verwandtschaft suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg; doch die
junge hübsche Braut, das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand
mit einem Male auf jenem Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der
heimkehrende verlorene Sohn saß, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht
bekamen. Sie stand lachend und hell unter dem grauen Himmel vor dem
schmutzig schleichenden Wasser und winkte:

»Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol über, hol über!«

»Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun
kann, Musketier Bodenhagen,« sagte der Korporal, höflich den Hut vor der
lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mädchen, und
es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein
fröhlicher Schein von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trüben
Februartage; die Innerste aber spiegelte nicht das hübsche, zierliche
Bildnis wieder, sie kroch schlammig und heimtückisch hin, mürbe,
schmutzige schwarze Eisstücke treibend. Und plötzlich regte sich der
Stamm, auf welchem die junge Braut stand. Fort und fort hatte die
Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen ihren Spiegel, und
sie verschlang ihn jetzt, daß nur der allerletzte Wurzelstumpf noch
vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mädchen von diesem hinab
und stand auf festem Boden; auch die beiden Männer am Zaun hatten einen
Angstruf ausgestoßen und eilten rasch durch den Garten nach dem
Mühlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.

»Da hättest du mich beinahe aus der Innerste auffischen müssen! Weshalb
holtest du mich auch nicht herüber, Albrecht?« rief die junge Braut
schmollend.

»Die Innerste ist eine Kanaille, Jungfer Papenberg!« sagte der Korporal
Brand, und der junge Müller sagte:

»Dieses hier ist mein allerbester Freund in der ganzen Armee des Prinzen
Ferdinand, Vater Papenberg. Er heißt Jochen Brand und ist aus der
Bergstadt Grund im Harz. Den Weidenstrunk hol' ich morgen mit dem
Frühesten aufs Trockene, Lieschen. Er soll nicht wieder einen Menschen
in die Versuchung führen. Aber jetzt kommt nur alle herein, wir wollen
uns einen pläsierlichen Tag machen.«

Sie machten sich in der Tat einen guten Tag; seit langen Jahren hatte
die alte Mühle nicht einen gleichen erlebt. Selbst der Meister Christian
legte ein Feiertagsgesicht an, wie es die Mutter Bodenhagen seit ihres
Sohnes Geburt nicht an dem Eheherrn gesehen hatte.

Der Vater Papenberg, seiner Natur nach ein vierschrötiger grober
Bauersmann und sozusagen acht Tage in der Woche ein Flegel, hatte so
fein und zutunlich wie heute auch seit langem nicht den Qualm aus seiner
Tonpfeife der Stuben- und Tischgenossenschaft ins Gesicht geblasen. Es
war ein jeglicher auf seinem Schick, und weder unter den Vettern noch
unter den Basen ging das Wort aus, wenn auch der Witz dann und wann
nicht allzu hell durch die Unterhaltung glänzte.

Und man hatte im Jahre 1760 allerhand Stoff, um darüber zu diskurrieren;
der alte Fritz und sämtliche Völkerschaften Europas sorgten dafür.

Hier war denn der einarmige Invalide von Minden, der Korporal Jochen
Brand, an seiner Stelle. Sie hörten ihm mit Erstaunen zu, und was er
sagte, war auch meistens höchst erstaunlich. Da war kein Kriegsrat, in
welchem er nicht mitgesessen zu haben schien. Wenn man ihn hörte, so
verwunderte man sich nur, daß er heute hier in der Mühle an der Innerste
am Tische sitze und nicht in einer der beiden großen Staatsmühlen zu
Berlin oder Wien am Trichter oder Beutelkasten; und daß ihn der
französische König und seine Hauptstaatsdame, die Madame Pompadour,
nicht auch schon längst nach Versailles geholt hatten, das war
gleicherweise unbegreiflich.

Im Winkel hinter dem Ofen saß aber Albrecht mit dem Lieschen. Sie
sprachen am wenigsten, und ob sie alles, was die anderen sagten,
vernahmen, das ist auch die Frage. Die Mannsleute rauchten allesamt, und
so verschwand, als nun gar noch die Dämmerung dazu kam, das Brautpaar in
seinem Winkel fast vollständig aus dem Gesichte der Verwandtschaft.

Weidlich aß und trank die Verwandtschaft, und der Meister Christian ging
stets selber in den Keller nach dem Bier. Als aber die Blechlampe
angezündet auf den Tisch gestellt wurde, da half es wenig, daß man den
Docht mit dem an dem Kettchen hängenden Drahthaken soweit als möglich
hervorzog; sie gab wohl auch ihr Teil Qualm zu dem vorhandenen
Tabaksdampf her, aber die Helligkeit, die sie hervorbrachte, wollte
wenig bedeuten. Doch aber hatte das rote Pünktchen in dem Nebel eine
andere Wirkung: das Gespräch kam von Krieg und Kriegsnot auf das, was
dergleichen blutig und brandig Elend vordeutet, als wie Kometen,
Feuerkugeln, feurige Reiter und Wagen im Gewölk, greuliche Veränderungen
an Sonne und Mond, wie jeder davon zu sagen wußte und solches erlebt
hatte, sowohl vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges, wie vor dem Angang
des ersten und des zweiten schlesischen. Wußte doch sogar ein Altvater
noch von den Wundern zu erzählen, die sich zur Zeit des vorigen
französischen Königs im spanischen Sukzessionskriege und vor der
Schlacht bei Belgrad ereignet hatten.

Davon war der Sprung klein auf das, was ein jeglicher für sein eigen
Leben und Wesen an solchen Dingen als Mahnung und Warnung und Vorsage
gesehen und gehört hatte, und der Vetter Hans aus Harsum meinte:

»Da hat der Gevatter Bodenhagen wohl auch hier lange genug auf dieser
Mühle gesessen, um davon nachsagen zu können.«

Ein Murmeln ging um den Tisch, und dann wurde es still; es war, als
horche jeder nach den dunklen Fenstern, und es war auch, als rausche die
Innerste lauter als sonst durch die Nacht.

Die Mienen des alten Müllers hatten sich mit einem Male wieder
verfinstert.

»Wenn es Ihm recht ist, Gevatter,« sagte er, »so lasse Er das auf sich
beruhen. Ich bin im Frieden mit meinem Mühlwasser und will darin
bleiben. Wir sind manches Jahr gut miteinander ausgekommen, die Innerste
und ich, und es verdrießt mich, wenn Einer seine Zunge dazwischenstecken
will.«

»Nun, nun, Gevatter Bodenhagen,« sagte ein anderer, »manchen Possen hat
sie dir doch gespielt im Laufe der Zeiten, und wir mit unseren Wiesen
und Äckern sind auch nicht leer ausgegangen. Schreien hab' ich sie
freilich nicht hören, und unter den hannoverschen Herrschaften, die im
Sommer zu uns am Sonntage aufs Dorf gefahren kommen, ist auch mal einer,
ein Hofrat und grausam gelehrter Professor aus Göttingen gewesen, der
hat gesagt, das sei eitel dumm Zeug, denn --«

Ein Faustschlag des alten Müllers auf den Tisch und ein zorniger Blick
auf den Redner schlossen dem letzteren den Mund.

»Wer die Innerste nicht hat schreien hören, der soll Gott danken!«
sprach der Meister Bodenhagen. »Und jetzt ist's zu Ende mit dem
Geschwätz darüber,« fügte er hinzu.

Es war aber noch nicht zu Ende; dafür war der Korporal Jochen Brand als
vielerfahrener Gast in der Mühle an diesem Abend vorhanden.

»Wir hatten einmal einen Schwaben im Bataillon, der hat sich hoch
verschworen, daß man jeden Quell, Brunnen oder Bach totmachen könne, daß
er _nie_ wieder aus der Tiefe heraufkomme. Man müsse einen kupfernen
Kessel auf den Grund der Quelle eingraben, sagte er, und Quecksilber
hinein in den Born schütten, davon vergehe das Wasser; in seiner Heimat
habe vor alten Zeiten ein reicher Graf so einmal einen großen Fluß zum
Absterben gebracht, weil sein Töchterlein hineingefallen und vertrunken
sei. Wem also die Innerste nicht gefällt, der mag morgen mit mir an ihr
hinaufsteigen bis zu ihrem Ursprung im Harz und das Mittel probieren.
Dem Müller hier wär' freilich trotz allem wenig damit gedient, wenn ihm
plötzlich das Wasser Empfehle mich! sagte. Du da in der Ecke, Kamerad,
da müßte dich doch die Jungfer Lieschen reineweg ans Spinnrad setzen,
wenn dir so zwischen heut und morgen das Mühlrad stecken bliebe. Nicht
wahr, Jungfer im Winkel, da soll die Innerste doch lieber schreien, so
viel sie will?«

Es kam ein Kichern aus der dunklen warmen Ecke hinter dem Ofen.

»O ja!« rief Lieschen Papenberg; doch ein verdrossener Laut klang
dazwischen, und der junge Müller sagte mürrisch:

»Ich meine, was mein Vater meint, Jochen Brand, von wegen des Wassers.
Laß es laufen, wie es will! Hier den Krug bring' ich dir, Jochen; tu
Bescheid und sag uns einen feinen Spruch dazu.«

»Das ist das Richtige!« rief die Verwandtschaft rund um den Tisch, und
der Korporal ließ sich nicht lange nötigen. Er erhob sich, legte seinen
leeren Ärmel auf der Brust zurecht und hob den Steinkrug mit der weißen
Tulipane auf blauem Grunde in der heilen Linken.

»So tu' ich denn diesen Spruch mit Verlaub und Gunst der ganzen
anwesenden hochlöblichen Kumpanei:

   Vivat, der König Fritze soll leben
   Und die Jungfer Liese auch daneben;
   Und flöss' die Innerste voll rotem Wein,
   Sollt' sie nach mir nicht lange schrein.
   Was aber ein gut Wasser ist,
   Sich immerdar bergab ergießt,
   Und bis dieser Bach zurücke wird gehn,
   Soll immer hier das Rad sich drehn.
   Nun höret mich an, ihr lieben Leute,
   Prinz Ferdinand soll leben heute;
   Und wird die Braut erst Frau genannt,
   Rückt ein zur Taufe Jochen Brand!«

Er war noch nicht fertig; denn wenn er einmal so angefangen hatte,
konnte er selten ein kurzes Ende finden; diesmal aber kam er nicht
weiter.

Der alte Müller, der mit aufgestemmten Armen, das Kinn in der Hand,
behaglich nickend zugehorcht hatte, fuhr mit einem Male zusammen, hielt
sich mit beiden Händen am Tische und tat einen Ruck an demselben, daß
die Krüge und Gläser auf ihm erklirrten und übereinander fielen. Er
stand auf den Füßen, aber nicht fest; er horchte. Die Weiber rundum
kreischten auf, und die alte Müllerin faßte zitternd den Arm ihres
Mannes:

»Jesus Christus, Bodenhagen?!«

»Still!« flüsterte der Greis abwehrend, und nach einer Pause, während
welcher man nichts hörte als das Picken der Uhr, das leise Schnaufen des
am Ofen schlafenden Hundes und das Rauschen des Mühlwassers draußen,
sagte er feierlich mit einem gewissen ängstlichen Grimm in der Stimme:

»Wer will nun noch dagegen reden? Wollt Ihr Euch nun auf Eure eigenen
Ohren verlassen, Gevatter Schulze, oder im kommenden Sommer wieder auf
Euren Göttingenschen Hofrat? Wer hat es eben nicht gehört?!«



                          Sechstes Kapitel.


Nun hätten wohl auch wir in diesem Moment gern den gelehrten Professor
aus Göttingen hier in der Stube des Müllers an der Innerste gehabt. Wir
malen ihn uns wenigstens hinein und sehen ihn leibhaftig vor uns in dem
Kostüm von Anno 1760, schwarz, mit wohlgeordneter Perücke, tadellosem
Kragen und wohlgefälteter Hemdkrause, den Hut und Stock unterm Arm, die
zierlich geöffnete Dose in der Linken und zwischen dem Daumen und
Zeigefinger der Rechten die zierliche Prise. Er ist kurfürstlich
hannoverscher Untertan, aber er hält die Illusion fest, zugleich
königlich großbritannischer zu sein; -- er tut sich nicht wenig auf die
letztere, etwas zweifelhafte Eigenschaft zugute, zumal da er vielleicht
wirklich einmal in London war und den großen Mimen David Garrik auf den
Brettern von Drury Lane »tragieren« sah. Wie dem auch sei, er nimmt
seinen Tabak mit mehr Grazie als der große Doktor Samuel Johnson,
blickt, die Achseln emporziehend, um sich her und murmelt:

»Hm, hm!«

So ziemlich das Nämliche tun wir; -- auch wir sagen Hm, hm, hm! und
sehen im Kreise umher. -- Der Göttingensche Hofrat ist nicht ganz in der
Verehrung des großen britischen Doktors Johnson aufgegangen; der
Voltaireaner Fritz sitzt in Berlin (freilich reitet er um diese Jahre
mehr in Schlesien und Sachsen hin und her), und der deutsche Professor
glaubt selbst als königlich großbritannischer Untertan nicht an den
Geist in Cock-Lane: er glaubt überhaupt nicht an Gespenster, und das ist
ein Vorzug, auf den er gottlob kaum stolz sein darf als Professor von
Göttingen.

Hm, hm; wer in der Müllerstube hatte den Bach schreien hören? -- Niemand
natürlich, das heißt niemand als der Müller selber! Es trat aber
augenblicklich das ein, was gewöhnlich folgt, wenn irgend jemand in
einer größeren Gesellschaft etwas Ungewöhnliches oder gar
Geheimnisvolles gehört zu haben glaubt.

»Alle gute Geister --« stöhnte die Müllerin, »jetzt habt ihr's doch alle
vernommen und könnt bis zu eurem Ende davon nachsagen!«

Und sie nickten fast alle, und die Weiber drängten sich zu Hauf und
flüsterten zitternd. Die Männer warfen noch verstohlenere, scheuere
Blicke nach den niedrigen schwarzen Fenstern, und wieder wurde es
mausestill in der Stube.

Sie warteten in Todesangst und doch voll eines geheimen Verlangens, daß
der Ton noch einmal kommen, daß die Innerste zum zweiten Male schreien
werde. Sie warteten jedoch vergeblich; man vernahm zu dem gewöhnlichen
Rauschen des Wassers nur einen gurgelnden Laut aus der dicksten Mitte
des Tabaksqualms. Dieser Laut rührte von dem Korporal Jochen Brand her,
der abermals den Inhalt seines Kruges die Kehle hinunterlaufen ließ; und
der Korporal war's auch, der zuerst wieder der Kompagnie ein lautes Wort
zu hören gab.

»Ich für mein Teil habe nichts gehört!« sprach er ganz gemütlich. »Alle
Wetter, und sie haben doch mein feines Ohr manch liebes Mal auf
Vorposten gelobt!« Damit setzte er den geleerten Krug mit einem Klapp
auf den Tisch nieder. »Nicht wahr, Musketier Bodenhagen?« fügte er
hinzu.

Hinter dem Ofen hervor kam eine befangene Stimme:

»Sei ruhig, Lieschen -- es war nichts! -- Ich -- ich glaube auch nicht
dran!«

Der Meister Christian nahm die Tonpfeife, die er vor sich hingelegt
hatte, wieder auf, jedoch nur, um sie in zwei Stücke zu brechen und
unter den Tisch zu werfen.

»Junge?!« rief er. »Was will der Junge? Was sagt der Junge da? -- Will
der Junge, der Landläufer, auch einmal wieder reden, ohne gefragt zu
sein?«

»Ja, Herr Vater,« kam die Antwort ein wenig zögernd, aber doch mürrisch
genug aus dem Winkel zurück. »Und wenn die Innerste wirklich schreit, so
schreit sie nicht bloß nach Ihm, Herr Vater, sondern auch nach mir; also
darf ich diesmal doch reden, ohne von dem Herrn Vater gefragt worden zu
sein.«

Der Alte ächzte in maßloser Verwunderung und stand auf von seinem Stuhl.

»Christian?!« rief die Mutter flehend; doch der Vater Bodenhagen schob
sie wieder einmal von sich und streckte drohend die Faust nach dem Ofen
hin. Es war die höchste Zeit, daß sich jemand ins Mittel schlage und,
was noch an Behagen und friedlichem Einvernehmen zu retten war, in
Sicherheit bringe. Auch hierzu war der Korporal Brand gut und auf der
Stelle bereit.

»Und setze ich den Fall, daß da draußen nicht alles in Ordnung sei oder
einer sich einen Spaß mit diesem löblichen Konvivium und guter
Vetternschaft und Freundschaft gemacht habe,« rief er, »Sakrament, so
soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht dem Dinge auf den Nacken
springe und dem Schreier verdemonstriere, wie naß die Innerste ist!
Bajonett auf, marsch, Musketier Bodenhagen. Komm mit hinaus in die
frische Luft, Albrecht, wir fangen den Spuk mit oder ohne Fischschwanz.
Hier in der Stube soll er uns was vorsingen, und der Herr Meister soll
ihm die Noten halten!«

Er sprang hinaus, und ihm nach sprang der junge Müller, dem Jungfer
Lieschen Papenberg vergeblich einen kläglichen Bittruf nachschickte. Die
übrigen blieben alle sitzen und legten sich von neuem aufs Horchen. Die
Braut drückte sich an ihre Mutter, der Vater Papenberg schüttelte den
Kopf, der Meister Christian senkte den seinigen finster auf die Brust
und schlug die Arme ineinander. Nach zehn Minuten vergeblichen Harrens
und Horchens ächzte die alte Müllerin:

»Vater, ich trage es nicht länger! Das Herz will mir vor Angst
zerspringen!«

»Laß sie doch,« murmelte der Greis. »Laß sie nur suchen. In meiner
Jungheit bin ich auch mal dem Rufen nachgegangen, meinem Vater zum
Trotz. Morgen früh -- ja morgen früh soll jedem sein Recht werden; und
jetzo, Freundschaft, guckt auf und kümmert euch um nichts. Schenk frisch
ein, Mutter, die Innerste wird nicht mehr zum zweiten Male schreien; sie
soll morgen früh ihr Recht haben!«

Die letzten Worte hatte der Alte selber mit schreiender Stimme gegen das
Fenster hin gerufen, und nun tat er selber einen hastigen, wilden Trunk.

»Guck auf, Lieschen! Gevattersche Papenberg, bringe Sie das Kind wieder
zu einem vergnügten Gesicht. Kümmert euch nicht mehr um die Innerste,
Freundschaft, ich kenne sie und sie kennt mich, und sie hat nicht im
Sinn, uns das Pläsier an diesem Abend zu verstören. Sie will nur ihr
Recht haben, und das soll sie auch morgen mit dem Frühesten kriegen.«

»Wenn ich nur meinen Jungen von draußen wieder drin hätte!« seufzte die
Mutter Bodenhagen; aber da schnarrte der Alte wiederum höchst
verdrießlich:

»Der Junge? Ja, der Junge! Freilich sagt man: was hängen soll, versäuft
nicht, und zu meinem Wunder ist der Junge ungehangen von dem Volk nach
Hause gekommen. Ach was, Gevatter Papenberg, trinke Er aus und lasse Er
nur das Kopfschütteln. Frisch weiter mit dem Pläsier!«

Das »Pläsier« war jedoch, was der Müller an der Innerste auch sagen
mochte, verdorben und blieb so, und die Fröhlichkeit des Abends kam
nicht wieder in Gang. Dagegen aber kamen von neuem die seltsamen
Historien in die Höhe, und ein jeglicher wußte abermals das Seinige zu
sagen von der Leine, der Ihme und der Innerste und selten etwas Gutes.

Die beiden Kriegskameraden blieben eine ziemliche Zeit aus; aber nicht
einmal den wachsamen Hund Laudon, der mit ihnen auf die Suche und Jagd
gesprungen, hörte man anschlagen, als ob er auf etwas Sonderbares
gestoßen sei. Am besten wird's sein, wir gehen ihnen jetzo nach; denn
wenn sie in der naßkalten Dunkelheit des Abends auch nichts Merkwürdiges
fanden, so haben sie doch allerhand Kurioses miteinander geredet; die
Jungfern, denen _wir_ erzählen, hören gern von dergleichen, zumal wenn
es sie allesamt so genau angeht wie in diesem Fall. Es klingt nämlich
durch die Nacht, das Rauschen des Mühlwassers und Wehen des Windes wie
ein kurz abgerissenes Stück aus dem alten, alten Liede von der Treue.

Sie standen beide still, nämlich die zwei einstigen Waffenbrüder vor der
Tür der Mühle, und ein jeder tat einen langen Atemzug in der feuchten
Kühle dieses Februarabends.

»Puh,« meinte der Korporal, »da merkt man erst, aus was für einem
Backofen man kommt und was für einen Dunst die gute Freundschaft im
Zusammenhocken prästieren kann. Eine Taternhöhle ist ja gar nichts
dagegen! -- Nun, Albrecht, steck die Laterne an, ohne eine Laterne
kommen wir dem Spuk nicht auf die Sprünge! Sieh, der Sackville ist ja
auch vorhanden, den können wir item gut gebrauchen. Such, such und
bring, Mylord!«

Der Hund tat ein paar Sprünge um seinen jungen Herrn herum, doch mit dem
Suchen gab er sich weiter keine Mühe.

»Du hast nichts vernommen, Jochen?« fragte der Haussohn.

Der Korporal fing an, einen königlich preußischen Kriegsmarsch zu
pfeifen, brach nach dem ersten Gesätz ab und erwiderte:

»Dich möcht' ich lieber als alles andere beim Laternenschein besehen,
Bodenhagen -- Musketier Bodenhagen! Die Innerste hat wohl nicht
geschrien, wie der Alte vermeinte; aber die Doris da oben an der
Innerste könnte wohl gelacht haben. Was meinst du, Albrecht?«

Der junge Müller lachte jedenfalls, doch es klang rauh, und die
Dunkelheit verhinderte den Korporal, zu sehen, wie sein Kamerad zu dem
Lachen die Hand ballte. Die Faust öffnete sich aber wieder, und Jochen
Brand fühlte die Hand seines Freundes an seinem gesunden Arme. Der
Müller zog ihn weiter von dem Hause weg um das Haus herum, über den Hof,
durch den Garten.

»Wer hat Ihm das gesagt; oder hat Er es aus sich selber gesagt? Das mit
dem Lachen? Jochen, es ist so; als der Vater sein Wort gerufen hatte und
das Frauenzimmer in seinem Schrecken winselte, habe ich ein Lachen
gehört. So wahr mir Gott helfe, es hat jemand in der Finsternis vor dem
Fenster gelacht, und dabei war ein Knirschen -- da -- so -- hörst du? --
gerade so!«

Diesmal knirschte nichts, als zwei der Eisschollen, die sich auf dem
dunklen, schläfrig dahinkriechenden Spiegel der Innerste aneinander
rieben, und der Korporal spuckte deshalb erst verächtlich in den Bach
hinein, dann aber sprach er ernsthaft genug:

»Musketier Bodenhagen, ich habe vieles erlebt in der Welt, und was am
grimmigsten aussah, das wurde manchmal zum größten Spaß. Ich bin mit dem
König, volle Feldmusik und fliegende Fahnen vorauf, dem Feldmarschall
Daun unter der Nase vorbeimarschiert, und er sah schauderhaft genug
herunter von seinem Berge und hinter seinen Schanzen und Kanonen hervor.
Ich weiß Bescheid in der Welt, Musketier, und zwischen Morgen und Abend
habe ich auch von Ihm genug gesehen und gehört, um zu wissen, wie es mit
Ihm steht. Will Er nun einen guten Rat annehmen?«

»Wie von einem leiblichen Bruder!« rief der junge Müller.

»So geh nicht wieder zurück in die Stube, Albrecht.«

»Ach, Jochen, rede deutlich!«

»Bleib draußen! Geh nicht wieder in das Haus zur Freundschaft zurück.
Ich habe drei Reichstaler in der Tasche, mehr bin ich in der ganzen
weiten Welt nicht wert; aber du sollst die Blechkappen haben und
willkommen dazu sein. Da liegt der Mühlensteg über die Innerste; --
spring, lauf und laß dich vor dem Jüngsten Gericht nicht wieder hier
sehen. Dieses ist mein Rat, und meine Meinung dazu ist, daß du hier ohne
Gnade und Barmherzigkeit kaput gehst. Der Alte ruiniert dich, die
Freundschaft ruiniert dich und die Jungfer Papenberg ruiniert dich zu
allermeist. Du spielst hier ja doch den wilden Bodenhagen nicht länger,
_der_ gute Geruch verdampfte wie der Franzos bei Roßbach. Die Innerste
aber holt dich bei guter Gelegenheit einmal wirklich, und die
Freundschaft und Verwandtschaft wird dir keine Stange hinhalten, um dich
aufs Trockene zu holen. Sie wird nur sagen, daß es ihr leid sei, wenn
sie dich mit dem Haken durchs Schilf zieht. Albrecht, Bruder Albrecht,
du weißt es selber, daß wir solche wie du zu Tausenden in der Armee
haben, und, Bruderherz, es ist doch vergnüglicher, bei Trommeln und
Pfeifen, mit Kling und Klang in angenehmer Kameradschaft eingescharrt,
als so zu Hause in Güte und Herzlichkeit vom Bösen geholt zu werden.
Kerl, geh zum Fritz nach Sachsen, wenn du den Prinzen Ferdinand satt
hast. Den Colignon findest du immer noch unterwegs, und er zahlt auch
ein immer besser Handgeld. Das ist der eine Weg aus deinem Jammer; der
andere aber geht hier am Bache hinauf, immer den Bergen zu. Schleich
dich zurück nach der Buschmühle, grüße Doris Radebrecker von mir und
bestelle ihr, sie solle dir schon um meinetwillen den Hals nicht
umdrehen.«

Mit schluchzender Stimme wimmerte der wilde Bodenhagen:

»Aber da drinnen in der Mühle in der Stube bei Vater und Mutter habe ich
ja meinen Schatz, meine junge Braut sitzen?!«

»Jawohl, hinter dem warmen Ofen, und des Herrn Vaters spanisch Rohr
hängt ihr über dem Kopfe am Nagel. Kamerad, ich sage dir, nimm dich in
acht, daß du die Innerste nicht wirklich und wahrhaftig nach dir
schreien hörst, wenn der Pfaff dir das arme Ding erst niet- und
nagelfest um den Hals geschmiedet hat. Nun, wie ist's? nimmst du
Vernunft an von deinem alten Zeltbruder und Unteroffizier? Greif zu; --
da hast du den Juden Ephraim und den Borussorum Rex dazu dreifach als
Reisegeld. Als du zum ersten Male durchgingest, hat dir der Herr Vater
wahrlich nicht so viel gutwillig mit auf den Weg gegeben.«

Er hatte sein letztes Besitztum an klingender Münze aus der Tasche
geholt und hielt es hin; der andere aber schob die Hand mit dem Gelde
mattherzig zurück.

»Dir ist dann nicht zu helfen,« sagte der Korporal Brand mit einem
Fluch. »Also sehe ich auch nicht ein, daß wir uns noch länger hier in
der Kühle und Feuchte herumtreiben. Laß uns zurück in die Stube.
Element, nachher wundert sich Seine königliche Majestät Fritze noch, daß
selber ihm manchmal eine Bataille schief abläuft. Kotz Blitz, es ist
auch ein Wunder, daß er mit solchen Breiköpfen und Plattfüßen in Reihe
und Glied sich doch noch so anständig durch zwei schlesische Kriege bis
in diesen dritten hinein durchgeschlagen hat. Marsch zurück unter den
Ofen, Sackville! Und meinen leeren Ärmel trag' ich auch noch nicht lange
genug, um nicht die Nachtkühle an dem nichtswürdigen Stumpfe zu
verspüren!«

Er drehte sich kurz um und ging in das Haus zurück. Strack und munter
trat er in die heiße, dampfvolle Stube ein, und dicht auf den Hacken
schlich ihm Albrecht nach.

»Herr Meister,« rief der Einarm lachend, »bei der Finsternis da draußen
suche Ihm ein anderer Seine nächtlichen Spukmusikanten. Hier der
Musketier Bodenhagen ist mein Zeuge, daß die Innerste so sanft
dahinfließt, als hätte sie niemals ein Mühlenrad getrieben oder einem
Müller die gute Laune verdorben. Und das muß ich auch sagen, das
Gespensterhafteste, was man heute abend zu sehen kriegen kann, sind die
Käsegesichter, welche die löbliche und angenehme Vetternschaft allhier
durch den Nebel schneidet. Hab' ich recht, Jungfer Papenberg?«

Die Jungfer Papenberg antwortete dem lustigen Invaliden nicht, ihr war's
genug, daß sie den Bräutigam heil und ganz von der gefährlichen
Expedition wieder hinter den Ofen ziehen konnte.

Der alte Müller Bodenhagen sagte aber ruhig:

»Er hat sich eine vergebliche Mühe gemacht, Musjeh. Meine Schuld ist es
nicht, Korporal Brand. Das Wasser schreiet wohl, aber sehen läßt sich
selten etwas, und das ist auch das Beste.«

Die anwesende Gesellschaft, die trotz allem vollauf genügenden Grauen
und Gruseln gehofft hatte, von den beiden mutigen Kriegsleuten noch
etwas Grauligeres zu vernehmen, fühlte sich getäuscht, wenngleich
niemand dieses zu sagen wagte. Es ist still geblieben, und die
Freundschaft von Groß-Förste, die am Nachmittage auf dem Wiesenwege
angekommen war, stieg nach einem bedrückten Abschiede auf den
Leiterwagen und fuhr wieder ab auf dem Fahrwege. Ebenso die
Vetternschaft aus Harsum und aus Pattensen.

Als der junge Müller seine Braut auf den Wagen hob, erschien sie ihm
beim Lichte der Laternen merkwürdig bleich, und sie schluchzte auch:

»O Albrecht, ich werde toll, wenn ich erst ganz bei dir bin und einmal
allein sitze und die Innerste schreit!«

»Binde dir selber keine Dummheiten auf und laß dir keine aufbinden!«
lachte der Bräutigam, doch klang sein Lachen gar nicht lustig.

Was der Göttingensche Hofrat und Professor zu dem Rate des Korporals
Jochen Brand gesagt haben würde, können wir leider nicht wissen: seine
Ansicht darüber wäre uns aber sicherlich höchst willkommen gewesen.



                          Siebentes Kapitel.


»Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf, der geht auf sein Wohl
bergunter, Meister Müller. Den Zweiten nennen wir den Nebeldrücker;
diesen bringe ich Ihr zu, Frau Meisterin, und verhoffe, daß Ihr kein
Nebel in diesem Jahre den Dampf antue. Den Dritten nennen wir den
Lerchentriller, und den trinke ich zum Schluß auf dein Wohl, Musketier
Bodenhagen. Von den Lerchen ist freilich gegenwärtig noch nicht viel zu
sehen und zu hören in der Luft -- es sieht mir vielmehr nach einem
ordentlichen Schneefall aus. Aber einerlei, ein Soldat marschiert mit
gleichem Mut durch jedes Wetter; also habt allesamt Dank für eure
kompläsante Aufnahme und fürs gute Quartier; und Ihm, Meister Müller,
wünsche ich noch ganz apart beiseite, daß Er recht behalte, und daß das,
was Er da eben so grausamlich vollführet hat, Ihn und sein Hauswesen vor
allen Halunken von Geistern und Gespenstern schütze und nicht bloß vor
denen, die in Seinem Mühlwasser ihr heimtückisch Wesen treiben.«

Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand,
und der Meister Christian entgegnete ihm:

»Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen, obgleich Er ihn wohl
ein wenig feiner hätte vorbringen können. Sonst aber hat Er mir ganz
wohl gefallen, Korporal, und es freut mich, daß mein Junge unter Seinen
Stock unterm Volk geraten ist. Das Quartier war gern gegeben, und wenn
Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeiführen wird, so erinnere Er sich,
daß ein Teller für Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch
gestellt wird.«

»Das ist ein Wort, Herr Vater, und ich bin der Mann zu dem Teller,
Meister Müller. Aber nun adjes, Frau Mutter und Kamerad Albrecht! Bleibt
gesund und munter. Beiläufig, es ist doch ein Gaudium, so frank und frei
auf jeder Landstraße marschieren zu dürfen, ohne vor dem Colignon und
seinen Leuten Bange zu haben. Da sieht man, wozu eine französische
Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist. ^Bon jour!^«

Sie standen während dieser Reden alle auf dem Mühlenstege, der über die
Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Groß-Förste führte, und der
Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbäuchige
Branntweinflasche, aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden
Seiner Majestät in Preußen zum fröhlichen Abschied den Weckauf, den
Nebeldrücker und Lerchentriller eingeschenkt hatte. Aber auf diesem
nämlichen Stege hatte er, der Alte, im Augenblick vorher ein anderes
nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet, was auch des Erzählens wert
ist.

Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen
haben, und wehe! wenn sie den nicht kriegt. Ein lebendiges Landtier
fordert sie für ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein
schwarzes Huhn; weshalb, das weiß man nicht. Bekommt sie ihren Willen
nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden, wird ihr das Huhn nicht mit
gebundenen Füßen und Flügeln in den Rachen geworfen, so hilft sie sich
selber. Sie versteht es, sich selber zu helfen, und holt sich einen
Menschen -- ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen! -- und zwar noch in
dem nämlichen Jahre. Manchmal wartet sie heimtückisch boshaft bis in die
letzte Stunde; aber sie erhascht ihr Opfer und sollte es auch erst in
der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen.

Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt; der alte Müller an der
Innerste, Meister Christian Bodenhagen, hatte die ganze Nacht hindurch
ein zu seinem Unglück schwarzgefiedert Huhn, das ruhig und ahnungslos
auf seinem Balken schlief, nicht aus seinen Gedanken und Träumen
gelassen, und nun -- hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den
Rekruten, auf welchen er's abgesehen hatte. Die Zuschauer hatten mit
geheimem Schauder das elende Tier in der Mühlrinne zappeln sehen und
kreischen gehört -- die Innerste hatte ihre Beute verschlungen, und
selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt, den Meister Christian
auszulachen. Der Korporal hatte sogar dem jungen Müller leise den
Ellbogen in die Seite gestoßen und ihm hinter dem Rücken der Hand
zugeflüstert:

»Du! Der König Fritze würde zwar über dieses auf Französisch gelacht
haben, doch mir ist's augenblicklich gar nicht lächerlich mehr. Nun ist
mir doch wahrhaftig selber, als hätte ich gestern abend ein Geschrei
gehört! Alle Wetter, Musketier Bodenhagen, gib mir acht, daß du für dein
Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast, wenn du hier allein Herr
und Meister sein wirst. Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg
scheinen täte, was sie nicht tut, so würde sie mir diese Narrheit nicht
aus dem Kopfe scheinen. Was ich gestern abend gesagt habe, behält eben
doch seinen Sinn. Merk dir's, Kamerad.«

Darauf hatte der junge Müller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in
die Seite gesetzt, aber nur stumm dazu geseufzt. Der einarmige Invalide
verschwand auf dem Wege nach Groß-Förste im Morgennebel, und der Meister
Christian sagte:

»Ja, ja, Albrecht; wärst du mir so wie der nach Hause gekommen, so
hätt's mir auch besser gefallen. Das ist wenigstens ein Kerl und kein
Windsack. Marsch an die Arbeit! was steht Er da und gafft, Junge?«

Die Mutter Bodenhagen trug die Flasche und das Glas in das Haus zurück,
und allesamt gingen sie, ein jeglicher an seine Geschäfte. Es gab viele
Arbeit in der nächsten Zeit, und das war für alle gut, besonders aber
für den Haussohn, denn dem flog's recht häufig um Stirn und Nase, gleich
einer lästigen Fliege, die weder zu fangen noch zu verscheuchen war.

Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Leute sich auf die Hochzeit des
jungen Müllers und der Jungfer von Papenbergs Hofe freuten und wie viele
sich zu derselbigen geladen und ungeladen einfanden. Zu angesetzter
Zeit, als die Welt wieder grün geworden war, fand sie statt, und es
wurde eine große Lustbarkeit. Unter den ungeladenen Gästen fanden sich
gottlob keine von denen, die Lieschen Papenbergs gute Freundinnen so
gern aus den Feldlagern in Westfalen, Schlesien oder Böhmen hergebeten
hätten. Die Sonne schien, die Geige schrillte, und der Brummbaß rumpelte
dem Siebenjährigen Kriege und den Franzosen im Lande zum Trotze, und was
das allerbeste war: die Innerste hat nicht die Pläsierlichkeit gestört,
das Wasser hat nicht in die Lust hineingeschrien. Das war auch für sie,
die Innerste, das beste; denn weder ein schwarz noch ein bunt Huhn wäre
an dem Tage für sie auf dem Hofe zu finden gewesen. Groß und klein, jung
und alt, waren sie in die Suppentöpfe gewandert -- nicht ein einziges
entging dem Messer der Hausmutter.

Und die Männer sagten alle, eine so saubere Braut wie das Lieschen sei
im ganzen Fürstentum Hildesheim nicht zum zweiten Male zu finden.

»Ich suche auch gar nicht danach,« sprach der junge Meister, und der
alte Meister rieb sich die Hände und murmelte:

»Nun mag es doch noch gehen; in sichere Zucht ist er anjetzo mit Gottes
Hülfe gebracht. Ich habe das Meinige an ihm getan, und wann er jetzo dem
Stabe Sanft parieren wird, so tue ich vor Johanni noch ein letztes und
gebe das Regimente ganz und gar ab. Der Alten wird's auch so recht
sein.«

So reden die Menschen von dem, was sie morgen -- übermorgen -- vor
Johanni tun wollen! Der Hochzeitsjubel ist verstummt in der Mühle; den
Brummbaß samt seinem Musikanten hat man am Morgen in zärtlicher
Umarmung, und was den Musikanten anging, im tiefen Schlaf im Graben an
der Straße nach Hohen-Hameln, und den alten Müller, den wackern Meister
Christian Bodenhagen, in seinem Bette tot gefunden. Der Medikus aus
Sarstedt hat ihn, den Meister, nachträglich zur Ader gelassen, jedoch
ganz und gar vergeblich.

»Es ist eben, auch nach der Errichtung der Universität Göttingen, immer
noch ein eigen Ding mit diesen Schlagflüssen, Mutter Bodenhagen,« sprach
der Doktor zu der in Tränen und Jammer aufgelösten alten Frau. »Zu
schnell kann unsereiner nie kommen. Halte Sie sich an den Trost, daß im
vorliegenden Casu die ganze medizinische Fakultät der Georgia Augusta
nicht mehr ausgerichtet hätte als wie ich.«



                           Achtes Kapitel.


   Auf einer Trommel saß der Held
   Und dachte seine Schlacht,
   Den Himmel über sich zum Zelt,
   Und um sich her die Nacht;

nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760. Als
es dämmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den
Liegnitzer Hügeln; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel
der Preußen, und zwei Stunden später war wieder einmal alles ganz anders
gekommen, als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der König
Fritz von Preußen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht
ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz
gewonnen.

Der Hauptmann von Archenholz, der als blutjunger Junker mit dabei war,
sagt, daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen
Walplatz, die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hübsch
schildert er auch, was nach der Affäre vorging:

»Um fünf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europäischen
Ländern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden
Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits
große Taten geschehen und vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg
erfochten, der die Vereinigung der Russen und Österreicher hinderte, und
alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwürfe vereitelte.
Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer
machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch; ein Marsch, der
durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war, der Aufzeichnung
so sehr wert, wie irgendeine große Begebenheit des gegenwärtigen Kriegs;
denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren
umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrücken und
dabei alles eroberte Geschütz, alle Gefangenen und auch alle Verwundeten
mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen; auch andere
Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehören, wem sie wollten;
selbst der König gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen
und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die Verwundeten,
die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen schlug man
in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von den
feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins
mitnehmen. Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen, erheblich oder
unerheblich; es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb
zurück, weder von den Preußen, noch von den Österreichern, so daß um
neun Uhr, vier Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet
neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen
Marsche war.«

Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so
reinlich, leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute, daß es eine
wahre Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schön, und nicht bloß
in Schlesien. Um diese neunte sonnige Morgenstunde, während der alte
Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz
befand, sang in der Sarstedter Mühle eine helle Stimme, die aber mehr
der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehörte, fröhlich in den
jungen Tag hinein.

Die junge Müllerin sang, und die Räder der Mühle drehten sich lustig,
die Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten
grünte und blühte und duftete es. Die Vögel, die Blumen und die Bienen
wußten so wenig wie die junge Müllerin, daß soeben der König von Preußen
die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen
gesagt hätte, würde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei
gewesen sein. Die Vögel sangen, die Bienen summten, die Schmetterlinge
flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts, und die
junge Müllerin sprang hell und glänzend in den Garten, um Petersilie zu
pflücken, -- was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an?

Es war jammerschade, daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr
bei Kunersdorf gefallen war, er hätte die Müllerin sehen und den Sommer
besingen sollen! Es paßte alles zusammen: die junge Frau mitten unter
dem Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tür um den
schwarzen Topf tanzen sah, die Bienen, die Vögel, die Blumen, das
tanzende Rad, die Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten,
sonnigen Wiesenflächen jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er
war damals noch nicht der alte Vater Gleim, sondern als Sekretär des
Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck, ein Mann in seinen
besten Jahren und sang Kriegslieder: _ihm_ hätte es damals nichts
genutzt, das Hüttchen, das Flüßchen, die Wiese und den Garten, die Sonne
und die junge Müllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit -- auch
in einem poetischen Gemüte! Der tapfere Krieger singt von den Schäfern
und Schnittern, der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren,
und wahrscheinlich ist's ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim zu
werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen -- Anakreon soll's auch
so gemacht haben.

Der jungen Müllerin sah man's nicht mehr an, daß ihr Hochzeitstag sie in
ein Trauerhaus eingeführt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band
auf der Haube, aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem
jähen Schrecken, der ihrer Brautnacht folgte, an ihr übrig geblieben.
Und so war's in der Ordnung! Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete
Frau drinnen im Hause, am offenen Fenster, die vor ihrem Spinnrade die
Hände auf dem großgedruckten Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter
ihrer Hornbrille immer noch durch Tränen in den Sonnenschein
hineinzwinkern; für die Jugend wollte es sich nicht schicken -- das
Leben war kurz und der gegenwärtige Morgen gar zu schön!

Die junge Müllerin sang: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud!« sie
sang:

   »Die Bäume stehen voller Laub,
   Das Erdreich decket seinen Staub
   Mit einem grünen Kleide.
   Narzissen und die Tulipan,
   Die ziehen sich viel schöner an
   Als Salomonis Seide.

Aus Kleists Frühling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und
noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es
vordem gesungen:

   »Die Bächlein rauschen in dem Sand
   Und malen sich an ihrem Rand
   Mit schattenreichen Myrten;
   Die Wiesen liegen hart dabei
   Und klingen ganz vom Lustgeschrei
   Der Schaf' und ihrer Hirten, --

und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das
Loblied des Sommers ein; der neue Herr der Mühle, Meister Albrecht
Bodenhagen, sang mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine
schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden, er -- Herr der Mühle
an der Innerste oberhalb Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes
Wasser: wer je Übles von ihr gesprochen hatte, der mochte die
Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen.

Ja, wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der
Nixe nicht gewesen wären.

Der Müller Albrecht Bodenhagen hörte Paul Gerhardts Sommerlied durch das
Geklapper seiner Mühle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz
klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht länger aus:

   »Die unverdrossne Bienenschar
   Fleugt hin und her, sucht hier und dar
   Sich edle Honigspeise!«

jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am
Fenster legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und
schüttelte ob der lustigen Jagd, die jetzt um die Büsche anhob, den
Kopf.

»Drei Schritte vom Leibe!« rief die junge Frau, mit beiden Händen
abwehrend. »Wie eine Schleiereule sieht er aus, ganz Groß-Förste hat
seinen Spaß daran, wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm
aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rühr mich nicht an! ich
werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du
staubig Müllergespenst!«

Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die
Suppe; aber er griff doch zu und lachte:

»Weshalb hat Sie einen Müller genommen, Jungfer Papenberg? Einen
Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?«

»Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht über, und mein Brei
brennt an, und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!«

Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.

»Und ich fange dich doch, mein Schatz!« rief der junge Meister.

»Jawohl -- ei freilich: mein Schatz! das hast du auch gelernt im Felde
--

   Lieschen, mein Engel, meine Herzenstrompet',
   Meine Pauke, Standarte und meine Musket',

-- dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen. Nein,
nein, ich will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu
fegen und zu bürsten. Mutter! Hülfe, Mutter Bodenhagen!«

Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen
Fenster, und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches
Lächeln. In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich
aber doch nicht ein; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:

»Sind das schon fünfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da
durch dieselbigen Wege nachjagte?«

In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der
Mühle seine Müllerin --

   »Geh aus, mein Herz, und suche Freud
   In dieser lieben Sommerzeit
   An deines Gottes Gaben!
   Schau an der schönen Gärten Zier
   Und siehe, wie sie mir und dir
   Sich ausgeschmücket haben!«
sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht
bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall
Laudon an diesem Morgen einander geliefert
hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei
Augen drüben am andern Ufer der Innerste im
Weidendickicht! --

Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter
niedergegangen, und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner
Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht
übergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen
knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser
überspült, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der
Mühle lugend. Nicht häßlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung
anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine
fast männlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich
gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager und
gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grünem
Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich, wunderlich ließ
den Fuß im Wasser! Wie sie so dastand, hätte sie daraus hervorgestiegen
sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die
Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote,
trübe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen,
großen, grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen
wollen, der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!

Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an
die Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des
Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten
Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.

Zu ihren Füßen -- um ihren Fuß! -- regte sich und glitt leise die Flut
der Mühle zu, und die Blasen -- die Luftblasen vom Atem der
Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten
im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe
gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und
warten »auf Seelen«; wir wissen das nicht und können nicht darüber
nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im
Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche Augen
wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlgraben sah und nun in die
Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.

»Du Schelm!« flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das
Weib im Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie
her erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen
Schlammboden, und -- das war alles um den letzten mutwilligen Schrei,
mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers
wehrte.

Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben
sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der
Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.

»Du wilder Albrecht -- wenn -- du nun begraben lägest mit den tausend
und tausend anderen -- in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der
arme Barthold Dörries?!« flüsterte die junge Frau, und in demselbigen
Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang
zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht;
auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher
Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch
oder aus dem Wasser komme! -- -- --

Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr
zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und
wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß
sich _das_ zum zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne
morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein.
Von Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen
die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich
die Stimme nicht zum zweiten Mal hören.

Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und
wahrhaftig geschrien; -- es war keine Sinnestäuschung gewesen!

»Um Gottes und Jesu willen, was war das?« rief die junge Frau. »Hast du
es denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte?
Albrecht, Albrecht, -- Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat
gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich
die Stimme noch einmal höre!«

Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte
die Zähne zusammen und lachte heiser:

»Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick
still; -- diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde
hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; -- ich werde
ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.«

»Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!«

Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus
dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg
laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich
rief sie ihn noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur: »Such, such,
Laudon!« rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knien saß sie auf
der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam
aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie saß halb bewußtlos in der
Sonne; alles -- Bäume und Büsche und Blumen, die Wiesen und das Haus,
wirrte sich ineinander; -- sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen
und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis
der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn
Minuten, die er ausblieb!

Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah
mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch
einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen
doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller
aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam
und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor
sie hinstellte.

»Kein Jägersmann, dem man Glück zur Jagd gewünscht hat, kommt mit
leererer Tasche zurück, Liese!« sagte er. »Es ist eine Dummheit und es
bleibt eine Dummheit. Mein Trost ist nur, daß es nicht meine Sache ist,
einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die
Spinnstubenhistorien hineinzubringen.

»Du hast nicht gefunden -- gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!«

Meister Albrecht schüttelte den Kopf.

»Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts
zu hören als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der
es darauf ablegt, sich in dem Röhricht zu verstecken. Und der Laudon ist
zu gar nichts nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er
heißen, und wir wollen uns einen Köter mit einer feineren Nase
anschaffen zu deiner Beruhigung, Lieschen. Wahrhaftig, da läuft ihr noch
eine Träne über die Backe. Jetzt tu mir den einzigen Gefallen, guck
wieder auf. Morgen lege ich Fußangeln das ganze Weidicht durch, und ich
gebe dir mein Wort, das nächste Mal fangen wir das Geschrei. Nach
Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben habe!«

»O Albrecht,« rief die junge Frau Liese mit gefalteten Händen, »tue das
nicht! denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit
Fußangeln fangen; sie will ein Lebendiges --«

»Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen
Teufeln! Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mühle -- was
vorher war, ist abgetan, und die alten Narrheiten kümmern den neuen
Müller nicht mehr. Dazu bin ich nicht gegen den Franzos im Felde
gewesen, um mir von solch einem nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten
zu lassen. Meine Hühner ess' ich selber! Solange mein Vater lebte, habe
ich mich freilich genug ducken müssen; aber als ein Tropf vom Wirbel bis
zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause gekommen.«

»Aber dein Vater --«

»Der ruht endlich in Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an
der Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf
über -- da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein
anderes zu warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst,
Lieschen, so schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem
nicht gegen die Alte. Die Alte wäre imstande, unseren ganzen Hühnerhof
den Bach hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem
Kuh- und Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist
wahrlich so in der Welt: man braucht nur laut zu brüllen, um seinen
Willen zu kriegen, und die Innerste versteht das meisterlich.«

»Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen,«
sagte weinerlich die junge Frau.

»Die besten Stücke von dem allerschwärzesten Huhn sollst du am Sonntag
haben,« sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Küche in
die Stube, wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster saß.

Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den
Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und
geflüstert:

»O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und
Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!«

Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers
lag wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der
Greisin. Das große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die
Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinander
gelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem
Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleißigen Hände;
die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den
Sorgenstuhl --

»Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen
Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen,« flüsterte der junge Herr und
Meister in der Mühle.

»Du bist doch ein guter Junge, Albrecht,« sagte leise die junge Müllerin
zu ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: »Wenn ihr das Buch
von der Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; -- ich nehme
es ihr unter den Händen sanft weg.«

Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie
nieder auf die Knie und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten
Schrei:

»Albrecht? Albrecht! -- Albrecht!« --

Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und
Lärm in der Welt mehr auf. Kein Lärmen -- Weinen und Lachen rundum
weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste
schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen --
einerlei! Die alte Frau schlief -- schlief ruhig weiter.



                           Neuntes Kapitel.


Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der _wilde_ Harz.
Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die
Innerste reguliert worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die
Natur -- Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18.
Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger
verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und
anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.

Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste
aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und
Lautenthal führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt,
wie der Leser schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers
Mühle an der Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine
Sägemühle mit gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren
still, und der vom Fels hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet
allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmüller hat dieses Geschäft längst
aufgegeben und sich ein ander Brot gesucht.

Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des
Tales gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in
ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis
aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken
von Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts,
es wird nicht reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem
Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten,
trümmerhaften Rade.

Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und
Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und
Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und
zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das
alte Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er
doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in
der Winternacht, im wilden Walde -- vor der Bluttat und nach derselbigen
-- ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus
dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad -- seltsam zu hören aus einem
Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit
hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Männerstimme den
Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz zurück.

's ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste,
oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den
Wald kommt. Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs
Ohr gedrückt, er trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug;
aber Hut und Rock sind um ein Beträchtliches schäbiger geworden; -- sie
scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen
Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage muß es auch nicht weit
hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der Korporal nicht aus, und die
schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel sind die munterste Farbe
an ihm.

Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu
den alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die
Jacke nur noch einen der Messingknöpfe mit dem ^F. R. -- Fridericus Rex^
-- aufzuweisen hat -- der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten
Ärmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.

Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und
stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich
sah. Drei mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und
stürzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber
erkannten, begrüßten sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der
Herr des Hauses, der jetzt in seine Tür getreten war und unzweifelhaft
einer etwas genaueren Beschreibung würdig ist.

Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen
Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht
einst als die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war
und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn's
sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte
es zu einer Höhe von fast fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte
war ein ganz menschenähnliches Individuum aus der Mandragora geworden.
Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit dem grauen, zotteligen Köpfchen des
Alten geboren worden war, konnte niemand wissen, aber niemand erinnerte
sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe
erblickt zu haben. Seitwärts geneigt trug er das Köpfchen auf der einen
Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör
war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise
meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des
Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.

Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine
im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine
Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:

»He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch
immer nicht lassen; -- da ist Er ja wieder! -- Es ist ein Prachtmädchen!
Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie
können nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem
guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie's in dem Buche steht:
>Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt.<«

Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß
jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen
Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie
das folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann
auch nach der Richtung.

»Guten Tag, Vater Radebrecker,« sagte der Einarm, militärisch grüßend.

»Guten Tag, mein Söhnchen,« entgegnete der alte Meister. »Der Herr segne
deinen Eingang und -- Ausgang.«

»Hm,« meinte der Soldat, »kann Er's denn gar nicht lassen, Er alter
Sünder? Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen,
der immer noch geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn
je. Will Er denn absolut Pastor in der Hölle werden und von einer
glühenden Kanzel den armen verlorenen Seelen Geduld predigen,
Radebrecker?«

»Hm, -- jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden
gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem
Menschen zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.«

»Man sollt's doch nicht für möglich halten!« brummte der Invalide mit
einem Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit
einem gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das
Gespräch auf etwas anderes.

Er sagte mit einigem Zögern:

»Da Er's doch schon weiß und darüber sein Pläsier hat, so mach' ich's
kurz: der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär's auch nur, um
mich von ihr malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom
Profossen. Wie geht's der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?«

»Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche
Stimme. Es ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den
Wald hineinsingen zu hören.«

Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber
legte die Hand hinters Ohr.

»Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer
schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage?«

»Ich sage auch, daß die Innerste -- die Doris eine feine Stimme hat und
sie weit hinausschickt!« schrie der Korporal Jochen Brand. »Ich bin
nicht der erste, der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und
den sie hergesungen hat nach dieser verdammten, gottverfluchten
Räuberhöhle. Und an Boten für ihre Wege fehlt's ihr auch nicht; wenn nur
der Botenlohn danach wäre!«

»Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal,
daß Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am
Tische hat für jedermann, von dem man zu Hause -- nichts wissen will,
und wenn er noch so glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist
das köstlichste Ding auf Erden und ein gut Gewissen --«

»Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und
verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt
in der Stube?«

»Wie's Täubchen im Neste; -- und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn
gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh' Er nur hinein; ich habe
noch hier draußen zu schaffen und komme nach.«

»Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister
Radebrecker!« seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und
stiefelte mit gehobenen Knien wie ein Storch über die Hausschwelle. Der
Alte schlich sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte
vergnüglich in sich hinein.

Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:

»^Bon jour, mademoiselle!^«

»He?« fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.

»Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein' ich. Wir haben manchen
Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und
was den Damens sonst gefällt.«

»Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht,« sagte die Jungfer
Radebrecker. »Wenn Er Seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit
vom Ofen locken kann, so hab' ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad.
Bringt Er mir sonst was mit, so komm' Er herein, Jochen, sonst aber
bleibe Er draußen.«

Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube
vor. Die Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und
Fels sahen herein. Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres
Holzschemels sich legend und aß mit einem blutigen Messer in der Hand
ein Stück Brot. Das Messer hatte sie aus der Küche mitgebracht, und wenn
die kurfürstlich hannöverschen Förster nachgesucht hätten, so würden sie
auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote
Lebenstropfen an der Klinge hingen.

»Sakerment,« murmelte der Invalide, »am besten paßte sie doch zwischen
Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der
Schulter und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen
im Notfalle unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns
eingibt, daß wir ihr immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?«

Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit
einem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.

»Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen?
Aber -- ganz wie es Ihm beliebt.«

Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz,
warf seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:

»Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl
kennen mögen.«

»Weshalb?«

»Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen hätte; den alten Satan
und die alte und die junge Hexe. So ist's, Jungfer Radebrecker, nehme
Sie es mir nicht vor ungut.«

Das Mädchen lachte wiederum, -- ganz und gar nicht beleidigt:

»Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der
Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es
wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen
ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt
zuletzt in ein Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle,
Jochen?«

Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast
grimmig ins Gesicht und antwortete:

»Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh' ich doch nicht
wieder für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust
trügest, so ließest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch
einem armen Tropf gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu
gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter
Mann davon zu wissen. Doris, wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du
deinen Groll büßen, so wild du wolltest, und sein jung Weib müßte seine
Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und
wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist's nicht aus eigenem
Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder
in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die
Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du
es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie
wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu
suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen;
-- sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem
Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst
an den Tisch gesetzt, und du -- sitzest hier oben wie eine wilde Königin
-- keine zahme hat's mehr nach ihrem Wunsche.«

»So?!« sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal
Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:

»Ja! so! -- Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei
gewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in
der Buschmühle das Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz
weiß ich, was er gefunden hat --«

»So?!«

»Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der
Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und
letzten Mal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und
führe Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem
Kriege und weiß, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter
als ein groß Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch
an der Innerste holen und ihn über die Bank ziehen, so wollte ich mich
Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als
einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh gelegt. Weil aber
sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Kräften
besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie
ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das
kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der
Bach, die Innerste sich nimmt, wenn's hier in den Bergen sich allerlei
hat gefallen lassen müssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im
Hildesheimschen die Äcker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal
in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen
Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm,
und -- _so_ spreche ich heute in der Buschmühle. Ich weiß wohl, daß wir
nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer
Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert sich
heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch
Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die
Russen und die Österreicher, der Tottleben und der Lascy; -- wer sich da
als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet
in der Welt, der hat Ehre davon. Ich überlegte es mir doch noch einmal
in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.«

Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen
Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin-
und hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie
dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die
Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.

»Er ist ein guter Kamerad, Jochen,« sagte sie, »und Er hat ein gutes
Wort gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht
Bodenhagen? Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen
mögen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast's eben noch
selber gesagt. Hier in der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen
worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde
Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich's nicht ändern
--«

»Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,« brummte der Korporal, »du
weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns
vorhältst. Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber
das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel
ungeschoren lassen!«

Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz
war.

»Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem
armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen
Bodenhagen spielte, hab' ich's. Was weißt du von mir und ihm? -- Er hat
mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er
mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen können! und jetzo soll er
die Rechnung zahlen, der Müller von Sarstedt, und ihr -- ihr sollt mich
nicht umsonst die Innerste nennen!«

Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen
Erstaunen -- mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die
Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei
Gäste des Buschmüllers.



                           Zehntes Kapitel.


Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell
Sturm. Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die
Tür treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist
es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den
Liedern, die die Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und
wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut
zurücktreten von der Schwelle, die Tür verriegeln und am Herde am warmen
Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber auch heimelig und lieblich ist's
dann, beim Lampenschein liebe Gesichter -- junge und alte -- um sich zu
sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hören; -- mit sonderbar
heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft
dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht
schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem Flüstern herabsinkt; es
ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; -- den
Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die
guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er
wieder die Lider aufschlägt und umhersieht.

Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man
recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder
herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine
Pläne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun
lachten und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave
Vetter Michel, wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base
und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und
Großmutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend
geworden war, der Tisch war zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die
Innerste saß an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen,
der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen
Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und
für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht's auch ein seltsames
Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber geredet,
geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es
gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer
Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank
untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte
Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.

Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und
vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die
Wahrheit kam jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.

Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise,
der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige,
welche ihr Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die
Innerste, hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über
alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf
die Goldwage! Ihre helle, klare Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm
dieser nächtlichen Mühlgäste, und als sich einmal zwei derselben über
den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen und zwar auch mit
einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den
Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen Lob seiner Tochter.

Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des
Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu
bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig
geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte
mit ihm, oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter
mit ihm zu flüstern.

Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird's sein, daß _wir_ unsere
Hand davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an
der Innerste, im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt!
verjährt! Es ist über das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge
sind nachher ausgeführt, und ist damit renommiert worden, und die alte,
uralte Entschuldigung, daß der schwache Mensch eben zusehen müsse, wie
er sich durch die böse Welt bringe, gilt auch heute noch.

Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als
ob er wohl aus einem Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein
Stündlein später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr
tot, mit einer Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am
Hübichenstein gefunden worden war. Voll und leer ging der Kelch um den
Tisch, und über den toten Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit
dem Zwerg Hübich lasse sich schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme
zwischen zwei der Gesellen zu teilen, da gab's neuen Hader, den der
Meister Radebrecker schlichtete, indem er die zwei Wildemannsgulden und
acht Mariengroschen, um die es sich handelte, für sich nahm als
Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und neues
Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu
Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und
meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei
mächtig unter der Erde wie über der Erde.

Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen,
und da hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts
gern den Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und
Vagabunden des Jahres 1760 reden hören.

Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister
Radebrecker, saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber
auf der anderen Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der
Harzburg bei Wülperode im Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und
dem Wirt daselbst war am letzten Sonntag der Knecht abhanden gekommen,
aber seine zwei Kühe und seinen mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle
gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen gegeben um das Vieh und ein
hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war nicht gefunden worden,
denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen nicht gekommen.

Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der
Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume,
und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:

»Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick
müßte er ansprechen und sich vermelden!«

»Wer?« fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.

»Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher
Witterung jagt er am liebsten.«

Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der wilde Jäger, der Ritter von
Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag
daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in
der Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:

»Kamerad, den wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht
in den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen,
Böhmen und Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten
reitet vor dem Zuge. Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen
Kürassieren, dem wird's übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und
all dem anderen Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze
läßt reiten, und von den hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich
auch nichts Despektierliches sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß
ich selber ziehen sehen, ehe ich glaube, daß der besser zu Pferde sitzt
als ein Franzos.«

Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber
hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er
wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt
hat sich der Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein
Heulen und sonstiger Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als
komme ihm schon das Dach über den Kopf herunter, oder die schwarze
Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Spötter vom Stuhl und
Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein
eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem
Einarm gewendet:

»Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so
sei Er dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu
erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich
dazu mit beiden Händen an dem Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz
andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn
gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel
bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht für den wilden
Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und
weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich
rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er
sein Horn über dem Kopfe schallen hören wird.«

»Hoho!« lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab
jetzt auch wieder ihr Wort dazu.

»Jawohl, hoho, Kamerad!« rief sie. »Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor
dem Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein
Exempel: hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im
Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg
nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da
aus Wülperode mit Ruhe verzählen, was sich zuletzt mit ihm -- den wilden
Jäger meine ich -- begeben hat.«

»Mit Pläsier,« sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht
lange bitten und erzählte halb flüsternd:

»Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie
haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem
Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am
Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die
Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger
vom Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich
kenne, und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie.
Und er hat sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach
Mitternacht pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo
die anderen lagen. Am Buchenberge hört er's auch einmal von ferne: Hoho,
hoho, wod, wod, ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor -- er
ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergnügen lustig
gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn
gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und
das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefuß. Er ist
heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich
gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn
erschießen müssen; denn der Hackelberg --«

Der Erzähler brach ab und horchte -- käsebleich.

»Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!« lachte der Korporal noch;
aber dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das
Gebrause und Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der
Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es
kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines
Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal
den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da
tat's einen Schlag an die Tür, und dann wurde mit einem Kolben ein
Fenster eingestoßen, daß die Glasscherben splitternd zwischen die
Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch im Windzug, doch von draußen
fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen ließen sich
nebst den Hunden um die Mühle hören.

»Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!« rief jetzt über
alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie
womöglich noch gebieterischer: »^De par le Roy -- sa Majesté Louis
Quinze, de France et de Navarre!^« Die Haustür zersplitterte gleichfalls
unter den Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder
Vernunft in die Kumpanei!

Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach
Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen
allerlei Waffen -- Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein,
doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten.
Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und
laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter
Wasser. Die Störenfriede, die Hausfriedensbrecher hatten doch über
bessere Waffen -- Jägerbüchsen, Hirschfänger und Musketen mit
aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und nach einem kurzen Geraufe,
halb im Dunkel und halb im Laternenschein -- einem Tumult, in welchem
auch ein weniges Blut floß, war alles in der Buschmühle geordnet nach
Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen Durchlaucht und
großbritannischen Majestät Georg ^Rex^ trotz der fränkischen Besatzung
des Landes.

Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum
Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein
ungebunden im Zuge; den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen
Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal
Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk
gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte höchst verwundert hinter
dem französischen Korporal und Leutnant, die das Füsilier-Detachement
kommandierten, welches sich die kurfürstlichen Forstmeister und
Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nächtlichen Expedition
als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte
nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu
der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die Gesellschaft, in
der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den
stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und
königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern
mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am
wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten
Lauf ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem
Buckel zusammenschnürt.



                           Elftes Kapitel.


Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats.
Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge
herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken
nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verübte
Unheil, so viel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das
Hüttenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, daß sie nicht alles ruinierte;
aber in der Sägemühle zwischen den beiden Bergstädten befand sich
niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach
Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trümmern mit; sie brach in das
Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie
zerfraß die Wände und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte
sie da mit ihrer Beute.

Radebreckers Mühle stand für immer verlassen seit jenem Abend, wo die
ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hände der nächsten
Behörden dranlegte. Nach den hannoverschen Grünröcken und den bunten
Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar würdige
Herren in schwarzen Röcken und amtsmäßigen Perücken bei Tage dagewesen,
hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und
auch mancherlei Dinge zum Kopfschütteln, Aha und Oho gefunden. Nachher
mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche
Gericht kümmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch für
Menschenbedürfnis zu brauchen war, das wurde im nächsten Frühjahr und
Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes
Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen
wollten.

So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in
die Ebene hinaus.

Greulich wälzte sich den ganzen November durch die trübe Flut in das
Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann
Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenössischen Poeten zu verdienen,
kriegte jedoch, so viel uns bewußt ist, keines. Auch die Mühle zwischen
Groß-Förste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bösen,
schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bänken und
sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit hätte man beinahe einen
vollkommenen Haushalt einrichten können.

Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt.
Er zog das angeschwemmte Geräte nur aufs Trockene und wartete, daß die
richtigen Eigentümer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine
leere Wiege die Innerste heruntergeschwommen, aber auch deren bedurften
Müller und Müllerin nicht; -- sie hatten vorsorglich eine solche bereits
auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am
allerwenigsten eine schenken lassen. Am fünfzehnten Dezember kam wieder
Besuch -- unerwarteter Besuch -- ein Gast, der jetzt zum dritten Male
eingekehrte und im Februar versprochen hatte, daß er erst zur Taufe
wieder erscheinen wolle; -- um aber zu taufen, mußte doch erst das
Kindlein vorhanden sein und die Wände beschreien! Der Gast aber sah
gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitäten
und sonstigen häuslichen und öffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.

Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Füßen, halb verhungert, in
Lumpen, daß es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen,
aus dem Gefängnis zu Wildemann.

»Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen hätte, könnte
ich mir selber nicht zum größeren Abscheu sein!« ächzte er, vor dem
erstarrten, die Hände zusammenschlagenden jungen Paare in der Mühle auf
die Bank fallend. --

Sie kriegten einen guten Schrecken durch die Art und Weise, wie er sich
plötzlich in ihrer durch die junge Hausfrau so zierlich und reinlich
gehaltenen Stube präsentierte. Der Frau Lieschen brach der Faden und
stand das Spinnrad still, dem Meister Albrecht fiel die Pfeife aus dem
Munde, und Laudon, der Spitzhund, hatte noch nie einen Bettelmann so
außer sich und so giftig angebellt als diesen zerfetzten Wanderer.

Mit ^Bonjour^ und ^Serviteur^ kam der Korporal diesmal nicht herein, und
Gegenfragen des Befindens wegen legten ihm die Müllersleute auch fürs
erste nicht vor. Nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt
hatten, griffen sie um so werktätiger zu. Der Meister faßte den
erfrorenen und verhungerten Kameraden unter den Armen und setzte ihn
bequemer zurecht. Die junge Frau schürte hastig das Feuer im Ofen, und
die alte Steinkruke mit dem Weckauf, dem Nebeldrücker und dem
Lerchentriller kam vor allem anderen schnell in den Gebrauch. Der
Korporal machte jedoch heute keine lustige Bemerkung darüber.

Sie kamen mit dem letzten Schinken vom vorigen Jahre, der noch die
Hochzeit überlebt hatte, und sie brachten die beste Wurst vom letzten
Schweineschlachten. Dann aber kamen sie mit einem Kübel warmen Wassers
und warmen Tüchern, und dann -- brachte der Müller Albrecht Bodenhagen
seinen einstigen Unteroffizier zu Bett in einer warmen Kammer.

Da lag der Korporal und schlief vom Mittag bis zum Abend, worauf er
erwachte und mit matter Stimme dem Meister berichtete, was er erlebt
hatte seit seinem letzten Besuche im Auftrage der Innerste.

So schwach und hinfällig hatte er in seinem ganzen Leben nicht von
seinen Abenteuern erzählt, und der Meister Bodenhagen mußte sich oftmals
tief zu ihm niederbeugen, um ihn verstehen zu können. Wenn wir ihm Wort
um Wort folgen wollten, so dürften wir manches zu verzeichnen haben, was
die schwärzeste Tinte gelb machte, und manchen Satz, der von der Leserin
sicherlich nicht mit Bleistift oder Stricknadel unterstrichen werden
würde, auf daß die liebe Freundin ihn auch ohne Mühe auffinde,
vorauslese oder ihn gar ausschreibe.

Es gab in dieser Zeit wahrhaftig Spitäler die Hülle und Fülle auf
deutschem Boden. Der dritte schlesische Krieg wußte dafür zu sorgen und
war nicht blöde, zuzugreifen und Kirchen und Rathäuser zu nehmen, wo die
Räumlichkeiten nicht sonst ausreichten. In Torgau und um Torgau her in
den Ortschaften, die nicht in Flammen aufgegangen waren, lag's
augenblicklich, das heißt seit dem dritten November, wieder einmal recht
voll, und geflucht wurde dort sicherlich mehr als gebetet. Aber der
Korporal Jochen Brand allein in seiner kommoden Kammer in der Mühle
leistete das Seinige im ersteren vollauf, und den Rechtsherren im Harz
mochten wohl die Ohren erklingen ob der Segenssprüche und ernstgemeinten
Herzenswünsche, die ihnen da zugesendet wurden.

Wir begnügen uns mit einem Auszuge der Relation des Korporals; aber wir
können einen Eid darauf ablegen, daß sich alles so verhielt, wie der
Einarm dem früheren Kameraden erzählte, während die junge Frau drunten
das Hauswesen versorgte.

»Ich hätte es schon wissen können, wie's mir ergehen würde, als mir der
Feldscherer in Minden den Laufpaß schrieb,« seufzte der Invalide. »Aber
als ich im Februar hier die Kameradschaft grüßte, hing mir der Himmel
doch noch voller Geigen, und ich meinte, sie müßten mir doch auf mein
Heldentum ein Weniges zugute tun. Prost Mahlzeit! Ich bin nach Hause
gekommen mit meinem leeren Ärmel nach Grund, und ich bin richtig
zugrunde gegangen im Sumpfe, wie es Sitte ist seit den Feldzügen der
Könige in der Bibel und des Generals Julius Cäsar. Aber es geschah mir
schon recht: weshalb ließ ich den Feldscherer gewähren und mir den
Stumpf verbinden? weshalb setzte ich mich auf Wassersuppen und sonstige
schmale Kost? Die Vetternschaft hat mich natürlich auf die letztgewohnte
Verpflegung verwiesen, und aus dem Korporal wurde der Landstreicher im
Handumdrehen. Der Verwandtschaft zu Grund möchte ich den Hals umdrehen;
aber der Meister Radebrecker soll leben: vivat hoch! -- Musketier
Bodenhagen, es wird Ihm sonderbar sein, es zu vernehmen; aber zu ändern
ist's nicht mehr; Sein Buschmüller dreht sich im Winde, wie der Wind
will, und die Raben erlustieren sich an ihm nach ihrem Gefallen: wer
sollte ihm noch ein Vivat ausbringen, wenn ich's nicht täte -- he?! --
Philister über dir! sie hatten uns alle fest, und ich saß an seinem
Tische, an seinem Ofen, und er traktierte wie ein braver Spitzbube. Sie
kamen uns wie der Hackelberg über den Hals und nahmen uns allesamt mit
und ließen selbst die Doris nicht zurück, um das Haus zu hüten.
Paarweise ging's zwischen den Büchsen und Musketen ins Prison, und die
Innerste ging mit! Du, Albrecht, bist immerdar ein Kind gewesen und
bleibst eins; aber ich war meinerzeit ein Mann und ein Kerl, wenn ich
auch jetzo hier liege und alle Vier von mir strecke. So machte ich mir
wenig daraus und ging gutwillig mit den anderen: Gefangenkost zwischen
vier dichten Wänden war immer noch nahrhafter und wärmer als Eicheln,
Buchecker und Tannenzapfen in freier Luft; aber es wäre mir doch beinahe
zu teuer zu stehen gekommen, daß ich mich auf meine Unschuld zu feste
verließ. Auf grünem Felde, und wenn ich den Feind dreißigtausend Mann
stark anmarschieren sah, habe ich gelacht vor Fußvolk, Reitern und
Geschütz und mich auf mein Sponton verlassen; aber vor dem grünen Tisch
ist mir das Lachen doch bald vergangen. Wenn ich's der jungen Frau
verzählen würde, was da von wegen der Buschmühle zur Sprache kam, so
würde sie ihr Lebtage nicht wieder von Rosen, Goldlack und
Vergißmeinnicht träumen. Da lob' ich mir ein Kriegsgericht, damit geht's
doch wenigstens rasch: marsch zurück in Reih und Glied oder marsch vor
die neun Flintenläufe oder zwischen die Spießruten! So ging's zu
Wildemann nicht. Da mußten sie alles zu Papier haben und das meiste
doppelt und dreifach, und was wir um unsere Sünden und -- unsere
Unschuldigkeit da ausgestanden haben, das haben wir an niemandem
gesündigt. Die Doris ist die einzige gewesen, welche die Nase hoch
behalten hat. Als sie ihr mit der Tortur drohten, hat sie gelacht und
sich wirklich davon weggelacht; vom Zuchthause aber hätte sie sich wohl
nicht freigelacht, dazu mußte sie die Reserven ins Feuer rufen, und,
Musketier Bodenhagen, bei Gott -- sie fliegt frei und kann Ihm jeden
Augenblick die Hand auf die Türklinke legen. Der anderen hängen sechs
wie die Krammetsvögel im Dohnenstiege, und der Meister Radebrecker als
Galgenmajor in der Mitte. Ein halb Dutzend haben sie in Eisen nach Celle
transportieret; zwei haben sie noch sitzen im Gewahrsam, mich haben sie
mit einem lateinischen Spruch laufen lassen, und -- Seine Doris, sitze
Er still, Kamerad! -- die Innerste hat sich selber ranzionieret. Am Tage
vor dem Urtelspruch, oder vielmehr in der stichdunklen Winternacht, ist
sie an der Feuerleiter am Turm heruntergestiegen; und wenn ich meine
Ahnung habe, wer von der Jägerschaft zu Lautenthal ihr die Leiter ans
Fenster gelehnt und ihr die Feile zugeschoben hat, so will ich doch
lieber auch noch den letzten Arm drangeben, als hier gegen Ritter und
Fräulein den Angeber spielen. In der Buschmühle haben wir leider Gottes
auch von dir gesprochen, Bodenhagen, und so wahr ich wirklich und ohne
Lüge meinerzeit der wilde Brand gewesen, so wollt' ich um dein arm,
lieb, jung Weib, du wärest sicher vor der Innerste, Musketier Albrecht
Bodenhagen!« -- --

Der Müller saß in seinem reinlichen weißen Müllerhabit am Bette des
guten Kameraden, des tapferen und ehrlichen Soldaten, der sich aus aller
Verruchtheit und Verwirrung der Zeiten solch ein braves, frei und kühnes
Herze mitgebracht hatte nach Grund in den Bettelstand. Und der Müller
sah wahrlich nicht aus, als ob man ihn jemals den wilden Bodenhagen
genannt haben könne. Was Vater und Mutter nach seiner Heimkehr aus dem
Kriege von dem alten Adam an ihm übrig gelassen hatten, das hatte
Jungfer Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe in Groß-Förste gründlich
ihm vom Rocke abgebürstet.

Nachdem der Korporal erzählt hatte, sprach oder stotterte der Musketier
seinerseits ein Langes und Breites über die Innerste, die Buschmühle,
Radebreckers Tochter, Jungfer Doris Radebrecker, und der kriegs-, weg-
und weltmüde Kamerad hörte ihn im Halbschlafe an und murrte nur von Zeit
zu Zeit ein beifällig Wort. Aber trotz Schlaf und Mattigkeit hatte der
Müller Bodenhagen hier einen Beichtvater, wie er keinen gleichen weder
im Dom, noch zu Sankt Godehard und Sankt Michael in Hildesheim gefunden
haben würde. Mit beiden Armen umfaßte er zuletzt den treuen Freund und
seinen wackeren Unteroffizier und rief:

»Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich
das. Wenn einer sich nie zu schicken gewußt hat, so bin ich's. Was mein
seliger Herr Vater aus dir gemacht haben würde, kann ich nicht sagen;
aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab' ich
doch in mehr als einer Bataille und Scharmützel Schulter an Schulter
gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, daß ich getan habe,
was die anderen taten, und ein Mehreres prätendiert selbst unser
Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und
Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan --«

Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere
fuhr fort:

»Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom
Ofen, von der Straße, von der Schulbank, dem Handwerk und dem
Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand,
wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen, und
denen es erst die anderen sagen müssen, was sie sind. Und wenn die
Zeiten still sind, dann erfahren sie's wohl niemals und werden achtzig
Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber
anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen
wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und _die_ Nasen rümpfen. Ich aber
wollte, mein Lieschen und ich, wir säßen auf einer wüsten Insel und
wären mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.«

»Groß Wasser rundum! Aber schreien dürfte es nicht, wie die Innerste
schreien kann,« murmelte der Korporal, und der Müller sagte nur:

»Ja!«

Dann hörte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwärts kommen,
und der Korporal brummte:

»Jetzt laß mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff
aber den Laudon ab -- den Mylord Sackville meine ich; er hält dir die
Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Gekläff. Heute weiß ich noch
nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die
Beine, so will ich dir zum Dank für Quartier und Menage und um des
lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette
braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab' ich fürs erste
genug gehabt im Turme zu Wildemann.«



                          Zwölftes Kapitel.


Am fünfzehnten Dezember war der Korporal in die Mühle eingerückt, aber
am zwanzigsten erst stand er wieder auf den Füßen, ohne sich an die Wand
lehnen zu müssen. Auch das hatte er einzig und allein dem Quartier zu
danken; denn selten war ein königlich preußischer einarmiger
Unteroffizier so trefflich verpflegt worden wie der brave Jochen Brand
aus Grund von dem Müller Bodenhagen und seiner Frau Liese.

»Ich wollte, mein Mütterchen könnte vom Himmel aus observieren, was Sie,
junge Frau, an ihrem Jungen tut,« sagte der Kriegsmann jeden Tag
wenigstens ein halb Dutzend Male mit möglichst fester und mannhafter
Stimme. »Wissen aber möchte ich, was solch ein armer Bettelmann Ihr
dafür wieder zugute tun kann, Frau Bodenhagen?«

»Vorlieb soll Er nehmen, Korporal,« sagte dann die Müllerin. »Warte Er
aber nur bis zum heiligen Christ, da kann Er dann beim Kuchenbacken
helfen, und wenn Er da Seine Sache so gut macht wie bei Minden oder
sonstwo, so kann Er auch sonst noch Sein blaues Wunder erleben.«

»Dieses glaube ich, ohne daß Sie es beschwört, Lieschen; denn daß man
eine Tanne aus dem Holze holt und mit Lichtern putzt und Weihnachten
feiert, das ist mir durch den Krieg, als ob's vor tausend Jahren Mode
gewesen wäre. Der König und die Kaiserin und die Franzosen, Russen und
Schweden haben solches Pläsier gründlich abgeschafft, und selbst in den
Winterquartieren hat man keine Zeit dazu gehabt. Wenn mir aber mein
leerer Ärmel es zuwege bringt, daß ich noch einmal die Festtagsglocken
läuten höre wie vordem, so schreibe ich einen Brief an den französischen
König Louis und bedanke mich noch gar schön für seine sakermentsche
Kanonenkugel bei Minden. Übrigens ändert sich das Wetter wiederum. Der
nichtsnutzige Stummel brennt heute wieder zehnmal ärger als gestern.« --
--

Das Wetter änderte sich zum Frost, und wir haben zum hundertsten Mal ein
Wort über die Innerste zu sagen.

Wenn nämlich der junge Müller vorhin meinte, daß er am liebsten mit
seiner jungen Frau von aller Welt abgeschnitten auf einer Insel im
Wasser wohnen möchte, so war sein Wunsch zu zwei Dritteln in Erfüllung
gegangen. Die Innerste stand ihm auf zwei Seiten um das Haus, trat auf
den Hof und überschwemmte den Garten bis unter die Fenster seiner Mühle.
Noch eine Spanne höher, und sie stieg ihm in das Haus und machte ihm
einen Besuch in der Stube. Seinem Wunsche zum Trotz hatte der Meister
Albrecht große Sorge darob.

Gegen Groß-Förste zu war alles ein gelber Spiegel; in der Stadt Sarstedt
war die Not ebenso groß wie das Wasser, und in der Stadt Hannover, wo
die Ihme und die Leine das Ihrige dazu taten, wie das landläufige und,
genau besehen, sehr schlimme Wort sagt, -- Holland in Not!

Den ganzen Zwanzigsten über wartete die Hausgenossenschaft mit Spannung
auf der Schwelle die weitere Bosheit der Innerste ab. Meister Albrecht
und seine beiden Knappen -- er hatte sich jetzt zwei Gesellen ins Gewerk
getan -- legten alle Viertelstunde den Zollstock an; aber gegen Abend
erwies sich des invaliden Gastes Armstumpf als ein hauptsächlicher
Prophet. Es wurde bitter kalt und das Wasser fiel.

Die Innerste zog sich wieder zurück von dem Hause, aus den Stallungen,
vom Hofe und aus dem Garten gegen ihr gewohntes Bett. Auch die Wege nach
der Stadt und den umliegenden Dörfern wurden allgemach wieder frei. In
der Nacht vom Zwanzigsten auf den Einundzwanzigsten legte sich eine
leichte Eisdecke über den Fluß, und am Dreiundzwanzigsten trug das Eis,
wenn nicht einen ausgewachsenen Mann, so doch ein Kind. Es kam auch ein
Kind, ein kleines Mädchen von Groß-Förste herüber, bestellte einen
schönen Gruß und brachte die Botschaft, daß die Leute von Papenbergs
Hofe gern am ersten Festtage nach der Kirche zur Weihnachtsfeier kommen
wollten; sonsten aber sollte das junge Ehepaar den heiligen Abend allein
und für sich nach seinem Pläsier und Gusto feiern.

»Wir sind zu drei mit den Mägden und den Gesellen uns auch genug,
Jochen,« sagte der Müller, und der Korporal meinte: »Mir ist's recht.«

Es war aber doch ein eigen Ding diese ganzen Tage durch mit dem
Korporal. Er war nicht als der Alte vom Bette aufgestanden. Es »murxte«
etwas in ihm; was das sei, wußte er freilich selber nicht. Still und
nachdenklich, doch nicht unfröhlich schlich er umher, und am
Dreiundzwanzigsten holte er sich des seligen Meister Christians große
Bilderbibel vom Schranke und saß fast den ganzen Tag darüber.

Die junge Frau guckte ihm von Zeit zu Zeit über die Schulter, und dann
sah er jedesmal ihr mit einem Kopfschütteln in die klaren, freundlichen
Augen, und mehrmals sagte er auch ganz weichmütig: »So wunderlich kurios
ist mir noch nie zumute gewesen, Frau.«

»Das macht das Ungewohnte, Herr Kamerad,« meinte die Müllerin. »Er hat
die alten Bilder eben lange nicht umgeblättert. Wenn ich Zeit hätte,
wollte ich mich wohl zu Ihm setzen und mit ihm die Hirten und Engel und
die Propheten und die ausländischen Kamele und Palmenbäume besehen. Als
Mädchen hab' ich mir in diesen Tagen immer ein Stündchen dazu
übergespart. Es ist so heimelig, wenn's draußen so kalt ist und in der
Stube so warm und der Kuchen durchs ganze Haus riecht. Es gehört alles
zueinander und --«

»Sakerment!« schrie der Korporal, auf das alte Bilderbuch schlagend,
»und kein Mensch sollt's für möglich halten, daß der Broglio heute noch
in Kassel sich verschanzt hält! O Frau Liese, Sie kann doch nicht so
darüber reden wie ich, der ich verstümmelt aus dem Kriegsleben komme und
alle großen Bataillen des Königs Fritz und des Prinzen Ferdinand
mitgemacht habe! Sie sollte es probiert haben im Spital zu Minden und
dann unter der Vetternschaft zu Grund und dann in Radebreckers Mühle und
zu guter Letzt im Prison zu Wildemann und dann sich plötzlich finden
hier in der Friedlichkeit und Stilligkeit. Kotz Blitz, will Sie Ihr
lieblich Heimwesen besser kennen als ich? Eins sage ich Ihr: keiner soll
mir dran rühren -- beim lebendigen Gott und so wahr ich Jochen Brand
heiße!«

Die junge Frau war sehr erschreckt vor der ungebührlichen Aufregung und
dem Fluchen und Räsonnieren ihres Gastes zurückgefahren.

»Nehme Sie es nicht übel, Lieschen. Ich wollte, ich könnte deutlicher
sagen, was ich im Sinn und Herzen habe,« seufzte der Korporal. »Aber da
draußen Albrecht hat recht, und in dieser Minute absolvier' ich ihn ganz
und gar, und er soll das Seinige behalten; niemand -- nicht Mann und
Weib soll ihn drin verstören, so lange ich's hindern kann.«

»Wie meint Er denn das, Korporal?« fragte die junge Frau scheu; doch
plötzlich griff sie sich an die Stirn und rief, ganz bleich werdend:
»Jesus, Jesus -- es ist ja wahr! Das Jahr geht zu Ende und sie hat ihren
Willen nicht gekriegt!«

»Jetzt gibt Sie mir eine Nuß zum Knacken, Frau Meisterin!«

»Die Innerste meine ich, Korporal Brand! An dem Tage, als die Mutter
gestorben ist, hat sie geschrien, und diesmal habe auch ich mit meinen
Ohren sie schreien hören, so wahr ich lebe!«

»Pu-u-uh!« machte der Korporal und versuchte noch einmal so auszusehen
wie in früheren Tagen, wo er den Hut am liebsten schief auf dem Ohr
trug. Es kam aber eine Visage dabei heraus, die allzu sehr nach jenem
Oktoberabend in Radebreckers Mühle aussah, um vergnüglich sein zu
können.

»Mache Sie sich selber keine Dummheiten weis,« brummte er und fügte
sonderbar mürrisch hinzu: »Übrigens aber, Frau Liese, ist ein schwarzes
Huhn im Notfall immer noch zu beschaffen.«

»Ich kriege auch meinen Albrecht noch dran!« rief die Müllerin; dann
aber wurde sie von einer eiligen Magd abgerufen, und der Korporal war
wieder allein.

»Wunderlich, wunderlich, wunderlich!« murmelte er, eine der Bildtafeln
in der großen Bibel umschlagend. »Ich habe aber mal im Lager bei Krefeld
verzählen hören, daß auch der König Fridericus solcherlei Anwandlungen
habe. Na, vor Hochkirch hatte er aber keine dergleichen; also verlassen
kann man sich auch darauf nicht.« -- --

Am vierundzwanzigsten nachmittags drei Uhr war weißer Sand frisch
gestreut in der Stube, und der Korporal wagte kaum noch aufzutreten, als
er die Blumentöpfe im Fenster scharf in Reihe und Glied rückte. Als die
Dämmerung kam, ging ihm auch die Pfeife aus, und um fünf Uhr saß er
still mit dem Müller -- seinem früheren Musketier -- auf der Ofenbank
und blickte durch die Dämmerung mit einer Art von drolligem Respekt auf
die noch dunkle Weihnachtstanne, an deren Aufputz er selber mit geholfen
hatte. Die junge Frau vernahm man in der Küche, und jetzt legte der
Einarm dem Kameraden fast zärtlich die Hand aufs Knie und sagte:

»Kerl, ich habe oft meinen Jokus an dir gehabt, aber diesmal ist's mir
Ernst mit dir! Es ist eine Kriegswelt, und ohne deinesgleichen hätten
wir anderen uns schon längst untereinander aufgefressen. Deshalb gibt's
von deinesgleichen am mehrsten auf Erden -- der Herrgott hat's so
eingerichtet, und er muß Bescheid wissen. Und weil dieses so ist, so
bleib bei deiner Natur, halte dein Haus rein, sei vergnügt mit deinem
Weibe und kümmere dich nicht um Dinge, in die du hineingeraten bist wie
der Esel in die Dragonerremonte. Augenblicklich aber habe ich dir wie
mir nichts weiter zu wünschen, als daß der Christabend zu Ende gehe, wie
er jetzo angefangen hat.«

Vergnügte Weihnachten! Eine Stunde später war die ganze Bewohnerschaft
der Mühle um die lichterglänzende Tanne versammelt, und der Korporal
Brand hielt der Abwechselung wegen den leeren Ärmel mit den Zähnen; er
hatte sich mit dem Aufschlage die Augen gewischt, und da er seit seinem
Auferstehen vom Bett ganz und gar in einem Kostüm seines Kameraden und
Wirtes stak, so wußte er mit den Knöpfen daran noch nie so gut Bescheid
wie mit jenem einzelnen Knopf, der ihm im Oktober von der Montur Seiner
Majestät des Königs Friedrich von Preußen allein übrig geblieben war.

Arm in Arm standen Müller und Müllerin vor dem Tisch mit dem
Tannenbaume, und ein jeder der zwei Mühlknappen hatte seinen Arm um die
Hüfte einer der beiden kichernden Mägde der Frau Lieschen Bodenhagen
gelegt. Daß der Marschall Broglio zu Kassel lag und die Vorposten der
Franzosen über Göttingen und Einbeck und bis in den Harz hineinstanden,
kümmerte keinen in der Mühle bei Sarstedt an der Innerste. Sie sahen die
Lichtlein und goldenen Äpfel funkeln, sie knackten ihre Nüsse wie die
Eichhörnchen im Neste, und dann saßen sie und sahen die Lichter an ihrem
Weihnachtsbaum niederbrennen, und die drei Weiber sangen ein
Weihnachtslied, in das die Mannsleute hinter ihren Tonpfeifen
hineinsummten.

»Die Welt ist im Krieg; wir aber gebrauchen die gute Stunde, Frau
Meisterin!« rief der Korporal fröhlich.

»Das sage ich auch,« sprach die Frau Meisterin.

»Für das, was sonst kommen kann, haben wir ja auch die vier Büchsen
geladen an der Wand, Jochen,« meinte der Müller. »Im vorigen Monat, als
du ruhig im Turm lagst und der Franzos bei Einbeck sich verschanzte, ist
das Gesindel oft genug an der Tür gewesen. Die Schererei reißt nicht
ab.«

Die beiden Mühlknappen gaben auch ihr Wort dazu; das letzte Lichtlein an
der Tanne brannte herunter.

»Heidi!« rief der Korporal; und der Müllerin kleine Blechlampe lieferte
wieder das einzige Licht für die Stube und Kumpanei. Nun schnurrten die
Spinnräder wieder, die Männer schmauchten und tranken und sprachen von
allerlei Abenteuern, die sie erlebt hatten, jedoch mit »Modestität«, und
daß auch das Frauenzimmer sein Behagen dran haben konnte.

Um neun Uhr fing es an zu schneien, und um zehn Uhr fiel der Schnee sehr
dicht. Fluß und Land wurden von einer weißen reinlichen Decke überzogen,
und nur Gesträuch und Gartenzaun, sowie das Gebüsch am jenseitigen Ufer
der Innerste hoben sich schwärzlich im Schneelicht ab. Vom Zieten im
Busch kamen die Männer auf ein ander behend Geschöpf im Busch, und wie
man das in Schlingen in der Hecke fängt und sich einen billigen Braten
im Schlafe schenken läßt. Grinsend legte der Meister Albrecht den Finger
auf den Mund und rief:

»Haltet die Mäuler, wir haben sonst morgen benebst der Verwandtschaft
die ganze Sarstedter Försterei hier, um uns in die Töpfe zu riechen. Sie
wissen immer noch einen Hasen von einem Hammelviertel zu unterscheiden.«

Dabei stand er auf, ging zum Fenster, öffnete es und schob den Kopf
hinaus. Kein Lüftchen rührte sich; das weiße Gewimmel kam wie im
leichten Spiel vom dunklen Firmament herab, aber ziemlich hell ist es
die ganze Nacht durch geblieben, denn der Vollmond hat nicht nur im
Kalender, sondern wirklich hinter dem Gewölk gestanden.

»Wenn das so weiter geht, Lieschen, wie's angefangen hat, so werden
Vater und Mutter morgen auf ihrem Wege hierher die Beine hübsch hoch
heben müssen. Wir wollen aber eine Wacht stellen, daß sie sich nicht
einfallen lassen, schon dem Eis zu trauen. Die Innerste --«

Er brachte das, was er noch sagen wollte, nicht heraus. Hell und klar --
ja unendlich melodisch klang ein Ruf durch die Nacht über die Innerste
her -- ein singender harzischer Bergruf, und in demselben Moment blitzte
und krachte ein Schuß aus dem Weidenbusch, und die Kugel streifte dem
Meister Bodenhagen die Stirn, fuhr durch die Weihnachtstanne und schlug
in die Stubenwand. Zu gleicher Zeit erschütterten heftige Schläge die
Tür der Mühle, und ein zweiter Schuß schien in das Türschloß abgefeuert
worden zu sein. Die nächtlichen Angreifer waren im Hause, ehe sich ein
einziger in der Stube von dem plötzlichen Schrecken aufgerafft hatte.
Durch ein greulich Fluchen jauchzte die helle Stimme wieder.

»Jesus Christus, die Innerste!« jammerte die Müllerin, und die beiden
Mägde drückten sich mit Zetergeschrei in den Winkel. Von allen zuerst
hatte diesmal der Müller seine Sinne beisammen. Schon hatte er eine der
Flinten, von denen er vorhin sprach, vom Nagel gerissen.

»Die Marodebrüder! Ob's mir geahnt hat?! Hans, Fritz, die Büchsen
herunter -- Lieschen, unter die Bank -- Courage!«

»Courage!« schrie auch der Korporal, »das Gesindel feg' ich mit der
Linken vom Tisch. Kriecht unter, Weibervolk -- da sind sie, und es ist
auch nur ein Weihnachtsbesuch!«

Er hatte ein Handbeil aus der Ecke aufgegriffen und trat gegen die
Stubentür: »^Bon soir, messieurs!^«

Es waren drei Kerle, die in die Stube drangen; -- Gesindel, wie es sich
zwischen den Heeren umtrieb, und wie der Bauer jener Zeit es zu seinem
Schrecken und Schauder nur allzu gut seit Jahren kannte! Der Rock des
fünfzehnten Ludwig neben der zerfetzten Uniform König Friedrich des
Zweiten! Um den dritten Galgenstrick aber zu kostümieren, mußte die
ganze Reichsarmee Mann für Mann einen Fetzen hergegeben haben, und es
wäre wahrlich ein Kunststück gewesen, aus seiner äußeren Erscheinung her
bestimmt abzunehmen, welchem Herrn er zuletzt falsch geschworen hatte.

Was nun in der Mühle vorging, läßt sich schwer nacheinander erzählen.
Besinnen und Bedenken war nicht am Ort. Der Meister Müller, den sie
einst den tollen Bodenhagen nannten, schoß zuerst, und traf auch. Die
Eindringlinge feuerten ihre Pistolen ab.

»^Sacre nom de dieu! En avant les autres!^«

Der Korporal Brand schlug für den Musketier Bodenhagen zu, wie er vordem
auf ihn gehauen hatte; und ob den beiden guten Knappen Hans und Fritz
würde dem Oberst Colignon das Wasser im Munde zusammengelaufen sein. Es
wurde ein Raufen, Heulen, Sakermentieren und Ächzen im Dunkeln, denn der
Tisch stürzte um mit der Lampe und der Weihnachtstanne, und die weißen
Müllerhabiter hatten jetzo ihr Gutes; es war ihretwegen keine Not, daß
Meister, Gesell und Gast aufeinander schlugen. Der Schnee leuchtete
ihnen aber auch von draußen.

Sie trieben die Räuber bis auf die, welche zu Boden lagen, in den
Hausgang zurück und dann auch wieder aus dem Hause hinaus. Sie konnten
nur noch die Kolben gebrauchen, aber sie gebrauchten sie trefflich; daß
die Not sie beten lehrte, konnte man gerade nicht behaupten. Die Mühle
wehrte sich tapfer, und die Frauenstimme, die so melodisch das Zeichen
zum Angriff gegeben hatte und immer von Zeit zu Zeit von neuem in den
Lärm des Überfalls klang, wurde immer greller, kreischender, zorniger,
giftiger! Die drei armen Weiber, die im Winkel am Ofen in ein zitternd
Bündel zusammengeduckt knieten, vergingen am meisten vor dieser Stimme
in Schauder und Ohnmacht. Seltsamerweise hatte nächst den Frauen der
Korporal Jochen das feinste Ohr für sie; der junge Meister Albrecht
Bodenhagen, sein Haus und Weib verteidigend, achtete kaum darauf.

Es ging scharf -- scharf um das Heimwesen des Müllers an der Innerste.
Fritz und Ferdinand, Soubise und Broglio waren mit ihren Armaden
vertreten unter den dunklen Gestalten, die im Schneegestöber aus dem
Weidengebüsch am Fluß vorhuschten, über das Eis glitten und über den
Gartenzaun kletterten, um die Mühle und ihre Bewohner in ihre Gewalt zu
kriegen; aber der wilde Bodenhagen und sein Haus hielten sich gut. Wenn
es ein Glück war, daß die alte Frau diese Nacht nicht erlebte, so war es
doch schade, daß der alte Meister Christian sein Söhnchen diesmal nicht
bei der Arbeit sehen konnte.

Sie verrammelten die eingestoßene Pforte, sie luden und schossen aus den
Fenstern. Sie trafen dann und wann auch, und der einarmige Korporal
meinte:

»Wenn sie uns das Dach nicht über den Köpfen anstecken, halten wir uns
bei Gott, bis Bürgermeister und Rat aus Sarstedt zum Sukkurs kommen!
Courage! Courage! -- Uh, wer stopft die Weiberkehle da?«

Die letzte Frage hatte er zwischen den Zähnen gemurmelt. Dicht unter dem
zertrümmerten Fenster, an dem er mit seinem Beile stand, war der
schrille Schrei erklungen, und wieder wurden zwei oder drei Schüsse in
die Stube hinein abgefeuert. Ein durchdringender Jammerlaut aus dem
Ofenwinkel folgte sofort, und der eine der Knappen schoß zurück aus dem
Fenster und traf. Die dunklen Gestalten im Garten huschten durcheinander
und fluchten deutsch und französisch. Das Weib rief scharf und spöttisch
drein: und noch einmal stürzten sich die Angreifer auf die zertrümmerte
Haustür, deren Verrammelung von dem Meister Albrecht und seinem zweiten
Gesellen in Verzweiflung verteidigt wurde.

»Hans Lages, willst du mit? In dem Dampf hier vergeht einem doch der
Atem; -- ich hab's mir versprochen, und so lang' ich lebe, kriegt die
Innerste ihren Willen nicht!«

»Hops über, Herr Unteroffizier, wir springen ihnen auf den Buckel!« rief
der tapfere Mühlknappe, und sie schwangen sich ein jeder aus einem der
beiden Fenster und fielen den nächtlichen Räubern wirklich in den
Rücken, der eine mit seiner Handaxt, der andere mit dem Kolben. Wie
nicht ganz selten in dergleichen Fällen übertraf der Erfolg die
Erwartung. Der Schnee fiel stärker denn je; die Marodebrüder hatten mehr
als einen guten Mann verloren, und eine Panik fiel über sie. Sie wichen
zurück und gerieten, wie das dann gewöhnlich zu geschehen pflegt, ins
Laufen. Auch der Meister Bodenhagen und der Knappe Fritz sprangen jetzt
hervor aus ihrer Verschanzung, und es wurde eine Verfolgung durch den
Garten gegen die Innerste zu. Noch ein kurzes Ringen fand auf dem
Windeise des übergetretenen Flusses statt, und da ertönte zum letzten
Male, aber auch am markdurchdringendsten, der schlimme gespenstische
Schrei: es ging ein Knattern durch das Eis -- das Wasser bekam doch
seinen Willen in diesem Jahre Siebenzehnhundertsechzig: unter dem Eise
weg trieb eine Weiberleiche abwärts gegen die Stadt Sarstedt zu, ist
jedoch erst im März des nächsten Jahres, als der Tauwind blies, zutage
gekommen.

In Sarstedt wie in Groß-Förste hatte man nun aber allgemach die
Überzeugung gewonnen, daß das Flinten- und Büchsenfeuer mitten in der
Nacht irgendeinen Grund habe, und zwar einen bedenklichen. Im Dorfe zog
man die Sturmglocke, und von der Stadt her kamen Bürgermeister und
Bürgerschaft wirklich zum Sukkurs.

Man kam mit Laternen und Fackeln und allen möglichen Gewaffen und
verwunderte sich über die Art, in welcher die Mühle des Meisters
Bodenhagen die Weihnachten hatte feiern müssen. Drei Leichen und fünf
mehr oder weniger schwere Verwundete ließen die Marodeurs vor der Mühle
zurück, und einen toten Raubvogel hob man im Hausgange auf. Die
männlichen Bewohner der Mühle bluteten sämtlich, doch nur aus leichten
Wunden, bis leider auf den tapferen Korporal Jochen Brand, den man am
Rande der Innerste unter dem Gartenzaun bewußtlos in seinem Blute
liegend fand. Ein Messerstoß hatte ihn in die Seite getroffen über der
rechten Hüfte, und er kam nur noch einmal zum Bewußtsein, und zwar am
folgenden Morgen, als in Dorf und Stadt die Glocken zur
Weihnachtsfrühkirche läuteten und das Singen durch die Christenwelt
anhub: ^dies est laetitiae^, oder zu deutsch: der Tag, der ist so
freudenreich, wie es seit vielen, vielen hundert Jahren gesungen wird in
den Kirchen.

Da sprach der Korporal mit schwacher Stimme zu dem jungen Müller:

»Lebe wohl, adjes, Musketier Bodenhagen; du hast deine Sache gut
gemacht, und ich habe meine Lust an dir gehabt. Halte dich fernerhin gut
und halte dein lieb Weib gut. Es war die Radebreckersche; -- es war --
unsere Doris, mit der ich mich auf dem Eise zerrte! Sie ist immer so gut
gewesen wie ihr Wort; aber den Stoß hab' ich doch eigentlich nicht von
ihr verdient, denn ich war der einzige von allen Gästen der Buschmühle,
der's gut mit ihr meinte -- besser als nach ihren Meriten. Wer kann aber
wider das wilde Wasser, und wo sollte die arme Kreatur hin aus dem Turm
in Wildemann? Ich bin zu dir und deiner Liese gekommen, aber für sie war
keine Zuflucht als die Lagerkameradschaft, der Krieg mit der Welt bis
aufs Messer und was dran hängt an dem Kriege! Adjes, Albrecht, ich mache
mir nichts draus, und ich glaube, sie macht sich auch nichts draus, daß
es zu Ende ist.«

Der Müller weinte, und als dann die Müllerin in die Kammer kam, weinte
sie gleichfalls, und beide mit vollem Rechte.

»Adjes, Frau Liese,« sagte der Korporal noch schwächer als zuvor. »Vor
der Innerste braucht Sie keine Furcht mehr zu haben, junge Frau; sie hat
ihr schwarz Huhn. Aber mit meiner Gevatterschaft ist's auch nichts; --
es war kurios, aber ich habe mich die letzten Tage über gar nicht mehr
drauf gefreut. Gott helf' Euch durch die Zeit; -- König Fritzen geht's
auch hart -- vivat Fridericus! Durch kommt er doch, und Friede wird
auch; -- ich habe den meinigen heute schon versiegelt und bin ganz im
Reinen. Ein unnützer invalider Vagabond war ich doch, und der beste
Kamerad wäre auf die Länge meiner überdrüssig geworden.«

Durch sein Schluchzen wollte der Müller dem Sterbenden noch ein Wort
dreinreden in sein letztes Wort; doch es ist immer ein bedenklich Ding,
das Dreinreden in ein letztes Wort.

Wie gesagt, auch diese Mühle an der Innerste steht heute nicht mehr;
aber es haben nach dem Meister Albrecht noch zwei Bodenhagen drauf
gesessen. Erst seit dem Jahre 1803, als die Franzosen unter Mortier im
Hannoverschen waren, ist sie allgemach nahrungslos geworden und endlich
um das Jahr 1820 abgebrochen. Die Innerste ist reguliert worden wie die
Ihme und die Leine; sie hat zwar auch jetzt noch ihre Nücken und Tücken
und verlangt dann und wann wohl ein Lebendiges zum Fraß; aber daß sie
danach schreie, glaubt heute kein Mensch mehr.



Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. 18]:
   ... aus dem er auch vielleicht augfestiegen sein konnte,
       zurücksank. ...
   ... aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte,
       zurücksank. ...

   [S. 18]:
   ... an den Hut und rief von neuem über die Innerste. ...
   ... an den Hut und rief von neuem über die Innerste: ...

   [S. 19]:
   ... ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...
   ... Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...

   [S. 107]:
   ... gemacht zu haben, und mit der Menge muß es ...
   ... gemacht zu haben, und mit der Menage muß es ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Innerste - Erzählung" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home