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Title: Englands Wirtschaftskrieg gegen Deutschland
Author: Stresemann, Gustav
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Englands Wirtschaftskrieg gegen Deutschland" ***

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DEUTSCHLAND***


the Staatsbibliothek zu Berlin (http://staatsbibliothek-berlin.de)



Note: Images of the original pages are available through the
      Staatsbibliothek zu Berlin. See
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      | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.       |
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ENGLANDS WIRTSCHAFTSKRIEG GEGEN DEUTSCHLAND

Von

DR. GUSTAV STRESEMANN

Mitglied des Reichstages



[Illustration]

Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart und Berlin 1915

Alle Rechte vorbehalten

Druck der
Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Papier von der Papierfabrik Salach
in Salach, Württemberg



                                                Auf deiner Insel,
                                                neidisches England,
                                                du bist der Urfeind.

                                                          Schmidtbonn

Seit den Zeiten, in denen französische Eroberungslust unter Ludwig XIV.
die deutsche Pfalz verwüstete, den Zeiten, von denen die Ruinen des
Heidelberger Schlosses zeugen, gilt über Napoleon I. und seinen kleinen
Namensträger Napoleon III. hinweg bis in die Zeiten der französischen
Revanchepolitiker, der Augenblickserscheinung eines Boulanger und der
Politik eines Delcassé, Frankreich schlechthin als der Erbfeind der
deutschen Nation. Allen Deutschen war der Gedanke gegenwärtig, daß
um das Deutsche Reich, welches auf den Schlachtfeldern errungen war,
noch einmal auf den Schlachtfeldern gestritten werden müßte, um seine
Existenz zu bewahren. Westwärts war der deutsche Blick in diesem Sinn
gerichtet, und wenn in Stunden der Erinnerung an deutsche militärische
Großtaten die Herzen sich weiteten und der Deutsche zum Ausdruck
bringen wollte, daß er sein Vaterland schützen werde gegen jeden
Angriff, der von außen käme, dann sprach er von der Wacht am Rhein und
davon, daß Deutschlands schönster Strom mit dem Herzblut des deutschen
Volkes verteidigt werden würde.

50 Jahre des Friedens hat uns Moltke als das Höchstmaß dessen genannt,
was uns beschieden sein würde, bis wir wieder zum Schwerte zu greifen
hätten. Ehe noch dieses halbe Jahrhundert verflossen war, ist der
Weltkrieg ausgebrochen, der gegenwärtig in allen Erdteilen Kämpfer
aufruft. Von dem ersten Augenblicke an, in dem es klar war, daß wir
diesen Kampf zu bestehen hätten, da scholl wie in alter Zeit die Wacht
am Rhein aus den Kehlen der Deutschen. Aber die Augen und der Sinn
richteten sich nicht so sehr gegen Westen hin, wo Frankreich seine
Heere aufgestellt hatte, um Revanche zu nehmen für Sedan und Metz
und den Einzug in Paris, auch nicht so sehr nach dem Osten hin, wo
Millionenheere bereit standen, um über deutsche Gaue herzufallen, wie
nach der Nordsee, nach England.

Fast jeder der am Weltkrieg beteiligten Staaten hat in der Zwischenzeit
Dokumente erscheinen lassen über den Ursprung des Krieges. Jeder sucht
durch Zusammen Stellung von allerlei Beweisstücken die Verantwortung
für den Ursprung des Krieges dem Gegner zuzuschieben. Für den
Historiker späterer Zeiten werden diese Weißbücher und Gelbbücher,
und wie sie alle genannt seien, ihren wenn auch bedingten Wert haben.
Helfferich hat auf Grund einer Vergleichung dieser Dokumente das
Wort von Rußland als dem Brandstifter dieses Krieges geprägt. Aber
der Volksinstinkt, jene unwägbare Seelen Stimmung des Volkes, von
der Bismarck einst sprach, hat längst erkannt, daß es sich in diesem
Weltkrieg nicht handelt um die Mordtat in Serajewo und deren Sühnung,
nicht handelt in erster Linie um russischen Expansionsdrang oder
französische Revanchelust, sondern daß es den Kampf gilt zwischen
England und Deutschland, einen Kampf um Leben und Tod, einen Kampf
um Größe oder um Untergang, nicht herausgeboren aus völkischen und
politischen Gegensätzen der Nationen, nicht herausgeboren aus dem
Gefühl, empfangene Niederlage auf dem Schlachtfeld zu sühnen, sondern
um einen Kampf, herausgeboren aus wirtschaftlichen Beweggründen, der
als der gigantischste Wirtschaftskampf aller Zeiten dastehen wird und
der im deutschen Volk lodernden Zorn mit vollem Recht deshalb ausgelöst
hat, weil seine Motive letzten Endes in der aus dem Hochmutsgefühl
der Weltherrschaftsbestimmung entspringenden Erregung gegen einen
unbequemen Wettbewerber und in einem schrankenlosen Erwerbsdrang
liegen. Das deutsche Gefühl, das seit Scharnhorsts Zeiten in dem
Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht seine höchste Ehre sieht,
wendet sich mit Verachtung hinweg von einem Land, das mit Söldnern
seine Kriege führt, die alte Traumjörgnatur des Deutschen fühlt sich
abgestoßen von der kühlen, rechnerischen Natur eines englischen
Ministers, der davon spricht, daß dieser Kampf geführt werden muß bis
zur letzten silbernen Kugel. Der Gegensatz Rom-Karthago steigt im 20.
Jahrhundert erneut auf, und die Welt hält den Atem an, um zu sehen, wer
in diesem Ringen Sieger bleiben wird.

Mit dieser Stimmung des deutschen Volkes gegen England sind vor
allem die weitesten Kreise der Industrie und des Handels einig.
Als die Nachricht von der Niederlage Englands bei St. Quentin an
der Börse zu Hamburg bekannt wurde, da spielten sich dort Szenen
eines Freudenausbruches ab, die man dem korrekt steifen Hamburger
Kaufmannsstand kaum zugetraut hätte. Um die Jahreswende 1914 hat die
„Korporation eines ehrbaren Kaufmannes” zu Hamburg in einer Kundgebung
an den deutschen Reichskanzler als Empfindung der Hamburger Kaufleute
zum Ausdruck gebracht, „sie (die Hamburger Kaufleute) achteten nicht
der Verluste an Geld und Gut zu einer Zeit, da alle Söhne und Brüder
voller Begeisterung in einen Kampf ziehen, der für die Erhaltung des
Vaterlandes geführt wird und der nach so schweren Opfern nicht eher
beendet werden darf, als bis _die Zerstörer des Weltfriedens, vor allem
das in seiner Kriegführung nicht nur dem Völkerrecht, sondern jeder
Gesittung und Ritterlichkeit hohnsprechenden England_ gezwungen worden
ist, Deutschland volle Freiheit in der friedlichen Weiterentwicklung
seiner internationalen und wirtschaftlichen Kräfte zu gewährleisten”.

In gleichem Sinne hat der Vorsitzende der Bremer Handelskammer,
Lohmann, an demselben Tage als Vertreter dieser Handelsstadt mit
ihren vielseitigen Verbindungen zu England und dessen Kolonien der
staunenden Frage Ausdruck gegeben, wie blinder Geschäftsneid gegen
die erfolgreiche Weiterentwicklung seines deutschen Wettbewerbers
England zur Kriegserklärung gegen Deutschland veranlassen konnte. Zur
Erklärung verwies er auf die Worte des englischen Admirals Monk bei der
Zerstörung von Neu-Amsterdam, jetzt Neuyork: „Was wollen wir uns erst
mit Gründen abgeben? Was wir brauchen, ist mehr von dem Handel, den
jetzt die Holländer haben.”

Beim 250jährigen Jubiläum der Hamburger Handelskammer klang es aus den
Ansprachen Hamburger Kaufleute erneut heraus, daß Deutschland sich
seinen Platz in der Welt von niemand nehmen lassen wolle, „von niemand,
zum wenigsten von diesen Engländern, die diesen Krieg heraufbeschworen
haben, von diesen Engländern, von denen Houston Stewart Chamberlain
sagt, daß sie in ihrer Moral und als Staat morsch seien bis auf die
Knochen. Neid und Niedertracht haben diesen Krieg hervorgerufen, weil
wir es in der Welt, in Handel, Schiffahrt und Industrie vorwärts
gebracht haben, weil wir fleißig gewesen sind und etwas gelernt haben.”
Aus den Kreisen der deutschen Flotte klingt es noch stärker heraus:
„Mit allen Fasern unseres Herzens müssen wir danach trachten, England
zu vernichten. Wenn je ein Haß berechtigt war, so ist es der gegen
England. _England niederzuwerfen ist geradezu eine Kulturtat_,” so
sprach Vizeadmiral v. Kirchhoff in Gegenwart des Königs von Sachsen
unter allgemeiner Zustimmung in Dresden.

Daß in diesem Ringen nach allen Seiten hin sich alter deutscher
Waffenruhm bewähren würde auf dem Gebiet der Heereskämpfe, das hat
niemand anders erwartet, daß er sich so herrlich bewähren würde auf
dem freien Meere, das ist vielen in der Welt überraschend gekommen,
während allerdings demjenigen, der die zielbewußte Arbeit der
deutschen Flotte seit Jahren beobachtet hatte, von vornherein vor
Augen stand, daß sie in glänzender Weise ihre Pflicht erfüllen würde.
Mit liebevoller Anteilnahme ist der Deutsche den Waffentaten unserer
jungen Flotte gefolgt, kann sich doch trotz allem, was an Poesie
vergangen ist, seitdem die hohen Masten und Segel ersetzt worden sind
durch die nüchternen Schornsteine, die Phantasie vielmehr knüpfen
an den schlanken Rumpf eines Schiffes, das einen Namen trägt, der
gewissermaßen Persönlichkeit verleiht, als wenn im Kampf der Millionen
gegen die Millionen die Bedeutung der Einzelpersönlichkeit und der
Ruhm einzelner Regimenter sich verliert und nur wie leuchtende Sterne
Namen einzelner Heerführer hervorleuchten. Die kühnen Fahrten deutscher
Unterseeboote, der Sieg des deutschen Geschwaders an der chilenischen
Küste und sein heldenhafter Untergang an den Falklandsinseln, der
prächtige Durchbruch der „Goeben” und der „Breslau” aus der Bucht von
Messina, die Fahrten deutscher Schiffe an Englands Küste, die von
Romantik umwobenen Taten der „Emden” und der „Karlsruhe”, davon wird
man noch singen und sagen in späten Zeiten. Noch ist in dem Augenblick,
in dem diese Zeilen niedergeschrieben werden, keine Entscheidung des
Krieges gefallen, aber eines steht schon heute fest, daß etwas zugrunde
gegangen ist, worauf Englands Weltherrschaft in der Welt zum größten
Teil beruhte, daß zugrunde gegangen ist die Tradition von Englands
Unüberwindlichkeit zur See, zugrunde gegangen die Tradition von
Englands unüberwindlicher Flotte. Mit nüchternen Worten hat der Leiter
der größten Dampfschiffreederei der Welt, hat Herr Ballin derjenigen
englischen Zeitung, die ihm Kleinmut sowie den Ausspruch andichtete,
daß die Möglichkeit eines erfolgreichen Ausganges des Kampfes gegen
England ausgeschlossen sei, gesagt: „Meines Erachtens ist England
heute schon besiegt, denn ein England, das in einem solchen Kriege
seine Flotte versteckt und sich nicht mehr aufs Meer hinaus traut, hat
aufgehört, das alte England zu sein. Es hat vor allen Dingen sich damit
ein für allemal des Rechts begeben, mitzusprechen, wenn es sich um
eine Frage des europäischen Gleichgewichts handelt.”

Besser als alle Lügen der Gegner hat der Kanonendonner an der
chilenischen Küste die Möglichkeit dieses Sieges gezeigt. Dem
endgültigen Sieg in großer, entscheidungsvoller Stunde sehen die
deutschen Herzen sehnsuchtsvoll erwartend entgegen.

Aber der Kampf zwischen England und Deutschland wird auch auf anderem
Gebiet entschieden, auf dem Gebiete des Wirtschaftskampfes beider
Völker, und von diesem Wirtschaftskampf, von seinen Ursachen, seinen
Mitteln und seinem voraussichtlichen Ausgange soll die Rede sein in
diesen Blättern.

       *       *       *       *       *

Die Entwicklung des Wirtschaftskampfes zwischen England und Deutschland
fällt erst in die Zeit nach Errichtung des Deutschen Reiches und nach
seinem gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, der zusammenfassend
niedergelegt worden ist einmal in der seinerzeitigen Denkschrift über
die Entwicklung der deutschen Seeinteressen, die das Reichsmarineamt um
die Wende des 20. Jahrhunderts herausgab, und erneut zutage trat in den
Veröffentlichungen, die anläßlich des Regierungsjubiläums erschienen
sind. Ich denke an die Schrift von Helfferich über den Volkswohlstand
Deutschlands, ferner an die hervorragende Zusammenstellung, welche
Dr. Hjalmar Schacht, der Direktor der Dresdener Bank, über die
wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands verfaßt hat, an Steinmann-Buchers
verdienstvolle, aufklärende Schriften und die wertvollen Arbeiten in
den vielen politischen und wirtschaftlichen Rückblicken jener Tage. Die
Ziffern, die in genannten volkswirtschaftlichen Schriften niedergelegt
sind, stellen das Endergebnis einer Entwicklung von Jahrzehnten dar,
einer Entwicklung, die unmöglich gewesen wäre ohne die politische
Einheit, zu welcher das Deutsche Reich sich 1870 emporgerungen hatte,
als der deutsche Idealismus der Frankfurter Paulskirche sich mit der
Realpolitik Bismarcks vermählte.

Es ist ein weiter Weg, der von den Tagen, in denen in der
schwarzrotgoldenen Begeisterung der deutschen Jugend zum erstenmal
der Gedanke der deutschen Freiheit und Einheit aufflammte, bis zum
18. Januar 1871, wo durch eine Politik von Blut und Eisen das junge
Reich geschmiedet wurde, auf deren Notwendigkeit vor dem Realpolitiker
Bismarck bereits selbst einer der achtundvierziger Sturmgesellen,
Gottfried Kinkel, in seiner Verteidigungsrede vor den Geschworenen
hingewiesen hatte. Wir haben in den letzten Jahren die Gedenkfeiern
begangen an die deutschen Freiheitskämpfe. Wir haben das gigantische
Denkmal auf Leipzigs Fluren, das in markiger Weise zum Ausdruck bringt,
was damals namentlich das preußische Volk geleistet hat, errichtet. Es
ist selbstverständlich, daß preußisch-deutsche Auffassung diese Zeiten
und Kämpfe ansieht als die Erlösungskämpfe vom Joche Napoleons I., daß
sie deshalb in dem Zusammenbruch der militärischen Macht des großen
Eroberers auch den Sieg begrüßte, durch den die französische Herrschaft
auf deutschem Boden zerstört wurde. Die deutsche Schulerziehung
stellt Napoleon I. als einen gewalttätigen Eroberer hin, der sich nur
wohlfühlte in einem Meer von Blut, der von Krieg zu Krieg schritt, bis
seine Kräfte im russischen Eise erstarrten, bis das niedergedrückte
preußische Volk sich mit Einsetzung aller Kräfte gegen den Eroberer
erhob. Wir wissen heute aus den Schriften von Lenz und von anderen,
daß dieses Bild, wenn es so gezeichnet ist, gewaltige Verzerrungen
aufweist. Wir wissen, daß der Mann, der den Code Napoleon schrieb, der
ein gewaltiger Verwaltungskünstler war, der Mann, in dessen Kopf zuerst
der Gedanke der Wertzuwachssteuer entstand, der auch den König von
Preußen 1806 noch warnte, den Kampf gegen ihn aufzunehmen, trotzdem er
seines Sieges gewiß war, nicht den Krieg um des Krieges willen führte,
und wir wissen auch, daß das ihm vorschwebende gewaltige Ziel nicht die
dauernde Unterdrückung Deutschlands-Preußens, sondern die Aufrichtung
der Hegemonie Frankreichs über England war.

    „Zwo gewaltige Nationen ringen
    um der Welt alleinigen Besitz,
    aller Länder Freiheit zu verschlingen,
    schwingen sie den Dreizack und den Blitz.
    Seine Handelsflotten streckt der Brite
    gierig wie Polypenarme aus,
    und das Reich der freien Amphitrite
    will er schließen wie sein eignes Haus.”

Mit diesen Worten hat Schiller das anbrechende 19. Jahrhundert
geschildert. Gerade in der Gegenwart hat die Erinnerung an diesen
Weltkampf erneuten Reiz gewonnen. Welche Bilder steigen vor unserem
Geiste auf! Das Bild Napoleons, der in Ägypten angesichts der
tausendjährigen Pyramiden Englands Weltherrschaft hier an ihrer
empfindlichsten Stelle treffen wollte, und der Napoleon, der im Lager
von Boulogne sur Mer seine Transportschiffe liegen hat, um sein Heer
nach England überzusetzen, und der seitdem von England in einen Krieg
um den anderen gehetzt wird: „Soldaten,” so ruft er aus in den Tagen
von Boulogne sur Mer, „wir können nicht nach England gehen, denn das
Gold der Engländer hat den Kaiser von Österreich bewogen, uns den
Krieg zu erklären.” Und wiederum der Napoleon, der auf St. Helena zu
dem getreuen Las Cases sagte, daß England ihm niemals den Besitz von
Belgien verziehen habe, der _Antwerpen_ -- allerdings das Antwerpen
mit der freien Scheldemündung -- _die auf die Brust Englands gesetzte
Pistole_ nennt, und der Napoleon der Kontinentalsperre, der England da
treffen will, wo es am empfindlichsten ist, in seiner wirtschaftlichen
Existenz. England führte damals genau so wie heute den Kampf mit seinen
Söldnertruppen, vor allem aber mit den Truppen anderer Nationen,
überall waren seine Subsidien zu haben, wo es gegen Frankreich galt.
Es bekämpfte in Frankreich die damals zweitstärkste Kontinentalmacht,
es hatte, wie Bülow in seinen Ausführungen über die auswärtige Politik
sagt, schon dem Gesandten Ludwigs XIV. gegenüber ein Bündnis mit
Frankreich verweigert, weil diesem Bündnis eine bedenkliche Tatsache
gegenüberstände, nämlich die Tatsache, daß Frankreich sich eine eigene
Flotte bauen wolle. Die Subventionen an Friedrich den Großen im
Siebenjährigen Kriege galten nicht dem emporstrebenden Preußen, sondern
dem gegen Frankreich kämpfenden König, den es übrigens, sobald es
seine Interessen erforderten, in der rücksichtslosesten und brutalsten
Weise im Stiche ließ. Als Napoleons Macht zusammengebrochen war, als
er selbst in seinem Brief an den König von England Themistokles gleich
den Küsten seines mächtigsten Gegners sich nähert, da war zwar die
englische Staatsschuld auf 16 Milliarden Mark gewachsen, aber Englands
Weg zur unbedingten Weltherrschaft im 19. Jahrhundert gesichert.

Was haben die Gegner Napoleons nach den Siegen von 1813/15 erreicht?
Preußen erhielt wohl seinen alten Gebietsumfang, aber nicht seine alten
wirtschaftlichen Kräfte. Die Phrase, daß man den Kampf gegen Napoleon
und nicht gegen das französische Volk führte, hat sogar im ersten
Pariser Frieden noch dazu geführt, daß man eine Kriegsentschädigung
von Frankreich nicht gefordert hat. Erst als der Gefürchtete von Elba
zurückkam, als sein „Adlerflug” ihn von der französischen Küste bis
nach Paris trug, als die Monarchen sich erneut an ihr Volk wenden
mußten und als daraufhin der alte Blücher und der große Staatsmann, der
Freiherr vom Stein, Bewegungsfreiheit erhielten, da wurde nach langem
Feilschen auch eine Kriegsentschädigung erreicht, die aber bei weitem
nicht Preußen für das zu entschädigen vermochte, was es in der Zeit von
1806 bis 1813 hatte leiden müssen. Hat doch Napoleon I. nach seinen
eigenen Mitteilungen fast 1 Milliarde Mark aus Preußen herausgepreßt;
noch beinahe bis in die Gegenwart haben preußische Städte abzahlen
müssen von den Anleihen, die sie gemacht hatten, um die Forderungen
Napoleons erfüllen zu können. Preußen war nach den Freiheitskriegen
ein armes Land. Als das Rheinland wieder zu Preußen kam, da sagte
der alte Schaaffhausen in Köln: „O je, da heiraten wir in eine arme
Familie hinein.” Elsaß-Lothringen blieb französisch, vergeblich hat
Freiherr vom Stein versucht, dieses deutsche Land Deutschland wieder
zuzuführen, vergeblich war der Versuch, die einstige Westmark des
Reiches, das belgische Gebiet, dem Deutschen Reiche wiederzugewinnen.
Deutschland, Österreich und Rußland erhielten nichts anderes als ihre
alten Grenzen, England aber erhielt durch die Niederlage Napoleons die
Schlüssel der Weltherrschaft. Verständlich ist deshalb der Jubel, mit
dem Blücher empfangen wurde, verständlich, daß im Londoner Parlament
das Bild hängt, das Blücher zeigt, wie er mit seinen Truppen auf dem
Schlachtfeld von Belle-Alliance eintrifft, um den Sieg an die Fahnen
der schon halb niedergebrochenen englischen Regimenter zu knüpfen.

Denn wer wollte England die Weltherrschaft streitig machen? Frankreich
war nach den napoleonischen Kriegen zusammengebrochen und mußte jedem
imperialistischen Gedanken entsagen. An eine große französische
Flotte war nach der Schlacht von Trafalgar gar nicht zu denken.
Rußland besaß keinen Weltbeherrschungsdrang, in Deutschland sorgte
der Dualismus zwischen Österreich/Süddeutschland auf der einen und
Preußen/Norddeutschland auf der anderen Seite dafür, daß sie sich
gegenseitig die Wage hielten, und daß Zersplitterung und Kleinstaaterei
jeden Drang nach deutscher Größe und jede Anknüpfung an die alte
Hansezeit verhinderte. Dänemark, dessen Flotte England in räuberischer
Weise im Jahre 1800 hinweggeschleppt hatte, als es die unbefestigte
Stadt Kopenhagen mitten im Frieden beschoß, Holland, Spanien oder
Portugal waren Staaten zweiten oder dritten Ranges. Der Weg zur
Weltherrschaft stand England frei, und es verstand ihn auszunutzen.

Wie England dies tat, zeigt zunächst die gewaltige Entwicklung, die
sein Kolonialbesitz seit seinen Kämpfen mit Frankreich genommen
hat. Dr. Hennig hat in seinem Buche „Unser Vetter Tartuffe, oder
wie England seine Kolonien erwarb”, diese Entwicklung englischer
Kolonialherrschaft geschildert. 1763 war Kanada englisch geworden, im
Pariser Frieden fielen ihm außer Kanada noch Grenada, St. Vincent,
Dominica, Tobago und das ganze ehemalige französische Senegalgebiet zu.
Als die Franzosen unter Napoleon Holland eroberten, rächte sich England
dafür, indem es die Kapkolonie, Malakka und das westliche Sumatra den
Holländern raubte. 1796 kam Ceylon hinzu. Den Spaniern, als Frankreichs
Verbündeten, nahm es Puerto Rico und Trinidad. Wenn auch einige der
geraubten Inseln und Besitztümer zurückgegeben werden mußten, so
konnte England 1802 doch die für die Beherrschung des Weltmeeres
äußerst wichtige Insel Malta behalten. 1809 wurde Martinique, das
vorher zurückgegeben worden war, von neuem besetzt, Guadeloupe, Ile de
France, die Seychellen folgten. Helgoland, das Kaiser Wilhelms weise
Voraussicht uns wieder zuführte, wurde 1808 den Dänen entrissen.

Als Frankreich durch Napoleons Niederlage aus der Rivalität mit
England ausschied, begannen die Unternehmungen in Ostindien, 1826
war ein zusammenhängendes Gebiet von 3 Millionen Quadratkilometern
in Ostindien in englischem Besitz. Bald darauf ging es in seinen
Eroberungszügen gegen Hinterindien vor. Australien wurde gegen 1830
England einverleibt. Es folgten der Kampf um Englands Einfluß in
Persien und Afghanistan, der Opiumkrieg mit China, der unmoralischste
Krieg, den die Welt je gesehen hat, in dem an England im Frieden
von Nanking die Insel Hongkong und im Frieden 1860 weitere Gebiete
fielen. -- In Afrika wurde Aden 1839 genommen. Der Suezkanal, den Lord
Palmerston zunächst als das größte Schwindelunternehmen des ganzen
Jahrhunderts kennzeichnete, wurde unter englischen Einfluß gestellt,
in Südafrika die Buren von einem Treck zum anderen getrieben, bis sie
zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Transvaal und der Oranjerepublik
sich unabhängige Gebiete sichern konnten, aber nur so lange, bis die
Gold- und Diamantenfunde die englische Raubsucht erweckten und zur
Niederringung der Freiheit auch dieser Staaten und zu südafrikanischen
Kolonien unter des Spaniers Botha unterwürfiger Herrschaft führten.
Von Süden und Norden drang englische Eroberungssucht vor. Frankreich
mußte in Faschoda erkennen, was es heißt, England auf diesem Wege
entgegenzutreten. Zypern wurde als Belohnung für die Neutralität im
Russisch-Türkischen Krieg 1878 eingesteckt, 1882 wurde das englische
Protektorat über Ägypten mit einer Scheinfreiheit des Khediven und
einer Scheinoberhoheit des Sultans errichtet. Im Sudan drang man
weiter vor. Wituland und Sansibar ließ man sich von Deutschland im
Sansibarvertrag abtreten. Durch Uganda wurde 1899 der Zusammenhang
des britischen Reiches in Nordafrika sichergestellt, der große
imperialistische Traum von Cecil Rhodes einer Bahn von Kapstadt nach
Kairo nur durch englisches Gebiet näherte sich seiner Verwirklichung,
nur Deutsch-Ostafrika lag dazwischen. In Asien wurde schließlich die
wichtige Bucht von Wei-hai-wei erworben, mit Rußland verständigte
man sich über die Interessensphäre in Persien, der unter deutschem
Einfluß stehenden Bagdadbahn suchte man das wichtigste Schlußstück
englischerseits zu versperren, und so sah die Welt, als das 19.
Jahrhundert seinem Ende sich zuneigte, ein ungemessenes englisches
Kolonialreich in allen Erdteilen; Kanada und Indien, Australien,
Kapland, Ägypten und die wertvollsten Inseln der Erde waren in den
Händen von England, seine Flotte die größte der Welt, die Meeresstraßen
unter seiner Kontrolle, seine Handelsflotte unerreicht, sein Welthandel
an der Spitze aller Völker, sein Wort das wichtigste auf allen
Konferenzen, die über politische Geltung entschieden. So stand es im
wesentlichen schon da, als das junge Deutsche Reich erst in seine
Erscheinung trat.

Was aus diesem jungen Deutschen Reiche geworden ist in den 44 Jahren
seit seiner Begründung, das ist es, was Englands Haß und Eifersucht
erweckte, was es veranlaßte, seinen ganzen Einfluß gegen Deutschland
zu wenden, und was es auch veranlaßte, den wirtschaftlichen Kampf
gegen Deutschland schon früher als in diesem Kriege zu beginnen. Drei
Faktoren waren es, die Englands Argwohn erregten: die Entwicklung einer
deutschen Kolonialpolitik, die Entwicklung einer deutschen Flotte,
drittens aber und vor allem die Entwicklung der deutschen Industrie und
des deutschen Welthandels.

Unser deutscher Kolonialbesitz sollte an sich, wie man wohl annehmen
könnte, keine Veranlassung zur Eifersucht geben. Wir sind erst spät
eingetreten in die Kolonialentwicklung der Völker. Alte Tradition
wies uns zwar darauf hin; der große Ahnherr Kaiser Wilhelms II.,
der unserem jetzigen Herrscher innerlich wohl auch am meisten vor
Augen schwebt, der Große Kurfürst, hatte versucht, Kolonialpolitik
zu treiben, Emden zu einem großen Handelshafen zu machen und die
brandenburgisch-preußische Handelsflagge auch in fernen Ozeanen
aufzupflanzen. Nur wenig geschichtliche Erinnerung ist uns davon
geblieben, die Meeresgeltung hatte man wohl gesehen zu den Zeiten
der Hansa und des Stahlhofes in London, in den Niederlassungen der
deutschen Handelshäuser in Genua und Venedig. Das alles war später
zugrunde gegangen, als mit dem brudermörderischen Dreißigjährigen Krieg
Deutschlands Wohlstand dahinsank. Seitdem war bis in die Mitte des 19.
Jahrhunderts der deutsche Handel vor allen Dingen auf die Befriedigung
des eigenen Bedarfes im inneren Wirtschaftsgebiet angewiesen.
Noch 1850 hatte der ganze auswärtige Handel Deutschlands nur eine
Milliarde Mark betragen. Zwar bedeutete der Deutsche Zollverein eine
Tat, und die Tage, an denen zuerst die Zollgrenzen in Deutschland
fielen, haben der Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens neue
Bahnen gewiesen, aber vermessen wäre es wohl erschienen, an eine
weltwirtschaftliche Stellung Preußen-Deutschlands damals zu denken.
Die Gedanken eines Friedrich _List_, der mit geradezu prophetischem
Seherblick Deutschlands Bestimmung zur Welthandelsmacht erkannte und
bis zum Ende seines Lebens den geistigen Wirtschaftskampf Deutschlands
gegen England führen wollte, eilten den Taten seiner Zeit voraus.
Wohl weisen die Werke Rheinland-Westfalens den Weg für eine gewisse
Emanzipation des inneren Marktes von der englischen Werkstatt der
Welt, aber auch wirtschaftlich gilt zunächst Dingelstedts entsagendes
Wort: „Uneins zu Haus, nach außen klein.” Das alles wird anders
mit der Gründung des Reiches und den dadurch geweckten Kräften.
Auch Bismarck sah Deutschlands Bestimmung vor allem in seiner
kontinentalen Macht und sprach sich noch 1871 scharf gegen den Erwerb
von Kolonien aus. Trotzdem zeigt die Schwenkung, welche die deutsche
Wirtschaftspolitik im Jahre 1879 machte, schon die Anfänge einer
Politik, welche bewußt darauf hinarbeitete, der deutschen Industrie
die Unabhängigkeit vom Ausland, namentlich aber von England zu
schaffen und zugleich den Wettbewerb nach außen aufzunehmen, ohne sich
dabei aber einseitig auf exportindustrielle Entwicklung zu stützen,
vielmehr unter bewußtem und folgerichtig durchgeführtem Schutz der
landwirtschaftlichen Entwicklung. Als deutscher Unternehmungsgeist in
Südwestafrika vordringt, hält Bismarck seine schützende starke Hand
über Lüderitz und Dr. Carl Peters, trotz Gladstones sauertöpfender
freundnachbarlicher Abmahnung, und schafft uns damit Deutsch-Ostafrika
und Deutsch-Südwestafrika.

Die weitere Entwicklung unserer kolonialen Unternehmungen ist bekannt.
Zusammenhanglos war unser afrikanischer Besitz, vier Gebiete, nicht
verbunden, jedes eine andere Eigenart, dazu der wenig wertvolle
Besitz im Südseearchipel, lediglich in den Samoainseln die Gewähr
einer gewissen Entwicklung in sich bergend, und hierzu noch der Platz
an der ostasiatischen Sonne, Kiautschou, das uns Fürst Bülow erwarb.
Über 20 Jahre hindurch ist die Entwicklung der deutschen Kolonien auch
wirtschaftlich eine ziemlich sterile gewesen. Erst die Dernburgsche
Ära hat dem deutschen Volke den Kolonialgedanken nähergebracht und
vor allen Dingen auf die wichtige wirtschaftliche Bedeutung der
deutschen Kolonien, vor allem hinsichtlich der mangelhaften deutschen
Rohstoffversorgung, hingewiesen. Ein frischer Zug ging seitdem durch
unsere koloniale Entwicklung, namentlich auch in ihrer Erschließung
durch Eisenbahnen, und die zielbewußte Arbeit unserer Kolonialpolitik
kommt in den 682 Millionen des Gesamthandels unserer Kolonien im
Jahre 1913 zum Ausdruck. Nur ein kleiner Prozentsatz des deutschen
Welthandels war es, was der Handel der Kolonien mit Deutschland
ausmachte, nur wenig Stützpunkte für die Fundierung der deutschen
Ausfuhr, für die Versorgung mit den unentbehrlichen Rohstoffen, nur
geringe Absatzgebiete für die deutsche Industrie, von der immer größere
Arbeitermassen abhängig wurden. Dabei ohne Schutz einer starken
deutschen Flotte, nur mit einem allerdings jährlich sich verringernden
Zuschuß aus dem deutschen Staatssäckel zu erhalten, alles in allem
kein großer Wert gegenüber dem englischen Kolonialbesitz, mehr
Zukunftshoffnungen, deren Erfüllung allen, die fest und mit Freudigkeit
an die deutsche Kolonialpolitik glaubten, zwar sicher erschien, die
aber keinen Gegenstand des Neides für ein Volk bieten konnten, das
in einem Kolonialbesitz von über 30 Millionen Quadratkilometer mit
einer Bevölkerung von etwa 400 Millionen Menschen über den größten
Kolonialbesitz der Welt gebot.

Trotzdem sahen wir die Geschichte der neuesten Zeit erfüllt von
dem heftigsten Widerstreben Englands gegen diesen Besitz und seine
Entwicklung. Wenn irgendwo ein Gerücht auftauchte, daß Deutschland
eine Kohlenstation oder einen Flottenstützpunkt erwerben oder seinen
Kolonialbesitz vergrößern wolle, wurde die öffentliche Meinung in
England aufgepeitscht. Wie fanden sich alle die Verbündeten von 1914
schon früher zusammen, wenn Deutschland versuchte, in Marokko festen
Fuß zu fassen, oder davon gesprochen wurde, daß bei der Liquidierung
des portugiesischen Kolonialbesitzes auch Deutschland entscheidend
mitbeteiligt sein müsse, wenn irgendwo von der Erwerbung belgischen
Kongogebietes durch Deutschland die Rede war oder der deutsche
Botschafter in Konstantinopel darauf hinwies, daß in Kleinasien auch
Lebensinteressen des deutschen Volkes zur Frage ständen. Die Konferenz
von Algeciras zeigte ebenso wie die letzte Marokkokrisis, daß England
gewillt war, jede Weiterentwicklung Deutschlands auf diesem Gebiete als
Kriegsfall zu betrachten. Das hörte man heraus aus den Reden englischer
Minister, die mit dem Munde die deutsche Flotte in 48 Stunden
vernichten wollten; dies trat schon früher in den Tischreden englischer
Minister zutage, die man sich im Deutschen Reichstag mit Recht verbat.

Nur nach einer Richtung hin konnte man Englands Unwillen verstehen: in
bezug auf Ostafrika, das wie ein Keil zwischen dem Nord- und Südafrika
Englands lag, das es unmöglich machte, die Bahn Kapstadt-Kairo nur
durch englisches Gebiet zu führen. Trotzdem ist der Widerstand
Englands seit den ersten Worten Gladstones gegen die deutsche
Kolonialpolitik bis in die Gegenwart der deutschen kolonialen Tätigkeit
nur zu verstehen unter der Voraussetzung, daß England ein Monopol
der Beherrschung der Welt für sich in Anspruch nimmt, daß es diese
Beherrschung als von Gott gewollt ansieht und das Herrscherrecht zu
haben glaubt.

Die Entwicklung der deutschen Flotte war der zweite Faktor, der England
den künftigen Kampf gegen Deutschland als Lebensaufgabe Englands
ansehen ließ. Mit dem Auge auf die englische Flotte ist, wie Bülow
in seinen Ausführungen zum Kaiser-Jubiläum darlegte, die deutsche
Flotte gebaut worden, ebenso aber mit dem Auge auf die deutsche, die
englische Flotte. Der Zweimächte-Standard Englands ist unter diesem
Gesichtspunkte zu verstehen, die Notwendigkeit, den deutschen Handel
durch eine deutsche Flotte stark zu schützen, wurde von England nicht
anerkannt, die deutsche Flotte als Luxus hingestellt gegenüber der
englischen, die für England eine Lebensnotwendigkeit sei. Und so wurde
mit allen Dreadnoughts, die in Deutschland vom Stapel liefen, Englands
Mißwollen verstärkt.

Wie Englands Neid auf jede neben ihm emporkommende Seemacht schon
früher eingeschätzt wurde, das läßt sich an Beispielen aus der
Geschichte vielfältig beweisen. Wie schon erwähnt, weist Fürst Bülow
in seinen Ausführungen über auswärtige Politik darauf hin, daß schon
zu Ludwigs XIV. Zeiten von der englischen Regierung ein von Frankreich
angebotenes Bündnis, im Hinblick auf die Absicht Frankreichs, sich eine
Flotte zu bauen, abgelehnt wurde. Als Friedrich Wilhelm III. nach den
Freiheitskriegen in England weilte und ihm der König von England eine
kleine Schaluppe zum Geschenk machte, erwiderte König Friedrich Wilhelm
III.: „Hoffentlich wird England nicht neidisch werden auf meine
Flotte.” Eine Anekdote nur, jedoch kennzeichnend für die Auffassung,
die man auch zu jener Zeit von Englands Empfindungen hatte. Bedeutsam
mit dieser Bezeichnung sind jedoch vor allem die Ausführungen, welche
der bekannte Leipziger Nationalökonom Dr. Roscher zu einer Zeit machte,
als das Deutsche Reich im Jahre 1881 erst 39 Millionen Mark für seine
Flotte (431 Millionen Mark im Jahre 1913) ausgab. In der ersten
Auflage seiner „Nationalökonomie des Handels und Gewerbefleißes” sagt
er im § 12 über den Handelsstand: „Es ist immer ein verhängnisvoller
Wendepunkt, wo die tonangebende Landmacht anfängt, dem ersten
Handelsstaate auch zur See gleichzukommen.” In einer Anmerkung gibt er
in seiner inhaltsvollen Kürze drei weltgeschichtliche Belege für diesen
Satz: „Sparta im Peloponnesischen Kriege, Zeit 424, Rom, Zeit Duilius,
Frankreich, Zeit Colbert.” Wir könnten heute hinzufügen: „Deutschland,
Zeit Kaiser Wilhelm II.”

Diese Frage des Flottengegensatzes, auf die hier nicht näher
eingegangen werden soll, liegt auf politischem Gebiete. Der
hauptsächlichste Beweggrund zu Englands Handeln aber war die
Entwicklung der deutschen Industrie und des deutschen Welthandels.
Statt einer langatmigen Darstellung der Entwicklung des beiderseitigen
Anteils am Welthandel seien einzelne Ziffern genannt, die erkennen
lassen, wie grundlegend sich auf diesem Gebiete die Verhältnisse seit
der Reichsgründung verschoben haben. Die Bevölkerung Englands stieg
seit der Reichsgründung von 31,5 auf 45,6 Millionen, die des Deutschen
Reiches von 40,9 auf 66 Millionen. Nicht nur die absolute, auch die
relative Zunahme der Bevölkerung hat im Deutschen Reiche England weit
übertroffen. Im Gegensatz zu England ist es dabei einer verständigen
Wirtschaftspolitik in Deutschland gelungen, neben einer mächtig sich
entwickelnden Industrie und einem gewaltig anwachsenden Welthandel,
sich auch eine starke Landwirtschaft zu erhalten, die, wenn auch ihr
relativer Anteil an der gesamten Bevölkerung zurückgegangen ist, es
doch verstand, auf den im wesentlichen sich gleichbleibenden Boden
eine gewaltige Steigerung der Erzeugung von Körnerfrüchten, allein
in den letzten 25 Jahren um über 80 % herbeizuführen und gleichzeitig
die Viehhaltung quantitativ und qualitativ in ungewöhnlicher Weise zu
verstärken. Die Kaufkraft der deutschen Landwirtschaft, die namentlich
durch die letzten Zollverträge gestärkt wurde, war die sichere
Unterlage, auf der die deutsche Industrie sich aufbauen konnte. Die
Entwicklung war nicht nur auf den Export eingestellt, sondern in
denjenigen Jahren, in denen stürmische Schwankungen die Weltkonjunktur
niederhielten und manches Land aus dem Gleichgewicht brachten, wurde
bei uns dieses Gleichgewicht erhalten. Schon darin lag eine Stärke
Deutschlands gegenüber England, die sich beispielsweise auch bei den
gewaltigen Konjunkturrückschlägen des Jahres 1907 darin zeigte, daß
nach den gleichzeitigen Ermittlungen der englischen und deutschen
Gewerkschaften in England die Zahl der Arbeitslosen eine bedeutend
größere war als in Deutschland.

Nicht weniger aber ist vor allen Dingen die deutsche Industrie als
solche in die Höhe gekommen, seitdem einmal eine verständige, maßvolle
Schutzzollbewegung ihr die Möglichkeit technischen Fortschrittes
in ausgiebigstem Maße gab (Bergbau, Eisenerzeugung), und seitdem
andererseits das innige Bündnis zwischen Wissenschaft, Technik und
kaufmännischen Fähigkeiten und einer steigenden Arbeitsintensität
auf dem Gebiete der Chemie und der Elektrotechnik geradezu Monopole
für Deutschland schuf, während bei vielen anderen Warengattungen
die Überlegenheit des deutschen Fabrikanten in bezug auf dessen
Anpassungsfähigkeit an fremde Bedürfnisse, seine Sprachenkenntnisse,
seine Reisetätigkeit, die Schaffung stets neuer Muster, seine
sorgfältige Ausführung auch kleiner und kleinster Aufträge und sein
Grundsatz, den Kunden an sich heranzuziehen, statt auf ihn zu warten,
zu jenem gewaltigen Aufschwunge verhalf, der Deutschland auf diesem
Gebiete das in konservativen Geschäftsgrundsätzen wandelnde England
überholen ließ. Um das Siebenfache ist seit Gründung des Reiches
die Erzeugung der Stein- und Braunkohle gewachsen. In Roheisen und
Eisenerzen stieg vom Jahre 1885 auf 1912 die Erzeugung um 384,5 %
gegenüber einer Steigerung in England um 28,5 %. Noch im Jahre 1900 war
die Differenz zwischen der deutschen Stahlerzeugung und der englischen
nur etwa 1½ Millionen Tonnen, im Jahre 1912 war diese Differenz auf
etwa 11 Millionen Tonnen gestiegen. In absoluten Ziffern gemessen,
betrug 1913 die Produktion von Roheisen in Deutschland 19309172 ~t~
gegen 10646838 ~t~ in England, die Produktion von Stahl 18935000 ~t~
gegen 7700000 ~t~ in England. Der Kupferverbrauch, ein Grundpfeiler
namentlich auch für die elektrotechnische Industrie, stieg in den
letzten zehn Jahren um 359 % in Deutschland und 87 % in England. Die
elektrotechnische Industrie überragt in ihrer gesamten Erzeugung die
englische beinahe um das Dreifache. In der deutschen chemischen
Industrie, die in den letzten 25 Jahren die Zahl der Arbeiter mehr
als verdoppelt hat, zeigt sich die weltbeherrschende Stellung gerade
in diesem Kriege, wo England selbst unter der Nichtzufuhr deutscher
chemischer Produkte auf das empfindlichste leidet und mit gewaltigen
Arbeiterentlassungen die Tatsache der Nichtversorgung des heimischen
Marktes quittieren muß, und die amerikanische Baumwollausfuhr nach
Deutschland durchgesetzt wurde, weil Amerika ohne die deutschen
chemischen Erzeugnisse seine eigenen Textilwerke nicht aufrechtzuhalten
vermochte.

In den Ziffern des deutschen Gesamtaußenhandels kommt diese Steigerung
deutlich zum Ausdruck. Noch im Jahre 1887 war England in seinem
Export Deutschland um etwa 50 % überlegen (4533 Millionen gegenüber
2937 Millionen Mark). Im Jahre 1912 war diese Differenz auf etwa 10 %
gesunken (9943 Millionen Mark auf englischer gegenüber 8956 Millionen
Mark auf deutscher Seite). Nehmen wir den gesamten Welthandel, so sehen
wir im Spezialhandel der Völker, daß seit 1887 Englands Anteil um 113 %,
derjenige der Vereinigten Staaten von Nordamerika um 173 %, der deutsche
um 225 % gestiegen ist. Allein in den Jahren 1901-1911 ist die deutsche
Ausfuhr von Fabrikaten um 93,2 % gegenüber 62,3 % bei Großbritannien
gestiegen. Noch führt England im Welthandel der Völker mit einer
Gesamtziffer des Gesamthandels von 24,2 Milliarden Mark, ihm folgt dann
an zweiter Stelle mit einem Gesamtaußenhandel von etwa 22,5 Milliarden
Mark Deutschland, an dritter Stelle folgen die Vereinigten Staaten mit
etwa 17,9, an vierter Stelle Frankreich mit 12,46 Milliarden Mark. Von
Einzelheiten sei hier erwähnt die deutsche Maschinenausfuhr, die 1913
678 Millionen Mark wertete gegen 674 Millionen Mark in England, während
dieselben Ziffern im Jahre 1900 noch 183 Millionen für Deutschland
gegenüber 401 Millionen Mark in England betrugen. In 14 Jahren also
für Deutschland eine Steigerung um mehr als das 3½fache, in England
nur um mehr als die Hälfte! Denkt man an die Zeit, in welcher Englands
Welthandel denjenigen Deutschlands um das Doppelte überragte, und nimmt
man an, daß es Deutschland gelungen wäre, diesen relativen Aufschwung
aufrechtzuerhalten, den es bisher aufweisen konnte, so konnte man
allerdings erwarten, daß eine Zeit kommen würde, welche überhaupt nicht
mehr England, sondern Deutschland an der Spitze des Welthandels aller
Völker sehen würde.

Die gewaltige Entwicklung, die sich in diesen Ziffern zeigt, tritt auch
zutage in der Entwicklung der Handelsmarine. Zwar ist hier Englands
Vorsprung ein ganz anderer wie auf dem Gebiet des Welthandels an sich.
Noch ist es der große Weltverfrachter, und wenn auch allein in den
letzten zehn Jahren der Raumgehalt der deutschen Seeschiffe um 111,4 %
stieg gegenüber 39 % bei England, so ist dieses doch in der absoluten
Ziffer der deutschen weit überlegen. Von 1416300 Registertonnen
stieg in den letzten 20 Jahren der Nettoraumgehalt der deutschen
Seeschiffe auf 2994200 Registertonnen, während in der gleichen Zeit
der Nettoraumgehalt der englischen Seeschiffe von 8933500 auf 12415800
Registertonnen stieg. Allerdings muß man dem gegenüberhalten, daß der
Anteil Englands an der Welthandelsmarine in dem gleichen Zeitraum von
46,8 % auf 42,6 % gesunken ist, während gleichzeitig Deutschlands Anteil
von 7,4 auf 10,3 % gestiegen ist. In der amtlichen Denkschrift zur
Begründung der deutschen Flottenvorlage ist zuerst, vielleicht damals
mit allzu großer Deutlichkeit, auf diese Entwicklung der deutschen
Seeinteressen hingewiesen worden. Auch hier sah England Deutschland
als Rivalen neben sich, sah, wie Hamburg mit London und Liverpool
wetteiferte, mußte vor allem erleben, daß die beiden führenden großen
deutschen Schiffahrtsgesellschaften es verstanden hatten, sich eine
Führung ohnegleichen auf dem Gebiete des Personen- und Frachtenverkehrs
nach den Vereinigten Staaten zu sichern, mußte erleben, wie der
„Imperator” und das „Vaterland” vom Stapel liefen und die größten
Schiffe der Welt unter deutscher Flagge ihren Weg sich durch die Fluten
bahnten.

Vervollständigen wir das Bild, das diese Ziffern geben, noch durch zwei
Betrachtungen. Deutschland war einstmals das Land der Auswanderung;
politische Unzufriedenheit um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat
die einen, wirtschaftliche Not auch noch nach Gründung des Reiches die
anderen über die Meere getrieben; bis auf jährlich 275000 Menschen
stieg die Zahl derjenigen, die Deutschland verließen, um sich eine
neue Heimat jenseits des großen Wassers zu begründen. In Neuyork,
in Chicago, in Milwaukee, in Cincinnati ebenso wie in Rio Grande
do Sul zeigen sich noch heute die Folgen dieser Auswanderung. Wie
anders ist das geworden! Im letzten Jahre haben noch 25000 Deutsche
ihr Heimatland verlassen, aber mehr als 12000 sind zurückgekehrt, so
daß Deutschland zu den wenigen europäischen Ländern gehört, die fast
keine internationalen Auswanderungsverluste zu verzeichnen haben,
denen es möglich ist, das, was hineinwächst in ihre Bevölkerung, auch
im eigenen Vaterlande zu ernähren; ja die große Zahl ausländischer
Wanderarbeiter zeigt, daß selbst diese wachsende Bevölkerung
Deutschlands nicht mehr in der Lage war, Deutschlands Bedarf an
Arbeitskräften zu decken, welche das Neudeutschland der Gegenwart
verlangte.

England muß demgegenüber den großen Bevölkerungsverlust decken, wozu
namentlich die Stimmung in Irland beiträgt, das unter englischer
Herrschaft zu einem entvölkerten Lande wurde. Dem Wachstum
Deutschlands, das seinen Geburtenüberschuß in den letzten Jahren als
wirtschaftlichen, militärischen und politischen Machtzuwachs buchen
konnte, stehen die 240000 Engländer gegenüber, die in den letzten
Jahren durchschnittlich England und Irland verlassen haben.

Im Volkswohlstand beider Länder kommt letzten Endes das Ergebnis zum
Ausdruck. Auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, ist England auch
heute noch reicher als Deutschland. Seine Steuerpolitik hat bis in die
letzten Jahre hinein erlaubt, in viel größerem Maße als in Deutschland
die niedrigen Einkommen von der Steuer freizulassen. Nach dem
„Economist” wird das Gesamtvermögen Englands auf 285 Milliarden Mark,
nach Ballot dasjenige Deutschlands auf 270 Milliarden Mark geschätzt.
Wir können heute nach dem Ergebnis des Wehrbeitrages die Überzeugung
aussprechen, daß diese Schätzung Ballots zu niedrig gegriffen ist,
daß wir weit mehr Steinmann-Bucher glauben können, der Deutschlands
Volksvermögen auf 350 Milliarden Mark berechnet. Einen Vergleich geben
auch die Sparkasseneinlagen. Im Jahre 1875 kamen auf den Kopf der
Bevölkerung gemessen in Deutschland 44 Mark, auf den Kopf in England 42
Mark, im Jahre 1911 in England 103, in Deutschland 272 Mark.

Keine Sprache ist für die Engländer verständlicher als die Sprache der
kühlen, nüchternen Ziffern, und auf den Ziffern, die hier genannt sind,
beruht Englands Eifersucht und Neid.

       *       *       *       *       *

England hat schon lange vor dem Krieg die Folgerung aus dieser
Entwicklung gezogen. Sein Wirtschaftskrieg gegen Deutschland begann
mit jenem 1887 erlassenen _Gesetz_ über die Herkunftsbezeichnungen
„_~Made in Germany~_”, das ein Brandmal sein sollte für deutsche
Erzeugnisse, aber zu einem Ehrendenkmal deutscher Qualität wurde. Daß
es bewußt gegen Deutschland gerichtet war, bedarf keines weiteren
Hinweises, denn Deutschland gehört zu den Hauptversorgern von
Großbritannien. Dieses Gesetz war der erste Bruch mit der bis dahin
traditionell betriebenen Freihandelspolitik Englands. Wie oft ist
uns das Lied dieser englischen Freihandelspolitik nicht gesungen
worden! Die guten Deutschen, die so gern das Vorbild im Ausland
suchen und die vielleicht ein gewisses Recht hatten, in der Zeit
preußischer Reaktion ein englisches Parlament, das seine Vorzüge
hatte, anzuerkennen, vergaßen, daß Englands Wirtschaftspolitik
nie von einem anderen Gesichtspunkt geleitet worden ist als von
demjenigen des rücksichtslosesten Eigennutzes. Professor Harms, dem wir
verschiedene hervorragende Darlegungen über England und Deutschland
verdanken, hat in einem in der „Deutschen Revue” veröffentlichten
Aufsatz über England und Deutschland mit Recht darauf hingewiesen, daß
England zunächst durch Jahrhunderte hindurch an einer rücksichtslos
gehandhabten Ausschließungspolitik festhielt und erst dann, als es nach
dem Niederbruch Frankreichs die unbedingte kommerzielle Übermacht in
Europa hatte, seine Grenzen aus dem Grunde öffnete, weil die anderen
Völker auf seinem eigenen Markt nicht konkurrieren konnten und weil
es die Hoffnung hatte, daß die anderen Staaten dem Beispiel folgen
und ihm die Grenzen öffnen würden und ihm dann diese Absatzgebiete
schrankenlos offen standen. Diese Hoffnung Englands hat sich als
vollständig richtig erwiesen. Es wurde die große Werkstatt der Welt
und es konnte sich die unbedingte Herrschaft auf den Märkten der Welt
aneignen, solange dieses Freihandelssystem auch von anderen Ländern
adoptiert wurde. Die Notwendigkeit von Schutzzöllen für die deutsche
Industrie hatte ja zuerst Friedrich List, dessen geradezu grandiose
prophetische Voraussage man auch darin wieder bewundern muß, in den
Vordergrund seiner Ausführungen gestellt. Als England merkte, daß diese
Freihandelspolitik ihm gefährlich wurde, beginnt es mit dem Abbau des
Freihandels, und das Gesetz: „~Made in Germany~” ist der erste Schritt
auf diesem Wege. Mit einem freien Wettbewerb aller Völker ist ein
Gesetz, welches eine besondere Kennzeichnung bestimmter Waren verlangt,
grundsätzlich unvereinbar. Die Nachahmung, welches dieses Vorgehen in
Frankreich gefunden hat mit einem Versuch, die Waren durch die Worte:
„~Importé d'Allemagne~” vom französischen Markt zu verdrängen, zeigt
ja, aus welchen Erwägungen heraus das Gesetz gekommen ist. Daß es in
das Gegenteil des Gewollten umschlug, ist sicherlich weder Englands
Absicht noch sein Verdienst gewesen.

In gleicher Richtung bewegt sich die englische Wirtschaftspolitik, die
in dem _englischen Patentgesetz_ vom Jahre 1907 zum Ausdruck kommt.
Im Abs. 1 des § 27 dieses Gesetzes wird bestimmt, daß jedermann in
England den Antrag auf Nichtigkeit eines Patentes stellen kann mit der
Begründung, daß die patentierte Ware fast ausschließlich außerhalb
Englands hergestellt wird. Eine solche Nichtigkeitsklage kann also
erhoben werden, wenn die Fabrikation im Auslande stattfindet, ja sogar
schon, wenn die Herstellung hauptsächlich im Auslande stattfindet. Die
Herstellung muß in England geschehen, oder es muß ein triftiger Grund
angeführt werden, weshalb das nicht geschehen kann.

Es erhellt von vornherein, daß eine derartige Bestimmung sich
namentlich gegen die chemische Industrie Deutschlands und gegen
die Vorherrschaft auf dem Gebiete der Erzeugung und des Vertriebes
patentierter Artikel richtet. England versuchte diejenigen deutschen
Firmen, die bisher auf Grund englischer Patente den englischen Markt
beherrschten, zu zwingen, ihren Tribut in der Form zu zahlen, daß
sie entweder ihre Patente an Engländer abtreten oder ihre eigenen
Fabriken nach England verlegen und so die Löhne für die Erzeugung
englischen Arbeitern zugute kommen lassen, ebenso wie ihr Gewinn mehr
als bisher in England versteuert werden sollte. Tatsächlich hatte
auch gerade bei der chemischen Großindustrie das Gesetz vom Jahre
1907 in dieser Form gewirkt. So haben die Elberfelder Farbenfabriken
gemeinsam mit der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation in Berlin
eine Filiale in England eingerichtet, um auf diese Weise die bisher
in England abgesetzten Waren in England herzustellen und vor der
Nichtigkeitserklärung zu schützen. Desgleichen sind die Höchster
Farbwerke gezwungen worden, nach England zu gehen.

Man mag vom englischen Standpunkt aus über die Zweckmäßigkeit eines
solchen Gesetzes denken, wie man will, mag es als Ausfluß eines starken
merkantilistischen Geistes verteidigen, jedenfalls ist niemals der
Bruch mit der Freihandelstradition schärfer zum Ausdruck gekommen
als in diesem Vorgehen. Hier ist nicht nur die vorhandene Theorie
durch eine Schutzzollgesetzgebung aufgehoben, sondern durch eine
Prohibitivpolitik ersetzt worden. Das vorliegende Gesetz ist die
Aufhebung des freien Wettbewerbs auf dem Gebiete der patentierten
Artikel.

Aus demselben Geist ist das Gesetz geboren, welches zwischen
der englischen Admiralität und dem englischen Postministerium
einerseits und der Cunard-Linie andererseits in bezug auf die
_Schiffahrtssubventionen_ geschlossen wurde. In dieser Vereinbarung
verspricht die englische Regierung der Cunard-Linie eine Subvention
von 3 Millionen Mark jährlich zu zahlen als Zuschuß für die
Indienststellung der beiden Dampfer „Mauretania” und „Lusitania”,
welche die Cunard-Linie nur unter der Bedingung, daß sie diese
Subvention erhalte, bauen konnte.

Das blaue Band des Ozeans war England verloren gegangen, als der
Norddeutsche-Lloyd-Dampfer „Kaiser Wilhelm II.” den Rekord in der
Fahrt Bremen-Neuyork geschlagen hatte. Da erfolgte jenes Gesetz im
englischen Parlament, durch welches der Cunard-Linie die vorerwähnte
Jahressubvention zugesichert wurde für den Bau zweier Dampfer, welche
bestimmt waren, diesen deutschen Rekord zu brechen. Wohlgemerkt,
es handelt sich nicht um die Subvention einer notleidenden Linie,
es handelt sich auch nicht um eine Schiffahrtstrecke, welche ohne
staatliche Subvention etwa keine Erträgnisse brachte, nein, an die
bestrentierende Linie des ganzen Weltverkehrs und an eine glänzend
fundierte Gesellschaft wird aus allgemeinen Staatsmitteln diese
Subvention gezahlt, nur damit Deutschland nicht mehr den Ruhm besäße,
die schnellsten Schiffe zu besitzen. Gewiß wäre es unserem Lloyd oder
der Hapag auch möglich gewesen, eine „Mauretania” in Dienst zu stellen,
wenn man für den riesigen Kohlenverbrauch dieser großen Dampfer ein
Staatsopfer von mehreren Millionen jährlich gebracht hätte. Nur würde
man in Deutschland eine solche Prestigepolitik auf Staatskosten sowohl
im Bundesrat wie im Reichstag abgelehnt haben. Mit vollem Recht hat
deshalb Herr Ballin in einer geistvollen Rede auf einer Versammlung
des Zentralverbands des deutschen Bank- und Bankiergewerbes am 7.
September 1907 darauf hingewiesen, daß nichts so sehr den Niedergang
Englands von seiner einstigen Herrschaft kennzeichnet, nichts so
charakteristisch sei für den Neid und für die Eifersucht gegen
Deutschland, als daß es den früher jahrzehntelang aufrecht erhaltenen
Grundsatz des freien Spiels der Kräfte im Welthandel aufgebe, um mit
Staatsmitteln eine Stellung aufrecht zu erhalten, die es im privaten
Wettbewerb gegenüber Deutschland nicht mehr behaupten könnte. „Es ist
noch nicht lange Zeit,” so führte Ballin damals wörtlich aus, „daß wir
uns einer regen Teilnahme an dem heißen Wettbewerb rühmen können, der
sich zwischen den Schiffahrt treibenden Nationen auf dem Weltmeere
vollzieht. Herr Professor Thieß erinnerte in einem Vortrag daran, daß
im Jahre 1790, als der französischen Nationalversammlung der Titel
einer ihr gewidmeten Broschüre verlesen wurde: „Über die Schiffahrt --
von einem Deutschen”, die ganze Versammlung in schallendes Gelächter
ausbrach, so komisch erschien es damals, daß ein „Deutscher” über
Schiffahrt mitreden wollte. Das sind 117 Jahre her, eine längst
vergangene Zeit! Aber noch im Jahre 1861, als man in Preußen schon
eine Kriegsmarine organisierte und die atlantische Schiffahrt schon
von Bremen und Hamburg einen lebhaften Aufschwung nahm, da schrieb
noch die „Morning Post”, das Organ des damaligen Premierministers
Lord Palmerston: „Die Deutschen mögen den Boden pflügen, mit den
Wolken segeln und Luftschlösser bauen, aber nie, seit Anfang aller
Zeiten, hatten sie das Genie, das Weltmeer zu durchqueren oder nur
schmale Gewässer zu durchfahren.” Das war 1861, und 10 Jahre später
hatten wir, von Meisterhand gezimmert, ein einiges Deutsches Reich,
und weitere 20 Jahre später, da hatte das junge Deutschland auf dem
Gebiete der Weltschiffahrt alle anderen Länder überflügelt und war
der großen englischen Schiffahrt gefürchtetster Rivale geworden. Das
war ein Erfolg, in heißer Arbeit errungen, und der täglich in heißer
Arbeit verteidigt werden muß. Hat doch selbst England, um diesen Erfolg
zu schmälern, _den alten bewährten Grundsatz vom freien Spiel der
Kräfte_, dem es seine glänzende wirtschaftliche Entwicklung verdankt,
_verlassen_ und die reich vergoldete Hand einer einzelnen Gesellschaft
gereicht, nur um sie in die Lage zu setzen, zwei Schiffe zu erbauen,
welche die deutschen Schnelldampfer um ein Geringes überbieten sollen.”

Am schlagendsten aber tritt dieser Wirtschaftskampf Englands zutage in
der _Zollbegünstigung gegenüber seinen Kolonien_. Der imperialistische
Sinn Englands ist einst zum Ausdruck gekommen in der Schaffung des
großen englischen Weltreiches und dessen politischer Beherrschung. Mit
dieser politischen Beherrschung der Welt war aber für England auch
die Gewähr der wirtschaftlichen Monopolstellung verbunden. Politische
Herrschaft ist aber auch unzweifelhaft die sicherste Grundlage
einer solchen wirtschaftlichen Monopolstellung. Unter nichts hat
Deutschland so sehr gelitten als unter der Phrase der „offenen Tür”.
Die formale Gleichberechtigung in einem von einem Industrie-Exportlande
beherrschten Kolonialland wird niemals ein Land in die Lage versetzen,
sich die tatsächliche wirtschaftliche Gleichberechtigung gegenüber
dem Land zu erringen, das die politische Herrschaft in der Hand hat.
Soweit die wirtschaftliche Entwicklung eines Koloniallandes in Betracht
kommt, werden Aufträge immer an das Mutterland vergeben werden,
und hieran wird auch eine freie Submission nichts ändern, denn der
betreffende Gouverneur wird immer in der Lage sein, die zu vergebenden
Aufträge seinem Land zu übermitteln. Wir bauen die Bahn in unseren
Kolonien auch nicht auf englischen Stahlschienen, und Frankreich
denkt nicht daran, die marokkanischen Häfen von deutschen Firmen
anlegen zu lassen. So würde also, selbst wenn die völlige formale
Gleichberechtigung zwischen England und anderen Nationen tatsächlich
bestehen würde, England einen gewaltigen Vorsprung in bezug auf die
Versorgung seiner Kolonien vor uns voraus haben. England ist aber
weiter gegangen. Während es schamhaft im eigenen Heimatlande noch an
der Idee des Freihandels festhält, hat es diese Idee in bezug auf
das Verhältnis zu seinen Kolonien längst aufgegeben. Mit Kanada hat
es bereits am 1. August 1898, mit Neuseeland 1903, mit Australien
1907, mit der südafrikanischen Union 1903 Verträge geschlossen,
welche ihm als dem Mutterlande eine Zollbegünstigung gewähren, die
in einzelnen Fällen bis zu 33⅓ % des Zolles ausmachen. Gewiß mag es
formell unrichtig sein, wenn man sagt, England hätte derartige Verträge
geschlossen, denn formell sind diese Gesetzesvorlagen der Initiative
der Kolonien selbst entsprungen und England hat scheinheilig an dieser
Phrase festgehalten. Der Zollkrieg zwischen dem Deutschen Reich und
Kanada hatte in dieser Zollbegünstigung Englands seine Ursache. Das
Deutsche Reich bezog sich darauf, daß ihm in Kanada nach einem schon
zwischen England und Preußen geschlossenen Vertrag die unbedingte
Meistbegünstigung zustände und diese Meistbegünstigung sich auch auf
die englischen Kolonien bezöge. Der Versuch, die Kanadier durch einen
Zollkrieg zur Aufgabe ihres Standpunktes zu zwingen, schlug fehl und
mußte fehlschlagen, denn er war gegen ein Prinzip gerichtet, das nicht
von Ottawa, sondern von London ausgegangen war und die Grundlage
derjenigen wirtschaftlich-imperialistischen Bestrebungen bildete, die
in Chamberlain den Hauptträger ihrer Ideen sahen und deren Gedanken bis
weit in die liberalsten Kreise hinein mehr und mehr Geltung erlangten.
Was jenen vorschwebte, das war ein ~Greater Britain~, ein Groß-England,
geeinigt durch ein möglichst enges politisches Bündnis, geeinigt
aber auch durch ein möglichst enges wirtschaftliches System zwischen
den Kolonien und England, gerichtet gegen jeden Wettbewerber, vor
allem aber gerichtet gegen Deutschland. Bedurfte es doch erst eines
energischen Einspruches der deutschen Regierung, um zu verhindern,
daß in die staatlichen Submissionsbestimmungen Australiens der Satz
aufgenommen wurde, daß deutsche Waren grundsätzlich von jedem Mitbewerb
ausgeschlossen seien, hat das Gesetz „~Made in Germany~” doch selbst
in Indien seine Nachahmung gefunden! Wie weit dieser imperialistische
Gedanke Besitz ergriffen hat in der Politik der Staatsminister der
englischen Kolonien, davon konnte ich mich überzeugen, als ich vor
einigen Jahren in Toronto die Rede des jetzigen Staatsministers
von Kanada, Borden, hörte, die nichts anderes war als der Ausdruck
des Bekenntnisses einer völlig politischen und wirtschaftlichen
Zugehörigkeit zu England -- eine Rede, in der damals schon die Drohung
enthalten war, daß jedem Feind, der sich dem Mutterlande nahen
würde, nicht nur englische, sondern auch kanadische Dreadnoughts
entgegengesandt würden. Ich habe damals in der Presse auf diese
Stimmung in Kanada hingewiesen, die jetzige Haltung Kanadas beweist,
daß die damalige Rede Bordens, der gerade aus London kam und über
seine Eindrücke in England berichtete, nicht einer Augenblicksstimmung
entsprang, sondern der Ausdruck einer festbegründeten politischen und
wirtschaftspolitischen Überzeugung war.

Wie bedeutend diese schutzzöllnerische Gesetzgebung in den Kolonien,
wie bedeutend überhaupt der Kolonialbesitz Englands für seine
wirtschaftliche Machtstellung ist, dafür liefern uns die Ziffern
des englischen Außenhandels einen schlagenden Beweis. Wenn wir den
englischen Außenhandel mit dem deutschen vergleichen, so sehen wir
eine englische Ausfuhr von 9943 Millionen Mark im Jahre 1912 und eine
deutsche Ausfuhr von 8956 Millionen Mark im gleichen Jahre. England
ist uns also auf diesem Gebiete um nur 1000 Millionen Mark überlegen.
Gliedern wir aber diese Ausfuhr, betrachten wir den Wettbewerb der
beiden Länder einmal in denjenigen Ländern, in denen sie unter gleichen
Bedingungen, d. h. unter gleicher Zollbehandlung kämpfen, und scheiden
wir daher die Länder aus, in denen die politische und wirtschaftliche
Vorherrschaft eines der beiden Staaten besteht. Wir müssen dann von
dem englischen Außenhandel abziehen die Ausfuhr nach den englischen
Kolonien, von dem deutschen Außenhandel die Ausfuhr nach den deutschen
Kolonien, wo ähnliche Deutschland begünstigende Verhältnisse in
der politischen Vorherrschaft, wenn auch nicht in wirtschaftlicher
Vorzugsbehandlung, bestehen.

Nach den englischen Kolonien hat England 1912 insgesamt für 191,5
Millionen (= 3830 Millionen Mark) ausgeführt, wovon auf Indien 65,679
Millionen, auf Kanada 27,3 Millionen, auf Neuseeland 11,1 Millionen,
auf Südwestafrika 23,1 Millionen entfallen.

Nach denselben englischen Kolonien betrug die deutsche Ausfuhr 1912
348,9 Millionen Mark. Wir sehen also, daß, während England in seiner
Gesamtausfuhr Deutschland etwa wie 10:9 steht, das Verhältnis in der
Ausfuhr nach englischen Kolonien wie 11:1 ist. Derartig machen sich
die politischen und wirtschaftlichen Einflüsse Englands uns gegenüber
geltend.

Noch stärker tritt übrigens der Gesichtspunkt der Beherrschung der
Kolonien durch das Mutterland zutage, wenn wir denselben Vergleich
auf das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland ausdehnen. Die
deutsche Ausfuhr überhaupt beträgt 10,8 Milliarden, die französische
5,3 Milliarden. Nach den französischen Kolonien aber führte Frankreich
im Jahre 1913 für 906,5 Millionen Franken, Deutschland aber nur für
etwa 15 Millionen Mark aus. Das Gebiet, in dem die Flagge eines fremden
Landes weht, ist also für unseren Außenhandel verschlossenes Gebiet
oder doch solches, wo wir unter den größten Widerständen einen kleinen
Teil des Bedarfs decken können.

Ziehen wir nun von dem englischen Außenhandel die Ziffer der Ausfuhr
nach den englischen Kolonien, von dem deutschen Außenhandel die Ziffer
der Ausfuhr nach den deutschen Kolonien ab, so erhalten wir folgendes
Bild:

  Englische Gesamtausfuhr 1912                9943 Millionen Mark
  Davon nach den Kolonien und Protektoraten   3830     „      „
  Ausfuhr in Gebiete freien Wettbewerbs       6113     „      „
  _Deutsches Reich Gesamtausfuhr_ 1912        8956     „      „
  Davon nach deutschen Kolonien                 51     „      „
  Ausfuhr in Gebiete freien Wettbewerbs       8905     „      „

Daraus folgt, daß in denjenigen Teilen der Welt, wo wir mit England
unter gleichen Bedingungen konkurrieren, die englische Ausfuhr
insgesamt 6113 Millionen Mark, die deutsche Ausfuhr aber 8905 Millionen
Mark beträgt, _daß also Deutschland England in der Ausfuhr längst schon
überholt hätte, wenn nicht Englands Kolonialbesitz die unbedingte
Fundierung für die englische Industrie und den englischen Handel
abgeben würde, eine Tatsache, die zu denken gibt, wenn nach dem Kriege
die Frage der Vergrößerung des deutschen Kolonialbesitzes erörtert
werden wird_.

Erst unter diesen Gesichtspunkten versteht man Englands Kampf gegen
eine weitere koloniale Betätigung des Deutschen Reiches, versteht
man weiter auch die imperialistischen Ideen Chamberlains. Sie sind
der Ausdruck eines gegen Deutschland gerichteten Wirtschaftskampfes.
Bereits im September 1897 schreibt Sir Alfred Mond in der „Saturday
Review” wörtlich: „Wenn Deutschland morgen vernichtet wäre, so
gäbe es in der Welt nicht einen Engländer, der übermorgen nicht
um so reicher wäre. Völker haben jahrelang um eine Stadt, um ein
Erbfolgerecht gekämpft. Müßten wir nicht um 250000000 £ jährlichen
Handels Krieg führen? Wenn England einst erwacht und sieht, was seine
einzige Hoffnung für eine gedeihliche Zukunft ist, dann _nieder mit
Deutschland_.” Das ist der Geist, der von dem Herstellungsgesetz zu den
Schiffahrtssubventionen, zum Patentgesetz, zur Vorzugsstellung Englands
gegenüber seinen Kolonien, zu dem Tage führte, wo England die Völker
der Erde in Sold nahm, um Deutschlands wirtschaftliche Macht gewaltsam
zu brechen, nachdem es mit allen anderen Mitteln nicht gelungen war,
Deutschland von der zweiten Stelle der Weltwirtschaft zurückzudrängen.

       *       *       *       *       *

Unter dem Gesichtspunkt dieses Kampfes gegen Deutschlands
wirtschaftliche Stellung sind neben der Entfesselung des Weltkrieges
selbst diejenigen Maßnahmen mit zu buchen, die England gegen
Deutschland in dem jetzigen Weltkrieg ergriffen hat, um es
wirtschaftlich auf die Knie zu zwingen. Mehrere Gesichtspunkte kamen
für England nach dieser Richtung in Frage, einmal die Abschneidung
Deutschlands von der Nordsee, um die Lebensmittelzufuhr und damit die
Ernährung der deutschen Bevölkerung in Frage zu stellen, zweitens die
völlige Unterbindung der deutschen Ausfuhr nach neutralen Ländern,
soweit diese Ausfuhr durch England kontrolliert werden konnte, drittens
die Vernichtung der deutschen Handelsflotte, viertens die Vernichtung
seiner Guthaben im feindlichen Ausland, vor allen Dingen in England
selbst, fünftens die Eroberung der deutschen Absatzmärkte während der
Zeit der Ausschließung Deutschlands vom Weltverkehr, schließlich die
Unterbindung aller Zufuhr von Rohstoffen zur völligen Lahmlegung der
deutschen Industrie.

Wenn man diese Maßnahmen übersieht, wird man feststellen müssen,
daß sie teilweise völlig wirkungslos geblieben sind, teilweise
den erhofften Erfolg nicht gehabt haben. Zunächst ist die
Lebensmittelversorgung Deutschlands nach menschlichem Ermessen, wenn
auch unter Einschränkung des Verbrauchs, sichergestellt. Die deutsche
Wirtschaftspolitik hat uns in die Lage gesetzt, den größten Teil des
deutschen Bedarfes selbst zu erzeugen. Bis August dieses Jahres ist
Deutschland mit Lebensmitteln derart versorgt, daß jede Hoffnung des
Feindes, eine Schwächung Deutschlands durch den Mangel an Lebensmitteln
herbeizuführen, als gescheitert anzusehen ist. Daß wir den Krieg nicht
im eigenen Lande haben, sondern daß unsere Truppen verstanden haben,
denselben in Feindesland hineinzutragen, so daß das deutsche Heer
zum großen Teil durch Requirierung im fremden Lande leben konnte,
hat selbstverständlich mit dazu beigetragen. Hat doch erst kürzlich
der Berichterstatter einer neutralen Macht das glänzendste Zeugnis
deutscher Organisationstätigkeit darin erblickt, daß es den deutschen
Militärbehörden in Frankreich gelungen wäre, die Versorgung der
deutschen Armee mit Lebensmitteln ohne Zufuhren aus Deutschland selbst
durchzuführen!

In bezug auf die Unterbindung unserer Ausfuhr nach dem neutralen
Ausland ist es England gelungen, einen teilweisen Erfolg zu erzielen.
Die Schiffe der Hapag und des Lloyd sind entweder in die Kriegsflotte
eingereiht oder liegen in neutralen Häfen, ein Handel unter deutscher
Flagge ist bei der gegenwärtig noch vorhandenen Beherrschung der See
durch England nur in geringem Maße möglich. Andererseits hat sich
aber bereits gezeigt, daß die völlige Unterbindung des deutschen
Außenhandels sich nicht hat bewerkstelligen lassen. Einmal kommt für
den deutschen Außenhandel das Gebiet des verbündeten Österreich, ferner
das Gebiet der neutralen Staaten, Schweiz, Italien, die Balkanländer
und die Türkei in Betracht, soweit nicht die Sorge um die eigene
Volkswirtschaft Ausfuhrverbote als notwendig erscheinen ließ. Weiterhin
sind aber diejenigen Waren, die nicht Kriegskonterbande sind, zum
Teil auf neutralen Schiffen in das Ausland befördert worden. Hat es
doch, worauf schon hingewiesen, beispielsweise durchgesetzt werden
können, daß ohne Schwierigkeiten die Ausfuhr chemischer Produkte
nach Amerika unter amerikanischer Flagge und unter dem Schutz der
politischen Macht der Vereinigten Staaten erfolgt. Damit ist nicht nur
für Deutschland die Möglichkeit der Ausfuhr seiner Chemikalien gegeben,
sondern es ist gleichfalls dafür eingetauscht worden die Zusage der
Vereinigten Staaten, daß Baumwolle nicht Konterbande sei, und nach
der Erklärung des amerikanischen Botschafters Gerard ist die von den
Vereinigten Staaten festgesetzte Ausfuhr amerikanischer Baumwolle nach
Deutschland in Höhe von 50000 Ballen pro Monat bestimmt worden, und
bis zum 31. Dezember 1914 sind bereits in Bremen 48617, in Rotterdam
69900 Ballen amerikanischer Baumwolle angekommen. Gewiß werden sich
noch Schwierigkeiten in bezug auf die Heranschaffung anderer Rohstoffe
bemerkbar machen, andererseits sind wir aber zum Teil dadurch dieser
Schwierigkeiten enthoben worden, daß uns durch die Eroberung Belgiens
und die besetzten französischen Gebiete die gewaltigen dortigen
Rohstoffbestände in den Schoß gefallen sind, beträgt doch das besetzte
französische Gebiet, industriell berechnet, 40 % der gesamten in
Frankreich arbeitenden Maschinenkräfte. Bereits heute nach einem
beinahe einhalbjährigen Kriege sehen wir, daß es uns gelungen ist,
die Rohstoffversorgung Deutschlands annähernd sicherzustellen und die
Überzeugung unserer verantwortlichen Stellen ist, daß dies auch während
der ganzen Dauer des Krieges der Fall sein wird.

Ebensowenig ist es England gelungen, die deutsche Handelsflotte zu
vernichten. Wäre es vom ersten Tage an auf die Seite unserer Gegner
getreten, vielleicht hätte es große Erfolge nach dieser Richtung hin
erreichen können. So aber versuchte es in seiner alten Heuchelei
den Anschein des Friedensvermittlers zu erwecken, verhandelte über
Belgiens Neutralität, die ihm innerlich ganz gleichgültig war, um dann
als das moralische Gewissen der Welt in die Arena zu treten. Herr
Ballin wußte, weshalb er die „Vaterland” von Neuyork nicht abfahren
ließ, weshalb der „Imperator” im Hafen von Hamburg liegen blieb.
Wir wissen nicht, wie groß die Verluste sind, die England unserer
Handelsflotte zugefügt hat, wohl aber wissen wir, wie groß der Inhalt
derjenigen Schiffe ist, welche die „Emden” aufgebracht hat, welche die
„Karlsruhe” zum Sinken brachte und welche durch andere Hilfskreuzer
Deutschlands vernichtet wurden. Auf 1,9 % der englischen Handelsflotte
hat man im englischen Parlament Ende 1914 die Verluste der englischen
Handelsflotte angegeben, sicherlich wird man dabei nicht zuviel
gerechnet haben. Legen wir aber selbst diese englische Berechnung
zugrunde, so wurde sich doch daraus allein ein Verlust von englischen
Schiffen in Höhe von etwa 250000 ~t~ ergeben. Im August 1914 sanken
sieben britische Dampfer mit 35742 ~t~, im September 15 Dampfer mit
61055 ~t~, im Oktober 22 Dampfer mit 89591 ~t~. ~Vivant sequentes!~
Seit dem 18. Februar 1915 ist Deutschland auf den Weg getreten, den
der Staatssekretär von Tirpitz in der Unterredung mit dem Vertreter
der ~United Press~ gewiesen und durch die Vernichtung des „Bulwark”
durchzuführen bereits begonnen hat, die feindlichen Handelsschiffe
durch seine Unterseeboote zu vernichten. Erfüllen sich die auf
diese Aktion gesetzten Hoffnungen, dann wird am Ende des Krieges
voraussichtlich auf Englands Seite der größere Verlust zu buchen sein.
Deutschlands Handelsflotte hat große Einbuße erlitten, aber daß sie
groß auch nach dem Kriege dastehen wird, und daß nach dem Kriege die
größten Schiffe der Welt nach wie vor unter deutscher Flagge fahren
werden, liegt nach dem ganzen Stand der Dinge klar zutage.

Das meiste aber haben sich die Engländer von einem rücksichtslosen
Vorgehen gegen die deutschen wirtschaftlichen Interessen versprochen.
In England war kurz nach dem Ausbruch des Krieges eine Verordnung in
Kraft getreten, wodurch der Handel mit dem Feinde verboten wurde. Keine
Geldsumme durfte an den Feind oder an feindliche Gesellschaften gezahlt
werden, keine Vergleiche geschlossen, keine Sicherheit für die Zahlung
einer Schuld gegeben, keine Handlung zu seinen Gunsten, wie Trassieren,
Akzeptieren usw. begangen werden. Lebens- oder andere Versicherungen
mit oder zu Gunsten des Feindes konnten nicht abgeschlossen werden,
die Zufuhr von Waren oder der Bezug von Waren war ausgeschlossen.
Bestimmungen über die völlige oder teilweise Beseitigung von Patenten
und Marken, die für Deutschland geschützt waren, wurden getroffen. Die
deutschen Unternehmungen in England wurden unter staatliche Aufsicht
gestellt und teilweise in gehässiger Weise liquidiert.

England hat weiter Maßnahmen getroffen, um nicht nur die deutschen
Unternehmungen in England lahmzulegen, sondern auch alle englischen
Betriebe, in denen Deutsche beschäftigt waren, zur Entlassung derselben
gezwungen. Es hat die englischen Firmen von den Vertragsverpflichtungen
gegen Deutschland entbunden, es hat die Hausbesitzer entbunden von der
Verpflichtung der Einhaltung der Mietsverträge, und es hat vom ersten
Augenblick an den wirtschaftlichen Krieg gegen Deutschland auf eigenem
Grund und Boden in unfairer Weise geführt.

Deutschland ist mit Gegenmaßregeln gegen England erst vorgegangen,
als die öffentliche Meinung dies gebieterisch verlangte. Inwieweit
die deutschen Interessen durch das Vorgehen Englands geschädigt
sind, läßt sich bis heute noch nicht übersehen, unzweifelhaft ist
eine Schädigung der deutschen Volkswirtschaft dadurch herbeigeführt
worden, daß Forderungen an England uneinbringlich sind, daß somit
deutsche Unternehmungen, die Geschäfte mit England treiben, heute über
Außenstände verfügen, deren Einbringung derzeit unmöglich ist. Ebenso
sind unzweifelhaft alle diejenigen Unternehmungen geschädigt, welche in
England domizilieren, und es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß die
Zahl der deutschen Gesellschaften in England ebenso wie die Zahl der in
England lebenden Deutschen weit größer ist als die der in Deutschland
lebenden Engländer oder der englischen Unternehmungen in Deutschland.

Schon heute zeigt sich aber, daß Deutschland die Folgen dieser
Maßnahmen überwunden hat, und zwar überwunden durch die
Kreditorganisationen, die es sich bei Beginn des Krieges schuf und die
unter anderen in den begründeten Kriegskreditbanken Unternehmungen
entstehen ließen, welche deutsche Forderungen gegen England als
Unterlage für einen zu gewährenden Kredit annehmen und damit die
englischen Maßnahmen zum Teil illusorisch machen. Bedauerlich ist es,
daß in manchen Fällen die Gegenmaßnahmen Deutschlands deshalb unwirksam
bleiben mußten, weil die deutscherseits bestellten Staatskommissare
sich mit einer allzugroßen Anpassungsfähigkeit nicht als Vertreter der
deutschen Interessen, sondern als Vertreter der ihnen unterstellten
Gesellschaften fühlten. Bedauerlich war ebenso die Bereitwilligkeit,
manche englische Gesellschaften in deutsche umzuwandeln, anstatt die
Engländer, um ein Wort Bismarcks anläßlich der Belagerung von Paris zu
gebrauchen, „in ihrem eigenen Fett schmoren zu lassen”. Wenn zeitweise
deutsche Staatskommissare auftraten, um die Forderungen englischer
Niederlassungen gegen deutsche Firmen einzutreiben, und wenn deutsche
Gerichte gar die von einer deutschen Firma erbetene Frist von drei
Monaten zur Bezahlung der Schuld nicht genehmigten, und wenn bis heute
nicht Vorsorge getroffen ist, daß man mindestens solche Forderungen
mit Forderungen an England zahlen kann, so zeigt das eine bedenkliche
Lücke in unseren Gegenmaßregeln, die ebenso unbedingt ausgefüllt
werden muß, wie für einen Ausgleich zwischen deutschen Gläubigern
und Schuldnern gegenüber England Sorge zu tragen ist. Englands
Ausfuhr nach Deutschland betrug im Jahre 1913 (nach der deutschen
Handelsstatistik) 876,1 Millionen Mark, die Einfuhr deutscher Waren
nach England 1438 Millionen Mark, die Ausfuhr Englands _und seiner
Kolonien_ nach Deutschland betrug jedoch im Jahre 1913 2090 Millionen
Mark, die Einfuhr deutscher Waren dahin 1849 Millionen Mark. Nimmt
man diese Zahlen als Grundlage, so wird man immerhin erkennen, daß
durch die gegenseitig getroffenen Maßnahmen doch auch die englischen
Gläubiger Deutschlands mitbetroffen sind, so daß sich auch hier
deutsche Forderungen zum Teil ausgleichen dürften.

Völlig versagt hat aber schließlich die Hoffnung Englands, sich während
der Zeit des Krieges gewissermaßen die Kundschaft Deutschlands --
nebenbei vielleicht, wie bekannt gewordene englische Offerten nach
Südamerika zeigen, auch die des mit ihm verbündeten Frankreich --
anzueignen und Deutschland vom Weltmarkt zu verdrängen. Wenn man die
Grundlagen der deutschen Beherrschung des Weltmarktes sich vor Augen
hält, so muß man sich von vornherein sagen, daß eine Vernichtung des
deutschen Handels gar nicht möglich ist. Die Eigenschaften, welche
dem Deutschen trotz mancher Ungunst seine Stellung im Welthandel
erobert hat, lassen sich nicht in wenigen Monaten adoptieren. Wenn
man in London unter Vorsitz Lord Haldanes das Problem studieren will,
wie man den Vorsprung Deutschlands auf dem Gebiete der chemischen
Industrie wettmachen könne, wenn man Ausstellungen von deutschen Waren
veranstaltet, um die englische Industrie zur Nachahmung zu veranlassen,
so vergißt man, daß man den Vorsprung deutscher Wissenschaft nicht
durch Konferenzen einholen kann, und daß man weiter gegen die ganze
konservative Natur des englischen Volkes ankämpfen müßte, wenn man
es mit den Eigenschaften ausstatten will, die dem deutschen Volk den
Vorsprung geschaffen haben. Für die mit so großem Lärm angekündigte
Gründung einer Anilinfarbenfabrik mit 60 Millionen Mark Kapital fehlen
die Aktienzeichner, weil, wie aus dem Gutachten der Handelskammer in
Leeds und des Economist sich ergab, man sich dessen bewußt ist, daß
mit Kapital allein ein auf deutscher Wissenschaftlichkeit beruhender
Vorsprung nicht einzuholen ist. Ebenso dürfte die in Aussicht genommene
Übertragung der Leipziger Messe nach London oder Birmingham ein frommer
Wunsch bleiben. Leipzigs Weltstellung als Handelsplatz ist durch
jahrhundertelange Tradition ebenso begründet wie durch Deutschlands
Stellung auf dem Weltmarkt, während Londons Markt beispielsweise in
bezug auf seine Stellung für die Weltnotierung vieler Metalle (Rohzink,
Blei) sich nur auf die Tradition berufen kann, während es in der
Produktion hinter den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland
steht. Auch die angekündigte Entsendung von Handelssachverständigen
nach Deutschland und Österreich-Ungarn, sowie die Veranstaltung von
Ausstellungen deutscher Erzeugnisse zum Zwecke der Nachahmung durch
englische Firmen, wie es in Birmingham geschah, dürfte vergeblich sein.
Was den Engländern in bezug auf den Welthandel in Jahrzehnten nicht
gelungen ist, wird ihnen jetzt auch nicht gelingen. Zudem darf England
nicht vergessen, daß ein Weltkrieg wie der jetzige auch alle Völker der
Welt in Mitleidenschaft zieht, so daß nirgends eine starke Kaufkraft
vorhanden ist, Neuinvestierungen von Kapital, Vergrößerung von
Unternehmungen werden nicht vorgenommen werden, solange der Weltkrieg
tobt. So wie mit einem Schlag alle Börsen der Welt ihre Tätigkeit
einstellten, weil der Pulsschlag des Wirtschaftslebens stockte, so wird
dies auch während der ganzen Kriegsdauer bleiben. Es kann sein, daß
Deutschland nach Beendigung des Krieges vielleicht in den feindlichen
Ländern zu leiden hat unter einer gewissen Boykottstimmung, die aus
dem namentlich durch die Beherrschung des Nachrichtendienstes durch
England genährten Haß hervorgeht, daß sich aber in den neutralen
Ländern, namentlich nachdem sich die Wahrheit über den Krieg mehr
und mehr durchsetzt, die Nachfrage nach deutschen Waren in demselben
Maße geltend machen wird wie bisher. Aus Liebe für uns hat uns noch
niemand etwas abgekauft, die Völker haben uns das abgekauft, was sie
mit demselben Preis und in derselben Qualität woanders nicht erhalten
konnten. Das war bisher so, das wird auch in Zukunft so bleiben.

Andererseits leidet neben dem deutschen Außenhandel schon jetzt der
englische ganz gewaltig. In den ersten drei Monaten nach Ausbruch
des Krieges ist Englands Außenhandel um mehr als zwei Milliarden
zurückgegangen, bis zum 31. Dezember hat sich diese Verminderung bis
auf 3½ Milliarden Mark, davon 1816 Millionen Mark in der Ausfuhr
gesteigert! Neben dem Ausfall des 2-Milliarden-Konsums Deutschlands
aus England und seinen Kolonien und der geminderten Kaufkraft der
neutralen Länder tritt vor allen Dingen zutage, daß die Wirkungen
des Krieges sich in den mit England verbündeten Ländern weit mehr
zeigt als irgendwo in der Welt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von
Frankreich ist in deutschem Besitz, und ganz Belgien ist ebenfalls
von den Deutschen besetzt, die gesamte englische Ausfuhr nach Belgien
und Nordfrankreich sowie nach den übrigen besetzten Gebieten ist damit
erledigt. Aber auch das übrige Frankreich, dessen Rentner jetzt ihre
Zinszahlung auf russische Papiere aus französischen Taschen erhalten,
ist nicht mehr in der Lage, große Warenabschlüsse mit England zu
machen. Das gleiche gilt auch von Rußland. Die Ziffer der Verringerung
des englischen Welthandels zeigt bereits mit Sicherheit, daß England
sich auf abschüssiger Bahn befindet und daß seine Hoffnung auf
Erringung des Weltmarktes sich nach dieser Richtung nicht erfüllen
wird. Andererseits spürt England, das uns aushungern wollte, die
Preissteigerung aller Lebensmittel in seinem Innern, dazu steigen
die Frachtraten, namentlich seit der Unterseebootsblockade, ins
Ungemessene, und schon erwägt man auch in England die Festsetzung
von Höchstpreisen. Dazu tritt Rohstoffmangel in Zink, Indigo,
Chemikalien und anderen Stoffen. Daher jetzt die maßlose Brutalität,
mit der eine maßgebende englische Fachzeitschrift empfiehlt, daß die
verbündeten Heere, sobald sie nach dem Rheinland vorgedrungen sind,
alle industriellen Unternehmungen Deutschlands derartig zerstören
sollten, daß an einen Wiederaufbau derselben überhaupt nicht gedacht
werden könne. Ein Zeichen dafür, wie weit der wirtschaftliche Neid in
England die Triebfeder dieses Weltkrieges ist! -- und ein freundlicher
Wunsch, dem zur Erfüllung nur das eine fehlt, daß die verbündeten
Heere auf deutschem Boden ständen und nicht die Deutschen auf
französischem. Die weiteren Hoffnungen, Deutschland durch den Krieg
selbst volkswirtschaftlich zu schaden, sind völlig zuschanden geworden.
Jeder von uns, der das stark pulsierende Leben in Deutschland seit
Ausbruch des Krieges miterlebt hat, wird sich davon überzeugt haben.
Die Arbeitslosigkeit ist dauernd zurückgegangen. Manche große Bezirke,
und zwar nicht nur die Werkstätten von Krupp und die Werften in
Wilhelmshaven, sondern auch Industriebezirke wie Chemnitz, die zunächst
unter dem Krieg litten, arbeiten in angestrengtester Tätigkeit. Die
Milliardenaufträge der Militärlieferungen sind, wenn auch nicht immer
in die richtigen Hände, so doch in ihrer Gesamtheit der deutschen
Volkswirtschaft zugute gekommen.

Unsere gesamte Ausfuhr betrug 1913 etwas über 10 Milliarden Mark,
schon heute aber sind 10 Milliarden Mark für den Krieg bewilligt,
die in Aufträgen an die deutsche Industrie und die deutsche
Landwirtschaft wieder zum Ausdruck kommen, so daß die Ausfälle des
Außenhandels durch die Kriegslieferungen mehr als ausgeglichen sind.
Mögen die Staatsschulden des Reiches dadurch wachsen, die deutsche
Volkswirtschaft verliert nicht einen Pfennig von dieser gewaltigen
Summe, denn das Ausland ist an Militärlieferungen nur in ganz geringem
Maße beteiligt. Die vielen Millionen Mark an Gehältern und Löhnen, die
Summen, die von den deutschen Truppen in die Heimat zurückgeschickt
werden, haben zusammen mit den staatlichen Unterstützungen die
Kaufkraft der Bevölkerung fast ungeschwächt erhalten, und wer das Leben
und Treiben in den Weihnachtstagen in den deutschen Großstädten sah,
der konnte einen Unterschied zwischen den Dezembertagen 1914 und denen
von 1913 fast überhaupt nicht finden.

Wie stark die finanzielle Position Deutschlands ist, zeigt der
glänzende Erfolg der Kriegsanleihe, zeigt der fortgesetzt gesteigerte
Goldbestand der Reichsbank, der Ende Februar 1915 um 1 Milliarde
höher war als zu Beginn des Krieges, zeigt die Herabsetzung des
Reichsbankdiskonts um 1 % am Ende des Jahres. Wie sehr auf der
anderen Seite England gelitten hat, das geht aus den verschiedensten
Momenten hervor. Deutschland war Groß-Englands großer Abnehmer mit
2090 Millionen Mark. Frankreich, Rußland und Belgien haben insgesamt
1576,58 Millionen Mark sonst aus England allein bezogen, auch diese
Ausfuhr dürfte, wie vorher ausgeführt, zum großen Teil verloren sein.
Die ganze Textilindustrie leidet unter der Nichtzufuhr deutscher
Chemikalien ebenso wie unter dem Ausbleiben pharmazeutischer Mittel,
und von seinen Spindeln feiern etwa die Hälfte. Die äußerlich glänzende
finanzielle Position der Bank von England wird, wie Rießer ausführt,
auf den richtigen Stand zurückgeführt, wenn man bedenkt, daß die
Erhöhung des Goldbestandes nicht etwa zu Stande gekommen ist durch
den englischen Markt, sondern durch Überführung der Bestände der
Nationalbank in Brüssel sowie der Bank von Frankreich in Paris. Der
Umstand, daß England gezwungen war, ein Moratorium einzuführen, das
Deutschland vermeiden konnte, der Umstand weiter, daß am 2. August
der Diskont der Bank von England auf 10 % erhöht werden mußte, daß die
Golddeckung der Noten der Bank von England bis auf 15,8 % sank, zeigt am
besten, wie ungeheuerlich der Gedanke des Kriegs mit Deutschland den
englischen finanziellen Markt in Anspruch genommen hat. Die einzelnen
finanziellen Transaktionen Englands in bezug auf die Unterstützung
seiner Verbündeten durch Vorschüsse, in bezug auf Deckung der
englischen Anleihe durch Vorschüsse der Bank von England hat Rießer
in seinem Buch „England und wir” im einzelnen dargelegt, so daß sich
ein näheres Eingehen an dieser Stelle erübrigt. Schon heute aber sei
das eine gesagt, daß ebenso wie die ohne Grundlage festgehaltene
Tradition von Englands unüberwindlicher Flotte durch die Taten
deutscher Kreuzer zerstört worden ist, so auch die herrschende Stellung
der Bank von England zerstört worden ist und ebenso der Glaube an die
Unerschütterlichkeit des englischen Wirtschaftslebens. Schon steht
Neuyork bereit da, um die Erbschaft zu übernehmen; die „Times” selbst
muß neutrale Länder, welche Kapital suchen, auf den amerikanischen
Markt verweisen, und die amerikanische Zeitschrift „~The Commercial
and Financial Chronicle~” attestiert den englischen Freunden, „daß
_England_ wegen einer ganzen Reihe durch den Krieg hervorgerufener
Vorgänge _sein Ansehen und seine finanzielle Kraft verloren hat_”.
Wie die Verhältnisse in Deutschland selbst auf England wirken, zeigt
der Bericht, den die „Daily Mail” unter dem Titel „Deutschland von
innen gesehen” von einem nach Deutschland entsandten, wahrscheinlich
amerikanischen Berichterstatter schreiben läßt, und der als Ergebnis
seiner wochenlangen Beobachtungen die Stimmung in Deutschland wie
folgt niederschreibt: „Deutschland zeigt das Bild eines großen Landes,
geeint, wie es niemals früher in seiner Geschichte gewesen ist, voll
von Siegeszuversicht, weil es entschlossen ist zu siegen und dafür
organisiert ist, mit ungeheuren und, wie es glaubt, unerschöpflichen
Hilfsquellen von Menschen und Rüstungsvorräten, nicht erschüttert
durch schwere Verluste, nicht geschreckt und, abgesehen von wenigen
Fällen, auch fast nicht betroffen von dem wirtschaftlichen Druck der
britischen Seeherrschaft. Beherrscht von einem verzehrenden Haß gegen
England, alle seine geistige, körperliche und Willenskraft in den Kampf
hineinschleudernd, mit manchen Illusionen genährt, aber auch gestützt
von demselben Geist ausdauernder Opferwilligkeit, die Friedrich den
Großen triumphierend durch das glühende Gottesurteil des Siebenjährigen
Krieges brachte. Wir müssen Deutschland in diesen Eigenschaften der
Kühnheit und rücksichtslosen Ergebenheit, von denen es ein so weithin
leuchtendes Beispiel gibt, zunächst einmal gleichkommen und dann es
übertreffen.”

Wir sehen somit als Ergebnis, daß alle Versuche Englands, die vor
dem Kriege unternommen worden sind, um Deutschlands wirtschaftliche
Stellung auf dem Weltmarkte zu zerstören, abgeprallt sind an
der Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Nur das
Weltkolonialreich hält England überhaupt noch die Stellung an der
Spitze des Welthandels. Sein Gesetz „~Made in Germany~” vernichtete
nicht die deutsche Warenausfuhr, sondern wurde ein Ehrenzeichen, sein
Patentgesetz vermochte Unbequemlichkeiten zu verursachen, ohne die
erhoffte Wirkung auszuüben, seine Schiffahrtsubventionen brachten
ihm einen äußerlichen Erfolg, der durch die großen deutschen Schiffe
längst wettgemacht worden ist. Für den verschlossenen Handel mit
seinen Kolonien fanden wir andere Absatzgebiete in der Welt, seine
Maßnahmen gegen uns waren Nadelstiche, die uns hier und da trafen,
die aber nicht in der Lage waren, das mächtige Gebäude der deutschen
Volkswirtschaft zu schädigen. Es steht noch genau so festgefügt da und
wird so dastehen auch nach dem Kriege. Wir werden neue Wege finden,
wenn es England gelingen sollte, uns einen Teil unseres Exportes
abzunehmen; die Deutschen selbst werden in Zukunft hoffentlich auf
unnötige fremdländische Erzeugnisse gern verzichten, und die Affenliebe
des deutschen Volkes für das Ausländische um des Ausländischen wegen
wird einen starken Stoß erlitten haben. In der Möglichkeit einer
mitteleuropäischen Zollverständigung ist die Möglichkeit gegeben, ein
gewaltiges Wirtschaftsgebiet von 120-150 Millionen Einwohnern dem
~Greater Britain~ Chamberlains gegenüberzustellen und dadurch jeden
Schlag zu parieren, der etwa von England geplant sein sollte.

Auf politischem Gebiete aber muß dieser Krieg, der für Deutschland
nur siegreich enden kann, wenn es überhaupt noch eine Moral in der
Weltgeschichte gibt, das Ende der Monopolstellung Englands bringen.
England in Schach zu halten ist unsere politische Aufgabe, wenn wir der
Welt die Freiheit des Wirtschaftskampfes wiedergeben wollen, die unter
Englands Monopolherrschaft heute leidet. Wir erstreben für uns keine
Weltherrschaft, nicht die Unterdrückung anderer Völker, aber den freien
Weg in die Meere, deutsche Stützpunkte für die deutsche Flotte genau
so, wie englische für die englische Flotte bestehen, weitere Ausdehnung
des Kolonialbesitzes und im übrigen den freien Wettbewerb mit allen
Völkern der Erde ohne einseitige Vorzugsstellung für uns, aber auch
ohne Vorzugsstellung für andere Länder. Finden wir den Weg in diese
Freiheit, dann wird diese Freiheit, des sind wir sicher, in Zukunft im
Wirtschaftskampf zwischen England und Deutschland die erste Stelle im
Welthandel dem jungen deutschen Volke zuerkennen.



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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
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  | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen      |
  | gebräuchlich waren, wie:                                         |
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  | Bedarfes -- Bedarfs                                              |
  | inneren -- Innern                                                |
  | Krieges -- Kriegs                                                |
  |                                                                  |
  | Folgende Änderungen wurden vorgenommen:                          |
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  | S. 16 „Kiautschau” in „Kiautschou” geändert.                     |
  | S. 21 „Chikago” in „Chicago” geändert.                           |
  | S. 21 „Rio Grande del Sul” in „Rio Grande do Sul” geändert.      |
  | S. 36 „Sowie” in „So wie” geändert.                              |
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