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Title: Josef Dietzgens philosophische Lehren
Author: Hepner, Adolf
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Josef Dietzgens philosophische Lehren" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Buch ist original in Fraktur gesetzt.

    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

    Im Original fett gesetzter Text ist =so ausgezeichnet=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



[Illustration: J. Dietzgen]



    Josef Dietzgens
    Philosophische Lehren

    Von Adolf Hepner

    Mit einem Porträt von Josef Dietzgen


    Stuttgart
    Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.
    1916



    Alle Rechte vorbehalten.


    Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart.



Inhalts-Verzeichnis.


                                                       Seite

       I. Einleitendes                                     5

      II. Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit            9

     III. Dietzgens monistische Erkenntnislehre           23

      IV. Dietzgens Ethik                                 29

       V. Die Religion der Sozialdemokratie               38

      VI. Sozialdemokratische Philosophie                 58

     VII. Drei polemische Abhandlungen                    69

    VIII. Briefe über Logik                               76

      IX. Erkenntnistheoretische Streifzüge              120

       X. Das Akquisit der Philosophie                   139

      XI. Dietzgens pädagogische und Lebensweisheit      158



I.

Einleitendes.


Nicht alles ist Gold, was unter dem Namen »Philosophie« bisher
geglänzt hat. Und nicht einmal ist +alles+ Gold, was die wirklichen
Philosophen aus dem Schachte ihres tiefen Geistes hervorgeholt und
vor der wißbegierigen Menschheit ausgebreitet haben. Gar vieles war
von vornherein gegenstandslos, anderes ist von der Zeit überholt, als
abgetan durch die moderne Wissenschaft zu betrachten, und von manch
hochanspruchvollem Satze darf man sagen: »~Lasciate ogni speranza!~
Laßt die Hoffnung draußen, ihn zu verstehen!«

In noch höherem Grade gilt dies von den Darstellern der philosophischen
Systeme. An Lehrschriften der Philosophie besitzen wir eine Unzahl
-- strotzend von Gelehrsamkeit, von mehr oder minder verständlichen
Theorien und Begriffsdefinitionen -- über das Denkergebiet aller
Zeiten sich erstreckend. So unentbehrlich diese Bücher auch für das
philosophische Fachstudium sind -- den, der nicht von Hause aus
besondere Vorliebe für die Wissenschaft der Wissenschaften hegt,
vermögen sie in den seltensten Fällen zu verlocken, sich ihr mehr als
dilettantisch zu widmen.

So kommt es denn, daß nur wenige Intellektuelle, deren
Berufswissenschaft kein eingehendes Studium der Philosophie erfordert,
ihr ein mehr als oberflächliches Interesse zuwenden.

Die Philosophen und ihre Erklärer haben zum allergrößten Teil
für die Ausprägung ihrer Gedanken eine Redeweise gewählt, deren
Aneignung für viele weit schwieriger ist als das Erlernen irgendeiner
europäischen Sprache. Hierdurch verleideten sie den Lesern die Lust
zum Eindringen in die Wege und Irrwege der Erkenntnisforschung, so daß
die Gedankenoperationen der Philosophen eine ~Terra incognita~ (ein
unbekanntes Land) für diejenigen blieben, die der bescheidenen Ansicht
sind, daß klares Denken nicht durch unklare Wiedergabe der Gedanken
bezeugt wird.

Zugegeben, daß das Sichten des Urwalds der menschlichen Erkenntnis
eine außergewöhnlich schwierige Arbeit war und an die Pioniere dieser
Bemühungen nicht Ansprüche gestellt werden dürfen, die der moderne
Literaturgeschmack gezeitigt hat. Immerhin sollten die Philosophen
unserer Tage wenigstens sich bemühen, in gefälligerem Sprachgewande vor
uns zu erscheinen als die meisten ihrer großen Vorgänger.

Daß +Anmut+ des Ausdrucks mit Schärfe und Klarheit desselben
wohl vereinbar ist, daß speziell die +Würde+ der Philosophie
durch Herabsteigen des Weltweisen vom hohen Kothurn der
Schwerverständlichkeit keine Einbuße erleidet -- zeigen unter anderem
die Schriften +Josef Dietzgens+.

Eine Charakteristik des Mannes und seines Lebens liest man besser in
der von Eugen Dietzgen den nur drei Bände umfassenden »Sämtlichen
Schriften«[1] seines Vaters beigegebenen Biographie. Ich will lieber
gleich ans Thema gehen und die wissenschaftliche Arbeit unseres
Autors, die in seine letzten zwanzig Lebensjahre (1868 bis 1888) fiel,
skizzieren.

Dietzgens erste und Hauptschrift, die er in seiner Petersburger
Periode als technischer Fabrikleiter einer Lohgerberei verfaßte und
auf eigenes Risiko herausgeben ließ, trägt den schlichten Titel:
»Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit« und den weiteren Vermerk:
»Eine abermalige Kritik der reinen und praktischen Vernunft«. Mit dem
letzten Wort im ersten Titel wollte Dietzgen vermutlich andeuten, daß
er weder »Materialist« im Sinne der französischen Materialisten des
achtzehnten Jahrhunderts, die den »Stoff« zum Fetisch machten, noch
der »Ideenlehre« Hegels verfallen ist, der alles aus dem »Gedanken«
ableitete. Aus dem Nebentitel erfahren wir deutlich, daß Dietzgens
Weise von der des Königsberger Weisen erheblich abweicht.

Was Dietzgen von den früheren Philosophen in sich aufgenommen, brauchte
er nicht ausdrücklich aufzuzählen, da das Neue und Originelle,
das in seiner Behandlung des Gegenstandes sich mit dem Alten,
Bekannten organisch verknüpft, dem sachkundigen Leser sich direkt
offenbart. Man vergleiche zum Beispiel, wie Dietzgen vom dogmatischen
Monismus Spinozas fortzuschreiten wußte zu einem erkenntniskritisch
nachgewiesenen und erfahrungsmäßig kontrollierbaren Monismus, und
man vergleiche ferner die Leibnizsche Lehre, daß keine absoluten
Gegensätze im Weltall vorhanden sind, mit der Dietzgenschen. Leibniz
wußte aus mystischer Befangenheit gegenüber dem persönlichen
Gottesdasein keine erfahrungsmäßig nachweisbare Brücke zwischen dem
Relativen und Absoluten zu finden und daher auch keine Versöhnung
zwischen gedanklicher und sinnlicher Wirklichkeit aufzudecken; hier
blieb er in einem absoluten Gegensatz noch stecken. Dietzgen geht mit
Kant in der Erkenntnistheorie die schon +vor+ Kant wegbar gemachte
»~a posteriori~«-Strecke, das heißt er hält es mit Kant darin, daß
Erkenntnis nur durch +Erfahrung+ möglich; er verläßt Kant aber bei
dessen »~a priori~«-Rückschritten, das heißt bei dessen Lehre, daß es
auch Erkenntnisse +ohne+ Erfahrung gibt.[2] Ebenso kritisch-induktiv
steht Dietzgen der Philosophie Hegels gegenüber. Während dieser den
Seinzusammenhang zum Entwicklungsprodukt der absoluten Erkenntnis
macht, weist Dietzgen umgekehrt das Denken als ein relatives
Entwicklungsresultat des absoluten Naturzusammenhangs nach. Aus
diesem Grunde bleibt Hegels Dialektik[3] eine idealistisch-mystische
Entwicklungslehre gegenüber der +naturmonistischen+ Dialektik
Dietzgens, welche induktiv nachweisbar fortschreitet bis zum letzten
Vermittler aller Widersprüche, dem Universalzusammenhang.



II.

Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit.

(Erkenntnislehre.)


In seinem »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« zeigt Josef Dietzgen,
»was die Philosophie positiv Wissenschaftliches gefördert hat«, und
zwar, wie er sich ausdrückt, »langstielig und größtenteils unbewußt«.
Er will »die allgemeine Natur des Denkprozesses enthüllen, weil diese
Erkenntnis uns die Mittel an die Hand gibt, alle die allgemeinen
Rätsel der Natur und des Lebens wissenschaftlich zu lösen und zu einem
fundamentalen Standpunkt, zu einer systematischen Weltanschauung
zu gelangen, welche das langerstrebte, aber nie erreichte Ziel der
spekulativen Philosophie war«.

Unser Autor behandelt zunächst »die reine Vernunft oder das
Denkvermögen im allgemeinen«, die allgemeine Natur des Denkprozesses,
in dessen Erkenntnis, wie er in einer späteren Schrift mit Recht sagen
darf, »das Fundament aller Wissenschaft liegt«. Dann geht er zum »Wesen
der Dinge« über unter begründeter Abweisung von Kants »Ding an sich«,
das heißt der Kantschen Theorie, daß hinter dem von uns Wahrgenommenen,
hinter seiner Erscheinung, noch ein »Ding an sich« steckt. Dietzgen
zeigt, daß eine Erscheinung nur vorhanden ist, sofern sie unserem
Denkvermögen, beziehentlich unseren Sinnen sich offenbart; ein »Ding an
sich«, das außerhalb der Erscheinungswelt existieren sollte, führt zum
Köhlerglauben. Dietzgen weist Kants »Ding an sich« überzeugend auf als
nichts Übersinnliches, beziehentlich von der Sinnlichkeit Unabhängiges
(wie Kant das »Ding an sich« auffaßte), vielmehr erstens als absolut
identisch mit dem Universum, dem einzigen »Ding an sich«, das alle
anderen Dinge in sich trägt und nur absolut »an sich« durch dieses
»in sich« ist; und zweitens als relativ identisch mit dem allgemeinen
Bild der Vorstellung oder dem Begriff, die der Mensch mittels Denkens
aus dem sinnlich Besonderen entwickelt. Dietzgen behandelt dann »die
Praxis der Vernunft in der physischen Wissenschaft« -- Ursache und
Wirkung, Geist und Materie, Kraft und Stoff -- und im Schlußabschnitt
die »praktische Vernunft oder Moral« -- das Weise, Vernünftige, das
sittlich Rechte, das Heilige.

In folgendem gebe ich, und zwar in Dietzgens Wortlaut, das
Wesentlichste seiner Erörterungen und Befunde über den +Denkprozeß+:

Der Mensch denkt zunächst nicht, weil er will, sondern weil er muß;
allgemeiner Zweck des Denkens ist die Erkenntnis ... Der Denkakt
vollzieht sich in Kontakt mit anderen, mit sinnlichen Erscheinungen und
ist dadurch selbst eine sinnliche Erscheinung geworden, die in Kontakt
mit einer Hirnfunktion den +Begriff+ des »Denkvermögens« erzeugt.

Mit der reinen Denkkraft, ohne die Hilfe der Objekte (oder der
Erfahrung darum), die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens zu
erforschen, dieser vergeblichen Mühe widmete sich die spekulative
Philosophie. Wissenschaftliches Denken heißt nur das Denken, welches
das Wirkliche, Sinnliche, Natürliche zum bewußten Gegenstand hat.
Sowenig es ein Denken, eine Erkenntnis gibt ohne Inhalt, sowenig
existiert ein Denken ohne +Gegenstand+ oder ohne Objekt, ohne ein
anderes, das gedacht oder erkannt wird. Objektloses Denken ist eine
Unart der »spekulativen« Philosophie, welche Erkenntnisse ohne
Begattung mit einem sinnlichen Gegenstand erzeugen will.

Denken ist eine Arbeit und bedarf wie jede andere Arbeit ein Objekt,
an dem es sich äußert. Das Denken erstreckt sich +allgemein+ auf alle
Objekte.

Das Denkvermögen erforscht aller Dinge Wesen, wie das Auge alle
Sichtbarkeit. Wie nun das Sichtbare im allgemeinen in der Theorie des
Gesichts, so ist das Wesen der Dinge im allgemeinen in der Theorie des
Denkvermögens zu finden.

Das Denkvermögen trennt Ursache und Wirkung.

Wir erkennen wohl alle Objekte, aber kein Objekt läßt sich ganz
erkennen, wissen oder begreifen.

Denken ist eine Tätigkeit des Gehirns, wie Gehen eine Tätigkeit der
Beine. Wir nehmen das Denken, den Geist ebenso sinnlich wahr wie
den Gang, wie wir die Schmerzen, wie wir unsere Gefühle sinnlich
wahrnehmen. Das Denken ist uns fühlbar als ein subjektiver Vorgang,
als innerlicher Prozeß ... Aus einem immateriellen, unfaßbaren Wesen
wird nunmehr der Geist zu einer körperlichen Tätigkeit. Seinem +Inhalt+
nach ist der Denkprozeß +verschieden+ in jedem Augenblick und bei jeder
Persönlichkeit, seiner +Form+ nach bleibt er +überall derselbe+. Beim
Denkprozeß unterscheiden wir, wie bei allen Prozessen, zwischen dem
+Besonderen+ oder +Konkreten+ und dem +Allgemeinen+ oder +Abstrakten+.

Hierauf erläutert Dietzgen den Begriff des Denkvermögens.
Wie die Analyse des Begriffs überhaupt in der Erkenntnis des
+Gemeinschaftlichen+, dem +Allgemeinen+ der +besonderen+ Teile seines
Gegenstandes besteht, so ergibt die Analyse des Denkvermögens »das
letztere als Fähigkeit, aus dem +Besonderen+ das +Allgemeine+ zu
erfassen«.

Ist die Entwicklung des Allgemeinen aus dem Besonderen die generelle
Methode, die Art und Weise überhaupt, mit welcher die Vernunft
Erkenntnisse fördert, so ist die Vernunft vollständig damit erkannt als
die Fähigkeit, dem Besonderen das Allgemeine zu entnehmen.

Die Vernunft besteht »rein« in der Entwicklung des Allgemeinen aus
dem Besonderen. Erkenntnisse können nicht wahr an sich, sondern nur
relativ, nur mit Bezug auf einen Gegenstand, nur auf Grund äußerlicher
Tatsachen wahr sein; ihre Aufgabe besteht in der Entwicklung des
+Allgemeinen+ aus dem +Besonderen+. Das Besondere ist das Maß
(Bedingung, Voraussetzung) des Allgemeinen.

Gedanken, Begriffe, Theorien, Wesen, Wahrheiten stimmen darin überein,
daß sie einem Objekt angehören. Objekte sind Quanta der mannigfaltigen
Sinnlichkeit. Ist das Quantum des Seins, das Objekt, das erkannt,
begriffen oder verstanden werden soll, durch den Sprachgebrauch eines
Begriffs vorher bestimmt oder begrenzt, so besteht die Wahrheit in der
Entdeckung des +Allgemeinen+ dieser also gegebenen sinnlichen Quantität.

Entwicklung des Allgemeinen ist die Aufgabe der Vernunft. Der
Unterschied zwischen dem scheinbar und wahrhaft Vernünftigen reduziert
sich auf den Unterschied zwischen dem +Besonderen+ und +Allgemeinen+.

Das +Allgemeine+ ist die +Wahrheit+. Das Allgemeine ist das,
was allgemein ist, das heißt Dasein, Sinnlichkeit. Sein ist das
allgemeine Kennzeichen der Wahrheit, weil das Allgemeine die Wahrheit
kennzeichnet. Nun ist aber das Sein nicht da im allgemeinen, das heißt
das Allgemeine existiert in der Wirklichkeit oder Sinnlichkeit nur auf
+besondere+ Art und Weise. Die Sinnlichkeit hat ihr wahres sinnliches
Dasein in den flüchtigen, vielgestaltigen Erscheinungen der Natur und
des Lebens. Demnach erweisen sich alle Erscheinungen als +relative+
Wahrheiten, alle Wahrheiten als besondere zeitliche Erscheinungen.

Gegenüber dem Denkvermögen werden alle Eigenschaften zu wesenhaften
Dingen, alle Dinge zu relativen Eigenschaften.

Der Unterschied zwischen Mittel und Zweck reduziert sich auf den
Unterschied zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen. Und alle
abstrakten Unterschiede reduzieren sich auf diesen einen Unterschied,
weil die Abstraktions- oder die Unterscheidungskraft selbst sich
reduziert auf das Vermögen, zwischen dem Besonderen und Allgemeinen zu
unterscheiden.

Wir werden später sehen, wie Dietzgen mit der »Entwicklung des
Allgemeinen aus dem Besonderen« manche der bisher strittigsten Fragen,
manches der schwierigsten Probleme löst.

Verweilen wir noch einen Augenblick beim »Denken«. Dietzgen sagt:
Das Denkvermögen ist der Vermittler aller Gegensätze, weiß in aller
Verschiedenheit Einheit zu finden.

Das Bewußtsein generalisiert den Widerspruch; es erkennt, daß alle
Naturstücke in Widerspruch leben, daß alles, was da ist, das, was
es ist, nur durch Mitwirkung eines andern, eines Gegensatzes ist.
Die Wissenschaft des Denkvermögens löst, durch Generalisation des
Widerspruchs, alle besonderen Widersprüche auf. Gegensätze bedingen
sich wechselseitig; Wahrheit und Irrtum sind wie Sein und Schein, wie
Tod und Leben, wie alle Dinge der Welt, nur komparativ, nur dem Maße,
dem Volumen oder Grade nach verschieden.

Die letzten drei Sätze enthalten in Kürze die grundlegende, monistische
Lehre von der physischen und psychischen +Relativität+ aller Dinge
im Universum, ihrer Abhängigkeit vom Universum und voneinander; die
Lehre vom +Universalzusammenhang+ des +Kosmosinhalts+ -- eine Lehre,
die sich wie ein roter Faden in zahlreichen Variationen durch alle
Schriften unseres Autors zieht. Diese Wiederholungen der an praktischen
Beispielen demonstrierten Lehre erweisen sich nicht nur als sehr
nützlich, sondern erscheinen mir durchaus notwendig zur Verbreitung
und Festigung der monistischen Weltanschauung, die sich gegen die
traditionelle dualistische doch nur sehr mühselig durchringt.

Der aufmerksame Leser wird hier schon bei der flüchtigen Erwähnung
des »Universalzusammenhangs alles Kosmosinhalts« diesen Gedanken
auf das +soziale+ Gebiet zu übertragen und die hohe Bedeutung der
Dietzgenschen Lehre für die sozialistische Propaganda zu würdigen
wissen, insbesondere wenn er aus der Naturwissenschaft mit dem
kosmischen Universalzusammenhang vertraut ist.[4] Die +Relativität+ der
Erkenntnis, des Wissens, der Werte, speziell der Wahrheit, des Rechts
und der Sittlichkeit ist zwar Weisen aller Zeiten bekannt gewesen.
Schwerlich aber hat vor Dietzgen ein Denker -- und es sind bald
dritthalbtausend Jahre, seit Heraklit die erste Anregung hierzu gegeben
-- das Ineinanderfließen der Dinge so klar und überzeugend gelehrt und
auf alles Dasein ohne Ausnahme angewandt; schwerlich hat ein Denker
vor Dietzgen den im Universalzusammenhang liegenden Grundgedanken des
Monismus auf das +ökonomisch-soziale+ Gebiet übertragen.

Aber der stärkste Gehalt des Dietzgenschen Naturmonismus (in des Autors
Darlegungen der +Einheitlichkeit+ alles +Seins+) liegt meines Erachtens
in seiner Erläuterung des +Zusammenhangs des Geistes mit dem Weltall+:

Die Frage nach dem Wesen des Geistes ist ein populäres Objekt, das
nicht nur von Philosophen vom Fach, das von der Wissenschaft überhaupt
kultiviert ist, sagt Dietzgen, und er fährt also fort:

Wir unterscheiden zwischen +Sein+ und +Denken+. Wir unterscheiden den
sinnlichen Gegenstand von seinem geistigen Begriff. Gleichwohl ist
doch auch die unsinnliche Vorstellung sinnlich, materiell, das heißt
+wirklich+. Ich nehme meinen Schreibtischgedanken ebenso materiell
wahr, das heißt als ein wirkliches Gefühl, wenn auch ein innerliches,
wie ich den Schreibtisch selbst äußerlich fühle. Allerdings wenn man
nur das Greifbare materiell nennt, dann ist der Gedanke immateriell.
Dann ist aber auch der Duft der Rose und die Wärme des Ofens
immateriell. Wir nennen besser vielleicht den Gedanken +sinnlich+, oder
noch besser +wirklich+. Der Geist ist +wirklich+, ebenso wirklich wie
der greifbare Tisch, wie das sichtbare Licht, wie der hörbare Ton. Der
Geist ist nicht weiter vom Tisch, vom Licht, vom Ton verschieden, wie
diese Dinge untereinander verschieden sind.

Wir leugnen nicht die Differenz, wir behaupten nur die
+gemeinschaftliche Natur+ dieser Dinge. Wenigstens wird mich der Leser
nun nicht mißverstehen, wenn ich das Denkvermögen ein materielles
Vermögen, eine +sinnliche Erscheinung+ nenne.

Jede Funktion des Geistes setzt einen Gegenstand voraus, von dem sie
erzeugt ist, der den geistigen Inhalt abgibt.

Der Geist ist eine körperliche Tätigkeit, Denken eine Funktion des
Gehirns.

Durch Entlarvung des »reinen Geistes« enthüllen wir den letzten Urheber
alles Spuks.

Die Materie, das heißt das fühlbare Sein überhaupt, ist die Schranke
des Geistes; er kann nicht über sie hinaus. Sie gibt ihm den
Hintergrund zu seiner Beleuchtung, aber sie geht nicht auf in der
Beleuchtung.

Man hat sich gewöhnt, materielle und geistige Interessen als absolute
Gegensätze zu unterscheiden, obwohl die materiellen Interessen nur der
abstrakte Ausdruck für unser Dasein sind ... Das Höhere, Geistige,
Ideale ist nur eine +besondere+ Art der menschlichen Interessen;
geistige und materielle Interessen unterscheiden sich, wie zum Beispiel
Kreis und Viereck; letztere sind Gegensätze und doch nur verschiedene
Klassen der +allgemeineren+ Form ... Der christliche Gegensatz von
Geist und Fleisch ist im Zeitalter der Naturwissenschaft +praktisch+
überwunden. Es fehlt die theoretische Lösung, die Vermittlung, der
Nachweis, daß das Geistige sinnlich und das Sinnliche geistig ist, um
die materiellen Interessen vom bösen Leumund zu befreien.

Ähnlich beschwert sich Dietzgen an anderer Stelle unseres Buches
über das Nichtverständnis des Denkprozesses in den Kreisen der
Naturwissenschafter:

Die Praxis der Vernunft, den Gedanken aus der Materie, die Erkenntnis
aus der Sinnlichkeit, das Allgemeine aus dem Besonderen zu erzeugen,
ist in der physischen Forschung auch allgemein, jedoch nur praktisch
anerkannt. Man verfährt induktiv und ist sich dieses Verfahrens
bewußt, aber man verkennt, daß das Wesen der Naturwissenschaft das
Wesen des Wissens, der Vernunft überhaupt ist. Man +mißversteht den
Denkprozeß+. Man ermangelt der Theorie und gerät daher nur zu oft aus
dem praktischen Takte. Das Denkvermögen ist der Naturwissenschaft immer
noch ein unbekanntes, geheimnisvolles, mystisches Wesen. Entweder sie
verwechselt materialistisch die Funktion mit dem Organ, den Geist
mit dem Gehirn, oder denkt idealistisch das Denkvermögen als ein
unsinnliches Objekt außerhalb ihres Gebiets gelegen.

Um die Dinge ganz zu nehmen, müssen wir sie praktisch und theoretisch,
mit Sinn und Kopf, mit Leib und Geist ergreifen. Mit dem Leibe können
wir nur das Leibliche, mit dem Geiste nur das Geistige ergreifen. Auch
die Dinge haben Geist. Der Geist ist dinglich, und die Dinge sind
geistig. Geist und Dinge sind nur in Relationen (in ihren Beziehungen
zum Gesamtzusammenhang, auch Natur und Universum genannt) wirklich.

So schrieb Dietzgen 1868, Jahrzehnte vor der monistischen Rebellion von
Ernst Mach und seiner Physikerschule, gegen den Dualismus.[5]

Allerdings unterstützen die modernen Physiker die Lehre, daß
wir die geistigen Vorgänge objektiv sinnlich wahrnehmen, durch
naturwissenschaftliche und physiologische Beweise, die zu Dietzgens
Zeit nicht vorhanden waren. Siehe zum Beispiel +Verworn+, Die Mechanik
des Geisteslebens, 1910, der ebenfalls von Dietzgen keine Kenntnis
hatte. So erhält denn unseres Autors philosophische Genialität durch
die spätere, von ihm unabhängige, naturwissenschaftliche Forschung eine
glänzende Anerkennung, wenn auch die Philosophen vom Fach sich noch
lange besinnen werden, einem Manne, der »nur Lohgerber« gewesen, ein
Wort der Würdigung, sei es auch oppositioneller, in ihrem Hörsaale zu
widmen.[6]

Für sehr bedeutend halte ich Dietzgens Behandlung der »Kraft- und
Stoff«-Frage mittels der Lehre von der Entwicklung des Allgemeinen
aus dem Besonderen. Ich lasse daher das Wesentlichste in des Autors
Wortlaut hier folgen:

Der Idealismus sieht nur die +Verschiedenheit+, der Materialismus nur
die +Einheit+ von Körper und Geist, Erscheinung und Wesen, Inhalt und
Form, Stoff und Kraft, Sinnlichem und Sittlichem -- alles Unterschiede,
die in dem +einen Unterschied des Besonderen und Allgemeinen+ ihre
+gemeinschaftliche+ Gattung finden ...

Wie verhält sich das Abstrakte zum Konkreten? So stellt sich das
gemeinschaftliche Problem derjenigen, welche in spiritueller Kraft,
und derjenigen, welche im materiellen Stoff den Impuls der Welt, das
Wesen der Dinge, das Nonplusultra der Wissenschaft finden zu können
glauben ... Wir haben da zwei Parteien, welche mit differenten Worten
sich in einer unbestrittenen Sache herumzanken. Um so lächerlicher ist
der Streit, je ernsthafter er genommen wird. Wenn jener die Kraft vom
Stoffe unterscheidet, so will er damit nicht leugnen, daß die wirkliche
Erscheinung der Kraft unzertrennlich an Stoff gebunden ist. Wenn der
Materialist behauptet, daß kein Stoff ohne Kraft, keine Kraft ohne
Stoff ist, so will er damit nicht leugnen, was der Gegner behauptet,
daß Kraft und Stoff different sind. Der Streit hat seinen guten Grund,
seinen Gegenstand, aber der Gegenstand kommt im Streite nicht zum
Vorschein. Er wird von den Parteien instinktiv verhüllt, um sich nicht
die +gegenseitige+ Unwissenheit gestehen zu müssen. Jeder will dem
andern beweisen, daß dessen Erklärungen nicht ausreichen -- ein Beweis,
der von beiden hinreichend dargetan wurde. Büchner gesteht in den
Schlußbetrachtungen zu »Kraft und Stoff«, daß das empirische Material
nicht ausreiche, bestimmte Antworten auf transzendente Fragen zu geben,
um diese Fragen positiv beantworten zu können; dagegen, sagt er ferner,
»reicht es vollkommen aus, um sie negativ zu beantworten und die
Hypothese zu verbannen«. Mit anderen Worten heißt das: die Wissenschaft
der Materialisten reicht zu dem Beweise aus, daß der Gegner nichts weiß.

Der Spiritualist und Idealist +glaubt+ an ein geistiges, das heißt
gespenstiges, unerklärbares Wesen der Kraft. Die materialistischen
Forscher sind +ungläubig+. Eine wissenschaftliche Begründung des
Glaubens oder Unglaubens ist nirgends vorhanden. Was der Materialismus
voraus hat, besteht darin, daß er das Transzendentale, das Wesen, die
Ursache, die Kraft nicht +hinter+ der Erscheinung, nicht +außerhalb+
des Stoffes sucht. Darin jedoch, daß er einen Unterschied zwischen
Kraft und Stoff verkennt, das Problem leugnet, bleibt er hinter
dem Idealismus zurück. Der Materialist pocht auf die tatsächliche
Untrennbarkeit von Kraft und Stoff und will für die Trennung nur
einen »+äußerlichen+, aus den systematischen Bedürfnissen unseres
Geistes hervorgegangenen Grund« (Büchner) gelten lassen. Die Trennung
der Kräfte von den Stoffen ist aber keine »äußerliche«, sondern eine
innerliche, das heißt wesentliche Notwendigkeit, welche allein uns
befähigt, die Erscheinungen der Natur zu erhellen und zu verstehen.

Die erste Vermittlung des Gegensatzes zwischen Idealismus und
Materialismus vollbrachte die +Phantasie+ durch den +Glauben an
Geister+, welche sie allen natürlichen Erscheinungen als deren
geheimes ursächliches Wesen substituierte.

Wenn es uns gelungen ist, den Dämon des +reinen+ Geistes zu erklären,
wird es uns nicht schwer, den besonderen Geist der Kraft überhaupt
durch die generelle Erkenntnis ihres Wesens auszutreiben und somit
auch diesen Gegensatz zwischen Spiritualismus und Materialismus
wissenschaftlich zu vermitteln.

Am +Gegenstand+ der Wissenschaft, am +Objekt+ des Geistes ist Kraft
und Stoff ungetrennt. In der leibhaften Sinnlichkeit ist Kraft Stoff,
ist Stoff Kraft. »Die Kraft läßt sich nicht sehen.« Ei doch! Das Sehen
selbst ist pure Kraft. Das Sehen ist so viel Wirkung des Gegenstandes
als Wirkung des Auges, eine Doppelwirkung, und Wirkungen sind Kräfte.
Wir sehen nicht die Dinge selbst, sondern ihre Wirkungen auf unsere
Augen: wir sehen ihre Kräfte. Und nicht nur sehen läßt sich die Kraft,
sie läßt sich hören, riechen, schmecken, fühlen. Wer wird leugnen, daß
er die Kraft der Wärme, der Kälte, der Schwere zu fühlen vermag? ...

Ebenso wahr, wie sich sagen läßt, ich fühle den Stoff und nicht
die Kraft, läßt sich umgekehrt sagen, ich fühle die Kraft und
nicht den Stoff. In der Tat, am Objekt, wie gesagt, ist beides
ungetrennt. Vermöge der Denkkraft aber trennen wir an den neben- und
nacheinanderfolgenden Erscheinungen das Allgemeine vom Besonderen.
Aus den verschiedenen Erscheinungen unseres Gesichtes zum Beispiel
abstrahieren wir den allgemeinen Begriff des Sehens überhaupt und
unterscheiden ihn als Sehkraft von den besonderen Gegenständen oder
Stoffen des Gesichtes. Aus sinnlicher Vielfältigkeit entwickeln wir
mittels der Vernunft das Allgemeine. Das Allgemeine mannigfaltiger
Wassererscheinungen, das ist die vom Stoffe des Wassers unterschiedene
Wasserkraft. Wenn stofflich verschiedene Hebel gleicher Länge dieselbe
Kraft besitzen, ist es wohl augenscheinlich, daß hier die Kraft nur
so weit vom Stoffe verschieden ist, als sie das Gemeinschaftliche
verschiedener Stoffe darstellt. Das Pferd zieht nicht ohne Kraft,
und die Kraft zieht nicht ohne Pferd. In der Tat, in der Praxis ist
das Pferd die Kraft, ist die Kraft das Pferd. Aber dennoch mögen
wir die Zugkraft von anderen Eigenschaften des Pferdes als etwas
Apartes unterscheiden, oder mögen das Gemeinschaftliche verschiedener
Pferdeleistungen als allgemeine Pferdekraft abtrennen, ohne uns deshalb
einer anderen Hypothese schuldig zu machen, als wenn wir die Sonne von
der Erde unterscheiden; obgleich in der Tat die Sonne nicht ohne Erde,
die Erde nicht ohne Sonne ist.

Die Sinnlichkeit ist uns nur durch das Bewußtsein gegeben, aber das
Bewußtsein setzt dennoch die Sinnlichkeit voraus. Die Natur, je nachdem
wir sie, vom Standpunkt des Bewußtseins, als bedingungslose Einheit
oder, vom Standpunkt der Sinnlichkeit, als unbedingte Mannigfaltigkeit
gelten lassen, ist grenzenlos vereint und grenzenlos getrennt. Wahr
ist beides: Einheit und Vielheit, doch jedes nur unter gewissen
Voraussetzungen, relativ. Es kommt darauf an, ob wir vom Standpunkt
des Allgemeinen oder des Besonderen, ob wir mit geistigen oder mit
körperlichen Augen umschauen. Mit geistigen Augen gesehen, ist der
Stoff Kraft. Mit körperlichen Augen gesehen, ist die Kraft Stoff.
Der abstrakte Stoff ist Kraft, die konkrete Kraft ist Stoff. Stoffe
sind Gegenstände der Hand, der Praxis. Kräfte sind Gegenstände der
Erkenntnis, der Wissenschaft.

Die Wissenschaft ist nicht beschränkt auf die sogenannte
wissenschaftliche Welt. Sie reicht über alle besonderen Klassen hinaus,
gehört dem Leben in seiner ganzen Breite und Tiefe. Die Wissenschaft
gehört dem +denkenden Menschen überhaupt+. So auch die Trennung
zwischen Kraft und Stoff. Nur die stumpfsinnigste Leidenschaft kann
sie +praktisch+ verkennen. Der Geizhals, der Geld anhäuft, ohne seinen
Lebensprozeß zu bereichern, vergißt, daß die vom Stoffe verschiedene
Kraft des Geldes das wertvolle Element ist; er vergißt, daß nicht der
Reichtum als solcher, nicht die schlechte goldene Materie, sondern
ihr geistiger Gehalt, die ihr inwohnende Fähigkeit, Lebensmittel zu
kaufen; es ist, was das Streben nach ihrem Besitz +vernünftig+ macht.
Jede wissenschaftliche Praxis, das heißt jedes Tun, welches mit
vorausbestimmtem Erfolge, mit durchschauten Stoffen agiert, bezeugt,
daß die Trennung von Stoff und Kraft, wenn auch mit dem Gedanken
vollzogen, also ein Gedankending, doch deshalb keine leere Phantasie,
keine Hypothese, sondern eine +sehr wesentliche Idee+ ist. Wenn der
Landmann sein Feld düngt, geht er insofern mit reiner +Düngkraft+ um,
als es gleichgültig ist, in welchem Stoffe, ob in Kuhmist, Knochenmehl
oder Guano sie sich verkörpert. Beim Abwägen eines Warenballens wird
nicht der Stoff der Gewichtsstücke, nicht das Eisen, Kupfer oder der
Stein, sondern die +Schwerkraft+ pfundweise gehandhabt.

Allerdings, keine Kraft ohne Stoff, kein Stoff ohne Kraft. Kraftlose
Stoffe und stofflose Kräfte sind Undinge. Wenn idealistische
Naturforscher an ein immaterielles Dasein von Kräften glauben, welche
gleichsam im Stoffe ihren Spuk treiben, die wir nicht sehen, nicht
sinnlich wahrnehmen und dennoch glauben sollen, so sind es in diesem
Punkte eben keine Naturforscher, sondern Spekulanten, das heißt
Geisterseher. Doch ebenso kopflos ist andererseits das Wort des
Materialisten, das die intellektuelle Scheidung zwischen Kraft und
Stoff eine Hypothese nennt.

Damit diese Scheidung nach Verdienst gewürdigt sei, damit unser
Bewußtsein die Kraft weder spiritualistisch verflüchtigt, noch
materialistisch verleugnet, sondern +wissenschaftlich begreift+,
dürfen wir nur das Unterscheidungsvermögen überhaupt oder an sich
begreifen, das heißt seine abstrakte Form erkennen. Der Intellekt
kann nicht ohne sinnliches Material operieren. Um zwischen Kraft und
Stoff zu unterscheiden, müssen diese Dinge sinnlich gegeben, müssen
sie erfahren sein. Auf Grund der Erfahrung nennen wir den Stoff
kräftig, die Kraft stofflich. Das zu begreifende sinnliche Objekt ist
also ein Kraftstoff, und da nun +alle+ Objekte in ihrer leiblichen
Wirklichkeit Kraftstoffe sind, besteht die Unterscheidung, welche
das Unterscheidungsvermögen daran vollbringt, in der +allgemeinen+
Art und Weise der Kopfarbeit, in der Entwicklung des Allgemeinen aus
dem Besonderen. Der Unterschied zwischen Stoff und Kraft summiert
sich unter den allgemeinen Unterschied des Konkreten und Abstrakten.
Den Wert dieser Unterscheidung absprechen, heißt also den Wert der
Unterscheidung, des Intellekts überhaupt verkennen.

Benennen wir die sinnlichen Erscheinungen Kräfte des allgemeinen
Stoffes, so ist dieser einheitliche Stoff nichts weiter als die
abstrakte Allgemeinheit. Verstehen wir unter der Sinnlichkeit
die verschiedenen Stoffe, so ist das Allgemeine, welches die
Verschiedenheit inbegreift, beherrscht oder durchzieht, die das
Besondere erwirkende Kraft. Ob Kraft, ob Stoff genannt, das
Unsinnliche, das, was die Wissenschaft nicht mit den Händen, sondern
mit dem Kopfe sucht, das Wesenhafte, Ursächliche, Ideale, höhere
Geistige ist die +Allgemeinheit, welche das Besondere umfaßt+.



III.

Dietzgens monistische Erkenntnislehre.


Zeige man mir, wer +vor+ oder +nach+ Dietzgen (1868) das »Stoff- und
Kraft«-Problem besser oder auch nur ebenso mustergültig behandelt
hat -- in rein philosophischer und sprachmeisterlicher Beziehung.
Dietzgens +allgemein verständliche Lösung+ eines der allerschwierigsten
Menschheitsprobleme gehört zu den erstklassigen +Kunstwerken+ der
»Kopfarbeit«.

Zur Wertung von Dietzgens Arbeit dürfte das Nachstehende wohl am Platze
sein:

Daß sinnliche Erfahrung der Erkenntnis zugrunde liegt, haben schon
viele Philosophen des Altertums angenommen und außerdem vermutlich
ungezählte Millionen nachdenklicher Menschen, die +vor+ Lockes und
David Humes Untersuchungen über den menschlichen Verstand (1690
respektive 1748) an Tieren und kleinen Kindern das allmähliche Wachsen
des Intellekts der jungen Lebewesen mit Interesse beobachtet haben,
wie die meisten von uns heute. Gleichwohl wurde uns keine Theorie der
Bewußtseinsbewegung, keine Theorie der menschlichen Erkenntnis aus
jener Zeit hinterlassen.

Schuld daran war in erster Linie die aus den frühesten Perioden
überkommene Vorstellung vom Doppelwesen des Menschen, seiner
Zusammensetzung aus Leib und Seele. Für »Seele« hielt man des Menschen
Empfindungs- und Denkvermögen, einschließlich Ausdrucks unserer
Empfindungen und Gedanken durch Sprache oder Gebärde oder einen
Willensakt. Die »Seele« hieß auch der »Geist«, ein Ausfluß göttlichen
Geistes, und deshalb mußte die Seele nach des Menschen Tode fortleben,
unsterblich sein; daher gab es ein »Jenseits«.

Zum Unterschied von der Menschenseele erhielt das Empfindungs- und
Denkvermögen der (ebenfalls »von einem Gott erschaffenen«) Tierwelt die
Bezeichnung »Instinkt«.

Die »Unsterblichkeit der Seele« erstreckte sich über die gesamte
Menschheit; das eine Stunde nach seiner Geburt verstorbene Kind
hat ebenso Anteil daran wie die Seele der Kannibalen, obwohl das
Menschenkind in seinen ersten Daseinstagen viel weniger »Seele«, das
heißt Intellekt verrät als manches sich rasch entwickelnde Tier, und
obwohl die Menschen im Urzustand der Wildheit und Wildnis mit dem Tier
mehr Ähnlichkeit haben als einer »im Ebenbild Gottes« gedachten Kreatur.

Aus der Anatomie und Physiologie von Mensch und Tier kannte man
zwar schon lange das mehr oder minder Gemeinsame beider; aber die
kardinalen Verschiedenheiten von Mensch und Tier gestatteten immerhin
die Voraussetzung einer göttlichen Menschenseele -- als Ursache des
Denkvermögens -- in der »Krone der Schöpfung«.

Die erste naturwissenschaftliche Begründung der Deszendenz- oder
Abstammungslehre durch Lamarck ist nur wenig über hundert Jahre alt.
Bis dahin mußte die Tradition des Seelenglaubens, also die Annahme,
daß der Mensch nur infolge des ihm eingeflößten göttlichen Geistes
zu denken vermag, den Wert der Locke-Humeschen Erkenntnislehre als
sekundär, wenn nicht gar unwesentlich erscheinen lassen.

Was liegt daran, wie der Denkprozeß sich vollzieht, wenn er ganz und
gar eine göttliche Gnadenerscheinung ist?

Zudem lag vor hundert Jahren die Anatomie und Physiologie des +Gehirns+
noch sehr im argen. Zwar ist das Gehirn als Sitz des Denkvermögens
seit mehr als 2200 Jahren anerkannt, wenn auch Aristoteles den Sitz
der Seele in das Herz verlegte und der hebräische Pentateuch ins
Blut. Aber der Stand der Gehirnanatomie und -physiologie zu Lamarcks
Zeit gestattete noch keine genaue Vorstellung von der Mechanik
des Geisteslebens: wie die Dinge der Außenwelt, die durch unsere
Sinnesorgane mit uns in Beziehung treten, bestimmte Vorgänge in unserem
Nervensystem veranlassen. Gegen Mitte des siebzehnten Jahrhunderts
kannte man erst sieben, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts neun, zu
Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zwölf Paare von Gehirnnerven. Die
Ganglienzellen und Nervenfasern, elementare mikroskopische Bestandteile
der Nervenzellen, kennt man erst seit etwa siebenundsiebzig Jahren.

»Die Nervenfasern«, sagt Professor Verworn in seinem oben genannten
Buche: Die Mechanik des Geisteslebens, »haben die Funktion, gewisse
Vorgänge, die sich in den Zellen der Sinnesorgane und in den Nerv- oder
Ganglienzellen abspielen, zu übertragen nach anderen Ganglienzellen
und peripherischen Organen, wie den Muskeln, den Drüsen usw. Man
kennt jetzt seit vierzig Jahren die Lokalisation in der motorischen
Sphäre des Gehirns so genau und kann die Reizung so fein lokalisieren,
daß man mit Sicherheit eine Bewegung im Daumen oder im Augenmuskel
oder im Fußgelenk vorhersagen kann. Im Anschluß daran sind noch
weitere Zonen auf der Großhirnrinde bekannt geworden, die mit unseren
Sinnesempfindungen im engsten Zusammenhang stehen.

Klinische Erfahrungen der Psychiater ergaben, daß Krankheitsprozesse,
die bestimmte Teile der Gehirnoberfläche zerstört hatten, von
Ausfallssymptomen im Bewußtsein der betreffenden Menschen begleitet
waren, und durch Experimente an Tieren -- Exstirpationen gewisser Zonen
der Gehirnrinde -- lokalisierte man die Seh-, Hör-, Fühl-, Geruchs- und
Geschmackssphäre.

Vorstellungen sind Bewußtseinsbewegungen, die ihren Ursprung im engsten
Anschluß an Sinnesempfindungen haben. Ohne Sinnesempfindungen keine
Vorstellung. Wir können direkt die Vorstellungen als Erinnerungsbilder
von Empfindungen bezeichnen.«

Dietzgens »Wesen der menschlichen Kopfarbeit« ist somit, obwohl bald
fünfzig Jahre alt, ein hochmodernes Buch.

Dietzgen behandelt den Geist, das Denkvermögen als »Organ des
Allgemeinen«, das heißt der Natur, und weil der Geist ein Stück Natur,
ist er, wie unser Autor sich in einer späteren Schrift ausdrückt, kein
größeres Naturwunder als der Magnetismus, die Elektrizität usw.

Nach dem heutigen Stande der Naturwissenschaften und in Verbindung
mit unserer Erkenntnis, daß Kraft Stoff und Stoff Kraft ist, darf man
Dietzgens Satz, daß das »Denken eine Eigenschaft der Generalnatur« ist,
ohne Vorbehalt unterschreiben.

Wenn nun das Denkvermögen das »Organ des Allgemeinen« ist, muß es uns
in erster Linie darum zu tun sein, das Allgemeine herauszufinden,
das heißt namentlich was allgemein der Menschheit frommt, allen
zugute kommt; wir sollen mithin Zustände ermöglichen, unter denen
die Allgemeinheit oder doch die größte Zahl der Menschheit sich
wohlbefinden kann.

Dietzgens Naturmonismus begnügt sich demnach nicht mit der Anschauung
von der Einheitlichkeit des Weltalls minus Mensch; +dieser+ mit seinem
Körper und Geist gehört, wie jedes andere Naturstück aus Stoff und
Kraft, in die Betrachtung des monistischen Weltorganismus hinein. Wie
durch das Denkvermögen, als »Organ des Allgemeinen«, beziehungsweise
des Universalzusammenhangs, die Widersprüche überhaupt vermittelt
werden -- durch Entwicklung des Allgemeinen aus dem Besonderen --,
sollten wir dieselbe monistische Denkmethode ganz speziell zur Lösung
der Ungereimtheiten der +sozialen+ Welt anwenden. Dann erst haben wir
den Sozialmonismus erreicht. Daraus nun, daß es dem richtigen Denken
in erster Linie darum zu tun sein muß, das +Allgemeine+ herauszufinden
-- auf das soziale Gebiet angewandt: das allgemein Nützliche zu
ermitteln --, zieht Dietzgen (in seiner Vorrede) einen Schluß, der auf
einen für unseres Autors Betrachtungsweise noch nicht vorbereiteten
Leser verblüffend wirken mag, aber gleichwohl jedes wirklichen
Monisten Billigung finden muß: daß die wahren Träger des »+Organs des
Allgemeinen+« nicht in den von Sonderinteressen beherrschten Kreisen
zu suchen sind, vielmehr in den Reihen der nach Beseitigung aller
Vorrechte hinstrebenden Arbeiterklasse.

Dietzgen sagt: »Ich entwickle in dieser Schrift das Denkvermögen als
Organ des Allgemeinen. Der leidende, der vierte, der Arbeiterstand ist
insoweit erst der wahre Träger dieses Organs, als die herrschenden
Stände durch ihre besonderen Klasseninteressen verhindert sind, das
Allgemeine anzuerkennen. Wohl bezieht sich diese Beschränkung zunächst
auf die Welt der menschlichen Verhältnisse. Aber solange diese
Verhältnisse nicht allgemein menschlich, sondern Klassenverhältnisse
sind, muß auch die Anschauung der Dinge von diesem beschränkten
Standpunkt bedingt sein. Objektive Erkenntnis setzt subjektiv
theoretische Freiheit voraus. Bevor Kopernikus die Erde sich bewegen
und die Sonne stehen sah, mußte er von seinem irdischen Standpunkt
abstrahieren. Da nun dem Denkvermögen alle Verhältnisse Gegenstand
sind, hat es von allem zu abstrahieren, um sich selbst rein oder
wahr zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche so
weit fortgeschritten ist, um die Auflösung der letzten Herr- und
Knechtschaft zu erstreben, kann soweit der Vorurteile entbehren, um
das Urteil im allgemeinen, das Erkenntnisvermögen, die Kopfarbeit wahr
oder nackt zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche
die direkte allgemeine Freiheit der Masse im Auge haben kann -- und
dazu gehören wohl sehr verkannte historische Voraussetzungen -- erst
die neue Ära des vierten Standes findet den Gespensterglauben soweit
entbehrlich, um den letzten Urheber alles Spuks, um den reinen Geist
entlarven zu dürfen. Der Mensch des vierten Standes ist endlich
>+reiner+< Mensch. Sein Interesse ist nicht mehr Klassen- sondern
Masseninteresse, Interesse der Menschheit. Die Tatsache, daß zu allen
Zeiten das Interesse der Masse mit dem Interesse der herrschenden
Klasse verbunden war, daß nicht nur trotz, sondern gerade mittels
ihrer stetigen Unterdrückung durch jüdische Patriarchen, asiatische
Eroberer, antike Sklavenhalter, feudale Barone, zünftige Meister,
besonders durch moderne Kapitalisten und auch selbst noch durch
kapitalistische Cäsaren die Menschheit stetig >fortgeschritten< --
diese Tatsache nähert sich ihrem Ende. Jetzt ist diese Entwicklung
an einem Standpunkt angekommen, wo die Masse selbstbewußt wird. Sie
ist damit so weit gekommen, daß sie nunmehr sich unmittelbar selbst
entwickeln will.«



IV.

Dietzgens Ethik.


Das Schlußkapitel von Dietzgens »Wesen der menschlichen Kopfarbeit«
behandelt die +Ethik+: »Praktische Vernunft« oder Moral. (Seite 61 bis
87, 1. Band der Sämtlichen Schriften.)

Siebenunddreißig Jahre später erschien Kautskys »Ethik« (und
materialistische Geschichtsauffassung) -- das erste und bis jetzt
einzige deutsche sozialistische Werk auf diesem Gebiet.[7] In der
Vorrede sagt Kautsky: »Ich fuße bei meiner Entwicklung der Ethik auf
der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung -- auf jener
materialistischen Philosophie, wie sie einerseits Marx und Engels und,
in anderer Weise, aber in gleichem Sinne, Josef Dietzgen begründet
haben.«

Kautskys Arbeit in allen Ehren, aber sie ist im Grunde keine
erkenntniskritisch begründete, sondern eine historisch-ökonomisch
orientierende Darlegung, daher macht sie die Lektüre Dietzgens zu
einer notwendigen Voraussetzung. Bei Kautsky erfahren wir nicht --
wie bei Dietzgen -- die philosophische Methode, durch welche man
zur Erforschung der Sinnlichkeit als Grundlage der Moral gelangt.
Dietzgen kommt zu seinem Befunde -- zum Erkennen des Vernünftigen,
Weisen, Rechten, Sittlichen -- durch »+Entwicklung des Allgemeinen
aus dem Besonderen+«. Das gelingt ihm mit seinem Schlüssel -- wie im
vorangegangenen Kapitel die Lösung des »Stoff-und-Kraft«-Problems
-- sozusagen spielend. Unter tunlichster Beibehaltung des logischen
Zusammenhangs lasse ich die Hauptstellen des Moral-Kapitels (in
Auswahl von etwa einem Achtel des Originals) hier folgen:

Das menschliche +Bedürfnis+ gibt der Vernunft das Maß zur Ermessung des
Guten, Rechten, Schlechten, Vernünftigen usw. Was unserem Bedürfnis
entspricht, ist gut, das Widersprechende schlecht. +Das leibliche
Gefühl des Menschen+ ist das Objekt der Moralbestimmung, das Objekt
der »praktischen Vernunft«. Auf die widerspruchsvolle Verschiedenheit
menschlicher Bedürfnisse gründet sich die widerspruchsvolle
Verschiedenheit moralischer Bestimmungen. Weil der feudale Zunftbürger
in der beschränkten und der moderne Industrieritter in der freien
Konkurrenz prosperiert, weil sich die Interessen widersprechen,
widersprechen sich die Anschauungen, und es findet der eine mit Recht
dieselbe Institution vernünftig, welche dem andern unvernünftig ist.
Wenn die Vernunft einer Persönlichkeit rein aus sich das Vernünftige
schlechthin zu bestimmen versucht, kann sie nicht anders, als ihre
Person zum Maß der allgemeinen Menschheit machen. Wenn man der
Vernunft das Vermögen zuspricht, in sich selbst die Quelle der
moralischen Wahrheit zu besitzen, verfällt man in den spekulativen
Irrtum, ohne Sinnlichkeit, ohne Objekt Erkenntnisse produzieren zu
wollen ... Sinnliche Bedürfnisse sind das Material, aus welchem die
Vernunft moralische Wahrheiten anfertigt. Unter sinnlich gegebenen
Bedürfnissen von verschiedener Dringlichkeit oder verschiedenem Umfang
das Wesentliche, Wahre vom Individuellen zu scheiden, +Entwicklung des
Allgemeinen ist die Aufgabe der Vernunft+. Der Unterschied zwischen dem
scheinbar und wahrhaft Vernünftigen reduziert sich auf den Unterschied
zwischen dem Besonderen und Allgemeinen.

Wie die Aufgabe der Physik die Erkenntnis des +wahren+, so ist die
Aufgabe der Weisheit die Erkenntnis des +vernünftigen+ Seins. Überhaupt
hat die Vernunft zu erkennen, was ist -- als Physik, was wahr, als
Weisheit, was vernünftig ist. Wie wahr mit allgemein, so übersetzt
sich vernünftig mit zweckmäßig, so daß wahrhaft vernünftig soviel
wie +allgemein zweckmäßig+ heißt. Wie das Wahre, das Allgemeine
die Beziehung auf ein besonderes Objekt, auf ein gegebenes Quantum
der Erscheinung, bestimmte Grenzen unterstellt, innerhalb deren es
wahr oder allgemein ist, so setzt das Vernünftige oder Zweckmäßige
gegebene Verhältnisse voraus, innerhalb deren es vernünftig oder
zweckmäßig sein kann. Das Wort expliziert sich selbst: Der Zweck ist
+das Maß+ des Zweckmäßigen. Nur auf Grund eines gegebenen Zweckes
läßt sich das Zweckmäßige bestimmen. Ist erst der Zweck gegeben, dann
heißt die Handlungsweise, welche denselben am weitesten, breitesten,
allgemeinsten verwirklicht, die vernünftige, der gegenüber jede minder
zweckmäßige Weise unvernünftig wird.

Fordert demnach unsere Aufgabe die Ermittlung des
Menschlich-Vernünftigen +schlechthin+, so verdienen ein solches
Prädikat +nur Handlungsweisen, welche ohne Ausnahme allen Menschen,
zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen zweckmäßig sind+ --
folglich widerspruchslose und insofern nichtssagende, unbestimmte
Allgemeinheiten. Daß physisch das Ganze größer ist als der Teil, daß
moralisch das Gute dem Schlechten vorzuziehen, sind solche allgemeine,
deshalb bedeutungslose, unpraktische Kenntnisse. Der Gegenstand der
Vernunft ist das Allgemeine, aber -- das Allgemeine eines besonderen
Gegenstandes. Die praktizierende Vernunft hat es mit dem Einzelnen,
Besonderen zu tun, mit dem Gegensatz des Allgemeinen, mit bestimmten,
besonderen Kenntnissen ... Vernünftig im allgemeinen ist nur das, was
jede Vernunft anerkennt. Wenn die Vernunft einer Zeit, Klasse oder
Person vernünftig heißt, wovon anderwärts das Gegenteil anerkannt
ist, wenn der russische Adelige die Leibeigenschaft und der englische
Bourgeois die Freiheit seines Arbeiters eine vernünftige Institution
nennt, so ist etwa keine von beiden schlechthin, sondern jede nur
+relativ+, nur in ihrem mehr oder minder beschränkten Kreise
vernünftig ... Die »+absolute+ Wahrheit« ist der Urgrund der Intoleranz.

Die heidnische Moral ist eine andere als die christliche. Die feudale
Moral unterscheidet sich von der modern bürgerlichen wie Tapferkeit und
Zahlungsfähigkeit ...

Jedes wirkliche Recht ist ein besonderes. Recht nur unter gewissen
Umständen, für gewisse Zeiten, diesem oder jenem Volke. »Du sollst
nicht töten« ist Recht im Frieden, Unrecht im Kriege; Recht für die
Majorität unserer Gesellschaft, welche ihrem dominierenden Bedürfnis
die Mucken der Leidenschaft geopfert wissen will, doch Unrecht dem
Wilden, der nicht so weit gekommen, ein friedliches, geselliges Leben
zu schätzen, der deshalb das angeführte Recht als unrechte Beschränkung
seiner Freiheit empfindet.

Wollte ein Gesetz, eine Lehre, eine Handlung absolut recht, Recht
überhaupt sein, so müßte sie dem Wohle aller Menschen, unter allen
Verhältnissen, zu allen Zeiten entsprechen. Dieses Wohl ist jedoch so
verschieden wie die Menschen, ihre Umstände und die Zeit. Was mir gut,
ist einem anderen schlimm, was in der Regel wohl, tut ausnahmsweise
leid; was einer Zeit frommt, hemmt eine andere. Das Gesetz, welches
Anspruch darauf machen wollte, Recht überhaupt zu sein, dürfte
nie und niemanden widersprechen. Keine Moral, keine Pflicht, kein
»kategorischer Imperativ«, keine Idee des Guten vermag den Menschen zu
lehren, was gut, was böse, was recht, was unrecht sei. Gut ist, was
unserem Bedürfnis entspricht, böse, was ihm widerspricht. Aber was ist
wohl gut überhaupt?

Der Unterschied zwischen guten und bösen, rechten und schlechten
Bedürfnissen findet, wie Wahrheit und Irrtum, wie Vernunft und
Unvernunft, seine Auflösung in dem Unterschied des Besonderen und
Allgemeinen. Die Vernunft vermag aus sich so wenig positive Rechte,
absolut moralische Maximen zu entdecken wie irgend eine andere
spekulative Wahrheit. Erst wenn ihr sinnliches Material gegeben ist,
wird sie der Zahl nach das Allgemeine und Besondere, dem Grade nach
das Wesentliche und Unwesentliche zu ermessen wissen. Die Erkenntnis
des Rechten oder Moralischen will, wie die Erkenntnis überhaupt, das
Allgemeine.

+Die Moral ist der summarische Inbegriff der verschiedensten einander
widersprechenden sittlichen Gesetze, welche den gemeinschaftlichen
Zweck haben, die Handlungsweise des Menschen gegen sich und andere
derart zu regeln, daß bei der Gegenwart auch die Zukunft, neben dem
einen das andere, neben dem Individuum auch die Gattung bedacht sei.
Der einzelne Mensch findet sich mangelhaft, unzulänglich, beschränkt.
Er bedarf zu seiner Ergänzung des anderen, der Gesellschaft, und muß
also, um zu leben, leben lassen. Die Rücksichten, welche aus dieser
gegenseitigen Bedürftigkeit hervorgehen, sind es, was sich mit einem
Worte Moral nennt.+

Die Unzulänglichkeit des einzelnen, das Bedürfnis der Genossenschaft
ist Grund oder Ursache der Berücksichtigung des nächsten, der Moral.
So notwendig nun der Träger dieses Bedürfnisses, so notwendig der
Mensch immer individuell ist, so notwendig ist auch das Bedürfnis
ein individuelles, bald mehr und bald minder intensiv. So notwendig
der nächste verschieden ist, so notwendig sind die erforderlichen
Rücksichten verschieden ...

In diesem Satze ist eine so bündig überzeugende Klärung des
Pflichtbegriffes enthalten, wie sie vor Dietzgen keinem Denker
erkenntniskritisch gelungen ist.

Besagt sie doch, daß es namentlich die Berücksichtigung der Gebote der
beiden uns regierenden Hauptmächte ist, solche der Gesellschaft und
Natur, die das Pflichtverhalten des Menschen bedeuten und bestimmen,
und zwar aus dessen wohlverstandenem Eigeninteresse heraus, sobald er
seine organische Abhängigkeit von Gesellschaft und Natur einsieht.

Solche Berücksichtigung mag gewiß häufig genug mit unseren momentanen
Wünschen kollidieren, aber sie ist es, die unser dauerndes Interesse
fördert, zumal wenn wir freiwillig und bewußt das besondere und
flüchtigere Bedürfnis dem allgemeinen und dauernderen Wohlergehen
unterordnen. Kein mystisches »inneres Gefühl«, auch kein »kategorischer
Imperativ« klärt uns über unsere Pflicht auf, wohl aber Einsicht
in das »Allgemeine«, das heißt in die Zusammenhänge und Gesetze
der Gesellschaft und Natur, deren Anordnungen wir nicht einmal
unbewußt ohne empfindliche Strafe verletzen können, während bewußtes
Zuwiderhandeln uns außerdem notwendig Einbuße an Selbstachtung
bringt, sofern wir Gebote übertreten, welche der jeweiligen sozialen
Entwicklungsstufe entsprechen.

Dietzgens Ethik entspricht offenbar den Anschauungen vieler
Vertreter der modernen Intelligenz und speziell der allermeisten
wissenschaftlichen Sozialisten -- mit Ausnahme der auf den Kantschen
»kategorischen Imperativ«[8] eingeschworenen Revisionisten --, wenn
auch der philosophische Weg, auf dem unserem Autor seine Schlüsse sich
ergaben, einem großen Teile derselben fremd geblieben ist. Bekannt ist,
daß man vor langer Zeit schon in Deutschland durch das Wort »+Mitleid+«
die Ethik auf den Egoismus zurückführte: »Wir haben Mitgefühl mit dem
Elenden, weil wir beim Anblick seiner Leiden +mitleiden+ -- durch die
Reflexion, daß auch wir in seine Lage geraten könnten.«

In starrer Opposition gegen diese utilitarische oder
Zweckmäßigkeitsmoral finden wir die kantische Ethik (Pflicht) und die
des religiösen Idealismus (Liebe).

In Wirklichkeit aber stellen Zweckmäßigkeit (rationeller, begrenzter
Egoismus oder legitimes, persönliches Interesse), Pflicht, Liebe
+zusammen+ das Moralgebilde dar. Indem (nach Dietzgen) die Moral so
beschaffen sein soll, daß »neben dem Individuum auch die Gattung
bedacht ist«, betätigt, wer dieser Morallehre nachlebt, die von Kant
verlangte »Pflicht«, und indem er ihr dauernd und gern nachkommt, nimmt
sie ganz automatisch den Charakter der »Liebe« an.

Ich erlaube mir daher zu sagen:

Für die Moral ist die Zweckmäßigkeit die Wurzel, die Pflicht der Baum
und die Liebe die Frucht.

Am deutlichsten läßt sich der Dreistufenpfad der Moral »Egoismus,
Pflicht, Liebe« im Verhältnis der Eltern zum Kinde erkennen: Ursprung
der Freude am Kinde ist die natürliche, elterliche Eigenliebe, der
gewiß niemand sich zu schämen braucht; sofort tritt das Pflichtgefühl
an die Eltern heran, und bei Ausübung der Pflicht verwandelt sich die
Eigenliebe der Eltern in wahre Liebe. So vermag überall -- wenn auch
nicht so rasch wie in diesem Falle -- die in Zweckmäßigkeit wurzelnde
Moral durch das Medium der Pflicht sich zu hehrer Sittlichkeit, zur
Tugend, zur Güte, zur Liebe auszuwachsen.

Es ist keine beleidigende Insinuation, wenn dem Schönsten und
Erhabensten -- das bisher der Urzeugung in Engelsregionen glaubte sich
rühmen zu dürfen -- Abkunft aus niederem Stande aufgezeigt wird; daß es
in zweckmäßigem Egoismus, im Eigeninteresse des Menschen seine Wurzel
hat und dem Mutualismus, der Gegenseitigkeitspflicht, sein Höhendasein
verdankt.

Entrüste man sich nicht über diese neue Ethikformel, die Moraltrilogie
»Egoismus, Pflicht, Liebe«!

Auch der Brotfrucht Wurzeln stecken nicht in balsamisch gedüngtem Boden.

Mit dieser einfachen Korrektur der Kantschen und der religiösen
Moralbegründung dürfen wir uns hier begnügen, da die letztere, als eine
theologische, unserer gegenwärtigen Betrachtung allzu fern liegt, und
der Nachweis von Kants teils fehlerhafter, teils widerspruchsvoller
Argumentierung seines Sittengesetzes längst von kompetenten Autoren
(auch in Kautskys »Ethik«) geliefert worden ist.

Nur aus des Monistenführers Ostwald »Sonntagspredigt« vom 20. Dezember
1913 »Die wissenschaftlichen Grundlagen der Ethik« möchte ich einige
Zeilen hier anführen, weil sie eine wohlbegründete +Entschuldigung für
Kants Irrtum+ enthalten:

»Kant glaubte auch die Quelle der Ethik in einem inneren Sittengesetz
zu finden, welches dem Menschen ~a priori~ eigen ist, und hat damit
allerdings in etwas versteckter Weise diese Quelle gleichfalls in
einen irrationalen, der wissenschaftlichen Forschung nicht zugänglichen
Punkt gelegt. Es läßt sich darum erklären, daß jenem großen Denker
das +Entwicklungsgesetz+ der Lebewesen nicht nur nicht bekannt war,
sondern daß er sogar eine ausgesprochene Abneigung dagegen hatte,
das menschliche Denken unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung
zu betrachten. So behauptete er das absolute Vorhandensein des
inneren Sittengesetzes bei dem Menschen und begnügte sich mit diesem
Vorhandensein, ohne weitere Nachforschungen darüber anzustellen, woher
es stammte.«

Unsere Revisionisten aber +kennen+ das Entwicklungsgesetz.



V.

Die Religion der Sozialdemokratie.


»Die Religion der Sozialdemokratie« betitelt sich eine Reihe von
durch Gedankenfülle und vielfach durch Schönheit der Sprache sich
auszeichnenden sieben Artikeln, sogenannten »Kanzelreden«, die zuerst
in dem von Liebknecht redigierten Leipziger »Volksstaat« 1870 bis 1875
erschienen und seitdem Verbreitung in Zehntausenden von Exemplaren
gefunden haben. Das auf fünf Jahre verteilte Entstehen dieser
Abhandlungen schließt naturgemäß Anlage nach einem systematischen
Plane aus; es sind daher in ihren Fortsetzungen teilweise Ergänzungen
des Früheren und zu diesem Zwecke Exkurse auf verwandtes Nebengebiet
enthalten. »Die Religion der Sozialdemokratie« wird dem Leser um so
mehr Vorteil und Genuß gewähren, je tiefer die Ideen des Sozialismus
bereits Wurzel in ihm geschlagen haben und je emanzipierter er
sich vom sogenannten »positiven Glauben« weiß. Denn er begegnet in
diesen »Kanzelreden« Gedanken, die zum Teil im Unterbewußtsein jedes
freidenkerischen und geschulten Sozialisten schlummern und nur der
Erweckung durch den Laut eines Zauberworts bedürfen, das aus dem Munde
eines philosophischen Hellsehers kommt. Darin liegt der wesentliche
Reiz von Dietzgens »Kanzelreden« für die Massen der sozialistischen
Arbeiter; um Dietzgen aber in allen seinen Gedankengängen gründlich
zu verstehen, sollten Sozialisten unbedingt mit seiner im »Wesen der
menschlichen Kopfarbeit« niedergelegten Denklehre sich vertraut machen
-- wenn auch die populären Schriften unseres Autors als Einführung in
das genannte Hauptwerk benutzt werden dürfen.

Dietzgen führt in den »Kanzelreden« aus, sagt sein Sohn im Geleitwort
von 1906, »daß die Religion ein geschichtlich notwendiges Gedankenbild
ist, welches aus dem menschlichen Bedürfnis nach materieller
und geistiger Befriedigung und nach einer diesem Glücksstreben
entsprechenden Gesellschaft und Welt entstehen mußte, und zwar auf
jeder Kulturstufe, auf der der Mensch in Ermanglung von hinreichendem,
erfahrungsmäßigem Wissen und Können gegenüber den natürlichen
Zusammenhängen sich nicht anders als mit phantastischer Spekulation
helfen konnte. Er weist an der natürlichen Begrenzung des Denkvermögens
nach, daß alle Religion und jeder Glaube an Übernatürliches auf
phantastischer Spekulation beruhen, die ihrerseits wiederum in ihrer
Eigenart bestimmt wird durch den Entwicklungsgrad der sozialen
Produktivkräfte und Lebensbedingungen.«

Das Wort »Religion« in Verbindung mit »Sozialdemokratie« ist natürlich
nicht im landläufigen Sinne desselben zu verstehen; denn die Tendenzen
der Sozialdemokratie enthalten, wie Dietzgens einleitende Worte lauten,
den Stoff zu einer +neuen+ Religion, die nicht, wie alle bisherige,
nur mit dem Gemüt oder Herzen, sondern zugleich auch mit dem Kopf, dem
Organ der Wissenschaft, erfaßt sein will.

Und die Moral dieser neuen Religion faßt er am Schluß des zweiten
Artikels in folgenden Satz zusammen: Sie verlangt, und ihr ganzes Wesen
beruht auf diesem Verlangen, daß wir die Gegensätze der Liebe und
Selbstsucht miteinander versöhnen, daß sich die Gesellschaft aus dieser
Versöhnung konstituiere, daß der Mensch dem Menschen die Hand reiche,
um mit vereinter Kraft und Arbeit die Natur zur reichlichen Hergabe
unserer Lebensmittel zu zwingen.

Da die Sozialdemokratie eine »neue Religion« ist, bedient sie sich
zur Erreichung ihres Zweckes naturgemäß anderer Methoden als die alte
Religion. Dies führt unser Autor in folgendem aus:

Die Religion, ganz im allgemeinen, hat den Zweck, das bedrängte
Menschenherz vom Jammer dieses irdischen Lebens zu erlösen. Sie hat das
bisher nur in idealer, träumerischer Weise vermocht, durch Anweisung
an einen unsichtbaren Gott und an ein Reich, das nur von Toten bewohnt
ist. Das Evangelium der Gegenwart verspricht, unser Jammertal endlich
in realer, wirklicher, greifbarer Weise zu erlösen. »Gott«, das ist
das Gute, Schöne, Heilige, soll Mensch werden, aus dem Himmel auf die
Erde kommen, aber nicht wie einst, auf religiöse, wunderbare Art,
sondern auf natürlichem, irdischem Wege. Wir verlangen den Heiland, wir
verlangen, daß unser Evangelium, das Wort Gottes, Fleisch werde. Doch
nicht in einem Individuum, nicht in einer bestimmten Person soll es
sich verkörpern, sondern wir +alle+ wollen, das +Volk+ will -- +Sohn
Gottes+ sein.

Die Religion war bisher Sache des Proletariats. Jetzt, umgekehrt, fängt
die Sache des Proletariats an, religiös zu werden, das heißt eine
Sache, welche die Gläubigen mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit
ganzem Gemüt ergreift.

Im alten Glauben diente der Mensch dem Evangelium, im neuen Glauben ist
das Evangelium dazu da, der Menschheit zu dienen. Das Evangelium der
Neuzeit fordert eine Umkehr unserer ganzen Denkweise. Nach der alten
Offenbarung war das Gesetz das Erste, Höchste, Ewige und der Mensch das
Zweite. Nach der neuen Offenbarung ist der Mensch das Erste, Höchste,
Ewige und sein Gesetz, das Zweite, zeitlich und wandelbar.

Wir sind heute nicht dazu da, dem Gesetze zu dienen, sondern das Gesetz
hat den Zweck, uns zu dienen, nach unseren Bedürfnissen modifiziert
zu werden. Der Alte Bund verlangte Geduld und Ergebung in unsere
Leiden; der Neue Bund fordert Energie und Tatkraft. An die Stelle der
Gnade setzt er die bewußte Werktätigkeit. Das alte Buch nannte sich
»Autoritätsglaube«, das neue setzt die Wissenschaft, die revolutionäre,
auf sein Titelblatt.

Glauben und Wissen, das sind die beiden Gegensätze, welche den Alten
und Neuen Bund trennen. Einen weiteren Unterschied zwischen der alten
und der neuen Religion konstatiert Dietzgen wie folgt:

Beten und Fasten sind die Heilmittel, welche das Christentum empfiehlt
wider die angeborene Hilflosigkeit des Menschen ... +Arbeit+ heißt der
Heiland der neueren Zeit.

Wie Christus schon eine große Anzahl Proselyten gemacht hatte, bevor
sich seine Kirche organisierte, so hat auch der neue Prophet, die
Arbeit, schon seit Jahrhunderten gewirkt, bevor sie in der Gegenwart
daran denken kann, sich auf den Thron zu setzen und das Zepter in die
Hand zu nehmen.

Mit den Attributen der Gottheit, mit Macht und Wissenschaft, ist sie
nunmehr ausgerüstet. Aber nicht auf unbefleckte, wunderbare Weise
ist sie dazu gekommen. Sie ist unter Schmerzen geboren, unter Kampf
und Qual und Sorgen groß gewachsen. Obgleich sie es ist, welche den
Menschen so weit kultiviert hat, welche jetzt mit der Verheißung kommt,
ihn vollständig aus aller Knechtschaft zu erlösen, und ihn das ersehnte
Land Kanaan wirklich schon aus der Ferne mit Augen sehen läßt, so liegt
doch heute noch die Dornenkrone des Elends auf ihrem Haupte, das Kreuz
der Verachtung auf ihren Schultern.

Doch unsere Hoffnung auf Erlösung ist nicht auf ein religiöses Ideal,
sondern auf einen massiven materiellen Grundstein gebaut.

Was das Volk berechtigt, an die Erlösung von tausendjähriger Qual
nicht nur zu glauben, sondern sie tatkräftig zu erstreben, das ist die
feenhaft produktive Kraft, die wunderbare Ergiebigkeit seiner Arbeit.

+Die Befreiung vom Joche sklavischer Arbeit, die Befreiung von Not,
Elend und Sorge, von Hunger, Kummer und Unwissenheit, die Befreiung
von der Plage, Lasttier der »höheren Gesellschaft« zu sein, -- diese
Freiheit, und zwar für die Masse, für das Volk+, das ist der heilige
Zweck, den zu erfüllen die so unendlich reich gewordene menschliche
Arbeitskraft den Beruf hat.

Vom Beten und Dulden sind wir übergegangen zum +Denken+ und +Schaffen+.
Das Resultat dieser veränderten Methode steht vor Augen in den
Errungenschaften der Industrie, deren Seele die produktive Kraft
unserer Arbeit ist.

Das Volk verlangt nach der realen Erlösung, weil endlich die
Bedingungen dazu vorhanden sind. Armut, Hunger und Elend der
Vergangenheit waren vielfach durch Mangel an Lebensmitteln verursacht.
Gegenwärtig, und seit Dezennien schon, ist es umgekehrt überschüssiger
Reichtum, wie er sich in Geld-, Handels- oder Industriekrisen
offenbart, der die Arbeitskraft des Volkes brachlegt. Mögen dann die
Speicher noch so gefüllt und die Magazine mit Waren gepfropft sein, das
Volk hungert und friert, weil die besitzenden Klassen, mit Produkten
übersättigt, seine Arbeitskraft nicht kaufen oder unterkaufen.

Die Kultur war bisher Zweck und der Mensch Mittel. Jetzt gilt es die
Dinge umzukehren, den Menschen zum Zweck und die Kultur zum Mittel zu
machen. Die erste Bedingung, das Werk der Entwicklung fortzusetzen, ist
die Freiheit des Volkes, seine Teilnahme am Konsum.

Die Sozialdemokratie unterscheidet sich von der bisherigen kopflosen
Wirtschaft, welche ohne Ziel und Maß produziert, gerade dadurch, daß
sie den Volkshaushalt mit Bewußtsein organisiert. +Bewußte planmäßige
Organisation der sozialen Arbeit nennt sich der ersehnte Heiland der
neueren Zeit+.

Die dreieinige Gottheit des Christentums hat die Not des Volkes nur
dadurch lindern können, daß sie gelehrt hat, daraus eine Tugend zu
machen. Daß diese Lehre zu ihrer Zeit heilsam war, sei nicht verkannt.
Wo der Mensch noch die Fähigkeit und Mittel nicht besitzt, sein
Kreuz abzuwerfen, ist der Geist ergebener Resignation nicht nur ein
göttlicher Balsam, sondern auch eine triftige Zuchtrute, die wohl
vermag, ihn vorzubereiten für die sinnige Verstandesarbeit der Kultur.

Wirklich und leibhaftig aber wird der Zweck der Religion erst durch
materielle Kultur, durch Kultur der Materie erreicht. +Arbeit+ nannten
wir den Heiland, den Erlöser des Menschengeschlechts. Wissenschaft und
Handwerk, Kopf- und Handarbeit sind nur zwei verschiedene Gestalten
derselben Wesenheit. Wissenschaft und Handwerk sind wie Gott-Vater und
-Sohn, zwei Dinge und doch nur +eine+ Sache.

Das im letzten Satze enthaltene Thema wird in nachstehendem weiter
behandelt:

Ähnlich wie unkultivierte Völker das politische und soziale Gesetz als
ein übernatürliches Gnadengeschenk abgöttisch verehren und damit sich
der Macht begeben, es dem Laufe der Entwicklung nach zu gestalten,
ähnlich betrachtet heute eine verehrungssüchtige, untertänige,
knechtische Anschauungsweise die Kopfarbeit der Wissenschaft als ein
höheres Wesen, nicht als den Diener, sondern als den Götzen der Kultur.
Die Menschen sollen nicht zur Wissenschaft hinaufsehen, sondern sie
zu sich herabziehen. Wir sollen die geistige zu einem Instrument der
materiellen Arbeit machen. Die erfahrungsmäßige Resultatlosigkeit
der spekulativen Forschung, die erwiesene Unfruchtbarkeit der reinen
Vernunft belehre die Gelehrtenzunft, daß leibliche Sinnentätigkeit
zur Wissenschaft erfordert ist. Umgekehrt lerne der Handwerker an den
bewunderten Resultaten der modernen Industrie, daß nur der Verbindung
mit der Wissenschaft die Wunder der Arbeit zu danken sind.

Die gegenseitige Durchdringung der beiden Arbeitsformen hat im Verlauf
der Jahrhunderte endlich die Menschheit auf den Punkt gebracht, wo
nunmehr der Grundstein zum Tempel der Sozialdemokratie niedergelegt
ist. Alle unsere +materiellen+ Reichtümer haben, ebenso wie alle in
der Literatur deponierten geistigen Errungenschaften, nur mittels
+gemeinschaftlicher Arbeit+ der verschiedensten Generationen,
Geschlechter, Länder und Völker produziert werden können. Sie sind
also, wenn auch individuelles Eigentum, doch ein generelles, ein
gemeinschaftliches, ein kollektives Produkt.

Dann zu seinem eigentlichen Thema zurückkehrend, sagt Dietzgen:

Die Lehre unserer sozialdemokratischen Kirche betrachtet den
aufgehäuften Reichtum, den materiellen sowohl wie den geistigen, als
ihren Grundstein und lehrt, zu glauben, daß dieser schwere Stein
wohl nicht ohne, aber auch nicht durch einzelne Herren oder vornehme
Geschlechter, sondern mit überaus angestrengter Kopf- und Handarbeit
des gesamten Volkes zutage gefördert ist. Schelme und Narren nennen
dies Evangelium rohe Gleichmacherei. Nein! Die Gleichheit der
Sozialdemokratie ist keine phantastische Gleichheit, welche ihren
Gegensatz, die Verschiedenheit, ausschließt. Unsere menschliche Natur
hat uns allen das gleiche Bedürfnis gegeben, auf diesem Erdboden
unseren Hunger zu stillen, unseren Leib zu kleiden, alle unsere
verschiedenen Kräfte zu entwickeln. Die Menschenkinder haben von Natur
+alle das gleiche+ Verlangen, ihr Leben zu verbringen in tätiger Lust,
ohne Elend und Knechtschaft. Die Gleichheit des Verlangens ändert die
Verschiedenheit nicht, welche jeden von uns mit Kräften und Talenten
eigener Art ausgerüstet hat. Wie also der Gegensatz zwischen Gleichheit
und Mannigfaltigkeit in der Natur der Dinge +faktisch+ vereint und
überwunden ist, so soll auch das soziale Leben der Zukunft die
Menschen +gleich+ machen an gesellschaftlichem Rang und Wert, ihnen
den +gleichen+ Anspruch geben auf Genuß des individuellen Lebens, ohne
deshalb die Verschiedenheit aufzuheben, welche jedem seine besondere
Aufgabe zuteilt, jedem gestattet, nach seiner eigenen Fasson selig zu
werden.

Solange die Natur als unbezwingbares Verhängnis, als allmächtige
Gottheit gewaltet hat und die Menschheit mit Armut knechtete, durfte
einzelnen oder einzelnen Klassen die Herrschaft gestattet sein, um als
Führer zu dienen. Nun aber ist das Volk durch die errungene reiche
Ergiebigkeit seiner Arbeit auf dem Punkte angekommen, wo es verlangt,
daß alle Herrschaft endige. Es fühlt sich berufen, die geschichtliche
Entwicklung der Dinge fortzusetzen, ohne Beihilfe unumschränkter Führer.

Wir fordern von der Gesellschaft, und vermöge des geschichtlich
erworbenen Reichtums können wir es fordern, daß sie uns nicht nur die
Arbeit, sondern das »tägliche Brot« garantiere, daß sie die Hungrigen
speise, die Nackten kleide, die Kranken pflege, kurz, alle Werke der
Liebe und Barmherzigkeit übe. Wir verlangen von der Gesellschaft, daß
sie nicht nur menschlich heiße, sondern menschlich sei. An Stelle der
Religion setzt die Sozialdemokratie +Humanität+, welche fortan nicht
mehr auf einer moralischen Satzung, sondern auf der Erkenntnis ruhen
wird, daß nur in der sozialen brüderlichen Arbeit, in der +ökonomischen
Gemeinschaft+ der Erlöser lebt, der uns vom leibhaftigen Bösen befreien
kann. Die wahre Erbsünde, an der das Menschengeschlecht bisheran
leidet, ist die Selbstsucht. Moses und die Propheten, alle Gesetzgeber
und Moralprediger haben zusammen nicht vermocht, es davon zu befreien.
»Die Sünde sitzt im Fleische, wie der Nagel in der Mauer«, sagt die
Bibel. Keine schöne Redensart, keine Theorie und Satzung konnte sie
ausmerzen, weil die Konstitution der ganzen Gesellschaft an diesem
Nagel hängt. Die bürgerliche Gesellschaft fußt auf dem selbstsüchtigen
Unterschiede von +Mein+ und +Dein+, fußt auf dem sozialen Krieg, auf
der Konkurrenz, auf der Überlistung und Ausbeutung des einen durch den
anderen.

Hieraus ergibt sich der oben bereits zitierte Moralsatz, daß die
Gesellschaft sich auf einer neuen Grundlage konstituieren muß, welche
die Gegensätze von Liebe und Selbstsucht miteinander versöhnt und die
Gemeinsamkeit der Arbeit wie des Genusses involviert.

Hiermit schließt der zweite Abschnitt; der dritte nimmt das zu
Beginn des ersten behandelte Thema wieder auf, daß die Religion
wie die Sozialdemokratie die Tendenz nach +Erlösung+ hat, um einen
neuen Gesichtspunkt zu eröffnen: wie die Sehnsucht nach Erlösung
die +Ursache+ der Religion war, so hat sie auch im Laufe der
geschichtlichen Entwicklung, durch die neue Auffassung von »Erlösung«
im Sinne der Sozialdemokratie, zur +Auflösung+ der Religion geführt.

Dietzgen sagt: Wir sahen die Sozialdemokratie in ihrer Tendenz nach
Erlösung darin weiter gehen als die Religion, daß sie die Erlösung
nicht im Geiste, sondern nur mittels des menschlichen Geistes recht
eigentlich im Fleische, in der fleischlichen, materiellen Wirklichkeit
sucht. Das Bedürfnis der Erlösung, die erbärmliche Not des anfänglichen
unkultivierten Menschen ist der Urschleim der Tiefe, aus dem sich
die Religion erzeugte. Die unbeholfene Rat- und Hilflosigkeit in
einer Welt von Drangsal treibt den Menschen, anderwärts Allmacht und
Vollkommenheit zu suchen, treibt zur Verehrung von Tieren, Gestirnen,
Bäumen, Blitz, Wind, einzelnen Menschen usw. Die nachfolgende
unvermeidliche Erfahrung, daß alle diese Dinge selbst macht- und
hilflos sind, veranlaßte den Fortschritt, das höchste Wesen, statt in
einem nahen, greifbaren, demnach in einem geistigen Wesen zu suchen,
das weitab über den Wolken thront. Von dieser, also der Erfahrung
entrückten Gottheit sich näher zu unterrichten, war schwieriger.
Die neuere Wissenschaft jedoch, welche hinter so manches verborgene
Mysterium gekommen ist, hat endlich auch das Geheimnis der Religion
offenbart.

Es ist die Natur der Materie, welche sie, ohne Ansehen der Zeit, zu
stetiger +Entwicklung+ getrieben hat und forttreibt; durch Feuer-
und Wasserepochen hindurch zur Bildung des ersten Lebens, das mit
den geringsten Pflanzen, mit den niedrigsten Tieren begonnen hat und
weiter hinaufsteigt in unaufhörlicher Veränderung und Erweiterung der
Formen, bis zur selbsttätigen Zeugung des Menschengeschlechts. Und
derselbe Naturinstinkt, der die Welt, hat dann auch sein höchstes
Produkt, das mit Vernunft begabte ~genus homo~, +geschichtlich
entwickelt+. Was immer nun in diesem geschichtlichen Prozeß zeitweilig
eine hervorragende Stelle eingenommen, sei es Tier, Pflanze, Gestirn,
Mensch oder Gesetz, wurde von dem religiösen Gefühl schwärmerisch
+vergöttert+. Gott, das ist der Inhalt der Religion, hatte also keinen
bleibenden, ewigen, sondern einen veränderlichen, zeitlichen Charakter.

Die Religiösen pochen darauf, daß alle Völker, wilde wie zahme,
Religion haben, an Gott glauben. Sie halten deshalb dafür, daß der
Glaube dem Menschen angeboren sei, und wollen darin einen Beweis seiner
Wahrheit finden. Aber wahr ist nur, daß der Unerfahrene leichtgläubig
und um so leicht- und vielgläubiger, je unerfahrener und unkultivierter
er ist. Ein Blick belehrt, daß nicht eine, sondern viele Religionen
da sind, nicht Gott, sondern Götter geglaubt werden. Weil nur nach
und nach dem Menschen die Welt verständlich wird, vergöttert er das
Mannigfaltigste, heute die Sonne und morgen den Mond, bald den Hund,
wie die Perser, bald die Katze, wie die Ägypter.

Die Essenz der Religion besteht darin, diejenige Erscheinung des Natur-
und Menschenlebens, welche je nach Zeit und Umständen von eminenter
Bedeutung ist, zu personifizieren und im Glauben auf eine so hohe Säule
zu stellen, daß sie über alle Zeit und Umstände hinwegsieht.

Wie unsere Zeit so nahe daran ist, die Religion gänzlich aufzugeben,
wird augenfällig an den vagen, im höchsten Grade konfusen Ideen, die
sie über Gott und seine Eigenschaften hegt. Während von allen anderen
Dingen die Menschen nur darum wissen, daß sie sind, weil sie vorher
wissen, wie und was sie sind, wollen sie vom Dasein einer göttlichen
Persönlichkeit überzeugt sein, ohne irgend zu wissen, welcher Art sie
ist, ob menschlicher oder unmenschlicher Gestalt, ob klein oder groß,
ob schwarz- oder blauäugig, ob Mann oder Weib. Ist es nun aber nicht
schmählich kopflos, von jemand wissen zu wollen, daß er ist, wenn ich
zugleich eingestehen muß, gar nichts davon zu wissen, wo, wie und
welcher Art er ist? Je weiter die Gottesidee in der Entwicklung zurück
ist, um so +leibhaftiger+ ist sie, je moderner die Form der Religion,
um so konfuser, um so erbärmlicher sind die religiösen Ideen. Die
geschichtliche Entwicklung der Religion besteht in ihrer allmählichen
+Auflösung+.

Im vierten Abschnitt wird der zu Beginn der sozialdemokratischen
Agitationsära häufig und heute noch von religiösen Anhängern der
Arbeitersache manchmal verteidigte Satz, daß »Christus der erste
Sozialist gewesen«, einer interessanten Kritik unterzogen:

Sozialismus und Christentum sind so verschieden wie Tag und Nacht.
Wohl haben beide übereinstimmendes. Aber was stimmt nicht überein? Was
ist unähnlich? Tag und Nacht gleichen sich durchaus darin, daß sowohl
das eine wie das andere ein Stück der allgemeinen Zeit ist. Der Teufel
und der Erzengel, obgleich der erste eine schwarze und der zweite
eine weiße Haut hat, sind doch wieder sehr gleich, indem jeder von
ihnen überhaupt in einer Haut steckt. Es ist die spezielle Kapazität
unseres Kopfes, +alle+ Mannigfaltigkeit unter einen generellen Hut zu
bringen. Ob Christentum und Sozialismus noch so viel Gemeinschaftliches
haben, so verdient doch der, der Christus zum Sozialisten macht, den
Titel eines gemeinschädlichen Konfusionsrats. Es ist nicht genug,
das Gemeinschaftliche der Dinge zu kennen, auch der Unterschied will
verstanden sein. Nicht was der Sozialist mit dem Christen gemein,
sondern was er eigen hat, was ihn auszeichnet und unterscheidet, sei
Gegenstand unserer Beachtung.

Neuerdings ist das Christentum Religion der Knechtseligkeit genannt
worden. Das, in der Tat, ist seine treffendste Bezeichnung.
Knechtselig ist allerdings alle Religion, aber das Christentum ist
die knechtseligste der knechtseligen. Nehmen wir ein christlich Wort
von der Straße. An meinem Wege steht ein Kreuz mit der Inschrift:
»Barmherzigkeit, huldreichster Jesu! H. Maria bitt für uns.« Da
haben wir die unmäßige Demut des Christentums in ihrer vollen
Erbärmlichkeit. Denn wer so seine ganze Hoffnung auf Erbarmen baut, ist
doch in Wahrheit eine erbärmliche Kreatur. Der Mensch, der vom Glauben
an den allmächtigen Gott ausgeht, vor den Schicksalen und Mächten
der Natur sich in den Staub wirft und nun im Gefühl der Ohnmacht um
Erbarmen winselt, ist kein brauchbares Mitglied unserer heutigen Welt.
Wenn die modernen Christen andere Leute sind, wenn sie den Unwettern,
die überlegene Mächte herabdonnern, kühn in die Augen sehen und nun
durch tatkräftige Arbeit das Unheil zu heilen suchen, so bekunden sie
mit solcher Tat ihren Abfall vom Glauben. Obgleich die Christen ihren
Namen, ihre Gesangbücher und frommen Gemütsschmerzen beibehalten,
sind sie doch in ihrem Tun und Treiben vollendete Antichristen. Wir
religionslose Sozialdemokraten wollen das klare Bewußtsein der Sachlage
voraus haben. Wir wollen Wissen und Willen, in der Theorie wie in der
Praxis tatkräftige Widersacher der lammfrommen, gottseligen Ergebenheit
sein. Das Christentum fordert +Entsagung+, während heute rüstige
Arbeit zur +Befriedigung+ unserer materiellen Bedürfnisse gefordert
ist. Gottvertrauen ist die vornehmlichste Qualität eines Christen,
Selbstvertrauen, das gerade Gegenteil, zu einer erfolgreichen +Arbeit+
nötig.

Eine Charakterisierung der Würde geistiger wie körperlicher +Arbeit+
gibt unser Autor im zweiten Teil dieses vierten Abschnitts:

Nachdem von der Wissenschaft alles Himmlische materialisiert wurde,
blieb den Professoren übrig, ihre Profession, die Wissenschaft zu
verhimmeln. Die akademische soll anderer Qualität, anderer Natur
sein, wie zum Beispiel die Wissenschaft des Bauern, des Färbers oder
Nagelschmieds. Die wissenschaftliche Agrikultur zeichnet sich von der
gewöhnlichen Bauernwirtschaft nur dadurch aus, daß ihre Regeln, ihre
Kenntnisse der sogenannten Naturgesetze genereller oder umfassender
sind.

Das sozialistische Bedürfnis nach gerechter, volkstümlicher Verteilung
der wirtschaftlichen Produkte verlangt die Demokratie, verlangt die
politische Herrschaft des Volkes und duldet nicht die Herrschaft
einer Sippe, die mit der Prätension des Geistes nach dem Löwenanteil
schnappt. Um diesen anmaßlichen Eigennutz in vernünftige Schranken
zurückweisen zu können, ist es geboten, das Verhältnis des Geistes zur
Materie klar zu verstehen. Der eminente Wert der Kopfarbeit wird von
den Handarbeitern noch vielfach verkannt. Ein unfehlbarer Instinkt
bezeichnet ihnen die tonangebenden Federfuchser unserer bürgerlichen
Zeit als natürliche Widersacher. Sie sehen, wie das Handwerk der
Beutelschneiderei unter dem Rechtstitel der geistigen Arbeit betrieben
wird. Daher die leicht erklärliche Neigung, die geistige Arbeit
zu unter- und die körperliche zu überschätzen. Diesem brutalen
Materialismus ist entgegenzuwirken. Physische Kraft, materielle
Überlegenheit war von jeher das Vorrecht der arbeitenden Volksklassen.
Mangels geistiger Ausbildung haben sie bisher sich übertölpeln
lassen. Die Emanzipation der Arbeiterklasse fordert, daß letztere der
Wissenschaft unseres Jahrhunderts sich ganz bemächtige. Das Gefühl der
Entrüstung über die Ungerechtigkeiten, welche wir erleiden, reicht
trotz unserer Überlegenheit an Zahl und Körperkraft zur Befreiung nicht
aus. Die Waffen des Geistes müssen Hilfe leisten. Unser Körper ist mit
seinem Geist derart verbunden, daß physische Arbeit absolut unmöglich
ist ohne geistige Zutat. Der simpelste Handlangerdienst erfordert die
Mitbeteiligung des Verstandes. Andererseits ist der Glaube an die
Unkörperlichkeit der geistigen Arbeit eine Gedankenlosigkeit. Auch die
reinste Forschung ist unleugbar eine Anstrengung des Körpers. Alle
menschliche Arbeit ist geistig und körperlich zumal. Am Produkt der
Arbeit läßt sich nie ermitteln, wieviel davon der Geist und wieviel
der Körper geschaffen hat; sie schaffen in solidarischer Gemeinschaft,
einer nicht ohne den anderen. Mag sich eine Arbeit als geistig oder
körperlich charakterisieren, das Produkt, ich wiederhole, ist von
Geist und Körper zumal geschaffen. Da läßt sich der Beitrag der Idee
nicht separieren vom Beitrag des Materials. Wer könnte in einem
Gemüsegarten die Teile bestimmen, die der Spaten, der Arm des Gärtners,
der Boden, der Regen und der Dünger gefördert hat?

Große Männer, die die Leuchte der Erkenntnis vorantragen, mögen wir
ehren, aber nur so lange und so weit auf ihre Sprüche bauen, als
dieselben materiell in der Wirklichkeit begründet sind.

So weit 1 bis 4 der Kanzelreden.

Die Stücke 5 und 6 sind weniger »populär« gehalten, weil wesentlich
philosophischen Charakters; sie behandeln der »neuen Religion«, der
Sozialdemokratie +Denkweise+, im Gegensatz zur altreligiösen, der
»primitiven Weltweisheit«:

Wer das phantastische, das religiöse System der Welterklärung absetzen
will, der muß doch wieder ein System, diesmal ein rationelles, an die
Stelle setzen.

Wir nennen uns Materialisten. Wie die Religion ein genereller Name
ist für mannigfache Konfessionen, so ist auch der Materialismus ein
dehnbarer Begriff.

Philosophische Materialisten kennzeichnen sich dadurch, daß sie die
leibhaftige Welt an den Anfang, an die Spitze und die Idee oder den
Geist als Folge setzen, während die Gegner nach religiöser Art die
Sache vom Wort (»Gott sprach, und es ward«), die materielle Welt von
der Idee ableiten. Wir dürften uns ebenso füglich auch Idealisten
nennen, weil unser System auf dem Gesamtresultat der Philosophie
fußt, auf der wissenschaftlichen Erforschung der Idee, auf der klaren
Einsicht in die Natur des Geistes. Wie wenig die Gegner kapabel sind,
uns zu begreifen, bezeugen denn auch die widerspruchsvollen Namen, die
man uns gibt. Bald sind wir grobtastige Materialisten, die nur nach
Hab und Gut ausgehen, bald, wenn von der kommunistischen Zukunft die
Rede ist, werden wir unverbesserliche Idealisten genannt. In der Tat
sind wir beides zugleich. Sinnliche, wahrhaftige Wirklichkeit ist unser
Ideal, das Ideal der Sozialdemokratie ist materiell.

Dietzgen reklamiert nun als Bedingung sozialdemokratischer Denkweise
dreierlei: die von Bacon gelehrte »+induktive+ Methode« der Forschung
-- des Schlusses vom Besonderen aufs Allgemeine; ferner Gedankenaufbau
auf Grundlage sinnlichen Materials; drittens die Voraussetzung
+gegebenen+ Anfangs der Welt -- unter Abweisung der metaphysischen
Frage Kants nach »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«, und unter
Ablehnung der transzendentalen Deduktion, das heißt apriorischer
Grundlegung der objektiven Erfahrung durch den reinen Geist. Dietzgen
sagt:

Anwendung der induktiven Methode auf alle Probleme vom Anfang bis zum
Ende der Welt, also die systematische Anwendung der Induktion macht
die sozialdemokratische Weltanschauung zu einem System. »Du sollst«,
lautet das Gesetz, »nicht anfangen zu grübeln ohne Material, du darfst
deine Schlüsse, Regeln, Erkenntnisse nur auf Tatsachen, auf sinnliche
Wahrheit bauen. Zum Denken gehört ein gegebener Anfang.« Wir also
fangen wohl an zu grübeln, aber grübeln nie über den Anfang. Wir wissen
ein für allemal, daß alles Denken mit einem Stück der weltlichen
Erscheinung, mit +gegebenem+ Anfang anfangen muß, daß also die Frage
nach dem Anfang des Anfangs eine gedankenlose Frage ist, die dem
allgemeinen Denkgesetz widerspricht. Wer vom Anfang der Welt redet,
setzt den Weltanfang in die Zeit. Da darf man fragen, was war vor
der Welt? »Nichts war«, sind zwei Wörter, von denen eines das andere
ausschließt. Daß jemals etwas gewesen sei, was nicht war, kann nur ein
schlauer Tollpatsch sagen, der viereckige Kreise zieht. Nichts kann nur
heißen: nicht dies oder jenes.

Unsere Dränger, die Mächtigen und Besitzenden, »Kulturkämpfer« und
Fortschrittsmänner, Liberale und Freimaurer sind auch Fürsprecher der
Induktion -- nur soweit sie ihnen zum Kram paßt. Sie teilen alles: Die
Leute in Herren und Diener, das Leben in Dies- und Jenseits, die Person
in Leib und Seele und die Wissenschaft in Induktives und Deduktives.

Das Teilen ist gut und recht, wenn dabei System, wenn das Geteilte
unter einem Hut gehalten, wenn die Verschiedenheit als eine nur
graduelle bekannt ist. Auch die Sozialdemokraten haben Leib und
Seele. Unser Leib ist die Summe der leiblichen und die Seele Summe
der seelischen oder geistigen Eigenschaften. Aber, wohlgemerkt! die
empirische Erscheinung ist das einhellige Material, die gemeinsame
Rubrik für Leib und Seele, für Körper und Geist. Seele oder Geist ist
uns ein Attribut der Welt und nicht, wie umgekehrt der Pfaff will, die
Welt ein Attribut oder Machwerk des Geistes.

Nach religiösem System ist der liebe Gott »letzter Grund«.
Idealistische Freimaurer glauben alles mit der Vernunft begründen zu
können. Befangene Materialisten suchen in heimlichen Atomen den Grund
alles Bestehenden, während die Sozialdemokraten alles +induktiv+
begründen. Wir besitzen die prinzipielle Induktion, das heißt wir
wissen, daß nicht rein deduktiv, aus der bloßen Vernunft irgendeine
Belehrung zu schöpfen, sondern nur +mittels Vernunft aus der Erfahrung+
Kenntnisse zu holen sind.

An Stelle der Religion setzt die Sozialdemokratie systematische
Weltweisheit.

Diese Weisheit findet ihre Begründung, ihren »letzten Grund« in den
+faktischen Verhältnissen+. Die Erfahrung, daß sowohl die feudale wie
die liberale und klerikale Gerechtigkeit und Freiheit und politische
Wahrheit und Weisheit nach dem leiblichen Interesse der betreffenden
Parteien modelliert ist, hat uns das Verständnis nahegelegt, daß sich
überhaupt die Weisheit nicht aus dem Kopfe, sondern nur mittels des
Kopfes aus empirischem Material ziehen läßt.

Zufolge dessen modellieren wir mit +Bewußtsein+, mit systematischer
Konsequenz unsere Begriffe über Gerechtigkeit und Freiheit nach
unseren leiblichen Bedürfnissen, ~nota bene~ sind es die Bedürfnisse
des Proletariats, der großen Volksmasse. Das faktische leibliche
Bedürfnis einer »menschenwürdigen« Existenz ist der »letzte
Grund«, womit wir die Rechtmäßigkeit, Wahrheit, Vernünftigkeit der
sozialdemokratischen Bestrebungen erweisen. Im System der Induktion
geht der Leib dem Geiste, das Faktum dem Begriffe voran. Wie die Wärme
kalt und die Kälte warm, beides sich nur dem Grade nach unterscheidet,
so relativ ist das Gute bös und das Böse gut. Alles sind Relationen
desselben Stoffes, Formen oder Arten der physischen Empirie (Erfahrung).

Mancher möchte fragen: Wie ist es möglich, empirisches Material als
Grundbestandteil aller Objekte der Wissenschaft nachzuweisen? Gibt es
denn da keine Dinge, wie das Wesen Gottes, reine Vernunft, sittliche
Weltordnung usw.?

Gott, reine Vernunft, sittliche Weltordnung und viele andere Dinge
bestehen nicht aus empirischem Material, es sind keine Formen der
physischen Erscheinung, wir leugnen deshalb auch ihr Dasein. Jedoch die
Begriffe dieser Gedankendinge sind faktisch vorhanden; sie mögen wir
sehr wohl unserer induktiven Forschung als Material unterbreiten.

Im Schlußartikel, dem siebten, befaßt sich unser Autor mit dem viel
ventilierten Religionsthema der »sittlichen Weltordnung«:

Sitte und Ordnung muß sein, nicht weil, wie der Pastor sagt, diese
Dinge vom Himmel stammen, sondern weil sie ein allgemeines, lebhaftes
Bedürfnis sind. Da wir Sozialdemokraten alle unsere Gedanken mit
leibhaftigen oder empirischen Tatsachen begründen, soll auch das
Sittengesetz nicht weiter gelten, als es sich materialistisch fundiert
findet.

Die Sittlichkeit beruht auf dem sozialen Trieb des Menschengeschlechts,
auf der materiellen Notwendigkeit des gesellschaftlichen Lebens.
Weil die Tendenz der Sozialdemokratie vornehmlich auf ein soziales,
auf ein gesellschaftliches Leben in höherem Grade gerichtet ist,
darum kann sie nicht anders, als ganz wahrhaftig eine moralische
Tendenz sein. Sacken und Packen und der dazu benötigte juristische
Apparat nennt sich »sittliche Weltordnung«. Menschen, die über Nacht
reich werden, haben ein anderes Sittengesetz als solche, die noch
das Brot kümmerlich im Schweiße des Angesichts kneten. Heute weiß
man nicht, ob fünf, fünfundzwanzig, hundert oder fünfhundert Prozent
ein »ehrlicher Verdienst« ist. Die kapitalistische Wirtschaft wirkt
zersetzend auf die Moral und das Vermögen. Wie in der Türkei kauft man
in höheren Ständen sich der Frauen, soviel man Geld hat. Vielweiberei
und Mätressenwirtschaft werden Sitte, sind ein sittliches Faktum. Und
in der Tat und in der Wahrheit ist die »freie Liebe« nicht minder
sittlich wie auch die christliche Beschränkung auf nur ein einziges
Ehegesponst. Was uns an der Vielweiberei empört, ist nicht so sehr die
reiche Mannigfaltigkeit der Liebe, als die Käuflichkeit des Weibes, die
Degradation des Menschen, die schandbare Herrschaft des Mammons.

In der Weltgeschichte, liebe Mitbürger, geht es mit der Moral wie in
der Natur mit dem Stoff: die Formen ändern sich, aber das Wesen bleibt.

Hier muß ich kurz und bündig auseinandersetzen, was das eigentliche
Wesen der Sittlichkeit, was wahre Moral ist. Die Feinde schlachten,
braten und verspeisen, heißt dort moralisch, und hier: sie lieben und
ihnen Gutes tun. Wie sollen wir nun unter solchen Widersprüchen die
Kastanien der Wahrheit aus dem Feuer holen? Einfach, indem wir aus
dem Verschiedenen das Allgemeine, indem wir extrahieren, was +unter
allen Umständen+ moralisch, sittlich oder recht ist. Es kann das
nichts Spezielles, es muß das Generelle, das Abstrakte des gesamten
moralischen Materials sein. Mittels eines solchen induktiven Verfahrens
findet sich, daß die sittliche Weltordnung im allgemeinen aus den
Rücksichten besteht, verschieden je nach Zeit und Umständen, welche
das gesellschaftliche Bedürfnis der Menschen erheischt. Ferner findet
sich die unleugbare Tatsache, daß dieses Bedürfnis mit der Kultur
sich entwickelt, daß der soziale Trieb des Menschen wächst, daß die
menschliche Assoziation breiter und inniger, daß die Moral moralischer
wird.

Kein Orakel des Himmels, kein Gewissen der Brust und keine Deduktion
des Kopfes darf uns die sittliche oder irgend eine andere Wahrheit
dozieren. Auf diesen idealen Wegen findet sich nur die bekannte
Schnapperei nach »dem wahren Jakob«. Das einhellige wissenschaftliche
Resultat wird induktiv gewonnen; es gründet sich immer auf empirische
Tatsachen, hier auf das exakte Faktum, daß Menschen einander
dienstlich sind. So ewig wie einer des anderen bedarf, so ewig ist
dem einen recht, was dem andern billig. Je mehr sich die gegenseitige
Bedürftigkeit der Menschen entwickelt, um so extensiver und intensiver
wird ihre Verbindung, um so rücksichtsvoller die Moral, um so größer
und wahrer die Moral.

Die religiöse Wahrheit ist eine ideale Phantasterei. Sie hat die
Nächstenliebe auf Gottesglauben und sittliche Freiheit gründen wollen.
Und was haben wir davon? Den sozialen Krieg. Wir wollen umgekehrt den
ewigen Frieden bezwecken mittels einer brüderlichen Gestaltung der
politischen Ökonomie. Wie in der Familie, wo der Mann den Kohl baut,
die Frau ihn kocht und die Kinder das Reisig herbeiholen, wie da
die häusliche Liebe gegründet ist auf die häusliche Wirtschaft, die
geistige auf die materielle Eintracht, so wird sich auch bei uns die
wahre Nächstenliebe erst einfinden, nachdem die Erwerbsverhältnisse
sozialistisch gestaltet sind. Gewiß hat die Natur schon dem Menschen
die Nächstenliebe ins Herz gepflanzt. Aber dies Herz ist ein durchaus
unzuverlässiger Kompaß, und Wille und Erkenntnis, überhaupt der ganze
ideale Apparat ist ohne materielle Basis ein sehr niedriger Wegweiser.
Es müßte sonst besser stehen mit der Nächstenliebe unserer herrschenden
Klassen.

Mit der faktischen Welt stimmt die sozialdemokratische Moraltheorie
überein, sie anerkennt im politischen Staate den berechtigten Wächter
und Hüter der Sittlichkeit, aber fühlt sich auch berufen, dem Staat
auf die Finger zu sehen, daß er nicht aus einer vergänglichen und
veränderlichen Institution einen ewigen und heiligen Popanz mache,
daß er nicht statt dem sittlichen Fortschritt eine unsittliche
Reaktion, statt kommunistischer Moral egoistische Laster treibe.
Indem die Sozialdemokratie alle Privatinteressen dem Allgemeinen, der
sozialistischen Organisation unterordnet, bekundet sie wahre, echte
Moral.

(Dieses Schlußkapitel der Kanzelreden ist beiläufig als eine populäre
Erweiterung des Schlußkapitels vom »Wesen der menschlichen Kopfarbeit«
zu betrachten.)



VI.

Sozialdemokratische Philosophie.


»Sozialdemokratische Philosophie« betitelt sich die nun folgende
Artikelserie (aus dem »Volksstaat« von 1876), der sich drei Aufsätze
(aus dem »Vorwärts« von 1877 bis 1878) anschließen.

Unter »sozialdemokratischer Philosophie« versteht Dietzgen die
auf sinnlicher Erfahrung beruhende Erkenntnis -- im Gegensatz zur
spekulativen Philosophie, zur Metaphysik, zum Übersinnlichen und auch
zur Ideologie, wie zur »phantastischen Projektmacherei« der frühen
französischen und englischen Sozialisten zu Ende des achtzehnten und im
ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts.

Erst unserem Marx und Engels hatte -- sagt Dietzgen -- die Philosophie
das Fundamentalprinzip offenbart, daß in letzter Instanz sich die
Welt nicht nach Ideen, sondern umgekehrt die Ideen sich nach der
Welt zu richten haben. Marx war der erste, welcher erkannte, daß das
Menschenheil im großen und ganzen nicht von irgendwelchem erleuchteten
Politiker, sondern von der Produktivität der sozialen Arbeit abhängt.

Da diese teils mechanischer, teils geistiger Art ist, fragt es sich:
wer von beiden ist Primus?

Wir erkennen in Wissenschaft und Bildung überaus wertvolle Mittel, aber
nur Mittel, während die Ergiebigkeit der leiblichen Arbeit der höhere
Zweck ist. Die Bildung wirkt dann allerdings sehr erheblich zurück auf
die produktive Verwendung der Arbeit.

Der unwiderstehliche Weltprozeß, der die Planeten geballt, aus ihren
feuerflüssigen Substanzen Kristalle, Pflanzen, Tiere und Menschen
nacheinander hervorgetrieben, treibt ebenso unwiderstehlich zu einer
rationellen Verwendung unserer Arbeit, zur stetigen Entwicklung der
Produktivkraft.[9] Die Produktion verlangt unter allen Umständen
in rationeller Weise betrieben zu werden. In allen Kulturepochen,
mögen sie noch so verschieden sein, muß man, so will es die Vernunft
der Dinge, in möglichst kurzer Zeit das Massenhafteste leisten.
Dieser von der materiellen Leiblichkeit uns angetane Trieb ist
also das +Allgemeine+, das Ursächliche, ist Grund oder Fundament
aller sogenannten höheren, geistigen Entwicklungen, Bildungen und
Fortschritte. Weil die fortentwickelte Produktivkraft heute nicht
weiterkommen kann, darum muß dem Volke Teil gegeben werden am Konsum,
Absatz muß verschafft, die Sittlichkeit, Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit vervollkommnet werden.

Auf dem +Mechanismus+ des Fortschritts beruht die Zuversicht der
Sozialdemokratie. Wir wissen uns unabhängig vom guten Willen. Unser
Prinzip ist ein mechanisches, unsere Philosophie materialistisch. Doch
ist der sozialdemokratische Materialismus viel reicher und positiver
begründet als irgend ein Vorgänger. Die Idee, seinen Gegensatz, hat
er mittels klarer Durchschauung in sich aufgenommen, hat die Welt der
Begriffe bemeistert, den Widerspruch zwischen Mechanik und Spirit
überwunden. Der Geist der Verneinung ist in uns zugleich positiv, unser
Element ist dialektisch.[10]

Im zweiten Artikel erklärt unser Autor, wie die »sozialdemokratische
Philosophie« aus der bürgerlichen, von der sie »legitim abstammt«, sich
entwickelt hat:

Wer sind wir, woher kommen und wohin gehen wir? Sind die Menschen
Herren und Gebieter, sind sie die »Krone der Schöpfung« oder hilflose
Kreaturen, allem Winde, Wetter und Ungemach unterworfen? Wie verhalten
wir oder wie sollen wir uns verhalten zu den Dingen und Menschen der
Umgebung? Das ist die große Frage der Philosophie wie der Religion.
Das Charakteristikum der Philosophie ist es, die »große Frage« dem
religiösen Gemüt entwunden und sie dem Organ der Wissenschaft,
dem Erkenntnisvermögen zur Lösung heimgegeben zu haben. Indem die
Philosophie die große Lebensfrage wissenschaftlich lösen wollte,
verdrehte sich ihr die Sache, die sie nicht anzugreifen wußte, und die
wissenschaftliche Lösung, die Theorie der Kopfarbeit, wurde ihr zum
eigentlichen Gegenstand, zur Lebensfrage.

Aber schockweise sind die Belege, daß das Verständnis kein helles,
kein konsequentes ist, daß die Professoren und Privatdozenten ganz
konfus sind in betreff der Aufgabe, des Zweckes oder der Bedeutung der
Philosophie.

Zum Beweis zitiert Dietzgen einen Philosophen von anerkanntem Ruf,
Herrn v. Kirchmann, der 1876 in einem Vortrag die Philosophie als
das beste Schutzmittel für die zurzeit herrschende Autorität und die
bürgerliche Moral erklärte.

Diese Philosophie kann also die Frage »Woher kommen wir?« sicherlich
nicht beantworten, zumal sie auf materiallosem oder voraussetzungslosem
Denken beruht. Ohne Material, wie die Spinne ihre Fäden aus dem
Hintern, ja noch weit material- oder voraussetzungsloser, will der
Philosoph seine spekulative Weisheit aus dem Kopfe ziehen. So haben
denn die philosophischen Hirngespinste auch weniger realen Zusammenhang
als die Spinngewebe.

Einer der Professoren -- sagt unser Autor im dritten Artikel --
verlangt von den Sozialisten »statt vager und unklarer Andeutungen ein
klares Bild von dem Zustand der Gesellschaft, wie er nach ihrer Ansicht
sein +müßte+ und nach ihren Wünschen eintreten +soll+. Namentlich nach
seinen praktischen Konsequenzen ausgeführt.«

Wir sind keine Idealisten, die sich einen Zustand der Gesellschaft
+erträumen+, »wie er sein muß und soll«. Wenn wir unsere Gedanken über
die künftige Gestaltung spinnen, nehmen wir Material zur Hand. Wir
denken materialistisch. »Der liebe Gott hatte die Welt im Kopfe, bevor
er sie machte, seine Ideen waren souverän und hatten sich nach nichts
Vorhandenem zu richten.« Dieser Aberglaube an die Souveränität der Idee
spukt den Philosophen im Kopfe; er liegt dem Verlangen zugrunde, daß
wir die künftige Welt in all ihren Details erst projektieren sollen,
bevor wir die gegenwärtige angreifen und »zerstören«. Fourier, Cabet
usw. haben diese Verkehrtheit begangen. Wir behandeln die Zukunft
nicht wie spekulative Philosophen, sondern wie praktische Männer,
bauen keine Luftschlösser und machen keine Rechnungen ohne die Wirte.
Es ist kopflos, in ein Geschäft, in ein Unternehmen, in die Welt zu
rennen ohne Projekt; aber noch kopfloser und nur die Art sanguinischer
Phantasten ist es, wenn man die näheren Bestimmungen sich nicht
reserviert.

Daß die kleine Wirtschaft wenig leistet und der Privatbesitz ~en
gros~ die Arbeiter ausbeutet, ist eine empirische Spezialkenntnis,
welche aus der Erfahrung induziert und nicht aus der philosophischen
blauen Allgemeinheit uns in den Kopf geregnet ist. Daraus folgt als
»praktische Konsequenz« die Forderung des genossenschaftlichen, des
staatlichen oder kommunalen Betriebes.

Aber der +Arbeitszwang+ -- »die Beschränkung der persönlichen Freiheit
verträgt sich nicht mit dem idealen Staate«. +Der Arbeitszwang ist
ein Naturgesetz+ und ist nur so lange eine Beschränkung unserer
persönlichen Freiheit, als ein Herr Prinzipal vorhanden ist, der die
Früchte unserer Arbeit eigennützig einsackt. Sollte wohl der gut
salarierte Beamte seinen vorschriftsmäßigen Dienst als »Beschränkung
der persönlichen Freiheit« empfinden?

Dietzgen nimmt nun im vierten Artikel das im zweiten begonnene Thema
wieder auf »Woher kommen wir?«, das Rätsel des Daseins, das Religion
und Philosophie zu lösen sich die Aufgabe gestellt.

Die religiöse Schöpfungsgeschichte ist der Philosophie zu kindisch; sie
wendet sich deshalb an den menschlichen Geist; aber solange der, vom
religiösen Dunst umnebelt, sich selbst mißversteht, fragt und hantiert
er verkehrt, voraussetzungslos, spekulativ oder in die unbestimmte
Allgemeinheit.

Die »Voraussetzungslosigkeit« seiner Methode weiß der Philosoph damit
zu begründen, daß er auf die vielen Possen oder Täuschungen der Sinne
hinweist, die uns mannigfach in der Irre herumführen. Folgedessen fragt
er: Was ist Wahrheit und wie kommen wir zur Wahrheit?

Seine Philosophie sucht nicht, wie alle besonderen Wissenschaften, an
bestimmten grünen und empirischen Wahrheiten, sondern wie die Religion
an einer ganz besonderen Art von Wahrheit, an der absoluten, blauen,
voraussetzungslosen oder übergeschnappten. Was aller Welt wahr ist, was
wir sehen, fühlen, hören, schmecken und riechen, unsere +leibhaftige
Empfindung+, ist ihr nicht wahr genug. Naturerscheinungen sind nur
Erscheinungen oder »Schein«, und davon will sie nichts wissen.

Weil der Philosoph, vom religiösen Wahne befangen, über die
Naturerscheinung hinaus will, weil er hinter dieser Welt der
Erscheinung noch eine andere Welt der Wahrheit sucht, mittels deren die
erstere erklärt werden soll, darum hat er sich die voraussetzungslose
Methode angeschafft, welche Gedanken ohne bestimmtes Material spinnt
oder, mit anderen Worten, in die unbestimmte Allgemeinheit fragt.
Erst ein +unbefangener+ Grübler, der das Cartesianische Experiment
(»~Cogito, ergo sum~«, ich denke, daher existiere ich) wiederholt,
findet, daß, wenn sich im Kopfe Gedanken und Zweifel umtreiben, es die
+leibliche+ Empfindung ist, welche uns das Dasein des Denkprozesses
versichert.[11] Der Philosoph verdrehte die Sache, er wollte die
+unleibliche+ Existenz des abstrakten Gedankens bewiesen haben;
er vermeinte, die übergeschnappte Wahrheit einer religiösen oder
philosophischen Seele wissenschaftlich beweisen zu können, während in
der Tat er die gemeine Wahrheit der leiblichen Empfindung konstatierte.
Aus der Empfindung des profanen Daseins wollte Cartesius ein höheres
Dasein herleiten. Sein Malheur ist das Generalmalheur der Philosophie,
sie ist idealistisch.

Idealisten im guten Sinne des Wortes sind alle braven Menschen. Die
Sozialdemokraten erst recht. Unser Ziel ist ein großes Ideal. Die
Idealisten im philosophischen Sinne dagegen behaupten, was alles wir
sehen, hören, fühlen usw., die ganze Welt der Dinge rund um uns sei
nicht vorhanden, es seien Gedankenspäne. Sie behaupten, unser Intellekt
sei die einzige Wahrheit, alles andere sollen »Vorstellungen«,
Phantasmagorien, traumhafte Nebelbilder, Erscheinungen im bösen
Sinne des Wortes sein. Was immer in der äußeren Welt wir wahrnehmen,
behaupten sie, sind keine objektiven Wahrheiten, keine wirklichen
Dinge, sondern ist subjektives Getriebe unseres Intellektes.

Die Dinge der Welt sind nicht »an sich«, sondern besitzen alle ihre
Beschaffenheiten nur durch den +Zusammenhang+. Im Zusammenhang mit
dem Sonnenlicht und mit unseren Augen sind die Wälder im Sommer grün.
In einem anderen Lichte und unter anderen Augen möchten sie dann blau
oder rot sein. Flüssig ist das Wasser nur im Zusammenhang mit einer
gewissen Temperatur, in der Kälte wird es hart und fest, in der Hitze
unsichtbar; läuft gewöhnlich bergab, und wenn es an einen Zuckerhut
herankommt auch bergauf. Es hat »an sich« keine Eigenschaften, kein
Dasein, sondern erhält dasselbe durch den +Zusammenhang+. Wie dem
Wasser ergeht es allen anderen Dingen.

Die ganze Wahrheit und Wirklichkeit beruht auf dem Gefühl, auf der
leiblichen Empfindung. Seele und Leib oder Subjekt und Objekt, wie der
alte Witz neuerdings heißt, ist von demselben irdischen, sinnlichen,
empirischen Kaliber.

Die Wahrheit nicht auf das »Wort Gottes« und nicht auf überkommene
»Prinzipien«, sondern unsere Prinzipien auf die leibliche Empfindung
gründen, das ist die philosophische Pointe der Sozialdemokratie.

Der liebe Gott formte des Menschen Leib aus einem Lehmklumpen, und
die unsterbliche Seele hauchte er hinein. Seit dieser Zeit besteht
der Dualismus oder die Zweiweltentheorie. Die eine, die leibliche,
materielle Welt, ist Dreck, und eine andere, geistliche oder geistige
Geisterwelt, ist Gotteshauch. Dieses Histörchen wurde von der
Philosophie säkularisiert, das heißt dem Zeitgeist angepaßt. Das
Sichtbare, das Hör- und Fühlbare, die leibliche Wirklichkeit wird immer
noch wie dreckiger Lehm behandelt; dem denkenden Geiste dagegen hängt
man das Reich einer überspannten Wahrheit, Schönheit und Freiheit an.
Wie in der Bibel »die Welt« einen üblen Beigeschmack hat, so auch in
der Philosophie. Unter allen Erscheinungen oder Objekten, welche die
Natur bietet, findet sich nur eines, welches sie ihrer Aufmerksamkeit
würdigt, den Geist nämlich, den alten Gotteshauch; und das nur darum,
weil derselbe ihrem vertrackten Sinne wie ein unnatürliches, wie ein
überweltliches, metaphysisches Ding erscheint.

Es soll der Odem Gottes als eine Wahrheit demonstriert werden. Zwar ist
der Name in Verruf: von der unsterblichen Seele darf vor aufgeklärten,
liberalen Leuten keine Rede sein. Man tut materialistisch nüchtern,
spricht vom Bewußtsein, Denk- oder Vorstellungsvermögen. Aber daß dies
ein Ding von gemeiner und nicht übergeschnappter Natur ist, darf kein
»Gebildeter« denken, das denken nur sozialistische Volksaufwiegler.
Anderen ist die überschwengliche Natur des menschlichen Geistes ein
ausgemachtes Dogma.

Wir fühlen in uns das leibhaftige Dasein der denkenden Vernunft,
und ebenso und mit demselben Gefühl empfinden wir außer uns die
Lehmklumpen, die Bäume und Sträucher. Und das, was wir in uns, und das,
was wir außer uns fühlen, liegt nicht weit voneinander. Beides gehört
zur sinnlichen Erscheinung, zum empirischen Material.

Die sozialdemokratische Gleichheit der Natur, des Leibes und der
Seele ist es, welche den »Philosophen« nicht in den Kopf will. Das
Erfahrungsmäßige nennen wir Wahrheit und machen es allein zum Objekt
der Wissenschaft.

Seit Kant sich die Kritik der Vernunft zur Spezialität gemacht,
ist konstatiert, daß unsere fünf Sinne allein nicht ausreichen, um
Erfahrungen zu machen, daß der Intellekt dabei sein muß. Und ferner
hat die Kritik der Vernunft dargetan, daß der alte Gotteshauch künftig
nur im Gebiet der materiellen, das heißt erfahrungsmäßigen Welt
funktionieren darf, daß die Vernunft ohne unsere fünf Sinne keinen
Sinn und Verstand hat und also ein Ding ist von demselben gemeinen
Zusammenhang wie andere Dinge.

Jedoch ist es dem großen Philosophen zu schwer geworden, die
Geschichte vom Lehm +ganz+ zu vergessen, den Geist aus der geistlichen
Nebelkappe ganz zu erlösen, die Wissenschaft total von der Religion
zu emanzipieren. Die »dreckige« Anschauung von der Materie, das »Ding
an sich« hat alle Philosophen mehr oder minder gefangen gehalten im
idealistischen Schwindel, der einzig und allein auf dem Glauben an
die metaphysische Natur des menschlichen Geistes beruht. Abgötterei,
Religion und Philosophie sind drei wenig verschiedene Arten von einer
Sache, welche sich Metaphysik nennt.

Der Schub, durch welchen Kant die Metaphysik zum Tempel hinausbrachte,
und das Hintertürchen, das er ihr offen ließ, sind bündig in einen
einzigen Satz gefaßt, er lautet: Unsere Erkenntnis beschränkt sich auf
die +Erscheinung+ der Dinge. Was sie +an sich+ sind, können wir nicht
wissen. Gleichwohl müssen auch die Dinge etwas »an sich« sein, denn
sonst würde der ungereimte Widerspruch folgen, daß Erscheinung wäre,
ohne etwas, was erscheint.

Nicht zu leugnen: wo Erscheinungen sind, da ist auch ein Etwas, was
erscheint. Aber wie wäre es, wenn dies Etwas die Erscheinung selbst
wäre, wenn einfach Erscheinungen erschienen? Es läge doch durchaus
nichts Unlogisches oder Vernunftwidriges vor, wenn überall in der
Natur die Subjekte wie die Prädikate von +derselben Art+ wären. Warum
soll denn das, was erscheint, von einer durchaus anderen Qualität
sein wie die Erscheinung? Warum können die Dinge »für uns« und die
Dinge »an sich«, oder Schein und Wahrheit, nicht von demselben
empirischen Stoffe, von derselben Natur sein? Das Interesse der
Sozialdemokratie fordert, daß sie mit der Weltweisheit dieselbe
Prozedur vornimmt, daß sie die Gesamtgattung der Gedanken in zwei Arten
teilt, in glaubensbedürftige, idealistische Faselei und nüchterne,
materialistische Denkarbeit.

Wir können mit unserem Intellekt die materielle Welt nur +formell+
beherrschen. Im Kleinen mögen wir ihre Veränderungen und Bewegungen
nach dem Willen lenken, aber im Großen ist die Substanz der Sache,
die Materie ~en général~ erhaben über alle Geister. Es gelingt der
Wissenschaft, die mechanische Kraft in Wärme, Elektrizität, Licht,
chemische Kraft usw. zu verwandeln, und es mag ihr gelingen, alles
Stoffliche und alles Kräftige, eines in das andere überzuführen
und als verschiedene Formen eines einzigen Wesens darzustellen;
aber doch vermag sie nur die Form zu verwandeln, das Wesen bleibt
ewig, unvergänglich und unzerstörbar. Der Intellekt kann die Wege
der physischen Veränderungen ablauschen, aber es sind +materielle+
Wege; der stolze Geist kann ihnen nur nachschleichen, sie aber nicht
vorschreiben. Das religiöse Gebot: Du sollst Gott über alles lieben,
das heißt in sozialdemokratischem Deutsch: Du sollst die materielle
Welt, die leibliche Natur oder das sinnliche Dasein lieben und verehren
als den Urgrund der Dinge, als das Sein ohne Anfang und Ende, welches
war, ist und sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Wie das Verständnis der Ökonomie, so ist auch unser Materialismus eine
wissenschaftliche, eine historische Errungenschaft. Wie wir uns scharf
unterscheiden von den Sozialisten der Vergangenheit, so auch von den
ehemaligen Materialisten. Mit den letzteren haben wir nur gemein,
die Materie als Voraussetzung oder Urgrund der Idee zu erkennen. Die
Materie ist uns die Substanz und der Geist die Akzidenz, die empirische
Erscheinung ist uns die Gattung und der Intellekt eine Art oder Form
derselben, während alle religiösen und philosophischen Idealisten in
der Idee die erste, die ursächliche oder substantielle Kraft erblicken.

Es ist nicht genug, wie die alten Materialisten tun, alles aus wägbaren
Atomen abzuleiten. Die Materie ist nicht nur schwer, sondern auch
duftig, hell und klingend, warum nicht intelligent? Wenn das Riech-,
Sicht- und Hörbare spiritueller ist als das Tastbare, wenn also der
Komparativ natürlich, warum nicht der Superlativ? Die Schwere läßt sich
nicht sehen, Licht nicht riechen und der Intellekt nicht betasten,
aber empfinden läßt sich alles, was da ist. Den Geist oder unsere
Gedanken fühlen wir doch wohl ebenso physisch wie Schmerzen, Licht,
Wärme oder Steine. Das Vorurteil, daß die Objekte des Tastgefühls
begreiflicher seien als die Erscheinungen des Gehörs oder des Gefühls
überhaupt, verleitete die alten Materialisten zu ihren atomistischen
Spekulationen, verleitete sie, das Tastbare zum Urgrund der Dinge
zu machen. Der Begriff der Materie ist weiter zu fassen. Es gehören
dazu alle Erscheinungen der +Wirklichkeit+, auch unser Begriffs- oder
Erkenntnisvermögen.

Das Ganze regiert den Teil, die Materie den Geist, wenigstens in der
Hauptsache, wenn auch nebensächlich wiederum die Welt vom Menschengeist
regiert wird. In diesem Sinne also mögen wir die materielle Welt als
höchstes Gut, als erste Ursache lieben und ehren.

Damit ist denn ganz und gar nicht bestritten, daß unter den Objekten
der Welt wir unserem Intellekt den ersten Rang zuerkennen mögen.



VII.

Drei polemische Abhandlungen.


Die nun folgenden, einander ergänzenden drei Aufsätze: »Das
Unbegreifliche« (Vorwärts 1877), »Die Grenzen der Erkenntnis«
(Vorwärts 1877), »Unsere Professoren auf den Grenzen der
Erkenntnis« (Vorwärts 1878) sind zwar in polemischer Form gehalten,
lediglich aber Illustrationen der im vorhergehenden niedergelegten
erkenntniskritischen Lehren, insbesondere Beispiele von Metaphysik und
ihrer Abwehr.

Im ersten Artikel sagt Dietzgen:

Es ist viel Unbegriffenes vorhanden, wer will es bestreiten? Daß aber
in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Gelehrten noch
allen Ernstes von den Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens
sprechen und an das effektive Dasein von wunderbaren Dingen oder
Wundern glauben, die nicht mir oder dir, sondern dem Menschengeschlecht
über den Horizont gehen, das darf ein Ungläubiger wunderbar,
unbegreiflich und unerklärlich finden.

Die Fähigkeit des menschlichen Intellektes ist so unbegrenzt, daß
sie im Fortschritt der Zeit stets neue Ermittlungen macht, welche
regelmäßig alle vergangene Gelehrsamkeit im Lichte der Stümperei
erscheinen lassen.

Bekanntlich ist der Intellekt ein Organ, mit dem wir wahrnehmen. Von
den anderen Wahrnehmungsorganen, von Augen, Ohren usw., unterscheidet
er sich als der +wesentlichste+ Faktor. Ohne Augen läßt sich noch
hören, schmecken und riechen, aber ohne Bewußtsein, ohne Spiritus im
Kopfe ist die Welt zu Ende. Ein Bewußtsein jedoch, das keine Sinne
hätte, würde auch nichts wissen. Also gehört eins zum anderen. Der
Intellekt mag Hauptmann sein, aber er ist das nur in Verbindung mit den
Gemeinen, mit unseren fünf Sinnen und den Dingen der Welt.

Allerdings gibt es Unverständliches, Unbegreifliches, es gibt Grenzen
unseres Erkenntnisvermögens, aber nur in dem hausbackenen Sinne, wie
es Unsichtbares und Unhörbares, wie es Grenzen für Auge und Ohr gibt.
Jedes Ding hat seine natürliche Grenze, so auch der Intellekt. Wenn das
Auge keine Musiktöne, keine Wohlgerüche oder die Schwere der Körper
nicht zu sehen vermag, so ist das eine verständige Grenze des Auges,
aber keine Grenze in dem unverständigen Sinne der Metaphysik, welche
mit dem Namen Grenze oder Schranke einen +Mangel+ ausdrückt. Mangelhaft
ist das Exemplar einer Sache im Verhältnis zu anderen Exemplaren
derselben Gattung; aber generaliter sind die Dinge vollkommen. Ein
vollkommeneres Holz, wie das Holz im +allgemeinen+ auf der Erde ist,
kann auch in der Metaphysik nicht wachsen.

Um dem gruseligen Gerede vom Unbegreiflichen, von den »Grenzen unseres
Naturerkennens« ein Ende zu machen, sollen wir uns klar werden über
die Frage: Was heißt erkennen, erklären, begreifen? Ich wiederhole:
eine überspannte Idee vom Intellekt, unverständige Anforderungen an
unser Begriffsvermögen, also erkenntnistheoretische Unwissenheit ist
der Grund alles Aberglaubens, aller religiösen und philosophischen
Metaphysik.

Genau so wie der Bauer das Prinzip der Mechanik, genau so mißversteht
unsere Professoralweisheit das Prinzip der Intelligenz. Alles
Erkennen, Begreifen oder Erklären ist ein nur ganz formelles Tun.
Die Erscheinungen der Welt und des Lebens sind erkannt oder erklärt,
wenn wir sie +einteilen+ in Klassen, Gattungen, Familien, Arten usw.
und also das, was zueinander gehört und nacheinander folgt, in ein
formelles wissenschaftliches Schema bringen.

All unsere Vernunft, unser ganzes Erkennen oder Erklären kann nicht
mehr und darf nicht mehr wollen. Wer vom Intellekt mehr verlangt,
gleicht dem unwissenden Mechanikus, der das ~Perpetuum mobile~ sucht.

Im zweiten Artikel entscheidet Dietzgen die noch heute sehr vielen
hervorragenden Führern des Sozialismus unklare Sache, ob sich die
Sozialdemokratie um den Streit »Metaphysik oder keine?« überhaupt zu
kümmern brauche.[12]

Dietzgen sagt:

Allerdings gibt es viele wissenschaftliche Disziplinen, die das
sozialistische Streben nach Befreiung der geknechteten Menschheit
weniger tangieren. Aber die philosophische Frage, die Frage, ob etwas
Metaphysisches, »etwas Höheres« hinter oder über der Welt haust,
welches zu begreifen für unseren Intellekt zu monströs, das zu erklären
den menschlichen Verstand übersteigt, also die Spezialfrage der
Philosophie nach den »+Grenzen der Erkenntnis+«, berührt ganz fühlbar
die Knechtschaft des Volkes.

Die Sozialdemokratie erstrebt keine ewigen Gesetze, keine bleibenden
Einrichtungen oder festgeronnenen Formen, sondern im allgemeinen
das Heil des Menschengeschlechts. +Geistige Erleuchtung ist das
unentbehrliche Mittel dazu.+ Ob das Erkenntnisinstrument ein
begrenztes, das heißt ein untergeordnetes, ob die wissenschaftlichen
Erforschungen wahre Begriffe, Wahrheit in höchster Form und letzter
Instanz liefern, oder ob nur armselige »Surrogate«, welche +das
Unbegreifliche+ über sich haben -- die +Erkenntnistheorie+ also ist
eine eminent sozialistische Angelegenheit.

Alle Herrschaften, welche die Völker ausgebeutet haben, stützten sich
bis heute auf eine höhere Mission, auf eine Abstammung von Gottes
Gnade, auf heilige Salben und metaphysischen Weihrauch. Und wenn
sie auch die Aufklärung, die religiöse Freiheit, den politischen
Fortschritt und die kritische Philosophie im Munde führten, so wußten
sie doch sehr wohl, daß ohne »etwas Höheres«, etwas Unbegreifliches,
ohne etwas Metaphysisches, und wäre es auch nur eine »sittliche
Weltordnung«, die Zügel nicht mehr haltbar sind, welche das Volk in
Rand und Band und die Herrschaften in Besitz und Würde erhalten.

Nicht als wenn die Sozialdemokratie die Gegnerin der sittlichen
Weltordnung wäre. Auch wir wollen die Welt sittlich ordnen; aber
wir wollen die Ordnung nicht von oben, sondern von unten haben, das
heißt, wir wollen sie selbst machen. Wer mit dem sozialdemokratischen
Programm die Befreiung der arbeitenden Klasse durch die Arbeiter selbst
erstrebt, der muß das närrische Harren und Hoffen, das philosophische
Spintisieren und Forschen, insofern es auf eine +andere Welt+ gerichtet
ist, gründlich ablegen.

Und zum Thema des »Unbegreiflichen« oder der »Grenze der Erkenntnis«
zurückkehrend, sagt Dietzgen:

Der Welt ist wohlbekannt, daß nicht nur der Geist, das Bewußtsein
oder die Empfindung, sondern +alle Dinge+ »im letzten Grunde«
unbegreiflich sind. »Wir sind nicht imstande, die Atome zu begreifen,
und wir vermögen nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur
die geringste Erscheinung des Bewußtseins zu erklären,« sagt Lange in
seiner »Geschichte des Materialismus«, oder ein anderer: »das Wesen
der Materie ist schlechthin unbegreiflich«. Dies Kausalitätsbedürfnis
nennt sich mit anderem Namen auch »Trieb des Forschens«, der, unbändig,
es nicht unterlassen kann, auch dem »Unbegreiflichen« an den Federn zu
rupfen.

Dagegen behaupten wir, was sich möglicherweise begreifen läßt, ist
nicht unbegreiflich. Wer das Unbegreifliche begreifen will, treibt
Eulenspiegelei. Wie mit dem Auge nur das Sichtbare, mit dem Ohr nur
das Hörbare, so kann ich mit dem Begriffsvermögen nur das Begreifliche
greifen. Und wenn auch die sozialdemokratische Philosophie lehrt, daß
alles, was da ist, +vollkommen+ zu begreifen ist, so soll doch auch das
Unbegreifliche nicht geleugnet sein. Das sei anerkannt.

Die sozialdemokratische Philosophie ist mit der »zünftigen«
einverstanden: »das Sein läßt sich auf keine Weise im Denken auflösen«,
auch kein Teil des Seins. Aber wir erkennen es auch nicht als Aufgabe
des Denkens, das Sein aufzulösen, sondern nur formell zu ordnen,
die Klassen, Regeln und Gesetze zu ermitteln, kurz das zu tun, was
man »Naturerkennen« nennt. Alles ist begreiflich, insofern es zu
klassifizieren ist, alles ist unbegreiflich, insofern es sich nicht in
Gedanken auflösen läßt. Dies können, sollen und wollen wir nicht, und
bleiben ihm darum fern. Wohl aber können wir das Umgekehrte: das Denken
in Sein auflösen, das heißt, das Denkvermögen als eine von den vielen
Arten des Daseins klassifizieren.

Der rationelle Forschungstrieb will das Dasein regeln, die +Gesetze
des Daseins+ ermitteln. Wo er über das Dasein hinaus soll, soll er
über seine und über alle Natur hinaus. In dieser Zumutung besteht
Überschwenglichkeit, die sie von der Religion geerbt hat. Philosophie
und Religion verkennen die »letzten Gründe« aller Begreiflichkeit:
nämlich die Empirie oder Tatsache. Auf sinnliche Tatsachen und
Erfahrungen sollen sich wesentlich die Gedanken gründen. Wer umgekehrt
auf den Geist oder die Logik Tatsachen gründen will, darf das nur
+formell+ verstehen. Der letzte Grund, warum der Stein fällt oder die
Wärme sich ausdehnt, ist die Tatsache, und das Gesetz der Schwere und
das Gesetz der Wärme sind Abstraktionen, sind +formelle+ Gründe. Nicht
nur läßt sich das Sein nicht im Denken auflösen, sondern es versteht
sich klar, daß das philosophische Begehren nach solcher Auflösung eine
idealistische Überspannnug ist.

Das nämliche Thema wird im dritten Aufsatz, in einer Polemik gegen
die Professoren v. Nägeli und Du Bois-Reymond, behandelt. Letzterer
hatte einen anregenden Vortrag über das Naturerkennen und »die letzten
Gründe« mit den Worten geschlossen: »~ignoramus et ignorabimus~« (wir
wissen nicht und werden nicht wissen), während ersterer das Nichtwissen
oder Nichterkennen für ganze Gebiete des Naturlebens voraussetzt: »Über
die Beschaffenheit, die Zusammensetzung, die Geschichte eines Fixsterns
letzter Größe, über das organische Leben auf seinen dunklen Trabanten,
über die stofflichen und geistigen Bewegungen in diesen Organismen
werden wir nie etwas wissen.«

Dietzgen erwidert hierauf:

Jawohl, die Natur ist dem menschlichen Geiste überlegen, sie ist sein
unerschöpfliches Objekt. Aber unser Forschungsvermögen ist nur insoweit
beschränkt, als sein Objekt, die Natur, unbeschränkt ist. Wir können
an kein Ende kommen, weil kein Ende vorhanden. Wo aber ein Ende ist,
da kommen wir möglicherweise hin. Kein Professor kann wissen, wie
vieles von den Fixsternen und ihren Trabanten wir und unsere Nachkommen
noch ausforschen, wie unendlich tief wir in die Vergangenheit, in die
Zukunft und in die kleinsten Teilchen hineindringen.

Das Forschen kommt an kein Ende, weder objektiv noch subjektiv,
das heißt, die Unendlichkeit der Welt läßt es nicht zu und die
Unendlichkeit des Intellekts auch nicht. Daß aber doch wieder
der Intellekt nur ein beschränkter Teil der Welt ist, wird der
sozialdemokratische Materialist nie leugnen. Nur wollen wir aus dem
Dualismus heraus. Nur eine, nur eine einzige Welt erkennen wir an,
»wovon uns die sinnlichen Wahrnehmungen Kunde geben«. Wir halten
dafür, daß wo wir nichts sehen und hören, nichts fühlen, schmecken und
riechen, da auch nichts wissen können.

Ich will hier nochmals positiv auf die Beschränktheit der menschlichen
Erkenntnis zurückkommen. Wir können mit diesem Vermögen +nur erkennen+;
singen und springen und hundert andere Dinge können wir damit nicht;
insofern ist die Vernunft beschränkt. In ihrem Element aber, im
Erkennen ist sie unbeschränkt, und so unbeschränkt, daß sie mit ihrer
Arbeit nie ans Ende kommt. Alles Erkennbare steht ihr offen. Das
Unerkennbare, das den Sinnen absolut Unerreichbare ist für uns nicht
vorhanden, und ist auch insofern »an sich« nicht vorhanden, als wir
ohne Phantasterei nicht einmal davon reden können.

Wer das »geistige Bedürfnis« hat, etwas von Erscheinungen zu erfahren,
»die uns verborgen bleiben«, uns unserer Natur nach verborgen bleiben
müssen, der hat kein geistiges, sondern ein mystisches Bedürfnis. Die
elektrischen Erscheinungen sind nicht zufälliger gefunden worden wie
der Tabak. Und es ist ein starker Tabak für einen Naturforscher, von
Erscheinungen zu sprechen, die niemand wahrgenommen hat und niemand
wahrnehmen wird. Es +ist möglich+, daß Mephisto in Gestalt einer
unsichtbaren Fledermaus mich umschwirrt; was ich aber nicht weiß, macht
mich nicht heiß, und sollte auch die Naturforscher nicht heiß machen.



VIII.

Briefe über Logik.


Die »Briefe über Logik« -- »Speziell demokratisch-proletarische
Logik«, Teil I 1883 bis 1884, Teil II 1884 -- sind ein ganz besonders
eigenartiges Erzeugnis, kein Lehrgebäude der Logik im Routinestil,
sondern eine, zum Teil (namentlich in den ersten Briefen) mit etwas
persönlichem Einschlag versehene, Denklehre, die sich an des Autors im
»Wesen der menschlichen Kopfarbeit« niedergelegte Erkenntnistheorie
anschließt und sie ergänzt, wie bei Dietzgen jede spätere Schrift die
früheren in etwas erweitert.

Dietzgens Logik hat demnach ganz und gar einen erkenntnistheoretischen
Charakter. Und, richtig eingeschätzt, ist der erste, aus 24 Stücken
bestehende Teil, der in diesem achten Abschnitt behandelt wird, eine
philosophische Epopöe des Universalzusammenhangs, ein Heldenplädoyer
des wahren Monismus, das der modernen Weltanschauung eine festere
Grundlage schafft als irgendein anderes der zahlreichen, sonst
trefflichen Bücher aus diesem Gebiete, obwohl Dietzgens Briefe nicht
eigentlich nach einem systematischen Plan angelegt sind.

Dietzgens Vorzug vor allen anderen philosophischen und vor den
naturwissenschaftlichen Lehrern des Monismus besteht in seiner
eindringlichen Darlegung des organischen Zusammenhangs des Geistes, des
Intellekts, mit dem All, dem Gesamtdasein.

Aus diesem Grunde betrachte ich den ersten Teil seiner »Logischen
Briefe« als die nächst dem »Wesen der menschlichen Kopfarbeit«
wichtigste seiner Schriften.

Diese Serie von 24 und 18 Artikeln sollte zwar in erster Linie der
Unterweisung des »auf die Hochschule des Lebens« nach Amerika
gesandten Sohnes dienen, war aber gleichwohl auch für gelegentlichen
Druck verfaßt.

Die Definition, Zweck- und Grenzbestimmung der Logik sind bei den
Philosophen verschieden; Dietzgens Logik hat, hiervon abgesehen,
einen sehr bestimmt ausgeprägten Sondercharakter als »speziell
demokratisch-proletarische Logik«.

Was mit dieser Bezeichnung gesagt sein soll, erläutert Dietzgen im
ersten Brief:

Der Gedanke, auf den sich die proletarischen Forderungen stützen, der
Gedanke von der Gleichheit alles dessen, was ein Menschenantlitz trägt,
dieser, wenn ich so sagen darf, letzte proletarische Gedanke findet
seine volle Begründung durch eine letzte Einsicht in die bis dato sehr
verworrenen Probleme der Logik. Schließlich verdient die Logik auch
schon deshalb den proletarischen Beinamen, weil ihr Verständnis die
Überwindung aller Vorurteile fordert, welche die Bourgeoiswelt im Leime
halten.

Im zweiten Briefe wird gesagt, was die Logik ist und was sie will:

Die Logik will den Menschengeist über dessen eigenes Tun und
Treiben unterrichten, sie will unseren inneren Kopf zurechtsetzen.
Forschungsobjekt der Logik ist der Gedanke, die Natur des Gedankens und
die rechte Ordnung desselben.

Der Menschenschädel besorgt das Denken so unwillkürlich wie die Brust
das Atmen. Mit dem Willen jedoch können wir das Atmen eine Zeitlang
anhalten, können nach Belieben es schneller und langsamer gehen machen.
So kann auch der Wille die Gedanken regieren; wir können irgendein
beliebiges Objekt zum Gegenstand unseres Denkens nehmen und sind
dennoch bald zu überzeugen, daß die Macht des Willens und die Freiheit
des Geistes nicht weit her sind, nicht weiter reichen wie die Freiheit
der Brust.

Wenn also die Logik uns den Kopf zurechtsetzen will, so muß sie sich
doch sagen lassen, daß er von Natur schon zurechtsitzt.

Es ist mit ihr wie mit anderen Wissenschaften: sie schöpfen die
Weisheit aus der geheimnisvollen Quelle platter Erfahrung. Die
Agrikultur zum Beispiel will den Landmann lehren, wie er den Acker
bauen soll; aber die Äcker wurden doch schon bebaut, ehe noch
irgendeine landwirtschaftliche Akademie ihre Vorlesungen eröffnet
hatte. So verstehen auch die Menschen das Denken, ohne je etwas von der
Logik gehört zu haben. Durch den Gebrauch jedoch vergrößern sie das
angeborene Denktalent, sie machen Fortschritte, lernen es mit der Zeit
immer mehr benutzen, und wie nun der Landmann zu einer Wissenschaft der
Agrikultur, so kommt der Denker zur Logik, zum klaren Bewußtsein über
sein Denktalent und zur kunstmäßigen Verwendung desselben.

Erstaunlich ist es, daß ein so naheliegendes Objekt nicht längst
allgemein erkannt wurde, und daß darüber nach Studien, die Jahrtausende
andauerten, noch viel zu lehren und zu erklären blieb. Aber Du weißt
auch, daß, wie oft das Kleine groß und das Große klein, so oft das
Nächste verborgen und das Verborgene zunächst ist.

Im letzten Dietzgenschen Satz werden wir an eine der Hauptlehren
unseres Autors erinnert, uns vor allem Überschwang zu hüten, da im
Weltprozeß, im Universalzusammenhang das Höchste und Erhabenste ein
Element des Allgemeinen und aus dessen Bestandteilen sich zusammensetzt.

Dies wird im dritten Brief wie folgt erörtert:

Eine hohe Macht über das Gemüt hat nicht nur die Harmonie der Töne,
auch die Harmonie der Farben, jede Kunst und jede Wissenschaft hat
dieselbe Gewalt. Ja, das schlichteste Handwerk und das Prosaischste
aller Prosa, die Jagd nach Gut und Geld, kann den Menschen hinreißen,
seine ganze Seele in den einen Abgott aufgehen zu lassen. Allerdings
ist nicht zu bestreiten, daß Künstler, Erfinder und Forscher den
würdigsten und hinreißendsten Gegenstand anbeten. Auch sei anerkannt,
daß ohne den Einsatz unserer ganzen Seele für ein einzelnes keine
großen Erfolge zu erreichen sind.

Dennoch sollst Du wissen, daß der Gegenstand, der eine Menschenseele so
beherrscht, seine Hoheit und Erhabenheit mit allen Gegenständen teilt,
und also zugleich immer auch ein +gemeiner+ Gegenstand ist. Ohne solche
dialektische Läuterung des Bewußtseins ist alle Anbetung Fetischdienst.

Die tatsächliche Erfahrung also, daß man alles und jedes zu einem
Fetisch machen kann, muß Dich klärlichst überzeugen, daß kein
einzelnes, sondern nur das All wahrer Gott oder die Wahrheit und das
Leben ist.

Ist das nun Logik oder Theologie?

Beides zugleich. Wenn Du näher zusiehst, wirst Du erkennen, daß alle
großen Logiker sich vielfach mit Göttern und Gottheit befassen, und
umgekehrt alle ehrbaren Theologen ihre Sache auf logische Ordnung
gründen wollen. Die Logik ist ihrer ganzen Natur nach +metaphysisch+.

(Unter »metaphysisch« versteht Dietzgen hier: ausdehnbar ins
Unendliche, wie aus dem Schluß dieses Briefes hervorgeht:)

Den Unterschied zwischen der metaphysischen Logik einerseits, welche
ihre Sache bis auf die Unendlichkeit ausdehnt, welche die logische
Ordnung bis in den Himmel hinein, bis auf »die letzten Fragen
alles Wissens« zu ermitteln sucht, und zwischen der formalen Logik
andererseits, welche sich ein begrenztes Gebiet setzt und sich mit der
Forschung nach der logischen Ordnung in der physischen Welt begnügt
-- diesen Unterschied möchte ich Deiner besonderen Aufmerksamkeit
empfehlen.

Nach dieser Grenzbestimmung der formalen Logik erörtert Dietzgen im
vierten Brief ihren Hauptzweck:

Die große Volkssache war bisher überall das Lasttier einer kleinen
vornehmeren Minorität ... Du erkennst doch an, wie die Entlastung,
die Freiheit der Völker von tierischer Arbeit, von Elend und Not
das Höchste ist, was der Menschengeist erstrebt. Du wirst auch
nicht verkennen, daß der Gedanke das wichtigste Instrument zur
Erreichung dieses hohen Zieles ist. Die Denkleistungen treten in den
Kulturergebnissen klar zutage. Das intellektuelle Getriebe stellt sich
mächtiger und prächtiger durch das Räderwerk der Kulturgeschichte als
durch irgendein Gedankenwerk ~en miniature~ dar.

Wir wollen hier einfach die Tatsache des organischen Zusammenhanges von
Denken und Sein, von Natur und Geist konstatieren. Die Tatsache des
Weltzusammenhanges widerspricht dem ungeschulten Vorurteil. Letzteres
trägt sich mit der Vorstellung, daß die Erde, der Baum darauf und
über ihnen die Wolke und Sonne, daß alles separate Gegenstände seien.
Daß aber eines am anderen hängt, Erde, Baum, Wolken und Sonne nur im
Zusammenhang, nur im Gesamtweltzusammenhang sein können, was sie sind,
bedarf schon einer geschulten Denkweise.

Da ist ein Wassertröpfchen. Sieh, wie verschieden es ist, je nachdem
es mit Verschiedenem zusammenhängt. Was es ist, kann es nicht sein
ohne eine gewisse Temperatur. Je nach Veränderung derselben würde es
Eis- oder Dampfform annehmen; im Fett verbleibt das Tröpfchen kompakt,
es verteilt sich im Salz unendlich, läuft gewöhnlich bergab und am
Zuckerhut bergan. Je nach der spezifischen Schwere einer Flüssigkeit,
mit der es in Kontakt kommt, schwimmt es oben oder sinkt unter. Ohne
Zusammenhang mit der Erde, ihrer Temperatur und Schwerkraft, würden der
und die Tropfen im Bodenlosen verschwinden und kein Dasein haben. Also
ändern sich die Formen der Dinge, je nach ihrem Zusammenhang, und sie
sind, was sie sind, nur als Teile des Gesamtdaseins.

Was vom Wassertröpfchen, gilt von allen Dingen, allen Kräften und
Materien und auch von unserem Gedanken. Der Menschengeist lebt und
webt nur im Zusammenhang mit der anderweitigen materiellen Welt -- und
es bildet die Anerkennung der organischen Einheit alles Daseins den
Angelpunkt meiner Logik.

Der Gedanke, der Intellekt, ist leibhaftig vorhanden, er existiert, und
sein Dasein hängt als ein Teil des Gesamtdaseins mit der ganzen Welt
einheitlich zusammen. -- Das ist der Kardinalpunkt der nüchternen Logik.

Die Tatsache, daß die Gedanken mit den anderen Teilen der Welt von
demselben weltlichen Stoff, daß sie Stücke der gemeinen Natur und keine
überschwengliche Essenz sind, hat schon Cartesius mit den berühmten
Worten ausgesprochen: »~Cogito, ergo sum.~«

Wohl verlegt die formale Logik den Geist in viele Teile -- da gibt es
Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse; und teilt die Abteilungen
wieder in Unterabteilungen, die Vorstellungen in verschiedene Arten,
die Begriffe in konkrete und abstrakte, benennt die Urteile sehr
mannigfaltig und verzeichnet drei, vier oder mehr Schlußfiguren --
aber wie sich der gesamte Geist zur Welt verhält, wie er mit dem
Gesamtdasein zusammenhängt, ob er ein Teil davon oder ob er von
überschwenglicher Herkunft -- das will sie unerörtert lassen, und das
gerade ist der interessanteste Teil, der Teil, welcher den Intellekt
und die Lehre vom Intellekt mit allen anderen Lehren und Dingen in
logischen Zusammenhang bringt.

Bis hierher hat unser Autor, der dartun wollte, daß der Intellekt mit
der Volksentwicklung zusammenhängt, nur den organischen Zusammenhang
des Geistes mit dem Gesamtdasein konstatiert.

Er setzt daher letzteres Thema auch im fünften Briefe fort:

Die Zusammenfassung der Tiere vom kleinsten bis größten in +ein+
Reich erschien vor Darwin als eine Ordnung, welche der Gedanke allein
vollzogen, als Gedankenordnung, während sie nunmehr als Naturordnung
dargelegt ist.

Was der Zoologe dem Tierreich angetan, muß der Logiker dem Dasein
überhaupt, dem unendlichen Kosmos antun; er muß nachweisen, daß die
ganze Welt, daß alle Formen des Daseins, den Geist eingerechnet,
logisch oder einartig verbunden, verwandt, verschweißt sind.

Ein gewisser bornierter Materialismus glaubt, alles sei getan, wenn
er den Zusammenhang zwischen Denken und Hirn konstatierte. Gewiß
hängt der Gedanke mit dem Hirn zusammen, so innig wie das Hirn mit dem
Blute, wie das Blut mit dem Sauerstoff usw.; aber der Gedanke hängt
auch überhaupt mit allem Dasein so innig zusammen, wie die ganze Physik
zusammenhängt.

Daß der Apfel nicht nur mit dem Stiel am Baume hängt, sondern auch
an Sonnenschein und Regen, daß die Dinge nicht einseitig, sondern
allseitig verbunden sind, das soll die Logik Dich speziell vom Geiste,
vom Gedanken lehren.

Im Anschluß an diese seine Lehre von der Weltnatur des Gedankens
erörtert Dietzgen nun die Frage vom +Verhältnis des Gedankens zur
Wirklichkeit+:

Die alte Logik hat eine Medaille prägen lassen mit der Vorschrift: Der
Gedanke soll mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Wir schreiben jetzt auf die Rückseite: 1. der Gedanke ist selbst ein
Stück der Wirklichkeit und 2. die Wirklichkeit ist außerhalb des
Gedankens zu voluminös und kann auch mit dem kleinsten Stückchen nicht
hinein.

Gewiß, wie ein Konterfei, so soll auch der Gedanke mit seinem Objekt
übereinstimmen. Aber was soll einem Maler diese besondere Einschärfung
seiner Aufgabe nutzen?

Hast Du je ein Porträt oder eine Kopie gesehen, die nicht in
etwas mit dem Original übereinstimmte? Ich bin überzeugt, das ist
Dir ebensowenig vorgekommen wie ein Bild, das seinem Gegenstand
+vollkommen+ ähnlich war. Über das relative Wesen aller Gleichheit,
Ähnlichkeit und Übereinstimmung ernstlich nachzudenken, möchte ich Dir
besonders empfehlen. Der weitaus größte Teil der Menschenwelt ist in
diesem Punkte barbarisch gedankenlos. Daß zwei Tröpfchen Wasser nur
mehr oder weniger ähnlich und unähnlich sind, daß das ganze Dasein
ebenso übereinstimmend wie different ist, will schwer in den logisch
ungeschulten Kopf hinein.

Dem Denker ergeht es wie dem Maler: sie suchen beide ein Konterfei der
Wirklichkeit und Wahrheit.

Die Wirklichkeit, die Wahrheit, die Gesamtnatur steht auf der Kanzel
und predigt: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst dir kein
geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten.« Du sollst also von der
Wahrheit viel zu erhaben denken, als daß Du glauben dürftest, sie
könne vom Maler oder Denker in ein, wenn auch noch so gut getroffenes
Konterfei gesteckt werden.

Der Geist, das Denkvermögen hängt also -- fährt Dietzgen im sechsten
Briefe fort -- mit dem Gesamtdasein der Welt zusammen, ist ein
unabtrennbarer Teil des Universums, der wirklichen Wahrheit.

Das Christentum lehrt: Gott ist ein Geist, und wer ihn anbeten will,
muß ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.

Und unsere Logik lehrt: der Geist ist ein Stück des Gesamtdaseins;
wer den Geist vergöttert, ist ein Götzendiener, denn er betet +ein
Stück+ an und verkennt die ganze Wahrheit. Die Wahrheit selbst ist
identisch mit dem Gesamtdasein, mit der Welt, wovon alle Dinge nur
Formen, Erscheinungen, Prädikate, Attribute oder Vergänglichkeiten
sind. -- Und ob Du auch an Weisheit zunähmst bis an das Ende Deiner
Tage, so ist doch der Born der Weisheit, der Kosmos, unerschöpflich.
Ja, so unerschöpflich ist auch das kleinste Weltteilchen, daß der
Genialste nicht imstande ist, die Kenntnisse zu fassen, welche im
winzigsten Objekt stecken. Mit dem größten Mikroskop kann man keinem
Wassertröpfchen ans Ende sehen, und der weiseste der Menschen ist nicht
einmal fähig, die Schusterei auszulernen.

Daraus ersiehst Du, wie durch vermehrte Spezialkenntnisse der
kunstgerechte Gebrauch unseres Intellektes nur in den betreffenden
Details gefördert wird. Deshalb kann es auch nicht befriedigen, wenn
gewisse Logiker uns lehren, wie viele Arten von Begriffen, Urteilen und
Schlüssen im Intellekt stecken. Es sind das logische Spezialkenntnisse.
Zunächst aber handelt es sich für den Studiosus der Logik nicht sowohl
um Ansammlung wahrer Begriffe, als vielmehr darum, den Generalbegriff
der Wahrheit erhellt zu sehen.

Vielleicht findest Du Anstoß daran, daß eine Wissenschaft, welche das
Begriffsvermögen zum Gegenstand hat, von dieser Sache abweicht und
andere Dinge, wie das Dasein oder die Wahrheit, heranzieht. Doch würde
eine Logik, die sich auf die Analyse des Denkvermögens beschränkt,
gegenüber derjenigen, die das Denkvermögen in seiner lebendigen Arbeit
darstellt, eine beschränkte Logik sein. Wenn die Augenkunde nur die
verschiedenen Teile des Auges behandelte, dagegen von der Funktion
und den äußeren Dingen, die damit zusammenhängen, von dem Lichte und
den Gegenständen, kurzum, vom Gesicht des Auges absehen wollte, wäre
sie wohl mehr Augenanatomie als Augenkunde. Jedenfalls bietet eine
Lehre, welche das Auge in seiner lebendigen Tätigkeit, nicht nur
das subjektive Gesichtsvermögen, sondern auch das davon untrennbare
objektive Gesichtsvermögen darstellt, eine umfassendere Belehrung, eine
höhere Erhellung des Menschenkopfes.

Was kann eine Logik viel helfen, welche die Gedanken einteilt
in analytische und synthetische, von induktiven und deduktiven
Erkenntnissen und noch zehn anderen Arten spricht und dann die Frage
ablehnt, wie sich der Gedanke und die Erkenntnis zur Wahrheit verhält,
und wie wir dazu gelangen.

Hat sich doch bis heute die gesamte Weltweisheit um die Frage gedreht,
wie unser Kopf zu erhellen ist, wie er der Wahrheit beikommen kann.

Diese Welt, die wir hören, sehen und riechen, in der wir leben und
atmen, ist die Welt der Wahrheit oder die wahre Welt.

Aber auch mitten in dieser wahren Welt steckt eine ganz vertrackte
Geschichte, eine Menschenrasse mit verdrehter Logik. Die hat sich von
einzelnen mißmutigen, hypochondrischen Momenten verleiten lassen, die
köstliche Wahrheit dieser Welt anzuschwärzen und überschwenglicherweise
die Wahrheit »transzendent« zu suchen, in der philosophischen
Metaphysik oder religiösen Phantastik, was beides in einen Topf gehört.
Aller Streit dreht sich um Seins+formen+. Das Dasein selbst aber bleibt
unbestreitbare Wahrheit.

Sofern ich Dich bisher überzeugte, daß das Weltall die Wahrheit ist,
bleibt jetzt besonders noch die Frage: wo denn Phantasmen, Irrtum
und Unwahrheit Platz finden. Wenn das All die Wahrheit, dann wäre ja
alles wahr, und scheint es durchaus widerspruchvoll, daß Irrtum und
Unwahrheit in der Wahrheit oder Welt Raum finden könnten. Ich will nur
flüchtig andeuten, wie ohne allen Widerspruch das Unkraut zum Kraute
gehört.

Das Thema, mit dem der sechste Brief eröffnet wird -- der Zusammenhang
des Geistes mit dem Gesamtdasein der Welt -- wird von einem anderen
Gesichtspunkt aus auch im siebten Briefe behandelt, dem des »Ursprungs
der Sprache«.

Die Sprache ist kein fertig fixes Ding, sondern ein flüssiges, welches
aus rohen Anfängen sich zu einer erhabenen Höhe emporgeschwungen. So
wenig wir vorwärts an ihr vollendetes Ende sehen können, läßt sich
rückwärts der Punkt finden, wo sie ihren Anfang genommen. Darum sucht
man nicht mehr den zeitlichen Ursprung, sondern den +begrifflichen+.
Man möchte eine feste Marke haben, wo man sagen könnte, so weit heißt
das Sprachähnliche nur Gegröle, Geschrei, Getöne, und hier beginnt der
wohlartikulierte Laut, der den Namen »gesprochenes Wort« verdient.

Nun besteht ein anderes Moment, welches die Sache noch mehr verwirrt;
da heißt es: die Sprache setzt Verstand voraus.

Und dann wieder ist auch der Intellekt kein fixes Ding, sondern ein
flüssiges Werden, das sich erst an, aus und mittels der Sprache
entwickelt. So will es einerseits scheinen, als ob der Geist die
Sprache erzeuge, und andererseits, als ob umgekehrt die Sprache den
Geist, den Verstand erzeuge. Wo ist da nun Anfang und Ende, und wie
Ordnung im Zusammenhang zu finden?

Für uns hier geht aus der Sache hervor, daß nicht nur das Wort, daß
auch die Laute, Töne und Gesten, ja alle Dinge einen Sinn haben
und eine Sprache sprechen. Nicht nur die Sprache, sondern die Welt
hängt mit dem Geiste, mit dem Gedanken zusammen. Wohl aber ist
der Sprachzusammenhang ganz geeignet, uns an einem Beispiel den
Gedankenzusammenhang der Welt zu zeigen.

Die Einheit alles Seins ist unzweifelhaft klar durch die Tatsache
erwiesen, daß ein Name ausreicht, um das All zu benennen. Die Sprache
bedarf wohl +eines+ Namens für das All; bedarf aber auch unendlich
vieler Namen, um das All zu spezifizieren. Die Sprache oder vielmehr
der mit der Sprache zusammenhängende Geist will mittels der Sprache
das Unbegrenzte begrenzen. Der instinktive Sprachgebrauch tut es mehr
oder minder; die bewußte Wissenschaft verfährt in exakter Weise. Und
so erklärt denn die Moral der Geschichte, daß die Dinge der Welt, auch
Geist und Sprache, zusammenhängende und ineinander verfließende Wellen
eines Stromes sind, der weder Anfang noch Ende hat.

Die Logik, die ich lehre, und der Gedanke, der ihr Objekt ist, sind
Teile der Welt, der unendlichen, und ist jeder Teil als ein Stück des
Unendlichen auch ein unendliches Stück. Jedes Stück hat teil an der
unendlichen Natur des Ganzen.

Ich möchte nur verständlich machen, wie ohne Widerspruch die ganze
Mannigfaltigkeit des Daseins von einer Natur ist, und wie diese
Ein-Natur sich in mannigfaltige Formen zerteilt. Die Welt hängt
zusammen, und der Zusammenhang ist in Abteilungen getrennt.

Befassen wir uns zunächst mit dem Zusammenhang unseres Intellekts.
Denn die abstraktesten Unterschiede, wie Anfang und Ende, Wort und
Sinn, Leib und Seele, Mensch und Tier, Kraft und Stoff, Wahrheit und
Irrtum usw., setzen zu ihrer Aufklärung logische Aufklärung über den
Zusammenhang unseres Intellekts voraus.

Diese erfolgt im achten Brief:

Die formalen Logiker sind ebenso einfältig wie schelmisch, wenn sie
nur noch in hergebrachter Weise den Intellekt oder den Gedanken als
isoliertes Ding abhandeln und den notwendigen Zusammenhang ihres
Objekts mit der wahren, das heißt empirischen Welt von der logischen
Disziplin ausschließen. Die Formalen behandeln den Intellekt als eine
Sache »für sich«, während ich mich in den mannigfachsten Wendungen
ergehe, um darzutun, daß er nicht für sich ist, sondern mit allem und
dem All zusammenhängt.

Die formale Logik lehrt, daß unser Intellekt alle Dinge nur
auseinanderhalten und nicht konfundieren darf. Sie hat darin
recht und verfehlt doch das Ziel einer klaren Weltanschauung,
weil sie der überschwenglichen Ader gestattet, die Bedeutung der
Unterschiede und Unterscheidungen zu übertreiben. Sie verkennt die
paradoxe beziehungsweise dialektische Natur der Dinge, die nicht nur
auseinanderliegen, sondern auch zusammenhängen. Es gilt zu begreifen,
daß -- ganz allgemein -- die Einteilung der Welt nur eine Formalität
ist. Wir sind wohl berechtigt, Oben und Unten, Links und Rechts, Anfang
und Ende, Gold und Blech, Gutes und Böses auseinanderzuhalten, aber
müssen uns auch darüber instruieren, wie die Mannigfaltigkeit eine
Einheit, das Veränderliche beständig und das Beständige veränderlich
ist. Die formale Logik hat einen ungerechten Namen; sie ist nicht
formal, sondern überschwenglich; sie trägt sich mit dem gemeinen
Vorurteil, daß es kontradiktorische Dinge oder Widersprüche gebe, das
heißt essentielle Unterschiede, die keine Verbindung, keine Brücke,
keine Gemeinschaft miteinander haben. Sie lehrt: Widersprüche können
nicht sein, und widerspricht sich selbst, indem sie an dem Glauben
festhält, daß unvereinbare Widersprüche existieren. Sie lehrt: was
sich widerspricht, ist nicht denkbar, ist nicht wahr, und bezeugt
damit, daß sie über die Formalität der Widersprüche, über die wahre
Widerspruchlosigkeit und über die universale Wahrheit schlecht
orientiert ist. Gold ist kein Blech -- das ist wahr genug. Wer Gold
Blech oder Blech Gold nennt, widerspricht sich. In der Welt der
Wahrheit ist beides getrennt; aber nicht so getrennt, daß nicht auch
Gold und Blech eine gemeinschaftliche, nämlich metallene Natur hätten.
Gold und Blech sind ungleiche Metalle und besitzen doch metallische
Gleichheit. Daß das Gleiche different und das Differente gleich ist,
daß es sich überall nur um ein Mehr oder Minder handelt, nur um
formelle Differenzen, das wird von der »formalen« Logik verkannt,
verkannt von allen, welche die Wahrheit in irgendeiner logischen
Schablone oder einem Fetisch und nicht im ewigen, allgegenwärtigen
Dasein der einen untrennbaren Welt suchen.

Das krasseste und auch wohl das lehrreichste Beispiel von der
rechten Bedeutung der Widersprüche ist in dem Gegensatz von Wahrheit
und Unwahrheit gegeben. Diese beiden Pole liegen wohl noch weiter
auseinander wie Süd- und Nordpol, und doch hängen jene wie diese innig
zusammen. Der landläufigen Logik darf man es kaum zumuten, ihr eine
scheinbar so widersinnige Einheit vordemonstrieren zu wollen, wie die
ist, welche in der Wahrheit und Unwahrheit enthalten.

Die Welt ist die Wahrheit, und Irrtum, Schein und Lüge stecken in ihr,
sind Teile der wahren Welt, wie die Nacht ein Teil des Tages ist, ohne
die Logik zu konfundieren. Wir dürfen in ehrbarer Weise von +echtem+
Scheine und +wahrer+ Lüge sprechen, ohne Widersinn. Wie auch der
Unverstand noch Verstand hat, so lebt auch die Unwahrheit immer noch
und unvermeidlich in der Wahrheit, weil letztere das Allumfassende, das
Universum ist.

Die Wahrheit, welche das Universum ist, die kosmische Welt- oder
Universalwahrheit wird Dich die Widersinnigkeit der abnormen Demut
erkennen lassen, die in der zwieschlächtigen Lehre von den zwei
Geistern enthalten ist. Gewiß hat der Philosoph Kant einen höheren
Intellekt wie Peter Simpel; aber dennoch besitzen auch alle Geister
eine Generalgeisternatur, unter welche keine Intelligenz hinabsteigen,
welche keine übersteigen darf, ohne den Namen, ohne Sinn und Verstand
zu verlieren. Es ist nicht möglich, von einem anderen, höheren
Denkvermögen, als dem durch Erfahrung bekannten menschlichen auch
nur zu sprechen, ohne aus der Logik heraus in die Widersinnigkeit zu
fallen. Unzweifelhaft besitzt die tierische Brut etwas dem Intellekt
ähnliches; unzweifelhaft darf der Tiergeist vom Menschengeist mittels
eines besonderen Namens, etwa durch den »Instinkt«, getrennt werden;
unzweifelhaft wird unsere Vernunft durch Kultur von Generation zu
Generation erhöht; aber daß irgendwo und jemals ein Begriffsvermögen
existieren sollte, welches außer dem Weltzusammenhang steht -- das
ist ein durchaus sinnloser Begriff und eine verstandlose Sache. So
notwendig wie alles Wasser +eine+ Natur, eine nasse Natur, so notwendig
hat jede Intelligenz und jeder Gedanke die generale Gedankennatur und
muß verstandesgemäß ein Teil, ein bestimmter Teil der einen, gemeinen,
+empirischen+ Welt sein.

Diese Lehre von der Relativität der Gegensätze und von der Auflösung
des Widerspruchs wird im neunten Brief durch Beispiele illustriert:

Man macht dem Sozialisten den Vorwurf, er hetze das Volk auf; er
verspreche mehr, wie er leisten könne, und bringe dadurch den Unfrieden
in die Menschenbrust. Tatsächlich wohnt und muß beim Frieden auch
immer der Unfriede wohnen. Ein Volk, dessen Friede nicht mit dem
entgegengesetzten Unfrieden verquickt oder durchtränkt ist, wäre ein
Schlaraffenvolk. Dank dem Unfrieden in der Brust sind die Völker
strebsam und bewegt: Bewegung ist die Essenz der Welt, und die bewegte
Volkswelt ist nicht denkbar, ohne daß die Menschen begehrlich sind. Der
Entwicklung oder Kultur wegen müssen die Völker immer mehr begehren,
wie sie zunächst erlangen. Andererseits ist es mit der Begehrlichkeit
nicht genug. Man darf nicht mehr begehren, als man zu erreichen vermag,
nicht mehr versprechen, als man geben kann. Darum soll der logische
Sozialist gleichzeitig wissen, daß auch im Zukunftsstaat die Bäume
nicht in den Himmel wachsen, daß der Friede, den wir erstreben und
erhoffen, immer ein mit Unfrieden verquickter Friede sein wird. Die
Zukunftsmusik, wenn auch harmonischer wie die Musik der Gegenwart, wird
doch ewig mit der Disharmonie behaftet bleiben.

Um im wahrhaften Zusammenhang zu denken, darfst Du kein Ding als
selbständiges Ding ansehen, sondern alles nur als fließende Eigenschaft
der einen Substanz, welche das Ding aller Dinge, die Welt, die Wahrheit
und das Leben ist.

Unsere Logik ist also Wahrheitslehre. Die Wahrheit ist nicht oben,
nicht unten, nicht zu Jerusalem und nicht zu Jericho, weder im Geiste
noch im Gebein, sondern im All.

Unsere Logik ist Erkenntnislehre. Sie lehrt, daß Du nicht mit Grübelei,
sondern nur im Zusammenhang mit der Erfahrung, im Gesamtzusammenhang
nach Erkenntnis forschen darfst.

Da nun der Mensch mit der Erfahrung auch Irrtümer erfährt, so war die
Wissenschaft jahrhundertelang von der Frage beherrscht, ob Wahrheit und
Erfahrung nicht zweierlei, ob vielleicht nicht unsere ganze Erfahrung
ein Gaukelspiel der Sinne sei. Cartesius antwortete darauf: Nein, der
Glaube an das allervollkommenste, allerwahrhaftigste Wesen kann solche
Betörung nicht zulassen. Wenn wir nun den Gottesbegriff durch den
Wahrheitsbegriff ersetzen, dann sind wir wieder sicher, daß die Welt
der Erfahrung kein Schemen, sondern allerwahrhaftigste Wirklichkeit ist.

Wie unser Gesicht das Sichtbare nie und nirgends erschöpft, das
Auge also sein Objekt schaut, aber nicht durchschaut, so kann der
Intellekt das absolute All, die Wahrheit oder Gottheit nicht auskennen
oder ausgründen; aber was wir kennen und ergründen, sind leibliche
Wahrheiten, sind Stücke der Generalwahrheit. Was die Erkenntnis
erkennt, ist nicht die Wahrheit selbst und doch wahre Erkenntnis.

Wir gelangten also zu dem Resultat, beginnt der zehnte Brief, daß
der Gedanke ein Weltteil ist. Das Weltall ist der Mutterschoß, wie
überhaupt der Dinge, so auch des Intellekts.

Daß außer dem Weltall nichts existiert, oder im All alles enthalten,
alle realen und phantastischen Existenzen, daß das All alles, weder
süß noch sauer, weder groß noch klein, sondern eben alles und jedes
-- dieser Satz ist so selbstverständlich, wie der so lang und oft
wiederholte Satz der Identität: A = A.

Die Logik soll Dich also lehren, daß alles, was das
Unterscheidungsvermögen unterscheiden mag, von einer Art ist, alles
Krethi und Plethi, aber das Ganze über allem Plebs eine himmelhohe
Erhabenheit. Mit dem frivolen Atheismus, wie ihn die Aufklärer
gebracht, ist es nicht genug. Dürre Gottesleugnung erzeugt immer wieder
irgendeinen Götzendienst.

Mit dem Allerhöchsten, Unendlichen oder Absoluten muß die Logik
beginnen. Alles kunstgerechte, daß heißt zusammenhängende Denken muß
davon seinen Ausgang nehmen. Das naturwissenschaftliche Forschen nach
endlichen Ursachen, nach dem Ei, woraus das Küchlein gekrochen, nach
der Henne, woraus das Ei gekommen, nach den verwandten Organismen,
welche durch Zuchtwahl und Anpassung ~à la~ Darwin die Henne
entwickelt, -- das sind überaus schätzbare Forschungen, ohne welche
wir nie den Weltprozeß verstehen könnten; aber dennoch dürfen solche
Erkenntnisse dem denkenden Menschen nicht genügen. Die Logik verlangt,
verlangt von jedem, daß er nach dem Allerhöchsten, nach der Ursache
aller Ursachen forscht. Wer das Bedürfnis hat, sein Bewußtsein in
logische Ordnung zu bringen, will und muß wissen, wie das Endliche und
Unendliche, das Relative und Absolute, die speziellen Wahrheiten und
die Generalwahrheit ineinanderstecken.

Logisches Denken in dem Maße, wie es die Wissenschaft verlangt,
heißt weiter nichts, als den letzten Grund, den absoluten Hinterhalt
kennen, auf den alle Gedanken sich stützen. Dieser Hinterhalt ist das
Weltall, welches den Menschenkopf, den äußeren und inneren, als Zubehör
anhängen hat. Der jahrtausendealte Streit zwischen den Materialisten
und Idealisten stellt die Frage: ob der Geist weltlich oder die Welt
geistig ist. Unsere Antwort lautet klipp und klar: beides gehört
zusammen, ist in Summa ein Ding, und das Ding aller Dinge. Der Geist
und die Welt sind zwei Attribute der einen Natursubstanz. Wenn man
sie einander entgegensetzt, verhalten sie sich wie Fleisch und Fisch,
welcher letztere nach Lazar Geiger von afrikanischen Stämmen ganz
trefflich »Wasserfleisch« genannt wird. Demnach sind Geist und Welt,
wie Fleisch und Fisch, von verschiedener und doch von einer Art.

Nicht nur ist die Welt das Objekt, sie ist auch das Subjekt der
Erkenntnis, +sie+ erkennt, +sie+ zerlegt +mittels des Menschenkopfes+
ihre eigene Mannigfaltigkeit. Unsere Weisheit ist Weltweisheit in
dem doppelten Sinne: die Welt ist das, was gewußt, unterschieden,
analysiert wird, und die Welt ist es, welche das Wissen, Unterscheiden
usw. mittels unseres Intellekts praktiziert. Wenn ich also den
Menschengeist Weltgeist, Geist des Allerhöchsten nenne, so bitte ich
wohl zu bemerken, wie damit gar nichts mystifiziert sein, sondern nur
dargetan werden soll, daß sich das Denken oder die Intelligenz nur
im Weltzusammenhang betätigen läßt, daß es keine Sache abnormer und
überschwenglicher Art, sondern ein Ding ist wie andere Dinge.

Die Idee des Weltzusammenhanges wird im elften Brief weiter behandelt
und speziell auf das soziale Gebiet übertragen:

Allen naturgeschichtlichen Einteilungen soll logischerweise das
Bewußtsein von der absoluten, universalen Einheit, vom Zusammenhang
aller Dinge zugrunde liegen. Darum haben fromme Leute durch ihren
Herrgott, in dem alles lebt und webt, was fleucht und kreucht, mehr
Logik wie gewisse Freidenker, denn sie fangen mit Gott an und hören mit
Gott auf. Vollkommen logisch aber vermögen sie nicht zu denken, weil
sie das Böse und den Teufel, Krankheit, Elend und Sünde, kurzum die
Leidigkeit und Vergänglichkeit mit ihrem ewigen vollkommenen Allvater
in keinen rechten Zusammenhang bringen können.

Die Ein-Natur, die unendliche, ist der Logik Quintessenz. Über dies
Ding der Dinge kann weder die Naturwissenschaft (im engeren Sinne) noch
die Metaphysik und formale Logik Aufschluß geben, sondern nur eine
Denklehre, welche Geist und Natur, alle Gegensätze und Widersprüche als
Formalitäten des All-Einen erkennt. Wie sollte nun jemand, der mit der
großen Masse der Bevölkerung auf gespanntem Fuße lebt, sich eins fühlen
können mit dem +Allgemeinen+? Wer eine spezielle Klasse zum echten Volk
macht, hat keinen Begriff, weder für das allgemeine Volk noch für die
absolute Allgemeinheit.

Die proletarische Logik lehrt nicht nur Gleichheit alles dessen, was
Menschenantlitz trägt, sondern die +universelle+ Gleichheit, welcher,
wohlgemerkt, die Verschiedenheit so wenig widerspricht, wie die
mannigfaltigen Töpfe und Krüge der Gefäßeinheit widersprechen. Wir
erkennen, daß jedes Ding, jede Person ein Stück der unendlichen Welt
ist und an ihrer unendlichen Natur teil hat.

Unsere Logik, welche die Wahrheit, die Weltwahrheit zum Objekt hat,
ist eine Denklehre des Universums, eine universale Denklehre oder
Weltanschauung. Sie lehrt, daß der Zusammenhang aller Dinge die
Wahrheit und das Leben, das Echte, Rechte, Gute und Schöne ist. Alles
Hohe, was Menschenherz erhebt, alles Süße, was Menschenbrust durchbebt,
ist die Weltnatur oder das Weltall. Aber dann bleibt immer die kitzlige
Frage: Wohin mit dem Negativen, dem Häßlichen, Bösen, wohin mit dem
Irrtum, dem Scheine, dem Stillstand, der Krankheit, dem Tode und dem
Teufel?

Jawohl, die Welt ist vergänglich, böse und leidig; aber das sind doch
nur +akzidenzielle+ Erscheinungen, nur Formen und Fransen der Welt.
Ihre Ewigkeit, Wahrheit, Güte und Schönheit ist substantiell, wesenhaft
und positiv. Ihr Negatives ist das Dunkel, welches dem Lichte zur
Verherrlichung dient, daß es überwinde und um so glänzender strahle.

Solcher hohen optimistischen Lehre sind die Wortführer der herrschenden
Klasse nicht zugänglich, weil sie den umgekehrten pessimistischen Beruf
haben, das Elend und die Knechtschaft zu verewigen.

Der zwölfte Brief kehrt zum Beginn des zweiten zurück: was die Logik
ist, was sie will und wie sie es will? Die Beantwortung der Frage
erfolgt im Geiste der Briefe zehn und elf, das heißt im Sinne des
Universalzusammenhangs:

Logik, die Lehre eines kunstgemäßen Denkens, verlangt zunächst
wahrheitsgemäßes, das heißt vernunftmäßiges Denken. Die Logik handelt
von Vernunft und Wahrheit.

Vernunft und Wahrheit sind keine von den übrigen Dingen getrennte,
sind keine Dinge an sich. Solche Dinge gibt es überhaupt nicht. Die
proletarische Logik unterscheidet sich von der herrschenden dadurch,
daß sie Vernunft und Wahrheit nicht hinter Tempelvorhängen, auch nicht
in den Köpfen der Gelehrten, sondern im leibhaftigen Zusammenhang sucht
und findet.

Wir erkennen nicht nur, daß Vernunft und Wahrheit mit der Welt
verbunden, sondern auch, daß das +Weltganze+ die allerhöchste Vernunft
und Wahrheit oder das Wesen ist, nach dem Religion und Philosophie
lange gesucht, das allervollkommenste Wesen -- von Plato das Wahre,
Gute und Schöne, von Kant Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, von Hegel
das Absolute genannt.

»Erkennen« ist ein mysteriöses Wort.

Erlaube mir, das Erkenntnisvermögen mit einem photographischen Apparat
zu vergleichen, mittels dessen Du Dir ein Bild der Weltwahrheit zu
machen gedenkst. Da siehst Du gleich, wie von diesem Objekt nur ein
ganz nebelhaftes Bild abzunehmen ist. Der Gegenstand erscheint zu
grenzenlos, zu unendlich groß und erhaben, als daß er sich kopieren
ließe. Und doch ist ihm beizukommen. Wenn auch kein klares Bild der
Wahrheit, können wir doch weltwahre Bilder klar machen, das heißt wir
können das Unendliche stückweise konterfeien. Du kannst mittels Deines
Intellekts die Unendlichkeit durch Begrenzung fassen.

Die absolute Wahrheit gibt sich uns in relativen Erscheinungen. Das
vollkommene Wesen ist aus unvollkommenen Teilen zusammengesetzt.
Arme und Beine, Kopf und Rumpf sind getrennt und jedes für sich nur
ein Kadaverstück und doch im Zusammenhang durchaus lebensfähig. In
der Weltwahrheit ist alles enthalten; sie ist das vollkommene Sein,
enthält das gesamte Dasein vollkommen, somit auch das Unvollkommene.
Falsches, Leidiges, Schlechtes und Häßliches steckt im Wahren, Guten,
Schönen mitten drin. Das Gesamtdasein, das ist die absolute Wahrheit,
ist aus Relativem, das Ganze aus Stücken, aus Erscheinungen oder
Scheinbarkeiten zusammengesetzt. Und auch unsere Erkenntnis oder unser
Denkapparat ist ein unvollkommenes Stück des vollkommenen Wesens.
Von diesem Absoluten liefert er nur ein dämmeriges, unzulängliches
Porträt, und von allen Teilen der Weltwahrheit doch treffliche Bilder,
allerdings nur Bilder, aber treffliche.

Es gibt gute und schlechte, treffende und unzutreffende, wahre und
irrige Gedanken und Erkenntnisse; aber absolut zutreffende gibt es
nicht. Alle Vorstellungen und Begriffe sind unvollkommene Bilder des
allervollkommensten Weltwesens, welches unerschöpflich ist sowohl im
großen wie im kleinen, im ganzen und in allen Teilen. Jedes Stück der
Natur ist ein Naturstück des Unbegrenzten.

Die Lehre der Sophisten, daß sich alles be- und verstreiten läßt, hat
eine gewisse Ähnlichkeit mit der unserigen, welche besagt, daß das
All die Wahrheit und alle Teile wahre Stücke, also Rauch und Nebel,
Verstand und Phantasie, Erträumtes und Reales, Subjekt und Objekt
wahrhaftige Einteilungen der Welt -- nicht die Wahrheit und doch wahr
sind. Es ist deshalb angezeigt, auf den Unterschied der sophistischen
und logischen Denkweise aufmerksam zu machen.

Das geschieht im dreizehnten Brief:

Ist die ganze Welt +nur ein+ Ding oder ein Sammelsurium +unendlich
vieler Dinge+?

Ich sehe durchs Fenster den Fluß und die Straße, Brücke, Häuser und
Bäume. Jedes ist ein Ding für sich, und doch hängt alles untrennbar
aneinander. Die Eigenschaften der Welt werden vom Intellekt als
Subjekte behandelt; aber es soll das intelligente Subjekt auch wissen,
daß sein Tun und Treiben, sein Unterscheiden und Erkennen eine
Formalität, eine formelle Zerstücklung des Absoluten ist, welches trotz
aller Einteilung stets das ungeteilte Ganze bleibt.

Die Erscheinungen der Wahrheit und des Lebens rubrizieren, heißt
erkennen, heißt den Intellekt gebrauchen und den Kopf erhellen.

Jedoch bleibt nun wohl zu erwägen, +wie weit wir in der Spezifikation
zu gehen haben+, um die Rubrik zu finden, welche +völlige Klarheit+ und
Bestimmtheit in die Erkenntnis bringt. Es ist sehr zu beachten, daß
sowohl das Subjekt, welches erkennt, wie das erkannte Objekt als Stücke
des Absoluten, auch absolute +unendlich detaillierte+ Stücke sind, die
sich nimmer auskennen, nimmer erschöpfen lassen.

Es lassen sich neue Erkenntnisse nur mittels alter erwerben. Das heißt:
Altes und Neues und die Erkenntnis, die ich als Klassifikationsvermögen
kennbar zu machen suche, haben ihre Existenz nur im +Zusammenhang des
gesamten Daseins+.

Einteilung, regelrechte Einteilung ist die Sache der Logik oder
Denkkunst. Dazu gehört in erster Instanz das erweckte Bewußtsein vom
ungeteilten All, vom Universum und seiner universalen Einheit. Dieses
Bewußtsein ist mit anderen Worten zugleich auch das Bewußtsein von der
nur formalen Bedeutung aller wissenschaftlichen Teilung.

Die Einheit aller Welt ist wahr und ist die Wahrheit allein und einzig.
Daß die alleinige und einzige Weltwahrheit voller Unterschiede steckt,
ja ebenso absolut verschieden wie absolut gleich ist, widerspricht
einer verständigen Einheit und Gleichheit ebensowenig, wie es sich
widerspricht, daß die Käuze mit den verschiedensten Visagen doch alle
dasselbe Kauzgesicht tragen.

Der rote Faden, der sich durch diese Vorträge schlängelt, betrifft
folgende Punkte: Der Denkapparat ist ein Ding wie alle gemeinen
Dinge, ein Stück oder Akzidenz des Weltganzen; er gehört zunächst
in die allgemeinste Kategorie des Seins und ist ein Apparat, der
durch kategorische Einteilung oder Unterscheidung ein detailliertes
Bild der menschlichen Erfahrung zustande bringt. Um ihn kunstgerecht
zu verwenden, will klar erkannt sein, daß die Welteinheit durchaus
mannigfaltig und alle Mannigfaltigkeit eine Monas bildet.

Das Rätsel der alten eleatischen Philosophie war: Wie steckt das Eine
im Vielen, wie das Viele im Einen?

Der vierzehnte Brief handelt vom »Absoluten« und dem Verhältnis des
Intellekts zu ihm im Weltzusammenhang:

Das Absolute ist die bare Summe alles dessen, was war, ist und sein
wird.

Sowohl die Subjekte wie Objekte aller Wissenschaft gehören dem
Absoluten an, das mit trivialem Namen »Welt« heißt.

Alle anderen Wissenschaften haben begrenzte Stücke, haben Relatives zum
Gegenstand, während die Wissenschaft des Geistes +von allen+ Objekten,
das heißt vom Unbegrenzten handelt. Ich will die Lehre vom Intellekt
vortragen und handle von aller Welt, vom Weltall, weil ich darzustellen
habe, nicht wie sich der Geist in der Schusterei oder Astronomie,
sondern wie er sich generaliter verhält.

Der Intellekt ist ein spezielles Stück wie jedes andere
wissenschaftliche oder praktische Objekt. Aber er ist auch dasjenige
Stück, dem es mit der Stückelei nicht genug, der sich und alles
einzelne als Attribut oder Prädikat des absoluten Subjektes, der sich
und alle Welt im +Weltzusammenhang+ weiß.

Seit Jahrhunderten hat man viel davon gehandelt, ob im Intellekt
angeborene Ideen versteckt sind oder ob er einem unbeschriebenen Blatte
Papier gleiche, dem die +Erfahrung+ Kenntnisse aufprägt. Es ist das die
Frage nach Ursprung und Quell der Erkenntnis. Woher kommt die Vernunft,
wo holen wir unsere Begriffe, Urteile und Schlüsse? Mittels Grübelei
aus dem Innern des Kopfes, aus der Offenbarung oder aus der Erfahrung?
Alles, was wir erfahren, samt dem Intellekt, der erfährt, sind
Offenbarungen des Absoluten. +Alles, wovon wir wissen, ist Erfahrung+.
Wenn nun auch der Geist ein leeres Blatt ist, so ist zur Beschreibung
doch dies innere Papier ebenso wesentlich wie die äußere Welt, welche
Hand, Tinte und Feder zu diesem Schreibprozeß hergibt; das heißt, alle
Erkenntnis stammt aus dem Weltzusammenhang. Dem Intellekt sind keine
Kenntnisse, aber doch das Bewußtsein, das Weltbewußtsein angeboren.

Die Wissenschaft vom Intellekt hat sich von alters her an eine
wunderbare Tatsache gestoßen. Sie fand Kenntnisse vor, die dem Geiste
von außen zugekommen, sogenannte Erfahrungskenntnisse; aber sie fand
auch solche, welche scheinbar angeboren sind, sogenannte Erkenntnisse
~a priori~.

Unsere Logik fragt: Stammt die Weisheit geheimnisvoll aus dem Innern
des Menschenkopfes oder kommt sie nach Art aller Erfahrung aus der
äußeren Welt? -- Die Zusendung von oben wollen wir schon außer Frage
lassen.

Da lautet die Antwort: Zum Wissen, Erkennen, Begreifen, Denken gehört
Inneres +und+ Äußeres, Subjekt und Objekt, Kopf und Welt.

Aber wie erklären sich nun die wunderbaren, anscheinend aprioristischen
Kenntnisse, welche alle Erfahrung übersteigen? Antwort: Der Intellekt
hat nicht nur die Fähigkeit, im allgemeinen zu wissen, sondern
auch Spezielles vom Ganzen zu trennen und namhaft zu bestimmen.
Indem wir zum Beispiel den Begriff des Minerals fassen, sehen wir
ab vom Unterschied zwischen Gold und Blech. Wenn wir dann weiter
klassifizieren, indem das Goldige und Blechige als besondere Arten dem
Mineral untergeordnet werden, wissen wir nun genau, wie Gold und Blech
verschiedene Arten sind von derselben Mineralnatur. Wir wissen, was die
Namen bedeuten, und solange sie ihren Sinn behalten, wissen wir, daß
»in Himmel und Hölle« Gold kein Blech, Blech kein Gold ist.

So ist denn der Unterschied zwischen angeborenen und erfahrenen
Kenntnissen ein nur formeller. Beide verschiedene Arten sind dennoch
von ein und derselben Art, beide Mischlinge des Inneren und Äußeren.
Die Erkenntnis ~a priori~ hört auf, Wunder zu sein, wenn erkannt ist,
daß sie mit den Kenntnissen a posteriori aus demselben Quell der
Erfahrung stammt, welche das eine Mal wie das andere Mal nur mit Hilfe
des Intellekts zustande kommt. Demnach ist also der +mit der Welt
verbundene Intellekt+ die Urquelle aller Wahrheit, und ist sowohl die
äußere Natur wie unser inneres Begriffsvermögen ein Stücklein der einen
Generalnatur, welche die Wahrheit und das Absolute ist.

Am Schlusse dieses Briefes kündigt Dietzgen an, daß er im nächsten
(fünfzehnten) die Kausalität behandeln wolle; statt dessen geht er
auf Kants Aprioritätenlehre und »Ding an sich« ein, zeigt, wie Kant
in den Irrtum dieser Theorien verfiel und wie sein Schluß von der
»Erscheinung« auf eine absolute Wahrheit, die, vom Scheine getrennt,
dahinter versteckt sei, auf fetischmäßiger Auffassung der Wahrheit
beruht. Die Erkenntnis, daß das gemeine Wesen der Welt Wahrheit
ist, ist die erste Bedingung zu einer kunstgerechten Handhabung des
Schlußvermögens.

Damit gelangt unser Autor zur Erörterung der Kausalität im sechzehnten
Brief:

»Alle Dinge haben ihre Ursache.« -- Wer ist, was ist »alle Dinge«?
Es sind Anhängsel, Zubehör des All-Einen. Es ist dem Intellekt
angeboren, zu wissen, daß die Welt ein Ding ist, daß alle Dinge
nicht nur +irgendeinem+, sondern alle +einem Subjekt+ angehören. Das
Bewußtsein der Kausalität ist nichts weiter wie das Bewußtsein vom
Weltzusammenhang.

Alle Dinge sind +ein+ Ding, hängen zusammen, stehen untereinander im
Verhältnis von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge, von Gattung
und Exemplar. Alle Dinge haben ihre Ursache, heißt, sie haben eine
Mutter. Daß nun jede Mutter ihre Mutter hat, +endigt+ in der Weltmutter
oder Mutterwelt, in der absoluten, die selbst absolut mutterlos und
doch alle Mütter »aufgehoben« in sich enthält.

Ursachen sind Mütter, Wirkungen sind Töchter. Nicht nur hat jede
Tochter eine Mutter, Groß- und Urgroßmutter, sondern auch Vater, Groß-
und Urgroßvater. Der Ursprung oder der Familienzusammenhang der Tochter
ist nicht ein-, sondern allseitig. So haben auch die Dinge nicht eine,
sondern viele, unendlich viele Ursachen, welche in die Generalursache
zusammenfließen.

Dein Intellekt, dem die Wissenschaft angeboren ist, daß alles seine
Ursache hat, wird sich demnach instruieren lassen, daß alle Ursachen
der Welt in der absoluten Weltursache begründet sind und zugrunde
gehen. Es ist die Quintessenz der Logik, nicht nur den wahren Begriff
des Intellekts zu ermitteln, sondern mittels des Intellekts den Begriff
der Weltwahrheit, des Weltganzen klarzumachen.

Personen und Dinge, Ursachen und Wirkungen sind keine selbständigen
Einzelheiten, sondern relative Selbständigkeiten, das heißt
Zusammenhänge oder Verhältnisse des Absoluten. Der Intellekt ist
uns angeboren, und durch ihn und mit ihm das Bewußtsein vom Sein
schlechthin, wenn auch nur so angeboren, wie dem Kinde die Zähne,
die erst nach der Geburt hervorwachsen. Jedes Stück, das uns zum
Bewußtsein kommt, wird als Stück des All-Einen gewußt. Insofern das
wunderbar, ist das Bewußtsein von der Kausalität erstaunlich. In der
Tat ist die Wissenschaft von der kausalen Abhängigkeit aller Dinge
mit der Wissenschaft von der Farbe aller Rappen und Schimmel eine
angeborene Weisheit. Jedoch ist wohl zu beachten, daß sowohl in jeder
erworbenen Wissenschaft etwas Angeborenes, wie in jeder angeborenen
etwas Erworbenes steckt, so daß beide Arten ineinanderfließen und eine
Kategorie bilden.

Im Eingang des siebzehnten Briefes erklärt unser Autor:

Da die Aufgabe der Philosophie in Erforschung der Logik aufgeht,
aufgeht in der Ergründung des Intellekts und seiner Denkkunst, wirst
Du, als +in der Sache+ begründet, erkennen, daß meiner Darstellung
eine gewisse Systematik fehlt; sie hat so recht keinen Anfang und kein
Ende, weil ihr Objekt, der Intellekt, mit dem Weltganzen verknüpft ist,
welches eben das Anfang- und Endlose ist, das kein Vor und Nach, kein
Oben und Unten hat. Jedoch ist leicht zu bemerken, daß Denkkunst und
Weltweisheit identisch sind. Wenn nun auch der allgemeine Zusammenhang
für alle Dinge und Themata gilt, so gehört seine Erwägung doch speziell
nur in die Logik, die von allen Denkobjekten summarisch handelt. Meine
Sache also (die Denkkunst) beginnt überall, obgleich sie doch nur eine
Spezialität ist.

So knüpft Dietzgen denn an Zitate aus Trendelenburg an, um an ihnen die
Notwendigkeit gleichzeitigen philosophischen und empirischen Denkens
darzutun:

»Es bleibt immer der Trieb alles menschlichen Erkennens darauf
gerichtet, das Wunder der göttlichen Schöpfung durch ein
nachschaffendes Denken zu lösen. Wenn diese Aufgabe im einzelnen
begonnen wird, so treibt das Einzelne von selbst weiter; denn mit
derselben Macht, mit welcher alles aus dem Grunde hervorgestiegen,
weisen die Dinge rückwärts zu dem Grunde wieder hin.«

Diese Zitate geben das Problem, das zu lösen ist: sollen wir den
Intellekt philosophisch, sollen wir ihn empirisch gebrauchen? Man will
aus dem Einen und Vielen klug werden, welches identisch ist mit der
Forschung nach systematischer Weltanschauung oder dialektischer Kunst.

Da will zunächst konstatiert sein, daß das Denken in jeder Weise,
ob philosophisch, ob empirisch, von einer Art, daß in beiden Formen
dieselbe Sache enthalten ist. Rosen sind andere Blumen wie Nelken,
doch steckt die Blumennatur in den einen wie in den anderen, und so
auch die Denknatur gleichmäßig in der philosophischen wie empirischen
Betrachtungsweise. Das Auseinanderhalten ist recht genug, doch darf die
Einheit nicht verloren gehen.

»Die Philosophen«, heißt es weiter bei Trendelenburg, »wollen
aus dem Ganzen das Einzelne erkennen; die Empiristen durchsuchen
das Einzelne in seiner Zerstreuung.« Beide Forschungsarten sind
verschiedene Exemplare einer Gattung, die beide einseitig sind, wenn
sie ihren Zusammenhang verkennen. Der Empirist, der das Einzelne
in der Zerstreuung sucht, verfährt philosophisch, wenn er seine
Einzelforschung als Beitrag zum Ganzen gelten läßt, und der Philosoph,
der aus dem Ganzen das Einzelne erkennen will, verfährt empirisch, wenn
er, wie recht, +alles+ Einzelne als Zubehör des Ganzen betrachtet.

Die Philosophen fehlen, wenn sie den Intellekt für den einzigen Born
der Erkenntnis und Wahrheit halten; er ist nur ein Stücklein davon
und bedarf zu seiner Ergänzung der anderweitigen Welt. Die Empiristen
fehlen, wenn sie Wahrheit und Erkenntnis einzig in der anderweitigen
Welt suchen, ohne das geistige Instrument zu beachten, mittels dessen
sie ihre Schätze heben.

Schon der Gedanke, daß etwas sein könnte, was nicht die Generalnatur
alles Daseins hat, ist kein Gedanke, ist ein Gedanke ohne Sinn oder
Unsinn. Das Weltganze ist das ~être suprême~, von dem wir allerdings
nur einen vagen Begriff haben. Den detaillierten »rechten« Begriff
davon haben wir nicht; derselbe erwächst uns jedoch im Verlauf der
Wissenschaft, kann aber nie vollkommen sein, weil das Detail sich in
die Puppen verliert und das absolute Sein ein unendliches Werden ist.

Und nun Einzelnes? Wir kennen es genauer und doch nicht genau, weil
auch der kleinste Teil des Unendlichen unendlich ist. Atome sind
von aller Wissenschaft noch immer vergeblich gesucht worden. Was
unsere Erkenntnis kennt, waren immer Prädikate oder Erscheinungen der
Wahrheit. Aber wahre Erscheinungen, wovon wir wahre Kenntnis haben.

Die Welt zum Ausfluß des Gedankens machen -- nach Hegel --, ist eine
verkehrte Logik; den Intellekt und seine Produkte als Attribute des
Weltsubjektes erkennen, ist erste Bedingung rationeller, demokratischer
Denkkunst.

Das Thema wird im achtzehnten Brief fortgesetzt und vertieft:

Wichtige Entdeckungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, das
Wärmeäquivalent von Robert Mayer, die Entstehung der Arten von Darwin
usw. stimulieren die Sache, so daß Naturwissenschaft und Philosophie
mit zwei Bergleuten verglichen werden könnten, welche von zwei Seiten
an einem Tunnel graben und dem lichten Durchbruch derart nahe sind,
daß gespannte Ohren hüben und drüben die Hammerschläge pochen und die
Werkzeuge krachen hören.

Das Bild hat viel Wahres, aber führt leicht auch zu Mißverständnissen.
Durch Vivisektion der Frösche und Kaninchen, durch Bohren am Gehirn
wird die Physiologie +den Geist+ nicht erforschen. Kein Mikroskop und
Teleskop wird das Wesen von Vernunft und Wahrheit aufdecken oder die
Kunst der Unterscheidung enthüllen.

Ebensowenig wird es in der Sprachwissenschaft den Lazar Geiger, Max
Müller, Steinthal und Noiré gelingen, mittels irgendeiner Ursprache
»die letzten Fragen alles Wissens« zu lösen.

Jedoch soll die werte Mitarbeiterschaft dieser Herren nicht bestritten,
sondern nur darauf hingewiesen sein, daß der Vergleich mit dem Tunnel
mächtig hinkt. Von den logischen Formen gilt auch, was Marx von den
ökonomischen sagt: »Bei der Analyse kann weder das Mikroskop dienen,
noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen.«

Die Sache wird zum Durchbruch kommen; aber nicht indem jede Partei
einseitig vorangräbt, sondern weil die Bergleute außer der Arbeitszeit
miteinander verkehren und ihre Erfahrungen einander mitteilen. Auch
verbleiben wohl die Philosophen der entscheidende Teil, da sie die
Spezialisten in der Logik und als solche bereit sind, alles, was dem
Werke dient, zu verwenden, von welcher Seite immer es sich darbieten
mag. Die andere Partei dagegen hat ihre aparten Spezialitäten und
fördert die Logik mehr nebensächlich und unwillkürlich.

Dietzgen bespricht im Anschluß hieran den naturwissenschaftlichen
»Monismus« seiner Zeit, der zum Teil noch in unserer sich breit macht,
wie den von Noiré, der im Grunde ein unklarer Dualist war, indem er
»Bewegung und Empfindung« für die einzig wahren Attribute der Welt
erklärte, ohne zu erkennen, daß die Empfindung doch nur eine Art der
Bewegung ist.

In der »Einleitung und Begründung einer monistischen
Erkenntnistheorie«, bemerkt Noiré mit höhnischem Akzent, »daß er nicht
in der Lage sei, neuen Aufschluß über das Absolute zu geben«.

Der naturwissenschaftliche Monismus hat vom Universum einen viel zu
beschränkten Begriff. Mit seinem »alles ist Bewegung« ist sowenig und
soviel gesagt wie mit dem Salomonischen »alles ist eitel«. Alles ist
krumm und gerad, alles groß und klein, alles zeitlich und ewig, alles
Wahrheit und Leben. Aber wie nun der Unterschied in die Welt, wie Ruhe
in die Bewegung, Verstand in den Unverstand kommt, davon ist nichts
gesagt.

Um das Unterscheiden logisch zu praktizieren, will gewußt sein, daß
das All, das Universum oder +Absolute+ die Ursache seiner selbst und
der Urgrund aller Dinge ist, welcher alle Unterschiede, auch den der
Kausalität und den zwischen Geist und Natur, »aufgehoben in sich
enthält«.

Der Begriff des +Absoluten+ oder des Weltganzen wird nun im neunzehnten
Brief erörtert:

Das Weltganze ist ein landläufiger Begriff, der jedem bekannt und wovon
scheinbar wenig zu sagen bleibt. In der Tat ist es der Begriff aller
Begriffe, das Wesen aller Wesen, die Ursache seiner selbst, das keine
fremde Ursache und kein fremdes Wesen neben sich hat. Durch Erwägung,
wie unablässig die Menschheit +außer+ der Welt eine Weltursache,
einen Weltanfang und eine überschwengliche Wahrheit gesucht hat, muß
Dir einleuchten, daß sie den Begriff des Weltganzen nicht erfaßt,
das Universum nicht begriffen hat, und ist dann der Nachweis, daß es
die Ursache aller Ursachen, Anfang aller Anfänge und Wahrheit aller
Wahrheiten ist, nicht gerade eine überflüssige Arbeit.

Ich behaupte, die Kenntnis des menschlichen Begriffsvermögens und die
Kunst seiner Verwendung sind untrennbar vom Weltbegriff. Nicht so,
als dürfe innerer Geist und äußere Welt nicht unterschieden werden,
sondern es sind beide nur als formelle Unterschiede des +wesentlich+
Ununterschiedenen, des absoluten Weltganzen zu fassen.

Das Universum begreifen, heißt sich Klarheit verschaffen, wie dies
Wesen aller Wesen keinen Anfang, keine Ursache, keine Wahrheit und
keine +Vernunft außer und neben sich, sondern alles in und bei sich+
hat. Das Universum begreifen, heißt erkennen, daß man die sogenannten
logisch-metaphysischen Kategorien, wie Anfang und Ende, Ursache und
Wirkung, Sein und Nichtsein usw., unlogisch anwendet, den Intellekt
mißbraucht und durchaus unerbaulich wird, wenn man damit über die
weltliche Unendlichkeit hinausfährt ins Überschwengliche.

Um Dir also Sinn, universellen Sinn anzueignen, wirst Du Dich um die
Erkenntnis bemühen, wie das Universum alles Relative einschließt,
während es im ganzen das Absolute oder die erbauliche Gottheit
verkörpert.

Und der Begriff des Absoluten als des Weltganzen involviert, daß mit
solchen Dingen, die man Gegensätze und Widersprüche nennt, es sich
ganz anders verhält, als die Logik der Götzendiener wähnt und doziert.
Daß Seele und Leib, Wahrheit und Irrtum, Leben und Tod usw. nicht
unvereinbare Antipoden sind, die sich abstoßen. Diese Lehre vom Satze
des Widerspruchs ist eine ganz beschränkte Kirchturmsweisheit, welche
statt Klärung nur Wirrsal in die Köpfe bringt. Gewiß ist das Tote vom
Lebendigen, das Vergängliche vom Ewigen, schwarz und weiß, krumm und
gerad, groß und klein verschieden und entgegengesetzt. Aber auch das
Allerentgegengesetzte und Widersprechendste geht ebenso leicht in eine
Gattung, Familie oder Art hinein wie Zwillinge in einen Mutterschoß.
Was Männchen und Weibchen nicht hindert, in einem Neste zu hocken,
hindert auch die krasseste Verschiedenheit nicht, trotz der Entzweiung
zugleich eins und dasselbe, das heißt zwei Stücke von einem Kaliber zu
sein.

Und wolltest Du gegen die Wahrheit des absolut vollkommenen Weltwesens
einwenden, daß es mit dieser Vollkommenheit nicht weit her sei, wegen
der vielen handgreiflichen Unvollkommenheiten, die anhängen, so
würde ich bitten, nicht spitzfindig zu sein, sondern gesunden Sinnes
anerkennen zu wollen, daß die Weltmängel so logisch zur Vollkommenheit
gehören wie die bösen Begierden zur Tugend, die eben erst durch
die Probe der Überwindung zur Tugend wird. Der Begriff einer
Vollkommenheit, die nicht das Unvollkommene zu überwinden hätte, wäre
ein läppischer Begriff.

Hieran schließt sich nun, im zwanzigsten Brief, eine Erörterung des
+Begriffs+ des Absoluten, der zur logischen Erkenntnis unumgänglich ist:

Der Begriff Weißkohl und Kohl schlechthin, der Gemüse- und
Pflanzenbegriff usw. sind, wenn auch Spezial-, doch zugleich
Generalbegriffe; sie sind das eine wie andere nur relativ. Gegenüber
den verschiedenen Kohlarten, die er einschließt, ist der Kohlbegriff
generell oder abstrakt; gegenüber dem Gemüsebegriff ist er speziell
und konkret. Und so steht es mit allen Begriffen, sie sind konkret und
abstrakt zugleich; nur der letzte, der Weltbegriff ist weder konkret
noch abstrakt, sondern +absolut+; er ist der Begriff des +Absoluten+.

Der absolute Weltbegriff besteht zunächst aus zwei Teilen, aus der
Welt und dem Begriff. So besteht das Wasser aus zwei Stoffen, deren
jeder für sich ganz eigentümlich und kein Wasser ist. ~Ergo~ ist der
Weltbegriff ein weit erhabeneres Subjekt als alle Teile, aus denen er
besteht. Um diesen Punkt vor die Augen zu rücken, mag ich das aus Welt
und Begriff zusammengesetzte Subjekt mit einem besonderen Titel ehren,
es »Universum« nennen, damit es so von seinen Elementen namentlich
getrennt sei.

Ich erkläre jetzt, ohne daß ein Sophist das Wort verdrehen kann, daß
der weltumfassende Gedanke oder das Universum das Absolute ist, welches
alles und alles einschließt, während Welt und Begriff als gesonderte
Teile nur Einteilungen oder Relatives darstellen.

Wir wollen den Gedanken erkennen, aber nicht den leeren, sondern den
universellen weltumfassenden Gedanken, den Gedanken im philosophischen
Sinne, wo es kein bloßer Gedanke, sondern die lebendige Wahrheit, das
Universum, Absolute oder Allerhöchste ist.

Der absolute Begriff ist der Begriff des Absoluten, des Allerhöchsten;
davon gilt nicht nur alles Wahre, Schöne und Gute, was man dem lieben
Gott nachsagt, er ist auch dasjenige Wesen, welches allem Denken die
erforderliche Logik, Halt und Gestalt gibt.

Wie die menschlichen Handlungen ihre wahre Begründung nicht im
+nächsten+ Zweck, sondern im +allgemeinsten+, im Wohlergehen, und
als sittliche Handlungen ihre Berechtigung nur aus dem menschlichen
Gesamtheil schöpfen, so finden alle Weltdinge ihre Begründung nicht in
der nächsten Umgegend, sondern im unendlich weiten Universum. Nicht der
in die Erde gelegte Samenkeim ist, wie der Bauer denkt, die Ursache,
daß das Pflänzchen sprießt und wächst und grünt, sondern Erde, Sonne,
Wind und Wetter, kurz die ganze Natur gehört dazu, welche letztere den
Samenkern einschließt.

Wenden wir diese Einsicht auf unser Spezialobjekt, auf das Denkvermögen
an, so ist dasselbe kein menschlich beschränktes, allerdings auch
kein überschwengliches, sondern ein kosmisches Universalvermögen.
Wenn Du jetzt den Begriff des Absoluten erfaßt hast, verstehst Du die
Göttersprache und verstehst, wie der Intellekt für sich allein ein
wichtiges Partikelchen, aber im Zusammenhang mit dem Universum ein
universeller absoluter Bestandteil, ein Bestandteil des Absoluten ist.

Wie das Auge Gesichtsinstrument, ist der Intellekt Begriffsinstrument.
Wie Brillen und Gläser Gesichtsmittel des Auges, so sind Sinne,
Erfahrungen, Experimente Begriffsmittel des Intellekts.

Man weiß, daß Augen, die um die Ecke, durch ein Brett oder Nelkenduft
sehen wollen, so unverständig sind wie schwarze Schimmel. Daß wir
das Unsichtbare nicht sehen können, hindert unsere Augen nicht, ein
universales Instrument zu sein, welches alles (alles Sichtbare) sehen
kann.

Sofern das, ist Dir auch die Professorenweisheit klar, welche
zerknirscht, wie die Methodisten, auf dem Bauche liegt und wie diese
O Herr! O Herr! so ~à la~ Du Bois-Reymond: »~Ignorabimus~« ruft.
Allerdings ist der Menschengeist ein Ignorant in dem Sinne, daß er
beständig lernt, da in der Natur ihm ein unerschöpflich Material
vorliegt. Auch ist an jedem Naturstückchen etwas Unbegreifliches, wie
an jeder Nelke etwas Unsichtbares. Die relative Beschränktheit und
Unbeschränktheit der Vernunft wird nur durch den Begriff des Absoluten
verständlich.

Die letzten vier Stücke (21 bis 24) sind eine Zusammenfassung des
bisherigen Entwicklungsganges der Erkenntnislehre und enthalten ihre
Nutzanwendung. Brief 21 beginnt:

Die demokratische proletarische Volkslogik forscht nach dem
+Allerhöchsten+. Das Volk weiß, es muß dienen, aber fragt sich, wem?
Dem Baal oder dem Nabuchodonossor? Wo, wer, was ist das Allerhöchste,
dem sich alles unterordnet, das System, Konsequenz, Logik in unser
Denken und Handeln bringt? Zunächst fragt sich noch: Auf welchem Wege
kommen wir zu seiner +Erkenntnis+? Da mit keiner überschwenglichen
Offenbarung gedient ist, bleiben nur zwei Wege: +Vernunft+ und
+Erfahrung+.

Es ist nun der Fehler der landläufigen Denkweise, daß man aus diesen
Wegen +zwei+ macht, während es in der Tat nur eine, die gemeine Straße
ist, welche mittels erfahrungsmäßiger Vernunft oder vernunftmäßiger
Erfahrung dahin führt, wo wir erkennen, wie das Allerhöchste, dem
alles dient, nichts Besonderes, kein Teil oder Partikel, sondern das
Universum selbst mit allen Teilen ist.

Sokrates und seine Schule wandelten den aparten Weg der Vernunft, um
das Allerhöchste, das Wahre, Gute, Schöne, wie sie es nannten, zu
suchen. Die platonischen Dialoge wissen es überaus prächtig ins Licht
zu setzen, daß nicht Gesundheit, nicht Reichtum, nicht Tapferkeit noch
Frömmigkeit »der Güter Höchstes«, sondern wie es bei allen Dingen
nur auf die Einsicht, nur auf den Gebrauch ankomme, den der Mensch
davon macht. Je nachdem sind sie bald gut, bald schlecht, es sind nur
relative Güter. Liebe und Treue, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind
wohl gut, aber nicht das Gute; sie haben nur »teil daran«. Man sucht
nach dem, was unter allen Umständen absolut gut, wahr und schön ist.

So finden denn die Sokratiker heraus, daß nur die Einsicht oder +der
Intellekt+ die Umstände ermitteln könne, die zum Absoluten führen.

Aus der alten Philosophie ist endlich nach mehr als
zweitausendjähriger Vermittlung durch Zwischenglieder die heutige
demokratisch-proletarische Logik entstanden, welche erkennt, daß
die Vernunft ein Instrument ist, das zum Allerhöchsten führt, unter
der Bedingung, daß sie nicht grübelt, sondern aus sich herausgeht
und mit +aller Welt+ sich verbindet. Solche Verbindung ist eben das
Allerhöchste, die unvergängliche, ewige Wahrheit, Güte, Schönheit und
Vernunft. Alle anderen Dinge haben, platonisch zu reden, »nur teil
daran«.

Wenn auch vielfach noch mit phantastischem Anhängsel behaftet, waren
die Sokratiker doch auf dem besten Wege zur wahren Logik, indem weder
Gesundheit noch Reichtum, noch irgendein anderes Gut oder Tugend ihnen
genügte, da sie nicht die wahren Erscheinungen, sondern die Wahrheit
selbst zu kennen begehrten. Sie, die Wahrheit, ist das Universum, und
muß der Mensch sie als solche, als die alleinige kennen, um seine
Vernunft vernünftig gebrauchen zu können, vernünftig im höchsten,
klassischen Sinne des Wortes.

Plato und Aristoteles haben ganz vorzüglich daran gearbeitet. Auch
die neueren Philosophen, Cartesius, Spinoza, Kant. Haupthindernis
für alle war das hartnäckige Vorurteil, daß der Mensch die Vernunft
im Kopfe habe. Wenn er auch dergleichen hat, dann ist es doch nicht
die vernünftige Vernunft. Der im Hirnkasten eingeschlossene Intellekt
hat nicht, wie die Alten wähnen, die Weisheit bei sich; letztere kann
deshalb auch nicht durch Grübeln geschöpft werden.

Du wirst den Ausdruck »grübeln« nicht mißverstehen. Ich bin kein Gegner
sinnigen Nachdenkens, sondern will nur aufmerksam machen, wie man auf
den verkehrten Weg geraten ist, das Denken vom Sehen, Hören, Fühlen,
den Geist vom Körper zu trennen. Wie die Christen das Heil außer dem
Fleische, so suchten die Philosophen die Vernunft oder Erkenntnis außer
dem Zusammenhang mit der anderweitigen Welt, außerhalb der Erfahrung.
Besonders die Forschung nach der Beschaffenheit des Intellekts glaubte
in sich kriechen zu müssen.

Dabei ist zu erwägen, daß die Sokratiker, welche das Absolute unter dem
Namen des Guten suchten, insofern beschränkt waren, als sie dasselbe
nur von der moralischen, spezifisch menschlichen Seite erfaßten
und nicht zuletzt auch von der +kosmischen+. Wie Gesundheit und
Reichtum zusammengehören, und auch das noch viel zu wenig ist für das
Menschenheil, wie dazu alle sozialen und politischen Tugenden erfordert
sind, so steckt das Gute noch nicht im Zusammenhang aller Menschen,
sondern geht darüber hinaus und hängt mit +aller Welt+ zusammen. Ohne
letztere ist der Mensch nichtig. Er hat keine Augen ohne Licht, keine
Ohren ohne Geräppel, keine Moral ohne Physik. Der Mensch ist nicht so
sehr das Maß aller Dinge, als vielmehr sein mehr oder minder großer
und intimer Zusammenhang mit allen Dingen das Maß aller Menschlichkeit
ist. Nicht die beschränkte Moralität, sondern das Universum, das
Allerhöchste, ist das Gute im allerhöchsten Sinne des Wortes, ist das
absolute Gut, Recht, Wahrheit und Vernunft.

Die absolute Ein-Natur alles Daseins ist die unbedingte Grundlage einer
verständigen Vernunftanwendung.

Unsere Volkslogik ist tolerant und nicht fanatisch. Die Volkslogik
will nicht vernünftig sein ohne Leidenschaft, aber auch nicht
leidenschaftlich ohne Vernunft. Sie hebt nicht den Unterschied auf
zwischen Freund und Feind, zwischen Wahrheit und Lug, zwischen
Verstand und Unverstand, sondern beschwichtigt den Fanatismus, der das
Unterscheiden übertreibt. Sie stellt den Lehrsatz an ihre Spitze: Es
gibt nur +ein+ Absolutes, das Welt+all+.

Halte wohl fest, daß der Begriff eines Weltalls, das irgend etwas
außer oder neben sich hat, womöglich ein noch verrückterer Begriff
ist wie ein hölzernes Eisen. Daran erkennst Du zugleich, wie alle
Verschiedenheit eine gemeinschaftliche Natur hat, welche nicht zuläßt,
daß der Unterschied zwischen zwei Dingen oder Meinungen überschwenglich
groß sei. Weil das Universum das einzige höchste Wesen ist, darum sind
alle Unterschiede, auch alle Meinungsunterschiede höchst unwesentlich.

Und nun kommt die Moral von der Geschichte. Die Menschenvernunft, das
Spezialobjekt der logischen Forschung, partizipiert am Generalwesen;
sie ist kein Wesen für sich; als isoliertes Wesen ist sie durchaus
nichtig und unvermögend, irgendeine Erkenntnis zu produzieren. Nur
im Zusammenhang, nicht nur mit dem materiellen Gehirn, sondern mit
dem Universum überhaupt ist der Intellekt lebens- und arbeitsfähig.
Nicht das Gehirn denkt, sondern der ganze Mensch gehört dazu; und
nicht nur der Mensch, sondern der Universalzusammenhang ist zum Denken
erfordert. Die Vernunft offenbart keine Wahrheit. Die Wahrheiten,
welche sich uns +mittels+ der Vernunft offenbaren, sind Offenbarungen
des Generalwesens, des Absoluten.

Sokrates zeigt, daß er nur noch einen beschränkten, einen
anthropomorphistischen und keinen kosmischen Begriff vom »Besten und
Guten« und von der Vernunft hat. Er war von dem Vorurteil beherrscht,
von dem die unkultivierten Gottgläubigen noch immer beherrscht
sind, daß die Vernunft älter sei als die übrige Welt, daß sie der
herrschende und vorausgegangene Planmacher sei. +Unsere+ Vernunftlehre
dagegen kennt den Geist, den wir im Kopfe haben, nur als Ausfluß des
Weltgeistes. Letzteren jedoch darfst Du nicht als nebulöses Ungetüm,
nicht als Monstergeist, sondern als das leibliche Universum erkennen,
welches trotz allem Wechsel und aller Variation ewig eins, wahr, gut,
vernünftig, das Allerwirklichste und Allerhöchste ist.

Nachdem das glänzende Dreigestirn Sokrates -- Plato -- Aristoteles
erloschen, hüllte sich der philosophische Himmel in dunkle Wolken. Die
Heiden traten von der Bühne ab, und das Christentum und die Dogmen
seiner Kirche beherrschten die Logik der Menschen, bis endlich am
Anfang der neueren Zeit hin und wieder ein wissenschaftliches Lichtlein
aufgeht. Namentlich sind es +Cartesius+ und +Spinoza+, die unter den
ersten leuchtend auftreten, die ihren Geist natürlich nur schwer und
relativ zu emanzipieren vermögen. Spinoza ist in seinem Kampfe wider
den beschränkten und für den universellen Geist besonders interessant.

Das wahre, höchste und beständige Gut entdeckt Spinoza in der
»Erkenntnis der Einheit«, in der die Seele sich mit der ganzen Natur
befindet. »Dies ist also«, sagt er weiter, »das Ziel, nach dem ich
strebe ...«

»Zu diesem Zwecke hat man sich der Moral, Philosophie und der Lehre
von der Erziehung der Knaben zu befleißigen und damit die ganze
Arzneiwissenschaft zu verbinden, weil die Gesundheit wesentlich zur
Erreichung dieses Zieles beiträgt. Auch die Mechanik darf nicht
übergangen werden, weil vieles Schwere durch die Kunst leicht gemacht
wird. +Vor allem aber ist ein Weg zur Verbesserung des Verstandes
aufzusuchen.+«

Da sind wir denn wiederum beim Angelpunkt unseres Themas angekommen.
Wer, was ist der Intellekt, wo kommt er her, wo führt er hin? Antwort:
Er ist ein Licht, das nicht in sich hinein, sondern aus sich heraus
die ganze Welt beleuchtet. Darum ist die Wissenschaft, welche das
Denkvermögen zum Gegenstand hat, wenn auch eine beschränkte, dennoch
eine universelle Disziplin oder universelle Weltweisheit.

Wenn +Sokrates+ nach der Tugend und nach dem »Besten« und Spinoza
nach steter und höchster Heiterkeit sucht, und solche Weisheit nur
auf den engeren Kreis menschlichen Getriebes ausgeht, sich also zur
kosmischen Welt noch nicht so recht erhoben hat, so laß Dich das nicht
beirren. Das Mittel und das Instrument, mit dem sie zum Zwecke streben,
ist der Intellekt. Es liegt nahe, daß die intellektuelle Forschung
zur Erforschung des Intellekts führen mußte, zur »Verbesserung des
Verstandes«, zur »Kritik der Vernunft«, zur »Logik« und so schließlich
zu der Erkenntnis, daß das Denkvermögen ein unabtrennbarer Teil des
monistischen Weltalls, des Absoluten ist, welches letztere allem Denken
Halt, Sinn und Verstand gibt.

       *       *       *       *       *

Über die aus fünfzehn Briefen bestehende (1883 bis 1884 verfaßte)
zweite Serie der »Logischen Briefe« ist an dieser Stelle nur zu sagen,
daß sie eine Kritik von Henry Georges »Fortschritt und Armut« ist,
des in der ersten Hälfte der achtziger Jahre von den Gebildeten aller
Nationen am meisten gelesenen populär-nationalökonomischen Buches, das
noch heute die Bibel der Singletax-Ideologen genannt werden darf, das
heißt der politischen Theoretiker, die den Schäden des Kapitalismus
durch eine »einzige Steuer« (auf den Bodenwert) beizukommen wähnen.
Dietzgen schrieb diese Kritik des Henry George, um seinem Sohne,
und den späteren Lesern, Einblick in die politische Ökonomie zu
verschaffen, ihn hierbei in die Marxsche Theorie einzuführen und
gleichzeitig »die veritable Logik zu demonstrieren«.

Der erste Teil meiner Briefe, sagt er, erläuterte die Logik am
menschlichen Geiste; der zweite Teil soll sie an der menschlichen
Arbeit erläutern. Der Geist oder die Denktätigkeit ist das allgemeine
Gebiet, welches nicht nur mit allem, was menschlich, sondern mit dem
Universum zusammenhängt. Das Objekt dieses zweiten Teiles, die Arbeit,
ist nicht minder universell und in ihrem kosmischen Zusammenhang ein
vorzügliches Erläuterungsmittel unserer Spezialität, der Kopfarbeit.

Weiter bemerkt er: Die Quintessenz aller Denkkunst ist der
Einheitsbegriff, der Begriff, wie es barer Unsinn ist, sich mit der
Meinung zu tragen, daß es zwei unterschiedene Dinge geben könne, die
nicht zugleich gemeinschaftlicher Natur seien. Diesen Begriff von
der Einheit aller Differenz hat Henry George nicht erfaßt. Er bringt
deshalb Differenzen in die politische Ökonomie, die der Auflösung
bedürfen. Ich stelle mir also die Aufgabe, nachzuweisen, daß nicht im
ökonomischen Sachverhalt, sondern in der Anschauung des Autors von
»Fortschritt und Armut« Widersprüche oder Differenzen enthalten sind,
die mit Hilfe besserer Logik leicht zu ordnen.

Die Ökonomie handelt von der Erzeugung und Verteilung des Reichtums.
Der wesentlichste Produzent oder Hauptfaktor desselben ist die
menschliche Arbeit. Daß diese Arbeit nicht in der Luft hängt, sondern
mit zwei Beinen auf der Erde steht, daß sie nicht arbeiten kann ohne
Gegenstände, Materialien, Mittel und Werkzeuge, ist selbstverständlich.
Wenn jemand lehrt, die Arbeit ist der Schöpfer des Reichtums, und es
kommt ein anderer mit: »Nein! Die Arbeit kann nichts schaffen, wenn
nicht die Natur und ihre Reichtümer schon vorhanden sind«, so ist klar,
wie dieser andere nur behauptet, was niemand bestreitet.

Nachdem wir ein für allemal wissen, daß es in der Welt nichts
Besonderes gibt, welches absolut ist, wenn wir wissen, wie das Absolute
ein Name für das All oder Universum ist, welches gleich dem lieben Gott
keinen neben sich hat, dann wissen wir auch, daß die Arbeit nur relativ
»schaffen«, nur in Verbindung mit den Materialien der Natur und den
Errungenschaften der Geschichte Reichtümer zeugen kann.

Es ist dies der Kernpunkt, weshalb ich mit dem Verfasser von
»Fortschritt und Armut« hadere. Dieser ist Gegner des Satzes: Arbeit
allein schafft Reichtümer. Er behauptet, die Natur, die den sauren Wein
mit der Zeit süß und aus dem Kalb eine Kuh macht (3. Kapitel, 3. Buch),
arbeite mit. Das bestreiten wir nicht; wir widerstreiten nur, daß
Kapitalien, die von Natur aus »mitarbeiten«, deshalb auch von Natur aus
berufen sind, an den Früchten der Arbeit zu partizipieren. Der Streit
um die Erzeugung der Reichtümer ist in der Tat nur ein Streit um ihre
Verteilung.

Der bisherige Fortschritt in der Kunst, Reichtümer zu zeugen, ist
zugleich ein Fortschritt in der Armut der arbeitenden Klasse. Das
Büchlein zeigt dies so deutlich und mannigfaltig, daß darüber kein
Wort weiter zu verlieren ist. Wenn auch der Arbeiter des neunzehnten
Jahrhunderts ebenso gut und wenn er auch besser genährt ist als der des
achtzehnten, siebzehnten und sechzehnten, so ist doch evidentermaßen
sein Anteil am Arbeitsertrag viel kleiner. Es handelt sich darum,
diesem Widerspruch zu steuern. Henry George ist ein Parteigänger der
irischen Landliga, welche sich mit der Hoffnung trägt, die Verwandlung
des Grund und Bodens in Gemeineigentum würde die »soziale Frage« lösen.

Die ebenso lehrreiche wie interessante Polemik Dietzgens gegen
George im einzelnen gehört aber, da sie keine theoretische, sondern
angewandte Logik ist, nicht in den Rahmen dieses Buches. Wer durch
die vorliegende Darstellung der Lehre und Weltanschauung Josef
Dietzgens sich angeregt fühlt, der »Logischen Briefe« ersten Teil in
der Gesamtausgabe zu lesen, wird sicherlich auch dem zweiten Teil
sein Interesse zuwenden, selbst wenn er noch jenseits des Marxschen
Sozialismus seinen Standpunkt hat. Denn auch bei Behandlung von Fragen
der politischen Ökonomie bekundet unser Autor seine Originalität und
zeigt uns Gesichtspunkte wie kein anderer marxistischer Sozialist, Karl
Marx selbst eingeschlossen, von dem Dietzgen seine Ökonomie fertig
übernommen zu haben mehrfach freudig bekennt.

Hier ein Beispiel. Dietzgen sagt im dritten Brief der zweiten Serie:

Bekanntlich wird von der Naturwissenschaft alles auf Bewegung
reduziert. Licht, Töne, Wärme, Stoff und Kraft, alles ist Bewegung.
So berechtigt sie dazu ist, so berechtigt ist die Ökonomie, alles
als Arbeit zu fassen. Alles ist Bewegung, alles ist Arbeit. Auch ist
alles Natur. Alles ist das All oder Universum, wovon jeder Teil
universell ist, jeder Teil die Generalnatur des Ganzen und das Ganze
die Generalnatur eines jeden Teiles hat. Der Begriff des Universums ist
der Kardinalbegriff der Logik. Es, das Universum, ist der Inbegriff
aller Dinge. Das Unterabteilen oder Unterscheiden der universellen
Einheit ist der logische Springpunkt. Er lehrt: Du sollst keinen
Unterschied übergroß machen, Du sollst keinen überschwenglichen,
keinen metaphysischen Unterschied glauben. Alles ist unterschieden,
aber nur so mäßig, daß die Natur von allem in allem enthalten, daß,
burschikos ausgedrückt, alles ein einziger Schwamm ist, im Verstand
auch Unverstand und im Unverstand immer noch Verstand steckt.

Also in solchem Sinne ist die ganze Welt eine Arbeit und die
menschliche nur ein spezieller Teil der universalen. Es wäre logische
Beschränktheit, das Objekt der Ökonomie nicht bis »in die Puppen«
generalisieren zu wollen; es wäre konfus, bei solcher Generalisation
es bewenden zu lassen und nicht zur Unterabteilung, nicht zur
Spezifikation fortzuschreiten. Die menschliche Arbeit ist eine
Unterabteilung, die wieder untergeteilt ist in urwüchsig kommunistische
Arbeit, Sklavenarbeit, Fronarbeit und Lohnarbeit. Letztere ist
derjenige partikuläre Teil, der uns speziell interessiert, den ich, der
Logik wegen, Dir im Zusammenhang mit dem Universum zeige.

Die Arbeit der Konkurrenzgesellschaft teilt sich -- in freie Arbeit,
die sich selbst lohnt und meist von Nichtstuern geleistet wird, und in
-- »freie Arbeit« (mit Gänsefüßchen), die sich nicht lohnt, sondern
gelohnt wird und Lohnarbeit heißt.

Daß so von der Arbeit, die sich selbst lohnt, gesagt wird, sie
sei verrichtet von Nichtstuern,[13] klingt paradox und ist doch
verständlich, wenn Du aufmerkst, wie vom Ertrag der nationalen Arbeit
die effektiven Arbeiter für den Kopf einen erbärmlichen und die
Industrieritter einen solch riesigen Anteil davontragen.

Zunächst jedoch laß uns absehen von den Unterabteilungen der
Konkurrenzarbeit und im Auge behalten, daß sie mit aller menschlichen
Arbeit und mit der Natur zusammenhängt, davon Teil oder Abteilung
ist. Es ist das besonders um deswegen hervorzuheben, weil ökonomische
Konfusionsräte, wenn später vom Werte die Rede ist, diesen natürlichen
Zusammenhang als Mittel brauchen, um unsere Werttheorie konfus zu
machen, welche namentlich von Marx in glänzender Weise klargelegt wurde.

Arbeit schafft Produkte. Naturarbeit schafft wildwachsende Bäume,
Gräser, Sonnenstrahlen und andere kostenlose Dinge, während
Menschenarbeit -- natürlich mit Hilfe der Natur -- kostenreiche
Produkte schafft. So gibt es denn keine reinen menschlichen
Arbeitsprodukte, sondern all unsere Arbeit muß sich mit dem
Naturmaterial gleichsam chemisch verbinden. Derart gewinnt die
menschliche Arbeit materielle Form und läßt sich aufspeichern.
Aufgespeicherte Arbeit nimmt in der Ökonomie einen hohen Rang ein,
besonders weil sie als Mittel dient, die lebendige Arbeit immer
ergiebiger zu machen.

Die Einteilung der menschlichen Arbeit in gegenwärtige, lebendige
und in vergangene, tote, aufgespeicherte Arbeit ist eine logische
Operation, die zur ökonomischen Erhellung dient. Die tote Arbeit liegt
nicht nur in materiellen Stücken umher, sondern hat auch geistige
Formen. Die Errungenschaft an größerer Einsicht in den Naturprozeß,
die verbesserten Arbeitsmethoden usw. usw. sind alle aufgespeicherte
Arbeit. Du darfst nicht glauben, daß zwischen geistiger und
körperlicher Arbeit kein Unterschied sei, aber auch nicht glauben,
derselbe sei so exakt, daß man irgendein materielles Stück Arbeit
haben könne, das nicht mit dem Geiste verquickt, oder irgendeine
intellektuelle Einsicht, die nicht stofflich geworden. Nicht nur Papier
und Druckerschwärze, auch alle Instruktionen, welche der Meister dem
Lehrling mündlich erteilt, sind aufgespeicherte Arbeiten unserer
Vorfahren.

Meine Logik, die in der ersten Serie den Zusammenhang von Geist
und Bein behandelte, handelt in diesem zweiten Teile vom geistigen
und körperlichen und anderweitigen Arbeitszusammenhang, den sie in
Gattungen und Arten, in Abteilungen und Unterabteilungen trennt und
teilt, um das Ganze als ein Ungeteiltes darzustellen.



IX.

Erkenntnistheoretische Streifzüge.


Die »Streifzüge eines Sozialisten in das Gebiet der Erkenntnistheorie«
(Chicago 1886) erschienen zuerst in der »Sozialdemokratischen
Bibliothek« (Hottingen-Zürich 1887). Genaue Kenntnis des »Wesens der
menschlichen Kopfarbeit« und der »Logischen Briefe« erster Teil ist
unbedingtes Erfordernis zu leichtem Verständnis und vollem Genuß dieser
Schrift.

Der erste Abschnitt behandelt die Frage, ob wir +alles+ erkennen
können? Der Autor wählt als Überschrift dieses Abschnitts den
»oft zitierten Dichterspruch«: »Ins Innere der Natur dringt kein
erschaffener Geist.«

Vollständig lautet das Zitat:

    »Ins Innere der Natur -- Dringt kein erschaffener Geist.«
    »Glücklich, wem sie nur -- Die äußere Schale weist.«

Es stammt von dem im Jahre 1777 verstorbenen Dichter (und Botaniker,
Zoologen, Anatomen) Albrecht v. Haller.

Goethe hat (in »Gott und Welt«) sehr ergrimmt folgendes darauf erwidert:


+Allerdings.+

Der Physiker.

    »+Ins Innere der Natur+ --
    O du Philister! --
    +Dringt kein erschaffener Geist+.«
    Mich und Geschwister
    Mögt ihr an solches Wort
    Nur nicht erinnern;
    Wir denken: Ort für Ort
    Sind wir im Innern.
    »+Glücklich, wem sie nur
    Die äußere Schale weist+.«
    Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen,
    Ich fluche drauf, aber verstohlen;
    Sagt mir tausend, tausend Male:
    Alles gibt sie reichlich gern;
    Natur hat weder Kern
    Noch Schale;
    Alles ist sie mit +einem+ Male.
    Dich prüfe du nur allermeist,
    Ob du Kern oder Schale seist.

Auch das nächstfolgende Gedicht Goethes »Ultimatum« bezieht sich
hierauf.

Ich weiß nicht, ob Dietzgen durch Goethes Polemik gegen Haller angeregt
wurde, an des letzteren Ausspruch anzuknüpfen; im übrigen ist es völlig
gleichgültig, da unseres Autors Anschauungen über die pantheistischen
des Altmeisters weit hinausgehen.

Mit dem angeblich von einem höheren Geist »erschaffenen Geist« des
Menschen, dem geistigen Organ, das dem Menschen von Natur im Kopfe
angewachsen ist, hat es Dietzgen hier zunächst zu tun, und sodann mit
dem Thema des Eindringens unseres Intellekts ins Innere der Natur.
Unser Autor sagt:

Wie die Fetischdiener die gemeinsten Dinge, Steine und Hölzer,
verhimmeln, so ist auch der »erschaffene Geist« verhimmelt und
mystifiziert worden; zuerst religiös und danach philosophisch. Was die
Religion Glaube und übernatürliche Welt, das nannte die Philosophie
+Metaphysik+. Bevor die Philosophie in das Innere des erschaffenen
Geistes eindringen konnte, mußte ihr von der Naturwissenschaft durch
praktische Betätigung erwiesen werden, wie das geistige Instrument des
Menschen die bezweifelte Fähigkeit wohl besitzt, das Innere der Natur
erhellen zu können.

Auch die unbekannteste Welt und die geheimnisvollsten Dinge gehören
mit allen bekannten Gegenden und Gegenständen in eine und dieselbe
Kategorie, nämlich in den universellen Naturverband. Der »erschaffene
Geist« macht keine Ausnahme von diesem wissenschaftlichen Gesetz.

Der alte religiöse Vorstellungskreis ist der Erkenntnis hinderlich,
daß die Natur nicht nur eine nominelle, sondern eine wahrhaftige Monas
ist, welche +nichts+ anderes, auch keinen +unerschaffenen Geist+, weder
über sich, noch in sich, noch neben sich hat. Der Glaube an einen
unerschaffenen, monströsen, religiösen Geist hindert die Erkenntnis,
daß der Menschengeist von der Natur selber geschaffen und erzeugt
wurde, also deren eigenes Kind ist, demgegenüber sie keine besondere
Sprödigkeit kennt.

Dennoch ist die Natur spröde; sie erschließt sich nie auf einmal
und nie ganz und gar. Sie kann sich nicht +ganz+ hingeben, weil sie
+unerschöpflich+ ist an Gaben. Dennoch ist der »erschaffene Geist«,
dies Kind der Natur, eine Lampe, welche nicht nur das Äußere, sondern
auch das Innere der Natur erhellt. Inneres und Äußeres sind +gegenüber
dem physisch unendlichen und unerschöpflichen einzigen Naturwesen+
verzopfte Begriffe. Ebenso ist der »erschaffene Geist« ein verzopfter
Begriff, insofern derselbe auf einen unerschaffenen großen, monströsen,
metaphysischen Geist hinweisen soll, der seinen Sitz über den Wolken
hat.

»Der große Geist« der Religion ist die Ursache von der Verkleinerung
des Menschengeistes, welcher sich der Dichter schuldig macht,
der letzterem die Fähigkeit abspricht, in das »Innere der Natur«
einzudringen. Und zugleich ist doch der unerschaffene, monströse Geist
nur ein +phantastisches Abbild+ des »erschaffenen« physischen Geistes.

Die Erkenntnistheorie in ihrer entwickeltsten Gestalt vermag diesen
Satz gründlichst zu beweisen. Sie zeigt uns, daß der »erschaffene
Geist« seine sämtlichen Vorstellungen, Gedanken und Begriffe der
einen monistischen Welt entlehnt, welche die Naturwissenschaft
»physische« Welt nennt. Die gute Mutter Natur hat ihm etwas von ihrer
Unerschöpflichkeit angeerbt. Er ist so unbeschränkt und unerschöpflich
an Erkenntnissen, wie sie unbeschränkt ist in der Willfährigkeit, ihre
Brust zu öffnen. Beschränkt ist das Kind nur durch den unbeschränkten
Reichtum der Mutterliebe: es kann die Unerschöpfliche nicht erschöpfen.

Der »erschaffene Geist« dringt mit seiner Wissenschaft bis in das
Allerinnerste der Natur, aber darüber hinaus kann er nicht dringen,
nicht weil er ein beschränkter Geist ist, sondern weil die Mutter eine
unendliche Natur, eine natürliche Unendlichkeit ist, die nichts außer
sich hat.

Die wunderbare Mutter hat ihrem natürlichen Kinde das +Bewußtsein+
angeerbt. -- Der erschaffene Geist kommt mit der Anlage zur Welt, sich
bewußt zu werden, daß er das Kind seiner guten Mutter Natur ist, welche
ihm die Fähigkeit anerschaffen, sich von allen anderen Kindern seiner
Mutter, von allen seinen Geschwistern treffliche Bilder zu entwerfen.

Die von der philosophischen Wissenschaft im Laufe der Jahrhunderte
zusammengetragenen Kenntnisse vom »erschaffenen Geiste« gipfeln in
der Lehre, daß dieser Geist eine Kraft, eine Naturkraft ist, wie die
Schwerkraft, wie Wärme, Licht, Elektrizität usw.; und dann auch neben
seiner allgemeinen Natur, ganz wie die anderen Kräfte, ein spezielles
Naturell besitzt, welches ihn allein auszeichnet und kennbar macht.
Prüfen wir diese Spezialnatur des »erschaffenen Geistes« näher, so
findet sich, daß ihm die, wenn man will »wunderbare« Eigenschaft
angeboren ist, ohne weiteres und mit zweifellosester Sicherheit zu
wissen, daß zwei Berge nicht ohne Tal sind, der Teil kleiner ist als
das Ganze, Kreise nicht viereckig und Bären keine Elefanten sind.

Solche Wissenschaft ist uns durch die objektive Untersuchung des
»erschaffenen Geistes« gegeben.

Der überschwengliche Geist ist ein phantastischer Begriff.

Ebenso phantastisch ist denn auch der Naturbegriff derjenigen, welche
von einer Natur reden wollen, die dem »erschaffenen Geist« ihr Inneres
verschließt. Die Natur ist das Unendliche. Wer das begreift, begreift
auch, wie man bei ihr nicht vom Inneren oder Äußeren reden kann. Alle
diese Bezeichnungen gelten nicht von der Natur überhaupt, welche das
Absolute ist, sondern nur von ihren Teilen, von ihren Produkten, ihren
Kindern, den einzelnen Dingen.

Wollen wir uns ein rechtes Bild machen von der Natur und ihrem
»erschaffenen Geiste«, so müssen wir dem letzteren vor allem
das Bewußtsein beibringen, daß er sich nicht über seine Mutter
erheben darf, wie er damals getan, als er noch von einem über- und
außernatürlichen Geist gefabelt. Ein rechter Begriff vom Menschengeist
ist nur zu gewinnen, wenn wir uns das klare und deutliche Bewußtsein
von der +Universalität+ der Natur aneignen. Unser Geist ist ihr eigenes
Produkt. Sie hat ihm die Gabe und die Bestimmung angeerbt, sich
Einsicht von ihr und allen ihren Erscheinungen zu verschaffen. -- »Von
allen«, sage ich und spreche im verständig-mäßigen Sinne des Wortes,
ohne zu verkennen, wie unerschöpflich die Natur in der Produktion ihrer
Erscheinungen ist, und wie der »erschaffene Geist«, sofern er ein Stück
der Natur, trotz all seiner Universalität im Begreifen, doch nur ein
beschränktes Naturgeschöpf sein kann.

Wer sich die Resultate der Naturwissenschaft betrachtet, kann die Natur
keiner mysteriösen Verschlossenheit beschuldigen, und wer dabei die
Resultate der Philosophie in Betracht zieht, kann nicht verkennen, daß
der Menschengeist berufen ist, alle möglichen Rätsel zu lösen. Das
Unmögliche aber hat weder Sinn noch Verstand und darf also kein Objekt
unserer Betrachtung und Beachtung sein.

So innig wie das Gesichtsvermögen mit Licht und Farbe, oder das
subjektive Tastvermögen mit der objektiven Tastbarkeit, so innig
hängt der »erschaffene Geist« mit dem Rätsel der Natur zusammen.
Diesen Zusammenhang der Dinge übersehen zu haben, ist der Fehler jener
rückständigen Erkenntnistheoretiker, welche derart über Geist und Natur
im unklaren schweben, daß sie Rettung jenseits der Wolken suchen.

Die überschwengliche Verkleinerung des Geistes, dem man abspricht, das
Innere der Natur erhellen zu können, und ebenso die überschwengliche
Mystifizierung der Natur, deren Inneres unbegreiflich sein soll --
beide entspringen einer Denkweise, welche naturwüchsig jahrtausendelang
den Menschen beherrscht hat, während die philosophische Bemühung
es endlich dahin gebracht, daß nunmehr umgekehrt der Mensch seine
Denkweise beherrscht, wenigstens so weit, daß er mehr regel- und
kunstgerecht die ihm aufgegebenen Rätsel zu lösen weiß.

Es ist ein Gesetz der natürlichen Logik und der logischen Natur, daß
jedes Ding in seiner Gattung bleiben muß, daß sich die Gattungen und
ihre Arten zwar verändern können, aber nicht so übermäßig, daß sie aus
der Generalgattung, aus der natürlichen, herauswachsen. Es kann deshalb
keinen Geist geben, der so tief in das Innere dringt, daß er die Natur
zusammenklappen und gleichsam in die Tasche stecken könnte.

Im zweiten Abschnitt »Die absolute Wahrheit und ihre natürlichen
Erscheinungen« schildert Dietzgen, wie er durch das Studium von
Feuerbach und Marx' ersten Schriften in seinem Streben unterstützt
wurde, einen Maßstab zur Beurteilung dessen, was wahr und recht ist, zu
erlangen.

Zur näheren Erkenntnis der Natur der absoluten Wahrheit ist vor allem
dem eingewurzelten Vorurteil entgegenzutreten, als sei dieselbe
geistiger Natur. Nein: die absolute Wahrheit läßt sich sehen, hören,
riechen, fühlen, allerdings +auch erkennen; aber sie geht nicht auf in
Erkenntnis+; sie ist kein purer Geist. Die absolute Wahrheit hat keine
+besondere+ Natur, vielmehr die Natur des Allgemeinen; die allgemeine
natürliche Natur und die absolute Wahrheit sind identisch. Es gibt
keine zwei Naturen, eine körperliche und eine geistige; es gibt nur
eine Natur, worin alle Körper und alle Geister enthalten sind.

Das Universum ist identisch mit der Natur, mit dem Weltall und der
absoluten Wahrheit.

Was wir +erkennen+, sind Wahrheiten, relative Wahrheiten oder
Naturerscheinungen. Die Natur selbst, die absolute Wahrheit, läßt sich
nicht erkennen, nicht direkt, sondern nur +mittels+ ihrer Erscheinungen.

Da die menschliche Erkenntnis nicht das Absolute ist, sondern nur
ein Künstler, der sich von der Wahrheit Bilder macht, wahre, echte,
rechte und treffende Bilder, so ist doch selbstredend, daß das Bild
den Gegenstand nicht erschöpft und der Maler hinter seinem Modell
zurückbleibt. Es ist niemals etwas Geistloseres von der Wahrheit noch
von der Erkenntnis gesagt worden, als das, was die gebräuchliche Logik
seit Jahrtausenden davon sagt: Wahrheit sei die Übereinstimmung unserer
Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Wie kann das Bild mit seinem Modell
»übereinstimmen«? -- Annähernd, ja. Welches Bild stimmt nicht annähernd
mit seinem Gegenstand? Mehr oder minder treffend ist doch jedes
Porträt. Aber ganz getroffen und ganz trefflich -- abnormer Gedanke!

Also nur relativ können wir die Natur und ihre Teile erkennen; denn
auch jeder Teil, obgleich nur eine Relation der Natur, hat doch auch
wieder die Natur des Absoluten, die mit der Erkenntnis nicht zu
erschöpfende Natur des Naturganzen an sich.

Die wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht nach absoluter Wahrheit
begehren, weil letztere, die absolute Wahrheit, ohne weiteres sowohl
sinnlich als geistig +gegeben+ ist. Was wir zu erkennen verlangen,
sind die Erscheinungen, die Besonderheiten der allgemein gegebenen
Wahrheit. Sie gibt sich uns in ihren Spezialitäten willfährig.
Was unsere Erkenntnis zu besorgen hat, sind treffliche Bilder,
Erkenntnisbilder. Dabei handelt es sich nur um relative Trefflichkeit
oder Vollständigkeit. Mehr darf der Menschenverstand nicht wollen.
Ein Verlangen nach einer anderen absoluten Wahrheit ist eine von der
Geschichte der menschlichen Erkenntnis überwundene Schwärmerei; während
die Bescheidenheit, die sich mit Erkenntnis relativer Wahrheiten
begnügt, vernünftige Bildung genannt wird.

Die Philosophie hat wie die Religion in dem Glauben an eine
überschwengliche absolute Wahrheit gelebt. Die Auflösung des Problems
liegt in der Erkenntnis, daß die absolute nichts weiter als die
generalisierte Wahrheit ist, daß dieselbe nicht im Geiste wohnt, dort
wenigstens nicht mehr zu Haus ist als anderswo, sondern im +Objekt+ des
Geistes, welches wir mit dem Generalnamen »Universum« bezeichnen.

Wie unser Auge alles sehen kann, wenn auch mit Hilfe von Gläsern, und
doch nicht alles, denn es kann weder Töne noch Gerüche, überhaupt
nichts Unsichtbares sehen, so kann unser Erkenntnisvermögen alles
erkennen und doch nicht alles. Das Unerkennbare kann es nicht erkennen.
Das ist aber auch überschwenglich oder ein überschwengliches Begehren.

Wenn wir erkennen, daß die absolute Wahrheit, woran Religion und
Philosophie im Überschwenglichen oder Transzendenten gesucht haben,
realiter als leibliches Universum vorhanden ist, und der Menschengeist
nur ein leiblicher oder realer oder wirklicher und wirkender Teil
der Generalwahrheit ist, der den Beruf hat, andere Teile der
Generalwahrheit wahrhaft abzubilden, so ist damit das Problem des
Beschränkten und des Unbeschränkten vollkommen gelöst. Absolutes und
Relatives ist nicht überschwenglich getrennt, beides hängt zusammen, so
daß das Unbeschränkte aus unendlichen Beschränktheiten zusammengesetzt
ist und jede beschränkte Erscheinung die Natur des Unendlichen an sich
hat.

Der dritte Abschnitt »Materialismus kontra Materialismus« zeigt den
Unterschied des sozialdemokratischen oder dialektischen Materialismus
vom metaphysischen, speziell französischen des achtzehnten Jahrhunderts
und den Gegensatz dieser beiden Richtungen zum metaphysischen deutschen
Idealismus von Kant, Fichte, Schelling, Hegel.

Der Idealismus leitet die Körperwelt aus dem Geiste ab, nach dem
Vorgang der Religion, wo der große Geist über den Wassern schwebt und
nur zu sagen hat »es werde!«, auf daß es ward. Solche idealistische
Ableitung ist metaphysisch. Jedoch waren die letzten berühmten
Ausläufer des deutschen Idealismus sehr abgeschwächte Metaphysiker.
Von dem außerweltlichen übernatürlichen, himmlischen Geiste hatten
sie sich ziemlich emanzipiert, aber nicht von der Schwärmerei für den
diesseitigen natürlichen Geist. Sie mühen sich unendlich ab, über das
Verhältnis zwischen unseren geistigen Vorstellungen und den materiellen
Dingen, welche vorgestellt, begriffen und gedacht werden, ins klare zu
kommen.

Die metaphysischen Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts und
ihre heutigen Nachzügler unterschätzen den Menschengeist und die
Forschung nach seiner Beschaffenheit und seiner rechten Anwendung
ebensosehr, als die Idealisten diese Dinge überschwenglich hochstellen.
Sie, die Materialisten, erklären zum Beispiel die Naturkräfte als
+Eigenschaften+ des tastbaren Stoffes und speziell die geistige Kraft,
die Gedankenkraft, als eine Eigenschaft des Hirns. Die Materie oder
das Materielle, das heißt das Wägbare und Tastbare, ist in ihren
Augen die Hauptsache der Welt, das Primäre oder die Substanz, und die
Denktätigkeit, gleich allen anderen untastbaren Kräften, nur sekundäre
Eigenschaft. Mit anderen Worten, den alten Materialisten ist die
Materie das erhabene Subjekt und alles Weitere untergeordnetes Prädikat.

Im dialektischen Materialismus haben die Stoffe nicht mehr zu bedeuten
als die Kräfte, die Kräfte nicht mehr als die Stoffe.

Das unterscheidende Merkmal zwischen den mechanischen Materialisten
des achtzehnten Jahrhunderts und den durch die Schule der deutschen
Idealisten gewitzigten sozialdemokratischen Materialisten besteht
darin, daß letztere den bornierten Begriff der Materie von der +nur
tastbaren+ und wägbaren Materie auf alle vorkommenden Materialien
erweiterten: auf das Sichtbare, Riechbare, Hörbare und, da schließlich
die ganze Natur Material der Forschung und demnach alles materiell
genannt werden darf, sogar den Menschengeist; denn auch dieses Objekt
dient der Erkenntnistheorie als Material.

Wir neueren Materialisten sind nicht der beschränkten Meinung, daß
die wäg- und tastbare Materie die Materie ~par excellence~ sei; wir
halten dafür, daß auch der Blumenduft, auch Töne und Gerüche Materien
seien. Wir fassen nicht die Kräfte als ein bloßes Anhängsel, als pures
Prädikat des Stoffes auf und den Stoff, den tastbaren, als das »Ding«,
welches alle Eigenschaften dominiere. Wir denken von Stoffen und
Kräften demokratisch. Da sind die einen soviel wert als die anderen;
alle einzelnen sind nichts als Eigenschaften, Anhängsel, Prädikate oder
Attribute des großen Natur-Ganzen. Da ist nicht das Hirn der Matador
und die geistige Funktion der untergeordnete Diener. Nein, wir modernen
Materialisten behaupten, daß die Funktion ebensoviel und ebensowenig
ein selbständiges Ding ist als die tastbare Hirnmasse oder als
irgendeine andere Materialität. Auch die Gedanken, ihr Herkommen und
ihre Beschaffenheit sind ebenso reale Materien und erforschungswerte
Materialien als irgendwelche.

Materialisten sind wir, weil wir aus dem Geiste keine »metaphysische«
Monstrosität machen. Die Denkkraft ist uns ebensowenig ein »Ding
an sich« als die Schwerkraft oder der Erdkloß. Alle Dinge sind nur
Zusammenhänge des großen Universalzusammenhangs, welcher allein
dauerhaft, wahrhaft, bleibend, keine Erscheinung, sondern das einzige
»Ding an sich« und die absolute Wahrheit ist.

Weil wir sozialistische Materialisten nun einen +zusammenhängenden+
Begriff von der Materie und dem Geiste haben, sind uns auch die
sogenannten geistigen Verhältnisse, wie die der Politik, der Religion,
der Moral usw., materielle Verhältnisse, und die materielle Arbeit,
ihre Stoffe und die Magenfrage sehen wir nur insofern an als die
Unterlage, als die Voraussetzung und den Grund aller geistigen
Entwicklung, als das Tierische der Zeit nach früher ist als das
Menschliche, was nicht hindert, den Menschen mit seinem Intellekt hoch
und höher zu schätzen.

Der sozialistische Materialismus zeichnet sich dadurch aus, daß er
den Menschengeist nicht unterschätzt, gleich den Materialisten alter
Schule, und auch nicht überschätzt, gleich den deutschen Idealisten,
sondern in seiner Schätzung +mäßig+ verfährt und den Mechanismus
wie die Philosophie mit kritisch-dialektischem Auge ansieht, als
Zusammenhänge des untrennbaren Weltprozesses und -progresses.

»Darwin und Hegel« betitelt sich der vierte Abschnitt.

Dietzgen will »dem beinahe verschollenen Hegel, der bei der Nachwelt
seine verdiente Anerkennung finden wird«, die ihm gebührende Würdigung
als Vorläufer Darwins zollen:

Darwin ist ein genialer Ausarbeiter der Hegelschen Erkenntnistheorie.
Letztere ist eine Entwicklungslehre, die nicht nur die Entstehung
der Arten alles animalischen Lebens, sondern auch die Entstehung und
Entwicklung aller Dinge umfaßt; sie ist eine kosmische Theorie der
Entwicklung überhaupt. Die ihr bei Hegel noch anklebenden Dunkelheiten
fallen der Person des Philosophen so wenig zur Last, als dem Darwin zur
Last fällt, daß er über seine »Entstehung der Arten« nicht das letzte
Wort gesagt hat.

Der Darwinsche Gegenstand ist ein ebenso unendlicher und
unausforschlicher wie der Hegelsche. Der eine suchte nach der
Entstehung der Arten, der andere nach der Erklärung des menschlichen
Denkprozesses. Das Resultat beider ist die +Entwicklungslehre+. Sie
haben die +monistische Weltanschauung+ auf eine Höhe gehoben und mit
positiven Entdeckungen unterstützt, die vorher unbekannt waren.

Die Darwinsche Entwicklungslehre beschränkt sich auf die Tierarten;
sie beseitigt die Klüfte, welche die religiöse Weltanschauung zwischen
den Klassen und Arten der Geschöpfe aufrichtet. Darwin emanzipiert
die Wissenschaft von dieser religiösen Klassenanschauung und weist
die göttliche Schöpfung +in bezug auf diesen speziellen Punkt+ aus
der Wissenschaft hinaus. In diesem Punkt setzt er an die Stelle
der transzendenten überschwenglichen Schöpfung die hausbackene
Selbstentwicklung. Um zu zeigen, daß Darwin nicht aus den Wolken
gefallen, erinnern wir an Lamarck, der bekanntlich Darwin die Priorität
streitig macht. Damit wird keineswegs das Darwinsche Verdienst
geschädigt, indem Lamarck nur auf den philosophischen Lichtblick,
Darwin aber auf spezialisierten Nachweis Anspruch hat.

Hegel gebührt das Verdienst, die Selbstentwicklung der Natur auf
+umfassendster+ Grundlage aufgestellt, die Wissenschaft in generellster
Weise von der Klassenanschauung emanzipiert zu haben. Darwin kritisiert
die überkommene Klassenanschauung zoologisch, Hegel universell.

Hegel lehrt die Entwicklungstheorie; er lehrt, daß die Welt nicht
gemacht wurde, keine Schöpfung, kein unveränderliches +Sein+, sondern
ein +Werden+ ist, das sich selbst macht. Wie bei Darwin die Tierklassen
ineinanderfließen, so fließen bei Hegel alle Klassen der Welt, Nichts
und Etwas, Sein und Werden, Quantität und Qualität, Zeit und Ewigkeit,
Bewußtes und Unbewußtes, Fortschritt und Bestand, unvermeidlich
ineinander. Er lehrt, daß Unterschiede überall bestehen, aber nirgends
übertriebene, »metaphysische« oder überschwengliche Unterschiede.
Dinge, die »+wesentlich+« voneinander unterschieden sind, gibt es nach
Hegel nicht. Das Unterscheiden zwischen wesentlich und unwesentlich ist
nur auf relativer Stufenleiter zu verstehen. Es gibt nur ein absolutes
Wesen, das ist der +Kosmos+, und alles, was da drin und drum und dran
hängt, sind flüssige, vergängliche, wandelbare Formen, Akzidenzen oder
Eigenschaften des Generalwesens, welches in Hegelscher Sprache den
Namen des Absoluten führt.

Hegel hat die Entwicklungslehre viel universeller vorgetragen als
Darwin. Wir wollen deshalb einen nicht dem andern vorziehen oder
subordinieren, sondern einen mit dem andern ergänzen. Wenn uns
Darwin lehrt, wie die Amphibien und Vögel keine ewig separierten
Klassen, sondern Lebewesen sind, die aus einander hervorgehen und
ineinanderfließen, so lehrt Hegel, wie +alle+ Klassen, wie die ganze
Welt ein lebendiges Wesen ist, die nirgends feste Grenzen hat, so daß
selbst das Kennbare und Unkennbare, das Physische und Metaphysische
ineinanderfließt, und etwas absolut Unbegreifliches eine Sache ist,
die nicht in die monistische, sondern in die religiöse, dualistische
Weltanschauung gehört.

Hegel hat viel Verwandtschaft mit dem alten Herakleitos, welcher den
Beinamen »der Dunkle« führt. Beide lehren, daß die Dinge der Welt nicht
feststehen, sondern fließen, das heißt, sie entwickeln sich; und beide
verdienen auch den dunklen Beinamen.

Die Arbeiten von Darwin und Hegel, ob noch so verschieden, haben den
Kampf wider die Metaphysik, wider das Unsinnliche und Unsinnige gemein.
Indem wir uns vorsetzen, sowohl den Unterschied als die Gemeinschaft
der genannten Forscher klarzustellen, können wir nicht umhin, die
große Seeschlange ernstlich in den Kreis der Erörterung zu ziehen.
Der Spaß wird aber erschwert durch die vielen Namen, die im Laufe der
Geschichte dem Ungeheuer beigelegt wurden. -- Was ist Metaphysik?
Sie ist dem Namen nach eine wissenschaftliche Disziplin -- gewesen,
die ihre Schatten in die Gegenwart wirft. Was sucht sie, was will
sie? Natürlich Aufklärung! -- aber worüber? -- Über Gott, Freiheit
und Unsterblichkeit; -- das klingt in unseren Tagen gar pastoral.
Und nennen wir ihren Inhalt mit dem klassischen Namen des Wahren,
Guten und Schönen, so ist dennoch gar viel daran gelegen, daß wir
uns und dem Leser klarmachen, was denn eigentlich die Metaphysiker
suchen und wollen; ohne das läßt sich weder Darwin noch Hegel, weder
was sie geleistet, noch was sie zu leisten unterlassen und was daher
der Nachkommenschaft zu leisten obliegt, hinlänglich ermessen und
darstellen.

»Was die Metaphysiker suchen und wollen«, erklärt uns der fünfte und
letzte Abschnitt »Das Licht der Erkenntnis«:

Wo Erleuchtung hernehmen? Moses hat sie vom Berg Sinai geholt; aber
nachdem Juden und Christen länger als dreitausend Jahre gebetet:
»Du sollst nicht stehlen«, stehlen sie heute noch wie die Raben;
das heißt die +Offenbarung+ hat sich nicht bewährt. Dann kamen die
+Philosophen+ und wollten die Erleuchtung aus dem Innern des Kopfes,
~a priori~, wie sie es nennen, herausspekulieren. Was aber der eine
zutage förderte, wurde vom andern verworfen. Die +Naturwissenschaft+
beschritt einen dritten, den induktiven Weg, sie schöpfte die Weisheit
aus der Beobachtung; sie endlich erwarb wahre, wirkliche, dauerhafte
Wissenschaft, eine Wissenschaft, die alle Welt akzeptiert, die
niemand bestreitet, niemand bestreiten kann und mag. Daraus folgt
denn unzweifelhaft klar, daß wir die Erleuchtung auf dem betretenen
naturwissenschaftlichen Wege zu suchen haben.

Dennoch gibt es viele Leute, viele auch mit gelehrtester Ausrüstung,
welche mit diesem Lichte sich nicht zufrieden geben. Sie sprechen vom
»metaphysischen Bedürfnis«, bemühen sich unablässig, darzutun, daß
alles naturwissenschaftliche Erklären und Erkennen, wie fruchtbar auch
in den einzelnen Disziplinen, doch im großen und ganzen unzureichend
ist. »Das Wesen der Materie«, heißt es da, »ist schlechthin
unbegreiflich; alle mechanische Naturerklärung erstreckt sich nur auf
die an diesem rätselhaften Substrate wahrzunehmenden +Veränderungen+
und läßt unser Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde unbefriedigt.«

Der Materialismus, der das Erkennen und Erklären der verschiedensten
wissenschaftlichen Materien wohl zu praktizieren weiß, hat es bisher
unterlassen, die +Materie der Erkenntnis+ zu erklären. Das Erkenntnis-
oder Erklärungsvermögen ist die einzige in der Welt vorhandene Kraft,
welche immer noch verhimmelt wird. Sie ist in der Welt und soll
nicht weltlich, nicht physisch, nicht mechanisch sein. Was denn?
Metaphysisch! Und niemand kann doch Aufklärung geben, was das heißt.
Alle Bestimmungen, die wir erlangen, sind negativ. Das Metaphysische
ist nicht physisch, nicht handgreiflich und nicht begreiflich. Was
sollte es anders sein als ein +Gefühl+, das begnadete Idealisten mit
sich herumtragen, ohne zu wissen, wo es sitzt.

Alles will der Mensch wissen, und doch hat man etwas, was nicht zu
wissen, nicht zu erklären, nicht zu begreifen ist. Dann resigniert man
und zeigt hin auf die Beschränktheit des menschlichen Instruments.
»Zwei Stellen sind es,« sagt Lange, »wo der Geist haltmachen muß.
Wir sind nicht imstande, die +Atome+ zu begreifen, und wir vermögen
nicht, aus den Atomen und ihrer Bewegung auch nur die geringste
Erscheinung des Bewußtseins zu erklären ... Man mag den Begriff der
Materie und ihrer Kräfte drehen und wenden, wie man will, immer stößt
man auf ein letztes Unbegreifliches ... Nicht mit Unrecht geht daher
Du Bois-Reymond so weit, zu behaupten, daß unser ganzes Naturerkennen
in Wahrheit noch kein Erkennen ist, daß es nur das +Surrogat+ einer
Erklärung gibt ... Das ist der Punkt, an welchem die Systematiker und
Apostel der mechanischen Weltanschauung so unachtsam vorübergehen:
-- die Frage nach den Grenzen des Naturerkennens.« (F. A. Lange,
Geschichte des Materialismus, 2. Band, S. 148 bis 150.)

Die Sozialdemokraten aber hat Lange nicht gründlich gekannt, sonst
würde er gewußt haben, daß von ihnen auch in diesem Punkt die
mechanische Weltanschauung komplettiert ist.

Wo soll es hinführen, wenn unser Wissen und Erkennen, wenn das in
den letzten Jahrhunderten von der Wissenschaft mit so großem Erfolg
angewendete Geistes-Instrument nur noch ein »+Surrogat+« sein soll?
Wo sitzt denn der wahre Jakob? Und wenn wir alle Folianten der
Philosophie durchstöberten, würden wir darüber keine positive Angabe
finden, weil gerade die Philosophen es sind, welche den Glauben an
einen persönlichen Herrscher des Himmels und der Erde soweit zerstört
haben. Die unphilosophische +religiöse+ Welt besaß in der Tat höheren
Orts einen wahren Verstandeskasten, welcher dem dreckigen Lehm ein
Häuchlein hatte mitgeteilt, und waren sie deshalb berechtigt, den
heiligen vom profanen Geiste, die echte Substanz von ihrem Surrogat zu
unterscheiden. Aber wie solche Unterscheidung von denen zu verteidigen
ist, welche den großen All- und Ur-Geist den Köhlern überlassen haben,
das ist unerfindlich.

Der metaphysische Gedanke von den »Grenzen der Erkenntnis« darf nur
ein klein wenig auf seinen Inhalt geprüft werden, um sofort als
gedankenlose Phrasenmacherei erkannt zu werden. »Die Atome sind nicht
zu begreifen, und das Bewußtsein ist nicht zu erklären.« Nun aber
besteht die ganze Welt aus Atomen und Bewußtsein, aus Materie und
Geist. Wenn beides unverständlich ist, was bleibt dann dem Verstande zu
begreifen und zu erklären übrig?

Das Licht der Erkenntnis macht den Menschen zum Herrn der Natur. Mit
seiner Hilfe vermag er im Sommer das Eis des Winters und im Winter
die Früchte und Blumen des Sommers darzustellen. Aber stets bleibt
die Herrschaft beschränkt. Alles, was man kann, kann man nur mit
Hilfe der natürlichen Kräfte und Materialien. Die Natur mit bloßen
Worten, mit einem »es werde!« +unbeschränkt+ beherrschen wollen,
kann nur dem Phantasten einfallen. Wie Kinder und Naturvölker
unbeschränkt herrschen, so möchten unsere kindischen Gelehrten
unbeschränkt erkennen. »Das System des Begnügens mit der gegebenen
Welt«, meint Lange, »steht im Widerspruch mit den Einheitsbestrebungen
der Vernunft, mit Kunst, Poesie und Religion, in welchen der Trieb
liegt, sich über die Grenzen der Erfahrung hinauszuschwingen.« -- Nun
sind Kunst und Poesie als Phantasien bekannt, wenn auch als schöne
und anbetungswürdige, und wenn die Religion und der metaphysische
Trieb nicht mehr sein und in dieselbe Kategorie gehören wollen, so
hat kein Verständiger etwas dagegen einzuwenden. Der Mensch mag den
metaphysischen Trieb, über alle Grenzen zu schnappen, wirklich haben,
wenn er nur einsieht, daß es ein unwissenschaftlicher Trieb ist. Das
Licht der Vernunft hat durchaus seine Grenzen, wie alle Dinge, wie Holz
und Stroh, wie Technik und Verstand, also verständige Grenzen, die
jeder Teil haben muß, wenn er keine Narretei sein will.

Wie der Mensch alles machen kann, so kann er auch alles erkennen
-- innerhalb verständiger Grenzen. Wir können nicht schaffen wie
der liebe Gott, der die Welt aus Nichts gemacht. Wir müssen uns am
Gegebenen, an den vorhandenen Kräften und Stoffen halten und ihren
Eigenschaften Rechnung tragen; sie lenken und leiten, sie formen,
nennen wir schaffen; die vorhandenen Materialien in Ordnung und Regel
bringen, generalisieren oder klassifizieren, die mathematischen Formeln
der natürlichen Wandlungen abstrahieren -- das nennen wir erkennen,
begreifen, erklären.

Demnach ist unsere ganze geistige Erleuchtung eine formelle Geschichte,
eine mechanische Wirtschaft. Wie in der technischen Produktion die
Naturerscheinungen leiblich verwandelt, so sollen in der Wissenschaft
die Naturwandlungen geistig erscheinen. Wie die Produktion das
überspannte Schöpfungsbedürfnis, so läßt die Wissenschaft oder das
»Naturerkennen« das überspannte Kausalitätsbedürfnis im letzten Grunde
unbefriedigt. Aber sowenig ein verständiger Mensch darüber lamentieren
wird, daß wir zum Schaffen ewig Materialien bedürfen und aus Nichts
und frommen Wünschen nichts machen können, sowenig wird derjenige, der
Einsicht in die Natur des Erkennens hat, damit über die Erfahrungen
hinausfliegen wollen. Zum Erkennen oder Erklären bedürfen wir, wie zum
Schaffen, Material. +Demnach kann keine Erkenntnis Aufklärung geben,
wo das Material herkommt oder anfängt+. Die Erscheinungswelt oder das
Material ist das Primitive, das Substantielle, das weder Anfang, Ende
noch Herkommen hat. Das Material ist da, und das Dasein ist materiell
(im weiteren Sinne des Wortes) und das menschliche Erkenntnisvermögen
oder Bewußtsein ist ein Teil dieses materiellen Daseins, welches
wie alle anderen Teile nur ein bestimmte, begrenzte Funktion, das
Naturerkennen, ausüben kann.

Warum sollte nicht, wie das Erkennen, so auch das Blech, die Bretter
und das Rindfleisch verhimmelt werden? Die Aufgabe der Radikalen
besteht in dem Nachweis, daß auch der letzte subtilste metaphysische
Rest von »etwas Höherem« mit dem abgeschmacktesten Aberglauben in
dieselbe Rumpelkammer gehört.

Formen, Veränderungen oder Wandelbarkeiten bietet die Welt. Wem das
zu wenig ist, der sucht Ewiges über den Sternen, wie die Religion,
oder hinter den Erscheinungen, wie die spekulative Philosophie. Die
»kritischen« Philosophen aber haben dunkel geahnt, daß das, was man
sucht, ein Sparren ist, den die Bildung aus dem Menschenkopf zu
entfernen hat. Die Forschung nach der Substanz haben sie deshalb
aufgegeben und ihr Interesse dem +Organ+ der Forschung, dem
Erkenntnisvermögen zugewandt. Da hat man recht kritisch gearbeitet.
Wenn vormals hinter jedem Busch und Strauch »etwas Höheres« stecken
mußte, so ist das jetzt doch, wenigstens in den maßgebenden Kreisen,
bis in die letzte Heimlichkeit, bis hinter die unerfindlichen Atome und
bis hinter das noch heimlichere Bewußtsein verdrängt.

Dort sind die »Grenzen unseres Erkennens«, und dort steckt der
Sparren. Sich davon zu befreien, ist um soviel schwerer, weil seit den
Forderungen des vierten Standes unsere offiziellen Gelehrten angewiesen
sind, eine konservative, reaktionäre Politik zu verfolgen.

Wenn nun die zeitgenössischen Philosophen mit dem Geschichtschreiber
des Materialismus (F. A. Lange) an der Spitze herankommen und sagen,
die Welt bietet Erscheinungen, das sind die Objekte des Naturerkennens;
letzteres hat es mit den Veränderungen zu tun, wir aber suchen an einer
höheren Erkenntnis oder an ewigen, wesenhaften Objekten, dann ist klar,
daß es mystizistisch Unersättliche sind, welche mit sämtlichen Körnern
eines Sandhaufens sich nicht begnügen wollen, sondern hinter allen
Körnern extra noch einen körnerlosen Sandhaufen suchen.

Wer mit dem Jammertal der Erscheinungswelt so durchaus zerfallen ist,
mag sich mit der unsterblichen Seele in einen feurigen Wagen setzen
und gen Himmel fahren. Wer aber hier bleiben und an das Heil des
wissenschaftlichen Naturerkennens glauben will, soll sich mit der
materialistischen Logik vertraut machen. Da lautet

§ 1: Das intellektuelle Reich ist nur von dieser Welt.

§ 2: Die Operation, welche wir Erkennen, Begreifen, Erklären nennen,
soll und kann nichts als diese Welt des sinnlichen, zusammenhängenden
Daseins klassifizieren nach Gattungen und Arten, sie soll und kann
nichts als das formale Naturerkennen praktizieren. Anderes Erkennen
gibt es nicht.

Aber dann kommt der »metaphysische Trieb«, der mit dem »formalen
Erkennen« sich nicht begnügt und nun, er weiß selbst nicht wie,
erkennen will. Ihm ist es nicht genug, mit dem Verstand die Erfahrungen
zu klassifizieren. Was die Naturforschung Wissenschaft nennt, ist
ihm nur ein Surrogat, ein armes, begrenztes Wissen; er verlangt nach
unbegrenzter Vergeistigung, so daß die Dinge rein aufgehen sollen im
Verständnis. Warum will denn der liebe Trieb nicht einsehen, daß er nur
eine überspannte Forderung stellt? Die Welt geht nicht aus dem Spiritus
hervor, sondern umgekehrt. Das Sein ist keine Art des Intellekts,
sondern der Intellekt eine Art des empirischen Daseins. Dasein ist
das Absolute, das überall und ewig ist; das Denken nur eine besondere
beschränkte Form desselben.

Der Trieb, über die Erscheinungen hinauszugehen bis zur Wahrheit
und zum Wesen, ist wissenschaftlicher Trieb. Aber er darf nicht
überschnappen; er muß seine Grenzen kennen. Er soll seine Wahrheiten
und Wesenheiten nicht separieren von der Erscheinung; er darf nur nach
subjektiven Objekten, nach +relativer+ Wahrheit forschen.



X.

Das Akquisit der Philosophie.


Das »Akquisit der Philosophie« ist 1887 -- in Dietzgens letztem
Lebensjahr -- in Chicago geschrieben. In der Vorrede erzählt unser
Autor, wie er in den vierziger Jahren aus der Lektüre von Zeitungen
und Schriften der extremen Lager -- der preußischen Reaktion und
der freidenkerischen Revolutionäre -- zur Erkenntnis kam, daß »der
Geist beider Heerlager aus dem Akquisit der Philosophie, zunächst aus
der Hegelschen Schule stammte«. Damit wollte er wohl sagen, daß die
fundamentalen Prämissen der Gerlach, Stahl und Leo das historisch
+Gewordene+ als Bleibendes zur Voraussetzung hatten, während dasselbe
für Feuerbach, Marx und Engels etwas +fortschreitend+ Veränderliches
war; das eine wie das andere läßt sich »hegelisch« etikettieren, je
nachdem man es mit dem +Sein+ oder dem +Werden+ hält; in Hegel ist Raum
für Konservativismus wie für Fortschritt.

Nach Dietzgens Vorhaben sollte das »Akquisit der Philosophie« eine
verbesserte Auflage des »Wesens der Kopfarbeit« sein -- alter Wein in
einem neuen Schlauch; darin hat er sich wohl getäuscht; das »Akquisit«
ist zwar eine Fortsetzung und Ergänzung, aber kein Ersatz seines ersten
Werkes, das vielmehr sein Hauptwerk geblieben.

Im ersten Abschnitt »Die Erkenntnis als Spezialobjekt« (der
Philosophie) sagt er: Im griechischen Altertum hatte das Wort
Philosophie (Weisheitsliebe) eine andere Bedeutung als heute.
Bei den Griechen war es gänzlich unentschieden, ob der Philosoph
(Weisheitsliebender) Mathematiker oder Astronom, ob er sich die
Arzneiwissenschaft, die Redekunst oder die Lebenskunst zum Gegenstand
seiner Forschungen machte. Die Fächer lagen da ineinandergerollt wie
der Embryo im Mutterschoß. Als die Menschheit noch wenig wußte, konnte
man schon ein Weiser sein; aber heute muß man sich spezialisieren,
muß man sich einer +speziellen+ Wissenschaft befleißigen, weil das
Forschungsgebiet zu reich geworden ist. Der Philosoph ist heute kein
Weiser mehr, sondern ein Spezialist.

Die Philosophie hat auch heute noch die Erkenntnis zu ihrem Gegenstand;
aber nicht mehr die unbestimmte, welche +alles+ erkennen will, sondern
-- wie soll ich es populär ausdrücken? -- sie hat die Erkenntnis
als solche, die Methode der Erkenntnis zu ihrem Zwecke erwählt, sie
will erkennen, +wie es gemacht wird+, andere Objekte mit dem Lichte
des Verstandes zu durchleuchten. Um es recht deutlich zu sagen:
nicht mehr die Erkenntnis, die alles wissen will, wie zur Zeit des
Sokrates, sondern der Verstand als Spezialobjekt, das Denk- oder
Erkenntnisvermögen ist zum Forschungsgegenstand der Philosophie
geworden.

Die heutige Erkenntnistheorie ist eine wirkliche Wissenschaft. Die
Altväter zum Beispiel suchten die Erkenntnis ~à la~ Sokrates und
Platon, mit Verachtung der äußeren Erfahrung, in den Eingeweiden des
Menschenkopfes. Sie glaubten durch +Grübeln+ die Wahrheit zu erforschen.

Schon Aristoteles hatte mehr Sinn für die äußere Welt.

Mit der alten Kultur ging natürlich auch die alte Philosophie unter,
bis sie vor einigen hundert Jahren, im Anfang der neueren Zeit, endlich
wieder frisch auflebte.

Von Aristoteles bis Bacon hat die Philosophie geschlafen, wenigstens
kein merkliches Akquisit gefördert. Erst nachdem die gesamte Kultur
die menschliche Erkenntnis so weit gefördert hat, daß nunmehr das
intellektuelle Licht von allen Disziplinen der Wissenschaft ausstrahlt,
wird sich die Philosophie ihres Spezialobjektes bewußt und vermag ihr
Akquisit aus dem Wuste der Vergangenheit herauszuschälen.

Das Akquisit der Philosophie, die erforschte Erkenntnis oder das
erforschte Erkenntnisvermögen, ist daher neben den Gütern der
Wissenschaft ein ebenso wertvoller Schatz der Menschheit wie die
Methodik der modernen Produktion neben den materiellen Gütern des
Nationalreichtums.

Im zweiten Abschnitt wird Dietzgens aus den früheren Schriften
bekannter Hauptlehrsatz »Das Erkenntnisvermögen hängt mit dem Universum
verwandtschaftlich zusammen« erörtert:

Die +Technik der Erkenntnis+ wurde von der gesamten Kulturbewegung
zutage gefördert -- als philosophisches Akquisit. Die gesamte
Kulturbewegung hat den Philosophen auf die Strümpfe geholfen.

Die Geschichte der Philosophie ist ein saures Ringen mit der Frage: was
ist und was tut, aus welchen Teilen besteht und welcher Natur ist die
Erkenntnis oder Intelligenz, die Vernunft, der Verstand usw?

Das vornehmlichste Akquisit bei der Lösung dieses Problems ist die sich
in unseren Tagen immer heller und präziser geltend machende Erkenntnis,
daß die Natur des menschlichen Intellekts mit der Gesamtnatur von
+einer+ Gattung, von +einer+ Art oder +einem+ Geschlecht ist; der
Menschengeist ein bestimmter, begrenzter Teil des unbegrenzten Kosmos,
der Natur oder des Universums ist.

Wie ein Stück Eichenholz die zwieschlächtige Eigenschaft besitzt, neben
seiner eichenen Spezialnatur nicht nur an der allgemeinen Holznatur,
sondern auch +an der unendlichen Allgemeinheit+ der Generalnatur
teilzunehmen, so ist auch der Intellekt eine begrenzte Spezialität,
welche zugleich die Eigenschaft besitzt, als ein Teil des Universums
selbst universal zu sein und sich seiner und aller Universalität
bewußt zu werden. Die unendliche universelle, kosmische Natur steckt
im Intellekt, im menschlichen sowohl als im tierischen, wie sie im
Eichenholz, in allen anderen Hölzern, in allen Stoffen und Kräften
steckt. Die weltliche, monistische Natur, welche vergänglich und
unvergänglich, begrenzt und unbegrenzt, speziell und generell zugleich
ist, befindet sich in allem und alles befindet sich in dieser Natur
-- die Erkenntnis oder das Vermögen der Erkenntnis macht davon keine
Ausnahme.

»Inwiefern ist der Intellekt beschränkt und unbeschränkt?« lautet die
Überschrift des dritten Abschnitts.

Die Erkenntnis ist ein Vermögen neben anderen, und alles, was neben
anderem liegt, ist davon beschränkt und begrenzt. Wir können alles
erkennen, aber wir können auch alles betasten, sehen, hören, riechen
und schmecken; wir haben auch das Vermögen herumzuwandeln und
dergleichen Vermögen noch mehr. Eine Kunst beschränkt die andere,
und doch ist jede in +ihrem Gebiet+ unbeschränkt. Die verschiedenen
menschlichen Vermögen gehören zusammen und machen zusammen den
menschlichen Reichtum aus.

Der Verstand des Menschen ist beschränkt, wie sein Gesicht beschränkt
ist. Das Auge kann durch eine Glasscheibe hindurchsehen, aber nicht
durch ein Brett; gleichwohl werden wir es für keine Beschränktheit
irgendeines Auges halten, wenn es die Bretter nicht durchschauen
kann. Diese drastischen Gleichnisse sind zeitgemäß, weil es gelehrte
Herren gibt, die mit der bedächtigsten Miene von der Welt den Finger
an die Nase legen und auf die Beschränktheit unseres Intellekts +in
dem Sinne+ aufmerksam machen, als +sei das+ Erkennen, das auf dieser
Erde wissenschaftlich produziert wird, +nur so ein nominelles, aber
gar kein eigentliches+ Wissen und Kennen. Der menschliche Intellekt
wird so zum »Surrogat« irgendeines »höheren« Intellekts herabgewürdigt,
der ahnungsvoll in dem kleinen Kopfe eines Heinzelmännchens oder in
dem großen eines allmächtigen Wolkenschiebers nicht entdeckt, aber
»geglaubt« werden soll. Jetzt ist der Intellekt erkannt als eine
begrenzte, beschränkte, natürliche Erscheinung, Kraft oder Potenz,
welche nicht unermeßlich, wohl aber gleich allen anderen Kräften und
Stoffen ein Teil des Unermeßlichen, Ewigen und Unbegrenzten ist.

Die Kenntnis des Universums, des Unbegrenzten ist uns sowohl angeboren
als durch Erfahrung gegeben. Angeboren ist dem Menschen diese
Kenntnis, ähnlich wie ihm die Sprache angeboren ist, nämlich in der
Keimform, und die Erfahrung gibt uns das Unbegrenzte in negativer
Weise; wir erfahren nirgends und von keinem Dinge Anfang oder Ende.
Ganz im Gegenteil hat uns die Erfahrung positiv darüber aufgeklärt,
daß alle vermeintlichen Anfänge und Enden nur Zusammenhänge des
unendlichen, unermeßlichen, unerschöpflichen und unauskenntlichen
Universums sind. Gegenüber dem kosmischen Reichtum ist der Intellekt
allerdings ein armer Schlucker, was ihn nicht hindert, andererseits das
vollkommenste Instrument zu sein, um die begrenzten Erscheinungen des
unbegrenzten Naturwesens in klarster und deutlichster Weise konterfeien
zu können.

Das Thema wird im vierten Abschnitt »Von der Allgemeinheit der Natur«
fortgesetzt:

Was sich in der Natur widerspricht, soll unser Kopf auflösen. Wenn er
so viel Selbstkenntnis besitzt, zu wissen, daß er keine Ausnahme von
der allgemeinen Natur, sondern ein natürliches Stückchen desselben
Stoffes ist (trotzdem er sich »Geist« nennt), so weiß er und muß
er zugleich wissen, daß seine Klarheit sich von der natürlichen
Verworrenheit, daß sich die Lösung des Rätsels vom Rätsel selbst
nur ganz mäßig unterscheiden kann. Nur durch mäßige Unterscheidung
lösen sich die Widersprüche, nur durch die erkenntnistheoretische
Wissenschaft, daß überschwengliche Grundverschiedenheiten eben nur
+Überschwenglichkeiten+ sind.

Behufs dessen müssen wir uns vergegenwärtigen, daß es nur +ein+ Wesen
gibt und alle anderen sogenannten Wesen als unwesentliche Formen des
Generalwesens zu erkennen sind, welches letztere mit den Namen Natur
oder Universum bezeichnet wird.

Ursprünglich also zu Übertreibungen im Unterscheiden geneigt, hat
man das menschliche Erkenntnisvermögen für ein Wesen von anderer
Natur angesehen als die natürlichen Wesen, welche neben und außer dem
Intellekt existieren. Nun ist aber zu bemerken, daß jedes Stückchen
der Natur ein »anderes« individuelles Naturstückchen ist, und ferner,
daß jeder andere und anders geartete individuelle Teil trotzdem und
zugleich auch +kein anderer, sondern ein gleichartiges+ Stück der
Generalnatur ist. Die Sache ist gegenseitig: das allgemeine Naturwesen
besteht nur mittels der unendlich vielen individuellen Spezialitäten,
und diese wieder bestehen nur in dem, mit dem und durch das allgemeine
kosmische Gesamtwesen.

Unser Intellekt ist ein Teil des Unerschöpflichen und hat also auch
teil an seiner unerschöpflichen Natur. Der Naturteil, welcher den Namen
Intellekt führt, ist nur insofern beschränkt, wie der Teil kleiner ist
als das Ganze.

Der fünfte Abschnitt »Wie das Erkenntnisvermögen ein Stück der
Menschenseele ist« knüpft an die Theorie des Psychophysikers Fechner
an, nach der alle leblosen wie lebenden Wesen eine Seele haben:

Fechner ist ein Dichter, und der Dichter sieht Ähnlichkeiten, die der
nüchterne Kopf nicht sieht; dabei müssen wir aber zugeben, wie der
nüchterne Kopf, der überall +nur die Unterschiede+ sieht, ein sehr
erbärmlicher Kopf ist.

Wenn der Unterschied zwischen Menschen und Steinen nicht so groß ist,
daß solch ein genialer Kopf wie Fechner sie als gemeinsam beseelt mit
Fug und Recht darstellen kann, so wird doch auch -- was Fechner noch
entgangen -- der Unterschied zwischen Leib und Seele nicht so groß
sein, daß gar keine Ähnlichkeit, keine Gemeinschaft stattfände. Ist die
Luft und der Duft nicht ein ätherischer Leib?

Alle Dinge sind so ähnlich, daß ein guter Dichter aus allem alles
machen kann. Kann das vielleicht auch die Naturwissenschaft? Ah! Diese
Herren sind auch auf dem besten Wege. Sie machen das Trockene flüssig
und das Flüssige gasförmig, machen aus der Schwerkraft Wärme und
aus der Wärme wieder Triebkraft; aber dabei vergessen sie nicht den
Unterschied der Dinge, wie es unserem Fechner passiert ist.

Es ist nicht genug, zu wissen, daß der Leib beseelt und die Seele
beleibt ist, nicht genug, zu wissen, daß alles eine Seele hat, es
wollen auch die Menschen-, Tier-, Pflanzen- usw. Seelen in ihren
Einzelheiten und Eigentümlichkeiten gehörig getrennt, eingeteilt,
markiert und unterschieden sein; man hüte sich nur, den Unterschied zu
übertreiben und exorbitant zu machen, damit er nicht sinnlos werde.

Wir machen es uns nicht zur Aufgabe, der Allerweltsseelentheorie weiter
zu folgen. Fechner erklärt selbst: »Von vornherein ist zu gestehen, die
ganze Seelenfrage ist und bleibt eine Glaubensfrage.«

Jedoch steht seit Cartesius fest, wenigstens in der philosophischen
Welt, daß das Bewußtsein der menschlichen Seele von ihrem Dasein das
Sicherste ist, das sie weiß. Die positivste Wissenschaft von der Welt
ist die erfahrungsmäßige Wahrnehmung der denkenden Seele von sich
selbst. Dieses Subjekt ist das evidenteste Objekt, das sein kann, und
das Leben und Treiben dieses Seelenstückchens, das sich Bewußtsein
oder Erkenntnisvermögen nennt, trefflich geschildert zu haben, ist das
Akquisit der Philosophie.

Hieran reiht sich als sechster Abschnitt das Thema »Dem Bewußtsein
ist nicht nur die Möglichkeit oder das Vermögen überhaupt zu wissen,
sondern auch das Bewußtsein von der Universalität der Generalnatur
angeboren«.

Im geschichtlichen Verlauf der Philosophie ist namentlich viel Disput
darüber gewesen, wie unsere Kenntnisse zustande kommen, ob und was
davon angeboren und was durch Erfahrung erworben ist. Ohne +angeborene+
Fähigkeit war auch mit aller Erfahrung keine Kenntnis zu sammeln, und
ohne alle Erfahrung mußte das beste Vermögen leer bleiben. Die zustande
gebrachte Wissenschaft auf allen Gebieten ist also die Folge einer
Wechselwirkung von Subjekt und Objekt.

Ohne daß etwas Objektives zu sehen vorhanden wäre, könnte auch kein
subjektives Gesichtsvermögen da sein. Ein Gesichts+vermögen+ besitzen,
bedeutet zugleich die faktische Ausübung der Gesichtsfunktion. Man
hat nicht das Vermögen zu sehen, ohne daß man etwas sieht. Zwar läßt
sich beides trennen, doch nur in der Theorie, nicht in der Praxis, und
es ist und soll die theoretische Trennung von dem Bewußtsein begleitet
sein, daß das getrennte Vermögen nur ein von der Ausübung abgeleiteter
Begriff ist. Vermögen und Ausübung stecken ineinander und gehören
zusammen.

Der Mensch bekommt erst ein Bewußtsein, ein Vermögen zu wissen, nachdem
er etwas weiß, und es wächst die Kraft mit der Ausübung.

Wenn wir jetzt behaupten, daß der Begriff des Universums ein
angeborener Begriff sei, darf der geneigte Leser nicht schließen, daß
wir deshalb das alte Vorurteil pflegten, wonach der Menschenverstand
oder die Vernunft gleichsam eine Büchse sei, mit Begriffen gefüllt über
das Wahre, Schöne, Gute und dergleichen Dinge. Nein, der Intellekt
kann seine Begriffe, Vorstellungen, Urteile usw. nur selbsttätig durch
Produktion hervorbringen, wozu die anderweitige Welt das Material
hergeben muß; aber dies Produzieren setzt die angeborene Fähigkeit dazu
voraus. Das Bewußtsein, das Wissen vom Sein, muß gegeben sein, bevor
ein anderes spezielleres Wissen praktiziert werden kann.

Das Bewußtsein ist ~per se~ das Bewußtsein des Grenzenlosen. Das dem
Menschen angeborene Bewußtsein ist die Wissenschaft des unbegrenzten
Daseins. Wenn ich weiß, daß ich da bin, weiß ich mich als ein Stück des
Daseins. Daß nun dies Dasein, diese Welt, wovon ich wie jedes andere
Partikelchen nur ein Stück bin, eine +unbegrenzte+ Welt sein muß,
werde ich allerdings erst gewahr, wenn ich den Begriff des Seins mit
einem gewitzigten Denkinstrument analysiere. Begriffs-, Erkenntnis-,
Denkvermögen heißt vor allem das Vermögen, den Universalbegriff zu
fassen. Der Intellekt kann keinen Begriff bilden, keine Vorstellung
haben, denen nicht die Vorstellung oder der Begriff des Universums mehr
oder weniger dunkel oder hell zugrunde liegt.

Daß unserem Denkvermögen die Denkfähigkeit, die universale, angeboren,
ist doch keineswegs unbegreiflicher als auch, daß die Kreise rund,
zwei Berge mit einem zwischenliegenden Tale, Wasser flüssig und
Feuer brennend auf die Welt gekommen. Alle Dinge besitzen gewisse
Beschaffenheit ~per se~; sie sind damit geboren. Bedarf das noch einer
Erklärung? Die Blumen, welche den Pflanzen mit der Zeit, und die Kräfte
und Weisheit, welche den Menschen mit den Jahren anwachsen, sind nicht
erklärlicher als die angeborenen Eigenschaften, und die angeborenen
nicht wunderbarer als die später erlangten. Die beste Erklärung vermag
den Wundern der Natur nicht die +natürliche+ Wunderbarkeit zu nehmen.

Ich und mancher meiner Leser finden in unseren Köpfen das tatsächliche
Bewußtsein, daß die Generalnatur, wovon der Intellekt ein Stück
ist, eine endlose, unbegrenzte Natur ist. Diesen Begriff von der
Universalität nenne ich »angeboren«, obgleich er ein erworbener ist.
Ich versuche nämlich beim Leser geltend zu machen, wie der Unterschied,
den man gemeiniglich zwischen angeborenen und erworbenen Eigenschaften,
Fähigkeiten und Besitzungen macht, kein so extravaganter ist, daß nicht
das Angeborene der Erwerbung bedürfe und das Erworbene eine angeborene
Natur voraussetze.

Die Philosophie hat sich darum bemüht, den Intellekt zu erkennen.
Bei der Darstellung ihres Akquisits haben wir zu erläutern, daß die
Erkenntnis, die philosophische sowohl als jede andere, nicht aus
dem +isolierten+ Erkenntnisvermögen, sondern aus der Gesamt+natur+
entspringt. Die Gebärmutter unserer Kenntnisse und Erkenntnisse ist
nicht nur im Menschenkopf, vielmehr in der Gesamtwelt zu suchen, welche
nicht nur Universum heißt, sondern auch universal ist.

Das menschliche Bewußtsein ist zunächst ein individuelles. Jedes
menschliche Individuum hat sein eigenes. Jedoch ist es eine
Eigentümlichkeit meines, deines und jedes anderen Bewußtseins,
nicht nur das Bewußtsein des betreffenden Individuums, sondern
das Generalbewußtsein des Universums zu sein -- wenigstens seinem
Beruf und der Möglichkeit nach. Nicht jedes Individuum hat sich die
Universalität der Generalnatur klar gemacht -- woher käme sonst der
vertrackte Dualismus? Woher die Notwendigkeit, daß erst die bändereiche
Philosophie uns belehren mußte, wie eine Grenze, ein Ding oder eine
Welt, außerhalb der universalen, ein unsinniger Gedanke, ein Gedanke
ist, der sich mit Sinn und Verstand gar nicht verträgt? Wir mögen
deshalb wohl die positive Erklärung abgeben, daß unser Bewußtsein,
unser Intellekt nur »+sozusagen+« der unserige, +eigentlich+ und
wahrhaft jedoch ein Bewußtsein, ein Intellekt ist, welcher der
universellen Welt oder Generalnatur angehört.

Wenn nicht zu leugnen, daß Sonne, Mond und Sterne eine Zubehör der
endlosen, unermeßlichen Welt sind, so ist diese Eigenschaft doch auch
unserem Bewußtsein nicht abzusprechen. Da also dies intellektuelle
Vermögen dem Unermeßlichen angehört und sein Kind ist, dürften wir
es nicht wunderlich finden, daß dies der Universalität angehörige
Begriffsvermögen mit der Möglichkeit des Universalbegriffs zur Welt
kommt. Und wer das nicht mehr wunderlich findet, muß es doch wohl
erklärlich finden, muß finden, daß diese Tatsache des Bewußtseins
erklärt ist.

In logischem Anschluß hieran handelt der siebte Abschnitt »von der
Verwandtschaft, auch Identität genannt, zwischen Geist und Natur«.

»Es gibt ein Naturgesetz der Analogie, welches erklärt, daß alle
Dinge, die das Universum vereinigt, zu derselben Familie gehören,
daß sie durch die Verwandtschaft verbunden sind, welche die größte
Mannigfaltigkeit individueller Unterschiede verträgt und selbst
durch den Abstand der Extreme nicht aufgehoben wird.« Wenn wir diese
Worte bis in ihre letzte Konsequenz begreifen, so ist damit das
bisherige Akquisit der Philosophie erkannt. Sie belehren uns, wie
wir den Intellekt gebrauchen sollen, um uns ein treffliches Bild vom
Universum zu machen. Wenn alle Dinge verwandt, alle, ohne Ausnahme,
Sprößlinge des Universums sind, so müssen doch auch der Geist und die
Materie zwei Ellen Zeug von einem +Stoffe+ sein; es darf auch der
Unterschied zwischen dem menschlichen Erkennen und anderen menschlichen
und natürlichen Funktionen zu keinem überschwenglichen, keinem
extravaganten, keinem ~toto coelo~-Unterschied aufgebauscht werden.

Philosophie nennt sich die Bemühung, den menschlichen Denkprozeß
zu erhellen. Diese Arbeit ist unsagbar erschwert worden durch das
unvermeidliche Mißverständnis der soeben beschriebenen universalen
Verwandtschaft. Vor allem sollte, so verlangen die Überschwenglichen,
das Denken und dessen Produkt, der Gedanke, nicht in die familiäre
Physik, nicht in die physische Natur gehören, sondern das Geschöpf
einer anderen Natur sein, welche den mysteriösen Namen Metaphysik führt.

Auch die Materialisten sind einseitig versessen auf ihre »Materie« wie
die Idealisten auf ihre »Idee«. Streit und Zank ist Wirrsal, nur Friede
bringt Licht. Der Gegensatz zwischen dem Materiellen und Ideellen
findet in dem Akquisit der Philosophie seine Versöhnung, welche lehrt,
daß wir in allen Unterscheidungen mäßig sein müssen, weil weder
unser Denkinstrument, noch die anderweitige Natur zu extravaganten
Unterschieden berechtigt. Um Licht in die Streitfrage zu bringen,
bedarf es nur der Einsicht, daß die Ideen, welche die Natur in den
Menschenköpfen entwickelt, wenn auch kein Material für unsere Hände, so
doch ein Material für unsere Erkenntnis sind.

Stoffe, Kräfte, Ideen, Vorstellungen, Begriffe, Urteile, Schlüsse,
Kenntnisse und Erkenntnisse wollen gemäß der Aufklärung, welche
die Philosophie zutage förderte, als Verschiedenheiten oder
Mannigfaltigkeiten +einer+ monistischen Gattung erkannt sein. Die
Verschiedenheit dieser Dinge widerspricht ebensowenig der Einheit, als
die Einheit der Verschiedenheit widerspricht.

Um den Wurm und den Elefanten, das niedrigste und das höchste Tier,
Vegetabilisches und Animalisches, Anorganisches und Organisches als
Glieder einer Art oder Gattung verständnisinnig zu verbinden, ist
die Allmählichkeit, die Stufenordnung der Natur, sind die Übergänge,
die Mitteldinge und Mittelbegriffe vornehmlich zu beachten. Die
Embryologie, welche zeigt, wie das animalische Leben des höchsten
Tieres +die Stufen der Tiergattung+ durchläuft, hat das Verständnis
+der gemeinschaftlichen Art aller Tiere+ besonders gefördert.

Was Darwin für die Tierwelt begreifen lehrte, daß es innerhalb
derselben keine grundverschiedenen Arten gebe, lehrt die Philosophie in
betreff des Kosmos. Die Erkenntnis des letzteren wird gehindert durch
die Gewohnheit, zwischen Materie und Geist einen unmäßigen Unterschied
zu machen.

Vorstehende Lehre erhält einen prägnanten Ausdruck im Titel des achten
Abschnitts »Die Erkenntnis ist materiell«.

Gemäß der neueren Naturwissenschaft löst sich das ganze Dasein in
Bewegung auf. So viel ist ohnehin längst bekannt und notorisch, daß
selbst die Felsen nicht stillstehen, sondern immer in Tätigkeit, im
Entstehen und Vergehen sind.

Die Erkenntnis, der Intellekt, ist ein tätiger Gegenstand, eine
gegenständliche Tätigkeit, wie der Sonnenschein, wie der Wasserfluß,
wie der wachsende Baum, wie der verwitternde Stein oder irgendein
anderes Naturphänomen. Auch ist die Erkenntnis, ist das Denken, welches
im Menschenkopf, gleichviel ob willkürlich oder unwillkürlich, vorgeht,
+eine Wahrnehmung+, eine Wahrnehmung von ebenso unzweifelhafter
Gewißheit, als die allermateriellste. Daß wir die erkennende, denkende,
intellektuelle Tätigkeit durch den inneren Sinn und nicht durch
den äußeren wahrnehmen, kann unsere Behauptung von der sinnlichen
Wahrnehmbarkeit der Sache nicht im geringsten erschüttern. Ob der
Stein äußerlich vorhanden und das Denken innerlich -- was ändert
diese kleine Differenz an der unverrückbaren Tatsache, daß beide
Wahrnehmungen gleicher Art, und zwar sinnlicher Art sind? Warum soll
nicht die Denktätigkeit mit der Herztätigkeit in dieselbe Kategorie
gehören? Und wenn der Herzschlag auch ein innerer und der Zungenschlag
der Nachtigall ein äußerer, was kann uns hindern, diese beiden so
sehr differenten Schläge unter der höheren Einheit natürlicher oder
materieller Vorgänge zusammenzufassen? Wenn also die Herzfunktion
mit dem Namen einer materiellen beehrt werden darf, warum nicht die
Hirnfunktion?[14]

Nicht nur Tastbarkeiten sind »Dinge«, auch Sonnenstrahlen und
Blumendüfte gehören in diese Kategorie, und Erkenntnisse nicht
minder. Aber alle diese »Dinge« sind nur relative Dinge, insofern
sie Eigenschaften des Einen und Absoluten sind, welches das einzige
Ding, das »Ding an sich« ist, einem jeden wohlbekannt unter dem Namen
Universum oder Kosmos.

Dietzgen betrachtet nun im neunten Abschnitt, um sich mit der
schulmäßigen Logik abzufinden, die »vier logischen Grundgesetze«, das
Gesetz der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten
und des zureichenden Grundes. Er bedient sich hierzu eines Lehrbuchs
des berühmten Wiener Pädagogen Dittes, des damals freigeistigsten unter
den führenden Schulmännern deutscher Zunge. Zu den traditionellen »vier
logischen Grundgesetzen« bemerkt Dietzgen unter anderem:

Wenn das erste Gesetz lehrt: die Dinge sind sich selbst gleich, so
lehrt nun die Dialektik in ihrem ersten Paragraph: die Dinge sind nicht
nur sich selbst gleich und einerlei vom Anfang bis zum Ende, sondern
haben auch die widerspruchvolle Natur, einerlei und doch durchaus
mannigfaltig zu sein. Insofern es ein Denkgesetz ist, daß wir uns
mittels des Gedankens ein möglichst treffliches Bild von den Dingen
machen, müssen wir uns auch von dem Denkgesetz belehren lassen, wie
alle Dinge und Vorgänge ohne Ausnahme keine von jedem Standpunkt
aus sich gleichbleibende Dinge sind, sondern der Farbe jener Seide
gleichen, die, obschon sie sich selbst gleich oder einerlei bleibt,
dennoch sehr ungleich in den verschiedensten Schattierungen schillert.
Die Dinge, wozu das denkende Ding oder der menschliche Intellekt
mitgehört, sind sowenig nur einerlei, von Anfang bis Ende, daß sie in
der Tat und Wahrheit gar keinen Anfang und kein Ende haben, sondern als
Naturerscheinungen, als Erscheinungen der endlosen Natur +scheinen+ sie
nur Anfang und Ende zu haben, während es in Wahrheit nur Verwandlungen
sind, die zeitweise aus dem Unendlichen auftauchen und wieder darin
verschwinden.

Die anfang- und endlose natürliche Wahrheit oder wahre Natur ist
so widerspruchvoll beschaffen, daß sie nur in +Erscheinungen+ sich
äußert, welche dennoch durchaus wahr sind. Der alten Logik erscheint
dieser Widerspruch unsinnig. Sie steift sich auf ihr erstes, zweites
und drittes Gesetz, auf ihre Einerleiheit, ihre Widerspruchlosigkeit
und auf das ausgeschlossene Dritte, welches entweder krumm oder
gerade, entweder kalt oder warm sein muß und alles Dazwischenliegende
ausschließt. Sie hat recht! Im Hausgebrauch muß man mit Gedanken und
Worten so entschieden verfahren. Jedoch ist es zugleich zweckmäßig,
sich vom Akquisit der Philosophie belehren zu lassen, wie es in der
Wirklichkeit und Wahrheit nicht so exakt, nicht so ganz idealiter
zugeht. Die logischen Gesetze denken von den Gedanken und ihren Formen
und Anwendungen ganz richtig; aber sie erschöpfen das Richtige des
Denkens und seiner Gedanken nicht; es entgeht ihnen das Bewußtsein von
der Unerschöpflichkeit aller natürlichen Schöpfungen, wozu das Objekt
der Logik, das menschliche Erkenntnisvermögen mitgehört. Dies Objekt
ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist ein endlicher Teil des
Unendlichen, welcher tatsächlich die widerspruchvolle Natur besitzt,
in, mit und an seinem besonderen logischen Naturell das allgemeine
Naturwesen zu haben, welches über alle Logik erhaben ist. Die
unendliche Natursubstanz ist ein durchaus bewegliches Element, darin
alles Feste auftaucht und untergeht und deshalb wohl vorübergehend
etwas Festes und zugleich schließlich doch nichts Festes ist.

Erwägen wir nun noch kurz das vierte Grundgesetz der Logik, demnach
alles und jedes seinen zureichenden Grund haben muß. Auch dieses Gesetz
ist wohl achtbar und ehrenswert; aber dennoch sehr unzulänglich, indem
zu der Frage, wie wir die Welt zu denken haben und wie das höchst
entwickelte Denkvermögen beschaffen ist, nunmehr die Antwort gehört:
die Welt, worin alles seinen zureichenden Grund hat, ist dennoch
mitsamt dem Bewußtsein oder Denkvermögen, wie ein anfang- und endloses,
so auch ein +grundloses+, das heißt ein in sich und durch sich selbst
begründetes Wesen. Der Satz vom zureichenden Grunde gilt nur für die
menschliche Bildmacherei. In unseren logischen Weltbildern muß alles
seinen zureichenden Grund haben; das Original jedoch, der universale
Kosmos hat keinen Grund, er ist sich selbst Grund und Folge, Ursache
und Wirkung. Zu verstehen, daß alle Gründe auf dem Grundlosen fußen,
ist eine erhebliche dialektische Kenntnis, welche den Grundsatz von der
Notwendigkeit des zureichenden Grundes erst ins rechte Licht rückt.

Formaliter muß alles seine Ursache und seinen Grund haben; realiter
jedoch hat jedes Ding nicht einen Grund, sondern unendlich viele
Gründe. Nicht nur Vater und Mutter ist der Grund und die Ursache
meines Daseins, sondern auch Groß- und Urgroßeltern, nebst der Luft,
die sie geatmet, der Nahrung, die sie genossen, der Erde, auf der sie
gewandelt, der Sonne, welche die Erde bescheint, usw. Kein Ding, kein
Prozeß, keine Veränderung ist der +zureichende+ Grund eines anderen,
vielmehr begründet sich alles und jedes mittels des Universums, welches
+absolut+ ist.

Indem die alte Logik das Denken dem anderweitigen Sein gegenübersetzte,
hat sie den +Zusammenhang der Gegensätze+ vergessen, vergessen, wie
das Denken als eine Form, eine Art, eine Individualität ist, welches
in die Gattung des Seins gehört, wie der Fisch in die Gattung des
Fleisches, die Nacht in die Gattung des Tages, die Kunst in die Natur,
das Wort zur Tat und der Tod zum Leben gehört.

Weil also die alte Logik mit ihren vier Grundsätzen zu borniert war,
mußte von ihrer Fortentwicklung die Dialektik erzeugt werden, welche
das Akquisit der Philosophie ist. Diese also erweiterte Denklehre
begreift das Universum als das wahrhaft Universale oder Unendliche,
worin alle Widersprüche im Mutterschoß der Versöhnung schlummern. Ob
die neue Logik mit der alten +einen+ Namen oder die aparte Benennung
der Erkenntnistheorie oder Dialektik führen soll, ist ein Wortstreit,
der einfach durch Opportunität zu entscheiden ist.

Die Abschnitte zehn und elf, »Die Funktion der Erkenntnis auf
religiösem Gebiet« und »Die Kategorie der Ursache und Wirkung ist ein
Hilfsmittel der Erkenntnis«, lehnen an Aussprüche des Psychologen
Lazarus an, dessen Arbeiten (wie auch die von seinem Kollegen und
Schwager Steinthal) Dietzgen sehr wertschätzte, weshalb er gegen
manches Unzutreffende in Lazarus' Aussprüchen polemisierte. Doch von
größerer Bedeutung ist für uns der zwölfte Abschnitt »Geist und Materie
-- was ist das Primäre?«

Das Akquisit der Philosophie gipfelt in dieser Erkenntnis, daß die
Welt mannigfaltig und daß die Mannigfaltigkeit eins ist in ihrem
gemeinschaftlichen weltlichen Naturell. Die Wissenschaften müssen
uns ihre Objekte in dieser widerspruchvollen Weise darstellen, weil
eben alle Dinge in diesem Widerspruche tatsächlich leben. Was die
Museumszoologen und Herbariumsbotaniker auf dem +räumlichen+ Gebiet der
Tier- und Pflanzenwelt getan haben, akzeptieren die Darwinianer unter
Zuziehung der +zeitlichen+ Mannigfaltigkeit derselben Gebiete; die
einen wie die anderen kategorisieren, klassifizieren, systematisieren.
Dasselbe tun die Chemiker mit Kräften und Stoffen und Hegel mit
den kategorischen Verhältnissen von Sein und Nichts, Quantität und
Qualität, Substanz und Akzidenz, Ding und Eigenschaft, Ursache und
Wirkung usw. Er läßt alles ineinander überlaufen, werden, fließen,
sich bewegen, und tut sehr recht daran. Die ganze Welt bewegt sich und
gehört zusammen.

Was jedoch Hegel verfehlte und wir zusetzen, besteht in der weiter
gewonnenen Einsicht, daß der Fluß und die Beweglichkeit der namhaft
aufgeführten Denkkategorien nur ein Exempel ist für die notwendige
Beweglichkeit und den Ineinanderfluß aller Gedanken und Begriffe,
welche selbst nur ein Exempel und Abbild des universalen Lebens sind,
sein sollen und wollen.

Die idealistischen Philosophen, die alle wesentlichen Beiträge zu
dieser schließlichen Spezialkenntnis geliefert haben, sind doch alle
noch mehr oder minder in dem Wahne befangen, der Denkprozeß sei der
wahre Prozeß und das wahre Original, die Natur oder das materielle
Universum, nur ein sekundäres Phänomen. Jetzt ist nun zu begreifen, daß
der phänomenale kosmische Zusammenhang, die universale lebendige Welt,
die Wahrheit und das Leben ist.

Die zwei folgenden Abschnitte -- dreizehn und vierzehn -- sind der
Frage gewidmet, »Inwieweit die Zweifel an der Möglichkeit einer klaren
und deutlichen Erkenntnis überwunden sind« und »Über den Unterschied
zwischen zweifelhaften und evidenten Erkenntnissen«.

~Ad~ 1 gelangt Dietzgen zum Resultat:

Das Universum ist da, und zu seinem Dasein gehört alles; nichts oder
kein Ding ist davon ausgeschlossen, am wenigsten die Erkenntnis.
Letztere ist also nicht nur möglich, sondern ein Faktum, welches dazu
noch durch den Begriff des allervollkommensten Wesens bewiesen wird.

Das muß uns doch über den Zweifel der Kritiker und speziell auch über
den Kantschen Kritizismus oder besser Dualismus hinweghelfen. Kant
hat das Dogma von der Möglichkeit der Erkenntnis nicht so unbesehen
hinnehmen, sondern untersuchen wollen. Er hat dann entdeckt, daß wir
rechtmäßig erkennen können unter der Bedingung, daß wir mit der
Erkenntnis auf dem Felde der gemeinen Erfahrung bleiben, das heißt
im physischen Universum, und nicht ins metaphysische Himmelreich
abschweifen. Er hat aber nicht erkannt, daß die metaphysisch-himmlische
Gegend, von der er abrät, zu unserer Zeit eine abgetane Sache sein
würde.

Er läßt diese überschwengliche Möglichkeit noch bestehen und rät wohl
ab, mit der Erkenntnis dorthin zu gehen, aber nicht, daß wir auch mit
der +Ahnung+ dort wegbleiben sollen. Kant haspelt zwischen dem »Ding
als Erscheinung« und dem »Ding an sich«. Jenes ist irdisch und läßt
sich erkennen, dies ist übermenschlich und darf geglaubt und geahnt
werden. Mit dieser Lehre macht er wiederum die Erkenntnis, das Objekt
der neueren Philosophie, zu einem problematischen Wesen, das uns
auffordert, darüber weiter zu philosophieren.

Das ist geschehen, und ist es jetzt das Akquisit der Philosophie, »klar
und deutlich« zu wissen und von der Erkenntnis zu erkennen, daß sie
nicht nur ein Stück ist in dieser Welt der Erscheinungen, sondern ein
wahres Stück der Generalwahrheit, welch letztere keine andere Wahrheit
über sich noch neben sich hat und das allervollkommenste Wesen ist.

~Ad 2.~ Um aus dem Erkenntnisproblem klug zu werden, müssen wir davon
ablassen, den Blick auf +einzelne+ Meinungen, Gedanken, Kenntnisse oder
Erkenntnisse zu richten; wir müssen uns vielmehr den Erkenntnisprozeß
im großen ganzen ansehen. Da gewahren wir die Entwicklung vom Zweifel
zur Evidenz, von den irrigen zu wahren Erkenntnissen. Da gewahren wir
aber auch, wie töricht es gewesen, von dem Gegensatz zwischen Wahrheit
und Irrtum eine so überspannte Vorstellung gehabt zu haben.

Wer die Erkenntnis sucht, die wahre und evidente, findet sie nicht
in Jerusalem, nicht in Jericho, auch nicht im Geiste; in keiner
Einzelheit, sondern im Universum.

Da geht das Erkannte aus dem Unerkannten so allmählich und stufenweise
hervor, daß gar kein Anfang zu ermitteln; sie wird und erwächst,
ist halb irrig und halb trefflich und wird evident und evidenter;
aber sowenig es jemals eine absolut irrige, sowenig kann es jemals
eine absolut wahre Erkenntnis geben; absolut, fest, unvergänglich und
unerschütterlich ist nur das Weltganze, aber keine Spezialität.

Ein +Schlußwort+ unseres Autors ist der +Bejahung des Seins+ gewidmet:

Das Begreifen, das Vermögen zu begreifen, war der modernen Menschheit
von abergläubischen Altvordern als Ding einer »anderen Welt«
überkommen. Der Wahn einer »anderen Welt« jedoch ist ein metaphysischer
Wahn, der den Begriff des Seienden in Mißhelligkeiten brachte.

Das philosophische Akquisit versichert und beweist uns, daß es +nur
eine+ Welt gibt, daß diese Welt der Inbegriff alles Seins ist, daß dies
Dasein wohl unendlich viele Arten hat, aber alle Arten dennoch von
einer gemeinsamen natürlichen Natur sind. So hat die Philosophie den
Begriff des Seienden zu einem einhelligen Begriff gemacht und mit der
metaphysischen Mißhelligkeit auch die Metaphysik überwunden.

Das Sein, das allgemeine, hat nur eine Qualität: die natürliche des
allgemeinen Daseins. Zugleich aber ist diese Eigenschaft der Inbegriff
aller besonderen Qualitäten. Wie der Begriff des Krautes alle Kräuter
umfaßt, auch die Unkräuter, so umfaßt der Begriff des Seienden nicht
nur alles, was ist, sondern auch, was nicht ist, was einstmals war und
künftig sein wird.



XI.

Dietzgens pädagogische und Lebensweisheit.


Der dritte Band von Josef Dietzgens Sämtlichen Schriften führt den
Titel »Erkenntnis und Wahrheit«, weil er eine erweiterte Ausgabe
des gleichnamigen Buches ist, das Eugen Dietzgen im Jahre 1908 --
zum zwanzigsten Todestag seines Vaters -- erscheinen ließ; es ist
eine Sammlung von Briefen, Zeitschriftartikeln und kleinen Aufsätzen
vermischten, teils philosophischen, teils nationalökonomischen,
teils feuilletonistischen Inhalts; ein anderer Teil ist speziell der
Propaganda des Sozialismus gewidmet. (»Zehn Briefe über Sozialismus
an eine Jugendfreundin«.) Eine auszugsweise Wiedergabe des dritten
Bandes in der vorliegenden Publikation erübrigt sich, weil unseres
Autors naturmonistische Denklehre und Weltanschauung, deren Verbreitung
dieses Büchlein dienen soll, in den die ersten zwei Bände umfassenden
Schriften enthalten und in den sie resümierenden Abschnitten dieses
Buches dargelegt ist. Wer die ersten zwei Bände studiert hat, wird an
den vermischten Schriften des dritten Bandes um so größeres Vergnügen
finden, als die Lektüre desselben dem mit des Autors Philosophie
nunmehr Vertrauten keine schwere Denkarbeit fortan auferlegt, sondern
ihn befähigt, die Wirksamkeit von Josef Dietzgens Lehren in ihrer
Anwendung auf das allgemeine Denkgebiet wie auf die Lebenspraxis,
einschließlich der politischen Taktik, zu beobachten.

Wenn der Marxist Josef Dietzgen nationalökonomische Themata behandelt,
über die soziale Frage spricht und über den Sozialismus, ist es
naturgemäß etwas anderes und etwas +mehr+ -- zumindest durch die
philosophische Beleuchtung --, als was der +Nur+marxist zu geben hat,
wenn ihm weder Poesie die Flügel beschwingt, noch Philosophie den
Horizont erweitert. Der Monismus des Alls, der Universalzusammenhang,
wie ihn Dietzgen lehrt, ist bisher von der sozialdemokratischen Partei
so gut wie gar nicht fruktifiziert worden, obwohl unser Autor am
Schluß seiner Vorrede zum »Akquisit« ausdrücklich darauf hingewiesen
hat, wie »der Zusammenhang und Ineinanderfluß der Dinge auch auf die
Frage von >mein und dein< einen mächtigen und klärenden Bezug hat«.
So vernachlässigte man bisher in der sozialdemokratischen Partei eins
der ausgiebigsten Mittel zur Vertiefung sozialistischer Erkenntnis:
die Übertragung der monistischen Lehre auf das soziale Gebiet, auf das
Verhältnis der Menschen zueinander.

Kein Autor ist besser geeignet, als Dietzgen, Sozialisten zu Monisten
-- wenn sie es noch nicht sind -- und aus Monisten Sozialisten zu
machen. Letzteres gilt nicht zum wenigsten vom dritten Band, dessen
sämtliche Stücke, was kaum besonders hervorgehoben zu werden braucht,
in der Auffassung wie im Stil sich durch die Originalität, die unserem
Autor überhaupt zu eigen ist, auszeichnen und Anregung zum Selbstdenken
reichlichst bieten.

Als von einer in hervorragender Weise wertvollen Gabe darf hierbei
die Rede sein von den »Privatbriefen Josef Dietzgens an seinen Sohn
in Amerika« (1880 bis 1884), die den dritten Band eröffnen, nebst
dem Geleitwort Eugen Dietzgens hierzu. Es ist anzunehmen, daß jeder,
der für den Philosophen Josef Dietzgen Interesse gewonnen hat, sich
freuen wird, daß ihm Gelegenheit geboten ist, den merkwürdigen Menschen
etwas näher kennen zu lernen, aus dessen »Autodidaktenfeder« die
unvergleichlich schönen und erhabenen Preisungen der Einheit des Alls
geflossen sind. In Verbindung mit dem den ersten Band einleitenden
Lebensabriß Josef Dietzgens durch seinen Sohn Eugen geben jene
Privatbriefe des Vaters an ihn ein völlig klares Bild des seltenen
Mannes, der seine Handwerker-Mußestunden der Lösung schwierigster
philosophischer Probleme erfolgreich gewidmet hat; und sie zeigen uns
nicht nur das unablässige Ringen des +Philosophen+ um die Erkenntnis,
sondern auch den +Menschen+ Josef Dietzgen und besonders ihn als
Familienvater und Musterpädagogen; wir sehen, wie er seine und der
Seinigen Existenzfrage ventiliert und sie in großzügiger Weise zu lösen
versteht -- kurz, einen Denker, den die Theorien nicht für die Praxis
verdorben hatten.

Josef Dietzgen, der Arbeiterphilosoph, war dreimal in Amerika; von Juni
1849 bis Herbst 1851, von 1859 bis 1861 und von Ende Juni 1884 bis zu
seinem am 15. April 1888 erfolgten Tode.

Im Frühjahr 1880 schickte er seinen ältesten Sohn Eugen, nachdem dieser
mit dem Reifezeugnis für die Prima das Progymnasium seiner Heimat
Siegburg absolviert hatte, als »Quartiermacher« für die Familie nach
den Vereinigten Staaten. Der junge Mann wäre lieber daheim geblieben,
um das Gymnasialabiturientenexamen zu machen, die Universität zu
beziehen und Gymnasiallehrer zu werden. Der Vater aber riet ihm, nach
Amerika auf »die Hochschule des Lebens« zu gehen; dort könnte er sich
eine bessere Existenz gründen und zugleich die jüngeren Geschwister
mitversorgen helfen, um deren Zukunft Josef Dietzgen sehr besorgt
war, weil sein kleinbürgerliches Geschäft, eine Lohgerberei, von
Jahr zu Jahr durch kapitalistische Konkurrenz uneinträglicher wurde.
Eugen sollte in Amerika irgendeinen kaufmännischen oder technischen
Erwerbszweig erlernen; in einigen Jahren wollte der Vater mit den
anderen Kindern nachfolgen und ihn eventuell mit dem Rest seines
Vermögens bei Begründung eines eigenen Geschäfts unterstützen.

Dieser Plan wurde mit glänzendem Erfolg durchgeführt.

Aus den Briefen des Vaters an den Sohn (1880 bis 1884) sollen hier
einige der wichtigsten Stellen mitgeteilt werden. Wir lernen aus
ihnen den ganzen +Josef Dietzgen+ kennen: wie er schafft, für seine
Familie sorgt, seine Kinder erzieht, und wie er das Martyrium des
philosophischen Forschers trägt, der in seiner schwierigen Denkarbeit
durch die Notwendigkeit, zunächst die materielle Existenz der Seinigen
sicherzustellen, sich zeitweilig gehindert sieht, aber keine der beiden
unerläßlichen Aufgaben über der anderen vergißt.

Voll Rührung und Bewunderung liest man diese Briefe, die uns +die
pädagogische Kunst und die Lebensweisheit Josef Dietzgens+ zeigen, in
zweiter Linie aber auch allen denen von Nutzen sein werden, die -- ohne
die väterliche Fürsorge eines so weisen Ratgebers -- das Experiment
unternehmen, im fernen Ausland ihr Glück zu suchen.

Der hier vorliegende Auszug bildet etwa den vierten Teil der im
dritten Band der »Sämtlichen Schriften Josef Dietzgens« abgedruckten
»Privatbriefe an den Sohn in Amerika«.


            27. Mai 1880.

Hoffentlich sind bei Ankunft dieses die Gemütsmucken so ziemlich
überwunden und die Seele wieder frisch. Ohne alles Weh kann so etwas
nicht hergehen. Gefühle hat und muß der Mensch haben, aber sie müssen
dem Verstand unterworfen werden. Wenn Dir also, lieber Eugen, für den
Augenblick die Fremde nicht blitzt und schimmert und wenig Anregung
bieten will, wenn Dir die fremden Menschen nicht gefallen wollen
und nur immer an die Lieben und Bekannten traurig erinnern, die Du
zurückgelassen, dann vertreibe Dir und kannst Du Dir die Traurigkeit
recht schnell mit dem Gedanken vertreiben, daß es eben nur Stimmung,
vorübergehende Stimmung ist; daß das, was Dir monatelang ein guter Plan
geschienen hat, nicht durch eine momentane Gemütsfarbe schlecht werden
kann.

Schiffe Dich nur getrost auf meine Verantwortung ein. Wenn Du Dir Land
und Leute angesehen und dann zurückverlangst, werde ich jederzeit alles
tun, was möglich ist, um Deine Wünsche zu befriedigen. Wenn mich aber
meine Hoffnung nicht trügt, wirst Du Quartiermacher für uns alle sein.
Sieh her! Der Gedanke, daß Du eine Mission hast, muß Dir Mut machen.
Und es ist eine ernste Mission. Was hilft uns alle Schönheit des
Vaterlandes, wenn es das tägliche Brot nicht geben will. Mit diesem
Gedanken mußt und kannst Du der Fremde, den fremden Menschen, dem
fremden Sonnenschein, den fremden Häusern, Zimmern und Eckchen, worin
Du Dich kauern mußt, Poesie, Romantik abgewinnen. Ich habe immer viel
davon gehabt, und Du hast auch davon, ich weiß es, hast von mir davon
geerbt. Poesie und Romantik verklären das Leben unendlich, verklären
den Genuß wie die Entbehrung. Nimm sie zur Hilfe, lieber Eugen, und
lebe wohl und schreibe oft und ausführlich.


            23. Juni 1880.

... Du mußt auch wissen, daß die Leute in den großen Städten und im
bewegten Leben ihren Nebenmenschen nicht so sanguinisch entgegenkommen
wie die Dorfbewohner. Diese lieben und verehren den Fremden, und jene
vermuten einen Gauner, bis er sich +selbst+ ehrsam gemacht hat ...
Einen Rat, den ich nicht oft genug wiederholen kann, den Dir aber auch
die Verhältnisse jeden Tag predigen: nur möglichst wenig Prätension!
Davon bringen alle Grünen zu viel nach Amerika.

... Man muß auch zu genießen verstehen, dann ist das Genuß, was
sonst Widerwärtigkeit. Du müßtest nur wissen, wie elende dreijährige
Handlangerdienste die Lehrlinge hier in Deutschland leisten müssen, um
Dich als Amerikaner glücklich zu fühlen. Ich bin der Meinung, daß Du
dort Deine Lehre in der Hälfte der Zeit absolvierst.[15]


            4. Juli 1880.

... Daß Du Dich einsam fühlst in diesem interessierten großstädtischen
Getriebe, ist sehr natürlich. Ich hoffe aber sehr, daß sich dies
auch in kurzer Zeit bessern wird; und bis zur Ankunft dieses, denke
ich, wirst Du schon hin und wieder Bekanntschaft machen, die Dein
Gemütsleben stärkt und die Trennung von Deinen Lieben in der Heimat
erleichtert. Gerade solche Trennung und entferntes Voneinanderleben
läßt den gemütvollen Menschen den Wert eines innigen Familienlebens
empfinden; es soll uns alle in dem Vorhaben bestärken, dasselbe zu
pflegen und recht fest zusammen zu streben. Aber zu diesem Zweck will
durchaus die ökonomische Frage -- diesmal die Familienökonomie --
befriedigend gelöst sein. Mit diesem Gedanken, daß Du mir helfen willst
dazu, werden wir hoffentlich unseren Zweck und unsere Wiedervereinigung
erreichen ...

Du mußt Dir etwas angelegen sein lassen, K.[16] für Dich einzunehmen.
Darfst nicht verlangen, daß er entgegenkommen oder sich irgend
bequemen soll; nur immer denken: die Reihe ist an mir. Also nähere
Dich wiederholt und unablässig; und scheint es Dir, als würdest Du
abgewiesen, glaube nicht daran. Aus seinen Briefen hast Du ja ersehen,
daß er mir gewogen, und bin ich überzeugt, wenn für irgend einen, tut
er auch etwas für Dich, um meinetwillen. Diesen Glauben mußt Du haben,
daran nicht kleinmütig werden, dann wirst Du auch reüssieren. Du darfst
die Charaktere der Menschen nicht ändern wollen, sondern nur suchen,
Deinen eigenen geschmeidig dem notwendigen Bedürfnis zu akkomodieren ...

Dein ganzes Lernen kann zunächst in nichts bestehen wie im Umgang,
besonders mit Englisch redenden Menschen. Pflege speziell den Verkehr
mit K.s Kindern und den Damen im Hause.

Auch wenn Du zurückkehrst, wird der Amerikanismus sein Gutes haben. Man
lernt dort wenigstens gewöhnlich den deutschen Humbug der Vornehmtuerei
verachten und sein Glück nicht im Dekorum, sondern in sich selbst
suchen. Wenn wir hier nur über das lächerliche Dekorum weg wären, dann
könnten wir alle hier und überall leicht und glücklich leben.

Meine Überzeugung ist und bleibt: wenn Du nur kurze Zeit Dich im
amerikanischen Geschäft umgesehen, wirst Du Deine Kenntnisse und
Lebensstellung nicht mit einem hiesigen Gymnasiallehrer vertauschen
wollen.


            1. August 1880.

Kommt nun der Herbst, wirst Du drüben auch das schönste Klima der Welt
kennen lernen.

Weil Du die antiamerikanischen Reden des Bodenseers so gläubig und
antiamerikanisch aufgenommen, glaubte ich schließen zu müssen, daß
Deine Stimmung antiamerikanisch geworden. Ich habe vor einigen Jahren
eine Reisebeschreibung über die Vereinigten Staaten gelesen, in der
alles, was ich selber dort erfahren und das mein Wohlgefallen erregt
hatte, ganz wahrheitsgetreu geschildert und doch im abfälligsten
Sinne beurteilt wurde. Die Sache hat mich damals königlich amüsiert,
und erzähle ich es nur, um zu sagen und zu zeigen, wie natürlich es
ist, daß alle Objekte subjektiv angeschaut werden. So ist es auch
mit dem Kaufmannsstand: hüben wie drüben. Übrigens solche Leute wie
Deine Reisegefährten, die großartig auftreten und nichts hinter sich
haben, da ist Europa voll von, und ich bin überzeugt, daß der insoweit
ehrenhaftere Charakter des Amerikaners, der die Bläherei nicht kennt,
aber auch nichts davon ahnt, daß irgendeine Arbeit oder ein Erwerb
unehrenhafter sein könnte wie die gedankenlose Wichtigtuerei, bei
näherer Bekanntschaft Dir besser zusagt.


            10. August 1880.

Die Welt ist überall schön, und wenn Du Dich ein wenig heimisch in
Amerika gemacht, wird es Dir sicherlich dort gefallen. Deine Aufgabe
ist gar nicht groß; nur sorgen, daß Du lernst, in irgendeiner Weise
Dein Brot verdienen, dann habe ich die Kraft, Dir das weitere Verdienen
leicht zu machen, und da ich Dich nun bis dahin unterstütze, so ist
ja gar keine Ursache zum Zagen. Von ein paar Wochen der Einsamkeit im
Menschenmeer von New York mußt Du Dich nicht unterkriegen lassen.
Mit Mut und Sparsamkeit haben wir beide zusammen alle Mittel, um die
Verhältnisse zu bändigen.[17] Leiste Dir etwas mehr Zerstreuung,
benutze die Abende, um Bekannte aus der hiesigen Gegend, deren es genug
dort gibt, aufzusuchen. Nimm Anteil an allem und an allen, an der Welt
und nicht nur an Siegburg oder an irgendeinem anderen Krähwinkel.


            29. August 1880.

Der Schritt, den wir beide getan, war in Anbetracht unserer
Verhältnisse +notwendig+. Wenn Du Dir das zu Herzen nimmst, kannst Du
sehr leicht sentimentale »Gedanken« -- wäre ich da oder dort, hätte
ich dies oder das ergriffen -- aus dem Sinn schlagen. Die Welt ist
überall schön und poetisch, und die Erwerbsverhältnisse sind in Amerika
weit schöner wie hier; sie aber bilden die +Grundlage+ alles Hohen und
Schönen.


            5. September 1880.

Noch ist unser Vermögen so viel, daß, wenn wir uns als
+Proletarier+ betrachten, es leicht wird, uns eine ganz erträgliche
Proletarierexistenz zu schaffen. Wenn wir uns aber zur begüterten
Klasse zählen und danach wirtschaften wollen, geraten wir in eine Lage,
aus der es keine Rettung gibt. Meine Kinder sind für diese Erkenntnis
zu kurzsichtig, darum habe ich die Pflicht, entsprechend zu handeln.
Du sollst mir helfen, lieber Eugen, und wenn Du die Vereinigten
Staaten kennen gelernt hast, wirst Du sagen, daß Du kannst ... Auch
was Ohm Philipp vorgeschlagen, wäre nicht gänzlich verfehlt. Wenn
Du dort in ein paar Monaten die Schriftsetzerei erlerntest, könnten
wir uns ganz leicht irgendwo ein Zeitungsunternehmen erwerben. Kurz,
Mannigfaltiges sehen und lernen laß nur Deine Aufgabe sein; dann
wirst Du nach zwei bis drei Jahren selber sagen, daß Du besser daran
bist wie ein deutscher Gymnasiallehrer. Das sind ja doch meist arme,
höchst einseitige, geknechtete Menschen, die über ihre erbärmliche
Gelehrsamkeit kaum hinaussehen.


            26. September 1880.

... Sehe mit Vergnügen, daß Du Dich daran gemacht, praktisch
anzugreifen (in K.s Fabrikgeschäft). Daß Dir die Handarbeit für den
Anfang schwer wird und Energie kostet, kann ich mir lebhaft denken.
Nur Mut und Ausdauer! Wenn Du die rechte Einsicht hast, wie wertvoll
es für das Leben der Zukunft ist, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch
mit Hand und Arm in die Räder der Volkswirtschaft eingreifen zu können,
wie solche mannigfaltige Übung für die verschiedensten Lebenslagen
geschickt macht, eine wie große Unabhängigkeit daraus resultiert,
dann muß Dir das die Pein versüßen. Du hast ein gutes Beispiel an
Haug. Wenn der nur im Polytechnikum und nicht auch in der Werkstätte
gebildet wäre, würde es ihm nicht so leicht werden, von Siegburg nach
Philadelphia überzusiedeln. Du sollst gewiß nicht das Taglöhnern
lernen, sondern nur die Fähigkeit, ein halbes Handtagewerk zu leisten;
das macht geschickt, hundert Dinge anzugreifen, denen der beste
Federfuchser wie ein Tölpel gegenübersteht ...


            3. Oktober 1880.

Laß Dir nur ja recht angelegen sein, K. in jeder Beziehung zu
befriedigen und ihn und seine Angehörigen[18] möglichst für Dich
einzunehmen. In solchen Verhältnissen mußt Du etwaige Widerwärtigkeiten
und Antipathien durch ernsten Willen zu überwinden suchen mit dem
Gedanken, daß alles Unangenehme wenigstens ebensoviel subjektiv als
objektiv ist. Man kann ja sowenig die Verhältnisse als die Menschen
nach +Wunsch+ ändern, sondern muß sie nehmen, wie sie eben sind, und
aus allem das Beste zu machen streben ...

Immer in der Gegenwart an alle Möglichkeiten der Zukunft denken, aber
doch die Gegenwart und +dreimal+ die Gegenwart warm halten ...

Offenheit und Zutraulichkeit im Verkehr mit K. glaube ich Dir nicht
genug empfehlen zu können. Niemals verschlossene Zurückhaltung; die
führt zu nichts Gutem; lieber Bruch.


            16. Oktober 1880.

Dein Gedanke, eventuell auch Anstreicher und Dekorateur werden zu
können, hat mich froh gemacht. Der Reichtum aller Länder entwickelt
sich stark und der Amerikas doppelt schnell; das sichert dem
dekorativen Bedürfnis eine steigende Zukunft. Die Kunst soll dem
Menschen dienen, mithin praktische Verwendung finden. Wenn Du Dich auf
solchem gleichsam handwerkmäßigem Wege zum Künstler ausbilden kannst,
das wäre ein rechter Weg. Aber nur ja nicht voreilig! Der kaufmännische
Weg, auf dem Du gegenwärtig wandelst, gehört mit dazu und würde auch
dazu später unberechenbare Vorteile gewähren. Ebenso der Umgang mit der
Färberei in K.s Fabrik.

Versäume nichts, wo es etwas zu lernen gibt. Auch den mechanischen,
maschinellen Teil betrachte nicht als außerhalb der Sphäre. In der
modernen Industrie hängt alles mit den Maschinen zusammen. Denke nicht,
ich mute Dir zuviel zu. Nur ein paar Handtäste, eben wissen, wie man
eine Sache angreift, ist oft von großem Wert.

Nun möchte ich Dir noch warm empfehlen, unter allen Umständen wahre
Bildung, nicht die mit Gänsefüßchen, nicht die »Bildung«, hochzuhalten
und besonders in Amerika nicht zu vergessen, daß man schachern soll für
das Leben, aber nicht leben für den Schacher. Auch im Urteil gegen
und über Deine Umgebung nie hart, sondern stets human zu sein. Um
liebenswürdig zu handeln, muß man liebenswürdig denken; Tugenden und
Fehler stecken immer ineinander; auch der Bösewicht ist ein guter Kerl,
und der Gerechte sündigt des Tages siebenmal.

Mich verfolgt seit früher Jugend ein logisches Problem, »die letzten
Fragen alles Wissens«. Das sitzt mir wie ein Stein im Kopf. Wenn im
Laufe meiner vergangenen Jahre die Not herantrat, konnte ich es auf
ein paar Jahre verlieren; aber nach hergestellter Ordnung der Dinge
kam es immer wieder, und immer verstärkter und klarer, so daß mir
erst in den letzten Jahren die Überzeugung gewachsen ist, es sei
meine Lebensaufgabe, sowohl innerer Seelenfriede wie die sittliche
Pflicht fordern Hingabe und Arbeit für dasselbe. Daher kommt es auch,
daß ich immer danach strebe, einen Associé zu finden, der mir helfen
soll, die ökonomische Bürde zu tragen. Daher meine Unfähigkeit, das
Detailgeschäft hier ohne Hilfe zu betreiben. Mein Sinnen geht überall
dahin, den Kopf leer zu halten, damit ich dem Problem nachhängen kann.
Seit den letzten Jahren bin ich gar übel daran, es steht mit mir auf
und geht mit mir schlafen, und die leiblichen Sorgen gestatten mir doch
keine Ruhe, um viel daran zu tun.


            23. November 1880.

Du hast sicher noch zuviel des verkehrten europäischen Spleens im
Kopf. Eugen! Eugen! sei klug! Ich helfe gern, doch hilf Du auch.
Verschiedenen Arbeiten einen verschiedenen Rang beilegen und nicht das
für das Höchste halten, was just der Zweck erfordert -- ohne weitere
Rücksicht --, das ist ein heilloser europäischer Spleen, der noch
von der alten Gewohnheit herrührt, das Volk in Herren und Knechte
einzuteilen. Ich merke, Du bist unwillig und räsonierst in Dir über
Dinge, die doch gar natürlich sind und nicht anders sein können. Daß K.
seinen Sohn protegiert und ihm mehr glaubt wie Dir, auch dessen Fehler
leichter übersieht wie die Deinigen, ist gar zu natürlich. Du läßt
Dich zuviel von Deinen Sympathien und Antipathien mitnehmen. Dem muß
man widerstehen. Wenn K.s Sohn auch mürrisch und launisch ist, laß ihn
sein; es ist nicht Deine Aufgabe, ihn zu ändern, sondern zu ertragen
und das möglichst Beste daraus zu machen.

Du scheinst auch überempfindlich zu sein. Denke doch, daß die Leute
uns nichts schuldig sind und es immerhin für den Anfang angenehmer
für Dich ist, unter Bekannten als unter Wildfremden zu sein. Ist K.
einsilbig und verschlossen, nun, das ist eben seine Weise; die legt er
ja nicht an, Dich zu verletzen, und kannst nicht verlangen, daß er sie
um Deinetwillen ablegt. Ich weiß, die Amerikaner sind übermäßig von
sich eingenommen und sehen auf Europa und speziell auf die Deutschen
übermütig herab. Das kränkt anfangs, aber Du mußt überwinden und das
Heilmittel in Dir, nicht an anderen suchen. Stolz und selbstbewußt,
das ist recht und dabei doch zart sein. Dir selber nichts vergeben und
anderen alles.

Das kleine mobile Vermögen, das ich noch besitze, sind Blutstropfen,
die wohl müssen zu Rat gehalten werden. Wenn Du von K. aufbrichst,
darf es nicht im Trotz geschehen; nicht Dich überwerfen mit K.,
kein unartiges Wort: ~suaviter in modo, fortiter in re~! Wenn Du
so handelst, bin ich bei Dir bis zum letzten Cent. Aber nur nicht
rappelig! Versuch es noch ernstlicher mit dem jungen K. als bisher.
Nimm Dir vor, durch ein hartes Wort Dich nicht aus dem Konzept bringen
zu lassen. Ist er unartig, die Unartigkeit fällt auf ihn zurück -- sei
Du deshalb doppelt artiger. Zeige Dich immer unabhängig, dabei nie
beleidigt; Du mußt Deinen Stolz demütigen um der Sache willen, und ihn
doch behalten und ihn gebrauchen, +wenn Du die Macht hast+; aber nie
etwas wollen, was man nicht kann. Das Recht ist nur ein Begriff, aber
das Faktum die Wahrheit -- also immer nach dem Faktischen handeln, nie
nach Gefühlen und Reizbarkeiten. Sprich Dich mit K. aus. Sage ihm
alles, was Du auf dem Herzen hast, mit Abwälzung alles Kleinlichen.
Strebe unabhängig und selbständig nach Deinem Zweck, welcher vorerst
nur dahin geht, eine Stellung zu haben, worin Du 6 oder 8 Dollar
wöchentlich verdienst; kannst Du das nicht beim jetzigen Prinzipal,
bei K. erreichen, dann gebe Dir wohl den Anschein der Geduld, aber
strebe ungeduldig danach, anderweitig Dein Heil zu versuchen, und
benachrichtige mich zur rechten Zeit, daß ich Dir Geld schicke.


            5. Februar 1881.

Bemühe Dich nur, Deinen Prinzipalen gegenüber und bei Deinen
Mitgehilfen alle etwaigen Antipathien zu überwinden. Lasse Dir
angelegen sein, nicht nur durch Leistungen, sondern auch durch artige
Worte Dich festzusetzen in Deiner Stellung. Wenn letzteres zu guten
Leistungen hinzukommt, ist es ungemein wirksam. Wenn Du nach höherem
Lohn strebst, so tue das nur, insofern alle anderen Verhältnisse
zusagen, mit der größten Delikatesse. Wenn Du die deutsche Demut mit
der amerikanischen Independenz in geschickter Weise zu verbinden weißt,
das macht den Kapitalkerl!

Ein ordentliches Salär ist eine schöne Sache, jedoch rate ich, lasse
Dir noch mehr angelegen sein, in das Geschäft, das Du da gefunden, nun
auch richtig hineinzukommen: vom Verkäufer im Innern auch zum Verkäufer
nach außen zu gelangen, Waren, Kundschaft und Buchführung kennen zu
lernen. Aber Eile mit Weile!


            30. März 1881.

... Mit dem Gedanken, daß der erste Verkäufer nicht mehr versteht und
tut wie Du und doch ein vierfaches Salär erhält, darfst Du Dir Deine
Stellung nicht verleiden lassen. Wie mancher Sekondeleutnant ist ein
ebenso tüchtiger und noch viel kapablerer Militär wie der General, und
muß doch seine Zeit abwarten. Wenn auch noch etwas Geld draufgeht,
laß Dich nicht kümmern, der sichere Gang ist der vorzüglichere. Du
solltest der Prinzipalität in Bescheidenheit die Vorstellung machen,
daß Du Dir gerne gerade bei ihr eine Zukunft erarbeiten möchtest, daß
sie Dir aber wenigstens genug zahlen möchte für Dein notdürftiges
Auskommen, denn es sei Dir peinlich, jetzt noch um Geld nach Hause zu
schreiben, und Deine Kasse sei zur Neige. Wenn Du es dann bis zu 15
Dollar wöchentlich gebracht hast und findest die Vorrückung zu langsam,
so wirst Du leichter bei irgendeinem Konkurrenten der Firma ankommen.
Das längere Fungieren aber scheint mir erste Bedingung. Bist Du einmal
außer Stellung, so ist es zehnfach schwerer ankommen.


            25. April 1881.

... Das Schwerste ist jetzt überwunden. Nach drei Monaten trägst Du
nochmals auf Gehaltserhöhung an, und schon nach zwei, wenn Du fühlst,
daß Du an Fähigkeiten und Leistungen Fortschritte machst, würde ich
die Prinzipale in bescheidenster Weise bitten, Dein ernstes Streben
mit ein paar Dollars wöchentlich zu encouragieren. Aber es so machen
wie diesmal, mußt Du künftig vermeiden. Ich merke schon, Du hast von
mir geerbt; mir wird es auch schwer, den Stolz zu beugen und mit guten
Worten und Bitten das zu erbetteln, was ich für mein Recht halte. Aber
der richtige, der erfolgreiche Weg ist es nicht, wenn man -- so wie
Du getan -- und ich habe es auch schon mehr so gemacht -- dem guten
Freunde die Pistole auf die Brust setzt. Nimm Dir ernstlich vor, solche
delikate Fragen nächstens weniger ernst und dringlich, sondern mit
lächelnder Lippe und jüdischer Zähigkeit zum Austrag zu bringen.


            15. Juli 1881.

Strebe möglichst mit Behaglichkeit. Ein beruhigtes, wenn auch frugales
Unterkommen, welches Interesse für alles Schöne, Wahre und Gute übrig
läßt, ist jeder auch noch so fruchtbaren Jagd nach Geld und Gut
vorzuziehen. Ich hoffe wohl und freue mich, wenn das amerikanische
Klima Dich so weit ansteckt, daß Du erwerbslustig und -fähig wirst,
weil das Erwerben das ~Sine qua non~ von allem ist; aber ich hoffe, daß
Du Dein besseres Sein darin nicht aufgehen läßt.


            3. August 1881.

Du mußt vor allem streben, Dich und Deine subjektiven Anschauungen
beherrschen zu lernen und Deiner Zukunft oder Vernunft -- wie man es
nennen will -- die momentanen Gefühle zu opfern. Die Klugheit erfordert
durchaus, sich der Kunst zu bemeistern, allen Persönlichkeiten, auf
deren Umgang Du angewiesen bist, liebenswürdig zu erscheinen, ohne
deshalb auf den eigenen Charakter und die eigenen Rechte zu verzichten.
Dabei halte immer fest, daß ein Recht, wozu die Macht fehlt, Dich in
Besitz zu setzen, nur ein ideales Recht ist, dem die »Wirklichkeit«
fehlt, das man also nicht hat oder doch nur im Kopfe hat, aber erst
durch zweckmäßige Handlung verwirklichen kann.

Deine Gedanken hängen wohl immer noch mehr und lieber an der
Vergangenheit wie an der Zukunft? Das kommt aber daher, daß Du in der
Heimat ganz und gar ein nur ideales Leben geführt hast. Du hast die
Menschen und Verhältnisse hier nur von der schönen, gemütlichen Seite
gesehen.

Ich würde bedauern, wenn es anders wäre, aber auch wenn Du den Revers
zu spät sähest. Was in Amerika so offen zutage liegt: der abgöttische
Tanz um das eigene Ich, das ist hier noch mehr verbrämt mit Sitten und
Phrasen, mit Überbleibseln der Vergangenheit. Aber unter der Maske
der Verwandtschaft, Freundschaft, der Lieb und Treu kommt doch auch
hier immer nackter und nackter das wahre Gesicht des Eigennutzes zum
Vorschein. Die Bande der Familie, der Freundschaft und Liebe werden
täglich mehr zu losen Bändchen, zu Flitter an der Frage nach »barer
Zahlung«. Ich bin kein Pessimist. Die bösen Erfahrungen, die ich mit
Geschwistern, Verwandten und Freunden gemacht, haben mir nie die Liebe
rauben können, -- aber nur darum nicht, weil ich weiß, daß es so
kommen muß, daß die einzelnen Menschen keine Schuld tragen, sondern
nur die bösen Verhältnisse, daß nur die kapitalistische Produktion das
Gift bringt. Darum ist denn auch mein Haß nicht gegen die Eigennützigen
gerichtet, sondern gegen den Eigennutz; darum erwarte ich keine
Besserung von der Moralpredigt, sondern von der Entwicklung der
ökonomischen Verhältnisse. Der handgreifliche, fortwährende Aufschwung
der Produktion erlöst die Menschen von der Armut, von der Erbsünde und
vom Teufel.


            17. September 1881.

... Was Dich für das Geschäft (in dem Du jetzt arbeitest: Instrumente
für Ingenieure und Architekten) schätzenswert macht, sind besonders --
denke ich -- die guten Vorkenntnisse, welche Dich befähigen, leichter
mit den mathematischen Instrumenten Dich bekannt zu machen; und ohne
eingehende Bekanntschaft mit dem Gebrauch und Zweck der Dinge kann
man unmöglich ein +guter+ Verkäufer werden. Ich erinnere mich aus
meinem früheren Geschäft in Winterscheid, daß die Reisenden kamen
und Kaffee verkauften. Wenn ich dann fragte, wo der Kaffee herkommt,
dann wußten sie nur, daß er in Amsterdam gekauft war und Cheribon,
Java und Menado genannt wurde; aber wie die Holländer dazu gekommen,
ob er privatim aufgekauft wurde an den Produktionsplätzen, oder ob
es eine Aktiengesellschaft sei, welche die Auktionen in Holland
veranstaltete, oder ob die Sache Regierungsangelegenheit, davon wußten
die Pomadenhengste nie etwas. Und ich habe mich damals schon sehr über
solche Unwissenheit mokiert, da sich die Leute doch gerade diese und
keine andere Sache zum Geschäft machten. Möchte Dir deshalb anraten,
Dich eingehend nach dem Gebrauch, nach Herkommen, Geschichte und allem,
was Du über Deine Geschäftsartikel erfahren kannst, angelegentlichst zu
erkundigen. Nur wenn man etwas weiß, kann man auch etwas sprechen, das
nicht fade und trivial ist ...


            22. September 1881.

So angenehm, wie unter guten Umständen das Leben in einem kleinen
deutschen Landstädtchen ist, so heillos verpestet ist die Luft darin,
wenn der »Kampf ums Dasein« gefordert wird.

Du schreibst, daß Du gern an das ideale Leben zurückdenkst, das Du hier
geführt. Es wäre schade, wenn es anders wäre, doch auch schade, wenn
eine krankhafte Sehnsucht Dir den Reiz der Gegenwart verkümmerte und
Dein Streben erschlaffte. Muß gestehen, ich habe in diesem Punkte so
etwas Furcht und Sorge um Dich und freue mich deshalb ungemein, wenn
ich aus Deinen Briefen zuweilen sehen kann, daß Dein Gemüt heiter und
Deine Stimmung durchgehends energisch ist. Sentimentale Augenblicke
hat jeder. Du mußt Dir einmal klar vorstellen, worin der Reiz des
hiesigen Lebens denn eigentlich besteht. Von den Leuten nach Herkommen,
Stand und Aufführung gekannt zu sein und dadurch Achtung, Vorzug,
Teilnahme und Entgegenkommen zu genießen, das ist gleichsam eine Würze
des Lebens, die einen Pulsschlag hineinbringt, der gewiß nicht zu
verachten ist. Aber solche Ingredienzien sind auch nur wirksam, wenn
der +Stoff+ gut ist, dem sie beigemischt werden. Um diesen Stoff zu
erhalten -- erhalten im Sinne von konservieren +und+ erwerben -- bist
Du hinausgegangen, und wenn Du nun auch von der Würze einstweilen viel
entbehren mußt, so sollst Du doch nicht verkennen, daß man, wenn nur
der Lebens+stoff+ gegeben ist, sich das andere auch anderswo leicht
verschaffen kann.


            25. November 1881.

Vivat der Stadtreisende! Soeben die briefliche Nachricht empfangen, daß
sich Deine Andeutungen per Postkarte bestätigt haben.

Jetzt, lieber Junge, sind wir wieder alle auf dem Damm. Wenn man weiß
zu erwerben, ist dies mehr wert als Vermögen.

Über den neuen Wirkungskreis, den Du errungen, freue ich mich noch
mehr wie über die Gehaltsaufbesserung, doch ist auch letztere ganz
erfreulich.

Was wird das für eine Freude sein, wenn Du einmal heimkehrst und wir
uns alle wiedersehen! Das Schönste aber, was ich mir denken kann, ist,
wenn Du uns alle mitnehmen kannst, ohne daß wir beladen sind mit einer
ängstlichen Sorge um die Zukunft. Aber auch jetzt bin ich schon froh.
Das Glück haben nicht viele Familien, daß sie stets zusammenbleiben
können.

Unser Gehilfe Knöfel ist nach der Heimat gewesen. Hat von dort
geschrieben, ob er zurückkehren könne. Ich habe ihm dann einen
annehmbaren Vorschlag gemacht. Er ist wiedergekommen, hat vier Tage
gesoffen und zwei gearbeitet, und sich nun entschlossen, nach Amerika
zu gehen. Wahrscheinlich wird er nach sechs oder acht Tagen von
hier abreisen. Wenn er nach New York kommt, wird er Dich jedenfalls
aufsuchen. Sein Geist ist stark, aber das Fleisch ist schwach. Ich
glaube, daß er drüben seine paar hundert Mark verduseln und dann ein
guter Arbeiter sein wird.


            22. Dezember 1881.

... Daß die Amerikaner angespannter arbeiten wie die Leute hier,
weiß ich wohl aus eigener Erfahrung; aber was die Entschädigung
durch Vergnügen anbelangt, dünkt mir doch, daß diese Sucht hier noch
schlimmer ist. Die Bierbank und öde Gesellschaft ist wohl nirgends
mehr gepflegt wie in unserem deutschen Philisterium. New York und die
Großstädte machen eine Ausnahme, sonst im Innern des Landes ist nach
meiner Erfahrung der Amerikaner ein sehr ernster Mann, der mehr die
Einsamkeit liebt und pflegt wie irgendeine andere Nation.

Leider lebt in aller Welt die Volksmasse noch immer in einer geistigen
Wüste. Mit der Tatsache, daß Du an Deiner inneren Ausbildung mehr
arbeiten möchtest, als Dir die Stellung vergönnt, mußt Du Dich eben
abfinden, so gut es angeht. Es ist das ein Weltleiden. Darum war bisher
auch alle geistige Entwicklung hauptsächlich das Werk der bevorzugten
Klassen, und fand die aristokratische Konstitution der Gesellschaft
früher auch ihre Berechtigung darin, daß die Masse arbeiten mußte,
damit die wenigen Muße hatten zur Förderung der Kultur. Jetzt darf auch
die Masse Muße fordern, weil eben die Kultur so weit gediehen ist, daß
der nötige Proviant in einem Viertel der alten Zeit beschafft werden
kann.

Das Reisen im Staate New York muß Dir doch Vergnügen machen. Die
Natur ist da ja wirklich besonders schön, namentlich zwischen Albany
und Buffalo sind sehr schöne felsige Gebirgspartien. Aber auch die
Gegend am Hudson hat mir gefallen. Empfehle Dir, Washington Irvings
»Sketchbook« zu lesen, und wenn Du etwas Ernstes studieren willst,
rate Dir sehr an, Dich mit der Literaturgeschichte aller Zeiten und
Völker zu beschäftigen. Die englische Literatur, die Dir am leichtesten
zugänglich, ist wohl die schönste von allen; aber natürlich hat jedes
Volk seine besonderen reizvollen Eigentümlichkeiten. Mit Zeitungen und
dergleichen rate ich Dir nicht, die schöne gute Zeit zu vertrödeln.


            1. Januar 1882.

Lege auch einen Abschnitt aus der »Kölnischen Zeitung« bei, aus dem Du
lernst, wie überfüllt alles und wie schwer hier das Fortkommen für die
jungen Leute ist.

Du kannst Dir kaum denken, wie deprimierend das auf den Charakter
der jungen Leute wirkt, so bis an die dreißig Jahre herumzulungern,
äußerlich den hoffnungsvollen Mann spielen zu müssen, und inwendig
einen Placken an den anderen setzen, um nur die Blöße decken zu können.
So sind viele Siegburger Apotheker geworden und finden sich nicht
besonders wohl dabei. Ohne die Fonds, eine eigene Apotheke erwerben zu
können, soll das Fach sehr schlechte Stellungen bieten.

»~Homo sum~«[19] habe in den Weihnachtstagen gelesen und mich recht
dabei amüsiert. Verstand dadurch auch um so viel besser die Philosophie
Deines letzten Briefes. Es ist mir sehr lieb, wenn Du Dich derart über
Deine innersten Gedanken öfters aussprichst. Dergleichen vermindert den
Raum, der zwischen uns liegt.

Der Anachoret Paulus hat mir viel Vergnügen gemacht, aber auch die
Episode zwischen Polykarp und Vater und Mutter.

Die freiwillige Armut und Abstinenz hat gewiß ihre gute Seite, nur mußt
Du Dich erinnern, daß sie aus der heidnischen Völlerei hervorgegangen,
und daß die Armut so einseitig ist wie die Völlerei, die Wahrheit
oder Vernunft nun aber die Umfassung beider Extreme erfordert, nicht:
entweder -- oder, sondern: sowohl -- als auch. Sowohl reich wie
arm. Wir wollen unsere Begierden mäßigen, unsere Lebensart auf das
einfachste reduzieren, ohne zu vergessen, daß solche Reduktion den
Zweck hat, uns reicher zu machen, reicher sowohl an materiellen wie an
geistigen Gütern. Beide Güterarten gehören durchaus zusammen und sind
nur Formen oder Arten eines Guts, des Guten schlechthin.


            16. Januar 1882.

Ich wünschte besonders, daß der Eindruck, den »~Homo sum~« auf Dich
gemacht, etwas haften bliebe, das heißt die Erkenntnis, daß eine
gewisse Abstinenz zur Erreichung einer befriedigenden Seelenstimmung
unumgänglich ist. Du sollst die Welt und das Vergnügen nicht meiden,
aber auch die Einsamkeit nicht. Der Wechsel zwischen beiden gewährt den
+höchsten+ Genuß.

Der Kunstsinn liegt bei Euch drüben in Amerika noch im argen; hat sich
in den letzten Jahrzehnten jedoch sehr gehoben und wird voraussichtlich
in den nächsten Jahrzehnten riesig steigen, weil nirgends der Reichtum
so zunimmt wie dort. Und Reichtum muß und wird immer danach streben,
seinen Genuß durch die Kunst zu erhöhen. Deshalb glaube ich, daß
eine kunsthandwerkmäßige Ausbildung für eine amerikanische Zukunft
zweckmäßig sein könnte ...


            20. Februar 1882.

Möchte jetzt gern einmal von Dir hören, ob Du auch schon das erworben
hast, was ich immer als mein bestes Akquisit von meiner ersten
amerikanischen Tour betrachtet habe: das Gefühl, mit einem Lande und
mit Verhältnissen bekannt geworden zu sein, wo man die hier allgemein
so schwer drückenden Sorgen für das tägliche Brot auf die leichte
Schulter nehmen kann. Wenn das ist, dann hast Du viel, unendlich viel,
etwas gewonnen, was ein Vermögen wert ist.


            3. April 1882.

Deine letzten Nachrichten haben mir nicht nur viel Sorge gemacht,
sondern waren mir besonders unerfreulich, weil ich sehe, daß Du einen
so großen Leichtsinn hast, wie ich nie vermutet habe. Die zwölf
Dollar pro Woche, die Du errungen, waren nötig zur Existenz, und so
das Notwendige aufs Spiel setzen, um ein übriges zu gewinnen, ist
unverantwortlich. Ich wünsche nur, daß die Sache sich besser gestaltet,
wie meine Liebe zu Dir mich fürchten läßt. Also fünfzig Dollar Schulden
hast Du schon bei Sorge und zehrst wahrscheinlich auf Kredit! Das kann
nur gut enden, wenn Du nicht manchen Tag nach einem neuen Unterkommen
zu suchen brauchst. Denke und hoffe optimistisch, aber handle
pessimistisch. Wenn Du etwas von meiner Kraft hättest, dann würdest
Du sofort Deine Ausgaben auf das Allernotwendigste einschränken,
buchstäblich von Brot und Wasser leben und möglichst schnell in Arbeit
treten, gleichviel ob man zwanzig oder nur drei Dollar dafür zahlt.
Solche Handlungsweise würde von Verstand zeugen, aber große Ansprüche
machen, die man nicht zu erringen und zu bestreiten weiß, ist eine
törichte, eitle Kaprice. Weißt Du auch, daß ich froh wäre, wenn ich
den Wert von zwölf Dollar wöchentlich nicht nur für mich, sondern für
uns alle hier zu verzehren hätte? Solange Du mir nicht sagen kannst:
»ich habe hundert Dollar für einen Notpfennig zurückgelegt«, so lange
schelte ich dich leichtfertig.


            18. April 1882.

... In solchen Lebenslagen wie gegenwärtig mußt Du auf die
gewohnheitsmäßige Befriedigung Deiner Lebensbedürfnisse verzichten
können, nach Pittsburg und dem Westen per Emigrantenzug fahren und aus
der Tasche von Wurst und Brot zehren. Ich habe das xmal wochenlang
getan und bin dabei so heiter geblieben, als wenn ich an der Table
d'hote gespeist hätte. Im Gegenteil. Die Kraft der Entsagung ist ein
wirksames Gegenmittel gegen die Bedrückung des Gemüts, welche die
sorgenvolle, prekäre Lage notwendig mitbringt.


            26. April 1882.

Wir haben die Karte empfangen, worin Du Dein neues Engagement anzeigst.
Es hat also gut gegangen; aber doch wünschte ich, daß Du so viel
Freiheit über Dich selbst gewönnest, um einzusehen, daß man zeitweise
seinen Gefühlen mehr Zwang antun muß.

... Dein stolzer, unabhängiger Sinn ist mir sehr lieb und wert, aber
um ihn zu realisieren, um wahrhaft unabhängig zu werden, mußt Du auch
das dialektische Gegenteil, den unterwürfigen Sinn üben und pflegen. Es
ist das wohl ein Widerspruch, aber ein durchaus sinniger, wie das reale
Leben ihn überall fordert.

Dafür, daß Du mich so fleißig über die Einzelheiten Deiner Krisis
unterrichtet hast, bin ich Dir noch besonders dankbar. Es hat mich
das wohl für einzelne Tage und Stunden recht besorgt gemacht, auch
wohl eine schlaflose Nacht verschuldet, aber im ganzen sehe ich
doch, daß die Situation nicht so schlimm ist, daß Deine Aussichten
mannigfaltiger sind, wie ich sie mir anfangs vorstellte. Laß uns
nur recht fest zusammenhalten, und wir werden alle Hindernisse
überwinden ...


            14. Juni 1882.

Herrschaft über die Natur ist der Adel des Menschen. Ursprünglich Tier,
wird er Mensch und Herr erst dadurch, daß er dem Naturwalten hinter
die Schliche kommt. Der Zweck aller Kultur geht dahin, die natürliche
Abhängigkeit zu besiegen und Herr zu werden. Nur innerhalb gewisser
Schranken kann das gelingen. Auch wenn die Menschheit das Errungene
in der Zukunft verzehnfacht und verhundertfacht, verbleibt sie in
natürlicher Abhängigkeit. Die menschliche Herrschaft kann immer nur
eine vernünftig beschränkte sein.

Was also die Aufgabe des ganzen Geschlechts, ist auch Deine
persönliche, individuelle Aufgabe: Du willst und sollst Herr Deines
Geschicks werden. Obgleich Du Momente hast, wo Du Dich jetzt schon als
solcher fühlst, wirst Du auch Momente haben, wo Du Deine Untertänigkeit
empfindlich merkst. Also bist Du soviel Knecht wie Herr, jedes relativ,
das heißt einer, der sich emporarbeiten will, der dies Streben als hoch
und hehr erkennt, ohne zu verkennen, daß er nie einen absoluten Gipfel
erreichen kann.

Wenn nun die Menschheit des geistigen Scharfsinns zum Kulturfortschritt
bedarf, so kannst Du im Verkehr mit den Widerwärtigkeiten der List
nicht entraten. Weder der Wunsch, frei, noch das empfindliche Gefühl,
Knecht zu sein, kann Dich aus Stricken und Banden erlösen: es gehört
die »kluge« Tat dazu.

Die Sklaverei (im wörtlichsten Sinne) nennt Hegel eine »List der
Vernunft« und meint damit, sie sei notwendig gewesen, um die Menschen
mit der Peitsche zur Arbeit anzuhalten, weil sie ursprünglich eben
Tiere sind, die der Zuchtrute bedürfen. Und Aristoteles erklärt
bekanntlich, daß erst, wenn die Weberschiffchen ohne Menschenhand
und von selbst hin und her schnellten, an Abschaffung der Sklaverei
zu denken sei. Jetzt erst, wo die Weberschiffchen angefangen haben,
von selbst zu laufen, und die Ziegelsteine fast ohne Arbeit gebacken
werden, heute also, wo der Reichtum überhandnehmen will und die
tierische Plackerei immer mehr durch die Kultur beseitigt werden kann,
ist die Forderung nach allgemeiner Freiheit berechtigt.

Ich halte diesen breiten Sermon, weil ich Dir eindringlich zureden
möchte, in der jetzigen Periode Deines individuellen Lebens List,
Klugheit und Verschlagenheit nicht gering zu achten. Nur dadurch kannst
Du ein »freier Mann« werden, der seine Absicht jedem offen und ehrlich
ins Gesicht sagen darf. Um eben die Geradheit zu erreichen, ist Dir
einstweilen die Hinterlist eine sittliche Notwendigkeit. Ich fürchte
immer, Dein Naturell möchte Dich verleiten, im Freiheitsdrang die
Notwendigkeit der Beschränkung und Abstinenz zu übersehen.


            23. August 1882.

Ich für meinen Teil bin zwar eingenommen für das Land (der Vereinigten
Staaten), aber nicht, weil ich die dortigen Verhältnisse so sympathisch
finde, sondern weil mir die hiesigen schändlich versumpft und beengt
vorkommen. Dort hat man der absoluten Gewalt der Natur, der eisernen
Notwendigkeit in die Augen zu sehen und mit ihr zu kämpfen, hier
sind es Schrullen und Vorurteile, feudale und chinesische Zöpfe und
anerzogene Nichtswürdigkeiten, die den Geist versklaven. Doch daraus,
daß so viele verfehlte Existenzen dort herumlaufen, sollst Du Dir kein
Vorurteil wider das Land und seine Verhältnisse bilden. Was meinst Du
wohl, wie viele unbefriedigte Leute es denn hier gibt? Den prekären
Zuständen, wie sie dort herrschen und wie sie die Großindustrie
mitbringt, gehen wir hier eiligen Schrittes entgegen. Amerika ist uns
darin wohl sehr voraus. Dafür hat es aber auch durch den Reichtum
seiner Natur und primitiven Kultur viel mehr Zwischenräume für den
Mittelstand, dem wir angehören und in dem wir uns möglichst lange
erhalten wollen. Mit der Zeit muß derselbe allerdings ~nolens volens~
hier wie dort ins Proletariat hinabsteigen. Aber unterdessen haben auch
die untersten Volksklassen so viel gewonnen, daß die Sache weniger
betrübt ist. Wir gehören deshalb praktisch zur Mittelklasse und
theoretisch zum Proletariat. Soll ich mich hier tatenlos hinuntersinken
lassen, wenn ich vorsehe, daß drüben die Kampfverhältnisse günstiger
sind?

Ich möchte Dir gern meine Überzeugung übertragen, damit Du wo mit
dem Leibe auch mit der Seele stehest. Das Staatsproletariat ist
eine erbärmliche Sklaverei. Zwar ist das sicherste hier wohl der
Staatsdienst, aber ich fürchte, Du siehst ihn mit zu idealen Augen.
Wenn Du als Gymnasiallehrer hier Deinem Herrn und Meister so viel
Opposition gezeigt hättest wie bei K. & E., dann wärst Du am Ende
Deines Lateins, aber gründlicher am Ende wie dort, wenn Du auch
vollkommen mit den New-Yorker Herren zerfällst. Zudem ist es viel
leichter, einen herrischen Privatmann mit einem schmeichelhaften Worte
zu befriedigen, als ein herrisches System, das nur mit Deiner völligen
Unterwerfung auf Lebensdauer zufrieden ist. Lieber Eugen, besieh Dir
Dein Verhältnis genau, und dann wirst Du -- nach meiner Ansicht der
Sache von hier aus -- jubeln, daß Du so weit vorgerückt bist ...


            25. November 1882.

... Richte Deine Aufmerksamkeit weit mehr auf den sicheren, steten
Gang als auf großen Erfolg. Auch sitzt in dem vielen Hab und Gut gar
nicht das Glück; eine bescheidene Existenz ist alles, wonach wir
streben wollen. Im Hinblick auf den Reichtum, welchen die menschliche
Entwicklung uns ganz von selbst in den Schoß wirft, dürfen wir dem
Gang der Dinge mit der größten Genügsamkeit zusehen. Ich meine damit
die Produktivkraft der Arbeit, welche sich durch die industriellen
Fortschritte stetig mehrt; damit mehrt sich also auch das lebendige
Vermögen des einzelnen, mittels seiner Arbeit die Bedürfnisse zu
befriedigen, wenn auch sein totes Vermögen, sein »Kapital« sich nicht
mehrt. Weil man aber durch die Abhängigkeit vom Kapitalisten sehr
leicht aufs Trockene und ins Elend versetzt werden kann, darum ist es
von allerhöchster Bedeutung, so viel Stock (Vorrat. D. H.) zu besitzen,
um unter allen Umständen seine Arbeitskraft in Gang erhalten zu können.
Deshalb ist es für uns jetzt so überaus wichtig, sorgsam zu wachen, daß
unser kleiner Fonds erhalten bleibt. Ich freue mich ungemein auf Deine
Herkunft im nächsten Sommer, damit wir uns gründlich verständigen ...


            9. März 1883.

... Eine besondere Freude macht es mir, daß ich es fertig gebracht,
gemäß Deinen Auslassungen, Dich für meine heiligsten Gedanken, für
meine neue und hohe Weltanschauung zu interessieren. Dadurch hat uns
die Trennung und Entfernung nicht entfremdet, sondern im höchsten Grade
genähert. Bleibe, lieber Eugen, der Wissenschaft anhänglich! Werde kein
Bücherwurm, aber ein Liebhaber der Bücher zum Zweck ihrer praktischen
Anwendung im Leben!


            15. März 1883.

... Der Familienzusammenhang ist mir wie Dir teuer und wert und möchte
ich uns allen gewiß die Freude des Wiedersehens gönnen. Jedoch geht
das materielle Gedeihen allen Gemütsbedürfnissen vor. Besser, wir sind
in fünf Weltteile zerstreut, wenn es jedem gut geht, als im Elend
vereinigt. Bedenke wohl und ernstlich, wie der Unbemittelte, besonders
im alten Europa, ein elender Sklave ist. Du lebst an einer Stelle,
wo der Pulsschlag der Welt recht fühlbar ist, und begreifst meine
Vorsicht leicht; Deine Geschwister hier leben idyllisch, sanguinisch
wie die Kinder der Welt vor dem Jüngsten Tage. Ich kann ihnen keine
Angst anpredigen, weil ich realiter zu nachgiebig bin, und weil ihre
Umgebung, die Siegburger Dorfgemütlichkeit, die wahre Not des Lebens zu
sehr verhüllt.


            19. September 1883.

In Ermangelung eines sozialen Staates wollen wir (Vater und Kinder)
wenigstens unter uns Kommunisten sein in beschränktem Maße, für den
Notfall, und nicht utopistisch. Du sollst -- nach meiner Denkart -- im
allgemeinen, im großen ganzen egoistisch für Dich und Deine Zukunft
sorgen, aber nebenbei auch der allgemeinen Menschenliebe Rechnung
tragen. Die faktischen Weltverhältnisse beruhen noch auf dem Egoismus
gar ausschließlich, und über das Faktische darf sich auch kein Idealist
hinwegsetzen, sonst ist er Utopist ...


            16. November 1883.

Du sprichst von dem unmoralischen Ton in der Familie M., der Dich und
auch Eduard S. chokierte. Ich kann mir dabei nichts anderes denken,
als daß die Ablösung der Bande, welche Bürgermeister, Pastor und
Nachbarschaft dem Dorfmenschen auflegen, verstärkt durch die Fesseln
ökonomischer Dürftigkeit und das Gefühl niedriger sozialer Stellung,
daß der Wegfall dieser Banden die Emporkömmlinge dort drüben außer
Rand und Band bringt. Ob sie sich da nun mit äußerem Flitter behangen,
bleibt ihnen doch das Gefühl der Niedrigkeit, welches sie sich durch
Anmaßung ausreden möchten. Ist es so? Nun, das sollte Dich nicht
antipathisch stimmen. »Alles erklären, heißt alles verzeihen.« Wenn Du
von Dir ein höheres Bewußtsein hegen kannst, so freue Dich dessen, aber
halte auch gewärtig, daß Du in dieser so sehr verbesserungsbedürftigen
Welt immer Resignation üben und Dein Licht in etwa unter den Scheffel
halten mußt.


            6. Dezember 1883.

... Wenn ich nicht gerade dem Elend ins Auge sehen muß, und +nur eben+,
+wenn noch so arm+, leben kann, bin ich durch mein heiteres Gemüt
ungemein reich und besitze eine unverwüstliche Munterkeit.

Auch Deine entschiedene Sprache, mit der Du von neuen
Geschäftsunternehmungen abrätst, hat mir wohl getan. Mir tut nichts
wohler, als wenn Ihr alle mitratet bei Gestaltung der Zukunft; nur muß
es kein Rat sein, wie ihn Deine Schwestern gewöhnlich im Vorrat haben,
die alles abweisen, aber nichts Neues an die Stelle setzen; immer
bleiben wollen, wie sie sind, ohne der Zukunft Rechnung zu tragen. Sie
raten nur negativ: »Tu nicht! Tu nicht!«

Im Briefe vom 22. November sagst Du: »Bin schlimmsten Falls niemals
um mein Brot verlegen.« Dies Wort hat mich sehr erfreut. Wenn Du Dich
etwas mit der politischen Ökonomie bekannt gemacht hast, wirst Du
einsehen: was heute ein Kapital ist, ist morgen keins mehr. Ich bin
Kleinbürger von Geburt und Stand. Wenn ich kein Betriebskapital habe,
bin ich am Ende meines Lateins. Darum möchte ich sehen, daß meine
Kinder sich nicht auf ein kleines und unzulängliches Kapitälchen,
das mit der Entwicklung der Dinge immer noch unzulänglicher wird,
stützen sollten, sondern auf ihre Arbeitskraft. Im Anschluß an
konkurrenzfähiges Kapital sich eine günstige Lohnstellung suchen, ist
zeitgemäßer als die kleine unzulängliche Selbständigkeit. Ich spreche
Dir ja meine Gedanken in den »Logischen Briefen« aus.


            25. Januar 1884.

Ich will Dich gewiß nicht abhalten, wenn Du die Gelegenheit hast,
ein eigenes Geschäft zu akquirieren, sondern nur anraten, den
unvermeidlichen Drang dahin zu mäßigen durch die Erkenntnis, daß das
Kleingetriebe dem Untergang gewidmet ist; der dienende Anschluß an eine
große Firma ist freier, leichter, lohnender wie die Kleinkrämerei.
Solche Selbständigkeit ist doch eine sehr relative, besonders wenn
die Konkurrenz ihr das Leben sauer macht. Ich glaube gern, daß Du von
meinem Charakter ein gut Stück geerbt hast, wodurch es Dir schwer
wird, auf Gleichberechtigung zu verzichten. Indes ist das nun einmal
nicht anders in unseren Tagen des Privatbesitzes und daraus folgenden
Standesunterschiedes. Wer kein großes Vermögen hat, kein Kapitalist
ist, ist unfrei geboren.

Ich glaube, wir, ich, Du und Deine Geschwister, werden am besten
fahren, wenn wir in etwa resignieren und uns als das betrachten, was
wir auch in der Tat sind, als Proletarier, die der Regel nach nicht
imstande sind, sich aus ihrer Klasse herauszuarbeiten, sondern ein
hoffnungsvolles Leben nur finden können im politischen Streben nach der
Emanzipation der gesamten Arbeiterklasse. Der Mensch tut gut, nicht zu
hoch hinauszufliegen und sein Streben mit seinen Mitteln in Einklang zu
halten. Demnach schlage ich vor, daß wir unser kleines Vermögen nicht
gebrauchen, um Reichtümer zu erwerben -- insofern diese zu den Trauben
gehören, die zu hoch hängen --, sondern als Notanker für unabsehbare
Unglücksfälle.

Bei solcher Lage der Dinge müssen wir »dienen«. Nun sind nach meiner
Erfahrung die Vereinigten Staaten der Ort, wo die Bitterkeiten des
Unvermeidlichen noch am leidlichsten sind.


            17. März 1884.

Auf Deinen Brief aus Buffalo, worin Du gegen meinen Rat polemisierst,
Resignation zu üben wider den Trieb, ein reicher Mann zu werden, hätte
ich viel zu sagen, was aber doch überflüssig ist, indem Du, trotz
Deiner Polemik, mich doch verstanden hast.

Ich will Dich gewiß nicht veranlassen, +absolut+ zu resignieren,
sondern möchte nur, daß der Begriff der ökonomischen Entwicklung diesen
Trieb insoweit mäßige, als zu erkennen ist, +daß der Regel nach+ nichts
zu holen ist; wenn Dir aber das +Glück+ zwischen die Beine läuft,
werde ich gewiß einverstanden sein, wenn Du recht wacker für ein Stück
Kapital arbeitest.



Fußnoten


[1] Verlag der Dietzgenschen Philosophie. München 1911.

[2] Siehe hierzu die Abhandlung +Eugen Dietzgens+ »Dietzgen und
Kant« im Vorwort (S. 4 bis 40) zu seinem »Dietzgen-Brevier für
Naturmonisten«. München 1915, Verlag der Dietzgenschen Philosophie.

[3] Dialektik = Entwicklungslehre durch Aussöhnen aller
Gegensätzlichkeit in einer Einheit und durch Fortschreiten im stets neu
sich bildenden Gegensatzkampf zur immer höheren Aussöhnung und Einheit.

[4] Die gründlichste philosophische Unterweisung über den
»Universalzusammenhang« findet der Leser in den »Logischen Briefen«, 1.
Teil, 2. Band, der »Sämtlichen Schriften Josef Dietzgens«.

[5] Auf die nahe Verwandtschaft des erkenntnistheoretischen
Standpunktes von Dietzgen mit den Anschauungen von Ernst Mach
und seiner Anhänger hat Max Adler schon 1907 in der Neuen Zeit
aufmerksam gemacht. Machs Lehrkern habe Dietzgen schon 1868 gleichsam
vorweggenommen. (Christian Eckert in Schmollers Jahrbuch, Heft 1, 1914.)

Später (1911 und 1913) hat Gustav Eckstein in Aufsätzen der Leipziger
Volkszeitung und des Vorwärts die erkenntnistheoretische Harmonie von
Dietzgen und Mach beziehungsweise Stallo gewürdigt.

Es steht übrigens fest, daß die genannten Gelehrten zur Zeit der
Veröffentlichung ihrer Theorien von Dietzgen nichts wußten. Bis vor
fünf Jahren war der bloße Name Josef Dietzgen an den Universitäten nur
sehr wenigen bekannt.

[6] Eine Ausnahme machte inzwischen ~Dr.~ K. Österreich in seiner
Ausgabe des 4. Bandes (1916) von Überweg-Heinzes Geschichte der
Philosophie.

[7] In dem von mir übersetzten Buche von Morris Hillquit, New York,
»Der Sozialismus, seine Theorie und seine Praxis« (München 1911, E.
Reinhardt) behandelt das dritte Kapitel »Sozialismus und Ethik«, Seite
28 bis 50.

[8] Kant sagt: »Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische
Gesetze gebe, die völlig ~a priori~ (ohne Rücksicht auf empirische
Bewegungsgründe, das ist Glückseligkeit) das Tun und Lassen, das
ist den Gebrauch der Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt
bestimmen, und daß diese Gesetze +schlechterdings+ (nicht bloß
hypothetisch unter Voraussetzung anderer empirischer Zwecke) gebieten
und also in aller Absicht notwendig sind.« -- Sein »kategorischer
Imperativ« lautet: »Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.«

Woran Sozialisten, angesichts der aus den Verschiedenheiten der
+Klasseninteressen+ resultierenden Differenzen der »Maxime des
Willens«, die im vorigen Zitat gedachten »reinen moralischen Gesetze«
-- die jeder normale Mensch angeblich aus seinem Innern (ohne sinnliche
Erfahrung) schöpft -- zu erkennen vermögen, ist ein Rätsel, dessen
Lösung die Revisionisten uns bisher vorenthalten haben. Wenn Kants
ethisches Grundgesetz richtig wäre, müßten doch die Wilden schon
unsere wichtigsten heutigen Moralanschauungen gehabt haben -- ganz
zu schweigen von der Sklavenhalterzeit, von der feudalen und von der
kapitalistischen Welt. Steht doch sogar der letzteren moralisches
Empfinden -- soweit es den Gütererwerb durch Verelendung der Massen
betrifft -- in krassem Gegensatz zu dem unsrigen.

Professor Oswald Külpe sagt in seiner Darstellung und Würdigung
Kants (Aus Natur und Geisteswelt, 146. Band, Seite 121) in bezug
auf Kants Moralgebot: Liebe aus Neigung kann nicht geboten werden,
sondern nur die praktische Liebe, das Wohltun aus Pflicht, wenn selbst
unbezwingliche Abneigung der Ausführung dieser Pflicht entgegensteht.
Auf solche Beispiele zielt das bekannte Epigramm von Schiller:

    Gern dien' ich den Freunden, doch tu ich es lieber mit Neigung,
    Und so wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin.
    Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen sie zu verachten,
    Und mit Abscheu alsdann tun, was die Pflicht dir gebeut.


[9] In den letzten Jahren haben allerdings die Ergebnisse der
Erdbebenforschungen die alte Theorie von ehedem »feuerflüssigen« Gehalt
des Erdinnern erheblich diskreditiert.

[10] Dialektik im Sinne Dietzgens heißt soviel wie die Erkenntnislehre,
welche sich gründet auf der erfahrungsmäßig nachgewiesenen Versöhnung
des Kardinalgegensatzes zwischen Materie und Geist in der Einheit
des natürlichen Universalzusammenhanges. Dieser bildet die absolut
einheitliche Gattung, innerhalb welcher alle Gegensätze notwendig nur
relativ gegensätzliche Arten sind.

Durch solche Überwindung der Gegensätzlichkeit zwischen Materialismus
und Idealismus verwandelt sich die bislang mit Recht als sophistisch
diskreditierte Dialektik in eine streng monistische Logik und
Entwicklungslehre, die auf erfahrungsmäßig kontrollierbare und daher
wissenschaftlich überzeugende Weise fortschreitend immer besser mit
jeder dualistischen Unlogik zu räumen versteht.

Noch Hegels Dialektik (Entwicklungslehre im stets sich erneuernden
Gegensatzkampf zur immer höheren Einheit) nahm ihren letzten Ausgang
von unvermittelter Begriffsarbeit, welche sich mit ihrem objektiven
Arbeitsmaterial in keiner Einheit zu versöhnen vermochte, weil ihr
die Erkenntnis der genannten letzten Einheit mangelte und daher auch
nicht zur Überwindung des Gegensatzes zwischen Objekt und Subjekt
fortschreiten konnte.

[11] Ich existiere, daher denke ich.

[12] Erst neulich wurde in den »Sozialistischen Monatsheften« erklärt,
es sei ganz und gar nicht Aufgabe der Partei, diese oder jene
Weltanschauung zu fördern.

Ähnlich gleichgültig verhält sich +Kautsky+ gegenüber einer durch
erfahrungsmäßige Erkenntniskritik begründeten Weltanschauung und
Denkmethode für die proletarische Bewegung, indem er im »Kampf« vom
1. Juli 1909 schreibt: »Marx hat keine Philosophie, sondern das Ende
aller Philosophie verkündet. Der Marxismus will dem Proletariat die
Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate
der proletarischen Bewegung beibringen, wie das Kommunistische
Manifest sagt. Der Ausgangspunkt dabei ist die Erkenntnis, daß
nicht das Bewußtsein der Menschen ihr Sein, sondern umgekehrt ihr
gesellschaftliches Sein ihr Bewußtsein bestimmt. Ob man diese
Auffassung auf den Materialismus des achtzehnten Jahrhunderts oder
den Machismus oder den Dietzgenschen dialektischen Materialismus oder
sonstwie stützt, ist ja für die Klarheit und Einheitlichkeit unseres
Denkens nicht ganz gleichgültig, aber eine Frage, die für die Klarheit
und Einheitlichkeit der +Partei+ ganz belanglos ist.«

[13] Mit großem Erfolg haben die Aufsichtsräte deutscher
Aktiengesellschaften ihren Lohn, Tantieme genannt, in den letzten
Jahren, und ganz besonders wieder 1913/14, erhöht. Auf Grund der
Einnahmen aus der +Tantiemesteuer+ berechnet die »Frankfurter
Zeitung« für das Fiskaljahr 1913/14 versteuerte Tantiemen von 88,38
Millionen Mark gegen 79,38 Millionen für das Jahr 1912/13, 71,50
Millionen für 1911/12, 65,39 Millionen für 1910/11, 59,30 Millionen
für 1909/10 und 41,01 Millionen Mark für 1908/09. +Seit 1908/09 hat
sich die Jahreseinnahme der Aufsichtsräte mehr als verdoppelt+, die
Aufsichtsratstantiemen sind erheblich schneller gestiegen als die
Dividenden der Aktionäre. Von einer Steigerung der Arbeitsleistung
der Aufsichtsräte kann dabei keine Rede sein, schon weil das
Aufsichtsratsamt in den meisten Fällen überhaupt mit keiner ernsthaften
Arbeit verknüpft ist. (»Vorwärts«.)

[14] Siehe hierzu das Zitat aus Verworn, Seite 25.

[15] Lehrlingskontrakt (wie in Deutschland) kennt man in den
Vereinigten Staaten nicht; auch gibt es keine »unentgeltliche«
Lehrzeit; jeder Lehrling erhält Bezahlung und avanciert nach Maßgabe
seiner Fähigkeiten und der eintretenden Vakanzen.

[16] Freund des Vater Dietzgen, in dessen Geschäft und Fabrik Eugen als
Volontär aufgenommen wurde.

[17] An manchen Stellen dieser Korrespondenz ist zu beachten, daß J. D.
die Vereinigten Staaten vor Einsetzen der großkapitalistischen Periode
kennen lernte, als sie tatsächlich das Eldorado des Kleinbürgertums
waren. Dies hat sich inzwischen sehr verändert, so daß der Unterschied
zwischen der Union und Deutschland von Jahr zu Jahr geringer wird. Auch
heute noch sind zu Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs die Chancen zum
Fortkommen drüben bessere als in Europa, dafür aber um so verzweifelter
und schlechter während einer Periode wirtschaftlichen Niedergangs.

[18] Der junge Dietzgen wurde vom Fabrikherrn K., einem alten Freunde
und Gesinnungsgenossen Josef Dietzgens, in Pension genommen.

[19] Von Georg Ebers. Der Sohn hatte geschrieben, daß er dies Buch
gelesen.



Verlag der Dietzgenschen Philosophie in München


Durch jede Buchhandlung (nicht von der Verlagsfirma direkt) beziehbar:

Josef Dietzgens sämtliche Schriften

Drei Leinenbände M. 12.-- München 1911.

Erster Band: =Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit und Kleinere
Schriften.= Ein Abriß von Josef Dietzgens Leben von Eugen Dietzgen.
Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit. (Eine abermalige Kritik der
reinen und praktischen Vernunft.) Die Religion der Sozialdemokratie.
Sozialdemokratische Philosophie. Das Unbegreifliche. Die Grenzen der
Erkenntnis. Unsere Professoren auf den Grenzen der Erkenntnis.

Zweiter Band: =Das Akquisit der Philosophie.= Einführung in die
Denklehre und Weltanschauung Josef Dietzgens von Eugen Dietzgen. Briefe
über Logik, speziell demokratisch-proletarische Logik. (39 Briefe.)
Streifzüge eines Sozialisten in das Gebiet der Erkenntnistheorie. Das
Akquisit der Philosophie.

Dritter Band: =Erkenntnis und Wahrheit.= Aus Josef Dietzgens
Privatbriefen an seinen Sohn in Amerika. 22 Aufsätze und 10 »Briefe
über Sozialismus an eine Freundin«.


Von den Einzelschriften sind noch vorrätig:

  =Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit.= M. 1.50, gebd. M. 2.--

  =Erkenntnis und Wahrheit.= M. 2.--, gebd. M. 2.50.

  =Streifzüge eines Sozialisten in das Gebiet der Erkenntnistheorie.=
    Brosch. M. 1.--

  =Sozialdemokratische Philosophie.= Brosch. 75 Pf.

  =Die Religion der Sozialdemokratie.= Brosch. 50 Pf.

  =Die Zukunft der Sozialdemokratie.= Brosch. 50 Pf.



Verlag der Dietzgenschen Philosophie in München


Ernst Untermann: Dialektisches

Volkstümliche Vorträge aus dem Gebiete des proletarischen Monismus.

Aus dem Inhalte heben wir hervor: 1. Was die Handlungen der Menschen
bestimmt und warum sich die Dinge ändern. -- 2. Der menschliche Geist
ist ein natürliches Produkt des Weltalls. -- 3. Marxismus, Darwinismus,
dialektischer Monismus. -- 4. Tier- und Menschengesellschaften. -- 5.
Biologische und ökonomische Arbeitsteilung. -- 6. Antonio Labriola und
Josef Dietzgen. Ein Vergleich zwischen dem historischen Materialismus
und dem dialektischen Monismus.

142 Seiten, broschiert M. 1.--, gebunden M. 1.20.


Henriette Roland-Holst:

Josef Dietzgens Philosophie

gemeinverständlich erläutert in ihrer Bedeutung für das Proletariat.

München 1910. 91 Seiten, broschiert M. 1.--

Diese Schrift dürfte sich vorzüglich eignen zur Einführung in die
Denklehre und Weltanschauung des Arbeiterphilosophen. Die Verfasserin
sagt in ihrer Vorrede unter anderem: »Ich habe mich in dieser Arbeit
darauf beschränkt, erstens das Verhältnis Dietzgens zum historischen
Materialismus und dessen Grundlagen zu untersuchen, zweitens die
Bedeutung seiner Lehren für den politischen, sozialen und geistigen
Kampf des Proletariats zu skizzieren. Ich habe geglaubt, dieser
Untersuchung eine verhältnismäßig ausführliche Zusammenfassung der
Grundgedanken des dialektischen Materialismus, die, soweit ich weiß,
bisher fehlt, vorausschicken zu müssen. Soviel wie möglich habe ich
mich dabei an die eigenen Worte Dietzgens gehalten, damit seine klare,
populäre, durchaus originelle und anregende Darstellungsweise dem Leser
tunlichst erhalten bleibe.«


Dietzgen-Brevier für Naturmonisten

Herausgegeben und beantwortet von =Eugen Dietzgen=.

Mit ausführlichem Sachregister.

München 1915. 429 Seiten, elegant in Leder gebunden M. 4.--



Inhalt der Internationalen Bibliothek.

(Die fehlenden Nummern sind vergriffen.)

  1
    =~Dr.~ S. Tschulok, Entwicklungstheorie.= (Darwins Lehre.) Mit 49
    Abbildungen im Text. Gebunden M. 3.--

  2
    =Karl Kautsky, Karl Marx' Oekonomische Lehren.= 14. Aufl. Geb. M.
    2.--

  5
    =Karl Kautsky, Thomas More und seine Utopie.= 3. Auflage. Geb. M.
    3.--

  6
    =A. Bebel, Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien.= 3.
    Aufl. Geb. M. 2.50.

  8
    =J. Stern, Die Philosophie Spinozas.= Mit Porträt Spinozas. 3.
    Aufl. Geb. M. 2.--

  9
    =A. Bebel, Die Frau und der Sozialismus.= 140. Tausend. Gebunden M.
    3.--

  10 =Lillagaray, Die Geschichte der Kommune von 1871.= 4. Auflage.
    Illustrierte Ausgabe. Gebunden M. 3.--

  11 =Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums
    und des Staates.= 14. Auflage. Gebunden M. 1.50.

  12 =Karl Marx, Das Elend der Philosophie.= Antwort auf Proudhons
    »Philosophie des Elends«. 5. Aufl. Geb. M. 2.--

  13 =Karl Kautsky, Das Erfurter Programm= in seinem grundsätzlichen
    Teile. 11. Auflage. Gebunden M. 2.--

  14 =Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England.= 4.
    Auflage. Gebunden M. 2.50.

  16 =~Dr.~ F. B. Simon, Die Gesundheitspflege des Weibes.= 8. Auflage.
    Mit 34 Abbildungen im Text und einer farbigen Tafel. Gebunden M.
    2.50.

  17 =Franz Mehring, Die Lessing-Legende.= 3. Auflage. Gebunden M. 3.--

  18 =~Dr.~ H. Lux, Etienne Cabet= und der Ikarische Kommunismus.
    Gebunden M. 2.--

  21 =Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der
    Wissenschaft.= 8. Auflage. Gebunden M. 3.--

  24 =Karl Marx, Revolution u. Konter-Revolution in Deutschland.= 3.
    Auflage. Gebunden M. 2.--

  26 ~a~, ~b~, ~c~ =~Dr.~ A. Dodel, Aus Leben und Wissenschaft.=
    Gesammelte Vorträge und Aufsätze. In drei Teilen.

  26 ~a~ =-- Leben u. Tod.= 4. Aufl. Geb. M. 2.--

  26 ~b~ =-- Kleinere Aufsätze und Vorträge.= 4. Auflage. Gebunden M.
    2.--

  26 ~c~ =-- Moses oder Darwin?= Eine Schulfrage. 11. Auflage.
    Gebunden M. 1.50.

  27 =Lindemann (C. Hugo), Städteverwaltung und Munizipal-Sozialismus
    in England.= 2. Auflage. Mit einem neuen Vorwort. Gebunden M. 2.50.

  30 =Karl Marx, Zur Kritik der politischen Oekonomie.= 3. Auflage.
    Gebunden M. 2.50.

  33 =Leo Deutsch, Sechzehn Jahre in Sibirien.= Mit 7 Porträts und 6
    Illustrationen. 10. Tausend. Gebunden M. 3.50.

  35 =Karl Marx, Theorien über den Mehrwert.= Aus dem nachgelassenen
    Manuskript »Zur Kritik der politischen Oekonomie« von Karl Marx.
    Herausgegeben von Karl Kautsky. Erster Band. 2. Auflage. Gebunden
    M. 6.--

  36 =-- --=, Zweiter Band, erster Teil. 2. Auflage. Gebunden M. 5.--

  37 =-- --=, Zweiter Band, zweiter Teil. 2. Auflage. Preis gebunden
    M. 5.50.

  37 ~a~ =-- --,= Dritter Band. Gebunden M. 8.--

  38 =Karl Kautsky, Ethik und materialistische Geschichtsauffassung.=
    6. und 7. Tausend. Gebunden M. 1.50.

  39 =Hillquit, Geschichte des Sozialismus in den Vereinigten Staaten.=
    Gebunden M. 3.--

  40 =K. A. Pashitnow, Die Tage der arbeitenden Klasse in Rußland.=
    Uebersetzt von M. Nachimson. Gebunden M. 3.--

  41 =Leo Deutsch, Viermal entflohen.= 4. und 5. Tausend. Gebunden M.
    2.--

  42 =Peter Maßlow, Die Agrarfrage in Rußland.= Die bäuerliche
    Wirtschaftsform und die ländlichen Arbeiter. Uebersetzung von M.
    Nachimson. Gebunden M. 3.--

  43 =Paul Louis, Geschichte des Sozialismus in Frankreich.= Aus dem
    Französischen übertragen von Hermann Wendel. Gebunden M. 3.--

  44 =Ed. Bernstein, Sozialismus und Demokratie in der großen
    englischen Revolution.= Illustrierte Ausgabe. Gebunden M. 4.--

  45 =Karl Kautsky, Der Ursprung des Christentums.= Eine historische
    Untersuchung. 5. und 6. Tausend. Gebunden M. 5.75.

  46 =L. B. Boudin, Das theoretische System von Karl Marx.= Aus dem
    Englischen übersetzt von Luise Kautsky. Mit einem Vorwort zur
    deutschen Ausgabe von Karl Kautsky. Gebunden M. 3.--

  47 =K. Kautsky, Vorläufer des neueren Sozialismus.= 4. Auflage.
    Erster Band: Kommunistische Bewegungen im Mittelalter. Gebunden M.
    3.--

  48 -- --, Zweiter Band: Der Kommunismus in der deutschen Reformation.
    Geb. M. 3.--

  49 =Ph. Buonarroti, Babeuf und die Verschwörung für die Gleichheit.=
    Uebersetzt und eingeleitet von Anna und Wilhelm Blos. Gebunden M.
    2.50.

  50 =Karl Kautsky, Vermehrung und Entwicklung in Natur und
    Gesellschaft.= Gebunden M. 2.--

  51 =Paul Louis, Geschichte der Gewerkschaftsbewegung in
    Frankreich= (1789 bis 1912). Autorisierte Übersetzung von Hedwig
    Kurucz-Eckstein. Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen
    von ~Dr.~ G. Eckstein. Gebunden M. 3.--

  52 =Joseph Salvioli, Der Kapitalismus im Altertum.= Studien über die
    römische Wirtschaftsgeschichte. Nach dem Französischen übersetzt
    von Karl Kautsky jun. Mit einem Vorwort von Karl Kautsky. Gebunden
    M. 3.--

  53 =Max Adler, Marxistische Probleme.= Beiträge zur Theorie der
    materialistischen Geschichtsauffassung. Gebunden M. 3.50.

  54 =Laufenberg, Der politische Streik.= Gebunden M. 2.50.

  55 =Emile Vandervelde, Neutrale und sozialistische
    Genossenschaftsbewegung.= Gebunden M. 1.50.

  56 =Max Adler, Wegweiser.= Studien zur Geistesgeschichte des
    Sozialismus. Gebunden M. 2.50.

  57 =Gust. Noske, Kolonialpolitik und Sozialdemokratie.= Gebunden M.
    2.--

  58 =A. Hepner, Josef Dietzgens Philosophische Lehren.= Gebunden M.
    2.50.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde korrigiert.

    Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

    S. 64: vertrakten → vertrackten
      derselbe ihrem {vertrackten} Sinne wie ein unnatürliches

    S. 108: ihr → ihre
      menschlichen Handlungen {ihre} wahre Begründung

    S. 143: Ende → Enden
      daß alle vermeintlichen Anfänge und {Enden}

    S. 144: kam → kann
      beseelt mit Fug und Recht darstellen {kann}





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Josef Dietzgens philosophische Lehren" ***

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