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Title: Der alte Trapper
Author: Cooper, James Fenimore
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  | Die Korrektur der wenigen typografischen Fehler ist unten          |
  | im Einzelnen aufgeführt.                                           |
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                             Der alte Trapper


                       Nach dem englischen Original

                                    von

                            J. Fenimore Cooper

                    für die deutsche Jugend bearbeitet

                                    von

                             Friedrich Meister

               Mit 3 bunten und vielen schwarzen Bildern von
                               Rolf Winkler



                     Leipzig / Abel & Müller / Verlag



                       Druck: Josef Hirsch, Leipzig.



Inhaltsverzeichnis


                                                          Seite
  Erstes Kapitel. Die Auswanderer                         V/  3
  Zweites Kapitel. Das geheimnisvolle Zelt                V/ 23
  Drittes Kapitel. Die Erstürmung der Felsenburg          V/ 39
  Viertes Kapitel. Der Basilisk                           V/ 51
  Fünftes Kapitel. Der Präriebrand                        V/ 64
  Sechstes Kapitel. Hartherz                              V/ 75
  Siebentes Kapitel. Im Dorfe der Sioux                   V/ 84
  Achtes Kapitel. Der Zweikampf der Häuptlinge            V/100
  Neuntes Kapitel. Das Gericht                            V/109
  Zehntes Kapitel. Wie ein Gerechter zum Frieden einging  V/120



                            Der alte Trapper



Erstes Kapitel

Die Auswanderer


Es war im Herbst des Jahres 1804. Der Wind rauschte durch die Kronen
der wenigen, vereinzelt stehenden Bäume und wirbelte die welken Blätter
weit hinaus über die unabsehbare, hügelige Ebene.

Im Jahre zuvor hatte die Regierung der Vereinigten Staaten den
südlichen Teil von Nordamerika, das Land Louisiana, den Spaniern
abgekauft, und seitdem ergoß sich ein unaufhörlicher Strom von
Auswanderern von Norden her in dieses neu erschlossene Gebiet, um davon
Besitz zu ergreifen.

Eine Karawane solcher Auswanderer war es, die an dem Herbstnachmittag,
an welchem unsere Erzählung beginnt, langsam aus dem hohlwegartigen
Bette eines ausgetrockneten Flusses hervorzog und sich über die Prärie
bewegte, die sich endlos vor ihr ausdehnte. Die Karawane bestand aus
einer Anzahl schwer mit Haushaltungsgegenständen, Ackergeräten und
Proviant beladener Wagen und einer kleinen Herde von Schafen, Rindern
und Schweinen, die hinter den Fuhrwerken hergetrieben wurde. Unter
dem Leinwandplan eines der Wagen schauten einige flachsköpfige junge
Mädchen und Kinder hervor; neben dem Zuge schritt eine Anzahl junger
Männer dahin, lauter auffallend große und kräftige Gestalten, auch eine
Frau und eine Jungfrau konnte man bemerken. Und obgleich die Karawane
ersichtlich schon manche lange Meile zurückgelegt und noch nicht die
mindeste Aussicht hatte, bald das Ende dieser öden, trockenen Prärie zu
erreichen, so war auf den Gesichtern dieser Auswanderer, die zusammen,
klein und groß, etwa zwanzig Seelen zählten, doch weder eine Spur von
Ermüdung noch von Ungeduld oder Besorgnis wahrzunehmen.

Im Gegensatz zu den sonstigen Gepflogenheiten solcher Emigranten hatten
diese Leute die fruchtbaren Ebenen der nördlichen Staaten verlassen, um
auf mühseligen Pfaden, über Schluchten und Ströme, durch tiefe Moräste
und steinige Wüsten einer Gegend zuzuwandern, die weit außerhalb der
Grenzen der Zivilisation lag. Vor ihnen erstreckte sich die Prärie
bis an den Fuß der Felsengebirge, und hinter ihnen, in weiter Ferne,
schäumten die trüben, wirbelnden Fluten des La-Platte-Flusses.

In kurzer Entfernung vor der Karawane schritt der Führer derselben,
ein hochgewachsener, sonnenverbrannter Mann von schwerem, mächtigem
Körperbau, der die Mittagshöhe des Lebens bereits hinter sich hatte.
Sein Gang war lässig, fast schleppend, aber wuchtig und energisch;
sein breites Gesicht verriet weder große Intelligenz noch edlere
Seeleneigenschaften, sein ganzes Wesen erinnerte an die träge, aber
wenn es gilt gewaltige und unwiderstehliche Kraft und Entschlossenheit
des Elefanten.

Die teils aus groben Wollenstoffen, teils aus gegerbtem Leder
bestehende Kleidung des Mannes entsprach dem Berufe desselben und
verriet zugleich einen Gefallen an buntem Tand und rohem Luxus. An
Stelle des Ledergurtes umschloß eine Schärpe von bunter Seide seinen
Leib, der Horngriff seines Messers war mit Silberplättchen geziert;
um das feine Pelzwerk seiner Mütze hätte ihn eine Königin beneiden
dürfen, die Knöpfe des besudelten und schäbigen Rockes bestanden aus
mexikanischen Silbermünzen, mit dem gleichen edeln Metall war der
Mahagonikolben und Schaft seiner Büchse reich beschlagen, und die
Ketten von nicht weniger als drei wertlosen Uhren baumelten ihm am
Leibe. Außer dem Gewehr trug er einen großen Packen auf dem Rücken,
an der Seite hingen ihm Jagdtasche und Pulverhorn, dazu hatte er eine
mächtige Holzaxt über die Schulter geworfen, und trotz dieser Belastung
ging er einher, als hätte er nicht das mindeste zu schleppen.

Ähnlich wie er waren auch die jungen Leute gekleidet und ausgerüstet;
man sah denselben auf den ersten Blick an, daß sie des Führers Söhne
waren. Der Jüngste, kaum dem Knabenalter entwachsen, war gleichwohl
schon so entwickelt, daß er den anderen an Leib und Gliedmaßen nichts
mehr nachgab. In der Frau, auf deren Antlitz die Jahre, die Arbeit und
die Sorgen tiefe Spuren zurückgelassen hatten, erkannte man die Mutter
der Schar; die Jungfrau jedoch schien, nach Gestalt, Wesen und Kleidung
zu urteilen, nur wenig mit den Übrigen gemein zu haben.

Langsam, mit knarrenden und quietschenden Rädern, zog die Karawane
über das dürre, harte Gras dahin, das die Rinder ab und zu zu fressen
versuchten, aber immer wieder als ungenießbar wegwarfen. Als der
Abend herniederzusinken begann, richtete der Führer, dessen einziger
Wegweiser die Sonne war, seine Gedanken auf die bevorstehende
Nachtrast. Auf einer Bodenerhebung angelangt, hielt er die Schritte an
und blickte um sich, forschend ausschauend nach einem Orte, der die
drei für eine Rast so wichtigen Erfordernisse: Wasser, Feuerholz und
Viehfutter, darbieten würde. Da sich noch nichts dergleichen erspähen
ließ, setzte er gleichmütig seinen Weg hügelabwärts fort, aber nur eine
kurze Strecke; dann brachte ein unerwarteter und seltsamer Anblick den
ganzen Zug zu einem plötzlichen Stillstand.

Die Sonne war hinter der nächsten Wellenerhebung der Prärie
niedergegangen, rot und glühend lag ihr Schein noch über dem dunkeln,
scharf von dem feurigen Himmel abstechenden Lande. Im Mittelpunkt
dieses brennenden Scheines aber zeigte sich schwarz, schattenhaft und
übernatürlich groß eine menschliche Gestalt, regungslos, in sinnender,
melancholischer Stellung. Wie angefesselt blieb der Führer stehen und
starrte nicht ohne ein Gefühl abergläubischer Furcht die Erscheinung
an; hinter ihm sammelten sich die Söhne. Keiner sprach ein Wort, doch
ließ sich hier und da das Knacken eines Büchsenhahnes vernehmen.

Die Stimme der Mutter unterbrach das Schweigen zuerst.

„Laß die Jungen vorgehen, Ismael,“ rief sie laut und scharf. „Asa oder
Abner werden bald dahinter kommen, was es mit jener Kreatur für eine
Bewandtnis hat!“

„Wollen doch dem Ding eine Kugel zuschicken,“ murmelte ein finster und
zugleich hämisch und boshaft dreinschauender Mann, der mitten unter den
jungen Leuten stand und dessen Gesicht eine unverkennbare Ähnlichkeit
mit dem der Frau zeigte; „die Pawnee Loups jagen zu Hunderten auf der
Prärie, sie werden's nicht merken, wenn einer von ihnen fehlt.“

Damit erhob er seine Büchse, die der mit dem Namen Ismael angeredete
Führer jedoch sogleich mit einer Gebärde, die keinen Widerspruch
zuließ, niederdrückte.

„Schieß nicht!“ ertönte zugleich in ängstlichem Rufe die Stimme des
jungen Mädchens, „wir sind nicht alle beisammen, es kann auch einer von
uns sein!“

Die Schar stand in erwartungsvollem Schweigen. Inzwischen veränderte
sich das Licht des Abendhimmels; der blendend leuchtende Schein wurde
matter, er wich einem grauweißen Schimmer, und als die untergehende
Sonne hinter dem Horizont versunken war, da verlor die Erscheinung ihre
übernatürliche Größe und schrumpfte zu einer zwar noch immer langen,
aber doch nicht mehr außergewöhnlichen Menschengestalt zusammen.

Die Männer traten jetzt näher herzu und sahen nun vor sich einen Greis,
der, seinem verwitterten Äußeren nach zu urteilen, mindestens achtzig
Winter erlebt haben mußte. Trotzdem war seine Haltung noch aufrecht und
fest, seine Gliedmaßen, wenn auch hager und dürr, zeigten noch kräftige
Muskeln und Sehnen, so daß es schien, als werde die Altersschwäche
noch auf lange hinaus keine Gewalt über ihn erlangen. Seine Kleidung
bestand hauptsächlich aus Tierfellen, die Haarseite nach außen gekehrt;
Jagdtasche und Pulverhorn hingen ihm zur Seite; er stand auf eine
Büchse von ungewöhnlicher Länge gestützt, die, wie ihr Eigentümer,
deutliche Spuren langen und harten Dienstes aufwies.

Beim Herannahen der Emigranten erhob sich ein großer, alter, zahnloser
Hund, der zu des Greises Füßen gelegen hatte, und ließ ein dumpfes
Knurren hören.

„Still, Hektor, leg' dich!“ gebot sein Herr mit einer Stimme, die
hohl und bebend klang. „Was gehen dich die Leute an, die hier ihre
rechtmäßige Straße ziehen?“

„Fremder,“ begann der Führer der Emigranten, „seid Ihr hier in dieser
Gegend bekannt, so daß wir von Euch erfahren können, wo ein Platz zur
Nachtrast zu finden ist? Gebt uns immerhin Euern Rat,“ fuhr er fort,
als der Greis die Schar forschend und schweigend musterte, „das kostet
Euch nichts und ist nur eine Gabe in Worten.“

„Keine Gabe, sondern eine Schuld der Alten gegen die Jüngeren,“
entgegnete der Angeredete, die klaren, hellblauen Augen forschend auf
den Auswanderer heftend. „Folgt mir, Wasser und Weide für Euer Vieh
kann ich Euch zeigen.“

Damit warf er die Büchse über die Schulter und schritt ohne weiteres in
die jenseits der Bodenerhebung liegende Senkung hinab. Auf einen Wink
des Führers folgte ihm die Karawane.

Nach kurzem Marsche gelangte man zu einer Quelle, die, am Fuße eines
Abhanges sprudelnd, ihr Wasser bald mit dem anderer in der Nähe
hervorsickernder Quellen vereinte, so daß ein Flüßchen entstand,
dessen Lauf durch die an seinen Ufern wachsenden Sträucher und Bäume
weithin zu verfolgen war. Es währte nicht lange, da erreichte man einen
Ort, den der Emigrantenführer für zweckentsprechend erklärte. Er warf
seine Bürde zur Erde und machte sich unter dem Beistande des Mannes,
der vorhin so schnell mit der Büchse bei der Hand gewesen, daran,
die Zugtiere auszuspannen, während seine Söhne die Baumwollenbäume
niederzuschlagen begannen, bis die Stätte aussah, als sei ein
Wirbelwind darüber hingegangen.

[Illustration]

Auf seine Büchse gelehnt, schaute der Fremde still diesen Verwüstungen
zu, ab und zu trübsinnig den Kopf schüttelnd. Er beobachtete, wie die
Kinder ein Feuer anzündeten, und richtete dann seine Aufmerksamkeit
auf den Führer der Karawane, der, nachdem das Vieh zu grasen begonnen,
sich in eigentümlicher Weise mit einem der Planwagen zu schaffen
machte. Mit Hilfe einiger der jungen Männer trieb derselbe rings um den
Wagen Pfähle in den Boden und erweiterte dann den Leinwandplan bis zu
diesen, so daß auf diese Weise ein umfangreiches, dicht verschlossenes
Zelt entstand, unter welchem man schließlich den Wagen hervorzog, der
nun nichts mehr enthielt als einiges Hausgerät; was er sonst noch
beherbergt hatte, war unter dem geheimnisvollen Zelte geblieben,
welchem, wie bald ersichtlich wurde, außer dem Führer niemand sich
nahen durfte.

Mit der unbefangenen Neugierde des Alters trat der Fremde herzu, in
der augenscheinlichen Absicht, zu erspähen, was das Zelt in sich barg.
Sogleich aber packte der Führer ihn rauh am Arm und hielt ihn fest.

„Kümmert Euch nicht um Dinge, die Euch nichts angehen, Freund,“ sagte
er grob.

Bescheiden und verlegen ging der alte Mann zurück. „Ich meinte es nicht
böse,“ antwortete er begütigend; „ich wußte nicht, daß Ihr etwas zu
verbergen habt.“

Während er seine Schritte nun langsam der Wagenburg zulenkte, denn zu
einer solchen hatte sich das Lager der Emigranten inzwischen gestaltet,
hörte er den Führer gebieterisch das junge Mädchen herbeirufen, das,
wie er nun vernahm, den Namen Ellen Wade führte. Schnell und leicht wie
ein Reh huschte die Jungfrau an ihm vorüber und verschwand hinter den
Falten des Zeltvorhanges.

Inzwischen hatte die Mutter einen Kessel voll Haferbrei zur
Abendmahlzeit gekocht, zu der sie jetzt mit schallender Stimme
die Ihrigen herbeirief. Der Vater aber schaute sich nach dem alten
Fremdling um und lud denselben, nach der Sitte der Wildnis, kurz und
gleichgültig ein, sich mit ihnen an das gastliche Feuer zu setzen.

„Ich danke Euch von Herzen,“ antwortete dieser, „ja, von Herzen;
aber ich bin für heute bereits gesättigt, und ich gehöre nicht zu den
Leuten, die sich ihr Grab mit den Zähnen graben. Zum Feuer will ich
mich jedoch mit Euch setzen, denn es ist lange her, seit ich Menschen
von meiner Farbe ihr täglich Brot essen sah.“

Man ließ sich nieder, und die Auswanderer griffen tüchtig zu.

„Ihr seid wohl ein Ansiedler in dieser Gegend,“ wendete sich der Vater,
mit vollem Munde kauend, an den Alten. „Dick scheinen die Weißen hier
nicht zu sitzen, denn außer Euch bin ich auf fünfhundert Meilen keinem
begegnet.“

„Einen Ansiedler kann man mich nicht nennen,“ antwortete der Gefragte,
„da ich keinen festen Wohnsitz habe und selten länger als einen Monat
in einer Gegend verweile.“

„Also ein Jäger,“ sagte der andere, mit einem Blick die Ausrüstung
seines neuen Bekannten streifend. „Euer Geschirr scheint mir aber nicht
mehr das beste für solch einen Beruf zu sein.“

„Meine Büchse ist alt und hat nahezu ausgedient, ganz so wie ihr Herr,“
versetzte der alte Mann, die Waffe liebevoll und zugleich traurig
betrachtend, „aber ich bedarf ihrer auch kaum noch. Ihr irrt, Freund,
wenn Ihr mich einen Jäger nennt; ich bin jetzt nichts besseres mehr
als ein Trapper, ein Fallensteller. Ein Jäger bin ich gewesen; fünfzig
Jahre lang und darüber durchzog ich mit dieser Büchse die Wälder.
Damals hätte ich es für Sünde gehalten, einer Kreatur mit Fallen
nachzustellen.“

„Einträglich scheint Euer Handwerk nicht gewesen zu sein,“ bemerkte
der Emigrant, das Äußere des Alten musternd. „Na, hoffentlich habt Ihr
irgendwo tüchtig Felle aufgespeichert.“

Der Trapper schüttelte den Kopf.

„In meinem Alter braucht man nur wenig an Kleidung und Nahrung,“
erwiderte er ruhig, „und wenn ich mir ab und zu ein Horn voll Pulver
und eine Stange Blei eintauschen kann, dann sind alle meine Bedürfnisse
befriedigt.“

„Ihr seid also in dieser Gegend nicht zu Hause?“ fragte der andere,
nachdem er eine Weile schweigend gegessen hatte.

„Nein, ich bin am Strande der See geboren, den größten Teil meines
Lebens aber brachte ich in den Wäldern zu.“

Bei der Erwähnung des Seestrandes schauten die jungen Männer und auch
die Mutter den alten Trapper aufmerksam an; ein Mann, der so weit in
der Welt herumgekommen war, erregte ihr Interesse.

„Wie man mir gesagt hat, ist es eine lange Strecke von den Gewässern
des Westens bis an das Meer,“ nahm Vater Ismael nach einer Pause wieder
das Wort.

„Ja, Freund, eine lange Strecke, und viel habe ich gesehen und erlebt,
und viel habe ich zu erleiden gehabt während der fünfundsiebzig Jahre,
die ich zu dem Wege brauchte. Aber nur gering ist die Zahl der Meilen
auf dieser ganzen Strecke, wo ich nicht Wildbret gegessen, das unter
meiner Kugel fiel. Doch das ist eitle Ruhmredigkeit; warum soll ein
alter Mann, dessen Ende so nahe ist, noch von den Taten reden, die er
einstmals vollbrachte.“

Träumenden Blickes starrte der Trapper ins Feuer; endlich wendete er
sich wieder an seinen Gastfreund.

„Gedenkt Ihr noch weit gen Westen zu ziehen?“ fragte er.

„So weit es mir gefällt,“ antwortete der Emigrant kurz, „vielleicht
kehre ich auch wieder um.“

Damit brach er die Unterhaltung ab und stand auf; die übrigen folgten
seinem Beispiel.

Die jungen Männer errichteten aus Baumzweigen und Decken einige Hütten
zum Unterschlupf für die Nacht, dann brachten sie das Vieh in den
Mittelpunkt der Wagenburg, die durch passend angebrachtes Pfahlwerk
noch mehr befestigt wurde, und schließlich begaben sich zwei von ihnen
mit ihrem Schießgewehr an entgegengesetzte Enden des Lagers, um hier
Wacht zu halten.

Der alte Trapper war während dieser Zeit von einer Stelle zur anderen
geschlendert; das ihm angebotene Nachtlager lehnte er ab, und als alles
ruhig geworden war, entfernte er sich ohne ein Wort des Abschieds.

Langsam schritt er in die Nacht hinaus, die von der Sichel des neuen
Mondes nur schwach erhellt wurde. Fern vom Lager, auf einer der
wellenähnlichen Bodenerhebungen, blieb er stehen, stützte den Kolben
der Büchse auf die Erde und versank in tiefes Grübeln. Der Hund legte
sich zu seinen Füßen nieder und schien sogleich einzuschlafen. Nach
einer kleinen Weile aber ließ er ein dumpfes Geknurr hören, das seinen
Herrn veranlaßte, spähend umherzublicken.

In einiger Entfernung gewahrte er eine Frauengestalt, die nicht recht
zu wissen schien, ob sie näherkommen sollte oder nicht.

„Nur heran!“ rief der Trapper. „Wir sind Freunde, von uns habt Ihr
nichts zu fürchten.“

Die Gerufene eilte herzu; es war Ellen Wade.

„Oh, Ihr seid es,“ sagte sie, dem Alten ohne Zögern die Hand reichend,
dabei aber suchend in die Ferne blickend. „Euch glaubte ich hier nicht
zu treffen; die anderen meinten, daß wir Euch wohl nicht mehr zu sehen
kriegen würden.“

Ehe der Trapper antworten kannte, begann der Hund wieder laut und
drohend zu knurren.

„Was gibt's, Hektor?“ forschte der Alte. „Was wittert mein Hundchen?
Einen schwarzen Bären aus dem Gebirge? Denn die kommen zuweilen bis
hierher. Ich bin nicht mehr so sicher mit meiner Büchse wie in früheren
Jahren,“ wendete er sich zu dem jungen Mädchen, „aber zur Not treffe
ich schon noch; Ihr braucht daher keine Furcht zu haben.“

Jetzt bellte der Hund kurz und scharf auf, und zugleich sahen der
Trapper und das Mädchen eine menschliche Gestalt herankommen, und zwar
aus der dem Lager der Emigranten entgegengesetzten Richtung.

„Das ist ein Mann,“ sagte der Trapper, „und, seinem schweren Schritte
nach, ein Weißer. Wir müssen vorsichtig sein, denn die Weißen, die sich
hier herumtreiben, sind in der Regel gefährlicher als die Wilden.“

Damit erhob er seine lange Büchse und untersuchte sorgfältig Stein und
Zündkraut. Das Mädchen aber legte hastig die Hand auf seinen Arm.

„Um Gotteswillen, seid nicht vorschnell!“ flüsterte sie. „Es kann ein
Bekannter, ein Freund sein!“

„Freunde sind hier selten,“ antwortete der Trapper, seinen Arm frei
machend. „Aber sie hat recht,“ fügte er im Selbstgespräch hinzu, „warum
soll ich, bereits mit einem Fuß im Grabe, noch Menschenblut vergießen?
Mag er kommen und mir meine Felle, meine Fallen und meinetwegen auch
die Büchse nehmen -- ich will kein Blut mehr vergießen.“

Der Hund aber hatte sich erhoben und schritt nun knurrend dem
Herankommenden entgegen.

„Ruft Euren Hund zurück!“ gebot dieser mit tiefer, männlicher und
keineswegs unfreundlicher Stimme. „Es sollte mir leid tun, wenn ich ihn
verletzen müßte.“

„Hörst du, was er sagt, Hektor?“ antwortete der Trapper. „Komm her,
du Narr! Der Hund hat keinen Zahn mehr im Maule, Freund, knurren und
bellen ist alles, was er noch kann.“

Lang ausschreitend eilte der Fremde herzu und stand gleich darauf an
Ellens Seite, die er freundlich und vertraulich begrüßte, worüber der
Trapper nicht wenig in Erstaunen geriet.

„Von welcher Wolke seid Ihr denn herabgefallen, mein guter Alter?“
wendete sich der Ankömmling, ein stattlicher, kräftiger, junger Mann
in der Kleidung der Präriejäger, jetzt an den Trapper. „Wolltet Ihr mit
dem jungen Mädchen hier auf der nächtlichen Prärie lustwandeln?“

„Ich bin mit der jungen Person ebenso zufällig zusammengetroffen wie
mit Euch,“ antwortete der Alte. „Ich kam aus dem Lager der Emigranten
dort unten und konnte nicht wissen, daß ein Paar junger, weißer Leute
sich hier in der wilden Einsamkeit ein Stelldichein geben wollte.“

Der junge Mann schickte sich zu einer eifrigen Entgegnung an, das
Mädchen aber legte ihm die Hand auf den Mund.

„Still, Paul,“ sagte sie, „dieser gute Mann wird unser Geheimnis nicht
verraten, dafür bürgt mir sein freundliches Gesicht und sein treues
Auge. Von ihm haben wir nichts zu fürchten, er ist ein ehrlicher
Fallensteller.“

„Also ein Fallensteller seid Ihr?“ rief der als Paul Angeredete. „Gebt
mir Eure Hand, Vater, mein Gewerbe ist dem Euren ähnlich.“

„Und was ist Euer Gewerbe?“ fragte der Trapper. „Ihr scheint mir ein
Jäger zu sein.“

„Der bin ich auch, aber mein Wild trägt weder Fell noch Federn. Da,
seht her.“

Er hob ein kleines Zinngefäß empor, das ihm auf der Brust hing, ließ
den Deckel springen und den Alten hineinschauen. Es enthielt köstlich
duftenden Honig.

„Ich sehe,“ nickte der Alte, „Ihr seid ein Bienenjäger. Das mag wohl
ein einträglicher Beruf sein.“

„So ist es, alter Freund. Aber tut mir auch den Gefallen und geht ein
wenig auf die Seite, damit ich dem jungen Frauenzimmer mitteilen kann,
wie und warum ich hierhergekommen bin.“

Ellen wollte gegen dieses Verlangen Einspruch tun, aber der
Fallensteller entfernte sich ohne ein Wort zu sagen und blieb erst
wieder stehen, als er außer Hörweite war. Der Hund folgte ihm langsam,
mit erhobener Nase witternd und forschend, als verkünde sein Instinkt
ihm das Herannahen noch weiterer Überraschungen. Dumpf grollend setzte
sich das Tier zu seines Herren Füßen nieder.

„Was, Hektor, schon wieder?“ fragte dieser. „Was ist's denn, Hundchen?
Sag' mir's doch, Junge.“

Hektor antwortete mit einem noch lauteren Knurren, dann legte er den
Kopf auf die Vorderpfoten, als habe er nunmehr seine Pflicht getan.

„Die Warnung eines solchen Freundes ist in der Prärie wertvoller als
der Rat eines Menschen,“ murmelte der Trapper, langsam wieder auf das
junge Paar zuschreitend. „Hört, Kinder!“ rief er, „wir sind hier in
dieser Einöde nicht allein; außer uns treiben sich noch andere hier
herum, wir müssen daher auf der Hut sein!“

„Sollte vielleicht einer von Ismaels Söhnen sich unterstehen, mir
nahezukommen, so könnte seine Präriefahrt leicht ein vorzeitiges Ende
nehmen,“ entgegnete der junge Bienenjäger, nach seiner Büchse greifend.

„Ismael Busch und seine ganze Familie schlafen fest in der Wagenburg,“
sagte Ellen schnell, „die beiden Wächter ausgenommen; die aber dürfen
das Lager nicht verlassen.“

„Ich höre ein dumpfes Galoppieren in der Ferne!“ rief der Bienenjäger
jetzt mit unterdrückter Stimme. „Aha, jetzt weiß ich's; es wird eine
Büffelherde sein, hinter der ein Panther her ist!“

„Eure Ohren trügen Euch,“ nahm der Trapper das Wort, nachdem er mit
gespanntester Aufmerksamkeit gelauscht hatte, „das sind keine Büffel,
wohl aber Indianer. Sie kommen gerade auf uns zu und werden hier sein,
ehe wir Deckung gefunden haben.“

„Komm Ellen,“ rief der junge Mann, hastig des Mädchens Hand ergreifend,
„vielleicht erreichen wir noch das Lager Ismaels, deines Onkels!“

„Zu spät!“ sagte der Trapper, „zu spät! Ich sehe die Indianer schon; es
ist eine Bande von Sioux, ich erkenne die Spitzbuben an der Art ihres
Reitens!“

„Mögen's Sioux oder Teufel sein, sie sollen finden, daß wir Männer
sind!“ rief der Bienenjäger, Ellen loslassend. „Ihr führt eine Büchse
mit Euch, alter Freund, Ihr werdet sie auch in der Verteidigung eines
wehrlosen Mädchens zu brauchen wissen.“

„Nieder, nieder ins Gras!“ flüsterte der Trapper, auf einen Fleck
deutend, wo Gras und Kraut besonders hoch emporgewachsen waren.
„Fliehen könnt Ihr nicht mehr, und zur Gegenwehr sind wir zu wenig.
Nieder ins Gras, wenn des Mädchens und Euer Leben Euch lieb ist!“

Die jungen Leute folgten instinktiv seinem Wort und Beispiel, und kaum
lagen die drei und auch der Hund im Grase versteckt, da sprengten
auch schon die Indianer in aufgelöstem Schwarme heran und vorüber.
Vorsichtig hob der Trapper nach einer Weile den Kopf und spähte ihnen
nach, schnell aber duckte er sich wieder, denn die nächtlichen Reiter
kehrten, nachdem sie augenscheinlich bis in die Nähe der Wagenburg
gekommen waren, auf die Bodenerhebung, wo unsere Freunde versteckt
lagen, zurück.

Schwarz hoben sich die Gestalten der Wilden von dem helleren
Nachthimmel ab. Einige stiegen von den Pferden, andere ritten wie
suchend hin und her. Noch war keiner von ihnen in die Nähe der im Grase
Verborgenen gekommen.

„Ich fürchte, daß sie Böses gegen die Auswanderer im Schilde führen,“
flüsterte der Trapper seinen Gefährten zu. „Sie wittern Beute und
werden nicht eher ruhen, bis sie solche erlangt haben.“

„Können wir denn den Ahnungslosen keine Warnung zukommen lassen?“
fragte Ellen in Herzensangst.

„Das könnten wir schon,“ meinte Paul. „Wenn ich aus voller Kraft
rufe, dann hört man's in der offenen Prärie eine englische Meile weit;
Ismaels Lager aber ist kaum eine Viertelmeile entfernt.“

Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als sich eine schwere Hand auf
seine Schulter legte; erschrocken fuhr er auf und blickte in das wilde
Antlitz und die funkelnden Augen eines indianischen Kriegers. Trotz
aller Nachteile seiner Lage griff der Jüngling den Sioux bei der Kehle
und würde denselben auch erdrosselt haben, wenn der alte Trapper ihn
nicht gewaltsam zurückgerissen hätte. Ehe der Bienenjäger noch seinem
zornigen Erstaunen über diese anscheinende Verräterei Ausdruck geben
konnte, waren die drei umringt und zu Gefangenen gemacht.

Ruhig, ja bereitwillig, lieferte der Trapper den Sioux seine Waffen
aus; der innerlich vor Wut kochende Paul Hover aber konnte sich erst
dazu entschließen, als Ellen ihm unter flehenden Bitten vorstellte, daß
der alte, erfahrene Trapper sicherlich das Richtige getan habe und daß
er ihr Leben in Gefahr brächte, wenn er diesem Beispiel nicht folgte.

Nachdem die Wilden ihren Gefangenen auch noch sonst allerlei Sachen,
die ihnen gefielen, abgenommen hatten, ließen sie dieselben, wenn auch
streng bewacht, vorläufig unbehelligt.

„Soll ich dem Ismael zurufen?“ fragte Paul Hover leise.

„Wenn Ihr den Kopf gespalten haben wollt, dann ruft,“ antwortete
der Trapper. „Nein, wir müssen versuchen, die Teufel zu überlisten,
sonst ermorden sie alles, was dort unten im Lager lebt; denn mit der
Wachsamkeit der Emigranten scheint es nicht weit her zu sein. Es sind
aber tüchtige Leute, wie ich gesehen habe; meint Ihr, daß sie sich zu
schlagen verstehen?“

„Ich will Euch was sagen, alter Trapper,“ antwortete der Bienenjäger,
„ich, Paul Hover, habe nicht die mindeste Veranlassung, dem Ismael
Busch und seinen sieben hammerfäustigen Schlagetots von Söhnen zugetan
zu sein. Aber was wahr ist, bleibt wahr: eine solche Bärenfamilie wie
die gibt es in ganz Kentucky nicht zum zweitenmal, und wer einen von
den Buschs im Ringen wirft, der muß ein ganzer Kerl sein!“

„Still!“ sagte jetzt der Alte, der inzwischen keinen Blick von den
Wilden verwendet hatte. „Die Rothäute haben ihre Beratung geendet und
werden nun an die Ausführung ihrer Teufeleien gehen. Wir müssen Geduld
haben, vielleicht finden wir noch eine Gelegenheit, Euren Freunden
nützlich zu sein.“

„Meine Freunde sind das nicht,“ entgegnete Paul unwirsch. „Wenn ich
etwas zu ihren Gunsten sagte, so geschah das, weil ich ein ehrlicher
Kerl bin.“

„Ich dachte, das junge Frauenzimmer hier gehöre auch zu der
Verwandtschaft,“ meinte der Alte trocken. „Na, nichts für ungut.“

Die Wilden waren jetzt sämtlich abgestiegen und hatten ihre Pferde
dreien ihrer Genossen übergeben, denen auch die Bewachung der
Gefangenen oblag. Nunmehr scharten sie sich um den, der ihr Häuptling
war, um sich gleich darauf geräuschlos und schnell nach allen
Richtungen über die Prärie zu zerstreuen. Nach kaum einer Minute war
der letzte von ihnen in der Dunkelheit verschwunden.

Einer der Wächter, ein großer, halb nackter Krieger, trat an die
Gefangenen heran.

„Haben die Bleichgesichter ihre eigenen Büffel alle aufgezehrt und auch
allen ihren Bibern die Felle genommen, daß sie nun herkommen müssen,
um zu sehen, wieviel Büffel und Biber bei den Pawnees noch übrig sind?“
fragte er in den rauhen Kehltönen seiner Rasse.

„Die Weißen kommen hierher, um zu kaufen oder zu verkaufen,“ antwortete
der Trapper, „sie werden aber zurückbleiben, wenn sie hören, daß die
Sioux ihnen feindlich sind.“

„Die Sioux sind Diebe und wohnen im Schnee; warum von einem Volke
reden, das so fern ist, wenn wir hier im Lande der Pawnees sind?“

„Gehört dies Land den Pawnees, dann haben Weiße und Rothäute das
gleiche Recht daran.“

„Haben die Bleichgesichter den roten Männern nicht schon genug
gestohlen? Müssen sie mit ihren Lügen noch bis in die Jagdgründe meines
Stammes kommen?“

„Mein Recht ist hier so gut wie das deine,“ entgegnete der Trapper
mit unerschütterlicher Ruhe. „Die Pawnees und die Weißen sind Brüder,
ein Sioux aber darf sein Gesicht in einem Dorfe der Loups nicht sehen
lassen.“

„Die Dakotahs sind Männer!“ rief der Wilde, die angenommene Maske
vergessend und sich den Namen zulegend, auf den seine Nation besonders
stolz war. „Die Dakotahs kennen keine Furcht. Sprich, was führte dich
so weit her aus den Dörfern der Bleichgesichter?“

„Ich habe die Sonne über vielen Ratsversammlungen auf- und niedergehen
sehen und stets nur den Worten der Weisen gelauscht. Wenn deine
Häuptlinge kommen, wird mein Mund nicht verschlossen sein.“

„Weucha ist ein großer Häuptling!“ rief der Wilde im Tone beleidigter
Würde.

„Bin ich ein Narr, daß ich einen Teton nicht kennen sollte?“ versetzte
der Trapper kalt und fest. „Geh', es ist finster, sonst würdest du
sehen, daß mein Haar weiß ist. Aus dem Munde der Siouxkrieger vernahm
ich den Namen Mahtoree; nur vor den Ohren eines Häuptlings werde ich
reden.“

Der Wilde warf einen giftigen Blick auf den Alten und zog sich zurück.
Kaum war er unsichtbar geworden, da trat aus der Dunkelheit ein Krieger
von mächtiger Gestalt hervor und stellte sich mit jener vornehmen und
stolzen Haltung, die den großen indianischen Häuptlingen von jeher
eigen gewesen ist, vor die Gefangenen. Eine Schar Sioux, die mit ihm
gekommen war, gruppierte sich in achtungsvollem Schweigen hinter ihm.

„Die Erde ist sehr groß,“ begann der Häuptling nach längerem Schweigen.
„Warum finden die Kinder meines großen weißen Vaters keinen Raum
darauf?“

„Einige von ihnen haben gehört, daß ihre Freunde in der Prärie
mancherlei Dinge bedürfen,“ antwortete der Trapper, „sie wollen nun
sehen, ob das wahr ist. Andere wieder brauchen Dinge, die von den
Rothäuten verkauft werden, und so kamen sie, ihre Freunde mit Pulver
und Wolldecken reich zu machen.“

„Seit wann kommen die Händler mit leeren Händen über den großen Fluß?“

„Unsere Hände sind leer, weil deine jungen Männer meinten, wir seien
müde; da nahmen sie uns ab, was wir trugen. Sie irrten sich jedoch, ich
bin zwar alt, aber es fehlt mir noch nicht an Kräften.“

„Das kann nicht sein. Ihr habt Eure Bürden in der Prärie verloren.
Meine jungen Männer sollen danach suchen, ehe die Pawnees sie finden
und mitnehmen. Sage mir, weißer Jäger, wer sind jene Männer deiner
Farbe, die dort drüben bei den gefällten Bäumen schlafen?“

Der Trapper erkannte aus dieser Frage, daß der Häuptling das Lager der
Emigranten entdeckt hatte. Trotzdem bewahrte er seine ganze Ruhe.

„Es ist möglich,“ erwiderte er, „daß weiße Männer in der Prärie
schlafen. Mein Bruder sagt es, darum wird es wahr sein. Ich aber weiß
nicht, was das für Männer sind. Mag mein Bruder seine jungen Krieger
hinsenden und fragen lassen; die Bleichgesichter haben Zungen.“

Der Häuptling schüttelte finster lächelnd den Kopf.

„Die Dakotahs sind weise,“ sagte er, „und Mahtoree ist ihr Häuptling.
Er wird die Fremdlinge nicht rufen, sie könnten ihm sonst mit ihren
Büchsen antworten. Aber er wird ihnen leise in die Ohren flüstern.“

Damit wendete er sich und ging, gefolgt von seiner Schar, die bei
seinen letzten Worten ein unterdrücktes, beifälliges Lachen hatte hören
lassen.

Der Trapper zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Häuptling
einen Handstreich gegen das Lager der Emigranten beabsichtigte.
Er lauschte angestrengt, vernahm jedoch keinen Laut. Wußte er doch
nicht, daß der kühne Mahtoree seine Krieger zurückgelassen und ganz
allein, geräuschlos wie eine Schlange und unbemerkt von den in Schlaf
gesunkenen Wächtern, in Ismael Buschs Wagenburg geschlichen war.
Sorgenvoll ließ er sein greises Haupt sinken, auch Ellen und Paul
redeten kein Wort.

Die Gefangenen befanden sich wieder unter der Aufsicht Weuchas und
seiner Gefährten. Nachdem der erstere lange mit gespitztem Ohr in die
Nacht hinaus gehorcht hatte, neigte er sich mit wildem Grinsen zu dem
alten Trapper.

„Wenn die Tetons ihren großen Häuptling durch die Hand der Langmesser
verlieren,“ raunte er ihm zu, „dann muß der Weißkopf mitsamt den Jungen
sterben.“

„Das Leben ist ein Geschenk Wakondahs,“ war die ruhige Antwort. „Die
Menschen verlieren es, wenn er dies beschließt, kein Dakotah kann daran
etwas ändern.“

„Schau her!“ knirschte der Wilde, sein Messer vor des Alten Gesicht
haltend. „Weucha ist der Wakondah für solche Hunde, wie ihr seid!“

Der Trapper zuckte die Achseln und blickte zur Seite. Plötzlich
unterbrach ein lauter, gellender Triumphruf die nächtliche Stille,
dann schien die ganze Prärie lebendig zu werden; denn von allen Seiten
erhob sich als Antwort ein wildes Geheul, als seien sämtliche Dämonen
der Hölle losgelassen. Auch Weucha und seine Kameraden stimmten ein,
trotzdem sie Mühe hatten, die erschreckten Pferde zu bändigen.

Inmitten dieses Geheuls aber wurde noch ein anderes Geräusch hörbar,
ein Getöse von vielen stampfenden Hufen, und gleich darauf jagte
Ismaels ganzer Viehbestand in wirrem Durcheinander vorüber. Mahtoree
hatte die Tiere losgeschnitten und aus dem Lager gejagt, die nun von
den beutegierigen Tetons verfolgt wurden. Die indianischen Pferde,
durch den Anblick der dahinrasenden Gäule Ismaels auf das höchste
erregt, stampften und rissen wütend an ihren Fesseln, so daß ihre
Wächter sie kaum noch halten konnten.

Diesen Augenblick benutzte der Trapper. Mit einer Gewandtheit und
Kraft, die niemand ihm zugetraut hätte, entriß er Weucha das Messer und
durchschnitt den langen Riemen, welcher die Pferde aneinander fesselte.
Die Tiere schnaubten vor Freude und Schreck, dann aber stoben sie nach
allen Richtungen davon.

Im ersten Moment wendete Weucha sich wie ein Tiger gegen den Alten;
er tastete nach der leeren Messerscheide, dann nach dem Griff des
Tomahawks; im nächsten Augenblick aber siegte die Habgier über das
Gefühl der Rache, und wie ein Blitz stürzte er mit seinen Gefährten den
Tieren nach.

Der Alte, der in dem kritischen Moment seinem Feinde fest ins Auge
geblickt hatte, lachte jetzt unhörbar vor sich hin.

[Illustration]

„Die rote Natur bleibt immer dieselbe, im Walde wie auf der
Prärie,“ sagte er. „Ein christlicher Wächter hätte mir den Schädel
eingeschlagen, dieser Teton aber rennt seinen Pferden nach, als wenn
zwei Beine so schnell laufen könnten wie vier.“

Der Bienenjäger schlug jetzt vor, schleunigst Ismaels Lager
aufzusuchen. Ellen widersprach heftig. Inzwischen wurde es unten in der
Wagenburg lebendig.

„Entferne dich, Paul,“ bat das Mädchen, „du weißt, daß sie dich nicht
sehen dürfen, und sie kommen gewiß hierher!“

„Ich gehe nicht eher, bis ich dich sicher im Schutze des Lagers
weiß,“ entgegnete der junge Mann, „denn die roten Teufel können jeden
Augenblick zurückkommen, und was soll dann aus dir werden?“

„Die Rothäute braucht Ihr vorläufig nicht zu fürchten,“ sagte der
Trapper. „Ich gebe Euch die Versicherung, daß die Tetons mindestens
noch sechs Stunden hinter ihren Tieren herjagen. Horcht doch; jetzt
sind sie unten im Weidengrund. Aber still! Nieder ins Gras! Ich hörte
ein Gewehrschloß knacken, so wahr ich ein Sünder bin!“

Damit hatte er auch schon die beiden mit sich zu Boden gerissen. Es
war kein Augenblick zu verlieren gewesen, denn kaum lagen sie im hohen
Grase, als auch schon einige Schüsse krachten und die Kugeln über ihnen
dahinpfiffen. Weitere Schüsse folgten, und zwar schon aus geringerer
Entfernung. Die Situation wurde gefahrdrohend, um so mehr, als der
trotzige Bienenjäger sich anschickte, das Feuer zu erwidern.

„Das Ding muß ein Ende nehmen,“ sagte der Trapper endlich, sich
mit ruhiger Entschlossenheit wieder vom Boden erhebend. „Es ist mir
unbekannt, Kinder, weswegen ihr jene Leute fürchtet, denen ihr doch,
wie mir scheint, in Liebe verbunden sein solltet; immerhin aber muß ich
für eure Rettung sorgen. Ob ich, der ich so alt geworden bin, ein paar
Stunden früher oder später sterbe, darauf kommt es nicht an; ich will
daher vorgehen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er gemessenen Ganges den
leichten Abhang hinab und dem Lager zu. Hell beschien das Mondlicht
jetzt seine lange, hagere Gestalt.

Von unten her ließ sich eine drohende Stimme vernehmen.

„Wer kommt da -- Freund oder Feind?“

„Freund,“ antwortete der Alte; „einer, der zu lange gelebt hat, um den
Rest seiner Tage in Unfrieden zu beschließen.“

„Aber nicht lange genug, um die Kniffe seiner jungen Jahre vergessen zu
haben,“ entgegnete Ismael, seinen mächtigen Körper hinter einem Gebüsch
aufrichtend. „Ihr habt uns die Rothäute auf den Hals geschickt, alter
Mann, um morgen die Beute mit ihnen zu teilen.“

„Was habt Ihr verloren?“ fragte der Trapper ruhig.

„Acht Pferde und ein Füllen. Meine Frau hat nicht eine Kuh behalten,
und auch die Schweine und die Schafe sind fort. Wieviel davon kommt auf
Euren Anteil?“

„Nach Pferden hat mich nie verlangt, habe auch niemals auf einem
gesessen, obgleich nur wenige das Land Amerika so weit durchstreiften,
wie ich getan, so alt und schwach ich heute auch aussehe. Wolle und
Milch mag für die Weiber sein, ich frage nichts danach. Das Fell des
Wildes kleidet mich, und sein Fleisch genügt mir zur Nahrung.“

Der aufrichtige, ehrliche Ton dieser Rede verfehlte seine Wirkung auf
den Squatter nicht. Nach weiterem Hin- und Herreden fragte derselbe
endlich:

„Aber Ihr habt doch die Indianer gesehen?“

„Gewiß,“ lautete die Antwort, „sie hielten mich gefangen, während sie
sich in Euer Lager schlichen.“

„Hättet Ihr uns da kein Warnungszeichen geben können?“ entgegnete der
andere finster und noch immer mißtrauisch. „Doch was geschehen ist, ist
geschehen ... Kommt hervor, Jungen, aus Eurem Versteck! Hier ist nur
ein alter Mann, der von meinem Brot gegessen hat und daher unser Freund
sein müßte.“

Auf des Vaters Ruf kamen einige seiner Söhne herbei, die in der Nähe
im Hinterhalte gelegen und die drei Gestalten in der nächtlichen Prärie
für einen Haufen Sioux gehalten hatten. Sie betrachteten den Alten mit
finsterem Argwohn und feindseligen Blicken. Endlich nahm der älteste
von ihnen, gerade derjenige, dessen nachlässige Wacht dem Häuptling
Mahtoree das Beschleichen des Lagers ermöglicht hatte, das Wort.

„Wenn das der einzige ist, der von der Gesellschaft, die wir dort
oben sahen, übrigblieb, dann haben wir unsere Munition nicht umsonst
verschossen,“ sagte er in roher Genugtuung zu seinem Vater.

„Asa, du hast recht,“ erwiderte der Squatter, und sich schnell an den
Trapper wendend fuhr er fort: „Wie ist das, Fremder? Ihr wart Euer
drei, wenn der Mondschein nicht log; wo sind die anderen?“

„Wenn Ihr die Tetons hinter Eurem Vieh hättet herjagen sehen wie lauter
schwarze Teufel, so wäret Ihr bei dem wechselnden Licht und Schatten
auch wohl der Meinung gewesen, es seien ihrer Tausend. Die nächtliche
Prärie täuscht den Blick, Freund.“

Statt aller Antwort rannten Ismaels Söhne nach der Gegend, aus
der der Trapper gekommen war. Sie fanden jedoch nichts und kehrten
langsam zurück, worauf sich alle ins Lager begaben. Der Alte folgte
auf des Squatters Wink; ehe er aber auf dem Strohlager, das man ihm
gastfreundlich anwies, entschlummerte, hatte er noch die Beruhigung,
Ellen Wade im Geplauder mit Ismaels Töchtern zu erblicken.



Zweites Kapitel

Das geheimnisvolle Zelt


Ismael Busch, zur Zeit unserer Erzählung ein Mann von weit über
fünfzig Jahren, hatte sein ganzes Leben an den Grenzen der Zivilisation
zugebracht und seine Wohnplätze immer so gewählt, daß er ungestraft
jeden Baum niederschlagen durfte, den er von seiner Haustür aus mit
dem Blick erreichen konnte. Hieraus ist ersichtlich, daß er sowohl
von Gesetzen und bürgerlicher Ordnung, als auch von dem Klange der
Kirchenglocken kaum eine entfernte Ahnung hatte. Kenntnisse, die er
bei seinem halbwilden Leben nicht brauchte, flößten ihm auch keinen
Respekt ein, und von allen Wissenschaften hielt er nur die des Arztes
für berechtigt, weil dieselbe jene körperlichen Schädigungen zu heilen
vermochte, denen er mit den Seinen bei dem rauhen Grenzerberuf häufig
ausgesetzt war. Aus diesem Grunde hatte er auch einem medizinisch
gebildeten Manne gestattet, sich seiner Expedition anzuschließen;
derselbe, ein eifriger Naturaliensammler und nebenbei ein Sonderling,
führte den Namen Obed Bat; nach der Sitte jener Zeit aber hängte er
demselben eine lateinische Endung an und nannte sich Dr. Battius.

Dieser Mediziner, ein kleines, dürres Männchen von komischem Äußeren,
war es, der in der Morgenfrühe nach der ereignisreichen Nacht den
Squatter und dessen Familie aus dem Schlafe erweckte. Er hatte während
der vorhergehenden zwei Tage auf dem Rücken seines Reittieres, eines
Esels, einen weiten Streifzug nach seltenen Pflanzen unternommen
und kehrte nun zurück, um nicht ohne Erschrecken das Vorgefallene zu
vernehmen.

Das Tageslicht zeigte den Emigranten die ganze Größe ihres Verlustes.
Finster rollenden Auges und knirschend vor Ingrimm blickte Ismael auf
die schwer beladenen Wagen, deren Gespanne sich jetzt in den Händen der
Wilden befanden; dann, als beenge ihn die Luft innerhalb der Wagenburg,
trat er langen Schrittes hinaus in die Ebene. Einige seiner Söhne
schlenderten hinter ihm drein; auch der Trapper folgte ihm.

„Wo sind nun die rothäutigen Schufte, die mir mein Vieh gestohlen
haben?“ fragte Busch den letzteren, nachdem lange niemand ein Wort
geredet hatte.

„Wer kann das wissen?“ antwortete der alte Mann. „Welche Farbe hat der
Raubvogel, der dort unter jener weißen Wolke dahinstreicht? Wenn ein
Indianer seinen Streich ausgeführt hat, dann wartet er nicht erst, bis
ihm der Lohn dafür in Blei ausgezahlt wird.“

„Wird das Gesindel sich zufrieden geben mit dem, was es erbeutet hat?“

„Menschennatur bleibt Menschennatur, stecke sie in roter oder in weißer
Haut. Wenn Ihr eine gute Ernte eingeheimst habt, seid Ihr dann für
immer damit zufriedengestellt? Wenn das der Fall ist, dann seid Ihr
grundverschieden von all den Menschen, die ich in meinem langen Leben
kennenlernte.“

„So werden wir uns also noch auf weitere Besuche von den Räubern gefaßt
machen müssen?“

„Ohne Zweifel,“ sagte der Trapper. „Und Euer Lager hier gewährt Euch
keinen Schutz gegen ihre Kugeln. Ich weiß eine Stunde von hier einen
besseren Ort, einen Felsenberg, der, von tapferen Männern verteidigt,
eine gute Zuflucht für die Weiber und Kinder wäre.“

Der Squatter horchte auf; er forderte noch nähere Auskunft, und die
Beschreibung des Berges gefiel ihm so gut, daß er den sofortigen
Aufbruch befahl. Es galt, die Wagen mit den Händen bis an jenen Ort zu
ziehen, eine Aufgabe, die für gewöhnliche Menschen fast unausführbar
gewesen wäre, an die die starken Söhne des Emigranten jedoch
herangingen, als handle es sich um ein Kinderspiel. Schon knarrten und
quietschten die Mehrzahl der schwerfälligen Fuhrwerke, von den Männern
gezogen und den Weibern geschoben, träge über das Gras, als Ismael und
sein Schwager Abiram sich an den kleinen, zu dem Leinwandzelt gehörigen
Wagen heranmachten.

Der Trapper, der, auf seine Büchse gestützt, den Kraftleistungen der
jungen Männer mit beifälligem Nicken zugeschaut hatte, näherte sich
jetzt den beiden mit kindischer Neugierde. Das Geheimnis dieses Wagens
zog ihn unwiderstehlich an. Nur noch zwei Schritte war er von dem Zelte
entfernt, als Ismael unter demselben hervorkam. Beim Anblick des Alten
rötete sich sein Gesicht vor Zorn.

„Bisher meinte ich immer, daß nur die Weiber sich um Dinge kümmern,
die sie nichts angehen,“ sagte er finster. „Was habt Ihr hier zu
spionieren? Wem wollt Ihr Eure Neuigkeiten zutragen?“

„Ich stehe nur mit =einem= in Verkehr,“ antwortete der Trapper ruhig,
„mit dem dort oben, mit meinem und Eurem Richter. Der braucht meiner
nicht, um Neuigkeiten zu erfahren; vor dem könnt Ihr aber auch nichts
verbergen, selbst nicht in der Einsamkeit dieser Wüste.“

Jetzt kroch auch Abiram unter der Leinwand hervor.

„Vor dem alten Schleicher müssen wir uns hüten,“ rief er, einen
giftigen Blick aus seinen falschen Augen auf den Greis werfend. „Wenn
der nicht mit den Rothäuten unter einer Decke steckt, dann bin ich ein
Sioux!“

Auf diese Worte seines Verwandten musterte der Squatter den Trapper
noch einmal scheeläugig und forschend von oben bis unten, er schien
sich jedoch nicht zu der Ansicht Abirams bekehren zu können, denn er
wendete sich bald ab, brachte den Wagen in Ordnung, spannte sich mit
Abiram davor und zog den anderen Fuhrwerken nach.

Der Alte folgte ihnen mit den Blicken. Dann schweifte sein Auge über
das verwüstete kleine Tal.

„Ja, ja,“ murmelte er schwermütig, „das hätte ich wissen können, hab'
ich's doch früher schon oft genug erlebt! So treibt's der Mensch.
Er zähmt die Tiere des Feldes zu seinem Dienst, raubt ihnen aber ihr
natürliches Futter und zwingt sie, das Laub der Bäume zu fressen, die
sonst in der mittagsheißen Öde so kühlen Schatten spendeten! Aber warum
beklage ich mich? habe ich sie doch selber hierher geführt.“

Ein Geräusch in dem Gebüsch, das der zerstörenden Axt entgangen war,
erregte seine Aufmerksamkeit. Blitzschnell, dem alten Jägerinstinkt
gehorchend, lag die Büchse schußfertig in seiner Hand. Gleich darauf
aber ließ er die Waffe sinken.

„Komm hervor,“ sagte er mit trauriger Stimme, „komm hervor, Mensch oder
Tier, du hast von meinen alten Händen nichts zu fürchten. Ich bin satt
und bedarf keines Wildbrets, warum sollte ich daher Blut vergießen?
Es wird nicht mehr lange währen, dann sitzen die Vögel auf meinem
Gebein und picken nach meinen Augen; denn der menschliche Leib ist der
Vernichtung geweiht, und auch ich werde nicht ewig leben. Also komm
getrost hervor, von meinen alten Händen hast du nichts zu fürchten.“

„Dank für die freundliche Gesinnung, alter Trapper,“ rief eine muntere
Stimme, und gleich darauf trat Paul Hover aus dem Dickicht ins Freie
heraus. „Im ersten Moment erschrak ich wirklich, denn Ihr schlugt an
wie einer, dem keine Kugel fehlgehen kann.“

„Da habt Ihr nicht ganz unrecht,“ antwortete der Alte, lautlos in sich
hineinlachend, „nicht ganz unrecht, junger Mann. Es gab eine Zeit, wo
keiner eine Büchse besser zu handhaben wußte als ich, wo es gefährlich
war, in Hörweite von mir ein Blatt rascheln zu lassen, ja, und wo ein
roter Mingo tot war, wenn er mir aus seinem Versteck auch das Gefunkel
seines Auges zeigte. Ihr habt doch von den roten Mingos gehört?“

„Von Mingos, nein; wohl aber kenne ich die Minks, das sind Tiere mit
wertvollem Pelzwerk,“ antwortete der Bienenjäger, vorsichtige Blicke
um sich werfend und dann den Trapper sanft mit sich in das Gebüsch
hineinziehend.

Wieder überließ sich der Alte seinem unhörbaren Lachen. Seine
Entgegnung verlor sich jedoch in dem Geraschel des Dickichts, in
welchem die beiden im nächsten Augenblick verschwunden waren.

       *       *       *       *       *

Seit den geschilderten Ereignissen war eine Woche vergangen. Den
Andeutungen des Trappers folgend, hatten die Emigranten den Berg bald
gefunden, der ihnen als Zuflucht dienen sollte. Derselbe war eigentlich
nichts als ein Felskegel, der, von Gestrüpp umwuchert, steil und fast
unzugänglich aus der Ebene emporragt. Auf dem flachen Gipfel desselben
errichteten sie einige Hütten aus Baumästen und ähnlichem Material, und
unweit des Abhanges, auf erhöhter Stelle, wurde das geheimnisvolle Zelt
aufgeschlagen, dessen weiße Leinwand wie ein Schneefleck weit in die
Ferne hinaus leuchtete.

„Lange können wir hier nicht bleiben,“ sagte Ismael, als er eines
Morgens mit seinem Schwager am Fuße des Felskegels stand und mißmutig
in die hier sehr dürre und steinige Prärie hinausblickte. „Wenn wir
nicht elend verhungern wollen, müssen wir machen, daß wir bald wieder
fortkommen. Auch sonst haben wir beide Grund genug, die Gegend zu
erreichen, die wir uns als Ziel setzten.“

Abiram sah ihn aus seinen falschen Augen verständnisvoll an, enthielt
sich jedoch der Antwort, da jetzt einige der Söhne Ismaels herzutraten.

„Ich habe Ellen Wade, die da oben Ausguck hält, angerufen, ob sie etwas
sieht,“ bemerkte einer der jungen Männer, „aber sie tat, als hörte
sie mich gar nicht. Und doch scheint sie irgend etwas in der Ferne
aufmerksam zu betrachten.“

Der Vater schaute in die Höhe. Dort, hundert Fuß über der Ebene, auf
einem Felsstück unmittelbar am Abhange und dicht neben dem Zelte, saß
Ellen und lugte unbeweglich nach einer Richtung in die Ferne.

Plötzlich entfuhr ihm ein Ruf zornigen Schreckens, der blitzschnell nun
auch die Blicke aller übrigen nach dem Gipfel des Felskegels lenkte.

„Ha!“ rief Abiram, mehr erschrocken als zornig.

Die jungen Männer aber standen mit vor Erstaunen weit offenem Munde.
Denn neben Ellen war eine zweite Gestalt erschienen, die eines
jungen Weibes von wunderbarer Schönheit. Ein dunkles, schimmerndes
Seidengewand umflatterte ihre Glieder, und langes, rabenschwarzes
Lockenhaar wallte windbewegt um ihr Haupt.

Eine Weile standen die Männer in stummem Anschauen dieser Erscheinung,
dann aber nahm Asa, der älteste der Söhne, das Wort.

„Das also ist das Tier, das ihr angeblich zum Anlocken des Präriewildes
mitgenommen habt, und mit dem ihr immer so heimlich getan,“ sagte er
voll Hohn zu dem ihn scheu ansehenden Abiram, da er es vorzog, sich
nicht direkt an seinen Vater zu wenden. „Daß du es mit der Wahrheit
nie genau genommen hast, wußte ich längst, aber solch eine grobe
Lüge erwartete ich doch nicht. Die Zeitungen in Kentucky haben dich
hundertmal einen Sklavenhändler gescholten; sie ahnten jedoch sicher
nicht, daß du den Handel auch auf weiße Menschen ausdehntest.“

„Wen nennst du hier einen Sklavenhändler?“ fuhr Abiram erbost auf.
„Sieh dir deine eigene Familie an, mein Junge. Gar manchen Aufruf
habe ich an den Häusern und Bäumen angeschlagen gesehen, der eine gute
Belohnung denen verhieß, die deines Vaters, deiner Mutter, ja und auch
deinen Verbleib so nachweisen konnten, daß das Gericht euch zu fassen
imstande war! Reich könnte ich heute sein, wenn ich euch Sippschaft --“

Er redete nicht weiter, denn Asa versetzte ihm mit der verkehrten Hand
einen solchen Schlag auf den Mund, daß er fast zu Boden getaumelt wäre.

[Illustration]

„Du hast den Bruder deiner Mutter geschlagen, Asa!“ sagte der Vater
finster und streng.

„Den Verleumder unserer Familie habe ich gezüchtigt,“ entgegnete der
Sohn heftig, „einen Menschen, der verdiente, daß man ihm die giftige
Zunge herausschnitte!“

„Schweig, ich befehle es dir!“ herrschte der Squatter den Zornigen
an. „Du kennst mich, also kein Wort weiter. Auch du, Abiram, bist
ruhig. Du hast schlimme Dinge gegen mich und die Meinen ausgesprochen.
Wenn die Schergen des Gerichts ihre Zettel an die Blockhütten und an
die Baumstümpfe in den Lichtungen nagelten, dann geschah das nicht,
weil ich unehrliche Handlungen beging, sondern weil ich der Ansicht
war und heute noch bin, daß die Erde, der Wald und das Wild freies
Eigentum aller Menschen sind. Nein, Abiram, könnte ich meine Hände
ebenso leicht von dem reinigen, was ich auf dein Anstiften tat, wie von
meinen sonstigen Sünden, dann würde mein Schlaf ruhiger sein, und meine
Angehörigen brauchten sich meines Namens nicht zu schämen. Aber nun
Friede; machen wir das, was schlimm ist, nicht noch schlimmer.“

Der Streit hatte die Aufmerksamkeit der Männer von der wunderbaren
Erscheinung auf der Höhe des Berges abgelenkt; als man jetzt
hinaufblickte, war diese nicht mehr sichtbar. Asa, phlegmatisch wie
alle Leute von seiner gewaltigen Kraft und Körpergröße, beruhigte sich
sehr bald wieder. Nicht so Abiram; man sah es dem tückischen Ausdruck
seiner Augen an, daß er von jetzt an einen tödlichen Haß gegen seinen
Neffen mit sich herumtragen würde.

Ismael aber erstieg das Lager und begab sich in das Zelt, in welchem
er einige Zeit verweilte; als er wieder im Freien erschien, war sein
Antlitz erregt und finster.

Nach kurzer Rücksprache mit seiner Frau stieg er aufs neue zur Ebene
hinab, und bald darauf zog er mit seiner ganzen Schar fort zur Jagd;
denn die Mutter hatte ihm mitgeteilt, daß das Fleisch für die Kochtöpfe
auf die Neige ginge.

       *       *       *       *       *

Um die Zeit, als die Emigranten ihre Felsenburg verließen, saßen etwa
in Kanonenschußweite von derselben zwei Männer in einer kleinen, von
einem Bache durchrieselten Bodensenkung, eifrig beschäftigt, eine
herzhafte Mahlzeit einzunehmen. Dieselbe bestand in dem saftigen
Fleische eines Büffelhöckers, der sachkundig von dem erlegten Wilde
abgelöst und zwischen erhitzten, mit Erde bedeckten Steinen, nach der
uralten Sitte der Wildnis, gar gemacht worden war. Die Schmausenden
waren der Trapper und der Bienenjäger. Letzterer lobte die Kochkunst
seines alten Gefährten mit wahrer Begeisterung, wobei er unermüdlich
mit vollen Backen kaute; der Trapper, der bald gesättigt war, hörte
lächelnd zu und versorgte dabei seinen treuen Hektor mit den weichsten
und leckersten Bissen. Auf ein leises, warnendes Knurren des klugen
Tieres blickte er um sich und gewahrte in einiger Entfernung einen
kleinen Mann, der frei, wenn auch mit zögernden Schritten, herankam.
Als Paul Hover den Fremden erspähte, stopfte er die saftigen
Fleischstücke mit verdoppeltem Eifer zwischen seine weißen Zähne, als
fürchte er, zu kurz zu kommen, wenn noch ein Dritter einen Anteil an
dem Büffelhöcker beanspruchen sollte. Dem Trapper schien jedoch das
Erscheinen des Unbekannten ganz willkommen zu sein.

„Nur näher, Freund,“ rief er demselben entgegen, „nur näher! Wenn der
Hunger Euch führte, dann seid Ihr an den rechten Ort gelangt. Fürchtet
Euch nicht, wir sind Christenmenschen und genießen mit Dank, was Gott
uns bescherte.“

„Ehrwürdiger Jäger,“ antwortete Obed Bat, der auf einer seiner
botanischen Exkursionen an diesen Ort gekommen war, „ich freue mich
dieser Begegnung, da ich Euch bereits, wenn auch nur dem Ansehen nach,
kennengelernt habe. Wir beide lieben die Natur und ihre wunderbaren
Erzeugnisse, wir sollten daher in Freundschaft verbunden sein.“

„Aha, Ihr seid der Doktor, von dem ich in Ismael Buschs Lager reden
hörte,“ entgegnete der Trapper. „Setzt Euch her und esset und dann sagt
uns, was Ismael unter dem weißen Zelte mit sich führt, das er so scharf
und bissig bewacht wie eine Bärin den Ort, wo ihr Junges schläft.“

„Habt Ihr davon auch gehört?“ versetzte der Doktor, den Bissen wieder
sinken lassend, den er eben mit lüsterner Miene zum Munde führen
wollte, während Paul mit anscheinend immer zunehmendem Appetit dem
Fleische zusprach.

„Nein, gehört habe ich nichts, aber gesehen habe ich das Zelt, und
weil ich nachschauen wollte, was sich darunter verbirgt, hat man mich
beinahe gebissen.“

„So, also gebissen!“ sagte der gespannt aufhorchende kleine Mann. „Dann
muß es also doch ein Raubtier sein. Ein Bär, ein _Ursus horridus_ ist's
nicht, dafür verhält es sich zu ruhig; ein Hund, ein _Canis latans_,
kann's auch nicht sein, denn den hätte seine Stimme längst verraten.
Andererseits aber kann doch Ellen Wade nicht mit einem Raubtier auf
so vertrautem Fuße stehen. Hm, zum Locken anderer Tiere bei der Jagd
haben sie's mitgenommen, wie sie sagen ... hm ... Verehrungswürdigster
Jäger, ich muß Euch offen gestehen, daß dieses rätselhafte Tier, das
tagsüber in einem Wagen und nachts in dem Zelte verwahrt wird, mir
bereits mehr Kopfzerbrechen verursacht hat als sämtliche Vierfüßler der
Naturgeschichte zusammen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich
es noch nicht zu klassifizieren vermochte.“

„Ihr meint also, Ismael führe ein reißendes Tier unter jenem Zelte mit
sich herum?“ fragte der Trapper augenscheinlich belustigt.

„Ich meine nicht nur, ich weiß es genau,“ versicherte Doktor Battius
mit großem Ernste, „denn Ismael Busch selber hat es mir gesagt.“

Paul Hover lachte kauend laut auf. Der Trapper aber schüttelte
nachdenklich den Kopf.

„Dahinter steckt irgend ein Geheimnis,“ sagte er ruhig. „Ismael läßt
keinen Unberufenen dem Zelte nahekommen, ein Tier aber brauchte er
nicht so ängstlich zu verbergen. Ein Tier kann's auch gar nicht sein,
sonst hätte mein Hektor mir längst davon erzählt, denn seine Nase ist
noch so unfehlbar wie einst, in seinen jungen Jahren.“

„Bildet Ihr Euch ein, Euer Hund sei klüger als ein Mann von meinen
Kenntnissen?“ rief der Doktor halb unverständlich, da er den Mund voll
Büffelfleisch hatte. „Wie soll solch ein Köter zum Beispiel die Klasse,
Gattung, Art und Geschlecht eines Tieres feststellen? Wie kann er
wissen, was selbst studierten und gelehrten Leuten verborgen ist?“

„Wie er das wissen kann?“ lächelte der alte Trapper. „Gebt acht;
hört Ihr nicht ein Geräusch dort in dem Gesträuch am Bache? Seit fünf
Minuten schon raschelt und knackt es da. Was für ein Geschöpf mag sich
dort wohl regen?“

„Hoffentlich kein Raubtier!“ rief der Doktor erschrocken. „Ihr führt
Büchsen mit Euch, Freunde; macht sie schußfertig, denn auf meine kleine
Vogelflinte ist nur wenig Verlaß.“

„Die Büchsen können wir immerhin zur Hand nehmen,“ versetzte der Alte,
nach der seinen langend. „Hektor, mein Hundchen, wer kommt da? Sollen
wir die Kreatur stellen oder laufen lassen?“

Der Hund, der durch die Bewegungen seiner Ohren den erfahrenen Jäger
längst von dem Herankommen eines fremden Geschöpfes Kenntnis gegeben
hatte, erhob den Kopf, schnüffelte ein wenig, gähnte dann und streckte
sich ruhig wieder nieder.

„Es ist ein Mensch!“ rief der Trapper, „wenn ich mich noch auf meinen
Hektor verstehe.“

Jetzt sprang Paul Hover blitzschnell auf, und sein Gewehr anschlagend,
rief er mit drohender Stimme:

„Hervor da, Freund oder Feind!“

„Ein Freund bin ich, ein Weißer und ein Christ,“ kam die Antwort
aus dem Gebüsch, und im nächsten Augenblick trat ein Mann aus
demselben ins Freie. Ruhigen Schrittes kam er heran, forschend und
vorsichtig die drei Freunde mit seinen Blicken messend. Er war noch
jung; auf dem schwarzlockigen Haupte saß ihm keck eine Soldatenmütze
mit verblichener Goldquaste. Über einer blauen Uniform trug er ein
dunkelgrünes, gelb eingefaßtes Jagdhemd, dazu hirschlederne Hosen und
indianische Mokassins. In der rotseidenen Schärpe steckte ein langer
Dolch, am Leibriemen hingen zwei lederne Halfter mit Pistolen darin,
und ein schweres Soldatengewehr nebst Pulverhorn und Kugeltasche
vervollständigten seine Bewaffnung. Auf dem Rücken führte er einen
Tornister mit sich, gezeichnet mit dem Stempel der Vereinigten Staaten,
_U. S._ (_United States_), welche Buchstaben den Amerikanern den
scherzhaften Beinamen „Onkel Sam“ zugezogen haben.

„Ich komme als ein friedlicher Reisender,“ nahm der Fremdling das Wort,
als er bei den Dreien angelangt war und sich auf einen freundlichen
Wink des Trappers niedergelassen hatte, um gleichfalls dem leckeren
Mahle zuzusprechen. „Und da Ihr das Recht habt, zu erfahren, wem
Ihr Eure Gastfreundschaft zuteil werden lasset, so seht hier meine
Legitimation.“

Damit zog er aus einer inneren Brusttasche ein Pergament hervor und
reichte es dem alten Jäger.

„Ich kann nicht lesen, Freund,“ lehnte dieser lächelnd ab, „auch genügt
mir Euer Antlitz als Legitimation.“ „Gebt her,“ rief jetzt Doktor
Battius neugierig, „ich lese alles, und wenn es lateinisch wäre.“

Er nahm das Pergament und entfaltete es.

„Ei, ei,“ sagte er, „was haben wir denn hier? Ei, Mann, das ist
ja die Unterschrift des Präsidenten Jefferson, gegengezeichnet vom
Kriegsminister! Hm! Das ist nichts mehr und nichts weniger als eine
Bestallung für den Hauptmann der Artillerie Duncan Unkas Middleton.“

„Was sagtet Ihr da?“ fragte lebhaft der Trapper, der bis jetzt noch
keinen Blick von den Zügen des jungen Fremden verwendet hatte. „Wie ist
der Name? Nennt ihn noch einmal! War's nicht Unkas? Wie? Unkas sagtet
Ihr?“

„Unkas ist mein Name,“ sagte der junge Mann nicht ohne einen Anflug
von Stolz. „Ich und ein Onkel von mir tragen ihn zum Gedächtnis eines
indianischen Häuptlings und eines großen Dienstes, den ein wackerer
Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen meiner Familie erwiesen.“

„Unkas! Sagtet Ihr Unkas?“ wiederholte der Trapper, sich schnell
erhebend und dem gleichfalls aufstehenden Gaste das dunkle Lockenhaar
mit bebender Hand aus der Stirn streichend. „Meine Augen sind alt und
nicht mehr so scharf wie damals, als ich selber noch ein Krieger war
... aber ich erkenne doch noch die Züge des Vaters in denen des Sohnes.
Ich erkannte das Antlitz sogleich, als Ihr aus dem Gebüsch kamt, aber
ich wußte nicht, wo ich die Ähnlichkeit früher gesehen. Sagt mir,
Knabe, welchen Namen trägt Euer Vater?“

„Mein Vater führte denselben Namen wie ich; er focht als Offizier im
Revolutionskriege; meiner Mutter Bruder hieß Duncan Unkas Heyward.“

„Wieder ein Unkas! Wieder ein Unkas!“ rief der Trapper in zitternder
Erregung. „Und dessen Vater?“

„Hieß ebenso, allerdings ohne den Namen des indianischen Häuptlings.
Er war es und meine Großmutter, denen jener große Dienst, den ich
erwähnte, erwiesen wurde.“

„Ich wußte es! Oh, ich wußte es!“ jubelte der alte Mann mit beinahe
versagender Stimme, während eine tiefe Bewegung in seinen sonst so
starren Zügen arbeitete. „Oh, ich wußte es! Ob Sohn oder Enkel, es ist
gleich; das Blut, die Art lassen sich nicht verbergen! Sagt mir, Knabe
-- der, den sie allein Duncan Heyward nennen, lebt der noch?“

Der junge Mann schüttelte traurig den Kopf.

„Er starb hochbetagt und hochgeehrt,“ antwortete er.

„Hochbetagt,“ murmelte der Trapper, auf seine mageren Hände
niederschauend. „Ja, hochbetagt. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, Knabe,
nicht wahr? Und auch wohl gehört, wenn er von Unkas und von der Wildnis
redete?“

„Gar oft hat er mir davon erzählt,“ nickte der junge Mann, der nicht
wußte, wo der Trapper mit seinen Fragen hinauswollte.

Die Augen des Alten glänzten seltsam. „Kommt,“ drängte er, „setzt Euch
hier neben mich und laßt mich wissen, was Euer Großvater gesagt hat,
wenn er sich an jene Tage im Urwalde erinnerte.“

Lächelnd folgte der andere dieser Aufforderung, während Paul sich ohne
weiteres an seiner freien Seite niederließ.

„Tut dem Trapper immerhin den Gefallen, Fremder,“ sagte der
Bienenjäger, „alte Leute hören gern von alten Zeiten plaudern, und ich
kann wohl sagen, daß auch ich selber Wohlgefallen daran finde.“

„Wenn ich alles berichten wollte, würde Euch die Zeit lang werden,“
versetzte Middleton, „auch ist die Geschichte reich an Blutvergießen
und all den anderen Schrecken indianischer Kriegführung.“

„An so etwas sind wir in Kentucky gewöhnt,“ meinte Paul, „außerdem
machen ein paar Skalpierungen eine Geschichte nur noch interessanter.“

„Aber er erzählte Euch doch von Unkas, nicht wahr?“ fing der Trapper
wieder an. „Und wie dachte und redete er über den Knaben, daheim in
seinem reichen, vornehmen Hause und umgeben von allen Bequemlichkeiten
der Kolonien?“

„Er sprach, denke ich mir, genau so, wie er gesprochen haben würde,
hätte er seinem Freunde Auge in Auge gegenüber gestanden.“

„Was? Nannte er den Wilden seinen Freund? Den armen, nackten, bemalten
Krieger des Waldes nannte er seinen Freund? Er war nicht zu stolz, den
heidnischen Indianer seinen Freund zu nennen?“

„Nein, im Gegenteil, er rühmte sich mit Stolz dieser Freundschaft. Ich
sagte Euch ja bereits, daß er seinem Erstgeborenen den Namen dieses
Freundes gab und dabei den Wunsch äußerte, daß der Name wie ein Erbteil
für alle Zeit in der Familie bleiben möge.“

„Das war recht gehandelt,“ nickte der Greis in freudiger Rührung, „das
war eines Mannes und eines Christen würdig. Er pflegte den Delawaren
wegen seiner Schnelligkeit zu bewundern -- sprach er auch davon?“

„Gewiß; er nannte ihn oft den ‚Flinken Hirsch‛, _Le Cerf Agile_; das
war ein Beiname, der dem Häuptling gegeben war.“

„Richtig. Und kühn und furchtlos war er, nicht, Knabe?“ fuhr der
Trapper fort, ganz glückselig darüber, hier das Lob dessen zu hören,
den er in vergangener Zeit allem Anschein nach herzlich geliebt hatte.

„Kühn und großherzig, tapfer und ohne Furcht,“ bestätigte Middleton.
„Wenn mein Großvater Muster echten Heldenmutes und wahrer Mannestreue
anführen wollte, dann nannte er stets den Häuptling Unkas und dessen
Vater, einen edeln Krieger, dem wegen seiner Weisheit der Beiname ‚die
Große Schlange‛ verliehen worden war.“

„Damit ließ er ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren,“ rief der Greis.
„Doch war das alles, Knabe? Wußte Euer Großvater nicht noch mehr zu
berichten?“

„Doch. Die Erzählungen, bei denen auch meine gute Großmutter --“

„Ha,“ unterbrach ihn der Trapper, dessen Antlitz unter einer neuen
Erinnerung förmlich strahlte, „ich weiß, sie hieß Alice! Wie deutlich
sehe ich das schöne Kind vor mir! Ihr blondes, lichtes Haar schimmerte
wie Gold, ihr Auge war blau wie der Himmel, und ihre Haut so rein wie
der Winterschnee auf der Prärie! Hab' ich nicht recht?“

Der junge Offizier zuckte lächelnd die Achseln; als junges Mädchen
hatte er seine Großmutter freilich nicht mehr gekannt.

„Die Gefahren und Abenteuer, die sie auf jenen Fahrten durch die
Urwälder zu überstehen gehabt,“ so fuhr er fort, „hatten sich ihrem
Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt, ebenso die Gestalten der Freunde,
die sie begleitet und beschützt hatten.“

Der Trapper wendete das Gesicht zur Seite, als kämpfe er mit seinen
Empfindungen; nach einer kleinen Weile richtete er seine ehrlichen
Augen wieder auf den jungen Gast.

„Diese Freunde, Knabe -- sagt, waren das alles nur Rothäute? Waren
Duncan Heyward und die Tochter Munros die einzigen Weißen bei dem Zug
durch den Urwald?“ fragte er.

„Nein, ein weißer Jäger, der zu den Delawaren gehörte, befand sich noch
bei ihnen, ein Kundschafter der englischen Armee.“

„Aha, wahrscheinlich einer von jenen betrunkenen Taugenichtsen und
Vagabunden, die sich so zahlreich in den Indianerdörfern herumtrieben
und ihrer Farbe zur Schande gereichten,“ bemerkte der Alte, die Züge
des Offiziers dabei lauernd beobachtend.

„Alter Mann,“ entgegnete dieser sehr ernst, „Eure weißen Haare sollten
Euch wahrlich von solchen übeln Nachreden abhalten! Es gibt nicht
viel Menschen auf der Erde, die an innerem Wert mit jenem Jäger sich
messen dürfen. Im Gegensatz zu dem Grenzergesindel, das Ihr erwähntet,
vereinigte er in sich alle Vorzüge der weißen wie der roten Rasse.
Sein Gemüt war rein wie das eines Kindes, dabei stand er an Mut und
Tapferkeit seinen indianischen Gefährten nicht nach und war ihnen an
Kriegserfahrung sogar weit überlegen. Mein Großvater bedauerte stets,
daß die Tugenden und edeln Charaktereigenschaften dieses Mannes bei der
Lebensweise desselben so wenig Beachtung finden konnten; in anderer
Stellung hätte er der Mitwelt sicher von großem Nutzen sein können,
denn er war einer der besten Männer seiner Zeit.“

[Illustration]

Während dieser Rede des jungen Mannes hatten die Augen des Trappers
sich zu Boden gesenkt. Wie abwesend spielten seine Finger mit den Ohren
des Hundes, auch ließ er zwecklos mehrmals das Schloß seiner Büchse
schnappen.

„Euer Großvater hatte also den weißen Jäger doch nicht ganz vergessen?“
kam es endlich heiser über seine Lippen.

„So wenig hatte er ihn vergessen, daß heute bereits drei seiner
Nachkommen auf den Namen des Kundschafters getauft sind.“

„Was? Auf den Namen des armen, ungebildeten Jägers? Die Reichen,
die Großen, die Leute in Amt und Ehren und, was noch besser ist, die
Gerechten und die Guten führen seinen wirklichen, richtigen Namen?“

„Mein Bruder und zwei meiner Vettern sind stolz darauf, sich nach jenem
edeln Manne nennen zu dürfen.“

„Wirklich und wahrhaftig mit dem richtigen Namen, der mit einem N
anfängt und mit einem L aufhört?“

„Mit demselben Namen,“ bestätigte der junge Mann lächelnd. „Nein,
mein Freund, nicht das Geringste ist vergessen, das dem Gedächtnis des
Trefflichen dienen kann. Sogar mein Jagdhund, der gegenwärtig hinter
einem Stück Wild streift, stammt von einem Tier ab, das Nathaniel
Bumppo einst meinem Großvater als Andenken aus der Ferne sendete, und
einen besseren und zuverlässigeren Hund gibt's nicht in den ganzen
Vereinigten Staaten.“

„Hektor,“ sagte der Alte mit vor Bewegung erstickter Stimme, „Hektor,
mein Hundchen, hast du das gehört? Dein Fleisch und Blut ist in der
Prärie!“

Er vermochte nicht länger an sich zu halten.

„Knabe,“ rief er, „jener Jäger, jener Kundschafter, bin ich! Ich bin
Nathaniel Bumppo! Ein Krieger einst, jetzt ein elender Fallensteller!“

Und aus Quellen, die längst versiegt geschienen, brachen heiße Tränen
hervor und strömten unaufhaltsam über seine welken Wangen. Er verbarg
das Antlitz auf den Knien und schluchzte laut.

Erstaunt, tief gerührt und voll Ehrfurcht blickten die drei anderen auf
ihn. Lange vermochte keiner ein Wort hervorzubringen.

„Es kann kein Zweifel obwalten,“ begann endlich der junge Offizier,
der sich nicht schämte, die Zeichen seiner Ergriffenheit aus den
Augen zu wischen, „er ist es, sonst könnte er mit den Einzelheiten
der Geschichte nicht so vertraut sein, die fast nur in meinem
Verwandtenkreise bekannt ist.“

„Was der sagt, das ist so wahr wie das Evangelium!“ rief Paul Hover
heftig, mit dem Ärmel über sein Gesicht fahrend. „Darauf will ich
jederzeit meinen heiligen Eid leisten, wenn Ihr's verlangt!“

„Und wir hatten immer gemeint, daß er längst nicht mehr unter den
Lebenden sei,“ fuhr der Offizier fort. „Mein Großvater starb in hohem
Alter, und der war der Jüngere von beiden.“

Inzwischen hatte der Trapper seine Fassung wiedergewonnen.

„Daß ich noch auf Erden lebe, junger Mann,“ sagte er ernst, „ist der
Wille des Herrn; achtzig Jahre und darüber hat er nach seinem weisen
Ratschluß mich alt werden lassen. Daß ich der Mann bin, der ich sagte,
das könnt Ihr mir glauben; warum sollte ich mit einer Lüge meine Tage
beschließen?“

„Ich zweifle keinen Augenblick daran, ich bin nur voll vor Erstaunen
über diese wunderbare Fügung. Aber sagt mir, ehrwürdiger und teurer
Freund meiner Vorfahren, warum finde ich Euch hier in dieser Wüste,
fern von den Bequemlichkeiten und der sicheren Ruhe der Zivilisation?“

„Ich kam hierher, um dem Klange der Axt zu entfliehen; dieser Prärie
bleibt der Holzfäller fern. Aber laßt mich an Euch dieselbe Frage
richten. Gehört Ihr zu dem Kommando, das die Regierung abschickte, die
neu erworbenen Ländereien zu besichtigen?“

„Nein, meine Reise hat einen privaten Zweck.“

„Wenn ein Mann, dessen Augen und Körperkräfte zur Ausübung der Jagd
nicht mehr hinreichen, mit Fallen und Schlingen in der Nähe der
Biberteiche gefunden wird, so ist das nichts Seltsames; verwunderlich
aber ist es, wenn ein Hauptmann der Artillerie die Prärie durchstreift,
ohne auch nur einen von seinen Untergebenen bei sich zu haben.“

„Ihr werdet meine Gründe hierzu billigen, sobald Ihr sie kennengelernt
habt; ich gedenke sie Euch darzulegen, vorausgesetzt, daß Ihr sie
wissen wollt. Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich alle, die ich hier
um mich sehe, für wackere Männer halte, die einem Hilfsbedürftigen gern
mit Rat und Tat beistehen werden.“

„Laßt uns hören, wie wir Euch dienen können,“ antwortete der Trapper;
Paul und der Doktor gaben ihre Zustimmung zu erkennen und lagerten sich
bequem zurecht, den Neuigkeiten in aller Ruhe zu lauschen.



Drittes Kapitel

Die Erstürmung der Felsenburg


Wir kehren zu Ismael Busch und seinen Söhnen zurück, die am Abend
dieses Tages von der Jagd ermüdet den Felsenberg und auf demselben
ihre Wohnstätten wieder aufgesucht hatten. Nur einer fehlte, Asa, der
Älteste. Man wußte nicht, ob er absichtlich sein Heimkommen verzögerte,
oder ob er den Weg verloren hatte. Der Vater und die Brüder, überzeugt,
daß der junge Riese sich wohlbehalten aus allen Fährlichkeiten ziehen
würde, machten sich seinetwegen nicht viel Sorgen, die Mutter nur
bangte sich um ihn, und in ihren Befürchtungen wurde sie durch Abiram,
ihren Bruder, noch bestärkt, der allerlei von herumstreichenden
Indianern vor sich hin murmelte, bis Ismael, die wachsende Angst seiner
Frau wahrnehmend, ihm endlich Schweigen gebot.

Der Emigrant war übel gelaunt; das Geheimnis des Zeltes war verraten
worden, und das beunruhigte ihn weit mehr als Asas Abwesenheit. Er
zürnte mit Ellen Wade, die er beschuldigte, die Bewohnerin des Zeltes
nicht streng genug bewacht zu haben. Nach einiger Zeit aber verlangte
die Natur bei allen ihr Recht, und der Schlaf breitete seine Fittiche
über das Lager.

Um Mitternacht sah Abner, der Wachthabende, eine dunkle Gestalt den
Felsenhang heraufklimmen. Er erkannte in derselben bald den Doktor
Obed Bat, der von seinem Ausfluge heimkehrte und unverweilt seine
Schlafstätte aufsuchte. Hier lag er jedoch nur so lange, bis er sich
überzeugt hatte, daß niemand mehr wachte; dann stand er leise auf und
schlich dem Zelte zu. Schon war er demselben ganz nahe, da legte sich
eine leichte Hand auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um,
gewahrte aber zu seiner Erleichterung nur Ellen.

„Still, Kind,“ flüsterte er. „Ihr kommt mir gerade recht. Aber niemand
darf uns sehen und hören. Hier, ich bringe einen Brief für die Dame
dort drinnen. Gebt ihn ihr, ich warte hier draußen.“

Ellen nahm das Papier und schlüpfte ins Zelt. Bald darauf schaute
sie aus der Türöffnung, winkte den kleinen Mann herbei und zog ihn
eilfertig ebenfalls hinein.

       *       *       *       *       *

Kaum graute der Morgen über der weiten Ebene, als auch schon Frau
Esther mit lautem Ruf die Schläfer erweckte. Böse Träume hatten sie im
Schlafe gequält, und als sie auch jetzt ihren Asa, ihren Lieblingssohn,
nirgends in der Prärie zu erspähen vermochte, da ruhte sie nicht
eher, bis die ganze Schar nach schnell eingenommenem Morgenimbiß sich
aufmachte, den Vermißten zu suchen; auch bestand sie darauf, sich an
dem Streifzuge zu beteiligen. Abiram machte den Vorschlag, man solle
ihn als Wächter der Festung zurücklassen. Darauf ging man jedoch nicht
ein; er hatte am Abend zuvor so viel von Indianerspuren geredet, daß
er nun zeigen sollte, wo er dieselben wahrgenommen. Mit der Obhut
des Lagers wurden die Töchter und Ellen betraut; nachdem man Signale
verabredet und am Rande des Felsplateaus große Steine bereitgelegt
hatte, die auf etwaige Angreifer hinabgestürzt werden sollten, zog man
unter Führung Ismaels davon.

Doktor Battius, der sich dem Zuge angeschlossen, blieb nach kurzem
Marsche, von einigen Pflanzen angelockt, in denen er botanische
Merkwürdigkeiten zu erkennen meinte, hinter den anderen zurück, denen
er auch bald aus dem Gesichte kam.

Nach Verlauf einiger Stunden langten die Streifenden vor einer
sumpfigen Niederung an, die mit dichtem Gehölz und Buschwerk bestanden
war. Noch berieten sie, nach welcher Richtung sie sich jetzt wenden
sollten, als plötzlich in wildem Lauf ein Hirsch aus dem Dickicht
hervorbrach; er war in die offene Prärie hinausgeflohen, ehe die Männer
noch ihre Büchsen schußfertig machen konnten. Gleich darauf raschelte
es wieder im Unterholz, und jetzt erschienen zwei Hunde, mit Eifer die
Fährte des Wildes verfolgend.

„Es müssen Jäger in der Nähe sein,“ sagte Ismael, „und wenn ich
mich noch auf Jagdhunde verstehe, so haben sie da ein Paar Tiere von
allerbester Rasse.“

Der eine der Hunde war augenscheinlich bereits sehr alt, doch zeigte
er noch immer ein Feuer, das dem seines Kameraden wenig nachgab. Der
letztere wich bei einem Ausläufer des Gehölzes plötzlich von der Fährte
ab; er blieb stehen, witterte mit erhobener Nase und ließ dann ein
kurzes, unheimlich klagendes Geheul vernehmen, auf welches nun auch der
andere Hund eilfertig herbeikam. Der erhob sogleich die Nase, witterte
forschend gegen das Dickicht hin, setzte sich dann auf sein Hinterteil
und begann so laut, so wehevoll und durchdringend zu heulen, daß Ismael
und seine Angehörigen unwillkürlich erschauerten.

„Was mögen die Köter haben?“ sagte Abner verwundert. „Es muß etwas ganz
Ungewöhnliches sein, das zwei solche treffliche Jagdhunde von ihrer
Fährte ablenken kann.“

„Schießt sie tot, die Bestien!“ rief Abiram erbost. „Das alte Vieh da
kenne ich, das ist der Hund des Trappers, des schleichenden Halunken,
der, wie wir alle wissen, unser heimlicher Feind ist.“

Niemand hörte auf ihn, alle standen vielmehr wie gebannt, wie befallen
von einem unerklärlichen Grausen.

Endlich nahm Ismael das Wort. „Kommt, Jungen, kommt,“ sagte er; „laßt
die Hunde singen, solange es ihnen Spaß macht.“

Seine Frau aber widersprach ihm. „Nein, Kinder,“ rief sie in bebender
Erregung, „geht nicht fort, bleibt hier! Das Geheul der Tiere hat mehr
zu bedeuten, als wir uns denken, und ich ruhe nicht eher, bis ich die
Ursache kennengelernt habe. Mir ahnt Schlimmes, noch aber weiß ich
nicht, was.“

Sie war bei diesen Worten näher an die Stelle herangegangen, wo die
Hunde jetzt rastlos in kleinem Kreise herumliefen und den Erdboden
beschnupperten.

„Abner! Abiram! Ismael!“ rief sie jetzt, „Ihr seid Jäger; sagt mir,
was für ein Geschöpf es war, das hier seinen Tod fand. Hier sind auch
Blutspuren -- rühren die von einem Wolf her, oder von einem Panther?“

„Das muß ein Büffel gewesen sein,“ versetzte der Squatter, ruhig
die Spuren betrachtend, die seine Frau in eine so große Aufregung
versetzten; „ein starkes, gewaltiges Tier, das sieht man an der von
seinen Hufen und Hörnern so tief aufgewühlten Erde.“

„Wer aber hat ihn erlegt?“ fuhr Esther fort. „Mann, wo sind die
Überbleibsel? Die Wölfe verschlingen doch nicht auch die Knochen und
das Fell? Ist das wirklich nur das Blut eines Tieres? Ich will eine
Antwort haben!“

„Beruhige dich doch, Mutter,“ sagte Abner; „der Büffel wird in das
Dickicht geflüchtet und dort verendet sein. Sieh nur die Aasvögel dort
über den Baumkronen; die wittern bereits ihre Beute.“

„Das Tier muß noch lebendig sein,“ bemerkte der Vater, „sonst hätten
die Geier sich darüber hergemacht. Dem Benehmen der Hunde nach zu
urteilen, ist es eine gefährliche Bestie, vielleicht ein grauer Bär,
und die Sorte hat ein zähes Leben.“

„Dann laß uns umkehren,“ drängte Abiram. „Wir stürzen uns sonst unnütz
in Gefahr. Komm, Ismael.“

Die jungen Männer warfen verächtliche Blicke auf ihren Oheim, dessen
Furchtsamkeit ihnen längst bekannt war; dann schritten sie vorsichtig
noch näher an das Dickicht heran.

Ein heulender Wind hatte sich aufgemacht, und finstere Wolken jagten
in wild zerrissenen Gebilden unter dem Himmel dahin. Die Aasvögel,
die sich in ihrem kreisenden Fluge kaum gegen den Wind zu behaupten
vermochten, schossen ab und zu zwischen die Baumwipfel hinab, aber
nur, um im nächsten Moment wieder mit schreckensvollem Gekreisch
emporzufahren; das gierig ersehnte Mahl war offenbar noch nicht bereit.

Die Mutter vermochte ihre Aufregung und Ungeduld endlich nicht mehr zu
zügeln.

„Schickt die Hunde hinein!“ rief sie. „Enoch, Abner, Gabriel, ihr
habt euch doch sonst vor allen Bären diesseits des großen Flusses
nicht gefürchtet! Oder gebt mir anstatt dieser meiner Schrotflinte
eine Büchse -- ihr da, Ismael und Abiram! -- dann will ich euch allen
zeigen, wessen eine Grenzerfrau fähig ist!“

Jetzt zögerten die jungen Männer nicht länger; sie sprangen vorwärts
und waren bald in dem Dickicht verschwunden. Der junge Hund folgte
ihnen, der alte aber blieb, an allen Gliedern zitternd, am Rande des
Buschwerks zurück.

Nach einer kleinen Weile erhoben sich die Aasvögel aufgestört mit
wildem Geflatter und betäubendem Gekreisch; gleich darauf ertönte aus
dem Dickicht ein doppelter Entsetzensschrei.

Die Mutter erbleichte. „Kommt zurück, meine Kinder!“ rief sie in Angst;
„um Gotteswillen, kommt zurück!“

Und die Gerufenen kamen, aber langsam, mit verstörten Gesichtern
und eine Bürde mit sich schleppend, die sie vor der Mutter Füßen
niederlegten -- den Körper des vermißten Asa, starr und tot, und mit
den unverkennbaren Zeichen eines gewaltsamen Endes auf dem entstellten
Angesicht.

[Illustration]

Noch ein langes, klagendes Geheul stießen die Hunde aus, dann jagten
sie auf der Spur des entflohenen Hirsches davon.

„Gebt Raum!“ stieß Esther mit heiserer Stimme hervor, indem sie alle
anderen zurückdrängte. „Ich bin seine Mutter und habe das größte Recht
an ihn! Wer hat diese Tat getan? Ismael! Abiram! Abner! Wer hat meinen
Knaben erschlagen?“

Die Männer standen stumm und starr; sie aber setzte sich nieder und
nahm das Haupt des Toten auf ihren Schoß. Wortlos und tränenlos blickte
sie in ihres Sohnes Antlitz, und ihr Schweigen war beredter als das
lauteste Jammern und Klagen.

„Das sind die Sioux gewesen,“ murmelte der Squatter nach langer Pause;
„aber die Bluthunde sollen meiner Rache nicht entgehen!“

Die Brüder hatten inzwischen die tödliche Wunde gesucht und gefunden.
Eine Kugel war dem Erschlagenen in den Rücken gedrungen und vorn auf
der Brust wieder herausgefahren. Er mußte sich dann in das Dickicht
geschleppt haben, nachdem er mit dem Mörder noch verzweifelt gekämpft
hatte, denn die Brüder hatten ihn am Fuße eines Baumes sitzend
gefunden, einen abgebrochenen Ast in der erstarrten Rechten.

„Er muß mit einem ganzen Haufen von Sioux zu tun gehabt haben,“
meinte Abiram, „denn einer, oder zwei und auch drei hätten ihn nicht
bezwungen.“

„So wird's sein,“ nickte der Vater düster; „er war von guter Art und
hat niemals einem lebenden Wesen, weder Mann noch Raubtier, den Rücken
gewiesen.“

„Seht!“ rief Enoch, aus den Kleiderfalten des Leichnams ein Stück Blei
nehmend. „Hier ist die Kugel!“

Ismael ergriff dieselbe und betrachtete sie lange und aufmerksam.

„Es kann nicht anders sein,“ sagte er endlich knirschend. „Diese Kugel
stammt aus der Tasche des Trappers. Hier ist sein Merkzeichen: sechs
kleine Löcher, in Form eines Kreuzes gestellt.“

„Meinen Eid darauf!“ rief Abiram triumphierend. „Kein anderer als der
alte, schleichende Mensch ist Asas Mörder! Er hat mir das Merkzeichen
selber gewiesen! Glaubst du nun, Ismael, was ich stets behauptet habe,
daß der Trapper ein Spion der Rothäute ist?“

Die Kugel ging von Hand zu Hand, und keiner zweifelte länger an der
Schuld des alten Jägers.

Endlich machte man sich daran, des Toten Grab zu graben. Stumm und
tränenlos schaute die Mutter zu; kein Seufzer, kein Schrei entrang
sich ihrem zerrissenen Herzen, als man die Grube zuwarf und die
Erde festtrat, um zu verhindern, daß Raubtiere den Leichnam wieder
ausscharrten.

„Esther,“ sagte der Squatter, als alles getan war, „tröste dich. Wir
haben den Knaben erzogen, wir haben einen Mann aus ihm gemacht, wie es
wenige an den Grenzen gibt, und nun haben wir ihn begraben. Als Eltern
konnten wir nicht mehr tun. Laß uns nun gehen.“

Die Frau erhob sich und ließ sich willenlos fortführen. Die Schar
machte sich auf den Heimweg. Nach langem Marsche kam endlich der
Felskegel in Sicht. Man gab einen Schuß ab, um die Aufmerksamkeit der
Mädchen zu erregen. Allein nichts regte sich auf der Höhe. Ein scharfer
Windstoß fuhr über die Prärie. Man sah das weiße Zelttuch lose flattern
-- die Befestigungen desselben mußten sich gelöst haben -- man sah es
sich blähend erheben und dann, vom Winde erfaßt, den jenseitigen Abhang
hinabfliegen.

„Die Mörder sind auch dort oben gewesen!“ rief die Mutter
verzweiflungsvoll. „O meine armen Kinder!“

Ismael aber stürmte ohne ein Wort zu sagen über die Ebene zum Berge und
diesen hinauf; seine Söhne folgten ihm in atemloser Hast.

       *       *       *       *       *

Ellen hatte inzwischen auf dem Felsen treue Wacht gehalten, dabei aber
auch ihren Verkehr mit der Bewohnerin des Zeltes nicht vernachlässigt.

Es mochte eine Stunde seit dem Auszuge der Männer vergangen sein, als
plötzlich ein halbes Dutzend Mädchenstimmen den Alarmruf erhob.

„Sieh, Ellen,“ riefen Ismaels Töchter, „dort zeigen sich fremde Männer
in der Prärie! Ob es die Sioux sind?“

Zugleich griffen sie nach ihren Büchsen und den kurzen Hebeln, mit
denen sie die Steine den Abhang hinabzustürzen gedachten.

Ellen schaute prüfend in die Weite. Aus der kleinen Gruppe von Männern,
die sich in der Ferne zeigte, sonderte sich jetzt ein Mann ab und
kam auf die Felsenburg zu. Schon legten Phöbe und Hetty, die beiden
ältesten der Schwestern, mit geübter Hand ihre Büchsen an, als Ellen
ihnen zurief:

„Schießt nicht! Das ist kein Feind, das ist ja unser alter Doktor
Battius!“

Der kleine Mann kam heran, ein weißes Tuch an seinem Flintenlauf wie
eine Parlamentärflagge schwenkend. Die übrigen Männer, drei an der
Zahl, folgten ihm in einiger Entfernung. In Rufweite angelangt, erhob
der Naturaliensammler seine krähende Stimme.

„Holla, da oben!“ rief er. „Im Namen der Vereinigten Staaten von
Nordamerika fordere ich euch auf, die Festung zu übergeben!“

„Was redet Ihr da für Unsinn, Doktor?“ entgegnete Ellen. „Seid Ihr denn
nicht unser Freund? Reiset Ihr denn nicht mit meinem Onkel auf Grund
eines Vertrages --“

„Der Vertrag ist null und nichtig!“ rief Obed zurück. „Ismael Busch
hat angegeben, er führe in jenem Zelte ein Tier mit sich, zur Anlockung
des Wildes in der Prärie bestimmt. Ismael Busch hat mich belogen; jenes
Tier ist kein Tier, sondern ein Frauenzimmer. Daher ist unser Vertrag
null und nichtig, und wenn ihr eure Festung nicht sofort übergebt, dann
wird sie ohne weiteres mit Sturm genommen!“

„Halt!“ nahm jetzt Paul Hover das Wort, denn er war einer der drei
Männer, „der Doktor geht zu weit. Nicht nach eurer Festung gelüstet
uns; wir wollen nur das Tier haben, das reißende, gefährliche Tier,
das sich dort im Käfig unter jenem Zelte befindet! Das müßt ihr uns
ausliefern!“

Ellen trat händeringend an die Brüstung.

„Du verlangst Unmögliches von mir, Paul,“ rief sie. „Ich habe Ismael
Busch mit heiligem Eide schwören müssen, das Geheimnis des Zeltes
keinem Menschen zu verraten, auch jeden Fluchtversuch der Gefangenen
nach Kräften zu hindern. Wenn ihr trotzdem das Geheimnis durchschaut
habt, so geschah dies nicht durch meine Schuld; meine Pflicht ist es
aber, mich eurem Vorhaben zu widersetzen, solange Leben in mir ist!“

Eine kleine Weile noch ging das Parlamentieren hin und her. Auch
Middleton und der Trapper beteiligten sich daran, Ellen aber und
Ismaels Töchter blieben fest und drohten schließlich mit gewaltsamer
Abwehr.

„Nun, wenn ihr's denn nicht anders wollt, dann mag's drauf ankommen!“
rief Paul und begann mit der Behendigkeit einer Katze den Felsen zu
erklimmen, dabei vorsichtig jede Deckung benutzend, die ihn gegen die
Kugeln der jungen Amazonen schützen konnte.

„Paul!“ kreischte Ellen angstvoll, „Paul, bleib zurück! Die Mädchen
stürzen sonst Felsstücke auf dich hinunter, die dich unfehlbar
zerschmettern müssen!“

„So treib das Gesindel doch davon!“ entgegnete der unerschrockene
Bienenjäger. „Ich komme hinauf, und wäre der ganze Berg mit Hornissen
bedeckt!“

„Ellen soll es nur wagen, uns zu hindern!“ rief jetzt Phöbe. „Wir
wissen sehr wohl, daß sie es mit Euch hält; kommt sie uns zu nahe, so
soll sie es bereuen. Hinunter mit euren Steinen, ihr Mädchen! Ich will
den Mann sehen, der einen Fuß in Ismael Buschs Lager setzt, ohne seiner
Töchter Einwilligung zu haben!“

„Ducke dich unter den Vorsprung, Paul!“ schrie Ellen in Herzensangst.

In diesem Augenblick öffnete sich der Zeltvorhang, und zum zweitenmal
zeigte sich die wunderbare Frauenerscheinung auf dem höchsten Teile des
Felsenberges.

„Im Namen Gottes beschwöre ich euch, von dem Streit abzulassen,“ rief
sie mit wohllautender Stimme den Stürmern wie den Verteidigerinnen
zu. „Vernichtet nicht Menschenleben, die ihr doch nie wieder ersetzen
könnt!“

Aller Augen waren im Nu auf die Sprechende gerichtet.

„Inez, meine Inez!“ rief der Hauptmann Middleton ihr zu. „Habe ich dich
endlich gefunden? Mein mußt du nun wieder werden, und wenn tausend
Teufel diesen Felsen verteidigten! Vorwärts, braver Bienenjäger,
vorwärts und gebt mir Raum!“

Damit sprang auch er den Abhang hinan. Die Mädchen waren durch die
plötzliche Erscheinung der schönen, fremden Frau in ihrer Mitte so in
Erstaunen gesetzt, daß sie erst an Gegenwehr dachten, als es bereits
zu spät war. Wohl stürzten sie einen der Felsblöcke auf die Angreifer
hinab, diese aber wichen demselben aus, und im nächsten Augenblick
schwang sich Paul auf den flachen Gipfel hinauf, unmittelbar gefolgt
von Middleton. Doktor Battius kam erst nachgeklettert, als die
kriegerischen Mädchen bereits entwaffnet waren und mit gefesselten
Händen und stumm vor Erstaunen zusehen mußten, wie der Hauptmann die
ihm jubelnd entgegeneilende schöne Fremde in heller Freude an sein Herz
schloß ...

Es ist hier am Platze, über diese beiden einige nähere Erklärungen zu
geben. Der Hauptmann Middleton gehörte zu dem Truppenkörper, den die
Regierung ausgesandt hatte, um das neu erworbene Terrain, den heutigen
Staat Louisiana, zu besetzen. Hier kam er in Berührung mit einem der
alteingesessenen kreolischen Grundherren, Don Augustin de Certavallos;
die Bekanntschaft wurde zur Freundschaft, und als er eines Tages den
Don um die Hand seiner Tochter, der schönen Inez, bat, da erfuhr er
keine Ablehnung. Die Hochzeit wurde mit jener Pracht gefeiert, die sich
für eine reiche kreolische Erbin geziemte. Middletons Glück aber war
nur kurz, denn schon am nächsten Tage war seine junge Gattin spurlos
verschwunden. Der Schmerz, das Entsetzen des Hauptmanns und des alten
Don spotteten jeder Beschreibung. Alles Erdenkbare wurde aufgeboten,
das Verschwinden der armen Inez zu erklären und ihre Spur zu entdecken,
allein vergebens. Endlich, nach langen Wochen der Hoffnungslosigkeit
und Verzweiflung, ward dem schwer geprüften Gatten durch einen dem
Trunke ergebenen Vagabunden die Nachricht, daß seine Inez durch einen
übel berüchtigten Menschen, den ehemaligen Sklavenhändler Abiram
White, unter dem Beistande von dessen Schwager Ismael Busch geraubt
und davongeführt worden sei. Ein Verwandter Don Augustins, dessen
Bewerbungen Inez einst abgewiesen, hatte den zu allen Schandtaten
fähigen Abiram mit einer großen Summe zu diesem Menschenraube
bestochen.

Durch diese Kunde zu neuer Hoffnung erweckt, wählte Middleton eine
Anzahl erlesener Männer aus seinem Kommando und machte sich mit diesen
ungesäumt an die Verfolgung der Räuber. Es ward ihm nicht schwer, der
Fährte des Wagenzuges der Emigranten nachzugehen, wenigstens so lange,
bis dieser den harten, trockenen Boden der Prärie erreicht hatte. Hier
verschwanden jedoch die Spuren, und er sah sich genötigt, seine Schar
zu zerstreuen, damit jeder auf eigene Hand suche, und einen bestimmten
Ort und Tag zu verabreden, um wieder zusammenzutreffen. Eine ganze
Woche lang hatte er die Prärie bereits allein durchirrt, als er, wie
wir gesehen haben, auf unsere drei Freunde stieß, die er durch die
Erzählung seines Geschicks gar bald zu seinem Beistande gewonnen hatte
...

Die Feste war erstürmt und Frau Inez befreit. Ismaels Töchter lagen
gefesselt in einer der Hütten, Paul Hover hatte in lustigem Übermut
auf der höchsten Spitze des Felsens, wie ein siegesstolzer Hahn, mit
den Armen geschlagen und gereckten Halses ein schmetterndes „Kikeriki“
ertönen lassen. Die wieder vereinigten Gatten stiegen, gefolgt von
dem Doktor, in die Ebene hinab, wo der Trapper, des letzteren Esel am
Zügel, bereits ungeduldig ihrer harrte, und der Bienenjäger forderte
Ellen auf, ihm gleichfalls dorthin zu folgen.

[Illustration]

Hektor hatte inzwischen Zeichen von Unruhe von sich gegeben, und auch
der jüngere Hund erhob seine Nase witternd gegen den Wind.

„Was ist's, Hundchen?“ fragte der alte Jäger den treuen Gefährten.
„Sag's uns deutlich, Hektor.“

Der Hund knurrte und wies die Zahnstumpfe. Der Trapper verstand ihn.

„Wir dürfen nicht länger zögern,“ sagte er zu Middleton. „Hebt Eure
Dame auf des Doktors Esel, und dann fort. Der Squatter und seine Brut
sind kaum noch eine englische Meile oder zwei entfernt.“

Inez saß im Sattel, da trat Ellen an sie heran.

„Gott geleite Euch, Lady Inez,“ sagte sie tränenden Auges, die Hand
der anderen ergreifend. „Vergesset das Unrecht, das mein Oheim Euch
zugefügt hat --“

„Aber kommt Ihr denn nicht mit uns?“ fragte die junge Frau erstaunt.

„Ich kann nicht -- ich darf nicht!“ schluchzte Ellen. „Ich würde in
des Oheims Augen dadurch noch mehr als Verräterin dastehen, als dies
jetzt schon der Fall sein muß. Ich kam als Waise zu ihm, und er hat
in seiner Art gut an mir gehandelt; ich darf ihn in solcher Lage nicht
verlassen.“

„Vorwärts!“ drängte der Trapper, „wir dürfen keine Minute mehr
verlieren!“

Damit setzte er sich in Marsch; der Hauptmann, der den Esel führte,
folgte ihm schnellen Schrittes, ebenso der Doktor.

Paul Hover aber blieb, auf seine Büchse gestützt, ruhig stehen. Ellen,
die ihr Antlitz in den Händen verborgen hatte, gewahrte ihn erst, als
die anderen schon weit weit fort waren.

„Um Gotteswillen, Paul, warum fliehst du nicht?“ rief sie in Angst.

„Weil ich das Fliehen nicht gewohnt bin.“

„Mein Oheim wird gleich hier sein, und von dem hast du keine Gnade zu
erwarten.“

„Von seiner Nichte auch nicht, wie mir scheint. Mag er kommen und mir
den Schädel einschlagen.“

„O Paul, wenn du mich lieb hast, dann fliehe!“

„Allein? Nein, eher will ich --“

„Wenn du dein Leben liebst, fliehe!“

„Ohne dich ist mein Leben mir gleichgültig.“

„Paul!“

„Ellen!“

Sie streckte laut aufweinend die Hände nach ihm aus. Da packte er sie
um den Leib und riß sie, den anderen nacheilend, über die Prärie mit
sich fort.



Viertes Kapitel

Der Basilisk


Zwei Stunden waren vergangen, seit der Trapper mit seiner Gesellschaft
dem Felsenberg den Rücken gekehrt hatte. Auf weitem Umwege hatte er,
alle Deckungen des welligen Terrains mit kluger Sorgfalt benutzend, die
Flüchtlinge bis in die Nähe eines sumpfigen Gehölzes geführt; in kurzer
Entfernung von demselben machte Hektor, der, sich ab und zu umschauend,
seinem Herrn stets vorangeschritten war, plötzlich halt und setzte
sich, ein kurzes, klagendes Geheul ausstoßend, auf sein Hinterteil.

„Ja, Hundchen, ja,“ sagte der alte Jäger. „Ich kenne den Ort. Wir haben
beide Grund, die Stelle nicht zu vergessen.“

Er war neben Hektor stehengeblieben, um die anderen herankommen zu
lassen.

„In diesem Dickicht,“ rief er denselben zu, „können wir uns verbergen.
Eher wird sich die Prärie in einen Wald verwandeln, als es Ismael und
seinen Söhnen einfallen wird, uns hier aufzusuchen.“

„Das ist die Stätte, wo der erschlagene Mann gelegen hat,“ versetzte
der Hauptmann, mit innerlichem Grausen die Umgebung betrachtend.

„Ganz recht. Unser Freund Bienenjäger mag ins Gebüsch gehen und
nachsehen, ob der Leichnam bereits beseitigt ist oder nicht; ich
beruhige derweil die Hunde.“

„Was? Ich?“ rief Paul, in sein zottiges Lockenhaar greifend. „Das
sollte mir einfallen! Ich will im dünnsten Baumwollenzeug mitten in
einen weiserlosen Schwarm hineinspringen -- und ein Mann, der das tut,
fürchtet sich wahrhaftig auch vor Ismael und seinen ungeschlachten
Söhnen nicht -- aber mit Leichen und Totengebeinen will ich nichts zu
tun haben!“

Da trat der kleine Doktor hervor.

„Wenn hier eine Leistung erforderlich ist, zu der feste Nerven
gehören,“ sagte er ruhig, „so bin ich der Mann dazu.“

Der Trapper schaute ihn an.

„Könnt Ihr dem Tode ohne Beben ins Gesicht sehen?“ fragte er. „Oder
muß ich selber hingehen, auf die Gefahr hin, daß die Hunde ein Geheul
anstimmen, das uns verraten kann?“

„Ihr zweifelt?“ entgegnete der Gelehrte in stolzer Bescheidenheit.
„Ehrwürdiger Trapper, Ihr kennt mich noch lange nicht.“

Damit eilte er spornstreichs in das Dickicht. Es vergingen einige
Minuten, und schon begann der alte Jäger, der nur mit Mühe die Hunde
ruhig erhalten konnte, ungeduldig zu werden, als Doktor Battius eiligst
wieder zum Vorschein kam, dabei aber mit allen Zeichen einer großen
Erregung unausgesetzt hinter sich blickend.

„Irgend etwas hat ihn erschreckt,“ sagte der Trapper. „Nun, Freund, was
ist's?“

„Ein Basilisk!“ stammelte der kleine Mann ganz verstört. „Ein Tier
von der Ordnung _serpens_! Ich meinte bisher, er lebe nur in der
Fabel, allein die Natur übertrifft selbst die kühnsten Phantasien des
Menschen!“

„Besinnt Euch, Mann,“ ermahnte der Jäger; „die Furcht läßt Euch Zeug
schwatzen, das unsereiner nicht verstehen kann. Was habt Ihr gesehen?“

„Ein Untier, ein _lusus naturae_, ein ganz unerhörtes Geschöpf!“ rief
der Doktor. „Ein Tier mit fürchterlichen Augen und von einer Farbe, von
einer Farbe, die --“

„Zeigt mir Euer Untier,“ unterbrach ihn der alte Jäger, in das Dickicht
eindringend; „wenn's eine Schlange ist, dann wollen wir ihr bald die
Wege weisen.“

Der Doktor schlüpfte hinter ihm her. „Da,“ flüsterte er, ängstlich auf
einen Blätterhaufen deutend, „da liegt das Tier!“

Ruhig wendete der Alte den Blick nach der angegebenen Richtung.
Teilweis von den dürren Blättern verhüllt, zeigte sich dort ein
rundlicher Gegenstand, gleichsam ein lebendiger Ball mit unheimlich
funkelnden Augen und dabei so bunt, daß er alle Regenbogenfarben
aufzuweisen schien. Ein Basilisk war's nicht, auch nicht eine Schlange,
das erkannte der Doktor jetzt aus den Worten, die der Trapper an das
Wesen mit den glitzernden Augen richtete.

„Komm heraus aus deiner Deckung, Freund,“ sagte der Alte, der die
Büchse schußfertig in den Händen hielt, in der Dakotasprache, „die
Prärie hat Raum auch noch für einen anderen Krieger.“

Die Augen des Balles, der nichts anderes war als der glattgeschorene
Kopf eines Indianers, funkelten wilder, aber der am Boden Liegende
rührte sich nicht.

Der Trapper lächelte still vor sich hin und untersuchte das Pulver auf
der Pfanne. Dann erhob er ganz langsam die Waffe, drückte die Wange an
den Kolben und zielte auf die glitzernden Augen.

„Ich bin für den Frieden, Freund,“ sagte er dabei, „aber auch für
Krieg, ganz wie du willst ... Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,“ fuhr
er fort. „Das ist kein Mensch; na, wenn ich jetzt in den Blätterhaufen
hineinfeuere, dann geschieht wenigstens kein Unglück.“

Noch eine Sekunde -- da raschelten die Blätter, und ein hochgewachsener
Indianer stand mit einem Sprunge auf seinen Füßen, in der Linken den
Bogen, in der Rechten den leichten Speer. „Hugh!“ rief der rote Krieger
leise.

Der Trapper überzeugte sich mit schnellem Blick, daß nicht noch
andere Rothäute in der Nähe waren, dann schritt er mit friedfertig
ausgestreckter Hand dem Indianer entgegen, der keine Spur von Erregung
zeigte.

Derselbe war eine kräftige, männlich schöne Gestalt, nur spärlich
bekleidet mit einem Überwurf aus gegerbtem Hirschfell und Hosen aus
scharlachrotem Tuchstoff, die vom Knie abwärts bis auf die Mokassins
mit menschlichen Skalpen dicht besetzt waren. Die nackten Teile seines
Oberkörpers wiesen die Kriegsbemalung auf, ebenso sein Gesicht und der
Schädel, von dessen Höhe eine lange Skalplocke stolz und herausfordernd
herabfiel. Auf dem Rücken trug er einen Köcher mit Kuguarfell
überzogen, an dem noch der Schweif hing, und seine Ausrüstung wurde
vervollständigt durch einen Schild aus Tierhäuten, der mit Malerei bunt
verziert war.

„Ist mein Bruder weit von seinem Dorfe?“ begann der Trapper in der
Sprache der Pawnees, denn als einen solchen hatte sein erfahrenes Auge
den jungen Krieger an der Malerei erkannt.

„Bis zu den Städten der Langmesser ist es weiter,“ lautete die
lakonische Antwort.

„Was tut ein Pawnee-Loup in solcher Entfernung von seinem Flusse und
ohne ein Pferd an einem so öden Orte wie dieser?“

„Können die Weiber und Kinder der Bleichgesichter leben, ohne das
Fleisch des Bisons zu essen? Man hungerte in meinem Wigwam.“

„Mein Bruder ist noch zu jung, um schon einen Wigwam versorgen zu
müssen,“ entgegnete der alte Jäger, forschend dem anderen in das
unbewegliche Antlitz schauend; „ich glaube aber, er ist tapfer, und
so wird schon mancher Häuptling ihm seine Tochter zum Weibe angeboten
haben. Er hat sich jedoch geirrt,“ fuhr er fort, auf den Pfeil deutend,
den des Indianers Hand zugleich mit dem Bogen hielt; „mit solch einer
losen und widerhakigen Spitze wird er keinen Büffel töten. Oder
wünschen die Pawneekrieger den armen Tieren böse und nie heilende
Wunden beizubringen?“

„Den Büffeln nicht, aber den Sioux, die in der Prärie umherschleichen.“

Der Trapper, dem der junge Krieger wohlgefiel, suchte sich die
Freundschaft desselben zu sichern; wenn es zum Kampfe mit den
Emigranten kommen sollte, dann war der Beistand eines solchen Streiters
nicht zu verachten.

„Meine Kinder sind müde,“ nahm er wieder das Wort, auf seine in kurzer
Entfernung wartenden Begleiter weisend, „wir wollten hier lagern und
essen. Nimmt mein Bruder diesen Ort für sich in Anspruch?“

„Vom großen Flusse her kommen Leute und erzählen uns, daß die Prärie
jetzt zu den Jagdgründen der Langmesser gehöre.“

„Das habe auch ich von den Jägern und Trappern am La-Platte-Flusse
gehört.“

„Auch wird gesagt, daß weiße Krieger den Fluß hinaufziehen, um zu
sehen, ob sie bei ihrem Kauf nicht betrogen sind.“

„Das trifft leider gleichfalls zu, und bald werden die verwünschten
Holzfäller kommen, um den Wald, der so weit und herrlich an dem
westlichen Gestade des Mississippi sich ausbreitet, für immer zu
vernichten.“

„Wo waren die Häuptlinge der Pawnee-Loups, als dieser Handel
abgeschlossen wurde?“ fragte der junge Krieger, während ein Ausdruck
zorniger Wildheit über seine Züge glitt. „Darf man eine Nation
verkaufen wie ein Biberfell?“

„Ja, und wo waren Ehrlichkeit und Recht und Wahrheit bei diesem
Handel?“ entgegnete der Alte erregt. „Aber die Macht ist Recht
heutzutage auf Erden, und was die Gewalthaber tun, das müssen die
Schwachen gutheißen. Wenn die Gesetze Wahkondas so viel gälten wie
die Gesetze der Langmesser, dann, Pawnee, gehörte euch die Prärie so
unbestritten wie dem größten Häuptling der Langmesser sein Wohnhaus!“

Der Indianer legte einen Finger nachdrücklich auf des Trappers runzlige
Hand. „Die Farbe des Reisenden ist weiß,“ sagte er; „sind die Gedanken
seines Herzens gleich den Worten seines Mundes?“

„Der Wahkonda der Weißen hat Ohren, die sich dem Lügner verschließen.
Sieh dir mein Haupt an, es gleicht der schneebedeckten Fichte und wird
bald im Grabe ruhen. Warum sollte ich mit einer Unwahrheit vor das
Antlitz des Großen Geistes treten?“

Der Pawnee warf den Schild über die Schulter, legte die Hand auf die
Brust und neigte sich mit würdevoller Anmut vor dem greisen Haar, das
der alte Jäger entblößt hatte.

Während Inez vom Esel stieg und Ellen, Middleton und der Bienenjäger
sich zum Lagern anschickten, setzten die beiden ihre Unterhaltung fort,
in die der Doktor ab und zu in englischer Sprache eine seiner weisen
Bemerkungen einzuflechten bemüht war.

„Ja, ja,“ nickte der alte Jäger im Laufe des Gesprächs, „die Pawnees
sind eine weise und große Nation, und ihre alten Krieger wissen
sicherlich viel Herrliches von den Taten der Vorfahren zu berichten.
Die Jäger und Trapper, die ich zuweilen sehe, reden oft von einem
mächtigen und berühmten Häuptling deines Volkes.“

„Mein Volk besteht nicht nur aus Weibern. Tapfere Krieger sind nicht
spärlich in unseren Dörfern.“

„Das glaube ich. Aber der Ruhm des Häuptlings, den ich meine, geht weit
über den eines gewöhnlichen Kriegers hinaus; er wäre selbst eine Zierde
des einst so mächtigen, jetzt leider verschollenen Delawarenvolkes
gewesen.“

„Solch ein Krieger wird auch einen Namen haben.“

„Sie nennen ihn Hartherz, nach der unerschütterlichen Festigkeit seiner
Seele, und der Name gebührt ihm, wenn alles wahr ist, was man von ihm
erzählt.“

Der Indianer schaute den Alten an, als wolle er die Tiefen seines
Herzens erforschen.

„Hat das Bleichgesicht diesen Krieger meines Volkes schon gesehen?“

„Nein. Vor vierzig Jahren waren Krieg und Blutvergießen mein Beruf,
heute bin ich alt und schwach.“

Ein lauter Ruf des unverwüstlichen Paul unterbrach das Gespräch. Der
Bienenjäger kam heran, ein indianisches Streitroß am Zügel führend.

„Das ist ein Pferdchen!“ jubelte er. „Kein General in ganz Kentucky
kann sich eines solchen Gauls rühmen! Und die Pracht des spanischen
Sattels! Und Mähne und Schweif ganz mit Silberkugeln durchflochten! Und
solch ein Traber muß aus der Krippe eines Wilden fressen! Ist's nicht
ein Jammer, alter Trapper?“

„Sachte, mein Junge, sachte,“ antwortete der Jäger. „Die Loups sind
ihrer Pferde wegen berühmt. Das ist in der Tat ein Roß, das nur einem
großen Häuptling gehören kann. Der Jüngling hier ist sicher der Sohn
eines solchen, vielleicht der des gewaltigen Hartherz selber.“

Der junge Pawnee hatte bei dieser Unterbrechung weder Ungeduld noch
Mißfallen gezeigt, und als seiner Meinung nach das Pferd genugsam
betrachtet und bewundert worden war, trat er herzu, nahm Paul den Zügel
aus der Hand wie ein Mann, der gewohnt ist, daß alles nach seinem
Willen geht, und schwang sich mit vollendeter Meisterschaft in den
Sattel. Hier fühlte er sich augenscheinlich noch ruhiger und sicherer
als zuvor. Er ließ das edle Tier mit graziösestem Hufsatz vor- und
rückwärts gehen und musterte dabei angelegentlich und sorgfältig jedes
einzelne Mitglied der Gesellschaft.

„Will mein Bruder mir sagen,“ begann der Trapper von neuem, „ob die
Häuptlinge der Pawnees fremde Gesichter in ihren Dörfern gern sehen?“

„Wann hat mein Volk je vergessen, dem fremden Wanderer Nahrung zu
reichen?“ entgegnete stolz der junge Krieger.

„Wenn ich meine Töchter zu den Hütten der Loups führe, werden die
Squaws sie bei der Hand nehmen? Und werden die Krieger mit meinen
jungen Männern rauchen?“

„Das Land der Bleichgesichter liegt hinter ihnen,“ versetzte der
Indianer. „Warum wandern sie der sinkenden Sonne zu?“

„Die weißen und die roten Männer sind Freunde. Kommen nicht auch die
Omahaws und die Tetons freundschaftlich in die Dörfer der Loups, wenn
das Kriegsbeil zwischen ihnen begraben ist?“

„Die Omahaws sind willkommen, aber die Tetons sind Lügner, die in der
Sonne schlafen, weil sie sich fürchten, nachts die Augen zu schließen!“
rief der Pawnee. „Sieh,“ fuhr er fort, auf die grausige Zierde seiner
Beinkleider deutend, „ihrer Skalpe sind so viele, daß die Loups darauf
treten. Laß die Sioux im Schnee wohnen, die grünen Ebenen und die
Büffel kommen Männern zu!“

Jetzt wendete sich der Trapper zu dem Hauptmann Middleton, der die
beiden Sprecher bisher aufmerksam beobachtet hatte.

„Er hat sein Geheimnis verraten,“ sagte er. „Dieser junge Krieger folgt
als Kundschafter der Fährte der Sioux, er ist auf dem Kriegspfade, was
ich übrigens sogleich an seinen Pfeilspitzen und seiner Malerei erkannt
habe.“

Darauf setzte er das Gespräch mit dem Pawnee fort.

„Mein Bruder hat recht,“ nickte er. „Die Sioux sind Spitzbuben, darin
sind die Männer aller Farben und Nationen einverstanden. Die Leute
aber, die von der aufgehenden Sonne kommen, sind keine Sioux; sie
wünschen die Dörfer der Loups zu besuchen.“

„Das Haupt meines Bruders ist weiß,“ versetzte der Indianer mit einem
Ausdruck von Mißtrauen in seinem stolzen Blick, „seine Augen haben viel
geschaut. Was sieht er dort drüben? Ist es ein Büffel?“

„Das kann eine Wolke sein, die sich am Horizonte zeigt.“

„Nein, es ist ein Berg, und auf ihm stehen die Hütten der
Bleichgesichter. Mögen die Töchter meines Bruders ihre Füße bei dem
Volke ihrer Farbe waschen.“

„Die Augen der Pawnees sind scharf, da sie auf solche Entfernung eine
weiße Haut erkennen.“

Der Indianer wendete sich langsam dem Trapper zu. „Kann mein Bruder
jagen?“ forschte er nach einer Pause.

„Vor langen Jahren war ich ein Jäger, jetzt bin ich nur noch ein
armseliger Trapper.“

„Wenn die Büffel die Prärie bedecken, kann er sie sehen?“

„Ei gewiß; ist's doch leichter, einen Büffel zu sehen, als ihn zu
erlegen.“

„Wenn der Schnee fällt und die Hütten der Langmesser bedeckt, kann mein
Bruder dann die Flocken sehen?“

„Meine Augen sind nicht mehr die besten, aber es gab eine Zeit, wo
die Schärfe und die Schnelligkeit meines Blickes mir einen Namen
verschaffte.“

„Die roten Männer finden die Langmesser ebenso schnell, wie die
Bleichgesichter den trabenden Büffel gewahren, oder die Flocken des
fallenden Schnees. Geh'! Ein Pawnee ist nicht blind, er braucht euer
Volk nicht lange zu suchen!“

Der junge Krieger schwieg und wendete, plötzlich aufhorchend, sein
Antlitz der offenen Prärie zu. Noch einmal blickte er sich um und
musterte, wie mit einem inneren Entschlusse kämpfend, zweifelnd die
Gesichter Nathaniel Bumppos und seiner Gefährten, dann jagte er in
gestrecktem Galopp davon und war bald hinter der nächsten Bodenerhebung
verschwunden.

Die Hunde, die seit einigen Minuten eine deutliche Unruhe gezeigt
hatten, folgten ihm eine Strecke, dann aber kehrten sie um und setzten
sich nieder, aufs neue ihr Geheul anstimmend.

In der Ferne aber erhob sich ein donnerndes Getrappel wie von
unzähligen Hufen. Eine Staubwolke wälzte sich daher, und bald sahen
unsere Abenteurer eine Herde Büffel heranstürmen, die der erfahrene
Trapper auf zehntausend Tiere schätzte. Auf des Alten Rat zog man sich
in das Sumpfgehölz zurück, da die Büffel gerade auf den Lagerplatz
zukamen und jeden niedergetreten haben würden, der ihnen nicht aus dem
Wege ging.

Gewaltig und unwiderstehlich, wie eine Flutwelle des Meeres, brauste
die ungeheure Masse der Büffel vorüber; den Beschluß des Zuges machte
eine Menge einzeln dahertrabender Tiere, ganz so, wie auch eine große
Armee ihre Nachzügler und Invaliden im Gefolge hat.

„Das sind die letzten,“ sagte der Trapper, aus dem Gehölz
heraustretend, „und seht, da zeigt sich auch schon ein Rudel hungriger
Wölfe, um über diejenigen Tiere herzufallen, die krank sind oder beim
Rennen und Springen Verletzungen erlitten haben. Ha! Da sehe ich auch
Reiter, so wahr ich ein Sünder bin! Schaut, dort halten sie bei einem
gestürzten Büffel, um ihm mit ihren Pfeilen den Garaus zu machen.
Unser Pawnee wußte, daß seine Genossen auf der Jagd waren; er wird
sich ihnen angeschlossen haben ... Oho! Das sind aber keine Pawnees!
... Sie tragen Eulenflügel am Kopfe ... Feinde sind's, eine Bande
der spitzbübischen Sioux! Fort, ins Versteck, Leute! Wenn die Schufte
uns sehen, dann ziehen sie uns aus bis auf die Haut, und wenn's ihnen
einfällt, nehmen sie uns zum Zeitvertreib auch das Leben. Zurück ins
Dickicht!“

Die Gesellschaft folgte dieser Warnung ohne Zögern, wobei jedes
Geräusch sorgfältig vermieden wurde. Nur der Esel, den der
Naturaliensammler hinter sich herzog, schritt einher, als gäbe es gar
keine Sioux in der Welt.

„Wir müssen Eurem Reittier den Hals abschneiden, Freund,“ sagte der
Trapper, „es könnte uns sonst verraten.“

„Was?“ versetzte der kleine Mann erschrocken, „meinen Asinus wollt Ihr
schlachten? Das wäre fürwahr eine unchristliche Grausamkeit!“

„Wollt Ihr lieber, daß sechs Christenmenschen einem Esel zum Opfer
fallen?“ entgegnete der Trapper. „Denkt doch, wenn das Tier zu schreien
anfinge, dann wär's gerade, als riefen wir mit Trompetenschall die
Sioux herbei.“

„So ist's,“ nickte der Bienenjäger. „Der Esel muß sterben.“

„Verehrungswürdigster Jäger und liebe Freunde,“ sagte der Doktor,
kummervoll von einem zum anderen blickend, „ich bürge für die
Verschwiegenheiten meines Asinus! Schlachtet ihn nicht! Kein zweites
Geschöpf hat so viel gute Eigenschaften wie er. Er ist so treu und
gelehrig, so unermüdlich, so willig und so geduldig! Wir haben so
mancherlei miteinander erlebt und durchgemacht, daß sein Tod mich
bitter schmerzen würde! Habt Erbarmen mit ihm, hochgeschätzter Jäger;
denkt, wie es Euch ums Herz sein würde, wenn man Euch auf solche Weise
von Eurem guten Hektor trennen wollte!“

Dieses Wort gab den Ausschlag. Der Trapper räusperte sich, als sei ihm
plötzlich etwas in die Kehle gekommen, dann sagte er: „Das Tier soll
nicht sterben, doch müssen wir es stumm machen. Bindet ihm das Maul mit
dem Halfter zu, für das übrige wird die göttliche Vorsehung sorgen.“

Paul vollzog des Trappers Gebot, und dieser begab sich zum Rande
des Gehölzes, um die Indianer zu beobachten, die inzwischen näher
herangekommen waren. Er vermochte einige derselben, darunter Weucha,
wiederzuerkennen. Der letztere war mit einem Gefährten bis zu der
Stelle gelangt, wo der unglückliche Asa seinen Tod gefunden hatte. Den
scharfen, geübten Augen der Wilden blieben die Spuren des grausigen
Ereignisses nicht verborgen. Sie untersuchten dieselben, ohne von den
Pferden zu steigen, und endlich stießen sie fast zu gleicher Zeit einen
Ruf aus, der dem Klagegeheul der Hunde nicht unähnlich war, und der die
übrige Schar im Nu um sie versammelte.

Angesichts der jetzt so nahe drohenden Gefahr hielten die im Gehölz
Verborgenen jetzt leise einen Kriegsrat; Paul war für Kampf auf Leben
und Tod, der vorsichtigere Middleton aber, wie auch der Doktor und der
Trapper stimmten für friedliche Maßregeln.

„Was man mit Gewalt nicht erreichen kann,“ meinte der letztere, „muß
man durch seinen Witz zu erlangen suchen. Die Vernunft macht den
Menschen stärker als den Büffel, und schneller als den Elchhirsch.
Bleibt also hier und haltet euch verborgen. Mein Leben und meine
Habseligkeiten gelten weniger als so viele jüngere Menschenleben;
überdies weiß ich mich mit der indianischen Verschlagenheit abzufinden.
Deshalb will ich allein hinaustreten. Vielleicht kann ich die
Aufmerksamkeit der Sioux von diesem Fleck ablenken und euch Gelegenheit
zur Flucht schaffen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten warf der Greis seine Büchse über die
Schulter und machte sich gemächlichen Schrittes auf den Weg, das Gehölz
an einer Stelle verlassend, die den Blicken der Sioux verborgen war,
so daß dieselben nicht wissen konnten, ob er überhaupt aus dem Dickicht
gekommen war oder nicht.

Die Indianer gewahrten ihn bald. Furchtlos und äußerlich ruhig und
gleichgültig kam er auf sie zu; als er ihnen nahe genug war, um sich
verständlich machen zu können, blieb er stehen, setzte den Kolben
seiner Büchse auf die Erde und erhob die mit der Fläche nach außen
gekehrte Hand als Zeichen des Friedens. Hektor stand neben ihm, die
Indianer mißtrauisch und mit leisem Geknurr beobachtend.

Als der alte Jäger sich von den Sioux erkannt sah, schritt er
weiter vor, bis er wiederum dem Häuptling Mahtoree Auge in Auge
gegenüberstand.

„Wo sind die jungen Männer meines Bruders?“ fragte der Teton, finsteren
Blickes die unbeweglichen Züge des Trappers durchforschend.

„Die Langmesser ziehen nicht in Scharen auf den Biberfang,“ versetzte
dieser; „ich bin allein.“

„Dein Haar ist weiß, aber deine Zunge ist gespalten,“ entgegnete der
Häuptling. „Mahtoree ist im Lager der Bleichgesichter gewesen, er weiß,
daß du nicht allein bist. Wo sind dein junges Weib und der Krieger, den
ich auf der Prärie fand?“

„Ich habe kein Weib. Ich sagte meinem Bruder bereits, daß das
Frauenzimmer und ihr Freund mir fremd seien. Die Worte eines Greises,
der einst ein Krieger war, sollten gehört und nicht vergessen werden.“

„Mein Bruder ist ein Krieger gewesen?“ fragte der Teton, dessen strenge
Züge keinen seiner Gedanken verrieten.

„Die Dakotas haben nicht so viel lebendige Krieger geschaut, als ich
erschlagene gezählt habe. Doch was soll die Erinnerung an vergangene
Zeiten, wenn die Glieder steif und die Augen stumpf werden?“

Der Häuptling warf einen durchbohrenden Blick auf des Trappers
Antlitz; als er in dessen Auge dem Ausdruck vollster Wahrhaftigkeit
begegnete, da faßte er die Hand des Greises und legte sich dieselbe
sanft auf das gebeugte Haupt als Zeichen der Achtung, die dem Alter
und den Erfahrungen desselben gebühre. Dann aber kam er auf den ersten
Gegenstand des Gesprächs zurück.

„Wenn mein Vater seine jungen Männer in jenem Gehölz versteckt hat,“
sagte er mit einem kaum merklichen Lächeln, „so möge er sie nun
hervorrufen. Ein Dakota fürchtet sich nicht; Mahtoree ist ein großer
Häuptling; ein Krieger, dessen Haupt weiß ist und der bald in das Land
des Großen Geistes gehen wird, kann keine Zunge mit zwei Enden haben
wie eine Schlange.“

„Dakota, ich habe keine Lüge geredet. Seit der Große Geist mich zum
Manne machte, lebe ich in der Wildnis ohne Heim und Familie. Ich bin
ein Jäger, der einsam seinen Pfad wandelt.“

„Gut. Mein Vater ist ein guter Schütze. Möge er auf jenes Gehölz zielen
und Feuer geben.“

Einen Augenblick nur zögerte der alte Mann, dann erhob er die lange
Büchse, um den Verdacht des schlauen Häuptlings zu zerstreuen. Sein
Blick suchte sich einen Stamm in dem Dickicht aus. Auf diesen richtete
er den Lauf und feuerte, dann setzte er mit bebenden Händen das Gewehr
ab. Sein angstvoll lauschendes Ohr fürchtete in jedem Moment das
Geschrei von Weiberstimmen zu vernehmen. Als jedoch alles ruhig blieb,
da atmete er auf, und, den Kolben auf die Erde stoßend, wendete er sich
zu Mahtoree.

„Ist mein Bruder zufriedengestellt?“ fragte er.

„Mahtoree ist ein Häuptling der Dakotas,“ antwortete der verschlagene
Indianer, die Hand auf die Brust legend. „Er weiß, daß ein Krieger,
der an den Beratungsfeuern geraucht hat, bis sein Haar weiß geworden
ist, nicht ein Gefährte der Landstreicher sein kann. Mein Vater ist
sehr alt; was er tut ist gut, was er redet ist weise. Jetzt sage er mir
nur noch, ob er ganz sicher ist, daß die Langmesser, die in der Prärie
herumlaufen und ihr Vieh suchen, ihm ganz fremd sind?“

„Dakota, ich lebe ganz allein; ich habe mit Bleichgesichtern nichts zu
schaffen, es sei denn --“

Er unterbrach sich, denn am Rande des Dickichts ward es lebendig, und
hervor traten Middleton mit Inez, dahinter Paul Hover mit Ellen, und
den Beschluß machten der Doktor Battius und sein Esel. Alle sechs kamen
eilig auf die Indianer zu.

Aber noch ein anderer Anblick ward ihm. Um eine entfernte Ecke des
Gehölzes herum kam ein Zug bewaffneter Männer, der Squatter Ismael
Busch und seine reisigen Söhne. Dieselben nahten sich augenscheinlich
in der Absicht, den Raub ihres Viehes blutig zu rächen.

Mahtorees dunkles, flammendes Auge rollte von der einen Gruppe der
Heranziehenden zur anderen. Er war mit den Seinen im ersten Moment eine
Strecke zurückgewichen, den alten Jäger zwingend, ihnen zu folgen.
Dieser hatte inzwischen schnell erkannt, daß Middleton und seine
Gefährten ihre Deckung nur verlassen hatten, um den verzweifelten
Versuch zu machen, bei den Sioux Schutz gegen die Emigranten zu finden.
Sogleich schickte er sich an, einen günstigen Empfang der Flüchtigen
vorzubereiten.

„Mein Bruder sieht, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ sagte er,
schnell gefaßt. „Die Langmesser senden ihre Weiber nicht auf den
Kriegspfad. Ich weiß, daß die Dakotas mit jenen Fremdlingen, die vor
den Büchsen der Emigranten Schutz bei dem großen Mahtoree suchen, am
Lagerfeuer rauchen werden.“

„Die Langmesser sind willkommen,“ versetzte der Häuptling würdevoll
und geschmeichelt. „Die Pfeile meiner jungen Männer bleiben in den
Köchern.“

Der Trapper winkte Middleton heran. Die Flüchtlinge beschleunigten
ihre Schritte und befanden sich bald in der Mitte der Sioux, von denen
einige absaßen, um den Frauen ihre Pferde anzubieten. Bald saß Ellen,
von Paul emporgehoben, auf einem der Tiere, und Middleton leistete
seiner Inez denselben Dienst.

„Kennt mein Bruder Krieger von roter Farbe, deren Herz böse ist?“
begann der Trapper, als auch der Doktor seinen geliebten Esel bestiegen
hatte und nun mit einem Gefühl der Sicherheit um sich blickte.

„Der Herr des Lebens hat Häuptlinge, Krieger und Weiber geschaffen,“
antwortete der Teton, mit diesen drei Bezeichnungen, seiner Meinung
nach, alle Abstufungen des Menschengeschlechts, von der erhabensten bis
zur niedrigsten, umfassend.

„Ganz recht. Er schuf auch Bleichgesichter, die böse sind; so jene, die
mein Bruder dort heranziehen sieht.“

„Wollen die zu Fuß auf ihre schlimmen Taten ausgehen?“ höhnte der
Häuptling, während sein funkelnder Blick verriet, daß er sehr wohl
wußte, was jene zwang, sich so kümmerlich zu behelfen.

„Ihre Reittiere haben sie verloren, aber Pulver, Blei und Decken sind
noch genug in ihrem Besitz,“ versetzte der Trapper. „Sieht mein Bruder
dort den blauen Punkt am Rande der Prärie? Noch weilt der Strahl der
sinkenden Sonne auf ihm.“

„Mahtoree ist kein blinder Maulwurf.“

„Gut. Das ist ein Felsenberg, und auf ihm befinden sich die Güter der
Langmesser.“

Des Wilden Auge erschimmerte in freudigem Triumph; er zählte die
Gestalten im Zuge Ismaels.

„Ein Krieger fehlt,“ sagte er.

„Sieht mein Bruder jene Geier? Dort ist sein Grab. Fand er Blut auf der
Prärie? Das war das seine.“

„Genug. Mahtoree ist ein weiser Häuptling.“

Auf des Tetons Wink brachte einer der Krieger ein Pferd für den Trapper
herbei, das dieser nicht ohne Widerwillen bestieg; dann setzte die
Schar sich in Trab und eilte, von Mahtoree geführt, in gerader Richtung
dem Felsenberg zu. Ismael und die Seinen feuerten, die Absicht der
Sioux erkennend, Salve auf Salve hinter denselben her, bis der zornige
Squatter einsah, daß dies nur unnütze Munitionsverschwendung war. So
mußten sie sich denn damit begnügen, mit möglichster Geschwindigkeit
gleichfalls dem Felsenberge zuzulaufen.



Fünftes Kapitel

Der Präriebrand


Der Abend wurde dunkler, und bald war der einsame Felskegel in der
Ferne nicht mehr von dem grauen Gewölk zu unterscheiden. Trotzdem
verfolgten die Indianer mit der Sicherheit geübter Spürhunde ihren
Weg. Die Gefangenen, denn etwas anderes waren unsere Freunde vorläufig
nicht, mußten sich in der Mitte des Trupps halten und konnten sich
dabei nicht verhehlen, daß sie auf das schärfste bewacht wurden.

Wo es sich jedoch um List und Gegenlist handelte, da war der unter
Rothäuten aufgewachsene und alt gewordene Trapper den verschlagenen
Sioux völlig gewachsen. Vom Beginn des Rittes an war er fest
entschlossen, wenn irgend möglich, mit seinen Schutzbefohlenen nach
Einbruch der Dunkelheit die Bande der diebischen Sioux zu verlassen,
denn es widerstrebte ihm, sich an einem Raub- und Plünderungszuge zu
beteiligen, sei dies auch nur durch bloße Anwesenheit; andererseits
aber hatten sie von Ismaels Schar nichts mehr zu fürchten, da sie jetzt
beritten waren.

Es gelang ihm, sich unauffällig an Middleton heranzumachen. In drei
Worten hatte er demselben seine Absicht kundgetan, während er sich
äußerlich den Anschein gab, als rede er mit dem Hauptmann über die
verschiedenen Pferde der Wilden.

Der junge Offizier ging mit Eifer auf den Plan ein.

„Klopft Eurem Tier den Hals und lächelt dabei und tut so, als lobtet
Ihr die Mähre; neigt Euer Ohr aber dabei näher zu mir herüber,“ fuhr
Nathaniel Bumppo fort, seine Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. „Schont
das Tier nach Möglichkeit, damit es hernach aushält, wenn es gilt.
Vor allem achtet auf das Signal: Wenn Ihr meinen Hektor zum erstenmal
aufheulen hört, dann haltet Euch bereit; hört Ihr ihn zum zweitenmal,
dann schiebt Euch seitwärts aus dem Haufen, beim drittenmal aber jagt
Ihr nordwärts querfeldein davon. Habt Ihr mich genau verstanden?“

„Vollkommen,“ versetzte Middleton. „Gebe Gott nur, daß es gelinge!“

Der Bienenjäger, den der Alte demnächst von dem Plan in Kenntnis
setzte, war ebenfalls ganz einverstanden mit der Flucht, die
seinethalben je eher je lieber unternommen werden konnte. Anders der
Doktor. Der kleine Mann schreckte vor dem Wagnis zurück und war erst
für dasselbe zu gewinnen, nachdem der Trapper ihm die Schrecknisse
angedeutet hatte, die in den Dörfern der Sioux möglicherweise seiner
harren könnten, und als deren größtes der zaghafte Naturforscher
die Aussicht betrachtete, gewaltsam mit einem halben Dutzend alter,
häßlicher und mit reichem Kindersegen behafteter Kriegerwitwen
verheiratet zu werden.

Darauf wendete der Trapper sich an den ihm zunächst reitenden Indianer,
der ihn seit einigen Minuten mit finsterem Argwohn beobachtet hatte.

„Kennt mein Bruder das Tier, auf dem dieses Bleichgesicht reitet?“
fragte er, auf des Doktors Asinus deutend, in der Siouxsprache.

Der Teton betrachtete den Esel; derselbe war ihm in der Tat eine
Erscheinung, die ihm noch nie vorher zu Gesicht gekommen. Mit einem
zweiten Blick musterte er lange und eingehend den Doktor selber.

„Hält mein Bruder diesen Reiter für einen Krieger der Bleichgesichter?“
fing der Trapper nach einer kleinen Pause wieder an.

„Ein Dakota ist kein Narr!“ lautete die kurze Antwort.

„Die Dakota sind ein weises Volk, ihre Augen sind immer offen,“ nickte
der alte Jäger zustimmend. „Ich bin daher sehr erstaunt darüber, daß
sie den großen Medizinmann der Langmesser bisher nicht gesehen haben.“

„Hugh!“ kam es über die Lippen des erstaunten und bestürzten Kriegers.

„Der Dakota weiß, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ fuhr der
Trapper fort. „Möge er seine Augen weiter auftun. Sieht er nicht einen
sehr mächtigen Zauberer?“

Der Wilde hatte sich längst im stillen darüber gewundert, was die
Weißen, aller Kriegersitte zuwider, mit ihren Weibern in die Prärie
geführt haben konnte. Zum Kampfe konnten sie nicht ausgezogen sein.
Er hatte davon gehört, wie die Menahascha oder Langmesser -- die
Yankees -- von den Wascheomantiqua oder Spaniern das weite Gebiet
gekauft hatten, in welchem sein Volk seit der grauen Vorzeit frei und
unbehelligt herumgeschweift war. Seinem einfachen Verstande war es
unbegreiflich geblieben, wie es zuging, daß eine Nation eine solche
Gewalt über die Besitztümer einer anderen Nation erlangen konnte, und
zwar auf friedlichem Wege; daher kam ihm jetzt, bei den Worten des
Trappers, der Gedanke, daß Zauberei dabei im Spiel gewesen sein könnte,
und daß diese Bleichgesichter sich vielleicht aufgemacht hätten, um
durch Anwendung übernatürlicher, unheimlicher Kräfte ihre habsüchtigen
Zwecke noch weiter zu fördern. Da er nun aber, wie alle seinesgleichen,
im höchsten Grade abergläubisch war, gab er alle Zurückhaltung auf,
ließ allen Stolz fahren und zeigte sich als das unwissende Naturkind,
das er in Wirklichkeit war.

„Möge mein Vater mich anschauen!“ sagte er, bittend die Hände
ausstreckend. „Ich bin ein wilder Mann der Prärie, mein Leib ist
nackt, meine Hände sind leer, meine Haut ist rot. Ich habe die Pawnees
bekämpft, die Omahaws, die Konzas, ja, auch die Langmesser. Unter
Kriegern bin ich ein Mann, unter Zauberern aber nur ein Weib. Mein
Vater möge reden; die Ohren des Teton sind offen. Er lauscht wie ein
Hirsch auf den Tritt des Kuguars.“

„Gott verzeihe mir, daß ich mit der Unwissenheit dieses armen Heiden
mein Spiel treibe,“ murmelte der Trapper vor sich hin; „es geschieht
aber, um Menschenleben zu retten und die Teufeleien der Bösen zu
vereiteln ... Teton,“ fuhr er in der Indianersprache fort, „ich frage
dich, ist jener nicht ein großer Zauberer? Wenn die Dakotas weise sind,
dann hüten sie sich, seine Kleider anzurühren und dieselbe Luft mit ihm
zu atmen. Sie wissen sehr wohl, daß der böse Geist Wakonschecheh seine
Kinder liebt und nicht zugibt, daß ihnen ein Leid geschieht.“

Diese mit feierlichem Ernst gesprochenen Worte hatten zur Folge, daß
der Krieger nicht nur sogleich sein Pferd aus der gefährlichen Nähe
trieb, sondern auch das Gehörte den Genossen mitteilte. Es währte
gar nicht lange, da war der ganze Nachtrab, unter dem der Doktor sich
befunden hatte, nach vorn geeilt, so daß der große Medizinmann sich mit
dem alten Jäger allein befand.

„Seht Ihr den funkelnden Stern dort, im Norden, etwa vier Büchsenlängen
über dem Horizont?“ sagte jetzt der letztere zu Obed Bat.

„Den da? Der gehört zu der Konstellation --“

„Haltet den Mund von Eurer Konstellation, Mann! Ob Ihr den Stern seht,
will ich wissen; ja oder nein.“

„Ja.“

„Gut. Sobald ich Euch allein lasse, bleibt Ihr auf dem Flecke halten,
bis die Wilden Euch aus dem Gesicht sind. Dann empfehlt Ihr Euch dem
Himmel und reitet davon, immer auf jenen Stern zu. Verstanden? Jeder
Zoll Weges, den Ihr zurücklegt, bedeutet einen Tag längeres Leben für
Euch, vergeßt das nicht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten trabte der alte Jäger den anderen nach,
und bald befand er sich wieder in der Mitte des Haufens. Kaum hatte
Mahtoree ihn erspäht, als er auf ihn zukam.

„Wo ist Euer Zauberer?“ fragte der Häuptling in strengem Tone.

„Kann ich meinem Bruder die Zahl der Sterne angeben?“ entgegnete der
alte Jäger ruhig. „Die Wege eines großen Medizinmannes sind nicht die
gewöhnlicher Menschen.“

„Das graue Haupt möge auf meine Worte achten,“ versetzte der andere.
„Die Dakotas wählten kein Weib zu ihrem Häuptling. Wenn Mahtoree
die Macht eines großen Zauberers spürt, dann wird er zittern; bis
dahin aber wird er mit seinen eigenen Augen sehen und nicht die eines
Bleichgesichts borgen. Wenn Euer Zauberer nicht am Morgen wieder bei
seinen Freunden ist, dann sollen meine jungen Männer ihn suchen. Eure
Ohren sind offen; ich habe gesprochen.“

Der Trapper atmete auf; bis zum Morgen war eine lange Frist.

Nach einer Weile kam der Felskegel in Sicht; man war demselben in der
nächtlichen Finsternis ganz nahe gekommen. Die Indianer machten halt.
Schon aber hatte die wachsame Esther auf ihrer hohen Warte das Nahen
der Schar wahrgenommen.

„Wer ist da unten?“ rief sie mit gellender, furchtloser Stimme. „Sioux
oder Teufel, antwortet! Uns ist vor euch nicht bange!“

Die Indianer verhielten sich ganz still. Der Trapper aber hielt diesen
Moment für geeignet zur Flucht. Er redete einige freundliche Worte zu
dem neben seinem Pferde am Boden liegenden Hektor, und dieses treue
Tier antwortete mit einem kurzen Aufheulen.

Auch die kriegerische Frau auf der Höhe des Felsens hatte diesen Laut
vernommen.

„Ja, winselt nur und verstellt eure Stimmen, ihr Höllenhunde!“ rief
sie höhnisch herab. „Ich kenne euch! Wartet, ihr sollt gleich Licht
haben, damit ihr bei eurem Satanswerk besser sehen könnt! Die Kohlen
her, Phöbe! Dein Vater und die Jungen sollen erfahren, daß wir sie hier
brauchen, um die Gäste zu empfangen.“

Sie redete noch, da loderte auf des Felskegels höchstem Gipfel auch
schon eine mächtige Flamme empor, weit in die Prärie hinausleuchtend.
Zugleich hörte man das vielstimmige, trotzige Gelächter der
Verteidigerinnen, gefolgt von dem zweiten und gleich darauf auch von
dem dritten Aufheulen des Hundes.

„Heran, Ismael, mein Mann!“ schrie oben die unverwüstliche
Squatterfrau. „Heran, das rothäutige Gesindel zu züchtigen, das dir all
dein Eigentum samt Frau und Kindern rauben will!“

Aus der Ferne erscholl ein mächtiger, antwortender Ruf, der weiblichen
Besatzung verkündend, daß Hilfe im Anzuge war. Esther erhob mit
triumphierendem Geschrei die Arme, deutlich zeichnete sich ihre Gestalt
gegen den roten Feuerschein ab -- da tauchte hinter ihr der Häuptling
Mahtoree auf, gefolgt von dreien seiner Krieger. Im nächsten Augenblick
lagen die mutigen Frauenzimmer gefesselt und wehrlos am Boden, die
Schar der Sioux aber brach in ein ohrzerreißendes Freudengeheul aus.

Von den Wilden unbeachtet lösten sich zur selben Zeit drei Pferde
von dem Reiterknäuel los; sie entfernten sich zuerst im Schritt, bald
aber griffen sie aus und jagten mit Sturmeseile über die Ebene dahin;
sie trugen unsere Freunde, den Trapper und die beiden Paare, Paul und
Ellen, Middleton und Inez.

Fort ging es, so schnell die Pferde laufen konnten, immer in der
Richtung auf den Nordstern zu. Nachdem man bereits eine tüchtige
Strecke hinter sich gebracht hatte, erspähte Pauls scharfes Auge
einen dunkeln Gegenstand etwas abseits von der Richtung; er machte den
Trapper darauf aufmerksam, in der Meinung, daß es ein kranker Büffel,
vielleicht auch ein Stück von Ismaels geraubtem Vieh sei. Man ritt
vorsichtig herzu.

„Wenn es kein Ding der Unmöglichkeit wäre,“ rief der Trapper plötzlich,
„dann würde ich sagen, daß wir hier nichts anderes als den Mann vor
uns haben, der nach Insekten und Eidechsen sucht, unseren Freund, den
Doktor!“

„Warum ein Ding der Unmöglichkeit?“ fragte Middleton. „Hattet Ihr ihm
denn nicht dieselbe Richtung angegeben, die auch wir verfolgen?“

„Freilich, aber ich hieß ihn nicht, aus seinem Esel einen Schnelläufer
zu machen, der selbst ein Pferd übertrifft. Was doch die Furcht
nicht alles zuwege bringt! Heda, Freund Doktor, wie habt Ihr es
fertiggebracht, vor uns hier zu sein? Euer Esel ist wahrhaftig ein
Wundertier!“

„Mein Asinus ist hin!“ antwortete Obed Bat trauervoll. „Er ist wahrlich
nicht träge gewesen, jetzt aber weigert er sich, auch nur noch einen
Schritt zu tun. Da liegt er. Es droht gegenwärtig doch keine Gefahr von
seiten der Wilden?“

„Das weiß ich nicht. Die Sache steht schlecht zwischen dem Squatter und
den Tetons, auch kann ich keine Bürgschaft für die Sicherheit unserer
Skalpe übernehmen. Euer Esel ist über seine Kräfte angestrengt worden,
das war weder menschlich noch weise von Euch; was wolltet Ihr beginnen,
wenn Euer Leben jetzt von der Fortsetzung des Rittes abhinge?“

„Ihr zeigtet mir doch den Stern --,“ wendete der kleine Mann schüchtern
ein.

„Sagte ich Euch etwa, Ihr solltet den Stern heute noch erreichen? Geht!
Ihr schwatzt viel gelehrtes Zeug über die Geschöpfe Gottes, aber Ihr
seid unwissend wie ein Kind, wenn es sich um die Kenntnis ihrer Gaben
und Instinkte handelt. Was sagt Ihr, Hauptmann Unkas -- wir müssen
entweder diesen Mann im Stich lassen, oder aber so lange Unterschlupf
suchen, bis sein Esel sich wieder erholt hat.“

„Ehrwürdigster Jäger!“ rief der geängstigte Obed. „Ich beschwöre Euch
bei allem, was uns gemeinschaftlich heilig ist, und das ist doch nicht
wenig --“

„Fürchtet nichts,“ unterbrach ihn der Trapper. „So alt ich geworden
bin, habe ich noch keinen Bruder in der Not verlassen, und mit Euch
werde ich sicherlich nicht den Anfang machen.“

Man überlegte und kam überein, den Esel so zu fesseln, daß er sich
nicht entfernen konnte, und ihn dann hier zurückzulassen, wo er Gras in
Fülle hatte und sich erholen konnte. Nach des alten Jägers Berechnung
war man bis jetzt ungefähr zwanzig englische Meilen geritten, und
da Frau Inez über Erschöpfung klagte, so beschloß man, in einiger
Entfernung von dieser Stelle, an einem Orte, wo das Gras so hoch stand
wie Schilfrohr, und wo der Trapper früher bereits mehrmals ein sicheres
Versteck vor den Indianern gefunden hatte, Rast zu machen.

Langsam ritten die Flüchtlinge diesem Ziele zu; der alte Jäger war
abgestiegen, um die Spuren der Pferde nach Möglichkeit unkenntlich
zu machen. Auf dem von ihm bezeichneten Platze angelangt, schaffte
man sich durch Entfernung des Grases eine Klärung und richtete auf
derselben die Lagerstätten her, die von Middleton, Paul Hover und den
Frauen sogleich aufgesucht wurden, während der Trapper und der Doktor
sich ein wenig abseits niederließen, um einige Schnitte von dem Reste
des Büffelhöckers als Abendmahlzeit zu vertilgen.

Am folgenden Morgen ging die Sonne hinter einem seltsamen, dichten und
mißfarbenen Dunste auf, dessen Ursache Paul und der Hauptmann sich
nicht zu erklären vermochten. Der Trapper jedoch blieb nicht lange
darüber im Zweifel.

„Das ist Feuer!“ rief er. „Die Prärie brennt! Die roten Teufel haben
sie in Brand gesteckt, um uns zu vernichten!“

„Gott sei uns gnädig!“ sagte Middleton entsetzt. „Wir müssen fliehen,
wir haben keine Sekunde zu verlieren!“

Damit wollte er auf seine Frau zueilen. Der Alte aber hielt ihn zurück.

„Wohin wollt Ihr fliehen?“ versetzte er ruhig. „Selten ist eine Gefahr
so dringend, daß man nicht noch Zeit hätte, sie recht zu erwägen und
ins Auge zu fassen. Kommt mit mir auf jenen kleinen Hügel, von wo wir
die Ebene überschauen können.“

Middleton erkannte, daß er nichts Besseres tun konnte, als sich dem
alten, erfahrungsreichen Trapper zu fügen; auch der Bienenjäger
war bald zu dieser Ansicht gelangt. Sie ließen den Doktor bei
den geängsteten Frauen und folgten ihrem greisen Führer zu der
Bodenerhebung.

Der Ausblick von hier aus war wohl geeignet, auch das stärkste Herz
erbeben zu lassen. Der ganze Horizont war ein Kreis von dichtem Qualm
und emporzüngelnden Flammen, die mit reißender Schnelligkeit von allen
Seiten herangerückt kamen.

„Da haben wir uns getäuscht, als wir meinten, unsere Fährte vor den
Sioux verborgen zu haben,“ sagte der Trapper, langsam in die Runde
blickend. „Die Teufel haben gleichzeitig auf allen Seiten das Gras
in Brand gesteckt, um uns auszuräuchern, als wären wir Panther oder
Kuguare. Wie das Wasser eine Insel umfaßt, so sind wir vom Feuer
umringt.“

[Illustration]

„Laßt uns aufsitzen und reiten!“ rief der Hauptmann in Verzweiflung.

„Wohin, Knabe? Sind unsere Tetonpferde Salamander, die unverletzt durch
das Feuer laufen können? Und hinter jenen Flammen lauern die Sioux mit
ihren Pfeilen und Speeren und Messern. Wenn ich nur wüßte, auf welcher
Seite die Schufte liegen!“

„Durch die Sioux schlagen wir uns durch!“ rief Paul, seine Ellen
umfassend, denn auch die Frauen und der Doktor waren inzwischen
herangekommen.

Der Alte schüttelte den Kopf, während sein Blick über den Flammenkreis
schweifte.

„Mit Gewalt richten wir gegen diese Übermacht nichts aus,“ entgegnete
er, „das wißt ihr so gut wie ich. Aber nun ist genug geredet, jetzt
müssen wir handeln.“

„Zu spät!“ rief der Offizier. „Die Flammen sind kaum noch eine
Viertelmeile entfernt, und der Wind treibt sie gerade auf uns zu!“

„Die Flammen fürchte ich nicht,“ versetzte der Trapper. „Wenn ich den
Rothäuten so sicher zu entkommen wüßte wie dem Feuer da, dann könnten
wir uns schon jetzt als gerettet betrachten. Wenn Ihr damals dem
Waldbrande auf dem Visionsberge beigewohnt hättet -- doch wir müssen
die Hände rühren. Greift zu, alle, und reißt das Gras hier ringsherum
aus, damit wir auf nackten Erdboden zu stehen kommen!“

„Wollt Ihr dem Feuer durch solche Kinderei Einhalt tun?“ rief Middleton
ungeduldig.

Ein schwaches Lächeln huschte schattenhaft über des Greises
verwittertes Antlitz.

„Euer Großvater war ein anderer Mann als Ihr,“ antwortete er. „Der
hätte gesagt, daß ein Soldat im Angesicht des Feindes nichts Besseres
tun könnte als gehorchen.“

Der Hauptmann fühlte den Vorwurf tief; ungesäumt machte er sich an die
Arbeit, dem Beispiel Pauls und der Frauen folgend, und nach wenigen
Minuten war ein Fleck von zwanzig Fuß Durchmesser von jeglicher
Vegetation entblößt. Jetzt führte der Alte die Frauen an das eine
Ende dieses Fleckes und gebot den Männern, die leicht Feuer fangenden
Gewänder derselben mit Decken zu verhüllen. Sobald dies geschehen war,
begab er sich an den entgegengesetzten Rand des Grases, wählte eine
Handvoll der dürrsten Halme und wickelte dieselben um die Pfanne seiner
Büchse. Der Schlag des Steines entzündete den trockenen Knäuel; er
warf die kleine Flamme in das Gras, trat in die Mitte der ausgerodeten
Fläche zurück und wartete ruhig auf die Wirkung.

Dieselbe ließ nicht lange auf sich warten. Die Flamme griff schnell um
sich und züngelte gefräßig in die Prärie hinaus.

Der alte Jäger erhob den Finger und lachte in seiner lautlosen Weise.

„Nun sollt Ihr sehen, wie das Feuer durch Feuer bekämpft wird,“ sagte
er. „Wie manch liebes Mal habe ich mir auf diese Weise einen Weg durch
verwachsene Strecken gebahnt, wenn ich zu träge war, mit den Händen
zuzugreifen.“

„Aber bringt Ihr uns dadurch den Feind nicht nur noch näher auf den
Leib, anstatt ihn fernzuhalten?“ fragte der Hauptmann erschrocken.

„Seid Ihr so leicht zu versengen? Euer Großvater hatte eine festere
Haut. Wartet's nur ruhig ab.“

Die Erfahrung des alten Jägers bewährte sich auch hier. Das von
ihm entzündete Feuer verbreitete sich schnell nach allen Seiten und
erweiterte, dem Präriebrande entgegenlaufend, den freien Raum, in dem
unsere Flüchtlinge sich befanden. Derselbe wurde bald so groß, daß sie
nur noch wenig von der Hitze spürten. Als die beiden Flammengebiete in
der Entfernung aufeinander stießen, da mußte der Brand notwendigerweise
erlöschen, denn weder vor sich noch hinter sich fand er noch Nahrung,
da die Prärie jetzt nichts weiter als eine geschwärzte, von jeder
Vegetation entblößte Fläche war.

Der Hauptmann und der Bienenjäger konnten kaum Worte finden, dem
Trapper für das so einfache und doch so wirkungsvolle Rettungsmittel zu
danken.

Der Alte lachte still in sich hinein. „Ja, ja,“ nickte er, „man weiß
sich noch immer zu helfen; man ist ja auch alt genug geworden. Aber
nun seht nach den Pferden, Freunde. Eine halbe Stunde wollen wir noch
warten, um den Boden abkühlen zu lassen, dann aber müssen wir auf und
davon. Der Doktor kann meinen Gaul besteigen, sein armer Esel wird, wie
ich fürchte, den Brand nicht überlebt haben. Schaut unterwegs nur immer
scharf nach Osten aus, dort muß sich der Fluß zeigen; sein blanker
Spiegel wird auch trotz des Qualmes, der sich noch stundenlang auf der
Prärie hin und her wälzt, bald zu erkennen sein.“

Nach Ablauf der festgesetzten Frist machte die Gesellschaft sich wieder
auf den Weg, hastig und lautlos, denn der alte Jäger hatte Schweigen
anempfohlen. Der Qualm war allerwärts so dicht, daß auf zweihundert
Schritt kein Feind mehr wahrzunehmen gewesen wäre. Nur der Doktor
ließ ab und zu leise Klagen über den Verlust seines treuen Esels
hören. Man hatte einige Meilen zurückgelegt, als man auf die Überreste
eines verbrannten Pferdes stieß. Die Frauen und die jungen Männer
erschauderten bei der Betrachtung derselben und bei dem Gedanken, wie
leicht auch ihnen solch ein grausiges Geschick hätte zuteil werden
können, und inniger wurde das Dankgefühl gegen den greisen Jäger in
ihrem Herzen.

Der aber betrachtete forschend den Boden rings um den Kadaver. Die
Gegend war sumpfig und die Erde daher, trotz der darüber hingeeilten
Glut, weich und feucht.

„Hier sind die Abdrücke seiner Hufe,“ sagte er, umherspähend; „und
hier auch der eines Mokassins, so wahr ich ein Sünder bin! Der Reiter
hat alles aufgeboten, sein armes Tier von der Stelle zu bringen, aber
es liegt in der Natur eines solchen Geschöpfes, daß es in Feuersgefahr
kopfscheu und störrisch wird. Wo mag der Reiter hingekommen sein?“

„Dort drüben liegt noch ein Pferd!“ rief jetzt Paul Hover.

Der Trapper blickte nach der angegebenen Richtung.

„Meiner Treu,“ sagte er, „der Knabe hat recht. Sollten die Tetons in
ihre eigene Falle geraten sein?“

Sie näherten sich dieser zweiten Entdeckung. Schon von weitem begann
Hektor zu knurren und seine Zahnstumpfe zu zeigen.

„Ruhig doch, Alter,“ ermahnte ihn sein Herr. „Was soll ich denn von dir
denken? Schämst du dich nicht, hier ein gebratenes Pferd anzuknurren,
gerade als wenn du die Fährte eines grauen Bären gefunden hättest? ...
Aber was sehe ich? Das ist kein Pferd, das ist eine Büffelhaut mit den
Haaren nach innen ... Das Feuer ist darüber hingelaufen, ohne sie zu
verbrennen.“

Er trat hinzu und stieß die Haut mit dem Fuße an. Dieselbe
bewegte sich, wurde zur Seite geworfen, und unter ihr sprang mit
Blitzesschnelle ein indianischer Krieger hervor.



Sechstes Kapitel

Hartherz


Es war der junge Pawnee, den die erstaunte Gesellschaft so plötzlich
und unerwartet vor sich stehen sah. Eine Minute lang musterte man sich
gegenseitig, stumm, forschend und mißtrauisch, dann brach der Trapper
das Schweigen.

„Die Sache ist klar,“ sagte er. „Der Junge ist im Schlaf von dem Feuer
überrascht worden und hat, nachdem er sein Pferd verloren, unter der
Haut eines frisch geschlachteten Büffels Schutz gefunden. Gar nicht
übel, wenn man kein Pulver hat, um ein Gegenfeuer anzuzünden. Ein
gescheiter, tüchtiger Bursche, den ich wohl als Reisegefährten haben
möchte. Mein Bruder ist willkommen,“ fuhr er in der Pawneesprache fort.
„Die Tetons haben ihn geräuchert, als wäre er ein Waschbär.“

„Die Tetons sind Hunde,“ antwortete der junge Indianer rollenden
Blickes. „Wenn der Kriegsruf der Pawnees in ihren Ohren ist, dann heult
die ganze Nation.“

„So ist es. Die Spitzbuben sind uns auf der Fährte, und ich freue mich,
einen Krieger gefunden zu haben, der den Tomahawk zu führen weiß und
jene Schufte nicht liebt. Will mein Bruder meine Kinder in sein Dorf
geleiten? Wenn die Tetons unserer Spur folgen, werden meine jungen
Männer ihm beistehen, sie zu bekämpfen.“

Der Pawnee betrachtete jeden einzelnen der Gesellschaft mit
durchdringendem Blick, dann antwortete er:

„Mein Vater ist willkommen. Die jungen Männer meines Volkes sollen mit
seinen Söhnen jagen, und die Häuptlinge werden am Beratungsfeuer mit
dem Graukopf rauchen. Die Pawneemädchen werden seinen Töchtern ins Ohr
singen.“

„Und wenn wir den Tetons begegnen?“ fragte der Trapper, der bei diesem
neuen Bündnis völlig klar sehen wollte.

„Die Feinde der Langmesser sollen die Streiche des Pawnee fühlen.“

„Es ist gut. Möge mein Bruder jetzt mit mir Rat halten, damit unser
Weg zu seinem Dorfe nicht gewunden, sondern gerade sei wie der Flug der
Tauben.“

Der Pawnee nickte und folgte dem alten Jäger auf die Seite. Die
Unterredung, in der bilderreichen und würdevollen Sprache der Indianer
geführt, war nur kurz.

„Dieser junge Krieger,“ erklärte der Trapper seinen erwartungsvollen
Freunden nach dem Schluß der Beratung, „ist auf Kundschaft gegen die
Sioux aus. Da seine Begleiter nicht zahlreich genug waren, um es mit
den Feinden aufzunehmen, hat er dieselben heimgesandt, um Verstärkung
aus den Dörfern zu holen. Der Junge muß ein tapferes Herz haben, da er
ganz allein den Spitzbuben auf den Fersen blieb. Aber er hat mir noch
mehr mitgeteilt. Der verschmitzte Mahtoree hat, anstatt sich in einen
Kampf gegen den Squatter einzulassen, mit ihm Frieden geschlossen, so
daß nun die gesamte Halunkenbande, die weiße wie die rote, brüderlich
vereint hinter uns her ist.“

Das war eine beunruhigende Nachricht, und es galt nun vor allem, die
Flucht so rasch als möglich fortzusetzen. Der Pawnee warf sich die
Büffelhaut über die Schultern und übernahm die Führung. Es ging nun
geradeswegs zum Flusse, dessen Ufer nach Verlauf einer Stunde erreicht
war. Es war einer der hundert Nebenströme des Mississippi, nicht tief,
aber wasserreich und reißend.

Es galt jetzt, über das breite Wasser hinüberzukommen.

„Oft habe ich diesen Fluß durchwatet, ohne das Knie zu netzen,“ sagte
der Alte, „jetzt aber ist die Flut durch die Wasser aus den Bergen
geschwollen. Unsere Siouxpferde schwimmen jedoch wie die Hirsche.“

„Trotzdem möchte ich Ellen nicht ihrem Rücken in diesem strudelnden und
tobenden Hexenkessel anvertrauen,“ entgegnete der Bienenjäger.

„Recht, Knabe,“ nickte der Trapper. „Wir müssen auf etwas anderes für
die Frauenzimmer denken.“

Er wendete sich zu dem Pawnee und erklärte diesem die entstandene
Schwierigkeit. Der junge Pawnee hörte ernst und aufmerksam zu; dann
aber warf er seine Büffelhaut auf die Erde und begann sogleich,
unter dem Beistande des schnell auf seine Gedanken eingehenden
Jägers und mit Hilfe von Riemen und leichten Holzstäben ein Fahrzeug
daraus herzustellen, das zwar eher einem umgekehrten Regenschirm als
einem Boote glich, dennoch aber sich als durchaus zweckentsprechend
herausstellte.

Middleton und Paul Hover prüften das Fahrzeug auf seine Sicherheit
und Tragfähigkeit, dann stiegen Inez und Ellen hinein. Der Pawnee, der
eins der drei Rosse bestiegen hatte, ritt ins Wasser, stieß seine Lanze
durch den obersten Rand des Fahrzeugs und bugsierte dasselbe mit großer
Kraft und Geschicklichkeit in den Strom hinaus. Der Hauptmann und der
Bienenjäger folgten auf ihren Pferden, und alle erreichten glücklich
das jenseitige Ufer.

Hier löste der Pawnee die das Fahrzeug zusammenhaltenden Bänder, warf
sich die Haut wieder über den Rücken, nahm die Holzstäbe in die Hand
und ritt in den Fluß zurück, den Doktor und den Trapper zu holen.

„Jetzt weiß ich, daß diese Rothaut unser volles Vertrauen verdient,“
sagte der alte Jäger zu seinem Genossen. „Wäre er ein Teton oder ein
Mingo, dann hätte er uns im Stich gelassen und wäre mit unserem besten
Pferde auf und davon gegangen. Ich fürchtete schon so etwas, als ich
ihn das Tier auswählen sah, aber ich tat ihm unrecht. Der Junge ist
ehrlich; und hat man solch eine Rothaut erst einmal zum Freunde, dann
bleibt er das, solange man ihn offen und aufrichtig behandelt.“

Der Pawnee landete, das Boot wurde wiederhergestellt, und jetzt
nahmen der Trapper, sein Hund und der Doktor darin Platz, der letztere
freilich nur mit Zittern und Zagen.

„Ehrwürdiger Jäger,“ stammelte der kleine Mann, angstvoll auf
die wirbelnde Flut blickend, „dieses Fahrzeug ist so gänzlich
unwissenschaftlich bereitet, daß eine innere Stimme mich abhält, ihm zu
trauen. Das Schiff hat ja weder Form noch Proportionen.“

„So schön wie ein Rindenkanu ist es freilich nicht,“ versetzte der
alte Mann lächelnd, „man kann aber Ruhe und Bequemlichkeit ebensogut in
einem Wigwam wie in einem Palast finden.“

„Ja, aber ein Machwerk, das so jeglicher Wissenschaft Hohn spricht --“

Der Doktor unterbrach sich mitten im Satze, denn von der Uferseite her,
die sie soeben verlassen hatten, ertönte ein Geschrei, so durchdringend
und übernatürlich, daß er mit offenem Munde und entsetzten Augen
lauschen mußte. Der junge Pawnee spitzte die Ohren wie ein Hirsch,
denn der Ton war ihm neu und rätselhaft; der Trapper aber hatte das
Geschrei sogleich erkannt. Er schaute zurück und sah des Doktors Esel
in gestrecktem Galopp daherkommen, zu übermäßiger Eile angetrieben von
Weucha, dem Sioux, der auf seinem Rücken saß.

Die Blicke des Tetons und die der Flüchtlinge begegneten sich. Der
erstere stieß einen laut gellenden Ruf aus, der im nächsten Augenblick
fünfzig seiner Genossen zum Flußufer brachte, die sofort anhuben, einen
Hagel von Pfeilen den Entweichenden nachzusenden. Die Geschosse fielen
jedoch harmlos ins Wasser, da das Fahrzeug inzwischen bereits über
die Hälfte der Strombreite durchmessen hatte. Jetzt erschien auch die
hohe Gestalt Mahtorees unter der Schar der Verfolger. Mehr als einmal
erhob der Trapper die lange Büchse zum Schusse, aber immer wieder ließ
er sie sinken, als widerstrebe es ihm, Menschenblut zu vergießen. Die
Augen des jungen Pawnee aber funkelten wie die eines Kuguars bei dem
Anblick so vieler Feinde; er schwenkte mit verächtlicher Gebärde die
Rechte hoch in der Luft und ließ dabei schallend den Kriegsruf seines
Volkes ertönen. Diese Herausforderung war mehr, als die Tetons ertragen
konnten; wie Wasserratten stürzten sie sich in den Fluß, der gleich
darauf wie besät mit den dunkeln Gestalten der Reiter und der Rosse
erschien.

Obgleich der Pawnee seine und seines Pferdes Kraft auf das äußerste
anstrengte, so verringerte sich die Entfernung zwischen den
Flüchtlingen und den Verfolgern dennoch von Minute zu Minute. Am
jenseitigen Ufer erschienen jetzt Middleton und der Bienenjäger, die
ihre Schutzbefohlenen in einem kleinen Dickicht untergebracht hatten.

„Zu Pferde!“ rief ihnen der Trapper zu. „Macht, daß ihr mit den
wehrlosen Frauen davonkommt, und laßt uns in der Hand des allmächtigen
Gottes!“

„Ei was, bückt Euch lieber, alter Freund!“ rief Paul Hover zurück.
„Bückt Euch tief in den Kahn hinein; der rote Satan ist gerade hinter
Euch, und Euer Kopf verbirgt mir das Ziel! Bückt Euch, sage ich, und
gebt den Weg frei für eine Kentuckykugel!“

Der Greis blickte schnell hinter sich und gewahrte ganz in der Nähe
den wilden Mahtoree, der in seiner Ungeduld allen anderen vorausgeeilt
war. Er bückte sich, und des Bienenjägers Büchse krachte. In demselben
Moment aber hatte der Häuptling sich auch schon vom Pferde herab und
ins Wasser geworfen; das Tier aber, von der Kugel getroffen, bäumte
sich hoch auf und trieb dann mit dem reißenden Strome fort, das Wasser
mit seinem Blute färbend.

[Illustration]

Wohl schwang sich der Häuptling zu einem seiner Krieger auf das Roß,
der Schuß aber hatte den Eifer der Tetons gedämpft; sie kehrten eiligst
zum Ufer zurück, so daß die Verfolgten in Ruhe den jenseitigen Strand
erreichen konnten.

„Schnell zu Pferde!“ war hier des Trappers erstes Wort an Middleton
und den seines erfolgreichen Schusses sich höchlichst freuenden Paul.
„Reitet nach jenem Hügel; hinter demselben findet ihr einen zweiten
Strom, in dessen Wasser ihr den Weg fortsetzen müßt, bis ihr zu einer
sandigen Ebene gelangt; dort wartet auf uns. Der Pawnee, mein tapferer
Freund Obed Bat und ich, wir halten den Strand hier noch eine Weile
schon allein dadurch, daß wir uns und diese lange Büchse den Tetons
zeigen.“

Die beiden Männer folgten ohne Einrede; sie saßen auf, nahmen die
Frauen hinter sich und waren bald hinter dem Hügel verschwunden. Drüben
gewahrte man die Schar der Tetons und in ihrer Mitte den Häuptling
Mahtoree, der ab und zu drohend den Arm gegen die drei Wächter auf
dem diesseitigen Ufer schüttelte. So vergingen etwa dreißig Minuten,
dann erhoben die Tetons ein wildes Jubelgeschrei; sie begrüßten
damit ihre neuen Verbündeten, Ismael Busch und seine Mannen, die
langsam herangezogen kamen. Der Emigrant nahm die Sachlage mit seiner
gewöhnlichen Kaltblütigkeit in Augenschein und entsendete auch, wie um
die Tragweite seiner Büchse zu erproben, eine Kugel gegen seine Feinde,
die in bedrohlicher Nähe über die letzteren hinpfiff.

„Jetzt laßt uns aufbrechen!“ rief Obed, sich noch nachträglich duckend.
„Wir haben lange und mutig genug ausgehalten, und ein Rückzug erfordert
nicht weniger Tapferkeit als eine Schlacht.“

Der Trapper machte keine Einwendung; er überließ dem Doktor das
dritte Pferd, auf dem dieser sich unverweilt aus dem Staube machte.
Er selber und der Pawnee entfernten sich unter geschickter Benutzung
der Unebenheiten des Bodens, so daß sie bald den Tetons aus den Augen
kamen. Sie erreichten ihre Freunde an der bezeichneten Stelle, und
nun machte der alte Jäger den Vorschlag, hier auf einige Stunden zu
kampieren.

Middleton, Paul und der Doktor waren über dieses Ansinnen ganz
erstaunt, da sie meinten, daß es jetzt vor allem auf schleunigste
Fortsetzung der Flucht ankommen müsse.

„Warum sollen wir fliehen?“ entgegnete der Alte. „Meint ihr, wir
könnten zu Fuß und mit unseren schwer belasteten und abgejagten Tieren
den schnellen Rennern der Tetons entgehen? Oder meint ihr, daß die
Feinde sich schlafen legen werden? Zum Glück liegt der größte Teil
unserer Fährte im Wasser, so daß wir immerhin Aussicht haben, vor
der Hand unentdeckt zu bleiben. Aber die Prärie ist kein Wald; von
jenem Hügel überschaut ein Kundschafter beinahe so viel Land wie ein
Habicht aus der Luft. Nein, wir müssen die Nacht abwarten, ehe wir
weiterziehen. Hören wir aber noch die Ansicht des Pawnee, der ist ein
erfahrener Krieger. Hält mein Bruder unsere Fährte für lang genug?“
fragte er den Indianer in dessen Sprache.

„Ist ein Teton ein Fisch, daß er sie im Wasser sehen kann?“ versetzte
dieser.

„Meine jungen Männer wünschen sie zu verlängern, bis sie über die ganze
Prärie reicht.“

„Mahtoree hat Augen; er wird sie sehen.“

„Was rät mein Bruder?“

Der junge Krieger schaute prüfend zum Himmel auf und schien zu zögern.
Eine Weile ging er mit sich selber zu Rate, dann aber sagte er mit
Festigkeit:

„Die Dakotas schlafen nicht; wir müssen uns ins Gras legen.“

Der alte Jäger nickte im Einverständnis, und jetzt fügten sich auch
die anderen. Ellen und Inez wurden unter das Büffelfell gebettet; die
Pferde band man und warf sie zu Boden, und dann streckten sich auch
die Männer nieder. Das Präriegras stand hier so hoch, daß schon aus
ganz kurzer Entfernung nichts von diesen Veranstaltungen wahrgenommen
werden konnte. Da es galt, hier wenigstens fünf Stunden zuzubringen, so
überließ man sich dem Schlaf, der sich nach all den Anstrengungen auch
bald einstellte.

Stundenlang lag alles in tiefem Schweigen, dann hörten die scharfen
Ohren des Trappers und des Pawnee einen leisen Ruf, der aus Inez'
Munde kam. Auf alles gefaßt, sprangen sie auf und gewahrten zu ihrem
Schrecken, daß die ganze Prärie dicht mit blendend weißem Schnee
bedeckt war.

„Gott möge uns gnädig sein!“ rief der alte Mann schmerzlich. „Jetzt
weiß ich auch, Pawnee, weshalb du die Wolken so genau betrachtetest;
aber nun ist's zu spät! Selbst ein Eichhörnchen würde Spuren auf diesem
losen Schnee hinterlassen. Ha! Da sind auch schon die roten Teufel!
Nieder! Nieder! Zwar wird's nicht viel nützen, man darf aber keine
Vorsicht außer acht lassen!“

Alle warfen sich aufs neue platt auf den Boden, jeder aber spähte
verstohlen durch das hohe Gras nach den Feinden, die, noch etwa
eine halbe englische Meile entfernt, von allen Seiten kreisförmig
heranrückten und dem Versteck der Flüchtlinge langsam aber sicher näher
kamen.

Paul und Middleton machten ihre Büchsen schußfertig, und als Mahtoree,
der die Blicke unverwandt suchend auf den Boden geheftet hielt, bis
auf fünfzig Schritte herangekommen war, da drückten sie beide fast
gleichzeitig auf ihn ab. Allein ein Knipsen der Hähne war die einzige
Wirkung dieses voreiligen Tuns.

„Genug,“ sagte der Trapper, sich langsam und würdevoll erhebend; „ich
war's, der euch das Pulver aus den Pfannen schüttete; eure Schüsse
hätten unser aller sicheren Tod zur Folge gehabt. Laßt uns unserem
Geschick wie Männer ins Auge sehen. Klagen und bitten würde uns in den
Augen der Indianer nur verächtlich machen.“

Ein Geschrei, das sich über die ganze Prärie fortzusetzen schien,
begrüßte sein Erscheinen, und im Nu sprengten hundert Wilde herbei.
Mahtoree empfing seine weißen Gefangenen mit großer Selbstbeherrschung;
erst später richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Pawnee,
der stumm und unbeweglich wie eine Statue abseits gestanden hatte, und
nun erkannte der Trapper sowohl aus dem unbeschreiblichen Jubelgeheul,
das aus hundert Kehlen in die Lüfte stieg, als auch aus dem wie ein
Lauffeuer die Runde machenden gefürchteten Namen, daß sein junger
Freund kein anderer war als der bisher noch nie besiegte Krieger, der
gewaltige Hartherz selber.

[Illustration]



Siebentes Kapitel

Im Dorfe der Sioux


Mehrere Tage sind seit der Gefangennahme unserer Freunde verstrichen.
Der Schauplatz der Erzählung hat sich verändert. Wir befinden uns
auf einer erhöhten Ebene, die, vielfach mit Baumgruppen bestanden und
gegen Norden von einer ausgedehnten Waldung begrenzt, an einen jener
Flußläufe stößt, die ihr Wasser dem Missouri zuführen.

Teils an dem hohen Ufer entlang, teils hier und dort auf der Ebene
zerstreut, stets aber in größerer oder geringerer Wassernähe, standen
etwa hundert Wigwams der wandernden Sioux. Diese Wigwams waren
kegelförmige, aus Stangen und Tierfellen errichtete Zelte, denen
man ansah, daß sie ihren Insassen nur vorübergehend Schutz bieten
sollten. Vor dem Eingang eines jeden Wigwams war ein Pfosten errichtet,
an welchem die Waffen des Besitzers, Schild und Speer, Bogen und
Pfeilköcher, im Winde schaukelten. Unachtsam hingeworfen lagen neben
diesen Pfosten auch die Hausgeräte, deren sich die Weiber bei ihren
wirtschaftlichen Arbeiten bedienten, und hier und da hing überdies ein
Säugling, in Rindenstücke geschnürt, zugleich mit den Waffen des Vaters
vom Pfosten herab.

Während die Weiber und die Jugend dieses Indianerdorfes an den
verschiedensten Plätzen zerstreut sich beschäftigten oder vergnügten,
hatten sich die Krieger zu einem Kreise versammelt, dessen Mittelpunkt
der Häuptling Mahtoree bildete. Ein wenig abseits von dieser Schar
gewahrte man einen Haufen von Männern, deren Äußeres von dem der
roten Krieger gänzlich verschieden war. Bedeutend höher von Wuchs,
breiter in den Schultern und muskulöser an den Gliedern, verrieten
sie sich auch durch ihre Gesichtsbildung und Hautfarbe als Angehörige
der teutonischen Rasse. Es war dies die Familie des Squatters Ismael
Busch. Träge und untätig, wie immer, wenn keine dringende Beschäftigung
vorlag, lungerten die gigantischen Gesellen vor einigen Wigwams herum,
die ihnen ihre Gastfreunde, die Sioux, zum Aufenthalt angewiesen
hatten. In einiger Entfernung weidete das Vieh, das ihnen von ihren
neuen Verbündeten als Freundschaftsgabe wieder zugestellt worden war.

Noch eine andere Gruppe war an dem einen Ende des Dorfes bemerkbar.
Hier lagen auf einer kleinen Erderhöhung zwei gefesselte Männer, der
Hauptmann Middleton und Paul Hover, der Bienenjäger. Die Gliedmaßen
derselben waren mit Riemen von Büffelhaut so fest verschnürt, daß sie
nur mit Stöhnen die Schmerzen dieser barbarischen Fesselung zu ertragen
vermochten. Etwa zwölf Schritte von ihnen entfernt war ein starker
Pfahl aufgepflanzt, und an diesen festgebunden stand Hartherz, der
Pawneehäuptling. Zwischen ihm und den beiden weißen Gefangenen hatte
der alte Trapper seinen Platz gewählt; die Wilden hatten ihm seine
Büchse und die übrige Ausrüstung genommen, ihm jedoch sonst die völlige
Freiheit gelassen. An eine Flucht durfte er freilich nicht denken, denn
unweit dieser Stätte stand ein halbes Dutzend junger Krieger, ernst und
unbeweglich, aber mit funkelnden Blicken jede Bewegung der Gefangenen
beobachtend.

„Ich wollte, daß der Himmel meine Artilleristen hierher führte,“
stöhnte der Hauptmann in seiner Pein. „Die würden mit den roten
Halunken kurzen Prozeß machen.“

„Und ich wollte, daß diese Wigwams lauter Hornissennester wären,“
knurrte der Bienenjäger, „und daß die lieben Tierchen den halbnackten
Schuften aufs Fell kämen; dann wäre uns bald geholfen.“

Der Trapper hatte diese Reden gehört und trat näher. Sein Kopfschütteln
ließ erkennen, daß selbst seine Erfahrung keinen Ausweg aus dieser
verzweifelten Lage finden konnte.

„Es wird nicht mehr lange dauern, dann beginnen die Teufel ihr
erbarmungsloses Höllenwerk an unserem Freunde, dem Pawnee,“ sagte er.
„Ich sehe es den Augen Mahtorees an, daß er seine Krieger zur äußersten
Verschärfung der Tortur aufstachelt.“

„Hört, alter Trapper,“ rief Paul, mühsam seinen Kopf herumwendend,
„Ihr versteht Euch auf die Sprache und die Niederträchtigkeiten des
Gewürms. Geht hin und sagt den Häuptlingen im Namen eines gewissen
Paul Hover aus Kentucky, daß sie ermächtigt sein sollen, besagten
Paul nach Herzenslust zu skalpieren und zu martern, soviel und solange
sie nur immer mögen, wenn sie dagegen versprechen, das junge Mädchen
mit Namen Ellen Wade frei und unverletzt nach den Vereinigten Staaten
zurückkehren zu lassen. Wollt Ihr mir den Gefallen tun?“

„Mein guter Freund, das wäre vergebens,“ versetzte der alte Mann, „Ihr
liegt wie ein Bär in der Falle, könnt weder fliehen noch Euch wehren,
und daher den roten Teufeln auch keine Bedingungen vorschreiben. Aber
laßt den Mut deswegen nicht sinken. Die weiße Hautfarbe gereicht ihren
Trägern in solcher Lage ebensooft zum Schutz, wie zum Schaden. Unser
Geschick ist noch nicht entschieden, warten wir's geduldig ab. Für den
Pawnee hege ich allerdings nur wenig Hoffnung.“

Er schritt auf den gefesselten Häuptling zu, dessen freies, leuchtendes
Auge unverwandt in die Ferne blickte.

„Die Sioux halten Rat über meinen Bruder,“ begann er nach längerem,
achtungsvollem Schweigen.

„Sie zählen die Skalpe am Wigwam des Harten Herzens,“ antwortete der
junge Mann lächelnd.

„Ja, sie zählen sie und finden ihre Anzahl zu groß; ihr Eigentümer wird
wenig Schonung von ihnen zu erwarten haben. Aber mein Sohn ist kein
Weib, er schaut mit festem Blick auf den Pfad, den er wandeln muß. Hat
er seinem Volke nichts ins Ohr zu flüstern, ehe er von hinnen geht?
Meine Füße sind alt, aber vielleicht tragen sie mich noch einmal an die
Gestade des Loupflusses. Ein Elchhirsch soll die Prärie nicht schneller
durchmessen als diese alten Füße, wenn der große Pawnee mir eine
Botschaft anvertrauen will.“

„Möge das Bleichgesicht seine Ohren auftun,“ antwortete der Häuptling
nach einigem Besinnen. „Es wird hierbleiben, bis die Tetons versucht
haben, die skalplosen Köpfe von achtzehn Dakotakriegern mit dem Skalpe
eines einzigen Pawnees zu bedecken. Es wird seine Augen weit öffnen,
damit es sieht, wo man die Gebeine eines Kriegers beerdigt.“

„Das soll geschehen, mein edler Sohn.“

„Alsdann wird mein Vater zu meinem Volke gehen. Sein Haupt ist weiß,
seine Worte werden nicht verwehen wie Rauch im Winde. Er wird meinen
Wigwam finden und laut den Namen Hartherz rufen. Die Pawnees sind
nicht taub. Darauf möge mein Vater nach dem Füllen fragen, das noch nie
geritten wurde, das glatter ist als ein Hirsch, und schneller als ein
Elch.“

„Ich verstehe, Knabe, ich verstehe,“ unterbrach der aufmerksam
lauschende Greis den Sprecher. „Es soll alles ausgeführt werden nach
deinem Verlangen, oder aber ich verstehe mich schlecht auf die Wünsche
eines sterbenden Indianers.“

„Und will mein Vater dann das Füllen zum Grabe des Harten Herzens
bringen?“

„Das will ich, mein braver Knabe. Zu den Häupten der heiligen
Stätte will ich es hinstellen, seine Augen gegen die sinkende Sonne
gerichtet.“

„Und mein Vater wird zu ihm reden und ihm sagen, daß sein Herr, der
es seit seinem ersten Lebenstage gehegt und gepflegt hat, nun seiner
bedarf.“

„Meines Sohnes Wille soll geschehen; mit diesen alten Händen werde ich
das Tier auf dem Grabe des großen Pawnee schlachten.“

„Es ist gut,“ nickte der junge Krieger, mit dem Ausdruck innerer
Genugtuung auf dem ernsten Antlitz. „Hartherz wird auf seinem Rosse
in die glücklichen Jagdgründe einreiten und vor dem Großen Geist
erscheinen, wie es einem Häuptlinge ziemt.“

In diesem Augenblick löste sich der Kreis der beratenden Krieger, und
Mahtoree schritt mit zwei Begleitern dem Orte zu, wo der Marterpfahl
aufgerichtet war.

Zwanzig Schritte vor demselben blieb er stehen und winkte den Trapper
zu sich heran. Als derselbe ihm gegenüberstand, legte er ihm die Hand
auf die Schulter und blickte ihm forschend in die Augen.

„Hat ein Bleichgesicht zwei Zungen?“ fragte er.

„Trägt man das Herz auf der Haut?“ entgegnete der Greis ruhig.

„Mein Vater hat recht, er möge mich anhören. Das weiße Haupt hat übel
getan. Es ist der Freund eines Pawnee und der Feind meines Volkes.“

„Teton, ich bin dein Gefangener. Tue mit mir nach deinem Gutdünken.“

„Nein, Mahtoree wird das weiße Haupt nicht rot färben. Mein Vater
ist frei. Ehe er aber den Sioux den Rücken kehrt, soll er Mahtoree
seine Zunge leihen. Ein junges Bleichgesicht wird seine Ohren nicht
verschließen, wenn ein alter Mann seines Volkes zu ihm redet. Mein
Vater folge mir.“

Und voranschreitend führte er den Trapper zu einem Wigwam, der, größer
als alle anderen, als die Wohnung eines Häuptlings erkennbar war. Die
Waffenstücke am Pfosten waren reicher gearbeitet als die übrigen, und
als besondere Auszeichnung befand sich auch eine Büchse darunter.

Sie traten ein. Die Ausstattung des Raumes war die einfachste. Seine
einzige Zierde bildete der heilige Medizinbeutel, der, mit Wampum
umflochten und mit Stachelschweinstacheln und Glasperlen geschmückt,
umgeben von Schilden, Speeren und Pfeilen, unter dem Lieblingsbogen des
Häuptlings an der Wand hing.

Auf einem aus duftigen Kräutern und darüber gelegten Fellen
hergerichteten Sitz saßen Inez und Ellen, bleich und angegriffen,
aber ergeben in ihr Geschick. Eine dritte weibliche Gestalt kauerte
ein wenig abseits, eine junge Indianerin, Tachechana, bisher das
Lieblingsweib Mahtorees.

Ohne die letztere zu beachten, trat der Häuptling vor Inez hin und
betrachtete die schöne Spanierin mit bewundernden Blicken. Dann wendete
er sich an den neben ihm stehenden Trapper.

„Singe in das Ohr Dunkelauges,“ begann er. „Sage ihr, Mahtorees Wigwam
ist groß, aber er ist nicht voll. Sie soll einen Platz darin haben
und die Größte sein. Der anderen, dem Lichthaar, sage, daß auch sie in
dem Wigwam des Häuptlings bleiben soll und von seinem Wildbret essen.
Mahtoree ist ein großer Häuptling, seine Hand ist stets offen.“

Der Greis zögerte; er fürchtete sich, den armen Geschöpfen eine solche
Botschaft zu bringen. Ellen aber hatte aus des Wilden Blicken und
Gebärden dessen Absicht halb erraten.

„Spart Euren Atem,“ sagte sie schnell, als der Trapper sich eben zu
reden anschickte. „Die Worte dieses Heiden sind nicht geeignet für das
Ohr einer christlichen Dame.“

„Meine Töchter bedürfen der Ohren nicht, um den großen Dakota zu
verstehen,“ sagte der Trapper zu dem Häuptling. „Sie blickten ihn an,
und sie verstanden ihn. Sie wünschen über seine Rede nachzudenken; möge
Mahtoree sie eine Zeit allein lassen.“

Überzeugt, daß der Bescheid nur zu seinen Gunsten lauten würde, nickte
der Häuptling gnädig seine Zustimmung und wendete sich, die Hütte zu
verlassen. Da trat ihm mit schmerzbewegtem Antlitz Tachechana entgegen,
ihren kleinen Knaben auf dem Arm haltend. Sie blickte ihn flehend an
und wollte eben den Mund öffnen; er aber schob sie rauh zur Seite.

„Geh!“ sagte er. „Die Krieger rufen nach Mahtoree; er hat kein Ohr für
ein Weib!“

Und dem Trapper winkend, schritt er mit stolzem Anstande hinaus.

Kaum im Freien angelangt, sah er sich der Hünengestalt Ismaels
gegenüber, der mit Esther und Abiram vor dem Wigwam gewartet hatte.

„Hört nun auch einmal auf mich, alter Graubart,“ rief der Squatter,
den Greis mit Bärenkraft am Arm packend und zu sich heranziehend. „Ich
hab's jetzt endlich satt, bloß in der Finger- und Zeichensprache zu
den Rothäuten zu reden; jetzt sollt Ihr mein Dolmetscher sein und dem
Kerl hier meine Meinung auf gut Indianisch klarmachen, mag ihm die nun
gefallen oder nicht.“

„Sprecht, Freund,“ antwortete der alte Mann ruhig.

„Freund?“ wiederholte der Squatter, den anderen mit einem nichts
weniger als freundschaftlichen Blicke messend. „Doch gleichviel. Sagt
diesem spitzbübischen Sioux, daß ich die Bedingungen unseres Vertrages
nunmehr erfüllt haben will.“

Als der Trapper dem Häuptling diese Worte verdolmetscht hatte,
erwiderte dieser mit sehr deutlichem Erstaunen:

„Ist meinem Bruder kalt? Büffelfelle sind in Menge vorhanden. Ist er
hungrig? Meine jungen Männer sollen Wildbret in seinen Wigwam bringen.“

Der Squatter schlug mit der geballten Rechten in seine flache Linke.

„Sagt dem verlogenen Gesellen,“ rief er zornig, „daß ich nicht als
Bettler zu ihm gekommen bin, sondern als ein freier Mann, der sein
Eigentum verlangt; und darauf bestehe ich, sagt ihm das ja! Und auch
Euch alten, elenden Sünder will ich ausgeliefert haben, damit ich
mit Euch abrechnen kann! Also wohlverstanden -- ich verlange meine
Gefangene, meine Nichte und Euch, zusammen drei! Die soll er mir
herausgeben, wie im Vertrage ausgemacht und beschworen worden ist.“

Der Trapper lachte erst in seiner stillen Weise vor sich hin, ehe er
sich an den Häuptling wendete.

„Der Dakota möge seine Ohren sehr weit öffnen,“ sagte er zu diesem,
„damit große Worte hineingehen können. Sein Freund von den Langmessern
kommt mit leeren Händen und verlangt, daß der Teton sie fülle.“

„Hugh! Mahtoree ist ein reicher Häuptling; er ist der Herr der Prärie.“

„Er soll das Dunkelauge zurückgeben.“

Die Brauen des Häuptlings zogen sich finster und drohend zusammen; er
beherrschte sich aber und entgegnete mit verräterischem Lächeln:

„Ein Mädchen ist zu leicht für die Hand eines solchen Tapfern; Mahtoree
wird sie mit Büffeln füllen.“

„Auch das Lichthaar verlangt er; er behauptet, es sei von seinem Blute.“

„Das Lichthaar soll Mahtorees Weib werden; das Langmesser wird dann der
Vater eines Häuptlings sein.“

„Und auch mich will er haben,“ fuhr der Trapper fort, dabei auf sich
deutend und den Squatter anschauend, damit der erkenne, daß er nicht
hintergangen würde, „mich, den alten abgelebten, unnützen Mann.“

„Mein Vater wird bei den Tetons wohnen, damit sie von seiner Weisheit
lernen. Nein, Mahtoree will dem Langmesser Felle und Büffel geben, auch
die beiden jungen Bleichgesichtkrieger will er ausliefern, aber die
Blumen der Prärie, die in seinem Wigwam sind, die bleiben sein eigen.“

Damit wendete er sich würdevoll ab und schickte sich an, zu seinen
Kriegern zu gehen; da kam ihm noch ein Gedanke.

„Sage dem Großen Büffel,“ -- diese Bezeichnung hatten die Tetons dem
Squatter beigelegt -- „daß die Hand Mahtorees stets offen ist. Sieh,“
-- er deutete auf Esthers runzliges Gesicht -- „sein Weib ist zu alt
für einen so großen Häuptling. Mahtoree liebt ihn wie einen Bruder. Er
will ihm sein eigenes jüngstes Weib geben, Tachechana, das ‚hüpfende
Reh‛, den Stolz der Siouxmädchen. Geh; ein Dakota ist großmütig.“

Langsam schritt er davon.

Der Trapper übersetzte die Reden des Tetons Wort für Wort. Ismael
lauschte mit steigendem Grimm, desgleichen sein Weib. Der Vorschlag,
Esther wegzujagen, lockte dem Squatter aber doch ein kurzes Lachen
ab. Dadurch aber stieg der Zorn dieser wackeren Dame auf die höchste
Spitze. Sie machte ihren beleidigten Gefühlen durch einen Strom von
Scheltworten und Schimpfreden Luft, der hier unmöglich wiedergegeben
werden kann. Zuletzt rief sie ihre Söhne und befahl ihnen, ungesäumt
die Zugtiere vor die Wagen zu spannen. Gehorsam legten auch Ismael und
Abiram Hand an, und bald darauf sah man die Karawane der Emigranten das
Dorf ihrer bisherigen Verbündeten verlassen.

Die Sioux zeigten weder Erstaunen noch Bedauern über die unerwartete
Trennung. Mahtoree warf den Abziehenden einen Blick nach, der an den
des Tigers erinnerte, wenn dieser König der Wälder ein Wild beobachtet
und nicht recht weiß, ob er zuspringen soll oder nicht. Langsam
knarrten die Fuhrwerke am Flusse entlang, bis, etwa eine Meile weiter
abwärts, halt gemacht und ein neues Lager hergerichtet wurde.

Inzwischen hatte Mahtoree seine Krieger zu einer letzten,
entscheidenden Beratung über das Schicksal seiner Gefangenen
versammelt. Es war eine echt indianische Steigerung der beabsichtigten
Grausamkeiten, daß diese Beratung in nächster Nähe des an den
Marterpfahl gefesselten Pawnees abgehalten wurde, zu dessen Füßen man
jetzt auch die beiden Weißen niedergelegt hatte.

Ein alter Krieger zündete die große Pfeife seines Stammes an und blies
den Rauch feierlich nach den vier Himmelsrichtungen. Dann reichte er
die Pfeife Mahtoree; dieser tat einige Züge und gab sie dem nächsten.
Nachdem alle in würdevollem Schweigen diesem uralten Brauch Genüge
getan, begann der Austausch der Meinungen. Ein hochbetagter Indianer
erhob sich.

„Noch lag der Adler an den oberen Fällen des großen Flusses in seinem
Ei, da hatte meine Hand schon einen Pawnee erschlagen,“ begann er. „Was
meine Zunge spricht, das haben meine Augen gesehen. Bohreechena ist
sehr alt. Was er redet, das hören die Tetons. Fällt eins seiner Worte
zur Erde, so heben sie es auf und halten es an ihr Ohr. Wird eins vom
Winde verweht, so holen meine jungen Männer, die sehr schnell sind,
es wieder. Höret mir zu. Seit das Wasser fließt und die Bäume wachsen,
findet der Sioux den Pawnee auf seinem Kriegspfad. Wie der Kuguar die
Antilope, so liebt der Dakota seinen Feind. Wenn der Wolf das Reh
findet, legt er sich dann nieder zu schlafen? Schließt der Panther
seine Augen, wenn er das Hirschkalb am Quell sieht? Ihr wißt es sehr
wohl, er tut es nicht. Auch er trinkt dann, aber er trinkt Blut! Ein
Sioux ist ein springender Panther, ein Pawnee aber ein zitterndes Wild.
Mögen meine Kinder mich hören. Sie werden finden, daß meine Worte gut
sind. Ich habe gesprochen.“

Ein dumpfes Beifallsgemurmel folgte den Ausführungen dieses Redners,
der ganz die Ansichten Mahtorees vertreten hatte. Nach längerer, von
der Sitte gebotener Pause erhob sich ein zweiter Krieger, ein Mann in
mittleren Jahren. Er begann mit der Erzählung seiner Taten; er zeigte
der Versammlung seine Narben.

„Was bin ich?“ fuhr er fort. „Ein Dakota! Ihr kennt mich, darum hört
auch mich. Das Blut jeder Kreatur auf der Prärie ist rot. Wer kann
sagen, hier hat ein Pawnee geblutet, und hier ein Bison? Die Farbe ist
die gleiche. So wollte es der Große Geist. Wächst aber das Gras grün
an der Stelle, wo ein Bleichgesicht getötet wurde? So zahlreich ist die
Nation der Weißen nicht, daß sie nicht merken sollte, wenn einer ihrer
Krieger fehlt. Sie ruft dieselben oft mit Namen und fragt: Wo sind
meine Söhne? Vermissen sie einen davon, dann senden sie andere hinaus
in die Prärie, ihn zu suchen. Und finden sie ihn nicht, dann kommen
ihre Läufer zu den Sioux und forschen nach ihm. Meine Brüder, die
Langmesser, sind keine Narren. Ein mächtiger Medizinmann ihrer Nation
ist unter uns. Wer kann wissen, wie laut seine Stimme ist, oder wie
lang sein Arm?“

Hier erhob sich Mahtoree in sichtbarer Ungeduld.

„Man bringe den bösen Geist der Bleichgesichter herbei!“ befahl er mit
unverhohlenem Spott und Hohn. „Mein Bruder soll den Medizinmann genau
betrachten.“

Nach einer erwartungsvollen Pause teilte sich die Menge, und der Doktor
Battius wurde, auf seinem Esel sitzend, von Weucha feierlich in den
Kreis geleitet.

Um den gefürchteten Zauberer in den Augen seiner Krieger lächerlich
und verächtlich zu machen, hatte der Häuptling ihn zur Karikatur eines
Indianers umgestalten lassen. Obeds Kopf war kahl rasiert bis auf eine
Skalplocke auf dem Wirbel. Schädel und Gesicht waren mit schwarzen,
roten und weißen Farben dick bemalt. Um den nackten Oberkörper war
ein ebenfalls bemaltes Hirschfell gehängt; der seltsamste Zierat aber
baumelte von des Naturforschers Skalplocke und Ohren hernieder, nämlich
alle die präparierten Kröten, Eidechsen, Frösche und Schmetterlinge,
die man in seinem ledernen Schnappsack gefunden hatte. So hielt er,
wie eine Vogelscheuche, in der Mitte des Kreises, melancholisch um sich
blickend und jeden Augenblick das Todesurteil erwartend. Einen kleinen
Trost gewährte ihm die Gegenwart des alten Trappers, der mit in der
Reihe der Krieger stand, wie sonst auf seine treue Büchse gelehnt, die
Mahtoree ihm als Zeichen der Freundschaft wieder eingehändigt hatte.

[Illustration]

Mit Ingrimm gewahrte der Häuptling, daß des Doktors lächerlicher Aufzug
die Furcht seiner Krieger vor dem mächtigen Zauberer der Langmesser
keineswegs beseitigte. Verächtlich zuckte er die Achseln, finster ließ
er die Augen in der Runde schweifen, und dann begann er, den Pawnee mit
einem Blick tödlichsten Hasses streifend, von neuem zu reden.

„Was ist ein Sioux?“ rief er. „Der Beherrscher der Prärie und der Herr
aller Tiere darauf. Die Fische in dem Flusse der wirbelnden Wasser
kennen ihn und kommen auf seinen Ruf. Er sieht scharf wie ein Adler,
im Rate ist er ein Fuchs, ein grauer Bär im Kampfe. Ein Dakota ist ein
Mann!“

Ein Beifallsgemurmel wurde laut.

„Was ist ein Pawnee?“ fuhr er fort. „Ein Dieb, der nur Weiber
bestiehlt; eine Rothaut, die keine Tapferkeit kennt; ein Jäger, der
sein Wildbret erbettelt. Er geht nachts in die Prärie wie eine Eule; im
Rat ist er ein hüpfendes Eichhörnchen, im Kampfe ein Elch, dessen Beine
lang sind. Ein Pawnee ist ein Weib!“

Ein zustimmender Jubelruf folgte diesen Worten, die der Trapper auf
einen Wink Mahtorees dem Pawnee verdolmetschen mußte. Hartherz lauschte
mit großem Ernst, wendete dann aber seinen Blick schweigend wieder der
Ferne zu.

„Wenn die Erde mit Ratten bedeckt wäre,“ so fing der Redner wieder
an, „mit Ratten, die zu nichts taugen, dann fände sich kein Raum für
die Büffel, die den Indianern Nahrung und Kleidung geben. Wenn auf der
Prärie nur Pawnees wimmelten, dann wäre für den Fuß eines Dakota kein
Platz darauf. Ein Loup ist eine Ratte, ein Sioux ein schwerer Büffel;
laßt die Büffel die Ratten zertreten und Raum für sich schaffen!“

Mahtoree setzte sich nieder, von Beifallsgeschrei umtost. Schon meinte
er, seine Krieger in der rechten Stimmung zu haben, da trat aus deren
Reihen ein uralter Greis hervor. Eine tiefe, ehrfurchtsvolle Stille
verbreitete sich in der Menge. Vor einem halben Jahrhundert hatte er
von den Franzosen in Kanada wegen seiner Tapferkeit und seines von
Narben durchfurchten Gesichtes den Beinamen „Le Balafré“ erhalten, der
ihm dann auch unter seinen Stammesgenossen geblieben war.

„Die Tage des alten ‚Le Balafré‛ nahen sich ihrem Ende,“ begann der
alte Krieger mit kaum hörbarer Stimme. „Er gleicht einem Büffel, auf
dem kein Haar mehr wächst. Bald wird er seine Hütte verlassen, um eine
andere aufzusuchen, weit von den Dörfern der Sioux. Darum redet er
nicht für sich, sondern für die, welche er zurückläßt. Viele Winter
sind vergangen, seit Le Balafré auf dem Kriegspfade ging. Sein Blut
war sehr heiß, aber es fand Zeit, kühl zu werden. Der Wakonda läßt ihn
nicht mehr von Kämpfen träumen; er weiß, daß es besser ist, in Frieden
zu leben ... Meine Brüder, Le Balafré wird bald die Fährte von seines
Vaters Mokassin in den glücklichen Jagdgründen suchen und finden. Wer
aber soll ihm selber folgen? Le Balafré hat keinen Sohn. Sein Ältester
hat zu viele Pawneepferde geritten, die Gebeine des Jüngsten benagen
die Konzahunde. Le Balafré sucht einen jungen Arm, auf den er sich
stützen kann. Tachechana, das hüpfende Reh der Tetons, schaut vor sich,
nicht hinter sich; ihr Sinn weilt im Wigwam ihres Gatten.“

Alles hatte schweigend diesen Worten gelauscht, mancher Krieger aber
blickte verstohlen nach Mahtoree, zu erspähen, wie der des Patriarchen
Entschluß aufnehmen würde, der allerdings völlig den indianischen
Gebräuchen entsprach. Des Häuptlings Auge funkelte in verhaltenem Zorn;
drohte ihm doch der Verlust desjenigen Opfers, nach dessen Tode er am
meisten dürstete.

Le Balafré war inzwischen langsam auf den Marterpfahl zugeschritten.
Lange musterte er die Gestalt und das Antlitz des jungen Pawnee mit
Wohlgefallen; dann winkte er gebieterisch, und einige herzuspringende
Krieger befreiten gehorsam den Gefangenen von seinen Banden. Noch
einmal betrachtete der Greis mit altersschwachem Auge das prächtige
Ebenmaß der geschmeidigen, muskelstarken Glieder; endlich sagte er:

„Es ist gut. Redet mein Sohn, der springende Panther, die Sprache der
Tetons?“

Der Blick des Pawnee verriet, daß er die Frage wohl verstanden, allein
er war zu stolz, sich der Zunge der Feinde zu bedienen. Die Umstehenden
belehrten den Alten, daß der Gefangene ein Pawnee-Loup sei.

„Mein Sohn öffnete die Augen an den Wassern der Wölfe,“ nahm Le Balafré
in der Pawneesprache das Wort, „er wird sie schließen am Flusse der
wirbelnden Wasser. Er ist als Pawnee geboren, als Dakota wird er
sterben. Ich bin eine entlaubte Sykomore und sehnte mich lange nach
einem frischen Schößling; jetzt habe ich ihn gefunden. Le Balafré
hat nun einen Sohn. Sein Name wird nicht vergessen sein, wenn er
hinwegging; Männer der Tetons, ich nehme diesen Jüngling in meinen
Wigwam.“

Er führte den Pawnee in die Mitte des Kreises, um alle Anwesenden
mit seiner Wahl bekanntzumachen. Niemand wagte eine Entgegnung, auch
Mahtoree schwieg. Da aber erhob Hartherz seine klare, feste Stimme.

„Mein Vater ist sehr alt,“ hub er an, „aber alles hat er doch nicht
gesehen. Er hat aus einem Büffel noch keine Fledermaus werden sehen. Er
wird auch nie sehen, daß aus einem Pawnee ein Sioux wird!“

Ein Ruf der Bewunderung durchflog die Reihen der Sioux bei dieser Rede,
die des berühmten Kriegers mit dem „harten Herzen“ so würdig war. Le
Balafré aber ließ sich nicht so leicht von seinem Vorsatze abbringen.

„Es ist gut,“ versetzte er. „So spricht ein Tapferer, auf daß die
Krieger sein Herz erkennen. Es gab eine Zeit, wo Le Balafrés Stimme am
lautesten bei den Hütten der Konzas gehört wurde. Mein Kind wird die
Feinde der Tetons schlagen und dadurch seinen Mut beweisen. Männer der
Dakotas, dieser ist mein Sohn!“

Der Pawnee zögerte einen Augenblick, dann trat er vor den Veteranen
hin, faßte dessen dürre Hand und legte sich dieselbe voll Ehrfurcht auf
das Haupt. Darauf aber wendete er sich gegen die feindliche Menge, die
ihn umringte; blitzenden Auges, voll Stolz und Hoheit und zugleich voll
schneidendster Verachtung begann er in der Sprache der Sioux:

„Hartherz hat sich von innen und von außen beschaut. Er hat seine
Taten im Kriege und auf der Jagd erwogen. Er ist überall derselbe.
Er kennt keinen Wechsel. Er ist in allen Dingen ein Pawnee. Er hat so
viele Tetons erschlagen, daß er nimmermehr in ihren Wigwams essen darf.
Seine Pfeile würden rückwärts fliegen, seine Lanze trüge die Spitze am
unrechten Ende. Kennen die Tetons einen Loup? Mögen sie ihn betrachten.
Sein Haupt ist bemalt, sein Arm ist Fleisch, aber sein Herz ist Stein.
Wenn die Tetons die Sonne im Abend, hinter den Felsengebirgen, aufgehen
und im Morgen, über dem Lande der Bleichgesichter, untergehen sehen,
dann wird das ‚Harte Herz‛ erweichen und ein Sioux werden. Bis dahin
aber wird er als Pawnee leben und sterben!“

Entzücken, Bewunderung, Blutgier und Rachsucht vereinigten sich
in dem Geschrei, das aus der Menge der Sioux jetzt emporstieg. Der
Pawnee wartete, bis man ihn wieder vernehmen konnte, dann schaute er
freundlich den alten Krieger an, der so gern sein Wohltäter geworden
wäre.

„Möge mein Vater sich auf das Reh der Dakotas lehnen,“ sagte er mit
sanfter Stimme. „Noch ist sie schwach, wenn aber ihr Wigwam sich mit
Kindern füllt, wird sie Kraft gewinnen. Sieh,“ fuhr er fort, auf den
Trapper zeigend, der ein aufmerksamer Beobachter dieses Vorgangs war,
„Hartherz ist nicht ohne ein graues Haupt, das ihm den Pfad zu den
glücklichen Prärien weisen kann. Hat er jemals einen anderen Vater, so
wird dies jener gute und gerechte Krieger sein.“

Enttäuscht wendete Le Balafré sich ab; wankenden Schrittes näherte er
sich dem Trapper, denselben genauer zu beschauen.

[Illustration]

„Das Haupt meines Bruders ist sehr weiß,“ sagte er nach langer
Musterung der dunkeln, verwitterten Züge des alten Wald- und
Prärieläufers; „das Auge Le Balafrés aber gleicht nicht mehr dem des
Adlers. Von welcher Farbe ist die Haut meines Bruders?“

„Der Wakonda schuf mich weiß wie jene dort, die auf den Spruch der
Dakotas warten,“ antwortete Nathaniel Bumppo; „das Wetter aller Art
aber färbte meine Haut mit der Farbe des Fuchsfells.“

„Mein Bruder ist ein Langmesser! Warum ist er zu den Rothäuten
gekommen, sich einen Sohn zu suchen?“

Der Trapper legte einen Finger auf die nackte Brust des alten Kriegers
und blickte angelegentlich in das narbenvolle Gesicht desselben.

„Das geschah, um dem Knaben Gutes zu erweisen,“ antwortete er, „nicht,
um an ihm eine Stütze meines Alters zu haben. Ich machte ihn zu meinem
Sohn, ihm selber zum Troste, damit er jemand zurücklasse, wenn deine
Genossen, die Sioux, ihre blutgierigen Absichten gegen ihn ausgeführt
haben werden ... Ruhig, Hektor, ruhig, Hundchen! Sind das Manieren, zu
winseln, wenn Grauköpfe miteinander reden? Der Hund ist alt, Teton, und
wenn auch gut erzogen, so vergißt er doch zuweilen, wie wir selber ja
auch, das in der Jugend Erlernte.“

Ein jäh ausbrechendes Wutgeschrei der alten Weiber des Stammes ließ ihn
nicht weiterreden. Den Megären hatte das Hinausschieben der so gierig
erwarteten Folterung des Pawnee von Anfang an nicht gefallen, und
als sie den jungen Helden jetzt so stolz und herausfordernd und aller
Fesseln ledig dastehen sahen, da vermochten sie ihre wilde, gehässige
Rachsucht und ihre Blutgier nicht länger zu bezähmen. Sie durchbrachen
den Kreis der Männer und umringten den Pawnee mit erhobenen Fäusten
und einer Sturmflut der beleidigendsten Schimpfreden. Es entstand ein
allgemeines Getümmel, während dessen Le Balafré sich niedergeschlagen
zurückzog, der Trapper sich jedoch in möglichster Nähe seines jungen
Freundes zu halten suchte. Mahtoree, der diesen Moment vorausgesehen
hatte, ermutigte die wilde Schar durch Blick und Gebärde.

[Illustration]

Allen voran drängte sich Weucha; er schwang seinen Tomahawk um das
Haupt des Pawnee, als sollte jeder Schlag dessen Schädel spalten.
Hartherz zuckte jedoch mit keiner Wimper; gleichgültig schaute er jetzt
wieder hinaus in die Ferne, obgleich der blinkende Stahl unaufhörlich
vor seinen Augen glitzerte.

Dem Trapper, der jede Bewegung des Tomahawks beobachtete, wurde dieses
höllische Treiben endlich zuviel.

„Mein Sohn hat seine Klugheit vergessen,“ rief er dem Pawnee zu.
„Dieser Sioux ist töricht und leicht zu vorschneller Tat zu verleiten.
Möge der Pawnee durch höhnische Worte einen leichten Tod erkaufen und
der Folter am Marterpfahl entgehen.“

Weucha hörte diese Rede, und in schäumendem Zorn bedrohte er jetzt auch
den alten Jäger mit seiner Waffe.

„Nur zu,“ sagte dieser ruhig. „Ich bin heute so bereit wie morgen.
Sieh dir den edeln Pawneehäuptling an; wie viele von den heulenden
Sioux hat der in offener Schlacht getötet, während die Pfeile ihn wie
Schneeflocken umschwirrten. Geh'! Kann Weucha den Namen eines einzigen
Feindes nennen, der von seiner Hand fiel?“

„Hartherz!“ schrie der Sioux, in höchster Wut einen furchtbaren
Streich nach dem Haupte des Gefangenen führend. Sein niederfahrender
Arm aber wurde von der Hand des letzteren auf- und festgehalten. Einen
Moment standen beide regungslos, der Sioux wie versteinert über diesen
Widerstand, der Pawnee wie in die Ferne lauschend. Im nächsten Moment
aber hatte Hartherz seinem Gegner die Waffe entrissen, und Weucha
wälzte sich mit bis auf die Zähne gespaltenem Kopfe am Boden. Dann
brach sich der junge Held, hoch das blutige Beil schwingend, Bahn durch
die entsetzt aufkreischende Weiberschar und eilte mit der Schnelligkeit
des Hirsches zum Dorfe hinaus und dem Abhang am Flusse zu.

Ein Geheul der Rache erscholl aus hundert Kehlen, und schon schickten
die Krieger sich zur Verfolgung an, da hielt ein befehlender Ruf
Mahtorees sie zurück. Mit ausgestrecktem Arm deutete der Häuptling nach
dem Flusse.

Hartherz hatte bereits das Gestade erreicht. Jenseits des Stromes aber
brach hinter einem Hügel ein Haufe berittener Pawneekrieger hervor,
die ihren Häuptling, der sich in die Flut geworfen hatte und ihnen
zuschwamm, mit jubelndem Triumphgeschrei begrüßten.



Achtes Kapitel

Der Zweikampf der Häuptlinge


In einer Lage, wie der im vorigen Kapitel geschilderten, blieb dem
Führer der Sioux nicht viel Zeit zu langer Überlegung. Dennoch zeigte
er sich derselben völlig gewachsen.

Während die Krieger sich in Eile bewaffneten, sendete er die Knaben
aus, die unweit des Dorfes weidenden Pferde herbeizuholen. Zugleich
ließ er durch die Weiber die Hütten abbrechen und dieselben den nicht
mehr zum Streit geeigneten Tieren aufpacken. Die kleineren Kinder trieb
man wie eine Herde Vieh zusammen, und trotz des Gelärms und Getöses,
das allenthalben herrschte, wurden diese Anordnungen in kürzester Zeit
ausgeführt, und bald saß die waffenfähige Schar der Sioux kampfbereit
zu Pferde.

Mahtoree blieb nicht lange im Zweifel darüber, daß seine Streitmacht
der der Pawnees an Zahl weit überlegen war; allein er konnte sich auch
nicht verhehlen, daß die Feinde über bessere Rosse und vollkommenere
Bewaffnung verfügten; außerdem war mit Sicherheit anzunehmen, daß jene,
die ausgerückt waren, ihren verloren geglaubten Häuptling zu rächen,
bis auf den letzten Mann aus den erprobtesten und besten Kriegern
bestanden.

Die Pawnees hatten das beste Streitroß aus Hartherz' Besitz
mitgebracht, um dasselbe, wenn nötig, auf dem Grabe des geliebten
Führers zu opfern. Jetzt sollte es bessere Dienste tun. Hartherz
schwang sich hinauf, prüfte mit Freude die Waffen, die gleichfalls
zu seinem Totenopfer bestimmt gewesen waren, und tummelte dann
im Hochgefühl der wiedererlangten Freiheit und des bevorstehenden
Rachekampfes das edle Pferd eine Zeitlang auf und ab vor den Augen
seiner durch diesen Anblick beglückten Getreuen.

Auf der anderen Seite des Flusses führte Mahtoree seine Krieger zum
Gestade hinunter. Vorher hatte er noch der weißen Gefangenen gedacht.
Gern hätte er dieselben ohne weiteres durch den Tomahawk ins Jenseits
befördern lassen, allein im Hinblick auf das nicht ferne Lager
Ismaels und auf die Ehrfurcht, die viele seiner Leute vor dem fremden
Medizinmann hegten, nahm er davon Abstand. Statt dessen winkte er einen
alten Mann herbei, der die Aufsicht über die Nichtkämpfer des Dorfes zu
führen hatte.

„Wenn meine jungen Männer mit den Pawnees fechten,“ raunte er demselben
zu, „dann gib den Weibern Messer. Genug; mein Vater ist sehr alt, er
braucht nicht erst von einem Knaben Weisheit zu lernen.“

Der alte Wilde begegnete dem Blick des Häuptlings mit grimmigem
Einverständnis, und dieser setzte sich befriedigt an die Spitze seiner
Bande.

Bald waren die feindlichen Streitkräfte nur noch durch den Fluß
voneinander geschieden, der zu breit war, als daß die Schießwaffen der
Indianer über ihn hinaus von Wirkung sein konnten.

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der Trapper alle die
geschilderten Vorgänge mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt
hatte. Es war ihm auch nicht entgangen, daß Mahtorees Wigwam unberührt
stehengeblieben war, und daß unweit desselben zwei Pferde von einigen
halberwachsenen Knaben bereitgehalten wurden. Den Zweck dieser Maßregel
zu erraten, fiel ihm nicht schwer. Auch der Befehl, den der Häuptling
dem alten Wilden erteilt hatte, war ihm nicht entgangen, und seine
Erfahrung sagte ihm, daß das Leben des Bienenjägers und des Hauptmanns
in höchster Gefahr schwebte. Während er noch darauf dachte, wie eine
Rettung derselben zu bewerkstelligen sei, vernahm er eine klägliche
Stimme, die ihn anrief.

„Verehrungswürdigster Jäger,“ so bat der arme verunstaltete Doktor
Battius, „habt Erbarmen und durchschneidet die Riemen, die meine
Beine in so schnöder Weise unter dem Bauche meines Asinus fesseln. Ich
werde mich dann leichter aus der Gefahr, die uns allen droht, erretten
können.“

„Ich weiß nicht,“ entgegnete der Trapper, „ob ich Euch schon jetzt
diesen Dienst leisten darf. So wie Ihr da auf Eurem Tiere sitzt, bemalt
wie ein Unhold, seid Ihr vorläufig noch unser aller Schutz, denn jene
alten Hexen fürchten sich ganz unbändig vor dem großen Zauberer, wenn
ich mich noch recht auf Indianerweiber verstehe.“

„Hört, alter Freund,“ schrie jetzt der Bienenjäger, der sich vor
Pein und Ungeduld nicht mehr zu lassen wußte, „mir könnt Ihr aber mit
einem Messerschnitt zu Hilfe kommen; ich habe mich nun wahrlich genug
abgequält, diese Riemen zu zerreißen!“

Middleton äußerte dasselbe Verlangen, der Trapper aber empfahl beiden
Geduld und Vorsicht.

„Jener verräterische Teton hat den Befehl hinterlassen, uns alle
umzubringen, sobald dies ohne Aufsehen und Tumult geschehen kann,“
fügte er hinzu.

„Großer Gott!“ rief der Hauptmann. „Wollt Ihr uns hier wie Schafe
abschlachten lassen?“

„Ruhig, Hauptmann, nur ruhig. Wir kommen mit Schlauheit weiter als
mit Gewalt. Ah, der Pawnee ist wahrlich ein Krieger wie er sein soll!
Schade, daß Ihr nicht sehen könnt, wie er sich vom Flusse zurückzieht,
um die Feinde zu verleiten, ihm zu folgen, trotzdem zwei Sioux auf
einen Loup kommen! Ha -- jetzt -- liegt still!“

Er sprang herzu und durchschnitt gewandt und schnell Paul Hovers Bande.

„Das war eine gute Gelegenheit!“ lachte er leise. „Die Hexen horchen
auf das Geschrei da unten und lassen uns einen Moment aus den Augen.
Aber vorsichtig, Knabe!“

„Dank, alter Trapper,“ murmelte Paul, die geschwollenen Gliedmaßen
reibend und streckend, nachdem er das Messer in Empfang genommen,
das sein Befreier ihm hinreichte. „Ah! Ah!“ stöhnte er, indem er sich
mühsam erhob. „Da stehe ich, soviel ich sehen kann, auf festem Boden,
und doch ist mir's, als wären beide Füße noch mindestens sechs Zoll von
der Erde entfernt! Nun aber, bester Freund, tut mir noch den Gefallen
und haltet uns die verdammten alten Weiber so lange vom Halse, bis ich
meine Arme besser rühren und sie mit Höflichkeit und Anstand empfangen
kann.“

Der Trapper nickte und ging auf den alten Sioux zu, der die Squaws
unter seinem Kommando hatte und eben daran war, Messer unter die
Megären auszuteilen, die diese Waffen unter Absingen eines eintönigen
Rachechors in Empfang nahmen. Als jede ihr Messer hatte, begann die
unheimliche Schar in regelmäßigem Tanzschritt einen Kreis zu bilden,
in dessen Mittelpunkt der alte Sioux stand. Gesang und Tanz steigerten
sich schnell bis zur Raserei; kreischend, geifernd und mit fliegendem
Zottelhaar sprangen die abschreckenden alten Geschöpfe fußhoch
vom Boden empor. Da durchbrach der unerschrockene alte Jäger den
scheußlichen Ring und näherte sich ruhig dem Indianer.

„Warum singen die Mütter der Tetons solche bitteren Worte?“ begann
dieser, während er den Weibern Schweigen winkte. „Noch sind die
Gefangenen der Pawnees nicht im Dorfe der Sioux, noch haben unsere
jungen Männer keine Skalpe erbeutet.“

„Du siehst einen Krieger vor dir,“ antwortete der Trapper, „keinen
Läufer der Langmesser, der beim Anblick des Tomahawks erbleicht. Laß
die Weiber der Sioux nachdenken; wenn ein Bleichgesicht stirbt, treten
hundert an seine Stelle.“

Statt aller Antwort stürzte die älteste der Megären plötzlich mit
hochgeschwungenem Messer aus dem Kreise und der Stelle zu, wo die
beiden Gefangenen waren; die anderen folgten ihr sogleich unter
gräßlichem Geheul.

„Mächtiger Zauberer meines Volkes!“ schrie der alte Jäger in der
Tetonsprache und mit aller Kraft seiner Lungen, „erhebe deine Stimme
und rede, daß die Dakotas dich hören!“

Sei es nun, daß der Anblick der heranstürmenden Furien ihn erschreckte,
sei es, daß ein anderer Grund ihn bewegte, genug, der Esel tat, was der
Trapper von Obed verlangte, und erhob seine kräftige Stimme zu einem so
entsetzlichen und markdurchdringenden Geschrei, daß die erschrockenen
Weiber auseinanderstoben wie Aasgeier, die man von ihrer Beute verjagt.

Paul hatte sich zur Gegenwehr bereitet, und der Hauptmann, durch
ersteren von seinen Fesseln befreit, war gleichfalls aufgesprungen.
Hastig gesellte sich jetzt der Trapper zu ihnen.

„Jetzt gilt's!“ rief dieser. „Jetzt müssen wir um unser Leben kämpfen!
Jetzt --“

Eine mächtige Hand, die sich schwer auf seine Schulter legte, ließ
ihn verstummen. Er wendete sich und blickte in das finstere Auge des
Squatters Ismael Busch, und zugleich sah er dessen reisige Söhne hinter
Mahtorees Wigwam hervorkommen.

Auf lange Erklärungen ließ niemand sich ein. Middleton und Paul
wurden aufs neue gefesselt, und auch der alte Trapper entging dieser
unwürdigen Behandlung nicht. Der Wigwam wurde abgebrochen, Ellen und
Inez mußten Pferde besteigen, und dann ging es in Eile der Wagenburg
der Emigranten zu, während der alte Sioux mit seinen Megären aus
Leibeskräften zum Flusse hinab floh.

Die Stätte, wo vor kurzem noch ein lebhaftes Dorf gestanden, war jetzt
wieder so öde wie jeder andere Ort der endlosen Ebene.

* * * * *

Den Fluß noch immer zwischen sich, standen die feindlichen Streitkräfte
einander tatenlos gegenüber, da keine den Lockungen der anderen, das
Wasser zu kreuzen, folgen mochte.

Da beschloß der kühne Hartherz, die Entscheidung durch eine jener Taten
persönlichen Mutes herbeizuführen, die so vielen indianischen Helden
zu höchstem Ruhme gereicht haben. Eine kurze Strecke flußaufwärts
dehnte sich der Wasserlauf zu doppelter Breite und umschloß eine flache
Sandinsel, die mitten im Strome lag. Nach kurzer Beratung mit seinen
Getreuen sprengte Hartherz am Ufer hin bis an jene Stelle; hier trieb
er sein Pferd in die Flut und landete bald darauf auf der sandigen
Insel, wo er mit vollendeter Meisterschaft das Roß zu tummeln und
herausfordernd die Waffen zu schwingen begann.

Die Tetons stießen bei diesem Anblick ein Wutgeheul aus und entsendeten
einen Hagel von Pfeilen gegen die Insel. Auch stürzte sich eine Anzahl
Krieger in den Fluß, um den kecken Feind zu strafen. Ein Befehl
Mahtorees brachte diese Voreiligen jedoch zurück und wies auch die
Pfeilschützen zur Ruhe. Der verschmitzte Häuptling hatte schnell einen
ganz anderen Plan entworfen.

Wie die Schar der Pawneekrieger sich vom Ufer zurückhielt, so hieß
er auch die Seinen sich eine Strecke entfernen. Dann ritt er in den
Fluß hinein, hielt jedoch einige Pferdelängen vom Ufer still und erhob
beide Hände als Zeichen des Friedens, auch warf er von hier aus seine
Kugelbüchse an das Land zurück. Darauf trieb er sein Pferd noch eine
Strecke weiter vorwärts, um dann, in Erwartung des Benehmens seines
Gegners, wiederum stillzuhalten.

Der Teton hatte die edle, offene Natur des jungen Pawneehäuptlings
sehr richtig beurteilt. Als dieser den großen Dakota gegen sich
herankommen sah, da hatte er kampfesfreudig den Kriegsruf seines
Volkes erschallen lassen; als Mahtoree aber seine Büchse fortwarf und
einen Waffenstillstand verlangte, da mochte er hinter dem Sioux nicht
zurückbleiben und warf gleichfalls seine Büchse weit von sich.

Die Bewaffnung der Häuptlinge war jetzt dieselbe. Jeder führte Speer,
Bogen und Pfeile, Streitaxt, Messer und Schild. Mahtoree zögerte nun
nicht länger, und bald hatte auch sein Streitroß auf der Insel festen
Fuß gefaßt.

Der Pawnee hatte sich auf die andere Seite des kleinen Eilandes
zurückgezogen, ruhig und würdevoll den Beginn der Verhandlungen dem
älteren Krieger überlassend. Dieser ritt bis in die Mitte des Platzes
und lud dann mit höflicher Handbewegung den anderen ein, heranzukommen.
Hartherz folgte dieser Aufforderung; in angemessener Entfernung hielt
er still, den festen Blick unbeweglich auf das funkelnde Auge des
Dakota gerichtet. Es entstand eine lange Pause. Zum erstenmal fanden
sich diese beiden Tapferen, die Waffen in der Hand, einander gegenüber;
jeder wußte die kriegerischen Eigenschaften des anderen wohl zu
schätzen.

Endlich, wie um das Vertrauen des Gegners völlig zu gewinnen, warf
Mahtoree den Schild über die Schulter und machte eine Gebärde der
Begrüßung.

„Laß die Pawnees auf die Hügel steigen,“ so begann er. „Sie werden
dann sehen, daß die Prärie vom Aufgang bis zum Niedergang sehr groß
ist. Warum können die roten Männer mit ihren Dörfern nicht Raum darauf
finden?“

„Ist je ein Krieger der Loups zu den Tetons gekommen, um Raum für
seinen Wigwam zu erbitten?“ entgegnete der junge Pawnee stolz und
verächtlich. „Wenn meine jungen Männer jagen wollen, lassen sie dann
erst Mahtoree fragen, ob Sioux auf der Prärie sind?“

„Wenn der Hunger in die Hütte eines Kriegers einkehrt, dann schaut er
nach dem Büffel aus, der ihm zur Nahrung gegeben ist,“ versetzte der
Teton, mühsam seinen inneren Grimm bekämpfend. „Der Wakonda schuf mehr
Büffel als Indianer. Er sagte nicht, dieser Büffel gehört einem Pawnee,
der einem Dakota, dieser Biber einem Konza, jener einem Omahow. Nein,
er sagte, ihrer sind für alle genug. Ich liebe meine roten Kinder und
habe ihnen große Reichtümer gegeben. Das schnellste Pferd braucht viele
Tage von den Dörfern der Loups zu denen der Tetons. Die Erde hat Raum
für alle, die ich liebe. Warum aber sollen die roten Männer ihre Brüder
bekriegen?“

Hartherz, der ebenfalls den Schild zurückgeworfen hatte, setzte
seine Lanze auf den Boden und stützte sich leicht auf das obere Ende
derselben.

„Sind die Tetons der Jagd und des Kriegspfades müde?“ fragte er mit
spöttischem Lächeln. „Wollen sie das Wildbret nur essen, nicht auch
töten? Wollen sie ihr Haar wachsen lassen, damit der Feind keine
Skalplocke mehr findet? Geh'! Ein Pawnee wird sich unter solchen
Sioux-Squaws niemals ein Weib suchen!“

Wut und grimmigster Haß leuchteten wie lohende Blitze bei dieser
Beleidigung aus Mahtorees Augen, allein noch einmal bezwang sich der
tückische Häuptling.

„Der große Krieger der Pawnees ist noch jung,“ versetzte er. „Mahtoree
hat mehr Winter gesehen als sein Bruder. Wenn die roten Männer einander
töten, wer soll später Herr der Prärie sein? Höre die Worte der greisen
Krieger. Sie erzählen, wie vor langer Zeit viele Indianer aus den
Wäldern unter der aufgehenden Sonne in die Prärie gekommen sind, weil
die Langmesser sie aus ihren Jagdgründen vertrieben hatten. Wo ein
Bleichgesicht sich zeigt, da muß der rote Mann weichen. Das Land ist zu
eng. Die Langmesser sind ewig hungrig. Sieh, dort sind sie schon.“

Er deutete auf die Zelte Ismaels, die auf der jenseitigen Höhe sichtbar
waren.

Hartherz sann eine Weile nach.

„Was denken die weisen Häuptlinge der Sioux zu beschließen?“ fragte er
dann.

„Sie meinen, daß man die Bleichgesichter verfolgen müsse, wie das Wild.
Die Langmesser, die auf die Prärie kommen, dürfen nicht mehr zurück.
Dort drüben sind ihrer viele. Sie haben Pferde und Büchsen. Sie sind
reich, wir sind arm. Laß die Pawnees mit den Tetons am Beratungsfeuer
sitzen, und wenn die Sonne hinter den Felsengebirgen verschwunden ist,
dann werden wir sagen: dies für einen Loup, das für einen Teton.“

„Teton -- nein! Hartherz hat nie die Waffe gegen die Fremden erhoben.
Sie kommen in seinen Wigwam und essen und gehen ungefährdet von dannen.
Der mächtige Pawneehäuptling ist ihr Freund. Nein, Teton, er wird
seinen Arm niemals gegen die Fremden erheben.“

„So stirb denn mit leeren Händen, du Narr!“ rief Mahtoree, blitzschnell
einen Pfeil auf seinen Bogen legend und gegen die unbeschützte Brust
seines arglosen Gegners abdrückend.

Es wäre um Hartherz geschehen gewesen, wenn dieser nicht mit
bewunderungswürdiger Geistesgegenwart die Gefahr noch rechtzeitig
erkannt und sein Roß emporgerissen hätte, so daß es sich hoch aufbäumte
und ihm zum Schilde diente. Der Pfeil des Sioux durchbohrte des Tieres
Hals, ohne es jedoch zu Falle zu bringen.

Mit Gedankenschnelle hatte der Pawnee den Schuß erwidert; sein Pfeil
haftete in des Tetons Schild. Während einiger Momente klangen die
Bogensehnen, flogen die Geschosse unaufhörlich herüber und hinüber.
Bald waren die Köcher geleert; es hatte auch Verwundungen gegeben,
jedoch nicht genügend, die Kämpfer zu schwächen oder abzukühlen.

Jetzt begann eine Reihe meisterhafter Reitermanöver. Schnell und
geschickt wie Schwalbenflug war das Ansprengen, das Ausweichen, das
gegenseitige Umkreisen. Lanzenstöße wurden ausgetauscht, der Sand flog
unter dem Hufgestampf in Wolken auf, aber noch immer behielten beide
Fechter ihren Sitz.

Endlich aber mußte der Teton, um einem furchtbaren Stoße des Gegners zu
entgehen, sich vom Pferde werfen. Hartherz stieß dem Tiere die Lanze
in den Leib, im Vorbeijagen einen Triumphruf hören lassend. Jedoch
auch sein Roß hatte seine letzten Schritte getan; vom Blutverlust
völlig entkräftet, taumelte es in den Sand, seinen Herrn mit sich
niederreißend. Jetzt stürzte Mahtoree rachedurstig herzu, Messer und
Tomahawk in den Händen. Hartherz' Lage war verzweifelt, da es ihm trotz
seiner außerordentlichen Behendigkeit nicht gelang, sich rechtzeitig
unter dem Pferde hervorzuarbeiten. Aber auch jetzt noch wußte er sich
zu helfen. Er erwischte sein Messer, faßte die Klinge mit Daumen und
Zeigefinger und warf es so ruhig und sicher, als gälte es nur, seine
Geschicklichkeit zu zeigen, gegen den Feind. Die Waffe überschlug sich
einigemal wirbelnd in der Luft und fuhr dann bis an das Hirschhornheft
dem Dakota in die nackte Brust.

Mahtoree blieb stehen und faßte nach dem Heft, unschlüssig, ob er die
Klinge aus der Wunde reißen sollte oder nicht. Es mochte ihm jedoch
einfallen, daß er keine Zeit mehr zu verlieren habe, und wankenden
Schrittes eilte er zum Rande des Wassers.

„Knabe der Loups!“ rief er, neben dem Ausdruck des alten, wilden Hasses
ein Lächeln der Befriedigung auf den dunkeln Zügen. „Der Skalp des
mächtigen Dakota soll nimmer im Rauche eines Pawneewigwams trocknen!“

Er riß das Messer aus seiner Brust und schleuderte es verachtungsvoll
dem Feinde zu. Dann schwenkte er den Arm mit höhnischer Gebärde und
stürzte sich kopfüber in den Strom, der ihn verschlang und fortriß.

Hartherz hatte sich inzwischen frei gemacht. Er nahm sein Messer
auf, eilte den Strand entlang, und als er auf der Oberfläche der
vorüberwirbelnden Flut einen dunkeln Blutfleck erspähte, da sprang
er hinein, fest entschlossen, seine Trophäe zu erobern oder im Wasser
unterzugehen.

Als Hartherz mit seinem Pferde gestürzt war, da hatte es seine Getreuen
am jenseitigen Ufer nicht mehr gehalten. In hellen Haufen waren sie
in den Fluß geritten, der Insel zu. Bei diesem Anblick blieben auch
die Sioux nicht zurück, und nun trafen die beiden feindlichen Scharen
auf der Insel zusammen. Ein furchtbarer Kampf begann, der lange hin
und her wogte, bis die Sioux endlich von den Pawnees durch den Fluß
zurückgetrieben wurden. Hier eilten jedoch die unberittenen Sioux
ihren Genossen zu Hilfe, so daß die Pawnees in harte Bedrängnis
gerieten. Schon begannen sie dem Wasser zu zu weichen, da erscholl
der wohlbekannte Kriegsruf ihres Häuptlings, und Hartherz erschien auf
dem Plan, den Skalp Mahtorees als Siegesbanner schwingend. Mit neuem
Mute drangen die Pawnees nun gegen die Übermacht vor, und wütender
als je entbrannte der Kampf. Trotz der großen Tapferkeit der Loups
aber wäre das Gefecht für sie vielleicht verhängnisvoll geworden, wenn
nicht plötzlich eine Gewehrsalve in den dicksten Haufen der Feinde
hineingeschmettert und dort Verwirrung und Schrecken verbreitet hätte.
Im nächsten Augenblick brach Ismael Busch mit seinen gigantischen
Söhnen aus einem nahen Dickicht hervor, und als der ersten Salve noch
ein zweite folgte, da war das Geschick des Tages entschieden. In wilder
Flucht jagten die Sioux davon, verfolgt von den racheglühenden Loups.
Erst der Anbruch der Nacht machte der erbarmungslosen Jagd und der
grausen Tätigkeit der Lanze und des Messers ein Ende.



Neuntes Kapitel

Das Gericht


Die Sonne des nächsten Morgens beschien im Lager der Emigranten eine
eigentümliche Szene. Ismael Busch hatte seine Gefangenen auf den
freien Platz in der Mitte der Wagenburg führen lassen und schritt
nun vor denselben finster und nachdenklich auf und ab. Es war etwas
Außergewöhnliches, etwas Unheimliches im Werke, das merkten auch die
Kinder, die scheu und erwartungsvoll zwischen den Rädern der Wagen
kauerten; selbst die sonst so unermüdlich tätige Esther hatte ihre
Wirtschaftsarbeiten liegen lassen, um bei dem, was vorgehen sollte,
nicht zu fehlen.

Von den Pawnees war Hartherz allein zugegen; er stand auf seine Lanze
gelehnt, und unweit von ihm graste sein Pferd, dessen erhitzter Zustand
Zeugnis ablegte von dem langen und anstrengenden Ritt, den sein Herr
unternommen, um bei dem sich hier entwickelnden Ereignisse gegenwärtig
sein zu können.

Ismael war endlich mit sich einig geworden. Er blieb stehen und sah die
Gefangenen -- den Trapper, den Hauptmann Middleton, den Bienenjäger und
Obed Bat -- der Reihe nach an. Dann räusperte er sich und begann mit
dröhnender Stimme:

„Was ich jetzt verrichten muß, ist in den Ansiedlungen Sache der
Richter, die verordnet sind, zu entscheiden zwischen Mann und Mann. Von
den Gebräuchen der Gerichtshöfe kenne ich wenig, aber ich weiß einen
Spruch, der da heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, Tod
um Tod. Das ist ein guter Spruch, nach ihm werde ich heute richten und
jedem zuerteilen, was ihm gebührt.“

Wieder schweifte sein Auge über die vor ihm Stehenden; als es dem Blick
des Hauptmanns begegnete, nahm dieser das Wort:

„Wenn der Übeltäter bestraft, und der, welcher nichts verbrach,
freigelassen werden soll, dann dürftet Ihr nicht Richter sein, sondern
müßtet an meiner Statt hier stehen.“

„Ihr wollt damit sagen, daß ich Euch Unrecht tat, weil ich jene Lady
aus ihres Vaters Hause in diese Wildnis entführen half,“ versetzte der
Squatter. „Ich will die Tat nicht leugnen und das Unrecht durch eine
Lüge nicht noch größer machen. Ich habe über die Sache nachgedacht
und beschlossen, die Lady sicher und unangefochten ihrem Vater
wiederzugeben. Auch Ihr, Hauptmann, seid frei, obgleich Ihr gewaltsam
in mein Lager gedrungen seid; das sei Euch verziehen, weil Ihr Euer
Weib zu befreien suchtet und dazu jeder Mann verpflichtet ist. Nimm dem
Offizier die Fesseln ab, Sohn Abner. Wenn Ihr so lange bei uns bleiben
wollt, Hauptmann, bis wir wieder in die Nähe der Ansiedlungen kommen,
so soll mir das lieb und recht sein und Euch auch ein Wagen gegeben
werden; wenn nicht, so geht nicht hin und sagt, man sei Euch hier nicht
freundlich entgegengekommen.“

Middleton dankte dem Squatter mit warmen Worten und umarmte seine
Gattin, die sich mit Tränen an seine Brust geworfen hatte. Ismael aber
wendete sich jetzt dem Naturforscher zu.

„Jetzt soll die Rechnung zwischen uns beglichen werden, Doktor,“ sagte
er. „Ich habe mit Euch einen ehrlichen Vertrag abgeschlossen; wie habt
Ihr den gehalten?“

Dem kleinen Manne, der sich die Kriegsmalerei abgewaschen und den
Filzhut auf den geschorenen Kopf gesetzt hatte, wurde bei dieser
Frage nicht ganz wohl zumute. Er stammelte etwas von Verjährung und
abgelaufener Kontraktsfrist, kam aber nicht weit, da Frau Esther ihm
ins Wort fiel.

„Ismael,“ rief sie ihrem Manne zu, „laß den Giftmischer laufen und sei
froh, daß du ihn los bist. Der unheimliche Kerl kann uns etwas antun,
ohne daß wir uns dagegen wehren können. Laß ihn laufen, Mann, laß ihn
laufen!“

Ismael nickte und trat vor den Bienenjäger hin.

„Mit Euch, junger Mann, ist die Abrechnung nicht so leicht,“ redete
er diesen an. „Ihr habt Euch ehemals oft genug heimlich auf meine Farm
und später auch in mein Lager geschlichen, um uns ein Mädchen abwendig
zu machen, die eine Verwandte meiner Frau ist und die einmal meine
Schwiegertochter werden sollte.“

„Ich will Euch was sagen, Freund Ismael Busch,“ entgegnete Paul ganz
munter, „verschiedene Leute haben über das Heiraten auch verschiedene
Ansichten. Ellen zum Beispiel denkt über ihren zukünftigen Mann sicher
ganz anders als Ihr --“

„Ellen,“ unterbrach ihn der Squatter, zu seiner Nichte gewendet, „ein
ganzes Jahr lang hast du mit uns im Lager gewohnt wie eine meiner
Töchter; ich hatte gehofft, daß du für immer bei uns bleiben würdest.“

„Laß ihr ihren Willen, Vater,“ raunte Esther ihm zu. „Er, der sie
vielleicht zum Bleiben bewogen hätte, schläft im kühlen Grunde.“

„Ellen mag selber entscheiden,“ versetzte der Squatter.

Das junge Mädchen trocknete die Augen. „Ihr habt mich aufgenommen, als
sonst niemand von der vaterlosen Waise etwas wissen wollte, und dafür
erflehe ich für Euch des Himmels reichsten Segen,“ sagte sie innig.
„Ich kann Eure Güte niemals vergelten. Das wilde Leben der Grenzer wird
mir nie zusagen; dennoch hätte ich freiwillig bei Euch ausgehalten,
wenn Ihr diese arme Lady ihren Angehörigen nicht geraubt hättet. Seit
der Zeit --“

„Das war eine schlechte Tat, die nun gesühnt werden soll und die
ich bereue,“ erwiderte der Emigrant. „Nun sage mir aber, willst du
hierbleiben oder nicht?“

„Ich habe der Lady Inez versprochen, sie zu begleiten; nach allem, was
sie erleiden mußte, hat sie wohl das Recht, zu verlangen, daß ich ihr
mein Wort halte,“ antwortete Ellen mit niedergeschlagenen Augen.

„Nehmt dem jungen Mann die Fesseln ab,“ befahl Ismael. Dann rief er
alle seine Söhne heran. „Da, Ellen,“ sagte er, auf die jungen Riesen
deutend, „wähle; mehr habe ich dir nicht anzubieten.“

Ellens Blick glitt scheu über die Gesichter ihrer Vettern, auf dem
Antlitz des ganz verdutzt dreinschauenden Paul aber blieb er haften. Im
nächsten Moment lag sie an des Bienenjägers Brust.

„Na, meinetwegen,“ brummte der Squatter, seine Söhne zur Seite winkend.
„Nimm ihn in Gottes Namen und meinen Segen dazu. Ihr aber, junger
Mann, sorgt dafür, daß ich keine Klage von ihr über Euch höre ... Ich
hoffe nun, alles zur Zufriedenheit eines jeden erledigt zu haben. Nur
noch eine Frage habe ich an den Hauptmann. Wollt Ihr mit mir nach den
Ansiedlungen ziehen oder nicht?“

„Ich höre, daß meine Soldaten bei den Pawneedörfern nach mir suchen,“
antwortete der Offizier. „Ich beabsichtige daher, diesen Häuptling
dorthin zu begleiten.“

„Gut; macht Euch auf den Weg, und je eher je besser. Da unten im Grunde
sind Pferde in Menge; wählt Euren Bedarf aus.“

„Ich kann mich nicht eher von hier entfernen, bis jener alte Mann,
der fast ein halbes Jahrhundert hindurch der Freund meines Hauses war,
ebenfalls in Freiheit gesetzt ist,“ antwortete Middleton. „Was hat er
verbrochen, daß Ihr ihn so in Banden haltet?“

„Mit dem Alten habe ich mich in einer Angelegenheit abzufinden, in die
sich ein Offizier der Staaten am besten nicht einmischt,“ entgegnete
der Squatter finster und abweisend. „Macht, daß Ihr fortkommt, solange
der Weg Euch noch offen ist.“

„Der Mann gibt Euch ehrlichen Rat,“ nahm jetzt der Trapper das Wort.
„Die Sioux sind zahlreich und blutgierig, und niemand kann wissen, wie
bald sie wieder ausschwärmen, um Rache zu nehmen. Darum rate auch ich
Euch, geht so bald als möglich, ehe die Gefahren der Prärie Euch in Not
bringen.“

„Ich handelte nicht nur undankbar, sondern auch gegen Pflicht und
Gesetz, wenn ich den Trapper in Euren Händen ließe, selbst wenn er
selber damit einverstanden wäre,“ sagte Middleton zu Ismael. „Nennt mir
sein Verbrechen.“

„Genügt Euch nicht, wenn ich sage, daß er reichlich verdient hat, was
ihm zugedacht ist?“

„Ich kann ihm nichts Böses zutrauen.“

„Nun, so seht her!“ rief der Squatter, dem Hauptmann die Kugel
hinhaltend, die man am Leibe des toten Asa gefunden hatte. „Mit diesem
Stückchen Blei hat er meinen ältesten Sohn hinterrücks niedergestreckt
und ermordet!“

„Das glaube ich nimmermehr!“ versetzte der Hauptmann in heftigem
Unwillen. „Es sei denn, daß er in der Notwehr handelte. Er wußte um den
Tod Eures Sohnes, wie ich bezeugen muß; daß er an dem jungen Manne aber
ein Verbrechen begangen, das kann ich nur glauben, wenn er selber sich
dazu bekennt.“

„Ich habe lange gelebt,“ begann der Trapper, als keiner der anderen
mehr redete, „und viel Böses mußte ich mit ansehen. Aber ich denke,
es ist keine Prahlerei, wenn ich sage, daß, obgleich meine Hand oft
gezwungen war, gegen Bosheit und Unterdrückung zu kämpfen, sie doch
nie einen Streich geführt hat, dessen ich mich dereinst vor dem ewigen
Richter, der doch weit mächtiger ist als dieser hier, zu schämen
hätte.“

„Wenn mein Vater einem seines Stammes das Leben genommen hat,“ nahm der
junge Pawnee das Wort, dessen schneller Blick bald erkannt hatte, um
was es sich handelte, „dann möge er sich wie ein Krieger dem Freunde
des Gefallenen ausliefern. Er ist zu gerecht, um gebunden zur Sühne
geführt zu werden.“

„Mein Sohn denkt ehrenvoll von mir, ich danke ihm,“ antwortete der
alte Jäger in der Sprache des Indianers. „Hätte ich die schändliche
Tat begangen, deren man mich beschuldigt, so wäre ich Mannes genug
gewesen, selber mein Haupt der Strafe darzubieten, wie auch alle
guten und ehrenhaften roten Krieger tun.“ Dann fuhr er gegen die
übrigen Anwesenden in englischer Sprache fort: „Ich habe nur wenig
zu berichten. Wir lagen im Hinterhalt und belauerten Euch, Freund
Squatter, weil wir in Erfahrung gebracht hatten, daß Ihr dieses jungen
Offiziers Ehefrau als Gefangene mit Euch führtet. Ich, als der im
Kundschaften Geübteste, lag am weitesten draußen in der Prärie und
beobachtete alle Bewegungen Eurer Schar bei der Jagd. Und keiner von
euch allen hatte eine Ahnung davon. Haha, Squatter, als ich noch jung
war, da habe ich den schlafenden Feinden in die Zelte geguckt, ja, und
--“

„Schweift nicht ab, alter Freund,“ unterbrach der Hauptmann ihn
ungeduldig.

„Gut, gut. Ich lag im hohen Grase; da begegneten sich zwei der Jäger
abseits von den übrigen. Sie zeigten einander wenig Freundlichkeit,
ich meinte aber, sie würden in Frieden auseinandergehen; da schoß
der ältere den jungen ganz unerwartet meuchlings in den Rücken. Eine
grausam schändliche, verräterische Tat! Und der arme Junge, was für
ein ganzer Mann war das! Obgleich das Pulver seinen Rock versengte,
so hielt er doch dem Stoß stand, und es dauerte wohl eine Minute,
ehe er niedersank, aber nur auf die Knie. Und mit welcher gewaltigen
Anstrengung er sich in das Dickicht schleppte, wie ein verwundeter Bär
-- es war ein Anblick zum Erbarmen!“

„Aber warum, im Namen der himmlischen Gerechtigkeit, habt Ihr uns kein
Wort davon gesagt?“ rief Middleton in höchstem Erstaunen.

„Meint Ihr, Hauptmann, ein Mann, der über sechzig Jahre in der Wildnis
lebte, habe den Wert der Verschwiegenheit nicht kennengelernt? Welcher
rote Krieger läuft und erzählt, was er gesehen, ehe die rechte Zeit
gekommen ist? Ich führte den Doktor an die Stätte, ob er vielleicht
noch helfen könne, und auch der Bienenjäger wußte, daß der Leichnam in
jenem Dickicht lag.“

„Und wer war der Mörder?“ forschte Middleton gebieterisch.

„Der steht dort. Eine Schmach und Schande für unsere Farbe ist es, daß
er ein Fleisch und Blut ist mit der Familie des Toten.“

„Er lügt!“ schrie Abiram, denn auf ihn hatte der Trapper gewiesen. „Er
lügt! Ermordet habe ich ihn nicht! Ich wehrte mich nur meines Lebens!“

„Es ist genug,“ sagte Ismael mit tiefer, ganz veränderter Stimme. „Laßt
den alten Mann frei, ihr Knaben; bringt den Bruder eurer Mutter an
seine Stelle.“

„Rührt mich nicht an!“ kreischte Abiram. „Gottes Fluch soll jeden
treffen, der mir nahekommt!“

Abner, jetzt der älteste der Söhne, ließ sich dadurch nicht abhalten;
als er jedoch die starken Hände nach dem Verbrecher ausstreckte, da
wandte sich dieser zur Flucht, fiel aber nach wenigen Schritten wie tot
zur Erde. Ismael befahl durch eine Gebärde, ihn in eins der Zelte zu
schaffen.

„Jetzt bleibt nur noch übrig,“ sagte er darauf zu denen, die nicht zu
seinem Lager gehörten, „daß jeder seine Straße zieht. Ich wünsche allen
das Beste; dir Ellen, sage ich: Gott segne dich!“

Schweigend und ergriffen ging der Hauptmann an seine Vorbereitungen,
die bald getan waren. Schweigend verabschiedete man sich von dem
Squatter und dessen Angehörigen, die dem von dem Pawneehäuptling
geführten Zuge, der sich still über die Prärie entfernte, noch lange
nachschauten.

       *       *       *       *       *

Etwa zwei Stunden später befand sich auch die Karawane der Emigranten
wieder auf der Fahrt, diesmal aber in der Richtung von Westen nach
Osten.

Der kleine Planwagen, der vor kurzem noch Inez beherbergt hatte,
wurde jetzt von Abiram eingenommen, der aus seiner todesähnlichen
Ohnmacht wieder erwacht war und nun mit Zähneklappen seinem Geschick
entgegensah.

Langsam und träge bewegte sich die Karawane über die dürre Prärie.
Finster und schweigend schritt Ismael als Führer voran, finster und
schweigend schritten auch seine Söhne neben den Wagen und dem Vieh
dahin. Gramvoll und in sich versunken saß Mutter Esther in dem Wagen
bei ihren Töchtern. Die Erwartung des Bevorstehenden lag wie eine
dumpfe, schwere Wolke über allen.

[Illustration]

Der lange Tag verstrich, und der Zeitpunkt kam, wo für Mensch und Tier
Rast und Erholung nötig wurden. Ismael wählte als Ruheort eine mit
saftigem Grase bestandene Niederung, von einer Quelle bewässert, die
am Fuße eines etwa vierzig Fuß hohen Felskegels aus dem Boden sprang.
Ein einsamer Weidenbaum von gewaltiger Größe stand unweit des Felsens,
dessen Gipfel seine Zweige einst beschattet hatten; jetzt spendete der
alte Baum keinen Schatten mehr; nur noch wenige knorrige, phantastisch
gestaltete Äste reckten sich hier und da empor, dürr und tot; und
morsch, abgestorben und von der Witterung gebleicht war auch der Stamm,
ein ödes Denkmal der Vergänglichkeit.

Die Zugtiere wurden ausgespannt, und Esther bereitete das Mahl, von
welchem auch Abiram seinen Teil erhielt. Der Elende, dem bisher niemand
mit Wort oder Blick zu nahe getreten war, begann wieder Hoffnung zu
hegen; er rechnete darauf, daß man, um nicht noch mehr Schande über die
Familie zu bringen, die ganze Sache im Sande verlaufen lassen würde.

Nach dem Mahle hatte Ismael abseits vom Lager mit seinem Weibe
eine lange und ernste Unterredung. Die Frau trocknete dabei häufig
die verweinten Augen, und beide schauten ab und zu in eine kleine,
vergilbte Bibel, die aufgeschlagen auf ihrem Schoße lag.

„Und dennoch, Ismael,“ schluchzte die arme Frau, nachdem sie lange Rede
und Gegenrede mit ihrem Manne gewechselt hatte, „und dennoch -- er hat
mein Blut und das Blut unserer Kinder in seinen Adern! Kannst du nicht
Gnade walten lassen?“

„Weib,“ entgegnete der Squatter finster, „als wir noch meinten, daß der
alte Trapper unsern Sohn erschlagen habe, da war von Gnade keine Rede.“

Esther ließ den Kopf auf die Brust sinken. Sie wußte nun, daß das
Geschick ihres Bruders besiegelt war. Noch einmal begegneten sich
beider Augen, dann standen sie auf und gingen zum Lager zurück, wo die
Söhne sie in anscheinend träger Gleichgültigkeit erwarteten.

„Abner,“ sagte der Vater, „hole den Bruder deiner Mutter aus dem Wagen
und laß ihn hier auf der Erde stehen.“

Scheu und zitternd, aber nicht ohne eine gewisse freche
Zuversichtlichkeit kroch Abiram vom Wagen herab.

„Bruder,“ wendete er sich sogleich mit aufdringlicher Geschwätzigkeit
an den Squatter, „das Vieh ist müde, wir haben einen tüchtigen Marsch
hinter uns und werden nicht leicht wieder einen so guten Lagerplatz
finden; wollen wir nicht gleich für die Nacht hier kampieren?“

„Es ist gut, daß der Ort dir gefällt,“ entgegnete der andere dumpf. „Du
wirst ihn nicht wieder verlassen. Tretet heran, meine Söhne, und höret!
Abiram White,“ fuhr er langsam und feierlich fort, indem er dabei
seine Kappe lüftete, „du hast meinen Erstgeborenen erschlagen; nach
den Gesetzen Gottes und der Menschen spreche ich dein Urteil: du mußt
sterben!“

Ein fürchterlicher Schreck durchzuckte den Mörder.

„Sterben?“ kreischte er. „Soll man nicht einmal unter seinen nächsten
Verwandten seines Lebens sicher sein?“

„So dachte auch mein Sohn Asa,“ versetzte der Squatter, indem er
zugleich durch eine Gebärde den Wagen, der seiner Frau und den
Mädchen zum Aufenthalt diente, weiterfahren hieß. Darauf untersuchte
er bedächtig das Pulver auf der Pfanne seiner Büchse. „Mit dem
Schießgewehr hast du meinen Sohn ermordet, es ziemt sich daher, daß du
mit derselben Waffe gerichtet wirst.“

Wild, halb blödsinnig vor Entsetzen, starrte Abiram um sich. Keine
Miene auf den Gesichtern der jungen Männer verriet deren innere
Empfindungen; auf den Zügen seines Schwagers gewahrte er nur kalte,
furchtbare Entschlossenheit.

„Bruder,“ stieß er heiser hervor, „habe ich recht gehört?“

„Meine Worte waren verständlich, Abiram White. Du hast einen Mord
begangen und dafür mußt du sterben.“

„Wo ist Esther?“ schrie jetzt der Elende. „Schwester! Schwester! Wo
bist du? O Schwester, komm mir zu Hilfe!“

„Ich höre eine Stimme aus dem Grabe!“ entgegnete Esther tonlos, während
der Wagen an der Gruppe der Männer vorbeifuhr. „Es ist meines Sohnes
Stimme, die Gerechtigkeit fordert. Gott sei deiner Seele gnädig!“

Verzweifelnd sank Abiram auf die Knie; wahnwitzig vor Angst winselte er
um Aufschub, erst um eine Woche, dann um einen Tag, endlich nur um eine
Stunde. Der Vorsatz des Squatters wurde endlich wankend.

„Abner,“ gebot er, „steige auf den Felsen und schau dich um, ob
Menschen in der Nähe sind.“

Während der junge Mann diesen Befehl ausführte, kam eins der Mädchen
herbeigelaufen und brachte einen Teil des heiligen Buches, das Esther
so sorgsam aufbewahrt hatte. Der Squatter schickte das Kind zurück und
legte die Blätter in die Hände des Verurteilten.

„Das sendet deine Schwester,“ sagte er, „damit du in deinen letzten
Augenblicken dich deines Herrgottes erinnern mögest.“

„Segen über sie!“ rief Abiram schluchzend. „Sie war mir immer eine
gute, treue Schwester! Aber zum Lesen brauche ich Zeit, Bruder, Zeit!“

„Zeit soll dir werden. Du wirst dein eigener Henker sein.“

Abner berichtete, daß die Prärie menschenleer sei, und nunmehr schritt
man zur Ausführung des neuen Planes des Squatters.

Unter einem der Äste des Baumes ragte hoch über der Erde eine
Steinstufe aus der Felsenwand. Auf diese Stufe stellte man den
Delinquenten, dem man die Arme an den Ellenbogen hinter dem Rücken
gefesselt hatte. Vom Aste herab legte sich eine Schlinge um seinen
Hals, und zwar so, daß er, wenn er hing, die Stufe mit den Füßen nicht
mehr erreichen konnte. Das Fragment der Bibel hatte man ihm in die
Hände gegeben.

„Abiram White,“ sagte Ismael, als seine Söhne nach Beendigung aller
dieser Vorbereitungen wieder von dem Felsen herabgestiegen waren, „noch
eine letzte Frage richte ich an dich. Noch kannst du wählen zwischen
einer Kugel aus dieser Büchse, die dich schnell allen Elends enthebt,
und jenem Strick, der dich früher oder später zum Tode bringt.“

„Laß mich noch leben, Ismael! O, du weißt nicht, wie süß das Leben ist,
wenn der letzte Augenblick so nahe bevorsteht!“

„Es sei,“ versetzte der Squatter, zugleich den Söhnen winkend, den
Wagen zu folgen. „Und nun, unglücklicher Mann, möge dir zum Trost bei
deinem Ende gereichen, daß ich dir das Leid, das du mir angetan, von
Herzen vergebe. Gott sei dir ein gnädiger Richter.“

Damit wendete er sich um und schritt in seiner gewöhnlichen,
schwerfälligen Art davon. Nach längerem Marsche hatte er die Karawane
eingeholt, die, da die Sonne inzwischen untergegangen war, sich zur
Nachtrast anschickte, was der Führer stillschweigend billigte.

Mit dem aufsteigenden Monde machte sich auch der Wind auf. Klagende,
geisterhafte Laute ertönten leise hier und dort in der Stille der Nacht
und erfüllten das Herz des einsam auf der Wacht stehenden Squatters
mit fröstelnden Schauern, die nach den Vorgängen des verflossenen Tages
wohl erklärlich waren.

Einem inneren Drange folgend, verließ er das Lager, wo alles schlief,
und wanderte zu einer fernen Bodenerhebung, von welcher der Blick bis
zu der Richtstätte schweifen konnte.

Hier stand er eine lange Weile, dem Winde lauschend, der im hohen
Grase rauschte, bis das Getön seinem Ohr erschien wie das Flüstern
abgeschiedener Seelen.

Plötzlich gellte aus der Ferne ein schrecklicher Schrei über die
Prärie. Er fuhr auf den Schwingen des Windes daher wie der Ruf eines
grausen Nachtgespenstes. Ismaels Haar sträubte sich; unwillkürlich
krampfte sich seine Hand um den Lauf der Büchse. Ein neuer Windstoß
brachte einen zweiten Schrei. Wider seinen Willen mußte er mit einem
lauten Ruf antworten; dann, obgleich von kaltem Grausen gepackt, warf
er die Büchse über die Schulter und ging, gewaltig ausschreitend, dem
Felsen zu.

Noch einen dritten Schrei hörte er, so gräßlich, daß keine
Einbildungskraft einen ähnlichen schaffen könnte. Erschüttert blieb der
Squatter stehen und verschloß die Ohren mit den Händen. Als er diese
wieder sinken ließ, sagte eine leise, heisere Stimme unmittelbar hinter
ihm:

„Ismael, Mann, hörtest du etwas?“

„Still!“ entgegnete er, den Arm um seine Frau legend.

Aber sie vernahmen nichts mehr als das dröhnende Sausen des stärker
werdenden Windes.

„Komm,“ drängte Esther, „man hört nichts mehr.“

„Was brachte dich hierher?“ fragte jetzt Ismael, dessen Blut wieder
ruhig geworden war.

„Er hat unseren Erstgeborenen erschlagen,“ antwortete die Frau, „aber
ich kann nicht zugeben, daß der Sohn meiner Mutter unter freiem Himmel
liegenbleibt wie der Kadaver eines Hundes. Schau her, Picke und Spaten
habe ich mitgebracht. Wo ist er?“

Der Mond trat hinter den treibenden Wolken hervor, so daß Esthers Auge
dem ausgestreckten Finger ihres Mannes folgen konnte. Derselbe deutete
auf eine menschliche Gestalt, die unter einem der Aste des Weidenbaumes
im Winde hin und her schwang. Die Frau verhüllte ihr Gesicht, er aber
trat herzu und betrachtete eine Zeitlang sein Werk. Dann hob er die
Büchse und zielte sorgfältig; der Schuß krachte, die Kugel durchschnitt
den Strick, und der Leichnam schlug dumpf auf den Erdboden, wo die
Bibelblätter zerstreut umherflatterten.

Sie gruben sein Grab und legten ihn hinein. Ismael stand barhäuptig,
während seine Gattin kniend ein letztes Gebet sprach. Dann kehrten sie
zum Lager zurück.

Am folgenden Morgen setzte die Karawane die Rückfahrt nach den
Ansiedlungen fort.



Zehntes Kapitel

Wie ein Gerechter zum Frieden einging


Die Schützlinge des Pawneehäuptlings fanden in der Niederlassung
seines Stammes die gastlichste Aufnahme. Die Artilleristen hatten
ihren Hauptmann bereits erwartet, und wenn ihre Zahl auch nicht
groß war, so verlieh doch die Anwesenheit und Dienstergebenheit so
wohldisziplinierter und gut bewaffneter Männer dem Offizier und seinen
Gefährten ein Gefühl größter Sicherheit; auch wurde die unangefochtene
Rückkehr derselben nach den Ansiedlungen dadurch gewährleistet.

Und dorthin machten Middleton und Inez, Paul und Ellen und auch
der Naturforscher sich bald auf den Weg, und zwar in einem großen
Boote, das die Artilleristen von einem den Fluß heraufkommenden
Händler zu diesem Zweck erstanden hatten. Von Hartherz und den Seinen
verabschiedeten sie sich voll Dank und mit gegenseitiger, aufrichtiger
Herzlichkeit.

Ganz zuletzt stieg der Trapper mit seinem treuen Hektor in das Boot.
Er trug, wie immer, einen kleinen Packen auf dem Rücken. Nachdem
man unter allerlei Gesprächen über die Eigenarten der verschiedenen
Indianerstämme eine längere Strecke zurückgelegt hatte, wendete der
Alte sich an den das Boot steuernden Soldaten mit der Aufforderung, auf
das Ufer abzuhalten.

„Aber warum, alter Freund?“ fragte Middleton erstaunt.

„Ihr sollt nicht lange aufgehalten werden,“ versetzte der Trapper, und
selbst mit Hand anlegend, lenkte er das Fahrzeug an eine zum Aussteigen
geeignete Stelle. Als er daselbst festlag, öffnete er seinen Packen und
begann darin herumzukramen.

„Ehe wir scheiden, Hauptmann,“ sagte er, „möchte ich Euch noch bitten,
mir einen Dienst zu erweisen, der Euch nur wenig Mühe machen soll --“

„Scheiden?“ unterbrach ihn Middleton bestürzt. „Wollt Ihr uns denn
verlassen?“

„Was?“ rief auch der Bienenjäger, als wäre er aus den Wolken gefallen.
„Ihr werdet doch nicht zu Fuß nach den Ansiedlungen wandern?“

„Nein, mein Junge,“ lächelte der Alte, „nach den Ansiedlungen zieht
mein Herz mich nicht; ich denke in Gottes Wildnis meine Tage zu
beschließen.“

„Freund, Ihr habt mich tief erschreckt!“ nahm Middleton wieder das
Wort. „Nimmermehr hätte ich gedacht, daß ich mich in diesem Leben
wieder von Euch trennen sollte! Ich war schon so glücklich in dem
Gedanken, Euch in meinem Heim ein Ruheplätzchen bereiten und wie
ein treuer Sohn Eure letzten Lebensjahre zu recht angenehmen und
friedlichen gestalten zu können. O, bleibt bei uns, ich bitte Euch so
sehr ich kann!“

„Ich weiß, Knabe, ich weiß, Ihr meint es gut, Ihr seid wie Euer
Großvater. Aber es kann nicht sein. Seht --“

„Alter Trapper,“ unterbrach ihn der ungestüme Paul, dem seine sonst
so kräftige Stimme jetzt beinahe den Dienst versagte, „ich mache Euch
einen Vorschlag. Ich biete Euch die Hälfte meines Wigwams, dazu den
allerbesten Honig und das beste Büffelfleisch, ausschließlich vom
Höcker, versteht sich, und von Frau Ellen Hover großartig zubereitet,
wenn Ihr zu uns ziehen wollt. Ihr sollt geliebt und geehrt werden wie
ein Vater. Schlagt ein, mehr kann ich nicht sagen!“

„Dank Euch, Knabe, dank Euch,“ antwortete der alte Mann, tief über
seinen Packen geneigt; „aber es kann nicht sein, es kann nicht sein.“

Auch Doktor Battius versuchte seine Überredungskunst, allein ebenfalls
vergeblich.

„Genug,“ sagte endlich der Hauptmann, „laßt ihm seinen Willen. Soviel
ich von diesem außerordentlichen Manne gehört und nun auch gesehen
habe, läßt er sich von einem einmal gefaßten Entschlusse nicht
abbringen. Teilt uns nun mit, lieber Freund, was wir für Euch tun
können.“

„Das soll Euch nicht viel Mühe verursachen, Hauptmann,“ versetzte der
Trapper, der endlich mit seinem Kramen fertiggeworden war. „Hier habe
ich vier Biberfelle, und da noch eins vom Waschbären; viel wert sind
sie ja nicht, aber ein paar Fallen gibt's schon dafür. Die Sioux haben
mir nämlich meine besten Fallen gestohlen, und die muß ich ersetzt
haben, wenn ich im kommenden Winter nicht in Not geraten soll. Tauscht
mir also gegen dies Pelzwerk zwei gute Fallen ein und schickt sie mit
einem der Händler nach dem Dorfe der Pawnees. Vergeßt aber nicht, mein
Zeichen auf den Packen zu malen -- den Buchstaben _N_, ein Hundeohr
und ein Büchsenschloß; dann wird mir keine Rothaut mein Recht daran
streitig machen. Freilich kann ich Euch als Entgelt dafür nichts geben
als meinen Dank, es sei denn, daß Ihr das Waschbärenfell --“

„Euer Wunsch soll erfüllt werden,“ sagte der Hauptmann schnell. „Wollte
Gott nur, daß ich noch mehr für Euch tun könnte.“

Der Trapper schwieg eine kleine Weile, dann blickte er auf den jungen
Jagdhund des Offiziers und begann:

„Diesmal rede ich nicht für mich selber, sondern für einen anderen. Da
ist mein Hektor; wie sein Herr, so hat auch er schon lange die Grenze
überschritten, die Gott sonst dem Leben von seinesgleichen gesetzt
hat. Solch eine Kreatur hat ihre Empfindungen und Gefühle ebensogut
wie ein Christenmensch. Nun ist ihm in dieser letzten Zeit Euer Tier da
ein lieber Kamerad und Freund geworden, und ich muß sagen, daß es mir
nahegeht, daß er sich nun von ihm trennen soll. Ich frage Euch daher,
ob Ihr mir den Hund überlassen, oder, wenn er Euch zu wertvoll ist, ob
Ihr ihn mir bis zum Frühjahr leihen wollt, denn länger wird mein Hektor
nicht mehr am Leben sein.“

„Nehmt ihn!“ rief Middleton. „Nehmt alles, was Euch sonst noch gefällt!“

Der alte Mann stieg ans Land und pfiff den Hunden, die ihm beide
bereitwilligst folgten. Dann nahm man Abschied. Nur wenig wurde dabei
gesprochen. Der Trapper reichte jedem mit mildem, feierlichem Ernst die
Hand. Middleton vermochte vor Ergriffenheit kein Wort zu äußern, ebenso
Paul, der statt dessen zu pfeifen versuchte, was ihm jedoch jämmerlich
mißlang. Auch Doktor Battius war tief gerührt; die Frauen schluchzten.
Als die letzte Hand gedrückt war, schob der alte Mann selber das Boot
ins tiefere Wasser zurück, wo es sogleich von der Strömung erfaßt
wurde. Alle saßen schweigend, auch kein Ruder wurde ausgelegt, bis das
Fahrzeug einen Hügel umschifft hatte, der seinen Insassen den Trapper
aus den Augen brachte. Zuletzt sahen sie ihn, wie er regungslos auf
seine lange Büchse gelehnt stand; Hektor lag zu seinen Füßen, und der
jüngere Hund sprang lustig auf dem Sande umher.

[Illustration]

       *       *       *       *       *

Ein Jahr war vergangen, und der Herbstwind strich über die Prärie.

Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als eine kleine Schar von
Reitern von der Hochebene, die sie bisher, vom Missouriflusse kommend,
durchkreuzt hatten, in den noch immer mit üppigem Grase bestandenen
weiten Grund hinunterritt, in dem das Dorf der Pawnee-Loups sich
ausbreitete.

Der Führer der Schar war Middleton; unter den Begleitern desselben
machte Paul Hover sich durch sein munteres Wesen am meisten bemerkbar.
Der letztere hatte die Bienenjägerei aufgegeben und betrieb daheim
die Landwirtschaft; sein Weib Ellen hatte dies verlangt und auch
durchgesetzt. Middleton hatte zum Zweck der Landesaufnahme gewisse
Gebietsteile zu bereisen und die Gelegenheit benutzt, den alten
Freunden einen Besuch abzustatten.

Auf dem Grunde zerstreut grasten, von indianischen Knaben gehütet, die
Rosse der Pawnees; unter ihnen befand sich auch der Asinus des Doktor
Battius, den der letztere damals seinen Gastfreunden als Geschenk
belassen hatte. Der ehrliche Graue war dick und fett geworden und wurde
von Paul mit fröhlichem Lachen begrüßt.

Middleton hatte, ehe er das Dorfgebiet betrat, einen Boten
vorausgesandt, der sein Kommen den Häuptlingen melden sollte.
Vergeblich aber wartete er auf eine Antwort, auf ein Zeichen des
Willkommens, wie es dem indianischen Brauche entsprochen hätte. Er
vermochte sich diese Unterlassung nicht zu erklären. Unweit des Dorfes
kam man an einer der ausgestellten Schildwachen vorbei; der junge
Krieger schaute sich nach ihnen um, wendete dann aber, ohne sich zu
rühren, sogleich seinen Blick wieder dem Dorfe zu.

„Da muß etwas Außergewöhnliches vorgehen,“ sagte Middleton
kopfschüttelnd. „Seht nach den Waffen, Leute, damit wir auf alle Fälle
bereit sind.“

„Sachte, Hauptmann,“ entgegnete Paul. „Wenn's auf der Prärie noch
einen ehrlichen Kerl gibt, so ist das unser Freund Hartherz, darauf
will ich leben und sterben! Seht, da kommen auch schon die Abgesandten
-- allerdings sehen sie eher kopfhängerisch und mattherzig, als
‚hartherzig‛ aus.“

Paul hatte recht. An der Spitze eines Trupps von etwa zwölf Reitern kam
Hartherz selber ihnen entgegen. Aber des Hauptmanns Erstaunen wuchs
noch mehr. Keiner der Indianer trug Waffen, keiner wies auch nur den
geringsten Schmuck an seinem Körper auf. Langsam und feierlich zogen
sie heran, und die gegenseitige Begrüßung war ernst und gleichsam
bedrückt. Da Hartherz nur die allernötigsten Worte geredet hatte,
so verhielt sich auch Middleton zurückhaltend und schweigsam, und so
rückte man lautlos und in gepreßter Stimmung in das Dorf ein.

Hier sah des Hauptmanns unruhig umherschweifendes Auge auf dem freien
Platze inmitten der Wigwams die ganze Bewohnerschaft versammelt.
Dieselbe bildete, nach Rang, Alter und Geschlecht geordnet, einen
weiten Kreis. Auf einen Wink des Häuptlings öffnete sich derselbe;
die Gäste ritten hinein und stiegen von den Pferden, die sogleich
fortgeführt wurden.

Jetzt nahm Hartherz den Hauptmann und Paul bei den Händen und geleitete
sie noch feierlicher als zuvor zu einer kleinen Gruppe, die des Kreises
Mittelpunkt bildete. Hier zeigte sich des Rätsels Lösung.

Auf einem rohgezimmerten, aber augenscheinlich mit liebevollster
Sorgfalt hergestellten, bequemen Sessel saß der Trapper, der greise
Nathaniel Bumppo. Die Herzutretenden erkannten auf den ersten Blick,
daß er im Begriff war, die letzte lange Reise anzutreten. Sein Blick
war gläsern, seine Züge ein wenig hagerer als sonst, weiter aber zeigte
sein Äußeres keine Veränderung.

Man hatte ihn so gesetzt, daß der Schein der sinkenden Sonne voll auf
ihn fiel. Er war barhäuptig; die dünnen, weißen Locken wehten leise im
sanften Abendwinde. Auf seinen Knien lag die lange Büchse, die übrigen
Jagdgeräte befanden sich im Bereich seiner Hand. Zu seinen Füßen sah
man die Gestalt eines ruhenden Hundes, Middleton aber erkannte bald,
daß dies nur noch das von liebenden Händen ausgestopfte Fell des
treuen Hektors war. Sein eigener Hund spielte in der Nähe mit dem Kinde
des gefallenen Mahtoree, denn Tachechana hatte unter den Weibern der
Pawnees eine Zuflucht gefunden. In des Sterbenden Nähe standen einige
greise Indianer, um Zeugen zu sein, wie ein gerechter und furchtloser
Krieger den Weg nach den glücklichen Gefilden des Jenseits antrat.

Hartherz neigte sich zu dem Sterbenden.

„Hört mein Vater die Worte seines Sohnes?“

„Rede,“ antwortete der Trapper leise und hohl, aber deutlich, während
atemloses Schweigen in der Runde herrschte. „Ich verlasse das Dorf der
Loups und werde bald aus dem Bereich deiner Stimme sein.“

„Möge der weise Häuptling sich wegen seiner Reise keine Sorge machen,“
fuhr der Pawnee fort. „Hundert Loups sollen ihm den Pfad von Dornen
säubern. Mein Vater wird jetzt meinen jungen Männern erzählen, wieviel
Mingos er tötete, und welche kühnen und gerechten Taten er getan, damit
sie ihm nachahmen können.“

„Eine prahlende Zunge findet im Himmel der weißen Männer kein Gehör,“
antwortete der alte Mann. „Was ich tat, hat Gott gesehen; Seine Augen
sind immer offen. Nein, mein Sohn, ein Bleichgesicht kann sein eigenes
Lob nicht singen.“

Bescheiden, wenn auch ein wenig enttäuscht, trat der junge Häuptling
zurück, um dem Hauptmann Raum zu geben. Dieser nahm eine Hand des
Sterbenden in seine beiden und gab sich mit mühsam beherrschter Stimme
zu erkennen. Ein Schimmer der Freude flog über des Greises Züge.

„Ich habe nichts vergessen,“ sagte er leise. „Ich erinnere mich Eurer
und Eurer ganzen Gesellschaft, ja, und auch Eures Großvaters erinnere
ich mich. Ich freue mich, daß Ihr wiedergekommen seid, weil ich
englisch mit Euch reden kann; denn auf die Händler ist kein Verlaß.
Wollt Ihr einem sterbenden Manne einen Gefallen erweisen?“

„Von Herzen gern, mein lieber, guter Freund!“

„Es ist weit, sehr weit,“ fuhr der Greis fort, sich oft unterbrechend
und nach Atem ringend, „aber wenn einem Liebe und Freundschaft erwiesen
wurde, soll man das nimmer vergessen. Da ist eine Niederlassung in den
Otsegobergen --“

„Ich kenne den Ort,“ sagte der Hauptmann. Dem Sterbenden wurde das
Sprechen immer schwerer.

„Nehmt diese Büchse, auch diese Tasche und das Pulverhorn, und sendet
alles dem, dessen Namen auf dem Kolben zu lesen steht. Ein Händler
schnitt denselben mit seinem Messer ein.“

„Es soll geschehen, wie Ihr wünscht. Kann ich noch mehr für Euch tun?“

„Viel mehr habe ich nicht zu hinterlassen. Meine Fallen bleiben
meinem indianischen Sohne; er hat mir ehrlich und liebevoll die Treue
gehalten. Wo ist er?“

Middleton winkte, und der Häuptling trat ehrfurchtsvoll vor seinen
Vater.

„Pawnee,“ redete der Greis in der Sprache der Loups weiter, „unter
meinem Volke ist es Sitte, daß der Vater, ehe er aus dieser Welt
scheidet, dem Sohne seinen Segen erteilt. Ich will auch dich segnen:
Möge der Gott der Weißen mit gütigem Auge deine Taten schauen, mögest
du nie etwas begehen, darob er sein Antlitz verdüsterte. Ich meine und
hoffe, daß wir uns dereinst wiedersehen werden; wir werden miteinander
vor dem Angesicht deines Wakonda stehen, der dann kein anderer sein
wird als mein Gott ...“ Dann wanderten seine Gedanken zu seinem Hunde.
Er beugte sich nach vorn und fühlte nach den Ohren des Tieres. „Ja,
Hundchen,“ sagte er, „wir müssen uns trennen. Du bist redlich, kühn und
treu gewesen ... Sei gut zu ihm, Pawnee, um der Liebe willen, die du
mir erwiesen.“

„Die Worte meines Vaters sind in meinen Ohren,“ antwortete Hartherz
ernst.

„Hörst du, Hundchen, was der Häuptling versprochen hat?“ fuhr der
Greis fort, bemüht, die Aufmerksamkeit der ausgestopften Nachbildung
zu erregen. Er berührte die Lippen derselben mit den Fingern -- da
erkannte er die Wahrheit, wenngleich die Täuschung in ihrer ganzen
Ausdehnung ihm verborgen blieb. Er lehnte sich zurück und senkte das
Haupt auf die Brust.

„Der Hund ist tot!“ murmelte er nach einer langen Pause. „Hauptmann,
wollt Ihr das Tier, das mir so lange und so treu gedient hat, mir zu
Füßen in mein Grab betten?“

„Es soll geschehen,“ antwortete Middleton.

Wieder versank der Sterbende gleichsam in sich selber. Während alles
regungslos umherstand, beseitigten zwei junge Krieger vorsichtig den
ausgestopften Hund.

Middleton und Hartherz setzten sich zur Rechten und zur Linken des
Greises und beobachteten aufmerksam und traurig die Todesanzeichen
auf dessen Antlitz. So saßen sie zwei lange Stunden. Ab und zu redete
er noch einige Worte, als wolle er denen, die er liebte, noch Rat
erteilen, sie wissen lassen, daß er ihrer gedachte. Dann lauschte
der ganze Stamm mit gespanntester Aufmerksamkeit, um von den letzten
Gedanken dieses Weisen noch zu lernen.

Dann kam das Ende. Middleton fühlte seine Hand von der des Sterbenden
plötzlich mit unglaublicher Kraft erfaßt; der Greis erhob sich und
stand, von Hartherz und dem Hauptmann unterstützt, aufrecht auf
seinen Füßen. Hoch erhob er das Haupt, hellauf funkelte sein Auge im
Abendsonnenstrahl, und wie er einst in seinen jungen Jahren auf den
Ruf der militärischen Führer geantwortet hatte, so entrang sich auch
jetzt laut und weit vernehmbar seiner Brust ein letztes, bereitwilliges
„Hier!“

Seine Seele war entflohen. Sanft ließen sie den Leib wieder in den
Sitz zurücksinken. Der älteste der anwesenden Häuptlinge -- der greise
Le Balafré war's, der Sioux, den der großmütige Hartherz nach jenem
Gemetzel am Flusse bei sich aufgenommen hatte -- er nahm jetzt das
Wort.

„Ein tapferer, ein gerechter und ein weiser Krieger ist nach den
glücklichen Jagdgründen seines Volkes gegangen!“ so verkündete er der
lauschenden Menge. „Als die Stimme Wakondas ihn rief, da war er bereit
mit der Antwort. Geht, meine Kinder, gedenket des gerechten Häuptlings
der Bleichgesichter und räumt die Dornen von euren Pfaden!“

Im Schatten einiger mächtigen Eichen gruben sie sein Grab.

Bis auf den heutigen Tag wird dasselbe von den Pawnee-Loups sorgsam
gehütet, und oft zeigen sie den Reisenden die Stätte, wo ein guter
weißer Mann seinen letzten Schlaf schläft. Der Hauptmann Middleton
hatte einen Stein zu Häupten des Grabes aufrichten lassen. Darauf las
man Nathaniel Bumppos Namen, sein Alter, einen Spruch aus der Bibel und
die Mahnung:

„Möge nie eine frevelnde Hand seine Gebeine stören!“


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