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Title: Chad Gadja - Das Peßachbuch
Author: Various
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Chad Gadja - Das Peßachbuch" ***

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  ##################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1914 erschienenen Buchausgabe
erstellt. Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert bzw. ergänzt.
Da dieses Buch Beiträge verschiedener Autoren beinhaltet, bestehen
individuelle Abweichungen von den üblichen Schreibweisen, beispielsweise
bei grammatischen Fällen oder der Verwendung von Bindestrichen bei
zusammengesetzten Substantiven. Diese persönlichen Ausprägungen wurden
stets beibehalten.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang
des Textes verschoben. Gesperrt gedruckte Passagen im Original sind in
dieser Version von ~Tilden~ umgeben.

Die folgenden Fehler wurden korrigiert:

    S. 66: ‚wo wie er mit dem Ringe‘ → ‚so wie er mit dem Ringe‘
    S. 67: ‚Lust machen‘ → ‚Luft machen‘
    S. 81: doppeltes ‚und‘; eines entfernt
    S. 128: ‚Familen‘ → ‚Familien‘
    S. 182: ‚zwischerten‘ → ‚zwitscherten‘; ‚Tumwächter‘ →
      ‚Turmwächter‘
    S. 183,: doppeltes ‚hielt‘; eines entfernt
    S. 190,: ‚mondbeleuteten‘ → ‚mondbeleuchteten‘
    S. 201,: ‚unverheirateteten‘ → ‚unverheirateten‘

  ##################################################################



[Illustration ]



                              CHAD GADJA

                            Das Peßachbuch

                           Herausgegeben von

                             HUGO HERRMANN

                            [Illustration]

                              Berlin 1914
                           Jüdischer Verlag



[Illustration]



INHALTSVERZEICHNIS.


                                                                   Seite

    Die Anordnung des Peßachfestes (aus der Bibel)                     7

    Aus der Peßach-Hagadah                                            13

    Theodor ~Zlocisti~, Die Peßach-Hagadah                            39

    ~S. Ben-Zion~, Mit dem Frühling                                   57

    Pharaos Traum                                                     72

    Von Moses                                                         74

    ~I. L. Lewinski~, Mit reichem Gute                                79

    Vom Auszuge                                                       89

    Die Ordnung beim Schlachten                                       90

    Peßach in Jerusalem zur Römerzeit                                 92

    ~Mendele Mocher Sforim~, Der Tausch                               97

    Das Peßach der Samaritaner                                       109

    ~S. J. Agnon~, Der Seder                                         111

    Von der Wallfahrt                                                124

    ~Z. Kasdai~, Peßach im Kaukasus                                  126

    ~J. L. Perez~, Der Zauberkünstler                                133

    ~Ch. N. Bialik~, Melameds Hoffnung                               141

    Peßach im Jemen                                                  145

    Martin ~Buber~, Der Seder des Unwissenden                        152

    Leopold ~Kompert~, Das Mazzothbacken                             159

    Heinrich ~Heine~, Der Rabbi von Bacherach                        169

    Pauline ~Wengeroff~, Peßach in Rußland vor siebzig Jahren        192

    Julius ~Heilbrunn~, Die Chagigah in Rechoboth                    209



DIE ANORDNUNG DES PESSACHFESTES.

Zweites Buch Moses, Kapitel 12.


Der Ewige sprach zu Moses und Aaron im Lande Mizrajim: „Dieser Monat
sei euch der erste der Monate; an der Spitze der Monate des Jahres
stehe er euch. Sprecht zu der ganzen Gemeinde Israel also: Am zehnten
dieses Monates nehme jeder ein Lamm, für jedes Haus je ein Lamm. Sind
aber in einem Hause zu wenige für ein Lamm, so nehme er es zusammen mit
dem nächsten Nachbarn an seinem Hause, bis ihrer so viele sind, als
ein Lamm verzehren können. Ein fehlerfreies, männliches, jähriges Lamm
sei es; von den Schafen oder den Ziegen nehmet es. Bewahrt es bis auf
den vierzehnten Tag dieses Monats; und schlachtet es, jedes Häuflein
in der ganzen Gemeinde Israel, gegen Abend. Dann nehmet von dem Blute
und bestreichet damit beide Türpfosten und die Oberschwelle der Häuser,
worin ihr es esset. Esset das Fleisch in derselben Nacht, am Feuer
gebraten; ungesäuerte Brote mit bitteren Kräutern esset dazu. Esset
es weder roh noch in Wasser gesotten, sondern am Feuer gebraten, das
Haupt mit den Schenkeln und Eingeweiden. Laßt nichts davon übrig bis
zum Morgen; was davon bis zum Morgen übrig bleibt, das verbrennt. So
aber sollt ihr es essen: die Gürtel um die Lenden, die Schuhe an den
Füßen, Stäbe in den Händen; so verzehrt es in Eile: es ist ein Peßach
für den Ewigen. Ich will das Land Mizrajim in dieser Nacht durchziehen
und alle Erstgeburt im Lande Mizrajim schlagen, von Menschen wie von
Vieh; alle Götter Mizrajims will ich strafen, ich, der Ewige! Das Blut
sei euch als Zeichen an den Häusern, worin ihr seid; ich werde das
Blut sehen und an euch vorübergehen, daß euch nicht Leid und Verderben
treffe, wenn ich das Land Mizrajim schlage. Dieser Tag sei euch ein
Gedenktag, feiert an ihm dem Ewigen ein Fest für all eure Nachkommen;
als ewigen Brauch feiert es. Sieben Tage esset ungesäuertes Brot; am
ersten Tage sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern entfernen, denn
wer Gesäuertes ißt vom ersten Tage bis zum siebenten, soll weggetilgt
werden aus Israel. Am ersten Tage haltet eine Festversammlung, am
siebenten Tage haltet eine Festversammlung; an ihnen soll alle Arbeit
ruhen; nur was jeder zur Nahrung braucht, dürft ihr zubereiten.
Haltet das Gesetz des ungesäuerten Brotes; denn an diesem selben Tage
habe ich eure Scharen aus dem Lande Mizrajim geführt. Haltet diesen
Tag für all eure Nachkommen als ewigen Brauch. Im ersten Monat,
am vierzehnten Tage, des Abends, esset ungesäuertes Brot, bis an
den einundzwanzigsten Tag des Monats, des Abends. Sieben Tage soll
kein Sauerteig in euren Häusern zu finden sein, denn wer Gesäuertes
ißt, soll weggetilgt werden aus der Gemeinde Israel, er sei nun ein
Fremdling oder heimisch im Lande. Esset kein gesäuertes Brot; wo immer
ihr wohnet, eßt ungesäuertes Brot.“

       *       *       *       *       *

Und Moses rief alle Alten in Israel und sprach zu ihnen: „Auf! Nehmet
ein Schaf für eure Familien und schlachtet das Peßach! Nehmt ein
Büschel Ysop, taucht es ins Blut in dem Becken und bestreichet die
Oberschwelle und die beiden Türpfosten mit dem Blute im Becken; und
keiner gehe aus seines Hauses Tür bis zum Morgen! Der Ewige wird
einherziehen, die von Mizrajim zu treffen; wenn er das Blut sehen wird
an der Oberschwelle und den beiden Türpfosten, wird er an der Tür
vorübergehen und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen,
jemand zu treffen. Haltet dies als Brauch, für dich und deine Kinder
ewiglich. Und wenn ihr in das Land kommt, das der Ewige euch geben
wird, wie er zugesagt hat, so haltet diesen Dienst. Und wenn eure
Kinder euch fragen: ‚Was habt ihr da für einen Dienst?‘ -- so sprechet:
‚Es ist das Peßachopfer des Ewigen, der in Mizrajim an den Häusern der
Kinder Israel vorüberging, als er Mizrajim traf, unsere Häuser aber
verschonte.‘“ Da neigte sich das Volk und bückte sich. Und die Kinder
Israel gingen hin und taten, wie der Ewige Moses und Aaron geboten
hatte; also taten sie.

       *       *       *       *       *

Um Mitternacht aber schlug der Ewige alle Erstgeborenen in Mizrajim,
vom Erstgeborenen des Pharao an, der auf seinem Throne saß, bis
zum Erstgeborenen des Gefangenen, der im Kerker saß, und auch alle
Erstgeburt des Viehs. Da stand der Pharao auf in dieser Nacht samt
seinen Höflingen und allen von Mizrajim, und es ward ein lautes
Geschrei in Mizrajim, denn es war kein Haus, worin nicht ein Toter lag.
Da rief er Moses und Aaron des Nachts und sprach: „Auf, zieht hinweg
von meinem Volke, ihr mitsamt den Kindern Israel, geht und dienet
dem Herrn, wie ihr gesagt habt. Auch eure Schafe und Rinder nehmet
mit, wie ihr gesagt habt; geht und bittet auch für mich.“ Und die von
Mizrajim drängten das Volk, eilends aus dem Lande zu ziehen, denn sie
sprachen: „Wir alle sind des Todes!“ Da trug das Volk den Brotteig, ehe
er gesäuert war, in ihre Kleider eingebunden, auf den Schultern. Und
die Kinder Israel taten, wie Moses gesagt hatte, und verlangten von
denen von Mizrajim silberne und goldene Geräte und Kleider. Und der
Ewige gab dem Volke Ansehen bei denen von Mizrajim, so daß sie ihnen
willfahrten; so plünderten sie die von Mizrajim.

       *       *       *       *       *

So zogen die Kinder Israel von Raamses nach Sukoth, sechshunderttausend
Mann zu Fuß ohne die Kinder. Und auch viel Gesindel zog mit ihnen,
Schafe und Rinder, ein großer Haufe Vieh. Und sie buken den Teig, den
sie aus Mizrajim gebracht hatten, zu ungesäuerten Kuchen; es war ja
nicht gesäuert, denn sie wurden aus Mizrajim getrieben und durften
nicht verweilen noch sich Reisezehrung bereiten. Die Zeit aber, die
die Kinder Israel in Mizrajim wohnten, war vierhundertdreißig Jahre;
nach Ablauf der vierhundertdreißig Jahre, an einem Tage, zog das ganze
Heer des Ewigen aus dem Lande Mizrajim. Diese Nacht wird dem Ewigen
gehalten, da er sie aus dem Lande Mizrajim führte; diese Nacht soll
dem Ewigen gehalten werden von allen Kindern Israel und für all ihre
Nachkommen.

       *       *       *       *       *

Also an einem Tage führte der Ewige die Kinder Israel aus dem Lande
Mizrajim, nach ihren Scharen.

[Illustration]

[Illustration]

SEHT DAS BROT der Armut, das unsere Väter im Lande Mizrajim aßen!

Wer hungrig ist, komme und esse. Wer bedürftig ist, komme und feire mit
uns Peßach.

Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Erez-Israel; dieses Jahr Knechte,
nächstes Jahr freie Männer.

       *       *       *       *       *

WODURCH IST AUSGEZEICHNET diese Nacht vor allen Nächten?

    Denn in allen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes,
        in dieser Nacht aber nur Ungesäuertes;
    In allen Nächten essen wir von allen Pflanzenarten,
        in dieser Nacht aber nur bitteres Kraut;
    In allen Nächten sind wir nicht verpflichtet auch nur einmal
                                                           einzutauchen,
        in dieser Nacht aber zweimal;
    In allen Nächten essen wir aufrecht sitzend oder angelehnt,
        in dieser Nacht aber nur angelehnt.

[Illustration]

[Illustration]

       *       *       *       *       *

KNECHTE WAREN WIR unter Pharao in Mizrajim; doch der Ewige, unser
Gott, führte uns mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme von dort
heraus. Wenn der Heilige -- gepriesen sei er! -- unsere Väter nicht
aus Mizrajim geführt hätte -- wahrlich, wir und unsere Kinder und
unserer Kinder Kinder wären Knechte geblieben in Mizrajim. Und wären
wir auch alle Weise, wären wir klug, wären wir alt und erfahren, wären
wir Kenner der Thorah: doch wären wir verpflichtet, von dem Auszug aus
Mizrajim zu erzählen; und wer am meisten vom Auszug aus Mizrajim zu
erzählen weiß, der sei gepriesen.

       *       *       *       *       *

[Illustration]

ES WIRD BERICHTET von Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar, dem
Sohne Asarjahs, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon, daß sie in B’ne-B’rak
speisten. Und sie erzählten die ganze Nacht hindurch vom Auszuge aus
Mizrajim, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen: „Ihr Herren
Lehrer! Die Zeit des Morgengebetes ist da!“

       *       *       *       *       *

VON VIERERLEI SÖHNEN spricht die Thorah: einer ist klug, einer böse,
einer einfältig und einer weiß nicht zu fragen.

[Illustration]

WAS SAGT DER KLUGE? „Welche Zeugnisse, welche Vorschriften und
welche Befugnisse hat der Ewige, unser Gott, euch gewährt?“ Und du
vermelde ihm die Gebräuche des Peßach und daß man nach dem Genusse des
Peßachopfers keinen Nachtisch herumreichen darf.

       *       *       *       *       *

[Illustration]

WAS SAGT DER BÖSE? „Was habt ihr da für einen Dienst?“ „Ihr“ und
nicht „wir“. Damit aber, daß er sich aus der Gemeinschaft ausschloß,
leugnete er die Hauptsache. Darum stumpfe ihm die Zähne ab und sprich
zu ihm: „Eben dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajim zog.“ „Mir“
und nicht „dir“; denn wenn er dort gewesen wäre, er wäre nicht erlöst
worden.

[Illustration]

WAS SAGT DER EINFÄLTIGE? „Was ist das?“ Ihm sage nur: „Mit starker Hand
führte uns Gott aus Mizrajim, aus dem Hause der Knechte.“

       *       *       *       *       *

DER ABER NICHT ZU FRAGEN WEISS, den mache aufmerksam; denn es heißt:
„Erzähle deinem Sohne an diesem Tage: ‚Dies tat mir der Ewige, als ich
aus Mizrajim zog.‘“

       *       *       *       *       *

[Illustration]

VON ANFANG AN waren unsere Väter Götzendiener; seither aber weihte Gott
uns seinem Dienste; denn es heißt: „Es redete Jehoschua zu allem Volke:
So sprach der Ewige, der Gott Israels: jenseits des Stromes saßen eure
Väter von der Urzeit an: Terach, der Vater Abrahams und Vater Nachors,
und sie dienten anderen Göttern. Da nahm ich euren Vater Abraham
von jenseits des Stromes und führte ihn durch das ganze Land K’naan;
ich vermehrte sein Geschlecht und gab ihm den Jizchak. Ich gab dem
Jizchak Jakob und Esau, und dem Esau gab ich das Gebirge Seïr, es zu
beherrschen; Jakob aber und seine Söhne zogen hinab nach Mizrajim.“

[Illustration]

       *       *       *       *       *

[Illustration]

GEPRIESEN SEI, der Israel seine Verheißungen treulich hält, gepriesen
sei er; denn der Heilige, gepriesen sei er, hat den Ausgang berechnet,
um auszuführen, was er Abraham unserem Vater im Bunde versprochen.
Denn es heißt: „Er redete zu Abraham: Wisse wohl, daß dein Geschlecht
als fremdes in einem Lande leben wird, das nicht ihm gehört, und daß
sie elende Knechte sein werden durch vierhundert Jahre. Aber auch
das Volk, dem sie dienen, werde ich richten -- und dann werden sie
ausziehen mit reichem Gute.“

       *       *       *       *       *

DARUM SO STAND ER bei unsern Vätern und uns; denn nicht nur ein
einziger erhob sich gegen uns, um uns zugrunde zu richten, sondern in
jedem neuen Geschlechte erheben sie sich gegen uns, uns zu verderben,
und der Heilige -- gepriesen sei er! -- reißt uns aus ihren Händen.

       *       *       *       *       *

[Illustration]

GEH HIN und lerne, was Laban, der Aramite, unserem Vater Jakob zu tun
gedachte. Der Pharao wütete nur gegen das männliche Geschlecht, Laban
aber gedachte die Gesamtheit zu vernichten. Denn es heißt: „Der Aramite
stellte dem Vater nach, da zog er hinab nach Mizrajim und machte sich
dort mit einer kleinen Familie ansässig, dort aber wurde er zu einem
großen, mächtigen und zahlreichen Volke.“

Die von Mizrajim aber verleumdeten uns, bedrückten uns und legten uns
schwere Arbeit auf.

Die von Mizrajim verleumdeten uns, wie es heißt: „Wohlan, sprach der
Pharao, wir wollen uns klugerweise vor ihnen wahren, sonst könnten sie
allzu zahlreich werden. Und wenn sich ein Krieg erhöbe, würden sie sich
auch noch zu unsern Feinden schlagen, uns bekämpfen und aus dem Lande
ziehen.“

Sie bedrückten uns, wie es heißt: „Da setzten sie Frohnvögte über das
Volk, um es mit ihren Frohndiensten zu drücken; und es baute dem Pharao
Vorratsstädte, Pithom und Raamses.“

[Illustration]

Sie legten uns schwere Arbeit auf, wie es heißt: „Sie trieben die
Kinder Israel zur Arbeit mit Härte.“

Und wir schrien zu dem Ewigen, dem Gott unserer Väter, und der Ewige
hörte unsere Stimme, er sah unser Elend, unsere Mühsal und unsere
Bedrängnis.

Wir schrien zu dem Ewigen, dem Gott unserer Väter, wie es heißt: „Lange
Zeit danach starb der König von Mizrajim. Die Kinder Israel seufzten
unter der Arbeit und schrien; und ihr Ruf nach Befreiung von der
Arbeit drang zu Gott empor.“

Der Ewige hörte unsere Stimme, wie es heißt: „Und Gott hörte ihr
Wehklagen und Gott gedachte seines Bundes mit Abraham, mit Jizchak und
mit Jakob.“

Er sah unser Elend, unsere Mühsal und unsere Bedrängnis, wie es heißt:
„Und ich sah die Qual, womit die von Mizrajim sie quälen.“

       *       *       *       *       *

Und der Ewige führte uns aus Mizrajim, mit starker Hand und
ausgerecktem Arm, mit furchtbarer Macht und mit Zeichen und Wundern.

Der Ewige führte uns aus Mizrajim, nicht durch einen Engel, nicht durch
einen Seraph, nicht durch einen Abgesandten, sondern der Heilige,
gepriesen sei er, in seiner eigenen Herrlichkeit, wie es heißt: „Ich
will das Land Mizrajim in dieser Nacht durchziehen und alle Erstgeburt
im Lande Mizrajim schlagen, von Menschen wie von Vieh; alle Götter
Mizrajims will ich strafen, ich, der Ewige.“

       *       *       *       *       *

Mit starker Hand und ausgerecktem Arm, mit furchtbarer Macht und mit
Zeichen und Wundern. Dies sind die zehn Plagen, die der Heilige,
gepriesen sei er, über die von Mizrajim gebracht hat: Verwandlung des
Wassers in Blut, Frösche, Stechmücken, wilde Tiere, Viehpest, Beulen,
Hagelschlag, Heuschrecken, Finsternis und Tötung der Erstgeburt.

       *       *       *       *       *

WELCHE FÜLLE VON WOHLTATEN erwies uns Gott!

Hätte er uns nur aus Mizrajim geführt, ohne die Ägypter zu richten --
es hätte uns genügt.

Hätte er die Ägypter gerichtet, nicht aber auch ihre Götzen -- es hätte
uns genügt.

Hätte er ihre Götzen gerichtet, nicht aber ihre Erstgeborenen
erschlagen -- es hätte uns genügt.

Hätte er ihre Erstgeborenen erschlagen, nicht aber uns ihren Reichtum
gegeben -- es hätte uns genügt.

Hätte er uns ihren Reichtum gegeben, nicht aber uns das Meer geteilt --
es hätte uns genügt.

Hätte er uns das Meer geteilt, nicht aber uns trockenen Fußes
hindurchgeführt -- es hätte uns genügt.

Hätte er uns trockenen Fußes hindurchgeführt, nicht aber unsere Feinde
darin ersäuft -- es hätte uns genügt.

Hätte er unsere Feinde darin ersäuft, nicht aber durch vierzig Jahre
für unsern Unterhalt in der Wüste gesorgt -- es hätte uns genügt.

Hätte er durch vierzig Jahre für unsern Unterhalt in der Wüste gesorgt,
nicht aber uns mit Manna gespeist -- es hätte uns genügt.

Hätte er uns mit Manna gespeist, nicht aber uns den Sabbath gegeben --
es hätte uns genügt.

Hätte er uns den Sabbath gegeben, nicht aber uns an den Berg Sinai
geführt -- es hätte uns genügt.

Hätte er uns an den Berg Sinai geführt, nicht aber uns die Thorah
gegeben -- es hätte uns genügt.

Hätte er uns die Thorah gegeben, nicht aber uns nach Erez-Israel
gelangen lassen -- es hätte uns genügt.

Hätte er uns nach Erez-Israel gelangen lassen, nicht aber uns das
Heiligtum erbaut -- es hätte uns genügt.

       *       *       *       *       *

NICHT EINE WOHLTAT, sondern unzählig viele verpflichten uns Gott.
Denn er führte uns aus Mizrajim, er richtete die Ägypter, ebenso ihre
Götzen, er erschlug ihre Erstgeborenen, er gab uns ihren Reichtum,
er teilte uns das Meer, er führte uns trockenen Fußes hindurch, er
ersäufte unsere Feinde darin, er sorgte durch vierzig Jahre für unsern
Unterhalt in der Wüste, er speiste uns mit Manna, er gab uns den
Sabbath, er führte uns an den Berg Sinai, er gab uns die Thorah, er
ließ uns nach Erez-Israel gelangen, er erbaute uns das Heiligtum, um
all unsere Sünden zu versöhnen.

[Illustration]

RABBI GAMLIEL sagte: „Wer folgende drei Dinge am Peßach nicht nennt,
hat seine Pflicht nicht erfüllt. Diese sind: Das Peßachopfer, die
Mazzah, das bittere Kraut.“

       *       *       *       *       *

DAS PESSACHOPFER, das unsere Väter zu der Zeit aßen, als das Heiligtum
noch stand, was bedeutet es? Es bedeutet, daß der Heilige -- gepriesen
sei er! -- die Häuser unserer Väter in Mizrajim überging. Denn es
heißt: „Sprechet: ‚Es ist das Peßachopfer des Ewigen, der in Mizrajim
an den Häusern der Kinder Israel vorüberging, als er Mizrajim traf,
unsere Häuser aber verschonte.‘ Da neigte sich das Volk und bückte
sich.“

       *       *       *       *       *

DIESES UNGESÄUERTE BROT, das wir essen, was bedeutet es? Es bedeutet,
daß der Brotteig unserer Väter nicht Zeit hatte zu gären, bis ihnen
der König, der aller Könige König ist, der Heilige -- gepriesen sei
er! -- erschien und sie erlöste. Denn es heißt: „Sie buken den Teig,
den sie aus Mizrajim gebracht hatten, zu ungesäuerten Kuchen; es war
ja nicht gesäuert; denn sie wurden aus Mizrajim getrieben und durften
nicht verweilen noch sich Reisezehrung bereiten.“

[Illustration]

       *       *       *       *       *

[Illustration]

DIESES BITTERE KRAUT, das wir Essen, was bedeutet es? Es bedeutet, daß
die Ägypter das Leben unserer Väter in Mizrajim verbitterten. Denn es
heißt: „Sie verbitterten ihnen das Leben durch schwere Arbeit mit Lehm
und Ziegeln und durch allerlei Feldarbeit und sonstige Dienste, wozu
sie sie mit Strenge zwangen.“

       *       *       *       *       *

ZU JEGLICHER ZEIT ist ein jeder verpflichtet, sich so anzusehen, als
ob er selbst aus Mizrajim gezogen wäre. Denn es heißt: „Erzähle deinem
Sohne an diesem Tage: Dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajim
zog.“ Nicht allein unsere Väter erlöste der Heilige -- gepriesen sei
er! --, sondern auch uns erlöste er mit ihnen; denn es heißt: „Uns
führte er von dort heraus, um uns das Land zu geben, das er unsern
Vätern verheißen.“

       *       *       *       *       *

[Illustration]

DARUM sind wir verpflichtet, zu danken, zu loben, zu preisen, zu
rühmen, zu verherrlichen, zu feiern, zu segnen, zu erheben, zu
verehren, anzubeten ihn, der an unsern Vätern und an uns all diese
Wunder getan hat. Er führte uns aus der Knechtschaft zur Freiheit,
aus dem Kummer zur Freude, aus der Trauer zum Feste, aus dem Düster
in helles Licht, aus Gebundenheit zur Erlösung. Laßt uns denn vor ihm
singen: Hallelujah!

       *       *       *       *       *

[Illustration]

DA ISRAEL AUS MIZRAJIM ZOG, das Haus Jakob aus dem fremden Volke, da
ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich. Das Meer sah und floh, der
Jordan wandte sich rückwärts, die Berge hüpften wie Widder, die Hügel
wie junge Lämmer. Was ist dir, o Meer, daß du fliehst, du Jordan, daß
du dich rückwärts wendest? Ihr Berge, daß ihr hüpft wie Widder, ihr
Hügel, wie junge Lämmer? Vor dem Herrn erbebe, du Erde, vor dem Gotte
Jakobs, der den Fels wandelt in Wassersee, den Kieselstein in einen
Wasserquell!

       *       *       *       *       *

SO TAT HILLEL zur Zeit, da das Heiligtum stand: „Er umwickelte Mazzah
mit bitterem Kraute und aß es auf einmal, um zu erfüllen, wie es heißt:
‚Mit Mazzoth und bitteren Kräutern soll man es essen.‘“

[Illustration]

       *       *       *       *       *

ERGIESSE DEINEN ZORN über die Völker, die dich nicht kennen, und über
die Reiche, die deinen Namen nicht anbeten; denn sie verdarben Jakob
und zerstörten seine Flur.

Ergieße deinen Grimm über sie und die Flamme deiner Wut treffe sie.

Verfolge sie mit Wut und tilge sie unter dem Himmel des Ewigen hinweg.

[Illustration]

       *       *       *       *       *

NICHT UNS, o Ewiger, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre, um
deiner Milde, um deiner Treue willen! Warum sollen die Heiden sprechen:
„Wo ist nun ihr Gott?“ Ist doch unser Gott im Himmel; was immer er
will, vollendet er. Ihre Götzen aber sind Silber und Gold, Werk von
Menschenhand. Sie haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und
sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht, sie haben eine Nase und
riechen nicht. Hände und tasten nicht, Füße und gehen nicht, und kein
Laut dringt aus ihrer Kehle. Ihnen gleich sind, die sie schufen, alle,
die auf sie bauen. Israel baut auf den Ewigen, er ist sein Schirm und
Schild. Das Haus Aarons baue auf den Ewigen! Er ist sein Schirm und
Schild. Die Anbeter des Ewigen bauen auf den Ewigen; er ist ihr Schirm
und Schild.

       *       *       *       *       *

LOBET DEN EWIGEN, alle Völker! Preiset ihn, alle Stämme! Denn gewaltig
ist über uns seine Gnade und die Wahrheit des Ewigen in Ewigkeit.
Hallelujah!

       *       *       *       *       *

DANKET DEM EWIGEN, denn er ist gütig, ewig währt seine Gnade.

Es spreche Israel: Ewig währt seine Gnade.

Es spreche das Haus Aarons: Ewig währt seine Gnade.

Es sprechen die Anbeter des Ewigen: Ewig währt seine Gnade.


SO WAR ES UM MITTERNACHT.

    Schon viele Wunder tatest du des Nachts.
    Abimelech, dem Könige von Gerar, drohtest du Tod im Traum des
                                                                 Nachts,
    Laban, den Aramiten, versetztest du in Schrecken des Nachts,
    Israel rang mit dem Engel und siegte über ihn des Nachts;
    Es war um Mitternacht.

    Die Erstgeborenen derer von Mizrajim trafest du des Nachts,
    Daß sie sie nicht fanden, als sie aufstanden des Nachts,
    Den stolzen Mut Sisseras, des Fürsten, zertratest du beim
                                               Sternenschein des Nachts;
    Es war um Mitternacht.

    Belsazar, der aus den geweihten Gefäßen sich bezechte, ward
                                                  erschlagen des Nachts,
    Daniel ward aus der Löwengrube gerettet, der die Zeichen deutete
                                                              der Nacht,
    Haß trug Haman im Herzen und schrieb Blutbefehle des Nachts;
    Es war um Mitternacht.

    Laß bald kommen den Tag, der nicht Tag ist noch Nacht,
    Setze Wächter über deine Stadt Jerusalem, bei Tage wie bei Nacht,
    Erhelle wie Licht des Tages das trübe Dunkel der Nacht;
    Es war um Mitternacht.

       *       *       *       *       *

SEIN IST DER RUHM, sein ist die Ehre.

       *       *       *       *       *

NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM!

       *       *       *       *       *

    ALLMÄCHTIGER GOTT, bau Deinen Tempel
    schiere, also schier: in unsern Tagen, schiere, ja
    schiere. Barmherziger Gott, gerechter Gott,
    Demütiger Gott, hoher Gott, würdiger Gott,
    Sanfter Gott, huldvoller Gott, trauter Gott,
    Juden-Gott, kräftiger Gott, lebendiger Gott,
    Mächtiger Gott, namhaftiger Gott, ewiger Gott,
    Furchtbarer Gott, zarter Gott, königlicher Gott,
    Reicher Gott, starker Gott, Du bist Gott
    und niemand mehr. O bau Deinen Tempel schiere,
    also schier: in unsern Tagen, schiere, ja schiere!

       *       *       *       *       *


EINS -- WER WEISS ES? Eins -- ich weiß es: Eins ist unser Gott, der im
Himmel und auf Erden ist.

Zwei -- wer weiß es? Zwei -- ich weiß es: Zwei sind der Tafeln des
Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Drei -- wer weiß es? Drei -- ich weiß es: Drei sind der Väter, zwei
sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf
Erden ist.

Vier -- wer weiß es? Vier -- ich weiß es: Vier sind der Mütter, drei
sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott,
der im Himmel und auf Erden ist.

Fünf -- wer weiß es? Fünf -- ich weiß es: Fünf sind Bücher der Thorah,
vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des
Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Sechs -- wer weiß es? Sechs -- ich weiß es: Sechs sind Bände der
Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind
der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im
Himmel und auf Erden ist.

Sieben -- wer weiß es? Sieben -- ich weiß es: Sieben sind Tage der
Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier
sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes,
eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Acht -- wer weiß es? Acht -- ich weiß es: Acht sind Tage des Bundes,
sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind
Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind
der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden
ist.

Neun -- wer weiß es? Neun -- ich weiß es: Neun sind Monden der Reife,
acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände
der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei
sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott,
der im Himmel und auf Erden ist.

Zehn -- wer weiß es? Zehn -- ich weiß es: Zehn sind der Gebote, neun
sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der
Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier
sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes,
eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Elf -- wer weiß es? Elf -- ich weiß es: Elf sind der Gestirne, zehn
sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes,
sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind
Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind
der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden
ist.

Zwölf -- wer weiß es? Zwölf -- ich weiß es: Zwölf sind der Stämme, elf
sind der Gestirne, zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife,
acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände
der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei
sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott,
der im Himmel und auf Erden ist.

       *       *       *       *       *

EIN BÖCKLEIN, ein Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei
Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

Es kam ein Kätzlein und aß das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab
dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Hündlein und biß das Kätzlein, das gefressen das Böcklein,
das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein
Böcklein!

Es kam ein Stöcklein und schlug das Hündlein, das gebissen das
Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab
dafür zwei Suslein! ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Feuerlein und verbrannte das Stöcklein, das geschlagen
das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein,
das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein
Böcklein!

Es kam ein Wässerlein und löschte das Feuerlein, das verbrannt das
Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein,
das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei
Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Öchslein und soff das Wässerlein, das gelöscht das
Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein,
das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft
Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Schlächterlein und schlachtete das Öchslein, das gesoffen
das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das
Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein,
das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei
Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Todesenglein und schlachtete das Schlächterlein, das
geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht
das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das
Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein,
das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein
Böcklein!

Es kam der liebe Gott und schlachtete das Todesenglein, das
geschlachtet das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das
gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das
Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein,
das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei
Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

[Illustration]



DIE PESSACH-HAGADAH.

Von ~Theodor Zlocisti~.


Israel das ~auserwählte Volk~! Hat der Stolz dieses Bekenntnis
geboren, der Stolz, der die Verpflichtung in sich trägt? Oder ist
diese Überzeugung nur ein ethisches Erziehungsmittel unserer alten
Meister, die unermüdlich Barrikaden türmten um die Zelte Jakobs,
daß sie festblieben im brausenden Sturm der Zeiten und nicht ihr
schützendes Dach verlören, wenn einmal die Sonne in mitleidigen Gnaden
der Gemeinde lächelte? Formel und Stimmung der Segenssprüche und Gebete
steigerten Israels Überzeugung von seiner Erwähltheit auch dann noch
zu schöpferischem Leben, als das Verlangen nach der Erlösung von der
Fessel jüdischer Verpflichtung jene -- sonst ungeübte -- Bescheidenheit
aufkommen lassen mochte, nichts anderes und nicht mehr denn die Völker
der Erde zu sein. Sein zu -- wollen.

Die Geschichte sprach. Vor ihrer eindringlichen Rede mußte das Murren
derer verstummen, die Israels Vergangenheit wie Sträflingsketten
empfanden auf dem Wege des „Fortschritts“, der so viele Flüchtlinge
sah.

Freiheitssehnsucht und das Ahnen einer höheren Berufung, das die Seelen
in der Sklavennot festmachte im Entschluß und stark zur Tat, fügten die
Stämme zum Volke. Aus mythischem Gewölk stieg es in den Lichtkreis der
Geschichte. Völker, die am Morgen blühten, versanken in die Nacht. Der
Trutz der Gewaltigen zerbrach. Die Kleinen verdorrten in der Schwüle.
Die Herren der Welt und ihre Werke starben. Aber Israel, der Knecht
Gottes, mußte leben. Und lebt.

Nur das Tote und was das Gesetz des Sterbens in sich trägt, hat eine
Geschichte. Das jüdische Volk hat nur eine Vergangenheit. Es lebt, da
es kämpfen muß: um sich, um Gott, um eine Zukunft. Es lebt harrend des
Messias, der sich durch den Propheten Eliah ankündigt. Es lebt für das
goldene Zeitalter der Menschen, das nur die Resignation sterbender
Völker, die Verzweiflung der Geschichtsnationen in die Vorzeit, die war
und nicht wiederkehrt, hat verlegen können.

Israel lebt; und dieses Lebendigsein läßt seine Vergangenheit nicht
zur Geschichte erstarren. Was in den Zeiten war, muß den Geschlechtern
wirklich sein. Und ~Gegenwart~! War einstmals Erlebtes nicht
unwertiges Beiwerk, sondern das Erlebnis, dann ist es heut wie einst:
ewige Gegenwart, die kein Verblühen kennt.

Dieses ist des Peßachfestes letzter Sinn. Dieses ist das gestaltende
Prinzip der Hagadah, das formende Element von Peßachbrauch und Sitte.
„In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der einzelne verpflichtet, sich
selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es
heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen
dessen, was der Ewige mir getan hat bei ~meinem~ Auszug aus Mizrajim...
Nicht unsere ~Väter~ allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst,
sondern auch uns hat er mit ihnen erlöst, denn es heißt: Und ~uns~ hat
Er von dort herausgeführt, um ~uns~ zu führen und um ~uns~ zu geben das
Land, das er unsern Vätern zugeschworen.“

Peßach als Geschichtsfest, als ein Fest der Erinnerung zu feiern,
mußte als Entehrung gelten. Wer den Auszug aus Mizrajim nicht als ein
persönliches Erlebnis in sich trug, war ein Abtrünniger, frevelte
an dem Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Nur der Böse -- der Feind
Israels! -- konnte fragen: „Was soll dieser Dienst -- euch?! Euch!
Nicht ihm! Er schließt sich aus der Gemeinschaft aus. So verleugnet
er das Wesentliche. Mache ihm darum die Zähne stumpf und sage ihm:
Wegen dessen, was der Ewige ~mir~ getan hat bei ~meinem~ Auszug aus
Mizrajim... ~Mir~, nicht ~ihm~. Er wäre von dort nicht befreit worden.“

Sich selbst als den Erlösten zu fühlen und fröhlich die Verpflichtung
aus dieser Gnade zu tragen: das war die Überwindung der Zeiten.
Ägypten war nicht einst. Es lebt fort als das Land unserer
Knechtschaft. Und in neuer Gestalt nur steht es auf, Israel zu
vernichten. Die Feinde wechseln. Die Feindschaft bleibt. Das Werkzeug
der Frohnherren erneuert sich, und der Haß findet keckere Künste der
Versklavung --: aber im Peßach trägst du die Gewißheit der Erlösung.
Die Befreiung der Nation nimmt dem einzelnen die Kette ab. Und der
einzelne, der in sich das Werk der Befreiung fühlt, erlöst das Volk.
So verknüpft Peßach dich mit dem Volke und bindet die Geschlechter
durch die Ewigkeit gemeinsamen Schicksals! Neue Zeiten steigen empor
mit neuen Geschehnissen. Es sind die alten, nur in neuem Mummenschanz.
Neue Geschlechter kommen. Es sind die alten, wird das Erlebnis des
Vaters nur das Erlebnis des Sohnes. Aber die Kette der Geschlechter
ist zerrissen, wenn der Sohn stumm steht vor der tiefsten Erregung des
Vaters. Und also strebt das Erziehungsproblem unserer Meister empor zur
Versöhnung und Verschmelzung der Gewordenen und der Werdenden: „Erzähle
ihnen nicht. Sondern lehre die Kinder -- ~fragen~.“ Mah nischtanah
halajlah haseh mikol halejloth ... Das Fest der Vergangenheit wird das
Fest derer, die in sich die Zukunft tragen.

Als der Tempel noch auf der Höhe Zions stand, gab es wohl noch kein
besonderes Rituale. Aus allen Städten und Gauen kamen die Familien in
die heilige Stadt, um dort mit Opfern und fröhlichem Gelage ihre eigene
Befreiung zu feiern. An drei Millionen Menschen -- Freiheitkünder
-- sah noch kurz vor dem „jüdischen Kriege“ Jeruschalajim. Peßach
machte sie zu ~einem~ Volke, wie die ägyptische Befreiung sie
zu einem ~Volke~ gemacht hatte. Wie es die Kraft immer aus sich
gebar, in Raum und Zeit Getrenntes zu vereinen, aus den Umständen
Geschiedenes zusammenzufügen, so löste es in alter Zeit die Spannung
der sozialen Schichten und der religiösen Bünde. Der Arme war der Gast
des Reichen. Ha lachma anja -- dies ist das Brot des Elends. Es gehörte
den Dürftigen. Die Genossenschaften, die in der levitischen Reinheit
lebten -- die Chawerim --, wollten sich jetzt nicht vom Am haarez
unterscheiden, dessen Sein und dessen Werk im Erdhaften wurzelten:
Zu Peßach hieß es: Kol Israel chawerim. Das Fest weihte auch die
Ungeweihten. Erst in der Folge weitete sich der Sinn dieser Formel
zur Notwendigkeit eines Lebensprinzips aus. Pharao lag noch nicht am
Boden. Römische Kohorten durchzogen das Land. Der Tempel fiel. Das
Imperium romanum schwoll um eine neue Kolonie an. Viele mußten ins
Elend ziehen. Aber des Peßach konnten sie nicht vergessen. Die im Lande
blieben auf heimischer Scholle -- den Zöllnern frohnend wie einst den
Zwingherren in Ägypten -- zogen wie einst hinauf in die heilige Stadt,
opferten das Lamm und sangen, wie uns des Nazareners Jünger melden,
den Lobgesang. Frühe schon war also das Hallelgebet in die Festordnung
eingefügt worden. An die Stelle der fließenden Bräuche eines fröhlichen
Freiheitsfestes hatte die Sorge um die Erhaltung des Volkstums die
~Ordnung~ gesetzt. Die Meister sahen den Gang der äußeren
Geschicke schmerzergriffen. Aber weit in die Zeiten hinausblickend
griffen sie besonnen das Werk an: der Weiterführung und Umformung
mosaischen Gesetzes und jüdischer Sitte. Den neuen Lebensbedingungen
des Exils sich weise anpassend, wollten sie die Verbannung überwinden,
überdauern. Sprache und Brauch und die Übungen des heiligen Dienstes
durften, ~sollten~ sich wandeln, damit die Seele des Volkstums in
unbefleckter, unberührter Reinheit blieb. Peßach mußte gerettet werden.
Es war die Rettung selbst! Die enge Beziehung der Nation zum Erlebnis
ihrer Volkswerde -- leidenschaftlicher annoch, als das äußere Band der
Staatseinheit zerriß -- mußte den Erstarrungsprozeß des Peßachrituale
hinauszögern. Noch kämpfte das „Haus Schammais“ mit der Schule Hillels,
ob nur der erste Psalm des Hallelgebetes -- „Lobet, ihr Knechte des
Herrn, lobet den Namen des Herrn“ -- vor dem Festmahl gesungen werden
sollte oder auch der zweite, der sich dichter dem Sinn des Festes
anschmiegte: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus dem
fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich.“ Noch
war die Formel des Weihespruches nicht festgeschmiedet. Rabbi Tarfon,
der die Schergen der römischen Herrschaft fürchtete, fügte ihm nur
den Satz bei:... „und uns diese Nacht erleben ließest, daß wir Mazzah
und Maror darin essen dürfen“. Aber der jüngere Rabbi Akiba, der im
barkochbäischen Aufstande das heilige Banner der Propheten trug, der
gotterfüllte Märtyrer des letzten nationalen Verzweiflungskampfes,
Akiba preßte die lodernde Flamme patriotischer Sehnsucht in die Worte:
„Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden
erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem
Dienste, daß wir wieder essen dürfen von den Fest- und Peßachopfern,
deren Blut -- dir wohlgefällig -- die Wand deines Altars berührt, und
daß wir dir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die
Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du Gott, der Israel erlöst.“
Mächtig brauste der Jubel dieses Festes persönlichen Erlebnisses auf.
Und der Weihespruch, den die Weisen schufen, steigerte noch die Größe
des Erlebnisses: ... „der ~uns~ erlöst hat und unsere Väter
erlöst hat aus Ägypten.“ Die Väter traten zurück vor der Befreiung des
lebenden Geschlechtes. Im Leid der Gegenwart sollte es die Wonne der
Freiheit fühlen.

Allein da die letzte nationale Hoffnung verschüttet war, sollte sich
der Ernst gleich einem schweren Tau in die sonnenfrohen Flügel der
Festesfreude legen. Einst schwelgte der Jude nach dem Peßachmahle
bei feurigem Weine. Lieder erklangen im Kreise; und die kichernde,
schmeichlerische Flöte, das Lieblingsinstrument der Juden, zauberte im
Kusse mit trunkenen Lippen hüpfende Weisen hervor. Da leuchteten die
Augen und die Stirnen glühten. Die Glieder regten sich zum Tanze. Und
freudetrunken zog die Jugend in die Häuser der Freunde. Sie scherzten
und lärmten, bis die kühle Nacht sie hinausrief auf die Berge;
sprangen sie nicht wie Widder, und die Hügel nicht wie junge Schafe?
Das Echo der Felsen und Wände sang fröhlichen Refrain; und die Sterne
lächelten...

Als zum Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi
Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der
Mischnah festlegte, war das hellenisch anmutende Epikomon untersagt.
Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituale durfte kein
Wein mehr genossen werden. „Warum all die Zeugnisse, Vorschriften
und Gesetze?“ fragt das kluge Kind. Und beziehungsvoll soll der
Vater antworten: „Man lasse die Peßachfeier nicht mit einem Epikomon
schließen.“ Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch.
Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war
wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend
das einst erdhafte Volk.

Das Leben auf eigener Scholle war verwehrt. Das Leben im eigenen
Geiste konnten nicht Feuer und Schwert und nicht die Macht der Cäsaren
vernichten. Wenn nur die Kette der Geschlechter sich nicht löste! Im
Kinde das nationale Erlebnis der Befreiung aus Mizrajims Sklaverei zu
einem persönlichen aufsteigen zu lassen, wurde, je weiter die Zeiten
schritten, um so deutlichere Aufgabe der Peßachübung. Schon Rabban
Gamliel hatte gefordert, daß am Peßachabend von den drei Dingen,
dem Peßachlamm, dem ungesäuerten Brote und den bitteren Kräutern
~gesprochen~ werden sollte. Das Kind mußte sehen, fragen und
hören. In den Sinnbildern der bitteren Leiden Israels sollte ihm
der Auszug aus Ägypten gegenwärtig werden. Und also fortbauend
fügten unsere Meister Stein um Stein zu unserer Hagadah. Nicht eine
geschichtliche Überlieferung galt es weiterzugeben; nicht antiquarische
Kenntnisse zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn des Peßachopfers
schwand, als der Opferkult in die Form national durchsetzter Gebete
eingeschmolzen war. Die Frage, warum sitzen wir heut angelehnt, wurde
eingefügt. Und die anderen Fragen wurden nach den aus verändertem
Milieu gegebenen Vorstellungen des Kindes neu gewendet. Die Antwort
des Vaters gab zunächst wohl nur den schlichten Bericht von den Leiden
Israels in der ägyptischen Sklaverei und von ihrer Befreiung. Aber in
den Jahrhunderten wurden aus alten Büchern Geschichtchen entlehnt, die
dem Feste galten und zur Seele eines jüdischen Kindes sprechen konnten.
Als letztes Zwischenstück kam die geistvolle, packende Erzählung von
den vier verschieden gearteten Söhnen, die nach dem Sinn des Festes
fragen.

So wuchs die Peßach-Hagadah. Wie der Peßachabend die große Stunde
des Kindes wurde, wurde die Hagadah das Buch des Kindes. Es löste
sich aus den großen Folianten, in deren gewundenen Wegen es wie ein
verborgener Garten lag; und führte klein und zierlich sein eigen Leben.
Gebetstücke schmiegten sich an. Fromme Lieder baten um Eingang. Aber
als um das Jahr 1100 die Hagadah ganz als selbständiges Werk auftrat,
war ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wie der Peßachabend die
Geburtsstunde des Erlebnisses war, das sich immer wieder erneute, also
verjüngten sich Brauch und Sitte, und neue Lieder schmeichelten sich
ein, ernste und scherzende, wie das Lied von Böcklein, Chad Gadja, das
Adirhu und die nachdenkliche Zahlenspielerei des Echad mi jodea.

Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch
in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich
zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die
Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit
darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah
die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die
Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele
wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen,
mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen
zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein
Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in
kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß
sie seine Welt sein -- mußten.

So war die Peßach-Hagadah ein Buch auch für dieses jüdische Kind;
wert und lieb noch den Gereiften, die ihrer kindheitarmen Kindheit
gerne dachten, mit seiner niedergehaltenen Natürlichkeit und seinem
gesteigerten Intellektualismus. Ein Buch, in dem die verängstete,
freiheitsehnende Seele sich im Spiegelbilde fand. Ein Buch, das
sich dem Alltag entzog und -- alljährlich nur für zwei Abende der
dunklen Truhe entführt -- in den Monaten aufgestapelt die Freude am
Lichte, an Freiheit und leuchtenden Augen trug. So war es, daß eine
fast zärtliche Liebe dieses Buch wie nie ein anderes jüdisches Buch
umgab. Es wurde häufig abgeschrieben, und sinnende Künstler wußten
mit goldigen Farben, mit kecken Buchstaben und zierlichen Bildern den
Ernst der schweren Buchstaben ins Heitere zu schmücken. Fünfundzwanzig
dieser illuminierten Handschriften-Hagadahs haben in unsere Tage die
Kunde liebevoller Sorgfalt getragen. Sie stammen aus dem dreizehnten
und vierzehnten Jahrhundert, aus Spanien, Frankreich und Deutschland.
Allein als schon die Druckerkunst die Demokratisierung des Buches
begonnen hatte, starb die Freude an dem persönlichsten Besitz einer
bemalten Handschrift nicht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert blühten
jüdische Meister dieser heiteren Kunst, und Aaron Schreiber Sterrlingen
aus Gewitsch in Mähren war weit berühmt als Hagadahschreiber in den
Landen. Auf schwerem Pergamente lebte die Geschichte vom Auszug aus
Mizrajim. In langen Tagen und in Nächten erstand die Schrift; und
Sinnen und Sorge, Segen und Versagung in den Schöpferstunden gruben
sich in die Buchstaben ein. Bald liegen sie kauernd am Boden; bald
streben sie empor, als wollten sie wie eine Jakobleiter der Enge des
Irdischen entstreben. Noch ist der Buchstabe nicht zum Blei erstarrt.
Getreulich folgt er Willen und Laune des Schöpfers. In den krausen,
verschnörkelten Initialen spiegelt sich noch das verworrene Gewoge
der Absichten, der Hoffnungen und Zagnisse, die jeden Gestalter im
Anbeginn seiner Arbeit durchziehen. In den Zwischenstücken, die so
scheinen wollen, als seien sie eine Erholung für den Leser, ruht der
Sturm des Schaffens; und besonnen, nachdenklich wird die Linie der
Zeichnung. Und wenn ein Stück zu Ende gebracht, tollt sich die Freude
am gelungenen Werk in den Kapriolen der Phantastik aus. Die Lust am
grotesken Buchstaben, der sich in Schlangenschwänzen, Giraffenhälsen,
Karikaturenköpfen, in Blüten und Gezweige verliert, das Behagen an
bizarren Schlußstücken und der sittliche Ernst, der Zwischenstücke
formt -- große Worte etwa, die wie Könige des Gedankens in Schloß
und Burgen stehen oder sich in dichter Dornenhecke ungeweihtem Auge
zu verbergen scheinen --: sie haben sich in allen handschriftlichen
Hagadahs erprobt. In den Bilderbeilagen weichen sie indessen ab. Die
älteste -- zugleich das köstlichste Erbe jüdischer Künstlerschaft --
die Hagadah von Serajewo bringt in enger Folge Bilder zur Genesis
und zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Die Illustration des
eigentlichen Peßachrituale tritt hier zurück. Andere wieder schließen
sich enger den Begebenheiten an, die im Peßach ihre ewige Wiederkehr
feiern. Moses, sein wundersames Schicksal und seine Berufung werden der
Mittelpunkt dieses eingeengten Bildkreises. Die Erzählungen von den
vier Weisen, die zu B’ne-B’rak vom Peßach sprachen, bis daß der Morgen
sie zum Gebete rief, die Typen der vier Fragenden, Rabban Gamliel, der
die Festordnung schuf, werden im Bilde deutlich. Und Eliah sehen wir
nahen, den ewigen Wanderer, der wie ein gütiger Tröster aus dem düstern
Wirrsal der Gegenwart in den Frieden des Messias weist.

Wie sich die Formensprache des Zeichners aus dem Primitiven, über
die Technik der Renaissance zum Realismus aufhellt, so prägt sich
in der Auswahl der Motive die Stimmung der Zeiten aus. Dunkle Tage
kommen, da der Haß die stachliche Peitsche schwingt. In den frühen
Hagadahhandschriften, die stolze Herren aus romanischen Landen
sich zeichnen ließen, herrscht das Bild, dem die ~Bibel~ den
Vorwurf gibt. In den deutschen des späten Mittelalters will sich die
~Legende~ verkünden. Die große aristokratische Linie verläuft
ins Volkstümliche, in die Träumereien des Gedrückten, in die Enge
des Hauses. Die Helden und Starken -- Simson, David -- kommen in die
Hagadah und -- das Genrebild des häuslichen Lebens!

Der Weg dieser Entwicklung mündet in den Drucken und verliert seine
letzte Spur im -- Kliché. Von den 895 Ausgaben, die in den vier
Jahrhunderten von 1500-1900 erschienen sind, tragen 194 bildnerischen
Schmuck.

In den ersten Drucken, von denen uns Stücke erhalten sind, ringt noch
ein echter, gottergebener Kunsttrieb. Der Druck vervielfältigte,
demokratisierte das Buch. Aber der Meister saß in einsamer Klause,
schnitt krause Gedanken, heilige und frohe Stimmung in seine Buchstaben
und Stöcke; und die Phantasie des rechten Werkmannes machte das dürre
Holz lebendig. Die Prager Hagadah von 1526 und die von Mantua aus dem
Jahre 1560 sind köstliche Schöpfungen. Technisch gebunden an die Formen
des deutschen Holzschnittes, motivisch geleitet durch die letzten
illustrierten Handschriften-Hagadahs, ästhetisch erzogen durch die
Renaissance finden sie den Weg zu persönlicher Gestaltung. Jede Seite
hat ihr eigenes Leben. Ein naiver Kunstsinn verteilt den Raum. Die
Zeilen sind ungleichmäßig, oft wie Blöcke aufgebaut, oft wie Terrassen
ansteigend. Fruchtgirlanden rahmen die Seiten ein. Aber nicht in
langweiliger Wiederholung. Stücke fallen aus, um einem Bildchen Platz
zu geben; oder wuchtig rückt der Textwert vor. Mit den einfachsten
Mitteln wird ergötzliche Mannigfaltigkeit erreicht. Die Bilder
begleiten den Text; oft nur ein einziges Wort verdeutlichend. Die
Legende drängt sich vor und das liturgische Element. Die Peßachfeier im
Hause wird in realistischen Triptychen dargestellt. Und die Hasenjagd
fehlt nicht. Sie war aus einem Merkwort entstanden: J. K. N. H. S.
(Jajim, Kiddusch, Ner, Hawdalah, S’man): Jagnehas sprachen es die
deutschen Juden. Und also kam die in der alten Kunst beliebte und
symbolisch vielgedeutete Hasenjagd in die -- Hagadah. Das kraftvolle
Sch’foch chamathcha al hagojim -- der Fluch gegen die Völker, die Gott
nicht erkennen -- erhält ein eigenes Schmuckblatt: Adam und Eva, Judith
mit dem Haupte des Holofernes, Simson, der das Tor vom Tempel des
Gottes Dagon trägt, und -- Eliahu auf seinem müden Eselein. Die vier
Fragenden stehen noch jeder für sich. Aber der Bösewicht trägt schon
den Harnisch des Landsknechtes.

Es war nicht mehr die hohe Kunst und die volle Farbenpracht der
illuminierten Handschriften. Aber es blieb doch ein Reichtum
künstlerischer Gesichte und die Vielgestaltigkeit des Typographen.

Indes: Je weiter die Zeiten vorschritten, um so kunstloser, eintöniger
wurden die Zeichnungen, bis sie im Morast der Erbärmlichkeit
rettungslos stecken blieben. Es ist, als wäre mit dem Judentum
auch der jüdische Gestaltertrieb in nicht mehr verstandener
Überlieferung erstarrt --: war Peßach nur noch alter, geheiligter,
~anbefohlener~ Brauch, und war es nicht mehr das immer sich
erneuernde Erlebnis der Befreiung?

Ist die Peßach-Hagadah tot? Und hat sie deshalb eine Geschichte? Oder
will sich der große Tag verkünden, da Israel wieder hinaufzieht gen
Jeruschalajim, zur Stadt des Herren, um dorten in fröhlichem Feste die
Erlösung aus Mizrajim zu feiern, weil es in junger Seele die eigene
Erlösung erlebt?

[Illustration]



MIT DEM FRÜHLING.

Von ~Sch. Ben-Zion~.


„Der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, vergangen.“ Der Lehrer fuhr
wieder heim in seine Stadt und die Schule ist aus und vorüber. Nur
einige Erinnerungen an die Melodie zum Hohenliede sind geblieben, die
wie weiße Wolken am Himmel schweben. Awremel ist jetzt ein freier Mann;
sogar einen Fingerring besitzt er, einen Ring von reinem Silber, den
er im Kehricht fand. Er weiß aber noch nicht recht, was er mit seiner
Freiheit und seiner Herzensfreude und mit dem Fingerring anfangen soll.

Der Himmel ist hell, die Sonne klar und neuer Schein über der Welt. Wie
schön, wie lieblich wäre es jetzt, hinauszugehen und unter der Wölbung
des reinen Himmels hinzuwandeln und still in die Tiefen der Welt zu
träumen! Oder mit allen Gespielen wie junge Füllen hinzusprengen, die
dem Wind nachjagen, den Duft der feuchten Erde, des neusprießenden
Grases zu atmen, Könige zu wählen, Heere anzuführen und Krieg zu
erklären!... Aber ach, eins hindert an all dem, eins ist unheilvoll:
der Schmutz. Alle Gassen sind voll Morast, so daß nicht einmal ein
trockener Übergang möglich ist.

[Illustration]

Und im Hause geht erst recht alles drunter und drüber. In allen
Zimmern eine heillose Unordnung; mit jedem Schritt stolpert man über
allerlei Möbelstücke und Gerätschaften, die von ihren gewohnten Plätzen
fortgerissen und durcheinandergerüttelt sind. Eiserne und kupferne
Töpfe werden mit Knirschen und Kreischen geputzt, so daß die Ohren
zerreißen und alle Nerven im Körper erzittern. Den Kissen und Matratzen
werden die Überzüge abgenommen, dann klopft man sie mit Stöcken,
dichter Staub steigt auf, Federn fliegen; und der Staub erhebt sich und
füllt einem die Augen, er fällt wieder und legt sich auf alles; alles
sieht so schmutzig aus, dazu ist es mit Kalk und Lehm beschmiert. Und
von all dem Schmutz hat man einen faden Geschmack im Munde, wie von
gelöschtem Kalk oder geknetetem Lehm.

Das alles hätte Awremel schließlich nicht gestört; hier seine Kraft
und seinen Heldenmut zu zeigen, wo es ein gottgefälliges Werk war, das
Haus auf den Kopf zu stellen, hätte ihm nur gepaßt. Aber seine Mutter
stört ihn und vertreibt ihn von überall. Hier steht die neue Kiste, die
man für Mazzoth gekauft hat, und dort ein Fäßchen für Borschtsch zu
Peßach. Diesem „Allerheiligsten“ darf man nicht nahekommen. Wenn er in
die Küche kommt und den Herd nur anrührt, jammert die Mutter gleich:
„Herr der Welt, wozu lebe ich noch?“ Auch der alten Dienerin, die sonst
zu Awremel immer so sanft ist, weil er doch ein „Gelehrter“ ist, darf
er jetzt ohne Lebensgefahr nicht in die Nähe. Sie tüncht und kalkt mit
der Magd, hadert mit ihrem Schicksal und lamentiert: „Herr der Welt,
wie soll ich bis zum Seder-Abend mit all der Arbeit fertig werden?“

[Illustration]

Der Herr der Welt scheint aber an ihrem Schmerz wenig Anteil zu nehmen
und macht sich im Himmel und auf Erden einen prächtigen Frühling. Der
Tag leuchtet immer tiefer, die Sonne gleißt, die Luft weht lau, der
Wind geht frisch und eine geheimnisvolle Freude verbreitet sich im
ganzen Weltraum.

Was soll aber Awremel anfangen? Er klettert auf den Schrank, um die
Peßach-Hagadah zu suchen. Dabei wirft er ein Gebetbuch in den Kübel,
in dem die Magd den Kalk mischt. Der Kalk spritzt hoch auf, daß die
Magd fast blind wird. Die Mutter will ihn fassen, er springt herab,
balanziert zwischen den Gefäßen, die dastehen, zerbricht einen irdenen
Topf und entwischt.

[Illustration]

„Unglücksjunge,“ ruft ihm die Mutter nach, „was hast du hier zu suchen?
Trink Tee und geh ins Beth-Hamidrasch beten, wie jeder Mensch.“ Das
leuchtet Awremel ein; schnell verschwindet er und verzichtet sogar auf
den Frühstückstee; denn im Beth-Hamidrasch kann er seinen Gespielen
seinen Ring zeigen, seinen Fund, und sie können ihm vielleicht einen
Rat geben, was er damit tun soll.

[Illustration]

Aber er findet im Beth-Hamidrasch keinen von seinen Freunden. Sie haben
nicht so nahe wie er, so sind sie nicht gekommen. Der Schmutz hat sie
umschlossen wie eine Wüste. So steht er einsam und allein unter den
Erwachsenen, die schnell beten, und hat gar keine Lust, mitzubeten.
Ihn beschäftigt nur eine einzige Frage: was soll er mit dem Ring tun?
Soll er ihn verkaufen? Woher dann einen Käufer nehmen? Er muß ihn
zuvor putzen, und zwar mit der Pasta, womit der Diener die Leuchter
im Beth-Hamidrasch für die Feiertage putzt. Jede Ware gilt, wonach
sie aussieht. Wenn der Ring wie neu sein wird, wird sich vielleicht
irgendwie ein Bräutigam finden, der ihn als Verlobungsring kauft. Aber
der Diener ist bärbeißig, er ist ein Soldat noch aus der Zeit Nikolaus
I., und er jagt Awremel fort und läßt ihn nicht einmal zusehen. So geht
Awremel fort und blickt voll Neid auf die neue Borte an dem Gebetmantel
des reichen Reb Jeschua Heschel. Auch sie ist aus Silber; aber weil das
Silber schön poliert ist, blühen zwischen den Fäden Lichtfunken wie
goldene Augen. Und Awremel schlendert weiter und putzt seinen Ring,
damit er ebenso schön glänze. Er reibt ihn am Leder seiner Schuhe
und an dem Futter seines Rockes; und dabei belauscht er das Gespräch
zweier Schnorrer, die einander erzählen, durch wieviele Dörfer und
Städte sie in ihrem Leben gekommen sind. Der Dajan Reb Selig legt
jetzt T’fillin; es ist schon spät und der Ring glänzt schon, aber er
glänzt noch bei weitem nicht so, wie die Borte. Er will weiterputzen,
während er zusieht, wie der Dajan seine T’fillin abnimmt und die Riemen
zusammenlegt wie die Flügel einer Taube. Und Awremel putzt und putzt.
Der Dajan hat bereits dreimal die Decke der Bundeslade geküßt, dann ist
er fortgegangen; das Beth-Hamidrasch leert sich, Awremel wird müde und
weiß nicht, wieweit er in seinem Gebete gekommen ist. Sein Herz ist
leer und er schluckt vor Hunger seinen Speichel. Aber doch ist es ihm
angenehm, so einsam und allein auf der Fensterbank zu sitzen, die von
der Sonne beschienen ist, und in die Gasse zu sehen.

„Die Zeit unserer Freiheit.“ Freiheit ist ein schönes Ding. Es gibt
keinen Zwang der Schule, keinen Zwang des Hauses; es ist still,
friedlich und licht. Er sitzt da, schaut hinaus und weiß, daß an seinem
Finger ein dicker silberner Ring glänzt; er sieht Wasserlachen im
Schmutz der Straße stehen, moorartige Pfützen, die aber glitzern wie
helles Gold und Märchen von rieselnden Quellen erzählen. Eine Kuh mit
hängendem Bauch und vollem Euter, deren Rippen sich wie Beulen aus der
schmutzigen Haut heben, steht regungslos, wie eine Statue, nahe der
Wand. Sie zuckt nicht, kaut nicht wieder, bewegt kein Ohr; sie ist nur
damit beschäftigt, ihren ausgefrorenen Körper der Sonne hinzuhalten.
Ein großer Hahn mit seinen Hühnern bricht mit großem Aufruhr aus einem
Bodenfenster; sie haben sich gegen ihren Zwingherrn empört, die Steige
zerbrochen und verbreiten sich nun mit Gekreisch und Gegacker über das
Dach. Der Hahn schlägt mit den Flügeln und ruft seine Freiheit mit
lautem Kikeriki vom Dachfirst aus in die Welt. Zwei Leute tragen an
einer Stange einen großen Korb voll Mazzoth vorbei, die im Sonnenschein
leuchten; Awremel spürt ihren warmen Duft durch das Fenster und sein
Hunger zerrt in ihm.

Er springt von der Fensterbank und will sich einreden, daß er schon zu
Ende gebetet hat. Ist es denn anzunehmen, daß er bis zur Essenszeit mit
dem Gebete nicht fertig geworden sein sollte? Da erscheinen eben zwei
junge Leute, die miteinander eifrig und leise sprechen; anscheinend
disputieren sie über eine wichtige Sache. Awremel ist der Meinung, es
lohne sich, ihnen zuzuhören; und als sie stehen bleiben, schleicht
er sich in ihre Nähe. Die Zeit, die er lauschend verbringt, kann ja
zugleich für ein Gebet gelten; auf eins mehr oder weniger kommt es
wahrhaftig nicht mehr an. So hört er, wie der eine, der Rote, zu dem
Blassen mit dem dicken wollenen Halstuch sagt:

„Und glaubst du denn, das Hohelied sei wirklich eine Allegorie auf
das Volk Israel? Gar keine Spur, sage ich dir! Es sind einfach
Liebesgespräche zwischen Salomo und Sulamith und ihrem Herzensfreunde,
dem Hirten....“

Der Blasse staunt und zweifelt, sein Gesicht flammt auf und er fragt:
„Wie?“

Da springt Awremel aus seinem Lauscherwinkel hervor, lacht den beiden
ins Gesicht und läuft aus dem Beth-Hamidrasch. Hinter dem Hause, unter
einer Leiter und auf einem umgekehrten Faß ißt er sein Mittagmahl,
Butterbrot, das ihm die Mutter gegeben, und ein Stück Zucker, das er
„genommen“ hat. Und da er satt und zufrieden ist, findet er keinen
anderen Platz als diese Leiter. Er steigt hinauf und steht schon auf
der letzten Sprosse; alles in ihm spricht: „Die Zeit unserer Freiheit.“
Die Freiheit pocht in seinem Herzen wie ein gefangener Vogel, der an
die Wände seines Käfigs pickt und davonfliegen möchte. Alle Dächer
leuchten im Lichte der Freiheit; er hätte Lust, sich mit einem Satz
auf den First zu schwingen und von Dach zu Dach über die ganze Stadt
hinzuhüpfen.

„Sieh, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Mein
Geliebter gleicht einem Reh oder dem jungen Hirsche.“

Zwei Störche, Boten der Freiheit, fliegen über ihm dahin. Und was sind
all die Geräusche von den Höfen her, all das Kreischen, Schlagen,
Reiben, was ist es? Sind das nicht Rufe der neuen Freiheit? Freiheit in
der Welt, Freiheit im Hohenliede. Über die Bibelverse ist ein neues,
heiteres Licht ausgegossen.

„Die Blumen zeigen sich im Lande, der Lenz ist gekommen und der
Turteltaube Ruf läßt sich in unserm Lande hören. Der Feigenbaum, schon
reifen seine Früchte...“ Wenn man das alles wörtlich und einfach nimmt,
ohne Deutung, ohne „Das heißt“ und „Er will sagen“ -- kluge Worte hat
der Rote gesprochen.

Von der Leiter zum Dachboden ist’s nur ein Sprung.

Unter dem Dache herrscht ein geheimnisvolles Halbdunkel. Alles ist
still, nur eine Henne gackert von der Steige im Winkel her. Und vom
Dache hört man ein freches Zwitschern: die Vögel plaudern dort und
kratzen mit den Klauen ihrer dünnen Füßchen in einem bescheidenen
Winkelchen: Sulamith verbirgt sich dort. „Meine Taube in den
Felsspalten, in den Steinritzen...“

Die Welt draußen lebt, freut sich, arbeitet, ist geschäftig; hierher
entflieht, um sich zu verbergen, nur alles Weiche, alles Süße, das
in jedem Laute lebt. Hier tönt nur die Stille und Heimlichkeit, das
Zittern des Alls. Und dies bildet hier einen köstlichen Schatz, einen
Schatz verborgener Freuden.

Ein Windhauch kommt seines Wegs vorüber, flüstert und klappert im
Kamin, zwängt sich herein, bläst in den goldenen Staub, der in der
Sonne tanzt, bewegt die Spinnenfäden und verschwindet wieder... Awremel
hockt in seinem Versteck, im schattigen Winkel, er kauert sich noch
enger zusammen und schließt die Augen vor der Wonne seiner vielen
Genüsse. Und ihm ist, als hätte der Wind ihn mitgenommen und an einem
einsamen Ort in einen weichen Schoß gelegt, dort zu schlafen wie ein
Kind. Aber die neue Wonne, die ihn erfüllt, läßt ihn nicht schlafen. Er
weiß nicht, was er mit seiner Seele, was er mit dieser Wonne anfangen
soll -- so wie er mit dem Ringe nichts anzufangen weiß. Er ist reich
über alle Maßen und hat für seine Schätze keine Verwendung. Er steht
auf und geht langsam vor, als schleiche er listig, die helle Freude der
Welt zu haschen; er klettert auf die Hühnersteige und legt seinen Kopf
zum Dachfenster hinaus: welche Weite, welche Welt erschließt sich ihm
da!

Er sieht alles und niemand sieht ihn: als hätte er eine Tarnkappe
aufgesetzt. Er ist ein Herrscher, der niemand über sich hat. Und
jenseits der Dächer, jenseits der Höfe, jenseits der weißen Wäsche, die
an den Schnüren hängt und sich im Winde bewegt, sieht er einen grünen
Berg, auf dessen Gipfel ein helles Wäldchen in einem dünnen blaugrauen
Nebel fast verborgen ruht. Und der Berg dehnt sich in den Nebel hinein
ins Unendliche und schmilzt wie ein Stück Zucker in heißem Wasser.
Awremels Blick schwebt über den Wolkenhügeln, die vom fernen Horizonte
aufsteigen, weiß wie Perlmutter. Er schwebt über den Schneestreifen,
die zerschmelzen und wie flüssiges Gold gleißen. Eine Herde von
Schafen und Ziegen zieht den Berg herab, der ganze Abhang ist bunt und
gefleckt; und in Awremels Seele regt es sich mächtig, daß er in einem
lauten Gesange seinen Jubel Luft machen muß. „Tu mir kund, o du, den
meine Seele liebt: Wo weidest du? wo lagerst du am Mittag?... -- Mit
mir, vom Libanon, o Braut, komm mit mir vom Libanon! Meine Schwester
Braut, von den Löwenwohnungen, von den Pantherbergen!“

Er und seine „Schwester Braut“ wandeln nebeneinander, beide schweben
leicht dahin, ohne die Erde zu berühren, aneinander geschmiegt in
zartem Kosen, sie zittern und schweben in der Luft wie zwei junge
Pflänzlein, von einem würzigen Windhauch berührt. „Ich will zum
Balsamberge gehen und zum Weihrauchhügel.“

Er ruft sein Lied von der Höhe hinaus und eine dünne, zarte, klare
Stimme antwortet ihm mit melancholischer Weise aus der Tiefe:

    „Lieb Mütterlein, o schweige still,
    Daß niemand es erfährt;
    O lösche meines Herzens Höllenbrand:
    Gib, was es heiß begehrt!“

Dieses Lied singt die schwarze Adel, die Tochter Evas, der Witwe, die
am Nachbarhofe wohnt. Ihr Häuschen ist so klein wie Kinderspielzeug,
die Fenster sind winzig und hart über dem Erdboden. Die kleine Adel
steht auf einem Schemel und tüncht die Außenwand der Hütte. Eine lichte
Strahlenkrone flimmert um ihre Locken, in die der Wind bläst, daß sie
ihr über Stirn und Augen fallen. Sie hebt ihr Gesicht, das von der
Wärme des Tages blüht, zu ihm auf, blinzelt mit den Augen, rümpft das
Näschen vor der Lichtfülle, die ihn umfließt, und öffnet ihre Lippen
zu einem kleinen Lächeln. Sie bückt sich, taucht den Pinsel in den
Kalkeimer vor ihren Füßen und kehrt zu ihrem traurigen Liedchen zurück.

    „Vor Sehnen nach der Liebsten mein
    Ist krank mein Herz und Blut.
    Sie wohnt in einem kleinen Hüttelein,
    Hat keines Hellers Gut.“

Und zum dritten Male ertönt die sehnsüchtig klagende Weise:

    „Mein Mut siecht hin, mein Arm erschlafft,
    Schwer trag ich dein Gebot.
    Verweigerst du, die meine Seele liebt,
    So bleibt mir nur der Tod.“

Und mit einer Stimme, die vor Sehnen vergeht, wiederholt sie:

    „Verweigerst du, die meine Seele liebt,
    So bleibt mir nur der Tod.“

In Awremels Köpfchen geht alles drunter und drüber. Er ist wie trunken
von dem Liede, er will etwas tun, um Adel in Erstaunen zu setzen. Er
fühlt: er ist leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch, stark
wie ein Löwe. Aber er kann doch nicht auf das Dach steigen und
hinunterspringen --! So klettert er schleunigst die Leiter hinab,
springt über den Zaun und in Adels Hof und nähert sich ihr, eben als
sie den Pinsel wieder in den Kalkeimer taucht. Er faßt sie an der Hand
und sagt: „Ich -- ich -- will dir den Pinsel eintauchen!“

Sie steht auf dem Schemel und tüncht die Wand mit dem Pinsel, den
er eingetaucht hat. Ihr Kopf legt sich in den Nacken zurück, ihr
leuchtendes Gesicht ist erhoben und ihre schwarzen Augen ruhen
verborgen in dem Schatten ihrer langen Wimpern. Sie glänzen wie Punkte
lauteren Goldes. Awremel sieht zu ihr auf und sein Herz ist voll Wonne;
ohne es zu wissen, genießt er das Glück einer Blume, die in Tau und
Licht badet.

Plötzlich stößt „seine“ Adel einen kleinen Schrei aus, preßt die Lippen
aufeinander und zieht ihr Näschen vor Schmerz in Falten. Sie beugt sich
zu ihm und zeigt ihm ihren Finger, in den der Kalk eine kleine Wunde
gebrannt hat; dann reicht sie ihm einen Leinenstreifen, er solle ihr
damit den Finger verbinden. Awremel ist eifrig und voller Freude, daß
er Adel gehorchen und ihr helfen, daß er den Schmerz seiner „Schwester
Braut“ stillen darf. Er wickelt den Streifen fest um ihren Finger. Doch
hat er keinen Faden, den Verband festzubinden; und ohne nachzudenken,
nimmt er mit freudiger Bewegung seinen Silberring und streift ihr
ihn über den gestreckten Finger. Er steckt ihr den Ring fest an und
sein Herz schlägt ihm laut bis in den Hals hinauf. Und er lächelt und
spricht die Trauungsformel: „Du bist mir verlobt durch diesen Ring nach
dem Gesetze Moses und Israels.“ Aber sogleich erschrickt er über das,
was er getan hat...

„Wir wollen uns immer lieb haben, Awremel,“ spricht sie zu ihm: ein
Scherz, der Wahrheit enthält.

„Gewiß, gewiß,“ versichert Awremel; dabei schämt er sich und zittert
und erwägt, ob er jetzt nicht verpflichtet ist, ihr einen Scheidebrief
zu schreiben?

Plötzlich wendet er sich von Adel ab und läuft schleunigst davon, vor
dem Mädchen und vor dem Ring an ihrem Finger, klettert über den Zaun
und auf die Leiter und verbirgt sich in der Dachkammer. Dort preßt er
das Gesicht in die Hände; Tränen würgen ihn; hier will er vor Schande
sterben an „seines Herzens Höllenbrand“, hier in dieser Bodenkammer
„bleibt ihm nur der Tod.“

Und da ertönt Adels Stimme wieder in flehenden Tönen:

    „Schon drei lange Tage zürnst du mir;
    Sage, Liebster mein, was tat ich dir?
    Glaubest, Zweifler du, ich lieb dich nicht?
    Frag den Wunderrabbi, wie man tut,
    Laß dir deuten, was der Traum dir spricht --
    Gib mir deine Hand, sei wieder gut!“

Sie schämt sich nicht und sorgt sich nicht; aber auf ihm lastet seine
Tat wie ein schwerer Alb, wie ein Traum aus einer schlaflosen Nacht, in
dem trübe Bilder und Irrlichter wechseln. Er sitzt in der Finsternis
wie ein von Gott Geschlagener und wartet, bis Adels Stimme schweigt.
Dann erhebt er sich, steigt vom Boden hinab, traurig, schuldbeladen und
sündig, wie einer, der zum Richtplatz geht... Die untergehende Sonne
wirft einen roten Schein auf sein verschämtes Gesicht und leuchtet in
feurigem Glanze.



PHARAOS TRAUM.


Es war 130 Jahre nach der Ankunft der Kinder Israel in Mizrajim und
sechzig Jahre nach Josephs Tode, da hatte der Pharao einen seltsamen
Traum. Er erblickte einen hohen Greis mit einer Wage in der Hand; in
der einen Schale lagen alle Bewohner Mizrajims, Männer, Weiber und
Kinder, in der andern Schale aber lag ein Lämmchen; und das Lämmchen
wog alle die von Mizrajim auf. Der König erschrak über diesen Traum,
den er nicht zu deuten wußte. Am Morgen aber versammelte er eilends
alle Gelehrten und Sterndeuter von Mizrajim und erzählte, was er
gesehen; und alle waren in Furcht und Grauen ob des Gesichtes.

Endlich trat einer der Großen des Hofes, Bileam, der Zauberer, vor den
Pharao und sprach: „Dieser Traum bedeutet für ganz Mizrajim ein großes
Unheil.“ Der König fragte ihn, was es denn sei. Da verkündete der
Weise: „Den Kindern Israel wird ein Sohn geboren werden, der Mizrajim
vernichten wird. Ich aber, mein Herr und König, will dir einen Rat
geben: befiehl, daß man jeden neugeborenen Sohn unter den Kindern
Israel töte; vielleicht, daß so der Traum nicht in Erfüllung geht.“

Das leuchtete dem Pharao und seinen Leuten ein, und er folgte dem Rate.

Im dritten Jahre nach Moses Geburt saß einst der Pharao zu Tische und
speiste; zu seiner Rechten saß die Königin, zu seiner Linken seine
Tochter Bithja und vor ihm alle Großen seines Hofes. Bei Bithja aber
saß der Knabe Moses, in bunte Gewänder gekleidet. Und Moses gefiel dem
Pharao, so daß dieser ihn auf den Schoß nahm. Da streckte der Knabe
die Hand aus, nahm die goldene Krone vom Haupte des Pharao und setzte
sich sie auf. Darüber erschrak der König und die Großen verwunderten
sich. Bileam aber, der Zauberer, nahm das Wort und sprach: „Mein Herr
und König, gedenke des Traumgesichtes, das du einst erblicktest und
das dein Knecht dir deutete! Ist nicht dies eines von den hebräischen
Kindern? Der Geist Gottes steckt in ihm und aus seiner Weisheit handelt
er; er ist es, der Mizrajim vernichten wird! Gib schleunigst Befehl,
ihm das Haupt abzuschlagen!“

Der Pharao fand den Rat gut. Da entsandte Gott den Engel Gabriel; der
nahm die Gestalt des Jithro, eines der Großen und Freunde des Königs,
an und sprach: „Mein Herr und König, hüte dich, unschuldiges Blut
zu vergießen! Der Knabe hat ja noch keinen Verstand! Wenn du mir es
gestattest, will ich dir einen Rat erteilen: lege einen funkelnden
Rubin und eine glühende Kohle vor dieses Kind hin; streckt es die
Hand aus und ergreift den Rubin, dann weißt du, daß es Verstand
hat, dann hat es den Tod verdient und wir verfahren mit ihm nach der
Gerechtigkeit. Greift es aber nach der Kohle, dann ist erwiesen, daß es
keinen Verstand besitzt, und es ist frei.“

Dieses Wort gefiel dem Pharao und seinen Freunden; sie legten den Rubin
und die Kohle in eine Schale und stellten sie vor Moses hin. Der Knabe
streckte die Hand aus und griff schon nach dem Rubin, doch der Engel
stieß seine Hand fort, daß er die Kohle faßte; er führte sie zum Munde
und berührte mit ihr seine Lippen und die Zungenspitze. Darum war Moses
von so schwerer Zunge. Damals aber ward er auf diese Weise gerettet.



VON MOSES.


„Jeden Sohn, der geboren wird, sollt ihr in den Strom werfen.“ --
Rabbi Chanan erzählte: Israels fromme und keusche Töchter suchten ihre
Kinder zu retten. So nahmen sie sie denn und verbargen sie in Höhlungen
ihrer Wohnstätten. Da brachten die Ägypter ihre kleinen Kinder in die
jüdischen Häuser und zwickten sie da, bis sie weinten. Da hörte das
jüdische Kind die weinende Stimme seines Kameraden und weinte mit ihm.
So fanden sie die Ägypter und warfen sie in den Fluß.

[Illustration]

In dieser Stunde sprach der Heilige, gebenedeit sei er, zu den
Dienstengeln: Steigt doch herab und seht die Kinder meiner Lieblinge
Abraham, Jizchak und Jakob, wie man sie in den Strom wirft. Da stiegen
die Engel erschreckt herunter und standen bis zu den Knien im Wasser
und fingen die jüdischen Kinder auf und legten sie auf emporragende
Sandbänke. Der Heilige aber, gebenedeit sei er, ließ ihnen Brüste aus
den Steinen sprießen und gab ihnen so zu trinken.

       *       *       *       *       *

Wenn die Ägypter kamen, die Kinder zu töten, geschah ein Wunder und die
Kinder wurden von der Erde verschluckt. Da brachten die Ägypter Ochsen
und pflügten die Erde, aber wenn sie weg waren, sprossen die Kinder
wieder auf wie das Gras auf dem Felde. Und wenn sie groß gewachsen
waren, kamen sie scharenweise nach Hause. So kam es denn auch, daß sie
am Roten Meere, da Gott sich offenbarte, ihn gleich wiedererkannten und
riefen: „Dies ist mein Gott!“

Rabbi Jehuda Hanassi hielt einmal eine Predigt und die Zuhörer
schliefen ein. Da wollte er sie wieder wach machen und rief: „In
Ägypten war einst eine Frau, die hat auf einmal sechshunderttausend
Menschen geboren.“ Erstaunt fuhren die Zuhörer auf. Da sagte
er: „Jochebed, Moses’ Mutter, ist gemeint. Denn Moses hat
sechshunderttausend Israeliten aus Ägypten geführt, so ist er denn
soviel Menschen gleich zu achten.“

       *       *       *       *       *

Es erzählten unsere Lehrer: Als Moses die Herde Jithros in der Wüste
weidete, entlief ihm ein Böcklein. Moses setzte ihm nach, bis er zu
einem Felsen kam, da stand das Böcklein an einer Quelle und trank. Als
Moses das sah, sagte er ihm: „Ich wußte gar nicht, daß du aus Durst
weggelaufen bist. Nun bist du gewiß recht müde.“ So lud er es sich auf
die Schulter und trug es. Das sah Gott und sprach: Du hast Mitleid mit
deiner Herde, so wahr du lebst, so sollst du meine Herde weiden, Israel.

       *       *       *       *       *

Warum zeigte sich Gott dem Mose im Dornbusche, der loderte und nicht
verbrannt ward? Um Moses Zweifel zu besiegen. Denn Moses glaubte doch,
daß vielleicht die Ägypter Israel vernichten würden. So zeigte ihm Gott
den Dornbusch und sprach: Wie der Dornbusch vom Feuer umflackert wird
und nicht verzehrt werden kann, so können auch Israels Feinde es nicht
vernichten.

[Illustration]

[Illustration]

Mit Moses Stab hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Der Stab ward am
sechsten Schöpfungstage in der Dämmerung erschaffen und dem ersten
Menschen im Paradies übergeben. Adam gab ihn dem Henoch und Henoch
dem Sem und dann erhielten ihn nacheinander Abraham, Isaak und Jakob.
Jakob brachte ihn nach Ägypten und gab ihn dem Josef. Nach Josefs Tode
fiel er mit seiner ganzen Habe dem Pharao zu. In Pharaos Palaste sah
ihn Jithro, der einer von Pharaos Wahrsagern war, entwendete ihn und
pflanzte ihn in seinen Garten. Aber da konnte ihn niemand nahe kommen
-- bis Moses nach Midjan kam und in den Garten eintrat. Er konnte die
Zeichen lesen, die auf dem Stabe standen und hatte die Macht, ihn
an sich zu nehmen. Als Jithro dies sah, sprach er: Fürwahr, das ist
Israels Erlöser. Deshalb gab er ihm seine Tochter, die Zipporah, zur
Frau.

       *       *       *       *       *

Ein Heide fragte den Rabbi Josua ben Karcha: „Weshalb redete Gott zu
Moses aus einem Dornbusche?“ Der Rabbi erwiderte: „Hätte er aus einem
Johannisbrotbaume zu ihm geredet oder aus einer Sykomore, so hättest du
mir dieselbe Frage gestellt. Allein ich will es dir sagen: es soll dir
so gezeigt werden, daß es nichts gibt, worin nicht Gottes Herrlichkeit
lebte; sogar im Dornbusche ist sie.“



MIT REICHEM GUTE.

Von A. L. ~Lewinski~.

Gewidmet den Peßachfahrern in Erez-Israel.


„Und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute...“

Allmählich lerne ich verstehen, weshalb Moses auf dieses „reiche Gut“
soviel Wert legte, daß er es immer wieder erwähnt.

Auf den ersten Blick erscheint es ja etwas sonderbar. Das Volk war in
einem so entsetzlichen, in einem so erniedrigenden Zustand, dort in
Mizrajim -- in einer Art von grenzenloser Knechtung; man arbeitete mit
den Juden, wie mit Lasttieren, in Lehm und Ziegeln, in aller schweren,
gliederbrechenden Arbeit; Aufseher standen über ihnen und schlugen
sie mit Geißeln und Stöcken, ähnlich wie es den Leibeigenen einst in
Rußland ging oder den Negersklaven in Amerika -- es scheint doch, als
wäre es genug für ein solches Volk, bloß aus der Knechtschaft in die
Freiheit zu gehen, aus Gebundenheit zur Erlösung, hinauszugehen und zu
fliehen, und müßte man selbst die Haut zurücklassen: wenn nur die Seele
gerettet wird; und kein Gedanke bleibt für Geld und Gut. Nachher, wenn
es erst aus Mizrajim gezogen sein und begonnen haben würde, für sich
selbst statt für seine Herren und Peiniger zu arbeiten, würde es ja von
selbst zu reichem Gute kommen. Denn sechshunderttausend Menschen, eine
Million und zweihunderttausend arbeitende Arme sind schon für sich ein
reiches Gut. Sie würden arbeiten und Reichtum schaffen. Die Hauptsache
war, diese Arme zu befreien, damit sie für sich selbst arbeiten könnten
und nicht für Nutzen und Vorteil der Ägypter.

[Illustration]

Und da steht Moses und ruft und mahnt eindringlich an das reiche Gut,
das, wie es scheint, einen wichtigen Hauptpunkt seines Programms
bildete.

Raschi, das heißt unsere naiven Alten, gab folgende Erklärung: All
diese Mahnungen sollten ihn, den Gerechten, unsern Vater Abraham,
befriedigen, damit er nicht sage: „‚Man wird mit ihnen arbeiten und
wird sie plagen,‘ und so traf es ein, ‚und dann werden sie ausziehen
mit reichem Gute,‘ und das traf nicht ein.“ Diese Erklärung, muß ich
sagen, leuchtet mir nicht ganz ein. Wenn er, der Gerechte, soviel
bei Gott vermochte, warum hat er dann die Knechtschaft in Mizrajim
überhaupt zugelassen? Er hätte sofort protestieren sollen. Denn zu
welchem Zweck und zu welchem Ende war die ganze Verbannung da? Das
alte System der „läuternden Leiden“, der „versöhnenden Verbannung“
hatte schon damals keinen Sinn. Ein Volk, das eben erst begonnen hat,
zu leben, hat noch gar nicht Zeit gehabt, so viel zu sündigen, daß das
Elend der Knechtschaft kommen müßte, es zu läutern und zu bessern. Die
Juden wären wahrscheinlich sogar ohne die Knechtschaft in Mizrajim auch
Juden geworden und, wer weiß, vielleicht bessere als sie nach all dem
Bessern und Läutern durch die Ägypter geworden sind...

[Illustration]

Gewiß, das Elend läutert, -- aber es ~läutert zu sehr~; mit dem
Schmutz läutert es auch das Fleisch weg und mit dem Fleische reißt
es auch Stücke aus der Seele. Einem Schwerkranken sprach man von
dem Lohn der Leiden; sie würden ihm ewige Seligkeit einbringen, er
solle nur alle Schmerzen geduldig ertragen. Er aber sagte: „Nicht
sie und nicht ihren Lohn!“ Ich bin sicher, daß das Elend in Mizrajim
unsern Nationalcharakter sehr geschädigt und uns einen ewigen Jammer
hinterlassen hat. Jetzt, nach Tausenden von Jahren, ist es uns schwer,
uns unsern Volkscharakter und seine Eigenschaften ohne all diese
Widerwärtigkeiten vorzustellen. Nicht die Verbannung in Babel und nicht
die in Edom ist es, sondern dieses erste Verbannungselend, das uns
plötzlich traf, als das Volk noch jung und zart war, ein Stoff, bereit,
in der Hand des Bildners jede Form anzunehmen; dieses ägyptische Elend
ist es, das furchtbar stark auf uns wirkte, und uns mit ewigem Schmutz
bedeckte. Und es gibt noch heute keine schlechte Eigenschaft in unserem
Volke, von der nicht wenigstens ein kleiner Teil von Mizrajim herstammt.

Alles in allem: diese Knechtschaft war durchaus nicht notwendig, ja
sogar höchst überflüssig! Und jener Gerechte, der selbst eine Art von
Freiherrn und Kavalier war (siehe sein Verhalten gegenüber Lot und dem
König von Sodom), ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der kein Unrecht
ansehen konnte und es wagte, mit wenigen Leuten, seinen Knechten und
Hausgenossen, insgesamt 318 Mann, vier siegreiche Könige anzugreifen
-- ein „gerechter Ritter“ wie dieser wäre gewiß mit der ägyptischen
Verbannung nicht einverstanden gewesen und hätte auch auf die
Zusicherung verzichtet: „Auch das Volk, unter dem sie arbeiten werden,
werde ich richten.“ Denn was für ein Vorteil ist hierbei? Was haben wir
davon, daß es gerichtet worden ist? Ganz abgesehen davon, daß es gar
nicht zum Charakter des Hebräers Abraham, d. h. zum wahren jüdischen
Charakter, paßte, der durch und durch barmherzig und nicht rachsüchtig
ist, der auch gegen seine ärgsten Feinde keinen Haß trägt, vielmehr
in jedem Augenblicke bereit ist, zu verzeihen und mehr als das, alles
zu vergessen, was man ihm angetan hat. Was für ein Nutzen ist in dem
Strafgericht? Werden denn die Quäler umkehren auf ihrem Wege, werden
sie denn Reue empfinden, daß sie die Juden ohne Ursache gepeinigt?
Werden sie denn in Zukunft andere Wege wandeln? Wir wissen doch, daß
die Leiden nicht die Sünden der Juden abwaschen; sondern jene erbittern
sich nur noch mehr und gießen die ganze Schale des Zornes über die
Juden aus.

Wahrscheinlich hätte Abraham gern auf das Strafgericht verzichtet, und
natürlich erst recht auf das „reiche Gut“, er, der seinen wahren Wert
kannte und der mit Stolz zu dem Könige von Sodom sagte: „Ich hebe meine
Hand auf zu dem Herrn, daß ich keinen Faden und nicht einmal einen
Schuhriemen von der Beute nehme.“ Nein, er jagte nicht dem Reichtum
nach, nicht für sich und nicht für seine Nachkommen. Also nicht, um ihn
zu versöhnen, spricht Moses von dem reichen Gute, das unsere Väter aus
Mizrajim führen sollten; sondern es scheint ein wichtiger Hauptpunkt
seines persönlichen Programms gewesen zu sein.

Und ich beginne ihn und sein System zu verstehen.

Es ist nicht anzunehmen, daß unsere Väter in Mizrajim ein großes
Volksvermögen besessen haben. Wir kennen ja die ökonomische und
finanzielle Lage jenes Landes nicht genau, aber wenn wir nach ihrer
Staatsordnung urteilen sollen, die auf Sklaverei und auf eine
eigentümliche Bürokratie gegründet war, war sie nicht besonders
glänzend. Ein auf so faulen Grundlagen beruhender Staat konnte nicht
reich werden. Ein freies Volk wird reich, es arbeitet für sich und
fürchtet weder die Konkurrenz von außen noch Schwierigkeiten im Innern;
aber ein faules und dem Trunk ergebenes Volk, das sich auf seine
Knechte verläßt, kann nicht reich werden. Und wenn die Ägypter selbst
so waren, konnten die Juden, ihre Sklaven, nicht wohlhabend sein. Wir
wissen auch, daß das Volk hart und der König starrsinnig war; und in
einem solchen Lande, wo der Judenhaß von allen Seiten drängt, von oben
nach unten und von unten nach oben, von rechts nach links und von links
nach rechts, wo sich die Führer des Volkes bemühen, die Juden vom
Handel, ja überhaupt von jeder Arbeit und Beschäftigung fernzuhalten --
gab es da irgendeine Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen? Für mich ist
es unzweifelhaft, daß das Volk im ganzen, in seinen breiten Schichten,
ein ganz armes Volk war, jedoch, wie immer im Exil, mit einem kleinen
Häuflein von sehr reichen Leuten, denen es aus verschiedenen Ursachen,
durch ein Zusammentreffen verschiedener günstiger Umstände, geglückt
war, ein großes Vermögen zu erwerben, „reiches Gut“ in ihren Händen zu
sammeln.

Und dieses reiche Gut war für unser Volk höchst notwendig. Nicht nur,
um es aus Mizrajim hinauszuführen; noch mehr, um es nach Erez-Israel
hineinzubringen und es dort festzusetzen. Denn aus Mizrajim zu
ziehen, war ja noch nicht der schwerste Teil der Aufgabe. Und
Moses befürchtete, und mit Recht, daß die Reichen in Israel, die
wenigen Glücklichen und vom Schicksal Begünstigten, die trotz aller
beschränkenden Gesetze Zeit genug gefunden hatten, um reich zu werden
und ein schönes Vermögen zu sammeln, daß diese nicht einverstanden sein
würden, auszuwandern, und erklären würden, sie wollten in Mizrajim
bleiben. Und die Ersparnisse der Arbeit von 410 Jahren, die Früchte der
schweren Mühen eines ganzen Volkes durch viele Geschlechter würden im
Lande des Elends geblieben sein, das Volk aber hätte mit leeren Händen
in sein neues Land kommen können. Mit leeren Händen gehen, mit leeren
Händen kommen; mit leeren Händen aber ist es schwer, es vorwärts zu
bringen.

Und darum begann er vom ersten Tage an, wo er kam, um dem Volke im
Namen der zukünftigen Erlösung, im Namen des Vaterlandes zu sprechen,
darum begann er von der ersten Sekunde an auf das „reiche Gut“ zu
dringen, mit dem sie aus Mizrajim ziehen sollten. Und ich stelle mir
vor, daß das auf das große Publikum, auf das Volk, sogleich Eindruck
machte. Das Volk hörte mit Begeisterung seine neuen Worte, die
Verkündigung der Erlösung, und „das Volk glaubte und hörte, daß Gott
der Kinder Israels gedachte und ihr Elend ansah“. Das Volk glaubte,
das Volk hoffte. Aber auf die großen Kapitalisten wirkte die Sache
nicht so schnell. Sie standen abseits; und es dauerte noch lange,
Tage und Jahre, ehe man einsehen lernte, daß die reiche Bourgeoisie
nicht so einfach beiseite geschoben werden könne, daß auch sie zum
Volke gehöre und der Erlösung ~wert~ sei wie das ganze Volk.
Noch länger aber währte es, bis die alten Reichen begriffen, daß auch
sie eine Erlösung ~nötig~ hatten, so wie das ganze Volk, und daß
ihnen ihr reiches Gut am Tage des Gerichtes nichts helfen würde. Wenn
sie sich nicht beeilen würden, aus dem Lande zu ziehen, wenn sie sich
nicht rechtzeitig vor dem Tage des Gerichts eine Ruhestätte inmitten
ihres Volkes bereiten würden -- da müßte langsam, langsam auch ihr Gut
zergehen und ihr Reichtum ein Ende nehmen.

Es brauchte lange, ehe man all das verstand. Und in dieser Zwischenzeit
scheint es, daß unser Volk in gänzliche Armut geriet. Die Reichen,
die am Beginn von Moses Propaganda sehr reich gewesen waren, hatten
vermutlich Verluste gehabt... Und ~nun~ sahen sie ein, daß
sie entrinnen müßten, der mit einem bißchen Gut und jener mit einem
bißchen. Und das Volk zog aus Mizrajim mit großer Hoffnung auf den
Gewinn von Erez-Israel. Vielleicht war so mancher Reiche unter ihnen,
der nicht aus ganz freiem Willen ging, nur als ob ihn ein böser Geist
triebe. Und diese waren gewiß der Erlösung nicht so ganz würdig. Und
trotzdem reut es mich auch ihrer nicht; sie waren im Volk aufgelöst und
ihr Vermögen blieb in Israel. Wäre es denn besser, sie wären mit ihrem
Besitz in Mizrajim geblieben und die Ägypter wären auf jüdische Kosten
reich geworden? Mit ihrem Gelde hätten sie Pferde und Wagen gerüstet,
ihren Brüdern nachzujagen.

Und wir müssen zur Ehre unseres Volkes sagen, daß wie damals auch jetzt
nur ganz wenige Leute von ~diesem~ Schlage unter uns sind. Viele
unserer Reichen sind vielleicht zu sehr ~zugeknöpft;~ aber sie
sind doch umgängliche Leute, intelligent und in ihrer Art auch dem
Volke getreu. Nach meiner Meinung sind sie alle der Erlösung würdig --
daß sie aber eine Erlösung ~brauchen,~ das ist über jeden Zweifel
erhaben.

Und ich billige das System Moses. Ich billige seine Erinnerungen und
Mahnungen betreffs des „reichen Gutes“: „Und dann werden sie ausziehen
mit reichem Gute!“

Aber, wahrhaftig, Moses Programm beginnt sich zu verwirklichen. Unsere
Jugend, die noch vor kurzer Zeit unsere Bourgeoisie so tief verachtet
hat, ist schon klüger geworden und hat eingesehen, daß das Kapital für
uns sehr wichtig ist. Und ich wage zu glauben, daß auch der jüngste
Arbeiter, der erst heute zu arbeiten begonnen hat, die bürgerlichen
Gäste, die nach Erez-Israel kommen, mit Liebe empfängt. Und was noch
wichtiger ist, die Reichen selbst, und gerade die Besten unter ihnen,
sind zu der Einsicht gekommen, daß ihnen eine Erlösung nottut. Daß
es sich lohne, „mit reichem Gute“ nach Erez-Israel zu gehen; daß es
richtig sei, dort für sich selbst und für das Volk etwas zu unternehmen.

Und sie kommen wirklich. Wenn nicht mit reichem Gute -- das Vermögen
ist einstweilen noch im Ausland --, die Kapitalisten selber kommen
schon. Wir wollen hoffen, daß das Programm Moses, wie es sich
zu verwirklichen beginnt, auch gänzlich durchgeführt wird. Die
Kapitalisten werden sich nicht damit begnügen, daß sie selbst das Land
bereisen; im nächsten Jahre werden sie samt dem „reichen Gute“ kommen.

Wer anfängt mit der Erlösung, dem sagt man: Vollende!



VOM AUSZUGE.


Um vielerlei guter Werke willen ward Israel aus Ägypten erlöst:
weil sie ihre Namen nicht verändert hatten und ihre Sprache nicht
aufgaben und ihre Geheimnisse nicht verrieten und an der Beschneidung
festhielten.

       *       *       *       *       *

Die Geschichte Pharaos gleicht der Geschichte jenes Sklaven, dem sein
Herr auftrug, auf dem Markte einen Fisch zu kaufen und der einen
stinkenden Fisch nach Hause brachte. Sprach der Herr: Entweder wirst
du selbst den Fisch essen oder du bekommst hundert Peitschenhiebe
oder du zahlst den Fisch. Sprach der Sklave: Ich will ihn essen. Aber
kaum begann er zu essen, da ward ihm übel davon und er sprach: Ich
will geschlagen sein. Noch hatte er nicht fünfzig von den hundert
Peitschenhieben, da rief er: Ich zahle lieber den Preis. So hatte er
den stinkenden Fisch gegessen und war geschlagen worden und mußte
obendrein zahlen. So auch Pharao. Erst wollte er die Kinder Israel
nicht entlassen, wie Gott verlangte, nachher erlitt er die zehn Plagen
und mußte den Juden Kostbarkeiten mitgeben und sie doch wegschicken.
Als die Ägypter im Meer versanken, wollten Gottes Engel Triumphgesänge
anstimmen. Da sprach Gott: Die Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer
und ihr wollt Lieder singen vor mir?



DIE ORDNUNG BEIM SCHLACHTEN DES PESSACHOPFERS.


Das Opfer wurde in drei Abteilungen geschlachtet. Denn es heißt: Und
schlachten soll es die ganze Gemeinde der Versammlung Israels zwischen
den Abenden. „Gemeinde“ ist eins und „Versammlung“ eins und „Israel“
eins. Trat die erste Abteilung ein und hatte sich der Tempelvorhof
gefüllt, so schloß man die Türen des Vorhofs. Sie stießen in die
Posaune und erhoben ein Freudenjauchzen und stießen dann abermals in
die Posaune.

Die Priester aber standen reihenweise und hielten in den Händen
silberne Schalen und goldene Schalen; eine Reihe hatte lauter silberne
Schalen und eine Reihe hatte lauter goldene, und nicht waren sie
gemischt. Und die Schalen hatten keine flachen Böden, damit sie sie
nicht hinstellen könnten und das Blut so gerinne.

Hatte ein Israelit geschlachtet und der Priester das Blut in der Schale
aufgefangen, so gab er sie seinem Nachbarn und sein Nachbar wieder
seinem Nachbarn; der nahm die volle Schale in Empfang und gab die leere
zurück; der Priester, der dem Altar am nächsten stand, sprengte sie mit
~einer~ Sprengung gegen den Grund des Altars.

Ging die erste Abteilung hinaus, so trat die zweite ein; ging die
hinaus, dann trat die dritte ein. Und nach der Weise der ersten
Abteilung traten die zweite und dritte.

Sie lasen das Hallelgebet. Wenn sie zu Ende waren, so wiederholten
sie es; wenn sie es wiederholt hatten, lasen sie es zum drittenmal;
doch kam es hierzu niemals. Rabbi Juda sagt: Niemals kam die dritte
Abteilung bis zu den Worten: „Ich liebe es, denn der Herr erhört“, weil
bei dieser Abteilung nur mehr wenig Opfernde waren.

Wie hängten sie die Peßachopfer auf und häuteten sie ab? Haken aus
Eisen waren in die Wände eingeschlagen und in die Säulen, an denen sie
aufhängten und abhäuteten. Für die, welche keinen Platz mehr fanden,
waren dünne, glatte Stäbe und man legte einen auf seine Schulter und
auf die Schulter seines Nachbarn und hängte daran auf und häutete ab.

Man riß das Peßachlamm dann auf und nahm seine Opferteile heraus, legte
sie in eine Schüssel und ließ sie in Rauch aufgehen auf dem Altar.



PESSACH IN JERUSALEM ZUR RÖMERZEIT.

    So wie Marcus, römischer Konsul, Richter der Juden, der zur Zeit
    des zweiten Tempels in Jerusalem weilte, es selbst gesehen und
    beschrieben hat.


Folgendes ist die Ordnung des Peßachopfers, wie ich es zum Teil selbst
gesehen, im übrigen aber genau gehört habe:

Zu Beginn des Monates, der bei ihnen Nissan heißt, gehen Boten und
Gesandte im Auftrage des Königs und der Richter nach allen Gegenden um
Jerusalem an alle Besitzer von Schafen oder Rindern mit dem Befehl,
ihr Vieh schleunigst nach der Stadt zu bringen, damit die Peßachpilger
ausreichend Opfertiere und auch Speise finden; denn des Volkes ist sehr
viel. Wer aber nicht zur rechten Zeit kommt, dessen gesamter Besitz
wird zugunsten des Tempels eingezogen. So ziehen denn alle Besitzer von
Herden eiligst heran und lassen ihr Vieh durch den Bach nahe der Stadt
gehen, um es zu baden und von allem Schmutz zu säubern. Denn sie wenden
hierauf ein Wort Salomos an: „Von der Schwemme kamen sie.“ Wenn sie an
die Berge rings um Jerusalem kommen, sind ihrer so viele, daß man das
Gras nicht mehr sieht: alles ist weiß von dem Schimmer der Vließe. Und
wenn der zehnte Tag kommt -- am vierzehnten bringt man das Opfer dar
--, gehen alle hinaus, um das Opfertier einzuhandeln (sie nennen es
Peßach).

Wenn sie aber zur Vollbringung des Dienstes hinausgehen, sagt nie einer
zum andern: „Trolle dich fort!“ oder „Mach Platz, daß ich vor dir an
die Reihe komme!“ Und wäre selbst einer ihrer Könige, Salomo oder
David, der letzte daran. Als ich ihre Priester darauf hinwies, daß das
doch ungehörig sei, sagten sie mir: „Das soll andeuten, daß vor Gott
kein Stolz und Rang gilt, weder während der Vorbereitung zum Dienst
noch -- erst recht -- beim Dienste selbst. Da sind alle vor ihm gleich
zum Guten.“

Wenn nun der vierzehnte Tag des Monats anbricht, steigen sie auf einen
hohen Turm im Tempel (die Hebräer nennen ihn Lul), der erbaut ist
wie bei uns die Glockentürme. In den Händen tragen sie drei silberne
Trompeten, auf denen sie blasen; dann verkünden sie laut rufend: „Volk
Gottes, höre, die Zeit ist gekommen, das Peßachopfer zu schlachten zu
Ehren dessen, der seinen Namen im Heiligtume ruhen ließ!“ Und wenn das
Volk diese Ankündigung hört, zieht es Festgewänder an; denn von Mittag
an ist für alle Juden Feiertag.

An einem Eingang der großen Halle im Tempel stehen von außen zwölf
Leviten mit silbernen Stäben und zwölf von innen mit goldenen Stäben.
Die von außen haben die Kommenden zu beruhigen und zu dirigieren,
damit niemand durch zu große Hast zu Schaden komme und nicht alle
auf einmal herzudrängen und in Streit geraten. Es ist nämlich einmal
vorgekommen, daß am Peßach ein alter Mann mitsamt seinem Opfer in dem
großen Gedränge erdrückt wurde. Die Leviten aber, die innen stehen,
haben die Hinausgehenden zu beaufsichtigen, damit sie nicht stoßen.
Auch schließen sie die Tore der Halle, wenn sie sehen, daß mehr Leute
hineinkommen als zugleich Platz haben.

An der Schlachtstelle aber stehen viele Reihen von Priestern mit
silbernen und goldenen Schalen in Händen. Wenn eine Reihe mit Silber
beginnt, ist sie durchaus mit Silber, wenn mit Gold, ist sie durchaus
mit Gold: so ist es um der Pracht und der Schönheit willen. Jeder
einzelne von den Priestern schöpft eine Schale Blut vom Schlachttier
und reicht sie dem nächsten, dieser reicht sie weiter und so fort bis
an den Altar. Der letzte aber am Altar reicht die Schale leer zurück,
der nächste reicht sie weiter und so fort, bis jeder Priester eine
volle Schale bekommen und eine leere Schale zurückgegeben hat. Das
geht ohne jede Unterbrechung und Aufenthalt, denn sie sind in dieser
Verrichtung flink und gewandt, so daß die Schalen hin- und herlaufen
wie Pfeile vom Bogen eines Kriegers. Sie haben sich ja schon dreißig
Tage vorher in dieser Arbeit eingeübt und genau darauf geachtet, wo
etwa eine schwache Stelle wäre.

Dort stehen auch zwei hohe Säulen, auf denen zwei Priester mit
silbernen Trompeten postiert sind. Sie blasen zu Beginn der
Opferhandlung, um den Priestern auf der Kanzel ein Zeichen zu geben,
daß sie den Lobgesang anstimmen mit klangvollen und dankerfüllten
Tönen, mit allen Musikinstrumenten; an diesem Tage werden alle
Instrumente verwendet. Auch der Opferer fällt in den Lobgesang ein.
Ist das Opfer aber noch nicht beendigt, so wird der Lobgesang nochmals
angestimmt.

Nach dem Schlachten geht man hinaus in die Hallen; dort sind die Wände
ringsum mit eisernen Haken und Zinken versehen, an denen man das
Opfertier aufhängt, um es abzuhäuten. Auch viele Stäbe gibt es dort;
denn falls kein Haken frei ist, nimmt man zum Abhäuten einen Stab.
Sodann gibt man ab, was für den Altar gebührt, und geht leichten und
fröhlichen Mutes fort, wie ein Sieger im Kampf. Denn das Peßachopfer
nicht zur rechten Zeit dargebracht zu haben, gilt als ewige Schande.

Die Priester tragen während dieser Diensthandlung rote Gewänder, damit
man das Blut nicht sieht, das auf sie spritzt. Das Kleid ist kurz
und reicht nur bis zu den Knien, sie sind auch barfuß und ihre Ärmel
reichen nur bis zum Oberarm, alles, damit sie während der Verrichtung
nicht behindert sind. Auf dem Haupte tragen sie eine hutartige Mütze,
um die drei Ellen Tuch wie ein Turban gewunden sind. Der Hohepriester
aber hat, wie man mir gesagt hat, einen vierzigfach gewundenen weißen
Turban. Die Öfen, in denen das Opfer gebraten wird, sind nahe dem
Eingang; man erklärte mir, dies diene dazu, den Glauben und die Freude
an dem Feste recht öffentlich und allgemein zu machen. Wenn es gebraten
ist, essen sie es mit Singen und Jubeln; noch aus der Ferne hört man
ihre jauchzenden Stimmen. Und in den Peßachnächten werden wegen der
vielen Fremden an keinem Tore von Jerusalem die Türen geschlossen;
die Juden sagen, zu Peßach seien doppelt so viel Menschen da, als aus
Ägypten zogen.



DER TAUSCH.

Von ~Mendele Mocher Sforim~.


Im Monat Adar, sagt der Talmud, freut man sich. Der Schnee schmilzt,
auf allen Wegen liegt tiefer Schmutz und ehrliche Juden, abgerissen und
schmierig, beginnen nachzudenken, woher sie Geld für die Peßachfeier
nehmen sollen -- die Zeit unsrer Freude ist da!

Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von einem Glupsker Bekannten,
ich solle doch ja so bald als möglich zu ihm kommen, mit Sack und
Pack, mit dem Planwagen und den Bücherbündeln, um einen Tausch zu
machen: er wolle mir für meine alte Ware neue geben, Sammelbücher,
Unterrichtswerke, Gedichte, Bilder und Skizzen, hochinteressante
Romane, psychologische, ökonomische und soziale Erzählungen, dazu feine
und kunstvolle Gegenstände von mancherlei Art, Chanukahlampen und
dergleichen mehr. Mein Bekannter in Glupsk betreibt vielerlei Geschäfte
mit wenig Segen. Er ist Buchhändler und Makler und auch ein Stückchen
von einem Schriftsteller und Verleger, und dazu ein armer Teufel,
~das~ aber in reichem Maße. Um ehrlich zu sein: ich habe sein
Anerbieten nicht ganz ernst genommen, denn ich wußte ja, daß er im
Notfall -- er nehme es mir nicht übel -- ein Lügner sei, wie das ja oft
bei Kaufleuten so geht, die in Kauf und Verkauf das Maß „verbessern“:
ihre Ware ist pures Gold, die des andern schlechtes Blech.

So habe ich also von seinem Briefe, der die alte Ware in Grund und
Boden verdammte und die neue über den grünen Klee lobte, nicht viel
Aufhebens gemacht. Dann aber überlegte ich, daß es am Ende doch so
übel nicht wäre, nach Glupsk zu fahren. Wozu sollte ich meine Ware so
lange festhalten? Wohl möglich, daß die andere schlechter, daß sie ganz
wertlos war; aber besser oder schlechter -- man muß handeln. Mag der
Besen schlechter sein -- wenn er nur neu ist!

Ich beschloß also, schleunigst abzureisen, um noch zu Purim nach Glupsk
zu kommen und die berühmten Glupsker Purimspieler zu sehen. Alle Tage
des ganzen Jahres sind sie arme einfältige Gesellen, zu Purim aber sie
sind klug und geistreich, und Wortspiele fallen da wie die Tropfen
wenn es regnet. Es war mir aber nicht beschieden, da ich noch einige
Zeit daheim verweilen mußte. Als ich dann so weit war, gedachte ich zu
Peßach wieder daheim einzutreffen. So sorgte ich noch vor der Abfahrt
dafür, mein Haus mit all den guten Dingen zu versehen, die man zu
diesem Feste braucht. Ich empfahl meiner Frau, um Gottes willen an
nichts zu sparen, nicht an Rosinen und nicht an Wasser, und einen
Rosinenwein zu bereiten, den ein König nicht verschmähen müßte. „Und
kaufe auch einen Sack Kartoffeln und Gänseschmalz und einen recht
wohlgenährten Truthahn. -- Wie? Das Geld wird nicht reichen? Darum
mache dir nur ja keine Sorgen. Versetze deinen Schmuck, das oder jenes
Einrichtungsstück; Gott wird hoffentlich mit mir sein, und wir werden,
wenn ich in Frieden heimkehre, ein fröhliches Peßachfest feiern,
Rosinenwein mit Lakritzen trinken und lustig sein.“

So wurde alles besorgt. Allein Gott sandte Regen und Schnee über die
Welt, ein Gemisch von Wasser und nassen Eiskörnern, und der Weg wurde
unwegsam für Wagen und Schlitten, zu Pferd wie zu Fuß. Ich schleppte
mich mit Mühe und Not eine Viertelmeile täglich vorwärts. Jeder Schritt
kostete mein armes Pferdchen blutigen Schweiß. Es schleppte sich ein
paar Schritte, fiel, stand auf, ging wieder ein paar Schritte und
fiel abermals. Und ich Unseliger stapfe nebenher durch den Morast,
beschmutzt vom Kopf bis zum Fuß wie ein Teufel, gleite aus und falle,
falle und ächze.

Ich ächzte nicht nur für mich, sondern auch für mein Pferd. Wie kam
mein armes Pferdchen dazu, sich so quälen zu müssen? Und wem zuliebe
mußte es sich quälen? ~Mir~ zuliebe, der ich mit einem Schlage
alle alten Ladenhüter los werden wollte. Einen ganzen Wagen hatte ich
damit angestopft, mehr als das arme Tier erzog, ohne Mitleid, ohne
einen Gedanken an seine Qual.

Solange es seine Leiden noch ertrug, ging und fiel, fiel und aufstand,
sich fast aus seiner eigenen Haut zog und doch ging, stellte ich mich
gefühllos, zeigte ihm die Peitsche, rief und schalt. Als aber das
Pferdchen endlich ganz und gar in einen Sumpf geriet, irgendwo unter
einem Berge, sich im Schmutz ausstreckte, so lang es war, die Füße
von sich spreizte und liegen blieb, ohne auch nur ein Glied noch zu
rühren, da meldete sich mein jüdisches Herz mit einer Moralpredigt: Du
törichter, dummer Kerl, du nimmst eine ehrliche Kreatur und verkümmerst
ihr das Leben mit schwerer Arbeit, mit unendlichen vielen schweren
Bündeln von Büchern, von ~Makulatur~! Alles hat doch Maß und Ziel!
Ziegel und Steine kann man nur bis zu einem bestimmten Maße einem Pferd
aufladen, sonst erträgt es sie nicht; und du hast deinem Pferdchen,
einem elenden Geschöpfe, die ganze Masse der Jüdischkeit, das ganze
Joch aller jüdischen Bündel aufgelegt! Was ist das Ende? Das gute Wesen
plagt sich, keucht, reibt sich auf, kann sich nicht mehr vom Fleck
rühren und ringt mit seiner Seele. Schau es an, wie es daliegt, ohne
ein Lebenszeichen zu geben. Wie ein toter Körper!

Doch was hilft das alles, was nützt Leid und Reue? War es zuerst
~wie~ ein toter Körper, so war es nachher wirklich und wahrhaftig
einer. Mein Pferdchen war verendet!

Dort und damals war ich wie ein Kapitän, dem sein Schiff mitten im Meer
untergeht. Allein und verlassen stand ich mitten auf der Straße und
ein Meer von Schmutz dehnte sich um mich herum. Das Pferdchen lag tot
im Sumpf, der Wagen steckte bis über die Achsen im Morast; und morgen
ist Erew Peßach, und in meiner Seele ist’s bitter und trüb. Was sollte
ich tun? Aber ein Jude hat doch einen Gott; wenn es schon ganz schlimm
wird, erinnert man sich seines lieben Namens. So tat auch ich. Es war
die Zeit des Minchah-Gebetes. So wandte ich denn mein Angesicht gen
Osten, sagte „Pithum Haktoreth“ und betete langsam und mit Inbrunst,
so lange, bis die ersten Sterne aufschimmerten. Der Heilige, gepriesen
sei er, hörte mein Gebet, zeigte mir etwas wie ein fernes Feuer und gab
mir den Gedanken ein, dorthin zu gehen, wo es leuchtete. So kroch ich
auf Händen und Füßen lange zwei Stunden, bis ich auf eine Hütte stieß,
wo einer am Waldesrand wohnte. Der Mann blickte mich zuerst wild an,
als er aber sah, daß ich in Furcht und Zagen vor ihm stand und den Kopf
hängen ließ, wurde er weicher und gewährte mir Gastfreundschaft. Er
bewirtete mich mit gebratenen Kartoffeln und einem Glas Tee und wies
mir zur Nacht einen Platz im Schuppen an. Am andern Morgen bat ich
ihn dringend, ein Paar Ochsen an meinen Wagen zu spannen und mich nach
Bojberik zu fahren, was die nächste Stadt war. Dafür erlaubte ich ihm,
außer seinem Lohn, das Fell meines toten Pferdchens abzuziehen und noch
als Andenken die Hufeisen zu behalten. Ich tat das des Friedens wegen.
Er sollte nicht sagen, daß man einem Juden nichts Gutes erweisen dürfe,
weil er nicht zu danken verstehe.

So kam ich in der Abenddämmerung nach Bojberik, als keine lebende Seele
mehr auf der Straße war; groß und klein war bereits in den Bethäusern
versammelt. Aufrichtig gesagt, war mir das sehr angenehm; ein Jude
steckt doch gern in alles seine Nase, will alles mit der Hand anfühlen,
ein Jude will doch alles wissen. Und nun kam ich, ein bekannter Jude,
Mendel der Buchhändler, mit einem Paar Ochsen dahergefahren! Natürlich
würde man mit Kind und Kegel zusammengelaufen sein und mir einen
festlichen Empfang mit Hoch und Hurra gemacht haben. Ich bin aber doch
ein einfacher Jude, ein gewöhnlicher Mensch, und scheue soviel Ehre.

Ich habe in Bojberik einen Bekannten und guten Freund aus alten Tagen
her; er ist Buchhändler wie ich und in allen Orten, wo Juden wohnen,
wohlbekannt unter dem Namen Hendel Bojberiker aus Bojberik. Vor Hendels
Haus ließ ich mich führen. Während des Fahrens hatte ich Zeit, mich in
Gedanken zu versenken. Ochsen sind bekanntlich keine Schnelläufer, sie
gehen Schritt vor Schritt, bedächtig, langsam, ohne Eile, wiederkäuend.
Ich saß im Wagen und kaute auch nochmals alle die Begebenheiten durch,
die mich unterwegs getroffen hatten. Ich sinnierte und sehnte mich
nach meinem Haus, nach Weib und Kindern. Das Herz tat mir weh, da mir
das Fest zerstört war, da ich nicht wie ein König neben meiner Königin
obenan sitzen würde. Ich gedachte auch des Truthahns: wahrscheinlich
war es ein fetter, feiner Truthahn, ein wahres Labsal! Und ich sehnte
mich inniglich... Die Ochsen tappten, krochen durch Gassen und Gäßchen,
bis sie endlich vor Hendels Haus stehen blieben.

Eine Weile stand ich mit beklommenem Herzen vor der Tür. Ich stand wie
ein Armer an der Tür des Reichen: „Werde ich ihn nicht bei schlechter
Laune antreffen? Wird er mich nicht scheel ansehen?“ Aber was tut nicht
ein Jude vor Not? Vor Not bemüht er sich um fremde Menschen, vor Not
wird er ein Gast. Ich fasse mir Mut, strecke die Hand aus und öffne
die Tür, öffne sie leise und langsam, und sie knarrt. Ich drücke leise
und sie knarrt, als ob sie etwas zu fordern hätte. So kam ich in den
finstern Hausflur; und alsbald regten sich die Leute und machten mir
einen Empfang: sie empfingen mich mit lautem Freudengeschrei und wie
berauscht vor Wonne. Ich konnte gar nicht verstehen, was mit ihnen los
war. Eins läuft in die Stube hinein und ruft: „Gekommen!... Er ist
da, er ist da!“ Ein zweites schreit ganz außer Atem: „Ein Licht, ein
Licht, steckt ein Licht an!“ Ich höre eine Frauenstimme, zuckersüß,
voll Anmut und Liebenswürdigkeit, und eine Frau kommt herausgeeilt,
umarmt, küßt und halst mich -- beinahe. Sie schwatzt, spricht liebe-
und vorwurfsvolle Worte durcheinander, freut und erbost sich zugleich:

„Welcher Gast, welch seltener Gast!... Weshalb kommst du so spät? Bin
ich nicht auch so gut wie andere Leute?“

Ich stand verdonnert da, wie ein Nachtwandler, aber als ich endlich
den Mund auftat und antworten und erzählen wollte, was mir passiert
war, entzündete man eine Kerze -- und wir standen alle erstarrt und mit
offenem Munde da wie Golems. Wahrhaftig, eine schöne Szene!

       *       *       *       *       *

Die Sache verhielt sich so: Hendel war auf Geschäftsreisen gegangen.
Er sollte zu Sabbath Hagadol, dem Sabbath vor Peßach, heimkommen und
war nicht eingetroffen. Da war seine Familie sehr traurig gewesen.
Als ich nun in der Dunkelheit eintrat, dachten die Kinder, es sei der
Vater, und die Frau glaubte, ihr Mann sei zu Peßach gekommen; da gab es
Freude und Aufruhr, als sie aber den Irrtum merkten, blieben sie mit
aufgerissenen Augen und Mündern stehen.

Auch der Frau Hendels war das Fest zerstört, da ihr Mann zu Peßach
nicht da war und sie keinen König hatte. Andererseits aber dankte
sie Gott und pries seinen Namen, daß er ihr doch einen bekannten
Menschen beschert hatte, den Seder zu halten. Sie geleitete mich zu dem
Hessebett und „machte mich zum Könige an Hendels Statt“.

Auch ich dankte dem Höchsten und lobte ihn, der an mir Wunder getan
hatte. Er hatte mich aus der ruhelosen Verbannung nach Bojberik
gebracht, daß ich wie ein König dasaß, Bitterkraut und Eier und Fisch
und Knödel aß und für Hendel und Hendels Weib die Hagadah las, mit
lautem Preis und Lobgesang: Hallelujah!

[Illustration]

Jedoch nicht an mir allein geschah solch ein Wunder, daß ich, ungeahnt,
wie ein König dasaß. Wie ich einige Tage später erfuhr, war auch
Hendel dasselbe Wunder, derselbe Peßach zuteil geworden.

Hendel Bojberiker hatte seinen Wagen mit Büchern vollgepackt und war
von Bojberik abgefahren, wie er alljährlich vor Peßach zu tun pflegt.
Und so geschah Hendel dasselbe, was Mendel geschah: Schnee und Regen,
Sumpf und Morast, Pfützen und Gräben, Kummer und Leiden den ganzen
Weg entlang. Auch sein Pferd ging und fiel, stürzte und wälzte sich
im Schlamm. Und wenn es mit dem Leben davonkam und nicht umkam, so
verdankte es das wahrhaftig nicht seiner Heldenkraft, denn es war dürr
und ausgemergelt, hinkte und hatte eine Beule auf dem Auge -- mein
Pferdchen war nach aller Meinung im Vergleich zu jenem gesund und
schön. Nur ist der Morast in den Gegenden, durch die Hendel kam, dünner
und verursacht nicht so unglückliche Folgen wie der dichte Sumpf um
Bojberik und Glupsk. So zog Hendel langsam mit seinem Pferdchen dahin,
kroch mit Mühe und Not vorwärts und gelangte genau am Erew Peßach nach
Kabzainsk. So fuhr er noch am Abend vor mein Haus, hielt ganz fein bei
meiner Frau den Seder, saß auf meinem Hessebett und war König an meiner
Statt, glücklich und zufrieden, daß Gott ihm einen Ruheort gegönnt
hatte.

Das erzählte mir Hendel selbst, als wir einander nach dem Feste in
der Hälfte des Wegs begegneten; und wir krümmten uns vor Lachen, als
wir von dem Tausch erfuhren. Aber als ich begann, ihm von meiner Reise
nach Glupsk zu erzählen, um dort alte Bücher für neue zu tauschen, zog
er ein saures Gesicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann:
„Du magst Gott danken, daß du mit dem Pferdchen davongekommen bist. Ein
ganz schöner Sündenbock!“

Ich sah ihn groß an. „Was siehst du mich an, Mendel?“ rief er. „Ich
sage dir: wohl dir, daß dein Pferdchen umgekommen ist! Denn so bist du
vor der Reise nach Glupsk und vor einem übeln Geschäft behütet worden.
Du kannst zufrieden sein, daß es dir nicht gelungen ist, jene Ware zu
kaufen. Ich beneide dich: du darfst jetzt hoffen, den Buchhandel ganz
los zu werden. Zum Teufel mit den Scharteken, alten und neuen! Wie
gut wäre es, hätte auch mein Pferdchen ein böses Ende genommen, ja,
womöglich schon vor einem Jahre! So hätte ich von der neuen Ware nichts
gewußt und hätte mein Geld nicht verloren. Nein, Mendel, ich wiederhole
dir: es ist ein Glück für dich, daß dein Pferdchen verreckt ist.“

Wenn ihr aber glaubt, Hendels Zorn sei echt gewesen, so seid ihr im
Irrtum. Hendel handelt noch immer mit Büchern wie seit jeher, und auch
ich bin ein Buchhändler geblieben wie zuvor. Ja, damals, mitten auf dem
Weg, als Hendels Zorn ein wenig verflogen war, haben wir stehenden
Fußes einen Tausch gemacht: ich gab ihm philosophische Bücher, Artikel
und Predigten, und er gab mir Klagelieder und Trauergesänge. Denn für
Klagelieder und Trauergesänge war die Zeit gerade recht: es ging gegen
den Frühling, überall fing es an zu grünen und zu sprießen, und unsere
jüdischen Brüder bereiteten sich zu Klagen, Weinen und Fasten.



DAS PESSACH DER SAMARITANER.

Aus einem Gespräch mit ihrem Hohepriester.


Wir feiern das Peßachfest sieben Tage lang. Der erste und der siebente
Tag sind Feiertage, wo wir wie am Sabbath von jeder Arbeit ruhen, die
Tage dazwischen sind Halbfeiertage. Unsere Mazzoth backen wir für jeden
Tag neu, und zwar auf einer Bratpfanne; wir lassen sie nicht säuern,
Salz aber tun wir hinein, denn Salz ist einer der sieben Bünde, die
Gott mit Israel schloß. Es heißt ja: „Laß Salz nicht fehlen, den Bund
deines Gottes.“

Die sieben Tage lang wohnen wir alle in Zelten auf dem Berge Garisim,
jede Familie in einem besonderen Zelt, und da ist noch ein großes
Zelt für die ganze Gemeinde. Bei Sonnenuntergang am Erew Peßach
bringen wir das Peßachopfer auf dem Altare, der jedes Jahr für diesen
Zweck errichtet wird. Zuerst erklären wir Priester der Gemeinde in
hebräischer und arabischer Sprache den Sinn und die Entstehung des
Festes, dann beten wir ein besonderes Gebet in arabischer Sprache für
unsern König und Herrn, den Sultan. Dann schlachten die Schlächter die
Schafe, von jeder Familie eins. Wenn die Tiere abgehäutet, die Gedärme
und die Spannader herausgenommen und Salz daran getan ist, wird ein
hölzerner Spieß durch das Maul durchgestoßen. So wird das Opfer in
eine große Grube gelegt, die im Berge ausgegraben ist und worin Feuer
angezündet wird. Die Öffnung der Grube wird dann mit Lehm verschlossen
und das Peßachopfer darin drei Stunden lang gebraten, das Haupt mit
den Schenkeln und Eingeweiden. Um Mitternacht aber essen wir es mit
Lied und Gesang. Und du magst mir glauben, mein Freund, daß es herrlich
schmeckt wie Manna, besser als alles Gebratene und jede köstliche
Speise, die man an jedem beliebigen Tage bereiten kann. Und doch ist
unser Peßachopfer nur wie eine Ahnung von dem wahren Peßachopfer,
das wir darbrachten und das wir wieder darbringen werden, wenn das
Heiligtum an seinem Platze errichtet sein wird.

Am Morgen des Festtags herrscht eitel Freude bei uns; einer bittet den
andern um Vergebung alles Unrechts, damit Liebe und Freundschaft unter
uns sei. Und im Gemeindezelt trinken wir Wein und essen süße Speisen,
um den Tag recht zu feiern. Am Morgen nach dem Feste aber kehren wir
nach Sichem heim, wie es in der Thorah heißt: „Frühmorgens sollst du
dich wenden und in dein Zelt kehren.“



DER SEDER.

Von ~S. J. Agnon~.


Als Jechiel-Michal, der Schuldiener, mit seiner heiligen Arbeit fertig
war und aus dem alten Beth-Hamidrasch trat, um nach Hause zu gehen,
war er besonders froh: Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen
Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm
auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun konnte auch er etwas von
der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot, einen Seder machen, wie
jeder Mann in Israel.

Aber als er so stand und die Tür des Beth-Hamidrasch verschloß -- über
ihm leuchtete das Licht ~dieses~ Abends --, da erfaßte ihn eine
leichte Kühle und fast begann er, an allen Gliedern zu zittern. Und
Jechiel-Michal versuchte das Schloß, sperrte auf und zu, zu und auf,
um zu sehen, ob er richtig geschlossen hatte. Er nahm die Schlüssel
in die Hand und ging in gedrückter Stimmung heim. Denn er hatte sich
erinnert, wohin er ging, und ihm war schwer zumute. Einsam würde er in
seinen vier Wänden sitzen, auf seinem zerrissenen Kissen, das schon
so viele Jahre keine Frauenhand berührt hatte, um es zurechtzulegen;
und so wie vorm Jahre würde er in der Hagadah lesen, deren Blätter
von Wein befleckt sind -- der Wein aber war an jenem Peßachabend aus
seinem Becher getropft, als er das Fest bei seinem Schwiegervater, an
der Seite seiner frommen seligen Frau gefeiert hatte. Er würde halbgare
Gerichte verzehren, die er selbst erst mühsam anwärmen mußte; ach, wie
schlimm ist es, wenn der Mensch allein ist!

Zwar hatten ihn viele wohlhabende und angesehene Leute eingeladen, an
den Peßachabenden zum Seder bei ihnen zu bleiben. Seit Schuschan-Purim,
dem Tag nach dem Purimfest, hatten sie ihm gesagt: „Wie kann nur ein
Jude am Festtag einsam sitzen? Es ist ja ein Glück, Reb Jechiel-Michal,
daß in dieser Nacht böse Geister keine Macht haben; trotzdem aber
solltet Ihr die Freude unseres Befreiungsfestes nicht verschmähen,
nicht verschmähen, Euch in den Frieden eines jüdischen Hauses zu
begeben. Erscheint denn Euch dieses Fest als eine geringe und
unwichtige Angelegenheit? Und wenn ein Jude einsam sitzt, ohne Familie,
ohne Verwandte und Freunde, dann hüllt ihn Trauer ein, Gott bewahre uns
vor ihr! Trauer ist die Hefe im Teig, sie ist der wahre Chamez. Und
Chamez am Peßach: davor beschütze uns Gott!“

Nicht so aber war es mit Jechiel-Michal. Er ist ja nur ein Schuldiener,
ein einfacher Schuldiener, macht Botengänge für Fremde: aber doch ist
er ein Mann in Israel. Er würde seinen Feiertag nicht durch Trauer
entweihen, er würde seine Welt nicht dadurch finster machen, daß er
an einem fremden Tische säße. Er ist ein Jude, und auch er war unter
denen, die aus Mizrajim zogen. Und seine Seele, das weiß Gott, stammt
sicherlich und wahrhaftig nicht vom Erew-Raw, von dem ägyptischen
Gesindel, das sich an die ausziehenden Israeliten hängte. Nur aber --
die Hausfrau fehlte ihm.

Den ganzen Tag ist er im Dienste der Gemeinde beschäftigt, heizt den
Ofen im Beth-Hamidrasch, zündet die Kerzen an und ordnet die Bücher;
so geht der Tag vorüber und die Nacht kommt. Und am Abend, wenn er
heimgeht, hungert ihn, ehe er sich etwas zum Abendbrot gekocht hat;
denn er hat den ganzen Tag nichts gegessen, außer trockenen Dingen --
höchstens einen Apfel. Und ein Jude soll ja jeden Tag etwas Gekochtes
essen! Aber ehe er sich ein Gericht bereitet hat, vergeht ihm die
Eßlust, und er ißt niemals mit Behagen.

So grübelte er im Gehen und litt darunter. Denn es ist ja ein
gottgefälliges Werk, am Peßach, dem Feste der Befreiung, froh zu sein.
Und er wußte, daß der Böse all diese Bitternisse über ihn gebracht
hatte, nur um ihn in Traurigkeit zu verletzen. Und Jechiel-Michal spie
aus, als ob -- Gott bewahre! -- ein Stäubchen Chamez in seinen Mund
gekommen wäre und er es ausspucken wollte, noch während er es im Munde
hatte.

[Illustration]

Es war so. Die Hausfrau fehlte ihm, die Hausfrau. Und als er zu diesem
Schluß gekommen war, nahm er die Schlüssel fest in die Hand und schritt
rasch dahin, wie der Königssohn, der auf den Palast zueilt, wo seine
Braut, die allerschönste Prinzessin, ihn erwartet.

Auf einmal aber öffnete sich vor ihm ein Fenster, und er hörte die
Stimme einer Frau: „Guten Abend, Reb Jechiel-Michal!“ Und er erwiderte:
„Guten Abend, Sara-Lea!“

Er dachte, sie wolle ihn nach dem Jahrzeittage ihres Mannes fragen.
So blieb er ihr gegenüber stehen. Unmerklich aber gerieten sie ins
Plaudern. Sie erzählte ihm, wie schwer das Peßachfest für sie sei.
Sie habe ja zwar alle Vorbereitungen getroffen, es fehle nichts; aber
schließlich sei sie ja doch bloß eine Frau. Sie besitze ja alles, was
zur richtigen Feier des Seder gehöre; jetzt aber sei sie doch genötigt,
sich an Fremde zu wenden. Und doch sei es genug, wenn sie das ganze
Jahr ihre Nachbarn bemühe, wenn sie zu ihnen komme, um von ihnen, in
ihren Häusern, Kiddusch und Hawdalah zu hören.

„Ich bitte Euch,“ begann Jechiel-Michal, „es ist doch eine Mizwah, eine
gottgefällige Handlung, es ist eine verdienstliche Tat um Lebende und
Tote.“

[Illustration]

„Ach,“ sagte Sara-Lea, „Mizwah! Glaubt Ihr, solche fromme Handlungen
seien so leicht? Ein Jude steckt den ganzen Winter über in seiner
Arbeit, sieht Frau und Kinder keinen Augenblick; da kommt Peßach, da
kommt ein bißchen Ruhe und Muße, da will er beisammensitzen mit Frau
und Kind; niemand stört ihn -- und plötzlich, am Seder, überfällt ihn
eine elende Witwe. Gott bewahre mich davor, mit den Lippen zu sündigen
-- aber was soll ich sagen? Die Zeiten sind schlecht geworden, eine
Schwäche ist über die Welt gekommen. Früher, in der alten Zeit... O,
in der alten Zeit brachte ein Jude viele Gäste mit heim, gab ihnen
zu essen und zu trinken und niemandem wäre es eingefallen zu sagen:
‚Es wird uns zu eng hier.‘ Bei meinem seligen Vater war immer eine
ganze Gemeinde zum Sederabend. Und hat denn in meinem Hause je ein
Gast zum Sederabend gefehlt? Mein seliger Mann ist nie ohne einen
Gast aus dem Beth-Hamidrasch heimgekommen. Und was fehlt mir jetzt?
Wein ist, Gott sei Dank, da, sogar ein Becher mehr als nötig, Mazzoth
und sogar Mazzah-Sch’murah, Fleisch und Charoßeth genug für alle
Gottesfürchtigen. Was fehlt mir aber? Einen Truthahn habe ich für
Peßach geschlachtet, die Flügel hingen ihm vor Fett zu Boden. Seit
Purim schon sagten die Leute: ‚Sara-Lea, bindet ihn um Gott nicht
an einen Fuß Eures Bettes; wer weiß sonst, wohin Euch dieser Hahn
verschleppt?‘ Aber was fehlt mir? Ein Mann in Israel. Ja, wenn die
Frau im Hause ihres Mannes ist...! Aber mein seliger Mann sitzt in der
himmlischen Wonne und genießt die Herrlichkeit Gottes; ich dagegen
muß mich von Sabbath zu Sabbath, von Ort zu Ort drücken, nur um ein
jüdisches Wort zu hören. Ich dachte daran, den Schulleiter zu ersuchen,
er möchte mir einen guten Schüler besorgen, der bei mir zu Hause den
Seder gäbe -- aber ich bin doch nur eine Frau, eine elende Witwe: wie
könnte ich so etwas verlangen?“

Bei diesen Worten Sara-Leas seufzte Jechiel-Michal und zitierte aus dem
Talmud: „Besser ist’s, es sitzen zwei beisammen als eine Witwe sitzt
allein.“

Und obgleich diese Worte aramäisch gesprochen wurden, in einer Sprache,
die Sara-Lea nicht verstand, fühlte sie sich doch erleichtert; denn
sie wußte, daß Jechiel-Michal in seinem Herzen nicht böse von ihr
dachte. Sie las ihm ja die gute Gesinnung aus den Augen. Und auch
sie seufzte, sah ihn mit freundlichem Gesichte an und sagte in
beistimmendem Tone: „Alles ist da; aber wenn der Hausherr fehlt, was
hilft dann alles übrige?“

Und nach einem zweiten Seufzer fuhr sie fort: „Ich weiß wahrhaftig
nicht, weshalb ich hier bin. Meine Kinder habe ich aufgezogen, sie sind
groß geworden und haben mich verlassen. Einer ist in Amerika, einer
in Argentinien, und ich bin allein geblieben. Einsam und allein. Ich
wollte nach Erez-Israel gehen, dort ist man nicht so verlassen und
verloren. Aber immer wieder: wie kann eine alleinstehende Frau an einen
Ort ziehen, wo man sie nicht kennt, wie kann sie in ein fremdes Haus
treten?“

Jechiel-Michal war voll Mitleid; er drehte seine rechte Schläfenlocke
und sprach ihr begütigend zu. „Ist denn mein Schicksal besser als das
Eure, Sara-Lea? Ihr seid, Gott sei Dank, geschmückt wie eine Braut und
eßt gute Speisen; ich aber bin verbannt und traurig, wie ein Witwer
eben ist. Ja, so ist es auf dieser Welt! Ein Jude -- ach, wir haben auf
dieser Welt nichts als Gottes Gunst. Aber man soll am Feiertag nicht
traurig sein!“

Während er sich aber trösten wollte, kam ihn ein Erbarmen über sich
selber an, und er sprach: „Was ist denn ein ~Mann~ Großes? Ich
danke alle Tage Gott, daß er mich nicht als Frau geschaffen hat;
ich weiß genau, wie der Seder zu machen ist; aber geht nun in eine
ungetünchte Wohnung ohne Festtagsstimmung, in ein Zimmer, erfüllt mit
Alltag! Wärmt Euch halbgargekochte Gerichte an und setzt Euch wie ein
~König~ auf das zerbrochene Bett! O Sara-Lea, nicht umsonst sagt
der Jalkut: ‚Alle Leiden sind schwer, aber Armut ist schwerer als alles
andere. Alle Leiden kommen und gehen; gehen sie aber, so wird alles
wieder, wie es zuvor gewesen. Nur die Leiden der Armut verdunkeln die
Augen des Menschen.‘ Glaubt nicht etwa, daß ich mich kränke, weil ich
am Stolze keinen Teil habe. Gott bewahre mich! Ich sage dies nur, um
Euch zu erwidern, die Ihr klagt, daß Ihr eine Frau seid. Ja, noch mehr:
in diesem Winter habe ich mich erkältet und mein Hals schmerzt mich.
Was soll ich da noch sagen?“

Als Sara-Lea dies hörte, sagte sie: „Ihr solltet doch lieber ins Zimmer
treten. Zwar ist der Winter vorbei und die Kälte zu Ende, aber man kann
sich noch immer leicht eine Krankheit zuziehen.“

Ihre Worte leuchteten ihm ein, er verkroch sich tief in sein dickes
Halstuch und folgte ihr dann in ihre Stube.

Da sah er: die Wände waren nach Vorschrift getüncht, der Lehmboden war
rein und braun, aus jedem Winkel blinkte der Feiertag. Über allem lag
die heilige Ruhe, die am Peßach geboten ist. Da kam das Wort über ihn
und er pries ihr Haus: „Ach, wie schön ist die Stelle, wo die Hände
einer Frau geruht haben!“ Sogleich nahm sie eilends die Tischdecke ab
und ließ alles sehen, was dort stand. Lauterer Wein, Mazah, Eiermazah,
Petersilie, Eier, ein Flügel, eine Schüssel voll Fleisch und viele
köstliche Leckerbissen. Und sie sprach: „Solch ein Seder -- und wozu?
Ich nehme doch alles fort und bringe die Sachen einem Nachbarn ins
Haus. Ich bin doch nur eine Frau. Man vergißt schwer, daß man einmal
eine Hausfrau war. So sagte ich mir: Ich will mir für ein Weilchen
einen Seder machen, ~als ob~ ein Hausherr da wäre und man den
Seder zu Hause hielte, wie bei jedem Manne in Israel.“

Jechiel-Michal wurde ganz warm und er wollte etwas sagen. Aber da
befiel ihn ein schweres Husten und Räuspern, so daß Sara-Lea ihn ganz
erschrocken ansah und ihn mahnte: „Reb Jechiel-Michal, eßt nur heute um
Gottes willen nicht zuviel bittere Kräuter! Ihr hustet ja, Ihr hustet!
Ein bißchen Tee mit viel Zucker würde Euch guttun. Wer wird Euch denn
zu Hause etwas Warmes vorbereiten?“

Sara-Lea schwieg und seufzte. Auch Jechiel-Michal seufzte und dann
seufzten noch einmal beide zugleich.

Dann fragte sie: „Vielleicht bleibt Ihr ein Weilchen hier, Reb
Jechiel-Michal, und ich bereite Euch einen warmen Schluck, ein Glas? --
Ach, ich vergesse ja, daß heute Feiertag ist, daß man zuerst Kiddusch
machen muß, Seder machen muß... Wollt Ihr vielleicht hier den Seder
machen?“

Und wie der höhere Wille aus der inneren Stimme zum Worte ward,
wiederholte sie: „Wahrhaftig, wollt Ihr den Seder hier machen?“

Jechiel-Michal schaute hin und her und sah doch überall die Herzensgüte
der Frau; er konnte sich nicht losreißen. Ihm war, als wären alle seine
Glieder an dem Orte festgewurzelt, wo er saß. Er verlor die Empfindung
seiner Hände und seiner Füße und seine Lippen verschluckten die Antwort.

Während er aber noch nach Worten rang, nahm Sara-Lea eine Unmenge
von Kissen, Polstern und schönen weißen Decken, die sie zu Ehren des
Peßachfestes gewaschen und geplättet hatte. Damit bereitete sie ein
Hessebett, wie in der alten Zeit. Und Jechiel-Michal nahm, ohne Absicht
und ohne sich zu besinnen, die Schlüssel und legte sie hin; dann
blickte er die weißen Kissen an, als ob die Gottesherrlichkeit selbst
darüber ruhte. Dann stand er auf und wechselte den Platz, von einem
Stuhl zum andern, bis er an das Hessebett kam; er setzte sich oben
an den Tisch, zögerte aber in Gedanken noch immer, so daß die Frau
noch einmal zu ihm kam und ihren Wunsch wiederholte. Sie stand auf und
füllte einen Becher mit Wein, damit er darüber Kiddusch mache. Er aber
sah mit dem einen Auge auf den süßen lauteren Wein, mit dem andern nach
den sauber blinkenden Winkeln der Stube, und er dachte: „Wie schön ist
doch die Stelle, an der die Hände einer Frau ruhten!“ Und er machte
Kiddusch, würzte seine Stimme mit den schönsten Trillern und sein Mund
schwebte wie ein Lied über dem Becher; Sara-Lea lauschte und ward
voller Wonne und ihr Angesicht leuchtete. Ach, wie schön ist die Stimme
des Mannes, wenn er heilige Worte ertönen läßt!

       *       *       *       *       *

Also saß Jechiel-Michal, der Schuldiener, wie ein König, wie jeder
Mann in Israel, und vor ihm stand Sara-Lea mit dem Becken voll reinen
Wassers. Jechiel-Michal wusch seine Hände und betrachtete das Becken,
ein köstliches Gefäß. Wenn Gott ihr die Gnade gewähren würde, daß sie
nach Jerusalem käme, würde sie es für einen heiligen Ort stiften, damit
die Kohanim, die Priester, darin ihre Hände waschen, wenn sie zum Segen
gehen. Schon hier hatte man es ja an jedem Feiertag vom Hause ihres
Mannes in das alte Beth-Hamidrasch gebracht, Jechiel-Michal hatte es
mit Wasser gefüllt und die Kohanim hatten ihre Hände darin gewaschen.
Und jetzt stand die Hausfrau selbst vor ihm und bediente ihn mit diesem
Becken!

Jechiel-Michal tauchte die Petersilie ein, brach die Mazzoth und sagte
die Hagadah. Sara-Lea hört zu und schickt ein stilles Dankgebet zu
dem heiligen Gottesnamen empor, daß er ihr beschieden hat, in ihrem
Hause einen richtigen Peßach mit allem, was dazu gehört, zu erleben.
Vor Jechiel-Michal weicht die schwere Last und das Leid, er sitzt
zurückgelehnt, sein schweres Haupt sinkt in die Kissen, der Schweiß
ringelt seine Schläfenlocken und es scheint ihm, als versinke er in
einen tiefen Abgrund. Er weiß nicht, wie ihm geschieht; er weiß nur,
daß unendliche Gnade die Welt umfängt. Sein Blut pocht und stürmt,
fast empfindet er Schmerz; allein er fühlt das Verlangen, der Schmerz
möchte tiefer werden, siebenmal tiefer, und er möchte in den Abgrund
hinabfallen.

       *       *       *       *       *

Das Städtchen ruht stille und lautlos unter dem fahlblauen Himmel,
welcher von dem vielen Staub, der vor Peßach aus Häusern und Höfen
aufgestiegen, wie verschleiert ist. Der Mond bahnt sich einen Weg und
der Himmel wird klar. Und die Nachtstrahlen weben einen Baldachin über
dem kleinen Häuschen, das in die Heiligkeit des Festes versinkt. Ein
kühles Frühlingslüftchen kommt, stiehlt sich durch eine Fensteröffnung,
bläst einen Augenblick herein und kämpft einen kleinen Krieg mit der
warmen Luft im Zimmer; und in der Stube summt es wie ein Plätschern von
Wellen und es dünkt ihnen, als führen sie: sie sitzen auf dem Schiffe,
mitten im großen Meer, auf dem Wege nach Erez-Israel, wohin ihre Seele
sich sehnt; und allbereits schmiegen sie sich an die heilige Erde
und sehen die heiligen Stätten mit Augen. Die herabgebrannten Kerzen
flimmern in den Leuchtern, da das Lüftchen sie trifft, erheben ihre
Augen und blicken Jechiel-Michal und Sara-Lea still ins Gesicht.

Jechiel-Michal liest die Hagadah und trillert mit seiner Stimme und
sagt: „Er baue sein Haus balde!“ Aus den Häusern der Gasse trägt der
Frühlingswind das Echo über die ganze Stadt: El benej, el benej; baue,
o Gott, baue!

Jechiel-Michal singt und sagt: „Leschanah habaah bijruschalajim!“ Und
die Phantasie, die dem Menschen so tief eingepflanzt ist, läßt ihn
denken, schon hier sei ein Stück Erez-Israel; er fühlt schon die Luft
des Landes; aus den Zweigen klingt das süße Zwitschern eines Vogels und
im Hause Sara-Leas, der Witwe, singt eine Stimme Schir haschirim.



VON DER WALLFAHRT ZUM FESTE.


„Wie schön ist dein Gang in den Schuhen“ -- so heißt es im Hohen Liede;
gemeint aber ist: wie schön sind Israels Füße, wenn sie zum Feste
wallfahren.

       *       *       *       *       *

„Und niemand soll nach deinem Lande trachten, wenn du hinaufsteigst“ --
dies lehrt uns, daß des Wallfahrenden Kuh ruhig auf ihrer Wiese grasen
konnte; kein wildes Tier tat ihr etwas zuleide. Das Huhn konnte auf dem
Miste scharren, kein Wiesel tat ihm wehe.

Einst geschah es, daß einer vergaß, die Türe seines Hauses abzusperren,
als er zum Feste nach Jerusalem pilgerte. Als er heimkehrte, da fand er
eine Schlange, die sich um den Ring der Tür gewunden hatte.

Auch vergaß einer die Hühner in sein Haus einzulassen. Als er kam, da
lagen die Katzen zerrissen vor den Hühnern. Auch vergaß einmal ein
Wallfahrer einen Getreidehaufen in den Speicher zu schaffen. Da er von
der Wallfahrt heimkehrte, da hatten sich Löwen schützend um den Haufen
gelagert.

Zwei reiche Brüder wohnten einst in Askalon. Die hatten böse Nachbarn
-- von den Völkern der Welt waren die. Immer dachten sie nur: Wann
werden diese Juden schon nach Jerusalem ziehen, dort zu beten, daß wir
in ihr Haus einbrechen und dort alles plündern, was da ist. Es kam die
Zeit des Festes und die zwei Brüder zogen nach Jerusalem. Da bestellte
Gott an ihrer Statt zwei Engel, die nahmen ihre Gestalt an und gingen
in ihrem Hause ein und aus. Als die Brüder aus Jerusalem heimkamen,
sandten sie all ihren Nachbarn Geschenke von allen guten Dingen, die in
Jerusalem zu kaufen gewesen waren. Da fragten die Nachbarn: Wo wart ihr
denn? Antworteten sie: in Jerusalem. -- Wann habt ihr euch auf den Weg
gemacht? -- Damals und damals. -- Und gekommen? -- Dann und dann. --
Und wen habt ihr zurückgelassen? -- Keinen Menschen. -- Da sprachen die
Heiden: Gepriesen sei der Gott der Juden, der sie nicht verlassen hat
und sie nicht verlassen wird in alle Ewigkeit...

       *       *       *       *       *

Rabbi Jizchak sagte: Warum gibt es in Jerusalem nicht die süßen Früchte
von Ginossar? Damit die Wallfahrer sich nicht sagen: Schon um der
Ginossarfrüchte willen lohnt es sich, nach Jerusalem zu pilgern. Darum
-- sagte Rabbi Dostai -- gibt es in Jerusalem auch nicht warme Quellen
wie in Tiberias. Auf daß wir nach Jerusalem nicht wallfahren um anderer
Dinge willen: nur wegen des Festes und wegen der Freude des Festes.



PESSACH IM KAUKASUS.

Von ~Z’wi Kasdai~.


Mit dem Neumond des Nissan beginnt man den Weizen für das Peßachmehl
zu mahlen, und während des Mahlens steckt man in der Mühle Wachskerzen
an. Den Weizen aber bewahrt man im Haus von den Monaten Thammus und Ab
her auf, wo in jenen Gegenden die Weizenernte beendigt wird. Denn bei
ihnen besteht bis heute der Gebrauch, daß die armen Frauen hinter den
Schnittern her auf die Felder sammeln gehen, sogar zu den Nichtjuden;
was sie aufgelesen haben, dreschen sie jeden Abend aus und verkaufen es
zu Mazzothmehl.

Sie backen die Mazzoth in einem geräumigen Backofen, der unten breit
und oben schmal ist, wie ein umgekehrter Topf. Wenn er mit Stroh
oder Mist ausgeheizt ist, legen die Frauen, die den Teig kneten, die
Mazzoth an seine Wände an. Jeden Abend stellt man Wasser für den
folgenden Tag zurecht. Dann versammeln sich die jungen Frauen und die
Mädchen im Backhause, wo sie in der Arbeit abwechseln. Sie sitzen voll
Erregung und Spannung auf dem Boden, kneten den Teig in einem kupfernen
Gefäß, walzen ihn aus und lassen ihn „rädeln“. Dann bringen sie ihn
schleunigst in den Backofen.

Während der letzten Woche vor dem Fest herrscht große Bewegung. Die
Frauen machen sich an ihre große Arbeit, säubern, reiben, putzen,
waschen. Das wichtigste ist ihnen, daß sie die Kupfergeräte recht schön
und glänzend machen; darauf wird bei den Völkern des Kaukasus, die viel
kupfernes Geschirr verwenden, großer Wert gelegt. Aber auch den Sattel
und das Zaumzeug putzen sie gründlich und hängen es in den Winkeln
ihrer Wohnung auf. Die Männer aber beschäftigen sich eifrig damit, das
Chamez zu verbrennen; von der Sitte, das Chamez zu verkaufen, wissen
sie dort nichts. Denn sie nehmen alles ernst und streng. Am Erew Peßach
fasten alle erstgeborenen Söhne, es gibt für sie keine Befreiung durch
Loskaufen oder durch Beendigung eines Studienabschnittes. Vom Mittag an
sind sie mit der Vorbereitung des Karpas und des Charoßeth beschäftigt,
das sie alle acht Tage als einen richtigen Gang aus einer großen
Schüssel essen.

Wenn sich der Tag neigt, ziehen die Männer „Freiheitsgewänder“ mit
weiten bauschigen Ärmeln an, stecken einen kurzen Speer in ihren Gürtel
-- manche nehmen auch ihre Pistolen -- und gehen in das Beth-Hamidrasch
zu Gesang und Gebet. An diesem Abend singen sie nämlich alle das
große Loblied Wort für Wort zusammen mit dem Vorsänger. Kehren sie
aber heim, so finden sie ihre Hütte bereits zu Ehren des Festes mit
vielen Kerzen beleuchtet. Die alten Frauen hüllen sich in ihre Tücher,
die jungen Frauen aber und die Mädchen in Linnen- und Webestoffe und
flechten Rosen und andere Blumen in ihre Locken und Zöpfe. Sie holen
eilig, was sie vorbereitet haben, gebratene Gänse, gestopfte Truthähne,
Mazzoth, Maror, eine Schüssel Charoßeth, und bringen es ihren Männern
nach dem Hause des Rabbiners. Denn es ist bei ihnen Sitte, daß sich
viele Familien im Hause eines der „Gelehrten“ versammeln; es kann aber
auch bei einem einfachen Familienvater sein, wofern er gut hebräisch
kann und die Hagadah in ihre (tatarische) Sprache zu übersetzen
versteht. So sitzen sie denn nach ihrer Art auf dem Boden und der
Gelehrte übersetzt ihnen mit vieler Innigkeit die Hagadah. So wie
früher der Brauch war, daß sich mehrere Familien zu einem Lämmlein
ansagten und in einem Hause zum Seder versammelt waren, so ist es bei
ihnen noch heute, daß immer einige Familien zusammenkommen. Das fördert
ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihre innige Brüderlichkeit sehr.

Es ist ein schönes Bild, wie sie dasitzen, gekleidet in ihre
Freiheitsgewänder, so breit und bauschig, den Gürtel um ihre Lenden und
den kurzen Spieß an der Seite. Sie sitzen in einer Reihe, geordnet wie
Soldaten, die nach dem Kampfe ruhen. Zwischen den Reihen sind kostbare
persische Teppiche ausgebreitet, für die das Wort der Megillah gilt:
„Weißes Zeug und purpurblaues Tuch, eingefaßt mit Schnüren von Byssus
und Purpur.“ Und auf ihnen stehen prächtige Leuchter mit brennenden
Kerzen.

Die Frauen, die das ganze Jahr in ihre Zimmer zurückgezogen sind,
kommen zum Seder mit unverschleiertem Gesicht und geschmückt mit
goldenen Ohrgehängen und köstlichen Ringen von Saphirstein und
Diamanten; um den Hals tragen sie goldene und silberne Münzen auf einen
blauen Faden gereiht, um die Lenden silberne Kettengürtel; die jungen
Frauen aber und die Mädchen tragen Rosen und sonstige Blüten ins Haar
geflochten, die den schönsten Duft verbreiten. In dieser Nacht fürchten
sie keinen bösen Blick und keine argen Geister, denn es ist eine Nacht,
da ~Er~ wacht...

Wenn der Vorleser an die Stelle kommt, die von der zukünftigen Erlösung
spricht, heben alle ihre Hände auf, spreizen die Finger und rufen, tief
bewegt und voller Trauer: „Wollte Gott, daß Meschiach, Davids Sohn,
käme und alle Verbannten sammelte, so wie der Ewige, unser Gott, einst
unseren Vätern tat.“ Und die Frauen fallen ein und rufen: „Amen, dies
sei sein Wille!“ Und an der Stelle: „Zu jeglicher Zeit ist ein jeder
verpflichtet...“ erhebt sich der Vorleser, nimmt ein Stückchen Mazzah,
eingewickelt in ein altes Tuch, legt es sich auf den Nacken, geht vier
Schritte, zeigt es allen und erklärt ihnen in ihrer Sprache, daß so
unsere Väter aus Mizrajim zogen, den Teig auf den Schultern; auch macht
er hastige Bewegungen, um ihnen das Wort: „In Eile“ recht zu Gemüte zu
führen.

Indessen gehen die Jünglinge in ein besonderes Zimmer, wählen dort
einen unter sich, kleiden ihn in zerfetztes Gewand, legen ihm einen
Sack auf die Schultern, geben ihm einen dicken Hakenstock in die Hände
und schicken ihn hinaus. Nach einer Weile hört man lautes Pochen an der
Tür. Der ausgesandte Jüngling steht draußen und bittet flehentlich um
Einlaß. Die Sitzenden fragen ihn insgesamt: „Wer bist du und was willst
du hier.“

„Ich bin ein Jude und will mit euch Peßach feiern, das Fest unserer
Freiheit.“

„Wie sollen wir dir glauben, daß du ein Jude bist?“

„Ich trage doch einen Talliskatan und Schaufäden.“

„Das ist noch kein Beweis; gib ein anderes Zeichen!“

„So mögen es euch meine Schläfenlocken beweisen!“

„Auch das genügt uns nicht, es ist noch nicht das Richtige.“

„Laßt mich nur ein und ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit
spreche.“ Und dabei beginnt er zu zürnen und zu toben und poltert mit
dem Stock an der Tür. Da fragen sie weiter:

„Wenn du denn ein Jude bist: weshalb kommst du so spät? Weißt du denn
nicht, daß heute ein Festtag in Israel ist, an dem man daheim ruht?“

„Sehet, ich komme jetzt von Jerusalem, der heiligen Stadt; der Weg ist
sehr weit und voller Gefahr auf Schritt und Tritt. Unsere Feinde lauern
uns auf und stellen sich uns in den Weg. Wie eine eiserne Mauer traten
sie zwischen mich und euch, daß ich nicht vor dem Feiertag zu euch
kommen konnte.“ Dabei bricht er in Tränen aus und klagt bitterlich,
die Versammelten aber sitzen, wie versunken in ihre Gedanken; tiefe
Stille herrscht im ganzen Hause, nur selten von einem schweren Seufzer
unterbrochen.

Alle sehen nach der Tür; der Vorleser aber gibt ein Zeichen, man öffnet
und sogleich tritt der Jüngling ein und geht bis in die Mitte des
Zimmers, das Schwert an der Seite, mit Leder gegürtet, den Stock in der
Hand und den Sack über den Schultern. An den Füßen trägt er genagelte
Sandalen mit aufgebogenen Spitzen und sein Kleid ist über und über
bestaubt. Und plötzlich bricht im ganzen Raume ein lauter Jubel los,
alle bestürmen ihn mit Fragen.

„Wie geht es Jerusalem, der heiligen Stadt?“

[Illustration]

„Wie geht es unsern Brüdern, die dort vor Gott sitzen, im Lande der
Herrlichkeit?“

„Wann wird der Erlöser kommen, uns zu erlösen?“

„Bringst du uns eine Botschaft von unserer Befreiung und Erlösung?“

Und er sagt ihnen einen herzlichen Gruß von Jerusalem, von den Weisen
daselbst, von den Städten und Dörfern, den Feldern und Hügeln, von den
heiligen Gräbern. Und im Namen der Weisen in der heiligen Stadt meldet
er ihnen, es seien Zeichen geschehen, daß der Erlöser bald kommen und
die eiserne Mauer zerschmettern werde, die sie von der heiligen Stadt
scheidet. Und alle lauschen andächtig seinen Worten; dann heben sie die
Hände auf und wiederholen viele Male mit langen Seufzern und innigem
Schmerz und mit herzlicher Inbrunst: „Ja, so sei sein Wille, so sei
sein Wille!“



DER ZAUBERKÜNSTLER.

Von J. L. ~Perez~.


In ein Städtchen Wolhyniens kam einmal ein Zauberkünstler. Wiewohl es
vor Peßach war -- zu einer Zeit also, da man mehr Sorgen als Haare
auf dem Kopfe hat -- machte sein Kommen doch größeres Aufsehen. War
das ein Rätsel von einem Menschen! Die Kleider zerrissen und einen
eingedrückten Zylinderhut auf dem Kopfe. Das Gesicht durchaus jüdisch,
doch der Bart wegrasiert. Von Schläfenlocken keine Rede. Und nie
sah man ihn essen, weder erlaubte, noch unerlaubte Speisen. Da soll
einer klug daraus werden. Woher? Aus Paris. Wohin? Nach London. Hat
sich hierher verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Bethaus kam er auch
nicht, selbst nicht am großen Sabbath. Und stand man um ihn herum, so
verschwand er plötzlich, als ob ihn die Erde verschlungen hätte, und
tauchte auf der anderen Seite des Marktplatzes wieder auf.

Bald hatte er einen Saal gemietet und fing an, seine Kunststücke zu
zeigen. Ganz großartige Sachen: verschluckte vor aller Leute Augen
glühende Kohlen, als ob es Suppenfleckchen wären. Zog aus dem Munde
allerlei Bänder heraus -- rote, grüne und von welcher Farbe man nur
wollte, und lange, wie der Galuth (das Exil). Förderte aus einem
Stiefelschaft sechzehn Paar Truthähne heraus, wie Bären so groß, die
wirklich lebten und lustig über die Szene flatterten. Hob einen Fuß in
die Höhe und scharrte von den Schuhsohlen goldene Dukaten ab -- eine
ganze Schüssel voll. Natürlich klatschte man Bravo. Da pfiff er, und
eine Menge feiner Sabbathbrote schwirrte plötzlich durch den Raum,
tanzte unter der Decke. Ein zweiter Pfiff -- und alles war wieder
verschwunden, als ob es gar nicht dagewesen wäre. Alles: Bänder,
Truthähne und so weiter. Nichts war zurückgeblieben.

Nun ja, man weiß es doch, daß sich der Teufel auch etwas leisten kann.
Die ägyptischen Schwarzkünstler haben wahrscheinlich noch größere
Kunststücke zustandegebracht. Doch eins: Wie konnte er dabei nur so
arm sein? Ein Mensch, der von seinen Schuhsohlen Dukaten abscharrt
und sein Quartier nicht bezahlen kann! Der mit einem Pfiff mehr
Sabbathbrote bäckt als der größte Bäcker im Backofen, der Truthähne aus
dem Stiefelschaft zieht und dennoch -- ein langgezogenes Gesicht hat,
wie ein Sterbender und flackernden Hunger in den Augen... Wahrlich eine
fünfte Frage für den Sederabend, sagten die Leute.

Nun wollen wir aber den Zauberkünstler bis zum Sederabend verlassen
und inzwischen Chajim Jojne und sein Weib Riwke Beile aufsuchen. Chajim
Jojne hatte einmal ein großes Holzgeschäft betrieben und schließlich
dabei sein ganzes Vermögen eingebüßt. Dann war er „Waldschreiber“
geworden, aber auch die Stelle war bald verloren. Nun lebte er schon
eine Reihe von Monaten im Elend. Der Winter war in schrecklichen
Nöten vorübergegangen, und jetzt kam das Peßachfest immer näher.
Zum Verpfänden war nichts mehr da, denn alles, vom Hängeleuchter
bis zum letzten Kissen, war schon im Leihamt. Riwke Beile dachte an
Gemeindeunterstützung. Doch Chajim Jojne wollte davon nichts wissen. Er
mochte sich nicht bloßstellen und vertraute auf Gott, der schon helfen
werde. Riwke Beile suchte mehrmals in allen Winkeln nach und fand,
welches Wunder, einen alten, ausgeriebenen silbernen Löffel, den sie
schon seit Jahren verloren glaubte. Aber Chajim Jojne nahm den Löffel,
verkaufte ihn und trug den geringen Erlös in die Kasse, aus der man
die Armen für das Peßachfest unterstützt. Die Armen gehen vor, sagte
er. Inzwischen rückt die Zeit immer näher, es blieben nur noch wenige
Wochen bis Peßach. Chajim Jojne wartete voll Vertrauen auf Gottes
Hilfe. Und Riwke Beile schwieg. Die Frau muß dem Manne gehorchen.
Und Tag auf Tag verrann. Riwke Beile fand keinen Schlaf, weinte die
Nächte durch, still, daß ihr Mann sie nicht höre. Und die Tage waren
noch schlimmer. Da mußte sie sich auch noch vor den Nachbarn hüten,
mußte sorgen, daß sie ihr das Elend nicht ansahen. O, diese Blicke
der Neugier und des Mitleids, die sie wie mit Nadeln stachen! Und
diese Fragen: Wann backt ihr Mazzoth? Habt ihr schon die roten Rüben
eingelegt? Oder wenn es nähere Bekannte waren: Aber, was geht denn bei
euch vor, Riwke Beile? Habt ihr’s vielleicht knapp? Wir wollen euch
borgen... Und was solcher Reden mehr sind.

Und sie mußte ablehnen, über und über errötend, die unglaublichsten
Vorwände erfinden. Denn Chajim Jojne wollte keine Menschengabe annehmen
und gegen seinen Willen konnte sie doch nicht handeln.

Die Nachbarn wollten es dabei nicht bewenden lassen und gingen zum
Rabbi, er solle sich doch ins Mittel legen. Der Rabbi hörte sie an,
seufzte, sann eine Weile nach, und antwortete schließlich, daß Chajim
Jojne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei, der wohl wisse, was
er tue. Wenn sein Gottvertrauen so fest sei, dann sei es eben fest...

Und nun ist der Peßach da!

Riwke Beile hat nicht einmal Lichter, um den Segen darüber zu sprechen.

Chajim Jojne kehrte aus dem Bethaus heim. Aus allen Fenstern strahlt
das Fest. Nur sein Haus steht finster da, wie ein Trauernder unter
Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden. Aber er verzweifelt
nicht. Wenn Gott nur wollen wird, denkt er, wird auch für mich
noch Peßach sein, und tritt mit fröhlichem „Guten Abend“ ein. Und
wiederholt: „Guten Abend, Riwke Beile.“ Und Riwke Beile antwortet
aus einer finsteren Ecke mit tränengesättigter Stimme: „Guten Abend,
Chajim.“ Dabei leuchten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen aus der
Ecke hervor. Er geht auf sie zu und spricht auf sie ein:

„Riwke Beile,“ sagt er, „es ist heute Feiertag. Wir feiern den Auszug
aus Ägypten. Verstehe doch! Da darf man nicht traurig sein. Und es ist
doch auch gar kein Grund dazu da. Wenn es dem lieben Gott nicht gefiel,
daß wir unsern eigenen Seder haben, dann müssen wir eben mit einem
fremden vorlieb nehmen. Dann wollen wir anderswohin gehen. Man wird
uns überall hineinlassen. Alle Türen stehen uns offen. Sagt man doch
am Sederabend: ‚Kol dichfin jejthej wejechul,‘ das heißt: ‚Wer hungrig
ist, komme und esse!‘... Komm, nimm den Schal um und laß uns beim
Erstbesten einkehren.“

Und Riwke Beile tut wie immer nach dem Willen ihres Mannes. Alle Kraft
aufwendend um nicht aufzuschluchzen, hüllt sie sich in den zerrissenen
Schal. Schon will sie gehen, als im selben Augenblick die Tür von außen
geöffnet wird.

„Guten Abend!“ grüßt es.

„Gut Jahr!“ antworten die Eheleute. Sie sehen nicht, wer es ist.

„Ich möchte euer Gast beim Seder sein,“ sagt der Fremde.

„Wir haben selbst keinen Seder,“ erwidert Chajim Jojne.

„Tut nichts, ich hab’ ihn mitgebracht.“

„Seder im Finstern,“ schluchzt Riwke Beile, die sich nun nicht mehr
zurückhalten kann.

„Ei bewahre,“ meint der Gast, „es wird schon Licht werden.“

Er winkt und mitten im Zimmer, in der Luft erscheinen zwei silberne
Leuchter, in denen schon die angezündeten Stearinkerzen stecken. Es
wird hell. Chajim Jojne und Riwke Beile erkennen den Zauberkünstler,
starren ihn an und bringen vor Schreck und Verwunderung kein Wort
hervor. Sie fassen sich an den Händen, und so stehen sie da, mit weit
aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Er aber wendet sich nun an
den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel des Zimmers steht: „Na,
Kleiner,“ sagt er zu ihm, „deck dich und komm her!“ Und sofort fällt
von oben ein schneeweißes Tischtuch herab und deckt den Tisch und
dieser selbst setzt sich in Bewegung und rückt mitten ins Zimmer,
just unter die Leuchter. Und diese wieder schweben hernieder und
stellen sich auf ihn. „Jetzt fehlen noch die Sederbetten,“ sagt der
Zauberkünstler, „die Sederbetten sollen kommen!“ Und sofort rücken aus
drei Ecken des Zimmers drei Stühle an den Tisch heran und stellen sich
an drei Seiten auf. „Breiter werden!“ befiehlt er. Und sofort gehen
sie in die Breite und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Weicher!“
ruft er. Und sie sind mit rotem Samt überzogen. Und gleichzeitig fallen
von der Decke schneeweiße Kissen auf sie nieder. Die Sederbetten sind
fertig... Eine Sederschüssel mit allem, was darauf gehört, stellt
sich auf den Tisch. Ebenso Flaschen mit rotem Wein und Becher dazu.
Plötzlich liegen auch Mazzoth da und alles andere, was man zu einem
richtigen und fröhlichen Seder braucht, selbst Hagadoth mit Goldschnitt.

[Illustration]

[Illustration]

„Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?“ fragt nun der Zauberer. „Ich
kann auch Wasser bringen.“

Da erst kamen die beiden zu sich. Und Riwke Beile fragte leise ihren
Mann, was er von der Sache halte. Chajim Jojne aber wußte keine
Antwort. Sie riet, er solle zum Rabbi gehen und ihn fragen. Aber sie
könne doch nicht mit dem Zauberer allein bleiben, meinte er. Darum
solle lieber sie gehen. Ihr, einer Frau, werde der Rabbi nicht trauen,
antwortete sie. Er werde glauben, daß sie verrückt geworden sei.
Schließlich kamen sie überein, zusammen zu gehen und inzwischen den
Zauberer mit seinem Seder allein zu lassen.

Der Rabbi gab klugen Rat. Das, was mit unreinem Zauber gemacht werde,
erklärte er ihm, sei gar nicht wirklich, weil alle Zauberei nur
Blendwerk sei. Sie sollten also nach Hause gehen, und wenn die Mazzah
sich brechen, der Wein sich einschenken ließe, die Sederbetten sich
anfühlen ließen usw., dann wäre alles gut, dann wären es Geschenke des
Himmels und sie dürften alles genießen.

Mit diesem Bescheide gingen sie nun klopfenden Herzens nach Hause. Als
sie eintraten, war der Zauberkünstler schon fort. Aber der „Seder“
stand da wie früher. Und die Kissen ließen sich berühren, der Wein ließ
sich gießen, die Mazzah brechen... Und jetzt verstanden sie erst, daß
der Prophet Eliah bei ihnen eingekehrt war und hatten ein fröhliches
Fest.



MELAMEDS HOFFNUNG.

Von ~Ch. N. Bialik~.


    Ach, es wird Zeit, die Stunde muß kommen,
    Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed,
    Verschnaufe die heillose, leidige Mühsal,
    Die mir dörrt das Gebein und aufsaugt mein Mark ...
    Der Herr sieht mein Herz: ich kann’s nicht mehr tragen,
    Die alten Kräfte sind längst dahin ...
    Mein Leib verfällt und geht darnieder,
    Die harte Bürde reibt ihn auf ...
    Acht Halbjahre sind’s, seit die Schulmeisterbank
    Unter mir drückt und mein Herzblut zehrt;
    Acht Halbjahre -- volle, gezählte vier Jahre
    Hab ich mein Heim, Weib und Kind nicht gesehen!
    Der einzige Gott allein kennt mein Herz,
    Mein banges, wehes, zitterndes Sehnen
    Nach meinen teuren Augensternen --
    Nach meinem herzigen, kleinen Küchlein,
    Nach meinem geliebten, frommen Weibe,
    Frau Zippe -- bis hundertundzwanzig Jahr!
    Doch was ist zu tun -- und Gott ist mein Zeuge:
    Ich kann nicht, ich kann nicht mit leerer Hand,
    Wie ich gegangen bin, wiederkehren!
    Zuvor muß ich sparen ein Taler fünfhundert --
    Wie ich mit meinem frommen Weibe
    Beim Abschied klärlich bedungen habe,
    In bündigster Form, nach der Satzung der Thorah ...

    Nun werd ich gottlob nur ein einziges Jahr
    Den Rücken noch beugen, den Zuchtstock schwingen,
    Bis die Zahl beisammen: ein Taler fünfhundert --
    Dann „Schluß und zu Ende, dem Weltenherrn Dank.“
    Übers Jahr, wenn der Herr mich am Leben erhält,
    Vor Chamez-Räumung, bei Sonnenaufgang,
    Wenn der Hahn noch kräht, und die volle Zahl
    Beisammen ist -- ein Taler fünfhundert:
    Dann -- auf, Leeser Mendel, den Abschied gegeben
    Dem Zuchtstock, der Schulbank, dem Lehramt für immer!
    Verkauf samt dem Chamez die drei um ein Nickel
    Mit gültigem Zuschlag für ewige Zeit!
    Genug, Leeser Mendel, vom unsteten Leben,
    Vom Elend der Wanderung, fern deinem Nest!
    Hast fünfhundert Taler, das Glück, im Beutel,
    Hast satt und vollauf dich gerackert. -- Genug!
    Nun breite die Flügel! Auf, auf in dein Nest!
    Dort harrt deine Taube, die lieblichen Jungen --
    So werd ich vergnügten Herzens mir sagen
    Und tief in die Tasche versenken den Beutel,
    Mein Bündel schnürend, gerüstet zur Reise --
    Hernach auf Adlerfittichen heim ...
    Wie jauchzen mir Weib und Kinder entgegen
    -- Ich male so recht ihren Jubel mir aus --
    „Was bringst du mir, Mendel?“ „Was bringst du mir, Vater?“
    So drängt sich um mich die fragende Schar.
    „Nichts hab ich gebracht, mein Weib, meine Kinder,
    Ich hatte nicht Muße, Geschenke zu schaffen,
    Geschenke und Gaben für jedes von euch.
    Doch habe ich ~ein~ Geschenk für euch alle,
    Ein rechtes Geschenk für euch mitgebracht,
    Das fegt uns die Armut aus allen Winkeln,
    Das spendet uns Trost für vergangenes Leid ...
    Hier bring ich euch -- wohlgefüllt -- einen Beutel:
    Fünfhundert Talerchen bar und blank!“

    Und ich sehe voraus all den schimmernden Glanz,
    Der die Stube erfüllt und den festlichen Tisch,
    Wenn in selbiger Nacht ich zum ~Seder~ mich schicke,
    In blitzblanken Gläsern der Rotwein funkelt,
    Und mein Jüngster, Jechiel, das zarte Stimmchen
    Zu gar gewichtiger Frage erhebt:
    „Ach, Väterchen, sage, was ist diese Nacht
    Vor allen anderen ausgezeichnet?“

       *       *       *       *       *

    Und nach Peßach, so Gott mich am Leben erhält,
    Wenn der Lenzwind weht und die Pfützen trocknen,
    Will ich sogleich zur guten Stunde
    Ein großes Geschäft bei uns eröffnen ...
    Das soll hernach ein Laden werden,
    Ein Laden -- wie geschrieben steht!
    Dann brauch’ ich fürwahr bloß etwas Glück,
    Ein wenig himmlisches Erbarmen ...
    Denn nicht umsonst hat sich Leeser Mendel
    In aller Welt umhergetrieben;
    Hab’ manches erfahren vom Weltenlauf
    Und werd’ in Geschäften Bescheid doch wissen ...
    Und dann: dürfte ich, Leeser Mendel, der Schnorrer,
    Mich erfrechen, die göttliche Vorsicht zu leugnen?
    Ist kein Vater im Himmel, im Herzen kein Glaube?
    Ist meine Zipporah kein wackeres Weib? ...
    Ach, du lieber Gott, wann erscheint schon der Tag,
    Den ich mit wehem Herzen erwarte!
    Schon spür’ ich seit langem zur linken Seite
    Ein spitzes Bohren, wie Nadelstiche,
    Als nagte und sägte mir dort ein Wurm ...
    Doch das tut nichts. Sobald ich erst wieder daheim bin,
    Bereit ich mir Tränklein und melk unsre Ziege,
    Vertreibe die Schmerzen und flick mich zurecht ...

    Ach Gott, es wird Zeit, die Stunde muß kommen,
    Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed,
    Verschnaufe die leidige, zehrende Mühsal;
    Daß mein tägliches Brot -- und seis noch so bitter --
    Nur aus ~Deiner~ Hand komme, allmächtiger Vater,
    Nur aus ~Deiner~ Hand komme, barmherziger Gott!



PESSACH IM JEMEN.


Dem Osterfest sieht man mit der größten Andacht entgegen. Schon am
Tage nach Purim beginnen die Vorbereitungen. Da man hier nicht wie
anderwärts neue Kleider zu nähen und die Wohnungseinrichtung instand
zu setzen braucht, verbringt man Tage damit, die Wände frisch zu
weißen, die Steine des Fußbodens besonders gründlich zu waschen und die
Handmühlen zu putzen. Die wichtigste Angelegenheit ist die Herrichtung
des Mehls für die „Asymas“ (Mazzoth). Das Korn, ob es nun Sch’murah
(das seit der Ernte besonders für das Osterbrot aufgehobene) ist oder
anderes, wird einzeln Korn für Korn gemahlen. Alte Frauen übernehmen
die Arbeit des Mahlens.

Am Sabbath vor Ostern gehen Oberrabbiner und Richter in alle Synagogen
der Stadt und ermahnen alle Gemeindemitglieder, ihre jungen Frauen
recht sorgfältig beim Fortschaffen des Chamez zu beaufsichtigen. In
anderen Städten der Türkei halten die Rabbiner an diesem Tage lange
Predigten. Hier verstehen sie sich nicht gut auf öffentliche Reden,
und wenn sie ihren Gemeindemitgliedern etwas zu sagen haben, setzen
sie einen kleinen Artikel auf und lesen ihn mit eintöniger Stimme
vor. In diesem Jahr beginnt das Peßachfest an einem Samstagabend; wir
müssen das Gebet im Dunklen verrichten, denn im ganzen Judenviertel
gibt es keinen einzigen Mohammedaner, der die Lichter anzünden könnte;
eine einzige Lampe brennt seit dem vorigen Abend und gibt nur ein ganz
blasses Licht. In dem kleinen Tempel von Gaveh sind 70 Personen eng
aneinander gepreßt; alle Hausierer sind heute aus den Dörfern in die
Stadt zurückgekommen.

Alle sitzen in ihre schwarzen Schemlas gehüllt auf dem Fußboden. Man
beginnt mit dem Gebet: „Huldiget dem Ewigen“. Der heute funktionierende
Vorbeter hat ein angenehmes Organ; er liest eine Strophe, der Chor
antwortet mit der zweiten, und so wird der ganze Psalm abwechselnd vom
Vorbeter und dem aus wenigen Personen bestehenden Chor vorgetragen.
Plötzlich stimmt die Gemeinde das Hallelujah an, das ist ein
Triumphgeschrei, ein Begeisterungsgesang, der in vollen Tönen durch
den Raum schallt. Ich fühle mich nicht mehr einsam, und ich kann
begreifen, wie sehr die zum lieben Gott emporgerichteten Bitten den Mut
der Unglücklichen in den Tagen großen Leids aufgerichtet haben. Es ist
dunkle Nacht geworden, der Sabbath ist vorüber; nun werden die Lampen
angezündet, und der Gottesdienst wird in dem üblichen Lärm zu Ende
geführt.

Ich bin beim Oberrabbiner zum Seder eingeladen und habe die Einladung
unter der Bedingung angenommen, daß ich mir das Essen aus meiner
Wohnung schicken lassen darf. Wir kommen in das vollständig finstere
Haus. Mein Wirt zieht seinen Talar aus, um die Lampen zurecht zu
machen, und ich gehe inzwischen in die Küche, weil ich gern das
Vorbereiten der Mazzoth beobachten möchte. In einem kleinen Raum ist an
der Längsseite eine Art breiten Sofas aus Ton angebracht, auf dem man
große Löcher bemerkt, das sind die hiesigen Backöfen.

Auf der Erde sitzt eine Frau und rührt mechanisch das in einer Terrine
befindliche Wasser um; in das Wasser schüttet sie ein Maß Mehl, und
während sie mit der linken Hand die Terrine festhält, knetet sie mit
der rechten das Mehl und macht daraus einen Teig. Das Wasser genügt
nicht; sie nimmt mit der linken Hand Wasser, knetet mit der rechten
weiter und balanciert dabei die Terrine mit großem Geschick. Fast eine
Stunde lang wird der Teig so bearbeitet, bis er schließlich ganz weiß
und sehr elastisch wird. Während dieser Zeit wird der Backofen geheizt
und verräuchert das ganze Haus. Nachdem der Teig fertig ist, wird er in
einzelne Teile geschnitten, die man auf eine Platte legt; die Mutter
des Rabbi nimmt ein mit einem Tuch bedecktes Kissen -- in der Art der
von Putzmacherinnen benutzten Haubenköpfe --, breitet den Teig aus,
dann versenkt sie die Hand in den Backofen, drückt den Teig gegen die
erhitzte Wand und zieht eine Minute später einen weißen knusperigen,
sehr appetitlichen Kuchen daraus hervor. Welcher Unterschied zwischen
diesem Gebäck und den dicken, schweren und unverdaulichen Osterbroten
der Türkei! Hier werden sie täglich zweimal frisch gebacken und dabei
die größte Vorsicht zur Vermeidung des Chamez angewendet; es ist sehr
mühsam für die Hausfrau, aber ihr Leben setzt sich nur aus Arbeit und
Trübsal zusammen.

Ich kehre in das Zimmer zurück. Der Oberrabbiner hat inzwischen die
Lampen angezündet und seine Funktion als Schochet ausgeübt, indem er
vor der Haustür einen Hammel und ein Kalb schlachtete. Jetzt ist er
wieder hier; sein Bruder mit seiner Familie und einige Nachbarn sind
erschienen, um dem Seder beizuwohnen. Die Tafel wird hergerichtet; sie
besteht aus einer niedrigen Fußbank, um deren Rand man kreisförmig
Rüben, Petersilie und Kresse legt. Das bildet einen etwa 50 cm hohen
Kreis, dessen Innenraum von den Töpfen mit verschiedenen Eßwaren
ausgefüllt ist. Während man auf die Fertigstellung der Mazzoth wartet,
wird, wie gewöhnlich, ein religiöses Thema diskutiert. Zum Beispiel:
Warum wird der Wein der Arba Kossoth nicht in ein einziges Glas
gegossen; warum trinkt man nicht alles auf einmal aus -- hieße das ein
Gesetz oder einen Brauch verletzen? Jeder spricht seine Meinung aus,
und der Diener, ein alter neben dem Oberrabbiner sitzender Junggeselle,
erklärt, man brauche die Arba Kossoth, um viermal statt eines einzigen
Mals den Segensspruch sprechen zu können.

Auch die Frauen sind ins Zimmer gekommen. Der älteste Sohn füllt die
Gläser, man macht Kiddusch, wäscht sich die Hände und liest mit großer
Geschwindigkeit die Hagadah. Da keine Kinder bei Tisch sind, brauchen
nicht viele Erläuterungen gegeben zu werden. Bei der Stelle, wo von den
zehn Plagen die Rede ist, wird ein Scherben herbeigeholt, in den der
Oberrabbiner zehn Tropfen Wein aus seinem Glase träufelt. Man liest
weiter. Wenn man an dem Absatz angelangt ist, der mit den Worten:
„Bezeth Jisrael Mimizrajim“ beginnt, rufen alle Anwesenden beim Schluß
jeder Strophe: „Hallelujah, hallelujah!“ Der letzte Abschnitt der
Hagadah ist ein schöner Gesang zum Preise des Schöpfers, der in unseren
türkischen Buchausgaben nicht abgedruckt ist.

Beim „Karpas“ pflegt man im Orient und Okzident ein Sellerie- oder
Petersilienblättchen in Essig zu tunken; hier nimmt man zu einer
kleinen Kugel zusammengerollte Petersilie -- ungefähr in der Größe
einer Olive -- und tunkt sie in das Charoßeth. Diese Mischung, die an
den Mörtel erinnern soll, den unsere Vorfahren in Ägypten herstellen
mußten, wird hier aus dreizehn verschiedenen Zutaten zusammengesetzt:
aus Datteln, Äpfeln, Mandeln, Sesam, Nelken usw. Nachdem die Vorlesung
der Hagadah beendet ist, wird nach Landessitte gespeist, indem alle
ihre Hände in denselben Napf stecken. Danach kommt das Tischgebet und
das „Sch’foch“ und der Seder ist vorüber.

[Illustration]

Am zweiten Peßachabend bin ich beim More Aron Cohen, Richter beim Beth
Din; er ist ein prächtiger stattlicher Greis mit schönem, langem,
weißem Bart und immer freundlichem, sympathischem Gesicht. Der Imam
hatte ihn zum Oberrabbiner ernennen lassen, er legte diese Würde
aber bald ab und nahm dafür den Posten eines einfachen Richters an;
er wollte sich nützlich machen, ohne dafür Ehrungen oder Vorteil zu
gewinnen. Von Beruf Schneider, näht und stickt er den ganzen Tag an
den Galamänteln für die Araber, die ihn sehr lieben und ihn gern bei
sich empfangen. Er ist das Oberhaupt einer Patriarchenfamilie, die er
mit Milde regiert. Von seinen fünf verheirateten Söhnen, die mit ihren
Familien in seinem Haus wohnen, sind drei bereits Großväter. Es ist
eine Freude, in dieses gottgesegnete Haus zu kommen.

[Illustration]

More Aron liebt die Poesie der alten Bräuche und hängt an der
Vergangenheit. Der Wohlklang seiner Stimme hat sich trotz seines
hohen Alters noch voll erhalten, darum hat der von ihm abgehaltene
Seder einen großen Reiz. Vor Beginn der Vorlesung bricht er eine
Mazzah in zwei Teile, hüllt sie in ein Tuch, legt sie auf die Schulter
und spaziert damit durch das ganze Haus: das bedeutet den Auszug aus
Ägypten. Die Mah nischtanah wird von zwei seiner Enkel ins Arabische
übersetzt, „damit die Frauen auch etwas davon verstehen“, erklärt mir
der milde Greis. Wenn man das „Kamah Maaloth Toboth“ beginnt, setzen
Männer und Frauen sich um die Tische und heben diese in die Höhe,
sobald das Dajenu gesagt wird, lassen sie die Tische mit einem Ruck
wieder herunterfallen. Die letzten Strophen werden mit großem Nachdruck
vorgetragen. Nach der Mahlzeit wird in sehr vergnügter Stimmung das
„Sch’foch“, das Hohelied, das „Echad mi jodea“ und das „Chad Gadja“
gelesen. Erst um Mitternacht war das Fest beendet.



DER SEDER DES UNWISSENDEN.

Eine chassidische Legende von ~Martin Buber~.


Rabbi Levi Jizchak von Berditschew hütete mit sorglicher Seele die
Weihe aller Bräuche und gab jedem seinen Sinn aus der Tiefe. Einmal
hatte er den Seder der ersten Peßachnacht mit aller Inbrunst und
Andacht gehalten, also daß jedes Gebot und jede Sitte lebendig und des
Geheimnisses voll an des Zaddiks Tische erschien, und jedes Tun der
Menschenhände und des Menschenmundes war wie ein gläserner Schrein, der
wunderwirkende Kleinodien birgt. Mit einer Stimme, die wie Saitenspiel
war, erzählte der Rabbi die alte Erzählung, und aus seiner Rede stieg
das Sinnbild auf und leuchtete wie verschleierte Sterne im Raume.
Mizrajim war die Verbannung der Seele und das Rote Meer ihre Befreiung.
Sie hatte dem Pharao Städte bauen müssen, und die Frohnvögte hatten
sie wund geschlagen. Aber die Lösung wurde gesandt, und das Wunder
kam, und die Dinge der Welt wandelten ihre Art, und der Tag der Seele
brach an, und die Seele ging trockenen Fußes durch das Meer. So stieg
das Sinnbild aus des Rabbis Seele auf und leuchtete über der Nacht.
Und so ging die Nacht dahin, und die Versammelten wurden nimmer müde.
Und als das Morgenrot kam, da schien es ihnen selbst wie ein Zeichen
des Geheimnisses, und es war ihnen, als ob zwei Sinnbilder einander
grüßten, das Wort des Zaddiks und das Morgenrot.

Aber als der Seder zu Ende war und Rabbi Levi Jizchak allein in seiner
Kammer saß, mußte er an diese Nacht denken, die er gefeiert hatte, und
an den Seder, der gewachsen war aus dem Willen seines Herzens. Und
es dünkte ihn schön und vollkommen, was geschehen war. Und er sprach
zu Gott: „Du Grund und Heimat meines Lebens, meiner Seele Herr und
Herrlichkeit, wahrlich, ich habe dir recht gedient in dieser Nacht
und deine Ehre verkündet in Flammengesängen.“ Und er hielt inne und
horchte auf den Grund seines Lebens. Aber da war nichts als Schweigen.
Da erschrak der Rabbi, denn nie noch war ihm dies widerfahren, und
sammelte sein Herz und sprach mit hastigen Worten: „Habe ich nicht mit
meinem Tun getaucht in die Mysterien deiner Gnade? Habe ich nicht die
ungesäuerten Brote erhoben als das Siegel des Streites, den die Seele
um dich streitet, und das Bitterkraut gegessen als die Pflanze des
Leides, das die Seele für dich trägt, und des Peßachlammes gedacht als
des Zeichens des Opfers, in dem die Seele sich dir entgegenbringt?“
Doch das Schweigen lagerte wie zuvor. Und stammelnd sprach der Rabbi
weiter: „Habe ich nicht die Hungrigen gerufen, daß sie kommen und
essen, und auch die noch, die dahingingen im Hunger ihrer Sehnsucht und
nicht genährt worden sind? Habe ich nicht die Durstigen gerufen, daß
sie kommen und trinken, und auch die noch, die dahingingen im Durste
ihres Erkennens und nicht gestillt worden sind? Und sind nicht die
Geister gekommen und haben gegessen und getrunken an meinem Tische?“
Aber das Schweigen lag starr und ungestört da. Da kroch das Unheil wie
ein Wurm in das Herz des Rabbi, und er warf sich nieder und schrie
mit der letzten und zerbrechenden Stimme: „Habe ich nicht deine Tat
verkündet, o Befreier?“ Da wurde das Wort wach auf dem Grunde seines
Lebens, wie die Kraft in der Erde wach wird an einem Spätwintermorgen,
und das Wort redete: „Warum rühmst du dich und nennst schön und
vollkommen, was durch dich geschehen ist? Fürwahr, lieblicher ist mir
der Seder Chajims, des Wasserträgers, als der deine.“ Da erhob sich
Rabbi Levi Jizchak zitternd und verstört und rief seine Hausleute und
seine Schüler zusammen und fragte sie: „Ist in dieser Stadt einer, der
Chajim der Wasserträger genannt wird? Und kennt ihr ihn?“ Da flüsterten
sie miteinander und unterredeten sich, und ein Schüler sprach: „Wir
glauben wohl, daß es hier einen Mann dieses Namens gibt, aber wir
kennen nichts von ihm und nicht, wo er wohnt.“ Und ein anderer fügte
dazu: „Sicherlich ist es der Unwissenden einer. Und wohnen mag er wohl
an der Grenze der Stadt, wo die Häuser der Armen sind.“ Da rief der
Zaddik: „Gehet hin und suchet ihn und bringet ihn eilig zu mir.“ Und
sie gingen, ihn zu suchen.

Indessen schritt der Rabbi Levi Jizchak in seiner Kammer hin und her
und mühte sich, seiner Seele die Ruhe wiederzubringen. „Gewiß ist es
einer von den Verborgenen,“ so redete er ihr zu, „von den heimlichen
Gottessöhnen einer, die in Knechtesgestalt unter uns leben und ihr
heiliges Wesen hinter rohem und bäurischem Getriebe verhüllt halten,
also daß sie nur ihrem Herrn sich öffnen und gewähren. Einer von den
Sechsunddreißig ist es, von den Zaddikim der unsichtbaren Welt, die
sich ewig erneuern und durch die die Welt erneuert wird.“ Aber seine
Seele gab sich nicht zufrieden und wehrte ihn ab und sprach: „Mag es
auch einer von diesen sein, was hat er geschaut, was ich nicht geschaut
hätte, und welchen Dienst kennt er, den ich nicht kennte? Und in
welchem Abgrund wohnt er, in dem nicht auch ich wohnte?“ Also redete
die Seele zu ihm und verachtete die Ruhe und haderte mit dem Nichts.

Die Schüler aber liefen in der Stadt umher und fragten nach Chajim,
dem Wasserträger. Endlich wurde ihnen sein Haus gewiesen, und sie
gingen hin und klopften an die Tür. Eine Frau kam heraus und fragte
nach ihrem Begehr. Als sie erfuhr, wen sie suchten, verwunderte sie
sich und sagte: „Wohl ist Chajim, der Wasserträger, mein Mann. Aber er
kann nicht mit euch kommen, denn er hat gestern viel getrunken, und nun
schläft er noch, und wenn ihr ihn auch wecket, wird seine Müdigkeit
ihn gefesselt halten, und er wird seine Füße nicht zu heben vermögen.“
Jene aber antworteten nur: „Der Rabbi hat es befohlen!“ und gingen
hin und rüttelten ihn auf. Da sah er sie aus blinzelnden Augen an und
verstand nicht, wozu sie seiner bedurften, und wollte sich wieder
hinlegen. Sie jedoch hoben ihn vom Lager und nahmen ihn in ihre Mitte
und trugen ihn fast auf ihren Schultern zum Zaddik. Der ließ ihm einen
Sitz in seiner Nähe geben, und als er stumm und verwirrt dasaß, neigte
er sich zu ihm und sprach: „Rabbi Chajim, mein Herz, worauf ging Euer
Gedanke, als Ihr das Gesäuerte zusammensuchtet?“ Da sah ihn jener mit
stumpfen Augen an und schüttelte den Kopf und antwortete: „Herr, ich
habe mich umgesehen in allen Winkeln und habe es zusammengesucht.“
Und der Zaddik fragte weiter: „Und was hattet Ihr im Sinne, als Ihr
das Gesäuerte verbranntet?“ Da dachte jener nach und betrübte sich
und sagte endlich zögernd: „Herr, ich habe völlig vergessen, es zu
verbrennen. Und nun entsinne ich mich, es liegt noch auf dem Balken.
Und dies mögt Ihr mir vergeben, Herr, daß ich es vergessen habe.“ Als
Rabbi Levi Jizchak dies hörte, ward auch das Letzte in ihm unsicher;
aber er fragte weiter: „Und das saget mir noch, Rabbi Chajim: Wie habt
Ihr den Seder gehalten?“ Da war es, als erwache jenem etwas in Aug’
und Gliedern, und er sprach mit weicher und demütiger Stimme: „Rabbi,
ich will Euch die Wahrheit sagen. Seht, ich habe von je gehört, daß es
verboten ist, Branntwein zu trinken die acht Tage des Festes, und da
trank ich gestern am Morgen, daß ich genug habe für acht Tage. Und da
wurde ich müde und schlief ein. Und dann weckte mich meine Frau, und
es war Abend, und sie sagte zu mir: ‚Warum hältst du nicht den Seder
wie alle Juden?‘ Sagte ich: ‚Was willst du von mir? Bin ich doch ein
Unwissender und mein Vater war ein Unwissender, und ich weiß nicht
recht, was tun und was lassen. Aber sieh, das weiß ich: Unsere Väter
und unsere Mütter waren gefangen bei den Zigeunern, und wir haben einen
Gott, der hat sie hinausgeführt in die Freiheit. Und sieh, nun sind
wir wieder gefangen, und ich weiß es und sage dir, Gott wird auch uns
in die Freiheit führen.‘ Und da sah ich den Tisch stehen, und das Tuch
leuchtete wie die Sonne, und standen drauf Schüsseln mit Mazzoth und
Eiern und anderen Speisen, und standen Flaschen mit rotem Wein, und da
aß ich die Mazzoth mit den Eiern und trank den Wein und gab meiner Frau
zu essen und zu trinken. Und dann kam die Freude über mich, und ich hob
den Becher zu Gott und sagte: ‚Sieh, Gott, ich trinke diesen Becher zu
dir. Und du neige dich zu uns und mache uns frei!‘ Und so saßen wir da
und tranken und freuten uns vor Gott, und dann kam die Müdigkeit über
mich, und ich legte mich hin und schlief ein.“

Also erzählte Chajim der Wasserträger dem Zaddik von Berditschew und
seinen Schülern.



DAS MAZZOTHBACKEN.

Von ~Leopold Kompert~.


Vierzehn Tage vor dem Osterfeste, in größeren Gemeinden auch vier
Wochen früher, werden die Gemeindeglieder durch den Schuldiener
aufgefordert, sich zu der am nächsten Sonntag stattfindenden
Verpachtung des Ostermehles auf dem Gemeindehaus einzustellen.

Auffallend genug erscheinen an diesem Tage nur sehr wenige, die Lust
bezeigen, den Pacht zu übernehmen. Aus Gründen nämlich, die man sehr
wohl billigen wird. Zuerst ist der Pachtschilling nach dem Stande der
jeweiligen Fruchtpreise schon so hoch gestellt, daß sich nach aller
Berechnung nur ein ganz kleiner Gewinn herausfindet. Dann ist das
Geschäft von einer Masse Strapazen, Entbehrungen und Mühen begleitet,
und drittens, wenn sich der Pächter über alle diese Berge hinwegsetzt,
gerät er wieder in Gefahr, seine Popularität in der Gemeinde zu
verlieren. Er kauft schlechtes Getreide ein, das Mehl ist schwarz, und
nun hat er ein Publikum gegen sich, das ihn durch volle acht Ostertage
tausendmal in einem Atem in den Ostrazismus verurteilt, denn bei jedem
solchen Brote, das man genießt, wird des Pächters in Ausdrücken
erwähnt, für die das große Wörterbuch von Adelung nicht besteht. Es ist
ein langsames Gerädertwerden von unten nach oben -- durch volle acht
Tage.

[Illustration]

Doch findet sich immerhin jemand, der den Mehlpacht übernimmt.
Barmherzige Seelen gibt es genug. Solche strecken dem Pächter, der
gewöhnlich über ein äußerst geringes Vermögen zu gebieten hat, die
Bürgschaft vor, sowie auch die Einkaufssumme. Damit geht er auf den
Getreidemarkt, kauft ein, wie und wo er es kann, natürlich immer in der
Absicht, so billig als möglich zu kaufen. Bis dahin hat das Geschäft
noch wenig Nationales, wenig Eigentümliches. Dies beginnt erst draußen
in der Mühle. Hier fängt eine lange Reihe von Mühen und Strapazen an,
die zu beschreiben einen erklecklichen Aufwand von Tinte kosten würde.
Die Mühle, wo das Ostermehl gemahlen wird, muß vor allem von oben nach
unten gesäubert und ausgefegt werden, damit ja nicht ein Stäubchen
früheren unreinen Mehles dazwischen käme. Dann muß man ein äußerst
aufmerksames Auge auf die Müllerburschen haben, die absichtlich oder
unabsichtlich das Mehl entheiligen und dem religiösen Gewissen des
Pächters manchen empfindsamen Hieb versetzen können. Noch aufmerksamer
muß der Pächter auf die Finger seiner Müllerburschen sehen, damit
diese nichts auf den Boden fallen lassen. Solche Überflüsse kommen dem
Pächter selbst zugut, auch will er nicht, daß der reiche Müller so
heiliges Mehl genieße oder gar verkaufe.

Wenn das Mahlgeschäft vorüber, das Mehl in Säcke gegeben und
heimgeführt worden ist, verkündet der Schuldiener aufs neue, in der
Synagoge oder in der Gasse, man könne kaufen kommen; der Verkaufsort
sei da und da. Nun beeilt sich ein jeder, seinen Bedarf an Ostermehl
sobald als möglich zu decken, damit er nicht zu spät komme. Bevor man
das Mehl kaufen geht, werden sehr ernsthafte Debatten zwischen den
Eheleuten gepflogen. Während eines Jahres sind bedeutende Veränderungen
in der Familie vorgegangen, sie hat sich vergrößert, auch sind die
Kinder größer geworden und damit im steigenden Verhältnis auch das
Zentrum ihres Lebens, nämlich der Magen. Die Mutter möchte gern sparen,
ein Achtel oder gar ein Viertel weniger nehmen, der Vater aber zeigt
lächelnd auf die Anzahl ihrer Familienmitglieder. Nach langem Her- und
Hinreden vereinigen sich endlich beide und treffen ein juste milieu,
das allen Anforderungen der Familie entsprechen wird.

In größeren Gemeinden besteht der Gebrauch, von den Gemeindemitgliedern
bei der Abnahme des Ostermehles eine Steuer zu erheben, deren Ertrag
der Gemeinde zufällt. Je nach dem Quantum des Mehles wird diese Steuer
festgesetzt. Nun trifft es sich zuweilen, daß der arme, unbemittelte
Mann, der für ein ganzes Rudel hungriger Mägen zu sorgen hat,
höher besteuert wird als der reiche, dem trotz seines Mammons kein
Kindeslächeln beschert ward -- ein Mißverhältnis, das aber überhaupt
dem ganzen Steuerkomplex noch immer anklebt und ohne Verletzung einmal
gegebener Zustände nicht gehoben werden kann.

Nun werden die Backhäuser eröffnet. Größere Gemeinden zählen deren
mehrere, kleinere oft nur eines. Solche Backhäuser sind entweder
Eigentum von Individuen oder der Gemeinde selbst. Wo es mehrere gibt,
entsteht zwischen den Besitzern derselben eine Rivalität ganz eigener
Art. Der eine stellt seinen Tarif etwas niedriger und erzielt dadurch
eine größere Masse von Kunden, der andere ist prompter in seinen
Bestellungen, der dritte zeichnet sich wieder durch vortreffliches
Gebäck aus. So hat ein jeder seine Vorzüge und sucht sie geltend zu
machen. So viel trägt jedoch jedes Backhaus seinem Besitzer ein, daß
er, wie man zu sagen pflegt, „die Ostern herausbringt“.

Treten wir in ein solches Backhaus ein!

Heftig durch- und ineinander tönende Stimmen empfangen den
Eintretenden. Wir stehen in einer langen, von bedeutend azotischen
Dünsten angefüllten Stube, wo nahe an hundert Menschen mit dem
Bereiten der ungesäuerten Brote beschäftigt sind. Sie stehen um lange
viereckige, mit blanken Kupferplatten bedeckte Tische herum. Wie nach
einem Takte bewegen sich aller Hände. Der eine hat ein Stück Teig
vor sich und dehnt es schnell und flink mit dem Wellholze aus. Der
andere hat das Brot bereits fertig, das in einer kreisrunden, ganz
flachen Platte besteht; er nimmt nun noch das Ruppelholz, d. i. kleine
zugespitzte Stäbchen, womit er das Brot auf allen Punkten durchlöchert,
damit die Hitze von allen Seiten eindringe und der Säuerung vorgebeugt
werde. Zwischendurch laufen kleine Buben, nehmen die Brote ab, und
tragen sie zum Ofen hinaus. „Matzes, Matzes!“ schreit einer, der
bereits sein Brot auf dem Tische beendet liegen hat und fürchtet, es
könnte durch die Länge der Zeit säuern. Und dabei ergrimmt er und stößt
Flüche aus, weil die Hinausträger der Brote ihm zu saumselig und faul
sind.

Drei Personen sind es jedoch, auf deren Schultern eine ganze Welt
von Plagen und Mühen liegt. Der eine ist der „Mehriner“, der andere
der Kneter, der dritte der Schießer. Diese Trias ist wahrhaft
bewundernswürdig und zugleich bedauernswert, denn ihre Beschäftigung
ist die mühseligste von allen.

[Illustration]

Der „Mehriner“ mißt das Mehl und teilt es dem Kneter zu. Der Teig wird
in kupfernen Kesseln bereitet und bedarf nur einer sehr einfachen
Manipulation, Mehl und Wasser. Die Hauptsorge des Kneters besteht
darin, daß der Teig sobald als möglich durchknetet sei, wozu ihm
wenige Minuten gegeben sind. Denn durch ein längeres Verzögern könnte
er in Fermentation geraten, und tausend Argusaugen sind da auf der
Lauer, die ein jedes Versehen mit bitterem Spotte, ja wohl auch mit
Dispensierung des Kneters bestrafen können.

Der Schießer endlich ist niemand anderes als der Bäcker selbst. Man
denke sich einen Menschen, der mit wenigen Unterbrechungen vierzehn
Tage, ja sogar drei Wochen in einem fort der Hitze des Ofens ausgesetzt
ist, und man hat eine linde Vorstellung von langsamem Verbranntwerden.
Der Schießer gehört gewöhnlich der christlichen Religion an, wie
überhaupt in manchen Gemeinden auch Christenmädchen zur Bereitung der
Osterbrote verwendet werden.

Sobald ein solches ungesäuertes Brot aus der Backstube hinausgetragen,
wird es ohne Weile auf die Schaufel gelegt und mit ungemeiner Flinkheit
vom Schießer in den Ofen getan. Nach wenigen Minuten kehrt es bereits
gebacken zurück. Hier wird es gewöhnlich von der Hausfrau, die die
Brote backen läßt, empfangen und längs eines langen Tisches, der
mit weißen Linnen bedeckt ist, aufgestellt. Oder ein ganzes Rudel
Kinder ist es, das sich diesem Geschäfte mit aller Freudigkeit
hingibt, gewöhnlich die Kinder der Hausfrau, oder, wenn die nicht,
fremde. Diesen läßt man als Entgelt ihrer Mühe kleine Fischlein aus
ungesäuertem Teige backen, mit denen sie dann am Abend in der Gasse
herumrennen, sie triumphierend ihren Gespielen hinweisend, die mit
solchen Trophäen noch nicht zu glänzen haben.

Durch all dies Gedränge und Schreien und Rufen wandelt aber noch eine
Figur, deren wir bis jetzt noch nicht erwähnt haben. Es ist der „More
Zedek“, ein Gelehrter, der darüber zu wachen hat, daß alles in größter
Ordnung und ohne Verletzung der geringsten religiösen Zeremonie vor
sich gehe. Er beaufsichtigt den Mehriner und den Kneter, damit dieser
den Teig nicht über die Zeit in dem kupfernen Kessel herumknete, dann
wirft er aufmerksame Blicke denen zu, die die ungesäuerten Brote
verfertigen, damit auch sie nicht dem Gesetze zuwiderlaufen, das da
ungesäuerte Brote will. Zuweilen trifft es sich auch, daß man ihm
religiöse Bedenken vorträgt, die er zu schlichten hat. Ein ungesäuertes
Brot war nicht nach rechter Art durchlöchert, in der Ofenhitze stiegen
Blasen auf, oder sonst ein Gebrechen ist daran zu erblicken. Nun kommt
die Hausfrau mit dem fraglichen Corpus delicti und fragt den Rabbi, ob
er dieses Brot für gültig erkläre oder nicht. Der Rabbi schaut es lange
mit prüfendem Blicke an und sagt entweder ja oder nein. Im verneinenden
Falle wird das ungesäuerte Brot eine Beute der Kinder, und sie teilen
sich so fröhlich darein, daß man es ihnen ansieht, sie würden gar
nichts dagegen haben, wenn der Rabbi das ganze Gebäck für ungültig
erklären wollte.

Die größte Sorge und Virtuosität wird aber auf die sogenannten
„Mizwahbrote“ verwendet. Das sind diejenigen ungesäuerten Brote, die
man an den beiden ersten Abenden des Osterfestes braucht, wo der
Hausvater im Kreise der Seinigen den Auszug der Israeliten aus Ägypten
feiert. Diese Brote sind von einer größeren Beschaffenheit als die
anderen, und die Mädchen, die sie verfertigen, legen eine besondere
Vorsorge an den Tag, sie so fein und groß und rund als möglich
auszudehnen. Auch rivalisieren sie während des Wellens miteinander, wer
von ihnen das größte Monstrum hervorzubringen imstande sei.

Ist endlich das Backgeschäft vorüber, so erhalten die Leute ihren Lohn,
wobei es gewöhnlich zu nicht unbedeutenden Zänkereien kommt. Es findet
sich da manche sparsame Hausfrau oder manch knickeriger Hausherr, die
über den bedungenen Lohn nichts „von sich lassen wollen“, wie man sagt.
Denn man begehrte noch ein kleines Trinkgeld von ihnen, indem man
auf das vortreffliche Gebäcke hinweist, das man bereitet. Läßt sich
die Hausfrau bewegen und tut noch etwas hinzu, so erhält sie tausend
Segnungen und Beglückwünschungen, tut sie es nicht, so spricht und
grollt man sehr viel, und sie kann gewiß sein, daß im nächsten Jahre
die ungesäuerten Brote viel schlechter ausfallen werden als heuer. So
ein Bäcker hat für solche Seelenkränkungen ein treffliches Gedächtnis.

Wir haben schließlich noch einer Ehrenbezeugung zu erwähnen, die bei
Gelegenheit des Backens der ungesäuerten Brote ausgeübt wird. Dem
Rabbiner werden am letzten Tage die ungesäuerten Brote gebacken. Wo
es eine Jeschibah (Hochschule) gibt, übernehmen die Jünger derselben
selbst die Verpflichtung, für ihren Lehrer die Brote zu kneten,
zu bereiten und backen. Auf diese Art genießt der Rabbiner drei
Privilegien: 1. daß er ganz frische, 2. ganz makellose und 3. ganz
reine Brote bekommt. Um dieser Vorteile willen hat sich schon mancher
gewünscht, Rabbiner zu sein -- anderer zu geschweigen.



DER RABBI VON BACHERACH.

Von ~Heinrich Heine~.


Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene
verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burgruinen
sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit
emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die
finstere, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und
verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden
Warttürmen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in
diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene
Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und
wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und
brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in
diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht,
Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu
jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am
Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden
Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufische
und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gerieten, wußten
dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich
freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung
einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und
die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken
unterabteilten, beiderseitig nach der Alleinmacht rangen, so daß
sie sämtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen
Raubadel fest verbunden standen, nach innen aber wegen streitender
Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen
wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar tätliche Ausbrüche
der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg
Sareck, und wie sein Falke schoß er herab, wenn man ihn rief, und auch
manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die
Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und
vom Bürgerrechte allmählich verdrängte Körperschaft war die kleine
Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen
und späterhin während der großen Judenverfolgung ganze Scharen
flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte.

Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am
grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der
großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die
Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den
Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hilfe der Aussätzigen die Brunnen
vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten,
halbnackte Männer und Weiber, die, zur Buße sich selbst geißelnd
und ein tolles Marienlied singend, die Rheingegend und das übrige
Süddeutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder
marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Beschuldigung,
die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch
bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete,
das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft
wiederholte Märchen, daß die Juden geweihte Hostien stählen, die
sie mit Messern durchstächen, bis das Blut herausfließe, und daß
sie an ihrem Peßachfeste Christenkinder schlachteten, um das Blut
derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die
Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und
ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer
Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn
sie das Gerücht eines solchen Kindermordes verbreiteten, vielleicht
gar einen blutigen Kinderleichnam in das verfehmte Haus eines Juden
heimlich hineinschwärzten und dort nächtlich die betende Judenfamilie
überfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und
große Wunder geschahen durch das vorgefundene tote Kind, welches die
Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger,
und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die
jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gotischen
Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigen Fenster, stolz emporschießenden
Pfeiler und Steinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an
einem heitergrünen Sommertage vorbeifahren und ihren Ursprung nicht
kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andere
große Kirchen errichtet, und unzählige Juden getötet oder mißhandelt.
Dies geschah im Jahre 1287, und auch zu Bacherach, wo eine von diesen
Sankt-Wernerskirchen gebaut wurde, erging damals über die Juden
viel Drangsal und Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie
verschont von solchen Anfällen der Volkswut, obgleich sie noch immer
hinlänglich angefeindet und bedroht wurden.

Je mehr aber der Haß sie von außen bedrängte, desto inniger und
traulicher wurde das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte
die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacherach. Ein Muster
gottgefälligen Wandels war der dortige Rabbiner, genannt Rabbi
Abraham, ein noch jugendlicher Mann, der aber weit und breit wegen
seiner Gelahrtheit berühmt war. Er war geboren in dieser Stadt, und
sein Vater, der dort ebenfalls Rabbiner gewesen, hatte ihm in seinem
letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen und Bacherach nie
zu verlassen, es sei denn wegen Lebensgefahr. Dieser Befehl und ein
Schrank mit seltenen Büchern war alles, was sein Vater, der bloß in
Armut und Schriftgelahrtheit lebte, ihm hinterließ. Dennoch war Rabbi
Abraham ein sehr reicher Mann; verheiratet mit der einzigen Tochter
seines verstorbenen Vaterbruders, welcher den Juwelenhandel getrieben,
erbte er dessen große Reichtümer. Einige Fuchsbärte in der Gemeinde
deuteten darauf hin, als wenn der Rabbi eben des Geldes wegen seine
Frau geheirat habe. Aber sämtliche Weiber widersprachen und wußten alte
Geschichten zu erzählen, wie der Rabbi schon vor seiner Reise nach
Spanien verliebt gewesen in Sara -- man hieß sie eigentlich die schöne
Sara -- und wie Sara sieben Jahre warten mußte, bis der Rabbi aus
Spanien zurückkehrte, indem er sie gegen den Willen ihres Vaters und
selbst gegen ihre eigne Zustimmung durch den Trauring geheiratet hatte.
Jedweder Jude nämlich kann ein jüdisches Mädchen zu seinem rechtmäßigen
Eheweibe machen, wenn es ihm gelang, ihr einen Ring an den Finger zu
stecken und dabei die Worte zu sprechen: „Ich nehme dich zu meinem
Weibe nach den Sitten von Moses und Israel!“ Bei der Erwähnung Spaniens
pflegten die Fuchsbärte auf eine ganz eigne Weise zu lächeln; und das
geschah wohl wegen eines dunkeln Gerüchts, daß Rabbi Abraham auf der
hohen Schule zu Toledo zwar emsig genug das Studium des göttlichen
Gesetzes getrieben, aber auch christliche Gebräuche nachgeahmt und
freigeistige Denkungsart eingesogen habe, gleich jenen spanischen
Juden, die damals auf einer außerordentlichen Höhe der Bildung standen.
Im Innern ihrer Seele aber glaubten jene Fuchsbärte sehr wenig an
die Wahrheit des angedeuteten Gerüchts. Denn überaus rein, fromm
und ernst war seit seiner Rückkehr aus Spanien die Lebensweise des
Rabbi, die kleinlichsten Glaubensgebräuche übte er mit ängstlicher
Gewissenhaftigkeit, alle Montag und Donnerstag pflegte er zu fasten,
nur am Sabbath oder anderen Feiertagen genoß er Fleisch und Wein, sein
Tag verfloß in Gebet und Studium, des Tages erklärte er das göttliche
Gesetz im Kreise der Schüler, die der Ruhm seines Namens nach Bacherach
gezogen, und des Nachts betrachtete er die Sterne des Himmels oder
die Augen der schönen Sara. Kinderlos war die Ehe des Rabbi; dennoch
fehlte es nicht um ihn her an Leben und Bewegung. Der große Saal seines
Hauses, welches neben der Synagoge lag, stand offen zum Gebrauche der
ganzen Gemeinde; hier ging man aus und ein ohne Umstände, verrichtete
schleunige Gebete, oder holte Neuigkeiten, oder hielt Beratung in
allgemeiner Not; hier spielten die Kinder am Sabbathmorgen, während
in der Synagoge der wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier
versammelte man sich bei Hochzeit- und Leichenzügen, und zankte sich
und versöhnte sich; hier fand der Frierende einen warmen Ofen und der
Hungrige einen gedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi
noch eine Menge Verwandte, Brüder und Schwestern mit ihren Weibern
und Kindern, sowie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche
Öhme und Muhmen, eine weitläufige Sippschaft, die alle den Rabbi
als Familienhaupt betrachteten, im Hause desselben früh und spät
verkehrten, und an hohen Festtagen sämtlich dort zu speisen pflegten.
Solche gemeinschaftliche Familienmahle im Rabbinerhause fanden ganz
besonders statt bei der jährlichen Feier des Peßach, eines uralten,
wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in der ganzen Welt am
Vorabend des vierzehnten Tages im Monat Nissan, zum ewigen Gedächtnisse
ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft, folgendermaßen begehen.

Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet
das Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei von
den platten ungesäuerten Broten, verdeckt sie mit einer Serviette,
und stellt auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schüsseln,
worin symbolische Speisen enthalten, nämlich ein Ei, Lattich,
Mairettichwurzel, ein Lammknochen und eine braune Mischung von
Rosinen, Zimmet und Nüssen. An diesen Tisch setzt sich der Hausvater
mit allen Verwandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem
abenteuerlichen Buche, das die Hagadah heißt, und dessen Inhalt eine
seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichten aus
Ägypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern.
Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben,
und sogar während des Vorlesens wird zu bestimmten Zeiten etwas von
den symbolischen Gerichten gekostet, sowie alsdann auch Stückchen
von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weins
getrunken werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft
geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich
singende Ton, womit die Hagadah von dem Hausvater vorgelesen und
zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so
schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig
aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben
ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt
sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten
wohlbekannten Peßachklänge zufällig ins Ohr dringen.

Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen
Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendfeier
des Peßachfestes. Im Saale war alles mehr als gewöhnlich blank; über
den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldfranzen
bis auf die Erde hingen; traulich schimmerten die Tellerchen mit den
symbolischen Speisen, sowie auch die hohen weingefüllten Becher,
woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit;
die Männer saßen in ihren Schwarzmänteln und schwarzen Platthüten
und weißen Halsbergen; die Frauen, in ihren wunderlich glitzernden
Kleidern von lombardischen Stoffen, trugen um Haupt und Hals ihr Gold-
und Perlengeschmeide; und die silberne Sabbathlampe goß ihr festliches
Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Auf
den purpurnen Sammetkissen eines mehr als die übrigen erhabenen Sessels
und angelehnt, wie es der Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las
und sang die Hagadah, und der bunte Chor stimmte ein oder antwortete
bei den vorgeschriebenen Stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein
schwarzes Festkleid, seine edelgeformten, etwas strengen Züge waren
milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen
Barte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, und in seinen Augen
schwamm es wie selige Erinnerung und Ahnung. Die schöne Sara, die auf
einem ebenfalls erhabenen Sammetsessel an seiner Seite saß, trug als
Wirtin nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloß ihren
schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend
schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von eigentümlich
rührender Art ist; das Bewußtsein des tiefen Elends, der bittern
Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihre Verwandte und
Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse
leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen
sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig
nach den Augen ihres Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der
vor ihr liegenden Hagadah, dem hübschen, in Gold und Sammet gebundenen
Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflecken aus
den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalte
Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Peßachabend so gerne
betrachtete, und die allerlei biblische Geschichten darstellten, als
da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem
Hammer entzwei klopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den
Mizri totschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm
die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank!
versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rote Meer gehen,
wie sie offnen Maules mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge
Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt,
und endlich wie Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels
bestrahlt wird vom Glanze der Sonne!

Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stimmen
wurden immer heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten
Osterbrote ergriff und heiter grüßend emporhielt, las er folgende Worte
aus der Hagadah: „Siehe! das ist die Kost, die unsere Väter in Ägypten
genossen! Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße! Jeglicher,
der da traurig, er komme und teile unsere Peßachfreude! Gegenwärtigen
Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande
Israels! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum
kommenden Jahre als Söhne der Freiheit!“

Da öffnete sich die Saaltüre, und herein traten zwei große blasse
Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der eine sprach: „Friede
sei mit euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das
Peßachfest mit euch zu feiern.“ Und der Rabbi antwortete rasch und
freundlich: „Mit euch sei Frieden, setzt euch nieder in meiner Nähe!“
Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische, und der Rabbi
fuhr fort im Vorlesen. Manchmal, während die übrigen noch im Zuge des
Nachsprechens waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und
anspielend auf den alten Scherz, daß ein jüdischer Hausvater sich an
diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: „Freue dich, meine
Königin!“ Sie aber antwortete, wehmütig lächelnd: „Es fehlt uns ja der
Prinz!“ und damit meinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle
in der Hagadah es verlangt, mit vorgeschriebenen Worten seinen Vater
um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte nichts
und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde
in der Hagadah, wo überaus anmutig zu schauen war, wie die drei Engel
zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde
von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich-pfiffig hinter der
Zelttüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink
goß dreifaches Rot über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die
Augen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne,
der singend fortfuhr im Vorlesen der wunderbaren Geschichte, wie Rabbi
Jehoschua, Rabbi Elieser, Rabbi Asarjah, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon
in B’ne-B’rak angelehnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszuge der
Kinder Israel aus Ägypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und
ihnen zuriefen, es sei Tag und in der Synagoge verlese man schon das
große Morgengebet.

Derweilen nun die schöne Sara andächtig zuhörte und ihren Mann
beständig ansah, bemerkte sie, wie plötzlich sein Antlitz in
grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen
verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; -- aber
fast im selben Augenblick sah sie, wie seine Züge wieder die vorige
Ruhe und Heiterkeit annahmen, wie seine Lippen und Wangen sich wieder
röteten, seine Augen munter umherkreisten, ja, wie sogar eine ihm
sonst gar fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. Die schöne
Sara erschrak, wie sie noch nie in ihrem Leben erschrocken war, und
ein inneres Grauen stieg kältend in ihr auf, weniger wegen der Zeichen
von starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres
Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die
allmählich in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schob sein
Barett spielend von einem Ohre nach dem andern, zupfte und kräuselte
possierlich seine Bartlocken, sang den Hagadahtext nach der Weise
eines Gassenhauers, und bei der Aufzählung der ägyptischen Plagen,
wo man mehrmals den Zeigefinger in den vollen Becher eintunkt und
den anhängenden Weintropfen zur Erde wirft, bespritzte der Rabbi die
jüngern Mädchen mit Rotwein, und es gab großes Klagen über verdorbene
Halskrausen und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der
schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes,
und beklommen von namenloser Bangigkeit schaute sie in das summende
Gewimmel der buntbeleuchteten Menschen, die sich behaglich breit hin
und her schaukelten, an den dünnen Peßachbröten knoperten, oder Wein
schlürften, oder miteinander schwatzten, oder laut sangen, überaus
vergnügt.

Da kam die Zeit, wo die Abendmahlzeit gehalten wird; alle standen auf,
um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit
getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der
Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als
sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam
mit den Augen, und schlich sich zur Türe hinaus. Die schöne Sara folgte
ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes,
eilig zog er sie fort durch die dunkeln Gassen Bacherachs, eilig zum
Tor hinaus auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt.

Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hellgestirnt
sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Leichenhaft
dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt
zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter
über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers
schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäupter, der Turmwächter auf
Burg-Strahleck blies eine melancholische Weise, und dazwischen läutete
eifrig gellend das Sterbeglöckchen der Sankt Wernerskirche. Die schöne
Sara trug in der rechten Hand das silberne Waschbecken, ihre linke
hielt der Rabbi noch immer gefaßt, und sie fühlte, wie seine Finger
eiskalt waren und wie sein Arm zitterte; aber sie folgte schweigend,
vielleicht, weil sie von jeher gewohnt, ihrem Manne blindlings und
fragenlos zu gehorchen, vielleicht auch, weil ihre Lippen vor innerer
Angst verschlossen waren.

Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das
Dörfchen Niederrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte, die
bogenartig über das Rheinufer hinaushängt. Diese erstieg Rabbi Abraham
mit seinem Weibe, schaute sich um nach allen Seiten und starrte hinauf
nach den Sternen. Zitternd und von Todesängsten durchfröstelt stand
neben ihm die schöne Sara und betrachtete sein blasses Gesicht, das
der Mond gespenstisch beleuchtete, und worauf es hin- und herzuckte
wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wut. Als aber der Rabbi plötzlich das
silberne Waschbecken ihr aus der Hand riß und es schollernd hinabwarf
in den Rhein: da konnte sie das grausenhafte Angstgefühl nicht länger
ertragen, und mit dem Ausrufe „Schadai voller Genade!“ stürzte sie zu
den Füßen des Mannes und beschwor ihn, das dunkle Rätsel endlich zu
enthüllen.

Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die
Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des Todes? Dort unten
schwebt er über Bacherach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen.
Gelobt sei der Herr!“ Und mit einer Stimme, die noch vor innerem
Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemut die Hagadah hinsingend
und angelehnt saß und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort
zu seinen Füßen den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt. „Da
merkte ich“ -- setzte der Rabbi hinzu -- „daß unsre zwei späte Gäste
nicht von der Gemeinde Israels waren, sondern von der Versammlung der
Gottlosen, die sich beraten hatten, jenen Leichnam heimlich in unser
Haus zu schaffen, um uns des Kindermordes zu beschuldigen und das
Volk aufzureizen, uns zu plündern und zu ermorden. Ich durfte nicht
merken lassen, daß ich das Werk der Finsternis durchschaut; ich hätte
dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns beide
gerettet. Gelobt sei der Herr! ängstige dich nicht, schöne Sara; auch
unsre Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute
lechzten die Ruchlosen; ich bin ihnen entronnen, und sie begnügen sich
mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir, schöne Sara, nach einem
anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, und damit uns
das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das letzte meiner Habe, das
silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen. Der Gott unserer Väter
wird uns nicht verlassen. -- Komm herab, du bist müde; dort unten steht
bei seinem Kahne der stille Wilhelm; er fährt uns den Rhein hinauf.“

Lautlos und mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sara in die Arme
des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinab nach dem Ufer.
Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aber bildschöner Knabe,
der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Nachbarin des Rabbi,
den Fischfang trieb und hier seinen Kahn angelegt hatte. Es war, als
erriete er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe
er eben auf ihn gewartet; um seine geschlossenen Lippen zog sich das
lieblichste Mitleid, bedeutungstief ruhten seine großen blauen Augen
auf der schönen Sara, und sorgsam trug er sie in den Kahn.

Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer
Betäubung, sie fühlte auf einmal, daß alles, was ihr Mann ihr erzählt,
kein bloßer Traum sei, und Ströme bitterer Tränen ergossen sich über
ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. Da saß sie nun in der
Mitte des Kahns, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saßen ihr Mann und
der stille Wilhelm, welche emsig ruderten.

Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch das Schaukeln
des Fahrzeugs, oder durch den Duft jener Bergesufer, worauf die Freude
wächst, immer geschieht es, daß auch der Betrübteste seltsam beruhigt
wird, wenn er in der Frühlingsnacht in einem leichten Kahne leicht
dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstrom. Wahrlich, der alte,
gutherzige Vater Rhein kann’s nicht leiden, wenn seine Kinder weinen;
tränenstillend wiegt er sie auf seinen treuen Armen und erzählt ihnen
seine schönsten Märchen und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze,
vielleicht gar den uralt versunkenen Niblungshort. Auch die Tränen
der schönen Sara flossen immer milder und milder, ihre gewaltigsten
Schmerzen wurden fortgespült von den flüsternden Wellen, die Nacht
verlor ihr finstres Grauen, und die heimatlichen Berge grüßten
wie zum zärtlichsten Lebewohl. Vor allen aber grüßte traulich ihr
Lieblingsberg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Mondbeleuchtung
schien es, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich
ausgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd aus
ihren Felsenspalten, und als käme ein Reiter den Berg hinaufgesprengt
in vollem Galopp; und der schönen Sara war zumute, als sei sie wieder
ein kleines Mädchen und säße wieder auf dem Schoße ihrer Muhme aus
Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken
Reuter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und
noch andre wahre Geschichten, vom wunderlichen Wispertale drüben, wo
die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchenland, wohin
die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen,
singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden
Nixen... Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und
leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres
Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde
soviel Torheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam’s ihr vor, als
setzte man sie auf das kleine Bänkchen vor dem Sammetsessel ihres
Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt
mit den Augen lachte und sich behaglich hin und her wiegte in seinem
weiten, blauseidenen Sabbathschlafrock... Es mußte wohl Sabbath
sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gebreitet, alle
Geräte im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der weißbärtige
Gemeindediener saß an der Seite des Vaters und kaute Rosinen und sprach
hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig
großen Buche, und bat bescheidentlich seinen Oheim um die Erlaubnis,
einen Abschnitt der Heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der
Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel
gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene... Nun legte der kleine
Bursche das Buch auf die breite Armlehne des Sessels und erklärte
die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob seine Stimme erhoben
und laut geweint, als er sein Mühmchen Rahel zuerst erblickte, wie
er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahre um
Rahel dienen mußte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er
die Rahel geheiratet und immer und immer geliebt hat... Auf einmal
erinnerte sich auch die schöne Sara, daß ihr Vater damals mit lustigem
Tone ausrief: „Willst du nicht ebenso dein Mühmchen Sara heiraten?“
worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „Das will ich, und sie
soll sieben Jahr warten.“ Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele
der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt
so groß und ihr Mann geworden, kindisch miteinander in der Lauberhütte
spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen,
Spiegeln und vergoldeten Äpfeln, wie der kleine Abraham immer
zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählich größer und mürrischer
wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch... Und endlich sitzt sie
zu Hause allein in ihrer Kammer eines Samstags Abend, der Mond scheint
hell durchs Fenster, und die Tür fliegt auf, und hastig stürmt herein
ihr Vetter Abraham in Reisekleidern und blaß wie der Tod, und er greift
ihre Hand, steckt einen goldenen Ring an ihren Finger und spricht
feierlich: „Ich nehme dich hiermit zu meinem Weibe, nach den Gesetzen
von Moses und Israel! Jetzt aber“ -- setzt er bebend hinzu -- „jetzt
muß ich fort nach Spanien. Lebewohl, sieben Jahre sollst du auf mich
warten!“ Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schöne Sara das
alles ihrem Vater... Der tobt und wütet: „Schneid ab dein Haar, denn du
bist ein verheiratetes Weib!“ -- und er will dem Abraham nachreiten, um
einen Scheidebrief von ihm zu erzwingen; -- aber er ist schon über alle
Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne
Sara ihm die Reitstiefel ausziehen hilft und besänftigend äußert,
daß der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater:
„Sieben Jahr sollt ihr betteln gehn!“ und bald stirbt er.

So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn wie ein
hastiges Schattenspiel: die Bilder vermischten sich auch wunderlich,
und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter
und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es war auch, als
murmelte der Rhein die Melodien der Hagadah, und die Bilder derselben
stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder: der
Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzengestalten, die sich
immer hastig wieder von selbst zusammensetzen; der Mizri wehrt sich
furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und
flammt; der König Pharao schwimmt im Roten Meere, mit den Zähnen im
Maule die zackige Goldkrone festhaltend; Frösche mit Menschenantlitz
schwimmen hintendrein, und die Wellen schäumen und brausen, und eine
dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor.

Das war Hattos Mäuseturm, und der Kahn schoß eben durch den Binger
Strudel. Die schöne Sara war dadurch etwas aus ihren Träumereien
gerüttelt und schaute nach den Bergen des Ufers, auf deren Spitzen
die Schloßlichter flimmerten, und an deren Fuß die mondbeleuchteten
Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre
Freunde und Verwandte zu sehen, wie sie mit Leichengesichtern und in
weißwallenden Totenhemden schreckenhaftig vorüberliefen, den Rhein
entlang... es ward ihr schwarz vor den Augen, ein Eisstrom ergoß sich
in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sie nur noch, daß ihr der Rabbi
das Nachtgebet vorbetete, langsam ängstlich, wie es bei todkranken
Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte:
„Zehntausend zur Rechten und zehntausend zur Linken; den König zu
schützen vor nächtlichem Grauen...“

Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der
düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die
heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Toren; in goldner Pracht
leuchtete der Tempel; auf dem Vorhofe desselben erblickte die schöne
Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlafrock und vergnügt mit
den Augen lachend; aus den runden Tempelfenstern grüßten fröhlich alle
ihre Freunde und Verwandte; im Allerheiligsten kniete der fromme König
David mit Purpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein
Gesang und Saitenspiel -- und selig lächelnd entschlief die schöne
Sara.



PESSACH IN RUSSLAND VOR SIEBZIG JAHREN.

Von ~Pauline Wengeroff~.


[Illustration]

Die Zeit vor Peßach verging in endlosen Vorbereitungen für die
Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag
des Erew-Peßach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am
Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das B’dikath
Chamez, d. h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause.
Da begab sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen
hölzernen Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen
weißen Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem
Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf
das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände
sollten abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein
Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das
Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als
Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chamez durch
das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen
vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit
dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den
Federn in den Löffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte
Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß,
vorher überall Krümel anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da
doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer
Aufmerksamkeit gesäubert wurden. So untersuchte er nun gründlich die
Fenster, und die Mutter mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot
aus dem Hause zu räumen, denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das
auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt
werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher
zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf
den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit
dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem
Hängeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus
erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging
zeitig schlafen, um am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn
um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chamez im
Hause eines religiösen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh
geweckt und mußten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren.
Das Nationalgericht für diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit
Weißbrot. Doch war meist zu dieser Stunde schon ein Braten fertig, an
dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. „Und nun rasch, rasch!“,
trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt
soviel als sonst, denn es durfte doch nichts vom Chamez zurückbleiben.
Wir Kinder machten allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für
volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und
die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von
dem teuren Porzellanservice bis zur letzten Kupferkasserole wurden
alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster
gestellt und dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den
Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem
Peßachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder
gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt.
Der große Speisetisch wurde auseinander gezogen, mit einem weißen Tuch
oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene
Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand
bedeckt, die mit kleinen Nägeln befestigt werden, das wir Kinder mit
so großer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seinen
bestimmten Kos (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit
nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen
Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo
alle Holztische und -bänke zum Kaschern aufgestellt waren. Man goß die
Bank oder den Tisch mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen
gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes
Wasser auf die Gegenstände.

[Illustration]

Außer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater
erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chamez von gestern in der
Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene
Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete
aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf.
Mein Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den
Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen
hin und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen.
Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem andern
züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrien: „Seht,
seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon...“
Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es
dauerte nicht länger als zehn Minuten, so war das Autodafé des Chamez
vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle
Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der
Vorschrift darf man selbst nicht auf die Asche treten, auch wenn es
„Nutzen oder Vergnügen“ brächte.

Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo Schimen, der „Meschores“
(der Diener), mit dem Auspacken des Peßachgeschirrs beschäftigt war.
Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kossoth (Weinbecherchen)
Besitz ergreifen, da schmunzelte der Diener schalkhaft und meinte, daß
wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft
und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgültiger Miene
erklärte er, daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. „Wieso
gekaschert?“ fragten wir. „Ja, ja,“ versetzte unser Peiniger, „Ihr müßt
heiße glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort
herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann
erst dürft ihr dieses Geschirr anrühren.“ Wir fanden keine Antwort
und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit
war. Sie beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indianvogels,
eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt,
gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem
Brett, und die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er
davonfliegen wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser
bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz,
rechts von der Bank, lag auf einem abgehobelten Brett in seiner
ganzen Länge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der
kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der
sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln,
Teller, Gabeln, Löffel befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf
Mazzothmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem später die
schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten
nun die Mutter fragen, ob Simon recht hätte. Aber wir blieben, von der
Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von
den glühenden Steindelach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen
und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu
interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern
schon längst aufgefallen und, halb verwundert, halb ärgerlich, fragte
sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt wären. Da
erzählten wir mit kläglicher Stimme, in halben Sätzen, was der böse
Schimen uns gesagt hätte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig.
Dann schrie sie plötzlich auf: „Was für glühende Steindelach? Wer hat
sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heißem Wasser begossen?“
Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche
Ursache unserer Besorgnis. Sie ließ Schimen sofort kommen und verbot
ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir
sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wären
wir würdig, unsere Kossoth in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir
angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und
halfen nun das Geschirr abwischen.

Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der
verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam
der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur
Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine
weiße Pikeedecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen
Ruhesitz, das Hessebett, ein ähnliches wurde auf zwei Stühlen für die
jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete
Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause
herrschte, teilte sich jedem mit.

Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Teestunde nahte. Wir
tranken und schlürften das duftige Getränk mit besonderem Behagen, denn
er schmeckte in der trefflichen Umgebung ganz besonders gut. Alles
blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in
Verwendung.

Nun ging es an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine
Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur
Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden
und doch selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre,
tiefe Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für die
Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte
erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin
jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adlige
Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort „adliger
Abkunft“ spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich
hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus
Königspalästen für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den
jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe
zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden
auch äußerer Reichtum und Würden kamen.

Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie
ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen
mit beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren
Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen
Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir
in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte,
den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.

Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz;
man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen
Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch
Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten. Auch meine
vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.

Die Sedertafel glänzte und strahlte, der Meschores (Diener)
hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete
feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus
Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich
den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken und viele
Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald
erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem
Ton, mit dem er laut „Gut Jom Tow“ (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse
Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder
sämtliche Hagadahs bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf
nahmen wir an dem Tische Platz, und zwar nach der Reihe des Alters.
Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer Ecke des Tisches
sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem
Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters
war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge
drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige,
rastlose Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut
gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige, patriarchalische
Aussehen, und sein Verhalten den Kindern sowie allen anderen gegenüber
flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er
ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf äußeres sehr bedacht,
ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen
solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem langen,
schwarzen Atlaskaftan. Er war der Länge nach von beiden Seiten mit
zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer
Knöpfe angebracht waren. Die Kleidung vervollständigte eine teure
pelzverbrämte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasmantel um
die Lenden. Von dem weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der
vorteilhaft den schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote
Foulardtaschentuch fehlte nicht.

Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte eine
prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den
Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagadah zu lesen. Er bat
die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen,
auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die
Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein.
Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die
Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt
des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen,
selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren
bekam auf seinen Teller drei Sch’murah-Mazzoth, zwischen denen sich
bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettich, ein
wenig Salat, Charoßeth, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden.
Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den
Becher Wein in seine rechte Hand, sagte das Kidduschgebet und leerte
das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen
gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem die Becher, die anderen
Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen
Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater
das Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob
es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ha lachma anja. Die
männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel
Mah nischtanah, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind
bei Tische zu fragen hat. Der Vater antwortete mit bewegter Stimme
aus der Hagadah lesend: „Awadim hajinu.“... „Knechte waren wir bei
Pharao in Mizrajim, und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner
Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären
wir, unsere Kinder und Kindeskinder, bis jetzt noch Sklaven gewesen.
Und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch
unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.“

Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus, -- er konnte und
durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen
Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche
Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er
durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen
Fürsten betrachten.

Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann
nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend
die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß
unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die
Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter.
Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzoth entzwei,
legten die eine Hälfte unter das Polster zum „Aphikomon“ (Nachspeise)
und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die
Tischgenossen als „Mozi“ (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot,
vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror,
der in Charoßeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da
dies ohne Mazzoth geschehen muß. Dann der Korech, wieder eine Portion
Meerrettich zwischen zwei Mazzothstückchen gelegt. Für jeden Brauch
wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam
an diesem Abend den Meerrettich gehörig zu spüren; und wir mußten
mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in
Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser
getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an
die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit
Mazzahmehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse
endete. Dann bekam jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphikomon.
Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser
über die Hände, was man „Majim Acheronim“ nennt (letztes Wasser), wobei
ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das
Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische
beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft
mit einem lauten „Amen“ ein; und nachdem jeder für sich leise das
Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und
jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum vierten Male füllte man
die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in
der Mitte aufgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser
Brauch findet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der
kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder
trinkt schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß
bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch
ein fünfter gefüllt werden.

Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu
ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher
unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der
Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend
war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden
gefüllt und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann
man das Kapitel „Sch’foch chamathcha“ zu rezitieren; hierauf folgten
die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen
„Chad Gadja, Chad Gadja“, „Ein Zicklein, ein Zicklein“. Mit diesen
und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder
hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern
aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge
des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Geschwister
verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu
Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der
Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts
entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das
Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner
ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten
wirkte auf das Kindesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das
ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein
älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so
lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang
noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich
darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu
können. Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.

Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen.
Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen
auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd und abgespannt ich war,
erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte
noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß
ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheinen
und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit
wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber
nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja
mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief
aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen
mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war
festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung!
Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab.
Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid
angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im
Elternhause, wie schön bist du!



DIE CHAGIGAH VON RECHOBOTH.

Von ~Julius Heilbrunn~.

[Illustration]


Ich hatte meinen Aufenthalt in Erez Israel (anläßlich der Turnfahrt
1913) um eine Woche über die geplante Zeit hinaus verlängert, um den
Seder in Jeruschalajim und die Chagigah in Rechoboth mitzuerleben. Ich
habe den Entschluß nicht bereut. Ein freundlicher Zufall ließ mich
auf dem Rückwege von Haifa nach Jerusalem das seltsame Peßachopfer
der Samaritaner auf dem Berge Garisim sehen, das wie eine tolle
unwahrhaftige Phantasie in meiner Erinnerung steht. Welch bizarre
Mischung von Urtradition und modernstem Geschäftsgeist! Die Samaritaner
bringen seit zweitausend Jahren die Peßachwoche auf der Opferstätte
in Zelten zu. Die Zelte vermieten ihnen Thom. Cook Sons, wie riesige
schwarze Lettern auf den weißen und bunten Zelttüchern verkünden.

Der Seder in Jerusalem wich von keinem Seder irgend eines jüdischen
Hauses in der ganzen Welt ab. Deutschland und England, Rußland und
Südafrika, Kanada und Australien hatten ihre Vertreter entsandt.
Sie alle einte am Schluß das eine „~Gam~ leschanah habaah
bijruschalajim!“

Der Weg nach Rechoboth führte mich über Ekron, das ich vordem nicht
gesehen hatte. Als wir kamen, traten gerade die Makkabim (Turner) an,
um in frischem Marsch und mit frohem Lied nach Rechoboth zu ziehen.
Es war eine Freude, die prächtigen Gestalten in guter Haltung, netter
Tracht und in bester Stimmung auf diesem Boden und bei diesem Marsch zu
treffen. So ist an jenem Tage im ganzen Land aus den meisten jüdischen
Kolonien die Jungmannschaft aufgebrochen, um auf dem Festplatz im
männlichen Kampfspiel die Kräfte zu messen. Manche kamen auch durch
Kolonien, die keine Makkabim zu entsenden hatten. Dieser Durchmarsch
verfehlte seine Wirkung nicht. Beschämt stand in solchen Plätzen die
Jugend dabei; man ist sofort daran gegangen, neue Vereine zu gründen
oder schwach gewordene neu zu beleben.

Am Tage vor der Feier trafen wir in Rechoboth ein, das uns schon vordem
lieb geworden war, weil es am stärksten den gesunden Geist des neuen
freien jüdischen Jischub und wirtschaftliche Selbständigkeit erkennen
ließ.

Mit Mühe fanden wir ein bescheidenes Unterkommen. In beiden Hotels
war alles überfüllt, und es bedurfte eifrigen Zuredens, bis wir einen
Wirt bewegen konnten, uns noch aufzunehmen. Dann gingen wir, so schnell
es der tiefe Sand der Straßen erlaubte, zum Festplatz. Der Weg führt
über die „Birkah“, das große Wasserreservoir auf der Höhe des den Ort
beherrschenden Berges, der auch die schöne Synagoge und das Beth-Am
(Volkshaus) trägt. Da oben sehen wir die ganze Ansiedlung vor uns
ausgebreitet, die sich teils in geschlossenen Straßenzügen, teils
in einzelnen Gehöften über die weit ausladenden Hügel erstreckt. Am
Horizont verliert sich der Blick im Kranz der ringsumher liegenden
reichen Orangenbojaren.

Unmittelbar zu unseren Füßen dehnte sich der Festplatz.

Schon heute am Vortage zeigte sich ein lebhaftes Gewimmel. Die Makkabim
übten noch einmal ihre Gerät- und Freiübungen in den einzelnen Vereinen
und wurden dann von Orloff zu einer Generalprobe zusammengenommen. Die
Fußballgruppen fochten die ersten Vorkämpfe aus, die Reiter führten
ihre Pferde vor, waren stolz, wenn sie bewundert wurden und liefen
einige Privatrennen untereinander. Es ist eine Lust, die feurigen,
gutgebauten Tiere und die schneidigen Reiter zu sehen, frische Jungen,
Schomrim (Wächter) und Kolonistensöhne, ein wildes, ungebärdiges Volk,
denen die Freude am Reiten und Schießen aus den blanken Augen blitzt,
wunderhübsch in ihrem schmucken weißen, weit über den Nacken fallenden
Kopftuch, das sie von den Beduinen übernommen haben, weil es ebenso
schön wie praktisch ist.

Zum erstenmal hatte man auf Anregung des Koloniearztes Dr. Moskowitz,
der die Organisation des ganzen Festes mit geschickter und
energischer Hand leitet, eine Ausstellung von landwirtschaftlichen
und industriellen Erzeugnissen versucht. Es war ein kleiner, aber
wohlgelungener Anfang. Das Syndikat der Weinbauern hatte sein Zelt
mit freiem Weinausschank, einzelne Kolonisten hatten besonders große,
gut geratene Früchte ausgestellt, ein Holzwarenfabrikant zeigte
sehr interessante Produkte der Verwendung des Eukalyptusholzes, ein
Aussteller landwirtschaftliche Maschinen mit eigenen Erfindungen und
Verbesserungen, die den Bedürfnissen des Landes angepaßt waren.

Wir trafen noch alles in voller Vorbereitung an; die Frauen der
leitenden Männer waren bemüht, die Ausstellungszelte mit dem Schmuck
des Landes, mit Blüten und mit über mannsgroßen Palmblättern
zu verschönern. Nicht ungern stellten wir beschäftigungslosen
Ausstellungsbummler uns ihnen bei dieser Arbeit zur Verfügung. Es wurde
auch nicht vergessen, für die leiblichen Bedürfnisse des kommenden
Tages zu sorgen. Große Zelte wurden aufgeschlagen, in denen es später
Tee, den man dort trotz des guten Weines viel und leidenschaftlich gern
trinkt, sowie Obst und mancherlei Speisen gab.

Es lag eine Stimmung erwartungsvoller Vorfreude über dem Platz. Dann
kam ein Abend, ein stiller, friedvoller, mondlos dunkler Dorfabend.

Der nächste Tag enttäuschte die Erwartungen nicht. Schon früh
strömten von allen Seiten große Massen Volkes zu Pferd, zu Esel und
zu Wagen herbei. Bald sammelte sich eine zahlreiche Wagenburg auf
der einen Seite des Festplatzes. Am stärksten wurde der Zufluß, als
der Extrazug, den die Eisenbahn von Tel Awiw, dem jüdischen Viertel
von Jaffa, aus eingelegt hatte, in Ramleh angekommen war und seine
Insassen sich in langer Kolonne heranwälzten. Viertausend Menschen
bedeckten in unendlichem Gewimmel den Festplatz. Sehr viele Araber
waren darunter, die mit unverhohlenem, schweigsamem Staunen das fremde
Bild betrachteten. Ganz ungezwungen, wenn auch meist in geschlossenen
Gruppen, bewegten sich zahlreiche Jemeniten unter der fröhlichen Menge.
Eine fleißige Kapelle ließ ihre lustigen Weisen über das Feld hin
ertönen. Wir trafen Bekannte aus dem ganzen Lande wieder, begrüßten
uns mit ihnen voll herzlicher gegenseitiger Freude: es war, als ziehe
die sechswöchige Fußwanderung noch einmal in wenigen Stunden an uns
vorüber.

Schon am frühen Morgen waren die Turner auf dem Platze. Der
Makkabiverband von Palästina umfaßte damals 980 Turner (die Zahl
ist inzwischen ständig gewachsen). Ein sehr großer Teil von ihnen
war zugegen und gab dem Fest den Charakter. Es wurden Gerät- und
Freiübungen vorgeführt, es gab spannende Fußballwettkämpfe, Wettläufe,
Tauziehen. Die einzelnen Kolonien wetteiferten, einander den Rang
abzulaufen, aus Tel Awiw hatte das hebräische Gymnasium seine Schüler
in den Kampf gesandt.

Gleich nach der Mittagspause vereinigte ein gewaltiger Festzug die
gesamte mitwirkende Mannschaft. Mit fliegenden Fahnen zogen die
einzelnen Gruppen des Zuges wohlgeordnet durch das Dorf. Vor dem Hause
des Waad (Gemeinderat der Kolonie) hielt man an. Der Rosch hawaad
(Vorsteher), Herr Eisenberg, trat auf den Balkon und hielt eine lange,
mit großer Begeisterung, vielfach mit Tränen der Rührung aufgenommene
Rede. So wenig Hebräisch ich verstand, so merkte ich doch, daß er
das heutige Peßach mit dem Peßach von Mizrajim verglich und auf ein
Peßach der Zukunft hindeutete. Das oft wiederholte Wort ~Cheruth~
(Freiheit) war der Grundton seiner Ansprache. In diesem Augenblick war
in uns allen die Wahrheit des oft gesungenen „Am Jisrael chaj -- Das
Volk Israel lebt“ tiefstes Erlebnis.

Der Zug marschierte zum Festplatz zurück, die Wettkämpfe wurden wieder
aufgenommen, die Reiter absolvierten ihre interessanten Wettrennen.
Dabei beteiligte sich auch Zipporah, die Tochter eines Ansiedlers aus
einer der südlichsten Kolonien, Frau eines Schomer.

Beim Wettrennen gab es einen peinlichen Zwischenfall, einen heftigen
Streit, weil ein Teilnehmer wegen Behinderung disqualifiziert werden
sollte und dennoch mitreiten wollte. Der Streit wurde geschlichtet,
aber es war doch eine Dissonanz in dem sonst so harmonisch verlaufenen
Tag. Das Bild wäre aber gefälscht, wenn ich dies nicht auch erwähnen
wollte.

Der Tag ging zur Neige. Die Siegespreise wurden auf dem Platze
verteilt, manch gute Rede noch gehalten, die letzten Gläser Wein
getrunken -- wobei ich hervorheben muß, daß trotz des freien Ausschanks
von gutem schweren Wein kein Betrunkener bei diesem Volksfest zu finden
war.

Wir verließen den Festplatz. Der Weg führte uns an der Synagoge vorbei;
da sie erleuchtet war, traten wir ein und fanden die Mitglieder des
Talmudvereins beim Lernen, meist alte Männer, aber lauter kräftige
bäurische Gestalten. So reicht sich hier altes und neues jüdisches
Leben die Hand.

Abends fand im Beth-Am, das die Masse der Zuhörer nicht fassen konnte,
ein Neschef, eine musikalisch-literarische Abendunterhaltung statt. In
die Töne einer Sonate von Beethoven hinein klangen von draußen ab und
zu die Freudenschüsse der abfahrenden Gäste.



ANMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS.


Zuvörderst schulde ich Herrn ~S. J. Agnon~ vielen Dank, der mir
bei der Auswahl und Übersetzung seine sehr wertvolle Hilfe geliehen
hat und ohne dessen Unterstützung ich damit nicht hätte zurechtkommen
können.

Von den im Buche enthaltenen Stücken sind folgende sieben ursprünglich
deutsch geschrieben: ~Zlocisti~, Die Peßach-Hagadah; ~Peßach im
Jemen~, ~Buber~, Der Seder des Unwissenden; ~Kompert~, Das
Mazzothbacken; ~Heine~, Der Rabbi von Bacherach; ~Wengeroff~,
Peßach in Rußland vor siebzig Jahren; ~Heilbrunn~, Die Chagigah.
Hiervon hat Herr Dr. Zlocisti das erste Stück für dieses Peßach-Buch
geschrieben, ebenso Herr Dr. Heilbrunn das letzte. „Peßach im Jemen“
ist einem der Alliance Israélite Universelle erstatteten und in der
Zeitschrift „Ost und West“ 1906 abgedruckten Reisebericht entnommen.
Das Stück von Kompert ist aus dessen „Skizzen aus dem Ghetto“
(geschrieben 1846) im zehnten Bande seiner sämtlichen Werke (Leipzig);
das von Heine bildet das erste Kapitel seines Erzählungsbruchstückes
„Der Rabbi von Bacherach“ (geschrieben 1824-25), das von Pauline
Wengeroff ist mit freundlicher Erlaubnis der Verfasserin dem ersten
Bande ihrer „Memoiren einer Urgroßmutter“ (Berlin 1910) entnommen.

Zwei Stücke sind aus dem Jiddischen übersetzt: „Der Tausch“ von
~Mendele Mocher Sforim~ und „Der Zauberkünstler“ von ~J. L.
Perez~. Das erstere entstammt den Gesammelten Schriften von Mendele
„dem Buchhändler“, dem ausgezeichneten, gemütvollen und volkstümlichen
Humoristen, und ist von mir übersetzt; das zweite ist von ~Mathias
Acher~ übertragen und in den „Volkstümlichen Erzählungen“ von
Perez (Berlin, Jüdischer Verlag) enthalten. Es behandelt wie so viele
Erzählungen des Dichters einen Stoff aus der legendenhaften Volkspoesie
der chassidischen Volkskreise.

Alle übrigen (14) Beiträge sind aus dem ~Hebräischen~ übersetzt.
Die das Buch einleitenden beiden Stücke sind aus dem zweiten Buch
Moses und aus der Peßach-Hagadah genommen. Die schöne Skizze von ~S.
Ben-Zion~ aus „Bilder aus der Jugend“ (Verlag Moriah, Odessa).
Das Stück „Von Moses“, sowie die weiteren Stücke „Pharaos Traum“,
„Vom Auszuge“, „Die Ordnung beim Schlachten“ und „Von der Wallfahrt“
stammen aus der großen Literatur der Midraschim (der an das Fünfbuch
anknüpfenden Erzählungen, Legenden, Märchen, Betrachtungen). „Pharaos
Traum“ ist nach dem Midrasch „Leben Moses“ und dem Midrasch „Wajoscha“,
der letzte Absatz „Von Moses“ nach dem Midrasch „Schemoth Rabba“; die
übrigen aber nach der Ausgabe „Sefer haagadah“ von Bialik und Rawnitzki
(Odessa, Verlag Moriah) und übertragen von meinem lieben Freunde Dr.
~Hugo Bergmann~.

„Mit reichem Gute“ ist aus dem dritten Band der Schriften von ~A.
L. Lewinski~ (Odessa, Verlag Jabneh); „~Peßach in Jerusalem~ zur
Römerzeit“ aus dem Buche „Schewet Jehudah“ von Salomo ~Ben Virga~,
herausgegeben von Dr. M. Wiener (Hannover 1855); „~Das Peßach der
Samaritaner~“ erschien im „Luach Erez-Israel“ (Palästina-Kalender)
für 5663 (1902-03), redigiert von ~A. M. Luncz~ in Jerusalem. Es
schildert das Peßachfest, wie es die Bewohner von Sichem (Samaritaner),
eine merkwürdige jüdische Gruppe, die leider am Aussterben ist, noch
heutigen Tags feiert (jetzt gibt es ihrer nur mehr etwa 70 Familien).
„Der Seder“ von ~Agnon~ ist noch nicht in Buchform erschienen. Den
Bericht von ~Z. Kasdai~ über Peßach in Kaukasien fanden wir in N. 75
der Zeitung „Hameliz“ von 1903. „Melameds Hoffnung“ von ~Bialik~,
übersetzt von Dr. ~Moritz Zobel~, ist bisher deutsch nur in der „Welt“
(1903, N. 16) erschienen.

Die Stücke, wo ein Übersetzer nicht genannt ist, sind von mir
übertragen, doch ist die Übersetzung des Liedchens „Chad gadja“ in der
Hagadah dem zweiten Kapitel von ~Heines~ „Rabbi von Bacherach“
entnommen (mit Ausnahme des letzten Verses, der dort fehlt).

       *       *       *       *       *

Wenn ich zur Besprechung der ~Bilder~ übergehe, habe ich auch
hier die angenehme Pflicht, mit einem Dank zu beginnen. Er gilt Herrn
~J. H. Wagner~ in Berlin, der aus seinen reichen Bücherschätzen
alle Vorlagen für die Reproduktion, insbesondere die kostbare Hagadah
von Mantua, zur Verfügung gestellt und wertvolle Ratschläge erteilt
hat. Nur die Zeichnung des „Baruch“ (Seite 18) und die Abbildungen
aus der Prager Hagadah von 1526 (Randleiste des Titels) und Seite 55
und 132 stammen nicht von ihm. Die Umschlagzeichnung habe ich nach
einer Reproduktion der Gruppe „Sulamith“ von unserm Meister Henryk
Glicenstein angefertigt.

Der Rahmen um den Titel ist aus einer 1526 zu Prag gedruckten Hagadah
(unten das Prager Wappen). Ebendaher das schöne Schmuckblatt zum
Sch’foch auf Seite 55, aus dem auf Seite 132 ein Detail wiederholt ist.

Auf Seite 5 ist das Titelblatt eines römischen Machsor abgebildet,
das im Jahre 5482 (1722) von Jizchak Jare und Jakob Chawer-tob in
~Mantua~ gedruckt wurde. Aus diesem Buche stammen noch die
Abbildungen auf Seite 114 und 115. Sie illustrieren die Worte „Mazzah“
und „Maror“.

Seite 12 stellt das Titelblatt einer von Moses May zu ~Metz~ im
Jahre 5527 (1767) gedruckten Hagadah dar. Die Zeichnung zeigt oben
Moses, der das verirrte Lamm sucht und an den brennenden Dornbusch
gerät; er hat eben auf Gottes Geheiß die Schuhe abgelegt.

Die beiden unteren Bildchen auf Seite 16 und 17 (der Böse und Der
nicht zu fragen weiß) sind aus der in dem Werke Seder Birkath Hamason
enthaltenen Hagadah, gedruckt im Jahre 5513 (1753) zu ~Frankfurt~
a. O. von Doktor Professor Grilo. Aus demselben Buche sind noch die
Abbildungen auf Seite 18 (die Fahrt Abrahams mit dem kleinen Lot über
den Strom), Seite 20 (die schwere Arbeit in Mizrajim), Seite 29 (Einzug
des Meschiach in Jerusalem, vor ihm der Prophet Eliahu) und Seite 105
(Hasenjagd).

Die Schrift ~Baruch~ auf Seite 18 entstammt einer
Machsorhandschrift aus dem 13. Jahrhundert, die auf der Hamburger
Stadtbibliothek aufbewahrt wird.

Die Abbildung auf Seite 24 (Lehrer beim Vortrag) lieferte ein
jüdisch-deutsches Minhagim-Buch, gedruckt von Herz Levy Rofe (Arzt) in
~Amsterdam~ 5483 (1723). Ebendaher die Abbildungen auf Seite 160
(Mazzahmehl-Mahlen), 164 (Mazzothbacken), 193 (Kaschern der Gefäße) und
194 (B’dikath Chamez, Wegräumung des Gesäuerten; das Kind unterm Tische
hält das Licht).

Seite 37 zeigt die Nachbildung des Titelblattes einer von Jakob Proops
im Jahre 5570 (1810) zu ~Amsterdam~ gedruckten Hagadah.

Die Abbildungen auf Seite 58 bis 61 stellen Szenen aus den
Vorbereitungen für das Peßachfest dar. Das „Kaschern“, das Scheuern des
Geschirrs, das Durchsuchen der Truhen nach Chamez, das Mehlbeuteln.
Sie sind in dem Vorbild, einer von Leo von Modena (Jehuda Arje
Memodena) mit einer Erläuterung herausgegebenen und von Bragadin in
~Venedig~ 5476 (1716) gedruckten Peßach-Hagadah „Z’li esch“ von
Sprüchen in jüdisch-deutscher Sprache des 17. Jahrhunderts begleitet,
wie: „Die besucht ihre Kisten mit großen Sorgen“, oder: „Und die
scheuert ihr Geschirr gar fein.“ Dieselbe Vorlage gab auch die Bildchen
auf Seite 75 (Moses und Aaron), Seite 139 (Mazzah und Maror) und Seite
209 (Der Prophet Jesaia).

Die kleinen Bildchen auf Seite 80, 81, 150, 151 stammen aus einer von
Hirsch Edelmann in ~Königsberg~ herausgegebenen kleinen Hagadah
in Quer-Sedez-Format vom Jahre 5605 (1845). Sie stellen dar: einen von
den ägyptischen Frohnvögten geschlagenen Juden, die vier Söhne aus der
Hagadah (der Böse hält die Hände vor die Augen und will von nichts
wissen), das Sedermahl, die eilige Flucht aus Mizrajim.

Alle übrigen Abbildungen sind den schönen Hagadah von ~Mantua~
entnommen, die Jizchak Bassan 5321 (1561) gedruckt und die der Zensor
Camill Jaghel 1603 mit seiner eigenhändigen Unterschrift versehen hat.
Die Bilder erklären sich selbst oder aus dem Text; das auf Seite 27
stellt den Hausvater dar, der „wie ein König“ zu Tische sitzt und den
Segensspruch über den Becher Weines spricht.



WÖRTERVERZEICHNIS.


    ~Afikoman~ s. ~Epikomon~.

    ~Aramite~, Bewohner von Aram (ﬡֲﬧַﬦ), Syrien.

    ~Arba Kossoth~ (אַﬧְבַּﬠ כּוֹסוֹת), die vier Becher, vgl.
        ~Koß~.

    ~B’dikath chamez~ (בְּדִיקַת חָמֵץ), Wegräumen des Gesäuerten.

    ~Beth-Din~ (בֵית־דִין), Gericht.

    ~Beth-Hamidrasch~ (בֵית־הַמִּדְרָש), Bethaus, Synagoge.

    ~Borschtsch~ (slawisches Wort), ein Peßachgericht, das
        hauptsächlich aus roten Rüben besteht.

    ~Chamez~ (חָמֵץ), Gesäuertes.

    ~Charoßeth~ (חֲרוֹסֶת), ein aus verschiedenen
        Ingredienzien bereiteter süßer Wein, der an den bei den
        Frohnarbeiten in Mizrajim verwendeten Mörtel erinnern soll.

    ~Dajan~ (דַּיָּן), Richter.

    ~Epikomon~, Nachtisch.

    ~Erew~ (עֶרֶב), Vorabend, Vortag.

    ~Erew-Raw~ (עֶרֶב־רָב), Gesindel, das sich den abziehenden
        Israeliten anschloß.

    ~Erez-Israel~ (אֶרֶץ־יִשְׂרָאֵל), Palästina.

    ~Galuth~ (גָלוּת), Verbannung, Exil.

    ~Ginossar~ (גִנוֹסַר), die Gegend von Tiberias in Galiläa
        (Nordpalästina) am Genezareth-See.

    ~Golem~ (גּוֹלֶם), künstlicher Mensch ohne Seele und
        Leben.

    ~Hawdalah~ (הַבְדָלָה), Zeremonie am Sabbathausgang.

    ~Hessebett~, der mit Polstern versehene Sitz des den Seder
        Abhaltenden.

    ~Jalkut~ (יַלְּקוּט), ein midraschisches Werk.

    ~Jemen~, Südarabien.

    ~Karpas~ (כַּרְפַּס), Petersilie.

    ~Kiddusch~ (קִדוּשׁ), Segensspruch über den Wein.

    ~Kohanim~ (כּהֲנִים), Priester.

    ~Koß~ (כּוֹס), Becher.

    ~Megillah~ (מְגִילָּה), das Buch Esther.

    ~Melamed~ (מְלַמֵּד), Lehrer.

    ~Meschiach~ (מָשִׁיחַ), Messias, Erlöser.

    ~Minchah~ (מִנְּחָה), Nachmittagsgebet.

    ~Mischnah~ (מִשְׁנָה), Aufzeichnungen des überlieferten
        Gesetzes.

    ~Mizwah~ (מִצְוָה), Gebot, verdienstliche Handlung.

    ~More~ (מוֹﬧֶﬣ), Lehrer.

    ~More Zedek~ (מוֹﬧִﬣ צֶﬢֶק), Gelehrter.

    ~Rabbi~ (רַבִּי), Lehrer, Gelehrter; in der Anrede: Reb.

    ~Raschi~ (רשׁ״י), Rabbi Sch’lomoh Jizchaki, Verfasser
        des verbreitetsten Kommentars zu Bibel und Talmud.

    ~Sabbath hagadol~ (שַׁבַּת־הַגָּדוֹל), der „große Sabbath“, Sabbath
        vor Peßach.

    ~Schadai~ (שַׁדַי), Allmächtiger.

    ~Schir haschirim~ (שִׁיﬧ־ﬣַשִׁיﬧִיﬦ), das Hohelied.

    ~Sch’murah~ (שְׁמוּﬧָﬣ), Mehl, das von der Ernte an für
        Mazzoth aufbewahrt wird.

    ~Schochet~ (שׁוֹחֵט), Schlächter.

    ~Seroa~ (זִﬧוֹﬠַ), Arm, Flügel als Symbol für den
        „starken Arm.“

    ~Sus~ (זוּז), kleine Münze.

    ~T’fillin~ (תְּפִילין), Gebetsriemen.

    ~Tiberias~, Stadt im Norden Palästinas, berühmt durch
        Heilquellen.

    ~Zaddik~ (צַדִּיק), Wunderrabbi.



    Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Chad Gadja - Das Peßachbuch" ***

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