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Title: Deutsche Humoristen (Band 6) - Humoristische Erzählungen
Author: Urban, Henry F., Thoma, L., Fischer, Fr. Th., Hoffmann, E. Th. A., Bayersdorfer, A., Arnim, Bettina v.
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Deutsche Humoristen (Band 6) - Humoristische Erzählungen" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt.

    In Antiqua ausgezeichneter Text ist ~so dargestellt~.

    In Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Hausbücherei

    31


    Hiervon erschien
    das

     1.--10. Tausend 1908
    11.--20. Tausend 1910
    21.--30. Tausend 1914
    31.--50. Tausend 1916
    51.--60. Tausend 1919



    Hausbücherei

    der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

    31. Band

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung



    Deutsche Humoristen

    6. Band
    Humoristische Erzählungen

    E. Th. A. Hoffmann A. Bayersdorfer
    Bettina v. Arnim ▣ Henry F. Urban
    Fr. Th. Vischer ▣ Ludwig Thoma

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung



[Illustration]



Deutsche Humoristen


Jeder Einzelband gebunden 3 Mark.


    =Band 1=: +Friedr. Theodor Vischer+: Humorist. Gedicht. +Peter
      Rosegger+: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß. Wie wir
      die Gürtelsprenge haben gehalten. +Wilhelm Raabe+: Der Marsch
      nach Hause. +Fritz Reuter+: Woans ick tau 'ne Fru kamm. +Albert
      Roderich+: Nemesis. 71.--90. Tausend.

    =Band 2=: +Clemens Brentano+: Die mehreren Wehmüller oder
      ungarische Nationalgesichter. +E. Th. A. Hoffmann+: Die
      Königsbraut. +Heinrich Zschokke+: Die Nacht in Brczwezmcisl.
      56.--65. Tausend.

    =Band 3=: +Hans Hoffmann+: Eistrug. +Otto Ernst+: Die Gemeinschaft
      der Brüder vom geruhigen Leben. +Max Eyth+: Der blinde Passagier.
      +Helene Böhlau+: Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.
      56.--70. Tausend.

    =Band 4/5= (Doppelband): +Humoristische Gedichte+. Eine
      hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte bis auf
      die neueste Zeit. 352 Seiten. 31.--40. Tausend.

    =Band 6=: +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt
      Zinnober«. +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt. +Fr.
      Th. Vischer+: Die Tücke des Objekts. +Ad. Bayersdorfer+: Die
      militärpflichtige Tante. +Henry F. Urban+: Der Eishund. +Ludwig
      Thoma+: Besserung. 51.--60. Tausend.

    =Band 7=: +Ottomar Enking+: Das Kriegerfest in Wettorp. +Anna
      Croissant-Rust+: Der Herr Buchhalter. +Wilhelm Schussen+:
      Pilgrime. +Rudolf Greinz+: Das Hennendiandl. +Sophus Bonde+:
      Jochen Appelbaums Galion. +Ludwig Thoma+: Unser guater alter
      Herzog Karl is a Rindviech. +Wilhelm Fischer-Graz+: Die
      Rebenbäckerin. 31.--40. Tausend.

    =Band 8=: +Julius Bierbaum+: Der mutige Revierförster. +Gorch
      Fock+: Schalotte. +Rudolf Presber+: Die 74. Nacht. +Wilhelm
      Schäfer+: Béarnaise. +Karl Schönherr+: Die erste Beicht'. +Ludwig
      Thoma+: Kabale und Liebe. 1.--20. Tausend.

[Illustration]



[Illustration]



Inhaltsverzeichnis


                                                           Seite

    Vorbemerkungen zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«     6

    Vorwort                                                 7--9

    +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt
        Zinnober«                                         10--63

    +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt         64--93

    +Fr. Th. Vischer+: Die Tücke des Objekts             94--118

    +Ad. Bayersdorfer+: Die militärpflichtige Tante     119--136

    +Henry F. Urban+: Der Eishund                       137--149

    +Ludwig Thoma+: Besserung                           150--160

[Illustration]



[Illustration]



Vorbemerkungen

zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«


Der Abschnitt »Die Tücke des Objekts« von Fr. Th. Vischer ist mit
freundlicher Erlaubnis des Sohnes des Verfassers, Herrn Prof. ~Dr.~
R. Vischer, Göttingen, und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem
Roman »Auch Einer« (Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt).

Die Abdruckserlaubnis der Humoreske »Die militärpflichtige Tante« aus
dem Bande »Heitere Jugendzeit« von Adolph Bayersdorfer ist der Witwe
des Verfassers und der G. Müller-Mannschen Verlagsbuchhandlung in
Leipzig zu verdanken.

Die Erzählung »Der Eishund« aus dem Bande »Aus dem Dollarlande« von
Henry F. Urban ist von dem Verfasser freundlichst zur Verfügung
gestellt worden (erschienen in der Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt
Hermann Ehbock, Berlin).

»Besserung« von Ludwig Thoma ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers
und der Verlagsbuchhandlung den »Lausbubengeschichten« entnommen
(Albert Langen, Verlag, München).

[Illustration]



[Illustration]



Vorwort


Aus der reichen Fülle des Humors im deutschen Schrifttum greift dieser
neue Band der »Hausbücherei« der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
wieder ein paar der freundlichsten Blüten heraus. Das behagliche
Lachen, die heitere, wolkenlose Laune ist in unsern arbeitsschweren
Tagen ein seltener Gast geworden. Da sollen diese Bände der
»Hausbücherei« mit ihrem sonnenhellen Humor, der aus dem Herzen kommt
und ins Gemüt hinein seinen Weg sucht, ein wenig helfen und im Leser
etwas aufleuchten lassen, das ihn warm macht in der Kälte des Lebens
und in ihm das Begehren weckt, immer mehr zu lesen von dem, was
deutsches, gutes Schrifttum ihm bietet. Denn wenn uns ein schöner Humor
und eine freundliche Laune mit gutem Lächeln ins Gesicht geschaut und
uns die Last des Tages von den Schultern genommen haben, dann sind wir
besser gerüstet und empfänglicher für den Genuß des Schönen und Tiefen,
als wenn unsere Stirn vom Alltag her noch in Falten liegt.

Dieser 6. Band »Deutscher Humoristen« bringt zunächst die köstlichsten
Stellen aus +E. Th. A. Hoffmanns+ humorvoller Märchenerzählung »Klein
Zaches genannt Zinnober«, mit der ergötzlichen Satire auf das Leben
am Duodezhofe des Fürsten Barsanuph. Unsere moderne Zeit, in der
die Freude an der Romantik wieder erwacht ist, bringt gerade diesem
Dichter (1776--1822), in dem eine exzentrische Phantasie, ein Hang zum
Dämonisch-Grausigen und ein kühner Humor sich vereinen, ein besonders
lebhaftes Interesse entgegen.

+Bettina von Arnim+ (1785--1859), Goethes junge Freundin, Clemens
Brentanos Schwester und die Gattin Achim von Arnims, die das
schönste Buch der Romantik »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«
veröffentlichte, gehört mit ihrem ganzen Wesen zu den Romantikern.
In ihrer kleinen Schilderung »Die Reise nach Darmstadt«, in der
sie Goethes Mutter, die Frau Rat, reden läßt, zeigt sich auf das
glücklichste ihr sprudelndes Erzählertalent, ihre beneidenswerte Gabe,
die humorvollen Seiten der Dinge und Begebenheiten aufzufinden und mit
sprühendem Temperament zu schildern.

+Friedrich Theodor Vischer+ (1807--1887), der hervorragende Ästhet
und Kunstkritiker, besaß eine für einen Mann der Wissenschaft ganz
eigenartige Begabung für Humor, die in vielen Aufzeichnungen und
Einfällen, in zahlreichen humoristisch-satirischen Liedern, die er
als Student unter dem Namen Philipp Ulrich Schartenmeyer herausgab,
ganz besonders aber in seinem großen Roman »Auch Einer« zu lebendigem
Ausdruck kommt. Diesem Buch ist der in sich abgeschlossene Abschnitt
»Die Tücke des Objekts« entnommen, in dem in grimmig-lustiger Laune die
zahlreichen kleinen täglichen Widerwärtigkeiten geschildert werden, die
uns das Leben oft zur Qual und zur Plage machen können.

Die folgenden drei Stücke sind humoristische Arbeiten neuerer
Schriftsteller. Die beiden Erzählungen »Die militärpflichtige Tante«
von +Bayersdorfer+ (1842--1901) und »Der Eishund« von +Henry F. Urban+,
der als deutscher Schriftsteller von Ruf in New York lebt, werden
denen willkommen sein, die an launiger Erfindung und gemütvollem Humor
ohne satirische Schärfe ihre Freude haben. Mit spitzerer Lanze tritt
der Bayer +Ludwig Thoma+ (geboren 1867) in die Schranke. Geistvoller
Witz, zielsichere, nicht selten soziale Satire und ein übermütiger,
bajuvarisch-derber Humor, der über alles Philisterliche der Welt ein
herzhaftes Lachen anstimmt, mischen sich in diesem Schriftsteller, der
mit seinen »Lausbubengeschichten« überall ein vergnügtes Gelächter
geweckt hat. Die letzte Erzählung »Besserung« ist diesen köstlichen
Bubengeschichten entnommen.

Gr.-Flottbek bei Hamburg.

        Kurt Küchler.

[Illustration]



[Illustration]



E. Th. A. Hoffmann:

Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«


Vorbemerkung des Herausgebers

    Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen
    Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten Wechselbalg,
    den die Welt je geschaut und den man auf den ersten Blick für ein
    seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können. Das
    Stiftsfräulein von Rosenschön, in Wirklichkeit die gütige Fee
    Rosabelverde, erblickt das kleine Ungetüm am Wege und über so
    viel Jammer und Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen,
    soweit es in ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur
    dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie
    ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der
    alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches
    denkt, spricht oder tut, auf +seine+ Rechnung kommen, ja, daß er
    in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher
    Personen auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet
    werden und überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung,
    mit der er im Konflikt, gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee
    in drei feuerglänzende Haare, die sich über den Scheitel des
    Wechselbalges ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare,
    deren Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt,
    verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen in dichte
    Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert die Fee das Haar des
    Wechselbalges jeden neunten Tag mit einem goldenen magischen Kamm.

    So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und nutzt den
    Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch Terpins und
    an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt dort auf
    die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten Ehren, bis
    der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober kraft seiner
    wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht, und zwar mit Hilfe des
    Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger in der Kunst der Magie
    ist, als die gütige Fee Rosabelverde.

    Die nachstehenden Abschnitte schildern Zinnobers Glück und Ende in
    der Residenz und am Hofe des Fürsten Barsanuph.

[Illustration]


    Professor Mosch Terpins literarischer Tee. -- Der junge Prinz.

Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen
die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher
als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der
Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
Candidas unbewehrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.

Fabian lächelte ein wenig, als er der Verabredung gemäß zur bestimmten
Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher
geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen gezackten
Kragen von den feinsten Brüsseler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid
mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Sammt. Und dazu trug er
französische Stiefel mit hohen spitzen Absätzen und silbernen Fransen,
einen englischen Hut von feinstem Castor und dänische Handschuhe.
So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm über alle
Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das kleine
Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.

Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins
Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen,
wie man sie immer zu sehen gewohnt. »Mein holdseligstes Fräulein!«
seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida
selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber
an mit leuchtenden Augen und sprach: »Hier ist Rum und Maraschino,
Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar! greifen Sie doch nur
gefälligst zu nach Ihrem Belieben!« Statt aber auf Rum und Maraschino,
Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte der
begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten
Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach Worten,
die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben empfand. Da
faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer baumstarker
Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum, daß er mehr
Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich, und rief mit
donnernder Stimme: »Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnöde
Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total -- dort im andern
Zimmer hat unser tapferer Mosch eine Batterie der schönsten Flaschen
mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen
lassen!« -- Er schleppte den unglücklichen Jüngling fort.

Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
entgegen, ein kleines sehr seltsames Männlein an der Hand führend und
laut rufend: »Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit
den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht
schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es
ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität
gekommen, und die Rechte zu studieren gedenkt!« -- Fabian und Balthasar
erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der vor
dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war.

»Soll ich,« sprach Fabian leise zu Balthasar, »soll ich denn noch das
Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
Gegner.«

»Schäme dich,« erwiderte Balthasar, »schäme dich, daß du den
verwahrlosten Mann verspottest, der wie du hörst, die seltensten
Eigenschaften besitzt, und so durch geistigen Wert das ersetzt, was
die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte.« Dann wandte er sich
zum Kleinen und sprach: »Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß
Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?«
Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der
Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so
daß er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf
in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in
seltsam schnarrendem Baßton: »Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon
Sie sprechen, mein Herr! -- Vom Pferde gefallen? -- +ich+ vom Pferde
gefallen? -- Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste
Reiter bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß
ich als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht
und Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège!
-- hm hm -- vom Pferde fallen -- ich vom Pferde fallen!« -- Damit
wollte er sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich stützte,
glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor
die Füße. Balthasar griff hinab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen,
und berührte dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen
gellenden Schrei aus, daß es im ganzen Saale widerhallte und die Gäste
erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
entsetzlich geschrieen. »Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr
Balthasar,« sprach der Professor Mosch Terpin, »aber das war ein etwas
wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!« »Katze --
Katze -- weg mit der Katze!« rief eine nervenschwache Dame und fiel
sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: »Katze -- Katze --« rannten
ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe
hinaus.

Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame
ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: »Aber was richten Sie auch für
Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!«

Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor
Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht +er+ gewesen, der
so entsetzlich gemauzt.

Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit. Er
nahte sich ihm freundlich und sprach: »Nun, nun, lieber Herr Balthasar,
seien Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. Sich zur Erde
bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den gemißhandelten
grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen
naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee --« »Aber,«
platzte Balthasar heraus, »aber vortrefflichster Herr Professor, ich
war es ja nicht --« »Schon gut -- schon gut,« fiel ihm der Professor
in die Rede. Candida trat zu ihnen. »Tröste mir,« sprach der Professor
zu dieser, »tröste mir doch den guten Balthasar, der ganz betreten ist
über alles Unheil, was geschehen.«

Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: »Es sind aber auch recht
komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten.«

Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und
Katzengeschrei. -- Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt.
Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback,
den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das
von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge
sehnsüchtig Hoffen! --

Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger
Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück, und
suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.

Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute
setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine
Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen,
wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze funkelnde
Blicke um sich warf.

Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken.
Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen
Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und
Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der verehrten
Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis
seiner Muse, vorzulesen.

Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich neues
in der Stadt zugetragen, da die Mädchen den letzten Ball bei dem
Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der
neuesten Hüte einig wurden, da die Männer unter zwei Stunden nicht
auf weitere Speis und Tränkung rechnen durften: so wurde Balthasar
einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß nicht
vorzuenthalten.

Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.

Sein eigenes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit
voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr
und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet
die innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als
leise Seufzer -- manches leise »Ach« -- der Frauen, mancher Ausruf der
Männer: »Herrlich -- vortrefflich -- göttlich!« ihn überzeugten, daß
sein Gedicht alle hinriß.

Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: »Welch ein Gedicht! --
welche Gedanken -- welche Phantasie -- was für schöne Verse --
welcher Wohlklang -- Dank -- Dank Ihnen, bester Herr Zinnober für den
göttlichen Genuß« --

»Was? wie?« rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
alle stürzten auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein
kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarrte: »Bitte recht sehr --
bitte recht sehr -- müssen so vorlieb nehmen! -- ist eine Kleinigkeit,
die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eile!« -- Aber der
Professor der Ästhetik schrie: »Vortrefflicher -- göttlicher Zinnober!
-- Herzensfreund, außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt
gibt auf Erden! -- Komm an meine Brust, schöne Seele!« -- Damit riß
er den Kleinen vom Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn.
Zinnober betrug sich dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den
kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quäkte:
»Laß mich los -- laß mich los -- es tut mir weh -- weh -- ich kratz'
dir die Augen aus -- ich beiß' dir die Nase entzwei!« -- »Nein«, rief
der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf das Sofa, »nein,
holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!« -- Mosch
Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers
Händchen, drückte es und sprach sehr ernst: »Vortrefflich, junger Mann!
-- nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen Genius,
der Sie beseelt« -- »Wer ist's«, rief nun wieder der Professor der
Ästhetik in voller Begeisterung aus, »wer ist's von euch Jungfrauen,
der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste Gefühl der
reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuß?«

Da stand Candida auf, nahete sich, voll Glut auf den Wangen, dem
Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit
blauen Lippen. »Ja«, schrie nun Balthasar wie vom Wahnsinn plötzlich
erfaßt, »ja Zinnober -- göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige
Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der
herrliche Lohn, den du erhalten!« --

Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: »Tu mir
den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und
ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich
Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume
liegen -- ob wir närrisch sind -- zupfe mich an der Nase oder rüttle
mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!« --

»Wie magst«, erwiderte Fabian, »wie magst du dich denn nur so toll
gebärden, aus purer Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte?
Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine
vorlas, in der Tat vortrefflich war.« -- »Fabian«, rief Balthasar
mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, »was sprichst du denn?«
-- »Nun ja«, fuhr Fabian fort, »nun ja, das Gedicht des Kleinen war
vortrefflich und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. -- Überhaupt
scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr
wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur
betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich
vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere
Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger
wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über
den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde dich
als Dichter mit dem Dichter!«

»Was«, schrie Balthasar voll Zorn, »was? -- noch befreunden mit dem
verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?«

»So«, sprach Fabian, »so verschließest du dich denn aller Vernunft.
Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben muß,
da ich laute Beifallsrufe vernehme.«

Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.

Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt,
der, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit
stolzem Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte.
Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
Kunststückchen machte. Kaum war er fertig, als wiederum alle den
Kleinen umringend riefen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!« --

Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
stärker als die übrigen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!«

Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf
der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt,
die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und
ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den
vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.

Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als
den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen
lobte.

Seltsam war die Gruppe, die beide zusammenstehend bildeten. Gegen den
herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige Männlein
ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den dünnen Beinchen
zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber
nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen, der, sich auf den
Fußspitzen hebend, immer wieder hinabsank und so hinauf und hinunter
wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.

Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: »Was sagen
Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
hinter dem Mann und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr
geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein
vornehmes ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem Geblüt,
vielleicht gar ein Königssohn!« -- In dem Augenblick wurde gemeldet,
das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin zur
Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem Speisesaal.

In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre
Nacht, durch Sturmwind und Regen fort nach Hause.

[Illustration]


    Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
    frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
    Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob.

Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen
Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein
war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und
Chroniken vergebens suchte. Er hieß, wie sein Ahnherr, Prätextatus
von Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
seinen Namen mit französischen Lettern, sowie überhaupt eine leserliche
Hand, und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter
schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz,
liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort, spielte
in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich herrlich
aufs Geld-Negoz, und suchte in der Gavotte seinesgleichen.

Es begab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten
eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen
Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im
Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
Zinnober, der auf seinen Stock gestemmt ihn mit seinen Äugelein
anfunkelte und ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene
Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der
Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum
Minister: »Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen
verständigen Mann in Ihrem Hause? -- Es ist gewiß derselbe, der die
wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die
ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?« -- »Allerdings, gnädigster
Herr«, erwiderte Mondschein. »Mir hat das Geschick ihn zugeführt
als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Büreau.
Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann
ganz vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! -- Erst seit
wenigen Tagen ist er bei mir.« -- »Und eben deshalb«, sprach ein junger
hübscher Mann, der sich indessen genähert, »und eben deshalb hat,
wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein junger kleiner
Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten,
von Ihnen, mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu
werden, sind von mir verfaßt.« -- »Was wollen Sie!« fuhr der Fürst ihn
zornig an. -- Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und
schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. -- Der junge
Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: »Was wollen
Sie«, rief der Fürst, »Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt?
-- Und daß Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie
ich zu meinem großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits
einen Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen,
ja! -- alles das beweiset hinlänglich Ihre Untauglichkeit zu jeder
diplomatischen Laufbahn! -- Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie
sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine
nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. -- Vielleicht wird mir dann
wieder gnädig zu Mute!« Dann zum Zinnober: »Solche Jünglinge, wie Sie,
werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll
ausgezeichnet zu werden! -- Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!«
-- »Danke schönstens«, schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen
hinunterschluckte, und sich das Maul wischte mit beiden Händchen,
»danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt.«

»Wackres Selbstvertrauen«, sprach der Fürst mit erhobener Stimme,
»wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen
Staatsmann innewohnen muß!« Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein
Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und
das ihm sehr wohl bekam. -- Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen
dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und
trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte
zwischen den Zähnen, und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase
über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.

Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister:
»Es ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!« --

[Illustration]


    Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
    und im Grase ein Taubad nahm. -- Der Orden des grüngefleckten
    Tigers. -- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders.

Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne, »Konnte«, sprach er
zu sich selbst, »konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen, als daß
der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als Studiosus?
-- Er heiratet meine Tochter -- er wird mein Schwiegersohn, durch ihn
erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph und steige
nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen hinaufklimmt.
-- Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich vorkommt, wie
das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein kann in den
Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein hübsches
Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn nun
zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht ganz
hübsch zu nennen -- sogar -- ~bossu~ -- still -- ßt -- ßt -- die Wände
haben Ohren. -- Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen
-- höher hinauf, und ist mein Schwiegersohn!« --

Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung
für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime
Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei,
sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt.

Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer, als der
Referendarius Pulcher.

Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, eben derselbe
junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Büreau des Ministers
verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die vortreffliche
Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte.

Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem
noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch
umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man
hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle Hilfe
des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den Gebüschen
verschwand, die jenen Platz umgaben.

Pulcher und Adrian, irgend ein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen
und sich in den Gebüschen zu verbergen.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
Blumenbeet ging, die tauigten Halme und Stauden um die Nase schlugen.

Als er auf den Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der
Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern
schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter
den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: »Komm, mein liebes
Kind,« den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldnen Kamm sein
langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen sehr
wohlzutun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte die Beinchen
lang aus, und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl
fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die zauberische Frau mit
einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian
gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden Streif auf dem Haupte
Zinnobers. Nun sprach die Frau: »Lebe wohl, mein süßes Kind! -- Sei
klug, sei klug, so wie du kannst!« -- Der Kleine sprach: »Adieu,
Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das gar nicht so oft zu
wiederholen.«

Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften. --

Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
»Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! Ei, wie schön haben Sie
sich frisieren lassen« Zinnober schaute sich um und wollte, als er
den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
schwächlich auf den Beinen, wie er nun aber war, stolperte er und fiel
in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug und er lag im
Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine, aber Zinnober
schnarrte ihn an: »Herr, wie kommen Sie hier in meinen Garten! scheren
Sie sich zum Teufel!« Und damit hüpfte und rannte er, so rasch er nur
vermochte, hinein ins Haus.

Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
versprach, seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu
verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos. Er
ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die Kunde,
wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum Fürsten
Barsanuph gelangte.

Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
Liebling.

»Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat«, sprach der Leibarzt, als
er den Puls befühlt, »Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte
Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen
das unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen
im Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht
schrecklich! -- Ei, ei! -- doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl
des Staates dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! -- Erlauben
Sie doch!«

Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte
gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem
er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken
auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich mauzte und
quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt, und berührte
dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober schäumend vor Wut in die Höhe
und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, der sich
gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige, daß es im
ganzen Zimmer widerhallte.

»Was wollen Sie«, schrie Zinnober, »was wollen Sie von mir, was
krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, ich
bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister fahren
in die Konferenz; scheren Sie sich fort!« --

Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem Fürsten
Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt aus: »Was
für ein Eifer für den Dienst des Staats! -- welche Würde, welche Hoheit
im Betragen! -- welch ein Mensch, dieser Zinnober!«

»Mein bester Geheimer Spezialrat,« sprach der Minister Prätextatus
von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, »wie herrlich ist es, daß Sie
Ihrer Krankheit nicht achtend in die Konferenz kommen. Ich habe in der
wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe eine Memoire entworfen
-- +selbst+ entworfen, und bitte, daß +Sie+ es dem Fürsten vortragen,
denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen Verfasser mich
dann der Fürst anerkennen soll.« -- Das Memoire, womit Prätextatus
glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als Adrian.

Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. -- Zinnober zog
das Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche, und fing
an zu lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er
nur lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
Minister das Papier aus den Händen und las selbst.

Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
ein Mal über das andere rufend: »Schön -- gut gesagt -- herrlich --
treffend!« --

Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den
kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust,
gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten
Tigers saß und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen aus
den Augen flossen: »Nein! -- solch ein Mann -- solch ein Talent! --
solcher Eifer -- solche Liebe -- es ist zu viel -- zu viel!« -- Dann
gefaßter: »Zinnober! -- ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister!
-- Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer
Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt -- geliebt werden.« Und
nun sich mit verdrießlichem Blick zum Minister wendend: »Ich bemerke,
lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte
nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! --
Leben Sie wohl!« --

Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte
zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf Zinnober,
der sich, nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken gestemmt, auf
den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck umherblickte.

»Ich muss,« sprach nun der Fürst, »ich muß Sie, mein lieber Zinnober,
gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher aus
meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!«

Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber
Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus
nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich
heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.

Der Fürst war in dieser sowie in jeder andern solchen Sache, die
das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem
Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil
Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche
Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht
herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand
an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin
und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: »Was hantieren Sie doch
so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme Ding
hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib' es!« --

»Wofür,« sprach nun der Fürst zornig, »wofür habe ich denn Ordensräte,
wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die
ganz meinem Willen entgegenlaufen? -- Geduld, mein lieber Minister
Zinnober! bald soll das anders werden!«

Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem
noch zwei Philosophen, sowie ein Naturforscher, der eben vom Nordpol
kommend durchreiste, beigesellt wurden, um über die Frage, wie auf die
geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des grüngefleckten
Tigers anzubringen, zu beratschlagen. Um für diese wichtige Beratung
gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen Mitgliedern aufgegeben,
acht Tage vorher nicht zu denken; um dies besser ausführen zu können
und doch tätig zu bleiben im Dienste des Staats, aber sich indessen mit
dem Rechnungswesen zu beschäftigen. Die Straßen vor dem Palast, wo die
Ordensräte, Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten,
wurden mit dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die
weisen Männer nicht störe, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt,
Musik gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Nähe des
Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher,
und man verständigte sich durch Zeichen.

Sieben Tage hindurch vom frühesten Morgen bis in den späten Abend
hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu
denken.

Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte einmal über das andere hin und
ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.

Der Naturforscher hatte soviel als möglich Zinnobers Natur erforscht,
Höhe und Breite seines Rücken-Auswuchses genommen und die genaueste
Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
zuziehen wolle.

So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.

Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger
Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßen Sitzen gebracht
werden könne, bei der Hand.

An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe
angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch
gelang über die Maßen wohl.

Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates,
den Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen
zu teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z. B.
Orden des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen -- mit drei Knöpfen
usw. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die
sonst kein anderer erlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten
Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form
seines Körpers.

Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit
zwei goldnen Knöpfen, und wurde, da der Fürst ihn seines glücklichen
Einfalls ungeachtet für einen schlechten Schneider hielt und sich
daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen
Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. --

[Illustration]


    Wie Fürst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den
    Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten kassierte. --
    Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.

In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des
grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,
Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt,
in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt,
die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und
lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen,
und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.
Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,
in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man
nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen
Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur
Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle
gnädige Blicke umher zu werfen, auf die indessen niemand sonderlich
achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers
Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,
denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die
Gesellschaft ausstieß, folgte.

Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten. Mosch
Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem die Ringe
funkelten. Er räusperte sich -- Zinnober hob sich auf den Fußspitzen
so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den Ellbogen. --
Alles stand in der gespanntesten Erwartung -- da lassen sich plötzlich
fremde Stimmen hören, die Türe des Saales springt auf, Balthasar dringt
ein, mit ihm Pulcher -- Fabian! -- Sie brechen durch den Kreis -- »Was
ist das, was wollen die Fremden?« ruft alles durcheinander. --

Fürst Barsanuph schreit entsetzt: »Aufruhr -- Rebellion -- Wache!«
und springt hinter den Kaminschirm. -- Mosch Terpin erkennt den
Balthasar, der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: »Herr
Studiosus! -- Sind Sie rasend -- sind Sie von Sinnen? -- wie können
Sie sich unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! -- Leute --
Gesellschaft -- Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!« --

Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
Balthasar schon eine Lorgnette hervorgezogen und richtet durch dieselbe
den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen Strahl
getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß der
ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; der
eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -- Klar vor
Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er springt zu
auf Zinnober -- faßt ihn, +der+ strampelt mit den Beinchen und sträubt
sich und kratzt und beißt.

»Angepackt -- angepackt!« ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit einem
Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins Feuer,
sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle erwachen
wie aus dem Traum. -- Da steht der kleine Zinnober, der sich mühsam
aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmäht und befiehlt, man
solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person des
ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins tiefste
Gefängnis werfen! Aber einer fragt den andern: »Wo kommt denn mit einem
Mal der kleine purzelbäumige Kerl her? -- Was will das kleine Ungetüm?«
-- Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen den Boden
stampft und immer dazwischen ruft: »Ich bin der Minister Zinnober --
ich bin der Minister Zinnober -- der grüngefleckte Tiger mit zwanzig
Knöpfen!« da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man umringt den
Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen
Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe -- er
verliert den Hut -- den Degen, die Schuhe. -- Fürst Barsanuph kommt
hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult.
Da kreischt der Kleine: »Fürst Barsanuph -- Durchlaucht -- retten Sie
Ihren Minister -- Ihren Liebling! -- Hilfe -- Hilfe -- der Staat ist in
Gefahr -- der grüngefleckte Tiger -- Weh -- weh!« -- Der Fürst wirft
einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwärts
nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den faßt er, zieht
ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: »Sie erdreisten
sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komödie
vorspielen zu wollen? -- Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer Tochter
mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt meines Ministers finde
ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die Sie in glänzende Kleider
gesteckt? -- Herr, wissen Sie, daß das ein landesverräterischer Spaß
ist, den ich strenge ahnden würde, wenn Sie nicht ein ganz alberner
Mensch wären, der ins Tollhaus gehört? -- Ich entsetze Sie des Amts als
Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten und verbitte mir alles
weitere Studieren in meinem Keller! -- Adieu!«

Damit stürmte er fort.

Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte
ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem
Fenster: »Hinunter mit dir«, schrie er, »hinunter mit dir, schändliche
heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um alles
Glück des Lebens gebracht hat!«

Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch
der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit
Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins
Fäusten. »Halten Sie ein,« sprach der Aufseher, »halten Sie ein, Herr
Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist
keine Mißgeburt, es ist der ~Mycetes Belzebub~, ~Simia Belzebub~, der
dem Museo entlaufen.« »~Simia Belzebub -- Simia Belzebub!~« ertönte
es von allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der
Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen,
als er unmutig ausrief: »Was sehe ich! -- das ist ja nicht ~Simia
Belzebub~, das ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! -- pfui!«

Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten
Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend
durch die Türe fort -- die Treppe hinab -- fort, fort nach seinem
Hause, ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.

Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich Balthasar
in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die ohnmächtige
Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte ihre Hände an
seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie erwachte endlich
mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar erblickte, da rief
sie voll Entzücken: »Bist du endlich -- endlich da, mein geliebter
Balthasar! Ach, ich bin ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und
Liebesschmerz! und immer erklangen mir die Töne der Nachtigall, von
denen berührt der Purpurrose das Herzblut entquillt!« --

Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser
abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich zu
verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie recht
lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der Unhold
nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche Weise
gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars willen.

Balthasar klärte ihr nur so viel auf, als es geschehen konnte, ohne
ihre ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei
umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten
Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels.

[Illustration]


    Verlogenheit eines treuen Kammerdieners. -- Wie die alte Liese
    eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
    ausglitschte. -- Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des
    Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. -- Wie Fürst Barsanuph sich
    betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.

Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere
versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die
Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
Fuß nach Hause gerannt sein würden. Als nun endlich alle Lichter
ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar
fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er
aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen
und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. »Se. Exzellenz«,
erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, »Se. Exzellenz
sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß --
liegen im Bette und schlafen. -- Aber! -- o mein guter Jäger! -- wie --
auf welche Weise! -- ich will Ihnen alles erzählen -- doch Siegel auf
den Mund -- ich bin ein verlorner Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
daß ich es war, auf dem finstern Korridor! -- ich komme um meinen
Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen
aber außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen
sich selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die
durch Se. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem
blankgezogenen Degen durch und durch gerannt. -- Nun gut! -- Also
in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte
hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da
schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den
Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie -- o
Gott -- Jäger! -- halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
-- kommen Sie ein wenig näher -- und grunzt dann, wie unsere gnädige
Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten
oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist.«

Die letzten Worte hatte der Kammerdiener mit vorgehaltener Hand ins Ohr
gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein bedenkliches Gesicht und
rief: »Ist es möglich!« --

»Ja«, fuhr der Kammerdiener fort, »es war unbezweifelt unsere gnädige
Exzellenz was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte und
sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in seinem
Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen, aber ein
paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des Schlafkabinetts
und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz auf die Weise, wie
es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke. -- Jäger! es gibt mehr
Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Weisheit sich träumt, das
hört' ich einmal auf dem Theater einen melancholischen Prinzen sagen,
der ganz schwarz ging und sich vor einem ganz in grauen Pappendeckel
gekleideten Mann sehr fürchtete. -- Jäger! -- es ist gestern irgend
etwas Erstaunliches geschehen, das die Exzellenz nach Hause trieb. Der
Fürst ist bei dem Professor gewesen, vielleicht äußerte er das und das
-- irgend ein hübsches Reformchen -- und da ist nun der Minister gleich
drüber her, läuft aus der Verlobung heraus und fängt an zu arbeiten
für das Wohl der Regierung. -- Ich hört's gleich am Schnarchen; ja
Großes, Entscheidendes wird geschehen. -- O Jäger -- vielleicht lassen
wir alle über kurz oder lang uns wieder die Zöpfe wachsen! -- Doch,
teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der
Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im
Bette liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten.«

Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe
und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
der Kammerdiener sprach tiefgerührt: »Ein großer Mann ist doch unser
gnädiger Herr Minister!« --

Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers
ein gewaltiger Lärm. Ein altes erbärmlich in längst verblichenen
Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und
dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches
zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr
Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches
heiße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz toll jubelnd
geschrieen, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei
eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des
Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem ganzen
Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger. Als der
Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die Se.
Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben das
Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.

Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich
nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk
da drinnen sie nicht zu ihrem Herzens-Söhnlein, zu dem Klein Zaches,
der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich
nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß
der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der
Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten, ob
sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich was
an der Sache.

Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
sie mit einem Mal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und
rief jubelnd überlaut: »Da ist er -- da ist er, mein Herzensmännlein
-- mein kleines Koboltchen -- Guten Morgen, Klein Zaches! -- Guten
Morgen, Klein Zaches!« -- Alle Leute guckten hin, und als sie den
kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide,
das Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster
stand, das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur
durch die großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig
und lärmten und schrieen: »Klein Zaches -- Klein Zaches! Ha, seht
doch den kleinen geputzten Pavian -- die tolle Mißgeburt -- das
Wurzelmännlein -- Klein Zaches! Klein Zaches!« -- Der Portier, alle
Diener Zinnobers rannten hinaus, um zu erschauen, worüber das Volk denn
so unmäßig lachte und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herrn,
als sie noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrieen: »Klein
Zaches -- Klein Zaches -- Wurzelmann -- Däumling -- Alraun!« --

Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der
Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf,
schaute mit zornfunkelnden Augen hinab, schrie, raste, machte seltsame
Sprünge vor Wut -- drohte mit Wache -- Polizei -- Stockhaus und Festung.

Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und
Gelächter, man fing an, mit Steinen -- Obst -- Gemüse, oder was man
eben zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen -- er
mußte hinein! --

»Gott im Himmel«, rief der Kammerdiener entsetzt, »aus dem Fenster
der gnädigen Exzellenz guckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm
heraus -- was ist das? -- wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer
gekommen?« -- Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das
Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
pochen! -- Keine Antwort! --

Indessen war, der Himmel weiß auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel im
Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei wirklich
Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und sich durch
allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer lauter und
lauter erhoben sich die Stimmen. »Hinunter mit der kleinen Bestie --
hinunter -- klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -- sperrt ihn
in den Käfig -- laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt! -- Beklebt
ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum Spielzeug! --
Hinauf -- hinauf!« -- Und damit stürmte das Volk an gegen das Haus.

Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. »Rebellion -- Tumult
-- Exzellenz -- machen Sie auf -- retten Sie sich!« -- so schrie er;
aber keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen.

Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
Gelächter die Treppe herauf.

»Nun gilt's,« sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den
Angeln sprang. -- Keine Exzellenz -- kein Zinnober zu finden! --

»Exzellenz -- gnädigste Exzellenz -- vernehmen Sie denn nicht die
Rebellion? -- Exzellenz -- gnädigste Exzellenz, wo hat Sie denn der --
Gott verzeih mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden?«

So schrie der Kammerdiener in heller Verzweiflung durch die Zimmer
rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos
verschwunden. -- Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
sprach und gewahrte durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach und
nach leise miteinander murmelnd das Haus verließen, bedenkliche Blicke
hinaufwerfend nach den Fenstern.

»Die Rebellion scheint vorüber«, sprach der Kammerdiener, »nun wird die
gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel.«

Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der
Minister sich doch wohl am Ende befinden.

Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem
schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette
zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des
Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten.

»Gott -- Gott«, schrie der Kammerdiener entsetzt, »Gott! -- Gott! --
täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz
dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!« -- Er trat
heran, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
herabschaute: »Exzellenz -- Exzellenz -- um Gott, was machen Sie -- was
treiben Sie da unten in der Tiefe!«

Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
ein, in der die Exzellenz schwebte und daß es an der Zeit sei, allen
Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
-- zog ihn heraus! -- Ach tot -- tot war die kleine Exzellenz!
Der Kammerdiener brach aus in ein lautes Jammern; der Jäger, die
Dienerschaft eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten.
Indessen trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn
ab mit saubern Handtüchern, legte ihn ins Bette, bedeckte ihn mit
seidenen Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen
sichtbar blieb.

Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön, Sie hatte erst, der Himmel
weiß auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf den
entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches
leibliche Mutter. -- Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als
er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein waren
geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln ein
wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar in
den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein den
Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein roter
Streif hervor.

»Ach«, sprach die alte Liese, »ach du lieber Gott, das ist ja doch wohl
nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat +der+ niemals ausgesehen. Da
bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen und Ihr habt mir
gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!« --

»Murrt nur nicht, Alte«, erwiderte das Fräulein, »hättet Ihr nur meinen
Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich hier
war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. -- Ich
wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und
wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!«

»Nun«, rief die Frau mit leuchtenden Augen, »nun, wenn die kleine
Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all' die
schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
was drinnen ist?«

»Nein«, sprach das Fräulein, »das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr habt
den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. -- Euch
ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
beschieden.« --

»So darf ich«, fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen
traten, »so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein
in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? -- Unser Herr Pfarrer hat
so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir
meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen
Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und
dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!« --

»Das ist«, rief das Fräulein beinahe unwillig, »das ist ein ganz
einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!« --

Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. »Was
hab' ich«, sprach sie, »nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen
Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! -- Wär' er nur bei mir
geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär'
er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich
hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so herum
in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir manches
schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun« --

Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die
Alte hinaus mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im
Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all'
ihre Not, all' ihr Elend mit einem Mal enden könne.

Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und sprach
mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:

    »Armer Zaches! -- Stiefkind der Natur! -- ich hatt' es gut mit
    dir gemeint! -- Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die
    äußere schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen
    in dein Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte, du
    bist nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es
    dem gleich zu tun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter
    dich aufschwingst! -- Doch keine innere Stimme erwachte. Dein
    träger toter Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du
    ließest nicht nach in deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit
    -- Ach! -- wärst du nur ein geringes Etwas weniger, ein kleiner
    ungeschlachteter Rüpel geblieben, du entgingst dem schmachvollen
    Tode! -- Prosper Alpanus hat dafür gesorgt, daß man dich jetzt im
    Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch meine Macht zu sein
    schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch wiederschauen als
    kleiner Käfer -- flinke Maus oder behende Eichkatze, so soll es
    mich freuen! -- Schlafe wohl, Klein Zaches!« --

Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten
mit dem Kammerdiener herein.

»Um Gott«, rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich
überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich bleiben
würden, »um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?«

»Ach«, erwiderte dieser, »ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion
oder die Revolution, es ist all' eins, wie Sie es nennen wollen,
tobte und hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se.
Exzellenz, besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette
hineinflüchten, glitschten aus und« --

»So ist«, sprach der Doktor feierlich und bewegt, »so ist er aus Furcht
zu sterben gar gestorben!«

Die Tür sprang auf und herein stürzte Fürst Barsanuph mit verbleichtem
Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere Kammerherren.

»Ist es wahr, ist es wahr?« rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen
Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel
gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: »O Zinnober!« --
Und die sieben Kammerherren riefen dem Fürsten nach: »O Zinnober!« und
holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und
hielten sie sich vor die Augen.

»Welch ein Verlust«, begann nach einer Weile des lautlosen Jammers
der Fürst, »welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! -- Wo
einen Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
Knöpfen mit +der+ Würde trägt, als mein Zinnober! -- Leibarzt, und Sie
konnten mir +den+ Mann sterben lassen! -- Sagen Sie -- wie ging das
zu, wie mochte das geschehen -- was war die Ursache -- woran starb der
Vortreffliche?« --

Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche
Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich
und begann: »Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen auf
der Oberfläche zu schwimmen, könnte sagen, der Minister sei an dem
gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese
Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den
Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei
auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir
sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden
physischen Prinzipen erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein
Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. -- Mein
gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! -- Den ersten Keim des
Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
Knöpfen!« --

»Wie«, rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen
anfunkelte, »wie! -- was sprechen Sie? -- der Orden des grüngefleckten
Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? -- +der+ Ursache seines Todes?
-- Beweisen Sie mir das, oder -- Kammerherren, was sagt Ihr dazu?«

»Er muß beweisen, er muß beweisen, oder« -- riefen die sieben blassen
Kammerherren, und der Leibarzt fuhr fort:

»Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein
+oder+! -- Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere
Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken,
wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit
verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadigte
Ding zwischen dem Dreifuß und der oberen Gekröspulsader, das wir das
Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der
mannigfaltigsten Beziehung mit dem Cerebralsystem, und natürlich war
der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
freie Leitung des Cerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der
Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen
in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in beiden
Sphären, in dem Ganglien- und Cerebralsystem? -- Nun! genug, jener
Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst kamen
finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch das
schmerzhafte Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher wurde der
Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und Cerebralsystems
endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins, gänzliches Aufgeben
der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand bezeichnen wir aber
mit dem Worte +Tod+! -- Ja, gnädigster Herr! -- der Minister hatte
bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon mausetot, als
er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. -- So hatte sein
Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe psychische
Ursache.« --

»Leibarzt«, sprach der Fürst unmutig, »Leibarzt, Sie schwatzen
nun schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich
eine Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
Psychischen?«

»Das physische Prinzip«, nahm der Arzt wieder das Wort, »ist die
Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
Triebrad der Existenz findet.«

»Noch immer«, rief der Fürst im höchsten Unmut, »noch immer verstehe
ich Sie nicht, Unverständlicher!«

»Ich meine«, sprach der Doktor, »ich meine, Durchlauchtiger, daß das
Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie
es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der
Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der
Gebieter es will.«

»Hoho!« rief der Fürst, »hoho Leibarzt, lassen Sie das gut sein! --
Kurieren Sie meinen Leib und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von
dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt, Leibarzt,
Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der Leiche
meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! -- Nun
Kammerherren! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des
Verewigten und gehen wir dann zur Tafel.«

Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
Kammerherren taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen.

Vor der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der
allerschönsten goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man
nur sehen konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er
blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte
mild und gnädig, er sprach: »Hab' ich doch in meinem Leben keine solche
schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack
sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?«

»O ja«, erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, »o ja, gnädigste
Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig,
so gut es gehn will! -- Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie,
gnädigster Herr?«

Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem
Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief dann:
»Kammerherren! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her.« Ein
Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und
kostete etwas von dem Mark.

»Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!« rief
er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, »und dabei ist es mir,
als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte
und zulispelte: kaufen Sie -- essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst --
das Wohl des Staats erfordert es!« -- Der Fürst drückte der alten Liese
ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherren mußten sämtliche
Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -- er verordnete,
daß niemand anderes die Zwiebellieferung für die fürstlichen Dejeuners
haben sollte, als Liese. So kam die Mutter des Klein Zaches, ohne
gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem Elend, und gewiß war
es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten Fee Rosabelverde dazu
verhalf.

Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten,
das man jemals in Kerepes gesehen: der Fürst, alle Ritter des
grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle Glocken
wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst behufs der
Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals gelöst. Bürger --
Volk -- alles weinte und lamentierte, daß der Staat seine beste Stütze
verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem tiefen Verstande, von
der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen Eifer für das
allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das Ruder der Regierung kommen werde.

In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand
sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit
zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten
unvergeßlichen Zinnober.

[Illustration]



[Illustration]



Bettina von Arnim:

Die Reise nach Darmstadt


Vorbemerkung des Herausgebers:

    Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von Arnim
    ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen Schrift »Dies
    Buch gehört dem König« entnommen, die eine Reihe »der Erinnerung
    abgelauschter Gespräche und Erzählungen von 1807« enthält. Das
    Buch umschließt im wesentlichen sozialpolitisch reformatorische
    Anschauungen der Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau
    Rat, Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in diese
    heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen
    ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen Reise der Frau
    Rat nach Darmstadt, wo sie von der Königin Luise von Preußen mit
    großen Ehrungen empfangen wurde. Indem Bettina von Arnim die
    Schilderung dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen
    läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die feine
    Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig lächelnde
    Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste aufzuzeichnen.

[Illustration]


Die Frau Rat erzählt:

Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich denk nach, was aus dem
lieben Sonnenschein all werden soll, den ich da so mutterselig allein
in mich fressen muß: -- es wird Mittag, die Türmer blasen derweil den
Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm herunter. -- In dieser Welt, wo
Böses und Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am Busen liegen,
da haben irdische und himmlische Angelegenheiten gar einen künstlichen
Verkehr; an so einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der Teufel
auch eine falsche Trompet nicht, um den Menschen aus seinem geduldigen
Seelenheil herauszublasen; opfre den Verdruß, den du davon spürst,
Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel deiner Sünden ist
heruntergewischt, denn lieber als das Sündegestöhn, was falscher klingt
als die Sünd selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. Die
Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag in der Stadt Frankfurt,
aber gar an so einem lange staubige Sommertag, wo man sich in die Sonn
stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am hellen Tag: »Vor was bist
du da? -- Alles kann bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch
konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst da oben wohl doch der
Himmel sein könnt, streckt man sich am End seiner Erdentage aus den
Erdensorgen heraus mit den Himmelssorgen auf dem Herzen und bedenkt
nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.

An so einem langweiligen Tag also, wie der Türmer wirklich in einer
der Musik sehr mißgünstigen Stimmung in die Stadt herunterblies --
ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht auf dem Faß säuerlich
wird -- eine rauhe Halsarie wie heut, und die Sonn schien mir auf die
Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert mich da
drüber, da schellts -- ich ruf: »Guck einmal, wers ist.« -- »Ei, es ist
der Frau Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt Nachmittag mit
ins Kirschenwäldchen fahren?« -- Ei was? -- Ei freilich! Was werd ich
nicht wollen fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen
Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie die schönste Rubinen
im smaragdnen Blätterschmuck an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter
Sonnenstrahlen ein Goldnetz durchwirken und der Himmel sein blaues Zelt
mit silbernen Wolken drüber spannt.

Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr essen, dann wird
alles zurechtgemacht zum Abend, wann ich heim komm; da wird meine
Wasserflasche hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir die
Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt komme, dann setz ich meine
Haub auf, bloß die mit den Spitzen.« -- »Ei, wollen Sie net die mit
den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« -- »Nein, die will ich
nicht aufsetzen, man muß bescheiden sein in der schönen Natur und sie
nicht überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht. Was meint sie
denn, daß so ein Kranz von papierne Blume zu sagen hätt da draußen
auf der grünen Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd
begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs mit einem einzige Maul voll
Dotterblume, die er vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem Hui
zusammenrafft und wegschnappt, in die größt Beschämung versetze, daß er
frißt und verdaut, was die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz auf
dem Kopf trägt.« -- Jetzt ohne weiter Federlesen die Spitzehaub eweil
auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, dann die Filethandschuh ohne
Daumen, daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, das
Körbchen nehm ich mit, daß ich kann Kirschen mitbringen -- die kleine
schwarze Salopp und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit
kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen mitten durch den
Sonnenschein. Da lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.

Nun ist alles in Ordnung -- so wird der Tisch gedeckt und aufgetragen
-- denn zwölf Uhr ist schon vorbei. »Was gibts heut?« -- »Brühsupp«. --
»Fort mit, ich mag keine.« -- »Aber Frau Rat, Ihne Ihr Magen!« -- »Aber
ich will keine Supp, sag ich; komm sie mir nicht an so einem schöne
Sommertag mit ihren Magensorgen an, -- was gibts noch?« -- »Stockfisch,
aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« -- »Den Stockfisch laß mir
vor der Nase weg, der paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen
Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen lassen, den ich von
dem Blumenduft drauß auf der Wies schon in Gedanken genieß; aber die
Kartoffel bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen Gedanken
nicht, die könnt so ein indischer Priester in seiner Verzückung
ungestört genieße. -- Ich glaub gewiß, die sind aus dem Manna gewachse,
das vom Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der Hungersnot waren,
das war so ein verzettelter Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln
gewachsen, die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, damals hatten die
Juden noch eine Wüst, wo sie sich niederlassen konnten; jetzt ist keine
Wüst mehr da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne wie die
Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine vorüberfahrende Segelstang
sich könne setzen wie die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden
bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; hätten sie damals alles
verschlungen, so wär kein himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und
ich wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb nur künftig
ohne Widerred allemal dem Betteljud zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn
wir könne den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir Kartoffeln
essen.« -- Nun war das Essen noch nicht all, es kam noch eine
gebratne Taub. -- Ich hatte Appetit, fliegt mir grad eine lebendige
Taub vors Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. Ich fahr
ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier mit verschränkte Flügel, mit
denen es sich hätt können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der
Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch den Schlund, damit er
auf der Erd kann bleibe, um sein Seelenheil zu befördern, und dann
macht ers grad verkehrt. -- Nun kurz, der Vorwurf von der Taub am
Fenster lastet mir auf dem Herzen, ich kann keinen Bissen essen. --
Die Taub wird unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich ziehe
mich derweil an, um der Ungeduld etwas weiß zu machen, die Spitzehaub
wird von der Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die Nachtmütz
wird drauf gestülpt, damit ich sie heut abend, wenn ich nach Haus komm,
gleich auswechsle kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte
Gewohnheit.

Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der Hand, im besten Humor,
und lach die Lieschen aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen.
Ich guck auf die Uhr -- der Wagen kommt gerappelt; den alten Johann,
ein ganz gescheuter Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange
die Trepp herauf kommen. -- »Lieschen, geschwind lauf sie hinaus,
auf den Vorplatz an die Tür, ehs schellt.« Da schellts schon, die
Lieschen macht die Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem
dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und mein alter Johann kommt
hinten nach. -- Ich sag zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen
unrechten Weg gangen!« -- und will mich an ihm vorbeimachen; aber weil
er sagt: »Ich bin geschickt von Ihro Majestät der Frau Königin von
Preußen an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, ob er wohl nicht
recht gescheut wär -- »Und«, fährt er fort, »die königlich Equipage
werden um zwei Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt abzuholen;
mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee trinken im Schloßgarten!« -- Ich
sag: »Johann! Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! Wenn einem
eine Bomeranz aus dem blauen Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man
gleich sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, das will
viel heißen!« -- Ei, wem hatt ich denn die Kontenance zu verdanken als
bloß dem Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter Respekt vor dem
unvorhergesehenen Ereignis und guckt mich so feierlich an, daß ich mich
gleich besinn, was ich mir und der Einladung schuldig bin; ich guck ihn
mit einem Feuerblick an, daß der Kerl in sich geht, denn er war nah
dran, zu lachen. Ich sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor ein
höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur wieder spornstreichs zur
Frau Königin und melden, die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben,
die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Und
machen Sie nur, daß die Kutsch hübsch akkurat kommt, damit ich auch
nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen meine Sach nicht
ist.« -- Dabei macht ich so große Augen, daß der preußisch Hoflakei
gewiß seine Verwundrung wird gehabt haben über den besondern Schlag
Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt. Man muß seine Zuflucht
nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. Wer kann sonst
Religion in die Menschen bringen? Daß so ein Hofschranz Respekt hätte
vor einem Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man auf Mittel
denke, wie er den Kopf ganz verliert und nicht weiß, was er dazu sagen
soll. Da fiel mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, dem
Herrn +Unser+; das ist so ein Löwenfratz, wie sie an Salomon seinem
Thronsessel zur Verzierung angebracht sind. Den mach ich nach; --
damit jag ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein an den
Hals und rennt die Trepp herunter. Ich bleib stockstill stehn, die
Lieschen bleibt stehn, der Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir
die Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der Johann, »Sie werden
also jetzt unmöglich ins Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann
bestelle, warum Sie nicht mit könne fahren?« -- »Ja, lieber Johann, und
bestell ers doch gleich im Vorbeigehen beim Perückenmacher Heidenblut,
der soll gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, so was muß
stadtbekannt werden.« -- »Ja, das ist gewiß«, sagt der Johann, »und
wenn mir nur das Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin
dermit« -- fort ist der Johann. -- Nun guck ich mein Lieschen an; die
steht vor mir wie nicht recht gescheut und zittert an alle Glieder.
»Ei, Lieschen«, sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß ihr
die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war doch vorher nicht.«
-- Und ich weiß nicht, wie das möglich war! Es ist doch wunderlich,
wie bei überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich allerlei
Schabernack erlauben mit solchen Leut, die der Sach nicht gewachsen
sind. Das war nun mein Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht
finden, weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein Kleidungsstück,
kein Rock konnt sie mir ordentlich über den Kopf werfen. Wenn ich nun
auch den Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. Jetzt sag
ich: »Bring sie mir einmal die gebratne Taub wieder herein, denn ich
verspür über die königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und nun
schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille herunter -- ich werd auch
noch meiner Seel den ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk
sie mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den Adern haben.« Der
Perückenmacher war gleich herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat
er in seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und nun mußt er mir die
Haub aufsetze mit den Sternblumen. Es war ein Heidenpläsier, fingerdick
Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat sehn superb aus,« sagt der
Herr Heidenblut. Und die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob
sie mich nicht mehr kennte. -- Nu, wir verbringe noch so ein Zeitchen
vor dem Spiegel, links die Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die
hat sie noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der Herr
Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz verzückt in mein Lockenbau,
ich in der Front mit einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte
Florspitzen, Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, ein Schlupp
von Diamante vorgesteckt. Nun, es war zum Malen, die drei Personagen
da aus dem Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz lustig und
dachten nicht, wie die Zukunft mir auf den Hals gerückt kommt. Wenn
ich doch an all die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern
könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht mein Probekompliment vor
ihm; er verstehts. Er frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. --
Da kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält still vor der Haustür.
Rutsch -- vier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den
Kutscher. -- Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich ein jeder
unterm Arm und tragen mich schwebend in die Kutsch. Schad, daß die
Fahrt nicht mit meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht am Haus
vom Herrn Bürgermeister vorbei -- aber das Glück bescherte mir unser
Herrgott noch, denn kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen
wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem Herrn Bürgermeister von
Holzhausen drin, mit seine zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte
abgelebte Haarbeutel, -- ich auch -- aber meine Haarbeutel waren ganz
neu. In vollem Rand fahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß
feierlich mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, daß mein Herr
von Holzhausen im Wagen sitzen, versteinert, und sehn mich nicht mit
ihre Glotzaugen; er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen
wie der Wind vorbei.

Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir auf meiner Reis bis
Darmstadt eingefallen sind, so müßt ich lügen, denn ich war so zu
sagen auf einer Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, bald
flog ich dort hinaus, bald wieder nach der andren Seit, bald dreht
sich alles mit mir im Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs
alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing mir das Herz an zu
klopfen. Ich konnts vor Ungeduld nicht behaglich finden in der Kutsch
-- ich fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, ich wollt
probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, aber ich bracht keine
zehn Bäum zusammen, da waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal
kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, was hab ich dervon? ist
mir die Geschicht angenehm? -- sollt sie mir nur noch ein einzig Mal
wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, daß sie mir langweilig
wär. Was war das heunt morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine
Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in einer zweifelhaften
Unbequemlichkeit -- wo ich da hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran
denke, wer da angerumpelt kommt. -- -- »Ohne Kurage kein Genie,« hat
mein Sohn immer gesagt, und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal
die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit gesundem Mutterwitz dort in
dem Fürstensaal vor einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für
eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja, die Welt steht
auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit vom andern glaubt und sich
doch selber vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen
bescheinigt ist.

Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind angerasselt, ganz
erschrocken, daß ich schon da bin, wie ich eben vor Ungeduld mein,
es wird nie dazu kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie ein
Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht wie eine Lerch mich ihnen
nachschwingen, ich seh den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente
noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen versäumt gehabt,
die Krumplen aus meinem Staatskleid herauszuschütteln, da waren sie
unterdessen in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter; wir
waren auseinanderkommen. Ich geh so dem Gehör nach, immer im Kreis
ums Hofgezwitscher herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem
Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß trete. Ich hielt
mich im Hintergrund mit meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General
bei einer Position, die er dem Feind abluxen will. Denn überraschen laß
ich mich nicht, Mut hab ich, womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf
verlieren, ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten,
von denen eine Frau keinen Verstand zu haben behaupt wird, da steht
als dem Mann derselbig ihm allein zugemessne Verstand still, daß
er wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« -- Da antwort die Frau und
schlägt den Nagel auf den Kopf. -- Die Welt wird immer hinkend bleiben,
wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit hinüber hinkt, mit dem er
die verrückte Weltangelegenheiten so schwermütig hinter sich drein
schleppt. Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip in sich
trägt, wenn der männliche Verstand ein Hagestolz bleibt. -- Also die
erst Bemerkung, die ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist die,
daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad ein guter Passepartout
ist, denn nicht Ich mit meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine
Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein, die wird übergesehn,
aber meine Falbelas, meine Taille, meine Frangen, von unten herauf,
immer höher und höher werd ich scharf examiniert, bis sie endlich zur
Florfontange kommen, wo die Sternblumen drauf gepflanzt waren, da
halten sie an und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war; da
prallen sie wie der Blitz auseinander und melden meine Erscheinung der
Frau Königin. Die kommt mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt
auf mich los, ich -- gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom erste
Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die Frau Königin wie eine
schöne Götternymph führt mich an ihrer Hand, und der Wind spielt in
dem schneehagelweiße Faltengewand und ein Lockenpaar, das spielt an auf
jeden Tritt, den sie tut, und die blendende Stirn und die wunderschön
blaßrote Farb von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der ganz voll
allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden hab ichs nicht, ich war
durmlich von Vergnügen und konnt auch nichts weiter vorbringen als:
»Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste Gegenwart und wundernswert
vor Götter und vor Menschen --« und wie sie erst die Kett vom Hals sich
losmacht und hängt sie mir um, und der ganze Hofkreis trippelt und
guckt. Ich hab innerlich den Apoll und den Jupiter angerufen, diese
menschenbegreifende Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig
bleib und nicht alles um mich her für wunderliche Tiere halt, denn
alle diese vornehmen Hofchargen kamen mir vor wie ein heraldischer
Tierkreis. Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife; aber auf ein Gesicht,
das menschlich schön zu nennen wär, besinn ich mich nicht. Das mag
davon herkommen, weil diese Menschengattung mehr eine Art politischer
Schrauben oder Radwerk an der Staatsmaschine und keine rechte Menschen
sind. Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig Volk,
und es gehört immer der Zufall und ein Verdienst um sie, absonderlich
aber ihre eigne Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um von
ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien und Poltern oder gar
Recht haben hilft gar nichts bei ihnen, ja, besonders das Recht haben,
das kommt der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden Nas immer
in die Quer. »+Was soll das heißen, daß man mit seim Recht an die
widerrennen tut?+« -- Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen haben,
daß sie drauf falle, das wär kein Schaden; darum muß man ihr Platz
machen. Ja, von solchen ist kein christlich Gesinnung zu erwarten,
das ist übrig. Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich
erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln hat, damit man an der
doppel-schneidig-weltbürgerliche Politur nicht auch mit seinen edleren
Gesinnungen als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man wie ein Lauskerl
vor sich selber dasteht und darf nicht in den Spiegel gucken vom eignen
Gewissen. --

Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo die Ordensbänder und
Stern und goldblitzende Staatsröck rund um mich herum blinkerten wie
im Traum, und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär, ich hielt
mir eine aparte Insel vor das heraldische Tiervolk, da könnten sie so
fortleben, bis sie sterben wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen
herum zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie stolpern müßt, das
litt ich nicht.

Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis meine Glossen
mach, wovon ein nicht unbedeutender Teil mit besterntem Bauch,
mit übereinander schielenden Blicken und überlegenden Mienen des
Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern, spür ich deutlich,
daß ich in dem Verwunderungsstrudel dagesessen hatte wie ein
Schaf. Ich schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare
Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich such mir eine andere
Physiognomie aus, den Frankfurter Adler. No! -- wie der Adler, wenn
er Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die lieb Sonn, ohne
Urlaub zu nemme, setzt sich auf den Reisefuß und ging hinter denen
schöne Linde bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf den mit
allerlei poetische Spekulatione angespielt wurde, ich mußt lachen
über die empfindungsvolle Tonarte, in welche die Gesellschaft da
überging. Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis hervorkrame.
Ich schwieg in meiner stolze Position still, denn kein Mensch hatte
mir ein Wort zu sagen, seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte
daher meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung fort, und da
war auch nicht ein Augenblick, wo ich mir nachgegeben hätt und hätt
meinen Alletagsgesicht auch nur erlaubt durchzublinzeln. -- Auf
emal! schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr, ich fahr aus
einem tiefen Schlaf, in dem ich aller Herrlichkeiten, der um mich
her vorgingen, vergessen, träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer
Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und ganz vergnügt bin,
daß alles überstande ist. -- Ja, der vermeint Adler hat den Kopf in
sein Spitzekragen gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert über
dem viele Geschwärm von alle bedeutungsvolle Momente, die mir da in
eim Hui ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als in der
Meinung, meinen olympischen Götterglanz fortzubehaupten, fall aus der
Roll heraus und in Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen; denk
sich einer die verschiedene Motionen, dene ich vom frühen Morgen an
ausgesetzt gewesen war; es war ja alles wie ein Traum, wars da ein
Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt und ruhig weiter schlief?
-- Und die Nachtdämmerung -- und ich saß ja da für gar keine weitere
Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was doch die Parze vor
eigensinnige Begebenheiten einem in den Lebensfaden einspinne. No! --
Als ich mit einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat sich die
Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen Schatten mehr auf den leeren
Platz, weil alles Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der
mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte, war aus dem Tanzsaal
erschallt, wo helle Fackeln brenne, wo die ganze Hofnympheschar in
einem schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere herumhüppen;
aus den unterirdische Kellerhäls dampft ein köstlicher Speisegeruch;
in denen sieht man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen munter
und allert Fett in das Feuer werfe, daß es hell aufflackert; die
Champagnerflasche hört man im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat,
die zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit vier weiße
Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche, welche Frucht man
bekanntlich nicht esse kann, und spüren Hunger.

Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt mit der Hofetikett, und
doch mit einem Schicklichkeitsgefühl, was vielleicht grad aus grader,
herzlicher Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt eingeschlagen
von dem, was statuiert wär, ich stand in der Klemm, wie ich mich zu
verhalten hätt, aber ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau
Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen. Wie sie ihren
ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht sie sich um nach mir, und wie
sie mich nicht finden kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich
durch die Fensterscheiben bemerken; -- kaum hat sie nach mir gefragt,
da laufen die Kammerherren, die Lakaien durch den ganzen Saal im
Kringel herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht ihr nur. --
Wie sie mich nicht finden können, da fällt ihnen doch ein, daß ich
vielleicht könnt im Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus und
verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich dicht bei der Tür
an die Wand, denn im Garten wollt ich mich nicht finden lassen, da
hätt ich mich zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der wichtige
Moment, da muß ich einen energischen Streich machen und mich auf gut
Glück wieder ins Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da um
die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein Hoflakai wie ein Schuß
Pulver von der Tür abblitzt in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch
zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei, grad in den Saal
herein, wo mir glücklicherweis alle Leut den Rücken drehten. -- Ach!!
-- Gott sei Dank!! -- Denn das Herzklopfen, was ich nach überstandner
Katastrophe empfand -- nun, -- wer sich das denken kann! -- bis ich
mich so allmählich wieder beruhigte. -- Denk sich einer, wenn die
Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener, da die Frau Rat unter
dem Vogelkirschbäumchen gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter
mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein, ich frag alle gute
Freund, ob einer sich das gewünscht hätt? -- Antwort: Nein! -- Aber
was man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht gönnen. Ich auch
hab mirs nicht gewünscht und hätts meinem Feind nicht gegönnt.

Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte ich allmählich
hinter den vielen Leuten hervor, die an der Tür standen, und kam so
ganz nah an die Frau Königin heran; die winkt mir, und nun kommen die
Kammerjäger von ihrer Jagd durchs Buschwerk zurück und wollen eben mein
Verschwinden melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung, wie ich eben
mit denen Prinzen von Gotha, noch ein paar ganz jungen Bürschercher,
Bekanntschaft mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil sie ihn sehr
gut kenne vom Weimarer Hof, und ich erzähl auch mein Bestes, und das
war eine ganz vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit meinem
Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich meine Verlegenheit nach
und nach beschwichtigt über meine Toilette, denn ich hatte mir gleich
vorgenommen gehabt, nur in keinen von denen großen hell erleuchtete
Wandspiegel zu gucken; das war gar nicht so leicht. -- Daß, wenn
allenfalls was an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht auch noch
+den+ Schreck auf mein gepreßt Herz laden müßt, weil aber die Leut all
ganz vernünftig mich ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte Miene
macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick und finde mich nicht nur
ganz menschlich, sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem
kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte Eingebildheiten,
mit dem sie mich rund umher zu überschauen meinten. Ich schaute auf
sie wieder herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen hat
gegen den erfrischenden Regen und den kühlenden Wind, dem sie sich
auszusetzen Bedenken tragen, und so ließ ich sie mich umirren mit ihren
nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres Laub, was im Wind dahinfliegt.

Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es Zeit wär, mich zu entlassen;
sie nahm da mein Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die
Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem Schutz gewohnt hatte und
tausend lustige Spielstunden in meinem Hof sich gemacht. --

Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder so ein dienender Geist
von morgens früh und frägt mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen
wollt lassen? -- »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester Freund,
verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel, und helfen Sie mir über die
königlich Schwell hinüber in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun
wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich? -- Ich hatte vor allen
überraschenden Verlegenheiten und Sorgen gar nicht können an meine
goldne Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein, und sie machte
mir doch großes Pläsier. -- Denn alle Auszeichnungen, die mir werden,
das weiß ich, die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie soll das
eine Mutter nicht freuen? --

Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee heimwärts.
Alle Baumschatten flogen im Vorbeifahren mir über meine geblendeten
Augen, die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen
blinkenden Kett sich beschäftigten.

Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre und kräftig natürliche
Gefühle nicht in den Lüften verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem
Mutterherzen, auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort geblieben
als irrender Geist herumzuschweifen. Er wird sein Ziel gefunden
haben, auch war mein Herz ganz feurig, und ich dacht, so wird auch
heut nacht die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von mir haben,
daß sie mich hat so in einen feurigen Rapport gesetzt mit meinem
Sohn, daß ich ihn da im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor mir
schweben sehe, und kann die schönste Rede führen mit ihm, weil da
allerlei Meldungswürdiges mir begegnet ist. Ach was man sich nicht vor
unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! -- Aber Muttergefühl ist
eine Wünschelrut, die schlägt in allen weiblichen Herzen an. Und die
Frau Königin auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als Mutter in
mir belohnt haben, sie wird gedacht haben: wenn sie doch auch so ein
Sohn möcht zur Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit könnt
ausfüllen. -- So ein Wunsch ist kein schlecht Gebet für eine erhabne
Landesmutter -- er begreift das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in
sich und es kann erhört werden, eben weil es der Müh wert ist so zu
beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott die Erfüllung. -- -- --

Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der sich bis jetzt noch in
alle Zeiten Respekt erworben hat. Welcher Staat kann sich des rühmen?
Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht vors Tor kam, so freut
ich mich über die Maßen: »Sie müssen die Sperr bezahlen!« -- »Königlich
Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. -- Schildwach ruft:
»Heraus!« -- »Ei was!« sag ich, »freilich will ich die Sperr bezahlen.
Stecken Sie Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich bins nur und
sonst niemand!« -- »Ei, um so besser, vor Ihnen präsentiere mer das
Gewehr mit Vergnüge.« -- Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt
waren und endlich vor meinem Haus stillhalten, so kommt mir ein ganzer
Trupp von Basen und Vettern entgegen gestürzt. -- Ich sag: »Ei, was
wollt ihr dann? -- Es ist nachtschlafende Zeit!« -- »Ach, Gott seis
gedankt, daß wir Sie wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat;
wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die Jungfer Lieschen hat uns
in große Ängste zusammen getrummelt, es wär eine Order kommen von
Ihre Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie hätten wollen ins
Kirschenwäldchen fahren mit der Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich
hätten was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte von drei Mann
in einem zuenen Wagen mit vier Pferd forttransportiert worden. Und
so sitzen wir hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir sollen
anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn Bürgermeister melden, und wir
wären Ihnen nachgeeilt, aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, wo
Sie waren hintransportiert worden.« -- --

»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor Sachen! -- Das Rätsel will
ich Euch morgen lösen; heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die
Jungfer Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein jetzt, daß ihr
die Haub heunt morgen nicht verkehrt auf dem Kopf gesessen hat, daß
ihr aber der Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich Euch
stehn. Ich bedank mich übrigens vor die Teilnahme; und wenn Sie einmal
arretiert werde sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie wieder
einzuholen. Übrigens, wer meine große Abenteuer genauer will erfahren,
der muß morgen kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« --

Nun, wie ich die gute Nachbarn los war -- so mach ich der Lieschen erst
Vorwürf, wie sie so dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals
trummelt.

Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf herunter und stülp sie über
die Bouteille. Die hat heunt was mit mir erlebt -- ich eröffne meine
Enveloppe, die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! -- Sie macht
mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab vor den Nachbarn, die um meine
Abwesenheit waren in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. »Und«,
sagt sie, »das war einmal nichts, daß die Frau Rat nicht gleich es
gesagt haben, und morgen bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.«
-- »Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun wollen wir uns ins
Negligé werfen und ins Bett legen und von denen viele Strabatzen uns
ausruhen!« --

Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett liege. -- Die Frau Bethmann
haben einen Korb mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem
Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so wollte sie mir zulieb
morgen noch einmal mit mir hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht!
Jetzt stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett und die
Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine Prinzeß mirs wohl sein lassen
und die ganze Nacht Kirschen fressen.« --

Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert mir noch über die weiß
Nachtjack die goldne Kett um den Hals -- und nun bewundert sie und
bedauert, daß es die Nachbarn von rechts und links und gegenherüber
nicht gesehn haben! »Nun!« sag ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es
ist emal vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs freilich
ihne zeigen können, es würde sie im ersten Augenblick, wo sie noch
den Schreck in alle Glieder hatten über meine bewußte Arretierung,
noch mehr gefreut und überrascht haben!« -- »Ach!« ruft die Lieschen,
»die hab ich gleich wieder beisammen, es ist ja nit weit hin!« und eh
ich ihr auf ihre Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit ihre
Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür gehn, ich lieg da in
der Nachtjack im Bett mit meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich
denk: Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr in der Nacht im
tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr hat ein gesunder Frankfurter die
Stern am Himmel um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir die
Lieschen die Menschen zusammen! -- Ja, richtig, da kommen sie schon mit
angepoltert! -- Nun, morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht
recht gescheut. -- Jetzt, der erst Gesell, der die Tür aufmacht, sein
der Herr Doktor Lehr. »Ei, um Gottes wille, wie kommen Sie daher?« --
»Ei, wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau Schaket, die eben
mit einem kleinen Sohn niedergekommen sind, da kommt Ihr Hausjungfer
Lieschen Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne frägt sie,
ob ich nicht wollt die schöne Kett sehen, die Ihne der König von
Preußen mit eigne Hände hat um den Hals gehängt!« -- Ei, die Lieschen
ist ja imstand und redet die ganz Stadt auf, um die Kett zu sehn, und
morgen werden die Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! -- Nun,
weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine Kette dastehn, so kommen
die andern nachgepoltert, die all von der Lieschen und ihrer Neugierd
wieder aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat nicht weniger wie
zehn Personen im Zimmer und ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt
aber nichts und ließ sie gucken und Glossen machen und aß ruhig meine
Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch da sagt der Doktor Lehr: »Nun
werd ich meine Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, und
werd von der golderne Kett noch erzählen!« -- »O«, sag ich, »schicke
Sie mir nicht auch noch die Stadthebamm übern Hals!« -- Jetzt, kaum
war der Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut und
bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, daß die Lieschen
ohne mein Wille sie hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber
dem Lieschen ganz recht! -- Nun, wie sie der Tür drauß waren und ich
hör die Haustür gehn, war ich froh, daß ich endlich bei mir allein
war. Aber da knistert was an der Tür! -- Mein Schrecken! -- ich denk,
da ist am End heimlich ein Spitzbub hereingeschlichen, ich schrei um
Hilf, ich will eben ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder
herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich die Absätz von ihre
Schuh deutlich in der Fern widerhallen hör auf dem Straßenpflaster.
Aber da kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die Stadthebamm,
und sagt, der Herr Doktor Lehr hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt,
daß sie noch dürft komme und die goldern Kett sehn! -- »Ja«, sag ich,
»Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, aber ich bitt Sie um Gottes
willen, sagen Sies heut niemand wieder, damit ich doch noch einen
Teil von der Nachtruh genießen kann!« -- Nun, die war auch die letzt
Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander strömte alle Leut zu mir, und
ich mußte viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue machen wegen
der Kett und mußt meine Geschicht von alle Seite erzähle, wo ich dann
unendlich viel Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende
Neugierigen einem jeden noch apart mit eingeflochten, was ich meint,
daß ihm not wär zu bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht
ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen zu Fuß und zu
Wagen, und das ganze Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und
die Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, und ich mußt eine
Prachterzählung machen, und ich wärs beinah satt geworden, ich war
froh, wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt hab ich wieder
einmal die alt Geschichte mit besonderm Pläsier aufgewärmt, und ich
hoffe, daß sie Euch wird eingeleuchtet haben.

[Illustration]



[Illustration]



Friedrich Theodor Vischer:

Die Tücke des Objekts.


Vorbemerkung des Herausgebers.

    Der nachfolgende Abschnitt ist dem großen, humoristisch-satirischen
    Reiseroman »Auch Einer« entnommen, den Vischer im Jahre 1879
    veröffentlichte. Eine Fülle geistsprühender Aphorismen, scharf
    pointierte Betrachtungen über alle Dinge in Kunst und Leben ranken
    in bunten Verschlingungen in diesem Buch, das mit derbem Behagen
    und kräftigem Humor einen Menschen schildert, den Reisebekannten
    A. E. (Auch Einer), der sich der Tücke des Objekts, d. h. der
    Widerwärtigkeiten all der kleinen, störenden, an sich unbedeutenden
    Zufallsdinge des Alltags nicht erwehren kann. Auf einer Reise in
    die Schweiz macht der Dichter die Bekanntschaft des sonderbaren
    Helden. Gleich in der ersten Nacht, die sie im selben Hotel Wand an
    Wand verleben, lernt der Dichter aus dem Munde des Herrn A. E. die
    widerwärtige Tücke des Objekts kennen. Vischer erzählt:

[Illustration]


Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen Wandnachbar in sein
Zimmer treten, sich auskleiden und zu Bett legen. Das Haus war so
hörsam, daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer meinem Ohre
nicht entging. Den unbekannten Bewohner desselben hielt ich für
längst eingeschlafen, als ich die Worte vernahm: »Ach es fängt an.«
Es war die Stimme meines armen Verkälteten. Was denn auch wirklich
anfing, war ein scharfes Husten und häufiges starkes Räuspern und
Spucken, das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner eignen Qual
wohl eine Stunde dauerte, dann aber einem fürchterlichen Schnarchen
Platz machte, das im ganzen Register einer Orgel sich hin und her
bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden Tönen und bangen
Pausen unterbrochen, worin der musikalische Schläfer nach Atem zu
ringen schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet, wenn
nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte Brust, Energie der Bewegungen,
wie ich sie während des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde
Widerstandskraft verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch selbst
ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu werden und zwar durch ein
Auf- und Abgehen meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte, aus
denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in Schubladen, auf Tischen, in
allen Geräten des Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern wurde
immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese wilden Bewegungen zuerst
leis begleitete, wurde lauter und lauter und ging dann in wütende
Ausrufungen, endlich in einen Hagel von Flüchen über, die in der Tat
nicht christlich, vielmehr türkisch, ja heidnisch zu nennen waren
und von einem wütenden Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich
hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir rein toll geworden, ich
kleidete mich flüchtig an, klopfte an seiner Tür und trat, in meiner
Aufregung die Form vernachlässigend, ins Zimmer, ohne auf das »Herein«
zu warten. Mit zornsprühenden Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der
Bewohner auf mich zu, er schien mich an der Kehle packen zu wollen;
plötzlich aber faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit
durchdringendem Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie führt
ein Bildungsbedürfnis hier herein.« Es war mit meinem Gewissen nicht
sonderlich bestellt, denn ich hatte doch eine Formverletzung begangen;
dies machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja«, und fragte
nun, was er denn aber ums Himmels willen eigentlich habe. A. E. -- so
wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der Kürze halber nennen
-- fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand und schrie mit Donnerlaut:
»Meine Brille, meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal
verkrochen -- vom Schlüssel, dem kleinen Teufel, vorerst nicht zu
reden!«

»Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt es wert, daß man in
solche Wut gerate? Kennen Sie denn auch gar keine Geduld?«

Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber auch diesmal wieder,
sah mich an und sagte: »Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?«

»Was soll das?«

»Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich habe eine Frau;
ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung unaufgeschnitten lese und
jahrelang eine Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie
mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Übung dieser
Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher und Knöpfe Schrauben und
Schraubenmütter tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem
Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe, und ich könnte jedesmal,
wenn ich den Rock öffnen wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel,
diese mit einem Pfropfzieher aufmachen. -- O was! ein Weib ist fähig,
über einen Schrank einen Teppich so zu legen, daß er über die oberste
Schublade überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen wird,
sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat +Zeit+ für den Kampf mit dem
Racker Objekt, sie +lebt+ in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein Mann
darf und soll keine Zeit hiefür haben, er braucht seine Geduld auf für
das, was der Geduld +wert+ ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden
an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie können doch wissen,
daß die elenden Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber
einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen,
was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder
Knäuel eines Bündels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf
wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste eilt, einen
klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine
Zeit für euch! Und wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze, sie
ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch heraus!«

»Was nützt aber die Wut?«

»O geistlos! Hat es Luther nichts genutzt -- falls von Nutzen die Rede
sein soll -- wenn er den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von
Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen
liegt?«

Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer
hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille.
Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die
blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch
in einem Bretterspalt; ich glaubte, darin etwas schimmern zu sehen,
strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und
die Entdeckung war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten Mann leicht
am Arm und deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte
die vermißten Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken Sie
den Hohn, die teuflische Schadenfreude in diesem rein dämonischen
Glasblick? Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!«

Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand
wirklich im Mißverhältnis zum Werte des Gegenstands, endlich war es
gelungen, er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit
feierlicher Stimme: »Todesurteil! ~Supplicium!~« hob den Fuß und
zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub
umherflog.

»Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte ich nach einer Pause
des Staunens.

»Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens hat ihre Strafe
für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. Kommen Sie, da, sehen Sie«
Er zog seine Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der Tat
gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz Zwiebel. »Statt
dieses redlichen, treuen Wesens«, fuhr er fort, »fungierte früher eine
goldene Repetieruhr, die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet
hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit Tücken jeder Art,
ging nie recht, benutzte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich
zu verstecken, Gläser zerbrachen so viele, daß es mich bald an den
Bettelstab gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem Haken der
goldenen Uhrenkette in Einverständnis, in Verschwörung. Mit den Haken,
mein Herr, hat es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse,
was im Objekt überhaupt liegt -- darüber wäre einiges zu sagen, mein
Herr, aber das ist von langer Hand -- das Tendenziöse spricht sich
so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im
Umgang mit diesen hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man
denkt: dich kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst
warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; eben darüber wird
man im Gegenteil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so
manchen andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen Knopf
seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich
folgenden Possen gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze
zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne
Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich
bemerkte nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen
meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die
Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte
sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt
sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie
trug, Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit,
rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten,
schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße
Hochzeitkleid der Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin
rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend eingreifen will,
stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter sein Glas um -- o, es war ein
Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die
zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen
zu wollen; mich ergreift die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst
eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, schwinge sie
empor, der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich, es gibt
bös Blut, die Braut war ohnedies halb ohnmächtig, kurz -- ich mag nicht
weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.«

»Ernst, wollen Sie sagen?«

Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle gesunden Begriffe
verwirrt; ich verzichtete auf weiteres Eingehen und bat ihn, das
Trauerspiel von Haken und Uhr zu vollenden.

»Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht über das Tischchen,
worauf ich die Uhr achtsam gelegt, leise hinüber nach dem Bett,
nestelte sich in eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir
überflüssig, ich hob es rasch und warf es an das Fußende des Bettes,
die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich
an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich
zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab
dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte Maus, ich kann
schwören, daß es ein Laut war, der nicht im Umfange der physikalischen
Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin
der Zeit um niederträchtig geringes Geld gekauft; betrachten Sie die
Gute: bemerken Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten
Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir -- unberufen, unberufen! --
treu und ehrlich, ja, ich kann sagen, nicht +einen+ Verdruß hat sie mir
bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken
wurde zu schmachvollem Tod in der Kloake verdammt, und ich trage meine
redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; Johann, der
muntre Seifensieder.«

A. E. war während dieser Darstellung, in deren Breite er sich zu
gefallen schien, ganz ruhig geworden und fuhr gelassen fort:

»Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser schwarzen Morgenstunde!

»Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen ab, da ich sie anziehen
will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf;
ich weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen
hundertjährigen Eichbaum kann ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber
der Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut
nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebensosehr gar nicht
anwenden, sondern ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten,
und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, töte, das
Widersprechende zu leisten -- o lustig! springt die Schmachkanaille
erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche
zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, wahrheitliebenden und
besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann
ist es erst recht nichts damit. -- Weiter! -- Nur im Vorbeigehen will
ich anführen, daß mich zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges
Armloch gute fünf Minuten lang insultiert hat -- dabei blieb ich aber
noch ganz ruhig -- denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber
sehen Sie diesen Schlüssel« -- er zog einen kleinen Schlüssel hervor,
der wohl zu seiner Reisetasche gehörte -- »und sodann diesen Leuchter!«
-- er hielt mir den metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß
ich in die Höhlung seines Fußes sah -- »was glauben, was denken, was
sagen Sie?«

»Ja, was weiß denn ich?«

»Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute morgen diesen Schlüssel
gesucht -- es war zum Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen
Sie, so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett, stellte den
Leuchter darauf; der Schlüssel fand just, wie ausgemessen, Platz unter
dem Leuchterfuß.

»Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung kommen, wer so
übermenschliche Vorsicht üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden!
Und dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine arme,
kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen, und wieder suchen! Man
sollte nicht sagen: so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein:
gesucht! -- Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir das!« --

»Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich mit einem Seufzer, der
scheinen konnte, den Mühen des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit
von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite Beschäftigung mit dem
Bagatell mich denn doch zu ermüden begann. Daher denn auch die flache
Bemerkung selbst, die nur um jeden Preis nach einem Inhalt abzulenken
suchte.

Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?« sagte er. »Und das
soll dann tiefer sein! Ah! O!«

»Nun, was denn?«

»Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn, darüber, daß das
Leben so ein Suchen ist, darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie
nicht seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. Ein
rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern
ist glücklich in diesem Unglück der aufsteigenden und nie anlangenden
Linie des Lebens. Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, die
Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des Lebens -- davon ist die
Rede. Da ist also zum Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös,
so wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer in den Theismus.
Der liebe Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserm
Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen sieht --
er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, wo sie liegt -- ist es
zum Ertragen, nun denken zu müssen, wie er lachen muß? -- Allgütiges
Wesen! Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh zulassen?
Leben -- Suchen -- Spucken! Da sagen die törichten Menschen von einem
Ausgedienten, von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe als Geist
um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat er gespuckt! O, wir sind geboren, zu
suchen, Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen anzusehen, und
ach! zu niesen, zu husten und zu spucken! Der Mensch mit seines Hauptes
gewölbter Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der in die Tiefen
und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, das mit Silberschwingen zum Himmel
aufsteigt, mit der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme ausgießt
über Berg und Tal und sterblich Menschenbild zum Gott erklärt, mit dem
Willen, dem blanken Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu
bezwingen, mit der frommen Geduld zu pflanzen, zu pflegen, zu wachen,
daß der Baum des Lebens wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften
Bildung trage, der Mensch mit der Engelsgestalt des ewig Schönen im
ahnenden, sehnenden Busen -- ja, dieser Mensch verwandelt in einen
schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster erniedrigt, ein Magazin,
ein Schandschlauch für vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine,
im Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, die mit feinen
Nadeln nächtelang am Kehlkopf kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf,
stumpf, verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht als
Kranker geltend, noch geschont -- und da soll es einen Gott --!«

Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen und Husten so
teilnahmwerter Art, daß ich eine Bemerkung, die mir auf der Zunge lag:
der Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand des Menschen,
gern unterdrückte; ich konnte freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht
damit gefahren wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht enthalten, als
der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: »Aber was machen Sie denn,
wenn Sie ernstlich, schwer krank sind?«

A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu machen, wurde über
einem Hindernis, das sich an der Rückseite seiner Beinkleider zu
befinden schien, noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart
vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsum kehrt und schrie sehr
laut und schroff: »Hier!«

Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken vor mir hatte, dachte
ich, ob denn dies der Anfang des versprochenen Bildungsunterrichts sein
solle; er ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der Aufschluß
kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt? sind fünfmal, sage fünfmal beim
Schneider gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu weit, dann
wieder zu kurz oder zu eng, dann beides noch einmal so -- nun? wie
steht's mit der Theologie?«

Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die Lappen einander zu
nah angenäht waren, die Gürtung also nicht genug angezogen werden
konnte; er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund gab, und nun
schien der Sturm ausgetobt zu haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm
jetzt wieder ein.

»Was haben Sie von recht Kranksein gesagt? Nun, das ist ja Geduld wert.
Das Moralische versteht sich immer von selbst.«

Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich
bemerkte, sehr geschickt zu Werke ging; es galt, viele Kleinigkeiten
in engen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande;
Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache des
Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell sich befand. Er
sagte mir nun, er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See zu Fuß
fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich
ebendasselbe vorhabe, der Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir
denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber es fiel ihm nicht
ein, auch nur einen Wink zu geben, der entfernt einer Einladung
gleichgesehen hätte. Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst
vorstelle, und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, daß ich
mich Ihnen --«

Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht -- verzeihen Sie, es
ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber,
auf der Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und Stand macht
Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie und dergleichen, wir sind
eben jeder ein Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes
Lebwesen; wir befinden uns besser so.«

Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen Kauz nichts übel zu nehmen,
und da, wie ich gestehe, meine Neugierde nach Namen und Stand eben
auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß ich auch
nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor mir habe. Ich reichte auf
der Schwelle die Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben nehmen,
als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte; dieses Werk
wenigstens noch gemeinsam zu verrichten, dagegen schien er denn doch
nichts zu haben, und so stieg ich mit ihm in die »~salle à manger~«
hinab.

[Illustration]

Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick
nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf;
der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines
Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit
höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich
möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm
einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in
diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. -- nachdem er Honig und
Butter heftig weggeschoben hatte -- griff rüstig zu, ich desgleichen.
Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein.
Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von
ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden
Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister,
auf seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte
diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last
ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht
ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit
mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch
an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl
recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war,
schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen
Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen
Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück
redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens
und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem
Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe
legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden
gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen
suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem
Organismus Leides zufügen müssen.

A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine
besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an
und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich
Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß
Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch
nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben,
das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des
sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie:
Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es
vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.«

Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst
kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde«
vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach
entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und
glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen
Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen
sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem
plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von
Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke,
ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf
den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen
scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine
fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er
sich weiter um den Unbekannten kümmere.

»Animos,« fuhr er fort, -- »haben Sie denn auch nur schon beobachtet,
wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft
graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht
jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O,
das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut
an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben,
schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will
nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs
Papier -- dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter,
und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis
in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt
das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der
Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat;
er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem;
was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt,
ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß
der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich
fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse.
So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre,
Glas, Lampe -- alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht
gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit?
Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht,
mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt;
plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das
Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine
Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich
ums Auge zu bringen drohte -- o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein
ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches
Konzil -- Vorschläge -- Anträge -- Amendements -- zum Exempel:
Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen
auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag:
schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng.
Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem
Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende,
schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf
dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke
-- Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde
gleich -- so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes
Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke
des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe
fallen lassen, aus der Hand gleiten -- du vergissest dich kaum einen
Augenblick und ratsch --«

Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des
dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit
einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken
und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst
mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes als korrekt
geschnittenes Brot, und dasselbe war -- »natürlich« würde A. E. sagen
-- auf die gestrichene Seite gefallen.

Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war
doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in
einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah
ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des
Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen:
das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur
einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber
und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren
Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen.

A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit
dem Ding da, den zwei Dingen, was Kant die reinen apriorischen
Anschauungsformen nannte.«

»Raum und Zeit?«

»Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung,
vermöge deren ich, um den Körper ~a~ hierherzusetzen (-- er zeigte es
an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem
Tische standen --), vorher ~b~ dort weg, um Platz, für b zu bekommen,
wieder ~c~ da hinwegstellen muß und so mit Grazie ~in infinitum~ --?
Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn
Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe
nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!«

Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin
und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine.

A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr er fort, »sind die
Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen,
was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen:
das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y
gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht
und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche
oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut,
Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige
Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur
ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts,
doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu
stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?«

Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zuviel!« stieg mit
straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und
mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor
der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot
hinuntergeworfen!«

A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz
kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es
wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine
Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch
noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als
er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das
Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand,
und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen,
wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen,
Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los,
als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es
dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber
war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff
nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert
fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu
beruhigen! Guten Tag beiderseits.«

Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die
Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen
des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen
langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich,
zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine
Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu
nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die
Erneuerung seines Frühstückwerks.

Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte
scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas
ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich
besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen
noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe
soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich
an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch
und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun
genügenden Vorsprung.

[Illustration]



[Illustration]



Adolph Bayersdorfer:

Die militärpflichtige Tante.


Der einzige Mensch, den ich noch mit einem Haarbeutel gesehen habe,
mit einem solchen nämlich, wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe
trug, war mein alter Großoheim, welcher vordem beim deutschen
Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt gewesen und zugleich mit
diesem berühmten Institut in eine wohlverdiente Pension gegangen war.
In dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen Gerichtshofes
hatte er ein ganz kleines Federchen, Rädchen oder Kettchen
vorgestellt als ein versteckter Unterbeamter einer untergeordneten
Registraturskanzlei, welche ihrerseits wieder die Unterabteilung
einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims ganzen Titel
herschreiben wollte -- eine einzige monströse Namen-Kumulation, welche
in pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen von oben herab
gewissenhaft mit einschloß, bis sie bei seinem bescheidenen Posten
angelangt war -- so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch
Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit hatten, ihn bei
seinem ganzen Titel rufen zu können, einmal Atem holen mußten unter der
Absagung dieses einzigen Wortes.

Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren Länge, wie
herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse zum Gehalte ihres Eigentümers
stand, war ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem Gesichte,
der gleich der verkörperten Theorie immer ganz grau und altväterlich
gekleidet einherging, bis an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in
allen Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand einen Genuß in
der Pünktlichkeit, mit welcher er jeden Tag zu den gleichen Stunden
das Gleiche tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten Teil
seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) in Anspruch
nahmen, sah man ihn immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben
Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens richtete solange seine Uhr
scherzweise nach meines Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für
gut fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste beizubehalten.

In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er seine Pension verzehrte,
war er zur Zeit meiner Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit
einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische Jugend eine
besonders interessante Gestalt, welche wir gleich einer Reliquie
halb mit ehrwürdiger Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte eines
zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen Aufklärung zuneigt,
anzustaunen gewohnt waren.

Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, ein Umstand,
dessen Zufälligkeit mir als Kind viel zu denken gab. Die Großtante war
eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei Töchter beschert,
welche auch nie recht in die Mode kommen wollten. Die dritte, welche
fast zwei Jahrzehnte jünger war als ihre Schwestern, hatte den seltenen
Namen Mauritia und war als meine Tante bei allen Wendepunkten meines
jungen Lebens, von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der ~Toga
virilis~, mein religiöser Beistand. In ihren späteren Tagen bekam sie
dasselbe verblichene Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte,
und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit gut stand.

Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, welche sie in
ihrer Jugend erfahren hatte, denn die Geburt meiner Tante fiel in die
wüsten Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, und Trommeln und
Schießen war ihren kleinen Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder.
So war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt gekommen und
konnte sich diesem planetarischen Einflusse so wenig entziehen, daß sie
sogar in ihrem einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.

Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, nahm der
schreckliche Kriegslärm, der mit Feuer und Schwert über die Länder
gezogen war und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims Wohnsitz
doppelt und dreifach heimgesucht hatte, ein ersehntes Ende, und
ein zaghafter Friede, an den niemand recht glaubte, kam schüchtern
ins Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl kaiserlicher,
königlicher, kurfürstlicher und anderer Kommissäre, welche die vielen
Gemeinde- und Kirchenbücher, Taufregister und Steuerlisten, die von
der Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert worden, so gut es
eben gehen wollte, mit oder gegen den Willen der geliebten Untertanen
wiederherstellen sollten.

Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, dem der Steuern, abgesehen,
lag es den huldreichen Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige
Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder die verloren
gegangenen Standesregister zu ersetzen, um in späteren Jahren nicht
der langen Konskriptionslisten entbehren zu müssen und so um die
schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, die so herrlich
»Präsentiert's Gewehr« machen können. Die Leute aber hatten in ihrer
Untertanentreue den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen und
verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, wo und wie sie nur immer
konnten. Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt wurde,
so wurden die mit diesem Geschäfte betrauten Regierungs-Kommissare
immer strenger und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter
und schrieben manchen zweimal auf, der später nur einmal konskribiert
werden konnte.

Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter in Begleitung
eines Schreibers in der Wohnung meines Großoheims, der eben in einem
alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes Rechtsverfahren las
und die eintretende Gesellschaft nicht eher bemerkte, als bis ihn das
plötzliche Stillstehen der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und
Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. Er klappte also bedächtig
das Buch zu, nachdem er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes
Eselsohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen
Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen müssen, und
fragte die Herren nach ihrem Begehr. Die Frau und die beiden Töchter
standen wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer Häuslichkeit
verschlagen wurde, verlegen und mit überflüssigen Gesichtern in den
Ecken, als ob sie sich selbst im Wege wären, während sich die kleine
Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« geheißen, hinter die
geöffnete Tür des Schlafzimmers geflüchtet hatte.

Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform anhatte und für andere
Leute streng, für sich selbst aber selbstgefällig schlau aussehen
wollte und aufs Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller
Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater um seinen Namen und
Stand, dann um Frau und Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden
Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende Gestalten, mit
plastischer Unweltläufigkeit, linkisch und hocherrötend, vor und
hatten ein Ansehen, als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen,
aber heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch es wurden
bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, gleichwie vorher die Namen
von Vater und Mutter. »Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der
fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, antwortete die Frau,
welche ihrem Manne zuvorkommen wollte, »aber Sie werden entschuldigen,
es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« -- »Das
hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann mit wunderbarer Mischung von
Herablassung und Strenge. Die kleine Mauritia mußte also vorgestellt
werden, und während die Großtante rief: »Moritz, Moritz wo bist du
denn, komm einmal her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« stürzten die
beiden Töchter mit Häscherschritten hinter die Tür, zogen Fräulein
Mauritia, die sofort ihr Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig
hervor, putzten ihr mit einer Schürze die Nase und sahen sie drohend
und grimmig an, froh, daß das unbekannte Verhängnis über ihre eigenen
Häupter hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten
Stadium der Erscheinung sich befindend, in dem es auch dem geprüftesten
Kenner nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, sei es aus
der Tracht einen Schluß zu ziehen auf das Geschlecht, dem ein kleiner
Weltbürger künftig angehören solle -- konzertierte ruhig weiter,
während der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der Geburt des kleinen
Schreihalses gewissenhaft angab. Schließlich schrieb dieser strenge
Mann eigenhändig noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber
ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim setzte sich wieder
an seinen Prozeß, nachdem er noch für seine Frau und Töchter die
erklärenden Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die Herren von der
neuen Volkszählung,« und Frau und Töchter setzten sich wieder an ihre
Spinnräder, und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel in
großen Pausen langsam in den Schlaf.

Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich manches geändert. Meine
Großtante hatte das zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen
Töchter, die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, war ihr
nachgefolgt und als grobknochiger Engel und gute Seele zum Himmel
aufgeflogen. Die andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher,
wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel wieder
in die Mode kämen. Durch seine geringe Pension allein ließ sich
wenigstens sein hohes Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang
sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes Gespenst um den
Stadtgraben spazieren gehen.

Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre
in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren
Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin
der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden,
der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die
Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und
seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien
nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer
geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn
des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N.,
mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte
Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. ~X~ zu erscheinen habe.
Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen
längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der
Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging
ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort
infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus
einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam
er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne
Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine
Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über
dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich
vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia
weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste
eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die
ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel
einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit
beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll
nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den
Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit
Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell
hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem
Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine
Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu
schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht
zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in
den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres -- sie die einzige,
die es je war -- nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der
Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige
Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager
und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte
nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden
Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und
scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im
stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert
klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und
dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer
Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen
Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen.

Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat sie schüchtern
ein und blieb erwartend an der Tür stehen. Kaum hatte sie auf die
ergangene Frage ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, als
der Polizeikommissär und sein Schreiber einen schnellen Blick der
Aufforderung wechselten und dann eine peinliche Pause lang die Gestalt
an der Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig und
mit triumphierendem Ausdrucke ihre Augen; ihr scharfer Beamtenblick
hatte untrüglich den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte der
Kommissär kurz angebunden sein zu müssen und eröffnete das Verhör:

»Sie werden sich denken können, weshalb Sie vorgeladen sind?«

»Nein, leider nicht.«

»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das Bureau für
Konskriptionsangelegenheiten ist.«

»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur um so rätselhafter
erscheint.«

»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß Sie im Verdachte stehen,
sich durch fortgesetzte Simulation, das heißt, indem Sie weibliche
Verkleidung tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus als
Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht entzogen zu haben,
respektive noch entziehen zu wollen.«

Versteinerungspause. --

»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres diesem Verdachte nur
Vorschub leisten kann.«

Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.

Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu sprachlosem Erstaunen
erstarren müssen bei der Zumutung, sich als renitenten Rekruten zu
bekennen. Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die Ärmste an der
Türe. Der Beamte kannte aber diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert
fort:

»Also, gestehen Sie, oder nicht?«

Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein und stammelte einige
undeutliche Worte, die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig den
Charakter der Ablehnung trugen, womit sie eine solch ungeheuerliche
Insinuation von sich wies.

»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so muß ich Sie auf einige
Augenblicke in das Zimmer des Gerichtsarztes weisen lassen.«

Er rief einen Boten.

»Bringen Sie diesen Simul--, diese Dame will ich sagen, ins ärztliche
Bureau, geben Sie dem Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache,
und warten Sie vor der Tür.«

Die Tante war vollständig vergeistert und wurde willenlos abgeführt.
Für sie war gerade Weltuntergang, und der letzte Rest von
Zurechnungsfähigkeit war von ihr gewichen. Als sie aber mit ihrem
ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt eintrat, fand sie dort
außer diesem Herrn noch die Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen
Koketterie-Marktkorb am Arme, ihrem Manne geschwind den neuesten
Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte sich bei ihr seit dem
Frühstück in so ungebührlicher Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich
länger allein tragen konnte.

Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner Tante wie dem
Ertrinkenden eine rettende Fee, die aus geöffnetem Himmel
herniederschwebt; hier freilich mit einem Gewicht von anderthalb
Zentnern. Die Erstarrung wich von ihr und machte einer vollständigen
Auflösung alles geistigen Vermögens in überquellende Schmerzgefühle
Platz. Noch ehe ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit krampfhaft
losbrechendem Schluchzen der neugierigen Dame, die schon eine monströse
Neuigkeit witterte und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit
geöffnet hielt, in die fetten Arme. Einer solchen Appellation an
ihre Menschlichkeit und Souveränität konnte die Gerichtsärztin
nicht widerstehen. Hatte sie doch nie das eheliche Szepter aus den
Händen gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer ihr
Regiment ausgeübt. Sofort machte sie sich zum Herrn der Situation
und hatte ihrem Manne, der während dieser Szene zur vollständigen
Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und aller Amtswürde bar
dastand, als wäre er der Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere
Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war hier nicht im
geringsten Zweifel und stand weit über der Wissenschaft ihres Mannes.
Unter Androhung der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie ihm den
gemessenen Befehl, die gekränkte Dame in Frieden zu entlassen und
dafür zu sorgen, daß dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier
hieß es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde wandte sich der
arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt ganz abhanden gekommen war, zu
der fremden Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt nie
gezweifelt --

Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm die zweite Hälfte des
Satzes vor dem Munde ab.

Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich die Gruppe auf,
und während die Gerichtsärztin, erfüllt von der geleisteten Heldentat
und voll brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung, in
das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte, führte ihr Mann dem
erhaltenen Befehle gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden
Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs zurück, sprach noch
einige begütigende Worte und empfahl sich hastig, es dem Kommissär
überlassend, sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu ziehen.
Bei seinem Eintreten hatten dieser und sein Schreiber, als sie die
höflichen Redensarten des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen,
wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber mit einer
trostlosen Jammer- und Schreckensmiene. Sie waren aus dem siebenten
Himmel ihrer Beamtenweisheit heruntergestürzt, und es blieb von ihnen
nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch, behaftet mit dem
Aussatze des Irrtums. Der Schreiber faßte sich schnell; was ging es
ihn an, wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte? Mit der brutalen
Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien Subalternbeamten vergrub
er sich in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und blätternd,
und schien über seinem plötzlich eingebrochenen Geschäftseifer alles
um sich her vergessen zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand
der Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen. Er nahm einige
Male einen Anlauf zu wohlgesetzten Entschuldigungen. Sie gerannen
ihm wie schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte sich
fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig hinter seine Pflicht
verschanzen. Es gelang ihm nicht; er stand noch zu sehr unter der
Wirkung der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen, erweckte
nur ein vernehmlicheres Schluchzen der Unglücklichen. In heller
Verzweiflung ließ der entwurzelte Beamte gleich einem gefangenen
Wilden seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei sie auch einen
wütenden Abstecher nach dem fleißigen Schreiber machten. Aber an den
staubigen Aktenstellagen wollte sich kein rettendes Wunder ereignen;
keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch welche eine gequälte
Bureaukratenseele hätte entweichen können. Und doch kam ihm von dort
her ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem braven Beamten eine
Erleuchtung kommen! »Warten Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer
ein Formular hervor, füllte es aus und stempelte es geschäftsmäßig ab.
Mit dieser gewohnten Hantierung hatte er seine Fassung wieder errungen.
Er faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen, näherte sich
der Dame und sprach: »So, nehmen Sie das, das wird gut tun«, mit einem
so milden und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt haben kann,
der dem stöhnenden Verwundeten den lindernden Verband anlegt.

Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen Trost ergriffen
und schwamm nun in Tränen nach Hause. Kaum fand sich Tante Moritz
dort in Sicht eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange
zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige Ohnmacht fiel unter
so viel nachfolgenden Krämpfen, als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich
notwendig schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die Beine
gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in ihrer Unerfahrenheit, und
die jungen Grafen standen mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um
den Fall herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am liebsten
hätten sie auch geweint, wenn das nicht gegen die Stiefel gewesen wäre.
Die alte Gräfin und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten
Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr Graf nahm der bewußtlos
Daliegenden ein zerknittertes Papier aus der Hand, entfaltete es und
las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal polizeilicher
Konsterniertheit wurde der Moritz N. aus der Altersklasse 1801, Tochter
des weiland Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten,
wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht los- und
lediggesprochen. Die Rubrik »Signalement« war unausgefüllt geblieben;
selbst der ~item~: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten zu keiner
naheliegenden Notiz veranlassen können. Mit diesem Talismann hätte
freilich Tante Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers
entgegentreten können, wenn dieser noch einmal Anspruch auf die
friedliche Amazone hätte erheben wollen.

Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat
in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich
eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem
gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus
dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen
Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre
herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt,
den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an
den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner
Vaterstadt noch immer aufbewahre.

[Illustration]



[Illustration]



Henry F. Urban:

Der Eishund


Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, gelben Eishund, der
es auf merkwürdige Weise zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde
brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und frierend, denn es war
Winter, in New York herumgelaufen. In der fünften Avenue wichen ihm
die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen aus und bemerkten
naserümpfend: »Welch ein vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er
wird ein Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei Anbruch der
Dunkelheit in den kahlen, düsteren Park gekommen, und dann war er
plötzlich irgendwo hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite
Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber es wurde Tag, ein Tag
voll Sonnenlicht, und er lebte immer noch. Er befand sich auf einem
gefrorenen Wasserbecken, das Trinkwasser für die New Yorker enthielt.
Es bildete ein riesiges, längliches Viereck und war von steinernen
Böschungen eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer Stelle
erblickte er zwei Menschen. Das waren Pat Flaherty und Fred Kaiser,
die beiden Parkpolizisten. Sie standen an dem eisernen Geländer des
Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten mit den Augen, weil
auf Schnee und Eis die Sonne sprühte.

»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf dem Wasserbecken!« sagte
Flaherty. »Er war schon gestern dort.«

»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!« meinte
Kaiser. »Heraus kann er nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen.
Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut. Ich werde mal sehen, ob
ich ihn fangen kann.«

»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das Eis ist schon dünn an
manchen Stellen.«

Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von dem Aussichtsturm über die
Einfassung geklettert. Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung
und erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis. Er prüfte erst
vorsichtig das Eis und versicherte sich, daß es ihn trug, denn er wog
225 Pfund. Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen zunächst
nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also pfiff er dem kleinen Köter der
weit drüben über das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte den
Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur noch verlockender. Doch der
Köter kam nicht. Er mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten.
Ihre Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel.

»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu. »Du mußt auf das Eis
hinaus!«

Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf das Eis heftend, bewegte
sich Kaiser über die glatte Fläche.

»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas zuversichtlicher. Als
er dem Köter nahe war, pfiff er und lockte er von neuem -- abermals
umsonst. Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht häßlicher
Hund mit graugelben zottigen Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das
Bild eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung gesehen hatte.
Nun lief Kaiser hinter dem Hunde her. Immer, wenn er ihm etwas näher
kam, bog der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte geradeaus.
Einmal verlor der dicke Polizist den Halt, setzte sich auf das Eis,
daß es krachte, und rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer her
erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend neugierige Leute
gesammelt und beobachteten die Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte
seinen Helm, klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über das
Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm Flaherty entgegen.

»Fred«, sagte Flaherty, »einer schafft's nicht. Wir wollen's zusammen
versuchen. Wir jagen ihn in eine Ecke des Beckens, und dort fangen wir
ihn.«

Das leuchtete Fred ein. Von rechts und links näherten sie sich langsam
dem Köter und scheuchten ihn nach der einen Ecke des Beckens. Sie
glaubten schon, sie hätten ihn. Doch er sauste plötzlich in weitem
Bogen um Flaherty herum und entwischte. Noch einmal versuchten die
beiden ihr Glück, doch ohne Erfolg. Keuchend und pustend begaben sie
sich ans Ufer. Dort hatten sich immer mehr Menschen angesammelt, um die
fröhliche Hatz zu beobachten. Man bestürmte die beiden Polizisten mit
Fragen, was es mit dem Hund auf sich habe, wie er auf das Eis gekommen
sei. Flaherty und Kaiser meinten, sie wüßten es selber nicht. Der Köter
sei zweifellos ein Vagabund. Die Damen bedauerten sein trauriges Los
und fragten, ob es denn kein Mittel gäbe, das arme Tier aus seiner
schrecklichen Lage zu befreien. Der eine schlug dies vor, der andere
das. Inzwischen war auch Bubbles, der unvermeidliche Berichterstatter,
zufällig des Weges gekommen. Er erkannte, daß die Geschichte ein
gefundenes Fressen für ihn sei, und beschloß, das weitere abzuwarten.

Ein Parkfeger hatte einen glänzenden Einfall. Man müßte einige lange
Bretter holen, meinte er, und sie vom Eis auf die Felsen neben dem
Aussichtsturm legen. Dann müßten ihrer mehrere den Hund auf die Bretter
zutreiben. Sobald er diese erblickte, würde er zweifellos merken, daß
hier ein Ausweg für ihn sei, und über die Bretter ans Ufer laufen,
wo er mit Leichtigkeit gefangen werden könnte. Den beiden Polizisten
schien der Vorschlag nicht übel, und sie versprachen, das Nötige für
den Nachmittag zu veranlassen. Damit entfernten sie sich, und da sonst
niemand etwas unternahm, zerstreute sich die Menge.

Am Nachmittag waren fast dreimal soviel Leute um das Wasserbecken
versammelt als am Vormittag. Die Kunde von dem Eishund, wie sie
ihn nannten, hatte sich rasch verbreitet. Auch Bubbles, der
Berichterstatter, war wieder da, samt dem Photographen seines Blattes.
Sehr bald kam ein Lastwagen der Parkbehörde mit Brettern und Holzböcken
angefahren. Auch Kaiser und Flaherty und noch andere Polizisten kamen,
um den Feldzug gegen den Eishund zu leiten und die Menge in Ordnung zu
halten.

»Das wird der reine Zirkus!« bemerkte der dicke Flaherty lachend zu
Kaiser.

»Merkwürdig«, entgegnete Kaiser, »welche Unmasse Maulaffen es in
New-York gibt, sowie es etwas zu sehen gibt. Und sei es nur ein Köter
auf dem Eise.«

Die Holzböcke wurden neben dem Aussichtsturm auf das Eis gestellt und
dann die Bretter darüber gelegt. Dann begaben sich die vier Parkfeger
auf das Eis und näherten sich dem Köter, der sie mit einem Ausdruck
höchsten Argwohns herankommen sah. Bald war wieder die schönste
Hetzjagd im Gange. Dreimal trieben sie ihn unter dem Jubel der Menge
auf die Bretter zu, doch der Köter schoß jedesmal daran vorüber. Völlig
erschöpft gaben die vier endlich die Jagd auf und stiegen wieder ans
Ufer, um sich zu verschnaufen.

»So ein dummes Luder!« knurrte Flaherty und warf dem Köter einen
giftigen Blick zu. Der saß mitten auf dem Eise, ganz außer Atem, aber
stolz wie ein siegreicher Toreador in der Arena. Es sah zu lächerlich
aus. Das Publikum wollte sich schief lachen. Teufel -- das war wirklich
ein herrlicher Ulk! Und er kostete keinen Cent. Plötzlich erschienen
drei Studenten auf dem Eise. Sie hatten Schlittschuhe an. Offenbar
glaubten sie, daß die Schlittschuhe ihnen den Erfolg sichern müßten.
Pfeilschnell sausten sie auf den Köter zu. Aber der war noch schneller.
Einmal hatten sie ihn fast. Doch zwei von den Studenten liefen so
heftig aufeinander, daß es knallte und sie wie der Blitz auf das Eis
flogen. Unter dem wiehernden Gelächter der Zuschauer verschwanden sie.
Eine Weile konnte sich der Köter verpusten. Und immer noch schwoll die
Menschenmenge. Kleine Jungens begannen schon mit leeren Seifenkisten
zu handeln, auf denen man warm und trocken stehen und über die Menge
hinwegsehen konnte. Verkäufer von Bonbons und gerösteten Kastanien
machten gute Geschäfte. Bubbles, der Berichterstatter, photographierte,
daß der Gummisack am Apparat dampfte. Wer würde der nächste sein, der
den Kampf mit dem wundervollen Eishund wagte?

Das war Kakadu-Bill, der ehemalige Kuhjunge aus dem Westen, der jetzt
in New York Kellner war. Er behauptete, der Meisterlassowerfer von
Amerika zu sein und Roosevelt in dieser schönen Kunst unterrichtet zu
haben, als er noch als unbekannter Rauhreiter die Prärie durchstreifte.
Kakadu-Bill habe er als Kuhjunge geheißen, weil er der einzige
Kuhjunge in Arizona war, der einen Kakadu hatte. Kakadu-Bill hatte
sich einen langen Strick verschafft und versprach, den Köter innerhalb
fünf Minuten zu fassen. Eine Kleinigkeit sei's. Als er auf dem Eise
erschien, brachten ihm die entzückten Zuschauer eine Ovation.

»Der wird's fertig bringen!« sagten sie.

Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu Werke. Er trabte, immer
den Lasso schwingend, im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den
Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah. Er war sich offenbar
nicht klar, was dessen sonderbares Benehmen bedeutete. Immer enger zog
Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso durch die Luft und
schlug klatschend auf die Stelle, wo der Eishund eben noch gesessen
hatte, aber nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter der Menge
vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch aus, wickelte seinen Lasso
wieder auf und jagte abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam
einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach durch das Eis. Am Ufer
herrschte gewaltige Aufregung. »Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen
kreischten und sahen sich nach hübschen jungen Herren um, denen sie
ohnmächtig in die Arme fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief,
und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins Wasser. Das kühlte
sein wildwestliches Jagdfieber jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus
dem Wasser herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie möglich
verduftete. -- Nun schien keiner mehr Lust zu haben, sein Glück zu
versuchen.

»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend oder früh am nächsten
Morgen über die Bretter ans Land finden!« sagten die Polizisten und
ersuchten die Menge weiterzugehen.

»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine reizende junge Dame.
»Oder er ertrinkt, wenn es weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es
ist unser Trinkwasser!«

»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten die Polizisten.
»Und ein paar Tage hält das Eis noch!«

»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger Bengel. »Morgen
vormittag wird sie fortgesetzt!« Und langsam entfernten sich die Leute.

Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte von dem berühmten
Eishund mit Abbildungen in Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu
Wagen kam halb New York, um den berühmten Eishund zu sehen. Gott sei
Dank! -- da war er noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und niemand
wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein Held, ein einziger Held scheute sich
nicht, eines erbärmlichen kleinen Köters wegen sein Leben aufs Spiel
zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher Bäcker aus der Avenue A,
mit rosaroten Backen, war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren.
Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte das Schlachtfeld in
Augenschein genommen und war mit der geheimnisvollen Bemerkung
fortgegangen, das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie
allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in der deutschen Armee
gewesen und mit Waldersee in China. Mit dieser Strategie also war er
jetzt gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie etwas Ungewöhnliches,
Geniales. Als Hilfsmittel brachte er dreierlei Dinge mit: einen
Dachshund mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne Leine und
einen riesigen Schinkenknochen, der an der Leine befestigt war. Als
er mit diesen drei Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der
Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus. Das Publikum
schrie Hurra, Flaherty aber wandte sich an Kaiser und sagte:

»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden und Schinkenknochen
gearbeitet hat?«

Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich der Dachshund und
wer der Bäcker sei. Wahrhaftig -- von weitem sahen sie sich ähnlich,
wegen der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt, wie nun
die Moltkesche Strategie sich betätigen werde. Sie betätigte sich
wie folgt. Der kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter
zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz wedelte, als er einen
vierbeinigen Kameraden erblickte. Diese beiden, der Mann und der
Dachshund, machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck auf den
Eishund. Nun schleuderte der Bäcker plötzlich seinen Schinkenknochen,
aber nicht nach dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte
sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren auf den Knochen und
suchte ihn seinem Herrn zu entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der
Leine fest. Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel. Knurrend
und keifend zog er aus Leibeskräften an dem Knochen, ebenso kräftig
zog der Bäcker daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit lustigem
Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel herum, dabei begehrliche
Blicke auf den Knochen werfend. Himmel -- war das ein Knochen! Und ein
Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der leere Magen in dem dürren
Leib vor Freude hüpfte. Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er
kam ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so grimmig an, daß er
furchtsam zurückwich. Nun zog der Bäcker stärker und stärker, bis er
Prinz ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!« und Prinz ließ
schweren Herzens den Knochen fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker
mit lächerlicher Geschwindigkeit davon, den Knochen immer hinter sich
herschleifend. Prinz und der gelbe Köter folgten. Der Bäcker gab acht,
daß sie den Knochen nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann
schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu, der ihn heißhungrig
erschnappte. Nun begann dasselbe Spiel, das der Bäcker mit Prinz
getrieben hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit dem gelben
Köter daran, während Prinz mit entrüstetem Bellen um den Nebenbuhler
herumsprang. Immer näher kam der Köter und jetzt -- ein Griff, er hatte
ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn unter den Arm und verließ mit ihm,
gefolgt von Prinz, unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis.

»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser den dicken Flaherty.

»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!« gestand Flaherty voll
Bewunderung. »Jetzt verstehe ich den Krieg von Siebzig!«

Der Bäcker hatte noch kaum über die Bretter das Ufer bestiegen,
da war er schon von Bubbles Gehilfen dreimal photographiert,
mitsamt Prinz. Die Leute umringten ihn und beglückwünschten ihn und
bewunderten den Eishund, der mit scheuen Blicken, aber immer noch
seinen Schinkenknochen zwischen den Zähnen, unter des Bäckers Arm saß.
Zwischendurch mußte der Bäcker Bubbles Rede und Antwort stehen, wo er
herkomme und so weiter. Man erfuhr, daß er Waldersees Liebling gewesen
sei. Na ja, da hatte er die Moltkesche Strategie gelernt -- kein
Wunder! Einer erzählte es dem andern. Der Bäcker mußte seine Wohnung
angeben. Dann gestatteten ihm die Polizisten, den Eishund nach Hause zu
nehmen.

Und der Eishund war nun ein gemachter Hund -- sozusagen. Feine Damen
kamen Tag um Tag in Kutschen zu dem tapferen Bäcker gefahren und
wollten den berühmten Hund sehen. Eine alte reiche Dame erstand ihn, da
ihn niemand beanspruchte, von dem Bäcker für 25 Dollars und nahm ihn in
ihr Haus, wo er den Namen Teddy erhielt, dem Präsidenten Roosevelt zu
Ehren, und ein Leben voller Wonne führte.

»Und das alles,« spöttelten die vornehmen Hunde aus der Fünften Avenue,
»weil er das Glück hatte, in das Trinkwasserbecken im Park zu fallen.
Zu albern!«

Das ist die Geschichte von dem Eishund.

[Illustration]



[Illustration]



Ludwig Thoma:

Besserung


Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt:
»Vielleicht kommen wir zum Besuch zu deiner Mutter. Sie hat uns so
dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.«

Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel
Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr
hinausschieben darf. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer
kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht
auf einmal schneit. Aber die Tante sagte: »Nein, deine Mutter muß böse
werden, wir haben es schon so oft versprochen.« Ich weiß aber schon,
warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und
Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so furchtbar viel. Daheim
darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein
Kind denkt.

Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat
freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er
kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.

Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde
schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.

Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir
Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.
Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug
hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch
Zigarren kaufen.

Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter
Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er
ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.

Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das
Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat:
»Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen
Vierer.«

Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer
Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:

»Nun, ihr Jungens, gebt mir einmal eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem
Heinrich dem seinigen vergleichen kann.«

Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom
Omnibus. Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein
gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche. Alle Leute im Omnibus haben
gelacht, und ich und der Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in
Mühldorf ausgestiegen sind.

Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die
Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war
schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder
lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.

Wir haben vom Konduktör ein Rauchkupee verlangt und sind in eines
gekommen, wo schon Leute darin waren. Ein dicker Mann ist am Fenster
gesessen, und an seiner Uhrkette war ein großes silbernes Pferd.

Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat
gescheppert. Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit
einer Brille, und er hat immer zu dem Dicken gesagt »Herr Landrat«, und
der Dicke hat zu ihm gesagt »Herr Lehrer«. Wir haben es aber auch so
gemerkt, daß er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten
gehabt hat.

Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den
Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.

Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich
angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden
und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie
alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich
von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.

Da sagte der dicke Mann: »Bravo, so wachst die Jugend her,« und der
Lehrer sagte: »Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die
verrohte Jugend sieht.«

Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer
weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe. Der Lehrer hat so
giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und der Fritz sagte,
ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der ersten Lateinklasse
so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen
immer schlechter werden. Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der
Dicke hat gesagt, ob es heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche
Lausbuben.

Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen
Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen
auf den Kopf haut.

Alle Leute im Wagen haben gebrummt: »Das ist wahr«, und die Frau neben
mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen
Burschen ihr Sitzleder verhaut. Und da haben wieder alle gebrummt, und
ein großer Mann in der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit
einem tiefen Baß gesagt: »Leider, leider gibt es keine vernünftigen
Öltern nicht mehr.«

Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß
gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker
aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute
angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.

Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben
es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster
hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.

Da schrie der große Mann: »Diese Burschen muß man züchtigen,« und der
Lehrer schrie: »Ruhe, sonst bekommt ihr ein paar Ohrfeigen!« Der Fritz
sagte: »Sie können's schon probieren, wenn Sie eine Schneid haben.« Da
hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt: »Man darf keinen
mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.« Und der
große Mann sagte: »Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon
kriegen.«

Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: »Konduktör, Konduktör!«

Der Zug hat gerade gehalten, und der Konduktör ist gelaufen, als wenn
es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: »Die
Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen
arretiert werden.«

Aber der Konduktör war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück
geschehen, und es war gar nichts.

Er sagte zu dem Mann: »Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen
Spektakel nicht zu machen.« Und zu uns hat er gesagt: »Sie dürfen
es nicht tun, meine Herren.« Das hat mich gefreut, und ich sagte:
»Entschuldigen Sie, Herr Oberkonduktör, wir haben nicht gewußt, wo wir
die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht
mehr hinaus.« Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will,
aber er sagte, nein, weil er keine so starken nicht raucht.

Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt und
hat gesagt, er glaubt, der Konduktör ist ein Preuße. Alle Leute haben
wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: »Herr Landrat, ich muß
mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf
hauen.«

Wir sind weitergefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns
wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz
schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen.
Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser
wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark
zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann
das Rauchen nicht vertragen.

Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut
genommen.

Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind
aufgestanden, und der Lehrer sagte: »Da haben wir es.« Und der große
Mann sagte in der anderen Abteilung: »Das sind die Burschen, aus denen
man die Anarchisten macht.«

Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war. Ich dachte,
wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren rauchen und
immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht mehr machen.
Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn es mir jetzt nicht
schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß
ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich hineingebrochen habe.

Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden
ist.

Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein
Gewohnheitsraucher.

Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.

Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die
Lüge.

Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun
wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt. Die Frau neben mir hat
nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat immer geschrien,
wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.

Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum
Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf
das Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der
Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien:
»Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Konduktör, was ist das für
ein Saustall?«

Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo
das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Konduktör ist gekommen
und hat es angeschaut und hat gebrüllt: »Wer war die Sau?« -- Der große
Herr sagte zu ihm: »Es ist der nämliche, der mit den Bierflaschen
schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.« -- »Was ist das mit den
Bierflaschen?« fragte der Expeditor. -- »Sie sind ein gemeiner Mensch,«
sagte der Konduktör, »wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe, daß er
mit die Bierflaschen schmeißt.« -- »Was bin ich?« fragte der große
Herr. -- »Sie sind ein gemeiner Lügner,« sagte der Konduktör, »ich
habe es nicht erlaubt.« -- »Tun Sie nicht so schimpfen,« sagte der
Expeditor, »wir müssen es mit Ruhe abmachen.«

Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche
Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der
Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann.
Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der
Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man
arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhofe eine giftige Wurst
kriegt. Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert
werde, aber, daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es
bezahlen. Es kostet eine Mark. Dann ist der Zug wieder gefahren, und
ich habe immer den Kopf zum Fenster hinausgehalten, daß es mir besser
wird.

In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station
gekommen. Meine Mutter und Ännchen waren auf dem Bahnhof und haben mich
erwartet. Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich
habe so Kopfweh gehabt.

Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat,
wie ich blaß bin. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat
gleich gefragt: »Nach was riechst du, Ludwig?« Und Ännchen fragte: »Wo
hast du deinen Hut, Ludwig?« Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein
möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich
in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin,
wenn ich einen Kamillentee kriege.

Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und
der Tisch war aufgedeckt. Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen,
und wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: »Jesus Maria, wie
schaut unser Bub aus? Das kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren
lassen, Frau Oberförster.«

Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll
mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche,
und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.

Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich
abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es
ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt
hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt: »Ja, aber ich will noch
viel braver werden.«

Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir
eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen,
es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt
anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel
lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz
sind.

Ännchen schaute mich an und sagte: »Du hast gewiß ein furchtbar
schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?« Aber meine Mutter hat es ihr
verboten, daß sie mich ausspottet, und sie sagte: »Du sollst nicht so
reden, Ännchen, wenn er doch krank war und sich vorgenommen hat, ein
neues Leben zu beginnen. Er wird es schon halten und mir viele Freude
machen.« Da habe ich weinen müssen, und die alte Theres hat es auch
gehört, daß ich vor meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie hat
furchtbar laut geweint und hat geschrien: »Es kommt von dem vielen
Studieren, und sie machen unsern Buben noch kaput.« Meine Mutter hat
sie getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat.

Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin
gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet
und hat gesagte: »Erhole dich recht gut, Kind.« Ich bin noch lange
aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.

[Illustration]


        Buchdruckerei Richard Hahn (S. Otto), Leipzig.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

    S. 52: beseite → beiseite
      allen Respekt {beiseite} zu setzen

    S. 71: Kutzsch → Kutsch
      daß die {Kutsch} hübsch akkurat kommt

    S. 76: herauszuschüttlen → herausschütteln
      Krumplen aus meinem Staatskleid {herauszuschütteln}

    S. 86: begegenet → begegnet
      Meldungswürdiges mir {begegnet} ist

    S. 106: Büdung → Bildung
      Himmelsfrucht jeder sanften {Bildung} trage





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