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Title: Der versiegelte Engel und andere Geschichten - Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und - seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der - Kreutzersonate
Author: Leskow, Nikolai
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der versiegelte Engel und andere Geschichten - Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und - seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der - Kreutzersonate" ***

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                           NIKOLAI LJESSKOW
                        DER VERSIEGELTE ENGEL

                               NIKOLAI
                               LJESSKOW



                                 DER
                          VERSIEGELTE ENGEL
                        UND ANDERE GESCHICHTEN


                            ÜBERTRAGEN VON
                         ALEXANDER ELIASBERG

                                 1922
                       MUSARION VERLAG MÜNCHEN

                       Alle Rechte vorbehalten
                Druck von Dietsch & Brückner in Weimar



                          INHALTSVERZEICHNIS


   Der versiegelte Engel                           7
   Die Epopöe von Wischnewskij und seiner Sippe  107
   Der Toupetkünstler                            169
   Anläßlich der Kreutzersonate                  205



                        DER VERSIEGELTE ENGEL



                            ERSTES KAPITEL


Es war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages. Das Wetter
ließ sich sehr ungnädig an. Einer der grausamen Landstürme, welche die
Winter in den Wolgasteppen berüchtigt machen, hatte eine Menge Leute in
den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus inmitten der flachen,
unabsehbaren Steppe. Dort hatten sich auf einem Haufen Adelige,
Kaufleute, Bauern zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen.
Auf Rang und Würden konnte man in einem solchen Nachtquartier keine
Rücksicht nehmen: wohin man sich wendet, alles ist gedrängt voll, die
einen trocknen sich, die anderen wärmen sich, die dritten suchen ein
wenn auch noch so kleines Plätzchen, auf dem sie bleiben können. In der
dunklen, niederen, mit Menschen überfüllten Stube herrscht eine schwere
Schwüle und der dichte Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein
unbesetzter Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bänken, und
selbst auf dem schmutzigen Erdboden, überall liegen Menschen. Der
Hauswirt, ein mürrisch blickender Bauer, zeigt weder über seine Gäste,
noch über den Verdienst irgendwelche Freude. Zornig schlägt er das Tor
hinter den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den Hof
gekommen sind. Er schließt die Pforte ab, hängt den Schlüssel unter den
Heiligenschrank und erklärt entschieden:

»Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem Kopf ans Tor schlägt, ich
mach nicht auf!«

Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz abgelegt, sich
mit breiter Gebärde auf Raskolniki-Art bekreuzigt und sich fertig
gemacht, auf den heißen Ofen zu klettern, als jemand zaghaft an die
Scheibe klopfte.

»Wer ist dort?« rief der Hauswirt mit lauter, ärgerlicher Stimme.

»Wir!« antwortete es dumpf hinter dem Fenster.

»Nun, was wollt ihr noch?«

»Laß uns herein, um Christi willen, wir haben uns verirrt, sind ganz
erstarrt.«

»Seid ihr viele?«

»Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn,« sagte
stammelnd und mit den Zähnen klappernd ein anscheinend ganz erfrorener
Mensch hinter der Scheibe.

»Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit Menschen
ausgelegt.«

»Laß uns nur ein wenig in die Wärme!«

»Wer seid ihr denn?«

»Fuhrleute.«

»Mit oder ohne Fuhrwerk?«

»Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle führen wir.«

»Felle! Felle führt ihr, und da wollt ihr in der Stube übernachten. Was
es jetzt für Leute in Rußland gibt. Schert euch fort!«

»Aber was sollen sie tun?« fragte ein Durchreisender, der auf der
obersten Pritsche unter einem Bärenpelz lag.

»Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen, das sollen sie tun,«
antwortete der Wirt, schimpfte noch kräftig auf die Fuhrleute und legte
sich dann unbeweglich auf den Ofen.

Der Reisende unter dem Bärenpelz warf dem Wirte im Ton eines sehr
energischen Protestes seine Härte vor, aber der würdigte seine
Bemerkungen gar keiner Antwort. An seiner Statt ließ sich aus einer
entfernten Ecke ein kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbärtchen
vernehmen.

»Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr,« begann er, »er weiß das
aus Erfahrung und hat es ganz richtig gesagt: unter Fellen ist es
ungefährlich.«

»Wirklich?« entgegnete fragend der Reisende unter dem Bärenpelz.

»Ganz ungefährlich, und es ist sogar für sie selbst besser, daß er sie
nicht hereinläßt.«

»Warum das?«

»Weil sie eine nützliche Lehre erhalten haben, und wenn jetzt jemand
hilflos hierher kommt, findet er noch ein Plätzchen.«

»Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen?« sagte der Pelz.

»Hör, du,« mischte sich der Wirt ein, »schwatz' kein so dummes Zeug.
Soll vielleicht der Widersacher jemand herbringen, wo ein solches
Heiligtum ist? Siehst du nicht dort das Erlöserbild und das Antlitz der
Gottesgebärerin?«

»Das ist wahr,« bekräftigte der Rothaarige, »einen erlösten Menschen
führt nicht der Teufel, sondern ein Engel geleitet ihn.«

»Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir hier sehr widerwärtig
ist, so will ich auch nicht daran glauben, daß mich mein Engel
hergeführt hat,« antwortete der gesprächige Pelz.

Der Wirt spuckte bloß wütend aus, aber der Rote erklärte gutmütig, daß
der Engelsweg nicht für jeden sichtbar sei und daß nur der ihn begreifen
könne, der darin Erfahrung habe.

»Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung hätten?« sagte der
Pelz.

»Ja, ich habe sie.«

»Wollen Sie sagen, daß Sie einen Engel gesehen haben, und er Sie geführt
hat?«

»Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.«

»Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?«

»Gott behüte mich, über eine solche Sache zu scherzen!«

»So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen: wie ist Ihnen der
Engel erschienen?«

»Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.«

»Wissen Sie, es ist entschieden unmöglich, hier einzuschlafen. Sie tun
gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte erzählen.«

»Nun schön!«

»So erzählen Sie, bitte, wir hören Ihnen zu. Warum hocken Sie aber dort
auf den Knien! Kommen Sie zu uns her, wir rücken etwas zusammen.«

»Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen, und zudem ist es
schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzählung auf den Knien berichte,
denn die Sache ist sehr heilig und sogar schrecklich.«

»Nun, wie Sie wollen, erzählen Sie aber schneller, wie Sie einen Engel
sehen konnten, und was er mit Ihnen getan hat.«

»Schön, ich beginne.«



                           ZWEITES KAPITEL


»Ich bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein ganz unbedeutender
Mensch, ich bin nur ein Bauer und habe den Umständen gemäß eine
ländliche Erziehung erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit
weg, von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben geboren.
Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen Landsleuten auf Wanderarbeit
gegangen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit
derselben Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. Dieser Luka
Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter Bauunternehmer. Sein
Geschäft hatte er von altersher, es war schon von seinen Vätern
begründet, und er hatte es nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich
einen großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und ist ein
prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide tut. Und wo sind wir mit
ihm nicht gewesen? Ich glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und
nirgends habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn getroffen. Und
wir lebten bei ihm ganz friedlich und patriarchalisch, er war
Bauunternehmer und unser Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir
zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die Juden auf ihren
Wüstenwanderungen mit Moses, und sogar unsere heilige Stiftshütte
führten wir mit uns, von der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten
unseren »Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer Verehrer
gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz wunderbare, alte, sehr
kunstvolle, teils echte griechische, teils von den ersten Nowgoroder
oder Stroganower Malern. Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber
nicht nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und
Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah ich später nirgends
mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in zwei Gestalten, ein nicht von
Menschenhänden gefertigtes Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren,
Heilige, Märtyrer, Apostel, und wunderbarer als alles andere waren
vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum Beispiele die
Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht, Heilige, Konzile, die
Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit mit Abrahams Gebet im Haine Mamre,
mit einem Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, und
solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder in Moskau, noch in
Petersburg, noch in Palichow; von Griechenland gar nicht zu reden, wo
diese Kunst längst untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum
mit leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen Lampen
an und hielten uns auf gemeinsame Kosten ein Pferd und ein besonderes
Fuhrwerk, auf dem wir den Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit
uns führten. Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von alten
Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten, den Griechen
nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin betet im Garten, und vor
ihr neigen sich alle Zypressen und Oliven bis zur Erde; das andere aber
war ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich gar nicht
sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern war! Du schaust auf
die Himmelskönigin, wie sich vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume
neigen, und das Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf
den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war wirklich
unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch jetzt vor mir, leuchtet
himmlisch und so gütig: sein Blick ist mild, an den Ohren hat er ein
weißes Band als Zeichen des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die
Gewänder sind mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die
Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz des
Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz, in der Linken das
Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! ... Die Kopfhaare sind blond
gelockt, fallen über die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der
Nadel gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der Untergrund
leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und im Flaum jeder Feder
Härchen an Härchen. Du schaust auf die Flügel, und wohin ist deine ganze
Angst verschwunden? Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst du
ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was war das für ein
Bild! Diese beiden Bilder waren für uns dasselbe, wie für die Juden ihr
Allerheiligstes, das Bezaleel mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte.
Alle anderen Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in
besonderen Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten wir nicht
einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: das der Himmelskönigin trug
Michailiza, Luka Kirillows Frau, die Darstellung des Engels aber
verwahrte Luka selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein
Säckchen aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf und mit einem
scharlachroten Kreuz aus Stoff an der Vorderseite; oben war eine dicke
grüne Seidenschnur angenäht, um das Bild um den Hals zu hängen. So trug
Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir gingen, zog er voraus,
als wenn der Engel selbst uns voranschritte. Wir gingen auf Suche nach
neuer Arbeit von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt Luka
Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens, hinter ihm fährt im
Wagen Michailiza mit dem Bilde der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht
unsere ganze Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen auf
den Wiesen, wo die Herden weiden und der Hirt die Flöte bläst ... für
Herz und Seele ist es eine Wonne! Immer ging es uns prächtig, und
wunderbar war unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute
Arbeit, unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer
beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir unseren Engel, der uns
voranschritt, und ich glaube, wir hätten uns leichter von unserem Leben
getrennt als von seinem wunderbaren Bild.

Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie durch irgendeine
Schickung unseres kostbarsten Heiligtums beraubt werden würden? Indes
erwartete uns dieses Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen,
nicht durch menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen
unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber diese Kränkung,
um uns durch Kummer das Heilige begreifen zu machen und uns den wahren
Weg zu zeigen, vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert
waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber gestatten Sie
die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert, oder ob ich Ihre
Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch nehme?«

»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir, voll
Anteilnahme für seine Erzählung.

»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich es kann, von dem
Wunder zu berichten, das sich mit dem Engel zutrug.«



                           DRITTES KAPITEL


»Wir kamen vor eine große Stadt, an ein großes fließendes Wasser, den
Dnjeprstrom, um dort eine große und jetzt sehr berühmte Brücke zu bauen.
Die Stadt erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, während wir auf dem
linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag die ganze wundervolle
Landschaft: alte Kirchen, heilige Klöster mit vielen heiligen Reliquien,
dichte Gärten und Bäume, wie man sie in alten Büchern abgebildet findet,
spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein Herz brennt in
dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie, wir sind natürlich
einfache Leute, aber wir fühlen doch die Pracht der gottgeschaffenen
Natur! Der Ort hier gefiel uns so sehr, daß wir am ersten Tag mit dem
Bau einer vorläufigen Unterkunft für uns begannen; zuerst schlugen wir
hohe Pfähle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz neben dem
Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfählen eine Stube und daneben
einen Schuppen. In der Stube stellten wir unser ganzes Heiligtum auf,
wie es sich nach dem Gesetz der Väter gehört: längs der einen Wand
stellten wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf, zu
unterst die großen Bilder, darauf zwei Tafeln für die kleineren Bilder,
und so errichteten wir eine Art Treppe bis hinauf zum Kruzifix; den
Engel aber stellten wir auf das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die
Heilige Schrift vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen,
während wir uns daneben einen Schlafraum errichteten. Andere, die
ebenfalls gekommen waren, um hier lange zu arbeiten, sahen uns zu und
begannen ebendort zu bauen, so daß bei uns, der großen Stadt gegenüber,
ein kleines Städtchen auf Pfählen entstand. Wir arbeiteten, und alles
ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung lag immer pünktlich im
Kontor der Engländer bereit, und Gott schenkte uns solch eine
Gesundheit, daß es den ganzen Sommer über keinen einzigen Kranken gab;
Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, daß sie gar nicht froh werden
könne, so dick werde sie überall. Uns Altgläubigen gefiel besonders gut,
daß wir, die wir damals sonst überall wegen unserer Bräuche verfolgt
wurden, hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine
Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden, und niemand
kümmerte sich um unseren Glauben oder behinderte uns ... Wir beteten
soviel wir wollten. Wenn wir unsere Stunden abgearbeitet hatten,
versammelten wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im
Lichte der Lämpchen glänzte, so daß einem das Herz erglühte. Luka
Kirillow stimmte das Segenslied an, und wir fielen ein, so daß unser
Gesang manchmal bei ruhigem Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hören
war. Unser Glaube störte niemanden, vielen gefiel er sogar, und zwar
nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach russischem Brauche
verehren, sondern auch Andersgläubigen. Viele fromme kirchlich Gesinnte,
die nicht Zeit hatten, zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen
bei uns an den Fenstern, hörten zu und beteten mit. Wir trieben sie von
da nicht weg, es wäre auch nicht möglich gewesen alle fortzujagen, weil
auch hin und wieder die Ausländer kamen, die sich für die alten
russischen Bräuche interessierten und unserem Gesang mit Vergnügen
zuhörten. Der Oberbaumeister der Engländer, Jakow Jakowlewitsch, stand
manchmal sogar mit einem Stück Papier hinter dem Fenster und wartete, um
unsern Gesang in Notenschrift aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit
kam, summte er nach unserer Weise vor sich hin: »Herr Gott, erscheine
uns.« Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen Stil, weil
dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift aufgezeichnet ist und
sich mit den westlichen Noten nicht vollkommen aufzeichnen läßt. Die
Engländer, man muß ihnen die Ehre lassen, sind umgängliche und
gottesfürchtige Leute, sie hatten uns sehr gern und schätzten und lobten
uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel Gottes hatte uns an
einen guten Ort geführt und vor uns die Herzen der Menschen und die
ganze Natur aufgetan. In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen
geschildert habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glückte uns, und die
Erfolge strömten über uns wie aus einem Zauberhorn, als wir plötzlich
sahen, daß unter uns zwei Gefäße waren, die Gott zu unserer Bestrafung
auserwählt hatte. Der eine war der Schmied Maroi, der andere der
Rechnungsführer Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann, der
weder lesen noch schreiben konnte, was unter den Altgläubigen selten
vorkommt, aber doch auffallend: von außen plump wie ein Kamel und wild
wie ein Eber, seine Brust war um die Hälfte breiter, als bei einem
anderen Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbüscheln bewachsen,
aber auf dem Scheitel hatte er sich eine Tonsur geschoren. Seine Sprache
war dumpf und schwerverständlich, da er immer mit den Lippen schmatzte,
und sein Verstand war so beschränkt, daß er nicht einmal aus dem
Gedächtnis beten konnte, sondern nur immer dasselbe Wort vor sich
hersagte. Aber er sah in die Zukunft, besaß die Gabe der Weissagung und
konnte Andeutungen über kommende Dinge geben. -- Pimen dagegen war ein
stutzerhafter Mensch, der sich gern wichtig machte und seine Worte so
schlau setzte, daß man seine Reden bewundern mußte, aber er hatte einen
leichtfertigen und beeinflußbaren Charakter. Maroi war ein bejahrter
Mann, schon über die siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich:
er hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen, eine
gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein strammer Mensch. Und
siehe: in diesen beiden Gefäßen gärte der bittere Trank, den wir trinken
mußten.



                           VIERTES KAPITEL


Die Brücke, die wir auf sieben Granitjochen bauten, war schon weit über
das Wasser hinausgewachsen, und im Sommer des vierten Jahres begannen
wir die eisernen Ketten über die Pfeiler zu spannen. Da wurden wir aber
in unserer Arbeit etwas aufgehalten: als wir die Kettenglieder nach
ihrer Größe aneinander paßten und mit stählernen Nieten zusammenfügten,
zeigte es sich, daß viele Bolzen zu lang waren und daß man sie
abschneiden mußte. Aber jeder dieser Bolzen war eine englische
Stahlstange und in England hergestellt, aus härtestem Stahl gegossen und
stark wie der Arm eines erwachsenen Mannes. Man konnte diese Bolzen
nicht glühen, weil der Stahl darunter gelitten hätte, und kein
Instrument griff den Stahl an. Da fand plötzlich unser Schmied Maroi ein
Mittel: er verklebte den Bolzen, an der Stelle, wo man ihn abschneiden
mußte, mit dickem Wagenteer, den er mit Sand bedeckte, steckte dann das
ganze Stück in den Schnee, streute Salz herum und drehte und wendete es.
Dann zog er es mit einem Ruck heraus, glühte es, und wenn er dann mit
dem Hammer draufschlug, sprang es auseinander, wie man eine Wachskerze
mit der Schere durchschneidet. Alle die Engländer und Deutschen kamen,
um die schlaue Erfindung unseres Marois zu sehen; sie schauen und
schauen, plötzlich lachen sie, sprechen zuerst untereinander in ihrer
Sprache und sagen dann in unserer Sprache:

»So, Ruß; bist ein tüchtiger Kerl. Verstehst gut Physik.«

Aber was für eine »Physik« konnte unser Maroi kennen! Er hatte ja von
der Wissenschaft keine Ahnung und tat nur, wie ihn Gott erleuchtete.
Aber unser Pimen Iwanow brüstete sich damit. So war es nach beiden
Seiten schlecht: die einen glaubten an die Wissenschaft, von der unser
Maroi nicht das geringste wußte, und die anderen sagten, daß Gottes
Segen über uns sichtbar Wunder wirke, von denen wir niemals etwas sahen.
Und das letzte war für uns schlimmer als das erste. Ich erklärte Ihnen
eben, daß Pimen Iwanow ein schwacher Mensch und ein Prahler war, und
jetzt muß ich erklären, weshalb wir ihn doch in unserer Gesellschaft
duldeten. Er fuhr für uns in die Stadt, um Lebensmittel zu holen, und
besorgte die notwendigen Einkäufe; wir schickten ihn auf die Post, um
Geld und die Pässe heimzuschicken und die neuen Pässe wieder abzuholen.
Er erledigte alle solche Angelegenheiten und war uns, die Wahrheit zu
sagen, in dieser Beziehung sogar sehr nützlich. Ein wirklich würdiger
Altgläubiger meidet natürlich diese Eitelkeiten und flieht den Verkehr
mit den Beamten, von denen wir außer Ärger nichts hatten; Pimen aber
freute sich über diese Eitelkeiten und hatte in der Stadt auf dem
anderen Ufer eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft. Händler,
Herrschaften, mit denen er in unseren Geschäften in Berührung kam, alle
kannten ihn und hielten ihn für den Ersten bei uns. Natürlich lachten
wir darüber, aber er liebte es sehr, mit den Herrschaften Tee zu trinken
und groß daherzureden. Sie nennen ihn unseren Ältesten, und er lächelt
nur, und in seinem Innersten schmeichelt es ihm. Mit einem Wort:
Hohlheit! So kam unser Pimen auch zu einer nicht unwichtigen
Persönlichkeit, die eine Frau aus unserer Gegend hatte. Sie war
ebenfalls redselig und hatte irgendwelche neue Bücher über uns gelesen,
in denen, wir wissen nicht was alles über uns geschrieben stand. Auf
einmal erklärte sie, ich weiß nicht, wie es ihr in den Sinn kam, daß sie
die Altgläubigen sehr liebe. Das war eine ganz wundersame Sache. Nun sie
liebt uns halt, und so oft Pimen wegen irgendetwas zu ihrem Manne kommt,
läßt sie ihn sofort sich niedersetzen, traktiert ihn mit Tee, und er
freut sich darüber und setzt ihr seine Geschichten vor.

Bei solchem Weibergeschwätz erzählt er ihr, was wir Altgläubige für
Menschen wären; wir seien wie die Heiligen, rechtschaffen und gesegnet,
und unser Großsprecher schlägt die Augen nieder, legt den Kopf auf die
Seite, streicht sich den Bart und sagt süßlich:

»Ja, Gnädige, wir halten eben das väterliche Gesetz und sind so, daß wir
das Herkommen beobachten und einer für den anderen über die Reinheit der
Sitten wacht.« Mit einem Wort, er sagt ihr lauter Dinge, die durchaus
nicht zum Gespräch mit einer weltlichen Frau gehören. Aber denken Sie
sich nur: sie interessiert sich dafür.

»Ich habe gehört,« sagt sie, »daß sich Gottes Segen sichtbar bei euch
offenbart.«

Und er bestätigt es ihr sofort:

»Nun ja, Mütterchen,« antwortet er, »er offenbart sich; ganz sichtlich
offenbart er sich.«

»Sichtlich?«

»Sichtlich,« sagt er, »Gnädige, sichtlich. Gerade dieser Tage hat einer
unserer Leute den mächtigen Stahl wie ein Spinngewebe durchschnitten.«

Die Gnädige klatscht vor Überraschung in die Hände.

»Ach,« sagt sie, »wie interessant! Ich glaube an Wunder und liebe sie
schrecklich! Wissen Sie, sagen Sie bitte Ihren Altgläubigen, sie möchten
beten, daß Gott mir eine Tochter schenke. Ich habe zwei Söhne und möchte
unbedingt eine Tochter. Ist das möglich?«

»Ja, das ist möglich,« antwortet Pimen, »warum nicht? Es ist sehr wohl
möglich! Nur ist es in solchen Fällen notwendig, daß Sie für die
Öllämpchen opfern.«

Zu seiner großen Befriedigung gibt sie ihm zehn Rubel für Öl, er steckt
das Geld in die Tasche und sagt:

»Schön, seien Sie guten Mutes, ich werde es ausrichten.«

Pimen erzählte uns natürlich davon nichts, aber der Gnädigen wurde eine
Tochter geboren.

Nun war sie vor Freude außer sich und ließ gleich nach der Geburt
unseren Hohlkopf rufen; sie feiert ihn, als ob er selbst der Wundertäter
wäre, und er nimmt das alles hin. So leichtfertig wird ein Mensch, sein
Verstand verdunkelt sich, und sein Gefühl erstarrt. Nach einem Jahr hat
die Herrin wieder eine Bitte an unseren Gott, daß nämlich ihr Mann ihr
ein Landhaus mieten solle, -- und wieder geht es nach ihrem Wunsch, und
Pimen verwendet das Geld, das sie für Kerzen und Öl spendete, wie er es
für zweckmäßig hält; zu uns gelangte aber nichts. Und tatsächlich
ereigneten sich unerklärliche Wunder. Der älteste Sohn der Gnädigen war
in der Schule der größte Taugenichts und ein fauler Schlingel, der
nichts lernen wollte; als es zum Examen kam, ging sie zu Pimen und
beauftragte ihn, zu beten, daß ihr Sohn in die andere Klasse versetzt
werde. Pimen sagte:

»Das ist eine schwere Sache. Ich muß alle meine Leute die ganze Nacht
beim Gebet zusammenhalten, damit sie bei Kerzen bis zum Morgen flehen.«

Aber sie besteht auf ihren Willen und händigt ihm dreißig Rubel ein:
»Betet nur!« Und was denken Sie? Ihr nichtsnutziger Sohn hat solches
Glück, daß man ihn in die nächste Klasse versetzt. Die Gnädige kommt
fast von Sinnen darüber, daß Gott ihr solche Gefälligkeiten erweist. Sie
gibt Pimen Auftrag auf Auftrag, und er hat schon bei Gott für sie
Gesundheit erwirkt, eine Erbschaft, einen hohen Rang für ihren Mann und
so viele Orden, daß sie auf seiner Brust keinen Platz mehr finden und er
einen, wie man sagt, in der Tasche trägt. Es war einfach ein Wunder,
aber wir erfuhren nichts davon. Es kam jedoch die Zeit, wo alles
offenbar wurde und ein Wunder die anderen ablöste.



                           FÜNFTES KAPITEL


In einer jüdischen Stadt des Gouvernements war bei den Juden im Handel
eine schmutzige Geschichte passiert. Ich kann Ihnen nicht genau sagen,
ob sie falsches Geld gehabt oder ein unredliches Geschäft gemacht
hatten, jedenfalls mußte die Obrigkeit die Sache aufdecken und hatte
eine bedeutende Belohnung dafür ausgesetzt. Die Gnädige ging also zu
unserem Pimen und sagte:

»Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig Rubel für Kerzen und Öl.
Befehlen Sie den Ihrigen, so eifrig wie möglich zu beten, daß man meinen
Mann mit dieser Sache beauftragt.«

Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack an diesen
Opfergaben gefunden und antwortete:

»Gut, Gnädige, ich werde es befehlen.«

»Aber daß sie auch tüchtig beten, die Sache ist für mich sehr wichtig.«

»Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten, wenn ich es
befehle,« beruhigt Pimen, »ich werde ihnen Fasten auferlegen, bis sie es
erfleht haben.« Er nahm das Geld und ließ es dabei bewenden, ihr Gemahl
aber erhielt noch in derselben Nacht den von ihr gewünschten Auftrag.
Bei diesem Segen genügte ihr aber unser Gebet nicht mehr, und sie wollte
unbedingt selber unserem Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie
sagte es Pimen, und er bekam Angst, weil er wußte, daß wir sie nicht in
unser Heiligtum einlassen würden. Die Gnädige gab jedoch nicht nach.

»Ich werde,« sagt sie, »was Sie auch sagen mögen, heute gegen Abend ein
Boot nehmen und mit meinem Sohne zu Ihnen kommen.«

Pimen redet ihr zu:

»Es ist besser,« sagt er, »wenn wir selber beten. Wir haben einen
Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und wir werden ihm den Schutz
Ihres Gemahls anvertrauen.«

»Ach, das ist vortrefflich,« antwortet sie, »ganz vortrefflich! Ich bin
sehr froh über diesen Engel; hier ist etwas Geld für Öl, zünden Sie
unbedingt drei Lämpchen vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir
anzusehen.«

Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann zu jammern, daß die
Sache so und so stünde.

»Ich habe,« sagte er, »der abscheulichen Ketzerin nicht widersprochen,
als sie ihr Begehren äußerte, weil wir ihren Mann notwendig brauchen.«
Und so log er uns ganze Körbe voll vor, aber von all dem, was er getan
hatte, sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es war
nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder möglichst schnell von
der Wand und legten sie in ihre Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder
holten, die wir aus Furcht vor Beamtenüberfällen bei uns hatten. Diese
setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast. Sie kam und
war so aufgeputzt, daß es zum Erschrecken war. Sie fegte mit ihren
langen, breiten Bändern nur so hin, schaute alle unsere vertauschten
Heiligenbilder durch die Lorgnette an und fragte: »Sagen Sie, bitte,
welcher ist hier der wundertätige Engel?«

Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gespräch abbringen
sollen.

»Wir haben keinen solchen Engel« sagen wir.

Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir zeigten ihr den
Engel nicht, sondern führten sie möglichst schnell zum Teetisch und
setzten ihr vor, was wir hatten.

Sie mißfiel uns schrecklich, Gott weiß warum: sie sah irgendwie
abstoßend aus, obwohl man sie sonst für schön hielt. Wissen Sie, so eine
lange Hagere, mit zusammengewachsenen Augenbrauen.

»Solch eine Schönheit gefällt Ihnen nicht?« unterbrach der Bärenpelz den
Erzähler.

»Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenähnlichen
Gestalt gefallen?« antwortete jener.

»Bei euch hält man wohl eine Frau für schön, wenn sie wie ein Erdhaufen
aussieht?«

»Ein Erdhaufen!« wiederholte unser Erzähler lächelnd und ohne gekränkt
zu sein. »Warum nehmen Sie das an? Nach unserer echt russischen
Auffassung bevorzugen wir einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel
ansprechender ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schätzt,
aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen kann. Wir schätzen
nur die langen, mageren nicht, sondern lieben es, wenn die Frau nicht
auf langen, sondern auf kräftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus
herumrennt, sondern wie eine Kugel überall hinrollt und auch hinkommt,
während die Lange hin und her läuft und stolpert. Die schlangenhafte
Schlankheit schätzen wir ebenso wenig, sondern fordern, daß die Frau
erdhafter sei und einen Busen habe, denn wenn er auch für die Figur
nicht so schön ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die Stirne
muß bei der echten russischen Frauenart voll und fleischig sein, weil in
ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit liegt. Ähnlich ist es mit der
Nase. Wir mögen die Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein
Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben, für die
Familie viel freundlicher als eine trockene, stolze Nase. Und ganz
besonders die Brauen: die Brauen offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und
deshalb dürfen sie bei der Frau nicht zusammenstoßen, sondern müssen
einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen Frau viel
umgänglicher sprechen kann und sie auf jeden einen ganz anderen, für das
Haus einnehmenden Eindruck macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von
diesem guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht
ätherische Luftigkeit, aber das ist eben schade. Indes, gestatten Sie,
wir sprachen nicht davon, und ich fahre lieber in meiner Erzählung fort:

Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser Pimen als eitler
Mensch, daß wir sie abfällig kritisieren, und sagt:

»Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.«

Aber wir antworten: »Die soll gut sein, wo sie schon im Gesicht nichts
Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie sie ist, so wird sie auch
bleiben.« Wir waren schon froh, daß wir sie hinausbegleitet hatten, und
räucherten gleich mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr
zurückbleibe. Danach befreiten wir das Stübchen von den letzten Spuren
des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in die Kisten zurück in den
Verschlag und holten unsere richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben
sie auf die Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser.
Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten uns nieder.
Aber Gott allein weiß, warum wir alle in dieser Nacht nicht schlafen
konnten und wie ängstlich und unruhig es uns zumute war.



                           SECHSTES KAPITEL


Am Morgen gingen wir alle an unsere Arbeit, nur Luka Kirillow nicht. Das
war in anbetracht seiner Pünktlichkeit erstaunlich, noch erstaunlicher
aber war, daß er um acht Uhr ganz verstört und bleich zu uns kam.

Ich wußte, daß er ein Mann war, der sich in der Hand hatte und es nicht
liebte, sich unnütz zu grämen, und darum wurde ich aufmerksam und
fragte:

»Was hast du, Luka Kirillow?«

Aber er sagt: »Später sage ich es.«

Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig, zudem hatte
mich eine Vorahnung gepackt, daß sich irgend etwas Unheilvolles für
unseren Glauben ereignet habe. Ich hielt aber den Glauben hoch und war
niemals kleingläubig.

Ich konnte es nicht länger aushalten, verließ unter irgendeinem Vorwand
die Arbeit und lief nach Hause. Ich dachte mir: solange niemand zu Hause
ist, kann ich von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow auch
nichts eröffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz ihrer Einfalt, und
vor mir wird sie nichts verheimlichen, da ich, schon als Kind verwaist,
bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen bin, und sie mir wie eine zweite
Mutter gewesen ist.

Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen Halbpelz auf dem
Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank und traurig und ganz fahl im
Gesicht.

»Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter?« frage ich.

Und sie antwortet:

»Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?«

Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in ihrer mütterlichen
Zärtlichkeit Marotschka.

Was sind das für Dummheiten, denke ich mir, daß sie nicht weiß, wo sie
sonst bleiben soll?

»Aber warum,« sage ich, »legen Sie sich denn nicht ein wenig im Schuppen
hin?«

»Ich kann nicht, Marotschka,« antwortet sie, »in der großen Stube betet
der alte Maroi.«

Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, daß sich irgendetwas mit
unserm Glauben zugetragen hat; und nun beginnt auch Tante Michailiza:

»Marotschka, du weißt sicher nichts, Kind, von dem, was sich heute nacht
bei uns ereignet hat?«

»Nein, Pflegemutter, ich weiß nichts.«

»Ach, es ist schrecklich.«

»Erzählen Sie doch schneller, Pflegemutter!«

»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen darf.«

»Warum wollen Sie nicht erzählen?« sage ich: »Bin ich denn für Sie ein
Fremder und nicht an Sohnesstatt?«

»Ich weiß, mein Lieber, daß du mir wie ein Sohn bist,« antwortet sie,
»aber ich habe kein Vertrauen, daß ich es dir auseinandersetzen kann,
denn ich bin dumm und einfältig. Warte doch, nach Feierabend kommt der
Onkel, und der wird dir gewiß alles erzählen.«

Aber ich konnte nicht warten und drang in sie:

»Erzähle doch, erzähle doch gleich, was alles geschehen ist.«

Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich ihre Augen mit
Tränen füllen, die sie mit dem Brusttuch abwischt; dann flüstert sie mir
leise zu:

»Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.«

Diese Eröffnung machte mich zittern.

»Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen ist und wer es
gesehen hat!«

»Das Wunder, Kind, ist unerklärlich, und niemand außer mir hat es
gesehen, weil es tiefe Mitternacht war, als es geschah und ich allein
nicht schlief.«

Und dann, meine werten Herren, erzählte sie mir folgende Geschichte:

»Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen. Ich weiß nicht mehr,
wie lange ich schlief, aber plötzlich sehe ich im Traum eine
Feuersbrunst, eine ganz große Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns
verbrannt wäre, und der Fluß führe die Asche mit sich fort, aber an den
Strudeln um die Brückenjoche kreist sie noch, und dann schluckt sie der
Fluß in die Tiefe.« Und Michailiza träumt, als sei sie hinausgelaufen
und stehe in einem alten zerrissenen Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr
gegenüber am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Säule, und oben
auf der Säule stehe ein kleiner, weißer Hahn, der in einemfort mit den
Flügeln schlage. Michailiza fragt: »Wer bist du?«, denn das Gefühl sagt
ihr, daß dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft plötzlich
mit menschlicher Stimme »Amen«, sonst nichts, und dann ist er
verschwunden, aber um Michailiza herum herrscht eine große Stille, und
die Luft ist so dünn, daß sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr
schrecklich zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt
deutlich, wie vor der Tür ein Lämmchen blökt. Und an der Stimme merkt
sie, daß es ein neugeborenes Lämmchen ist. Mit hellem silbernen
Stimmchen macht es bä-ä-äh, und plötzlich hört Michailiza, daß es durch
die Gebetsstube geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft und
hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche. Michailiza
überlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten? In unserer ganzen
Ansiedlung gibt es kein Schaf, und woher ist uns jetzt dieses Lämmchen
zugelaufen? Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die Stube
gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also vergessen, das Hoftor zu
schließen, Gott sei Dank, daß nur ein Lämmchen hereingesprungen und
nicht der Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun beginnt sie
Luka zu wecken: »Kirillytsch«, ruft sie, »Kirillytsch, steh schnell auf!
Unsere Tür ist offen, und irgendein Jungtier ist zu uns in die Hütte
gesprungen.« Aber zum Unheil schläft Luka Kirillow wie ein Toter. Und
wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr auf keine Weise
gelingen. Luka brummt nur und sagt kein Wort. Michailiza schüttelt ihn
stärker, aber er brummt nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten:
»Gedenk des Namen Jesu!« Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen, als
in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick springt Luka vom Bett
auf, stürzt nach vorne und prallt plötzlich mitten in der Stube wie vor
einer ehernen Wand zurück. »Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!«
ruft er Michailiza zu, er selbst aber rührt sich nicht von der Stelle.
Sie zündet eine Kerze an und läuft herzu, aber er ist bleich wie ein zum
Tode Verurteilter und bebt, daß das Kreuz an seinem Hals, ja selbst die
Fußlappen an seinen Füßen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm:
»Ernährer, was hast du?« sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger, daß
dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und daß der Engel selbst
vor Lukas Fuße auf dem Boden liegt.

Luka Kirillow geht jetzt unverzüglich zum alten Maroi und sagt ihm, wie
alles gewesen sei, was seine Frau gesehen habe und was bei uns geschehen
war: »Komm und schau!« Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde liegenden
Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich, wie ein marmornes
Grabbild liegen, dann hebt er aber die Hand, streicht sich über die
Tonsur auf dem Scheitel und sagt leise:

»Bringt zwölf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!«

Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an und sieht, daß
sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen kommen, und er befiehlt
Luka, eine auf die andere zu legen und so eine Art Säule aufzuführen,
diese mit einem reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild
zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft:

»Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du willst!«

Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der Türe geklopft wird und
eine unbekannte Stimme ruft:

»He, ihr Altgläubigen, wer ist euer Ältester?«

Luka Kirillow öffnet die Tür und sieht einen Soldaten mit einer Medaille
vor sich stehen.

Luka fragt, was für einen Ältesten er wolle. Und der antwortet:

»Den, der oft zur Gnädigen kam und den sie Pimen nennen.«

Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt weiter, worum es sich
handle und wer ihn in der Nacht nach Pimen gesandt habe.

Der Soldat sagt:

»Etwas Gewisses weiß ich nicht, aber ich habe so etwas gehört, als ob
die Juden dort eine schlimme Geschichte mit unserem Herrn angestellt
hätten!«

Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzählen.

»Ich habe gehört,« sagt er, »daß der Herr erst sie versiegelt hätte und
dann sie ihn.«

Aber darüber, wie sie einander versiegelt haben, weiß er nichts
verständliches zu erzählen.

Währenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst wie ein Jude, bald
dorthin, bald dahin, und weiß sichtlich selbst nicht, was er sagen soll.
Und Luka spricht ihn an:

»Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und spiel dein Stück nur
zu Ende!«

Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie fahren ab.

Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurück, stellt sich munter, aber man
sieht, daß es ihm durchaus nicht so zumute ist.

Luka fragt ihn:

»Sprich,« sagt er, »du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig, was du dort
getan hast.«

Aber jener erwidert: »Nichts«.

Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus kein Nichts gewesen
war.



                          SIEBENTES KAPITEL


Mit dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte, war eine erstaunliche
Geschichte geschehen. Er war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die
jüdische Stadt gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als
niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter Siegel genommen und
die Polizei verständigt, daß er am nächsten Morgen mit der Revision
beginnen werde. Die Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen
gleich, noch in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen zu
bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren auf Lager hatten.
Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf einmal zehntausend Rubel zu. Er
sagte: Ich kann nicht, ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und
nehme keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander:
»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.« Sie »Zwanzig«. Er
darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß ich nicht kann: ich habe schon die
Polizei verständigt, daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«.
Sie schnattern wieder und sagen dann:

»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie die Polizei
verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend, und Sie geben
uns dafür bloß bis zum Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig
schlafen: wir brauchen nichts mehr.«

Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für eine hohe Person
hält, so scheint auch bei den hohen Personen das Herz nicht von Stein zu
sein; er nahm die fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit
dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, versteht
sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren Lagern heraus und
versiegelten sie wieder mit demselben Petschaft. Der Herr schlief noch,
als sie am Morgen schon wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu
ihnen hinaus; sie danken ihm und sagen:

»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte Revision.«

Er scheint es aber zu überhören und sagt:

»Gebt mir schnell mein Siegel.«

Aber die Juden sagen:

»Ja, geben Sie uns unser Geld.«

Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei:

»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.«

Er wieder:

»Was, als Pfand?«

»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.«

»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer, ihr habt mir
das Geld ganz gegeben.«

Sie stoßen einander an und lachen.

»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld ganz gegeben ...
Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm sein und so unpolitisch,
einer so hohen Persönlichkeit Chabar geben.« (So nennen sie
Bestechungsgelder.)

Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als diese Geschichte?
Der Herr, versteht sich, hätte nun das Geld zurückgeben sollen, und die
Sache wäre zu Ende gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich
davon nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel in der
Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern sich. Die Polizei
fordert das Siegel, und die Juden schreien: »Ai wai, was ist das für
eine staatliche Regierung! Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein
schreckliches Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu Hause und
hat bis Mittag schier den Verstand verloren. Am Abend ruft er dann die
listigen Juden zu sich und sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld
und gebt mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht und
sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen Tag nicht gehandelt:
jetzt müssen Euer Wohlgeboren uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen
Sie, so kam es! Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die
fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend
Rubel mehr.« Der Herr schlief die ganze Nacht nicht, am Morgen schickte
er wieder zu den Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen
erhalten hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf
fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art Revision. Natürlich
fand er nichts, fuhr so schnell wie möglich nach Haus und tobte vor
seiner Frau, woher er die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um
den Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut, das du in die
Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er. Aber sie erwidert: »Um nichts
in der Welt, ich bin mit ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du
hast mir mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst
überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat er mir nun
geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du bist selber schuld, warum bist
du so dumm und hast die Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir
das Petschaft gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie, »macht es
nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon wieder einrichten, und
für deine Unvernunft werden andere zahlen.« Und mit einem Male plärrt
sie: »Sofort, schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten der
Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte unseren Pimen, und die
Frau sagte ihm ohne Umschweife: »Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein
verständiger Mensch sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche:
Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. Nichtswürdige
haben ihn ausgeraubt, die Juden ... Sie verstehen ... und wir brauchen
unbedingt dieser Tage fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so
schnell auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da ich weiß, daß
ihr Altgläubige kluge und reiche Leute seid, und weil ich mich selbst
überzeugt habe, daß Gott euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß
ihr mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend geben werdet. Ich
werde dafür meinerseits allen Damen von euren wundertätigen
Heiligenbildern erzählen, und ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs
und Öl erhalten werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich
ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei dieser Wendung
empfand. Ich weiß nicht, was er alles sagte, aber ich glaube es ihm, daß
er nun anfing sich zu winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit
zu versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon nichts wissen.
»Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß die Altgläubigen reich sind
und daß fünfundzwanzigtausend Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein
Vater in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen mehrmals solche
Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend Rubel sind gar nicht
der Rede wert.« Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die
Moskauer Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber einfache
Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend sehr gute Moskauer
Erfahrungen und fiel über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir
das? Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder ihr
habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie viel man euch aus ganz
Rußland für Wachs und Öl schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder
bekomme ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum Gouverneur
und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die Leute verführt, und es wird
euch schlecht gehen.« Der arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er
kam nach Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das eine
Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er aus dem Dampfbad,
ging gleich in einen Winkel und schneuzte sich in einem fort.
Schließlich nahm ihn Luka Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand
ihm natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz wenig und
sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt, daß ich ihr von euch
fünftausend Rubel Bestechungsgelder bringe.« Daraufhin braust Luka
natürlich auf: »Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit den
Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? Sind wir denn reiche
Leute, haben wir soviel Geld zu verschenken? Wofür sollen wir es denn
geben? Und wo ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch
wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend Rubel nirgends
hernehmen.« Damit ging Luka an seine Arbeit und kam, wie ich berichtete,
bleich wie ein zum Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche
Ereignis ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten bringen
werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer. Wir alle sahen, wie er mit
einem Boot aus dem Schilf herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als
Michailiza mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich um
die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir, daß er nun bestimmt
zur Gnädigen gefahren sei, um sie zu besänftigen. Mit solchen Gedanken
stand ich neben Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein
Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig sei,
irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen, als ich plötzlich sah, daß
alle Maßnahmen schon zu spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte
und ich hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich um und
erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen und mit ihnen eine
erhebliche Anzahl von Gendarmen und Soldaten. Meine werten Herren, ich
kann Michailiza kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu
Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit bloßen Säbeln
aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten zu, nicht nur, um in die
Stube zu kommen, sondern auch, um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie
zurück, und wie sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins
Handgemenge kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen solchen Stoß,
daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt. Ich schicke mich an, zu Luka
auf die Brücke zu laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir
entgegenläuft und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in Aufruhr,
jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem er eben gearbeitet hat, der
eine mit einer Brechstange, der andere mit einem Hammer, und alle
laufen, um ihr Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz
gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu erreichen, waren in
den Kleidern, wie sie bei der Arbeit gewesen waren, von der Brücke ins
Wasser gesprungen und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den
kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, wie
das enden sollte. Die Soldatenabteilung war etwa zwanzig Mann stark, und
wenn sie auch alle mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so
waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle von glühendem
Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen sie wie die Seehunde durch das
Wasser, und man hätte sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen
können, sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht
aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts, als hätten
Steine plötzlich Leben bekommen.



                            ACHTES KAPITEL


Gestatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während ich mit
Michailiza auf der Treppe sprach, der alte Maroi sich in der Stube im
Gebet befand, wo ihn die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch
vorfanden. Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen
waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade auf die Heiligenbilder
zugegangen wären. Die einen löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen
die Bilder von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn an:
»Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein Pope.« Sie: »Wer ist
denn euer Pope?« Aber er antwortet: »Wir haben keinen Popen.« Sie
darauf: »Ihr werdet keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr
keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß wir keine Popen
haben, aber weil er so unverständlich sprach, daß sie nicht begriffen,
wovon die Rede war, sagten sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi
läßt sich binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend
Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er steht da und sieht
zu, was weiter geschieht. Die Beamten hatten inzwischen Kerzen
angezündet und die Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die
Siegel an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten bohrten
Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine Eisenstange aneinander.
Maroi sah diesem gotteslästerlichen Treiben zu und zuckte nicht einmal
mit den Schultern, weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle,
diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben Augenblick hört
Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien, und dann einen zweiten. Die
Tür fliegt auf, und unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser
gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch Luka Kirillow
zuvorgekommen; er schrie sie an:

»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!« Dann wendet er sich
an die Beamten, weist auf die an die Eisenstange aufgespießten Ikonen
und spricht: »Weshalb beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren
Beamten? Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden wir der
Gewalt keinen Widerstand leisten, -- nehmt es nur. Aber weshalb müßt ihr
so seltene, von den Vätern ererbte Kunstwerke beschädigen?«

Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze Sache leitete, schrie
Luka an:

»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!«

Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und antwortete leise:

»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen Brauch, wir haben in
der Stube anderthalb Hundert Ikonen. Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen
für jede Ikone drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die
alten Kunstwerke nicht.«

In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn laut an: »Hinaus!«
Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib hundert Rubel für das Stück, sonst
stecke ich sie alle in den Ofen.«

Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch sie sich überhaupt
vorstellen und sagte:

»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber wir haben das
Geld nicht.«

Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger Ziegenbock, wie
wagst du es, mit uns von Geld zu sprechen?«

Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen
Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange spießen, schraubte dann
Muttern an beide Enden und versiegelte diese, so daß niemand die Bilder
herunternehmen oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle Ikonen
gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. Die Soldaten nahmen die
Stange mit den Bildern auf die Schultern und trugen sie zu den Booten.
Michailiza hatte sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube
gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen und
trug es unter der Schürze in die Kammer. Ihre Hände zitterten dabei aber
so, daß sie es fallen ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet,
uns Diebe und Betrüger nannte und schrie:

»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit es nicht auf die
Stange kommt? Nun, da soll es auch nicht hinkommen, aber so werde ich es
machen!« -- Mit diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und
drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des Engels!

Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich nicht versuche,
Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, als der Herr das kochende Harz
auf das Antlitz des Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild
auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut er es verstanden
hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich nur noch, daß das helle heilige
Antlitz rot und versiegelt war, daß das brennende Harz unter dem
Petschaft in zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß.

Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den Händen und
stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann verloren wir uns in
Weheklagen, so daß uns die einbrechende Nacht noch immer weinend und
jammernd um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in dem Dunkel
und der Ruhe, die über dem zerstörten Heiligtum lag, der Gedanke,
ausfindig zu machen, wohin man unseren Beschützer gebracht hatte, und
wir gelobten, ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln.
Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man mich und den jungen
Lewontij. Er zählte kaum siebzehn Jahre, war fast noch ein Knabe, aber
kräftigen Wuchses und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig,
gehorsam und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum.

Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten Engel, dessen
erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, aufzufinden und zu
rauben, konnte ich mir einen besseren Gefährten und Helfer gar nicht
wünschen.



                           NEUNTES KAPITEL


Ich will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten, wie ich und mein Gefährte
durch alle Nadelöhre schlüpften und überall hinkamen; ich will Ihnen
gleich von der Trauer berichten, die uns ergriff, als wir erfuhren, daß
man unsere von den Beamten durchbohrten Ikonen, so wie sie auf die
Stange aufgespießt waren, in den Keller des Konsistoriums geworfen
hatte. Damit war die Sache für uns verloren und wie im Sarge begraben;
es war vergeblich, noch weiter an sie zu denken. Erfreulich dagegen war,
daß man sich erzählte, der Erzbischof selbst habe diese barbarische
Handlungsweise nicht gebilligt, sondern im Gegenteil gesagt: »Wozu das?«
Er sei sogar für das alte Kunstwerk eingetreten und habe erklärt: »Es
ist ein altes Stück, das man schützen muß«. Schlimm dagegen war, daß,
als das durch die Schändung entstandene Unheil noch nicht überwunden
war, uns ein neues, größeres durch diesen neuen Verehrer traf: Derselbe
Erzbischof nahm, was man hinzufügen muß, nicht in schlimmer, sondern in
guter Absicht unseren versiegelten Engel in die Hand und betrachtete ihn
lange, dann legte er ihn zur Seite und sagte: »Das verstörte Antlitz!
Wie schrecklich hat man es zugerichtet! Man tue dieses Bild nicht in den
Keller, sondern stelle es in meine Kapelle aufs Fenster neben den
Opfertisch.« Die Diener des Erzbischofes führten den Befehl aus, und
wenn uns einerseits, wie ich gestehen muß, diese Aufmerksamkeit des
Hierarchen sehr angenehm berührte, so sahen wir andererseits doch ein,
daß dadurch jede Aussicht, unseren Engel rauben zu können, vereitelt
war. Es blieb nur ein Mittel übrig: die Diener des Erzbischofs zu
bestechen und mit ihrer Hilfe das Bild mit einem kunstvoll ähnlich
gemalten zu vertauschen. Das hatten unsere Altgläubigen schon oft mit
Erfolg gemacht, aber dazu wäre vor allen Dingen ein kunstfertiger
Heiligenbildmaler mit einer erprobten Hand nötig gewesen, der es
verstanden hätte, heimlich ein genaues Abbild herzustellen. Einen
solchen Maler gab es jedoch in dieser Gegend nicht. Zudem befiel uns
seit dieser Zeit doppelte Trauer, die wie Wassersnot über uns kam. In
der Stube, in der man früher nur Lobsingen hörte, vernahm man nichts als
Schluchzen, und in kurzer Zeit hatten wir uns so krank geweint, daß wir
mit unseren tränenerfüllten Augen den Boden nicht mehr sehen konnten,
und dadurch, oder aus einem anderen Grunde entstand dann bei uns eine
Augenkrankheit, die mit der Zeit alle ergriff. Was es bisher nicht
gegeben hatte, geschah jetzt: wir hatten Kranke ohne Zahl. Das ganze
Arbeitervolk fand dafür die Deutung, daß es nicht ohne Grund geschehe,
sondern wegen des Engels der Altgläubigen. »Man hat ihn,« sagten sie,
»durch das Siegel geblendet, und jetzt müssen wir alle erblinden.« Diese
Auslegung fand nicht nur bei uns allein Glauben, sondern auch alle
kirchlich Gesinnten waren aufgebracht.

Obwohl unsere Brotgeber, die Engländer, Ärzte kommen ließen, ging
niemand zu ihnen hin, und auch ihre Arzneien wollte niemand nehmen,
sondern wir alle flehten nur um das eine:

»Bring uns den versiegelten Engel. Wir wollen vor ihm einen
Bittgottesdienst halten, er allein kann uns helfen!«

Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch nahm sich der Sache an, fuhr selbst
zum Erzbischof und sagte ihm:

»So steht es, Eminenz: der Glaube ist eine große Sache, und einem jeden
wird alles nach seinem Glauben gegeben; geben Sie uns doch den Engel
aufs andere Ufer!«

Der Erzbischof aber wollte davon nichts wissen und sagte:

»Dem darf kein Vorschub geleistet werden.«

Damals erschien uns dieses Wort grausam, und wir verurteilten den
Erzbischof leichtfertig, später aber wurde uns offenbar, daß dies alles
nicht aus Hartherzigkeit, sondern durch Gottes Vorsehung geschah.

Indessen nahmen die Zeichen kein Ende, und der strafende Finger traf
auch den Hauptschuldigen in dieser Sache, Pimen, selbst, der nach diesem
Unheil von uns geflohen war, auf dem anderen Ufer lebte und der
Staatskirche beitrat. Ich begegnete ihm einmal dort in der Stadt, er
begrüßte mich, und ich grüßte ihn wieder. Dann sagte er mir:

»Ich habe gesündigt, Bruder Mark, daß ich mich von eurem Glauben
abgeschieden habe.«

Ich antwortete ihm:

»Was einer glaubt, das ist Gottes Sache, aber daß du den Armen um ein
Paar Stiefel verkauft hast, das war nicht gut gehandelt; verzeih mir,
daß ich dir, wie es der Prophet Amos befiehlt, brüderliche Vorwürfe
mache.«

Bei der Nennung des Propheten überlief ihn ein Schauder.

»Sprich mir nicht von den Propheten,« sagte er, »ich kenne die Schrift
selbst und fühle, wie die Propheten die auf der Erde Lebenden strafen.
Ich selbst habe dafür ein Zeichen.« Und er klagte mir, daß er, als er
neulich im Flusse gebadet hatte, am ganzen Körper fleckig geworden sei;
er machte seine Brust frei und zeigte mir auf ihr Flecken, wie bei einem
gescheckten Pferde, die sich von der Brust bis hinauf zum Halse zogen.

Ich sündiger Mensch hatte schon im Sinne, ihm zu sagen, daß »Gott den
Schelm zeichne«, aber ich unterdrückte diese Worte und sagte:

»Nun, was hat das zu bedeuten? Bete nur und sei froh, daß du auf dieser
Welt gezeichnet bist, vielleicht wirst du dann in der kommenden rein
dastehen.«

Aber er klagte mir, wie unglücklich er darüber sei und was er einbüße,
wenn die Flecken auch das Gesicht ergreifen würden. Der Gouverneur
selbst habe, als er ihn, Pimen, bei seinem Übertritt in die Kirche sah,
große Freude an seiner Schönheit gehabt und dem Stadthauptmann gesagt,
er solle Pimen beim Empfang vornehmer Personen unbedingt ganz vorne mit
der silbernen Schüssel in den Händen aufstellen. Aber einen fleckigen
Menschen könne man doch nicht aufstellen! Was brauchte ich aber seine
eitlen und hohlen Worte weiter anzuhören? -- Ich drehte mich um und
ging.

Seit der Zeit waren wir von ihm geschieden. Seine Flecken wurden immer
sichtbarer, aber auch bei uns hörten die Zeichen nicht auf. Schließlich
setzte im Herbst, als der Fluß kaum zugefroren war, plötzlich Tauwetter
ein, das das ganze Eis auseinanderriß und unsere Behausungen zerstörte.
Und jetzt folgte Schaden auf Schaden, bis einmal sogar einer der
Granitpfeiler unterspült wurde und der Strudel das Werk vieler Jahre,
das viele Tausende gekostet hatte, verschlang.

Dies machte sogar unsere Brotgeber, die Engländer, bestürzt, und
irgendjemand riet ihrem Ältesten, Jakow Jakowlewitsch, uns Altgläubige
wegzuschicken, um von all dem Übel wieder erlöst zu werden. Der
Engländer aber war ein Mensch mit rechtschaffnem Herzen und hörte nicht
darauf; er ließ sogar mich und Luka Kirillow zu sich rufen und sagte:

»Kinder, gebt mir selbst einen Rat: kann ich euch nicht irgendwie helfen
und euch trösten?«

Wir antworteten ihm, daß es für uns keinen Trost gäbe, solange das uns
heilige Antlitz des Engels, das uns überall begleitet hatte, mit
Feuerharz versiegelt sei, und daß wir vor Leid vergingen.

»Was gedenkt ihr zu tun?« fragte er.

»Wir wollen ihn einmal vertauschen und sein reines Antlitz, das die
gottlose Hand des Beamten unter dem Siegel verborgen hat, entsiegeln.«

»Warum ist euch der Engel so teuer, und kann man euch nicht einen
anderen ebensolchen verschaffen?«

»Er ist uns deshalb so teuer,« antworteten wir, »weil er uns beschützt
hat; einen anderen können wir aber nicht bekommen, weil dieser in
schwerer Zeit von gottesfürchtiger Hand gemalt und von einem Priester
des alten Glaubens nach dem Brevier des Pjotr Mogila geweiht worden ist.
Jetzt aber haben wir weder Priester noch jenes Brevier.«

»Aber wie wollt ihr ihn entsiegeln, wo doch der Siegellack das ganze
Gesicht ausgebrannt hat?«

Wir antworteten:

»Euer Gnaden, was das anbelangt, so haben Sie keine Sorge: wenn wir ihn
nur in unsere Hände bekommen, wird er, unser Beschützer, schon selbst
für sich sorgen. Er ist keine Handelsware, sondern eine echte
Stroganower Arbeit, und die Stroganower wie die Kostromaer Lacke sind so
zubereitet, daß das Bild nicht einmal den Feuerbrand zu fürchten
braucht, er läßt das Harz an die zarten Farben nicht einmal heran.«

»Seid ihr davon überzeugt?«

»Ja, das sind wir: dieser Lack ist so stark wie der alte russische
Glaube selbst.«

Er schimpfte noch auf jene, die ein solches Kunstwerk nicht zu schätzen
verstanden hatten, gab uns die Hand und sagte nochmals:

»Nun, verzagt nicht, ich bin euer Helfer, wir werden euern Engel
bekommen. Braucht ihr ihn für lange?«

»Nein,« antworteten wir, »für ganz kurze Zeit.«

»Nun, dann sage ich den Leuten, daß ich für euren versiegelten Engel
kostbare goldene Beschläge machen lassen will, und wenn man ihn mir dann
gibt, vertauschen wir ihn. Gleich morgen will ich mich daran machen.«

Wir dankten ihm und erwiderten:

»Herr, unternehmen Sie bitte morgen und auch übermorgen noch nichts.«

»Warum das?« fragte er.

Wir antworteten:

»Weil wir, Herr, vor allen Dingen ein Bild zum Vertauschen haben müssen,
das dem echten wie ein Wassertropfen dem andern gleicht. Solche Meister
gibt es hier aber nicht und werden auch in der Nähe nicht zu finden
sein.«

»Das ist eine Kleinigkeit,« sagte er, »ich werde euch selbst aus der
Stadt einen Künstler mitbringen, der nicht nur Kopien malt, sondern
selbst vortreffliche Porträts.«

»Nein,« antworteten wir, »tun Sie das bitte nicht: erstens würde durch
diesen weltlichen Maler vielleicht ein unziemliches Gerede entstehen,
zweitens kann ein Maler diese Aufgabe gar nicht erfüllen.«

Der Engländer glaubte es nicht, und so trat ich vor und legte ihm den
ganzen Unterschied klar: daß die jetzigen weltlichen Maler eine andere
Kunstart haben, daß sie nämlich mit Ölfarben malen, während dort die
Farben mit Eiweiß angerieben werden und ganz zart sind. In der neuen
weltlichen Malerei ist die Darstellung hingeschmiert und erscheint nur
in einiger Entfernung natürlich, während hier alles fließend und noch in
der Nähe deutlich ist. Einem weltlichen Maler würde selbst die
Wiedergabe der Zeichnung nicht gelingen, weil sie nur gelernt haben, den
irdischen Körper abzubilden und was den körperlichen Menschen ausmacht,
während in der heiligen russischen Ikonenmalerei der verklärte
himmlische Leib dargestellt wird, den sich der materielle Mensch nicht
einmal vorstellen kann.

Das interessierte ihn, und er fragte:

»Aber wo gibt es denn solche Meister, die sich heute noch auf diese
besondere Art verstehen?«

»Sie sind heute,« berichtete ich ihm weiter, »sehr selten, und selbst
damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im Dorfe Mstera lebt ein
Meister namens Chochlow, aber er ist schon hoch in den Jahren und kann
die weite Reise nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die
werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns weder die Msterer
noch die Palichower Meister.«

»Weshalb denn das?« forschte er weiter.

»Weil sie,« antwortete ich, »eine andere Manier haben: bei den Msterern
ist die Zeichnung schwerfällig und der Farbton trüb, bei den Palichowern
dagegen ist der Ton türkisfarbig, alles schimmert bei ihnen bläulich.«

»Was soll man nun machen?« fragte er.

»Ich weiß es selbst nicht,« antwortete ich. »Ich habe zwar gehört, es
gäbe in Moskau noch einen guten Meister, namens Ssilatschow. Er hat in
ganz Rußland, auch bei den Unsrigen einen guten Namen, aber er
entspricht mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen Art.
Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung mit den klarsten heiligsten
Farben, so daß uns einzig der Meister Ssewastian von der Wolga helfen
könnte, aber der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch
ganz Rußland, macht bei den Altgläubigen Ausbesserungen, und niemand
weiß, wo er zu finden ist.«

Der Engländer hatte meinen ganzen Bericht mit Vergnügen angehört,
lächelte ein wenig und antwortete:

»Ihr seid sehr wunderliche Leute,« sagte er, »aber wenn man euch zuhört,
wird es einem wohl, denn ihr scheint alles, was euch angeht, gut zu
kennen und sogar in der Kunst Bescheid zu wissen.«

»Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfaßt haben, Herr?« sage
ich: »Hier handelt es sich doch um Gotteskunst, und bei uns gibt es
unter den ganz einfachen Bauern so große Liebhaber dieser Kunst, daß sie
nicht nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum Beispiel eine
von der anderen unterscheidet, die Ustjuger oder die Nowgoroder, die
Moskauer oder die Wologdaer, die Sibirische oder die Stroganower,
sondern die sogar in derselben Schule die Werke der berühmten, alten
russischen Meister fehlerlos unterscheiden.«

»Kann denn das sein?«

»Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen von der eines anderen
unterscheiden, so auch jene«, antwortete ich. »Sie schauen nur hin und
sehen gleich, ob es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.«

»An welchen Merkmalen?«

»Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in der Raumverteilung,
in den Gesichtszügen und in den Bewegungen.«

Er hörte immerfort zu, und ich erzählte ihm, was ich über die Malerei
eines Uschakow und eines Rubljow wußte, und vom ältesten russischen
Maler Paramschin, dessen Heiligenbilder unsere gottesfürchtigen Fürsten
und Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie sogar in ihren
Vermächtnissen befahlen, diese Ikonen wie ihren Augapfel zu hüten.

Der Engländer zog gleich sein Notizbuch heraus, ließ mich den Namen
dieses Malers wiederholen und fragte, wo man Arbeiten von ihm sehen
könnte. Aber ich antwortete:

»Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine Erinnerung an sie
zurückgeblieben.«

»Wo sind sie denn geblieben?«

»Ich weiß nicht,« sagte ich, »ob man sie zum Pfeifenreinigen verwendet
oder bei den Deutschen gegen Tabak eingetauscht hat.«

»Es kann nicht sein!«

»Im Gegenteil,« antwortete ich, »es kann sehr wohl sein, es gibt
Beispiele dafür: der römische Papst hat im Vatikan ein Triptychon, das
unsere russischen Ikonenmaler Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten
Jahrhundert gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so
wunderbar sein, daß selbst die größten ausländischen Maler, die sie
sahen, vor diesem wundervollen Werk in Begeisterung gerieten.«

»Aber wie ist es nach Rom gekommen?«

»Peter der Erste hat es einem ausländischen Mönch geschenkt, und der hat
es verkauft.«

Der Engländer lächelte ein wenig, wurde dann nachdenklich und sagte
leise, daß bei ihnen in England jedes Bildchen von Geschlecht zu
Geschlecht bewahrt werde und daß es so für seine Herkunft selbst Zeugnis
ablege.

»Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte,« sagte ich, »das
Band der Überlieferungen der Vorfahren ist zerrissen, damit alles neu
erscheine, als sei das ganze russische Geschlecht erst gestern von der
Henne in den Nesseln ausgebrütet worden.«

»Wenn die bei euch gezüchtete Unwissenheit so groß ist, warum bemühen
sich dann nicht wenigstens diejenigen, die die Liebe zum Heimatlichen
bewahrt haben, die einheimische Kunst zu erhalten?«

Ich antwortete: »Es ist niemand da, Herr, der uns unterstützen würde,
denn in den neuen Kunstschulen verfault allerorts das Gefühl, und der
Verstand unterwirft sich der Eitelkeit. Die Fähigkeit zur hohen
Begeisterung ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet
und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler haben damit
begonnen, den Erzengel Michael nach dem Bildnis des Fürsten Potjomkin
von Taurien darzustellen, und jetzt sind sie so weit, daß sie Christus
den Erlöser als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen
erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schließlich noch andere
Dinge malen und verlangen, daß man die als Gottheit verehre. Hat man
doch in Ägypten einen Stier und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet;
nur wir werden uns nicht vor den fremden Göttern beugen und werden das
Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlösers anerkennen. Ja, so
kunstfertig diese Bilder auch sein mögen, wir halten sie für eine
herzlose Frechheit und wollen von ihnen nichts wissen, weil es in der
Überlieferung der Väter heißt, daß die Ergötzung der Augen die Reinheit
der Vernunft zerstört, wie ein schadhafter Wasserspeier das Wasser
trübt.«

Damit schloß ich und schwieg, aber der Engländer sagte:

»Fahre fort, mir gefällt es, wie du urteilst!«

Ich antwortete: »Ich habe schon alles erzählt.« Er aber erwiderte:

»Nein, erzähle mir noch, was ihr unter einem beseelten Bilde versteht.«

Diese Frage, meine werten Herren, war für einen einfachen Menschen
ziemlich schwierig, aber es war nichts zu machen, und ich begann zu
erzählen, wie in Nowgorod der Sternenhimmel gemalt ist, und dann
berichtete ich von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu
Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflügelte Erzengel stehen, die
natürlich keine Ähnlichkeit mit dem Fürsten Potjomkin haben, und auf den
Stufen der Vorhalle die Erzväter und Propheten dargestellt sind, unter
ihnen Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra und Stab,
und auf der anderen Seite der Stufen König David mit der Krone, der
Prophet Jesaias mit der Schriftrolle, Hesekiel mit der Geschlossenen
Pforte, Daniel mit dem Stein, und um diese Fürbitter, die den Weg zum
Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die der Mensch diesen
Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das Buch mit den sieben Siegeln als die
Gabe der Allweisheit, der siebenarmige Leuchter als die Gabe der
Vernunft, die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben Posaunen
als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten von sieben Sternen als
die Gabe der Gesichte, die sieben Räucherbecken als die Gabe der
Frömmigkeit und die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. »Sehen
Sie,« sagte ich, »eine solche Darstellung ist erhebend.«

Der Engländer antwortete: »Verzeih mir, mein Lieber, ich verstehe nicht,
weshalb du dies erhebend nennst.«

»Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, daß es dem Christenmenschen
ansteht, zu beten und darnach zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes
unsagbarem Glanze zu erheben.«

»Ja,« erwiderte er, »das kann aber doch ein jeder aus der Schrift und
aus dem Gebete erfassen.«

»Nein, durchaus nicht,« antwortete ich, »es ist nicht jedem gegeben, die
Schrift zu verstehen, und dem, der sie nicht versteht, gibt auch das
Gebet nur Finsternis. Mancher hört die Verheißung der großen und reichen
Gnade und schließt daraus, daß damit Geld gemeint sei und betet voller
Habsucht; sieht er aber vor sich den himmlischen Glanz dargestellt, so
vergißt er hierüber das höchste irdische Glück und sieht ein, daß er
dieses Ziel erreichen müsse, weil dort alles so klar und einleuchtend
geschildert ist. Hat dann der Mensch für seine Seele zunächst die Gabe
der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie sich gleich, von der irdischen
Schwere befreit, von Stufe zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr
vom Überfluß der göttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint dem
Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer Ruhm nur als
verabscheuungswürdig vor dem Herrn.«

Der Engländer erhob sich von seinem Platze und sagte lächelnd: »Und ihr,
Sonderlinge, was erbetet ihr euch?«

»Wir beten,« antwortete ich, »um ein christliches Ende und um ein mildes
Gericht am jüngsten Tag.«

Er lächelte wieder und zog plötzlich an einer goldgelben Schnur; ein
grüner Vorhang ging auf, und hinter ihm saß seine Frau, die Engländerin,
auf einem Sessel und strickte vor einer Kerze mit langen Stricknadeln.
Sie war eine schöne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig
russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und hatte gewiß
unser Gespräch mit ihrem Manne über die Religion mit anhören wollen.

Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang, der sie verdeckt hatte,
zurückgezogen, als die Gute sogleich wie erschrocken aufstand, an mich
und Luka herantrat und uns Bauern ihre beiden Händchen entgegenstreckte.
In ihren Augen blinkten Tränen, und sie sagte:

»Gute Menschen, gute russische Menschen!«

Ich und Luka küßten ihr für dieses gute Wort beide Hände, aber sie
drückte ihre Lippen auf unsere Bauernköpfe.

Der Erzähler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem Ärmel, wischte sie
still und flüsterte dann: »Sie war eine rührende Frau.« Nachdem er sich
gefaßt hatte, fuhr er fort:

Nach ihrer freundlichen Tat begann die Engländerin ihrem Manne etwas in
ihrer Sprache auseinanderzusetzen. Wenn wir es auch nicht verstanden, so
hörten wir an der Stimme, daß sie ihn für uns bat. Und der Engländer
freute sich über die Güte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte
der Frau immerfort das Köpfchen und girrte in seiner Sprache wie eine
Taube: »Gut, gut«, oder was er ihr sonst gesagt haben mag; aber es war
ersichtlich, wie er sie lobte und sie in etwas bestärkte. Dann trat er
an seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine heraus und sagte:

»Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen
Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst, damit er euch
anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch für meine Frau etwas in eurer
Art malen; sie will ihrem Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch
für eure Bemühungen und Auslagen das Geld.«

Sie aber lächelt durch die Tränen und entgegnet rasch: »Nein, nein,
nein, das ist von ihm, aber ich will von mir extra.« Und mit diesen
Worten geht sie zur Tür hinaus und bringt einen dritten Hunderter.

»Mein Mann,« sagt sie, »hat mir das für ein Kleid geschenkt, aber ich
will kein Kleid, ich stifte es euch.«

Wir weigern uns natürlich es anzunehmen, aber sie will davon gar nichts
hören und läuft hinaus, während er sagt:

»Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt, was sie euch gibt.«
Damit wendet er sich weg und sagt: »Geht jetzt, ihr Sonderlinge!«

Wir waren durch diese Verabschiedung natürlich nicht beleidigt, weil wir
wohl bemerkt hatten, daß sich der Engländer von uns weggewandt hatte,
nur um seine Rührung vor uns zu verbergen.

So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen Landsleute in ihrer
Herzensfinsternis verurteilt, und die englische Nation hat uns getröstet
und unserer Seele den Eifer wiedergegeben.

Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzählung dem Ende zu, und
ich will Ihnen in Kürze berichten, wie ich meinen lieben,
»silbergezäumten« Lewontij mitnahm, wie wir nach dem Ikonenmaler
auszogen, welche Ortschaften wir durchwanderten, was für Leute wir
sahen, welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt
fanden, was wir verloren hatten und womit wir zurückkehrten.



                           ZEHNTES KAPITEL


Für einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der
Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen
Kameraden sind selbst die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir
ward diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij zuteil. Wir
machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen unsere Bündel, hatten eine
hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens
und auch des Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit,
der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie
Handelsleute unseres Wegs und hatten für alle Fälle Ausflüchte bereit,
hatten aber natürlich stets nur unsere Sache im Auge.

Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der
Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat,
nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir
schließlich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir,
ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen haben in dir
keinen Trost gefunden!

Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, daß wir in
Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir
überzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort
nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet ist,
sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darüber
zu schämen, weil wir dort nur solches sahen, was für den friedlichen
Gläubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir
darüber.

Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige,
aber was nützte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten,
von dem die väterlichen Überlieferungen berichten. Bevor sich die
gottesfürchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten,
fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für wenig Geld
das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber
jene malen nur für eine kurze Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren
nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in
ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und
selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu malen, wodurch jene die
wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und über der
Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so
daß sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen zu
erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie sich in den Schenken
zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrügereien verüben, Wein
trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber
gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um sie herum sitzen
die Altertumshändler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die
altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und
fälschen, räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß hinein.
Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, nach den Vorbildern der
alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altüberlieferten
Art auf. Aus gewöhnlichen Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den
alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen
herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene
Leichtgläubige als echte Taufbecken »aus den Zeiten des Grausamen«.
Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles
Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen
einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und
treiben es so, daß man sich für sie schämen muß, wenn man überall die
Sünde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese
Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst
unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich für diesen
unehrlichen Handel interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer
einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit
einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niederträchtige Weise
ein gefälschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz
offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen mit
den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als
bäuerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unerträglich,
daß wir uns darüber grämten und erschraken:

»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter unglücklicher
Glaube derartig entstellt worden ist?« Und indem ich mir das denke, sehe
ich, daß auch er dasselbe in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir
sprachen nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich mein
Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete.

Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt in der Verwirrung
seines Herzens nur nicht auf unnötige Gedanken kommen möge; und ich sage
ihm:

»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?«

Und er antwortet:

»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.«

»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die Eriwaner Schenke und
versuchen dort einen Ikonenmaler zu überreden. Heute haben zwei
versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon
eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.«

Aber Lewontij antwortet:

»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.«

»Warum gehst du nicht mit?« frage ich.

»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.«

Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich
ihn wieder auf:

»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.«

Aber er verneigt sich rührend und bittet:

»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu Hause bleiben.«

»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer
mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner
Hilfe, mein Täubchen.«

»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich
nicht auf, dorthin zu gehen, wo man ißt und trinkt und unziemliche Reden
über das Heilige führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.«

Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, und es traf mich ins
Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend
hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie
widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit
mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig Rubel eine Ikone
verkauft und ging weg; der andere aber sagte:

»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht betest.«

Ich frage: »Warum?«

Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt er mit dem
Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die Farbschicht ab, und auf
dem Grund darunter ist ein Teufelchen mit einem Schwanz gemalt. Er
kratzt an einer anderen Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist
wieder ein Teufelchen.

»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen.

»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir bestellen sollst«.

Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten und verabredet
hatten, an mir schlecht und unehrlich zu handeln. Ich ließ ihnen die
Ikone zurück und ging fort, die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß
mein Lewontij, dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht gesehen
hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in den Fenstern des Stübchens,
das wir gemietet hatten, kein Licht, sondern höre von dort ein leises,
zartes Singen. Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und er
singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in Tränen badete. Ich
trete leise ein und bleibe, damit er mich nicht hört, vor der Türe
stehen und höre, wie er die Josephsklage singt:

   »Wem soll ich meine Trauer sagen,
   Wen rufe ich zum Weheklagen?«

Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist ohnedies so klagevoll,
daß man ihn nicht gleichgültig anhören kann, und Lewontij singt ihn und
weint und schluchzt dabei:

   »Meine Brüder haben mich verkauft.«

Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter stehe und singt
weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage über die Sünde der Brüder.

Diese Worte können einen Menschen immer erregen, mich erregten sie aber
jetzt besonders, da ich doch eben von ähnlich streitenden Brüdern
weggegangen war. Die Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst
aufschluchzte. Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!«

»Was denn, mein guter Junge?« sage ich.

»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen wird?« fragt er.

»Rahel,« antworte ich.

»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel, jetzt hat es aber
eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.«

»Wieso geheimnisvoll?« frage ich.

»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.«

»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich, was du hier
grübelst?«

»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen, daß unser Erlöser
sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil wir ihn nicht mit einigen Herzen
und einigen Lippen suchen.«

Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur damit hinaus? Und ich
sage ihm:

»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller aus Moskau fort in
die Gegend von Nischnij-Nowgorod, um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu
suchen; ich habe heute gehört, daß er dort umherzieht.«

»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält mich schmerzhaft
ein böser Geist, aber dort sind Wälder, die Luft ist reiner, und dort,
hörte ich, lebt auch der Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und
Zorn, den ich gern gesehen hätte.«

»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng, »dient der herrschenden
Kirche, was haben wir mit ihm zu schaffen?«

»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er: »Ebendeshalb will ich
ihn ja sehen, um zu begreifen, was für ein Segen auf der herrschenden
Kirche ruht.«

Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das für ein Segen?,«
aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht hat als ich, da er darnach
drängt, zu erforschen, während ich einfach verwerfe, was ich nicht
kenne, und in meinem Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn
entgegne.

»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich, »richten sich in
ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, sondern nach dem Tor des
Aristoteles und bestimmen den Weg auf dem Meere nach dem Stern des
heidnischen Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt
gemeinsam haben?«

Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat nie einen Gott
Remphan gegeben, sondern alles ist durch die eine Allweisheit
geschaffen.«

Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die Kirchlichen trinken
Kaffee«.

»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij; »Der Kaffee ist
eine Bohne und wurde dem König David als Geschenk dargebracht.«

»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?«

»Ich hab es in Büchern gelesen.«

»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht geschrieben.«

»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er.

»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß gar nicht mehr, was
ich sagen soll, und poltere los:

»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.«

»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.«

»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch unrein ist, von
Eselsart, Zwittereigenschaften hat und beim Menschen dickes,
melancholisches Blut erzeugt?«

Aber Lewontij lacht nur und sagt:

»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.«

Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht klar wußte, was in der
Seele dieses gesegneten Jünglings vorging; ich war nur sehr erfreut, daß
er nicht weitersprechen wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz
nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich denn und dachte
mir nur, während ich mich niederlegte:

»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. Morgen werden wir
aufstehen und uns auf den Weg machen; dann wird sich alles in ihm
zerstreuen.« Für alle Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen,
einige Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu zeigen, daß
ich noch sehr zornig auf ihn sei.

Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter nicht die Kraft
auf, mich böse zu stellen, und so begannen wir bald wieder miteinander
zu sprechen, und nicht über göttliche Dinge, weil er viel belesener war
als ich, sondern über die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wälder
anregten, durch die unser Weg führte. Ich bemühte mich, mein Moskauer
Gespräch mit Lewontij zu vergessen, und entschloß mich, auf der Hut zu
sein und nicht irgendwie auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoßen,
der Lewontij so begeistert hatte und über dessen erhabenen Lebenswandel
ich selbst unfaßbare Wunder von kirchlich Gläubigen gehört hatte.

»Nun,« denke ich mir, »was soll ich mir große Sorgen machen, wenn ich
ihm aus dem Wege gehe? Er selbst wird uns doch gewiß nicht suchen.«

Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten und kommen
schließlich in Ortschaften, in denen wir Kunde davon erhalten, daß der
Ikonenmaler Ssewastjan die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von
Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm schon auf
frischer Fährte, wir erreichen ihn fast und können ihn doch nicht
einholen. Wir laufen wie gekoppelte Hunde, legen Strecken von zwanzig
bis dreißig Werst ohne Rast zurück, aber wenn wir irgendwohin kommen, so
sagt man uns:

»Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.«

Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen.

Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij in Streit. Ich sage:
»wir müssen rechts gehen«, und er sagt: »links«. Schließlich hätte er
mich beinahe überredet, aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen
also und gehen, und schließlich merke ich, daß ich nicht mehr weiß,
wohin wir geraten sind, und daß weder ein Pfad, noch eine Spur
weiterführt.

Ich sage dem Jüngling: »Kehren wir um, Ljowa!«

Aber er antwortet: »Nein ich kann nicht mehr weitergehen, Onkel, ich
habe keine Kraft mehr.«

Ich frage besorgt: »Kindchen, was fehlt dir denn?«

Und er erwidert: »Siehst du denn nicht, wie mich der Frost schüttelt?«

Ich sehe, wie er am ganzen Körper zittert und wie seine Augen
umherirren. So plötzlich war es geschehen, meine werten Herren. Er hat
über nichts geklagt, ist flink einhergegangen, und nun setzt er sich mit
einem Male in einem Wäldchen aufs Gras, lehnt seinen Kopf an einen
hohlen Baumstumpf und sagt:

»Oh, mein Kopf, oh mein Kopf! Mein Kopf brennt wie Feuerflammen. Ich
kann nicht weiter gehen, ich kann keinen Schritt mehr machen.« Und damit
neigt sich der Arme zur Erde und fällt hin.

Dies geschah gegen Abend.

Ich war sehr erschrocken, und während ich wartete, ob sein Anfall nicht
nachlassen würde, brach die Nacht herein. Es war Herbstzeit und trüb,
die Gegend war unbekannt, ringsum nichts als Fichten und alte Tannen,
und der Knabe starb einfach hin. Was sollte ich tun? Unter Tränen sagte
ich ihm:

»Ljowuschka, Väterchen, raff dich zusammen, vielleicht erreichen wir ein
Nachtlager.«

Aber er neigt das Köpfchen zur Seite, wie eine abgemähte Blume, und
spricht wie im Fiebertraum:

»Rühr mich nicht an, Onkel Marko, rühr mich nicht an und fürchte dich
nicht.«

Ich sage: »Ich bitte dich, Ljowa, wie soll man sich in solch einer
unwegsamen Einöde nicht fürchten?«

Aber er sagt: »Wache, und du wirst behütet werden.«

Ich denke: »Herrgott, was ist denn mit ihm los?« Trotz meiner Angst
beginne ich zu horchen, und es scheint mir, als höre ich tief im Wald
etwas knistern. »Gnadenreicher Herr!« denke ich mir: »Das ist gewiß ein
wildes Tier, das uns gleich zerreißen wird!« Lewontij kann ich schon
nichts mehr zurufen, denn ich sehe, daß er gleichsam aus sich selbst
herausgeflogen ist und mir enteilt, und so bete ich nur noch: »Engel
Christi, beschütze uns in dieser schrecklichen Stunde!« Das Knistern
kommt immer näher und ist schon dicht bei uns. Ich muß Ihnen hier, meine
werten Herren, eine große Gemeinheit gestehen: ich war so verzagt, daß
ich den kranken Lewontij an der Stelle, an der er lag, zurückließ,
schneller als eine Eichkatze auf einen Baum kletterte, mich auf einen
Ast setzte, mein Säbelchen zog und, mit den Zähnen wie ein erschreckter
Wolf klappernd, wartete, was da kommen würde.

Plötzlich sehe ich aus der Dunkelheit, an die sich meine Augen bereits
gewöhnt haben, etwas heraustreten, aber ich kann durchaus nicht
erkennen, ob es ein Tier oder ein Räuber ist. Aber wie ich genauer
hinschaue, kann ich genau unterscheiden, daß es weder das eine, noch das
andere ist, sondern ein kleiner Greis in einer Kutte; ja, ich kann sogar
das Beil erkennen, das er im Gürtel stecken hat, und das große
Holzbündel auf seinem Rücken. Er kommt auf die Lichtung heraus, atmet
hastig, als wolle er die Luft von allen Seiten her einsammeln, wirft
dann mit einem Male sein Bündel zur Erde und geht sofort, als habe er
die Nähe eines Menschen gewittert, gerade auf meinen Gefährten zu. Er
tritt an ihn heran, beugt sich über ihn, schaut ihm ins Gesicht, nimmt
ihn dann bei der Hand und sagt: »Steh auf, Bruder.« Und was glauben Sie?
Ich sehe, wie er Lewontij aufstehen hilft, ihn zu seinem Bündel führt,
es ihm auf die Schultern legt und sagt: »Trag es hinter mir her!« Und
Lewontij trägt es.



                            ELFTES KAPITEL


Sie können sich vorstellen, meine werten Herren, wie ich vor solch einem
Wunder erschrecken mußte. Woher war dieser stille, gebieterische Alte
gekommen, und wie hatte mein Ljowa, der noch eben dem Tode nahe schien,
die Kraft gewonnen, gleich das Holzbündel zu tragen!

Ich stieg, so schnell ich vermochte, vom Baum herunter, warf mein
Säbelchen an seinem Strick auf den Rücken, brach mir für alle Fälle
einen verläßlichen kräftigen Knüppel und eilte ihnen nach. Ich hatte sie
bald eingeholt und sah: der Alte ging voran und war genau so, wie er mir
im ersten Augenblick erschienen war, -- klein und bucklig, das Bärtchen
auf beiden Wangen buschig und weiß wie Seifenschaum, und mein Lewontij
folgte schnell seiner Spur und blickte mich dabei unverwandt an. Aber
wenn ich ihn ansprach und mit der Hand berührte, schenkte er mir nicht
die geringste Aufmerksamkeit und ging wie im Schlaf daher.

Ich trat an den Alten heran und rief:

»Verehrter!«

Und er erwiderte: »Was willst du?«

»Wohin führst du uns?«

»Ich führe niemanden,« sagte er, »alle führt Gott.«

Bei diesen Worten blieb er stehen, und ich sah, daß sich vor uns eine
niedrige Mauer mit einem Tor erhob, und in dem Tor ein kleines Pförtchen
angebracht war. Der Alte begann daran zu klopfen und rief: »Bruder
Miron! Bruder Miron!«

Aber von drinnen antwortet unwirsch eine grobe Stimme:

»Wieder hast du dich nachts herumgetrieben. Bleib im Wald zu Nacht! Ich
lasse dich nicht herein!«

Doch der kleine Greis begann zu flehen und freundlich zu bitten:

»Laß ein, Bruder!«

Plötzlich riß der Grobian von innen die Türe auf, und ich sah einen
Menschen in der gleichen Kutte, wie sie der Alte trug, vor mir. Er war
ein roher Kerl, und kaum hatte der Alte die Füße über die Schwelle
gesetzt, als jener ihm einen Stoß versetzte, daß er beinahe zur Erde
gefallen wäre. Aber er sagte:

»Segne dich Gott, mein Bruder, für diesen Dienst.«

»Heiland«, denke ich mir, »wohin sind wir geraten!«

Und plötzlich erleuchtet und entsetzt es mich wie ein Blitz:

»Gott sei mir gnädig! Wenn es nur nicht Pamwa, der zornlose Einsiedler
ist. Dann wäre es besser gewesen, ich wäre im dunklen Wald umgekommen
oder hätte mir bei einem wilden Tier oder einem Räuber ein Lager
gesucht, als unter diesem Dache!«

Kaum hatte er uns in seine kleine Hütte hineingeführt und ein gelbes
Wachslicht angezündet, als ich schon erriet, daß wir uns wirklich in
einer Waldeinsiedelei befanden. Und ich kann mich nicht mehr beherrschen
und frage:

»Verzeih mir, gottesfürchtiger Mann, wenn ich dich frage, ob es sich für
mich und meinen Gefährten geziemt, hier zu bleiben, wohin du uns geführt
hast?«

Er aber antwortet:

»Gottes ist die ganze Erde, und gesegnet sind alle Lebenden. -- Lege
dich hin und schlafe!«

»Nein«, erwidere ich, »erlaube, daß ich dir sage: wir gehören dem alten
Glauben an.«

»Wir sind alle vom Leibe Christi, er umfängt uns alle.«

Und damit führt er uns in einen Winkel, wo auf dem Boden eine dürftige
Lagerstatt aus Matten hergerichtet ist und am Kopfende ein mit Stroh
bedeckter Holzklotz liegt, und sagt zu uns beiden: »Schlaft!«

Mein Lewontij legt sich als gehorsamer Junge gleich hin, während ich
meine Vorsicht beibehalte und frage:

»Verzeih, Mann Gottes, noch eine Frage ...«

Er antwortet: »Wozu fragen: Gott weiß alles.«

»Nein, sage mir: wie heißt du?«

Aber er erwidert mit dem für ihn ganz unpassenden Weiberspruch:

»Man nennet mich den Enterich, wie man mich heißt, das weiß ich nicht.«
Und mit diesen leeren Worten kriecht er mit seinem Lichtlein in eine
kleine Kammer, eng wie ein Holzsärglein, aber hinter der Wand vernimmt
man wieder die Stimme des Grobians:

»Untersteh dich nicht, Licht zu brennen: du zündest noch die Zelle an.
Aus dem Büchlein kannst du am Tage beten, jetzt aber bete im Dunkeln.«

»Ich werde nicht, Bruder Miron«, antwortet jener, »ich werde nicht.« Und
bläst das Lichtlein aus.

Ich flüstere: »Vater, wer ist es, der Euch so barsch bedroht?«

»Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er behütet mich.«

»Nun ist es aus«, denke ich mir, »es ist der Einsiedler Pamwa. Es kann
niemand anders sein, als er, der Zorn- und Neidlose. Jetzt ist das
Unglück da! Er hat uns hieher gebracht und sengt uns jetzt, wie der
Feuerbrand das Fett. Das einzige, was übrigbleibt, ist, morgen beim
Morgengrauen Lewontij von hier zu entführen und zu fliehen, damit er
nicht wisse, wo wir sind.« Ich klammerte mich an diesen Plan und
beschloß nicht zu schlafen, um den Jüngling beim ersten Morgenschimmer
zu wecken und zu fliehen.

Um nicht einzuschlafen und womöglich zu verschlafen, liege ich da und
spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis, wie es der alte Glaube
vorschreibt, und wenn ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu:
»Dieser Glaube ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische,
dieser Glaube hält das All ...« und beginne von neuem. Ich weiß nicht,
wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt habe, um nicht
einzuschlafen, aber gewiß waren es viele Male. Und auch der Alte betet
noch immer in seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in
den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt. Und plötzlich
meine ich ein Gespräch zu hören, und was für eines ... ein ganz
unerklärliches ... als sei Lewontij beim Starez eingetreten und spräche
mit ihm über den Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander
nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir lange vor Augen, und
ich hatte darüber schon vergessen, mein Glaubensbekenntnis zu
wiederholen. Da glaube ich zu hören, wie der Starez dem Jüngling sagt:
»Gehe und entsündige dich!« Und jener antwortet: »Ja, ich will mich
entsündigen.« Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen, ob es im Traume
oder in der Wirklichkeit geschehen ist, aber sicher habe ich darauf
lange geschlafen. Wie ich endlich erwache, sehe ich: es ist heller Tag,
und der Starez, unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale
durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien hält. Ich beginne
ihn aufmerksam zu betrachten:

Ach, wie schön ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein Engel vor mir säße
und für seine Erdenwandlung in unscheinbarer Gestalt Bastschuhe flechte.
Ich betrachte ihn und sehe, daß auch er mich anschaut, lächelt und sagt:

»Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans Werk zu gehen.«

Ich erwidere: »Was ist denn mein Werk, gottesfürchtiger Mann? Oder weißt
du alles?«

»Ich weiß, ich weiß,« sagt er, »macht denn der Mensch einen weiten Weg
ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen die Wege Gottes. Helfe dir Gott in
deiner Demut.«

»Was sagst du, heiliger Mann, meine >DemutEreignis] zu sprechen kommen, das
den Höhepunkt der Leidenschaften und der moralischen Verwirrung
Wischnewskijs darstellt und nach dem seine Geliebten einander wieder in
rascher Folge ablösten, ohne jene beschriebene Höhe zu erreichen;
Wischnewskij ließ aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen.

Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermögen, die übrigen
Seiten seiner Tätigkeit und seines Charakters.



                          SIEBENTES KAPITEL


In keiner der Erzählungen, die ich über Wischnewskij hörte, nimmt er als
Vater und Erzieher eine charakteristische Stellung ein; er wird
ausschließlich als »Erzeuger« erwähnt. Im übrigen wird berichtet, daß,
als um jene Zeit in Petersburg »die Institute eingeführt wurden« und der
eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung erhielt,
seine Töchter zur Erziehung dorthin zu bringen, Wischnewskij nach
Petersburg reiste und seine Tochter persönlich hinbrachte. Jedoch wird
dieser Umstand nicht erwähnt, um die väterliche Fürsorge Wischnewskijs
zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem anderen interessanten
Ereignis in Verbindung steht, von dem später berichtet werden wird. Auch
als Gutsbesitzer, in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Züchtiger
der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij keine besondere
Originalität, sondern führte die Herrschaft, »wie sie von alter Zeit her
geführt wurde.« Alles wurde durch Leibeigene und gemietete rechtgläubige
oder polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige Polen in
seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft hegte, über die er
sich aber gerne lustig machte. Auch einige Juden waren da, die der
Psychopath auf verschiedene Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen
von ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer wieder zu
ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war und ihnen manchen Verdienst
zukommen ließ. Im übrigen benützte er die Juden als Kommissionäre. Aber
Gott sei dem gnädig, der ihn betrog! Er ließ ihn mit Ruten und Peitschen
schlagen und quälte ihn fast noch mehr durch Furcht.

Wischnewskij war auch Patriot, was sich à la longue in seiner Vorliebe
für den kleinrussischen Kaftan und die kleinrussische Sprache äußerte,
und zudem -- in seiner Verachtung für die Ausländer. Besonders wenig
schätzte er die Deutschen, die er aus zwei Gründen nicht achten konnte:
erstens, weil sie »stockbeinig« sind, und zweitens, weil ihm ihr Glaube
nicht gefiel, -- »sie verehren die Heiligen nicht«. Stepan Iwanowitsch
nahm von sich an, daß er »die Heiligen verehre«. Er war in
Glaubenssachen vollkommen unwissend und kritiklos und ließ sich auch
nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand, daß dies eine
»Sache der Popen« sei; er »beschützte und verteidigte nur als Ritter
seinen Glauben vor allen Andersgläubigen«. Er sah in diesem Punkte mit
den Augen des einfachen Volkes, das nur die Rechtgläubigen zu den
Christen zählt, alle übrigen »andersbetenden« Christen für Ungläubige,
die Juden aber und »das ganze sonstige Pack« als unrein ansieht. Aber
auch der Ausländer, ja sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan
Iwanowitschs gelangen, und einer -- gerade ein Deutscher -- lebte sogar
in seinem Hause und genoß sein Vertrauen; doch bevor sich der
»Ungläubige« ihm nähern durfte, suchte sich das religiöse Gewissen
Wischnewskijs Genugtuung und Frieden mit sich selbst zu verschaffen.
Stepan Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Geständnis »keinen
Katechismus gelernt hatte«, hatte für den Empfang von Andersgläubigen
eine sehr konkret formulierte Frageordnung aufgestellt.

Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken: »Nun, wenn du
auch anders glaubst und betest als wir, den heiligen Wundertäter Nikola
achtest du doch gewiß?«

Der so geprüfte Andersgläubige wußte aus zuverlässigen Gerüchten, was
mit ihm geschehen würde, wenn er es wagen wollte zu sagen, daß er den
Wundertäter nicht verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt.
Er hätte sogleich erfahren, wie kräftig die Stühle sind, auf die Stepan
Iwanowitsch seine Gäste setzte, und wie biegsam die Weiden, die ihre
Zweige in das Wasser des Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersgläubige,
der das Glück hatte, Wischnewskij so weit für sich einzunehmen, daß er
schon mit ihm über den Glauben sprach, dies genau wußte, so antwortete
er ihm, wie es die Empfangsordnung verlangte:

»O ja«, erwiderte der also befragte »Andersbetende«, »wie sollte ich den
Nikola nicht achten, wo ihn doch die ganze Welt verehrt!«

»Nun, >die ganze Welt<, Bruder, da hast du doch etwas zuviel gesagt,«
versetzte Stepan Iwanowitsch; »du mußt wissen, daß der heilige Nikola
von Geburt Moskowite ist, du sollst aber unseren >russischen< Jurka
verehren.«

Das Wort »russisch« im Sinne des klein- oder südrussischen, wurde damals
scharf dem »moskowitischen«, großrussischen entgegengesetzt.
Moskowitisch und »russisch« waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und
auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch seine leiblichen
Augen sichtbar, die himmlischen dagegen wurden durch den Glauben
erkannt. Dem Glauben nach obliegen aber die großrussischen
Angelegenheiten der Sorge des wundertätigen Nikolai, des Patrons
Rußlands, die südrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der Fürsorge
des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen Jurij, oder wie man ihn
heute nennt, des heiligen Georg.

Jeder Andersgläubige, der die Prüfung über den heiligen Nikolai
bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij noch bestimmter, daß er
auch den heiligen Jurij verehre, »noch mehr, als den Nikola«.

Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung des Gastes
beendet, und dem nun Aufgenommenen wurde der Glaubensunterschied nie
mehr vorgeworfen. Ja, wenn jemand zufällig diesen Unterschied erwähnte,
so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte:

»Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola, aber noch mehr den
heiligen Jurka.«



                            ACHTES KAPITEL


Also genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert hatten, das
Vertrauen des Psychopathen, und ein Deutscher verwaltete sogar, beinahe
ohne Rechenschaft abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte
Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was Wischnewskij tat.

Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch nicht, sein
Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, damit niemand sähe, wie sich
eine Frau des wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen
einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen Schimpf aus, der den
Mächtigen selbst in den Augen eines Kindes erniedrigen mußte. Der
Deutsche war verpflichtet, im Sommer leichte Kleidung und im Winter
einen wattierten Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in
die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, der »für
sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf zu gehen. Dem Deutschen war
dieses Verbot auferlegt, damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen
käme, sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«.

In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen zu
sein, aber im Zusammenhang hatten sie zur Folge, daß der Deutsche sich
bei Stepan Iwanowitsch beklagte:

»Keine Möglichkeit.«

»Aber warum denn?«

»Alle laufen davon.«

Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen Schlafrock, mit
seiner Laterne und in Begleitung »des für sein Leben Verantwortlichen«
seinen nächtlichen Gang antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und
diejenigen, denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten.

Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ aber keine Änderung
an der von ihm eingeführten Ordnung zu.

»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich packen und verprügeln,
und ich habe dann niemanden, der mir für dich verantwortlich ist,« sagte
er, als sei er aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung
überzeugt; aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß, wenn er
mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach, seine »eine
Schnurrbartspitze lachte«.

Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel Sinnloses mit
Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich ergründen konnte, was
Ernst und was Scherz war.

Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so lange mit seiner
Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen im Gras einherging, bis ihm
einmal im Schuppen einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden und
der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach Hause trug, wo er
seine deutsche Seele unverzüglich Gott empfahl, die Seele, die hier in
Verehrung der Heiligen Nikolai und Georgij gelebt hatte.

Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen unter die
genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch doch für unpassend, ihn
innerhalb des Friedhofes zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren
östlichen Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung zu
begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, sondern einen großen
Stein darauf zu legen, damit die Müden sich setzen und ausruhen können.

In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner Art sehr
originellen Ton, der wie von seinem Humor, so auch vom Respekt vor dem
heimatlichen Glauben zeugte, welch letzterer sich weniger auf dem
Katechismus als auf den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott
allein weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, oder ob
ihn etwas anderes leitete.

Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu kennzeichnen, muß man
hinzufügen, daß er es durchaus nicht jedem gestattete, den Heiligen
Nikolai und Jurij anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen
anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den Respekt vor diesen
Heiligen aus aller Not und empfingen die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den
Juden aber erlaubte er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum Schutz
dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch nur eine Neigung dazu
verriet, unterwarf er einer Prüfung. Einmal hatte ihn ein Jude betrogen
und sollte dafür geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe
schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil verkündet hatte,
begann der Jude sich jämmerlich zu krümmen und zu schreien:

»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre auch den
Jurka ...«

Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten und fragte den
zitternden Juden:

»Was schreist du da?«

»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...«

»Laß das Stammeln, -- sage ruhig, wen du verehrst!«

»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola und den
Heiligen Jurka.«

»Nun, das tust du vergeblich.«

»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie doch gnädig sind,
vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.«

»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den Juden, Bruder,
haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren Moses, den ruf an, wenn man
dich prügelt. Aber dafür, daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen
so heilige Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn mit der
Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig für den heiligen Jurka,
damit er sich nicht mehr erfrecht, sie anzutasten.«

Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort und verabreichte
ihm zuerst getreulich, was ihm für den Betrug zukam, und dann eine
Zulage von weiteren fünfunddreißig Hieben für den nach der Meinung
Wischnewskijs unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und beim
heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang der beiden Heiligen
nicht gleich war, gab man ihm für den Nikolai nur zehn Hiebe, für den
heiligen Jurij aber fünfundzwanzig.

Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, sondern infolge der
größeren Liebe und Verehrung des Pan für den heiligen Jurij, »weil er
ein Russe und kein Moskowite ist«.



                           NEUNTES KAPITEL


Ich habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch sichtlich das
bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern« herkam, und muß jetzt den
Leser aufklären, damit er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei
Politiker gewesen, Separatist, oder, wie man es jetzt nennt,
Ukrainophile. Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, man wollte von
ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand in die Seele Wischnewskijs
eindringen können, so hätte er auch bei der strengsten Prüfung nichts
Politisches in ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie in
einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen ist, in dem
vermutlich alles vorhanden ist, aber niemand etwas finden kann.
Wischnewskij widersprach entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner
ersten Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten Stepanida
Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht der Schubinskijs. Wenn
sein Gesprächspartner Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte,
so begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen
Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat dies mit großem
Geschick und treffenden und bissigen Vergleichen. Er lobte dann eifrig
die Polen, besonders Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen
Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht nach
entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt und habe uns
erdrückt«. Aber äußerte sich jemand mit Bedauern über Polen, so
wechselte Stepan Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte
sich nach großrussischen Motiven.

»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig, aber weil sie
alle Könige sein wollten, schmiedeten sie gegen die Könige Ränke. Und so
gingen sie zugrunde und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber
vergaßen, was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und jeder die
unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine Seite zog.«

Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend:

»Dreck!«

Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger einer hohen Achtung
vor der Staatsgewalt, sondern im Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr
oft, ja fast bei jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen
Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei weder Demokrat noch
Nationalist in unserem jetzigen Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene
und anscheinend doch harmlose Einrichtung der Wahl der Stadthäupter
lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus nicht »Häupter« nennen,
sondern nannte sie anders. Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem
kurzen, aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan, wie ein
Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h. ein Herr, wie er sein
muß, ganz wie ein Auerochs aus der Bielowescher Wildnis nichts mit einem
gewöhnlichen Ochsen gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker
ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische Betrachtungen,
wie sie später von Toqueville und ähnlichen Leuten geschrieben wurden,
gelesen zu haben, verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen
unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie eigen
sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans das Prinzip zu sein
scheint, jede nationale Sympathie auf die Seite zu schieben.
Wischnewskij liebte die Polen nicht, aber wenn die Rede auf berühmte
Moskowiter kam, begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden,
wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick das Zimmer
verließ, und sagte:

»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre Großväter und
Großmütter wurden noch alle mit Stöcken geschlagen.«

Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij den polnischen Adel und
sogar die livländischen Barone; geriet er aber mit einem von ihnen in
Streit über Rußland, so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen,
obwohl er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete. Aber er
konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung nicht ertragen, die ihm
widerwärtig erschienen, zumal er sich für einen einfachen, offenen
Menschen hielt.

Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles im Schädel dieses
Psychopathen steckte! Stand er aber einmal zufällig vor einer
außergewöhnlichen Frage oder Begebenheit, so war all der psychopathische
»Unfug« verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu
erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische Findigkeit. In
schwierigen Umständen und Gefahren handelte er kühn und überlegt und
befreite Menschen spielend aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie
zu erdrücken drohten.

Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments
berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen Gouvernement oder in
Bjeschetzk im Twerschen Gouvernement gelegen hatte.

Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im Twerschen Gebiet
spielen, die anderen in Kleinrußland; was richtiger ist, läßt sich
schwer entscheiden, es ist aber auch kaum der Mühe wert, sich darüber
den Kopf zu zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen
Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen konnte, aber
den Charakteren der beiden hier erwähnten »Herrchen« nach zu urteilen,
entspricht er mehr den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts.

Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau zu bestimmen,
sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen und den Anteil zu zeigen,
den unser psychopathischer Held an ihnen hatte.



                           ZEHNTES KAPITEL


Die Dragoner lagen in Pirjatin, -- nehmen wir an, es sei dort gewesen.
Teile des Regiments waren in anderen Ortschaften untergebracht. Der
Regimentskommandeur hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen.

Die Offiziere langweilten sich natürlich in dem winzigen Städtchen vor
Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie konnten, indem sie zu den
Gutsbesitzern zu Gast fuhren. Blieb ihnen nichts anderes übrig, als
einige Tage zu Hause zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder
tranken bei einem Weinhändler im kleinen Kellerlokal. Der Händler war
ein Jude, der die Offiziere gern schröpfte und ihre Ausschweifungen
unterstützte, sie aber gleichzeitig doch fürchtete. Er hatte deshalb, um
den Übermut seiner Gäste etwas zu dämpfen, in dem Raum, in dem sie
zechten, ein Porträt aufgehängt, das seiner Meinung nach die Besucher
seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanständigkeit gemahnen sollte.
Vielleicht war es ganz klug gedacht, aber es führte zu einer Geschichte.

Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein Jongleur in die Stadt
und zeigte, wo man ihn aufforderte, seine einfachen Kunststücke, von
denen eines ganz dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der
Künstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn dicht mit dem
Rücken an eine Wand, zog aus seiner Tasche einige Dolche und warf sie
einen nach dem andern gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das
Gesicht des Mädchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu berühren.

Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe interessierte alle, die
die Schwierigkeit dieses gewagten Kunststückes einsahen. Als die
Offiziere wieder einmal im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten,
zusammenkamen und ihren geriebenen Käse aßen, der wie verwitterte
geschnittene Fingernägel aussah, sprachen sie über das Dolchwerfen, und
als ihnen der Rausch in den Kopf stieg, kam es einem von ihnen in den
Sinn, er könne es ebensogut.

Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen Gabeln, die die
Dolche bei diesem Versuch annähernd ersetzen konnten. Wenn es auch nicht
so leicht war, mit ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch
immerhin in der Wand stecken.

Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit den Gabeln umstecken
könnte. Von den Offizieren wollte sich natürlich keiner zu diesem
Versuche hergeben. Man mußte eine Person niederen Ranges finden, am
besten natürlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere machten
den ihnen aufwartenden Juden einen solchen Vorschlag, aber diese waren
so feig und hingen so sehr am Leben, daß sie sich nicht nur weigerten,
sich dazu herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich ließen, den
ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere überließen, davonliefen und
sich versteckten. Natürlich beobachteten sie von ihren Verstecken aus,
was jeder von ihnen nehmen und was die lärmende Gesellschaft weiter
treiben würde.

Nun führte ein unglücklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber, oder
wie man sie am Orte nannte, »Gerichtsherrchen« her, die an diesem Tage
wohl einen guten »Chabar« genommen, das heißt, einen guten Schnitt
gemacht hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen, nach
Wermut schmeckenden Wein gütlich tun wollten.

Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen zu ihrem Versuch zu
verwenden; so luden sie die beiden zunächst ein, zusammen mit ihnen zu
trinken, und dann drangen sie in sie, es möge sich einer von ihnen zu
der Produktion hergeben.

Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute, von ganz
verschiedener Gemütsart: der eine war ein Heraklit, der andere ein
Demokrit. Als sie aus der Hitze in den kalten Keller gekommen waren und
dort den kalten Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als
dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rührten sie sich nicht
von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen. Sie glaubten sich, als
Eingeborene, auf gleichem Fuße mit den Herren stehend und begannen ihren
wahren Charakter zu zeigen. Der eine lachte über den ihm gemachten
Vorschlag und riß über die geärgerten Offiziere kleinrussische Witze,
der andere zog ein saures Gesicht, begann zu weinen und schrie in einem
fort, obwohl ihn niemand anrührte:

»Rührt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Laßt mir meine heilige
Ruhe!«

Die beiden Schreiber wurden schließlich den Offizieren so lästig, daß
sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h. ihnen mehrere Maulschellen
verabreichten und sie dann unter den Tisch stießen, um sie dort »wie die
Ferkel« zu halten, bis ihr Gelage zu Ende wäre. Das war ungefährlich und
praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem Tisch mit den Füßen
festhielten und Mund und Hände frei hatten; zugleich war dadurch, daß
man sich ihrer Personen versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem
häßlichen Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten,
unausbleiblich schien. Der eine hätte sicher draußen auf dem Platz oder
auf der Straße so geheult, daß man es in der ganzen Stadt hörte, und der
andere hätte gar auf den Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie
von dort aus verhöhnen können.

Dann müßte man ihm nachlaufen, ihn einholen und fangen, was einen
Skandal gegeben und sicher einen Haufen Weiber und Juden herbeigelockt
hätte. Mit einem Wort, es wäre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre
gewesen; so saßen aber die Jungen ganz friedlich unter dem Tisch,
jammerten ein wenig und umfaßten einander in ihrem engen Raum, der noch
durch die Sporenstiefel der Offiziere eingeengt wurde.

Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel ein und verdarb
alles. Die Offiziere wurden so betrunken, daß sie anfingen, mit den
Gabeln nach dem Porträt zu werfen, weil sie meinten, sie könnten es
ebenso geschickt umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen
Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im Spiel: als der erste
Offizier die Gabel warf, stieß ihn der Schwarze in den Ellenbogen, und
die Gabel blieb mitten in dem einen Auge des Porträts stecken. Der
zweite Offizier warf, und der Teufel führte die Gabel in das andere
Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich jetzt der
Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen und verstümmelten das
Gesicht des Porträts gänzlich.

In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger Umnachtung
überging, maßen die Offiziere diesem Vorfall keine besondere Bedeutung
bei. Sie hatten eben ein Bild verdorben, -- das war alles. Es wird nicht
von Gott weiß was für einem Meister gewesen sein, kein Werk Raffaels,
und keine ungeheure Summen gekostet haben. Sie würden morgen den
jüdischen Wirt rufen, ihn fragen, was das Bild koste, tüchtig
herunterhandeln, dann bezahlen, und damit wäre die Sache erledigt; dafür
war man lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch, die
Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel gelacht und gescherzt.

»Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir können es nicht so. Und
Gott sei Dank, daß kein Mensch vor uns sitzen wollte, sonst hätten wir
dem Lebendigen die Augen ausgestochen, da hätte Bezahlen nichts
geholfen.«

Die wackeren Helden waren sehr froh, daß die Sache so gut mit Lachen und
Scherzen geendet hatte, und begaben sich, einander stützend, in ihre
Quartiere. Beim Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen,
die still unter dem Tische saßen und keinen Laut von sich gaben.

Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und stand durchaus nicht so
gut, wie es sich diese braven Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe
begaben.



                            ELFTES KAPITEL


Kaum waren die Offiziere auseinandergegangen und hatten den jüdischen
Laden leer zurückgelassen, als die Gerichtsherrchen unter dem Tisch
hervorkrochen, ihre von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder
streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, -- im Laden und
in der Kammer war keine Seele; durch die dichte Wolke von Tabaksrauch
war das verstümmelte Porträt mit den ausgestochenen Augen und den vielen
Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen.

Zum Glück für die einen und zum Unglück für die anderen, waren die
Schreiber viel nüchterner als die Offiziere, die am Tische, von dem aus
sie die Gabeln auf das Porträt warfen, sich immer mehr betrunken hatten,
während die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit und Demokrit
erheblich nüchterner geworden waren, wozu wohl die Angst, die
Enthaltsamkeit und vor allem der Rachedurst, der in ihnen glühte,
beitrugen. So hatten sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um
ihre Beleidiger zu strafen.

Die Schreiber überlegten nicht lange, nahmen das verwundete Porträt von
der Wand, liefen damit auf das Freitreppchen des Ladens und schlugen
Lärm:

»Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt und die Älteren ehrt,
seht euch das Wunder an ... Schaut, wie die Offiziere das Porträt einer
solchen Person entehrt haben.«

Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde gewachsen, der Wirt
auf, der sich während des Gelages versteckt hatte; die Marktweiber von
ihren Ständen liefen herbei, die Juden begannen zu schreien, -- und
unsere Geschichte nahm ihren Lauf.

Der jüdische Wirt, der die größte Angst hatte und am meisten einen
Skandal scheute, hielt sich mit seinen großen Fingern die Augen zu, wie
es der Rabbiner beim Gebet tut, und schrie:

»Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts, wer dieser
Militär-Pan ist, der da gemalt ist. Geb' Gott, daß er ein guter Mann
sei. Aber ich, -- ich brauche jetzt das Bild nicht mehr ... Ich
verschenke es, nehme es, wer es will ...«

Doch Demokrit rief:

»Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren. Schaut,
ihr guten Leute, -- die Augen sind ihm ausgestochen. Wir wollen das
Porträt zum Stadtvorsteher tragen.«

Demokrit trug das verwundete Porträt durch die Straßen vor das
Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte unter der warmen Sonne
wieder sein saures Gesicht und weinte, und alle, die ihnen folgten,
wiesen lobend auf ihn hin und sagten:

»Schaut nur, wie es ihn rührt!«

Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten nicht, daß man
gegen sie »protestierte« und daß die Sache ihnen Unannehmlichkeiten
bereiten würde, die sie nicht wüßten, wie loswerden.

Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war, auch ihr Erwachen am
nächsten Morgen war nicht leicht.

In aller Frühe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen Gelages die
Ordonnanz des schnurrbärtigen Majors oder Rittmeisters, der die
Schwadron kommandierte und in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am
Standorte darstellte.

Natürlich war der Rittmeister nicht Gott weiß was für eine hohe
Obrigkeit, beinahe so »ihr Bruder Hans«, und machte manchesmal auch
einen »Tanz« mit ihnen, aber die Offiziere erschraken.

Das Schlimmste war, daß ihnen der Kopf noch brummte und sie sich
durchaus nicht mehr daran erinnern konnten, was gestern im Keller beim
jüdischen Wirt vorgegangen war. Sie erinnerten sich noch, daß sie wohl
tüchtig getrunken hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles der
Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, und es schien
ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar nicht gewesen. Sie besannen
sich, daß sie die Juden verjagt hatten, aber das wäre durchaus nicht
wichtig gewesen, war schon öfter geschehen, auch wenn der Rittmeister
dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglück, besonders bei Juden
nicht, denn diese sind ein Volk, das die Vorsehung selbst zur
»Verstreuung« vorbestimmt hat. Der Jude schreibt ein Übriges auf,
berechnet als getrunken, was nicht getrunken, als beschädigt und
zerschlagen, was nicht beschädigt wurde; sie würden mit ihm verrechnen,
und dann würde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen Geschichte. Der
Jude selbst würde ihnen den ersten »Friedenstrunk« umsonst anbieten, sie
würden sich aussöhnen und ihn in seinem Handel unterstützen ... Es war
ja unmöglich, daß er, der Jude, mit ihnen streiten wollte und daß er die
Ursache dieser plötzlichen frühen Einladung zu ihrem ältesten Offizier
war. Vielleicht diese Schreiber ... Es dünkt ihnen, als seien dort zwei
solche Schreiber dabei gewesen, ... »Gerichtsherrchen« ... Nun, das war
auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben sie noch überall gezaust!
Sind auch nicht mehr wert, dieses bestechliche Unkraut! Wenn sie nur
nicht einen von ihnen die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wäre
garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder ansetzen ...
Aber Gott ist gnädig, sie haben schon andere Dinge gemacht, so wird auch
dies vorübergehen. Wozu braucht auch ein Schreiber eine Nase? -- Doch
nur um Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen. Der
»Chabar« ist doch kein Braten, er wird ihn auch so, ohne Nase riechen.
Man wird sich natürlich zusammentun müssen und bezahlen, aber allen
zusammen wird es nicht schwer fallen ...



                           ZWÖLFTES KAPITEL


In solchen oder ungefähr ähnlichen Erwägungen zogen die Offiziere
ziemlich unbekümmert zum Quartier ihres ältesten Kameraden und betraten
guten Mutes das geräumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen
Häuschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, daß die Sache durchaus
nicht gut stand. Der Rittmeister kam ihnen nicht kameradschaftlich
entgegen, in seinem gestreiften Morgenrock, mit der Pfeife in den
Zähnen, sondern die Tür zu seinem Kabinett war geschlossen, -- das
heißt, er wollte warten, bis alle versammelt wären, dann würde er
herauskommen und zu allen zusammen sprechen.

Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die eingetretenen
Offiziere schauten einander an, dämpften ihren Ton zu einem halben
Flüstern, und einer fragte den andern:

»Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern angestellt?«

Einer von ihnen hatte auf der Straße etwas von einem Porträt sprechen
hören.

»Porträt, Porträt? ... Was für ein Porträt?«

Keiner konnte sich erinnern.

Aber jetzt öffnete sich plötzlich die Tür, und aus dem Kabinett trat der
Rittmeister, in Uniform mit Epauletten, mit fest geschlossenem Mund. Er
begrüßte sie nicht und begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel
später seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt hat:

»Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen eine unangenehme
Mitteilung zu machen: gegen Sie ist bei der Zivilbehörde Klage
eingereicht worden, und ich wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich
muß Sie arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen Sie mir
sofort aufrichtig erklären: was haben Sie gestern abend in dem Laden
getan?«

Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Säbel ab und übergaben sie dem
Schwadronschef, aber bezüglich der »aufrichtigen Erklärung« antworteten
sie, sie wären selber froh, wenn sie wüßten, was sie eigentlich getan
hätten, aber sie könnten sich dessen nicht mehr entsinnen.

Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete noch schärfer:

»Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen dienstlich, als
Ihr Ältester!«

»Das ist kein Scherz«, erwiderte einer der Angeklagten, »wir erinnern
uns, bei Gott, nicht mehr.«

»Aber erlauben Sie!«

»Der Tag war gestern heiß, wir gingen zufällig hinein, ... und tranken
dort im Kühlen Wermutwein ... hatten dann irgendeinen Streit mit den
Juden ... haben aber nichts Böses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch
zwei Schreiber dort, die alles sehen konnten ...«

»Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es sich auch. Diese
beiden Schreiber konnten in der Tat alles sehen, und haben es auch
gesehen. Wie werden Sie sich ihnen gegenüber rechtfertigen? Eine solche
Schande für unseren Stand!«

»Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte!« erwiderten die
Offiziere.

»Ja, Sie haben sich ihnen gegenüber zu rechtfertigen«, rief der
Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach zusammengefaltetes Blatt
Papier und begann die ihm von der Stadtverwaltung amtlich zugestellte
Kopie des Berichtes der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die
Herren Offiziere das Porträt durch das Werfen von Gabeln beschädigt
hatten, während die am Orte des Vergehens anwesenden Gerichtsschreiber,
»die in ihren Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhöchsten hatten«,
die ganze Zeit auf den Knien lagen, so daß sie sich auf dem Fußboden
ihre einzigen Hosen durchscheuerten, weshalb sie jetzt der Möglichkeit
beraubt seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen. Sie
protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen Unfug der
Offiziere und bäten, für die Beschädigung der Hosen von den Angeklagten
für jeden von ihnen zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben.

Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz und befahl,
das Porträt aus seinem Schlafzimmer herzubringen, damit die Offiziere
mit eigenen Augen die Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen
könnten. Nun wurden sie starr.

Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock ausgezogen und nur
die Halsbinde anbehalten, setzte sich an den Tisch, steckte die Hände in
die Hosenträger aus Kamelgarn und sagte in verändertem Ton:

»Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr häßlich aus,
weil man aus ihr weiß der Teufel was alles machen kann. Diese elenden
Federfuchser, diese dreckigen Gerichtsschreiber wagen es, gegen
Offiziere aufzutreten. Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstältester
gesprochen, aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache ihren Lauf zu
lassen ist unmöglich, man muß ihr durch Schnelligkeit und militärisch
aufrichtige Offenheit zuvorkommen, wie es sich für Edelleute geziemt. Ob
es hilft oder nicht, jedenfalls muß man offen und ehrenhaft handeln.
Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und lassen Sie uns
nachdenken. Meine Meinung ist die: das Unheil ist einmal geschehen,
daran läßt sich nichts ändern. Man muß den Umstand ausnützen, daß die
Post nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei Tagen
wieder geht. Das ist Ihr Glück. Ich habe Ihnen Ihre Säbel abgenommen;
wählen Sie nun zwei Kameraden, die möglichst schnell zum Oberst reiten
und ihm alles aufrichtig erzählen. Er ist mit dem Gouverneur gut bekannt
und kann Ihnen helfen.«

Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken, und zwei
Stunden später sprengten zwei Offiziere aus Pirjatin nach Perejaslaw;
auf dem Wege lag Farbowanaja. Nach der Hitze und Schwüle war ein
Gewitter losgebrochen, und es schüttete vom Himmel wie mit Kübeln, als
auf einmal vor den Offizieren in den Strömen Wassers, wie eine Blase aus
dem Boden ein Kleinrusse auftauchte.

»Was fahren da für Leute mit Schellen und was wollt ihr?«

»Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.«

»Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt zu unserem Pan
Wischnewskij.«

Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete ihnen zu:

»Es ist einmal so ... So ist der Brauch!«

Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten, und Stepan
Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete sie mit Essen und Trinken und
fragte:

»Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder übel, oder zu Ihrem Vergnügen bei
diesem Wetter weiter?«

Die Offiziere antworteten im Stile der Märchen, daß sie wohl oder übel
reisten, und auch zu ihrem Vergnügen.

»Nun, was ist es für eine Sache? Vielleicht kann ich Ihnen behilflich
sein, so daß Ihre Reise nicht mehr notwendig ist.«

Sie seufzten und sagten:

»Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend, daß vielleicht nur
noch der Oberst beim Gouverneur Fürbitte einlegen kann.«

»Nun, wenn schon, -- was hat der Gouverneur zu sagen? Ich frage doch
nicht aus leerer Neugier.«

Die Offiziere erzählten ihm alles.

Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern über den Scheitel,
räusperte sich und sagte:

»Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun, und Sie brauchen
deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand kann Ihnen helfen, wenn man der
Sache nicht eine richtige Wendung gibt.«

»Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung geben?«

Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern über den Scheitel,
räusperte sich und sagte:

»Ja, ich sehe, daß Sie zwar alle Moskowiter sind und eine Lektion
verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig angefangen und können sie
ganz verderben, wenn Sie zu Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie nützen sich
selbst durch Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur
Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich habe das
Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden haben, daß Sie
entflohen sind und auch keine Säbel haben. Ich bitte Sie, sich in den
Flügel zu begeben, dort ist alles für Sie bereit, und schlafen Sie gut.
Morgen früh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige Wendung
geben, die sie braucht.«



                         DREIZEHNTES KAPITEL


Die Offiziere sagten zu, dachten, es sei kein großes Unglück bis zum
Morgen zu warten, und fügten sich ihrem eigenwilligen Gastgeber. Sie
gingen in den Flügel, aber der Pan von Farbowanaja rief den Haiduken
Prokop, befahl ihm, sich in den Wagen zu setzen und nach Pirjatin zu
fahren, dort die beiden Gerichtsherrchen aufzufinden und sie um jeden
Preis am Morgen nach Farbowanaja zu bringen.

Der Haiduk eilte davon, suchte die Schreiber auf und sagte:

»Mit meinem Pan Wischnewskij steht es schlecht. Es geht ihm so elend,
daß ich nicht weiß, ob er den Abend noch erlebt. Jetzt will er sein
Testament machen und hat mich hergeschickt, um euch zu bitten, daß ihr
gleich euer Schreibzeug nehmt und mit mir fahrt, um als Zeugen zu
unterschreiben. Ihr bekommt ein gutes Chabar dafür.«

Die Schreiber wußten, daß Wischnewskij noch nie krank war, aber wenn
solche Leute krank werden, so geht es auf den Tod.

Sie dachten: »Sicher stirbt er, und wir verschreiben uns etwas im
Testament. Er ist so krank, daß er es nicht merkt.«

So nahmen sie mit Freuden ihre Sachen und fuhren ab. Als Stepan
Iwanowitsch eben erwachte, standen sie schon auf seiner Freitreppe.

Stepan Iwanowitsch machte für diese Gäste eine kleine Abweichung von
seiner Empfangsetikette. Ins Haus ließ er sie natürlich nicht ein, aber
er befahl, ihnen ein kleines Tischchen und für die beiden nur einen
Stuhl hinauszubringen, damit sie nicht wagen sollten, vor ihm zu sitzen.

Dann ging er in einer Mütze mit großem Schirm zu ihnen hinaus und begann
die Unterhandlung.

»Mein Haiduk,« sagte er, »hat euch vorgemacht, daß ich sterbe. Aber, so
Gott will, hat es damit noch Zeit, und dann werde ich mir für mein
Testament andere, ehrlichere Zeugen als euch holen. Ich habe euch aber
zu eurem eignen Wohl herbringen lassen ...«

Sie machten große Augen.

»Was habt ihr, Verfluchte, vorgestern beim Juden im Keller getrieben?
He?«

Das Staunen der Schreiber wuchs.

»Erlauben Sie, wer hat es Ihnen erzählt? ... Wir haben nichts getrieben,
sondern die Offiziere ...«

»Ja, ja, ich weiß alles. Darum tut ihr mir auch leid: Ihr Dummköpfe habt
euch ausgedacht, eure Schuld auf die Offiziere abzuwälzen, als wenn euch
das etwas nützen würde. Ihr habt nur das eine nicht bedacht, daß die
Offiziere sieben Leute sind, die bezeugen, daß ihr das Porträt
beschädigt habt, und daß ihr gegen sie nur zwei seid ... Wer wird euch
da Glauben schenken?«

»Erlauben Sie, aber wir ...«

»Nichts, keine Dummheiten reden ...« unterbrach sie Wischnewskij, »ich
weiß alles, -- ich bin über alles unterrichtet. Ihr habt euch
ausgeheckt, eine Anzeige zu schreiben, und während eure Denunziation
noch unterwegs ist, sind die Offiziere schon nach Perejaslaw, nach
Poltawa und Kiew geritten. Ich habe sie, Gott sei Dank, abgefangen und
bei mir festgehalten. Sie sind ihrer sieben Mann, und alle haben
gesehen, wie ihr die Gabeln geworfen habt.«

»Aber erlauben Sie, wann haben wir die Gabeln geworfen?«

»Nichts da«, schnitt ihnen Wischnewskij das Wort ab. »Ihr seid zwei, und
sie sind sieben, und ihr könnt euch nicht herauswinden. Zudem sind sie
angesehenere Leute als ihr, sind hochgeborne Adelige, und was seid ihr?
-- Dahergelaufene Schreiber, Unkraut.«

»Aber wir sind doch im Recht ...«

»Tja, was heißt das, Recht haben gegen Moskowiter! Sie sind ihrer
sieben, und ihr seid zwei. Und wißt ihr vielleicht nicht, daß bei uns
die ganze hohe Obrigkeit moskowitisch ist? Zudem werden die Teufelsjuden
sie bestimmt unterstützen und sagen, sie hätten gesehen, wie ihr die
Messer geworfen habt.«

»Aber bedenken Sie doch, Pan, die Juden sind ja Schelme.«

»Wer sagt denn, sie seien keine Schelme? Aber sie werden gegen euch
aussagen. Und deshalb ist es mir auch um euch leid, daß ihr in solche
Drangsal geraten seid.«

Die Schreiber, die in den Formen der Rechtsprechung bewandert waren,
sahen, daß ihre Sache, hol's der Teufel, in der Tat schlecht stand, daß
sie durchaus keine Chancen für sich hatten, ja daß vielleicht sogar die
ganze Schuld auf sie fallen könne.

»Sie sind sieben ... und wir sind zwei ...«

»Ja, und dazu die Juden ... es kann wohl sein ...«

»Was sollen wir nun tun, Euer Gnaden?«

»Was ich euch lehren werde. Setze sich einer von euch her und schreibe,
was ich ihm sage.«

Stepan Iwanowitsch diktierte, und das Schreiben begann:

»Da wir von Natur aus unverständig sind, und unser Gewissen durch die
Schmiergelder verfinstert ist ...«

Der Schreibende hielt inne, aber Wischnewskij fuhr ihn an:

»Schreibe, schreibe! Das ist notwendig so.«

... »Verfinstert ist, gingen wir Gerichtskopisten in den Keller bei dem
jüdischen Laden, betranken uns bis zur Bewußtlosigkeit und fingen an,
uns über die Verteilung der Schmiergelder zu streiten. Wir warfen
aufeinander mit Gabeln, aber weil wir sehr betrunken waren, fuhren sie
aus Unvorsichtigkeit in das Porträt ...«

Der Schreibende zögerte wieder, aber Stepan Iwanowitsch gab ihm einen
Stoß in den Rücken. Jener fuhr sogleich fort und schrieb den ganzen Akt
zu Ende, in dem er seine unfreiwillige Schuld bekannte und gestand, sie
hätten aus Furcht beschlossen, ihre Schuld auf die Offiziere zu
schieben, in der Annahme, daß ihnen als Kriegsleuten nichts geschehen
werde. Aber jetzt, im Gefühl ihrer Versündigung und im Gedanken an ihre
dereinstige Todesstunde, bereuten sie es und bäten die Offiziere, ihnen
zu verzeihen und von der Anzeige Abstand zu nehmen. Aber für ihre in
betrunkenem Zustande begangene Verfehlung, bäten sie selbst den Pan
Wischnewskij, sie auf seinem Gute Farbowanaja väterlich mit Ruten
züchtigen lassen zu wollen, worauf dann Wischnewskij die Güte haben
werde, sich zu verwenden, daß die Sache keine weiteren Folgen habe.

»Aber wofür, Euer Gnaden, wofür uns züchtigen?«

»Das steht nur so auf dem Papier.«

Sie unterschrieben es, dann unterschrieb Wischnewskij und ließ die
Offiziere rufen.

»Und Sie, meine Herren,« sagte er, »unterschreiben Sie es auch, daß Sie
einverstanden sind, ihnen, auch im Namen Ihrer Kameraden, zu verzeihen
und daß Sie als Soldaten großmütig sein wollen und die Angelegenheit
nicht weiter verfolgen werden.«

Die Offiziere unterschrieben.

»Jetzt ist alles erledigt,« sagte Stepan Iwanowitsch und steckte das
Papier in die Tasche. »Und nun,« fügte er, sich an seine Leute wendend,
hinzu, »führt diese Herrchen in den Pferdestall und gebt ihnen dort eine
tüchtige Portion Ruten.«

»Erlauben Sie, was heißt denn das?«

»Was das heißt? Das heißt, daß es hier geschrieben ist. Ihr wollt jetzt
schon das Geschriebene anfechten? Ehe! Feine Herrchen. Gebt ihnen ihre
Ruten, Jungens!«

Und man züchtigte sie mit Ruten.

Es wird erzählt, daß man diese Schreiber später noch lange fragte, wie
es ihnen zumute war, als sie in Farbowanaja »gefarbowalkt« wurden.

Der Kommandeur kam selbst zu Stepan Iwanowitsch nach Farbowanaja
gefahren, und wenn er es auch nicht aussprach, so drückte er doch
indirekt seine Anerkennung für diese Findigkeit und »die richtige
Wendung der Angelegenheit« aus.



                         VIERZEHNTES KAPITEL


Auch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan Iwanowitsch
weitblickend und verfiel nur dann in Fehler, wenn die Liebesleidenschaft
seinen Blick trübte. Die größte Torheit beging er in einem Fall, der mit
jener schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing, zu deren
Füßen wir ihn verlassen haben.

In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mädchen liebte, stand der Kirche im
Dorfe Farbowanaja ein Priester namens Platon vor. Er hatte die den
Russen ziemlich gemeinsame Schwäche, daß er zwar im nüchternen Zustande
»zu allem wohlweislich schwieg«, betrunken jedoch gern plauderte und
sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte.

Als sich Wischnewskij am nächsten Morgen vom Teppich erhoben hatte,
teilte er voller Freude Stepanida Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit
mit.

Gapka spürte in sich ein neues Leben pochen.

»Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern frei sein«,
sagte Wischnewskij.

Dies war ein ungewöhnliches Liebesgeschenk seitens Stepan Iwanowitschs,
denn die große Menge seiner Kinder war sämtlich unter seine »leibeigenen
Seelen« eingetragen worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern
seines Herrengutes.

Auch Gapka freute sich darüber.

Eine Stunde später ging sie aus, um Himbeeren zu pflücken. Am Gartenzaun
begegnete ihr der Priester P. Platon, der gerade in seiner aufrichtigen
Stimmung war. Als er das Mädchen erblickte, sagte er ihr in
priesterlichem Tone:

»Was bist du so froh, Mädel? Bist froh und vergnügt, pflückst süße
Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen geboren hast, kriegst du auch
deinen Stoß in den Rücken.«

»Warum denn?« Gapka sah ihn von der Seite an und wurde mit einem Male
verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij, wie viele Frauen, die
anfangs nur widerstrebend seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen
hatte. Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen werde,
wenn sie das Kind geboren haben würde.

»Darum,« antwortete der Geistliche, »weil man auf dem Herrenhof ein
Kühlein nicht bis zum zweiten Kalb behält.«

Das war die einzige Begründung des P. Platon, aber Gapotschka wurde
traurig, besonders infolge des neuen ungewohnten Zustandes ihres
Organismus, und begann bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene
Kleinrussin wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine.
Stepan Iwanowitsch brachte es schließlich selbst heraus: Leute hatten
gesehen, wie der Geistliche mit Gapka sprach, und hinterbrachten es dem
Pan, der sogleich seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen
ließ und ihn fragte:

»Was hast du Gapka gesagt?«

Der Geistliche konnte sich nicht entschließen, zu wiederholen, was er zu
dem Mädchen gesprochen hatte, und sagte:

»Ich erinnere mich nicht mehr.«

Wischnewskij wurde wütend und schrie ihn an:

»Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht ... Hast
geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?«

»Was denken Sie, Euer Gnaden ...«

»Nichts >Euer Gnaden<, meine Gnaden sind dir nur so weit gnädig, daß
ich, als dein geistlicher Sohn, dich nicht prügeln lasse. Aber du sollst
fort von hier, und ich lasse dich durchs Dorf führen, damit die Leute
wissen, was für ein Taugenichts du bist.«

Man packte den Unglücklichen, zog ihn aus, steckte ihn in einen alten
Getreidesack, aus dessen Schlitz nur der Kopf herausschaute, schüttete
ihm Flaumfedern über den Kopf und führte ihn in diesem Aufzug durch das
ganze Dorf.

Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein und bat um
seine Versetzung, die er auch erhielt. Für Stepan Iwanowitsch blieb
dieser Vorfall im übrigen ohne alle unangenehmen Folgen.

Eine gewisse Vergeltung übte der beleidigte Geistliche selbst, aber
seine Rache war lächerlich und kam sehr spät. Sie wurde erst viele Jahre
später offenbar, als Stepan Iwanowitsch eine seiner Töchter verheiraten
wollte. Er forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister, wo man
unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos hineinkorrigierte
Eintragung fand, daß dem Stepan Iwanowitsch und seiner _ehelichen_
Gattin eine _uneheliche_ Tochter geboren wurde.

Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen ernstlichen Schaden
verursachen, aber es brachte ihn schrecklich auf. Wie durfte man sich
mit ihm einen solchen Scherz erlauben! Und wer? -- Der Pope! Zudem
konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P. Platon nach Gottes
Ratschluß schon früher gestorben war.

Sonst hätte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem anderen Kirchspiel zu
finden gewußt ...



                         FÜNFZEHNTES KAPITEL


Dergestalt waren die wilden Taten dieses Originals, die jetzt in unserer
vielgescholtenen Zeit unmöglich wären, oder die man heute bestimmt
seiner Psychopathie zugeschrieben hätte. Selbst Wischnewskijs Geschmack
und seine Gefühle spiegelten seine seelische Anormalität wieder. So
hatte er z. B. für die Schönheit der Natur nichts übrig und liebte
ausschließlich die Nacht und die Effekte der Gewitter. In der Tierwelt
liebte er nur Tauben und Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich
»küssen«, und die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben
... ja, so außerordentlich liebte er die »Pferdestimme«, d. h. ihr
Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergnügen zu verschaffen, hielt er
sich vor seinen Fenstern einen großen Taubenschlag und ergötzte sich oft
ganze Stunden daran, zuzusehen, »wie sie sich küßten«. Dann rief er
Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei.

»Schau, -- sie küssen sich!«

Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets Hengste und blieb ganz
gleichmütig, wenn sie ein Gespann in Unordnung brachten. Daran lag ihm
nicht viel, wo er aber Pferde wiehern hörte, auf der Straße oder aus
einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger vor sich und
erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht so leidenschaftlich der
Calzolari, Tamberlik oder der Patti gelauscht.

Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle Pferdeherde,
unter der ein mächtiger, schöner Hengst einhergaloppierte. Hörte Stepan
Iwanowitsch sein Wiehern selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein
Gesicht drückte den Ausdruck vollsten Glückes aus. Es schien, als ob
seine Augen, ungeachtet der räumlichen Entfernung, sahen, wie sich das
Pferd aufbäumte, die Luft durch Nüstern und Zähne einzog und in
Leidenschaft glühend dahinstürmte.

»Hörst du es, Stepanida Wassiljewna?«

»Ja, mein Freund, ich höre.«

Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glücklich, und so zeigte
sie auch hier Freude, ... und Stepan Iwanowitsch wußte es zu schätzen.

Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna starb. Er beweinte
sie sehr, ging dann aber, trotz seines schon vorgerückten Alters eine
zweite Ehe mit einem hübschen achtzehnjährigen kleinrussischen Mädchen
aus der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin lebte er
glücklich, aber ... er gedachte immer Stepanida Wassiljewnas. Trotz
ihrer vielen Vorzüge, verstand es seine zweite junge Gemahlin nicht, auf
all seine Schwächen und Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch
zeigte ihr die küssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht fragen,
ob sie es höre, wie der Sultan der Herde seine schmetternde Stimme
verschwenderisch ertönen ließ, sie in Triller auflöste und sie dann um
eine Oktave senkte ...

Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit seiner neuen Frau
darauf zu lenken, aber sie hatte sich gefühllos gezeigt, -- war nicht
einmal aufgestanden und hatte nicht gelächelt, sondern nur kalt gesagt:

»Ja, ich höre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert.« Und damit nahm sie
ruhig wieder ihre Arbeit auf ...

Stepan Iwanowitsch sah ein, daß seiner neuen Frau das mangelte, was der
ersten eigen gewesen war, und zog sie nie mehr in den Kreis von
Begriffen hinein, die ihr unzugänglich waren.

In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur auf, suchte mit den
Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas und lächelte ihr zu.



                         SECHZEHNTES KAPITEL


Mit seiner zweiten Gemahlin lebte Wischnewskij noch rund zwanzig Jahre,
im Genusse unveränderlicher Gesundheit, und starb zu Beginn seines
neunten Jahrzehntes. Im ganzen war er zweiundachtzig Jahre alt geworden.
Hinfälliges Greisentum, oder ein langsames, allmähliches Dahinsterben
blieben ihm erspart. Als seine Stunde gekommen war, ging er ganz
plötzlich dahin, wie eine überreife Himbeere vom Stiele fällt.

An einem Morgen seines dreiundachtzigsten Jahres, im Frühling, wenn in
Kleinrußland verschwenderisch der Flieder blüht, ritt Stepan Iwanowitsch
eine wilde nogaïsche Stute zu, die sonst niemanden im Sattel duldete.

Mit Hilfe seiner ungewöhnlichen Kraft und seiner ungewöhnlichen Schwere
brachte er die wilde Stute zur Erschöpfung. Vom Sattel steigend, übergab
er die Zügel den Pferdeknechten, trat auf den Balkon und blieb plötzlich
stehen ...

Es schien Wischnewskij, als »falle sein Herz«. Er sei lange geritten,
hätte sich im Sattel geschüttelt, und nun sei das Herz abgerissen ... So
ganz ohne Schmerz, ohne Beschädigung, wie eine überreife Beere fällt. Um
ihn war es leer, und plötzlich begann sich alles zu verschieben, wie
Uhrgewichte, deren Seil vom Rad geglitten ist.

Wischnewskij setzte sich schnell in einen Sessel und wollte etwas sagen,
aber über seine Lippen kam kein Laut. Alles war so schön, ringsum Blüten
und Duft. Er sieht und hört alles, und begreift ... Da haben eben die
Pferdeknechte der schweißigen Stute den Sattel abgenommen und führen sie
längs der schattigen Mauer. Sie ruht aus, schüttelt sich, und von dem
weißen Schaum, der sie bedeckt, fliegen leichte Flocken durch die Luft.
Hinter der Mauer des Pferdestalls hallt das Stampfen kräftiger
Vorderhufe auf den Fliesen wider, und es tönt laut und wohlklingend wie
ein Fagott: I-ha-ha!

Stepan Iwanowitsch ließ die Augen nach rechts und links schweifen ...
Sie suchten das Bildnis Stepanida Wassiljewnas, aber dann blieben sie an
einem blühenden Fliederstrauche haften, und er lächelte ...

Es ist anzunehmen, daß er dort Stepanida Wassiljewna selbst mit ihrem
länglichen Schubinskij-Gesicht sah, -- er fiel vom Stuhl zu ihren Füßen
nieder, -- als Toter. In jenem anderen Leben haben sich die beiden wohl
wiedererkannt.



                          DER TOUPETKÜNSTLER



                            ERSTES KAPITEL


Viele glauben bei uns, daß der Titel »Künstler« nur den Malern und
Bildhauern zukommt, und auch nur solchen unter ihnen, die ihn von einer
Akademie verliehen bekommen haben. Unsere berühmten Silberschmiede
Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen für einfache Handwerker
gehalten. In anderen Ländern ist es sicher nicht so. Heine erzählt von
einem Schneider, der ein »Künstler« war und »eigene Ideen« hatte, und
die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute als Kunstwerke.
Über einen solchen Künstler schrieben neulich die Zeitungen, daß er in
seinem Schnitt »eine ungewöhnliche künstlerische Phantasie« zeige.

In Amerika wird das Gebiet des künstlerischen Schaffens noch viel weiter
aufgefaßt. Der berühmte amerikanische Schriftsteller Bret Harte erzählt
von einem Künstler, dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den
Gesichtern der Verstorbenen einen »Ausdruck des Trostes«, der von dem
mehr oder weniger glückseligen Zustande der entschwebten Seele zeugen
sollte.

Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann mich nur an drei
erinnern: 1. »Ruhe«; 2. »erhabene Beschaulichkeit« und 3. »Seligkeit des
unmittelbaren Verkehrs mit dem Herrn«. Die Berühmtheit des Künstlers
entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner Arbeit: sie war ganz
kolossal. Leider fiel der Künstler als Opfer der rohen Menge, die für
die Freiheit des künstlerischen Schaffens wenig Verständnis hatte. Er
wurde gesteinigt, weil er den Ausdruck des »seligen Verkehrs mit dem
Herrn« dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers verliehen, der die ganze
Stadt ausgeraubt hatte. Die glücklichen Erben des Schwindlers hatten dem
Verstorbenen auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Künstler
kostete es aber das Leben ...

Auch bei uns in Rußland gab es einen Meister auf diesem nicht ganz
gewöhnlichen Gebiete der Kunst.



                           ZWEITES KAPITEL


Die Kinderfrau meines jüngsten Bruders war eine lange, ausgetrocknete,
doch recht proportioniert gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie
war in ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater des Grafen
Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was ich hier erzähle, hat sich zu
Orjol in den Tagen meiner Kindheit abgespielt.

Mein Bruder war um sieben Jahre jünger als ich: als er zwei Jahre alt
war und von Ljubow Onissimowna gepflegt wurde, war ich schon über neun
und konnte die Geschichten, die sie mir erzählte, gut verstehen.

Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt, hatte aber schon
schneeweißes Haar; ihre Gesichtszüge waren fein und zart, die schlanke
Figur ungewöhnlich gut gebaut und graziös, wie bei einem jungen Mädchen.

Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen, daß sie in ihrer
Jugend wohl wunderschön gewesen sei.

Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit und
Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische, trank sich aber
zuweilen einen Rausch an.

Sie führte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche
spazieren. Sie setzte sich immer auf das gleiche armselige, mit einem
einfachen Holzkreuz geschmückte Grab und erzählte mir oft Geschichten.

So hörte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom »Toupetkünstler«.



                           DRITTES KAPITEL


Er war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der Unterschied lag nur
darin, daß sie »auf der Bühne Vorstellungen gab und Tänze aufführte«,
während er nur ein »Toupetkünstler«, d. h. Friseur und Schminkmeister
war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen »anzumalen und zu
frisieren« hatte. Er war aber kein alltäglicher Meister mit dem
Frisierkamm hinter dem Ohr und der Büchse mit der Fettschminke in der
Hand, sondern ein Mann mit eigenen _Ideen_, mit einem Worte ein
_Künstler_.

Ljubow Onissimowna behauptete, daß niemand so gut wie er einem Gesicht
»einen Ausdruck« zu verleihen verstand.

Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem von den Grafen
Kamenskij diese beiden Künstler gewirkt haben. Es sind drei Grafen
dieses Namens bekannt, und alle drei galten in Orjol als »grausame
Tyrannen«. Der Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809
von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen; dieser
hatte zwei Söhne: Nikolai und Ssergej, von denen der erste im Jahre 1811
und der zweite im Jahre 1835 gestorben war.

Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem riesengroßen,
hölzernen Gebäude vorbei, auf dessen Fassade mit schwarzer und brauner
Farbe falsche Fenster gemalt waren und das von einem langen, halb
eingefallenen Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene Herrenhaus
des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand sich auch das Theater. Das
letztere stand so, daß man es vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche
aus gut sehen konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre
Erzählungen mit den Worten ein:

»Schau mal hinüber, mein Lieber ... Siehst du das schreckliche Gebäude?«

»Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!«

»Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzählen.«

Eine ihrer Erzählungen vom Toupetkünstler Arkadij, einem empfindsamen
und kühnen jungen Mann, der ihrem Herzen nahe stand, will ich hier
wiedergeben.



                           VIERTES KAPITEL


Arkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen und zu
frisieren«. Für die männlichen Schauspieler gab es einen eigenen
Friseur, und Arkadij betrat nur in jenen seltenen Fällen die
Männergarderobe, wenn er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in
edelster Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin, daß er
einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten Ausdrücke zu
verleihen verstand.

»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna, »und sagt ihm:
>Dieses Gesicht da soll den und den Ausdruck bekommen<. Arkadij tritt
etwas zurück, läßt den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn
hinsetzen oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und denkt eine
Weile nach. In solchen Augenblicken war er schöner als der schönste
Mann, denn er war zwar von mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es
gar nicht beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen
voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm von der Stirne
auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie durch eine Nebelwolke
hindurch blickte.«

Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher Mann und »gefiel
allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn, zeichnete ihn vor allen anderen
aus, ließ ihm schöne Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er
wollte es nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen Menschen
rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher immer im gräflichen
Ankleidezimmer aufhalten, außer wenn er am Theater beschäftigt war.

Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und zum Abendmahl
gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht an Gott und konnte die
Geistlichen nicht leiden. Einmal ließ er sogar die Popen von der
Borissogljeber Kirche, die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit
Hunden hetzen.

Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor lauter Bosheit
abstoßend häßlich und sah allen wilden Tieren zugleich ähnlich. Arkadij
verstand aber auch diesem tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für
kurze Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf, wenn er
abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher andere aussah.

Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen Ärger, am meisten
die Würde und der »kriegerische Ausdruck« ab.

Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij niemand andern mit
seinen Diensten beglücken könne, »mußte er sein Leben lang zu Hause
sitzen und bekam niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über
fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna stand im neunzehnten.
Sie waren natürlich miteinander bekannt, und zwischen ihnen waren
Beziehungen entstanden, die in diesem Alter häufig sind: sie hatten
einander lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten
Andeutungen und nur vor fremden Ohren während des Schminkens sprechen.

Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich und selbst undenkbar ...

»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna, »wurden ebenso
streng überwacht, wie die Ammen in vornehmen Häusern: wir standen unter
der Aufsicht älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer
von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen Frauen die Kinder
weggenommen und furchtbaren Martern unterzogen.«

Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten, der es selbst
aufgestellt hatte.



                           FÜNFTES KAPITEL


Ljubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in der Blüte ihrer
jungfräulichen Schönheit, sondern auch in der interessantesten
Entwicklungsperiode ihres vielseitigen Talents: sie sang in den Chören
die »Potpourris«, tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin«
und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen erfüllt, »alle Rollen
vom bloßen Zuschauen«.

Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das abspielte. In
Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht, ob es Alexander
Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch war) erwartet; er sollte in der
Stadt übernachten und am Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen
Kamenskij beiwohnen.

Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel ein (sein Theater
war für Geld überhaupt nicht zugänglich) und gab sich Mühe, die
Aufführung möglichst glanzvoll zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte
das »Potpourri« singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen; bei der
letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und verletzte die
Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin de Bourblanc« die Hauptrolle
spielen sollte, am Fuße.

Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem Titel gehört, aber
Ljubow Onissimowna sprach den Namen der Heldin so aus, wie ich ihn hier
wiedergebe.

Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen im
Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in ihre Kammer getragen, es
gab aber niemand, der die Rolle der Herzogin de Bourblanc übernehmen
konnte.

»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna, »diese Rolle zu
spielen, denn es gefiel mir so gut, wie die Herzogin de Bourblanc ihren
Vater auf den Knien um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten
Haaren stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und Arkadij
verstand es wunderbar zu frisieren.«

Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit des Mädchens, die
Rolle zu spielen, sehr erfreut und sagte dem Regisseur, als dieser
bestätigte, daß »Ljuba die Rolle nicht verpatzen werde«:

»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem Rücken büßen,
ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.«

Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes wie verhaßtes
Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete die hohe Ehre, für einen Augenblick
zur Odaliske des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch
unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam Arkadij den Auftrag,
das zum Opfer auserwählte Mädchen gleich nach der Vorstellung als
»heilige Cäcilie« zu kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet,
bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, das Symbol der
Unschuld, in die Hand und wurde so in die Gemächer des Grafen geschafft.

»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,« sagte die
Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste, besonders für mich, denn
ich sehnte mich damals nur nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich
warf die Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, wie ich
am Abend spielen würde.«

Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso verhängnisvolle
Versuchung heran.

Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute lebte, kam in die
Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. Dieser Bruder war noch viel
häßlicher als der andere: er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog
nie die Uniform an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht
voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit
mußte er aber die Uniform anlegen, sein Äußeres in Ordnung bringen und
jenen »kriegerischen Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde.

Es wurde aber sehr viel verlangt.

»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals alles war,« sagte die
Kinderfrau. »In allen Dingen wurde damals viel auf die Form gesehen, und
den vornehmen Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die
Haartracht genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses
vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn nach der Vorschrift
mit dem aufrecht stehenden Schopf über der Stirne und den nach vorne
gekämmten Haaren an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine
Bauern-Balalaika ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor
große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und Raseurs an: von
der Art und Weise, wie die Stege zwischen dem Backenbart und dem
Schnurrbart ausrasiert, wie die Locken gebrannt und wie sie angeordnet
waren, hing der ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten
es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man schenkte ihnen
weniger Beachtung und verlangte von ihnen nur ein bescheidenes Aussehen;
von den Militärpersonen verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten
gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen gegenüber maßlosen
Kampfesmut ausdrückten.

Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, dem häßlichen und
unbedeutenden Gesicht des Grafen eben diesen Ausdruck zu verleihen.



                           SECHSTES KAPITEL


Der ländliche Graf war noch viel häßlicher als der städtische und so
furchtbar verwachsen und verroht, daß er es auch selbst fühlte. Er hatte
aber niemand, der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen
Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau entlassen; auch
hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß man ihn unmöglich rasieren
konnte, ohne ihm die ganze Haut zu zerschinden.

Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere der Stadt und
sagt ihnen:

»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem Bruder, dem Grafen
Kamenskij gleiche, bekommt zwei Dukaten. Für denjenigen aber, der mich
dabei schneidet, lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache
gut macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber auch nur ein
Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch nur um ein Haar
verschneidet, den töte ich auf der Stelle.«

Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen waren gar nicht
geladen.

In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und diese hielten sich
meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe und Blutegel anzusetzen,
hatten aber weder Geschmack noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst
ein und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. »Gott sei mit
dir und deinem Gold!« dachten sie sich.

»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können wir gar nicht
machen, denn wir sind nicht wert, eine so erhabene Person auch nur
anzurühren. Uns fehlen auch die richtigen Rasiermesser: wir haben nur
gewöhnliche russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein
englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte so was fertig
bringen.«

Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen, und diese sind
froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen sind. Er selbst aber fährt
zu seinem älteren Bruder und sagt:

»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen Bitte: überlasse mir
vor dem Abend deinen Arkadij, damit er mich in einen ordentlichen
Zustand bringt. Ich habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die
hiesigen Barbiere können das nicht machen.«

Und der Graf antwortet seinem Bruder:

»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum Teufel. Ich wußte
gar nicht, daß es hier welche gibt: ich lasse selbst meine Hunde von
eigenen Leuten scheren. Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du
von mir etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß Arkadij,
so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir anrühren wird. Glaubst du
denn, daß ich mein Wort vor meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?«

Der andere antwortet:

»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und kannst es auch selbst
wieder abschaffen.«

Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr merkwürdig finde:

»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen Leuten verlangen?
Arkadij weiß, daß ich es einmal so festgesetzt habe, und alle wissen es,
dafür wird er auch viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich
aber untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, so muß ich
ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten stecken.«

Der Bruder erwidert darauf:

»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder zu Tode prügeln
oder unter die Rekruten stecken; beides zugleich kannst du gar nicht
machen.«

»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen. Ich werde ihn
aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot prügeln und dann unter die
Rekruten stecken.«

»Ist das dein letztes Wort, Bruder?«

»Ja, das allerletzte.«

»Ist das dein einziges Bedenken?«

»Ja, das einzige.«

»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt, daß dein leiblicher
Bruder dir weniger wert ist als ein leibeigener Sklave. Du brauchst also
deinen Befehl gar nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij,
_damit er mir meinen Pudel schert_. Das weitere ist aber schon meine
Sache.«

Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen.

»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.«

»Das ist alles, was ich brauche.«

Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim.



                          SIEBENTES KAPITEL


Das war um die Dämmerstunde im Winter, wo man eben die Lampen anzündet.

Der Graf läßt Arkadij kommen und sagt ihm:

»Geh zu meinem Bruder ins Haus und scher ihm seinen Pudel.«

Arkadij fragt:

»Ist das alles, was Sie mir befehlen?«

»Das ist alles,« sagt der Graf. »Komm aber bald zurück, denn du mußt
noch die Schauspielerinnen frisieren. Ljuba wird heute in drei Rollen
spielen, nach dem Theater sollst du sie mir aber als heilige Cäcilie
einkleiden.«

Arkadij Iljitsch fiel beinahe um.

Der Graf fragte:

»Was hast du denn?«

Arkadij aber antwortete:

»Verzeihung, ich bin auf dem Teppich ausgeglitten.«

Der Graf witterte wohl etwas:

»Paß auf, daß es kein Unglück gibt!«

Arkadij war es aber schon so zumute, daß er nicht mehr an Glück und
Unglück dachte.

Als er den Befehl hörte, mich als heilige Cäcilie einzukleiden, verging
ihm Hören und Sehen. Er nahm das Lederfutteral mit dem Rasierbesteck und
ging hinaus.



                            ACHTES KAPITEL


Er kommt zum Bruder des Grafen. Vor dem Spiegel brennen schon die
Kerzen, und auf dem Tische liegen wieder zwei Pistolen und daneben
Dukaten, aber nicht zwei, sondern zehn, und die Pistolen sind diesmal
mit tscherkessischen Kugeln geladen.

Der Bruder des Grafen sagt:

»Ich habe gar keinen Pudel, verlange von dir aber folgendes: richte mich
so her, daß ich ein mutiges Aussehen bekomme. Du kriegst dafür zehn
Dukaten; wenn du mich aber schneidest, bist du auf der Stelle tot.«

Arkadij überlegte sich die Sache und machte sich plötzlich daran, --
Gott allein weiß, was über ihn gekommen war, -- den Bruder des Grafen zu
frisieren und zu rasieren. Im Nu war er mit seiner Arbeit fertig,
steckte das Geld in seine Tasche und sagte:

»Leben Sie wohl.«

Jener antwortet:

»Geh! Ich möchte aber nur das eine wissen: wie hast du dich dazu
entschließen können?«

Arkadij aber sagt:

»Warum ich mich dazu entschlossen habe, das weiß nur mein Herz in der
Brust.«

»Oder bist du vielleicht kugelfest oder kennst irgend einen Zauber, so
daß du selbst die Pistolen nicht fürchtest?«

»Die Pistolen sind das wenigste, an die habe ich gar nicht gedacht.«

»Was? Wagtest du denn zu denken, daß das Wort deines Grafen mehr gilt
als das meinige und daß ich dich, wenn du mich schneidest, nicht
erschieße? Wenn du nicht kugelfest bist, so wärest du auf der Stelle
tot.«

Als Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er zusammen und sagte wie
aus dem Schlafe:

»Ich bin nicht kugelfest, Gott hat mir aber Vernunft verliehen: noch eh
du die Hand nach der Pistole ausstrecktest, hätte ich dir mit dem
Rasiermesser die Gurgel durchschnitten.«

Mit diesen Worten stürzt er hinaus und kommt ins Theater noch gerade zur
rechten Zeit, um mich herzurichten. Er zittert am ganzen Leibe, und wie
er sich über mich beugt, um eine Locke zu wickeln, flüstert er mir zu:

»Hab nur keine Angst, ich werde dich entführen.«



                           NEUNTES KAPITEL


Die Aufführung gelang vortrefflich, denn wir alle waren gut abgerichtet
und alle Ängste und alle Marter gewohnt. Wir machten unsere Sache so
gut, wie wenn wir aus Stein wären, so daß niemand sehen konnte, wie uns
dabei zumute war.

Wir sahen von der Bühne aus den Grafen und seinen Bruder: sie waren
einander sehr ähnlich. Selbst als sie hinter die Kulissen kamen, konnte
man sie schwer voneinander unterscheiden. Der unsrige war aber auf
einmal ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen
grausamsten Wutausbrüchen.

Wir zittern alle und bekreuzigen uns:

»Herr, errette uns und sei uns gnädig! Wen wird diesmal sein Zorn
treffen?«

Wir wußten noch nichts von der verzweifelten Tat Arkaschas; er selbst
aber wußte natürlich, daß er keine Gnade zu erwarten hatte und
erbleichte, als der Bruder des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen
etwas zuflüsterte: Ich hatte aber scharfe Ohren und hörte, was er ihm
sagte:

»Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn er dich rasiert.«

Der Unsrige lächelte nur leise.

Ich glaube, daß auch Arkadij etwas gehört hatte, denn er war außer sich
vor Aufregung: als er mich für die letzte Rolle der Herzogin
herrichtete, legte er mir, -- was ihm sonst nie passierte, -- so viel
Puder an, daß der Franzose, der Garderobier, sagte:

»Trop beaucoup, trop beaucoup!« Und er nahm mit einem Bürstchen den
überschüssigen Puder von mir ab.



                           ZEHNTES KAPITEL


Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin
von Bourblanc aus und kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein
einfaches, weißes Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den
Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und
nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Cäcilie zu
machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen
Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, daß vor
der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er
mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen
und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die
schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke und die
fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor
gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause
gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären an Ketten
saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen die Ketten klirren und die
Menschen stöhnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit
etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie
einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer von ihnen
verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers:

   Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,
   Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.

Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den Vers vor sich hin
und zittert am ganzen Leibe.

Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet, daß diese sie
gerade noch mit den Tatzen berühren konnten.

Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern zu holen: als
er zu mir in die Kammer trat, packte er im gleichen Augenblick den
Tisch, schlug das Fenster ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht
mehr ...

Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen fühlte. Ich will die
Beine einziehen und merke, daß ich in einen Pelz aus Wolfs- und
Bärenfell eingewickelt bin. Um mich herum ist es stockfinster, und ich
rase auf einer Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir
sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine -- es ist Arkadij
Iljitsch -- hält mich fest, der andere aber treibt die Pferde an ... Der
Schnee sprüht nur so unter den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten
schüttelt mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens säßen und
uns nicht mit den Händen festhielten, so wären wir längst
hinausgeflogen.

Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe nur das eine:
»Man setzt uns nach! Jage, was du jagen kannst!«

Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, beugt
er sich über mich und sagt:

»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du bereit zu sterben,
wenn sie uns einholen?«

Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde.

Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, wohin schon
viele von unseren Leuten vor dem Grafen Kamenskij geflohen waren.

Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne tauchte etwas wie
eine menschliche Behausung auf, und wir hörten Hundegebell. Der Kutscher
hieb tüchtig auf die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um,
Arkadij und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die Pferde
und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden.

Arkadij sagt:

»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den Kutscher, der uns
gefahren hat, nicht, und er kennt uns nicht. Er hat es für drei Dukaten
übernommen, dich zu entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner
eigenen Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf
Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die gewagtesten
Ehen traut und der schon vielen von unseren Leuten zur Flucht verholfen
hat. Wir geben ihm ein Geschenk, er wird uns die Nacht über bei sich
behalten und morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher
wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.«



                            ELFTES KAPITEL


Wir klopfen an und treten in den Flur. Der Pope selbst läßt uns ein, --
er ist ein kleiner, alter Mann, und vorne fehlt ihm ein Zahn. Seine alte
Frau macht Licht. Wir stürzen ihnen zu Füßen:

»Rettet uns, laßt uns in die warme Stube ein und versteckt uns bis
morgen Abend!«

Der Pope fragt:

»Habt ihr was gestohlen, oder seid ihr einfach durchgebrannt?«

»Nichts haben wir gestohlen; wir sind auf der Flucht vor dem grausamen
Grafen Kamenskij und wollen nach der türkischen Stadt Rustschuk, wo
nicht wenige von unsern Leuten wohnen. Man wird uns nicht finden, wir
haben aber Geld bei uns und wollen Ihnen für das Übernachten einen
goldenen Dukaten geben und für das Trauen -- drei Dukaten. Wenn Sie es
können, trauen Sie uns, sonst werden wir uns in Rustschuk trauen
lassen.«

Und jener antwortet:

»Warum sollte ich es nicht können? Ich kann es sehr wohl. Was braucht
ihr euer Geld nach Rustschuk zu schleppen? Gebt mir für alles zusammen
fünf Dukaten, und ich werde euch gleich hier zusammenkoppeln.«

Arkadij gab ihm die fünf Dukaten, und ich nahm mir die Quamarin-Ohrringe
ab und gab sie der Popenfrau.

Der Pope nahm das Geld und sagte:

»Ach, meine Lieben, ich habe schon ganz andere Paare getraut, es ist
aber nicht gut, daß ihr von des Grafen Leuten seid. Und wenn ich auch
Pope bin, so habe ich doch Angst vor seiner Grausamkeit. Aber ich will
es schon machen, komme, was kommen mag. Gebt mir noch einen Dukaten, und
wenn auch einen beschnittenen, dazu und versteckt euch.«

Arkadij gibt ihm den sechsten Dukaten, sogar einen guten, und er sagt zu
seiner Popenfrau:

»Alte, was stehst du noch da? Gib der Entlaufenen irgendeinen Rock und
eine Jacke, denn es ist eine Schande, sie anzuschauen -- sie ist ja
nackt.« Dann wollte er uns in die Kirche führen und in den Kasten mit
Kirchengewändern verstecken. Kaum hatte aber die Popenfrau begonnen,
mich hinter dem Vorhang umzukleiden, als an die Türe geklopft wurde.



                           ZWÖLFTES KAPITEL


Uns beiden standen die Herzen still. Der Pope aber flüstert Arkadij zu:

»Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewändern werdet ihr ja jetzt
nicht mehr kommen können, schlüpfe aber unter das Federbett.«

Und zu mir spricht er:

»Und du, meine Liebe, komm einmal her.«

Er stellt mich ins Gehäuse der großen Standuhr, sperrte es zu und
steckte den Schlüssel in die Tasche. Und dann geht er die Tür aufmachen.
Ich höre, daß es viele Menschen sind. Die einen stehen in der Türe, und
zweie schauen von außen durchs Fenster herein.

Sieben Mann von den Jägern des Grafen kommen in die Stube; alle haben
Mordwaffen und Peitschen in der Hand und Stricke im Gürtel; der achte im
langen Wolfspelz und hoher Mütze ist aber der Haushofmeister.

Das Uhrgehäuse, in dem ich stand, war vorne wie ein Gitter durchbrochen
und mit altem Tüll bespannt. Durch diesen Tüll konnte ich alles sehen.

Der alte Pope merkt wohl, daß die Sache schlimm steht: er zittert vor
dem Haushofmeister, bekreuzigt sich in einemfort und stammelt:

»Ach, meine Lieben, meine Lieben! Ich weiß wohl, was ihr hier sucht, ich
stehe vor dem durchlauchtigsten Grafen unschuldig da! Ich bin
unschuldig, bei Gott, unschuldig!«

Während er sich aber bekreuzigt, zeigt er immer mit den Fingern über die
linke Schulter auf das Uhrgehäuse, in dem ich eingesperrt bin.

-- Ich bin verloren! -- denke ich mir, wie ich diesen Zauber sehe.

Auch der Haushofmeister verstand den Wink und sagte:

»Uns ist alles bekannt. Gib mal den Schlüssel von dieser Uhr her.«

Der Pope begann wieder mit den Händen zu fuchteln:

»Ach, meine Lieben! Verzeiht, straft mich nicht, ich habe vergessen, wo
ich den Schlüssel habe, bei Gott, ich habe es vergessen!«

Und dabei fährt er sich immer mit der Hand über die Tasche.

Der Haushofmeister merkte auch diesen Zauber. Er nahm ihm den Schlüssel
aus der Tasche und holte mich aus der Uhr heraus.

»Komm mal heraus, Täubchen,« sagt er mir, »der Täuberich wird sich schon
von selbst melden.«

Arkascha meldet sich auch gleich: er wirft das Popenbett von sich und
spricht:

»Es ist wohl nichts zu machen, ihr habt gewonnen. Nun könnt ihr mich
wieder zurückbringen und den Folterknechten überliefern. Sie aber ist
unschuldig: ich habe sie mit Gewalt entführt.«

Dann wendet er sich zum Popen um und spuckt ihm nur ins Gesicht.

Jener aber sagt:

»Meine Lieben, seht ihr, wie er mein Priesteramt und meine Treue
beschimpft? Meldet es doch dem durchlauchtigsten Grafen!«

Der Haushofmeister antwortet:

»Hab nur keine Angst: alles wird ihm angerechnet werden!« Und er gibt
seinen Leuten den Befehl, mich und Arkadij hinauszuführen.

Wir setzten uns in drei Schlitten: in den vorderen Schlitten kam der
gebundene Arkadij mit den Jägern; mich setzte man unter der gleichen
Bewachung in den letzten Schlitten, und die Übrigen fuhren in der Mitte.

Als das Volk uns so fahren sah, machte es Platz: alle glaubten, daß es
ein Hochzeitszug sei.



                         DREIZEHNTES KAPITEL


Wir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in den Hof einfuhren, war
vom ersten Schlitten, auf dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu
sehen. Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich ins Verhör:
wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei?

Ich sage ihnen:

»Auch nicht einen Augenblick!«

Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden, daß mich nicht der
Geliebte, sondern der Verhaßte bekam. Diesem Schicksal entging ich
nicht. Als ich in meine Kammer zurückkehrte und den Kopf in die Kissen
vergrub, um mein Unglück zu beweinen, hörte ich von unten furchtbares
Stöhnen.

Bei uns war das so eingerichtet: wir Mädchen wohnten im ersten Stock des
hölzernen Hauses, unten war aber ein großes, hohes Zimmer, in dem wir
singen und tanzen lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging,
hören. Und der Fürst der Hölle, Satanas, gab den Grausamen den Gedanken
ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer zu foltern.

Als ich hörte, wie man ihn peinigte ... stürzte ich zur Türe, um zu ihm
zu laufen ... Die Türe war aber verschlossen ... Ich wußte selbst nicht,
was ich tun wollte ... und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles
noch viel deutlicher zu hören ... Und ich habe keinen Nagel und kein
Messer, ich habe gar nichts, um mich zu töten ... Und ich nahm meinen
Zopf, und wickelte ihn mir um den Hals, und ich drehte ihn mir um den
Hals, und ich drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hörte ich nur
ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den Augen, und alles erstarb
in mir ... Und als ich zum Bewußtsein kam, sah ich mich an einem Ort,
den ich gar nicht kannte, in einer großen hellen Stube ... Kälber waren
um mich her, viele Kälber, mehr als zehn Stück ... So freundlich waren
sie: das eine nach dem andern kam auf mich zu, schnupperte mit kalten
Lippen an meiner Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ...
Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich sehe mich um
und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe: eine ältere große Frau kommt
herein, ist ganz in blaue Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um
den Kopf, und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll.

Wie die Frau sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, fängt sie
freundlich zu sprechen an und erzählt mir, daß ich mich im Kälberstall
am Grafenhause befinde ... Siehst du, dort stand dieser Stall --
erklärte Ljubow Onissimowna, mit der Hand auf den entferntesten Winkel
des halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend.



                         VIERZEHNTES KAPITEL


Man hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man glaubte, sie sei
verrückt geworden. Geisteskranke Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken
waren, pflegte man »zwecks Prüfung« auf den Viehhof zu schaffen, denn
die Viehwärter, lauter ältere und solide Leute, galten als berufen,
Geisteskranke zu beobachten.

Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna zu sich kam,
hieß Drossida und war sehr gutherzig.

Am Abend -- fuhr die Kinderfrau fort -- machte sie mir ein Lager aus
frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es, so daß es so weich wie Daunen
war, und sagte mir: »Ich will dir alles eröffnen, Mädchen, komme was
kommen mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer diese blaue
Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein anderes Leben gesehen. Ich
mag daran gar nicht zurückdenken, dir will ich aber nur dieses sagen:
gräme dich nicht, daß du auf den Viehhof verbannt worden bist, in der
Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor diesem schrecklichen
Placon in acht ...«

Und sie holt aus dem Busentuch ein weißes Fläschchen und zeigt es mir.

Ich frage:

»Was ist das?«

Und sie antwortet:

»Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal nicht beherrschen
können ... gute Menschen hatten es mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne
den Placon gar nicht leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst,
und verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge, denn es ist
mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch einen Trost im Leben
erfahren: Gott hat _ihn_ schon von der Tyrannei erlöst ...«

Ich schrie auf: »Er ist tot!« und griff mich an die Haare. Ich erkenne
meine Haare nicht: ganz weiß sind sie geworden ... Was ist das?

Und sie sagt mir:

»Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich aus deinem Zopf
befreite, weiß geworden; er aber lebt und ist von der Tyrannei erlöst:
der Graf hat ihm eine Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn
die Nacht kommt, werde ich dir alles erzählen, jetzt will ich noch ein
wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz brennt mir so ...«

Und sie sog solange daran, bis sie einschlief.

Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen Drossida wieder
auf, ging, ohne Licht zu machen, ans Fenster, sog wieder am Placon,
versteckte ihn und fragte mich leise:

»Schläft der Gram oder schläft er nicht?«

Und ich antwortete:

»Der Gram schläft nicht.«

Sie kam an mein Bett und erzählte mir, daß der Graf den Arkadij nach der
Züchtigung zu sich berufen und ihm gesagt habe:

»Du mußtest alles durchmachen, was ich für dich festgesetzt hatte. Da du
mein Favorit warst, werde ich dir meine Gnade erweisen: morgen stecke
ich dich unter die Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den
durchlauchtigsten Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefürchtet hast,
will ich dir den Weg der Ehre eröffnen, -- ich will nicht, daß du tiefer
als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst mit deinem edlen Geiste
gestellt hast. Ich will einen Brief schreiben, daß man dich sofort in
den Krieg schickt, und du wirst nicht als gewöhnlicher Soldat, sondern
als Sergeant kämpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt nicht
mehr unter meinem Willen, sondern unter dem Willen des Zaren.«

»Jetzt hat er es leichter,« sagte Tantchen Drossida, »und hat nichts zu
fürchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr: in der Schlacht zu fallen;
die Tyrannei des Grafen ist er aber los.«

Ich glaubte ihr jedes Wort und träumte drei Jahre lang jede Nacht von
Arkadij Iljitsch, wie er kämpfte.

So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gnädig: man schickte mich
nicht mehr ans Theater, sondern ließ mich bei der Tante Drossida im
Kälberstall als ihre Gehilfin. Hier hatte ich es gut, und die Frau tat
mir sehr leid. Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzählte sie
mir nachts Geschichten, und ich hörte ihr gerne zu. Sie konnte sich noch
erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen Leuten erstochen worden
war. Sein Kammerdiener war der Haupttäter gewesen, -- die Leute hatten
seine Grausamkeit einfach nicht länger ertragen können. Ich trank aber
noch immer nicht und tat mit großer Freude die Arbeit für Tantchen
Drossida: die Kälbchen waren mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, daß,
wenn man eines aus dem Stalle nahm, um es für den gräflichen Tisch zu
schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und dann drei Tage lang
beweinte. Fürs Theater taugte ich nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr
richtig die Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschönen leichten
Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte ich mir wohl die Füße
erkältet und hatte nicht mehr die einstige Kraft in den Spitzen. Ich
kleidete mich in die gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott
allein weiß, wie ich mein Leben beschlossen hätte. Aber eines Abends bei
Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze und Garn aufwickele, fliegt
zum Fenster ein Steinchen herein, und das Steinchen ist in ein Papier
eingeschlagen.



                         FÜNFZEHNTES KAPITEL


Ich schaue hin, ich schaue her, blicke zum Fenster hinaus, -- niemand
ist da.

»Jemand hat wohl den Stein aus der freien Welt hereingeworfen,« denke
ich mir, »hat aber aus Versehen unser Fenster getroffen.« Und ich frage
mich: »Soll ich das Papier aufmachen oder nicht?« Es ist wohl besser,
daß ich es aufmache, denn es ist sicher etwas darauf geschrieben.
Vielleicht eine wichtige Nachricht. Ich kann das Geheimnis für mich
behalten und den Stein mit dem Zettel demjenigen zuwerfen, für den er
bestimmt ist.

Ich mache das Papier auf, beginne zu lesen, und traue meinen Augen nicht
...



                         SECHZEHNTES KAPITEL


Und ich lese:

»Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe für meinen Kaiser gefochten,
habe mehr als einmal mein Blut vergossen und bin dafür mit dem
Offiziersrang und dem Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur
Heilung meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in der
Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden und Kreuze an, gehe
zum Grafen, gebe ihm mein ganzes Geld, die fünfhundert Rubel, die man
mir zur Heilung meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich
freizulassen, in der Hoffnung, daß wir uns nun vor dem Altar des
Höchsten trauen lassen können.«

-- Und weiter hieß es in dem Briefe, -- fuhr Ljubow Onissimowna mit
unterdrückter Erregung fort: »Was aber die Schmach betrifft, die Sie
über sich ergehen lassen mußten, so halte ich sie für ein bloßes Unglück
und rechne sie Ihnen nicht als Sünde und Schwäche an. Gott allein mag
Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenüber nur Achtung.« Und der
Brief ist unterschrieben: »Arkadij Iljin.«

Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im Ofen, sagte keinem
Menschen etwas davon, selbst der Alten nicht, und betete die ganze Nacht
zu Gott. Sie betete aber nicht für sich, sondern nur für ihn: er war
zwar Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte sich aber
gar nicht denken, daß der Graf ihn anders behandeln würde, als früher.

Sie fürchtete einfach, daß man ihn schlagen würde.



                         SIEBZEHNTES KAPITEL


Am nächsten Morgen führte Ljubow Onissimowna die Kälbchen in aller Frühe
in die Sonne und gab ihnen Milch und eingeweichte Brotrinden. Plötzlich
hörte sie draußen, hinter dem Zaune, »in der Freiheit« viele Menschen
rennen und laut sprechen.

-- Was sie sprachen, -- erzählte sie, -- hörte ich nicht, aber ihre
Worte schnitten mich wie Messer ins Herz. Der Mistführer Philipp kam
gerade in den Hof gefahren, und ich fragte ihn:

»Filjuschka, Väterchen, hast du nicht gehört, worüber die Leute draußen
sprechen?«

Und er antwortet:

»Sie gehen in die Kanonier-Vorstadt, wo in dieser Nacht der Gastwirt
einen schlafenden Offizier erstochen hat. Er hat ihm die Kehle
durchschnitten und fünfhundert Rubel von ihm geraubt. Man hat ihn schon
ergriffen, er war ganz blutig und hatte noch das ganze Geld bei sich.«

Und wie er mir das sagt, falle ich wie tot zu Boden ...

So war es auch: der Wirt hatte meinen Arkadij Iljitsch erstochen ... und
man beerdigte ihn hier, in diesem selben Grabe, auf dem wir jetzt sitzen
... Er liegt jetzt unter uns, in dieser Erde ... Darum führe ich ja euch
immer hierher spazieren ... Ich habe gar keine Lust, dorthin zu schauen
(sie zeigte mit der Hand auf die morschen Ruinen des Grafenhauses),
möchte nur hier in seiner Nähe sitzen und ... einen Tropfen zu seinem
Gedächtnis trinken ...



                         ACHTZEHNTES KAPITEL


Ljubow Onissimowna hielt inne -- sie war wohl mit ihrer Erzählung zu
Ende -- und holte aus der Tasche das Fläschchen und sog daran. Ich aber
fragte sie:

»Wer hat denn den berühmten Toupetkünstler hier beerdigt?«

»Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war selbst bei der
Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war doch Offizier, und der
Geistliche und der Diakon nannten ihn bei der Totenmesse >der Edle
Arkadij<. Und als man den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten
blinde Schüsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber übers Jahr auf
dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft. Dreiundvierzig
Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij Iljitsch, blieb aber am Leben und kam
mit gebrandmarktem Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die gerade
frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die Alten, die sich noch
erinnerten, wie man den Mörder des alten Grafen bestraft hatte, sagten,
daß dreiundvierzig Schläge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von
einfacher Abstammung; für den Grafen hatte man aber hundertundeinen
Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf man ja keine gerade Zahl von
Schlägen geben, es muß immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man
sich einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher drei Glas Rum zu
trinken gegeben. Er hatte die ersten hundert Schläge nur zur Peinigung
gegeben, so daß der Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem
hundertersten Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rückgrat. Als man
ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ... Man deckte ihn mit einer
Bastdecke zu und wollte ihn ins Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er
den Geist auf. Der Henker aus Tula schrie aber noch: >Gebt mir noch
jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!<«

»Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?«

»Gewiß, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen, daß man alle
Leute vom Theater hinführt, damit sie sehen, wie weit es einer von den
unsrigen bringen kann.«

»Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?«

»Gewiß! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm Abschied ... Auch ich
ging hin ... Er war so verändert, daß ich ihn gar nicht wiedererkannt
hätte. So blaß und mager war er, -- die Leute sagten, er hätte sein
ganzes Blut verloren, weil ihn der Mörder um Mitternacht erstochen hat
... So viel Blut hat er verloren ...«

Sie hielt inne und wurde nachdenklich.

»Und Sie,« fragte ich, »wie haben Sie es überstanden?«

Sie erwachte gleichsam aus ihren Träumen und fuhr sich mit der Hand über
die Stirn.

»Wie es mir anfangs zumute war, weiß ich nicht mehr, ich weiß auch
nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging ja mit allen zusammen vom
Friedhof fort, also hat mich wohl jemand geführt ... Am Abend sagte mir
aber Drossida Petrowna:

>So geht es nicht, du schläfst nicht und liegst wie ein Stein da. Das
ist nicht gut! Du mußt weinen, damit das Herz einen Ausfluß hat.<

Ich sage ihr drauf:

>Ich kann nicht weinen, Tantchen, -- mein Herz brennt wie eine Kohle und
hat keinen Ausfluß.<

Und sie antwortet:

>Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.<

Sie schenkte mir aus ihrem Fläschchen ein und sagte:

>Bisher habe ich dich davon zurückgehalten und es dir abgeraten. Jetzt
ist aber nichts mehr zu machen: sauge daran und lösche die Kohle.<

Ich ihr drauf: >Ich habe keine Lust.<

>Närrchen,< sagt sie mir, >kein Mensch hat anfangs Lust dazu. Der Gram
ist bitter, und das Gift ist noch bitterer. Wenn man die Kohle mit
diesem Gift begießt, erlischt sie für eine Weile. Saug schnell daran!<

Ich trank den ganzen Placon auf einmal aus. Es war mir widerlich, ich
konnte aber anders nicht einschlafen. Und so war es auch in der nächsten
Nacht ... Heute kann ich ohne ihn nicht mehr auskommen. Habe mir selbst
einen Placon angeschafft und kaufe mir Schnaps ... Und du, liebes Kind,
sag der Mama nichts davon: du sollst die einfachen Menschen niemals
verraten, du sollst mit ihnen Mitleid haben, denn sie sind alle Dulder.
Und wenn wir jetzt nach Hause gehen, werde ich gleich an der Ecke ans
Fenster der Schenke klopfen ... Wir werden nicht hineingehen, ich werde
nur den leeren Placon abgeben, und man wird mir einen neuen durchs
Fenster reichen.«

Ich war gerührt und versprach ihr, keinem Menschen von ihrem Placon zu
erzählen.

»Ich danke dir, Lieber, -- sag es niemand: denn ich muß ihn haben.«

Ich sehe sie auch heute noch vor mir: jede Nacht, wenn alle im Hause
schlafen, steht sie von ihrem Bette auf, so leise, daß kein Knöchelchen
knackt, sie lauscht und schleicht auf ihren langen erkälteten Beinen zum
Fenster ... Sie steht eine Weile da, sieht sich um und lauscht wieder,
ob meine Mutter nicht aus dem Schlafzimmer kommt; dann höre ich den Hals
des »Placons« gegen ihre Zähne klappern ... Sie nimmt einen Schluck,
einen zweiten und einen dritten ... So hat sie die Kohle für eine
Zeitlang gelöscht und eine Totenfeier für ihren Arkascha abgehalten. Und
dann schlüpft sie wieder unter die Decke, und ich höre sie nur leise mit
der Nase pfeifen. Sie schläft!

Eine schrecklichere und herzzerreißendere Totenfeier habe ich noch nicht
erlebt.



                    ANLÄSSLICH DER KREUTZERSONATE


                          (Aus dem Nachlaß)

                              »Jedes Mädchen steht moralisch
                              höher, als der Mann, weil sie
                              unvergleichlich
                              reiner ist. Ein Mädchen,
                              das geheiratet hat, steht
                              immer höher, als ihr Mann. Sie
                              steht höher als er, als Mädchen und
                              auch als Frau in unserm Leben.«

                                                         L. Tolstoi.



                            ERSTES KAPITEL


Man begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Das Wetter war rauh und
trübe. Ich fühlte mich an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur
mit Mühe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor dem Tor
herrschte ein großes Gedränge. In der Menge hörte man Stöhnen und
Schreien. Auf einer Erhöhung erschien der Dramendichter Awerkijew und
schrie irgendetwas. Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine
Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung schaffen, und
lobten ihn dafür, die anderen ärgerten sich über ihn. Ich war unter
denen, die keinen Einlaß gefunden hatten, und da ich keinen Sinn sah,
noch länger hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heißen Tee und
schlief ein. Von der Kälte und den verschiedenartigen Eindrücken fühlte
ich mich sehr müde. Ich schlief lange und so fest, daß ich zum
Mittagessen nicht aufstand. So kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu
Mittag zu essen, weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrücke noch ein
neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich äußerst erregte.

In der späten Dämmerung weckte mich mein Mädchen und sagte, daß eine
unbekannte Dame gekommen sei, die nicht weggehen wolle und beharrlich
bitte, ich möge sie empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem
bejahrten Schriftsteller sind eine ganz gewöhnliche Sache. Zahlreiche
Damen und Mädchen kommen zu uns, um sich mit uns über ihre literarischen
Versuche zu beraten oder uns um unsere Unterstützung beim Unterbringen
ihrer Erzeugnisse bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten. Deshalb
kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnäckigkeit durchaus nicht
erstaunlich vor. Wenn das Leid groß ist und die Not nicht weichen will,
ist es nicht verwunderlich, wenn man hartnäckig wird.

Ich sagte dem Mädchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer bitten, und
machte mich zurecht. Als ich mein Kabinett betrat, brannte auf dem
großen Tische die Arbeitslampe. Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn
und ließ das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die mich diesmal
besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt.

Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte, im Sessel Platz
zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den erleuchteten Zimmerstellen
aus und trachte danach, im Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar
vor. Auf solche Weise zieren und genieren sich manchmal schüchterne,
ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien mir die bevorzugte
gesellschaftliche Stellung der Dame, die sich mir irgendwie fühlbar
mitteilte. Sie war entzückend gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr
war kostspielig und elegant: der reizende Plüschmantel, den sie nicht im
Vorzimmer abgelegt hatte und während unseres ganzen Gespräches
anbehielt; das elegante schwarze Hütchen, anscheinend kein russisches
Erzeugnis, sondern Pariser Modell, der hinten geknotete schwarze
Schleier, durch dessen doppeltes Netz ich nur das weiße, runde Kinn und
manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt mir ihren Namen
und den Zweck ihres Besuches zu sagen, begann sie mit folgenden Worten:

»Darf ich darauf rechnen, daß Sie sich für meinen Namen nicht
interessieren werden?«

Ich antwortete ihr, daß sie durchaus darauf rechnen dürfe. Darauf bat
sie, ich möchte mich auf den Stuhl vor der Lampe setzen, und schob dann
ungeniert den grünen Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, daß das
ganze Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb. Dann setzte
sie sich selbst an das andere Ende des Tisches und fragte von neuem:

»Sie haben keine Familie?«

Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend.

»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?«

Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe, ich keinen Grund
sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen, wie es ihr beliebe.

»Wir sind hier allein?«

»Ganz allein!«

Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der Richtung gegen das
anstoßende Zimmer, in dem sich meine Bibliothek befand und hinter dem
mein Schlafzimmer lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei
deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte. Ich rührte mich
nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung der Dame, sie sähe doch
selbst, daß bei mir niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen
Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen könnten. Hierauf
setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, rückte wieder an dem grünen
Schirm und sagte:

»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ..., und mein
Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber haben Sie Mitleid mit mir!«

Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe erhoben hatte,
stak in einem schwarzen Glacéhandschuh und zitterte heftig. Statt zu
antworten, bot ich ihr Wasser an. Sie hielt mich zurück und sagte:

»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu Ihnen gekommen,
weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten ..., dieser Mensch, der auf
mich einen so außergewöhnlich starken, zwingenden Eindruck gemacht hat,
dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich zweimal im Leben
erzählen mußte, alle meine Gedanken verwirrt haben. Wundern Sie sich
nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum
ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht kennen: ich
habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war mir so sympathisch, so
verwandt, daß ich es mir nicht versagen kann, mit Ihnen zu sprechen.
Vielleicht ist das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich will
Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig antworten. Was Sie mir
raten, das werde ich tun.«

Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hände, für die sie keinen Platz
fand, zitterten.



                           ZWEITES KAPITEL


Besuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe meines literarischen
Lebens, wenn auch nicht gerade häufig, kamen aber doch vor.

Am häufigsten waren es Menschen mit politischem Temperament, die
ziemlich schwer zu beruhigen sind und denen zu helfen doppelt riskant
und unangenehm ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß,
mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst durch den Kopf,
die Dame möge von politischen Leidenschaften umstürmt sein und habe
irgendetwas vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle. Die
Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich unangenehm berührt:

»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich wage nicht, Ihnen
etwas zu versprechen, aber wenn Ihre eigenen Gefühle Sie hergeführt
haben, in dem Vertrauen, das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so
werde ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir anscheinend
als Geheimnis anvertrauen wollen.«

»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, und ich bin
überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden. Ich brauche Ihnen nicht
zu wiederholen, warum es geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es
fühlen, ich kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher
als alle Worte, und zudem habe ich keine andere Wahl. Ich wiederhole
Ihnen, daß ich bereit bin, eine Handlung zu begehen, die mir in diesem
Augenblick ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine
Taktlosigkeit: die Wahl muß sofort getroffen werden, in diesem
Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.«

Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis folgen
würde, und sagte unwillig:

»Ich höre zu.«

Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen Blick meines
Gastes auf mir ruhen, sie sah mich unverwandt an und sagte fest:

»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen Mann.«

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei diesem Geständnis eine
schwere Last vom Herzen fiel; von Politik war anscheinend kein Gedanke.

»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und das sind nun sechs,
... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit sagen, sonst lohnt es sich
nicht, zu sprechen ... es sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch
an ... Es begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres gibt
es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber ich habe Kinder, verstehen
Sie?«

Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben kam ich, wie zu
Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben haben und dessen Tod mich ganz
durchwühlt, und gestand ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich
barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich jetzt auch nicht
mehr in der Verfassung bin, in der ich zu ihm kam, so bitte ich Sie
schließlich doch, mir den Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste
im Leben ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser ist,
seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, demütig und
zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, -- ich weiß nicht, was mit
mir geschehen wird, -- aber ich fühle das unbezwingbare Verlangen,
hinzugehen und meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses
Bedürfnis seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens waren
zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. Dann begann es von neuem,
wie früher. Sechs Jahre habe ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es
doch nicht gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte,
beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie mir raten werden.«

Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg ich und konnte ihr
durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah es an meinem Gesichtsausdruck.

»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, um Rätsel
aufzugeben, sondern um zu sprechen, um alles auszusprechen. Ich müßte
schamlos lügen, wenn ich mich rechtfertigen wollte. -- Ich habe niemals
Not gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im Wohlstand. Die
Natur hat mir meinen Anteil Verstand nicht versagt. Man gab mir eine
gute Bildung, und ich hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu
wählen, -- ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete
einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf mehr als bewahrt hat.
Meine Lage war vortrefflich, als dieser Mensch, das heißt, ich wollte
sagen, mein legitimer Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es,
als gefalle er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne;
keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn auf die
niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf einer ehrenhaften Frau und
guten Mutter genießen würde, während ich keine anständige, ja vielleicht
eine niederträchtige Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel
selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel ... Im Leben
hängt so viel von den Umständen ab. Man sagt, in den Städten sei viel
Schmutz, auf dem Lande dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande
geschehen, wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten Menschen
allein zusammen war, den mein Mann selbst zu mir gebracht und meiner
Sorge überlassen hatte. Wenn Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich
bereuen, müßte endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu
verdanken habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich mich nicht an
den Augenblick erinnere, ich erinnere mich nur an ein Gewitter, an eines
der schrecklichen Gewitter, die ich seit meiner Kindheit immer
gefürchtet habe. Ich liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst,
und als uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine
Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging es weiter. Dann
machte er eine Weltreise, kehrte zurück, und es begann von neuem: aber
jetzt will ich, daß es ein Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte
es schon mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. Die
Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer eine Stunde nach
seinem Erscheinen, und das Schlimmste ist, -- ich will nichts
verheimlichen, -- daß nicht er, sondern ich die Ursache war: ich selbst
sagte und erreichte es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu
erreichen, -- und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der Betrug,
meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...«

»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich.

»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es unbedingt noch heute
tun, wenn ich von Ihnen nach Hause komme.«

Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen Charakter er habe.

»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den besten Ruf, hat einen
guten Posten und ist ziemlich bemittelt; alle halten ihn für einen
ehrenwerten und edlen Menschen.«

»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich.

»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu verständig und
ordentlich, aber er hat wenig von dem, was man Herz nennt, so
ungeschickt diese Bezeichnung auch ist, die an die sogenannte
Seelenharmonie erinnert, aber ich kann es nicht anders sagen. Seine
Herzensregungen sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.«

»Und jener, den Sie lieben?«

»Was wollen Sie über ihn wissen?«

»Flößt er Ihnen Achtung ein?«

»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit der Hand.

»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung denken soll?«

»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste Egoist ist, der
niemand irgendwelche Achtung einflößt, sich nicht einmal die Mühe gibt,
es zu tun.«

»Sie lieben ihn?«

Sie zuckte die Achseln und sagte:

»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller
Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie
zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige
sind zu diesem Gefühle befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle
des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich,
sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel
bessere und auch viel einfachere Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden
heißt eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich
sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen
Sie, -- sich sehnen ...«

Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das
sie diesmal aus meinen Händen nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber
sie war anscheinend dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte.

Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, und in ihr war
anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie
alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet
meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme:

»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem Manne gestehen soll, so
werde ich es tun, aber vielleicht können Sie mir etwas anderes sagen?
Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt,
haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen
fühlen auch das, was die berufsmäßigen Kritiker nicht fühlen. Sie
können, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll
ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjährige
Sünde gestehen?«



                           DRITTES KAPITEL


Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte doch meine
schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wäre, eine solche Antwort zu
geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu
beruhigen, oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte ich
doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich
hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Sünden
dieser Art kunstvoll zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht
verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei
aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, daß sie mir weniger
wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei
immer, daß die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß
sie sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem
mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufügt. Ich kümmerte
mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen
verhält. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und
wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum es dann tun?
Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein
gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben
Empfindungen zugänglich sind, dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne,
was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt
haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstößliche
Wahrheit fühle, -- weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie
der Mann, der das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der er
durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein
Vergehen fühlt und dadurch manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner
Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau es
ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der Männer, die ihren
Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen
es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder
weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung hätte, daß der
Mann ihr während dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet
vergibt sie ihm nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt
sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit
würde für sie keinen Dienst, sondern eine Kränkung bedeuten. Es wäre
eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar
nicht wissen will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre
Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen
gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn
steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem
geneigt, so zu denken, wie ich eben denke.

In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste
fort und fragte:

»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flößen Ihnen
doch Verachtung ein?«

»Eine sehr starke und beständige.«

»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal zu rechtfertigen?«

»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für ihn keine
Rechtfertigung.«

»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer Entrüstung über
ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt sie manchmal ab und manchmal
zu?«

»Sie wird immer stärker.«

»Nun will ich Sie fragen, -- Sie erlauben doch, daß ich Sie frage?«

»Bitte sehr.«

»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir sitzen?«

»Zu Hause.«

»Was tut er?«

»Er schläft in seinem Zimmer.«

»Und dann, wenn er aufsteht?«

»Er steht um acht Uhr auf.«

»Und was tut er dann?«

Mein Gast lächelte.

»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern gehen und mit ihnen
eine halbe Stunde spielen, dann bringt man den Samowar, aus dem ich ihm
ein Glas Tee einschenke.«

»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, das sind
prächtige Dinge, bei denen wir bleiben wollen.«

»Gut gesagt.«

»Und das verläuft mehr oder weniger -- angenehm?«

»Für ihn schon, glaube ich.«

»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die Liebenswürdigkeit
hatten, mir aufzudecken, hat er allein Recht auf Rücksicht, -- nicht die
Kinder, die niemals etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht
Sie. Nein, auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während
er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn denken, daß er nicht
leide; nun stellen Sie sich vor, daß er, statt seiner Gewohnheit gemäß,
Tee zu trinken und vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...«

»Nun?«

»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend zu essen und Ihnen
eine gute Nacht zu wünschen, -- stellen Sie sich vor, wenn er statt
dessen Ihr Geständnis hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben
vom ersten Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe an in
einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? Sagen Sie, erweisen Sie
ihm damit einen guten oder schlechten Dienst?«

»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese Entscheidung
treffen könnte, so wäre ich nicht hier und würde nicht darüber sprechen.
Ich frage Sie um Rat, was ich tun soll.«

»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann Ihnen die Meinung
sagen, die ich mir gebildet habe. Aber damit sie in meinen Augen eine
bestimmte Form annimmt, erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten:
... Die Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der selben Stärke ...
Vermindert sich ihre Abneigung gegen jenen?«

»Nein, sie verschärft sich.«

Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie schien
aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege zu gehen, was ich in meiner
Vorstellung sah. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich,
daß sie entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht hatte,
dem eine Entspannung folgen mußte.

»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger ...«

»Ja, immer mehr und mehr.«

»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß ich es
für das Verständigste hielte, wenn Sie sich, nach Hause zurückgekehrt,
an Ihren Samowar setzen würden, wie bisher.«

Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, ich sah
sie durch den Schleier glänzen und hörte ihr Herz laut und schnell
schlagen.

»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?«

»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie, für ihn und für
Ihre Kinder das Beste wäre.«

»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos in die Länge ziehen?«

»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur schlimmer werden
würde, und diese Endlosigkeit würde noch trauriger sein, als jene, von
der Sie sprachen.«

»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.«

Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und triebhaft,
aber keine von jenen, die vom Leide geläutert werden. Deshalb sagte ich
nichts mehr über ihre Seele, sondern erwähnte wieder die Kinder.

Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und senkte langsam den
Kopf.

»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?«

»Ein gutes Ende.«

»Auf was hoffen Sie?«

»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, oder, Ihren Worten
nach, nicht lieben, aber an den Sie sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag
verhaßter werden wird.«

»Ach, er ist mir schon so verhaßt.«

»Er wird es noch mehr werden, und dann ...«

»Ich verstehe Sie.«

»Ich bin sehr froh darüber.«

»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?«

»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus Ihrem Leid wäre.«

»Und dann ...«

»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...«

»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.«

»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre Sorgfalt für
Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. Das wird Ihnen die Kraft geben,
die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das
Vergangene zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden, für andere
zu leben.«

Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier noch tiefer,
streckte mir die Hand entgegen und sagte:

»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren Gefühl gefolgt
habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, nachdem mich der schreckliche
Eindruck der Beerdigung so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine
Verrückte nach Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem
getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab mir wieder die
Hand und drückte sie so fest, als wolle sie mich auf dem Platze
zurückhalten, auf dem wir standen. Dann verneigte sie sich und ging.



                           VIERTES KAPITEL


Ich wiederhole, daß ich das Gesicht dieser Frau nicht gesehen habe; nur
nach dem Kinn und dem durch den Schleier, wie durch eine Maske
verhüllten Gesicht zu urteilen war schwierig, aber von ihrer Gestalt
hatte ich, trotz des Plüschmantels und des Hütchens, den Eindruck von
etwas Graziösem. Es war eine elegante, leichte Gestalt, die einen
ungewöhnlich lebhaften und starken Eindruck in meinem Gedächtnis
hinterließ.

Ich hatte diese Dame bisher noch nirgends getroffen, und auch der Stimme
nach war sie mir unbekannt. Sie sprach mit ihrer unverstellten Stimme,
einem klangvollen, tiefen, sehr angenehmen Alt. Ihre Bewegungen waren
elegant, man konnte annehmen, daß sie den hohen Gesellschaftskreisen
angehörte, ja, noch genauer, dem höchsten Beamtenkreis, daß sie die Frau
eines Direktors oder Vize-Direktors eines Departements war, oder etwas
in dieser Art. Mit einem Wort, die Dame war und blieb mir unbekannt.

Seit dem Begräbnis Dostojewskijs und der von mir erzählten Begebenheit
waren drei Jahre vergangen. In diesem Winter war ich erkrankt und im
Frühjahr darauf reiste ich in ein ausländisches Bad. Ein Freund und eine
meiner Verwandten begleiteten mich zum Bahnhof. Wir fuhren in einem
Wagen, ich hatte mein Gepäck bei mir. An der Kreuzung einer der in den
Newskij-Prospekt mündenden Straßen vor der Auffahrt eines großen
staatlichen Gebäudes erblickte ich eine Dame. Trotz meiner
Kurzsichtigkeit erkannte ich in ihr meine Unbekannte. Ich war ganz
unvorbereitet, dachte gar nicht an sie, und deshalb frappierte mich
diese auffallende Ähnlichkeit. Mich durchzuckte der ungeschickte
Gedanke, aufzustehen, an sie heranzutreten, sie etwas zu fragen, aber da
fremde Leute dabei waren, tat ich es zum Glück nicht und rief nur aus:

»Bei Gott, das ist sie!« und gab damit meinen Begleitern Anlaß zur
Heiterkeit. Sie war es in der Tat gewesen.

Nach der Gewohnheit aller Russen, oder wenigstens der meisten Russen
machte ich eine Rundreise. Zunächst fuhr ich nach Paris, im Juli trank
ich Heilquellen, und erst später im August, erschien ich dort, wo ich im
Juni hätte sein sollen. Ich lernte bald die übrigen dort zur Kur
weilenden Russen kennen und kannte schließlich fast alle, so daß mir die
Ankunft neuer Landsleute auffiel. Als ich eines Tages auf einer Parkbank
saß, an der die Straße zum Bahnhof vorüberführte, erblickte ich eine
Kalesche, in der ein Herr in hellem Überzieher und Hut, eine Dame mit
Schleier und ihnen gegenüber ein neunjähriger Knabe saßen.

Und wieder geschah mir dasselbe, wie bei meiner Abreise aus Petersburg:

»Mein Gott, das ist sie!«

Sie war es in der Tat.

Am anderen Tage im Parkhotel sah ich beim Kaffee ihren wohlanständig,
aber etwas abgelebt aussehenden Mann und ihr ungewöhnlich schönes Kind.
Der Knabe hatte etwas Zigeunerhaftes, er war gebräunt, hatte schwarze
Locken und große, himmelblaue Augen.

Ich erlaubte mir eine kleine Keckheit und bestach den Kellner, damit er
mir einen Tisch in ihrer Nähe gäbe. Ich wollte ihr Gesicht näher
betrachten. Sie war hübsch und hatte weiche, angenehme Züge, die aber
einen etwas unbedeutenden Ausdruck zeigten. Sie erkannte mich
zweifelsohne und gab sich zwei, dreimal Mühe, sich so zu setzen, daß ich
sie nicht beobachten könne. Später stand sie auf und blieb neben einer
mir bekannten Dame stehen, sprach mit ihr und ging darauf zu ihrem Manne
zurück.

Abends, nach dem Nachtischkaffee, sagte mir meine Bekannte, an die die
Dame herangetreten war, daß sie mich Frau N. vorstellen wolle, welche
eben an uns vorüberging, was sie auch gleich tat. Ich sagte ihr eine
herkömmliche Phrase, die sie mit ebenso herkömmlichen Worten
beantwortete, aber an diesen Worten, an dieser Stimme, an ihren
Bewegungen erkannte ich sie wieder. Sie war es zweifellos, und sie war
klug genug, zu begreifen, daß ich sie erkannt hatte; trotzdem entschloß
sie sich, meine Bekanntschaft zu machen. Sie konnte mit meiner
Anständigkeit rechnen und auf das Versprechen, das ich ihr damals
gegeben hatte, bauen.

Seit der Zeit trafen wir uns und unternahmen sogar einige gemeinsame
Ausflüge mit bekannten Damen und mit ihrem Sohne. Ihr Mann liebte diese
Unternehmungen nicht, er hatte Schmerzen im Knie und hinkte leicht. Ich
hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm vorging: entweder war ihm
seine Frau lästig, oder er wollte frei sein und sich einer, vielleicht
mehr als einer der zugereisten Damen zweifelhaften Rufes widmen.

Aber bei allen unseren Begegnungen und Gesprächen machte sie nie eine
Andeutung, daß wir uns schon früher gesehen hätten. Doch ich fühlte
wohl, wie wir es beide für zweifellos hielten, daß wir einander
verstünden. In dieser Situation trat mit einem Male ein ganz
unvorhergesehener Fall ein.

An einem prächtigen Morgen war sie nicht erschienen, um ihren Mann zum
Brunnen zu begleiten. Er war auch beim Kaffee allein und erzählte, daß
ihr Anatol erkrankt sei und daß seine Frau vor Kummer außer sich wäre.

Um acht Uhr abends brachte mir mein Portier die erschreckende Nachricht,
daß in einem der Hotels ein Kind an Diphtherie gestorben sei. Es war
natürlich der Sohn meiner Unbekannten.

Ich gehöre nicht zu den überängstlichen Menschen, nahm daher gleich
meinen Hut und ging in das Hotel. Mir schien aus irgendeinem Grunde, daß
sich ihr Gemahl allzu teilnahmslos verhalte, und dachte, wenn das kranke
Kind ihr Sohn sei, könne ihr vielleicht meine Hilfe oder mein Beistand
dienlich sein.

Ich kam in ihr Hotel. Niemals werde ich vergessen, was ich dort sah. Sie
hatte dort zwei Zimmer. In dem ersten, dem Empfangszimmer mit den roten
Plüschmöbeln stand mit aufgelöstem Haar und starren Augen meine
Unbekannte. Sie streckte ihre beiden Hände mit gespreizten Fingern vor
sich hin und verteidigte mit ihrem Körper den Diwan, auf dem etwas mit
einem weißen Laken Bedecktes lag. Aus dem Laken sah ein kleiner, blau
angelaufener Fuß hervor, das war er, -- der tote Anatol. An der Türe
standen zwei mir unbekannte Männer in grauen Mänteln, vor ihnen eine
Kiste, kein Sarg, sondern eine Kiste von etwa zwei Arschin Tiefe, die
bis zur Hälfte mit etwas Weißem angefüllt war, das ich erst für Milch
oder Stärke hielt. Vor ihr standen ein Polizeikommissar und ein Bürger
mit irgendeinem Abzeichen. Alle sprachen laut. Der Gatte der Dame war
nicht zu Hause, sie war allein, stritt, leistete Widerstand und rief,
als sie mich sah:

»Mein Gott! Schützen Sie mich! Helfen Sie mir! Sie wollen mir das Kind
nehmen, sie wollen es nicht beerdigen lassen. Es ist eben gestorben.«

Ich wollte für sie eintreten, aber es wäre ganz zwecklos gewesen, auch
wenn wir die vier Menschen hätten überwältigen können, die sie nun ohne
alle Umstände und ziemlich grob in das andere Zimmer stießen und die
Türe abschlossen, gegen die sie dann vergeblich unter entsetzlichem
Stöhnen mit den Fäusten schlug. Indessen nahmen die Männer das Kind, das
noch eben so blühend gewesen war, versenkten es in die Kalklauge und
gingen eilig mit der Kiste fort.



                           FÜNFTES KAPITEL


In den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle äußerst
unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und möblierten Zimmer suchen nach
Kräften solche Mieter zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen
baldigen Tod befürchten läßt.

In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen gestattet, und
wenn ein Todesfall eintritt, so wird er vor allen Unbeteiligten
verheimlicht, und der Tote wird ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn
fortgebracht.

Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange kommen nur sehr selten
vor, und in dem Ort, wo der Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah
es zum erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit
unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und rief, besonders
unter den Damen, panischen Schrecken hervor.

Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets den führenden
Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe, die aufgeregten Gemüter zu
beruhigen, überboten einander an Eifer, verzankten sich und bildeten
zwei Lager. Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das Kind
behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache tatsächlich Diphtherie
gewesen sei, erklärten aber, daß gegen die Ansteckungsgefahr alle
notwendigen Maßnahmen getroffen worden wären, daß sie in besonderen
Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich nachher sorgfältig
desinfiziert hätten. Zwei von ihnen ließen sich sogar die Bärte
abnehmen, um zu beweisen, wie ernst sie die Sache nähmen. Die anderen
aber, die überwiegende Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich
zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und beschuldigten
ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes bedachterweise übertrieben zu
haben. Daraus entstand eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um
ihre Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen
Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische Fraktion
mißbilligte das rücksichtslose und schroffe Vorgehen der Stadtverwaltung
gegen Frau N., der man das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte,
fast noch im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch bevor
die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem Hinweis auf diese
Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte die Aufmerksamkeit des Publikums
von sich auf die anderen ablenken, deren Benehmen in der Tat
ungewöhnlich roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der
menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr besonders
widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum fand sich niemand, der der
traurigen Lage der unglücklichen Mutter auch nur ein wenig
Aufmerksamkeit geschenkt hätte. -- War es tatsächlich Diphtherie
gewesen, so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener und
fester die Beamten gehandelt haben, um so besser war es. Man darf doch
nicht die anderen der Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für
das Eine: wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht hatte.
Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man hatte die Kiste in den
schwarzen Sumpf gebracht, aus dem man früher den Heilschlamm für die
Bäder holte. Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt,
diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge übergossen
worden. Sorgfältiger und energischer konnte man wohl mit einer solchen
Leiche kaum verfahren. Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus
dem fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme der
Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, das für den Monat
vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. Das ganze Hotel mußte desinfiziert
werden, jedenfalls die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie
die anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert werden,
durch den der Knabe gelaufen war, und die Ecke des Speisesaales, in der
die Familie N. ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Das alles machte eine
sehr bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert Gulden,
weil man es auch für notwendig hielt, die Polstermöbel der drei
Appartements zu verbrennen und in den anderen Räumen die Gardinen,
Teppiche und Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß wurden
an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen gestellt. Die
Stadtvertreter unterstützten die Rechte des Besitzers und behaupteten,
daß er trotz der geforderten Entschädigung einen Verlust erleiden werde,
da viele Räume während der ganzen Saison leer stehen würden. Auch für
die Zukunft riskiere der Wirt einen großen Teil seiner Gäste zu
verlieren, da die meisten Besucher, die erfahren hätten, daß in dem
Hause ein Diphtheriefall vorgekommen sei, das Hotel meiden würden.

Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu, und alle
interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit. Die einen
fanden die Forderung schikanös, die anderen gerecht, jedoch viel zu
hoch. Überall sprach man darüber, und Herr N. wurde zu einer
interessanten Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht
fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte, daß er als kranker
Mann sofort nach der Erkrankung seines Sohnes sein Zimmer verlassen
hatte und bis zu dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau
erkundigte sich niemand, und sie war während einiger Tage nicht zu
sehen. Man nahm an, daß sie abgereist oder krank sei. Für die Leute, die
sich für die Sitten des Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine
sehr interessante Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche
Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie geantwortet hätte.
Er stellte nicht in Abrede, daß der Hotelinhaber Verluste erlitten habe
und daß der Tod des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei,
aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung an ihn,
die er nicht ohne Gerichtsbeschluß begleichen wolle.

»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß, aber das darf mir
nicht durch irgendeinen Kommissar und drei Kleinbürger erklärt werden,
sondern durch einen formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen
kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -- schön, wenn
ich die Mittel habe zu zahlen. Man kann mir meinen Koffer nehmen, aber
nicht mehr. Wenn ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich
an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.«

Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt, und um Herrn N.
bildeten sich in einemfort Kreise, die über seine Rechte und die ihn
beschäftigenden Unannehmlichkeiten diskutierten. Die Angelegenheit aber
wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte die Sache nicht
vor Gericht kommen lassen, weil dadurch das Gerede über den
Diphtheriefall noch größeren Umfang angenommen hätte, und man
entschloß sich, die Angelegenheit durch ein friedliches
Übereinkommen zu erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des
Desinfektionsunternehmers bezahlen sollte. Damit wäre die Angelegenheit
erledigt gewesen, doch da trat plötzlich ein neues Ereignis ein: Frau
N., die acht Tage in dem großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging
täglich an den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres Kindes
geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie von diesem Gange nicht
zurück. Man suchte sie vergeblich, niemand hatte sie im Park oder im
Walde gesehen. Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der
Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. Mit ihr waren
auch die gußeisernen Hanteln verschwunden, mit denen ihr Mann
Zimmergymnastik trieb. Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und
begann dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im Sumpfe
ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme später auch bestätigt.
Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche gekommen war, hatte der Sumpf
wieder hinuntergezogen. So kam sie um.

Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, vor allem durch die
Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen war. Die verschwundene Frau
N. hatte weder etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen
ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; Herr N.
erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte sich bescheiden in ein kaltes
und verschlossenes Schweigen. Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn
er abreisen würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, die
die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, nicht ab.

Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich waren wir
Menschen mit sehr ungleichen Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um
das Geheimnis seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen sollen, ihn
zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger, als seine Frau, die sich
an ihm als Ehemann vergangen hatte. Ich hatte keinen Grund, eine
Annäherung mit ihm zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen
Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit und erwähnte
in den Gesprächen, die sich zwischen uns entspannen, oft und gern seine
verstorbene Frau.



Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 59]:
   ... welche neue Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...
   ... welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir
       zuguterletzt ...

   [S. 77]:
   ... Da hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...
   ... Du hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...

   [S. 118]:
   ... Schnaps und einen Füngzigerschein. Der Beamte mußte ...
   ... Schnaps und einen Fünfzigerschein. Der Beamte mußte ...

   [S. 119]:
   ... ein sehr unzermonieller und überdies naiver ...
   ... ein sehr unzeremonieller und überdies naiver ...

   [S. 127]:
   ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenhalt im ...
   ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt im ...

   [S. 128]:
   ... zu den Füssen des schlummernden Mädchens auf dem ...
   ... zu den Füßen des schlummernden Mädchens auf dem ...

   [S. 128]:
   ... und Sitten der Helden dieser legendaren Berichte ...
   ... und Sitten der Helden dieser legendären Berichte ...

   [S. 136]: (mehrfache Fälle)
   ... den Heiligen Nikola und Jurko gründete. Aber Gott allein ...
   ... den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott allein ...

   [S. 139]:
   ... der Schubinskijs. Wenn sein Geprächspartner ...
   ... der Schubinskijs. Wenn sein Gesprächspartner ...

   [S. 140]:
   ... weder Demokrat nach Nationalist in unserem jetzigen ...
   ... weder Demokrat noch Nationalist in unserem jetzigen ...

   [S. 149]:
   ... der Reihe nach besinnen, sonder ein Stück war abgerissen, ...
   ... der Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, ...

   [S. 151]:
   ... arretieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...
   ... arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...

   [S. 162]:
   ... der Kopf herausschaute, schütteten ihm Flaumfedern über ...
   ... der Kopf herausschaute, schüttete ihm Flaumfedern über ...

   [S. 171]:
   ... Ssasikow und Owtschinikow werden von vielen ...
   ... Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen ...

   [S. 171]:
   ... Schriftsteller Bret-Hart erzählt von einem Künstler, ...
   ... Schriftsteller Bret Harte erzählt von einem Künstler, ...

   [S. 172]:
   ... ich hier erzählte, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...
   ... ich hier erzähle, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...

   [S. 175]:
   ... durch eine Nebenwolke hindurch blickte.« ...
   ... durch eine Nebelwolke hindurch blickte.« ...

   [S. 178]:
   ... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »Liuba die ...
   ... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »Ljuba die ...

   [S. 183]:
   ... Arkadij war es ober schon so zumute, daß er nicht mehr ...
   ... Arkadij war es aber schon so zumute, daß er nicht mehr ...

   [S. 184]:
   ... Als Arkedij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...
   ... Als Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...

   [S. 185]:
   ... durchnitten.« ...
   ... durchschnitten.« ...

   [S. 186]:
   ... geheime Verließe, wo lebendige Menschen wie die Bären ...
   ... geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären ...

   [S. 188]:
   ... Leuten zu Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...
   ... Leuten zur Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...

   [S. 190]:
   ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist ein Schande, ...
   ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist eine Schande, ...

   [S. 190]:
   ... »Mein Lieber, in den Kasten mit den Kichengewändern ...
   ... »Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewändern ...

   [S. 194]:
   ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklärte Lubow
       Onissimowna, ...
   ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklärte Ljubow
       Onissimowna, ...

   [S. 217]:
   ... das Gelübte der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...
   ... das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...

   [S. 223]:
   ... Seit dem Begräbnis Dostowjewskijs und der von mir ...
   ... Seit dem Begräbnis Dostojewskijs und der von mir ...

   [S. 225]:
   ... Sie war es zweiffellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ...
   ... Sie war es zweifellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der versiegelte Engel und andere Geschichten - Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und - seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der - Kreutzersonate" ***

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