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Title: Die Macht der Drei - Ein Roman aus dem Jahre 1955
Author: Dominik, Hans
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Macht der Drei - Ein Roman aus dem Jahre 1955" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



    Hans Dominik

    Die Macht der Drei



    Die
    Macht der Drei

    Ein Roman aus dem Jahre 1955

    von

    Hans Dominik

    [Illustration]

    Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.,

    Leipzig



    Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.
    Copyright 1922 by Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.,
    Leipzig.


  Druck von Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., Leipzig



»Das Mysterium von Sing-Sing! Spezialtelegramm: Sing-Sing, 16. Juni,
6 Uhr morgens. Dreimal auf dem elektrischen Stuhl! Dreimal versagte
der Strom! Beim dritten Mal zerbrach die Maschine. Der Delinquent
unversehrt.«

Gellend schrien die Neuyorker Zeitungsboys die einzelnen Stichworte
der Sensationsnachricht den Tausenden und aber Tausenden von Menschen
in die Ohren, die in der achten Morgenstunde des Junitages von den
überfüllten Fährbooten ans Land geworfen wurden und den Schächten der
Untergrundbahnen entquollen, um an ihre Arbeitsstätten zu eilen. Fast
jeder aus der tausendköpfigen Menge griff in die Tasche, um für ein
Fünfcentstück eines der druckfeuchten Blätter zu erstehen und auf der
Straße oder im Lift die außergewöhnliche Nachricht zu überfliegen.

Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge hatten eine Ahnung
davon, daß an diesem Tage weit draußen im Zuchthaus des Staates
Neuyork eine Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war.
Solche Einrichtungen interessierten das Neuyorker Publikum nur, wenn
berühmte Anwälte monatelang um das Leben des Verurteilten gekämpft
hatten oder wenn bei der Hinrichtung etwas schief ging. Es geschah wohl
gelegentlich, daß ein Delinquent lange Viertelstunden hindurch mit dem
Strom bearbeitet werden mußte, bis er endlich für das Seziermesser der
Ärzte reif war. Und auch unter dem Messer war dann noch bisweilen der
eine oder der andere wieder schwer röchelnd erwacht.

Aber die Yankees hatten niemals allzuviel Aufhebens von solchen
Vorkommnissen gemacht. Schon damals nicht, als das Land noch von
Präsidenten geleitet wurde, die man alle vier Jahre neu erwählte. Viel
weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsident-Diktators
Cyrus Stonard stand. Unter der Faust jenes Cyrus Stonard, der
nach dem ersten verlorenen Kriege gegen Japan den Aufstand des
bolschewistisch gesinnten Ostens gegen den bürgerlichen Westen mit
eiserner Strenge niedergeschlagen und dann den zweiten Krieg gegen
Japan siegreich durchgeführt hatte. Die unbeschränkten Vollmachten
des Präsident-Diktators nötigten auch die amerikanischen Zeitungen zu
einiger Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen
betreffenden Notizen.

Etwas Besonderes mußte passiert sein, wenn die sämtlichen Neuyorker
Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend ihre erste Seite widmeten und
mit der Ausgabe von Extrablättern fortfuhren. -- Noch ehe die letzten
Exemplare der eben erschienenen Ausgabe ihre Käufer gefunden hatten,
stürmte eine neue Schar von Zeitungsboys mit der nächsten Ausgabe der
Morgenblätter den Broadway entlang.

»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr 25 Minuten. Elektrische
Station von Sing-Sing zerstört. Der Verurteilte heißt Logg Sar.
Herkunft unbekannt. Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt
wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am Panamakanal!«

»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen! Die Riemen,
mit denen er an den Stuhl gefesselt war, zerschnitten!«

»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als Komplice! Allem Anschein
nach ist der Delinquent mit Hilfe eines der zwölf Zeugen der
Elektrokution entflohen.«

»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing. Im Auto
entflohen!! Ein unglaubliches Stück! Durch Augenzeugen festgestellt,
daß der Delinquent, kenntlich durch seinen Hinrichtungsanzug,
in Begleitung des Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes
Auto gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede Spur fehlt.
Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.«

Mit kurzem scharfen Ruck blieb ein Auto stehen, das in den Broadway
an der Straßenecke einbog, wo das Flat-Iron Building seinen grotesken
Bau in den Äther reckt. Der Insasse des Wagens riß einem der Boys das
zweite Extrablatt aus der Hand und durchflog es, während das Auto in
der Richtung nach der Polizeizentrale weiterrollte. Ein nervöses Zucken
lief über die Züge des Lesenden. Es war ein Mann von unbestimmtem
Alter. Eine jener menschlichen Zeitlosen, bei denen man nicht sagen
kann, ob sie vierzig oder sechzig Jahre alt sind.

Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der Wagen. Noch ehe er
völlig stand, sprang der Insasse heraus und eilte über den Bürgersteig
der Eingangspforte zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem
erstklassigen Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des
Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur vollständig zu
korrigieren. Ein scharfer Beobachter mußte bemerken, daß die rechte
Schulter ein wenig zu hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt
war, daß das linke Bein beim Gehen leicht schleifte.

Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten Korridore,
bis ihm an einer doppelten Tür ein Policeman in den Weg trat. Der
typische sechsfüßige Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm.

»Hallo, Sir! Wohin?«

Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig Weiterschreitenden.

»Stop, Sir!«

Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in den Weg und hob
den Gummiknüppel in nicht mißzuverstehender Weise.

Heftig riß der Besucher eine Karte aus seiner Tasche und übergab sie
dem Beamten.

»Zum Chef, sofort!«

Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlaßte der funkelnde
Blick den Policeman, mit großer Höflichkeit die Tür zu öffnen und den
Fremden in ein saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten.

»Edward F. Glossin, ~medicinae doctor~« stand auf dem Kärtchen, das der
Diener dem Polizeipräsidenten MacMorland auf den Schreibtisch legte.
Der Träger des Namens mußte ein Mann von Bedeutung sein. Kaum hatte der
Präsident einen Blick auf die Karte geworfen, als er sich erhob, aus
der Tür eilte und den Angemeldeten in sein Privatkabinett geleitete.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?«

»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?«

»Nur, was die Zeitungen melden.«

»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft zu werden. Wenn die
Polizeiflieger nicht ausreichen, requirieren Sie Armeeflieger! Ihre
Vollmacht langt doch für die Requisition?«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit gefaßt sein. Das
Staatsinteresse erfordert es. Sie haften dafür.«

»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch den ungewöhnlich
barschen Ton des Besuchers verletzt, und dies Gefühl klang aus seiner
Antwort heraus.

Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach Widerspruch und
Verklausulierungen klangen, waren nicht nach seinem Geschmack.

»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen. Sonst ... müßte
man sich nach einem Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach
Sing-Sing telephonieren! Professor Curtis soll hierherkommen. Ihnen in
meiner Gegenwart Bericht über die Vorgänge erstatten.«

Der Präsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung herstellen.

»Wann kann Curtis hier sein?«

»In fünfzehn Minuten.«

Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch das volle, kaum
von einem grauen Faden durchzogene dunkle Haupthaar, das glatt nach
hinten gestrichen war.

»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte ich ...«

»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf ...« Der Präsident
öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett und ließ Dr. Glossin
eintreten.

»Danke, Herr Präsident ... Daß ich es nicht vergesse! 200000 Dollar
Belohnung dem, der die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!«

»200000 ...?« MacMorland trat erstaunt einen Schritt zurück.

»200000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte. Anschläge mit der
Belohnung in allen Städten!«

Der Präsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, als
plötzlich alle Straffheit aus den Zügen Dr. Glossins wich und einem
erregten, sorgenden Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen
ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der Rechten die
Augen, während die Linke nervös über das narbige Leder der Lehne glitt.
Wie unter einem inneren Zwange kamen abgerissene Worte, halb geflüstert
und stoßweise, von seinen Lippen.

»Stehen die Toten wieder auf? ... Bursfelds Sohn! Kein Zweifel daran
... Wer rettete ihn? ... Wer war dieser Williams? Der Vater selbst?
... Nur der besäße die Macht, ihn zu retten ... Er war es sicher nicht
... Die Riegel des Towers sind fester als die von Sing-Sing ... Wer
wüßte noch um die geheimnisvolle Macht? ... Ah, Jane! ... Sie könnte
es offenbaren. Der Versuch muß gemacht werden ... Unmöglich, jetzt
noch nach Trenton zu fahren ... Ich muß bis zum Abend warten ... Ein
unerträglicher Gedanke. Acht Stunden in Ungewißheit ...«

Der Sprecher fuhr empor und warf einen Blick auf sein Chronometer.

»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.«

Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt zwei winzige
weiße Pillen und verschluckte sie. Beinahe momentan wich die nervöse
Spannung aus seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen
Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts. Bilder aus einer ein
Menschenalter zurückliegenden Vergangenheit zogen plastisch an seinem
Geiste vorüber ... Die großen Bahnbauten damals in Mesopotamien im
ersten Jahrzehnt nach dem Weltkriege. Ein kleines Landhaus am Ausläufer
der Berge ... Eine blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden
Knaben im Arm ... Wie lange, wie unendlich lange war das her, daß
er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen deutschen Ingenieuroffizier,
aus seinem kurdischen Zufluchtsort hervorgelockt und für die
mesopotamischen Bahn- und Bewässerungsbauten gewonnen hatte. Damals,
als Hände und Köpfe im Zweistromlande knapp waren.

Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit gern gefolgt. Mit ihm
kamen sein junger Knabe und sein blondes Weib Rokaja Bursfeld, die
schöne Tochter eines kurdischen Häuptlings und einer zirkassischen
Mutter.

Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld die große
gefährliche Erfindung machte. Bis Edward Glossin, in Liebe zu der
blonden Frau entbrannt, den Freund und seine Erfindung an die englische
Regierung verriet ... Gerhard Bursfeld verschwand hinter den Mauern
des Towers. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen Knaben. In die
Berge nach Nordosten. Ihre Spur war verloren. Und Edward Glossin war
der betrogene Betrüger. Mit ein paar tausend Pfund speiste ihn die
englische Regierung für ein Geheimnis ab, dessen Wert ihm unermeßlich
schien ...

Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere Spannung an. Der Klang
einer elektrischen Glocke ertönte. Der Doktor erhob sich und ging
straff aufgerichtet in das Kabinett des Polizeichefs.

Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis aus Sing-Sing und
fragte: »Wie ist es möglich gewesen, daß die Apparatur versagte?«

Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht.

»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten war die
Elektrokution des Raubmörders Woodburne angesetzt. Sie ging glatt
vonstatten. Um 5 Uhr 40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem
Seziertisch. Die Maschine wurde stillgesetzt und um 5 Uhr 55 Minuten
wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte man den zweiten Delinquenten
und schnallte ihn auf den Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen
Hinrichtungsanzug mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode
wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei Minuten nach sechs senkte
sich die Kupferhaube auf seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand
der Gefängnisinspektor mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen
Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte seinen Platz an der
Schalttafel, den Augen des Delinquenten verborgen. 6 Uhr 3 Minuten
schlug er auf einen Wink des Scherifs den Schalthebel ein ... Ich
will gleich bemerken, daß dies die letzte authentische Zeitangabe aus
Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten sind alle Uhren in der Anstalt mit
magnetisierten Eisenteilen stehengeblieben. Die weiteren Zeitangaben in
den Zeitungen stammen vom Neuyorker Telegraphenamt ...«

Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der Professor fuhr fort.

»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom auf den
Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine, wie von einer
Riesenfaust gepackt, plötzlich stehen. Sie stand und hielt ebenso
momentan auch die mit ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer
Gewalt strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen die stillstehenden
Turbinenschaufeln. Es war höchste Zeit, daß der Maschinenwärter
zusprang und den Dampf abstellte.

Während alledem saß der Delinquent ruhig auf dem Stuhl und zeigte keine
Spur einer Stromwirkung. Erst später ist mir das eigenartige Verhalten
des Verurteilten wieder in die Erinnerung gekommen. Er schien mit dem
Leben abgeschlossen zu haben. Aber sobald er in den Hinrichtungsraum
geführt wurde, kehrte eine leise Röte in seine bis dahin todblassen
Züge zurück. Als die Maschine das erstemal versagte, glaubte ich die
Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen zu bemerken. Gerade
so, als ob er diesen für uns alle so überraschenden Zwischenfall
erwartet habe.

Als die Maschine zum zweitenmal angelassen wurde, verstärkte sich diese
rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte unsere Arbeiten, als ob es sich
für ihn nur um ein wissenschaftliches Experiment handle.

Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten hatten die
Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht. Sie lief mit dreitausend
Umdrehungen, und die elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über
der vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse zwischen Dynamo
und Turbine zerbrach. Die Turbine, plötzlich ohne Last, ging durch.
Ihre Schaufelräder zerrissen unter der ins Ungeheuere gesteigerten
Zentrifugalkraft. Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die Trümmer
unter greulichem Schleifen und Kreischen durch die Abdampfleitung in
den Kondensator. Als der Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, daß
wir haarscharf am Tode vorbeigegangen waren ...«

Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem Doktor. Dann fragte
er den Professor. »Haben Sie eine wissenschaftliche Erklärung für die
Vorgänge?«

»Nein, Herr! Jede Erklärung, die sich beweisen ließe, fehlt. Höchstens
eine Vermutung. Die Magnetisierung sämtlicher Uhren deutet darauf hin,
daß in den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm
von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von Sing-Sing gegangen
ist. Es müssen extrem starke elektromagnetische Felder im freien
Raum aufgetreten sein. Sonst wäre es nicht zu erklären, daß sogar
die einzelnen Windungen der großen Stahlfeder in der Zentraluhr
vollständig magnetisch zusammengebacken sind. Ein fürchterliches
elektromagnetisches Gewitter muß wohl stattgefunden haben. Aber damit
wissen wir wenig mehr.«

Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die wissenschaftlichen
Erörterungen des Professors.

»Wie war die Flucht möglich?«

Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine im Nebenraum
explodierte, suchten alle Anwesenden instinktiv Deckung. Ein Teil
warf sich zu Boden. Ein Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Etwa
zwei Minuten dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der
Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der Dampf abgestellt
und Ruhe eingetreten war, merkte man, daß der Delinquent verschwunden
war. Die starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht
aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten. Die
Flucht mußte in höchster Eile in wenigen Sekunden ausgeführt worden
sein. Erst zehn Minuten später wurde es bemerkt, daß auch einer der
Zeugen fehlte.«

Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte.

Dr. Glossin zog die Uhr.

»Ich muß leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.« Er trat, von
dem Polizeichef begleitet, auf den Gang.

»Wenden Sie alle Maßregeln an, die Ihnen zweckmäßig erscheinen.
In spätestens drei Stunden erwarte ich Meldung, wie es möglich
war, daß ein falscher Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie
telephonischen Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge! Ich gehe
nach Washington.«

Ein Läuten des Telephons im Zimmer des Präsidenten rief diesen hinweg.
Unwillkürlich trat Dr. Glossin mit ihm in den Raum zurück.

»Vielleicht eine gute Nachricht?«

Der Präsident ergriff den Hörer. Erstaunen und Spannung malten sich auf
seinem Gesicht. Auch Dr. Glossin trat näher. »Was ist?«

»Ein Armeeflugzeug verschwunden. R. F. c. 1 vom Ankerplatz entführt.«

»Weiter, weiter!«

Der Doktor stampfte auf den Boden.

»Wer war es?«

Er drang auf den Präsidenten ein, als wollte er ihm den Hörer aus der
Hand reißen. MacMorland hatte seine Ruhe wiedergefunden. Kurz und knapp
klangen seine Befehle in den Trichter.

»Der Staatssekretär des Krieges ist benachrichtigt? ... Gut! So wird
von dort aus die Verfolgung geleitet werden. Wie sehen die Täter aus?
... Hat man irgendwelche Vermutungen? ... Wie? Was? ... Englische
Agenten? Sind das leere Redensarten, oder hat man Anhaltspunkte? ...
Was sagen Sie? Allgemeine Meinung ... Redensarten! Die Herren Chopper
und Watkins werden gleich herauskommen und die Nachforschungen leiten.
Ihren Anordnungen ist Folge zu leisten!«

Der Präsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar Zeilen aufs Papier
und übergab sie seinem Sekretär. Dann wandte er sich seinen Besuchern
zu.

»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger Stunden zwei Vorfälle,
wie sie mir in meiner langen Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind ...
Die Meinung, daß die Engländer dahinterstecken, scheint mir nicht ganz
unbegründet zu sein. R. F. c. 1 ist der neueste Typ der Rapid-Flyers.
Erst vor wenigen Wochen ist es geglückt, durch eine besondere
Verbesserung die Geschwindigkeit auf tausend Kilometer in der Stunde
zu bringen. R. F. c. heißt die verbesserte Type. c. 1 ist das erste
Exemplar der Type. Ich hörte, daß es erst vor drei Tagen in Dienst
gestellt wurde. Die nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für die
Probefahrt fertig zu werden. Der Gedanke, daß die englische Regierung
sich das erste Exemplar angeeignet hat, liegt natürlich sehr nahe ...
Es sei denn ...«

»Was meinen Sie, Herr Präsident?«

Die Stimme Glossins verriet seine Erregung.

»Es sei denn, daß ...« MacMorland sprach langsam wie tastend ... »daß
ein Zusammenhang zwischen der Entführung des Kreuzers und der Flucht
jenes Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?«

»Ich bin versucht, das letztere für das Richtige zu halten. Es ist ganz
ausgeschlossen, mit gewöhnlichen Mitteln ein Luftschiff wie R. F. c. 1
von dem streng bewachten Flugplatz am hellichten Tage zu entführen.«

»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?«

»Ich ... ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig. Trotzdem, Herr
Präsident, werden Sie guttun, sich umgehend mit dem Kriegsamt in
Verbindung zu setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen
und engsten Zusammenwirken mit diesem zu treffen. Guten Morgen, meine
Herren.«

       *       *       *       *       *

MacMorland und Professor Curtis waren allein im Saale des
Polizeipräsidiums zurückgeblieben.

»Ein lebhafter Tag heute!«

MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen Erleichterung. Der
Vorfall mit dem Flugzeug mußte die Sorge der Regierung auf einen
anderen Punkt lenken.

Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Der zweite
Vorfall ist beinahe noch mysteriöser als der erste. Bedenken Sie!
... Der neueste schnellste Kreuzer der Armee. Auf einem Flugplatz
hinter dreifachen, mit Hochspannung geladenen Drahtgittern. Schärfste
Paßkontrolle. Fünfhundert Mann unserer Garde als Platzbewachung. Es
geht mir über jedes Verstehen, wie das geschehen konnte.«

Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon wieder bei dem Falle, der
sein Ressort anging.

»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt? Wir von der Polizei
wissen wieder einmal nichts. Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.«

Der Professor nickte.

»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand: ›Zum Tode verurteilt
wegen Hochverrats, begangen durch einen verbrecherischen Anschlag
auf Schleusen am Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig
vermuteten, die des Geheimen Rats.«

»Ich will gegen diese Institution nichts sagen. Sie hat sich in
kritischen Zeiten bewährt, in denen das Staatsschiff zu scheitern
drohte. Aber ... Menschen bleiben Menschen, und bisweilen scheint es
mir ... ich möchte sagen ... das heißt, ich werde lieber nicht ...«

Professor Curtis lachte.

»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen Sie ruhig, daß dieser
Logg Sar die Panamaschleusen wahrscheinlich niemals in seinem Leben
gesehen hat, und daß der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen zum
Teufel schickt.«

MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors waren schon beinahe
Hochverrat. Aber Curtis ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über alle Berge. Aber
brennend gern möchte ich etwas Genaueres über Doktor Glossin erfahren.
Sie wissen, man munkelt allerlei ...«

MacMorland überlegte einen Augenblick.

»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich auf Ihre unbedingte
Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich selbst das wenige, was
ich weiß, für mich behalten. Um mit dem Namen anzufangen, so habe
ich begründete Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen wahren
Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur der Präsident-Diktator.
Seinen Papieren nach ist er Amerikaner. Aber als ich zum erstenmal
seine Bekanntschaft machte, glaubte ich bestimmt, starke Anklänge
schottischen Akzents in seiner Sprache zu bemerken.«

»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt.

»Die Gelegenheit war für Dr. Glossin nicht gerade ehrenvoll. Vor
zwanzig Jahren. Während des ersten japanischen Krieges. Ich hatte
einen Posten bei der politischen Polizei in San Franzisko. Kalifornien
war von japanischen Spinnen überschwemmt. Die Burschen machten uns
Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch klar, daß ihre Unternehmungen
von einer Stelle aus geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte
mir den Doktor, den er unter höchst gravierenden Umständen verhaftet
hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts zu beweisen. Hätten wir
damals schon den Geheimen Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich
anders verlaufen. So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen zu
lassen. In der nach unserer Niederlage ausbrechenden Revolution soll
er ... ich bemerke ›soll‹ ... ein Führer der Roten gewesen sein. Zu
beweisen war auch hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die
ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard an der Spitze des in den
Weststaaten gesammelten weißen Heeres die Revolution mit blutiger Hand
niederschlug, war Dr. Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muß dem
Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben, denn sein Einfluß
ist seitdem fast unbegrenzt.«

MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem Ferndrucker
zuzuwenden.

»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über R. F. c. 1. Versuchen Sie
Ihren Scharfsinn, Herr Professor. Vielleicht können Sie das Rätsel
lösen. Der Bericht lautet: ›R. F. c. 1 stand um sieben Uhr morgens
zur Abfahrt bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier waren an
Bord. Der Kommandant stand mit den Ingenieuren, die an der Fahrt
teilnehmen sollten, dicht dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich
das Flugschiff ganz plötzlich. Seine Maschinen sprangen an. Es flog
in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz liegenden Wald. Etwa
fünf Kilometer weit. Man nahm auf dem Platz an, daß die Maschinen
versehentlich angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug hinter
dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto brachte den Kommandanten
und die Ingenieure dorthin. Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure
in schwerer Hypnose behaupten, es habe nie ein Flugzeug R. F. c. 1
gegeben. Sie sind zurzeit in ärztlicher Behandlung.‹«

MacMorland riß den Papierstreifen ab und legte ihn vor den Professor
auf den Tisch.

»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie dazu?«

Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor Curtis
konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht nicht entziehen.

»Sie haben recht, Herr Präsident. Es ist ein tolles Stück. Aber Gott
sei Dank fällt es nicht in das Ressort von Sing-Sing und geht mich
daher wenigstens beruflich nichts an. Es wird Sache der Armee sein, wie
sie ihren Kreuzer wiederbekommt. Lieber noch ein paar Worte über Doktor
Glossin. Ich hatte schon viel von ihm gehört. Heute hab ich ihn das
erstemal gesehen. Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?«

»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier in Neuyork
besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus in der 316ten Straße.
Daneben hat er sicher noch an vielen anderen Orten seine
Schlupfwinkel ...«

»Ist er verheiratet?«

»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des weiblichen Geschlechts
ist. Mir ist manches darüber zu Ohren gekommen ... Na, gönnen wir ihm
seine Vergnügungen, wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen
mögen.«

»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?«

»Ich weiß, daß er Diamanten sammelt. Auserlesene schöne und große
Steine.«

»Nicht übel! Aber ein bißchen kostspielig das Vergnügen. Verfügt er
über so große Mittel?«

MacMorland zuckte mit den Achseln.

»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in seiner Stellung, mit
seinem Einfluß kann wohl ... lieber Professor, ich habe schon viel
mehr gesagt, als ich sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor
sein Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so wenig wie
möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie gerade hier sind, geben Sie
mir, bitte, über die Vorgänge in Sing-Sing einen kurzen Bericht für
meine Akten. Wir können nachher zusammen frühstücken.«

       *       *       *       *       *

Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des Weißen Hauses zu
Washington in der grellen Mittagsonne. Aber ein dunkles Geheimnis barg
sich hinter den schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten
die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden Flächen
des Gebäudes. Die politische Spannung war bis zur Unerträglichkeit
gestiegen. Jede Stunde konnte den Ausbruch des schon lange gefürchteten
Krieges mit dem englischen Weltreich bringen. Die Entscheidung lag dort
hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des Weißen Hauses.

In dem Vorzimmer des Präsident-Diktators saß ein Adjutant und blickte
aufmerksam auf den Zeiger der Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag
zur elften Stunde ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des
Präsidenten.

»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.«

Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum Schreibtisch,
wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere beschäftigt war. Ein Mann
mittleren Alters. Eine Art militärischen Interimsrockes umschloß den
hageren Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß ein gewaltiger
Schädel, dessen vollkommen haarlose Kuppel sich langsam hin und her
bewegte. Aus dem schmalen, durchgeistigten Aszetengesicht blitzten ein
Paar außerordentlich große Augen, über denen sich eine zu hohe und zu
breite Stirn weit nach vorn wölbte.

Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines Volkes von
dreihundert Millionen. Als er sich jetzt erhob und langsam, beinahe
zögernd der Tür zuschritt, bot er äußerlich nichts von jenen
Herrscherfiguren, die in der Phantasie des Volkes zu leben pflegen.
Nur das geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für eine der
fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen Glaubenskämpfen
der katholischen Kirche ansehen können.

Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat einen langgestreckten
Raum, dessen Mitte von einem gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten
bedeckten Tisch ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen
sechs Herren in lebhaftem Gespräch. Die Staatssekretäre der Armee,
der Marine, der auswärtigen Angelegenheiten und des Schatzes. Die
Oberstkommandierenden des Landheeres und der Flotte. Sie verstummten
beim Eintritt des Diktators. Cyrus Stonard ließ sich in den Sessel am
Kopfende des Tisches nieder und winkte den anderen, Platz zu nehmen.

»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über die auswärtige Lage.«

Der Staatssekretär des Auswärtigen warf einen kurzen Blick auf seine
Papiere.

»Die Spannung mit England treibt automatisch zur Entladung. Seitdem
Kanada sich mit uns in einem Zollverband zusammengefunden hat, sind die
Herren an der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen
Parlament, nach kanadischem Muster mit uns zu verhandeln, haben die
schlechte Laune in Downing Street noch verschlechtert. England sieht
zwei seiner größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher
Evolution zu uns kommen. In Australien geht die Entwicklung langsamer
vor sich, seitdem der japanische Druck verschwunden ist. Aber auch
dort ist sie unaufhaltbar, wenn es der englischen Macht nicht vorher
gelingt, uns niederzuwerfen ...«

Ein spöttisches Lächeln glitt über die Züge des Flottenchefs.

»In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen schwer mit
den englischen zusammen. Der letzte Aufstand im Jangtsekiangtale war
mit englischem Gelde inszeniert. Die afrikanische Union hält bei aller
Wahrung ihrer politischen Selbständigkeit wirtschaftlich fest zu
England und läßt nur englische Waren hinein. Unser letzter Versuch,
einen Handelsvertrag mit der afrikanischen Union abzuschließen, ist
gescheitert. Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen
Entscheidung entgegen. Die Entführung von R. F. c. 1 gibt einen
geeigneten Anlaß. Seit zwei Stunden tobt unsere Presse gegen England.«

Cyrus Stonard hatte während des Vortrages mechanisch allerlei Schnörkel
und Ornamente auf den vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet.

»Wie denken Sie über die Entführung des R. F. c. 1?«

Er heftete seine Augen auf den Flottenchef Admiral Nichelson.

»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten ergriffen worden.
Sie leugnen jede Teilnahme.«

»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.«

»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.«

»Es gibt wirksamere Mittel ... Wie lange kann sich R. F. c. 1 in der
Luft halten?«

»Die Tanks waren für zwölf Stunden gefüllt. Genug, um in voller
Dunkelheit zu landen, wenn es nach Osten geht. Unsere Kreuzer über dem
Nordatlantik sind avisiert. Eine Landung in England müßte noch bei
Helligkeit erfolgen und würde gemeldet werden.«

»Sie halten es für sicher, daß die Entführung auf Betreiben der
englischen Regierung erfolgt ist?«

»Ganz sicher!«

»Hm! ... der Gedanke liegt nahe ... vielleicht zu nahe ... Und
die anderen Herren? ... meinen dasselbe ... hm! Hoffentlich, nein
sicherlich haben sie unrecht.«

Die Staatssekretäre sahen den Diktator fragend an.

»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde erst
losschlagen, wenn ich weiß, daß er sitzt. Das heißt, meine Herren ...«
Die Stimme des Sprechenden hob sich. »R. F. c. 1 mag in Gottes Namen
in England landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben, bis es so
weit ist.«

»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?«

»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von Island vom 60. bis
zum 30. Breitengrad gleichmäßig verteilt.«

Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der Kreuzerflotte an einem
großen Globus zu demonstrieren.

»Wo stehen die Luftkreuzer?«

»Die leichte Beobachtungsflotte zwischen Island und den Faröer. Die
Panzerkreuzer liegen seit drei Tagen auf dem grönländischen Inlandeis.«

»Die G-Flotte ...«

»Die Schiffe auf Grönland sind damit ausgerüstet.«

Nur dieser Staatsrat wußte um das Geheimnis, daß die neuen Luftkreuzer
mit Bomben versehen waren, die nach dem Abwurfe Milliarden und aber
Milliarden von Pest- und Cholerakeimen in die Luft wirbelten. Man
hatte noch keine Gelegenheit gehabt, den Bakterienkrieg im großen
auszuprobieren. Aber die amerikanischen Fachleute versprachen sich viel
davon.

»Die P-Flotte ...«

Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen Züge
des Diktators, als er das Wort aussprach. Seit mehr denn Jahresfrist
lagen englische Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden Pfund
Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen Staatsschatzes.
Von der Tausendpfundnote an bis hinab zu den kleinsten Beträgen.
Alles so vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, daß die Bank von
England selbst diese Noten für echt halten mußte. Die Aufgabe der
P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch diese Unmengen englischen
Papiergeldes über die ganze Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel
trieben und englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser Flotte
mußte das englische Geldwesen in wenigen Tagen vollkommen zerrütten.
Aber die P-Flotte war noch ein schwereres Staatsgeheimnis als die
G-Flotte. Die englischen Agenten hatten nur herausbekommen, daß sie
für Propagandazwecke bestimmt sei und im Falle eines Krieges in großen
Massen die zuerst von Woodruf Wilson in die Kriegführung zivilisierter
Nationen eingeführten Traktätchen über den feindlichen Linien
abzuwerfen hätte.

»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«, sagte Admiral
Nichelson trocken.

Jedermann im Saale wußte, daß dieser Standort fünfzehn Flugminuten von
den Gewölben des Staatsschatzes entfernt war.

Cyrus nahm das Wort von neuem.

»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation an der
afrikanischen Küste vollkommen gesichert ist? Die Frist ist bereits
seit einer Woche abgelaufen.«

Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten erhob sich der
Flottenchef unwillkürlich.

»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen war, Herr
Präsident.«

»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?«

»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als bis zum Ablauf dieses
Monats dauern.«

»Hm ... dann also, meine Herren ... dann wird man R. F. c. 1 zur
geeigneten Zeit in England landen sehen.«

Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten ein Wort ins Ohr.

»Gut, ich komme.«

Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet.

       *       *       *       *       *

Aus dem blauen Mittagshimmel schoß ein silbern schimmernder Punkt auf
das Weiße Haus in Washington zu, wurde größer, zeigte die schnittigen
Formen eines Regierungsfliegers und landete sanft auf dem Dach des
Gebäudes.

Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin die Maschine.
Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend, schritt er an den
martialischen Gestalten der Leibgarde vorbei. Auf den Treppenabsätzen
und in den Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus den
westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen. Sie hielten
die Wache um den Präsident-Diktator wie früher die Grenadiere der
Potsdamer Garde um die preußischen Könige oder die Eisenseiten um
Oliver Cromwell.

Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des Diktators und ließ
sich melden. Nur eine knappe Minute, und der Diktator trat aus dem
Sitzungssaale und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn in
sein Arbeitszimmer mitkommen.

»Wer ist Logg Sar?«

Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in der Frage lag, und
trat einen Schritt zurück.

»Logg Sar ist ... Silvester Bursfeld.«

Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards.

»Bursfeld ... der im englischen Tower gefangen saß?«

»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.«

»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem Sohne Gerhard
Bursfelds nie gesprochen. Warum nicht?«

»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.«

»Und ich erfahre es erst heute?«

Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein Blick traf ihn, der
sein Gesicht noch eine Nuance blasser werden ließ.

»Erklären Sie!«

»Es war vor ungefähr drei Monaten ... Ich hielt mich einige Zeit in
Trenton auf, um in meinem Laboratorium im Hause einer Mrs. Harte an
einem Versuch zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur, der
in den Staatswerken von Trenton beschäftigt ist, zu Mrs. Harte und
erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen. Dabei stellt sich
heraus, daß der verstorbene Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von
Gerhard Bursfeld war.«

»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, daß der junge Ingenieur
der Sohn von Gerhard Bursfeld ist. Warum nannte er sich Logg Sar?«

»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt und für ihn beruht
alles andere auf Vermutungen. Für mich ist der Beweis erbracht.«

»Liefern Sie ihn mir!«

»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über die Sache, Herr
Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung. Nachdem Gerhard Bursfeld
die unfreiwillige Reise nach England gemacht hat, verschwindet er
für immer im Tower. Sein Weib flieht mit ihrem kleinen Knaben in die
kurdischen Berge. Unterwegs schließt sie sich einer Karawane an:
Kaufleute, Priester und was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht.
Die junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht gewachsen.
Irgendwo auf der Strecke zwischen Bagdad und Kabul wurde sie bestattet.
Ein tibetanischer Lama, der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der
Sterbenden an. Ihm übergibt sie ihren Knaben, macht ihm zur Not dessen
Namen verständlich ...«

»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!«

»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster Pankong Tzo und erzieht
ihn in den Lehren Buddhas. Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist,
besucht eine Expedition schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge
Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der Expedition, dem
Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit nach Schweden genommen, wird mit
dessen Sohn zusammen erzogen, wird wie dieser Ingenieur ...«

Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch allerlei Arabesken
gemalt, wie es seine Gewohnheit war. Jetzt warf er den Bleistift
unwillig auf das vor ihm liegende Papier.

»Glauben Sie im Ernst, Herr Doktor, daß irgendein Anwalt in den Staaten
auf Ihre Erzählung hin einen Erbschaftsprozeß übernehmen würde?«

»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr Präsident. Die Kette
schließt sich Glied an Glied. Auf einer Rheinreise, die er nach dem
Abschluß seiner Studien macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar
angesprochen, dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard Bursfeld
auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard Bursfeld verwandt, haben
ihn genau gekannt und sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert
... wie ich es war, als Logg Sar mir das erstemal vor die Augen trat.
Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so vor mir zu sehen, wie er
dreißig Jahre früher in Mesopotamien vor mir gestanden hat. Die alten
Leute machen Logg Sar darauf aufmerksam, daß ein Stiefbruder Gerhard
Bursfelds in Trenton lebt. Logg Sar findet im weiteren Laufe seiner
Ingenieurkarriere eine Stellung in den Trentonwerken. Er erinnert sich
der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs. Harte vor. Ihr
Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard Bursfeld findet sich im Hause. Die
Ähnlichkeit ist überzeugend.«

Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an.

»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig beglaubigte
Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte Muttermal, und die Sache
könnte in Harpers Weekly stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen
schlüssige Beweise und keine Phantastereien. Haben Sie irgendeinen
wirklichen Beweis, daß Logg Sar und Silvester Bursfeld identisch sind?«

Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus.

»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.«

»Was soll das heißen?«

»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende. Den letzten Tag des
Jahres. Den Tag, den die christliche Kirche dem Silvester geweiht hat.
Die sterbende Mutter hat dem fremden Priester verständlich zu machen
versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet. Das Jahresende. Der
christliche Name wurde vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab
den neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong Tzo verblieb.«

»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und ich glaube ... für Sie
auch nicht.«

Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Diktator heran.

»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er kennt das Geheimnis
seines Vaters. Es ist ihm überkommen, er hat es ausgebaut in einem
Maße, daß ...«

Die feinen Flügel der Adlernase des Diktators zitterten. Zwei lotrechte
Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen zusammen, als er den Satz
des Doktors vollendete:

»... daß er unser werden oder verschwinden muß, wie seinen Vater die
Engländer verschwinden ließen.«

»Das erstere ist wohl nicht mehr möglich.«

»Nach dem Experiment in Sing-Sing ... ich glaube, daß Gründe
vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr Konto damit zu belasten, Herr
Doktor! Finden Sie einen Weg, auf dem sich die andere Möglichkeit
bewerkstelligen läßt?«

Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der diesen erschauern
ließ. Ein Wink des Diktators, und er war selbst aus der Liste der
Lebenden gestrichen, fand vielleicht schon in wenigen Stunden selbst
sein Ende auf dem Stuhle in Sing-Sing.

Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig fort: »Wie sind Sie
hinter sein Geheimnis gekommen?«

Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu erzählen:

»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhaßt. Auch sonst hatte ich
Grund ... seine Anwesenheit im Hause Harte unangenehm zu empfinden ...«

»Hm! Hm ... so ... weiter!«

»Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit benutzen zu
dürfen. Ich erlaubte es ihm. Beim Fortgehen sorgte ich dafür, daß
zehntausend Volt an den Tischklemmen lagen. während der zugehörige
Spannungsmesser nur hundert Volt anzeigte. Ich kam wieder, um eine
Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt aus dem Hause treten. Das
Lächeln eines Siegers auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg
errungen hat. Da wußte ich, daß Silvester Bursfeld der rechte Sohn
seines Vaters ist. Er mußte wissen, daß ich ihm die Falle gestellt
hatte. Ich durfte mich nicht mehr vor seinen Augen zeigen. Drei
Tage später verschwand er ... Unauffällig, wie es üblich ist.
Spezialgericht. Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt. Was
weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.«

»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?«

»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen über die Erfindung
vorhanden. Ich war dreimal in seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde
umgedreht und studiert.«

»Sie haben selbst gesucht ... Lassen Sie unsere Polizei suchen!
Die versteht es vielleicht besser ... Zum zweiten Punkt unserer
Besprechung. Wer hat R. F. c. 1 genommen?«

»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn ich nicht ...«

»Wenn Sie nicht ...«

»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens fürchten müßte, daß
Silvester Bursfeld allein oder mit Komplicen in unserem schnellsten
Kreuzer nach ... nach Schweden oder nach Tibet fährt.«

»Allein ist ausgeschlossen! Komplicen? Wer sind sie?«

»Ich weiß es nicht ... Bis jetzt noch nicht. Einer dieser Komplicen ist
bestimmt der Zeuge Williams. Von dem dritten, der das Auto steuerte,
wissen wir nur, daß er braunhäutig ist ...«

»Es ist anzunehmen, daß die drei zusammenbleiben werden. Drei sind
leichter in der Welt zu finden als einer. Nehmen Sie die politische
Polizei zu Hilfe und suchen Sie. Das Finden liegt in eigenstem
Interesse ... Suchen Sie, Herr Doktor Glossin!«

Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Diktator. Zum erstenmal
hatte er die ihm anvertrauten, so ungeheuer weitreichenden Vollmachten
für die Zwecke einer Privatrache angewendet. Die Blankette und
Vollmachten, die er in den Händen hielt, machten es ihm leicht, den
jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis dahin war alles in Ordnung.

Aber daß er den Gefangenen sofort auf den elektrischen Stuhl brachte,
entsprach nicht der Staatsräson. Solche Leute bewahrte Cyrus Stonard
nach bewährter Methode an festen Orten auf und suchte hinter ihre
Schliche zu kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen.

»Ich bitte Sie, den Entschluß über Krieg oder Frieden um etwa fünf
Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich wieder hier bin.«

»Warum?«

»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und seine Gefährten das
Flugschiff genommen haben oder nicht.«

»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele, daß englische Agenten das
Schiff genommen haben? Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir
gelegen kommen.«

»Ich beschwöre Eure Exzellenz. Keine bindenden Entschlüsse, bevor wir
nicht klar sehen.«

»Was klar sehen?«

»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im Bunde mit England ...
dann können wir den Kampf nicht wagen.«

Der Diktator schüttelte abweisend das Haupt.

»Der Sohn wird sich hüten, sich mit den Mördern seines Vaters zu
verbinden.«

»Ich hoffe es. Aber Sicherheit ist mehr wert als Vermutung. In wenigen
Stunden kann ich Sicherheit haben. Hat er R. F. c. 1 nicht genommen,
so ist er noch in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu
fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir fürchten
müssen.«

Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte Cyrus Stonard: »Ich erwarte
Ihre Mitteilung im Laufe der nächsten drei Stunden. Unsere Presse soll
ihre Invektiven gegen England bis auf weiteres unterlassen. Versuchen
Sie auf jede Weise, des Erfinders habhaft zu werden. Vermeiden Sie
Differenzen mit anderen europäischen Staaten. Wir wollen dem Gegner
keine Bundesgenossen werben.«

Eine Handbewegung des Präsident-Diktators, und Dr. Glossin war
entlassen.

       *       *       *       *       *

Hinter dichten Bäumen verborgen, efeuumsponnen, stand in der Johnson
Street zu Trenton das Häuschen, welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter
Jane bewohnte. Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier
vollkommen vergessen. Die roten Backsteinhäuser der Straße lagen
ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die Straße selbst war reichlich zehn
Minuten von den Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie
lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete in einen
schönen, von Nordwesten her direkt an das Städtchen stoßenden Laubwald.

Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann hatte den Tod als Ingenieur in den
Staatswerken gefunden. Auf eine schlimme Weise. Ein Dampfrohr platzte
und erfüllte seinen Arbeitsraum mit überhitzten Dämpfen. Frederic
Harte war nach dem Unfall ruhig nach Hause gekommen und hatte sein
Weib schonend auf seinen Tod vorbereitet. Sie glaubte, er spräche im
Fieber. Erschrocken war sie auf ihn zugeeilt und hatte seine rechte
Hand ergriffen. Hatte mit Entsetzen spüren müssen, wie das Fleisch der
Finger sich von den Knochen löste, tot und weich, vom überhitzten Dampf
gekocht, in ihren eigenen Händen verblieb.

»Es tut nicht mehr weh ... Ich habe keine Schmerzen«, hatte Frederic
Harte sie mit einem weltentrückten Lächeln getröstet, sich ruhig an
seinen Schreibtisch gesetzt und seine letzten Verfügungen getroffen.
Zwei Stunden später verlor er das Bewußtsein. Nach abermals einer
Stunde war er tot. »Totale Verbrennung der ganzen Oberhaut, Erstickung
infolge fehlender Hautatmung«, sagte der Arzt der verzweifelten Frau.

Das furchtbare Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte niedergeschmettert.
Monate hindurch fürchtete man für ihren Verstand. Nur ganz allmählich
erholte sie sich von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre
geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen ab. Jetzt
war sie fast den ganzen Tag an den Rollstuhl gefesselt, in der Pflege
ihrer einzigen Tochter Jane.

Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung hinaus
Aufsehen erregt. Wenige Tage danach war ein Neuyorker Arzt Dr. Glossin
nach Trenton gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um
nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen. Mit
großer Teilnahme bemühte er sich um die beiden von ihrem Schmerz ganz
niedergeworfenen Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges
Mietangebot auf das Laboratorium, das sich Frederic Harte in dem Hause
eingerichtet hatte. Im Bewußtsein ihrer unsicheren pekuniären Lage
hatte Jane ohne Bedenken zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt
hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern, zumal dieser
selten kam und sich nur immer für kurze Zeit in dem Laboratorium zu
schaffen machte.

Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen Kreis trat. Nach dem,
was der junge Mann vorbrachte, war er ein Verwandter der beiden Frauen.
Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle alten Erinnerungen
und verstaubten Beziehungen schnell in den Hintergrund treten. Mr.
Logg Sar oder, wie er hier bald gerufen wurde, Silvester wurde ein
lieber Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber nicht erbaut
zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich und gestattete Silvester
bereitwillig, das Laboratorium zu benutzen. Aber die Gegenwart des
Doktors allein wirkte störend und erkältend.

Es kam, wie es das Schicksal mit den beiden jungen Menschen
vorhatte. Aus dem Bewußtsein der Verwandtschaft erwuchs eine leichte
Zuneigung und aus dieser eine immer tiefer und inniger werdende
Herzensgemeinschaft. Silvester Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein
können, wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur während seiner
Anwesenheit, sondern auch noch an den nächsten Tagen war das Wesen
Janes stets verändert. Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und
Zurückhaltung, daß Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln wollte.
Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche Benehmen ein,
ohne daß ihr diese Veränderlichkeit selbst zum Bewußtsein zu kommen
schien.

Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels. Eines Tages
fand er Jane im Laboratorium schlafend auf einem Stuhle. Trotz aller
seiner Bemühungen erwachte sie erst nach einer Viertelstunde und
leugnete dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner
Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu irgendwelchen
hypnotischen Experimenten. Mißbrauchen nannte es Silvester. Er behielt
seine Entdeckung für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur Rede zu
stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach war Silvester verschwunden,
ohne vorher von einer Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben.

Es war die vierte Nachmittagstunde des sechzehnten Juni. Vor der Tür
im Schatten des alten Nußbaumes saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl,
neben ihr in einem Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem
gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches das lichtblonde
Haar reich und schwer niederfiel. Die Sonnenstrahlen drangen durch das
Gezweig des alten Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde
Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung war
wie hingehaucht. Man konnte vor solcher Zartheit erschrecken, die bei
Menschen wie bei Blumen nur den vergänglichsten Blüten eigen ist.

Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre schlanken Finger
setzten geschickt Stich neben Stich und formten in schwerer Seide das
Muster einer roten Rose. Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser
Arbeit. Ihre Miene verriet, daß eine Sorge, ein Kummer sie drückte. Die
Schatten unter den Augen sprachen von durchwachten Nächten, die Blässe
ihrer Wangen steigerte noch das Ätherische ihrer ganzen Erscheinung.
Mit einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken.

»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum letztenmal bei uns
war.«

»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind. Ich denke, er hat
eine plötzliche Reise unternehmen müssen ... vergaß es in der Eile, uns
zu benachrichtigen.«

»Vergessen?«

Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund.

»Jane, was hast du?«

»Laß, Mutter! Ich weiß, daß man in den Werken ebenfalls keine Erklärung
für sein plötzliches Verschwinden hat. Man glaubt dort ... und ich
fürchte es ... eine innere Stimme gibt mir die Gewißheit, daß er das
Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht ... eines Verbrechens
geworden ist.«

Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte vergeblich, die
fließenden Tränen zurückzuhalten.

»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch. Wer sollte ihm
übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte er mit niemand im Orte. Wie
wäre es, wenn wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für diesen
Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt. Vielleicht kann er uns
helfen.«

Jane ließ die Hände sinken.

»Dr. Glossin?«

Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten sich weit, und ein
Beben lief durch den schlanken Körper.

»Dr. Glossin ... Ja ... Er!«

Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd ruhten ihre Blicke
auf dem dichten Blättergewirr über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter
ihrer Stirn. Sie versucht, einen ganz momentan und instinktartig
aufgetauchten Verdacht zu ergründen ... Vergeblich. Sie fand keinen
Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck ihrer Züge wich dem einer
Enttäuschung. Was war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer
Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte, so daß alle
Zusammenhänge verlorengingen?

Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen und ließ sie auffahren.

»Ah, Dr. Glossin!«

Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen.

»Sie riefen mich, meine liebe Miß Jane. Da bin ich. Womit kann ich
Ihnen helfen?«

»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte sich Mrs. Harte an
den Besucher. »Seit einer Woche ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir
stehen vor einem Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.«

Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des Doktors. Ihre Augen
blickten so fragend und angstvoll, als würde von dieser Stelle aus über
ihr eigenes Leben entschieden.

»Ja, helfen Sie uns, Herr Doktor«, schloß sie sich der Bitte der Mutter
an.

Es war klar, daß die beiden Frauen noch keine Ahnung von der Affäre in
Sing-Sing hatten, und Dr. Glossin handelte danach.

»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre es doch wohl das
einfachste, wenn man sich an die Polizei wendete. Freilich müßte
man glaubhaft machen, daß der begründete Verdacht eines Verbrechens
vorliegt, denn sonst ... man reist viel in den Staaten, und eine
achttägige Abwesenheit eines jungen unabhängigen Mannes wäre noch kein
Grund, den polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.«

Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane, die ihn gespannt
beobachtete, merkte keine Veränderung an ihnen, während er ruhig
fortfuhr: »Ich will mich selbst mit der Polizei in Verbindung setzen,
aber ... aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe ...«

»Herr Doktor! Was soll das heißen?«

Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher mit großen,
klaren Augen an. Doch nur auf Sekunden. Vor dem magnetischen Fluidum,
welches aus den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte,
senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam.

»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die ich bei meinem letzten
Hiersein vergaß, aus dem Laboratorium zu holen. Ich muß gleich wieder
abreisen.«

Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes zu fassen, den diese
beharrlich zu Boden gerichtet hielt. Einen Augenblick nur dauerte der
stumme Kampf. Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne empor. Ihre
Blicke versenkten sich ineinander.

»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft erledigt.«

Der Doktor schritt dem Hauseingang zu.

»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist hinter dem Dach
verschwunden. Mir wird kühl.«

Während Jane die herabgesunkene Decke um sie schlug, strich ihr die
Mutter liebkosend über das bleiche Gesicht.

»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.«

»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.«

Ruhig, fast eintönig sprach Jane die Worte. Im Hause bettete sie die
Kranke auf einen Diwan und wandte sich zum Flur. Leise schloß sie die
Tür und stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still. Dann
schritt sie dem Laboratorium zu.

Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem bequemen Stuhl.
Der suggestive Befehl war auf die Minute genau ausgeführt. Noch einmal
versuchte sie es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine
unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr Mund öffnete
sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin streckte die Hände über Janes
Haupt aus, und kein Ton kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen
ließ sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war in jenem
rätselhaften Zustand, in dem das körperliche Auge geschlossen ist,
während die Seele Dinge wahrnimmt, die räumlich oder zeitlich in weiter
Ferne liegen. Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat
Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?«

Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen und schwer
oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen öffneten sich und formten
Worte einer fremden Sprache.

»~Om mani padme hum.~«

Eintönig wiederholte sie die vier Worte. Dr. Glossin hörte sie und
verstand den Sinn nicht. Mit größter Konzentration stellte er die Frage
noch einmal, gab er Befehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen.
Die Antwort bestand immer wieder in diesen vier Worten, die ganz
mechanisch, fast maschinenmäßig wiederholt wurden, wie wenn etwa ein
Phonograph den gleichen Text ein dutzendmal herunterspielt.

Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere.

»Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen? Können Sie hören, was er
spricht?«

Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von Janes Lippen: »Ich sehe
... Wolken ... ein Schiff ... ein Flugschiff ... Logg Sar! Er trägt
ein dunkles Kleid. Zwei Männer sind bei ihm ... Das Schiff landet
... Viel Heidekraut. Die Männer verlassen das Schiff ... Das Schiff
verschwindet. Logg Sar geht über die Heide ... Es wird neblig. Ich sehe
nichts mehr.«

Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen.

»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?«

»Ein Land im Norden ... dunkle Tannen und Heidekraut ... ein Haus an
einem Fluß. Die Nebel steigen ... Ich sehe nichts mehr ...«

Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wußte aus früheren Erfahrungen, daß
es vergeblich war, weiterzufragen, wenn das Bild sich verschleierte.
So setzte er die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung
auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision schon bei Vorgängen
abbrach, die, wenn auch weit entfernt, in der Gegenwart stattfanden,
war wenig Aussicht, zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er
beschloß, den Versuch zu machen.

»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!«

»Ich gehe ... die Johnson Street, die Washington Street ... ich bin in
dem Hause ... ich trete in das Zimmer ...«

»Blicken Sie sich genau um! Sind alle Gegenstände vorhanden? Oder fehlt
etwas? Wurde in der letzten Zeit etwas aus dem Zimmer genommen? Blicken
Sie rückwärts.«

Jane hob die Hände, als ob sie sich in einem dunklen Raum vorwärts
tastete.

»Ich sehe ... Logg Sar ist fortgegangen. Eine Person kommt. Ich erkenne
sie. Es ist Dr. Glossin. Er sucht und findet nichts ... Er geht wieder
fort. Zwei andere Männer kommen. Der eine ... ein Riese, blond, mit
blauen Augen. Der andere dunkel. Ein Neger? ... Nein, ein dunkler Mann.
Sie suchen. Sie nehmen ... ~Om mani padme hum ... Om mani padme hum.~«

Der Doktor ballte erregt die Hände.

»~Om mani padme hum~? ... Schon wieder die sonderbaren Worte. Was
bedeuten sie? Geben sie den Schlüssel? Wie finde ich die Lösung? ...
Verdammt daß die Zeit so knapp ist! In drei Stunden muß der Diktator
seinen Bericht haben.«

»~Om mani padme hum~«, kam es automatisch von Janes Lippen.

»Was nehmen die zwei? Strengen Sie sich an! Versuchen Sie, deutlich zu
sehen. Was nehmen die beiden Männer?«

»Papierstreifen ... ich sehe eine kleine Handmühle ... das Bild wird
trübe. Die Nebel steigen.«

»Eine Mühle?«

Dr. Glossin zerbrach sich den Kopf. Eine Mühle? Was konnte Logg Sar
für eine Mühle haben? Bei der Durchsuchung seines Zimmers hatte Dr.
Glossin allerlei asiatische Erzeugnisse gesehen ... vielleicht eine
buddhistische Gebetmühle? Gab etwa der rätselhafte Spruch die Lösung
nach dieser Richtung?

Dr. Glossin wußte, daß er es heute nicht mehr erfahren würde. Er legte
die Hand aufs neue auf Janes Stirn. Im Augenblick vollzog sich eine
Veränderung in ihrem Aussehen. Ihre Züge entspannten sich, und wie
eine tief Schlafende saß sie in dem Stuhl. Der Arzt ließ sie zehn
Minuten in dieser wohltätigen Ruhe. Dann strich er ihr wieder über die
Augen und das Haar. Ein Strom mächtigen Willenfluidums drang durch die
Nerven seiner Finger. Jane schlug die Augen auf und schien es für die
selbstverständlichste Sache von der Welt zu halten, daß sie hier im
Laboratorium saß.

»Ich bitte Sie, Miß Jane, lassen Sie alles machen, was sie für
notwendig halten, und legen Sie mir die Rechnungen bei meinem nächsten
Besuch vor. Ich möchte, daß das Laboratorium in gutem Zustande gehalten
wird.«

»Jawohl, Herr Doktor. Es soll alles nach Ihren Wünschen besorgt werden.«

Jede Erinnerung an den vorangegangenen Zustand des Hellsehens war
bei Jane geschwunden. So befahl es die retroaktive Suggestion, die
Dr. Glossin ihr bei der letzten Berührung erteilt hatte. Sie verließ
das Laboratorium mit dem Bewußtsein, eine einfache geschäftliche
Unterredung mit dem Doktor geführt zu haben. Aber auch jede Sorge um
Logg Sar, ja jede Erinnerung an ihn war wie weggewischt. Sie stand
für den kommenden Tag unter dem suggestiven Befehl Glossins, war in
jenem Zustande, der Silvester früher sooft zur Verzweiflung gebracht
hatte. Der Doktor war sicher, daß sie vor dem Ablauf der nächsten
vierundzwanzig Stunden kein Interesse mehr an dem Schicksal des
Verschwundenen nehmen würde. Obwohl sie ihn liebte, wie es Glossin mit
Furcht und Eifersucht beobachtet hatte, obwohl sie sich als Silvesters
Verlobte betrachtete, wovon Dr. Glossin noch nichts wußte.

Der Arzt blieb allein zurück.

»Drei Männer sind es. Ein dunkler dabei ... das stimmt mit unseren
Beobachtungen ... Drei Personen sollen den Kraftwagen in Sing-Sing
bestiegen haben ... Sie sind im Luftschiff entflohen. Es ist kein
Zweifel, daß es R. F. c. 1 war ... Die anderen waren in seiner Wohnung
und haben die Aufzeichnungen geholt und mitgenommen. Hier bricht
die Spur ab. Ich werde sie an einem anderen Ende wieder aufnehmen
... Telenergetische Konzentration ... Gerhard Bursfeld kannte das
Geheimnis. Sein Sohn hat es wiedergefunden. Vererbung ... Zufall ...
Schickung? Wer weiß?«

Dr. Glossin erhob sich mit einem Ruck von dem Schemel.

»Wir müssen klar sehen, bevor Cyrus Stonard den Schlag wagt. Es wäre
unmöglich, wenn die Gegner das Geheimnis besitzen.«

       *       *       *       *       *

Mit zweihundertachtzig Metern in der Sekunde schoß R. F. c. 1 Kurs
Nordwest zu Nord über den Lorenzgolf dahin. Land und See lagen
dreißig Kilometer unter dem Rapid Flyer. Automatisch arbeiteten die
Benzolturbinen des Kreuzers, und selbsttätig regulierte die einmal
eingestellte Steuerung den Kurs und die Höhenlage.

Nur drei Personen befanden sich im Flugschiff im Zentralraum. In
einem Korbsessel, leicht ausgestreckt, die Gestalt eines etwa
Dreißigjährigen. Die Farbe seines Haupthaares war nicht zu erkennen.
Es war ganz kurz geschnitten, wie rasiert. Die Farbe des Antlitzes
zeigte eine Nuance in das Gelblich-Rötliche, wie man sie an Menschen
der weißen Rasse kennt, die lange in den Tropen gelebt haben. Die hohe
Stirn wies auf geistige Bedeutung. Ein schwarzer Anzug von eigenartig
schlotterndem Schnitt umschloß die Glieder.

Ein anderer machte sich an den Hebeln und Reguliervorrichtungen
zu schaffen, die von der Zentrale aus den Gang der Turbinen
beeinflußten. Er war blond, blauäugig, von nordischem Typus. Eine
jener hochgewachsenen reckenhaften Gestalten, wie man sie bis auf die
Gegenwart in den Tälern von Darlekarlien bis hinauf zum Ulea und Tornea
findet.

Ein Dritter durchspähte am Ausguck der Zentrale mit scharfem Glase
den Raum unter dem Flugzeug. Braunhäutig, auch in seiner europäischen
Tracht als indisches Vollblut kenntlich.

Die Unterhaltung wurde in wechselnder Sprache geführt. Bald schwedisch,
bald deutsch. Bald wurde von allen Dreien fließend und geläufig ein
reines Tibetanisch gesprochen und bald wieder Englisch. Sie wechselten
die Sprache in irgendeinem Satze der Unterhaltung, wie gerade irgendein
Wort den Anstoß dazu gab.

Silvester Bursfeld war es, der noch im Hinrichtungsanzug mit kahl
geschorenem Schädel in dem Sessel ruhte.

Erik Truwor, der Schwede aus altem, warägischem Dynastengeschlecht,
bediente die Hebel für die Maschinen und die Steuerung. Noch in
der ernsten bürgerlichen Kleidung, in der er als Zeuge zu der
Elektrokution gegangen war.

Soma Atma, der Inder, stand spähend am Ausguck. Jetzt ließ er das Glas
sinken und wandte sich den beiden anderen zu.

»Wir sind durch! Der letzte amerikanische Kreuzer ist hinter uns aus
dem Gesichtsfeld entschwunden.«

»Wir sind durch!« Erik Truwor wiederholte die Worte und stellte die
automatische Steuerung fest ein. Mit frohem Lächeln wandte er sich zu
Silvester Bursfeld.

»Das schwerste Stück liegt hinter uns! Ich denke, Logg Sar, wir sind in
Sicherheit. Wir fahren im schnellsten Flugschiff der Welt. Ein zweites
Schiff der Type existiert noch nicht. Jetzt haben wir Ruhe und können
sprechen.«

Der Schwede trat ganz nahe an den Sitzenden heran und legte ihm die
Hand auf die Schulter.

»Wir sind in Sicherheit, Logg Sar. Noch wenige Stunden, und wir stehen
auf schwedischem Boden. Armer Freund! Sie haben dir böse mitgespielt.
Wir haben es ihnen vergolten. Sie werden in Sing-Sing noch lange an den
heutigen Tag denken. Du mußt ihn möglichst schnell vergessen.«

Silvester Bursfeld sammelte sich, bevor er stockend zu antworten
begann. Die ungeheure Erregung der letzten vierundzwanzig Stunden
führte jetzt zu der unausbleiblichen Reaktion.

»Weißt du, was es heißt, mit dem Leben abschließen zu müssen? Den Tod,
einen schimpflichen und qualvollen Tod unaufhaltsam heranrücken zu
sehen?«

Der Sprecher schauderte zusammen.

»Die Stunden werde ich nie vergessen. Plötzlich gefangen ... eine
Farce von einem Gericht ... zum Tode verurteilt. Im Besitze des
Rettungsmittels und unfähig, es anzuwenden ... dann erblickte ich dich
unter den Zeugen. Unsere Blicke trafen sich, und ich wagte ganz leise
zu hoffen ... Haben die anderen das Geheimnis gefunden?«

Erik Truwor hatte eine faustgroße Messingkapsel zwischen den Händen,
ein reichverziertes, mit winzigen Glöckchen behangenes zylindrisches
Gebilde. Er hielt die Kapsel in der Linken und drehte mit der Rechten
mechanisch einen Knopf.

»Sie haben es nicht entdeckt. Nach dem ersten Besuche des Dr. Glossin
kamen wir in deine Räume. Ich suchte, und Atma fand. Er sah den
Tschosor ...«

Der Schwede fiel bei dem tibetanischen Worte wieder ins Tibetanische.

»Atma öffnete die Gebetmühle und sah, daß der Text auf den Streifen
nicht vom Kleinod im Lotos sprach. Wir lasen deine Anweisung. Einen
halben Tag brauchte ich, um sie zu verstehen. Noch einen halben Tag, um
die versteckten Teile zu finden und wieder zusammenzubauen. Dann hatten
wir den Strahler! In seinem Besitze, in der Kenntnis des Geheimnisses
war es uns leicht, die Maschine zu sprengen.«

Mit zitternden Händen griff Silvester Bursfeld nach der Gebetmühle und
streichelte sie liebkosend.

»Das Geheimnis ist gerettet. Alles, was ich darüber schrieb, steht auf
den Bändern. Ich will ihnen ...«

Zorn und Erregung malten sich auf seinen Zügen.

»Ich will ihnen Brände und Stürme schicken, daß sie ...«

Erik Truwor hob beschwörend die Rechte. Ein goldener Schlangenring von
alter indischer Arbeit gleißte am vierten Finger. Ein Stein schimmerte
darin in wundersamem Farbenspiel. Bald glänzte er tiefgrün, und dann
wieder, wenn ein Strahl der elektrischen Lampe ihn traf, sandte er
blutrotes Rubinlicht aus.

Atma trat hinzu. Der gleiche Ring erglänzte an seiner Hand wie an der
seines Gefährten. In Überraschung und Staunen weiteten sich die Augen
Silvesters. Zwischen den beiden Ringen wanderten seine Blicke hin und
her und hafteten dann auf dem leeren Ringfinger der eigenen Hand.

»Die drei Ringe des Tsongkapa ... Die alte Prophezeiung ... Vom Anfang
des Bogens der Wille ... Vom Ende das Wissen ... von Mitternacht ...
mein Ring fehlt ...«

War es das Flimmern der Steine, war es der strahlende Blick des Inders,
Silvester Bursfeld hielt stockend inne und schloß die Augen zu tiefem
Schlaf.

Atma kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück.

Erik Truwor hantierte am Empfangsapparat der telegraphischen Station.
Mit schnellen Blicken überflog er die Zeichen des aus dem Apparate
quellenden Streifens. Dann ein Wink an den dunklen Gefährten. Der schob
und drehte das schimmernde Aluminiumrad der selbsttätigen Steuerung,
bis die schwarze Marke genau über der Spitze des nordweisenden Kreisels
stand, der die Steuerung betätigte. In weit ausholendem Bogen gehorchte
das Flugschiff der Steuerung und schoß über Labrador hin nordwärts
gerichtet auf den Pol zu.

Der Schwede wies auf die Telegrammstreifen.

»Amerikanische Kreuzer auf Grönland und über Island. Wir müssen über
den Pol gehen, um die Sperre zu meiden.«

Atma hörte, und ein stärkerer Glanz leuchtete in seinen großen
strahlenden Augen.

»Gezwungen?«

»Gezwungen!«

Der Inder nahm die alte Weissagung da wieder auf, wo Silvester, in den
Schlaf fallend, gestockt hatte.

»... Von Mitternacht kommt die Macht.«

Erik Truwor erschauerte. Er kannte die Weissagung. Der Moment trat ihm
vor die Augen, als der greise Abt von Pankong Tzo ihm den Ring auf den
Finger schob und dazu nur die Worte sprach: »Das ist der dritte!«

Es ging um die alte, so schwer deutbare Prophezeiung, an der sich die
Ausleger seit siebenhundert Jahren versuchten. Erik Truwor war ein
moderner Mensch. Er beherrschte das Wissen der Gegenwart, kannte als
Ingenieur die Naturwissenschaft seiner Zeit. So hatte er den Ring
genommen und hatte ihn mit den Blicken des Naturforschers betrachtet.
Der Stein, eine Abart des Chrysoberyll, ein gut geschliffener
Alexandrit, der die Eigenschaft besitzt, in natürlichem Lichte grün,
in künstlichem rot zu leuchten. Die Prophezeiung ... eine jener vielen
aus der Vorzeit überkommenen dunklen Weissagungen, die man in jedem
Jahrhundert auf die Ereignisse der Zeit zu deuten versucht. Erik
Truwor wollte ihr skeptisch gegenüberstehen und brachte es doch nicht
fertig. Zu sehr klangen die Worte des Tsongkapa mit alten dunklen
Überlieferungen zusammen, die in seinem Vaterhaus umgingen. Zu sehr
auch brachten sie in seinem Gemüt eine Saite zum Mitschwingen, die wohl
nur leise angeschlagen zu werden brauchte, um zu klingen. Schon einmal
sollten die Truwors vor mehr als tausend Jahren den Völkern in den
weiten Steppen Rußlands einen Herrscher gegeben haben. Aber über diese
geschichtliche Überlieferung ging die Legende hinaus, daß es nicht das
letztemal gewesen sein sollte. Ein dunkles Grenzgebiet tat sich hier
auf. Ein Ineinanderfließen grauer Vergangenheit und ferner Zukunft.

Erik Truwor hätte lächeln mögen, wenn er nicht im fernen Osten Dinge
gesehen hätte, die ihm das Lachen verlegten. Dinge, für die das eherne
Kausalitätsgesetz seine Wirkung zu verlieren schien. Erscheinungen, bei
denen Zeit und Raum ihre Ausdehnung verloren. War es blinder Zufall
oder war es irgendeine Fügung, daß sie jetzt infolge der erzwungenen
Abweichung vom kürzesten Kurs direkt vom Pol her genau aus Mitternacht
in ihre Heimat stoßen mußten?

»... Aus Mitternacht kommt die Macht«, sagte die alte Weissagung. Er
entsann sich ihrer jetzt Wort für Wort.

»Vom Anfang des Bogens kommt der Wille«, das ließ sich auf Atma,
den im fernen Osten Geborenen, deuten, der die Fähigkeit der
Willensübertragung, der telepathischen Fernwirkung in übermenschlichem
Maße besaß.

»Vom Ende das Wissen.«

Das mochte wohl auf den Mann gehen, der dort ruhig im Stuhle
schlummerte und Erfindungen von so gewaltiger Tragweite gemacht hatte.

»Von Mitternacht kommt die Macht.« Wörtlich ließ es sich jetzt auf sie
alle drei zusammen deuten ...

Die Steuerung des Kreuzers wurde von Minute zu Minute unsicherer.
Der steuernde Kreisel, dessen Achse an jedem Punkte der Erde auf den
Polarstern weist, stand jetzt genau senkrecht.

Erik Truwor blickte durch die Scheiben nach unten. Wo die Wolken einen
Durchblick ließen, wurden unendlich ausgedehnte Eis- und Schneeflächen
sichtbar. Der Kreuzer stand genau über dem Pol. Wohin immer er jetzt
fuhr, er mußte nach Süden fahren und aus Mitternacht kommen.

Mit fester Hand griff der Schwede in die Speichen der Steuerung. In
weitem Bogen schwenkte das Schiff um einen Winkel von fünfundvierzig
Grad und schlug den Kurs auf die Ostecke von Spitzbergen ein. Minuten
verstrichen. Dann nahm der steuernde Kreisel ganz allmählich eine
schräge Lage an. Die automatische Steuerung begann wieder zu arbeiten,
und Erik Truwor konnte zur drahtlosen Station zurücktreten.

Atma wies ihm stumm den Papierstreifen, der inzwischen viele Meter lang
unter dem Schreibrad hervorgequollen war ... Aufregende Depeschen aus
Amerika. Der Krieg mit England so gut wie sicher. Kühle Auslassungen
von Washington. Dann wieder siedend heiße Telegramme der amerikanischen
Presse. R. F. c. 1 spielte die Hauptrolle darin.

Die amerikanischen Wachtflieger sollten seine Landung in Schottland
beobachtet haben. Der Äther war voll von gefährlichen Nachrichten.

Erik Truwor las, während die Stunden der Fahrt sich summten. Endlich
hatten sie das offene Meer unter sich. Das Nordkap kam in Sicht.
Gebirge, Fjorde, weite Flächen ... alles noch in bläulichem Nebel
verschwommen. Jetzt schoß der Flieger mit starkem Gefälle nach unten.
Seine Geschwindigkeit nahm ab, als er in die dichteren Luftschichten
eindrang. Dann senkte er sich mit stehenden Maschinen im Gleitflug und
stand auf einer weiten, nur mit Heidekraut bewachsenen Fläche still.

Atma trat auf den Schläfer zu und strich ihm leicht über die Augen.
Silvester Bursfeld erwachte und erhob sich erfrischt. Der magnetische
Schlaf hatte die Spuren der erlittenen Anstrengungen und Leiden
verwischt. Nur noch das kurze Haar und der ominöse Anzug erinnerten
daran, daß er vor zehn Stunden zum Tode geführt werden sollte.

Als Erster sprang Erik Truwor aus dem Schiff und stand fest und sicher
auf dem heimatlichen Boden. Sorglich half er Silvester beim Verlassen
des Fliegers.

»Willkommen auf heimatlichem Boden! Willkommen, Silvester, im alten
Schweden, in unserem Linnais! Ein neues Leben beginnt heute für uns
alle. Deine Erfindung, Silvester, ist größer, als du selbst vielleicht
denkst und ahnst. Das Schicksal hat uns viel gegeben. Wir werden uns
der Gabe würdig zeigen müssen.«

Soma Atma war als der Letzte aus dem Flugschiff gesprungen. Seine Frage
unterbrach den Gedankenflug Erik Truwors.

»Wohin mit dem Flugschiff? Hier darf es nicht stehen. Die Luft hat
Augen.«

Silvester Bursfeld trat näher und strich liebkosend über die silbern
schimmernde Wand des Schiffes. An den Körper einer Schwalbe erinnerte
sein Rumpf. Schmal und schnittig, daß die Luft es noch sanft umstrich,
wenn es mit Flintenkugelgeschwindigkeit durch den Äther dahinschoß. Der
Rumpf vom langausgezogenen Steuerschwanz bis zum Motorkopf kaum zwölf
Meter lang. Die Schwingen zu ebener Erde jetzt zusammengefaltet und an
den Rumpf gelegt wie die Flügel einer ruhenden Schwalbe. In der dünnen
Atmosphäre, in dreißig Kilometer Höhe, da reckten sich diese blanken
Flächen aus, streckten sich von innen her gespreizt weit nach beiden
Seiten, bis sie fünfzig Meter klafterten.

Auf leichten Rädern stand der zierliche Rumpf mit angefalteten
Schwingen.

»Die Yankees sollen das Schiff nicht wiederhaben! Ein Andenken sind sie
mir für den elektrischen Stuhl schuldig.«

Silvester knurrte es unwillig vor sich hin.

»Du hast recht. Wir können die Maschine selbst gebrauchen. Moralische
Verpflichtungen haben wir nach deinem Abenteuer nicht mehr. Das Schiff
findet Platz in der Odinshöhle.«

Silvester Bursfeld trug an einem Riemen an der rechten Hüfte einen
kleinen Kasten aus poliertem Zedernholz. Er ergriff ihn, wie man nach
einem Krimstecher greift. Einige Griffe an ein paar Stellschrauben des
Apparates, und wie von Geisterhänden berührt, begann das Flugschiff
auf dem ebenen Heideboden langsam voranzurollen. So gemächlich, daß
seine drei bisherigen Passagiere ihm im bequemen Schritt zu folgen
vermochten. Etwa wie ein gut dressierter Hund lief es vor ihnen her,
während Silvester Bursfeld es mit seinem Apparat verfolgte wie ein
Photograph ein Objekt, das er auf die Platte bannen will.

Nun war das Ende der Hochebene erreicht. Mit steilem Gefälle führte
der Weg mehrere hundert Meter in die Tiefe zum Torneaelf hinab. Sich
selbst überlassen, mußte die Maschine auf diesem Pfade ins Rollen
kommen, mußte umschlagen oder zerschellen. Aber war sie bisher wie
ein Hund gelaufen, so kletterte sie jetzt wie eine Gemse. Vorsichtig
wand sie sich auf dem schmalen Pfade dahin ... und jetzt ... Silvester
Bursfeld neigte seinen Apparat nach oben, und die schwere Maschine
hob sich vom ungangbaren Pfade in die Luft. Während ihre Propeller
stillstanden, während ihre Schwingen dicht gefaltet am Rumpf lagen,
gaukelte sie wie ein Schmetterling vor den Wanderern dahin, die den
engen Pfad hinabstiegen. Nun bogen sie seitlich vom Wege in ein Gewirr
von Blöcken und Heidekraut am Abhange ein. Noch wenige hundert Meter,
und eine dunkle Öffnung gähnte am Hange.

Silvester Bursfeld arbeitete mit seinem Apparat wie ein Künstler. Er
hob und senkte, drehte und richtete ihn, kam im Bogen schließlich
gerade vor jene Öffnung zu stehen. Vor ihm schwebte das schwere
Flugschiff.

In langsamer vorsichtiger Wendung kehrte es seine Spitze der Öffnung
zu. Jetzt tauchte es in die Dunkelheit, und jetzt war es verschwunden.
Silvester folgte ihm, während Erik Truwor einen Handscheinwerfer in
Tätigkeit setzte, der die Höhle mit blendendem Licht erfüllte.

Noch etwa hundert Meter Weg in der geräumigen, hier von der Natur in
das Urgestein gesprengten Höhle. Eine kurze Schwenkung nach links. Das
Flugschiff verschwand hinter gewaltigen Basaltsäulen. Wie Silvester
jetzt den Strahler senkte, senkte sich auch das Schiff. Seine Räder
berührten den Boden und nun stand es sicher und unbeweglich auf der
ebenen, mit trockenem Sand bedeckten Basis der Höhle. Silvester
Bursfeld setzte die Schrauben seines Apparates auf die Nullstellung und
ließ ihn wieder auf seine Hüfte hinabgleiten.

»So! Hier wird es niemand entdecken! Wenigstens nicht, wenn die Leute
in der Gegend noch denselben Respekt vor der Odinshöhle haben wie
früher.«

»Sie haben ihn. Die Schäfer und Waldläufer hier glauben immer noch, daß
allerhand Geister in der Höhle hausen.«

Erik Truwor sagte es lachend.

»Selbst am lichten Tage machen sie einen Bogen um die Höhle. So leicht
wagt sich niemand hinein, so breit und offen ihr Eingang auch daliegt.
Sie haben Respekt davor, und sollte er nachlassen, so haben wir das
Mittel, ihn wieder aufzufrischen.«

Er deutete dabei auf den Strahler an Silvesters Seite. Aus dem Dunkel
der Höhle traten die drei wieder an den sonnigen Tag. Sie folgten dem
Pfade flußabwärts und erreichten das alte Stammhaus der Truwors, das
hier aus Birken und Föhren hervor auf den Torneaelf hinabschaute.

       *       *       *       *       *

»~Britannia rules the waves, Britannia rules the winds.~« Aus
Hunderttausenden von Kehlen drang die alte Melodie mit neuem Text und
brauste über die blauen Wasser des Solent. Die Flotte der leichten
englischen Luftstreitkräfte war plötzlich am Himmel sichtbar geworden.
Ihr Erscheinen bildete den Auftakt und Anfang der großen Wettbewerbe,
die am 11. Juni von der ~Aeronautical Federation of G. B.~ und dem
~Imperial Aero Club~ über dem Meeresarm zwischen der Insel Wight und
der englischen Küste veranstaltet wurden. In Geschwadern zu je hundert
kamen die Flugzeuge angeschossen. Tauchten irgendwo in der Ferne aus
dem Blau des Himmels oder des Ozeans auf. Bildeten zu hundert in der
Luft ein lateinisches ~V~ wie die Zugvögel und hielten die Figur genau
geschlossen, während sie allerlei Evolutionen vollführten.

Geschwader auf Geschwader tauchte auf, bis es schließlich ihrer tausend
waren. Bis hunderttausend Flugzeuge in einer dichten Wolke den Azur
des Firmaments mit dem silbernen Schimmer blanken Leichtmetalles
durchsetzten.

Die Menge, welche schwarz die Ufer und Klippen des Solent umsäumte,
sang spontan das alte Lied. Unbekümmert von aller politischen Spannung
waren die Massen hierher gepilgert, um ein sportliches Schauspiel zu
sehen. Aber der Anblick der unüberwindlichen englischen Luftflotte
führte zu diesem elementaren Ausbruch patriotischen Gefühles. Geschickt
hatten es die Regierenden verstanden, dem Empfinden der Menge
Rechnung zu tragen und sich gleichzeitig von der Schlagfertigkeit
und Alarmbereitschaft der Luftflotte zu überzeugen. Das Singen, das
Schwenken von Tüchern und Hüten nahm kein Ende, solange noch ein
Flugzeug zu sehen war. Dann ... so plötzlich wie die Flotte auftauchte,
war sie auch wieder verschwunden. Von Yarmouth bis zum Atlantik, von
den Orkneys bis zu den Kanalinseln stand sie wieder über den Küsten wie
ein geschlossener Hornissenschwarm. Bereit, jeden Gegner auf dem Wasser
und in der Luft mit giftigem Stachel anzufallen und zu vernichten.

Ein Teil des Uferfeldes war von der Menge frei gehalten worden.
Hier lagen die Luftjachten, in denen die vornehmen Mitglieder der
veranstaltenden Klubs zu dem Schauspiele gekommen waren. Dort schwer
und breit, mit überreichem Zierat beladen, goldglänzend die Jacht des
Radscha von Rankure. Wenige Meter davon entfernt die wundervollen
Flugschiffe der Norfolks, Sommersets, der Cecils und vieler anderer. In
der Mitte von allen diesen der gestreckte Leib einer Aluminiumjacht.
Sie gehörte dem Vierten Lord der britischen Admiralität, Seiner
Herrlichkeit Lord Horace Maitland auf Maitland Castle.

Lord Horace Maitland hatte in seiner amtlichen Stellung die Verwaltung
der Luftstreitkräfte unter sich. Er gehörte dem Präsidium des Imperial
Aero Club an, und der große Empfangssalon seiner Jacht bildete den
Treffort für alle diese Aristokraten der Geburt und des Geldes, deren
Flugschiffe das Feld bedeckten.

Der Salon der Jacht bot durch große Zellonspiegelscheiben nach drei
Seiten hin freien Ausblick. Nur die vierte Wand war massiv. Zwei
schmale Türen führten zu den Privat- und Wirtschaftsräumen des
Flugschiffes. Den mittleren Teil der Wand nahm eine Gruppe von Palmen
und Blattpflanzen ein. Ein gewaltiger Löwenkopf aus schwerer Bronze war
etwa in Brusthöhe an der Wand befestigt und warf einen Strahl frischen
Wassers in ein Muschelbecken zwischen den Palmen. Sessel und Tische
waren dazwischen gruppiert.

Hier saß die Herrin der Jacht, Lady Diana Maitland, im Kreise ihrer
Besucherinnen. Wie die Herren ausnahmslos im Klubanzug erschienen
waren, so trug auch Lady Diana den Sportdreß des Aeroklubs. Schlank
und rank erschien ihre jugendliche Gestalt in dem fußfreien Rock und
dem enganschließenden Jackett aus marineblauem Tuch. Mit gespannter
Aufmerksamkeit verfolgten auch die Damen die Vorgänge in den Lüften,
mit besonderem Interesse Lady Diana selbst. Immer wieder hob sie den
Feldstecher empor, um sich keine Einzelheit entgehen zu lassen. Ihre
dunklen Augen blitzten erregt. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen.
Jeder Nerv in ihr vibrierte, als ob sie selbst an den Wettkämpfen dort
oben teilnähme. Ein Beobachter hätte unschwer feststellen können,
daß ihr Temperament und Wesen nicht englisch waren, daß nicht allein
ihre Eigenschaft als Gattin des Luftministers sie besonders an diesen
Vorführungen interessierte, sondern daß ihre andersgeartete Natur die
Freude an den aufregenden Kampfspielen viel stärker zu erkennen gab,
als es bei den Damen ihrer Umgebung der Fall war, deren schwerflüssiges
englisches Blut auch hier die gewohnte kühle Reserve wahrte.

Die letzten Flieger der englischen Wehrmacht waren am Horizont
verschwunden. Alle Gäste wußten, daß man das eben gesehene Schauspiel
den Anordnungen des Lords zu verdanken hatte, und sie hielten mit ihrer
Anerkennung nicht zurück.

»Brillant,« knurrte Kommodore Morison, »schade, daß die Amerikaner
nicht dabei waren. Würden es sich danach überlegen, mit uns anzubinden.«

»Die Amerikaner werden nicht kommen«, bemerkte Mr. Pykett, der
australische Baumwollkönig, trocken.

»Wetten, daß sie kommen?« fiel ihm der Viscount Robarts ins Wort.
Viscount William Robarts, der nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ,
eine Wette zu riskieren.

»Ich glaube doch nicht«, meinte Mr. Pykett.

Der Viscount zog die Uhr. »Zehn Pfund darauf, daß das erste
amerikanische Boot in fünf Minuten hier ist.«

Lord Horace Maitland stand dicht dabei. Ein Zucken lief über die
scharfgeschnittenen Züge seines glatt rasierten Gesichtes. Er kannte
Amerika und die Amerikaner. Heute war er ein angehender Vierziger.
Seit drei Jahren Inhaber des Lordtitels und der damit verbundenen
Einkünfte. Aber die Lordschaft war ganz unverhofft durch eine Reihe von
Todesfällen an ihn gekommen. Die vorangehenden zehn Jahre hatte er als
einfacher Mr. Clinton in den Vereinigten Staaten gelebt. Nicht sehr
begütert. Genötigt, im Strome des Lebens zu schwimmen und den Kampf
ums Dasein zu führen. Damals, es waren jetzt fünf Jahre her, hatte er
Diana, die eine berühmte Sängerin an der Chikagoer Metropolitan-Oper
war, geehelicht, hatte noch zwei Jahre mit ihr in den Staaten gelebt,
bis die Pairie an ihn fiel. Er brachte in die Stellung des englischen
Aristokraten die Lebens- und Menschenkenntnis eines amerikanischen
Kaufmannes mit. Was Wunder, daß er bald auch im politischen Leben eine
Rolle spielte und verhältnismäßig jung das verantwortliche Amt eines
Lords der Admiralität bekleidete.

Weniger leicht war es seiner Gattin gemacht worden, in der englischen
Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Schon bei ihren ersten Schritten
fühlte sie instinktiv eine von Mißtrauen nicht freie Zurückhaltung
heraus, die der gewesenen Sängerin galt. Der Ton der Gesellschaft war
wenigstens von seiten des weiblichen Teils auf vorsichtige Duldung
eingestellt. Aber Lady Diana Maitland, die polnische Magnatentochter,
war keinen Augenblick gewillt, sich nur dulden zu lassen. Ein stiller,
zäher Kampf begann. Schritt für Schritt eroberte sich Lady Diana die
Stellung, die ihr nach dem Range ihres Gatten und ihrer Geburt zukam.
Und wenn sie heute als eine der ersten Damen des englischen Highlife
dastand, so verdankte sie es in erster Linie den eigenen geistigen
und körperlichen Vorzügen. Ihre Ehe galt nicht nur als mustergültig,
sondern als glücklich, wenn ihr Nachkommenschaft auch bisher versagt
war.

Viscount Robarts wiederholte sein Angebot.

»Zehn Pfund darauf, daß das erste amerikanische Boot um viertel elf
hier ist.«

Mr. Pykett nahm die Wette an.

»Hundert Pfund dagegen, daß um viertel elf kein amerikanisches Boot
hier ist. Fünfzig Pfund dagegen, daß bis Mittag überhaupt keins kommt.«

Die Gedanken Lord Maitlands jagten einander. Mr. Pykett gehörte dem
australischen Parlament an. Er mußte genau die Fäden kennen, die sich
zwischen Amerika und Australien spannen. Es hatte sicher seine Gründe,
wenn er auf das Nichterscheinen der Amerikaner wettete. Aber Lord
Maitland empfing auch von Viertelstunde zu Viertelstunde die Telegramme
aus Amerika, und er fand, daß die aufreizende Sprache der Yankeepresse
in den Morgenstunden an Schärfe verloren hatte. Wollte man England
einwiegen, um es dann um so sicherer überfallen zu können? Oder hatte
sich Cyrus Stonard besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? Er
fand keine sichere Antwort auf diese Fragen.

Seine Betrachtungen wurden unterbrochen. Ein Punkt, der in den letzten
Sekunden am Horizont sichtbar geworden war, hatte sich schnell
vergrößert. Aus unendlicher Höhe stieß er herab und wuchs in jeder
Sekunde, bis er sich breit und massig auf die blauen Fluten des Solent
legte. Dort wogte das Luftschiff im Spiele der Wellen leicht auf und
ab, rasselnd gingen die Anker in die Tiefe und legten den mächtigen
Rumpf fest. Flatternd stieg das Sternenbanner am Heck hoch, und wie
durch Zauberei spannte sich in wenigen Sekunden der bunte Schmuck der
Flaggenparade längs über das Schiff. Cheerrufe aus der Menge begrüßten
den ersten Transatlantik, dem in wenigen Minuten zwei weitere folgten.

Mr. Pykett schrieb ruhig einen Scheck über 150 Pfund aus und legte
ihn in die Hände des Viscount Robarts. Während er das tat, stellte
er sich im stillen die gleichen Fragen wie Lord Maitland. Warum ließ
Cyrus Stonard noch Passagierboote hinüber? Hatte er sich im letzten
Augenblick besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben?

Die Atmosphäre war mit Politik geladen. Auch das Gespräch der Damen
beeinflußte sie. In einer Pause der Gespräche hörte man deutlich die
wohlklingende Stimme der Lady Diana:

»Wie sollten England und Amerika miteinander fechten? Die gemeinsame
Sprache verhindert es ja. Sie ist das stärkste Band, das Menschen
aneinanderbindet.«

Die Viscounteß Robarts nickte zustimmend. »Ich könnte es nicht
begreifen, wie ~Englishspeakers~ sich gegenseitig morden sollten.«

Die Damen glaubten nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Aber sie
wußten auch wenig von der Politik und Staatsräson eines Cyrus Stonard.

Draußen begann der Wettbewerb der Tauchflieger. Von großen Höhen
schossen die Flugschiffe herunter, durchschnitten klatschend die
Wasserfläche, zogen noch eine kurze Spur quirlenden Propellerwassers
hinter sich her und waren dann verschwunden. Als Unterseeboote setzten
sie ihre Fahrt fort. Nach den Bedingungen des Wettbewerbes mußten sie
unter Wasser eine lange Strecke zurücklegen, eine in fünfzig Meter
Tiefe verankerte Boje aufnehmen und innerhalb vorgeschriebener Zeit an
einer bestimmten Stelle wieder auftauchen.

Um die Amerikaboote tummelten sich die Zollbarkassen. Die
Zollabfertigung dauerte nur kurze Zeit. Schon setzten die
Transatlantiks selbst Motorboote aus. Einzelne der soeben Angekommenen
gingen an Land, um hier Freunde und Bekannte zu treffen.

Der Weg für die Tauchflieger war lang. Deshalb schob das Programm
ein Wettfliegen mit motorlosen Flugzeugen ein. Nach dem pomphaften
Schauspiel der Luftflotte und dem dämonischen der Tauchflieger kam die
Idylle. Von der höchsten Spitze der Uferklippen segelten die einzelnen
Flieger ab. Wie die Schmetterlinge gaukelten sie mit geblähten
Tragflächen in der Luft. Hingen oft fast bewegungslos an derselben
Stelle, um dann plötzlich die Flügel zu recken und sich wie die
Albatrosse in weiten Kreisen in die Höhe zu schrauben.

Viscount Robarts suchte, mit wem er eine neue Wette auf den Segelflug
eingehen könne. Die übrigen Gäste Lord Maitlands verfolgten durch
scharfe Gläser die immer höher steigenden Segler. Auf der Bordtreppe
der Maitlandjacht wurden Schritte vernehmbar. Neue Gäste kamen. Sir
Arthur Vernon, der Vorgänger Lord Maitlands in der Admiralität. Er
führte einen Fremden in diesen Kreis ein.

»Herr Dr. Glossin aus Trenton in den Staaten ...«

Während der Eingeführte sein Kompliment machte, fuhr Sir Arthur zu Lord
Maitland gewendet kaum hörbar fort: »... Ein alter Freund von mir ...
Kann vielleicht helfen, die Krise zu lösen.«

Die wenigen Worte genügten, um dem Amerikaner einen Empfang zu sichern,
dessen Herzlichkeit noch um eine Note über die übliche englische
Gastfreundschaft hinausging.

Dr. Glossin widmete sich besonders der Herrin der Jacht. Zu ihrem
Staunen lenkte er das Gespräch sehr bald auf solche Orte und Personen,
die sie als Sängerin kennengelernt hatte, ohne doch ihren früheren
Beruf mit einem Worte zu erwähnen.

Lady Diana wurde durch das Gespräch gefesselt und doch wieder innerlich
abgestoßen. Sie spürte bei jedem Satz einen geheimnisvollen Doppelsinn
und konnte sich dem Einfluß dieses Gastes doch nicht entziehen. Eine
innere Stimme warnte sie, sich den Mann zu nah kommen zu lassen, und
unter einem unwiderstehlichen Zwange brachten ihre Lippen gleichzeitig
eine freundliche Einladung nach Maitland Castle zutage. Eine Einladung,
die Lord Maitland dringend unterstützte. Es lag ihm daran, mit diesem
einflußreichen Amerikaner in Fühlung zu bleiben.

Dr. Glossin dankte für die Aufforderung. Er nahm sie mit Vorbehalt
an. Vorerst habe er noch in London zu tun. Danach würde er gern nach
Maitland Castle kommen. Krieg und Kriegsgefahr ... er lachte darüber.
Das amerikanische Volk denkt nicht daran, sich mit den stammverwandten
Briten in einen Krieg einzulassen. Preßzänkereien bedeuteten noch lange
keinen Krieg.

Lord Maitland ging gerade auf das Ziel los. Die Aufregung der
amerikanischen Presse sei durch die Entführung eines Flugzeuges
hervorgerufen worden. Die amerikanische Presse habe behauptet, daß die
Engländer es entführt hätten. Ob der Zwischenfall klargestellt sei.

Dr. Glossin wurde wortkarg. Die Entführung des Flugschiffes sei noch
nicht völlig aufgeklärt. Bestimmte Beobachtungen deuteten aber auf eine
bestimmte Spur. Er vermied es, hier in der Gegenwart so vieler Gäste
mehr zu sagen. Aber Lord Maitland verstand, daß der Amerikaner ihm
unter vier Augen mancherlei mitzuteilen habe, Dinge, die jedenfalls die
größte Diskretion verlangten.

Draußen nahmen die Konkurrenzen ihren Fortgang. Das Zwischenspiel der
Segelflieger war beendet. Der Viscount Robarts hatte es zu seinem
Leidwesen vorübergehen lassen müssen, ohne eine Wette unterbringen
zu können. Unbelebt dehnte sich die Fläche des Solent. Aber mit den
Stoppuhren in der Hand warteten die Preisrichter. Und jetzt ...
Wirbelnd schoß es wie ein Fisch aus dem Wasser, reckte im Augenblick
des Auftauchens zwei kräftige Schwingen und flog in die Höhe. Der
erste Flugtaucher war angekommen. Den Bedingungen der Konkurrenz
entsprechend, stieg er bis auf zehntausend Meter Höhe, ging dann im
Gleitflug nieder und legte sich ruhig auf das Wasser. Noch während
er niederging, stieg bereits das zweite Boot aus dem Wasser in die
Höhe. In kurzen Intervallen folgten die anderen Wettbewerber. Die
Konstruktionen gaben sich gegenseitig kaum etwas nach. Die wenigen
Sekunden, die das eine Boot etwa länger als das andere nach seiner Boje
auf dem Grunde hatte suchen müssen, gaben den Ausschlag.

Jeder von den Zuschauern hier in der Jacht begriff, daß England in
diesen Flugtauchern eine neue wirksame Waffe besaß. Diese Maschinen
konnten in gleicher Weise U-Boote und Flugzeuge angreifen. Sie konnten
den Ort des Kampfes nach eigenem Belieben über oder unter dem Wasser
suchen.

Lord Maitland stand mit dem Doktor Glossin an einem der Fenster.

»Eine glänzende Erfindung! Ich denke, Sie werden Ihrem Präsidenten
davon zu erzählen haben.«

Dr. Glossin lächelte höflich. Die Pläne der Flugtaucher waren längst in
Washington.

»Es gibt etwas anderes, was uns gegenwärtig größere Sorge macht.«

Lord Maitland blickte fragend auf.

»Mein Lord, hörten Sie jemals etwas von telenergetischen
Konzentrationen?«

Lord Maitland blickte so naturgetreu verdutzt auf, daß Dr. Glossin
einsah, der Lord wisse wirklich nichts davon. Wenn aber der Vierte Lord
der britischen Admiralität von dieser Sache nichts wußte, dann war
beinahe sicher anzunehmen, daß auch die Admiralität und die englische
Regierung keine Kenntnis davon hatten. Das mußte aber zweifelsfrei
festgestellt werden, bevor Cyrus Stonard losschlug. Darum war Dr.
Glossin hier in England, und darum hatte Cyrus Stonard das schon
gezückte Schwert nach einmal in die Scheide zurückgestoßen.

Besaß England das Geheimnis Gerhard Bursfelds, so durfte Amerika den
Angriff nicht wagen. Im anderen Falle konnte der Schlag mit guter
Aussicht auf ein Gelingen geführt werden.

Die Konkurrenzen gingen ihrem Ende entgegen. Im Wettbewerb um den
Höhenflug errang ein Fahrzeug den ersten Preis, welches sich unter
Zuhilfenahme der Raketenwirkung ausströmender Pulvergase bis zu einer
Höhe von 100 Kilometer erhoben hatte. Aber die Konkurrenten um den
Schnelligkeitspreis blieben weit hinter der amerikanischen Type R. F.
c. zurück.

Dann war die Konkurrenz beendet. Während die Volksmassen in
Wasserbooten und Bahnen den Städten zuströmten, erhoben sich die
Jachten in die Lüfte. Der indische Radscha steuerte geradeswegs dem
Bergstock des Himalaja zu. Die Jacht des Lords Maitland flog nach
Maitland Castle. Dr. Glossin fuhr im Kraftwagen des Sir Vernon nach
London.

       *       *       *       *       *

Die Schollen fielen auf den Sarg, der die sterbliche Hülle von Gladys
Harte barg. Ihr Leben war ruhig erloschen, wie die Flamme einer Lampe,
der das Öl fehlt. Das Ende war seit Monaten vorauszusehen. Es war
vielleicht durch die Aufregungen beschleunigt worden, die das Schicksal
Silvesters in das stille Haus in der Johnson Street brachte.

Jane stand in einem kleinen Kreise Leidtragender an der offenen Gruft.
Hier kam ihr erst ganz zum Bewußtsein, wie einsam sie in diesen letzten
Jahren gelebt hatten. Nur wenige Personen gaben der Toten das Geleit.
Freunde des verstorbenen Mannes, wie dieser in den Staatswerken
angestellt. Einige Frauen dabei.

Jane war ihnen von Herzen dankbar, daß sie jetzt noch einmal gekommen
waren, der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Sie fühlte sich
grenzenlos einsam und verlassen. Während sie Beileidsworte hörte und
Hände drückte, dachte sie daran, daß sie jetzt allein in das leere Haus
in der Johnson Street zurückkehren müsse, und daß ... auch Silvester
von ihr gegangen sei.

Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Sie drohte
umzusinken, als Dr. Glossin zu ihr trat, sie stützte und behutsam von
dem Grabe fortführte. Sorgsam geleitete er sie durch die breiten Wege
des Friedhofes, der in voller Junipracht grünte und blühte, als ob es
keinen Tod und kein Sterben auf der Welt gäbe.

Willenlos ließ Jane es geschehen. Jeder Mensch, der sich ihrer annahm,
war ihr in ihrem augenblicklichen Zustande willkommen. Um wieviel
mehr Dr. Glossin, der solange in ihrem Hause verkehrte, der ihre
Mutter genau gekannt hatte, der versprochen hatte, ihr über Silvester
Nachrichten zu bringen!

Sie stieg vor dem Friedhof in seinen Kraftwagen und ließ sich von ihm
in die Wohnung in der Johnson Street geleiten. Und hier im Anblick der
altvertrauten und heute so ganz verwaisten Räume kam ihr Schmerz von
neuem zum Ausdruck. Fassungslos sank sie auf einen Sessel und drückte
das Taschentuch vor die Augen.

Dr. Glossin ließ sie einige Minuten gewähren. Dann legte er ihr sanft
die Hand auf das Haupt.

»Meine liebe Miß Jane, versuchen Sie es, sich zu fassen. Ich weiß, es
hat wenig Zweck, Ihnen in dieser Stunde trostreich zuzusprechen. Haben
Sie Vertrauen zu mir. Folgen Sie meinem Rat. Nehmen Sie meine Hilfe an,
und alles wird gut werden.«

Jane ließ das Tuch sinken und blickte auf. Ein neues Gefühl
durchrieselte sie. Ihre Tränen versiegten. Die Welt erschien ihr nicht
mehr so vollkommen leer und trostlos.

»Sie sind der einzige nähere Bekannte, Herr Doktor, den wir hatten, den
ich jetzt noch habe.«

»Sagen Sie: der einzige Freund! Lassen Sie sich von mir beraten. Sie
müssen aus der alten Umgebung heraus. Aus den Räumen, in denen jedes
Stück Sie an Ihren großen Verlust erinnert.«

Jane würgte tapfer die wiederaufsteigenden Tränen zurück und nickte
zustimmend.

»Sie haben wohl recht, Herr Doktor! Doch wohin soll ich gehen?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein. Die Hauptsache ist, daß Sie sofort
für ein paar Wochen in eine andere Umgebung kommen. Ich besitze in
Kolorado am Ausgange des Gebirges eine Farm. Da haben Sie andere Luft,
andere Gesichter und werden schneller das seelische Gleichgewicht
wiedergewinnen. Sie sind dort mein Gast, solange es Ihnen gefällt.
Mein Personal steht zu Ihren Befehlen, und ich selbst werde
gelegentlich ... sooft wie möglich ... hoffentlich recht oft die Zeit
finden, Sie zu sehen, mich von Ihrem Wohlbefinden zu überzeugen.«

Dr. Glossin sprach langsam und eindringlich. Jane hörte ihm ruhig zu.
Zuerst noch leise widerstrebend. Ein Gedanke ging ihr durch den Sinn.

»Ich werde nicht hier sein. Silvester wird mich suchen und nicht
finden.«

Dr. Glossin erriet den Gedanken auch unausgesprochen.

»Ich werde die Zwischenzeit benutzen, um über den Verbleib von Mr. Logg
Sar etwas in Erfahrung zu bringen. Auch werde ich inzwischen alle Ihre
Angelegenheiten hier ordnen. Briefe und was sonst hierherkommt, wird
Sie in Reynolds-Farm erreichen. Dort wird die frische Bergluft des
Felsengebirges Ihre blassen Wangen bald wieder röten.«

Für einen väterlichen Freund sprach Dr. Glossin ein wenig zu eifrig
und lebhaft. Aber Jane achtete nicht darauf. Die Worte des Arztes
hatten ihre letzten Bedenken besiegt. Ihr Aufenthalt würde bekannt
sein. Alle Nachrichten würden sie an der neuen Stelle erreichen. Recht
gute hoffentlich und auch recht bald. Sie nahm die Vorschläge und die
Einladung Glossins an.

Der hatte es sich in der letzten Stunde reiflich und nach allen Seiten
hin überlegt. Daß er Jane aus einer ganzen Reihe von Gründen mit sich
nehmen und unter seinem Einfluß behalten wollte, stand bei ihm fest.
Daß er zur Erreichung dieses Zieles seinen hypnotischen Einfluß auf
Jane ausnutzen mußte, war ebenfalls sicher. Nur wie weit er diesen
Einfluß anwenden solle, darüber war er sich zweifelhaft. Sollte er
so weit gehen, ihr überhaupt jede Erinnerung an die tote Mutter
wegzusuggerieren? Damit fiel auch für Jane das Gefühl der Verlassenheit
und der Grund fort, ihm zu folgen und sich unter seinen Schutz zu
stellen. Er mußte dann noch einen Schritt weitergehen und sie durch
die Hypnose ganz an sich ketten.

Es widerstand ihm, Jane als einen willenlosen Automaten mit sich zu
nehmen. Er wollte aus einer eigentümlichen Stimmung heraus, daß Jane
ihm freiwillig und in einem natürlichen Schutzbedürfnis folge. Aber
er mochte auch keine ständig Jammernde und Klagende um sich sehen. So
wählte er den Mittelweg. Durch seinen suggestiven Einfluß verstärkte er
ihr Schutzbedürfnis und milderte ihren noch so frischen und heftigen
Schmerz über den Todesfall.

Der Kraftwagen brachte sie nach dem Flughafen. Dem großen umfriedeten
Platz, auf dem die Flugschiffe der verschiedenen Staatslinien ankamen
und abfuhren. Jane kannte den Ort. Zu Lebzeiten der Mutter war sie
öfters von hier nach Philadelphia oder Milwaukee gefahren. Hatte damals
bemerkt, daß reiche Leute hier auch ihre eigenen Schiffe landen ließen.
Jetzt führte sie Dr. Glossin zu einer kleinen, aber ansprechenden
Privatjacht. Er bemerkte ihr Staunen.

»Steigen Sie ein, meine liebe Miß Jane. Wundern Sie sich nicht
allzusehr, daß wir ein besonderes Schiff zur Verfügung haben. Ich mußte
es in Neuyork mieten, um noch rechtzeitig nach Trenton zu kommen.«

Jane dankte dem Arzte mit einem warmen Blick. Wie freundlich von ihm,
daß er keine Unkosten scheute, um in dieser Zeit bei ihr zu sein,
ihr helfen zu können. Von ihm geleitet, betrat sie die Kabine des
Flugschiffes, welches sich sofort erhob, um die Fahrt nach dem Westen
zu beginnen. Dr. Glossin ließ sich Jane gegenüber nieder.

»Gestatten Sie mir, meine liebe Miß Jane, daß ich Ihnen Ihren
zukünftigen Aufenthaltsort ein wenig schildere. Reynolds-Farm heißt
mein Besitztum in Kolorado. In früheren Jahrzehnten war es auch
wirklich einmal eine Farm mit ausgedehnten Äckern und Stallungen, mit
Scheunen und Speichern. Eine richtige Farm, wie sie im Buche steht.
Heute ist es ein ruhiges Landhaus in einem nach Osten offenen Tale der
Felsenberge gelegen. Bergluft, Tannenduft und Ruhe. Vollkommene Ruhe,
wie wir Großstadtmenschen sie bisweilen nötig haben, wie sie auch Ihnen
wohltun wird.«

Jane hatte mit steigendem Interesse zugehört. Schon die
Ortsveränderung, die schnelle Fahrt, die sie jede Stunde so viele
Meilen von ihrem alten Aufenthaltsort entfernte, gab ihren Gedanken
eine andere Richtung, ließ sie minutenlang ihren Schmerz vergessen.

»Aber Sie können selbst nur selten dort sein, Herr Doktor. Wer ist dort
auf Ihrer Farm? Wer hält das Anwesen in Ordnung? An wen werde ich mich
zu halten haben?«

»Vor allen Dingen an meine gute alte Abigail, ein altes schwarzes
Faktotum, das dort das Haus in Ordnung hält.«

Jane nickte zustimmend. Als Amerikanerin war sie es gewöhnt, daß
schwarze Dienerinnen es in den Häusern der Weißen zu angesehenen
Vertrauensstellungen brachten. Als Amme kam solche schwarze Frau zu den
Kindern, blieb als Wärterin bei ihnen, sah sie zu Männern heranwachsen
und blieb in ihren alten Tagen immer noch die schwarze Mammy.

»Ein gutes, altes, anhängliches Tier! Ihre Schönheit läßt zu wünschen.
Dafür ist sie treu und fleißig, sie wird Ihnen jeden Wunsch von den
Augen ablesen ...«

Es kam Jane nicht zum Bewußtsein, daß es dort vielleicht noch einsamer
sein könnte als in Trenton. Der suggestive Einfluß des Doktors
erstickte jedes aufsteigende Bedenken.

Das Schiff eilte der sinkenden Sonne nach, bis es sich selbst zu
senken begann und die Kette der Felsenberge von Denver bis Cheyenne
am gelbglühenden Westhimmel stand. Es landete auf einer freien
grasbewachsenen Ebene. Dr. Glossin hatte wohl recht. Hier wehte
eine andere Luft als in Trenton, wo die großen Werke trotz aller
Fortschritte und Verbesserungen immer noch recht viel Ruß und Staub in
die Atmosphäre warfen.

Frische, harzgetränkte Bergluft. Mit voller Brust sog Jane die leichte
Brise ein.

Das Flugschiff war dicht neben der Farm gelandet. Auf dem Wege
zum Hause kam ihnen schon eine alte Negerin entgegen. Von jener
abschreckenden Häßlichkeit, die alte Negerweiber gewöhnlich
auszeichnet. Dabei von einer unterwürfigen Vertraulichkeit, die auf
langjährige Dienste schließen ließ.

»Guten Tag, Mister Doktor. Die alte Abigail hat alles fertiggemacht.
Das Supper ist fertig. Die Zimmer sind fertig ...«

Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel bis in die Nähe der Ohren
wandern, während sie versuchte, dem Doktor die Hand zu küssen.

Dr. Glossin schob sie zurück.

»Gut, Abigail. Ich erwartete es nicht anders. Meine Nichte Miß Harte
wird einige Zeit auf der Farm wohnen. Du wirst ihr genau so zu Diensten
sein wie mir und dafür sorgen, daß sie sich wie zu Hause fühlt.«

Die Alte hatte während dieser Worte Jane prüfend betrachtet. Sie schien
mit dem Ergebnis ihrer Prüfung zufrieden zu sein, denn sie wandte sich
jetzt an Jane und versuchte, auch ihr die Hand zu küssen.

»Laß das, Abigail!«

Dr. Glossin sagte es mit einer eigentümlichen scharfen Betonung. Die
Schwarze trat zurück und folgte dem Doktor und seiner Begleiterin die
kurze Strecke bis zum Farmhofe.

Jane fühlte sich nach dem schweren Leid der vergangenen Tage fast
leicht und frei. War es der Einfluß des Doktors, war es wirklich die
veränderte Umgebung, sie begann wieder mit Hoffnungen in die Zukunft zu
blicken. In ruhigen Stunden hatte sie schon früher der Möglichkeit ins
Auge geblickt, daß die Mutter ihr bald einmal entrissen werden könnte.
Jetzt war es geschehen, und sie versuchte es, sich mit dem Geschehenen
abzufinden.

So trat sie am Arm Glossins in das neue Heim. Der Doktor geleitete
sie in den Empfangsraum, gab Abigail dann einen Wink, sie in ihre
eigenen Räume zu geleiten. Ein Halbblutboy schaffte die Koffer aus dem
Flugschiff dorthin. Wäsche, Garderobe, alle notwendigen Gegenstände
für den täglichen Gebrauch. Jane hatte sich auf einem Stuhl am Fenster
niedergelassen und blickte in die dämmernde Abendlandschaft hinaus.
Ihre Gedanken weilten bei Silvester.

Die Nachricht von Sing-Sing war natürlich auch in das stille Haus nach
Trenton gedrungen und hatte die beiden Frauen aufs äußerste erschreckt.
Wohl lasen sie, daß er gerettet worden war. Aber die Tatsache allein,
daß er sich des Hochverrats schuldig gemacht haben sollte, daß er in
voller Form zum Tode verurteilt worden war, wirkte niederschmetternd.
Jane sowohl wie ihre Mutter hatten vollkommen den Kopf verloren, bis
ein alter Freund des Vaters sie aufrichtete. Joe Miller war damals zu
ihnen gekommen. Fand sie verzagt und lachte.

»Sorge um Logg Sar? ... Vollkommen überflüssig. ... Alle Wetter, da
hat was dazwischengepfeffert und den Schleichern und Angebern das
Konzept verdorben. Habe zwar keine Ahnung, was es gewesen ist. Bin aber
sicher, daß es prachtvoll gewirkt hat. Angst brauchen Sie jedenfalls um
Logg Sar nicht zu haben. Ich meine, der könnte jetzt sogar ganz ruhig
in Neuyork spazierengehen. Seine Feinde würden sich bei einem neuen
Angriff noch viel mehr blamieren.«

Diese Worte wirkten tröstlich auf Jane. Das Wunderbare des
Geschehnisses nahm sie gefangen. Durch eine unbekannte mächtige Hilfe
war Silvester der Gefahr im letzten Augenblick entrissen worden.
Seitdem hoffte sie auf seine Wiederkehr, hatte das sichere Gefühl, daß
die Macht, die ihn das erstemal schützte, auch jeden weiteren Anschlag
zunichte machen würde.

Die geschwätzige Abigail riß sie aus ihren Sinnen. Welches Kleid die
Lady anziehen wolle. Ob sie sich zum Supper nicht schmücken wolle. Der
Herr Doktor liebe geschmückte Damen beim Supper. Vielleicht würde er
ihr sogar ...

Die Mundwinkel der Schwarzen rückten wieder bis an die Ohren. Jane
bemerkte das Mienenspiel nicht. Nur langsam kehrten ihre Gedanken in
die Wirklichkeit zurück.

Anziehen ... Das einfache schwarze Kleid, das sie trug, schien ihr das
richtige ... Schmücken, am Begräbnistage ihrer Mutter ... Sie gab ihr
den Auftrag, die Garderobe in den Schränken unterzubringen, und verließ
den Raum, um nach unten zu gehen.

Abigail machte sich daran, den Auftrag zu vollziehen. Stück für Stück
nahm sie aus den Koffern. Dabei murmelte sie allerlei vor sich hin:

»Hoho, mein Täubchen ... sehr einfach, zu bescheiden. Keinen Samt,
keine Seide. Nur so einfach ... ist nicht der Geschmack von Mister
Doktor ... Liebt feine Damen ... gelbe, rote Seide. Keine schwarzen
Kleider ...«

Sie begann die Wäsche in die Fächer zu legen und fuhr in ihrem
Selbstgespräch fort:

»Wirst dich ändern müssen, mein Täubchen! Waren schon andere vor dir
hier. Haben es auch gemußt. Taten alles, was Mister Doktor wollte, wenn
Mister Doktor sie anguckte ... anguckte mit den großen, heißen Augen.«

Ihre Worte gingen in ein Kichern über, während sie die letzten Stücke
in die Kasten einräumte.

Inzwischen war Jane in den Speiseraum gekommen. Der junge
Halbblutdiener servierte. Glossin wartete, bis er den Raum verlassen
hatte, bevor er die Unterhaltung begann.

»Meine liebe Miß Jane, meine Kur beginnt schon zu wirken. Sie sehen
viel besser aus als heute früh.«

»Sie mögen recht haben, Herr Doktor. Die Reise hat mich auf andere
Gedanken gebracht. Ich könnte beinah zufrieden sein, wenn ich ...
Gewißheit über das Schicksal unseres Freundes Silvester hätte.«

»Seien Sie zufrieden, meine liebe Miß Jane, daß unser Freund der Gefahr
entronnen und jetzt nach menschlichem Ermessen in Sicherheit ist. Wenn
Sie ihm etwas bedeuten, wird er gewiß von sich hören lassen.«

»Er wird ... er muß ... er soll ...«

Jane stieß die Worte heftig hervor. Dr. Glossin schwieg, als ob ihn
dieser Gefühlsausbruch erschreckt hätte.

»Verzeihen Sie meine Heftigkeit, Herr Doktor. Ich sorge mich um das
Schicksal eines Abwesenden und habe Ihnen noch nicht einmal für Ihre
Güte gedankt.«

Wenn Dr. Glossin bei allen diesen Reden etwas empfand, so verstand er
es jedenfalls meisterhaft, seine Gefühle zu verbergen. Keine Muskel in
seinen Zügen zuckte, während er die Konversation ruhig weiterführte.
Er sprach von Janes Zukunftsplänen. Eine längere Erholung hier, dann
eine Reise nach Europa. Dort müßten ja auch noch Verwandte ihres Vaters
leben.

»Ich hörte, Herr Doktor, wir sollen Krieg mit England bekommen. Da kann
doch niemand nach Europa fahren.«

Dr. Glossin nickte abwesend.

»Zeitungsgeschwätz, meine liebe Miß Jane. Wir denken nicht an Krieg.
Ich selbst fahre morgen wieder nach Europa. War vorgestern erst in
England. Man spricht allerlei vom Kriege, weil die Zeitungen uns nervös
machen. In Wirklichkeit denkt kein Mensch daran.«

»Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen, Herr Doktor. Ich dachte,
daß Sie nur zwischen Neuyork und Trenton zu tun haben. Dann haben Sie
plötzlich noch dies schöne Besitztum in Kolorado, und jetzt höre ich
gar, daß Sie zweimal in der Woche nach Europa fahren. Es muß schön
sein, so in der Welt herumzukommen.«

»Wenn man zu seinem Vergnügen reisen kann. Nicht, wenn man es wie ich
als Pflichtmensch von Berufs wegen tun muß.«

Ein leichter Seufzer entrang sich den Lippen des Arztes.

»Ich hoffe, Miß Jane, in kurzer Zeit werde ich auch etwas Ruhe finden.
Dann fahren wir gemeinschaftlich nach Europa, und ich zeige Ihnen die
Schönheiten der Alten Welt.«

Er hob sein Glas mit altem schweren Kaliforniawein und trank Jane zu.

»Auf baldige gemeinschaftliche glückliche Fahrt.«

Das Mahl ging seinem Ende entgegen. Dr. Glossin benutzte die letzte
Viertelstunde, um Jane ihr Leben für die nächsten Tage auszumalen.

»Wir haben hier Pferd und Wagen. Sie können Ausfahrten unternehmen.
Bobby ...« -- er wies auf den Diener -- »kann nicht nur servieren, er
ist auch ein geschickter Fahrer. Er kennt die schönsten Wege in der
Umgebung. Benutzen Sie die kleine, aber gute Bibliothek im Herrenzimmer
... Ich vergaß, sie ist verschlossen. Darf ich Ihnen den Schlüssel ...
nein, noch besser. Ich werde sie Ihnen an Ort und Stelle zeigen.«

Er geleitete Jane in das anstoßende Zimmer und schloß selbst die
verglasten Regale auf, welche mehrere hundert mit gutem Geschmack
ausgesuchte Werke enthielten.

»Das ist die Hauptsache, meine liebe Jane, daß Sie sich nicht in den
müßigen Stunden von Gedanken und Erinnerungen übermannen lassen.«

Dr. Glossin hatte bei den letzten Worten ihre Hände ergriffen. Ohne
daß er ein Wort weitersprach, spürte Jane, daß er für heute Abschied
von ihr nahm, fühlte gleichzeitig, wie in verstärktem Maße Ruhe und
Wunschlosigkeit über sie kamen.

Dr. Glossin schritt durch den Vorraum des Hauses, um zu seinem
Flugschiff zu gehen. Wenn er am nächsten Morgen wieder in England
sein wollte, hatte er Grund zur Eile. Abigail trat ihm in den Weg.
Verschmitzt grinsend.

»Darf die neue Lady ausgehen, Mister Doktor?«

Es lag eine ganze Geschichte in dieser Frage. Wie viele mochten hier
gewesen sein, denen man den Ausgang verweigert hatte. Glossin warf
der Negerin einen Blick zu. Ganz langsam hob er den rechten Arm. Die
Schwarze krümmte sich vor dem drohenden Schlage.

»Ich sage dir, du schwarzes Vieh, die junge Dame ist meine Nichte. Wehe
dir, wenn du ...«

Er ließ den Arm sinken und schritt hinaus.

       *       *       *       *       *

Sie saßen auf der mit Waldrebe umsponnenen Veranda des Truworhauses am
Torneaelf. Durch Ranken und Reben ging die Aussicht auf den hundert
Meter tiefer dahinströmenden Fluß und die gegenüberliegenden, mit
Tannen bestandenen Berge. Zu dritt saßen sie hier: Erik Truwor, der
Schwede, Soma Atma, der Inder, und Silvester Bursfeld aus deutschem
Blute.

In diesem Hause war Silvester heimisch. Hier war er zusammen mit
Erik Truwor aufgewachsen, und die alten Mauern hatten die Spiele der
Knaben und die Arbeit der Jünglinge gesehen. Bis dann die Studienjahre
Silvester nach Deutschland führten, seine Ingenieurtätigkeit ihn in
Europa und Amerika umhertrieb. Erik und Silvester widmeten sich der
Technik. Die Art ihres Studiums, die Weise, wie sie die Wissenschaft
trieben, war von Anfang an verschieden. Silvester versenkte sich schon
als Student in die physikalischen Probleme. Er trieb die Wissenschaft
um der Wissenschaft halber, von einem unersättlichen Forschungsdrang
beseelt. Im Gegensatz dazu betrachtete Erik Truwor die Technik von
Anfang an nur als ein Mittel zum Zweck, das menschliche Leben leichter
und angenehmer zu gestalten, neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen.

Diese verschiedenartige Auffassung der beiden Freunde kam auch
äußerlich zum Ausdruck. Silvester blieb fünf Studienjahre in
Charlottenburg. Erik Truwor studierte bald in Charlottenburg, bald in
Genf, Paris und Karlsruhe. Etwas anderes kam hinzu. Erik Truwor war
ein reicher Erbe. Silvester Bursfeld, als Pflegesohn in das Haus Truwor
aufgenommen, war ohne Vermögen. Als Olaf Truwor die Augen schloß, bot
Erik seinem Freunde die Hälfte der Erbschaft an. Silvester schlug
es aus. Er nahm nur, was er noch während der Studienzeit für seinen
Lebensunterhalt benötigte, und außerdem das Anerbieten, das Truworhaus
jederzeit als sein Vaterhaus zu betrachten und zu benutzen.

Atma hatte seinen Lieblingsplatz auf einem Diwan im Hintergrunde der
Veranda eingenommen. Dort saß er und gab sich seinen Meditationen hin.

Erik Truwor und Silvester saßen vorn an der Brüstung an einem Tisch.
Pläne, Zeichnungen und Schriftstücke bedeckten die Tischplatte.

»Über unsere Arbeit hörte ich noch kaum, wie du, Erik, dich mit Atma
zusammengefunden hast. Atma, der in Pankong Tzo mein Mitschüler
war, plötzlich mit dir zusammen, in Linnais! Nur in dem Strudel der
Ereignisse konnte ich es als ein etwas Selbstverständliches hinnehmen.«

»Wie ich Atma fand? Wie Atma und ich dich fanden? Eine wunderliche
Geschichte. Im Frühjahr kam ich nach Pankong Tzo. Kuansar erinnerte
sich meiner noch. Er führte mich zum Abte. Jatschu, ein Greis von
unbestimmbarem Alter, empfing mich, blickte mich starr an und sagte:
›Das ist der Dritte.‹ Aus einem Kästchen nahm er diesen Ring und schob
ihn mir auf den Finger.«

»Jatschu ist ... er muß jetzt ...«

Silvester versuchte das Alter auszurechnen.

»Er war beinahe neunzig, als ich von Pankong Tzo fortging. Er muß weit
über hundert sein.«

»Mag sein. Er gab mir den Ring und deutete auf Atma. Atma wußte, daß
du den gleichen Ring von ihm hattest. Er sagte, wir müßten dich suchen
... Ich wollte dich wiedersehen. Atma sagte Amerika. Wir gingen nach
den Staaten. Atma sagte Trenton. Wir fuhren nach Trenton. Wir fanden
dich nicht, aber wir fanden Jane Harte. Sie war über dein Verschwinden
besorgt.

Atma fragte sie. Du weißt, wie er zu fragen versteht. Über Zeit und
Raum hinweg. Mit geschlossenen Augen las sie aus weiter Ferne das
Urteil, das über dich gefällt war. Mit vier Worten sagte sie, wo deine
Aufzeichnungen lagen.

Das andere war leicht. Joe Williams, einer der zwölf Zeugen, wurde
im Gasthof in Sing-Sing von uns gefunden. Für tausend Dollar gab
er mir seine Zeugenkarte. Mir, dem wißbegierigen Fremden, der eine
Elektrokution mitansehen wollte. Ich kam in das Gefängnis. Atma hielt
im Kraftwagen vor der Tür. Das war alles.«

Silvester ergriff die Hand Erik Truwors und drückte sie innig.

»Für mich wirklich alles, Erik. Kamt ihr nicht, so war ich verloren.
Durch Jane ... durch meine Jane habt ihr mich gefunden.«

»Durch deine Jane? Was ist dir Jane Harte?«

»Meine Verlobte, mein alles!«

Erik Truwor hörte schweigend zu, was Silvester erzählte. Wie er Jane
kennen und lieben gelernt. Doch er vermochte es nicht, sich am Glück
des Freundes mitzufreuen. Unbewußt empfand er, daß Silvester sich nicht
voll der großen Aufgabe, dem weiteren Ausbau der Erfindung, widmen
könne, wenn er durch Gedanken und Sorgen um seine Verlobte abgelenkt
wurde.

Sein Blick suchte Atma. Ein stummes Zwiegespräch der Augen. Atma
nickte und wandte sich Silvester zu. Erik Truwor sah, wie hinter der
gefurchten Stirn des Inders die Gedanken arbeiteten, das Hindernis aus
dem Wege zu räumen. Er sah, wie Silvester die Hand an die Stirn preßte,
als wollte er eine fliehende Erinnerung festhalten ...

Die hypnotische Kraft Atmas siegte über die Kraft der Liebe.

Erik Truwor brach das Schweigen.

»Zurück zu unserer Arbeit! Ich habe deine Pläne gesehen und deine
Berechnungen untersucht. Gib mir deine Erläuterungen dazu.«

Silvester Bursfeld blickte mit der versonnenen Miene des Gelehrten auf
die vor ihm liegenden Papiere.

»Es ist das Problem der telenergetischen Konzentration, dessen Lösung
mir gelungen ist. Nimm an, ich hätte hier in unserem Hause eine
Maschine, die tausend Pferdestärken leistet. Es ist klar, daß ich die
Energie hier an Ort und Stelle zu allem möglichen verwenden kann.
Aber es war bisher kein Mittel bekannt, diese Energie an einem Punkte
in beliebiger Entfernung konzentriert wirken zu lassen. Bei jedem
Versuche, die Energie auszustrahlen, erfuhr sie eine der Ausbreitung
entsprechende Schwächung. Ein zwingender Grund liegt natürlich nicht
vor. Es muß den tausend Pferdestärken ganz gleich sein, ob sie hier
oder an irgendeinem anderen Punkte der Erde zur Wirkung kommen.«

Erik Truwor unterbrach ihn:

»Wenn wir hier eine Million, wenn wir hundert Millionen Pferdestärken
hätten, so könntest du sie auf jedem Punkt der Erde in Erscheinung
treten lassen?«

»So ist es. Auf jedem Punkte. Ich könnte die Energie an irgendeiner
Stelle der australischen Wüste oder des Broadway in Neuyork auf den
Raum einer Haselnuß zusammendrängen. Ich könnte sie auch in der Form
ausgedehnter elektromagnetischer Felder auftreten lassen. Jede Wirkung
ist möglich.«

Erik Truwor wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.

»Hundert Millionen Pferdestärken auf den Raum einer Haselnuß ... in
den Pulverkammern kriegführender Mächte ... das genügt für den ewigen
Frieden.«

Silvester Bursfeld fuhr in seinen Erklärungen fort:

»Die Energiekonzentration bildete den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ich
überlegte mir weiter ... Warum soll ich die Energie erst an einem Orte
erzeugen und an einem anderen wirken lassen, da doch der ganze Raum
mit einem Überschwang von Energie erfüllt ist ... Ich folgerte, es
muß genügen, nur die Steuerwirkung durch den Raum zu schicken. Nur die
winzigen Mengen einer besonderen Formenenergie, die an der entfernten
Stelle die Raumenergie zur Explosion bringen.

Meine Überlegung war folgerichtig. Die Schlußkette zeigte nirgend ein
fehlerhaftes Glied. Aber die praktische Durchführung wollte nicht
gelingen.

Soweit war ich, als ich nach Trenton kam. Jede freie Stunde widmete ich
dem Problem. Dr. Glossin hatte dort ein gutes Laboratorium und erlaubte
mir, darin zu arbeiten. Damals wußte ich nicht, daß er ein Verräter
war ...«

»Der auch deinen Vater verraten hat.« Soma Atma sprach die Worte.

Silvester blickte auf wie ein Träumer, der plötzlich erwacht.

»Ich hörte immer, mein Vater wäre von einem aufsässigen Kurdenstamm
überfallen worden. In Pankong Tzo erzählten sie es mir ... Kuansar ...
unser alter Lehrer, sprach davon ...«

Atma sprach in seiner ruhigen sonoren Art weiter: »Warum den klaren
Spiegel einer jungen Seele trüben. Glossin, der Freund deines Vaters,
war der Verräter. Die Nawutschi, die Engländer, steckten dahinter.
Sie veranlaßten den Überfall, weil dein Vater das Geheimnis einer
großen Erfindung besaß ... Bis hierher ist alles klar. Dann wird die
Erkenntnis unsicher.«

»Was hatte mein Vater erfunden? Wo ist er geblieben?« Erregt stieß
Silvester die Fragen hervor.

»Ich sehe nichts Klares. Sicher ist, daß er nicht mehr unter den
Lebenden weilt. Seit langer Zeit nicht mehr. Sonst hätte meine Seele
die seine finden müssen. Seine Erfindung gab Macht. Gab große Macht.
Darum ließen die Nawutschi ihn rauben.«

Erik Truwor unterbrach den Inder: »Laßt die Toten ruhen. Silvester,
berichte uns weiter.«

»... Ich sprach von Glossin. In seinem Laboratorium nahm ich meine
Arbeiten wieder auf ... Mit Vorsicht, denn seine Neugier war
verdächtig. Ich vermied es, unnötige Notizen zu machen. Was ich
notieren mußte, schrieb ich Tibetanisch.

Plötzlich kam der Erfolg. Über Nacht eine Eingebung. Im Traum sah ich
den Strahler für die Formenergie mit greifbarer Deutlichkeit ...«

Erik Truwor schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Traumlösungen ... man kennt sie. Es ist alles in Ordnung. Wacht man
auf, so ist der Traum vergessen oder die Lösung unsinnig ... Träume
sind Schäume ...«

»Nicht immer. Es kommt vor, daß die Seele im Schlaf den Körper verläßt
und klar sieht.« Atma machte den Einwurf. Silvester fuhr fort: »Ich sah
die Form und die Schaltung des Strahlers noch mit voller Deutlichkeit,
als ich erwachte. Meinen ganzen Apparat hatte ich in einen kleinen
Kasten eingebaut ...«

»Den Mahagonikasten?«

»Eben den. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Es war noch früh. Die
Dämmerung des Sommertages begann eben erst. Um acht mußte ich in
das Werk. Erst am Nachmittag konnte ich in das Laboratorium gehen.
Das dauerte mir zu lange. Mit den einfachen Mitteln, die ich in der
Wohnung hatte, formte ich den Strahler. Ich machte einen Versuch, und
er gelang. Ein Stück Eisen auf meinem Schreibtisch stieg langsam in
die Höhe. Ein Trinkglas schmolz zu einem Klumpen. Das Geheimnis war
gefunden.

Am Nachmittag kam ich in das Laboratorium ... Ich wollte einen
einfachen Versuch machen. Eine elektromotorische Kraft sollte durch
den Apparat zurückgeworfen werden. Ich brachte den Apparat in die
richtige Stellung zu den Schaltklemmen des Experimentiertisches. Im
selben Augenblick stieg dichter Qualm hinter der Schalttafel und an
der Wand auf. Die schwere 10000-Volt-Leitung des Laboratoriums glühte
hellrot auf. Die Isolation verbrannte. Ich riß meinen Apparat zurück.
Es war nicht mehr nötig. Die Sicherungen der Hochspannungsleitung waren
bereits durchgeschlagen und hatten den Strom abgeschaltet.

Zweierlei wußte ich damals. Mein Apparat arbeitete. Und ein
Schurkenstreich war versucht worden. Irgend jemand, der im Laboratorium
Bescheid wußte, hatte die lebensgefährliche Hochspannung auf den
Experimentiertisch geschaltet.

Drei Tage später fuhr mir auf einem Spaziergang durch den Wald ein Auto
nach. Plötzlich hielt es neben mir. Im selben Augenblick war ich in den
Wagen hineingezogen, gefesselt und betäubt. Erst im Gefängnis erlangte
ich das Bewußtsein wieder. Als ich unter den Richtern Glossin sah,
wußte ich, wer im Laboratorium geschaltet hatte ...«

Erik Truwor sprang auf.

»Weg mit dem Hund! Wir haben die Macht, ihn zu vernichten. Sollen wir
uns mit einem einzelnen aufhalten? Weg mit ihm!« Er griff nach dem
Apparat.

»Mord und Brand über den Ozean! Befreien wir uns von dem Geschmeiß!«

Silvester wollte antworten, wollte als Forscher und Erfinder
auseinandersetzen, daß ein genaues Zielen auf diese Entfernung noch
nicht möglich sei, daß Feuer und Sturm neben einem Schuldigen tausend
Unschuldige vernichten würden. Er kam nicht über die ersten Worte
hinaus. Die ruhige Stimme Atmas unterbrach ihn:

»Sein Schicksal ist mit dem unseren verknüpft. Es wird sich zu seiner
Zeit erfüllen ... Noch ist die Stunde nicht gekommen. Sein Geschick
ereilt ihn, wenn der Augenblick kommt ... Er ist ein Werkzeug des
Schicksals wie wir. Das Ziel wird erreicht werden ... von uns ... durch
ihn ... Wenn der Tag kommt, wird sich sein Schicksal vollenden ...«

Atma sank in stilles Sinnen zurück. Erik Truwor nahm seinen Platz am
Tisch ein und betrachtete den Apparat. Seine Erregung ließ nach.

»Was kannst du mit dem Strahler hier machen?«

Silvester Bursfeld ging wieder in seinem Problem auf. Nur als Physiker
und Ingenieur sprach er weiter:

»Mit dieser kleinen Apparatur kann ich die telenergetische
Konzentration von zehntausend Kilowatt bewirken. Für größere
Energiemengen muß der Apparat größer werden.«

Erik Truwor ergriff ein Glas und beobachtete den Bergkamm auf der
anderen Seite des Elf.

»Siehst du die einzelne Tanne über dem Trollstein?«

Silvester nahm das Glas. »Sie ist unverkennbar.«

»Kannst du sie verbrennen?«

Ein Lächeln ging über die Züge Silvesters.

»Wenn die Tanne in Kanada stünde, wäre es noch möglich. So ist es ...«
Er hatte während der Worte das Kästchen gerückt und ein paar Knöpfe
gedreht.

Erik Truwor sah durch das Glas über den Fluß, sah, wie blauer Rauch aus
der Tannenkrone aufstieg und helle Flammen aus dem Stamme aufloderten.
Nach zwanzig Sekunden brannte der Baum lichterloh. Nach einer Minute
war er verschwunden, in ein winziges unsichtbares Aschenhäufchen
verwandelt. Aber das Feuer hatte weiter gegriffen. Auch die Kronen der
benachbarten Bäume brannten. Im trockenen Juni konnte sich dort ein
großer Waldbrand entwickeln. Erik Truwor sah die Gefahr.

»Der Wald brennt, Silvester. Kannst du des Feuers Herr werden?«

Silvester war in seinem Element.

»Eine gute Gelegenheit, um die Wirkung des Apparates auf den Luftdruck
zu beobachten. Ich werde in einer senkrechten Linie über der brennenden
Föhre Hitze konzentrieren. Die warme Luft muß mit Gewalt nach oben
dringen. Kalte Luft muß von allen Seiten herbeiströmen. Der Sturm muß
das Feuer löschen.«

Während er die Erklärung gab, drehte er an einem Schräubchen seines
Apparates. Man konnte auch mit unbewaffnetem Auge bemerken, wie die
Bäume auf dem Gebirgskamm von einem plötzlichen Sturm gepeitscht
wurden. Wild bogen sich die Stämme. Hier und dort wurde eine Krone
geknickt. Aber der Wirbelsturm blies den Brand glatt aus. Ein mäßiger
Wind hätte das Feuer genährt. Dieser Zyklon pfiff so scharf durch
das brennende Geäst, daß er die Flammen im Moment auslöschte, das
rotglühende Holz abkühlte.

Eine Drehung am Schalter des Kästchens, und Ruhe herrschte wieder in
der Natur. Nur der große, schwarze Brandfleck da weit drüben über dem
Elf verriet, daß etwas Außergewöhnliches passiert war.

Erik Truwor hatte die theoretischen Auseinandersetzungen seines
Freundes erfaßt. Er hatte nach dessen Aufzeichnungen den Apparat selbst
bedient, um die Maschine von Sing-Sing zu sprengen. Und doch versetzte
ihn die Wirkung wieder in tiefstes Staunen. Seine Gedanken gingen viel
weiter als die des Erfinders. Silvester Bursfeld war Ingenieur und nur
Ingenieur. Den reizte das physikalische Problem und seine Durchbildung.
Erik Truwor umfaßte mit einem Blick die praktischen Möglichkeiten, die
die Erfindung in sich barg.

Doch auch Erik Truwor war Techniker und rechnete. Zehntausend Kilowatt
waren vernichtend für den einzelnen, den sie trafen. Aber sie
bedeuteten nichts für hundert Millionen Menschen. Viel größere Apparate
mußten zur Verfügung stehen. Viele Millionen von Kilowatt mußten auf
seinen Wink an jedem Punkt der Erde wirksam werden. Nur dann würde er
die Macht haben, von der die alte Weissagung des Tsongkapa sprach. Die
Macht, alles Menschenleben auf Erden nach seinem Willen zu lenken.

Die Unterhaltung der nächsten Stunde wurde rein technisch geführt.
Über die Abmessungen größerer Strahler. Über die Mittel zu ihrer
Anfertigung. Über die Zeit, die ihre Herstellung gebrauchen würde.

Das alte Truworhaus war der geeignete Ort dafür. Sechs Jahrhunderte
waren über sein Dach hingegangen. Zwei Stockwerke tief waren die
geräumigen Keller in den Granit des Berges gesprengt. Meterstark die
Umfassungsmauern der unteren Stockwerke aus den bei der Kellerhöhlung
gewonnenen Granitbrocken gemauert. Die elektrische Leitung vom
Kraftwerk des Elf brachte Licht, Wärme und Energie in jeder gewünschten
Menge. Das Haus in seiner Abgelegenheit sollte die Werkstatt abgeben,
in der Silvester seine Erfindung in großem Maßstabe ausführte. Nach dem
unverrückbaren Willen Erik Truwors ausführen mußte.

Silvester Bursfeld hatte die Erfindung mit dem Eifer des
Wissenschaftlers gemacht. Wie vielleicht auch ein Physiker eine
Kanone erfinden kann, ohne an Schußwirkungen zu denken. Er hatte alle
Erscheinungen der Konzentration ergründet, aber auf das genaue Zielen,
das sichere Treffen vorläufig wenig Wert gelegt. Die energetische Seite
des Problems interessierte seine Gelehrtennatur viel mehr als die
praktische Anwendung.

Erik Truwor empfand diese Schwäche sofort. Empfand sie und zwang
Silvester durch seine Forderungen und Fragen, nach einer Lösung zu
suchen und sie zu finden. Wenigstens die Theorie auch eines genauen
Zielens sofort zu entwickeln. Nur wenn man das entfernte Ziel sichtbar
machen, die Wirkungen der Energie mit dem Auge verfolgen konnte, war
die Macht der Waffe voll zur Wirksamkeit zu bringen.

Der Tatmensch zwang den Forscher zu harter, rastloser Arbeit, um die
große Entdeckung noch größer zu gestalten, aus ihr das Machtmittel für
seine weitreichenden Pläne zu formen. Und Silvester ließ sich zwingen.
Für Stunden und Tage nahmen ihn die neuen Probleme und Lösungen so
vollkommen gefangen, daß er alles andere darüber vergaß. Bis dann
die Lösung gelungen war, bis sich die Nervenspannung löste und die
unausbleibliche Reaktion eintrat.

       *       *       *       *       *

Maitland Castle, der alte Stammsitz der Maitlands, beherbergte um die
Zeit der Sommersonnenwende zahlreiche Gäste. Der alten englischen
Sitte entsprechend, herrschte nur der Zwang der gemeinschaftlichen
Hauptmahlzeit. Die übrige Zeit des Tages konnten die Gäste nach ihrem
Belieben verwenden, und die Gastgeber nahmen die gleiche Freiheit für
sich in Anspruch, die sie den Gästen gewährten. Sie tauchten einmal bei
dieser oder jener Gruppe auf und zogen sich in ihre Privaträume zurück,
sobald es ihnen gefiel.

Den dunklen Buchenweg, der schnurgerade von der Höhe des Schloßberges
bis zum Gittertor am Ende des Parkes führte, kam Lady Diana Maitland
entlang. Die Sonne war schon hinter den hohen Wipfeln der Bäume
verschwunden. Es begann kühl zu werden.

Fröstelnd zog Lady Diana den leichten Seidenschal enger um die
Schultern zusammen. Sie bog in einen Seitenweg ab, der durch ein
Rosenrondell führte.

Von der anderen Seite kam ihr eine Gestalt entgegen, in der sie den
Doktor Glossin zu erkennen glaubte. Unwillkürlich hemmte sie den
Schritt. Ihr Gefühl riet ihr, einer Begegnung auszuweichen. Schon
wollte sie stehenbleiben und sich zu der Allee zurückwenden. Doch
der Gedanke, daß Dr. Glossin sie auch erkannt habe, gebot ihr, den
Weg weiterzugehen, dessen Rand mit einer Einfassung der herrlichsten
Rosenstöcke besetzt war.

Nun stand Dr. Glossin dicht bei ihr.

»Ich muß gestehen, Lady Diana, daß ich selten so schöne Rosen sah wie
diese hier. Sie lieben Rosen?«

»Sehr, Herr Doktor. Doch ihr Anblick ist mir lieber als ihr Geruch. Im
Zimmer stört mich der berauschende Duft.«

»Oh, wie schade um die unzähligen Rosenspenden, die Ihnen allabendlich
zu Füßen flogen, als Sie in der Metropolitan-Opera die Zuhörer
entzückten.«

Lady Diana brach eine Rose und steckte sie in ihren Gürtel, ohne die
Frage zu beantworten. Sie sprach wohl selbst gelegentlich von ihrem
früheren Bühnenleben, aber sie liebte es nicht, von anderen daran
erinnert zu werden.

Dr. Glossin schien den Wink nicht zu verstehen.

»Die Stunden, in denen ich Ihrer unvergleichlichen Stimme lauschen
durfte, gehören zu den schönsten meines Lebens. In besonderer
Erinnerung sind mir die Abende, an denen Sie mit Frederic Boyce
zusammen auftraten. Nie klang mir Ihre Stimme schöner als damals.«

Ein kurzes Erröten glitt über die Züge der Lady. Solche Worte aus dem
Munde eines so neuen Bekannten wie Dr. Glossin konnten nur als grobe
Taktlosigkeit aufgefaßt werden, oder ...

Sie witterte den Feind und änderte ihre Taktik.

»Sie sind ein Freund der Musik, Herr Doktor? Vielleicht auch einer der
zahlreichen Rosenspender?«

Sie versuchte, ihrer Stimme einen spöttischen Unterton zu geben.

»Ich kann es nicht leugnen, Mylady, ich gehörte auch zu Ihren
Verehrern. Als ich von Ihrem Abschied von der Bühne las ... ich war
damals in San Franzisko ... war ich drauf und dran, am Tage Ihres
letzten Auftretens nach Neuyork zu fliegen. Wenn ich nicht irre, war es
im ›Fidelio‹, dem hohen Lied der Gattenliebe.«

»Und warum kamen Sie nicht?«

Lady Diana sagte es mechanisch. Ihre Sinne arbeiteten fieberhaft. Sie
fühlte, daß dies alles nur leichtes Geplänkel war. Der Hauptangriff
mußte von anderer Seite kommen ... Aber woher?

»Warum nicht? ... Ein seltsamer Fall hielt mich einige Tage länger
fest!«

Er machte eine Pause.

»Bitte, Herr Dr. Glossin, erzählen Sie, wenn es interessant ist.«

»Interessant? ... Für die Allgemeinheit am Ende kaum. Wohl aber für
die, die es angeht. Wenn ich nicht fürchtete, unangenehme Erinnerungen
zu wecken ...«

»Wozu die Umschweife, Herr Doktor, bitte ...«

Lady Diana wußte, jetzt würde der Schlag erfolgen. Und trotz der
Ungewißheit, aus welcher Richtung er kommen würde, klang ihre Stimme
ruhig und fest.

»Wenn es der Wunsch Eurer Herrlichkeit ist ... nun wohl ... Als die
berühmte Sängerin Diana Raczinska die Ehe mit dem Sänger Frederic
Boyce einging, prophezeiten Eingeweihte ein schnelles Ende dieses im
Kunstrausch geschlossenen Bündnisses. Alle, welche die Spieler- und
Trinkernatur von Frederic Boyce kannten. Schon nach einem halben Jahr
war die Ehe derart zerrüttet, daß die Scheidung eingeleitet wurde,
Diana Boyce wartete nur auf den gerichtlichen Spruch, um einen neuen
Bund mit Horace Clinton einzugehen ...«

»Sie wollten mir eine interessante Geschichte erzählen ... und bringen
alte Dinge vor, die mir bei Gott zur Genüge bekannt sind.«

»Die kurze Einleitung war notwendig, Mylady. Ich kam an jenem Abend
Ihres letzten Auftretens vom Strand in San Franzisko und verirrte mich
in dem Häusergewirr des Hafenviertels. Als ich an einer der Schenken
vorbeikam, aus der Toben und Brüllen betrunkener Matrosen erklang,
öffnete sich plötzlich die Tür. Von rohen Fäusten gestoßen, flog
ein Mann die Stufen hinauf und schlug vor meinen Füßen hart auf das
Pflaster.

Angewidert von dem häßlichen Auftritt, wollte ich weitergehen. Da sah
ich im Laternenschimmer, wie sich eine Blutlache um den Körper des
Betrunkenen bildete. Das Blut entströmte einer starken Wunde im Nacken,
die wohl von einem Messerstich herrührte.

Nach einigem Suchen fand ich eine Patrouille, die den Verletzten nach
der Polizeiwache brachte. Da ich den Unfall teilweise mitangesehen
hatte, mußte ich meine Zeugenaussage darüber abgeben. Inzwischen hatte
der Polizeiarzt dem Verwundeten einen Notverband angelegt, ihm das
Gesicht von Schmutz und Blut befreit. Der Mann war ...«

»Wer?«

Lady Diana fühlte das Blut in ihrem Herzen stocken. Sie senkte
unwillkürlich das Haupt. Jetzt mußte der Schlag kommen, der ...

»... war Frederic Boyce, Ihr totgeglaubter Gatte.«

»Frederic ...«

Lady Diana begann zu taumeln und wäre zu Boden gestürzt, hätte Dr.
Glossin sie nicht aufgefangen.

»Fassung, Mylady! Um Gottes willen! Ich bin außer mir. Verzeihen Sie
mein Ungeschick.«

Er führte die halb Bewußtlose zu einer Bank und nahm neben ihr Platz.

»Frederic ... Frederic ...«

Stoßweise rangen sich die Worte wieder und wieder von den blassen
Lippen.

»Frederic Boyce ist tot, Lady Diana.«

»Tot?« Die Augen der Lady öffneten sich unnatürlich weit. »Sie ...
sagten ... eben ...«

»Frederic Boyce starb zwei Stunden später. Der Stich war tödlich.«

Ein tiefes Aufatmen. Der Körper Dianas straffte sich.

»Ist es die Wahrheit?«

Sie schaute den Doktor an, als wolle sie im Innersten seiner Seele
lesen.

Der Doktor entnahm seiner Brieftasche ein Papier und überreichte es ihr.

Lady Diana schüttelte den Kopf und ließ das Blatt sinken.

»Was ist es?«

»Es ist eine Bescheinigung jenes Polizeiamtes in Frisko über den am 9.
Mai 1950 erfolgten Tod von Frederic Boyce.«

Lady Diana kreuzte die Hände über ihre Brust und legte den Kopf an die
Lehne der Bank. So saß sie lange. Das Bild einer weißen Marmorstatue.

»Erzählen Sie weiter, Herr Doktor.« Sie sagte es mit einer Ruhe und
Festigkeit, die Dr. Glossin in Erstaunen versetzte.

»Bei dem Toten fand man keine Papiere. Meine Angaben über die Person
wurden von der Polizei mit Zweifeln aufgenommen. Hatten doch vor genau
zehn Tagen die Zeitungen über den Tod des Sängers Frederic Boyce
im städtischen Spital berichtet. Ich blieb bei meiner Behauptung.
Nachforschungen wurden angestellt. Sie ergaben, daß der im Hospital
Verstorbene nicht der rechtmäßige Besitzer der bei ihm gefundenen
Papiere gewesen war. Er hatte sie dem richtigen Eigentümer in der
Trunkenheit entwendet. So wurde der 9. Mai als der Todestag von
Frederic Boyce festgestellt.«

Dr. Glossin machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte auf Lady
Diana abzuwarten. Vergeblich.

Lady Diana bewahrte ihre statuenhafte Ruhe.

Gereizt fuhr Dr. Glossin fort: »Es ergibt sich die eigentümliche
Situation, daß Eure Herrlichkeit mit Lord Maitland oder, wie er damals
noch hieß ... mit Mr. Clinton getraut wurde, während Ihr erster Gatte
noch lebte. Nach dem Gesetz kann Ihnen kaum ein Vorwurf gemacht werden,
da Sie im Besitz der freilich falschen Sterbeurkunde waren. Aber ...
die Stimme der öffentlichen Meinung wiegt schwer für Angehörige des
Highlife ...«

Lauernd wartete der Sprecher auf die Wirkung seiner Worte.

»Sind Sie fertig, Herr Dr. Glossin?«

Glossin nickte stumm. Lady Diana maß ihn mit einem Blick.

»Wieviel verlangen Sie für Ihre Verschwiegenheit?«

Wie von einem Peitschenhieb getroffen fuhr der Doktor empor: »Mir das?
... Sie wollen mir Geld anbieten ... Hüten Sie sich. Ich vergesse eine
Beleidigung niemals.«

Lady Diana nickte gleichmütig.

»Was verlangen Sie sonst, Herr Doktor?«

»Ich bitte nicht weiter in diesem Ton. Ich könnte in Versuchung kommen,
das Gespräch abzubrechen ... Nicht zu meinem Schaden.«

»Wozu erzählen Sie mir diese Geschichte, Herr Doktor?«

Glossin biß sich wütend auf die Lippen. Er glaubte, seine Schlinge gut
gelegt zu haben. Ein gefälschtes Todesattest einer amerikanischen
Polizeistation ... für Dr. Glossin war die Beschaffung lächerlich
einfach gewesen. Und er hatte Lady Diana damit einer wenn auch
unabsichtlichen Bigamie überführt. Seine Stellung schien so stark, und
trotzdem fühlte er sich in die Enge getrieben.

»Es wird der Tag kommen, Lady Diana, an dem Sie diese Worte bereuen.
Der Tag, an dem Sie mir freiwillig die Hand zu einem Bündnis bieten
werden. Dann werde ich Sie an den heutigen erinnern.

Heute bitte ich Sie nur um eine einfache Gefälligkeit, die Ihnen keine
Mühe bereitet, für mich sehr viel bedeutet.«

Lady Diana schaute sinnend auf ihre schlanken, weißen Hände. Sie
zweifelte, ob sie sie jemals dem Doktor Glossin zum Bündnis reichen
würde.

Sie hatte in diesem Kampfe gesiegt. Aber innerlich war sie bewegter und
erschütterter, als es äußerlich erschien. Wenn sie dem unbequemen Gast
mit einer einfachen Gefälligkeit den Mund stopfen konnte, wollte sie es
tun.

»Was ist es, Herr Doktor?«

»Ich muß zur Erklärung weit zurückgehen und in die Hände Eurer
Herrlichkeit eine Beichte ablegen. Ich war nicht immer amerikanischer
Bürger. Im Jahre 1927 lebte ich als britischer Untertan in
Mesopotamien. Ein Ingenieur war dort tätig. Er machte eine Erfindung,
die dem englischen Reiche gefährlich werden konnte. Ich setzte die
britische Regierung davon in Kenntnis, und der Erfinder verschwand
im Tower. Ihr Gemahl Lord Maitland muß darüber Bescheid wissen oder
sich doch mit Leichtigkeit orientieren können. Helfen Sie mir. Ich muß
wissen, ob Gerhard Bursfeld noch als Staatsgefangener im Tower lebt ...
er wäre jetzt 65 Jahre ... oder was aus ihm geworden ist. Helfen Sie
mir und seien Sie meiner Dankbarkeit versichert.«

»Gut, Herr Doktor, ich werde mit meinem Gatten sprechen. Was geschehen
kann, um Ihnen die gewünschte Auskunft zu geben, soll geschehen.«

       *       *       *       *       *

Lord Gashford, der englische Premier, hatte sein Kabinett zu einer
Besprechung bitten lassen. Die Männer, welche vor dem Lande und dem
Parlament die Verantwortung für den gesicherten Fortbestand des
britischen Weltreiches trugen, waren im kleinen Konferenzsaal in
Downing Street versammelt. Lord Gashford blickte sorgenvoll und sah
überarbeitet aus. Er eröffnete die Sitzung mit einem kurzen Überblick
über die politische Lage.

»Die Politik Großbritanniens hat seit zwei Jahrhunderten auf dem
Grundsatze geruht, Kräfte, die dem Reiche gefährlich werden konnten,
gegeneinander zu binden. Das Prinzip des Gleichgewichts, zuerst für
Europa erfunden, konnte nach dem Weltkriege erfolgreich auf die
überseeischen Mächte angewendet werden. Der Streit zwischen Amerika
und Japan setzte uns in die Lage, Afrika von den letzten Überbleibseln
europäischer Kolonien zu säubern. Leider haben diese Streitigkeiten mit
dem vollkommenen Siege der nordamerikanischen Union geendet. Die Kraft
der Union ist nicht mehr durch eine genügende Gegenkraft gebunden.

Das ist die Lage seit dem zweiten Frieden von San Franzisko. Unsere
Politik ist bestrebt gewesen, die romanischen Staaten Südamerikas in
einen Gegensatz zur nordamerikanischen Union zu bringen. Die Erfolge
sind leider nur gering. Unsere Bemühungen, Japan zu stützen, haben
bedauerlicherweise beklagenswerte Folgen gehabt. Kanada ist in so enge
Beziehungen zur Union getreten, daß es heute nur noch formell zum
Reich gehört. Australien steht im Begriff, gleichfalls Anschluß an
das Zollgebiet der Vereinigten Staaten zu nehmen. Diese Umwälzungen
vollziehen sich mit der Macht elementarer Ereignisse. Wenn die Union
weise wäre, ließe sie die Zeit ruhig für sich arbeiten. Aber an ihrer
Spitze steht eine Person von unbezähmbarem Ehrgeiz.

Wir müssen stündlich auf den Ausbruch des Krieges gefaßt sein. Wir
stehen Erscheinungen gegenüber, die sich in keiner Weise irgendwie
vorausberechnen lassen. Ich denke dabei an das Wort eines meiner
Vorgänger vom politischen Alkoholismus. In jedem Falle müssen wir jeden
Moment in der Lage sein, die Herausforderung anzunehmen und für den
Bestand des Reiches zu kämpfen.«

Vincent Rushbrook, der Erste Lord der Admiralität, erhielt das Wort:

»Unsere maritimen Maßnahmen sind in erster Linie darauf gerichtet,
den Seeweg nach Indien zu beherrschen. Eine Flotte von achthundert
U-Booten liegt tiefgestaffelt auf dem Bogen von Lissabon nach Marokko.
Ihre Basis wird durch unsere beiden großen Seefestungen von Gibraltar
und Ceuta gebildet. Ihre Vorpostenboote haben auf der Länge von Island
fremde U-Boote gesichtet. Seitdem ... es sind jetzt drei Tage ... sind
unsere Boote und die Festungen in höchster Bereitschaft. Zwei Sekunden
nach dem Alarm können die Rohre von Gibraltar und Ceuta feuern. Dieser
Zustand läßt sich aber nicht monatelang aufrechterhalten. Die Nerven
der Besatzungen leiden darunter. Meine Leute wollen lieber heute als
morgen kämpfen. In vier Wochen werden sie zerrüttet sein, wenn es nicht
zum Schlagen kommt.

Auf der Landenge von Suez liegt eine Flotte von 30000 Flugzeugen. Ich
sehe nicht, wie ein Gegner in das Mittelmeer eindringen könnte.«

Der Premier ergriff von neuem das Wort.

»Es ist gut, wenn die Flotte den Seeweg nach Indien sichert. Aber
auch die Beherrschung des Landweges bleibt erwünscht. Warum haben
wir Konstantinopel vor 20 Jahren genommen, wenn wir die Straße nicht
benutzen? Die gerade Linie geht über Brüssel, Linz und Belgrad nach
Konstantinopel.

Sie lieben uns nicht auf dem Kontinent. Der Russe hat leider die
irrtümliche Meinung, daß wir an allem seinem Unglück seit 1904 schuld
gewesen sind. Der Deutsche wird immer noch von der eigenartigen Idee
beherrscht, daß wir vor 40 Jahren nicht für die Heiligkeit der Verträge
gegen ihn gekämpft haben. Der Franzose, der Spanier und der Italiener
sind verstimmt, weil wir sie aus Afrika entfernt haben.

Ich muß leider sagen, daß wir in den letzten 30 Jahren zu wenig Wert
auf die Bildung der öffentlichen Meinung in Europa gelegt haben.
Wir haben es nicht ungern gesehen, daß Rußland sich allmählich vom
Bolschewismus säuberte. Es war uns bis zu einem gewissen Grade
willkommen, daß Deutschland im Bündnis mit dem genesenden Rußland den
Versailler Vertrag revidierte.

Wir übersahen dabei, daß durch die Verständigung zwischen Deutschland
und Rußland eine Macht geschaffen wurde, die sich im Laufe der Zeit
automatisch zu einer Übermacht Frankreich gegenüber entwickeln
mußte. Die Folge war die Verständigung zwischen Frankreich und den
beiden Oststaaten. Es kam zu der Bildung der deutsch-französischen
Industriegemeinschaft.

Vom ersten Tage meiner Amtszeit an habe ich es als meine wichtigste
Aufgabe betrachtet, diese Gemeinschaft zu lockern. Wir haben es
versucht, den Chauvinismus in den betreffenden Ländern nach Kräften
zu fördern. Leider sind die Erfolge nicht sehr bedeutend. Der große
Vorteil der Industriegemeinschaft ist zu augenfällig. Immerhin müssen
wir in dieser Richtung weiterarbeiten. Ich komme zu dem Ergebnis, daß
England moralische Eroberungen auf dem Kontinent machen muß.«

William Chopper, der Presseminister, erbat sich das Wort:

»Für moralische Eroberungen braucht man eine gewisse Zeit. Außerdem
... die kontinentale Presse ist in festen Händen. In Afrika und Asien
können wir jeden Tag englische Zeitungen gründen. In Deutschland eine
deutsche, in Frankreich eine französische Zeitung neu zu schaffen, ist
sehr schwer für uns. Wir können nur den englischen Korrespondenten
dieser Zeitungen durch unsere eigene Presse bestimmte Ansichten in
solcher Weise einimpfen, daß sie dieselben schließlich für eigene und
durchaus dem Vorteil des Kontinents dienende Ideen ansehen.«

Lord Gashford sprach weiter:

»Jede feindselige Haltung des Kontinents muß verhindert werden. Wir
brauchen die volle Kraft der europäischen Industrie für uns. Sie werden
auf dem Kontinent bereit sein, für beide Parteien zu liefern. Auf dem
kurzen Wege über den Pol werden die amerikanischen Lastflugschiffe aus
Europa an Kriegsmaterial wegschleppen, was sie kaufen können. Das muß
verhindert werden. Der Kontinent darf nicht an beide Parteien liefern.
Er muß ein Interesse an unserem Siege haben ...«

Sir James Morrison, der Erste Lord des Schatzes, fiel seinem Kollegen
ins Wort:

»Es gibt eine Möglichkeit ... Alle Staaten des Kontinents schleppen
die Kette amerikanischer Schulden hinter sich her. Wir müssen ihnen
die Annullierung dieser Schulden versprechen. Dann haben sie ein
Interesse an unserem Siege. Es wird zu überlegen sein, was sich für
diese Versprechen einhandeln läßt. Lieferung von Kriegsmaterial
ausschließlich an uns. Durchzugsrecht für unsere Truppen. Wenn möglich
direkte Unterstützung. Ich glaube, daß sich viel mit dem Versprechen
erreichen läßt ...«

Die Verhandlung löste sich in lebhafte Einzelgespräche auf. Der Plan
des Finanzministers war einleuchtend. Er war genial und wie alle
genialen Sachen verblüffend einfach.

William Chopper übernahm es, die Idee mit der nötigen Vorsicht in
die europäische Presse gelangen zu lassen. Es war notwendig, daß von
privaten Stellen gleichzeitig in tausend Zeitungen die Möglichkeit,
aus der amerikanischen Verschuldung herauszukommen, in Europa
ventiliert wurde. Von drei Monaten, die er ursprünglich für die
Durchführung dieser Propaganda verlangte, ließ sich der Presseminister
auf zehn Tage herunterhandeln.

Lord Gashford sprach:

»Es ist widersinnig, die afrikanischen Rohstoffe und Bodenschätze erst
nach England zu schaffen und hier zu verarbeiten. Wir müssen in Afrika
eine Kriegsindustrie aus dem Boden stampfen. In der Umgebung der großen
Kraftwerke des Sambesi und Kongo. Meine Herren, ich halte es sogar für
möglich, daß die britische Regierung bei Kriegsausbruch nach Äquatoria
übersiedelt.«

Betretenes Schweigen folgte dieser Mitteilung. Die englische Regierung
sollte die britische Insel aufgeben, sollte London verlassen? Das war
nach der politischen Tradition etwas ganz Unerhörtes.

Lord Gashford bemerkte es wohl und fühlte sich zu einer Erklärung
verpflichtet.

»Es ist unseren Agenten gelungen, einen Plan unserer Gegner
aufzudecken. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen als eine Ausgeburt
der Hölle. Der Diktator hat einen Teil seiner Luftflotte mit Bomben
versehen lassen, durch die beim Aufschlagen Pest- und Cholerakeime in
die Luft gewirbelt werden.«

Rufe des Abscheus und Entsetzens kamen aus aller Munde.

»Das ist Stonards würdig«, rief Vincent Rushbrook mit schneidender
Stimme. »Möge ihn selbst die Pest befallen.« Erst nach Minuten konnte
Lord Gashford fortfahren:

»Der Plan verliert bei näherer Betrachtung an Gefährlichkeit. Wir
wissen genau, welche Teile der Flotte mit den G-Bomben ausgerüstet
sind. Unsere Luftstreitkräfte müssen sich bei Eröffnung der
Feindseligkeiten augenblicklich auf diese Schiffe stürzen und sie
vernichten, bevor sie die britische Insel vergiften können. Gelingt
es trotzdem einigen, unser Land zu erreichen, so sind für den
betreffenden Bezirk sanitäre Maßregeln in Aussicht genommen.

Noch eins, meine Herren« -- die Sätze wurden langsam unter Betonung
jedes einzelnen Wortes gesprochen --, »es wäre in diesem Falle nicht zu
vermeiden, daß die Krankheiten auf das Festland übertragen würden.«

»~Right or wrong, my country~«, kam es halblaut von den Lippen
Rushbrooks, und andere Lippen flüsterten es nach. Lord Gashford sprach
in der langsamen, betonten Weise weiter:

»Gemeinsames Leid knüpft feste Bande! Meine Herren ... der Pfeil würde
auf den Schützen zurückprallen ... das war es, was ich noch mitzuteilen
hatte.«

Drei Stunden später erschienen in einigen Blättern des Kontinents
die ersten Betrachtungen über die Möglichkeit, die amerikanische
Verschuldung loszuwerden. Der Apparat William Choppers arbeitete
bereits.



Teil II.


Und es kam der Tag, an dem sich in Linnais drei Menschen stumm
umarmten. Der Tag, an dem die große Erfindung vollendet war.

Tage angespanntester Arbeit in Laboratorium und Werkstatt lagen
hinter ihnen. Was jetzt kam, die Arbeit in der Werkstatt, um die
Konstruktionen auszuführen, war körperlich leichtes Spiel, geistige
Erholung.

Die Hauptarbeit hatte Silvester getan. Hindernisse, die immer wieder
unvermutet auftauchten, hatte sein erfinderisches Genie bewältigt.
Wenn bei den anderen die Zweifel laut oder leise sich regten, hatte
er das Problem mit unbeirrbarer Zuversicht von einer neuen Seite
angefaßt. Erik Truwor sah die Arbeit nicht ohne Sorge, denn Silvester
war körperlich nicht eben der stärkste. Es kam wohl vor, daß er die
Hände auf das in der Entdeckerfreude übermäßig pochende Herz pressen
mußte, daß er mit wankenden Knien Minuten ruhen mußte, bevor der Kampf
weiterging.

Nach einer letzten durcharbeiteten Nacht warf Silvester mit glückselig
stolzem Lächeln seine Feder hin. Das Heureka des siegreichen Forschers
kam über seine Lippen. Dann sank er zusammen und fiel in einen tiefen,
todähnlichen Schlaf.

Mit liebevollen Händen betteten sie den Zusammengesunkenen auf seinem
Lager.

Atma hielt dort die Wacht.

Erik Truwor litt es nicht länger in den engen Räumen. Mit übervollem
Herzen stürmte er hinaus, um allein und im Freien seiner Gedanken und
Pläne Herr zu werden.

Gedanken und Pläne von unerhörter Kühnheit, die seit Wochen in ihm
brodelten, zerrissen und sich von neuem zusammenballten, wollten sich
jetzt verdichten und Gestalt annehmen. Schon eine Stunde stürmte er
durch den tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gekommen war.
Auf steilen Grashalden ging es bergan. Geröll und Felsblöcke zwangen
ihn, seine Schritte zu verlangsamen. Als er die Höhe erreichte, rang
er nach Atem. Tief unter ihm lag der Strom. Sein Rauschen drang nur
noch gedämpft herauf. Dichte Nebelschwaden zogen an den Talwänden.
Ein frischer Wind pfiff über die Höhen. Erik Truwor nahm den Hut vom
Kopf und ließ sich die erhitzte Stirn kühlen. Er ließ sich auf einem
Felsblock am Rande des Abhanges nieder. So saß er lange still und starr
wie der Stein unter ihm.

Die lauten und verworrenen Stimmen der vergangenen Nächte begannen
zusammenzuklingen zu einer klaren, starken Melodie. Zu einem
unnennbaren Hochgefühl voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm
ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen Steinhalden, dem
dunklen Grün der Föhren, den Spitzen der fernen Bergkämme.

In diesem Augenblick umspannte sein Geist weite Räume und Zeiten,
verknüpfte das Gegenwärtige mit dem Vergangenen und Zukünftigen. Die
Erinnerungen an Pankong Tzo wurden lebendig. Die geheimnisvollen Lehren
und Sprüche, immer wieder mit der gleichen Überzeugung und Gläubigkeit
vorgetragen und immer wieder zweifelnd von ihm aufgenommen. Jetzt war
die Stunde gekommen, die ihm der Abt in Pankong Tzo mit lächelnder
Zuversicht vorausgesagt.

Die Stunde der Wandlung! Die Stunde, die sein irdisches Dasein in zwei
Leben teilte.

Als er vor Tagen die Tragweite von Silvesters Erfindung erkannte, als
er die Möglichkeit erblickte, mit ihrer Hilfe der Welt neue Gesetze,
seine Gesetze vorzuschreiben, hatte ihn die Größe des Gedankens
erschreckt und niedergedrückt. Jetzt war es entschieden.

Das Schicksal hatte aus dem Alten in Pankong Tzo gesprochen und ihn zu
seinem Werkzeug erkoren.

Mit festen Schritten ging er den Weg nach Linnais zurück. Siegesgewiß.
Von der Idee an seine Mission erfüllt und getragen.

Aus langem stärkenden Schlummer war Silvester erwacht. Erfindung ...
Strahler ... Konstruktionen, alles das lag traumhaft hinter ihm.

Jetzt, wo die gewaltigste Arbeit getan, seine Schöpfung vollkommen war,
kehrten seine Gedanken ungehemmt zu früheren Dingen zurück. Sie gingen
nach Trenton. Sie flogen zu Jane.

Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie war es möglich, daß er in
diesen Tagen der Arbeit Jane so vollkommen vergessen konnte. Hatte ihn
das Problem verzaubert? War ein anderer Einfluß wirksam? Er wußte keine
Antwort darauf.

Er sah seine Verlobte. Sah sie in dem kleinen Hausgarten ihre
Lieblinge, die Blumen, pflegen. Er erblickte sie im traulichen
Beisammensein im Lichtschein der Lampe. Er sah, wie beim Sprechen
ein rosiger Blutschimmer ihre zarten Wangen färbte und wie ihre
Augen aufstrahlten. Er sah sie in stillen Abendstunden in leichtem
schwebenden Gang an seiner Seite durch die Felder gehen.

Dann sah er Dr. Glossin, und Sorge beschlich ihn. Er mußte zu Jane,
mußte sie schützen, mußte sie in Sicherheit bringen. Liebe und Furcht
mischten sich in seinen Gedanken.

Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr Erik Truwors. In fliegender Hast
trug er ihm seine Pläne und Wünsche vor. Die Erfindung war vollendet.
Die Ausführung war eine Kleinigkeit. Wenn sie ohne seine Mitwirkung
etwas länger dauerte, was verschlug das.

Mit unbewegter Miene hörte Erik Truwor die Wünsche Silvesters.

»Um eines Weibes willen willst du fahnenflüchtig werden?«

»Fahnenflüchtig? Was soll dieses Wort von deiner Seite? Aus Janes Munde
wäre es berechtigt.«

»Und unsere Mission?«

Erik Truwor sprach es mit starker Stimme.

»Mission? Meine Aufgabe ist erfüllt. Das sagt mir mein Innerstes. Die
Erfindung ist vollendet. Was ich zu geben hatte, habe ich gegeben. Die
Werkstattarbeit geht ohne mich. Was kommt es auf ein paar Tage früher
oder später an?«

»In ein paar Tagen können Tausende von Männern fallen, Tausende von
Frauen Witwen werden. In ein paar Tagen kann mehr Elend entstehen, als
in Jahrzehnten wieder gutzumachen ist.«

»Du siehst schwarz. Erwartest du schon in nächster Zeit den
Kriegsausbruch?«

»Gewiß! Täglich, stündlich können die ersten Schüsse fallen. Deshalb
muß der Apparat so schnell wie möglich fertiggestellt werden. Wir sind
ausgeruht. Nichts hindert uns, sofort an die Arbeit zu gehen.«

Silvester stand stumm. Widerstreitende Gefühle kämpften in seinem
Inneren. Er sah Jane in den Händen Glossins. Er sah Schlachtfelder,
bedeckt mit Toten und Verwundeten ... Ehre und Gewissen zwangen ihn,
seine Liebe zum Opfer zu bringen. Er tat es mit blutendem Herzen.

»Aber ...« Die tiefe Erregung spiegelte sich in seinen Augen wider
... »Aber woher nimmst du die Gewißheit, daß der Krieg schon in
allernächster Zeit ausbrechen wird? Dein Glaube gründet sich doch nur
auf Mutmaßungen.«

Wortlos deutete Erik Truwor auf den Inder.

»Du, Atma! Du sagst es?«

»Ich sagte, was ich in den stillen Nächten sah, in denen ihr
arbeitetet. Ich sah die blanken Schwerter in den Händen der feindlichen
Brüder, bereit zum Töten.«

Silvester senkte betroffen das Haupt. Die Voraussagen Atmas waren
untrüglich. Er wendete sich ab, um seine innere Bewegung zu verbergen.
Da fühlte er die Arme des Inders sich um seine Schultern legen.

»Der Krieg wird nicht kommen, bevor sich der Mond vollendet. Als ich
in der vergangenen Nacht an deinem Lager wachte, sah ich, wie die
Schwerter sich in ihre Scheiden zurücksenkten. Die Hände der Männer
blieben am Griff.«

»Was sagst du, Atma? Der Krieg ist aufgeschoben?«

Erik Truwor trat näher an den Inder heran. Er hielt den Papierstreifen
des Telegraphenapparates zwischen den Fingern.

»Aufgeschoben. Das würde die veränderte Sprache in diesen Telegrammen
erklären.«

»Aufgeschoben, bis der Mond sich erneut. Wir haben Zeit. Zeit, deinen
Willen zu tun, und Zeit, die Wünsche Silvesters zu erfüllen.«

Erik Truwor traf die Entscheidung. Für achtundvierzig Stunden brauchte
er die Hilfe Silvesters noch, um alle Teile der neuen Konstruktion
so weit fertigzumachen, daß er sie dann selbst nur zusammenzusetzen
brauchte.

Sein Befehl war zwingend. Vergeblich suchte Silvester dagegen zu
kämpfen. Atma nahm die Partei Erik Truwors.

»Zwei Tage und zwei Nächte, Silvester. Dann haben wir hier getan, was
zu tun ist, und holen das Mädchen.«

Mit einem Seufzer fügte sich Silvester dem Willen seiner Freunde. Von
neuem begann ein Arbeiten, ein Schmieden, Feilen und Schleifen. Stahl
und Kupfer gewannen neue Formen, und in achtundvierzig Stunden wuchsen
die Teile, die den neuen großen Strahler bilden sollten.

       *       *       *       *       *

Doktor Glossin saß im Gebäude der englischen Admiralität vor einem
dickleibigen, verstaubten Aktenstück und wandte Blatt um Blatt.

Da lag auf vergilbtem Papier, von seiner eigenen Hand geschrieben, die
kurze Mitteilung, durch die er damals die Aufmerksamkeit des englischen
Distriktskommissars auf Gerhard Bursfeld lenkte. Das Briefchen hatte
von dort den Weg zu den nebligen Ufern der Themse gefunden, und hatte
seine Wirkung getan. Die folgenden Schriftstücke sprachen davon.

Der Bericht eines anderen Distriktskommissars an den Oberkommissar,
daß eine Bande räubernder Eingeborener den Ingenieur Bursfeld
entführt hätte. Mitteilungen über die Mobilmachung von Militär. Eine
Expedition zur Befreiung des Entführten. Nebenher die Mitteilung, daß
das Sommerhaus Bursfelds bei der Entführung in Flammen aufgegangen
wäre. Ein Bericht, daß man den Wiedergefundenen an Bord des Kleinen
Kreuzers »Alkyon« gebracht habe, daß seine Gattin und sein Kind nirgend
aufzufinden seien. Bis dahin konnten die Berichte in jeder Zeitung
stehen. Die englische Regierung spielte darin die Rolle des Befreiers,
und nichts verriet, daß der Überfall bestellte Arbeit gewesen war. Dann
wurden sie ernsthafter und waren nicht mehr für die Öffentlichkeit
geeignet.

Die Überführung Bursfelds in den Tower. Seine erste Vernehmung über
seine Erfindung. Seine Weigerung, irgend etwas zu sagen. Wiederholte
Vernehmungen im Laufe der nächsten vier Wochen. Stets das gleiche
negative Ergebnis.

Dann kam das letzte Schriftstück im Bündel. Die Mitteilung, daß man
Gerhard Bursfeld in der fünften Woche seiner Gefangensetzung tot auf
seinem Lager gefunden habe. Nach einem Gutachten des amtierenden Arztes
am Herzschlag verschieden.

Dr. Glossin atmete auf. Die Last einer dreißigjährigen Vergangenheit
fiel ihm vom Herzen. Gerhard Bursfeld war tot. Er war gestorben, ohne
daß die englische Regierung etwas von seinem Geheimnis erfahren hatte.
Dr. Glossin suchte in seiner Erinnerung das wenige zusammen, was er
seinem Freunde damals entlockt hatte: Die Behauptung der theoretischen
Möglichkeit, an einem Orte erzeugte Energie ohne materielle
Verbindungen an einer beliebigen anderen Stelle zu konzentrieren.
Ein kleiner Versuch, bei welchem eine fünfhundert Meter entfernte
Dynamitpatrone explodierte, als Bursfeld mit einem kleinen Apparat ein
paar Manöver ausführte. Die strikte Weigerung des Freundes, irgend
etwas Weiteres zu sagen.

Die beiden Worte »Telenergetische Konzentration« hämmerten dem Doktor
in den Schläfen. Gerhard Bursfeld hatte die Worte gebraucht. Er war
einem Geheimnis auf der Spur gewesen, welches dem besitzenden Staate
die Weltherrschaft sicherte. Jedes Sprengstofflager konnte man mit
diesem Mittel aus der Ferne sprengen. Die Patrone im Flintenlauf des
einzelnen Soldaten ebensogut explodieren lassen wie das Riesengeschoß
in den großen Rohren der Flottengeschütze.

Ein großes, gelbes Kuvert bildete den Schluß des Aktenstückes.
Es enthielt die wenigen Papiere, die man bei der Leiche des
Inhaftierten gefunden hatte. Seinen Paß und ein kleines Notizbuch mit
Bleistiftaufzeichnungen. Mit einem Schauer blickte Dr. Glossin auf
die ihm so vertrauten Schriftzüge. Kurze Notizen über den damaligen
Dienst in Mesopotamien. Abgerissene Worte über den Überfall und
die Entführung. Dann die Tragödie im Tower. Das weiße Papier des
Notizbuches war zu Ende, und Gerhard Bursfeld hatte die letzten
Mitteilungen in deutscher Sprache zwischen die gedruckten Zeilen des
Kalendariums gekritzelt. So waren sie wohl der Aufmerksamkeit seiner
Wächter entgangen.

»Donnerstag, den 13. Mai. Sichere Nachricht, daß Rokaja und Silvester
tot sind.«

»Sonnabend, den 15. Mai. Sie versuchen, mir meine Erfindung durch
Hypnose zu entreißen.«

»Sonntag, den 16. Mai. Ich habe heute nacht im Schlaf gesprochen ...
Zeit, ein Ende zu machen. Ich entrinne ihnen doch. Eine Luftblase in
eine Vene geblasen, ich bin frei. ... Heute noch, bevor die Nacht
kommt. Rokaja ... Silvester ... ich sehe euch wieder.«

Damit brachen die Mitteilungen ab.

Dr. Glossin überlegte. Sie hatten dem Gefangenen natürlich jedes
gefährliche Stück abgenommen. Aber ein Mann wie Gerhard Bursfeld wußte
immer noch hundert verschiedene Wege und Mittel zu finden, sich eine
Vene anzuschlagen und Luft einzublasen. Der Herzschlag, den der Bericht
als Todesursache angab, war dem Doktor Glossin vollkommen klar.

»Ich habe in der letzten Nacht gesprochen.« Nur diese Worte bereiteten
ihm Beklemmungen. Gerhard Bursfeld war schwer zu hypnotisieren. Es war
anzunehmen, daß er den hypnotischen Einfluß gespürt ... während des
Schlafes empfunden, sich instinktiv zur Wehr gesetzt hatte und darüber
erwacht war. So konnte es sein. Doktor Glossin suchte sich einzureden,
daß es so gewesen sein müsse. Aber ein leiser Zweifel blieb übrig.

Lord Maitland trat in den Raum, um nach seinem Gast zu sehen.

»Haben Sie alles gefunden, was Sie suchten?«

»Ich ersah zu meinem Bedauern, daß meine damaligen Bemühungen, der
britischen Regierung einen Dienst zu erweisen, vergeblich waren ...
Leider. Die Welt hätte heute ein anderes Gesicht, wenn es gelungen
wäre. Gerhard Bursfeld besaß das Mittel, die Welt aus den Angeln zu
heben. Er hat es mit ins Grab genommen.«

Dr. Glossin sprach die Worte langsam und beobachtete jeden Zug und jede
Miene des Lords. Aber dessen Antlitz blieb völlig unverändert.

»Ich habe den alten Akt auch durchgesehen. Unsere Regierung hat sich
damals viel Mühe um den Fall gemacht. Wie Sie sehen, ganz umsonst.
Es hat oft solche Leute gegeben, die sich einbildeten, Gott weiß was
erfunden zu haben. Sie hätten den armen Narren ruhig bei seinem Bahnbau
sitzen lassen können. Jedenfalls bin ich erfreut, Ihnen in dieser
Angelegenheit gefällig gewesen zu sein. Ich bitte Sie, über mich zu
verfügen, wenn Sie weitere Wünsche haben.«

Dr. Glossin dankte. Er wäre Seiner Lordschaft aufs äußerste verbunden
und hätte keine weiteren Wünsche. Wenn Seine Lordschaft jemals einen
Gegendienst ...

Er überschwemmte Lord Maitland mit einer Flut von Höflichkeitsfloskeln.
Sie gingen ihm von der Zunge, ohne daß er ihren Sinn überhaupt merkte.
Dabei aber erteilte er seinem Gegenüber mit größter Anstrengung einen
suggestiven Befehl.

»Wenn du etwas von der Erfindung weißt, so sage es.« Er hütete sich mit
Gewalt, dabei selbst an die Erfindung zu denken, denn er kannte die
Gefahr, daß diese Gedanken auf sein Gegenüber mitwirkten und als dessen
eigene reproduziert wurden.

Lord Maitland blieb ruhig. Er erwiderte die Höflichkeiten Amerikas
mit denen Englands. Die Redensarten der einen Seite waren genau so
belanglos wie die der anderen. Da wußte Dr. Glossin, daß Gerhard
Bursfeld sein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte.

       *       *       *       *       *

Die Bedingung, an die Erik Truwor sein Versprechen geknüpft hatte,
trieb Silvester zu fieberhafter Tätigkeit an. Er achtete kaum der
Zeiteinteilung und arbeitete die Tage und die hellen Nächte, nur
getrieben von dem einen Wunsch, den neuen Apparat fertig zu haben und
dann zu holen und zu sich zu nehmen, was ihm das Teuerste war.

In rastloser Arbeit schaffte er, bis das letzte Stück gegossen, die
letzte Speiche geschmiedet, die letzte Schraube geschnitten war. Da
ließ er den Drehstahl aus der Hand sinken und wandte sich zu Erik
Truwor: »Wenn du wüßtest, in welcher Verzweiflung ich hier gestanden
und gearbeitet habe, wenn du meine jetzige Freude verstündest. Doch du
... du ...«

»Du ...? Du weißt nicht, was Liebe heißt, wolltest du sagen.«

Silvester hörte den bitteren Unterton, der in den sarkastischen Worten
lag.

»Du, Erik? Du, auch du ...«

Silvester schwieg. Er sah die tiefen Falten, welche die Stirn Erik
Truwors furchten. So hatte auch Erik Truwor, der gegen alle Anfälle des
Lebens gefeit schien, ein Geheimnis, einen verborgenen Kummer.

»Verzeih, Erik, wenn ich ungewollt eine Wunde berührte, von der ich
nicht wußte. Ich glaubte nicht, daß dein Stahlherz je Frauenliebe
verspürte.«

»Kein Mann wird mit stählernem Herzen geboren. Der es besitzt, hat
es nach bitterer Enttäuschung und Entsagung erworben. Die Wunde ist
verharscht ...«

Wie mit sich selbst sprechend, fuhr er leise fort: »Ganz verharscht und
geheilt seit dem vorgestrigen Morgen. Ohne Bewegung und ohne Bedauern
kann ich heute von einer Zeit erzählen, wo ich der glücklichste Mensch
auf Erden war ... und dann der unglücklichste ... Es war während meines
Pariser Aufenthalts.

Die Verleumdung wagte sich an mein Ideal heran.

Ich forderte den Verleumder und traf ihn tödlich. Dann ging ich zu
meiner Verlobten. Ich forderte Aufklärung. Ihre Rechtfertigung ging an
meinem Herzen vorbei. Ich gab ihr den Ring zurück. Ging fort von Paris,
durchirrte die Welt.

Es hat vieler Jahre bedurft, bis ich die Ruhe wiederfand. Heute denke
ich anders darüber. Wenn ich heute ... Warum davon noch sprechen.

Heute gilt es Mannestat! Was mich heute bewegt, was mir Herz und Hirn
erfüllt, schaltet jeden Gedanken an ein Weib aus.

Es gilt einen Wurf, der unsere Welt umgestalten soll ... Wenn du wieder
zurück bist, wenn dein Herz frei von der Sorge ist, will ich dir sagen,
wozu das Schicksal uns bestimmt hat.«

»Wenn ich zurück bin, Erik. Jetzt denke an dein Versprechen. Ich habe
getan, was ich tun sollte.«

Bevor Erik Truwor zu antworten vermochte, sprach Atma: »Es ist nicht
gut, das Mädchen in der Hand der Gewalt zu lassen.«

Atma saß zurückgelehnt. Seine Augen blickten weitgeöffnet in die Ferne.
Die Pupillen zogen sich eng und immer enger zusammen. Seine Hände
ruhten auf einem tibetanischen Rosenkranz.

»So sah er aus, als er mir riet ... nein, befahl, nach Trenton zu
gehen.«

Erik Truwor flüsterte es Silvester zu. Nach einigen Minuten
erschütterte ein tiefer Atemzug die Brust des Regungslosen. Seine
Pupillen bekamen wieder ihre natürliche Weite. Er sprach: »Die
feindliche Kraft ist am Werke. Glossin hat den dritten Ring. Er sinnt
auf Böses. Wir müssen den Ring holen ... und das Mädchen.«

Erik Truwor widersprach. Was solle der Ring? Auf die Männer käme es an.
Die wären zusammen!

»Welchen Auftrag gab dir Jatschu?«

Atma stellte die Frage tibetanisch, und Erik Truwor antwortete in der
gleichen Sprache: »Er sagte: Suchet den dritten Ring!«

»Das sagte er? Also müssen wir ihn suchen. Die Wege des Lebens sind
tausendfach verflochten. Was dir Nebensache erscheint, wird zur
Hauptsache, wenn das Rad sich dreht. Erst den Ring! Dann das Mädchen
und dann ... alles andere. So ist es bestimmt. So wird es geschehen.«
Atma hatte es leise und monoton, noch unter der Einwirkung des
kataleptischen Zustandes gesprochen. Aber ein zwingender Wille ging von
den Worten aus. Unter dem Zwange gab Erik Truwor seine Einwilligung.

»So sei es denn. Ihr beide mögt gehen, den Ring und das Mädchen holen.
Ich bleibe hier und baue den Strahler. Brecht morgen mit dem frühesten
auf. Tut, was ihr tun müßt ...«

»Noch diese Nacht. In einer Stunde. Eile tut not.«

Soma Atma sagte es. Der Inder, der lange Tage und Wochen untätig
verbringen konnte, der Stunden hindurch, in die Betrachtungen
seiner Lehre versenkt, wie eine Bildsäule saß, während Erik Truwor
und Silvester mit Anspannung aller Kräfte arbeiteten, der sonst so
tatenlose Inder war jetzt ganz Willen und Tat.

»In einer Stunde brechen wir auf. Die Maschinen sind nachzusehen. Das
Schiff muß hierhergebracht werden. Den kleinsten Strahler müssen wir
mitnehmen. Wir könnten ihn brauchen.«

Atma befahl, und die Freunde gehorchten seiner Weisung.

In einer Stunde läßt sich viel tun. Was Menschenkraft zu tun vermag,
geschah in dieser Zeit. Das Flugschiff lag auf der Wiese vor dem
Truworhaus. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Dann ein
kurzer Händedruck, und ein silberner Stern schoß in die Wolken.

Die hohe Gestalt Erik Truwors blieb allein auf dem Feld zurück. Die
Strahlen der Mitternachtsonne umströmten ihn. Er stand und sah, wie die
Sonne vom tiefsten Stand ihres Bogens in Mitternacht sich hob und stieg.

Langsam schritt er seinem Hause zu und überdachte die alte Weissagung.
Sie verhieß Gewaltiges. Sie gab ihm, der oft willens gewesen, das Leben
wie ein unbequemes Gewand abzutun, wieder Daseinszweck.

Er trat in das Haus und ging in die Bibliothek. Den alten
Schweinslederfolianten ergriff er, der dort abseits von den anderen
Büchern in einer Truhe lag.

Die Geschichte seines Geschlechtes. Auf vergilbtem Pergament die
handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Ahnen und Urahnen. Zurückgehend
bis in das zehnte Jahrhundert. Jede große europäische Bibliothek
hätte diesen Folianten mit Gold aufgewogen. Er schlug die alte so
oft gelesene Stelle auf. In diesem Teile war der Foliant lateinisch
geschrieben. Ein schwerfälliges, frühmittelalterliches Latein. Der
Schreiber brauchte lateinische Worte, aber altnordischen Satzbau. Er
schilderte die Ereignisse, die sich zweihundert Jahre früher, um die
Mitte des zehnten Jahrhunderts, begeben hatten.

»Da schickten die Slawen von Sonnenaufgang eine Gesandtschaft zum
Stamme Ruriks. Die sprach: Sendet uns Männer, die uns beherrschen,
denn wir können uns nicht selbst regieren. Keiner will dem anderen
gehorchen. Zwietracht verheert das Land ...«

Ein Truwor war damals nach Rußland gegangen. Männer aus Nordland hatten
das zwieträchtige Slawenvolk regiert und geeint. Vor tausend Jahren.
Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht wörtlich. Aber sie wiederholt
sehr oft ein altes Thema mit freien Variationen.

Die Eintragungen in diesem Buche gingen bis in die Gegenwart. Als
letzte Bemerkung stand dort, von Eriks Hand geschrieben, der Tod Olaf
Truwors eingezeichnet. Seitdem stand das Geschlecht der Truwor auf
zwei Augen. Auf den beiden Eriks, die jetzt suchend in die helle Nacht
blickten, als wollten sie kommende Jahre durchspähen.

Je länger sich Erik Truwor in die Erfindung Silvesters vertiefte, desto
gewaltiger erschien ihm die Macht, die sie gewährte. Immer wieder
suchte er mit nüchternen Gründen gegen das Überwältigende der Idee
anzukämpfen. Es schien ihm unmöglich, daß eine Erfindung einem einzigen
Menschen die unbeschränkte Macht über die ganze Welt verleihen solle.
Und doch gelang ihm die Widerlegung nicht.

Er griff sich an die Stirn, als wolle er einen Traum verscheuchen,
der ihn narre. Er versuchte es zum zehnten- und zwölftenmal von einer
anderen Seite aus, und immer wieder brachte ihn die Schlußkette an das
nämliche Ziel.

Er konnte der Welt seine Befehle mitteilen. Elektromagnetisch in Form
drahtloser Depeschen. Der Strahler ersetzte jede drahtlose Station.

Die Welt konnte seine Befehle mißachten. Er konnte Strafen auf die
Mißachtung setzen, und er war in der Lage, schwer zu strafen. Ganze
Regierungen konnte er einäschern. Die Sprengstofflager feindlicher
Staaten zur Explosion bringen. Eiserne Waffen elektromagnetisch
unbrauchbar machen.

Alles konnte er. Nur einen schwachen Punkt hatte seine Macht. Er war
ein einzelner, war ein sterblicher Mensch gegen Millionen anderer
Menschen. Ein Schuß konnte ihn töten. Eine Bombe konnte ihn mit seinem
Hause vernichten. Nie durfte er selbst an die Öffentlichkeit treten,
nie durften seine Gegner seinen Aufenthalt erfahren. Seine Macht war
übermenschlich, solange sie geheimblieb und vom unbekannten Orte aus
wirkte. Sie wurde angreifbar, sobald die Gegner ihren Sitz und Ursprung
errieten.

Erik Truwor ließ die vergilbten Pergamentblätter des alten Folianten
durch die Finger gleiten. Kam vom Pergament zum Büttenpapier und
schließlich zu einem Schuß glatten Maschinenpapiers, den Olaf Truwor
dem Buche eingeheftet hatte.

Wenige Zeilen in der charakteristischen Handschrift seines Vaters: »Mit
seltener Hartnäckigkeit hat sich in unserer Familie die Sage erhalten,
daß ein Sproß unseres Stammes der Welt noch einmal Gesetze geben wird.
Ein Harald Truwor hat den Glauben an die Legende Anno 1542 mit seinem
Kopf bezahlt. Ich habe es immer vermieden, von dem alten Spuk zu
sprechen. Hoffentlich kommt die Sage jetzt endlich zur Ruhe.«

Erik Truwor mußte trotz seiner ernsten Stimmung lächeln. Es war ihm
schon klar, wie solche Sagen sich fortpflanzen. In den Dienerstuben
wurde davon gesprochen. So hatte er selbst als Kind davon gehört,
und die Erinnerung war bis heute haftengeblieben. Auch ohne die
Aufzeichnungen seines Vaters hätte er darum gewußt. Etwas anderes
erschien ihm wichtiger. War die Sage begründet? Bestimmte das Schicksal
die Taten und Leistungen des einzelnen wirklich auf Jahrtausende im
voraus? Die Frage quälte ihn, und er konnte die Antwort nicht finden.

       *       *       *       *       *

Reynolds-Farm, an drei Seiten von steilen Felsen und bewaldeten Anhöhen
umgeben, liegt eingebettet in ein Meer von Grün. Die letzten Bäume
des Waldes berühren mit ihren Kronen beinahe die Dächer der Gebäude.
Einzelne Rinnsale, die aus den Felsen hervorquellen, vereinigen sich
nahe der Besitzung zu einem stattlichen Bach. Kurz vor der Farm ist er
gezwungen, seinen Lauf zu ändern und sich einen bequemeren Weg durch
die breiten Wiesenflächen zu bahnen, die sich nach der Ebene an die
Besitzung anschließen.

In einem blaßblauen, leichten Gewand, den Kopf von einem großen
Schattenhut überdacht, schritt Jane über den schmalen Brettersteg,
der den Bach überbrückte. Leichtfüßig begann sie die steinige Anhöhe
hinaufzusteigen, auf deren Gipfel eine einzelne riesige Buche ihr
Blätterdach weit ausbreitete. Es war ihr Lieblingsort. Zwischen den
rippenartig ausgehenden Wurzeln des gewaltigen Stammes hatte sie ein
Plätzchen gefunden, wo sie wie in einem Lehnsessel ruhen konnte. Von
hier aus vermochte sie wie aus der Vogelschau Reynolds-Farm und die
weite grüne Grasfläche zu überblicken.

Wie anders als in Trenton, wo Qualm und Dunst der großen Staatswerke
stets über dem Orte lagen. An den Stamm des Baumes zurückgelehnt, ließ
Jane die frische Morgenluft um die Stirn wehen, während ihr trunkenes
Auge über die weite grüne Landschaft schweifte. Wie glücklich hätte
sie hier sein können. Wie wäre die Mutter in diesem milderen Klima
aufgelebt, vielleicht ganz gesundet ... und Silvester? ... Wo war er?
Lebte er noch? Warum kam kein Lebenszeichen von ihm? ... Trübe Schatten
senkten sich auf ihre Stirn. Sie atmete unruhig. Ein Seufzer hob ihre
Brust. Mit ganzer Seele klammerte sie sich an den Gedanken, daß er bald
kommen und sie holen möchte.

Dr. Glossin? ... Gewiß, er war stets liebevoll und zuvorkommend zu
ihr. Aber immer wieder tauchten verworrene Gedanken in ihr auf.
Beunruhigend, warnend, trübten sie das Gefühl der Dankbarkeit. Der
Zwiespalt quälte sie oft so, daß sie den Gedanken erwog, die Farm für
immer zu verlassen. Doch wohin? Und würde sie Silvester finden, wenn
sie nicht mehr in Reynolds-Farm weilte?

Um sich von dem Grübeln zu befreien, griff sie zu einem Buch, das
sie der Bibliothek des Doktors entnommen hatte, und begann zu lesen.
Doch nicht lange. Dann entsank es ihren Händen, und ein wohltätiger
Schlummer umfing sie. Sie überhörte die Schritte des Doktors, der
nach ihrem Weggange gekommen und von Abigail nach der einsamen Buche
geschickt worden war.

Glossin stand vor ihr und betrachtete entzückt diese wie von
Bildnerhand geschaffene Gestalt, dies edel und weich gezeichnete
Gesicht mit den rosigen Farben und dem sanften Mund. Er kniete neben
ihr nieder, ergriff behutsam ihre Hand und fuhr fort, sie mit seinen
Blicken zu umfassen. Dies alles gehörte jetzt ihm, wie er meinte.
Gehörte ihm für immer. Niemand würde es ihm mehr streitig machen können.

Dr. Glossin war ein Mann von eiserner Willenskraft und ungewöhnlicher
Beharrlichkeit. Das einzige Kraftlose an ihm war sein Gewissen. Tiefere
Herzensbedürfnisse hatte er bisher nicht gekannt. Wollte es der
Zufall, daß ein weibliches Wesen vorübergehend die Leidenschaft in ihm
weckte, hatte er es sich mit allen Listen einer gewissenlosen Moral
willig gemacht. Wären die Mauern von Reynolds-Farm nicht stumm gewesen,
sie hätten über manche Tragödie Aufschluß geben können, die irgendwo
begann und hier ihren Abschluß fand.

Nur eine große Leidenschaft hatte Dr. Glossin in seinem Leben gehabt.
Damals, als Rokaja Bursfeld seinen Weg kreuzte.

Als er Jane Harte zum erstenmal sah, hatte er das gute Medium für
seine hypnotischen Versuche in ihr erblickt, ein wertvolles Mittel für
die Ausführung seiner Pläne. Nur deshalb hatte er an ihrem Schicksal
Interesse genommen. Bis er sich durch Silvester Bursfeld in ihrem
Besitze bedroht sah und die Flamme einer plötzlichen Leidenschaft in
dem alternden Mann aufloderte.

Oft hatte er seine Schwäche verwünscht, ohne doch dieser Leidenschaft
Herr werden zu können. Daß das Mädchen ihn, der dem Alter nach
recht gut ihr Vater sein konnte, nicht aus vollem Herzen liebte, ja
vielleicht nie lieben würde, wußte er. Aber der Gedanke, Jane sein
Eigen zu wissen, ließ alle Bedenken schwinden.

Dr. Glossin beugte sich über Janes Hand, die in der seinen ruhte, und
preßte die Lippen darauf. Mit einem leichten Ausruf des Schreckens fuhr
Jane aus ihrem Schlummer empor. In der ersten Überraschung schenkte sie
der sonderbaren Stellung des Arztes keine Beachtung.

»Ah, Sie, Herr Dr. Glossin! ... Oh, wie freue ich mich, daß Sie
gekommen sind. Sie werden mich undankbar schelten, aber ich muß es
Ihnen sagen, die Einsamkeit in Reynolds-Farm bedrückt mich.«

»So wünschen Sie, daß ich häufiger komme, daß ich länger bleibe ... für
immer bei Ihnen bleibe, Jane?«

Jane senkte errötend den Kopf. Die fürsorgliche Liebe, die aus den
Worten des Doktors klang, setzte sie in Verwirrung. Sie wollte sagen,
daß er sie falsch verstanden habe, daß sie aus Reynolds-Farm weg
wolle. Und brachte doch die Worte, die undankbar klingen mußten, nicht
über die Lippen.

Von seiner Leidenschaft verblendet, glaubte Dr. Glossin, daß Janes
Zurückhaltung ihr nur als Schutzwehr gegen ein wärmeres Gefühl dienen
sollte.

»Jane! Darf ich, soll ich immer bei Ihnen bleiben?«

Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Hand zuckte in der seinen. Ein
Ausdruck flehender Hilflosigkeit kam über ihr Gesicht.

»Ich weiß nicht«, sagte sie tonlos. »Es ist ...« -- sie legte die Hand
aufs Herz --, »es ist so fremd hier.«

»Nicht hier allein. Überall in der Welt! Wo der eine ist, soll
auch der andere sein. Jane, sehen Sie mich an. Ich will offen mit
Ihnen sprechen. Ich verlange nach einem Heim, einem Weib, einer
Friedensstätte. Der Blick Ihrer Augen, der Ton Ihrer Stimme, Ihre
geliebte Nähe, sie werden mir alles bringen. Wert bin ich Ihrer nicht,
ja, ich weiß, es ist unedel, wenn ich Ihr blühendes junges Leben an das
meine ketten will. Aber ich kann nicht anders, und, Jane, ich liebe
Sie, liebe Sie mehr, als ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mir folgen,
wohin ich auch gehe, als mein Liebstes auf Erden, als mein Weib? ...
Sie sprechen das Wort nicht, Jane? Sie entziehen mir Ihre Hand und
wenden sich ab von mir?«

Glossin schwieg. Seine Stimme war während der letzten Worte immer
leiser geworden, sein Atem ging schwer. Er richtete sich auf und
starrte auf Jane, welche die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte
und weinte. Er war enttäuscht und überrascht, aber nicht abgeschreckt,
nicht entmutigt.

»Verzeihen Sie mir, Jane. Ich habe Sie mit meiner stürmischen Werbung
erschreckt. Ich will Ihnen Zeit lassen, mir die Antwort zu finden. Sie
werden mich näher kennen- und liebenlernen.«

»Nein, Nein! Ich liebe Sie nicht, ich werde Sie nie lieben!«

Jane rief es und brach in neue Tränen aus, in leidenschaftliche,
unaufhaltsame Tränen. Glossin wurde totenbleich.

»Ist das die Antwort? Haben Sie kein Verständnis für das, was ich
leide, kein Gefühl, kein Mitleid?«

Seine Augen flammten unheimlich auf, seine Brust arbeitete heftig.
Die Leidenschaft übermannte ihn. Er warf sich ihr zu Füßen nieder und
flehte um Erhörung.

»Nein, ich will Sie nicht länger hören.«

Jane war aufgesprungen und wich abwehrend vor dem Doktor zurück.

»Ich will nicht ... will nicht«, und ehe er Zeit hatte, sich zu
erheben, hatte sie sich umgewendet und eilte in fliegender Hast den
Abhang hinunter.

Mit einem Ausruf, halb Seufzer, halb Fluch, starrte ihr Glossin nach
... Was beginnen? Mit innerer Qual durchlebte er den Auftritt in
Gedanken noch einmal. Und dann überkam ihn mit wütender Scham das
Bewußtsein, daß er verschmäht war.

Er schlug sich mit geballter Faust vor die Stirn, als wollte er alle
bösen Gewalten hinter ihr wieder erwecken.

»Tor, der ich war! Welcher Teufel verblendete mich? Diesem Logg Sar
gilt ihre Liebe, nicht mir. Er soll mir nicht entgehen, und wenn die
Hölle mit ihm und seiner Erfindung im Bunde stände!«

So schnell, als es ihm möglich war, eilte er dem Hause zu. Ohne Zaudern
trat er in Janes Stübchen.

Dr. Glossin sah durch die halbgeöffnete Tür, die zu dem Schlafzimmer
führte, daß Jane vor einer Handtasche kniete und Kleider und Wäsche
hineinpackte.

»Ah, wie ich dachte. Doch nein, mein Kind, nicht wie du willst, sondern
wie ich will. Und ich will dich an Reynolds-Farm ketten, fester, als
Wächter und Gitter es vermöchten.«

Er streckte die Hand gegen sie aus und trat langsam auf sie zu. Jane
drehte sich um und öffnete den Mund, als wolle sie einen lauten Schrei
ausstoßen. Doch kein Laut kam über die Lippen, die sich langsam wieder
schlossen.

»Der Morgenspaziergang wird Sie müde gemacht haben, liebe Jane. Legen
Sie sich auf den Diwan, und ruhen Sie bis zum zweiten Frühstück. Wir
werden es gemeinsam in der Laube am Bach einnehmen, und danach werde
ich mich zur Abreise rüsten. Wird es Ihnen leid tun, wenn ich wieder
fortgehe?«

»O sehr, Herr Doktor! Ich werde traurig sein, wenn ich wieder allein
bin ... ohne Sie.«

Glossin nickte, ein bitteres Lächeln grub sich um seinen Mund. Er trat
an das Ruhebett, auf das sich Jane mit geschlossenen Augen niedergelegt
hatte, heran und setzte sich an dem Rande nieder. Er fühlte ihren
warmen Atem. Der Duft ihres üppigen Haares, ihres jugendschönen Körpers
umschwebte ihn. Ihre halbgeöffneten Lippen schienen nach Küssen zu
verlangen. Er öffnete die Arme, als wollte er sie umschlingen. Doch
die Vernunft siegte. Er wandte das Gesicht weg und eilte, ohne sich
umzudrehen, hinaus. Seine Lippen preßten sich aufeinander, als habe er
einen bitteren Trunk getan.

       *       *       *       *       *

Seit zwei Stunden saßen die Ministerpräsidenten Deutschlands,
Frankreichs und Rußlands im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße
zusammen. Sie hatten sich hier getroffen, um sich über eine gemeinsame
Haltung in dem zu erwartenden englisch-amerikanischen Konflikt zu
verständigen. Doktor Bauer, der Vertreter Deutschlands, faßte das
Ergebnis der langen Unterhaltung noch einmal kurz zusammen.

»Die Sympathien ... oder vielleicht sage ich besser die Antipathien ...
für die beiden Gegner sind in den von uns vertretenen Ländern ziemlich
gleichmäßig verteilt. Wir haben keinerlei Grund, uns von dem einen
oder dem anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wir sind an Amerika
verschuldet, und England wird uns wahrscheinlich die Annullierung
unserer amerikanischen Schulden als Belohnung für eine Gefolgschaft in
Aussicht stellen. Wir sind uns klar darüber, daß dies Versprechen,
so vorteilhaft es klingen mag, keineswegs ein günstiges Geschäft für
unsere Staaten bedeutet. Wir müßten unsere Länder den englischen Heeren
für den Durchzug öffnen und fast sicher auch beträchtliche Opfer
an Gut und Blut für eine Sache bringen, die keines unserer Länder
interessiert ...«

Der baltische Baron von Fuchs, der Vertreter Rußlands, nickte
schweigend mit dem mächtigen Schädel. Er gedachte der Zeit vor vierzig
Jahren, als sein Vaterland sich als erstes europäisches Reich für
englische Interessen verblutete. Der hitzigere Franzose platzte mit
einem Zwischensatz heraus.

»~C'est ça~ ... wir bluten, und England erntet.«

Der Deutsche fuhr fort: »Ich rekapituliere weiter. Es ist für uns
auch wirtschaftlich vorteilhafter, die unbedingte Neutralität zu
wahren und für die beiden kriegführenden Parteien mit allen Kräften
zu liefern. Die Industriegemeinschaft, welche die französische und
deutsche Industrie seit fast einem Menschenalter verbindet, wird die
Abmachungen über die Preise für Kriegsmaterial aller Art erleichtern.
Um auch Einheitlichkeit mit der russischen Industrie zu sichern, wird
so schnell wie möglich ein Industrieausschuß der drei Länder gebildet.
Die beiden Kriegführenden müssen uns jeden Preis bewilligen. Wir werden
die Preise so stellen, daß wir unsere Schulden loswerden und darüber
hinaus verdienen. Das, meine Herren, wären die ersten beiden Punkte
unserer Abmachungen. Unbedingte Neutralität und Lieferung an beide
Teile zu vereinbarten Preisen. Es ist drittens die Möglichkeit erörtert
worden, daß der eine oder andere der beiden Gegner unsere Neutralität
nicht respektiert. Dann ist der ~Casus foederis~ gegeben. Unsere drei
Länder werden jeden Neutralitätsbruch durch einen der Kriegführenden
mit vereinten Kräften abwehren.«

»Das sind unsere Abmachungen.« Der Baron von Fuchs sagte es langsam und
bedächtig.

Das war der Kern der Sache: »Neutral bleiben, verdienen und einig
sein.« So präzisierte es der Marquis de Villaret noch einmal in drei
Schlagworten.

»Dann, meine Herren, werde ich, Ihre Zustimmung vorausgesetzt, ein
Kommuniqué für die Abendblätter ausgeben lassen. Der telegraphische
Bericht wird für Moskau und Paris noch zurechtkommen. Das Kommuniqué
wird nur den Beschluß der Neutralität und die feste Entschlossenheit,
diese mit allen Mitteln zu bewahren, enthalten. Die wirtschaftlichen
Abmachungen bleiben vorläufig unerörtert.«

Der Baron von Fuchs und der Marquis de Villaret bestiegen ihre vor dem
Amte wartenden Kraftwagen.

Allerlei Volk hatte sich vor dem Amte versammelt. Alte Veteranen aus
dem Weltkriege, die noch die Erinnerungszeichen eines Kampfes auf der
Brust trugen, der der jüngeren Generation wie eine Sage aus alter
Mythenzeit klang. Blühende Jugend, die nichts mehr von den Hunger- und
Elendsjahren Deutschlands wußte. Dazwischen Männer in bestem Alter.
Vertreter der Industrie und des Handels. Repräsentanten großer Werke
und Häuser. Sie verlauerten hier am Straßenrande vor dem eisernen
Gitter ihre Stunden, die sie sich sonst minutenweise mit Gold bezahlen
ließen. Die Nachricht von der Konferenz der drei Ministerpräsidenten
hatte ganz Berlin, ganz Deutschland und ganz Europa in Aufregung
gebracht. Dr. Bauer begleitete seine auswärtigen Kollegen bis an
den Wagenschlag, und während er ihnen zum Abschied noch einmal die
Hand schüttelte, sagte er: »Unbedingte Neutralität.« Er sprach es so
laut, daß die Nahestehenden es deutlich verstehen konnten. Wie ein
Lauffeuer ging das Wort die Straße hinauf. Es lief die Linden entlang
und flatterte von Mund zu Mund durch die Leipziger Straße. »Unbedingte
Neutralität!« ... »Wir bleiben neutral!« ... »Wir lassen uns von keinem
an den Schlitten fahren!« ... »Die Brüder sollen ihre Sache selber
besorgen!« ...

So flogen die Worte zwischen den Straßenpassanten hin und her.

»Das einzig Vernünftige, was unsere Regierung tun konnte.«

»Selbstverständlich, das einzig Richtige. Wir schonen unsere Knochen
und verdienen unser Geld.«

Ein Kaufmann rief es an der Ecke der Behren- und Wilhelmstraße dem
anderen zu.

»Haben Sie schon gehört, Herr Geheimrat, wir bleiben absolut neutral.«

Ein Bankdirektor sagte es einem höheren Beamten aus dem Ministerium.

»Ich hörte es. Aber ich denke an die Zukunft. Einer von den beiden muß
siegen. Dem Sieger gehört dann die ganze Welt. Wir auch, Herr Direktor.«

»Nicht so pessimistisch, Herr Geheimrat. Die Kämpfenden werden sich
furchtbar schwächen. Wie die beiden Löwen in der Sahara, die sich bis
auf die Schwanzspitzen aufgefressen haben. Die Welt gehört dann uns,
Herr Geheimrat.«

»Der Himmel mag es geben.«

Der Geheimrat ging weiter. Er war so ziemlich der einzige, der Bedenken
hatte. Schon erschienen die ersten Extrablätter und verkündeten die
Entschließung der Regierung.

An den Fernsprechern standen die Vertreter der auswärtigen Zeitungen
und Industriewerke und teilten den Beschluß nach dem Rheinland, nach
Westfalen, Schlesien und Danzig mit. Die Industrie wartete seit Wochen
auf das Stichwort, nach dem sie auftreten sollte. Jetzt war es gefallen.

       *       *       *       *       *

Reinhard Isenbrand, der Chef der großen Essener Stahlwerke, saß mit den
vier Generaldirektoren der Werke zu intimer Besprechung versammelt.

»Meine Herren, wir müssen für unsere Werke zu der politischen
Lage Stellung nehmen. Ich glaube nicht mehr, daß sich die
weltgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen England und der Union
aufhalten läßt. Der Wetterzeichen sind zu viele, als daß ich noch an
eine friedliche Entspannung glauben könnte.«

Der junge energische Chef der Werke machte eine kurze Pause und blickte
seine Mitarbeiter an. Unbedingte Zustimmung lag auf den Mienen von
Philipp Jordan, der das Auslandgeschäft der Firma unter sich hatte.
Zustimmend nickte der kaufmännische Generaldirektor Georg Baumann.
Sie überschauten die politische Lage vollkommener als Professor
Pistorius, der Chefkonstrukteur, und Fritz Öltjen, der Schöpfer der
neuen Edelstahlfabrikation. Die beiden Techniker hatten noch die leise
Hoffnung einer friedlichen Verständigung, wo die Kaufleute bereits eine
unaufschiebbare Auseinandersetzung mit Waffengewalt erblickten.

Reinhard Isenbrand fuhr fort: »Nehmen wir den Konflikt als sicher an,
so ist die Stellung Deutschlands und Europas zu ihm das Nächstwichtige
... für uns das Wichtigste. Nach meinen Berliner Informationen wird
Europa neutral bleiben. Die Pressestimmen, die sich seit einigen
Tagen mit der Annullierung der europäischen Amerikaschulden durch ein
siegreiches England befassen, halte ich für bestellte Arbeit. Eine
direkte Beteiligung Europas an diesem Kriege wäre selbstmörderisch. Sie
wäre überhaupt nur an der Seite Englands denkbar, aber dann wäre unser
Land den Einwirkungen der amerikanischen Kriegsmittel fast wehrlos
preisgegeben. Ich glaube, wir brauchen die Möglichkeit einer direkten
Beteiligung am Kriege überhaupt nicht ernsthaft zu erörtern. Desto mehr
aber unsere Maßnahmen als neutraler Staat.

Es ist klar, daß wir beide Parteien beliefern können, ohne unsere
Neutralität zu verletzen. Die Sentimentalität haben wir Gott sei Dank
verlernt. Mögen im Publikum Sympathien für diese oder jene Seite hier
oder dort vorhanden sein. Für uns ist es reines Lieferungsgeschäft.
Eine Möglichkeit, durch intensive Arbeit unsere Volkswirtschaft zu
heben ... die letzten Spuren vergangener Kriegsjahre zu tilgen.

Auch über die Transportfrage brauchen wir uns den Kopf nicht zu
zerbrechen. Wir liefern frei ab Essen. Wie die Besteller die Ware
von dort weiterschaffen, ist ihre eigene Sache. Sind die Herren der
gleichen Meinung?«

Philipp Jordan erbat das Wort.

»Die Transportfrage ist für England sehr einfach. Es bringt die
Fabrikate auf dem Landwege und durch den Kanaltunnel bequem auf die
Insel. Bis Calais deckt die Neutralität die Transporte. Von dort der
Unterseetunnel ... wenn er nicht wider Erwarten von amerikanischer
Seite zerstört wird.

Für die Transporte nach Amerika kommen U-Boote und Flugschiffe in
Betracht. Ich hörte, daß die Union mit zwanzig Prozent Verlust aller
Sendungen auf dem Luftwege durch den Kaperkrieg rechnet. Der Satz ist
in ihren Kalkul eingestellt.

Aber die Transportfrage ist nicht unsere Sorge. Sie ist nicht einmal
die Hauptsorge der Kriegführenden. Beide Parteien werden vielfach nur
kaufen, um die Ware für den Gegner zu sperren, und werden sie ruhig
hier im Lande lassen.«

»Dann die Frage der Preise?«

Reinhard Isenbrand sagte es mit einem Blick auf Georg Baumann.

»Die Preise sind durch die deutsch-französische Industriegemeinschaft
festgelegt. Nach unten, nicht nach oben ...«

Georg Baumann legte die Hand auf eine starke Preisliste.

»Hier sind die Grundpreise für Stahl und alle Stahlfabrikate. Wir haben
in der Gemeinschaft verhandelt und für den Fall des Kriegsausbruches
einen sofortigen Aufschlag von 300% in Aussicht genommen.«

»Was sollen wir verkaufen?«

Die Frage des Chefs war allgemein gestellt. Professor Pistorius ging an
ihre Beantwortung.

»Das wird in der Hauptsache von der Länge des bevorstehenden Krieges
abhängen. Für kurze Kriegsdauer Halbfabrikate. Bei längerer Kriegsdauer
Fertigfabrikate. Sachverständige rechnen damit, daß 40% sämtlicher
Luftstreitkräfte in den ersten zehn Kriegstagen vernichtet sein werden.
Es wird alles davon abhängen, ob der Krieg so lange dauert, daß ein
Ersatz des verlorenen Materials in Frage kommt. Die Amerikaner suchen
durch die Masse zu ersetzen, was ihnen an Qualität abgeht. Sie arbeiten
fieberhaft am Ausbau ihrer R. F. c.-Flotte. Inzwischen ist unser Typ
ausgebildet, der die anderthalbfache Geschwindigkeit entwickelt. Die
Kriegführenden werden uns jeden Motor der neuen Type zu jedem Preise
aus den Händen reißen ...«

Ein Klingelzeichen der pneumatischen Post auf dem Seitentisch. Ein
Briefchen sprang aus der Kapsel. Es war an Philipp Jordan adressiert.
Reinhard Isenbrand runzelte unwillkürlich die Brauen. Die Konferenz
sollte nicht gestört werden.

Jordan riß den Umschlag auf.

»Das Wettrennen hat begonnen. Mein Vertreter meldet mir, daß Mr.
Stamford als Bevollmächtigter von Cyrus Stonard bei ihm ist. Er will
unsere gesamte Rohstahlerzeugung ab Kokille kaufen. Fest für zwei
Jahre. Zweitausend Dollar die Tonne.«

»Alle Wetter. Der Herr aus Amerika hat es eilig.«

Der Ruf entfuhr Fritz Öltjen, der um seinen Stahl besorgt war.

»Wird nicht gemacht.« Isenbrand sagte es kurz und knapp. »Nur feste
Mengen zum Konventionspreise.«

Jordan schrieb die Antwort nieder und schickte sie durch die
pneumatische Post zurück.

Professor Pistorius äußerte sich über die voraussichtliche Dauer des
Krieges. Vier Jahre von 1914 bis 1918 der große Europäische Krieg. Zwei
Jahre der erste Japanische Krieg. Neun Monate der zweite. Die Reihe
konvergierte stark. Nach dieser Voraussetzung mußte auch der kommende
Krieg kurz sein.

Schon wieder meldete sich der pneumatische Apparat. Eine neue
Mitteilung an Jordan. Mr. Stamford wollte eine Million Tonnen
Rohstahl fest kaufen. Es war ein Auftrag von zwei Milliarden Dollar.
Cyrus Stonard gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Nahm man als das
Wahrscheinliche an, daß seine Agenten zur gleichen Stunde bereits
in allen anderen europäischen Stahlwerken verhandelten, so mußte er
für rund fünfzig Milliarden Dollar kaufen. Öltjen überschlug die
Produktionsziffern der Industriegemeinschaft. Baumann kalkulierte.
Jordan schrieb die Frage nach der Art der Zahlung.

Die Antwort kam in einer Minute zurück.

»Gute Dollarschecks. Zahlbar bei den besten Banken des Kontinents.«

Reinhard Isenbrand wechselte einen Blick mit Jordan.

»Der Dollar wird fallen. Wir brauchen reale Werte. Verpfändung
amerikanischer Bodenschätze. Von Erzgruben und Petroleumquellen im
Werte von zwei Milliarden. Sonst machen wir das Geschäft nicht.«

Die Antwort flog in das Postrohr. Professor Pistorius sprach weiter:

»Unsere Fabrikation ist zu mehr als 99% eine Friedensfabrikation.
Aber wir haben zwei Spezialitäten, die auch für den Krieg in Betracht
kommen. Flugzeugmotoren. Dann unsere durch Kreisel stabilisierten
Unterwasserboote für Handelstransporte. Unsere Stabilisierung ist
besser als die der Kriegsboote der streitenden Mächte.«

Wieder ein Zeichen der Pneupost. An Philipp Jordan. Aber diesmal
von einem anderen Vertreter. Mr. Bellhouse verhandelte für England
über die sofortige Lieferung von hunderttausend Motoren. Preise der
Industriegemeinschaft. Zahlbar in Gold.

Noch bevor die Herren darüber einen Beschluß fassen konnten, warf
das Rohr einen neuen Brief aus. Mr. Stamford lehnte die Verpfändung
amerikanischer Bodenschätze ab. Offerierte dafür den Betrag in
deutscher, in der Union gemachter Anleihe mit Golddeckung.

Reinhard Isenbrand lehnte ab.

»So reich sind wir vorläufig noch nicht, daß wir unsere eigenen
Anleihen zurücknehmen können. Verpfändung oder keinen Stahl!«

Das englische Angebot war einer Diskussion wert.

Der nächste Brief betraf Mr. Stamford. Er holte drahtlos neue
Informationen von Washington ein. Würde in einer Stunde neues Angebot
machen.

Der englische Antrag war gut. Aber er war noch besser, wenn er nach
Kriegsausbruch kam. Dann traten die 300% Zuschlag automatisch ein.
Auch die Vollmachten Isenbrands waren durch die Industriegemeinschaft
beschränkt. Wurde jetzt abgeschlossen, geschah es wahrscheinlich zu
Preisen, die schon in wenigen Tagen weit überholt sein konnten.

Das Rohr warf ein neues Briefchen in den Raum. An den Chef selbst.

»Meine Herren, in diesem Augenblick meldet unser Berliner Vertreter:
›Die Regierungen von Rußland, Deutschland und Frankreich haben
unbedingte Neutralität beschlossen. Sich gegenseitigen Schutz derselben
verbürgt!‹ Es ist so gekommen, wie ich es vermutete. Für die Abschlüsse
folgende Gesichtspunkte: Die Valuten beider Kriegführenden werden
stürzen. Lieferung daher nur gegen Zahlung in deutscher Währung. Oder
gegen Verpfändung von Bodenschätzen. Gold ist mit Vorsicht in Zahlung
zu nehmen. Sein Kurs ist Schwankungen unterworfen. Wenn die Abschlüsse
vor Kriegsausbruch getätigt werden, ist für alles nach dem Ausbruch zu
liefernde Material der Aufschlag der Industriegemeinschaft einzusetzen.

Das große Wettrennen um die Erzeugnisse unserer Arbeit hat begonnen.
Ich hörte, daß der linksstehende Teil unserer Arbeiterschaft
proenglisch gegen den Gewaltherrscher Stonard ist. Sorgen Sie für
Aufklärung. Wir haben jetzt nicht Politik zu treiben, sondern nur für
unsere Volkswirtschaft zu arbeiten und zu verdienen. Geben Sie mir
Bericht, sowie sich etwas von Wichtigkeit ereignet. Im Anschluß an
größere Aufträge ist die Vermehrung der Belegschaft und der Ausbau der
Werke sofort in Angriff zu nehmen.«

       *       *       *       *       *

In der Dunkelheit der kurzen Sommernacht senkte sich R. F. c. 1 aus der
Höhe auf den Wald von Trenton hinab. Noch lagen die großen Staatswerke
leblos in der Finsternis, die Wege und Stege des Ortes und erst recht
des Waldes waren menschenleer. Silvester Bursfeld kannte das Gehölz
von seinem früheren Aufenthalt. Einen tiefen grabenartigen Einschnitt
zwischen alten Eichen, der das Flugschiff bequem aufnehmen konnte, so
daß sein Rumpf selbst in nächster Nähe unsichtbar in der Bodenfalte
steckte. Zu allem Überfluß rafften sie das vorjährige Laub zusammen,
das hier in hoher Schicht auf dem Boden lag, und bestreuten den Körper
des Schiffes damit.

Als zwei harmlose und unauffällige Wanderer schritten Silvester
Bursfeld und Atma der Stadt zu. Im Scheine der Morgendämmerung gingen
sie an den ersten Häusern des Ortes vorbei und näherten sich ihrem
Ziele. Sie kamen zu früh. Viel zu früh, denn die Uhr der nahen Kirche
verkündete eben erst die vierte Morgenstunde. Silvester Bursfeld
brannte vor Ungeduld. Er gab erst Ruhe, als sie vor dem wohlbekannten
Hause in der Johnson Street standen. Mit sehnsüchtigen Blicken
betrachtete er die grünumsponnenen Fenster des Gebäudes. Am liebsten
wäre er kurzerhand über den Zaun gestiegen und hätte die Bewohner aus
dem Schlafe alarmiert.

Die unerschütterliche Ruhe Atmas brachte ihn wieder zur Besinnung.

»Ruhig, Logg Sar. Keine Übereilung. Wenn das Mädchen noch hier ist,
werden wir sie auch in drei Stunden aufsuchen können.«

Die Worte des Inders warfen neue quälende Zweifel in die Seele
Silvesters. »Wenn das Mädchen noch hier ist.« Was meinte Atma damit?
Wo sollte Jane anders sein als bei ihrer Mutter? Wußte Atma irgend
etwas und wollte es nicht sagen? Die Pein der Ungewißheit übermannte
ihn. Seufzend folgte er dem Inder und ließ sich neben ihm auf einer
Bank in den nahen Parkanlagen nieder. Langsam und bleiern schlichen
die Stunden. Vom Kirchturm schlug es fünf, sechs und nach weiteren
qualvollen sechzig Minuten sieben Uhr. Silvester sprang auf.

»Jetzt ist es Zeit. Um sieben Uhr ist Jane stets munter, schon in der
Wirtschaft tätig.«

Nach wenigen Minuten stand er vor dem Gitter und schellte. Der
schrille Ton der elektrischen Glocke war in der Morgenstille deutlich
zu vernehmen. Aber im Hause blieb alles ruhig. Dreimal, viermal
wiederholte Silvester das Schellen, ohne daß sich etwas geregt hätte.

Atma war ihm nur langsam gefolgt. Bedächtig, als wolle er das erste
Wiedersehen der Liebenden nicht stören. Jetzt stand er neben Silvester,
deutete mit der Hand auf eine Stelle der Hauswand.

»Sieh!«

Eine kleine weiße Tafel hing dort im Efeugewirr der Hauswand. Im
unsicheren Licht der Morgendämmerung war sie den Blicken Silvesters
entgangen. Jetzt war sie deutlich zu erkennen und auch zu lesen. Die
triviale alltägliche Mitteilung, daß das Haus zu vermieten, das Nähere
im Nachbarhause zu erfahren sei. Silvester spürte, wie seine Knie
zitterten und ihm den Dienst versagten. Er mußte sich auf den Inder
lehnen.

»Ich ahnte es, daß wir das Mädchen hier nicht finden würden. Aber wir
werden es finden und werden es nach Europa bringen.«

Diese wenigen mit Überzeugung gesprochenen Worte Atmas gossen
neue Kraft in Silvesters Seele. Er folgte dem Gefährten, der zum
Nachbarhause ging, dort Einlaß begehrte und auch fand.

Die Herren wünschten das zur Vermietung stehende Nachbarhaus zu sehen.
Aber gern ... Es könne sofort geschehen.

An der Seite Atmas schritt Silvester durch die ihm so wohlbekannten
Räume. Dort stand der Nähtisch am Fenster. An ihm saß Jane, als er sie
das letztemal vor seiner Verhaftung sah. Die Stickerei, an welcher
sie damals arbeitete, lag auch jetzt noch dort. Geradeso, als ob die
Stickerin eben erst aufgestanden sei. Wenn jemand ein Haus verließ, um
seinen Wohnsitz woanders zu nehmen, dann würde er sicherlich die Arbeit
dort nicht so liegenlassen. Silvester Bursfeld konnte eine Bemerkung
nicht unterdrücken.

»Es ging alles so schnell«, erklärte der jugendliche Führer. »Mr.
Glossin brachte Miß Jane in seinen Kraftwagen und fuhr sofort mit ihr
weg. Sie hatte nur wenig Gepäck bei sich.«

Silvester hatte genug gesehen. Durch einen Blick verständigte er sich
mit Atma.

Ob die Herren die Wohnung mieten wollten?

Vielleicht ... sie würden es sich überlegen. Im Laufe des Nachmittags
wiederkommen. Ein kurzer Abschied, und die Freunde gingen die Johnson
Street entlang. Silvester schritt wie im Traum dahin. Mechanisch
wiederholten seine Lippen wohl hundertmal die letzten Worte des Inders:
»Wir werden das Mädchen finden und sicher nach Europa bringen.« Die
eintönige Wiederholung gab ihm allmählich das innere Gleichgewicht
zurück. So folgte er Atma, der den Weg zum Bahnhof einschlug.

»Wohin wollen wir, Atma? Was wird aus unserem Schiff?«

»Das Schiff liegt gut versteckt. Nach Neuyork wollen wir. Den Doktor
Glossin fragen, wo das Mädchen ist.«

Silvester erschrak.

»Das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen legen.«

Atma blieb unbewegt und erwiderte gleichmütig: »Du trägst den Strahler
an der Seite. Verbrenne ihn zu Asche, wenn er dir Böses tut. Aber
verbrenne ihn erst, wenn er mir geantwortet hat.«

       *       *       *       *       *

Dr. Glossin stand im Privatkabinett des Präsident-Diktators. Cyrus
Stonard schob einen Stoß Briefe beiseite und ließ seinen Blick einen
kurzen Moment auf dem Doktor ruhen.

»Was haben Sie in der Affäre Bursfeld festgestellt?«

»Über den Vater, daß er seit vielen Jahren tot ist.«

»Kennen die Engländer sein Geheimnis?«

»Ich bin überzeugt, daß sie nichts davon wissen. Als Gerhard Bursfeld
fühlte, daß ihm sein Geheimnis auf hypnotischem Wege entrissen werden
sollte, hat er sich selbst getötet. Ich habe prominente Leute in
England befragt ... Sie wissen von nichts.«

Ein Schimmer der Befriedigung glitt über die durchgeistigten Züge des
Diktators.

»Dann ... meine ich, können wir losschlagen, sobald die
Unterwasserstation an der ostafrikanischen Küste in Dienst gestellt
ist.«

»Wir können es, Herr Präsident, wenn wir es nur mit England zu tun
haben.«

Der Diktator blickte verwundert auf.

»Mit wem sollten wir es sonst noch zu tun bekommen?«

Dr. Glossin zögerte mit der Antwort. Nur stockend brachte er die
einzelnen Worte heraus: »Mit den Erben Bursfelds ...«

Cyrus Stonard zerknitterte den Entwurf einer Staatsdepesche.

»Den Erben ... die Sache scheint sich zu komplizieren. Neulich war
es nur einer. Der famose Logg Sar, der so merkwürdig aus Sing-Sing
entwischte und unser bestes Luftschiff mitnahm. Wer ist denn jetzt noch
dazugekommen?«

»Zwei Freunde, die auf Gedeih und Verderb mit Silvester Bursfeld
verbunden sind.«

»Drei Leute also. Drei einzelne schwache Menschen. Sie glauben im
Ernst, daß drei Menschen unserem Dreihundert-Millionen-Volk gefährlich
werden könnten? Herr Dr. Glossin, Sie werden alt. In früheren Jahren
hatten Sie mehr Selbstvertrauen.«

Die Worte des Präsident-Diktators trafen den Arzt wie Peitschenhiebe.
Er erblaßte und errötete abwechselnd. Dann sprach er. Erst stockend,
dann fließender und schließlich mit dem Feuer einer unumstößlichen
inneren Überzeugung: »Herr Präsident, ich habe vor dreißig Jahren
gesehen, wie Gerhard Bursfeld mit einem einfachen Apparat, nicht größer
als meine Hand, auf große Entfernungen Dynamit sprengte. Ich sah,
wie er Patronen in den Läufen weit entfernter Gewehre zur Explosion
brachte, und wie er fliegende Vögel in der Luft verbrannte ... Ich
staunte, ich hielt es für Zauberei, und ... Gerhard Bursfeld lachte und
sagte, es wäre der erste Anfang einer neuen Erfindung. Ein schwacher
Versuch, dem ganz andere, viel größere folgen würden.«

»Gerhard Bursfeld ist seit langen Jahren tot. Sie sagten es eben
selbst. Seine Erfindung wurde mit ihm begraben.«

Cyrus Stonard sagte es. Es sollte abweisend klingen, aber seiner Stimme
fehlte die sichere Entschiedenheit, die ihr sonst eigentümlich war.

»Das Geheimnis ist nicht mehr begraben. Es war eingesargt, aber es ist
wieder auferstanden. Logg Sar ... Silvester Bursfeld hat die Entdeckung
von neuem gemacht und ... er muß sie bedeutend vervollkommnet
haben. Der Vater sprach von der Möglichkeit, durch telenergetische
Konzentration an jeder Stelle des Erdballes Millionen von Pferdestärken
auf engstem Raume zu fesseln. Er sprach davon, daß seine Erfindung
jedem Kriege ein Ende bereite. Der Sohn tritt in die Fußstapfen des
Alten. Zu dritt sitzen sie in Schweden am Torneaelf und bauen an der
Erfindung weiter. Gelingt es ihnen, sie so zu entwickeln, wie der Vater
es vorhatte, dann ...«

Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Mit der ausgestreckten Rechten gebot
er dem Arzte Schweigen.

»Sprechen Sie es nicht aus, was mein Ohr nicht hören darf. Sie nannten
den Ort, an dem die Erfinder ihre ... bedenklichen Künste treiben. Sie
kennen ihn genau?«

»Genau. Ein abgelegenes Haus an den Ufern des Tornea ... Acht Kilometer
von Linnais entfernt.«

»So befehle ich Ihnen, diese drei Erfinder zu vernichten ... Aber
gründlich. Das bitte ich mir aus. Nicht wieder Pfuscharbeit wie
neulich in Sing-Sing. In vierzehn Tagen ist die Unterwasserstation
kriegsbereit. Ich erwarte bis dahin Ihre Meldung, daß mein Befehl
vollzogen ist. Unauffällig ... und gründlich.«

Doktor Glossin war entlassen. Die Gebärde des Diktators war nicht
mißzuverstehen. Er ging mit schwerem Herzen. Ein unklares Gefühl
lastete auf ihm.

Während das Regierungsschiff ihn in eiligster Fahrt von Washington nach
Neuyork brachte, suchte er des dumpfen dunklen Gefühles dadurch Herr zu
werden, daß er seine narkotischen Pillen nahm und einen halbstündigen
künstlichen Schlaf genoß. Aber als er durch die Straßen Neuyorks
schritt, war das Gefühl wieder da und wurde von Minute zu Minute
stärker.

Der Doktor betrat das Haus in der 317ten Straße. Der Lift brachte ihn
in das zehnte Stockwerk. Sein Diener nahm ihm Stock und Hut ab, und
dann saß er in dem bequemen Schaukelstuhl seines Wohnzimmers und begann
zu überlegen. Mit einer Objektivität, als ob es sich um eine dritte
fremde Person handle, analysierte er seine Empfindungen und kam nach
zehn Minuten zum Ergebnis, daß er Furcht habe.

Dr. Edward Glossin, der Mann mit dem weiten Gewissen, der über Leichen
hinweg sich jeden Weg erzwang, hatte zum erstenmal in seinem Leben
Furcht. Cyrus Stonard hatte ihm den Auftrag gegeben, drei Menschen zu
beseitigen. Ein einfacher Auftrag im Vergleich mit so manchem anderen.
Das Rezept war simpel und oft bewährt. Man nahm ein Luftschiff mit
einem Dutzend kräftiger Polizisten oder Soldaten, fuhr bei Dunkelheit
nach Linnais, umstellte das Haus, verhaftete die Gesuchten und schlug
sie bei der Verhaftung tot, weil sie Widerstand leisteten. Ganz
einfach war die Sache. Der Doktor hatte sie öfter als einmal praktisch
ausprobiert.

Doch diesmal hatte Dr. Glossin Angst. Ein inneres Gefühl warnte ihn,
mit Silvester Bursfeld und seinen Freunden anzubinden ... Aber der
Befehl des Diktators. Wenn Cyrus Stonard befahl, gab es nur zwei
Möglichkeiten: Zu gehorchen oder die Strafe für den Ungehorsam zu
erleiden.

Dr. Glossin sann hin und her, wie er sich aus dem Dilemma ziehen könne.
Ausgehoben mußte das Nest in Linnais werden. Die Gefahr, daß man sich
die Finger dabei verbrannte, war nach seiner sicheren Überzeugung
vorhanden. Aber nur ein inneres Gefühl sagte ihm das. Äußerlich sah das
Unternehmen ziemlich harmlos aus. Man mußte es einem Dritten plausibel
machen. Aber wem? Wer hatte noch ein Interesse, die Erfindung und die
Erfinder vom Erdboden zu vertilgen?

So würde es gehen! Eine Möglichkeit tauchte in seinem Gehirn auf.

Natürlich! Das war der richtige Weg. Die Engländer hatten genau soviel
Interesse am Untergange Silvester Bursfelds und seiner Freunde wie die
Amerikaner.

Dr. Glossin durchdachte die weiteren Schlußfolgerungen und Ausführungen
des Planes mit immer größerer Schwierigkeit. Es wollte ihm nicht mehr
recht gelingen, die Schlüsse der Kette richtig aneinanderzureihen. Er
spürte ein fremdartiges Ziehen in den Nackenmuskeln. Ein dumpfer Druck
legte sich um seine Schläfen. Er hatte das Gefühl, als ob sein Wille
ihm nicht mehr selber gehöre, sondern einem fremden Zwange folgen
müsse. Mit Gewalt suchte er sich zusammenzuraffen. Er wollte aus dem
Lehnstuhl aufstehen. Aber schwer wie Blei waren ihm Hände und Füße.

Mit verzweifelter Anstrengung gelang es ihm schließlich, die Hand von
der Stuhllehne loszulösen und bis zum Kopfe zu bringen. Er fühlte, daß
seine Stirn mit feinen Schweißperlen bedeckt war.

Der Stuhl stand in der Ecke des Arbeitzimmers. Die Türöffnung zum
Nebenraum befand sich unmittelbar daneben. Sie hatte keine Türflügel,
sondern war durch einen dichten Vorhang von Perlenschnüren geschlossen.
Die Besucher, welche zu Dr. Glossin kamen, wurden von seinem Diener
immer zuerst in dieses Zimmer geführt.

Der Arzt spürte, wie ein übermächtiger fremder Wille seinen eigenen
zu unterjochen drohte. Und er fühlte auch, daß der Strom des fremden
Fluidums von jener Türöffnung her auf ihn eindrang. Verschwommen und
dunkel erinnerte er sich, die Hausglocke vor irgendeinem unermeßbaren
Zeitraum läuten gehört zu haben. Ein Willenstrom, viel stärker und
mächtiger als sein eigener, stand im Begriff, ihn zu unterjochen.

Der erste Angriff mußte in jenen Minuten erfolgt sein, in denen
er so ganz in seinen Plänen und Kombinationen über den Befehl des
Diktators versunken war. Während sich seine Gedanken auf diesen Plan
konzentrierten, hatte er dem fremden Angriff eine gute Fläche geboten.
Sonst hätte er die Wirkung wohl früher spüren müssen, hätte sich sofort
dagegen zur Wehr setzen können. So war sie ihm erst zum Bewußtsein
gekommen, als es schon beinahe zu spät war. Erst das Erlahmen seiner
eigenen selbständigen Schlußfähigkeit hatte ihn den fremden Angriff
deutlich fühlen lassen, aber da war die Lähmung durch den fremden
Willen schon weit gediehen.

Dr. Glossin kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles, was er noch an
Willensfähigkeit besaß, ballte er in den einzigen autosuggestiven
Befehl zusammen:

»Ich will nicht ... Ich will nicht ...«

Unaufhörlich formte er den kurzen Satz im Gehirn, und empfindlich
beinahe wie ein körperlicher Schlag traf ihn jedesmal der Gegenbefehl
der fremden Kraft: »Du sollst ... Du mußt ... Du wirst ...«

Die Minuten verstrichen. Die feine Porzellanuhr auf dem Kaminsims
schlug ein Viertel. Dr. Glossin hörte den Schlag deutlich und raffte
sich zu erneuter Anstrengung zusammen. Wenn es ihm nur gelingen wollte,
aufzustehen ... Ganz unmöglich.

Dr. Glossin strengte sich an, freie Bewegungen zu machen. Er blickte
auf seine Knie. Er versuchte, den Muskelgruppen seiner Beine den Befehl
zu geben, daß sie seinen Körper erheben sollten. Und spürte schon im
gleichen Augenblick, daß der fremde Befehl »Du mußt« mit verstärkter
Heftigkeit auf sein Ich hämmerte, daß er seine ganze Persönlichkeit
ohne Deckung ließ, sobald er ein einziges seiner Glieder besonders
beeinflussen und zur Bewegung zwingen wollte.

Stärker wurde das schmerzliche Ziehen in der Gegend des Genicks.
Der körperliche Schmerz griff weiter und verbreitete sich über die
ganze linke Gesichtshälfte, über die Seite seines Körpers, welche dem
Perlenvorhang zugewendet war. Dr. Glossin fühlte, daß er bald erliegen
müsse, wenn es ihm nicht gelänge, den Körper zu drehen und Angesicht zu
Angesicht dem fremden Willen entgegenzutreten.

Schon wieder war über dem stummen, erbitterten Ringen eine
Viertelstunde verstrichen. Die Uhr schlug zweimal. Dr. Glossin hörte
sie nur noch wie aus der Ferne, so wie man etwa beim Einschlafen
noch undeutlich und nur verworren die letzten Geräusche empfindet.
Mit einer verzweifelten Anstrengung konzentrierte er den Rest der
ihm noch gebliebenen Willensenergie in einen einzigen Befehl. Und
der schon zu drei Vierteln gelähmte Körper gehorchte diesem Aufgebot
an Willenskraft. Mit einem einzigen kurzen Ruck warf der Arzt
sich in dem Stuhl herum, so daß sein Antlitz in voller Breite dem
Perlenvorhang zugewendet war. Einen Augenblick schien es, als wolle
die Muskelbewegung und die eigene Aktion den fremden Einfluß brechen.
Aber nur einen Augenblick. Während Dr. Glossin seinem Körper den Befehl
erteilte, sich umzudrehen, war sein ganzes Ich dem fremden Angriff
schutzlos preisgegeben. Der Moment ohne Deckung hatte genügt. Mit einem
Seufzer ließ er den Kopf auf die Brust sinken, die Augen weit geöffnet.

Durch den Perlenvorhang trat Atma in das Zimmer bis dicht an den
Schlafenden heran. Auch er sah erschöpft aus. Silvester Bursfeld,
der ihm auf dem Fuße folgte, bemerkte es mit Erschrecken. Der Inder
trat an den Schlafenden heran und strich ihm über die Augen und die
Stirn. Silvester bemerkte, wie der Inder seiner eigenen Erschöpfung
Meister zu werden versuchte, wie er sich selbst gewaltsam zwang und
von neuem ganze Ströme seines eigenen Willenfluidums in den Körper des
Schlafenden gleiten ließ. Dann trat er zurück und ließ sich auf einen
Sessel fallen. Auf einen Wink von ihm trat Silvester Bursfeld hinter
eine Portiere, so daß er den Blicken Glossins entzogen war.

Wieder verstrichen Minuten. Die Uhr hob an und schlug dreimal. Da kam
Bewegung und Leben in die schlummernde Gestalt. Dr. Glossin richtete
sich auf wie ein Mensch, der aus tiefem Schlafe erwacht. Er fuhr sich
über die Stirn, als müsse er seine Gedanken sammeln. Dann begann er mit
sich selbst zu sprechen.

»Was wollte ich ... Ach ja ... den Ring muß ich holen. Er ist im
Banktresor ...«

Er warf einen Blick auf die Uhr.

»Dreiviertel ... Ich komme gerade noch vor Kassenschluß zurecht. Aber
ich muß mich eilen.«

Straff und rüstig erhob er sich aus dem Stuhl und schritt durch den
Vorhang hindurch. Er ging an Atma vorüber, als ob der Inder Luft wäre,
und verließ die Wohnung.

Silvester hörte die Tür ins Schloß fallen und trat hinter dem Vorhang
hervor.

»Wo geht er hin? ... Was hat er vor?«

»Er geht nach seiner Bank. Er wird den Ring holen und hierherbringen.«
Atma sprach es leise und mit matter vibrierender Stimme. Die
Anstrengung dieses hypnotischen Duells zitterte noch in ihm nach.

»In einer halben Stunde wird er wieder hier sein. Bis dahin haben wir
Ruhe.«

»Und der Diener?«

»Er schläft in seinem Winkel auf dem Flur. Glossin hat Befehl, ihn
nicht zu vermissen.«

»Du glaubst, daß Dr. Glossin gutwillig hierher zurückkommt?«

Atma blickte gleichmütig vor sich hin.

»Der Körper Glossins ging hinaus. Seine Seele ist gefesselt. Mein Wille
lenkt seinen Körper.«

»Warum fragtest du nicht nach dem Aufenthalt von Jane?«

»Erst den Ring und dann das Mädchen. Laß mir Ruhe. Ich bin erschöpft.
Ich brauche neue Kräfte, wenn Glossin zurückkommt.«

Der Inder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Muskeln seiner
Glieder erschlafften. Er schien jetzt selbst ein Schlafender zu sein.
Es blieb Silvester Bursfeld nichts anderes übrig, als zu warten.

Unruhig schritt er in dem Raume hin und her. Weiter krochen die
Minuten. Zehn Minuten ... eine Viertelstunde ... zwanzig Minuten. Er
hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Dr. Glossin war zurückgekommen.
Er blieb auf dem Flur stehen. Unschlüssig, als ob er etwas suche. Dann
hörte Silvester, wie er den Spazierstock hinstellte. Gleich darauf
trat er durch den Perlenvorhang in das Arbeitszimmer. Ohne von den
beiden Besuchern Notiz zu nehmen, ging er auf den Schreibtisch zu,
ließ sich vor ihm auf dem Sessel nieder, zog ein winziges Päckchen aus
der Brieftasche und begann, es auszupacken. Das Seidenpapier raschelte
zwischen seinen schmalen, wohlgepflegten Fingern. Nun kam der Ring zum
Vorschein. Ein schwerer goldener Ring. Ein Meisterwerk alter indischer
Goldschmiedekunst, genau von der gleichen Form wie derjenige an der
Hand Atmas und mit dem gleichen Chrysoberyll geziert. Er hielt den Ring
in der Hand und blickte nachdenklich auf den Stein.

Der Ausdruck auf seinen Zügen wechselte. Von Minute zu Minute. Bald
glich er einem Träumenden, schien ganz geistesabwesend zu sein. Dann
wieder glitt der Schimmer eines Verstehens und Begreifens über seine
Züge.

Jetzt machte er Anstalten, sich selbst den Ring auf den Ringfinger der
Rechten zu schieben.

Atma sah es, und seine Augen weiteten sich. Mit vorgebeugtem Halse saß
er da, und jeder Teil seines Körpers vibrierte vor innerer Spannung.

Dr. Glossin stand im Begriff, die ihm im schwersten Kampfe
aufgezwungene hypnotische Suggestion aus eigener Kraft zu durchbrechen.
Der Befehl lautete, den Ring zu holen und zu übergeben. Schon das
Zögern auf dem Flur war nicht ganz in der Ordnung. Er sollte vergessen,
daß er einen Diener besaß. Einen Augenblick hatte er dort trotzdem
gewartet, ob der Bediente ihm nicht Stock und Hut abnehmen würde. Das
kurze Zögern hatte dem Inder die Gefahr verraten.

Jetzt griff er zum stärksten Mittel. Er strich ihm mit beiden Händen
über die Schläfen und Augen.

Die Wirkung zeigte sich sogleich.

Die Bewegung der Linken, die den Ring auf den rechten Ringfinger
schieben wollte, wurde langsamer. Dicht vor der Fingerspitze kam sie
ganz zur Ruhe.

Dr. Glossin saß mit vorgebeugtem Oberkörper an seinem Schreibtisch.
Beide Ellbogen waren auf die Tischplatte aufgestützt. Die Rechte
streckte den Ringfinger vor. Die Linke spielte kaum einen Zentimeter
entfernt mit dem breiten Goldreif vor der Fingerspitze. Es sah aus,
als ginge vom Ringfinger eine magnetische Kraft aus, die den Reif
heranholen wolle, und als wirke unsichtbar, aber gewaltig eine zweite
Kraft im Raume, welche die linke Hand immer wieder zurückriß, sooft
sie sich zu nähern versuchte. So ging das Spiel leise hin und her,
zitternd durch lange Minuten.

Silvester sah es, und siedende Angst kroch ihm zum Herzen.

»Wenn Glossin den Ring auf den Ringfinger schiebt, sind wir verloren.«

Es herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Nur das Ticken der Uhr war
zu vernehmen. Aber Silvester empfand die Worte so deutlich, als habe
sie ihm irgendeine Stimme laut vorgesprochen.

Er versuchte, sich das Unsinnige des Gedankens klarzumachen. Was
konnte es denn für eine Wirkung haben, wenn Dr. Glossin wirklich den
Ring auf den Finger brachte? Er faßte nach dem Strahler, den er an der
Seite trug. Versagte die Kunst Atmas, so besaß er die Macht und das
Mittel, den Menschen dort in einer Sekunde in Atome zu zerreißen, zu
verbrennen, in ein Häufchen Asche und eine Dampfwolke aufzulösen. Aber
dann ... ja dann würde er auch niemals erfahren, wohin dieser Teufel
die arme Jane verschleppt hatte.

Er ließ die Hand vom Strahler. Er begriff, daß der Sieg Atmas über
Glossin notwendig war, sollte sein weiteres Leben noch Wert für ihn
haben.

Tausendfach waren die Fäden der Leben miteinander verflochten. Das
hatte ihn Kuansar in Pankong Tzo gelehrt. Äußere Vorgänge, scheinbare
Zufälligkeiten waren oft zuverlässige Zeiger, die das Spiel viel
größerer Kräfte dem Sehenden deutlich zeigten. Und nun kam ihm klare
Erkenntnis. In dem winzigen Raume dort zwischen Ring und Fingerspitze
kam der Kampf zweier Mächte um die Weltherrschaft zum Ausdruck. Jeder
Versuch, von seiner Seite einzugreifen, war zwecklos. In diesem Kampfe
mußte er ein stiller Zuschauer bleiben, mußte abwarten, wie das
Geschick sich erfüllen würde.

Der Kampf ging zu Ende. Dr. Glossin ließ den Ring auf die Tischplatte
fallen. Silvester wollte hinzutreten und ihn nehmen. Ein Wink Atmas
scheuchte ihn zurück. Der Inder hatte sich erhoben und war dicht an
den Tisch herangetreten. Silvester sah, daß er den letzten Rest seiner
gewaltigen telepathischen Kraft zusammenraffte, um dem Gegner seinen
Willen aufzuzwingen. Und nun trat die Wirkung ein. Dr. Glossin wickelte
den Ring wieder in das Seidenpapier, verschnürte das Päckchen, erhob
sich und trat dicht an Atma heran. Ruhig hielt er ihm das Paketchen hin
und sagte mit eintöniger Stimme: »Hier bringe ich den Ring.«

Atma nahm das Paketchen in Empfang und begann es langsam und gemessen
wieder aufzumachen. Dr. Glossin war nach der Übergabe an seinen
Schreibtisch zurückgegangen. Dort saß er ruhig und schaute wie
geistesabwesend auf die Schreibmappe.

Atma nahm den Ring und schob ihn selbst Silvester über den Ringfinger
der Rechten. Breit und kühl legte sich das Gold des massiven Reifens
um das Fingerglied. Silvester fühlte neue Zuversicht in sein Herz
dringen, als er den Ring wieder an der Stelle fühlte, an der er ihn so
lange Jahre getragen hatte. Alle Ängstlichkeit war geschwunden. Die
Zuversicht auf sicheren Sieg erfüllte ihn.

Die Stimme Atmas riß ihn jäh aus diesen Gedanken und Gefühlen.

»Wo ist Jane Harte?«

Der Inder sprach es, während sein Blick sich in den des Doktors bohrte.

Ein kurzes Zucken durchlief die Glieder des Arztes. Es schien,
als wolle er sich noch einmal aufbäumen. Aber sein Widerstand war
gebrochen. Der Ausdruck einer trostlosen Müdigkeit trat auf seine Züge,
während seine Lippen die Antwort formten.

»Auf Reynolds-Farm in Elkington bei Frederikstown.«

Silvester sog die Antwort Wort für Wort wie ein Verdurstender ein.
Frederikstown in Kolorado. Den Flecken Elkington kannte er sogar
durch Zufall. Die Farm würde sich finden lassen. Jetzt waren alle
Schwierigkeiten überwunden. Noch eine kurze Spanne Zeit, und er würde
Jane wiedersehen, würde sie im schnellen Flugschiff allen feindlichen
Gewalten entziehen.

Atma stand vor dem Arzt. Mit zwingender Gewalt gab er ihm seine letzten
Befehle.

»Du wirst bis vier Uhr schlafen. Wenn du aufwachst, wirst du alles
vergessen haben. Den Ring, Logg Sar und Atma.«

Der Kopf Dr. Glossins sank auf seine Arme und die Tischplatte nieder.
Er lag in tiefem Schlafe.

»Um vier weckst du deinen Herrn.« Im Vorbeigehen sagte es Atma zu dem
Diener, der auf dem Flur schlummernd in einem Sessel saß. Flüchtig
strich er ihm dabei über Stirn und Augen. Dann schlug die Wohnungstür
hinter den Freunden ins Schloß.

       *       *       *       *       *

Enttäuscht und verbittert hatte Glossin Reynolds-Farm an jenem Tage
verlassen, an dem Jane seinen Antrag abwies. Aber auch Jane war
durch diese Erklärung erschüttert und aus einer trügerischen Ruhe
aufgescheucht. Sie brauchte jemand, auf den sie sich stützen, dem sie
sich anschmiegen konnte. Nach dem Tode ihrer Mutter war ihr Glossin
solche Stütze geworden. Ein väterlicher Freund, dem sie vertraute. In
ihrem natürlichen Schutzbedürfnis zu vertrauen versuchte, soweit ein
instinktives, ihr selbst unerklärliches Mißtrauen es zuließ.

Die Werbung Glossins hatte das Verhältnis mit einem Schlage zerstört,
hatte Jane von neuem in schwere seelische Kämpfe gestürzt. Das Gefühl
tiefster Verlassenheit übermannte sie von neuem. Was blieb ihr nach
alledem noch auf dieser Erde? Die Mutter tot ... Silvester verloren und
verschollen ... Glossins Freundschaft falsch?! ...

Dazu die Gesellschaft dieser alten Negerin, deren Anblick und Wesen
ihr von Tag zu Tag widerlicher wurde. Das Grinsen der alten Abigail
hatte jetzt einen besonderen Inhalt und Ausdruck gewonnen, der Jane
erschreckte und peinigte. Dazu Redensarten der Schwarzen, die ihr zwar
größtenteils unverständlich blieben. Aber auch das wenige, das sie
verstand und erriet, erschreckte sie.

Sie verließ das Haus nicht mehr. Die Spaziergänge und Wagenfahrten der
früheren Wochen unterblieben. Mit müdem Hirn suchte sie die Fragen zu
beantworten.

Was sollte aus ihr werden? Was hatte Glossin mit ihr vor? Weshalb hatte
er sie gerade hierher gebracht? ... Was sollte sie weiter beginnen?
... Wenn sie irgendwo eine Stellung annähme ... Eine untergeordnete
Stellung ... irgendwo ... nur fort von hier ... fort! ... Wäre sie doch
in Trenton geblieben! Kein Brief, kein Lebenszeichen aus Trenton hatte
sie jemals erreicht.

Fort! ... Fort! ... Warum war sie nicht schon längst fort? ... Warum
hatte sie nicht gleich nach der Werbung Glossins die Farm verlassen?

Wie oft hatte sie sich diese Frage schon vorgelegt. Und jedesmal war
sie an einen Punkt gekommen, wo sie keine Antwort auf die Frage fand.
Warum nicht? Wie viele Versuche hatte sie schon gemacht, Reynolds-Farm
zu verlassen. Warum hatte sie das Vorhaben niemals ausgeführt?

Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihr. Warum nicht ... Sie wurde
doch nicht gefangengehalten? Nicht einmal bewacht oder kontrolliert.

Sie brauchte doch nur ihr Köfferchen zu packen und das Haus zu
verlassen. Nur bis zum nächsten Dorfe zu gehen, um in Sicherheit zu
sein. Sogar ungesehen von Abigail konnte sie das Haus verlassen. Denn
das hatte sie schon bald nach ihrer Ankunft hier entdeckt, daß das
alte Negerweib der Flasche zugetan war. Gleich nach dem Auftragen des
Mittagsmahles verschwand die Alte, und öfter als einmal hatte Jane sich
selbst um das Abendessen kümmern müssen. Sie wußte, daß Abigail Stunden
hindurch besinnungslos irgendwo in einem Winkel lag. Lange Stunden, in
denen sie, von niemand verhindert, das Haus verlassen konnte.

Weshalb hatte sie es nicht getan? Weshalb tat sie es nicht heute?

Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch Kummer und
Aufregung, erhielt einen tatkräftigen Zug. Die Falten zu den
Mundwinkeln vertieften sich, ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle
Lebensenergien in ihr drängten zur Tat.

Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem Sitz und schritt
nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff sie ein paar der notwendigsten
Kleidungstücke und begann sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und
erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche schon früher
versucht hatte und niemals damit zum Ziele gelangt war. Heute ging es
viel besser. Kleiderschicht fügte sich auf Kleiderschicht, und mit
einem Seufzer der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers
zusammen. So weit war sie früher noch niemals gekommen.

Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich in ihrer
Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm ihn der Tasche, wandte
sich wieder dem Koffer zu und fühlte, wie die alte Lähmung von neuem
über sie kam. Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte sie
die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen. Endlich war es
gelungen, aber nun lag das Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den
Schlüssel in das Schloß zu schieben ... Da fiel er klirrend auf die
Diele.

Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine blinkende
Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele lag. Dann durchzuckte ein
Schluchzen ihren Körper. »... Warum ... kann ich ... nicht? ... Warum
... o Gott! ... Warum ...«

Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten hindurch regungslos
liegen ... Eine Macht, ein Einfluß, ihr selbst unerklärlich und
unfaßbar, verhinderte sie, dieses offene und unbewachte Haus zu
verlassen ... Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr
Ruhebett.

»Die Qual! ... Warum ... muß ich diese Qualen leiden? ... Wo bleibst
du, Silvester? ... Mutter, ach wäre ich bei dir! ... Wäre ich mit dir
gestorben!

Sterben ... jetzt noch sterben? ... Unterhalb des Hauses ... da bildet
der Bach einen kleinen See ... da kann ich sie finden ... die Ruhe ...
die Erlösung von aller Qual ...«

Sie raffte sich von ihrem Lager empor.

»Ja! ... ja ... ja ...«

Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in ihren Mienen
aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie zu öffnen. Mochte irgendeine
unheimliche Kraft ihr die Flucht aus diesem Hause zu den Menschen
hindern, die Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten.

Sie griff den Türdrücker und öffnete die Tür.

Die keifende Stimme der schwarzen Abigail drang ihr ans Ohr. Offenbar
war die Alte dabei, irgendeinem Besucher den Zutritt zu verwehren,
vielleicht einen Hausierer abzuweisen.

»Kann ich nicht einmal sterben?« ... Sie wollte die Tür wieder leise
ins Schloß drücken ... Da ... ihre Hand umkrampfte den Drücker.

Welche Stimme? ... Der Fremde ... Mit einem Ruck riß sie die Tür auf.

»Silvester!« Ein Schrei aus tiefstem Herzen. Mit geschlossenen Augen
lehnte sie an dem Türrahmen und streckte die Hand nach ihm aus.

»Silvester ...!«

Sie sah es nicht, wie Abigail, von einem kräftigen Faustschlag
getroffen, in eine Ecke flog, wie ein Mann mit Tigersprüngen die Treppe
hinaufdrang, sie fühlte nur, daß sie am Herzen Silvesters ruhte, daß
eine leichte, weiche Hand ihr Gesicht streichelte, daß Worte der Liebe
und des Glückes ihr Ohr trafen.

       *       *       *       *       *

Erik Truwor arbeitete allein im Laboratorium zu Linnais. Nach den
Plänen Silvesters baute er den neuen Strahler zusammen. Der Apparat
war viel größer als der erste, den die Freunde mit auf die Reise
genommen hatten. Der neue Strahler nahm immerhin den Raum eines mäßigen
Schrankes ein.

Aber er war geradezu lächerlich klein, wenn man seine Wirkungen
betrachtete. Die neue Konstruktion konnte zehn Millionen Kilowatt
telenergetisch konzentrieren. Diese Riesenleistung wurde nur dadurch
möglich, daß der Apparat die Energie nicht mit den hergebrachten
Mitteln erzeugte, sondern nur die überall im Raum vorhandene Energie
freimachte.

Es drehte sich um die alte, schon von Oliver Lodge zum Anfang des
Jahrhunderts aufgestellte Hypothese, daß in jedem Kubikzentimeter
des äthererfüllten Raumes ein Energiebetrag von zehn Milliarden
Pferdekraftstunden in latenter Form vorhanden ist. Etwa so, wie die
Pulverladung einer Mine Hunderttausende von Metertonnen enthält.
Der Fingerdruck eines Kindes genügt, um diese gewaltige Energie zu
entfesseln. Es ist nur notwendig, daß dieser schwache Druck die
Knallkapsel zur Entzündung bringt, die dann die Mine detonieren läßt.

»Das Problem der telenergetischen Konzentration ist praktisch gelöst.«
Stolz und siegesgewiß hatte Silvester die Worte gesprochen. Wenige
Stunden, bevor er in windender Sturmfahrt nach Westen ausbrach, um von
dort sein Liebstes zu holen.

Die letzte Schwierigkeit, die noch zu lösen blieb, betraf das genaue
Zielen. Es war notwendig, das entfernte Objekt, auf welches der
Energiestrom gerichtet wurde, zu sehen. Erik Truwor fühlte die reine
Freude eines intellektuellen Genusses, als er die Aufzeichnungen
Silvesters durchlas. Die aus dem Strahler entsandte Formenenergie
reflektierte zu einem winzigen Teile von der Konzentrationsstelle zum
Strahler zurück und entwarf hier ein optisches Bild dieser Stelle.
Jetzt, da er es las, schien es ihm beinahe trivial einfach. Eine
simple Rückmeldung, wie sie in der Technik an tausend Stellen seit
hundert Jahren gebräuchlich war. Nach der Theorie mußte sich auf der
weißen Mattglasscheibe des neuen Strahlers ein genaues Bild des Ortes
zeigen, an dem die Energie sich konzentrierte.

Er schaltete den Apparat ein. Nebel wallten auf der Scheibe hin und
her. Es flimmerte durcheinander. Gestalten wollten sich bilden, doch es
wurde kein klares Bild.

Noch einmal überprüfte er die Schaltung. Dann machte er sich an die
Arbeit. Die Stunden verrannen. Er spürte es nicht. Die Mitternacht
verstrich, und der Morgen kam. Niels Nielsen, der alte, noch vom Vater
überkommene Diener, fand seinen Herrn im Laboratorium in die Arbeit
versunken.

»Herr Erik, Ihr Bett blieb unberührt.«

Erik Truwor winkte ab und riß ärgerlich einen Draht heraus, den er
falsch geschaltet hatte.

»Stören Sie mich nicht.« Der Diener ging.

Stillschweigend erschien er wieder und stellte eine Platte mit kalter
Küche auf einen Seitentisch.

Erik Truwor hatte die Schaltung vollendet. Schaltete ein und sah noch
weniger als zuvor. Ein schwerer Fehlschlag! Rastlos arbeitete er weiter.

Erik Truwor spürte Hunger. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er
seit vierzehn Stunden im Laboratorium arbeitete.

Automatisch begann er zu essen. Der starke schwarze Kaffee erfrischte
ihn. Während er aß und trank, gewann er Distanz zu seiner Arbeit. Er
fand die Kraft, völlig von neuem zu beginnen. Er prüfte die Schaltung
Silvesters. Hier war eine Verbesserungsmöglichkeit.

Die sekundären Erscheinungen mußten zurückgehalten werden. Es bestand
Gefahr, daß sie den gewollten Effekt überwucherten.

Erik Truwor arbeitete. Und aß in langen Pausen. Die zweite helle
Nordlandsnacht brach herein.

Der Diener kam. »Vielen starken Kaffee!« Mit dem Befehl jagte ihn Erik
Truwor aus dem Laboratorium. Die Vorzüge der veränderten Schaltung
wurden ihm immer einleuchtender, je weiter er baute und schaltete.

Die zweite Nacht verging und der zweite Vormittag. Er zog die letzte
Schraube fest und suchte seiner Aufregung Herr zu werden.

Mit zitternder Hand schaltete er den Strahler ein. Nebel zogen über die
Mattscheibe.

Er regulierte an den Mikrometerschrauben. Der Nebel löste sich. Blaue
und grüne Flächen wurden sichtbar.

Er mußte sich setzen. Die Knie versagten ihm. Dann ein gewaltsames
Aufraffen. Ein letztes Drehen an der Feinstellung. Scharf und deutlich
zeigten sich die Föhren, die zwanzig Kilometer entfernt am Unterlaufe
des Tornea standen. Erik Truwor kannte die Stelle.

Die Mattscheibe bot ein Bild, wie man es seit langen Jahren in der
photographischen Kamera beobachten konnte. Doch das Bild hier wurde
auf ganz andere Weise gewonnen. Es kam nicht rein optisch, sondern
energetisch zustande.

Der Wurf war geglückt. Er stellte den Strahler ab und warf sich
erschöpft auf das Ruhebett im Laboratorium.

Mit offenen Augen lag er dort und starrte zur Decke. Die Macht lag
jetzt in seiner Hand. Die Macht, die Menschen nach seinem Willen zu
zwingen. Zu Asche zu verbrennen, was ihm widerstrebte. Eine Macht, wie
sie nie zuvor ein einzelner Mensch besessen hatte.

Er fühlte die furchtbare Verantwortung, die mit der Macht verbunden
war ... und dann wurden seine Gedanken sprunghaft. Die Natur forderte
ihr Recht. Die Augen fielen ihm zu. Nach vierzig Stunden intensivster
Arbeit verlangte der Körper Ruhe.

Es wurde nur ein fieberhafter Halbschlaf. Der Geist war zu erregt und
riß den Körper mit.

Er fuhr empor. Drei Stunden hatte er im Halbschlummer gelegen. Im
Augenblick war er wieder vollkommen wach. Der Schreiber der drahtlosen
Station hatte in der Zwischenzeit gearbeitet. Er las die Zeichen
auf dem Papierstreifen: »Haben den Ring. Gehen nach Elkington,
Reynolds-Farm, Jane zu holen.«

Er rieb sich die Stirn. Jane nicht in Trenton? Aus dem Atlas entnahm er
die genauen Koordinaten und richtete den Strahler. Die Nebel wogten.
Jetzt ruhigere Linien. Grünes Feld. Ein Farmhof. Er regulierte und
konnte jede Fuge und Maserung der Hoftür erkennen.

Eine Gestalt schritt von links her in das Bild ... Silvester Bursfeld.
So scharf und deutlich, als ob er in Greifweite stünde. Silvester kam
allein und hatte nicht einmal den kleinen Strahler an der Seite.

Erik Truwor wollte dem Freunde etwas zurufen und vergaß, daß er durch
tausend Meilen von ihm getrennt war.

Eine andere Gestalt hob sich auf der Bildfläche ab. Ein schwarzes,
häßliches Negerweib. Erik Truwor sah, wie sie Silvester vom Hofe zu
weisen versuchte, wie der Freund sie zurückdrängte und der Haustür
zuschritt. Wie das Negerweib ihn zurückzustoßen versuchte. Wie der
sonst so gutmütige ruhige Silvester plötzlich den Arm hob, das Weib
weit von sich schleuderte und in das Haus stürmte. Die Tür fiel hinter
ihm ins Schloß, und Viertelstunden verstrichen.

Erik Truwor empfand eine wachsende Unruhe. Er vermißte den kleinen
Strahler an der Seite Silvesters. Diese winzige, aber furchtbare Waffe,
die ihn gegen jeden Angriff geschützt hätte. Und er vermißte Atma. Wo
blieb der Inder? Die zweite Frage beunruhigte ihn fast ebenso stark wie
die erste. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe.

»Sie müssen packen ... natürlich ... es ist ja klar, daß Jane nicht,
wie sie geht und steht, nach Europa fahren kann. ... Eine Stunde Zeit
gebe ich ihnen ... dann ...«

Er betrachtete das Dach des Farmhauses. Ob es wohl gut brennen mochte,
wenn er den Strahler auf den Dachfirst wirken ließ? Die Holzschindeln
sahen ganz danach aus. Rissig, von der Sonne ausgedörrt. Es mußte ein
gewaltiges Feuer werden.

Dann überdachte er die Folgen. Es konnte zu gut brennen. So schnell,
daß die Flammen den Ausgang sperrten, bevor die Liebenden die Gefahr
erkannten. Er durfte es nicht wagen, die Säumigen durch die Gewalt der
telenergetischen Konzentration aus dem Hause zu treiben. So saß er mit
steigender Ungeduld. Hoffte vergebens, daß Silvester wieder erscheinen
oder Atma auftreten würde.

Ein silberner Fleck am blauen Himmel erregte seine Aufmerksamkeit. Mit
der Lupe betrachtete er die Stelle auf der Mattscheibe.

Kein Zweifel, es war R. F. c. 1, der Rapid Flyer, der dort heranzog. Er
kannte die Formen des Flugschiffes.

Erleichtert atmete er auf.

Atma kam mit R. F. c. 1, um die Säumigen zu holen. Mochte er gesteckt
haben, wo er wolle ... Atma war da. Jetzt mußte alles zu einem guten
Ende kommen.

Das Flugschiff kam schnell heran. Hinter dem Farmhaus ging es nieder.
Jetzt entschwand es den Blicken Eriks. Die Silhouette des Farmhauses
schob sich dazwischen.

... Warum landete Atma nicht auf dem Farmhofe? ... Vielleicht war der
Platz hinter dem Hause für den Wiederaufflug geeigneter.

Erik Truwor wartete ... und sah fünf Gestalten über den Hof laufen ...
In das Haus verschwinden.

»Atma ist da ... Atma kam zur rechten Zeit ... Es wird noch alles gut.«

Mit diesen Worten suchte sich Erik Truwor zu beruhigen. Er hatte unter
den Fünfen die Gestalt Glossins erkannt. Nach den Schilderungen, die
ihm Silvester gegeben. Das Nachziehen des rechten Fußes. Der stechende
Blick. Es war unverkennbar. Aber er hoffte, daß Atma mit R. F. c.
1 hinter dem Hause lag. Hoffte, daß der Inder eingreifen und die
Widersacher zerschmettern würde.

Minuten verstrichen. Nicht viele.

Die Tür des Farmhauses öffnete sich.

Einer der Männer trug etwas Helles auf den Armen ... Jane ...
bewußtlos. Ihr Antlitz war weiß. Ihr Kopf lag schlaff und kraftlos auf
der Schulter ihres Trägers. Dann zwei andere. Sie schleppten Silvester.
Hatten ihn gefesselt und trugen ihn wie ein Stück Holz über den Platz.

Zuletzt Dr. Glossin. Ein Lächeln der Befriedigung auf den Zügen.

Lodernder Zorn packte Erik Truwor. Er faßte den Strahler und gab
Energie.

Zwanzig Meter hinter dem Doktor glühte der Sand des Hofes hell auf.
Schmolz in Weißglut und strahlte Hitze.

Der Arzt warf einen Blick rückwärts und begann um sein Leben zu laufen.
Mit schleifendem Fuß jagte er über den Hof und zog einen feurigen
Strudel hinter sich her, denn mit der Mikrometerschraube brachte ihm
Erik Truwor die Glut des Strahlers nach ... und zerriß dabei in der
Aufregung einen Draht des Fernsehers.

Das Bild erlosch. Tausend Meilen trennten Erik Truwor von
Reynolds-Farm. Erst jetzt kam es ihm zum Bewußtsein.

Mit fiebernden Händen suchte er nach dem zerrissenen Draht. Er mußte
sich zur Ruhe zwingen. Mußte mit unendlicher Geduld eine Schraube
lösen, den Draht fassen, vorziehen und wieder festschrauben. Kostbare
Minuten verstrichen darüber. Nun endlich war die Verbindung wieder
hergestellt. Das Bild erschien von neuem auf der Mattscheibe. -- Der
Hof war leer.

Rätsel und Geheimnisse, die er nicht zu lösen vermochte. Hatte Atma
eingegriffen, die Gegner vernichtet? Brachte er jetzt Silvester und
Jane im Flugschiff heim?

Erik Truwor wußte es nicht. Er war verurteilt, hier zu sitzen und zu
warten. Einen Schwur leistete er sich. Das Feuer des Strahlers auf
Glossin niederfallen zu lassen, sobald er ihn wieder vor die Augen
bekäme.

       *       *       *       *       *

Im Walde von Elkington lag R. F. c. 1 zwischen Haselsträuchern und
Brombeerranken. Wenige Schritte davon entfernt saß Atma im Gras und
wartete. Seine Züge verrieten Unruhe. Er war blaß, soweit die dunkle
Haut eines Inders zu erblassen vermag, und abgespannt. Die ungeheuere
Anstrengung seines Kampfes mit Glossin wirkte noch in ihm nach. Er
versuchte es, sich zu sammeln, neue Kraft aus den Meditationen und
Selbstversenkungen seiner Religion zu schöpfen.

Die Sonne warf ihre Strahlen von Westen her schräg durch die Zweige
und malte streifige Schatten auf den grünen Grund. Der Inder faßte
seinen Schatten ins Auge und beobachtete, wie der dunkle Streifen ganz
langsam weiterkroch. Halme, die eben noch lichtgrün schimmerten, wurden
ganz allmählich dunkel und farblos. Auf der anderen Seite tauchten
Spitzen und Blätter ebenso sacht und allmählich wieder in leuchtendes
Sonnengold. Die Betrachtung dieser langsamen Veränderung, des steten
und ruhigen Wechsels der Dinge tat Atma wohl. Sein Nervensystem fand
allmählich die Ruhe wieder. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf
den wandernden Schatten und einen Steinblock, der noch etwa einen Fuß
von dem Schatten entfernt war.

»Ich will warten, bis der Schatten den Stein berührt. Ist Logg Sar dann
mit dem Mädchen noch nicht zurück, dann will ich gehen und sie holen.«

Er sprach es zu sich selbst, und nachdem er sich so die Zeitspanne
gesetzt hatte, verharrte er regungslos, von der Sonne beschienen, in
die Betrachtung des wandernden Schattens versunken und spürte, wie ihm
Minute um Minute die alte Kraft und Ruhe zurückkehrte. Die Eidechsen
kamen neugierig hinzu und liefen furchtlos über seine Füße. Eine
Haselmaus führte dicht vor ihm ihren possierlichen Tanz auf, ohne sich
um den regungslosen Körper zu kümmern. Jetzt streifte der Schatten
den Stein. Soma Atma erhob sich. Erschreckt entflohen die Tiere des
Waldes. Ein kurzer Blick auf das Chronometer. Zwei Stunden waren
verflossen, seitdem Silvester von ihm ging, hinein nach Reynolds-Farm,
das Mädchen zu holen ... zwei Stunden. Atma erschrak. Zwanzig Minuten
hätten genügen müssen. Auch dann noch, wenn die Liebenden ein langes
Wiedersehen feierten.

Mit langen Schritten eilte er der Farm zu. Die Flügel der Hoftür waren
nur angelehnt. Er schritt über den Hof in das Wohnhaus und fand es
verlassen. Der Vorraum leer. Der große Wohnraum ohne eine lebende
Seele. Aber die Unordnung verriet deutlich einen stattgehabten Kampf.
Drei Stühle umgeworfen. Die Tischdecke in Falten. Ein Glas zerbrochen
am Boden. Und dort Logg Sars Hut. Seine Handschuhe ...

Während er den Raum verließ und die Treppe weiter hinaufstieg, malte
sein Geist sich plastisch die Szenen aus, die sich hier abgespielt
hatten während der Stunden, in denen er dort draußen im Walde ruhte,
wartete und frische Kraft sammelte.

Es wäre niemals passiert, wenn er bei voller Kraft gewesen wäre. Dann
hätte er mit wachem Nervensystem das kommende Unheil rechtzeitig
gespürt.

Nun hatte er das Ende der Treppe erreicht. Ein turmartiger Erker bot
Aussicht nach allen Seiten. Atma trat an die Scheiben, durchspähte den
klaren Abendhimmel und sah in der Richtung auf Westen einen hellen
Fleck seine Bahn ziehen. Ein Flugschiff ... Zu dieser Zeit ... in
dieser Höhe. Es konnte nur von Elkington her kommen. Noch war es Zeit.
In langen Sätzen sprang der Inder die Treppe hinunter und eilte dem
Walde entgegen, wo R. F. c. 1 unter Ranken und Kräutern neuen Flügen
entgegenharrte.

       *       *       *       *       *

R. F. c. 2 hatte Kurs West zu Nordwest. Der Kommandant Charles Boolton
stand am Ausguck. In der Kabine saß Dr. Glossin in einem der leichten
bequemen Korbsessel. Seine Züge trugen die Spuren von Leiden und
Kämpfen, seine Augen waren gerötet. Er machte einen übermüdeten und
übernächtigten Eindruck. Ihm gegenüber in einem zweiten Sessel lag
die zierliche Gestalt Janes, von tiefer Ohnmacht umfangen. In einer
Ecke des Raumes, auf dem Boden, mit starken Stricken schwer gefesselt,
Silvester Bursfeld. Dr. Glossin erhob sich von seinem Stuhl. Langsam,
als ob jeder Schritt ihm Schmerzen bereitete, ging er durch den Raum
auf die Ohnmächtige zu.

Er beugte sich über Jane und fühlte ihren Puls. Mit sanfter Gewalt
brachte er ihre Lippen auseinander und flößte ihr aus einer kleinen
Kristallflasche einige Tropfen einer rot schimmernden Flüssigkeit ein.
Er fühlte, wie der Puls danach stärker ging, wie das Blut die Wangen
der Bewußtlosen leicht rötete. Beruhigt kehrte er zu seinem Platze
zurück und nahm selbst ein wenig von der Flüssigkeit. Dann ruhte sein
Blick lange auf dem gefesselten Silvester.

Bedingungslose Vernichtung hatte Cyrus Stonard befohlen. Den einen der
drei hatte er. Diesmal sollte er der Vernichtung nicht entgehen.

Dr. Glossin überschlug die Zeit. Noch Dreiviertelstunden. Dann war das
Flugsschiff über Montana. Dort am Ostabhange der Rocky Mountains hatte
er einen Schlupfwinkel. Und dann ... dann ging es mit R. F. c. 2 in
sausender Fahrt nach Sing-Sing zurück. Der drahtlose Befehl, die neue
Maschine dort betriebsbereit zu halten, war längst gegeben. Diesmal
sollte die Vollziehung des Urteils schnell und glatt vonstatten gehen.
Ohne Zeugen. Nur er wollte dabei sein und sich überzeugen, daß der
Strom diesmal auch wirklich seine Schuldigkeit tat. Dann war die alte
Scharte ausgewetzt. Dann konnte ihm auch Cyrus Stonard keinen Vorwurf
mehr machen.

Dr. Glossin lächelte befriedigt. Die Arznei hatte ihn körperlich
erfrischt. Die Hoffnung, daß seine Pläne schnell zu glücklichem Ende
kommen würden, stärkte ihn.

Sein Gedankengang wurde unterbrochen. Er hörte, wie der Kommandant in
das Telephon nach dem Motorraum sprach. R. F. c. 2 flog mit voller
Besatzung. Es hatte außer dem Kommandanten noch einen Ingenieur und
zwei Motorwärter an Bord.

Der Kommandant sprach dringlich:

»Die Umdrehung beider Turbinen ist von 8000 auf 5000 gefallen und fällt
dauernd weiter. Was ist bei Ihnen los?«

Dr. Glossin wurde aufmerksam. Jetzt irgendein Motordefekt. Ein Versagen
der Turbinen. Das konnte seine Pläne stören.

Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Die Spitze neigte
sich etwas nach unten, und im Gleitfluge stieg es aus der gewaltigen
Fahrthöhe hinab. Die Tür des Motorraumes öffnete sich. Der Ingenieur
trat herein. Den Lederanzug bespritzt, Spuren von Ruß und Öl an den
Händen.

»Mr. Boolton, beide Maschinen stehen. Sie drehen sich nur noch, weil
der Luftzug die Schrauben rotieren läßt. Die Maschinenkraft ist weg.«

Der Kommandant fuhr auf, wie eine gereizte Bulldogge.

»In drei Teufels Namen, Wimblington, wollen Sie uns bis auf die Knochen
blamieren? R. F. c. 2 ist das beste Schiff unserer Flotte. Bringen Sie
die Maschinen in Gang, oder ich bringe Sie vor das Kriegsgericht.«

Der Ingenieur eilte in den Turbinenraum zurück. Er vergaß es, die Tür
hinter sich zu schließen. Das Geräusch von allerlei Werkzeugen und
Hantierungen drang in die Kabine. Derweil ging das Flugschiff ohne
Motorkraft unaufhaltsam im Gleitflug zur Erde. Nur noch zehn Minuten,
und es mußte landen, wenn die Maschinenkraft nicht wiederkam.

Der Ingenieur erschien wieder im Raum.

»Herr Kapitän, der Fehler sitzt in den Zündanlagen. Die Maschinen
bekommen keinen Zündstrom.«

Der Kommandant wurde blaurot im Gesicht.

»In Satans Namen, Herr, Sie sollen die Maschinen in Gang bringen. Sie
werden erschossen, wenn wir notlanden müssen.«

Mit der unangenehmen Aussicht auf den Tod durch eine Kugel verließ
Wimblington den Raum. Die Dinge erfuhren dadurch keine Änderung. Die
Maschinenkraft blieb aus. Der Gleitflug in die Tiefe dauerte an. Schon
befand sich R. F. c. 2 in einer dichten Atmosphäre, nur noch 3000 Meter
über dem Boden. Noch vor kurzem waren die Sonnenstrahlen vom Westen
her klar und kräftig in den Raum gefallen. Jetzt nicht mehr dreißig,
sondern nur noch drei Kilometer hoch, war das Schiff bereits im
Dämmerschatten der Erde. Kommandant Boolton durchspähte zähneknirschend
die Gegend und suchte einen passenden Landungsplatz für das Schiff.
Er bemerkte, daß es ihm gerade noch möglich sein würde, über einen
Hochwald hinwegzukommen und auf einer mäßig großen grasbestandenen
Lichtung niederzugehen.

Die Aufregung des Kommandanten hatte sich auch Glossin mitgeteilt.
Unruhig lief er mit kurzen Schritten in der Kabine hin und her.
Sein Blick fiel auf Silvester Bursfeld. Der Gefangene hatte sich
herumgeworfen, so daß er Jane sehen konnte, die immer noch in leichtem
Schlummer lag. Die Blicke Glossins und Logg Sars trafen sich, und
Schrecken kroch dem Doktor an das Herz.

In diesem Augenblick fühlte er, daß der Motordefekt keine zufällige
Panne war. Er fühlte es, daß die unheimliche, unbekannte Macht wieder
hinter ihm her war. Er hätte einen Eid darauf geschworen, daß dieselbe
Kraft, die damals die Maschine in Sing-Sing lähmte, jetzt auch die
Turbinen des Rapid Flyers in ihrer Arbeit anhielt. Mechanisch faßte er
nach der Tasche, welche die kleine wirksame Schußwaffe barg.

R. F. c. 2 setzte auf die Grasnarbe auf. Mit vollendeter Steuerkunst
hatte Kommodore Boolton das Schiff noch über die letzten Hochstämme
des Waldes gebracht. Unmittelbar am Waldrande kam es zur Ruhe und
wurde von den Schatten der schnell wachsenden Dämmerung umfangen.
Boolton ließ das Steuer los und drehte sich um, als ein Geräusch seine
Aufmerksamkeit fesselte. Wie zur Salzsäule erstarrt blieb er stehen und
stierte durch die Seitenscheiben.

Ein zweites Flugschiff schoß aus der Höhe hinab, gewann Gestalt und
legte sich kaum hundert Meter von R. F. c. 2 entfernt auf den Rasen.
Das von Minute zu Minute unsicherer werdende Licht der Dämmerung
genügte noch, um die Formen erkennen zu lassen.

Kommodore Boolton fand zuerst die Sprache wieder.

»Ich will des Teufels Großmutter heiraten, wenn es nicht R. F. c. 1
ist. Es fliegt kein anderer Bau von der Sorte in der Welt. R. F. c. 3
ist noch in der Montage.«

Der Kommandant hatte seinen Ärger vergessen. Die Neugier, wie R F.
c. 1 hier plötzlich auftauchen könne, überwog alle anderen Gefühle.
Dr. Glossin stand da, die Hand an der Schußwaffe, und blickte auf das
fremde Schiff.

Dort drüben regte sich nichts. Unheimliche Ruhe herrschte. Kommodore
Boolton brach das Schweigen.

»Was brennt hier! Habt ihr Feuer an den Maschinen?«

Er schrie es nach dem Turbinenraum hin.

Auf die Antwort brauchte er nicht zu warten. Dicht neben ihm öffnete
sich die massive Metallwand von R. F. c. 2. Das Metall glühte eine
Sekunde hellrot, die nächste grellweiß und versprühte dann als Dampf.
Noch bevor es Zeit hatte, zu schmelzen und wegzufließen. Die innere
Holzbekleidung flammte einen kurzen Moment, aber auch sie versprühte
und verschwand, bevor es zu einem richtigen Feuer kommen konnte. Nur
ein letzter Brandgeruch machte sich bemerkbar.

Schon war die dem neuen Flugschiff zugekehrte Seitenwand von R. F. c. 2
in der Größe mehrerer Quadratmeter verschwunden.

Kommodore Boolton sah, wie sein gutes Schiff sich vor seinen Augen in
Dampf und Nichts auflöste. Mit geballten Fäusten stürzte er erbittert
auf die entstandene Öffnung zu.

... Und geriet in den sengenden Strahl der telenergetischen
Konzentration. Im Augenblick flammten die Kleider an seinem Leibe auf.
Er wollte zurück und war doch schon tot, verbrannt, in rotglühende
Kohle und stäubende Asche verwandelt, bevor noch der Gedanke, daß er
bedroht sei, in seinem Gehirn Wurzel fassen konnte.

Die Flamme des Strahlers fraß weiter. Schon lag die Kabine bloß. Jetzt
versprühte die dem Angreifer zugekehrte Wand des Motorenraumes.

Ingenieur Wimblington war nicht gewillt, seine Maschinen ruinieren
zu lassen. Seine Rechte fuhr nach der Tasche. Schon lag die
Präzisionsschußwaffe in seiner Faust. Prasselnd schlugen die Geschosse
gegen die Flanken von R. F. c. 1.

Das erste ... das zweite ... das dritte ... das vierte ging darüber
hinweg, denn der feurige Strahl faßte den Ingenieur, fraß die Waffe in
seiner Hand, fraß die Hand und fraß ihn selbst, bevor er ein fünftes
Mal abdrücken konnte.

Mit aufgehobenen Händen sprangen die Monteure durch die Öffnung ins
Freie.

Der eine zersprühte und verglühte im Augenblick des Absprunges. Den
zweiten traf der Strahl in der Zehntelsekunde, die er in der Luft
schwebte. Etwas weiße Asche fiel auf den Rasen.

Dr. Glossin hatte die Katastrophe im Motorenraum nicht gesehen.
Mit Aufbietung aller Kräfte hatte er in diesen Sekunden die
Verschlußschrauben gelöst, die die Tür auf der Backbordseite des
Flugschiffes verschlossen hielten.

Mit einem Sprunge riß er Jane an sich. Mit einem Ruck hatte er auch die
Schußwaffe wieder zur Hand.

Der Schuß blitzte auf. Aus nächster Nähe war die Waffe auf Silvester
gerichtet.

Schmerzlich zuckte der Getroffene zusammen. Eine kräftige
Abwehrbewegung mit den eng gefesselten Händen brachte den Doktor ins
Wanken. Er wäre gestürzt, hätte er nicht im letzten Moment die Waffe
fallen lassen und sich an den Türpfosten geklammert.

Jetzt zeigte sich die Kraft, die in diesem mißgestalteten Körper
vorhanden war.

Die bewußtlose Jane noch immer auf dem Arm, glitt Glossin von der
Plattform der Kabine auf der Backbordseite zum Flugschiff hinaus und
lief auf den Wald zu.

Im gleichen Augenblick, in dem Atma R. F. c. 1 verließ und in
langgestreckten Sätzen auf R. F. c. 2 zustürmte. Als Glossin auf der
Backbordseite den Boden berührte, sprang Atma auf der Steuerbordseite
in das Schiff.

Er sah Silvester gefesselt und durchschnitt die bindenden Stricke
gedankenschnell. Er ließ den Strahler in Silvesters Hände fallen, glitt
im selben Moment schon zur anderen Seite des Flugschiffs hinab und
stürmte dem Walde zu.

Es war hohe Zeit. Nur noch undeutlich schimmerte Janes weißes Kleid
durch die Stämme. Dr. Glossin hatte einen bedeutenden Vorsprung, und
die Schatten der Dämmerung wuchsen von Sekunde zu Sekunde. Aber Dr.
Glossin war alt, und Atma war jung, Dr. Glossin trug eine schwere Last
auf seiner Schulter, und Atma war ungehindert.

Der Vorsprung Glossins nahm von Minute zu Minute ab. Durch das Stoßen
und Schütteln des Laufes war Jane wieder zum Bewußtsein gekommen und
sträubte sich mit allen Kräften. Sie schlug auf den Arzt ein, warf sich
wild zurück und hinderte ihn schwer.

Schon hörte er den keuchenden Atem des Inders hinter sich. Da packte
ihn die Todesfurcht. Das Verhängnis kam hinter ihm. Nur noch einmal
entrinnen!

Eine kleine Schlucht öffnete sich vor ihm. Er ließ Jane zu Boden
gleiten, sprang in die Tiefe und lief die Bodenfalte entlang. Hier
herrschte schon Dunkelheit. In seiner dunklen Kleidung war er in dem
dichten Unterholz nicht mehr zu sehen. Vorsichtig schlich er von Baum
zu Baum weiter, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden.

Atma war bei Jane stehengeblieben. Vorsichtig hob er sie auf, trug und
führte sie aus dem Walde auf das freie Feld zurück, brachte sie sicher
in die Kabine von R. F. c. 1 und sah dann nach Silvester.

Der lag ohnmächtig in sich zusammengesunken. Der Strahler war seinen
Händen entfallen. Aus der Wunde strömte das Blut.

Atma kam nicht zu früh. Das Messer, welches vor kurzem die Fesseln
durchschnitt, zertrennte jetzt die Gewandung. Die getroffene Seite
lag bloß. Eine Schlagader war verletzt. Im Rhythmus des Herzschlages
spritzte der rote Lebenssaft.

Es dauerte geraume Zeit, bis Atma des Unheils Herr wurde. Endlich stand
die Blutung.

Die Wundränder schlossen sich. Vorsichtig trug Atma seinen
Jugendgespielen in das andere Schiff und bettete ihn mit unendlicher
Sorgfalt.

Jetzt wußte Atma den Freund und das Mädchen geborgen. Seine Gestalt
straffte sich, und mit dem Strahler in der Hand wandte er sich dem
Walde zu. In der letzten Dämmerung des entschwindenden Tages stand dort
die Ruine von R. F. c. 2.

Der Strahler wirkte. Jetzt brauchte der Inder nicht mehr so sorgfältig
zu zielen und zu konzentrieren. Mit Gewalt explodierten zehntausend
Kilowatt in dem Wrack. Im Augenblick glühte der ganze Rumpf hellrot
auf. Schnell wuchs die Hitze zu blendender Weißglut. Das Aluminium des
Körpers begann zu brennen. Millionen von Funken und Sternchen warf die
glühende Masse nach allen Seiten in die Luft. Dann floß sie zusammen.
Eine einzige Lache geschmolzener Tonerde, wo noch vor kurzem ein
vollendetes Meisterwerk menschlichen Erfindungsgeistes gestanden hatte.

Atma stellte den Strahler ab. Aber die hellrot glühende Schlackenmasse
da drüben gab noch nicht Ruhe. Die Flammen sprangen auf den Waldrand
über. Das dürre Gras brannte, einige Grenzbäume fingen Feuer.

Atma sah das Schauspiel, ohne etwas dagegen zu tun.

Mit schnellen Griffen ließ er die Turbinen von R. F. c. 1 angehen. Der
Rapid Flyer stürmte in die Höhe. Weit hinter ihm lag der brennende
Wald. Atma sah es und lächelte.

»Wenn der Wind gut steht, Glossin, dann lernst du diese Nacht doch
noch ...«

Der Rest erstarb im Brausen der Turbinen.

Atma trat an die Steuerung und setzte das Schiff auf reinen Nordkurs.
Der Weg gerade über den Pol blieb der sicherste.

Auf der Wiese vor dem Herrenhause in Linnais setzte R. F. c. 1 leicht
und beinahe erschütterungsfrei auf. Mit starken Armen trug Erik Truwor
den wunden Freund in sein Heim, während Jane am Arm Atmas folgte.

Und dann kamen Tage banger Sorge. Die Verwundung Silvesters war nicht
lebensgefährlich. Die Kugel Glossins war an einer Rippe abgeglitten und
hatte nur eine Fleischwunde verursacht.

Bedenklicher war das hohe Fieber. Der alte Arzt aus Linnais schüttelte
ratlos den Kopf. Keine Wundinfektion, glatt fortschreitende Heilung der
Verletzung und trotzdem diese Fieberschauer, die den Kranken bis an den
Abgrund der Vernichtung führten. Seine Kunst und sein Latein waren hier
zu Ende.

Lange Tage und kurze, hell dämmernde Nächte folgten aufeinander, in
denen Jane nicht vom Lager Silvesters wich, Atma sich mit ihr in die
Pflege teilte. Atma, der die Dinge anders ansah als der schwedische
Arzt. Atma, der die wildesten Fieberträume Silvesters beruhigte, wenn
er ihm die Hand auf die Stirn legte.

»In der fünften Nacht wird die Entscheidung fallen.«

Atma hatte es Erik Truwor zugeflüstert, als sie den Verwundeten aus dem
Rapid Flyer trugen und auf sein Lager betteten. Jane hatte die Worte
gehört, so leise sie auch gesprochen wurden.

Heute war die fünfte Nacht. In dem verdunkelten Zimmer saß Jane am
Lager Silvesters und bewachte jede Regung des Kranken.

Es war nach Mitternacht, und das fahle Licht des jungen Tages dämmerte
durch die Schatten des Zimmers. Mit Angst und Freude bemerkte Jane
eine Veränderung in den Zügen Silvesters. Es zuckte leise darin. Die
geschlossenen Augenlider schienen sich heben zu wollen. Der Körper
machte schwache Bewegungen.

War das der Tod? Oder war es Erwachen zu neuem Leben?

Die Sorge überwältigte Jane. Sie wollte Atma rufen, doch die Stimme
versagte ihr. Rückhaltlos überließ sie sich den Gefühlen, die in ihr
stürmten. Sie umschlang Silvesters Hals, sie flüsterte ihm zärtliche
Worte zu und drückte ihre Lippen auf seine Stirn. Alle Instruktionen
des Arztes, alle Weisungen Atmas waren in diesem Augenblick vergessen.

»Silvester, verlaß mich nicht! Silvester, bleibe bei mir!«

War es der Klang ihrer Stimme so nahe an seinem Ohr? Einen Augenblick
hob er die Augenlider, als suche er mit Gewalt die Umgebung zu
erkennen. Dann schlossen sie sich wieder. Der Kopf sank tiefer. Er lag
ganz still und regungslos.

»Silvester!«

Ein Schrei aus tiefster Not war es. Leise sank sie neben dem Bett auf
die Knie und vergrub das Antlitz in ihre Hände.

Atma war in das Zimmer getreten. Seine Augen ruhten forschend auf den
Zügen Silvesters.

»Die Seele ist stärker als der Tod ... Er ist gerettet.«

Er murmelte es leise und trat zurück.

Von neuem öffnete der Kranke die Augen. Diesmal viel freier und
leichter. Und sah mit freudvollem Staunen den blonden Kopf an seiner
Brust, dessen Antlitz ihm verborgen war.

»Wer ... Was ist ...«

Jane war aufgesprungen.

»Er lebt, er wird leben!«

Noch erkannte Silvester sie nicht.

»Wer ist ... wer bist ...«

»Jane, deine Jane bin ich ... Jane ist bei dir! Gott hat uns wieder
vereinigt.«

Der Schimmer des Verstehens, des Wiedererkennens flog über die Züge
Silvesters.

»Jane?«

»Ja, deine Jane ... für das ganze Leben!«

»Jane! ... Jane!« ... Er wiederholte den Namen, als gewähre ihm das
Aussprechen höchste Seligkeit. Er hob die Arme und legte sie um Janes
Hals. Er zog ihr Haupt zu sich und lehnte seine Wange an die ihre.

»Meine Jane«, sagte er so leise, daß sie wohl bemerken konnte, wie die
körperliche Schwäche ihn zu übermannen drohte.

»Vor Gott schon lange und jetzt auch vor den Menschen.«

Seine Augen schlossen sich wieder, aber das selige Lächeln blieb auf
seinen Lippen. Schnell und sanft schlummerte er ein.

Mit unhörbaren Schritten trat Atma neben Jane.

»Dein Geliebter schläft. Die Gefahr ist vorüber. Du armes Kind mußt
auch ruhen. Komm und laß mich allein mit Silvester. Zur rechten Zeit
will ich dich rufen.«

»Er schläft, er ist gerettet!« wiederholte Jane. Sie sprach es leise.
Einen langen Blick warf sie auf den ruhig Schlummernden und folgte dem
Inder.

Nachdem die Krisis überstanden, die Kraft des Fiebers gebrochen war,
machte die Genesung Silvesters schnelle Fortschritte. Schon am dritten
Tage ging er an Janes Arm über die Wege des parkartigen Gartens, der
das Herrenhaus umschloß, und jede Stunde des Tages war eine Stunde
des Glücks für die Liebenden. Nach einer Woche wagten sie es, den
Pfad zum Ufer des Torneaelf zu wandern, berückt und entzückt von der
romantischen Schönheit dieser wunderbaren Landschaft. Ein unendliches
Glücksgefühl durchflutete ihre Herzen. In dem dichten Grase am Flußufer
ließen sie sich nieder. Silvester lehnte seinen Kopf in Janes Schoß und
schloß tief atmend die Augen.

»Wenn ich deine liebe Gestalt nicht fühlte, möchte ich glauben, es wäre
nur ein schöner Traum, und würde den Himmel bitten, daß er mir ein Ende
fände. Jane, du bist bei mir«, er zog ihre Hände an seine Lippen und
küßte sie. »Die guten Feenhände, ihnen verdanke ich mein Leben.«

»O Silvester, wie gern wäre ich für dich gestorben, hätte mein Tod dir
Rettung bringen können. Du hast so vieles, wofür du leben mußt. Ich
habe nichts als dich. Was sollte aus mir werden, wenn ich dich nicht
hätte.«

Ihre Arme umschlossen den Geliebten. Ihre Augen versenkten sich
ineinander ... ihre Lippen fanden sich in einem langen, langen Kuß.



Teil III.


»Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens ...«

Es war Geburtstag im Hause Termölen. Das Geburtstagskind Andreas
Termölen trug seine acht Jahrzehnte, so gut ein Mensch sie zu tragen
vermag. Schon am Vormittag hatte er den Festrock aus feinem schwarzen
Tuch angelegt. Die Kriegskreuze aus dem großen Kampfe von Anno 14 bis
18 schimmerten auf der linken Brustseite.

Das volle, weiße Haar, der starke Schnurrbart gaben dem Gesicht einen
energischen Zug. Doch die Jahre machten sich fühlbar. An der Seite
seiner Luise, der fünf Jahre jüngeren Gattin, hatte der Jubilar in den
Vormittagsstunden die Schar der Gratulanten empfangen. Die Wirtz, die
Schmitz, die Raths und wie sie alle hießen. Der Duft von Blumenspenden
erfüllte das Wohnzimmer. Der Alte hatte sich aufrechtgehalten. Mit
alten Freunden und Kriegskameraden geplaudert und ein Gläschen
getrunken.

Danach das Mittagsmahl. Nur zu zweit mit seinem Luischen, die mit ihm
jung gewesen und alt geworden war. Da spürte er die Anstrengungen des
Tages. Die Hände zitterten mehr als gewöhnlich. Der Rücken schmerzte
ein wenig.

Besorgt betrachtete ihn die Gattin.

»Es is also, als et Bismarck schon gesacht hat. Die ersten Siebenzig
sind alleweil die besten. Da is nichts dran zu ändern, Luische.« So
suchte er die Sorge der Gattin fortzuscherzen. Und war doch froh, als
er sich nach geschehener Mahlzeit behaglich in dem alten Ledersessel
ausstrecken konnte. Da konnten sich die alten Glieder wohlig ruhen und
lösen.

Die Termölensche Ehe war kinderlos. Die Liebe der alten Leute betätigte
sich an Neffen und Nichten. Auch an der dritten Generation, die zum
größten Teil schon erwerbstätig im Leben stand.

Der alte Mann wollte sein Schläfchen machen. Aber die Anregungen und
Ungewohnheiten des Tages wirkten nach. Er war zu aufgeregt dazu.

»Wat meinst du, Luischen, ob de Jong, de Willem, hüt von Essen
röwerkütt?«

»Ich mein, er wird schon komme, wenn er Zeit hat.«

Die Zwiesprach galt dem Oberingenieur Wilhelm Lüssenkamp von den
Essener Stahlwerken. Der stand nun auch schon im fünfzigsten
Lebensjahre. Aber für die beiden Alten blieb er nach wie vor »de Jong,
de Willem«.

Der Alte sann einige Zeit über die Antwort nach.

»Wenn er Zeit hat. Et jibt jetzt mächtig zu don. Et jibt bald Krieg.
Engländer und Amerikaner. Et soll mich freuen, wenn dat Volk sich
ordentlich de Köpp zerschlägt.«

Dann sprangen seine Gedanken zu einem anderen Gegenstand über.

»Wer hätt dat jedacht, Luische, dat aus unserer Reisebekanntschaft auf
dem Schiff ... damals hinter Bonn ... dat daraus wat Ernstlichet werden
wird. Ich han mir nachher jedacht, die jungen Leut' müßten mich für
'nen alten Schwefelkopf halten. Und da kütt dann en Brief aus Amerika.
Un dann noch einer aus Schweden. Dat muß ich nochmal lesen.«

Frau Luise Termölen brachte die Briefe. Der alte Mann versuchte zu
lesen. Die Hand war zu zitterig, und die Schrift verschwamm ihm vor den
Augen.

»Lis du es jet, Luische. Du hast jüngere Augen.«

Frau Luise setzte sich zurecht und las die fünfzigmal gelesenen Briefe
zum einundfünfzigstenmal.


            Trenton, den 14. Dezember 1953.

        Geehrter Herr Termölen!

Ein wunderbarer Zufall hat es gefügt, daß die Hinweise, die Sie mir
vor Jahresfrist gaben, mir wirklich ziemlich vollkommene Klarheit über
meine Herkunft gebracht haben. Ich bin, wie Sie aus dem Poststempel
ersehen können, in Trenton. In denselben Staatswerken, in denen auch
Frederic Harte bis vor zwei Jahren seine Stellung bekleidete. Er
verlor sein Leben bei einem Unfall. Aber seine Witwe weiß über die
Schicksale der einzelnen Familienmitglieder gut Bescheid. Ich habe
Frau Harte und ihre Tochter Jane kennen und schätzen gelernt. Nach den
langen Unterhaltungen, die ich mit Frau Harte hatte, ist es für mich
Gewißheit, daß ich der Sohn von Gerhard Bursfeld bin, der im Herbst
1922 in Mesopotamien verschollen ist. Zeit und Ort stimmen genau mit
den Angaben, die mir von anderer Seite her über das Verschwinden meines
Vaters bekannt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Deutsche an
derselben Stelle zur selben Zeit in dieser Weise verschwinden sollten,
ist praktisch gleich Null. Auch Frau Harte bestätigte die Ähnlichkeit
mit Gerhard Bursfeld, von dem sie gute Bilder besitzt. Ich darf Sie
danach auch als meinen Verwandten betrachten und begrüße Sie als

        Ihr dankbarer

            Silvester Bursfeld.


Der Brief war an den Kniffstellen mehrfach eingerissen und trug die
Spuren häufiger Lektüre.

»Wer hätte dat jedacht, Luische, dat die Menschen sich auf Jottes
weiter Welt so zusammenfinden. Laß mich och den zweiten Brief hören.«

Frau Luische rückte die Brille zurecht und las weiter. Der andere Brief
war neuesten Datums.

            Linnais, den 5. Juli 1955.

        Mein lieber Herr Termölen!

Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt und verdanke Ihnen, daß
ich es bin. Hätten Sie mir damals nicht die Nachweise gegeben, wär ich
nie zu Mrs. Harte gekommen. Dann wäre Jane Harte auch nicht meine liebe
Braut und in zwei Stunden mein angetrautes Weib. Es treibt mich, Ihnen
von meinem Glück Kenntnis zu geben. Heute nachmittag gehen wir auf die
Hochzeitsreise. Italien, Griechenland, Ägypten bis zu den Pyramiden.
Jane kennt die Alte Welt noch nicht. Sie hat immer in Amerika gelebt.
Auf der Rückreise wollen wir Sie besuchen. Ich lade mich und meine
junge Frau auf die Mitte des Monats für ein paar Tage bei Ihnen zu
Gaste. Durch Jane, die es von ihrer Mutter weiß, erfuhr ich, daß Sie
am 8. Juli Ihren achtzigsten Geburtstag feiern. Wir gratulieren dazu
von den Ufern des Torneaelf her und werden unsere Glückwünsche bald
mündlich wiederholen.

Ich bleibe

        Ihr ergebenster ...


Frau Luise blickte von ihrer Lektüre auf. Nun war der alte Mann doch
eingeschlafen. Die Natur verlangte ihr Recht. Sie ließ ihn ruhig
schlummern und bereitete leise den Kaffeetisch für den Nachmittag.
Der Junge, der Wilhelm, wurde ja erwartet. Vielleicht kamen auch noch
andere Gäste. -- -- --

       *       *       *       *       *

Die Hausglocke erklang. Andreas Termölen fuhr aus seinem Schlummer
empor. Eine kräftige männliche Stimme im Vorraum. Wilhelm Lüssenkamp
trat in das Zimmer. Der blonde Rheinländer begrüßte den alten Oheim
herzlich und brachte ihm seine Gabe dar. Einen Korb mit Rosen, zwischen
denen die rotgekapselten Hälse von einem Dutzend guter Flaschen
verheißungsvoll blinkten.

»Alter Wein für alte Leute, Onkelchen. Meine besten Glückwünsche. Lange
kann ich nicht bleiben. Wir arbeiten mit Nachtschicht. Mit List und
Tücke bewog ich den Kollegen Andriesen, mich über den Nachmittag zu
vertreten. Erwischte einen freien Werkflieger, der mich bis Düsseldorf
mitnahm, und da bin ich.«

Andreas Termölen ließ den Wortschwall über sich ergehen. Drückte die
Hände seines Neffen herzlich und lange.

»Et freut mich, Jong, dat du noch auf en paar Stündchen den Weg zu
deinem alten Ohm jefunden hast. Dafür sollst du och dat erste Stück vom
Kuchen haben.«

Sie setzten sich an den Kaffeetisch, griffen zu und ließen sich
schmecken, was Frau Luise darbot.

In die idyllische Ruhe dieses stillen Heims kam Wilhelm Lüssenkamp aus
dem sausenden Getriebe der großen Essener Stahlwerke. Kam, brachte die
Unrast und Anspannung harter Arbeit mit, und fand bei dem alten Manne
freudiges Verständnis. Bis vor fünfzehn Jahren hatte Andreas Termölen
selbst eine leitende Stellung in der rheinischen Stahlindustrie
bekleidet. Er wußte, was es bedeutet, den Gang der Schmelzöfen zu
überwachen und Abstich auf Abstich in die Kokillen zu bringen. Begierig
lauschte er den Erzählungen des Neffen.

Daß das Werk im Laufe der letzten vierzehn Tage die Zahl der Stahlöfen
verdreifacht habe. Tag und Nacht wurde mit riesenhaft vermehrtem
Personal gearbeitet. Eben trocken, wurden die Ofen schon in Betrieb
genommen. Vorsichtig begann die Beheizung. Die Gasanlage war Gott sei
Dank auf Zuwachs gebaut und lieferte den nötigen Brennstoff.

War nach vierundzwanzigstündiger Beheizung die letzte Spur von
Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk getrieben, dann wurde der volle
Flammenstrom angestellt. Dann stieg die Hitze im Ofeninnern in
wenigen Stunden auf grelle Weißglut. Dann warfen die Maschinen Charge
auf Charge in den Ofen. Gußbrocken, Schmiedeeisen und alle anderen
Rohstoffe, aus denen in der Höllenglut der edle Stahl gekocht wurde.

Der warme Betrieb mußte Tag und Nacht durchgehen, weil man die Öfen
nicht einfrieren lassen durfte. Aber er ging jetzt forciert. Er war
schon verdreifacht und sollte noch einmal verdreifacht werden.

»Wat soll dat all? Wo wollt ihr mit der Unmasse Stahl hin?«

Wilhelm Lüssenkamp zuckte mit den Achseln.

»Nicht meine Sorge, Ohm. Das Schmelzwerk hat den Auftrag, soviel Stahl
wie möglich zu liefern. Wenigstens aber eine Million Tonnen im Jahr.
Da heißt es: Anbauen und sich dranhalten. Übrigens ... ich verrate
damit kaum ein Geheimnis: Es ist stadtbekannt, daß die Amerikaner
unmenschliche Stahlmengen für ein Sündengeld fest gekauft haben und in
Deutschland stapeln.«

»Et jibt Krieg, Jung. Ick hab dat schon vorher jesagt.«

»Kann sein, Onkel Andreas. Es sieht so aus, als ob John Bull und Uncle
Sam sich an die Kehle wollen. Der Amerikaner kauft Stahl. Der Engländer
interessiert sich mehr für fertige Sachen. Im Motorenraum, unsere
neuen Turbinen ... ich will mich nicht rühmen ... aber die haben's in
sich und haben's auch den Englischen angetan. Bei den Probefahrten
haben wir zwölfhundert Kilometer geschafft. Die bis jetzt schnellsten
Maschinen, das ist die amerikanische R. F. c.-Type. Tausend Kilometer.
Von uns um zweihundert Kilometer geschlagen. Der englische Kapitän,
der eine Probefahrt mitmachen durfte, war einfach platt. Steckte die
Entfernung zwischen Fredericsdal an der grönländischen Südspitze und
der Wendemarke auf der Azoreninsel immer wieder auf dem Globus ab und
schüttelte den Kopf. Seitdem sind die Engländer scharf hinter den
Turbinen her. Zehntausend Stück sofort in festen Auftrag.«

Wilhelm Lüssenkamp ließ den Blick auf den Kriegsorden des Oheims ruhen.

»Du hast die alten Denkzeichen angelegt?«

Er beugte sich vor und ließ einzelne Spangen der Dekoration durch die
Finger gleiten.

»Sommeschlacht ... Verdun ... Kemmelberg ... Ypern ... Dixmuiden ...
Chemin des Dames ... blutige Orte. Nach dem, was wir schon als Kinder
hörten, muß es da böse zugegangen sein.«

Der alte Mann nickte zustimmend.

»Jong, et is jetzt vierzig Jahre her. Aber die Tage stehen mir noch wie
heute vor dem Gesicht. Manchmal scheint et mir noch heut unglaublich,
dat ich damals am Leben geblieben bin ... Et war die Hölle. Et war
mehr als die Hölle.« Der Alte schwieg, von der Erinnerung ergriffen.
Der Neffe nahm das Thema auf.

»Es war schlimm, Onkel Andreas. Aber jetzt kommt es noch viel
schlimmer. Der Krieg, der uns bevorsteht, wird das Entsetzlichste, was
die Welt jemals gesehen hat. Dreihundert Millionen Nordamerikaner gegen
siebenhundert Millionen Britten. Die Industrie der Erde schon jetzt
keuchend in voller Kriegsarbeit. Neue Mittel, neue Mordmethoden, von
denen die meisten Menschen heute noch keine Ahnung haben. Aber ... es
geht nicht um unsere Haut. Die beiden Weltmächte, die übriggeblieben
sind, schneiden sich die Kehle ab. Niemand kann die Katastrophe
aufhalten. Sie ist unabwendbar. Wenn sie nicht morgen kommt, dann
übermorgen. Aber sie kommt. Ich glaube nicht, daß wir noch im Frieden
den Kornschnitt erleben. Nach meiner Meinung muß der amerikanische
Diktator ganz plötzlich und unvermutet losschlagen, wenn er die
besseren Chancen auf seine Seite bringen will.

Die Engländer sprechen seit fünfzig Jahren vom ~Saxon day~. Ich meine,
er steht dicht vor der Tür, und kein Mensch kann das Verhängnis
aufhalten.«

»Kein Mensch ...«

Der alte Mann wiederholte es nachdenklich.

»Sie haben et nicht verdient, dat wir ihnen eine Träne nachweinen. Laßt
sie sich meinetwegen die Hälse abschneiden ... janz wat anderes, Jung'!
In zehn Tagen jibt et bei uns Besuch. Einer von den Bursfelds. Ich hab
dir ja erzählt, wie wunderlich wir ihn entdeckt haben. Seine Jroßmutter
war meine Schwester. Eine Schwester deiner Mutter. Er wird uns mit
seiner jungen Frau besuchen. Sieh, dat du in den Tagen auch mal zu uns
kommst.«

Wilhelm Lüssenkamp versprach es. Sah auf die Uhr und bemerkte, daß
es die höchste Zeit zum Aufbruch sei. Er mußte eilen, wenn er sein
Flugzeug an der verabredeten Stelle treffen wollte. Die siedende Arbeit
rief ihn zurück, fort aus dieser ruhigen Feierstimmung, in die Gluten
und zu den rasselnden Maschinen industriellen Hochbetriebes.

       *       *       *       *       *

Glockengeläut klang vom Turm der alten Kirche von Linnais. Über die
sonnenbeschienenen Dächer des Ortes, über bestellte Felder, die
in kurzen Sommerwochen spärlichen Ertrag brachten, zogen die Töne
dahin, das Tal des Torneaelf entlang und verloren sich schließlich in
bläulicher Ferne zwischen den föhrenbestandenen Ufern.

In der Kirche herrschte gedämpftes Licht. In hundert Farben spielte
es durch die bunten Fenster. Die Kirche fast leer. Nur einige
zwanzig Personen auf den dreihundertjährigen Eichenbänken und in den
Chorstühlen.

Die Orgel setzte ein. Die Klänge des Chorals drangen durch den Raum. Es
war der Hochzeitstag Silvesters. Der Tag seiner Vereinigung mit Jane.

Die Orgel schwieg. Der alte Geistliche segnete den Bund. Jane im weißen
Kleide, den Myrtenkranz im lichtblonden Haar, ätherisch zart. Sie glich
den Engelsgestalten, welche die Kunst eines alten Meisters über dem
Altar geschaffen hatte. Silvester, den Arm nach der Verwundung noch in
der Binde, aber froh und glücklich.

Dicht hinter dem Paar die beiden Zeugen der Zeremonie: Erik Truwor und
Soma Atma.

Der Inder ruhig, in sich versunken. Der freie Ritus der Zeit erlaubte
es ihm, hier als Zeuge zu dienen. Seine Gedanken weilten bei den Lehren
der eigenen Religion. An das Rad des Lebens dachte er, an das wir alle
gebunden sind. An das Kämpfen und Leiden aller Kreatur, die erst nach
tausendfacher Wiedergeburt und Bewährung zur ewigen Seligkeit des
Nirwana eingehen darf.

Erik Truwor hoch gereckt. Jede Muskel verhaltene Kraft. Glücklich beim
Glücke des Freundes. Doch schon weitere Pläne erwägend. Ungeduldig über
jede Verzögerung, die seine Lebensaufgabe erfuhr.

Der Priester wechselte die Ringe. Leicht schob sich der goldene Reif
auf den schlanken Finger der Braut. Hart und schwer legte er sich an
Silvesters Hand neben den Ring von Pankong Tzo.

Atma sah es, und seine Gedanken nahmen einen anderen Lauf.

»Wer schon gebunden ist, soll sich nicht nochmals binden. Zwei
Pflichten kann niemand erfüllen, zwei Herren niemand dienen.«

Der christliche Priester sprach milde Worte. Daß sie nun eins seien.
Daß jedes dem anderen gehöre, bis einst der Tod sie scheiden würde.

Atma sah nur die beiden Ringe an Silvesters Hand.

Auch Erik Truwors Gedanken wanderten. Fort aus dem grünen Tale,
nordwärts über brandendes Meer und weite Eisflächen zu verschneiten
Felsen. Nur undeutlich drangen die Worte des Priesters an sein Ohr.
Im Geiste baute er dort nordwärts in eisigen Fernen bereits eine neue
Zufluchtsstätte. Ein neues Heim, unentdeckbar und unangreifbar.

Der Geistliche hatte geendet. Segnend legte er die Hände auf die
Häupter der Neuvermählten. Ein voller Sonnenstrahl fand seinen Weg bis
zum Altar und wob aus goldenem Licht eine Krone auf dem Scheitel der
Braut. Die Orgel fiel wieder ein. Die Feier ging dem Ende zu.

Kraftwagen brachten die Teilnehmer zum Hause Truwor zurück, wo das
Mahl gerichtet war. Gäste aus dem Ort: Der Vogt von Linnais mit seiner
Gattin. Der Königliche Richter. Besitzer freier Bauernhöfe aus der
Umgebung von Linnais mit ihren Frauen.

Eine schwedische Hochzeit mit den alten Sitten und Gebräuchen. Seit
einem Menschenalter hatte die hohe Halle des Hauses so zahlreiche
Gesellschaft nicht mehr beherbergt. Seitdem Erik Truwors Mutter starb
und der Vater nur noch seiner Wissenschaft und seinen Reisen lebte.

Jetzt dröhnte der Dielenboden unter den Schritten kräftiger hoher
Gestalten. Scherzen und Lachen erklangen und verjagten die Geister der
Einsamkeit.

Amtmann Bjerkegrön führte als Respektsperson den Vorsitz und das Wort
an der Tafel. Richter Kongsholm sekundierte ihm vom anderen Ende her.
Es wurde geschmaust und getrunken. Der Amtmann brachte den Toast auf
das junge Paar aus. Der Richter wollte nicht nachstehen und sprach auf
künftige Paare, die in dieser Halle noch Hochzeit halten würden. Der
nächste Bräutigam müsse Erik sein. Seit tausend Jahren stünde Haus
Truwor und sei stets vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Also ...

Er schloß in nicht mißzuverstehender Weise und leerte sein Glas auf die
noch unbekannte Braut.

Um drei Uhr hatte das Mahl begonnen. Um sechs Uhr saß man noch. Viele
Toaste waren ausgebracht, viele Gläser geleert worden. Die Köpfe waren
rot, und die Stimmung ging hoch. Allgemeines Stimmengebraus erfüllte
den Raum. Mancher sprach, um zu sprechen, und achtete nicht sonderlich
mehr darauf, ob er Zuhörer fand.

Erik Truwor hatte in der allgemeinen Lebhaftigkeit unbemerkt seinen
Platz verlassen und sich halb rückwärts hinter Atma einen Stuhl
hingezogen. Der Inder war ruhig und schweigsam wie gewöhnlich. Während
der Richter von künftigen Hochzeiten sprach, ruhte sein Blick auf den
altersbraunen Deckenbalken der Halle. Wieder kam ihm in jener Sekunde
die unheimliche Gabe des Fernsehens, und er glaubte verzehrende Flammen
um das Gebälk lecken zu sehen.

»Dein brauner Kumpan ist schweigsam, Erik. Wir wollen ihm zeigen, was
eine Hochzeit in Schweden ist. Ein Brautführer darf nicht nüchtern
bleiben, wenn er der Braut Ehre machen soll.« Der dicke Vogt rief
es lachend und kam dem Inder mit einem vollen Pokal vor. Atma tat
Bescheid. Dem Vogt und vielen anderen. Nur war der Trunk, der bald
goldglänzend, bald funkelnd wie Rubin in seinem Glase schimmerte, kein
Wein.

Erik Truwor beugte sich vor.

»In dreißig Minuten muß Silvester aufbrechen, wenn er den Anschluß an
die Regierungslinie nach Deutschland erreichen soll.«

»So laß ihn gehen.«

Atma sagte es ruhig und leidenschaftslos.

»Du kennst meine Landsleute nicht. Sie wollen den Brauttanz. Sie wollen
den Schleier der Braut vertanzen, wollen zuletzt aus dem Brautschuh
trinken. Ich bedauere es jetzt, daß ich die alten Freunde und Nachbarn
eingeladen habe. Es gibt Anstoß, wenn das Paar jetzt aufsteht.«

Atma überblickte die Tafel. Sie waren alle in ihrem Element. Der
Richter hielt dem Beisitzer einen Vortrag über einen besonders
interessanten Fall aus der letzten Sitzung. Der Vogt machte der Frau
Amtmann Komplimente. Der Amtmann begann auf die Regierung zu schimpfen.

»Ich muß mit Silvester noch sprechen. Wir haben ihm eine Woche für
seine Hochzeitsreise zugestanden. Ich habe mich besonnen, er mag
vierzehn Tage reisen.«

Atma wandte sich aufmerksam um.

»Warum das? Du wolltest ihn zuerst nur drei Tage entbehren. Er hat dir
die Woche abgerungen. Warum jetzt zwei Wochen?«

»Weil ... ich habe meine Gründe, die ich dir später sagen werde. Ich
muß das Paar jetzt aus dem Saal herausbekommen.«

Atma ließ seinen Blick von neuem über die Tafel gehen. Er erhob sich
und trat an die schmale Wand der Halle. Es sah aus, als ob er dort
irgend etwas erklären oder zeigen wolle.

Schon hoben einige aus der Gesellschaft die Köpfe und blickten
angespannt auf das dunkle Getäfel der Wand. Die Frau Amtmann fiel dem
Vogt ins Wort.

»Sehen Sie ... das herrliche Bild ... ein indisches Schloß, wie es
scheint. Wie wundervoll! Die bunten Kuppeln im stahlblauen Himmel
... unser Erik ist ein scharmanter Gastgeber. Er bietet uns einen
Extragenuß ... Wohl Bilder von seinen exotischen Reisen ...«

Der dicke Vogt hob neugierig den Kopf und folgte der weisenden Hand
seiner Nachbarin. Eben noch schien ihm weißer Nebel über die Wand zu
wallen. Jetzt sah er in strahlender Schönheit den Kaiserpalast von
Agrabad.

Und machte den Nachbarn darauf aufmerksam. Und der den nächsten.
Wie ein Lauffeuer ging es um die Tafel. Die mit dem Rücken gegen
die Schmalwand saßen, drehten sich um. Wo Silvester und Jane nur
das dunkle Getäfel erblickten, schimmerte den andern das wunderbare
Bauwerk altindischer Kunst in strahlender Schöne. Aus dem stehenden
wurde ein bewegtes Bild. Der Palast zog näher heran. Die staubige,
sonnenbeschienene Straße dehnte sich bis in den Saal. Längst hatte
der Richter seinen Prozeß, der Amtmann seinen Zorn auf die Regierung
vergessen. Fasziniert starrten die Gäste auf das Schauspiel an der
Wand. Die Elefanten des Königs kamen. Mit vergoldeten Stoßzähnen und
purpurnen Schabracken.

Es schien ein bunter Film zu sein, wie man ihn in allen Theatern hatte.
Aber ein Film von unerhörter Farbenpracht. Und er blieb nicht an der
Wand. Einzelne Figuren liefen bis weit in den Saal hinein.

Lobbe Lobsen zog seinen Stuhl zurück, weil ein staubiger Pilger ihm
direkt über die Füße lief. Immer wunderbarer wurde es. Atma, der eben
noch in europäischer Kleidung da war, stand plötzlich im exotischen
Gewand unter den Gestalten, begrüßte hier einen, nickte dort einer
Figur zu, wurde gekannt und wieder gegrüßt.

Derweil stand Erik Truwor draußen vor dem Hause am Schlage des
Kraftwagens und tauschte den letzten Händedruck mit dem jungen Paar.

»Reist glücklich! Genießt euren Honigmond! Die letzten drei Tage seid
ihr Gäste im Hause Termölen. Am 19. hole ich dich von der Station der
Regierungslinie ab. ~Farewell!~« Der Motor sprang an. Der Führer mußte
sich eilen, um das Regierungsschiff nach Deutschland noch im Flughafen
zu fassen.

Erik Truwor kehrte langsam in die Halle zurück. Er fand Atma
ruhig auf einem Sessel an der Schmalwand der Halle sitzend. Die
Hochzeitsgesellschaft starrte mit aufgerissenen Augen auf diese Wand,
als ob dort ein besonderes Schauspiel zu erblicken wäre. So ähnlich
mußten wohl die Studenten in Auerbachs Keller ausgesehen haben, als
Mephisto ihnen edle Weine aus dem trockenen Holz des Tisches fließen
ließ. Erik Truwor konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

Atma erhob sich und ging auf seinen Platz am Tische zurück. Im gleichen
Augenblick begann das Bild, welches die Zuschauer so fesselte, zu
verblassen. Es wurde neblig, verlor die Farbe, und schon war wieder die
dunkle Wand sichtbar. Nur langsam löste sich die Erstarrung der Gäste.
Dann entlud sich der Beifall um so lauter.

Herrlich ... großartig ... wundervoll. Die Plastik der Bilder. Das
Hinaustreten der Figuren in den freien Raum. Sie waren fast alle in
Stockholm gewesen und hatten das Kino mit allen Feinheiten gesehen.
Farbig natürlich. Auf Nebelwände projiziert. Aber niemals hatten sie
gesehen, daß einzelne Figuren des Bildes bis unter die Zuschauer liefen.

Sie sparten nicht mit ihren Komplimenten gegen den Gastgeber.

Und niemand vermißte das Brautpaar. Hin und wieder trank ihm einer
zu, als ob Jane und Silvester noch auf ihren Plätzen säßen. Sie
schmausten und zechten bis spät nach Mitternacht und dachten erst in
den Morgenstunden an die Heimfahrt.

Erik Truwor kannte Atmas Künste. Er wußte, daß es dem Inder ein
leichtes war, dieser ganzen auf keinerlei Widerstand eingestellten
Gesellschaft die unwahrscheinlichsten optischen und akustischen
Phänomene zu suggerieren. Aber es erfüllte ihn dennoch mit Erstaunen,
als er sah, wie der Amtmann auf den leeren Stuhl von Jane zuschritt,
sich feierlich vor einem Nichts verbeugte, mit einem Nichts
im Arm durch die Halle walzte und das Nichts wieder zum Stuhle
zurückgeleitete. Als die Amtmännin sich mit geschmeicheltem Lächeln
erhob und ebenso solo durch den Raum tanzte. In der festen Überzeugung,
vom Bräutigam aufgefordert zu sein, von ihm geführt zu werden.

Es wirkte auf Erik Truwor, weil alle Gäste diesen Tänzen besonderen
Beifall spendeten. Weil sie alle den Schemen sahen, den der Wille Atmas
ihnen aufzwang, weil er allein der Suggestion nicht unterworfen war und
das unsinnig Groteske dieser Tänze voll spürte.

Er war es zufrieden, als die letzten das Haus verließen.

Gefolgt von Atma, ging er in das Laboratorium. Dort stand der neue
Strahler, gekuppelt mit dem Fernseher.

»Wo mag das Paar jetzt sein?«

Der Inder antwortete nicht sogleich. Seine Augen blickten weit geöffnet
in die Ferne. Langsam kamen die Worte.

»Im Süden in weiter Ferne ... über schneebedeckten Bergen.«

»Du meinst im deutsch-italienischen Regierungsschiff? Wir werden sehen.«

Erik Truwor sagte es mit stolzer Befriedigung. Er richtete den Apparat.
Er ließ einen leichten Energiestrom strahlen. Ein Bild erschien auf der
Scheibe. Ziehende Wolken, schneebedeckte Gipfel. Die Alpenkette ... das
Gotthardmassiv. Ein schimmernder Punkt darüber.

Er arbeitete an den Mikrometerschrauben der Feinstellung. Er richtete
und visierte.

Da wuchs der Punkt zum großen Flugschiff. Jede Schraube, jede Niete
wurde erkennbar. Er mußte dauernd regulieren, um das schnell fahrende
Schiff in dieser Vergrößerung nicht aus dem Gesichtsfelde zu verlieren.

Jetzt stimmten Regulierung und Flugschiffbewegung genau überein.
Regungslos verharrte das Schiff in der Mitte der Bildfläche. Vorn
dicht hinter der breiten Zellonscheibe der Kabine standen Silvester und
Jane. Hand in Hand, glücklich lächelnd, blickten sie vor sich nieder in
die fruchtbare italienische Ebene.

       *       *       *       *       *

»Alle diese Kriegsgerüchte sind ... ich will den Ausdruck unserer
Zeitungsleute gebrauchen ... sind stark verfrüht. Die Welt gehört den
Anglosachsen. Sie wären Toren, wenn sie sich gegenseitig zerfleischen
wollten. Der innere tiefliegende Grund zum Kriege fehlt, und deshalb
wird es trotz allen Pressegeschreis und aller Nervosität keinen Krieg
geben. Das ist meine persönliche Ansicht ... und nicht meine Ansicht
allein.«

Dr. Glossin sprach in der überzeugenden und beinahe hypnotisierenden
Art, über die er so gut verfügte.

Lord Horace Maitland saß ihm in der Bibliothek von Maitland Castle
gegenüber. »Ihre Worte in Ehren, Herr Doktor. Aber warum versucht
Amerika die europäische Stahlproduktion aufzukaufen?«

Lord Horace ließ die scharfen grauen Augen forschend auf dem Arzte
ruhen. Dr. Glossin hatte seine Muskeln in der Gewalt. Es war ja
vorauszusehen, daß die Bemühungen der amerikanischen Agenten den
Engländern nicht verborgen bleiben würden.

»Es ist eine wohldurchdachte Maßnahme des Herrn Präsident-Diktators, um
den Frieden der Welt aufrechtzuerhalten.«

»Ich muß gestehen, daß mir die Zweckmäßigkeit dieses Weges nicht völlig
einleuchtet.«

»Eure Herrlichkeit wissen vielleicht nicht, daß ich geborener Schotte
und nur durch Naturalisation Amerikaner bin. Ich betrachte es als
meine vornehmste Aufgabe, die guten Beziehungen zwischen den beiden
Ländern zu pflegen ... Sie werden einwenden, daß für diesen Zweck
die gegenseitigen Botschafter der beiden Mächte vorhanden sind. In
erster Linie gewiß! Aber ein Botschafter ist immer eine offizielle
Persönlichkeit. Was er spricht, spricht er amtlich im Namen seines
Standes. Vieles darf er nicht sagen, was zu sagen doch bisweilen gut
ist.«

Lord Horace strich mit beiden Händen die Zeitung auf dem Tisch glatt.
Ein leichter Sarkasmus lag in den Worten seiner Erwiderung.

»Sie dagegen, Herr Doktor, sind nicht mit der Last der Amtlichkeit
beschwert, obwohl wir in England ziemlich genau wissen, daß Sie der
vertraute Ratgeber des Präsident-Diktators sind. Sie sprechen ganz
privatim als Herr Doktor Glossin mit Lord Maitland, der zufälligerweise
der Vierte Lord der englischen Admiralität ist. So meinen Sie es?«

»Genau so, Lord Horace. Und so erwidere ich denn: Wir erfuhren, daß
die Agenten Englands auf dem Kontinent Kriegsmaterial in größtem Maße
bestellten und kauften. Wir hätten mit gutem Rechte das gleiche tun
können. Die Rüstungen beider Staaten wären dadurch bis zur Fieberhitze
in die Höhe getrieben worden. Wir zogen es vor, unsere friedliche
Gesinnung dadurch zu zeigen, daß wir nur den unverarbeiteten Rohstahl
kauften. Es ist uns leider nicht in dem beabsichtigten Umfange
gelungen. Ihre Regierung läßt nach unseren Ermittelungen Kriegsmaterial
auf dem Kontinent bauen, durch das Ihre Luftstreitkräfte um fünfzig von
Hundert verstärkt werden. Die Industrie auf dem Kontinent versteht es
leider nur zu gut, aus der politischen Spannung Kapital zu schlagen.
Immerhin werden Ihre Rüstungen durch unsere Stahlkäufe in solchen
Grenzen gehalten, da wir selbst nicht neu zu rüsten brauchen.«

Die Worte Dr. Glossins verfehlten ihre Wirkung auf Lord Horace nicht.
Es war richtig, daß Amerika bisher nur Stahl gekauft hatte. Den
freilich in ungeheuerlichen Mengen. Noch gab sich Lord Maitland nicht
gefangen.

»Sie werden die erworbenen Mengen nach den Staaten bringen und dort
selbst die Waffen daraus schmieden.«

Erstaunen malte sich auf Glossins Zügen. »Wir denken gar nicht daran,
die zehn Millionen Tonnen Stahl, die wir bisher erwarben, nach den
Staaten zu bringen. Es genügt uns, daß sie der Kriegsindustrie entzogen
sind. Und ... vergessen Eure Herrlichkeit nicht ... wir haben schnell
gekauft. Haben noch zu erträglichen Preisen gekauft.

Eine Entspannung der politischen Lage wird über kurz oder lang
eintreten. Die Völker der Welt werden sich, wie es immer nach solchen
Situationen geschah, mit erneutem Eifer der Produktion für den Frieden
hingeben. Aber das Rohmaterial wird dann teurer sein ...« Doktor
Glossin fuhr mit erhobener Stimme fort: »Dann werden wir über diesen
riesenhaften Vorrat frei verfügen. Wir haben es verhindert, daß
Schwerter daraus gefertigt wurden, wir werden dann Pflugscharen daraus
schmieden lassen. Die Wunden, die dieser Stahl schlagen wird, sollen
fruchtbringende Ackerfurchen werden. So ist es die Meinung und der
Wille meines ...«

Er brach jäh ab, als habe er zuviel gesagt.

»... meines Herrn, des Präsident-Diktators Cyrus Stonard«, ergänzte
Lord Maitland die Worte Glossins in Gedanken. Jetzt war er überzeugt.

Der Doktor behandelte die Kriegsgefahr als nicht vorhanden. Das konnte
Verstellung sein, zu plump, um einen englischen Staatsmann auch nur
eine Sekunde zu täuschen. Aber Dr. Glossin entwickelte gleichzeitig
ein Zukunftsgeschäft, das den Amerikanern Milliarden von Golddollars
bringen mußte, wenn die Spannung sich friedlich löste. Der Größe dieser
wirtschaftlichen Aussichten konnte der Engländer sich nicht entziehen.
Busineß bleibt Busineß. Der Grundsatz saß zu tief im englischen Denken
und Fühlen, um nicht zu wirken.

Eine Meldung des englischen Geheimdienstes hatte Lord Horace darüber
unterrichtet, daß Dr. Glossin erst vor wenigen Tagen eine lange
Unterredung mit Cyrus Stonard gehabt hatte. Es war außer Zweifel, daß
er im Auftrage des Diktators sprach. Amerika suchte den Krieg zu
vermeiden, machte dabei aber gleichzeitig ein Milliardengeschäft. Die
Taktik war eines Cyrus Stonard würdig. Er vermied den Krieg, dessen
Ausgang unter allen Umständen unsicher war, und schuf gleichzeitig
die Prosperität, die seine Gewaltherrschaft wieder auf eine Reihe von
Jahren sichern mußte.

Blitzschnell gingen diese Gedanken Lord Horace durch den Kopf. Er
prüfte in kurzen Minuten des Schweigens den Plan nach allen Richtungen
und fand ihn wohldurchdacht. Das Netz war gut gewoben. Keine Masche war
von der Nadel gefallen.

Von diesem Augenblick an neigte er zu der Überzeugung, daß Cyrus
Stonard ehrlich den Frieden wolle. Die Frage, ob auch England ihn
wolle, stand auf einem anderen Brett. Es hatte danach jedenfalls die
Möglichkeit, sich die Zeit für einen Konflikt nach Gefallen zu suchen.

Lord Maitland hielt die Angelegenheit für wichtig genug, um zu einer
Besprechung nach London zu fahren. Er überließ Dr. Glossin der
Gastfreundschaft von Maitland Castle und der Gesellschaft von Lady
Diana.

       *       *       *       *       *

Maitland Castle war in der Tudorzeit erbaut. Spätere Umbauten hatten im
Innern mehr Luft und Licht geschaffen, ohne das Äußere bemerkenswert
zu verändern. Vor der Südfront des Schlosses lag eine breite Terrasse,
gegen den Garten durch eine Sandsteinmauer begrenzt, mit Efeu und
Monatsrosen übersponnen.

Die Wasserkünste des Schlosses spielten. Aus gewaltigen Löwenrachen
schossen die breiten Strahlen in Muschelschalen, fielen
regenbogensprühend von Kaskade zu Kaskade die Mauerhöhe hinab, füllten
ein großes Bassin, um schließlich in Form eines schilfumrandeten Baches
dem See zuzufließen.

Im Schatten einer Ulme saß Lady Diana in einem bequemen Korbstuhl. Das
Buch, in welchem sie gelesen hatte, lag lässig in ihrer Hand.

Ihr gegenüber saß Dr. Glossin.

»Herr Doktor ... Ihr Interesse für meine Person versetzt mich in
Erstaunen. Es geht weit über das hinaus, was meine anderen Gäste mir
entgegenbringen, und ... was ich entgegengebracht haben möchte.

Mein Gemahl sagte mir, daß Sie im Interesse unseres Vaterlandes
nützliche Arbeit tun, den Frieden zwischen beiden Ländern erhalten
helfen. Das ist in meinen Augen ein großes Verdienst. Es gibt Ihnen
manche Freiheit. Aber jede Freiheit hat Grenzen ...«

Diana Maitland zeigte Bewegung, als sie von der Erhaltung des Friedens
sprach. Zum Schluß klang ihre Stimme kalt abweisend.

»Eure Herrlichkeit legen meinen Worten einen falschen Sinn unter.
Was ich sagte, hängt mit dem Wohlergehen unserer beiden Länder eng
zusammen.«

»Herr Doktor, Sie sprechen in Rätseln. Ich kann beim besten
Willen keinen Zusammenhang zwischen meiner Mädchenzeit in Paris
und dem Wohlergehen unserer Länder finden. Aber ich bewundere
Ihre Quellenforschung. Sie sind wirklich recht genau über meine
Vergangenheit unterrichtet ...«

»Ich bin es in der Tat, Lady Diana. Ich bin es noch genauer, als Sie
glauben.«

»Bitte, Herr Doktor, ich habe nichts zu verbergen ...«

Diana Maitland sagte es hart und spöttisch, um einen Überzudringlichen
ein für allemal abzuweisen.

»Ich sagte Eurer Herrlichkeit, daß unsere beiden Länder durch einen
mächtigen und gefährlichen Feind bedroht sind.«

»Ich hörte es bereits, Herr Doktor.«

»Der Feind ist Erik Truwor.«

Langsam brachte Dr. Glossin die Worte hervor. Und konnte ihre Wirkung
Wort für Wort verfolgen.

Lady Diana, eben noch das Bild sarkastischer Überlegenheit und kalt
abweisender Ruhe, erblaßte. Ihre Augen weiteten sich bei der Nennung
des Namens Truwor, als ob sie ein Gespenst sähe. Ihr Gesicht war sehr
bleich. Viel mehr als die heitere Ruhe offenbarte die leidenschaftliche
Erregung, deren Spiegel es jetzt war, alle Wunder dieses schönen
Antlitzes. In dem prachtvollen Rahmen des reichen dunkelbraunen Haares,
mit den halbgeöffneten Lippen und den bebenden Nasenflügeln hatte es
etwas Dämonisches. Aus ihren Augen sprühte die Glut eines flammenden
Zornes, eines tödlichen Hasses.

»Erik?! ... Erik Truwor ...?« rief sie heftig.

Sie warf den Kopf zurück und sah Glossin mit durchdringenden Blicken an.

»Wie können Sie einen Namen aussprechen, dessen Nennung allein eine
schwere Beleidigung für mich ist?«

»Ich nannte den Namen eines Mannes, der heute unsere beiden Länder
schwer bedroht ... und der vor langen Jahren, Lady Diana, auch einmal
in Ihr Leben eingebrochen ist.«

»Was sagen Sie? Erik Truwor bedroht ... bedroht das große England,
bedroht das ganze Amerika? ... Ein einzelner Mann die mächtigsten
Reiche der Welt? Soll das ein Scherz sein, Herr Doktor ...«

Ihre Stimme bekam einen drohenden Klang. »So würde mir Ihre Anwesenheit
in Maitland Castle von diesem Augenblick an für immer unerwünscht sein.«

»Die Ungnade Eurer Herrlichkeit würde ich in Kauf nehmen, wenn ich die
harte Tatsache zu einem leichten Scherz stempeln könnte.

Ich nannte Erik Truwor. Zusammen mit zwei Freunden haust er in Schweden
an der finnischen Grenze. Der eine seiner Freunde ist Silvester
Bursfeld, der Sohn jenes Gerhard Bursfeld, den ich vor dreißig Jahren
in den Tower brachte. Die beiden kennen das Geheimnis des Vaters, und
sie entwickeln die Erfindung weiter.

Bursfeld weiß, daß sein Vater als ein Opfer englischer Politik im
Tower starb. Darum gilt seine Arbeit der Rache an England. Erik Truwor
läßt ihn gewähren. Der Dritte im Bunde, ein Inder, hat für sein
Vaterland auch eine ... kleine Rechnung mit England zu begleichen.

Vom Torneaelf droht dem englischen Reiche eine Gefahr, viel schwerer,
viel größer, als Cyrus Stonard mit seinem Dreihundertmillionenvolk sie
jemals sein könnte. Erik Truwor mit seinen zwei Freunden ist mehr zu
fürchten als Cyrus Stonard.«

Lady Diana hatte ruhig zugehört. Nur ihre Blässe verriet ihre innere
Erregung.

»Wissen Sie, was Erik Truwor mir antat?«

Dr. Glossin setzte die Worte vorsichtig und langsam.

»Ich weiß, daß er der Verlobte der jungen Komtesse Raszinska war und
daß er ihr ... den Verlobungsring zurücksandte.«

»Sie wissen viel ... vielleicht nicht alles.«

»Ich weiß auch, Lady Diana, daß Sie Erik Truwor hassen. Um so weniger
werden Sie sich besinnen, zum Wohle Ihres Vaterlandes zu handeln und
Ihren Gemahl auf die Gefahr aufmerksam machen, die von Linnais her der
Welt droht.

Lady Diana, fassen Sie den korrekten Sinn meiner Mitteilung: Erik
Truwor und seine beiden Freunde sind im Besitze des Geheimnisses, um
dessentwillen die englische Regierung Gerhard Bursfeld in den Tower
brachte.

Noch ist es Zeit! Ein einfacher Handstreich! Gut organisiert! Schnell
unternommen und durchgeführt! Hat Ihre Regierung die Sache erst einmal
beschlossen, wird sie auch wissen, wie sie durchzuführen ist.«

Lady Diana hatte sich aufgerichtet. Widerstreitende Gefühle kämpften in
ihr. Die Erinnerung an die glücklichen Monate in Paris wurde lebendig.
Die Gestalt Erik Truwors traf ihr geistiges Auge. Die Zeit nach dem
brüsken Bruch, die schrecklichste ihres ganzen Lebens, wachte auf.

Glossin sah ihr Zaudern.

»Hat Diana Raszinska vergessen, was ihr angetan wurde?«

Diana Maitlands Augen flammten auf. Aus fremdem Munde zu hören, was sie
im Innersten bewegte ...

Dr. Glossin fuhr fort: »Ich sagte Ihnen bei unserer ersten Unterredung,
daß Sie mir eines Tages die Hand zum Bündnis bieten würden. Der Tag ist
gekommen. Zum Bündnis gegen den Feind unserer beiden Länder, der auch
Ihr persönlicher Feind ist. Der Ihnen das Schwerste angetan hat, was
ein Mann einer Frau antun kann.«

Dr. Glossin streckte seine rechte Hand vor. Wenige Minuten des
Schwankens. Dann legte Diana ihre Rechte in die des Doktors.

»Es sei, Herr Doktor. Mein Gewissen bleibt unbelastet. Hegt Erik Truwor
keine feindlichen Pläne gegen England, so wird er frei aus dieser
Prüfung hervorgehen. Sonst ... Ich tue nur, was ich gegen jeden Feind
meines Landes tun würde.«

Lady Diana erhob sich. Ihre Erregung wich einer tiefen Abspannung. Sie
hatte das Bedürfnis, aus Glossins Nähe zu kommen, allein zu sein, zu
ruhen. Dr. Glossin begleitete sie bis an die Pforte des Schlosses. Dann
kehrte er auf die Terrasse zurück.

       *       *       *       *       *

Lord Horace Maitland war mit den Ergebnissen seiner Londoner Reise
zufrieden. Seine Mitteilungen hatten ersichtlichen Eindruck auf das
Kabinett gemacht. Man sah in London, wie die gefährliche Wetterwolke,
die seit vierzehn Tagen dunkel drohend am politischen Himmel hing,
allmählich lichter wurde. Während man vor zwei Wochen fast jede Stunde
den Ausbruch des Krieges erwartete, schien die Gefahr jetzt von Tag zu
Tag geringer zu werden. Man sah in London die Kriegsgefahr weichen und
hatte keine Erklärung dafür.

In diesen Stand der Dinge war Lord Horace mit den Anschauungen und
Darlegungen getreten, die Dr. Glossin ihm entwickelt hatte.

Es gibt im Schachspiel gefährliche Züge, bei denen die feindliche Figur
den König angreift und gleichzeitig die Dame gefährdet. Solch einen
Zug hatte Cyrus Stonard offenbar auf dem Brett. Während England Hals
über Kopf Milliarden in neuem Kriegsgerät festlegte, kaufte er nur
Stahl. Band starke Kräfte des Gegners und behielt die Möglichkeit, zur
gegebenen Zeit Milliarden für die Union einzuheimsen.

Nachdem man die Absicht des Gegners erkannt hatte, war es möglich,
Abwehrpläne zu schmieden. Diese Möglichkeit dankte man den
Informationen von Lord Horace, und die Anerkennung dafür kam zum
Ausdruck.

Lord Horace war zufrieden nach Maitland Castle zurückgekehrt. Er
erkannte die Bedeutung und Wichtigkeit seines amerikanischen Gastes.
Sein Entschluß, mit ihm auch fernerhin gute Beziehungen zu pflegen, ihn
sich zu verpflichten, stand fest. In dieser Stimmung trafen ihn die
Mitteilungen Dianas.

Eine Gefahr für das Reich? ... Eine Erfindung, an der alle bekannten
Kriegsmittel zuschanden wurden? ... Die Sache ging England und Amerika
gleichermaßen an.

Ganz dunkel spürte Lord Horace, daß die Union im Grunde selber zufassen
und die Gefahr beseitigen könne ... Aber England hatte eine alte
Rechnung mit diesen Leuten. Auch Lord Horace hatte damals die Akten des
Bursfeld-Prozesses durchgesehen. Gehörte der Sohn des Mannes, der einst
im Tower seinem Leben selber ein Ende setzte, zu diesem Kleeblatt in
Linnais, dann mußte sich die Kraft der neuen Macht in der Tat zuerst
gegen England richten. Dann war es in erster Linie Englands Sache,
diese Gegner unschädlich zu machen ... aufzuheben ... und vielleicht
die Erfindung selbst der Wehrmacht Englands dienstbar zu machen.

An diese letzte Möglichkeit dachte Dr. Glossin wohl sicher nicht. Lord
Horace zog sie in die Berechnung hinein. Ein einzelner konnte sterben,
bevor ihm das Geheimnis entrissen war. Drei Mitwisser ... getrennt
voneinander, in den sicheren Verliesen des Towers. Es mußte wunderbar
zugehen, wenn es dann nicht gelang, in den Besitz des Geheimnisses zu
kommen.

Dr. Glossin hatte seine Minen gut gelegt, die Fäden durch Lady Diana
geschickt gesponnen. Er hatte eine lange Unterredung mit seinem
englischen Gastfreund. Als er nach zweistündigem Gespräch das Zimmer
von Lord Horace verließ, lag die Genugtuung des großen Erfolges
unverkennbar auf seinen Zügen. Es war ihm geglückt, was er selbst
kaum für möglich gehalten hatte. Es war ihm gelungen, den klugen und
weitsichtigen Engländer vor seinen Wagen zu spannen.

Die Engländer hatten sich verpflichtet, die Kastanien für ihn aus dem
Feuer zu holen. Sie nahmen ihm das schwerste Stück der Arbeit ab.
Waren die drei erst einmal gefangen, dann brauchte man nicht mehr zu
fürchten, daß plötzlich verzehrendes Feuer die Welt überfiel. Dann war
die Bahn für neue Pläne frei.

       *       *       *       *       *

Der Sonnenball berührte die stahlblauen Fluten des Tyrrhenischen Meeres
und übergoß den Azurspiegel mit einer Flut roter und gelber Tinten.
Auf dem Korso von Neapel wogte die Menge, Fremde und Einheimische, in
buntem Durcheinander. Die Neapolitaner lachend und schwatzend, sich
der Naturschönheiten ihrer Stadt und ihres Landes kaum noch bewußt.
Die Fremden entzückt und gefesselt von einer Farbensinfonie, die ihre
Töne von Minute zu Minute wandelte. Aber keiner von den Tausenden, die
hier promenierten, genoß die Reize des Abends wohl so wie das Paar, das
weitab von der Menge der Promenierenden seinen Platz auf der Straße zum
Posilip gefunden hatte, wo das Grabmal Virgils sich neben dem alten
Römerweg erhebt.

Schon lange saßen sie dort wortlos, Hand in Hand, bis eine kühle Brise
den Mann veranlaßte, das Schweigen zu brechen.

»Wollen wir nicht lieber zurückgehen, Jane? Es weht frisch von der See.«

»Nein, Silvester, laß uns noch bleiben ...«

Noch fester umschloß sie Silvesters Arm.

»Es ist unser letzter Abend in Italien. Du weißt ja nicht, mit welchem
Grauen ich an die kommenden Stunden denke, in denen wir wieder zurück
müssen, in denen du mich allein lassen wirst.«

»Jane ... ich lasse dich doch nur für kurze Zeit, für wenige Tage,
höchstens Wochen allein. Dann komme ich zu dir zurück, und dann sind
wir für immer vereint. Noch viele, noch schönere Tage wird uns das
Leben bescheren.«

»Noch schönere Tage? ... Kann es noch Schöneres geben, als was wir
jetzt genossen haben?

Wie ein Traum, wie ein unendlich schöner Traum liegen die Tage der
letzten Wochen hinter mir ... Unsere Hochzeit in Linnais. Wie Atma die
ganze Gesellschaft betörte und wir ungesehen abreisen konnten ... die
wunderbare Fahrt über die Eisgipfel der Alpen ... Dann der erste Gruß
der sonnigen Gefilde Italiens ... das Mittelmeer, der Nilstrom, die
Pyramiden ... Rom ... das hat mir weniger gefallen. Du sprachst viel
von der Geschichte und Größe der Stadt. Aber ich ... bedenke nur, daß
ich von Kindheit an immer in Trenton in unserem Haus und Garten gelebt
habe. Rom, das war mir zuviel ...«

Enger schmiegte sie sich an ihren Gatten.

»Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn wir nach dieser Reise
erst ruhig in unserem eigenen Heim sitzen werden, wenn ich nicht mehr
zu sorgen brauche, daß ... o warum, Silvester ... warum müssen wir uns
noch einmal trennen, warum willst du noch einmal von mir gehen ... laß
mich doch nicht zurück ... laß mich nicht allein in der fremden Welt
zurück ... nimm mich mit nach Linnais. Ich will euch nicht stören. Ich
will weder dir noch deinen Freunden in den Weg kommen, solange ihr mit
eurer Erfindung zu tun habt. Nur laß mich bei dir bleiben.«

Fester umschloß Silvester sein junges Weib.

»Nein, Jane. Das ist unmöglich. Aber es sind ja nur wenige Wochen. Dann
ist das große Werk vollendet. Dann bin ich unabhängig. Dann werden wir
leben können, wie und wo es uns gefällt. Wo es uns am besten gefällt,
da werden wir unser Heim gründen, nach dem ich mich ebenso sehne wie
du.«

Nach langem Schweigen hub Jane wieder an: »Ich weiß, Silvester, auch
du gehst nur ungern. Erik Truwor ist es, der uns trennt ... Ja, Erik
Truwor ...«

Vorwurf und Bitterkeit lagen in den letzten Worten.

»Jane! Du kennst Erik Truwor nicht. Und weil du ihn nicht kennst,
kannst du ihn nicht verstehen. Unser Werk ... sein Werk ist größer
als Menschenliebe und Menschenleid. Er arbeitet am Schicksal der
Menschheit. Sollte das Geschick zweier Menschen ihn hindern dürfen ...
Nein, Jane. Keinen Vorwurf für Erik Truwor.«

Einen Augenblick saß Jane schweigend in sich zusammengesunken.
Plötzlich warf sie ihre Arme um ihn.

»Wenn du wüßtest, Silvester, was so manchmal bald stärker, bald
schwächer mich beunruhigt. Bei Tag und auch bei Nacht, wenn ich in
deinen Armen liege ...«

»Jane ... liebe Jane. Was ist es, was dich quält?«

»Wenn ich es sagen könnte ... wenn ich es wüßte, was es ist ... ich
würde es dir sagen ... Eine dunkle Wolke ... wenn mein Auge in der
schönen glücklichen Zukunft sucht, quillt es schwer und schwarz vor
meinen Blicken auf ... Eine Ahnung ... eine Furcht ... ich weiß nicht,
was es ist, aber alle heiteren Bilder verschwinden, ich muß die Augen
schließen, muß weinen.«

»Jane ... du liebes, armes Kind. Die letzten Monate haben zu sehr auf
dich eingestürmt. Mein Verschwinden, der Tod deiner Mutter, der Streich
Glossins ... das war zu viel für dein Herz. Scheuch sie weg, die trüben
Ahnungen, wenn sie wiederkommen. Denke an mich. Denke an das Glück, das
uns die Zukunft bringen wird ...«

Sekunden des Schwankens. Dann legte Jane ihre Arme um Silvesters Hals.

Liebevoll hüllte er ihre zarten Schultern in einen Schal und zog sie an
seine Brust.

Es war ein wehmütiger und tränenreicher Abschied, als Silvester sich
endlich in Düsseldorf von seiner jungen Gattin trennte, um allein nach
Linnais zurückzukehren. Nur der Gedanke machte das Auseinandergehen für
Silvester und Jane erträglich, daß es nur eine Trennung von wenigen
Wochen sein sollte. Nur noch einige Verbesserungen. Die Konstruktion
und Ausführung eines neuen, noch viel stärkeren Strahlers. Dann, das
war der feste Entschluß Silvesters, sollte ihn nichts mehr von seinem
Weibe fernhalten. Mit dem festen Versprechen, in spätestens vier Wochen
zurückzukehren und dann für immer mit ihr zusammenzubleiben, hatte er
sich schließlich aus den Armen Janes gerissen.

Er hatte ihr einen kleinen telephonischen Empfangsapparat dagelassen.
Hatte sie zuletzt noch getröstet.

»Mein Liebling, wenn ich auch noch einmal auf kurze Zeit von dir
gehe, werde ich doch immer bei dir sein. Ich werde imstande sein,
jeden Augenblick dein Bild lebendig vor mir zu sehen, werde in jedem
Augenblicke wissen können, was du tust, und wie es dir geht. Und dir
gibt dieser Apparat die Möglichkeit, wenigstens meine Stimme zu hören.
Ich werde keinen Tag vorübergehen lassen, ohne dich zu sehen und mit
dir zu sprechen.«

Silvester hatte ihr den Gebrauch des Apparates genau gezeigt. Einen
Druck auf einen Knopf, und die Elektronenlampen brannten. Den Hörer ans
Ohr, und jedes Wort, das er in Linnais in den Schalltrichter sprach,
wurde deutlich gehört.

So war Silvester gegangen. Jane blieb allein im Hause Termölen zurück.
Betreut von den beiden alten Leuten. Wie eine Tochter gehegt und
gepflegt von Frau Luise und doch betrübt und einsam.

Auf den Himmel der vierzehntägigen Hochzeitsreise folgte die Hölle der
Trennung. Jane lernte in diesen schmerzvollen Tagen und Wochen kennen,
was es für eine Frau bedeutet, ihr Herz an einen Mann zu hängen, der
einer großen Idee verschrieben ist. Neben dem leichten Goldreif, der
ihn an Jane band, trug Silvester den schweren Ring, der ihn mit Erik
Truwor und Soma Atma zu einer Dreiheit zusammenschmiedete. Das bittere
Schicksal der Frau, die mit ihrer Liebe den Plänen und der Lebensarbeit
des Mannes nachstehen muß!

Nur wenig hatte ihr Silvester von seinen Erfindungen und Arbeiten
erzählt. Daß die Erfindung in wenigen Wochen abgeschlossen sei. Daß sie
ihm solchen Gewinn bringen würde, daß er dann alle Berufsarbeit lassen
und sich ganz seinem Eheglück widmen könne. Das war der Trost, der Jane
in diesen Tagen aufrechthielt. Der Gedanke, daß diese Trennung nur noch
eine letzte kurze Prüfung sei. Daß danach Silvester für immer bei ihr
bleiben, ihr ganz gehören werde.

       *       *       *       *       *

Herr Andreas Termölen schmunzelte, und Frau Luise zeigte ein
verständnisvolles Lächeln, wenn Jane des Nachmittags in der vierten
Stunde unruhig zu werden begann. Sie sorgte dafür, daß ihre Uhr auf die
Sekunde genau die richtige Zeit zeigte. Eine Minute vor vier flammten
an jedem Tage die Elektronenlampen auf, und um vier Uhr drangen die
ersten Worte Silvesters aus dem Hörer an ihr Ohr. Worte der Sehnsucht,
Versicherungen unerschütterlicher Liebe, Tröstungen, daß wieder ein Tag
der Trennung vorbei sei. Mitteilungen, daß die Arbeit gut gefördert
würde, daß das Ende in nahe Nähe gerückt sei.

Silvester sprach. Er stand in Linnais in seinem Arbeitsraum. Den
Schalltrichter der großen Telephonanlage am Munde. Den Strahler auf das
Zimmer von Jane gerichtet, das Bild seines jungen Weibes lebendig vor
sich auf der Mattscheibe.

Jane konnte nur hören, doch nicht zurücksprechen. Eine Station
zum Senden in einem Privathause hätte besondere Einrichtungen und
Vorkehrungen erfordert, die in der Kürze der Zeit nicht durchzuführen
waren. Sie mußte sich darauf beschränken, die Worte ihres abwesenden
Gatten zu hören, Silvester konnte nur ihr Bild auf der Mattscheibe
betrachten, mußte auf das gesprochene Wort verzichten. Wohl sah er, wie
die Worte, die er selbst sprach, auf ihr Mienenspiel wirkten, wie die
Beteuerungen seiner Liebe und Zuneigung den Schimmer der Freude über
ihre zarten Züge verbreiteten, doch von dem, was sie selber sprach,
konnte nichts an sein Ohr dringen.

So hätte diese tägliche Unterhaltung einseitig bleiben müssen, wenn
nicht die Liebe neue Mittel für die Verständigung gefunden hätte.

Die vor Silvester stehende Mattscheibe gab das genaue Bild Janes,
gab es in Lebensgröße. Jeden Zug, jede Bewegung ihrer Lippen konnte
Silvester genau beobachten, und schnell lernte er es, ihr die Worte von
den Lippen abzulesen. Er sah Jane und sprach. Jane hörte seine Worte,
antwortete, und aus der Bewegung ihrer Lippen erriet er den Sinn der
Antwort. Wiederholte ihn, ersah ihre Bestätigung aus ihrem glücklichen
Lächeln.

Jetzt am Ende der zweiten Woche der Trennung hatten es die
Getrennten gelernt, sich auf diese Weise zu unterhalten, als ob sie
nebeneinandersäßen und nicht fünfhundert Meilen zwischen ihnen lägen.
Die tägliche Plauderstunde stärkte Jane den Mut bis zum nächsten Tag.
Sie war für Silvester die Quelle, aus der er die Kraft schöpfte, sich
wieder in seine Arbeit zu stürzen, die Apparate fertigzumachen, deren
schnellste Vollendung Erik Truwor so dringend heischte.

       *       *       *       *       *

Die Nächte in Linnais waren auch in den letzten Julitagen noch hell.

Auf alle Fälle unbequem hell nach der Meinung des englischen Obersten
Trotter. Viel zu hell nach dem Geschmack des Dr. Glossin. Zwar ging die
Sonne um Mitternacht eine Stunde unter den Horizont. Aber die Dämmerung
gestattete es immer noch, einen Mann im freien Felde auf zweihundert
Meter zu erkennen. Vollständige Dunkelheit wäre der kleinen Truppe
willkommener gewesen, die unter der Führung von Oberst Trotter im Walde
von Linnais lagerte.

Zwanzig Mann. Ausgesuchte englische Soldaten. In kleinen Trupps zu
vier bis fünf, in Zivil, waren sie im Laufe der letzten drei Tage mit
den Regierungsschiffen der Linie Edinburg--Haparanda angekommen. Als
harmlose Reisende waren sie den Torneaelf stromaufwärts gezogen. Hier
ein wenig Angelsport treibend. Dort Mineralien sammelnd. Alles andere,
nur keine Soldaten vorstellend.

Zu vorgeschriebenen Stunden waren sie alle an dem bestimmten Platze,
einer Waldlichtung in der Nähe vom Hause Erik Truwors. Dort waren sie
und vergnügten sich als sportfreudige Touristen. Sie schlugen Zelte
auf, kochten im Freien ab und machten es sich bequem.

In einem der Zelte saß der Oberst Trotter im Gespräch mit Dr. Glossin
und vertrat mit britischer Hartnäckigkeit seinen Standpunkt.

»Mein Befehl lautet, drei Bewohner dieses Hauses, namentlich angeführt
als Erik Truwor, Silvester Bursfeld und Soma Atma, aufzuheben und
lebendig nach London zu bringen. Es ist bei den englischen Offizieren
Sitte, Dienstbefehle genau zu vollziehen. Sie mögen als Zivilist eine
andere Anschauung von der Sache haben. Für mich und meine Leute gilt
die meinige.«

»Herr Oberst, Sie unterschätzen die Gegner, mit denen Sie es zu tun
haben. Ich bin über Ihren Plan erschrocken. Sie wollen das Haus
mit zwanzig Mann umstellen, einfach hineingehen und die Gesuchten
verhaften?«

»Genau so, wie Sie es sagen, Herr Doktor. Das ist die Art und Weise,
wie wir solche Aufträge ausführen. Wenn meine Leute das Haus umstellt
haben, kommt keine Maus mehr heraus. Ich würde es freilich bedauern
müssen, wenn die Gesuchten zu fliehen beabsichtigen. In diesem Falle
sind meine Leute angewiesen, zu schießen.«

Dr. Glossin lief wie ein gefangenes Raubtier in dem engen Zelte hin und
her und rang die Hände.

»Herr Oberst, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Sie
mußten mit einem Flugzeug herkommen und den stärksten brisantesten
Torpedo, den Ihre Armee besitzt, auf das Dach abwerfen. Eine Sekunde
nach Ihrer Ankunft mußte das ganze Haus bis zum tiefsten Keller
pulverisiert sein. Dann bestand einige ... ich sage nicht volle, aber
doch wenigstens einige Aussicht, daß die Verschwörer unschädlich
gemacht wurden.«

Oberst Trotter lächelte mitleidig.

»Sie scheinen ernstlich Furcht vor den Bewohnern dieses Hauses
zu besitzen. ~Well~, Herr Doktor, als Zivilist sind Sie nicht
verpflichtet, besonderen Mut zu entwickeln. Aber Sie werden mich diese
Angelegenheit auf meine Weise erledigen lassen.«

Der Oberst blickte auf seine Uhr.

»Gleich elf. Es wird in dem verdammten Lande nicht dunkel. Ein
Sergeant, der gut Schwedisch spricht, ist unterwegs, um sich das Haus
und seine Bewohner genauer anzusehen.«

»Auch das noch!« Dr. Glossin stieß die Worte in einem Übermaß von
Unwillen hervor.

»Haben Sie an dieser Maßnahme etwas auszusetzen, Herr Doktor? Es ist
bei allem Militär der Welt Sitte, daß man vor dem Angriff aufklärt.«

Während der Oberst seine Ansicht mit der Bestimmtheit des alten
Soldaten aussprach, hatte Dr. Glossin sich wieder auf den niedrigen
Feldstuhl gesetzt. Ernst und bestimmt kamen die Worte aus seinem Munde.

»Mag das Schicksal Erbarmen mit Ihnen und Ihren Leuten haben.
Sie sind in der Lage eines Mannes, der einem Tiger nur mit einem
Spazierstöckchen bewaffnet entgegentritt.«

Ein Mann trat in das Zelt. Auch im Zivilanzug war der Soldat
unverkennbar. Sergeant MacPherson, der von der Aufklärung zurückkam.
Ein Schotte mit buschigen Brauen, großen graublauen Augen und ergrautem
Vollbart. Er gab seinen Bericht in kurzer, knapper Form. Erst hatte er
das Haus von außen vorsichtig umgangen und beobachtet, daß zwei Männer
zusammen an einer Maschine im Hause arbeiteten.

Über den dritten konnte er nichts in Erfahrung bringen. Da war er
kurz entschlossen in das Haus eingetreten. Die Gartentür stand offen.
Ungehindert kam er durch den Garten in das Haus. Eine Treppe führte zur
Veranda.

Die Veranda war leer ... Schien wenigstens im ersten Moment leer zu
sein. Als er weiter in das Haus hineingehen wollte, hörte er plötzlich
eine Stimme. Auf einem niedrigen Diwan in der Ecke der Veranda saß
ein Mensch mit brauner Haut. Noch ehe er seine Fragen in Schwedisch
vorbringen konnte, sprach der Inder ihn englisch an. Nur wenige Worte.
Einen Sinn habe er darin nicht entdecken können, so sehr er auch auf
dem Rückwege darüber nachgedacht habe.

Wie die Worte hießen, wollte der Oberst wissen.

»Jawohl, Herr Oberst! Der Mensch sagte zu mir: Was du suchst, ist nicht
hier; was hier ist, suchst du nicht.«

»Nonsens! ... Humbug! ... Indische Gaukelei!« ... Der Oberst stieß es
wütend zwischen den Zähnen hervor. Dann wurde er wieder dienstlich und
fragte weiter:

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, MacPherson, sind die drei
gesuchten Personen in dem Hause und stehen auch nicht im Begriff, es zu
verlassen.«

»Jawohl, Herr Oberst, das ist meine Meldung.«

Auf einen Wink des Obersten verließ der Schotte das Zelt.

Oberst Trotter blickte wieder auf seine Uhr.

»Ich denke, Doktor, in einer Stunde haben wir die Burschen.«

Dr. Glossin beachtete den Obersten gar nicht. Er hatte die Hände über
dem rechten Knie gefaltet und wiederholte mechanisch die Worte Atmas:
»Was du suchst, ist nicht hier; was hier ist, das suchst du nicht.«

Der Oberst wurde ungeduldig.

»Die Geschichte fängt jetzt an, Herr Doktor. Werde ich den Vorzug
haben, Sie dabei an meiner Seite zu sehen?«

»Ich ziehe es vor, mir das Abenteuer sehr von weitem anzusehen.«

»Sie werden hier in fünf Minuten allein sein.«

»Ich werde es zu ertragen wissen. Die Einsamkeit birgt keine Gefahr.«

»Wie Sie wollen, Herr Doktor.«

Der Oberst trat auf den Platz, und wie durch Zauberei verschwanden die
Zelte. Die Kochgeschirre wurden zusammengepackt. Alles wurde in Taschen
und Rucksäcken untergebracht. Es dauerte wirklich nur fünf Minuten,
dann stand Dr. Glossin einsam in der Waldlichtung. Eine Kolonne von
einundzwanzig Mann bewegte sich vorsichtig und lautlos durch den
dichten Wald hin auf das Truworhaus zu.

Dr. Glossin blieb noch fünf Minuten ruhig wartend stehen. Dann zog er
eine kleine Pfeife und ließ in kurzen Pausen schrille Pfiffe ertönen.

Das Gebüsch teilte sich. Ein Mann erschien und ging auf den Doktor zu.

»Sergeant Parsons zur Stelle.«

»Es ist gut, Parsons. Sie sahen die einundzwanzig Narren hier abziehen?«

Sergeant Parsons grinste. Die Engländer waren seine Freunde nicht.

»Ich sah sie talabwärts ziehen, Herr Doktor.«

»Sie haben vierzig Mann bei sich?«

»Jawohl, Herr Doktor. Vierzig ausgesuchte Burschen.«

»Gut bewaffnet.«

»Nebel, Tränen und Mordtau.«

»Die andern haben Mantelgeschosse. Insgesamt viertausend Schuß.«

»~Allright~, Sir. Werden uns vorsehen.«

»Gut, Parsons. Folgen Sie mit Ihren Leuten ungesehen den Engländern.
Sie kennen Ihre Aufgabe?«

Den gleichen Pfad, den vor einer Viertelstunde einundzwanzig Engländer
hinabgegangen waren, folgten ihnen jetzt einundvierzig Amerikaner. Dr.
Glossin blieb auf der Lichtung zurück.

Oberst Trotter erreichte mit seinen Leuten in einer halben Stunde das
Truworhaus. In der fahlen Nachtdämmerung lag es deutlich vor ihnen. Er
ließ seine Leute in weitem Bogen ausschwärmen, bis die beiden äußersten
Flügel vor der Vorderseite des Hauses zusammenstießen. An dieser
Stelle des Kreises hielt sich der Oberst selbst auf. Langsam zog sich
die Kette bis an den mannshohen, durch Birkenteer braunrot gefärbten
Holzzaun zusammen. Oberst Trotter schwang sich auf den Zaun, um als
erster in den Garten zu springen.

Da krachte ein Schuß. Er kam aus einer der kleinen Schießscharten zu
beiden Seiten der Haustür. Haarscharf pfiff das Projektil am Kopf des
Obersten vorüber und riß ein Stückchen Stoff an der rechten Schulter ab.

Der Oberst gelangte unversehrt in den Garten, und an allen anderen
Stellen der Umzäunung folgten ihm seine Leute. Aber dies Eindringen war
das Signal für ein Massenfeuer, das aus allen Fenstern und Luken des
Hauses begann. Das Truworhaus war mit Munition gut versorgt. Es hatte
den viertausend Schüssen der Angreifer reichlich die dreifache Zahl
entgegenzustellen. In geschlossenen Feuergarben sprühten die Geschosse
aus Fenstern und Luken und fegten durch den Garten. Hier und dort
verriet ein Aufschrei, daß der eine oder der andere von den Engländern
getroffen worden war.

Es gab Verwundete und Tote. Nur dadurch, daß die Angreifer, soweit sie
überhaupt noch lebten und bewegungsfähig waren, sich zu Boden warfen,
jeden Busch, jede Bodenfalte als Deckung nutzten und alle Künste des
Kolonialkrieges anwandten, gelang es ihnen, Meter um Meter näher an das
Haus heranzukommen.

In der Deckung eines starken Wacholdergestrüppes lag Oberst Trotter.
Die Kugeln umpfiffen ihn. Jetzt bedauerte er es, dem Rate des
Amerikaners nicht gefolgt zu sein.

Seine Leute schossen nur noch vereinzelt und zielten dabei sorgfältig
auf die Punkte, von denen die Feuerströme der Verteidiger herkamen.
Hier und dort hatten sie auch Erfolg. Oberst Trotter konstatierte trotz
seiner recht ungemütlichen Lage, wie hier und dort eine Schießscharte
nach einem glücklichen Treffer der Angreifer verstummte.

Trotz alledem ... das Rezept des Amerikaners ... den dicksten
Lufttorpedo von obenher und unversehens auf den gottverdammten Kasten
geworfen ... Oberst Trotter wurde die Empfindung nicht los, daß der
Plan recht viel für sich hatte.

Zweihundert Meter bergaufwärts stand Dr. Glossin und beobachtete durch
ein gutes Glas den Kampf. Er gab für das Leben der Engländer keinen
roten Cent mehr. Wenn die Angegriffenen ihr Feuer gut leiteten, mußten
sie die wenigen Angreifer bei diesem Munitionsaufwand zu Hackfleisch
zerschießen. Ungeachtet aller Deckungen und Schleichkünste. Um so mehr
wunderte sich der Arzt, daß etwa die Hälfte der Engländer immer noch
am Leben war, daß sie sogar langsam, aber unaufhaltsam das Feuer der
Verteidiger zum Schweigen brachten. Jetzt feuerte die eine Schmalwand
des Hauses nicht mehr. Der letzte Treffer von englischer Seite hatte
dort eine kräftige Explosion verursacht. Bedeutendere Munitionsmengen
mußten in die Luft gegangen sein.

Wenige Minuten warteten die Angreifer noch. Dann stürmten sie gegen
diese schmale Seite vor. Eine schmale Tür, aus starken Bohlen gefügt,
war ihr Ziel. Axthiebe trafen das Holz. Krachend gaben Schloß und
Angeln nach. Die Angreifer wollten über die gefallene Tür in das Innere
dringen, aber sie kamen nicht dazu.

Es war ganz klar. Dr. Glossin, der den Gang der Dinge als ruhiger
Beobachter verfolgte, war sich dessen sicher. Mit der Tür war eine
Kontaktvorrichtung verbunden, die im Innern des Hauses eine schwere
Explosion hervorrief, sobald die Tür aus den Angeln wich.

Weithin über die Berglehnen zu beiden Seiten des Tornea rollte der
dumpfe Donner der Explosion und übertönte das Rauschen des Flusses.

Die Angreifer, eben noch im Begriff, das Haus mit stürmender Hand zu
nehmen, taumelten zurück.

Ein Brand war im Innern ausgebrochen. Rotglühend erleuchtet flammte
hier und dort ein Fenster auf.

Und dann ... Dr. Glossin hatte zweifelsohne einen günstigeren Platz
gewählt als der Oberst Trotter, der sich erst jetzt hinter seinem
Wacholdergebüsch hervorwagen konnte ... Dr. Glossin sah von seinem
zweihundert Meter höher gelegenen Standpunkt, wie das ganze Dach
des Hauses sich leicht hob und dann öffnete, wie der Krater eines
ausbrechenden Vulkans. Eine ungeheure Flammensäule stieg empor und
riß viele Tausende von hölzernen Schindeln mit. Brennend stiegen die
leichten Holzstückchen hoch in den fahlen Himmel. Brennend fielen sie
wieder langsam zu Boden. Das Haus war nach der Explosion nur noch
ein einziges wogendes und brandendes Feuermeer. In seinen Kellern
mußten enorme Mengen brennbarer Öle lagern. Mußten durch die Explosion
Feuer gefangen haben und sandten nun Flammenberge und schwere Wolken
dichten schwarzen Qualmes empor. Schon war der obere Fachwerkbau des
Hauses bis auf wenige Sparren verzehrt. Reichlich genährt brodelte das
Flammenmeer weiter. Die uralten Zyklopenmauern des unteren Teiles, vor
Jahrhunderten gefügt, für die Ewigkeit gebaut, wurden rotglühend.

Dr. Glossin beobachtete das Schauspiel und vergaß vor seiner wilden
Schönheit für kurze Zeit Sorgen und Pläne.

Die Glut drang von innen nach außen durch. Auf den weiten dunklen
Mauerflächen zeigten sich plötzlich rosa Flecken. Wuchsen, wurden immer
heller, flossen zusammen, bis schließlich die ganze wohl meterstarke
Wand in voller Rotglut dastand. Und dann begann der Mörtel, der diese
erratischen Blöcke zum Mauerwerk verband, in der höllischen Hitze
zu schmelzen. Flüssig und weiß glühend lief es an hundert einzelnen
Stellen aus den Mauerfugen.

Dann stürzten die letzten Reste des Truworhauses zusammen. Im
Augenblicke bildete das Rechteck der Zyklopenmauern nur noch einen
wirren Haufen rot- und hellweißglühender Blöcke.

Ein glühendes Hünengrab, das unter schmelzenden Felsbrocken die
tausendjährige Geschichte eines heldenhaften Geschlechtes begrub
-- -- -- und mit ihr den letzten dieses Geschlechtes.

Die Engländer hatten sich vor der unerträglichen Glut weit
zurückgezogen. Längst war der Aufenthalt innerhalb der
Gartenumfriedigung unerträglich. Schon brannte der hölzerne Zaun an
mehreren Stellen. Erst unten am Fluß machten sie halt. Kühlten die
brennenden Gesichter, die verbrannten Hände im frischen Wasser des
Elf. Bemerkten, daß ihnen die Kleidung, von der strahlenden Hitze des
Brandes versengt, in Fetzen vom Leibe hing.

Verstört und niedergeschlagen musterte Oberst Trotter das Häuflein der
Überlebenden. Eine Stimme hinter ihm:

»Herr Oberst, Sie haben sie nicht einmal tot bekommen!«

Es war die Stimme Dr. Glossins.

Der Oberst fuhr sich über den halb versengten Schnurrbart.

»~Damm' your eyes, Sir!~ Sie sind tot! Es ist keine Maus rausgekommen.
Sie sind in ihren Schlupfwinkeln gebraten worden. Wenn es Ihnen
Spaß macht, suchen Sie die Reste in dem Trümmerhaufen da oben. Aber
verbrennen Sie sich nicht die Fingerspitzen. Ich weiß, was ich meiner
Regierung zu melden habe.«

Oberst Trotter war von den Flammen angesengt, schmutzig und
unansehnlich geworden. Sein Gesicht schmerzte ihn, so daß er sich zum
Fluß beugte und frisches Wasser über die gerötete Stirn schüttete.

Nach dem kalten Wasser fühlte er neue Kraft. Er wollte dem verdammten
Amerikaner deutlich werden. Doch als er sich dazu anschickte, war
Dr. Glossin verschwunden. Ebenso plötzlich, wie er aus dem Walde
herausgetreten war, hatten ihn die Sträucher und Stämme des alten
Forstes wieder aufgenommen.

       *       *       *       *       *

Mr. E. F. Goody, der Führer der Opposition im australischen Parlament,
faßte die Hauptpunkte seiner zweistündigen Rede noch einmal im
Schlußwort zusammen.

»Die Welt ist heute zu eng geworden. Es scheint, als ob die beiden
großen Staaten nicht mehr nebeneinander Platz haben. Wir müssen unsere
Stellung zwischen den beiden Parteien wählen. Beides sind Englisch
sprechende Völker. Jedem von uns durch Bande des Blutes verbunden.
Staatsrechtlich steht uns England näher. Aber unsere wirtschaftlichen
Beziehungen weisen nach Amerika. Der Energie der Vereinigten Staaten
verdanken wir es, daß unser Land von dem schweren Druck der
japanischen Gefahr befreit wurde. Die Klugheit gebietet uns, heute
Anschluß an Amerika zu nehmen ...«

Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Es ging sonst ebenso
ernsthaft und gesetzt im australischen Parlament zu wie im Hause der
Gemeinen zu London. Aber hier waren die Leidenschaften auf das höchste
erregt. Die weißbärtigen Farmer aus Queensland und Neusüdwales,
die Kaufleute aus Viktoria, die Viehzüchter aus Westaustralien
und Alexandraland sprangen von ihren Sitzen auf und machten ihrer
Begeisterung in lauten Cheerrufen Luft. Es dauerte Minuten, bis der
Redner fortfahren konnte.

»... Ich stelle fest, daß Regierungspartei und Opposition in diesem
Punkt einig sind. Australien muß sich geschlossen an die Seite
Amerikas stellen, wie es Kanada vor fünf Jahren getan hat. Die
anglosächsische Rasse hat vor vierzig Jahren die neue Doktrin vom
Selbstbestimmungsrecht der Völker verkündet. Diese Lehre ist nie wieder
aus der Welt verschwunden. Wir nehmen dieses Recht der Selbstbestimmung
für uns in Anspruch und beschließen den Zollbund mit der amerikanischen
Union.«

Der Schluß der Rede ging in brausenden Cheerrufen unter. Das alte
Parlament, welches hier in Sydney tagte, war nicht wiederzuerkennen.
Tücher wurden geschwenkt. Händeklatschen mischte sich in die
Beifallsrufe. Einzelne Parlamentsmitglieder sprangen auf die Sitze und
gestikulierten mit den Armen.

Die bevorstehende Abstimmung konnte nur noch eine reine Formsache sein.
Die einstimmige Annahme des Beschlusses war sicher.

Einzelne Mitglieder verließen den Sitzungssaal, traten in die Vorhalle,
sprachen mit Journalisten und Geschäftsfreunden. Von Mund zu Mund
sprang die Nachricht weiter, gelangte ins Freie und wälzte sich durch
die breiten Straßen Sydneys. Seit dreißig Jahren hatte Australien seine
besondere Flagge, den Union Jack, mit dem aufgelegten australischen
Wappen. Das Kreuz mit den Symbolen des Landes lag auf dem roten Tuch
der britischen Flagge. Jetzt tauchten in wenigen Minuten an unzähligen
Fenstern Arrangements der australischen Flagge und des Sternenbanners
auf. Es war unbegreiflich, woher diese Unmenge amerikanischer Fahnen
im Augenblick kam, die hier im Winde flatterten und den Straßen ein
festliches Aussehen gaben.

Während die Begeisterung durch die Straßen lief und das Parlament zur
Abstimmung schritt, saß der australische Premierminister G. A. Applebee
dem Königlich Großbritannischen Sondergesandten Mr. Swift MacNeill
gegenüber.

»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die englische Regierung die
Lage als außerordentlich ernst ansieht. Der Beschluß des australischen
Parlamentes ist ungesetzlich, weil er alte, wohlerworbene Rechte des
Mutterlandes verletzt.«

Mr. MacNeill sprach die Worte langsam und unbewegt. So mochten vor
zweitausend Jahren Tribunen und Legaten die Weltmacht Roms in die
Wagschale geworfen haben: ~Roma locuta, causa finita!~

Mr. Applebee überlegte seine Erwiderung sorgfältig, bevor er den Mund
aufmachte.

»Es ist der einstimmige Beschluß des Parlamentes, Sir! Ein Land mit
einer Bevölkerung von vierzig Millionen steht geschlossen hinter dem
Parlament. Dadurch, daß Australien in ein engeres Verhältnis zur
amerikanischen Union tritt, hört es nicht auf, ein Freund Englands zu
sein ...«

»Australien ist ein Teil des britischen Reiches.« MacNeill sagte es
kurz und schroff.

»Gewesen, Sir! Bis zum heutigen Tage gewesen! Mit dem heutigen
Parlamentsbeschluß nimmt das Land das Recht voller politischer
Mündigkeit und Souveränität für sich in Anspruch.«

»Diesen Ausspruch erkennt die britische Regierung nicht an. Ich kann
meine Warnung nur wiederholen. Die Lage ist ungemein ernst.«

Die Züge des australischen Ministers röteten sich allmählich. Die
innere Erregung ließ seine Stimme vibrieren.

»Die Lage ist für das britische Reich genau so ernst wie für uns, wenn
Ihre Regierung darauf bestehen sollte, die einstimmigen Beschlüsse
eines freien und mündigen Volkes zu mißachten. Australien kann nicht
ausgehungert werden. Es hat einen bedeutenden Überschuß an Fleisch und
Brot. Es hat in seiner Bevölkerung fünf Millionen wehrhafter Männer ...«

»Ich hoffe nicht, daß das Land der Welt das traurige Schauspiel einer
abtrünnigen Kolonie bieten wird.«

Der Engländer sagte es, um etwas zu sagen. Er war seiner Sache nicht
mehr so sicher wie im Anfang.

Mr. Applebee fuhr fort: »Ein solches Schauspiel mag für England traurig
sein. Die Sympathien der Welt sind fast immer bei den Kolonien gewesen,
welche die Freiheit für sich in Anspruch nahmen und ...«

Mr. Applebee schwieg. Auch der englische Gesandte blieb still. Der Name
des Diktators Cyrus Stonard stand unausgesprochen zwischen ihnen. Der
Australier fühlte sich der amerikanischen Unterstützung sicher. Der
Engländer hatte die Überzeugung, daß die amerikanische Wehrmacht in dem
Augenblick losschlagen würde, in dem ein englischer Soldat oder ein
englisches Schiff die Freiheit des fünften Kontinents antasteten.

»Ich hoffe, daß es der Umsicht der englischen Regierung gelingen wird,
die Lage zu entspannen.«

Das waren die Abschiedsworte, mit denen der australische Premier den
Gesandten entließ.

Mr. Applebee kehrte in sein Kabinett zurück. Ein Klerk meldete ihm,
daß Mr. Jones ihn zu sprechen wünsche. Mr. J. F. C. Jones, der
Sondergesandte des Präsident-Diktators. ~Allright~, der sollte die
frohe Botschaft aus erster Quelle vernehmen. Der Australier hielt ihm
die Liste mit dem Abstimmungsergebnis entgegen.

»Die Sache ist in Ordnung, Sir! Einstimmiger Beschluß von Oberhaus
und Unterhaus. Der erste Fall in der Geschichte Australiens, daß ein
Beschluß in beiden Häusern mit allen Stimmen angenommen wird.«

Mr. Jones trocknete sich die hohe Stirn mit einem seidenen Taschentuch.

»Ich sehe leider, daß ich zu spät gekommen bin. Ich wollte Sie bitten,
die Abstimmung um vierzehn Tage zu verschieben.«

Mr. Applebee sank sprachlos auf seinen Stuhl.

»Ich verstehe nicht. Ich denke, das amerikanische Volk ersehnt die
Vereinigung ebensosehr wie wir?«

»Es ersehnt sie. Nur ein Aufschub von vierzehn Tagen. Aus Gründen der
äußeren Politik der amerikanischen Union.«

Mr. Applebee machte eine hilflose Bewegung.

»Wenn ich auch nur mit der Andeutung eines solchen Wunsches vor das
Parlament trete, bin ich in zwei Minuten später nicht mehr Minister.«

Der Amerikaner betrachtete seine Stiefelspitzen.

»Ich werde mich umgehend mit Washington in Verbindung setzen, den
Tatbestand mitteilen, um neue Instruktionen bitten. Die Sache liegt
klar. Der Parlamentsbeschluß ist in der ganzen Stadt, jetzt vielleicht
schon in allen Großstädten des Kontinents bekannt. Das Volk auf der
Straße ist in einem Freudenrausch. Wir können nicht daran denken, diese
Stimmung zu stören. Aber ... Sie sind das ausführende Organ für die
Beschlüsse. Wenden Sie Ihre ganze Kunst auf, um England hinzuhalten.
Beachten Sie wohl, die Sache soll durchaus so vor sich gehen, wie sie
verabredet wurde. Sie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Bei
dieser Sachlage wird es Ihnen möglich sein, einen Konflikt um vierzehn
Tage hinauszuschieben ... Ich hoffe, es wird Ihrer Kunst gelingen.«

Mr. Applebee versprach, sein möglichstes zu tun. Während von draußen
her der Jubel der enthusiasmierten Menge dumpf in den Raum drang,
empfahl sich der Amerikaner mit kräftigem Händedruck.

       *       *       *       *       *

Unter den Passagieren des Flugschiffes Stockholm--Köln befand sich Dr.
Glossin. Während seine Mannschaft nach dem Abenteuer in Linnais im
eigenen Schiff nach den Staaten zurückkehrte, fuhr er nach Deutschland.

Das Flugschiff war ein gutes, ziemlich schnelles Fahrzeug der
mitteleuropäischen Verkehrsgesellschaft. Für zweihundert Passagiere
eingerichtet, legte es bei einer Stundengeschwindigkeit von etwas über
vierhundert Kilometer die Strecke Stockholm--Köln in rund vier Stunden
zurück. Dr. Glossin war um acht Uhr morgens von Stockholm fortgeflogen.
Fahrplanmäßig mußte das Schiff den Kölner Flughafen zwölf Uhr mittags
erreichen. Jetzt stand er zwischen Malmö und Kiel über der Ostsee.

Der Doktor hatte es sich in einer Fensterecke bequem gemacht und zog
bei sich die Bilanz des Geschehenen.

Die Sachen waren nicht schlecht gegangen. Erik Truwor und die Seinen
waren vernichtet. Es war bereits schwarz auf weiß gedruckt zu
lesen. Haparandas Dagblad hatte in der Morgenausgabe einen kurzen
Bericht über das Unglück von Linnais. Eine rätselhafte Brand- und
Explosionskatastrophe, die mehrere schwedische Bürger das Leben
gekostet haben sollte. Er hatte einige Exemplare der Zeitung gekauft,
bevor er von Haparanda die Reise nach dem Süden antrat.

Dr. Glossin konnte zufrieden sein. Der heikle Auftrag des
Präsident-Diktators war erledigt. Die drei Menschen, die er wirklich
fürchtete, waren tot. So, wie er es geplant hatte, war es geschehen.
Die Engländer hatten ihm die gefährliche Arbeit besorgt. Daß die bei
der Gelegenheit etwas angesengt worden waren, störte ihn wenig. Wenn er
an den eingebildeten Trotter dachte, der schließlich seine Brandblasen
im Tornea kühlen mußte, empfand er ein gewisses Vergnügen.

Erik Truwor war tot. Der Mann, der im Begriffe stand, eine Macht zu
gewinnen, an der Weltreiche zerschellen konnten. Der greuliche Inder
war verbrannt. Der braune Satan, der ihn, den starken Hypnotiseur,
selbst in den Bann der Hypnose gezwungen hatte. Und Silvester Bursfeld
war gestorben. Silvester, dessen späte Rache er fürchten mußte.
Silvester, der ihm Jane entrissen hatte.

Das Verhältnis des Arztes zu dem Mädchen war immer komplizierter
geworden. Er brauchte sie als Medium von unübertrefflicher Leistung.
Als ein Medium, mit dessen Hilfe er räumlich und zeitlich ins Weite
blicken, die Pläne und Taten seiner Gegner rechtzeitig erkennen,
entfernte Zusammenhänge aufzudecken vermochte. Das war es, was ihm in
den letzten Wochen gefehlt hatte. Alle seine Mißerfolge schrieb er
diesem Fehlen zu. Jane mußte wieder fest in seiner Hand sein.

Sein Medium, sein Talisman und seine Liebe!

Mit verzweifelter Kraft klammerte sich die vereinsamte Seele des
alternden Mannes an den Gedanken, Jane ganz sein Eigen zu nennen. Er
fühlte unbewußt, daß diese Liebe für ihn die Entsühnung bedeute. Er
träumte von einem neuen Leben in Reynolds-Farm an Janes Seite. Jetzt
fuhr er nach Düsseldorf, um sie für sich zurückzuerobern.

Warum mußte auch Jane einen Brief an ihre Nachbarin in Trenton
schreiben und sich erkundigen, ob das Grab ihrer Mutter gut gepflegt
werde. Es lag auf der Hand, daß dieser Umstand dem um das Wohl seines
Mündels so ängstlich besorgten Vormund von den Empfängern des Briefes
nicht verheimlicht werden würde. So wußte Dr. Glossin, daß Jane im
Hause Termölen in Düsseldorf lebte. Es war einfach, beinahe zu einfach
gewesen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viel schwieriger würde es
sein, mit ihr in Verbindung zu treten.

Während das Schiff die westfälische Ebene überflog, versuchte der Arzt,
sich einen Plan zu machen. Wann hatte er Jane das letztemal gesehen?
Damals, als der Inder R. F. c. 2 wie Wachs schmelzen ließ; als Glossin
um sein Leben laufen mußte. Das mußte eine Annäherung des Doktors
unmöglich machen. Es kam noch dazu, daß Jane doch inzwischen mit
Silvester zusammengewesen sein, von ihm erfahren haben mußte, welche
Rolle Glossin bei seiner Gefangennehmung und Verurteilung gespielt
hatte. Es schien bei solcher Sachlage ein unmögliches Unterfangen für
den Arzt, Jane vor die Augen zu treten.

Aber schwierige Aufgaben reizten ihn. Er kannte seine eigene
hypnotische Macht über Jane. Gelang es ihm, sich ihr zu nähern, seinen
Einfluß wirken zu lassen, so mußte es ihm glücken, sie wieder ganz in
seinen Bann zu zwingen, alle störenden Erinnerungen wegzusuggerieren.
Nur der erste Angriff mußte geschickt ausgeführt werden. Die ersten
dreißig Sekunden entschieden alles.

Ruhig und mit voller Nervenkraft an das Werk gehen, darauf kam es
an. Er nahm einige der winzigen Pillen, die ihm eine genau auf die
Minute dosierte Nervenentspannung verschafften, und streckte sich
in den Sessel zurück. So saß er regungslos, bis das Schiff in Köln
landete. Eine knappe halbe Stunde später schritt er durch die Straßen
Düsseldorfs auf das Haus Termölen zu.

Sein Plan war einfach. Zu irgendeiner Stunde würde Jane doch einmal
die Wohnung verlassen. Sie auf der Straße abpassen, das Fluidum
wirken lassen, sie beeinflussen, sie in seinen Bann zwingen. Er war
so einfach, daß er wohl gelingen mußte. Wenn nicht ... es gab wohl
ein »Wenn«, aber Dr. Glossin hatte es gar nicht in den Bereich der
Möglichkeit gezogen.

Er schlenderte die Straße entlang, und der Zufall begünstigte ihn.

Jane trat aus dem Hause und ging in der Richtung nach dem Rattinger Tor
hin. Dr. Glossin verschlang ihre Gestalt mit den Blicken. Sie hatte
sich ein wenig verändert, seitdem er sie zuletzt sah. Die beängstigend
ätherische Zartheit ihres Teints war einer gesünderen Farbe gewichen.
Ihre Figur war voller und kräftiger geworden.

Sie ging die Straße entlang, blieb hier und dort vor einem Schaufenster
stehen und musterte die Auslagen. Mit der Gewandtheit eines Jägers
pirschte sich der Doktor an sie heran. Unbeachtet in ihre nächste Nähe
kommen, den Einfluß wenige Sekunden wirken lassen, und das Spiel war
gewonnen.

Während Jane die Schmuckstücke im Schaufenster eines Juweliers
betrachtete, kam er dicht an sie heran, stand unmittelbar hinter ihr
und ließ seine ganze Energie spielen.

Jane schien es zu merken. Unangenehm, wie eine fremde körperliche
Berührung. Sie drehte sich um und sah ihm unbefangen in die Augen.

Dr. Glossin erschrak. Das war das Mädchen nicht mehr, das sich in
Trenton und Reynolds-Farm willenlos seinem Blick unterwarf. Er gab das
Spiel verloren, erwartete im nächsten Moment eine Flut von Vorwürfen zu
hören, sann auf schnellen Rückzug.

Nichts dergleichen geschah.

Jane begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Sie lud ihn ein, mit in
das Haus zu kommen, und geleitete ihn dort in das Besuchszimmer. Hier
erkundigte sie sich nach allen Bekannten in Trenton.

Dr. Glossin beantwortete ihre Fragen ausführlich und versuchte, dieses
eigentümliche Benehmen zu ergründen. Ganz vorsichtig ließ er den
Namen Elkington fallen. Jane reagierte nicht darauf. Der Doktor wurde
deutlicher. Er sprach von Elkington, wo er sie das letztemal gesehen
habe. Jane blickte ihn verwundert an.

»Elkington? ... Elkington? ... Ich bin nie in Elkington gewesen.
Soweit ich mich erinnere, haben wir uns das letztemal in Trenton beim
Begräbnis meiner Mutter gesehen.«

»Aber meine liebe Miß Jane, können Sie sich auch nicht an Reynolds-Farm
erinnern ...«

Jane schüttelte verneinend das Haupt. Dabei lachte sie vergnügt; lachte
den Doktor geradezu aus, bis er seine Neugier nicht mehr meistern
konnte.

»Darf ich fragen, Miß Jane, welcher Umstand Ihre Heiterkeit erregt?«

»Gewiß, Herr Doktor, ich amüsiere mich darüber, daß Sie mich noch immer
als Miß anreden. Ich glaubte, mein Mann hätte Ihnen meine Vermählung
längst mitgeteilt ...«

Dr. Glossin sah nicht sehr geistreich aus. Das Erstaunen war zu groß,
die Neuigkeit war zu überraschend und kam zu plötzlich.

Jane sah es und brach in ein helles Gelächter aus.

»Sie wissen also nicht, daß ich verheiratet bin? Wissen natürlich auch
nicht, wer mein Mann ist?«

»Keine Ahnung, Mrs. ... Mrs. ...«

»Mrs. Bursfeld, damit Sie meinen vollen Namen kennenlernen, Herr
Doktor.«

»Ich konnte es mir fast denken.«

Dr. Glossin murmelte die Worte unhörbar vor sich hin. Mochte Jane
immerhin geheiratet haben, so war sie heute doch schon wieder Witwe.
Das sollte ihn nicht stören. Aber er mußte klar sehen, welche
Veränderung mit ihr vorgegangen war.

Ihre Erinnerung war lückenhaft. Sie wußte nichts mehr von
Reynolds-Farm, wußte vielleicht überhaupt nicht mehr, daß es jemals
einen Menschen namens Logg Sar gegeben hatte, obwohl sie heute Mrs.
Bursfeld war. Todesurteil, Verrat, alle die Dinge, bei denen Glossin
eine so schlimme Rolle spielte, waren ihrem Gedächtnis entschwunden.
Es war dem Doktor klar, daß hier eine suggestive Beeinflussung vorlag.
Man hatte Jane diese aufregenden Vorfälle vergessen lassen, um ihr
hier ein ruhiges Leben der Erholung und Kräftigung zu ermöglichen. Die
guten Wirkungen der Maßnahme zeigten sich auch unverkennbar an ihrem
Aussehen.

Aber noch etwas anderes mußte geschehen sein. Während Dr. Glossin mit
Jane sprach, versuchte er die alten Künste. Ganze Ströme magnetischen
Fluidums ließ er auf sie wirken, während er im Laufe des Gespräches
ihre Hände ergriff. Mit aller Kraft suchte er sie wieder unter seinen
Willen zu zwingen. Ein Weilchen ließ ihn Jane gewähren. Dann entzog sie
ihm ihre Hände.

»Nun ist es genug, Herr Doktor. Sie sehen mich an ... so ... was ...
wollen Sie?«

Bei diesen Worten schaute sie ihm selbst so sicher und unbeeinflußt in
die Augen, daß er seine Bemühungen aufgab.

Ein mächtiger Wille hatte Jane gegen alle hypnotischen Beeinflussungen
von anderer Seite verriegelt. Wohl konnte er ruhig mit Jane sprechen.
Aber alle Annäherung konnte ihm nichts nutzen. Sie war gegen seinen
Einfluß gefeit. Eine Verriegelung, die Atma gelegt hatte ... Dr.
Glossin zweifelte, ob es ihm je gelingen könnte, sie wieder aufzuheben.
Ein einziges Mittel blieb, eine schwere seelische Erschütterung. Wenn
sie stark genug war, wenn sie die Seele mit voller Macht traf, dann
konnte sie den Riegel vielleicht zerbrechen.

Dr. Glossin lehnte sich in seinen Stuhl zurück und holte aus seiner
Brusttasche ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt hervor.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mrs. Bursfeld, wenn meine Blicke länger
als üblich an den Ihren hingen, meine Hände länger als gewöhnlich in
den Ihren ruhten. Die überraschende Mitteilung Ihrer Vermählung bringt
mich in eine eigenartige Lage, macht eine Nachricht, die sonst nur
bedauerlich gewesen wäre, zu einer Trauerbotschaft.«

Jane blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Überraschung und
Bestürzung malten sich auf ihren Zügen.

»Eine schlimme Nachricht aus Linnais.«

Dr. Glossin sagte es, während er Jane das Haparanda Dagblad mit der
Nachricht vom Untergange des alten Hauses Truwor hinhielt.

Jane warf einen Blick darauf.

»Herr Doktor, ich verstehe kein Schwedisch. Sie müssen mir das
übersetzen.«

Dr. Glossin nahm das Blatt wieder an sich und begann Wort für Wort
zu übersetzen. Die Nachricht vom Brande, von den Explosionen. Vom
Untergange des ganzen alten Hauses in einer einzigen wabernden Lohe.
Vom sicheren Tode aller Insassen.

Während er Zeile für Zeile übersetzte, wurde Jane von Sekunde zu
Sekunde blasser. Bei den letzten Worten sank sie mit einem leisen
Schrei ohnmächtig von ihrem Stuhl auf den Teppich.

»Jetzt oder nie ... vielleicht ist der Riegel gebrochen.«

Dr. Glossin beugte sich über die ohnmächtig Daliegende. Er strich
ihr über die Stirn. Alles magnetische Fluidum, über das er verfügte,
versuchte er in ihren Körper zu jagen. Sie wieder ganz unter seinen
Willen und Einfluß zu zwingen.

Er befahl ihr, sich zu erheben, und Jane führte den Befehl aus. Mit
halbgeschlossenen Augen stand sie vor ihm.

Auf einen Dritten hätte die Szene einen wunderbaren Eindruck gemacht
... Kein Wort wurde gesprochen. Lautlos erteilte Dr. Glossin seine
Befehle. Lautlos vollzog sie Jane, solange sie sie noch vollzog.

Eine Richtung der Pupillen von Jane gefiel dem Doktor nicht. »Sehen Sie
mich an. Sehen Sie mir genau in die Augen«, befahl er.

Jane leistete dem Befehl keine Folge. Erst wanderte ihr Blick. Dann
drehte sich ihr Haupt und dann der ganze Körper. Sie wandte dem Doktor
halb den Rücken zu. Wäre Dr. Glossin über die Himmelsrichtungen in dem
Zimmer orientiert gewesen, hätte er bemerkt, daß Jane genau nach Norden
blickte.

So stand sie. Minuten hindurch. Dr. Glossin bot seine ganze Kraft auf
und hatte keinen Erfolg.

Wenn der Riegel jemals gebrochen war, so war er in diesen Sekunden
wieder zusammengeschweißt.

Jetzt wandte sich Jane ruhig dem Doktor wieder zu. Sie zeigte eine
heitere Miene. Jede Angst und Unruhe waren wie weggewischt. Sie nahm
die Unterhaltung da wieder auf, wo sie vor langen Minuten gestockt
hatte.

»Dieser Zeitungsbericht ist doch längst überholt. Ein bedauerlicher
Zwischenfall. Ein Brand, der im Laboratorium von Erik Truwor ausbrach.
Ich hörte davon. Es ist schade. Es hält die Arbeiten wieder auf. Ich
werde meinen Mann ein paar Tage länger entbehren müssen. Aber Sie
können beruhigt sein. Er ist unversehrt und arbeitet mit allen Kräften
an seiner Erfindung weiter ...«

Dr. Glossin hatte das Empfinden, als ob alles um ihn niederbräche. Eben
noch seines Sieges gewiß. Im Bewußtsein, drei Gegner vernichtet zu
haben. Im Begriff, Jane wieder unter seinen Einfluß zu zwingen.

Und nun? Die junge Frau stand sicher und selbstbewußt vor ihm. Sie
lachte über die Mitteilungen, die sie niederschlagen sollten.

»Herr Doktor, Ihre Nachrichten sind überholt. Ich habe neuere, bessere.«

Mit dieser im Konversationston vorgebrachten Bemerkung schlug sie alle
seine Angriffe zurück, vereitelte sie seine Anstrengungen, setzte sie
ihn der Gefahr aus, sich lächerlich zu machen, wenn er seinen Besuch
noch weiter ausdehnte.

Dr. Glossin empfahl sich. Äußerlich höflich, innerlich zerrissen und
wütend.

»Wenn nicht die eine, so die andere! Wir wollen sehen, wie Lady Diana
die Nachricht aufnimmt.«

Mit diesem Vorsatz verließ er das Haus.

       *       *       *       *       *

Das war die Stellung der beiden Flotten. Vor der Broken-Bai auf
der Reede von Port Jackson lagen die sechs großen australischen
Schlachtschiffe. Die »Tasmania«, »Viktoria«, »Kaledonia« usw. Mit den
leichteren Streitkräften insgesamt fünfzehn Fahrzeuge. Etwa sechzehn
Kilometer nördlich nach Rielmond hin ankerte das englische Geschwader.
Es hatte alles in allem rund die doppelte Schiffszahl der australischen
Flotte und auch die doppelte Kampfstärke.

Nur Kommodore Blain und die Herren von der Admiralität in London
wußten, warum ein englisches Geschwader von solcher Stärke plötzlich
in der Nähe von Sydney auftauchte. Vielleicht geschah es, um den
Vorstellungen des englischen Sondergesandten MacNeill ein besonderes
Gewicht zu verleihen. Vielleicht war es auch wirklich nur ein Zufall.

Mochte dem sein, wie ihm wolle. Die Besatzungen der australischen
Schiffe vom Admiral Morison bis hinab zu den letzten Midshipmen waren
über die Anwesenheit nicht erbaut. Für den Admiral Morison waren zwar
die strikten Anweisungen seiner Regierung bindend, die ihm einen nicht
nur höflichen, sondern sogar herzlichen Verkehr mit der englischen
Flotte zur Pflicht machten. Aber Admiral Morison war einer gegen
dreißigtausend Mann der Flottenbesatzung.

Mittags um zwölf wurde der Beschluß des australischen Parlaments auf
der Flotte bekannt. Es war Essenszeit. Wer nur irgendwie dienstfrei
war, saß beim Mittagmahl. Die Mannschaften in den großen luftigen
Zwischendecks, Offiziere und Ingenieure in ihren Messen. Die Gebräuche
der Marine und der anglosächsischen Marine ganz besonders sind
ehrwürdig und wenig veränderlich. Es gab Speck mit dicken Erbsen, wie
ihn die Seeleute Nelsons schon bei Aboukir und Trafalgar bekommen
hatten und wie ihn aller Voraussicht nach auch noch die Enkel und
Urenkel der hier Schmausenden erhalten würden. Nur so weit hatte sich
der soziale Gedanke auch in der australischen Flotte durchgesetzt,
daß die Offiziere das gleiche erhielten wie die Mannschaften, also in
diesem Falle ebenfalls Speck mit dicken Erbsen.

So saßen sie und speisten. Die Mannschaften zu Hunderten. Die Offiziere
zu Dutzenden. Nur der Kapitän allein. Eben jenem alten Brauche folgend,
der im Kapitän eines Schiffes einen Halbgott erblickt, den kein anderer
Sterblicher essen sehen darf.

Also saß Kapitän George Shufflebotham, der Kommandant der »Tasmania«,
allein in seiner Kabine und verzehrte das kräftige, aber Durst
erregende Mahl. Es lag in seinen persönlichen Gewohnheiten begründet,
daß er dabei den Whisky nur wenig mit Soda verdünnte. Gerade als er das
letzte Stück Speck mit einem guten Schluck Whisky vom Stapel ließ, kam
der Läufer in seine Kabine und legte ihm die Funkendepesche auf den
Tisch.

Kapitän Shufflebotham kaute und las. Schluckte und schlug mit der Faust
auf den Tisch.

Mit der Depesche in der Hand verließ er seine Kabine und ging in das
Mannschaftsdeck, wo die Leute gerade mit den Resten der Mahlzeit
beschäftigt waren. Winkte den ersten besten heran.

»Kannst du lesen, mein Junge?«

»Ich denke ja, Herr Kapitän.«

»Dann lies mal! Lies das Ding so laut vor, daß alle es hören können!«

Mit einem Blick hatte Jimmy Brown den Inhalt der Depesche überflogen
und begriffen. Stellte sich in Positur und brüllte mit Riesenstimme:
»Achtung! ... Ruhe! ... Verlesung auf Befehl des Herrn Kapitäns ...!«

Als Jimmy Brown geendet hatte, durchbrauste ein ungeheurer Jubel das
Zwischendeck. Kapitän Shufflebotham beobachtete mit triumphierender
Miene die Wirkung der Verlesung. Dann winkte er Jimmy Brown beiseite,
nahm die Depesche zurück und sprach angelegentlich mit ihm.

Jimmy Brown hörte zu. Erst ruhig. Dann mit weit aufgerissenen Augen,
als verstünde er nicht, was der Kapitän sage und wolle. Dann mit
beginnendem Verständnis und schließlich mit kaum verhehltem Vergnügen.
Der Kapitän ging in seine Kabine zurück. Jimmy Brown ließ Erbsen Erbsen
sein und machte sich auf dem Deck zu schaffen. Auf Deck, und zwar an
der Flaggenleine. Ganz langsam stieg der Union Jack, der im Topp des
Gefechtsmastes flatterte, herunter. Kurze Zeit hatte Jimmy Brown danach
an einer Stelle der Flaggenleine zu tun. Er bastelte, knotete und
knüpfte, während ein paar Kumpane ihn nach allen Seiten deckten.

Dann kam die Flaggenleine wieder in Bewegung. Sie stieg. Aber sie nahm
eine eigenartige und von keiner seefahrenden Nation anerkannte Flagge
mit empor. Es war ein großer Scheuerlappen, der dort majestätisch in
die Höhe ging, und in einem Drittel der Mastlänge folgte ihm der Union
Jack. Als die Leine zur Ruhe kam und von Jimmy Brown festgeknotet
wurde, flatterte der Lappen munter im Topp, und tief unter ihm, beinahe
Halbmast, stand die Flagge Großbritanniens.

Es war Unfug ... Grober Unfug ... Wenn die Mannschaften einmal mit der
Beköstigung oder sonstwie unzufrieden waren, hatten sie solchen Lappen
an die Flaggenleine geknotet. Die Götter mögen wissen, wie dem Kapitän
Shufflebotham in der Whiskylaune der Gedanke kam, diese alte Geschichte
wieder aufzuwärmen und zu einer offenkundigen Verhöhnung der britischen
Flagge zu benutzen. Es genügt, daß es geschah und auf den anderen
Schiffen Nachahmung fand. Auch auf der »Viktoria«, der »Alexandra«,
der »Kaledonia« und allen anderen hatte man die Depesche des
Parlamentsbeschlusses erhalten und war tatenlustig. Vergebens warfen
sich die Offiziere ins Mittel und verboten das Manöver. Es grenzte so
ziemlich an Meuterei. Überall wurden die Vorgesetzten zurückgedrängt,
und auf allen Schiffen der australischen Flotte flatterte nach wenigen
Minuten ein übler Lappen über dem Union Jack.

Vergeblich sandte Admiral Morison von seinem Flaggschiff, der
»Melbourne«, eine dringende Depesche nach der anderen und drohte, die
Schiffskommandanten vor ein Kriegsgericht zu bringen. Sie beteuerten
die Unmöglichkeit, diese sonderbaren Flaggen gegen den Willen der
gesamten Mannschaften niederzuholen. Bis auf den Kapitän Shufflebotham.
Der antwortete überhaupt nicht. Er lag auf dem Sofa seiner Kabine und
schlief den Schlaf des Gerechten.

Aber die eigenartige Flaggenparade war von mehr als einer Stelle
gesehen worden. Auch Kommodore Blain, der Chef des englischen
Geschwaders, hatte sie bemerkt. Bei der Entfernung von sechzehn
Kilometer konnte er auch mit einem guten Glase nur erkennen, daß eine
einfarbige dunkle Flagge über dem Union Jack saß. Darum schickte er
einen Flieger aus, der sich das Ding in der Nähe besehen sollte.
War entrüstet, als er hörte, daß die ältesten und zerrissensten
Schauerlappen in den Toppen der australischen Flotte über der
geheiligten Flagge Englands wehten. Dann griff er zum Telephon und rief
den Admiral Morison selber an.

Die Unterredung war auf englischer Seite von bemerkenswerter Kürze,
aber inhaltvoll. Admiral Morison betonte, daß seine Flotte sich im
Zustande halber Meuterei befände, daß sein eigenes Schiff den Unsinn
nicht mitmache, daß er bemüht bleibe, wieder ordnungsmäßige Zustände
herzustellen. Die Antwort des Admirals Blain war kurz und schroff.

»Es ist drei Viertel eins. Wenn die Lappen noch um eins hängen, schieße
ich.«

Die telephonische Verbindung brach ab. Admiral Morison rief den Kapitän
und die Offiziere seines Flaggschiffes. Es war in zwölf Minuten eins,
als sie bei ihm eintraten. Von ihnen hörte er, daß das englische
Geschwader die Anker aufgenommen habe und nordwärts über die Kimme
dampfe. In fliegender Hast benachrichtigte er sie von der Unterredung
mit dem Engländer. Zehn Minuten vor eins hatten sie die Lage begriffen.
Natürlich ... die englische Flotte segelte auf Gefechtsentfernung von
dreißig Kilometer irgendwohin, wo sie im Falle eines Kampfes die
australischen Flieger erst ausfindig machen mußten, während Admiral
Blain wußte, wo er den Gegner zu suchen und zu treffen hatte.

Neun Minuten vor eins ... acht Minuten vor eins.

Die Schiffe noch jetzt zum Streichen dieses verdammten Schauerlappens
zu bringen? ... Ganz unmöglich. Seit fast einer Stunde versuchte man es
ja vergeblich. Dann wenigstens nicht wehrlos zugrunde gehen. Sich nicht
hier vor Anker in Grund schießen lassen. Es war sechs Minuten vor eins,
als vom Admiralschiff an alle Einheiten der Flotte der Befehl kam,
schnellstens Anker aufzunehmen und gefechtsklar zu machen.

Niemals wurde ein Befehl in der australischen Marine schneller befolgt.
So schwerhörig sie früher auf den einzelnen Schiffen gewesen waren, so
hellhörig wurden sie jetzt. Man hatte das Verschwinden der englischen
Flotte beobachtet und machte sich seinen Vers darauf.

Vier Minuten vor eins waren alle Anker gelichtet. Drei Minuten vor eins
lief die australische Flotte, die einzelnen Geschwader in Kiellinie,
mit voller Maschinenkraft seewärts Kurs Süd zu Südost.

Admiral Morison sah auf die Uhr. Eine Minute vor eins. Er trat in den
Kommandoturm. Immer noch die schwache Hoffnung im Herzen, daß der
Engländer seine Drohung nicht wahrmachen würde. Daß es ihm selber
gelingen würde, die Flotte unter den Kanonen der Botany-Bai in
Sicherheit zu bringen. Der Kampf mit der doppelt so starken englischen
Flotte war zu aussichtslos, als daß er ihn irgendwie wünschen konnte.
Der Kapitän der »Melbourne« war hinsichtlich der Engländer anderer
Meinung.

Schon schwirrten englische Flieger über der Kimmung. Und dann kamen
die ersten englischen Geschosse. Zunächst keine Treffer. Aber jeder
Schuß gab Veranlassung zu Korrekturen, und immer näher bei den Schiffen
schlugen die schweren Geschosse in die See, dort wüste und wütende
Wasserberge emporreißend.

Die Aussichten, ein schnell und im Zickzackkurs fahrendes Schiff
auf dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung direkt zu treffen,
waren natürlich minimal. Dafür aber hatte die Technik dieser Tage
Geschosse geschaffen, welche das alte Prinzip der bereits im Weltkriege
benutzten Wasserbomben weiter ausbauten. Sie explodierten erst vierzig
Meter unter Wasser, warfen dann aber eine Woge auf, welche jeden
in fünfhundert Meter Nähe befindlichen Panzer zum Kentern bringen
mußte. Die Kriegstechnik hatte, wie immer, auf den verbesserten
Angriff einen verbesserten Schutz folgen lassen. Die Kriegsschiffe
waren mit stabilisierenden Kreiseln ausgerüstet, die den kippenden
Wogen Widerstand zu leisten vermochten. Bis zu einem gewissen Grade
wenigstens.

Aber nun folgten die englischen Salven in dichter Folge. Admiral
Morison zog seine Schiffe weit auseinander, um aus dem schlimmsten
Strudelwasser herauszukommen. Auch die Australier feuerten, was die
Rohre hergeben wollten, und ihre Flieger meldeten die Einschläge,
verbesserten die Richtungen.

Aber es stand schlimm um die Schiffe Morisons. Schon trieb die
Kaledonia gekentert kieloben. Jetzt faßte ein Zufallstreffer die
Alexandra und verwandelte sie in der nächsten Sekunde in eine graue
Wolke kleiner Stahlbrocken und gelblich schwelenden Rauches. Wohl
hatten auch die australischen Kanoniere einige Fahrzeuge des Gegners
gekippt, und einem Torpedoflieger war es gelungen, einen Lufttorpedo
aus zweitausend Meter auf das Deck des Alcestes zu setzen und ihn in
Trümmer zu zerreißen. Aber es war klar, daß die australische Flotte nur
noch für die Ehre der Flagge focht ... welcher Flagge denn?

Ein bitteres Lächeln umspielte die Züge des Admirals Morison, als er
den Gedanken dachte. Für die Laune, hier einen Scheuerlappen zu hissen,
schlug sich seine Flotte auf Leben und Tod mit dem weit überlegenen
Gegner. Um dieser Laune willen mußte er in schreiendem Gegensatz zu
den Befehlen seiner Regierung mit einer Flotte kämpfen, mit der ihm
die Pflege freundschaftlicher Beziehungen befohlen war. Es war bitter
für einen Mann, dessen Leben bisher strenge Pflichterfüllung gewesen
war. Aber Admiral Morison stand unter dem Zwange der Verhältnisse und
beschloß, auszuharren bis zum Ende.

Eine Meldung eines seiner Flieger ließ ihn aufmerken.

»Englischer Panzer Alkyon gekentert. Ohne Schuß von uns.«

Schon kam eine zweite Meldung von einem anderen Flugschiff:

»Amphitrite geht auf Grund. Ohne Schußeinwirkung von uns.«

Die dritte Meldung folgte unmittelbar:

»Niobe sinkt. Es scheinen U-Boote zu wirken«.

Die folgenden Sekunden brachten noch ein halbes Dutzend gleichartiger
Meldungen. Bis Admiral Blain den ungleichen Kampf aufgab und mit dem
Reste seiner Schiffe nach Nordosten entfloh.

Admiral Morison sammelte den Rest seines Geschwaders und setzte den
Kurs auf den bisherigen Standort der englischen Flotte. Nach beendetem
Kampf war es Seemannspflicht, Überlebende zu retten.

Auf halbem Wege, auf der Höhe von Sydney, kamen ihm U-Boote entgegen.
Hundert U-Boote. In Kiellinie zogen sie in Überwasserfahrt daher.
Große, schwer gepanzerte Kreuzer von einer Art, wie sie Australien
nicht besaß. Sie fuhren schnell und waren im Augenblick heran.

Es konnten Feinde sein. Aber keinem Menschen in der australischen
Flotte kam dieser Gedanke. Sie alle, von dem Schiffskommandanten bis
zu den einfachen Kanonieren, erblickten in diesen Booten die Erretter
vom sicheren Untergang und begrüßten sie mit brausendem Cheer. Da
ging am Heck des ersten Bootes ein rötlicher Ball empor, breitete
sich im Winde aus und zeigte das Sternenbanner der amerikanischen
Union. Amerikanische U-Boote hatten unter der Führung des Admirals
Willcox eingegriffen. Unbekannt mit den letzten Entschließungen von
Cyrus Stonard, sah Willcox die australische Flotte im Kampfe mit der
englischen Übermacht. Mochten die Politiker treiben, was sie wollten.
Der Seebär Willcox wußte nur, daß Australien nächstens amerikanisch
werden würde. Das hatte ihm genügt.

Die australische Flotte lief in den Hafen von Sydney. Die amerikanische
U-Boot-Flotte folgte nach einer plötzlichen Entschließung des Admirals
Willcox. Der meinte, daß es Zeit sei, das warme Eisen zu schmieden, und
kümmerte sich den Teufel um diplomatische Gebräuche und Abmachungen.

Die Kunde von dem Gefecht und dem Eingreifen der amerikanischen Hilfe
war den Flotten drahtlos vorausgeeilt. Eine bange Stunde hindurch
hatten in Sydney die Häuser unter dem schweren Feuer der kämpfenden
Flotten gebebt. Dann kam die Erlösung. Hilfe und Sieg durch die
Amerikaner. Da schlug die bange Stimmung in das Gegenteil um. Die
Amerikaner, die jetzt im Hafen lagen, die in einzelnen Trupps an Land
kamen, wurden mit hellem Jubel begrüßt. Niemand in ganz Sydney dachte
mehr an die Tagesarbeit. Von dichten Scharen waren die Straßen schwarz,
während die Häuserfassaden im Flaggenschmuck verschwanden.

Einer der wenigen, die nicht an diesem allgemeinen Jubel teilnahmen,
war der australische Premier Mr. Applebee. Der Staatsmann dachte an die
Zukunft und fuhr bei MacNeills, dem englischen Gesandten, vor. Nicht
ohne sich einen bestimmten Plan zurechtgemacht zu haben.

Der Engländer empfing ihn hochmütig und kalt. Das Erstaunen zu deutlich
zur Schau tragend, als daß es für ganz natürlich gehalten werden konnte.

»Was wünschen Sie, Herr Ministerpräsident? Ich glaube kaum, daß wir uns
nach dieser Affäre noch etwas zu sagen haben.«

Mr. Applebee war auf den Empfang gefaßt.

»Gestatten Sie, daß ich anderer Meinung über die Vorfälle bin. Es
war der englische Admiral, der die Feindseligkeiten eröffnete und den
ersten Schuß auf unsere Flotte tat. Auf unsere kleine Flotte, die
sich in diesem unglücklichen Augenblick in offensichtlicher Meuterei
befand. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich diesen Flaggenunfug genau so
verurteile wie unser Admiral Morison. Der ganze Unsinn geht von einem
als Trinker bekannten Kapitän aus, der heute noch seines Amtes enthoben
werden soll. Doch dieser Umstand rechtfertigt das schroffe Vorgehen
Ihres Admirals nicht. Was ist dabei herausgekommen? Gerade das, vor dem
ich heute vormittag warnen zu müssen glaubte. Ein Eingreifen Amerikas
an unserer Seite.

Aber trotz aller dieser Vorfälle ... höchst bedauerlichen Vorfälle, die
uns und Ihnen Menschenleben und gute Schiffe gekostet haben, hoffe ich
immer noch, daß sich die Affäre in friedlicher Weise beilegen lassen
wird. Ich habe nach Ihrem letzten Besuch auf Mittel und Wege gesonnen,
dem Parlamentsbeschluß die Spitze abzubrechen. Ich hoffe, solche
gefunden zu haben, und wäre untröstlich, wenn die Verständigung jetzt
scheitern sollte.«

MacNeills horchte auf. Eine Möglichkeit, den Parlamentsbeschluß zu
inhibieren? Das gab der Sache eine neue Wendung. Er erwiderte, er wolle
umgehend drahtlos Instruktionen seiner Regierung einholen.

Mr. Applebee war noch keine Stunde von diesem Besuch zurückgekehrt, als
er den Gegenbesuch MacNeills empfing. Die englische Regierung bestehe
auf restlose Aufklärung der Vorfälle. Danach würde sie ihre weiteren
Schritte einrichten.

Mr. Applebee atmete auf. Das hieß, aus dem Diplomatischen in die
tägliche Gebrauchssprache übersetzt, daß auch England die Sache
nicht über das Knie brechen wolle. Restlose Aufklärung ... das waren
wenigstens vierzehn Tage. Mehr hatte Cyrus Stonard nicht verlangt. Er
schüttelte dem Engländer beim Abschied mit ostentativer Herzlichkeit
die Hand.

Mr. MacNeills fuhr im Kraftwagen nach seinem Hotel zurück. Am
Prinz-Alfred-Park geriet das Auto in den Strom der singenden,
johlenden, flaggenschwingenden Menge. Das Gedränge zwang den Chauffeur,
langsam zu fahren. Ein australischer Matrose, ein Sternenbanner in der
Rechten schwingend, sprang auf das Trittbrett. Ließ die Flagge wehen.

»Hallo, Boys, drei Hurras für Uncle Sam!«

Vieltausendstimmig wurde der Ruf von der Menge aufgenommen und rollte
wie ein Donnerwetter die breite Straße entlang. Da fühlte MacNeills,
daß Australien für England unwiederbringlich verloren sei. Der Führer
hatte sich durch den Menschenstrom gewunden, die ruhige Seitenstraße
erreicht.

»Fahr zu, Chauffeur!«

Kurz und scharf rief es der Engländer und warf sich in das Kissen
zurück.

       *       *       *       *       *

Die gespannte politische Lage nötigte auch den Vierten Lord
der Admiralität, seinen Landaufenthalt für unbestimmte Zeit zu
unterbrechen. Lord Horace Maitland war mit Familie und Dienerschaft in
sein Stadthaus übergesiedelt, ein einfaches, aber geräumiges Palais
aus der Zeit des dritten Georg. Kaum zehn Minuten von der Admiralität
entfernt.

Eine kleine Gesellschaft der nächsten Bekannten saß dort um den
Teetisch versammelt. Lord Horace kam aus einer Sitzung. In diesem
Kreise durfte er sich ziemlich frei äußern.

»Die Ansichten im Kabinett waren geteilt. Einige meiner Kollegen hoffen
immer noch, daß sich ein Krieg ... der Krieg, der um Englands Schicksal
geht ... vermeiden läßt. Die Entscheidung liegt beim Parlament, das
morgen zusammentritt.«

»Eine bange Nacht für alle, die mit ihrem Blute für das Vaterland
eintreten müssen.«

Einer der Gäste hatte es gesagt.

»Noch eine lange, bange Nacht!«

Lady Diana flüsterte es mit bewegter Stimme. Sie blickte
geistesabwesend vor sich hin und rührte mit dem kleinen Silberlöffel
mechanisch in der Teetasse.

Lord Horace betrachtete sie mit forschendem Blick. Seit Tagen fiel
ihm eine Veränderung an ihr auf, für die er keine Erklärung fand.
Was konnte die ruhige, gefestigte Natur seiner Frau so außer Fassung
bringen? Der drohende Krieg? ... Wenig wahrscheinlich! Was sonst?

Lady Diana atmete, wie von einer Last befreit, als die Gäste sich
empfahlen. Lord Horace sah, wie gezwungen das Lächeln war, mit dem sie
sie verabschiedete.

Vergeblich wartete er auf ihre Rückkehr.

»Die Lady hat sich in ihre Räume zurückgezogen.«

Der Bescheid wurde ihm auf seine Frage. So war es ihm unmöglich, dem
Grunde dieser Veränderung näherzukommen. Es hieß wohl zu warten, bis
seine Gattin freiwillig sprechen würde.

Er war in Sorge. Seine Heirat war eine Liebesheirat im besten und
edelsten Sinne. Die Erhöhung des Gatten, die unerwartete Erbschaft des
Lordtitels hatte das innige zarte Verhältnis der Gatten nicht geändert.
Die Liebe, die in der Hütte blüht, stirbt leicht im Palast. Hier war
das nicht der Fall. Doch seit einigen Tagen fühlte Lord Horace, daß
etwas Fremdes zwischen ihm und seiner Gattin stand.

Lady Diana schritt rastlos in ihrem Zimmer hin und her, mit fieberisch
geröteten Wangen. Die Lippen wie durstig geöffnet.

Die Stutzuhr schlug die sechste Stunde.

Diana Maitland hielt in ihrem Gang inne und starrte auf das Zifferblatt.

»Schon wieder ein Tag vergangen ... ohne Nachricht ... Noch eine Nacht
wie die vergangene ertrage ich nicht ... Warum das alles? ... Um eines
Mannes willen, dessen Namen ich längst aus meinem Leben gestrichen zu
haben glaubte. Ah ...«

Sie warf sich auf den Diwan. Die eine Hand schob ungeduldig die Kissen
zurecht, die andere strich das Haar von der Schläfe. Ihre Augen waren
geschlossen, aber es zuckte zuweilen in den langen Wimpern.

Eine Welt lag zwischen diesem unruhig sinnenden, gegen Tränen
kämpfenden Weib und jener heiteren, strahlenden Schönheit, die noch vor
wenigen Tagen den Mittelpunkt der glänzenden Gästeschar in Maitland
Castle bildete.

Ihre Lippen formten Worte.

»Warum lasse ich mich in wachendem Zustand von diesen Träumen quälen?
Ist es nicht genug an den unruhigen Nächten? ... Warum diese Angst?
... Was habe ich getan, was ich nicht vor mir selbst, vor aller Welt
verantworten könnte?

Ich bin nur feig ... oder vielleicht krank ... und könnte doch gerade
so glücklich sein, wie mich die Welt schätzt.«

Lady Diana richtete sich heftig auf.

»Horace beobachtet mich ... meine Aufregung ist ihm nicht entgangen ...
ich bin ihm kein Geständnis schuldig! Nein, nein! Soll ich ein zweites
Mal für eine Sünde büßen, die keine war?«

Erschöpft warf sie sich auf den Diwan zurück und schlug die großen
dunklen Augen zur Zimmerdecke auf. Wie unter einem Zwange sprach sie
weiter:

»Der eine liegt auf dem Père Lachaise. Der andere in Linnais ...?«

Ein Pochen an der Tür. Auf silbernem Tablett brachte die Zofe einen
Brief. Ein großes graues Kuvert. Deutsche Briefmarken. Die Schrift der
Adresse schien ihr wohl bekannt, und doch konnte sie den Schreiber
nicht erraten.

»Legen Sie den Brief auf den Tisch. Ich werde ihn später lesen.«

Sie sagte es mit gleichgültiger Stimme. Kaum hatte die Zofe den
Raum verlassen, als sie aufsprang und den Umschlag mit zitternden
Fingern zerriß. Ein einfaches Zeitungsblatt bildete den Inhalt. Eine
schwedische Zeitung. Ihre Sprachkenntnisse reichten hin, den Inhalt
halb zu entziffern, halb zu erraten. An einer Stelle ein roter Strich.
Eine fettgedruckte Stichmarke ... Linnais ...

Sie ging zum Diwan zurück, zwang sich gewaltsam, die wenigen Zeilen
Wort für Wort zu lesen:

»Linnais, den 20. Juli. Eine Katastrophe, die noch der Aufklärung
bedarf, hat gestern das in unserer Nähe liegende Gehöft der Truwors
betroffen. Um Mitternacht flog das Herrenhaus unter schweren
Explosionen in die Luft. Es wurde von dem erst kürzlich aus dem
Auslande zurückgekehrten Besitzer bewohnt, der zwei Freunde als Gäste
bei sich hatte. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß alle Insassen den
Tod gefunden haben. Über die Ursache der Katastrophe gehen Gerüchte,
die wir ihrer Unkontrollierbarkeit wegen vorläufig nicht wiedergeben
wollen.«

Mit einem leisen Aufschrei sank Diana Maitland auf den Diwan zurück.
Wie im Traume sah sie, wie sich die Tür öffnete, Lord Horace in das
Zimmer trat, die Tür hinter ihm ins Schloß fiel. Es war ihr unmöglich,
sich zu erheben. Es gelang ihr nur, sich etwas aufzurichten.

»Du hast eine unangenehme Nachricht erhalten?«

»Eine unangenehme Nachricht ... wie kommst du auf die Frage?«

Lord Horace deutete auf das am Boden liegende Zeitungsblatt.

»Wer sandte dir diese Zeitung?«

Die Antwort kam nicht gleich. Endlich kam sie ... zögernd und unfrei:

»Dr. Glossin.«

»Von Dr. Glossin?!«

Lord Horace trat einen Schritt zurück.

»Von Dr. Glossin? ... Gib mir, bitte, eine Erklärung. Du bist sie mir
schuldig. Was steht in dem Blatt, daß dich in eine solche Erregung
versetzt?«

Lady Diana zögerte, stockte. Erst nach geraumer Weile hatte sie ihre
Stimme in der Gewalt.

»Du darfst mir nicht zürnen, Horace. Es überkam mich plötzlich ...
gewiß eine Folge der letzten kritischen Tage. Sie haben Ansprüche auf
meine Nerven gemacht, denen ich nicht gewachsen war ... Die Zeitung von
Dr. Glossin ... oh, gewiß! Es wird dich interessieren, welchen Erfolg
die Expedition nach Linnais gehabt hat. Dr. Glossin ... ah, gewiß! Es
wird dich interessieren, welche Nachrichten er überbringt.«

»Warum schickte er die Zeitung an deine Adresse?«

»Ich glaube ... ich glaube ... nun sehr einfach, ihr Männer seid doch
jetzt Feinde.«

Diana Maitland versuchte zu scherzen.

»Sein patriotisches Gewissen erlaubt ihm keinen Verkehr mehr mit dir
... Ich werde dir diese Zeilen übersetzen.« Sie las ihm den Inhalt der
Notiz vor.

»Ah, sehr gut ... Der Plan ist also gelungen. Unbegreiflich, daß noch
keine Meldung von Oberst Trotter vorliegt ... Doch du? ... Du freust
dich nicht? Und nahmst doch zuerst so starken Anteil an dem Plan.«

Diana war zurückgesunken. Sie drückte das feine Spitzentuch gegen die
Stirn. Ihre Brust bewegte sich heftig.

»Diana, was ist dir?«

»Nichts! Habe Geduld mit mir, Horace. Es wird vorübergehen. Überlasse
mich heute mir selbst, ich bitte dich!«

»Schenke mir Vertrauen, Diana. Befreie dich von der Last. Sage mir, was
dich quält.«

Lord Maitland näherte sich ihr und legte den Arm beruhigend um ihren
Nacken.

Diana zuckte leise zusammen. Ihr Körper erzitterte.

»Lasse mich! Lasse mich! Ich bin nicht die, die ...«

Klage und Herausforderung schienen zu gleicher Zeit im Klange dieser
Worte zu liegen. Lord Horace zog seine Hände von ihren Schultern
zurück. Betroffen sah er das jagende Wechselspiel von Licht und
Schatten auf ihren Zügen. Er wagte nicht zu sprechen, wagte nicht diese
Qual, in der ihre Seele sich wand, zu unterbrechen. Endlich nach langem
Schweigen schien ihr der Entschluß zu reifen. Ein harter Zug legte sich
um ihren Mund.

»Ich will nicht länger schweigen. Nur die Wahrheit kann mir helfen.«

Sie sprach ohne Schwäche.

»Hör mich an als mein Gatte, mein Freund ... als mein Richter.« Sie
wendete sich ihm zu und blickte ihn mit freien Augen an.

»Du weißt, Horace, daß meine Eltern Polen waren. Unser Nachbar war
der Fürst Meszinski. Er hatte einen einzigen Sohn Raoul. Raoul war
drei Jahre älter als ich. Schon als halbe Kinder galten wir als
Verlobte. Die Familien wollten es so haben. Mein Vater war reich. Raoul
entstammte einem alten Geschlecht und trug den Fürstentitel. Es paßte
so schön zusammen, alter Adel und Reichtum. Im Grunde genommen, ein
Handel, den beide Familien ausgeklügelt hatten. Ich wußte nichts davon.
Raoul auch nicht. Wir hatten einander lieb, wie sich Kinder liebhaben.
Wir wußten beide nichts vom Leben und von der Liebe.

Raoul wurde Offizier und lernte das Leben kennen. Während mein Herz
sich gleichgeblieben war, wurden seine Empfindungen leidenschaftlicher.
Noch ein Jahr, und unsere Ehe sollte geschlossen werden ... Da kam
der Krieg gegen die Russen und die Deutschen. Die vierte Teilung
Polens war ihr Ziel. Du weißt, daß nach einem kurzen heldenmütigen
Verzweiflungskampf Polen der Übermacht erlag. Als Raoul auszog, waren
alle Vorbereitungen für eine schnelle Eheschließung getroffen. Wir
schickten uns an, zur Trauung zu gehen, als eine starke russische
Kavalleriepatrouille in den Gutshof einbrach. Die Hochzeitsgesellschaft
stob auseinander. Raoul schoß den feindlichen Führer vom Pferde und
entfloh.

Zur Strafe wurde unsere Besitzung verbrannt. Mein alter Vater
mißhandelt, so daß er bald darauf starb. Meine Mutter floh nach
Finnland, ihrer Heimat. Ich weigerte mich, ihr zu folgen, und ging als
Krankenschwester zur Armee.

Als eines Tages ein neuer Transport Verwundeter in unser Lazarett
eingeliefert wurde, sah ich darunter Raoul, den ich schon tot geglaubt.
Er hatte eine schwere Brustwunde. Raoul selbst wußte genau, wie es
um ihn stand. Nur das Bewußtsein, mich um ihn zu wissen, hielt das
schwache Lebensfünkchen noch in Glut.«

Lady Diana Maitland fuhr fort: »Jetzt erkannte ich ganz, wieviel tiefer
seine Liebe war als die meine. Ich hatte ihn geliebt, wie ich jeden zu
lieben geglaubt hätte, den mir meine Eltern zur Heirat bestimmten.

Aber ebenso, wie meine Gegenwart seine letzten Tage leicht machte,
machte sie ihm das Scheiden schwer.

Ich sah, wie er in Sehnsucht und Liebe sich nach mir verzehrte. Sein
unaufhörliches Flehen drang in mich. Meine Liebe werde ihn retten;
mein volles Liebesumfangen werde ihn gesunden lassen. Worte süßen
Rausches drangen in mein Herz. Noch wehrte ich mich, da sah ich ihn
erbleichen, als ob sein Blut zur Erde niederströme. Ich schrie auf, ich
glaubte, ihn auf der Stelle sterben zu sehen. Er sah mich mit einem
Blick an, in dem sich sein ganzes Empfinden widerspiegelte. Liebe,
Enttäuschung, Jammer, Verzweiflung. Er griff nach seiner Brust, als
wolle er den Verband abreißen. Da ... da hatte ich keine Kraft mehr zum
Widerstande ...

Ich saß Tag für Tag an seinem Lager, bis sein Leben verlosch. Ich sah
ihn hinübergehen, scheiden ohne Schmerz, voll von Glück.

In mir war alles versunken, alles verschwunden. Mir war's, als hätte
ich alles nur im Traum erlebt. Nur das letzte Wort Raouls haftete in
meinem Gedächtnis ... ›Diana!‹ In diesem sterbenden Hauch von den
bleichen Lippen hatte eine Unendlichkeit von Jubel, von Staunen und
von Glück gelegen. In der Erinnerung blieb nur der Spielkamerad, der
Jugendfreund.

Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen, ohne den Teil
meiner Seele zu berühren, in dem alles verschlossen war. Nur einmal
wurde die Tür dazu geöffnet, erbrochen ... und die Erinnerung hieran
blieb ...«

Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper.

»In dem Zusammenbruch unseres Vaterlandes hatten wir alles verloren.
Ich wurde Gesellschafterin bei einer schwedischen Gräfin, die meiner
Mutter befreundet war. Wir lebten den größten Teil des Jahres in Paris.
Auf einer Gesellschaft lernte ich einen schwedischen Ingenieur kennen.
Überlegen erschien mir seine Persönlichkeit gegenüber den anderen
Männern, die ich kennengelernt hatte. Alle Vorzüge des Geistes und des
Körpers schienen mir in ihm vereint ... Wir liebten uns ... Ich war
glücklich, glücklich ...«

Ein leises, verlorenes Lächeln schwebte wie ein Hauch um ihre Lippen.
Sie empfand eine ungewohnte Erleichterung. Diese Selbstdemütigung
schien ihr Herz zu stärken, wie eine Handlung ungestümen Wagemuts. Sie
lächelte ... Dann verdüsterten sich ihre Züge wieder. Ihre Stimme, eben
noch bewegt, wurde monoton.

»Ein Lazarettarzt war unbemerkt Zeuge von Raouls letzter Stunde
gewesen. Er tauchte eines Tages in Paris auf. Er erkennt mich wieder
und belästigt mich mit seinen Zudringlichkeiten. Meinem Verlobten
entgeht es nicht. Er stellte ihn zur Rede. Der Mensch weist ihn an
mich. Ich erzählte alles, was vorgefallen. Mein Verlobter erschießt
ihn im Duell ... Und ich?! ... Ich erhalte am nächsten Tag seinen Ring
zurück ... ohne ein Wort, eine Silbe.«

Sie senkte den Kopf und schloß die Lider. Die Erinnerung an jene
Vorgänge ließ sie jetzt noch zittern.

»Ich fühlte mich bis auf den Tod gedemütigt. Ich begriff nicht, wie
ich noch leben sollte ... vernichtet, verachtet, mitleidlos beiseite
geworfen.

Hundertmal wünschte ich mir damals den Tod. An die Stelle der
Liebe trat der Haß. Ich haßte so grausam, wie eine Frau nur hassen
kann ... Was dann kam, weißt du. Ich wurde Sängerin. Im Taumel des
Lebens glaubte ich, Vergessenheit zu finden, um nur zu bald völliger
Enttäuschung zu begegnen.

Ich beschloß, nur noch meiner Kunst zu leben, und widmete ihr mein
ganzes Sein ...

Und dann kamst du ... du warst edel, warst gut zu mir. Du zeigtest mir
deine Bewunderung, deine Achtung, dein Vertrauen. Du warst bereit, dein
Schicksal, dein Leben mit dem meinen zu verbinden, deinen Namen einer
Frau zu geben, deren Leben du kaum kanntest.«

Mit starrem Gesicht hatte Lord Maitland gelauscht.

Eine qualvolle Pause entstand.

Lord Horace preßte die Zähne zusammen. Widerstreitende Empfindungen
ergriffen ihn. Er empfand die rückhaltlose Aufrichtigkeit Dianas als
etwas Wohltuendes. Doch ein anderer Instinkt kämpfte gegen dieses
Gefühl in ihm an. Etwas seinem eigenen Wesen Feindseliges tauchte in
ihm auf, wollte ihn dazu bringen, all seinen Mut zusammenzuraffen,
seine Liebe und sein Mitleid zu bezwingen, seiner Gattin den Rücken zu
kehren.

Diana schien seine Gedanken zu erraten.

»Horace! Horace!« schrie sie mit erstickter Stimme. Alles Blut wich aus
ihrem Gesicht.

Der Lord hörte die angsterfüllte Stimme. Er stürzte auf sie zu und
schloß ihr den Mund mit zitternden Händen, erschüttert, entsetzt. Er
schloß ihre Augen, die starr und weit geöffnet waren. Seine Wimpern
wurden feucht.

... Sie fühlte seine Bewegung, sie spürte auf ihren Augen die Finger,
die sie berührten, wie nur Liebe und Mitleid zu berühren wissen.

Ihre Arme streckten sich und schlangen sich um den Hals des Mannes.

»Du liebst mich, du glaubst an mich?«

Lord Horace ergriff ihre Hände.

»Laß mir Zeit ... seien wir mutig ... du hast die Gespenster der
Vergangenheit geweckt. Es wird Zeit brauchen, sie wieder zur Ruhe zu
bringen ...«

»Du fragst nicht nach dem Namen, Horace?«

»Wozu den Namen? Laß ihn begraben sein, Diana.«

»Ich muß ihn dir nennen, daß du alles verstehst ... er ist ... Erik
Truwor.«

       *       *       *       *       *

»Lord Maitland wünschen Eure Herrlichkeit zu sprechen.«

Der Diener meldete es, und gleich danach trat Lord Horace in das
Kabinett des englischen Premierministers. Die Stimmung war ernst. Vor
zwei Stunden war die offizielle Nachricht von dem Gefecht vor Sydney
in London eingetroffen. Noch hielt die englische Regierung sie zurück.
Doch schon liefen unkontrollierbare Gerüchte durch die Straßen der
englischen Metropole. Erzählungen von einer unerhörten Schmach, die der
Flagge Englands durch amerikanische Streitkräfte zugefügt sein sollte.

Trotz aller Gesetze und Postregale gab es Dutzende geheimer
Empfangsstationen für die Funkenmeldungen der ganzen Welt in London.
Stationen, die auf einem Schreibtisch bequem Platz hatten und
Funkennachrichten aus Australien und Südafrika ebenso sicher auffingen
wie aus Schottland oder Frankreich.

Die Londoner Börse wurde zuerst von den Gerüchten getroffen. Sie war
in einer trostlosen Baissestimmung. Das Publikum in den Straßen glich
einem aufgeregten Bienenschwarm, und Lord Gashford, der leitende
Staatsmann des britischen Weltreiches, fühlte den Druck der schweren
Verantwortung mehr denn je. Wohl hatte er durch die letzte Instruktion
an den australischen Gesandten MacNeills noch eine Frist für die letzte
unwiderrufliche Entscheidung gesichert. Aber er war sich dessen voll
bewußt, daß die letzte Entscheidung mit Riesenschritten heranrückte.

Lord Maitland hielt ihm das Zeitungsblatt hin, welches Glossin an Lady
Diana gesandt hatte.

»Die Nachricht ist gut, wenn sie wahr ist. Wir wissen es noch nicht.
Seit sechsunddreißig Stunden warte ich auf den Bericht des Obersten
Trotter, der vom Kriegsministerium mit der Expedition beauftragt wurde.«

»Oberst Trotter ...?«

»Wie meinten Sie?«

»Nichts von Wichtigkeit. Nur bin ich der Ansicht, daß der Bericht
längst da sein müßte. Es ist unerhört, daß wir das Ergebnis einer von
uns betriebenen Unternehmung durch ein schwedisches Lokalblatt erfahren
müssen.«

Die Züge des Premiers verrieten von neuem Sorge und Ungewißheit über
den Ausgang der Expedition.

»Ich fürchte, daß irgend etwas bei der Unternehmung nicht in Ordnung
ist. Auf keinen Fall können wir daran denken, eine Entscheidung zu
treffen, bevor wir nicht den Bericht Trotters oder noch besser den
Oberst selbst hier haben. Ich habe den Kriegsminister kurz vor Ihrem
Erscheinen um seinen Besuch bitten lassen. Ich denke, das wird er sein.«

Sir John Repington trat in das Gemach. In seiner Begleitung kam
Oberst Trotter. Er machte nicht eben den besten Eindruck. Die Haut
seines Gesichtes schälte sich wie Platanenrinde im Frühjahr. Der
stattliche Schnurrbart war bis auf einen kargen Überrest der Schere
zum Opfer gefallen. Der erste Eindruck auf alle in diesem Raume
Befindlichen war der, daß es nicht gefahrlos sei, mit Erik Truwor und
seinen Leuten anzubinden. Waren sie wirklich unter den brennenden
Trümmern ihres Hauses begraben, so hatten ihre Flammen und sonstigen
Verteidigungsmittel jedenfalls auch dem Gegner reichlich zu schaffen
gemacht.

Der Eindruck verstärkte sich, als Oberst Trotter seinen mündlichen
Bericht gab. Acht von seinen Leuten tot, zum Teil in den Flammen
umgekommen, verschollen. Fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Nur
mit sieben Leuten war der Oberst nach England zurückgekommen.

Im übrigen bestätigte sein Bericht die Mitteilung des schwedischen
Blattes und ergänzte sie. Nach tapferer Gegenwehr war das Feuer der
Verteidiger niedergekämpft, das Haus sturmreif geschossen worden.
In diesem Moment brachen Explosion und Brand aus, von denen das
schwedische Blatt allein berichtete. Sicher waren die Verteidiger,
soweit sie das Feuer der Angreifer noch lebend überstanden hatten, in
der Gewalt der Explosionen und in der Hölle der Feuersbrunst umgekommen.

Die englischen Minister spürten eine große Erleichterung, während
Oberst Trotter den Gang der Dinge schilderte.

»So weit ganz gut«, unterbrach hier Repington. »Aber warum haben Sie
nicht sofort nach der Affäre einen drahtlosen Bericht an das Amt
geschickt? Sie hatten unser bestes Modell der kleinen Stationen mit.
Warum haben Sie nicht sofort gefunkt?«

»Es ging nicht, Sir! Es ging trotz aller Bemühungen nicht. Der Mann,
der mit dem Apparat Bescheid wußte, war gefallen. Die anderen konnten
ihn nicht in Betrieb bringen.«

Der Kriegsminister runzelte die Stirn.

»Sehr bedauerlich. Der einzige Funker, den Sie bei Ihrer Truppe hatten,
durfte nicht exponiert werden, Herr Oberst. Und dann später ... Sie
sind mit einem unserer Flugschiffe zurückgekehrt. Warum haben Sie da
nicht gefunkt?«

Oberst Trotter zerrte verzweifelt an den spärlichen Resten seines
Schnurrbartes.

»Es ging nicht, Sir! Es ging absolut nicht! Der Telegraphist erklärte,
daß sein Apparat in Unordnung sei. Aus unerklärlichen Gründen in
Unordnung sei und nicht funktioniere. Es war nichts zu machen.«

Lord Maitland blickte den Premier an und dieser den Kriegsminister.
Einen Moment flammte ein unbestimmter Verdacht in den Herzen der drei
Männer auf.

Oberst Trotter gab seinen schriftlichen Bericht, den er während der
Überfahrt verfaßt hatte, in die Hände des Kriegsministers und verließ
das Kabinett. Lord Horace schaute ihm nachdenklich nach.

»Wenn ich gewußt hätte, daß man gerade diesen Oberst Trotter mit einer
so wichtigen Mission betraute, würde ich es kaum unterlassen haben,
meine Bedenken geltend zu machen.«

Sir John Repington bekam einen roten Kopf und nahm seinen Offizier
in Schutz. Der alte Zwiespalt zwischen Armee und Marine machte sich
bemerkbar. Der Premier legte den Zwist bei.

»Lassen wir die Nebensächlichkeiten. Aus dem eben gehörten Bericht geht
mit Sicherheit hervor, daß die Expedition ihren Zweck erreicht hat.
Den Zweck, Großbritannien von einem unbekannten und unter Umständen
unbequemen Gegner zu befreien. Wir können unsere Beschlüsse jetzt
ohne Hemmung von dieser Seite her fassen. Nach den Ereignissen des
Vormittags ist die Beschlußfassung nicht länger aufzuschieben. Das
Parlament ist in London versammelt. Die Parteiführer sind von mir
verständigt. Sie können ihre Leute in zwei Stunden zusammen haben. Auf
Wiedersehen in zwei Stunden!«

Sobald ihn seine Kollegen verlassen hatten, gab Lord Gashford den
offiziellen Bericht über die Schlacht bei Sydney an die Presse und
die Nachrichtenagenturen. Im Augenblick wurde er an tausend Stellen
Londons bekannt. Extrablätter in Auflagen von Millionen kamen heraus,
wurden den Händlern aus den Händen gerissen und vielmals gelesen,
bevor sie auf dem Pflaster unter den Rädern der Wagen und den Füßen
der hin und her wogenden Menge ein Ende fanden. Die Unruhe wuchs, die
Aufregung stieg, und die Stimmung der Bevölkerung Londons näherte sich
schnell jenem Siedepunkte, bei welchem gefährliche und unvorhergesehene
Ausbrüche der Leidenschaft zu fürchten sind.

Das Parlament war das natürliche Ventil, durch das diese Spannung sich
entladen mußte. Und das Parlament war vollzählig bis auf den letzten
Mann versammelt, war sich seiner Pflichten gegen das Land bewußt, als
die Minister ihre Plätze auf den Bänken der Regierung einnahmen.

Die Tagesordnung war einfach. Stellungnahme zu der Affäre von Sydney.
Ein ausführlicher Bericht über das Vorkommnis lag jedem Mitglied
gedruckt vor. Die meisten Abgeordneten lasen ihn kaum noch. Sie waren
durch ihre Zeitungen informiert.

Die Abstimmung war nur noch Formsache.

Das englische Parlament beauftragte die Regierung, den Vereinigten
Staaten von Nordamerika den Krieg zu erklären und ihn mit aller Energie
zu führen.

Mit diesem Auftrage zog sich das Kabinett zurück. Es hatte mit der
Ausführung der Beschlüsse vollauf zu tun: die vorhandenen Streitkräfte
mobil zu machen, Reserven einzuberufen, die Industrie nach dem
großzügigen Plan zu mobilisieren. Jeder einzelne Fachminister hatte
sein Pensum. Daneben blieb noch eine Formalität zu erfüllen. Dem
amerikanischen Botschafter in London Mr. Geddes mußte der Kriegszustand
amtlich mitgeteilt werden. Es waren ihm, wie es in der veralteten
diplomatischen Sprache immer noch hieß, die Pässe zuzustellen. Zur
gleichen Stunde, zu welcher der englische Botschafter in Washington die
Kriegserklärung überreichte.

Lord Gashford sah sich forschend um.

»Lord Maitland, Sie sind mit Mr. Geddes persönlich bekannt. Wollen Sie
ihn besuchen und ihm die Mitteilung machen?«

Lord Horace nickte zustimmend. Er war mit Mr. Geddes seit Jahren
befreundet. Er wollte den Auftrag übernehmen, um dem, was unvermeidlich
geschehen mußte, wenigstens die versöhnlichste Form zu geben.

»Betonen Sie besonders bei Ihrem Besuch, daß sich unser Kampf nicht
gegen das blutsverwandte Volk richtet, sondern nur gegen den Tyrannen.
Daß wir je schneller desto lieber wieder zu friedlichen Zuständen
kommen wollen, sobald eine freiheitliche Regierung in Washington es uns
möglich macht.«

Lord Gashford wußte, warum er diese salbungsvolle Mitteilung
überbringen ließ. Mr. Geddes war durch seine freiheitliche Gesinnung
bekannt. Im Herzen ein Philanthrop und Pazifist. Keineswegs ein
überzeugter Anhänger der unbeschränkten Herrschaft des Diktators.
Letzten Endes ein Schwärmer für Menschenverbrüderung und Ideale, die in
dieser Welt harter Realitäten kaum zu erreichen sind.

Cyrus Stonard kannte die Engländer. Er wußte, daß sie seit
Jahrhunderten jeden Krieg, jeden Treubruch, jeden Überfall mit einem
philanthropischen Mäntelchen behängt hatten, und in einem Anfall seines
grimmigen weltverachtenden Humors hatte er ihnen einen überzeugten
Philanthropen als Botschafter geschickt. Eben Mr. Geddes, der von
ganzem Herzen an alle diese Phrasen glaubte, bei allen Verhandlungen
aus vollster Überzeugung damit operierte und letzten Endes doch genau
tun mußte, was Cyrus Stonard wollte.

Der Kraftwagen hielt vor der amerikanischen Botschaft. Lord Horace
schritt durch das Vestibül und Treppenhaus. Durch die Räume, die er
bei Besuchen und Festlichkeiten so oft betreten hatte. Aufgescheuchte
Dienerschaft lief umher. Gepackte Koffer standen auf den Fluren. Mr.
Geddes hatte der Parlamentssitzung in der Diplomatenloge beigewohnt. Er
wußte, daß der Krieg unvermeidlich war, und hatte alle Maßregeln für
eine schnelle Abreise getroffen.

Lord Horace ließ sich durch den zurückhaltenden Empfang nicht
abschrecken. Er trat an Mr. Geddes heran und ergriff dessen Rechte mit
seinen beiden Händen.

»Mein lieber alter Freund, Sie wissen, ich bringe Ihnen schlechte
Botschaft. Es ist ein schwerer Gang für mich. Doch einer mußte sie
Ihnen bringen. Da habe ich es übernommen.«

Langsam legte Mr. Geddes seine zweite Hand auf die beiden Hände von
Lord Horace. Er war zu bewegt, um sprechen zu können.

Eine Minute standen sie so. Dann machte sich Lord Maitland mit sanfter
Bewegung frei. Noch eine Verneigung, und er verließ das Haus. Der alte
Diener, der ihn so oft bei Festlichkeiten empfangen und geleitet hatte,
gab ihm auch jetzt das Geleit bis zur Tür.

Lord Horace atmete tief auf, als das Auto in schneller Fahrt durch die
sonnige Straße fuhr. Es war auch für ihn, den routinierten Staatsmann
und Diplomaten, ein bitteres Stück Arbeit gewesen, einem Manne wie
Geddes die Mitteilung zu überbringen, daß seine Mission hier zu Ende
sei.

       *       *       *       *       *

In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli war die große amerikanische
Transradiostation in Sayville im vollen Betrieb. Um die dritte
Morgenstunde liefen alle Maschinen. Sie erzeugten die hochfrequente
Sendeenergie und schickten sie über die Maschinengeber in die sechzehn
Antennen der Station.

Im Telegraphistensaal standen die automatischen Schreibapparate und
verwandelten die aus allen Teilen Amerikas ankommenden Drahtdepeschen
in gelochte Papierstreifen.

Die Telegraphisten nahmen die gelochten Streifen aus den
Stanzapparaten, ersahen aus den Adressen, nach welcher Himmelsrichtung
sie bestimmt waren, und verteilten sie danach auf die Maschinengeber
der verschieden gerichteten Antennen.

Der Chefelektriker saß in seinem Glaskasten, von dem aus er einen
Überblick über die ganze Station hatte. Vor ihm auf dem Tisch lag das
Stationsbuch. Er war beschäftigt, die letzten Telegramme einzutragen.

Da plötzlich ... Mr. Brown stand auf und lauschte ... Ein fremder
Ton drang aus dem Maschinenraum her. Er kannte seine Station. Jede
Unregelmäßigkeit verriet sich seinem geübten Ohr. Er sprang auf,
verließ seinen Glaskasten und sah im Vorbeieilen, daß auch im
Transmitterraum Unordnung ausgebrochen war. Alle Automaten standen
still.

Er eilte in den nächsten Saal zu den Maschinengebern. Das gleiche Bild
hier. Eine Lähmung hatte alle diese Apparate getroffen, die eben noch
im fliegenden Tempo arbeiteten und Depeschen in alle Welt schickten.

Die Maschinengeber lagen still. Es war erstaunlich, aber schließlich
denkbar. Das Undenkbare, das Unmögliche geschah im Nebenraum, in dem
die großen, von den Maschinengebern gesteuerten Sendekontakte eingebaut
waren. Die Kontakte arbeiteten. Sie tanzten auf und ab, schlossen und
öffneten den Maschinenstrom und gaben unverkennbare Morsezeichen.

Der Chefelektriker stürzte in diesen Raum. MacOmber, der alte, sonst
so zuverlässige Maschinist, trat ihm verstört entgegen. Er deutete
sprachlos auf die großen Kontakte, die sich, wie von unsichtbaren
Geisterhänden bedient, bewegten.

Ein höllischer Spuk war es. Aber ein Spuk, der nach einem festen Plan
vor sich ging. Alle diese Bewegungen und Manipulationen spielten sich
ganz systematisch ab. Er vermochte aus dem Knattern der Kontakte ohne
weiteres den Wortlaut der Botschaft herauszuhören, die hier gegeben
wurde.

»Sayville. An alle! ... Sayville. An alle! ... Wer das Schwert nimmt,
wird durch das Schwert umkommen. Die Macht warnt alle vor dem Kriege.«

Mr. Brown stürzte sich auf den nächsten Sendekontakt und suchte ihn mit
Gewalt festzuhalten. Die Kontakte arbeiteten unbeirrt weiter.

Dreimal hintereinander gab die Station diese Depesche. Dann begannen
mit einem Schlage wieder die Automaten und Maschinengeber zu arbeiten.
Kaum zehn Minuten hatte der Spuk gedauert.

Mr. Brown stand in seinem Glaskasten und strich sich die Stirn. Er
wußte nicht, ob er wache oder träume. Mit verstörten Mienen blickten
die Telegraphisten auf ihren Vorgesetzten. Keiner von ihnen kümmerte
sich um die Apparate. Aber die Automaten, die nervenlosen Maschinen,
taten ihre Schuldigkeit. Sie schrieben die Depeschen auf, die jetzt von
allen Seiten her in Sayville einliefen. Anfragen von amerikanischen und
überseeischen Stationen, was die Sendung von Sayville zu bedeuten habe.

Eine dringende Staatsdepesche aus Washington: »Befehl, den
Stationsleiter sofort vom Amt zu suspendieren. Die Station dem
Stellvertreter zu übergeben!«

Mr. Brown war mit seinen Nerven fertig. Er übergab die Station
seinem Vertreter und setzte sich hin, um mit zitternden Händen einen
ausführlichen Bericht über das Vorkommnis zu schreiben.

Für die Geschichte jener Zeit ist der Bericht ein wichtiges Dokument
geworden. Er gibt noch verhältnismäßig objektiv eine Darstellung der
unerklärlichen Beeinflussungen, denen die Großstationen der ganzen Erde
in den folgenden Wochen bald hier, bald dort ausgesetzt waren. Eine
unbekannte Macht hatte sich des drahtlosen Verkehrs bemächtigt. Sie
gab ihre Depeschen »An alle!«, wie es ihr gefiel, unter Benutzung der
vorhandenen Stationen ab.

       *       *       *       *       *

Kapitän H. L. Fagan vom amerikanischen Marinedepartement, der
eiserne Fagan, wie ihn seine Kameraden nannten, hatte Vortrag beim
Präsident-Diktator. Mit aufmerksamen Blicken folgte Cyrus Stonard den
Erklärungen, die Kapitän Fagan an Hand umfangreicher, an der Wand
befestigter Zeichnungen gab.

Sie stellten die große amerikanische Unterwasserstation dar, die im
Laufe des letzten Jahres in aller Stille, vollkommen geheim, an der
afrikanischen Ostküste in der Höhe der Seschellen entstanden war. Durch
gründliche Lotungen hatten amerikanische Schiffe eine Stelle ausfindig
gemacht, die zweihundert Kilometer von der Küste entfernt mitten im
freien Ozean lag und doch nur hundert Meter tief war. Es war die Spitze
irgendeines vor Millionen Jahren in der Tiefe des Indischen Ozeans
versunkenen Berges. Taucher hatten das Gelände untersucht und die
Sprengungen vorbereitet, durch die man eine Plattform von etwa einem
Quadratkilometer hundertfünfzig Meter unter dem Seespiegel schuf. Dann
kam der Bau.

Zwanzig gewaltige Hallen. Jede einzelne groß genug, die größten
Flugschiffe, Flugtaucher und U-Boote aufzunehmen. Jede Halle mit den
Maschinen für alle vorkommenden Reparaturen ausgerüstet. Jede Halle
mit vielfacher Sicherheit gegen den gewaltigen Wasserdruck erbaut.
Darüber hinaus noch durch ein System sinnreicher Sicherheitsschotten
gegen Wassereinbrüche geschützt. Unterirdische, tief in den Fels des
Berges gesprengte Gänge verbanden die Hallen miteinander. Zisternen
waren mit Hilfe stärkerer Sprengmittel in den Basalt hineingearbeitet,
die Hunderttausende von Tonnen der besten Treiböle für die Maschinen
amerikanischer Kriegsfahrzeuge aufnehmen konnten.

Ferner große Luftschleusen. Ein Druck auf einen der vielen Hebel
in der Apparatenzentrale der Station genügte, und eine riesenhafte
hydraulische Plattform hob sich wie eine plötzlich entstehende Insel
aus den Fluten des Ozeans, bereit, Fahrzeuge aufzunehmen und sicher mit
in die Tiefe zu bringen.

Es war ein wahrhaft großartiger unterseeischer Flottenstützpunkt, den
ein Befehl Cyrus Stonards hier mitten in der Wasserwüste entstehen
ließ. An einer Stelle, von der aus es amerikanischen Streitkräften
ein leichtes sein mußte, jede in Mittelafrika neu entstehende
Kriegsindustrie im Entstehen zu zerschmettern und Indien schwer zu
bedrohen.

Als Cyrus Stonard vor dreizehn Monaten den Befehl gab, erklärten die
Fachleute die Sache für unausführbar. Bis der eiserne Diktator den
eisernen Kapitän fand. Cyrus Stonard entsann sich deutlich der ersten
Unterredung mit dem Kapitän. Unbedingte Geheimhaltung des Planes und
des Baues forderte der Diktator. Kapitän Fagan hatte damals wenige
Minuten überlegt.

»Wir müssen mit fünftausend Mann arbeiten, wenn wir in einem Jahr
fertig werden wollen. Ein Geheimnis, um das fünftausend Menschen
wissen, ist kein Geheimnis mehr. Also müssen wir Sklaven für den Bau
nehmen.«

Kapitän Fagan hatte es damals mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit
gesagt, die sogar den Diktator eine Minute verblüffte. Nur eine Minute.
Dann hatte er die Vorzüglichkeit der Idee erfaßt.

Zuchthäusler führten die unterseeische Station aus. Menschen, die
von den amerikanischen Gerichten zu langjährigen Freiheitsstrafen
verurteilt worden waren. Es kamen Monate, in denen der elektrische
Stuhl wenig zu tun hatte, weil der Diktator auffallend häufig
begnadigte. Aber nur Menschen, die mit Eisen und Stahl umzugehen
verstanden, Menschen, die in die Branche paßten. --

Kapitän Fagan gab dem Präsident-Diktator auf dessen Fragen präzisen
Bericht.

»Die Hallen eins bis sechzehn sind fertig. Versehen mit Proviant,
Brennstoff und Munition. Vier Hallen sind noch im Bau. Die Wohnhallen
für das ordentliche Marinepersonal. Die Zuchthäusler sterben wie die
Fliegen. Haben auch schlechte Unterkunft in den Verbindungstunnels.«

»Der Endtermin ist um drei Wochen überschritten. Wann werden die
Wohnhallen fertig beziehbar dastehen?«

Die Stimme des Präsident-Diktators klang scharf und schneidend, als er
die Frage stellte.

»In drei Tagen, Herr Präsident.«

»Sie bürgen dafür?«

»Ich bürge, Herr Präsident.«

»Sind die Verteidigungsanlagen fertig?«

»Sie sind fertig, Herr Präsident. Die Station ist von einem dreifachen
Kranz unterseeischer Torpedominensender umgeben. Die akustischen
Empfänger sprechen auf jedes Schraubengeräusch unter und über Wasser
an. Die Hertzschen Strahler fassen auf zehn Kilometer jedes Ziel und
dirigieren die Torpedos zu seiner Vernichtung.«

»Wie steht es mit dem Schutz gegen Luftsicht?«

»Seit acht Wochen arbeiten unsere Seefärber. Es war ein glücklicher
Gedanke, unsere Station wie einen Tintenfisch mit eigenen Farbdrüsen
auszustatten. Das Azoblau, welches die Seefärber Tag und Nacht in
gleichmäßigem Strome in die See geben, färbt das Wasser so gleichmäßig,
daß die ganze Untiefe vollkommen unsichtbar wird. Auch aus zweitausend
Meter Höhe konnten unsere eigenen Flugschiffe die Station nicht finden,
wenn die Färber arbeiteten. Wir mußten eine besondere Erkennungsboje
auslegen.«

Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Seine Augen leuchteten wild in
fanatischem Glanz, während er den Mann betrachtete, der das Riesenwerk
in einem Jahr glücklich zum Abschluß gebracht hatte.

»Kurz und gut, Herr Kapitän! Wann sitzt der letzte Niet? Wann kann die
Station in den Krieg eintreten?«

»In drei Tagen, Herr Präsident! In drei Tagen sind die
Marinemannschaften in ihren Quartieren, die Sklaven weggeschafft. In
drei Tagen leistet die Station alles, was sie zu leisten hat.«

»Ich danke Ihnen -- -- -- -- Herr Admiral! Sie haben Ihre Sache gut
gemacht. Sie bleiben weiter zu meiner Verfügung.«

Cyrus Stonard sprach mit befehlsgewohnten Lippen. Kapitän Fagan
errötete. Ein Zittern ging durch seine bis dahin unbewegliche Gestalt.
Ein Lob aus dem Munde des Diktators. Ein uneingeschränktes Lob und
zugleich die Ernennung zum Admiral. Das war mehr, als er in diesen
zwölf Monaten schwerer Arbeit mit Nächten der Verzweiflung und Tagen
des Mißmuts zu hoffen gewagt hatte.

Er beugte sich nieder, wollte die Hand des Diktators ergreifen und
küssen. Cyrus Stonard wehrte ab.

»Lassen Sie, Herr Admiral! Gehen Sie, und dienen Sie mir und dem Lande
so weiter, wie Sie bis jetzt gedient haben!«

Mit unsicheren Schritten verließ Admiral Fagan das Kabinett.

In der Mitte des Gemaches blieb Cyrus Stonard stehen und blickte ihm
lange Zeit nach. Es zuckte und arbeitete in den aszetischen Zügen des
Diktators. Seine Lippen bewegten sich und formten Worte, während ein
verächtliches Lächeln sie umspielte.

»Da geht er hin ... der Eiserne ... Errötet und zittert wie ein
junges Mädchen. Um das eine Wörtchen Admiral ... Hätte ich ihn
hart angefahren, seine Arbeit getadelt, ihn weggejagt, er wäre
davongeschlichen ... hätte kein Wort des Widerspruchs gewagt ... Eisern
... pah! ... so sind sie alle ... ohne Ausnahme! Nur wenn sie den Herrn
fühlen, tun sie, was sie sollen ... was für das Land nötig ist ...
Kreaturen, die ein Wort von mir erhöht oder in den Staub wirft ...«

Der Präsident-Diktator kehrte langsam zu seinem Sessel zurück.
Weltverachtung sprach aus seinen Zügen. Es waren alles Sklaven. Im
Grunde nicht besser als die Fünftausend, die das letzte Jahr auf dem
Seegrunde gefrondet hatten.

Ein Gefühl des Überdrusses überkam ihn. Warum sich mühen und plagen, um
diese Sklavenherde mit Gewalt den Weg zu ihrem Glück zu führen. Weil
... weil ...

Ein Adjutant trat ein. Leutnant Greenslade brachte eine Depesche. Einen
Bericht über die Vorgänge in Sayville. Legte sie auf den Tisch und
erwartete in dienstlicher Haltung die Befehle des Diktators.

Cyrus Stonard überflog das Blatt. Die rätselhafte Beeinflussung der
großen Radiostation in Sayville. Das selbsttätige unhemmbare Arbeiten
der Geber. Das Spielen der Schalter. Schließlich die kurze wunderbare
Depesche: »An alle! ... Die Macht warnt vor dem Kriege.«

Und wußte in demselben Moment, daß Glossin gelogen hatte! Daß Erik
Truwor und die Seinen am Leben und im Besitze der Macht waren!

In diesen Sekunden erlebte der Präsident-Diktator einen jähen und
schweren Sturz. Eben noch im Gefühl eines unendlichen Machtbesitzes.
Herr der halben und bald der ganzen Erde. Absoluter Gebieter
über dreihundert Millionen. Und jetzt von einer unbekannten und
unangreifbaren Macht bedroht, in seinen Entschlüssen und Befehlen
gehemmt.

Wie eben noch Kapitän Fagan durch wenige Worte des Diktators umgeworfen
wurde, so brach Cyrus Stonard über den Inhalt der Depesche zusammen. Er
saß vor seinem Tisch, ließ das Haupt auf die Arme sinken und verbarg
sein Gesicht. Ein Schluchzen erschütterte den hageren, nur der Arbeit
gewidmeten Körper.

Leutnant Greenslade stand in vorschriftsmäßiger Haltung. Sah den
Präsident-Diktator die Haltung verlieren und begann um sein Leben zu
zittern. Es lebte niemand in den Vereinigten Staaten, der sich rühmen
konnte, Cyrus Stonard schwach gesehen zu haben. Leutnant Greenslade
hatte nur einen Gedanken.

Wehe, wenn Stonard die Augen wieder aufmacht! Wehe, wenn der Diktator
mich sieht! Dann bin ich verloren!

In diesem Augenblick erhob Cyrus Stonard den Kopf. Mit Augen, die
abwesend und weltentrückt blickten, schaute er um sich.

»Dr. Glossin soll kommen!«

Leutnant Greenslade übermittelte den Befehl und ging dann mit sich
selbst zu Rate, ob er es wagen dürfe, in den Staaten zu bleiben.

Dr. Glossin stand im Kabinett des Präsident-Diktators. Cyrus Stonard
erhob sich statuenhaft von seinem Platz. Seine Rechte ergriff die
Depesche und ballte sie krampfhaft zusammen. Er sprach kein Wort.
Langsam kam er dem Doktor näher, bis er nur noch drei Schritte von ihm
entfernt stand. Dann schleuderte er ihm den Papierball mit jähem Ruck
in das Gesicht.

Dr. Glossin machte keine Bewegung, den Wurf abzuwehren. Der Ball traf
ihn zwischen die Augen und fiel zu Boden. Der Arzt verlor die letzte
Spur von Farbe. Er kannte den Inhalt der Depesche, die ihm Cyrus
Stonard eben ins Gesicht geschleudert hatte. Seit zwanzig Minuten
wußte er, daß all seine Arbeit während der letzten Wochen vergeblich
war. Die einzigen Menschen, die er zu fürchten hatte, waren seinen
Nachstellungen entgangen. Waren irgendwo in Sicherheit und ließen ihre
Macht spielen.

Er war in diesem Augenblick nicht einmal fähig, die Beleidigung zu
empfinden, die in dieser Behandlung lag. Der Papierball wirkte wie eine
Flintenkugel. Der von ihr Getroffene empfindet den Schuß nicht als
Beleidigung, aber er fällt danach um. Dr. Glossin begann auf seinen
Füßen zu wanken, tastete mit den Händen nach einem Halt.

Dem Präsident-Diktator hatte der physische Ausbruch Erleichterung
verschafft. Die unmittelbare Wirkung des Schlages, der ihn getroffen
hatte, ließ nach. Er begann klarer zu sehen. Sah den Menschen vor sich,
der im Begriff stand, umzusinken.

Da ließ er sich selbst wieder in seinem Sessel nieder und winkte dem
Doktor.

»Setzen Sie sich! ... Setzen Sie sich! ... Nicht dahin ... hierher!
Hier dicht zu mir her ... ja, hier ... Halt, heben Sie das erst auf!«

Er wies mit der Hand auf die zerknüllte Depesche. Er kommandierte den
Doktor wie einen Hund, und Dr. Glossin gehorchte wie ein geprügelter
Hund. Jetzt saß er auf dem angewiesenen Sessel, dicht neben Cyrus
Stonard, und entfaltete ganz mechanisch den Papierball.

»Lesen Sie!«

Dr. Glossin las die Depesche, die er heute schon so oft gelesen hatte.

»Was haben Sie mir gesagt? Und was sagen Sie jetzt?«

Der Arzt war unfähig, eine zusammenhängende Antwort zu geben. Cyrus
Stonard sah, daß er ihm die Möglichkeit zur Sammlung geben müsse. So
befahl er weiter:

»Geben Sie mir noch einmal einen genauen Bericht über die Vorgänge in
Linnais. Nicht gefärbt, absolut genau!«

Dr. Glossin raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen und wurde
ruhiger, je weiter er in seinem Bericht kam.

»Die Engländer waren zur selben Zeit am Platze wie ich. Als ich den
englischen Führer kennenlernte, war ich über seine Naivität erstaunt.
Ich wollte ihn zurückrufen lassen, aber die Zeit war zu kurz. Ich hatte
keine Möglichkeit mehr, die Expedition zu verhüten ...«

Cyrus Stonard streifte den Arzt mit einem kalten Blick.

»Das kommt davon, wenn die Werkzeuge anfangen, selbst zu denken. Ihnen
hatte ich den Befehl gegeben, die drei zu vernichten. Ihnen! ... Nicht
den Engländern. Ich habe Ihre Eigenmächtigkeit nach Ihrem ersten
Bericht nicht gerügt, weil Sie mir einen Erfolg meldeten. Einverstanden
war ich nicht damit.

Warum habe ich Sie zu meinem Werkzeug gewählt? ... Weil ich mir solche
bewährte Kraft für manche Geschäfte nicht entgehen lassen durfte. Wenn
Ihr Talent nicht ausreicht, drei Menschen vom Erdboden verschwinden zu
lassen, wenn Sie dazu die Engländer gebrauchen ... Mann, warum haben
Sie die Engländer auf die drei gehetzt, anstatt selbst zu gehen?«

Dr. Glossin stammelte: »... Interesse des Landes ... Rücksicht auf die
Neutralen ... diplomatische Schwierigkeiten.«

»Unsinn ... Dummheit ... was geht mich Schweden an? Denken Sie, ich
hätte die Möglichkeit, die Neutralität dieses Ländchens zu verletzen,
nicht in meinen Kalkul eingezogen?«

Er blickte dem Doktor scharf in die Augen.

»Sie haben Furcht gehabt! Erbärmliche, feige Furcht vor den drei
Leuten! Darum wollten Sie den Fuchs spielen. Andere Leute die Kastanien
aus dem Feuer holen lassen ... So ist diese ... Gemeinheit zustande
gekommen ... Merken Sie wohl auf! Sie stehen von heute ab unter
Überwachung. Sie wissen, was das heißt. Der Verdacht einer Verräterei,
eines Ungehorsams, und Sie verschwinden. Denken Sie daran, wenn Sie mir
jetzt antworten.

Ich wünsche genau Ihre Meinung über diese drei Menschen zu wissen.
Ob sie noch am Leben sind ... oder ob diese Depesche etwa von einer
anderen Stelle kommt. Und wenn sie leben, was sind ihre Pläne, wie groß
ist ihre Macht, wie weit reicht sie? Werden sie sich in dem kommenden
Kampfe auf eine Seite stellen? Überlegen Sie sich genau, bevor Sie
antworten. Es geht um Ihren Hals.«

Dr. Glossin wußte, daß der Präsident-Diktator nicht scherzte. Eine
unbefriedigende Antwort ... ein Druck auf den Klingelknopf am
Schreibtisch und er erlebte den nächsten Stundenschlag nicht mehr. Er
sammelte seine Gedanken und sprach langsam Wort für Wort abwägend:

»Nein! Es ist ausgeschlossen, daß eine dritte Stelle in Betracht kommt.
Ich war Augenzeuge der Katastrophe in Linnais, und ich sage doch, es
sind die drei, die die Depesche sandten.«

»Wie konnten sie entkommen? Sie mußten doch schließlich fürchten, eines
Tages ausgehoben zu werden. Sie konnten sich durch einen unterirdischen
Gang sichern, der irgendwo in den Bergen oder am Fluß ins Freie mündet.«

»Ich habe daran gedacht. Aber dann müßte er schon lange bestanden
haben. Die drei sind erst seit wenigen Wochen in Linnais. Die Anlage
eines Ganges braucht Monate, wenn nicht Jahre. Immerhin bleibt der
unterirdische Gang die nächstliegende Erklärung. Es könnte sein, sie
hätten ihn mit ihren phänomenalen Hilfsmitteln in dieser kurzen Zeit
geschafft ... oder ... sie sind ...«

Dr. Glossin preßte sich mit beiden Händen die Stirn zusammen, als ob
ihm der Schädel unter der Gewalt des neuen Gedankens springen wollen.
Er schwieg.

Cyrus Stonard trieb ihn zum Weiterreden: »... oder sie sind? Sprechen
Sie doch!«

»Oder sie haben unsere Augen geblendet und sind unsichtbar durch unsere
Reihen gegangen!«

Cyrus Stonard betrachtete den Doktor zweifelnd.

»... unsichtbar? ... Das wäre der Teufel selbst! ... Sich unsichtbar
machen? ... Es geht um Ihren Kopf, Herr Dr. Glossin! Tischen Sie mir
keine Märchen auf. Sie werden alt. Ich mußte es Ihnen schon einmal
sagen.«

Dr. Glossin sah den Präsident-Diktator ruhig an. Ohne Furcht vor
der Gewalt, die jeden Moment sein Leben zerstören konnte. Mit
weltabgewandten, weltentrückten Blicken. Dann sprach er. Erst leise und
stockend. Dann immer bestimmter und mit gehobener Stimme:

»Was Ihnen Kindermärchen scheint, ist für manchen schon längst Wahrheit
und Tatsache. Sie sind der Mann der Realitäten. Der Mann, der seine
Politik mit Blut und Eisen macht. Es ist Ihre Stärke, aber ... es wird
Ihre Schwäche, wenn Kräfte und Dinge aus einer anderen Sphäre an Sie
herantreten. Es gibt Wissende, die über diese Dinge nicht lächeln,
sondern ... ich selbst, Naturwissenschaftler, Skeptiker, ich glaube
eher, daß sie aufrecht und unsichtbar durch unsere Reihen gegangen
sind, als daß sie sich wie die Maulwürfe in einen unterirdischen Gang
verkrochen haben.«

Der Präsident-Diktator zerknitterte die Sayville-Depesche mit
energischem Griff von neuem.

»Mögen sie gemacht haben, was sie wollen! Ich halte mich an die realen
Tatsachen. Die Macht existiert. Sie ruht in den dreien. Sie hat in
Sayville angesprochen. Weshalb warnen sie, wenn sie handeln können?
Weshalb haben sie dann nicht auch bei der Geschichte vor Sydney
eingegriffen und das Gefecht verhindert?«

»Das ist meine Hoffnung. Sie haben es nicht gekannt. Ihre Macht reicht
nicht so weit. Noch nicht so weit. Sonst hätten sie es verhindert.
Vorläufig bluffen sie nur. Die Warnung war ein Bluff ...«

»Es geht um den Kopf, Herr Dr. Glossin. Sagen Sie nur, was Sie mit
Ihrem Kopf vertreten können.«

»Es ist meine feste Überzeugung, Herr Präsident. In ihrer ganzen
Tragweite ist die Erfindung erst im Entstehen begriffen. Nur so finde
ich eine Erklärung für das Nichteingreifen in die Affäre vor Sydney.
Nur so kann ich es verstehen, daß sie warnen, anstatt zu verbieten. Die
Fassung der Depesche ist für mich der unumstößliche Beweis, daß die
Entwicklung der Macht irgendwo stockt.«

Der Präsident-Diktator war den Ausführungen Glossins mit wachsender
Spannung gefolgt.

»Ich glaube Ihnen. Die Folgerung ist einfach. Den Engländern an den
Leib! So schnell wie möglich! An Stellen, die der Macht heute noch
unerreichbar sind. In Indien ... In Südafrika ... vielleicht ...
jedenfalls so schnell wie möglich, denn eines Tages sind sie doch so
weit.«

Cyrus Stonard drückte auf den Knopf. Ein Adjutant kam.

»Die Herren vom Kriegsrat! In einer halben Stunde!«

Er sprach wieder zu Dr. Glossin.

»Unsere Pläne müssen geändert werden. Wir wollten England in England
schlagen. Jetzt müssen wir es am Äquator versuchen. Das verdanke ich
Ihrer Neigung für unkontrollierbare Privatunternehmungen.«

Cyrus Stonard blickte den Arzt an, wie eine Schlange ihr Opfer
betrachtet. Mit kaltem, klarem Blick. Lange Sekunden bewegten sich die
Lider seiner Augen nicht, und Dr. Glossin fühlte das Blut in seinen
Adern gefrieren. Dann fuhr der Präsident-Diktator langsam fort:

»Es gibt ein Mittel für Sie, um sich vollständig zu rehabilitieren.
Fangen Sie mir die drei! Wenn Sie sie mir lebendig bringen, will ich
Sie belohnen, wie noch niemals ein Mensch von einem anderen belohnt
worden ist. Wenn Sie sie tot bringen, soll Ihr Lohn noch überreich
sein. Alle Machtmittel, die ein Land von dreihundert Millionen bieten
kann, stehen Ihnen zur Verfügung. Neutralität ... ich pfeife darauf.
Jedes Mittel, jedes Verfahren ist Ihnen erlaubt, wenn es zu dem Ziele
führt, die drei in meine Gewalt zu bringen. Denken Sie immer an das
Ziel. Seine Erreichung wird unermeßlich belohnt. Mißlingen ist Verrat.«

       *       *       *       *       *

»... Oder sie sind unsichtbar durch unsere Reihen gegangen.« Dr.
Glossin hatte die Möglichkeit gegenüber dem Präsident-Diktator
ausgesprochen und hatte damit gesagt, wie es geschehen war.

Als Oberst Trotter als erster über den Gartenzaun von Linnais sprang,
stand Erik Truwor in Begleitung seiner beiden Freunde unmittelbar neben
ihm. Die hypnotische Kraft Atmas blendete den Obersten und schlug seine
Leute mit Blindheit.

»Es ist gut, wenn wir einige Zeit für tot gelten.« Erik Truwor hatte
damit den Plan für die nächsten Wochen und Monate gegeben. Atma
und Silvester übernahmen die Ausführung. Atma verwirrte die Sinne
der Gegner. Silvester trug den kleinen Strahler und brachte die
Schießwaffen, mit denen die Fenster des Truworhauses gespickt waren,
zum Feuern.

Während die Engländer das Haus belagerten, gingen die drei zur
Odinshöhle. Dort ließen sie sich nieder. Aus der Tafel des Fernsehers
war das Haus von jeder Seite und in allen Details sichtbar. Silvester
Bursfeld ließ den Strahler arbeiten. Er unterhielt das Gewehrfeuer,
solange noch eine Patrone vorhanden war. Dann kam das Ende.

Erik Truwor hatte sich entschlossen, sein Vaterhaus zu opfern. Als die
Tür unter den Axthieben der Stürmenden einbrach, gab er selbst aus dem
großen Strahler die volle Konzentration in das Brennstofflager des
Hauses. Zehnmillionen Kilowatt in zehntausend Kilogramm Benzol. Das
Truworhaus wurde in einer Sekunde zum feuerspeienden Berg.

Erik Truwor verfolgte das Schauspiel auf der Mattscheibe des
Fernsehers. Sein Gesicht blieb unbeweglich, wie aus Stein gemeißelt.

Als die Mauern zusammenstürzten, wandte er den Blick von der Platte ab.

»Sie wähnen uns dort begraben. Ihr Glaube gibt uns die Ruhe für die
letzten Vorbereitungen.«

Der Rapid Flyer stand in der Höhle. Als Dr. Glossin mit dem Obersten
sprach, als Oberst Trotter seine Brandwunden im Tornea kühlte, trug
R. F. c. 1 die Freunde nordwärts davon. Langsam, in niedrigem Flug.
Vorsichtig die Deckung der Berge und Föhren nehmend. Ungesehen und
ungehört.

Erst als sie in sicherer Weite waren, stieg der Flieger zu größeren
Höhen empor und nahm reinen Nordkurs. Über offene See und schweres
Packeis. Über Länder und über weite Eisflächen.

Nach dreistündiger Fahrt senkte sich das Schiff. Stieß durch Nebel und
Wolken und ruhte auf der Eisfläche, die wie eine ungeheure massive
Kuppe den nördlichen Pol unserer Erde umgibt.

Sie landeten inmitten der endlosen Eiswüste und fanden dennoch ein
wohnliches Heim. Silvester sah es mit Staunen.

Erik Truwor hatte den halben Monat, den Silvester nach seiner
Vermählung abwesend war, nicht ungenutzt gelassen.

Er hatte sich hier ein Schloß geschaffen. Einen Eispalast im wahren
Sinne des Wortes. Aus der flachen verschneiten Eiswüste erhob sich
blaugrünlich schimmernd ein Eisberg hundert Meter empor. Ein massiver
Eisblock, bis Erik Truwor kam und den Strahler spielen ließ. Da fraß
die entfesselte Energie das Eis mit gieriger Zunge. Gänge bildeten
sich. Säle und Kammern entstanden, während das Schmelzwasser in Strömen
ins Freie lief.

Dann waren die Tage gekommen, an denen der alte Schäfer Idegran auf
der Torneaheide der Wodanshöhle in immer weiterem Bogen aus dem Wege
ging. Es fauchte in der Höhle. Es schwirrte in den Lüften. Erik Truwor
hielt seinen Umzug wie der wilde Jäger. Vollgepackt mit Lebensmitteln
und Brennstoffen, mit Apparaten und Werkzeugen fuhr der Rapid Flyer
zwischen dem Eisschloß am Pol und dem Haus am Tornea hin und her. Es
war nur noch eine leere Schale, die Oberst Trotter mit seinen Leuten
belagerte.

Silvester sah das neue Heim zum erstenmal. Sie traten in das Innere des
Berges, und eine wohlige Wärme umfing sie. Ein kleiner Strahler machte
gerade so viel Energie frei, daß die Luft in den Räumen gut erwärmt
war, aber das Eis der Wände noch nicht schmolz.

Erik Truwor ließ sich im großen Wohngemach auf einen Sessel nieder.

»Hier bin ich, hier bleibe ich! Hier findet uns niemand. Die Schiffe,
die über den Pol gehen, fliegen hoch. Auch aus nächster Nähe würden sie
nur den Eisberg sehen.«

Atma lag bewegungslos auf einem Diwan. Er ruhte, meditierte, wie er es
stets tat, wenn seine Kraft, seine telepathische Willensmacht nicht
verlangt wurden. Silvester brauchte viele Stunden, um durch alle Räume
zu schreiten. Er sah das Laboratorium und die neuen großen Strahler.
Er versenkte sich in die Verbesserungen, die Erik Truwor während
seiner Abwesenheit angebracht hatte, und dann sah er die Teile der
Telephonanlage. Sie waren noch nicht zusammengebaut.

Seine Gedanken flogen zu Jane. Sie würde diesen Nachmittag vergeblich
auf seinen Anruf warten. Er würde ihr Bild sehen. Der Fernseher
gestattete es zu jeder Zeit. Doch er würde nicht mit ihr sprechen
können. Sie würde warten ... würde in Sorge sein. Um so mehr, wenn wenn
irgendwoher die Nachricht von Linnais, vom Untergang des Hauses zu ihr
käme.

Er erschrak bei dem Gedanken und trat an den großen Strahler. Er
richtete ihn und schaltete die Energie ein. Das Bild erschien
auf der Scheibe. Ein Flußlauf. Industriewerke, Häuser. Jetzt die
charakteristische Gestalt des Rattinger Tors von Düsseldorf. Nun die
Straße, das Termölensche Haus ...

Er verzehnfachte die Vergrößerung und regulierte mit den
Mikrometerschrauben.

Die Küche ... Frau Luise Termölen ... die gute Stube ... dort Jane. Ihr
gegenüber eine andere Gestalt.

Silvester Bursfeld brachte die Vergrößerung noch einmal auf das
Zehnfache. Jetzt standen die Figuren fast in Lebensgröße vor ihm. Jane
blaß, erschreckt, dem Umsinken nahe. Ihr gegenüber Dr. Glossin.

Silvester ließ das Bild stehen und lief in das Gemach, in welchem Atma
lag.

Der Inder kam und sah das Bild. Eine Veränderung war eingetreten. Jane
lag regungslos am Boden. Ein Zeitungsblatt neben ihr. Dr. Glossin
bemühte sich um die Eingesunkene, richtete sie auf, sprach auf sie ein.

Soma Atma stand in kataleptischer Starre. Seine Pupillen verengten sich
bis zum Verschwinden. Seine Seele verließ den Körper und ging auf die
Wanderung.

Das Bild auf der Mattscheibe veränderte sich. Silvester sah, wie das
Blut seinem Weib in die Wangen zurückkehrte. Sie erhob sich. Aufrecht
stand sie da, lächelte spöttisch und deutete mit einer verächtlichen
Handbewegung auf das Zeitungsblatt, und dann verließ Dr. Glossin mit
allen Zeichen der Enttäuschung und des Mißmutes den Raum.

Es dauerte lange, bis der Inder sich aus dem Krampfe löste. Dann
sprach er, ruhig und leidenschaftslos wie immer: »Dein Weib weiß, daß
du lebst.«

Er kehrte in seinen Raum zurück und versank wieder in das stille
Vorsichhinstarren, Ruhen und Sinnen, in dem er Tage und Wochen
verbringen konnte.

Die Arbeit rief. Erik Truwor hatte Verbesserungen vorgeschlagen, die
sich auf eine noch genauere Einstellung bezogen. Silvester Bursfeld
hatte von seiner Hochzeitsreise eine ganz neue Idee mitgebracht. Eine
Zielvorrichtung, die es gestatten mußte, mit dem Strahler auch gegen
bewegte Ziele zu operieren, während er volle Energie im Raum auslöste.

Das hielt Silvester jetzt für das Wichtigste, und Erik Truwor stimmte
ihm bei. Mit den vorhandenen Einrichtungen ließ sich die Energiemenge
wohl haarscharf auf jeden Punkt der Erdoberfläche einstellen. Aber es
war noch nicht möglich, die Einstellung mit voller Sicherheit bewegten
Zielen folgen zu lassen, während die Energie wirkte. Erik Truwor
verlangte, daß man mit dem großen Strahler auch schnellfliegende Ziele
fassen könne, während er auf irgendeinem Punkt der Erde zehn Millionen
Kilowatt brodeln ließ.

Eine Änderung der Schaltung war dazu notwendig. Der Energiestrom, der
vom Ziel reflektiert wurde und das Bild auf der Mattscheibe erzeugte,
mußte von der Hauptenergie abgezweigt werden. Widerstände waren
einzubauen, die diesen Nebenstrom automatisch so schwach hielten, daß
er das Bild nicht sprengte, die Mattscheibe nicht fraß. Es bedurfte
mancher Tage, um die neuen Ideen praktisch auszuführen.

Erik Truwor war die treibende Kraft. Er stand vor dem Amboß, das
Antlitz von der Glut des Feuers gerötet, und schmiedete die für den
Neubau nötigen Stücke. Die Funken umsprühten ihn, während er den Hammer
schwang und das glühende Eisen formte. Als Schlosser, Dreher und
Mechaniker in einer Person arbeitete Silvester. Er feilte, schnitt und
schliff und hörte dabei die Worte Erik Truwors.

Wie ein Prophet sprach Erik Truwor von der Zukunft, die er nach seinem
Willen formen wollte.

»Von Mitternacht kommt die Macht.« Öfter als einmal fiel das Wort von
seinen Lippen, während er einem Schmiedestück mit wuchtigen Hieben die
letzte Form gab. Machtgefühl klang aus den Schlägen, mit denen er den
Hammer auf den Amboß schmetterte, daß es weithin durch die Eishallen
dröhnte.

Silvester hörte nur mit halbem Ohr hin. Er war unruhig bei der Arbeit,
und seine Gedanken weilten in weiter Ferne. Wohl hatten ihn die Worte
Atmas vorübergehend beruhigt. Doch zufrieden würde er erst sein, wenn
Ätherschwingungen und Elektronenbewegungen Janes Bild wieder bis an
den Pol führten und seine Stimme über Spitzbergen und Skandinavien bis
in das stille Gemach nach Düsseldorf brächten. Er lechzte danach, sein
junges Weib zu sehen, mit ihr zu sprechen, und arbeitete hastig und
freudlos an dem Neubau, zu dessen schneller Ausführung Erik Truwor ihn
zwang. Die Ruhestunden während der langen hellen Polnacht benutzte er,
um auf dem Gipfel des Berges die Antennen für die drahtlose Station zu
ziehen.

       *       *       *       *       *

Nur eine schwere seelische Erschütterung kann den Riegel zerbrechen.
Dr. Glossin wußte es. Darum hatte er Jane das Zeitungsblatt mit der
Nachricht über die Katastrophe von Linnais gegeben. Im letzten Moment,
als der Riegel wankte, als er brechen wollte, hatte Atma eingegriffen.
Seiner Kraft war es gelungen, die Verriegelung noch einmal zu halten
und zu schließen. Aber sie hatte durch den schweren Angriff Glossins
eine Beschädigung erlitten. Ein zweiter unvermuteter Stoß konnte sie
leicht sprengen.

Einstweilen war Jane beruhigt. In jenem Moment, als sie unter dem
niederschmetternden Eindruck der Nachricht von Linnais halb ohnmächtig
in den Armen Glossins hing, war es plötzlich wie eine feste und
unumstößliche Gewißheit durch ihre Seele gegangen: Silvester lebt. Er
ist mit seinen Freunden geborgen. Ich werde bald von ihm hören. Es war
die telepathische Beeinflussung des Inders, die ihr diese Zuversicht
gab, die sie instand setzte, die Worte Glossins zu belächeln, ihm ihre
andere bessere Überzeugung entgegenzuhalten.

Dr. Glossin hatte das Haus Termölen verlassen. Niedergeschlagen,
innerlich zerrissen. Er fühlte alle seine Stützen wankend werden.

Seitdem sich Cyrus Stonard mit dem Gedanken des Krieges gegen das
britische Weltreich trug, lag in Glossins Unterbewußtsein das
Empfinden, daß der Präsident-Diktator um seine Herrschaft, vielleicht
sogar um seinen Kopf spielte. Es blieb ihm selbst verborgen und
unbewußt, bis der leidenschaftliche Ausbruch des Diktators es ans Licht
rief. Jetzt empfand er es von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde
deutlicher. Der Stern Cyrus Stonards war im Sinken. Es war Zeit, sich
von ihm zu trennen. Für einen Charakter wie Glossin aber war die
Trennung gleichbedeutend mit Verrat, mit dem Übergang zur anderen
Partei.

Er dachte nicht mehr daran, den Auftrag Cyrus Stonards zu erfüllen.
Mochte der Diktator die drei selber fangen, wenn er sie haben wollte.
Aber Jane wollte und mußte er unter allen Umständen in seine Gewalt,
auf seine Seite bringen, koste es, was es wolle. Es war ihm nicht
geglückt, den Riegel im ersten Ansturm zu sprengen. Kein Wunder, wenn
eine hypnotische Kraft wie diejenige Atmas ihn gefügt hatte. Aber Dr.
Glossin wußte auch, daß jeder Angriff die Verriegelung schwächte, daß
sie doch eines Tages brechen mußte, wenn sie nicht ständig erneuert
wurde. Er beschloß, vorläufig in Düsseldorf zu bleiben, das Haus, in
welchem Jane wohnte, zu beobachten, die nächste Gelegenheit abzupassen
und auszunutzen.

Die vierte Nachmittagsstunde kam heran, die Zeit, zu welcher Silvester
mit Jane zu sprechen pflegte. Wie gewöhnlich setzte sie sich an den
Apparat und hielt den Hörer erwartungsvoll an das Ohr.

Nur noch Sekunden, dann mußte die Stimme Silvesters zu ihr dringen.
Dann würde sie aus seinem eigenen Munde hören wie der Brand in Linnais
verlaufen war und wo er sich jetzt mit seinen Freunden befand.

Jane saß und harrte auf die erlösenden Worte. Wartete, während die
Sekunden sich zu Minuten häuften und aus den Minuten Viertelstunden
wurden.

Der Apparat blieb stumm. Nur das leichte Rauschen der
Elektronenverstärker war an der Telephonmembrane zu hören.

Jane saß und wartete. Sie konnte es ja nicht wissen, daß Silvester
in diesem Augenblick den Strahler am Pol richtete, ihr Bild auf
die Mattscheibe brachte. Sie harren sah und hundertmal den Umstand
verwünschte, daß die Antennen für die telephonische Verbindung noch
nicht gespannt waren. Sie wußte nur, daß sie hier vergeblich auf
Silvesters Stimme harrte, und Zweifel begannen ihr zum Herzen zu
steigen.

Die Worte Glossins kamen ihr in den Sinn. Sollte es doch wahr sein, daß
...? Sollte die Zeitung nicht gelogen haben, die ihr Glossin damals gab?

Die zweite Erschütterung, die den Riegel sprengen konnte, vielleicht
schon sprengen mußte, kam ohne das Zutun Glossins. Kam, weil
sechshundert Meilen entfernt in Schnee und Eis ein paar Drähte nicht
rechtzeitig gespannt worden waren.

Die Minuten verrannen. Die Uhr hub zum Schlage an und verkündete die
fünfte Stunde. Die Zeit, für welche Jane nach der Verabredung die
Elektronenlampen brennen, ihren Apparat in der Empfangsstellung stehen
lassen sollte, war vorüber.

Das war ihr klar, Silvester war nicht da ... Es war ihm irgend etwas
zugestoßen ... Er war ...

Sie dachte das Wort nicht zu Ende. Von einem plötzlichen Impuls
getrieben, sprang sie auf und faßte einen Entschluß. Einen übereilten
und unsinnigen. Aber sie hatte in diesen Minuten nur noch das eine
Gefühl, daß sie fort müsse. Silvester zu suchen, bis sie ihn gefunden
habe.

Vorsichtig öffnete sie die Tür zu dem Zimmer der alten Termölen. Die
hatten ihr Nachmittagsschläfchen noch nicht beendet. Leise machte sie
die Tür wieder zu. Hastig füllten ihre zitternden Hände eine kleine
Ledertasche mit dem Notwendigsten. Ein paar Zeilen an die Alten. Daß
sie ginge, ihren Gatten zu suchen.

An der Tür blieb sie stehen und umfaßte mit einem langen Blick noch
einmal den schlichten Raum, in dem sie die letzte glückliche Stunde
mit Silvester verlebt hatte. Da stand ja noch der Elektronenempfänger,
mit dem sie jederzeit und überall seine Stimme hören konnte, wenn er
sie rief. Sie eilte darauf zu und hing den Apparat über ihre Schulter.
Lautlos und ungesehen verließ sie die Wohnung. Aber nicht ungesehen das
Haus.

Dr. Glossin sah sie auf die Straße treten. Er folgte ihr. Erst in die
Uferbahn, dann in das Flugschiff. Sorgfältig darauf achtend, daß er
selbst nicht von ihr gesehen werde. Eifrig darauf bedacht, sie nicht
aus den Augen zu verlieren.

       *       *       *       *       *

Der telenergetische Strahler Silvesters arbeitete mit einer besonderen,
von ihm zum erstenmal in reiner und konzentrierter Form dargestellten
Art der Energie, mit der Formenergie. Sein Apparat enthielt, in
besonderer Art gespeichert, einen verhältnismäßig nur geringen Vorrat
dieser Energieform.

Um trotzdem die gewaltigen Leistungen des Strahlers zu erklären, muß
man sich zwei Umstände vor Augen halten. Erstens die automatische
Selbsterneuerung der Formenergie. Eine keimfähige Eichel besitzt nur
unmeßbar geringe Mengen von Formenergie. Diese winzige Menge reicht
aus, um aus vorhandenen Stoffen und einfacher Sonnenstrahlung einen
großen Eichbaum entstehen zu lassen. Danach aber ist die ursprünglich
vorhandene Menge der Formenergie keineswegs erschöpft. Im Gegenteil,
sie erfährt automatisch eine Vergrößerung, denn der aus der ersten
Eichel erwachsene Baum bringt neue Eicheln in großer Menge hervor.

Nach dem gleichen Grundsatz erfuhr der in dem Strahler gespeicherte
Vorrat an Formenergie durch das Arbeiten des Apparats keine Schwächung,
sondern er blieb dauernd auf gleichbleibender Höhe.

Zweitens muß immer wieder betont werden, daß der Strahler auf die
überall im Raum vorhandene physikalische Energie nur auslösend
wirkte, wie etwa der Fingerdruck gegen einen Flintenhahn auf die in
der Gewehrpatrone vorhandene chemische Energie. Nur die Größe und
Formgebung der strahlenden Elemente begrenzten die Wirkungen, die mit
dem Apparat zu erreichen waren. Den letzten großen Strahler hatte
Silvester auf eine Höchstleistung von 10 Millionen Kilowatt oder 13
Millionen Pferdestärken bemessen. Das war eine Leistung von imposanter
Stärke, eine Energiemenge, die sich im Laufe von Stunden und Tagen ins
Riesenhafte häufen konnte. Es war geboten, vorsichtig mit Maschinen von
solcher Leistungsfähigkeit umzugehen, Sorge zu tragen, daß die Wucht
ihres Angriffes sich nicht auf unbeabsichtigte Ziele richtete.

Es konnte nichts passieren, solange der Strahler richtig bedient wurde,
solange die wenigen und einfachen Vorschriften seiner Handhabung
beachtet wurden. Doch um sie zu beachten, mußte man seine Sinne
beisammen haben. Man durfte nicht kopflos vor Schreck und Aufregung
sein, wie es Silvester war, als er in der sechsten Stunde des vierten
Tages. den die drei am Pol zubrachten, vom Strahler forteilte.

Um die vierte Stunde dieses Tages hatte Silvester den Strahler
gerichtet, die neue Telephonanlage eingeschaltet und wollte Jane von
seiner Rettung Mitteilung machen. Er stellte den Strahler auf das
bekannte Ziel und brachte das Bild von Janes Zimmer in Düsseldorf auf
die Mattscheibe. Jeder Gegenstand des fernen Raumes wurde sichtbar.
Nur den Empfangsapparat konnte er nicht finden, den er Jane bei seinem
Abschied übergeben hatte, und Jane selbst war nicht da.

Silvester suchte. Er ließ den Strahler Zoll für Zoll vorrücken und
verfolgte mit wachsender Aufregung und Sorge das Bild auf der Scheibe,
jeden Raum im Hause Termölen. Er sah jedes der ihm so wohlvertrauten
Zimmer. Er erblickte den alten Herrn und Frau Luise. Er sah, wie sie
bekümmert schienen und eifrig miteinander sprachen. Er verfolgte die
Spuren Janes auf der Straße. Die Bilder aller der Wege und Orte, die er
während seines Aufenthalts in Düsseldorf mit ihr betreten hatte zogen
auf der Scheibe vorüber. Er suchte in steigender Verwirrung und Angst,
bis er nach stundenlangem Bemühen die Nachforschung entmutigt aufgeben
mußte.

Atma! war sein Gedanke. Atma mußte ihm helfen. Atma besaß wohl die
Mittel und Kräfte, um wiederzufinden, was er selbst mit seiner
wunderbaren Entdeckung nicht zu finden vermochte. So ließ er den
Strahler und lief durch Gänge und Höhlen, bis er auf Atma traf. Er fand
ihn im Gespräch mit Erik Truwor. Worte und Sätze schlugen an sein Ohr,
auf die er in seiner Erregung kaum achtete.

»Zwinge, ohne zu verwunden! Gebrauche die Macht, ohne zu töten!«

»Wenn es geht, Atma. Ich will nicht morden. Doch soll ich die Macht
nicht anwenden, weil Widerstrebende zu Tode kommen könnten?«

»Nein! Mit der Macht wurde uns die Pflicht, sie zu gebrauchen. Über den
Gebrauch sind wir Rechenschaft schuldig. Die Größe der Macht erlaubt
uns, ohne Tötung auszukommen.«

Ein zwingender Wille ging von der Gestalt des Inders aus. Seine ruhige,
gleichbleibende Sprache wirkte auch auf Silvester. Bekümmert und
aufgeregt war er in das Gemach getreten. Von dem einzigen Gedanken
getrieben, von Atma Hilfe zu erbitten. Jetzt vergaß er seine Sorgen und
Wünsche und geriet in dessen Bann. Er ließ sich nieder, um das Ende
der Erörterungen abzuwarten. Atma betrachtete ihn einen kurzen Moment,
und der Ausdruck eines tiefen Mitleids flog über sein bronzefarbenes
Antlitz.

»Jane ist nicht bedroht.«

Atma sprach mit halblauter Stimme, Erik Truwor schien es kaum zu hören.
Silvester empfand die Worte wie lindernden Balsam.

»Jane ist nicht bedroht.« Unhörbar wiederholte er die tröstenden
Worte unzählige Male für sich selber und sank dabei immer mehr auf
seinem Sessel zusammen. Eine Reaktion kam über ihn. Erst jetzt fühlte
er die Anstrengungen der letzten Tage. Während der Tagesstunden in
der Werkstatt. Des Nachts mit dem Bau der Antenne beschäftigt. Nur
wenige spärliche Ruhestunden dazwischen. Sein Herz schlug matter,
eine bleierne Müdigkeit überkam ihn, während er automatisch die Worte
wiederholte: »Jane ist nicht bedroht.«

Seine Gedanken begannen zu wandern. Was für ein Leben führte er doch.
Abenteuerlich, vom Schicksal gekennzeichnet und verfolgt von Anfang an.
Nur einmal war sein Lebensschiff in ruhiges Fahrwasser gekommen. Damals
in Trenton, als er friedlich seinem Beruf in den Staatswerken nachgehen
konnte. Als ihm das Haus Harte zur zweiten Heimat wurde, als ihm ein
zartes Liebesglück erblühte. Welcher Dämon hatte ihn damals getrieben,
der Erfindung nachzujagen, dieser Entdeckung, die schon seinen Vater
Freiheit und Leben gekostet. War nicht Unheil unlösbar mit dem Problem
verbunden? Brachte der Versuch, es zu lösen, nicht Tod und Verderben
auf jeden, der sich damit abgab?

Wie glücklich hätte sich sein Leben ohne diese Erfindung gestaltet.
Jetzt könnte er auch in Trenton mit Jane verbunden sein, dort an ihrer
Seite ruhig leben. Gewiß, nur als ein Dutzendmensch, als einfacher
Ingenieur der Werke, ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe.

Den Ehrgeiz hätte er begraben müssen. Aber dafür hätte er ein
bescheidenes Glück gewonnen. Das Leben an der Seite Janes. Niemand
hätte es dort gewagt, hätte es wagen können, ihn so kurze Zeit nach
der Vereinigung wieder von der Seite seines Weibes fortzureißen.
Wieviel Schmerzliches wäre ihm erspart geblieben. Die Verhaftung und
Verurteilung. Die schweren Tage in Sing-Sing.

Er hob den Kopf, und sein Blick traf sich mit dem von Atma. Es schien,
als ob der Inder jeden Gedanken hinter der Stirn Silvesters gelesen
hätte. Er schüttelte verneinend das Haupt, und Silvester ergriff den
Sinn.

Es wäre ihm nicht erspart geblieben! Auch wenn er nie an die große,
gefährliche Erfindung gedacht hätte, würden feindliche Gewalten ihn aus
einem stillen Glück gerissen haben. Dann war es wohl Schickung, der
niemand zu entgehen vermag.

Die Lehren von Pankong Tzo wurden wieder in ihm lebendig: Wir sind alle
auf das Rad des Lebens gebunden und müssen seinen Drehungen willenlos
folgen. Nur um ein Geringes können wir in jedem der vielen Leben, zu
denen wir verurteilt sind, unsere Stellung auf dem Rade verändern.

Traumartig verschwommen jagten die Gedanken durch sein Gehirn. Wie im
Traum hörte er die Stimme Erik Truwors:

»Ich brauche dich, Atma. Wenn ich die Macht anwende, sollst du als mein
... als unser Botschafter zu den Menschen gehen und ihnen meinen Willen
kundtun.«

Der Inder neigte zustimmend das Haupt.

»Ich werde gehen, wenn es an der Zeit ist. Tsongkapa sagt: ›Gehe zu den
Menschen, ihnen die Neuordnung der Dinge zu verkünden‹ ...«

Ein dumpfes Krachen unterbrach die Worte. Ein Schüttern und Beben
gingen durch die Eishöhlen. Wie wenn die Schollen schweren Packeises im
Sturm knirschend gegeneinandergepreßt werden. Der Boden, auf dem sie
standen, schwankte.

»Der Strahler ...!«

Atma sprach es, bevor noch Erik Truwor oder Silvester ein Wort fanden.

»Wo steht der große Strahler?«

»Im unteren Gange.«

»Nach oben damit! Von unten kommt das Wasser.«

Der Inder eilte schon dem unteren Gange zu. Erik Truwor und Silvester
folgten ihm. Über die breiten Eisstufen ging der Weg nach dem untersten
Gang, der zu den Werkstätten und Laboratoriumsräumen führte. Zu
gewöhnlicher Zeit ein leichter und bequemer Weg. Jetzt nur mit Vorsicht
zu beschreiten. Der ganze Berg schien sich um etwa dreißig Grad gedreht
zu haben, und in dieser schrägen Lage war der Abstieg über die glatten
Stufen äußerst beschwerlich.

Auf einem Treppenabsatz stand der kleine Strahler, den sie schon aus
Amerika mitgebracht hatten.

Jetzt war das Laboratorium erreicht. Doch schon bis zur halben Höhe
überflutet. Mit einem Sprung warf sich Erik Truwor in das eisige
Wasser, drang bis zu dem großen Strahler vor und trieb mit einem
einzigen Faustschlag die beiden Regulierhebel auf ihre Nullstellungen.
Er wollte den Strahler packen und die Stufen hinauf aus dem
Laboratorium schleppen. Es war zu spät. Von Sekunde zu Sekunde stiegen
die gurgelnden Wasser höher, während das Knirschen brechenden Eises den
Berg erzittern ließ. Schon fand der Fuß keinen Halt mehr auf dem Boden.
Nur noch schwimmend erreichte Erik Truwor die Stufe der Treppe.

Das Wasser stieg. Stufe auf Stufe kam es herauf, Stufe um Stufe
mußten die drei Freunde sich zurückziehen. Dabei fühlten sie einen
Druck auf der Brust, ein Brausen in den Ohren, ein Ziehen in den
Gelenken, Zeichen, daß die Luft sich unter dem Druck des steigenden
Wassers komprimierte. Die Erscheinung gab den Beweis, daß der Berg
mit den Höhleneingängen unter den Wasserspiegel geraten war und
daß die eingeschlossene Luft sich jetzt in den oberen Teilen der
ausgeschmolzenen Räume verdichtete.

Auf dem Treppenabsatz ergriff Atma den kleinen Strahler und hing ihn
sich um.

Jetzt schien der Berg zur Ruhe gekommen zu sein. Noch fünf bis sechs
Stufen wurden von dem langsam und immer langsamer steigenden Wasser
überschwemmt. Dann stand die Flut.

In dem oberen Wohnraum machten sie Rast.

»Gefangen! Elend gefangen und in der Falle eingeschlossen wie Ratten.
Beinahe auch schon ersäuft wie Ratten.«

Erik Truwor stieß die Worte hervor, während er die geballte Faust auf
die Tischplatte fallen ließ.

Schweigend ging Atma in den Nebenraum und kehrte mit dem Arm voller
Kleidungsstücke zurück.

»Du bist kalt und naß, Erik!«

Erik Truwor stand auf und ergriff das Bündel. Es war nicht angebracht,
in den nassen Kleidern zu bleiben. Er ging in das Nebengemach und ließ
Atma und Silvester allein.

Was war geschehen? Während Erik Truwor die Kleidung wechselte,
suchte sich Silvester die Vorgänge zu rekonstruieren. Als er den
Strahler verließ, wollte er ihn abstellen und den Zielpunkt von
Düsseldorf fortnehmen. Die Bedienungsvorschrift war einfach. Erst den
Energieschalter in die Ruhestellung, dann den Zielschalter. In seiner
Erregung und Verwirrung hatte Silvester zwei Fehler begangen. Er hatte
den Zielschalter nicht in die Ruhestellung auf ein unendlich entferntes
Ziel gerückt, sondern in der verkehrten Richtung auf das nächst
mögliche Ziel. Aus Sicherheitsgründen war die kleinste Zielentfernung
des großen Strahlers auf hundert Meter bemessen. Denn wenn es möglich
gewesen wäre, den Schalter auf den absoluten Nullpunkt zu bringen, dann
mußte ja die Energie sich im Strahler selber konzentrieren, mußte den
Apparat und nach menschlicher Voraussicht auch den, der ihn bediente,
momentan in Atome auflösen.

Silvester hatte beim Fortgehen den Zielhebel falsch herumgestellt, und
er hatte dem ersten Versehen ein zweites hinzugefügt, indem er auch
den Energiehebel auf volle Leistung rückte. Der zweite Fehler war eine
logische Folge des ersten. Beide Hebel waren in der gleichen Richtung
auf die Ruhestellung zu bringen. Täuschte man sich bei der Richtung des
ersten, war es sehr naheliegend, daß auch der zweite falsch geschaltet
wurde.

Der Strahler hatte vom Pol aus die Richtung geradlinig auf Düsseldorf.
Die Ziellinie schnitt als mathematische Gerade schräg nach unten
gerichtet in den Erdball ein. Durch die falsche Bedienung hatten
10 Millionen Kilowatt in Form von Wärmeenergie schräg unterhalb
des Eisberges, nur 100 Meter von ihm entfernt, im massiven Poleis
gearbeitet. Mit dem Effekt natürlich, daß das Eis zu schmelzen begann,
daß sich unter dem Eisberg ein größer und immer größer werdender, mit
Wasser gefüllter Raum bildete. Bis die schwache Eisdecke den Berg nicht
mehr zu tragen vermochte. Bis sie auf der Seite des Berges, auf die der
Strahler gerichtet war, krachend und knirschend zu Bruche ging und der
Berg sich halb schräg nach unten in den geschmolzenen Pfuhl wälzte.

Der Berg war nach dem Brechen des Eises um beinahe dreißig Grad
gekippt. Dann war er mit der Unterkante auf den Grund dieses so
plötzlich entstandenen Sees aufgestoßen und zur Ruhe gekommen. Alle
Eingänge des Baues waren dabei tief unter den Wasserspiegel geraten.

Erik Truwor kam zu den beiden Freunden zurück. Er traf Silvester in
leisem Gespräch mit Atma. Die blassen, abgespannten Züge Silvesters
verrieten seelisches Leiden. Das Bewußtsein daß er durch seine
Unvorsichtigkeit das Unglück verursacht hatte, lastete schwer auf ihm.
Mit gedämpfter Stimme erläuterte er dem Inder die Möglichkeiten und
Mittel, durch die man sich befreien, vielleicht sogar die alte Lage
dies Berges wieder herstellen könne.

Atma lauschte aufmerksam seinen Worten, saß an seiner Seite und hatte
Silvesters Rechte zwischen seinen Händen.

Erik Truwor ließ sich schweigend an dem Tisch nieder. Er verharrte in
seinem Schweigen, aber seine Miene verriet, wie es in ihm kochte. Immer
tiefer, immer steiler gruben sich die Falten in seine Stirn. Verachtung
und Abweisung spielten um seine Lippen.

Silvester glaubte jetzt, die richtige Lösung gefunden zu haben. Man
mußte den Berg so weit ausschmelzen, daß er frei schwamm und schwimmend
sich in seine alte Lage zurückhob. Der Einfluß Atmas übte seine
Wirkung auf Silvester. Er wurde ruhiger und eifriger. Eine leichte
Röte überhauchte sein Antlitz, während er mit Bleistift und Papier
die jetzige Lage des Berges skizzierte und entwarf, wie man mit der
Ausschmelzung Schritt um Schritt vorgehen müsse.

Dröhnend fielen die Worte Erik Truwors in diese Erklärung: »Wie lange
dauert das? -- Wie viele Tage und Wochen gehen uns dadurch verloren?
Ich sitze hier in der Falle, abgeschnitten von der Welt ... unfähig,
zu erfahren, was draußen vorgeht ... unfähig, meine Macht wirken zu
lassen, meinen Befehlen die Ausführung zu erzwingen ...

Eine schöne Macht, die von Weiberdienst und Weiberlaunen abhängig ist
... Der Welt Befehle geben ... zum Spott der Welt werden wir dabei ...«

Silvester erblaßte. Er zuckte zusammen, als ob jedes einzelne dieser
Worte ihn körperlich traf.

»Verzeihe mir, Erik. Es war meine Schuld. Aber ich sehe schon den
sicheren Weg zur Rettung.«

»Den Weg zur Rettung? ... Als ob es sich darum handelte ... Ich weiß,
daß wir nicht verloren sind, solange wir auch nur den kleinen Strahler
bei der Hand haben. In zehn Minuten können wir uns einen Weg ins Freie
brennen. Mag der Eisberg dann stehenbleiben oder noch tiefer fallen.
Irgendein Flugschiff können wir uns auch mit dem kleinen Strahler
heranholen und bewohntes Gebiet erreichen. Aber unsere Einrichtung ist
verloren. Meine Pläne erfahren einen Aufschub von Monaten ...«

Erik Truwor sprang erregt auf.

»In der Zwischenzeit verlernt die Welt die Furcht vor mir ...«

Ein Zucken durchlief den Körper Silvesters.

Atma erhob sich und trat auf Erik Truwor zu. Sein Gesicht suchte den
flirrend ins Weite gerichteten Blick Erik Truwors, bis er ihn gefunden
hatte.

»Wer gab dir die Macht?«

Minuten verstrichen, bis die Antwort von den Lippen des Gefragten kam.

»Der Strahler!«

»Wer schuf den Strahler?«

Noch einmal eine lange Pause.

Dann kam zögernd und etwas beschämt die Antwort: »Silvester ... du hast
recht, Atma. Silvester gab uns die Macht. Wir dürfen ihm nicht zürnen,
wenn sie jetzt durch sein Versehen gelähmt wurde.«

»Ich habe ihm nie gezürnt.«

Der Inder sagte es in seiner ruhigen Weise und fuhr fort, bevor Erik
Truwor etwas darauf erwidern konnte: »Es ist nicht Zeit zum Streiten,
sondern zum Handeln. Dein Plan, Erik, den Berg einfach zu verlassen,
entsprang dem Zorn. Silvester weiß besseren Rat. Den Plan, den Berg zu
heben, von hier aus die Mission zu erfüllen.«

Die Worte Atmas trafen das Richtige und Notwendige. Auch Erik Truwor
konnte sich ihnen nicht entziehen.

Es galt, die augenblicklichen Lebensmöglichkeiten zu überschlagen.

Der Luftvorrat in den Höhlen mußte nach oberflächlicher Rechnung
für wenigstens eine Woche langen. Im obersten Gange befanden sich
Lebensmittel für mehrere Wochen. Durch einen glücklichen Zufall
war dort auch ein Lager von allerlei Werkzeugen und Hilfsmaschinen
untergebracht.

Die Lage war ernst, aber für den Augenblick wenigstens nicht
verzweifelt.

Doch doppelt und dreifach hatte Atma recht, als er auf die
Notwendigkeit eiligen Handelns hinwies. Die Wiederherstellung des alten
Zustandes mußte jetzt ihre Hauptsorge sein.

Es war, als ob das Schicksal sie narren wolle. Eben noch Gebieter der
Welt, Pläne schmiedend, wie sie der Welt ihren Willen kundtun und
aufzwingen könnten. Und jetzt die Mittel für die Rettung des Lebens
beratend. Es galt den Kampf gegen eine Million Kubikmeter Eis. Gegen
diese gigantische Frostmasse, in deren Mitte sie eingeschlossen waren
wie in einer Grabkammer der pharaonischen Pyramiden.

       *       *       *       *       *

Jane hatte das Flugschiff der Linie Köln--Stockholm betreten. Dr.
Glossin stand unter der Menge auf dem Flugplatz und hielt sich hinter
einem Verkaufsstand für Zeitungen und Erfrischungen verborgen. Das
Schiff wurde gut besetzt. Es zählte mehr als 120 Passagiere, die über
die Aluminiumtreppe den Rumpf betraten. Die Aussichten, während der
Fahrt von Jane nicht erblickt zu werden, waren nicht schlecht.

Erst im letzten Moment, als die Bedienungsmannschaft schon die Treppe
abrücken wollte, trat er aus seinem Schlupfwinkel heraus und eilte als
Letzter in das Schiff. Gleich danach wurde die Tür verschraubt, die
Maschinen gingen an, und das Schiff verließ den Platz.

Dr. Glossin sah, daß der Korridor, der den Rumpf des Schiffes der
Länge nach durchzog, beinahe menschenleer war, und eilte in die
Raucherkabine. Hier wußte er sich in Sicherheit und konnte bis zur
Landung in Stockholm bestimmt ungesehen bleiben.

Erst jetzt kam er dazu, sich sein Abenteuer und die möglichen Folgen
in Ruhe zu überlegen. Wie kam Jane dazu, so plötzlich das Haus in
Düsseldorf zu verlassen und nach Stockholm zu fahren? Auf den Gedanken,
daß sie kopflos und ohne festes Ziel in die Welt hinausfuhr, kam er
nicht.

Silvester mußte sie gerufen haben. Sicherlich hatte sie Nachricht von
Silvester erhalten und fuhr jetzt den dreien nach. Durch diese Annahme
gewann das Unternehmen aber plötzlich ein ernstes Gesicht. Silvester
würde Jane am Flugplatz bei der Ankunft erwarten. Vielleicht schon in
Stockholm. Vielleicht in Haparanda oder sonstwo.

In jedem Fall mußte unvermeidlich irgendwo der Moment kommen, in
welchem Silvester an das landende Flugschiff herantrat, um Jane in
Empfang zu nehmen. Wo Silvester war, da waren sehr wahrscheinlich auch
die beiden anderen in nächster Nähe. Der Doktor verspürte ein kaltes
Gefühl zwischen den Schultern, als er den Gedanken zu Ende dachte. Er
zog einen kleinen Handspiegel aus der Tasche und betrachtete sorgfältig
sein Antlitz. Und nickte zufrieden. Die Veränderungen, die er schon in
Düsseldorf an seinem Äußern vorgenommen hatte, erfüllten ihren Zweck.
Beruhigt steckte er den Spiegel wieder weg.

Nicht umsonst war er lange Jahre in die Schule politischer
Verschwörungen und Intrigen gegangen. Genötigt gewesen, bald unter
dieser, bald unter jener Maske aufzutreten. Die Veränderung des Äußern
war meisterhaft. Nicht nach der Art plumper Anfänger mit künstlichen
Bärten und Perücken, die jeder Polizeibeamte auf den ersten Blick
erkennt. Nur eine leichte Färbung des Haares, eine andere Frisur
und eine Garderobe nach europäischem Schnitt, die sich von der
amerikanischen Tracht bemerkenswert unterschied. Dazu seine Fähigkeit,
den Ausdruck des Gesichts, das Spiel seiner Züge willkürlich zu
verändern. Aus dem Dr. Glossin aus Neuyork war irgendein beliebiger und
gleichgültiger europäischer Geschäftsreisender geworden.

Leuten gegenüber, die ihn nur oberflächlich kannten, mußte die
Veränderung sicheren Schutz gewähren. Ob sie den prüfenden Blicken
Janes standhalten würde, war ihm nicht so außer Zweifel. Daß Silvester,
daß Atma sie mit einem Blick durchschauen würden, war ihm gewiß. Aber
er rechnete damit, daß sie in der Freude des Wiedersehens auf die
Mitreisenden wenig achten würden.

Das Schiff landete in dem Flughafen von Stockholm. Dr. Glossin blieb an
seinem Fenster sitzen. Er beobachtete die Passagiere, die das Schiff
verließen, die Leute, die sie hier erwarteten. Jane verließ das Schiff.
Sie wurde von niemand erwartet, schien auch selbst nichts Derartiges zu
erwarten. Nach einer kurzen Frage an einen Beamten wandte sie sich dem
Schiff Stockholm--Haparanda zu, das auf dem Nachbargleis zur Abfahrt
bereitstand. Glossin folgte ihr. Er nahm auch in dem zweiten Schiff
wieder den Platz in der Rauchkabine.

Jane fuhr nach Haparanda. Es war der direkte Weg nach Linnais. Die
letzten Zweifel schwanden ihm, daß die drei sich noch in der Nähe von
Linnais verborgen hielten, daß Jane auf einen Ruf ihres Gatten an den
Torneaelf fuhr. Er sah sie in Haparanda das Schiff verlassen und zur
Eisenbahn gehen. Es war so, wie er vermutete. Sie nahm eine Karte nach
Linnais. Er tat das gleiche und fuhr, nur durch eine Wagenwand von ihr
getrennt, weiter nach Norden.

Nun stand Jane auf dem Bahnsteig in Linnais. Wieder allein! Niemand
war hier, um sie in Empfang zu nehmen. Der Doktor wurde in seiner
Überzeugung schwankend. Was hielt den Gatten ab, seiner jungen Frau
wenigstens die paar Kilometer entgegenzufahren, die er jetzt noch
höchstens von ihr entfernt sein konnte?

Dr. Glossin sah Jane über den Platz vor dem Bahnhof gehen, mit dem
Führer eines Karriols verhandeln, sah sie davonfahren. Sollte Jane
ihm im letzten Augenblick entgehen? Sollte das Karriol sie, den Strom
entlang, zu irgendeinem neuen unauffindbaren Schlupfwinkel der drei
führen? Sollte er hier in Linnais unverrichtetersache zurückkehren
müssen? Nein und abermals nein. Er mußte Jane folgen, mußte erkunden,
wo sie hin ging, wo sie blieb. Ein zweiter Wagen war schnell gefunden.
Er gab dem Führer nur den Auftrag, dem ersten Wagen in einigem Abstande
zu folgen.

Die Fahrt ging die Uferstraße, am Torneafluß aufwärts, entlang.

Das landschaftliche Bild war schön, doch Dr. Glossin sah nur die
Gegend, in der er seine letzte Niederlage im Kampfe gegen die drei
erlitten hatte. Und er sah vor sich die schlanke Gestalt Janes, nach
der er in sehnender Gier verlangte, der er jetzt zu folgen entschlossen
war, auch wenn der Weg ihn in den Bannkreis des Inders und des Feuer
und Tod speienden Strahlers bringen sollte.

Das Karriol vor ihm hielt auf der Landstraße. Er sah, wie der Wagen
umkehrte und leer nach Linnais zurückfuhr. Jane war ausgestiegen und
hatte einen Weg den Bergabhang hinauf eingeschlagen. Er ließ den
eigenen Wagen bis dorthin vorfahren, hieß ihn warten, auch wenn es
Stunden dauern sollte, und folgte der Entschwundenen den Berg hinauf.
Hin und wieder sah er ihr Kleid durch die Büsche schimmern. Der Weg
führte in leichten Serpentinen zum Truworhaus.

Nun stand er am Waldrande, hatte freien Ausblick auf die Brandstätte.
Und sah Jane niedergesunken an der von der Wut des Feuers geschwärzten
und verglasten Trümmerstätte knien. Sie hatte die kleine Handtasche und
den Telephonapparat fallen lassen und strich mit zitternden Händen über
die Steintrümmer.

Das Haus, in dem sie den glücklichsten Tag ihres Lebens, ihren
Hochzeitstag, verbracht hatte, eine wüste, brandgeschwärzte Ruine. Die
blühenden Gartenanlagen vom Feuer zerfressen. Ihr Gatte verschwunden.
Keine Nachricht von ihm.

Die Erschütterung war zu groß. Mit einem Aufschrei fiel sie ohnmächtig
nieder. Jetzt brach der Riegel.

Dr. Glossin sah sie fallen und rührte sich nicht von seinem Platze.
Jeden Augenblick erwartete er die Gestalt Silvesters, die des Inders
auftauchen zu sehen. Vielleicht den Gefährlichsten der drei, Erik
Truwor.

Minuten verstrichen. Nichts regte sich. Da begann er langsam die
Wahrheit zu ahnen, zu vermuten und schließlich zu erkennen. Jane
war aus eigenem Antrieb von Düsseldorf fortgegangen. Sie war an den
Ort gegangen, den sie als das Heim der drei kannte, und sie war
niedergebrochen, als sie es verwüstet und zerstört wiedersah. Niemand
erwartete sie hier. Hilflos lag sie hier im Walde, seinem Verlangen
schutzlos preisgegeben.

Er trat aus dem Walde und näherte sich dem Trümmerhaufen. Eine
ungeheure Glut mußte hier gewirkt haben. Die Granitblöcke, aus denen
die Zyklopenmauern des Truworhauses bestanden hatten, waren zu einer
zusammenhängenden glasartigen Masse verschmolzen. Kein einfaches Feuer
wäre imstande gewesen, das Urgestein zu schmelzen. Hier mußte die
telenergetische Konzentration gewütet haben. Unzählige Tausende von
Kilowatt mußten in diesem Gestein zur Entladung gekommen sein.

Dr. Glossin näherte sich Jane. Er wollte sie aufheben, den Berg
hinunterbringen, als sein Blick auf den Telephonapparat fiel. Es reizte
ihn, die Apparatur zu versuchen. Mit einem Griff schaltete er die
Elektronenlampen ein.

Und er vernahm Worte einer wohlbekannten Stimme, Silvesters Stimme.

Es war in der vierten Nachmittagsstunde. Silvester hatte die Antennen
am Pol gespannt und suchte Jane. Er suchte sie auf dem Bilde der
Mattscheibe und konnte sie nicht finden. Während er mit dem Strahler
die Straßen Düsseldorfs absuchte, sprach er Worte der Verzweiflung und
der Liebe. Worte, die für Jane bestimmt waren und von Glossin gehört
wurden.

»Jane, mein Lieb, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen. Dein Zimmer
ist leer ... Ich suche dich ... Alle Straßen, alle Plätze der Stadt
ziehen auf dem Bilde vor mir vorüber. Nur du bist nicht da ...

Ich weiß nicht, wo du bist. Vielleicht hörst du meine Stimme. Ich
will dich suchen, bis ich dich gefunden habe. Die ganze Welt will ich
durchsuchen ...«

Glossin erschrak. Wie weit war die entsetzliche Erfindung gediehen! Sie
konnten die ganze Welt im Bilde bei sich betrachten. Silvester suchte
in Düsseldorf. Er brauchte nur in Linnais zu suchen, und er sah seinen
alten Feind und hatte die Macht -- Glossin zweifelte keinen Augenblick
daran -- ihn zu Staub und Asche zu verbrennen. Er schleuderte das
Telephon von sich, als ob er glühendes Eisen gegriffen hätte.

Weg von hier. So schnell wie möglich weg von diesem Platze, der in der
nächsten Sekunde von den dreien gesehen werden konnte.

Er stürzte sich auf Jane. Die hypnotische Verriegelung war gebrochen.
Jane war seinem Einfluß wieder preisgegeben. Er ließ seine stärksten
Künste spielen. Er strich ihr mit den Händen über Stirn und Schläfen.
Mit äußerster Gewalt zwang er sie in seinen Bann. Mit seiner Hilfe und
auf seinen Befehl erhob sie sich. Auf seinen Befehl hatte sie alles
vergessen, was geschehen war ...

In scharfem Trab brachte das Karriol sie nach Linnais. Das Gefährt war
nur für einen Passagier bestimmt. Er mußte sie während der Fahrt eng an
sich ziehen. Hier vollendete er die hypnotische Beeinflussung ...

Als Jane in Linnais aus dem Wagen stieg, war sie eine ruhige junge
Dame, die mit ihrem Oheim reiste. Wie weggewischt war die Erinnerung an
Silvester, an das Truworhaus, an alles Böse, was Glossin ihr jemals
zugefügt hatte.

Während die Bahn sie nach Haparanda brachte, während sie im Flugschiff
nach Stockholm flogen, faßte Glossin seine letzten Entschlüsse.

Die Erfindung, die gefährliche Erfindung, welche die Macht über die
Welt in die Hand eines einzigen Menschen legte, war vollendet. Nach den
Worten, die er im Telephon gehört hatte, war kein Zweifel mehr daran
erlaubt.

Cyrus Stonard kam mit seinem Entschluß zum Kriege zu spät. Die drei
lebten nicht nur, sie besaßen auch die Macht, das Vabanquespiel des
Diktators zu durchkreuzen.

Es war Zeit, sich von Cyrus Stonard zu trennen, zu den Engländern
überzugehen. Dazu war es notwendig, nach London zu gehen. Aber
England war im Kriege. Aller Luftverkehr war eingestellt. Die
Linie Stockholm--London lag still. Nur der Hornissenschwarm von
hunderttausend Kriegsflugschiffen schwärmte um die englische Küste,
bereit, jedes Fahrzeug, das sich England auf dem Luftwege nähern
sollte, zu vernichten.

Wer nach England wollte, mußte den Bahntunnel zwischen Calais und Dover
benutzen. Die alte Linie Stockholm--London war seit einigen Tagen auf
Stockholm--Calais umgelegt worden.

Das Schiff brachte Glossin und Jane in wenigen Stunden nach Calais.
Seine Räder setzten bei der Landung auf ein Gleis auf, neben dem der
Zug nach London stand. Nur ein Drahtgitter trennte den Flugsteig
vom Bahnsteig. Aber es war nicht ganz einfach, das Gitter zu
durchschreiten. Jenseit desselben, wo der Zug stand, begann praktisch
bereits England. England, das sich in einem schweren Kriege befand. Die
Paßkontrolle war scharf. Es drängten sich viele zu den Türen, aber mehr
als einer wurde zurückgewiesen.

Dr. Glossin hatte Zeit. Er stand, Jane leicht untergefaßt, ruhig auf
dem Bahnsteig und betrachtete die Umgebung.

Die See war von hier aus nicht zu erblicken. Sie lag drei Kilometer
entfernt. Außerdem versperrten die gewaltigen Hochbassins den Blick in
dieser Richtung. Jene Bassins, die stets mit Seewasser gefüllt waren,
die sich in gleicher Ausführung auch auf der englischen Seite des
Kanals befanden und deren Aufgabe es war, den Tunnel in wenigen Minuten
vollaufen zu lassen. Für den Fall nämlich, daß etwa zwischen England
und Frankreich kriegerische Verwicklungen entstanden, daß Truppen von
der einen oder anderen Seite her durch den Tunnel in das Land des
Gegners zu marschieren versuchten. Dr. Glossin betrachtete die Anlagen
überlegen lächelnd. Sie waren veraltet. Man führte den Krieg heute auf
andere Weise.

Er dachte an die Pestbomben, an die falschen Banknoten. Die Zeit
verstrich darüber. Jetzt war es freier an den Toren des Zaunes
geworden. Er zog seine Brieftasche heraus und suchte unter allerlei
Papieren. Mit einem Kartenblatt in der Hand, Jane am Arm, schritt er
durch die Sperre. Die englischen Beamten warfen nur einen kurzen Blick
auf das Papier und gaben ihm in achtungsvoller Haltung den Weg frei.
Sie kannten die Unterschrift des Premierministers Lord Gashford.

Fünf Minuten später glitt der Zug aus dem Bahnhof, tauchte in das
Dunkel des Tunnels, durchrollte die dreißig Kilometer unter dem Meer in
ebenso vielen Minuten und eilte dann durch die Fluren von Canterbury
auf London zu.

In einem großen Hotel in London nahm ein älterer Herr in Gesellschaft
einer jungen Dame Wohnung. Als Dr. Glossin aus Aberdeen mit Nichte. Die
Ausweise über seine eigene Person, die er dem revidierenden Beamten
vorlegte, waren so vorzüglich, daß man der Behauptung, seine Nichte
habe ihre Papiere verloren, ohne weiteres Glauben schenkte.

       *       *       *       *       *

Durch die Straßen Londons schwirrten dunkle Gerüchte. Schlechte
Nachrichten. In Afrika sollten die neuen englischen Industriestädte in
der Gegend des Kilimandscharo von einem übermächtigen amerikanischen
Geschwader vernichtet worden sein. Ein Vorstoß auf die Straße von
Bab el Mandeb sollte den englischen U-Panzern schwere Verluste durch
Lufttorpedos gebracht haben. Andere Gerüchte erzählten von englischen
Niederlagen in der Australischen See und auf der Reede von Kapstadt.

Im Gebäude des Kriegsministeriums hatten sich die Mitglieder der
englischen Regierung zu einer Besprechung der Lage versammelt.
Dort lagen die authentischen Depeschen von den verschiedenen
Kriegsschauplätzen vor und waren geeignet, dem Kabinett sorgenvolle
Stunden zu bereiten.

Es hatte wirklich ein schwerer Angriff amerikanischer Luftstreitkräfte
auf die junge angloafrikanische Kriegsindustrie stattgefunden.
Flugschiffe in enormer Zahl waren plötzlich von der Ostküste her
vorgestoßen, hatten die verhältnismäßig schwachen englischen
Abwehrlinien durchbrochen und ihre Lufttorpedos auf die Industriewerke
gesetzt. Derartige Angriffe waren schließlich möglich. Aber
unerklärlich blieb es, wo die enormen Munitionsmengen herkamen. Dem
Kabinett lagen die Depeschen verschiedener englischer Flugschifführer
vor. Depeschen, die diese, pflichtgetreu bis zum Tode, zum Teil noch
abgesandt hatten, während ihre Schiffe bereits brennend in die Tiefe
stürzten.

Sir Vincent Rushbrook hielt die letzten Depeschen von A. V. 317 in
der Hand und las: »43 Grad östlicher Länge, 2 Grad südlicher Breite.
Amerikanische Schiffe steuern nach Torpedoabwurf zur See. Verschwinden
plötzlich im Wasser. Verdacht auf unterseeischen Stützpunkt. A. V. 317.«

Eine zweite Depesche war von demselben Flugschiff zehn Minuten später
gegeben worden: »Unterwasserstation entdeckt 42 Grad 13 Min. östlicher
Länge ...«

Hier brach die Depesche ab. Aus den Meldungen anderer Schiffe wußte
man, daß A. V. 317 um diese Zeit brennend abgestürzt war.

Der Premier Lord Gashford versuchte es, die Fragen und Gedanken zu
formulieren, die jedes Mitglied des Kabinetts beschäftigten.

»Warum greift Cyrus Stonard uns nicht in England an? Wir hielten Afrika
für den sichersten Teil des Reiches. Unsere Agenten hatten uns einen
amerikanischen Angriffsplan besorgt, der einen direkten Angriff auf die
Inseln von Westen her vorsah. Der Meridian von Island bildete danach
ungefähr die Frontlinie der amerikanischen Kräfte. Was konnte den
Diktator veranlassen, diesen so lange vorbereiteten Plan aufzugeben,
die britischen Inseln unbehelligt zu lassen, uns in Afrika anzufallen?«

Sir Vincent Rushbrook war, immer noch die beiden Depeschen von A. V.
317 in der Hand, an den Globus getreten.

»Es sieht so aus, als ob die Amerikaner einen Flottenstützpunkt etwa
auf dem Äquator an der afrikanischen Ostküste angelegt haben. Ist es
der Fall, dann, meine Herren, hat sich Cyrus Stonard im Brennpunkt
unserer Macht festgesetzt. Von dieser Stelle aus ...« -- der Admiral
ergriff einen kleinen Zirkel und demonstrierte damit auf dem Globus --
»bedroht er in gleicher Weise unsere afrikanischen Besitzungen, den
See- und Luftweg nach Indien und Indien selbst. Die letzte Depesche von
A. V. 317 ist leider verstümmelt. Aber wir kennen den Längengrad. Sehr
weit vom Äquator kann die Station nicht sein. Ihre Zerstörung halte
ich für das Allernotwendigste. Sie muß allen anderen Kriegshandlungen
vorausgehen. Unsere Luftstreitkräfte auf dem Meridian von Island sind
dort durch den geänderten amerikanischen Plan größtenteils entbehrlich.
Ich möchte ihnen den Befehl geben, den Meridian 42 Grad 13 Min.
abzusuchen. Ein Unterwasserstützpunkt ist immer zu finden. Haben sie
ihn gefunden, dann ist er auch vernichtet.«

Der Admiral schwieg. Er erwartete die Zustimmung des Kabinetts zu der
unter Umständen so folgenschweren Maßnahme, die Verteidigungslinie über
den Meridian von Island zu schwächen.

Lord Horace Maitland sprach: »Sie fragen, warum Cyrus Stonard seinen
Angriffsplan geändert hat, warum er unsere Inseln meidet und auf der
südlichen Halbkugel Krieg führt. Ich will es versuchen, Ihnen den
Grund kurz und klar anzugeben. Er tut es, weil das Unternehmen des
Obersten Trotter mißglückt ist. Weil der Bericht über den Erfolg seiner
Expedition unrichtig ist. Weil die Macht, zu deren Vernichtung England
und Amerika sich trafen, noch existiert, und weil Cyrus Stonard diese
Macht fürchtet.«

Lord Maitland hatte seine Rede leise und tonlos begonnen. Von Satz zu
Satz hatte sich seine Stimme gehoben. Jetzt schwieg er.

Die Wirkung seiner Worte auf die Mitglieder des Kabinetts war
körperlich greifbar. Sir Vincent Rushbrook ließ den Unterkiefer hängen
und starrte den Sprecher mit offenem Mund an. Lord Gashford verlor die
überlegene Ruhe und sprang auf. Der Kriegsminister versuchte, den ihm
unterstellten Oberst Trotter zu verteidigen. Lord Horace allein behielt
seinen Platz und fuhr mit einer ruhigen, überzeugenden und schließlich
alle Hörer zwingenden Stimme fort: »Meine Herren, ich habe bereits
einmal meiner Meinung über die wenig glückliche Wahl des Obersten
Trotter für diese Expedition Ausdruck gegeben. Er ist getäuscht worden,
und die Amerikaner haben es wahrscheinlich gewußt. Nach dem, was ich
von amerikanischer Seite über die drei in Linnais hörte, halte ich
es für ausgeschlossen, daß sie sich von einem alten Troupier wie dem
Obersten Trotter einfach in ihrem Hause verbrennen lassen. Sein Bericht
klang zwar ganz plausibel. Aber mich hat er nicht überzeugt und die
Herren Dr. Glossin und Cyrus Stonard wohl auch nicht.«

Sir Vincent Rushbrook hatte während der Worte von Lord Horace
Gelegenheit gefunden, seinen Unterkiefer wieder zuzuklappen. Die
Färbung seines Gesichtes war vom Roten ins Blaurote gestiegen. Jetzt
brach er los: »Kann ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen nur einen
Augenblick glauben, daß drei einzelne schwache Menschen einer Weltmacht
gefährlich werden können? Cyrus Stonard sollte mir leid tun, wenn er
sich von solchen Hirngespinsten plagen ließe.«

Lord Horace hatte den cholerischen Admiral ruhig ausreden lassen. Nun
fuhr er selbst unbewegt fort: »Cyrus Stonard ist besser informiert
als wir. Durch den Doktor Glossin. Glossin ist der einzige, der die
Erfindung von ihren Anfängen her kennt. Der weiß viel besser als wir,
wie weit die drei jetzt mit der Erfindung gekommen sein dürften, wie
weit sie damit wirken können und wie weit nicht. Den Beweis dafür gibt
mir der veränderte amerikanische Kriegsplan. Die gegen die britischen
Inseln gerichteten Streitkräfte sind zurückgezogen. Der Diktator
fürchtet, die drei könnten ihm hier in den Arm fallen. Darum verlegt er
den Angriff in die südliche Hemisphäre, wo er sich vor der Macht der
drei noch sicher fühlt ...«

Lord Gashford unterbrach ihn. »Wenn Sie recht hätten, so wäre mir das
Vorgehen des Diktators erst recht unerklärlich. Wie kann er sich in
einen Krieg mit uns einlassen, wenn er die Macht der drei wirklich
fürchtet?«

»Die Erklärung dafür ist in dem Wesen des Diktators zu suchen.
Cyrus Stonard ist zweifellos der größte Staatsmann des zwanzigsten
Jahrhunderts. Seit George Washington hat er am meisten für die
amerikanische Union getan. Hätte er nicht den Ehrgeiz besessen,
Diktator zu werden und zu bleiben, hätte er wie Washington gehandelt,
er würde in der Geschichte neben und über Washington stehen.

Ehrgeiz und Machthunger haben ihn verblendet. Er hält das amerikanische
Volk, das an eine hundertfünfzigjährige Freiheit gewöhnt war, weiter
unter einem schrankenlosen Absolutismus. Aber er sitzt auf einem
Vulkan. Er braucht ständig neue Erfolge. Bleiben die aus, so ist's
mit seiner Diktatur vorbei. Die Geschichte lehrt es uns hundertfach.
Er spielt ~va banque~ und muß ~va banque~ spielen. Das amerikanische
Freiheitsgefühl hat den Druck nur ertragen, solange die Schmach der
japanischen Niederlage in frischer Erinnerung war und solange Cyrus
Stonard die Macht und den Reichtum Amerikas ständig gehoben hat. Selbst
dann nur widerwillig. Einen Stillstand in seinen äußeren Erfolgen
verträgt seine Herrschaft nicht.

Nach seinem Siege über Japan bleibt England als einziger Rivale
übrig. Wer die Persönlichkeit Cyrus Stonards kennt, mußte sich klar
darüber sein, daß er es versuchen würde, diesen letzten Rivalen
niederzuschlagen. Dann war der Gipfel erreicht. Amerika beherrschte die
Welt. Cyrus Stonard beherrschte Amerika.

Da stellt sich zwischen uns und ihn die geheimnisvolle Macht. Über
deren Ziele möchte ich noch schweigen, weil ich nicht klar sehe.
Er bringt es fertig, uns als Werkzeug zur Vernichtung dieser Macht
zu benutzen. Der Streich ist mißlungen. Zum mindesten nicht sicher
gelungen. Aber Cyrus Stonard kann nicht mehr zurück. Er schlägt los, wo
er glaubt, nicht gehindert zu sein. Hätte er jetzt, nach monatelanger
Kriegsvorbereitung, Frieden gehalten, wäre es um seine Herrschaft
geschehen.

Er ist in den Krieg gegangen wie ein Feldherr, der am Erfolg zweifelt,
aber lieber an der Spitze seiner Garden fallen als zurückweichen will.
Cyrus Stonard steht auf der Grenze von Genie und Wahnsinn. Er hat die
Grenze wohl schon nach der schlimmen Seite hin überschritten.«

Die Worte Lord Maitlands hatten die Mitglieder des Kabinetts in ihren
Bann geschlagen. Die Gestalt des Diktators stand in ihrer Größe,
aber auch mit ihren Schwächen und Leiden vor ihnen. Eine Frage des
Kriegsministers führte die Mitglieder wieder in die reale Welt zurück.

»Was sollen wir jetzt tun? Sollen wir uns nicht wehren? Sollen wir
uns auf eine geheimnisvolle Macht verlassen, deren Existenz doch zum
mindesten, ich will sagen, persönliche Ansichtssache ist? Es wäre
Englands und seiner Geschichte nicht würdig, wenn wir uns in der vagen
Hoffnung auf eine übernatürliche Hilfe davon abhalten ließen, alles
Notwendige für die Sicherheit des Reiches zu tun.«

Sir Vincent Rushbrook sprach: »Unsere Islandflotte muß sich in
geschlossenem Angriff sofort auf Neuyork stürzen. Wir werden die
Fünfzehnmillionenstadt in Asche legen. Das wird dem Diktator seine
Gelüste auf Afrika und Indien am schnellsten austreiben.«

Lord Horace nahm noch einmal das Wort: »Ich befinde mich hier in einer
eigenartigen Lage. Ich habe mich mit diesen Fragen doch vielleicht mehr
beschäftigt als ein anderes Mitglied des Kabinetts. Ich sage Ihnen
heute ... denken Sie an meine Worte, meine Herren ... Wir werden das
Eingreifen der Macht in kürzester Zeit zu fühlen bekommen. Ich halte es
für richtig, daß wir uns nur auf die Verteidigung beschränken.«

Die Worte des Lords Maitland vermochten das Kabinett nicht umzustimmen.
Die letzten Depeschen über einen amerikanischen Angriff auf Indien
ließen jede abwartende Haltung als schädlich erscheinen. Indien war die
empfindlichste Stelle des britischen Weltreiches. Wer Indien anzutasten
wagte, mußte niedergeschlagen werden.

       *       *       *       *       *

Der englische Premier gab seinem Sekretär gemessenen Auftrag. »Ich
erwarte den Vierten Lord der Admiralität. Jeder andere Besuch hat zu
warten.«

Der Sekretär wunderte sich nicht über den Befehl. Die Stellung des
Lords Maitland im englischen Kabinett hatte sich in den letzten Wochen
beträchtlich gehoben. Seine genauen Kenntnisse der amerikanischen
Verhältnisse machten ihn zu einem wichtigen Mitglied des Kabinetts.
Darüber hinaus fand der alternde Lord Gashford in ihm eine wertvolle
Hilfe. Eine Persönlichkeit, die Entschlußkraft mit der abgeklärten Ruhe
des gereiften Mannes verband. Einen Mitarbeiter, der für sich selbst
gar nichts erstrebte ... wenigstens nichts zu erstreben schien und ganz
in den Fragen der großen Politik aufging.

Lord Gashford hatte über die Ausführungen Lord Maitlands in der letzten
Kabinettssitzung nachgedacht. Als Lord Horace in sein Arbeitzimmer
eintrat, ging er ihm entgegen. »Ihre Ansichten über die Beweggründe des
amerikanischen Diktators sind richtig. Wenn seine Handlungen überhaupt
logischen Gründen entspringen, können sie nur so erklärt werden, wie
Sie es neulich taten. Ich möchte in Ihrer Gegenwart einen Besuch
empfangen, dessen Absichten mir nicht klar sind. Dr. Glossin hat sich
bei mir melden lassen.«

Lord Horace konnte sein Erstaunen nicht verbergen.

»Dr. Glossin hier? Sollte das ein Friedensfühler sein?«

Dr. Glossin wurde von dem Sekretär in das Gemach geführt. Er kam mit
der Unbefangenheit des vielgereisten Weltmannes. Begrüßte Lord Horace
herzlich als einen alten Bekannten, ohne sich durch die Gegenwart des
Premierministers geniert zu fühlen. Er erkundigte sich eingehend nach
dem Befinden der Lady Diana und führte die Konversation mit einer
Leichtigkeit, als befände er sich auf einem Fünfuhrtee und nicht
bei den leitenden Ministern eines Weltreiches. Die beiden Engländer
gingen auf die Tonart ein, obwohl sie innerlich vor Begierde brannten,
dem Zwecke der Unterredung näherzukommen. Lord Horace schob dem
Doktor Zigarren und Feuerzeug hin. Glossin bediente sich mit einer
Gemächlichkeit, die den englischen Staatsmännern hart an die Nerven
ging.

Dr. Glossin hatte zweifellos viel Zeit. Aber schließlich hatten die
Engländer noch mehr. Sie warteten ruhig, bis er das Schweigen brach.

»Meine Herren, ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn. Nur der
maßlose Ehrgeiz eines Mannes treibt zwei sprach- und stammgleiche
Völker in den Kampf.«

Die Engländer sprachen kein Wort. Nur ein leichtes Nicken verriet
ihre Zustimmung. Der Doktor fuhr fort: »Ich möchte die Lage durch
einen Vergleich erklären. Die Welt gehört einer großen Firma, den
~Englishspeakers~. Die Firma hat zwei Geschäftsinhaber. Es sind heute
zwei feindliche Brüder, die zum Schaden des Hauses gegeneinander
arbeiten. Die Firma kann nur gedeihen, wenn ihre Leiter einig sind und
einig handeln. Müßte nicht der eine der Inhaber die Führung haben?«

Dr. Glossin schwieg und wandte dem Brande seiner Zigarre sehr
eingehende Aufmerksamkeit zu.

»Die feindlichen Brüder sind wohl in diesem Gleichnis England und
Amerika?«

Dr. Glossin bejahte die Frage Lord Gashfords durch ein leichtes Nicken.

Der Premier sprach weiter: »Welcher von den beiden wird dem anderen
weichen?«

Glossin hatte wieder mit der Zigarre zu tun, bevor er die Antwort
formulierte. Langsam, sorgfältig Wort für Wort wägend.

»Im Geschäftsleben würde es der sein, der die geringere Erfahrung hat
... der weniger tüchtige ... meistens wohl der jüngere.«

Lord Horace unterbrach ihn.

»Glauben Sie, daß Cyrus Stonard jemals freiwillig weichen würde?«

»Wenn nicht freiwillig, dann gezwungen!«

»Das hieße Stonard stürzen! Freiwillig wird er nie nachgeben.«

»Deswegen bin ich hier!«

Das Wort war heraus. Seine Wirkung auf den Premier war unverkennbar.
Lord Horace blieb äußerlich unverändert. Nur sein Gehirn arbeitete
fieberhaft und schmiedete lange Schlußketten ... Er weiß, daß die
geheimnisvolle Macht wirkt. Daß es vielleicht schon in nächster Zeit,
vielleicht in wenigen Tagen nur noch eines leisen Anstoßes bedürfen
wird, um den Diktator zu stürzen. Er wechselt beizeiten die Fahne ...
Immerhin, seine Arbeit kann England nützlich sein ...

Lord Gashford fragte mit leicht vibrierender Stimme: »Wie sollte es
geschehen?«

»Das wird meine Sache sein!«

»Sie wollen das vollbringen? Und wenn es Ihnen gelänge, was hat England
dafür zu zahlen?«

»Nichts!«

»Und was verlangen Sie dafür?«

»Englands Freundschaft!«

Lord Gashford reichte dem Doktor die Hand.

»Deren können Sie versichert sein. Für die Ausführung stehen Ihnen
unsere Mittel zur Verfügung. Lord Maitland wird die Einzelheiten mit
Ihnen besprechen.«

Sie hatten diese Besprechung im Stadthause von Lord Horace. Dr.
Glossin verlangte von der englischen Regierung für sein Unternehmen
keine materiellen Mittel. Nur ein paar Einführungsschreiben an einige
amerikanische Vereinigungen. Das war alles. Lord Horace geriet
in Zweifel, ob es dem Doktor jemals gelingen könne, mit solchen
bescheidenen, fast kindlich anmutenden Hilfsmitteln einem Manne wie
Cyrus Stonard gefährlich zu werden. »Das wäre alles, Herr Doktor?«

»Alles, mein Lord.«

»So wünsche ich Ihnen um der anglosächsischen Welt willen den besten
Erfolg.«

»Ich danke Ihnen. Noch eine persönliche Bitte. In meiner Begleitung
befindet sich hier in London meine Nichte, Miß Jane Harte.
Mein Aufenthalt in den Staaten könnte längere Zeit dauern. In
der Voraussicht kommender Umwälzungen und Unruhen habe ich sie
hierhergebracht. Ich bin ihr einziger Verwandter. Sie hängt an mir,
ist meine einzige Freude, hat außer mir niemand in der Welt. Wenn ich
wüßte, daß sie in Ihrem Hause ... bei Ihnen ... bei Lady Diana einen
Anhalt findet, wäre ich Ihnen mehr zu Dank verpflichtet, als ich es
Ihnen in Worten ausdrücken kann.«

»Ich werde die junge Dame als Gast in mein Haus nehmen. Sie soll in
sicherer Hut bei uns bleiben, bis Sie, Herr Doktor, aus den Staaten
zurück sind.«

Der Doktor ergriff die Hand Lord Maitlands.

»Ich danke Ihnen, mein Lord. Ich bedauere es, Lady Diana nicht
persönlich meine Empfehlung übermitteln zu können ...«

Dr. Glossin ging, den Mann zu verraten, durch den er zwanzig Jahre
mächtig und reich gewesen war.

       *       *       *       *       *

Seit jener Stunde, in der Diana die Todesnachricht Erik Truwors
empfing, in der sie in der Fülle überströmender Gefühle ihre ganze
Vergangenheit vor Lord Horace bloßlegte, war das Verhältnis der
Gatten ein anderes geworden. Lady Diana zog sich nach Maitland Castle
zurück. Lord Horace blieb in London, um sich mit verdoppeltem Eifer
den Regierungsgeschäften zu widmen. Nicht nur die Sorge um das Land
trieb ihn dazu, sondern wohl ebenso stark das Verlangen, sich durch
angestrengte Arbeit zu betäuben, durch rastlose Tätigkeit der quälenden
Gedanken ledig zu werden, die ihn seit jener Unterredung nicht
loslassen wollten.

Mit dem Toten hatte er bald abgeschlossen. Was Diana getan, um dem
Jugendgespielen, dem Manne, dessen Gattin sie werden sollte und fast
war, den Abschied vom Leben leicht zu machen, das hatte er mit der
abgeklärten Ruhe des gereiften Mannes verstehen und verzeihen gelernt.

Die Unruhe und Qual schuf ihm der andere. Der Lebende -- den Diana noch
für tot hielt. Und zu dessen Vernichtung sie doch ihre Hand geboten
hatte.

War dieser Haß echt? Konnte solcher Haß echt sein?

War es nicht nur in Haß verkehrte Liebe, die wieder Liebe werden
konnte?

Erik Truwor lebte!

Wie würde Diana die Nachricht von seiner Rettung aufnehmen?

Er bangte vor der kommenden Stunde und sehnte sie doch herbei.

Die Nachricht, daß sie nach London kommen solle, erreichte Diana um die
vierte Nachmittagsstunde in Maitland Castle. Der Diener, der ihr die
Botschaft überbracht, hatte längst den Raum verlassen. Diana saß immer
noch regungslos und hielt das Papier in den Händen. Das Faksimile des
chemischen Fernschreibers zeigte die charakteristischen Schriftzüge
ihres Gatten. Nur wenige Worte.

»Ich bitte Dich, umgehend nach London zu kommen.«

Was bedeutete diese Botschaft? Horace rief sie ... rief sie ... warum?

Ihre Brust wogte im Widerstreit der anstürmenden Gefühle. Seit
jenem Tage der Aussprache hatte sie Horace nicht wieder gesehen. In
stillschweigender Übereinkunft hatte sie sich einer freiwilligen
Verbannung unterworfen.

Ihre hellsichtigen Frauenaugen erkannten wohl, daß ein Mann, auch
wenn er die Großherzigkeit ihres Gatten besaß, nicht so leicht und
schnell über das hinwegkommen konnte, was sie ihm in ihrer Seelennot
offenbarte. Deshalb hatte sie gewartet. Von Tag zu Tag ... geduldig.
Doch je länger sie warten mußte, desto schlimmer fraß die Pein des
Wartens an ihr. Ihre Liebe zu Horace war so stark und rein, daß ihr
nicht einen Augenblick der Gedanke kam, ganz andere Ängste und Sorgen
könnten ihres Gatten Herz beschweren. Hätte sie es gewußt, wie leicht
wäre es ihr gewesen, seinen Argwohn zu zerstreuen.

In windender Fahrt trug die schnelle Maschine Diana Maitland, ihre
Zweifel, ihre Hoffnungen und Wünsche nach London.

Ohne sich erst in ihre eigenen Räume zu begeben, betrat sie das
Arbeitzimmer ihres Gatten. Lautlos schlossen sich die schweren
Portieren hinter ihr. Der schwellende indische Teppich dämpfte ihren
Schritt.

Lord Horace saß am Schreibtisch, das Gesicht dem Fenster zugewandt.

Diana umfaßte seine Gestalt mit ihren Blicken.

Was dachte er? ...

Wie wird er ihr entgegentreten? ...

Der erste Gruß. Wie wird er sein?

Tonlos formten ihre Lippen das eine Wort: »Horace!«

Der Hauch drang nicht an sein Ohr.

»Horace!« Rauh und gepreßt tönte der Name durch den Raum.

»Diana!« ... Lord Horace war aufgesprungen. Die Gatten standen sich
gegenüber. Ihre Blicke begegneten sich und wichen einander aus.

Dianas Herz krampfte sich zusammen. Was sie erhoffte, was sie ersehnte
... es war es nicht. Ihre Augen wurden still. Ein konventionelles
Lächeln spielte um den Mund, als sie sagte: »Du hast mich rufen lassen,
Horace.« Ihre Hände berührten sich, und doch verspürte keine den Druck
der anderen.

»Ich danke dir für dein Kommen, Diana. Eine Bitte, die uns beide
betrifft und mir besonders am Herzen liegt, trieb mich, dich zu rufen.
Ich hatte heute vormittag eine Unterredung mit Dr. Glossin.«

Diana horchte auf.

»Dr. Glossin? Wie kommt der hierher? Es ist doch Krieg. Als
Friedensunterhändler? ... In Stonards Mission?«

»Nein!«

»Nicht? Weshalb ist er hier?«

»Um Cyrus Stonard zu verraten!«

»Ah ...!«

Lady Diana hatte in der Erregung des Gespräches bis jetzt noch nicht
die Zeit gefunden, sich zu setzen. Lord Horace rollte ihr einen Sessel
herbei.

»Ah! ... Das versöhnt mich mit ihm. Welches Glück, wenn dieser
Bruderkrieg vermieden wird! Dieser sinnlose Kampf, der Hunderttausende
Englisch sprechender Frauen zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen macht.
Wenn das dem Doktor gelingt, wenn er das schafft, soll ihm vieles,
nein, alles verziehen sein.«

Lord Horace wiegte nachdenklich das Haupt.

»Ja, Diana ... nicht ganz so, wie du denkst.«

»Wie meinst du?«

»Der Krieg würde auch ohne das alles in allernächster Zeit beendet
sein!«

»Wodurch?«

»Durch die geheimnisvolle Macht der drei in Linnais!«

Diana Maitland sank in ihren Sessel zurück. Sie erblaßte, während ihre
Augen sich zu unnatürlicher Weite öffneten.

»Die drei in Linnais? ... Sind die nicht tot?«

»Wir dachten es ... Wir hofften es.«

»Sie leben?«

»Sie leben! Sie haben es deutlich bewiesen. Unsere Stationen müssen
ihre Befehle funken.«

»Und die sind? ... Die lauten?«

»Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Die Macht
warnt vor dem Kriege.«

Lord Horace unterbrach seine Rede. Er sah, wie die Augen seiner
Gattin sich schlossen und ein frohes Lächeln ihren Mund umspielte.
In diesem Augenblick sah sie aus wie ein glückliches Kind, dem ein
Lieblingswunsch erfüllt wurde. Er sah es und dachte: Erik Truwor!

Lady Diana sprach wie eine Träumende, wie eine Seherin.

»Ah! ... die drei in Linnais ... Sie leben ... leben und handeln zum
Segen der Welt!«

»Zum Segen?«

»Ist es kein Segen, wenn der Krieg vermieden wird? Sinnloses Morden ...
Totschlag und Raub ...«

»Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Folgen werden nicht
ausbleiben. Wie wird sich das für die Zukunft auswirken?«

»Die Welt wird ein Paradies sein!«

»Glaubst du?«

»Gewiß selbstverständlich!«

»Ich nicht ... Ich glaube es nicht ... kann es nicht glauben ...«

»Was?«

»... kann es nicht glauben, daß ein Mann, dem ein Zufall ... ein
Schicksal solche Macht in die Hände gegeben hat, daß der ...«

»Daß der ...«

»Daß der die Macht nicht mißbraucht!«

»Mißbrauchen? Mißbraucht?«

»Mißbraucht, um die in seine Hand gegebene Menschheit zu knechten. Um
sich zum Herrscher der Welt zu machen.« Lord Horace sprach die letzten
Worte trübe und sinnend vor sich hin.

»Du fürchtest, daß ... daß ... nein! Erik Truwor? Nein!«

In der Erregung des Zwiegesprächs waren sie aufgesprungen und standen
sich hochatmend gegenüber.

»Niemals! Niemals!« Diana wiederholte es mit wachsender Überzeugung.

»Dann wäre er ein Gott!«

Die Erregung Dianas löste sich in einem harten, stolzen Lachen.

»Ein Gott? ... Nein! Ein Mann ist er! Ein Mann!«

»Und wir?« Resignation klang aus den beiden kurzen Worten. Diana legte
ihm die Hände auf die Schultern.

»Ihr ... ihr ... Horace .. ihr seid Politiker .. eure Gedanken gehen
nicht über die Grenzen eurer Interessen. Er ... er überschaut Reiche!
Ihr arbeitet für die Zeit. Er denkt an die Ewigkeit!«

»Du kennst ihn, ich kenne ihn nicht. Du standest ihm nahe. ... Du bist
ein Weib ... Wir Männer sehen die Dinge nüchterner. Ich sage dir, es
wird kein Paradies auf Erden, aber es wird schweres Unheil für die
ganze Welt daraus entstehen.«

»Wenn er ein Mensch wäre wie ihr. Aber er ist der ideale Mensch. Der
vollkommene Mann. Er wird die Macht ... die wunderbare Macht nur zum
Wohl der Menschheit, zum Glück der Welt verwenden ... Ja, ich kenne
ihn. Er geht mit reinem Herzen an die große Aufgabe. Er erstrebt nichts
für sich, alles für die Menschheit. Er ist Erik Truwor. Das Wort sagt
mir alles.«

Lord Horace sprach nicht aus, was er in diesem Augenblick dachte. Daß
auch ihm das eine Wort, der eine Name nur allzuviel sage.

Mit müder Gebärde winkte er ab.

»Laß es gut sein, Diana. Was hilft Streiten? Das Geschick wird sich
schneller erfüllen, als uns allen lieb ist.

Zurück zu dem Zweck unserer Unterhaltung. Dr. Glossin ließ seine
Nichte Miß Jane Harte bei seiner Abreise allein in London zurück. Ich
versprach ihm, sie bei uns aufzunehmen, bis er zurückkommt.

Das junge Mädchen ist hier im Hause. Ich will gehen und es holen.«

       *       *       *       *       *

Erik Truwor faßte das Ergebnis der Untersuchung zusammen. Der Eisberg
war mit seiner Basis halb schräg nach unten in das Wasser gefallen und
hatte dann wieder Halt gefunden. Es war natürlich auch mit Hilfe des
kleinen Strahlers leicht möglich, einen Ausgang aus dem Eise ins Freie
zu schmelzen.

Aber sie befanden sich in einer komprimierten Atmosphäre. Die Luft
in der Eishöhle war auf das Doppelte des gewöhnlichen Luftdrucks
zusammengepreßt. In ihren Lungen hatte der hohe Druck sich
ausgeglichen. Schafften sie der Luft plötzlich einen Ausgang ins Freie,
so mußte die schnelle Druckverminderung sie töten. Die zusammengepreßte
Luft in ihrem Innern hätte ihre Lungen zerrissen, ihre Leiber zerfetzt.

Doch auch ein langsames Ablassen der Druckluft gewährte keine
Sicherheit. Sie wußten ja nicht, bis zu welcher Höhe der Wasserspiegel
draußen den Berg umgab. Wie tief der Berg in den geschmolzenen See
eingesunken war. Es konnte geschehen, daß das Wasser beim Ablassen der
Luft schließlich die Decke des höchsten Raumes erreichte. Dann wurden
sie ertränkt wie die Mäuse in der Falle.

Das Mittel, allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, hatte der Geist
Silvesters entdeckt.

»Wir müssen den Berg ausschmelzen. Der ganze massive Kern muß als
Schmelzwasser in die Tiefe gehen. Nur eine leichte äußere Schale darf
stehenbleiben. Leichte Fußböden und Wände, die der Schale Halt geben.
Dann wird er sich heben, wird leicht auf dem Wasser schwimmen ...«

Der Plan war gut, aber die Frage der Luftbeschaffung machte
Schwierigkeiten. Die wenige Luft, die in den vorhandenen Gängen
eingeschlossen war, würde niemals genügen, das ganze Innere des
ausgeschmolzenen Berges zu füllen.

Sie mußten also mit Vorsicht eine Rohrverbindung mit der Außenwelt
herstellen, mußten die Luftpumpe mit vieler Mühe aus einem halb
überfluteten Gange herbeischaffen und von außen her Luft in das Innere
pumpen, als das große Schmelzen begann, als Tausende von Tonnen
Schmelzwasser in die Tiefe flossen und der massive Eisriese von Stunde
zu Stunde immer mehr die lockere Struktur einer Bienenwabe annahm.

Aber sie spürten auch den Erfolg. Der Berg hob sich. Sie merkten es
daran, daß er wieder in die wagerechte Lage kam und daß die unteren
überfluteten Gänge allmählich vom Wasser frei wurden.

Sie arbeiteten ohne Unterlaß. Silvester war Tag und Nacht tätig. Die
Vorwürfe Erik Truwors brannten ihm schwer auf der Seele. Er wollte
mit Hingabe seiner ganzen Kraft wieder gutmachen, was durch sein
Versehen verdorben war, und mutete sich mehr zu, als sein geschwächter
Organismus auf die Dauer aushalten konnte.

Bis die mißhandelte Natur sich rächte. Atma sprang hinzu, als Silvester
neben dem Strahler, mit dem er die neuen Höhlen und Zellen in den Berg
schnitt, zu Boden taumelte. Es bedurfte aller Künste des Inders, um das
aussetzende Herz des Erschöpften zum Weiterschlagen zu zwingen und die
schwere Ohnmacht in einen wohltätigen Schlaf zu verwandeln.

Freilich hatte Silvester Grund zu Eile und Anstrengung. Der Berg
mußte gehoben, in seine endgültige Lage gebracht sein, bevor die
Polarkälte ihre Wirkung tat, bevor die Oberfläche dieses durch einen so
unglücklichen Zufall entstandenen Sees sich wieder mit einer schweren
Eiskruste überzog. Denn fror der See, so war der Berg fest eingekittet,
alle Versuche, ihn zu heben, wurden vergeblich.

Endlich war es gelungen. In hundert Stunden hatten sie das Werk getan.
Nun hieß es warten und sich gedulden, bis das eintrat, was sie vorher
so sehr zu fürchten hatten. Erst nachdem der gehobene Berg festgefroren
war, konnten sie es wagen, seine Außenwand zu durchbrechen, durften sie
die Tür dieses gigantischen Gefängnisses sprengen. Sie rechneten, daß
wenigstens noch einmal fünfzig Stunden verstreichen müßten, bevor das
frisch gebildete Eis den erleichterten Berg tragen würde.

Die Laune des Schicksals schenkte dem Präsident-Diktator noch einmal
eine Frist. Krieg und Kriegsgeschrei erfüllten noch einmal die Welt.
Von einer sinnlosen und lächerlichen Kleinigkeit hing es ab, wie lange
der Vernichtungskampf zweier Weltreiche anhalten sollte. Einfach davon,
wie schnell oder wie langsam sich in der arktischen Eiswüste auf einem
Tümpel von mäßiger Größe eine tragfähige Eisfläche bilden würde.

Fünfzig Stunden, in denen die Insassen des Berges nichts anderes tun
konnten, als tatenlos zu warten. Abgeschnitten von der Welt, ohne Kunde
von dem, was draußen vorging.

Atma saß am Lager Silvesters. Er zwang ihn, sich wohltätiger Ruhe
hinzugeben, seinem armen mißhandelten Herzen, das immer noch unruhig
und unregelmässig gegen die Rippen pochte, Erholung zu gönnen.

Erik Truwor war allein, eine Beute quälender Gedanken, die sich nicht
verjagen ließen.

Was war in den Tagen ihrer Gefangenschaft geschehen? Hatten die ersten
Warnungen der Macht genügt, oder war der Krieg doch ausgebrochen?

Besaß die Menschheit so viel Einsicht, der sinnlosen Zerstörung aus
eigener Kraft Einhalt zu gebieten?

War das der Fall, dann würde er das Werk so ausführen können, wie er es
geplant hatte.

Aber wenn sie ihm nicht gehorchten? Wenn sie in diesen Tagen seiner
erzwungenen Untätigkeit übereinander herfielen?

War das nicht der Beweis dafür, daß sie noch nicht zur Selbstregierung
reif waren, daß sie einen Selbstherrscher brauchten, zu ihrem Glücke
gezwungen werden mußten?

Wer sollte sie dann zwingen? Die Träger der Macht. Drei Köpfe, drei
Sinne!

Nur einer konnte der Herr sein. Wer sollte es sein?

Silvester, der stille Gelehrte, der Forscher?

Oder Atma? Der Schüler des Buddha Gautama und des Tsongkapa?

Nein und nochmals nein! Nur er selbst konnte es sein. Der Nachfahr des
alten Herrengeschlechtes, dem eine zweifache Prophezeiung noch einmal
die Herrschaft versprach.

Die Wucht der Gedanken riß Erik Truwor empor. Er sprang auf und irrte
durch die Eisklüfte des gehöhlten Berges.

Er war von der Vorsehung auserwählt. Ihm hatte das Schicksal die
unendliche Macht in die Hand gegeben. Er brauchte Gehilfen, treu
ergebene Paladine, um sie auszuüben. Dazu hatte das Geschick ihm die
Freunde an die Seite gestellt. So war die Weissagung von Pankong Tzo
zu deuten. Dem Herrscher die Macht, seinen Paladinen das Wissen und den
Willen.

So mochte es einem Cäsar zumute gewesen sein, ehe er den Rubikon
überschritt, so einem Napoleon, als er den Sturm auf Italien wagte, so
einem Stonard, als er gegen die Gelben im Westen der Union losbrach.

Das Schicksal rief ihn. Das Schicksal hatte Ungeheures mit ihm vor,
wenn ... wenn in diesen Tagen der Kampf ausgebrochen war. Mit kaum zu
bändigender Ungeduld erwartete er die Stunde der Befreiung aus dem
eisigen Gefängnis.

       *       *       *       *       *

Nur dem Wunsch ihres Gatten folgend, hatte Diana Maitland Jane in ihr
Haus in Maitland Castle aufgenommen. Widerstrebend zuerst, hatte sie
sie dann liebgewonnen. Wenn dies junge Mädchen eine Verwandte des Dr.
Glossin war, so hatte sie jedenfalls nichts von den zweifelhaften
Eigenschaften ihres Oheims geerbt.

Mochte Dr. Glossin auch tausendmal gelogen haben, diesmal hatte er die
Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß Jane einsam und hilfsbedürftig
sei. Lady Diana erkannte es mit dem geübten Blick der gereiften und
lebenserfahrenen Frau.

Sie nahm sich vor, der Verlassenen eine mütterliche Freundin zu sein.
In Maitland Castle während dieser Tage politischer Hochspannung
und kriegerischer Verwickelungen selbst vereinsamt, zog sie sie in
ihre Gesellschaft und hatte sie den größten Teil des Tages um sich.
Dabei aber mußte sie die Entdeckung machen, daß die Seele des jungen
Menschenkindes Rätsel barg.

Lady Diana fand, daß in den Erinnerungen Janes Lücken klafften. Was
sie erzählte, erzählte sie schlicht und einfach, ohne Widersprüche.
Aber plötzlich, an bestimmten Stellen, stockte die Erzählung, brach
die Erinnerung ab, und es war Diana nicht möglich, die Lücken zu
überbrücken.

Dazu der häufige Wechsel der Stimmung. Eben noch heiter, fast
ausgelassen. Dann wieder still, grübelnd, nachdenklich, zerstreut.
Wechselnde Stimmungen, schwankende Abneigungen und Sympathien, die sich
bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten sogar in der Wahl der Speisen
äußerten.

Diana Maitland hatte sich gesprächsweise mit ihrer Beschließerin über
Jane unterhalten. Die sonderbaren Andeutungen der Alten gingen ihr
nicht aus dem Sinn.

Jane machte sich an einem Tischchen zu schaffen, das in einem der
großen erkerartig ausgebauten Bogenfenster stand. Sie hatte den
Tischkasten aufgezogen, kramte in verschiedenen Kleinigkeiten, die dort
lagen, schien irgend etwas zu suchen. Diana sah, wie sie ein Garnknäuel
und ein Buch herausnahm, die Gegenstände zerfahren und unsicher auf den
Tisch legte und dann ein Zeitungsblatt aus dem Kasten holte. Ein altes
Blatt, mehrfach geknifft, eine Notiz darauf mit Buntstift angestrichen.

Die Sonne fiel durch das Erkerfenster und wob goldene Reflexe um die
schweren blonden Flechten Janes. In dieser Beleuchtung, die ihre zarte
Schönheit noch hob, wirkte sie unwahrscheinlich ätherisch, wie eine
der Gestalten auf den bunten Stichen von Gainsborough. Diana Maitland
betrachtete das Bild mit Wohlgefallen.

Jane saß leicht vorgebeugt an dem Tischchen. Ihre Blicke ruhten auf
dem Zeitungsblatt. Der zerstreute, träumerische Zug, den Diana in den
letzten Tagen so oft an ihr beobachtet hatte, lag auf ihrem Antlitz.
Jetzt straffte sich ihre Miene. Ihr Auge haftete auf einem Punkt des
Blattes, während sie angestrengt nachzudenken schien. Als ob sie etwas
suche, eine Erinnerung, ein Wort, einen Namen, auf den sie nicht kommen
könne. Es sah aus, als ob dies angestrengte Sinnen ihr körperliche Pein
bereite.

Diana Maitland sah die Wandlung und rief sie an: »Was ist Ihnen, Jane?«

Wie geistesabwesend ließ Jane das Zeitungsblatt sinken und fuhr sich
über die Stirn.

»Linnais ... Linnais ...«

»Jane, was haben Sie? Was ist Ihnen Linnais?«

Als Diana das Wort Linnais aussprach, erhob sich Jane wie eine
Schlafwandlerin. Suchend, stockend brachte sie einzelne Worte hervor.

»Linnais ... Brand ... Ruinen ... alles tot ...«

Sekundenlang stand Diana in starrem Staunen.

»Nein, Jane ... Sie leben!«

»Leben ... Linnais ... leben ... Hochzeit ... meine Hochzeit ... Kirche
... Atma ... Erik Truwor ...«

Diana Maitland sank schwer atmend in ihren Sessel zurück. Ihre Augen
hingen an den Lippen Janes, die weiterflüsterten:

»... meine Hochzeit ...«

»Mit Erik Truwor?«

»Nein ... nein ... mit ...«

»Mit ...«

»Mit ... mit ...«

Jane suchte und konnte den Namen ihres Gatten nicht finden. In
ängstlichem Grübeln krauste sich ihre Stirn.

»Mit Logg Sar?«

»Silvester ...!« Wie ein erlösender Aufschrei kam es von Janes Lippen.
»Silvester ... Silvester ... wo ist er?«

Diana trat auf die Schwankende zu und geleitete sie zu einem Ruhebett.
Ein tiefes Schluchzen erschütterte den zarten Körper Janes. Als sie
die Augen aufschlug, war ihr Blick gewandelt. Nicht mehr unsicher und
traumverloren. Klar und fest.

»Silvester! Ich habe ihn wieder!«

»Was ist Ihnen Silvester?«

»Er ist mein Mann! Mein lieber Mann!«

Die Gedanken Dianas jagten sich. Was war das? Was hatte Dr. Glossin
getan? Welches Verbrechen war an dem Mädchen begangen worden? Diana
Maitland fand die härtesten Ausdrücke für den Arzt. Wie konnte er die
Gattin Logg Sars als seine Nichte, als junges Mädchen in ihr Haus
einführen? Wie kam die Gattin Logg Sars in die Gewalt Glossins?

Jane richtete sich auf dem Diwan empor und begann zu sprechen.
Fließender, endlich ganz frei. Die hypnotische Kraft Dr. Glossins
reichte an diejenige Atmas nicht heran. Ein einfaches Zeitungsblatt,
jenes schwedische Blatt, welches von Glossins Hand selbst unterstrichen
den Namen Linnais trug, hatte genügt, den von ihm gelegten Riegel zu
brechen.

Die volle Erinnerung kam Jane wieder. Sie erzählte, wie sie in der
Sorge um Silvester von Düsseldorf nach Linnais ging, Brandruinen
fand, wo sie einst Hochzeit gehalten. Wie Dr. Glossin, ihr selbst
unerklärlich, plötzlich vor ihr stand, wie sie ihm willenlos folgen
mußte.

»Dein Silvester lebt, Jane! Er und seine Freunde! Wir wissen es. Lord
Horace sagte es mir. Unsere Stationen müssen ihre Befehle funken.«

»Er lebt. Ich höre es. Ich glaube es gern ... gern ... Aber er weiß
nicht, wo ich bin. Ich habe in törichter Sorge seine Weisung mißachtet,
bin fortgelaufen. Er sucht mich vergeblich, kann mir keine Nachricht
geben.«

Lady Diana brachte bald heraus, wie diese Benachrichtigungen früher
stattgefunden hatten. Aber der kleine Telephonapparat war verschwunden.
Irgendwo in Linnais geblieben. Damals, als Dr. Glossin in ihm die
Stimme Silvesters vernahm, die Kraft des Strahlers zu fürchten
begann und den Apparat wie glühendes Eisen von sich schleuderte. Die
Wellenlänge, auf die Silvester den Apparat gestimmt hatte, war damit
verloren. Die Möglichkeit einer Verständigung in der früheren Art
ausgeschlossen.

Es blieb nur die öffentliche Regierungsstation, die Möglichkeit, eine
Depesche in der Wellenlänge dieser Station abzugeben. Zu gewöhnlichen
Zeiten eine einfache Sache. Jetzt in den Tagen des Krieges und der
Zensur eine schwierige, fast unlösliche Ausgabe. Diana Maitland
übernahm es, sie zu lösen.

Der Luftverkehr auf den britischen Inseln war des Krieges halber
verboten. In ihrem schnellen Kraftwagen fuhr sie selbst nach Cliffden
in die große englische Station. Sie suchte den Stationsleiter auf und
hatte eine lange Unterredung mit ihm. Sie bat, beschwor und drohte, bis
der Widerstand des Beamten überwunden war. Bis er vom Buchstaben seiner
Instruktion abwich und die kurze Depesche zur Absendung entgegennahm.
Lady Diana blieb an seiner Seite, solange die Depesche umgeschrieben
und von den Perforiermaschinen für die Sendung vorbereitet wurde.
Sie stand neben ihm, als der Geberautomat den Papierstreifen zu
verschlingen begann, als Hebel tanzten und Kontakte polterten, als die
ersten Worte der Depesche

        »Jane an Silvester ...«

auf den Flügeln elektrischer Wellen in den Luftraum strömten. Sie blieb
neben dem Stationsleiter stehen, bis der Streifen dreimal durch den
Apparat gelaufen war. Dann ging sie zu ihrem Kraftwagen und kehrte nach
Maitland Castle zurück.

       *       *       *       *       *

Am siebenten Tage nach der Katastrophe wagten es die Eingeschlossenen.
Sie ließen die Druckluft aus dem Eisberge langsam ins Freie entweichen.
Erik Truwor stand am Ventil, den Blick auf dem Druckzeiger. Im
untersten Gange beobachtete Silvester den Wasserspiegel. Das Mikrophon
am Munde, bereit, Alarm zu geben, wenn das Frischeis nicht hielt, der
Berg sich senkte, das Wasser stieg.

Mit leisem Pfeifen entwich die Luft. Langsam fiel der Zeiger des
Manometers. Nur noch wenige Linien stand er über dem Nullpunkt. Erik
Truwor lehnte sich gegen die Eiswand, drückte das Ohr gegen die Fläche,
um jedes Knistern, jedes kommende Brechen des Eises so früh wie möglich
zu spüren.

Es blieb ruhig. Nur das schwächer und schwächer werdende Pfeifen der
entweichenden Luft. Jetzt nur noch ein leichtes Rauschen. Der Zeiger
stand auf dem Nullpunkt. Der Druck war ausgeglichen. Der Berg hielt
sich ohne Unterstützung der Preßluft.

Schnell fraß der kleine Strahler einen neuen Ausgang durch die Schale
des Berges. Die Antenne in Ordnung bringen, den Verkehr mit der Welt
wieder herstellen, das war jetzt das Wichtigste. Die Antenne auf dem
Abhang des Berges war unversehrt geblieben. Nur die Verbindungen nach
den Apparaten hin waren bei der Katastrophe zerrissen. Zehn Minuten
genügten, um eine Notleitung zu legen. Kaum war die letzte Verbindung
gemacht, die letzte Schraube angezogen, als auch schon wieder Leben in
die Apparate kam, die alle diese Tage hindurch still und tot dagelegen
hatten. Die Farbschreiber klapperten, die Laufwerke rollten, und die
Streifen, dicht mit Morsezeichen bedeckt, quollen unter den Farbrädern
hervor. Nachrichten aus Amerika und Europa, aus Indien und Australien.

Das Schicksal ging seinen Weg. Der Krieg war ausgebrochen. Englische
und amerikanische Luftstreitkräfte waren an den verschiedensten Punkten
der Welt zusammengeraten. Die große englische Schlachtflotte hatte
ihren Hafen verlassen um die amerikanische Ostküste anzugreifen. Die
amerikanische Flotte war ihr entgegengefahren. Nur noch vierundzwanzig
Stunden, und es kam zu einer gewaltigen Schlacht mitten im Atlantik.

Die Frage, die sich Erik Truwor in diesen Tagen unfreiwilliger Ruhe
so oft vorgelegt hatte, war entschieden. So entschieden, wie er es in
unruhigen Nächten gefürchtet hatte. Die Menschheit hörte nicht auf
seine Worte. Sie war nicht fähig, sich selbst zu regieren. Sie brauchte
den Herrn, der sie zwang.

Er fühlte, wie seine Ideale zusammenbrachen. Sie taten da draußen
nichts aus freien Stücken und irgendeinem Ideal zuliebe. Wer die
Macht hatte oder zu haben glaubte, benutzte sie rücksichtslos. Seine
Warnungen waren unbefolgt verhallt. Sie würden ihm nur gehorchen, wenn
er Brand und Mord hinter jeden seiner Befehle setzte.

Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn er durchsetzen wollte,
was er sich vorgenommen, was er als seine Mission ansah, dann mußte
er als Herr auftreten. Klar hatte er die Notwendigkeit in den Tagen
der Gefangenschaft durchdacht und schrak zurück, nun die entscheidende
Stunde gekommen war.

Würde man seine Absichten nicht verkennen? Würde die Welt ihm nicht
andere Beweggründe unterschieben? Würde sie nicht einer maßlosen
Ehrsucht zuschreiben, was nur bittere Notwendigkeit war?

Es duldete ihn nicht länger in der Enge der Berghöhlen. Er stürmte
hinaus in das Freie. Er sprang über Schollen und Schneewehen, die in
den Strahlen der tiefstehenden Sonne rot glühten. Er lief und fühlte,
daß alle die alten Ideen und Ideale von Pankong Tzo vernichtet waren.

Atemlos hielt er im Lauf inne. Ihm graute vor der Entscheidung, vor der
Verantwortung, vor dem Entschluß.

Hinter einer Eisklippe hatte der Wind den frischen Schnee
zusammengewirbelt. Hier ließ er sich niedersinken, fühlte, daß die
weißen Flocken sich wie ein Daunenkissen um seine Glieder schmiegten.
Eine tiefe Mutlosigkeit, eine Erschlaffung überkam ihn. Er wurde ganz
ruhig.

Wie wäre es, wenn er hier liegenbliebe, wenn er jetzt einschliefe? Der
Verantwortung, dem verhaßten Entschluß durch freiwilligen Tod aus dem
Wege gehen?! Wie lange würde es dauern, bis der arktische Frost den
kurzen Schlummer in einen ewigen Schlaf verwandelte. Wie schön müßte
es sein, hier einzuschlummern, hinüberzugehen in das große Meer der
ewigen Ruhe und des Vergessens, in dem alle dunklen Wellen des Lebens
verrieseln.

War es der Frost, der schon zu wirken begann, den Körper leicht, die
Gedanken träumerisch und sprunghaft machte?

Eine dunkle, fromme Erinnerung überkam ihn. Die Hände falten! Er
streifte die schweren Pelzhandschuhe ab und schlug die Finger
ineinander. Da ... seine Rechte zuckte zurück.

Was war das Kalte, das er berührt hatte? Kalt und brennend zugleich. Er
hob die Hand zum Gesicht. Vom Mittelfinger der Linken strahlte ihm der
Alexandrit entgegen, jetzt auch im Tageslicht hellrot glühend, wie er
ihn noch nie gesehen hatte.

Mit einem Sprung stand er auf den Füßen.

Sich von dem eigenen Schicksal wegstehlen? Dem Leben feige den Rücken
kehren? Nein, niemals, und wenn der Weg nach Golgatha führen sollte.

Die Menschheit da draußen wollte Kampf und Mord. Sie sollte im Überfluß
davon haben. Wie eine neue Gottesgeißel wollte er sie züchtigen, bis
sie ihm bedingungslos gehorchte.

Ein harter, eiserner Wille prägte sich auf sein Gesicht.

Ruhigen und festen Schrittes ging er zum Berge. Er trat hinein und
schritt durch die Gänge dem Raume zu, in dem die großen Strahler
standen. Der rote Sonnenschein drang durch die grünlichen Eiswände
und erfüllte die Hallen und Gänge mit einem magischen Doppellicht.
Die vollkommene Stille, die hier in den Regionen des ewigen Eises
herrschte, wurde nur durch das leise Ticken der Funkenschreiber
unterbrochen. In schwirrendem Spiel klappten die feinen Schreibhebel
der Apparate auf und nieder und notierten in Punkten und Strichen die
Botschaften, die von allen Teilen der Welt her durch den Äther kamen
und sich in den Maschen der Antenne fingen.

Silvester saß vor einem der Schreibapparate in einem leichten Sessel.
Er hielt den Papierstreifen unbeweglich in den Händen, als ob er
sich von einer einzelnen Nachricht nicht losreißen könne. Das in
rötlichgrünen Tönen durch den Raum schimmernde Licht umspielte seine
Gestalt. Es ließ sein Antlitz fahl wie das eines Toten erscheinen.

Erik Truwor warf einen Blick auf die Stelle des Streifens, den
Silvester so beharrlich in den Händen hielt. Der Apparat hatte
inzwischen unermüdlich weitergearbeitet. Viele Meter des Streifens
waren ihm entquollen und lagen in Windungen und Schleifen auf den Knien
Silvesters.

Erik Truwor las die Stelle in den Händen Silvesters: »Jane an
Silvester. Ich bin geborgen. In England in Maitland Castle bei guten
Freunden.«

Der Streifen zeigte die kurze Depesche dreimal hintereinander.

Erik Truwor beugte sich zu dem Sitzenden hinab und legte ihm die Hand
auf die Schulter.

»Freue dich, Silvester! Deine Sorgen sind vorüber. Jetzt weißt du, daß
Jane in Sicherheit ist.«

Unter dem Druck von Erik Truwors Hand sank die Gestalt Silvesters
noch mehr in sich zusammen. Sie fiel nach vorn und wäre ganz zu Boden
gesunken, wenn Erik Truwor nicht mit kräftigen Armen zugegriffen hätte.
Da fühlte er, daß das Leben aus dem Körper des Freundes gewichen war,
daß die Blässe des Antlitzes nicht allein durch die fahlen Reflexe der
Eiswände verursacht wurde.

Dem wechselreichen Auf und Ab von Freuden und Leiden, seelischen
Erschütterungen und schwerster Forschungsarbeit war der Organismus
Silvester Bursfelds nicht gewachsen. Ein Herzschlag hatte sein junges
Leben in dem Augenblick beendigt, in dem er die Depesche von Jane
empfing.

Erik Truwor hielt die schon erkalteten Finger des Freundes in seinen
Händen. Atma trat in den Raum. Er schritt auf Silvester zu und schloß
ihm mit sanftem Druck die Augen.

»Er hat gegeben, was das Schicksal von ihm verlangte, das Wissen.«

Erik Truwor nickte und ließ seine Blicke auf den blassen Zügen ruhen.

»Das Wissen, das mir die Macht schafft.«

Er wandte sich von dem Toten weg nach dem großen Strahler. Nur die
Farbschreiber tickten leise und warfen immer neue Nachrichten von den
Kriegsschauplätzen auf das Papier. Mit schweren Schritten ging Erik
Truwor auf den mächtigen Strahler los. Nur ein einziges Wort kam von
seinen Lippen: »Auf!«

Wie Kampfruf klang es! Kampfruf war es!

       *       *       *       *       *

Doktor Rockwell, der Leibarzt des Präsident-Diktators, und Hauptmann
Harris, der diensttuende Adjutant, unterhielten sich mit gedämpfter
Stimme im Vorzimmer.

»Solange der Präsident meinen ärztlichen Rat nicht wünscht, darf ich
mich ihm nicht aufdrängen.«

»Es geht so nicht weiter, Herr Doktor! Das Leben hält auf die Dauer
kein Mensch aus. Seit zwölf Tagen, seit der englischen Kriegserklärung,
ist der Präsident nicht mehr aus seinen Kleidern gekommen, hat sein
Arbeitzimmer kaum verlassen ...«

»Ich gebe zu, daß solche Lebensweise angreifend ist, namentlich, wenn
man die Fünfzig überschritten hat. Aber andererseits ... bedenken Sie
die außergewöhnliche Lage. Der Krieg mit einer ebenbürtigen Großmacht.
Es geht um das Schicksal der Staaten und ... des Diktators. Es ist
schließlich nicht zu verwundern, daß er seine ganze Kraft an die
Leitung des Krieges setzt.«

»Kraft! Kraft! Herr Doktor! Wo soll die Kraft herkommen, wenn er so gut
wie nichts zu sich nimmt? Eine Tasse Tee. Ein paar Schnitten Toast.
Das genügt ihm für vierundzwanzig Stunden. Dazu kein Schlaf. Ich habe
den Präsidenten während meiner Dienststunden seit zwölf Tagen nicht
schlafend gefunden. Meine Kameraden von den anderen Wachen auch nicht.«

»Er wird trotzdem geschlafen haben. Viertelstundenweis, zu Zeiten, in
denen niemand in seinem Zimmer war. Zwölf Tage ohne Schlaf hält niemand
aus. Das kann ich Ihnen als Arzt versichern. Am dritten Tage machen
sich bei vollkommener Schlafentziehung schwere Symptome bemerkbar.«

»Die Symptome sind da, Herr Doktor! Darum bitte ich Sie, zu dem
Präsidenten zu gehen. Sein Wesen ist verändert. Sein Blick, früher so
ruhig und kalt, ist flackernd und fiebrig geworden.«

»Fieber erkennen wir an der Temperatur des Patienten. Seien Sie
überzeugt, daß der Präsident in den zwölf Tagen in seinem Lehnstuhl
ganz gut geschlafen hat. Die Natur läßt sich nicht betrügen. Am
wenigsten um den Schlaf. Die ärztliche Wissenschaft kennt Beispiele,
daß Reiter auf ihren Pferden im Zustand der Übermüdung fest geschlafen
haben, ohne es zu wissen und ohne ... das ist besonders wichtig ...
ohne herunterzufallen. Um wieviel mehr müssen wir annehmen, daß der
Präsident in seinem bequemen Armstuhl den nötigen Schlummer gefunden
hat.«

»Schlummer? Herr Doktor! Sie können so sprechen, weil Sie die
Verhältnisse hier noch nicht aus der Nähe gesehen haben. Auf seinem
Tisch stehen zwölf Telephonapparate. Jeder Apparat für eine besondere
Wellenlänge. Er hat ständige Verbindung mit den Kriegsschauplätzen.
Eben spricht er vielleicht mit dem Befehlshaber unserer afrikanischen
Fliegergeschwader. Wenige Minuten später mit dem Chef der australischen
Flotte. Unter Umständen meldet sich schon während dieses Gesprächs das
indische Geschwader. So geht es Tag und Nacht.«

»Ihre Mitteilungen in Ehren, Herr Hauptmann. Trotzdem kann ich nicht
ungerufen meinen Rat aufdrängen. Sollten sich wirklich ernsthafte
Symptome zeigen, kann ich in zwei Minuten zur Stelle sein.«

Während dies Gespräch im Vorraum geführt wurde, saß der
Präsident-Diktator in seinem Arbeitzimmer in dem schweren hochlehnigen
Armstuhl hinter dem mächtigen Tisch. Hauptmann Harris hatte recht. Das
Wesen Cyrus Stonards war verändert. Bald stierte er Minuten hindurch
auf irgendeine vor ihm liegende Meldung. Dann blickte er wieder starr
gegen die Zimmerdecke. Nervös, unruhig, als erwarte er jeden Moment
eine bestimmte Nachricht.

Ein Sekretär trat ein. Vorsichtig, auf den Fußspitzen gehend, schritt
er über den schweren Teppich bis an den Tisch heran und legte eine rote
Mappe mit neuen Depeschen vor den Präsidenten hin.

Es waren gute Nachrichten. Erfolge in Indien. Eine für das
Sternenbanner siegreiche Luftschlacht über der Straße von Bab el
Mandeb. Auch ein anspruchsvoller Feldherr konnte kaum mehr verlangen.
Doch der Präsident-Diktator las die Nachrichten ohne Freude.

Seit zwölf Tagen wurde sein Gehirn nur von dem einzigen Gedanken
beherrscht: Wird das Spiel noch glücken oder wird die unbekannte Macht
sich einmischen? Daß seine Streitkräfte mit den englischen fertig
werden würden, daran hatte er nie gezweifelt.

Aber die Macht! Die unbekannte Macht, die Maschinen sprengte und
drahtlose Stationen spielen ließ! Die unbekannte Macht, die über so
unheimliche Waffen und Kräfte verfügte.

Telegramm um Telegramm las er und legte es beiseite. Bis er zu den
beiden letzten Schriftstücken der Mappe kam.

Er las und wischte sich mit der Hand über die Augen, wie um besser zu
sehen. Las zum zweitenmal, hielt die Depesche in den Händen und ließ
den Kopf mit den Augen auf die Papiere sinken.

Zwei Depeschen waren es. Die eine um zwölf Uhr zehn Minuten
amerikanischer Zeit von Sayville datiert. Die andere um sechs Uhr
zwanzig Minuten westeuropäischer Zeit von der englischen Großstation in
Cliffden. Berücksichtigte man die verschiedenen Ortszeiten, so waren
beide Depeschen nur mit zehn Minuten Abstand aufgegeben worden. Zwei
Depeschen von völlig gleichem Wortlaut: »An alle! Die Macht verbietet
den Krieg. Die Macht wird jede feindliche Handlung verhindern.«

Was Cyrus Stonard seit zwölf Tagen heimlich fürchtete, was ihn zwölf
Tage und Nächte in dieser unnatürlichen Spannung und Aufregung gehalten
hatte, war geschehen. Die unbekannte Macht verbot den Krieg, stellte
eine gewaltsame Verhinderung aller Operationen in Aussicht.

Der Diktator sprang auf und lief wie ein gefangenes Raubtier im Zimmer
hin und her. Jetzt flatterte der helle Wahnsinn in seinen Augen. Seine
Lippen murmelten Flüche, während er die Faust ballte.

Hauptmann Harris trat mit einer neuen Depeschenmappe in das Zimmer. Er
sah mit Schrecken, wie der Zustand des Diktators sich verschlimmert
hatte. Cyrus Stonard riß ihm die Mappe aus der Hand, beugte sich über
den Schreibtisch und las. Seine Augen weiteten sich, während er den
Inhalt der Depesche verschlang. Dann stieß er die Mappe weit von sich
und brach in ein gellendes Gelächter aus. Ein Lachen des Wahnsinns und
der Verzweiflung, das immer schriller und krampfartiger wurde. Bis es
schließlich mehr Schluchzen als Lachen war. Dann stürzte er auf der
Stelle, auf der er stand, nieder und lag regungslos auf dem Teppich.

Jetzt war es Zeit, Dr. Rockwell zu rufen. Hauptmann Harris bettete den
Bewußtlosen auf den Diwan und ging dem Doktor zur Hand, solange er
gewünscht wurde.

Eine Viertelstunde nach der Erkrankung waren die Staatssekretäre des
Krieges, der Marine, des Innern und Äußern zur Stelle. Sie hörten
den Bericht des Arztes. Prüften dann die Schriftstücke, die der
Präsident-Diktator zuletzt bekommen hatte. Die beiden Depeschen von
Sayville und Cliffden, die noch zerknittert auf der Schreibmappe lagen.

Die Mitglieder des Kabinetts wußten nur wenig von der Existenz der
unbekannten Macht. Gerade das, was sich nach der ersten warnenden
Depesche in Sayville nicht mehr gut verheimlichen ließ. Cyrus Stonard
hatte diese Angelegenheit ganz geheim behandelt und nur mit Dr. Glossin
besprochen. Mit Dr. Glossin, der schon seit drei Wochen nicht mehr in
Washington gesehen worden war.

Der Staatssekretär des Krieges George Crawford las die Depesche vor:
»Die Macht verbietet den Krieg. Sie wird jede kriegerische Handlung
verhindern.«

Er ließ das Blatt verwundert sinken.

»Beim Zeus, eine kühne Sprache! Welche Macht kann es sich erlauben, uns
den Krieg zu verbieten, zwei Weltreiche zu brüskieren?«

»Die Macht! Wie das klingt? Geheimnisvoll und anmaßend! Ist es denkbar,
daß der Diktator durch diese Depesche so schwer erschüttert worden sein
sollte?«

Sie suchten weiter. Hauptmann Harris wies dem Staatssekretär des
Krieges die Mappe, bei deren Lektüre der Präsident zusammenbrach.

Sie lasen die zweite Depesche, und ihre Wirkung auf diese vier
Staatsmänner war niederschmetternd.

Sie kam von dem Chef der großen amerikanischen Atlantikflotte. Es war
der verzweifelte Ruf eines wehrlos gemachten und von einer mysteriösen
Kraft gepackten Geschwaders. Der Anfang der Depesche setzte um 12
Uhr 30 ein. Dann war sie bruchstückweise immer weitergegeben worden,
wie die Ereignisse sich abspielten: »Klar zum Gefecht. In Schußweite
mit der englischen Atlantikflotte ... Die Feuerleitung versagt ...
Unsere Geschütze können nicht feuern ... Können auch nicht laden
... Geschützverschlüsse mit den Rohren verschweißt ... Geschütze
unbrauchbar ... Torpedos unbrauchbar ... Englische Flotte feuert auch
nicht ... Rudermaschinen blockiert ... Unsere Schiffe nach Osten
gezogen ... Die englische Flotte zieht in geschlossener Kiellinie
dicht an uns vorüber nach Westen ... Auf der englischen Flotte große
Verwirrung ... Unsere Panzer schließen sich dicht zusammen ... aller
Stahl stark magnetisiert ... Die englische Flotte am Westhorizont
verschwunden ... Eine unwiderstehliche Kraft treibt unsere Schiffe mit
50 Knoten nach Osten ... Gott sei unseren Seelen gnädig.«

Sie lasen die Depesche öfter als einmal und verstanden das Gelächter,
mit dem Cyrus Stonard zusammengebrochen war. Das war also die Macht!
Die unbekannte, geheimnisvolle Macht, die den Krieg nicht wollte. Die
Macht, die die Mittel besaß, um alle Waffen wirkungslos zu machen. Die
Macht, deren erste Warnung man ignoriert hatte, und die nun ihre Gewalt
zeigte.

Die Katastrophe betraf die große amerikanische Schlachtflotte. Die Ehre
des Sternenbanners war bei der Affäre engagiert. Aber trotzdem konnte
sich keiner der vier Staatsmänner der Wirkung des titanischen Humors
entziehen, der in diesem Verfahren lag. Eine Macht, die Geschütze
verschweißte und Schlachtpanzer elektromagnetisch zusammenklebte, eine
Macht, die eine ganze Flotte willenlos durch den Ozean zog, wäre auch
imstande gewesen, die Schlachtschiffe zu versenken. Sie tat es nicht.
Sie lähmte die Waffen und zog die feindlichen Flotten in nächster Nähe
aneinander vorüber, die amerikanische Flotte nach England und die
englische Flotte nach Amerika.

Denn so ging die Reise ganz offenbar. Wenn noch irgendein Zweifel
darüber bestand, wurde er durch das Telephon beseitigt, das sich auf
dem Tisch des Präsident-Diktators meldete. Die drahtlose Verbindung mit
der Atlantikflotte.

Der Staatssekretär der Marine eilte an den Apparat und erkannte die
Stimme des Admirals Nichelson, der sich bei der Atlantikflotte befand.

»Habe ich die Ehre, mit Seiner Exzellenz dem Herrn Diktator zu
sprechen?«

»Nein! hier ist der Staatssekretär der Marine. Der Herr
Präsident-Diktator hat sich für kurze Zeit zur Ruhe begeben. Berichten
Sie an mich. Ich habe Ihre Depesche über die Katastrophe vor mir
liegen.«

»Sie wissen?«

»Ich weiß, daß Ihre Flotte kampfunfähig mit fünfzig Seemeilen nach
Osten treibt.«

»Es sind inzwischen hundert geworden. Unsere Schiffe rasen, halb aus
dem Wasser gehoben, ostwärts. Wir besitzen keine Möglichkeit, etwas
dagegen zu unternehmen. Wir müssen abwarten, was das Schicksal mit uns
vorhat.«

»Wie sieht es auf der Flotte aus? Sind noch weitere Beschädigungen auf
den Schiffen eingetreten? Wie ist der Zustand der Besatzung?«

»Beschädigungen? ... Keine weiter. Jedes Geschütz am Verschluß
verschweißt ... Der Zustand der Mannschaften? ... Fragen Sie lieber
nicht ... Keine Disziplin mehr. Ein Teil der Leute vom religiösen
Wahnsinn befallen. Liegen auf den Knien, singen Psalmen, erwarten das
Jüngste Gericht. Einige über Bord gesprungen. Geht die Fahrt so weiter,
landen wir morgen in England.«

Der Staatssekretär der Marine legte den Hörer auf den Apparat. Er trat
an den großen Globus, steckte einen Kurs ab und rechnete. Dann wandte
er sich zu seinen Kollegen.

»Meine Herren! Ich glaube, wir dürfen die englische Flotte morgen etwa
um die neunte Stunde an der amerikanischen Küste erwarten.«

Mr. Fox sprach durch das Telephon mit Dr. Rockwell.

»In dem Befinden des Herrn Präsident-Diktators ist bisher keine
Änderung eingetreten. Die Staatsgewalt liegt nach der Verfassung bei
den Staatssekretären.«

Während sich die Ärzte bemühten, Cyrus Stonard ins Bewußtsein
zurückzurufen, übernahmen die vier Staatssekretäre die Lenkung des
schwankenden Staatsschiffes.

       *       *       *       *       *

Dr. Glossin saß in seiner Neuyorker Wohnung und überschlug die
Ergebnisse seiner politischen Tätigkeit. Seit acht Tagen war er in
Amerika und hatte keine Stunde seiner Zeit verloren. Mit den Führern
der Sozialisten und mit denen der Plutokraten hatte er verhandelt,
Arbeiter und Milliardäre waren der Herrschaft des Diktators gleichmäßig
müde. Leise Schwankungen des sonst so festen und zuverlässigen Bodens
deuteten auf kommende gewaltsame Ausbrüche.

Noch jetzt wunderte sich Dr. Glossin über die Vertrauensseligkeit,
mit der die Parteiführer der Sozialisten und Plutokraten ihm
entgegengekommen waren. Wer gab denen denn den Beweis, daß er wirklich
von Cyrus Stonard abgefallen sei? Was wußten die Tölpel von der
unbekannten Macht? Von allem, was noch zu erwarten war?

Dr. Glossin kannte die Pläne der Roten und der Plutokraten und hatte
ihre Chancen genau erwogen. Beiden Parteien würde die Revolution
zweifellos glücken. Aber in beiden Fällen würde der Erfolg kein
vollkommener sein, würde es im weiteren Verlauf unbedingt zum
Bürgerkriege kommen. Machten die Roten die Revolution, würden der
Westen und ein Teil der Mittelstaaten sich dagegen erheben. Machten sie
die Weißen, würde umgekehrt der Osten rebellieren.

In den Vereinigten Staaten gab es aber noch eine dritte Partei, deren
Mitglieder sich einfach als »Patrioten« bezeichneten. Eine Partei, für
die Dr. Glossin bis vor kurzem nur ein Achselzucken übrighatte. Die
Patrioten waren so unzeitgemäß, die Politik nur des Vaterlandes und der
alten amerikanischen Ideale halber zu treiben. Freiheit des einzelnen
und des ganzen Staatswesens. Abschaffung aller Korruption. Innehaltung
von Treu und Glauben bei allen, auch bei politischen Abmachungen. Das
Programm der Patriotenpartei bestand aus idealen Forderungen. Darum
hatte sie Cyrus Stonard auch gewähren lassen, hatte sie ebenso wie
Glossin für ungefährliche Schwärmer gehalten.

Erst vor fünf Tagen war der Doktor mit William Baker, dem Führer der
Partei, in Verhandlung getreten. Nachdem er in Erfahrung gebracht,
daß die Roten und die Weißen am gleichen Tage losschlagen wollten.
Er hatte die Partei zum Handeln aufgepeitscht. Er hatte sich mit Mr.
Baker eine lange Nacht hindurch eingeschlossen, einen vollständigen
Revolutionsplan mit ihm entworfen und in allen Einzelheiten
ausgearbeitet. So raffiniert und wirkungsvoll, daß dem Parteiführer vor
der teuflischen Schlauheit des Arztes graute.

Nur über die Behandlung und Beseitigung des Diktators waren sie nicht
einig geworden. Glossin war für Lufttorpedos auf das Weiße Haus. Mr.
Baker war gegen jedes Blutvergießen. Er verkannte die großen Verdienste
des Präsident-Diktators um die Union nicht. Cyrus Stonard sollte weg,
sollte der Macht beraubt werden, aber ohne Schaden an Leib und Leben zu
nehmen.

Damals ... jetzt vor fünf Tagen ... hatte Mr. Baker eine kurze Zeit
überlegt, hatte angedeutet, daß er einen Weg finden würde, hatte
den Weg selbst verschwiegen. Von Tag zu Tag waren seine Andeutungen
zuversichtlicher geworden. Aber die Tage waren auch verstrichen. Die
Zeit drängte. Heute schrieb man den fünften August. Am siebenten
wollten die Weißen und die Roten losschlagen. Es war Zeit. Höchste
Zeit! Und dieser Ideologe, dieser Baker, spielte immer noch den
Geheimnisvollen.

Dr. Glossin sprang wütend auf. Es mußte zum Ende kommen. So oder
so. Es war um die achte Abendstunde, als er den Broadway erreichte
und sich in einem der Wolkenkratzer in die Höhe fahren ließ. Er
trat in einen einfachen Bureauraum im 32. Stock. Einen spärlich und
nüchtern ausgestatteten Geschäftsraum. Nur eine Person war darin. Ein
hochgewachsener Fünfziger mit ergrautem Vollbart und Haupthaar. William
Baker, der Führer der Patrioten.

»Sie kommen, Herr Doktor? ... Um so besser, da brauche ich nicht nach
Ihnen zu schicken.«

»Ich komme, Mr. Baker, weil die Zeit uns auf den Nägeln brennt. Ich
bestehe darauf, daß mein alter Vorschlag durchgeführt wird.«

»Es wird nicht nötig sein.«

»Bitte ... sprechen Sie deutlicher.«

Der Parteiführer schritt schweigend zu einer Tür zum Nebenraum und
öffnete sie. Eine dritte Person trat ein. Trotz des Zivils erkannte Dr.
Glossin Oberst Cole, den Kommandeur des Leibregiments. Er kannte den
Obersten seit Jahren, und der Oberst kannte ihn ebenso.

Glossin war starr. Seine gewohnte Selbstbeherrschung versagte.

»Sie ... Oberst Cole ...?«

Baker nickte.

»Sind Sie zufrieden, Herr Doktor?«

Verwirrt drückte der Doktor die Hand, die der Oberst ihm bot. Das war
also der Trumpf, den Baker solange zurückgehalten hatte. So mußte der
Plan gelingen.

»Heute abend um elf Uhr auf die Sekunde wird die Aktion der Partei in
allen Städten der Union beginnen. Um zehn Uhr löst das Regiment Cole
die alten Wachen im Weißen Hause ab. Alles Weitere besprechen Sie auf
der Fahrt. Jetzt fort!«

Ein kurzer Händedruck. Dr. Glossin fuhr mit dem Oberst bis auf das Dach
des Wolkenkratzers. Das Flugschiff des Kommandeurs nahm sie auf. Die
Dämmerung des Sommerabends lag über der See, als das Schiff den Kurs
auf Washington nahm und die Bai von Neuyork überflog. Staten Island,
Sandy Hook, die Einfahrt zum Neuyorker Hafen. Dr. Glossin und Oberst
Cole standen am Fenster und blickten ostwärts über die See.

Da zog es in einer unendlichen Linie heran. Panzer und Panzerkreuzer,
Torpedoboote und Torpedojäger, Flugtaucher und Unterseepanzer. Es
rauschte durch die See, deren Wogen sich vor dem Bug der kompakten
Masse aufbäumten und in stiebendem Schaum zerflockten. Es kam mit einer
Geschwindigkeit von vielen Seemeilen in der Stunde durch die Fluten
dahergerast. Die schweren Panzer standen halb schief, den Bug hoch
über den Wogen, das Heck so tief in der See, daß das Wasser dahinter
einen Berg bildete.

Es war ein seltsames und ein grauenvolles Schauspiel. Diese Schiffe
fuhren nicht mit eigener Kraft. Sie fuhren überhaupt nicht, wie
Schiffe zu fahren pflegen. In regelmäßigem Abstand und in Formationen.
Ihre eisernen Körper hingen zusammen, wie etwa eine Gruppe von
Pfahlmuscheln, die ein Fischer vom Grunde losgerissen hat und durch
das Wasser schleift. An den Seitenwänden des ersten schweren Panzers
klebten, aus dem Wasser gehoben, drei Torpedoboote, wie die jungen
Muscheln an den Schalen der alten. Der zweite Panzer haftete, um
ein Drittel seiner Länge nach Backbord vorgeschoben, am ersten
Schlachtschiff. So folgte sich die ganze gewaltige Schlachtflotte, zu
einem einzigen, regellosen Block verquirlt, von einer unsichtbaren,
unwiderstehlichen Gewalt durch die Fluten gerissen.

An allen Masten, von der sausenden Fahrt über den halben Atlantik
zerfetzt und arg mitgenommen, aber noch erkennbar, der Union Jack, die
in hundert Seeschlachten bewährte Flagge Englands. Erst auf der Höhe
von Sandy Hook mäßigte sich das Tempo der wilden Fahrt. Langsamer, aber
immer noch verkettet und verquirlt zog die gelähmte Flotte durch die
Landenge in die Bai von Neuyork ein.

Dr. Glossin trat einen Schritt vom Fenster zurück und preßte den Arm
des Obersten Cole.

So standen sie und starrten auf das Schauspiel da unten, während
das Flugschiff seinen Weg nach Washington verfolgte. Sie sahen die
gelähmte Flotte klein und kleiner werden, sahen sie als einen Punkt im
unsicheren Licht der wachsenden Dämmerung verschwinden. Sie starrten
noch immer auf den Fleck, wo sie verschwand, als längst nichts mehr zu
sehen war.

Nach langem Schweigen sprach der Oberst: »Was war das? Habe ich
geträumt?«

»Was Sie sahen, war grause Wirklichkeit. Das Wirken der
geheimnisvollen Macht, mit der Cyrus Stonard spielen wollte.«

Dr. Glossin sprach. Von Dingen, von denen Oberst Cole bis zu diesem
Augenblick keine Ahnung gehabt hatte. Von der unbekannten Macht. Von
ihrer Gewalt. Von ihren Drohungen und Verboten. Von der Unmöglichkeit,
sich ihr zu widersetzen. Je weiter der Doktor kam, desto mehr sank der
Oberst in sich zusammen. Er sprach während der Fahrt kein Wort mehr und
zog sich in Washington schweigend in sein Dienstzimmer zurück.

Um zehn Uhr wurden im Weißen Hause die Wachen des Regiments Howard
durch Offiziere und Mannschaften des Regiments Cole abgelöst. Oberst
Cole nahm den Bericht seines Wachtoffiziers teilnahmslos entgegen. So
blieb er sitzen, bis Glossin, die Uhr in der Hand, zu ihm ins Zimmer
trat.

»Herr Oberst, was zeigt Ihre Uhr?«

Langsam, fast schwerfällig zog der Oberst die eigene Uhr. »Zehn Minuten
nach zehn.«

Die Uhr in der Hand des Obersten zitterte. Seine Hand vibrierte. Dr.
Glossin blickte spöttisch auf den alten Offizier.

»Herr Oberst Cole!« Die Stimme Glossins drang schneidend durch die
Stille. Der Oberst sprang auf.

»Ich bin bereit.«

Der Oberst trat auf den Korridor vor der Zimmerflucht des Diktators
und führte eine Signalpfeife an den Mund. Noch bevor der letzte
Ton verklungen war, strömten von allen Seiten her Mannschaften und
Offiziere des Leibregiments Cole herbei und scharten sich um ihren
Obersten.

Die beiden Adjutanten des Diktators traten auf den Flur, um den Lärm zu
verbieten. Sie erschraken vor dem düsteren Ernst und der Verbissenheit
in den Zügen der Soldaten und Offiziere.

»Was soll das, Herr Oberst?«

»Sie sind verhaftet. In Obhut von Major Stanley.«

Widerstandslos beugten sich die beiden Adjutanten der erdrückenden
Übermacht. Während sie abgeführt wurden, öffnete Oberst Cole die Tür
zum Zimmer des Diktators. Dr. Rockwell trat ihm entgegen.

»Ruhe, meine Herren! Der Präsident bedarf dringend der ...«

Der Leibarzt sah die entschlossenen Mienen der Andrängenden und trat
schweigend zur Seite. Der Weg war frei. Oberst Cole trat in das Zimmer
und schritt langsam auf den großen Schreibtisch zu. Er hatte von der
rechten Seite her den Blick auf den Tisch und den Diktator. Cyrus
Stonard saß bei der Arbeit, ein Schriftstück in der Hand. Er blieb
ruhig sitzen und senkte nur die Hand mit dem Dokument, während ein
eigenartiges Lächeln seine hageren Aszetenzüge überflog.

Offiziere und Mannschaften strömten hinter ihrem Oberst in den Raum,
bildeten an der Türwand einen Halbkreis. Es wurde so still, daß man das
Ticken der kleinen Standuhr bis in den fernsten Winkel vernehmen konnte.

Cyrus Stonard wandte das Haupt halb nach rechts gegen die Eingetretenen.

»Was wünschen die Sieger von Graytown, von Philipsville und Frisko?«

Es waren Schlachtennamen aus dem letzten Japanischen Kriege. Ehrennamen
für Oberst Cole und sein Regiment. In diesem Augenblick aus dem Munde
des Diktators kommend, wirkten sie lähmend auf die Eingetretenen.

Oberst Cole wich einen Schritt zurück ... und noch einen und noch
mehrere. Wich zurück vor diesem rätselhaften Ausdruck in Cyrus
Stonards Augen. Das war nicht der drohende, faszinierende Blick des
Gewaltherrschers, sondern der überlegene, abgeklärte eines Mannes, der
alles erkannt und alles als eitel befunden hat.

Oberst Cole wich zurück, bis er Widerstand fühlte. Arme umschlangen
ihn. Die flüsternde Stimme, der warme Atem Glossins drangen an sein
Ohr. Mit sicher werdenden Schritten trat er wieder auf den Diktator zu.

»Herr Präsident, das Land verlangt Ihren Rücktritt!«

»Das Land?«

»Das Land, Herr Präsident!«

Cyrus Stonard hörte die feste Stimme des Obersten, blickte ihm in die
Augen und sah die Wahrheit. Langsam kamen die Worte von seinen Lippen:

»Der Wille des Landes ist für mich das höchste Gesetz ... Was habe ich
zu tun?«

»Das Land zu verlassen!«

»Wann?«

»Sofort!«

Cyrus Stonard erhob sich mit kurzem Ruck, als gehorche er einem Befehl.

»In wessen Namen handeln Sie?«

»Im Namen aller ihr Vaterland und die Freiheit liebenden amerikanischen
Bürger.«

Cyrus Stonard wußte genug. Das war aus dem Programm der Patrioten,
die er für harmlos gehalten hatte. Nicht die Roten oder die Weißen,
die Patrioten machten seiner Herrschaft ein Ende. Er schaute auf die
Versammlung und erblickte, durch die Figur des Obersten halb gedeckt,
Dr. Glossin.

»Gehört Herr Dr. Glossin auch zu diesen Bürgern?«

Oberst Cole wich zur Seite, als ob die Nähe Glossins ihm peinlich
sei. Der Arzt stand frei vor dem Diktator. Er mußte dessen Blick
aushalten, denn die Mauer der Offiziere und Soldaten versperrte ihm den
Rückzug. So stand er und wand sich unter den Blicken des Diktators,
wurde wechselnd blaß und rot, wäre in diesem Moment gern meilenweit
weggewesen.

Cyrus Stonard sah ihn erbärmlich und klein werden, drehte ihm den
Rücken und wandte sich Oberst Cole zu.

»Kameraden! Ich verlasse das Land in der Überzeugung, daß es sein Wille
ist. In der Hoffnung, daß mein Weggehen zu seinem Heil dient. Was ich
erstrebte ... das Schicksal hat es anders gewollt. Eine Macht, größer,
als ich je geahnt, hat es in Menschenhand gelegt. Ich habe dagegen
gekämpft ... Als ich den Kampf aufnahm, wußte ich, daß sein Ausgang
mein Schicksal bedeutet ... Ich bin unterlegen ... Wohin soll ich
gehen?«

»Wohin Sie wollen, Herr Präsident. Ein Flugschiff steht zu Ihrer
Verfügung.«

»... Nach Europa ... Nach Nordland. Gehen wir.«

Oberst Cole trat an die Seite des Präsidenten. Auf seinen Wink öffnete
sich eine Gasse zur Tür. Still und stumm standen die Offiziere und
Mannschaften des Leibregiments und sahen den Mann scheiden, der sie
durch zwanzig Jahre zu Ruhm und Ehre geführt hatte.

Oberst Cole wollte vorangehen. Der Diktator ergriff seinen Arm und
stützte sich darauf.

»Ich bin müde, alter Freund!«

Der Oberst preßte die Lippen aufeinander. Aus seinen starr
blickenden Augen brachen zwei Tränen, die langsam über sein Gesicht
herniederrollten.

Eine Viertelstunde später erhob sich ein Regierungsflugzeug vom Dach
des Weißen Hauses. Es steuerte in die Nacht. Kurs nach Osten.

       *       *       *       *       *

Es ist sehr schwer, die Ereignisse der nächsten Augustwochen zu
schildern. Am sechsten August hatte die unbekannte Macht die großen
Schlachtflotten Englands und der amerikanischen Union gelähmt. Im
magnetischen Wirbelsturm war die britische Flotte in den Hafen von
Neuyork eingeschleppt worden. Zu der gleichen Stunde, in der die
amerikanische Flotte die Themse hinauf bis zu den Docks von London
gezogen wurde.

Am siebenten August wurde in den Vereinigten Staaten Cyrus Stonard
gestürzt und eine neue Regierung gebildet, in welcher Dr. Glossin
provisorisch das Portefeuille des Äußern übernahm. Zu jeder anderen
Zeit hätte dieser Sturz die ganze Welt in Aufruhr versetzt. Jetzt
vollzog er sich beinahe geräuschlos. Die unbekannte Macht nahm das
allgemeine Interesse zu sehr in Anspruch, als daß die politische
Umwälzung in den Vereinigten Staaten besonders aufregend wirken konnte.

Wo immer noch in irgendeinem Winkel der Welt englische und
amerikanische Streitkräfte aneinandergerieten, da trat die Macht sofort
handelnd als dritte auf.

Amerikanische Luftstreitkräfte, die unversehens nach Indien vorstießen,
wurden schon auf dem Wege dorthin zum Absturz gebracht und fielen bei
den Lakkadiven in die See. Englische Flugtaucher, die einen Angriff
auf den Panamakanal versuchten, wurden dicht bei Jamaika von einem
magnetischen Zyklon gefaßt und auf den höchsten Gipfeln der Kordilleren
abgesetzt. Die Besatzungen brauchten Tage, um aus der Schneewüste zu
den nächsten menschlichen Ansiedlungen zu gelangen. Die Macht griff
ohne Ansehen der Parteien ein und unterbrach jede Kampfhandlung.

Die Ereignisse der Tage vom sechsten bis zum fünfzehnten August wirkten
auf die Menschheit wie etwa der Stab eines Wanderers im Ameisenhaufen.
Allgemeine Unruhe, Aufregung, ein Brodeln der öffentlichen Meinung, das
in der Presse aller kultivierten Länder seinen deutlichsten Ausdruck
fand.

Will man den ungeheuren Eindruck der Vorkommnisse dieser acht Tage
einigermaßen übersichtlich ordnen, so muß man die davon betroffene
Menschheit in allen Staaten in drei Gruppen unterscheiden: die
Physiker, die Militärs und die breite Volksmenge.

Die Vertreter der physikalischen Wissenschaft versuchten es,
stichhaltige Erklärungen der erstaunlichen Wirkungen zu geben. Aber
die Isolierung und Speicherung der Formenergie, die geniale Entdeckung
Silvester Bursfelds, lag weit außerhalb der wissenschaftlichen
Erkenntnis. So tappten alle Erklärer, die ihre Wissenschaft in den
großen Blättern der fünf Weltteile produzierten, im Dunkeln.

Englische Flugtaucher waren fünftausend Meter hoch in den Kordilleren
abgesetzt worden. Die Maxwellschen Gleichungen gestatteten es
schließlich, die wirksamen Magnetfelder nachzurechnen, durch welche
die schweren Flugtaucher gepackt worden waren. So folgerte man dann
weiter, daß es der unbekannten Macht auch möglich wäre, alle großen
Schlachtflotten auf irgendeinen Berggipfel zu schleudern.

Nachdem die Entwicklung bis zu diesem Punkt gediehen war, häuften sich
die Zeitungsartikel, in denen die Grenzen der unbekannten Macht immer
kühner und ungemessener behandelt wurden.

In den Vereinigten Staaten hielt man sich an die wenigen Mitteilungen,
die der neue Staatssekretär des Äußern Dr. Glossin machen konnte.
Besonders Professor Curtis arbeitete intensiv und konnte bereits
am zwölften August einen Versuch auf offener See vornehmen. Um die
zehnte Vormittagsstunde dieses Tages fuhr das Sammlerboot mit der
Strahlungseinrichtung aus dem Hafen. Curtis hatte eine Anordnung
geschaffen, die ein elektromagnetisches Feld ziemlich geschlossen nach
einer Richtung auszustrahlen vermochte. Ein ausrangiertes Torpedoboot
war als Ziel für die Versuche in Aussicht genommen. Er hoffte, bis
auf eine Entfernung von tausend Meter merkliche Magnetisierungen
hervorbringen zu können.

Umgeben von seinen Assistenten, stand er neben den gerichteten
Antennen, die das elektromagnetische Feld über den Bug des
Sammlerbootes nach dem Torpedoboot hinschleudern sollten. Die
Schalthebel wurden eingeschlagen. Hochfrequente elektrische Energie
durchbrauste die Antennen.

Professor Curtis wurde von Unruhe ergriffen. Die Wirkungen die man vom
Torpedoboot meldete, gingen erheblich über die von ihm als möglich
errechneten hinaus. Er gab den Befehl, die Energie in den Antennen
abzustellen.

Und ließ sich dann mit einem Seufzer auf einen Sessel fallen. Denn die
Wirkung auf dem Torpedoboot hörte nicht auf. Im Gegenteil. Sie stieg,
bis schließlich der elektromagnetische Wirbel das ganze Boot packte,
aus dem Wasser hob und auf das sandige Ufer schleuderte, wo es im Sturz
berstend liegenblieb.

Mit verhaltenem Atem hatte man auf dem Sammlerboot die Katastrophe
beobachtet. Ein Ruf seines ersten Assistenten veranlaßte Professor
Curtis aufzublicken, die Vorgänge auf dem eigenen Boot zu verfolgen.

Die gerichteten Antennen lösten sich in Kupferdampf auf. Sie leuchteten
einen Moment grünlich schillernd und waren dann verschwunden.
Spanndrähte und Isolatoren fielen angeschmolzen und zersplittert
auf das Schiffsdeck nieder. Dann packte ein Wirbelsturm das ganze
Sammlerboot und warf es neben das Torpedoboot auf das Gestade.

Professor Curtis ließ das Geländer los und rollte über das
schrägliegende Verdeck in den weichen Seesand. Das war das Ende der
amerikanischen Versuche. Der Bericht, den der Professor noch am selben
Nachmittag nach Washington sandte, erklärte es für aussichtslos, gegen
die Mittel der unbekannten Macht anzukämpfen.

Am dreizehnten August hielt Professor Raps in der Technischen
Hochschule zu Charlottenburg sein Kolleg über theoretische
Elektrodynamik. Die Studenten spitzten die Bleistifte, um das Kolleg
wie immer mitzuschreiben. An diesem Tage wären die retardierten
Potentiale dran gewesen. Aber der deutsche Professor brachte ganz etwas
anderes ...

»Meine Herren, auch ich habe es versucht, mit den Mitteln unserer
Wissenschaft das Geheimnis der unbekannten Macht zu ergründen. Die
Wirkungen, die zuverlässig berichtet worden sind, lassen sich nur
dann erklären, wenn wir annehmen, daß die Macht ein Mittel besitzt,
um die Raumenergie an jeder Stelle zur freien Entwicklung zu bringen.
Die Raumenergie dürfen wir nach Oliver Lodge zu zehn Milliarden
Pferdekraftstunden für jedes Kubikzentimeter annehmen. Unsere
Wissenschaft kennt bisher kein Mittel, diese Energie freizumachen.
Sicherlich keins, um sie auf weite Entfernungen und mit absoluter
Treffsicherheit zu entfesseln ...«

Die Studenten schrieben mit. Das Papier knisterte, die Bleistifte
rauschten. Professor Raps fuhr in seinen Ausführungen fort. Er ging
ins Detail und entwickelte rechnungsmäßig die Wirkungen, die sich auf
diesem Wege erzielen ließen. Er bedeckte die schwarze Wandtafel mit
dreißigstelligen Zahlen, die Kilowatt und Kalorien bedeuteten. Dann
wurde die Vorlesung wieder allgemeiner ...

»Wir haben keine Ahnung, durch welche Mittel, durch welche uns
jedenfalls noch ganz unbekannte Form der Energie diese Fernwirkungen
erzeugt werden, wie die explosive Entfesselung der Raumenergie zustande
kommt. Ein Riesengeist, der dem Stande unserer Wissenschaft um
Jahrhunderte vorauseilte, muß diese Lösung gefunden haben ...«

Silvester Bursfeld in seinem eisigen Grabe hoch oben am Pol konnte
mit dem Epitaphium zufrieden sein, das der deutsche Gelehrte ihm hier
setzte.

Professor Raps fuhr fort:

»Meine Herren, ich wurde von zwiespältigen Gefühlen ergriffen, als ich
die hier eben vorgetragenen Entdeckungen machte. Auf der einen Seite
die reine Forscherfreude über die gelungene Entdeckung, die Freude, die
Sie alle wohl schon nach einer glücklich gelösten Laboratoriumsaufgabe
empfunden haben. Auf der anderen Seite ein tiefes Grauen. Meine Herren,
der Gedanke, daß eine übermenschliche Macht in die Hand sterblicher
Menschen gelegt wurde, ist entsetzlich. Die Besitzer der Erfindung
können der Welt jeden Tort antun. Sie können jede Stadt verbrennen,
jedes Menschenleben vernichten. Wir sind wehrlos. Wir müssen
widerstandslos über uns ergehen lassen, was die Besitzer der Macht für
gut befinden werden. Der Gedanke ist kaum erträglich. Aber es ist die
Wahrheit ...«

Der Professor schloß seine Vorlesung vor der festgesetzten Zeit. Er
war zu ergriffen, um sich jetzt noch dem planmäßigen Lehrstoff zu
widmen.

Der Inhalt seines Vortrages erregte erneute Unruhe. Die Vertreter der
großen Zeitungen kauften den Studenten ihre Niederschrift für schweres
Geld ab. Noch am Abend des dreizehnten August wurde der Vortrag über
die ganze Erde verbreitet. Von Hammerfest bis Kapstadt, von London bis
Sydney wurden die Mitteilungen verschlungen und diskutiert.

Es war klar, daß der deutsche Gelehrte den Quellen der unbekannten
Macht wenigstens theoretisch auf der Spur war. Je länger die Physiker
der ganzen Welt sich in die Einzelheiten seiner Ausführungen
vertieften, desto mehr mußten sie die Richtigkeit seiner
Schlußfolgerungen anerkennen. Es gab in der Tat nur diese eine
Erklärung für die ungeheuerlichen Wirkungen der Macht. Man mußte
imstande sein, die Raumenergie an jeder beliebigen Stelle des Erdballes
explodieren zu lassen.

Aber die Mittel dazu kannte niemand. Wenn nicht am Ende ... dieser
deutsche Professor noch mehr wußte, als er im Kolleg gesagt hatte? Der
Gedanke, daß ein einzelner Staat das Geheimnis entdecken, sich zum
Herrn der übrigen Welt machen könne, schuf neue Unruhe.

An allen Punkten der Erde wartete man auf die nächsten Äußerungen der
Macht. Die Spannung einer dumpfen Erwartung lag über der Welt, soweit
sie von denkenden Menschen bewohnt war.

Es war um die Mittagstunde des fünfzehnten August. Funkentelegramme
durchschwirrten wie immer die ganze Welt. Um 12 Uhr 13 Minuten 15
Sekunden erfuhr dieser Verkehr eine jähe Unterbrechung. Bisher
hatte die unbekannte Macht ihre Depeschen durch eine unmittelbare
Beeinflussung einer der großen europäischen oder amerikanischen
Stationen gegeben. Aber in dieser Mittagstunde des 15. August
stand über dem östlichen Teil des Atlantik plötzlich ein starkes
elektromagnetisches Feld im Äther. Sein Kern hatte die Gestalt eines
schmalen hohen Turmes. Es pulsierte mit hunderttausend Schwingungen in
der Sekunde und strahlte Wellenenergie im Betrage von zehn Millionen
Kilowatt nach allen Richtungen der Windrose aus, während es schnell
nach Westen hin über den Ozean wanderte.

Im Rhythmus der Morsezeichen kam und verschwand das Feld, und wo immer
in Europa und Amerika elektrische Einrichtungen vorhanden waren,
wurden sie zum Mitschwingen gebracht. Die Passagiere der elektrischen
Straßenbahnen vernahmen die Zeichen in dem eintönigen Brummen der
Wagenmotoren. Wo elektrische Glühlampen brannten, begannen sie in
dieser Stunde zu zirpen und ließen Morsezeichen hören. Wo irgendein
Mensch den Telephonhörer am Ohr hatte, wurden Rede und Gegenrede
plötzlich durch laut und scharf dazwischenklingende Morsezeichen
unterbrochen. Die Farbschreiber aller Telegraphenstationen hörten in
diesen Minuten auf, die Depeschen ihres Betriebes zu schreiben, und
zeichneten die Botschaften der Macht auf:

»Die Macht: Der Krieg ist aus! Die Macht fordert Gehorsam. Sie straft
Ungehorsam.«

Die Welt zuckte unter den Worten der Botschaft zusammen. Wie
Peitschenhiebe trafen die lapidaren Sätze, die ihr den neuen Herrn
verkündeten. Wie eine schwere dunkle Wolke legte sich der Druck eines
fremden zwingenden Willens über die Menschheit. Die Regierungen und die
einzelnen Staatsmänner waren ratlos. Es war nicht möglich, an dem Ernst
dieser Depesche zu zweifeln. Dazu waren die Proben der Macht, die man
bisher zu kosten bekommen hatte, zu stark und zu beweisend.

Die äußere Politik bot zwar in diesem Augenblick keine Schwierigkeiten.
Die Macht befahl den Frieden, und es gab nur einen Weg, bedingungslos
zu gehorchen. Dafür aber zeigten sich Schwierigkeiten im Innern. Die
einzelnen Völker wurden gegen ihre Regierungen mehr oder weniger
aufsässig. Der einzelne fragte sich, ob es überhaupt noch Zweck hätte,
den Anordnungen einer Regierung zu gehorchen, die nur von Gnaden der
Macht auf ihrem Stuhle saß, in jeder Minute von dieser selben Macht
ausgelöscht werden konnte. Es waren nicht einmal die schlechtesten
Elemente, die unter solchem Druck von einer allgemeinen Unlust befallen
wurden und in gleicher Weise das Interesse am Staat wie an den eigenen
Angelegenheiten verloren.

Professor Raps saß in seinem Arbeitzimmer. Es war ein hoher, schlicht
eingerichteter Raum. Vor dem Gelehrten lag das Manuskript einer fast
vollendeten Arbeit. Daneben deckten ganze Stapel von Briefen und
Depeschen den großen Arbeitstisch. Anfragen von staatlichen Behörden,
von wissenschaftlichen Instituten, von Einzelpersonen und auch von
fremden Regierungen.

Der Professor warf keinen Blick auf diese Tausende von Briefen und
Fragen. Auf diese Schriftstücke, deren Beantwortung ein ganzes Bureau
Monate hindurch beschäftigen konnte. Er sah grau und verfallen aus und
hielt den Papierstreifen mit der Depesche der Macht in den Händen.
Seine Lippen zuckten und formten abgerissene Worte.

»... Mein Gott! ... Kann die Natur das dulden ... kann ein einzelner
der Welt ewigen Winter oder ewige Sonne bringen ... das soll ein Mensch
sein ... dem das Schicksal der ganzen Menschheit in die Hand gegeben
ist ...«

Der Professor blickte von der Depesche auf. Sein Auge haftete auf dem
Bilde über dem Schreibtische. Es war ein alter wertvoller Kupferstich
aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ein Geschenk seiner Hörer. Der Stich
zeigte den Schweden Karl von Linné. Der Geist des Gelehrten klammerte
sich an das Gemälde wie an ein Heiligenbild.

»Es ist nicht möglich ... wo bleiben die ehernen Gesetze der Kausalität
... Es ist ein Irrtum ... ein Irrtum oder ein Mißgriff der Natur ...
aber kann die Natur irren?«

Sein Blick blieb an der Unterschrift des Bildes haften. Lateinische
Worte: »~Natura non facit saltus~.« (Die Natur macht keine Sprünge.)
Das Leitwort jenes genialen Naturforschers, durch das er sich zum
Vorläufer Darwins stempelte.

Professor Raps las die wenigen Worte des Satzes wieder und immer wieder.

»Die Natur macht keine Sprünge ... auf einen scheinbaren Sprung folgt
das ~Corrigens~ ... muß folgen nach dem höheren Gesetz der stetigen
Entwicklung ...«

Es wurde Zeit, zur Vorlesung zu gehen. Der Professor legte den
Depeschenstreifen beiseite. Mit ruhigen Händen füllte er seine
Aktenmappe.

       *       *       *       *       *

Die Botschaft der Macht war da und wirkte sich aus. Der Krieg war zu
Ende, auch ohne einen ausdrücklichen Befehl der beiden kriegführenden
Weltmächte. Er war automatisch zu Ende gegangen, weil die Macht mit
Sturm und Brand zugegriffen hatte, wo immer sich noch ein Kampf
entspinnen wollte. Es konnte sich nur noch darum handeln, durch einen
formellen Friedensschluß zwischen den beteiligten Regierungen den
tatsächlichen Zustand zu legitimieren.

In den Vereinigten Staaten nahm man diese Entwicklung der Dinge
mit unumwundener Zufriedenheit auf. Der Krieg war ein Krieg Cyrus
Stonards gewesen. Es kam der jungen Regierung gelegen, daß diese die
unsympathische Erbschaft nicht zu übernehmen brauchte, daß der in den
Staaten so wenig volkstümliche Krieg sang- und klanglos zu Ende war.
Man spürte wohl auch unbewußt, daß eine friedliche stetige Entwicklung
der Union ganz von selber alle die Vorteile bringen mußte, die hier
erkämpft werden sollten.

Anders sah es in England aus. Man hatte sich mit allen Mitteln auf den
Kampf eingestellt. Die englischen Staatsmänner hatten erkannt, daß nur
ein glücklicher Krieg den englischen Besitzstand erhalten könne.

Lord Gashford betrat sein Arbeitzimmer und warf sich erschöpft und
mißmutig in seinen Sessel. Der Diener bekam eine kurze Weisung: »Lord
Maitland wird kommen. Jede Störung fernhalten!«

Der englische Premier blieb mit seiner Ratlosigkeit und Verantwortung
allein. Nervös trommelten die Finger seiner Rechten auf der Sessellehne.

Der Premier hatte Lord Horace gebeten, in der Hoffnung bei ihm einen
Rat, einen Plan zu finden.

Lord Horace trat in den Raum und nahm ihm gegenüber Platz.

Es dauerte geraume Zeit, bevor Lord Maitland die Lippen öffnete. Und
dann sprach er auch nur vier Worte: »Der Krieg ist aus!«

Lord Gashford erwartete etwas anderes. Erwartete Hilfe durch Rat und
Tat und wurde ungeduldig. Er suchte sein Gegenüber auf Umwegen zum
Sprechen zu bringen und fragte: »Wie wird sich die Regierung in Amerika
verhalten?«

»Noch dem Sturze Stonards kommt ihnen der Frieden gelegen. Der Gedanke,
einer anderen Eisenfaust gehorchen zu müssen, ist ihnen nicht so
fürchterlich. Sie sind ja zwanzig Jahre versklavt gewesen.«

Lord Gashford fuhr auf.

»Aber wir? Großbritannien ... das freieste Land der Welt, stolz darauf,
niemals einer fremden Macht hörig gewesen zu sein. Wie werden wir uns
stellen?«

Lord Horace antwortete langsam, und Resignation klang aus seinen
Worten: »Der Frieden mit Amerika wird nicht schwer zu schließen sein.
Viel schwerer der mit unseren Dominions und Kolonien. Ich fürchte, daß
Australien sich vom Reich lösen wird. Die afrikanische Union braucht
uns noch. Trotz ihrer eigenen starken Industrie benötigt sie ...
vorläufig noch das Mutterland. Und Indien ...«

»Und Indien ...?« Lord Gashford stieß die Frage heraus.

»Indien ... Einer von den dreien ist ein Inder ... Ich hoffe,
daß die indische Intelligenz das Gute zu würdigen weiß, das die
englische Regierung dem Lande gebracht hat. Wir haben nicht immer
fein gewirtschaftet. Es sind Hunderttausende unter unserer Herrschaft
verhungert. Aber Millionen hätten sich gegenseitig die Hälse
abgeschnitten, wenn wir nicht dagewesen wären.«

Lord Gashford zählte an den Fingern wie ein Schulknabe bei seiner
Rechenaufgabe:

»Kanada verloren ... Australien halb verloren ... Afrika unsicher ...
Indien nicht sicher ...«

»So könnte es wohl geschehen, daß uns nur die britischen Inseln
bleiben ...«

Lord Horace blickte düster vor sich hin. Ein leises Nicken nur drückte
seine Zustimmung aus.

»Wenn nicht ...« Kaum hörbar waren ihm die Worte über die Lippen
geglitten, aber den gespannten Sinnen Lord Gashfords waren sie nicht
entgangen.

»Wenn nicht? ... Was meinen Sie? Wenn nicht ...«

Die Muskeln im Gesicht Lord Maitlands spannten sich. Zwischen den
Zähnen stieß er die Worte hervor:

»Wenn nicht diese Macht ... diese unheimliche, unwahrscheinliche Macht
ein Narrenspiel der Weltgeschichte ist ...«

Lord Gashford machte eine abwehrende Bewegung.

»Vorläufig ist die Macht da! Was raten Sie?«

»Kaltes Blut! Sich vorläufig damit abfinden. Vorläufig dem Zwange
folgen ...«

Der Ferndrucker auf dem Tisch begann zu schreiben. Ein Ersuchen der
amerikanischen Regierung, Zeit und Ort für die Friedensverhandlungen zu
bestimmen. Lord Gashford las und schob den Streifen Lord Horace zu.

»Sie kennen die Union seit langen Jahren. Ich ersuche Sie, die
Verhandlungen als Bevollmächtigter Großbritanniens zu führen.«

»Meine Vollmachten ...?«

»... sind unbegrenzt.«

»Unbegrenzt ... soweit die Grenzen nicht die Macht zu ziehen
beliebt ...«

Lord Horace verließ den Premierminister. Er hatte ein Gefühl, als ob
die Wände des Gemaches ihn erdrücken wollten. Aufatmend stand er auf
der Straße und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann gab er
dem Wagenlenker einen kurzen Befehl.

Der Wagen wand sich durch die Straßen der Stadt und nahm den Weg über
das freie Land. Vorbei an saftstrotzenden Triften und Weiden, durch
Dörfer und sommergrüne Wälder.

Lord Horace achtete nicht darauf. Seine Gedanken beschäftigten sich mit
der Macht. Erst in dieser Stunde kam es ihm ganz zum Bewußtsein, wie
eng und eigenartig gerade die Beziehungen seines Hauses zu den dreien
waren, die heute der Welt ihren Willen diktierten.

Seine Gattin so eng bekannt mit dem einen, dem Mächtigsten. Die Gattin
des anderen seit Wochen als Gast unter seinem Dach.

Flüchtig ging ihm ein Gedanke durch den Kopf. Konnte England Jane
Bursfeld nicht als Geisel nehmen? Dadurch den Willen der Macht
beeinflussen?

Ebenso schnell wie der Gedanke auftauchte, wurde er verworfen. Jane
hatte erzählt, wie Atma und Silvester nach Amerika kamen, wie schon ein
winziger Strahler Glossins Flugschiff lähmte, die Maschinen zerschmolz,
die Besatzung verbrannte. Was würde die Macht heute tun, wenn England
die Hand auf Jane legte? Heute, da ihre Waffen viel stärker waren, viel
weiter trugen, viel sicherer trafen.

Lord Horace gab das Grübeln auf. Er nahm den Hut vom Haupt und ließ
sich den Fahrwind um die brennende Stirn fegen. Aber die Gedanken
verließen ihn nicht. Diana kannte den einen, Jane ist die Gattin des
anderen. Irgendeine Möglichkeit müßte es dadurch geben, mit den Trägern
der Macht in Berührung zu kommen. Irgendein Pfad müßte sich zeigen,
auf dem England aus dieser Sackgasse herauskommen kann. Die Gedanken
verfolgten ihn bis an das Ziel seiner Fahrt.

In der großen Halle in Maitland Castle saß Jane auf ihrem
Lieblingsplatz. In dem Erker, von welchem der Blick auf die Veranda und
den Park ging. Ein Nähkörbchen stand vor ihr. Sie arbeitete an einem
Jäckchen. Doch die Arbeit lag auf dem Tisch, und ihre Augen hafteten
an einem Schriftstück. Die blauen Typen des Farbschreibers. Die letzte
Depesche der Macht. Als der Telegraph die Botschaft der Macht auch nach
Maitland Castle meldete, hatte Jane das Schriftstück an sich genommen.
Seit zwei Tagen trug sie es bei sich und las es in jeder unbeobachteten
Minute wieder und immer wieder.

Ihr Blick hing wie gebannt an den Schriftzeichen. Sie überhörte dabei
das Kommen Dianas, die leise hinter sie trat, ihr den Arm auf die
Schulter legte.

Jane schrak zusammen. Sie versuchte es, das Papier zwischen die
Wäschestücke zu schieben.

»Jane, mein Kind. Schon wieder die Depesche?«

»Ach ... Diana ... Sie wissen nicht, was die Worte auf diesem Papier
für mich bedeuten. Immer wieder finde ich Trost in diesen Zeilen. An
alle Welt ist die Depesche gerichtet. Ich aber sehe den vor mir, der
sie abgesandt hat.«

Diana hatte sich der jungen Frau gegenüber niedergelassen. Sie sah, wie
fliegende Röte über ihre Züge huschte, las in diesem Gesicht wie in
einem offenen Buch. Freude, daß der Gatte lebte. Stolz, daß die Idee
zu dem großen Werk in der genialen Erfindung ihres Gatten wurzelte.
Glück, daß sie nach vollendetem Werk Silvester bald wieder in die Arme
schließen könne.

»Kind! Wenn jemand Sie versteht, so bin ich es. Ich bin stolz darauf,
die Gattin Silvester Bursfelds meine Freundin nennen zu können.«

Tiefes Rot überflutete Janes Wangen. Ein hilfloses Lächeln zuckte um
ihre Lippen.

»Was Sie sagen, sollte mich stolz machen. Aber was bin ich Silvester?
Was kann ich ihm jetzt noch sein? Je höher Sie meinen Mann und sein
Werk stellen, desto kleiner und unwerter komme ich mir selbst vor. Ich
fürchte mich vor dem Wiedersehen! Statt meinen Silvester zu umarmen,
werde ich vor einem Mann stehen, zu dem die Welt aufblickt. Was werde
ich ihm noch sein können?«

Diana richtete sich auf.

»Was sagen Sie, Jane? Sie versündigen sich mit Ihren Worten an der
heiligsten Bestimmung des Weibes. Sind Sie ihm nicht Gattin? ...
Erfüllen Sie nicht damit die hehrsten Gesetze; die die Natur dem Weibe
vorgeschrieben?«

Mit aufleuchtender Freude lauschte Jane den Worten Dianas.

»Jane! Sie geben ihm den Erben. Sie pflanzen sein Geschlecht fort, in
dem der Name und Ruhm Silvester Bursfelds weiterleben wird. Er weiß es
nicht. Wie er sich freuen würde, wenn er es wüßte!«

»Glauben Sie ...?«

»Ganz gewiß!«

»Aber Sie, Diana ...?!«

»Ich ...?«

»Warum weiß Lord Horace nicht davon, daß ...«

Mit einer raschen Bewegung wandte Diana Maitland den Blick dem Park zu.
Jane sah, wie ihr eine jähe Röte über den Nacken lief.

Ein drückendes Schweigen. Bis Diana Maitland sich mit einer müden
Bewegung Jane wieder zuwandte. Sie vermied es, Janes Frage zu
beantworten. Nahm den Papierstreifen aus den Händen der jungen Frau.

»Ja ... die Depesche ... Es sind die stolzen Worte einer überlegenen
Macht ... Aber sie künden der Menschheit den Frieden. Ich kenne die
Politik ... ihre Mittel und Wege ... ich kann mich in die Seelen der
Tausend von Frauen und Männern versetzen, denen die Worte der Depesche
Schicksal und Leben bedeuten. Dann glaube ich zu träumen und zweifle,
ob es wahr ist, was die Worte der geheimnisvollen Macht enthalten ...
ja, Jane ... ich habe Zweifel, ob es wahr ist ... Aber ... nein, es
muß wahr sein ... Denn Eriks Worte sind es ja ... Erik ... lügt nicht!«

»Erik? ... Meinen Sie Erik Truwor?«

»Ja, Erik Truwor.«

»Kennen Sie Erik Truwor?«

»Ja ... ich lernte ihn vor Jahren in Paris kennen.«

»Sie kennen Erik Truwor, den besten Freund meines Mannes?«

»Ja. Ich kenne ihn ... habe ihn sehr gut gekannt.«

»Aber Sie sprechen nie von ihm. Und doch ist sein Name in unseren
Gesprächen schon oft gefallen.«

»Lassen Sie, Jane! ... Es sind Erinnerungen, die ... ich ... begraben
... vergessen haben möchte. Ich denke jetzt nur noch an sein Werk
... Wird es ihm glücken? ... Wird ein idealer Wille im Besitz einer
unendlichen Macht imstande sein, der Menschheit den Frieden zu geben,
die Dinge der Welt zum Heil der Menschheit neu zu ordnen ... ich denke,
es wird ihm gelingen ... er wird sein Werk vollbringen, nach dem eine
neue Zeitrechnung für die Politik und Geschichte Europas ... nein, der
ganzen Welt beginnt ...«

Lord Horace stand plötzlich in der Halle. Diana fühlte sich unsicher.
Sie wußte nicht, wieviel ihr Gatte von dem Gespräch gehört haben
mochte, wieviel von diesem Gedankenaustausch an sein Ohr gedrungen war.

»Auch hier Politik? Wo ich Ruhe suchte, fand ich immer nur Politik.«

»So muß es wohl sein, Horace. In Schloß und Hütte, in den entlegensten
Winkeln der Erde bewegt doch alle dieselbe Frage. Kann es etwas
Erhebenderes geben als den Gedanken, daß die Welt endlich zur Ruhe
kommen soll? Daß dies sinnlose Morden und Zerfleischen ein Ende haben
soll ...?«

»Du scheinst dich schon ganz als Weltbürgerin zu fühlen. Was aus
unserem Lande ... aus dem britischen Weltreich wird, ist dir
gleichgültig. Freilich ... du bist keine geborene Britin.«

»Aber ich habe stets als englische Patriotin gefühlt. Ich habe stets
empfunden ...« -- Lady Diana sprang auf und trat ihrem Gatten entgegen
-- »... daß ich die Gattin Lord Maitlands bin.«

»... als Britin hast du gefühlt?«

»Stets, Horace!«

»Und trotzdem bist du für die Pläne der Macht eingenommen?«

»Ja!«

»Ja ... verstehst du den Sinn dieser Depesche nicht?«

»Aber ja, doch! Es ist die frohe Botschaft vom Frieden ... die
Freudenbotschaft, daß der Krieg zu Ende ist.«

»So ... so!? ... Weiter nichts?«

»Ja ... Ist denn das nicht genug? Klingt das nicht wie das
Weihnachtsevangelium?«

»Weihnachtsbotschaft? ... Freudenbotschaft? ... Welcher Mann kann
das als Freudenbotschaft ansehen, was ihm Sklaverei und Knechtschaft
bedeutet.«

»Horace ... Horace ... was sprichst du?«

»Soll ich dir die Depesche ins Gedächtnis zurückrufen ... soll ich sie
dir noch einmal vorlesen?

        ›Der Krieg ist zu Ende! ...
        Die Macht fordert Gehorsam ...
        Ungehorsam wird bestraft!!! ...‹

Macht dir das als Britin Freude?«

Das klang ganz anders als die Tonart, in der Diana die Depesche
gelesen hatte. Wie Peitschenhiebe knallten hier die einzelnen Worte,
steigerte sich die Drohung von Satz zu Satz, bis sie schließlich
brutal herauskam. Bei jedem Worte dieser lapidaren Sätze trat Diana
automatisch einen Schritt zurück. Ihre Augen hingen starr und ratlos an
ihrem Gatten. Aber auch Lord Maitlands Züge hatten die gewohnte Ruhe
verloren. Es zuckte in ihnen. Röte der Erregung und des Zornes lag auf
seinem Antlitz.

Wie hatte Diana mit Jane zusammen über diese Depesche gejubelt, und
wie anders klang sie jetzt. Ein eisiger Schauer überlief Diana. Sie
bedeckte ihre Augen mit den Händen. Hatte sie sich so getäuscht?

Wortlos standen die Gatten sich gegenüber. Langsam ließ Diana die
Hände sinken und ... was war das? ... Irrte sie sich nicht ... war das
nicht ein leises Flimmern eines Triumphes in seinen Augen? ... Nein!
Die Botschaft Erik Truwors klang falsch im Munde ihres Gatten. Sie
war anders zu lesen, mußte so gelesen werden, wie Diana und Jane sie
gelesen hatten.

»Horace ... kannst du dich nicht freimachen von einem Namen? ... Kannst
du den Mann nicht von seinem Werke trennen?«

Lord Horace zeigte wieder die ruhige unbewegliche Haltung des
englischen Aristokraten. Keine Spur in seinen Mienen verriet mehr, wie
nahe ihm diese Unterredung ging, wie sehr schon der Name Erik Truwors
ihn erregte. »Mein Herz ist kühl genug, um den Namen von seinem Werk zu
trennen.«

Gelassen, fast müde kamen die Worte von seinen Lippen. Aber er
beobachtete scharf und sah, wie Diana von diesen Worten getroffen
wurde. Wie sie die Hände gegen die Brust preßte, als müsse sie einen
tiefen Schmerz unterdrücken. Er sah, wie sie sich schweigend zum
Fenster hin wandte, und stand selbst unbeweglich auf seinem Platze. War
es möglich, daß seine Worte ihr Herz so trafen, daß er ihr doch alles
... der andere, der verhaßte Name nur ein Schemen war?

Es drängte ihn, vorwärtszustürzen. Mit Mühe hielt er den Namen Diana
auf seinen Lippen zurück. Einen kurzen schweren Kampf, dann hatte er
die volle Herrschaft über sich gewonnen.

»Die Zukunft wird erweisen, wer recht hat. Ich wünschte ... ich
wünschte von Herzen, du hättest recht ...«

Als Diana sich umwandte, hatte Lord Maitland die Halle verlassen.

Diana war allein. Ihr Gesicht war entstellt, gealtert, schmerzverzerrt.
Ihre Augen starrten auf die Stelle, wo Lord Horace gestanden hatte.
Kaum hörbar kam es von ihren Lippen: »Erik Truwor ... Erik ... Truwor!«

Ein Götzenbild! Wankte es? Stürzte es? ... Wo war die Wahrheit? ...
Schluchzend sank sie auf den Teppich nieder.

       *       *       *       *       *

Der lange, sechs Monate währende Poltag ging seinem Ende zu. Dicht
über dem Horizont zog die Sonne ihren vierundzwanzigstündigen Kreis.
Immer näher kam sie der Kimme, wo Eisfeld und Himmel zusammenstoßen.
Klingender Frost kündete die kommende Polnacht.

Erik Truwor trat aus dem Berg. Den schweren Eisstock in der Rechten,
stieg er über die Stufen und Eisbänder schnell empor, bis er die
höchste Zinne erreichte. Da hatte in den vergangenen Tagen die Sonne
den Eisberg mit wärmenden Strahlen umkost und seine Formen verändert,
hatte aus dem grünlich und bläulich schimmernden Eismassiv ein
Gebilde geformt, das an einen hochlehnigen Sessel gemahnte, an einen
Königsstuhl aus den Zeiten der Goten oder Merowinger.

Hier blieb er stehen, und sein Auge haftete an der zum Sitz
ausgeschmolzenen Gipfelzinne.

»Was ist das? ... Ein Sitz! ... Ein Thron ... mein Thron?!«

Mit einer Herrschergebärde ließ er sich nieder. Den schweren Eisstock
wie ein Zepter an der rechten Seite. Die Arme auf den Seitenlehnen
dieses bizarren Thrones. So saß er dort, rot von der Sonne umglüht,
einer Statue vergleichbar. Saß und sann.

Sprunghaft wurden seine Gedanken, kreuzten sich, überstürzten sich.

In der Höhle des Eisberges neben den Funkenschreibern stand Atma. Der
Inder ließ die Streifen durch die Finger laufen, zurück bis zu der
letzten drohenden Depesche der Macht, die auch hier von den Apparaten
mitgeschrieben war.

War die Kluft schon so weit geworden, daß Erik Truwor seine Gedanken
und seine Geheimnisse für sich behielt?

Mit wachsender Sorge hatte Atma die Veränderung des Freundes verfolgt.
Was würde kommen, was würde das Ende sein? Was stand im Buche des
Schicksals über Erik Truwor geschrieben?

Atma sprang auf und verließ den Berg. Er stand auf dem flachen Eis
und blickte sich um. Gegen den tiefroten Abendhimmel hoben sich die
gigantischen Formen des Eisthrones ab. Wie eine dunkle Silhouette sah
er die Gestalt Erik Truwors dort gegen den blutfarbigen Himmel in den
Äther ragen. Ein Zepter an der Seite, den Blick in die Ferne gerichtet.

So gewaltig, so zwingend war das Bild, daß es Soma Atma in tiefen Bann
schlug, seine Gedanken verzauberte, seine Erkenntnis trübte.

Sollte er sich täuschen? Erhob das Schicksal diesen Mann weit über alle
Sterblichen? War ihm die Weltherrschaft, die absolute Gewalt über Tod
und Leben aller Geschöpfe bestimmt?

In eisiger Einsamkeit verrann die Zeit, bis der Zauber wich, bis Atma
nicht mehr den Schein, sondern das Wesen sah.

Erik Truwor saß dort oben und starrte regungslos in den glühenden
Sonnenball. Leise und abgerissen fielen Worte von seinen Lippen:

»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? ... Was bin ich?! Bin ich
der Herr? ... Ja ... ja! Ich bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu
zwingen! ... Zwingen ... zum Guten zwingen. Ein guter, ein gerechter
Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu trotzen wagen?! ... Trotzen
... wer will mir trotzen? ... Kein Sterblicher! ... Auf Erden keiner
... keiner! ... Silvester ... Atma? ... Auch die nicht ... Ha! ...
der eine sicher nicht. Den hat das Schicksal genommen, als er sein
Geschick erfüllt ... Der andere! ... Atma? ... Atma! ... Atma!! ...
Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? ... Atma! ... Rief ich dich. Da
kommst du ja ...«

Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er auf Atma, der
langsam den Pfad emporklomm. Fester umkrampfte seine Hand den schweren
Eisstock.

»Hüte dich, Atma!«

Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen lauerte es.

Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der ganzen Kraft seines
zwingenden Auges an und sah, wie Erik Truwor kalt und fremd an ihm
vorbeiblickte.

»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?«

Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte den Inder mit einem
flüchtigen kalten Blick.

»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage.

»Fragst du so den Freund?«

Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich berührten.
»Freund ...?«

Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders.

»Erik ... besinne dich ... Was willst du tun? ... Denke an Pankong Tzo,
an die Weissagung, an die Ringe! -- Es waren drei!«

»Was gilt mir noch Pankong Tzo? ... Und die drei Ringe ...«

»Hast du Silvester auch vergessen?«

»Silvester? ... Silvester ... Der hat sein Geschick erfüllt ... Seine
Zeit war um ...« Erik Truwor stieß den schweren Stock in das Eis, daß
die Brocken spritzten. »Jetzt geht es um größere Dinge!«

»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht mehr? ... Oh, daß ich
bei Silvester im eisigen Grabe läge statt diese Stunde zu sehen ... Um
größere Dinge geht es, sagst du ... Denke an die Worte Tsongkapas: ›Es
mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als gute!‹ Was du sinnst,
weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken! Aber ich sage dir, nie wird ein
Werk bestehen, das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache
des Schicksals! ... Bedenke, daß du nur ein Werkzeug des Schicksals
bist.«

Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der hageren, hochragenden
Gestalt war gespannt. Noch schärfer, eckiger als sonst sprang die
gebogene Nase über die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen
die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und doch gewaltsam
in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos glitten Kraft und Willen Atmas an
dieser Wandlung ab.

»Ich ... ein Werkzeug des Schicksals? ... Und wenn ich es verschmähte,
ein Werkzeug des Schicksals zu bleiben ... und wenn ich« -- seine
Gestalt reckte sich, als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle --
»... wenn ich das Schicksal meistern wollte?!«

Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen wich Atma einen Schritt
zurück.

»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt es, mir zu trotzen
... das Menschengeschlecht liegt zu meinen Füßen ... Die Elemente
müssen mir gehorchen ... Ich will die Wogen des Meeres zähmen und dem
Sturm gebieten, sich zu legen ... nie zuvor wurde einem Menschen solche
Macht gegeben ... und ich soll sie nicht gebrauchen?«

Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal suchte und fand er
Worte, um den Freund zu halten.

»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine Seele erschüttert,
die Arbeit deinen Körper geschwächt.«

Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig ab.

»Krank? ... Erschüttert? ... Ha! Mein Körper ist kräftiger, mein Geist
klarer und frischer denn je.«

Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch die Finger laufen.

»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng. »Du frevelst! ... Du
frevelst am Schicksal. Hüte dich!«

»Ich mich hüten? ... Vor wem? ... Vor dir?«

Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden schlagen. Dann stieß
er ihn tief in das splitternde Eis hinter sich und reckte die Arme mit
geballten Fäusten gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren
Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich, und wie Krallen
bewegten sich die Finger.

Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach aus seinem Halse.

»Hüten soll ich mich? ... Hüten? Vor wem? ... Vor euch Unsichtbaren da
oben?! Haha ... Kommt heraus, ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren
Verstecken. Kommt! ... Ich will mit euch kämpfen! ... Ha ... Haha ...
wo seid ihr? Kommt! ... Habt ihr Furcht ... Haha ... Ich lasse mich von
euch nicht äffen. Ha ... ha ... haha ... Ich nicht!«

Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am Horizont ließ Atma
erschauern.

»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das Zeichen, das geschehen?«

»Ha ... ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das harmlose Wetterleuchten
soll wohl ein Zeichen von deinem Schicksal sein. Ha ... ha ... Ihr
Toren ... hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn nicht
begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles ... Übernatürliches ... und
wenn es euch paßt, einen Wink des Schicksals, dem ihr euch beugt ...
dem ihr euch fügt ... Ich will mich nicht fügen ... ich nehme den Kampf
mit euch auf ... ich forme mein Schicksal nach meinem Willen! ...
Wehe, wer mich stört! ... Wehe euch da oben ... ich fürchte euch nicht
... hütet euch vor mir ... Hütet euch. Ich komme über euch mit meiner
Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!«

Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte Erik Truwors
in die stille Polardämmerung. Und plötzlich eilte er springend und
stürzend den steilen Hang des Eisberges hinunter und verschwand in der
Höhle, die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte Atma seiner
Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise ankam, gerade, wie Erik Truwor
das Flugschiff aus seinem Versteck ins Freie brachte.

»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender Stimme.

»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie einst der jauchzende
Kriegsruf der alten Waräger. »In den Kampf! Mit denen da oben! Heißa!
... Jetzt wehrt euch ... Erik Truwor kommt ... der Große kommt.«

Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in den Rapid Flyer hob
und alle Vorkehrungen traf, die Kabine zu verschließen. Betend faltete
er die Hände. Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten
Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes waren aufs
höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben vermochten, konzentrierte
er mit stärkster Energie auf den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist
zu zwingen. Die hypnotische Gewalt begann zu wirken.

»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem Herzen größere Kraft.
Kraft, das kranke Herz zu zwingen und zu heilen. Dann nimm meine Seele
dafür hin.«

Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich inne. Seine
gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen. Dann plötzlich schien
er sich der fremden Kraft, die über ihn gekommen, bewußt zu werden.
Er wandte den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander.
Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber. Ein Zweikampf
... furchtbar ... stumm ... Bebendes Hoffen zog durch Atmas Seele. Der
Kampf war angenommen ... Durchhalten! Sein Gebet war erhört! ... Da ...
ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball und raubte sein Licht.
Einen kurzen Augenblick nur ... Da war es geschehen. In dem plötzlichen
Halbdunkel verlor Atmas Blick die Schärfe ... für einen Moment nur
entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt.

»Ha ... ha ... haha ...« Da war es wieder, das kurze, abgerissene
Lachen des Wahnsinns.

Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht und den bannenden
Blicken Atmas entzogen. Mit schaurigem Hohngelächter sprang er in die
Kabine und warf die Tür hinter sich zu.

Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der Rapid Flyer verließ den
Boden und schoß in die Höhe.

»Erik ... Erik Truwor!« ... Der Ruf Atmas verhallte ungehört in der
eisigen Luft. Schon ward das Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt
nur noch ein Punkt ... Jetzt nicht mehr sichtbar.

Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des Schicksals. Er ging
in den Berg zurück. Da fand er den Fernseher, fand den kleinen Strahler
und suchte am dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt
war und auf der Mattscheibe erschien. Da ... Einen Kampf sahen seine
Augen ... Einen Kampf, wie ihn noch nie ein Sterblicher erschaut ...
Einen Kampf gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen
Naturkräfte des Firmaments.

Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust ... Entsetzen sprach aus seinen
Zügen ... Seine Zunge stammelte Gebet ... Hilferuf ... Er barg das
Gesicht in den Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen.

       *       *       *       *       *

Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten und der
Plutokraten waren durch den Staatsstreich der Patrioten in gleicher
Weise überrumpelt worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus
Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung in ihren
Reihen. Die Revolution war von einer dritten viel jüngeren und, wie sie
meinten, viel schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten sehen,
daß die Masse des Volkes diese Revolution gut hieß, mußten mit der
Macht der Tatsachen rechnen.

Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution von ihrer Seite
den schärfsten Widerstand der Rechten finden würde, daß sie sich nur
nach blutigen Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die
Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich unternahm.
Und man wußte nicht, wie die unbekannte Macht sich zu blutigen
Konflikten stellen würde.

So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes Programm ohne
nennenswerte Widerstände durchzuführen. Viel glatter, schneller und
besser, als es eine der anderen Parteien jemals gekannt hätte.

Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging sich in
Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im neunzehnten Jahrhundert,
in denen Amerika das wahre Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus
allein den Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben hatte.
Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe für Cyrus Stonard dem
gestürzten Diktator gerecht. Sie achteten seine Größe und gaben der
Meinung Ausdruck, daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch seine
Mittel nicht immer die richtigen waren.

In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das Portefeuille des
Äußern. Er erhielt es wegen seiner Verdienste um die Durchführung der
Revolution und seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren
Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom ersten Tage seiner
Amtsführung an, daß er auf unsicherem Boden stand. Die Patrioten hatten
Cyrus Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der zwölften
Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange Jahre sein williges
Werkzeug gewesen war. Das brachte ihn in den schlimmen Ruf eines
Renegaten, heftete seinem Namen einen schweren Makel an.

Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner Stellung festigen.
Deshalb hatte er sich in Neuyork im Trinity Church District aufstellen
lassen. Dort hatte er seine Anhänger, und dort hoffte er durch
geschickte Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die Stimmen
dieser Partei für sich zu gewinnen.

Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte. Nur die
raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte es wagen, die Stimmen
einer fremden Partei im geheimen Einverständnis mit deren Führern zu
erlisten. Er unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah,
sich in der Regierung zu halten.

Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische Partei gab,
die sich nach den Ereignissen des siebenten August von ihm düpiert
fühlte und deren Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken
sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis seiner letzten
Besprechung mit den Führern der Linken befriedigt, als sein Kraftwagen
ihn in der Abendstunde des zwanzigsten August über den Broadway fuhr.

Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine Aufmerksamkeit.
Das Blatt der Neuyorker Konservativen. Er sah auf der ersten Seite ein
Porträt, hörte, wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus
dem Vorleben unseres Außenministers!!«

Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen. Hörte, während er es
erstand, aus dem Geschrei der Boys eine Fülle anderer Überschriften.

»Bekommt von England nicht genug! ... Die Millionen aus Japan! ...
Doppelspiel vom ersten Tage! ... Englischer Abkunft! ... Amerikanischer
Bürger! ... Japanischer Spion! ... Der Bravo des Diktators! ... Er
verrät weiter! ... Wen verrät er? ... Das amerikanische Volk!« ...

Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt und machten sich
den Spaß, ihm die einzelnen Überschriften des Artikels zuzuschreien,
bis der Kraftwagen ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach dem
Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen. Den kleingedruckten
Text zwischen den fetten Überschriften.

Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und sein ganzes
Vorleben unheimlich genau kennen. Da war keiner seiner schlimmen
Streiche vergessen, keine seiner Verrätereien und Meinungsänderungen
ausgelassen. In schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben
Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko bis zu
seinem letzten Doppelspiel mit den Führern der Roten dar. Er deckte den
Artikel mit seinem vollen Namen. Der konservative Politiker MacClaß
genoß auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine Achtung.

Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz. Was tun? Eine neue
Revolution versuchen? Offen mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den
Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war.

Jetzt gerade nach Washington und den anderen die eiserne Stirn gezeigt!
Hatte er nicht allein die Revolution gemacht? Was waren die anderen
ohne ihn? Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre es
ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten sie alles. Mit ihm
mußten sie weiter durch dick und dünn gehen, wenn sie an der Macht
bleiben wollten. Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf
zu bedeuten?

Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im Weißen Hause. Kühle
Worte und kühle Mienen. Es war klar, daß der Artikel von MacClaß hier
bereits bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche und warf
es auf den Tisch.

»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem Broadway. Schwindel
natürlich! Alles Schwindel!«

Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis William Baker die Frage
stellte: »Alles ...?«

Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn mußte Glossin sofort
ein einziges Wort sagen: »Alles!«

Als er den geraden durchdringenden Blick William Bakers auf sich ruhen
fühlte, versagten ihm für einen Augenblick Entschlossenheit und Mut.
Als sie ihm wiederkamen, war es für diese kurze knappe Antwort zu spät.
Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und Entrüsteten spielen.

»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen nicht für wahr
halten. Ich bin bereit, mich von jedem Verdacht zu reinigen.«

»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung sehr erwünscht, wenn
Sie das könnten.«

William Baker sprach die Worte langsam, während er eine Mappe ergriff,
aufschlug und vor Glossin hinschob.

Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag stockte ihm.

Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos mit England
geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein Dechiffreur von Gottes Gnaden
hatte den geheimen Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier
standen die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen hatte.
Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für ihn war. Dann weiter seine
Verhandlungen mit den Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte
mechanisch weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an den Beauftragten
des amerikanischen Volkes William Baker.

Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Er fühlte, daß
sein Spiel verloren war. Wie aus weiter Ferne klangen die Worte William
Bakers an sein Ohr:

»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen. Wir wollten
nicht handeln, ohne Sie gehört zu haben. Was haben Sie zu sagen?«

Dr. Glossin schwieg.

»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie können aus diesem Zimmer
als Untersuchungsgefangener des Staatsgerichtshofes hinausgehen ...
oder ... als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen und die
Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden Sie sich?«

Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten Tieres. Von
irgendeiner Stelle erwartete er Beistand ... Hilfe ... zum mindesten
Mitleid. Und fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß
sich zur Antwort: »Für das letztere.«

William Baker drückte auf einen Knopf.

»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum Schiff bringen.«

Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte dem Arzt. Uniformen
wurden sichtbar, als er die Tür zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des
Generals umringten den Doktor.

General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied die Nähe des
Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte er das Flugschiff
und stand abseits, während seine Leute die Einschiffung Glossins
überwachten. Anders als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr.
Glossins.

       *       *       *       *       *

Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine Anzahl von Dokumenten
und Berichten bedeckte den großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen
vor ihm. Die Feder ruhte in seiner Hand.

Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine Züge verrieten höchste
geistige Anspannung. Seine Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen
in der großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier, um dann
wieder mit dem Schreiben zu stocken.

Er legte die Feder beiseite und griff nach einem Schriftstück, nahm
ein zweites und drittes dazu. Überflog, las und verglich. Und dann
plötzlich wichen die Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten
der Befriedigung glitt über seine Züge ... ein leiser Ruf entrang sich
seinen Lippen: »So ist's!«

Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück und deckte die Hand
über die Augen. Noch einmal ließ er die Glieder der Kette, die er in
angestrengter Arbeit aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen.

Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von Halifax, datiert von
dem gleichen Tage, an dem der Friedensvertrag zwischen England und
Amerika unterzeichnet worden war. Um 8~h~ 17~m~ mitteleuropäischer
Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen in nördlicher
Richtung in der Zone der Polarlichter.

Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die Linien des
Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen von Eisen und
Aluminium. Die Astronomen von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin,
daß die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer Tonerde
betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien, es waren nur
Linien des reinen Aluminiums vorhanden ...

Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen nicht
anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte reines Aluminium explodiert
sein ... und dann die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch
die sooft zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur
Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden war dem deutschen
Gelehrten an diesem toten Punkt der Untersuchungen das erstemal
blitzartig der Gedanke gekommen: Das war eine Wirkung der Macht!
Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte Explosionen der
Raumenergie. Aber waren sie gewollt? ... Waren sie ungewollt geschehen?
... Waren sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten?
Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen.

Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des deutschen Dampfers
»Bismarck« aus dem Nordatlantik vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher
Breite 35° 17′ westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See
in 10 ~km~ Breite und 50 ~km~ Länge. Schwere Dampfwolken. Heißer
Sprühregen auf Deck.

Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und Kommentare
wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben. Nach den Vermutungen der
Gelehrten handelte es sich um einen unterseeischen Vulkanausbruch.

Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen Abend gelesen.
Er vermißte die genaue Zeitangabe und war deswegen auf die Redaktion
gegangen. Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8~h~ 13~m~ abends.
Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit in der Hand
behalten. Der Zusammenhang war zu frappant, zu augenfällig, um ihn
nicht zu erschüttern. Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der
Redakteur eine andere eben einlaufende Depesche des Forest Department
of Canada vorgelegt. Ein Bericht über einen schweren Waldbrand, bei dem
mehrere tausend Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige
war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich weitergefressen hatte.
Die ganze riesige Fläche mußte beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und
niedergebrannt sein.

Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem gleichen Tage noch eine
eigentümliche Meldung veröffentlicht. Einen Funkspruch der indischen
Großstation zu Dehli.

Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja. Ghahngak, Burh
Ghandk und Damla werfen Hochwasser in den Ganges. Überschwemmung bei
Hajipur.

Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die Nachricht aus Dehli
auch gebracht. Sie fügten aber eine zweite Depesche an, gleichfalls aus
Dehli, daß die Schneeschmelze und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie
sie aufgetreten waren, auch wieder nachgelassen hätten.

Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die wichtigsten Glieder
der Kette.

Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden. Die Gedanken kamen
und gingen während der Stunden von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang.
Sie überfielen ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder und immer
wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in Zusammenhang zu bringen. Als
er sich am frühen Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind
keine zufälligen Naturereignisse ... es waren Wirkungen der Macht ...
Was war geschehen? ... Raumenergie war an den verschiedensten Stellen
der Erde fast gleichzeitig explodiert ... Warum? ... Weshalb? ... Vor
dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich gewesen ...
Warum jetzt? ... Jetzt war eine Probe der Macht nicht mehr nötig.

In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps ein Telegramm aus
Hammerfest bekommen. Auch dort waren die beiden Explosionen im
Spektroskop beobachtet worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte
seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die Linien reinen
Aluminiums.

Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen ... hatte es
noch Sinn ... war es am Ende auch sinnloser Kampf ... hatte die Macht
sich selbst bekämpft? ... Drei waren es doch ... drei sollten es sein?
... Waren die drei Träger der Macht miteinander in Kampf geraten? Oder
... war es Selbstvernichtung? ... Selbstvernichtung? ... Das Korrigens?
»So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als seine Schlußkette bis
zu diesem Punkte geschmiedet war. Das Korrigens des alten Linnés hatte
sich gezeigt. In gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem
Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte ... War es das?
... Es mußte so sein.

»So ist's! ... So ist's gewesen.« Die Überzeugung dafür trug er in Kopf
und Herz.

Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über Elektrodynamik zu
halten. Er verließ seine Wohnung und ging in die Hochschule.

Er sprach und war selbst über den Schwung, über das Feuer seines
Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er merkte es an den Mienen der
Zuhörer, daß er das Auditorium heute mehr denn je faszinierte. Es lebte
und wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den logischen Schlüssen,
den mathematischen Formeln seiner Vorlesung einen höheren Schwung gab.
Und die Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das feine
ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude glühte.

Die Vorlesung war zu Ende. Professor Raps wollte das Katheder verlassen
und sah, daß seine Hörer noch etwas von ihm erwarteten, daß hundert
Augenpaare fragend an seinen Mienen hingen. Und blieb noch einmal auf
dem Katheder stehen, fühlte, wie seine Lippen sich unter einem inneren
Zwang öffneten. Wußte nicht, wie es geschah, daß er die Worte sprach:
»Meine Herren! ~Natura non facit saltus!~«

Stille herrschte im Hörsaal. Aber die Hörer sahen das Gesicht ihres
Lehrers aufleuchten, sahen eine Verklärung auf seinen Zügen, und jeder
von ihnen fühlte es: Hier hatte ein großer Geist in die weltbewegenden
Ereignisse der letzten Tage hineingeschaut. Brausender Beifallsturm
durchtobte den Saal, als der Professor das Katheder verließ.

Die Abendblätter brachten bereits einen Bericht über die Vorgänge im
Kolleg. Das Wort Linnés, das der Professor dort gesprochen, wurde um
den Erdball gefunkt.

Ein Blatt brachte die Nachricht, daß ein hoher Beamter der
Reichsregierung den Professor bereits am Nachmittag in seiner Wohnung
aufgesucht und eine längere Unterredung mit ihm gehabt hatte. Ein
anderes wußte zu melden, daß die Vertreter der Reichsregierung danach
bis spät in die Nacht hinein getagt hätten. Depeschen durchschwirrten
die Welt. Die Konferenz der Reichsminister erwies sich als Tatsache und
steigerte die Spannung.

Was wußte Deutschland? ... Kannte es das Geheimnis?

Die Augen der ganzen Welt richteten sich plötzlich nach Deutschland.
Man begann zu rechnen. Man überschlug die deutschen Machtmittel.
Die wirtschaftliche Stärkung Deutschlands durch die Lieferungen des
Englisch-Amerikanischen Krieges. Daneben die Schwächung der beiden
kriegführenden Länder. Die Erschöpfung ihrer Kassen, der Verlust ihrer
Flotten und sonstigen Kampfmittel.

War Deutschland dem Geheimnis der Macht auf die Spur gekommen?

       *       *       *       *       *

Als die Tür des Rapid Flyers ins Schloß fiel, ließ Erik Truwor die
Turbinen anspringen. In jähem Aufstieg stürmte die Maschine in die
Höhe, brachte Kilometer um Kilometer unter sich.

Schon stand der Sonnenball, der dort unten bereits zur Hälfte vom
Horizont verdeckt wurde, wieder frei über der Kimme. Schon höhlte sich
die weitgestreckte Eiswüste wie eine ungeheure Mulde unter dem Flieger.

Erik Truwor stand am Steuer und sah es ... blickte dann wieder nach
oben und ballte die Fäuste, als drohe er einem unsichtbaren Feind.

Ein einziger Gedanke beherrschte sein krankes Gehirn: Nach oben ...
immer höher nach oben ...

Der Flieger stieg und stieg. Aber er war nur gebaut, eine Höhe von
dreißig Kilometer zu erreichen, in ihr zu fliegen.

Erik Truwor sah am Höhenmesser, daß die Maschine langsamer stieg, daß
die Kraft der Turbinen nachließ.

»Haha ... haha ...« Wieder entquoll jenes dumpfe schaurige Gelächter
seinen Lippen.

»Menschenwerk! ... Tand ... Sie können nicht weiter. Ihre Macht ist zu
Ende ... Aber ich, ich habe die Macht ... haha ... ich steige, bis ich
euch unter mir habe ... ihr da oben ...«

Mit geschickten Griffen entfernte er die Sperrungen an den Schalthebeln
des Strahlers. Und konzentrierte dann die Energie in den Druckkammern
der großen Turbinen.

Schon war es geschehen, schon war die Wirkung zu merken. Die Turbinen,
die bis dahin matt und unregelmäßig gelaufen waren, begannen sich in
rasendem Wirbel zu drehen, rissen die Propeller in gleichem Tempo mit
sich.

Der Rapid Flyer stieg unaufhaltsam. Längst hatte er die
Dreißigkilometerhöhe überschritten und war tief in die Zone der
Polarlichter eingedrungen. Schon strahlte die Sonne wieder gelbweiß,
die er so lange Tage nur in blutfarbenem Dämmerschein erblickt hatte.
Schon stand sie hoch über der Kimme.

Der Rapid Flyer stieg, und das Land weitete sich. Schon waren hundert
Kilometer erklommen. Die nördlichen Küstenstreifen der Kontinente
wurden sichtbar, mehr zu ahnen als zu erblicken.

Höher hinauf! ... Immer höher! ... Es war vergeblich, daß er die
Turbinen bis zum Bersten mit Energie versah. Es war vergeblich, daß die
Propeller, bis zum Zerreißen gespannt, in rasendem Spiel rotierten. Die
Atmosphäre war in dieser Höhe zu dünn, um den Luftschrauben noch Halt,
den Tragflächen Stütze zu geben. Über hundert Kilometer kam er mit der
Maschine nicht hinauf.

Wie hatte er auch hoffen können, mit diesem gebrechlichen Menschenwerk
Höhen zu erreichen, aus denen er sein ganzes Reich zu übersehen
vermochte. Etwas ganz anderes würde er bauen müssen. Eine Maschine,
die, durch die Gewalt des Strahlers allein getrieben, raketenartig
durch den Raum fuhr, die ihn in Sekunden Hunderte von Kilometern über
die Erde erhob. Einen Himmelswagen, der neuen Macht ... der neuen
Gottheit würdig. Schade, daß Silvester tot war. Der hätte ihm die
Maschine sicher und schnell gebaut.

Unter dem rasenden Spiel der Propeller dröhnte und summte der metallene
Rumpf des Rapid Flyers wie eine gespannte Saite. Jäh mischte sich
ein scharfer Klang, ein harter Schlag in das Singen des Rumpfes.
Erik Truwor trat einen Schritt zurück. Dicht neben ihm zeigte die
Aluminiumwand eine schwere Einbeulung, als ob ein großer Stein sie von
außen getroffen hätte.

In das Dröhnen des getroffenen Rumpfes mischte sich das dumpfe
schaurige Lachen Erik Truwors.

»Ihr droht mir ... ihr wagt mir zu drohen ... ihr wagt mein Schiff zu
berühren ... wartet ihr ... ihr ... Ich werde euch brennen ...«

Ein neues Dröhnen, eine neue Beule im Rumpfe des Rapid Flyers. An der
eingebeulten Stelle war das Metall bis zur Rißbildung gereckt. Noch
ein wenig mehr, und der Rumpf wurde undicht, die Sauerstoffatmosphäre
seines Innern entwich in die luftleere Umgebung ...

Und dann ein drittes Mal. Eine neue schwere Einbeulung.

Erik Truwors Geist begriff die fürchterliche Gefahr nicht mehr, in
die er sich so mutwillig begeben hatte. Er war aus dem Schutze der
dichteren Atmosphäre bis in jene fast luftleeren Höhen emporgestiegen,
in denen der Erde der Schutz des Luftpolsters fehlt.

Er sah nur unsichtbare feindliche Gewalten, die ihm die Macht
entreißen wollten. Mit einem Sprunge war er am Strahler und ließ die
telenergetische Konzentration nach allen Seiten um den Flieger kreisen.
Die Turbinen, der Energie beraubt, ohne Verbrennungsluft, ohne Kraft,
stellten die Arbeit ein. Schwer wie ein Stein fiel die Maschine im
luftleeren Raum nach unten.

Mit glühender Stirn und rollenden Augen stand Erik Truwor, die Hand am
Strahler, und schleuderte dem Schicksal seine Herausforderung entgegen.
Ein Bolide, ein Felsblock, viel größer als das Schiff, wurde vom Strahl
gepackt, zischte auf und stand als feurige Dampfwolke im Raume.

»Haha ... birg dich, Schicksal! ... Fliehe, Schicksal, sonst brenn ich
dich!«

Erik Truwor stieß die Worte, mit wahnsinnigem Gelächter vermischt,
heraus, während er den energetischen Strahl kreisen ließ. Doch der
freie Fall des Fliegers raubte ihm die Sicherheit der Bewegungen,
machte die schon so schwierige Aufgabe, mit einem Strahl den halben
Raum abzuschirmen, zu einer unlöslichen. Seine Hände vermochten den
Strahl nicht mehr sicher zu meistern. Wildzuckend stieß er nach allen
Seiten weithin durch den Raum. Jetzt traf er in Kanada einen Wald
und fraß ihn in feurigem Wirbel. Jetzt ließ er auf den Gipfeln des
Himalaja den Schnee aufkochen. Jetzt dampfte der Ozean, von der Energie
durchsetzt.

Das Flugschiff stürzte, während die Sekunden sich zur Minute ballten.
Schon wurde die Atmosphäre dichter, die Gefahr geringer.

Da ein scharfer, greller Schlag. Ein Meteorit von Faustgröße durchbrach
die Decke des Flugschiffes. Drang weiter vor und traf den Hebel des
Strahlers. Erik Truwor hatte zu Beginn seiner wahnsinnigen Fahrt
die Sperrungen entfernt. Der Hebel wurde zurückgetrieben. Über
den Sperrpunkt hinaus ... die Energie von zehn Millionen Kilowatt
explodierte im Flugschiff, im Strahler selbst ... Eine Feuerwolke, wo
eben noch der Flieger durch den Raum stürzte.

So schnell wie das Feuer am Himmel entstand, verschwand es auch wieder.
Machte bläulichem Dampf Platz, der sich ausbreitete, auflöste und zu
Nichts wurde. Nur das Nichts blieb übrig. Der leere Raum. Nichts mehr
vom Rapid Flyer, von seinem Insassen und vom Strahler.

Die letzten Ausläufer der schweren Explosion erreichten noch die
unteren Schichten der Atmosphäre. Ein Sturm jagte über das Schneefeld
und ließ die Flanken des Eisbergs erzittern. Ein Schüttern und Dröhnen
ging durch das Eismassiv. Ein Aufruhr aller Elemente begleitete den
Untergang dessen, dem das Schicksal eine so unendliche Macht anvertraut
hatte.

       *       *       *       *       *

Ein leuchtend schöner Septembermorgen lag über dem Park von Maitland
Castle. Ein feiner blauer Dunst milderte das Sonnenlicht, gab den
Wiesen und Baumgruppen eine besondere Tönung, ließ entfernte Dinge
unwahrscheinlich nahe erscheinen.

Der blaugoldene Frieden des lichten jungen Tages verschönte den
Park, während seine Herrin in Sorge und Unruhe war. Diana Maitland
wanderte rastlos durch die verschlungenen Wege der Anlagen. Heute
wollte ihr Gatte kommen. Die Nachricht war in der Nacht eingetroffen.
Der Friedensvertrag mit den vielen Paragraphen und Anhängen war
unterzeichnet. Der Herr von Maitland Castle kehrte in sein Haus zurück.

Diana ging durch den Park, gedachte des letzten Zusammenseins,
erwartete mit Unruhe das Kommende.

Wie war es gewesen? Horace konnte sich nicht zu ihrer Meinung bekehren.
Er sah nur Unheil in einer Macht, von der sie den Fortschritt und die
Befreiung der Welt erwartete. Horace glaubte nicht an Menschen, die
eine ungeheure Macht nur zum Besten der Menschheit anwenden würden.
Horace sah im Träger der Macht nicht den vollkommenen Menschen, sondern
einen Rivalen, der ihm das Herz seiner Gattin abwendig machte. Horace
konnte die Person nicht von der Sache trennen. Horace war eifersüchtig
... War es heute noch auf einen Mann, der vor Jahren einmal auf
kurze Wochen in den Lebenskreis Dianas getreten war. Und Diana wußte
nicht, wie sie ihm die Grundlosigkeit dieser Eifersucht beweisen
sollte ... Und fühlte doch in dieser Stunde stärker denn je, daß ihr
Lord Horace Maitland alles, jener andere geheimnisvolle Träger einer
geheimnisvollen Macht nur ein Schemen war. Nur noch eine Erinnerung an
längst vergangene Tage bedeutete. Die Erinnerung an ein kurzes Glück,
das unwiederbringlich dahin war. Eine Erinnerung, an die sie jetzt
denken konnte wie an ein schönes Bild oder einen schönen Tag, während
doch ihr Leben und ihre Liebe Horace gehörten.

Ruhelos durchwanderte sie den Park und wußte selbst nicht, zum
wievielten Male sie jetzt wieder an dem großen Eingangsportal
vorüberkam.

Eine Gestalt fesselte Dianas Aufmerksamkeit. Sie sah einen Mann dem
Gitter näherkommen. Nun unterschied sie Einzelheiten, erkannte die
dunkle, bronzefarbene Haut, dachte, das müsse wohl ein Inder sein. Und
dann stand die Gestalt an dem Torflügel, der dem Druck seiner Hand
nachgab. Stand auf dem Parkweg dicht vor Diana Maitland, grüßte sie
durch eine tiefe stumme Verbeugung nach indischer Sitte.

Diana blickte in sein Antlitz, sah in den Glanz eines leuchtenden
Augenpaares und fühlte, wie ihre Unrast einer wohltätigen Ruhe
wich. Wohl eine Minute stand sie so vor ihm, die vornehme Lady, die
Herrin von Maitland Castle, vor einem unbekannten braunen Mann, der
ohne Erlaubnis in ihren Park kam ... der ... war denn das Tor nicht
verschlossen? ... Sollte es nicht immer verschlossen gehalten werden?
... Kein Diener in der Nähe. Diana raffte sich zur Frage zusammen:

»Was suchen Sie hier?«

»Ich suche Jane Bursfeld.«

In jähem Schreck zuckte Diana zusammen.

»Was wollen Sie von Jane Bursfeld?«

»Ich will ihr sagen, daß Silvester Bursfeld tot ist.«

»Tot! ... Silvester Bursfeld ist tot?«

Ihre Blicke hingen wie gebannt an den glänzenden Augensternen des
Inders. Was verbarg sich noch hinter dieser hohen Stirn?

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Soma Atma, Silvester Bursfelds Freund.«

Langsam, schwerflüssig wie die Perlen eines Rosenkranzes fielen die
Worte von den Lippen des Inders, und bei jedem Wort wich Diana einen
Schritt weiter von dem Sprechenden zurück, hob abwehrend die Hände, als
schreckte sie vor jedem neuen Wort, das Atma sprach.

»Sie sind Soma Atma? ... Einer von den dreien?«

»Der Letzte!« ...

»Der Letzte?«

Schweigend neigte sich Atma, die Arme über der Brust verkreuzt.

»Die anderen? ... Wo sind sie?«

»Tot!« ...

»Tot ... beide tot? ... Auch Erik Truwor tot?« ...

»Er frevelte und starb ...«

Mehr taumelnd als gehend erreichte Diana die nahe Bank. Sie hörte nicht
das Signal des Autos, das ihren Gatten brachte. Sie sah nicht, wie
er den Wagen verließ. Sie sah nicht, wie er verwundert ... erstaunt
stehenblieb, wie Atma an seine Seite trat und beide auf dem Wege, der
zum Schloß führte, hin und her gingen. Sie gewann die Herrschaft über
ihre Sinne erst wieder, als der Ruf ihres Gatten ihr Ohr traf.

»Diana! ... Diana!«

Hatte die Kunde von dem gewaltsamen sündigen Tod Erik Truwors Diana
niedergeworfen, oder war es nur die Wucht aller dieser Ereignisse und
Nachrichten, die so plötzlich auf sie einstürmten? Lord Horace wußte
es nicht, aber er fühlte, daß die nächsten Minuten ihm die Klarheit
darüber bringen müßten.

Diana vernahm den Ruf und schrak auf. Schmerzzerrissen, mit verstörten
Augen blickte sie ihren Gatten an. Wie einen Unbekannten.

»Horace! ... Horace!«

Das war der Ruf einer Seele aus tiefster Not.

»Horace ... du! ... du!«

Lord Maitland legte die Arme um Dianas Leib. Er fühlte ihr Herz an
seiner Brust in wilden Schlägen toben. Er fühlte, wie ihre Glieder
zitterten und bebten.

»Diana ... was ...«

Behutsam und fürsorglich führte Lord Maitland Diana zu der Bank zurück.
Er wollte sprechen und kam nicht dazu. Sein Weib hing an seinem Hals,
umschlang ihn mit den Armen, als ob sie ihn erdrücken ... als ob sie
ihn nie wieder lassen wolle.

Ein frohes Leuchten kam in seine Augen.

»Diana?« halb Frage, halb Jubel lag in dem einen Wort. Er versuchte
es, die Arme, die ihn so fest umschlungen hielten, sanft zu lösen,
ihr Gesicht zu sich zu erheben. Sie widerstand ihm. Nur noch fester
umschlangen ihre Arme seinen Nacken, nur noch enger preßte sie ihr Herz
an das seine.

Und da wußte Lord Maitland: Sie war sein und immer sein gewesen. Mit
frohen Augen blickte er zu der strahlenden Morgensonne empor, Diana
fest in den Armen.

So saßen sie eng umschlungen, vergaßen die Welt um sich, vergaßen die
Zeit, die rastlos verstrich. Bis der Sonnenglanz sich trübte, ein
Schatten auf ihre leuchtenden Gestalten fiel. Der Schatten Atmas, der
dicht vor ihnen stand. Die Gegenwart Atmas brachte sie in Raum und Zeit
zurück.

»Wo ist Jane Bursfeld?«

Wie ein kaltes Wehen strich es über ihre glühenden Herzen.

»Jane?« ... Diana sprang auf.

»Arme Jane! Ich will Euch zu ihr führen.«

Langsam und zögernden Schrittes ging sie vor den beiden Männern nach
der Blutbuche hin, bei der sie Jane wußte. Bei dem Klang der nahenden
Schritte blickte Jane empor. Ihre Augen wanderten von dem einen zum
anderen. Dann erkannte sie Atma, sprang auf und lief ihm entgegen.

»Atma! Atma! Du ... du hier?«

Glück und Freude strahlten auf ihren Mienen.

»Atma, du bist hier? Wo ist Silvester? Wo hast du Silvester? .. Wann
kommt er? .. Wann holt er mich?«

Atma stand unbeweglich. Mit beiden Armen hatte er die Gestalt Janes
aufgefangen, als sie ihm entgegenlief. Sie hing an seinem Halse. Er
hielt sie nur noch mit der Linken umschlungen. Drückte die Linke fest
auf ihr Herz, während er mit der Rechten das zarte blonde Haupt auf
seine Schulter niederzog, ihr langsam über Stirn und Augen strich.
Langsam, wie schwere Tropfen fielen die Worte von seinen Lippen:
»Silvester ... dein Mann ... ist tot.«

Jane zuckte zusammen. Regungslos lag sie da im Arm Atmas, ließ sich von
ihm zu der Bank führen, saß immer noch in seinem Arm neben ihm.

»Silvester Bursfeld ist tot.«

In der Stille des Herbstmorgens drangen die Worte bis an das Ohr
Dianas, die sich an den Arm ihres Gatten klammerte.

Und noch ein drittes Mal wiederholte Atma die traurige Kunde, während
seine Linke das stockende Herz Janes zusammenpreßte.

»Silvester Bursfeld, dein Gatte, ist tot.«

Jane Bursfeld hörte die Worte, ohne zu weinen, zu klagen. Langsam hob
sie ihr blasses Haupt, starrte in den sonnigen Himmel, blickte, sann
und hörte, was Atma sprach.

Von der letzten Stunde Silvesters sprach Atma. Wie ihm der letzte große
Wurf gelungen. Wie er seine Entdeckung zur höchsten Vollendung gebracht.

Die starre Unbewegtheit Janes wurde durch ein leises Zittern
erschüttert.

Weiter sprach Atma. Daß Silvester dahingegangen sei, die letzte
Botschaft Janes im Herzen. Wie sie ihn fanden, im Tode noch ein Lächeln
auf den Lippen, den Depeschenstreifen in den erstarrten Händen.

Jane hörte es, und ihr starrer Blick leuchtete auf. Ihre Lippen zuckten
noch, ihre Mienen wurden ruhiger.

Atma sprach, und langsam ließ der Druck seiner Hand auf ihr tief und
gleichmäßig pochendes Herz nach.

»Sein Name und sein Ruf leben in deinem Schoß fort. Sorge für
Silvester, indem du für sein Kind sorgst und lebst ...«

Er ließ seine Arme sinken. Frei stand Jane vor ihm. Doch sein
gewaltiger Einfluß wirkte weiter. All ihr Fühlen, alle ihre Gedanken
konzentrierte er auf das keimende Leben in ihrem Schoß.

Ein Lächeln trat auf ihre Züge. Ihr Antlitz gewann die zarte Röte
wieder. So schritt sie an Soma Atma vorbei. So an Lord Horace und Lady
Diana vorüber dem Schloß zu.

In den Armen Atmas hatte sie das Furchtbare des ersten Schmerzes
überstanden. Ihr künftiges Leben, ihre ganze Zukunft war dem Erben
Silvesters, dem Erben der Macht geweiht.

Diana Maitland sah Jane auf das Haus zugehen. Sie zitterte unter
dem Eindruck der Szene. Sie hatte gefürchtet, Jane weinen, Jane
niederbrechen, Jane sterben zu sehen. Und sah sie ruhig und gefaßt
fortschreiten.

Sie fühlte die eigenen Knie wanken und stützte sich fester auf den Arm
ihres Gatten.

Atma schritt langsam Jane Bursfeld nach. Er kam an Lady Diana und Lord
Horace vorüber. Sein Schritt verzögerte sich. Er blieb stehen.

Sein Blick umfaßte die Gestalt Dianas, wie er vorher auf der Janes
geruht hatte. Voll öffneten sich seine Lippen. Glanz strahlte aus
seinen Blicken. Langsam sprach er ... stockend, abgerissen, wie von
einer fremden Macht getrieben:

»Gesegnet ist das Haus. Die Erben zweier Geschlechter werden in seinen
Mauern geboren ... Sorgt für sie! ... Hütet sie! ... Sie tragen die
Zukunft ... das Schicksal bestimmt sie zu ... Großem ...!«

Er ging weiter ...

»Diana! Was sagte der Inder? ... Was meinte er ... Zwei Erben!«

Diana Maitland hatte den Blick zu Boden gerichtet. Lord Horace zwang
sie mit sanfter Gewalt, den Kopf zu erheben, ihn anzusehen.

»Zwei Erben! Diana! Was meinte Atma?«

»Er sah und sagte, was ist.«

»Diana!«

»Horace!«

Es waren nur zwei Worte, zwei kurze Namen. Aber in ihnen lag ihre
Zukunft.

So zärtlich und behutsam führte Lord Horace Lady Diana dem alten
Stammschloß der Maitlands zu, als habe er den kostbarsten Schatz im Arm.

       *       *       *       *       *

Dreifach hatte das Schicksal Glossin getroffen. Ehrlos, machtlos
und mittellos mußte er die Staaten verlassen. Zu spät begriff der
sonst so Schlaue, daß die Zeit für die Methoden und die Moral der
Gewaltherrschaft vorüber war, daß Männer mit anderen Grundsätzen das
Regierungssteuer ergriffen hatten.

Aus der Macht war er gestoßen, die zwanzig Jahre sein Element war, ohne
die er nicht leben und atmen zu können glaubte. Die Millionen, die
er in den Jahren der Macht errafft und an sich gebracht hatte, waren
ihm genommen. Gerade so viel blieb ihm nach den Worten und dem Willen
William Bakers, daß er bei England nicht zu betteln brauchte, um sein
Leben zu fristen.

So kam er nach England zurück. Am Morgen nach jener Sturmnacht, in
der die empörten Patrioten ihn aus Washington verjagten. Nur noch ein
Gefühl hielt den Willen zum Leben in ihm aufrecht, fesselte ihn an das
Leben. Seine Liebe zu Jane Bursfeld.

Jane war im Hause der Maitlands. Sollte er sich jetzt, ein verfemter
Flüchtling, dort zeigen? Sollte er vor Lord Horace hintreten, das
Mädchen, das er dort als seine Nichte gelassen, zurückverlangen?

Diese Fragen waren heikel. Zu viel war seit dem Tage, an dem er das
Versprechen erhielt, geschehen. Die unbekannte Macht war aufgetreten,
und ihr Auftreten hätte den Sturz des Diktators wohl auch ohne Glossin
bewirkt. Der Umstand mußte auf die Größe der englischen Dankbarkeit
verringernd wirken.

Eile tat not. An dem gleichen Morgen, an dem Soma Atma in
Maitland-Castle war, kam Glossin dort an. Seine Kenntnis der
Örtlichkeit ermöglichte es ihm, den Park ungesehen zu betreten, sich
auf dicht verwachsenen Seitenwegen dem Schloß zu nähern. Sein Plan war
überaus einfach, daß er zu jeder anderen Stunde sicher gelingen mußte.
Sich Jane unbeobachtet nähern. Sie wieder voll unter seinen Einfluß
zwingen. Mit ihr zusammen den Park verlassen. Und dann schnell fort.
Weit fort aus England in irgendein fremdes Land, in dem man Dr. Glossin
nicht kannte, in dem er, Jane an der Seite, auch mit den Trümmern
seines einstigen Reichtums immer noch leben konnte.

Dr. Glossin kam dem Schloß immer näher. Der schmale windungsreiche Weg
führte zu einem achteckigen Pavillon. Von der anderen Seite dieses
Gebäudes lief ein breiterer Weg aus dem Park auf eine wiesenartige
Lichtung, und dort unter einer großen Blutbuche sah er Jane allein
sitzen.

Dr. Glossin stand und verschlang das anmutige Bild mit den Blicken. Er
stand am Ziel seiner Wünsche.

Vorsichtig wollte er näher gehen. Den Plan ausführen, Jane in seine
Gewalt bringen.

Der Klang von Stimmen, das Geräusch nahender Schritte zwang ihn,
stehenzubleiben. Schritt um Schritt zurückzuweichen, vor den Blicken
der Nahenden Deckung hinter den Bäumen am Pavillon zu nehmen.

Er sah Lord Horace den Weg vom Schloß herankommen. An seiner Seite
einen Mann mit brauner Hautfarbe. Den Mann, dessen Signalement er seit
der Affäre von Sing-Sing kannte, dessen Bild ihm seit dem Untergang von
R. F. c. 2 so oft drohend und düster in die Erinnerung gekommen war.

Atma ging allein auf Jane zu.

Glossin drückte gegen die Tür des Pavillons. Sie war nicht verschlossen
und gab dem Druck nach. Er schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich
wieder zu. Halbdunkel herrschte hier. Die Jalousien an den Fenstern
waren hinabgelassen. Nur durch die Spalten zwischen den Stäben drang
das Tageslicht in den Raum und erfüllte ihn mit einer ungewissen
Dämmerung.

Dr. Glossin trat an ein Fenster und beobachtete durch einen Spalt, was
im Park vorging.

Er sah, wie Atma Jane fest in die Arme nahm. Er sah sie auf das Schloß
zugehen und erkannte mit dem Blicke des Arztes, daß sie gesegneten
Leibes war. Er taumelte vom Fenster zurück und ließ sich in dem
dämmerigen Raum auf einer Gartenbank niedersinken. Die letzte Hoffnung,
die ihn noch an das Leben band, war entschwunden. Jane war ihm
verloren. Sie würde dem anderen, dem Verhaßten, den Erben schenken.

Es war Zeit, ein Ende zu machen.

Jahre hindurch hatte Dr. Glossin mit der Möglichkeit, ja mit der
Notwendigkeit eines freiwilligen Todes gerechnet. Die verschiedenen
Todesarten wohlüberlegt, die Mittel dafür beschafft.

Gifte, die momentan und schmerzlos wirken. Narkotika, die einen
angenehmen Schlummer erzeugen, der unmerklich in den Todesschlaf
übergeht. Der plötzliche Sturz, die jähe Verbannung und Flucht hatten
ihn aller dieser Mittel beraubt. Nur die kleine Schußwaffe blieb ihm,
die er immer mit sich führte, die er einst auf Silvester abdrückte.

Er riß sie heraus und richtete sie mit schnellem Entschluß gegen die
eigene Brust.

Der Schuß dröhnte durch den kleinen Raum. Der Körper Glossins sank
zusammen, streckte sich, fiel von der Bank auf den Steinboden ...

In dem gleichen Moment, in dem Atma den Raum betrat.

»Die Stunde ist gekommen.«

Atma sprach es mit leiser Stimme, während er den Körper des Sterbenden
auf der Bank bettete.

Er strich ihm über die Augen und Schläfen, und das Blut aus der
Brustwunde floß langsamer, stockte.

Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für Tropfen auf den Boden.
Traumhaft, nebelhaft kam dem Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor
seinen geschlossenen Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander.

Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und blickte ihn mit
Verachtung an. Wandelte sich dann in die Gestalt William Bakers und
wandte ihm mit der gleichen Verachtung den Rücken.

Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten, Menschen, die er
vor langen Jahren bekämpft, verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus
dem dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden wieder.

Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu werden. Mit verzweifelter
Anstrengung zwang er sich zum Denken.

... Ich habe mich schlecht getroffen ... Stockender Puls ... Delirien
der beginnenden Auflösung ...

Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese huschenden, blickenden
und anklagenden Gestalten verschwanden. Nur ein matter, blasser Nebel
blieb ihm vor den Augen.

Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr, ob es Sekunden oder
Jahrhunderte waren.

Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete sich in ihm.

Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm so wohlbekannt
erschienen, ihn an lange vergangene Zeiten erinnerten.

Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge um die
einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen blonden Bart.

So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen. Jetzt trat
auch die ganze Gestalt hervor. Im weißschimmernden Tropenanzug, den er
damals in Mesopotamien trug.

Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich muß die Augen
aufmachen, dann wird alles verschwinden.

Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu heben, glaubte, daß es
ihm gelungen sei. Er empfing einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und
Fenster. Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht. Sie wurde
nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß die Möbel des Raumes hinter
der Figur wie durch einen Schleier zu erkennen waren.

Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die Gesichtszüge bis auf
den Bart die gleichen. Die Augen dieselben. Fragend und anklagend.

Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal sah, als R. F.
c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz.

Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher, weniger
durchsichtig. Der Vater an ein altes, schon verblaßtes Bild gemahnend,
der Sohn in den frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen
die beiden Gestalten vor ihm.

Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine Anstrengung,
es zu halten. Er sehnte sich fort von allen quälenden Bildern und
Erinnerungen in ein Land des Vergessens, des Nichtwissens.

Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu. Die braune Figur
eines Inders. In dem dunklen Antlitz standen groß und strahlend die
Augen, ruhten mit bannender Gewalt auf dem Sterbenden.

Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken Glossins mitfühlte,
als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen.

Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach wunschloser Ruhe.

»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.«

Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte Dr. Glossin den
deutlichen Eindruck der Worte:

»Die Stunde ist gekommen.«

Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut begann wieder zu
fließen, und mit dem roten Strom entwich das Leben. Ein Seufzer, ein
letztes Zucken. Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es
keine Wiederkehr gibt.

       *       *       *       *       *

Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und die Schatten beginnender
Dämmerung breiteten sich über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus.
In dem alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen, die
lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß in langen Pausen kräuselnde
Wolken bläulichen Rauches in den Raum. Frau Luise ging ordnend im
Zimmer hin und her.

Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank, die den mächtigen
Delfter Ofen umzog.

Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane ließ ihr Buch
sinken. Sie saß und hörte auf die Worte, die der alte Termölen zwischen
den Dampfwolken von den Lippen fallen ließ.

»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein Freund, der Inder, immer
davon?«

Jane blickte sinnend auf.

»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir alle gebunden sind.«

»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das Rad der Weltgeschichte,
das die Völker herauf- und herunterbringt. ... Heute ist die Berliner
Konferenz zu Ende gegangen ... Wie weit muß ich zurückdenken ... bis
in meine früheste Kindheit ... Meine Eltern sprachen von Bismarck und
vom alten Kaiser ... später hörte ich von der Berliner Konferenz, die
unter dem Vorsitze des Fürsten Bismarck getagt hatte ... Anno 1879 ...
Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen, berieten im Herzen
Europas über das Schicksal ihres Erdteiles ... Jetzt war wieder eine
Konferenz in Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den
sechsundsiebzig Jahren alles passiert.«

Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen. Jane nahm
den Faden seiner Rede auf.

»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor vierzehn Tagen mit
mir nach Deutschland fuhr. Er war ernster als ich ihn sonst kannte.«

»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die Engländer haben keinen
Grund, fröhlich zu sein. Sie dachten, was Englisch spricht, gehört
auch zum englischen Weltreich. Australien, Afrika, Amerika ... alle
Weltteile wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller
Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien und Portugal
vergessen. Glaubten, die gemeinsame Sprache und Sitte müßten die
Kolonien ewig an London binden.

Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien verlangen ihre volle
Selbständigkeit, und das Mutterland hat sie nicht halten können.

Die Welt gehört den ~English speakers~! Das Wort kam wohl so um 1900
auf und schien mit jedem folgenden Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu
werden ...«

Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte zurück.

»1904 ... wir waren damals im ersten Jahr verheiratet ... da ging der
Kampf in Ostasien los. Zur höheren Ehre Englands schlug der Japaner den
Russen.

Und dann kamen die Balkankriege ... und dann kam der große Weltbrand
Anno 14 bis 18 ...«

Es war immer dämmriger in dem Raum geworden. Schon warfen die
Straßenlaternen ihre Lichtreflexe gegen die Zimmerdecke. Schweigend
saßen die beiden Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes, der
abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre vorüberziehen ließ.

»... und da waren wir ganz unten. Man wußte in Deutschland nichts mehr
von Bismarck und seinem Vermächtnis. Die anderen im Osten und Westen
machten mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen ließen
... gefallen lassen mußten ... Europa war krank, weil sein Herz krank
war. Die Welt gehörte den ~English speakers~ ...

Und dann kam Rußland wieder hoch ...

Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs überrannte den
Amerikaner ...

Und dann kam die amerikanische Revolution ... und dann kam Cyrus
Stonard ...

Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg ... und dann kam die
Macht ... Die geheimnisvolle Macht. ... Wie ein Komet glänzte sie
plötzlich auf ...«

Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch des alten
Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung an ihr kurzes Glück
überwältigt, die Tränen nicht zurückhalten konnte.

»Silvester ... Erik Truwor ... Soma Atma ... Wo sind sie? ... Wo sind
sie geblieben? Silvester ist tot, mir auf immer entrissen ... Erik
Truwor ging in Sturm und Brand zugrunde ... Die Macht ist verschwunden,
wie sie kam ...«

Der alte Termölen antwortete:

»Verschwunden ... vielleicht ... verloren ...? Es waren drei ... drei
Träger der Macht. Zwei sind tot. Der dritte, der Inder, lebt noch ...«

»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte es. »Soma Atma blieb
am Leben, während Silvester sterben mußte ... Soma Atma. Warum ...
warum ...?«

»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist ...«

Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut.

»Atma! ... Soma Atma, bist du hier?«

Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und meinte im letzten
Dämmerschein die dunkle Gestalt Atmas vor sich zu sehen.

»Atma, du?«

»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal ist noch nicht
erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis der Erbe Silvesters sein
Schicksal selber formt. Die Macht ist nicht verloren. Nur verwahrt und
verborgen, bis der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen
nach ihr greift.«

Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand sanft über ihren
Scheitel strich, wie irgend etwas leise in ihren Schoß fiel. Sah die
Gestalt Atmas nach der Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen.

Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie er noch eben
gesessen. Auf die dämmrige Straße schauend, auf der sich die ersten
Lichter entzündeten. Da schaffte die alte Frau nach wie vor an den
Tassen und Gläsern der Servante.

Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War das alles nur ein Spiel
ihrer überreizten Sinne oder Wirklichkeit?

Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr klingen:

»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen nach der
Macht greift.«

Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis Silvesters in
der alten deutschen Heimat aufwachsen sollte.

Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten kühles Metall.

Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und sah den schweren alten
Goldreif mit dem wunderlichen Stein, den sie sooft an der Hand
Silvesters erblickt hatte. Den Ring, der Silvester an die Macht
gebunden, ihn bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen hatte.

Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers der Macht für sie
... für ihren Knaben.

Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen:

»... Die Macht ... die unendliche Macht. Woher kam sie? ... Wohin ging
sie? ... Warum?« ...

       *       *       *       *       *



Im gleichen Verlage sind erschienen:


        ~Johannes Schlaf~

        Ein freies Weib

    Die Geschichte dieser Irrungen und Wirrungen wird alle
    interessieren, denen Liebes- und Eheprobleme am Herzen liegen.
    Das Buch regt an zu Ideen über eine Lösung der Jünglingsfrage,
    ohne die die Frauenfrage nicht beantwortet werden kann.


        ~Grazia Deledda~

        Die Mutter

    Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen das Zölibat,
    die so vornehm geformt ist, daß auch Katholiken das Buch ohne
    Anstoß und nur mit tiefer Ergriffenheit lesen können. Von
    reifster Künstlerschaft zeugt die Darstellung des Verhältnisses
    zwischen Mutter und Sohn, das zuweilen die Höhe göttlicher
    Symbolik erreicht.


        ~Felix Philippi~

        Liebesfrühling

    Ein Buch, so recht geschaffen, sich in stillen Feierstunden
    in seiner Lektüre festzuspinnen und sich vom Zauber dieser
    vergangenen Welt umfangen zu lassen.


        ~Adelheid Weber~

        Die Hauensteinerin

    Den vielgestaltigen Anforderungen der Leserschaft wird
    dieser Roman in seltenem Maße gerecht. Aktualität und
    Gegenwartsflucht, dichterische Ausgestaltung der Zeitprobleme
    und Einkehr in eine glücklichere, imaginäre Welt in
    harmonischer Einheit.


        Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.
        Leipzig.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Im Original unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden
    beibehalten.

    Korrekturen (der korrigierte Text ist in {} eingeschlossen):

    S. 42: de → des
      Die drei Ringe {des} Tsongkapa

    S. 58: Glady → Gladys
      die sterbliche Hülle von {Gladys} Harte barg

    S. 63: ein → eine
      schon {eine} alte Negerin entgegen

    S. 67: Sie → sie
      Ich vergaß, {sie} ist verschlossen

    S. 70: eine → einer
      Joe Williams, {einer} der zwölf Zeugen

    S. 77: Werstatt → Werkstatt
      in seiner Abgelegenheit sollte die {Werkstatt} abgeben

    S. 77: restloser → rastloser
      zwang den Forscher zu harter, {rastloser} Arbeit

    S. 115: ein → eine
      Stamford wollte {eine} Million Tonnen Rohstahl

    S. 141: Steinbock → Steinblock
      den wandernden Schatten und einen {Steinblock}

    S. 142: Jetzte → Jetzt
      {Jetzt} streifte der Schatten den Stein

    S. 143: übernächtigen → übernächtigten
      einen übermüdeten und {übernächtigten} Eindruck

    S. 157: Ihrer → ihrer
      Durch Jane, die es von {ihrer} Mutter weiß

    S. 159: Unkle → Uncle
      John Bull und {Uncle} Sam sich an die Kehle wollen

    S. 180: Zunkunft → Zukunft
      das uns die {Zukunft} bringen wird

    S. 180: Diana → Jane
      Dann legte {Jane} ihre Arme um Silvesters Hals

    S. 209: folgten sich → folgten
      Aber nun {folgten} die englischen Salven

    S. 217: über bringt → welche Nachrichten er überbringt
    (Textergänzung)
      Es wird dich interessieren, {welche Nachrichten er überbringt}

    S. 225: Kriegsminister → Kriegsministers
      in die Hände des {Kriegsministers}

    S. 273: wervolle → wertvolle
      in ihm eine {wertvolle} Hilfe

    S. 291: Die → Der
      {Der} Verantwortung, dem verhaßten Entschluß

    S. 360: Ausgestalltung → Ausgestaltung
      dichterische {Ausgestaltung} der Zeitprobleme





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Macht der Drei - Ein Roman aus dem Jahre 1955" ***

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