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Title: Geschlecht und Charakter - Eine prinzipielle Untersuchung
Author: Weininger, Otto
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschlecht und Charakter - Eine prinzipielle Untersuchung" ***

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      | Anmerkungen zur Transkription                                    |
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      | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.       |
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GESCHLECHT UND CHARAKTER

Eine prinzipielle Untersuchung

von

DR. OTTO WEININGER



Wien und Leipzig
Wilhelm Braumüller
K. u. K. Hof- U. Universitäts-Buchhändler
1903


GESCHLECHT UND CHARAKTER.


GESCHLECHT UND CHARAKTER

Eine prinzipielle Untersuchung

von

DR. OTTO WEININGER



[Illustration]

Wien und Leipzig.
Wilhelm Braumüller
K. U. K. Hof- und Universitäts-Buchhändler.
1903.


VORBEHALTEN.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung

Druck von Friedrich Jasper in Wien.



VORWORT.


Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein
neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne
Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen
wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern
die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus _einem_ einzigen
Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen
anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem
Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht
Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen
der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern
der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste
zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung
zu _deuten_. Das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern
schrittweise psychologische Vertiefung.

Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie
verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel
dem tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem
Werke der selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein
weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer
experimentellen Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben.
Der Künstler verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im
Gegenteile als seine _Pflicht_, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm
nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst
wie ein Versenken in die Welt erscheint.

Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine
durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die
allein durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt,
vom trivialsten Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat
nur eine der Form nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem
Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten
sich Kunst und Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um
sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie
wieder einatmen.

Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so
kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im
philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über
ein Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und
den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die
Darstellung antifeministisch ist -- und das ist sie fast immer --
dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung
zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so
sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen.

Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die
Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden?

Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den _Mann_ sich kehrt, und,
freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, _ihm_
die größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und
ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim _weiblichen_
Geschlechte könnte rehabilitieren helfen.

Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den vordersten
und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen
nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im
Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit
und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum
Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit
für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also,
wo Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß
zu erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung
und Wertung von selbst zusammen.

Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam
gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem
empirisch-psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die
Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr
Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets
wird vor dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der
Mensch in der Erscheinung -- freilich dem Einzigen, das er erlebt --
jene Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es
nicht _bloß_ Erscheinung gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt,
die auf ein Höheres, _über_ ihr Gelegenes weisen. Daß ein solcher
Urquell ist, läßt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je zu ihm
vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses Quells will auch dieses
Buch leiten, und nicht eher rasten.

Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen über
die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind, hätte
es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben.
Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des
Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer
_Weltanschauung_ kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder
metaphysisch aufgelöst werden.

Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem
Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen
_Platos_, _Kantens_ und _des Christentums_ am nächsten steht. Aber
die wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische
Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles
zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst
eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien
des Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der
Beachtung dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in
ihm ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die
besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte.

Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die
Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam _in
den Dienst_ eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität
gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser
Empfindung. Doch darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem
des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das
Ziel des tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn
aus seiner Behandlung auch für das Problem der Genialität, des
Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden
Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen,
weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet
sich vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren
Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche
Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate
eine vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit
bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was _ist_, nichts
heruntergesetzt, was _an sich_ einen Wert _hat_. Müßte mich doch selbst
ein gewisses Grauen vor der eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier
wirklich nur Zerstörer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen
des Buches sind vielleicht weniger kräftig instrumentiert worden: wer
hören kann, wird sie wohl aus allem zu vernehmen wissen.

Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten,
biologisch-psychologischen, und einen zweiten,
psychologisch-philosophischen. Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß
ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein
naturwissenschaftliches und ein rein introspektives. Allein ich mußte
von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können. Der
zweite Teil behandelt gewisse seelische Probleme recht anders, als sie
jeder Naturforscher heute wohl behandeln würde, und ich bin mir bewußt,
daß ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles bei einem großen
Teile des Publikums gefährde; gleichwohl erhebt dieser erste Teil in
seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung seitens
der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der inneren Erfahrung
zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser zweite Teil aus
einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen ist, werden
von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden (obwohl der
Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt). Hiemit
muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der Biologie
gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen,
nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches
ihr für alle Zeiten bleiben wird.

Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten vorwerfen, daß
sie nicht genug der _Beweise_ bringe; allein eben dies däucht mich ihre
geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem Gegenstande »Beweisen«
wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie (die
letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt wird; es sind
erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der Finger
gelegt werden auf das, was _ist_; was man sonst hier _beweisen_ nennt,
ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den alten;
und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen
experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur
fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine
große Zahl.

Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem
Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger
Lektüre verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des
Lesers und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier
anmerken.

Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst
Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit
früher Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung
mich fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die
Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate
in genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt
wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die
Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen,
sind sie an den Schluß des Buches verwiesen.

Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz _Müllner_ statte ich
geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat
zuteil werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich _Jodl_ für das
freundliche Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn
entgegenbrachte. Ganz besonders fühle ich mich auch den Freunden
verpflichtet, welche mich bei der Korrektur des Buches unterstützten.



INHALTSVERZEICHNIS.


                                                               Seite

  Vorwort                                                     V-XI

  Inhaltsverzeichnis                                       XIII-XXII


  Erster (vorbereitender) Teil: $Die sexuelle
  Mannigfaltigkeit$                                             1-93

  Einleitung                                                     3-6

  Über Begriffsentwicklung im allgemeinen und
  im besonderen. Mann und Weib. Widersprüche.
  Fließende Übergänge. Anatomie und Begabung.
  Keine Sicherheit im Morphologischen?

  I. Kapitel: »Männer und Weiber«                               7-13

  Embryonale Undifferenziertheit. Rudimente beim
  Erwachsenen. Grade des »Gonochorismus«. Prinzip
  der Zwischenformen. M und W. Belege. Notwendigkeit
  der Typisierung. Resumé. Älteste
  Ahnungen.

  II. Kapitel: Arrhenoplasma und Thelyplasma                   14-30

  Sitz des Geschlechtes. _Steenstrups_ Ansicht
  befürwortet. Sexualcharaktere. Innere Sekretion.
  Idioplasma -- Arrhenoplasma -- Thelyplasma. Schwankungen.
  Beweise aus erfolgloser Kastration. Transplantation
  und Transfusion. Organotherapie. Individuelle
  Unterschiede zwischen den einzelnen Zellen.
  Ursache der sexuellen Zwischenformen. Gehirn.
  Knabenüberschuß der Geburten. Geschlechtsbestimmung.
  Vergleichende Pathologie.

  III. Kapitel: Gesetze der sexuellen Anziehung                31-52

  Sexueller »Geschmack«. Wahrscheinlichkeit eines
  Gesetzmäßigen. Erste Formel. Erste Deutung. Beweise.
  Heterostylie. Interpretation derselben. Tierreich.
  Weitere Gesetze. Zweite Formel. Chemotaxis? Analogien
  und Differenzen. »Wahlverwandtschaften.« Ehebruch und
  Ehe. Folgen für die Nachkommenschaft.

  IV. Kapitel: Homosexualität und Päderastie                   53-62

  Homosexuelle als sexuelle Zwischenformen. Angeboren
  oder erworben, gesund oder krankhaft? Spezialfall
  des Gesetzes. Alle Menschen mit der Anlage zur
  Homosexualität. Freundschaft und Sexualität. Tiere.
  Vorschlag einer Therapie. Homosexualität, Strafgesetz
  und Ethik. Distinktion zwischen Homosexualität und
  Päderastie.

  V. Kapitel: Anwendung auf die Charakterologie                63-78

  Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen als ein
  kardinaler Grundsatz der Individualpsychologie.
  Simultaneität oder Periodizität? Methode der
  psychologischen Untersuchung. Beispiele.
  Individualisierende Erziehung. Gleichmacherei.
  Morphologisch-charakterologischer Parallelismus. Die
  Physiognomik und das Prinzip der Psychophysik. Methodik
  der Varietätenlehre. Eine neue Fragestellung. Deduktive
  Morphologie. Korrelation und Funktionsbegriff.
  Aussichten.

  VI. Kapitel: Die emanzipierten Frauen                        79-93

  Frauenfrage. Emanzipationsbedürfnis und Männlichkeit.
  Emanzipation und Homosexualität. Sexueller Geschmack
  der emanzipierten Frauen. Physiognomisches über
  sie. Die übrigbleibenden Berühmtheiten. W und die
  Emanzipation. Praktische Regel. Männlichkeit alles
  Genies. Die Frauenbewegung in der Geschichte.
  Periodizität. Biologie und Geschichtsauffassung.
  Aussichten der Frauenbewegung. Ihr Grundirrtum.


  Zweiter oder Hauptteil: $Die sexuellen Typen$               95-461

  I. Kapitel: Mann und Weib                                   97-105

  Bisexualität und Unisexualität. Man ist Mann _oder_
  Weib. Das Problematische in diesem Sein und die
  Hauptschwierigkeit der Charakterologie. Das Experiment,
  die Empfindungsanalyse und die Psychologie. _Dilthey._
  Begriff des empirischen Charakters. Ziel und Nicht-Ziel
  der Psychologie. Charakter und Individualität. Problem
  der Charakterologie und Problem der Geschlechter.

  II. Kapitel: Männliche und weibliche Sexualität            106-116

  Problem einer weiblichen Psychologie. Der
  Mann als Psychologe des Weibes. Unterschiede im
  »Geschlechtstrieb«. Im »Kontrektations-« und
  »Detumeszenztrieb«. Intensität und Aktivität. Sexuelle
  Irritabilität der Frau. Größere Breite des Sexuallebens
  bei W. Geschlechtliche Unterschiede im
  Empfinden der Geschlechtlichkeit. Örtliche und zeitliche
  Abhebung der männlichen Sexualität. Unterschiede
  im Bewußtseinsgrade der Sexualität.

  III. Kapitel: Männliches und weibliches Bewußtsein         117-130

  Empfindung und Gefühl. Ihr Verhältnis. _Avenarius'_
  Einteilung in »Elemente« und »Charaktere«. Auf einem
  frühesten Stadium noch nicht durchführbar. Verkehrtes
  Verhältnis zwischen Distinktheit und Charakterisierung.
  Prozeß der Klärung. Ahnungen. Grade des Verstehens.
  Vergessen. Bahnung und Artikulation. Die Henide als
  das einfachste psychische Datum. Geschlechtlicher
  Unterschied in der Artikulation der Inhalte.
  Sensibilität. Urteilssicherheit. Das entwickelte
  Bewußtsein als männlicher Geschlechtscharakter.

  IV. Kapitel: Begabung und Genialität                       131-144

  Genie und Talent. Genial und geistreich. Methode.
  Verständnis für mehr Menschen. Was es heißt: einen
  Menschen verstehen? Größere Kompliziertheit des
  Genies. Perioden im psychischen Leben. Keine
  Herabwürdigung der bedeutenden Menschen. Verstehen
  und Bemerken. Innerer Zusammenhang von Licht und
  Wachsein. Endgültige Feststellung der Bedingungen des
  Verstehens. Allgemeinere Bewußtheit des Genies. Größte
  Entfernung vom Henidenstadium; danach höherer Grad von
  Männlichkeit. Nur Universalgenies. W ungenial und ohne
  Heldenverehrung. Begabung und Geschlecht.

  V. Kapitel: Begabung und Gedächtnis                        145-181

  Artikulation und Reproduzierbarkeit. Gedächtnis an
  Erlebnisse als Kennzeichen der Begabung. Erinnerung
  und Apperzeption. Anwendungen und Folgerungen.
  Fähigkeit des Vergleichens und Beziehens. Gründe für
  die Männlichkeit der Musik. Zeichnung und Farbe,
  Grade der Genialität; das Verhältnis des Genius zum
  ungenialen Menschen. Selbstbiographie. Fixe Ideen.
  Erinnerung an das Selbstgeschaffene. _Kontinuierliches
  und diskontinuierliches Gedächtnis._ Einheit des
  biographischen Selbstbewußtseins nur bei M. Charakter
  der weiblichen Erinnerungen. Kontinuität und Pietät.
  Vergangenheit und Schicksal. _Vergangenheit und
  Zukunft._ _Unsterblichkeitsbedürfnis._ Bisherige
  psychologische Erklärungsversuche. Wahre Wurzel. Innere
  Entwicklung des Menschen bis zum Tode. Ontogenetische
  Psychologie oder theoretische Biographie. _Die Frau
  ohne jedes Unsterblichkeitsbedürfnis._ -- Fortschritt
  zu tieferer Analyse des Zusammenhanges mit dem
  Gedächtnis. _Gedächtnis und Zeit._ Postulierung des
  Zeitlosen. _Der Wert als das Zeitlose._ Erstes Gesetz
  der Werttheorie. Nachweise. Individuation und Dauer
  als konstitutiv für den Wert. _Wille zum Wert._
  Das Unsterblichkeitsbedürfnis als _Spezialfall_.
  Unsterblichkeitsbedürfnis des Genies, zusammenfallend
  mit seiner Zeitlosigkeit durch sein universales
  Gedächtnis und die ewige Dauer seiner Werke. Das Genie
  und die Geschichte. Das Genie und die Nation. Das
  Genie und die Sprache. Die »Männer der Tat« und die
  »Männer der Wissenschaft« ohne Anrecht auf den Titel
  des Genius; anders Philosoph (Religionsstifter) und
  Künstler.

  VI. Kapitel: Gedächtnis, Logik, Ethik                      182-196

  Psychologie und Psychologismus. Würde des
  Gedächtnisses. Theorien des Gedächtnisses. Übungs-
  und Associationslehren. Verwechslung mit dem
  Wiedererkennen. Gedächtnis nur dem Menschen
  eigen. Moralische Bedeutung. Lüge und Zurechnung.
  Übergang zur Logik. Gedächtnis und Identitätsprinzip.
  Gedächtnis und Satz vom Grunde. Die
  Frau alogisch und amoralisch. Intellektuelles und
  sittliches Gewissen: intelligibles Ich.

  VII. Kapitel: Logik, Ethik und das Ich                     197-211

  Die Kritiker des Ich-Begriffes: _Hume_, _Lichtenberg_,
  _Mach_. Das _Mach_sche Ich und die Biologie.
  Individuation und Individualität, Logik und Ethik als
  Zeugen für die Existenz des Ich. -- Erstens die Logik:
  die Sätze der Identität und des Widerspruches. Die
  Frage ihres Nutzens und ihrer Bedeutung. Die logischen
  Axiome als identisch mit der begrifflichen Funktion.
  Definition des logischen Begriffes als Norm der Essenz.
  Die logischen Axiome als eben diese Norm der _Essenz_,
  welche _Existenz_ einer Funktion ist. Diese Existenz
  als das absolute Sein oder das Sein des absoluten Ich.
  _Kant_ und _Fichte_. Logizität als Norm. Denkfreiheit
  neben Willensfreiheit. -- Zweitens die Ethik.
  Zurechnung. Das Verhältnis der Ethik zur Logik. Die
  Verschiedenheit der Subjektsbeweise aus der Logik und
  der Ethik. Eine Unterlassung _Kant_ens. Ihre sachlichen
  und ihre persönlichen Gründe. Zur Psychologie der
  Kantischen Ethik. _Kant_ und _Nietzsche_.

  VIII. Kapitel: Ich-Problem und Genialität                  212-238

  Die Charakterologie und der Glaube an das Ich. Das
  Ich-Ereignis: _Jean Paul_, _Novalis_, _Schelling_.
  Ich-Ereignis und Weltanschauung. Selbstbewußtsein
  und Anmaßung. Die Ansicht des Genies höher zu
  werten als die der anderen Menschen. Endgültige
  Feststellungen über den Begriff des Genies. Die
  geniale Persönlichkeit als der vollbewußte Mikrokosmus.
  Natürlich-synthetische und sinnerfüllende Tätigkeit des
  Genies. Bedeutung und Symbolik. Definition des Genies
  im Verhältnis zum gewöhnlichen Menschen. Universalität
  als Freiheit. Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des
  Genies? Pflichten gegen sich und gegen andere. Was
  Pflicht gegen andere ist. Kritik der Sympathiemoral und
  der sozialen Ethik. Verständnis des Nebenmenschen als
  einzige Forderung der Sittlichkeit wie der Erkenntnis.
  Ich und Du. Individualismus und Universalismus.
  Sittlichkeit nur unter Monaden. Der genialste Mensch
  als der sittlichste Mensch. Warum der Mensch ζῷον
  πολιτικόν ist. Bewußtsein und Moralität. Der »große
  Verbrecher.« Genialität als Pflicht und Gehorsam. Genie
  und Verbrechen. Genie und Irrsinn. Der Mensch als
  Schöpfer seiner selbst.

  IX. Kapitel: Männliche und weibliche Psychologie           239-279

  Seelenlosigkeit des Weibes. Geschichte dieser
  Erkenntnis. Das Weib gänzlich ungenial. Keine
  männlichen Frauen im strengen Sinne. Unbegriffliche
  Natur des Weibes, aus dem Mangel des Ich zu erklären.
  Korrektur der Henidentheorie. Weibliches Denken.
  _Begriff und Objekt._ _Begriff und Urteil._ _Wesen des
  Urteils._ Das Weib und die Wahrheit als Richtschnur des
  Denkens. _Der Satz vom Grunde und sein Verhältnis zum
  Satz der Identität._ _Amoralität, nicht Antimoralität
  des Weibes._ _Das Weib und das Einsamkeitsproblem._
  Verschmolzenheit, nicht Gesellschaft. Weibliches
  Mitleid und weibliche Schamhaftigkeit. Das Ich der
  Frauen. Weibliche Eitelkeit. Mangel an Eigenwert.
  Gedächtnis für Huldigungen. Selbstbeobachtung und
  Reue. Gerechtigkeit und Neid. Name und Eigentum.
  Beeinflußbarkeit. -- Radikale Differenz zwischen
  männlichem und weiblichem Geistesleben. Psychologie
  ohne und mit Seele. Psychologie eine Wissenschaft?
  Freiheit und Gesetzlichkeit. Die Grundbegriffe
  der Psychologie transcendenter Natur. _Psyche und
  Psychologie._ Die Hilflosigkeit der seelenlosen
  Psychologie. Wo »Spaltungen der Persönlichkeit«
  allein möglich sind. Psychophysischer Parallelismus
  und Wechselwirkung. Problem der Wirkung psychischer
  Sexualcharaktere des Mannes auf das Weib.

  X. Kapitel: Mutterschaft und Prostitution                  280-313

  Spezielle weibliche Charakterologie. Mutter und Dirne.
  Anlage zur Prostitution angeboren, aber nicht allein
  entscheidend. Einfluß des Mannes. Versehen. Verhältnis
  beider Typen zum Kinde. Die Frau polygam. Ehe und
  Treue. Sitte und Recht. Analogien zwischen Mutterschaft
  und Sexualität. Mutter und Gattungszweck. Die »alma«
  mater. Die Mutterliebe ethisch indifferent. Die Dirne
  außerhalb des Gattungszweckes. Die Prostituierte und
  die sozial anerkannte Moral. Die Prostituierte, der
  Verbrecher und Eroberer. Nochmals der »Willensmensch«
  und sein Verhältnis zum Genie. Hetäre und Imperator.
  Motiv der Dirne. Koitus Selbstzweck. Koketterie. Die
  Empfindungen des Weibes beim Koitus im Verhältnis zu
  seinem sonstigen Leben. Mutterrecht und Vaterschaft.
  Versehen und Infektionslehre. Die Dirne als Feindin.
  Bejahung und Verneinung. Lebensfreundlichkeit und
  Lebensfeindlichkeit. Keine Prostitution bei den Tieren.
  Rätsel im Ursprung.

  XI. Kapitel: Erotik und Ästhetik                           314-341

  Weiber und Weiberhaß. Erotik und Sexualität.
  Platonische Liebe und Sinnlichkeit. Problem
  einer _Idee_ der Liebe. -- Die Schönheit des
  Weibes. Ihr Verhältnis zum Sexualtrieb. Liebe und
  Schönheit. Der Unterschied der Ästhetik von der
  Logik und Ethik als Normwissenschaften. Wesen
  der Liebe. Projektionsphänomen. Schönheit und
  Sittlichkeit. Schönheit und Vollkommenheit. Natur
  und Ethik. _Naturschönheit und Kunstschönheit._
  Naturgesetz und Kunstgesetz. Naturzweckmäßigkeit
  und Kunstzweckmäßigkeit. Die Einzelschönheit. Die
  Geschlechtsliebe als Schuld. Haß und Liebe als
  Erleichterungen des moralischen Strebens. Die
  Schöpfung des Teufels. Liebe und Mitleid. Liebe und
  Schamhaftigkeit. Liebe und Eifersucht. Liebe und
  Erlösungsbedürfnis. Das Weib in der Erotik Mittel zum
  Zweck. Problem des Zusammenhanges von Kind und Liebe,
  Kind und Sexualität. Grausamkeit nicht nur in der
  Lust, sondern noch in der Liebe. Liebe und Mord. Liebe
  als Feigheit, Unrecht, Irrtum. Der Madonnenkult. Die
  Madonna eine gedankliche Konzeption des Mannes; ohne
  Grund in der realen Weiblichkeit. Widerstreben gegen
  die Einsicht in das wahre Weib. Die Liebe des Mannes
  zum Weibe als Spezialfall. Das Weib nur sexuell, nicht
  erotisch. Der Schönheitssinn der Frauen. Schön und
  hübsch. Liebe und Verliebtheit. Wodurch der Mann auf
  die Frau wirkt. Das Fatum des Weibes. Einordnung der
  neuen Erkenntnis unter die früheren. Die Liebe als
  bezeichnend für das Wesen der Menschheit. Warum der
  Mann das Weib liebt. Möglichkeiten.

  XII. Kapitel: Das Wesen des Weibes und sein
  Sinn im Universum                                          342-402

  Gleichheit oder Gleichstellung. P. J. _Moebius_.
  Sinnlosigkeit oder Bedeutung der Weiblichkeit.
  _Kuppelei._ Instinktiver Drang. Der Mann und die
  Kuppelei. Welche Phänomene noch weiter Kuppelei sind.
  Hochwertung des Koitus. Der eigene Geschlechtstrieb ein
  Spezialfall. Mutter -- Dirne. Das Wesen des Weibes nur
  in der Kuppelei ausgesprochen. Kuppelei = Weiblichkeit
  = universale Sexualität.

  System von Einwänden und Widersprüchen. Notwendigkeit
  der Auflösung. Beeinflußbarkeit und Passivität.
  Unbewußte Verleugnung der eigenen Natur als Folge.
  _Organische Verlogenheit_ des Weibes. _Die Hysterie._
  Psychologisches Schema für den »Mechanismus« der
  Hysterie. Definition der letzteren. Zustand der
  Hysterischen. _Eigentümliches Wechselspiel: die fremde
  Natur als die eigene, die eigene als die fremde._
  Der »Fremdkörper«. Zwang und Lüge. Heteronomie der
  Hysterischen. Wille und Kraft zur Wahrheit. Der
  hysterische Paroxysmus. Was abgewehrt wird. Die
  hysterische Konstitution. _Magd und Megäre._ Die
  Megäre als Gegenteil der Hysterika. Die Wahrheitsliebe
  der Hysterika als _ihre_ Lüge. Die hysterische
  Keuschheit und Abneigung gegen den Geschlechtsakt.
  Das hysterische Schuldbewußtsein und die hysterische
  Selbstbeobachtung. Die Visionärin und Seherin im Weibe.
  Die Hysterie und die Unfreiheit des Weibes. Sein
  Schicksal und dessen Hoffnungslosigkeit.

  Notwendigkeit der Zurückführung auf ein letztes
  Prinzip. Unterschiede zwischen Mensch und Tier,
  zwischen Mann und Frau. Übersichtstafel. Das zweite
  oder höhere _Leben_, das metaphysische _Sein_ im
  Menschen. Analogien zum niederen Leben. Nur im Manne
  ewiges Leben. Das Verhältnis beider Leben und die
  Erbsünde. Geburt und Tod. Freiheit und Glück. Das Glück
  und der Mann. Das Glück und die Frau. Die Frau und das
  Problem des Lebens. _Nichtsein des Weibes._ Hieraus
  zunächst die _Möglichkeit_ von Lüge und Kuppelei,
  Amoralität und Alogizität erschlossen. Nochmals die
  Kuppelei. Gemeinschaft und Sexualität. Männliche und
  weibliche Freundschaft. Kuppelei wider Eifersucht.
  Kuppelei identisch mit Weiblichkeit. Warum die Frauen
  Menschen sind. Wesen des Geschlechtsgegensatzes.
  Gegensätze: _Subjekt -- Objekt = Form -- Materie =
  Mann -- Weib._ Kontrektation und Tastsinn. Deutung der
  Heniden. Non-Entität der Frau; als Folge universelle
  Suszeptibilität. Formung und Bildung der Frau durch den
  Mann. Trachten nach Existenz. Geschlechtsdualität und
  Weltdualismus. Die Bedeutung des Weibes im Universum.
  Der Mann als das Etwas, die Frau als das Nichts. Das
  psychologische Problem der Furcht vor dem Weibe. Die
  Weiblichkeit und der Verbrecher. Das Nichts und das
  Nicht. Die Schöpfung des Weibes durch den Verbrecher
  im Manne. Das Weib als die bejahte Sexualität des
  Mannes. Das Weib als die Schuld des Mannes. Die Liebe.
  Deduktion der Weiblichkeit.

  XIII. Kapitel: Das Judentum                                403-441

  Unterschiede unter den Männern. Zurückweisung der
  hierauf gegründeten Einwände. Die Zwischenformen
  und die Rassenanthropologie. Amphibolie der
  Weiblichkeit mit dem Judentum. Das Jüdische als
  Idee. Der Antisemitismus. Richard _Wagner_. Keine
  Identität mit der Weiblichkeit; Übereinstimmungen
  mit dieser: Eigentum, Staat, Gesellschaft,
  Adel, _Mangel an Persönlichkeit und Eigenwert_,
  _Amoralität ohne Antimoralität_, _Gattungsleben_,
  Familie, _Kuppelei_. Einzige Art einer Lösung der
  Judenfrage. Gottesbegriff des Juden. Seelenlosigkeit,
  kein Unsterblichkeitsbedürfnis. _Judentum in der
  Wissenschaft._ Der Jude als Chemiker. Der Jude
  genielos. _Spinoza._ Der Jude nicht monadenartig
  veranlagt. Der Engländer und der Jude. Die Engländer
  in Philosophie, Musik, Architektur. Unterschiede.
  Humorlosigkeit des Juden. _Wesen des Humors._
  Humor und Satire. Die Jüdin. Nicht-Sein, völlige
  Veränderungsfähigkeit, Mittelbarkeit beim Juden
  wie beim Weibe. Größte Übereinstimmung und größte
  Differenz. Aktivität und Begrifflichkeit des Juden.
  Tiefstes Wesen des Judentums. Glaubenslosigkeit und
  innere Haltlosigkeit. Der Jude nicht amystisch, sondern
  unfromm. Mangel an Ernst, Begeisterungsfähigkeit
  und Eifer. Innerliche Vieldeutigkeit. Keinerlei
  Einfalt des Glaubens. Innere Würdelosigkeit. Der
  Jude als der Gegenpol des Helden. -- Christentum und
  Judentum. Ursprung des Christentums. Problem des
  Religionsstifters. Der Religionsstifter als Vollzieher
  einer eigenen Reinigung vom Verbrechen und von der
  Gottlosigkeit. In ihm allein eine völlige Neugeburt
  verwirklicht. Er als der Mensch mit dem tiefsten
  Schuldgefühl. Christus als Überwinder des Judentums
  _in_ sich. Christentum und Judentum als letzte
  Gegensätze. Der Religionsstifter als der größte Mensch.
  Überwindung alles Judentumes, eine Notwendigkeit für
  jeden Religionsstifter. -- Das Judentum und die heutige
  Zeit. Judentum, Weiblichkeit; Kultur und Menschheit.

  XIV. Kapitel: Das Weib und die Menschheit                  442-461

  Die Idee der Menschheit und die Frau als Kupplerin.
  Der Goethe-Kult. Verweiblichung der Männer. Virginität
  und Keuschheit. Männlicher Ursprung dieser Ideale. Das
  Unverständnis der Frau für die Erotik. Ihr Verständnis
  der Sexualität. Der Koitus und die Liebe. Die Frau als
  Gegnerin der Emanzipation. Askese unsittlich. Der
  Geschlechtsverkehr als Mißachtung des Nebenmenschen.
  Problem des Juden = Problem des Weibes = Problem der
  Sklaverei. Was sittliches Verhalten gegen die Frau
  ist. Der Mann als Gegner der Frauenemanzipation.
  Ethische Postulate. Zwei Möglichkeiten. Die Frauenfrage
  als die Menschheitsfrage. Untergang des Weibes. --
  Enthaltsamkeit und Aussterben des Menschengeschlechtes.
  Furcht vor der Einsamkeit. Die eigentlichen Gründe der
  Unsittlichkeit des Geschlechtsverkehres. Die irdische
  Vaterschaft. Forderung der Aufnahme der Frauen unter
  die Menschheitsidee. Die Mutter und die Erziehung des
  Menschengeschlechtes. Letzte Fragen.

  Anhang: $Zusätze und Nachweise$                            463-597



ERSTER (VORBEREITENDER) TEIL.

DIE SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.



Einleitung.


Alles Denken beginnt mit _Begriffen von mittlerer Allgemeinheit_
und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen hin: nach
Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer mehr
Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres Gebiet
der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller
Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum,
welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende
Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch Hinzufügung
unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu einem höchsten
Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine Tierklasse der Fische
gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den Würmern unterschieden
ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter den Fischen selbst
wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits sie mit den Vögeln
und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen
sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch geeinten größeren
Komplexe gegenüberstellte.

Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese
Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose
Ähnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1]
Wir _erwehren_ uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam
bringen wir sie in deren Fassung, allmählich, wie man einen
Tobsüchtigen zuerst über den ganzen Körper fesselt, notdürftig, um ihn
wenigstens nur auf beschränkterem Orte gefährlich sein zu lassen; erst
dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert sind, kommen die einzelnen
Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die Fesselung.

_Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten der Menschheit,
mit denen diese ihr geistiges Leben seit Anbeginn zur Not gefristet
hat._ Freilich hat man oft und oft kleine Korrekturen angebracht, sie
wieder und wieder in die Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig
geflickt, wo die Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen
und angestückelt, Einschränkungen in besonderen Fällen gemacht und
dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jüngere Bedürfnisse
sich nur nach und nach gegen ein altes, enges Wahlgesetz durchsetzen,
indem dieses einen Riemen nach dem anderen aufschnallen muß: aber im
ganzen und großen glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise
auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den Begriffen
_Mann und Weib_.

Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen,
energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar
und tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir
erkennen sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt
und »unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft
achtend, nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes
Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen
beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist
logisch unhaltbar.

Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher
oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über
»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört
und mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser
Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt
wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen
keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine
individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder
nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung
ausgeschlossen, wie überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem
gleichen Worte bezeichnet werden, Sprache und Begriffe sich
nicht decken. Sollten wirklich alle »Weiber« und alle »Männer«
streng voneinander geschieden sein und doch auf jeder Seite alle
untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich in einer Reihe
von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen über
Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt, vorausgesetzt wird.
Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende Unstetigkeit; wir
finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen, von chemischen
Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen
Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Säugetieren und Vögeln gibt es
Vermittlungen. Zunächst nur aus allgemeinstem praktischen Bedürfnis
nach Übersicht teilen wir ab, halten gewaltsam Grenzen fest, hören
Arien heraus aus der unendlichen Melodie alles Natürlichen. Aber
»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den alten Begriffen des
Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden es nach
den angeführten Analogien auch hier von vornherein für unwahrscheinlich
halten dürfen, daß in der Natur ein _Schnitt_ geführt sei zwischen
allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und ein
lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es
diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal
die Grammatik ist so streng.

Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach _den Anatomen_ als
Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse Abgrenzung
der _unabänderlichen_, weil _angebornen_, gegen die _erworbenen_
Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart vornehmen zu
lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung
abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung von Mann und
Weib: als ob, wenn _wirklich_ alle andere Erfahrung hier keinerlei
Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der
einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die
besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem
Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ
des Körpers, zur Antwort: _durchgehende_ sexuelle Unterschiede zwischen
_allen_ Männern einerseits und _allen_ Frauen anderseits sind nicht
nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein
anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder
aus den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut,
Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht
mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom
Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei
dem, wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede
hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der
allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im
anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein
Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß -- und
die Anatomen wissen da auch nicht mehr -- genug »Weiber« mit männlichem
schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es
nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten,
Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?!

Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir
können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen Begriffe
nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und
besser zu orientieren.



I. Kapitel.

„Männer” und „Weiber”.


Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer
Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder
Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die
Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar
gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit.

Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu
diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich
zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte
(Embryologie) festgestellte Tatsache _der geschlechtlichen
Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage_ des Menschen, der
Pflanzen und der Tiere wähle.

Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger als
fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später
entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene
Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft
zur Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen
Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des
ganzen Individuums als eines sexuell _genau definierten_ führen.[3]
Die Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben
werden.

Zu jener _bisexuellen Anlage_ eines jeden, auch des höchsten
Organismus, läßt sich sehr gut das _ausnahmslose Beharren_, der Mangel
eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen Geschlechtes
_beim noch so eingeschlechtlich entwickelten_ pflanzlichen,
tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die
geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine vollständige.
_Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechtes sind irgendwie,
wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte
nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim
Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben
in ihrer Ausbildung._ Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden.
So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich
interessieren wird, als Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste
Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo«
genannt, an den Stellen des männlichen Bartes, auch der männlichste
Mann in der Entwicklung stehen gebliebene Drüsenkomplexe unter einer
Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen Dingen vor
allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im
eigentlichen »Tractus urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte
alle Anlagen des anderen im rudimentären Zustande in lückenlosem
Parallelismus nachweisen können.

Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen
zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht
werden. Bezeichnet man nach _Häckel_ die Trennung der Geschlechter
als »_Gonochorismus_«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen
und Arten verschiedene _Grade_ dieses Gonochorismus zu unterscheiden
haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die
Tierspezies werden sich durch die _größere oder geringere Latenz_ der
Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der extremste
Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster Gonochorismus,
liegt für dieses erweiterte Blickfeld im _Geschlechtsdimorphismus_
vor, jener Eigentümlichkeit z. B. mancher Asselarten, daß Männchen und
Weibchen innerhalb der nämlichen Spezies sich äußerlich voneinander
nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier
differenter Familien und Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach
nie so ausgeprägter Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder
Insekten aufweisen können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so
vollständige Scheidung von Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen
Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr überall unzählige Mischformen
der Geschlechter, selbst sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja
bei den Fischen sogar Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit
»normalem Hermaphroditismus«.

Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme Männchen
mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite
extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte
zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei
Punkten aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell
der Mensch. Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit
größeren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen
Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.

Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:

_Es gibt_ unzählige Abstufungen _zwischen Mann und Weib_, »_sexuelle
Zwischenformen_«. _Wie die Physik von idealen Gasen spricht_, d. h.
solchen, die genau dem _Boyle-Gay-Lussac_schen Gesetze folgen
(in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges), und von diesem
Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm zu
konstatieren: _so können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib
W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle
Typen_. Diese Typen _können_ nicht nur, sie _müssen_ konstruiert
werden. _Nicht allein das »Objekt der Kunst«, auch das der Wissenschaft
ist der Typus, die platonische Idee._ Die wissenschaftliche Physik
erforscht das Verhalten des _vollkommen_ starren und des _vollkommen_
elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den
einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die
empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als
Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen
und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle
behandelt und erschöpfend dargestellt. _Und ebenso gibt es nur alle
möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem
vollkommenen Weibe_, Annäherungen an beide, die selbst nie von der
Anschauung erreicht werden.

Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller _Anlage_ die Rede,
sondern von _dauernder_ Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß
von den sexuellen _Mittel_stufen, (körperlichen oder psychischen)
Zwittern, auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen
Betrachtungen beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke
durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen«
nur die sexuellen _Mittel_stufen: als ob dort, mathematisch gesprochen,
eine _Häufungsstelle_ wäre, _$mehr$ wäre als eine kleine Strecke auf
der überall $gleich$ dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme_!

Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem
Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null
wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. _Es gibt in der
Erfahrung nicht Mann noch Weib_ könnte man sagen, _sondern nur männlich
und weiblich_. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf man darum
nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib« bezeichnen, sondern ein
jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die es von _beiden_ hat,
etwa:

    { α  M        { β  W
  A { α' W      B { β' M

wobei stets

  0 < α  < 1, 0 < β  < 1,
  0 < α' < 1, 0 < β' < 1.

Die genaueren Belege für diese Auffassung -- einiges Allgemeinste
wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -- sind zahllos. Es
sei erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen
Brüsten, fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener
Taille, überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4]
und flachen Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher
Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig
vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie
belassen wird; vom Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium
wächst, ist hier nicht die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, _die sich
bezeichnenderweise fast immer am gleichen Menschen beisammen finden_,
sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung
bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt.

Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert
aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche
Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den
verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur
Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die
Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das
männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in
welchem Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit
der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so
aufrichtig muß man sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die
Anatomen und Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche
Darstellung des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern
wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale
haben, und hieran wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer
verhindert. So erklärt sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher
gehörigen Resultate der Messung.

Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter
vor allen früheren auszeichnet, in dem es -- offenbar der schüchternen
Verwandtschaft mit der Mathematik wegen -- seine Wissenschaftlichkeit
besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis
gehemmt. Den _Durchschnitt_ wollte man gewinnen, nicht den _Typus_.
Man begriff gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter)
Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem
es um die Typen zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie
mit ihren Angaben gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie
auch alle übrigen Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert,
ist für eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in Kantischem)
Sinne völlig unverwendbar.

Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige Feststellung
des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne von
typisch, ohne jede Bewertung).

Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren, so
wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein
quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein.

Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg
als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen.
Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten,
auf denen selbst kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist,
_zwischen_ denen _irgendwo_ jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe
der Wissenschaft ist es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen
jenen zwei Bauplänen festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs
eine metaphysische Existenz neben oder über der Erfahrungswelt
zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus dem
heuristischen Motive einer möglichst vollkommenen Abbildung der
Wirklichkeit. -- --

Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz
vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist
sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im
Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation
des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des
Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt
der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich,
ἀρσενόθηλυς.



II. Kapitel.

Arrhenoplasma und Thelyplasma.


Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in
deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen
gelegen wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung
der anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen
Typen richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke
einer Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und
eine Beantwortung jener Fragen für die _letzten_ Ziele dieses Buches
mir nicht notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von
vornherein Verzicht leisten -- ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte
eines einzelnen nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der
in der Literatur niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn
eine solche ist in vorzüglicher Weise von _Havelock Ellis_ besorgt
worden. Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen
auf dem Wege wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe
hypothetisch und würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit
zu ersparen vermögen. Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum
mehr formaler und allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen
Prinzipien, zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der
Zukunft die Berücksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen
und so derselben förderlich zu werden versuchen. Der biologische Laie
kann diesen Abschnitt überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen
hiedurch sehr zu beeinträchtigen.

Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit und
Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie wird
aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach den
Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die
Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen
beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller
Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die
Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und
wo steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären«
Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter?

Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten
aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen,
welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt
wurde, aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer
der Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von
Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem,
aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung,
welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals
aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm.
_Steenstrup_, der behauptet hatte, _das Geschlecht stecke überall im
Körper_.

Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des
Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität
nachweisen konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und
der typisch weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies
berechtigt zur Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis
und der Blutgefäße. Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in
der Zahl der roten Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit
sind solche gesichert. _Bischoff_ und _Rüdinger_ haben im Gehirne
Abweichungen der Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und
Alice _Gaule_ in der jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen
(Leber, Lunge, Milz) aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch _alles_ am
Weibe, wenn auch gewisse Zonen stärker und andere schwächer, »_erogen_«
auf den Mann, und ebenso _alles_ am Manne sexuell anziehend und
erregend auf das Weib.

Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt hypothetischen,
aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit erhobenen
Anschauung fortschreiten: _jede Zelle des Organismus ist_ (wie wir
vorläufig sagen wollen) _geschlechtlich charakterisiert, oder hat
eine bestimmte sexuelle Betonung_. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit
der sexuellen Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, _daß
diese sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben kann_.
Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken Ausprägung
der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und sogar
den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere,
wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit _Steenstrups_
Zeit über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht
eingliedern. _Steenstrup_ sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres
wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so
könnte man sich noch zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei
solche Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken.
Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer
gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes
Werkzeug äußert; es wirkt durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem
Punkte davon entwickelt. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder,
auch der kleinste Teil männlich, mag er dem entsprechenden Teile von
einem weiblichen Geschöpfe noch so ähnlich sein, und in diesem ist
ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von
beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe würde deshalb dieses
erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen beider Geschlechter
durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden einzelnen
Punkt davon geltend machen könnten -- etwas, das sich infolge des
Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung
voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen
Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle
empirischen Tatsachen zu zwingen, _das Prinzip der unzähligen sexuellen
Übergangsstufen zwischen M und W auf alle Zellen des Organismus
ausgedehnt wird_, so entfällt die Schwierigkeit, an der _Steenstrup_
Anstoß nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. Von der
völligen Männlichkeit an in allen Vermittlungen bis zu deren gänzlichem
Fehlen, welches mit dem Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit
zusammenfiele, sind danach _unzählige verschiedene sexuelle
Charakteristiken_ jeder einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung
in einer Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde _zweier
realer_, jeweils in anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu
denken ist, oder ein _einheitliches_ Protoplasma in unendlich vielen
Modifikationen (etwa räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in
großen Molekülen) anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder
Vermutung zu enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht
gut verwendbar sein -- man denke an eine männliche oder weibliche
Körperbewegung und die dann notwendige Duplizität in den bestimmenden
Verhältnissen ihrer realen, physiologisch doch immer einheitlichen
Erscheinungsform; die zweite erinnert zu sehr an wenig geglückte
Spekulationen über die Vererbung. Vielleicht sind beide gleich weit von
der Wahrheit entfernt.

Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität)
einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen,
molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle
von W trennen mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage
auch auf dem Wege der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu
begründen. Ohne also irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen
(die wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus
Physik und Chemie zur Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die
Annahme _verschieden_ starker sexueller Betonungen auch für alle
_Einzelzellen_, nicht bloß für den _ganzen_ Organismus als ihre Summe,
mit guten Gründen verteidigen. Weibliche Männer haben meist auch eine
insgesamt weiblichere Haut, die Zellen der männlichen Organe haben bei
ihnen schwächere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere Wachstum
makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w.

Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der
sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere
zu treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke
ihrer erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im
Tierreiche). Um nicht von der allgemein angenommenen _John Hunter_schen
Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne
ich _primordiale Sexualcharaktere_ die männliche und die weibliche
Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); _primäre_ die
inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba,
Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von
jener der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) _und_ die »äußeren
Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des
Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über
sein Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig)
entschieden wird. Alle Geschlechtscharaktere _nach_ den primären haben
das Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar
mehr erforderlich sind. Als _sekundäre Geschlechtscharaktere_ sind
zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst _zur
Zeit der Geschlechtsreife_ äußerlich sichtbar auftreten und nach einer
fast zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion«
bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln
können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares,
Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.).

_Praktische_ Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere
Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu
erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft,
Eigenwilligkeit beim Manne, als _tertiärer Sexualcharaktere_. Durch
relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind
endlich die accessorischen oder _quartären_ Sexualcharaktere, wie
Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese
ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und
schon dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht
glaubt, auf die tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise
bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhängen. Mit dieser
Klassifikation der Sexualcharaktere soll nichts für eine _wesentliche_
Reihenfolge präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob
die geistigen Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär
oder von ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus
ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung
auf das andere Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie
diesem auffallen und die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von
ihm erschlossen werden, dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen
sein.

Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der
inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen
dieses Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten
Mangels hat man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem
Ausbleiben der _sekundären_ Geschlechtscharaktere studiert. Die
»innere Sekretion« übt aber zweifellos einen Einfluß auf _alle_ Zellen
des Körpers. Dies beweisen die Veränderungen, welche zur Zeit der
Pubertät im _ganzen_ Organismus und nicht bloß an den durch sekundäre
Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man
von vornherein die innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders
auffassen, als auf alle Gewebe _gleichmäßig_ sich erstreckend.

_Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert also erst die
Geschlechtlichkeit des Individuums._ Es ist demgemäß in jeder Zelle
eine _originäre sexuelle Charakteristik anzunehmen_, zu der jedoch
die innere Sekretion der Keimdrüsen _in einem gewissen Ausmaße als
ergänzende Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein bestimmt
qualifiziertes, fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen_.

Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik
des Individuums _am sichtbarsten_ hervortritt, und in dessen
morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar
ist. Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-,
Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am
vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits _Steenstrup_ mit
Recht gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet
und nicht bloß in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei,
so haben _Naegeli_, _de Vries_, _Oscar Hertwig_ u. a. die ungemein
aufklärende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher
begründet, daß _jede_ Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der
_gesamten $Art$_eigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in
einer besonderen ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen -- was
vielleicht einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird
angesichts der Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung
aus _einer_ einzigen Zelle entsteht.

Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die
seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen
Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen
Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des
_Idioplasma_ als der _Gesamtheit_ der spezifischen Arteigenschaften
auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren,
die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden -- so
können und müssen auch _hier_ die Begriffe eines _Arrhenoplasma_ und
eines _Thelyplasma_ geschaffen werden, _als der zwei Modifikationen,
in denen jedes Idioplasma bei geschlechtlich differenzierten Wesen
auftreten kann_, und zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen
Ansichten wieder nur als _Idealfälle_, als Grenzen, _zwischen_
denen die empirische Realität liegt. Es geht demnach das wirklich
existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich immer mehr
entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt (=
Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma über, das bereits dem
Thelyplasma näher liegt, um sich diesem bis auf ein Differenziale
zu nähern. Dies ist aus der Summe des Vorausgeschickten nur die
konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen;
sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern.

Der Nachweis, daß _jedes_ einzelne Organ und weiter _jede einzelne
Zelle_ eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte zwischen
Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also jeder
Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem Ausmaß
sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch
die Tatsache leicht führen, daß selbst im _gleichen_ Organismus
die verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft
nicht eine gleich _starke_ sexuelle Charakteristik besitzen. Es
liegt nämlich durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der
gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annäherung an Arrhenoplasma
oder Thelyplasma, ja es können Zellen des gleichen Körpers auf
verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen diesen Polen
sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität immer
auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und, noch
ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives,
dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in
anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann
die Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene
absolute Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es
gibt _sonst_ ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz
schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische
Feminina mit schwachen Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer
mit starkem Bartwuchs, Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich
sichtbarem Bartwuchs gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken
aufweisen. Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober-
und männlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker
männlicher Hüfte. Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der
sexuellen Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im
idealen Falle symmetrischen Körperhälften rechts und links von der
Medianebene betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der
Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien.
Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel
an Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen
Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß
zwar nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen
Organen gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den
Bedingungen der Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität.

Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen
Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen
verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen
anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber,
wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich
annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge
viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber
nicht in einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze
Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung _einer_ Zelle auch alle
anderen erledigt wären. Wenn auch _weite_ Abstände in der sexuellen
Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen _desselben_
Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den _allgemeinen_ Fall
muß man die _Spezifität_ derselben für jede einzelne Zelle ansehen;
man wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel
häufiger Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen
Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein
Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen
den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen
vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen Schwankungsbreite
müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen festgestellt werden.

Träte, wie dies die populäre, auf _Aristoteles_ zurückgehende
Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist,
mit der _Kastration_ eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem
entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung
eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung
gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen
primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt.
Aber die jüngsten experimentellen Untersuchungen von _Sellheim_
und _Foges_ haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus
verschiedenen Typus des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne
weiters identisch ist mit Verweiblichung. Freilich wird man gut tun,
auch in dieser Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu
vermeiden, man darf keinesfalls die Möglichkeit ausschließen, daß
eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des anderen Geschlechtes
nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrüse sozusagen
die Herrschaft über einen in seiner sexuellen Charakteristik in
gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die häufigen, freilich
wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige Annahme männlicher
Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der Involution der
weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen
Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des Masculinums sichtbar
werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der »Bart« der
menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen kurzen
Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w.
Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere
Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt
als die _normale_ Entwicklung sind sie für einige Vertreter der
Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der
Cymothoideen gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese
Tiere sind Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche
und weibliche Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht
gleichzeitig funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes
Individuum fungiert zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur
Zeit ihrer Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs
männliche Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die
weiblichen Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet
haben. Daß es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen
jene äußerst merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio«
zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem
erwachsenen Alter reifer Männer erzählt. Man wird also um so weniger
das tatsächliche Vorkommen der Verweiblichung in gänzliche Abrede
stellen dürfen, wenn für diese eine so günstige Bedingung wie die
Exstirpation der männlichen Keimdrüse geschaffen wird.[6] Daß aber
der Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, daß Kastration
ein Individuum durchaus nicht _mit Sicherheit_ zum Angehörigen
des anderen Geschlechtes macht -- dies ist wieder ein Beweis, wie
notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich arrhenoplasmatischer und
thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper ist.

Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle
und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete
wird weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von
Transplantationen männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur
strikten Beweiskraft dieser letzteren Versuche wäre es freilich
vonnöten, daß die exstirpierten Testikel einem möglichst nahe
verwandten weiblichen Tier, womöglich einer Schwester des kastrierten
Männchens, eingepflanzt würden: das _Idioplasma_ dürfte nicht _auch
noch_ ein zu verschiedenes sein. Es würde nämlich hier wie sonst viel
darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in möglichst reiner
Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst eindeutiges Resultat zu
erhalten. Versuche auf der _Chrobak_schen Klinik in Wien haben gezeigt,
daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig
vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle atrophieren und nie
die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B. der Milchdrüsen)
aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der eigenen Keimdrüse
von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an einem davon
verschiedenen Orte im _selben_ Tiere (das somit sein eigenes Gewebe
behält) im Idealfalle die _völlige_ Entwicklung der sekundären
Geschlechtscharaktere _ebenso_ möglich ist, wie wenn gar kein
Eingriff erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte
Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden
Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in
erster Linie beachtet werden.

Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der _Transfusion_
heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß
man verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch
das Blut der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern
auch durch das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen
muß. Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in die
Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich behaupten, so
werden die Chirurgen, soweit sie überhaupt transfundieren und nicht
Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht nicht bloß darauf achten
müssen, ob das Ersatzblut einem möglichst stammverwandten Tiere
entnommen ist. Es fragt sich, ob dann die Forderung zu weit ginge, daß
nur das Blut eines Wesens von möglichst gleichem Grade der Maskulität
oder Muliebrität Verwendung finden dürfte.

Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene
sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt,
der gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen
auf Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen
Beweis dafür, daß die innere Sekretion _nur auf ein ihr adäquates
Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist_.

In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen
Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen
klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter
ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg
hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut
eines Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits
erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen _gegen_ das _Prinzip_
der Organotherapie damit, daß Organpräparate von _Nicht_-Artgenossen
naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die
Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit
wie die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der
Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt.

Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den spezifischen
Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit verloren
haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß
zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird
jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei
Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche
Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als
ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation
von Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich
zwischen dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten
Individuum entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen
Peritonealraum transplantierten Hodens _mit_ dem Einfluß intravenöser
Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn,
wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen
gewonnen sein müßte -- solche Parallelversuche wären hier vielleicht
mit Nutzen auszuführen. Sie könnten möglicherweise auch noch
lehrreiche Aufschlüsse bringen über die passendste Darstellung und
Menge der Organpräparate und der einzelnen Injektionen. Es wäre auch
_theoretisch_ eine Feststellung darüber erwünscht, ob die inneren
Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine chemische Verbindung
eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine katalytische, von der Menge
eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere Annahme kann nach den
bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen werden.

Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung
des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen,
um die gemachte Annahme einer originären, _im allgemeinen_ für
jede Zelle graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten
sexuellen Charakteristik gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese
Charakteristiken auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die
verschiedenen Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich
dem Grade nach verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante
Ausnahmen, die uns die Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken.
Auch die einzelnen Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur
verschiedener Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse
_eines_ Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen
Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und
Maskulität zeigen, z. B. die Samenfäden verschieden schlank,
verschieden schnell sein. Freilich sind wir über diese Unterschiede bis
jetzt sehr wenig unterrichtet, aber wohl nur, weil niemand bisher diese
Dinge in gleicher Absicht untersucht hat.

Doch hat man -- und dies ist eben das Interessante -- in den Hoden von
Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese
regelrechte und wohlentwickelte _Eier_, nicht ein einziger einmal,
sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden. Diese
Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite
nur die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als
feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft
festgestellt. Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den
betreffenden Amphibien ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache
genug Beweis für die Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder
Konformität des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in _einem_ Körper
_vorsichtig_ zu sein. Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die
gleiche Kategorie von Übereilung, wenn ein menschliches Individuum,
bloß weil es bei der Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar
epi- oder hypospadisches männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei
doppelseitigem Kryptorchismus als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters
als solcher angesehen wird, obwohl es in den übrigen Körperpartien,
z. B. cerebral, weit näher dem Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht.
Man wird es da wohl noch einmal zu lernen trachten müssen, selbst
feinere Abstufungen der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu
diagnostizieren.

Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir
nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a
priori nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch
nur ungefähr gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder
Zellkomplex, jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung
zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen
freilich wird _ein_ Index für den _ganzen_ Körper geringen Ansprüchen
an Exaktheit genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im
Theoretischen, schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir
hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich
alles getan zu haben glaubten.

_Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Charakteristik
zusammen mit der_ (bei den einzelnen Individuen wahrscheinlich
qualitativ und quantitativ) _variierenden inneren Sekretion $bedingen$
das Auftreten der sexuellen Zwischenformen_.

Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen, sind
die _mikro_skopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren
Sekretion« jene _makro_skopischen Differenzen schaffen, von denen das
vorige Kapitel ausschließlich handelte.

Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen
ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen,
physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen
über die Unterschiede zwischen den _Typen_ M und W in Bau und
Funktion _aller_ einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma
und Thelyplasma sich in den verschiedenen Geweben und Organen
besonders differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis
jetzt über all das haben, genügen selbst dem modernen Statistiker
kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Daß z. B.
alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im Gehirn so wenig
Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein Grund,
daß man nicht den _typischen_ Verhältnissen nachgegangen ist, sondern
sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt der
Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans
und jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder
Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer
Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der
sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als
große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger
Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen,
die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der
Distanz der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc.

Dieselbe Fehlerquelle -- das unbedenkliche Passierenlassen sexueller
Zwischenstufen als maßgebender Individuen -- ist übrigens auch bei
anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit
kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit
hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des _Knabenüberschusses bei
den Geburten_ nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz
außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung
an jedermann rächen, der das _Problem der geschlechtsbestimmenden
Ursachen_ lösen zu wollen sich unterfängt. Bevor er nicht jedes zur
Welt gekommene Lebewesen, das ihm zum Objekt der Untersuchung wird,
auch auf seine Stellung zwischen M und W geprüft hat, wird man seinen
Hypothesen oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten
dürfen. Wenn er nämlich die sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in
der bisherigen äußerlichen Weise unter die männlichen oder unter die
weiblichen Geburten einreiht, so wird er Fälle _für_ sich in Anspruch
nehmen, die bei tieferer Betrachtung _gegen_ ihn zeugen würden, und
andere Fälle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatsächlich nicht
sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt er eben
eines festen Maßstabes, den er an die Wirklichkeit anlegen könnte,
und tappt im ungewissen, oberflächlichen Schein. _Maupas_ z. B., dem
die experimentelle Geschlechtsbestimmung bei Hydatina senta, einem
Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3-5% an abweichenden
Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt von
Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von Männchen;
entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel etwa ebensoviel
Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle Zwischenstufen
waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide Männchen bei
tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, z. B.
beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz der
übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb
die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende
Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden.

Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch
eine vergleichende _Pathologie_ der sexuellen _Typen_ vorderhand ein
Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse
Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim
»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim
»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen
dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische«
Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele
ist naturgemäß eine Krankheit von M.

Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik
hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit
bewahren, als nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist,
daß es in unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit
oder an die Weiblichkeit geknüpft ist. Die _Theorie_ der betreffenden
Krankheiten wird auch darüber Rechenschaft zu geben haben, _$warum$_
sie »fast ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in
der hier begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören.



III. Kapitel.

Gesetze der sexuellen Anziehung.

                              _Carmen_:

                              »L'amour est un oiseau rebelle,
                              Que nul ne peut apprivoiser:
                              Et c'est bien en vain qu'on l'appelle,
                              S'il lui convient de refuser.
                              Rien n'y fait; menace ou prière:
                              L'un parle, l'autre se tait;
                              Et c'est l'autre que je prefère;
                              Il n'a rien dit, mais il me plaît.
                              .............
                              L'amour est enfant de Bohême
                              Il n'a jamais connu de loi.«

                                                        $?$


In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen
geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete
Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann und
Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich
vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können,
daß die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein
Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der
sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn
sie vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch
ihr Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen
lassen als mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug
behaupten sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in
allen _verschiedenen_ Verhältnissen sich auf die Lebewesen _verteilen_,
zur Entdeckung eines ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal
geahnten _Naturgesetzes_ geführt, eines _Gesetzes der sexuellen
Anziehung_. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und ich
will daher von diesem hier ausgehen.

Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen bestimmten,
ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die Bildnisse der
Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der Geschichte
nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine
beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am
ehesten hervortreten wird in ihrer _Gestalt_ (im engeren Sinne des
_Wuchses_) oder in ihrem _Gesichte_, aber sich bei näherem Zusehen bis
in die kleinsten Züge -- ad unguem, bis auf die Nägel der Finger --
erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die
Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf
den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft,
die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner
zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend,
ihm schon den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann,
verstehe ich nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten
besonderen Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen
Zweifel setzen, hat _Darwin_ gesammelt (in seiner »Abstammung des
Menschen«). Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes
aber selbst bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald
besprochen werden.

Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der
Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden
scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen,
welche es zu verhindern wissen, daß dem _unmittelbaren_ Geschmacke,
der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder
ein Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht
dagewesen ist.

Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom
»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse
dunkle Ahnung der _Tatsache, daß in jedem Menschen gewisse
Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig erscheinen lassen,
$welches$ Individuum des anderen Geschlechtes mit ihm eine sexuelle
Vereinigung einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für jeden
anderen »Mann«, nicht jedes »Weib« für jedes andere »Weib«, ohne daß es
einen Unterschied macht, eintreten kann_.

Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen des
anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt _abstoßende_ Wirkung
ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis
endlich (vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem
vereinigt zu sein in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze
Welt _daneben_ für ihn eventuell wertlos wird und verschwindet.
Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften muß es besitzen?
Hat wirklich -- und es ist so -- jeder Typus unter den Männern einen
ihm entsprechenden Typus unter den Weibern zum Korrelate, der auf
ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so scheint zumindest hier ein
gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein Gesetz? Wie lautet
es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es formulieren, als
ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei
verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines solchen
drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam. Auch
dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle
zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen,
die Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische
Formulierung zu.

Diese Schrift nun vermißt sich nicht, _sämtliche_ Gesetze der sexuellen
Anziehung -- es gibt ihrer nämlich mehrere -- aufdecken zu wollen, und
erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere
Auskunft über dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben zu
können, das seinem Geschmack am besten entsprechen werde, wie dies eine
vollständige Kenntnis der in Betracht kommenden Gesetze allerdings
ermöglichen würde. Nur ein einziges von diesen Gesetzen soll in diesem
Kapitel besprochen werden, da es in organischem Zusammenhange mit
den übrigen Erörterungen des Buches steht. Einer Anzahl weiterer
Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das erste, auf das ich
aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen habe, ist relativ
am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial möge man
in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht
beurteilen.

Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität
ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt
haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem
Sinne überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst
zu prüfen, und dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten;
besonders empfehle ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung,
wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen
»Geschmack« abgesprochen hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite
widerfahren ist. Jenes Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des
menschlichen Körpers, welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt
jeder Mensch.

Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben dem
Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen.

Das Gesetz lautet: »_Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein
$ganzer$ Mann (M) und ein $ganzes$ Weib (W) zusammen zu kommen, $wenn
auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
verschiedenem Verhältnisse verteilt.$_«

Anders ausgedrückt: Wenn m_{μ} das Männliche, w_{μ} das Weibliche
ist in irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als
»Mann« bezeichneten Individuum μ und w_{ω} das Weibliche, m_{ω} das
Männliche dem Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich
schlechtweg als »Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder
_vollkommenen Affinität_, d. h. im Falle der _stärksten_ sexuellen
Attraktion:

  (Ia) m_{μ} + m_{ω} = C(onstans)_{1} = M = dem idealen Manne

und darum natürlich gleichzeitig auch

  (Ib) w_{μ} + w_{ω} = C_{2} = W = dem idealen Weibe.

Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist _ein_ Fall, _eine
einzige_ sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von
denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues
zu ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß
jedes Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht.
Ist es _ganz_ männlich, so wird es ein _ganz_ weibliches Gegenglied
verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber
ein bestimmter größerer Bruchteil vom Manne _und_ ein keineswegs
zu vernachlässigender anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur
Ergänzung ein Individuum fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit
zum Ganzen, zur Einheit komplettiert; damit wird aber _zugleich_ auch
sein weiblicher Anteil in ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe
z. B. ein Individuum

    { ¾ M,
  μ { _also_
    { ¼ W.

Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes
Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist:

    { ¼ M,
  ω { _also_
    { ¾ W.

Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer Allgemeinheit
vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als sexuelle Typen,
einander anziehen, ist hierin eben nur als _Spezialfall_ enthalten, als
jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum

  X { 1 . M
    { 0 . W

sein Komplement in einem ebenso imaginären

  Y { 0 . M
    { 1 . W

findet.

Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen
Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der
Frage nach den _Gesetzen_ dieses Geschmackes anerkannt, nach dem
Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den
übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht.
Das Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht
das geringste _Un_wahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der
gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das
geringste _entgegen_. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht
»selbstverständlich«. Es könnte ja -- _denkbar_ wäre es, da das Gesetz
selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist -- auch lauten: m_{μ} -
m{ω} = Const., d. h. die _Differenz_ im Gehalte an M eine konstante
Größe sein, nicht die Summe, also der männlichste Mann von _seinem_
Komplemente, welches dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge,
ebensoweit entfernt stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen,
das wir in diesem Falle in der extremen Weiblichkeit zu erblicken
hätten. _Denkbar_ wäre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der
Realität verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, daß wir ein
empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen Gebote der
Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von einer »Kraft« sprechen,
welche die zwei Individuen wie zwei Hampelmännchen gegeneinander laufen
läßt, sondern in dem Gesetze nur den Ausdruck eines Verhältnisses
erblicken, das in jeder stärksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher
Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine »Invariante« (_Ostwald_),
eine »Multiponible« (_Avenarius_) aufzeigen, und das ist in diesem
Falle die stets gleich bleibende Summe des Männlichen wie die des
Weiblichen in den beiden einander mit größter Stärke anziehenden
Lebewesen.

Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß _hier_ ganz abgesehen
werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer bestimmten
Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren »außerordentliche«,
»berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen möchte«, was an
der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da sie eben nicht
auch _sein_ sexuelles Komplement ist. Ohne hier den Standpunkt irgend
einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen Relativismus der
Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, daß
sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte _Indifferentes_,
sondern selbst _Unschönes_ vom verliebten Menschen schön gefunden wird,
wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-Schönes, sondern nur
_das Schöne_, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen Apperzeptionen«
_ästhetisch Gefallende_ verstanden werden soll.

Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die
niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen
erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf
der Straße begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen
waren insoferne lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze
der Sexualität verstärkten und zu deren Erforschung aufforderten.
Übrigens habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender
Weise angestellt, daß ich mit einer Kollektion von Photographien
rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren jede einem bestimmten Gehalte
an W entsprach, eine Enquête veranstaltete, indem ich sie einer Reihe
von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«, wie ich hinterlistig sagte,
vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war regelmäßig dieselbe, die
ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits wußten, worum es
sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen, daß sie mir
Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste herausfinden
mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne daß sie mir
vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal
vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit
beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es
anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was
ihnen _miß_fiel -- was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als
das, was ihnen gefällt -- erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte.

Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen
Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren
wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen
angeregt, bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis
der anderen Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben
auf das Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich
eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf
den Gedanken geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei
immer gleich groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel
erörterten Gründen nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines
und desselben Wesens gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem
würden solche heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell
zu der Kategorie der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von
ihrer Anführung lieber absehen mag.

Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt
wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten
Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier
weniger daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als
zur Gewinnung solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur
genauen Überprüfung jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode
zur Verfügung standen, äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im
einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden
mit Hinweisen auf merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung
gefunden haben, die einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander
stützen zu können: einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen
vielleicht selbst die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu
entbehren.

Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz
zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche,
die man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen
demgemäß der Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften
schien. Wie jeder Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich
die von _Persoon_ entdeckte, von _Darwin_ zuerst beschriebene,
von _Hildebrand_ benannte Erscheinung der _Ungleichgriffeligkeit_
oder _Heterostylie_. Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und
eine einzige monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und
Geraniaceen, besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf
deren Blüte sowohl Pollen als Narbe funktionsfähig sind, aber nur
für Produkte fremder Blüten, die also in morphologischer Beziehung
androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch diözisch erscheinen --
diese alle haben die Eigentümlichkeit, _ihre Narben und Staubbeutel
auf verschiedenen Individuen zu verschiedener Höhe zu entwickeln_. Das
eine Exemplar bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher
hochstehender Narbe und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist
nach meiner Auffassung das weiblichere. Das andere Exemplar hingegen
bringt nur Blüten hervor mit tiefstehender Narbe und hochstehenden
Antheren (weil langen Staubfäden): das männlichere. Neben diesen
»dimorphen« Arten gibt es aber auch »trimorphe«, wie Lythrum salicaria,
mit dreierlei Längenverhältnissen der Geschlechtsorgane: außer der
Blütenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen findet
sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i. mittellangen
Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie den Weg in die
Kompendien gefunden haben, ist auch damit die Mannigfaltigkeit nicht
erschöpft. _Darwin_ deutet an, daß, »wenn kleinere Verschiedenheiten
berücksichtigt werden, _fünf_ verschiedene Sitze von männlichen Organen
zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier unleugbar
vorkommende _Dis_kontinuität, die Trennung der verschiedenen Grade von
Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht _allgemein_
zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da _kontinuierlichere
sexuelle Zwischenformen_ vor uns. Anderseits ist auch dieses
diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo
die betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar
angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar nicht _entsann_.
Bei mehreren Insektengattungen, nämlich bei Forficuliden (Ohrwürmern)
und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus cervus, dem Hirschkäfer,
bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt es _einerseits_
viele Männchen, welche den sekundären Geschlechtscharakter, der sie
von den Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fühlhörner zu sehr
großer Länge entwickeln; die _andere_ Hauptgruppe der Männchen hat nur
relativ wenig entwickelte Hörner. _Bateson_, von dem die ausführlichere
Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt, unterscheidet darum unter
ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind diese beiden Typen durch
kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden, aber die zwischen
ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare stehen
an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist es _Bateson_ nicht
darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser beiden Gruppen
zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als Beispiele
diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob
es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt,
die eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen
der Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen
nur als eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als
physiologische Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung
verwenden, _für das die Heterostylie in der Tat sich verwerten läßt_.

Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige
Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel
innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von _Darwin_ nachgewiesen und
seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden,
daß bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht
auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der
_Pollen der makrostylen Blüte_, d. i. derjenige von den niedrigeren
Antheren, auf die _mikrostyle Narbe_ eines anderen Individuums,
welches sodann lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus
hochstehenden Staubbeuteln stammende _Pollen einer mikrostylen Blüte_
auf die makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten).
So lang also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in
ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen,
von der sie mit Erfolg empfangen soll, das männliche, der Staubfaden
sein, und umso kürzer in der letzteren der Griffel, dessen Länge den
Grad der Weiblichkeit mißt. Wo dreierlei Griffellängen vorhanden sind,
da fällt die Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten
aus, wenn der Pollen auf diejenige Narbe übertragen wird, die auf einer
anderen Blüte in derselben Höhe steht wie der Staubbeutel, aus welchem
der Pollen stammt. Wird dies nicht eingehalten, sondern etwa künstliche
Befruchtung mit nicht-adäquatem Pollen herbeigeführt, so entstehen,
wenn diese Prozedur überhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer
nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare
Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen Spezies äußerst ähneln.

Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man
es insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses
verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind.
Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch
gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so
den merkwürdigen Effekt herbeiführen. _Darwin_ gesteht jedoch selbst,
daß die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich
tragen; es bleibt also das _elektive_ Verfahren der weiblichen Organe
bei Bestäubung mit doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie
vor aufzuhellen. Auch scheint jene Begründung, so ansprechend und
zauberkräftig sie sich ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben
mit ihr verständlich gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung
mit inadäquatem Pollen, sogenannter »_illegitimer Befruchtung_«, so
schlechter Erfolg beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit
»legitimem« Pollen müßte dann die Narben _durch Gewöhnung_ nur für den
Blütenstaub dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen;
aber es konnte soeben _Darwin_ selbst als Zeuge dafür einvernommen
werden, daß diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen
illusorisch ist, indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in
Anspruch genommen werden, tatsächlich viel eher eine _unterschiedslose
Kreuzung_ begünstigen.

Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses
eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den
Blüten selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie
beim Menschen darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen
Individuen am größten ist, _deren eines ebensoviel von M besitzt wie
das andere von W_, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen
Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein
erhöht dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die
Pollenkörner in den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets
größer, die Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in
der langgriffeligen weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich
kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene Grade der
Männlichkeit und Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt
hier das aufgestellte Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende
Verifikation, indem eben im Tier- und im Pflanzenreiche -- an späterem
Orte wird hierauf zurückzukommen sein -- Befruchtung _stets dort_ den
besten Erfolg aufweist, _wo die Eltern die größte sexuelle Affinität
zueinander gehabt haben_.[8]

Daß im _Tierreich_ das Gesetz in voller Geltung besteht, wird
erst bei der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer
Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier
nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber
wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die
flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen
als die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und
diese nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien
an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. _Weill_
in einer kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren
vermutet hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den
kinetischen Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch
nicht einmal festgestellt -- freilich auch sehr schwierig festzustellen
-- ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der Reibung und
Strömung im flüssigen Medium, eine Beschleunigung gegeneinander
aufweisen oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden.
So viel und noch einiges mehr könnte man da fragen.

Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene
Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den
Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich
scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr
viele Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche,
Anzahl anderer Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von
_unaufhaltsamer_ sexueller Anziehung so _selten_. Da die bezüglichen
Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen
hier nicht sprechen und bloß der Illustration halber noch auf einen
weiteren, mathematisch wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht
kommenden Faktoren hinweisen.

Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich
allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist
durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man
mit zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch
(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere
Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein
nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer
wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der
man meist von ihm Notiz nimmt.

Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz
wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere
mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht,
versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage
kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen,
erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines
Proportionalitätsfaktors.

Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des
_Gleichförmigen_ aller Fälle sexueller Anziehung von _idealer_ Stärke,
soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt
bestimmt wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die
_Stärke der sexuellen Affinität_ in jedem denkbaren Falle, einen
Ausdruck übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, _zugleich die
allgemeinste Beschreibung des Verhältnisses zweier Lebewesen überhaupt,
selbst von verschiedener Art und von gleichem Geschlechte_, abgeben
könnte.

Wenn

    { α  M         { β  W
  X {       und  Y {
    { α' W         { β' M

wobei wieder

       α
  0 <  β  < 1
       α'
       β'

irgend zwei beliebige Lebewesen sexuell definieren, so ist die Stärke
der Anziehung zwischen beiden

  A = k/(α - β) . f(t)          (II)

worin f(t) irgend eine empirische oder analytische Funktion der
Zeit bedeutet, während welcher es den Individuen möglich ist,
aufeinander zu wirken, der »_Reaktionszeit_«, wie wir sie nennen
könnten; indes k jener Proportionalitätsfaktor ist, in den wir
alle bekannten und unbekannten Gesetze der sexuellen Affinität
hineinstecken, und der außerdem noch von dem Grade der Art-, Rassen-
und Familienverwandtschaft, sowie von Gesundheit und dem Mangel an
Deformationen in beiden Individuen abhängt, schließlich mit ihrer
größeren räumlichen Entfernung voneinander kleiner wird, der also noch
in jedem Falle besonders festzustellen ist.

Wird in dieser Formel α = β, so wird A = ∞; das ist der extremste
Fall: es ist die sexuelle Anziehung als Elementargewalt, wie sie
mit unheimlicher Meisterschaft in der Novelle »Im Postwagen« von
_Lynkeus_ geschildert ist. Die sexuelle Anziehung ist etwas genau so
Naturgesetzliches wie das Wachstum der Wurzel gegen den Erdmittelpunkt,
die Wanderung der Bakterien zum Sauerstoff am Rande des Objektträgers;
man wird sich an eine solche Auffassung der Sache freilich erst
gewöhnen müssen. Ich komme übrigens gleich auf diesen Punkt zurück.

Erreicht α - β seinen Maximalwert

  lim (α - β) = Max. = 1,

so wird lim A = k . f(t). Es ergeben sich also hier als ein bestimmter
_Grenzfall_ alle sympathischen und antipathischen Beziehungen zwischen
Menschen überhaupt (die aber mit den _sozialen_ Beziehungen im engsten
Sinne, als konstituierend für gesellschaftliche Rechtsordnung,
nichts zu tun haben), soweit sie nicht durch _unser_ Gesetz der
sexuellen Affinität geregelt sind. Indem k mit der Stärke der
verwandtschaftlichen Beziehungen im allgemeinen wächst, hat A unter
Volksgenossen z. B. einen größeren Wert als unter Fremdnationalen.
Wie f(t) hier seinen guten Sinn behält, kann man am Verhältnis zweier
zusammenlebender Haustiere von ungleicher Spezies sehr wohl beobachten:
die erste Regung ist oft erbitterte Feindschaft, oft Furcht vor
einander (A bekommt ein _negatives_ Vorzeichen), später tritt oft ein
freundschaftliches Verhältnis an deren Stelle, sie suchen einander auf.

Setze ich ferner in

  A = (k . f(t))/(α - β)      k = 0,

so wird A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu
verschiedener Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung mehr
statt.

Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts und
wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen
Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß
k innerhalb sehr _weiter_ Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen
also die beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht
einmal auf die gleiche Klasse beschränken.

Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen nicht
Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze
steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr -- es
wurde vorhin daran gerührt -- zwingt zu einer Erörterung der tiefen
Frage nach der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung.

Bekannte Versuche von Wilhelm _Pfeffer_ haben gezeigt, daß die
Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die
weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen
werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen
wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und
oft sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in
Berührung zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche
Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht
vorkommen. So werden die Spermatozoiden der Farne durch die aus den
Archegonien ausgeschiedene Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch
dargestellte Äpfelsäure, ja sogar durch Maleinsäure, die der Laubmoose
durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir wissen nicht
wie, durch Unterschiede in der Konzentration der Lösung beeinflußt
wird, bewegt sich nach der Richtung der stärkeren Konzentration hin.
_Pfeffer_ hat diese Bewegungen _chemotaktische_ genannt und für jene
ganzen Erscheinungen wie für andere Fälle asexueller Reizbewegungen den
Begriff des _Chemotropismus_ geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß
die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die
Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und
vice versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge
zu betrachten sei.

Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener
energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch
der Säugetiere, _entgegen_ der Richtung der von innen nach außen,
vom Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der
Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung
selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit
weiß allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das
Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren
in dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die
Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus
dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem
Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen.

Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P. _Falkenberg_
von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen des
mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft
sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so
haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die
mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der
Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der
_leblosen_ Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen _umgebender
Medien_ voraussetzen, während die Kräfte der _lebenden_ Materie in
den Organismen selbst, als wahren _Kraftzentren_, lokalisiert sind.
Nach _Falkenbergs_ Beobachtungen überwanden die Spermatozoiden
bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft, die sie
sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als
die _$photo$taktische_ wäre also die _$chemo$taktische Wirkung,
Geschlechtstrieb genannt_.

Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende Individuen
eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement des einen
erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen Behelf
zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein.
_Der Ehebruch ist da_: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie
wenn FeSO_{4} mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO_{4}-Ionen
nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer
moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der _Natur_ ein
Ausgleich von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine
lächerliche Figur zu spielen scheinen.

Dies ist ja auch der Grundgedanke der _Goethe_schen
»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll
ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles
von denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit
nachher an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist
nicht wenig stolz darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken
wieder aufnimmt. Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den
Ehebruch verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt
_im Menschen_ Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und
ihn verhindern können. Hierüber wird im zweiten Teile noch zu handeln
sein. Daß auch die niedere Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng
in den Kreis der Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen
Organismen, dafür ist immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der
Mensch in _allen_ Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die Reste einer
besonderen Brunstzeit im Frühjahr viel schwächer sind als selbst bei
den Haustieren.

Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben
radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der
theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten
Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine
stärkere Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet
wie das männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht
hier mehr als ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige
Organismus ist vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig
viele, qualitativ gleiche Teile spaltbare Substanz: das »principium
individuationis«, die Tatsache, daß alles, was lebt, als Individuum
lebt, _ist identisch mit der Tatsache der Struktur_. Es kann also hier
nicht wie dort ein größerer Teil die eine, ein kleinerer die andere
Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der Chemo_tropismus_
kann ferner auch ein _negativer_ sein. Von einer gewissen Größe der
Differenz α - β an in der Formel II erhalten wir eine negative, d. h.
entgegengesetzt gerichtete Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln:
_sexuelle Abstoßung liegt vor_. Zwar kann auch beim toten Chemismus
_dieselbe_ Reaktion mit _verschiedener Geschwindigkeit_ erfolgen. Nie
aber kann, nach den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen
Katalysator statt des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen
des Gegenteils) einer Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder
kürzerer Zeit bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die
sich von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer höheren sich
wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die _Richtung_ der Reaktion
eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine solche der Zeit.

In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber
wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus,
wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu
schroff ablehnt. Man könnte auch hier an eine Formel für die
_Reaktionsgeschwindigkeit_, die verschiedenen Grade der Schnelligkeit,
mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen sich
entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen.
Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (_Kant_)
niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an
Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem
Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl
auch so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die
längere Zeit beisammen, besser noch: _miteinander eingesperrt_ sind,
sich auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag,
ähnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch
nimmt, ehe merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht
ja wohl auch der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben
pflegt: Das stelle sich »schon später« ein; es komme »_mit der Zeit_«.

Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten
Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber _aufklärend_, derartige
Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter
die Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und
keineswegs ist, auch wenn es für die _Sexualität feststände_, damit
auch schon _implicite_ etwas über die _Erotik_ ausgemacht. Das Phänomen
der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite
Teil zu geben versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in
denen leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und
jenen Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die
Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den
»Wahlverwandtschaften«.

Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes Eingehen
auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen, welche
aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen
ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für
die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr
ähnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige
sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch immer _zwei_ Wesen geben
wird, die _am besten_ zueinander passen. _Insofern_ ist also die Ehe
gerechtfertigt und »freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte
aus zu verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere
Verhältnisse, z. B. durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch
durch die besprochene Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem
Alter, wieder bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung
vermindert.

Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie
erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen
Befruchtung« fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies
legt bereits den Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die
stärkste und gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen
werde, in denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem
Ausmaße besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern
der Liebe« in ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere,
bessere, prächtigere Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst
wer keinen speziellen Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon
um der Hygiene willen die bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe
noch erheblich unterscheiden kann, mißbilligen.

Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will,
die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen
ziemlichen Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären
Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu
kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die
künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche
Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig
Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck
keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen
Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch
Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem
modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß,
geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der
körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten
der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als
irgend sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht
die Liebe zustande bringt.

_Darwin_ hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch
sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was
seither allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe
verwandte Individuen als auch anderseits solche von allzu ungleichem
Artcharakter einander sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend
verschiedene«, und daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt,
der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein
schwächliches, selbst meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt
entsteht, wie eben auch bei den heterostylen Pflanzen »_legitime_
Befruchtung« _mehr_ und _besseren_ Samen liefert als alle anderen
Kombinationen.

_Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime, deren Eltern die
größte sexuelle Affinität gezeigt haben._

Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten
ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen
Schlusses: Wenn schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann
sollen diese wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen
Abstoßung hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an
der körperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen
könnte. Sicherlich bilden einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die
Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle
Erregung beim Geschlechtsakte die Aussichten der Konzeption erhöhen
soll, gehört wohl auch teilweise in diese Sphäre und wird aus der von
Anfang an größeren Intensität des Sexualtriebes zwischen zwei einander
wohl ergänzenden Individuen leichter verständlich.



IV. Kapitel.

Homosexualität und Päderastie.


In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die
-- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i.
der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum
anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die
später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder
Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes
aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht;
Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem
äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen
körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren.
Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus
zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre
Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten
Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche
Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe
verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es
fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an
das andere Geschlecht._

Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche
den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von
den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und
das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung
durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben
angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als
solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und
besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer?
Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze
Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle
Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich
erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe
stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die
Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der
»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt
sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen
des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen
Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über
die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst
ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die
Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber
diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder
geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung
harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund
konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas
anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was
die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_
Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits
begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja
»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung
bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein
Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich
zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein
läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte
und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein
bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete,
um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte
»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des
ganzen Resultates zu machen.

Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig
ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch
kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten
Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als
ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung,
die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen
Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der
Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration,
die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel
weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr
früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen
seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen
lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß
die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein
können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht
weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie,
ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als
sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort.

Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung
mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen
verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als
etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige
Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister
sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes
Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der
bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten
Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den
Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und
von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen
Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im
Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren,
bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl.
S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom
Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als
Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber
gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der
sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher,
daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen
Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später
erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie
sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia
vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht
werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung
genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl
bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher
Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte
sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch
nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der
jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu
Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen
Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang
an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr
mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie
selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte
begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität
nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich
zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen
Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie
erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes
Dasein zu erkennen gibt.

Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der
bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht,
hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit
eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie
die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete
Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet
wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine
Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer
früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung
der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität
als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den
kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr
als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind.
Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr
darum _alle auch homosexuell_.

Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder
_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage
zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird
besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der
Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht,
wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den
Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene
schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines
sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen
wie beim weiblichen Geschlecht.

Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft«
mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen
starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere
Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den
»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht,
das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen
zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten
gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis
auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu
bleiben.

Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines
Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der
Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken
an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft
ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn
die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt
hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis
genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«,
Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt
geschlechtliche Verhältnisse zurück.

Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges
Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer
greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten
Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage
tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter
»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise
dies zur Ursache.

Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren
beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in
verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben
die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und
»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein,
daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch
für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem
Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann
man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die
einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf,
manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl
sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben
die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser
befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich
eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in
Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur
die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch
die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter
ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen
des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung.

_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine
Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._
Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist,
verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes,
das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat.
Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden
Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre
Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren
Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie
sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist
der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander
immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im
allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine
Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der
ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher
Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor
der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900
ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren.

Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle
Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch
unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart
auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher
theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität.
Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies
hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden
Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes
und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem
Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist
eingestandenermaßen ein minimaler.

Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der
Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild
des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner
unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein
Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten
besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn
der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem
»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben
wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem
Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade
das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich
ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen
anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der
konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung
nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag,
den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu
weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_
die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft
stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit
sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen,
möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es
verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines
Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive
Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver
als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes
mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht
aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute
beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene
Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz
trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht
mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den
Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde
ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des
Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu
gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen
Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom
Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht
bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in
dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort
finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander.

Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich
geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller
Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen
herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und
auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter
die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres
umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel,
während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht
ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch
Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben,
eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher
sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf
sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann
als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben
imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle
Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen,
die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses
Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?]
Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen
Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese
Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen
Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels
getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die
Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige
Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_
sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der
_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr
weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast
ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm
stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach
dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für
diese Untersuchung gänzlich unerledigt.



V. Kapitel.

Anwendung auf die Charakterologie.


Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem eine
wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu
erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen
und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen
Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens
ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch
einen psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens
stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur
Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da
diese von der reichen Folge der sexuellen Zwischenformen im Geistigen
ebenso erfüllt ist wie im Körperlichen. Das Prinzip hat also die
größte Aussicht, sich den _geistigen_ Eigenschaften gegenüber zu
bewähren und das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die
psychologischen Unterschiede _zwischen den einzelnen Menschen_ für
die Wissenschaft noch immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein
Schritt vorwärts gemacht im Sinne einer differenzierten Auffassung
auch des geistigen Habitus jedes Menschen, man wird auch von dem
_Charakter_ einer Person wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei
_männlich_ oder er sei _weiblich schlechthin_, sondern darauf achten
und danach fragen: _wieviel Mann_, _wieviel Weib_ ist in einem
Menschen. Hat _er_ oder hat _sie_ in dem betreffenden Individuum
dies oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine _individualisierende_
Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist hiedurch
erleichtert, und so liegt die neue Methode in der eingangs
dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle Erkenntnis
hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend,
nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem
Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen,
sondern ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu.
Darum ist die Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der
sexuellen Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste
wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der
Versuch berechtigt, es methodisch zu dem Range eines _heuristischen
Grundsatzes_ in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder
»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das
Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich
von Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten
Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar
aller quantitativen Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen
den Prozentgehalt an M und W, den ein Individuum besitzt, auch im
Psychischen aufzusuchen sich nicht wird scheuen dürfen. Daß diese
Aufgabe mit einer _anatomischen_ Beantwortung der Frage nach der
sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und Weib noch nicht
gelöst ist, sondern _im allgemeinen_ noch eine besondere Behandlung
erfordert, selbst wenn _im speziellen_ hier viel öfter Kongruenz als
Inkongruenz sich nachweisen ließe, ist bereits mit den Ausführungen
des zweiten Kapitels über die Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche
selbst zwischen den einzelnen _körperlichen_ Teilen und Qualitäten
des nämlichen Individuums untereinander betreffs des _Grades_ ihrer
Männlichkeit oder Weiblichkeit bestehen.

Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen Menschen
ist hiebei nicht als völlige oder annähernde _Simultaneität_ zu
verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle
notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur
richtigen psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine
bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. _Es schwankt oder
oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem Manne und dem Weibe in
ihm hin und her_; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm
groß, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein können, _sie
sind immer da_ und offenbaren sich, wenn sie von einiger Erheblichkeit
sind, auch durch ein wechselndes körperliches Aussehen der von ihnen
Betroffenen. Diese _Schwankungen der sexuellen Charakteristik_
zerfallen, den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in
regelmäßige und unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine
Oszillationen: z. B. fühlen manche Menschen am Abend männlicher als
am Morgen; oder sie gehören in das Reich der größeren und großen
_Perioden_ des organischen Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam
zu werden begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch
gar nicht absehbare Menge von Phänomenen werfen zu sollen scheint.
Die unregelmäßigen Schwankungen werden wahrscheinlich durch äußere
Anlässe, vor allem durch den sexuellen Charakter des Nebenmenschen,
hervorgerufen. Sie bedingen gewiß zum Teile jene merkwürdigen
Phänomene der _Einstellung_, welche in der Psychologie einer _Menge_
die größte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebührende
Beachtung gefunden haben. Kurz, die _Bisexualität_ wird sich nicht
in einem einzigen Augenblicke, sondern kann sich psychologisch nur
im _Nacheinander_ offenbaren, ob nun diese Differenz der sexuellen
Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer Periodizität gehorche oder
nicht, ob die Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine
andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen Geschlechte
hin, oder ob der männliche dem weiblichen Schwingungsbauche gleich sei
(was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein
Fall unter unzähligen gleich möglichen ist).

Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch
den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der
sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung
der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen
auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen
zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen
gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir
geraten aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung
sich _hier_ entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang
der weiteren Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt
sich darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen
Zwischenstufen, _die sexuelle Mannigfaltigkeit im Geistigen_,
durchmessen und an besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen
Aufnahmen der Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit
zu beginnen hat, _die sexuellen Typen_ festzulegen, die psychologische
Konstruktion des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen
und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer
empirischen Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die
auf deduktivem Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken.
Der erste Weg entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der
allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen
aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen
sexuellen Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv
und analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal
logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch.

Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen wollen,
weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die
konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit
machen kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu
und besonders zu gewinnende) Kenntnis des _Mischungsverhältnisses_
beider voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie
und Praxis zur Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es
würde die außerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form
historisch-biographischer Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu
wiederholen wäre, und dem Interesse an den Einzelpersonen aller, der
Theorie kein Gewinn mehr aus dieser Verzweigung ins Detail erwüchse.
Der erste, der induktive Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem
Falle die Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher
die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen entrollen würde, und
zudem das vorhergehende Studium der sexuellen Zwischenstufen und die
es begleitende Präparation der Typen langwierig, zeitraubend und ohne
Nutzen für den Leser wäre.

Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen.

Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen
Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der
Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung
bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus
behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt.
Die eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten
Teil, während der zweite die rein _psychologische Analyse von M und
W_ in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen
trachten wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der
eventuell daselbst zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig
immer zusammensetzen und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen
und Begriffen leicht abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf
die bekannten und gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede
zwischen den Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch
will ich, bloß der Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine
besondere Wichtigkeit beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des
psychischen Lebens in aller Kürze an einigen Punkten auftreten lassen,
Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche
hier noch keiner näheren Analyse unterzogen werden sollen, in einigen
Modifikationen sichtbar werden lassen.

Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu heiraten,
mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen) materiell
noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie können,
fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders
schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber
auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben.

Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler
als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf
die Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die
Absicht seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen
und dann befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist
ein solcher »Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch,
was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig,
ihrer momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten
Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten
Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast
ebenso bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu
kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung
der Toilette und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem
Ankleiden oft viel schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das
ganze »Gecken«- oder »Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die
Frauenemanzipation, auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe
zurück; das ist alles mehr als »bloße Mode«. Es fragt sich eben immer,
_warum_ etwas zur Mode werden kann, und es gibt wohl überhaupt weniger
»bloße Mode«, als der oberflächlich _kritisierende_ Zuschauer wähnt.

Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann
_verstehen_, umso stärker jedoch wird er _in seiner geschlechtlichen
Eigentümlichkeit_ auf sie _wirken_, um so mehr Eindruck als Mann auf
sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits erläuterten Gesetze der
sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht darauf zurück, daß eine
Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je
reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er hat,
desto weniger W zu _verstehen_ in der Lage sein, desto _eindringlicher_
jedoch werden die Frauen ihrem ganzen _äußeren_ Wesen nach, in ihrer
Weiblichkeit, sich ihm _darstellen_. Die sogenannten »Frauenkenner«,
d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«, sind darum
alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer wissen
denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner, die
das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten Ausnahmen
abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen.

An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des
Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der
_trivialsten_ Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen
wurden, möchte ich die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich
mir aus ihm für die Pädagogik zu ergeben scheinen. _Eine_ Wirkung
nämlich erhoffe ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des
Gemeinschaftlichen, das diesen und den früheren Tatsachen wie so
vielen anderen noch zu Grunde liegt: _eine mehr individualisierende
Erziehung_. Jeder Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das
Individualisieren besser verstehen als die heutigen Erzieher in Schule
und Haus, die nicht zum lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen
Verpflichtung zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen
Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst
extremen Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller
Geltung, man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung
einer Tortur. Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung
aus der Welt, sondern unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und
Wurzel fassen könnte, verrenkt anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet
Künstlichkeit und Verstellung.

Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf
alles, was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer
weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden
»Knaben« und »Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen
verschiedene Spiele spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich
getrennt, die »Mädchen« lernen unterschiedslos Handarbeiten etc.
etc. _Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz._ Wie mächtig aber
die Instinkte, die »Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig
mißhandelten Menschen sein können, das zeigt sich oft schon _vor_
der Pubertät: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, sich von
ihrem Schwesterlein häkeln und stricken lehren lassen, mit Vorliebe
Mädchenkleidung anlegen und sich sehr gerne mit weiblichem Vornamen
rufen hören; Mädchen, die sich unter die Knaben mischen, an deren
wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als
ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer aber kommt eine
durch Erziehung von außen unterdrückte Natur _nach_ der Pubertät zum
Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz, bevorzugen
frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf die
Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das
Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für
die Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse
getragene kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja
sie schwärmen denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr
zwischen den beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von
»kollegialem Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w.

Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung
haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später mehr unter
ihrer Subsumtion unter das gleiche _Gesetz_, die ersteren mehr unter
der Schablonisierung durch die gleiche _Sitte_ zu leiden. Die hier
erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft,
mehr passivem Widerstand in den _Köpfen_ begegnen als für die Knaben.
Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit
verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer
wiederholten Meinung von der _Gleichheit aller »Weiber«_ (»es gibt
keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine
kennt, kennt alle«) gründlich zu überzeugen. _Es gibt unter denjenigen
Individuen, die W näher stehen als M_ (den »Frauen«), _zwar bei weitem
nicht so viele Unterschiede und Möglichkeiten wie unter den übrigen_ --
die größere Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen,
sondern im Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die
insbesondere von _Darwin_ eingehend gewürdigt worden ist -- _aber
noch immer Differenzen genug_. Die psychologische Genese jener so
weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl.
Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur _eine_ ganz bestimmte
Gruppe von Frauen _intimer_ kennen lernt, die _naturgesetzlich_ alle
untereinander viel Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern
öfters, aus der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: »die
Männer sind einer wie der andere«. So erklären sich auch manche,
gelinde gesagt, _gewagte_ Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über
den Mann und die angeblich unwahre Überlegenheit desselben: daraus
nämlich, _was für_ Männer gerade _sie_ in der Regel näher kennen lernen.

_In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von M und W_, in dem wir
ein _Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie_ erkannt
haben, sehen wir somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu
beherzigende Tatsache vor uns.

Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine
»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen
dürfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches
und praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig
von ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung
gegenüber dem Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie
der individuellen Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom
psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen
Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne einverstanden
sein, als für ihn, ebenso wie ihm Psychologie im engeren Sinne und
Physiologie (des Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind,
_Charakterologie zur Schwester die Morphologie haben muß_. In der
Tat, von der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der
wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für
die Zukunft noch Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches
Bündnis der _psychologischen Diagnostik_, welche Voraussetzung jeder
_individualisierenden Pädagogik_ ist, ein unschätzbares Hilfsmittel an
die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr
noch die Methode des _morphologisch-charakterologischen Parallelismus_
in ihrer _weiteren_ Anwendung gewähren uns nämlich den Ausblick auf
eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets
so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat, wo die
_Physiognomik_ zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin endlich
gelangen könnte.

Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten Zuordnung
des _ruhenden_ Psychischen zum _ruhenden_ Körperlichen, wie das Problem
der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung
des _bewegten_ Psychischen zum _bewegten_ Körperlichen (womit keiner
speziellen _Mechanik_ der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das
eine ist gewissermaßen _statisch_, das andere eher rein _dynamisch_;
prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen ebensoviel
oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie sachlich
ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer
enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so _Unsolides_ zu halten,
wie das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen
Kreisen der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von
_Moebius_ erneuerten Versuchen _Galls_, die Physiognomie des geborenen
Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem
Äußeren eines Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges
über seinen Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus,
nicht auf Grund eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen,
zu sagen -- und es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße
besitzen -- so kann es auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem
wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur
um die begriffliche Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des
Kabels nach dem Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine
Aufgabe, die allerdings oft ungemein schwierig ist.

Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft
die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst
_Unmoralisches_ betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen
Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch
zu gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten,
als Charlatane, wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem
Gebiete; trotzdem es keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen
hervorragenden Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der
Redensart: »Das sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute,
die von der Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das
Bild eines bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert
gar sehr auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört
haben.

In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des
Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von
einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen
Ruf einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!«
entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese
Verhältnisse zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage
vorlegen müssen, _ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten
Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem eine bisher
übersehene, apriorische, synthetische Funktion unseres Denkens ist_,
was mir wenigstens dadurch sicher verbürgt scheint, daß eben jeder
Mensch die Physiognomik _anerkennt_, insoferne jeder, _unabhängig_
von der _Erfahrung_, Physiognomik _treibt_. So wenig _Kant_ diese
Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung recht, daß
über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen sich _weiter_
wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das Prinzip
einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und Materiellem _muß
daher als Forschungsgrundsatz heuristisch acceptiert werden_, und es
bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, über die Art dieses
Zusammenhanges, _dessen Tatsächlichkeit a priori für jeden Menschen
feststeht_, noch nähere Bestimmungen zu treffen.

Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten
werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des
koordinierten Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung
haben, daß die beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen
Versuche zur Begründung solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief
genug in der Natur des schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber
immerhin dem Mangel an einer adäquaten Methode nicht zum geringsten
Teile dieses Mißlingen zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den
ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke ich die
sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern
zu sollen, ihn einer allgemeinen Beurteilung zu unterbreiten.

Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die Katzen
nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der Kätzchen zu,
und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in solchen Fällen,
und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen:
_Warum_ zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? Warum?

Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar.
Ich glaube nicht, daß _Hume_, und besonders _Mach_ recht haben,
wenn sie keinen besonderen Unterschied zwischen _simultaner_ und
_succedaner_ Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien
werden da recht gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des
Systems zu stützen. Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in
der Zeit regelmäßig aufeinander_folgen_, mit einer regelmäßigen
Funktionalbeziehung verschiedener _gleichzeitiger_ Elemente zu
identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von
Zeit_empfindungen_ zu sprechen, und gar nichts, einen den anderen
Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; und wer wirklich das
Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die Zeit und den Stundenwinkel
der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein läßt, der übersieht
zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde plötzlich mit
ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu drehen anfinge,
wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines
gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der
Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der
succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage
nach der _Ursache_ von _Veränderungen_, die Frage nach dem _Warum_ sind
wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in
_zeitlicher_ Abfolge _nacheinander_ auftreten. In dem oben als Beispiel
individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte
man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige
Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die
metaphysische Annahme einer _Substanz erklärt_, nicht sowohl nach dem
Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: _Wodurch unterscheiden
sich Katzen- und Hundeliebhaber_ noch?

Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden _anderen_
Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem _ein_ Unterschied
bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie ich glaube,
von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen Morphologie
und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik,
werden. _Aristoteles_ ist es bereits aufgefallen, daß viele Merkmale
bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später haben,
zuerst bekanntlich _Cuvier_, sodann _Geoffroy_ St. _Hilaire_ und
_Darwin_ diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande
eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen kann
hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so
wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der Verdauungskanal
für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und Organe für
das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber alle
Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte Hörnerträger
sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets
mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den Tauben
die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem Schnabel
große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen Augen immer
taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind weder aus
einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte
eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natürlich nicht
gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit mit der
bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu begnügen habe.
Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male wissenschaftlich
vorzugehen behaupten, indem er sich darauf _beschränke, vorzufinden_:
»Wenn ich in einen Automaten ein Geldstück werfe, so kommt eine
Schachtel Zündhölzer heraus«; was darüber gehe, sei Metaphysik und von
Übel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. Probleme
der Art, woher es komme, daß langes Kopfhaar und zwei normale Ovarien
sich fast ausnahmslos in denselben Menschen vereinigt finden, sind
von der größten Bedeutung; aber sie fallen eben nicht in den Bereich
der _Morphologie_, sondern in den der _Physiologie_. Vielleicht
ist ein _Ziel_ einer _idealen Morphologie_ mit der Anschauung gut
bezeichnet, daß diese _in einem deduktiv-synthetischen Teile_ nicht
jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen solle
in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund -- das ist die
Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers -- sondern aus einer
_vorgegebenen Anzahl_ qualitativ und quantitativ genau bestimmter
Stücke in der Lage sein werde, den _ganzen_ Organismus zu konstruieren,
nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein _Cuvier_ vermochte,
sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich, von dem
man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte, müßte für
diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere, nun
nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit
bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der
Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung
ausdrücken, daß für eine solche _deduktive_ Morphologie der Organismus
nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man
könnte, eine lehrreiche Ausführung _Machs_ benützend, verlangen, daß
auch die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und
darstellbar, eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl
von Gleichungen bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1,
wenn sie durch ein wissenschaftliches System _eindeutig_ bestimmbar
sein soll; die Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten
Gleichungen werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine
Gleichung ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters
widersprochen werden).

Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der
Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des _Funktionsbegriffes_
auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit _seiner_
Ausbreitung und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische
Morphologie hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit
nicht ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen.
Im _Idioplasma_ wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden
trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen.

Die Möglichkeit einer _psychologischen_ Anwendung des Prinzipes
der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen
Psychologie«, in der _psychologischen Varietätenlehre_, vor. Und die
eindeutige Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter
wird zur Aufgabe der _statischen Psychophysik oder Physiognomik_.
Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage
zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung
ein differentes Verhalten gezeigt haben, _noch_ unterscheiden.
Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir der einzig
denkbare »Methodus inveniendi«, gleichsam die »Ars magna« jener
Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik des Betriebes derselben
zu durchdringen. Man wird nun, um einen charakterologischen Typus zu
ergründen, nicht mehr bloß durch die nur bohrende Frage nach dem Warum,
unter möglichst hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich
aufzugraben sich mühen, nicht wie jene stereotropischen Würmer _Jacques
Loebs_ an einem Dreikant immer von neuem sich verbluten, nicht durch
Scheuklappen die Aussicht auf das erreichbare Daneben sich versperren,
um geradeaus in der Tiefendimension dem aller nur _empirischen_
Wissenschaft unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal,
ohne irgend welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit,
beim Sichtbarwerden _einer_ Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die
_anderen_ Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich
_noch_ da sein müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften,
welche mit der zur Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen,
»ein Aufpasser im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht,
die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur
die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach der Ausdauer
und Wachsamkeit des Beobachters und der Gunst des ihm zur Prüfung
beschiedenen Materials, früher oder später einstellen.

Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht
mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem
Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation
das konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum
_auffällt_, sondern man wird lernen, immer _sofort_ nach dem ebenfalls
vorhandenen _zweiten_ Ding zu _fragen_. Denn wie sehr ist nicht
bisher alle Entdeckung auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der
Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschränkt gewesen! Welch
große Rolle spielt hier nicht die Willkür der Umstände, die zwei
heterogene Gedankengruppen im geeigneten Moment zu jener gegenseitigen
Kreuzung zu führen vermögen, aus der das Kind, die neue Einsicht und
Anschauung, einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern,
scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem Einzelfalle
zu befolgen, außerordentlich befähigt. Bei der Succession der Wirkung
auf die Ursache ist die psychologische Veranlassung zur Frage aus dem
Grunde eher da, weil jede Verletzung der Stabilität und Kontinuität
in einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend
wirkt, eine »Vitaldifferenz setzt« (_Avenarius_). _Wo gleichzeitige
Abhängigkeit besteht, fällt aber diese Triebkraft weg._ Darum könnte
diese Methode dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die
größten Dienste leisten, ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt
beschleunigen; die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des
Korrelationsprinzipes es wäre eine Einsicht, die fortzeugend immer neue
Einsicht könnte gebären helfen.



VI. Kapitel.

Die emanzipierten Frauen.


Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische
Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten
Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und
praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit
sie nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie,
also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine
Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist:
auf die _Frauenfrage_. Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die
Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der für das Ganze
der Untersuchung das Problem erledigt wäre. Sie ist vielmehr bloß
eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann, als aus den bisherigen
Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in den Niederungen
der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen Grundsätzen
von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen
Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen
Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte,
sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln
zu einem sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch
keineswegs an die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus
geschritten wird, die Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese
provisorische Betrachtung soll nur diejenigen charakterologischen
_Ergebnisse des Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche für die
Frauenfrage von Bedeutung sind_.

Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen ziemlich
offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß _Emanzipationsbedürfnis und
Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet
liegt, den sie hat_. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein
_vieldeutiger_, und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse
aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen Absichten,
die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. Unter
der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich weder die Tatsache,
daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der Gatte keinen
Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden Begleiter zur
Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen
über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der Frau das
Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne einen
Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst
oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die
Suche nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun
die Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium
oder die Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch
weitere Dinge, die samt und sonders unter dem großen Schilde der
Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand
nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe,
ist auch nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleich_stellung_
mit dem Manne, sondern _problematisch_ ist dem hier vorliegenden
Versuche, zur Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der _Wille_
eines _Weibes_, dem Manne _innerlich gleich zu werden_, zu seiner
geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und seiner
Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun behauptet wird, ist dies, _daß
W gar kein Bedürfnis und dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser
Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit
einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden
Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen
dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere,
ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar._ Nur den
_vorgerückteren_ sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon
sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern«
beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie
der Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der
Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von
_Frauen_ immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der
geschichtlichen Abfolge nach, gleich _Sappho_ ist _konträr_sexuell,
ja von ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen
Verhältnisses zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder
lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des
dritten und vierten Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in
der Frauenfrage. Das charakterologische Material, welches uns über die
sogenannten »bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten,
zu Gebote steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem
Widerspruche ausgesetzt, als daß wir uns seiner mit der Hoffnung
bedienen könnten, eine _zufriedenstellende_ Lösung zu geben. Wir
bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen zwischen
M und W unzweideutig festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip
wurde gefunden in dem Gesetze der sexuellen Anziehung zwischen Mann
und Weib. Seine Anwendung auf das Problem der Homosexualität ergab,
daß die zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist.
Damit ist aber für den historischen Einzelnachweis der These, daß der
Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit
identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn
Sappho _leitet_ die Reihe jener Frauen, die auf der Liste weiblicher
Berühmtheiten stehen und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell
empfanden, _nur ein_. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr
eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht, daß sie wirkliche, das
bloß Freundschaftliche übersteigende Liebesverhältnisse mit Frauen
unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre,
eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen müßte. Daß dem keineswegs
so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr
ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird aus dem zweiten Teile
noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung, daß die Neigung zu
lesbischer Liebe in einer Frau eben _Ausfluß ihrer Männlichkeit, diese
aber Bedingung ihres Höherstehens ist_. _Katharina II. von Rußland_ und
die Königin _Christine von Schweden_, nach einer Angabe die hochbegabte
taubstummblinde _Laura Bridgman_, sowie sicherlich die _George Sand_
sind zum Teil bisexuell, zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso
wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen in Betracht
kommender Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die
keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir
hier fast immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine
willkürliche Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche
Geschlecht eben _alles_ zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus
ist, wenn ich von der Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst
mit einigem Rechte für die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn
wie die bisexuellen Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit
weiblichen Männern in geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden
auch die heterosexuellen Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch
immer dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement auf Seite der
Männer nie ein echter Mann sein wird. Die berühmtesten unter den
vielen »Verhältnissen« der _George Sand_ sind das mit _Musset_, dem
weibischesten Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit _Chopin_,
den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte
-- so weibisch ist er.[10] _Vittoria Colonna_ ist weniger berühmt
durch ihre eigene dichterische Produktion geworden als durch die
Verehrung, die _Michel Angelo_ für sie gehegt hat, der sonst nur zu
Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die Schriftstellerin
_Daniel Stern_ war die Geliebte desselben _Franz Liszt_, dessen Leben
und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich hat, dessen
Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und jedenfalls
etwas päderastisch veranlagten _Wagner_ fast ebensoviel Homosexualität
in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem letzteren von
König _Ludwig_ II. von _Bayern_ entgegengebracht wurde. Von Mme. _de
Stael_, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das bedeutendste
Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es wahrscheinlich, daß
sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer
Kinder, zu _August Wilhelm Schlegel_, gestanden ist. _Klara Schumanns_
Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu gewissen Zeiten seines
Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen Mann, und auch in
seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel, Weiblichkeit.

Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle
Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt
werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die
über das Äußere berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen,
wie die Männlichkeit jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und
Gestalt zum Ausdruck kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie
die von jenen Frauen erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier
vertretenen Anschauung. Es ist die Rede von _George Eliots_ breiter,
mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel waren scharf
und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige weibliche Weichheit«;
von dem »_scharfen_, geistvollen Gesicht _Lavinia Fontanas_, das
uns seltsam anmutet«. Die Züge der _Rachel Ruysch_ »tragen einen
Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an sich«. Der Biograph der
originellsten Dichterin, der _Annette von Droste-Hülshoff_, berichtet
von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten Gestalt«; und das Gesicht
dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck strenger Männlichkeit, der
ganz entfernt an _Dantes_ Züge erinnert. Die Schriftstellerin und
Mathematikerin _Sonja Kowalewska_ hatte, ebenso wie schon Sappho, einen
abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen geringeren noch, als die
Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn gewöhnlich haben, die
sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des
Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer im Gesichte
der hervorragendsten Malerin, der _Rosa Bonheur_, auch nur _einen_
weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den Klang des
Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch die
berühmte _Helene Petrowna Blavatsky_. Von den noch lebenden produktiven
und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt,
sondern geschwiegen, obwohl _sie_ mir, wie den Anreiz zu manchen
der ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung
meiner Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der
»Emanzipation des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische
Nachforschung muß dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat
längst vorweggenommen hat: »Je länger das Haar, desto kürzer der
Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit der im zweiten Kapitel gemachten
Einschränkung.

Und was die emanzipierten Frauen anlangt: _Nur der Mann in ihnen ist
es, der sich emanzipieren will._

Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die
schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie
fühlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie _George
Sand_ entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung
und männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen
Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen
Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer
Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn
was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen
geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris
paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang
an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt,
wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was
Männer gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage,
und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem
Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen
Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden.
Man nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die
Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten
lassen und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin
nicht unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister
immer wieder angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich
zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit
dazu, um Frauen wie _Angelika Kauffmann_ oder _Mme. Lebrun_, _Fernan
Caballero_ oder _Hroswitha von Gandersheim_, _Mary Somerville_ oder
_George Egerton_, _Elizabeth Barrett Browning_ oder _Sophie Germain_,
_Anna Maria Schurmann_ oder _Sibylla Merian_ auch nur ein Titelchen von
_Bedeutung_ beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die
früheren, als Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen
überschätzt werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren,
den die lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die
allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter _allen_ Frauen der
Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten
Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa _Rückert_ unter den
Dichtern, _van Dyck_ unter den Malern, _Schleiermacher_ unter den
Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann.

Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie _die Sibyllen_,
die _Pythien von Delphi_, die _Bourignon_ und die _Klettenberg_,
_Jeanne de la Motte Guyon_, _Johanna Southcott_, _Beate Sturmin_,
oder die _heilige Therese_ vorderhand aus, so bleiben nun noch Fälle
wie die der _Marie Bashkirtseff_. Diese ist (soweit ich es nach der
Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen
weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir einen etwas
männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des Étrangers
im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr geliebten
_Bastien-Lepage_ hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil desselben
nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie die
Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«.

Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen Mitgliedern
einer Familie eigentümliches _Talent_ zufällig in einem _weiblichen_
Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im geringsten
genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht das
Genie. _Margaretha van Eyck_ und _Sabine von Steinbach_ geben hier
nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen, von
denen nach Ernst _Guhl_, einem den kunstübenden Frauen außerordentlich
gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß sie durch
Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder daß
sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen
Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und
wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu
Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung
tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß man
in Betracht ziehen, daß _Guhl_ kurz vorher »von den beiläufig tausend
Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht.

Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen
zum Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes
Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau
Männlichkeit voraussetzt, _recht_ gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl
jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem
Wissen _gelebt_ haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die
Stelle der üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll
ihres Lebens nur einen _Zeitvertreib_ bedeutet -- und alle jene, denen
gedankliche wie künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte
_Koketterie_ vor mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen
Geschlechtes ist -- diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine
reinliche Betrachtung ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich
dem näheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen.

Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung
mit dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per
inductionem _gerechtfertigt_, daß W _keinerlei Bedürfnis nach der
Emanzipation empfindet_, auch wenn einstweilen diese Folgerung, so
wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen
Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen
Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.

Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen)
Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so
würde sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten.
Der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_,
in der _Agitation_. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn
von Motiven der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der
großen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren,
zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach
gehabt haben; denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu
geben scheint, die aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine
Emanzipation suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben
_induziert_ und so das Frauenstudium zur _Mode_, und eine lächerliche
Agitation der Frauen unter sich läßt schließlich _alle_ an die
Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft nur Mittel
zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der Tochter so oft nur
eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche Gewalt ist. Das
praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach, ohne daß diese
Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur Grundlage einer
Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte, folgendes zu sein:
_Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen, deren
wahre psychische Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen
Beschaffenheit, zu männlicher Beschäftigung treiben_, für die Frauen
mit _männlichen_ Zügen. _Aber weg mit der $Partei$bildung, weg mit der
$unwahren$ Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauen$bewegung$_, die
in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes
Streben schafft.

Und _weg_ auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen
Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr
als 50 Prozent an M und _diesem $Feingehalte$_ dankt sie ja doch
ihre ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten
_könnte_. Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle
Frauen zu tun scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies
nicht typischen) Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln
Gelegenheit hatten, und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar
die Superiorität des weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine
Folgerungen ziehen, sondern muß, wie _Darwin_ dies vorschlug, die
Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander vergleichen. Aber
»wenn je ein Verzeichnis der bedeutendsten Männer und Frauen auf dem
Gebiete der Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte,
Naturwissenschaft und Philosophie hergestellt und unter jedem
Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet würden, so könnten
beide Listen nicht den Vergleich miteinander bestehen«. Erwägt man
nun noch, daß die Personen auf der weiblichen Liste, genau besehen,
auch nur wieder für die _Männlichkeit des Genies_ Zeugnis ablegen
würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der Frauenrechtlerinnen, die
Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch geringer
werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist.

Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet
dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum
schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der
Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine
Frauenfrage, eine Frauenbewegung zu _allen_ Zeiten gegeben hat, wenn
auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit;
er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger
Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht
wurden, und auch angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er
übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib
die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur
männlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive
ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen
glauben.

Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die Frauenbewegung
überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen war; ihre
Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis
geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst
sein natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie
für jede andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die
Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können;
nicht nur in _sozialer_ Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter
eine Frauenfrage, sondern auch für die _geistige_ Emanzipation
waren zu längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre
Leistungen selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen
Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener
Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel
Eifer und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die
Frauen noch nie Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen
Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob _Burckhardt_ erzählt
von der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen
Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein
männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung
der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und
Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes
Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein
sehr zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI.
Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten
Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten,
gleich den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es
ist die Zeit, da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche
Geschlecht erscheint, Thomas _Morus_ seine völlige Gleichstellung mit
dem männlichen verlangt, und _Agrippa von Nettesheim_ die Frauen sogar
hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen
Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter
in eine Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder
hervorholte.

Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen
in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich
gleich bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen?

Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und XX.
hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine
stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden
Zeiten. Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen,
doch muß man immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine
gewaltige Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen
mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in
den Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen
beobachtet worden.

Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem
Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten
mehr männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf
der Gegenseite verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr
weibliche Männer auf die Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in
überraschendem Maße ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische
Geschmack«, der den großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und
schmalen Hüften den Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht
hierauf zurückzuführen. Die ungeheuere Vermehrung des Stutzertums
wie der Homosexualität in den letzten Jahren kann ihren Grund nur in
einer größeren Weiblichkeit der jetzigen Ära haben. Und nicht ohne
tiefere Ursache sucht der ästhetische wie der sexuelle Geschmack dieses
Zeitalters Anlehnung bei dem der Präraphaeliten.

Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den
Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über
mehrere Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine
weitere Aussicht auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte
auch in der menschlichen Geschichte, als es die prätentiösen
»Geschichtsauffassungen«, die sich in der jüngsten Zeit so gehäuft
haben, insbesondere die ökonomisch-materialistische Ansicht, anzubahnen
vermocht haben. Sicherlich ist von einer _biologischen_ Betrachtung
auch der menschlichen _Geschichte_ noch unendlich viel Aufschluß in
der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die Nutzanwendung auf den
vorliegenden Fall gesucht werden.

Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger
hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die _Folge_
dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils _von selbst
sich wieder verlaufen_ und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein
kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus
ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren
_wollten_, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl _geboren_
werden.

Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche
Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit
drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang
der industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist
viel lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern,
gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger
ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige,
und jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet
sind. In Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten
Frauen hervorgebracht hat, niemals einer Frauen_bewegung_ recht
eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande
Europas so viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort.
Der Kampf um das materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen
geistigen Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von
Frauen ein solcher geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm
zu scheiden.

Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem geistigen
Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch
trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte,
wenn mit einigen Autoren eine _fortschreitende_ Entwicklung des
Menschengeschlechtes zu _völliger_ sexueller _Differenzierung_, also
einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen
wäre.

Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im
Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung
_zu_nehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse
Gephyreen und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch
der Mandrill tun einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim
Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt.
Während aber diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das
_Bedürfnis_ nach der Emanzipation _für immer_ erloschen sein und es nur
mehr komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt
die Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das
ganze Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer
schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte
einer Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden
Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.

Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein, wenn
diese immer weiter ihre Ziele nur im _Sozialen_, in der historischen
Zukunft der _Gattung_ suchte und ihre Feinde blind unter den Männern
und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte.
Dann freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre
nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung
immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr
spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre
Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so
wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für
sich allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich
dawiderstemmt. _Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau
ist die Frau._

Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.



ZWEITER ODER HAUPTTEIL.

DIE SEXUELLEN TYPEN.



I. Kapitel.

Mann und Weib.

                    »All that a man does is physiognomical of him.«

                                                      _Carlyle._


Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen Geschlechtsgegensatzes
ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und Weib nur als
Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit, welche den
bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird, allein durch
ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden läßt.
Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser
Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß,
nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme
auf die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien
führte das dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als
bisher, _der Mensch_ das Objekt der Betrachtung werden soll und die
psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen
sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der
sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen Restriktion.

Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten Hermaphroditismus
eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber selbst bei den Tieren
scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der männlichen und
weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein
beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein beider Extreme
denn einen gänzlich neutralen Zustand in der Mitte zwischen denselben
zu bedeuten. Vom _Menschen_ jedoch läßt sich _psychologisch_ mit
vollster Bestimmtheit behaupten, daß er, zunächst wenigstens in einer
und derselben Zeit, _notwendig $entweder$ Mann $oder$ Weib sein muß_.
Damit steht nicht nur im Einklang, daß fast alles, was sich für ein
Masculinum oder Femininum schlechtweg hält, auch sein Komplement für
»_das_ Weib« oder »_den_ Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene
Unisexualität am stärksten erwiesen durch die in ihrer theoretischen
Wichtigkeit _kaum zu überschätzende_ Tatsache, daß auch im Verhältnisse
zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche
und psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres
auch seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt,
während der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen
entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter -- dies
ist bezeichnend genug -- ihn vom anderen erhält.

Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder
zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die
weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das
Verhältnis Mann-Weib erweist sich hier als _fundamental_ an der
_entscheidenden_ Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist.

_Trotz allen sexuellen Zwischenformen $ist$ der Mensch am Ende doch
$eines$ von beiden, $entweder$ Mann $oder$ Weib._ Auch in dieser
ältesten empirischen Dualität steckt (nicht bloß anatomisch und
keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger genauer Übereinstimmung
mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die sich nicht
ungestraft vernachlässigen läßt.

Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite
ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden
kann. Es ist mit einer solchen Anschauung ein _Sein_ statuiert.
Die _Bedeutung_ dieses _Seins_ zu erforschen ist freilich eben die
Aufgabe, welche der ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da
aber mit diesem problematischen _Sein_ an die Hauptschwierigkeit der
Charakterologie unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine
solche Arbeit in naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste
Problem, an dessen Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze
Orientierung zu versuchen.

Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu
kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes
enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch
das Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert
im undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen
ist aus der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß
betreffs der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich
entwundenen Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch
erfolgreicher Anfänge, sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken
erheben und gerade der Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle
des Geschlechtsgegensatzes z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme
einer Art Polarität der Extreme und unzähliger Abstufungen zwischen
denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten
übrigen charakterologischen Dingen -- auf einige komme ich selbst
noch zu sprechen -- etwas wie Polarität zu geben (was schon der
Pythagoreer _Alkmaion von Kroton_ geahnt hat); und vielleicht wird auf
diesem Gebiete die _Schelling_sche Naturphilosophie noch ganz andere
Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein physikalischer
Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint.

Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des Individuums
auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je zweier
Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien,
durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem
das Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht,
nur auf einem konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische
Skepsis der _Mach_-_Hume_schen Ich-Analyse zurück, wenn wir die
vollständige Beschreibung des menschlichen Individuums in Form eines
_Rezeptes_ erwarten? Und führt uns da nicht eine Art _Weismann_scher
Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns
von der »Mosaik-Psychologie« eben erst zu erholen beginnen?

In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt,
noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und
einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos
neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält
sich die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift
nun, warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt
dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst
problematisch. Das Problem aller Metaphysik und Erkenntnistheorie,
die höchste Prinzipienfrage der Psychologie, ist auch das Problem
der Charakterologie, das Problem »vor aller Charakterologie,
die als Wissenschaft wird auftreten können«. Wenigstens aller
erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche und Ziele
unterrichteten und aller über Unterschiede im _Wesen_ der Menschen
Belehrung erstrebenden Charakterologie.

Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als
jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute
Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch
L. William _Stern_ darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie
will mehr bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen
Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem
Tiefstand der übrigen modernen psychologischen Experimentalforschung
herabsinken, als welche sie ja nur eine sonderbare Kombination von
statistischem Seminar und physikalischem Praktikum vorstellt. So
hofft sie mit der reichen seelischen Wirklichkeit, aus deren völligem
Vergessen das Selbstbewußtsein der Hebel- und Schraubenpsychologie
einzig erklärt werden kann, in einem herzlichen Kontakte zu bleiben
und fürchtet nicht, die Erwartungen des nach Aufklärung über sich
selbst dürstenden Studenten der Psychologie durch Untersuchungen über
das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß kleiner Kaffeedosen auf
das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es als Zeichen der
übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen Unzulänglichkeit der
modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn
angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt
haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor der herrschenden
Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das Heldentum oder
die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen müsse die
reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe
ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht sie
besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem _Shakespeare_
oder _Dostojewskij_ gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur
systematisch zu begreifen.

Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell
verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie
ist der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren
Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie
philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht
gelangt, _daß die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der Psychologie
direkt überhaupt nichts zu tun hat_. Die empirischen Psychologien von
heutzutage gehen von den Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der
»Entwicklung eines sittlichen Charakters« zu endigen. Die Analyse der
Empfindungen gehört aber zur Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre
Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalte der
Psychologie zu bringen, muß mißlingen.

Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen,
daß sie von zwei Physikern, von _Fechner_ und von _Helmholtz_, am
nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte,
_daß sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere Welt aus
baren Empfindungen zusammensetzt_. Die zwei feinsinnigsten unter
den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte, William _James_
und Richard _Avenarius_, sind denn auch die beiden einzigen, die
wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie nicht
mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle übrige
moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. _Hier_
liegt der von _Dilthey_ nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür,
daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent
psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes,
der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., _gar nicht gelangt_, ja
-- hier verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend -- zu
ihnen gar nicht gelangen _kann_, da sie in einer ganz anderen Richtung
sich bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte.
Darum hat die Losung des Kampfes um eine _psychologische Psychologie_
in erster Linie zu sein: _Hinaus mit der Empfindungslehre aus der
Psychologie!_

Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten weiteren
und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des _Charakters_
selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins. Wie
die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene
Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende
_Form_ des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als
ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das
in jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein
muß, und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen
entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag,
weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht.

Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des
Individuums Thronendes, _sondern etwas, das sich in $jedem$ Gedanken
und $jedem$ Gefühle desselben offenbart_. »Alles, was ein Mensch tut,
ist physiognomisch für ihn.« Wie _jede_ Zelle die Eigenschaften des
_ganzen_ Individuums in sich birgt, so enthält _jede_ psychische Regung
eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige »Charakterzüge«, _sein
ganzes Wesen_, von dem nur im einen Momente diese, im anderen jene
Eigentümlichkeit mehr hervortritt.

Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein
Blick_feld_ und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte
gegenüberstehende Objekt, als die _Welt_ des Ichs, von welcher
nur einmal der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich
deutlicher abhebt: _so steckt in jedem Augenblicke des psychischen
Lebens der $ganze$ Mensch_, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit
der Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. _Dieses überall in
dem psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare $Sein$ ist
das Objekt der Charakterologie._ So würde diese erst die notwendige
Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in
merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer _$Psycho$logie_, bisher
fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit
der _Welt_, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz
vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als
die Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes
und der Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem
Ganzen nur durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden
konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So manche Streitfragen
der Psychologie -- vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten
Fragen -- vermag überhaupt nur eine charakterologische Betrachtung zur
Entscheidung zu bringen, indem sie zeigt, _warum_ der eine diese, der
andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn
sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie über denselben Vorgang und
denselben psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde verschiedener
Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung,
die _Note_ seines Charakters erhalten hat. So ermöglicht gerade die
psychologische _Differenzen_lehre erst die _Einigung_ auf dem Gebiete
der _Allgemein_psychologie.

Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das material
erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen
wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens
sollte das vom konsequenten Positivismus im Sinne von _Hume_, _Mach_,
_Avenarius_ geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum
es noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.

Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre
schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie _historisch_
mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein
noch kein Recht, sie _sachlich_ an dasselbe zu binden. Und nur wer
dogmatisch sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt
und glaubt, dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit
seiner Betretung, von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet
seien, der wird das _Sein_, das die Charakterologie behauptet, und das
noch durchaus nicht mit einer metaphysischen _Essenz_ identisch ist,
ohne weiteres abweisen.

Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten. Der
eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die
künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen
könne. Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an,
Realität und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist
ihm der Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen
Charakter. Was soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom
Charakter? »De individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«,
so tönt es ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum
festhält; von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein
besteht und nicht »die Kunst als Organ des Lebensverständnisses«
sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder vernehmen, daß die
Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.

Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu
behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer
Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie
die Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie?

Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten
werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet,
ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu
untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach
dem psychischen Unterschiede der _Geschlechter_ so innig sich berührt,
das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen.



II. Kapitel.

Männliche und weibliche Sexualität.

                              »Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.«

                                                           _Kant._

                              »Mulier taceat de muliere.«

                                                      _Nietzsche._


Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der
Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich
Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von
einem _weiblichen_ Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die
Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie
nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da
die Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter
ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die
Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das
Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen,
wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt
_Kant_: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr
als die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der
Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W.

Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern
geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt
stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei,
da sie Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine
Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten
haben. Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe
beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die
uns hauptsächlich interessieren, _dasselbe_ Interesse entgegenbrächte;
ja, und wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte
-- setzen wir den Fall -- so fragt sich's noch immer, ob sie je
_über_ sich zu reden zu bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der
Untersuchung herausstellen, daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf
eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes zurückweisen.

Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden, daß
jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu
machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen
bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann,
hilft es nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel
will ich bemerken. Noch hat nie -- ist auch dies nur eine Folge der
Unterdrückung durch den Mann? -- beispielsweise eine schwangere Frau
ihre Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte,
sei es in Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum
Ausdruck gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das
nicht sein, denn -- _Schopenhauer_ hat hierauf mit Recht hingewiesen --
es gibt nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham
über ihren Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach
dem Ende der Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische
Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals
von Mitteilung zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses
Motiv, und das Interesse, das solchen Eröffnungen von vielen Seiten
entgegengebracht würde, wäre für viele wohl sonst Grund genug, das
Schweigen zu brechen. Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur
Männern wirklich wertvolle Enthüllungen über die psychischen Vorgänge
im Weibe danken, so haben auch hier bloß Männer die Empfindungen der
schwangeren Frau geschildert. Wie vermochten sie das?

Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und
Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese
doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir
bleiben demnach nur auf eines angewiesen: _auf das, was in den Männern
selbst Weibliches ist_. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen
erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung jedes
wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die
Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des
Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen,
daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage
sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib
sich selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel
gezogen wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein
Mann Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in
gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso
merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über
die Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit,
bei der außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter
Beurteiler der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen,
bleibt das Recht des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein
desto merkwürdigeres Problem, und wir werden uns der Auflösung des
prinzipiellen methodischen Zweifels an diesem Rechte später um so
weniger entziehen können. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie
gesagt, den Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung
der Sache selbst. _Worin liegt der wesentliche psychologische
Unterschied zwischen Mann und Weib?_ so fragen wir drauf los.

Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne
diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen,
aus dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die
Behauptung richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges
und wirklich Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle
Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar
dürfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen Theorien über den
Einfluß der »unbefriedigten Gebärmutter« beim Weibe und des »semen
retentum« beim Manne ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der
heute so beliebten Phrase bedurft, daß »alles« nur »sublimierter
Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhänge läßt
sich keine systematische Darstellung gründen. Daß mit größerer oder
geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere Qualitäten ihrem Grade
nach bestimmt sind, ist in keiner Weise sicherzustellen versucht worden.

Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei
M größer sei als bei W, ist _an sich falsch_. Man hat ja auch wirklich
das Gegenteil ebenso behauptet: es ist _ebenso falsch_. In Wahrheit
bleibt die Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern
selbst gleich starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso,
wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an
W. Hier spielen gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe
mit, die es mir zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die
vielleicht eine andere Publikation ausführlich handeln wird.

Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt,
entgegen vielen populären Meinungen, _kein_ Unterschied der
Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, wenn wir
jene zwei analytischen Momente, die Albert _Moll_ aus dem Begriffe
des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib
anwenden: den _Detumescenz-_ und den _Kontrektationstrieb_. Der erste
resultiert aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte
reife Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher
Berührung eines zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen
Individuums. Während nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie
Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher Detumescenztrieb gar
nicht vorhanden. Dies ist schon damit gegeben, daß im Sexualakte nicht
W an M, sondern nur M an W etwas abgibt: W _behält_ die männlichen wie
die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum
Ausdruck in der Prominenz der männlichen Genitalien, die dem Körper des
Mannes den Charakter eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann
man die Männlichkeit des Detumescenztriebes in dieser morphologischen
Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische
Folgerung zu knüpfen. Daß W der Detumescenztrieb fehlt, wird auch
durch die Tatsache bewiesen, daß die meisten Menschen, die über ⅔
M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend der Onanie auf längere
oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur
die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation fremd.
Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe
gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die
scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären.

Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der Besprechung.
Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle. Aber
auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen Geschlechte
größer sei als beim anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes
liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern nur das
Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen
überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre, wer der
berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen
Dingen, indem immer _Intensität des Wunsches_ mit dem _Wunsch nach
Aktivität_ zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her, daß
M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder
tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der
_aufsuchende_ und _aggressive_ Teil ist, und der Irrtum nahe liegt,
ein _unternehmendes Verhalten_ behufs Erreichung eines Zweckes und
den _Wunsch_ nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in
einer konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit
des Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen
Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen,
den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn
dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl
_innerhalb_ des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen
werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller
Beziehung das Bedürfnis hat, _anzugreifen_ (im wörtlichen _und_ im
übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, _angegriffen zu werden_, und es
ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität
geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der
Aktivität. Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche
immer wieder die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb
nach dem anderen wohl größer sein möge.

Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt
aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und
damit kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu
sprechen, _sexuell viel erregbarer als der Mann_; seine _physiologische
Irritabilität_ (nicht Sensibilität) ist, was die Sexualsphäre anlangt,
eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten sexuellen Erregbarkeit
kann sich bei der Frau entweder im _Wunsche_ nach der sexuellen
Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr reizbaren,
ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen
und heftigen _Scheu_ vor der Erregung durch Berührung. Der Wunsch
nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen
der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener
Wünsche ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete
_Schicksal_ nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe
Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand
der sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv
und möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne,
mit der in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches
Ende findet. Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht
wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der
sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn
herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. -- Aus der Scheu vor
der sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie
der Frau eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste
Aufgabe stellt, läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große
Schwäche in dieser Beziehung schließen.

Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die
höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. _Dieses ist immer und durchaus
sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung
und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde,
vollständig auf_, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz
vollkommen ausgefüllt, während M _nicht nur_ sexuell ist. Hier liegt
also in Wirklichkeit jener Unterschied, den man in der verschiedenen
_Intensität_ des Sexualtriebes zu finden suchte. Man hüte sich also
vor einer Verwechslung der _Heftigkeit_ des sexuellen Begehrens
und der Stärke der sexuellen Affekte mit der _Breite_, in welcher
geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den männlichen oder weiblichen
Menschen ausfüllen. _Bloß die größere Ausdehnung der Sexualsphäre über
den ganzen Menschen bei W_ bildet einen spezifischen Unterschied von
der schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen.

Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und
eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf
und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft,
Geschäft und Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob
es einmal anders war; das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie
mit der Judenfrage: man sagt, die Juden seien erst das geworden, was
sie sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das wissen
wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin
daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen nichts, gegen die eine
historische Überlieferung steht da immer gleich eine andere. Aber
wie heute die Frauen sind, darauf kommt es an. Und stoßen wir auf
Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen können hineinverpflanzt
worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß dieses sich von jeher
gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: W
befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet, mit
außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um
des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für
diese Dinge _an sich_ fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß eine
echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa
ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen
und überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu
ihr, das Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind
einander stets proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine
Lust zum Hanteln und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird
sich ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das _Talent_ im
echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf
wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen
Falle zu stark, um andere ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und
darum mangelt es wohl auch beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung
interessanter Kombinationen, die beim Manne eine Individualität wohl
nicht ausmachen, aber modellieren können.

Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in
einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse
finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch
soll hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur
ernstlich berührt sein.

_W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas
darüber._ Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich
verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode
der Geschlechts_reife_ erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät
immer krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt,
etwas, das zu seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne
daß er es _gewollt_ hat. Es ist die physiologische Erektion, über
die der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum
von jedem Manne rätselhaft und beunruhigend empfunden, sehr viele
Männer erinnern sich ihrer Umstände ihr ganzes Leben lang mit
größter Genauigkeit. Das Weib aber findet sich nicht nur leicht in
die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab sozusagen potenziert,
seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann hat als Knabe
gar kein Bedürfnis nach der _sexuellen_ Reife; die Frau erwartet
bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit _alles_. Der Mann
begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen,
ja feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster
Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre
somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die
Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner
Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung
ihrer _bisherigen_ Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses
Alters, welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten
würden (heiraten überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes
Mädchen), nicht höchst lächerlich finden und indigniert zurückweisen;
indes die kleinsten Mädchen bereits auf die Liebe und die Heirat
überhaupt wie auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein
scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen Frauen
nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit wie zum Alter
hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit ist ihr
später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr
das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der
Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur
die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile
gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres
Lebens -- welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich,
der Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der
Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt
der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen
Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle.

Die Frau ist _nur_ sexuell, der Mann ist _auch_ sexuell: sowohl
räumlich wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen.
Die Punkte seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt
werden kann, sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe
ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede
Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im
zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik
des _ganzen_ männlichen wie des _ganzen_ weiblichen Körpers behauptet
wurde, so ist dies nicht so zu verstehen, als bestünde von jedem Punkte
aus die Möglichkeit gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso
wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede
in der Erregbarkeit, aber es sind hier nicht wie beim Manne alle
übrigen körperlichen Partien gegen den Genitaltrakt scharf geschieden.

Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper des
Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis angesehen
werden.

Wie die Sexualität des Mannes _örtlich_ gegen Asexuelles in
ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in
seinem Verhalten zu verschiedenen _Zeiten_ ausgeprägt. Das Weib
ist _fortwährend_, der Mann nur _intermittierend_ sexuell. Der
Geschlechtstrieb ist beim Weibe immer vorhanden (über jene scheinbaren
Ausnahmen, welche man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins
Feld führt, wird noch sehr ausführlich zu handeln sein), beim Manne
_ruht_ er immer längere oder kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch
der _eruptive_ Charakter des männlichen Geschlechtstriebes, der diesen
so viel auffallender erscheinen läßt als den weiblichen und zu der
Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat, daß der Geschlechtstrieb des
Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied liegt
hier darin, daß für M der Begattungstrieb sozusagen ein pausierendes
Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist.

Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in
körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende
Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und
nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre _psychologische_
Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr _Bewußtwerden_. So kann
sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst
von anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität
nicht durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch
_ein_ anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert
ist, _ab_heben von einer _nicht_sexuellen Sphäre. Darum _weiß_ der
Mann um seine Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität
schon darum gar nicht bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in
Abrede stellen kann, _weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie
die Sexualität selbst ist_, wie in Antizipation späterer Darlegungen
gleich hinzugefügt werden mag. Es fehlt den _Frauen_, weil sie
_nur_ sexuell sind, die zum _Bemerken_ der Sexualität wie zu allem
Bemerken notwendige _Zweiheit_; indessen sich beim stets mehr als
bloß sexuellen _Manne_ die Sexualität nicht nur anatomisch, sondern
auch _psychologisch_ von allem anderen abhebt. Darum besitzt er die
Fähigkeit, zur Sexualität selbständig in ein Verhältnis zu treten; er
kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, in Schranken weisen
oder ihr eine größere Ausdehnung einräumen, er kann sie negieren oder
bejahen: zum Don Juan wie zum Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm
vorhanden, er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob
ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.

Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner
Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete,
während der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar
beruft sich diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im
Manne, in dem Sexuelles _und_ Asexuelles auseinandergetreten sind. Die
Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand
zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem
Worte Bewußtsein gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu
inkludieren, daß, _wenn_ ein Wesen Bewußtsein hat, es _jedes_ Objekt zu
dessen Inhalt machen könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der
_Natur des weiblichen Bewußtseins überhaupt_, und die Erörterungen über
dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so
flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen.



III. Kapitel.

Männliches und weibliches Bewußtsein.


Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der
Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten
macht, näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische
Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die
Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne Rücksicht
auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja nur zu
verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet sich
anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine _Psychologie_, sondern
bis jetzt nur _Psychologien_; und der Anschluß an eine bestimmte
Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze
Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an
sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem
Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als
nötig, von neuem in Selbständigkeit ergründen will.

Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des ganzen
Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen Grundprozeß
haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem Verhältnis sich
geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen _Empfindungen_
und _Gefühlen_ angenommen wurde. _Herbart_ hat die Gefühle aus den
Vorstellungen abgeleitet, _Horwicz_ hingegen aus den Gefühlen erst
die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden modernen
Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen Bemühungen
hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde.

Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen
nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der
heutigen Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß
das erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines
Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von
den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein
Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint
diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider
nicht gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit.

Jeder deutlichen, klaren, plastischen _Empfindung_ läuft ursprünglich,
ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er _zum ersten Male_
in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst _kurzes, Stadium
der Unklarheit voran_. Desgleichen geht jeder noch nicht geläufigen
_Assoziation_ eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit vorher,
wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden hin,
eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehörigkeit
zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben besonders
_Leibniz_ sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger gut
beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und Horwicz.

Da man als einfache Grundformen der _Gefühle_ insgemein nur Lust und
Unlust, eventuell noch mit _Wundt_ Lösung und Spannung, Beruhigung
und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene
in Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet
jener Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen
wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will
daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der
psychischen Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es
ist die von _Avenarius_ in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter«
hat in dieser Bedeutung nichts mit dem _Objekte der Charakterologie_
gemein).

_Avenarius_ hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine,
bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel
Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und
bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner
Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die
Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, _das
er selbst nur aus den psychologischen Tatsachen der inneren Erfahrung_
(unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse
über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und Arbeit) _gewonnen
hatte_. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik der reinen
Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen
des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der Darstellung
kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil den Leser
an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten
willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung, die für meinen
Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen.

»_Element_« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie
»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und
zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei
Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression«
als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«:
_gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden ist oder
nicht, was sehr wichtig und neu war_. Dabei ist es, für seine wie für
unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man mit der sogenannten Analyse
Halt macht, ob man den _ganzen_ Baum als »Empfindung« betrachtet oder
nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei meistens
stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Größe, Konsistenz, Geruch,
Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten lassen will. Denn man könnte
ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen, das Grün des Blattes sei
schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner Qualität, Intensität,
Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese als
Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft geht: schon
einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den »Elektronen«.

Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«,
»sauer« _Elemente_, so ist _Charakter_ nach Avenarius jederlei
»Färbung«, »_Gefühlston_«, mit dem jene auftreten; _und zwar $nicht
nur$_ »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern
auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt
hat, »befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«,
»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. _Was_ ich
z. B. vermute, glaube, weiß, ist »_Element_«; _daß_ es just _vermutet_
wird, nicht _geglaubt_, nicht _gewußt_, ist _psychologisch_ (nicht
logisch) ein »_Charakter_«, _in_ welchem das »Element« gesetzt ist.

Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese
umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene _noch nicht_
durchführbar ist, _zu früh kommt_. _Es erscheinen nämlich in ihren
Anfängen alle »Elemente« wie in einem verschwommenen Hintergrunde_, als
eine »rudis indigestaque moles«, _während Charakterisierung (ungefähr
also = Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft umwogt_.
Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man einem
Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter Ferne
sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm empfängt,
diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß, was
»_es_« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit
und Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem
festzuhalten.

_In diesem Augenblicke nun sind »Element« und »Charakter« absolut
ununterscheidbar_ (_untrennbar_ sind sie stets, nach der sicherlich zu
befürwortenden Modifikation, die _Petzoldt_ an _Avenarius'_ Darstellung
vorgenommen hat). In einem dichten Menschengedränge nehme ich z. B.
ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die dazwischen wogenden
Massen _sofort_ wieder entzogen wird. Ich habe keine Ahnung, wie dieses
Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu beschreiben oder auch nur
_ein_ Kennzeichen desselben anzugeben; und doch hat es mich in die
lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger
Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen?

Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken
sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft
sich selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann
vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern
weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz
photographisch auszudrücken, genügend _kurze_ Zeit, _Bruchteile_ einer
Sekunde lang, _exponiert_ war.

Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat
man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei
aber überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten,
als man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von
»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll,
hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick
eines aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den
mancher Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder
außerhalb der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich
speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln
aus Beethovenschen Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter
dreifachen Integralen gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte
und vom Integrieren einen Begriff hatte. Dies eben haben _Avenarius_
und _Petzoldt_ _übersehen_: daß alles _Hervortreten der Elemente_
von _einer gewissen Absonderung der Charakterisierung_ (der
Gefühlsbetonung) _begleitet ist_.

Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte
Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in
Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der
Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst
kurze Zeit währenden _farbigen_ Reiz einwirken, so hat der Beobachter
nur den Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere
Farbenqualität des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas«
empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck
überhaupt« ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist
selbst noch dann nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes
(natürlich nicht über ein gewisses Maß) verlängert wird.

Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder technischen
Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes Stadium der
Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher _Zarathustra_
seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf, abgründlicher
Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen,
verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich schon wachkrähen!«
-- Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen Wirrnis bis zur
strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge
der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer plastischen
Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer Anzahl
eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; bei einer
Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch, wenn ich
mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte Melodie,
wird dieser Prozeß _wieder_ durchgemacht; freilich oft in äußerst
verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. _Jedem_ neuen Gedanken
geht ein solches Stadium des »_Vorgedankens_«, wie ich es nennen
möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen,
Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende Gestalten«,
verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich zeigen; Anfang
und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz
den Prozeß der »_Klärung_« nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung
wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten
Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen.

Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den
ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der
Forschung die »_Ahnungen_« stets den klaren Erkenntnissen voran.
Es ist derselbe Prozeß der Klärung, _auf Generationen verteilt_.
Man denke z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen
Antizipationen der _Lamarck_schen und _Darwin_schen Theorien,
derentwegen die »Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an
die vielen Vorgänger von _Robert Mayer_ und _Helmholtz_, an all die
Punkte, wo _Goethe_ und _Lionardo da Vinci_, freilich vielleicht die
vielseitigsten Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft
vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt
es sich regelmäßig, wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke
sei gar nicht neu, er stehe ja schon bei dem und dem. -- Auch
bei allen Kunststilen, in der Malerei wie in der Musik, ist ein
ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom unsicheren Tasten
und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. -- Ebenso beruht
der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft
fast allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung und
Erkenntnis _derselben_ Dinge, es ist der Prozeß der _Klärung, über die
ganze menschliche Geschichte ausgedehnt_. Was wir neues bemerken, es
kommt _daneben_ nicht eigentlich sehr in Betracht.

Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein
Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von
keinerlei Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann
man stets beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand,
z. B. die Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium
sich anzueignen sucht. Wie viele _Grade des Verstehens_ macht man da
nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik),
bis alles vor einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger
Disposition, in ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum
Ganzen, offen dem mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese
Grade entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung.

Der Prozeß der Klärung kann auch _retrograd_ verlaufen: von der
völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese
_Umkehrung_ des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der
Prozeß des _Vergessens_, der nur in der Regel über eine längere
Zeit ausgedehnt ist und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder
anderen Punkte seines Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen
gleichsam ehedem wohlgebahnte Straßen, für deren Pflege nichts durch
»Reproduktion« geschehen ist; wie aus dem jugendlichen »Vorgedanken«
der in größter Intensität aufblitzende »Gedanke«, so wird aus dem
»Gedanken« der altersschwache »Nachgedanke«: und wie auf einem lange
nicht begangenen Waldweg von rechts und links Gräser, Kräuter,
Stauden hereinzuwuchern beginnen, so verwischt sich Tag für Tag die
deutliche Prägung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus
wird auch eine praktische Regel verständlich, die ein Freund[14]
sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas _erlernen_ will,
sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der Geschichte der
Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung sich dieser
Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des Stoffes
wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß sind am
zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nächsten
zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt -- und es dürfte allgemein
so sein -- daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß, solange
man sich _noch nicht wieder_ für die Arbeit _interessiert_, so lange
man sein Pensum noch halbwegs _zu beherrschen glaubt_. Sowie es
einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren,
neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der ersten
Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht
gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von
frischem auf sich nehmen.

Vielleicht ist im Sinne der Siegmund _Exner_schen Lehre von der
»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der
physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die
Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger
anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung
_wegsam_ gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle
des Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht,
die durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente
im einzelnen Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren.
Die _Avenarius_sche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen --
_Avenarius_ würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in
den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«)
zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben -- überträgt denn doch
wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe«
(d. i. des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß
sie speziell der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für
förderlich gelten könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«,
»gegliedert« zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem
die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei
hiemit seine spätere Verwendung für diesen Zweck vorbehalten.

Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt
werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch
ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt
der Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß
der Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in
dem sie sich präsentieren, auch die _Avenarius_sche Unterscheidung
von »Element« und »Charakter« _noch nicht durchführbar_. Es wird also
derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der _entwickelten_
Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, _wo eine solche
Zweiheit an ihnen noch nicht unterscheidbar ist_, einen eigenen Namen
einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen dieser Arbeit
hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem primitivsten
Zustande ihrer Kindheit das Wort »_Henide_« vorgeschlagen (von ἕν, weil
sie noch nicht Empfindung und Gefühl als _zwei_ für die Abstraktion
isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen
lassen).

_Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff zu
betrachten._ Wie oft _wirkliche_ psychische Erlebnisse im _erwachsenen_
Alter des Menschen einen Grad von Undifferenziertheit erreichen, der
ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge, läßt sich so rasch nicht mit
Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht
berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden dürfen,
was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im Gespräche zu
passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte eben
etwas ganz Bestimmtes _sagen_; da bemerkt z. B. der andere etwas, und
»es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine
Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz
genau weiß, daß es _dasselbe_ ist, was man früher nicht beim Zipfel
fassen konnte: ein Beweis, daß es _derselbe_ Inhalt war, nur in anderer
_Form_, _auf einem anderen Stadium der Entwicklung_. Die Klärung
erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach
dieser Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem
durchgemacht werden.

Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen
möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine
Henide aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im
Begriffe der Henide, daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als
ein dumpfes Eines; _daß später die Identifikation mit dem völlig
artikulierten Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie daß die Henide
dieser artikulierte Inhalt selbst noch nicht ganz ist_, sich von
ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an
Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache,
durch den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet.

Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht beschreiben:
_man kann nur Kenntnis nehmen von ihrem Dagewesensein_.

Es läßt sich übrigens _prinzipiell_ in Heniden genau so gut denken,
leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum
und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu
erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten
Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos
für das Leben _aller_ Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch
vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die
psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus
der Nähe des Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen
gibt es stets eine Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor.
Dagegen ist in der Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der
niedersten Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu
sehen. Von der Henide ist _dem Menschen_ die Entwicklung nach einem
vollständig differenzierten, plastischen Empfinden und Denken hin
möglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz ihm erreichbares Ideal
darstellt. Während die absolute Henide die Sprache überhaupt noch nicht
gestattet, indem die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens
folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen möglichen Stufe des
Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches.

Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und
Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten
helfen, und an Stelle der von _Avenarius_ und _Petzoldt_ aus der
Mitte des Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element«
und »Charakter« eine _entwicklungsgeschichtliche_ Beschreibung des
Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß
erst mit dem Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren«
unterscheidbar werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen
»Sentimentalitäten« nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in
scharfen Konturen darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht
als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird auch die Denkart
der Menschen eine andere.

In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur Psychologie
der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -- denn offenbar wurde
zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt -- M und W mit
Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung?

Darauf ist folgende Antwort zu geben:

_Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie das Weib in
artikulierterer Form; wo sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort
denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich
ausgesprochene und stets die Absonderung von den Dingen gestattende
Gefühle knüpfen. Bei W sind »Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden,
für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse noch
in Henidenform, wenn bei M längst Klärung eingetreten ist._[15] Darum
ist W sentimental, und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die
Erschütterung.

Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht
auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge
gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten
weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser
Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden
Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung,
bei den _Männern_ eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon
am _Durchschnitt_ ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in
noch viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die _Typen_
in Betracht gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der
Tastsinn: die taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als
die der Männer. Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung
aufzufordern, und eine solche wird auch später versucht werden. Zu
bemerken ist hier noch, daß hingegen die Schmerzsensibilität des
Mannes eine unvergleichlich größere ist als die der Frau, was für
die physiologischen Untersuchungen über den »Schmerzsinn« und seine
Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist.

Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des
Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber
nicht als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich
mit ihr nur in einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein
zuverlässigerer Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen
Vorstellens liegt in der größeren _Entschiedenheit im Urteil_ des
Mannes, ohne daß diese _allein_ aus der geringeren Distinktheit des
Denkens beim Weibe sich schon völlig _ableiten_ ließe (vielleicht
weisen beide auf eine gemeinsame tiefere Wurzel zurück). Doch ist
wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir dem Henidenstadium
nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine Sache _nicht_ verhält,
und das wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, _wie_ sie sich
verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in Henidenform,
beruht wohl auch das, was _Mach_ »instinktive Erfahrung« nennt. Nahe
dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache herum, korrigieren
uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: »Das ist auch noch
nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß Unsicherheit im Urteilen
von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung wird auch unser
Urteil bestimmt und sicher; _der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse
Entfernung vom Henidenstadium voraus_, selbst wenn durch ihn ein
analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen nicht
vermehrt, ausgesprochen werden soll.

Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung,
welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und
hier einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin,
daß, wo immer ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange
fertiges einmal mehr in Satzform auszusprechen ist, _daß in solchem
Falle stets W von M die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, $die
Deutung der Heniden erwartet$_. Es wird die in der Rede des Mannes
sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau ohne
helle Bewußtheit vorgestellt hat, _als ein (tertiärer) männlicher
Geschlechtscharakter von ihr geradezu erwartet, gewünscht und
beansprucht, und wirkt auf sie wie ein solcher_. _Hierauf_ bezieht es
sich, wenn so viele Mädchen sagen, sie wünschten nur einen solchen
Mann zu heiraten, oder könnten zumindest nur jenen Mann _lieben_, _der
gescheiter sei als sie_; daß es sie befremden, ja sexuell _abstoßen_
kann, wenn der Mann dem, was sie sagen, einfach recht gibt und es nicht
gleich besser sagt als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als
_Kriterium der Männlichkeit_ fühlt, daß der Mann ihr auch geistig
überlegen sei, von dem Manne mächtig angezogen wird, dessen Denken ihr
imponiert, und damit, ohne es zu wissen, das entscheidende Votum gegen
alle Gleichheitstheorien abgibt.

_M lebt bewußt, W lebt unbewußt._ Zu diesem Schlusse für die Extreme
sind wir nun berechtigt. _W empfängt ihr Bewußtsein von M_: die
Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle Funktion
des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu ihm im
Verhältnis idealer Ergänzung steht.

Hiemit ist die Darstellung beim _Problem der Begabung_ angelangt: der
ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast nur darum,
wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die Frauen«. Die
populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden über die
Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener Frage
nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges bedarf
jetzt der Erörterung.



IV. Kapitel.

Begabung und Genialität.


Da über das Wesen der genialen Veranlagung sehr vielerlei an vielen
Orten zu lesen ist, wird es Mißverständnisse verhüten, wenn noch vor
allem Eingehen auf die Sache einige Feststellungen getroffen werden.

Da handelt es sich zunächst um die Abgrenzung gegen den Begriff des
Talentes. Die populäre Anschauung bringt Genie und Talent fast immer
so in Verbindung, als wäre das erste ein höherer oder höchster Grad
des letzteren, durch stärkste Potenzierung oder Häufung verschiedener
Talente in einem Menschen aus jenem abzuleiten, als gäbe es zumindest
vermittelnde Übergänge zwischen beiden. Diese Ansicht ist vollständig
verkehrt. Wenn es auch vielerlei Grade und verschieden hohe
Steigerungen der Genialität sicherlich gibt, so haben diese Stufen doch
gar nichts zu tun mit dem sogenannten »Talent«. Ein Talent, z. B. das
mathematische Talent, mag jemand von Geburt in außerordentlichem Grade
besitzen; er wird dann die schwierigsten Kapitel dieser Wissenschaft
mit leichter Mühe sich anzueignen imstande sein; aber von Genialität,
was dasselbe ist wie Originalität, Individualität und Bedingung eigener
Produktivität, braucht er darum noch nichts zu besitzen. Umgekehrt gibt
es hochgeniale Menschen, die kein spezielles Talent in besonders hohem
Grade entwickelt haben. Man denke an _Novalis_ oder an _Jean Paul_.
Das Genie ist also keineswegs ein höchster Superlativ des Talentes, es
ist etwas von ihm durch eine ganze Welt Geschiedenes, beide durchaus
heterogener Natur, nicht aneinander zu messen und nicht miteinander
zu vergleichen. Das Talent ist vererbbar, es kann Gemeingut einer
Familie sein (die _Bachs_); das Genie ist nicht übertragbar, es ist
nie generell, sondern stets individuell (_Johann Sebastian_).

Vielen leicht zu blendenden mittelmäßigen Köpfen, insbesondere aber
den _Frauen_, gilt im allgemeinen geistreich und genial als dasselbe.
Die Frauen haben, wenn auch der äußere Schein für das Gegenteil
sprechen mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt
jede Extravaganz der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der
anderen sichtbar hervortreten läßt, zur Befriedigung ihres sexuellen
Ehrgeizes gleich; sie verwechseln den Dramatiker mit dem Schauspieler,
und machen keinen Unterschied zwischen Virtuos und Künstler. So gilt
ihnen denn auch der geistreiche Mensch als der geniale, _Nietzsche_
als der Typus des Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen bloß
jongliert, alles Franzosentum des Geistes, mit wahrer geistiger Höhe
nicht die entfernteste Verwandtschaft. Menschen, die nichts sind als
eben geistreich, sind unfromme Menschen; es sind solche, die, von
den Dingen nicht wirklich erfüllt, an ihnen nie ein aufrichtiges und
tiefes Interesse nehmen, in denen nicht lang und schwer etwas der
Geburt entgegenstrebt. Es ist ihnen nur daran gelegen, daß ihr Gedanke
glitzere und funkle wie eine prächtig zugeschliffene Raute, nicht, daß
er auch etwas beleuchte! Und das kommt daher, weil ihr Sinnen vor allem
die Absicht auf das behält, was die anderen zu eben diesen Gedanken
wohl »sagen« werden -- eine Rücksicht, die durchaus nicht immer
»rücksichtsvoll« ist. Es gibt Männer, die imstande sind, eine Frau, die
sie in keiner Weise anzieht, zu heiraten -- bloß weil sie _den anderen_
gefällt. Und solche Ehen findet man auch zwischen so manchen Menschen
und ihren Gedanken. Ich denke z. B. an eines lebenden Autors boshafte,
anflegelnde, beleidigende Schreibweise: er glaubt zu brüllen und bellt
doch nur. Leider scheint auch Friedrich _Nietzsche_, in seinen späteren
Schriften (so erhaben er sonst über den Vergleich mit jenem ist), an
seinen Einfällen manchmal vor allem das interessiert zu haben, was
seinem Vermuten nach die Leute recht chokieren mußte. Er _ist_ oft
gerade dort am eitelsten, wo er am rücksichtslosesten _scheint_. Es ist
die Eitelkeit des Spiegels selbst, der von dem Gespiegelten brünstig
Anerkennung erfleht: Sieh, wie gut, wie _rücksichtslos_ ich spiegle!
-- In der Jugend, so lange man selbst noch nicht gefestigt ist,
sucht ja wohl ein jeder sich dadurch zu festigen, daß er den anderen
anrempelt; aber leidenschaftlich-aggressiv sind ganz große Männer doch
immer nur aus Not. Nicht sie gleichen dem jungen Fuchs auf der Suche
nach seiner Mensur, nicht sie dem jungen Mädchen, das die neue Toilette
vor allem darum so entzückt, weil ihre »Freundinnen« sich $so$ darüber
ärgern werden.

Genie! Genialität! Was hat dieses Phänomen nicht bei der Mehrzahl der
Menschen für Unruhe und geistiges Unbehagen, für Haß und Neid, für
Mißgunst und Verkleinerungssucht hervorgerufen, wieviel Unverständnis
und -- wieviel Nachahmungstrieb hat es nicht ans Licht treten lassen!
»Wie er sich räuspert und wie er spuckt ...«

Leicht trennen wir uns von den Imitationen des Genius, um uns ihm
selbst und seinen echten Verkörperungen zuzuwenden. Aber wahrlich!
Wo hier auch die Betrachtung den Anfang nehmen möge, bei der
unendlichen, ineinanderfließenden Fülle wird immer nur ihre Willkür
den Ausgangspunkt wählen können. Alle Qualitäten, die man als
geniale bezeichnen muß, hängen so innig miteinander zusammen, daß
eine vereinzelte Betrachtung ihrer, die nur allmählich zu höherer
Allgemeinheit aufzusteigen plant, zur denkbar schwierigsten Sache
wird: indem die Darstellung stets zu vorzeitiger Abrundung des Ganzen
verführt zu werden fürchten muß, und sich in der isolierenden Methode
nicht behaupten zu können droht. Alle bisherigen Erörterungen über das
Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären
mit lächerlicher Anmaßung das bißchen Wissen auf diesem Gebiete zur
Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen
für hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen
Standpunktes _herab_, um die Genialität in ihr System _aufzunehmen_.
Wenn der Weg, der hier eingeschlagen werden soll, nicht zu allen Zielen
_auf einmal_ führt, so liegt dies eben an seiner Natur eines Weges.

Denken wir daran, um wieviel besser der große Dichter in die Menschen
sich hineinversetzen kann als der Durchschnittsmensch. Man ermesse
die außerordentliche Anzahl der Charaktere, die _Shakespeare_,
die _Euripides_ geschildert haben; oder denke an die ungeheuere
Mannigfaltigkeit der Personen, die in den Romanen _Zolas_ auftreten.
_Heinrich von Kleist_ hat nach der Penthesilea ihr vollendetes
Gegenteil, das Käthchen von Heilbronn geschaffen, _Michel Angelo_ die
Leda und die delphische Sibylle aus seiner Phantasie heraus verkörpert.
Es gibt wohl wenige Menschen, die so wenig darstellende Künstler waren
wie Immanuel _Kant_ und Joseph _Schelling_, und doch sind sie es, die
über die Kunst das Tiefste und Wahrste geschrieben haben.

Um nun einen Menschen zu erkennen oder darzustellen, muß man ihn
_verstehen_. Um aber einen Menschen zu verstehen, muß man mit ihm
Ähnlichkeit haben, man muß so sein wie er, um seine Handlungen
nachzubilden und würdigen zu können, muß man die psychologischen
Voraussetzungen, die sie in ihm hatten, in sich selbst nachzuerzeugen
vermögen: _einen Menschen verstehen, heißt ihn in sich haben_. Man
muß dem Geist gleichen, den man begreifen will. Darum versteht ein
Gauner nur immer gut den anderen Gauner, ein gänzlich harmloser Mensch
wieder vermag nie jenen, stets nur eine ihm ebenbürtige Gutmütigkeit
zu fassen; ein Poseur erklärt sich die Handlungen des anderen Menschen
fast immer als Posen und vermag einen zweiten Poseur rascher zu
durchschauen als der einfache Mensch, an den der Poseur seinerseits nie
recht zu glauben imstande ist. _Einen Menschen verstehen heißt also: er
selbst sein._

Danach müßte aber jeder Mensch sich selbst am besten verstehen, und das
ist gewiß nicht richtig. Kein Mensch kann sich selbst je verstehen,
denn dazu müßte er aus sich selbst herausgehen, dazu müßte das Subjekt
des Erkennens und Wollens Objekt werden können: ganz wie, um das
Universum zu verstehen, ein Standpunkt noch außerhalb des Universums
erforderlich wäre, und einen solchen zu gewinnen, ist nach dem Begriffe
eines Universums nicht möglich. Wer sich selbst verstehen könnte, der
könnte die Welt verstehen. Daß dieser Satz nicht nur vergleichsweise
gilt, sondern ihm eine sehr tiefe Bedeutung innewohnt, wird sich aus
der Darstellung allmählich ergeben. Für den Augenblick ist sicher, daß
man sein tiefstes eigenstes Wesen nicht selbst verstehen kann. Und es
gilt auch wirklich: man wird, wenn man überhaupt verstanden wird, immer
nur von anderen, nie von sich selbst verstanden. Der andere nämlich,
der mit dem ersten eine Ähnlichkeit hat und ihm in anderer Beziehung
doch gar nicht gleich ist, dem kann diese Ähnlichkeit zum Gegenstande
der Betrachtung werden, er kann sich im anderen, oder den anderen in
sich _erkennen_, darstellen, _verstehen_. _Einen Menschen verstehen
heißt also: $auch$ er sein._

Der geniale Mensch aber offenbarte sich an jenen Beispielen eben als
der Mensch, welcher ungleich mehr Wesen versteht als der mittelmäßige.
_Goethe_ soll von sich gesagt haben, es gebe kein Laster und kein
Verbrechen, zu dem er nicht die Anlage in sich verspürt, das er nicht
in irgend einem Zeitpunkte seines Lebens vollauf verstanden habe. Der
geniale Mensch ist also komplizierter, zusammengesetzter, reicher; _und
ein Mensch ist um so genialer zu nennen, je mehr Menschen er in sich
vereinigt_, und zwar, wie hinzugefügt werden muß, _je lebendiger_, mit
je größerer _Intensität_ er die anderen Menschen in sich hat. Wenn
das Verständnis des Nebenmenschen nur wie ein schwaches Stümpchen
in ihm brennte, dann wäre er nicht imstande, als großer Dichter in
seinen Helden das Leben einer mächtigen Flamme gleich zu entzünden,
seine Figuren wären ohne Mark und Kraft. Das Ideal gerade von einem
künstlerischen Genius ist es, in allen Menschen zu leben, an alle sich
zu verlieren, in die Vielheit zu _emanieren_; indes der Philosoph alle
anderen _in sich_ wiederfinden, sie zu einer Einheit, die eben immer
nur _seine_ Einheit sein wird, zu _resorbieren_ die Aufgabe hat.

Diese Proteus-Natur des Genies ist, ebensowenig wie früher die
Bisexualität, als Simultaneität aufzufassen; auch dem größten Genius
ist es nicht gegeben, zu gleicher Zeit, etwa an einem und demselben
Tage, das Wesen aller Menschen zu verstehen. Die umfassendere und
inhaltsvollere Anlage, welche ein Mensch geistig besitzt, kann nur
nach und nach, in allmählicher Entfaltung seines ganzen Wesens sich
offenbaren. Es hat den Anschein, daß auch sie in einem bestimmten
Ablauf gesetzmäßiger _Perioden_ zum Vorschein kommt. Diese Perioden
wiederholen sich aber im Laufe des Lebens nicht in der gleichen Weise,
als wäre jede nur die gewöhnliche Wiederholung der vorhergegangenen,
sondern sozusagen in immer höherer Sphäre; es gibt nicht zwei Momente
des individuellen Lebens, die einander ganz gleichen; und es existiert
zwischen den späteren und den früheren Perioden nur die Ähnlichkeit der
Punkte der höheren mit den homologen der niederen Spiralwindung. Daher
kommt es, daß hervorragende Menschen so oft in ihrer Jugend den Plan zu
einem Werke fassen, nach langer Pause im Mannesalter das Jahre hindurch
nicht vorgenommene Konzept einer Bearbeitung unterziehen und erst im
Greisenalter nach abermaligem Zurückstellen es vollenden: es sind die
verschiedenen Perioden, in die sie abwechselnd treten und die sie stets
mit anderen Gegenständen erfüllen. Diese Perioden existieren bei jedem
Menschen, nur in verschiedener Stärke, mit verschiedener »Amplitüde«.
Da das Genie die meisten Menschen mit der _größten_ Lebendigkeit in
sich hat, _wird die Amplitüde der Perioden um so ausgesprochener sein,
je bedeutender ein Mensch in geistiger Beziehung ist_. Hochstehende
Menschen hören daher meist von Jugend auf von Seiten ihrer Erzieher
den Vorwurf, daß sie fortwährend »von einem Extrem ins andere« fielen.
Als ob sie sich dabei besonders wohl befinden würden! Gerade beim
hervorragenden Menschen nehmen solche Übergänge in der Regel einen
ausgesprochen krisenhaften Charakter an. _Goethe_ hat einmal von der
»wiederholten Pubertät« der Künstler gesprochen. Was er gemeint hat,
hängt innig mit diesem Gegenstande zusammen. Denn gerade die starke
Periodizität des Genies bringt es mit sich, daß bei ihm immer erst auf
sterile Jahre die fruchtbaren und auf sehr produktive Zeiten immer
wieder sehr unfruchtbare folgen -- Zeiten, in denen er von sich nichts
hält, ja von sich _psychologisch_ (nicht logisch) weniger hält _als
von jedem anderen Menschen_: quält ihn doch die Erinnerung an die
Schaffensperiode, und vor allem -- wie _frei_ sieht er sie, die von
solchen Erinnerungen nicht Belästigten, herumgehen! Wie seine Ekstasen
gewaltiger sind als die der anderen, so sind auch seine Depressionen
fürchterlicher. Bei jedem hervorragenden Menschen gibt es solche
Zeiten, kürzere und längere; Zeiten, wo er in völliger Verzweiflung
an sich selbst sein, wo es bei ihm zu Selbstmordgedanken kommen kann,
Zeiten, wo zwar auch eine Menge Dinge ihm auffallen können, und vor
allem eine Menge Dinge sich ansetzen werden für eine spätere Ernte; wo
aber nichts mit dem gewaltigen Tonus der produktiven Periode erscheint,
wo, mit anderen Worten, _der Sturm sich nicht einstellt_; Zeiten, in
denen wohl über solche, die trotzdem fortzuschaffen versuchen, gesagt
wird: »Wie der jetzt herunterkommt!« »Wie der sich völlig ausgegeben
hat!« »Wie der sich selbst kopiert!« etc. etc.

Auch seine anderen Eigenschaften, nicht bloß ob er überhaupt,
sondern auch der Stoff, in welchem, der Geist, aus welchem heraus er
produziert, sind im genialen Menschen einem Wechsel und einer starken
Periodizität unterworfen. Er ist das eine Mal eher reflektierend und
wissenschaftlich, das andere Mal mehr zu künstlerischer Darstellung
disponiert (_Goethe_); zuerst konzentriert sich sein Interesse auf die
menschliche Kultur und Geschichte, dann wieder auf die Natur (man halte
_Nietzsches_ »Unzeitgemäße Betrachtungen« neben seinen »Zarathustra«);
er ist jetzt mystisch, nachher naiv (solche Beispiele haben in jüngster
Zeit _Björnson_ und _Maurice Maeterlinck_ gegeben). Ja, so groß ist
im hervorragenden Menschen die »Amplitüde« der Perioden, in denen
die verschiedenen Seiten seines Wesens, die vielen Menschen, die in
ihm intensiv leben, aufeinander succedieren, daß diese Periodizität
auch physiognomisch sich deutlich offenbart. Hieraus möchte ich die
auffallende Erscheinung erklären, daß bei begabteren Menschen der
Ausdruck des Antlitzes viel öfter wechselt als bei Unbegabten, ja daß
sie zu verschiedenen Zeiten oft unglaublich verschiedene Gesichter
haben können; man vergleiche nur die von _Goethe_, von _Beethoven_,
von _Kant_, von _Schopenhauer_ aus den verschiedenen Epochen ihres
Lebens erhaltenen Bilder! _Man kann die Zahl der Gesichter, die ein
Mensch hat, geradezu als ein physiognomisches Kriterium seiner Begabung
ansehen._ Menschen, die stets ein und dasselbe Gesicht _völlig_
unverändert aufweisen, stehen auch intellektuell sehr tief. Hingegen
wird es den Physiognomiker nicht wundern, daß begabtere Menschen, die
auch im Verkehr und Gespräch immer neue Seiten ihres Wesens offenbaren,
über die darum das Nachdenken nicht so bald ein fertiges Urteil
gewinnt, diese Eigenschaft auch durch ihr Aussehen bewahrheiten.

Man wird vielleicht mit Entrüstung die hier entwickelte _vorläufige_
Vorstellung vom Genie zurückweisen, weil sie als notwendig postuliere,
daß ein _Shakespeare_ auch die ganze Gemeinheit eines Falstaff, die
ganze Schurkenhaftigkeit eines Jago, die ganze Rohheit eines Caliban in
sich gehabt habe, somit die großen Menschen moralisch erniedrige, indem
sie ihnen das intimste Verständnis auch für alles Verächtliche und
Unbedeutende imputiere. Und es muß zugegeben werden, daß nach dieser
Auffassung die genialen Menschen von den zahlreichsten und heftigsten
Leidenschaften erfüllt und selbst von den widerlichsten Trieben nicht
verschont sind (was übrigens durch ihre Biographien überall bestätigt
wird).

Aber jener Einwurf ist trotzdem unberechtigt. Dies wird aus der
späteren Vertiefung des Problems noch hervorgehen; einstweilen sei
darauf hingewiesen, daß nur eine oberflächliche Schlußweise ihn als die
notwendige Folgerung aus den bis jetzt dargelegten Prämissen betrachten
kann, die vielmehr allein schon sein Gegenteil mehr als wahrscheinlich
zu machen genügen. _Zola_, der den Impuls zum Lustmord so gut kennt,
hätte trotzdem nie einen Lustmord begangen, und zwar darum, _weil in
ihm selber eben so viel anderes $noch$ ist_. Der wirkliche Lustmörder
ist die Beute seines Antriebes; in seinem Dichter wirkt der ganze
Reichtum seiner vielfältigen Anlage dem Reize entgegen. Er bewirkt,
daß _Zola_ den Lustmörder viel besser als jeder wirkliche Lustmörder
sich selbst _kennen_, daß er aber eben damit ihn _erkennen_ wird,
wenn die Versuchung wirklich an ihn herantreten sollte; und damit
steht er ihr bereits gegenüber, Aug' in Auge, und kann sich ihrer
erwehren. Auf diese Weise wird der verbrecherische Trieb im großen
Menschen _vergeistigt_, zum Künstlermotiv wie bei _Zola_, oder zur
philosophischen Konzeption des »Radikal-Bösen« wie bei _Kant_, darum
führt er ihn nicht zur verbrecherischen _Tat_.

Aus der Fülle von Möglichkeiten, die in jedem bedeutenden Menschen
vorhanden sind, ergeben sich nun wichtige Konsequenzen, welche zur
Theorie der Heniden, wie sie im vorigen Kapitel entwickelt wurde,
zurückleiten. _Was man in sich hat, $bemerkt$ man eher, als was man
nicht versteht_ (wäre dem anders, so gäb' es keine Möglichkeit, daß
die Menschen miteinander verkehren könnten -- sie wissen meistens gar
nicht, wie _oft sie_ einander mißverstehen); dem Genie, das so viel
mehr _versteht_ als der Dutzendmensch, wird also auch mehr _auffallen_
als diesem. Der Intrigant wird es leicht bemerken, wenn ein anderer
ihm gleicht; der leidenschaftliche Spieler sofort wahrnehmen, wenn
ein zweiter große Lust zum Spiele verrät, während dies den anderen,
die anders sind, in den meisten Fällen lange entgeht: »der Art ja
versiehst du dich besser«, heißt es in _Wagners_ »Siegfried«. Vom
komplizierteren Menschen aber galt, daß er jeden Menschen besser
verstehen könne als dieser sich selber, vorausgesetzt, daß er dieser
Mensch ist und zugleich noch etwas mehr, _genauer, wenn er diesen
Menschen $und dessen Gegenteil$, alle beide, in sich hat. Die Zweiheit
ist stets die Bedingung des Bemerkens und des Begreifens_; fragen wir
die Psychologie nach der kardinalsten Bedingung des Bewußtwerdens, der
»Abhebung«, so erhalten wir zur Antwort, daß hiefür die notwendige
Voraussetzung der _Kontrast_ sei. Gäbe es nur ein einförmiges Grau, so
hätte niemand ein Bewußtsein, geschweige denn einen Begriff von Farbe;
absolute _Ein_tönigkeit eines Geräusches führt beim Menschen raschen
$Schlaf$ herbei: _Zweiheit (das $Licht$, das die Dinge scheidet und
unterscheidet) ist die Ursache des wachen Bewußtseins._

Darum kann niemand sich selbst verstehen, wenn er auch sein ganzes
Leben ununterbrochen über sich nachdächte, und immer nur einen anderen,
dem er zwar ähnlich, aber der er nicht ganz ist, sondern von dessen
Gegenteil er ebensoviel in sich hat wie von ihm selbst. Denn in dieser
Verteilung liegen die Verhältnisse für das Verstehen am günstigsten:
der früher erwähnte Fall _Kleistens_. _Endgültig bedeutet also einen
Menschen verstehen soviel als: ihn $und$ sein Gegenteil in sich haben._

Daß sich ganz allgemein stets Gegensatz_paare_ im selben Menschen
zusammenfinden müssen, um ihm das Bewußtwerden auch nur _eines_
Gliedes von jedem Paare zu gestatten, dafür liefert die Lehre vom
Farbensinn des Auges mehrere physiologische Beweise, von denen ich
nur die bekannte Erscheinung erwähne, daß die Farbenblindheit sich
immer auf _beide_ Komplementärfarben erstreckt; der Rotblinde ist auch
grünblind, und es gibt nur Blaugelbblinde und keinen Menschen, der blau
empfinden könnte, wenn er für gelb unempfänglich wäre. Dieses Gesetz
gilt im Geistigen überall, es ist das Grundgesetz alles Bewußtwerdens.
Zum Beispiel wird, wer immer sehr zum Frohmut, auch zum Umschlag in
Trübsinn eher veranlagt sein als ein stets gleichmäßig Gestimmter;
und wer für jederlei Feinheit und Subtilität so viel Sinn hat wie
_Shakespeare_, auch die ungeschlachteste Derbheit, weil gleichsam als
seine Gefahr, am sichersten empfinden und auffassen.

Je mehr menschliche Typen und deren Gegensätze ein Mensch in seiner
Person vereinigt, desto weniger wird ihm, da aus dem Verstehen auch das
Bemerken folgt, _entgehen_, was die Menschen treiben und lassen, desto
eher wird er _durchschauen_, was sie fühlen, denken und eigentlich
wollen. _Es gibt keinen genialen Menschen, der nicht ein großer
Menschenkenner wäre_; der bedeutende Mensch blickt einfacheren Menschen
oft im ersten Augenblick bis auf den Grund, und ist nicht selten
imstande, sie sofort völlig zu charakterisieren.

Nun hat aber unter den meisten Menschen der eine für dies, der andere
für jenes einen nur mehr oder minder einseitig entwickelten Sinn.
Dieser kennt alle Vögel und unterscheidet ihre Stimmen aufs feinste,
jener hat von früh auf einen liebevollen und sicheren Blick für die
Pflanzen; der eine fühlt sich von den übereinandergeschichteten
tellurischen Sedimenten erschüttert (_Goethe_), der andere erschauert
unter der Kälte des nächtigen Fixsternhimmels (_Kant_); manch
einer findet das Gebirge tot und fühlt sich gewaltig nur vom ewig
bewegten Meere angesprochen (_Böcklin_), ein zweiter kann zu dessen
immerwährender Unruhe kein Verhältnis gewinnen und kehrt unter die
erhabene Macht der Berge zurück (_Nietzsche_). So hat jeder Mensch,
auch der einfachste, etwas in der Natur, zu dem es ihn hinzieht, und
für das seine Sinne schärfer werden denn für alles übrige. Wie sollte
nun der genialste Mensch, der, im idealen Falle, diese Menschen alle
in sich hat, mit ihrem Innenleben nicht auch ihre Beziehungen und
Liebesneigungen zur Außenwelt in sich versammeln? So wächst in ihn
die Allgemeinheit nicht nur alles Menschlichen, sondern auch alles
Natürlichen hinein; _er ist der Mensch, der zu den meisten Dingen
im intimsten Rapporte steht_, dem das meiste auffällt, das wenigste
entgeht; der das meiste versteht, und es am tiefsten versteht schon
darum, weil er es mit den vielfältigsten Dingen zu vergleichen und
von den zahlreichsten zu unterscheiden in der Lage ist, am besten zu
messen und am besten zu begrenzen weiß. _Dem genialen Menschen wird
das meiste und all dies am stärksten $bewußt$._ Darum wird zweifellos
auch seine Sensibilität die feinste sein; dies darf man aber nicht,
wie es, in offenbar einseitigem Hinblick auf den Künstler, geschehen
ist, bloß zu Gunsten einer verfeinerten Sinnesempfindung, größerer
Sehschärfe beim Maler (oder beim Dichter), größerer Hörschärfe beim
Komponisten (_Mozart_) auslegen: das Maß der Genialität ist weniger in
der Unterschiedsempfindlichkeit der Sinne, als in der des Geistes zu
suchen; anderseits wird jene Empfindlichkeit oft auch mehr nach innen
gekehrt sein.

So ist das geniale Bewußtsein am _weitesten_ entfernt vom
Henidenstadium; es hat vielmehr die größte, grellste Klarheit und
Helle. _Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höherer
Männlichkeit; $und darum kann W nicht genial sein$._ Dies ist die
folgerechte Anwendung des im vorigen Kapitel gewonnenen Ergebnisses,
daß M bewußter lebe als W, auf den eigentlichen Ertrag des jetzigen
Kapitels: dieses gipfelt in dem Satze, daß _Genialität identisch
ist mit höherer, weil allgemeinerer Bewußtheit_. Jenes intensivere
Bewußtsein von allem wird aber selbst erst ermöglicht durch die enorme
Zahl von Gegensätzen, die im hervorragenden Menschen beisammen sind.

_Darum ist zugleich Universalität das Kennzeichen des Genies._
Es gibt keine Spezialgenies, keine »mathematischen« und keine
»musikalischen Genies«, auch keine »Schachgenies«, _sondern es gibt
$nur$ Universalgenies. Der geniale Mensch läßt sich definieren
als derjenige, der $alles$ weiß, ohne es gelernt zu haben._ Unter
diesem »Alleswissen« sind selbstverständlich nicht die Theorien und
Systematisierungen gemeint, welche die Wissenschaft an den Tatsachen
vorgenommen hat, nicht die Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges,
und nicht die Experimente über Diamagnetismus. Aber nicht erst aus dem
Studium der Optik erwächst dem Künstler die Kenntnis der Farben des
Wassers bei trübem und heiterem Himmel, und es bedarf keiner Vertiefung
in eine Charakterologie, um Menschen einheitlich zu gestalten. Denn je
begabter ein Mensch ist, über desto mehr _hat_ er immer _selbständig_
nachgedacht, zu desto mehr Dingen hat er ein persönliches Verhältnis.

Die Lehre von den Spezialgenies, die es gestattet, z. B. vom
»Musikgenie« zu reden, das »in allen anderen Beziehungen
unzurechnungsfähig« sei, verwechselt abermals Talent und Genie. Der
Musiker kann, wenn er wahrhaft groß ist, in der Sprache, auf die ihn
die Richtung seines besonderen Talentes weist, genau so universell
sein, genau so die ganze innere und äußere Welt durchmessen wie der
Dichter oder der Philosoph; solch ein Genie war _Beethoven_. Und er
kann in ebenso beschränkter Sphäre sich bewegen wie ein mittelmäßiger
wissenschaftlicher oder künstlerischer Kopf; solch ein Geist war
_Johann Strauß_, den es merkwürdig berührt, ein Genie nennen zu
hören, so schöne Blüten eine lebhafte, aber sehr eng begrenzte
Einbildungskraft in ihm auch getrieben hat. _Es gibt_, um nochmals
darauf zurückzukommen, _vielerlei Talente, aber es gibt nur $eine$
Genialität_, die ein beliebiges Talent wählen und ergreifen mag, um
in ihm sich zu betätigen. Es gibt etwas, das allen genialen Menschen
als _genialen_ gemeinsam ist, so sehr auch der große Philosoph vom
großen Maler, der große Musiker vom großen Bildhauer, der große
Dichter vom großen Religionsstifter sich sonst unterscheiden mögen.
Das Talent, durch dessen Medium die eigentliche Geistesanlage eines
Menschen sich offenbart, ist viel mehr Nebensache, als man gewöhnlich
glaubt, und wird aus der großen Nähe, aus welcher kunstphilosophische
Betrachtung leider so oft erfolgt, in seiner Wichtigkeit meist weit
überschätzt. Nicht nur die Unterschiede in der Begabung, auch die
Gemütsart und Weltanschauung kehren sich wenig an die Grenzen der
Künste voneinander, diese werden übersprungen, und so ergeben sich dem
vorurteilsloseren Blick oft überraschende Ähnlichkeiten; er wird dann,
statt _innerhalb_ der Musikgeschichte, respektive der Geschichte der
Kunst, der Literatur und Philosophie nach Analogien zu blättern, lieber
ungescheut z. B. _Bach_ mit _Kant_ vergleichen, Karl Maria v. _Weber_
neben _Eichendorff_ stellen, und _Böcklin_ mit _Homer_ zusammenhalten;
und wenn so die Betrachtung reiche Anregung und große Fruchtbarkeit
gewinnen kann, so wird das auch dem psychologischen Tiefblick
schließlich zugute kommen, an dessen Mangel alle Geschichtsschreibung
von Kunst wie von Philosophie am empfindlichsten krankt. Welche
organischen und psychologischen Bedingungen es übrigens sind, die ein
Genie entweder zum mystischen Visionär oder etwa zum großen Zeichner
werden lassen, das muß als unwesentlich für die Zwecke _dieser_ Schrift
beiseite bleiben.

_Von jener Genialität aber_, die, bei allen oft sehr tief gehenden
Unterschieden zwischen den einzelnen Genies, eine und dieselbe bleibt
und, nach dem hier aufgestellten Begriffe, überall manifestiert werden
kann, _ist das Weib ausgeschlossen_. Wenn auch die Frage, ob es rein
wissenschaftliche, und ob es bloß handelnde, nicht nur künstlerische
und philosophische Genies geben könne, erst in einem späteren
Abschnitt zur Entscheidung gebracht werden soll: man hat allen Grund,
vorsichtiger zu verfahren mit der Verleihung des Prädikates genial,
als man dies bisher gewesen ist. Es wird sich noch deutlich zeigen:
will man überhaupt vom Wesen der Genialität eine Vorstellung sich
bilden und zu einem Begriffe derselben zu gelangen suchen, so _muß_
die Frau als ungenial bezeichnet werden; und trotzdem wird niemand der
Darstellung nachsagen dürfen, sie hätte im Hinblick auf das weibliche
Geschlecht irgend einen willkürlichen Begriff erst konstruiert und
ihn nachträglich als das Wesen der Genialität hingestellt, um nur den
Frauen keinen Platz _innerhalb_ derselben gönnen zu müssen.

Hier kann auf die anfänglichen Betrachtungen des Kapitels
zurückgegriffen werden. Während die Frau der Genialität kein
Verständnis entgegenbringt, außer einem, das sich eventuell an die
Persönlichkeit eines noch lebenden Trägers knüpfte, hat der Mann
jenes tiefe Verhältnis zu dieser Erscheinung an sich, das _Carlyle_
in seinem noch immer so wenig verstandenen Buche Hero-Worship,
Heldenverehrung, genannt und so schön und hinreißend ausgemalt hat.
In der Heldenverehrung des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, daß
_Genialität an die Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale,
potenzierte Männlichkeit vorstellt_[16]; denn das Weib hat kein
originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt
unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius.



V. Kapitel.

Begabung und Gedächtnis.


Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung
erzählt. Ich notierte gerade, _halb_ mechanisch, die Seitenzahl einer
Stelle aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren
beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da
dachte, wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte,
dessen konnte ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller
Anstrengung nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall -- er
ist typisch -- besonders lehrreich.

_Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex ist, desto
eher ist er reproduzierbar._ Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste
Bedingung der Erinnerung, der _Intensität_ der Bewußtseinserregung
ist das _Gedächtnis_ an die Erregung proportional. »Das wird mir
unvergeßlich bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann
mir nie mehr entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn
heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht
klüger, um eine wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also
die Reproduzierbarkeit der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu
ihrer Gliederung, so ist klar, _daß an die absolute Henide überhaupt
keine Erinnerung möglich sein wird_.

Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner
gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, _je begabter er ist, desto
eher an seine $ganze$ Vergangenheit, an alles, was er je gedacht und
getan, gesehen und gehört, empfunden und gefühlt hat, sich erinnern
können_, mit desto größerer Sicherheit und Lebhaftigkeit wird er
alles aus seinem Leben reproduzieren. _Das universelle Gedächtnis an
alles Erlebte ist darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten
zu ergründende Kennzeichen des Genies._ Es ist zwar eine verbreitete
und besonders unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß
_produktive_ Menschen (weil sie _Neues_ schüfen) kein Gedächtnis
hätten: aber offenbar nur, weil darin die einzige Bedingung der
Produktivität liegt, die bei ihnen erfüllt ist.

Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des
Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine
Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus
der Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen
des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen
Verba des Griechischen widerlegen wollen. _Es handelt sich um
das Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das
Erlernte_; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer
nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen
Talente des Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein
besseres Gedächtnis für Farben haben als der größte Philosoph,
der beschränkteste Philologe ein besseres Gedächtnis für die vor
Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein Kollege, der vielleicht
ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze Jämmerlichkeit und
Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der Psychologie (noch
mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal von
elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im Rücken, gestützt
auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen, nun in rebus
psychologicis vor allen anderen gehört zu werden beanspruchen), daß
sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von
Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prüfen
zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des Menschen, jenes
Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch die Summe
seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß man
sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen
Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja
eines psychischen _Lebens_ überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen
stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende
Bedingungen, denen gegenüber nie _Individualität_ sich äußern kann,
sie _abstrahieren_ wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums,
und behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat.
Es liegt ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und
»merken« aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was _auffällt_, von
selbst, infolge angeborner Beschaffenheit, wird _behalten_. Wessen man
sich erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein,
und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht
stark genug. Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem
Dichter Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten
haften bleiben.

Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen
und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen
noch auf einem zweiten Wege _deduziert_ werden. Denn je bedeutender
ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm
zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis werden.
Die Menschen haben im allgemeinen durchaus _gleich_ viel äußere
Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der
unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem
Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele
»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber
auch kein Mensch, der nie _ap_perzipiert, sondern immer bloß perzipiert
hätte. Schon darum muß es alle möglichen _Grade_ der Genialität
geben[18]; zumindest ist _kein männliches_ Wesen ganz ungenial. Aber
auch vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: _es existiert kein Mensch
ohne alle und kein Mensch mit universaler Apperzeption_ (als welche
man das vollkommene Genie weiter bestimmen könnte). Der Apperzeption
als der Aneignung ist das Gedächtnis als der Besitz, seinem Umfang
wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So führt denn auch eine
ununterbrochene Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, bloß von
Augenblick zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis etwas
_bedeuten_ könnte, weil es auf kein früheres sich würde beziehen
lassen -- einen solchen Menschen gibt es aber nicht -- bis zum
völlig kontinuierlich Lebenden, dem _alles unvergeßlich_ bleibt (so
intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm aufgefaßt), _und den
es ebensowenig gibt_: selbst das höchste Genie ist nicht in jedem
Augenblicke seines Lebens »genial«.

Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange zwischen
Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses Zusammenhanges,
die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen, die Besitzer
oft selbst verblüffenden _Gedächtnis für scheinbar nebensächliche
Umstände, für Kleinigkeiten_, das begabtere Menschen auszeichnet. Bei
der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich alles eine, ihnen
selbst oft lange unbewußte, _Bedeutung_ für sie; und so bleiben sie
hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem ganz von
selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste Mühe an
die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in den Dienst
dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum könnte man,
in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den
genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht
kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen
vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht
mehr wahr«. Es gibt vielmehr für ihn _nichts_, das ihm nicht mehr wahr
wäre, auch wenn, ja vielleicht gerade _weil_ er für alles, was im Laufe
der Zeit anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle
anderen Menschen.

Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der geistigen
Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man sei
längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem
letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die
Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie
lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt
hat, und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat.
Wie vieles unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer
Lust hat, zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es
kommt vor, daß man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen
war: es ist ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit
denen man vor einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig
oder in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die
nach Ablauf dieser Zeit _an nichts mehr_ sich zu erinnern vermögen.
Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung alles dessen, worum
es sich handelte, durch Wiederbelebung der Situation in allen ihren
Details, zu Hilfe kommt, so gelingt es immer, falls diese Bemühung
lange genug fortgesetzt wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des
fast völlig Erloschenen und allmählich eine Erinnerung herbeizuführen.
Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich gemacht, daß
die theoretisch immer zu machende Annahme, es gebe kein völliges
Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß durch die Hypnose,
nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen
Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß.

_Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen aus seinem Leben,
aus dem, was er gesagt oder gehört, gesehen oder gefühlt, getan oder
erlitten hat, möglichst wenig erzählen könne, das er nicht selbst
weiß._ Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden,
welches leichter Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist,
_$ohne$ daß schon $schöpferische$ Leistungen des Menschen vorliegen
müssen_. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht,
mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig
sein.

Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß
ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als
Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen
entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die
Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur
Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen
gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, _Gleichnisse_ zu
gebrauchen, _und zwar gerade mit dem Tertium comparationis, auf das es
gerade ankommt_; denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige
herausgreifen, was die stärkste Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen
aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche
herangezogene ältere, bei ihnen _artikuliert_ genug dazu sind, um keine
Ähnlichkeit und keinen Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und
darum eben auch, was längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre
hier sich behaupten konnte. Nicht umsonst hat man daher die längste
Zeit in dem Reichtum eines Dichters an schönen und vollkommenen
Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner Gattung
erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, aus Shakespeare und
Klopstock immer wieder aufgeschlagen oder bei der Lektüre mit Ungeduld
erwartet. Heute, da Deutschland seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne
großen Künstler und ohne großen Denker ist, indes dafür bald niemand
mehr aufzutreiben sein wird, der nicht »geschrieben« hätte, heute
scheint das ganz vorüber; man sucht nach derartigem nicht, man würde
auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden
Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen sieht, deren Philosophie
in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden ist, zeigt zu
offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn Größe
ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie vor
den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein,
wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute
noch berühmt, dahingeben! -- Erst im vollen Bewußtsein, in welchem
in das Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in
größter Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des
philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß
ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die
Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere
Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem
sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein
mit Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in
diesem Zusammenhange noch nicht.

Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der _Musikgeschichte_
läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe zurückführen: doch beweist
sie zunächst den Mangel des Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen
Produktivität gehört unendlich viel mehr Phantasie als selbst das
männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger künstlerischer
oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der Natur,
nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem Tonbilde.
Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt keine
Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat
erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen.
Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität
als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, _verwandte_
Architektur betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie
mit der Musik die Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr
noch als diese) von sinnlicher _Nachahmung_ frei ist. Darum ist auch
Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine
fast nur Mitleid weckende Vorstellung.

Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf schaffende
und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört (besonders
kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon her,
daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der
Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes.
Und eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die
wir sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders
geeignet für Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese
Eigenart seiner Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie
im allerhöchsten Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien
einfallen (ja vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel
mehr Gegenstand des Staunens seitens der anderen Menschen wird als der
Dichter oder der Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von
der männlichen gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet
keine Musikerin gibt, welche für die Musikgeschichte auch nur so weit
in Betracht käme, wie etwa _Angelika Kauffmann_ für die Malerei.

Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die
Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik
und nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der
Philosophie. Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch
ein wenig Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung,
wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie,
dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und
gefunden. -- Der Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also
auch zusammen mit der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im
Weibe. Namentlich in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste
Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres,
nichts _Eindringlicheres_ als eine _Melodie_, nichts, was unter jeder
Verwischung stärker litte. Deshalb _erinnert_ man sich an Gesungenes um
so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an
die Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel
Studium.

Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie
anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der
Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß
man schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und
Virtuosinnen hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben.
Und doch ......

Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu
lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich
gesteigert. Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen
und malen lernen. Also auch hier ist lange schon kein engherziger
Ausschluß mehr wahrzunehmen, _äußere_ Möglichkeiten wären reichlich
vorhanden. Wenn trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der
Kunst ernsthaft in Betracht kommen, so dürfte es an den _inneren_
Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann
eben für die Frauen nur eine Art eleganterer, luxuriöser _Handarbeit_
bedeuten. Dabei scheint ihnen das sinnliche, körperliche Element der
Farbe eher erreichbar als das geistige, formale der Linie; und dies ist
ohne Zweifel der Grund, daß zwar einige Malerinnen, aber noch keine
Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos
Form geben zu können, ist eben die Fähigkeit des Menschen, dem die
allgemeinste Apperzeption das allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie
ist die Eigenschaft des männlichen Genies.

Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort
operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen
Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die
Genies« als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar
nicht sein sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein
Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den
größeren wird das »Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen
sein; sie werden wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um
einzusehen, daß man überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie
denn _Pascal_ außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein
Mensch sei, für desto origineller halte er auch die anderen; womit man
_Goethes_ Wort vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius
ganz zu verstehen.

Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem Leben
»genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an
der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen
Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen
-- allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv
Bestimmtes -- und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial
gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher.
Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache.

Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache Menschen
in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht, Worte
finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen,
was man gemeinhin »_Ausdruck_« nennt, in Kunst wie in prosaischer
Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der
Klärung Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere,
Inhalte geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere,
minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich
nahe daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch
den Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein
_abgekürzt_, und daher das Lustvolle, auch wenn wir _andere_ einen
»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe,
so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa
die »Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der
Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert.

Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom
nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen
Ton aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes
Verständnis der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen
_völlig_ verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch
nicht den leisesten Eindruck hervorbringen. _Alle Kulturhoffnungen
vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu gründen, daß dem nicht
so sei._ Und es ist auch nicht so. _Der Unterschied liegt in der
geringeren Intensität des Bewußtseins, er ist ein quantitativer, kein
prinzipieller, qualitativer._[20]

Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die Äußerung
einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer zu
werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt
Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine
einzige _Erfahrung_ gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte
jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung.

Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres Leben
führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist,
an eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in
extremen Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm
die vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig
bleibt, datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst
von einem viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste
Reminiszenz überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, _die von ihrem
ganzen vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt wurde_;
und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis
noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube es
auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz ausnahmslos
danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn dieser vom
fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert, die
früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach
seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr.
Aber im allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die
angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen.

Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim
hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke
bis zu jenem Moment, von dem an er an _alles_ sich erinnert, jenem
Tage, von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die
meisten Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach
vergessen; ja viele wissen oft nur, _daß kein anderer Mensch für sie
gelebt hat die ganze Zeit hindurch_: aus ihrem ganzen Leben sind ihnen
nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante Stationen
gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie nur,
d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und
dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da
oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor
Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe
kosten, das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in
solchem Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man
ist zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten.

Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere
Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch
schon die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern
getan haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises,
gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen _dauert_ ein Eindruck,
den er empfangen hat; ja eigentlich _steht nur er überhaupt unter
Eindrücken_. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden
Menschen, wenigstens zeitweise, _an fixen Ideen leiden_. Der psychische
Bestand der Menschen mit einem System von eng einander benachbarten
Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen, daß jede
nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt,
und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige,
angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll,
das ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang.
Da diese Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger,
ja lächerlicher Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in
unerträglicher Weise wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich
eine Analogie zum Wahnsinn.

Aus verwandten Gründen ist auch _Dankbarkeit_ so ziemlich die seltenste
Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal, wieviel
man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die
Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr
zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt
dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen
Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr
erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört.

Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft verkannt
und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er zu
finden gewesen wäre: _in der Rückerinnerung an das eigene Leben_,
läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine
Sachen hat schreiben _müssen_, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne erst
zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der Moment
des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu schaffen
genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und
Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren
wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten _gemacht_ ist, sein
ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner
Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte
auswendig kennt -- und zwar ohne sie, wie das _Sixtus Beckmesser_ von
_Hans Sachs_ sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben --
der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes
hervorgebracht.

Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der
geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine
Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die
einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten
Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht
als durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene
Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem
des nächsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index
aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe,
aller Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen
Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise _zusammengefaßt_ erscheinen; die
Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr,
sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem
es keine Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser
Momente, die aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum
geschlossenen Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf
gleicht einem Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim
Genie, aus weitestem Gebiete _alle_ Wässerlein zusammengeflossen sind,
_aus_ dem, heißt das, vermöge der _universalen Apperzeption_ kein
Erlebnis _ausgeschaltet_, _in_ den vielmehr _alle_ einzelnen Momente
_aufgenommen_, rezipiert sind. Diese _eigentliche_ Kontinuität, die
den Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er _lebt_, daß
er da, daß er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige
wichtige Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, _fehlt $gänzlich$ beim
Weibe_. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein
Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen,
nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr
immer nur an einzelnen Punkten _hängen_.

Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche
W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer
Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen
begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende
Tatsache nicht überraschen:

W verfügt _überhaupt_ nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: es sind
die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.
An den Geliebten und an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes
Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle
bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes Ständchen, das
ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie
geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert
hat, vor allem aber -- mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich
ist als sie unheimlich berührt -- _an jedes Kompliment ohne Ausnahme_,
das ihr im Leben gemacht wurde.

Das ist $alles$, woran das _echte_ Weib aus seinem Leben sich erinnert.

_Was aber ein Mensch nie vergißt, und was er sich nicht merken
kann, das ermöglicht am besten die Erkenntnis seines Wesens, seines
Charakters._ Es wird später noch genauer als jetzt zu untersuchen sein,
_worauf_ es deutet, daß W gerade _diese_ Erinnerungen hat. Großer
Aufschluß ist gerade von der unglaublichen Treue zu erwarten, mit
welcher die Frauen an alle Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche
Beweise der Galanterie sich erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit
entgegengebracht worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene
Einschränkung des weiblichen Gedächtnisses auf den Bereich der
Sexualität und des Gattungslebens einwenden kann, ist mir natürlich
klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle Mädchenschulen und sämtliche
Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese Schwierigkeiten können
indes erst später behoben werden. Hier möchte ich nur dies nochmals
zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis, welches für die
psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in Frage käme,
um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo Erlerntes
wirklich Erlebtes wäre.

Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier
nur als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen
im Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder
idealistische These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter
unten eine Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme
zu dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine
Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig
nichts anführen als die oft bestaunte, von _Lotze_ ausdrücklich
hervorgehobene Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue
Verhältnisse fügen und sich ihnen eher anpassen als die Männer,
denen man den Parvenu noch lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr
die Bürgerliche von der Adeligen, die in ärmlichen Verhältnissen
Aufgewachsene von der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag.
Doch muß ich auch hierauf später noch ausführlich zurückkommen.

Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit,
Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen
Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine
Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke.
Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen
würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse
_spezielle_, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber
umgekehrt ist die Abfassung einer _vollständigen_ Selbstbiographie,
wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen
eines höheren Menschen. Denn gerade im wirklich _treuen_ Gedächtnis
liegt auch die Wurzel der _Pietät_. Ein bedeutender Mensch, vor das
Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer
materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen preiszugeben,
würde es zurückweisen, auch wenn ihm die größten Schätze der Welt,
ja _das Glück selbst_, fürs Vergessen in Aussicht gestellt würden.
Der Wunsch nach dem Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer
und minderer Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch nach
dem _Goethe_schen Worte gegen eben abgelegte eigene Irrtümer sehr
streng und heftig auch dort sein, wo er _andere_ an ihnen festhalten
sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun und Lassen nie belächeln,
über seine frühere Denk- und Lebensweise sich niemals lustig machen.
Die heute so sehr ins Kraut geschossenen »Überwinder« verdienen
rechtens alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen
spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all das
»überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht Ernst, denen
ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer nur auf die
Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all den
»überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen
beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren
Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen
Wert beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich,
für jene keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie
_alles_, auch das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine
Wichtigkeit gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen
hat, und _daher_ die außerordentliche _Pietät_ seiner Memoiren. Und
eine solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal,
einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben,
der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den
großen Menschen, der eine schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil
das bisherige Leben ihm immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet
er seine neuen Erlebnisse als für ihn bedeutsam, darum hat er und
eigentlich nur er ein _Schicksal_. Und davon rührt es zunächst auch
her, daß gerade die bedeutendsten Menschen immer viel _abergläubischer_
sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man kann also zusammenfassend sagen:

_Ein Mensch ist um so $bedeutender$, je mehr alle Dinge für ihn
$bedeuten$._

Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der
Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden
Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können.

Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu
sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines
Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für
seinen Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet
sich mit dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist,
kann es auch nicht pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus
männliche Tugend. Pietätvoll ist man zunächst _gegen sich_, und Pietät
gegen sich Bedingung aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet
es recht wenig Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu
brechen; wenn das Wort Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß
nicht leicht ein Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und überlegen
betrachten wird, wie die Frauen dies oftmals -- nicht nur nach der
Hochzeitsnacht -- zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit finden,
darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich das Gegenteil von all
dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist. Was endlich die Pietät
der Witwen anlangt -- doch von diesem Gegenstande will ich lieber
schweigen. Und der Aberglaube der Frauen schließlich ist psychologisch
ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender Männer.

Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum
Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das
selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch
in weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren.
_Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner
Vergangenheit hat oder nicht, hängt es außerordentlich innig zusammen,
ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke
des Todes gleichgültig lassen wird._

Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr
schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm
erwächst, macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches,
sondern auch als ein psychologisches schmachvoll leicht. Der eine
will es, zugleich mit dem Glauben an die Seelenwanderung, damit
erklärt haben, daß in vielen Menschen Situationen, in welche sie
sicherlich zum ersten Male geraten sind, das Gefühl erwecken, als
hätten sie dieselben schon einmal durchlebt. Die andere, heute
allgemein adoptierte Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus
dem _Seelenkult_, wie sie sich bei _Tylor_, _Spencer_, _Avenarius_
findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem der _experimentellen_
Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es sollte doch, meine
ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß etwas, woran so
vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und gestritten worden ist,
bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden könnte, dessen
Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen
wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl jene felsenfeste
Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen worden, die
_Goethe_, die _Bach_ gehabt haben, auf welches »Pseudoproblem« läßt
sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das aus _Beethovens_
letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der
persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen entströmt sein als
jenen rationalistischen Springbrunnen.

Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu
seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. _Im Sichfühlen und Sichsehen
in der Vergangenheit liegt ein mächtiger Grund des Sichweiterfühlen-,
Sichweitersehenwollens._ Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein
Innenleben, mehr als sein körperliches Leben, hochhält, _der wird
es auch an den Tod nicht hingeben wollen_. Daher tritt primäres,
originelles Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der
Menschheit, den Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am
stärksten, am nachhaltigsten auf. Daß _dieser_ Zusammenhang der
Unsterblichkeitsforderung mit dem Gedächtnis _wirklich_ besteht,
erhellt daraus, was Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden,
von sich übereinstimmend aussagen. Sie durchleben nämlich, wenn sie
auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun plötzlich
auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze Lebensgeschichte
nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger Sekunden an Dinge, welche
Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein zurückgekommen sind. Denn
das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht, bringt -- abermals vermöge
des Kontrastes -- all das ins Bewußtsein, was nun für immer vernichtet
werden soll.

Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es
gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen,
was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende
aus den dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens
gemieden. Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen
Todkranken plötzlich auftretende Religiosität nur auf die bekannte
Erwägung »vielleicht doch, sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr
oberflächlich, anzunehmen, bloß die sonst nie beachtete tradierte
Höllenlehre gewinne nun plötzlich gerade in der Todesstunde so
viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich werde, mit einer Lüge zu
sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum fühlen Menschen, die
ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben, nun plötzlich
den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf denjenigen,
der nicht an _Strafen_ im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen
Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei _mit_ einer Lüge, _mit_
einer unbereuten Schlechtigkeit _verschieden_, warum hat beides, sowohl
die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode,
die Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der
Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also
keine ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als
welches sie von Friedrich Albert _Lange_ behandelt wurde.

Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern,
welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich
scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies«
gibt, nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor
allem in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen
zum Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick
mit ihrem natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin
geführt, die genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von
einem bestimmten jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen
Menschen durch eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen
sich diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die
erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren
Lauf der Dinge unterbrechenden, _äußeren_ Ereignis verknüpft ist,
sondern plötzlich, unscheinbar, _infolge einer inneren Entwicklung_,
für jeden früher oder später ein Tag kommt, _an welchem das Bewußtsein
so intensiv wird_, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je
nach der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren
-- _ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie umstößt_
-- so _bedürfte_ es bei den _verschiedenen Menschen verschieden
vieler Stöße_, um sie zu genialen zu machen, _und nach der Zahl
dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in der Todesstunde erfolgte_,
wären die Menschen ihrer Begabung gemäß zu klassifizieren. Bei
dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen, wie falsch
die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das menschliche
Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in Betracht
kommt und keinerlei von _innen_ kommende, ontogenetische geistige
Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl
von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen
nicht mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln.
Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es
noch so wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie,
die in so fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat
allen Anlaß zur Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist
kaum eine Andeutung von jener _ontogenetischen Psychologie_ oder
_theoretischen Biographie_, die über kurz oder lang die heutige
Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. --
Jedes Programm enthält implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des
Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der
Name »theoretische Biographie« soll das Gebiet gegen _Philosophie_
und _Physiologie_ besser als bisher abstecken, und die biologische
Betrachtungsweise, welche von der letzten Richtung in der Psychologie
(_Darwin_, _Spencer_, _Mach_, _Avenarius_) einseitig hervorgekehrt
und zum Teil arg übertrieben worden ist, doch dahin _erweitern_, daß
eine solche Wissenschaft über den _gesamten_ gesetzmäßigen _geistigen
Lebensverlauf als Ganzes_, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen,
Rechenschaft zu geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und
alle einzelnen Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und _Biographie_,
nicht Bio_logie_, sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der
Erforschung gleichbleibender Gesetze der _geistigen_ Entwicklung des
_Individuums_ liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher
Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum
handeln, allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten.
_Die Psychologie müßte anfangen, $theoretische Biographie$ zu
werden._ Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde alle
bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche Wilhelm
_Wundts_ eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften
wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum
zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene
ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen
hat, auch völlig außerstande ist, den Geisteswissenschaften das
Geringste zu bieten. Hierin dürfte, trotz der großen Klärung, welche
_Windelbands_ und _Rickerts_ Untersuchungen über das Verhältnis von
Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, doch eine
Berechtigung liegen, _neben_ der neuen Einteilung der Wissenschaften
in »Gesetzes-« und »Ereignis«-Wissenschaften, in »nomothetische« und
»idiographische« Disziplinen, die _Mill_sche Zweiteilung von Natur- und
Geisteswissenschaften beizubehalten. -- --

Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses
in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und
der Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß _den Frauen
jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig abgeht_. Auch ist hieraus
mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, welche in
dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß der
Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich
der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben.
Denn die _Angst_ vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei
Männern, das _Unsterblichkeitsbedürfnis_ ist auf diese beschränkt.

Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach
Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer
Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine
wahrhaft strenge _Ableitung_ aus einem höheren Grundsatze. Daß hier
eine Verwandtschaft da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je
mehr ein Mensch in seiner _Vergangenheit_ lebt -- _nicht_, wie man
bei oberflächlichem Hinsehen glauben könnte, in seiner _Zukunft_ --
desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso
kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedürfnis eines Fortlebens
nach dem Tode mit ihrem Mangel an sonstiger Pietät gegen die eigene
Person überein. Dennoch scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau
noch nach einer tieferen Begründung und Ableitung beider aus _einem_
allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne das Beisammensein
von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis auf eine _gemeinsame_,
noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet
wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie sich das Leben in
der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der Hoffnung auf
ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den tieferen Grund
dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar nicht als Aufgabe
betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung heranzutreten.

       *       *       *       *       *

Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen Gedächtnis
des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst Entwirklichte
wie das eben erst Entschwundene, _gleich wahr_. Hierin liegt, daß das
einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, so
wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es nicht an
den bestimmten Zeitaugenblick _gebunden_ bleibt, sondern ihm -- eben
durch das Gedächtnis -- _entwunden_ wird. _Das Gedächtnis macht die
Erlebnisse zeitlos_, es ist, schon seinem Begriffe nach, _Überwindung
der Zeit_. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil
das Gedächtnis es vom _Einfluß_ der Zeit _befreit, die Geschehnisse,
die überall sonst in der Natur $Funktionen$ der Zeit sind, hier im
Geiste $über$ die Zeit $hinaus$gehoben hat_.

Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann
das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch
anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir
kein Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur
durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, _daß_ es
einen Ablauf der Zeit _gibt_. Wie kann also von dem, was so enge
zusammenhängt, das eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen
bedeuten?

Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben _weil_ ein beliebiges Wesen
-- es braucht nicht der Mensch zu sein -- _wenn_ es mit Gedächtnis
ausgestattet ist, _mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den
Zeitverlauf eingeschaltet_ ist, darum kann ein solches Wesen dem
Zeitverlauf gegenübertreten, ihn _auffassen_, ihn zum Gegenstande der
Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf
anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden
durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine
abhängige Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten
im zeitlichen Fluß des Geschehens _darinnen_, so könnte dieser ihm
nicht _auffallen_, nicht _bewußt_ werden -- _Bewußtsein setzt Zweiheit
voraus_ -- er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des
Menschen sein. Man muß _irgendwie_ die Zeit _überwunden_ haben, um über
sie _reflektieren_, man muß irgendwie _außerhalb der Zeit stehen_, um
sie _betrachten_ zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen
Zeit -- _in_ der Leidenschaft selbst kann man _über_ die Leidenschaft
nicht nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein --
sondern ebenso vom _allgemeinen Begriffe_ der Zeit. _Gäbe es nicht ein
Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der Zeit._

Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, _was_
durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat
sich all das ergeben, was für das Individuum _von Interesse ist oder
eine Bedeutung_ hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, _alles, was für
das Individuum einen $Wert$ besitzt_. Man erinnert sich nur an solche
Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, $Wert$
gehabt haben: $dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit$. _Man vergißt
alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft unbewußt, von der Person
$gewertet$ wurde._

Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr
Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit
sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert
ein, als es zeitlos ist: $nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet$.
_Dies ist_, wenn auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und
allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung seines
Wesens, doch _das erste $spezielle$ Gesetz aller Werttheorie_.

Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen. Man
ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen,
der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen
eines Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten
noch im Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne
Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie
in den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart;
ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das
»aere perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden
Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt,
würden durch die Vorstellung sofort _ent_wertet, daß sie nur kurze
Zeit, und nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch
vermag ferner nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert;
gesetzt, er täte dies in irgend welcher Beziehung, und es würde ihm
nun gesagt, daß er jedesmal von einer neuen Seite sich zeige, so mag
er freilich dessen sogar froh und stolz auf diese Eigenschaft sein
können, doch ist es natürlich nur die Konstanz, die Regelmäßigkeit
und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er sich dann freute. Der
Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an _keinem
Bestande_ mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlöschen einer
Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz hieher.

Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen
sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen
Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf
zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich
(ihrem Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt
wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell
_gewählt_, und nicht als Variable angesehen, in Abhängigkeit von
welcher die vereinbarten Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend
ändern könnten. Freilich wird auch hier zum Vorschein kommen, daß ein
Ding um so höher gewertet wird, je länger seine Dauer ist; denn niemand
glaubt, wenn zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr
kurze Zeit geschlossen wird, daß den beiden viel an dem Vertrage
liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden in diesem Falle
nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an, trotz allen Akten, sich
vorsehen und einander mißtrauen.

In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß
die Menschen _Interessen über ihren Tod hinaus_ haben. Das Bedürfnis
nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von
der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf
Verhältnisse, die »_mit der Zeit_« früher oder später _doch_ sich
ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische
Güter« zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv
des _Testamentes_, der Vermachung einer _Erbschaft_. Nicht aus der
Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung
genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein
Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem
Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der
Familienvater, der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich
aus Sein und Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker
und Herrscher, besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches,
dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen,
indem er Zeitloses mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine
Biographie des Julius Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen
und wissenschaftliche Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten
aus hartem Fels (Saxa loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung
oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen strebt.
Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon für seine Lebzeiten,
möglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in wechselseitiger
Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie wieder zu verwischender
verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge diplomatischer Heiraten:
sondern vor allem durch Wegräumung alles dessen, was den ewigen
Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies Dasein noch je in
Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer.

Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur Werttheorie
haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet. Allerdings
waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der Wirtschaftslehre
beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen. Doch glaube ich
darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der politischen Ökonomie
keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der Psychologie
durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich hat alles
desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen Konservierungsfähigkeit
sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer Viertelstunde zu
Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich überall dort,
wo nicht durch feste Preise der moralische _Wert_ des geschäftlichen
Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben werden soll,
zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres Geld
erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor dem
Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller,
Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz
unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern
meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei,
unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen
gehören zu seinen (momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts
aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes als eben _die Laune_. Die
Laune _kennt_ keinen Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn
im nächsten Augenblicke zu zerbrechen. _So ist das Moment der Dauer
aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren._ Selbst die Erscheinungen,
welche man nur mit Hilfe der _Menger_schen Theorie vom »Grenznutzen«
erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter
(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas
für die Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser
keinen Wert haben, liegt nach ihr nämlich daran, _daß nur irgendwie
individualisierte, geformte Dinge_ positiv gewertet werden können:
denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden, und
braucht _als solches_ nicht zu _dauern_. Ein Berg, ein Wald, eine
Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum
selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre
und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in
Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet.
Wäre ein zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die
den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf
einen relativ kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es
jemand gelingen, die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir
unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort
_Form_ gewonnen, und wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert
wird von einer Sache also nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch
so entfernter, Anlaß zur Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der
Zeit sich ändern könne; _denn der Wert wird nur in Relation zur Zeit
gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt_. Wert und Zeit erfordern
sich also gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine
solche Auffassung führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine
_Weltanschauung_ werden kann, dies möchte ich _hier_ nicht weiter
verfolgen. Es genügt für den vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder
Anlaß, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfällt, wo keine
Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist. Das Chaos kann, auch wenn
es ewig ist, nur negativ gewertet werden. _Form $und$ Zeitlosigkeit_
oder _Individuation $und$ Dauer_ sind die beiden analytischen Momente,
welche den Wert zunächst schaffen und begründen.

So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf
individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur
Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der
eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von
früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist.

Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen werden,
daß es ein _Bedürfnis nach Zeitlosigkeit, einen $Willen zum Wert$_,
auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt. Und dieser Wille
zum Wert, der mit dem »_Willen zur Macht_« an Tiefe sich zu messen
keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des Willens
zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die
alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre
Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen
kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem
Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und
dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen _geachtet_
wird.

_Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein besonderer Fall
des allgemeinen Gesetzes, daß nur zeitlose Dinge positiv gewertet
werden._ Hierin liegt sein Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet.
Die Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben,
ist der Bedeutung proportional, die sie für ihn gewinnen können. So
paradox es klingt: $der Wert ist es, der die Vergangenheit schafft$.
Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt im Schutze des
Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; _und so darf auch das
individuelle psychische Leben als Ganzes, soll es positiv bewertet
werden, nicht Funktion der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein
durch eine über den körperlichen Tod hinausgehende ewige Dauer_.
Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses
unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die
das individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es
mit dem Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die _Sinnlosigkeit_
des _Ganzen_ in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch
_Goethe_ zu _Eckermann_ aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach
Unsterblichkeit.

Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und
auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher
über seine Natur aufgedeckt wurden. _Das Gedächtnis ist vollständige
Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen,
in der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich
zeitlose Mensch_, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal
von sich selbst; er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes
Begehren nach Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem
stärksten Verlangen nach Zeitlosigkeit, _mit dem mächtigsten Willen zum
Werte_.[22]

Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch wunderbarere
Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht allein im
Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund, sondern
auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine
Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt. _Zu
dieser hat er nämlich de facto gar keine Beziehungen._ Nicht die Zeit,
die ihn braucht, schafft den Genius, er ist nicht ihr Produkt, nicht
aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu
entschuldigen. _Carlyle_ hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen
Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend sie seiner
bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das Kommen des Genius
bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der Mensch in Ehrfurcht
verzichte. Und wie die _Ursachen_ seines Auftretens nicht in seiner
Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese Übereinstimmung
ist das zweite Rätsel, _dessen $Folgen$ nicht an eine bestimmte Zeit
geknüpft. Die Taten des Genius leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit
nichts geändert._ Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine
Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in _dreifacher
Weise zeitlos_: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose
Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis
der Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden
vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er
tätig ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden,
fällt anheim, was er geschaffen hat.

Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage
einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug,
noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes
als, ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den
Tieren (oder Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits
entwickelten Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere
wohl kaum die Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter
ihnen ergeben dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später
noch zu begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches
gebe. _Talente_ dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter
den noch-nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor _Moreau
de Tours_, _Lombroso_ und _Max Nordau_ immer als den »göttlichen
Funken« betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht
auszudehnen. Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche
Wahrung eines Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen
verteidigen.

Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies _im Menschen_ nicht
alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, _daß
der Mensch allein unter allen Lebewesen eine $Geschichte$ hat_!

Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und
nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am
ehesten begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die
von ihm ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch
mehr _pithekoide_ Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber
der _Sprache_! Jedes Wort ist von _einem_ Menschen zuerst geschaffen
worden, von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies
auch heute immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für
neue technische Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie
sollte es denn auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte _waren_
»onomatopoetisch«: in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, durch
die bloße Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein dem Erreger
Ähnliches hinein; und alle anderen Worte sind ursprünglich Tropen,
sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, Metaphern, Gleichnisse:
alle Prosa ist einmal Poesie gewesen. _Die meisten Genies sind also
unbekannt geblieben._ Man denke nur an die Sprichwörter, selbst an
die heute trivialsten, wie: »eine Hand wäscht die andere«. Ja, das
hat doch vor vielen Jahren _ein_ geistvoller Mann zum ersten Male
gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen Autoren, aus den
allergelesensten, wie viele _Worte Christi_ kommen uns nicht heute
vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen wir uns
erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man
sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen
und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig
wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen
worden. Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele _einzelne_
undankbar, um ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst,
der sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht
bloß der Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein
Wesen ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und
bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht
der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen
sein kann. Aus verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten,
wenn, wie so oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne
kritische Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil
die Sprache von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt
in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein
so inbrünstig tiefer Denker wie _Jakob Böhme_ Etymologie treibt, so
will dies doch etwas mehr sagen, als so mancher Geschichtsschreiber
der Philosophie begreifen zu können scheint. Von _Baco_ bis Fritz
_Mauthner_ sind alle _Flach_köpfe _Sprachkritiker_ gewesen.[23]

Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern
hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen
Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den
»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich _Geist_ ist. So sehen
wir, _daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte schafft:
Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, die außerhalb ihrer
Kausalverkettung stehen._ Denn nur sie treten in jenes unauflösliche
Verhältnis zum absolut Zeit_losen_, zum Werte, das ihren Produktionen
einen ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in die Kultur
eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes.

Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius
an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu
schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des
Genies zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. _Zwischen_
der populären Meinung, die beispielsweise _Türck_ und _Lombroso_
vertreten, welche den Begriff des Genies bei jeder über den
Durchschnitt stärker hinausragenden intellektuellen oder werklichen
Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivität jener Lehren
_Kant_ens und _Schelling_s, welche einzig im schaffenden Künstler das
Walten des Genius erblicken wollen, liegt, obwohl in der Mitte, doch
zweifelsohne diesmal das Richtige. _Der Titel des Genius ist nur den
großen Künstlern und den großen Philosophen_ (zu denen ich hier auch
die seltensten Genien, die großen _Religionsstifter_ zähle[24]) _zu
vindizieren_. Weder der »große Mann der Tat« noch »der große Mann der
Wissenschaft« haben auf ihn Anspruch.

Die »_Männer der Tat_«, die berühmten Politiker und Feldherren, mögen
wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine
vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf
_ihre_ Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen;
aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den
äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in
mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den _Verzicht_ auf alle
Größe _nach außen_, _durch reine innere Größe_. Der wahrhaft bedeutende
Mensch hat den stärksten Sinn für die _Werte_, der Feldherr-Politiker
ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die _Mächte_. Jener
sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an
die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von
den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der
große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der _Verhältnisse_ empor wie
der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator
oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart
lebt; er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt
keiner entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den
Moment, und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen
möglich sind, _die Zeit zu überspringen_. Der echte _Genius_ aber macht
sich in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen
Bedingungen seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das
Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der
große Imperator _zu einem Phänomen der Natur_, der große Denker und
Künstler steht außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes.
Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft
schon früher, und nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die
Chronik der Zeit meldet von dem, was da geformt wurde, nur um wieder
zerstört zu werden. Der Imperator schafft keine Werke, an denen
die zeitlosen, ewigen _Werte_ in ungeheuerer Sichtbarkeit für alle
Jahrtausende zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius.
$Dieser$, nicht der andere, $schafft$ die Geschichte, weil er nicht
_in sie_ gebannt ist, sondern _außerhalb ihrer_ steht. _Der bedeutende
Mensch hat eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte._ Der
bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator wird _von_ ihr gezeugt
und -- getötet.

Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große
_Wissenschaftler_, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein
Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst _Newton_ oder _Gauß_,
_Linné_ oder _Darwin_, _Kopernikus_ oder _Galilei_. Die Männer der
Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom
Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt,
an der »fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache,
alles zu beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX.
Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie
_Aristoteles_, oder wie sie _Leibniz_ besaß; ich erinnere an _Alexander
v. Humboldt_, an _Wilhelm Wundt_. Jener Mangel liegt vielmehr im
Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8.
Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken
versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis
geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so
allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der
äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat
(ich denke an _Schleiermacher_, _Carlyle_, _Nietzsche_). Welcher bloße
Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis _aller_
Menschen, _aller_ Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches
in sich und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen
anderen Sinn hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende,
als diese unmittelbare Einsicht zu _ersetzen_? Dies ist der Grund,
warum alle Wissenschaftler _notwendig_ immer »Fachmänner« sind. Es
kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst
wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche,
nichtsvergessende Leben, das den Genius auszeichnet: eben wegen seines
Mangels an Universalität.

Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den
Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von
Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert
ihn um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von
_seinen_ Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt
werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als
ewige, der Korrektur auch nur in _einem_ Punkte entrückte Schöpfungen.
Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen
Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine _Weltanschauung_
zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts ändert, die je
nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar zum
Ausdruck gelangte, _immer_ ihm verwandte Menschen findet, die ihr
anhangen. Es gibt _Platoniker_ und _Aristoteliker_, _Spinozisten_ und
_Berkeleyaner_, _Thomisten_ und Anhänger _Brunos_ noch heute, aber
es gibt keinen _Galileianer_ und keine _Helmholtzianer_, nirgends
_Ptolemäer_, nirgends _Kopernikaner_. Es ist darum ein Unfug und
verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten
Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man
mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern
redet.

Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst und
Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit
bleibt, daß er nicht Künstler ist -- denn aus keinem anderen Grunde
wird er Ästhetiker -- so neidet doch nicht minder der Künstler dem
Philosophen die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen
Denkens -- nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und
Cyprian, der Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum,
däucht mir, sind beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor
dem anderen allzuviel voraus.

Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der
Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich
zu geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den
Vorwurf der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich
laden, einer Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt,
da ich einen solchen Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und
einen großen Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden müßte. _Anaxagoras_,
_Geulincx_, _Baader_, _Emerson_ als geniale Menschen zu bezeichnen,
geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe (_Angelus Silesius_,
_Philo_, _Jacobi_) noch originelle Flachheit (_Comte_, _Feuerbach_,
_Hume_, _Mill_, _Herbart_, _Locke_, _Karneades_) sollte auf die
Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken können. Die Geschichte
der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der Philosophie voll
der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre
eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem _Umfang_
dieser _Verbesserungen_ wertenden Wissenschaft. Die Geschichte der
Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten Kämpfer;
ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der
einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt
darum die _größte_ Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne
Mensch als solcher auf _Ewigkeit_.



VI. Kapitel.

Gedächtnis, Logik, Ethik.


Die Überschrift, welche ich diesem Kapitel voranstelle, ist sofort und
mit Leichtigkeit einem schweren Mißverständnis ausgesetzt. Es könnte
nach ihr scheinen, als huldige der Autor der Ansicht, die logischen
und ethischen Wertungen seien Objekte ausschließlich der empirischen
Psychologie, psychische Phänomene ganz so wie die Empfindung und das
Gefühl, Logik und Ethik also spezielle Disziplinen, Unterabteilungen
der Psychologie und aus ihr, in ihr zu begründen.

Ich bekenne gleich und vollständig, daß ich diese Anschauung, den
»Psychologismus«, für gänzlich falsch und verderblich halte; falsch,
weil das Unternehmen nie gelingen kann, wovon wir uns noch überzeugen
werden; verderblich, weil es nicht einmal so sehr die hiedurch kaum
berührte Logik und Ethik als die Psychologie zu Grunde richtet. Der
Ausschluß der Logik und Ethik von der _Begründung_ der Psychologie und
ihr Verweis in einen Appendix der letzteren ist das Korrelat zu dem
Überwuchern der Empfindungslehre, und hat mit dieser zusamt all das auf
dem Gewissen, was sich heute als »empirische Psychologie« präsentiert:
jenen Haufen toter Gebeine, denen kein Feinsinn und kein Fleiß mehr
Leben einhaucht, in denen vor allem die wirkliche _Erfahrung_ nicht
wiederzuerkennen ist. Was also die unglücklichen Versuche betrifft,
Logik und Ethik auf den Stufenbau einer, gleichgültig mit welchem
Mörtel, zusammensetzenden Psychologie, als das zarte, jüngste Kind
des Seelenlebens, zu setzen, so trage ich wenigstens kein Bedenken,
gegen _Brentano_ und seine Schule (_Stumpf_, _Meinong_, _Höfler_,
_Ehrenfels_), gegen Th. _Lipps_ und G. _Heymans_, gegen die ebenfalls
dahin zu zählenden Meinungen von _Mach_ und _Avenarius_, hier mich
prinzipiell jener anderen Richtung anzuschließen, deren Positionen
heute von _Windelband_, _Cohen_, _Natorp_, F. J. _Schmidt_, besonders
aber von _Husserl_ verteidigt werden (der selbst früher Psychologist
war, seither aber zu der festesten Überzeugung von der Unhaltbarkeit
dieses Standpunktes gelangt ist), jener Richtung, welche gegen die
psychologisch-genetische Methode _Humes_ den transcendental-kritischen
Gedanken _Kant_ens geltend macht und hochzuhalten weiß.

Da aber die vorliegende Arbeit keine ist, welche mit den allgemeinen,
überindividuell gültigen Normen des Handelns und Denkens und den
Bedingungen des Erkennens sich beschäftigte, da sie vielmehr, ihrem
Ausgangspunkt wie ihrem Ziele nach, eben _Unterschiede_ zwischen
Menschen festzustellen trachtet, und nicht für beliebige Wesen (selbst
für »die lieben Engelein« im Himmel) gültig zu sein beansprucht, wie
die Philosophie _Kant_ens ihren Grundgedanken nach, so durfte und
mußte sie bisher psychologisch (nicht psycho_logistisch_) sein, und
wird es weiter bleiben, ohne an den Stellen, wo sich die Notwendigkeit
herausstellen sollte, zu verabsäumen, selbst eine formale Betrachtung
zu wagen, oder wenigstens darauf hinzuweisen, daß da oder dort das
alleinige Recht der logischen, kritischen, transcendentalen Methode
zustehe.

Der Titel dieses Kapitels rechtfertigt sich anders. Die langwierige,
weil gänzlich neu zu führende Untersuchung des vorigen hat gezeigt, daß
das menschliche Gedächtnis zu Dingen in intimer Beziehung steht, mit
denen man es einer Verwandtschaft bisher nicht für würdig gehalten zu
haben scheint. Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit -- all dies vermochte
sie mit dem Gedächtnis in einem merkwürdigen Zusammenhange zu zeigen,
dessen Existenz man offenbar noch gar nicht vermutet hat. Dieses fast
völlige Fehlen aller Hinweise muß einen tieferen Grund haben. Er liegt,
so scheint es, in den Unzulänglichkeiten und Schlampereien, welche die
Theorien des Gedächtnisses immer wieder sich haben zu Schulden kommen
lassen.

Hier lenkt zunächst die schon in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts
von Charles _Bonnet_ begründete, im letzten Drittel des XIX.
Jahrhunderts besonders durch Ewald _Hering_ (und E. _Mach_) in Schwung
gekommene Lehre den Blick auf sich, welche im Gedächtnis des Menschen
nichts weiter sieht als die »allgemeine Funktion der organisierten
Materie«, auf neue Reize, die vorangegangenen Reizen mehr oder
weniger gleichen, anders, leichter und schneller zu reagieren als auf
erstmalige Irritation. Diese Theorie glaubt also die menschlichen
Gedächtnisphänomene durch die sonstige Erfahrung der Übungsfähigkeit
lebender Wesen schon erschöpft, für sie ist das Gedächtnis eine
Anpassungserscheinung nach _Lamarck_schem Muster. Gewiß, es besteht ein
Gemeinsames zwischen dem menschlichen Gedächtnis und jenen Tatsachen,
z. B. gesteigerter Reflexerregbarkeit bei gehäufter Wiederholung der
Erregungen; das identische Element liegt in dem Fortwirken des ersten
Eindruckes über den Moment hinaus, und das 12. Kapitel wird auf den
tiefsten Grund dieser Verwandtschaft noch einmal zurückkommen. Es ist
aber daneben doch ein abgrundtiefer Unterschied zwischen der Stärkung
eines Muskels durch Gewöhnung an wiederholte Kontraktion, zwischen der
Anpassung des Arsenikessers oder des Morphinisten an immer größere
Quantitäten des Giftes hier, und der Erinnerung des Menschen an
seine früheren Erlebnisse dort. Auf der einen Seite ist die Spur des
Alten nur im Neuen verfolgbar, auf der anderen treten früher erlebte
Situationen wieder, ganz als die _alten_, hervor in das Bewußtsein,
so wie sie selbst waren, mit aller Individuation ausgestattet, nicht
zu bloßer Nachwirkung auf den neuen Moment durch ein Residuum nutzbar
gemacht. Die Identifikation beider Phänomene wäre so ungereimt, daß
auf eine weitere Besprechung dieser allgemein-biologischen Ansicht
verzichtet werden kann.

Mit der physiologischen Hypothese hängt die Associationslehre als
Theorie des Gedächtnisses _historisch_ durch _Hartley_ und _sachlich_
durch den _Begriff der Gewöhnung_ zusammen. Sie leitet _alles_
Gedächtnis aus dem mechanischen Spiel der Vorstellungsverknüpfungen
nach ein bis vier Gesetzen ab. Dabei _übersieht sie, daß das
Gedächtnis (das kontinuierliche des Mannes) im Grunde eine
Willenserscheinung ist_. Ich kann mich auf etwas besinnen, wenn ich
es wirklich _will_, entgegen beispielsweise meiner Schlafsucht, wenn
ich nur wahrhaft entschlossen bin, diese zu unterdrücken. _In der
Hypnose, durch welche Erinnerung an alles Vergessene erzielt werden
kann, tritt der Wille des Fremden an die Stelle des allzu schwachen
eigenen_ und liefert so wieder den Beweis, daß es der _Wille_ ist,
_welcher die zweckmäßigen Associationen aufsucht, daß alle Association
durch die tiefere Apperzeption herbeigeführt wird_. Hier mußte einem
späteren Abschnitt vorgegriffen werden, welcher das Verhältnis zwischen
Associations- und Apperzeptionspsychologie klarzustellen und die
Berechtigung beider abzuwägen suchen wird.

Mit der Associationspsychologie, welche das psychische Leben zuerst
zerspaltet, und wähnt, im Tanze der einander die Hände reichenden
Bruchstücke es dann noch zusammenleimen zu können, hängt wiederum enge
jene dritte Konfusion zusammen, die, ungeachtet des von _Avenarius_
und besonders von _Höffding_ ungefähr zur gleichen Zeit mit so viel
Recht erhobenen Einspruches, noch immer das _Gedächtnis_ mit dem
_Wiedererkennen_ zusammenwirft. Das Wiedererkennen eines Gegenstandes
braucht durchaus nicht auf der gesonderten Reproduktion des früheren
Eindruckes zu beruhen, wenn auch in einem Teile der Fälle im neuen
Eindrucke die Tendenz zu liegen scheint, auf der Stelle den älteren
wachzurufen. Aber es gibt _daneben_ ein mindestens ebenso häufig
vorkommendes _unmittelbares_ Wiedererkennen, in welchem nicht die
neue Empfindung _von sich selbst wegführt_ und wie mit einem Streben
verknüpft erscheint, sondern wo das Gesehene, Gehörte etc. nur mit
einer spezifischen _Färbung_ (»tinge« würde _James_ sagen) auftritt,
mit jenem »Charakter«, den _Avenarius_ »das Notal«, _Höffding_
»die Bekanntheitsqualität« nennt. Wer in die Heimat zurückkehrt,
dem scheinen Weg und Steg »bekannt«, auch wenn er nichts mehr zu
benennen und sich gar nicht leicht zurechtzufinden weiß, und keines
besonderen Tages gerade gedenkt, an dem er hier gegangen; eine
Melodie kann mir »bekannt vorkommen«, ohne daß ich weiß, wann und wo
ich sie gehört habe. Der »Charakter« (im _Avenarius_schen Sinne) der
_Bekanntheit_, der _Vertrautheit_ etc. schwebt hier sozusagen über
dem Sinneseindruck selbst, die Analyse weiß nichts von Associationen,
deren »Verschmelzung« mit meiner neuen Empfindung, nach der Behauptung
einer anmaßenden Pseudo-Psychologie, jenes unmittelbare Gefühl erst
_erzeugen_ soll, und sie vermag diese Fälle sehr gut von jenen anderen
zu unterscheiden, wo schon leise und kaum merklich (in Henidenform) das
ältere Erlebnis wirklich associiert wird.

Auch individualpsychologisch ist diese Distinktion eine
Notwendigkeit. Im hochstehenden Menschen ist das Bewußtsein einer
nicht interrupten Vergangenheit fortwährend so lebendig, daß er,
etwa beim Wiedererblicken eines Bekannten auf der Gasse, sofort die
letzte Begegnung als selbständiges Erlebnis reproduziert, während
im weniger Begabten das einfache Bekanntheitsgefühl, das ihm ein
Wiedererkennen ermöglicht, oft auch dann _allein_ auftritt, wenn er
jenes Zusammensein, sogar in seinen Einzelheiten, noch recht gut sich
zu vergegenwärtigen vermöchte.

Stellen wir nun noch, zum Abschlusse dessen, die Frage, ob die anderen
Organismen außer dem Menschen ebenfalls jene, von allem Ähnlichen wohl
zu unterscheidende Fähigkeit besitzen, frühere Augenblicke ihres Lebens
wieder _in ihrer Gänze aufleben zu lassen_, so ist diese Frage mit
der größten Wahrscheinlichkeit im verneinenden Sinne zu beantworten.
Die Tiere könnten nicht, wie sie es tun, stundenlang regungslos und
ruhig auf einem Flecke verharren, wenn sie an ihr vergangenes Leben
zurückdächten oder eine Zukunft in Gedanken vorausnähmen. Die Tiere
haben Bekanntheitsqualitäten und Erwartungsgefühle (der die Heimkehr
des Herrn nach zwanzig Jahren begrüßende Hund; die Schweine vor dem
Tore des Metzgers, die zur Belegung geführte rossige Stute), aber
sie besitzen keine Erinnerung und keine Hoffnung. _Sie vermögen
wiederzuerkennen_ (mit Hilfe des »Notals«), _aber sie haben kein
Gedächtnis_.

Ist so das Gedächtnis als eine besondere, mit niederen Gebieten
psychischen Lebens nicht zu verwechselnde Eigenschaft dargetan, scheint
es zudem ausschließlicher Besitz des Menschen zu sein, so wird es nicht
mehr wundernehmen, daß es mit jenen höheren Dingen, wie dem Wert- und
Zeitbegriff, dem keinem Tiere eignenden Unsterblichkeitsbedürfnisse,
der nur dem Menschen möglichen Genialität, in einem Zusammenhange
steht. Und wenn es einen einheitlichen Begriff vom Menschen gibt, ein
tiefstes _Wesen_ der Menschheit, das in allen besonderen Qualitäten
des Menschen zum Ausdrucke kommt, so wird man es geradezu _erwarten_
müssen, daß auch die logischen und ethischen Phänomene, die den anderen
Lebewesen allem Anscheine nach ebenso abgehen wie das Gedächtnis, mit
diesem irgendwo sich berühren werden. Diese Beziehung heißt es nun
aufsuchen.

Es kann zu dem Behufe von der wohlbekannten Tatsache ausgegangen
werden, daß _Lügner_ ein schlechtes Gedächtnis haben. Vom
»pathologischen _Lügner_« steht es fest, daß er nahezu überhaupt »kein
Gedächtnis hat«. Auf den männlichen Lügner komme ich im folgenden
noch einmal zu sprechen; er bildet nicht die Regel unter den Männern.
Faßt man hingegen ins Auge, was früher über das Gedächtnis der Frauen
gesagt wurde, so wird man es neben die angeführte Erscheinung der
mangelnden Erinnerungsgabe verlogener Männer stellen dürfen, wenn so
viele Sprichwörter und Erzählungen, wenn Dichtung und Volksmund vor
der Lügenhaftigkeit des Weibes warnen. Es ist klar: einem jeden Wesen,
dessen Gedächtnis ein so minimales wäre, daß, was es gesagt, getan,
erlitten hat, später nur im dürftigsten Grade von Bewußtheit ihm noch
gegenwärtig bliebe, einem jeden solchen Wesen muß, wenn ihm die Gabe
der Sprache verliehen ist, die Lüge leicht fallen, und dem Impulse
zu ihr wird, wenn es auf die Erreichung praktischer Zwecke ankommt,
von einem so beschaffenen Individuum, dem nicht der wahre Vorgang
mit voller Intensität vorschwebt, schwer widerstanden werden können.
Und noch stärker muß sich diese Versuchung geltend machen, wenn das
Gedächtnis dieses Wesens nicht von jener kontinuierlichen Art ist, die
nur der Mann kennt, sondern wenn das Wesen, wie W, sozusagen nur in
Augenblicken, diskret, diskontinuierlich, zusammenhanglos lebt, in den
zeitlichen Ereignissen _aufgeht_, statt _über_ ihnen zu _stehen_, oder
den Zeitablauf wenigstens zum _Problem_ zu erheben; wenn es nicht, wie
M, alle seine Erlebnisse auf einen einheitlichen _Träger_ derselben
bezieht, sie von _diesem auf sich nehmen läßt_, wenn ein _»Zentrum«
der Apperzeption fehlt_, dem alle Vergangenheit stets in einheitlicher
Weise zugezählt wird, _wenn das Wesen sich nicht_ als _eines und selbes
in allen seinen Lebenslagen fühlt und weiß_. Es kommt zwar wohl auch
bei jedem Manne vor, daß er sich einmal »nicht versteht«, ja bei sehr
vielen Männern ist es, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenken,
ohne daß dies mit den Phänomenen der psychischen Periodizität in
Verbindung gebracht werden dürfte[25], die Regel, daß sie die
Substitution ihrer gegenwärtigen Persönlichkeit für den Träger jener
älteren Erlebnisse nicht leicht auszuführen vermögen, daß sie nicht
begreifen, wie sie dies oder jenes damals denken oder tun konnten;
_und doch wissen und fühlen sie sehr wohl, daß sie es trotzdem gedacht
und getan haben, und zweifeln nicht im mindesten daran_. Dieses Gefühl
der Identität in allen Lebenslagen fehlt dem echten Weibe völlig, da
sein Gedächtnis, selbst wenn es -- das kommt in einzelnen Fällen vor
-- auffallend gut ist, _stets alle Kontinuität vermissen läßt_. Das
Einheitsbewußtsein des Mannes, der sich in seiner Vergangenheit oft
nicht versteht, äußert sich in dem _Bedürfnisse sich zu verstehen_, und
diesem Bedürfnis _immaniert die $Voraussetzung$_, daß er stets _ein
und derselbe_ trotz seines Sichjetztnichtverstehens gewesen ist; die
Frauen verstehen sich, wenn sie an ihr früheres Leben zurückdenken,
_nie, haben aber auch kein Bedürfnis sich zu verstehen_, wie man schon
aus dem geringen Interesse entnehmen kann, das sie den Worten des
Mannes entgegenbringen, der ihnen etwas über sie selbst sagt. _Die Frau
interessiert sich nicht für sich_ -- darum gibt es keine weibliche
Psychologin und keine Psychologie des Weibes von einem Weibe -- und
ganz unfaßbar wäre ihr das krampfhafte, echt männliche Bemühen, die
eigene Vergangenheit als eine _logische_ Folge von _kontinuierlichem_,
lückenlos kausal geordnetem, nicht sprunghaftem Geschehen zu
interpretieren, Anfang, Mitte, Ende des individuellen Lebens zueinander
in Beziehung zu bringen.

Von hier aus aber ist auch die Brücke zur Logik durch einen
Grenzübergang zu schlagen möglich. Ein Wesen, das, wie W, das absolute
Weib, sich nicht in den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten als identisch
wüßte, hätte auch keine Evidenz der Identität seines Denkobjektes
zu verschiedenen Zeiten; da, wenn beide Teile, der Veränderung
unterworfen sind, sozusagen das absolute Koordinatensystem fehlt, auf
das Veränderung bezogen, mit Hilfe dessen Veränderung einzig bemerkt
werden könnte. Ja ein Wesen, dessen Gedächtnis nicht einmal so weit
reichte, um ihm die psychologische Möglichkeit zu gestatten, das Urteil
zu fällen, ein Gegenstand oder ein Ding sei trotz des Zeitablaufes mit
sich selbst identisch geblieben, um es also z. B. zu befähigen, irgend
eine mathematische Größe in einer längeren Rechnung als dieselbe zu
verwenden, einzusetzen und festzuhalten; _ein solches Wesen würde im
extremen Falle auch nicht imstande sein, vermöge seines Gedächtnisses
die unendlich klein gesetzte Zeit zu überwinden, welche (psychologisch)
jedenfalls erforderlich ist, um von A zu sagen, daß es im nächsten
Momente doch noch A sei, um das Urteil der Identität A = A zu fällen,
oder den Satz des Widerspruches auszusprechen, der voraussetzt, daß ein
A nicht sofort dem Denkenden entschwinde; denn sonst könnte es das A
vom non-A, das nicht A ist, und das es wegen der Enge des Bewußtseins
nicht gleichzeitig ins Auge zu fassen vermag, nicht wirklich
unterscheiden_.

Das ist kein bloßer Scherz des Gedankens, kein neckisches Sophisma
der Mathematik, keine verblüffende Konklusion aus durchgeschmuggelten
Prämissen. Zwar bezieht sich sicherlich -- es muß das, um möglichen
Einwänden zu begegnen, der folgenden Untersuchung vorweggenommen
werden -- das Urteil der Identität immer auf _Begriffe_, nie auf
Empfindungen oder Komplexe von solchen, und die Begriffe sind als
logische Begriffe zeitlos, sie behalten ihre Konstanz, ob ich sie
als psychologisches Subjekt konstant denke oder nicht. Aber der
Mensch denkt den Begriff eben nie rein als logischen Begriff, _weil
er kein rein logisches, sondern auch ein psychologisches_, »von den
Bedingungen der Sinnlichkeit affiziertes« _Wesen ist_, er kann an
seiner Statt immer nur eine, aus seinen individuellen Erfahrungen
durch wechselseitige Auslöschung der Differenzen und Verstärkung des
Gleichartigen hervorgewachsene Allgemeinvorstellung (eine »typische«,
»konnotative«, »repräsentative« Vorstellung) denken, _die aber das
abstrakte Moment der Begrifflichkeit erhalten und wunderbarer Weise in
diesem Sinne verwertet werden kann_. Er muß also auch die Möglichkeit
haben, die Vorstellung, in welcher er den de facto _unanschaulichen_
Begriff _anschaulich_ denkt, zu bewahren, zu konservieren;
diese Möglichkeit hinwiederum wird ihm nur durch das Gedächtnis
gewährleistet. Fehlte ihm also das Gedächtnis, so wäre für ihn auch
die Möglichkeit dahin, logisch zu denken, jene Möglichkeit, die sich
sozusagen immer nur an einem _psychologischen_ Medium _inkarniert_.

Also ist der Beweis streng geführt, daß mit dem Gedächtnis auch die
Fähigkeit erlischt, die logischen Funktionen auszuüben. Die Sätze der
Logik werden hiedurch nicht tangiert, nur die Kraft, sie anzuwenden,
ist dargetan als an jene Bedingung gebunden. Der Satz A = A nun hat
_psychologisch_ stets eine Beziehung zur _Zeit_, insoferne er nur
im _Gegensatze_ zur Zeit _ausgesprochen_ werden kann: A_{t_{1}} =
A_{t_{2}}. _Logisch_ wohnt ihm diese Beziehung freilich nicht inne;
wir werden aber noch darüber Aufschluß erhalten, warum er rein logisch
_als $besonderes$ Urteil keinen $speziellen$ Sinn_ hat und dieser
_psychologischen_ Folie so sehr bedarf. Psychologisch ist demnach das
Urteil nur in _Relation zur Zeit_ vollziehbar, als deren eigentliche
_Negation_ es sich darstellt.

Ich habe aber früher das stetige Gedächtnis als die Überwindung
der Zeit, und eben damit als die psychologische _Bedingung_ der
Zeit_auffassung_ erwiesen. _So präsentiert sich denn die Tatsache des
kontinuierlichen Gedächtnisses als der $psychologische$ Ausdruck des
$logischen$ Satzes der Identität._[26] Dem absoluten Weibe, dem jenes
fehlt, kann auch dieser Satz nicht Axiom seines Denkens sein. $Für das
absolute Weib gibt es kein Principium identitatis (und contradictionis
und exclusi tertii).$

Aber nicht nur diese drei Prinzipien; auch das vierte der logischen
Denkgesetze, _der Satz vom Grunde_, der von jedem Urteil eine
Begründung verlangt, die es für alle Denkenden notwendig mache, hängt
mit dem Gedächtnis aufs innigste zusammen.

Der Satz vom zureichenden Grunde ist der Nerv, das Prinzip des
Syllogismus. Die Prämissen eines Schlusses sind aber psychologisch
immer frühere, der Konklusion zeitlich vorhergehende _Urteile_, die vom
Denkenden ebenso festgehalten werden müssen, wie die _Begriffe_ durch
die Sätze von der Identität und vom Widerspruch gleichsam _geschützt_
werden. Die Gründe eines Menschen sind immer in seiner Vergangenheit zu
suchen. Darum hängt die Kontinuität, welche das Denken des Menschen als
Maxime gänzlich beherrscht, mit der Kausalität so enge zusammen. Jedes
_psychologische_ In-Kraft-Treten des Satzes vom Grunde setzt demzufolge
kontinuierliches, alle Identitäten wahrendes _Gedächtnis_ voraus. Da W
dieses Gedächtnis so wenig als Kontinuität sonst irgend kennt, _so gibt
es für sie auch kein Principium rationis sufficientis_.

_Es ist also richtig, daß das Weib keine Logik besitzt._

Georg _Simmel_ hat diese alte Erkenntnis als unhaltbar bezeichnet,
weil die Frauen oft mit äußerster, strengster Konsequenz Folgerungen
zu ziehen wüßten. Daß die Frau in einem _konkreten_ Falle, wo es ihr
_zur Erreichung irgend eines Zweckes_ paßt und dringend notwendig
scheint, unerbittlich folgert, ist so wenig ein Beweis dafür, daß sie
ein Verhältnis zum Satz vom Grunde hat, wie es ein Beweis für ein
Verhältnis zum Satz der Identität ist, daß sie so oft hartnäckig
ein und dasselbe behauptet, und immer wieder auf ihr erstes, längst
widerlegtes, Wort zurückkommt. _Die Frage ist, ob jemand die logischen
Axiome als Kriterien der Gültigkeit seines Denkens, als Richter
über das, was er sagt, anerkennt oder nicht, ob er sie zur steten
Richtschnur und Norm seines Urteils macht._ Eine Frau nun sieht nie
ein, _daß man alles auch begründen müsse_; da sie keine Kontinuität
hat, empfindet sie auch kein Bedürfnis nach der logischen Stützung
alles Gedachten: _daher die Leichtgläubigkeit $aller$ Weiber_. Also im
Einzelfall mögen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht
Maßstab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens Henker.
Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht äußerte, und der
Mann so dumm wäre, dies überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von
ihr verlangte, ein solches Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen
ihre Natur gerichtet empfinden. _Der Mann fühlt sich vor sich selbst
beschämt, er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er ihn
nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen hat_, weil er die
Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten, die er ein für
allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr
Denken von der Logik _ausnahmslos_ abhängig zu machen. _Ihr mangelt das
intellektuelle Gewissen._ Man könnte bei ihr von »_logical_ insanity«
sprechen.

Der häufigste Fehler, den man an der weiblichen Rede entdecken würde,
wollte man sie wirklich auf ihre Logizität prüfen (was jeder Mann
gewöhnlich unterläßt und schon damit seine Verachtung der weiblichen
Logik kundgibt), wäre die quaternio terminorum, jene Verschiebung, die
eben aus der Unfähigkeit des Festhaltens _bestimmter_ Vorstellungen,
aus dem Mangel eines Verhältnisses zum Satze der Identität, hervorgeht.
Die Frau erkennt nicht von selbst, daß sie an diesen Satz sich halten
müsse, er ist ihr nicht oberstes Kriterium ihrer Urteile. Der Mann
fühlt sich zur Logik verpflichtet, die Frau nicht; nur darauf aber
kommt es an, nur jenes Gefühl der Schuldigkeit kann eine Bürgschaft
dafür bieten, daß von einem Menschen immer und ewig logisch zu denken
gestrebt werde. Es ist vielleicht der tiefste Gedanke, welchen
_Descartes_ je geäußert hat, und wohl darum so wenig verstanden und
meist als schreckliche Irrlehre hingestellt: _daß aller Irrtum eine
Schuld ist_.

Aber Quell alles Irrtums ist im Leben auch immer ein Mangel an
Gedächtnis. So hängen Logik wie Ethik, die sich eben in der
Wahrheitsforderung berühren und im höchsten Werte der Wahrheit
zusammentreffen, wieder beide auch mit dem Gedächtnis zusammen. Und es
dämmert uns auch bereits die Erkenntnis auf, daß _Platon_ so Unrecht
nicht hatte, wenn er die Einsicht mit der Erinnerung in Zusammenhang
brachte. Das Gedächtnis ist zwar kein logischer und ethischer _Akt_,
aber zumindest ein logisches und ethisches _Phänomen_. Ein Mensch
z. B., der eine wahrhaft tiefe Empfindung gehabt hat, empfindet es als
sein Unrecht, wenn er, sei's auch durch äußeren Anlaß genötigt, eine
halbe Stunde darauf schon an etwas ganz anderes denkt. Der Mann kommt
sich gewissenlos und unmoralisch vor, wenn er bemerkt, daß er an irgend
einen Punkt seines Lebens längere Zeit hindurch nicht gedacht hat.
Das Gedächtnis ist ferner schon deshalb moralisch, weil es allein die
_Reue_ ermöglicht. _Alles Vergessen hingegen ist an sich unmoralisch._
Darum ist _Pietät_ eben auch _sittliche_ Vorschrift: es ist $Pflicht$,
$nichts$ zu vergessen; und nur insofern hat man der Verstorbenen
besonders zu gedenken. Darum auch sucht der Mann, aus logischen und
ethischen Motiven in gleichem Maße, in seine Vergangenheit Logik zu
bringen, alle Punkte in ihr zur Einheit zu ordnen.

_Wie mit einem Schlage ist hier an den tiefen Zusammenhang von Logik
und Ethik gerührt, den Sokrates und Plato geahnt haben, Kant und Fichte
neu entdecken mußten, auf daß er später wieder vernachlässigt würde und
den Lebenden ganz in Verlust geriete._

Ein Wesen, das nicht begreift oder nicht anerkennt, daß A und non-A
einander ausschließen, wird durch nichts mehr gehindert zu lügen;
vielmehr, es gibt für ein solches Wesen gar keinen _Begriff_ der Lüge,
weil ihr Gegenteil, die Wahrheit, als das Maß ihm abgeht; ein solches
Wesen kann, wenn ihm dennoch Sprache verliehen ist, _lügen, ohne es zu
wissen_, ja ohne die Möglichkeit, zu erkennen, daß es lügt, da es des
Kriteriums der Wahrheit entbehrt. »Veritas norma sui et falsi est.« Es
gibt nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe
auf eine Lüge gekommen, sie fragt: »Was lügst Du?« und dann gewahren
muß, _wie sie diese Frage gar nicht versteht_ und, ohne zu begreifen,
ihn angafft, oder lächelnd _ihn_ zu beruhigen sucht -- oder gar in
Tränen ausbricht.

Denn mit dem Gedächtnis allein ist die Sache nicht erledigt. Es ist
auch unter den Männern die Lüge genug verbreitet. Und es kann gelogen
werden trotz der _Erinnerung_ an den tatsächlichen Sachverhalt, an
dessen Stelle zu irgend welchem Zwecke ein anderer gesetzt wird. Ja,
nur von einem solchen Menschen, der, trotz seinem besseren Wissen und
Bewußtsein, den Tatbestand fälscht, kann eigentlich _mit Recht_ gesagt
werden, daß er lüge. Und es muß ein Verhältnis zur Idee der Wahrheit
als des höchsten Wertes der Logik wie der Ethik _da sein_, damit von
einer Unterdrückung dieses Wertes zugunsten fremder Motive die Rede
sein könne. Wo dieses fehlt, kann man nicht von _Irrtum_ und _Lüge_,
sondern höchstens von _Verirrtheit_ und _Verlogenheit_ sprechen; nicht
von _$anti$moralischem_, sondern nur von _$a$moralischem_ Sein. _Das
Weib also ist $a$moralisch._

Jenes absolute Unverständnis für den _Wert der Wahrheit an sich_
muß demnach tiefer liegen. Aus dem kontinuierlichen Gedächtnis
ist, da der Mann ebenfalls, ja eigentlich _nur $er$ lügt_, die
Wahrheits_forderung_, das Wahrheits_bedürfnis_, das eigentliche
ethisch-logische Grundphänomen, nicht _abzuleiten_, sondern es steht
damit nur in engem _Zusammenhange_.

Das, was einem Menschen, einem Manne ein aufrichtiges Verhältnis
zur Idee der Wahrheit ermöglicht, und was ihn deshalb einzig an der
Lüge zu hindern imstande ist, das kann nur etwas von aller Zeit
Unabhängiges, durchaus Unveränderliches sein, welches die alte Tat im
neuen Augenblick ganz ebenso als wirklich _setzt_ wie im früheren,
weil es _es selbst_ geblieben ist, an der Tatsache, daß _es_ die
Handlung so vollzogen hat, nichts ändern läßt und nicht rütteln will;
es kann nur dasselbe sein, auf das alle diskreten Erlebnisse bezogen
werden, und das so ein kontinuierliches Dasein erst schafft; es ist
eben dasselbe, das zum Gefühl der _Verantwortlichkeit_ für die eigenen
Taten drängt und den Menschen alle Handlungen, die jüngsten wie die
ältesten, _verantworten_ zu können trachten läßt, das zum Phänomen
der _Reue_, zum _Schuldbewußtsein_ führt, das heißt zur _Zurechnung
vergangener Dinge an ein ewig Selbes und darum auch Gegenwärtiges_, zu
einer Zurechnung, die in viel größerer Feinheit und Weite geschieht,
als durch das öffentliche Urteil und die Normen der Gesellschaft je
erreicht werden könnte, einer Zurechnung, die von allem Sozialen
gänzlich unabhängig das Individuum an sich selbst vollzieht; weshalb
alle Moralpsychologie, welche die Moral auf das soziale Zusammenleben
der Menschen begründen und ihren Ursprung auf dieses zurückführen
will, in Grund und Boden falsch und verlogen ist. Die Gesellschaft
kennt den Begriff des _Verbrechens_, aber nicht den der _Sünde_, sie
zwingt zur _Strafe_, ohne _Reue_ erreichen zu wollen; die Lüge wird
vom Strafgesetz nur in ihrer, _öffentlichen Schaden_ zufügenden,
feierlichen Form des Meineides geahndet, und der Irrtum ist noch
nie unter die Vergehungen gegen das geschriebene Gesetz gestellt
worden. Die Sozialethik, die da fürchtet, der Nebenmensch komme bei
jedem ethischen Individualismus zu kurz, und _darum_ von Pflichten
des Individuums gegen die Gesellschaft und gegen die 1500 Millionen
lebender Menschen faselt, _erweitert_ also nicht, wie sie glaubt,
das Gebiet der Moral, sondern _beschränkt_ es in unzulässiger und
verwerflicher Weise.

Was ist nun jenes über Zeit und Veränderung Erhabene, jenes »Zentrum
der Apperzeption«?

»Es kann nichts Mindereres sein, als was den Menschen über sich selbst
(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der
Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die
ganze Sinnenwelt ..... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die
_Persönlichkeit_.«

Auf ein von allem empirischen Bewußtsein verschiedenes _»intelligibles«
$Ich$_ hat das erhabenste Buch der Welt, die »Kritik der praktischen
Vernunft«, der diese Worte entnommen sind, die Moral als auf ihren
Gesetzgeber zurückgeführt.

Hiemit steht die Untersuchung beim Problem des Subjektes, und dieses
bildet ihren nächsten Gegenstand.



VII. Kapitel.

Logik, Ethik und das Ich.


Bekanntlich hat David _Hume_ den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen,
die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und
Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch _Hume_ das
Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ
bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von
einigen Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich
eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß,
keines zu haben, und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den
übrigen Menschen (von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl
hüten, zu reden) gelte, daß sie nichts seien als Bündel. So drückt
sich der Weltmann aus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine
Ironie auf ihn selbst zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an
der allgemeinen Überschätzung Humes, an der _Kant_ die Schuld trägt.
Hume war ein ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist
keineswegs ein Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört
zwar nicht eben viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber
Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn
Kant (trotz den »Paralogismen«) den _Spinozismus_ a limine deswegen
zurückgewiesen hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen,
sondern bloße Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten«
Grundidee schon für erledigt ansah -- so möchte ich wenigstens nicht
dafür einstehen, ob er sein Lob des Engländers nicht beträchtlich
gedämpft hätte, wäre ihm auch der »Treatise« desselben bekannt gewesen
und nicht bloß der spätere »Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume
seine Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat.

_Lichtenberg_, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war schon
kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit
und korrigiert nüchtern das _sprachliche_ »Ich denke« durch ein
sachliches »es denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung
der _Grammatiker_. Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern
vorangegangen, als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen
allen Hader um die Identität der Person für einen bloßen Wortstreit
erklärt hatte.

In jüngster Zeit hat E. _Mach_ das Weltall als eine zusammenhängende
Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende
Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die
Empfindungen, die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen
eines anderen aber, welches man _darum_ vom ersten unterscheide,
schwächer zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe
stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen
Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit,
_unrettbar_, darum könne man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne)
verzichten; doch sei es nichts Tadelnswertes, hie und da, besonders zu
Zwecken des _Darwin_schen Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als
ob man ein Ich besäße.

Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker
seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so
Ungewöhnliches geleistet hat wie _Mach_, sondern auch in biologischen
Dingen überaus kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach,
direkt und indirekt, anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache
Rücksicht nimmt, daß alle organischen Wesen zunächst _unteilbar_, also
doch irgendwie Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das
ist ja doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem,
daß jenes _immer_ differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander
angewiesenen Teilen, während selbst der geformte Kristall durchaus
gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, wenigstens als Eventualität,
die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht allein aus der
Individuation, der Tatsache, daß die organischen Wesen im allgemeinen
nicht zusammenhängen wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas für
das Psychische sich ergibt, _mehr_ Psychisches zu erwarten ist als das
_Mach_sche Ich, dieser bloße _Wartesaal_ für Empfindungen.

Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den
Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei
jedem Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die
seiner Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche
ist, sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen
unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu
dieser _Spezifität_ aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen
Tieres, und es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie
(vgl. Teil I, Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche
die Vermutung nahe legen, daß es einen _empirischen Charakter_ auch
bei den Tieren gibt. Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit
Pferden, der Wärter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularität
nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes einzelnen
Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon hier ein über das bloße
Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes ungemein _wahrscheinlich_.

Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert,
wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese
doch immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den
wir bei keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben,
als beim Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des
Menschen, die _Individualität_, zum empirischen Charakter, der bloßen
_Individuation_, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren
Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz
eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden
darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der
Logik und der Ethik.

In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes
der Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über
deren Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes
kommen hier wenig in Betracht). _Der Satz A = A ist unmittelbar gewiß
und evident._ Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen
Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen
Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem
Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und
als Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen,
zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch;
und wer ihn für eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser
Denken nicht fördere, wie dies so oft geschehen ist, von _Hegel_
und später von fast allen _Empiristen_ -- es ist dies nicht der
einzige Berührungspunkt zwischen den scheinbar so unversöhnlichen
Gegensätzen -- der hat ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht
verstanden. A = A, das _Prinzip aller_ Wahrheit, kann nicht selbst
eine _spezielle_ Wahrheit sein. Wer den Satz der Identität oder des
Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben.
Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er hoffte, war
eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber jene
Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das
_Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein
Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen ließe. Die
Norm des Denkens kann nicht im Denken selbst gelegen sein._ Der Satz
von der Identität fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht
einen Reichtum, den er vielmehr gänzlich erst _begründet_. _Der Satz
von der Identität ist entweder nichts, oder er ist alles._

Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des
Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. _Sigwart_ z. B., der
gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B,
und A ist nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das
Urteil: »Ein ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen
Widerspruch, »weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen
wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung
mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es
sei nicht gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile
X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser
Beweisführung springt ins Auge. Sie rekurriert auf ein _zeitlich_ der
Bildung des Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes
Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit,
ganz einerlei, ob es überhaupt andere Urteile gibt, gegeben hat
oder geben wird. Er bezieht sich auf den _Begriff_ des ungelehrten
Menschen. Diesen Begriff _sichert_ er durch Ausschließung aller ihm
widersprechenden Merkmale.

_Hierin_ liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von der
Identität. _Sie sind konstitutiv für die Begrifflichkeit._

Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht
auf das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar
ist der Begriff _psychologisch_ stets durch eine anschauliche
Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in
einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch
den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das
begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie
der Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel
denke); oder sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist
mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, während es beim
Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur,
welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim
Individuum repräsentierenden _Vorstellung_ nur gewisse Momente, _eben
die durch den Begriff angezeigten_, heraushebt er ist das Ziel und
der Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die
Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt:
_er ist das Gesetz ihrer Wahl_.

Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht psychologisch
vor sich ginge: _denn das wäre ja $das$ Wunder_. Rein logisch denkt
ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer zugleich
psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch
Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h.
zeitlose Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch _in_ der Zeit vor
sich geht. Die Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die
psychologischen Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen
angelegt wird. Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen
sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen
Vorstellungen, die ihn hier und dort vertreten: _der Begriff ist
so ein Wert, an dem die Individualvorstellung gemessen wird_. Wie
_psychologisch_ die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit
der Natur des Begriffes _gar nichts_ zu tun, und ist für diese von
keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine
_Würde_ und seine _Strenge_ verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung,
welche stets nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage
Gesamtvorstellungen erzeugen könnte. _Absolute Konstanz_ und _absolute
Eindeutigkeit_, die nicht aus der Erfahrung entstammen _können_, sind
das Wesen der _Begrifflichkeit_, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen
der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich
jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die
»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und
Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge
sind nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre
Qualitäten sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte
des Begriffes liegen. _Der Begriff ist die Norm der Essenz, nicht der
Existenz._

Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei gekrümmt,
hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des Kreises,
welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als die
Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist
hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches
Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet
die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf
den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den _Wortlaut_,
nicht den _Kompetenzkreis_ jener _Norm_ angibt, welche das Wesen der
Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz
kann auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein,
und da sie nicht Essenz ist, so kann sie -- ein drittes gibt es nicht
-- nur _Existenz_ sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein
von Objekten, sondern eine Existenz, die das _Sein_ einer _Funktion_
enthüllt.

Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen,
wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird,
dann eben nichts anderes die _Norm der Essenz_ als die Sätze A = A
oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, _Konstanz_ wie _Eindeutigkeit_,
wird dem Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und
zwar verteilen sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß
durch das principium identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und
Insichgeschlossenheit des Begriffes _selbst_ verbürgt wird, indes das
principium contradictionis ihn eindeutig gegen alle _anderen_ möglichen
Begriffe abgrenzt. _Hiemit ist, zum ersten Male, erwiesen, daß die
begriffliche Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden obersten
logischen Axiome, und selbst nichts anderes ist als diese._ Der Satz
A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst jedweden Begriff, er ist der
_Nerv_ der begrifflichen Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes.

Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar
der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein _spezielles_ A, das _ist_, ja
nicht einmal, daß _jedes_ besondere A _wirklicher_ Erfahrung oder
_wirklichen_ Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität
ist _unabhängig_ davon, _ob überhaupt ein A existiert_, d. h. natürlich
wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse
gedacht werden; _aber er ist unabhängig davon $gedacht$, $ob$ etwas,
$ob$ jemand existiert_. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es mag eines
geben oder nicht, _auch_ wenn es vielleicht gar keines gibt), so gilt
jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben,
ein _Sein_ gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch
bleibt, ob A selbst überhaupt _ist_. Der Satz A = A behauptet also,
daß etwas _existiert_, und diese Existenz ist eben jene gesuchte
Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen
_Erlebnissen_ kann er nicht stammen, wie _Mill_ glaubte; denn er ist
eben ganz unabhängig von der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A
ihm zeigen werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet
worden und könnte es auch nicht werden, da die Leugnung ihn selbst
wieder voraussetzte, wenn sie _etwas_, ein _Bestimmtes_ leugnen wollte.
_Da nun der Satz ein Sein behauptet, ohne von der Existenz von Objekten
sich abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas auszusagen,
so kann er nur ein von allem Sein wirklicher und möglicher Objekte
verschiedenes Sein, das ist also das $Sein$ dessen ausdrücken, was
seinem Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird durch seine
Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; und zwar liegt
dieses im Satz der Identität ausgesprochene Sein nicht im ersten und
nicht im zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen A ≡ A.
Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich bin._

Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter vermitteln,
wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um die
Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und
sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht
zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das
Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so
könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist;
würde ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben,
wäre mein Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es
keine Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es
fehlte das absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das
allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten
werden könnte.

Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht _ableiten_, hierin behält
_Kant_ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es
läßt sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in
der Logik zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible
Sein als bloße logische Denk_möglichkeit_ hinzustellen, die uns allein
das moralische Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet
sei, wie _Kant_ dies tat. _Fichte_ hatte recht, als er in der reinen
Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit
dem intelligiblen _Sein_ zusammenfällt.

Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren
ein _Sein_, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen.
Die _Logik_ ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und _der Mensch
$ist$ erst dann ganz er selbst, wenn er $ganz$ logisch ist_; ja er
_ist_ nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. _In der
Erkenntnis findet er sich selbst._

Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der
Mensch nicht irren _mußte_. Er _soll_ die Wahrheit finden; darum _kann_
er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit,
folgt die _Freiheit_ des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens.
In der _Normativität_ der Logik liegt der Beweis, _daß das Denken des
Menschen $frei$ ist_ und sein Ziel erreichen _kann_.

       *       *       *       *       *

Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese
Untersuchung durchaus auf den Boden der _Kantischen Moralphilosophie_
sich stellt und auch die letzten logischen Deduktionen und Postulate,
wie man gesehen hat, in einer gewissen Analogie zu jener durchgeführt
wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das,
was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in Freiheit das Gute
oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise kundgetan, durch
das Schuldbewußtsein, durch die _Reue_. Niemand hat noch vermocht,
diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es sich einreden,
daß er diese oder jene Tat hat begehen _müssen_. Im Sollen liegt
auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen Bestimmungsgründe,
der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch
sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, _ja gerade dann am
gewissesten_, die Zurechnung an sein intelligibles Ich als ein freies,
das anders hätte handeln _können_, vollziehen.

_Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber_:
das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur Pflichten gegen sich,
Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich, welche in der
Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller Psychologismus
immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen
Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische Tatsache
der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche
Gesittung je haben will -- das ist es, was kein Empirismus je wird
ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer
kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten
_Methode_, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie,
Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller
Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus,
aller Psychologismus und alle rein immanente Betrachtungsweise
fühlen instinktiv sehr wohl, daß aus Ethik und Logik ihnen die
Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die fortwährend erneuten und immer
vergeblichen Versuche einer empirischen und psychologischen Begründung
dieser Disziplinen; und fast wird nur noch ein Versuch vermißt, das
principium contradictionis experimentell zu prüfen und nachzuweisen.

Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -- Pflicht
gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der
Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die
Wahrheit selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen
der Logik möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. _Nicht
nur Tugend, sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern auch
Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: erst beide zusammen
begründen $Vollkommenheit$._

Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht
wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für _Existenz_ schon
zu führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik
ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung
als absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese
Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem
eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.

An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«,
da _Kant_ den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt
(»Pflicht! Du erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht
fragen, woher denn Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der
Persönlichkeit emaniere? Es könne kein anderer, seiner würdiger,
Ursprung gefunden werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort
gibt. Er begründet es nicht weiter, daß der kategorische Imperativ
das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehören ihm offensichtlich
von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der Natur der Ethik. Diese
fordert, daß das intelligible Ich von allen Schlacken des empirischen
frei _wirke_, _und so kann durch die Ethik dasselbe Sein erst in
seiner Reinheit gänzlich verwirklicht werden_, welches _die Logik
verheißungsvoll in der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen
uns verkündet_.

Aber was für _Kant_ die _Monaden-_, die _Seelenlehre_ im _Gemüte_
bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit
seiner Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als
eine neue Entdeckung oder Erfindung, als ein _Auskunftsmittel_ der
Kantischen Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich
Haltbare festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu
entnehmen.

Es gibt _Pflicht_ nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in
frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge
verspürt hatte) sicher geworden sein.

Wenn von der _Herakles-Sage_, von einigen Stellen _Nietzsches_ und
eher noch _Stirners_, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen kann,
abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß _Ibsen_
(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich
sind Äußerungen, wie _Hebbels_ Epigramm »Lüge und Wahrheit«:

    »Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit?
    Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.«

oder _Suleikas_ weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«:

    »Volk und Knecht und Überwinder,
    Sie gesteh'n zu jeder Zeit:
    Höchstes Glück der Erdenkinder
    Sei nur die Persönlichkeit.

    Jedes Leben sei zu führen,
    Wenn man sich nicht selbst vermißt;
    Alles könne man verlieren,
    Wenn man bleibe, was man ist.«

Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah
brauchen. Die wenigsten -- es sind die genialen Menschen -- leben gar
nicht _heteronom_. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr
Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand _anderem_,
sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter,
gefürchteter Mensch. Nur _so_ handeln sie in formeller äußerer
Übereinstimmung mit dem Sittengesetz.

_Kant_ war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins
einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen
von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich
ist, daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten,
Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat
gerade hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik,
_die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare_, die einzige,
welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch den
Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik tatsächlich
so wenig _verstanden_ worden ist.

Auch für _Kant_ hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner
»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand
gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der
Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte:
ich habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem
dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' _allein_, bin
_frei_, bin _mein Herr_: dieser Moment bezeichnet die Geburt der
Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte.

»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
damit beschäftigt: _Der bestirnte Himmel über mir und das moralische
Gesetz in mir._ Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt
oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und
bloß vermuthen; ich sehe sie _vor_ mir, und verknüpfe sie unmittelbar
mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze
an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die
Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über
Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten
ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite
fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und
stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur
dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich
mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß
zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.
Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam
meine Wichtigkeit, als eines _thierischen Geschöpfs_, das die Materie,
daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder
zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit
Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert,
als einer _Intelligenz_, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in
welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst
von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens
so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch
dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens
eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.«

So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der
praktischen Vernunft«. Der Mensch ist _allein_ im Weltall, in ewiger,
ungeheuerer _Einsamkeit_.

Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt -- weit
ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können,
Sklave-sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche
Gesellschaft, versunken die _Sozial_-Ethik; er ist allein, $allein$.

Aber er ist nun eben erst _einer_ und _alles_; und darum hat er auch
ein _Gesetz_ in sich, darum _ist_ er selbst alles Gesetz, und keine
springende Willkür. Und er verlangt _von sich_, daß er dieses Gesetz
_in_ sich, das Gesetz seines Selbst, befolge, daß er _nur_ Gesetz
sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist
das Grauenvoll-Große: es hat weiter _keinen Sinn_, daß er der Pflicht
gehorche. Nichts ist ihm, dem Alleinen, _All-Einen_ _über_geordnet.
Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist
_kategorischen_ Forderung _in sich_ muß er nachkommen. _Erlösung!_
ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, Frieden, nicht dies
endlose Ringen -- und _erschrickt_: selbst im Erlöst-sein-wollen war
noch Feigheit, im schmachtenden _Schon!_ noch Desertion, als wäre
er zu klein diesem Kampf. _Wozu!_ fragt er, schreit er hinaus ins
Weltall -- und _errötet_; denn gerade wollte er wieder das _Glück_,
die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne, den $anderen$.
_Kant_ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er brüllt
nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der
Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von
ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern _seine_ Pflicht ist ihm _der
Sinn des Weltalls_. _Ja_ sagen zu $dieser$ Einsamkeit, das ist das
»Dionysische« _Kant_ens; das erst ist Sittlichkeit.



VIII. Kapitel.

Ich-Problem und Genialität.

                                »Im Anfang war diese Welt
                                allein der Âtman, in
                                Gestalt eines Menschen.
                                Der blickte um sich: da
                                sah er nichts anderes als
                                sich selbst. Da rief er
                                zu Anfang aus: ‚Das bin
                                ich!’ Daraus entstand
                                der Name Ich. -- Daher
                                auch heutzutage, wenn
                                einer angerufen wird, so
                                sagt er zuerst: ‚Das bin
                                ich’ und dann erst nennt
                                er den anderen Namen,
                                welchen er trägt.«

                                (Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.)


Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf
den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den
Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt,
eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes
in sich vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, _warum_ die
Selbstbeobachtung des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder
wenigstens zu zeigen, durch was alles die in Rede stehenden Personen
_noch_ sich unterscheiden. In der Tat sehe ich keinen anderen Weg,
gerade in den umstrittensten psychologischen Dingen ins Reine zu
kommen. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum
geht nicht wie in den überindividuellen Normwissenschaften der Logik
und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, sondern es muß
umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt
keine empirische Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine
solche ohne _gleichzeitigen_ Betrieb differentieller Psychologie in
Angriff zu nehmen.

Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie
zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden
die Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf
Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht
einmal so fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen _Akt_
der Wahrnehmung, eine _Spontaneität_ des Bewußtseins schon in der
Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen
gänzlich ins Reine zu bringen.

Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie
aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter,
eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des
Ich-Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen
Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht
ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der
_Begabung_.

Gerade die Entscheidung zwischen _Hume_ und _Kant_ ist auch
_charakterologisch_ möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei
Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des _Makart_
und _Gounod_, dem anderen die _Rembrandts_ und _Beethovens_ das Höchste
sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst _unter_scheiden nach
ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja
notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden
hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. _Es
gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht von der Existenz
des Ich überzeugt wäre_; ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein
bedeutender Mensch sein.[30]

Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine Behauptung
von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die in ihr
gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung gesucht
und gefunden werden.

Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen geben, für
den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender er
ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die
völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31]
Man vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen
und überaus genialer Naturen.

_Jean Paul_ erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit aus
meinem Leben«:

»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in
mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich
Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr
junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als
auf einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl
vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb -- da
hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.
Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein
fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des
Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen
Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.«

Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis _Novalis_, der in seinen
»Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt:

»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren.
Es ist ein Factum höherer Art, _das nur der höhere Mensch antreffen
wird_; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu veranlassen.
Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche
Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das idealische
Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; der
Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche
Ich, daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.«

_Schelling_ bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über
Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk,
_dasselbe_ Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns
allen ... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem
Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher
hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der
Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. _Diese Anschauung ist
die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles, alles abhängt,
was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben. Diese
Anschauung zuerst überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne
$ist$, während alles übrige nur $erscheint$, worauf wir jenes Wort
übertragen._ Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung
dadurch, daß sie nur durch _Freiheit_ hervorgebracht und jedem anderen
fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der hervordringenden
Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins
hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit
der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr,
mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt
einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den
man vergebens sich zu entwickeln strebt. _Jakobi_ hat ihn beschrieben
..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns
selbst aufhören, _Objekt_ zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen,
das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. _In diesem
Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und Dauer dahin: nicht
$wir$ sind in der Zeit, sondern die Zeit -- oder vielmehr nicht sie,
sondern die reine absolute Ewigkeit ist $in uns$._ Nicht wir sind
in der Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer
Anschauung verloren.«

Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über
den betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu
haben vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch
überflüssig. Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum
hoher Art« sich bei _allen_ genialen Menschen in jener mystischen
Form eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen
Erlebens abspiele, wie _Schelling_ dies beschreibt. Ob es ungeteilte
Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon _während des Lebens_
überwunden wird, wie dies von _Plotin_ und den indischen _Mahatmas_
bezeugt ist, oder ob dies nur höchste Intensifikationen des Erlebens
sind, prinzipiell aber gleichartig mit allem anderen -- dies soll uns
hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt,
von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden Menschen
weder als möglich behauptet noch als unmöglich in Abrede gestellt
werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem _Erleben_ des eigenen Ich
nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine _systematische_
Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes Faktum
»höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders
vollzieht, nicht _Erlebnis_ des eigenen Ich nennen, sondern nur als das
_Ich-Ereignis_ bezeichnen.

Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der
Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst
bewußt werde[32] -- denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als
der unbedeutende -- oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder
vermöge eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens
gelange, dem er in der bereuten Handlung untreu wurde -- denn auch
das Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und
differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum
Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe,
oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und
Geist im Weltall offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das
Bedürfnis nach dem _inneren_ Wunder, wachrufe: immer und ewig ist
mit dem Ich-Ereignis zugleich der Kern einer _Weltanschauung_, ganz
von selbst, ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits _gegeben_.
Weltanschauung ist nicht die große Synthese, die am jüngsten Tage der
Wissenschaft von irgend einem besonders fleißigen Mann, der durch alle
Fächer der Reihe nach sich hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch
inmitten einer großen Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung
ist etwas Erlebtes, und sie kann _als Ganzes klar und unzweideutig
sein_, wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit
und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller
Weltanschauung, d. h. aller _Anschauung_ der _Welt_ als _ganzer_, und
zwar für den Künstler nicht minder als für den Philosophen. Und so
radikal sonst die Weltanschauungen voneinander differieren, eines wohnt
ihnen allen, soweit sie den Namen einer Weltanschauung verdienen[33],
gemeinsam inne; es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt
wird, der Glaube, _den jeder bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung
von der Existenz eines Ich oder einer Seele_, die im Weltall einsam
ist, dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze _Welt anschaut_.

Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im allgemeinen
-- Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom Gefühle des
_Gestorbenseins_, ausgefüllt, mögen wohl häufig vorkommen -- _mit
Seele_ leben.

Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick auf
eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen
will, sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch
das größte Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als
von der »Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt
hätten, was in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen,
der nicht wüßte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit
Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in
besseren Zeiten gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten,
fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden
Menschen hielte, sobald er einmal etwas _geschaffen_ hat -- allerdings
auch keinen, dessen Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er
sich nicht noch stets überschätzte. _Schopenhauer_ hat sich für viel
größer gehalten als _Kant_. Wenn _Nietzsche_ seinen Zarathustra für
das tiefste Buch der Welt erklärt, so spielt außerdem wohl noch die
Enttäuschung durch die schweigenden Zeitungsschreiber und das Bedürfnis
diese zu reizen mit -- allerdings auch keine sehr vornehmen Motive.

Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit
bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend. Anmaßung
und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge,
die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht,
eins für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel
Arroganz, als ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich
nur ein Mittel, durch künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das
Selbstbewußtsein gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines
Selbst zu kommen. Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen
physiologischen Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen
Subjekten gegenüber mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen
Würde halber hie und da sich verhalten müssen.

Die feste, vollkommene, des _Beweises_ für ihre Person nicht eigentlich
bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also allen
genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis
doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als
einer hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen
wittert. Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube,
und kein bloßes Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die
Künstler sprechen von ihrer Seele, ohne Philosophie und Theologie
studiert zu haben, selbst die atheistischesten, wie _Shelley_, und
glauben zu wissen, was sie damit meinen. Oder denkt man, daß »Seele«
für sie ein bloßes, leeres, schönes Wort sei, welches sie anderen
nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große Künstler Bezeichnungen
anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar
höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, der
Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz halten,
oder _Lucrez_ für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch
sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn _bedeutende_ Künstler von
ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie
wie für die großen Philosophen ein gewisses _Grenzgefühl_ der höchsten
Wirklichkeit; _Hume_ hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt.

Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde,
und nun bald bewiesen werden soll, _unter_ dem Philosophen und
_unter_ dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der
bloße Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der
Wissenschaft noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten
Vorzug einräumen, wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung
über ein bestimmtes Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr
Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu
dieser Bevorzugung ein Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem
Mann der Wissenschaft als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe
blicken, welche jener vielleicht nicht einmal bemerkt?

Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität
ein. Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige
Fiktion ist, gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges,
unendlich inniges, schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war
universale Apperzeption, und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute
Zeitlosigkeit. Man muß aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm
Verwandtes bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift
nur das, womit man irgend eine Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der
Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, der Mensch
mit dem intensivsten, lebendigsten, bewußtesten, kontinuierlichsten,
einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das punktuelle Zentrum, die
Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles Mannigfaltigen.

Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption sein,
der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: _der bedeutende
Mensch hat die $ganze$ Welt $in sich, der Genius ist der lebendige
Mikrokosmus$_. Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine
aus einer, doch immer _endlichen_, _Viel_zahl von Elementen aufgebaute
chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn der Darlegungen des
vierten Kapitels über sein innigeres Verwandtsein mit mehr Menschen
und Dingen: _sondern er ist alles_. Wie im Ich und durch das Ich alle
psychischen Erscheinungen zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang
unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen
wird durch eine Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich
hiezu verhalten ist)[34], wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen
besteht; so blickt der Genius, in dem das Ich wie das All, als das All
_lebt_, auch in die Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes,
er _schaut_ hier die _Verbindungen_ und konstruiert nicht einen Bau
aus Bruchstücken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunächst schon
bloßer empirischer Psychologe nicht sein, für den es nur Einzelheiten
gibt, die er im Schweiße seines Angesichtes, durch Associationen,
Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten trachtet; ebensowenig aber bloßer
Physiker, dem die Welt aus Atomen und Molekülen _zusammengesetzt_ ist.

_Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der Genius fortwährend
lebt, erkennt er den $Sinn$ der Teile. Er $wertet$ darum $alles$_,
alles in sich, alles _außerhalb_ seiner, wertet es nach dieser Idee;
und _nur darum_ ist es für ihn nicht Funktion der Zeit, sondern
repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist der
_geniale_ Mensch zugleich der _tiefe_ Mensch, und nur er tief, nur
der Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr
als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum
enthaltenden Ich schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum
Bewußtsein dieses ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge
sinnvoll, _bedeuten_ sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets
_Symbole_. Für ihn ist der Atem mehr als ein Gasaustausch durch
die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, das Blau des Himmels
mehr als teilweise polarisiertes, an den Trübungen der Atmosphäre
diffus reflektiertes Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fußlose
Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten. Wenn man selbst alle
wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentäte
und von einem einzigen Menschen gefunden sein ließe; wenn alles,
was _Archimedes_ und _Lagrange_, _Johannes Müller_ und _Karl Ernst
von Baer_, _Newton_ und _Laplace_, _Konrad Sprengel_ und _Cuvier_,
_Thukydides_ und _Niebuhr_, _Friedrich August Wolf_ und _Franz Bopp_,
was noch so viele andere für die Wissenschaft Hervorragendstes
geleistet haben, _selbst wenn all dies $ein$ einziger Mensch im Laufe
$eines$ kurzen Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum doch
nicht das Prädikat des Genius_.

Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der Wissenschaftler
nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig _sind_, der bedeutende
Mensch oder Genius für das, was sie _bedeuten_. Ihm sind Meer und
Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und Palme,
Taube und Schwan _Symbole_, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein
Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und
nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies
alles ist jenem nur möglich, weil die _äußere_ Welt _in_ ihm reich und
stark zusammenhängt wie die _innere_, ja das Außenleben nur wie ein
Spezialfall seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins
geworden sind, und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz
und Regel erst aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie
dagegen addiert nur Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit.
Deshalb also tritt der große Wissenschaftler hinter den großen Künstler
oder Philosophen.

Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre
Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle
Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit
in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die
Genialität als über das Wesen des genialen _Schaffens_ ausgesagt,
bleiben der Zustand der künstlerischen Ekstase, der philosophischen
Konzeption, der religiösen Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor,
sind also damit gewiß nur die _Bedingungen_, nicht der _Vorgang_ eines
wahrhaft _bedeutenden_ Produzierens klarer geworden, so sei dennoch
hier als endgültige Definition des Genies diese gegeben:

$Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem
Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das
eigentlich Göttliche im Menschen.$

Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die
tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance -- wiewohl ihre
ersten Spuren schon bei _Plato_ und _Aristoteles_ sich finden --
scheint dem neueren Denken seit _Leibniz_ens Tode ganz abhanden
gekommen. Sie wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von
jenen Meistern aber vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen
desselben behauptet.

Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial, und
kein Mensch ist genial. Genialität ist eine _Idee_, welcher dieser
näher kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der
eine rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.

Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist
nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die
Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist,
wie sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann,
selbst als solcher, _mittelbar_ zu allem in Beziehung treten; seine
Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich
mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit,
diese Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu
gewinnen. Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung
allem einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und
an alle Dinge der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht
so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht
alle, sondern nur ein Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und
wo sie eine allgemeine Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste
des Menschen, der ihnen eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen
hat. Sie mögen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber
sicherlich fehlt ihnen »der gestirnte Himmel« und »das moralische
Gesetz«. Dieses aber stammt von der Seele des Menschen her, in der alle
Totalität geborgen ist, _die alles betrachten kann, weil sie selbst
alles $ist$_: der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz, auch sie
sind im Grunde eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen
Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit
des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens.

So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon _Empedokles_, der
gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:

    Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ,
    Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον,
    Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω.

Und _Plotinus_: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης μη
γεγενημενος, dem es _Goethe_ in den berühmten Versen nachgedichtet hat:

    »Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
    Die Sonne könnt' es nie erblicken;
    Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,
    Wie könnt' uns Göttliches entzücken?«

_Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist $dasjenige$ Wesen in der
Natur, das zu $allen$ Dingen in derselben ein Verhältnis hat._

In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen,
sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt,
wer über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem
es nur der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend
ein Interesse wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von
selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. _Leibnizens_
wohl selten recht verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein
Spiegel der Welt sei, ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt
zu werden, drückt nur dieselbe Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt
im Zustande allgemeiner Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen
ist; auch im gewöhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis
zu schöpferischem Bewußtsein gebracht. Der eine lebt in bewußtem
tätigen, der andere in unbewußtem virtuellen Zusammenhang mit dem All;
_der geniale Mensch ist der aktuelle, der ungeniale der potentielle
Mikrokosmus_. Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als
Mensch-Sein, als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen,
δυνάμει, der Möglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen,
ενεργεια, in voller Entfaltung.

Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben,
abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle
_eingeschaltet_ in die Naturgesetzlichkeit, _sondern selbst der
Inbegriff aller Gesetze, und $eben darum frei$_, wie das Weltganze
als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist. Der
bedeutende Mensch nun, der _nichts_ vergißt, weil er _sich_ nicht
vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit,
daher unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen
Bewegung, als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder
verschlungen wird, weil _alles, alle Vergangenheit und alle Zukunft_,
in der _Ewigkeit_ seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen
Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke
an den _Tod_ nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste
Verhältnis zu den Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles
in sich, sondern auch alles außer sich einschätzt und damit deutet:
er ist zugleich der _freieste_ und der _weiseste_, $er$ ist der
_sittlichste_ Mensch; und nur _darum_ leidet gerade $er$ am schwersten
unter allem, was auch in ihm noch unbewußt, noch Chaos, noch _Fatum_
ist. --

Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen
Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher,
nach der populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in
Verbindung mit dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich
offenbaren kann! Und haben nicht gerade hier die berühmten Männer die
bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft
schnöden Undanks, grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich
zeihen lassen?

Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser
sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines
täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen
verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr
imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (_Lavater_ und
_Goethe_) -- darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das
Schicksal der _Friederike aus Sesenheim_ ist _Goethe_, obwohl ihn das
keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und
wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel _verschwiegen_ hat,
daß die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier _ganz_ zu
besitzen glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen
halten, die Faustens unsterbliches Teil umgeben -- man darf gewiß
sein, daß er selbst am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf,
und diese in ihrem ganzen Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige
Nörgler, die _Schopenhauers_ Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna
nie erfaßt haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf
seinem _Rechte_ auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so
verdient dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort.

Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht
also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen
lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des
anderen -- das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas
vom Eigenen gänzlich Unterschiedenes -- nicht passiv acceptieren,
und ist er einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran
schmerzvoll und fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal
getan hat, wird er sein ganzes Leben lang _mitschleppen_, und nicht in
»dionysischer« Weise leichthin _abschütteln_ können. Am stärksten aber
werden geniale Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein
auf eine Lüge kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen
gegenüber sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die
anderen Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie
er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt,
und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die
Heftigkeit des Kampfes großer Persönlichkeiten gegen die »_Lebenslüge_«
so wenig verstehen.

Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die
Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor
seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine
Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: _es entsteht in ihm das
Bedürfnis, sich selbst zu imponieren_ (mit seinem Denken, Handeln und
Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des Genies,
das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es nicht
auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf
diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs
etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (_Pascal_) werden auch
unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie
hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen
stets gesellen; _aber die beiden liegen miteinander im Kampfe_.

Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen
sich selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber
beeinträchtigt? Stehen die beiden nicht in einem solchen
Wechselverhältnis, daß, wer sich selbst die Treue wahrt, sie notwendig
anderen brechen muß?

Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein
_Bedürfnis_ nach Wahrheit -- _Carlyles_ »Sincerity« -- das man
_sowohl_ sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat,
aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne
Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so
gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit.
Man handelt moralisch oder unmoralisch _überhaupt_, und wer sich selbst
gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber.

Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie
darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch
ihr erst genügt wird.

Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen
absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das
Prinzip betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die
immerhin weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und
auf das empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen
sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller
Sympathiemoral stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche
die Sittlichkeit eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner
Mitleidigkeit, seiner »Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben
im Mitgefühle _Hutcheson_, _Hume_ und _Smith_ das Wesen und die Quelle
alles ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung
hat dann diese Lehre in _Schopenhauers_ Mitleidsmoral erhalten.
Die _Schopenhauer_sche »Preisschrift über die Grundlage der Moral«
verrät indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral
begründen schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie
nämlich stets verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende,
sondern eine das Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über
die Versuche lustig macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme
im Menschen wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der
Mensch _soll_, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach
eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche der Mensch an sich
und an alle anderen stellt; und nicht von dem erzählt, was er, diesen
Forderungen Raum gebend oder sie übertönend, tatsächlich vollbringt.
Nicht was geschieht, sondern was geschehen _soll_, ist Objekt der
Moralwissenschaft, alles andere gehört in die Psychologie.

Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß jede
psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst _gewertet_ wird, und
das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis
sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine _Idee_ oder ein _Wert_ sein,
der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist,
weil _er_ bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe.
_Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer Idee sein._ Es
ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen, welche Ideen,
Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur zweierlei in
Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die von
_Bentham_ und den _Mill_ begründet, und später von eifrigen Importeuren
auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht
wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn _das Christentum_ und
der _deutsche Idealismus_ lehren.

Der _zweite_ Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie
Moral begründen, _ableiten_ will, Moral, die ihrem Begriffe nach den
letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht
selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst
ist und nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in
Verbindung gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der
Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach
notwendig relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler
im Grunde eins, und muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten
werden, daß niemand, liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und
Wirkungen ab, irgendwo den Gedanken eines höchsten _Zweckes_ in ihm
entdecken würde, der allein für alle moralischen Handlungen wesentlich
ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden,
das Verhältnis von Grund und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der
Zweck tritt auf mit dem Anspruch, das Handeln zu schaffen, an ihm wird
der Erfolg und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer
ungenügend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie bestimmten,
wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht im Bewußtsein geltend
machen. Neben dem Reich der Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und
dieses Reich ist das Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom
Sein ist eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache
aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der
Zwecke, das in einem letzten höchsten Zwecke kulminiert.

Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht
Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein
Affekt (der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt
fällt), moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches _Phänomen_,
eine Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein
ethischer _Akt_ wie das Schamgefühl oder der Stolz; _man hat zwischen
ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu unterscheiden_. Unter
dem ersteren darf nichts verstanden werden als _bewußte Bejahung der
Idee durch die Handlung: ethische Phänomene sind unbeabsichtigte,
unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung des Gemütes auf
die Idee._ Nur in den Motivenkampf greift die Idee immer wieder ein
und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den empirischen
Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids mit der
Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch nichts
von einem _Entschlusse_. _Das Mitleid ist vielleicht der sicherste
Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck irgend eines Handelns._ Nur
_Wissen_ des Zweckes, _Bewußtsein_ des Wertes gegenüber allem Unwerte
konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat _Sokrates_ gegenüber allen
Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur _Plato_ und _Kant_ haben
ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches Gefühl, wie das Mitleid
immer ist, hat keinen Anspruch auf _Achtung_, sondern erweckt höchstens
_Sympathie_.

Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich
sittlich verhalten könne gegen andere Menschen.

Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit _dringt_
und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht,
sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen _wahrt_;
nicht durch _Mitleid_, nur durch _Achtung_. _Achtung_, dies hat _Kant_
zuerst ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen
als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch
sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht
die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die _Idee_
der _Menschenseele_) in seiner Person oder in der Person des anderen
als Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann
alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch _bloß als
Mittel_ gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige
Geschöpf, ist _Zweck an sich selbst_.«

Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige
ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn _ignoriere_, das
zweite, indem ich mich mit ihm _beschäftige_. Wie benütze ich ihn
als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck
ist? Das eine, indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände
betrachte, mit denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere,
indem ich ihn zu _erkennen_ suche. Erst so, indem man sich für ihn,
ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln
zu begreifen, sein Schicksal mitzufühlen, ihn selbst zu _verstehen_
sucht, erst dadurch, _nur_ dadurch kann man seinen Mitmenschen _ehren_.
Nur wer, durchs eigene Ungemach nicht selbstsüchtig geworden, allen
kleinlichen Hader mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen
ihn unterdrückend, ihn zu _verstehen_ trachtet, der ist wahrhaft
uneigennützig gegen seinen Nächsten; und er handelt sittlich, denn er
_siegt_ gerade dann über den _stärksten_ Feind, der das Verständnis des
Nebenmenschen am längsten erschwert: über die _Eigenliebe_.

Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch?

Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten
veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es
am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch
wie kein zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der
Tat, niemand denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen
Menschen (ja über viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig
erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über
sie zu kommen, wenn er sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und
Intensität in sich hat. Wie er selbst eine kontinuierlich von seinem
Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich hat, so wird er auch darüber
sich Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der Zeit
gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt dem stärksten
Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn er sucht ja in
ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt
sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt
sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur
so ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen _neben_
ihnen, so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich
_vor_ ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres
Verhältnis treten, nur _dies_ der Grund, warum der große Künstler
auch die geschichtliche Individualität so viel besser und intensiver
erfaßt als der bloß wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen
Mann, der nicht zu _Napoleon_, zu _Plato_, zu _Mohammed_ in einem
persönlichen Verhältnisse stünde. _So nämlich erweist er auch denen
seine Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben._ Und wenn so
mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt fühlte,
als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn
deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles
zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation
nur zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der
Menschen nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in
seiner Weise der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt,
den _schöpferischen Akt des Verständnisses vollzogen; und es gibt kein
Verhältnis zwischen Menschen, das reiner wäre als dieses_.

Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort
_Pascals_ an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus
d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du
commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.« -- Es hängt
mit all dem ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto
größere Anforderungen bezüglich des _Verstehens fremder_ Äußerungen
an sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen
glaubt, oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht
versteht, den _fremden_ Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk,
aus einer Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis
zu den Sachen gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer
selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe
der Bewußtheit erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er
liest; mit sich und seiner Meinung, während bei geringerer Helligkeit
des Geistes sehr verschiedene Dinge ineinander verschwimmen und sich
gleich ausnehmen können.

Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein _Ich_ zum Bewußtsein gelangt
ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten zur
Abhebung, _darum empfindet er im anderen Menschen auch dann dessen
Ich, wenn dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst zum
Bewußtsein zu kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch $auch
ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der Welt ist$, mit besonderer
Gefühlsweise und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird $von
selbst davor gefeit$ sein, den Mitmenschen bloß $als Mittel zum Zweck$
zu benützen_, er wird der _Kant_ischen Ethik gemäß auch im Mitmenschen
die _Persönlichkeit_ (als Teil der _intelligiblen_ Welt) _spüren, ahnen
und darum $ehren$, und nicht bloß an ihm $sich ärgern$. $Psychologische
Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist daher theoretischer
Individualismus.$_

_Hier liegt also die Brücke_, welche vom moralischen Verhalten sich
selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen gegenüber führt,
jene Vermittlung, deren Mangel in der _Kant_ischen Philosophie von
_Schopenhauer_ mit Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr
wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begründetes
Unvermögen ausgelegt wurde.

Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher
und der Irrsinnige interessieren sich _gar nicht_ auch nur für irgend
einen unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der
Welt wären, sie _fühlen_ die _Anwesenheit_ des _Fremden_ gar nicht. Es
gibt also keinen _praktischen Solipsismus_: in wem ein Selbst ist, für
den gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch
seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er
auch auf den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch,
ein Wesen mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. _Ich und Du sind
eben Wechselbegriffe._

Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn er
mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in Gegenwart
anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es den
Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen.

Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer
den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er
in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen
ein Unding, und sollte lieber _Nihilismus_ genannt werden; wenn kein
Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt
hernach überhaupt -- nichts.

Auf die psychologische _Verfassung_ kommt es an, welche es _unmöglich_
macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und
da fand sich: _wer seine Persönlichkeit fühlt, der fühlt sie auch
in anderen_. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine schöne Hypothese,
sondern _Wirklichkeit_. _Der höchste Individualismus $ist$ der höchste
Universalismus._

Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst _Mach_, wenn er
glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches
Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des
eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin
der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt.
_Das Ich ist Grundbedingung auch aller sozialen Moral._ Gegen eine
bloße _Verknotungsstelle_ von »Elementen« werde ich mich, _rein
psychologisch_, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das
_aussprechen_; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt,
kann ihm nie als Norm dienen, _weil es die psychologische Bedingung
aller Verwirklichung der sittlichen Idee $eliminiert$, während die
moralische Forderung eben psychologisch $da ist$_.

_Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem Menschen bewußt zu
machen, daß er ein höheres Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die
anderen Menschen eine Seele besitzen._ (Dazu wird der größte Teil der
Menschheit aber immer einen _Seelenhirten_ benötigen.) Erst hiemit ist
ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen _da, wirklich da_.

Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise
verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den
Menschen, mit denen er lebt, so _leiden_ wie er. Denn in bestimmtem
Sinne wird sicherlich der Mensch _nur_ »durch Mitleid wissend«.
Ist Mitleid auch nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder
anschaulich-symbolisches Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls,
um zu allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden _unter_ den Dingen
begreift sie der Genius, nur durch Leiden _mit_ den Menschen versteht
er diese. Und der Genius leidet am meisten, weil er mit allem und in
allem leidet; aber am stärksten leidet er an seinem Mitleiden.

Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als
jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt,
und zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der
Mensch eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen
innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß
hierauf nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt
zusammen mit lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und
Geschichte offenbart sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die
Individuen an sich bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie
dieser (sie sind _das Ahistorische_). So sehen wir hier, wie unsere
Fäden zusammenlaufen, um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist
nämlich -- hierin glaube ich nicht zu irren -- die zeitlose menschliche
Persönlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens
auch gegen den Nebenmenschen, _Individualität $Voraussetzung$_ einer
_sozialen_ Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal
metaphysicum« und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und
der Träger einer Geschichte _eines_ sind, ein und dasselbe Wesen,
_$nämlich$ der Mensch_. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt,
was _früher_ da sei, _Individuum_ oder _Gemeinschaft_: $beide nämlich
sind zugleich und miteinander da$.

Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als
geführt, daß Genialität _höhere Sittlichkeit_ überhaupt ist. Der
bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts
von sich vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am
unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste
zugleich der zweisamste Mensch. _Das Genie ist eine höhere Daseinsform
überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch. Der Genius
offenbart ganz eigentlich $die Idee$ des Menschen. Er kündet, was der
Mensch ist: das $Subjekt$, dessen $Objekt$ das $ganze$ Universum, und
stellt das fest für ewige Zeiten._

Man lasse sich nicht irre machen. _Bewußtsein_, und _nur Bewußtsein_,
ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte unmoralisch, und alles
Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische Genie«, der »große böse
Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen Menschen in bestimmten
Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit ersonnen, um dann,
sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und schwächliche
Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und andere Kinder
schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wäre,
der da dächte und spräche wie der _Hagen_ der »Götterdämmerung« an
_Siegfrieds_ Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn erschlagen, _ich, Hagen_,
schlug ihn zu tot!« _Napoleon_ und _Baco von Verulam_, die man als
Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell bei weitem überschätzt
oder falsch gedeutet. Und zu _Nietzsche_ darf man in diesen Dingen --
wenn er von den Borgias zu reden anfängt -- am wenigsten Vertrauen
hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, des Ahriman,
des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur« ist überaus gewaltig. Mit
dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen, als sie gerade sein
Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den Stunden, da große
Menschen gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf gekämpft
haben.

Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene
Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen;
_Genialität ist ein innerer Imperativ_, nie bei einem Menschen je
gänzlich vollzogene _Tatsache_. Darum wird zu allerletzt ein »genialer«
Mensch, er am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande
sein: »Ich _bin_ ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach,
nichts als gänzliche Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial
etwas, das jeder Mensch sein _sollte_ und das zu werden _prinzipiell
jedem Menschen möglich sein muß_. Denn Genialität ist höchste
Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch
durch einen höchsten _Willensakt_, _indem er das ganze Weltall in sich
bejaht_. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« _auf sich
genommen haben_: es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das
größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich
ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein
_will_.

Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne
»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht
dazu. Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine
lebhaftere Ahnung davon hätten, _was_ das, wonach ihr Wunsch verlangt,
eigentlich _bedeutet_, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität
identisch ist mit _universeller Verantwortlichkeit_ -- und bevor einem
etwas ganz klar ist, kann er es ja nur _wünschen_, nicht _wollen_ --
so ist wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial
zu werden, _ablehnen_ würde.

Aus keinem anderen Grunde auch -- Toren glauben dann an die
Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des
Neurasthenikers -- verfallen so viele geniale Menschen dem _Irrsinn_.
Es sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt
gleich dem Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer
kleinere, minder hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten
Geister. Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, _will nicht mehr Genie
sein_; es will statt der Sittlichkeit -- das _Glück_. Denn aller
Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit
geknüpften Schmerzes; und darum hat _Sophokles_ am tiefsten das Motiv
angedeutet, warum ein Mensch auch seinen _Irrsinn wollen_ kann; indem
er den Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen
läßt:

ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.

Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten
Momente des _Kant_ischen Stiles gemahnenden Worten des _Johann Pico
von Mirandola_, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges
getan habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die
Gottheit zum Menschen also sprechen:

»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare
tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute
optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas.
Definita ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu
nullis angustiis coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui,
tibi illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde
commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, neque terrenum,
neque mortalem, neque immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi
arbitrarius honorariusque plastes et fictor in quam malueris tute
formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare,
poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi sententia
regenerari.

O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis
felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit.
Bruta simul atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod
possessura sunt. Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id
fuerunt, quod sunt futuri in perpetuas aeternitates. _Nascenti homini
omniferaria semina et omnigenae vitae germina indidit Pater_; quae
quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo:
si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia,
caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei
_filius_. _Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis centrum
suae se receperit, unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris
caligine qui est super omnia constitutus omnibus antestabit._«



IX. Kapitel.

Männliche und weibliche Psychologie.

                                »De subjecto vetustissimo ....«

                                               _Galilei._


Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung
zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren
Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr
abzuführen schienen.

Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine Psychologie
der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen
Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor _diesen_ Folgerungen
zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser
Scheu zu analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen
alle Einwände, die aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in
diesem Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente
vollständig gesichert werden.

Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das
logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum
höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen
Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer
Realität, zwingen. _Bei einem Wesen, dem, wie $W$, das logische und
das ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme
zu machen._ Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen
noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht,
Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten
klingt. Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die
übersinnliche Persönlichkeit fehlt.

$Das absolute Weib hat kein Ich.$

Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein
Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese
Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam,
paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer
solchen Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser
der erste sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch
selbständig wieder zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der
früheren ähnlichen Aussagen zu begreifen. Die _Chinesen_ sprechen seit
ältester Zeit dem Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen
nach der Zahl seiner Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er
bloß Töchter, so erklärt er, kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen
Grunde hat wohl _Mohammed_ die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und
die unwürdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht in den Ländern
islamitischer Religion einnimmt, hiedurch mitverschuldet.

Von den Philosophen ist hier vor allem _Aristoteles_ zu nennen. Für
ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive,
der Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man
nun, wie für _Aristoteles_ Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem
zusammenfällt, so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen
Ansicht nähert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo
er vom Akte der Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen
Griechen außer _Euripides_ es gemeinsam zu sein scheint, daß er über
die Frauen selbst nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt
in Bezug auf die Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in
Ansehung seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird.

Unter den Kirchenvätern scheinen besonders _Tertullian_ und _Origenes_
sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes _Augustinus_ schon
durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon hat abgehalten
werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der _Renaissance_
ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden,
z. B. von Jean _Wier_ (1518-1588). Damals scheint man diese überhaupt,
gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und nicht bloß als
Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen Wissenschaft
üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der
Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen.

In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik _Ibsen_
(mit den Gestalten der _Anitra_, _Rita_ und _Irene_) und August
_Strindberg_ (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist
der Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle
Märchen _Fouqués_ geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von
ihm eifrig studierten, _Paracelsus_ geschöpft hat, und durch E. T. A.
_Hoffmann_, _Girschner_ und Albert _Lortzing_, welche es in Musik
gesetzt haben. _Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische
Idee des Weibes._ Trotz aller Bisexualität kommt ihr die Wirklichkeit
meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat keinen Charakter«
meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und Individualität,
(intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter --
dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des Menschen
nur M zukommt und W fehlt.

Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende
Menschen solche, welche durchaus _mit_ Seele leben, d. h. in denen
die _ganze Welt lebendig_ ist, _so muß W absolut $un$genial veranlagt
sein_. _Der Mann_ hat _alles_ in sich, und mag nur, nach den Worten
_Picos von Mirandola_, dies oder jenes in sich besonders begünstigen.
Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er
kann zum Tiere, zur Pflanze, _er kann auch zum Weibe werden, und darum
gibt es weibliche, weibische Männer_.

$Aber die Frau kann nie zum Manne werden.$ Hier ist also die wichtigste
Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser Schrift
vorzunehmen. _Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind,
die psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib
sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen
Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im
Grunde Weib gewesen wäre_, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer
Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der Person selbst, nicht
nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man _ist_ (vgl. Kapitel 1
des zweiten Teiles) _entweder_ Mann _oder_ Weib, so viel man auch von
beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses _Sein_,
das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach
dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber während es
anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber _sind_, gibt es keine
Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer _sind_; wenn
sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen
Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.

Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende _abschließende_
Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: _es
gibt wohl Weiber mit genialen Zügen, aber es gibt kein weibliches
Genie, hat nie ein solches gegeben und kann nie ein solches geben_. Wer
prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den Begriff der
Genialität so auftun und erweitern wollte, daß die Frauen unter ihm
auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde diesen Begriff damit
bereits _zerstört_ haben. Wenn überhaupt ein Begriff von Genialität in
Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann,
so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm möglich
als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein seelenloses
Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit _Tiefe_; und man
versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander
zu verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. _Ein weiblicher Genius
ist demnach eine contradictio in adjecto_; denn Genialität war ja nur
gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit.
Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber
das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht
das Ganze, Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die
_Genielosigkeit_ des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib
keine Monade und somit kein Spiegel des Universums ist.

Zum Nachweise der _Seelenlosigkeit_ des Weibes aber vereinigt sich
der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu
ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat
gezeigt, daß die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten
lebt, daß das weibliche Geschlecht ein weniger _bewußtes_ Leben führt
als das männliche. Bewußtsein ist aber _ein_ erkenntnistheoretischer
und zugleich _der_ psychologische Fundamentalbegriff.
Erkenntnistheoretisches Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen
Ich, transcendentales Subjekt und Seele sind vertauschbare
Wechselbegriffe. Jedes Ich _ist_ nur in der Weise, daß es sich selbst
fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt wird; alles Sein ist
Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den Heniden eine
wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten Denkinhalte des
Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und geformten
weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren;
sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein _qualitativ
anderes_. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im
ersten Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits
zur _Begrifflichkeit_ angelegt, und vielleicht tendiert selbst _alle
Empfindung_ des Mannes von einem sehr frühen Stadium an _zum Begriffe_.
Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem
Wahrnehmen wie in seinem Denken.

Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome,
und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der
Identität Richtschnur, welches allein dem Begriff seine eindeutige
Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen sich nicht das principium
contradictionis zur Norm, das einzig ihn, als völlig selbständigen,
gegen alle anderen möglichen und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser
Mangel an begrifflicher Bestimmtheit alles weiblichen Denkens
ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die vagen Associationen
ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz fernliegende
Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem besten und
am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese Manier der
_Synästhesien_ nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein Wort
fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an
eine bestimmte Speise erinnert -- wie das wirklich bei Frauen oft
genug vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven
Association vollständig _zufrieden_, sie suchen weder zu ergründen,
warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich
durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie
weiter und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen
ins Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt
mit dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des
Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache
kommen und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert
werden soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen,
jener Verzicht auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes
_Sichwiegen_ ohne _Streben_ nach irgend einer Tiefe charakterisiert
den schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler als
einen eminent _weiblichen_. Männliches Denken scheidet sich von allem
weiblichen grundsätzlich durch das Bedürfnis nach sicheren Formen,
und so ist auch jede »Stimmungskunst« immer notwendig eine _formlose_
»Kunst«.

Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie
einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter«
Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen
zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen,
denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine
Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein _Tasten_,
kein _Ergreifen_ des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes
vornehmlich eine Art _Schmecken_ ist, bleibt auch _Geschmack_,
im _weitesten_ Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das
Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis
zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert
eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen, er geht auf den
Zusammenklang des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen
Teilen. Wenn eine Frau einen Mann »versteht« -- über Möglichkeit und
Unmöglichkeit solchen Verstehens wird noch zu handeln sein -- so
_schmeckt_ sie sozusagen -- so geschmacklos gerade dieser Ausdruck
sein mag -- _nach_, was er ihr _$vorgedacht$_ hat. Da es auf ihrer
Seite hiebei eben nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist
klar, daß an ein Verständnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden,
wo nur höchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden sind. Als
maßgebend für die _In_kongruenzen ist hiebei vor allem anzusehen, daß
die Denkinhalte des Mannes nicht auf derselben Linie, und nicht etwa
nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die des Weibes, sondern daß es
_zwei_ Reihen sind, welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken,
eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche weibliche, und
eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach _nicht nur_
zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem noch
chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt _derselben_ Reihe erfolgen
kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im
Verstehen zwischen Mann und Weib ein _begrifflicher_ Gedanke der einen
Reihe einem _unbegrifflichen_ »Gefühle«, einer »Henide«, in der anderen
gleichgesetzt wird.

Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine
geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn
erst der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum _Objekt_
um, er macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht.
Das Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen
abhängig: dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht
und hört schon nicht mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf,
und vergißt. Erst der _Begriff_ emanzipiert von der ewig subjektiven,
ewig psychologisch-relativen Tatsache des _Empfindens_, er schafft die
_Dinge_. Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt
selbsttätig ein Objekt _gegenüber_; und umgekehrt kann nur, wo eine
begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden,
nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle
ist nur ein Haufe ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die
ineinander ohne jede Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der
Begriff schafft also die frei in der Luft schwebenden _Impressionen
zu Gegenständen_ um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das
Subjekt gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt.
So ist der Begriff konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der
Gegenstand selbst nur so weit Realität besäße, als er Anteil hätte
an einer jenseits der Erfahrung in einem τόπος νοητός liegenden Idee
und nur eine unvollkommene Projektion, ein stets mißlungenes Abbild
dieser darstellte: sondern umgekehrt, _insofern sich auf irgend etwas
die begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, insofern
und nur insofern wird es zum realen Ding_. Der _Begriff_ ist das
»_transcendentale Objekt_« der _Kant_schen Vernunftkritik, als welches
aber stets nur einem _transcendentalen Subjekte_ korrespondiert. Denn
nur aus dem Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion,
die jenen _Kant_schen »Gegenstand X«, auf den alle _Erkenntnis_ sich
erst _richtet_, selbst _hervorbringt_, und die ja als identisch mit
den logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein
des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis
nämlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das
principium identitatis ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein
auf der Welt wäre. Ich kann nie von einem rohen Empfindungskomplexe
sagen, daß er sich selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das
Urteil der Identität auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich
geworden. So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und
allem Gedankengespinst seine _Würde_ und seine _Strenge_: _der Begriff
$befreit$ jeden Inhalt, indem er ihn $bindet$_. Und hier wird abermals
offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung ist, in der Logik wie in der
Ethik. Frei wird der Mensch allein, indem er selbst das Gesetz wird:
nur so entgeht er der Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und
durch andere, die unausbleiblich an jede Willkür geknüpft ist. Deshalb
ist auch die begriffliche Funktion eine _Selbstehrung_ des Menschen;
er ehrt _sich_, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es
verselbständigt, als den allgemeingültigen _Gegenstand der Erkenntnis_,
auf den rekurriert wird, wo immer zwei Männer über eine Sache streiten
mögen. -- Nur die Frau steht nie Dingen _gegenüber_, sie springt mit
ihnen und in ihnen mit sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte
keine Freiheit schenken, da sie selbst keine hat.

Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht
sowohl eine Loslösung vom _Subjekte_, als eine Loslösung von der
_Subjektivität_. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber _ich_
denke, schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich
nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und _dieser_
Glaube ist das Wesen des $Urteils$. Wenn die immanenten Psychologisten,
_Hume_, _Huxley_, _Mach_, _Avenarius_, sich mit dem _Begriff_ noch
so abzufinden suchten, daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung
identifizierten, und zwischen logischem und psychologischem Begriff
keine Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend,
daß sie das _Urteil_ einfach ignorieren, ja, tun müssen, als ob es
nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt aus, für _das allem
Empfindungsmonismus Fremde_, das im Urteils_akte_ enthalten ist,
keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil liegt Anerkennung
oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung bestimmter Dinge, und
der Maßstab dieser Billigung -- _die Idee der Wahrheit_ -- kann nicht
selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden.
Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den sind notwendig
alle Empfindungen _gleichwertig_, die Aussichten der einen nicht
größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu werden. So
vernichtet gerade der _Empirismus_ die Wirklichkeit der _Erfahrung_,
und entpuppt sich der _Positivismus_ trotz des »solid« und »reell«
klingenden Titels seiner Firma als der wahre _Nihilismus_ -- wie
so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein
schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines _Maßes_ der Erfahrung, der
_Wahrheitsgedanke_, kann nicht schon in der _Erfahrung_ gelegen sein.
_In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf Wahrheit_,
es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv
einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner
objektiven Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein
Urheber gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so
behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung für das, was
er sagt; und erklärt er, daß ihm diese Hoffnung fern gelegen sei, so
wird er mit Recht zu hören bekommen, daß er sich eines Mißbrauches der
Urteilsform schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, daß in der
urteilenden Funktion der Anspruch auf _Erkenntnis_, das heißt _auf die
Wahrheit des Geurteilten_, gelegen sei.

Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger,
als daß das Subjekt über das Objekt zu _urteilen_, über es _Richtiges_
auszusagen _vermöge_. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind
_Begriffe_: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff
stellte dem Subjekt ein Objekt _gegenüber_; _durch das Urteil wird
wiederum die Möglichkeit einer Verbindung_ und Verwandtschaft _zwischen
ihnen behauptet_. Denn die Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das
Subjekt über das Objekt auch richtig urteilen _könne_; _und so liegt
in der Urteilsfunktion der $Beweis$ eines Zusammenhanges zwischen
dem Ich und dem All_, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese
Einheit, und nichts anderes, nicht die _Übereinstimmung_, sondern die
_Identität_ von Sein und Denken ist _Wahrheit_; nie eine dem Menschen
als Menschen je erreichbare _Tatsache_[36], immer nur eine ewige
_Forderung_. So ist das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm
am allgemeinsten zu Grunde liegt, nur der trockene _logische Ausdruck
der Theorie von der Seele des Menschen als des Mikrokosmus_. Und die
viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl
dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität
vor dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen.
Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber
vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der
Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten,
und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch
die Sehnsucht des Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen.

Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so mangelt
ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit. Man
wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja doch
die Frauen genug _sprechen_ (wenigstens hat sich niemand über das
Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber
eben dieses letztere ist nicht richtig. Der _Lügner_ z. B., den man
gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld
führt, _urteilt gar nicht_ (es gibt eine »innere Urteilsform«[37]
wie eine »innere Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er
sagt, gar nicht den Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die
Lüge auch noch so allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine
eigene Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin
ist. Wer sich hingegen selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum
seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgründen, würde sich aber wohl
hüten, sie vor einem äußeren zu vertreten. Es kann also jemand die
äußere sprachliche Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner
inneren Bedingung gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist
aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten Richters
über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor diesem Richter mit
jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können. Man steht aber zur
Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein für alle Male,
und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen,
als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum ist
die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen
falsch, und wer _subjektiv verlogen_ ist, wie das von der Frau bereits
hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt
werden wird, der kann auch kein Interesse an der _objektiven_ Wahrheit
besitzen. Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit -- darum ist es
nicht _ernst_ -- darum nimmt es auch keinen Anteil an _Gedanken_. Es
gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber _Gedanken_ vermißt
man in allem, was weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering
ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht
einmal zu _borgen_ der Mühe wert finden.

Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag
es sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten
Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau
irgend etwas nicht _ganz_ Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen
selbständig geleistet hat (Sophie _Germain_, Mary _Somerville_ etc.),
dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu
kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez
la femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«.

Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der
Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur
Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem
in ihrer Stärke angemessen.

Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das
Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer.
Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und
wenn die Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen
sehr scharf und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer
selbst willen für einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer
einzusehen imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten)
Wünschen _entgegenkommt_, dort wird das Weib gänzlich unkritisch,
und verliert jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich
der feste Glaube so mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht
worden zu sein, daraus die ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen
des Tastsinnes beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem
Realitätscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung sich bilden
mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie
des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere
Wahrheit.

Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen _Urteil_
verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken
selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist
der Satz vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von
der Identität den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren.
Daß die Frau den Satz vom Grunde _nicht_ anerkennt, darauf wurde
schon hingewiesen. Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur
Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils
von einem logischen Erkenntnisgrunde abhängig macht, liegt der
Gedanke der _Einheitsfunktion_ unseres Denkens _mit Bezug_ auf die
Mannigfaltigkeit, und _trotz_ derselben; indes die drei anderen
logischen Axiome nur ein Ausdruck des _Seins_ der Einheit selbst ohne
Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum nicht
aufeinander zurückzuführen, _vielmehr ist darin, daß sie zweierlei
sind, der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der Welt, der
Existenz einer Vielheit neben der Einheit zu erblicken_. Jedenfalls
hatte _Leibniz_ recht, als er beide unterschied, und jede Theorie, die
dem Weibe die Logik abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs
(und der Identität), der sich auf den Begriff bezieht, sondern
ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht,
nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm sich nicht beuge. In der
intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt dieser Nachweis. Hat
einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht
weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem, _es denkt nicht
$nach$_. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen
geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit des
Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an _Problemen
litte_, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige nur von
den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann will
erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden.

Ein _psychologischer_ Beweis für die _Männlichkeit der Urteilsfunktion_
ist dieser, _daß das Urteilen vom Weibe als männlich empfunden wird,
und wie ein (tertiärer) Sexualcharakter anziehend auf es_ wirkt.
Die Frau _verlangt_ vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie
übernehme; für den _Zweifler_ im Manne geht ihr jegliches Verständnis,
welcher Art immer, ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann _rede_,
und die Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den
Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die der Rede
verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie
redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn
der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen.

So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den
Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der
begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer
entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht,
einem _Subjekt_ sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die
Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem
Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines
Subjektes aberkannt werden.

An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der
Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe
Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses
zur Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon
hier sich ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung
werden, daß hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein.
Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große
Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja
so täuschende Kopien der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl
von vielen stets höher als die der Männer wird gewertet werden. Ich
habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen _a_moralischem
und _anti_moralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von
ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral, und gar keine
Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede
sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen
Leben wohl bekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger
Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen
sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des
Weibes.

Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit
kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt
hat; sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat,
der in ein Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in
Frage stellte, als er fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen
verbrecherischen Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er
selbst, trotz aller Theorien von der »moral insanity«, daß er durch
seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben verwirkt hat;
denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, dessen Stolz und
Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht vermindert worden
wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen.

Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur
Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe,
die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen
behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte
Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf
alle Vorwürfe _schweigt_, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung
und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so
oder so zu handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt _von_
ihrem »Rechte«, ohne je _über_ sich zu Gericht gesessen zu sein. Der
Verbrecher geht zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie
sein Recht; er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem
Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt
auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee _hatte_, und nur an
seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will.
_Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen
sei durch die Strafe_[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von
der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn _sie nicht will_, kann
ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand
zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht,
um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt,
dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die
Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets
ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er
läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau
in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der
Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der
Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über
den Makel, mit dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine
scheinbare Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester)
wird später ebenfalls zeigen, daß _eine Frau stets nur zu zweien sich
sündhaft fühlt_.

Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich
behaupte, _daß sie vielmehr böse gar nie sein kann_; sie ist nur
amoralisch, _gemein_.

Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die
beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend
insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche
Mitgefühl haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den
meisten Anlaß gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die
höhere Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als
barmherzige Schwester. Ich erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn
nicht berührt, bin aber durch einen Einwand, der mir mündlich gemacht
wurde und dem voraussichtlich weitere folgen werden, hiezu gezwungen.

Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen
Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil
aus ihr folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie
mitansehen, er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben
würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer
Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese
gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten
Krämpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der
Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter
Pfleger. Der Mann würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit
einem Worte, er würde _helfen_ wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist
kein Platz für ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, und
für diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber völlig im Unrecht,
wenn man die Tätigkeit der Frauen auf diesem Ressort anders als vom
utilitaristischen Standpunkt schätzen zu können glaubt.

Dazu tritt noch, daß für die Frau das _Problem_ von Einsamkeit und
Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb
besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin),
weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit.
_Dem Manne wird Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem,
wenn auch oft nur eine von beiden zur Möglichkeit_. Die Frau verläßt
keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun müßte,
auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; _denn eine
Frau ist $nie$ einsam_, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit und
nicht die Furcht vor ihr. _Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein
ist, in einem Zustande der $Verschmolzenheit$ mit allen Menschen, die
sie kennt_: ein Beweis, daß sie keine Monade ist, denn alle Monaden
haben _Grenzen_. Die Frauen sind ihrer Natur nach unbegrenzt, aber
nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit denen der Welt
zusammenfallen; sondern sie _trennt_ nie etwas Wirkliches von der Natur
oder von den Menschen.[39]

Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus _Sexuelles_, und
dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in _körperlicher
Annäherung_ an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit,
es muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen
jenes harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und
Persönlichkeit gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des
Nebenmenschen durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben
zu können: so sehr fühlt sie sich mit ihm verbunden, als natürliches,
nicht als geistiges Wesen. Und wo die Sexualität erloschen ist, dort
fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib ist nie auch nur ein Funken
jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau
den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller
Verschmolzenheit war, _selbst_ wenn es auf ein gleichgeschlechtliches
Wesen sich bezog.

Das _verschmolzene_ Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten
führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der
Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit
und Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur
Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr
hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht,
wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter
Teil des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft.

Nur das Weib jammert so recht andere Menschen _an_, weint sie _an_
und _verlangt_ ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise
der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das
Mitleid der Fremden, um _mit diesen_ weinen und sich selbst so noch
mehr bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht
zu viel behauptet, daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets
_mit_weine mit anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch
es selbst sehr heftig gerührt wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine
eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst in eine
Reihe mit den anderen, _macht sich zum Objekt des Mitleidens anderer_,
und beginnt nun, tief ergriffen, _mit_ ihnen über sich, »die Arme«,
mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt sich der Mann vielleicht keiner
anderen Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu diesem
sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt, _in dem das Subjekt
tatsächlich Objekt wird_.

Das weibliche Mitleid, an das selbst _Schopenhauer_ geglaubt hat, ist
ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die
schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie
alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben
wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft
sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten
die unübersteigbaren _Grenzen_ jeder Individualität zum _Bewußtsein_
bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später
gehandelt werden; im _Mitleid_ aber, im echten männlichen Mitleiden,
liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht
geht wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch
äußerliche Umstände, _getrenntes_ Wesen bin. _Das männliche Mitleid ist
das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist
alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich._

Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe, das
ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls
erst später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden.
Wie man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die
gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage
betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als
der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht
einzusehen: man _ist_ entweder schamhaft oder man _ist_ es nicht,
und das ist keine Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken
regelmäßig spazieren schickt.

Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein Hinweis
darauf, _woher_ die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich
stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen)
liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut
völlig entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu
bedecken suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche
zwischen den körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle
Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die
nicht ohne Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf
diesen oder jenen Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt
bleibt. Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des
zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken
stets entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle
Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es peinlich und
unangenehm, sich die Sexualität seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen;
die Frau sucht sofort in Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen
auf, in denen eine zweite Frau stehen mag, sobald sie diese nur
kennen lernt; ja sie wertet die andere immer ausschließlich nach dem
»Verhältnis«.

Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die
Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der
im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich
schämt, dessen muß man sich _bewußt_ sein, und wie zur Bewußtheit,
so ist auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die
Frau, die nur sexuell ist, kann _asexuell zu sein scheinen, weil sie
die Sexualität selbst ist_, und hier nicht die Geschlechtlichkeit
körperlich und psychisch, räumlich und zeitlich sich _abhebt_ wie
beim Manne; die Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der
Schamhaftigkeit machen, _weil es bei ihr keine Scham zu verletzen
gibt_. Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es
haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit
wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das
vorhanden sein müßte, um ihr je zum _Bewußtsein_ zu bringen, daß sie
(objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden
könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich
etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes
Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache
des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen
wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der
Krinoline und dem Mieder.[40]

Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn
eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter
ihrem Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter
vorzustellen als ihren Körper. Ihr _Äußeres_, das ist das Ich der
Frauen. _Machs_ »Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen
Vorbemerkungen« stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen
Weibes dar. Wenn E. _Krause_ sagt, die Selbstanschauung Ich sei
ohne weiteres ausführbar, so ist das nicht so ganz lächerlich, wie
_Mach_ unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen gerade diese
»scherzhafte Illustration des philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in
den Büchern _Machs_ am besten gefallen zu haben scheint.

Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der Frauen.
Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des _Willens zum Wert_, und
ihre _objektive_ Äußerungsform, _Empfindlichkeit_, das Bedürfnis, die
Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen.
Was dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein
_Persönlichkeit_. Dieser höchste _Wert_, der nicht ein _Preis_ ist,
weil an seine Stelle, nach den Worten _Kant_ens, nicht »auch etwas
anderes als _Äquivalent_ gesetzt werden« kann, sondern der »über
allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die
_Würde_ des Mannes. Die Frauen haben, trotz _Schiller_, keine Würde
-- die _Dame_ wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen --
und ihre Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr höchster
Wert ist; das heißt, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung und
Anerkennung körperlicher Schönheit gehen. Die Eitelkeit von W
ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst dem
(männlich) schönsten Manne[41] _fremdes_ Behagen am eigenen Leibe:
eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei der
Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch
bei vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier
macht sich mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der
Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen,
und beweist wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein
kann. Anderseits also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper
bewundert oder vielmehr _begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt_
zu fühlen.

Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen
diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von
seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie
kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum.

Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere,
_die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen_. Und auch die
Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt.
Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden
hat; allein nämlich findet ein Weib sich _nie_ häßlich, sondern stets
nur _minderwertig_, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt,
welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es
gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn
es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne,
eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis
ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen.

Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie
fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, _des stets und
absolut positiv Bewerteten_, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines
_Eigenwertes_. Da sie keinen _Eigenwert_ für sich selbst und vor sich
selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch
Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor
Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf
der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat
darum Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet
sich nicht danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit
sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich
nur so und nicht anders werten. Wenn also die echte Frau, wie dies
ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos
stets nur so hoch einschätzt, wie den Mann, der sie gewählt hat; wenn
sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhält und eben darum
nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer tiefsten Wesenheit
nach auf die Ehe gestellt ist: _so kann sie eben keinen Wert an sich
selbst besitzen_, es _fehlt_ ihr _der Eigenwert der menschlichen
Persönlichkeit_. Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen Dingen
ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang
ihrer Loge im Theater, von ihren Kindern, vor allem aber von ihrem
Bewunderer, von ihrem Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit
der anderen immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am
tiefsten zu treffen und am sichersten zu demütigen weiß, das ist die
soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und die Titel, aber auch
die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen ihres Mannes; während
es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm selbst, zur höchsten
Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft,
und nicht _seinen Wert $an sich$ verteidigt_ gegen alle Angriffe auf
denselben.

Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis.
Während (ganz nach _Goethes_ bekanntem Rezept) W durch Nichtbeachtung
von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu
machen -- liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in dieser
Fähigkeit -- wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und unhöflich
behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so glücklich,
als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn
gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr
groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine
Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung
schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen Anspruch
auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von
freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der
ja doch immer etwas Sexualität steckt.

Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in
solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu
bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche
Anwendung zu geben: während _jedes Lächeln_ auf dem Munde eines
Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer
wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht
kümmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein
glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort
stehen läßt. Weshalb ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie
auch nur dem Manne in der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen
Glück hat als bei ihnen: denn _sie_ können _ihm_ keinen neuen Wert
geben und ihr Urteil dem aller anderen _entgegen_setzen. Beim echten
Manne verhält es sich gerade verkehrt.

Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin zum
Ausdruck, _daß_ es, und _wie_ es davon sprechen kann, daß es geliebt
wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er
damit beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und
weil er weiß, daß er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und
über nichts wird er denn so tief schweigen wie hierüber, auch wenn
er zu dem Mädchen selbst nicht in ein intimeres Verhältnis getreten
ist, so daß er fürchten müßte, sie durch hierauf bezügliche Äußerungen
bloßzustellen. Das Weib _rühmt_ sich dessen, daß es geliebt wird, es
prahlt damit vor anderen Frauen, um von diesen beneidet zu werden.
Die Frau empfindet die Neigung eines Menschen zu ihr nicht, wie der
Mann, als eine Schätzung ihres _wirklichen_ Wertes, als ein tieferes
_Verständnis_ für ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als
die _Verleihung_ eines Wertes, den sie sonst nicht hätte, als die Gabe
einer Existenz und einer Essenz, _die ihr hiemit erst_ wird, und mit
welcher sie vor anderen sich legitimiert.

_Daraus_ erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt
Problem gewordene _Gedächtnis_ der Frauen für _Komplimente_, selbst
wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente
nämlich _erhalten_ sie erst _Wert_, und _darum verlangen_ die Frauen
vom Manne, daß er »_galant_« sei. Die Galanterie ist die billigste Form
der Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet,
so schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung _nie_ vergißt,
und bis ins späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man
erinnert sich nur an das, was für den Menschen einen Wert besitzt;
und wenn dem so ist, mag man erwägen, _was_ es besagt, daß die Frauen
gerade für Komplimente das ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind
etwas, das den Frauen Wert nur darum verleihen kann, weil diese keinen
urwüchsigen Maßstab des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich
fühlen, der alles verschmäht außer sich selbst. Und so liefert selbst
das Phänomen der Courtoisie, der »Ritterlichkeit«, den Beweis, daß
die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß der Mann gerade dann, wenn
er gegen das Weib galant ist, ihm am wenigsten Seele, am wenigsten
_Eigenwert_ zuschreibt, und es am tiefsten _gerade dort mißachtet und
herabwürdigt_, wo es selbst _am höchsten sich gehoben_ fühlt. -- --

Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort
entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn
dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder
daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge
der eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen
glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann
täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie
für die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich
das Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben
und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. _Wer sich
der Lüge erinnert, wirft sie sich auch vor._ Daß das Weib sich seine
Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer _nie
wirklich bewußt wird_ -- hat es doch kein Verhältnis zur sittlichen
Idee -- und sie _vergißt_. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie
_leugnet_. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht
_problematisch_ wird, törichterweise für _unschuldig_, ja man hält sie
für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch
gar nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes
kann kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines --
und die gibt es nicht.

Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches -- auf
eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher
Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden -- ebenso wie das
Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich
vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles,
werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung
zur Sprache kommen. _Das Subjekt der Selbstbeobachtung nämlich ist
identisch mit dem moralisierenden: es faßt die psychischen Phänomene
nur auf, indem es sie einschätzt._

Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des
Positivismus, wenn _Auguste Comte_ die Selbstbeobachtung für in sich
widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität«
nennt. Es ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf
kaum einer besonderen Hervorhebung, daß nicht zu _gleicher_ Zeit ein
psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben
dasein könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (_Jodl_) knüpft
sich die Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art
Nachbild, das vollzogen wird. Aber innerhalb lauter _gleichwertiger
Phänomene_ könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder
verneint werden, wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was
hier alle Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den
Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist
das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart,
das jene »Einheit des Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche
Gedächtnis erst schafft, welches der Frau abgeht. Denn nicht das
Gedächtnis, wie _Mill_, oder die Kontinuität, wie _Mach_ vermutet,
bringen den Glauben an ein Ich hervor, das außer diesen keine Existenz
habe, sondern gerade umgekehrt wird Gedächtnis und Kontinuität, wie
Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus dem Werte des Ich heraus
erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, nichts der
Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42]

Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle
Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das _Bedürfnis_ nach
_Selbstachtung_, so könnte es nicht _neidisch_ sein. Wahrscheinlich
sind alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche
nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der
Mütter, wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen,
ist ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid,
einen völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der
_Gerechtigkeit_, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das
Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im
theoretischen Wahrheitswerte selbst.

Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist _die_
absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen
_unsozial_; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den
Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe
darauf vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit
hat die Frau keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer
keinen Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen.
Die Familie endlich ist geradezu _das_ unsoziale, und keineswegs
ein soziales Gebilde; Männer, die heiraten, ziehen sich damit schon
auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als Mitglieder und
Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich geschrieben, bevor
die wertvollen ethnologischen Forschungen von _Heinrich Schurtz_
veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen Materiales dartun,
daß in den _Männerbünden_ und nicht in der Familie die Anfänge der
Gesellschaftsbildung zu suchen seien.

_Pascal_ hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen nur
gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich
selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz
zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit
zur Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre
Ungeselligkeit behauptet.

Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum,
bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel
entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe
_ohne Not_) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl
Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum.
Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle
überführt werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei
ihnen vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken
sieht man hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche,
die begütert genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt
ihnen eine größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen
gehört, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht
man den Zusammenhang zwischen Individualität und Sozialität deutlich
hervorleuchten: wie man selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde
Persönlichkeit aufzufassen, so muß der Sinn auf Erwerbung eigenen
Besitzes gerichtet sein, wenn fremde Habe nicht berührt werden soll.

Inniger noch als das Eigentum ist der _Name_ und ein herzliches
_Verhältnis_ zu ihrem Namen mit jeder _Persönlichkeit_ notwendig
gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern
muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die
Frauen sind nämlich durch _gar kein_ Band mit ihrem Namen verknüpft.
_Beweisend_ hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben
und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der
Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten Namen
nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes
annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes
gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum
der Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß
speziell jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon
vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der _ihm_
gefällt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit
großem Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade
darüber sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen
müssen, es läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste
Pietät dafür zu verraten, daß _sie_ ehemals so hieß. Im allgemeinen
wird vielmehr die eigene Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso
_gefordert_, wie der neue Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon
der Neuheit wegen, _erwartet_. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol
der Individualität; nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde,
wie bei den Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben,
weil das natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander
nicht so weit reicht. Das Weib, das im Grund _namenlos_ ist[43], ist
dies, weil es, seiner Idee nach, keine _Persönlichkeit_ besitzt.

Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, welche zu
machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam geworden
ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt
und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit auch
nur ahnt, _so wird sie sofort eine ganz andere_. Ihre Miene, ihre
Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet
ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich
an ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb
schamlose, halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur
darüber noch im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses
Lächeln, oder mehr schamlos lächelt über ihr Erröten.

Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber -- hierin liegt eine
unendlich tiefe, bleibende Einsicht _Schopenhauers_ -- identisch mit
dem freien _Willen_ oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich
insofern, als dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt
den Frauen das Ich, so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer
keinen eigenen Willen, keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt,
schon durch die bloße Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht
_beeinflußbar_, wie das Weib es ist, in funktioneller _Abhängigkeit_
von dieser, statt in freier _Auffassung_ derselben. _Sie_ ist das
beste Medium, $M$ ihr bester Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist
unerfindlich, warum die Frauen gerade als Ärztinnen besonders viel
taugen sollen; da doch einsichtigere Mediziner selbst zugeben, daß der
Hauptteil dessen, was sie bis heute -- und so wird es wohl bleiben --
zu leisten vermögen, in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken
besteht.

Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als
M. Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in
einer nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie
leicht wird nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen
Mitleids darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«!
Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht
fällt sie nicht dem dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie
nicht sofort jedes Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!

Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen.
Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den
Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als
Katholik _oder_ als Protestant vor der Taufe _auf die Welt kommt_,
kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den
Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier
wäre ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu
ziehen, dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. -- --

So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos
ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit
und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. _Dieses
Resultat ist aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender
Wichtigkeit._ Es besagt nicht weniger, als _daß die Psychologie von M
und die Psychologie von W getrennt zu behandeln sind. Für W scheint
eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M
muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes
in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte._

Die _Hume_sche (und _Mach_sche) Ansicht, nach welcher es nur
»~impressions~« und »~thoughts~« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und
die heute allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie
geführt hat, erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich
unter dem Bilde eines Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen
sei; sie macht nicht nur alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos,
grundlos; sie vernichtet nicht nur die Möglichkeit, einen festen
Standpunkt für das Denken zu gewinnen, sie zerstört nicht nur den
Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren Philosophie sie
einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die Hauptschuld an dem Elend
der heutigen Psychologie.

Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »_Psychologie ohne
Seele_«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach dem
vielüberschätzten Friedrich Albert _Lange_. Diese Untersuchung glaubt
gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen
Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den
Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an
den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie
ist eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die
vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich,
nicht zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt;
denn hier am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des
Ich nötigt, und wie die Konfusion von männlichem und weiblichem
Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine
Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der Faktor angesehen werden darf,
der am weitesten in die Irre geführt hat, wenn er auch (ja gerade
_weil_ er) gar nicht _bewußt_ zur Geltung gebracht worden ist.

Freilich erhebt sich nun die Frage, _ist von M überhaupt Psychologie
$als Wissenschaft$ möglich? Und hierauf ist vorderhand mit Nein zu
antworten._ Ich muß wohl darauf gefaßt sein, an die Untersuchungen der
Experimentatoren verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen
Experimentalrausch nüchterner geblieben ist, wird vielleicht verwundert
fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber die experimentelle
Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß über die tieferen
Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand
an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn an eine
systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen
denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre _Methode_, außen
anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, verfehlt; und darum
hat sie auch nicht _eine_ Aufklärung über den tieferen innerlichen
Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die psychophysische
Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der
psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin besteht,
daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr Übergehen
ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle _unstetig_
und darum _nicht differenzierbar_ geraten müßten. Mit der Stetigkeit
ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des
unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens
klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der
wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren
Schöpfer erschöpfen könnten.

Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im Wesen
aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr
endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, _jedem
Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu deduzieren_.
Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge
eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen mehr, als
einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen
Wertes, Achtung schuldig: _im Augenblick, wo ich völlig deduziert,
völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen $Wert$ verloren_,
und wäre eben _seelenlos_. Mit der _Freiheit_ des _Wollens_ wie des
_Denkens_ (denn diese muß man zu jener hinzufügen) ist die Annahme der
durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie
ihr Geschäft beginnt. Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie
_Kant_ und _Schopenhauer_, der mußte die Möglichkeit der Psychologie
als Wissenschaft leugnen; wer an die Psychologie glaubte, für den
konnte die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmöglichkeit mehr
bleiben: so wenig für _Hume_ als für _Herbart_ (die zwei Begründer der
modernen Psychologie).

Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen
Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den
_Willen_ aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten
Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich
ganz recht darin, daß der Wille kein _empirisches_ Faktum ist. Der
Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil
er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist.
Versuche einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente
zu beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. _Im
Entschlusse liegt_ (wie in der Aufmerksamkeit) _das ganze ungeteilte
Ich_, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um den Willen
wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das _Denken_ ein Faktum,
das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie
treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere
Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität
hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und
Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt
vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten.
Ebenso ist's mit dem _Begriff_. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch
gibt es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch _Wundts_
Gegner vollständig im Rechte damit, daß die _Apperzeption_ kein
empirisch-psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer
Akt ist. Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer -- nur die
allerflachsten Gesellen können Assoziationspsychologen sein -- und es
ist auch sicherlich begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen
und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine
Tatsache der Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff.
Wenn trotzdem alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht
hinauszubringen, und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt
es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles
psychische Leben erst möglich mache, oder nicht.

Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen
Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr _Kant_ recht hatte, als
er nur eine _transcendentale Apperzeption_ gelten ließ. Will man aber
hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die
unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren
Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird _methodisch_ zu einem
Annex der Physiologie und Biologie, wie bei _Avenarius_, dessen feiner
Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen
Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der
Weiterführung gefolgt sind.

Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen,
die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen,
und keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu
bieten, daß ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe
einer ist, desto langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien.
Denn sie steifen sich samt und sonders darauf, die Einheit, die
alles psychische Geschehen erst begründet, bis zum Schluß zu
ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch durch einen letzten
Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der Entwicklung einer
harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene _Einheit_, die allein
die wahre _Unendlichkeit_ ist, wollte man aus einer größeren oder
geringeren _Zahl_ von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie
als Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung
_aus_ der Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen
und ewig erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus
und Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe
und bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der
Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie
preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle
Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt
hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen
hier aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. _So negiert die
Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre
von ihr: die Psyche negiert die Psychologie._

Diese Darstellung hat sich für die _Psyche_ und gegen die lächerliche
und jämmerliche _seelenlose Psychologie_ entschieden. Ja, es bleibt ihr
fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft,
die Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens
aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt
verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen
Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die
Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch
ein solches Ende den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein
verlachte und verlästerte Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen
müssen.

Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie
ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an _Kant_ die,
daß die transcendentale _Idee_ der Psyche von Anfang an als Führer
beim Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu
dienen habe, durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens
zum Bedingten«. Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes
Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500-1500
Seiten) hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip,
das aller wahrhaft psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen,
Einzelforschung vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst
jede Darstellung des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert,
liebevoll und verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend
ein großes schwarzes Loch aufweist.

Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht
haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht
und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit
und Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu
analysieren, den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil
sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des
Laugenhaften. Oder wie wollen _Mach_ und _Hume_ auch nur die Tatsache
des _Stiles_ erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter:
die Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein
Mensch vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder
ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem _Doppelgänger_ (von der
bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch«
abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in
den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört
eben alle rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist
_Tiefe_ vonnöten. Denn wie könnte man _diese_ Dinge zurückführen
auf ein früheres Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels
an Sicherung durch die Zivilisation, woraus _Mach_ die Furcht der
kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklären zu können
glaubt! Ich habe übrigens dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die
»Immanenten« und »naiven Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in
ihnen Dinge gibt, von denen .....

Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit einverstanden,
wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer u. s. w.
_einreiht_? Wenn man ihn, mit einem Worte, _subsumiert_? Auch Ernst
_Mach_ ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere
liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie
sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte,
das Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen
habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der _Einzigartigkeit_
des Zusammentreffens der »_Elemente_« in einem Menschen, es sei nur
beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl,
genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst
wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz
anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es
sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine
positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist.
Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer
solchen Aussage _auch_ eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen
Menschen fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung
beabsichtige. Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich
selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre,
wie _Cyrano von Bergerac_ von den tollsten Sticheleien bekennt:

    »Je me les sers moi-même, avec assez de verve,
    Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.«

Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen haben?
Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer
Individualität, die dabei zu kurz kommt. _Dieses Widerstreben ist das
Urbild aller Empörung._

Es geht endlich auch nicht recht an, einen _Pascal_, einen _Newton_
einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge
beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »_wir_«
längst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen
Bahnen und empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel
höher als jene Zeit? Ist _Kultur_, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich
nach dem Stande der Wissenschaft, die immer nur einen _sozialen_, nie
einen _individuellen, nicht-demonstrierbaren_ Charakter hat, nach der
Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn
etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem _im_ Menschen?

Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen _Euler_, gewiß
einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was
_er_, im Augenblick, da _er_ einen Brief schreibe, tue, das würde _er_
genau so tun wie wenn _er_ im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich
will die Äußerung _Eulers_ auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist
vielleicht charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie
nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die
Mühe zu seinem Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach
lustig zu machen und _Euler_ mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu
entschuldigen, das scheint mir keineswegs gerechtfertigt.

Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie _ohne_
den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob _mit_ diesem eine im
_Windelband_schen Sinne nomothetische Psychologie, d. h. psychologische
Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der
Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die
Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen
zu können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann
werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum
Bewußtsein kommen.

Daß _im Manne_ für alle Psychologie ein Ineffabile, ein Unauflösliches
bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß _regelrechte Fälle von
»duplex« oder »multiplex personality«, Verdoppelung oder Vervielfachung
des Ich, $nur bei Frauen$ beobachtet worden sind. Das absolute Weib
ist zerlegbar_: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch durch die beste
Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn durchs
Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung mehr
zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.

Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne Gymnasiasten
(als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von Frauenherzen
und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes etc. reden
zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines gesuchten
Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube.
Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer
Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein
Schwindel ist. _Das Weib als die Sphinx! Ein ärgerer Unsinn ist kaum
je gesagt worden. Der Mann ist unendlich rätselhafter, unvergleichlich
komplizierter._ Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum
ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald klar würde. Das
Register des Weibes an Gefühlen, an Stimmungen ist so unendlich arm!
Während gar manches männliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt.

Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage: Parallelismus
oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und Körperlichem? nähergeführt.
Für W trifft der psychophysische Parallelismus, als vollständige
Koordination beider Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau
erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im
Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird.
Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist
die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur
in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am allerwenigsten
endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen etwas
wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger Entfaltung
zeigt, beim Genie.

Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten
Parallelisten waren, _Spinoza_ und _Fechner_, auch die strengsten
Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich
für Gut oder für Böse _nach seinem Willen_ entscheiden kann, ist der
psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge
Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen.

So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der
Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt.
Es erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche
Schwierigkeit in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die
faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu
entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der
Darstellung auch die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der
Frau fordern, das seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem
geworden zu sein scheint.

Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen Denkens
gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde darauf
hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste
logische _Urteile_ zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein
_Sexualcharakter_ des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß
eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des männlichen
Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den Mann,
der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von
sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur
das sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften
voll und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne
Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung
berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht.
So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen
ist, in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren
von Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige
sein: der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus
ist, der sich den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren
sucht, wird allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung
kaum ein zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes
zu führen als daraus, _daß die Frauen vom Manne Seele verlangen_,
und Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut
sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem
anderen Zwecke beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde
Schnurrbartspitze. Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen,
an der Sache ist nichts zu ändern. -- Die allerstärkste Wirkung endlich
übt auf die Frau der männliche _Wille_. Und sie hat einen merkwürdig
feinen Sinn dafür, ob das »Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und
Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle
ist der Effekt ein ganz ungeheuerer.

_Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich seelenlos ist, Seele
beim Manne perzipieren, wie seine Moralität beurteilen, da sie selbst
amoralisch ist, wie seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person
Charakter zu haben, wie seinen Willen spüren, obgleich sie doch eigenen
Willen nicht besitzt?_

Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem
die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird.

Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen
Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt
werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu
erschüttern.



X. Kapitel.

Mutterschaft und Prostitution.


Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird erhoben
werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für
_alle_ Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe
doch auch andere ...

Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen
der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren
Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von
einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber
oft durch das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur
Unmerklichkeit zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen
in gleicher Weise zu behaupten. Es sind _mehrere_ Einteilungen der
Frauen möglich, und es gibt _verschiedene_ Frauencharaktere; wenn
auch das Wort Charakter hier nur im empirischen Verstande angewendet
werden darf. Alle Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige,
zu Amphibolien oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen
interessanten Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel);
doch ist beim Manne der Charakter stets _auch_ in die Sphäre des
Intelligiblen getaucht, und dort mächtig verankert; hieraus wird
denn die früher (S. 104) gerügte Vermischung der Seelenlehre mit der
Charakterologie, und die Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder
eher begreiflich. Die charakterologischen Unterschiede unter den
Frauen senden ihre Wurzeln nie so tief in den Urboden hinab, daß sie
in die Entwicklung einer Individualität einzugehen vermöchten; und es
gibt vielleicht gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe
des Lebens, unter dem Einfluß des männlichen Willens, in der Frau
modifiziert, zurückgedrängt, ja vernichtet werden könnte.

Was es unter ganz _gleich männlichen_ oder ganz _gleich weiblichen_
Individuen _noch_ für Unterschiede geben möge, diese Frage hatte
ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil
mit der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip
der sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als _ein_
Leitfaden unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete:
sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen
Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte,
störend gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen
charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur
Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen.

Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen
Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht
ohne Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt,
und ich glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und
bisher nur solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen
gleich weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt.
Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen
Darlegungen vornehmlich _einen_ Typus unter den Frauen entgegenhalten
wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier _ein_ Gegensatzpaar
aus der Fülle herauszugreifen.

Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe,
wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert
also eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff
nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib
diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil
nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur
so die Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben
können.

_Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus ist die Dirne._ Die
Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich ebensowenig
_deduzieren_, wie daß Mann und Weib einander entgegengesetzt sind;
wie man dies nur _sieht_ und nicht beweist, so muß man auch jenes
_erschaut_ haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten,
um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. Auf
jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme ich noch zu sprechen;
einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von zwei Typen,
einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen etwas in sich
tragend: _diese Typen sind die Mutter und die Dirne_.

Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer
populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt,
das Weib sei sowohl _Mutter_ als _Geliebte_. Den Sinn und Nutzen
dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der
Qualität der Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der
Mutterschaft notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde
charakterologische Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der
Begriff »Geliebte« über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird?
Fügt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz
äußerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag sowohl die Mutter als
die Dirne. Höchstens könnte man mit der »Geliebten« eine Gruppe von
Frauen haben umschreiben wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen
den hier bezeichneten Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von
Mutter und Dirne; oder man hält es einer ausdrücklichen Feststellung
für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in einem anderen
Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst, und Geliebte eben sei,
insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden sich hingibt. Aber
damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie Prostituierte,
gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der Begriff der
Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus, das
geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche
Stadium im Leben _einer_ und _derselben_ Frau andeuten, an welches sich
später als zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der
Geliebten doch nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird
jene Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch
etwas Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine
Frau geboren hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht,
wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung.

Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt
sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der
größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer
nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle
überhaupt steril ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche
Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den
sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst
solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht
günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen
lassen. Man stoße sich also nicht an der Verwendung des Begriffes der
Dirne, der ja erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren
Umfange als einem, der bloß auf feile Weiber sich erstreckt. Überdies
könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein
Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in
dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Manne.

Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der
Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche
ein, notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes
Phänomen, wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen,
aus der Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle
Anklagen gegen die heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche
Machthaber in ihrem ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen
die Möglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf
das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle
Gründe habe, und zu seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution
verlange. Oder soll doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht
bloß bei ärmlichen Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen
zuweilen sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes
Flanieren auf der Straße versteckten Liebschaften vorziehen -- denn
zur _richtigen_ Prostitution _gehört_ die _Gasse_ --; daß viele
Stellen in Geschäftsläden, in der Buchhaltung, im Post-, Telegraphen-
und Telephondienste, wo immer eine rein schablonenmäßige Tätigkeit
beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen vergeben werden, weil W viel
weniger differenziert und eben darum bedürfnisloser ist als M, der
Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, daß
man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch schlechter
bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge Dirne, weil sie
teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche Kleidung zu tragen
und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr schwer ihr Auskommen.
Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die
häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie geehelicht werden,
wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die Prostituierten
sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer angeborenen
Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen oft _immun_,
denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich hat die
Prostitution _immer_ bestanden und ist mit den Errungenschaften der
kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte
sogar zu den _religiösen_ Institutionen gewisser Völker des Altertums,
z. B. der Phönizier.

Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden,
wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich
ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen
mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas
gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur
des menschlichen Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht
werden. Dem echten Manne, den materiell noch öfter ein widriges
Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet als das Weib,
ist gleichwohl die Prostitution fremd, und männliche Prostituierte
(unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind immer vorgerückte sexuelle
Zwischenformen. Demnach ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum
ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von
der Geburt an vorhanden.

Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei
mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken
vielleicht in den meisten Frauen _beide_ Möglichkeiten, sowohl die
Mutter als die Dirne; nur die Jungfrau -- man entschuldige; ich weiß,
es ist rücksichtslos gegen die _Männer_ -- nur die Jungfrau, die gibt
es nicht. Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der
Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine
Person imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein
einmaliges _Anblicken_. _Schopenhauer_ bemerkt, der Mensch müsse sein
Dasein streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und
seine Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig.
Die Geburt eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick
verlegt werden, wo _eine Frau $ihn$_, den Vater ihres Kindes, _zum
ersten Male erblickt oder auch nur seine Stimme hört_. Die biologische
und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie
verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse
von _Johannes Müller_, Th. _Bischoff_ und Ch. _Darwin_, der Frage des
»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend.
Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht
werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch
vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil
es mit der Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei
das neue Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen,
und die Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als
schlechterdings unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob
sie in erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung
verfügen könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In
einer apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz
ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die
Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (_Kant_).
Wenn ich hier _für_ das Versehen eintreten und in seiner Leugnung
eine Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet
haben, daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr
großer Teil derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur
auf die Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den
Koitus mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so
wie sicherlich, wenn _Schopenhauer_ und _Goethe_ in der Farbenlehre
_einer_ Meinung sind, sie schon darum _a priori_ gegen alle Physiker
der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben dürften,
ebenso wird etwas, das für _Ibsen_ (»Frau vom Meer«) und _Goethe_
(»Wahlverwandtschaften«) _Wahrheit_ ist, noch nicht _falsch_ durch das
Gutachten sämtlicher medizinischer Fakultäten der Welt.

Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau erwartet
werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn es nicht
aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau
sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche
Fälle nur sehr _selten_ sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit
eines Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen
Einwand gegen die _prinzipielle Möglichkeit_ solcher Tatsachen bilden,
wie sie _Goethe_ und _Ibsen_ dargestellt haben.

_Ob_ aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße
Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache.
_Insofern_ ist für _viele_ Mütter und Prostituierte wohl die
_Denkbarkeit_ zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten
können. Aber anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in
welchen auch ohne diesen Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt,
sondern es kommen ebenso zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann
_auftritt_, und doch auch _sein_ Erscheinen die schließliche,
endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag.

Es bleibt demnach nichts übrig, als _zwei_ angeborene, entgegengesetzte
Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen in
verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute Mutter und die
absolute Dirne. _Zwischen_ beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt
sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das
leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen
erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich
verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft
und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und
diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so
wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber
existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich
ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne
viel öfter gefunden zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit,
hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt.

Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und
oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die
Erreichung des _Kindes_ der Hauptzweck des Lebens der _Mutter_ ist,
indessen bei der absoluten _Dirne_ dieser Zweck für die Begattung
gänzlich in Wegfall gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung
wird also vor allem _zwei_ Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen,
wie sich Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer
jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus.

Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren
Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der
absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am
sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie
beneidet wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung
im geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, _sondern sich
vollständig mit ihr identifiziert_ und des Verehrers ihrer Tochter sich
so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu
nennen.

Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter
durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit
eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen
Kinder sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig
wählerisch sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen,
der sie halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten
genehm ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen,
Mutter geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen
anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind,
Kinder ein Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um
durch Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles
zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib,
das _allen_ Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine
absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die _Spur_
dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur
auf einen Mann der Welt verzichtet.

Hier nimmt man übrigens eine _formale Ähnlichkeit_ zwischen der
absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. _Beide_ sind
eigentlich in Bezug auf die _Individualität_ des sexuellen Komplementes
_anspruchslos_. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum
Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das
Kind hat: _nur aus diesem Grunde ist sie »monogam« zu nennen_. Die
andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum erotischen Genusse
verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren sich also die
beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick auf das Wesen
des Weibes _überhaupt_ von da aus gewinnen zu können.

In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt
habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das _Weib_ monogam
und der _Mann_ polygam sei. _Das Umgekehrte_ ist der Fall. Man darf
sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann
abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu
schenken in der Lage ist -- den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten
unter Allen«. Dieses Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches
Wert überhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie
der Mann), noch durch einen anderen, vor einem anderen (wie das Weib)
zu gewinnen trachtet. Aber nur von Dummköpfen konnte es im rühmenden
Sinne hervorgehoben werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die
Frau alles _Eigenwertes_ entbehrt. Dieses Bedürfnis nun verlangt
allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der
sittliche _Gedanke_ der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu
spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er _kann schenken_, er _will_
auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib, als Beschenkter
finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert zu
verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt,
der ihr den _meisten_ Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne,
ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die
Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn
es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie
ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der
_Treue_ (die Kontinuität, ein intelligibles _Ich_ voraussetzt). Man
wird zwar oft das Weib treuer nennen hören als den Mann; die Treue des
Mannes ist nämlich für ihn ein _Zwang_, den er sich, allerdings im
_freien_ Willen und mit vollem _Bewußtsein_, auferlegt hat. Er wird an
diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber dies stets als sein
Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen. Wenn er die Ehe bricht, so
hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte kommen lassen. Für die
Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke
der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und
des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne
nie untreu geworden wäre, _ohne_ daß es aber darum dies auch schon
sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter
Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes
Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen
hat. Jenes Motiv, das einem _Vertrage_ Treue wahren heißt, kann nur
beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes
fehlt der Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue
anführt, beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung
eines intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (_Penelope_)
oder dieses Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll
instinktiver zäher Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen
Nähe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (_Das Käthchen von
Heilbronn_).

Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im
Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten
unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets
nur eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem
Plane der _Ein-Ehe_ unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme
derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse
Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe«
nicht Partei ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen
vom strengsten Sittengesetz -- und eine solche Abweichung liegt in
jeder empirischen Ehe -- sind _völlig_ befriedigende Problemlösungen
nie mehr möglich: _zugleich_ mit der Ehe ist der Ehe_bruch_ auf die
Welt gekommen.

_Trotzdem_ kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein
Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles _Recht_ rührt vom Manne, und
nur viele _Sitte_ vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt,
das Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht
hervorgehen zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). _Ordnung_ in
wirre sexuelle Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung,
nach _Regel_, nach Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen)
nur der Mann -- donna è mobile -- das Bedürfnis und die Kraft besessen
haben. Und es scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben
zu haben, da die Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß
nehmen durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des
_Matriarchats_ ist die Zeit der _Vielmännerei_. --

Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist
reich an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist,
wird auch in ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und
stets in einem sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib
ganz mütterlich ist, läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter
Rest sexueller Wirkung von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht.
Darum bezeichnete ich früher das Verhältnis zur Tochter als den
zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits
auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den Blicken
beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. In der ersten
Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei manchen
selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im wachen
Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes, deren
Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber
auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein
tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen
die Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so
unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß
sich unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von
den Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus
Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können.
Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des
Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung
während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene
Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es
begreiflich erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der
Laktation pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des
Mannes schon auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes
ist aber eine durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau
Dirne ist, desto weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto
schlechter wird sie es können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das
Verhältnis Mutter--Kind an sich bereits ein dem Verhältnis Weib--Mann
verwandtes ist.

Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und
den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine
Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen
Kinde gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem
Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für
das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im
Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht.
Am interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens
zum Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem
Manne gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später
Vater ihres Kindes wird, Mütter; _er $ist$ selbst schon in gewissem
Sinne ihr Kind_. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47]
offenbart sich uns das tiefste Wesen _dieses_ Weibestypus: es ist
der fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden,
das nie endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der
einzelne _Mann_ als Individuum _ab_hebt und dem gegenüber er seiner
Vergänglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger
bewußt, welcher den Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon
als Mädchen, in einer gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das
schwangere Weib zu einer großen Idee macht (_Zola_). Die ungeheuere
_Sicherheit_ der Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem
_Schweigen_ dieser Geschöpfe, vor dem sich der Mann für Augenblicke
sogar klein fühlen kann. Ein gewisser Friede, eine große Ruhe mag
in solchen Minuten über ihn kommen, ein Schweigen aller höheren
und tieferen Sehnsucht, und er mag so für Momente wirklich wähnen,
den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch das Weib gefunden zu
haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann ebenfalls zum _Kinde_
(_Siegfried_ bei _Brünnhilde_, dritter Akt); zum Kinde, das die Mutter
lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel _weiß_, dem sie Pflege
angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur auf Sekunden
(Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann ausmacht,
ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie
erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung
seines tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der
Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste
Kapitel, in dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen
Literatur, in der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod
und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«,
wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche
Unsterblichkeit hingestellt ist.

Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und
unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen
Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische
Mut, der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit
des innerlich Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung,
welche durch die Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den
Mann schützt. Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch
vom Gegensatz Hoffnung -- Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht
der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und in
jeder Beziehung »in der Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich
ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne
eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten ein individuelles
Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen -- ein Beweis mehr, wie falsch es
ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer bloß auf die Furcht vor
dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen zurückzuführen.

Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich
als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der
Generationen wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem
jedes Schiff neu ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf
hoher See. Die Mutter ist, im höchsten Alter noch, immer bereit, das
Kind zu empfangen und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes
lag psychisch, wie sich zeigen wird, für die Mutter dieses Moment,
in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und der Nahrung
ganz deutlich zu Tage. Dieses Überlegenheitsverhältnis kommt auch
vor dem Geliebten zum Vorschein: die Mutter hat Verständnis für das
Naive und Kindliche, für die _Einfalt_ im Manne, die Hetäre für seine
Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedürfnis, ihr
Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte;
die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann _imponiere_, sie will ihm
selbst erst alles _verdanken_. Die Mutter als Vertreterin des Genus,
das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen
alle Mitglieder der Gattung (_selbst jede Tochter ist in diesem Sinne
noch die Mutter ihres Vaters_); erst wenn die Interessen der engeren
Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in einem
außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und
nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann.

_Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; die Prostituierte steht
außerhalb desselben._ Ja die Gattung hat eigentlich nur diesen einen
Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt
nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die Erscheinung der Dirne
den Beweis dafür liefert, daß _Schopenhauers_ Lehre, es handle sich in
aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der künftigen Generation,
unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der Mutter nur auf das Leben
ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, daß mütterliche
Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Härte beweisen. Man muß
beobachtet haben, mit welcher unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen
von der Verdienstlichkeit ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein
Huhn nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft
ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter
aller anderen Geschöpfe.

Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang
der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges
Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur _Nahrung_ dient. Sie kann es
nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei
es auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die
Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten
an Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise
»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich,
die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die _Erhaltung der
Gattung_ ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich
eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch
nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit.
Damit hängt ihr Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt,
zusammen. _Ceres_ ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem
griechischen Namen _Demeter_ deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die
Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis
zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein
körperliches: vom Küssen und Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden
und einwickelnden Sorge für den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft
bare Entzücken über jedwede Lebensäußerung des kleinen Säuglings
ist nicht anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der
Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.

Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft
sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob
er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz
anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht
er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre! _Hier_ liegt der springende
Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen
Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen.
Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig,
ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: _und dies ist eben das
Unsittliche an ihr_. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder
Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf
ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen
Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles,
was die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames
Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß
gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe
eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein
Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein
Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich
ist der Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter
zu haben glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt
dies von den Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte
meist fahrlässig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie
kein Verhältnis zum fremden _Ich_ ist, sondern ein _Verwachsensein_
von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen
andere, eine _Grenzüberschreitung_. Es gibt ein ethisches Verhältnis
nur _von Individualität zu Individualität_. Die Mutterliebe schaltet
die Individualität _aus_, indem sie _wahllos_ und _zudringlich_ ist.
_Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System
von reflexartigen Verbindungen zwischen diesem und jener._ Schreit
oder weint das Kleine, während die Mutter im Nebenzimmer sitzt,
plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm
hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine
Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt sich jeder
Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich mit, sie
werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über, und
werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. _Eine nie unterbrochene
Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur
mit ihr verbunden war_: das ist das Wesen der Mutterschaft, und
ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht
einstimmen, sondern muß gerade das an ihr verwerflich finden, was an
ihr so oft gepriesen wird: ihre Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß
von vielen hervorragenderen Denkern und Künstlern dies wohl erkannt
und nur verschwiegen worden ist; die früher so verbreitete große
Überschätzung _Rafaels_ ist gewichen, und sonst stehen die Sänger der
Mutterliebe eben doch nicht höher als _Fischart_ oder als _Richepin_.
Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft: auch die Tiere kennen sie
nicht weniger als die Menschen. Damit allein wäre aber schon bewiesen,
daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß dieser Altruismus
keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral stammt von jenem
intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien tierischen
Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von einem
vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern
nur bewußte Sittlichkeit.

Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie
nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen
Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt,
diesen Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung
_über_ die Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt
die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter,
die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder
Aufsicht von Küche und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast
immer intellektuell sehr tief. Die geistig höchstentwickelten Frauen,
alles, was dem Manne irgendwie _Muse_ wird, gehört in die Kategorie
der Prostituierten: zu diesem, dem _Aspasien-Typus_, sind die Frauen
der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste unter ihnen,
_Karoline Michaelis-Böhmer-Forster-Schlegel-Schelling_.

Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter
sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität
haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder beschränkt, von dem
ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau, die Mutter,
erwählen wird vor der anderen. _Bedeutende Menschen haben stets nur
Prostituierte geliebt_[50]; ihre Wahl fällt auf das sterile Weib,
wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so stets eine
lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen -- was vielleicht
einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich
ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie
sich später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie
stellt in jeder Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines
Kindes ist, dessen ist kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist
doch immer kurz und vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der
Menschheit ist schließlich zu Grunde gegangen und erloschen.

Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige
Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den
alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist
nach alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe
an ihr festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede
Frau erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir
die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr
imponiert.

Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe.
Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so
viel liegt, als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal
zu entsprechen, das, wie sich zeigen wird, stets erst der Mann aus
einem gewissen Bedürfnis an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit
ursprünglich fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso
wie der männersüchtigen Dirne.

Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die,
an und für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung
über die Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen
des Mannes und dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale
nie gefügt, sondern stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in
passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration
als Gassendirne, _widersetzt_ hat. _Hieraus allein_ erklärt sich die
Sonderposition, die Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu
außer Recht und Gesetz, welche die Prostituierte heute fast überall
einnimmt. Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des
Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben der
Gattung ankam.

Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz
und gar[51], wenn sie auch dafür -- im extremen Falle -- mit dem
Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig
wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt
auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie
wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur
Vielmännerei veranlagt, und immer mehr Männer anziehend als bloß den
einen Gründer einer Familie, ihren Trieben Lauf lassend und sie wie im
Trotze befriedigend, fühlt sie sich als Herrscherin, und die tiefste
Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht habe. Die Mutter ist
leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte kann niemand
verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als Hüterin des
Genus, der Familie eine gewisse _Ehre_, die Prostituierte hat auf alle
soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den
Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte
sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar
nicht anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur
an sie denken, _für sie leben_. Und tatsächlich ist sie es auch --
sie, das Weib als Dame -- welche die meiste Macht unter den Menschen
besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem
Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis
zum Staat) geregelt ist.

Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem
Gebiet. Wie dieser, wie _Alexander_ und _Napoleon_, wird die ganz
große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal
geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch
die ganze Welt.

Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur
Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie _Volkstribun_, und
im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die
Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten
verlegen, während es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer
ist. Wie der große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem sie
spricht, zu _beglücken_ -- man beobachte ein solches Weib, wenn es
einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, wenn es in ein Geschäft
tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen darin angestellt sind,
gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt
sie Gaben _auszuteilen_ nach allen Seiten hin. Man wird in jedem
geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen,
alle Menschen haben _beiden_ gegenüber -- man denke, sogar der
selbstbewußte _Goethe_ in seinem Verhalten zu _Napoleon_ in Erfurt --
tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, _beschenkt_ worden zu sein
(_Pandora-Mythus_; _Geburt der Venus_: die aus dem Meer aufsteigt und
bereits darbietend um sich blickt).

Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe,
nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt.
Selbst ein so tiefer Mensch wie _Carlyle_ hat sie hochgewertet, ja »the
hero as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde
schon an jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich
darf jetzt weiter darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und
Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die größten nicht, _Caesar_,
_Cromwell_, _Napoleon_, _Bismarck_; wie _Alexander der Große_ sogar zum
Mörder wurde und sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich
bereitwillig ausreden ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit
Genialität; _Napoleon_ hat auf St. Helena von Lüge gesättigte, von
Sentimentalität triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort
war noch die altruistische Pose, daß er stets nur Frankreich geliebt
habe. _Napoleon_, die größte Erscheinung unter allen, zeigt auch
am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«, Verbrecher, und
demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders verstehen als
aus der _ungeheuren Intensität, mit der er sich selbst floh_: nur
so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu erklären. Über
sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte
er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen sollten:
darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte, größere
als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle Gegenstimmen in
sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines besseren Selbst, das
war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere, der bedeutende
Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder nach dem
Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das Bestreben, alle Dinge in
der Welt mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, sie von sich
abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu
einer unendlichen Pyramide zu _häufen_. Der große Mensch hat _Grenzen_,
denn _er_ ist die Monade der Monaden, und -- dies ist eben jene letzte
Tatsache -- gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, _pantogen_, er hat
die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle, bei der
ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er
bedarf darum zwar der _Erlebnisse_, aber keiner _Induktion_; der große
Tribun und die große Hetäre sind _die_ absolut _grenzenlosen_ Menschen,
welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres _empirischen_
Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft
unfähig, lieblos, liebeleer.

Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne erobern
wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der
wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt
er sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum
Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht
nur ein Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist
nicht nur großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er
ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert
nicht nur, er ist auch eine große Prostituierte. Es gibt keinen
Politiker, keinen Feldherrn, der nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege
sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte! _Auch zum richtigen Tribun
gehört die Gasse._ Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu
konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen;
mit den anderen, den Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug
ist, oder heuchelt sie zu schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn
er so gerieben ist wie _Napoleon_. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat
dieser denn auch am feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht
alles Beliebige unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst
wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, _Ideale_ realisieren
wollte: er würde gar bald von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines
Besseren belehrt werden. Alle »Willensersparnis« hat nur für den
_formalen_ Akt der _Initiative_ Geltung; _frei_ ist das Wollen des
Machtgierigen nicht.

Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt
sich jeder Imperator hingewiesen, _darum_ sind alle ausnahmslos
ganz instinktiv _für_ die Constituante, für die Volks- oder
Heeresversammlung, für das allgemeinste Wahlrecht (_Bismarck_ 1866).
Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das
sind die Gestalten, in denen der echte Politiker erscheint. Ambitio
heißt eigentlich Herumgehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte.
Napoleon hat in Paris nach _Emerson_ »inkognito in den Straßen auf die
Hurras und Lobsprüche des Pöbels gelauscht«. Von _Wallenstein_ heißt es
bei _Schiller_ ganz ähnlich.

Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz
Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische
Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität,
welche hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der
Erscheinung begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. _Antonius_
(_Caesar_) und _Kleopatra_ -- die beiden sind einander gar nicht
unähnlich. Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst
ganz fiktiv erscheinen, und doch däucht mich das Bestehen einer
engen Analogie über allen Zweifel erhaben, so heterogen beide den
ersten Anblick berühren mögen. Wie der »große Mann der Tat« auf ein
_Innenleben verzichtet_, um sich gänzlich in der Welt, hier paßt das
Wort, _auszuleben_, und zugrundezugehen wie alles _Aus_gelebte, statt
zu bestehen wie alles _Ein_gelebte, wie er seinen ganzen _Wert_ mit
kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn _weghält_, so schmeißt
die große Prostituierte der Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie
als Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um in sich zu gehen
und ein beschauliches Leben zu führen, sondern um ihrem sinnlichen
Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte
und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzündet weithin
leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen,
wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne ein
Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit -- indessen die Mutter
und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide, Dirne und
Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische Phänomene
empfunden.

Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom
Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch« ausgeschlossen
wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das philosophische, sondern
auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten der
begrifflichen oder darstellenden _Erkenntnis_ über alles _Praktische_.

Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer
Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen:
sie ist in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung.
Viel rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution.
Für jeden, der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich
Augenblicke gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt
hat. Worauf es hier aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene
Verhältnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist
hoffentlich gering, daß jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt
mit dem Thema der Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten
könnte. Es ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenständen
Würde erteilen muß. Auch die Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf
gewählt haben -- mir sind _Zolas_ »Confession de Claude«, _Hortense_,
_Renée_ und _Nana_, _Tolstois_ »Auferstehung«, _Ibsens_ _Hedda Gabler_
und _Rita_, schließlich die _Sonja_ eines der größten Geister, des
_Dostojewskij_ bekannt geworden -- wollten nie wirklich singuläre
Fälle, sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber muß
auch eine Theorie möglich sein.

Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt
insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, _als ihr der Koitus
Selbstzweck wird_. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere
Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns
allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die
letztere ohne den Koitus erreicht wird (_Parthenogenesis_). Aber
andererseits sehen wir bei den Tieren noch überall die _Begattung_ dem
Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends
ist uns der Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation _ausschließlich_ der
Lust wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten,
den Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das
Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um _ihren_ Zweck der
Erhaltung der Gattung zu erreichen.

Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß
für die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie
»sexuell-anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet,
obwohl solche Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt,
indem sicherlich an der ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt,
der durch seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen;
die übrigen Fälle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen.
Frigidität kann sowohl bei der Mutter als bei der Dirne auftreten; sie
wird später unter den hysterischen Phänomenen eine Erklärung finden.
Ebensowenig darf man die Prostituierte für sexuell unempfindlich
halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes Kontingent, das im ganzen
und großen nur von der bäuerischen Bevölkerung, den Dienstmädchen
u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte
Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht haben mögen. Weil
das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich gefallen
lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es nicht etwa
als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt kalt
zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten
Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen,
die sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft
mit dem Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen.

Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus
ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, _kokett_ ist. Die Koketterie
ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die
Eroberung der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn _durch
den Kontrast_ mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs
zeigt, zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine
Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig
wechselnder Form zeigt und ihm _gleichzeitig_ zu verstehen gibt, daß
er nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei
leistet das Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es
ihren Zweck, den Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem
Sinne erfüllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft,
fühlt die Dirne schon ein den Sensationen des Koitiert-Werdens
Analoges und verschafft sich so den Reiz der Wollust zu jeder Zeit
und von jedem Manne. Ob sie hierin bis zum äußersten Ende gehen oder
sich zurückziehen werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten
Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon ab, ob die Form des wirklichen
Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr gegenwärtiger Mann sie
schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht _mehr_ erwartet.
Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht kokett ist, kommt
vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen, welche das Ziel
der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der massivsten Form
ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren prickelnden
Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein Mittel,
den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen,
die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder
abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar,
dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder
bloß Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm
kitzelnd betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu
lassen.[53]

_Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen
als wie sie das Weib sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in
höchster Intensifikation; das $ganze$ Sein des Weibes offenbart sich
im Koitus, aufs höchste $potenziert$._ Darum kommen hier auch die
Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur Geltung. Die
Mutter empfindet den Koitus nicht _weniger_, sondern _anders_ als die
Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend,
die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den Genuß. Die Mutter
empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als _Depositum_: bereits im
Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens und
Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des Lebens. Die Dirne hingegen
will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt erhöht und gesteigert
fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; _sie will vielmehr im Koitus
als Realität verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos
werden vor Wollust_. Für die Mutter ist der Koitus der _Anfang $einer
Reihe$_; die Dirne will in ihm ihr _Ende_, sie will _vergehen_ in ihm.
Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der
der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will
sie in diesen Moment _konzentriert, zusammengedrängt_ wissen. Weil
dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen
Leben _nie_ befriedigt, von allen Männern der Welt nicht.

Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider.
Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus
sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt
und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß _dichter_ ist als
an anderen, fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von
was es auch sei, ausnahmslos _koitiert_. Das, was man gewöhnlich als
Koitus bezeichnet, ist nur ein _Spezialfall_ von höchster Intensität.
Die Dirne will _von allem koitiert werden_ -- darum kokettiert sie
auch, wenn sie _allein_ ist, _und selbst vor leblosen Gegenständen_,
vor jedem Bach, vor jedem Baum -- die Mutter wird von allen Dingen,
fortwährend und am ganzen Leibe, _geschwängert_. _Dies ist die
Erklärung des Versehens._ Alles, was auf eine Mutter je Eindruck
gemacht hat, wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes -- der zur
Konzeption führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse
und überwiegt an Einfluß alle anderen -- _all das wird Vater ihres
Kindes_, es wird _Anfang einer Entwicklung_, deren Resultat sich später
am Kinde zeigt.

Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie muß
stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und
das _natürliche, physische_ Recht das _Mutterrecht_. Weiße Frauen,
die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft
einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der
Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt
werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen
Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie
ehedem affiziert wurden. Und die Stute des _Lord Morton_ ist ja berühmt
geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren
hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf,
welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen.

Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten
viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber
damit sich diese »_Infektion_«, wie man ihn nennt (_Weismann_ hat
den ausgezeichneten Namen _Telegonie_, d. i. _Zeugung in die Ferne_,
vorgeschlagen, _Focke_ von Gastgeschenken, _Xenien_ gesprochen),
damit sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung
sämtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe
geschlechtliche Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter
erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering,
daß ein Paar sich finde, in welchem jene Affinität derart mächtig
ist, daß sie die mangelnde Rassenverwandtschaft überwindet; und
doch besteht nur, wenn Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine
Aussicht auf augenfällige, allgemein überzeugende Divergenzen;
indessen bei sehr naher Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt,
unzweideutige Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch
unter dem Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit
festzustellen. Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion
sich gewehrt hat, nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen
nicht in ein System zu bringen wußte.

Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen.
Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur
eben ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man
eingesehen, daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der
wirksamste Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die
Frau durch einen _Blick_, durch ein _Wort_ sich bereits _besessen_
fühlen kann, es wäre der Widerspruch gegen das Versehen wie gegen
die Telegonie so laut nicht geworden. Ein Wesen, das überall und
von allen Dingen _koitiert_ wird, kann auch überall und von allen
Dingen _befruchtet_ werden: _die Mutter ist empfänglich überhaupt. In
ihr gewinnt alles Leben_, denn alles macht auf sie physiologischen
Eindruck und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie
wirklich, in ihrer niederen körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius
vergleichbar.

Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so
ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während
die Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des
Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von
ihm fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die
Arbeitsamkeit des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft
und Zeit des Mannes _für sich_ in Anspruch zu nehmen. Aber nicht
nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann
zu mißbrauchen: auch in jedem Mann verlangt etwas nach dieser Frau,
das an Seite der schlichteren, stets geschäftigen, geschmacklos
gekleideten, aller geistigen Elégance baren Mutter keine Befriedigung
findet. Etwas in ihm _sucht_ den Genuß, und beim _Freudenmädchen_
vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des
leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die
Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung und
großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergnügungslokal,
nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und Konzert, nach immer
neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Händen
hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach Lärm statt nach
Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und Enkelinnen,
sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des schönen Körpers
durch die Welt.

Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die
Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das
unkeusche Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche
»Don Juan«, sie ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria
kennt, lehrt und hütet.

Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge
zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der
Idee willen, _sondern weil sie die Bejaherin des Erdenlebens ist_. Wie
sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets
von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt scheint, so hat sie
auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht von dieser zum
Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am stärksten der
Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit abgewandten
Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein
Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen,
die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der Schule
nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil
heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »_Solide_« reizt
die Mutter, das »_Unsolide_« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt
den kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in
der gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser
allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden
Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am
meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der _Zuhälter_
ist immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger,
wenn nicht Mörder zugleich.

Dies legt nun, so wenig das Weib selbst _anti_moralisch genannt werden
darf -- es ist immer nur amoralisch -- den Gedanken nahe, daß die
Prostitution in irgend einer tiefen _Beziehung_ zum _Anti_moralischen
stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält.
Nicht als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des
männlichen Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie
dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen
die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden:
die Frauen stehen nicht so hoch. Aber _in einer Relation_ zum
Antimoralischen, zum Bösen wird die Prostituierte unleugbar vom Manne
empfunden, selbst wenn dieser nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr
getreten ist; so daß man nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines
eigenen Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. Der
Mann erlebt die Prostitution von vornherein als ein Dunkles, Nächtiges,
Schauervolles, Unheimliches, ihr Eindruck lastet schwerer, qualvoller
auf seiner Brust als der, welchen die Mutter auf ihn hervorbringt.
Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre zum großen Verbrecher,
d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum
moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhältertum; jenes Gefühl,
das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die sie in betreff
seiner hat -- all das vereinigt sich dazu, jene Ansicht zu bekräftigen.
_Wie die Mutter ein lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein
lebensfeindliches Prinzip._ Aber wie die Bejahung der Mutter nicht
auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die
Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf
Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet
und zerstört. _Physisches Leben und physischer Tod, beide im Koitus so
geheimnisvoll tief zusammenhängend_ (vgl. das nächste Kapitel), _sie
verteilen sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte_.

Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach
der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum
gegeben werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer
noch betretenes Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus
in seiner religiösen Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen,
dem Philosophen sind metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht
anzuraten. Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung.
Die antimoralische Bedeutung des Phänomens der Prostitution stimmt
damit überein, daß sie ausschließlich auf den Menschen beschränkt
ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus der Fortpflanzung
untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man könnte sogar
daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen prostituieren,
wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des
Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden Auerhahn. Aber
diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere sind bloße
_exhibitionistische_ Akte des Männchens; wie es auch unter den Menschen
vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen entblößen
als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte
vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die
psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht
wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung
gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften _Ausdruck_
des _eigenen_ sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim
Weibe zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau _mit_ und _in_
der sexuellen Erregung; während bei exhibitionierenden _Menschen_
wohl stets die Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes
mitspielt[54].

Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein Auftretendes;
Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht irgendwie
dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die Mutterschaft.
_Hier liegt also eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und
Ursprüngen des $Menschen$ verborgen._ Und nun ist insofern an dem
früheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, je länger
ich über sie nachdenke, desto mehr die Prostitution eine _Möglichkeit
für $alle$ Frauen zu sein scheint, ebenso wie die, ja bloß physische,
Mutterschaft_. Sie ist vielleicht etwas, wovon _jedes_ menschliche Weib
durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55],
ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften
entspricht, um die der menschliche Mann mehr ist als das tierische
Männchen. Zu der bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem
Antimoralischen im Manne zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige
Beziehungen zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche
Weib vom tierischen gänzlich und von Grund aus unterscheidet. Welche
Bedeutung das Weib gerade als _Dirne_ für den Mann in _besonderem_
Maße gewinnen konnte, davon soll erst gegen den Schluß der gesamten
Untersuchung die Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der
Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht für immer ein tiefes Rätsel
und in völliges Dunkel gehüllt.

Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht
erschöpfenden, durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden
Betrachtung alles andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal
aufzustellen, wie es manche begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit
kaum verhüllt entwickelt zu haben scheinen. Aber dem anderen, dem
scheinbar unsinnlichen Mädchen _mußte_ ich den Nimbus rauben, mit dem
es jeder Mann so gerne umgeben möchte, durch die Erkenntnis, daß gerade
dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und die Virginität ihm, seinem
Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe
konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches
Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfängnis endlich,
der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die Wahrheit, daß die
absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der Lust willen,
herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine Illusion.
Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als der
Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse,
religiöse Verehrung gezollt wurde.

Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen
besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit
des Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die
Erforschung der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die
Frau immer und ewig werden verklären lassen.



XI. Kapitel.

Erotik und Ästhetik.


Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder zu
begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende
Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen
Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu
begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund
zur Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden
begeben werde. Das Schicksal _Schopenhauers_ gibt zu denken, dessen
niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu
werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich
in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren _Byron_ vergaffte:
als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am
wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen
gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand
einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der
Haß ist nie über sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung
eines Menschen als eines Hassers dessen, worüber er aburteilt,
ihn stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit,
Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr zu ersetzen
suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. So verfehlt diese
Art der Antwort nie ihren _Zweck_, von allem Eingehen auf die Frage
zu entheben. Sie ist die geschickteste und treffsicherste Waffe jener
ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich über das Weib _nie
klar werden $will$_. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer
theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners
zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu brauchen. Ich
will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem sachlichen
Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der Wahrheit
sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen zu
erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen
existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren
folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß
die andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die
Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der
erste wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines,
zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu
strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die
Augen rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er
sie auch sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen
so widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er,
sich selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen.
Deshalb soll jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen
Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger
darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner
Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie
weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat.

Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht werden,
gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem _erotischen_ Verhältnisse
hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses Verhältnis ist
von dem nur _sexuellen_, mit welchem bei den Tieren die Beziehungen
der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den Menschen dem
Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, _ein prinzipiell durchaus
Verschiedenes_. Es ist vollkommen verfehlt, daß Sexualität und Erotik,
Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein und dasselbe seien,
die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung, Umnebelung, »Sublimation«
des ersten; obwohl hierauf wohl alle Mediziner schwören, ja selbst
Geister wie _Kant_ und _Schopenhauer_ nichts anderes geglaubt haben.
Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen Trennung eingehe, will
ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu bemerken nicht
unterlassen. _Kantens_ Meinung kann aus dem Grunde nicht maßgebend
sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb nur in so
geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein Mensch außer
ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das Bedürfnis hatte
zu _reisen_. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage
als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der _er_ sich
gerächt hat, war die Metaphysik. Und was _Schopenhauer_ anlangt, so hat
dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines für
sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne
Schwierigkeit ableiten. _Schopenhauers_ Gesicht zeigt wenig Güte und
viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst
gelitten haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst
sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich
ihr Mitleiden am meisten verübeln: _Kant_ und _Nietzsche_). Aber _nur_
zum _Mitleiden_ stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier
hingewiesen werden darf, einer heftigen _Erotik_ fähig; solche, die
»an nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen
dies nicht satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich
sehr hoch stehen, ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch
gerade denkt oder was in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein
übersexuelles Verhältnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei
_Schopenhauer_. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender
Mensch, er hat aber nie geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit
seiner berühmten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren
wichtigste Lehre es ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller _Liebe_
nichts weiter sei als »die Zusammensetzung der nächsten Generation«.

Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, _falsch_. Zwar eine
Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es _in der Erfahrung_
nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer _auch_
Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische
Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich
-- nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze -- _feindlich_
gegen alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus
drängen, _ja sie als ihre eigene Negation selbst empfindet_. Liebe und
Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende,
ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch
wirklich _liebt_, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem
geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt,
die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und
Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es
sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein
Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und
umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei
wäre, so darf man darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens
_entgegengesetzte_ Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch
successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist,
der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden
sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine
Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht.

Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus
grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei
folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der
körperlichen Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der
geliebten Person, sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz,
um am Leben zu bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht
erreichen konnten, daß wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem
_Vergessen_ nichts fruchtete, da kann eine zufällige, unbeabsichtigte
körperliche Berührung mit der Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen
und es vermögen, die Liebe auf der Stelle zu töten. Und für den höher
differenzierten, den bedeutenden Menschen haben das Mädchen, das er
begehrt, und das Mädchen, das er nur lieben, aber nie begehren könnte,
sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt, einen verschiedenen
Gang, eine verschiedene Charakteranlage: _es sind zwei gänzlich
verschiedene Wesen_.

Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der
Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: _es gibt
nur »platonische« $Liebe$_. Denn was sonst noch Liebe genannt wird,
gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe
zur Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die
babylonische Hure da.

_Kantens_ Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies
haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose
Liebe, die Liebe _Platons_ und _Brunos_, wäre eine _transcendentale
Idee_, deren Bedeutung als _Idee_ dadurch nicht berührt würde, daß
keine Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese.

Es ist das Problem des »_Tannhäuser_«. Hie Tannhäuser, hie Wolfram; hie
Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich wirklich
auf ewig gefunden hat -- Tristan und Isolde -- in den Tod geht statt
ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's
drum, Metaphysischen _im_ Menschen, wie das Märtyrertum eines _Giordano
Bruno_.

    »Dir, hohe Liebe, töne
    Begeistert mein Gesang,
    Die mir in Engelschöne
    Tief in die Seele drang!
    Du nahst als Gottgesandte:
    Ich folg' aus holder Fern', --
    So führst du in die Lande,
    Wo ewig strahlt dein Stern.«

       *       *       *       *       *

Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier
geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen
Wert verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen
Werte? Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit
dieser Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine
Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.

Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche
Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als
_das schöne_ schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst
im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden
wird.

Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist.
Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder
als Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte
Weib kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil
der Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht,
welche für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber
auch abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den
Eindruck von etwas Unfertigem, noch nach etwas _außer_ sich Strebenden,
und dieser ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist
im einzelnen schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es
unvermeidlich das Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem
Beschauer eher Unlust als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des
Insichzwecklosen, des einen Zweck _außer sich_ habenden, am aufrecht
_stehenden_ nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es
naturgemäß gemildert. Die künstlerische Darstellung des nackten Weibes
hat dies wohl empfunden; und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder
schwebend gebildet ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern
stets mit Rücksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße
mit der Hand zu bedecken suchen konnte.

Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn
es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus
seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in
Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht
hätte, daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener
Detumescenztrieb ist, wenn _Schopenhauers_ Behauptung haltbar wäre:
»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige
Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb
umnebelte männliche Intellekt: _in diesem Triebe nämlich steckt seine
ganze Schönheit_« -- -- so müßte das weibliche Genitale am heftigsten
geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten gefunden
werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten Jahre
zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für
die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst
eine Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die
Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie
überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten,
daß kein Mann speziell das weibliche _Genitale_ schön, vielmehr ein
jeder es _häßlich_ findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen
Körperteil des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden,
jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr _angenehm_, nie aber
_schön_ finden. Die Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt
des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt.
Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen,
haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß
sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den
vagen Formen ihrer Körperlichkeit.

Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des weiblichen
Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als _ganzen_,
kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das Schamgefühl
im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer Tage hat
es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der Tatsache
der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen weibliche
Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet wurde.
Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr
gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er
begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft,
ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die
Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente
überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive
Maximum an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre
etwa so, wie wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre
die _Idee_ der schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede.
Beide sind nie verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt
keine Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die
Frauen doch eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an
Liebesbeteuerungen glauben.

_In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem
der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich
gefunden wird._ Es ist hier _nicht_ wie in der _Logik_: das Wahre
der Maßstab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schöpfer; _nicht_
wie in der _Ethik_: das Gute das Kriterium für das Sollen, der Wert
des Guten ausgestattet mit dem _Anspruch_, den Willen zum Guten zu
lenken; _sondern hier, in der Ästhetik, wird die Schönheit erst
von der Liebe geschaffen_; es besteht keinerlei innerer Normzwang,
das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den
Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur _darum_ gibt
es keinen überindividuellen, allein »richtigen« Geschmack.) _Alle
Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des
Liebesbedürfnisses_; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein
von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich
richtet, sondern _die Schönheit des Weibes $ist$ die Liebe des Mannes_,
beide sind nicht _zweierlei_, sondern _eine und dieselbe Tatsache_.
Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben. Und auch
darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu
tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese selbe
Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares,
mit anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe
geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der
Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet
dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand
mehr der Schönheit wegen angebetet.

Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der _zweiten_ Frage: Was ist
die Unschuld, was die Moralität des Weibes?

Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird
hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal
angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und
Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je
von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die
sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten,
in den Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich
aufraffen, auch stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso
werden nun auch Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer
einer Liebe plötzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und
diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter
ihrem Hemde nicht unflätig aussehen. Schreiten wir zum Geistigen
vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen Liebe mit Selbstanklagen,
Kasteiungs- und Sühnungsversuchen beginnt. Eine moralische Einkehr
fängt an, von der Geliebten scheint auch eine innere Läuterung
auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie
nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. _Dieser_ Prozeß kann also
unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund haben: die
Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu
oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr
überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist
es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der
Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren
Bewegung nur als _Ausgangspunkt_?

In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine
Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und
Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen
wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz
sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von
allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit. In
seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen vermengt mit
den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als reines,
strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag,
er findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er
sucht, in weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so
dringend, ersehnt er nichts so heiß als ganz und gar _er selbst_ und
nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel,
erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrückter Festigkeit auf dem
Grunde des eigenen Wesens, _und darum muß er es draußen denken_, um
so ihm leichter nacheifern zu können. _Er projiziert sein Ideal eines
absolut wertvollen Wesens_ auf ein anderes menschliches Wesen, und
das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen _liebt_. Nur
wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses
Aktes fähig: darum kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe
das höchste, stets unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als
wäre es irgendwo in der Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der
Idee vorhanden; nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und
so gleichzeitig eben der Tatsache Ausdruck gibt, daß im Liebenden
selbst das Ideal der Erfüllung noch so ferne ist: nur darum kann mit
der Liebe zugleich das _Streben_ nach Läuterung neu erwachen, ein
Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster geistiger Natur ist und
somit keine körperliche Verunreinigung durch _räumliche_ Annäherung an
die Geliebte duldet; darum ist Liebe die höchste und stärkste Äußerung
des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in nichts auf der Welt
das eigentliche Wesen des _Menschen_ zum Vorschein, das zwischen Geist
und Körper, zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gebannt ist, an
der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. _Der Mensch ist in jeder Weise
erst dann ganz er selbst, wenn er liebt._[56] So erklärt sich's,
daß viele Menschen erst als Liebende an das eigene Ich und an das
fremde Du zu glauben beginnen, die, wie sich längst zeigte, nicht nur
grammatikalische, sondern auch ethische Wechselbegriffe sind; so ist
die große Rolle verständlich, welche in jedem Liebesverhältnis die
_Namen_ der beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele
Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis
erhalten, und nicht früher von der Überzeugung durchdrungen werden, daß
sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende zwar die Geliebte um
keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte, aber sie doch aus
der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer -- seiner -- Existenz
zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist, nun,
da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des
Positivismus, Auguste _Comte_, selbst das Beispiel gegeben hat, durch
die Umwälzung seines ganzen Denkens, als er _Clotilde de Vaux_ kennen
lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es
psychologisch ein Amo ergo sum.

So ist die Liebe ein _Projektionsphänomen_ gleich dem Haß, kein
_Äquationsphänomen_ gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist
gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein _Setzen der
Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit_. Alles, was man selbst sein
möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum Träger
aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste
Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den
Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch
Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil
in einem »so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er
bedenkt nicht, daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil
er es noch liebt: denn sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen
Innerem und Äußerem nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche _Gassendirne_
scheint deshalb _nie_ schön, weil es hier von vornherein unmöglich
ist, eine Projektion von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz
gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte des
unsittlichsten Mannes, des Zuhälters. Hier liegt eine dem Moralischen
_entgegengesetzte Beziehung offensichtlich_ zutage; das Weib im
allgemeinen ist aber nur indifferent gegen alles Ethische, es ist
amoralisch, und kann darum, anders als der antimoralische Verbrecher,
den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich
häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine Grundlage
abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, _sträubt_ sich nichts in
ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die
Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, _aber
diese Sittlichkeit ist selbst die des Mannes_, die er, in höchster
Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat.

Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten
_Verkörperungsversuch des höchsten Wertes_ darstellt, darum ist vor
allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede
Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der
Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die
Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele
Versuche von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren.
_Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung._
Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht
dynamisch, darum hebt jede _Änderung_ im Verhalten zu ihr sie schon
auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die
Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit.
So wird die Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer
wahrnimmt, weil eben _die Ethik erst die Natur schafft_. So erklärt
sich's, daß die Natur immer und überall, in der größten und kleinsten
ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch
das Naturgesetz nur ein sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die
Naturschönheit der sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik
die verwirklichte Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann
schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des
Alls, aus dem Chaos die Formenfülle im Universum; und wie es keine
Naturschönheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst
ohne Form, keine Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn
die Naturschönheit zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht
als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene
Harmonie, deren Urbild über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die
Natur, die der Künstler seine ewige Lehrmeisterin nennt, _sie ist
nur die von ihm selbst geschaffene Norm seines Schaffens_, nicht in
begrifflicher Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit.
So sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik
die _verwirklichte_ Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst
die _konforme Abbildung_ der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf
das Reich der Notwendigkeit, und darum das _Sollen_ aller Musiker ein
mathematisches. _Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur
die Kunst._

Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine Ausführung
und Weiterbildung der tiefen Gedanken _Kant_ens und _Schellings_ (und
des von ihnen beeinflußten _Schiller_) über die Kunst sind, kehre ich
zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht nun fest, daß
der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die »_Introjektion_« der
_Seele_ des _Mannes_ in das _Weib_, und die schöne äußere Erscheinung
des Weibes _eine und dieselbe Tatsache_ sind, die letztere nur der
sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber eine Umkehrung
des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer »schönen
Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach _Shaftesbury_ und
_Herbart_ die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit _Sokrates_
und _Antisthenes_ τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man
darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist,
in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle
Ästhetik doch ein _Geschöpf_ der Ethik bleibt. Jeder _einzelne_ und
zeitlich _begrenzte_ dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach
illusorisch, denn er täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor.
Darum ist alle Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum
Weibe es sich gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden.
Die Idee der Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich,
wenn auch alles Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine
Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten
Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll
sich nicht verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach
ihm zu überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung
beruht, so _kann_ es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber
alle Liebe _klammert_ sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste
Versuch, dort Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum
unendlichen Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in
Form der Liebe zur unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen
(Pantheismus), könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen,
wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum
Weibe, ist schon ein Abfall von der Idee, eine _Schuld_.

_Warum_ der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon
enthalten. So wie aller _Haß_ nur üble Eigenschaften, die man selbst
besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto
abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden
wurde, um die bösen Triebe _im_ Menschen _außer_ ihm darzustellen, und
ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die
Liebe nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern,
das er als Gedanken _in_ sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos
ist. Beides, Haß und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt
man sich vor, daß man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst
hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es
sich zu gestehen, daß man das Böse aus sich selbst auszujäten habe,
und daß es nirgend anders als im eigenen Herzen niste. Man konstruiert
_den_ Bösen, um sich die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an
den Kopf geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich:
weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes darstellt und
eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt man, wie im Haß
die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen _Wertes_ in ein
Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan wird häßlich,
die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch eine
Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf _zwei_
Personen, _leichter_ für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu
Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch
in den Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht
ein Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt
würde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat
Ursache sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch,
den ich bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens
selbst gebe ich ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen
Reichtum; die Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits
im Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will _ich_ etwas,
ich will zum mindesten, daß er mich nicht durch unschöne Geberden
oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm störe. Denn durch die Liebe
will ich mich irgendwo gefunden haben, statt weiter zu suchen und zu
streben, ich will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger,
nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von _ihm_ -- _mich_!

Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt
als mich, weil es _ihn_ erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich
_mich_ durch sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz
des Individuums am weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche,
darum schämt sie sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und
hieraus erklärt sich, daß nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe
kennt. Und doch schließen sich beide aus: man kann nie lieben, wen man
bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man liebt. Denn im Mitleid bin
ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der andere; die Richtung
beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin
ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von
allen Bitten, _weil sie um das Meiste, um das Höchste bettelt_. Darum
schlägt sie in den jähesten, rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn
ihr durch den anderen unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein
gebracht wird, um was sie eigentlich gefleht hat.

Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt
zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist
die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit.
Durch Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine
Gewalt angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten
Theorie ist, indem durch Liebe _das reine Selbst_ des Liebenden in der
Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen
erklärlichen Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte
zu haben glaubt: so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist,
und Furcht wie das verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der
_Vergangenheit_ verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas
erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.

Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der
Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung
und Bedingung aller Liebe nannte, _frei zu werden_. Statt alle
begangene Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere
Leben zu erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld
loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden.
Statt die Idee der Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will
die Liebe die Idee schon als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das
Wunder als geschehen vor, im anderen Menschen zwar -- darum ist sie
die feinste List -- aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom
Übel, die man so _ohne Kampf_ zu erreichen hofft. _Hieraus_ erklärt
sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlösungsbedürfnis
(_Dante_, _Goethe_, _Wagner_, _Ibsen_). Alle Liebe ist _selbst_ nur
Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis noch unsittlich
(Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt sich
über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit
plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von
außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie
erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in
ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste
Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten
zu fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre
Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten,
ihrer Täuschung zu erliegen.

Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern
ist die Liebe _frei_, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen
Anziehung unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn
das psychische Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die
Liebe, wo es der Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei
geringeren körperlichen Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung,
und vernichtet ihre Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu
sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen
Sexualität und Erotik, eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die
Sexualität benützt das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen
Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte und -- zum
geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes,
wenn auch, wie es scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen
_Diotima_, daß die Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und
Ausgeburt im Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der
niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht
jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden:
die konkrete Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen
der Liebe ausmacht, ist eben das _Kind_. Darum sucht der Künstler so
oft das Weib, um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte
lieber solche Kinder haben wollen, wenn er auf _Homer_ und _Hesiod_
und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für
Geburten sie zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken
sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch
auch _Solon_, weil er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts
unter Hellenen und Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt
haben und vielfältig Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele
Heiligtümer errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher
Kinder wegen aber noch keinem.«

Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer
etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger
Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten
_Platons_, von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht
wird. Wie die leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens
ist, die eigene Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im
Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu
realisieren. _Hier liegt die Brücke_, welche allen _Willen zur eigenen
Verewigung_ (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik
nennen könnte) _mit dem Kinde verbindet_. Geschlechtstrieb und Liebe
sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das
_Individuum_ durch ein körperliches Abbild, die zweite _Individualität_
durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber
kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose
Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck
kommt.

Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller
Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach _Novalis_
oft wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was
vom Weibe _geboren_ ist, muß auch _sterben_. Zeugung, Geburt und Tod
stehen in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode
erwacht in jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als
das Bedürfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus,
nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen und
naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das
Weib, aber auch den Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein,
um dem Kinde das Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird
es begreiflich sein, daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen
muß. Aber auch die höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität,
benützt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets nur
als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein darzustellen: die
Werke eines Künstlers sind immer nur sein auf verschiedenen Etappen
festgehaltenes Ich, das er meist in diesem oder in jenem Weibe, und
sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat.

Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer
_ausgeschaltet_: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib _liebt_, kann
er es nicht _durchschauen_. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht
in jenes Verhältnis des _Verstehens_, welches das einzig sittliche
Verhältnis zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben,
den man ganz erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten
sehen müßte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, _Liebe aber nur
auf Vollkommenes geht_. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich,
wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen
Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation
höherer Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern
in schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des
geliebten Wesens _eine ganz andere Realität setzt_. Der Versuch, sich
im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -- das Weib zu
sehen, setzt notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person
voraus. Dieser Versuch ist also voll _Grausamkeit_ gegen das Weib;
und hier liegt die Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der
Eifersucht, welche das Weib gänzlich nur noch als unselbständiges
Besitztum betrachtet, und auf sein inneres Leben gar keine Rücksicht
mehr nimmt.

Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der
Erotik und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der
Geschlechtstrieb negiert auch das körperliche, die Erotik das
psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen
Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das
Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit
vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht
ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen
Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere Erotik aber verlangt von
der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis
befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der
Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein
geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur
antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des
Weibes und seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur
die Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der
Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die
Verstellung und den Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr
fremden Wunsche gebieterisch aufnötigen möchte.

Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und
abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, _daß sie den Ast abgebe, an
dem $er$ sich $leichter$ zur Erlösung emporschwinge_. So gesteht es ja
_Paul Verlaine_:

    »Marie Immaculée, amour essentiel,
    Logique de la foi cordiale et vivace,
    _En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse_,
    En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?«

Und fast noch deutlicher lehrt es _Goethe_ im »Faust«:

    »Dir, der Unberührbaren,
    Ist es nicht benommen,
    Daß die leicht Verführbaren
    Traulich zu Dir kommen.

    In die Schwachheit hingerafft,
    Sind sie schwer zu retten;
    _Wer zerreißt aus eigner Kraft
    Der Gelüste Ketten?_«

Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser
höchsten Erotik, im _Madonnenkulte_, liegt. Wie könnte ich vor der
Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den
Namen _Dante_ führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von
Wert an das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß
selbst der dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen
Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit
hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation
seiner selbst in dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in
_einer_ irdisch-begrenzten Person, in einem Mädchen noch dazu, das
der Künstler _einmal_, als Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das
vielleicht später eine Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es
liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich
Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich
gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die
wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen.
_Aber es bedeutet jede, auch die sublimste Erotik, noch immer eine
dreifache Unsittlichkeit_: einen unduldsamen Egoismus gegen die
wirkliche Frau der Erfahrung, _die nur als Mittel zum Zweck der eigenen
Hinanziehung benützt_, der darum kein selbständiges Leben verstattet
wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen
vor sich selbst, eine Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein
Erlöst-_Sein_-Wollen, und darum eine Feigheit, eine Schwäche, eine
Würdelosigkeit, ja gerade einen absoluten Unheroismus; drittens endlich
eine Scheu vor der Wahrheit, die man nicht brauchen kann, weil sie der
Absicht der Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil
man dadurch um die Möglichkeit einer bequemen Erlösung käme.

Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung
über das Weib _verhindert_, weil sie sie _meidet_ und so die
Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln
wird. Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht
ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein,
weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm
der Liebende sich _belügt_. Der Madonnenkult, von dem ich spreche,
der Madonnenkult des großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine
_völlige_ Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn
von der empirischen Realität der Frauen gänzlich abgesehen wird; die
Einlegung wird bloß dem schönen Körper nach ausgeführt, und sie kann
nichts für ihren Zweck verwenden, was dem schroff entgegenstünde, wofür
diese Schönheit Symbol werden soll.

Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus
welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert
worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten,
die für das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich
zuhält. Lieber schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«,
entzückt sich am weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des
Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man
_mit_ dieser Lüge die Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum
Zweck der eigenen höheren Wallungen zu benützen, als daß man darauf
verzichtete, diesen Weg für die eigene Erlösung sich offen zu lassen.

Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach
den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so
zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß
der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als
realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes
gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu
realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel
Ähnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders große Güte
gegen alles, was lebt, die Verlorenheit für alle kleinen konkreten
Werte sind beiden gemeinsam, als Zustände, die den liebenden gleich
dem produktiven Menschen auszeichnen, und sie dem Philister, für den
gerade die materiellen Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets
unbegreiflich und lächerlich erscheinen läßt.

Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde
erotisch, auch wenn seine Liebe zum _Wert_, das ist zur _Ewigkeit_,
zum _Weltganzen_, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. _Das
Verhältnis des Ichs zur Welt, das Verhältnis von Subjekt zu Objekt
ist nämlich selbst gewissermaßen eine Wiederholung des Verhältnisses
von Mann zu Weib in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses
ein Spezialfall von jenem._ Wie der Empfindungskomplex zum Objekt
umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus, so
wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik.
Wie der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in
denen der Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch
der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst
geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes
Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte
steht allerdings sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit -- --.

Es fragt sich nun noch, _wer_ diese Liebe kennt, ob _nur_ der _Mann_
übersexuell, oder ob auch das _Weib_ der höheren Liebe fähig ist.
Suchen wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen
Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese
zeigt ganz unzweideutig, daß W, eine _scheinbare_ Ausnahme abgerechnet,
nie mehr als bloß _sexuell_ ist. Die Frauen wollen entweder mehr den
Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet
werden). Die »Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen
anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist,
seit welcher die Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie
haben in dieser Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher
es gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten
Erwartungen, die selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden
können, zu befriedigen. Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen
Neigung die Rede, welche das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu
verunreinigen fürchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus
und die wildeste Wollust, und so wäre diese Literatur recht eigentlich
danach angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht
erotische Natur des Weibes zu öffnen.

Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein
Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft
hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine
bloße Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet,
ihn an seiner Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt,
welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht diese
selbst nicht so zu wählen, daß sie _ästhetisch_ wirken könnten. Über
eine Anordnung, die Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine
Frau ohne männliche Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre
in der Frau an sich irgend welche Schönheit, trüge sie auch nur einen
Maßstab der Schönheit ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie
nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen wollen, daß sie
schön _sei_.

Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich _schön_, und
je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie
fern ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der
sicherste Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das
Wort »schön«, diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt.
Wären die _Frauen_ sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren
Namen seltener nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und
können keines haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung
in solchem Sinne auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt;
so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so falsch ist sie,
so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes zuwider. _Hübsch_ ist, was
gefällt; _schön_ ist, was _der Einzelne liebt_. Hübschsein ist immer
allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist alles wahrhafte
Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, und die
Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit des Einsamen.
_Eros_ ist der Sohn des _Poros_ und der _Penia_, der Sprößling aus
der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden,
dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht
nur Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze.
Das Schöne wird _geliebt_, ins Hübsche pflegen die Leute _sich zu
verlieben_. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie
der Ungenügsamkeit des an die Subjektivität gefesselten Subjektes
entstammt. Wer bei den Frauen _solches_ Mißvergnügen vorzufinden
meint, ist ein schlechter Deuter und Unterscheider. W ist höchstens
_verliebt_, M _liebt_; und dumm und unwahr ist jene Behauptung
lamentierender Frauen, das Weib sei wahrer Liebe fähiger als der Mann:
im Gegenteil, es ist ihrer _unfähig_. Nicht jenem Bilde von der Parabel
wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurücklaufenden
Kreises gleicht alle _Verliebtheit_, und insonderheit die des Weibes.

Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch
seine Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich
offenbart, nur der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch
von männlicher, nicht nur von weiblicher Schönheit aller Begriff
vom Manne ist geschaffen worden? Oder soll auch dies Folge der
»Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff, der, wenn er auch von
Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie auch nur einen
einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne,
seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn begleitenden
Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«, wie er
in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in Berlin
und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung angedeutet
wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn die
Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann
abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und
seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.

Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als
solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles
Begehren verlangt sie von ihm. _Es ist nie das Apollinische im Manne,
das auf sie Eindruck macht, aber darum auch nicht das Dionysische,
sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische in ihm_; nie der
Mann, sondern immer nur »le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem --
darüber kann ein Buch über das wirkliche Weib nicht schweigen -- seine
Sexualität im engsten Sinne, _es ist der Phallus_.[59]

Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich
aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet,
was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon
als Jungfrau, bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst
beherrscht. Ich meine nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des
Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr
ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er
übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung.
Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, wofür sie gar keinen
Namen hat: _er ist ihr Schicksal_, er ist das, wovon es für sie kein
Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu
sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu erkennen: weil sie
fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre. _Der Phallus ist
das, was die Frau absolut und endgültig $unfrei$ macht._

Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht
eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht
-- weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder
Feigenblatte verdeckt ward --, _derselbe_, der die Frauen am tiefsten
aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl
das Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und
hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die
Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas
anderes.

Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig
bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da
Logik und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so
war von vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik
nicht auf besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden
Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und
der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien,
ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in
höchster Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen
Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik
und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die
ästhetische Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach
_Kant_ eine solche, die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. _Das
Weib aber besitzt keinen freien Willen_, und so kann ihm auch nicht die
Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren.

Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als
Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und
ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub
und Schmutz, vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und
Nichthaben ist Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht
der Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem:
so hat es der größte Denker erkannt, der _göttliche Platon_, wie
_Plotin_ ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn wirklich, _innerlich
$verstanden$_ hat; indes viele seiner heutigen Kommentatoren und
Geschichtsschreiber von seiner Lehre nicht viel mehr begreifen als die
Ohrwürmer von den Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit
_keine_ »transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee
eines Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch
sinnlich-empirisch ist: _der Idee der Menschheit_.

Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch
nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo,
irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom
Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche,
sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern -- ein anderer.

So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes
_wünschen kann_. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der
Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch
den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies
ganz ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen
Mangel an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne
der Mann, irgendwo außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm
emporstreben zu können.

Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau
mit dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der
Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird,
nicht irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die
sich hierüber entwickeln läßt?

Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen
metaphysischen _außerzeitlichen_ Akt das Göttliche, die Seele für sich
allein behalten -- aus welchem Motive dies geschehen sein könnte,
vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen
die Frau _büßt_ er nun in den Leiden der Liebe, _in und mit welcher er
der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben sucht_, ihr eine
Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr schuldig
fühlt. Denn gerade dem _geliebten_ Weibe, ja, eigentlich nur ihm
gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten.
Die Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er
seine Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären,
warum es _glückliche Liebe_ nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein
übler Vorwurf für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer
wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen
Betrachtung sind mit ihm weit überflogen.

Was die Frau _nicht_ will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie
zu tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des
Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden.



XII. Kapitel.

Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum.

                                »Erst Mann und Weib
                                zusammen machen den
                                Menschen aus.«

                                                                _Kant._


Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt
heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes mußte
sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den
entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich
anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon
hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts
ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des
Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das
Unrecht aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die
Erotik an der Frau begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen
sein, daß dieses Buch kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich
hütet, die Härte des Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so
problematischen Strafe.

Aber die _rechtliche_ Gleich_stellung_ von Mann und Weib kann man sehr
wohl verlangen, ohne darum an die _moralische_ und _intellektuelle_
Gleich_heit_ zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher
Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht
verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und
Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. $Der tiefststehende
Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe$; und
doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie
zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige _Berechtigung_ des
Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer
Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen
den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht. Was
für seichte Psychologen (um von dem menschenkundigen Tiefblick der
sozialistischen Theoretiker zu schweigen) die Materialisten, Empiristen
und Positivisten sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade
aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer gekommen sind und auch jetzt
noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für die ursprünglich _angeborne
psychologische Gleichheit_ zwischen Mann und Weib eintreten.

Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der Beurteilung
des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion gegen
die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. _Moebius_ bin ich
hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«;
und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit
hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem
_moralischen_ Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets
männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei
ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt
und eine Überwindung, zugeben; in _biologischer_ Hinsicht sind sie
ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche
Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die
sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen
durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr
Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence.

Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch
geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es
ist, so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als
Ganzes _Un_-sinn, _un_-sinnig. Aber das ist noch nicht _schwach_sinnig,
nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem
Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im
gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, _Berechnung_, »_Gescheitheit_«
besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die
Erreichung naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie
so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann.

Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen
allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm
nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte
Absicht im Weltganzen zu Grunde? _Dient es einer Mission, oder ist sein
Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?_

Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen
werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals
einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. _Es ist kein
anderes als das Phänomen der $Kuppelei$, welches den eigentlichen, den
tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet._

Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der _Herbeiführung_ und
_Begünstigung_ des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle
Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der
Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu
bringen, _hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit_: ganz
kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer
älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu kuppeln auch
erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das weibliche
Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner
eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit
über zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur
wirken ihm der _Neid_ auf die Konkurrentinnen, und die _Angst_ vor den
größeren Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis
die Frau selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld,
die Beziehungen, in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn
gekirrt und geködert haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem
die Frauen erst in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter
und Söhne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie sehr
nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge für die eigene
sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall gekommen ist, das ist so
allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das alte Weib _allein_
zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.

Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu
bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen
mit besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf
die individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht
jeder Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem
man geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu
erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung
gewinnen konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch
gar nicht für die Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm
durch sie erst zum bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt
sehr vielen selbst dieser Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts
und immer als _stärkstes_ Motiv der Kuppel_trieb_, die gefühlsmäßige
Abneigung gegen das Junggesellentum des Mannes, mit.

Man sieht bereits hier, daß die Frauen _einem rein instinktiven Drange,
der in sie gelegt ist, folgen_, auch wenn sie _ihre Töchter_ zu
verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum kleinsten Teile
aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen Bemühungen,
welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht
aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder unausgesprochene Wünsche
der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des Mannes sogar oft
zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz allgemein auf alle
Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter sich beschränkt,
hier am wenigsten von einer »altruistischen«, »moralischen« Handlung
der _mütterlichen_ Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten
Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, zur
Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an die Zukunft
ihres teueren Kindes zu denken.

_Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter nicht anders, als sie
jedem anderen Mädchen zum Manne gern verhilft_, wenn nur jene Aufgabe
innerhalb der Familie zuvor gelöst ist: _es ist ganz dasselbe, Kuppelei
hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen Tochter unterscheidet sich
psychologisch in nichts von der Verkuppelung der fremden_.

Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen Zügen
des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden
konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf
eines beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so
kann, während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse,
ihm von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich
dem Manne angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann
dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich
weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder _sehr_ weibliche Männer
oder einen Fall, der noch ausführlich wird besprochen werden[61].
Jeder wahre Mann nämlich wendet sich vom heiratsvermittelnden Treiben
der Frauen, selbst wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und
er diese gerne versorgt sehen möchte, mit Widerwillen und Verachtung
ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt dem Weibe als sein Fach.
Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den _Mann_ gar nicht die
_wahren psychischen_ Sexualcharaktere des Weibes attraktiv wirken, wie
sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt werden: indes die rein
männlichen Eigenschaften _an sich_, und wie sie wirklich sind, das
_Weib_ anzuziehen _genügen_, muß der Mann das Weib erst umformen, ehe
er es lieben kann.

Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen
des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen
Beispielen, die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen,
glauben könnte. Ich will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen
im Theater sitzen: stets mit der Erwartung, _ob_ die zwei, _wie_ die
zwei Liebesleute »sich kriegen« werden. _Auch dies ist nichts anderes
als Kuppelei_, und um kein Haar von ihr psychologisch verschieden:
_es ist das Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und Weib, wo
auch immer_. Aber das geht noch weiter: _auch die Lektüre sinnlicher
oder obscöner Dichtungen oder Romane, die ungeheuere Spannung auf
den Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar
nichts als Verkuppelung der beiden Personen des Buches_, tonische
Excitation durch den Gedanken der Kopulation und positive Wertung
der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine logische und
formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für die Frau
psychologisch beides _dasselbe $ist$_. Die Erregung der Mutter am
Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von
_Prévost_, oder von _Sudermanns_ »Katzensteg«. Es kommt zwar auch
vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen,
aber das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre
_Verschiedenes_, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes
und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der
Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt,
und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit
einer sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen
voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz
von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der
sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie
tritt in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die
ihrer Richtung nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun
Personen des Lebens oder der Phantasie.

Hat man denn nie darüber nachgedacht, $warum$ die Frauen so gerne, so
»selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das Vergnügen,
welches ihnen hiedurch bereitet wird, _beruht auf einer eigentümlichen
Erregung durch den Gedanken auch des fremden Koitus_.

Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den
Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen.
Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den
Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die
vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann,
der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil
er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die
Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen,
_um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses
_Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den
Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem
wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die
Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb
am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie
den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet
nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet
wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf
das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft
es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die
ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang
in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um
ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang
_innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr
überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter
Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere
Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid,
der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert.

Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form,
in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen),
lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht,
empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht
sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung
ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt
weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters
abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft
scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das
Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis
der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres
einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des
Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer,
koitiert werde._

_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt
selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und
Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie
Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern
an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie
der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse
auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch
die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man
vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_
»_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt,
sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von
ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger,
sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst.

Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet
ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt
werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den
verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich
Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und
darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so
verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher
ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber
bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter
dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und
nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere
Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als
ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer
anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen,
dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz
bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit
_Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil
diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die
Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der
Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter
zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur
Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr
hoch veranschlagt.

Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes
gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung,
die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation
unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die
Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am
weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht,
sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen,
sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es
eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern
ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders
die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich
-- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und
Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier
bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut
nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren
als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus
$überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren
Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten
Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden,
wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des
Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu
_weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der
_Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher
Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib
kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des
Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_
Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte
Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man
das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so
wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin
ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein
_heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch
das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.

Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung
nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes
zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und
nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es
war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben
die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall,
am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos
_koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance
seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale
Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das
einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$
Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens
überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf
ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt,
sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell,
sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen --
man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die
transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit
Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus
ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu
verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten
Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ --

Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber,
deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann
aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem
nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau
nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß
es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten
Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt
werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten
diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der
sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das
allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken,
dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe
_Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das
Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen,
_aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die
eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist)
_als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt
immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_
unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen
sehen.

       *       *       *       *       *

Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen
ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine
Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr
scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe
wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das
peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein
sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich
selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen
pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden
Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne
belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit,
von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt,
in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte,
ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter:
Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge
Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen
ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte
das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch
mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung
auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft
erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht
selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel
gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann?

Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine
und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und
endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn
auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_
wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen
Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde,
seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres
Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_
Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene
scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt,
und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde
liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen
Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._

Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur
schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern,
um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese
außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der
Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend
gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an,
wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden
die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine
ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein
_Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt.
Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung
von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner
nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu
befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich
nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_,
wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig,
zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und
ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie
$vollkommen passiv$ sein könne_.

Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten),
auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern,
nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was
sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung
_geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht
nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob
das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder
Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf
die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen
sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das
Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte,
besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu
folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen
Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos
Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und
um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung
nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also
auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über
seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung
beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die
Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und
Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes
immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen
Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei
vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den
_Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle
niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von
der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen,
statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen
worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun
und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau
.... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum
Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum
Weibe zu machen?«

Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm
Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die
weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt
damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur
die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist
die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen
am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein
ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._
Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese
_Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden
Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar
nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie
verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für
sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht
wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den
täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_.
Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision
kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen
Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_.

Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau
eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne
ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier
die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder
hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es
kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_,
und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu
verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes,
das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt.
Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität
die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke.
_Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist --
das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies
verleugnen kann._

Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche
gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja
über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab
aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche,
die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur
zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt
etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und
Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief
sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre,
am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_.

_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden:

    »... So keusch und rein
    Ruht' er bei seiner Königin,
    Daß kein Genügen fänd' darin
    So manches Weib beim lieben Mann.
    Daß doch so manche in Gedanken
    Zur Üppigkeit will überschwanken,
    Die sonst sich spröde zeigen kann!
    Vor Fremden züchtig sie erscheinen,
    _Doch ist des Herzens tiefstes Meinen
    Das Widerspiel vom äußern Schein_.«

Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_
klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden,
_auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber
seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen.
Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur
des Weibes ist die _Hysterie_.

Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_
Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine
weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig
leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_.

Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein
nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch
veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist
ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre
Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht
worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre
Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie«
sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so
kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung
des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja --
nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß
höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch
hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie
nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre
Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_
verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist
in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in
der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses,
welcher zur Krankheit geführt hat.

Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben,
unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des
häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so
vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder
Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung
auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der
ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie
über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden
männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich
ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib
positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in
der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem
Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch
gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung
des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber
doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_
Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale
Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur
gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung
des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika
vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_,
wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich
auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch
hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste
Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt.
$Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des
Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht
_selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich
vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum
Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt
freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders
(wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig
_hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden,
_Läuterung_.

Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine
Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß
es in einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir
eine im Prinzip befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche
die Ätiologie der Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt,
so könnte es durch sie nicht leiden; es büßt nur die _Lüge_ gegen die
eigene, in Wirklichkeit ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf
nun noch manches der Erläuterung und der Belege.

Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch
nicht so fest sitzt, um _alles_ zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes
System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung
oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle
Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen
Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen
Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand
intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für
die Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher _Schreck_ etwa
vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz
des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten _Natur_ mit einem zwar
bewußten, aber ihr unnatürlichen _Geiste_ zu machen. Das Hin- und
Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die
außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen
Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen
keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern
ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt
und bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte
Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten,
daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete
_objektiv_ noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert
werden; wer aber vermöchte dann zu sagen, _womit_ das schreckhafte
äußere Erlebnis von scheinbar ganz _a_sexueller Natur _in ihnen_ sich
wieder verknüpft hat?

Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler Widersprüche in
den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von eminent kritischem
Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich gegen die Hypnose
u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten Anlässe am
stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei
ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von dort aus
betrachtet, enorm sinnlich.

All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche
Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden
alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke -- _all
dies ist nur ein Teil jener Pseudopersönlichkeit_, welche die Frau
_in ihrer Passivität vor sich und aller Welt zu spielen übernommen
hat_. Alles, was ihrer _ursprünglichen_ Beschaffenheit angehört und in
deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene »unbewußte
Psyche«, die _gleichzeitig_ in Obscönitäten sich ergehen kann und
der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den als
»duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als
»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen
die Annahme der _einen_ Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit
sind gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür,
_daß_ und _wo_ man von einer Seele reden darf. _Die »Spaltungen der
Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine
Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe._ _All_ jene berühmten Fälle,
die _Janet_ in seinem Buche »L'Automatisme psychologique« beschrieben
hat, _beziehen sich auf Frauen_, kein einziger auf einen Mann. Nur die
Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, nicht Kraft hat,
alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen, das Licht der Wahrheit über
ihrem Innern zu entzünden, kann durch die völlig passive _Durchflößung_
mit einem fremden Bewußtsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen
Natur gelegenen Regungen so übertölpelt werden, wie es Voraussetzung
der von _Janet_ beschriebenen hysterischen Zustände ist, nur bei ihr
kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum Auftreten der _Hoffnung_
auf den Koitus als _Angst vor_ dem Akte, zur _inneren Maskierung
vor sich selbst_ und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine
undurchdringliche Kokonhülle kommen. Die Hysterie selbst ist der
Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen Schein-Ich; deshalb macht
sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur »tabula rasa«: indem auch
jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt scheint (»Anorexie«);
bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen
ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn
jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein
asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche
und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht,
davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur
geschaffen.

Das _Heraufkommen dieser_ ist jener »Gegenwille« _Freuds_, der wie ein
fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber morsch
und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der »Gegenwille«
wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere _Zwang_, den
die Hysterika wie eine _Pflicht_ empfand, die eigene Natur unter die
Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln gelegt;
nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden Gewalten in
jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner Hilfe die
ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen; aber jenes
hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt.

_Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme Ich« ist in
Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was $sie$ für ihr
wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen
alles $Fremden$ wurde._ Der »Fremdkörper« ist die _Sexualität_, die
sie nicht _anerkennt_, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt;
die sie aber doch nicht mehr zu _bannen_ vermag wie ehedem, da ihre
Triebe vor der einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für
immer zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster
Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »_konvertieren_« in alle
möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens
hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles
nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der
Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in
keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt
nach oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine _Erschöpfung_.

Das _Unvermögen der Frauen zur Wahrheit_ -- für mich, der ich auf dem
Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus ihrem Mangel
an einem _freien Willen zur Wahrheit_ -- bedingt ihre _Verlogenheit_.
Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, _unter dem
momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten_, ganz beliebig falsche
Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif
angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterischen peinlichst
(aber nie ohne eine gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor
Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: _aber gerade hierin
liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit_. Denn sie wissen
nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen
und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der
Sittlichkeit knechtisch acceptiert und geben darum, dem braven
Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es
befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über jemand oft hervorheben
hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch er sei: er hat dann
sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann wetten, daß er
insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der Echtheit der
Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte (natürlich in
gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in sittlicher
Beziehung stünden.

Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter dem
Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, _daß_ sie tatsächlich
simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu
erklären. _$Sonst$ aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit und
Moralität_: Auch die Beschwerden, von denen sie gepeinigt werden, sind
keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, _daß_ sie diese wirklich
fühlen, und daß die Symptome erst mit der _Breuer_schen »Katharsis«
verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in
der Hypnose successive _zum Bewußtsein_ bringt, der _Beweis_ des
_Organischen_ ihrer Verlogenheit.

Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben
pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl
kann nicht echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge
_gleichmäßig_ erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß
der Sittlichkeit in sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so
wahllos in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste
Unterlassung schon _gleich_ schwer sich anrechnen wie den größten Fehl.

Das entscheidende Zeichen für die unbewußte _Verlogenheit_ ihrer
Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie
schlecht sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene
fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene
Geschöpfe seien. Wessen Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken,
der kann nicht so reden. Es ist eine _Täuschung_, der besonders
_Breuer_ und _Freud_ zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die
Hysteriker als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben
nur ein ihnen ursprünglich Fremdes, die Moral, vollständiger von außen
in sich übergehen lassen als die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie
nun sklavisch, sie prüfen nichts mehr selbsttätig, wägen im einzelnen
nichts mehr ab. Das kann sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten
Rigorismus hervorrufen, und ist doch so unsittlich als möglich, denn es
ist das Höchste, was an _Heteronomie_ überhaupt geleistet werden kann.
Dem sittlichen Ziele einer _sozialen_ Ethik, für welche die Lüge kaum
ein Vergehen sein kann, wenn sie der Gesellschaft oder der Entwicklung
der Gattung nützt, diesem idealen Menschen einer solchen _hetero_nomen
Moral kommen die Hysterischen vielleicht näher als irgend ein anderes
Wesen. _Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell der
Erfolgs- und der Sozialethik_: sowohl genetisch, denn die sittlichen
Vorschriften sind ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch,
denn sie wird am leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie
sind die Pflichten gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen
sich selbst.

Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben,
desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur
eigenen Wahrheit, zur Wahrheit über sich -- die Hysterischen denken nie
über sich nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie
wollen ihn _interessieren_ -- geht daraus hervor, daß die Hysterischen
die besten Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren
läßt, der begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt
sich in die vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen,
auf sein Bewußtsein, über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in
ihm das Bewußtsein, das ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die
Hypnose den Beweis, wie alle _Möglichkeit_ der Wahrheit vom _Wollen_
der Wahrheit, d. h. aber vom Wollen seiner selbst, abhängt: wem in
der Hypnose etwas aufgetragen wird, der führt es im Wachen aus, und
ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv
dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt
er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung, weshalb er nun
so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle Bestätigung der
Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne Erinnerung, so müßte
er darüber erschrecken, daß er nicht _wisse_, warum er etwas tue. Aber
er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem wahren
Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun hat. Er hat
eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur Wahrheit
mehr.

_Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen gerne hypnotisiert
werden_; am leichtesten, am stärksten die Hysterischen. Selbst das
Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben kann man -- denn das
Ich, der Wille, _schafft_ das Gedächtnis -- bei Frauen durch die
einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr wüßten, auslöschen,
vernichten.

Jenes _Breuer_sche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch
den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein
Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig
schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien,
wie es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden
Wortes.

Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer
Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo
die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die
scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im
Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz
zu glauben, fort und fort versichert: das will _ich_ ja gar nicht, das
will _man_, das will jemand _Fremder_ _von mir_, aber _ich_ will es
_nicht_. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung
gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber
in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen
vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so
leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um
die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer Stärke frei werdenden
Konstitution; die »~Attitudes passionnelles~« der Hysterischen sind
nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so
laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender
als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft sexuelle
Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die
größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind
war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig
leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast
gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun
aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das
alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen
Bewußtsein emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, _positiv_
gewertete Erlebnis _auf_, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch
dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen
Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß
der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und
sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt
vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht _erkannt_,
daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht
_zugegeben_, nicht als von _ihm_ ausgegangen _ins Auge gefaßt_, sondern
einem zweiten Ich zugerechnet wird.

Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der
Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben
belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]:
_nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene,
wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen_, so eifrig diese
auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre
das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung,
als einer ihnen fremden, _gegenübertreten_, sie _bewußt werten_ und
klar entschieden _abweisen_, sie gedanklich _festlegen_ und _wieder
erkennen_. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende
Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins
Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er
der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren
auch nicht identisch bleiben, wo es an einem identischen Subjekte
fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über
von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig,
sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch
vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es
immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder
plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses
eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen
will, und unter dessen Gewalt sie _eben damit_ gerät: denn würde sie
es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten
Dinge sonst sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie
außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und
Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, _das sie als fremdes Wollen
empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist_, zeigt, daß sie tatsächlich
ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie
die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen
sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses,
intelligibles, _freies_ Ich.

Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle
Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine
andere Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier
entwickelte Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf
eine Antwort geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, welche in passiver
Gefügigkeit den Komplex der männlichen und gesellschaftlichen Wertungen
einfach acceptiert hat, statt ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf
lassen zu wollen. _Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil
der Hysterika sein._ Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es
eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das
hysterische Weib wird hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit,
es ist identisch mit dem geistigen Typus der _Magd_; ihr Gegenteil, die
absolut unhysterische Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung
nicht gibt), wäre die absolute _Megäre_. Denn auch dies ist ein
Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megäre herrscht.[67]
Zum Dienstmädchen kann und muß man geboren sein, und eignet sich sehr
wohl manche Frau, die reich genug ist, um nie den Stand derselben
ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre stehen immer in einem gewissen
Ergänzungsverhältnis.[68]

Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf
bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten
Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch
nur auf mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die
hysterische Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen,
die Magd »haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der
Nebenmensch zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber
sie weint stets andere an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne
_freilich je einsam zu sein_ -- Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit
identisch und Bedingung jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die
Megäre verträgt das Alleinsein nicht, sie muß ihren Zorn an jemand
außer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst verfolgt. Die
Megäre lügt offen und frech, aber ohne es zu wissen, weil sie von Natur
_immer_ im Rechte zu sein glaubt; so beschimpft sie noch den anderen,
der ihr widerspricht. Die Magd hält sich gehorsam an die ihr von Natur
ebenso fremde Wahrheitsforderung; die _Verlogenheit_ dieser fügsamen
Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: dann nämlich, wenn
der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen Wünschen da ist. Um dieser
Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit willen mußte die Hysterie
und das hysterische Frauenzimmer so eingehend besprochen werden:
dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt noch hätte
entgegengehalten werden können.[69]

Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und
somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die
Weiber _lügen_. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die
Wahrheit sagen. Als ob _Aufrichtigkeit_, pro foro interno et externo,
nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen _absolut unfähig_ sind,
die ihnen _völlig unmöglich_ ist! Es handelt sich darum, daß man
einsehe, _wie eine Frau in ihrem ganzen Leben $nie$ wahr $ist$, selbst,
ja $gerade$ dann nicht, wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch
an die für sie $hetero$nome Wahrheitsforderung hält und so $äußerlich$
doch die Wahrheit $sagt$_.

Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht
aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck
zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie,
ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem
Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen.

_Ist so die $Wahrheitsliebe$ dieses Frauentypus $nur als die ihm
eigentümliche Form der Verlogenheit$ entlarvt_, so ist von den
anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt werden, von Anfang an zu
erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine
Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine Religiosität werden
rühmend hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts
anderes als Prüderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung und Abwehr
der _eigenen_ Unkeuschheit. Wo irgend bei einem Weibe das wahrgenommen
wird, was man als Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau
entsprechenden Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die
gänzlich unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht
erröten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft;
ein Anfang von Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren
Eindruck des männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist
es erst, sobald es auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein
fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der
männlichen Wertung, _$vollständig$ imprägniert_.

Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder
Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul
_Solliers_ Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die
sexuelle Anästhesie ist eben nur _eine_ von den vielen hysterischen,
d. h. unwahren, verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die
Experimente von Oskar _Vogt_, bekannt, daß solche Anästhesien keinen
wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang,
der gewisse Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt.
Wenn man den anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig
oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die
ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es
in seinem (dem »somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft
eines bestimmten Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die
sexuelle Frigidität auf ein _Kommando_ entstanden: durch die zwingende
Kraft der Imprägnation mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf
das empfängliche Weib übergegangenen Lebensanschauung; aber wie
alle Anästhesie durch ein genügend starkes _Kommando_ auch wieder
_aufzuheben_.

Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen den
Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen Geschlechtlichkeit
überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive Abneigung gegen alles
Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich empfunden, und man könnte
glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingültigkeit
der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit
vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar im
Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So
tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor,
welche die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene
Sexualität derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine
Frau kann nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat,
das auf sie ausgeübt wurde, und gegen das sie _äußerlich_ sich wehrte,
ohne es _innerlich_ zu verneinen, sondern ebenso durch den Anblick
irgend eines koitierenden Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ
zu werten glaubt, wo schon die eingeborene Bejahung desselben mächtig
durchbricht durch alles Angenommene und Künstliche, durch die ganze
ihr aufgedrückte und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst
empfindet. Denn sie fühlt auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer
nur sich selbst koitiert.

Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen
»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt _nie_
schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die
ganz hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen
ist. Man komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und
Büßerinnen, um das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die
extremen Formen, welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie
verdächtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß
ein Mensch nicht _über_ seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch
das Schuldbewußtsein auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein
Versuch zu sein, die Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet,
von außen sich aufzudrängen und ihr so die Stärke zu geben, die sie an
sich nicht hat.

Damit hängt auch der vom einen dem anderen immer wieder nachgesprochene
Irrtum zusammen, daß die Frauen religiös veranlagt seien. Die weibliche
Mystik ist, wo sie über simplen Aberglauben hinausgeht, _entweder_ eine
sanft verhüllte Sexualität, wie bei den zahlreichen Spiritistinnen
und Theosophinnen -- diese Identifikation des Geliebten mit der
Gottheit ist von Dichtern mehrfach behandelt worden, besonders von
_Maupassant_, in dessen bestem Romane _Christus_ für die Frau des
Bankiers _Walter_ die Züge des »_Bel-Ami_« annimmt, und nach ihm von
Gerhart _Hauptmann_ in »_Hanneles Himmelfahrt_« --, _oder_ es ist
der andere Fall verwirklicht, daß auch die Religiosität vom Manne
passiv und unbewußt übernommen und um so krampfhafter festzuhalten
gesucht wird, je stärker ihr die eigenen natürlichen Bedürfnisse
widersprechen. Bald wird der Geliebte zum Heiland; bald (wie man
weiß, bei so vielen Nonnen) der Heiland zum Geliebten. Alle großen
Visionärinnen, welche die Geschichte nennt (vgl. Teil I, S. 85), sind
hysterisch gewesen; die berühmteste unter ihnen, die _heilige Therese_,
hat man nicht mit Unrecht »die Schutzheilige der Hysterie« genannt.
Wäre übrigens die Religiosität der Frauen echt, und käme sie bei ihnen
aus einem Inneren, so hätten sie religiös schöpferisch sein können,
ja, irgendwie sein müssen: sie sind es aber nie, nicht im mindesten,
gewesen. Man wird verstehen, was ich meine, wenn ich den eigentlichen
Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Credo so ausspreche:
die Religiosität des Mannes ist höchster Glaube _an sich selbst_, die
Religiosität des Weibes höchster Glaube _an den anderen_.

So bleibt nur noch die Selbstbeobachtung, die bei den Hysterikern
oft als außerordentlich entwickelt bezeichnet wird. Daß es aber
bloß der Mann ist, der in das Weib so weit eingedrungen ist, daß er
selbst _in_ ihr noch beobachtet, wird aus der Art und Weise klar, wie
_Vogt_, in weiterer und exakterer Anwendung eines zuerst von _Freud_
eingeschlagenen Verfahrens, die Selbstbeobachtung _in der Hypnose_
erzwang. Der fremde männliche Wille _schafft_ durch seinen Einfluß
_in der hypnotisierten Frau einen Selbstbeobachter_, vermöge der
Erzeugung eines Zustandes »systematisch eingeengten Wachseins«. Aber
auch außerhalb der Suggestion, im gesunden Leben der Hysterischen,
ist es nur der Mann, mit dem sie imprägniert sind, welcher in ihnen
beobachtet. So ist auch alle Menschenkenntnis der Frauen durchaus
Imprägnation mit dem richtig beurteilten Manne. Im Paroxysmus schwindet
jene künstliche Selbstbeobachtung vor der zum Durchbruch drängenden
Natur dahin.

Ganz so verhält es sich auch mit dem _Hellsehen_ hysterischer
Medien, das ohne Zweifel vorkommt und mit dem »okkulten« Spiritismus
ebensowenig zu tun hat wie die hypnotischen Phänomene. Wie die
Patientinnen _Vogts_ unter dem energischen Willen des Suggestors sich
selbst vorzüglich zu beobachten vermochten, so wird die Hellseherin
unter dem Einflusse der drohenden Stimme eines Mannes, der sie zu allem
zu zwingen vermag, auch zu telepathischen Leistungen fähig und liest
aus weiter Ferne gehorsam mit verbundenen Augen die Schriftstücke
in den Händen fremder Menschen, was ich in München unzweideutig
wahrzunehmen selbst Gelegenheit hatte. Denn im Weibe stehen nicht, wie
im Manne, dem Willen zum Guten und Wahren sehr starke Leidenschaften
unausrottbar _entgegen_. Der männliche Wille hat über das Weib mehr
Gewalt als über den Mann: er kann im Weibe etwas realisieren, dem im
eigenen Hause zu viel Dinge sich _widersetzen_. In _ihm_ wirkt ein
Antimoralisches und ein Antilogisches _wider_ die Klärung, er will nie
ganz allein die Erkenntnis, sondern immer noch anderes. _Über die Frau
aber kann der männliche Wille so vollständig alle Gewalt gewinnen, daß
er sie sogar hellsichtig macht_, und alle Schranken der Sinnlichkeit
für _sie_ fortfallen.

Darum ist das Weib eher telepathisch als der Mann, darum leistet es
als _Seherin_ mehr als dieser, freilich nur, wenn es Medium, d. h. zum
Objekt geworden ist, an welchem der _männliche_ Wille am leichtesten
und vollkommensten sich verwirklicht. Auch die _Wala_ kann _wissend_
werden: aber erst, wenn sie von _Wotan_ _bezwungen_ ist. Sie kommt ihm
hierin entgegen; denn ihre einzige Leidenschaft ist es eben, daß sie
gezwungen werden will.

Das Thema der Hysterie ist hiemit, soweit es für den Zweck dieser
Untersuchung berührt werden mußte, auch erschöpft. _Jene Frauen,
die als Beweise der weiblichen Sittlichkeit angeführt werden, sind
stets Hysterikerinnen_, und gerade in der Befolgung der Sittlichkeit,
in dem Gebaren nach dem Moralgesetze, als ob dieses Gesetz das
Gesetz ihrer Persönlichkeit wäre, und nicht vielmehr, ohne sie zu
fragen, von ihnen kurzerhand _Besitz_ ergriffen hätte, liegt die
Verlogenheit und Unwahrheit dieser Sittlichkeit. Die hysterische
Konstitution ist eine lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine
Parodie auf die Willensfreiheit, die das Weib vor sich posiert in
dem nämlichen Augenblicke, wo es dem männlichen Einfluß am stärksten
unterliegt. Nichtsdestoweniger sind die höchststehenden Frauen
eben Hysterikerinnen, wenn auch die Zurückdrängung der triebhaften
Sexualität, die sie über die anderen Frauen erhebt, keine solche ist,
die aus _eigener_ Kraft und in mutigem Kampfe mit einem zum _Stehen_
gezwungenen Gegner erfolgt wäre. An den hysterischen Frauen aber
_rächt_ sich wenigstens die eigene Verlogenheit, und insoferne kann man
sie als ein wenn auch noch so _verfälschtes Surrogat_ jener _Tragik_
gelten lassen, zu der es sonst dem Weibe an jeglicher Fähigkeit
gebricht.

Das Weib ist _unfrei_: es wird schließlich immer bezwungen durch das
Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen,
_vergewaltigt_ zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und
verfällt unrettbar seinem Verhängnis, auch wenn es nicht selbst zur
völligen Geschlechtsgemeinschaft gelangt. Das höchste, wozu ein
Weib es bringen mag, ist ein dumpfes Gefühl dieser Unfreiheit, ein
düsteres Ahnen eines Verhängnisses _über_ sich -- es kann dies offenbar
nur der letzte Schimmer des _freien_ intelligiblen Subjektes sein,
der kümmerliche Rest von angeborener Männlichkeit, der ihr, _durch
den Kontrast_, eine, wenn auch noch so schwache, _Empfindung_ der
_Notwendigkeit_ gestattet: es gibt kein absolutes Weib. Aber ein klares
_Bewußtsein_ ihres Schicksales und des Zwanges, unter dem sie steht,
ist der Frau _unmöglich_: _nur der Freie $erkennt$ ein Fatum_, weil
er nicht in die Notwendigkeit _einbegriffen_ ist, sondern, wenigstens
mit einem Teile seines Selbst, einem Zuschauer und einem Kämpfer,
außerhalb seines Schicksals und über diesem steht. Die Frau hält sich
gerade darum meist für _un_gebunden, weil sie _ganz_ gebunden, und
leidet nicht an der Leidenschaft, weil sie selbst nichts _ist_ als
Leidenschaft. _Nur der Mann_ konnte von der »dira necessitas« in sich
sprechen, nur er die Konzeption einer Moira und einer Nemesis fassen,
nur er Parzen und Nornen schaffen: weil er nicht nur empirisches,
_bedingtes_, sondern auch intelligibles, _freies_ Subjekt ist.

Aber, wie schon gesagt: selbst wenn eine Frau ihre eigene
Determiniertheit zu ahnen beginnt, ein klares _Bewußtsein_ derselben,
eine Auffassung und ein Verständnis ist dies nicht zu nennen; denn dazu
wäre der _Wille_ zu einem Selbst erfordert. Vielmehr bleibt es bei
einem schweren dunklen Gefühl, das zu einem verzweifelten Aufbäumen
führt, aber nicht zu einem entschlossenen, in sich die Möglichkeit
des Sieges bergenden Kampfe. Ihre Sexualität, die sie stets knechten
wird, zu überwinden, sind die Frauen unvermögend. Die Hysterie war
eine solche ohnmächtige Abwehrbewegung gegen die Geschlechtlichkeit.
Wäre der Kampf gegen die eigene Begier redlich und echt, wäre deren
Niederlage _aufrichtig gewollt_, so wäre sie ihr zu bereiten dem
Weibe auch _möglich_. Die Hysterie aber ist selbst das, was von den
Hysterikerinnen angestrebt wird; sie _suchen_ nicht wirklich zu
_genesen_. _Die Verlogenheit dieser Demonstration gegen die Sklaverei
bedingt ihre Hoffnungslosigkeit._ Die vornehmsten Exemplare des
Geschlechtes mögen fühlen, daß Knechtschaft ihnen nur eben darum ein
Muß ist, weil sie sie wünschen -- man denke an _Hebbels_ _Judith_ und
_Wagners_ _Kundry_ -- aber auch dies gibt ihnen keine Kraft, sich in
Wahrheit gegen den Zwang zur Wehre zu setzen: im letzten Augenblicke
küssen sie dennoch den Mann, der sie notzüchtigt, und suchen den zu
ihrem Herrn zu machen, der sie zu vergewaltigen zögert. _Das Weib
steht wie unter einem Fluche._ Es kann ihn für Augenblicke pressend
auf sich lasten fühlen, aber es entrinnt ihm _nie_, weil ihm die Wucht
zu süß dünkt. Sein Schreien und Toben ist im Grunde _unecht_. Es will
seinem Fluche gerade dann am süchtigsten erliegen, wenn es ihn am
entsetztesten zu meiden sich geberdet.

       *       *       *       *       *

Von der langen Reihe jener früheren Aufstellungen, welche den Mangel
des Weibes an irgend welchem angeborenen, unveräußerlichen Verhältnis
zu den _Werten_ behaupteten, ist keine einzige zurückzuziehen oder auch
nur einzuschränken gewesen. Selbst durch all das, was den Menschen
insgemein weibliche Liebe, weibliche Frömmigkeit, weibliche Scham
und weibliche Tugend heißt, sind sie nicht umgestoßen worden; sie
haben sich vor dem stärksten Ansturm, vor dem Heere der hysterischen
Imitationen aller männlichen Vorzüge, behaupten können. Nicht allein
durch die Kraft des, mit dem Weibe selbst der Fernzeugung fähigen
männlichen Spermas -- auf welches die unglaubliche geistige Veränderung
aller Frauen in der Ehe sicherlich zunächst zurückgeht -- sondern auch
vom männlichen _Bewußtsein_, und sogar vom _sozialen Geiste_ wird das
Weib, jenes empfängliche Weib, das hier allein in Betracht kommt, _von
frühester Jugend auf_ erfüllt, imprägniert und umgebildet. So erklärt
es sich, daß alle jene Eigenschaften des männlichen Geschlechtes, die
dem weiblichen an sich nicht zukommen, nichtsdestoweniger von diesem
in so sklavischer Nachahmung zur Erscheinung gebracht werden können;
wonach die vielen Irrtümer über die höhere Sittlichkeit des Weibes
leichter begreiflich werden.

Aber noch ist diese erstaunliche Rezeptivität der Frau ein isoliertes
Faktum der Erfahrung und von der Darstellung nicht in jenen
Zusammenhang mit den übrigen positiven und negativen Eigenschaften
des Weibes gebracht, welchen das theoretische Bedürfnis wünschenswert
erscheinen läßt. Was hat die Bildsamkeit des Weibes mit seiner
Kuppelei, was seine Sexualität mit seiner Verlogenheit zu tun? _Warum
ist all dies gerade in dieser Vereinigung $im Weibe$ beisammen?_

Und noch ist erst zu begründen, _woher_ es komme, daß die Frau alles in
sich aufnehmen kann. Wie ist jene Verlogenheit möglich, die das Weib
selber wähnen läßt, das zu glauben, was es nur von anderen vernommen,
das zu haben, was es nur von ihnen bekommen, das zu sein, was es nur
durch sie geworden ist?

Um hierauf eine Antwort zu geben, muß nochmals, zum letzten Male,
vom geraden Wege abgebogen werden. Man erinnert sich vielleicht noch,
wie das _tierische Wiedererkennen_, das psychische Äquivalent der
allgemein-organischen Übungsfähigkeit, vom _menschlichen Gedächtnis_
als ein gänzlich Verschiedenes und doch Ähnliches abgetrennt wurde:
indem beide eine gleichsam ewige Nachwirkung des zeitlich begrenzten
einmaligen Eindruckes bedeuten, das Gedächtnis aber, zum Unterschiede
vom unmittelbaren passiven Wiedererkennen, sein Wesen in der
aktiven Reproduktion des Vergangenen findet.[70] Später wurde bloße
Individuation als die Eigenschaft alles Organischen wohl unterschieden
von Individualität, welche nur der Mensch besitzt.[71] Und schließlich
machte sich die Notwendigkeit einer genauen Distinktion zwischen
Geschlechtstrieb und Liebe fühlbar, von denen ebenfalls nur der erste
den nichtmenschlichen Lebewesen zugesprochen werden konnte.[72] Dennoch
waren beide verwandt, in ihren Gemeinheiten wie in ihren Erhabenheiten
(als Bestrebungen zur eigenen Verewigung).

Auch der Wille zum Wert wurde öfter als charakteristisch für den
Menschen hingestellt, indes die Tiere nur ein Streben nach Lust kennen
und der Wertbegriff ihnen fremd ist.[73] Zwischen _Lust_ und _Wert
besteht_ eine _Analogie, und doch sind beide grundverschieden_: die
Lust _wird_ begehrt, der Wert _soll_ begehrt werden; beide werden
noch immer ganz widerrechtlich verwechselt, und so in Psychologie
und Ethik die größte Konfusion dauernd festgehalten. Aber dieses
Durcheinanderfließen hat nicht nur zwischen dem Wert- und dem
Lustbegriff stattgefunden; es ist den Unterscheidungen zwischen
Persönlichkeit und Person, zwischen Wiedererkennen und Gedächtnis,
zwischen Geschlechtstrieb und Liebe nicht besser ergangen: alle
diese Gegensätze werden fortwährend zusammengeworfen, und was noch
bezeichnender ist, fast stets von denselben Menschen, mit denselben
theoretischen Anschauungen und wie in einer gewissen Absichtlichkeit,
um den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verwischen.

Auch weitere, bisher kaum berührte Distinktionen werden hier meist
vernachlässigt. Tierisch ist die _Enge des Bewußtseins_, rein
menschlich ist die _aktive Aufmerksamkeit_: beide haben, das sieht
jeder klar, ein Gemeinsames, und doch auch ein Verschiedenes. Nicht
anders steht es mit der so vielen geläufigen Zusammenwerfung von
_Trieb_ und _Wille_. Der Trieb ist allen Lebewesen gemeinschaftlich,
im Menschen kommt noch der Wille hinzu, der frei ist und kein
psychologisches Faktum bildet, weil er allem speziellen psychologischen
Erleben zu Grunde liegt. Daß Trieb und Wille fast immer als
identisch betrachtet werden, hieran trägt übrigens nicht bloß
der Einfluß _Darwins_ die Schuld; sondern es kommt von ihr fast
ebensoviel auf Rechnung des unklaren, einerseits ganz allgemein
_natur_philosophischen, anderseits eminent _ethischen_ Willensbegriffes
von Arthur _Schopenhauer_.

Ich stelle zusammen:

  _$Auch$_                                 _$Nur$_

  tierisch, beziehungsweise organisch      dem Menschen, respektive
  überhaupt                                dem menschlichen _Manne_
  sind:                                    eigen:

  Individuation                            Individualität
  Wiedererkennen                           Gedächtnis
  Lust                                     Wert
  Geschlechtstrieb                         Liebe
  Enge des Bewußtseins                     Aufmerksamkeit
  Trieb                                    Wille

Man sieht, wie sich über _jede_ Eigenschaft _alles_ Lebendigen im
_Menschen_ noch eine _andere_, in gewisser Beziehung _verwandte und
doch höhere_ legt. Die uralte tendenziöse Identifikation der beiden
Reihen und, auf der anderen Seite, das Bedürfnis, sie immer wieder
auseinanderzuhalten, weisen auf ein Gemeinsames hin, das die Glieder
jeder Reihe miteinander verbindet und scheidet von allen Gliedern
der zweiten. Es nimmt sich zunächst aus, als ob hier im Menschen
ein _Überbau_ von höheren Eigenschaften über korrelative niedere
Erscheinungen aufgeführt wäre. Man könnte an eine Lehre des _indischen
Geheimbuddhismus_ sich erinnert fühlen, an seine Theorie von der
_»Menschheitswelle«_. Es ist nämlich gleichsam, als wäre jeder bloß
tierischen Eigenschaft im Menschen eine verwandte und doch einer
höheren Sphäre angehörige Qualität _superponiert_, wie eine Schwingung
einer anderen sich addiert: jene niederen Eigenschaften fehlen dem
Menschen keineswegs, allein es ist zu ihnen in ihm etwas hinzugekommen.
Was ist dieses neu Dazugetretene? Worin unterscheidet es sich vom
anderen und worin gleicht es ihm? Denn die Tafel zeigt unverkennbar,
daß jedes Glied der linken Reihe mit jedem, auf gleicher Höhe
stehenden, Gliede der rechten eine Ähnlichkeit hat, und doch wieder
anderseits _alle_ Glieder _jeder_ Reihe eng zueinander gehören. Woher
diese merkwürdige Übereinstimmung bei gleichzeitiger ganz abgrundtiefer
Verschiedenheit?

Die linksstehenden Dinge sind fundamentale Eigenschaften alles
animalischen respektive pflanzlichen _Lebens_. Alles solche Leben ist
Leben von Individuen, nicht von ungegliederten Massen, es äußert sich
als Trieb, um Bedürfnisse zu befriedigen, insonderheit als Sexualtrieb,
um sich fortzupflanzen. Individualität, Gedächtnis, Wille, Liebe können
somit als Eigenschaften eines _zweiten_ Lebens gelten, das mit dem
organischen Leben eine gewisse Verwandtschaft haben und doch von ihm
toto coelo verschieden sein wird.

_Es ist keine andere als die Idee des ewigen, höheren, $neuen$ Lebens
der Religionen und speziell des Christentums, deren tiefe Berechtigung
uns hier entgegentritt._ Neben dem organischen hat der Mensch noch teil
an einem anderen Leben, der ζωή αιώνιος des neuen Bundes. Wie jenes
Leben von irdischer Speise sich nährt, so bedarf dieses der geistigen
Atzung (Symbol des _Abendmahles_). Wie jenes eine Geburt und einen Tod,
so kennt auch dieses eine Begründung -- die _sittliche Wiedergeburt_
des Menschen, die »_Regeneration_« -- und einen Untergang: den
_endgültigen_ Verfall in Irrsinn oder Verbrechen. Wie jenes bestimmt
wird durch kausale Naturgesetze von außen, so bindet sich dieses
durch normierende Imperative von innen. Jenes ist von begrenzter Art
_zweckmäßig_; dieses, in unendlicher unbegrenzter Herrlichkeit, ist
_vollkommen_.[74]

Die Eigenschaften, welche die linke Reihe aufzählt, sind allem
niedrigen Leben gemeinsam; die Merkmale aus der rechten Kolumne sind
die korrespondierenden Zeichen des ewigen Lebens, Künder eines höheren
Seins, an welchem der Mensch, und nur er allein, noch überdies Anteil
hat. Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung
beider Reihen, des höheren und des niederen Lebens, bildet das
Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: _dies_ ist _das
Motiv der Weltgeschichte_.

Man mag in diesem zweiten Leben etwas erblicken, das sich im Menschen
zu den, früher vorhandenen, anderen Eigenschaften hinzuentwickelt
habe; hier soll über diese Frage nicht entschieden werden. Doch wird
wohl eine tiefere Auffassung jenes sinnliche und sinnenfällige,
hinfällige Leben nicht als den Erzeuger des höheren, geistigen,
ewigen, sondern umgekehrt, im Sinne des vorigen Kapitels, das erstere
als eine Projektion des letzteren auf die Sinnlichkeit, als seine
Abbildung im Reiche der Notwendigkeit, als sein _Heruntersteigen_,
seine _Erniedrigung_ zu diesem, als seinen _Sündenfall_ ansehen müssen.
Denn nur der _letzte Abglanz_ der höheren Idee von einem ewigen Leben
ist es, der auf die Fliege fällt, die mich belästigt, und mich hindern
kann, sie zu töten.

_Das absolute Weib jedoch_, dem Individualität und Wille mangeln,
das keinen Teil hat am Werte und an der Liebe, ist, so können wir
jetzt sagen, _von jenem höheren, transcendenten, metaphysischen Sein
ausgeschlossen_. Die intelligible hyperempirische Existenz des _Mannes_
ist erhaben über Stoff, Raum und Zeit; in _ihm_ ist Sterbliches
genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Möglichkeit, zwischen
beiden zu wählen; zwischen jenem Leben, das mit dem irdischen Tode
vergeht, und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in
gänzlicher Reine bedeutet. Nach diesem vollkommen zeitlosen Sein, nach
dem absoluten Werte, geht aller tiefste Wille im Manne: er ist eins
mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Und daß die Frau kein Verlangen
nach persönlicher Fortdauer hat, wird so endlich _ganz_ klar: in ihr
ist nichts von jenem ewigen Leben, das der Mann durchsetzen will und
durchsetzen soll gegen sein ärmliches Abbild in der Sinnlichkeit.
Irgend eine Beziehung zur Idee des höchsten Wertes, zur Idee des
Absoluten, zur Idee jener _völligen Freiheit_, die er noch nicht
besitzt, weil er immer _auch determiniert_ ist, die er aber erlangen
kann, weil der Geist Gewalt hat über die Natur: eine solche Beziehung
zur Idee überhaupt, oder zur Gottheit, hat jeder Mann: indem zwar durch
sein Leben auf Erden eine Trennung und Loslösung vom Absoluten erfolgt
ist, aber die Seele sich aus dieser Verunreinigung, als der _Erbsünde_,
wieder hinaussehnt.

Wie die Liebe seiner Eltern keine reine zur Idee war, sondern mehr oder
weniger eine sinnliche Verkörperung suchte, so will auch der Sohn, der
eben das ist, worauf diese Liebe hinauslief, so lang er lebt, nicht
bloß das ewige, sondern auch das zeitliche Leben: wir erschrecken
vor dem Gedanken des Todes, wehren uns gegen ihn, klammern uns an
das irdische Dasein und beweisen dadurch, daß wir geboren zu werden
_wünschten_, als wir geboren wurden, indem wir _noch immer_ in diese
Welt geboren zu werden verlangen. Ein Mensch, der vor dem irdischen
Tode gar keine Furcht mehr hätte, würde in eben diesem Augenblicke
sterben; denn er hätte nur mehr den reinen Willen zum ewigen Leben, und
dieses soll und kann der Mensch selbständig in sich verwirklichen: es
_schafft sich_, wie _alles_ Leben selbst sich schafft.

Weil aber jeder Mann in einem Verhältnis zur Idee des höchsten Wertes
steht, ohne dieser Idee ganz teilhaft zu sein, darum gibt es keinen
Mann, der _glücklich_ wäre. _Glücklich sind nur die Frauen._ Kein Mann
fühlt sich glücklich, denn ein jeder hat eine Beziehung zur Freiheit,
und ist doch auf Erden immer noch irgendwie unfrei. Glücklich kann
sich nur ein gänzlich passives Wesen fühlen, wie das echte Weib, oder
ein gänzlich aktives, wie die Gottheit. Glück wäre das Gefühl der
Vollkommenheit, dieses Gefühl kann ein Mann nie haben; wohl aber gibt
es Frauen, die sich vollkommen dünken. Der Mann hat immer Probleme
hinter sich und Aufgaben vor sich: alle Probleme wurzeln in der
Vergangenheit; das Land der Aufgaben ist die Zukunft. Für das Weib ist
denn auch die Zeit gar nicht _gerichtet_, sie hat ihr keinen _Sinn_:
es gibt keine Frau, die sich die Frage nach dem _Zwecke_ ihres Lebens
stellte; _doch die Einsinnigkeit der Zeit ist nur der Ausdruck dafür,
daß dieses Leben einen Sinn gewinnen soll und kann_.

_Glück_ für den Mann: das könnte nur ganze, reine _Aktivität_ sein,
völlige Freiheit, nie ein geringer, aber auch nicht der höchste Grad
von Unfreiheit: denn seine Schuld häuft sich, je weiter er von der Idee
der Freiheit sich entfernt. Das irdische Leben _ist_ ihm ein _Leiden_
und _muß_ es sein, schon weil in der Empfindung der Mensch eben doch
_passiv_ ist; weil ein Affiziertwerden stattfindet, weil es Materie
und nicht nur Formung der Erfahrung gibt. Es ist kein Mensch, welcher
der Wahrnehmung nicht bedürfte, selbst der geniale Mensch wäre nichts
ohne sie, auch wenn er, mächtiger und schneller als alle anderen,
alsbald mit dem ganzen Gehalte seines Ich sie erfüllt und durchdringt,
und nicht einer vollständigen Induktion bedarf, um die Idee eines
Dinges zu erkennen. Die _Rezeptivität_ ist durch keinen _Fichte_schen
Gewaltstreich aus der Welt zu schaffen: in der Sinnesempfindung ist
der Mensch _passiv_, und seine Spontaneität, seine Freiheit gelangt
erst im _Urteil_ zur Geltung und in jener Form eines universalen
_Gedächtnisses_, das alle Erlebnisse dem _Willen_ des Individuums
zu reproduzieren vermag. Annäherungen an die höchste Spontaneität,
scheinbar schon Verwirklichungen gänzlicher Freiheit, sind dem Manne
die Liebe und das geistige Schaffen. Darum gewähren am ehesten _sie_
ihm eine Ahnung dessen, _was_ das _Glück_ ist, und lassen ihn seine
Nähe, auf Augenblicke freilich nur, zitternd über sich verspüren.

Der Frau hingegen, die nie tief unglücklich sein kann, ist _darum_
Glück eigentlich ein leeres Wort: auch der Begriff des Glückes ist vom
Manne, vom _unglücklichen_ Manne geschaffen worden, obwohl er in ihm
nie eine adäquate Realisation findet. Die Frauen scheuen sich nie, ihr
Unglück anderen zu zeigen: weil es eben kein echtes Unglück ist, weil
hinter ihm keine Schuld steht, am wenigsten die Schuld des Erdenlebens
als der Erbsünde.

Der letzte, der absolute Beweis der völligen Nichtigkeit des weiblichen
Lebens, seines völligen Mangels an höherem _Sein_, wird uns aus der
Art, wie Frauen den Selbstmord vollziehen. Ihr Selbstmord erfolgt
nämlich wohl immer mit dem Gedanken an die anderen Menschen, was
diese sich denken, wie diese sie bedauern, wie sie sich grämen oder
-- sich ärgern werden. Das ist nicht so zu verstehen, als ob die Frau
nicht von ihrem, nach ihrer Ansicht _stets un_verdienten Unglück fest
durchdrungen wäre im Augenblicke, da sie sich tötet: im Gegenteil, vor
dem Selbstmord bemitleidet sie sich am allerheftigsten, nach jenem
Schema des Mitleidens mit sich selbst, das nur ein Mitweinen mit den
anderen über das Objekt des Mitgefühls des anderen, ein völliges
Aufhören Subjekt zu sein, ist. Wie könnte auch eine Frau ihr Unglück
_als zu sich gehörig_ ansehen, da sie doch unfähig ist, ein Schicksal
zu haben? Das Fürchterliche und für die _Leerheit und Nullität der
Frauen_ Entscheidende ist vielmehr dies, daß sie nicht einmal _vor dem
Tode_ zum _Probleme_ des Lebens, _ihres_ Lebens gelangen: weil in ihnen
nicht ein höheres Leben der Persönlichkeit realisiert werden wollte.

_Die Frage also, welche im Eingang dieses zweiten Teiles als sein
Hauptproblem formuliert wurde, die Frage nach der Bedeutung des
Mann-Seins und Weib-Seins, kann jetzt beantwortet werden. Die Frauen
haben keine Existenz und keine Essenz_, sie _$sind$_ nicht, sie sind
_$nichts$_. _Man $ist$ Mann oder man $ist$ Weib, je nachdem ob man wer
$ist$ oder nicht._

Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es
kein Verhältnis zum Ding an sich, das für jede tiefere Auffassung
identisch ist mit dem Absoluten, der Idee oder Gott. Der Mann, in
seiner Aktualität, dem Genie, glaubt an das Ding an sich: ihm ist es
entweder das Absolute als sein höchster Begriff von wesenhaftem Werte:
dann ist er Philosoph. Oder es ist das wundergleiche Märchenland seiner
Träume, das Reich der absoluten Schönheit: dann ist er Künstler.
_Beides aber bedeutet dasselbe._

Das Weib hat kein Verhältnis zur Idee, es bejaht sie weder, noch
verneint es sie: es ist weder moralisch noch antimoralisch, es hat,
mathematisch gesprochen, _kein Vorzeichen_, es ist richtungslos, weder
gut noch böse, weder Engel noch Teufel, es ist _amoralisch_ wie es
_alogisch_ ist. Alles Sein aber ist moralisches und logisches Sein.
_Die Frau also $ist$ nicht._

Das Weib ist verlogen. Das Tier hat zwar ebensowenig metaphysische
Realität wie die echte Frau; aber es spricht nicht, und folglich lügt
es nicht. Um die Wahrheit reden zu können, muß man etwas _sein_;
denn die Wahrheit geht auf ein _Sein_, und zum Sein kann nur der ein
_Verhältnis_ haben, der selbst etwas _ist_. Der Mann will die ganze
Wahrheit das heißt, er will _nur $sein$_. Auch der Erkenntnistrieb ist
zuletzt _identisch_ mit dem Unsterblichkeitsbedürfnis. Wer dagegen über
einen Tatbestand etwas aussagt, ohne wirklich mutig ein Sein behaupten
zu wollen; wem die äußere Urteilsform gegeben ist ohne die innere;
wer, wie die Frau, nicht wahrhaft _ist_: der _muß_ notwendig _immer_
lügen. _Darum lügt die Frau stets, auch wenn sie objektiv die Wahrheit
spricht._

Das Weib kuppelt. Die Lebenseinheiten des niederen Lebens sind
Individuen, Organismen; die Lebenseinheiten des höheren Lebens
sind Individualitäten, Monaden, »Meta-Organismen«, wie ein nicht
wegzuwerfender Terminus bei _Hellenbach_ lautet. Jede Monade aber
unterscheidet sich von jeder anderen, und ist von ihr so getrennt,
wie zwei Dinge nur sein können. Die Monaden haben keine Fenster;
statt dessen haben sie die ganze Welt _in_ sich. Der Mann als die
Monade, als potentielle oder aktuelle, das ist geniale Individualität,
will auch _überall sonst_ Unterschied und Trennung, Individuation,
Auseinandertreten: der naive Monismus ist ausschließlich weiblich.
Jede Monade bildet für sich eine abgeschlossene Einheit, ein Ganzes;
aber auch das fremde Ich ist ihr eine solche vollendete Totalität,
in die sie nicht übergreift. Der Mann $_hat_ Grenzen$, und _bejaht,
will_ Grenzen; die Frau, die keine Einsamkeit kennt, ist auch nicht
imstande, die Einsamkeit des Nebenmenschen als solche zu bemerken
und aufzufassen, zu achten oder zu ehren, und sie unangetastet
anzuerkennen: für sie gibt es, weil keine Einsamkeit, auch keine
Mehrsamkeit, sondern nur ein ungeschiedenes Verschmolzensein. Weil
in der Frau kein Ich ist, darum ist für sie auch kein Du, _darum
gehören, nach ihrer Auffassung, Ich und Du $zusammen$ als $Paar$, als
ununterschiedenes Eines: darum kann die Frau zusammenbringen, darum
kann sie kuppeln_. Die Tendenz ihrer Liebe ist die Tendenz ihres
Mitleidens: die Gemeinschaft, die Verschmolzenheit.[75]

Für die Frau gibt es nirgends _Grenzen_ ihres Ich, die durchbrochen
werden könnten, und die sie zu hüten hätte. Hierauf beruht zunächst der
Hauptunterschied zwischen männlicher und weiblicher _Freundschaft_.
Alle _männliche_ Freundschaft ist ein Versuch zusammenzugehen unter
dem Zeichen einer und derselben _Idee_, welcher die Freunde, jeder
für sich, gesondert und doch vereint, nachstreben; die _weibliche_
»Freundschaft« ist ein Zusammen_stecken_, und zwar, was besonders
hervorzuheben ist, unter dem Gedanken der _Kuppelei_. Denn auf
dieser beruht die einzig mögliche Art eines intimeren und nicht
hinterhältigen Verkehres zwischen Frauen: soweit diese überhaupt nicht
bloß des Klatsches oder materieller Interessen halber gerade weibliche
Gesellschaft aufsuchen.[76] Wenn nämlich von zwei Mädchen oder Frauen
die eine für sehr viel schöner gilt als die andere, dann findet die
häßliche _eine gewisse sexuelle Befriedigung_ in der Bewunderung,
welche der Schöneren gezollt wird. Bedingung jeder Freundschaft
zwischen Frauen ist also zu oberst, daß ein Rivalisieren zwischen ihnen
ausgeschlossen sei: es gibt keine Frau, die sich nicht körperlich mit
jeder anderen Frau sofort vergliche, welche sie kennen lernt. Lediglich
in jenen Fällen großer _Un_gleichheit und _aussichtsloser_ Konkurrenz
kann die Häßliche für die Schönere schwärmen, weil diese für sie, ohne
daß es beiden im geringsten bewußt würde, das nächste Mittel ist,
_selbst sexuell befriedigt zu werden_: es ist nicht anders, sie fühlt
sich gleichsam _$in$ jener_ koitiert.[77] Das völlig _unpersönliche_
Leben der Frauen, wie auch der überindividuelle Sinn ihrer Sexualität,
die Kuppelei als der Grundzug ihres Wesens, leuchtet hieraus deutlich
hervor. Sie verkuppeln sich _wie_ die anderen, sich _in_ den anderen.
_Das Mindeste, was auch das häßlichste Weib verlangt, und woran es
schon ein gewisses Genügen findet, ist, daß überhaupt irgend eine ihres
Geschlechtes bewundert, begehrt werde._

Mit diesem völlig verschmolzenen Leben des Weibes hängt es zusammen,
daß die Frauen _nie wirklich Eifersucht_ fühlen. So gemein Eifersucht
und Rachedurst sind, es steckt in beiden ein Großes, dessen die
Frauen, wie aller Größe, im Guten oder im Bösen, _un_fähig sind. In
der Eifersucht, liegt ein verzweifelter Anspruch auf ein vorgebliches
Recht, und der Rechtsbegriff ist den Frauen transcendent. Aber der
hauptsächlichste Grund, daß die Frau auf einen einzelnen Mann nie ganz
eifersüchtig sein kann, ist ein anderer. Wenn der Mann, auch einer, in
den sie rasend verliebt wäre, im Zimmer neben dem ihren eine andere
Frau umarmte und besäße, so würde sie der Gedanke hieran sexuell
selbst so erregen, daß für die Eifersucht kein Platz bliebe. Dem Manne
würde eine solche Scene, wenn er um sie wüßte, höchst widerlich und
abstoßend sein, und ihm den Aufenthalt in der Nähe verekeln; das Weib
bejaht innerlich beinahe fieberhaft den ganzen Hergang; oder es wird
hysterisch, wenn es sich nicht eingestehen will, daß es zu tiefst auch
diese Vereinigung nur _gewünscht_ hat.

Ferner gewinnt über den Mann der Gedanke an den fremden Koitus nie
völlig Gewalt, er steht außer und über einem solchen Erlebnis, das für
ihn eigentlich gar keines ist; die Frau aber verfolgt den Prozeß kaum
selbst_tätig_, sie ist in _fieberhafter Erregung_ und wie _festgebannt_
durch den Gedanken, was hart neben ihr sich vollzieht.

Oft mag auch das Interesse des _Mannes_ an seinem Mitmenschen, der ihm
ein Rätsel ist, bis auf dessen sexuelles Leben sich erstrecken; aber
jene _Neugier_, welche den Nebenmenschen gewissermaßen zur Sexualität
_zwingt_, ist nur den Weibern eigentümlich, von ihnen jedoch ganz
allgemein betätigt, in gleicher Weise Frauen wie Männern gegenüber.
Eine Frau interessieren an jedem Menschen zunächst und vor allem seine
_Liebschaften_, und er ist ihr intellektuell nur so lange dunkel und
reizvoll, als sie über diesen Punkt nicht im Klaren ist.

Aus alledem geht nochmals klar hervor, daß Weiblichkeit und Kuppelei
identisch sind: eine rein _immanente_ Betrachtung des Gegenstandes
würde denn auch mit dieser Feststellung ihr Ende erreicht haben müssen.
Meine Absicht ging aber weiter; und ich glaube nun bereits angedeutet
zu haben, wie das Weib als Position, als Kupplerin, zusammenhängt mit
dem Weibe als Negation, das eines höheren Lebens als Monade gänzlich
entbehrt. Das Weib verwirklicht eine einzige Idee, die ihm selbst eben
darum nie zum Bewußtsein kommen kann, jene Idee, welche der Idee der
Seele am äußersten entgegengesetzt ist. Ob sie nun als Mutter nach
dem Ehebett verlangt oder als Dirne das Bacchanal bevorzugt, ob sie
zu zweien Familie begründen will oder nach den Massenverschlingungen
des Venusberges hinstrebt, sie handelt stets _nach der Idee der
Gemeinschaft_, jener Idee, welche die _Grenzen_ der Individuen, durch
_Vermischung_, am weitesten aufhebt.

So ermöglicht hier eines das andere: Emissärin des Koitus kann nur
ein Wesen ohne Individualität, ohne Grenzen sein. Nicht ohne Grund
ist in der Beweisführung so weit ausgeholt worden, wie es sicherlich
noch nie in einer Behandlung dieses Gegenstandes, noch auch sonst je
einer charakterologischen Arbeit geschehen ist. Das Thema ist darum
so ergiebig, weil hier der Zusammenhang alles höheren Lebens auf der
einen und alles niederen Lebens auf der anderen Seite sich offenbaren
muß. Jede Psychologie und jede Philosophie findet hier einen Prüfstein,
vorzüglicher als die meisten anderen, auf daß sie an ihm sich erprobe.
Nur darum bleibt das Problem Mann-Weib in aller Charakterologie das
interessanteste Kapitel, nur darum habe ich es zum Objekte einer so
umfassenden, weit ausgreifenden Untersuchung gewählt.

Man wird an dem Punkte, zu welchem die Darlegung nun gelangt ist,
sicherlich offen fragen, was man bisher vielleicht nur als Bedenken
bei sich erwogen hat: ob denn dieser Anschauung die Frauen überhaupt
noch Menschen seien? Ob sie nach der Theorie des Verfassers nicht
eigentlich unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müßten?
Denn sie entbehrten, nach seiner Auffassung, einer höheren als der
sinnlichen Existenz nicht minder denn jene, sie hätten so wenig teil am
ewigen Leben wie die übrigen Organismen, denen persönliche Fortdauer
kein Bedürfnis und keine Möglichkeit ist. Eine metaphysische Realität
sei beiden gleich wenig beschieden, sie _seien_ alle nicht, das Weib
nicht, noch auch das Tier, noch die Pflanze -- alle nur Erscheinung,
nirgends etwas vom Ding an sich. Der Mensch ist, nach der Ansicht, die
sein Wesen am tiefsten erfaßt hat, ein Spiegel des Universums, er ist
der Mikrokosmus; die Frau aber ist absolut ungenial, sie lebt nicht im
tiefen Zusammenhange mit dem All.

In _Ibsens_ »Klein Eyolf« spricht das Weib an einer schönen Stelle zum
Manne:

_Rita_: Wir sind doch schließlich nur Menschen.

_Allmers_: Auch mit Himmel und Meer sind wir ein wenig verwandt, Rita.

_Rita_: _Du vielleicht. Ich nicht._

Ganz bündig liegt hierin die Einsicht des Dichters, daß die Frau zur
Idee der Unendlichkeit, zur Gottheit, kein Verhältnis hat: weil ihr
die Seele fehlt. Zum _Brahman_ dringt man, nach den Indern, nur durch
das _Âtman_ vor. Das Weib ist nicht Mikrokosmus, es ist nicht nach dem
Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es
Tier? Oder Pflanze?

Den Anatomen müssen diese Fragen wohl recht lächerlich bedünken, und
er wird einen Standort von vornherein für verfehlt halten, auf dessen
Boden solche Problemstellungen erwachsen können. Ihm ist das Weib
homo sapiens und von allen übrigen Spezies wohl unterschieden, dem
menschlichen Manne nicht anders zugeordnet als das Weibchen in jeder
Art und Gattung sonst seinem Männchen. Und der Philosoph darf gewiß
nicht sagen: Was gehen mich die Anatomen an! Mag er auch von dieser
Seite noch so wenig Verständnis erhoffen für das, was ihn bewegt: er
spricht hier über anthropologische Dinge, und, wenn er die Wahrheit
findet, darf auch die morphologische Tatsache um ihr Recht nicht
verkürzt worden sein.

In der Tat! Zwar stehen die Frauen sicherlich in ihrem Unbewußten der
Natur näher als der Mann. Die Blumen sind ihre Schwestern, und daß sie
von den Tieren minder weit entfernt sind als der Mann, dafür zeugt, daß
sie zur Sodomie sicherlich mehr Neigung haben als er (Pasiphae- und
Leda-Mythus. Auch das Verhältnis zum Schoßhündchen ist wahrscheinlich
ein noch weit sinnlicheres, als man gewöhnlich es sich ausmalt).[78]
Aber die Frauen sind Menschen. Selbst W, die wir ohne jede Spur des
intelligiblen Ich denken, ist doch immerhin das Komplement zu M. Und
sicherlich ist die Tatsache der besonderen _sexuellen_ und _erotischen_
Ergänzung des menschlichen Mannes durch das _menschliche_ Weib wenn
auch nicht jene sittliche Erscheinung, von welcher die Fürsprecher
der Ehe schwatzen, so doch von ungeheuerer Bedeutung für das Problem
der Frau. Die Tiere sind ferner bloß Individuen, die Frauen Personen
(wenn auch nicht Persönlichkeiten). Die äußere Urteilsform, wenn auch
nicht die innere, die Sprache, obgleich nicht die Rede, ein gewisses
Gedächtnis, obschon keine kontinuierliche Einheit des Selbstbewußtseins
ist ihnen verliehen. Für alles im Manne besitzen sie eigentümliche
_Surrogate_, die noch fortwährend jene Verwechslungen begünstigen,
denen die Schätzer der Weiblichkeit so gerne unterliegen.

Es ist keine andere Frage als die nach dem _letzten Wesen des
Geschlechtsgegensatzes_, die hiemit neu aufgeworfen erscheint. Die
Rolle, welche das männliche und das weibliche Prinzip im Tier- und im
Pflanzenreiche spielen, bleibt hier _außer_ Betracht; es handelt sich
einzig um den Menschen. Daß solche Prinzipien der Männlichkeit und
Weiblichkeit nicht als metaphysische Ideen, sondern als theoretische
Begriffe angenommen werden müssen, darauf lief die ganze Untersuchung
gleich zu Anfang hinaus. Welche gewaltigen Unterschiede zwischen Mann
und Weib, weit über die bloße physiologisch-sexuelle Differenz hinaus,
ohne Frage zumindest beim _Menschen_ bestehen, das hat der ganze
weitere Verlauf der Betrachtung gezeigt. Jene Anschauung also, welche
in der Tatsache des Dualismus der Geschlechter nichts weiter erblickt
als eine Vorrichtung zur Distribution verschiedener Funktionen auf
verschiedene Wesen im Sinne einer Teilung der physiologischen Arbeit
-- eine Auffassung, die, wie ich glaube, dem Zoologen _Milne-Edwards_
ihre besondere Verbreitung zu danken hat -- erscheint hienach völlig
unannehmbar; über ihre ans Lächerliche streifende Oberflächlichkeit und
intellektuelle Genügsamkeit ist weiter kein Wort zu verlieren. Zwar ist
der _Darwinismus_ der Popularisierung dieser Ansicht besonders günstig
gewesen, und man hat sogar ziemlich allgemein an ein Hervorgehen der
geschlechtlich differenzierten Organismen aus einem früheren Stadium
sexueller Ungeschiedenheit gedacht: durch einen Sieg der einer solchen
Funktionsentlastung teilhaft gewordenen Wesen über die primitiveren,
überbürdeten, ungeschlechtlichen oder doppelgeschlechtlichen Arten.
Daß aber eine solche »Entstehung des Geschlechtes« infolge der
»Vorzüge der Arbeitsteilung«, der »Erleichterung im Kampfe ums Dasein«
eine, ganz _unvollziehbare Vorstellung ist_, hat, lange vor den
modernen Totenkäfern _Darwins_, Gustav Theodor _Fechner_ in einer
unwiderleglichen Argumentation dargetan.

Isoliert ist der Sinn von Mann und Weib nicht zu erforschen; sie
können in ihrer Bedeutung nur aneinander erkannt und gegeneinander
bestimmt werden. _In ihrem Verhältnis zueinander_ muß der Schlüssel
für das Wesen _beider_ zu finden sein. Bei dem Versuche, die Natur
der Erotik zu ergründen, ist bereits kurz auf ihn angespielt worden.
_Es ist das Verhältnis von Mann und Weib kein anderes als das von
$Subjekt$ und $Objekt$. $Das Weib sucht seine Vollendung als Objekt.$_
Es ist die _Sache_ des Mannes, oder die _Sache_ des Kindes, und will,
trotz aller Bemäntelung, nicht anders genommen werden denn wie eine
_Sache_. Niemand mißversteht so sehr, was eine Frau wirklich will,
als wer sich für das interessiert, was in ihr vorgeht, und für ihre
Gefühle und Hoffnungen, für ihre Erlebnisse und innere Eigenart eine
Teilnahme in sich aufkommen läßt. Die Frau _will nicht_ als _Subjekt_
behandelt werden, sie will stets und in alle Wege -- das ist eben
ihr Frau-Sein -- lediglich _passiv_ bleiben, _einen Willen auf sich
gerichtet fühlen_, sie will nicht gescheut noch geschont, _sie will
nicht $geachtet$ sein_. Ihr Bedürfnis ist vielmehr, nur als Körper
begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. _Wie die
bloße Empfindung erst Realität gewinnt, indem sie begrifflich, d. h.
$Gegenstand$ wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein und zu einem
Gefühle desselben erst, indem es vom Manne oder vom Kinde, als dem
Subjekte, zu dessen $Objekt$ erhoben wird, und so eine Existenz
geschenkt erhält._

_Was erkenntnistheoretisch der Gegensatz des Subjekts zum Objekt, das
sagt ontologisch die Gegenüberstellung von $Form$ und $Materie$._ Sie
ist nur die Übersetzung jener Unterscheidung aus dem Transcendentalen
ins Transcendente, aus dem Erfahrungskritischen ins Metaphysische.
Die Materie, das absolut _Un_individualisierte, das, was _jede_ Form
annehmen kann, selbst aber keine bestimmten und dauernden Eigenschaften
hat, ist das, was so wenig _Essenz_ besitzt, wie der bloßen Empfindung,
der Materie der Erfahrung, an sich schon _Existenz_ zukommt. Während
also der Gegensatz von Subjekt und Objekt ein solcher der Existenz ist
(_indem die Empfindung erst als ein dem Subjekte gegenübergestellter
Gegenstand Realität gewinnt_), bedeutet der Gegensatz von Form und
Materie einen Unterschied der Essenz (_die Materie ist ohne Formung
absolut qualitätenlos_). Darum konnte _Platon_ die Stofflichkeit,
die bildsame Masse, das an sich formlose ἄπειρον, den knetbaren Teig
des ἐκμαγεῖον, das, worein die Form eingeht, ihren Ort, ihre χώρα,
das ἐν ᾧ, jenes ewig _Zweite_, _Andere_, das θάτερον, auch $als das
Nichtseiende$, als das µὴ ὄν bezeichnen. Der zieht den tiefsten Denker
auf das Niveau der vordersten Oberflächlichkeit, der ihn, wie dies
häufig geschieht, meinen läßt, sein Nichtseiendes sei der _Raum_. Gewiß
wird kein bedeutender Philosoph dem Raum eine metaphysische Existenz
zuschreiben, aber ebensowenig kann er ihn für _das_ Nichtseiende an
sich halten. Es charakterisiert gerade den ahnungslosen, frechen
Schwätzer, daß der leere Raum für ihn »Luft«, »Nichts« ist; erst dem
vertieften Nachdenken gewinnt er an Realität, und wird ihm Problem.
Das Nichtseiende _Platons_ ist gerade das, was dem _Philister_ als das
denkbar _Realste_, als die Summation der Existenzwerte erscheint, _es
ist nichts anderes als die Materie_.

Ist es also eine zu klaffende Diskontinuität, wenn ich im Anschluß
an _Plato_, der selbst sein jede Form Annehmendes vergleichsweise
als die _Mutter_ und _Amme_ alles Werdens bezeichnet, auf den Spuren
des _Aristoteles_, dessen Naturphilosophie _im Zeugungsakte_ dem
weiblichen Prinzip die _stoffliche_, dem männlichen die _formende_
Rolle zuerteilt hat -- ist es Willkür, wenn ich, in Übereinstimmung mit
dieser Anschauung und Erweiterung derselben, _die Bedeutung des Weibes
für den Menschen nun überhaupt in der Vertretung der Materie erblicke_?
Der Mann, als Mikrokosmus, ist beides, zusammengesetzt aus höherem und
niederem Leben, aus metaphysisch Existentem und Wesenlosem, aus Form
und Materie: das _Weib_ ist _nichts_, _es ist $nur$ Materie_.

Erst _diese_ Erkenntnis bildet den Schlußstein des Gebäudes, von
ihr aus wird alles deutlich, was noch unklar war, und rundet sich
zum geschlossenen Zusammenhange. Das geschlechtliche Streben des
Weibes geht nach _Berührung_, es ist nur _Kontrektations-_ und nicht
Detumeszenztrieb.[79] Dem entspricht, daß sein feinster Sinn, und
zugleich der einzige, bei ihm weiter als beim Manne entwickelte Sinn
das _Tastgefühl_ ist.[80] Auge und Ohr führen beide ins Unbegrenzte
und lassen eine Unendlichkeit ahnen; der Tastsinn erfordert engste
körperliche Nähe zur eigenen Betätigung; man vermengt sich mit dem, was
man angreift: er ist der eminent schmutzige Sinn, und wie geschaffen
für ein auf körperliche Gemeinschaft angelegtes Wesen. Was durch ihn
vermittelt wird, ist die Widerstandsempfindung, die Wahrnehmung des
Palpablen; und eben von der _Materie_ läßt sich, wie _Kant_ gezeigt
hat, nichts anderes aussagen, als daß sie eine derartige Raumerfüllung
ist, die allem, was in sie einzudringen strebt, einen gewissen
_Widerstand_ entgegensetzt. Die Erfahrung des »Hindernisses« hat, wie
den psychologischen (nicht den erkenntnistheoretischen) _Ding_begriff,
so auch den übergroßen Realitätscharakter geschaffen, welchen die
Data des Tastsinnes für die meisten Menschen immer besitzen, als die
solideren, »primären« Qualitäten der Erfahrungswelt. Aber nichts
anderes als der ihm stets anhaftende letzte Rest von Weiblichkeit
ist es, der bewirkt, daß für den Mann die Materie den Charakter der
eigentlichen Realität gefühlsmäßig nie vollständig _verliert_. Gäbe
es einen absoluten Mann, so wäre ihm die Materie auch _psychologisch_
(nicht nur logisch) kein irgendwie Seiendes mehr.

Der Mann ist Form, das Weib Materie. Ist das richtig, so muß es auch
in dem Verhältnis ihrer psychischen Einzelerlebnisse zueinander einen
Ausdruck finden. Die längst festgestellte Gliederung der Inhalte des
männlichen Seelenlebens gegenüber dem unartikulierten und chaotischen
Vorstellen des Weibes verkündet nichts anderes als diesen nämlichen
Gegensatz von Form und Materie. Die Materie will geformt werden: _darum
verlangt_ das Weib vom Manne die _Klärung_ seiner verworrenen Gedanken,
die _Deutung der Heniden_.[81]

Die Frauen sind die Materie, die jede Form annimmt. Jene
Untersuchungen, welche für die Mädchen eine bessere Erinnerung speziell
an den Lehrstoff ergeben haben, als für die Knaben, können nur so
erklärt werden: aus der Inanität und Nullität der Frauen, die mit allem
Beliebigen _imprägniert_ werden können, indes der Mann nur behält, was
ihn wirklich interessiert, und alles übrige _vergißt_ (vgl. Teil II,
S. 147, 168). Aber vor allem geht das, was die _Schmiegsamkeit_ des
Weibes genannt wurde, seine außerordentliche _Beeinflußbarkeit_ durch
das fremde Urteil, seine _Suggestibilität_, seine völlige _Umschaffung_
durch den Mann auf dieses Bloß-Materie-Sein, diesen _Mangel_ jeder
_ursprünglichen Form_ zurück. _Das Weib $ist$ nichts, und darum, $nur$
darum $kann es alles werden$; während der Mann stets nur werden kann,
was er $ist$._ Aus einer Frau kann man machen, _was man will_; dem
Manne höchstens zu dem verhelfen, was _er_ will. Darum hat, in der
wahren Bedeutung des Wortes, eigentlich nur _Frauen_, nicht Männer,
zu _erziehen_ einen _Sinn_. Am Manne wird durch alle Erziehung
nie irgend ein Wesentliches geändert; im Weibe kann sogar seine
eigenste Natur, die Hochwertung der Sexualität, durch äußeren Einfluß
völlig zurückgedrängt werden. Das Weib mag alles scheinen und alles
verleugnen, aber es _ist_ nie irgend etwas in Wahrheit.

Man wird freilich, selbst wenn man mit den bisherigen Ableitungen
sollte einverstanden sein, ihnen zum Vorwurf machen, daß sie keine
Auskunft darüber gäben, $was$ denn der _Mann_ eigentlich _sei_. Läßt
sich von ihm, wie vom Weibe _Kuppelei_ und _Wesenlosigkeit_, irgend
etwas als allgemeine Eigenschaft prädizieren? Gibt es überhaupt einen
_Begriff_ des Mannes, wie es einen Begriff des Weibes gibt, und läßt
sich dieser Begriff ähnlich definieren?

Hierauf ist zu antworten, daß die Männlichkeit eben in der _Tatsache_
der Individualität, der wesenhaften Monade liegt und sich mit ihr
deckt. Jede Monade aber ist von jeder anderen um ein _Unendliches_
verschieden, und darum keine subsumierbar unter einen umfassenderen
Begriff, der mehreren Monaden Gemeinsames enthielte. Der _Mann_
ist der _Mikrokosmus_, in ihm sind _alle_ Möglichkeiten überhaupt
enthalten. Man hüte sich dies zu verwechseln mit der _universellen
$Suszeptibilität$_ der Frau, die alles wird, _ohne irgend etwas zu
sein_, indes der Mann alles _ist_ und davon mehr oder weniger, je nach
seiner Begabung, auch _wird_. Der Mann hat auch das Weib, er hat auch
Materie in sich, und kann diesen Teil seines Wesens sich entwickeln
lassen, d. h. verkommen und entarten; oder er kann ihn erkennen und
bekämpfen -- _darum_ kann _er_, und _nur $er$_, über die Frau zur
Wahrheit gelangen (Teil II, S. 106-108). _Das Weib aber hat keine
Möglichkeit einer Entwicklung, außer durch den Mann._

Ganz deutlich wird die Bedeutung von Mann und Weib immer erst in
der Betrachtung ihrer gegenseitigen _sexuellen_ und _erotischen
Relationen_. Das tiefste Begehren der Frau ist, vom Manne _geformt_
und _dadurch erst geschaffen_ zu werden. Die Frau wünscht, daß der
Mann ihr Meinungen beibringe, _ganz andere_, als sie bisher gehabt
hat, sie will durch ihn umgestoßen sehen, was sie bisher für richtig
hielt (Gegenteil der Pietät, S. 161), sie will als Ganzes _widerlegt
sein_, und erst _neugebildet_ werden durch ihn. Der Wille des Mannes
_schafft_ erst die Frau, er _gebietet_ über sie, und _verändert
sie von Grund auf_ (Hypnose). Hier ist auch endlich Klärung über
das Verhältnis des Psychischen zum Physischen bei Mann und Weib zu
finden. Für den Mann wurde früher die Wechselwirkung, und zwar nur im
Sinne einer einseitigen Schöpfung des Leibes durch die transcendente
Psyche, als die Projektion derselben auf die Erscheinungswelt, für
das Weib hingegen der Parallelismus eines bloß Empirisch-Psychischen
und Empirisch-Physischen angenommen. Jetzt ist klar, daß auch beim
Weibe eine Wechselwirkung Geltung hat. Aber während beim _Manne_,
nach _Schopenhauers_ wahrster Lehre, daß der Mensch sein eigenes Werk
sei, der _eigene_ Wille sich den Körper _schafft_ und _umschafft_,
wird das _Weib_ durch den _fremden_ Willen körperlich _beeinflußt_
und _umgebildet_ (Suggestion, Versehen). Der Mann formt also nicht
nur sich, sondern auch, ja leichter noch, das Weib. Jene Mythen der
Genesis und anderer Kosmogonien, welche das Weib vom Manne geschaffen
sein lassen, haben eine tiefere Wahrheit verkündet als die biologischen
Deszendenzlehren, die an ein Hervorgehen des Männlichen aus dem
Weiblichen glauben.

Auch jene im 9. Kapitel (S. 279) offen gelassene Frage, wie das Weib,
ohne selbst Seele und Willen zu besitzen, doch in der Lage sein könne,
herauszufinden, in welchem Maße der Mann mit ihnen ausgestattet ist,
auch diese schwierigste Frage mag jetzt zu beantworten versucht werden.
Man muß sich nur darüber klar geworden sein, daß, was die Frau bemerkt,
und wofür sie ein Organ hat, nicht die _besondere_ Natur eines Mannes
ist, sondern nur die _allgemeine Tatsache_ und etwa noch der _Grad_
seiner _Männlich$keit$_. Es ist ganz falsch, _Heuchelei, oder aus der
späteren Imprägnation mit dem männlichen Wesen zu Unrecht erschlossen_,
daß die Frau ein ursprüngliches _Verständnis_ für die _Individualität_
des Mannes habe.[82] Der Verliebte, der durch das unbewußte Simulieren
eines tieferen Begreifens von Seite des Weibes so leicht zu foppen
ist, mag an ein Verständnis seiner selbst durch ein Mädchen glauben;
wer weniger genügsam ist, wird es sich nicht verhehlen können, daß
die Frauen nur für das _Daß_, nicht für das _Was_ der Seele, nur
für die _formale allgemeine Tatsache_, nicht für die _Besonderheit_
der Persönlichkeit einen Sinn besitzen. Denn um _spezielle_ Form
perzipieren und apperzipieren zu können, müßte die Materie an sich
nicht _formlos_ sein; das Verhältnis der Frau zum Mann ist aber kein
anderes als das der Materie zur Form, und ihr Verständnis für ihn
nichts als Bereitwilligkeit, möglichst kräftig geformt zu werden, der
Instinkt des Existenzlosen für Existenz. Also dieses »Verständnis«
ist kein theoretisches, es ist kein Anteilnehmen, sondern ein
Anteilhabenwollen; es ist zudringlich und egoistisch. Die Frau hat kein
Verhältnis zum _Manne_ und keinen Sinn für den Mann, sondern nur einen
für _Männlichkeit_; und wenn sie für sexuell anspruchsvoller gehalten
werden darf als er, so ist diese Anspruchsfülle nichts anderes als das
intensive Begehren nach ausgiebigster und stärkster Formung: _es ist
das Warten auf das größtmögliche Quantum von Existenz_.

Und nichts anderes ist schließlich auch die _Kuppelei_. Die Sexualität
der Frauen ist _über_individuell, weil sie nicht abgegrenzte, geformte,
individualisierte Wesenheiten im höheren Sinne darstellen. Der höchste
Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein _Ur_sein, die _Urlust_
sich offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fließt.
Da umarmt es den Mann stürmisch und preßt ihn an sich: es ist die
höchste Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der
Hypnotisierten, die Materie, welche eben geformt wird und die Form
nicht loslassen, sie ewig an sich binden will. Dieses unendliche
Trachten der Armut, dem Reichtum sich zu gesellen, das gänzlich
formlose und darum überindividuelle Streben des _Un_gegliederten, die
Form zur Berührung mit sich zu bringen, sie dauernd festzuhalten und
so Existenz zu gewinnen, liegt der Kuppelei im Tiefsten zu Grunde. Daß
das Weib nicht Monade ist und keine Grenzen hat, dadurch ist Kuppelei
nur _ermöglicht_; zur _Wirklichkeit_ wird sie, weil es die Idee des
_Nichts_, der _Materie_ repräsentiert, die unaufhörlich und in jeder
Weise die Form zur Vermengung mit sich zu verführen trachtet. Kuppelei
ist das ewige Drängen des Nichts zum Etwas.

So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum Dualismus
überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren und des niederen
Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des Etwas
und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist
logisches und moralisches Sein: _das Weib ist alogisch und amoralisch_.
Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und Moralischen, es ist
nicht _anti_logisch, es ist nicht _anti_moralisch. Es ist nicht das
_Nicht_, sondern das _Nichts_, es ist _weder Ja_, _noch_ ist es _Nein_.
Der _Mann_ birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas _und_ zum
absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine _Richtung_ nach
dem einen oder dem anderen: das Weib _sündigt_ nicht, _denn es ist
selbst $die$ Sünde, als $Möglichkeit$ im Manne_.

_Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten $Etwas$, das
Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des $Nichts$: das ist die
Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich
Mann und Weib._ Als des Mannes _Gegensatz_ hat das Weib einen Sinn und
eine Funktion im Weltganzen; und wie der menschliche Mann über das
tierische Männchen, so reicht das menschliche Weib über das Weibchen
der Zoologie hinaus.[83] _Kein begrenztes Sein, kein begrenztes
Nichtsein_ (wie im Tierreich) liegen im _Menschen_ im Kampfe: _was
hier sich gegenübersteht, ist unbegrenztes Sein_ und _unbegrenztes
Nichtsein_. _Darum_ machen erst Mann und Weib _zusammen_ den Menschen
aus.

Der _Sinn_ des Weibes ist es also, _Nicht-Sinn_ zu sein. Es
repräsentiert das _Nichts_, den Gegenpol der Gottheit, die _andere
Möglichkeit_ im Menschen. Darum gilt mit Recht nichts für gleich
verächtlich, als der Weib gewordene Mann, und wird ein solcher
Mann geringer geachtet als selbst der stumpfsinnigste und roheste
Verbrecher. Und so erklärt sich auch jene tiefste _Furcht_ im Manne:
die _Furcht vor dem Weibe_, das ist die _Furcht vor der Sinnlosigkeit_:
das ist die Furcht _vor dem lockenden Abgrund des Nichts_.

Das _alte Weib_ offenbart erst ganz und gar, was das Weib
in Wirklichkeit ist. Die Schönheit der Frau wird, auch rein
erfahrungsgemäß, nur _geschaffen_ durch die _Liebe_ des Mannes: die
Frau wird schöner, wenn ein Mann sie liebt, _weil sie passiv dem Willen
entspricht, der in seiner Liebe liegt_; so mystisch dies klinge, es ist
nur eine alltägliche Beobachtung. Das alte Weib zeigt, wie das Weib
nie schön _war_: _wäre_ das Weib, so wäre die Hexe nicht. Aber das
Weib _ist_ nichts, ein hohles Gefäß, eine Zeitlang überschminkt und
übertüncht.

Alle Qualitäten der Frau hängen an ihrem Nicht-Sein, an ihrer
_Wesenlosigkeit_: weil sie kein wahres, unwandelbares, sondern nur ein
irdisches Leben hat, darum begünstigt sie als Kupplerin die Zeugung in
_diesem_, darum ist sie durch den Mann, der sinnlich auf sie wirkt, vom
Grund auf umzuschaffen und empfänglich überhaupt. So vereinigen sich
die drei fundamentalen Eigenschaften des Weibes, welche dieses Kapitel
aufgedeckt hat, und schließen sich zusammen in seinem Nicht-Sein.

Aus dem Begriff des Nicht-Seins ergeben sich Veränderlichkeit
und Verlogenheit, als die zwei _negativen_ Bestimmungen, durch
_unmittelbare_ Deduktion. Bloß Kuppelei, als die einzige _Position_ im
Weibe, folgt aus ihm nicht gleich rasch durch einfache Analyse.

Und das ist wohl begreiflich. Denn das _Dasein_ des Weibes ist selbst
_identisch_ mit der Kuppelei, mit Bejahung aller Sexualität überhaupt.
_Kuppelei ist nichts anderes als universale Sexualität_; daß das Weib
ist, heißt nichts anderes, als daß in der Welt ein radikaler Hang zu
allgemeiner Sexualität besteht. _Die Kuppelei noch weiter $kausal$
zurückführen bedeutet so viel als das $Dasein des Weibes erklären$._

Wenn hiezu von der Tafel des zwiefachen Lebens (S. 378) ausgegangen
wird, so ist die _Richtung vom höchsten Leben weg zum irdischen hin_,
das _Ergreifen des Nicht-Seienden statt des Seienden_, der _Wille zum
Nichts_, das _Nicht_, das _An-Sich-Böse_. _Anti_moralisch ist die
_Bejahung_ des _Nichts_: das Bedürfnis, _Form in Formloses, in Materie
zu verwandeln_, das Bedürfnis zu _zerstören_.

_Das Nicht aber ist dem Nichts verwandt. Und darum besteht ein
so tiefer Zusammenhang zwischen allem Verbrecherischen und allem
Weiblichen._ Das _Anti_moralische berührt sich eben mit dem
$A$moralischen, von dem es in dieser Untersuchung zuerst ausdrücklich
_getrennt_ wurde, im gemeinsamen Begriffe des _Un_moralischen, und
die gewöhnliche unterschiedslose Verwechslung beider erfährt nun
dennoch eine gewisse Rechtfertigung. Denn das Nichts ist _allein_
eben -- _nichts_, es _ist_ nicht, es hat weder Existenz noch Essenz.
Es ist stets nur das _Mittel_ des Nicht, das, was _durch_ das _Nein_
dem _Etwas gegenübergestellt_ wird. _Erst indem der Mann seine eigene
Sexualität bejaht, indem er das Absolute verneint, sich vom ewigen
Leben ab-, dem niederen zukehrt, erhält das Weib Existenz. $Nur indem
das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.$_

Der _bejahte Phallus_ ist das _Anti_moralische. Darum wird er als das
Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum Satan
gedacht: den Mittelpunkt der _Dante_schen _Hölle_ (das Zentrum des
Erdinneren) bildet der _Geschlechtsteil Lucifers_.

$So erklärt sich denn die absolute Gewalt der männlichen
Geschlechtlichkeit über das Weib$.[84] _Nur indem der Mann $sexuell$
wird, erhält das Weib Existenz und Bedeutung: sein Dasein ist an
den Phallus geknüpft, und $darum$ dieser sein höchster Herr $und$
unumschränkter Gebieter._ Der Geschlecht gewordene Mann ist das Fatum
des Weibes; der Don Juan der einzige Mensch, vor dem es bis zum Grunde
erzittert.

$Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille
des Mannes$: das _Nichts_ ist nur ein Werkzeug in der Hand des _Nicht_.
Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib
das Instrument des Teufels nannten. Denn _an sich_ ist die Materie
_nichts_, _erst die Form muß ihr Existenz geben wollen_. Der Sündenfall
der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt, indem es
sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. _Als der Mann $sexuell$
ward, da $schuf$ er das $Weib$._

_Daß das Weib da ist, heißt also nichts anderes, als daß vom Manne die
Geschlechtlichkeit bejaht wurde. Das Weib ist nur das $Resultat$ dieser
Bejahung, es ist die Sexualität selber_ (S. 116).

Das Weib ist in seiner Existenz _abhängig_ vom Manne: indem der Mann
zum Manne, als Gegenteil des Weibes, indem er geschlechtlich wird,
_setzt_ er das Weib und ruft es ins Dasein. Deshalb muß dem Weibe alles
daran gelegen sein, den Mann _sexuell zu erhalten_: denn es hat so viel
Existenz als der Mann Geschlechtlichkeit. _Deshalb_ muß der Mann, so
will sie es, _ganz zum Phallus werden_, $deshalb kuppelt die Frau$.
Sie ist unfähig, ein Wesen anders denn als Mittel zum Zweck, zu diesem
Zweck des Koitus zu gebrauchen: denn mit ihr ist selbst $kein anderer
Zweck$ verfolgt, als der, $den Mann schuldig werden zu lassen$. Und sie
wäre _tot_ in dem Augenblick, da der Mann _seine_ Sexualität überwunden
hätte.

Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange
er noch sexuell ist. Wie er der Frau das _Bewußtsein_ gab (Teil II,
Kapitel 3, Ende), so gibt er ihr das _Sein_. Indem er auf den Koitus
nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. $Das Weib ist die Schuld des
Mannes.$

Diese Schuld gut zu machen, dazu soll ihm die Liebe dienen. Hiedurch
hellt sich auf, was der Schluß des vorigen Kapitels nur wie einen
dunklen Mythos einführte. Was der Mann durch die Schöpfung des Weibes,
das ist durch die Bejahung des Koitus verbrochen hat und noch
fortwährend verbricht, _das bittet er dem Weibe ab als Erotiker_.
Denn von wannen sonst käme die nie und nimmer sich genug tuende
_Generosität_ aller Liebe? Woher, daß die Liebe gerade dem Weibe, und
nicht einem anderen Wesen, Seele zu schenken beflissen ist? Durchaus
ist das Weib nur der Gegenstand, den sich der Trieb des Mannes erzeugt
hat als das eigene Ziel, es ist die Objektivation der männlichen
Sexualität, _die verkörperte Geschlechtlichkeit, seine Fleisch
gewordene Schuld_. Die _Liebe_ soll die Schuld über_decken_, statt sie
zu über_winden_; sie _$er$hebt_ das Weib, statt es _$auf$zuheben_. Das
Etwas schließt das Nichts in seine Arme, und glaubt so die Welt von der
Negation zu befreien, und alle Widersprüche zu versöhnen: da doch das
Nichts nur verschwinden könnte, wenn das Etwas sich ihm fern hielte.
Die Liebe des Mannes ist sein kühnster, äußerster Versuch, das Weib
als Weib sich zu retten, statt es als solches zu verneinen. Nur daher
stammt ihr Schuldbewußtsein: durch sie soll Schuld selbst _weggeräumt_,
statt _gesühnt_ werden.

$Denn das Weib ist nur die Schuld und nur durch die Schuld des Mannes;
und wenn Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld
von selbst sich zu vermehren trachtet.$ Was die Frau, ohne je anders
zu können, durch ihr bloßes Dasein, durch ihr ganzes Wesen, ewig
unbewußt auswirkt, das ist nur _ein Hang im $Manne$_, sein zweiter,
unausrottbarer, sein _niederer Hang_: sie ist, gleich der Walküre,
eines _fremden_ Willens »blind wählende Kür«. Die Materie scheint ein
nicht minder unergründliches Rätsel als die Form, das Weib gleich
unendlich wie der Mann, das Nichts so ewig wie das Sein; aber diese
Ewigkeit ist nur die Ewigkeit der Schuld.



XIII. Kapitel.

Das Judentum.


Es könnte nicht wundern, wenn es manchem scheinen wollte, bei dem
Ganzen der bisherigen Untersuchung seien »die Männer« allzugut
davongekommen, und in ihrer Gesamtheit auf ein übertrieben hohes
Postament gestellt. Man wird zwar vielleicht auf billige Argumente
verzichten, ihren Resultaten nicht entgegenhalten, wie überrascht
dieser Philister oder jener Spitzbube wäre, zu vernehmen, daß _er_
die ganze Welt in sich habe; und doch die Behandlung des männlichen
Geschlechtes nicht bloß allzuglimpflich finden, sondern geradezu eine
tendenziöse Vernachlässigung aller widerlichen und kleinen Seiten der
Männlichkeit zu Gunsten ihrer höchsten Spitzen der Darstellung als
einen Fehler anrechnen.

Die Beschuldigung wäre ungerechtfertigt. Es kommt mir nicht in den
Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der
Schätzung herabdrücken zu können. So viel Beschränktheit und so viel
Gemeinheit unter den empirischen Vertretern der Männlichkeit oft
gedeiht, es handelt sich um die besseren _Möglichkeiten_, die in
jedem Manne sind, und als vernachlässigte von ihm schmerzlich-hell
oder dumpf-gehässig empfunden werden; Möglichkeiten, die als solche
bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher Erwägung
irgend in Rechnung gelangen. Und es konnte mir hier auch gar nicht
auf Unterscheidungen _unter_ den Männern wesentlich ankommen, so
wenig ich mich vor deren Wichtigkeit verschließe. Es handelte sich
darum, festzustellen, was das Weib _nicht_ ist, und da fehlte ihm
denn freilich unendlich viel, was selbst im mittelmäßigsten und
plebejischesten Manne nie _ganz_ vermißt wird. Das, was es _ist_, die
positiven Eigenschaften des Weibes (soferne da von einem Sein, von
Positionen wohl gesprochen werden kann) wird man stets auch bei vielen
Männern wiederfinden. Es gibt, wie schon öfter hervorgehoben wurde,
_Männer_, die _zu Weibern geworden_, oder _Weiber geblieben_ sind; aber
es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene, nicht sonderlich
hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen hinauskäme. Und
darum will ich es hier nochmals aussprechen: _das höchststehende Weib
steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne_.

Jene Einwendungen aber könnten weiter gehen, und einen Punkt berühren,
dessen Außerachtlassung der Theorie allerdings zum Vorwurf müßte
gemacht werden. Es gibt nämlich Völkerschaften und Rassen, bei deren
Männern, obwohl sie keineswegs als sexuelle Zwischenformen können
gedeutet werden, man doch so wenig und so selten eine Annäherung an
die Idee der Männlichkeit findet, wie sie aus der hier entworfenen
Zeichnung derselben hervortritt, daß die Prinzipien, ja, die ganzen
Fundamente, auf welchen diese Arbeit ruht, hiedurch stark könnten
erschüttert scheinen. Was ist z. B. von den _Chinesen_ zu halten, mit
ihrer weiblichen Bedürfnislosigkeit und ihrem Mangel an jeglichem
Streben? Man möchte _hier_ allerdings noch an eine größere Weiblichkeit
des ganzen Volkes zu glauben sich versucht fühlen. Wenigstens kann es
keine bloße Laune einer ganzen Nation sein, daß die Chinesen einen Zopf
zu tragen pflegen, und es ist ja auch ihr Bartwuchs nur ein äußerst
spärlicher. Aber wie verhält es sich dann mit den _Negern_? Es hat
unter den Negern vielleicht kaum je ein Genie gegeben, und moralisch
stehen sie beinahe allgemein so tief, daß man in Amerika bekanntlich
anfängt zu fürchten, mit ihrer Emanzipation einen unbesonnenen Streich
verübt zu haben.

Wenn also auch das Prinzip der sexuellen Zwischenformen vielleicht
Aussicht hätte, für eine Rassenanthropologie bedeutsam zu werden (indem
über einige Völker ein größeres Quantum von Weiblichkeit insgesamt
ausgestreut schiene), so muß doch zugegeben werden, daß die bisherigen
Deduktionen zuvörderst auf den _arischen Mann_ und das _arische Weib_
sich beziehen. Wie weit in den anderen großen Stämmen der Menschheit
mit den für ihre Gipfel geltenden Verhältnissen Übereinstimmung
herrscht, und was jene hauptsächlich davon zurückhält und so lange
hindert, an diese näher heranzukommen, das bedürfte erst der Erhellung
durch die eingehendste und lohnendste psychologische Vertiefung in die
Rassencharaktere.

Das _Judentum_, das ich zum Gegenstande einer Besprechung zunächst
darum gewählt habe, weil es, wie sich zeigen wird, der härteste und
am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und besonders
der noch zu entwickelnden Anschauungen, wie überhaupt des ganzen
Standpunktes ist, von dem aus jene möglich sind -- das Judentum scheint
anthropologisch mit allen beiden erwähnten Rassen, mit den Negern
wie mit den Mongolen, eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf
den Neger weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung
von Mongolenblut die ganz chinesisch oder malaiisch geformten
Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen
regelmäßig eine gelblichere Hautfärbung entspricht.

Dies ist nicht mehr als das Ergebnis einer alltäglichen Erfahrung,
und anders wollen diese Bemerkungen nicht verstanden sein; die
_anthropologische_ Frage nach der Entstehung des Judentums ist eine
ungemein schwierige, und auch ein so interessanter Lösungsversuch
wie der in den berühmten »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« von
H. S. _Chamberlain_ unternommene hat in jüngster Zeit sehr viel
Widerspruch gefunden. Sie zu behandeln besitze ich nicht das nötige
Wissen; was hier in Kürze, aber bis zu möglichster Tiefe analysiert
werden soll, ist nur die psychische Eigenheit des Jüdischen. Diese
Aufgabe ist eine Obliegenheit der psychologischen Beobachtung und
Zergliederung; sie ist lösbar, frei von allen Hypothesen über nun
nicht mehr kontrollierbare historische Vorgänge; und nur bedarf dieses
Unternehmen einer um so größeren Objektivität, als die Stellung zum
Judentum heute beinahe die wichtigste und hervorstechendste Rubrik des
Nationales ist, welches ein jeder vor der Öffentlichkeit ausfüllt,
ja allgemach der gebräuchlichste Einteilungsgrund der zivilisierten
Menschen geworden scheint. Und es läßt sich nicht behaupten, daß der
Wert, welcher auf eine offene Erklärung in dieser Frage allgemein
gelegt wird, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung nicht angemessen sei, und
ihre Wichtigkeit übertreibe. Daß man auf sie überall stößt, ob man nun
von kulturellen oder materiellen, von religiösen oder politischen, von
künstlerischen oder wissenschaftlichen, biologischen oder historischen,
charakterologischen oder philosophischen Dingen herkommt, das muß
einen tiefen, tiefsten Grund im Wesen des Judentumes selbst haben. Ihn
aufzusuchen, wird keine Mühe zu groß scheinen dürfen: denn der Gewinn
muß sie in jedem Falle unendlich belohnen.[85]

Zuvor jedoch will ich genau angeben, in welchem Sinne ich vom
Judentum rede. Es handelt sich mir _nicht_ um eine _Rasse_ und nicht
um ein _Volk_, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes
Bekenntnis. _Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung,
für eine psychische Konstitution halten, welche für $alle$ Menschen
eine $Möglichkeit$ bildet, und im historischen Judentum bloß die
grandioseste $Verwirklichung$ gefunden hat._

Daß dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen, als durch den
_Antisemitismus_.

Die echtesten, arischesten, ihres Ariertums gewissesten Arier sind
keine Antisemiten, sie können, so unangenehm sicherlich auch sie von
auffallend jüdischen Zügen sich berührt fühlen, doch den _feindseligen_
Antisemitismus im allgemeinen gar nicht _begreifen_; und sie sind es
auch, die von den Verteidigern des Judentums gerne als »Philosemiten«
bezeichnet, und deren verwunderte und mißbilligende Äußerungen über
den Judenhaß angeführt werden, wo das Judentum herabgesetzt oder
angegriffen wird.[86] Im _aggressiven_ Antisemiten wird man hingegen
immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen; ja sogar in
seiner Physiognomie kann das zuweilen sich ausprägen, mag auch sein
Blut rein von allen semitischen Beimengungen sein.

Es könnte dies auch unmöglich anders sich verhalten. _Wie man im
anderen nur $liebt$, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz
ist, so $haßt$ man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch
immer zum Teile noch ist._

Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht
uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und
gemeine Züge wir in uns haben.

So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten _unter den
Juden_ zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen
die völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter
den übrigen betätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur
den anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in
dieser Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit
ihrem Antisemitismus bei sich selbst an.

Doch dies eine bleibt darum nicht minder gewiß: wer immer das jüdische
Wesen haßt, der haßt es zunächst _in_ sich: daß er es im anderen
verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich
zu sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es
gänzlich im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von
ihm frei zu sein wähnen kann. Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie
die Liebe: der Mensch haßt nur, durch wen er sich _un_angenehm an sich
selbst erinnert fühlt.[87]

Der Antisemitismus _des Juden_ liefert demnach den Beweis, daß niemand,
der ihn kennt, den Juden als ein Liebenswertes empfindet -- auch der
Jude nicht; der Antisemitismus _des Ariers_ ergibt eine nicht minder
bedeutungsvolle Einsicht: daß man das Juden_tum_ nicht verwechseln darf
mit _den Juden_. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude,
und es gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier. Ich
will von jenen Nicht-Semiten, welche viel Judentum in sich hatten,
die kleineren (wie den bekannten _Friedrich Nicolai_ des XVIII.
Jahrhunderts) und mittelgroßen (hier dürfte _Friedrich Schiller_
kaum außer acht bleiben) nicht aufzählen, und nicht auf ihr Judentum
analysieren. Aber auch _Richard Wagner_ -- der tiefste Antisemit --
ist von einem Beisatz von Judentum, selbst in seiner Kunst, nicht
freizusprechen, so gewiß er neben _Michel Angelo_ der größte Künstler
aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler überhaupt
in der Menschheit repräsentiert; und so zweifellos sein _Siegfried_
das _Unjüdischeste_ ist, was erdacht werden konnte. Aber niemand ist
umsonst Antisemit. Wie _Wagners_ Abneigung gegen die große Oper und das
Theater zurückgeht auf den starken Zug, den er selbst zu ihnen empfand,
einen Zug, der noch im »Lohengrin« deutlich erkennbar bleibt: so ist
auch seine Musik, in ihren motivischen Einzelgedanken die gewaltigste
der Welt, nicht gänzlich freizusprechen von etwas Aufdringlichem,
Lautem, Unvornehmem; womit die Bemühungen _Wagners_ um die äußere
Instrumentation seiner Werke im Zusammenhang stehen. Es läßt sich
auch nicht verkennen, daß _Wagners_ Musik sowohl auf den jüdischen
Antisemiten, welcher vom Judentum nie gänzlich loskommen kann, als
auf den antisemitischen Indogermanen, der ihm zu verfallen fürchtet,
den stärksten Eindruck hervorbringt. Von der Parsifal-Musik, die dem
völlig echten Juden in Ewigkeit fast ebenso unzugänglich bleibt wie die
Parsifal-Dichtung, vom »Pilgerchor« und der Romfahrt im »Tannhäuser«,
und sicher noch von manchem anderen ist hiebei _gänzlich_ abzusehen;
aber es ist z. B. sein Jugendwerk, der »Rienzi«, in seinem thematischen
Materiale wie in der Ausführung, noch vom Judentum vielleicht nicht
gänzlich frei. Auch könnte zweifellos, wer _nur_ ein Deutscher wäre,
das Wesen des Deutschtums nie so klar sich zum Bewußtsein bringen, als
_Wagner_ in den »Meistersingern von Nürnberg« dies vermocht hat.[88]
Man denke endlich an jene Seite in _Wagner_, die zu _Feuerbach_, statt
zu _Schopenhauer_, sich hingezogen fühlte.

Hier ist keine kleinpsychologische Heruntersetzung des großen Mannes
geplant. Ihm war das Judentum die große Hilfe, um zur klaren Erkenntnis
und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und
zum Parsifal sich durchzuringen, und dem Germanentum den höchsten
Ausdruck zu geben, den es wohl in der Geschichte gefunden hat. Noch
ein Größerer als _Wagner_ mußte erst das Judentum in sich überwinden,
ehe er die eigene Mission fand; und es ist, vorläufig gesprochen,
_vielleicht die welthistorische Bedeutung und das ungeheuere Verdienst
des Judentums kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewußtsein
seines Selbst zu bringen, ihn $an sich$ zu mahnen_. Dies ist es, was
der Arier dem Juden zu _danken_ hat; durch ihn weiß er, wovor er sich
hüte: _vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber_.

Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem
Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine
Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden
spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit,
_sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der
platonischen Idee des Judentums_. Und nur die Bedeutung dieser Idee
gilt es mir zu ergründen.

Daß aber diese Untersuchung gerade in einer Psychologie der
Geschlechter geführt werden muß, ist unerläßlich aus Gründen einer
Abgrenzung. Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über
den Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er
wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint
von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze
zu _allem_ Männlichen _ohne Unterschied_ zu erforschen getrachtet
wurde. Er könnte hier überaus leicht geneigt sein, dem Juden einen
größeren Anteil an der Weiblichkeit zuzuschreiben, als dem Arier, ja
am Ende eine platonische μέθεξις auch des männlichsten Juden am Weibe
anzunehmen sich bewogen fühlen.

Diese Meinung wäre irrig. Da indes eine Anzahl der wichtigsten Punkte,
solcher Punkte, in denen das tiefste Wesen der Weiblichkeit zum
Ausdruck zu kommen schien, beim Juden sich in einer merkwürdigen
Weise ebenfalls und wie zum zweiten Male finden, ist es unerläßlich,
Übereinstimmung und Abweichung hier genau festzustellen.

Die Konformität will dem ersten Blicke überall sich darbieten, worauf
er sich auch richte; ja die Analogien sehen aus, als wären sie
außergewöhnlich weit verfolgbar: so daß man Bestätigungen früherer
Ergebnisse wie auch manch interessanten neuen Beitrag zum Hauptthema
anzutreffen gewärtig sein darf. Und es scheint ganz beliebig, womit man
hiebei den Anfang macht.

So ist es, um gleich eine Analogie zum Weibe anzuführen, höchst
merkwürdig, wie sehr die Juden die beweglichen Güter bevorzugen
-- auch heutzutage, da ihnen der Erwerb anderer frei steht --
und wie sie eigentlich, trotz allem Erwerbssinn, kein Bedürfnis
nach dem _Eigentume_, am wenigsten in seiner festesten Form, dem
Grundbesitze, haben. Das Eigen_tum_ steht in einem unauflöslichen
Zusammenhang mit der Eigen_art_, mit der Individualität. Hiemit
hängt also zusammen, daß die Juden dem Kommunismus so scharenweise
sich zuwenden. Den _Kommunismus_ als Tendenz zur _Gemeinschaft_
sollte man stets unterscheiden vom _Sozialismus_ als Bestrebung zu
gesellschaftlicher _Kooperation_ und zur Anerkennung der Menschheit
in jedem Gliede derselben. Der Sozialismus ist arisch (_Owen_,
_Carlyle_, _Ruskin_, _Fichte_), der Kommunismus jüdisch[89] (_Marx_).
Die moderne Sozialdemokratie hat sich in ihrem Gedankenkreise
darum vom christlichen, präraphaelitischen Sozialismus so weit
entfernt, weil die Juden in ihr eine so große Rolle spielen. Trotz
ihren vergesellschaftenden Neigungen hat die marxistische Form der
Arbeiterbewegung (im Gegensatze zu _Rodbertus_) gar kein Verhältnis
zur Idee des _Staates_, und dies ist sicherlich nur auf das völlige
Unverständnis des Juden für den Staatsgedanken zurückzuführen. Dieser
ist zu wenig ein Greifbares, die Abstraktion, die in ihm liegt,
allen konkreten Zwecken zu weit entrückt, als daß der Jude sich mit
ihm inniger befreunden könnte. Der Staat ist das Ganze aller Zwecke,
die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger
verwirklicht werden können. _Diese kantische Vernunft aber, der Geist
ist es, woran es dem Juden wie dem Weibe vor allem zu gebrechen
scheint._

Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die
edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus
ist die Negation des Judentums, in welchem, _seiner Idee nach_, die
Ausbreitung über die ganze Erde liegt. Der Begriff des Bürgers ist dem
Juden vollständig _transcendent_; darum hat es nie im eigentlichen
Sinne des Wortes einen jüdischen _Staat_ gegeben, und kann nie
einen solchen geben. In der Staatsidee liegt eine Position, die
Hypostasierung der interindividuellen Zwecke, der Entschluß, einer
selbst gegebenen Rechtsordnung, deren _Symbol_ (und nichts anderes)
das Staatsoberhaupt ist, aus freier Wahl beizutreten. Darum ist das
Gegenteil des Staates die Anarchie, mit der gerade der Kommunismus auch
heute noch, eben durch sein Unverständnis für den Staat, verschwistert
ist; so sehr auch hievon die meisten anderen Elemente in der
sozialistischen Bewegung abstechen. Wenn der Staatsgedanke in keiner
historischen Form auch nur annähernd verwirklicht ist, so liegt doch
in jedem geschichtlichen Versuche zur Staatenbildung etwas, vielleicht
nur jenes Minimum von ihm, das ein Gebilde über eine bloße Association
zu Geschäfts- und Machtzwecken erhebt. Die historische Untersuchung,
wie ein bestimmter Staat entstanden sei, sagt nichts über die _Idee_,
die in ihm liegt, _soweit_ er eben Staat und nicht Kaserne ist. Um
jene zu erfassen, wird man sich bequemen müssen, der vielgeschmähten
_Rousseau_schen Vertragstheorie wieder mehr Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen. Nur das Zusammentreten ethischer Persönlichkeiten zu
gemeinsamen Aufgaben kommt im Staate, sofern er Staat ist, zum Ausdruck.

Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von
jeher staatfremd ist, deutet bereits daraufhin, _daß dem Juden wie
dem Weibe die Persönlichkeit fehlt; was sich allmählich in der
Tat herausstellen wird_. Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen
Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische Unsoziabilität
abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber,
aber sie _verkehren_ nicht miteinander als selbständige, voneinander
geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee.

So wenig wie es in der Wirklichkeit eine »Würde der _Frauen_« gibt,
so unmöglich ist die Vorstellung eines _jüdischen_ »gentleman«. Dem
echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde
des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. _Es gibt keinen
jüdischen Adel_; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den
Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.

So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt:
aus dem Mangel an _Bewußtsein_ eines Selbst und dem gewaltsamen
Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung
des Nebenmenschen; _denn der echte Jude hat kein Ich und darum auch
keinen Eigenwert_. Daher, trotz seiner Inkommensurabilität mit
allem Aristokratischen, seine weibische Titelsucht, die nur auf
einer Linie steht mit seiner Protzerei, deren Objekte die Loge im
Theater oder die modernen Gemälde in seinem Salon, seine christliche
Bekanntschaft oder sein Wissen sein können. Aber zugleich ist die
jüdische Verständnislosigkeit für alles Aristokratische erst hierin
eigentlich begründet. Der Arier hat ein Bedürfnis zu wissen, wer
_seine_ Ahnen waren; er achtet sie und interessiert sich für sie,
_weil sie seine Ahnen waren_; und er schätzt sie, weil er die eigene
Vergangenheit immer höher hält als der schnell sich verwandelnde
Jude, der pietätlos ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann.
Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig, den selbst der ärmste,
plebejischeste Arier noch in einem gewissen Grade besitzt; er ehrt
nicht, wie dieser, seine Vorfahren, weil sie _seine_ Vorfahren sind,
er ehrt nicht in ihnen _sich selbst_. Der Einwand ginge fehl, der sich
auf den außerordentlichen Umfang und die Kraft der jüdischen Tradition
beriefe. Die Geschichte seines Volkes ist hier dem Nachfahren, auch
demjenigen, welchem sie viel zu bedeuten scheint, nicht die Summe des
Einstmaligen, Gewesenen, sondern stets nur der Quell, aus dem er neue
Hoffnungsträume saugt: die _Vergangenheit_ des Juden ist nicht wirklich
seine Vergangenheit, sie ist immer nur seine _Zukunft_. -- --

Man hat die Mängel des Judentums oft genug, nicht allein
jüdischerseits, auf die brutale Unterdrückung und Knechtung
zurückführen wollen, welche die Juden im ganzen Mittelalter bis ins
XIX. Jahrhundert erfahren hätten. Den Sklavensinn habe im Juden
erst der Arier gezüchtet; und es gibt nicht wenige Christen, welche
den Juden in dieser Weise ernstlich als ihre Schuld empfinden. Doch
diese Gesinnung geht zu weit im Selbstvorwurf: es ist unzulässig,
von Veränderungen zu sprechen, welche durch Einflüsse von _außen_ im
Laufe der Generationen _im_ Menschen bewirkt worden seien, _ohne_ daß
in diesem selber der äußeren Gelegenheit etwas entgegengekommen sei
und ihr willig die Hand gereicht habe. Noch ist nicht bewiesen, daß
es eine Vererbung _erworbener_ Eigenschaften gibt, und sicherer als
bei den anderen Lebewesen bleibt, trotz aller Scheinanpassungen, beim
_Menschen_ der Charakter des einzelnen wie der Rasse konstant. Nur die
seichteste Oberflächlichkeit kann glauben, daß der Mensch durch seine
Umgebung gebildet werde, ja es ist beschämend, an die Bekämpfung einer
solchen, jeder freien Einsicht den Atem raubenden Anschauung auch nur
eine Zeile wenden zu sollen. Wenn sich der Mensch ändert, so kann es
nur von innen nach außen geschehen; oder es ist, wie beim Weibe, nie
ein Wirkliches da, also das Nichts-Sein das ewig Gleichbleibende. Wie
kann man übrigens an eine historische Erzeugung des Juden denken, da
doch bereits das alte Testament sichtlich zustimmend davon spricht, wie
_Jakob_, der Patriarch, seinen sterbenden Vater _Isaak_ belogen, seinen
Bruder _Esau_ und seinen Schwieger _Laban_ übervorteilt hat?

_Mit Recht_ aber wird von den Verteidigern der Juden geltend gemacht,
daß diese, auch dem Prozentsatze nach, seltener schwere Verbrechen
begehen als die Arier. Der Jude ist nicht eigentlich _anti_moralisch.
Aber es müßte wohl hinzugefügt werden, daß er auch nicht den höchsten
ethischen Typus vorstellt. Er ist vielmehr relativ _a_moralisch,
nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und
eher _gemein_. _Daher fehlt dem Judentum, wie die Konzeption der
Engel, auch der Begriff des Teufels_, die Personifikation des Guten
nicht minder als die des Bösen. Durch den Hinweis auf das Buch Hiob,
die Belialgestalt und den Eden-Mythus wird diese Behauptung nicht
entkräftet. Zwar liegen jene modernen quellenkritischen Streitfragen,
die Echtes und Entlehntes hier zu scheiden bemüht sind, auf einem
Wege, den zu betreten ich mich nicht berufen fühle; was ich aber wohl
weiß, ist dies, daß im psychischen Leben des heutigen Juden, sei er
nun »aufgeklärt« oder sei er »orthodox«, weder ein teuflisches noch
irgend ein engelhaftes Prinzip, weder Himmel noch Hölle auch nur die
geringste religiöse Rolle spielen. -- Wenn also der Jude nie die
höchste sittliche Höhe erreicht, so wird doch auch sicherlich Mord
und Gewalttat von ihm viel seltener verübt als vom Arier; und hieraus
wird eben das Fehlen jeder Furcht vor einem diabolischen Prinzipe erst
völlig verständlich.

Kaum minder oft als die Fürsprecher der _Juden_ berufen sich die
Anwälte der _Frauen_ auf deren geringere Kriminalität als auf den
Beweis ihrer vollendeteren Sittlichkeit. Die Homologie zwischen beiden
scheint immer vollständiger zu werden. Es gibt keinen weiblichen
Teufel, so wenig es einen weiblichen Engel gibt: nur die Liebe, jene
trotzige Verneinung der Wirklichkeit, kann den Mann im Weibe ein
himmlisches Wesen erblicken lassen, nur blinder Haß es für verderbt und
schurkenhaft erklären. _Was dem Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus
abgeht, das ist $Größe$_, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende
Sieger im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. Im
arischen Manne sind das gute und das böse Prinzip der _kantischen_
Religionsphilosophie _beide beisammen und doch am weitesten
auseinandergetreten_, um ihn streiten sein guter und sein böser Dämon.
Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander
differenziert; es gibt zwar keinen jüdischen Mörder, doch es gibt auch
keinen jüdischen Heiligen. Und so wird es wohl richtig sein, daß die
wenigen Elemente des Teufelsglaubens in der jüdischen Überlieferung aus
dem Parsismus und aus Babylon stammen.

Die Juden leben sonach nicht als freie, selbstherrliche, zwischen
Tugend und Laster wählende Individualitäten wie die Arier. Diese
stellt sich ein jeder ganz unwillkürlich vor _wie eine Schar einzelner
Männer_, jene wie ein, über eine weite Fläche ausgebreitetes,
zusammenhängendes Plasmodium. Der Antisemitismus hat daraus oft
fälschlich ein hartnäckiges bewußtes Zusammenhalten gemacht, und
von der »jüdischen Solidarität« gesprochen. Das ist eine leicht
begreifliche Verwechslung verschiedener Dinge. Wenn gegen irgend
einen Unbekannten, welcher dem Judentum angehört, eine Beschuldigung
erhoben wird, und nun alle Juden innerlich für den Betreffenden sich
einsetzen, seine Unschuld wünschen, hoffen, und zu erweisen suchen:
_so glaube man nur ja nicht, daß der betreffende Mensch als einzelner
Jude sie irgendwie interessiere, sein individuelles Schicksal, weil
es das eines Juden ist, mehr Mitleid bei ihnen erwecke als das
eines ungerecht verfolgten Ariers_. Dies ist keineswegs der Fall.
_Nur das gefährdete Juden$tum$, die Befürchtung, es könnte auf die
Gesamtheit der Judenschaft, besser: auf das Jüdische überhaupt, auf
die $Idee$ des Juden$tums$ ein schädlicher Schatten fallen, führt zu
jenen Erscheinungen unwillkürlicher Parteinahme._ Es ist ganz so,
wie wenn die Weiber jede einzelne Angehörige ihres Geschlechtes mit
Wonne heruntersetzen hören, und selbst erniedrigen helfen, falls nur
auf das Weib kein schlechtes Licht hiedurch geworfen werde: wenn nur
kein Mann sich hiedurch abschrecken läßt, _überhaupt_ nach Frauen zu
verlangen, wofern nur niemand an der »Liebe« irre, sondern weiter
geheiratet wird, und nicht die alten Junggesellen sich vermehren. Nur
die _Gattung_ wird verteidigt, nur das _Geschlecht_, beziehungsweise
die _Rasse_ geschützt, nicht das _Individuum_; dieses kommt nur
insoferne in Betracht, als es Angehöriger der Gruppe ist. _Der echte
Jude wie das echte Weib, sie leben beide nur in der Gattung, nicht als
Individualitäten._[90]

Hieraus erklärt es sich, daß die _Familie_ (als biologischer, nicht
als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk der Welt eine so große Rolle
spielt, wie bei den Juden; nächstdem bei den mit ihnen, wie sich zeigen
wird, entfernt verwandten Engländern. Die Familie in diesem Sinne
ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs, und hat mit dem Staate,
mit der Gesellschaftsbildung nichts zu tun. Die Zusammengehörigkeit
der Familienmitglieder, nur als eine Folge des gemeinsamen
Dunstkreises, ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen
Manne, dem begabteren stets mehr als dem mittelmäßigen, aber auch
dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, daß er sich mit seinem
_Vater_ nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch
so leisen, unbewußten oder bewußt gewordenen _Zorn_ auf denjenigen
Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt
und ihm den Namen gegeben hat, der ihm bei der Geburt gutdünkte; von
dem er zumindest hierin _abhängig_ gewesen ist, und der, auch nach
jeder tieferen metaphysischen Anschauung, doch immer als in einem
_Zusammenhange_ damit stehend betrachtet werden muß, daß der Sohn
selbst in das Erdenleben wollte. Nur unter Juden kommt es vor, daß der
Sohn ganz tief in der Familie _darinnensteckt_, und mit dem Vater in
gemeiner Gemeinschaft sich wohl fühlt; fast nur unter Christen, daß
Vater und Sohn wie Freund und Freund miteinander verkehren. Ja sogar
die Töchter der Arier stehen noch immer eher außerhalb der Familie als
die Jüdinnen, und öfter als diese ergreifen sie einen Beruf, der sie
von Verwandten und Eltern entfernt und unabhängig macht.

Auch ist hier die Probe auf die Ausführungen des vorigen Kapitels zu
machen, welche das unindividuelle, vom anderen Menschen nicht durch
die Grenzen des Einsamen geschiedene Leben als eine unerläßliche
Voraussetzung der Kuppelei ansahen (S. 385). Männer, die kuppeln,
haben immer Judentum in sich; _und damit ist der Punkt der $stärksten$
Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht_. Der Jude
ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht
im Zusammenhange mit seiner nicht eigentlich _anti_moralischen Natur,
sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte
Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch
Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden. Freilich
ist eine Tätigkeit nach dieser Richtung hier dringender als sonst
vonnöten; denn es gibt, wessen schon einmal gedacht wurde (Teil I,
S. 51), kein Volk der Welt, in dem so wenig aus Liebe geheiratet würde
wie unter ihnen: ein Beweis, mehr für die Seelenlosigkeit des absoluten
Juden.

Daß die Kuppelei eine organische Veranlagung im Juden ist, wird auch
durch das Unverständnis des Juden für alle Askese nahe gelegt; aber
erhärtet dadurch, daß die jüdischen Rabbinen es lieben, besonders
eingehend über das Fortpflanzungsgeschäft zu spekulieren, und eine
mündliche Tradition im Zusammenhange mit der Kinderzeugung pflegen; wie
dies von den Obersten eines Volkes, dessen sittliche Hauptaufgabe, nach
seiner Überlieferung wenigstens, es sein muß, »sich zu mehren«, kaum
anders erwartet werden kann.

Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung: _und der Jude ist der
Grenzverwischer κατ' εξοχήν_. Er ist der Gegenpol des Aristokraten;
das Prinzip alles Aristokratismus ist strengste _Wahrung_ aller
_Grenzen_ zwischen den Menschen. Der Jude ist geborener Kommunist,
und immer will er die Gemeinschaft. Die Formlosigkeit des Juden im
Verkehr, sein Mangel an gesellschaftlichem Takte gehen hierauf zurück.
Alle Umgangsformen sind nur die feinen Mittel, um die Grenzen der
persönlichen Monaden zu betonen und zu schützen; der Jude aber ist
nicht Monadologe.

Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz
der abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in
den Sinn kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen
einer theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die
Hände arbeiten zu wollen. Ich spreche über das Judentum als platonische
Idee -- _es gibt einen absoluten Juden so wenig als es einen absoluten
Christen gibt_ -- ich spreche nicht von den einzelnen Juden, von
denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte, und
deren manchem bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte auf
ihn sollte angewendet werden. Losungen wie »Kauft nur bei Christen«
sind _jüdisch_, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als
Gattungsangehörigen; ähnlich wie der jüdische Begriff des »Goy« jeden
Christen einfach als solchen bezeichnet und auch schon subsumiert.

Nicht also der Boykott, und nicht etwa die Austreibung der Juden oder
ihre Fernhaltung von Amt und Würde ist hier befürwortet. Durch solche
Mittel ist die Judenfrage nicht lösbar, denn sie liegen nicht auf
dem Wege der Sittlichkeit. Aber auch der »Zionismus« ist ihr nicht
gewachsen. Er will die Juden sammeln, die, wie H. S. _Chamberlain_
nachweist, längst vor der Zerstörung des jerusalemitischen Tempels zum
Teile die Diaspora als ihr natürliches Leben, das Leben des über die
ganze Erde fortkriechenden, die Individuation ewig hintertreibenden
Wurzelstockes gewählt hatten, er will etwas _Un_jüdisches. _Die Juden
müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus
reif würden._

_Zu diesem Behuf aber wäre vor allem geboten, daß die Juden sich
selbst verstehen, daß sie sich kennen lernen und gegen sich kämpfen,
$innerlich$ das Judentum $in sich$ besiegen $wollten$._ Bis heute
aber kennen sich die Juden nur so weit, daß sie Witze über sich
machen und verständnisvoll goutieren -- nicht weiter. _Unbewußt_ nur
achtet jeder Jude den Arier höher als sich selbst. Erst die feste und
unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste Selbstachtung sich zu
ermöglichen, könnte den Juden vom Judentume befreien. Dieser Entschluß
ist aber nur vom Individuum, nicht von einer Gruppe, und sei sie noch
so stark, noch so ehrenhaft, zu fassen und auszuführen. Darum kann die
Judenfrage nur _individuell_ gelöst werden, _jeder einzelne Jude muß
sie für seine Person zu beantworten suchen_.

Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben; dem
Zionismus wird sie nie gelingen.

Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden
wäre, besäße dann allerdings auch das volle Recht, vom Arier als
einzelner genommen, und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr
beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst
hinausgehoben hätte. Er mag unbesorgt sein: seinem gegründeten Anspruch
wird niemand sich widersetzen wollen. Der höher stehende Arier hat
immer das Bedürfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm
keine Freude und kein Zeitvertreib. Darum liebt er es nicht, wenn
der Jude über den Juden Bekenntnisse ablegt; und wer es dennoch tut,
kann, von seiner Seite fast noch weniger als von der stets so überaus
empfindlichen Judenschaft, irgend Dank sich erhoffen. Zu allerletzt
wünscht gerade der Arier, daß der Jude dem Antisemitismus durch die
Taufe recht gebe. Aber auch diese Gefahr der äußersten Verkennung
seines ehrlichsten Strebens darf den Juden, der die _innerliche_
Befreiung will, nicht bekümmern. Er wird darauf verzichten müssen, das
Unmögliche zu leisten, sich als _Jude_ zu schätzen, wie es der Arier
von ihm haben will, und danach trachten, sich als _Mensch_ ehren zu
dürfen. Er wird die seelische Taufe des Geistes zu erreichen verlangen,
welcher die äußerliche des Körpers symbolisch nur immer dann folgen mag.

Die dem Juden so wichtige und so nötige Erkenntnis dessen, _was das
Jüdische und das Judentum eigentlich $ist$_, wäre die Lösung eines der
schwierigsten Probleme; das Judentum ist ein viel tieferes Rätsel, als
wohl mancher Antisemiten-Katechismus glaubt, und im letzten Grunde wird
es einer gewissen Dunkelheit wohl nie weit entzogen werden. Auch die
Parallele mit dem Weibe wird uns nun bald verlassen; einstweilen vermag
sie noch weiterzuhelfen.

Im Christen liegen Stolz und Demut, im Juden Hochmut und Kriecherei
miteinander im Kampf; in jenem Selbstbewußtsein und Zerknirschung, in
diesem Arroganz und Devotion. Mit dem völligen Mangel des Juden an
Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus
seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik,
der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt, welches für die
gehorsame Befolgung eines mächtigen _fremden_ Willens das Wohlergehen
auf _Erden_ in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das
Verhältnis zum Jehovah, dem _abstrakten_ Götzen, vor dem er die Angst
des _Sklaven_ hat, dessen Namen er nicht einmal _auszusprechen_ wagt,
charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft
über sich bedürftig. _Schopenhauer_ definiert einmal: »Das Wort Gott
bedeutet einen Menschen, der die Welt gemacht hat.« Für den Gott der
Juden trifft dies allerdings zu. Von dem Göttlichen _im_ Menschen,
dem »Gott, der mir im Busen wohnt,« weiß der echte Jude nichts; dem,
was _Christus_ und _Plato_, _Eckhard_ und _Paulus_, _Goethe_ und
_Kant_, was von den _vedischen Priestern_ bis auf _Fechners_ herrliche
Schlußverse aus den »Drei Motiven und Gründen des Glaubens« jeder
Arier unter dem Göttlichen gemeint hat, dem Worte »Ich werde bei euch
sein alle Tage bis an der Welt Ende«: all dem steht er verständnislos
gegenüber. Denn was im Menschen von Gott ist, das ist des Menschen
Seele; _der absolute Jude aber ist seelenlos_.

_So kann es denn gar nicht anders sein, als daß dem alten Testamente
der Unsterblichkeitsglaube fehlt. Wer keine Seele hat, wie sollte
der nach ihrer Unsterblichkeit ein Bedürfnis haben?_ Ebenso
wie den Frauen fehlt den Juden, und zwar ganz allgemein, das
_Unsterblichkeitsbedürfnis_: »Anima naturaliter christiana« -- so sagt
_Tertullian_.

Aus dem nämlichen Grunde aber gibt es unter den Juden --
H. S. _Chamberlain_ hat das richtig erkannt -- auch keine eigentliche
Mystik, außer einer wüsten Superstitio und Interpretationsmagie, »die
Kabbâla« genannt. Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben
an Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation,
der »Afterdienst« des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe,
die Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste
Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft;
eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst.

Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und leicht
ein Materialist, ein »Freigeist«? Warum ist das _Lessing_sche Wort
vom »Aufkläricht«, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund
antisemitischen _Dühring_, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist
der _Sklavensinn_ gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der
_Frechheit_, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und
desselben Wollens im nämlichen Menschen. Die _Arroganz den Dingen
gegenüber_, die nicht als Symbole eines Tieferen empfunden oder auch
nur dunkel geahnt werden, der Mangel an »verecundia« auch vor dem
Naturgeschehen, das führt zur jüdischen, materialistischen Form der
Wissenschaft, wie sie leider heute eine gewisse Herrschaft erlangt
hat, und intolerant gegen alle Philosophie geworden ist. Wenn man,
wie es notwendig und allein richtig ist, das Judentum als eine _Idee_
betrachtet, an der auch der Arier mehr oder weniger _Anteil_ haben
kann, dann wird wenig dagegen einzuwenden sein, wenn man an die Stelle
der »_Geschichte des Materialismus_« lieber ein »_Wesen des Judentums_«
gesetzt wissen will. »Das Judentum in der Musik« hat _Wagner_
besprochen; vom _Judentum in der Wissenschaft_ ist hier noch einiges zu
sagen.

Judentum im weitesten Sinne ist jene Richtung in der Wissenschaft,
welcher diese vor allem _Mittel zum Zweck_ ist, alles Transcendente
auszuschließen. Der Arier empfindet das Bestreben, _alles_ begreifen
und ableiten zu wollen, als eine Entwertung der Welt, denn er
fühlt, daß gerade das Unerforschliche es ist, das dem Dasein seinen
Wert verleiht. Der Jude hat keine Scheu vor Geheimnissen, weil er
nirgends welche ahnt. Sein Bestreben ist es, die Welt möglichst
platt und gewöhnlich zu sehen, nicht um durch Klarheit dem ewig
Dunklen sein ewiges Recht erst zu sichern, sondern um eine öde
Selbstverständlichkeit des Alls zu erzeugen und die Dinge aus dem
Wege zu räumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen auch
im Geistigen entgegenstehen. Die _anti_philosophische (nicht die
aphilosophische) Wissenschaft ist im Grunde jüdisch.

Auch sind die Juden stets, eben weil ihre Gottesverehrung
mit wahrer Religion gar keine Verwandtschaft hat, der
mechanistisch-materialistischen Anschauung der Welt am wenigsten abhold
gewesen; wie _sie_ am eifrigsten den _Darwinismus_ und die lächerliche
Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie
beinahe schöpferisch als Begründer jener _ökonomischen_ Auffassung
der menschlichen Geschichte, welche den Geist aus der Entwicklung
des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die
enragiertesten Anhänger _Büchners_, sind sie jetzt die begeistertsten
Vorkämpfer _Ostwalds_.

Es ist auch kein Zufall, daß die _Chemie_ heutzutage in so weitem
Umfang in den Händen der Juden sich befindet, wie einst in den Händen
der stammesverwandten Araber. Das Aufgehen in der Materie, das
Bedürfnis, alles in ihr aufgehen zu lassen, setzt den Mangel eines
intelligiblen Ich voraus, ist also wesentlich jüdisch.

»_O curas Chymicorum! o quantum in pulvere inane!_«

Dieser Hexameter ist freilich von dem _deutschesten_ Forscher aller
Zeiten: der ihn gedichtet hat, heißt Johannes _Kepler_.[91]

Es hängt mit dem Einflusse jüdischen Geistes auch sicherlich zusammen,
daß die Medizin, welcher die Juden so scharenweise sich zuwenden,
ihre heutige Entwicklung genommen hat. Stets, von den Wilden bis zur
heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise
gänzlich ferngehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses,
war der Medizinmann der Priester. Die bloß _chemische_ Richtung in der
Heilkunde -- das ist das Judentum. Sicherlich aber wird niemals das
Organische aus dem Unorganischen, sondern höchstens dieses aus jenem
zu erklären sein. Es ist kein Zweifel, daß _Fechner_ und _Preyer_
recht haben, die das Tote aus dem Lebenden, und nicht umgekehrt,
entstanden sein lassen. Was wir täglich im _individuellen_ Leben vor
sich gehen sehen: daß Organisches zu Anorganischem wird (schon durch
die Verknöcherung und Verkalkung im Alter, die senile Arteriosklerose
und Atheromatose, wird der Tod vorbereitet); indes noch niemand,
aus Totem Lebendes hat erstehen sehen -- das sollte, im Sinne des
»biogenetischen« Parallelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie, auch
auf die _Gesamtheit_ der anorganischen Materie angewendet werden. Hat
die Lehre von der Urzeugung von _Swammerdam_ bis _Pasteur_ so viele
Posten nacheinander aufgeben müssen, so wird sie auch ihren letzten
Halt, den sie im monistischen Bedürfnis so vieler zu haben scheint,
fahren lassen, wenn dieses anders und besser wird befriedigt werden
können. Die Gleichungen für das tote Geschehen werden sich vielleicht
einmal durch Einsetzung bestimmter Zeitwerte als _Grenz_fälle der
Gleichungen des lebendigen Geschehens ergeben, nie umgekehrt das
Lebende durch das Tote darstellbar sein. Die _Homunculus-Bestrebungen_
sind _Faust_ fremd, _Goethe_ hat sie nicht ohne Grund für _Wagner_, den
Famulus, reserviert. Mit der Chemie ist wahrhaftig nur den Exkrementen
des Lebendigen beizukommen; ist doch das Tote selbst nur ein Exkret
des Lebens. Die chemische Anschauungsweise setzt den Organismus auf
eine Stufe mit seinen Auswürfen und Abscheidungen. Wie anders sollten
Erscheinungen zu erklären sein gleich dem Glauben eines Menschen, durch
Ernährung mit mehr oder weniger Zucker das Geschlecht des werdenden
Kindes beeinflussen zu können? Das _unkeusche Anpacken_ jener Dinge,
die der Arier im Grunde seiner Seele immer als _Schickung_ empfindet,
ist erst durch den Juden in die Naturwissenschaft gekommen. Die Zeit
jener tiefreligiösen Forscher, für die ihr Objekt stets an einer
übersinnlichen Dignität einen, wenn auch noch so geringen, Anteil
hatte, für die es Geheimnisse gab, die vom Staunen kaum je sich
erholten über das, was sie zu entdecken sich _begnadet_ fühlten, die
Zeit eines _Kopernikus_ und _Galilei_, eines _Kepler_ und _Euler_,
_Newton_ und _Linné_, _Lamarck_ und _Faraday_, Konrad _Sprengel_ und
_Cuvier_ scheint vorüber. Die heutigen Freigeister, die, weil sie vom
Geiste frei sind, an keine immanente Offenbarung eines Höheren im
Naturganzen mehr zu glauben vermögen, sind, vielleicht eben darum,
auch in ihrem besonderen wissenschaftlichen Fache nicht imstande, jene
Männer wirklich zu ersetzen und zu erreichen.

Aus diesem _Mangel an Tiefe_ wird auch klar, weshalb die Juden keine
ganz großen Männer hervorbringen können, _weshalb dem Judentum_, wie
dem Weibe, _die höchste Genialität versagt ist_. Der hervorragendste
Jude der letzten neunzehnhundert Jahre, an dessen rein semitischer
Abkunft zu zweifeln kein Grund vorliegt, und der sicherlich viel mehr
Bedeutung besitzt als der, fast jeder _Größe_ entbehrende, Dichter
_Heine_ oder der originelle, aber keineswegs tiefe Maler _Israels_, ist
der Philosoph _Spinoza_. Die allgemein übliche ungeheure Überschätzung
auch des letzteren geht weniger auf Vertiefung in seine Werke und ein
Studium derselben, als auf den zufälligen Umstand zurück, daß er der
einzige Denker ist, den _Goethe_ eingehender gelesen hat.

Für _Spinoza_ selbst gab es eigentlich keine _Probleme_: darin zeigt er
sich als echter Jude; sonst hätte er nicht jene »mathematische Methode«
wählen können, die wie darauf berechnet ist, alles _selbstverständlich_
erscheinen zu lassen. Spinozas System war sein Schutzbau, in den er
sich darum zurückzog, weil niemand so sehr wie er gemieden hat über
sich nachzudenken; darum konnte es für denjenigen Menschen, der wohl
am meisten, und schmerzvoller als alle anderen, über sich nachgedacht
hat, darum konnte es für _Goethe_ eine Beruhigung und Erholung werden.
Denn der wahrhaft bedeutende Mensch denkt, über was immer er denke,
im Grunde doch immer nur über sich selbst nach. Und so gewiß _Hegel_
im Unrecht war, die logische Opposition wie eine reale Repugnanz zu
behandeln, so gewiß geht doch auch das trockenste _logische Problem_
beim _tieferen_ Denker _psychologisch_ auf einen mächtigen _inneren
Konflikt_ zurück. Spinozas System, in seinem voraussetzungslosen
Monismus und Optimismus, in seiner vollkommenen Harmonie, die
Goethe so hygienisch empfand, ist unleugbar keine Philosophie eines
Gewaltigen: sie ist die Absperrung eines die Idylle suchenden,
und ihrer doch nicht wirklich fähigen, weil gänzlich humorlosen
Unglücklichen.

Die Echtheit seines Judentums erweist Spinoza mehrfach, und läßt
deutlich die Grenzen sichtbar werden, welche rein jüdischem Geiste
immer gezogen sind: ich meine hier weniger sein Unverständnis für den
Staatsgedanken und seine Anhängerschaft an den _Hobbes_schen »Krieg
aller gegen alle« als angeblichen Urzustand der Menschheit. Was den
relativen Tiefstand seiner philosophischen Anschauungen bezeugt,
ist vielmehr sein völliges Unverständnis für die _Willensfreiheit_
-- der Jude ist stets Sklave und also Determinist -- und am meisten
dies, daß für ihn, als _echten Juden_, die Individuen nur Accidenzen,
nicht Substanzen, nur nicht-wirkliche Modi einer allein wirklichen,
aller Individuation fremden unendlichen Substanz sind. Der Jude ist
nicht Monadolog. Darum gibt es keinen tieferen Gegensatz als den
zwischen _Spinoza_ und seinem weit bedeutenderen und universelleren
Zeitgenossen _Leibniz_, dem Vertreter der _Monaden_-Lehre, und deren
noch weit größerem Schöpfer _Bruno_, dessen Ähnlichkeit mit Spinoza
eine oberflächliche Anschauung in einer ans Groteske streifenden Weise
übertrieben hat.[92]

Wie das »Radikal-Gute« und das »Radikal-Böse«, so fehlt aber dem Juden
(_und dem Weibe_) _mit dem Genie_ auch das _Radikal-Dumme_ in der
menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Art der Intelligenz,
die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich einerseits
nur _größere Wachsamkeit ihres größeren Egoismus_; anderseits beruht
sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit beider an alle beliebigen
äußeren Zwecke ohne Unterschied: _weil sie keinen urwüchsigen Maßstab
des Wertes, kein Reich der Zwecke in der eigenen Brust tragen_. Dafür
haben sie ungetrübtere natürliche Instinkte, welche dem arischen Manne
nicht in gleicher Weise zurückkehren, um ihm weiterzuhelfen, wenn ihn
das Übersinnliche in seiner Intelligenz verlassen hat.

Hier ist auch der Ort, der seit Richard _Wagner_ oft hervorgehobenen
Ähnlichkeit des Engländers mit dem Juden zu gedenken. Denn sicherlich
haben unter allen Germanen sie am ehesten eine gewisse Verwandtschaft
mit den Semiten. Ihre Orthodoxie, ihre streng wörtliche Auslegung der
Sabbatruhe weist darauf hin. Es ist in der Religiosität der Engländer
nicht selten Scheinheiligkeit, in ihrer Askese nicht wenig Prüderie
gelegen. Auch sind sie, wie die Frauen, weder durch Musik noch durch
Religion je produktiv gewesen: es mag irreligiöse Dichter geben --
_sehr_ große Künstler können es nicht sein -- aber es gibt keinen
irreligiösen Musiker. Und es hängt hiemit auch zusammen, warum die
Engländer keinen bedeutenden Architekten, und nie einen hervorragenden
Philosophen hervorgebracht haben. _Berkeley_ ist wie _Swift_ und
_Sterne_ ein _Ire_, _Erigena_, _Carlyle_ und _Hamilton_, ebenso wie
_Burns_, sind _Schotten_. _Shakespeare_ und _Shelley_, die zwei größten
Engländer, bezeichnen noch lange nicht die Gipfel der Menschheit, sie
reichen auch nicht entfernt hinan an _Dante_, oder an _Aischylos_.
Und wenn wir nun die englischen »Philosophen« betrachten, so sehen
wir, wie von ihnen seit dem Mittelalter stets die Reaktion gegen alle
Tiefe ausgegangen ist: von _Wilhelm von Occam_ und _Duns Scotus_
angefangen, über _Roger Baco_ und seinen _Namensvetter den Kanzler_,
den Spinoza so geistesverwandten _Hobbes_ und den seichten _Locke_,
bis zu _Hartley_, _Priestley_, _Bentham_, den beiden _Mill_, _Lewes_,
_Huxley_, _Spencer_. Damit sind aber aus der Geschichte der englischen
Philosophie die wichtigsten Namen auch schon aufgezählt; denn Adam
_Smith_ und David _Hume_ waren Schotten. _Vergessen wir niemals,
daß uns aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist!_ Der
Engländer hat dem Deutschen als tüchtiger Empiriker, als Realpolitiker
im Praktischen wie im Theoretischen imponiert, aber damit ist seine
Wichtigkeit für die Philosophie auch erschöpft. Es hat noch nie einen
tieferen Denker gegeben, der beim Empirismus stehen geblieben ist; und
noch nie einen Engländer, der über ihn selbständig hinausgekommen wäre.

Dennoch darf man den Engländer nicht mit dem Juden verwechseln. Im
Engländer ist viel mehr Transcendentes als im Juden, nur ist sein Sinn
mehr vom Transcendenten aufs Empirische, als vom Empirischen aufs
Transcendente gerichtet. Sonst wäre er nicht so _humorvoll_, wie er es
ist, indes dem Juden der Humor fehlt, indem dieser vielmehr selbst,
nach der Sexualität, das ergiebigste Objekt alles Witzes ist.

Ich weiß wohl, ein wie schwieriges Problem das Lachen und der Humor
ist; so schwierig wie alles, was nur menschlich und nicht auch tierisch
ist, so schwierig, daß _Schopenhauer_ gar nichts Rechtes, und selbst
_Jean Paul_ nichts ganz Befriedigendes über den Gegenstand zu sagen
weiß. Im Humor liegt zunächst vielerlei: für manche Menschen scheint
er eine feinere Form des Mitleids mit anderen oder mit sich selbst zu
bedeuten; aber damit ist nichts ausgesprochen, was gerade für den Humor
ausschließlich charakteristisch wäre. In ihm mag bewußtes »Pathos der
Distanz« zum Ausdruck kommen -- beim gänzlich unpathetischen Menschen;
aber auch hiemit ist nichts gerade für ihn Entscheidendes gewonnen.

Das Wesentlichste im Humor scheint mir eine _übermäßige Betonung
des Empirischen_, um dessen _Unwichtigkeit_ eben hiedurch klarer
darzustellen. Lächerlich ist im Grunde alles, was verwirklicht ist; und
hierauf gründet sich der Humor, so ist er das Widerspiel der Erotik.
Will diese aus dem Begrenzten ins Unbegrenzte, so läßt der Humor auf
das Begrenzte sich nieder, schiebt es allein in den Vordergrund der
Bühne, und stellt es bloß, indem er es von allen Seiten betrachtet.
Nur der Humorist hat den Sinn für das Kleine und den Zug zum Kleinen;
sein Reich ist weder Meer noch Gebirge, sein Gebiet ist das Flachland.
Darum sucht er mit Vorliebe das Idyll auf und vertieft sich in jedes
_Einzelding_: aber immer nur, um sein _Mißverhältnis_ zum _Ding an
sich_ zu enthüllen. _Er blamiert die Immanenz, indem er sie von der
Transcendenz gänzlich loslöst_, ja nicht einmal den Namen der letzteren
mehr nennt. Der Witz sucht den Widerspruch innerhalb der Erscheinung
auf, der Humor tut ihr den größeren Tort an, sie wie ein in sich
geschlossenes Ganzes hinzustellen; _beide zeigen, was alles möglich
ist_; und kompromittieren hiedurch am gründlichsten die Erfahrungswelt.
Die Tragik hingegen tut dar, was in alle Ewigkeit _unmöglich_ ist, und
so verneinen Komik und Tragik, jede auf ihre Weise, die Empirie, obwohl
sie eine das Gegenteil der anderen zu sein scheinen.

Der Jude, der nicht vom Übersinnlichen kommt wie der Humorist, und
nicht zum Übersinnlichen will wie der Erotiker, hat kein Interesse,
das Gegebene geringer zu werten: darum wird ihm das Leben nie zum
Gaukelspiel, nie zum Tollhaus. Weil der Humor _höhere_ Werte kennt,
als alle konkreten Dinge, und sie nur listig _verschweigt_, ist er
seinem Wesen nach _tolerant_; die Satire, sein Gegenteil, ist ihrem
Wesen nach _intolerant_ und entspricht darum besser der eigentlichen
Natur des Juden wie der des Weibes. Juden und Weiber sind humorlos,
aber spottlustig. In Rom hat es sogar eine Verfasserin von Satiren,
_Sulpicia_ mit Namen, gegeben. Weil die Satire unduldsam ist, macht
sie den Menschen in der Gesellschaft am leichtesten unmöglich. Der
Humorist, der es zu verhindern weiß, daß die Kleinigkeiten und
Kleinlichkeiten der Welt ihn und die anderen Menschen ernstlich
zu bekümmern anfangen, ist der am liebsten gesehene Gast in jeder
Gesellschaft. Denn der Humor räumt wie die Liebe Berge aus dem Wege;
er ist eine Verhaltungsweise, die ein soziales Leben, d. h. eine
Gemeinsamkeit unter einer _höheren_ Idee, sehr begünstigt. Der Jude ist
denn auch nicht, der Engländer in hohem Maße sozial veranlagt.

Der Vergleich des Juden mit dem Engländer versagt also noch viel früher
als sein Vergleich mit dem Weibe. Der Grund, aus welchem dennoch
hier wie dort Ausführlichkeit geboten schien, liegt in der Hitze des
Kampfes, welcher um Wert und Wesen des Judentums seit längster Zeit
geführt wird. Auch darf ich hier wohl auf _Wagner_ mich berufen, den
das Problem des Judentums am intensivsten, von Anfang bis zuletzt,
beschäftigt hat, und der nicht nur im Engländer einen Juden hat wieder
entdecken wollen: auch über seiner _Kundry_, der tiefsten Frauengestalt
der Kunst, schwebt unverkennbar der Schatten des _Ahasverus_.

Noch mehr scheint es im Sinne der Parallele mit dem Weibe gelegen,
und noch stärker verleitet zu ihrer voreiligen Annahme, daß -- nicht
bloß für die Augen des Juden -- keine Frau der Welt die _Idee_ des
Weibes so völlig repräsentiert wie die Jüdin. Selbst vom Arier wird
sie ähnlich empfunden: man denke an _Grillparzers_ »Jüdin von Toledo«.
Dieser Schein wird darum so leicht erregt, weil die Arierin vom Arier
auch das Metaphysische als einen Sexualcharakter fordert, und von
seinen religiösen Überzeugungen ebenso zu durchdringen ist, wie von
seinen anderen Qualitäten (vgl. Kapitel 9 gegen Ende und Kapitel 12).
In Wirklichkeit gibt es freilich dennoch nur Christen und nicht
Christinnen. Die Jüdin aber kann, sowohl als kinderreiche Hausmutter
wie als wollüstige Odaliske, die Weiblichkeit in ihren beiden Polen,
als Kypris und als Kybele, darum vollständiger zu repräsentieren
scheinen, weil der Mann, der sie sexuell ergänzt und geistig
imprägniert, der Mann, der sie für sich geschaffen hat, selber so wenig
Transcendentes in sich birgt.

Die Kongruenz zwischen Judentum und Weiblichkeit _scheint_ eine völlige
zu werden, sobald auf die unendliche Veränderungsfähigkeit des Juden
zu reflektieren begonnen wird. Das große Talent der Juden für den
Journalismus, die »Beweglichkeit« des jüdischen Geistes, der Mangel
an einer wurzelhaften und ursprünglichen _Gesinnung_ -- lassen sie
nicht von den Juden wie von den Frauen es gelten: _sie $sind$ nichts,
und können eben darum alles $werden$_? Der Jude ist Individuum, aber
nicht Individualität; dem niederen Leben ganz zugewandt, hat er kein
Bedürfnis nach der persönlichen Fortexistenz: es fehlt ihm das wahre,
unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren,
_ewigen Leben_.

Und doch gehen gerade hier Judentum und Weiblichkeit in entscheidender
Weise _auseinander_; _das Nicht-Sein und Alles-Werden-Können ist im
Juden ein anderes als in der Frau_. Die Frau ist die Materie, die
_passiv_ jede Form annimmt. Im Juden liegt zunächst unleugbar eine
gewisse _Aggressivität_: nicht durch den großen Eindruck, den andere
auf ihn hervorbringen, wird er rezeptiv, er ist nicht suggestibler
als der Arier; sondern er paßt sich den verschiedenen Umständen und
Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie
der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein
verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich
zu haben glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist. Er
assimiliert sich allem und assimiliert es so sich; und er wird hiebei
nicht vom anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn.

Das Weib ist ferner _gar nicht_, der Jude _eminent begrifflich_
veranlagt, womit auch seine Neigung für die Jurisprudenz zusammenhängt,
welcher die Frau nie Geschmack abgewinnen wird; und auch in dieser
begrifflichen Natur des Juden kommt seine _Aktivität_ zum Ausdruck,
eine Aktivität freilich von ganz eigentümlicher Art, keine Aktivität
der selbstschöpferischen Freiheit des höheren Lebens.

Der Jude ist ewig wie das Weib, ewig nicht als Persönlichkeit, sondern
als Gattung. _Er ist nicht unmittelbar wie der arische Mann, aber seine
Mittelbarkeit ist trotzdem eine andere als die des Weibes._

Am tiefsten wird die Erkenntnis des eigentlich-jüdischen Wesens
erschlossen durch die _Irreligiosität_ des Juden. Es ist hier nicht der
Ort für eine Untersuchung des Religionsbegriffes, und es sei denn unter
Religion, ohne eine Begründung, die notgedrungen langatmig werden und
vom Thema weit abführen müßte, zunächst die _Bejahung alles ewigen, aus
den Daten des niederen nie abzuleitenden, nie zu erweisenden höheren
Lebens $im$ Menschen $durch$ den Menschen_ verstanden. _Der Jude ist
der $ungläubige$_ Mensch. _Glaube_ ist jene Handlung des Menschen,
durch welche er in Verhältnis zu einem _Sein_ tritt. Der _religiöse
Glaube_ richtet sich nur speziell auf das _$absolute$ Sein_. _Und der
Jude $ist$ nichts, im tiefsten Grunde darum, weil er nichts $glaubt$._

Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es
kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus
glaubt. Das aber ist es eben; der Jude glaubt gar nichts, er glaubt
nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie
ganz durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von
seinem Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum
nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft
ernst.

_Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem Juden und dem
Weibe endlich bezeichnet._ Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst
darauf, daß er, so wenig wie sie, _an sich selbst_ glaubt. Aber _sie_
glaubt an den _anderen_, an den Mann, an das Kind, an »die Liebe«;
sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. _Der Jude
aber glaubt nichts, weder in sich noch außer sich_; auch im Fremden
hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln gleich dem
Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an irgend
welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen
Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital.

Die Frau glaubt an den Mann, an den Mann außer sich oder an den Mann
in sich, an den Mann, von dem sie geistig imprägniert worden ist,
und kann auf diese Weise sogar sich selbst ernst nehmen.[93] Der
Jude hält nie etwas wirklich für echt und unumstößlich, für heilig
und unverletzbar. Darum ist er überall frivol, und alles bewitzelnd;
er glaubt keinem Christen sein Christentum, geschweige denn einem
Juden die Ehrlichkeit seiner Taufe. Aber er ist auch nicht wirklich
realistisch und keineswegs ein echter Empiriker. Hier ist an den
früheren Aufstellungen, die, zum Teile, an H. S. _Chamberlain_ sich
anschlossen, die wichtigste Einschränkung vorzunehmen. Der Jude ist
nicht eigentlich immanent wie der englische Erfahrungsphilosoph; denn
der Positivismus des bloßen Empiristen glaubt an einen Abschluß alles
menschenmöglichen Wissens im Bereiche der Sinnfälligkeit, er hofft auf
die Vollendung des Systemes exakter Wissenschaft. Der Jude aber glaubt
auch an das Wissen nicht; und doch er ist darum keineswegs Skeptiker,
denn ebensowenig ist er vom Skeptizismus überzeugt. Dagegen waltet noch
über einem gänzlich ametaphysischen Systeme wie dem des _Avenarius_
eine weihevolle Sorgfalt, ja selbst über die relativistischen
Anschauungen von Ernst _Mach_ ist eine vertrauensvolle _Frömmigkeit_
ausgebreitet. Der Empirismus mag nicht tief sein; jüdisch ist er darum
nicht zu nennen.

_Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne._ Frömmigkeit
aber ist der Grund von allem, und die Basis, auf der alles andere
erst sich erhebt. Man hält den Juden schon für prosaisch, weil er
nicht schwungvoll ist, und nach keinem Urquell des Seins sich sehnt;
mit Unrecht. Alle echte innere Kultur, und was immer ein Mensch für
Wahrheit halte, daß es für ihn Kultur, daß es für ihn Wahrheit, daß es
für ihn Werte gibt, das ruht auf dem Grunde des Glaubens, es bedarf der
Frömmigkeit. Und Frömmigkeit ist nicht etwas, das bloß in der Mystik
und in der Religion sich offenbart; auch aller Wissenschaft und aller
Skepsis, allem, womit der Mensch es _innerlich ernst meint_, liegt
_sie_ am tiefsten zu Grunde. Daß sie auf verschiedene Weise sich äußern
mag, ist sicher: Begeisterung und Sachlichkeit, hoher Enthusiasmus und
tiefer Ernst, das sind die zwei vornehmsten Arten, in welchen sie zum
Vorschein gelangt. Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch
nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch
nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er
so wenig Alkoholiker, als höherer Verzückung fähig, so ist er darum
noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender
Argumentation: seine Wärme schwitzt, und seine Kälte dampft. Seine
Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst. Kommt
er, wenn er zur schrankenlosen Begeisterung des Gefühles den Aufflug
wagt, nie weit über das Pathetische hinaus, so unterläßt er, auch wenn
er in den engsten Fesseln des Gedankens sich zu bewegen unternimmt,
doch nicht, geräuschvoll mit seinen Ketten zu rasseln. Und drängt es
ihn auch kaum zum Kuß der ganzen Welt, er bleibt gegen sie darum nicht
minder zudringlich.

Alle Sonderung und alle Umschlingung, alle Strenge und alle Liebe,
alle Sachlichkeit und alles Hymnische, jede wahre, unverlogene Regung
im Menschenherzen, sei sie ernst oder freudig, ruht zuletzt auf der
Frömmigkeit. Der Glaube muß nicht, wie im Genius, im religiösesten
Menschen, auf eine metaphysische Entität sich beziehen -- Religion
ist Setzung seiner selbst und der Welt mit sich selbst -- er mag auch
auf ein empirisches Sein sich erstrecken, und hierin gleichsam völlig
aufzugehen scheinen: es ist doch nur ein und derselbe Glaube an ein
Sein, an einen Wert, eine Wahrheit, an ein Absolutes, an einen Gott.
Religion ist Schöpfung des Alls; und alles, was im Menschen _ist_, ist
nur durch _Religion_. Der Jude ist demnach nicht der religiöse Mensch,
wofür man ihn so oft ausgegeben hat; sondern der irreligiöse Mensch
κατ' εξοχήν.[94]

Soll ich dies nun noch begründen? Soll ich lange ausführen, wie der
Jude ohne Eifer im Glauben ist, und darum die jüdische Konfession
die einzige, die um keinen Proselyten wirbt, der zum Judentum
Übergetretene dessen Bekennern selbst das größte Rätsel und die größte
Verlegenheit?[95] Soll ich über das Wesen des jüdischen Gebetes hier
mich verbreiten und seine Formelhaftigkeit, seinen Mangel an jener
Inbrunst, die nur der Augenblick geben kann, betonen? Soll ich endlich
wiederholen, was die jüdische Religion ist: keine Lehre vom Sinn und
Zweck des Lebens, sondern eine historische Tradition, zusammenzufassen
in dem einen Übergang durchs rote Meer, gipfelnd also in dem Danke des
flüchtenden Feigen an den mächtigen Erretter? Es wäre wohl auch sonst
klar: der Jude ist der irreligiöse Mensch, und von jedem Glauben am
allerweitesten entfernt. Er setzt nicht sich selbst und mit sich die
Welt, worin das Wesentliche in der Religion besteht. Aller Glaube ist
heroisch: der Jude aber kennt weder den Mut noch das Fürchten, als das
Gefühl des bedrohten Glaubens; er ist weder sonnenhaft noch dämonisch.

Nicht also, wie _Chamberlain_ glaubt, Mystik, sondern _Frömmigkeit_
ist das, was dem Juden zu allerletzt mangelt. Wäre er nur ehrlicher
Materialist, wäre er nur bornierter Entwicklungsanbeter! Aber er ist
nicht Kritiker, sondern nur Kritikaster, er ist nicht Skeptiker nach
dem Bilde des _Cartesius_, nicht Zweifler, um aus dem größten Mißtrauen
zur größten Sicherheit zu gelangen; sondern absoluter Ironiker wie --
hier kann ich eben nur einen Juden nennen -- wie Heinrich _Heine_. Er
ist gar nicht echter Revolutionär (denn woher käme ihm die Kraft und
der innere Elan der Empörung?), und unterscheidet sich eben hiedurch
vom _Franzosen_: er ist nur zersetzend, und gar nie wirklich zerstörend.

Und was ist er nun selbst, der Jude, wenn er nichts von alledem ist,
was sonst ein Mensch sein kann? Was geht in ihm wahrhaft vor, wenn er
ohne irgend welches Letzte ist, ohne einen Grund, auf den das Senkblei
des Psychologen am Ende doch hart und vernehmlich stieße?

Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen Zweiheit
oder Mehrheit behaftet; _über diese Ambiguität, diese Duplizität,
ja Multiplizität kommt er nie hinaus_. Er hat immer _noch_ eine
Möglichkeit, noch _viele_ Möglichkeiten, wo der Arier, ohne ärmer im
Blicke zu sein, unbedingt sich entscheidet und wählt. Diese innere
Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer _Realität_
irgend eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und
Fürsich-Sein, aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann,
glaube ich als die Definition dessen betrachten zu müssen, was ich
das Jüdische als Idee genannt habe.[96] _Es ist wie ein Zustand $vor$
dem $Sein$_, ein ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität. Mit
nichts kann der Jude sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein
Leben ganz und gar einsetzen.[97] Nicht der Eiferer, sondern der Eifer
fehlt dem Juden: weil ihm alles Ungeteilte, alles Ganze fremd ist. Es
ist die _Einfalt_ des _Glaubens_, die ihm abgeht, und weil er diese
_Einfalt_ nicht hat, und keine wie immer geartete letzte _Position_
bedeutet, darum scheint er gescheiter als der Arier, und entwindet
sich _elastisch_ jeder Unterdrückung.[98] _Innerliche Vieldeutigkeit_,
ich möchte es wiederholen, _ist das absolut Jüdische, Einfalt das
absolut Unjüdische_. Die Frage des Juden ist die Frage, die Elsa an
Lohengrin richtet: die Unfähigkeit, irgend einer Verkündigung, sei es
auch der inneren Offenbarung, die Unmöglichkeit, _irgend_ einem _Sein_
schlechthin zu _glauben_.

Man wird vielleicht einwenden, jenes zwiespältige Sein finde sich nur
bei den zivilisierten Juden, in welchen die alte Orthodoxie neben
der modernen Gesittung noch fortwirke. Aber das wäre weit gefehlt.
Seine Bildung läßt das Wesen des Juden nur darum stets noch klarer
zum Vorschein kommen, weil es so an Dingen sich betätigt, die mit
tieferem Ernste erwogen sein wollen, als materielle Geldgeschäfte. Der
Beweis, daß der Jude an sich nicht eindeutig ist, läßt sich erbringen:
der Jude _singt_ nicht. Nicht aus Schamhaftigkeit, sondern weil er
sich seinen Gesang nicht _glaubt_. So wenig die Vieldeutigkeit des
Juden mit eigentlicher, realer Differenziertheit oder Genialität, so
wenig hat seine eigentümliche Scheu vor dem Gesang, oder auch nur vor
dem lauten hellen Worte, mit echter Zurückhaltung etwas zu tun. Alle
Scham ist stolz; jene Abneigung des Juden ist aber ein Zeichen seiner
_inneren Würdelosigkeit_: denn das unmittelbare Sein versteht er nicht,
und er würde sich schon lächerlich finden und kompromittiert fühlen,
wenn er nur sänge. Schamhaftigkeit umfaßt alle Inhalte, die mit dem
Ich des Menschen, durch eine innige Kontinuität fester verknüpft sind;
die fragliche Gêne des Juden aber erstreckt sich auch auf Dinge, die
ihm keineswegs heilig sein können, die er also nicht zu profanieren
fürchten müßte, wenn er öffentlich die Stimme würde erheben sollen.
Und abermals trifft dies mit der Unfrömmigkeit des Juden zusammen:
denn alle Musik ist absolut, und besteht wie losgelöst von aller
Unterlage; nur darum hat sie unter allen Künsten die engste Beziehung
zur Religion, und ist der einfache Gesang, der eine einzelne Melodie
mit ganzer Seele erfüllt, unjüdisch wie jene.

Ich glaube nun gerade deutlich genug gewesen zu sein, um nicht darüber
schlecht verstanden zu werden, was ich mit dem eigentlichen Wesen des
Judentums meine. _Ibsens_ König _Håkon_ in den »Kronprätendenten«,
sein Dr. _Stockmann_ im »Volksfeind« mögen es, wenn es dessen bedürfen
sollte, noch klarer machen, was dem echten Juden in alle Ewigkeit
unzugänglich ist: _das unmittelbare Sein_, _das Gottesgnadentum_, _der
Eichbaum_, _die Trompete_, _das Siegfriedmotiv_, _die Schöpfung seiner
selbst_, _das Wort: $ich bin$_. Der Jude ist wahrhaftig das »Stiefkind
Gottes auf Erden«; und es gibt denn auch keinen (männlichen) Juden, der
nicht, wenn auch noch so dumpf, an seinem Judentum, das ist im tiefsten
Grunde, an seinem Unglauben, $litte$.

Judentum und Christentum, jenes das zerrissenste, der inneren Identität
barste, dieses das glaubenskräftigste, gottvertrauendste Sein, sie
bilden so den weitesten, unermeßlichsten Gegensatz. Christentum ist
höchstes Heldentum; der Jude aber ist nie einheitlich und ganz. Darum
eben ist der Jude feige, und der Heros sein äußerster Gegenpol.

H. S. _Chamberlain_ hat von dem furchtbaren, unheimlichen Unverständnis
des echten Juden für die Gestalt und die Lehre Christi, für den Krieger
wie für den Dulder in ihm, für sein Leben wie für sein Sterben, viel
Wahres und Treffendes gesagt. Aber es wäre irrig, zu glauben, der Jude
_hasse_ Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, _er hat zu Jesus
nur eigentlich gar keine Beziehung_; es gibt streng genommen nur Arier
-- Verbrecher -- die Christum _hassen_. Der Jude fühlt sich durch
ihn nur, als ein seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem
Verständnis Entrücktes, _gestört_ und unangenehm _geärgert_.

Dennoch ist die Sage vom Neuen Testament als reifster Blüte und
höchster Vollendung des Alten, und die künstliche Vermittelung, welche
das letztere den messianischen Verheißungen des ersteren angepaßt hat,
den Juden sehr zustatten gekommen; sie ist ihr stärkster äußerer Schutz
gewesen. Daß nun trotz dieses polaren Verhältnisses gerade aus dem
Judentum das Christentum hervorgegangen ist, bildet eines der tiefsten
psychologischen Rätsel: es ist kein anderes Problem als die Psychologie
des Religionsstifters, um die es sich hier handelt.[99]

Wodurch unterscheidet sich der geniale Religionsstifter von allem
übrigen Genie? Welche innere Notwendigkeit treibt ihn, Religion zu
stiften?

_Es kann keine andere sein, als daß er selbst nicht immer an den Gott
geglaubt hat, den er verkündet._ Die Überlieferung erzählt von _Buddha_
wie von _Christus_, welchen Versuchungen sie ausgesetzt waren, viel
stärkeren als alle anderen Menschen. Zwei weitere, _Mohammed_ und
_Luther_, sind _epileptisch_ gewesen. Die _Epilepsie_ aber ist _die
Krankheit des Verbrechers_: _Cäsar_, _Narses_, _Napoleon_, die »großen«
Verbrecher, haben sämtlich an der Fallsucht gelitten, und _Flaubert_
und _Dostojewskij_, welche zu ihr wenigstens tendierten, hatten beide
außerordentlich viel vom Verbrecher in sich, ohne natürlich Verbrecher
zu _sein_.

_Der Religionsstifter ist jener Mensch, der ganz gottlos gelebt
und dennoch zum höchsten Glauben sich durchgerungen hat._ »Wie es
möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum
guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn
wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen?« so fragt _Kant_ in
seiner Religionsphilosophie, und _bejaht dennoch prinzipiell_ diese
Möglichkeit: »Denn, ungeachtet jenes Abfalles erschallt doch das
Gebot: wir _sollen_ bessere Menschen werden, unvermindert in unserer
Seele; folglich müssen wir es auch _können_ ..« Jene unbegreifliche
Möglichkeit der vollständigen _Wiedergeburt_ eines Menschen, der
alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt
hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen
_verwirklicht_, welche die großen Religionen der Menschheit begründet
haben. Hiedurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: in diesem
überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten.

Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz.

    »Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
    Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.«

_Wenn dies so sich verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste
Mensch._ Denn er hat _am meisten_ überwunden. Er ist der Mensch, dem
das gelungen ist, was die tiefsten Denker der Menschheit nur zaghaft,
nur um ihre ethische Weltanschauung, um die _Freiheit_ der _Wahl_ nicht
preisgeben zu müssen, als möglich hingestellt haben: _die völlige
Neugeburt des Menschen_, seine »Regeneration«, die gänzliche Umkehr des
Willens. Die anderen großen Geister haben zwar auch den Kampf mit dem
Bösen zu führen, aber bei ihnen neigt die Wagschale von vornherein
entschieden zum Guten. Nicht so beim Religionsgründer. In ihm ist so
viel Böses, so viel Machtwille, so viel irdische Leidenschaft, daß er
40 Tage in der Wüste, ununterbrochen, ohne Nahrung, ohne Schlaf, mit
dem Feind in sich kämpft. Erst dann hat er gesiegt: nicht zum Tode
ist er eingegangen, sondern das höchste Leben hat er in sich befreit.
Wäre das anders, so fehlte jeder Impuls zur Glaubensstiftung. Der
Religionsgründer will und muß nichts anderes den Menschen bringen, als
was ihm, dem belastetsten von allen, gelungen ist: den Bund mit der
Gottheit zu schließen. Er weiß, daß er der schuldbeladenste Mensch ist;
und er sühnt die _größte_ Schuldsumme durch den Tod am Kreuze.

Im Judentum waren zwei Möglichkeiten. Vor _Christi_ Geburt lagen sie
noch beisammen, und es war noch nicht gewählt worden. Es war eine
Diaspora da, und zugleich wenigstens eine Art Staat: Negation und
Position, beide waren nebeneinander vorhanden. _Christus ist der
Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet,
und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum
Entgegengesetzteste, schafft._ Aus dem Zustand _vor_ dem Sein _trennen_
sich Sein und Nicht-Sein. _Jetzt_ sind die Lose gefallen: das alte
Israel scheidet sich in Juden und in Christen, der _Jude_, wie wir
ihn kennen, wie ich ihn beschrieben habe, entsteht $zugleich$ mit dem
_Christen_. Die Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum
verschwindet die Möglichkeit zur Größe: Menschen wie _Jesaias_, jenen
gewaltigsten Mann des alten Israel, hat das _Judentum_ seither nicht
wieder hervorbringen können. _Christentum und Judentum bedingen sich
welthistorisch wie Position und Negation._ In Israel waren die höchsten
Möglichkeiten, die je einem Volke beschieden waren: die Möglichkeit
Christi. _Die andere Möglichkeit ist der Jude._

Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden: ich will dem Judentum nicht
eine Beziehung zum Christentum andichten, die ihm fremd ist. _Das
Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu
diesem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,
jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden
ist._[100] Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum, sind Christentum und
Judentum nur _aneinander_, und durch ihre wechselseitige Ausschließung,
zu definieren. _Das Judentum ist der Abgrund, über dem das Christentum
aufgerichtet ist, und darum der Jude die stärkste Furcht und die
tiefste Abneigung des Ariers._[101]

Ich vermag nicht mit _Chamberlain_ zu glauben, daß die Geburt des
Heilands in Palästina ein bloßer Zufall könne gewesen sein. _Christus
war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu
überwinden_; denn wer über den mächtigsten _Zweifel_ gesiegt hat, der
ist der _gläubigste_, wer über die ödeste _Negation_ sich erhoben hat,
der _positivste_ Bejaher. _Christus ist der größte Mensch, weil er am
größten Gegner sich gemessen hat._ Vielleicht ist er der einzige Jude
und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der
erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar _Christ_ geworden ist;
vielleicht aber liegt auch heute noch im Judentum die Möglichkeit,
den Christ hervorzubringen, vielleicht sogar _muß_ auch der nächste
Religionsstifter abermals erst durch das _Judentum_ hindurchgehen.
Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten _Möglichkeiten_,
so liegen doch in ihm die geringsten _Wirklichkeiten_; er ist wohl
der _zum Meisten veranlagte_, und doch zugleich der _innerlich des
Wenigsten mächtige_ Mensch.

       *       *       *       *       *

Unsere heutige Zeit läßt das Judentum auf der höchsten Höhe erblicken,
die es seit den Tagen des _Herodes_ erklommen hat. _Jüdisch_ ist der
_Geist der Modernität_, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität wird
bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios.
Der unglückliche _Nietzsche_ ist wahrhaftig nicht verantwortlich
für die große Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und natürlicher
Unzuchtwahl, deren schmählicher Apostel sich Wilhelm _Bölsche_ nennt.
_Er_ hat Verständnis gehabt für die Askese, und nur unter der eigenen
zu sehr gelitten, um nicht ihr Gegenteil oft wünschenswerter zu finden.
Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig
werden lassen.

Unsere Zeit, die nicht nur die jüdischeste, sondern auch die
weibischeste aller Zeiten ist; die Zeit, für welche die Kunst nur ein
Schweißtuch ihrer Stimmungen abgibt, die den künstlerischen Drang aus
den Spielen der Tiere abgeleitet hat; die Zeit des leichtgläubigsten
Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht, die Zeit der
Gattungs-Ethik, die Zeit der seichtesten unter allen denkbaren
Geschichtsauffassungen (des historischen Materialismus), die Zeit
des Kapitalismus und des Marxismus, die Zeit, der Geschichte, Leben,
Wissenschaft, alles nur mehr Ökonomie und Technik ist; die Zeit,
die das Genie für eine Form des Irrsinns erklärt hat, die aber auch
keinen einzigen großen Künstler, keinen einzigen großen Philosophen
mehr besitzt, die Zeit der geringsten Originalität und der größten
Originalitätshascherei; die Zeit, die an die Stelle des Ideals der
Jungfräulichkeit den Kultus der Demi-Vierge gesetzt hat: _diese Zeit
hat auch den Ruhm, die erste zu sein, welche den Koitus bejaht und
angebetet hat_.

Aber dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum zum
Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der
Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und
Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann,
zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen
irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat
abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt
kein drittes Reich.



XIV. Kapitel.

Das Weib und die Menschheit.


Nun erst ist es möglich, gereinigt und gewaffnet nochmals vor die
Frage der Emanzipation des Weibes zu treten. Gereinigt, weil nun nicht
mehr die tausend fliegenden Mücken jener Zweideutigkeiten, welche den
Gegenstand umspielen, den Blick trüben; gewaffnet, weil im Besitze
fester theoretischer Begriffe und sicherer ethischer Anschauungen. Fern
ab von dem Tummelplatze der gewöhnlichen Kontroversen und selbst weit
über das Problem der ungleichen Begabung hinaus ist die Untersuchung
an Punkte gelangt, welche die Rolle des Weibes im Weltganzen und
den Sinn seiner Mission für den Menschen ahnen ließen. Darum sollen
auch hier Fragen von allzu besonderem Charakter in die Erörterung
nicht einbezogen werden; diese ist nicht optimistisch genug, auf die
Führung politischer Geschäfte von ihren Resultaten einen Einfluß zu
erhoffen. Darum verzichtet sie auf die Ausarbeitung sozialhygienischer
Vorschläge, und behandelt das Problem vom Standpunkte jener Idee der
Menschheit, die über der Philosophie von _Immanuel Kant_ schwebt.

Die Gefahr ist groß, welche dieser Idee von der Weiblichkeit droht.
Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu
erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine
Konzession an den Mann. Denn fiele dieser Schein weg, wo bliebe dann
die Konkurrenz mehrerer, vieler um eine? Sie haben aber, unterstützt
von Männern, die es ihnen glaubten, heute dem anderen Geschlechte
beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes,
eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe
Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe,
daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie
oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von
Frauen, denen sie nicht allzuhäßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder
Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen,
daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr »ihr Leben genießen«
sollten. In diesen freundlichen Mahnungen liegt, natürlich gänzlich
unbewußt, ein Gefühl des Weibes, seine einzig auf den Begattungsakt
gerichtete Sendung zu verfehlen, _nichts mehr zu sein_, mit seinem
ganzen Geschlechte alle Bedeutung zu verlieren, sowie der Mann um
andere als um sexuelle Dinge sich zu bekümmern anfängt.

Ob sich die Frauen hierin je ändern werden, ist fraglich. Man darf
auch nicht glauben, daß sie je anders gewesen sind. Heute mag das
sinnliche Element stärker hervortreten als früher, denn unendlich
viel in der »Bewegung« ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft
zur Prostitution; sie ist als Ganzes mehr Dirnen-Emanzipation als
Frauen-Emanzipation, und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach
vor allem: ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im
Weibe. Was _neu_ scheint, das ist das Verhalten der _Männer_. Mit unter
dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen
Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die
männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr _verstanden_, das
Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als _Schicksal_ empfunden, die
eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr.

Man sieht jetzt, _woher_ die Forderung des Sich-Auslebens, der
Kaffeehausbegriff des Dionysischen, der Kult _Goethes_, soweit Goethe
_Ovid_ ist, woher diese ganze moderne _Koitus-Kultur_ eigentlich
stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet,
zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder lieber so tut, als
wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den
beliebtesten Gegenstand der _Renommage_, ja die Sexualität wird so
hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden;
die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der
wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. Es ist
sicher wahr, daß der Schamhafte auch seiner Scham sich _schämt_; aber
jene andere, heutige Scham ist nicht die Scham der Erotik, sondern die
Scham des Weibes, weil es noch keinen Mann gefunden, noch keinen Wert
vom anderen Geschlechte empfangen hat. Darum ist einer dem anderen zu
zeigen beflissen, mit welcher _Treue_ und pflichtgemäßer _Wonne_ er die
sexuellen Funktionen ausübt. So bestimmt heute das Weib, das seiner
Natur nach am Manne nur die sexuelle Seite schätzen kann, was männlich
ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit
entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das »Verhältnis«, das
»Mädel«, in der Tat die _Legitimation eines Masculinums vor dem
anderen_ geworden. Doch nein: denn dann gibt es keine Männer mehr.

Dagegen ist alle Hochschätzung der _Virginität ursprünglich_ vom
Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da
aus: sie ist die Projektion des dem Manne _immanenten_ Ideales
fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand seiner Liebe. Man lasse sich
nur hierin nicht beirren, weder durch die Angst und den Schrecken
vor der Berührung, die sich so gern möglichst bald in Zutraulichkeit
transformieren, noch durch die hysterische Unterdrückung der sexuellen
Wünsche; nicht durch den _äußeren Zwang_, dem Anspruch des Mannes
auf physische Reinheit zu entsprechen, weil sonst der Käufer sich
nicht einstellen würde; aber auch nicht durch jenes Bedürfnis Wert zu
_empfangen_, aus welchem die Frau oft so lange auf jenen Mann wartet,
der ihr am meisten Wert schenken kann (was man gemeinhin völlig
verkehrt als hohe _Selbst_schätzung solcher Mädchen interpretiert).
Will man wissen, wie die _Frauen_ über die Jungfernschaft denken, so
kann dies freilich von vornherein kaum zweifelhaft sein, nach der
Erkenntnis, daß das Hauptziel der Frauen die Herbeiführung des _Koitus
überhaupt_ ist, als durch welchen sie erst Existenz gewinnen; denn
daß die Frau den Koitus will und nichts anderes, auch wenn sie, für
ihre Person, noch so uninteressiert an der Wollust _scheinen_ mag, das
konnte aus der Allgemeinheit der Kuppelei _bewiesen_ werden.

Man muß, um sich davon neu zu überzeugen, betrachten, mit welchen Augen
die Frau Jungfernschaft bei den anderen Angehörigen ihres Geschlechtes
ansieht.

Und da nimmt man wahr: der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den
Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich _der_ weibliche
Zustand, den das Weib _negativ_ bewertet. Die Frauen schätzen jede
Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen
häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen
Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet,
will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen. Und wenn eine auch nur
kurze Zeit die Herrlichkeiten eines Maitressenlebens gekostet, ja
wenn sie Straßendirne geworden ist, sie steht höher in der weiblichen
Schätzung als das alte Fräulein, das einsam in seiner Kammer näht
und flickt, ohne je einem Manne, in gesetzlicher oder ungesetzlicher
Verbindung, für lange oder für einen rasch vergangenen Taumel, angehört
zu haben.

So aber wird auch das ganz junge Mädchen, wenn es durch körperliche
Vorzüge sich auszeichnet, vom Weibe nie um seiner Schönheit willen
positiv gewertet -- der Frau _fehlt_ das Organ des Schön-Findens, weil
sie keinen Wert zu projizieren hat -- sondern nur, weil es leichtere
Aussicht hat, einen Mann an sich zu fesseln. _Je schöner eine Jungfrau
ist, eine desto zuverlässigere $Promesse$ ist sie den anderen Frauen,
desto wertvoller ist sie dem Weibe als Kupplerin, seiner Bestimmung als
Hüterin der Gemeinschaft $nach$; nur dieser $unbewußte$ Gedanke ist es,
der eine Frau an einem schönen Mädchen Freude finden läßt._ Wie dies
erst dann rein zum Vorschein kommen kann, wenn das wertende weibliche
Einzelindividuum bereits selbst Existenz empfangen hat (weil sonst der
Neid auf die Konkurrentin, und das Gefühl, die eigenen Chancen im Kampf
um den Wert durch sie vermindert zu sehen, jene Regungen überstimmen
muß), das wurde bereits besprochen. Zuerst müssen sie wohl sich selbst
verkuppeln -- kuppeln kommt von copulare, ein Paar fertig bringen --
früher können es die anderen auch kaum verlangen.

Die leider so allgemein gewordene Geringschätzung der »alten Jungfer«
ist demnach durchaus vom _Weibe_ ausgegangen. Von einem bejahrten
Fräulein wird man Männer oft mit Respekt reden hören; aber jede Frau
und jedes Mädchen, gleichgültig ob verheiratet oder nicht, hat für die
Betreffende nur die extremste Geringschätzung, mag dies auch in manchen
Fällen ihnen selbst gar nicht bewußt werden. Eine verheiratete Dame,
die für geistreich und mannigfach talentiert gelten konnte, und ihres
Äußeren wegen so viele Bewunderer zählte, daß Neid in diesem Falle ganz
außer Frage steht, hörte ich einmal über ihre unschöne und ältliche
italienische Lehrerin sich lustig machen, weil diese wiederholt betont
habe: Io sono ancora una vergine (sie sei noch eine Jungfrau).

Freilich ist, vorausgesetzt daß die Äußerung richtig reproduziert
war, zuzugeben, daß die Ältere eine Tugend wohl nur aus der Not
gemacht hatte, und jedenfalls selbst sehr froh gewesen wäre, ihre
Jungfernschaft auf irgend eine Weise los zu werden, ohne dadurch in der
Gesellschaft an Ansehen einbüßen zu müssen.

Denn dies ist das Wichtigste: die Frauen verachten und höhnen nicht
nur die Jungfernschaft anderer Frauen, sondern sie schätzen auch die
eigene Jungfernschaft als _Zustand_ äußerst _gering_ (und nur als eine
sehr gesuchte _Ware_ von höchstem Anwert bei den _Männern hoch_). Darum
blicken sie zu jeder Verheirateten wie zu einem höheren Wesen empor.
Wie sehr es dem Weibe im tiefsten Grunde speziell auf den Sexualakt
ankommt, das kann man gerade an der wahren Verehrung sehen, welche erst
ganz vor kurzem verheiratete Frauen bei den jungen Mädchen genießen:
ist doch der Sinn ihres Daseins diesen eben enthüllt, sie selbst auf
dessen Zenit geführt worden. Dagegen betrachtet jedes junge Mädchen
jedes andere als ein unvollkommenes Wesen, das seine Bestimmung ebenso,
wie sie selbst, erst noch erreichen will.

Hiemit erachte ich als dargetan, wie vollkommen die aus der Kuppelei
gezogene Folgerung, das Virginitäts-Ideal müsse männlichen, und könne
nicht weiblichen Ursprunges sein, mit der Erfahrung sich deckt. Der
Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von
dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es
will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend. Für »Musterknaben«
hat die Frau kein Verständnis. Dagegen ist bekannt, daß sie stets
dem in die Arme fliegt, welchem der Ruf des Don Juan meilenweit
vorauseilt. Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine
Sexualität Existenz gewinnt. Nicht einmal für die Erotik des Mannes,
als ein _Distanz_phänomen, sondern nur für diejenige Seite an ihm, die
unaufhaltsam das Objekt ihres Begehrens ergreift und sich aneignet,
haben die Frauen einen Sinn, und es wirken Männer auf sie nicht, bei
denen Brutalitäts-Instinkte gar nicht oder wenig entwickelt sind.
Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde
nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, _aber
sie $sagt$ ihnen nichts_. Und wenn das Gebet auf den Knien vor ihr zu
lange währen wollte, würde _Beatrice_ so ungeduldig wie _Messalina_.

_Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste
Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die
Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will._
$Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau.$

Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller
Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich. Die
Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist
selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer
_Begleit_erscheinung und äußeren Folge der Handlung, _nicht_ in der
Gesinnung: sie ist _heteronom_. Der Mensch darf die Lust anstreben, er
mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen:
nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern. In der Askese aber
will der Mensch die Moralität _erpressen_ durch Selbstzerfleischung,
_er will sie als Folge eines Grundes_, die eigene Sittlichkeit als
Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat. Die
Askese ist demnach als prinzipieller Standpunkt wie als psychologische
Disposition _verwerflich_; denn sie _bindet_ die Tugend an etwas
anderes als dessen _Erfolg_, _macht sie zur Wirkung einer Ursache_, und
strebt sie nicht an sich, als unmittelbaren Selbstzweck, an. Die Askese
ist eine gefährliche Verführerin: ihrer Täuschung fallen so viele so
leicht zum Opfer, weil die Lust der _häufigste Beweggrund_ ist, aus
welchem der Pfad des Gesetzes verlassen wird, und der Irrtum nahe genug
liegt, der auf dem rechten Pfad sicherer zu bleiben glaubt, wenn er an
ihrer Statt den Schmerz anstrebt. An sich aber ist Lust weder sittlich
noch unsittlich. _Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert
besiegt_, dann ist der Mensch gefallen.

Der Koitus ist _darum_ unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das
Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zweck gebrauchte, den
Wert der Menschheit, in seiner wie in ihrer Person, in diesem Momente
nicht der Lust hintansetzte. Im Koitus vergißt der Mann sich selbst ob
der Lust, und er vergißt das Weib; dieses hat für ihn keine psychische,
sondern nur eine körperliche Existenz mehr. Er will von ihr entweder
ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen
benützt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um einer fremden
Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der
Koitus unmoralisch.

Gewiß ist die Frau die Missionärin der Idee des Koitus, und gebraucht
sich selbst, wie alles andere in der Welt, immer nur als Mittel zu
diesem Zweck; sie will den Mann als Mittel zur Lust oder zum Kinde;
sie will _selbst_ vom Manne als Mittel zum Zweck benützt sein, wie
eine Sache, wie ein Objekt, wie sein Eigentum behandelt, nach seinem
Gutdünken von ihm verändert und geformt werden. Aber nicht nur soll
niemand von einem anderen als Mittel zum Zweck sich gebrauchen lassen;
man darf auch den Standpunkt des Mannes der Frau gegenüber nicht
danach bestimmen wollen, daß diese den Koitus wirklich wünscht, und
von ihm, wenn sie's auch weder sich noch ihm je ganz gesteht, _nie
etwas anderes erfleht_. _Kundry_ appelliert freilich an _Parsifals_
Mitleid für ihr Sehnen: aber gerade da offenbart sich die ganze
Schwäche der Mitleidsmoral, die zwingen würde, einen jeden Wunsch
des Nebenmenschen zu erfüllen, sei er noch so unberechtigt. Die
konsequente Sympathiemoral und die konsequente Sozialethik sind beide
gleich absurd, denn sie machen das _Sollen vom Wollen abhängig_ (ob
vom eigenen oder vom fremden oder vom gesellschaftlichen, bleibt sich
gleich), _statt das Wollen vom Sollen_; sie wählen zum Maßstab der
Sittlichkeit konkretes Menschenschicksal, konkretes Menschenglück,
konkreten Menschenaugenblick, _anstatt der Idee_.

Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln? _Wie es selbst
behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt?_ Wenn
er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er
es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will
geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden,
ihm durch die Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich
veranschlagt; denn es will Komplimente, es will nicht an sich geachtet
werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die
sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den _Menschen_ zu sehen, und
es zu achten suchen. Zwar ist W _eine Funktion von M_, eine Funktion,
die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr
sein als eben dies, nichts anderes als nur dies: die Witwen in Indien
sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode
geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die
fürchterlichste Barbarei.

Es ist mit der Emanzipation der Frauen wie mit der Emanzipation der
Juden und der Neger. Sicherlich liegt dafür, daß diese Völker als
Sklaven behandelt und immer niedrig eingeschätzt wurden, an ihrer
knechtischen Veranlagung die Hauptschuld; sie haben kein so starkes
Bedürfnis nach Freiheit wie die Indogermanen. Und wenn auch heute in
Amerika für die Weißen die Notwendigkeit sich ergeben hat, von den
Negern sich völlig abzusondern, weil diese von ihrer Freiheit einen
schlimmen und nichtswürdigen Gebrauch machen: so war doch im Kriege der
Nordstaaten gegen die Föderierten, welcher den Schwarzen die Freiheit
gab, das Recht durchaus auf Seite der ersteren. _Trotzdem die Anlage
der Menschheit_ im Juden, noch mehr im Neger, _und noch weit mehr im
Weibe_, mit einer größeren Anzahl amoralischer Triebe belastet ist; _ob
sie auch hier mit mehr Hindernissen zu kämpfen hat_ als im arischen
Manne, noch ihren letzten Rest, sei er selbst noch so gering, muß der
Mensch achten, _noch hier die Idee der Menschheit_ (das heißt nicht:
der menschlichen Gesellschaft, sondern das _Mensch-Sein_, die _Seele
als Teil einer intelligiblen Welt_) _ehren_. Auch über den gesunkensten
Verbrecher darf niemand sich eine Gewalt anmaßen als das Gesetz; kein
Mensch hat das Recht ihn zu lynchen.

Das _Problem des Weibes_ und _das Problem des Juden_ ist ganz identisch
mit dem _Problem der Sklaverei_, und muß ebenso aufgelöst werden, wie
dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der
Unterdrückung wohlfühle. Dem Haustier, das ich benütze, nehme ich keine
Freiheit, denn es hatte keine, bevor ich es mir dienstbar machte; aber
in der Frau ist noch ein ohnmächtiges Gefühl des Nicht-Anderskönnens,
als eine letzte, wenn auch noch so kümmerliche Spur der intelligiblen
Freiheit: wohl deshalb, weil es kein absolutes Weib gibt. Die Frauen
sind _Menschen_ und müssen _als solche_ behandelt werden, auch wenn sie
selbst das _nie_ wollen würden. _Frau und Mann haben gleiche Rechte._

Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen
auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt
werden müßte. Vom _Utilitäts_standpunkte ist von dieser Konzession
gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in _Neuseeland_,
wo man das ethische Prinzip so hochhielt, den Frauen das Wahlrecht
zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie
man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß
auf die Leitung des Gemeinwesens gestatten würde, selbst wenn diese
plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so _darf_
vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der so
lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur
könnte geschädigt werden. Wie die Resultate der Wissenschaft davon
unabhängig sind, ob alle Menschen ihnen zustimmen oder nicht, so kann
auch Recht und Unrecht der Frau ganz genau ermittelt werden, ohne daß
die Frauen selbst mitbeschließen, und sie brauchen nicht zu besorgen,
übervorteilt zu werden, wenn bei dieser Feststellung eben Recht- und
nicht Machtgesichtspunkte die Entscheidung bestimmen.

_Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau._
Niemand darf der Frau irgend etwas als »unweiblich« verwehren und
verbieten wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil ist es, das
einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen
hat, als wäre diese rechtlich seine _Sache_. Man hat die Frau als
Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen,
nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des
Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie
jener Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen.

Darum ist dieses Buch die größte Ehre, welche den Frauen je erwiesen
worden ist. Auch gegen das Weib ist nur _ein_ sittliches Verhalten dem
Manne möglich; nicht die Sexualität, nicht die Liebe -- denn beide
benützen es als Mittel zu _fremden_ Zwecken: _sondern einzig der
Versuch, es zu verstehen_. Die meisten Menschen geben theoretisch vor,
_$das$ Weib_ zu achten, um praktisch _$die$ Weiber_ desto gründlicher
zu verachten: hier wurde dieses Verhältnis umgekehrt. _Das Weib_ konnte
nicht hochgewertet werden: aber _die Weiber_ sind von aller Achtung
nicht von vornherein und ein für alle Male auszuschließen.

Leider haben sehr berühmte und bedeutende Männer in dieser Frage
eigentlich _recht gemein_ gedacht. Ich erinnere an _Schopenhauers_ und
an _Demosthenes'_ Stellung zur Frauenemanzipation. Und _Goethes_:

    »Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen
    Häuslicher Tugend entgegen, _den klugen Mann zu beglücken_.
    Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich
                                                 ein Kochbuch,«

steht nicht höher als _Molières_:

    »........... Une femme en sait toujours assez,
    Quand la capacité de son esprit se hausse
    A connaître un pourpoint d'avec un haut-de-chausse.«

_Die Abneigung gegen das männliche Weib hat der Mann in sich zu
überwinden_; denn sie ist nichts als gemeiner Egoismus. Wenn das Weib
männlich werden sollte, indem es logisch und ethisch würde, so wird
es sich nicht mehr so gut zum _passiven Substrate_ einer _Projektion_
eignen; aber das ist kein genügender Grund, die Frau, wie dies heute
geschieht, nur für den Mann und für das Kind erziehen zu lassen, mit
einer Norm, die ihr etwas verbietet, weil es _männlich_ sei.

Denn wenn auch für das _absolute_ Weib keine Möglichkeit der
Sittlichkeit besteht, mit dem Erschauen dieser _Idee_ des Weibes
ist noch nicht gegeben, daß der Mann das _empirische_ Weib dieser
vollständig und rettungslos solle _verfallen_ lassen; noch weniger, daß
er dazu beitrage, daß es dieser Idee immer gemäßer werde. Im lebenden
menschlichen Weibe ist, der Theorie nach, immer noch »ein Keim des
Guten«, nach _Kant_scher Terminologie, als vorhanden anzunehmen; es
ist jener Rest eines freien Wesens, der dem Weibe das dumpfe Gefühl
seines Schicksals ermöglicht.[102] Daß auf diesen Keim ein Mehr könne
gepfropft werden, davon darf _theoretisch_ die Unmöglichkeit _nie
gänzlich behauptet_ werden, wenn es auch _praktisch_ sicher noch nie
gelungen _ist_, wenn es selbst in aller Zukunft nie gelingen _sollte_.

Unter der sittlichen Idee steht die ganze Welt, selbst die Tiere werden
als _Phänomene_ gewertet, der Elefant sittlich höher geschätzt als
die Schlange, wenn auch z. B. die Tötung eines anderen Tieres ihnen
nicht als Personen _zugerechnet_. Dem _Weibe_ aber _wird_ von uns
_zugerechnet_; und hierin liegt die _Forderung, daß es anders werde.
Und wenn alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, so muß das Weib aufhören
Weib zu sein, und Mann werden._

Freilich muß gerade hier die Gefahr der äußerlichen Anähnlichung,
die das Weib stets am intensivsten in die Weiblichkeit zurückwirft,
am vorsichtigsten gemieden werden. Die Aussichten des Unternehmens,
die Frauen wahrhaft zu emanzipieren, ihnen die Freiheit zu geben,
die nicht _Willkür_, sondern _Wille_ wäre, sind äußerst gering. Wenn
man nach den Tatsachen urteilt, so scheint den Frauen nur zweierlei
möglich zu sein: die verlogene Acceptierung des vom Manne Geschaffenen,
indem sie selbst glauben, das zu wollen, was ihrer ganzen, _noch
ungeschwächten_ Natur _widerspricht_, die unbewußt verlogene Entrüstung
über die Unsittlichkeit, _als ob sie sittlich wären_, über die
Sinnlichkeit, _als ob_ sie die _un_sinnliche Liebe wollten; oder das
offene Zugeständnis[103], der Inhalt des Weibes sei der Mann und das
Kind, ohne das geringste Bewußtsein davon, _was_ sie damit zugeben,
welche Schamlosigkeit, welche Niederlage in dieser Erklärung liegt.
_Unbewußte Heuchelei oder cynische Identifikation mit dem Naturtrieb_:
ein anderes scheint dem Weibe nicht gegeben.

Aber _nicht Bejahung_ und _nicht Verleugnung_, sondern _Verneinung,
Überwindung_ der Weiblichkeit, ist das, worauf es ankommt. Würde z. B.
eine Frau _wirklich_ die Keuschheit des Mannes _wollen_, so hätte sie
freilich hiemit das Weib überwunden; denn ihr wäre der Koitus nicht
mehr höchster Wert und seine Herbeiführung nicht mehr letztes Ziel.
Aber dies ist's eben: an die Echtheit solcher Forderungen vermag man
nicht zu glauben, wenn sie auch hie und da wirklich erhoben werden.
Denn ein Weib, das die Keuschheit des Mannes verlangt, ist, abgesehen
von seiner Hysterie, so dumm und so jeder Wahrheit unfähig, daß es
nicht einmal mehr dunkel fühlt, daß es sich selbst damit verneint, sich
absolut und ohne Rettung wertlos, existenzlos macht. Man weiß hier kaum
mehr, wem man den Vorzug geben soll; der grenzenlosen Verlogenheit,
welche selbst das ihr fremdeste, das _asketische_ Ideal auf den
Schild zu heben fähig ist; oder der ungenierten Bewunderung für den
berüchtigten Wüstling und der einfachen Hingabe an denselben.

Da jedoch alles wirkliche Wollen der Frau _in beiden Fällen_ in
gleicher Weise darauf gerichtet bleibt, den Mann schuldig werden
zu lassen, so liegt _hierin_ das Hauptproblem der Frauenfrage: und
insoweit fällt sie zusammen mit der Menschheitsfrage.

Friedrich _Nietzsche_ sagt an einer Stelle seiner Schriften: »Sich im
Grundproblem ‚Mann und Weib’ zu vergreifen, hier den abgründlichsten
Antagonismus und die Notwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung
zu leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher Erziehung,
gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen zu träumen: das ist ein
_typisches_ Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein Denker, der an dieser
gefährlichsten Stelle sich flach erwiesen hat -- flach im Instinkte! --
darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verraten, als aufgedeckt
gelten: wahrscheinlich wird er für alle Grundfragen des Lebens,
auch des zukünftigen Lebens, zu ‚kurz’ sein und in _keine_ Tiefe
hinunterkönnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste
wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, welche der
Strenge und der Härte fähig ist und leicht mit ihnen verwechselt wird,
kann über das Weib immer nur _orientalisch_ denken: -- er muß das Weib
als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit
Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen, -- er muß sich hier
auf die ungeheuere Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit
stellen, wie dies ehemals die Griechen getan haben, diese besten Erben
und Schüler Asiens, -- welche, wie bekannt, von Homer bis zu den Zeiten
des Perikles, mit _zunehmender_ Kultur und Umfänglichkeit an Kraft,
Schritt für Schritt auch _strenger_ gegen das Weib, kurz orientalischer
geworden sind. _Wie_ notwendig, _wie_ logisch, _wie_ selbst menschlich
wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nachdenken!«

Der Individualist denkt hier durchaus sozialethisch: seine Kasten- und
Gruppen-, seine Abschließungstheorie sprengt, wie so oft, die Autonomie
seiner Morallehre. Denn er will _im Dienste der Gesellschaft, der
störungslosen Ruhe der Männer_, die Frau unter ein Machtverhältnis
stellen, in dem sie allerdings kaum noch den Laut eines Wunsches nach
Emanzipation von sich geben, und nicht einmal jene verlogene und
unechte Freiheitsforderung mehr erheben wird, welche die heutigen
Frauenrechtlerinnen aufgestellt haben: _die gar nicht ahnen, wo die
Unfreiheit des Weibes eigentlich liegt, und was ihre Gründe sind_. Aber
nicht, um _Nietzsche_ einer Inkonsequenz zu überführen, habe ich ihn
citiert; sondern um seinen Worten gegenüber zu zeigen, wie das Problem
der Menschheit nicht lösbar ist ohne eine Lösung des Problems der Frau.
Denn wem die Forderung überflüssig hoch gespannt scheint, daß der Mann
die Frau um der Idee, um des Noumenon willen zu achten, und nicht als
Mittel zu einem außer ihr gelegenen Zweck zu benützen, daß er ihr darum
die gleichen Rechte, ebenso aber die gleichen Pflichten (der sittlichen
und geistigen Selbstbildung) zuzuerkennen habe wie sich selbst: der
möge bedenken, _daß der Mann das ethische Problem für seine Person
nicht lösen kann, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer
wieder negiert_, indem er sie als Genußmittel benützt. _Der Koitus ist
in allem Asiatismus die Bezahlung, welche der Mann der Frau für ihre
Unterdrückung zu leisten hat._ Und so sehr es die Frau charakterisieren
mag, _daß sie um diesen Preis sicherlich stets auch dem ärgsten
Sklavenjoch sich gerne fügt_, der Mann _darf_ auf den Handel nicht
eingehen, weil auch _er_ sittlich dabei zu kurz kommt.

Also selbst _technisch_ ist das Menschheitsproblem nicht lösbar für den
Mann _allein_; er muß die Frau _mitnehmen_, auch wenn er nur _sich_
erlösen wollte, er muß sie zum _Verzicht_ auf ihre unsittliche Absicht
auf ihn zu bewegen suchen. Die Frau muß dem Koitus _innerlich_ und
_wahrhaft_, aus _freien Stücken_ entsagen. Das bedeutet nun allerdings:
das Weib muß _als solches untergehen_, und es ist keine Möglichkeit
für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden, eh dies nicht
geschehen ist. Darum sind _Pythagoras_, _Platon_, _das Christentum_ (im
Gegensatze zum _Judentum_), _Tertullian_, _Swift_, _Wagner_, _Ibsen_
für die Befreiung, für Erlösung des Weibes eingetreten, _nicht für die
Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern für die Emanzipation des
Weibes vom Weibe_. Und in solcher Gemeinschaft den Bannfluch Nietzsches
zu tragen ist ein Leichtes.

Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen.
Der Funke, der in ihr so schwach ist, müßte am Feuer des Mannes immer
wieder sich entzünden können: das _Beispiel_ müßte gegeben werden.
Bevor das Weib nicht aufhört, für den Mann als Weib zu existieren,
kann es selbst nicht aufhören, Weib zu sein: _Kundry_ kann nur von
_Parsifal_, vom sündelosen, unbefleckten Manne aus _Klingsors_ Banne
wirklich befreit werden. So deckt sich diese psychologische mit der
philosophischen Deduktion, wie sie hier mit _Wagners_ »Parsifal«,
der tiefsten Dichtung der Weltliteratur, in völliger Übereinstimmung
sich weiß. Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als
Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im
Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann
seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die _eigene_ Sexualität wirklich
überwunden hat.

Nur so erledigt sich der ewige Einspruch gegen alle antifeministischen
Tendenzen: das Weib sei nun einmal da, so wie es sei, nicht zu ändern,
und darum müsse man mit ihm sich abzufinden suchen; der Kampf nütze
nichts, weil er nichts beseitigen könne. Es ist aber gezeigt, daß die
Frau nicht _ist_, und in dem Augenblicke _stirbt_, da der Mann gänzlich
nur _sein_ will. Das, wogegen der Kampf geführt wird, ist keine Sache
von ewig unveränderlicher Existenz und Essenz: es ist etwas, das
aufgehoben werden _kann_, und aufgehoben werden _soll_.

Nur so, nicht anders, ist die Frauenfrage zu lösen, für den, der
sie _verstanden_ hat. Man wird die Lösung unmöglich, ihren Geist
überspannt, ihren Anspruch übertrieben, ihre Forderung unduldsam
finden. Und allerdings: von der Frauenfrage, über welche die Frauen
_sprechen_, ist hier längst die Rede nicht mehr; es handelt sich um
jene, von der die Frauen _schweigen_, ewig schweigen _müssen_; um _die
Unfreiheit_, die in der _Geschlechtlichkeit_ liegt. _Diese_ Frauenfrage
ist so alt wie das Geschlecht, und nicht jünger als die Menschheit. Und
die Antwort auf sie: der Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und
_so_, nur _so_ erlöst er die Frau. _Allein_ seine _Keuschheit_, nicht,
wie _sie_ wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht
sie, als _Weib_, so unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt,
als der _reine $Mensch$_, sich emporzuheben.

Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt,
und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne
hat _Christus_, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters _Klemens_, zur
_Salome_ gesprochen, ohne die optimistische Beschönigung, die _Paulus_,
die _Luther_ für das Geschlecht späterhin fanden: so lang werde der Tod
währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut
werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes,
_weder_ Mann _noch_ Weib, werde geworden sein.

       *       *       *       *       *

_Hiemit erst, aus dem höchsten Gesichtspunkte des Frauen- als des
Menschheitsproblems, ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide
Geschlechter gänzlich begründet._ Sie aus den gesundheitsschädlichen
Folgen des Verkehres abzuleiten, ist flach, und mag von den Advokaten
des Körpers ewig bestritten werden; sie auf die Unsittlichkeit der Lust
zu gründen, falsch; denn so wird ein heteronomes Motiv in die Ethik
eingeführt. Schon _Augustinus_ aber hat, wenn er die Keuschheit für
alle Menschen verlangte, den Einwand vernehmen müssen, daß in solchem
Falle die Menschheit von der Erde binnen kurzem verschwunden wäre. In
dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der
zu sein scheint, daß die _Gattung_ aussterben könne, liegt nicht allein
äußerster Unglaube an die _individuelle_ Unsterblichkeit und ein ewiges
Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt
irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine
Unfähigkeit, außer der _Herde_ zu leben. Wer so denkt, kann sich die
Erde nicht vorstellen ohne das Gekribbel und Gewimmel der Menschen auf
ihr, ihm wird angst und bange _nicht so sehr vor dem Tode, als vor der
Einsamkeit_. Hätte die an sich unsterbliche moralische Persönlichkeit
genug Kraft in ihm, so besäße er Mut, dieser Konsequenz ins Auge zu
sehen; er würde den leiblichen Tod nicht fürchten, und nicht für den
mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der
Gewißheit eines Weiterbestehens der Gattung suchen. Die Verneinung der
Sexualität tötet bloß den körperlichen Menschen und ihn nur, um dem
geistigen erst das volle Dasein zu geben.

Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer
der Gattung zu sorgen, wie man dies so oft behaupten hört. Es ist
diese Ausrede von einer außerordentlich _unverfrorenen Verlogenheit_;
diese liegt so offen zu Tage, daß ich fürchte, mich durch die Frage
lächerlich zu machen, ob schon je ein Mensch den Koitus mit dem
Gedanken vollzogen hat, er müsse der großen Gefahr vorbeugen, daß die
Menschheit zu Grunde gehe. _Alle Fécondité ist nur ekelhaft_; und kein
Mensch fühlt, wenn er sich aufrichtig befragt, es als seine Pflicht,
für die dauernde Existenz der menschlichen Gattung zu sorgen. Was man
aber nicht als seine Pflicht fühlt, das $ist$ nicht Pflicht.

Im Gegenteil: es ist unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung
einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das
mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten
Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und
Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise entstanden ist. Die
moralische Weihe also, die man dem Koitus (der ihrer freilich dringend
bedarf) bisweilen zu geben versucht hat, indem man einen idealen Koitus
fingierte, bei dem nur die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes in
Betracht gezogen werde -- diese liebevolle Verbrämung erweist sich
nicht als ein genügender Schutz: denn das angeblich ihn verstattende
und heiligende Motiv ist nicht nur kein Gebot und nirgends im Menschen
als ein Imperativ zu finden, sondern vielmehr selbst ein sittlich
verwerflicher Beweggrund; weil man einen Menschen nicht um seine
Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird. Für den anderen
Koitus aber, bei dem die Möglichkeit einer Fortpflanzung künstlich
verhindert wird, kommt selbst jene, auf so schwachen Füßen stehende
Rechtfertigung in Wegfall.

Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit;
nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm
Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen
tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren,
psychischen Vorgängen anzusehen. Darum verachtet auch der Mann das Weib
augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib _fühlt_, daß es
nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert
wußte.

Respektieren kann der Mensch im Menschen nur die _Idee_, die Idee der
Menschheit; in der Verachtung des Weibes (und seiner selbst), die sich
nach dem Koitus einstellt, liegt der sicherste Anzeiger, daß gegen
die Idee hier gefehlt wurde. Und wer nicht verstehen kann, was mit
dieser _Kant_ischen $Idee$ der Menschheit gemeint ist, der mag es sich
wenigstens zum Bewußtsein bringen, daß es _seine_ Schwestern, _seine_
Mutter, _seine_ weiblichen Verwandten sind, um die es sich handelt: _um
unser selbst willen_ sollte das Weib als Mensch behandelt, _geachtet_
werden, und nicht _erniedrigt_, wie es durch alle Sexualität geschieht.

Zu $ehren$ aber könnte der Mann das Weib erst dann _mit Recht_
beginnen, wenn es _selbst_ aufhörte, _Objekt_ und _Materie_ für den
Mann _sein zu $wollen$_; wenn ihm wirklich an einer Emanzipation läge,
die mehr wäre als eine Emanzipation der Dirne. Noch ist nie offen
gesagt worden, wo die Hörigkeit der Frau einzig zu suchen ist: in der
souveränen, angebeteten Gewalt, die der Phallus des Mannes über sie
besitzt. Darum haben die Frauen-Emanzipation aufrichtig stets nur
_Männer_ gewollt, nicht sehr sexuelle, nicht sehr liebesbedürftige,
nicht sehr tiefblickende, aber edle und für das Recht begeisterte
Männer, darüber kann kein Zweifel sein. Ich will die erotischen
Motive des Mannes nicht beschönigen, und seine Antipathie gegen das
»emanzipierte Weib« nicht geringer darstellen, als sie ist: es ist
leichter, sich hinanziehen zu lassen, wie _Goethe_, als einsam zu
steigen und immerfort zu steigen, wie _Kant_. Aber vieles, was dem
Mann als _Feindschaft_ gegen die Emanzipation ausgelegt wird, ist in
Wahrheit nur Mißtrauen und Zweifel an ihrer Möglichkeit. Der Mann
will das Weib nicht als Sklavin, er sucht oft genug zunächst eine
Gefährtin, die ihn verstehe.

Nicht die Erziehung, die das Weib heute empfängt, ist die angemessene
Vorbereitung, um der Frau den Entschluß nahezulegen und zu erleichtern,
jene ihre wahre Unfreiheit zu besiegen. Alles letzte Mittel
_mütterlicher Pädagogik_ ist es, der Tochter, die zu diesem oder jenem
sich nicht bequemt, als Strafe aufzudrohen, _sie werde keinen Mann
bekommen_. Die Erziehung, welche den Frauen zuteil wird, ist auf nichts
angelegt als auf ihre _Verkuppelung_, in deren glücklichem Gelingen
sie ihre Krönung findet. Am Manne ist durch solche Einflüsse wenig zu
ändern; aber das Weib wird durch sie in seiner Weiblichkeit, in seiner
Unselbständigkeit und Unfreiheit, noch _bestärkt_.

_Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, $die Erziehung der ganzen
Menschheit der Mutter entzogen werden$._

Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau
in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie
_sie_, seit Anbeginn entgegengewirkt hat.

       *       *       *       *       *

Eine Frau, die wirklich entsagt hätte, die in sich selbst die Ruhe
suchen würde, eine solche Frau wäre kein Weib mehr. Sie hätte
aufgehört, Weib zu sein, sie hätte zur äußeren endlich die innere Taufe
empfangen.

Kann das werden?

Es gibt kein absolutes Weib, und doch ist uns die Bejahung dieser Frage
wie eine Bejahung des Wunders.

Glücklicher wird das Weib nicht werden durch solche Emanzipation: die
Seligkeit kann sie ihm nicht versprechen, und zu Gott ist der Weg noch
lang. Kein Wesen zwischen Freiheit und Unfreiheit kennt das Glück. Wird
aber das Weib sich entschließen können, die Sklaverei aufzugeben, um
_unglücklich_ zu werden?

Nicht die Frau heilig zu machen, nicht darum kann es so bald sich
handeln. Nur darum: kann das Weib zum Probleme seines Daseins,
zum Begriffe der _Schuld_ redlich gelangen? Wird es die Freiheit
wenigstens _wollen_? Allein auf die Durchsetzung des Ideales, auf das
Erblicken des Leitsternes kommt es an. Bloß darauf: kann im Weibe der
kategorische Imperativ lebendig werden? Wird sich das Weib unter die
sittliche Idee, unter die _Idee der Menschheit_ stellen?

Denn einzig _das_ wäre _Frauen-Emanzipation_.



ANHANG

ZUSÄTZE UND NACHWEISE.



Zur Einleitung des ersten Teiles.


($S. 3, Z. 2 f.$) Der Ausdruck »Begriffe mittlerer Allgemeinheit«
stammt von John Stuart _Mill_. -- Über die beschriebene Entwicklung
eines begrifflichen Systems von Gedanken vgl. E. _Mach_, Die Analyse
der Empfindungen etc., 3. Aufl., Jena 1902, S. 242 f.

($S. 5, Z. 12 f.$) Vgl. Ludwig _Boltzmann_, Über den zweiten Hauptsatz
der mechanischen Wärmetheorie, Almanach der k. k. Akademie der
Wissenschaften zu Wien, 36. Jahrgang, S. 255: »Wie in die Augen
springend ist der Unterschied zwischen Tier und Pflanze, trotzdem gehen
die einfachen Formen kontinuierlich ineinander über, so daß gewisse
gerade an der Grenze stehen, ebensogut Tiere wie Pflanzen darstellend.
Die einzelnen Spezies in der Naturgeschichte sind meist aufs schärfste
getrennt, hier und da aber finden wieder kontinuierliche Übergänge
statt.« Über das Verhältnis von chemischer Verbindung und Mischung
vgl. F. _Wald_, Kritische Studie über die wichtigsten chemischen
Grundbegriffe, Annalen der Naturphilosophie, I, 1902, S. 181 ff.

($S. 6, Z. 12 f.$) Z. B. kommt die sehr ausführliche Untersuchung
von Paul _Bartels_, Über Geschlechtsunterschiede am Schädel, Berlin
1897, zu dem Schlusse (S. 94): »Einen durchgreifenden Unterschied des
männlichen vom weiblichen Schädel kennen wir bis jetzt noch nicht .....
Alle etwa anzuerkennenden Unterschiede erweisen sich als Charaktere des
männlichen beziehungsweise weiblichen Durchschnittes und zeigen eine
größere oder geringere Anzahl von Ausnahmen.« (S. 100): »Eine sichere
Diagnose des Geschlechtes ist zur Zeit nicht möglich, und wird, fürchte
ich, nie möglich sein.«

($S. 6, Z. 15.$) Konrad _Rieger_, Die Kastration in rechtlicher,
sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 35: »Jeder, der schon
viele nackte Menschen gesehen hat, weiß doch aus Erfahrung: einerseits,
daß es viele Frauen gibt, deren Becken »männlich« ist; und anderseits,
daß es viele Männer gibt, deren Becken »weiblich« ist ..... Bekanntlich
ist deshalb die Geschlechtsdiagnose eines Skelettes durchaus nicht
immer möglich.«



Zu Teil I, Kapitel 1.


($S. 7, Z. 13.$) Vor Heinrich _Rathke_ (Beobachtungen und Betrachtungen
über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbeltieren,
Halle 1825. Neueste Schriften der naturforschenden Gesellschaft in
Danzig, Bd. I, Heft 4) herrschte dogmatisch die _Tiedemann_sche
Anschauung, daß ursprünglich alle Embryonen weiblich seien, und
der Hode durch eine Weiterentwicklung des Eierstockes entstanden.
(Vgl. Richard _Semon_, Die indifferente Anlage der Keimdrüsen beim
Hühnchen und ihre Differenzierung zum Hoden, Habilitationsschrift,
Jena 1887, S. 1 f.) Rathke (S. 121 f.) bekämpfte mit vielen Gründen
die Auffassung, daß das männliche Geschlecht ein höher entwickeltes
weibliches sei, und kam als erster zu dem Schlusse: »Alle .... in
diesem Werke mitgeteilten Beobachtungen bezeugen, daß aller sinnlicher
Unterschied, der sich auf das verschiedene Geschlecht bezieht, zwischen
den männlichen und weiblichen Gebilden in frühester Lebenszeit
durchaus wegfällt. Wenigstens ist dies der Fall bei den inneren
Geschlechtsteilen, denn von den äußeren kann ich fast nur allein aus
fremder, nicht aber aus eigener Erfahrung urteilen. Diese fremden
Erfahrungen aber scheinen ebenfalls auf eine Gleichheit jener äußeren
Gebilde hinzudeuten. Es läßt sich demnach behaupten, daß wenigstens bei
den Wirbeltieren die Geschlechter ursprünglich, so weit die sinnliche
Wahrnehmung reicht, einander gleich sind.« Diese Ansicht wurde weiter
geprüft, bestätigt und schließlich zur Geltung gebracht durch die
Arbeiten von _Johannes Müller_ (Bildungsgeschichte der Genitalien,
Düsseldorf 1830), _Valentin_ (Über die Entwicklung der Follikel in
den Eierstöcken der Säugetiere, Müllers Archiv, 1838, S. 103 f.),
R. _Remak_ (Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbeltiere) und
Wilhelm _Waldeyer_ (Eierstock und Ei, 1870).

($S. 7, Z. 15.$) Für die Pflanzen ist dieser Nachweis erst in jüngster
Zeit in K. _Goebels_ Abhandlung Ȇber Homologien in der Entwicklung
männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane« (Flora oder allgemeine
botanische Zeitung, Bd. XC, 1902, S. 279-305) erfolgt. Goebel zeigt,
wie auch bei der Pflanze männliche und weibliche Organe sich aus einer
ursprünglichen Grundform entwickeln, indem im weiblichen Organ jene
Zellen steril werden, die im männlichen zur Spermatozoidbildung führen,
und umgekehrt.

($S. 7, Z. 16 ff.$) Die Zeitangaben beziehen sich auf die _äußeren_
Geschlechtsteile. Sie werden von den Beobachtern nicht in
Übereinstimmung gemacht, vgl. W. _Nagel_, Über die Entwicklung des
Urogenitalsystems des Menschen, Archiv für mikroskopische Anatomie,
Bd. XXXIV, 1889, S. 269-384 (besonders S. 375 f.), Die im Texte
gegebenen Daten im allgemeinen nach Oscar _Hertwig_, Lehrbuch der
Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere, 7. Aufl., S. 427,
441. Ganz kontrovers ist der Zeitpunkt der Differenzierung der inneren
Keimdrüsenanlagen, ja selbst die Frage noch strittig, ob deren Anlage
zuerst hermaphroditisch oder gleich sexuell bestimmt sei. Vgl. die
auch hierüber am ausführlichsten orientierende Abhandlung Nagels
(S. 299 ff.).

($S. 8, Z. 21 f.$) Ich gebe hier nach Oscar _Hertwig_ (Lehrbuch der
Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Aufl., Jena
1902, S. 444 f.) die vollständige »Tabellarische Übersicht I. über die
vergleichbaren Teile der äußeren und der inneren Geschlechtsorgane des
männlichen und des weiblichen Geschlechtes, und II. über ihre Ableitung
von der ursprünglich indifferenten Anlage des Urogenitalsystems bei den
Säugetieren«.

  _Männliche             _Gemeinschaftliche       _Weibliche
  Geschlechtsteile._     Ausgangsform._           Geschlechtsteile._

  Samenampullen und      Keimepithel              Eifollikel, Graafsche
  Samenkanälchen                                  Bläschen.

                             Urniere

  ~a~) Nebenhoden,       ~a~) Vorderer Teil mit   ~a~) Epoophoron mit
  Epididymis mit Rete    den                      Marksträngen des
  testis und Tubuli      Geschlechtssträngen      Eierstocks.
  recti                  (Geschlechtsteil)

  ~b~) Paradidymis       ~b~) Hinterer Teil       ~b~) Paroophoron.
                         (eigentlicher
                         Urnierenteil)

  Samenleiter mit        Urnierengang             Gärtnersche Kanäle
  Samenbläschen                                   einiger Säugetiere.

  Niere und Ureter       Niere und Ureter         Niere und Ureter.

  Hydatide des         } Müllerscher Gang       { Eileiter und Fimbrien
   Nebenhodens         }                        {
  Sinus prostaticus    }                        { Gebärmutter und
  (Uterus masculinus)  }                        { Scheide.

  Gubernaculum           Leistenband der          Rundes Mutterband
  Hunteri                Urniere                  und Ligamentum
                                                  ovarii.

  Männliche Harnröhre    Sinus urogenitalis       Vorhof der Scheide.
  (Pars prostatica und
  membranacea)

  Männliches Glied       Geschlechtshöcker        Klitoris.

  Pars cavernosa         Geschlechtsfalten        Kleine Schamlippen.
  urethrae

  Hodensack              Geschlechtswülste        Große Schamlippen.

($S. 8, Z. 9 v. u.$) Ernst _Häckel_, Generelle Morphologie der
Organismen, Band II: Allgemeine Entwicklungsgeschichte der Organismen
etc., Berlin 1866, S. 60 f.: »Jedes Individuum (irgend einer Ordnung)
als _Zwitter_ (_Hermaphroditus_) vereinigt in sich beiderlei
Geschlechtsstoffe, Ovum und Sperma. Der Gegensatz hiezu ist die
Trennung der Genitalien, die Verteilung der beiderlei Geschlechtsstoffe
auf zwei Individuen (gleichviel welcher Ordnung), welche wir als
_Geschlechtstrennung oder Gonochorismus_ bezeichnen. Jedes Individuum
irgend einer Ordnung als _Nichtzwitter_ (Gonochoristus) besitzt
nur einen von beiden Geschlechtsstoffen, Ovum _oder_ Sperma.« In
einer Anmerkung hiezu gibt er die Etymologie: »γονη, ἡ Genitale,
Geschlechtsteil: χωριστός, getrennt. Wir führen dieses neue Wort hier
ein, weil es bisher seltsamerweise gänzlich an einer _allgemeinen_
Bezeichnung der Geschlechtstrennung mangelte, während man für die
Zwitterbildung deren mehrere besaß (Hermaphroditismus, Androgynie).«

($S. 9, Z. 9.$) Am wenigsten dimorph sind die Geschlechter wohl bei den
Stachelhäutern (Echinodermen). Ferner finden sich nach _Weismann_, Das
Keimplasma, Jena 1892, S. 466 f., auch bei Volvox, unter den Schwämmen
und den Medusenpolypen Organismen, bei welchen männliche und weibliche
Individuen lediglich durch die Art der Geschlechtszellen selbst sich
unterscheiden, also ohne alle weiteren Sexualcharaktere.

($S. 9, Z. 11.$) Normaler Hermaphroditismus unter den Fischen: beim
Seebarsch (Serranus scriba), der Goldbrasse (Chrysophrys aurata)
und der Myxine glutinosa (einem auf anderen Fischen schmarotzenden
Cyklostoma). Vgl. C. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg
1897, S. 745, und _Richard Hertwig_, Lehrbuch der Zoologie, 5. Aufl.,
Jena 1900, S. 99.

($S. 9, Z. 13 v. u.$) Aus Gründen der Vererbungslehre wird von _Darwin_
und besonders von _Weismann_ die Bisexualität der geschlechtlich
differenzierten Lebewesen geradezu als eine Notwendigkeit postuliert.
Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
Domestikation, 2. Aufl., Stuttgart 1873, Bd. II, S. 59 f.: »Wir
sehen daher, daß in vielen, wahrscheinlich in allen Fällen die
sekundären Charaktere jedes Geschlechtes schlafend oder latent in dem
entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentümlichen
Umständen zu entwickeln. Wir können auf diese Weise verstehen, woher es
z. B. möglich ist, daß eine gut melkende Kuh ihre guten Eigenschaften
durch ihre männlichen Nachkommen auf spätere Generationen überliefert,
indem wir zuversichtlich annehmen, daß diese Eigenschaften in den
Männchen jeder Generation, wenn auch in einem latenten Zustande,
vorhanden sind. Dasselbe gilt für den Kampfhahn, welcher seine
Vorzüglichkeiten in Betreff des Mutes und der Lebendigkeit durch seine
weibliche auf seine männliche Nachkommenschaft überliefern kann; und
beim Menschen ist es bekannt, daß Krankheiten, wie z. B. Hydrokele,
welche notwendig auf das männliche Geschlecht beschränkt sind, durch
die Tochter auf den Enkel überliefert werden können. Derartige Fälle,
wie die vorstehenden, bieten .... die möglichst einfachen Beispiele von
Rückschlag dar, und sie sind unter der Annahme verständlich, daß bei
dem Großvater und Enkel eines und desselben Geschlechtes gemeinsame
Charaktere, wenn auch latent, in dem zwischenliegenden Erzeuger
des entgegengesetzten Geschlechtes vorhanden sind.« Weismann, Das
Keimplasma, eine Theorie der Vererbung, Jena 1892, S. 467 f.: »Vom
Menschen her wissen wir, daß sämtliche sekundären Geschlechtscharaktere
nicht nur von den Individuen des entsprechenden Geschlechtes vererbt
werden, sondern auch von denen des anderen. Die schöne Sopranstimme
der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch auf die Enkelin vererben,
ebenso der schwarze Bart des Vaters durch die Tochter auf den Enkel.
Auch bei den Tieren müssen in jedem geschlechtlich differenzierten Bion
beiderlei Geschlechtscharaktere vorhanden sein, die einen manifest, die
anderen latent. Der Nachweis ist hier nur in gewissen Fällen zu führen,
weil wir die individuellen Unterschiede dieser Charaktere nur selten so
genau bemerken, allein er ist selbst für ziemlich einfach organisierte
Arten zu führen, und _die latente Anwesenheit der entgegengesetzten
Geschlechtscharaktere in jedem geschlechtlich differenzierten Bion_
muß deshalb als allgemeine Einrichtung aufgefaßt werden. Bei der Biene
besitzen die aus unbefruchteten Eiern sich entwickelnden Männchen
die sekundären Geschlechtscharaktere des Großvaters, und bei den
Wasserflöhen, bei welchen mehrere rein weibliche Generationen aus
einander hervorgehen, bringt die letzte derselben Männchen hervor mit
den sekundären Geschlechtscharakteren der Art, welche somit in latentem
Zustande in einer großen Reihe von weiblichen Generationen vorhanden
sein mußten.« Man vergleiche hiemit auch _Moll_, Untersuchungen über
die Libido sexualis, Berlin 1898, Bd. I, S. 444.

($S. 9, Z. 4 v. u.$) Als das »Objekt der Kunst« wird »die platonische
Idee« bekanntlich betrachtet im dritten Buche der »Welt als Wille und
Vorstellung« von _Schopenhauer_.

($S. 10, Z. 18.$) Seit 1899 erscheint alljährlich unter Redaktion von
Dr. Magnus _Hirschfeld_ ein »_Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen_«.
Dieses Unternehmen wäre noch verdienstvoller, als es ist, wenn es nicht
nur die Homosexuellen und die Zwittergeburten, das sind die sexuellen
_Mittel_stufen, in den Kreis seiner Betrachtung zöge. Vgl. übrigens
Kap. IV und die Nachweise zu demselben.

($S. 11, Z. 3 ff.$) Auch für die Pflanzen. Vgl. August _Schulz_,
Beiträge zur Kenntnis der Bestäubungseinrichtungen und
Geschlechtsverteilung bei den Pflanzen, II. Teil, Kassel 1890, an
vielen Orten, z. B. S. 185. Ferner erzählt _Darwin_, Die verschiedenen
Blütenformen bei Pflanzen der nämlichen Art, Werke IX/3, Stuttgart
1877, S. 10, von der gemeinen Esche (Fraxinus excelsior): »..... ich
untersuchte .... 15 Bäume, welche auf dem Felde wuchsen, und von
diesen produzierten 8 allein männliche Blüten und im Frühjahr und im
Herbste nicht ein einziges Samenkorn; 4 produzierten nur weibliche
Blüten, welche außerordentlich zahlreichen Samen ansetzten; drei waren
Zwitter, welche, als sie in Blüte waren, ein von den anderen Bäumen
verschiedenes Aussehen hatten: zwei von ihnen produzierten nahezu so
viel Samen wie die weiblichen Bäume, während der dritte nicht einen
hervorbrachte, so daß er der Funktion nach männlich war. _Die Trennung
der Geschlechter ist indessen bei der Esche nicht vollständig, denn
die weiblichen Blüten enthalten Staubgefäße, welche in einer frühen
Periode abfallen, und ihre Antheren, welche sich niemals öffnen
oder dehiszieren, enthalten meistens eine breiige Substanz anstatt
des Pollens. An einigen weiblichen Blüten fand ich jedoch einige
wenige Antheren, welche allem Anscheine nach gesunde Pollenkörner
enthielten. An den männlichen Bäumen enthalten die meisten Blüten
Pistille_, dieselben fallen aber gleichfalls in einer frühen Periode
ab; und die Eichen, welche schließlich abortieren, sind sehr klein
verglichen mit denen in weiblichen Blüten von demselben Alter.« Man
vergleiche übrigens die im III. Kapitel besprochene Heterostylie. --
Was die Tiere betrifft, und besonders den Menschen, so ließen sich
ganze Bogen mit Belegen aus hierauf bezüglichen Publikationen füllen.
Ich verweise aber lieber zunächst auf Albert _Moll_, Untersuchungen
über die Libido sexualis, I, S. 334 ff. (z, B. seine Beweise für
das Vorkommen sezernierender Milchdrüsen bei Männern). -- Konrad
_Rieger_, Die Kastration in rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht,
Jena 1900, S. 21, Anmerkung 2: »Manche weibliche Ziegen haben sehr
starke Hörner, die sich nur wenig von denen eines Ziegen_bockes_
unterscheiden; andere weibliche Ziegen sind völlig hornlos, und
schließlich gibt es auch Ziegen_böcke_ (_und zwar unkastrierte_) ohne
Hörner.« S. 26: »Sieht man eine größere Anzahl von Rindviehbildern
durch, so ergibt sich sofort, daß sehr bedeutende Unterschiede bestehen
in Bezug auf die Hörner bei den Stieren selbst.« S. 30: »Ich habe
selbst zufällig neulich ein weibliches Schaf von einer importierten
Rasse gesehen, das die schönsten Widderhörner hatte.« Vgl. ferner M.,
Über Rehböcke mit abnormer Geweihbildung und deren eigentümliches
Verhalten, Deutsche Jäger-Zeitung, XXXII, 363. Edw. R. _Alston_, On
Female Deer with antlers, Proceed. Zoolog. Society, London 1879,
p. 296 f. -- Von _lokalen_ Häufungen der Zwischenstufen bei Käfern und
Schmetterlingen berichtet William _Bateson_, Materials for the study
of variation treated with especial regard of discontinuity in the
origin of species, London 1894, p. 254: »In all other localities the
male Phalanger maculatus alone is spotten with white, the female being
without spots, but in Waigiu the females are spotted like the males.
This curious fact was first noticed by Jentink.« (F. A. _Jentink_,
Notes, Leyd. Mus., VII, 1885, p. 90.) Und in einer Anmerkung hiezu:
»Compare the converse case of Hepialus humuli (the Ghost Moth), of
which, in all other localities, the male are clear and the females are
light yellow-brown with spots, but in the Shetland Islands the males
are very like the females, _though in varying degrees_. See Jenner
Weir, Entomologist, 1880, p. 251 Pl.« -- _Darwin_, Das Variieren der
Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation, II, 259: »Die vielen
wohlbeglaubigten Fälle verschiedener männlicher Säugetiere, welche
Milch geben, zeigen, daß ihre rudimentären Milchdrüsen diese Fähigkeit
in einem latenten Zustande behalten.« Dazu _Moll_, Untersuchungen, I,
481: »Von der typischen Beschaffenheit der männlichen Brust finden
wir bis zur völligen Ausbildung der weiblichen Brustdrüsen beim Manne
zahlreiche Übergänge.« -- _Von der großen Veränderlichkeit sekundärer
Geschlechtscharaktere_ handelt _Darwin_ im 5. Kapitel der »Entstehung
der Arten« (S. 207 ff. der Übersetzung von Haek, Universalbibliothek),
von »_Abstufungen sekundärer geschlechtlicher Charaktere_« im
14. Kapitel der »Abstammung des Menschen u. s. w.« (Bd. II, S. 143 ff.
der gleichen Ausgabe). -- Über sexuelle Zwischenformen bei den
Cerviden noch Adolf _Rörig_, Welche Beziehungen bestehen zwischen
den Reproduktionsorganen der Cerviden und der Geweihbildung, Archiv
für Entwicklungsmechanik der Organismen VIII, 1899, 382-447 (mit
weiterer Literatur); bei den Vögeln: A. _Tichomiroff_, Androgynie
bei den Vögeln, Anatomischer Anzeiger, 15. März 1888 (III, 221-228);
bei Vögeln und anderen Tieren: Alexander _Brandt_, Anatomisches und
Allgemeines über die sogenannte Hahnenfedrigkeit und über anderweitige
Geschlechtscharaktere bei Vögeln, Zeitschrift für wissenschaftliche
Zoologie, 48, 1889, S. 101-190.

($S. 11, Z. 6.$) Über das virile Weiberbecken vgl. W. _Waldeyer_, Das
Becken, Topographisch-anatomisch mit besonderer Berücksichtigung der
Chirurgie und Gynäkologie dargestellt (in: G. _Joessel_, Lehrbuch der
topographisch-chirurgischen Anatomie, Teil II, Bonn 1899) S. 393 f.:
»Wir finden auch Weiberbecken vom Habitus der Männerbecken. Die Knochen
sind massiver, die Darmbeine stehen steil, der Schambogen ist eng, die
Beckenhöhle hat eine Trichterform. Meist haben die betreffenden Frauen
auch in ihrem übrigen Körperhabitus etwas ..... Männliches (Viragines).
Doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein.«

($S. 11, Z. 8.$) Über _bärtige Weiber_ vgl. Max _Bartels_, Über
abnorme Behaarung beim Menschen, Zeitschrift für Ethnologie VIII
(1876), 110-129 (mit Literaturnachweisen), XI (1879), 145-194, XIII
(1881), 213-233. Wilhelm _Stricker_, Über die sogenannten Haarmenschen
(Hypertrichosis universalis) und insbesondere die bärtigen Frauen,
Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft,
Frankfurt 1877, S. 97 f. Louis A. _Duhring_, Case of bearded women,
Archives of Dermatology III (1877), p. 193-200. Harris _Liston_,
Cases of bearded women, British medical Journal vom 2. Juni 1894.
Albert _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1898,
I, p. 337 (mit Literatur). Cesare _Taruffi_, Hermaphrodismus und
Zeugungsunfähigkeit, Eine systematische Darstellung der Mißbildungen
der menschlichen Geschlechtsorgane, übersetzt von R. Teuscher, Berlin
1903, S. 164-173: Über Hypertrichosis beim Weibe, mit vielen weiteren
Literaturangaben. Alexander _Brandt_, Über den Bart der Mannweiber
(Viragines), Biologisches Zentralblatt 17, 1897, S. 226-239. Les Femmes
à barbe, Revue scientifique VII, 618-622. Gustav _Behrend_, Artikel
_Hypertrichosis_ in Eulenburgs Realenzyklopädie, Bd. XI^3, S. 194.
Alexander _Ecker_, Über abnorme Behaarung beim Menschen, insbesondere
über die sogenannten Haarmenschen, Braunschweig 1878, mit weiterer
Literatur S. 21.

($S. 11, Z. 17 ff.$) Man vergleiche z. B. die in der Schrift von
Livius _Fürst_, Die Maß- und Neigungsverhältnisse des weiblichen
Beckens nach Profildurchschnitten gefrorener Leichen, Leipzig 1875,
S. 16 und S. 24 ff. enthaltenen Tafeln mit den Maßzahlen, die von
den verschiedenen Beobachtern von _Luschka_, _Henle_, _Rüdinger_,
_Hoffmann_, _Pirogoff_, _Braune_, _Le Gendre_ und _Fürst_ selbst als
Dimensionen des Beckens der Geschlechter angegeben werden. -- Ferner
W. _Krause_, Spezielle und makroskopische Anatomie (II. Bd. der 3.
Aufl. des Handbuches der menschlichen Anatomie von C. F. Th. Krause),
Hannover 1879, S. 122 ff., mit Tabellen für die Maximal- und
Minimalproportionen sowohl beim Manne als bei der Frau.

($S. 13, Z. 7 f.$) Die Angabe über die Ophiten nach _Überweg-Heinze_,
Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil II, Die mittlere oder die
patristische und scholastische Zeit, 8. Aufl., Berlin 1898, S. 40.



Zu Teil I, Kapitel 2.


($S. 14, Z. 16 v. u.$) Havelock _Ellis_, Man and Woman, A Study of
human secondary sexual characters, London 1894, deutsch: Mann und
Weib, Anthropologische und psychologische Untersuchung der sekundären
Geschlechtsunterschiede, übersetzt von Dr. Hans Kurella (Bibliothek
für Sozialwissenschaft, Bd. III) Leipzig 1895. In Betracht kommt hier
auch das einseitigere, aber originellere und durch glückliche Belege
aus der belletristischen Literatur psychologisch bereicherte Werk
von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und
Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet auf eine Darstellung
der Biologie und Psychologie des normalen Weibes, übersetzt von
Kurella, Hamburg 1894.

($S. 15, Z. 22.$) Joh. Japetus Sm. _Steenstrup_, Untersuchungen über
das Vorkommen des Hermaphroditismus in der Natur, aus dem Dänischen
übersetzt von C. F. Hornschuch, Greifswald 1846, S. 9 ff. -- Man
vergleiche über Steenstrups Anschauungen die absprechenden Urteile von
Rud. _Leuckart_, Artikel »Zeugung« in Rud. Wagners Handwörterbuch der
Physiologie, Bd. IV, 1853, S. 743 f., und C. _Claus_, Lehrbuch der
Zoologie, S. 117^6.

($S. 15, Z. 23.$) _Ellis_, Mann und Weib, besonders S. 203 ff.

($S. 15 Z. 10 v. u.$) Über die Geschlechtsunterschiede in der
Zusammensetzung des Blutes, Ellis, S. 204 f. -- Olof _Hammarsten_,
Lehrbuch der physiologischen Chemie, 4. Aufl., Wiesbaden 1899, S. 137.
»Beim Menschen kommen gewöhnlich in je 1 ~cm~^3 beim Manne 5 Millionen
und beim Weibe 4 à 4·5 Millionen (roter Blutkörperchen) vor.« -- Ernst
_Ziegler_, Lehrbuch der allgemeinen und speziellen pathologischen
Anatomie, Bd. II: Spezielle pathologische Anatomie, 9. Aufl., Jena
1898, S. 3: »In 100 ~cm~^3 Blut sind .... bei Männern 14·5 ~g~, bei
Frauen 13·2 ~g~ Hämoglobin enthalten.« Vgl. bes. _Lombroso-Ferrero_,
S. 22 f. und die dort citierte Literatur.

($S. 15, Z. 8 v. u.$) v. _Bischoff_, Das Hirngewicht des Menschen, Bonn
1880. -- _Rüdinger_, Vorläufige Mitteilungen über die Unterschiede der
Großhirnwindungen nach dem Geschlecht beim Fötus und Neugeborenen.
Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. I, 1877,
S. 286-307. -- Auch _Passet_, Über einige Unterschiede des Großhirns
nach dem Geschlecht, Archiv für Anthropologie, Bd. XIV, 1883,
S. 89-141, und Emil _Huschke_, Schädel, Hirn und Seele des Menschen und
der Tiere nach Alter, Geschlecht und Rasse, Jena 1854, S. 152 f., haben
die Existenz solcher Unterschiede versichert und mit genauen Daten
belegt.

($S. 15, Z. 6 v. u.$) Alice _Gaule_, Die geschlechtlichen Unterschiede
in der Leber des Frosches, Archiv für die gesamte Physiologie,
herausgegeben von Pflüger, Bd. LXXXIV, 1901, Heft 1/2, S. 1-5.

($S. 15, Z. 3 v. u.$) Wo der Ausdruck »erogen« (»Zones érogènes«
als Name für diejenigen Körperteile, die sexuell besonders anziehend
auf das andere Geschlecht wirken) zum ersten Male vorkommt, war
mir zu ermitteln nicht möglich. Der verstorbene Professor Freiherr
_v. Krafft-Ebing_, von dem ich einmal Belehrung hierüber erbat,
vermutete, bei _Gilles de la Tourette_. Doch ist in dessen großem Werke
über die Hysterie nichts hierauf Bezügliches enthalten.

($S. 16, Z. 15.$) Die Anführung aus _Steenstrup_ a. a. O., S. 9 bis 10.

($S. 18, Z. 6.$) John _Hunter_, Observations on certain parts of
the animal oeconomy, London 1786, berichtet in einem zuerst in den
Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol.
LXX/2, 1. Juni 1780, pag. 527-535, veröffentlichten »Account of an
extraordinary pheasant« von der »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen und
vergleicht diese mit der Bärtigkeit der Großmütter. S. 63 (528) wird
die berühmte Unterscheidung eingeführt: »It is well known that there
are many orders of animals which have the two parts designed for the
purpose of generation different in the same species, by which they
are distinguished into male and female: but this is not the only
mark of distinction in many genera of animals, of the greatest part
the male being distinguished from the female by various marks. _The
differences which are found in the parts of generation themselves, I
shall call the first or principle, and all others depending upon these
I shall call secondary._« Wenn im Texte (Z. 20 ff.) der Bereich der
sekundären Charaktere strenger denn gewöhnlich als die Gesamtheit der
erst in der Mannbarkeit äußerlich sichtbar hervortretenden Charaktere
umschrieben wird, so ist damit auf _Hunters_ _ursprüngliche_ Bestimmung
zurückgegriffen, S. 68: »We see the sexes which at an early period had
little to distinguish them from each other, acquiring about the time
of puberty secondary properties, which clearly characterise the male
and female. The male at this time recedes from the female, and assumes
the secondary characters of his sex.« Vgl. _Darwin_, Das Variieren etc.
I^2, S. 199. Entstehung der Arten (übersetzt von Haek), S. 201.

($S. 18, Z. 8.$) Dafür, daß von den primären noch »primordiale«
Sexualcharaktere abgeschieden werden müssen, sind die vielen Fälle
beweisend, in denen die äußeren Geschlechtsteile etwa weiblich, die
Geschlechtsdrüsen selbst immer noch männlich sind, Vgl. z. B. Andrew
_Clark_, A case of spurious hermaphroditism (hypospadia and undescended
testis in a subject who has been brought up as female and married
for sixteen years), Middlesex Hospital, The Lancet, 12. März 1898,
p. 718 f. -- L. _Siebourg_, Ein Fall von Pseudo-Hermaphroditismus
masculinus completus, Deutsche medizinische Wochenschrift, 9. Juni
1898, S. 367-368.

($S. 18, Z. 23 f.$) Die Lehre von der »inneren Sekretion« im
allgemeinen stammt nicht, wie man jetzt überall angegeben findet, von
_Brown-Séquard_, der sie nur auf die Keimdrüse als erster angewendet
hat, sondern von Claude _Bernard_, nachdem schon bei C. _Legallois_
im Jahre 1801 eine dunkle Ahnung der Sache zu finden ist, worüber man
Näheres aus der Année biologique, Vol. I, p. 315 f. erfährt. Vgl.
Bernard, Nouvelle fonction du foie considéré comme organe producteur
de matière sucrée chez l'homme et les animaux, Paris, Baillière, 1853,
p. 58 und 71 f. Ferner Leçons de physiologie expérimentale, Vol. I,
Paris 1855, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: »On
s'est fait pendant longtemps une très-fausse idée de ce qu'est un
organe sécréteur. On pensait que toute sécrétion devait être versée
sur une surface interne ou externe, et que tout organe sécrétoire
devait nécessairement être pourvu d'un conduit excréteur destiné à
porter au dehors les produits de la sécrétion. L'histoire du foie
établit maintenant d'une manière très-nette qu'il y a des sécrétions
internes, c'est à dire des sécrétions dont le produit, au lieu d'être
déversé à l'extérieur, est transmis directement dans le sang« (p. 96).
-- »Il doit être maintenant bien établi qu'il y a dans le foie deux
fonctions de la nature de sécrétions. L'une, sécrétion externe,
produit la bile qui s'écoule au dehors; l'autre, sécrétion interne,
forme le sucre qui entre immédiatement dans le sang de la circulation
générale« (p. 107). -- Ferner (Rapport sur les progrès et la marche
de la physiologie générale en France, Paris 1867, p. 73): »La cellule
sécrétoire crée et élabore en elle-même le produit de sécrétion qu'elle
verse soit au dehors sur les surfaces muqueuses, soit directement
dans la masse du sang. J'ai appelé _sécrétions externes_ celles
qui s'écoulent en dehors, et _sécrétions internes_ celles qui sont
versées dans le milieu organique intérieur.« (p. 79:) »Les sécrétions
internes sont beaucoup moint connues que les sécrétions externes.
Elles ont été plus ou moins vaguement soupçonnées, mais elles ne sont
point encore généralement admises. Cependant, selon moi, elles ne
sauraient être douteuses, et je pense que le sang, ou autrement dit
le milieu intérieur organique, doit être regardé comme un produit des
glandes vasculaires internes.« (p. 84:) »Le foie glycogénique forme
une grosse glande sanguine, c'est-à-dire une glande qui n'a pas de
conduit excréteur extérieur. Il donne naissance aux produits sucrés
du sang, peut-être aussi à d'autres produits albuminoïdes. Mais il
existe beaucoup d'autres glandes sanguines, telle que la rate, le corps
thyroïde, les capsules surrénales, les glandes lymphatiques, dont les
fonctions sont encore aujourd'hui indéterminées; cependant on regarde
généralement ces organes comme concourant à la régénération du plasma
et du sang, ainsi qu'à la formation des globules blancs et des globules
rouges qui nagent dans ce liquide.« Danach ist die sehr allgemeine
Angabe, _Brown-Séquard_ sei der Begründer der Lehre von den Funktionen
der Drüsen ohne Ausführungsgänge, wie sie sich z. B. in _Bunges_
»Physiologischer Chemie« (Lehrbuch der Physiologie des Menschen,
Leipzig 1901, Bd. II, S. 545), bei _Chrobak_ und _Rosthorn_ (Die
Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I. Teil, Wien 1896/1900,
S. 388), bei Ernst _Ziegler_ (Lehrbuch der allgemeinen und speziellen
pathologischen Anatomie, I^9, 1898, S. 80), Oscar _Hertwig_ (Die Zelle
und die Gewebe, Bd. II, 1898, S. 167) oder H. _Boruttau_ (Kurzes
Lehrbuch der Physiologie, Leipzig und Wien, 1898, S. 138) findet, zu
korrigieren.

_Brown-Séquard_ selbst (Effets physiologiques d'un liquide extrait
des glandes sexuelles et surtout des testicules, Comptes Rendus
hebdomadaires des Séances de l'Académie des Sciences, Paris, 30. Mai
1892, p. 1237 f.) sagt: »Déjà en 1869, dans un cours à la Faculté
de Médecine de Paris, j'avais émis l'idée que les glandes ont des
sécrétions internes et fournissent au sang des principes utiles sinon
essentiels.« Die Priorität gebührt demnach ohne Zweifel Bernard;
nur die Anwendung auf die Keimdrüsen ist Brown-Séquards alleiniges
Verdienst: »Je croyais, dès alors, que la faiblesse chez les vieillards
dépend non seulement de l'état sénile des organes, mais aussi de ce
que les glandes sexuelles ne donnent plus au sang des principes qui, à
l'âge adulte, contribuent largement à maintenir la vigueur propre à cet
âge. Il était donc tout naturel de songer à trouver un moyen de donner
au sang de vieillards affaiblis les principes que les glandes sexuelles
ne lui fournissent plus. C'est ce qui m'a conduit à proposer l'emploi
d'injections sous-cutanées d'un liquide extrait de ces glandes.« Die
erste Veröffentlichung Brown-Séquards über dieses Thema ist die in den
»Comptes rendus hebdomadaires des séances et mémoires de la Société de
Biologie«, Tome 41, 1889, p. 415-419 enthaltene (datiert vom 1. Juni
1889).

Als Gegner der Lehre von der inneren Sekretion, speziell der
Keimdrüsen, sind zu nennen: Konrad _Rieger_ in seiner Schrift über die
Kastration (Jena 1900, S. 71; ihn erinnert sie an die Theorien der
mittelalterlichen Mönche über die Folgen des »semen retentum«) und
A. W. _Johnston_, Internal Secretion of the Ovary, 25. Annual Meeting
of the American Gynaecological Society, vgl. British Gyn. Journal,
Part 62, August 1900, S. 63. Unentschieden lassen die Frage, ob die
Erscheinungen nach Kastration und Involution der Keimdrüsen, nach der
Pubertät und in der Gravidität, soweit sie von den Genitalien ihren
Ursprung nehmen, auf nervösem Wege oder durch das Blut vermittelt
werden, _Ziegler_, Patholog. Anatomie, I^9, S. 80, und O. _Hertwig_,
Zelle und Gewebe, II, 162. Dieser sagt: »Wenn auf der einen Seite der
Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und der
sekundären Sexualcharaktere nicht in Abrede gestellt werden kann, so
fehlt uns auf der anderen Seite doch das tiefere Verständnis dafür.
Wird die Korrelation zwischen den Organen, welche funktionell direkt
nichts miteinander zu tun haben, durch das Nervensystem vermittelt,
oder sind es vielleicht besondere Substanzen, welche vom Hoden oder
Eierstock abgesondert werden, in den Blutstrom geraten und so die
weit abgelegenen Körperteile zu korrelativem Wachstum veranlassen? Zu
einem Entscheid der aufgeworfenen Alternative fehlt es noch an jeder
experimentellen Unterlage.«

Der letzte Satz war wohl schon zu der Zeit, da Hertwig ihn schrieb
(1898), nicht mehr ganz richtig. Fr. _Goltz_ und A. _Freusberg_
hatten 1874 (»Über den Einfluß des Nervensystems auf die Vorgänge
während der Schwangerschaft und des Gebäraktes«, Pflügers Archiv
für die gesamte Physiologie, IX, 552-565) von folgendem berichtet
(S. 557): »Eine Hündin mit vollständiger Trennung des Rückenmarkes
in der Höhe des ersten Lendenwirbels ist brünstig geworden, hat
empfangen und ein lebensfähiges Junges ohne Kunsthilfe geboren. Bei
und nach diesen Vorgängen hat das Tier alle die damit verbundenen
Naturtriebe (Instinkte) entfaltet ebenso wie ein unversehrtes Geschöpf«
(d. h. die Milchdrüsen füllten sich und das Junge wurde mit größter
Zärtlichkeit behandelt. Man vgl. auch _Brücke_, Vorlesungen über
Physiologie II^3, Wien 1884, S. 126 f.). Goltz selbst kam schon damals
zu folgendem Schlusse (S. 559): »Es scheint mir ... äußerst fraglich,
ob überhaupt der Zusammenhang zwischen Gebärmutter und Milchdrüsen
durch Beteiligung des Nervensystems zu denken ist. Mir sagt auch in
diesem Falle der Gedanke mehr zu, daß das Blut diesen Zusammenhang
vermittelt.« Er erinnert daselbst auch an die Ausfallserscheinungen
nach der Kastration. In ihrer berühmter gewordenen Arbeit »Der Hund mit
verkürztem Rückenmark« (Pflügers Archiv; 63, 362-400) sind Fr. _Goltz_
und J. R. _Ewald_ 22 Jahre nach jener Untersuchung nochmals auf das
Thema zurückgekommen (vgl. in jener Abhandlung S. 385 f.).

Der hauptsächlichste Beweis, daß _keine_ nervöse Vermittlung vorliegt,
ist, wie ich meine, darin zu erblicken, daß einseitige Kastration,
also Exstirpation bloß eines Ovars oder Testikels, an der Entwicklung
der sekundären Geschlechtscharaktere nicht das Geringste ändert. Den
Einfluß jeder Keimdrüse hätte man aber, wenn ein solcher auf nervösem
Wege sich vollzieht, als stets auf eine Hemisphäre des Körpers
_stärker_ sich erstreckend vorzustellen, ja eine halbseitige Kastration
wäre, zunächst wenigstens, nur für _eine_ Körperhälfte als entscheidend
anzunehmen. Mit Ausnahme einer einzigen Angabe aber, der _Rieger_, Die
Kastration, S. 24, mit Recht als Jägerlatein mißtraut (es ist die in
_Brehms_ Säugetieren, Leipzig und Wien, 1891, III^3, 430: »Einseitig
verschnittene Hirsche setzen bloß an der unversehrten Seite noch auf«),
hat nirgends etwas ähnliches verlautet: halbseitig verschnittene
Tiere sind wie gar nicht verschnittene. So schon _Berthold_,
Nachrichten von der Universität und Gesellschaft der Wissenschaften
zu Göttingen, 1849, Nr. 1, S. 1-6. Vgl. z. B. _Chrobak-Rosthorn_,
Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, I/2, S. 371 f.:
»_Sokoloff_[104] operierte an Hunden, verfolgte die Veränderungen
sowohl bei einseitiger als auch bei doppelseitiger Kastration. _Bei
ersterer trat die Brunst wie normal ein_, bei letzterer blieb sie
regelmäßig weg. _Einseitige Kastration bei jungen Tieren läßt das
Wachstum beider Gebärmutterhälften fortdauern._ Schon 1½ Monate nach
zweiseitiger Kastration war eine ausgesprochene Atrophie der zirkulären
Muskelschichte aufgetreten.«

Diesen Beweis halte ich darum für stringenter selbst als die
Transplantationsversuche (auf Grund deren J. _Halban_, Über den Einfluß
der Ovarien auf die Entwicklung des Genitales, Monatsschrift für
Geburtshilfe und Gynäkologie, XII, 1900, 496-506, besonders S. 505,
A. _Foges_, Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren,
Pflügers Archiv, XCIII, 1902, 39 ff., Emil _Knauer_, Die
Ovarientransplantation, experimentelle Studie, Archiv für Gynäkologie,
LX, 1900, besonders S. 352-359, mit so viel Recht für die innere
Sekretion sich entscheiden), weil diesen gegenüber als letzter noch
immer der Einwand möglich wäre, daß vermittelnde nervöse Bahnen in das
transplantierte Gewebe zugleich mit dessen Vaskularisierung eingezogen
seien.

($S. 18, Z. 10 v. u. ff.$) Einen _anderen_ Begriff _von tertiären
Sexualcharakteren_ hat Havelock _Ellis_ aufgestellt, Mann und Weib,
S. 24: ».... So haben wir z. B. die verhältnismäßig größere Flachheit
des Schädels, die größere Aktivität und Ausdehnung der Schilddrüse und
die geringere Durchschnittsmenge der roten Blutkörperchen beim Weibe.
Diese Differenzen hängen wahrscheinlich indirekt mit primären und
sekundären sexuellen Charakteren zusammen. Vom zoologischen Standpunkt
aus sind sie kaum von Interesse, dagegen vom anthropologischen und
gelegentlich auch vom pathologischen und sozialen Standpunkt aus
höchst bemerkenswert. In dieselbe Gruppe mit den sekundären sexuellen
Charakteren lassen sie sich keinesfalls einreihen, und wir tun wohl am
besten, sie zu einer neuen Gruppe zusammenzufassen und als ‚tertiäre
sexuelle Charaktere’ zu bezeichnen.« Ellis bemerkt selbst, daß »sich
wegen der Tendenz dieser Merkmale, ineinander überzugehen, diese
Teilung schwer durchführen läßt«. Aber nicht nur der theoretische, auch
der praktische Wert dieser Gliederung scheint mir geringer als der Wert
der im Texte vorgeschlagenen Einteilung, nach welcher als primordiale
Geschlechtscharaktere die allgemein-biologischen, als primäre die
im engeren Sinne anatomischen, als sekundäre die im engeren Sinne
physiognomischen, als tertiäre die psychologischen und als quartäre die
sozialen Unterschiede der Geschlechter bezeichnet werden.

($S. 19, Z. 15 ff.$) Die Annahme dünkt mich sehr wahrscheinlich, daß
_gleichzeitig_ mit _jeder äußeren_ eine _innere Sekretion_ vor sich
geht, also auch die letztere keine kontinuierliche, sondern eine
intermittierende Funktion sei. Denn der Bartwuchs z. B. ist nicht
gleichmäßig, sondern er erfolgt schubweise, stoßweise. Als Erklärung
hiefür scheint eine interrupte innere Sekretion am nächsten zu liegen.

($S. 19, Z. 7 v. u.$) Der Ausdruck »Komplementärbedingung« nach Richard
_Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 29.

($S. 20, Z. 10-28.$) Über das Idioplasma vgl. C. v. _Naegeli_,
Mechanisch-Physiologische Theorie der Abstammungslehre, 1884. Der
Begriff wird dort, in einer von seiner Entwicklung im Texte etwas
abweichenden Weise, eingeführt auf S. 23. Es heißt dann weiter: »Jede
wahrnehmbare Eigenschaft ist als Anlage im Idioplasma vorhanden,
es gibt daher so viele Arten von Idioplasma, als es Kombinationen
von Eigenschaften gibt. Jedes Individuum ist aus einem etwas anders
gearteten Idioplasma hervorgegangen, und in dem nämlichen Individuum
verdankt jedes Organ und jeder Organteil seine Entstehung einer
eigentümlichen Modifikation oder eher einem eigentümlichen Zustande des
Idioplasmas. Das Idioplasma, welches wenigstens in einer bestimmten
Entwicklungsperiode durch alle Teile des Organismus verteilt ist,
hat also an jedem Punkte etwas andere Eigenschaften, indem es
beispielsweise bald einen Ast, bald eine Blüte, eine Wurzel, ein
grünes Blatt, ein Blumenblatt, ein Staubgefäß, eine Fruchtanlage,
ein Haar, einen Stachel bildet.« Am wichtigsten ist für das hier in
Betracht kommende die Stelle S. 32 f.: »Jede beliebige Zelle muß
davon [vom Idioplasma] eine gewisse Menge enthalten, weil dadurch die
ererbte Tätigkeit bedingt wird.« Ferner S. 531: »Jede Ontogenie ...
beginnt mit einem winzigen Keim, in welchem eine kleine Menge von
Idioplasma enthalten ist. Dieses Idioplasma zerfällt, indem es sich
fortwährend in entsprechendem Maße vermehrt, bei den Zellteilungen,
durch welche der Organismus wächst, in ebenso viele Partien, die
den einzelnen Zellen zukommen, ....... Jede Zelle des Organismus
ist idioplasmatisch befähigt, zum Keim für ein neues Individuum zu
werden. Ob diese Befähigung sich verwirklichen könne, hängt von der
Beschaffenheit des Ernährungsplasmas ab. Das Vermögen hiezu kommt
bei niederen Pflanzen jeder einzelnen Zelle zu; bei den höheren
Pflanzen haben es manche Zellen verloren; im Tierreiche besitzen es
im allgemeinen nur die zu ungeschlechtlichen oder geschlechtlichen
Keimen normal bestimmten Zellen.« -- Hugo de _Vries_: in seinem Buche:
Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 55-60, 75 ff., 92 ff.,
101 ff., und besonders S. 120. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die
Gewebe, Grundzüge der allgemeinen Anatomie und Physiologie. (Diesem
Buche verdanke ich in biologischer Hinsicht ganz allgemein neben
_Darwins_ »Variieren« die reichste Belehrung.) Hertwig begründet
die Theorie im ersten Bande (Jena 1893), S. 277 ff.: »Wenn man das
Moospflänzchen Funaria hygrometrica zu einem feinen Brei zerhackt,
so läßt sich auf feuchter Erde aus jedem kleinsten Fragment wieder
ein ganzes Moospflänzchen züchten. Die Süßwasserhydra läßt sich
in kleine Stückchen zerschneiden, von denen sich jedes wieder zu
einer ganzen Hydra mit allen ihren Eigenschaften umbildet. Bei einem
Baum können sich an den verschiedensten Stellen durch Wucherung
vegetativer Zellen Knospen bilden, die zu einem Sproß auswachsen,
der, vom Ganzen abgetrennt und in Erde verpflanzt, sich bewurzelt und
zu einem vollständigen Baum wird. Bei Cölenteraten, manchen Würmern
und Tunikaten ist die ungeschlechtliche Vermehrung auf vegetativem
Wege eine ähnliche, da fast an jeder Stelle des Körpers eine Knospe
entstehen und zu einem neuen Individuum werden kann ....... Ein
abgeschnittener und ins Wasser gestellter Weidenzweig entwickelt
wurzelbildende Zellen an seinem unteren Ende, und so wird hier von
Zellen, die im Plane des ursprünglichen Ganzen eine sehr abweichende
Funktion zu erfüllen hatten, eine den neuen Bedingungen entsprechende
Aufgabe übernommen, ein Beweis, daß die Anlage dazu in ihnen gegeben
war. Und so können sich umgekehrt auch aus abgeschnittenen Wurzeln
Laubsprosse bilden, die dann zu ihrer Zeit selbst männliche und
weibliche Geschlechtsprodukte hervorbringen. In diesem Falle stammen
also direkt aus Zellbestandteilen einer Wurzel Geschlechtszellen ab,
die als solche wieder zur Reproduktion des Ganzen dienen ...... Die
Botaniker hängen zum größten Teile der Lehre an, die kürzlich de
Vries gegen Weismann verteidigt und in den Satz zusammengefaßt hat,
daß _alle oder doch weitaus die meisten_ Zellen des _Pflanzenkörpers
die sämtlichen erblichen Eigenschaften der Art im latenten Zustand
enthalten. Dasselbe läßt sich auf Grund von Tatsachen von niedrigen
tierischen Organismen sagen._ Für höhere Tiere kann man den Beweis
allerdings nicht führen; deswegen ist man aber nicht zu der Folgerung
gezwungen, daß die Zellen der höheren und niederen Organismen insoferne
verschieden wären, als die letzteren alle Eigenschaften der Art im
latenten Zustand, also die Gesamtheit der Erbmasse, die ersteren
dagegen nur noch Teile von ihr enthielten.« -- Als der heftigste
Gegner der Idioplasmalehre ist August _Weismann_ aufgetreten in seiner
Schrift: Die Kontinuität des Keimplasmas als Grundlage einer Theorie
der Vererbung, 1885 (Aufsätze über Vererbung und verwandte biologische
Fragen, Jena 1892, S. 215 ff.). Weismanns Hauptargument (S. 237):
»Ehe nicht erwiesen wird, daß ‚somatisches’ Idioplasma überhaupt
rückverwandelt werden kann in Keimidioplasma, haben wir kein Recht,
aus einer von ihnen [den somatischen Zellen] Keimzellen entstehen zu
lassen«, dürfte vor den genauen Untersuchungen von Friedlich _Miescher_
(Die histochemischen und physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig
1897, Bd. II, S. 116 ff.) über die Entwicklung der Keimdrüsen der
Lachse auf Kosten ihres großen Seitenrumpfmuskels nicht mehr haltbar
sein. Vgl. übrigens die vernichtende Kritik, welche an den überaus
künstlichen Theorien Weismanns von _Kassowitz_, Allgemeine Biologie,
Bd. II, Wien 1900, geübt worden ist, auf die Weismann, wohl ihres
überscharfen Tones halber, nicht geantwortet hat.

Für die Idioplasmalehre zeugen vollends Untersuchungen wie die von
Paul _Jensen_, Über individuelle physiologische Unterschiede zwischen
Zellen der gleichen Art (Pflügers Archiv, LXII, 1896, 172-200). Es
heißt da z. B. (S. 191): »Wenn ein Foraminifer durch abgetrennte eigene
Pseudopodien niemals, dagegen stets durch abgeschnittene Pseudopodien
eines anderen Individuums kontrektatorisch erregt wird, so muß das
Protoplasma des ersteren sich von dem der letzteren in bestimmter
Weise unterscheiden, oder allgemein ausgedrückt: das Protoplasma
verschiedener Individuen muß physiologisch verschieden sein. Welcher
Art aber ist diese Verschiedenheit und welcher Art der Reiz, der
ihr entspringt? Wir werden nicht umhin können, Unterschiede in der
chemischen Zusammensetzung der Protoplasmen verschiedener Individuen
anzunehmen.« -- Über die Regenerationsfähigkeit (auch niederer _Tiere_)
vgl. Hermann _Vöchting_, Über die Regeneration der Marchantieen,
Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik, 1885, Bd. XVI, S. 367 bis
414. Über Organbildung im Pflanzenreich, Physiologische Untersuchungen
über Wachstumsursachen und Lebenseinheiten, Teil I, Bonn 1878,
S. 236-240, besonders S. 251-253. -- Jacques _Loeb_, Untersuchungen zur
physiologischen Morphologie der Tiere, II. Organbildung und Wachstum,
Würzburg 1892, S. 34 ff. (über Regeneration bei Ciona intestinalis).

($S. 21, Z. 6 ff.$) Wenn jede Zelle, also auch jede Nervenzelle,
männlich oder weiblich (in bestimmtem Grade) ist, so entfällt auch
der letzte Anlaß zur Annahme eines »psychosexuellen Zentrums« für
den Geschlechtstrieb im Gehirn, wie es besonders _Krafft-Ebing_
(Psychopathia sexualis, 11. Aufl., S. 248, Anm. 1) und seine Schüler,
ferner (nach ihm) _Taruffi_, Hermaphrodismus und Zeugungsunfähigkeit,
übersetzt von R. Teuscher, Berlin 1903, S. 190, ungeachtet der in der
Anmerkung zu S. 18, Z. 15 v. u. citierten Experimente von _Goltz_,
postuliert haben.

($S. 21, Z. 2 v. u.$) Wilhelm _Caspari_, Einiges über Hermaphroditen
bei Schmetterlingen, Jahrbücher des nassauischen Vereines für
Naturkunde, 48. Jahrgang, S. 171-173 (Referat von P. _Marchal_, Année
biologique, I. 288), berichtet, wie zuweilen die eine seitliche Hälfte
eines Schmetterlings vollständig männlich und die andere vollständig
weiblich ist. Bei Saturnia pavonia, einem Pfauenauge, ist der
Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Färbung sehr groß und
daher, bei Hermaphroditen in dieser Art der Kontrast zwischen rechter
und linker Körperhälfte höchst auffallend. -- Richard _Hertwig_,
Lehrbuch der Zoologie^5, 1900, S. 99 über diesen »Hermaphroditismus
lateralis« und jene hermaphroditischen Formen bei Schmetterlingen wie
Ocneria dispar (einem Spinner), dessen männliche Hälfte die besondere
Gestalt der männlichen Fühler, Augen und Flügel trägt, und sich durch
sie wesentlich von der weiblichen Hälfte unterscheidet.

($S. 22, Z. 4 v. u. ff.$) _Aristoteles_ sagt (Histor. Anim. 5, 14,
545, ~a~ 21:) εἰς τὸ θήλυ γαρ μεταβάλλει τα ἐκτεμνόμενα. (9, 50,
632, ~a~ 4) μεταβάλλει δὲ καὶ ἡ φωνὴ ἐπὶ τῶν ἐκτεμνομένων ἁπαντων
εἰς τὸ θήλυ. Die falschen Angaben über regelmäßige Verweiblichung
des entmannten Tieres rühren in der neuesten Zeit hauptsächlich
von William _Yarrell_ her (On the influence of the sexual organ in
modifying external character, Journal of the Proceedings of the
Linnean Society, Zool. Vol. I, 1857, p. 81), und sind ihm (mit oder
ohne Berufung auf ihn) oft nachgesprochen worden, z. B. von _Darwin_,
Das Variieren etc., II^2, 59: »Der Kapaun fängt an, sich auf Eier zu
setzen und brütet Hühnchen aus;« von _Weismann_, Keimplasma, S. 469 f.:
»Bei ausgebildeten Individuen des einen Geschlechtes können unter
besonderen Umständen die sekundären Sexualcharaktere des anderen
Geschlechtes zur nachträglichen Ausbildung gelangen. Dahin gehören
vor allem die _Folgen der Kastration_ bei beiden Geschlechtern.«
Ebenso von _Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin
1899, S. 170, Anm. 1. _Gegen_ diese Theorien hat sich namentlich
_Rieger_ gewendet (Die Kastration, S. 33 f.), ferner Hugo _Sellheim_
(Zur Lehre von den sekundären Geschlechtscharakteren, Beiträge zur
Geburtshilfe und Gynäkologie, herausgegeben von A. Hegar, Bd. I, 1898,
S. 229-255): »In keiner Weise konnten wir [bei den Kapaunen] einen
Umschlag, eine Entwicklung von Mutterliebe konstatieren, die sich in
einer Fürsorge für die beigegebenen Küchlein ausgesprochen hätte«
(S. 234). »Von einer aktiven Annäherung an das weibliche Tier, wie sie
von mancher Seite bei den durch die Entfernung der Hoden bedingten
Veränderungen angenommen wird, ist bei dem Kastratenkehlkopf nichts zu
merken« (S. 241). Schließlich hat Arthur _Foges_ (Zur Lehre von den
sekundären Geschlechtscharakteren, Pflügers Archiv, Bd. XCIII, 1902,
S. 39-58) Sellheims Befunde bestätigt und die ältere Ansicht nochmals
zurückgewiesen (S. 53). Die letzten Autoren gehen aber wohl zu weit,
indem sie die Verweiblichung für ausgeschlossen zu halten scheinen; sie
ist zwar keine notwendige Folge der Kastration, da sie jedoch gänzlich
_ohne_ dieselbe eintreten kann (vgl. S. 24, Z. 1-8 und die Anmerkung
zu dieser Stelle), so wird durch Kastration ihre Möglichkeit in vielen
Fällen wohl noch erleichtert werden.

($S. 23, Z. 16 f.$) Über die Annahme männlicher Charaktere durch die
Frauen, respektive Weibchen, nach dem Aufhören der Geschlechtsreife,
respektive der Menopause, vgl. vor allem die ausführliche Abhandlung
von Alexander Brandt, Anatomisches und Allgemeines über die sogenannte
Hahnenfedrigkeit und über anderweitige Geschlechtsanomalien bei
Vögeln, Zeitschr. f. wiss. Zool., 48, 1889, S. 101-190. -- Die erste
Angabe über Hahnenfedrigkeit bei _Aristoteles_, Histor. Animal. 9,
49, 631 b, 7 ff. -- Im XIX. Jahrhundert handeln von ihr vornehmlich
William _Yarrell_, On the change in the plumage of some Hen-Pheasants,
Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 10. Mai
1827 (Part. II, p. 268-275); _Darwin_, Das Variieren II^2, S. 58;
Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II, Jena 1898, S. 162.
-- Hieher gehört vielleicht der interessante Fall von Hypertrichosis,
den _Chrobak_ und _Rosthorn_, Die Erkrankungen der weiblichen
Geschlechtsorgane, Teil I, S. 388, nach Virchow erzählen, »in welchem
es sich um eine junge Frau handelte, die während der Menstruation an
akutem Magen- und Darmkatarrh erkrankte, später amenorrhoisch wurde,
und bei welcher sich während der Dauer des Ausbleibens der Regel der
ganze Körper mit schwarzen wachsenden Haaren bedeckte.«

($S. 23, Z. 22 f.$) Ricken: nach _Brehms_ Tierleben, 3. Aufl. von
Pechuel-Loesche, Säugetiere, Bd. III, 1891, S. 495: »Auch sehr alte
Ricken erhalten bisweilen einen kurzen Stirnzapfen und setzen schwache
Gehörne auf ... Von einem derartigen Geweih teilt mir _Block_ mit,
daß es aus zwei gegen 5 ~cm~ langen Stangen bestand und selbst einen
alten Weidmann täuschen konnte, welcher die Ricke als Bock ansprach und
erlegte.«

($S. 23, Z. 13 v. u. ff.$) Vgl. Paul _Mayer_, Carcinologische
Mitteilungen, Mitteilungen a. d. zool. Station zu Neapel, I, 1879,
VI: Über den Hermaphroditismus bei einigen Isopoden, S. 165 bis 179.
Von Vertretern der Gattungen Cymothoa, Anilocra und Nerocila ist
durch Mayer sichergestellt, daß die