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Title: Seefahrt ist not!
Author: Fock, Gorch
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Seefahrt ist not!" ***

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                          Seefahrt ist not!


                                Roman
                                 von
                              Gorch Fock

                          121.-130. Tausend

                Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921

               Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.



   Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,
   bleibt in euern Hütten, euern Zelten,
   und ich reite froh in alle Ferne --
   über meiner Mütze nur die Sterne.

                                                               Goethe.



                           Erster Stremel.


»Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf dem Wasser ihre
Nahrung suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Fluß,
behüte Mann und Schiff in allen Gefahren!«

Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er
laut und warm für seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm
von Herzen kam, nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher
Welfe, der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: »Laß deine
Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn,
und über das ganze kaiserliche Haus.«

Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel
vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien,
als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er hielt
überwältigt inne und ließ die große Stille kommen.

Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die
Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.

Und die _See_ nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -- mit ihren
jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm,
mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und
Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter, -- mit geborstenen Segeln,
gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracken und
hilferufenden Fahrensleuten.

Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.

Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar, die als große
Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und
ihnen zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände
zusammen und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die
Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen waren, und weil sie
daran dachten, daß sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen.

Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle falteten rasch die
Hände, und manches Kinderherz bebte -- vergessen war, daß sie abends am
Deich einzuhüten hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern
trommelten und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder
Sechsundsechzig mitspielen durften.

Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um
die die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten
stiegen, weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause
bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht
allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand, sondern auch um die
Seefischerei, um alle Freundschaft, Bekanntschaft und Verwandtschaft,
die unter Segeln war.

Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den
Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der
Verwegenen, der Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von
denen, die nicht reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen
segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord
von Edenhall:

   sie schlürfen gern in vollem Zug,
   sie läuten gern mit lautem Schall,

die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl auch einmal
versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei
sie nach seiner Meinung erst, wenn sie _koche_, hat Hein Loop einmal
gesagt, und jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er,
denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See, up de Schullen
dol, und konnte mooi Wind und mooi Fang gebrauchen.

Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit
hinter ihm saßen, ließen das Kirchenwort in die unerschrockenen
Seemannsherzen hinein, wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges
Sprüchlein achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de
verdreihten Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es: Amen, Herr Pastur:
ober dat Is mütt irst innen Dutt, ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik
besagte es: De Büt, Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to!

Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saßen die
Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln
Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte
Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein
Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst
saß die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer
Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch
für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater,
der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war,
ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien
untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei
Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem
neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen,
leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen
zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer noch lebte und
daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß.

Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut
stillen, Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen
bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß. Er
beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schloß, machte
Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn
kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und über die
Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu
bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte
und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die
gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die
Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie
an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser
leckte ihnen von den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus
den Seestiefeln. Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter
sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war.
Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der
Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an
den Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die Segel waren
gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß er sie auch wirklich gemacht
hatte.

Endlich -- ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes
Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in
den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die
Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam seine
Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand
anhielt und alle, die dazugehörten, um gottesfürchtige Eheleute, Eltern
und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war
die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten wieder ihre
verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stießen einander im
geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees
Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu,
als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die
Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen.

Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem
Chor saß, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn
jäh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen.
Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein recht
in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den
Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen und über den Stroh-
und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der
Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die
Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen
Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und
Freude füllten!

Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte
nur sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermüdlich
neben der Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint,
daß er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine
Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und
gesagt hatte, sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die
Kirchentür bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen
und geschwiegen? Sicherlich nicht -- er wäre bald aufgestanden und
umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und getan: beim
stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt, wie jener
Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut
gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel
hätte er in den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor
is ober plenni Monne in! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt:
Diern, Geeschen, wat schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten
geben? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er geantwortet:
ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! -- oder eingewendet: de lebe Gott
is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen!

Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, was er alles
angerichtet hätte, und es war besser, daß er draußen seine Wache
abreißen mußte.

Der Seefischer lachte in sich hinein.

Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle,
müßten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine
Steine bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. Solle er
aber draußen bleiben, dann wäre nur zu wünschen, daß der Pastor es kurz
und knapp mache, damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in
Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von oben bis unten
angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die brenne ja gar nicht,
weil sie ganz aus Stein gemacht sei. -- Da war dem Seefischer ein
köstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen
und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen
Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Großmast und der
andere der Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter
Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to
vertillen, hatte der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann
solle er aufpassen, war des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle
einmal ausfindig machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er schon zu
etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem Ewer zwischen den Bäumen
eine Wache nehmen, wie auf See in der Schollenzeit, zwei Stunden
hindurch. Der Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß er
nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die Segel immer voll Wind
seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er keine
Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer
genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte
sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen, hatte Großmast und
Besan mit den wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken
geworfen und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft.

»Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?« hatte er noch gefragt.

»Och du Dösbattel,« war des Seefischers Erwiderung gewesen, »kannst du
ok van Burd gohn? Büst doch up See, is doch all Woter üm di rüm.«

»Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?«

»Seemann?« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
Birnbaum gesetzt. »Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus,
Störtebeker, un sien Nüff, dat is de Kumpaß.« Nun wisse er wohl alles:
er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten,
sondern könne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute
es täten, hatte der Seefischer geschlossen und war in die Kirche
getreten, während der Junge unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus
der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen war.

Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer
noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als
ob er wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß
genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte zeigen, daß er
schon mit der See klar kommen könne, damit sein Vater ihn im Sommer mit
auf den Ewer nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte
er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der im Wipfel des
Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel gefallen. Er hatte die Hände
nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll
vor sich hin, spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn
er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.

Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weiße
Nachthaus über Bord, sei es, weil eine Ratte über den Graben schwamm
oder weil sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte.
Junge, was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun?
Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken
hatte: er verlegte sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das
nicht half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach ober
Burd: ik kann jo swümmen -- und lief nach der Wurt oder nach dem Graben,
ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurück, wobei er pustete, als
wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und
sagte: »Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpaß!« Dann
guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich
nicht ganz sicher, ob er über Bord springen durfte.

Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, während ihm das Blut,
das die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schläfen
klopfte. Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den
blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine
graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes
Tuch trug, einen weißblauen Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte
und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf
Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das war sein Junge! Wer den
so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland
einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab -- und durch die Brust
seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel übertönte.

Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann
aus ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und
verwegenen, wie Finkenwärder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen
Sommer wollte er ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und
die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er
war es nicht gewohnt, auf andere zu hören, weder an Land noch auf See.
Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein Leben selbst.

Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden!

Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit
Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Störtebeker, einmal, weil er
wirklich ein großer Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und
Tunichtgut, dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven
und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters, dem er noch
ähnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie die alten Leute
behaupteten, -- der auch Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines
Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war. Was den
kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seeräubernamen so
einverstanden, daß er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer
Klaus, so sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! -- nannte ihn einer
Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, du anner! -- erst bei
Störtebeker ließ er sich ermuntern und antwortete.

Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das
Deck abmaß! Da war kein Schritt zu viel und keiner zu wenig! Wenn er
sich beim Birnbaum umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß zu sehen
und die Segel zu überholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war,
spähte er luvwärts und leewärts über die See. Mit großem Behagen und
einiger Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, die ihm
sagten, daß der Junge ihm und den anderen Fahrensleuten schon viel mehr
abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts störte den kleinen
Fischer, der wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte, und
sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, noch den
vorüberrollenden Wagen nachlief.

Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte, war
nicht zu verlangen: er wurde kaum gewahr, daß der goldene Stern oben an
der Orgel klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar
den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall unter die Nase
gehalten worden wäre. Nur der Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem
Jungen ab, denn es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm
zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn das war kein
Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger Schrei hörte es sich
an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn
die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen aufwühlten,
die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die Stimmen
der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar
drückte der Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn
dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute.

Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf,
weil es mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht
bange machen lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den
Bäumen, deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen
waren. Unverdrossen hielt er aus, bis der Mond aufging, der stille,
milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs rundes, glänzendes
Vollmondsgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit
der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve hett mi goten
-- begann, sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich höher und höher,
bis der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut
sich erhob. Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten heraus,
als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, die Mädchen drängten
nach, dann kamen die Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus
bellend in die Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut
Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun auch ohne Kompaß war,
so hielt er dennoch getreulich aus und verließ seinen Posten nicht, bis
sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste.

Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das Nachthaus wäre siebenmal
über Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein
feiner Streek, hundert Stiege, große Südschollen!

»Deubel ok, du kannst dat ober!« lobte Klaus Mewes.

»Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See,
denn schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt!« sagte der Junge mit
blitzenden Augen und fuchsklugen Nasenlöchern.

Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie
wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch schmeckten. »Kumm, Seemann!«
Und er schechtete groß und heiter auf dem Kirchenweg entlang und
überholte eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden seine
Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen mußte, um mitzukommen,
und Seemann, der weite Wege gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von
Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge als
Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen konnte, sich
aus der Fahrt laufen zu lassen.

Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mißbilligenden
Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, daß auf dem Kirchenwege
nicht gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm
schmeckte, der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot,
weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte, daß er den besten Ewer unter
den Füßen hatte, mit dem sich etwas beschicken ließ, und der Herr und
König seines Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei jedem
Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der Besan wehen: das war der
Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner Liebe zu seinem
Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das bunte
Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und ließ
weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens
pflügte der glückliche Fischer die See, lachend strich er den reichen
Segen ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele
waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl, das den Bauer bewog,
sein Feld nicht ganz zu mähen, sondern eine Ecke Hafers stehen zu
lassen, für die Götter, für Wotans Schimmel.

Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg
nach dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem könne doch kein Seemann
werden: am besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen
seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. Was scherte das
Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach mit seinem Jungen nichts als
Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er
Fahrensmann werden müsse und solle. Was für Last haben die Frauen am
Deich, daß sie die Kinder vom Graben und von der Elbe fernhalten, daß
sie sie aus den Böten und Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter!
ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und
sagt: »Goh man betjen bit Woter, Störtebeker! Schipper man mol, klüs man
mol not Fohrwoter raf, seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de
Boot, dor is de Kohn!«

Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und
drückte es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang warrn!
Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange
werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist,
ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land,
weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor
Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht
bange werden!

Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dött ik ne
warrn, ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas
Furcht einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es
wollte.

Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte
aufatmend über die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im
Wintereise sitzen sah, das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so
fischte und segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei
Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem Gesangbuch
abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm die
Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.

Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge flattern -- und
seine Seele faßte noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie
setzte die letzten und höchsten Segel.



                           Zweiter Stremel.


Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hände hohl um den Mund
gelegt und rief die Leute. »Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat
eten!«

Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der Hand, zum Zeichen,
daß sie verstanden hätten, und kamen über das Eis.

Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. Auf der
Bank mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl saß zu oberst
der Schiffer, rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der
Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen.

Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es gab frische Suppe mit
bunten Korintenklütjen. Safran, Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht
daran, und ein Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf
den Tisch.

Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den großen, blanken
Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte,
gab er den Löffel dem Knecht. Störtebeker bekam ihn zu allerletzt,
obgleich er vielleicht am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung,
die am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus Mewes
sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: Fleesch förn
Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln förn Jungen. Er gab ein Essen,
wie es selbst die großen Bauern nicht besser geben konnten.

Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus Mewes, da hätte ihm
wohl einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen, wenn er das
gesollt hätte. Er sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken,
und ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus
dem Kurs bringen.

Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! »Vörre
Hand weg, Vadder,« versicherte er, »ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen
langt harr, harr ik wenigstens söben upkregen.«

»Oder söbenuntwintig,« gab der Knecht trocken drein, aber Störtebeker
verstand den Spott nicht.

»Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt noch en
barg beter!«

»Dat wull ik ok,« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.

Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm von der Aue
geschickt hätte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wäre ja
noch schöner, wenn der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus
bringen ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus der See
geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er sah seinen Jungen an:

»Ne, Störtebeker?«

»Jo, Vadder!«

                   *       *       *       *       *

Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, Klaus der
Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus Störtebeker. Hein Mück der Junge
hatte Urlaub genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und
fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa mit der
Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs einverstanden war und
eine Lippe zog. Aber die Netzmacher ließen sich nicht stören.

Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes sein Knecht. Er
hieß eigentlich anders, aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein
Kap Horn. Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören.

Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf großen Schiffen
gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Süd-Atlantik
Albatrosse geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und
dreißigmal unter der Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der
großen Fahrt abgemustert hatte und vom Viermastvollschiff auf den
Fischerewer geklettert war, weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf
Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden,
nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer Ton und er gab noch oft
ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als alt- und
weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen
Fischerknechte, die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch
sprechen gehört hatten.

Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu
fragen: »Kap Horn?« Und wußte der andere dann nicht einmal, was gemeint
war, so spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um
und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als
Antwort, so fragte er schnell: »Veel mol?« »Dree oder so.« Dann lachte
er und sagte: »An mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol
um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en bitten no.« Bei einer
solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn getauft worden.

Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
weißen Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit
dem er nur langsam weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas in
der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß es eine Bunge
werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie, während Kap
Horn auf ein Zwiebelnetz riet und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine
für den Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie
Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf den Schegern
reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklönt, denn
niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen, also
besonders aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes
Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann zu singen:

   »In England geiht dat lustig her,
   dor bot se Scheepen grot un swor,
   een bannig Deert von Ungetüm
   dat sall jo de Gretj Astern sien!
   Lang is dat Deert twee dütsche Mil,
   hoch annerthalf von Deck to Kiel!
   Soß Masten, hoch bet an den Moon,
   acht Dog brukt een, um roptogohn ...«

Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und
die Enten gefüttert hatte, trat in die Dönß und untersagte ihm den
Hymnus mit den Worten: »Sünndogs ward ne sungen, Korl!«

Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem gräßlichen
Seeräubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen
Spitznamen, sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für
einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:

»Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.«

»Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohop un
mok man Fierobend un les man mol inne Bibel,« priesterte sie, und als
Klaus Mewes herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: »Ji dree sündt jo
woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen Sünndag vört
Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen sünndogs arbeit?«

»Uns Herr Pastur!« sagte Klaus.

»Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!«

Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es sei Tauwetter und
das Eis könne jede Tide abtreiben, so daß sie fahren müßten, er wolle
und wolle die beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der
Fischerei unterbliebe das Knütten doch wieder.

Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Störtebeker sich,
denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die
ganzen Gräben säßen voller Hechte.

Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder
nach dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie
sollten sich doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich
sprächen sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf.

»Lot jüm, Mudder,« erwiderte Klaus sorglos, »ik blief doch hier, mag to
giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.«

Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und knüttete weiter.

Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche
zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer
Heimat sehen konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte
die Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau geworden und
fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß aus ihr niemals eine werden
konnte. Immer noch graute ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war
ihr fremd und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das eine
ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen. Klaus rüstete
mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie hörte schon den
Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen und
wußte nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu
wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in seinen Armen wie im
Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange und sie wünschte im
Herzen nichts sehnlicher, als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer
oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Könnte er nicht etwas
anderes beschicken, könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere
Fischer es getan hatten?

Aber Klaus Mewes -- und das tun? Sie mußte doch lächeln über den
Gedanken. Bis Blankenese müßte es gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn
sie davon spräche, daß er an Land bleiben solle.

Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme Heide sie
beneidete, war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der
jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur
ein armes Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall Wetter
und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie
manchen Tag sehnte sie sich schon nach der stillen, einsamen Geest
zurück, wo sie nichts von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie
manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! Wie manche
Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen, wie manches Mal jagten die
Blitze sie aus dem Bett, wie oft schreckten sie die Stimmen der
geängstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war
auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte
sie wenig Verkehr und Freundschaft, weil sie fühlte, daß sie als
Butenländerin nicht ganz für voll angesehen wurde.

Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie sie gar nicht
vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!

Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn
so hatte sie noch niemals jemand lachen gehört! Das hatte sie in seine
Arme gedrängt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem
Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere
des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen war es gewesen, was sie
gehört und gelesen hatte von Sturm und Untergang: wo einer so lachen
konnte, da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, als
Klaus sie freite.

Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber
sie konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören, es schnitt ihr ins
Herz, wenn sie an das Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an
all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel,
wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen war, machte ihr das Herz noch
schwerer, und eine trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein
dunkles Gewölk über ihrem Leben.

Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß von nichts anderem
als von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. _Der_
war schon der See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und
wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, daß er den
Sommer mit an Bord solle: all ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.

Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein
einziger, niemand bekümmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht
mehr zu ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus
lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und alle grüßen,
aber was er auf der Geest beschicken solle? Er könne auch so weit nicht
laufen. Den Jungen bekam sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging.
Seitdem er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest machte, trug
auch er kein Verlangen danach. Dort sei für einen Seefischer nichts zu
lernen, echote er, dort gäbe es ja nur Heide und Sand und Steine und
weiter gar nichts.

Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück, weil ihr zu kalt
wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weißen
Kachelofen.

»Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,« rief der Junge lustig, »kiek mol
an, Kap Horn, un uns will se wat seggen!«

Da mußte sie wider Willen doch mitlachen.

»Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?« fragte der Knecht, »hette ok beet,
dat dat Is bald doldrifft un wi no See seilen könnt?«

»Jo, dat segg man,« sagte Klaus und riß grimmig an seiner Kurre, »ik
wull, dor keum mol Westenwind achter!«

Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon
seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der
Elbe stand es noch, zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch
zusammen. Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis,
dort trieben nur noch große und kleine Schollen. Dort segelten denn auch
schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes,
dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten schon die
Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die Hamburger
Smietnettfischer nach Butten, während das Neßgeschwader, das aus dreißig
Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und
Böten bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die Auer und
Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe
herauf, einige hatten schon große Reisen nach der Weser gemacht: Klaus
Mewes aber und seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher
binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst geholfen gewesen,
aber der große Beißer konnte nur eben den Rand ein wenig glatt fressen.

Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem kleinen Schlepper von
Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bünn voller
Schollen hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das
Eis und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser.

»Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker speelt?« rief er.

»Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?« fragte der alte
Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap
der guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört
hatte.

»Wi weut di bi Isbrekers,« warf Störtebeker laut dazwischen, »swarten
Kaffe schallst du hebben!« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter
Segeln. »Wi möt allemann bi,« rief er, »Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un
Seefischers, Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un
spannt uns alltohop vör un denn teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi
denn not Fohrwoter raf kommt!«

»Jä!«

»Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt?« fragte
der Schiffer.

»Ik hilp ok mit,« versicherte der Junge wichtig, »ik kann wat tehn,
Vadder!«

»Du bliffst hier, Klaus,« kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her,
»meenst du, wat du dor ünnert Is kommen schallst!«

An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer
würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? _Das_ sei der Knoten!

Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es
wagen, sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab, er
wolle gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann
den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei mit
Hochwasser anfangen solle. »Denn könt wi offermorgen all up de Schullen
dol, Mudder!«

»Huroh, offermorgen geiht no See!« rief der Junge, warf die Bunge hin
und machte, daß er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang,
daß die Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach
und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen ließen. Wat, wat hebbt ji
egentlich, dat, dat is de Jung doch, doch jo bloß! So schnatterte der
Wart.

»Du kummst ober noch ne mit,« wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar
nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hörte auch nicht
mehr, daß Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte.

»Wat will he? All Bescheed seggen?« fragte Kap Horn lachend, aber sein
Schiffer lachte noch lauter und sagte: »De? Ne, de will no den Schoster
hin un sien Seestebeln holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an
Burd, un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.«

»Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,« sagte Gesa kopfschüttelnd,
»dat du em de Stebeln anmeten loten hest! He löppt elken Dag söbenmol
hin un kött an! De Schoster seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.«

»Jä -- du liebe Zeit,« erwiderte er, »endlich will de Bur de Koh betohlt
hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster
kanns ok jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen
Nachten.«

»Un denn?«

»Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is jo
all genog ober snackt worden,« sagte er sicher.

Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik
segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he
noher grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will
ik nix mihr ober em to seggen hebben, ober so lang hürt he mi, mien
Mudderrecht lot ik mi ne nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw
loten mütt: no See schall he noch ne!«

»Geef di, Gesa,« beschwichtigte Klaus gelassen, während Kap Horn, der zu
dem Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tür ging und mal über
den Westerdeich guckte. »De Jung _kummt_ düssen Sommer mit no See, dat
is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!«

»Ik lied dat ne un lied dat ne!« beharrte sie leidenschaftlich. »Du hest
en reinen Vogel mit dienen Jungen, weest dat? Keen een van de
Seefischers nimmt son lütjen Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit
Verstand dregen kann.«

Er machte geruhig seine Maschen. »De hebbt ok ne son Jungen as ik,«
sagte er, »lot mi man, Gesa. Ik bün en rechten Fischermann un will en
rechten Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken,
Diern! Weest, wat dat is?«

Sie gab keine Antwort.

»En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? Du geihst ok mit no
See, man to, denn wardt irst mooi! Kiek di mien Fischeree mol mit egen
Ogen an!«

Sie schüttelte starr den Kopf:

»Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all
lang don, ober ik kannt ne!«

»Dat kummt uppen Verseuk an,« erwiderte er, »goh man mol mit un du
schallst mol sehn: buten ist en barg beter as binnen!«

»Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr seekrank un starf
di all vör Angst, ihr wi mol no See dol sünd! Mi grot to dull vört
Woter!«

»Jo, du büst en grote Bangbüx,« schalt er, dann aber tat ihm sein herber
Ton leid und er tröstete: »Ober dat schall sik woll noch all geben, mien
Diern, paß man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de
Banghaftigkeit gifft sik mit de Johren.«

»Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,« sagte sie tonlos und ging aus der
Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten.

Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er ließ
sich den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging
nicht von seinem Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit
schweigend auf.

»De Jung kummt doch mit no See,« ließ Klaus Mewes sich vernehmen. Dann
blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch
bald an den Tag kam.

»Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du
geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De
Mudder hett noch en Recht op den Jungen!«

»Och wat!« fiel Klaus ihm barsch ins Wort, »ik hebb dat eenmol seggt un
dorbi blifft dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de
Mudder, ober bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo
upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä un keen anner Woter
to sehn kreeg as dat innen Teeputt. Un wenn wi _blieben_ schulln, Kap
Horn, denn mokt se ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen
Bang, Klaus Mees kann ne blieben!«

Der alte Knecht erhob warnend die Hand.

»Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is
doch ne wedder kommen mit sien Eber!«

Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und
sich für den besten Fischermann, blieb dabei, daß er nicht bleiben
könne. Das war sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse,
sturmgewohnte, sonnenfreudige Seele hielt daran fest: »Ik kann ne
blieben un ik blief ok ne!«

Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing
wieder an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der
nichts gefangen hat, und ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein
Schock Hühner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der
Seite an und stichelte: »Na, Klaus Störtebeker, großer Seeräuber, wat sä
de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln noch nich klor?«

Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte
wie ein Großer: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is
oberhaupt keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen
Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...«

Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der
Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedermol, wenn ik komm, seggt
he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tüffel.«

»Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernsthaft.

»Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln
klor würn, denn schull ik mit,« antwortete der Junge zuversichtlich.

»Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See
dröft blot welk, de nich bang sünd.«

»Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,« erwiderte der Junge treuherzig.

»Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll
nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst
ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!«

»Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und pekte ihn mit der
hölzernen Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gornix!«

»Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken
doch los?«

»Ne, schreen do ik gewiß ne.«

»Denn warst du ober seekrank!«

»Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!«

Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik blief ne! Und Klaus
Mewes sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders
stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein
Gelübde: »Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!«

Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein
enttäuschtes: »Och, to Sommer irst!« fallen, das den Knecht zu der
Bemerkung veranlaßte, es wäre jetzt noch zu kalt auf See.

»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,« gab Klaus zu bedenken, und
Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind.

Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis
aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg,
hielt Störtebeker es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm
französischen Abschied.

»Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen,
er wolle füttern -- und weg war er.

»Dat keum jo bannig zaghaft rut,« sagte der Knecht und sah ihm nach,
»wenn de man nix anners in de Lur hett.«

Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung
seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten
Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!

Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger
beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von
Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er
den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen,
Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen
hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein
halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht
hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer
und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen;
sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht.
Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und
Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater,
der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes
Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der
Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat,
sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen
bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte
aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein
könnte; übrigens wußte er ja auch, daß Störtebeker schwimmen konnte und
nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte
wissen, wo er abgeblieben war.

So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen
scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer,
die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die
Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das
raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der
zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.

Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie er es schon mehrmals
gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte
auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun
beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst
ständig brennende Licht.

Wo mochte der Junge sein?

Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten
eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge
auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß
ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di bloß ne halfstock holen
mütt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und
schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der
Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte,
ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte
Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt
war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren
braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und
gesagt: viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht
angesehen: nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so
großen Brand hätte.

»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften,« hatte
er lachend geantwortet.

Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
»Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.

Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte,
und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen
Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der
andern, wenn er lief.

Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, in der der Kahn
lag: der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug,
das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war
nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war
dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der
Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte,
und er lief in Sprüngen den Deich hinab.

»Klaus!«

Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.

»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle
Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den
Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und
wäre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.

»Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«

Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren.
»Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«

»Wat kummt dat denn?«

Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: »Ik will mi seefast moken,
Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen
hett to mi seggt, denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk --
wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack
innen Mund!«

Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn
die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn
dümpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen.

»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß
ne mihr mit no See, wat?«

Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel
ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr
düsig warr un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap
Horn un Hein Mück nix utlachen loten!«

Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen
Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück.

In der Dönß brannte schon die Lampe.

Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut:
»Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix,
Vadder: ik will woll swiegen,« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich
und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit von
der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein
Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton
fragte:

»Non, neem kommt ji denn her?«

»Wi sünd mol no de Neßkul wesen,« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit
gemäß.

»Hest du ok natte Strümp, Klaus?«

»Ne, Mudder, knokendreuch!«

»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek
treckst jüm ut!«

Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie
weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
Seefestigkeitskursus ab.

Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen,
dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.

Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit
aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten,
so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht
nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja,
man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind
oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle
drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so
strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so
las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber
achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje
liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und
meistens stimmte es, was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt
jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«

Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
seinen Knien und treunte um eine Geschichte.

»Ik weet uppen Stutz keen.«

»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.«

»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.«

»Och, man to, Vadder!«

»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder
seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«

»Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater
legte los.

»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he
sik een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon
den Mund zu und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du
schallst en euliche Geschichte vertillen!«

»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert,
nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert
...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre
auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen.

»Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«

O weh -- das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar
etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen
Satz, den er schon tausendmal gehört habe.

Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah
auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di
doch keeneen wat von to vertellen.«

Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen
man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz
Leben ne wedder los.«

»De Nom is gornich so slecht, Gesa,« sagte Kap Horn ernsthaft, während
Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus
Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe
er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen,
aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen
Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er
es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und wenn er Fische holte,
so bezahlte er sie reichlich.

So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante
zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus
Störtebeker -- und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen
und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie
Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme
flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie
Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König
gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem großen, breiten
Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß
Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und
fragte: »Vadder, neem is de Groben?«

Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch
keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der
großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht
verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen
konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine
kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die
trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich
auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.

»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«

Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch
umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.«

»So?«

»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne
bit Woter gohn scheut.«

Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem
Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die
quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß
sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt
denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht
freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum
mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden,
warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie
den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen
solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
tragen?

Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta
Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie
von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und
singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter
den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre
beiden Söhne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stück Holz
in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben
verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und
doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen
konnte!

Gesa schüttelte den Kopf.

Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß
ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn
zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was
trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge
ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen
hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur
immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen
wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor
wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst
wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten
lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden
raus! -- aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war,
wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und
ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de
Eber, so dümpelt de Eber up See ...

Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es
anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein
Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort
gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne
schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du
Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die
Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der
Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und
all sein Tun und Lassen lenkte.

Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß
ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen
Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten
Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun
mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da
übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den
Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein
kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an
diesem gottlosen Namen.

                   *       *       *       *       *

Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen
den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und
suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an
dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die
hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte.
Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle
Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie
von einer Wichel nach der anderen lockte.

Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf
Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger
neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze,
weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte
Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem
Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es
herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das
braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und
Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die
seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein
Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den
Focken und Külper zukam.

Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und
tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen
Grönlandshof.



                           Dritter Stremel.


Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe
kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und
Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen
fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den
notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das
Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte
er Gewalt anwenden!

Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die
nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.

Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große
Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn
war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar
dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber
er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei
Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen
Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und
lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen
Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.

Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in
allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein
so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei
seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der
lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.

Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.

Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker
drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach
Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber
schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.

Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die
Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es
kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und
der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln
steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die
gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg,
den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und
oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und
warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der
Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die
vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen
leuchtete es vor Hoffnung.

Der große Tag -- der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie
die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die
Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten
bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom
Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich
unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up
den Dag kannst du di ok noch besinnen?

Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten
helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus
Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch
weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so
laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh!
Huroh! Huroh!«

Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute
aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung
und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das
offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es,
schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich
wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen!
Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.

Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein
Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er
neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am
Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht
he god.«

Stoppi -- stoppi --

Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein
Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und
seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu
entfernen.

Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem
bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf
Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers -- Eau de
Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester,
Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch
alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus
Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt
dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen einige Knechte zur
Bekräftigung.

Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn
ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.

Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
»Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du
weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne
bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat
Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne
rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol
stohn un kummandiern!«

Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll;
blief du man anne Kurrlien!« »Egenbuck!« rief Jan laut und ging an
seinen Törn.

Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.

»Huroh! Togliek! Hödjihöh!«

So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom
Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg
weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei
Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich
Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden,
borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom
nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn
fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner,
jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war
Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die
Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre
beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem
Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war
die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog
ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann
in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon
wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen
mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche
der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van
sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und
zu helfen.

Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm.
Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer!
»Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,« sagte er vor sich
hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf
und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er
frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.

Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt
waren.

                   *       *       *       *       *

Was für Sprüche waren das? -- fragt die Seele. --

Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich
möchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel für unsere
Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die
puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger
Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter
der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der
Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der
Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er
hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier
erfreuten.

Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten
auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.

Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches
Wort:

                    ^Mediis tranquillus in undis.^

Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen
Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat,
dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und
das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte
nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages,
als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den.
Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas
wissen.

Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer
Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und
über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er
nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus
Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter
auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees,« sagte er und fragte nach Schiff und
Stapellauf.

Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf,
als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals
scharf an und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?«
»Jawoll, Herr Mees, latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son
betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et
labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht
^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis
sitt ik all gliek fast!«

»^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der
Meereswogen heet dat!« sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik
woll no See fohren.«

Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der
Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein
Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein
deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum:
»Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches
und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem
Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die
lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen
Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht,
wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance,
Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es
besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer
Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein
guter deutscher Spruch stehen!«

»Schallst recht hebben, mien Jung,« sagte Klaus Mewes, »ik frei mi
jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix
mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut
wi mol sehn.« Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:

                    Ein feste Burg ist unser GOTT,

den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So
ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der
Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee
Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit
ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt
dor noch bi: plattdütsch!«

»So,« lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all,
du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm,
plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«

»Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«

»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«

»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes
Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer
großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.

»Hier, Klaus Mees!«

»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!«

Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie
wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel
daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch
einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter
Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und
leuchteten:

   Hilpt mi, Sünn und Wind,
   hilpt mi bit Fischen!
   Ik heet Klaus Mees
   un bün van Finkwarder.

»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,« sagte er aber doch
dabei, »ober dat _riemt_ sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!« Den
hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.

                   *       *       *       *       *

Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er
hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange
dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen,
denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser
kommen!

Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje
zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln,
die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte
sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre
gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen,
sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals
umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht
klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen
geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas
zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich
wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn
nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte
sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die
kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während
es draußen wieder lärmte und rief.

Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er
dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so
schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es
draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb
angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der
Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer
gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie
Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines
vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen
Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!

Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.

Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren
Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und
taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden:
was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer
nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht
beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom
Neß: Hurra, hurra, hurra!

Auf H. F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, ließen sie den Draggen zu
Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne
an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu
vertreiben, der alle befallen hatte.

Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab:
daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht
hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß
sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern
konnte.

»Du hest dat en betjen god, Seemann,« sagte er aus diesen Gedanken
heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und
noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann
aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von
gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.

Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen
schon die See und grüßte Helgoland.



                           Vierter Stremel.


1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in
Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf
See.

300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu
Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln
tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der
Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg
und der Teufelsbrücke.

Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von
Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie
liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und
Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe,
daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die
Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland und
England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach
Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach
London.

Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine
Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn
sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur
Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen
fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch
steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel
beschatten die ganze See.

Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch
alle am Leben wärt!

                   *       *       *       *       *

Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er
mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen
Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die
erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte,
der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden),
er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen
und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln
und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte
ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land
bleiben sollte.

Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem
saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs
von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen
hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu
seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!«

Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der
Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile
nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa
hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden,
wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See
kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn
er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal
angefangen.

Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte
tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie
Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken.

»Schoster, sünd mien Stebeln klor?«

Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und
deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten,
als könnten sie weder hören noch sehen.

»Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?«

Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten
sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten
machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll
upstillt? sollte es heißen.

Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen
Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er
selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig,
daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so
klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, --
aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen
finden.

»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte,
aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie
wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie
wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder
ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich
geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz
um und lief hinaus.

»Nanu,« sagte der Meister und ließ das Hämmern, »nanu,« sagte der
Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's
versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die
Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über
den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.

»Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draußen, nahm seine
Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein
gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bün ik ne, ober
lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit
war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden
die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten
große Rache.

Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner
Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht
immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich
zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz
riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die
Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom
Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im
Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum
Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen
trocken waren, und zog sie dann getrost an.

»Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm
bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer,
den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten,
rief ihm nach: »Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all
weg!« »Wat schull he woll?« rief der Junge erregt und lief schneller,
aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr
und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle
an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er
den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.

Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm
hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!«

»Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi
hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern
Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!«

»Och wat!« gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he
denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen
Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch
Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne,
wat is dat ok doch all för Krom!« Und er stand auf dem Deich und blickte
mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit
glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot
auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater
fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du
doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater
noch gesehen!

Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es
Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord
mußten. »Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über
den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge
Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und
nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam
nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie
nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit
Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im
Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im
letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den
Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um
ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht
anders gemacht werden können.

Das verbitterte ihnen den Abschied.

Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht
getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit
der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine
deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst
verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel
über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch
ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer,
nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall
eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten
die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem
andern aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und
Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom
daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus
Mewes mit seinem »Laertes«, dem die norddeutsche Flagge von der Besan
hing.

So güngen se up de Schullen dol.

                   *       *       *       *       *

Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre,
sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche
kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange
gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit:
er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst
gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe
nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen.

Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr
bang warrn! Das sagte er sich.

Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus,
dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu
sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!«

»To Sommer bün ik doch all mit an Burd,« sagte er mit halbem Vorwurf,
ohne sich umzudrehen.

»Kumm man rin, weut Kaffee drinken.«

»Och, ik mag nix, Mudder!«

»Ik will di bi magnix! Gliek anto!«

Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da
schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht
geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt
ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und
obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen
eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der
Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen
zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein,
sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz
mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.

Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß,
segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war
immer noch totstill.

Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte
erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die
Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber
trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den
Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte,
hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen
Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder
eine Eve.

Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß
schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen:
Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluß,
Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!«

Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über
das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater
noch sehen und ihm Adjüst sagen. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er
suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein
Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr
werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich,
sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und
Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.

Vadder, ik komm!

                   *       *       *       *       *

Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist
auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich
dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein
wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus
Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.

Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht
da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden,
als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ
sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe
und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und
Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und
Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder
in die Reihe.

                   *       *       *       *       *

»Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!«

Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal
auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des
Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt,
und winkte.

»Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?«

»Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,« rief der Junge, »du büst
jo so fohrn.«

Kap Horn aber machte Weiberlärm:

»Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
innen Lock kommen kunnt?«

Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap
Horn!«

Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun
sollte.

»Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,« ließ Hein
Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx!
Non, Adjüst, Vadder!«

»Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?«

»Jo, dat is jo nix, Vadder!«

Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: Ȇmschicken kannst du em
nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!«

»Dat hebb ik ok all dacht,« stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch
er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern
und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge
es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die
beständig abbröckelnde Kante.

»Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
sall mit no See! Nimm em mit!«

»Dat woll jüst ne,« lenkte Klaus ab, »dat is noch to kold buten un Gesa
weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi
geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus.
Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!«

»Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und
dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!

Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der
Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.

Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie
gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei
seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf
Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er
sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und
Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!«

Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein
Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische
Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen
sein Kommando kam, und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!«

Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann
an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren,
was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts
kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war
Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den
vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen
Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von
Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem
Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff,
dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe
mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzählen.

Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und
zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf
Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den
Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus
und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen
Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und
Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.

So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee
nieder.

»Ik wull, dat geef brodte Schullen,« rief Störtebeker übermütig, »dor
verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den
Topp.

Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt
hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu
behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und
suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an
den Laden kam.

Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das
Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu
sich selbst als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und
der Bodensee!«

Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap
Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich
dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer
zuletzt. »Och nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier
vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,«
befahl Klaus.

»Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
Störtebeker sien Reis.«

»Upseggen!«

Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte
er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein
Lesebuch aus dem Stroh suchen.

Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht
verbeißen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he
sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest
den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen
Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!«

»Jo,« sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de
Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich
Mücke,« setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann,
der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...

   Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
   Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
   Da recket die Magd die Arm in die Höh:
   Herrgott, so rittest du über den _See_!
   An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
   hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!
   Und unter dir zürnten die Wasser nicht,
   nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
   und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
   der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
   Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;
   es stellen die Knaben sich um ihn her,
   die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
   »Glückseliger Mann, ja segne du dich!
   Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
   brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!« ...
   ...

Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer,
obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn
hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war
still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen
konnte.

Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
anerkennend: »Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de
Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und
ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen
zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es
möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer
an Bord bleiben mußte.

Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte.
Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn
und Hein Mück an Deck.

Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord
sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn
hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er
selbst übersteigen. »Adjüst, Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte
kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper
keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder man un segg man, wi kommt
bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok
mit no See!«

»Jo,« sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no!

Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien.
»Adjüst, Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken
standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr.
Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den
Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren
Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber
Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen
Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.

»Warr man ne seekrank, Störtebeker,« sagte der Elbfischer einmal.

»Dor quäl di man ne üm!«

»Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,« drohte der Fischer.

»Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,« rief der
Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über
den Kopf.

Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am
Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen
Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek
in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß.

Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon
rufen: »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, daß Leute bei ihr standen.
Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah,
war auf dem Deich.

»Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?«

»Hier is he!«

»Woneem, woneem?«

»Hier uppen Diek, Mudder!«

Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand
und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er
seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter
und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche
Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat
beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich
schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik
kannt ne!«

»Hebben mütt he wat,« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen
gereizte Alte.

»Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,«
sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das
Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mi
lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!«

Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war
ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über
Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen,
ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne
vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn
ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden
auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen
war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut
von sich gab.

»Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
alleen mit em klor warrn,« bat sie dringend. Der Alte ging mit einem
bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.

Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster
vorhalten. »Dat betjen Hoveree,« sagte er verächtlich, »wat he dor son
Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben
kunnt!« Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren
gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.

Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem
langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn
ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as
Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.

Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm
in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm
ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja
nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt
hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn
und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht
tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen
Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen,
als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.

»Mien Jung büst du doch,« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das
Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat
grote Schipp!«

Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht
schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa?



                           Fünfter Stremel.


Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den
Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind
wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so
kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein
Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es
nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und
ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken
ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen
sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder
aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war
er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen
solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete
den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen
Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach
ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater
noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht,
noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem
mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte
das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem
Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den
durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf
See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser
lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er
drinnen hatte, noch springenlebendig waren.

Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte
er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun
war er eigentlich arbeitslos.

Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die
Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch en
betjen mit de Kinner,« sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die
Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit
aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen
wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er
wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder
Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte
er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und
deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte
ihnen den Rücken.

Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen.
Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.

Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die
Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und
sagte vergnügt: »Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber:
snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten
durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den
Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.

Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete,
daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten
oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter
hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit
den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon
bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem
Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.

»Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker,
hest mi verstohn?« »Jo, Mudder!«

In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand
und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu
erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig
genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie
schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte
er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte
er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen,
und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich
gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen
war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek
gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.

»Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem
Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem
runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war
lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen
und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie
für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank
unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für
Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte
Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des
Kastens stopfte.

Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr
ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh,
Klaus Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als
wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel,
als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie
krächzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der
Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner
Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den
Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich
sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! -- aber das sollte nun
erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht
groß.

»Du büst dummerhaftig, Kluß!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne
bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.«

Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn --
machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage
vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und
Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur
so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater
doch nichts schaffte.

Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der
immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein
Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten
sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei.

Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon
und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder
übermorgen!

Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche
und machten ihn guter Laune.

»Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt
don,« stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife
bringen. »De ward fix nattgoten,« sagte er gleichmütig, dann aber besann
er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,
um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu
streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu
tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis
sein Vater kam.

»Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn
schippern kann.«

»Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,«
sagte der Jäger und sah den Heben an.

Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die
dreierlei wissen wollten.

Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann
wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.

Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
hatte, denn das war am Deich erzählt worden.

Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann
wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine
ganze Schachtel voll in der Tasche.

Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet
ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor
söben van ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters ließ er
es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und
sagte: »De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnaß
und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich
wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es
soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. »De
Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne
mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.« Damit entriß
er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen
noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und
die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn
er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn
nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit
ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten.

Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn,
um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.

In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und
Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.

»Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,« sagte er
zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.

                   *       *       *       *       *

Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus,
ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen
Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und
weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte,
stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder
er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den
vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen
blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen
mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar
wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen
Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung
der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das
Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen
das große Warten auf seinen Vater.

Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk
nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau,
die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie
die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und
aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer
weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch
suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein
wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland
allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr
nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es
gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte,
war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere
große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch
einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht
fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man
mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst
Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.

Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen
zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb
ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht
zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte.
»Nu bün ik behext,« dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und
fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und
vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf
der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to
Baben.

Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war
Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem
Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel
und keine Birne, da sagte er ernsthaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen
un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll
geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte
er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl
zugefügt hatte: »Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker,
un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte
ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und
sagte ihn für später zu.

Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns
hebben.«

Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn
die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle
Diele, denn bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne
Ogen,« rief er.

»Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de
Schinken,« sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter
den Wandbetten war.

»Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?«

Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch
zu hören. Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine
in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.

»Wat seggst du, Junge?«

»Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter.

»Jo, all mien Schinken.«

»Diern, denn kannst du di woll frein!«

Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden
Augen an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?«

Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von
Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der
knochigen Hand.

»Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn
du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.«

»Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die
Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische
von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne
Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden
Rauch nicht mehr aushalten.

Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext
waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte
es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der
Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen.

»Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« --
rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das hätte
nicht kommen dürfen. »Kantappeln, Mudder!« »Keen hett di de geben?«
Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der
Wahrheit an den Tag. »Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.«

»Her de Appeln!«

»Och, Mudder!«

»Her de Appeln, de schallst du ne upeten!«

»Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!«

»Giffst du de her, Klaus?«

Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm
weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der
Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und
versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie
war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie
heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der
Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter
der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann
lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um
die Hexerei unwirksam zu machen.

Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die
Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte
sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die
Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem
Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut
hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf,
ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten
sie viel zu gut.

Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel
auf dem Tische und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een
van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne
krank van. Den et man up.«

Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte
doch: »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant
leber as Prins!«

                   *       *       *       *       *

Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser
und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon
auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen
und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im
Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er
konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor
der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich
zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen
aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn
jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon
weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, --
das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.

Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten
hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater
nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie
zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer,
Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor
seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.

Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn,
denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: »Hebbt ji Vadder ne sehn?
Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?« Wußten die Fahrensleute dann
mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er
einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen
konnten, -- dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder
nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn
nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach
der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei
nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte,
die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer
sagte: »Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!«
-- das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht
zu sehen, so weit er auch blickte.

Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.

Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich
entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer
aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man
noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett
tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon
Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich
doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an,
um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die
sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen
Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen
Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,« sagte er, wenn ihm eine einen
Groschen geben wollte.

Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein
deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte
es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es
nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war
auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen
viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon
mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und
rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite
von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!

»Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!«

»Lurst du up dien Vadder?«

»Jo, Jan! He kummt man bloß ne.«

Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff
vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die
anlaufende, große Dünung drehte.

Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge
in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:

»Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is
ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!«

»Is dat eulich wohr, Hein?«

»Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?«

Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser
war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er
auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn
du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben
Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin
segelte.

»Mudder, weest, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee saßen.
»In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!«

»Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,« sagte die
Mutter erfreut.

»He harr ober man no Hus kommen müßt,« sagte er darauf, »wat deit he no
de Wesser hin?«

»Dat mütt Vadder sülben weten,« erklärte sie aber, »dor is he dichter bi
de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.«

                   *       *       *       *       *

Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches,
am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß
kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und
hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den
Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten.
Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is!
-- aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen
sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch
slechter!

Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen
hätte -- twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! -- daß Hinnik Bott
seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über
Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über
Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es
so dunkel gewesen wäre. »Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er
immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten
ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man en Butenlanner, Gorch hett he
heten, ober wat is dat bedreuft,« schloß die Frau.

Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch
die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu.



                          Sechster Stremel.


Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei
große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der
Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der
Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an
einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst,
als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und
sauste ins Haus hinein.

»Van Bremen, Gesa,« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter
einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob
der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte,
hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der
Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert
Doler, mien Diern!«

»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die
Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat
angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter
Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?«

»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,« antwortete der Postkerl
geheimnisvoll.

Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog
verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf
den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das
rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar
nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und
sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu
rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog
liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein
Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er
gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich
aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat
Glas kannst du utlicken.«

»Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das
Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen
Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten
Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«

»Jüst, Jan!«

»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker
bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot
ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte
sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:

                      Klaus Mewes, Finkenwärder,

ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so,«
pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.

Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben,
und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt
waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte,
sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch
auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.

                                            Bremen, den 29. März 1887.

                             Liebe Gesa!

   Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und
   350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu
   voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut
   getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre
   Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja
   immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen
   wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch
   gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.

   Jetzt will ich schließen.

   Mit Gruß an Dich und Störtebeker

                                                Dein Mann Klaus Mewes.

Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no
Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen
zeigen: rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die
Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und
sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in
die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er
gequält ja sagte.

Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er
wieder an seine Arbeit.

Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst
mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen,
aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!

Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem
Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern
gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen
war, _Büt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf
Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit
Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich
trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine
Inschrift, wie »Kalliope«, »Ceres«, »Fare well« oder »Merkur«.

Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit
Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte
Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen
umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept,
von Hühnern umgackert.

Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit
der goldenen Inschrift:

                    +----------------------------+
                    |    Suzanne -- LE HAVRE     |
                    +----------------------------+

die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und
hießen:

          +-----------------+    +--------------------------+
          |    HOFFNUNG     |    |    Goede Verwachting     |
          +-----------------+    +--------------------------+

        +------------------------+    +----------------------+
        |    HAABET -- SKIEN     |    |    MARY THOMPSON     |
        +------------------------+    +----------------------+

                   *       *       *       *       *

Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen
Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein
Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen
konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er
sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger
stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt
saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und
Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.

Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte,
denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin
und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf
nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man
sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,« da sagte er aber kurz und
bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots
man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er
selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie
dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.

»Will he jüm mithebben, Mudder?«

»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«

Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der
Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte,
und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige
Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ...
de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als
Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du
Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer
ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als
möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg
selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.

Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen
ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte
sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.

                   *       *       *       *       *

Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von
Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von
Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte
die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit
Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste,
Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit
aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach
dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.

Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter
gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein
Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus,
denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon
bald aus, wenn er fragte.

Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn
die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten,
und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.

Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!

                   *       *       *       *       *

Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne
höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an
der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen
ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie
das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene,
entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der
Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr
Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und
seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine
Osterflammen!

»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«

                   *       *       *       *       *

Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet,
Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen
hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es
hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus
Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es
nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden
immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer
saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben,
pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten
wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der
bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß
bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein,
die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.

Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche
gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die
Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, --
aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer
wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen
oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer
von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so
zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der
Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem
Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war
der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der
wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers
ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig
räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in
Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und
ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu
quälen. »Lot man brinnen,« sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal
in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen
dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.

Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein
Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand
am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.

                   *       *       *       *       *

In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß
Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.

Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der
Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor
Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um
den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die
vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich
gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen
werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und
brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.

In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und
niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er
fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus --
über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden,
den er nicht wegwischen konnte.

Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen
Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und
sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er
butenlands gewesen war.

Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an,
als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur
noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die
Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit
fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz
sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel
ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen
waren.

Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der
jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein
Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken
bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ...
Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm!
... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat
fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine
Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus
Störtebeker! ...

»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen
gehört hatte und von unten gekommen war.

»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern
mol mit em snacken,« bat er.

Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem
Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen
von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und
seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von
seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann
aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen,
nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal
Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre,
was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle
Schiffe hindurch müßten.

Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in
dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder,
die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis
die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er
ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die
Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt
hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage
wieder heraufzukommen.

»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,« sagte er zu
seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu
noch vör sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und
kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.

Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die
Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er
ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: ik will mol mit di
snacken.«

»Och, lot mi doch, Mudder!«

»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik
ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut
de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter,
wenn he ne an Land blifft!«

Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß
er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur
keine Antwort geben wollen.

Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für
sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und
erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.

Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken
kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf
dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen
hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete
auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand,
und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der
Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.

Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern
stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu
entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche,
wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne
Vollschiff!

Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male
der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis
er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da
kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all
das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer
wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß
und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und
lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze
Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie
leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf
der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und
spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen
Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine
spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der
Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam
ins Wasser sank ...

»Jan?«

»Wat schall ik, Harm?«

Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und
sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.

»Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no
See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn
Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un
kodimmt warrn mütt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn
goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer,
wenn du goden Wind inne Seils hest!«

Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.

»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok
seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb
keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen,
un wünsch mi keen anner!«

»Snack doch ne soveel, Harm,« beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«

Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft
ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte
sein Seefahrtsbuch.

»Wat wullt dormit, Harm?«

»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!«

Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen
seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem
ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne
Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de
Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu
jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen
Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.«

»Harm, schon di doch,« bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah,
aber der Matrose hörte nicht.

»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm
moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor
ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un
Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch
angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben
mütt.«

»Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter büst un
wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«

Der Kranke schüttelte den Kopf.

»Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder!
Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«

»Ik do ok doch, wat ik will,« sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat
ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«

Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder
hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch
nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.

Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß
der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch
einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein
rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer
und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.

Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und
Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.

                   *       *       *       *       *

Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das
Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte
Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er
Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem
Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen
Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in
einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit
hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld
aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit,
daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger
Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der
manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.

Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief
Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab
und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.



                          Siebenter Stremel.


Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach
dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in
der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der
es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als
Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie
mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als
Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze.
Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im
Bettstroh.

Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie:
anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags
gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst
einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem
Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht
um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der
Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit
nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun
war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.

Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und
die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die
Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des
Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand
die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich
niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner
Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts:
als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte,
war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die
Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem
Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan,
die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker
machte, daß er weg kam, als er das hörte.

Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei,
daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg
gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten.
Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie
drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es
kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem
Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre
wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt
hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei
nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!

Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen
und dampfte nach Neuyork ab.

Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld
zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht
freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein
gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt
verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch
noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.

Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine
Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog,
und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich
genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes
erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er
das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete
lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_
entgegen.

Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein
Vater war wieder da!

Wie wriggte er, wie rief er:

»Höh, Vadder, höh!«

Da wurde er vom Ewer gesehen:

»Höh, Klaus Störtebeker!«

»Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di
dat, Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd
geiht dat jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ...
»Ne, du Schietinnebüx.«

Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte
an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin.
Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater!

»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en
eulichen Snauzbort!«

Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik
bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«

»Dor quält jo man ne üm,« schnauzte der Koch.

Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel,
rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum
Schwoien.

»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich
wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes
erwiderte: »De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit
allemann no Stadt rup!«

»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht
einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit
dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug
und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn
das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf
unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an
den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot.
Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett
wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften -- und richtig
wurde er dem schweren Boot leicht über.

Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen
entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe
und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den
Nebel und an die dunkeln Nächte.

»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut
alltohopen mit no Altno rup!« -- rief Störtebeker schon von unten.

Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt
ihre fest: »Goden Dag!«

»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er
hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte
verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!«

Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn
nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder,
lot ehr los, se schall sik klor moken!«

»Wullt mit, Mudder?«

Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«

Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen
Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und
konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er
mußte alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo
sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter
sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie
eine Pfeffermühle.

Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß,
obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das
Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn
und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken
Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt
wurde.

Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das
Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war
soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an
der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf
den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in
Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser
wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder
hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der
Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die
Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.

Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun
pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte
er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine
Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen
maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,« dann
lachte er sie aus und sagte: »Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut
den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.«

»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.

»Vadder seggt dat,« gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch
weten!«

»Jo, mütt he ok,« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem
großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen
vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach
der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.«

Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.

»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«

Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf,
aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn
erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so
scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!«
Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht
noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos,
sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor,
sondern Fischermann werden.

»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«

»Gesa, mok doch kein Schop bang.«

»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!«

»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!«

Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.

»Bestrof em, Klaus!«

»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa,
anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen
Undöt mihr moken!«

Da gab sie es auf.

                   *       *       *       *       *

Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte
eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.

Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer,
Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise
abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen
guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es
waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt
hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu
verhandeln. Die Händler drängten:

»Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!«

»Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,« lachte Klaus Mewes.

»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!«

»Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,« bemerkte er trocken.

Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs
einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst
einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.

Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der
Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer
in beständiger Bewegung gehalten.

Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest,
wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her.

»Paß man up, di geiht dat nix beter,« steckte Kap Horn es ihm, aber er
lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!«

»Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,« warf Hein Mück
dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem
er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot
inne Koi legen, ast weihn worden is!«

Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa
die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den
Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige
Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an
Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei
machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den
Nudelkastenmännern stehen.

Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den
Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie
sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen
Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.

Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen
schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der
Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas,
einige deftige Eisbrecher.

Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen
der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten, und nannte alle
Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von
dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem
todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen
Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich,
Störtebeker?« -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang
harrk ne worden!«

So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser
schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie
auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch
viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb
gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem
Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein
stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener
war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet
worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht --: dieser lebte
und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht
leben könne.

Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte
und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem
Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der
seesüchtige Junge.

                   *       *       *       *       *

Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker,
als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit
verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.

Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das
ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch
doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen,
Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln
standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften
schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und
ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein
Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter,
langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn
Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott,
obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war
schollenhungrig.

»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens
man mol,« sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit
fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn,
der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie
schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo
war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um
sich den Kasper anzusehen?

Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück
und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser
hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die
vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn
Mark!« ... »För föftein Groschen, Vadder!« ... So rief er dabei, mit
einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle
bezahlen!

»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig!
Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süßtein förn Mark!
Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« echote
Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern
Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen.
Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de
all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht
vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...«
An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.

»De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: de leeft!« »De sünd
jo so lütj, Junge!« »Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!« Er ließ
sich nicht verblüffen. »Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft
achttein!« »Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte
aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!«

Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten
Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!«

Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch
utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worüm hest du em
dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten
kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!«

Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen
konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes
selbst. Ausverkauft!

Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom
Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die
Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen,
Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es
nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte.
Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen
hatte.

Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie
immer nur von den _großen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten,
denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg
und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den
Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde
arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie
hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!

Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und
bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben
mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die
hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift:
Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so
viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die
Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne
Schollenzeit!

                   *       *       *       *       *

Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de
Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an
Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte
die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen
den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen
austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten
Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft
lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk
wedder fangt,« hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die
Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte
Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm
Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!«
»Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei,
der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus
Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte
wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel
hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn
nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen
müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.

In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging
mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest
waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes
wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich
schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander
wegen der Abfälle an.

Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und
verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei
bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im
Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und
schwerer in den Heben hineinwuchsen.

Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen
Aalkörben beladen.

»Non, könt hier utholen?«

»Jo, Jakob!«

Er blieb einen Augenblick stehen.

»Lopt de Ool all, Jakob?«

»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms
hebben.«

»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all
eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de
Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an
Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de
Gildbütel man afkann!«

Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei,
vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte
sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich
warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so,« knurrte er und
stiefelte weiter.

Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus
Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«

Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann
mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor
steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien
Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat
all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik
gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en
trurigen!«

»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder
no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das
Wasser.



                           Achter Stremel.


Es war Ostern auf Finkenwärder.

An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen
ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im
Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln.
Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die
Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen
Reiher.

Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr
Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst
auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er
geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege
geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege
es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber
abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu
viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.

Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen
Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach
Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel
auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute!
Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen,
den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord
gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.

Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und
seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen
und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten,
mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das muß verblassen vor der
großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag
anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.

Breit und blau grüßt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser
Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom.
Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen
flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das
Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme
aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber
und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken,
schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie
wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher
Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser.
Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen
lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche
gehabt hat.

Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die
Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen
Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen
Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs
stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die
aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von
Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen
Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der
Insel.

Da kommen sie an, die Osterleute.

Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen
sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand
-- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute
Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die
Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die
Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben
jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und
die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen
in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen
Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste
Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den
Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie
ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das
kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr
an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen
von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler,
sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der
Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher
fangt se doch all an to prüntjern).

Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen
zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den
ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein,
sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich,
die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die
Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster
schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und
fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle.
Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser
das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und
der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so
geht es immerzu.

Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn
sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das
Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das
Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen
Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden
alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den
Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes
manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke,
damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder
herum.

Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß
geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling
stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats.
Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung
stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen
ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in
den Heben ragte.

»Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen
hatte.

»He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,« erwiderte der Baas.

»Dat Schipp is god,« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an
dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen,
Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor
Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter
bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol
wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees
heet!«

»Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der
Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi
noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!«

»Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?«

»Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.«

»Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi
hebbt H. F. 500 up See!«

Der Baas aber sagte nur: »Wi weut dat best höpen,« denn er glaubte nicht
daran.

Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter.

                   *       *       *       *       *

Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein
Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er
habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder
vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel
an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das
Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen
hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte
Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De smeckt
as Sucker!«

»Söben,« rief sein Vater.

»Kann ne angohn,« sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens
dree Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!«

Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich
und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er's
merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier
untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches
Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und
sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde
eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich
liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig, Vadder! Du
säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen,
Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du
ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden
Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß
gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam
glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich
zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes
aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen.
»Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn.

»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in
Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht
verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier!
Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!«

»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren
konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de
Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«

Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten
warrn.«

Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um
sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen
ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch
mit no See?«

»Nu noch ne,« bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,«
Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach
dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre
Reise schon mit an Bord.

»Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang
in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.

Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er
ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen
Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem
Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite
in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber:
Ölzeug für Klaus Mewes junior.

Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen
Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen
Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von
Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des
Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.

                   *       *       *       *       *

So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein
starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis
Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus
Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen
Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel
im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.

»He hett mi förn Narren,« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur
Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der
Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der
Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing,
und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn
alle Tage.

Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und
dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte,
bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen
Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein
Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der
Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom
Neß, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm
fast den Atem! --, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und
pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß
mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den
wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte
sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab,
schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie
abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er
machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren
Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die
Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war
keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen
mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und
er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und
Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.

Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,
unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel
unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte
aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den
Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb
auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von
seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so
manchen Deichbruch verschuldet hatten.

Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper
von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter
ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter
ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und
lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders,
des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in
schwarzen Kleidern zu tanzen. »U -- en Snilläuper!« Vorbei braust die
wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt
ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben
soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt
batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür
ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte
der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.

Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand
ausstreckte, sondern fragte nur: »Wat is dor los?« »Ik bün de Snelleuper
un heff snell lopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig
lopen kunnt,« sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.

Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu
vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten,
daß der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder
sangen:

   Schosteenfeger sitt upt Dack:
   goh no Schol un lihr di wat!

Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen,
denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und
Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat
Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der
Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und
Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und
fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet.
Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und
Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und
Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche
Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck
standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und
an dem großmaschigen Störgarn, -- er hatte neun große Störe gefangen,
die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an
Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht
kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe!
Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und
mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der
Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ,
weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern
mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in
den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein
Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und
Marieken Kröger lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf
seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich
und an das Land zu gewöhnen -- er sprach von der See und guckte nach den
Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.

Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie
keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn
Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall
holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu
überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich
den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf
zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe
westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei
Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht
sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.

Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und
Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe
aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker
machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte,
häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die
Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren
Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte
sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der
Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine
ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.

»Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker
schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne,
Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn,
de driggt wat, kann ik di flüstern.« Er mußte sich schon den Schweiß von
der Stirn wischen, so riß er sich ab. »Lot em giern bit an den Dullbom
to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!«

Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand
war. »Nu weut wi utscheiden, Harm,« sagte er väterlich, setzte sich auf
den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott
machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß.
Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich
nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte
und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.

»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,« sagte
Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat,« setzte er hinzu, als
er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen
vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe
überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb
erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie
sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten
die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich
wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie
griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und
wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt
saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden
Segeln.

»Nu ist Stallwoter,« sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach
den Blasen auf dem Wasser, die still standen.

Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von
Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam,
die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf,
unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm
allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser
mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die
ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte,
dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und
wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser,
wie sprang, wie lief, wie wallte es!

Flot, Schipper, Flot, Flot!

Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen
folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom
Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen
fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei
Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei
Segeln.

Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und
ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. »Gliek sünd wi flott,
Harm!« rief er, »kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen
Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden
und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand
eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut
täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den
Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück
des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.

Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen
Wasserfläche -- und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich
nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie
wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem
Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer
Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.

»Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,« jammerte sein Kamerad, »wi
flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte
Klaus, »kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den
Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand,
aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte
es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte
er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur
noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging
hastiger mit dem Riemen zur Kehr. »Bang bün ik ober ne,« sagte er ...
Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi buddelt af,
wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns, hilpt
uns!« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren
noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß,
wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst
zurückgerudert.

Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der
Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!

»Hilpt uns, hilpt uns!«

»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte
Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!«

»U, ik bün jo so bang, Klaus!«

»Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß
mit ut, du Knappen!«

Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf
unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem
Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte
das Fahrzeug sich jetzt. »Huroh, wi hebbt em,« rief Störtebeker, »noch
en lütj betjen, denn geiht de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die
Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine
kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer
doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die
hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon
bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit
aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall
gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser,
wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war
nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das
Wasser auszugießen: es war zu spät.

»Wi versupt, wi versupt!«

Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten.
Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu
stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das
Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten
sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch
mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war
still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser
ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine
und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht
umrisse.

Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen,
nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten
wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der
weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen.
Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften.
Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm
festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie
wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann
noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und
sich mit den Riemen treiben lassen. »De drägt uns as en Beesenbült,«
sagte er zuversichtlich.

»Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!«

Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote
kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen
klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne
mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der
Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern
schnellere Fahrt zu machen.

»Nu hol di fast,« sagte Störtebeker.

Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie
erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord
zog.

»Junge, du kannst wat moken,« sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll,
wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch
afsopen as son poor Rotten!«

»Non, denn lot di man en Medallje geben,« antwortete Störtebeker und zog
die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.

»Nu büst doch mol bang wesen, wat?«

»Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat
schreest du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten,
aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte
an die Schläge, die zu Hause seiner warteten.

Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem
gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.

»Segg den Düker man Bescheed,« sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als
sie gelandet wurden.

Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen
bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un
Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel
hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich
zum Abendbrot hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen betjen,
Mudder!«

Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker
wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte,
wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.



                           Neunter Stremel.


   »Der Allmächtige, der Herr der Götter,
   vor dem der Engel niederfällt,
   Gott redet donnernd aus dem Wetter
   und ruft voll Majestät der Welt!
   Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
   der Wald ertönt, es bebt die Flur!
   Und Blitze sagens Blitzen wieder:
   Gott ist der Herrscher der Natur ...

... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne
Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht
in Für un Flammen!«

Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen,
Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit
bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten
Donnerschlägen ängstlich zusammen.

Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer
dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf
der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht
geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit
Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken
und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall
alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich
erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und
Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter
sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem
Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und
Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird.
Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und
her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie
müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß
wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind
vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen
mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die
nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es
Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.

Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn
die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch
die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte
das Haus in seinen Grundfesten.

Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die
grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war
bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere
und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie
wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im
Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.

Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender
Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!

»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte
den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn
in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz
und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine
Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es
einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber
geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja
morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«

»Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«

»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,« sagte der
Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht
bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!«

»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?«

»Jo, dat is gewiß, Mudder!«

»Wat en Slag!«

»Junge jo,« sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett
alle Negen smeeten bit Kegeln!«

»Junge, lot den droken Snack!«

»Err -- hett Vadder ober seggt!«

»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«

»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne
Koi un slöppt!«

»Dat gläuf man ne!«

»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang,
Mudder?«

»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«

»Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!«

»Wennt obers insleit, Klaus?«

»Sleit ne in, Mudder!«

Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder
noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!«

Du un dien Vadder -- das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter
stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat
inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,« rief Gesa bei jedem Knall, bis
Störtebeker es zuviel wurde.

»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert
wesen,« sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht
hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig
in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten.
»Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut!
Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen
kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!«

»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van
warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!«

»An Vadder dink ik jümmerto.«

Störtebeker wurde gesprächiger.

»Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un
de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward
all de Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken.«

Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald
hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte
sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die
Scheiben.

»Schullt woll all Flot wesen?« fragte Störtebeker und holte den
Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo,
is Flot! Gott Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de
Wind dor woll achter!«

Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er,
er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat
ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den
nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine
große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das
Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen
jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte
nach der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des Bollwerks: ein
Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick,
wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!

Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen
konnte: »Höh, Vadder! Höh, Vadder!«

Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!«

Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier
afward! Kiek man bloß mol ut!«

»Ist wohr, Klaus?«

»Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert« --
damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der
Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er
schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich
geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen
rote Seitenlaterne sein Kompaß war. »Vadder, ik komm all!« Die Reise
dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden,
dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug
steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die
Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die
Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte
Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kümmerten ihn Regen
und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an
Bord!

Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich
niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf
war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstießen,
Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese
schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen
hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch
lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.
Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.

Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa
stand in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie
hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien
sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts
als Regen gehört hatte, wie freute er sich!

Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie
fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden
Linden in die Arme.

Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte:
da war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und
weit genug, da war ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein
Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber
Störtebeker probte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er
zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang
gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf.
Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging
vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge
lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte
aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.

»Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?« rief er übermütig und
guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell
los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen
herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als
er so freiherrlich dastand.

»So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!«

»Jo, Störtebeker, nu ist so wiet -- nu kummst du mit no See!« sagte
Klaus Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen
gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.

Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.

»Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt?
Ji hebbt alltohopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See,
huroh!« rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich
warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter,
grober Stimme: »Non denn so wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!« --
daß alle lachten.

Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den
Tag, darunter als Hauptstück die große Haverei. Kap Horn aber erhob den
grauen Kopf und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der
Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die
Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner
Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um
auch etwas zu sagen.

»Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,« sagte Gesa, in deren
Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, »denn nimm em hin! Goht hin un
verdrinkt alltohopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist en
Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du
deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di
storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen
nehmen!«

Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die
Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt
ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und
Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie immer wieder
nicht mit konnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne.
Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der
verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und
Unwetter -- und fand sein Leben doch groß und stark und schön, daß er
sich kein andres wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen
wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten
immerdar Fischer bleiben.

»Gesa?«

»Wat schall ik noch?«

Sie war müde, körperlich und seelisch.

»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch?
Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?«

»Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?«

Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin
keine und werde niemals eine werden!

»Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an
Burd! Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben!
Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi
dat up See is!«

Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und
schüttkopfte. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de
Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!«

In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde
zu wählen, und er wählte den Jungen.

                   *       *       *       *       *

Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn
er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging
mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die
Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der
Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn,
der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er
dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen
sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas
taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Störtebeker? Das
zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und
er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker
aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch
etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden.
Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen
Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte
^plenty money^ in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal
preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für
allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in
der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde
wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der
einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er
sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!

Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes
auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog
und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch
wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt
stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte
die Sachen für den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer
angeborenen Heiterkeit kam.

Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was
suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn
Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken,
Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher,
Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen
auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei
nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer
kold -- und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und
Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehörte dazu.

Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen
Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten
an, indem er sie von der Leine schnitt.

Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden,
die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den
Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord
haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie
hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit
Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder
über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu
sagen: »Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un
Kninken an Burd hatt hebbt.« »Jo, op grote Scheep,« sagte Kap Horn, »das
is ok wat anners!«

»So? Fischereber is ok en grot Schipp,« rief Störtebeker patzig.

Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot
und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und
Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam
vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde
von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er
bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden,
solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord
falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: »Sien Vadder is
verrückt: wat schall dat Gör all up See?«

Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall
dat denn?« fragte Störtebeker verwundert. »Och, nehm man mit! Is god för
de Fohrt!« »Neem to?« »Kumm, dat segg ik di int Uhr,« raunte der Krämer
und flüsterte: »Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist
de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.«

Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne
sowas nicht passieren.

Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er
fürchtete, daß sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht
alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er
schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise
seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die
Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!

Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle
Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an
Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht in Brand lief.

Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der
Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es
scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und
dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm
verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu
weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich
nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte
in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er
zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in
der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis
sie sich ihm verwirrt entzog.

Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm
damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der
leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte
ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen.

Adjüst! Adjüst! Adjüst!

Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und
bellte nach Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er
Adjüst sagen wolle.

Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der
Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann
schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, -- langsam zog es
davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte nochmal,
Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte
Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und
spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem
Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich
bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.

So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei
Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und
dem Gebell von Seemann.

Fahr wohl, Störtebeker!



                           Zehnter Stremel.


Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt,
ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du
Wasser mußt blinken, auf daß die _Freude_ in Klaus Störtebekers Herz
komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde!
Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem
Kampf mit Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa
vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu
machen gedächte!

Denn ^navigare necesse est^ -- Seefahrt ist not, und bitter not ist es,
daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!

                   *       *       *       *       *

Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter dem Schweinesand,
dwars von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfaß mit frischem
Elbwasser, wobei Störtebeker fleißig half, denn er konnte auch schon
eine Pütze tragen. Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen
gehabt, nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel und den
Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus
dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch
Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den
Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen
Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu
schruppen und zu dweilen.

Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln,
bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache
bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte
vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente
die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken.
Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.

Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam,
daß er sich immer wieder wundern mußte. »Dat reckt bit inne Wulken,
Vadder,« sagte er, »uns Karkturn is nix dorgegen.«

»Ree,« rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht
hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in
den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig
schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber
drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte
sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck
erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der
andern Seite voll und der neue Streek begann. »Gohn!« scholl es über
Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die
Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.

So ging es die ganze Tide.

Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter
Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich
nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden
Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die
Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm
Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes,
die Berghäuser von Blankenese (»dat de dor ne dolpurzelt!« sagte der
Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den
Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten
Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen
Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem
Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem
löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade.

Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm
doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die
Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand,
darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er
mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien
es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in
der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.

Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem
Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: »Hest ok all Heimweh?«
da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht
verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: »Muchst ok all
wedder no Hus hin, no Mudder?« -- da schüttelte er nur den Kopf wie im
Traum und blickte nach den Segeln hinauf.

»Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen
wedder annen Diek!« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der
Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von
solchem Schnack nichts wissen wollte.

Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und
schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker
zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen,
steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie
nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß
sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden
Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten
Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander.
Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen
und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.

Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den
gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht
mehr hören konnten.

»Büst ok all bang, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes, schon halb im
Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.

Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte.

                   *       *       *       *       *

Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus
Mewes: »Seilen!« und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel
anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten
mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben
wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht hatte, aber er stand
doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock
mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es
war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Großsegel stieg
auf, die Besan folgte, dann der große Klüver. Auch auf den andern
Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl
der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde
herüber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten.

Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln konnten, schier
dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll
und der Ewer, ein großer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach
dem Fahrwasser zurück.

Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes
wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse
hätte. Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß
und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den
alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder
zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht
an ihn, denn er zitterte vor Kälte.

Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel
Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, daß er
aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon
gekommen wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes,
schmutziges Wasser und lief, was er konnte. »Vadder, neem sünd wi all?«
»To Freeborg, Störtebeker,« rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von
Freiburg an der Elbe.

»Neem is de See denn?«

»Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!«

»Ne, dat gläuf ik ne,« rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein
Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf
und hieß ihn kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser
war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der
Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen könne, rief er
kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Daß Fische darin leben
könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch
geheimnisvoller für ihn.

Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel
weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen
bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck,
wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste
Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.

Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der
vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er
beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her:

   »Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,
   kridderwidderwitt, den deen ik ne!
   Den sien Lohn is mi to wenig,
   Pillkantüffeln mag ik ne!«

Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die
Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was
sollte ihm da die See tun können?

Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch
zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus
und übernahm das Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen
schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß
Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das
Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich
gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit
vermacht wäre.

Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne
sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine
große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge,
zu sagen: »Dat is ok jo wieder nix as Woter!« -- aber er verbiß es, denn
er dachte: Erst ganz hin sein!

»Vadder, neem fischt wi nu?«

»Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne
sehn!«

Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn
es mehr sein sollte als die Elbe.

Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die
die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die
Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm,
die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine
Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen
Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich
standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen
guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und
drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.

Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See
größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab
tauchte und sich schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und
ließ sich nichts merken.

Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken
Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine
breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel
ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die
See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen
Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas
über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr
aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der
Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst
geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.
z. W.

Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte
die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater
ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das
Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er
nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der
Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn
am ersten davor zu bewahren.

Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß
Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt
hätte.

Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da
vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich
den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die
Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen.

»94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weest du doch!« »138?« »Jakob Mees.« »3?«
»Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte
erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen
flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er
aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und
Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der
Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war
gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln
hätten.

Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach
dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein
nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem
Gedankenaustausch über das Wetter.

Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot
nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß
Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand
ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im
Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er
nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde
und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das
nicht, nur das nicht!

Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück,
daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die
Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig
und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine
Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte.

Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der
Kehle stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig
dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.

Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde,
sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge
erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich
noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden.
Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein
auf Deck wäre!

Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts
geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte
sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht
geben!

Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen
mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord
gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der
Seefischer ging nach vorn -- da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt
unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje
auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn
schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren --
schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die
Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im
Gesicht! -- Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix
wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch -- da ging es wieder los:
Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann
bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am
Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck
sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch
ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten
Gesichts, dann aber mußte er sich geben. »Gliek ist all rut,« tröstete
er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer
ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und
lag dann regungslos auf der Ducht.

»Bang bün ik ober ne, Vadder,« sagte er matt, »bloß seekrank!«

»Schall ik di wedder an Land setten?«

Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn
er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem
alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war
als die Luft in der Koje.

Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise
und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt
wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder
nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute.

Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.

Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die
meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte
Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney
und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel
nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im
Norden blinkte.

Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die
düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und
der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.

Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d.
h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind
nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein
konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus,
dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn
nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in
die Koje.

Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in
den Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden,« sagte Klaus Mewes, »dorüm
kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.«

Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste
wie nichts Gutes hinter Helgoland.

                   *       *       *       *       *

In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch
nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen
nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.

Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze
Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte
Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf
der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete
an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der
Morgenkaffee.

»Vadder, neem sünd wi?«

»Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne
fischen könnt.«

»To Anker, Vadder?«

»Jo, Störtebeker!«

Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal
so sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm
seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie
nicht wiederkommen sollte.

»Blief man giern liggen,« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst,
während er geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an
Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix
för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du
ok nix, dat kann jo ne god gohn.«

Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann,
der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu weut
wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der
Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six
gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder
unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn
nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das
Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.

Denn siehe -- Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich
angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der
Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war,
es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch
nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer
aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen
und zu tanzen begannen.

»Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile.

»Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!«

»Dat segg man nich to hart,« rief der Knecht von der Diele.

»Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will
ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!«

»Non!« sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an
Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die
Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.

Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die
große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen
Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs,
auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines
Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder
Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ
ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und
sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig
verjagt werden.

Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so
viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen
und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.

Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer
mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte
ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen.

»Up Hilchland ist fein, Hein Mück.«

»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,« sagte Hein Mück aber und zog
die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern
mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.

Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand
noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und
raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie
Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber
er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich
heran.

An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest
und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald
schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte,
und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was
Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch.
Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die
kleinen, kleinen Ewer und Kutter.

»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker.
Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden
Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die
schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann
schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee
getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und
breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand
ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber
brandete die See in dumpfem Grollen.

Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den
Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen
Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und
krächzten.

Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb
einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland
und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über
die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm
hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn.
»Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un
Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud
weurn.«

Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu
Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem
großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder
in ihr Recht und alle stürzten an Deck.

Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten
aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen
eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber
weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und
dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen
südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an
seinem Ruder aus.

Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn
der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum
Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte,
nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die
Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit
seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden
war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.

Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle
angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte.
Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer
geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die
Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum
und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann
ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser,
mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben
aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker
war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle
Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die
Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den
Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen.

Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier
Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und
Knecht gingen in die Puk.

Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem
Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden
aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle
sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord
und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber
anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und
verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.

»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen
bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet
hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei,
drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen
die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen
gelassen hatten.

Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des
Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er
sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der
Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß.
Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über
die Reling.

Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich
zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war
Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und
rief: »U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all
wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een --
den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!«

Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert,
der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer,
daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn
deshalb in die Talje nehmen.

Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und
anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das
Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und
quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.

Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam
gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das
war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn
die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und
spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da
schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die
Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und
Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein
zerbrochener Topf und ein großer Stein.

Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach
der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie
kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker
mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die
Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte,
in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne
bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht
frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake
gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und
setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel
ab und nahm seeseitigen Kurs.

Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen
waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.

Der erste Streek war getan.

                   *       *       *       *       *

Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie
taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische,
die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu
sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje
und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei
Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann
durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter
wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war
oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.

Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen
wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek
aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.

Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen
leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten
ja! »Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!« versicherte er immer
wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von
dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes
Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und
war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht
bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.

Wie im Fluge verging die Zeit.

»Is so wiet,« sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!«

Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp
zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: »Kap
Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«

»Jo,« brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch
die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn
aber schwang sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat egentlich forn
Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier
bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens _utsungen_ warrn mutt?
Paß mol op: so heet dat:

   »Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,
   reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!
   De een von jo sallt Ror verfangen,
   reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
   acht Glosen sünd slon!
   Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!«

»Junge, dat is jo en ganzen Gesang,« rief Störtebeker, »den kannk ne
beholen!« Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder
eingedusselt war: »Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di
ne seggt, du schullst upstohn?«

»Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam
flügst,« drohte der Junge mürrisch und erhob sich.

Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle
drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen
lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder
über den Masten.

Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer
als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen
drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der
Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt?
Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr
zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder,
daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät
hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht
sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor
Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer
unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles
ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein
Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes,
Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem
armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und
sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet
ist.

Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine
Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich
diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden.
Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte
jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde.
Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter
großem Geknurr.

Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das
Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen!
Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in
den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes
wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer
Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen
Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden
konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die
Sonne ihn abgetrocknet hatte.

Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder
schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und
Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte
Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte
ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken
füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte,
Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und
Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten
Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer
bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch
die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so:
als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen
Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und
konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie
Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber
angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten -- in die Hände
hatte er schon dreimal gespuckt! --, wat meent ji woll: mit einem Mal
taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den
Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein
Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute
hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje
Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht
nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen,
bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war.

Gotts den Dünner -- was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn,«
rief Störtebeker verdutzt, »wo grot is dat Leck denn wesen?« »Och so as
mien Arm dick is!« »Son dicke Ool gifft ober ne!« Kap Horn ließ sich
aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! »Veel
Pund schull de woll wogen hebben?« »Dor mutt ik um legen, Störtebeker:
Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!« Der Junge
konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und
trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: »Jä, nu segg mi ober
mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch
butenburds?« Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu
finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung,
indem er tiefsinnig erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn
ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom
snacken.«

Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig
fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele
darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal
erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der
beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein
andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die
Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es
heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und
Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek
funnen hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der
Tür

                              Jan Wurt,
                             Elbfischer.

und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und
ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte,
ging die Tür des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die
Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei
ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter
spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er
gröhlen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am
liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte
das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,
hochhellichten Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor Jan
Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...

Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus
umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte
ihn den Kompaß nach der Weise:

   West zum Norden, Westnordwest,
   unsre Freundschaft stehet fest;
   Süd zum Osten, Südsüdost,
   deine Liebe ist mein Trost! ...

Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache
er die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen
und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie
hinteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, so oft
Störtebeker auch aufzog.

Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen
wollten: Man to, wi sünd all hungerig!

Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser
Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor
sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat
auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm
im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch
betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte.
Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie
paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern fing, daß sie immer voll
standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See
ab, daß er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!

Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und
Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und
andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben
und beschwögten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen
Feste, die nun bald kamen.

Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach
dem Mittagessen -- gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! -- an Deck
gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen
gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen
aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin
und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten
schlugen mit den Blöcken.

Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes
machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose
Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung
und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der
Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen
tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.

Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte
lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh
waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie
nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das
Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die
angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in
großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber
auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser
unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und
verzehrte.

»Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,« rief Kap Horn, aber
Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man
tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der
Kimmung.

Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen
Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom
Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk
auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei
eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht,
denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die
träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und
untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter
erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer
einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem
Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete!
Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen.

Es blieb die ganze Nacht todstill -- erst gegen Morgen kräuselte sich
die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.

So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden,
oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog
hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie
hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die
Reise!

Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach
der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die
Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser
wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl
aber auf der Elbe.

Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte
kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte:
vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig
mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in
der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.

Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam
Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei
Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere
stehenden rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt
worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meere
verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht
auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei,
Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte
sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser
hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.

Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre
Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren
nur zu fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu
viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den
Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und
mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen
abklopfen mußte.

Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem
Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker
aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß
bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen
Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß schrieb, während
Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirtes,
denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten
ließ.

Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der
Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er
schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei
immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute
abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der
Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die
Kaninchen nicht vergessen.

Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den
Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf.
Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den
weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mußten an
Bord und nach See.

Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu
Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu
sehen, was er sehen wollte.



                           Elfter Stremel.


   Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
   Kämpfer einst Karls in der Schlacht;
   Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
   jetzo wie einst noch steht er und wacht!

H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen
groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der
Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser
gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten
überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und
hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die
Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie
Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen
nach ihm zu werfen, da rief er: »Ji verdreihten Zigarrenmokers!« (das
hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging
ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht
ergriffen.

Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren
minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die
Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen
die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu
nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der
Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern
Ewer fern.

Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle
entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche
klirrend zuguckte, bis er sagte: »Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de
Luken to!« Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken
und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und
Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ.

Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn
sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie
alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue
Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus
und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von
all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen:
das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grünspan; das könnten
sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war
ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht
bis fünf zählen könne, lachte er.

Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden
Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen
Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; -- denn da gingen sie
unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich,
wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten
und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. »Hier in Bremen hett de
lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,« flüsterte er seinem Vater
zu, der leise lachen mußte.

Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen
und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen,
englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in
offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um
die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische
Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des
Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht
lange im Schnack aufhielten.

Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen
Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. »De mütt dolspeult
warrn,« sagte Klaus, »lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller
is jo bi de Hand!«

»Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for
Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!« rief der Janmaat, aber
Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff
und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.

»Een van de Groten bün ik ok,« sagte er stolz, »ik bün Reeder un Käppen
un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,
Störtebeker!«

Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich
mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.

»Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn,« lachte Klaus,
»büst ok bang, Störtebeker?«

»Ne, bang bün ik ne, Vadder.«

Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten
wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten
gewiß zu Heini Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als
Klaus Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit lauter
Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas
süßen Weins für den Jungen bestellte. Da nickte er höflich und brachte
das Verlangte.

Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der Finkenwärder so laut
oder daß er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die
bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich
dadurch in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und sie ließen sich
durch alle Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein
italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen
konnte, sie sahen Fässer, die so groß waren wie ein kleines Haus, sie
kamen durch den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte
Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie hörten von Wein, von
dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.

Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die
Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte,
waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstraße an dem
schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück.

Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich
etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen,
daß er allerhand Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann
an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen Wind hatte und sich
nicht geben wollte, goß Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers
über den Kopf, um den großen Brand zu löschen.

                   *       *       *       *       *

Keine Luft von keiner Seite ...

Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in
totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon
keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt,
nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten
vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hängt die Kurre am Mast,
ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das
Deck nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten könnten und
daß das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer.

Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer
wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die
Strömung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das
große Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe läßt
sich sehen.

Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und
schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfaß und
liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor
mitgegeben hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil
erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bünn, bis an den
Hals im Seewasser.

Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter
Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen -- das
sagt alles.

Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? -- Son Schiet! -- Knütten?
-- Son Snarrkrom! -- Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln,
kreuzen, denn sie müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der
Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann
war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun
kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem
Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wäre mit
seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schön -- ^very dry^.
Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht -- verdreiht! lesen.

Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er
Löcher hineingucken. Dabei hörte er das Spalken und Plätschern im Bünn.
Erst wollte er Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn
noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf
der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in
Berserkerwut über Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und
sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend
wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.

»Kiek mol ober, Kap Horn,« rief Hein Mück, »ik gläuf, Klaus hetten
Sünnenstich kregen!«

Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein
Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte
und rief: »So ist mooi, Kap Horn!«

Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem Setzbord und bellte und
Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.

»Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne
Been,« warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und
warf ihn über Bord, auch fierte er einen Riemen längseit, damit der
Schwimmer einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich setzte
er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in
die Nähe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne
Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer
sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals
in der See schwimmen.

Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.

Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und
als der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen
und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. »Störtebeker,
wat mokst du?« rief er, »Klaus, kiek mol den Jungen!«

»Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un wennt mitten Dübel
togeiht,« gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann
kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra
nach.

»Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen,« rief Kap
Horn, als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte.

»Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen,« rief
Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte:
»Du meenst woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott,
kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: paß up!«

Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. »Junge, dat do ik ne
wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat
bitter!«

Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in
seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen
sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und
bewachte die drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen Ewer,
der wie tot auf dem Wasser lag.

So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in
der See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen
Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.

Wenn Gesa das gesehen hätte!

Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ, saßen sie
allemann auf Deck. Dort aßen sie auch Abendbrot, denn in der Kambüse war
es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken
und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.

Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See
und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit
verbreitete es sich über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der
Donner und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und
seine Gesellen begrüßten das Wetter mit Freude, denn nun mußte ja auch
Wind kommen und sie erlösen.

Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und
gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der
gefährlichen Nähe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind
auf den Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten
erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam
allmählich in leise Bewegung. Geruhig saßen oder lagen die Seefischer
unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie
die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der
letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie
wieder Wind genug.

                   *       *       *       *       *

                                    ^Ships that pass in the night ...^

Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so
heller um den Schleier der Milchstraße. Wie tanzt der Orion, wie blitzt
die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie
gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige
Wisch, die mit abertausend weißen und bunten Blumen bewachsen ist und
auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.

Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie
urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen Wiese in den Blumen grasen.
Ruhig und bedächtig grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam
weiter.

Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in
solchen Nächten nicht viel.

Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und
gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb
spielen die Fischerlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als
ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie
ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast
und wie im Traum reißt der Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel,
an seiner Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im
Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem Kompaß und Klaus
Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hände in
den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn
Steuern hat er längst gelernt.

Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck
ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er
nicht: da fühlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein
Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und
Masten ihre eigene Sprache. Nächte, die gewesen sind, und Nächte, die
noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen
beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle
Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen,
wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der
Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt,
die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muß er
Verklarung über sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht
lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je
höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine
Wurzel -- und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.

Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weiße, grüne, denn
sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen
Gründen wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das
Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo
einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe
gekommen sind, abgebrochen herüber.

Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen
seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben
gerufen.

»Klaus, büst du dat?«

»Jo, Hinnik! Wat fangt ji?«

»Ochott, is ne slimm: acht Stieg!«

»So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?«

»Morgen weuf utscheiden!«

»Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn,
Klaus.«

»So!«

Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als daß das
Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder
schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt
starr in die Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden
untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters Todesschrei aus
der See heraus.

Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den
Sternen.

                   *       *       *       *       *

Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff
sich mit haushohen Seen abriß, wie es leck wurde und wie zuletzt eine
große Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem
Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen.

Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren
ihr Mann und ihr Junge.

Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.



                          Zwölfter Stremel.


Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen,
Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:

   Schomoker, sett di annen greunen Diek,
   Schomoker, sett di annen greunen Diek.

»U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor!
Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.«

»Höh, Klaus Störtebeker!«

»Höh, Peter! Non, wat mokst?«

»Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!«

»Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns
Eber süht ut as ik weet ne wat.«

»Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?«

»Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.«

Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen
vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war
größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein
Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände waren die eines
Tagelöhners.

»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See,«
hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es
nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm
sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog
den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter,
Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des
kleinen Gesellen.

»Hest den flegen Hollanner ok sehn?«

»Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in
Sicht kriegt, de blifft!«

»So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn flegen Hollanner,
Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind
hest, un warr man en fixen Fischermann, hürst?«

»Jo, Willem, dat will ik ok,« sagte der Junge mit lachendem Munde und
ging stolz weiter.

Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose
wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...
Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen
hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm
fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem
Ewer.

                   *       *       *       *       *

                                             Sonnenwende, Sonnenwende!

A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts
Hoffnung, und der große, weiße Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die
noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im
Köhlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten
wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß
spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen
Sinn.

Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das
Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei
Helgoland und Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die
schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch
Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.

Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen
und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen
See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen
erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.

Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und
Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen
haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.

Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei
waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn
andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig
seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu
Gesicht stand, und binnengekommen wußte er nichts Besseres zu tun, als
den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.

Hochwasser!

Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht
Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte
Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und
läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser
sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die
Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes
Ding sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen
Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt!

Es _ist_ ein großes Ding: _Karkmeß_ ist da, der Jahrmarkt, der
Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung
und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es
Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein.
Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht
kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: »Den geiht dat jo woll bannig
lütj: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus ween!«

Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen
und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von
Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der
Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder
soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt
und »söben Weeken vör Karkmeß« oder »fief Weeken no Karkmeß« sind genaue
Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das
Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit.
Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend
an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los,
die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen länger und mühseliger und
das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.

Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er
sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in
Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer,
um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten
entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen
sie einen Tag lachen.

Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling
verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See
und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext.

Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen
wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet
mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem
Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.

Es gibt auch mancherlei zu tun.

Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und
Fischerjungen auf Musik sind und sich _en Perd_, ein Mädchen, für das
Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt
wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den
Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die
Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein
Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen
Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und
daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschruppt und
kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren
werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über
sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.

Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer
zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er
holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und
Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden
Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.

Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt,
schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene
Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der
ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an
Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und
geloht, damit sie haltbarer werden sollen.

Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen
Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen)
und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.

Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer
und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.

Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied,
beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist
allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also
das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer
seine Zinsen.

In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835
gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu
vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen,
das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner
Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch
wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und
niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von
Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.

Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten
Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom
Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen,
Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!

Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch
nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und
gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die
Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag
ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und
Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper,
mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün
und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht und
die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was
sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und
getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue
wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und
Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr
können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an
Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los
ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen
zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen
das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas,
daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine
goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich
elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz,
Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein
Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!

Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein
weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf
den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die
beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.

Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und
Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende
Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten
am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren.

                   *       *       *       *       *

Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen,
wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich
den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er
geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde
hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den
Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er
hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün
angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen
auf dem Schlick verbrannt.

Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines
Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande
der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker
und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein
Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte
wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte
seinen Schiffer.

Dem aber lachte das Herz.

                   *       *       *       *       *

   Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,
   denn goht wi langsen Diek!

Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker.
Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit,
die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht
mehr. »Kann ik up See jo doch ne bruken,« sagte er verächtlich, und als
er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er
ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten
Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert würde,
und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten
sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa
tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte
Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.

                   *       *       *       *       *

Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß.

Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie
vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und
erzählte vom Walroßfang bei Grönland.

Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.

Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.

                   *       *       *       *       *

Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht
schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein
Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder,
alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die
Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen
sich.

Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der _Mann_
gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze
Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche,
Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er
allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme,
dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht
und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen
Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja
erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er
zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter
kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den
milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem
Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn -- und
all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!

Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt
sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille
und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und
das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft
müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis
geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen,
die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden,
sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal
segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen
sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen,
sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt
es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die
Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu
hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl
an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf,
steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und
dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische
Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der
Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind
hinter Wangeroog.

Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es
kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf
Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute
vierhundert Mark.

Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem
hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als
Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück.
Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater
bleiben darf.

Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich
auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den
Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er
muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder
bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird
gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis
nicht wegschmelze!

All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel
und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom
Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder
einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.

                   *       *       *       *       *

In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß
sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.

Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch
wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage
vorkommen kann.

Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken,
eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.

Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den
Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen.
Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete
stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den
leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf,
die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und
tiefer.

Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
lassen.

»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück
kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten
sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger
und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des
schweren Netzes mangelte.

Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das
Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit
dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte.
Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte
er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach
der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.

Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem
mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein
Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.

Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße,
Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie
das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee
zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und
packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es
wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch
brächte.

Die Elbe war weit weg.

Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war
die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief
raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen
liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für
Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll
den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen.
Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half
das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre,
hätten sie es längst in Sicht haben müssen.

Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze
Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit
unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit
unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze
und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.

»Nu gifft wat!« ruft Kap Horn.

»Gläuf ik ok!« antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker!«

»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«

»Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un
lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder
ropt!«

Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder!« und geht
nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn
man's auch zehnmal besser wüßte.

»Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,« ruft er noch vom Großmast, dann
verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter
brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.

Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen
sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen,
was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz
geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen:
niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so
gern lachen.

Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes
Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt
und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der
Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt
ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft
sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind
wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:
Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!

Die See, die See!

Wie gischt und schäumt sie! Sie _kocht_!

Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren,
langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um.
Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild
durcheinander laufen.

Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is,
will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer
ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der
Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe
ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister
werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel,
daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als
könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen
den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern
Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen.
Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock
dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und
reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das
Ruder an und stürzt nach den Fallen.

Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt
fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden,
wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß
-- da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in
das Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht
innen Dutt!

Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch
einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als
seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult
der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt,
dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen
krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in
die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne
Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der
brüllenden Seen.

Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden
Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.

»Dor is en Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt
nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell
und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort
das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt
und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf
und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit
dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die
Elbe ist nicht zu erreichen.

Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen
Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher
Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange
zögern.

Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen
handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!

Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du
doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt
warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und
obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues,
bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«

An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb
aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen
Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger
werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.

Südwest liegt an.

Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie
sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen
über den Setzbord, wie sie wollen.

Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft
oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz
ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind
alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die
aufgejagten Diener.

Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie
aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich
dermaßen verstärkt, daß er es muß.

»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der
Knecht peilt die Tiefe.

»Fief Fohm!«

»Denn sünd wi uppe Grünnen!«

Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger
Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der
nun kommt!

Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn
erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm,
Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dot,« ruft der Knecht.

Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten!« denn er will
sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am
Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf
und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt
sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und
Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden
Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und
Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck
_ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis
zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen
gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle
und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und
schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im
Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr
dich, Ewer!

Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den
düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los!
Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an
die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen
sollst!

Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe
gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da
steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im
Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit
er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden.
So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch
Nacht und Regen nach Land und Feuern.

Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es
Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein
Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer
schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein
schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte,
weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein
könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch
auf dem Trocknen sein!

Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten
Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es
bleiben drei Faden.

»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt,
Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.

In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die
Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht,
daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe
hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp
zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht:
»Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as
wenn Vadder mi en fixen Backs geef!«

                   *       *       *       *       *

Kap Horn schweigt noch immer.

Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die
letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen
konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es
kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es
bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des
Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich
nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht
ihn an.

»Dree Fohm bloß noch!«

Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie
die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie
Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei
Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür
und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken
Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau
spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die
Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.

Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was
ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie
der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind
die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst
bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer
so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch
die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund,
ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke,
aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn
eins ist so gefährlich wie das andre.

Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den
Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!

Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern
und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich
durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell.

Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm
auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik
di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht
erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält
darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen
entgegen, die sich wild überschlagen -- er verzieht keine Miene.

Gott im Heben -- da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf
das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert,
reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der
Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist
weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp
gestopft haben.

Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst
weiter.

»Fastholen!«

Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite
Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das
Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt
und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber
sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See
hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder
aufzurichten.

Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar
auf das Deck nieder, daß die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb
mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und
Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die
Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest
klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft
dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!«

An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen
durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann
es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder
hält!

Wieder ein Brecher?

                   *       *       *       *       *

Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von
Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die
Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre
Kojen.

Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von
Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem
Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.

Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer
erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff,
das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie
feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den
kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager.
Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen
Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste
gelangen konnten.

Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern
Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte
den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und
Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mußte ganze acht Tage
untätig an der Kaje liegen.

Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.

»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte.
Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.

»Worüm denn ne?« fragte er.

»Och nix, ik meen man bloß,« lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber
sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen
kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt
warrn, wat?«

»Ik heff jo doch gornix seggt,« beschwichtigte der alte Jantje ihn
sanftmütig und verschwand in der Kajüte.

Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und
wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das
Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er
den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich
nach ihm verlangte?

Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.

»Störtebeker?«

»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx
twei.«

»Wullt noch wedder mit no See?«

»Gewiß, Vadder!«

Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er
nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu
kaufen.

                   *       *       *       *       *

Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der
Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein
der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts
Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten
Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute,
für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er
sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher
Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen
durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie
glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz
in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste
hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein
andrer schlug ihn knallend zu.

Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe
durch.

»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is
all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten
Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... -- er machte eine lange Pause,
denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De liggt jo blangen
uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge
war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste
hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt,
Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik
Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125:
dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!«

Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch.
Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim
Schreiben geweint hatte.

Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht
einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam
und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes
fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is
obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben,
wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann
las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach
Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie
so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß
sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen
fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die
könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein
Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar
nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei,
habe sie gemeint.

Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es
weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und
Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die
Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde
wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur
stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!«

Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust
glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat
nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker,
der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute,
und setzte die Segel auf.

Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.

»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder
weet gornix van di af: wat is dat egentlich?«

»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,« sagte der Koch
leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann
bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und
schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem
Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.

                   *       *       *       *       *

Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte
sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen.
Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und
weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel
war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so
segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war
ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.

                   *       *       *       *       *

Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der
Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne
Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den
weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes
Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er
lange Jahre gefahren hatte.

Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an
Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er
einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing
noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.

Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die
himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er
ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über
die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann
betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und
freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor
den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten
Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und
neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen
Seeleuten.

Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck,
an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er
das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich
von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte
sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem
Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die
keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf
einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand
der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und
jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die
Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen
auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.

Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken
darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum.
So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die
wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen
sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der
Hausnummer versehen?

Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der
Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und
ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig,
nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein
Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen
seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend
mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen
Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen:
mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große
Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß
sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände
zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte
und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und
Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig
werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen
ganz sicher.

»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.

»Dor frog dien Großmudder man no,« antwortete Störtebeker, »mi kannst ne
förn Buern hebben.«

Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang.
Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten
Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen
ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann
mit Adjüst und Good bye.

Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen
Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten,
wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch
er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische
Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von
dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.

»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver« -- damit wurde Störtebeker
zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen
die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter
Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und
sie sprachen noch lange von ihm.

Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und
ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken
Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt
war.

Als der Kapitän der »Elisabeth« den andern Tag etwas in der
Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und
ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und
dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt
hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der
Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit
hatte.

                   *       *       *       *       *

Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren
dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.

Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die
glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang
und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er
zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen
Steenbutt, rein en Stoot!«

Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick
plötzlich weit über! -- da sackte er langsam nach hinten über und fiel
über Bord in die See hinein.

Mann über Bord!

Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich
jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin,
stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem
Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe
Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte
ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen
nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing
es an ihm.

Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor
er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm
unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück
sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord
geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte
erlahmt waren.

Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt
und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen
wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen
und konnten sich verpusten.

Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt
schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater,
dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf,
damit die Sonne und der Wind es trockneten.

»Up See mütten Kummer gewinnt warrn,« sagte er lachend zu Kap Horn, der
ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes
Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen
hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er
hatte bloß einmal über Bord gelegen.



                         Dreizehnter Stremel.


Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn
ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft
dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten
werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne
Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.

Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche
Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um
Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die
Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer
tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen
bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu
sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft,
sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
haben etwas Formloses, Gespenstisches.

Wie Herbst ist der Tag.

                   *       *       *       *       *

»Stuten! Weu ok Stuten?«

Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr,
der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder
Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich
entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.

»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie
die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert
Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals
die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und
Ginen miteinander verwechselt.

Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.

»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die
Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über
die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte
auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen
ermittelt.

Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen
gesetzt hat. Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen
einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat
etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den
Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:

»Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«

Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr
ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.

»Weest du dor noch nix af?«

»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus, »ik weet bloß, wat he
gesund un munter an Burd is!«

»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn
ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn
ist jo man god!«

»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?«

»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so
verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch
wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«

Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden
ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist
erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und
in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber
er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß
sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht
hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.

»Schree man ne gliek, mien Diern,« tröstet sie, »is jo bloß Snackeree.«

Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann.
Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.

Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr
als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es
geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem
Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle
Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um
seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen
treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun
auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen
gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen
Störtebeker verloren hat?

Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See
kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles
in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt,
gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an.
Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und
trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen
umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen
und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm
nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein
Grab pflanzen!

Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu
erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein,
nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des
Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord und
Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein:
ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht,
und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden
Fahrensleute!

Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie
verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe
von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge
gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie
Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet
sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht
sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt
über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß
weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme
Mutter -- daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht
sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und
will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist
sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre
Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich
eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine
Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre
tiefdenkern geworden.

                   *       *       *       *       *

Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in
der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.

Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die
Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat
lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele.
In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden
konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war
krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die
klagende Stimme des Jungen.

Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach
der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe
haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr
schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles
bereit hatte -- es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit
der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger
an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen
konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe
und erst den andern Abend zurückkomme.

Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten
ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn
vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein,
sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell
der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden
anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der
Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.

Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen
ihr nach.

»Se hett jo man bloß den eenen Jungen,« hieß es dann.

Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde
schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht,
damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht
wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte
sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.

Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet
und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und
fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den
Pariser nannten.

                   *       *       *       *       *

Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und
angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie
erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser
und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer
doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von
ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren
Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an
der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen
und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue
Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was
Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es
weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich
doch nimmermehr vergleichen konnte?

Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie
an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok
mol oberreist?«

Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder
rup,« rief er ihr noch nach, »dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is
he.«

Die Flagge -- sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig
Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte
Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf
der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber
ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt
hatte.

Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren
sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch
umkehren?

In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.

Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe
hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das
rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.

Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand
darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum,
hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus
Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und
erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem
Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant
Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner
vör mi --, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen
Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht
der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen.

Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme
hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter
auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die
Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst
kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem
einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn
fest, den Traum ...

Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol
mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß
auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft
zu Ende.

»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.

                   *       *       *       *       *

Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa
aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach
dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.

Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach
dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht
eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum
noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord
sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.

                   *       *       *       *       *

Es ging um Störtebeker.

Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und
schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte
Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so
leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen
Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und
Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das
der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und
gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich
doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu
werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der
Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf
und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief
beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst
verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört
zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor
dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen,
und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe
und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.

Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser
Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach
dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht
gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu
bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle,
mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.

Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen.

Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un
goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.

Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.

Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater
ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an
seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht
gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte
etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.

Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte
er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes
Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See
haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der
auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet
hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden
und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.

In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das
Deck.

Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während
seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie
hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte
danach.

Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an,
aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen
Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen
mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er
gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten
angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann
war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den
achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder,
denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
aufgeweckt.

Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem
Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so
tat er.

Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor
moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.

Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di
ropen, Klaus, goh dol,« sagte Klaus Mewes ernst.

Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
»Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.

Klaus Mewes nickte ernst.

Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm
machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen
Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.

Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap
Horn. »Hol di man fuchtig,« sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken,
Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm
die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang
wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder
mit no See!«

Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja
doch selbst nicht!

»Adjüst, mien Seemann,« sagte er und streichelte dem Hund das struppige
Fell.

»De bringt di noch langs,« rief Klaus Mewes, der sich auch fertig
gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.

Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren
nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr
sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt.

Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen
sehen.

Er sagte aber nichts.

                   *       *       *       *       *

Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des
Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive
pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.

»Adjüst, mien Jung!«

»Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!«

Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte,
bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte
den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem
Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und
weich über das sonnenhelle Haar.

                   *       *       *       *       *

Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück.
Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen
Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen
Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte,
und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in
seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte
einen schweren Streek hinter sich.

Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen
mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus
Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie
haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt!

Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge
fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen
Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben,
als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war
gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß
er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.

Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die
halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker
fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst
jetzt so recht.

Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die
kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten
verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und
fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es
nicht verwinden noch vergessen würde.

Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und
gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.



                         Vierzehnter Stremel.


Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht
zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war
umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und
die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich
auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der
Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der
ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den
Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht,
weil er es nicht wollte.

Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten
ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See
gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf
Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören
spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen
Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den
Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen
war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!

Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und
streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu
vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine
Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte,
und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!

Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit
aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem
Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm:
das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.

Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach
erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach
und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie
ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen
Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und
Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du
Kiekinnewilt,« hieß es herrisch) -- und das ließen sie sich bald nicht
mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.

Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr
selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie
sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die
Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die
See vergäße: so wenig kannte sie ihn.

Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief
ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes,
ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging
sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das
Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen
Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein
Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn
ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.

Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und
dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen
wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch
die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.

Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen.
Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und
hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.

Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang
über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord
wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten
Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein
Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.

»Höh, Vadder!«

So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder!
Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!«

Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen
zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen
und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der
trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht
um ihn bekümmere, -- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr
verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am
Wasser stand und Ausguck hielt!

»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck und das Echo am
Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm
geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen
Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn
sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? -- und er stellte sich
mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die
Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.

Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das
Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter.
Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu
lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig
zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel
zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde
aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es
jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt
geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!

»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum
Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte
der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die
vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben
von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und
stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich
einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen
Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken
aus der Kapp und stieg ins Boot.

Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,
Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap
Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der
Kette nach.

Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals
seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte,
hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.

»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,« lachte er nun und wehrte
dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im
Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden
Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein
Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit
ab.

Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in
der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht
im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die
Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte
nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein
buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.

Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah
Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen
wollte.

Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann
versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die
Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon
Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und
verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater,
in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf
seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte
das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das
Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als
wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er
blickte nach dem Kompaß und nach allem.

Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte
wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der
Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der
Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber
gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den
nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.

                   *       *       *       *       *

In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker
standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich
entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und
naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die
Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern
braute der Fuchs.

Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen
Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom
Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der
Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe
regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf
und verschwand surrend.

Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende
Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern.
Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des
Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht
brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst
vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus
Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.

Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen
schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und
Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar
gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die
Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in
Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem
Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden,
sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie
saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem
Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von
oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief
hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und
wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele
Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches
Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen
zumute.

Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm
bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er
konnte es nicht deuten.

Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp,
setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der
Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe
und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der
Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern,
denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der
kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an
sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen,
die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen
und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich
bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war
schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten,
aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so
schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an
stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was
er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet
hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan.
»Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -- und damit
basta.

Die Abrechnung konnte er erst später bekommen -- sie hatten deshalb noch
viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten,
guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die
Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee
ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr
festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn
hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten
denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die
Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.

»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann,
der Elbfischer.

»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,« sagte Klaus Mewes.

»Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is
to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen,
Klaus!«

Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig
an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?

Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen
Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig
und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von
der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen
wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit
an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise
gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein,
daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte
die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und
fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes
fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz
unbefangen.

So segelten sie die Elbe hinunter.

Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den
Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn
Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute
hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben
als die andern Fischer, und er tat es gern.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to
Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich
oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich
nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann
noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in
seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie
wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er
Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein
Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und
die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er
wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich
hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar
über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen
und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten
vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.

                   *       *       *       *       *

Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf
dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte
auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich,
und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der
sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was
er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das
Feinste zu essen und zu trinken.

Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur
Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den
Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.

Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di
ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne
Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to
reken fangen!«

»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,« lachte Klaus.

»Ne, ne, di vertill ik nix,« antwortete der Segelmacher, der
aufgestanden war und sein Buch suchte, »di vertill ik nix, du lachst jo
doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen
sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol
de Kortjen leggen?«

»Ne, lot man, Thees,« wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an
Hexen.«

»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die
beiden Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«

»Man keen Bangen,« rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker,
der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu:
»Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!«

»Do ik ok, mien Jung!«

Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte
mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De
kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß
een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em
doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat
gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!«

»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,« erwiderte Klaus
Mewes unerschüttert, »wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln!
Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?«

Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die
Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu
blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er
sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die
Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis,
Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!«

»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,« mahnte der Fischer, »ik kann
ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.«

»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,« sagte Thees und
vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte
Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich
rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein
Klüfer 98 Mark.«

Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er
wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn
don?«

»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?« lachte Klaus,
»betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso,
Thees, till no, wat dat ok stimmt!«

Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht
nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.

»Kumm, Störtebeker!«

Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach
Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der
Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.

»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,« sagte Störtebeker, als sie
draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm
doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand
Grabben.«

Sie gingen westwärts.

Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst
nur selten tat.

»Vadder ...«

»Non?«

»Och -- nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?«

»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer
auf dem Wasser.

                   *       *       *       *       *

Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als
die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch
nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und
seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen
waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann
bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war.

Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das
Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen
Seitenblicken ein.

                   *       *       *       *       *

Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag
er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List
festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute
sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur
konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte.
Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem
Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag
die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war
aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.

Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige
Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber
der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein
Stier und wies dem Wind die Hörner.

Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek« und sprang nach vorn. Da trieb eine
Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und
stürzte auch nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies
leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an,« schrillte Klaus, »Hein,
inne Wind den Eber!«

So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und
sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es
todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie
konnten niemand erblicken. »Liek vörut mütt dat ween,« rief Klaus,
»roon, wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken
geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ
den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« gröhlte er, so laut
er konnte.

»Hilpt uns!«

»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«

Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er
beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden
bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap
Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in
das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.

»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte
die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se
dor drifft!«

Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch
verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber
noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen
und suchten, um die Frau zu finden.

Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden
abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das
Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen
Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an
den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von
allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote
herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich
gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der
Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.

Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu.
Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.

Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an
zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder,
Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar
auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus
Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und
brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der
Nachbarn anvertrauten.

Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.

                   *       *       *       *       *

Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne
nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.

Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten
die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit
den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu
fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo
auf und ab.

Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei.
Sie sprachen aber wenig.

Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte,
schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten
die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.

                   *       *       *       *       *

Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder:
nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den
Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel
und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.

Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.

Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er
der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein
seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie
ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein
längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann
mit ihm los.

»So geiht he god, Vadder,« rief er vergnügt, als der Ewer recht an den
Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor
seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.

Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig
davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken
und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war,
tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.

Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit
dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen
steuern, damit er sich trocken hielt.

Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau
losmachen und zurückbleiben.

Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.

»Adjüst, Störtebeker!«

»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!« ... »Adjüst,
Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!«
... »Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di
man keenen Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst,
Seemann, fall man ne ober Burd!«

Dann rannte ihm der Ewer davon.

Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten,
schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei
Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach
Finkenwärder um.

Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?



                         Fünfzehnter Stremel.


                                              Sinne, öffnet eure Tore!

                                                               Grabbe.

Die Äquinoktien!

Herbsttagundnachtgleiche!

Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst.
Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die
Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie
an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.

Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei
unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend
aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf
Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener
Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt
eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt:
Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo
fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf
der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!

In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille,
bange Zeit.

Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und
auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten
sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß
auch Winters gefischt und verdient werden.

Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen
entgegenfahren.

                   *       *       *       *       *

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter
Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme
haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte
der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der
Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß
Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der
weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt
werden.

Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen
Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven
und warten auf den Hering.

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.

Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und
für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den
Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen.
Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er
reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz
einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die
Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von
Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine
Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.

Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie
binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise
haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend
kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne
Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.

In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie
verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden,
denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu
Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe,
denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den
Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei
springender Tide.

Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und
er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus
Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen.
In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann
schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm
gehört das Ruder ihm, dem Schiffer!

                   *       *       *       *       *

Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß
die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine
Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch
stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte
etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.

Da mit einem Male legte er sich gänzlich -- ganz still wurde die Luft.
Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und
donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.

Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie
machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel
rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde
ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord
gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden
geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann
steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm
wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es
trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum
Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das
brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich
bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn
der Ewer dem ersten, gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er
umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und
riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie
tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem
Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob
er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht
eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die
Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken
nicht zerschlagen wurden!

Südweststurm --

Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn
der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an
Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er
nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn
einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und
von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn
sie stolpern sollten.

Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er
tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe,
und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der
unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und
überstanden.

Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen
jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es
auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen
und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber
den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und
alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er
nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an
Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im
Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so
schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er
des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen
könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog,
verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu
besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der
Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige
Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine
sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf
Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und
fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die
Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie
nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel
gänzlich abgeschlagen werden.

Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie
machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren
Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden
Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf
fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am
Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen
kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am
Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.

So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich
her wie der Jäger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht
trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber
in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends
war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die
Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und
an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es
verlöschte.

Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an
Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine
schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und
verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich
emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten
schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon
in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!

Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er
gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein
Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo
fast, holt jo fast!« rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des
Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann
schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das
Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.

Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den
kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und
blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts
mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden:
zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den
Augen ab und warfen den Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon
einigermaßen hell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mück, noch
das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg
...

»Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,« sagte Kap Horn tröstend, der
nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt
hatte.

Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und
suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter
angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?

                   *       *       *       *       *

»Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,« rief Klaus, aber Kap
Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen
sollte -- und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen
Kajüte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit
war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.

Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,
sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See,
wie ein Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt
er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte
Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er
lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun ließ bei solcher
Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an
Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.

Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit
zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu
tun. Dennoch hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die
Notflagge gezeigt hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von
einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi
bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, der dann auch wieder aus
den Augen kam.

Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland
freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun -- und
die war noch weit weg.

»Ik gläuf, wi kommt dorch,« sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der
Schiffer ihn an. »Wat schullen wi ne dörkommen!« antwortete er, »wi weut
doch ne blieben!«

Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach
mußte Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde.

Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer
gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr
unter als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über
Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe
aufgerüttelt hatte und die mit Sand geschwängert und mit Muscheln und
Steinen beladen war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief
dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer stürzte sie
sich auf das Achterdeck und drückte es nieder, daß der Steven steil aus
dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit
ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen auf das Wasser,
daß er nicht wieder aufstehen konnte.

Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, daß er den einen
Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den
Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines
Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln
können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf seiner Harmonika spielen und
den kleinen Klaus Störtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen
können, aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. Er hörte
nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, tiefe Stille legte sich
um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...

Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die
ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder
auf und versuchte, zu schwimmen. »Kap Horn, neem büst du?« schrie er in
den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin
und her warf. Beständig liefen ihm die Seen über den Kopf, so daß er
viel bitteres Wasser schlucken mußte.

Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal
aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr
zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich
der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder
so kraus, wie die ganze See war.

Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein
Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends
war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett
des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er
konnte nichts sehen.

»Geef di, geef di, Klaus Mees!« brüllte die See, aber er gab sich nicht,
mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben
und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden,
den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen
waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören
wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die
Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude
am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark
genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen
Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem
Schneider oder Schuster machen ließ! »Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!«
rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und
blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie
hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame,
ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit
ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen
abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -- aber Reue fühlte
er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und
sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen,
wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren,
brauchte sie nicht.

Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr
lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin
emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über
die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte
nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und
mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!

Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem
Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie
er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu
seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird.
Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen
glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten
Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder
stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend
winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh
zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und
mooi Fang, mien Jung! ...

Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. -- -- --
--

                   *       *       *       *       *

Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an
demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade
zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der
unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu,
dann fragte er erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock
di woll tweireten?« und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das
aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der
Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine
breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den
Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der
gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie
nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern
hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus,
damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei
und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte.
»Is Klaus Mees bihus?« fragte der Segelmacher. »Ne, de is buten,«
erwiderte Jan Lanker, der lustige. »Denn weet ik genog,« sagte Thees
nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel
wieder übers Knie legte, lag es ganz still -- das Zerren hatte
aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise und
wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten
sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel
schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers
Besan.

                   *       *       *       *       *

Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers
Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu
kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange
auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte
nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es!

Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür
hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der
Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam
Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die
Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre
Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der
Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht
war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und
glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie
ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie
vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen,
ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war
gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.

»Gesa,« sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie
Gesa laut auf und sank zu Boden.

                   *       *       *       *       *

Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich
zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und
Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den
niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern
überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im
Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für
Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und
befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!

Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich
mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da
rief es mit einem Male hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« und als er sich
schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken.
»Hödjihöh, Vadder,« rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte,
dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts
mehr an: sein Vater war gekommen!

Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte -- nun war
er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie
er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im
Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht
wieder ausfindig machen. »Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam
keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und
lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser -- der Ewer war
nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St.
Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit
der Eisenbahn übergereist sein.

»Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte
suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die
Dönß ab.

»Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,« klagte
seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch
auf, in dem sie gelesen hatte.

»Eben wür he annen Westerdiek,« lachte er und stieg auf den Stuhl, um
aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr
warrn, den Versteekspeeler den!«

Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos.

»Vadder!« rief Störtebeker, »he stünn boben uppen Diek un lach un wink.
As ik to rupleep, wür he batz weg.«

Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und
jammerte: »Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien
Jung!«

Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder,« sagte er bestimmt,
»dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he
sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!«

Sie weinte nur noch heftiger.

»Stopp, ik will em woll finnen,« rief er und lief wieder in den Wind
hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem
Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht
darauf.

                   *       *       *       *       *

Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die
Todesstunde von Klaus Mewes.

Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoßen.
Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.

                   *       *       *       *       *

Zufall? Gaukelei der Sinne?

Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie
auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder
zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen,
die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in
Lebensgestalt zu erscheinen.

                   *       *       *       *       *

H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von
Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und
gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er
ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch
nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der
Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit
bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann
fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm
gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes.
Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm
gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff
im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine
gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der
kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute
noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte,
hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da
konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner
Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß
er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster
auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd
schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd -- un ik gläuf,
Klaus Mees is inne Nurd wesen.«

                   *       *       *       *       *

Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der
Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.

Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der
Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken,
Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren
entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und
mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein
Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast
einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den
Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.

Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer,
darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und
sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte
zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge,
der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten,
das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie
kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und
guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte
ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich
immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den
geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten
Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten
ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.

Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter
kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei
war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben,
weder auf der Weser noch auf der Elbe.

Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und
Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel
herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und
ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der
Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer
mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.

Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen.
Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern
sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich
entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten
aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für
ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut
und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort
gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da
hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei
ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein
Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie
so manche es waren.

Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den
Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der
verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten
standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im
Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die
Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel
und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst
durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der
dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür
schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen,
die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun
Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine
Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren
Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen,
denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen,
konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen
übergingen.

                   *       *       *       *       *

Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und
weinte mit?

Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein
Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er
Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater
war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß
kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so
viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz
gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des
Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein
Glaube.

»Störtebeker, dien Vadder is bleben,« sagten die andern Jungen zu ihm,
aber er schüttelte geruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan
af?« -- »Doch, Vadder hett dat seggt!« -- »Denn segg dien Vadder man,
dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt
wedder,« sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter
tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: »Schree doch ne, Mudder, gläuf
doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,« aber er
erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.

Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein
Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.

Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus,
bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen
im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater.
Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den
Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier
ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf
den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom
Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach
seinem Vater.

»Hest Vadder ne sehn, Jannis?«

»Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?«

Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat,
nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn
alle. »Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,« sagten die
Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind
und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und
trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr
blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer
wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei
sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!

»Is keen Breef van Vadder kommen,« fragte er abends, denn sie konnten ja
auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte.

»Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa
bekümmert.

»Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!«

Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau
ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte,
er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken
Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er
ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur
schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu
erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die
alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er
die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte,
und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann
wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern
helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern,
wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er
immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken
schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er
einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.

                   *       *       *       *       *

Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen
auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden.
Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den
Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom
oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren,
sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen,
nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.

Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft
hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen
ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder,
immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen.
Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er
wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.

Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im
Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte
Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie
im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen
verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum
bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei
geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder
da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann
kam auch all das andre wieder an die Reihe.

In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach
seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.

Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst
nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich
zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät
oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine
rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in
tiefen, schweren Träumen.

Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig
geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen,
verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den
Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends
finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den
Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem
Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie
erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den
Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken
war!

Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht
mehr aus den Augen lassen!

Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen
auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß
mitnehmen mußten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und
ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das
stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie
wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este
und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem
Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang
aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein
nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden
mußte!

»Morgen kummt Vadder gewiß,« tröstete er seine Mutter, als er sich das
klamme Zeug auszog, sie aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster
Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen
sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und
kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle.

Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken
schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab,
dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr
als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen
vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu
verhindern, daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode
käme, wie sein armer Vater, dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden
und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der
wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses
Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes
vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu
machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen
Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie hatten
sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der
Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters,
laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es
gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik,« flüsterte sie vor sich hin, »du
schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich aus den Kissen auf
und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer halten
würde, daß sie streng und hart sein müßte, denn der Junge saß voll von
diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen,
aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um
ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu
bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt
abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung
war, mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille
dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie
konnte es nicht ...

Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um
die See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große
Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine
Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein Vater nicht
wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde der See lag, da richtete er
sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg,
sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er und
davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen und sein Vater
könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle
zusammen sagten!

Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu
schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser
blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein
Vater müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine
Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte, da machte er seinen
Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den
Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten:
mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.

Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen
und kam deshalb erst spät am Abend zurück.

»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt,
»wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?«

Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem
Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern.

»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll
gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend.

»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,« erwiderte er
geruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«

Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre
in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen,
weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die
Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.

Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf
flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie
wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer!
Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater
kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den
ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war
sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte
seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte:
nu hau mi man wedder!

                   *       *       *       *       *

Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker
nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach
dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten
würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur
das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst
recht Störtebeker.

Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen
gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es
regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht
sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte
erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber
besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« -- »Wat
schall dat denn, Junge?« -- »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« --
»Ik hebbs jo all to, Klaus.« -- »Ganz fast?« -- »Jo, ganz fast!« --

»Denn sünd wi up See, Mudder,« sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat
boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt,
Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi
intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de
Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen
sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap
Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up --
dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück
schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken
... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
Hilchland! ...«

So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu.
Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125
trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is
Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert.

»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur,
de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«

Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange
und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.

                   *       *       *       *       *

Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer
war er dann auf See bei seinem Vater.

Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und
Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen.
Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn
wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen
aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm
gewesen war, hatte sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor
hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.

Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von
allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach der See zu schippern
und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn
gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht
wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt
aufgegeben hätte, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber
rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke her
und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken hätte,
er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen
könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt
unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als
er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als
seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von
der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem
Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich
beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann
wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und
er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe
hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante
in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als
Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis
Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es
Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf
seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und
verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber
es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und
brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach
Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger
kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder
ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann
aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür,
de wull jo god!

Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern
Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer
verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloß den
Kohn verkäupen?« rief er heftig, »de hürt mi to un dor hett nüms wat
ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!« Als er sie dann aber nach
dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache
muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, bis
er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los
und brachte es nach dem Neß zurück.

Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja
wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.

War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen
bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie
seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen
Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!

Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein
Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen
Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der
alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal
bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu
passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ
sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er
ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte
Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er
kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber
fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß
mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem
Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und
alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe,
ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und
stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er
wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach
seiner Mutter Haus.

Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach
der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie
schlug ihn, daß er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit
seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des
Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder
mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier
behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn
nun wirklich verkaufen.

Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen. Da saß er im
Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch
die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade
unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und
sagte grimmig: »Wi weut di woll mörr kriegen, du Dickkupp!«

Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine
Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wußte sich nicht mehr zu
helfen.

»Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er, »hilp mi doch! Kumm doch wedder!«

Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen
beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf
den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein
Seemann kam, ihm die Hände zu lecken.

»Hilp mi doch, Vadder!« ......



                           Letzter Stremel.


Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer
geblieben ist.

Wir kurren in der Gegenwart.

                   *       *       *       *       *

Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Blätter von
den Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.

Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat,
sondern ihren Namen von der »Olive« bekommen hat, einem haverierten und
abgeschlachteten Schiff, das zuerst den Anleger bildete) -- liegt die
Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die neun
Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler, für den Winterfang
angenommen hat.

Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben
mit den hamburgischen Türmen, die am Finkenwärder Deich die Todesflagge
genannt wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die
allergefährlichste Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt
und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten der Nordsee,
meilenweit hinter Helgoland. Da ist keine Reede und kein Hafen zu
erreichen, wenn das Wetterglas fällt: alle Stürme müssen draußen
ausgeklüst werden.

Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter können sich des
Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten
Seefischer, die jungen und starken, können diese Fischerei betreiben:
aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen
müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer
geworden, seitdem die Fischdampfer groß geworden sind: Winter und Sommer
muß der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die
Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die
Stürme hinein.

Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht
aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.

Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der
stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp,
bunte Bänder und grüne Blätter -- so neu ist er.

Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat Teßmar, Farewell,
Senator von Melle, Süllberg, Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus
Störtebeker.

In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:

                     +----------------------+
                     |  Klaus Störtebeker,  |
                     |    Finkenwärder.     |
                     +----------------------+

Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm
eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein
Vater und zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren
lassen.

Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes! Dem jungen
Klaus Mewes!

Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem kleinen Klaus
Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen
Zimmermann und was nicht alles machen wollten und aus dem doch nur eins
werden konnte, in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum
Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann
geworden wie sein Vater.

Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist
er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei
eingebüßt. Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will
Austern fischen.

Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter
den Füßen gehabt haben, vor dem großen, herrlichen Fischerkutter stehen,
betrachten die glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug,
und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den
Schiffer, dem er gehört und der mit ihm nach See gehen kann.

                   *       *       *       *       *

Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren
und ist hochgewachsen.

Drei Sprüche zieren sie.

Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch aus dem Ewer:

   Hilpt mi, Sünn un Wind,
   hilpt mi bit Fischen!
   Ik heet Klaus Mees
   un bün van Finkwarder.

Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn
-- und die letzte Koje schmückt das trotzige Wort:

   Finkwarder blifft Finkwarder
   un geiht ne van de See!

                   *       *       *       *       *

Da kommt der junge Klaus Mewes.

Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten her. Er hat
seinen Leutnant besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch
jetzt viel voneinander.

»Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht
bange,« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt:
»Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See
an! England ist Rom und wir sind Karthago -- goden Wind, Klaus Mewes!«

Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der
ausgesehen hat: es ist, als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.

Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und höher hat auch er den
Kopf nicht getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem
Isländer und auf seinen Seestiefeln.

Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann.
Nicht als finsterer Fliegender Holländer geht er einher: viel ähnlicher
ist er dem blonden Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, nur
von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich erobern wollte.

Daß er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgroßvater, Großvater und
Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die
schweren Winterstürme vor sich -- und dennoch lacht er, wie die Sonne,
wenn sie scheint.

An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein
verwegener Draufgänger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber
ein Segel in die See gehen läßt, als daß er ein Reff einsteckt. Die
Furcht, die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des
Mannes keinen Raum.

Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten
und besten Reisen. Das weiß der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei
ihm als Koch gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht,
denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird
doppelt gezählt.

Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender,
glücklicher Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er
steuert. Bei ihm an Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die
die stolzen Flotten von Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig
Schiffe zerschlagen und zertrümmert hat: er hat Leute genug: wie der
Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige Jungvolk, den Nachwuchs von
Finkenwärder, der noch Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich.

Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer
Geld genug verdient, daß er geruhig auflegen könnte: aber er geht
dennoch auf die Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb,
den Zug ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er
muß überall der erste sein! Er kann und will sich nicht sagen lassen,
daß er hinter dem Ofen gesessen hätte, während andre in den Austern
gewesen seien!

Er weiß, daß sie auf ihn sehen, wie auf ihren Führer, und er ist stolz
darauf und freut sich dessen.

Als der Kutter auf der Helling saß, machte der junge Klaus Mewes einige
Reisen als Fischdampferkapitän, um sein großes Steuermannspatent auch
einmal auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der
Mitternachtssonne und an der Küste von Marokko in der Glut des Samums,
er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser
gelassen war, da bedankte er sich selbst lachend bei seinem Reeder und
zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern und nichts über sich zu
haben, als seine Segel und seinen Herrgott!

Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt
an Bord und ruft die Leute auf.

Sie wollen fahren!

Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe
geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren und die Schoten
schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur.

Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf,
dann faßt er das Ruder an und läßt die Stroppen losmachen. Langsam
schwoit der Kutter -- die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich
allmählich in Bewegung.

Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schießt
mächtig davon, um Austern zu kurren. Gewaltig taucht es in die schwere
Dünung hinein.

Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes
und seiner Fahrt.

                   *       *       *       *       *

Seefahrt ist not!

Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!

                   *       *       *       *       *

                                 Ende



    Verklarung einiger Schiffsausdrücke und plattdeutscher Wörter.


ans = sonst (entstanden aus anders)

back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, daß der Wind von vorn
hineinfällt, wodurch das Schiff aus der Fahrt kommt; in übertragenem
Sinne = stoppen

ballern = poltern, werfen, daß es knallt

bannig = sehr

barg = viel

batz = plötzlich

Black = Tinte

blangen = neben

Blösch = Eisscholle (Mehrzahl Blöschen)

Blutstropfen = Fuchsie

Boitel = Wicht, Kerlchen

Bünn = mittschiffs eingebauter, durch Löcher mit dem Wasser verbundener
Fischbehälter

Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform

Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf)

Büt = Beute, Strandgut

Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer

Daak = Dunst, Nebel

Dachhaus = Strohdachhaus

diesig = dunstig, unsichtig

Dönß = Stube

Draggen = vierzahniger Anker

Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bünn hat, also »trocken« ist

drok = dreist

Ducht = Bootsbank

dümpeln = schwanken, schaukeln

dwars = quer, gegenüber

Dweel = leinenes Tischtuch

Dweil = gestielter Schiffsfeudel

elk = jeder, jedes

Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgießen

Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name bedeutet
Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock [stumpfes Schiff])

Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den »Fall« der vom Wasser
mitgeführten Bestandteile gebildet hat

fieren = herunterlassen

Flage = Schauer, Bö

Fleek = Fläche

Flögel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flügel)

Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel)

Gatt = Hinterteil des Schiffes

gau = schnell

Geutjen = Kinder (eigentlich Gänschen)

Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum

gnostern = knirschen

Grientje = schmieriges Lachen

gucheln = in sich hinein lachen

Heck = Hinterwand des Schiffes

heilen, ausheilen = ein Netz flicken

Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers)

Hemdsmauen = Hemdsärmel

hieven = aufziehen

hild = eilig

Hödjihöh = Ahoi

Huk = Ecke (holländ. hoek)

jumpen = springen, aus dem Englischen

Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug

Kambüse = Küche, auch Schiffskajüte

Kapp = Deckverschluß der Kajüte

Kapuze = Wandbett mit Schiebetür

Kastetten = Staket

Kieker = Fernrohr

Kimmung = Horizont

klamüstern = grübeln

Klitsch = leichte Mütze

Klür = Farbe, Couleur

klüsen = scharf segeln, hart ankern, daß das Wasser durch die Klüsen
(Kettenlöcher) kommt

Kluten = Erdstück

Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie

kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten

Kolosen = Vorhänge, Rouleaus

krüssen = ersticken

Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch

Kurre = Schleppnetz

Kurrgut = Netzgarn

labsalben = die Masten und Stengen schmeeren

lavieren = kreuzen, hin und her segeln

Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite

leege Wall = gefährliche Nähe von Land

Liek = Tau, das das Segel einfaßt

Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeräuber der Nordsee

Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite

Macker = Kamerad, Gefährte

mall = krank, verrückt

meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen)

mooi = gut, schön, angenehm

mörr = mürbe

Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug)

Nachthaus = Kompaßhäuschen

Neß = Nase, Westspitze von Finkenwärder

Nock = Ende der Rah

Nüff = Nase

offermorgen = übermorgen

Patt = Pfütze

Pek = Schlittenhaken

Plicht = kleine Koje

Poller = kurzer Deckspfahl

Posensteel = Gänsekiel, Federhalter

Priel = schmaler Wasserarm

Putt = Sumpf

Pütze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt

Ramm = Hexenschuß

raum ist der Wind, der von hinten kommt

Reepschläger = Seiler

reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern

Reff = der zusammengerollte Teil des Segels

Rickels = Zaun

Riemen = Ruderstange

rollen heißt die Bewegung des Schiffes um seine Längsachse

Ruder = Steuer

sacken = sinken

Schallen = Schlickvorland

Scharben = scharfschuppige Schollenart

schechten = ausschreiten

Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hält

scheistern = schwanken

Schleef = Schlingel, eigentlich großer Löffel

schölen = spülen, waschen

Schote = unteres Segeltau

Schütt = Hauszaun

schwoien = drehen (nur von Schiffen)

Setzbord = Reling, Bordwand

Sickberg = Eisberg

Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstämmen gemacht

slarpen = lässig, schlürfend gehen

sleupen = schleppen

Smutje = Schiffskoch

Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.)

Spill = Ankerwinde

stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse

Steert = Netzende, eigentlich Schwanz

Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab

Streek = Strich, Zug

Stremel = Streifen, Stück

Stropp = dickes Tau

Stubben = Baumstumpf

stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter)

Tamp = kleines Tau

Tamp legen = ein Schiff anbinden

Törn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge

treunen = betteln

troß = stolz

Tunner = Zunder

Vogel Bunt = Vagabund

Wake = Wasserstelle im Eis

Warbel = Drehriegel

Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten

Wart = Enterich

Wichel = Weide

Wiem = Hühnerstall

Winsch = Winde

Wisch = Wiese

ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt).



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   6. bis 8. Tausend.

                                ------

                      Auszüge aus Besprechungen:

   Fritz Lau's Menschen wissen von Mühe und Arbeit, von Sorgen und Not,
   aber sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein
   herzliches Lachen in der Brust. Und wenn er dann von Kindern
   spricht, oder von Tieren erzählt, dann kann es über uns kommen,
   daß wir anhalten müssen, weil wir heilig Land vor uns sehen: so
   fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und Tiere
   willen stelle ich ihn am höchsten. Er ist ein Meister der Stille,
   und die Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die
   Augen auf und läßt uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren
   Alltag, in den Heben. Wahr und tief und lebendig ist alles, was
   er geschrieben hat: auch alle für uns toten Dinge leben zwischen
   seinen Fingern. Fritz Lau's Bücher sind Bücher für die Wasserkante.
   Bücher für die Fahrt und das Leben. Sie sind für uns geschrieben und
   sollten von uns gelesen werden.

                              Gorch Fock (Der Fischerbote -- Hamburg).

   Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr,
   was andere, gewöhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht,
   das weiß er lebendig zu schildern und zwar immer in den
   treffendsten, bezeichnendsten Ausdrücken. Es ist daher wie bei
   einem Maler ganz gleichgültig, was er darstellt. Unser Interesse
   wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte
   Poesie, und zwar echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bücher, und
   die bilden die Mehrzahl, die man, wenn man sie einmal gelesen
   hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu diesen gehört das
   Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen und hat
   immer neuen Genuß davon.

          Prof. Dr. Wisser-Oldenburg (Anz. für das Fürstentum Lübeck).

   Der Dichter weiß den Leser in seinen Bann zu ziehen, läßt ihn mit
   ihm sehen die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die
   lachenden Fluren, das einfache Dorfleben abseits der Welt, wie
   die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner, die lichten und die
   düsteren Farben, -- immer verklärt von warmen, vollen
   Herzensregungen und von reiner Güte. Hinter seinen Gestalten steht
   der Dichter mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und
   vollendetem Können in der Formengebung: wahrhaft echte Poesie und
   Prosa. Die Erzählungen »Klas un Lena«, »De Regenbagen« und »Dat
   Polakengör«, sowie die ergreifende Schilderung »Up Scharhörn«
   gehören zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung und
   überhaupt gelesen habe.

                                                Deutsche Tageszeitung.



Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. 7]:
   ... der in der sechziger Jahren während der Äquinoktien ...
   ... der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien ...

   [S. 14]:
   ... Strömer und Liekedeeler war, ein Britte und Tunichtgut, ...
   ... Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, ...

   [S. 43]:
   ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis treib nicht weg und ...
   ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und ...

   [S. 80]:
   ... hohe Tiede Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...
   ... hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...

   [S. 106]:
   ... Störtebecker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...
   ... Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...

   [S. 139]:
   ... Störtebeker barg dat Hütfaß und stellte die Bungen ...
   ... Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen ...

   [S. 163]:
   ... Linie und dem Sargossameer bei Westindien, in dem ...
   ... Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem ...

   [S. 183]:
   ... sein, daß diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...
   ... sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...

   [S. 231]:
   ... schalt die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...
   ... schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Seefahrt ist not!" ***

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