Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. - Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
Author: Hildebrand, Theodor
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. - Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



images of public domain material from the Google Books
project.



                                 Der
                               Vampyr,
                                oder:
                           Die Todtenbraut.


                              Ein Roman
                   nach neugriechischen Volkssagen.

                                 Von
                         Theodor Hildebrand.

                            Erster Theil.

                            Leipzig, 1828.
                    bei Christian Ernst Kollmann.



                                 Der
                               Vampyr,
                                oder:
                           Die Todtenbraut.



                           Erstes Kapitel.


Ein unglückliches, aber unverdientes Schicksal zwang den russischen
Obersten _Alfred Lobenthal_, im Jahr 1818 seinen Abschied zu nehmen. Er
begab sich nach Berlin, seinem Geburtsorte, wo er gern sein Leben
beschlossen haben würde; aber sein Verhängniß hatte es anders über ihn
bestimmt. Nach einem kaum halbjährigen Aufenthalte in dieser prächtigen
Königsstadt trat Alfred eines Morgens tief bekümmert in das Zimmer
seiner Gemahlin und kündigte ihr an, daß eine gebieterische
Nothwendigkeit ihn zwinge, Berlin zu verlassen und in einer entfernten
Gegend einen einsamen Aufenthaltsort zu suchen, wo sie in Ruhe und
Frieden leben könnten.

_Helene_, die Gemahlin des Obersten, erschrak über diese Neuigkeit, aber
sie verlor den Muth nicht. Sie liebte ihren Gatten zärtlich, und ward
eben so von ihm wieder geliebt; den übrigen Theil ihres Glücks machten
ihre Kinder aus, und wo sie sich auch befinden mochte, so war sie
zufrieden, wenn sie nur von ihren Lieben nicht getrennt wurde; die
Augenblicke der Muße, die ihr die Pflichten als Mutter und Hausfrau noch
übrig ließen, drohten nirgends, ihr Langeweile zu machen, weil Musik und
Malerei diesen Feind der Ruhe von ihr verscheuchen konnten. Daher war
sie auch eben nicht betrübt, als sie die unerwartete Neuigkeit erfuhr;
kaum fragte sie ihren Gatten nach der Ursach dieses plötzlichen
Entschlusses. Nur das wünschte sie zu wissen, ob vielleicht seine
politischen Meinungen abermals Alfred's Sicherheit in Gefahr setzten.
Nachdem sie hierüber beruhigt worden, und erfahren hatte, daß der
Bankerott eines bedeutenden Handelshauses ihn um einen großen Theil
seines Vermögens bringe, weßhalb es nothwendig sei, einige Jahre in der
größten Zurückgezogenheit zu leben: umarmte sie ihren Gatten voll
Zärtlichkeit und versicherte ihn, daß sie ohne Mühe das Geräusch der
Hauptstadt mit der Einsamkeit des Landlebens vertauschen würde.

Der Oberst betrieb seine Abreise mit der größten Eilfertigkeit. Er
wollte nicht einmal den Verkauf seines prächtigen Mobiliar's abwarten,
sondern bat einen Freund, dieses Geschäft an seiner Stelle zu
übernehmen; und schon am folgenden Tage nach der Mittheilung seines
Entschlusses an seine Frau reisete er mit ihr und seinen Kindern, nur
von einem einzigen Bedienten begleitet, ab, ohne von seinen Bekannten
und Verwandten Abschied genommen zu haben.

Sobald Alfred das Thor hinter sich hatte, schien er gleichsam von einer
großen Last befreit zu sein. Seine Blicke, die unruhig hier und dort
umherirrten, so lange er sich in der Stadt sahe, nahmen plötzlich den
Ausdruck der Ruhe an, als er sich im Freien befand; er schien jetzt
freier athmen zu können, und seiner Frau lebhaft die Hand drückend, rief
er aus: »Endlich haben wir die Stadt im Rücken! O, wie verhaßt ist sie
mir, wie lange dauerte mir die Zeit, bis der Wagen zum Thore
hinausfuhr!«

-- Ist es möglich, lieber Alfred, erwiederte seine Frau, daß du so
sprechen kannst? Ist denn Berlin nicht mehr deine Geburtsstadt? Hat sie
allen Reiz für dich verloren, da du doch sonst immer mit Entzücken von
ihr sprachst? Ist sie nicht mehr dieselbe Stadt, und kann sie dir
deßhalb mißfallen, weil sich unsere Lage geändert hat? --

»Ja, ich gestehe es, antwortete der Oberst, was mich sonst entzückte,
mag ich jetzt kaum mit Augen sehen. Ich fühle, daß es mir unmöglich sein
würde, nur noch einen Tag länger in Berlin zu bleiben.«

-- Nun, so sei doch jetzt zufrieden, da wir diese dir so verhaßte Stadt
schon im Rücken haben. Möchtest du in einer andern deine Ruhe
wiederfinden, und alle unangenehmen Erinnerungen vergessen! --

»Von welcher Stadt sprichst du denn, mein Kind?«

-- Nun, von derjenigen, in welcher wir künftig wohnen werden. Wir
befinden uns auf der Straße nach Potsdam; willst du vielleicht nach
Dresden, nach Leipzig, oder noch weiter? --

»Ach, liebe Helene, sagte der Oberst verlegen, es wird mir schwer, dich
ganz mit dem Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen sollst. Denkst
du, ich verlasse Berlin, um in einer andern Stadt zu wohnen? Ach nein,
in meiner Lage gefällt mir nur die Einsamkeit! Liebe Helene! wirst du
dich nicht über meinen grausamen, Entschluß beklagen? Ich will eine
abgelegene ländliche Wohnung suchen, wo nichts ....«

Eine plötzliche Röthe überzog bei diesen Worten die schönen männlichen
Gesichtszüge des Obersten; er hielt mitten in seiner Rede inne, und sahe
Helenen mit einem unbeschreiblichen Blicke an, in welchem indessen die
schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu verkennen waren.

Helene würde sich vielleicht hierüber beunruhigt haben, wenn sie
geglaubt hätte, daß geheime Ursachen dem Schmerze ihres Gatten zum
Grunde lägen. Allein sie wußte, wie sehr ihm der Verlust eines Theils
seines Vermögens, bloß aus Liebe zu ihr und ihren Kindern, zu Herzen
ging; sie kannte seine Zärtlichkeit für sie, und fürchtete, daß es ihn
bekümmern möchte, sie mitten aus den Vergnügungen der großen Welt in die
Einsamkeit des Landlebens zu versetzen. Ohne daher weiter über Alfreds
Betragen nachzudenken, hielt sie sich bloß an den Schein, und sagte,
ihrem Gatten die Hand drückend:

»Beruhige dich, lieber Alfred; mir ist wenig daran gelegen, welchen
Winkel der Erde ich bewohne, wenn ich nur mit dir und meinen Kindern
bin. Meine Pinsel und Farben sind hier in diesem Kästchen, meine Harfe
wird mir nachgesandt: was könnte mir nun noch zu meinem Glücke fehlen?«

-- Wie, theure Helene, du fürchtest dich nicht vor dem einsamen
Landleben? --

»Es würde der Fall sein, wenn ich von den drei mir theuren Wesen
entfernt wäre; mit ihnen ist meine Zufriedenheit stets vollkommen.«

-- O, von welcher Unruhe befreist du mich; denn ich glaube, daß du
aufrichtig sprichst! Wohlan, so gestehe ich dir, daß nur die Einsamkeit
und Zurückgezogenheit meinem jetzigen Zustande anpassend ist, daß ich
der Entfernung von allem Geräusche des Lebens bedarf. Ich will also
einen Zufluchtsort aufzufinden suchen, der nicht so nahe bei einer Stadt
liegt, daß man uns belästigen wird, der aber auch nicht allzuweit
entfernt ist, um aller Annehmlichkeiten der Städte entbehren zu müssen,
wozu insbesondere auch die Hülfe der Arzneikunst gehört, wenn die
Gesundheit _Wilhelms_ und _Juliens_ (die Namen ihrer beiden Kinder)
derselben bedürfen möchten. -- --

»Nun, Alfred, und wo denkst du diesen Zufluchtsort zu finden?«

-- In Böhmen, nicht weit von Prag. --

»Es scheint mir aber, daß du bei allen deinen früheren Reisen noch nie
in dieser Gegend gewesen bist. Hast du dort vielleicht Bekanntschaften,
und kennst du schon den Ort unseres künftigen Aufenthalts?«

-- Nein, durchaus nicht; ich überlasse Alles dem Zufalle, und gerade,
weil ich in Böhmen völlig unbekannt bin, reise ich dorthin. Ich hoffe,
daß so meine Spur völlig verloren gehen wird, daß ich dort keiner
Verfolgung ausgesetzt sein werde ... denn der Anblick der Menschen ist
mir jetzt verhaßt. Ach, könnte ich die Vergangenheit aus meinem
Gedächtnisse verwischen! Theure Helene, wie sehr wünschte ich, nur für
dich gelebt zu haben! --

Diese zärtlichen Worte, die ihrer Natur nach Helenen nur angenehm sein
konnten, brachten indessen in ihrem Herzen eine gerade entgegengesetzte
Empfindung hervor. Der Ton, mit welchem ihr Gemahl sie ausgesprochen
hatte, schien einen bittern Vorwurf gegen sie selbst anzudeuten, und
seine Physiognomie sagte dabei mehr als seine Worte. Helene liebte ihren
Mann noch, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in
ihrem Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung geregt, weil Alfreds
Betragen sie überzeugte, daß sie allein in seinen Gedanken herrschte;
aber diese Ruhe konnte von einem Augenblick zum andern getrübt werden.
Helene hatte bis jetzt noch nie ernstlich über das Leben ihres Mannes
nachgedacht, das er vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben könnte;
sie wußte, daß ein junger, hübscher Offizier nicht anders als eine Menge
verliebter Abentheuer gehabt haben konnte; aber sie glaubte, daß Alfred
nicht Zeit gehabt hatte, sich Gefühlen hinzugeben, die nur dann erst
gefährlich werden, wenn sie lange dauern. In dieser Hinsicht war also
Helene frei von Unruhe; indessen stieg ihr doch jetzt der unglückliche
Gedanke auf, daß wohl eine ältere Liebes-Intrigue ihren guten Theil an
der so plötzlichen Reise, die einer übereilten Flucht glich, haben
könnte.

Wie auch die Gedanken Helenens in dieser Hinsicht gewesen sein mochten,
so hütete sie sich doch wohl, sie laut werden zu lassen; sie suchte
vielmehr, sie zu unterdrücken, indem sie ein gleichgültiges Gespräch
anfing. Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder zu Hülfe, und Alfred,
der sich über ihr unschuldiges Geschwätz freuete, suchte ihre Neugierde
zu befriedigen. Der Oberst bemerkte indessen, daß die Miene seiner
Gemahlin ernster und nachdenkender geworden war; da er diesen Anschein
von Kummer nur ihrer Abreise von Berlin zuschrieb, so gab er sich alle
Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder aufzuheitern, was ihm auch so
gut gelang, daß Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt, alle ihre
leeren Muthmaßungen bei Seite warf, und sich ganz dem Glücke überließ,
mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben zu können.



                           Zweites Kapitel.


Kaum war die Familie in Prag angekommen, so verlor der Oberst auch
keinen Augenblick mehr, die einsame Wohnung ausfindig zu machen, nach
welcher er sich so herzlich sehnte. Er wendete sich an einen
Kommissionär, um zu erfahren, ob er irgend eine ländliche Wohnung,
entfernt von allen großen Straßen, aber doch nicht zu weit von der Stadt
entlegen, miethen oder kaufen könnte; und der Zufall entsprach hierbei
völlig seinen Wünschen. Der Eigenthümer des Schlosses R...., in einer
romantisch schönen und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden von
Prag, bewohnte dieses uralte Gebäude nicht; vergebens hatte er schon
seit längerer Zeit Liebhaber des Landlebens gesucht, aber bis jetzt noch
keinen Miether finden können; daher ging er auch leicht in die
Bedingungen ein, die ihm der Oberst Lobenthal machte, und der, kaum
unterrichtet, daß das Schloß zu vermiethen sei, dahin geeilt war, um es
zu besichtigen. Entzückt von seiner Lage, die ganz so war, wie er sie
wünschte, errichtete Alfred sogleich einen Miethsvertrag in gehöriger
Form, und begab sich mit seiner Familie nach seiner neuen Wohnung. Die
nöthigen Möbel, einfach aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll,
hatte er in der Stadt gekauft, und ließ sie unter Aufsicht eines alten
Unteroffiziers von seinem Regiment nachkommen. Dieser, Namens _Werner_,
ebenfalls ein Deutscher, ein tapferer Soldat, war schon früher in
Rußland mit einer kleinen Pension verabschiedet worden; allein aus
Anhänglichkeit an seinen Obersten, der ihm einst in einer Schlacht das
Leben gerettet hatte, wollte er schlechterdings das Schicksal desselben
theilen, und er nahm bei ihm weniger die Stelle eines Bedienten, als
eines treuen und völlig ergebenen Freundes ein. Eine Köchin und ein
Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen, machten das Hauswesen des
Obersten vollständig; denn Helene und ihr Gemahl hatten auf allen Luxus
verzichtet, weil er durchaus keinen Reiz mehr für sie gewährte.

Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im Schlosse R.... verflossen unter
Beschäftigungen, die gewöhnlich mit der Veränderung des Wohnsitzes
verbunden sind. Die Arbeiter waren in jener Gegend selten zu haben, oder
ungeschickt, und die ganze innere Einrichtung beruhte daher auf des
Obersten und Werners Thätigkeit. Sie leimten die Tapeten an, hingen die
Spiegel auf, stellten die Möbel an ihren Ort, schlugen die Betten auf,
u. s. w. und ihre Hände, nur gewohnt, die Waffen zu führen, wußten sich
äußerst geschickt der Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen.

Auch Helene war ihrerseits nicht müßig; die Wäsche, die Küche, die
Speisekammer gaben ihr vollauf zu thun; sie vernachlässigte nichts, und
indem die beiden Gatten so mit einander arbeiteten, verschönerten sie
ihre Zeit durch die Ergießungen ihrer Zärtlichkeit und durch die
Glückseligkeit eines vollkommnern gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten
unter diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft eine plötzliche
Erinnerung die heitere Stirn des Obersten; ein unwillkührliches Erbeben,
das er sogleich wieder zu unterdrücken suchte, bewies, daß ihn ein
geheimer Kummer drücken müsse, und mehr als einmal mußte Helene ihr
Gesicht abwenden, um ihrem Gatten nicht noch mehr Unruhe zu verursachen,
wenn er sähe, daß sie seinetwegen ebenfalls bekümmert sei.

Oefters schien Alfred wieder völlig heiter zu sein; die Gegenwart seiner
Kinder machte ihm Vergnügen, und sehr häufig nahm er an ihren
unschuldigen Spielen Theil; bald beschäftigte er sich mit seiner Flöte,
bald durchstrich er, von einem Jagdhunde begleitet, die zahlreichen
umliegenden Thäler und Berge. Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben,
setzte er sich oft am Fuße einer Eiche nieder, und überließ sich seinen
Träumereien, welche dann mehrere Stunden lang dauerten. Erst die
einbrechende Abenddämmerung, oder einige vorübergehende Landleute
weckten ihn aus seinem fast bewußtlosen Zustande; er schlug sich dann
heftig vor die Stirn, und eilte schnellen Schrittes nach dem Schlosse
zurück.

Hätte Helene nur Geschmack für die Vergnügungen der großen Welt gehabt,
so würde sie sich in ihrem jetzigen Aufenthalte äußerst unglücklich
gefühlt haben. An Gesellschaft war hier wenig zu denken; die in der Nähe
wohnenden Herrschaften kamen nur im Sommer auf's Land, und sechs Monate
lang im Jahre würde es Niemand von ihnen gewagt haben, sich zwischen die
Berge und Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich unzugänglich
waren. Wir haben aber schon gesagt, daß Helene in sich selbst
vortreffliche Hülfsmittel zum Zeitvertreib fand. Wenn das Hauswesen ihre
Thätigkeit nicht in Anspruch nahm, so vergnügte sie sich durch Musik,
Malerei und das Lesen der besten Werke unserer schönen Literatur, oder
sie fand hinreichenden Genuß in der Gesellschaft ihres Mannes und ihrer
Kinder.

Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgend eine außerordentliche
Begebenheit eine Abwechselung in dem stillen und einförmigen Leben der
Familie Lobenthal hervorgebracht hätte. Je mehr die Zeit verfloß, desto
mehr erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und keine unangenehme
Erinnerung schien ihn mehr zu belästigen. Helene, die ihren Gatten sehr
genau beobachtet hatte, freute sich heimlich darüber. Nur selten war
Alfred jetzt vom Schlosse abwesend; er ging nicht mehr so häufig, wie im
Anfange, auf die Jagd, sondern war fast immer bei seiner Frau und seinen
Kindern, mit deren Erziehung er sich beschäftigte; zum Zeitvertreib ließ
er sich auch die Verschönerung des Schloßgartens angelegen sein, den er
mit mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert hatte.

Auch der Winter war an diesem einsamen und abgelegenen Orte für Alfred
und Helenen nicht ohne allen Reiz, denn sie verstanden, sich selbst
genug zu sein. Wenn der häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend
so verdorben hatte, daß es völlig unmöglich war, spazieren zu gehen, so
diente der weite Saal des Schlosses zum gymnastischen Tummelplatz, wo
Vater und Kinder sich für die körperliche Ausbildung der letztern
heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne Unterlaß hallte dann von den
langen und hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches Gelächter
wieder. Den Stunden des Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht;
die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen, womit Helene ihre
beiden kleinen aufmerksamen Zuhörer in Erstaunen setzte, und voll
Entzücken betrachtete dann Alfred dieses Gemälde der häuslichen
Glückseligkeit. Man achtete nicht der Stürme, des Schnees und Regens,
der gegen die Fenster prasselte, und nach und nach verschwand jede
Erinnerung an eine bittere Vergangenheit.

Auch der nächste Frühling verfloß in dieser angenehmen Ruhe. Um die
Mitte des Monats Juli erhielt aber der Oberst einen Brief, der ihn mit
neuem Kummer erfüllte. Er hatte eine Schwester, die in Stettin an einen
königlichen Beamten verheirathet war. Gegenseitiges Unrecht unter den
beiden Gatten, die beide noch jung und vielleicht Sklaven ihrer
Leidenschaften waren, hatte schon mehrere unangenehme Auftritte unter
ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten. Ein
gemeinschaftlicher Freund dieser beiden Unglücklichen, der einen
öffentlichen Ausbruch ihrer Uneinigkeiten fürchtete, hielt es für seine
Pflicht, den Obersten von dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er
forderte ihn auf, keine Zeit zu verlieren, und nach Stettin zu eilen,
weil, wie er glaubte, seine Gegenwart allein im Stande wäre, die beiden
Gatten auf die Dauer wieder mit einander zu versöhnen.

Dem Obersten kam diese unangenehme Mittheilung sehr ungelegen. Es schien
ihm zu hart, sich aus dem Schooße seiner glücklichen Familie entfernen
zu sollen, um wieder in die Welt zurückzukehren, deren verhaßtem
Geräusch er nun schon entgangen war. Zwar machte ihm sein Herz Vorwürfe
wegen seiner Gleichgültigkeit gegen seine junge Schwester, für die er
die Stelle eines Vaters zu vertreten hatte; er fühlte, wie nützlich ihr
sein guter Rath sein könnte, wodurch er vielleicht im Stande wäre, sie
vor dem Abgrunde des Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam entgegen
zu eilen schien; allein von der andern Seite sollte er sich von seiner
zärtlichen Gattin, von seinen Kindern auf unbestimmte Zeit entfernen;
das Opfer war ihm zu groß. Er wußte lange nicht, was er thun sollte; ehe
er indessen einen Entschluß faßte, suchte er durch schriftliche
Ermahnungen auf seine Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen
konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige Leidenschaften laut ihre
Stimmen erhoben; die beiden Gatten klagten einander gegenseitig in den
Antworten an, die sie ihrem Schwager zukommen ließen, und dachten nicht
daran, sich wieder auszusöhnen. Endlich gedieh ihre Uneinigkeit auf
einen solchen Punkt, daß Alfreds Schwester keinen Anstand nahm, das Haus
ihres Mannes zu verlassen, und sich nach dem Landgute einer ihrer
Freundinnen zurückzuziehen.



                           Drittes Kapitel.


Als der Oberst diese letztere Nachricht erhielt, zögerte er nicht
länger; er machte sich Vorwürfe, nicht schon früher abgereiset zu sein,
und schob auf sich selbst einen Theil der Schuld an dem von seiner
Schwester begangenen Fehler. Jetzt mußte so schnell als möglich Hülfe
geleistet werden, und nachdem er Helenen um Rath gefragt hatte, die
völlig seiner Meinung war, begab er sich nach Prag, von wo er mit
Extrapost weiter nach Stettin eilte. Er reisete ganz allein ab, und ließ
zum Schutze für seine Frau und Kinder den rechtschaffenen und
furchtlosen Werner zurück, den er in Allem, was das Interesse seiner
Familie betraf, als sein zweites Selbst betrachten konnte. Helene mußte
ihren ganzen Muth zusammennehmen, um sich beim Abschiede von ihrem
Gatten zu fassen. Dieß war die erste Trennung von ihm, aber sie wußte
ihren Schmerz in sich zu verschließen, und zeigte nur so viel davon, als
ihr völlig unmöglich war zurückzuhalten.

»Ach, Geliebter! rief sie unter einem Strom von Thränen aus; eile, daß
du zu mir zurückkehrst! Erst jetzt wird mir dieser Ort hier als eine
wirkliche Wüstenei erscheinen; ich werde völlig allein sein, sobald ich
dich nicht mehr sehe.«

Alfred versuchte, der zärtlichen Helene einigen Trost einzuflößen. Schon
befand man sich im Monat September, und er versprach ihr, spätestens im
Monat Dezember wieder zu kommen, hinzusetzend: daß sie seiner
Zärtlichkeit wohl so viel Vertrauen schenken würde, um zu glauben, daß
er selbst nichts sehnlicher wünschen könnte, als noch weit früher in
ihre Arme zu eilen, wenn es nur irgend möglich wäre. Aber wie vergeblich
sind alle Trostgründe in dem Augenblicke der Trennung! Man fühlt nichts,
als das gegenwärtige Uebel, und es drückt uns danieder. Die Zukunft ist
in solcher Stimmung gleichgültig, die Hoffnung verliert allen ihren
Zauber, und man kennt nur die Qual der Gegenwart.

In den ersten Tagen nach Alfred's Abreise war Helene gleichsam in einem
Zustande der Bewußtlosigkeit. Ihr Geist, von hundert peinlichen
Vorstellungen angegriffen, ward für eine abergläubische Furcht
empfänglich, und nur mit einem geheimen Schauder ging sie des Abends die
Treppe hinauf und durch den großen Saal. Die Einbildungskraft, die stets
bereit ist, Alles herbeizuziehen, was uns in Schrecken setzen kann,
verdoppelte ihre Lebendigkeit, um Helenen mit Schrecken zu erfüllen. Die
geringste Kleinigkeit war hinreichend, sie in Furcht zu setzen; oft
stand sie plötzlich zitternd still, weil sie ein sonderbares Geräusch
gehört zu haben glaubte, oder sie machte ihre Augen zu, aus Scheu,
irgend eine fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die Gesellschaft
ihrer Kinder war an den Abenden, die schon lang zu werden anfingen,
nicht mehr hinreichend, um sie zu beruhigen; sie rief nach dem treuen
Werner und nach Lisetten, der Köchin, einem guten, aber höchst
abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und behielt Beide Stunden lang bei
sich, unter dem Vorwande, ihnen Befehle für den folgenden Tag zu geben,
oder ihnen Rechenschaft von dem, was sie den Tag über gethan hatten,
abzufordern.

Es mag auf dem Lande auch noch so einsam sein, die Häuser mögen auch
noch so weit von einander entfernt liegen, so ist dieß Alles doch nicht
im Stande, die Neugierde der Landbewohner einzuschränken. Für diese
Klasse von Menschen ist die gewöhnlichste Begebenheit etwas Wichtiges,
sie geben auf die geringste Kleinigkeit Acht, und Alles wird den
Nachbarn treulich wiedererzählt. So war es auch bei der Ankunft der
Familie Lobenthal im Schlosse R.... Was für übertriebene Dinge erzählte
man sich von ihr, was für lächerliche Mährchen wurden auf ihre Rechnung
verbreitet! Aber die Zeit verfloß, und ein und derselbe Gegenstand kann
nicht stets zur Unterhaltung dienen; daher schien die Familie Lobenthal,
nach Verlauf von funfzehn Monaten, im Lande völlig eingebürgert zu sein,
und man trat sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche
Verhältnisse, so daß die Männer im Stalle mit Wernern, die Weiber in der
Küche mit Lisetten häufig Unterhandlungen anspannen, und ihnen
erzählten, was sie Sonntags vor der Kirchthür Neues gehört hatten.

Lisette und Werner erzählten gerne, wenn Gelegenheit dazu war, ihrer
Frau wieder, was sie gehört hatten, und Helene erröthete innerlich über
das seltsame Vergnügen, das sie dabei genoß, ihnen zuzuhören; indessen
war ihr, während der Abwesenheit ihres Mannes, Zerstreuung nöthig, und
gleichviel, welchen Gegenstand man vor ihr abhandelte: sie zog das
albernste Geschwätz immer noch der Einsamkeit vor.

Schon war der Oberst seit länger als einer Woche nicht mehr im Schlosse,
als Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene in's Zimmer trat, daß
Helene nicht daran zweifeln konnte, sie habe ihr eine außerordentliche
Neuigkeit mitzutheilen. Sie irrte sich nicht; sobald das gute Mädchen
sich bei der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer Abendarbeit
leuchtete, fing sie an:

»Von nun an, Frau Oberstin, werden wir nicht mehr so ganz allein in
dieser Gegend sein; das Land hier wird immer mehr bevölkert, die Anzahl
der Fremden vermehrt sich; und wenn das so fortgeht, so wird man bald,
wie man im Dorfe sagt, des Montags einen Markt auf unserm Schloßplatze
abhalten können.«

-- Ei, mein Gott, antwortete Helene erstaunt, wer sind denn die
zahlreichen Einwohner, die sich in der Gemeinde angesiedelt haben? --

»Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, Frau Oberstin, so sind es eben
noch nicht viel, aber das wird noch kommen. Für's Erste ist da schon der
Herr Oberst Lobenthal mit seiner Familie, und dann eine Dame, deren
Geschichte und Herkunft man noch nicht kennt, und die das kleine Haus
dort unten im Thale, mitten im Walde, gekauft hat.«

-- Da hat sie sich eine sehr einsame Wohnung gewählt, und sie muß
entweder viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge bei sich haben,
wenn sie ohne Furcht in diesem Hause bleiben kann. --

»Dieser Meinung ist auch das ganze Dorf, und dennoch ist sie ganz
allein; denn ein alter Bedienter kann hier gar nicht in Anschlag kommen,
weil er so abgelebt, so bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem
Lebendigen, als einem Bewohner der andern Welt ähnlich sieht. Was die
Dame betrifft, so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre Miene etwas
ganz Außerordentliches haben soll. Ich kann übrigens nichts Näheres
davon berichten, weil ich sie noch nicht gesehen habe; aber am nächsten
Sonntage müßte ich sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen
sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel dort sein, und dann will ich sie
genau betrachten, daß ich Ihnen einen vollkommnern Bericht abstatten
kann, wenn Sie selbst zufällig nicht im Stande sein sollten, sie zu
sehen.«

-- Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du sie genau betrachten wirst; aber
was spricht man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem Grunde sie sich
gerade gegen den Winter eine so wenig angenehme Wohnung gewählt hat? Ist
sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet? --

»Man hat alle diese Fragen schon an ihren Bedienten gerichtet, ohne die
geringste genügende Antwort zu erhalten; denn dieser Bediente soll ein
mürrischer und äußerst grober Mensch sein. Seine Antworten sind: Ja,
nein; vielleicht: das geht Euch nichts an; was er kauft, bezahlt er,
ohne weiter ein Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich
wieder. So viel weiß man indessen schon gewiß, daß diese Leute keine
Deutschen sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache, und unter
sich bedienen sie sich fremder, unverständlicher Worte.«

-- Ist denn diese Dame schon lange hier? fragte Helene, die schon den
Wunsch fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin zu finden, die
einige Abwechselung in ihrer einfachen, gleichförmigen Lebensart
hervorbringen könnte. --

»Sie ist an demselben Tage hier angekommen, wo der Herr Oberst
abreisete. Anfangs stieg sie bei dem Schäfer Paul ab, und fragte ihn, ob
nicht in der Nähe irgend ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei? Paul
erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann das kleine Haus im Walde
verkaufen wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte mit
ihnen, und schlief schon in derselben Nacht in ihrem neuen Wohnsitze.
Paul und die beiden Gierschmann haben anfangs aus dieser Begebenheit ein
Geheimniß gemacht, wahrscheinlich weil sie der armen Dame eine übermäßig
große Summe für das Haus abgenommen haben. Aber am Ende kommt doch Alles
heraus: die Geschichte wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, die
sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe ich sie von der Frau des
Nachtwächters gehört, und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt haben,
wenn ich Ihnen nicht sogleich Alles mitgetheilt hätte.«

Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung des Kopfes für ihren guten
Willen, und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft mit der
fremden Dame zu machen.

Während dieses langen Gesprächs schwieg Werner, der ebenfalls
gegenwärtig war, und schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Diese
Bewegung und sein Stillschweigen fielen der Oberstin auf, daher sie ihn
fragte, ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame hege?

»Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben nichts Gutes in ihrem Erscheinen
in hiesiger Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch sein soll, wie man
sagt, kommt mit einem einzigen Bedienten hier her, um sich in ein
abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß ganz in der Ordnung zu
sein? Hat sie einen Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie nicht eine
Abentheurerin sein? Ich habe ehemals genug von diesen geheimnißvollen
Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, die anfangs alle Blicke
scheuten, und sich sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend einen
Fang gemacht hatten. Dann erschienen sie am hellen Tage, und zeigten
ihre Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen; hatten sie nun die
Frucht rein ausgesogen, so verschwanden sie plötzlich, wie die
Irrwische, die wir oft dort unten auf dem Moraste erblicken.«

-- Ich glaube es wohl, antwortete Helene, daß man in einer großen Stadt
solche unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen desto bessern
Handel mit ihren Reizen zu machen, die Neugierde durch das Dunkel zu
reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen; aber hier in R...., mein guter
Werner, was sollte eine solche Person hier suchen? Wo ist hier der
reiche Partikulier, den sie verführen könnte? Ich weiß in der ganzen
Gegend nur Familien, die in der vollkommensten Eintracht leben, und
überdieß binnen Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer verlassen
werden. Kann aber diese Dame nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt
sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem niedrigeren Fuße zu
leben, als ihr früher ihrem Range nach zukam? und wird wohl eine heutige
Sirene mitten im Walde, fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen?
Wird sie sich nicht vielmehr den Orten nähern, die häufig von Reisenden
besucht sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht ist ungerecht; man
muß von seinem Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn offenbare Gründe
dazu vorhanden sind. --

Werner erwiederte nichts, aber er schien keinesweges überzeugt zu sein.
Ihm diente seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er Alles beurtheilen
zu können glaubte, was ihm jetzt begegnete.

Der folgende Tag war außerordentlich schön. Gegen Abend gingen die
Kinder unter Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall führte sie nach
dem nahe gelegenen Walde, während Helene selbst sich nicht so weit vom
Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem Dorfe hinunter ging, wo sie
mit den Landbewohnern, denen sie begegnete, von der nahe bevorstehenden
Erndte plauderte. Alle erzählten ihr aber von der fremden Dame; ihre
Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt, und man belauschte daher
jeden ihrer Schritte. Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung
verließ, um in der Umgegend spazieren zu gehen; so lange aber die Sonne
noch am Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. Den ganzen Tag
brachte sie in einem Zimmer ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand sie zu
sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete sämmtliche Geschäfte des
Hauswesens, aber er sah stets so mürrisch aus, daß man keine Lust
fühlte, eine Unterredung mit ihm anzuknüpfen, wenn er dann und wann in's
Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen.

Jemehr Helene von der Unbekannten sprechen hörte, desto fester nahm sie
sich vor, sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren vortrefflichen
Eigenschaften war die Frau Oberstin doch immer eine Tochter unserer
gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva. Indessen wußte sie ihren geheimen
Wunsch unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit zu verbergen, und als
es finster zu werden anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück.

Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen sie ihr voll Freude entgegen.
»Ach, Mutter! liebe Mutter! riefen beide zugleich; wir haben die schöne
unbekannte Dame gesehen, und mit ihr gesprochen. Sie hat uns diese
schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, wie gut und wie hübsch ist sie!«

Dieses unverhoffte Zusammentreffen und die Worte ihrer Kinder reizten
Helenens Neugierde noch mehr. »Still, liebe Kinder, sagte sie, sprecht
nicht beide zugleich; Eines von euch soll mir erzählen, was vorgefallen
ist, und das Andere kann dann nachholen, was vielleicht das Erste
vergessen hat.«

Dieser Vorschlag war ganz angemessen, aber es boten sich nur
Schwierigkeiten dar, ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes
niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem Bruder das Wort zu
überlassen, der seinerseits wieder das Recht des Aeltern in Anspruch
nahm, um der Erzähler des kleinen Abentheuers zu sein. Hieraus entstand
ein ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs vergebens den Weg der
Güte: sie drang nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm nicht
schweigen wollte: die Mutter sah sich endlich genöthigt, ihr ganzes
Ansehen zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl legte dem kleinen
Mädchen Stillschweigen auf. Julie nahm nun eine schmollende Miene an,
und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, wo sie ihr niedliches
Gesichtchen in den Händen verbarg, indem sie versicherte, daß ihr Bruder
falsch erzähle, daß sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde, um ihn
zu berichtigen.

Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, die ihm seine Mutter zu Theil
werden ließ, stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun seine
Erzählung an: »Ich hatte Lust, liebe Mutter, in das Thal hinabzugehen,
um von den schönen Blumen, deren so viele auf der dortigen Wiese
wachsen, abzupflücken. Ich bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen,
und er willigte ein; wir waren aber kaum einige Augenblicke da, so lief
auch schon Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus allen Kräften nach
dem Walde zu.«

-- Das ist nicht wahr! rief Julie, voll Aerger über die Beschuldigung
ihres Bruders; ich verfolgte einen schönen, bunten Schmetterling, und du
thatest dasselbe. -- Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von Wilhelmen
nichts Ordentliches erfahren wirst? Ich will dir daher erzählen, was
geschehen ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst gesprochen. --

»Ich habe dir befohlen zu schweigen, antwortete die Mutter sanft, aber
ernsthaft; und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich also meinen
Befehl nicht zum dritten Mal wiederholen muß!«

Die Strenge dieser Worte, welche übrigens so wenig mit Helenens Liebe zu
ihrem niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte dem letzteren
so viel Schmerz, daß Julie in einen Strom von Thränen ausbrach, und ihre
kleinen Arme ihrer Mutter um den Hals schlang. Helene sahe nun ein, daß
sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne ein Wort zu sagen,
streichelte sie mit ihrer Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter,
und drückte dann einen Kuß auf ihre Stirn, worauf die Heiterkeit sich
bei derselben wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen fuhr
Wilhelm in seiner Erzählung fort. Er berichtete, wie die fremde Dame
plötzlich vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, während er
seiner Schwester habe nachlaufen wollen, die sich mitten in das dickste
Gebüsch begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden Dame gehalten
habe, welche letztere sich dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich
sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben nicht zu lieben schiene.
Sie war immer ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens, womit sie
immer sehr freigebig ist, schien ihr sogar ein gewisses Beben zu
verursachen. Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen
Gütigkeit. Vergebens wollte Werner mehrmals mit uns nach Hause
zurückkehren, sie hielt uns immer noch auf, weil sie stets noch einige
Blumen zu den Kränzen hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber sie ist
erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, warum sie beständig einen
Handschuh auf der linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr beschwerlich
sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, aber sie hinderte es mit einer sehr
heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich einen Blick zu, der mich und
meine Schwester in Schrecken setzte; so böse schien er uns zu sein.

Diese Erzählung ward in allen Punkten von dem kleinen Mädchen bestätigt,
das nun ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie fügte noch eine Menge
Einzelnheiten hinzu, und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche Dame ihr
mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen sei, als wenn sie aus der Erde
hervorgekommen wäre.

»Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie fort, und da die Dame es
bemerkte, so schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. Sie kam dann
lächelnd auf mich zu, und ihre freundlichen Worte machten mich nun bald
dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste Frage an mich gerichtet,
wie es sonst wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich zum ersten Male
sehen; sie sprach nur von unseren Spielen und Vergnügungen, und wie sehr
sie meine Freundin zu werden wünschte. Von dir und von meinem Vater hat
sie nicht ein Wort erwähnt.«

Werner, der nun ebenfalls befragt ward, bestätigte Alles, was die Kinder
gesagt hatten. Aber über sein ganzes Wesen schien die größte Verwirrung
verbreitet zu sein, und vergebens suchte er sie zu verbergen; sie ward
wider seinen Willen so sichtbar, daß Helene aufmerksam werden mußte.

»Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht eben so sehr für die fremde Dame
eingenommen, als Wilhelm und seine Schwester. Hast du immer noch dein
früheres Mißtrauen gegen sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder
erkannt?«

-- Ich! sie wieder erkannt haben! rief der alte Soldat, dessen Gesicht
in diesem Augenblick alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht, Frau Oberstin,
wie mein Betragen Sie auf solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich kenne
jene Person nicht; aber dennoch beharre ich bei der Meinung, daß ihre
Ankunft hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas Gutes davon zu
versprechen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollten, so würden Sie Ihren
Kindern nicht erlauben, bekannter und vertrauter mit ihr zu werden. Was
die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte ihren Fuß über die Schwelle
des Schlosses setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu thun haben.
Wenn ich aber an Ihrer Stelle wäre, so würde ich auch nicht einmal
zugeben, daß sie auch nur den Hof überschreitet. --

»Um so strenge gegen sie zu verfahren, erwiederte Helene, müßte ich
überzeugt sein, daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich paßt, und
dieß werde ich vielleicht bald erfahren. Aber da du sie heute zum ersten
Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen sie gar keine gegründete
Ursache hat, so kann ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden
Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen, mein lieber
Werner, auf deinen Rath zu hören, wenn du von dieser Dame irgend etwas
weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich für mich sein, mit ihr
umzugehen.«

Werner schien einen Augenblick lang ungewiß zu sein, was er der Oberstin
antworten sollte; plötzlich hörte indessen diese Ungewißheit auf, und er
versicherte dann mit fester Stimme, daß seine Furcht nur auf
Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame ihm völlig unbekannt sei, und
daß seine Herrschaft völliges Recht habe, zu handeln, wie es ihr gut
dünke.

Helene kannte die edle Freimüthigkeit des alten Soldaten, und sie
zweifelte nicht an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie schrieb sein
Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit derjenigen zu, die in der Welt
viel gesehen und erfahren haben; das Böse hat sich ihnen unter allen
Gestalten gezeigt, und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo der
Anschein es am Wenigsten vermuthen läßt. Nur in der Zurückgezogenheit
lernt das menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen, das noch
durch Nichts getäuscht wurde, und nur der häufige Umgang mit Menschen
lehrt sie fürchten.



                           Viertes Kapitel.


Indem Werner die Oberstin versicherte, daß die fremde Dame ihm unbekannt
sei, sprach er wider seine Ueberzeugung. So auffallende Gesichtszüge
konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie
sehr die, welche damit geschmückt war, würdig gewesen, die zärtlichste
Neigung einzuflößen, und er zitterte schon im Voraus vor einem
Zusammentreffen, das für die Zukunft die schrecklichsten Stürme zu
weissagen schien. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner
würdigen Gebieterin vergiften? War es nöthig, in ihrem Herzen die
verzehrenden Flammen der Eifersucht anzuzünden? Unglücklicherweise giebt
es Fälle im menschlichen Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit zu
verschweigen, und wo man mit der Lüge in's Bündniß treten muß, um großen
Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen war hier eingetreten, und
nur ungern opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe auf; er
verschwieg also, was er wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht
herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese schwierige Lage
nachzudenken. Seine Klugheit sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts von
seiner innern Unruhe merken zu lassen; denn wenn sich einmal der
Verdacht im Busen der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten konnte dieß
führen! Er nahm daher alle seine Kraft zusammen, und bewachte sich
selbst so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen nichts als die
Gleichgültigkeit des gewöhnlichen Lebens wahrnehmen konnte.

Als Werner endlich nach eilf Uhr in seinem Zimmer allein war, eilte er
zu seinem Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, was hier
vorgegangen war.

   »Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie
   erfahren, daß _Lodoiska_ jetzt hier in R.... wohnt, und die
   nächste Nachbarin des Schlosses ist. Was will sie hier, jetzt,
   nach Verlauf so vieler Jahre? was hegt sie für Absichten?
   Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht
   erkannt, wenigstens ließ sie nicht das geringste Zeichen
   entschlüpfen, woraus ich es hätte schließen können. Lassen Sie
   mir jetzt Ihre Befehle zukommen, und ich werde sie ohne Verzug
   ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, und sich eine
   Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten kennen zu
   lernen? Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin und Ihre
   Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dieß würde
   vielleicht der beste Weg sein, den Sie einschlagen könnten.
   Sie werden nie glücklich, noch ruhig sein, so lange diese
   Lodoiska lebt, oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit
   ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.« --

Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erbebte er
unwillkührlich; denn es schien ihm, als wenn er hinter sich das Geräusch
eines Gewandes hörte, und den Athem einer Person fühlte, die sich über
ihn her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. Die Täuschung war so
vollkommen, daß er nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht hinter
ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs nicht, die Augen
aufzuschlagen, noch den Kopf umzuwenden; da indessen nach Verlauf von
einer Minute sich noch immer kein neues Geräusch hören ließ, so blickte
er um sich, und überzeugte sich nun, daß er sich geirrt habe. Kein
lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen, die tiefste Stille
herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen
Eule unterbrochen, die in dem alten Thurme des Schlosses nistete.

Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen Brief nicht gelesen habe,
verursachte ihm die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer fest
verschlossen hatte, suchte er sich einem erquickenden Schlafe zu
überlassen; es gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle Lodoiska kam
ihm nicht aus den Gedanken, und in seinem Zorne gegen sie fluchte er
laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten zu exerziren hätte. Erst sehr
spät schlossen sich endlich seine Augen, und der Mensch in ihm lebte nur
noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern
fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem Erwachen der Morgenröthe zuvor;
dießmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der
alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und über die
Art von Bewußtlosigkeit, in der er gewesen zu sein sich erinnerte,
erstaunte. Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem Felde schon
angefangen, und er war dabei nicht zugegen gewesen. Voller Scham über
diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; hier
erinnerte er sich aber, daß er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf
dem Schreibtische vergessen habe, und da die Klugheit ihm rieth,
denselben nicht vor Jedermanns Augen umher liegen zu lassen, so kehrte
er um, ihn zu sich zu stecken, und ihn nachher dem täglich nach der
Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf der Post zu übergeben.

Der Brief befand sich nicht mehr an dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen
lassen, sondern er sahe ihn, in tausend Stücke zerrissen, auf dem
Fußboden umhergestreut. Dieser eben so sehr überraschende, als
verdächtige Anblick entriß Wernern einen lauten Ausruf, und versetzte
ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben
zerrissen haben? Wer war während so weniger Augenblicke in seinem Zimmer
gewesen, um dort so unverschämt zu handeln? Sollte es die Oberstin, oder
Lisette, oder das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen
konnten um diese Zeit schon aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er
das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch erblickte er Lisetten durch
das Fenster in der Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und die
Oberstin schien noch nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen
Fensterladen ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte nicht, was er von
diesem außerordentlichen Vorfalle denken sollte; und er gewann es nicht
über sich, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sondern sammelte
nur sorgfältig die Stücke vom Fußboden auf, um sie in's Feuer zu werfen.

Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen
Stimmung. Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin sein Zimmer nicht
so sehr verletzt habe, so fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er
heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. Er suchte sich zu zwingen, und
in den Gesichtszügen Helenens zu lesen; aber diese waren so ruhig, daß
sie unmöglich eine so unerwartete Entdeckung, wie die Lesung des Briefes
ihr gewähren mußte, gemacht haben konnte. Werners Erstaunen ward nun
immer größer, und er verlor sich vergebens in allerhand Vermuthungen;
höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder,
wie gestern, nach dem Walde spazieren zu führen, weil sie hofften, ihre
neue Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen.

Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen,
und ehe er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie schon ihre
Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, von seinen wahren Gedanken
nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersten weder
Argwohn noch Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem Unwillen stieg
er langsam den Hügel hinab, nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter
wünschten.

Kaum befanden sie sich am Saume des Waldes, so trat Lodoiska plötzlich
aus dem Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine
schöne Puppe, die sie den Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre neue
Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist,
sich gerade zu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien
die Fremde tief zu bewegen; sie trat einen Schritt zurück, und warf
einen so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, daß der muthige
Werner darüber erstarrte. Allein diese anfängliche Bewegung dauerte
nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die Gesichtszüge der Fremden,
und mit der größten Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten
Geschenke.

Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich nach der nahen
Wiese, um sie zu versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick
ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine
Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie
die Kinder mit ihren Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte sie
sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem Sinnen an einen Baum gelehnt
stand, und über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, daß neue
Unfälle die Ruhe seines Obersten stören möchten; er war höchst
unzufrieden, aber er wußte nicht, wie er dem drohenden Ungewitter
zuvorkommen sollte.

Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er die Annäherung
der Dame nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem Nachdenken
durch eine ihm wohlbekannte Stimme geweckt ward, die aber in diesem
Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches hatte, so daß er sich davon bis
in's Innerste ergriffen fühlte.

»Nun Werner, redete sie ihn an, was habe ich dir gethan, daß du mir
stets entgegen bist? Wird deine ungerechte Abneigung gegen mich nicht
endlich einmal aufhören?«

Auf's Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die
Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte,
und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und
sagte:

»Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland
verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen
Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer
Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.«

-- Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag
jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig
aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die
Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine
Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir
selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der
mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und
die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben.
--

»Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen?
Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht
Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon
seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit
verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache
Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?«

-- Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an,
um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das
Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt
du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit
sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als
deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich
Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem
Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein
Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute
unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred's Händen, und kann er vor Gott
der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan?
Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der
meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! --

Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr
anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende
Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens,
welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses
zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war
nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das
seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen
schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber
es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte,
ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten.
Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.

Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder
Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er
sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung
vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre
rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von
Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm
eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter,
welchen Lodoiska's Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es
schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von
Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder,
sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte.

»Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne
auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt.
Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?«

-- Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts
mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen,
wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht
darauf nehmen. --

»Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze
gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt
einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an
ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin
gewiß, sie zu erhalten.«

-- Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange
warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt
wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland
zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie
überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und
sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. --

»Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem
noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die
ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du
mir in Alfred's Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld
ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn
du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart
hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als
du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte
Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in
Zukunft von mir erhalten sollst.«

Die seltsamen Worte Lodoiska's machten das Erstaunen des alten Soldaten
vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers,
nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß
trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich
nicht schmeicheln, ihn zu verführen.

»Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben,
und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich
nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu
schreiben, daß Sie hier sind.«

-- Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und
du hast schon versucht, sie auszuführen. --

Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die
eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen,
versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er
wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken
suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort,
und er rief voller Unwillen:

»Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner
augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie,
unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde
Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen?
Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie
sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.«

Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska's ganze
Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte:

»Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen
hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu
rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei
dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige
Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.«

Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer
fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen
Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog.
Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele
müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie
unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle
versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn
Wilhelm aus seiner Träumerei.

»Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke
herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein
Gewitter geben.«

-- Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so
schnell in Erfüllung gehen? -- Er erblickte nun ebenfalls die
heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da
die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen,
so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem
kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück.



                           Fünftes Kapitel.


Helene, die aus ihrem Fenster das Gewitter hatte herannahen sehen, war
schon in großer Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer Kinder
gewesen, und voller Ungeduld verließ sie daher das Schloß, um ihnen
entgegenzugehen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie schon das
laute Gelächter der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und bald darauf
sahe sie die theuern Wesen auf sich zu laufen. Die Kinder sprachen von
nichts, als von der schönen Dame, und von den Geschenken, die sie ihnen
gemacht hatte. Helene war Mutter, und faßte daher schon ein günstiges
Vorurtheil für diejenige, welche ihren theuern Kindern eine solche
Freude machte; sie erkundigte sich, was die Fremde gesagt habe?

»O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, hat sie nicht lange mit uns
geplaudert, sondern beständig mit Werner gesprochen, den sie zuletzt
voll Zorn verließ.«

Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die
der Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. Er sahe sogleich ein,
daß er Julien nicht widersprechen könne, weil die Oberstin ihm doch
nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß mußte aber gefaßt werden,
und ungeachtet seines Widerwillens gegen die Lüge wartete er nicht ab,
bis Helene ihn fragte, sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen
Wink entfernt hatte, sagte er:

»Ich hatte vollkommen Recht, Frau Oberstin, der Unbekannten nicht zu
trauen. Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt nicht ohne gefährliche
Absichten hier in R.... gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich
mit Fragen über Ihre Familie und alle unsere Nachbarn gleichsam auf die
Folter gespannt. Sie wollte Alles wissen, das Alter, den Rang, die
Beschäftigung eines Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren
Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs suchte ich ihren unverschämten
Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für
besiegt, und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die
andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, so daß ich endlich
der Sache überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen, und rückte
ihr mit gefälltem Bajonet auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige
Niederlage beibrachte. Mein Widerstand setzte sie in solche Bestürzung,
daß sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.«

Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte Rede zwang der Oberstin
ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr nicht so
unverschämt, als Werner sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß
sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, wo sie sich
niedergelassen hatte.

»Ich hoffe, mein lieber Werner, daß deine Antworten nicht beleidigend
gewesen sind; man muß Achtung vor den Damen haben, und vorzüglich darf
ein Soldat dieselbe nicht aus den Augen setzen.«

-- Das ist recht gut für unsere Herren Offiziere, erwiederte Werner;
aber wir, da wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre
Höflichkeiten nachzuahmen. --

Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte
sich der alte Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück,
während das Gewitter immer näher kam, und der Regen schon in großen
Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht das Rollen des Donners, so
wenig als ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in der größten
Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, gleichsam um bei ihr Schutz zu
suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen
ungestört sein konnte, so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet
eines unwillkührlichen Schauders, der sich zu wiederholten Malen in
seinem Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten Male an seinen Herrn
zu schreiben.

Das Gewitter wurde immer heftiger, und die Winde kämpften fürchterlich
mit einander, so daß sie in ihrer Wuth das Schloß in seinen Grundfesten
zu erschüttern drohten. Unter das Rollen des Donners und das Heulen des
Sturmes hörte Werner von Zeit zu Zeit sich gleichsam klagende Stimmen
mischen; ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war.
Mehrere Male hörte er unwillkührlich auf zu schreiben; dann aber, voll
Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder, und zur
Stunde des Abendessens war sein Brief an den Obersten fertig.

Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiska's aussetzen
wollte, schloß er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte diesen in
seinen Kleiderschrank. Von beiden steckte er die Schlüssel zu sich, und
verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein Geheimniß nun in
Sicherheit sei. Das Ungewitter tobte immer noch fort, und Lisette so wie
Marie waren bereits fast todt vor Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf
das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, und Helene las in einem
guten Buche. Werners Eintritt in's Zimmer belebte die beiden Mädchen
wieder, die sich nun entschlossen, jede zu ihren Verrichtungen zu gehen,
und das verspätete Abendessen wurde endlich aufgetragen.

Erst gegen Mitternacht ward der Himmel wieder heiter, und nach und nach
kehrte die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte dem Unwetter heimlich mit
Vergnügen zugesehen, denn er wußte, daß es mehrere Tage lang unmöglich
blieb, spazieren zu gehen, wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß
während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten möchte, wodurch die
neue Bekanntschaft der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben
würde; ja, er schmeichelte sich, daß die Antwort des Obersten auf seinen
Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der
brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, so
befand er sich schon auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und öffnete
den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er ohne
Verzug nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn nach dem
Gefühl, und steckte ihn in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch
dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen,
der ihm als Bote dienen sollte.

Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende
Morgenröthe erhellte bereits die Erde rings umher, als er dem alten
Peter anempfahl, sich sogleich nach der Stadt auf den Weg zu machen, um
einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm
sprach, zog er den Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig einen
Blick darauf, ehe er ihn übergab. O welche Ueberraschung ohne Gleichen!
Das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, so daß es nicht einmal
möglich war, die Aufschrift zu lesen! --

Dieser außerordentliche Umstand preßte dem erstaunten Soldaten
unwillkührlich einen Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen trauen;
unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und
herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er vor sich sehe. Dann
kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, und am
Wenigsten konnte man eine Spur von Blut darin entdecken. Hierauf eilte
er in's Schloß zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den Kasten, in
welchem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich keine Spur von
der Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. Der muthige Werner
starrte vor Schrecken; doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust
schrieb er nun den Brief zum dritten Male. Zwar kürzte er ihn ab, aber
sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er
ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch eine gute Strecke
weit begleitete. --

Werner besaß Muth, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen
abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte
er sich an die Erzählungen, die er in Rußland und vorzüglich in der
Moldau und Wallachei gehört hatte, als er sich daselbst mit seinem
Regiment befand; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel
verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer
Mitmenschen erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm jetzt wieder ein,
und die beiden so eben erst erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu
dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein ähnliches Bündniß sich eben
solche Macht verschafft haben könnte. Doch verwarf er bald diese
Gedanken wieder. »Was für ein Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an
solche Fabeln zu glauben. In der Moldau und Wallachei mag dergleichen
hingehen, es wohnen dort nur Barbaren; aber in Deutschland hat der
Teufel schon lange sein Recht verloren, oder es bloß den Taschenspielern
überlassen; diese arbeiten bei uns noch allein für ihn, und vielleicht
ist Mamsell Lodoiska eine solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie
mag sich in Acht nehmen; denn sie würde übel wegkommen, wenn ich sie
einmal auf der That ertappe.«

Nachdem er hierauf einer Flasche mit altem guten Rum, die auf seinem
Tische stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich noch sein
Muth, und er nahm sich vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu
verdoppeln, um zu entdecken, durch welche Mittel sich Lodoiska's
Wirksamkeit bis in's Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, recht
bald vom Obersten Antwort zu erhalten, ging er dann an seine
gewöhnlichen Geschäfte.

Die Einsamkeit, in welcher die Familie Lobenthal im Schlosse R....
lebte, ging indessen nicht so weit, daß sie nicht von Zeit zu Zeit durch
einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden
Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse abstatteten. Sie wurden stets
mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, und Helene sahe
sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn
sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als früher, und fand sie in dem
Umgange mit den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten nicht auf,
als noch an demselben Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann
aus der Nachbarschaft im Schlosse eintraf, der früher Oberjägermeister
gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ.

Herr von Krauthof war ein großer Esser, ein erprobter Trinker, der seine
ganze Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und dabei weder die
Schlösser der Herrschaften, noch die Häuser der Pächter verschmähte.
Seine Hauptstärke bestand darin, daß er Stunden lang nichts als
Komplimente herzusagen wußte; und nachdem er dieses wichtige Geschäft
auch heute beim Eintritt in's Zimmer Helenens beendigt hatte, kam er
endlich auf einen Gegenstand, der uns hier näher angeht. --

»Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse seiner Rede fort, Sie haben ja
eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig,
obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer
verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr
ich, daß sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe,
deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für Pflicht,
und um ihr eine gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren
beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. Gestern also begab
ich mich nach dem Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter dem Arme,
weil man jetzt nicht mehr dem Wetter, so wenig als den Menschen, trauen
kann. Als ich anlangte, war die Hausthür verschlossen. Ich fand dieß
ganz in der Ordnung, weil ein Jeder in seinem Hause Herr sein will; ich
klopfte daher an, und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten,
als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, das mir den Weg
versperrte. Stellen Sie sich den größten und zugleich den magersten
aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule, und
eine Miene, als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser Welt gewesen
wäre; eine rauhe und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und
einen völlig verpesteten Athem.«

-- Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine
Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. --

»Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein
Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen
läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft,
der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr
vorgelassen werden will. -- Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges
Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde;
aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser
neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.«

-- Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine
Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit,
Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu
suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. --

»So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er
einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor
der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger
hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; allein ich entfernte mich
sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem
festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu
warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den
hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.«

Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor,
sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch
war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf
einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie
aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung
machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein
müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre
gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht
schuldig gemacht haben.

Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so
schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks
beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er,
eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von
Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem
Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt
diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen,
anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann!
Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er
setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen
Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den
Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von
Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ
er das Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe
der Oberstin unerschöpflich war.

»Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt
sie her? -- Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben
aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel
ist!« --



                          Sechstes Kapitel.


Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in
Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die
Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner
äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne
Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte
schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick,
wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge
wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich
ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der
Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im
Schlosse war, so benutzte Helene diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm
und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. --

Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von
einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr
unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer
ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und
ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge
dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel
in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen
suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch
sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine
Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.

Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße
einer schönen Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe
einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen
nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit
hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal
bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als
plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne
einer melodischen Harfe erschallten.

Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und
sich neben ihr in's Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die
seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte:
anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald
ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche
Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange.

Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein
unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward,
war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so
machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren
Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr
hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich
schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß
es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie
dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen
möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern
die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst
die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem
Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch
auf einem Baumstamme sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben
wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer
Arme immer noch den Handschuh trug.

Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren
Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte.
Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die
kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind
hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber
wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete
daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre
Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung
von einigen Schritten geben wollte.

Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das
Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach dem Orte, wo sich
ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen,
nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme
ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor
derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall,
erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte
entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.

Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme,
verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre
Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund
klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn
erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer
rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab.
Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nicht ihre Reize
allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in
dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was
man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich
selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht
würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut
war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen
verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine
erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen
störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten
hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte
Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit
grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das
Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß sie, ungeachtet aller
Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu
zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von
ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die
sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine
himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten?
Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster,
ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung
hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und
dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine
beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden
äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und
nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer
wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus.

Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der
Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe,
daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum
Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch
Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen
ihrer Kinder beigetragen habe.

Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte
Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen,
kleinen Mund zum Sprechen.

»Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen?
Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet
habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in
diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich
dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit
aufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so
genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner
Erholung übrig.«

-- Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft
nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. --

»Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von
einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft
nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod
mit sich.«

Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab
ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der
Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher
nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht
hoffen dürfe, in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern
vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse.

»Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im
Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand
aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine
Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist
unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.«

Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer
Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl
gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit
ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen.
Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück.

»Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache
Sterbliche! Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen
Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?«

Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der
Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen
andern Gegenstand zu bringen.

»Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist,
sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen
gefunden zu haben.«

-- Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler
Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es
ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer
gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt.
--

Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung
machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt schwebte aber ein
Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska's Lippen, und ihre Augen nahmen
einen sanften Ausdruck an.

»O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen
Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der
Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt
bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen
Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch
zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.«

-- Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem
Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick
meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich
Ihnen wieder zu nähern. --

»O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz
sind; eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es?
tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher
über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung
und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen
könnten.«

Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem
unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr
Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten
Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere
eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch
zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst
zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt.

»Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem
Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. Wollen Sie mir
erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?«

-- Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr,
was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen
Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß
nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich
darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon
wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es
gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt
befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der
Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen
erklären, was die Menschen nicht begreifen. --

Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten
Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden auf andere
Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien
wieder zu sich selbst zu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge,
wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem
Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig
sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe,
wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer
Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete,
daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in
Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz
natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben
war, sie in der größten Eingezogenheit hielt.

Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr
gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente
Lobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies
dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen
eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit
im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts
setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu
liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt
oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war
nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an
allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein
Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt
sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen zusammen? -- Da die
Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die
Abenddämmerung schon einbrach, so kamen die Kinder herbei, und ihrer
Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem
Schlosse zurückgeführt zu werden.

»Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was
körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der
Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau
Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser
Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer
verursachen.«

Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen
Gebüsche.

Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe
in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht
zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können.
In Begleitung ihrer Kinder trat sie den Rückweg nach dem Schlosse an,
und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und
ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen
Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente
zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin
hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr
zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner
Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska
verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse.



                          Siebentes Kapitel.


Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen
zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten,
gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich
aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner
die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den
Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe
von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten
Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der
Bote endlich an das Schloßthor klopfte.

»Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend
Millionen Bomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht
wiederkommen.«

-- Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn
ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein
mag, den Sie erwarten. --

Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in
der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten,
indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich
hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das
Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des
Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden
Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich
bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für
ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, und
zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein.

Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren
Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von
ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen
Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer
Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich
wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen
könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren
äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht,
sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der
Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern,
und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch
versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die nöthigen Nachrichten über
den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen.

Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf
Werner, als daß er sich länger hätte halten können.

»Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht
verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht
erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau
Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O,
Herr Bote, wart' er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er
es verdient hat!«

Helene war im Begriff, Werner's Zorn zu besänftigen, als dieser sich
plötzlich besann und fortfuhr:

»Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran
Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich
weiß selbst nicht warum, und empfahl daher dem Boten, mir von der Post
in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch
gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!«

Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den
Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller
Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie
weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben
desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das
seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er
selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem
Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in
Verdacht hatte. --

Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier
und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Schein der Lampe einen Brief
erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien -- -- es war sein
eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals
mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte
Folgendes auf den Umschlag geschrieben:

   _Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile
   von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen
   der Landwirthschaft unterhältst._

Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden,
die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als
einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf
schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck
empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.

Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete,
irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen;
wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber
der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt
gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem
geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft
wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft
getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten
übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten
vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten
sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse
zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des
Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befand sich also
der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und
Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über
alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche
Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an
überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und
Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und
Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die
fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die
Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind,
umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie
aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch
kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder,
und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; er nahm
sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im
Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete.

Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem
offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor,
seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen
auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen
war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu
werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg.

Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man
antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu
werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger
er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer
zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu erlangen. Was
sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht
aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen
hartnäckiger fortsetzen?

Während er darüber nachdachte, was er zu thun habe, hörte er nicht weit
von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe
er den alten Bedienten Lodoiska's sich gegenüber stehen. Dieser war von
einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar
entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle
Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton
seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem
strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne
erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt
dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte an, daß er des Lebens
müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann,
verachtete.

»Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu
erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?«

-- Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete
der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut
mit mir sprechen darfst? --

Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß
Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward.
Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als
Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher:

»Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine
Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne
daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte.
Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir
sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von
jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage
richtig zu beantworten?«

-- Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht
einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du
gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel
erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder
Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so
weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander
sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei
ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. --

»Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn
dieser Bediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner
Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind,
ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich
eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun
einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska
selbst sprechen. Verstehst du mich?«

-- Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen
Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat
mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du
Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr
Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. --

»Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um
mich zum Rückzuge zu zwingen?«

-- Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der
größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe,
ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn
mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller
Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger
Entfernung wieder niedersetzte.

Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel
nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich
rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit
seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er
als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene
Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier
nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war,
mit dem Alten zu ringen, da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was
Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen
Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.

Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig
an. »Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer
Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf.
Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte
denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du
hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und
eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich
vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.«

Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende
Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, welche in
seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines
Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seine
Aufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses
öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst
seltsames Ansehen gab, heraustrat.

»Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir
verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es
möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich
verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen
wünschen?«

Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in
seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch
Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln,
und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen Schrittes in das Haus
hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil
gehabt hätte.

Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das
Erscheinen Lodoiska's. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen,
und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen
Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn
anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht
umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres
Bedienten zu erkennen zu geben.

»Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn
nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art
von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich
mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie
heute, gezeigt, ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die
verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht
immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen
zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.«

-- Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den
unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn
gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend,
geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu
zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was
vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf
dich selbst zurückfallen. --

»Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich
spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung
ungeahndet lassen; und habe ich überdieß Ursache, mit der Herrschaft
zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch
etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten
abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu
beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?«

-- Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich
deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen
mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht
zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters
vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht
mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten,
mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du
nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend
Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir steht es wohl an, in einem
anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich
vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist,
elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! --

»Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen ja rasch zu Werke! Doch, ich
mache mir nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und was schon vor so
vielen Jahren geschehen ist, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn
Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre Schuld. Aber woraus ich mir
viel mache, und was ich nie erlauben werde, ist: wenn man in meine
Geheimnisse eindringt, wenn man meinen Briefwechsel stört, und sich auf
eine strafwürdige Art in das Haus meiner Herrschaft einschleicht.«

Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur einen Blick auf Werner, in dem
sich die auffallendste Bosheit malte, gleichsam als Triumph einer schon
gewissen Rache.

»Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner fort, daß ich Ihrer Ränke und
Spielereien müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben Sie aufgehalten;
denn wer anders, als Sie, könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch
nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht erreichten; aber sein Sie
überzeugt, wenn ich einst Jemanden auf der That ertappen sollte, sein
Prozeß würde nicht lange dauern, und sein Rücken würde sich über meine
Dazwischenkunft eben nicht zu erfreuen haben.«

-- Wie! so grausam wolltest du verfahren, und selbst mit dem armen
Ladislaus? sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften Lächeln. --

»O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn kommen -- mit ihm vor allen
Andern. Ich habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue
Bekanntschaft machen, und gegen welche seine Faust nichts ausrichten
soll.«

-- Werner, ich wiederhole es dir zum letzten Male, du gehst mit starken
Schritten deinem nahen Untergange entgegen. --

»Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer verbrecherischen Intriguen. Ich werde
sie nicht länger ertragen, und wenn auch ein vierter Brief nicht an den
Obersten gelangt, so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der Obrigkeit
nicht Recht erlangen kann.«

-- Unsinniger! worauf willst du deine Klage gründen? Soll ich für deine
Thorheit verantwortlich gemacht werden? Wem willst du es einbilden, daß
ich im Stande bin, den Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn zu
hindern? Du wirst vor den Augen der Welt zum Gelächter werden! Armer
Schwächling, die Strafe für deine Kühnheit soll dir dann auf dem Fuße
folgen. --

»Lodoiska, Sie können mir vorreden, was Sie wollen. Ich weiß, daß ich
einiges Unrecht gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich unrecht ist,
einen jungen Offizier und ein hübsches Mädchen einander näher zu
bringen; aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das Geschehene, und
lassen Sie mich in Ruhe.«

-- Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe zu lassen, ja, habe dir
Belohnungen angeboten, wenn du dich anheischig machen wolltest, den
Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. Wie kannst du mir
eine solche Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, und erlaube,
daß ich ihn zum letzten Male sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein
Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du mir vergeblich entgegenstreben,
denn mir stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu widerstehen
vermagst. Aber zittere, wenn dir ein einziges Wort entschlüpft, wodurch
die glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle an Alfreds Seite
einnimmt, von meinem Verhältnisse benachrichtigt wird. Deine
Unvorsichtigkeit würde dir das Leben kosten; ja Werner, ich würde dich
auf der Stelle aufopfern! --

Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch
ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken
Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut
hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser
unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie
ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die
zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken.

Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein
Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. »Unglückliches Mädchen! rief er,
was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande
noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach
Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie kennen
wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.«

-- Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. --

»Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der
Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn
Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.«

-- Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen,
denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis
auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt
es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier
nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. --

Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin,
nicht länger, daß Lodoiska's Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht
haben möchten, und sein ganzer Zorn gegen sie war verschwunden. Er
wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da
er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe
bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und
nach ihrem Hause zu geleiten.

»Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme
entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was
jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus!
komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten
meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!«

Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um
Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der
Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blicken
um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen,
sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu
leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er
vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen
könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse
führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf
dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen
und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte,
und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick
aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon
zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der
ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele
war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinen Fall einem
Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging.

Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der
Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche
Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes
Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. »Gebe Gott! sagte
er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn
was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die
Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.« --



                           Achtes Kapitel.


Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben,
so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu
beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des
Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der
Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit
brachte.

Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit,
das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der
Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oft _Röschen_ sich
bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein
Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof machten;
allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr
dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten
auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen
Gleichgültigen zu rühren verstand.

Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun
hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten
Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge
geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu
legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das
junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der
Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.

Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch
bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt nach dem Schlosse
zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und
sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des
Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um,
mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die
verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten.

Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem
Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte.
Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten
Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut
aus Lodoiska's Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches
Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten
Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr
auf einen Punkt hefteten, und er in einen lauten Angstruf des Schreckens
ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht
hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in
Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die
übrigen Theile des Gewehres.

Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß
eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem
eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie
versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit
überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür
auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast
bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska's Angelegenheiten
zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen
Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie
in die Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte.
Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine
Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel;
denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine
heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel
ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte,
daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham
über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner
guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er
darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu
fragen, als dieser ihm zuvorkam.

»Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche
fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf
die schrecklichste Art ermordet!«

-- Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen
begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! --

»Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt.
Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in's Zimmer geschlichen, und dem
armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß
durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird,
und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.«

-- Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr!
O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch
hier nach Deutschland fortpflanzen! --

Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber
das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller
Neugierde bestand Mathes auf die Erklärung dessen, was er nicht
verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu
bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat
erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm
erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von
welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er
zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn
wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen
wollte.

»Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine
Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber
schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend
fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher
erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbern
auferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen
sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen,
welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die
Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen
in's Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was
ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese
Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange,
bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres
Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dort
_Vampyre_ nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben
Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre
Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein
Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm zu befreien: man
muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten
Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner
Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit
Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt
man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die
Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen,
wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte.
Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs,
eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche
Theile des Körpers werden nun in's Feuer geworfen und verbrannt, worauf
das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht.
Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es
scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft ein Mensch, der
durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es
sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig
werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem
Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.«

Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer
unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung,
und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den
plötzlichen Tod des jungen Röschens an.

»Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist
mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich
dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte.
Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige
Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne
ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man
könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes
Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu
zweifeln!« --

Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch
seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache
zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten
Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte
aufgeben können.

»Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe
überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es
sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.«

Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern
zurückhalten wollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er,
seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so
allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts
Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre
Sonderbarkeiten vergaß.

Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska
möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in's Schloß zu
verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste
zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen;
ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um
Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle
seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal
Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten
Verdacht zu hegen.

Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen,
richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die
alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen
Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß
dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu
beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern
und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten
Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten
sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen;
allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man
sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte.

Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines
unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkel eines der Zimmer des
untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen
Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der
Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges,
und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt
zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte.
Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat
er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie
ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch
große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten.
Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte
sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen
entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher
um, und Werner ließ nun den innern Eingang mit einer Mauer verschließen;
denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er
leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit
dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er
zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner
Ruhe vernichtet zu haben.



                           Neuntes Kapitel.


Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der
Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor
nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre
geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der
sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte.

Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr
anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen
Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster;
da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe
erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung
des hellen Scheines, welcher über dem Walde schwebte, daß es nur das
Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich
eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und
dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens
bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der
Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine
Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres
mitleidigen Herzens.

Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden
Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine
Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich
einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es
mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der
völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen.

Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und
bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie
bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen
Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines
Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne
irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte
Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie,
aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte,
beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie
aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so
schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber
sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand
zurückkehrte.

»Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie
völlig Ihrer Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer
Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine
Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden,
daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den
Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.«

Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte
sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne
Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie
erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht
gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde
Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes
befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der
anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. »Kaum hatte ich noch so viel
Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum
Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits
brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus
meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.«

-- Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der
Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber
kommen Sie jetzt in's Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht
angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen
Eindrücken der Nachtluft beschützen. --

Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen
Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles
mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den
Gedanken, daß Lodoiska mit seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen
sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die
schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und
zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit
zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen
erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer
solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem
Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin
zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich
vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre
geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den
beiden Damen nach dem Schlosse zurück.

Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die
Ueberbleibsel eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten
Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die
ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem
Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den
Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick,
daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im
Dorfe gesehen wurde.

Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die
Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um
sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft
zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man
willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt
haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige
Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig ausschlug;
und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit
ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe.
Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden
noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie
aber, als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen,
aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.

»Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum
wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen
gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache
ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben
höchst nöthig bedürfen.«

-- Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine
gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist
wahr, daß ich verwundet bin; aber ich bin es schon seit sehr langer
Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt
wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß
ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten
darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu
befürchten. --

In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so
unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von
Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte.
Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen,
und ließ sie daher allein.

Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht,
eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte;
dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen.
Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie
heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch
bemerkbarer.

Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse
bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor
der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu
erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie
nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe.
Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und
sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts
als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei
Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche
Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den
Menschen hervorbringen.

Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf's Höchste
erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler
hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: »Frau Oberstin, Sie wundern
sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir,
daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber
glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen.
Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide
von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte.
Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir
werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt
werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen
mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe
während meines sterblichen Lebens zu viel geweint. Jetzt, da ich nur
noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann,
ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung
trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen?
Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige
Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne
Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr
leiden mag.«

Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin
unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer
etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte,
ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig
aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche
sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren ihres Auges
schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz,
bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich
nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.

Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts
zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu
geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich
nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die
Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen.

Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf
gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska
empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens
zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu
gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen
Stiche durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden
bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren
zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn
und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was
in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen,
von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange
Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu
sein.



                           Zehntes Kapitel.


Bei den russischen Truppen, die im Jahre 1812 die Moldau und Wallachei
besetzt hatten, befand sich auch das Regiment, in welchem Alfred
Lobenthal damals als Rittmeister diente. Er war einer der kühnsten und
tapfersten unter allen Offizieren, und sein Muth verwickelte ihn öfters
in die gefährlichsten Unternehmungen; auch war ihm das Glück, welches
gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich hold, bis die unbeständige Göttin
ihn einst auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal erhielt in
einem Gefechte, in dem Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff,
einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom Pferde stürzte.

Werner, der brave Unteroffizier, den die Dankbarkeit auf immer an ihn
gefesselt hatte, befand sich in der Nähe, und eilte sogleich zur Hülfe
herbei. Von einigen Soldaten unterstützt, brachte er den Rittmeister in
das benachbarte Haus eines Pächters, der einer gewissen Wohlhabenheit
genoß, und da die Ankunft eines verwundeten Offiziers für die Einwohner
eine Schutzwehr war, so nahmen sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf.
Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ ihm das beste Zimmer
einräumen, und ihm alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. Der
Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; nach dem ersten Verbande
erklärte er, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber nur langsam
wieder heilen würde.

Beinah vierzehn Tage lang befand sich Lobenthal in einer fast völligen
Bewußtlosigkeit; er hörte kaum das Geräusch, was man um sein Bett her
machte, und da seine Augen stets geschlossen waren, so sahe er nicht,
wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er sogleich bemerkt, wie unter
den Personen, die über die Erhaltung seines Lebens wachten, sich
vorzüglich die junge Tochter des Hauses auszeichnete, die nicht nur
durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihr
liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann auffiel. Von einem
Mitleiden bewegt, dessen wahre Ursachen sie selbst noch nicht kannte,
brachte sie ganze Tage am Bette des Kranken zu, der ungeachtet seiner
Todtenblässe, dennoch in seinen Gesichtszügen die Spuren einer hohen
Schönheit verrieth.

Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, in das Krankenzimmer
zurückzukehren, aus welchem man sie öfters forttrieb; mehrere Stunden
brachte sie häufig bloß mit einem Anschauen zu, dessen Folgen für sie
höchst gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete Offiziere
Lobenthals oder Soldaten von seiner Schwadron kamen, um sich nach seinem
Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige Mädchen, voller Scham, hier
überrascht worden zu sein, so leicht wie ein junges Reh von dannen, und
wartete mit Ungeduld, bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt
haben würden.

Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, fielen auf diesen
irdischen Engel; wie konnte er sie anders, als mit der höchsten
Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das Bedürfniß eines Vertrauten, mit
welchem er nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, die seine
ganze Seele erfüllte; hierzu wurde Werner erwählt, und stolz auf diese
Auszeichnung eilte er, sich derselben würdig zu machen, indem er
Gelegenheit suchte, die schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften
seines Rittmeisters zu unterhalten, ohne ihr jedoch auf eine bestimmte
Art zu erklären, was dieser schöne junge Offizier von ihr dachte.

Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf
eine außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher Spannung hörte sie
der Beschreibung einer Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken dem
Rittmeister bis mitten in die sich immer erneuernden Gefahren; bald
erblaßte, bald erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, wenn die Gefahr
am augenscheinlichsten war. Endigte aber dann die Erzählung mit einem
Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde bezahlt hatte, so erhob sie
ihre ausdrucksvollen Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung
tausend Mal ihren wärmsten Dank ab.

In der Stille der Nacht, so wie am Tage mitten unter ihren Arbeiten, war
sie nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: der schöne und tapfere
Rittmeister war ihrer Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen,
unaufhörlich gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, desto tiefer drang der
Pfeil in's Innere; schon empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, und
doch hatte der Gegenstand derselben noch kein Wort mit ihr davon
gesprochen. Indessen beobachtete Lobenthal nicht lange diese
Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande noch mit seinem Charakter
übereinstimmte; er erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört.
Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das Mißtrauen noch unbekannt
ist; sie liebte mit Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, daß
sie eben so wieder geliebt würde. Sie kannte weder den Unterschied der
Stände noch des Vermögens; ihr Geliebter war schön und jung, sie war
beides ebenfalls: alles schien ihr daher gleich, und für sie konnte die
Zukunft nichts sein, als eine glückliche Verlängerung der Gegenwart.

Aber mitten in diesem Entzücken erhielt sie sich rein, wie die Tugend
selbst; kein unreiner Gedanke befleckte ihre Unschuld, und Lobenthal,
voll Erstaunen über eine Leidenschaft, vereinigt mit so viel Tugend,
machte keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger er seine Lodoiska
sahe, desto größer wurde seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den
höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends, nachdem er den ganzen Tag in
dem reinsten, entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte, ritzte er sich
mit einem Federmesser den Arm, und schrieb mit seinem Blute ein
Heirathsversprechen auf, welches er seiner Geliebten übergab. Lodoiska
eilte, ein Gleiches zu thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen
Gegenden ward der doppelte Vertrag fünf Nächte lang unter dem
Leichenstein eines Grabes verwahrt, und dadurch im Himmel selbst
geheiligt.

Man zweifelt in jenen Ländern nicht, daß zwei Liebende durch einen
solchen Vertrag unwiderruflich an einander gefesselt werden; jede andere
Ehe, die nicht unter ihnen beiden vollzogen würde, kann nur höchst
unglücklich sein. Die Jungfrau, welche sich auf solche Art verlobt, kann
nach ihrem Tode aus dem Grabe wieder auferstehen, um als Vampyr den
Treulosen zu quälen, der sie verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von
allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die Zukunft nicht; denn es
schien ihm unmöglich, seine Lodoiska je zu vergessen.

Wochen und Monate vergingen; schon waren die russischen Truppen aus der
Moldau und Wallachei wieder abgezogen, um im Norden ihren Mitbrüdern
gegen die Franzosen zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war geheilt, und
dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt, da die Liebe ihn einen Theil
seiner Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl seines Chefs
lösete bald die Bezauberung des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine
Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska zu trennen. Der Kampf
in seinem Innern war fürchterlich, doch trugen endlich Ruhm und Pflicht
den Sieg über die Liebe davon. Nachdem Lobenthal seine eigene
Schwachheit überwunden hatte, mußte er noch die seiner Geliebten
bekämpfen; er suchte sie durch die feierlichsten Versprechungen zu
beruhigen, und gelobte, höchstens in Zeit von einem Jahre
wiederzukommen. Endlich fand sich Lodoiska geduldig, aber nicht
getröstet, und willigte in die unglückliche Abreise.

Lobenthal sahe seine Braut nicht wieder; lange Zeit hindurch blieb er
ihr treu, aber die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm die
gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska wurde ihm nach und nach
gleichgültig, er vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch das
Andenken an seine frühere Liebe völlig durch seine Vermählung mit
Helenen. Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit Lodoiska zu brechen.
Sie schrieb ihm regelmäßig, und ergab sich geduldig in eine verlängerte
Zögerung, die der Krieg nothwendig machte; als aber der Frieden endlich
in ganz Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe dringender, und sie
kündigte dem nun zum Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie ihn
selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu ihr zurückkehren würde.

Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht, und er hörte lange nichts von
seiner ehemaligen Braut, bis er endlich in Berlin, nach seiner
Verabschiedung und nach langer Unterbrechung, abermals einen Brief von
Lodoiska erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft in Berlin meldete.
Dieses Schreiben mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten Schrecken
verursachen; er that daher einen verzweifelten Schritt, und machte seine
unglückliche Braut mit seiner Vermählung bekannt. Voller Angst erwartete
er ihre Antwort, die auch nicht lange ausblieb. Kaum hatte er sie
erhalten, so trat er zu Helenen in's Zimmer, schützte einen bedeutenden
Verlust an seinem Vermögen vor, der ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich
zu verlassen, und trat die Reise nach Böhmen an, wie wir am Eingange
dieses Buches gesehen haben. Auf die Antwort Lodoiska's wagte er nie
wieder einen Blick zu werfen, und in einem neuen Anfall von Schrecken
vernichtete er diesen Brief, so daß man nie erfahren hat, was er
eigentlich enthalten habe. --



                           Eilftes Kapitel.


Lodoiska's jetziger Aufenthalt im Schlosse R.... konnte nur von übler
Vorbedeutung für die Familie Lobenthal sein; Werner, der genau von den
früheren Verhältnissen des Obersten unterrichtet war, fürchtete das
Schrecklichste, und gerieth fast in Verzweiflung, seine Furcht weder
Jemanden zu entdecken, noch den Obersten davon benachrichtigen zu
können. Er entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als möglich zu
nähern, um ihre wahren Absichten kennen zu lernen.

Hierzu wählte er einen Nachmittag, als die Oberstin gerade einige
Gesellschaft aus der Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska's
Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines Fensters, während der junge
Wilhelm vor ihr stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch gelegt hatte,
das er mit vielem Vergnügen durchblätterte. Die Fremde schien in das
tiefste Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben mit Blicken
an, die nichts weniger als Wohlwollen verriethen; Werners Schritte
weckten sie aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich ihre
Miene änderte, und ihre gewöhnliche außerordentliche Gleichgültigkeit
annahm. Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte sie, was aber nicht
erwidert wurde; doch ließ er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre
machen, sondern fing sogleich seinen Angriff an, wie er sich vorgenommen
hatte.

»Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben Sie sich nun in ein Haus
eingeführt, wo Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, und das
Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer eigenen Ruhe und zur Ruhe einer
achtungswürdigen Familie. Was haben Sie jetzt für Absichten? Wollen Sie
hier, zum Lohne für die gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz und
Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, da Sie denn nun
einmal den Obersten noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in Prag
abzuwarten?«

-- Ich halte dafür, Werner, daß man sich in wichtigen Angelegenheiten
nicht bei seinen Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist du in
deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. Warst du es nicht, der mich
einst aufforderte, mich von der Liebe des treulosesten aller Männer
rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du ihn genau, und wußtest, wie
groß sein Leichtsinn sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich dem Rande
des Abgrundes näher zu führen, und wer steht mir dafür, daß dein
jetziger Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im Hinterhalt hat?
--

»Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr in Folge meines damaligen
Alters, als meines Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine Theilnahme
für ....«

-- Ich glaube nicht mehr an die Worte der Menschen, und gehe auch nicht
von dem mir einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich jetzt in diesem
Hause befinde, so werde ich darin so lange bleiben, bis Alles für mich
aus ist, und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die mich erwarten. --

»Was haben Sie aber zu fürchten, wenn Sie nichts Böses gethan haben?«

-- Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten Tone, werde ich über
diesen Punkt sprechen. Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu
antworten; ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß ich ungeduldig auf
den Zeitpunkt warte, wo ich deiner Gesellschaft überhoben werde. --

»Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber obgleich meine Anwesenheit
Ihnen so lästig ist, so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich aus
den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in diesem Schlosse befinden,
und ich werde meine Wachsamkeit nur noch verdoppeln.«

-- Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit wird auch höchst nöthig sein, und
du wirst großen Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich endlich
auf's Aeußerste zu treiben? Kannst du die Frechheit haben, mich so zu
beleidigen, indem du mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst?
Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner Obhut müde bin, wirst du
aufhören, meinen Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei
überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit zu mir sprichst, das
Schloß eher verlassen wirst, als ich! --

»Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart Ihnen lästig ist; allein wenn
ich will, so soll keine Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß
erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu suchen, wo es Ihnen belieben
wird. Ich darf nur ein Wort sagen ....«

-- Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, denn du kennst die Folgen
davon! Glaube mir, Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer ist,
so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens in Ruhe zubringen. Ich
werde ihr nur im äußersten Falle die schreckliche Aufklärung geben, und
wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein die Ursache davon. --

»Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung?«

-- Hoffnungen habe ich nicht und kann ich nicht mehr haben, denn mein
Schicksal ist unwiderruflich bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten zu
erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin hätten sie mein Herz
zerrissen, das sich dagegen aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es
mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus in der Zukunft lesen
kann; die Gefühle, denen ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich
verloren. --

»Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, aber es ist mir unmöglich,
Sie zu verstehen. Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, brauchte ich
nicht erst über jedes Ihrer Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir
so dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber zerbreche. Ich bitte
Sie, drücken Sie sich deutlicher und ohne Umschweife gegen mich aus!«

Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes Lächeln schwebte über
ihren Lippen, während sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches
Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers entfernte,
zurückgelassen hatte. Dadurch entstand ein ziemlich langes
Stillschweigen, das Werner endlich zuerst brach.

»Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es vergebens ist, Sie auf
vernünftige Gedanken zu bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen
Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht errathen kann, so
vergessen Sie wenigstens nicht, mit welcher Güte Sie im Schlosse R....
aufgenommen worden sind, und lassen Sie uns unsere Gastfreundschaft
gegen Sie nicht bereuen!«

Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen in den Gesichtszügen der
Fremden hervor; aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe wieder an,
und Lodoiska antwortete mit großer Ruhe:

»Welchen Vorwurf über mein Betragen, sei es auch in der Folge wie es
wolle, könnte mir derjenige machen, der voll Entzücken in dem Hause
meines Vaters aufgenommen wurde, und zum Lohne dafür nur Verzweiflung
und Tod darin zurückließ?«

Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern in Verlegenheit. Er fühlte
die Richtigkeit dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung zu
verbergen, indem er sagte:

»Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; aber die Fehler der andern sind
für uns keine Entschuldigung, und das Böse, was erst noch geschehen
soll, kann das frühere Uebel nicht wieder gut machen.«

Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab ihm nur ein Zeichen, daß sie
wünsche, allein zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin hier
überrascht zu werden, so entfernte er sich, aber mit dem festen
Vorsatze, jeden Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie nannte, zu
belauschen.

Helene, deren Einsamkeit nur selten durch die Besuche der Nachbarn
gestört wurde, hoffte durch die Gesellschaft der jungen Fremden für die
Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber sie überzeugte sich bald, daß
der Umgang mit ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige
Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man sie nicht fragte, ihre kurzen
Antworten, und mehr als Alles, das Unbeschreibliche in ihren
Gesichtszügen, waren höchst zurückstoßend für Helenen, die bald dem
mehrmals ausgesprochenen Wunsche der Fremden nachgab, sie in ihrem
Zimmer völlig allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur zur Zeit
der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend an den Tisch, wo sie kaum so
viel Nahrung zu sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst
nothwendig war. Vergebens drang man in sie, mehr zu essen; sie schlug
hartnäckig die besten Speisen aus, und begnügte sich mit etwas Fleisch,
das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreich waren ihr
höchst zuwider. Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, ward nur
durch die täglichen Besuche der Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich
stets freundlich gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz
unbeschreibliche Blicke auf sie warf.

Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem Schlosse, und ihr Betragen
blieb immer dasselbe. Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; er
konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, obgleich er des Nachts zu
allen Stunden aufstand, und im Schlosse umherschlich. Wider seinen
Willen fing er daher am Ende zu glauben an, er habe sie falsch
beurtheilt, und ließ auch allmählich in seiner Wachsamkeit nach.

Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, und setzte seine Mutter in
die größte Unruhe. Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts
insbesondere, und dennoch sahe man die Röthe seiner Wangen schwinden,
und seinen Körper immer mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß er
nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht ward ihm zuwider; aber zu
gleicher Zeit nahm seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er kaum
mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit Gewalt von seiner Freundin
trennte, gerieth er in Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in ihrem
Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese Zuneigung mit
Gleichgültigkeit an, obgleich sie das Kind nicht von sich entfernte, und
darein willigte, daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen wurde.

Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren Mann, theilte ihm den
bedenklichen Krankheitszustand ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch
endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von der Feuersbrunst und
dem Aufenthalte der unglücklichen Fremden im Schlosse hatte sie ihn
schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in seinen Antworten
Helenens Aengstlichkeit, und versprach ihr, sich sobald als möglich auf
den Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, eine völlige Aussöhnung
zwischen seiner Schwester und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. Der
Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er nur wenig seine Aufmerksamkeit
geschenkt, und berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das Betragen
Helenens völlig billigte. Alle seine Briefe schloß er mit den heißesten
Wünschen für die Genesung seines geliebten Wilhelm.

Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören zu wollen; die Kräfte des
Kindes schwanden immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, und schon
konnte er kaum seinen Kopf in gerader Richtung über den Schultern
erhalten, auf welche er aller Anstrengungen ungeachtet immer wieder
zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar suchte ein geschickter Arzt, der
täglich nach dem Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch
dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen Krankheit
denken sollte. Das Kind behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust,
die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte sich stets über Hunger,
der nur schwer zu stillen war, und dieß am meisten des Morgens, sobald
er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. Dann forderte er die
kräftigsten und schwersten Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn
er mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um die Mutter nicht noch
mehr in Angst zu setzen, that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe,
das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim sahe er kein Mittel vor
Augen, wie er sein Versprechen erfüllen sollte.

Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur selten; sie hörte die Fragen
des Arztes, die Klagen der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch
zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei einnehmen sollte, wendete sie
ihren Einfluß auf den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich
anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein versprach, wenn Lodoiska
bei ihm bleiben wollte.

»Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte deßhalb nichts. Ich habe
mich zu innig mit deinem Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir
trennen könnte, und ich werde dich nur in dem verhängnißvollen
Augenblicke aufgeben, wo man Alles auf der Erde verlassen muß.«

Diese liebreichen Worte verloren für die Zuhörer allen Werth, weil sie
mit der äußersten Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen wurden.
Die Fremde legte überhaupt nur selten einen Ausdruck in das, was sie
sagte oder that, so daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, als
für ein belebtes Automat zu halten geneigt war, das sich bloß nach dem
Uhrwerk in seinem Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. So
viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine leichte Anwandlung von Zorn,
die aber sogleich wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, daß
der Verstand dieser unglücklichen Fremden ohne Zweifel gelitten haben
müsse. Auch war dieß die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie
that, die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden zu richten, der in
ein Haus eingeführt und aufgenommen ist. Sie wußte von Lodoiska selbst,
daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr lange dauern würde, daher
sie sich auch vorgenommen hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden
die Gastfreundschaft zu gewähren.

Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm über allen Ausdruck liebte, war
über seine Krankheit ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur noch zur
Hälfte, da es augenscheinlich war, daß der Knabe seinem Grabe
entgegenging; ja er gerieth endlich in eine Art von Verzweiflung, so daß
er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte wohl vergiftet sein, und
Lodoiska sei die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser
Gedanke ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und er sann auf nichts, als
auf die Art, wie er seinen Verdacht entweder aufklären oder wieder
vernichten könnte.



                          Zwölftes Kapitel.


Werner beobachtete seit einigen Tagen die Fremde mit erneuerter und
verdoppelter Wachsamkeit, ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden zu
können. Wilhelm schien mit jeder Minute den Geist aufgeben zu wollen,
und es ward also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder Lisette
abwechselnd des Nachts bei ihm wachen sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher
entscheidend zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich merkbares
Besserbefinden einige Hoffnung gab, daß das Kind dennoch wieder genesen
könnte. Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige Kräfte wieder;
schon verbreitete sich eine leichte Röthe über seine eingefallenen
Wangen, und im ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur
Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende Blick Werners, der sie
nicht aus den Augen verlor, glaubte bei ihr eine Veränderung zu
bemerken, die der des Kindes gerade entgegengesetzt war; sie verlor
einen guten Theil von ihrem körperlichen Umfange. Ueber ihr
leichenblasses Gesicht war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und ihr
Gang wurde holperig und schleppend. Oft legte sie eine Hand auf die
Wunde, welche Werner unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte
sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das hier zu entschlüpfen
drohte, hätte zurückhalten wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie
sie das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer wilden Ungeduld
betrachtete, und eine Bewegung, schrecklich für den, welcher sie
verstanden hätte, drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner errieth
sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt zu sein, daß entweder die
Fremde mit dem morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß das Kind
sein Leben endigen müsse. Er nahm sich vor, mit der größten Klugheit zu
Werke zu gehen, und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst die
Fremde auffordern würde, sich anderswo eine Wohnung zu suchen, weil es
nicht anginge, daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne.

Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. Die Oberstin, von
Mattigkeit fast erschöpft, weil sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem
Sohne gewacht hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches Bedürfniß, etwas
Ruhe zu genießen, und sie wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache
für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von dieser Absicht
unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem jungen Freunde diesen Dienst zu
leisten. Helene glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich
da sie bisher noch nicht bei dem kleinen Wilhelm gewacht hatte, was man
nicht wagen wollte, ihr anzumuthen.

Die Sache wurde sogleich abgemacht, und Lisette brachte, wahrscheinlich
aus Vergeßlichkeit, dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser legte
sich also in der Ueberzeugung zu Bett, daß der Sohn seines Obersten die
Nacht unter der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; aber kaum
hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte seinen Kopf eine Menge der
peinlichsten Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich dann der
Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch Ruhe zu verschaffen; er ward von
den seltsamsten Träumen bis auf's Aeußerste geängstigt. Bald glaubte er
mitten im Walde, welcher sich hinter dem Garten des Schlosses R....
befand, umherzuirren; plötzlich stürzte eine Räuberbande über ihn her,
und er blieb nach einem heftigen Kampfe sterbend auf der Erde liegen;
bald versetzte ihn eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung
von Lodoiska's Vater. Er sah auf dem Hausflur einen Sarg, mit einem
schwarz und weißen Leichentuche behangen, und mit einer Krone von Lilien
und weißen Nelken geschmückt; eine Menge junger Mädchen stand umher, bis
ein Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe führte. Hier
wurde der Sarg in ein offenes Grab versenkt; die Zuschauer entfernten
sich. Werner allein war noch stehen geblieben, und sahe, daß es
plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. Mit einem fürchterlichen
Donnerschlage erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend umher
erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem Brausen eines heftigen
Sturmwindes die Erde, und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine
Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer höher erhebt sie sich in die
Lüfte, und durch eine unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach mit
fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender Schnelligkeit ungeheure
Räume, während der halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich
beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner erkennt das Schloß R....
und schaudert über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller
Führer zieht unter seinem Leichentuche eine Hand hervor, welche aber
nichts als ein Gerippe ist, und klopft damit an die Thür des Schlosses;
sie wird ihm aufgethan, und in demselben Augenblicke dreht die Gestalt
sich um; der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige Gesicht
Lodoiska's. --

Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht länger dauern; Werner erwachte,
ganz in seinem Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn umgebenden
Finsterniß die Augen aufzuschlagen. Als er sich nach und nach besann,
schien es ihm, als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche
Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt Gebrauch machen müsse.
Alle Wunder, über die er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn
im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit sie ihn überraschte.
Bisher hatte er geglaubt, bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes
Weib zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, mit dem er sich
messen soll.

Während sich Werner so dem Fluge seiner Einbildungskraft überließ,
erinnerte er sich, daß die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde:
ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen Entdeckungen zu machen,
wodurch Werner sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht war es
möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen Schlaf versunken sein
konnte, und daher nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu
widersetzen. Dieser Gedanke gab ihm einen raschen Entschluß; er sprang
sogleich aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür;
aber hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, ohne Waffen durch
die weitläuftigen Gänge und Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich
sei, daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. Beim
Schein des Mondes, der seine Strahlen durch das Fenster warf, suchte er
seine Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ er endlich sein
Zimmer, und nahm seinen Weg nach dem des kranken Kindes, wo er die
Gemahlin seines Obersten anzutreffen hoffte.

In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch Lodoiska's
Aufmerksamkeit wecken könnte, ging er nur langsam und so leise als
möglich vorwärts; er hielt seinen Athem an, und zitterte bei dem
Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat er die Haupttreppe erstiegen
und befindet sich in dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen
zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, den er ebenfalls
unangefochten durchschleicht, und ist schon im Begriff, die Thür des
Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin bei ihrem Kinde
befindet, als es ihm einfällt, daß sie wohl eingeschlummert sein könnte,
und daß er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen Schrecken
verursachen würde. Um sich vorher zu überzeugen, ob sie schläft oder
wacht, näherte er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt in's
Zimmer hinein.

Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die
unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder,
aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald
blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den
Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt .....
Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke
werden Lodoiska's Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche
Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit
reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das
Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit
langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus
allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! --

Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben
verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit
ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf,
und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine
Verbrechen zu geben.

»Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle
zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!« Er
drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel
getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem
kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so
eben entweihete.

-- Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt
mein Geheimniß mit in's Grab nehmen! --

Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum
zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska
vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische
Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner
todt auf den Fußboden nieder.

                       Ende des ersten Theils.



Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet.

Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales
wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 7]:
   ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehme ...
   ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehmen ...

   [S. 37]:
   ... unglückliche Geschöpfe antrifft, die, um einen ...
   ... unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen ...

   [S. 62]:
   ... einer Frau, die seine Zärtlicheeit verdient. ...
   ... einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. ...

   [S. 68]:
   ... Er wußte nicht, ob er seinen Zorn den Lauf ...
   ... Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf ...

   [S. 83]:
   ... Dinstag erfuhr ich, daß sich hier in der ...
   ... Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der ...

   [S. 100]:
   ... Eilen Sie Ihren Schicksale nicht im Voraus ...
   ... Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus ...

   [S. 104]:
   ... sich selbst zn kommen, und sprach bald über ...
   ... sich selbst zu kommen, und sprach bald über ...

   [S. 105]:
   ... zusamen? -- Da die Sonne hinter den ...
   ... zusammen? -- Da die Sonne hinter den ...

   [S. 120]:
   ... Bedienter behandelte; meine Geschäfte mit ...
   ... Bediente behandelte; meine Geschäfte mit ...

   [S. 123]:
   ... Zweifel, ob er seine Ausforderung erneuern ...
   ... Zweifel, ob er seine Aufforderung erneuern ...

   [S. 158]:
   ... als Lisette das Bettuch, in welches Lodoiska ...
   ... als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska ...

   [S. 190]:
   ... war; sie verlor einen guten Theil von ihren körperlichen ...
   ... war; sie verlor einen guten Theil von ihrem körperlichen ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. - Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home