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Title: Vor Sonnenaufgang - Soziales Drama
Author: Hauptmann, Gerhart
Language: German
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*** Start of this LibraryBlog Digital Book "Vor Sonnenaufgang - Soziales Drama" ***


                          Vor Sonnenaufgang


        Von Gerhart Hauptmann erschienen im gleichen Verlage:

   Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama.                        9. Auflage.
   Das Friedensfest. Eine Familienkatastrophe.            4.-5. Auflage.
   Einsame Menschen. Drama.                             13.-14. Auflage.
   De Waber. Schauspiel aus den 40er Jahren.                 2. Auflage.
   Die Weber. Schauspiel aus den 40er Jahren.           27.-28. Auflage.
      Übertragung.
   College Crampton. Komödie.                             5.-6. Auflage.
   Bahnwärter Thiel. Der Apostel. Novellistische          5.-6. Auflage.
      Studien.
   Der Biberpelz. Eine Diebskomödie.                      7.-8. Auflage.
   Hannele. Eine Traumdichtung. Illustriert
      (vergriffen).
   Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung.             9.-10. Auflage.
   Florian Geyer.                                         5.-6. Auflage.
   Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama.   49.-52. Auflage.
   Fuhrmann Henschel. Schauspiel. Originalausgabe.      13.-16. Auflage.
   Fuhrmann Henschel. Schauspiel. Übertragung.           9.-12. Auflage.
   Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf.         8.-10. Auflage.
   Michael Kramer. Drama.                                9.-10. Auflage.



                          Vor Sonnenaufgang


                            Soziales Drama
                                 von
                          Gerhart Hauptmann

                            Neunte Auflage

                               Berlin,
                         S. Fischer, Verlag,
                                 1902



      Sowohl Aufführungs- als Nachdrucks- und Uebersetzungsrecht
                             vorbehalten.


                   Den Bühnen gegenüber Manuskript.



Die Aufführung dieses Dramas fand am 20. Oktober statt in den Räumen des
Lessing-Theaters, veranstaltet vom Verein »Freie Bühne«. Ich benutze den
Anlaß der Herausgabe einer neuen Auflage, um aus vollem Herzen den
Leitern dieses Vereins insgesammt, in Sonderheit aber den Herren Otto
Brahm und Paul Schlenther zu danken. Möchte es die Zukunft erweisen, daß
sie sich, indem sie, kleinlichen Bedenken zum Trotz, einem aus reinen
Motiven heraus entstandenen Kunstwerk zum Leben verhalfen, um die
_deutsche_ Kunst verdient gemacht haben.

Charlottenburg, den 26. Oktober 1889.

                                                    Gerhart Hauptmann.



                         Handelnde Menschen.


                                                Besetzung bei der ersten
                                                      Aufführung.
   Krause, Bauerngutsbesitzer                      Hans Pagay.
   Frau Krause, seine zweite Frau                  Louise v. Pöllnitz.
   Helene, }                                       Elsa Lehmann.
   Martha, } Krause's Töchter erster Ehe                 ***
   Hoffmann, Ingenieur, verheirathet mit Martha    Gustav Kadelburg.
   Wilhelm Kahl, Neffe der Frau Krause             Carl Stallmann.
   Frau Spiller, Gesellschafterin der Frau Krause  Ida Stägemann.
   Alfred Loth                                     Theodor Brandt.
   Dr. Schimmelpfennig                             Franz Guthery.
   Beibst, Arbeitsmann auf Krause's Gut            Paul Pauly.
   Guste,  }                                       Sophie Berg.
   Liese,  } Mägde auf Krause's Gut                Clara Hahn.
   Marie,  }                                       Antonie Ziegler.
   Baer, genannt Hopslabaer                        Ferdinand Meyer.
   Eduard, Hoffmann's Diener                       Edmund Schmasow.
   Miele, Hausmädchen bei Frau Krause              Helene Schüle.
   Die Kuschenfrau                                 Marie Gundra.
   Golisch, genannt Gosch. Kuhjunge                Georg Baselt.
   Ein Packetträger                                      ***



                             Erster Akt.


   Das Zimmer ist niedrig; der Fußboden mit guten Teppichen belegt.
   Moderner Luxus auf bäuerische Dürftigkeit gepfropft. An der Wand
   hinter dem Eßtisch ein Gemälde, darstellend einen vierspännigen
   Frachtwagen, von einem Fuhrknecht in blauer Blouse geleitet.

                   *       *       *       *       *

   Miele, eine robuste Bauernmagd mit rothem, etwas stumpfsinnigem
   Gesicht; sie öffnet die Mittelthür und läßt Alfred Loth
   eintreten. Loth ist mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, in
   seinen Bewegungen bestimmt, doch ein wenig ungelenk; er hat
   blondes Haar, blaue Augen und ein dünnes, lichtblondes
   Schnurrbärtchen, sein ganzes Gesicht ist knochig und hat einen
   gleichmäßig ernsten Ausdruck. Er ist ordentlich, jedoch nichts
   weniger als modern gekleidet. Sommerpaletot, Umhängetäschchen,
   Stock.

Miele. Bitte! Ich werde den Herrn Inschinnär glei ruffen. Wolln Sie nich
Platz nehmen?!

   Die Glasthür zum Wintergarten wird heftig aufgestoßen; ein
   Bauernweib, im Gesicht blauroth vor Wuth, stürzt herein. Sie ist
   nicht viel besser als eine Waschfrau gekleidet. Nackte, rothe
   Arme, blauer Kattunrock und Mieder, rothes punktirtes Brusttuch.
   Alter: Anfang 40, Gesicht hart, sinnlich, bösartig. Die ganze
   Gestalt sonst gut conservirt.

Frau Krause (schreit). Ihr Madel!! ... Richtig! ... Doas Loster vu
Froovulk! ... Naus! mir gahn nischt! ... (Halb zu Miele, halb zu Loth.)
A koan orbeita, a hoot Oarme. Naus! hier gibbt's nischt!

Loth. Aber Frau ... Sie werden doch ... ich ... ich heiße Loth, bin ...
wünsche zu ... habe auch nicht die Ab....

Miele. A wull ock a Herr Inschinnär sprechen.

Frau Krause. Beim Schwiegersuhne batteln: doas kenn' mer schunn. -- A
hoot au nischt, a hoot's au ock vu ins, nischt iis seine! (Die Thür
rechts wird aufgemacht. Hoffmann steckt den Kopf heraus.)

Hoffmann. Schwiegermama! -- Ich muß doch bitten ... (Er tritt heraus,
wendet sich an Loth.) Was steht zu ... Alfred! Kerl! Wahrhaftig 'n Gott,
Du!? Das ist aber mal ... nein _das_ is doch mal 'n Gedanke!

   Hoffmann ist etwa dreiunddreißig alt, schlank, groß, hager. Er
   kleidet sich nach der neuesten Mode, ist elegant frisirt, trägt
   kostbare Ringe, Brillantknöpfe im Vorhemd und Berloques an der
   Uhrkette. Kopfhaar und Schnurrbart schwarz, der letztere sehr
   üppig, äußerst sorgfältig gepflegt. Gesicht spitz, vogelartig.
   Ausdruck verschwommen, Augen schwarz, lebhaft, zuweilen unruhig.

Loth. Ich bin nämlich ganz zufällig ....

Hoffmann (aufgeregt). Etwas Lieberes ... nun aber zunächst leg ab! (Er
versucht ihm das Umhängetäschchen abzunehmen.) -- Etwas Lieberes und so
Unerwartetes hätte mir jetzt -- (er hat ihm Hut und Stock abgenommen und
legt beides auf einen Stuhl neben der Thür) -- hätte mir jetzt
entschieden nicht passiren können, -- (indem er zurückkommt) --
_entschieden_ nicht.

Loth (sich selbst das Täschchen abnehmend). Ich bin nämlich -- nur so
per Zufall auf Dich -- (er legt das Täschchen auf den Tisch im
Vordergrund).

Hoffmann. Setz' Dich! Du mußt müde sein, setz' Dich -- bitte. Weißt De
noch? wenn Du mich besuchtest, da hatt'st Du so 'ne Manier, Dich lang
auf das Sopha hinfallen zu lassen, daß die Federn krachten; mitunter
sprangen sie nämlich auch. Also Du, höre! mach's wie damals.

   Frau Krause hat ein sehr erstauntes Gesicht gemacht und sich dann
   zurückgezogen. Loth läßt sich auf einen der Sessel nieder, welche
   rings um den Tisch im Vordergrunde stehen.

Hoffmann. Trinkst Du was? Sag'! -- Bier? Wein? Cognac? Kaffee? Thee? Es
ist alles im Hause.

   Helene kommt lesend aus dem Wintergarten; ihre große, ein wenig
   zu starke Gestalt, die Frisur ihres blonden, ganz ungewöhnlich
   reichen Haares, ihr Gesichtsausdruck, ihre moderne Kleidung, ihre
   Bewegungen, ihre ganze Erscheinung überhaupt verleugnen das
   Bauernmädchen nicht ganz.

Helene. Schwager, Du könntest ... (Sie entdeckt Loth und zieht sich
schnell zurück.) Ach! ich bitte um Verzeihung. (Ab.)

Hoffmann. Bleib doch, bleib!

Loth. Deine Frau?

Hoffmann. Nein, ihre Schwester. Hörtest Du nicht, wie sie mich
betitelte?

Loth. Nein.

Hoffmann. Hübsch! Wie? -- Nu aber erklär' Dich! Kaffee? Thee? Grog?

Loth. Danke, danke für alles.

Hoffmann (präsentirt ihm Cigarren). Aber _das_ ist was für Dich --
nicht?! ... Auch nicht?!

Loth. Nein, danke.

Hoffmann. Beneidenswerthe Bedürfnißlosigkeit! (Er raucht sich selbst
eine Cigarre an und spricht dabei.) Die A.. Asche, wollte sagen der ...
der Tabak ... ä! Rauch natürlich ... der Rauch belästigt Dich doch wohl
nicht?

Loth. Nein.

Hoffmann. Wenn ich _das_ nicht noch hätte ... ach Gott ja, das bischen
Leben! -- Nu aber thu mir den Gefallen, erzähle was. -- Zehn Jahre --
bist übrigens kaum sehr verändert -- zehn Jahre, 'n ekliger Fetzen Zeit
-- was macht Schn... Schnurz nannten wir ihn ja wohl? Fips, -- die ganze
heitere Blase von damals? Hast du den einen oder anderen im Auge
behalten?

Loth. Sach mal, solltest Du das nicht wissen?

Hoffmann. Was?

Loth. Daß er sich erschossen hat.

Hoffmann. Wer? -- hat sich wieder mal erschossen.

Loth. Fips! Friedrich Hildebrandt.

Hoffmann. I warum nich gar!

Loth. Ja! er hat sich erschossen -- im Grunewald, an einer sehr schönen
Stelle der Havelseeufer. Ich war dort, man hat den Blick auf Spandau.

Hoffmann. Hm! -- Hätt ihm das nicht zugetraut, war doch sonst keine
Heldennatur.

Loth. Deswegen hat er sich eben erschossen. -- _Gewissenhaft_ war er,
sehr gewissenhaft.

Hoffmann. Gewissenhaft? Woso?

Loth. Nun, darum eben ... sonst hätte er sich wohl nicht erschossen.

Hoffmann. Versteh nicht recht.

Loth. Na, die Farbe seiner politischen Anschauungen kennst Du doch?

Hoffmann. Ja, grün.

Loth. Du kannst sie gern so nennen. Er war, dies wirst Du ihm wohl
lassen müssen, ein talentvoller Jung. -- Fünf Jahre hat er als
Stuccateur arbeiten müssen, andere fünf Jahre dann, so zu sagen, auf
eigene Faust durchgehungert und dazu kleine Statuetten modellirt.

Hoffmann. Abstoßendes Zeug. Ich will von der Kunst erheitert sein ....
Nee! diese Sorte Kunst war durchaus nicht mein Geschmack.

Loth. Meiner war es auch nicht, aber er hatte sich nun doch einmal drauf
versteift. Voriges Frühjahr schrieben sie da ein Denkmal aus; irgend ein
Duodezfürstchen, glaub ich, sollte verewigt werden. Fips hatte sich
betheiligt und gewonnen; kurz darauf schoß er sich todt.

Hoffmann. Wo da die Gewissenhaftigkeit stecken soll, ist mir völlig
schleierhaft. -- Für so was habe ich nur eine Benennung: Spahn -- auch
Wurm -- Spleen -- so was.

Loth. Das ist ja das allgemeine Urtheil.

Hoffmann. Thut mir leid, kann aber nicht umhin mich ihm anzuschließen.

Loth. Es ist ja für ihn auch ganz gleichgültig, was ...

Hoffmann. Ach überhaupt, lassen wir das. Ich bedauere ihn im Grunde ganz
ebenso sehr wie Du, aber -- nun ist er doch einmal todt, der gute Kerl;
-- erzähle mir lieber etwas von _Dir_, was Du getrieben hast, wie's Dir
ergangen ist.

Loth. Es ist mir so ergangen, wie ich's erwarten mußte. -- Hast Du gar
nichts von mir gehört? -- durch die Zeitungen mein ich.

Hoffmann (ein wenig befangen). Wüßte nicht.

Loth. Nichts von der Leipziger Geschichte?

Hoffmann. Ach so, _das_! -- Ja! -- Ich glaube .... nichts Genaues.

Loth. Also, die Sache war folgende:

Hoffmann (seine Hand auf Loth's Arm legend). Ehe Du anfängst: willst Du
denn _gar_ nichts zu Dir nehmen?

Loth. Später vielleicht.

Hoffmann. Auch nicht ein Gläschen Cognac?

Loth. Nein. Das am allerwenigsten.

Hoffmann. Nun, dann werde ich ein Gläschen .... Nichts besser für den
Magen. (Holt Flasche und zwei Gläschen vom Buffet, setzt alles auf den
Tisch vor Loth.) _Grand Champagne_, feinste Nummer; ich kann ihn
empfehlen. -- Möchtest Du nicht ....?

Loth. Danke.

Hoffmann (kippt das Gläschen in den Mund). Oah! -- na, nu bin ich ganz
Ohr.

Loth. Kurz und gut: da bin ich eben sehr stark hineingefallen.

Hoffmann. Mit zwei Jahren, glaub ich?!

Loth. Ganz recht! Du scheinst es ja doch also zu wissen. Zwei Jahre
Gefängniß bekam ich, und nach dem haben sie mich noch von der
Universität relegirt. Damals war ich -- einundzwanzig. Nun! in diesen
zwei Gefängnißjahren habe ich mein erstes volkswirthschaftliches Buch
geschrieben. Daß es gerade ein Vergnügen gewesen, zu brummen, müßte ich
allerdings lügen.

Hoffmann. Wie man doch einmal so sein konnte! Merkwürdig! So was hat man
sich nun allen Ernstes in den Kopf gesetzt. Baare Kindereien sind es
gewesen, kann mir nicht helfen, Du! -- nach Amerika auswandern 'n
Dutzend Gelbschnäbel wie wir! -- _wir_ und Musterstaat gründen!
Köstliche Vorstellung!

Loth. Kindereien?! -- tjaa! In gewisser Beziehung sind es auch wirklich
Kindereien gewesen! Wir unterschätzten die Schwierigkeiten eines solchen
Unternehmens.

Hoffmann. Und daß Du nun _wirk--lich hinaus_ gingst -- nach Amerika --
all--len Ernstes mit leeren Händen .... Denk' doch mal an, was es heißt,
Grund und Boden für einen Musterstaat mit leeren Händen erwerben zu
wollen: das ist ja beinahe ver.... jedenfalls ist es einzig naiv.

Loth. Ach, gerade mit dem Ergebniß meiner Amerikafahrt bin ich ganz
zufrieden.

Hoffmann (laut auflachend). Kaltwasserkur, vorzügliche Resultate, wenn
Du es so meinst ...

Loth. Kann sein, ich bin etwas abgekühlt worden; damit ist mir aber gar
nichts _Besonderes_ geschehen. Jeder Mensch macht seinen
Abkühlungsprozeß durch. Ich bin jedoch weit davon entfernt, den Werth
der .... nun, sagen wir hitzigen Zeit zu verkennen. Sie war auch gar
nicht so furchtbar naiv, wie Du sie hinstellst.

Hoffmann. Na, ich weiß nicht?!

Loth. Du brauchst nur an die Durchschnittskindereien unserer Tage
denken: das Couleurwesen auf den Universitäten, das Saufen, das Pauken.
Warum all der Lärm? Wie Fips zu sagen pflegte: um Hekuba!

Um Hekuba drehte es sich bei uns doch wohl nicht; wir hatten die
allerhöchsten menschheitlichen Ziele im Auge. Und abgesehen davon, diese
naive Zeit hat bei mir gründlich mit Vorurtheilen aufgeräumt. Ich bin
mit der Scheinreligion und Scheinmoral und mit noch manchem Anderen ....

Hoffmann. Das kann ich Dir ja auch ohne Weiteres zugeben. Wenn ich jetzt
doch immerhin ein vorurtheilsloser, aufgeklärter Mensch bin, dann
verdanke ich das, wie ich _gar nicht_ leugne, den Tagen unseres Umgangs.
-- Natürlicherweise! -- Ich bin der letzte, das zu leugnen. -- Ich bin
überhaupt in _keiner_ Beziehung Unmensch. Nur muß man nicht mit dem
Kopfe durch die Wand rennen wollen. -- Man muß nicht die Uebel, an denen
die gegenwärtige Generation, leider Gottes, krankt, durch noch größere
verdrängen wollen; man muß -- alles ruhig seinen natürlichen Gang gehen
lassen. Was kommen soll, kommt! _Praktisch_, praktisch muß man
verfahren! Erinnere Dich! Ich habe das früher _gerade_ so betont, und
dieser Grundsatz hat sich bezahlt gemacht. -- Das _ist_ es ja eben. Ihr
alle -- Du mit eingerechnet -- Ihr verfahrt höchst _un_praktisch.

Loth. Erklär' mir eben mal, wie Du das meinst.

Hoffmann. _Ein_fach! Ihr nützt Eure Fähigkeiten nicht aus. Zum Beispiel
Du: 'n Kerl wie Du, mit Kenntnissen, Energie etc., was hätte Dir nicht
offen gestanden! Statt dessen, was machst Du? _Com--pro--mit--tirst
Dich_ von vornherein _der_--art ... na, Hand auf's Herz! hast Du das
nicht manchmal bereut?

Loth. Ich konnte nicht gut bereuen, weil ich ohne Schuld verurtheilt
worden bin.

Hoffmann. Kann ich ja nicht beurtheilen, weißt Du.

Loth. Du wirst das gleich können, wenn ich Dir sage: die Anklageschrift
führte aus, ich hätte unseren Verein Vancouver-Island nur zum Zwecke
parteilicher Agitation ins Leben gerufen; dann sollte ich auch Geld zu
Parteizwecken gesammelt haben. Du weißt ja nun, daß es uns mit unseren
colonialen Bestrebungen Ernst war, und was das Geldsammeln anlangt, so
hast Du ja selbst gesagt, daß wir alle miteinander leere Hände hatten.
Die Anklage enthält also kein wahres Wort, und als Mitglied solltest Du
das doch ...

Hoffmann. Na -- Mitglied war ich doch wohl eigentlich nicht so recht. --
Uebrigens glaube ich Dir selbstredend. -- Die Richter sind halt immer
nur Menschen, muß man nehmen. -- Jedenfalls hättest Du, um praktisch zu
handeln, auch den _Schein_ meiden müssen. Ueberhaupt: ich habe mich in
der Folge manchmal baß gewundert über Dich: Redacteur der
Arbeiterkanzel, des obscursten aller Käseblättchen -- Reichstagscandidat
des süßen Pöbels! Und was hast Du nu davon? -- versteh mich nicht
falsch! Ich bin der letzte, der es an Mitleid mit dem armen Volke fehlen
läßt, aber _wenn_ etwas geschieht, dann mag es von oben her_ab_
geschehen! Es muß sogar von oben herab geschehen, das Volk weiß nun mal
nicht, was ihm noth thut -- das »Von-unten-_herauf_,« siehst Du, _das_
eben nenne ich das »Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-rennen.«

Loth. Ich bin aus dem, was Du eben gesagt hast, nicht klug geworden.

Hoffmann. Na, ich meine eben, sieh _mich_ an! Ich habe die Hände frei:
ich könnte nu schon anfangen was für die Ideale zu thun. -- Ich kann
wohl sagen, mein _praktisches_ Programm ist nahezu durchgeführt. Aber
Ihr ... immer mit leeren Händen, was wollt denn _Ihr machen_?

Loth. Ja, wie man so hört: Du segelst stark auf Bleichröder zu.

Hoffmann (geschmeichelt). Zu viel Ehre -- vorläufig noch. Wer sagt das?
-- Man arbeitet eben seinen soliden Stiefel fort. Das belohnt sich
naturgemäß -- wer sagt das übrigens?

Loth. Ich hörte darüber in Jauer zwei Herren am Nebentisch reden.

Hoffmann. Ä! Du! -- Ich habe Feinde! -- Was sagten die denn übrigens?

Loth. Nichts Besonderes. Durch sie erfuhr ich, daß Du Dich zur Zeit eben
hier auf das Gut Deiner Schwiegereltern zurückgezogen hast.

Hoffmann. Was die Menschen nicht alles ausschnüffeln! Lieber Freund! Du
glaubst nicht, wie ein Mann in meiner Stellung auf Schritt und Tritt
beobachtet wird. Das ist auch so 'n Uebelstand des Reich.... -- Die
Sache ist nämlich die: ich erwarte der größeren Ruhe und gesünderen Luft
wegen die Niederkunft meiner Frau _hier_.

Loth. Wie paßt denn das aber mit dem Arzt? Ein guter Arzt ist doch in
solchen Fällen von allergrößter Wichtigkeit. Und hier auf dem Dorfe ....

Hoffmann. Das ist es eben: der Arzt hier ist ganz besonders tüchtig;
und, weißt Du, so viel habe ich bereits weg: Gewissenhaftigkeit geht
beim Arzt über Genie.

Loth. Vielleicht ist sie eine Begleiterscheinung des Genies im Arzt.

Hoffmann. Mein'twegen, jedenfalls _hat_ unser Arzt Gewissen. Er ist
nämlich auch so'n Stück Ideologe, halb und halb unser Schlag -- reussirt
schauderhaft unter Bergleuten und auch unter dem Bauernvolk. Man
vergöttert ihn geradezu. Zu Zeiten übrigens 'n recht unverdaulicher
Patron, 'n Mischmasch von Härte und Sentimentalität. Aber, wie gesagt,
Gewissenhaftigkeit weiß ich zu schätzen! -- Unbedingt! -- Eh ich's
vergesse .... es ist mir nämlich darum zu thun .... man muß immer
wissen, wessen man sich zu versehen hat .... Höre! .... sage mir doch
.... ich seh Dir's an, die Herren am Nebentische haben nichts Gutes über
mich gesprochen. -- Sag' mir doch, bitte, was sie gesprochen haben.

Loth. Das sollte ich wohl nicht thun, denn ich will Dich nachher um
zweihundert Mark bitten, geradezu _bitten_, denn ich werde sie Dir wohl
kaum je wiedergeben können.

Hoffmann (zieht ein Checbuch aus der Brusttasche, füllt einen Chec aus,
übergiebt ihn Loth). Bei irgend einer Reichsbankfiliale .... Es ist mir
'n Vergnügen ....

Loth. Deine Fixigkeit übertrifft alle meine Erwartungen. -- Na! -- ich
nehm es dankbar an und Du weißt ja: übel angewandt ist es auch nicht.

Hoffmann (mit Anflug von Pathos). Ein Arbeiter ist seines Lohnes werth!
-- Doch jetzt, Loth, sei so gut, sag' mir, was die Herren am Nebentisch
....

Loth. Sie haben wohl Unsinn gesprochen.

Hoffmann. Sag' mir's trotzdem, bitte! -- Es ist mir lediglich
interessant, _ledig--lich_ interessant --

Loth. Es war davon die Rede, daß Du hier einen anderen aus der Position
verdrängt hättest, -- einen Bauunternehmer Müller.

Hoffmann. Na--tür--lich! _diese_ Geschichte!

Loth. Ich glaube, der Mann sollte mit Deiner jetzigen Frau verlobt
gewesen sein.

Hoffmann. War er auch. -- Und was weiter?

Loth. Ich erzähle Dir alles, wie ich es hörte, weil ich annehme: es
kommt Dir darauf an, die Verleumdung möglichst getreu kennen zu lernen.

Hoffmann. Ganz recht! Also?

Loth. So viel ich heraus hörte, soll dieser Müller den Bau einer Strecke
der hiesigen Gebirgsbahn übernommen haben.

Hoffmann. Ja! Mit lumpigen zehntausend Thalern Vermögen. Als er einsah,
daß dieses Geld nicht zureichte, wollte er schnell eine Witzdorfer
Bauerntochter fischen; meine jetzige Frau sollte _diejenige_ sein,
_welche_.

Loth. Er hätte es, sagten sie, mit der Tochter, Du mit dem Alten
gemacht. -- Dann hat er sich ja wohl erschossen?! -- Auch seine Strecke
hättest Du zu Ende gebaut und noch sehr viel Geld dabei verdient.

Hoffmann. Darin ist einiges Wahre enthalten, doch -- ich könnte Dir eine
Verknüpfung der Thatsachen geben ... Wußten sie am Ende noch mehr
dergleichen erbauliche Dinge?

Loth. Ganz besonders -- muß ich Dir sagen -- regten sie sich über
_etwas_ auf: sie rechneten sich vor, welch ein enormes Geschäft in
Kohlen Du jetzt machtest und nannten Dich einen .... na, schmeichelhaft
war es eben nicht für Dich. Kurz gesagt, sie erzählten, Du hättest die
hiesigen dummen Bauern beim Champagner überredet, einen Vertrag zu
unterzeichnen, in welchem Dir der alleinige Verschleiß aller in ihren
Gruben geförderten Kohle übertragen worden ist gegen eine Pachtsumme,
die fabelhaft gering sein sollte.

Hoffmann (sichtlich peinlich berührt, steht auf). Ich will Dir was
sagen, Loth .... Ach, warum auch noch darin rühren? Ich schlage vor, wir
denken an's Abendbrod, mein Hunger ist mörderisch. Mörderischen Hunger
habe ich. (Er drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, deren
Draht in Form einer grünen Schnur auf das Sopha herunter hängt; man hört
das Läuten einer elektrischen Klingel.)

Loth. Nun, wenn Du mich hier behalten willst -- dann sei so gut .... ich
möchte mich eben 'n bischen säubern.

Hoffmann. Gleich sollst Du alles Nöthige .... (Eduard tritt ein, Diener
in Livree.) Eduard! führen Sie den Herrn in's Gastzimmer.

Eduard. Sehr wohl, gnädiger Herr.

Hoffmann (Loth die Hand drückend). In spätestens fünfzehn Minuten möchte
ich Dich bitten, zum Essen herunter zu kommen.

Loth. Uebrig Zeit. Also Wiedersehen!

Hoffmann. Wiedersehen!

   Eduard öffnet die Thür und läßt Loth vorangehen. Beide ab.
   Hoffmann kratzt sich den Hinterkopf, blickt nachdenklich auf den
   Fußboden, geht dann auf die Thür rechts zu, deren Klinke er
   bereits gefaßt hat, als Helene, welche hastig durch die Glasthür
   eingetreten ist, ihn anruft.

Helene. Schwager! Wer war das?

Hoffmann. Das war einer von meinen Gymnasialfreunden, der älteste sogar,
Alfred Loth.

Helene (schnell). Ist er schon wieder fort?

Hoffmann. Nein! Er wird mit uns zu Abend essen. -- Womöglich .... ja,
womöglich auch hier übernachten.

Helene. Oh Jeses! Da komme ich nicht zum Abendessen.

Hoffmann. Aber Helene!

Helene. Was brauche ich auch unter gebildete Menschen zu kommen! Ich
will nur ruhig weiter verbauern.

Hoffmann. Ach, immer diese Schrullen! Du wirst mir sogar den großen
Dienst erweisen und die Anordnungen für den Abendtisch treffen. Sei so
gut! -- Wir machen's 'n bischen feierlich. Ich vermuthe nämlich, er
führt irgend was im Schilde.

Helene. Was meinst Du, im Schilde führen?

Hoffmann. Maulwurfsarbeit -- wühlen, wühlen. -- Davon verstehst Du nun
freilich nichts. -- Kann mich übrigens täuschen, denn ich habe bis jetzt
vermieden auf diesen Gegenstand zu kommen. Jedenfalls mach alles recht
einladend. Auf diese Weise ist den Leuten noch am leichtesten ...
Champagner natürlich! Die Hummern von Hamburg sind angekommen?

Helene. Ich glaube, sie sind heut früh angekommen.

Hoffmann. Also, Hummern! (Es klopft sehr stark.) Herein!

Postpacketträger. (Eine Kiste unter'm Arm, eintretend, spricht er in
singendem Tone.) Eine _Kis--te_.

Helene. Von wo?

Packetträger. _Ber--lin._

Hoffmann. Richtig. Es werden die Kindersachen von Hertzog sein. (Er
besieht das Packet und nimmt den Abschnitt.) Ja, ja, es sind die Sachen
von Hertzog.

Helene. _Die--se_ Kiste voll? Du übertreibst.

Hoffmann (lohnt den Packetträger ab).

Packetträger (ebenso halb singend). Schö'n gn'n A--bend. (Ab.)

Hoffmann. Wieso übertreiben?

Helene. Nun, hiermit kann man doch wenigstens drei Kinder ausstatten.

Hoffmann. Bist Du mit meiner Frau spazieren gegangen?

Helene. Was soll ich machen, wenn sie immer gleich müde wird?

Hoffmann. Ach was, immer gleich müde -- sie macht mich unglücklich! Ein
und eine halbe Stunde ... sie soll doch um Gottes Willen thun, was der
Arzt sagt. Zu was hat man denn den Arzt, wenn ...

Helene. Dann greife Du ein, schaff' die Spillern fort! Was soll ich
gegen so 'n altes Weib machen, die ihr immer nach dem Munde geht!

Hoffmann. Was denn? ... ich als Mann ... was soll ich als Mann? ... und
außerdem, Du kennst doch die Schwiegermama.

Helene (bitter). Allerdings.

Hoffmann. Wo ist sie denn jetzt?

Helene. Die Spillern stutzt sie heraus, seit Herr Loth hier ist; sie
wird wahrscheinlich zum Abendbrod wieder ihr Rad schlagen.

Hoffmann (schon wieder in eigenen Gedanken, macht einen Gang durch's
Zimmer; heftig). Es ist das letzte Mal, auf Ehre!, daß ich so etwas hier
in diesem Hause abwarte. Auf Ehre!

Helene. Ja, Du hast es eben gut, Du kannst gehen, wohin Du willst.

Hoffmann. Bei mir zu Hause wäre der unglückliche Rückfall in dies
schauderhafte Laster auch _sicher nicht_ vorgekommen.

Helene. _Mich_ mache dafür nicht verantwortlich! Von _mir_ hat sie den
Branntwein nicht bekommen. Schaff' Du nur die Spillern fort. Ich sollte
bloß 'n Mann sein.

Hoffmann (seufzend). Ach, wenn es nur erst wieder vorüber wär'! -- (In
der Thür rechts.) Also Schwägerin, Du thust mir den Gefallen: einen
recht appetitlichen Abendtisch! Ich erledige schnell noch eine
Kleinigkeit.

Helene (drückt auf den Klingelknopf, Miele kommt). Miele, decken Sie den
Tisch! Eduard soll Sekt kalt stellen und vier Dutzend Austern öffnen.

Miele (unterdrückt, batzig). Sie kinn'n 's 'm salber sagen, a nimmt
nischt oa vu mir, a meent immer: a wär ok beim Inschinnär gemit't.

Helene. Dann schick ihn wenigstens rein.

   Miele ab. Helene tritt vor den Spiegel, ordnet dies und das an
   ihrer Toilette; währenddeß tritt Eduard ein.

Helene (immer noch vor dem Spiegel). Eduard, stellen Sie Sekt kalt und
öffnen Sie Austern! Herr Hoffmann hat es befohlen.

Eduard. Sehr wohl, Fräulein. (Eduard ab. Gleich darauf klopft es an die
Mittelthür.)

Helene (fährt zusammen). Großer Gott! -- (Zaghaft.) Herein! -- (lauter
und fester) -- herein!

Loth (tritt ein ohne Verbeugung). Ach, um Verzeihung! -- ich wollte
nicht stören, -- mein Name ist Loth.

Helene (verbeugt sich tanzstundenmäßig).

Stimme Hoffmann's (durch die geschlossene Zimmerthür): Kinder! keine
Umstände! -- Ich komme gleich heraus. Loth! es ist meine Schwägerin
Helene Krause! Und Schwägerin! es ist mein Freund Alfred Loth!
Betrachtet Euch als vorgestellt.

Helene. Nein, über Dich aber auch!

Loth. Ich nehme es ihm nicht übel, Fräulein! Bin selbst, wie man mir
sehr oft gesagt hat, in Sachen des guten Tons ein halber Barbar. -- Aber
wenn ich Sie gestört habe, so ...

Helene. Bitte, -- Sie haben mich gar nicht gestört, -- durchaus nicht.
(Befangenheitspause, hierauf:) Es ist ... es ist schön von Ihnen, daß --
Sie meinen Schwager aufgesucht haben. Er beklagt sich immer von ... er
bedauert immer, von seinen Jugendfreunden so ganz vergessen zu sein.

Loth. Ja, es hat sich zufällig so getroffen. -- Ich war immer in Berlin
und daherum -- wußte eigentlich nicht, wo Hoffmann steckte. Seit meiner
Breslauer Studienzeit war ich nicht mehr in Schlesien.

Helene. Also nur so zufällig sind Sie auf ihn gestoßen?

Loth. Nur ganz zufällig -- und zwar gerade an dem Ort, wo ich meine
Studien zu machen habe.

Helene. Ach, Spaß! -- Witzdorf und Studien machen, nicht möglich! in
diesem armseligen Neste?!

Loth. Armselig nennen Sie es? -- Aber es liegt doch hier ein ganz
außergewöhnlicher Reichthum.

Helene. Ja doch! in der Hinsicht ...

Loth. Ich habe nur immer gestaunt. Ich kann Sie versichern, solche
Bauernhöfe giebt es nirgendwo anders; da guckt ja der Ueberfluß wirklich
aus Thüren und Fenstern.

Helene. Da haben Sie recht. In mehr als einem Stalle hier fressen Kühe
und Pferde aus marmornen Krippen und neusilbernen Raufen! Das hat die
Kohle gemacht, die unter unseren Feldern gemuthet worden ist, die hat
die armen Bauern im Handumdrehen steinreich gemacht. (Sie weist auf das
Bild an der Hinterwand.) Sehen Sie da -- mein Großvater war
Frachtfuhrmann. Das Gütchen gehörte ihm, aber der geringe Boden ernährte
ihn nicht, da mußte er Fuhren machen. -- Das dort ist er selbst in der
blauen Blouse -- man trug damals noch solche blaue Blousen. -- Auch mein
Vater als junger Mensch ist darin gegangen. -- Nein! -- so meinte ich es
nicht -- mit dem »armselig«; nur ist es so öde hier. So ... gar nichts
für den Geist giebt es. Zum Sterben langweilig ist es.

   Miele und Eduard ab- und zugehend decken den Tisch rechts im
   Hintergrunde.

Loth. Giebt es denn nicht zuweilen Bälle oder Kränzchen?

Helene. Nicht mal das giebt es. Die Bauern _spielen_, _jagen_, _trinken_
... was sieht man den ganzen Tag? (Sie ist vor das Fenster getreten und
weist mit der Hand hinaus.) Hauptsächlich solche Gestalten.

Loth. Hm! Bergleute.

Helene. _Welche_ gehen zur Grube, _welche_ kommen von der Grube: das
hört nicht auf. -- Wenigstens ich sehe _immer_ Bergleute. Denken Sie,
daß ich alleine auf die Straße mag? Höchstens auf die Felder, durch das
Hinterthor. Es ist ein _zu_ rohes Pack! -- Und wie sie einen immer
anglotzen, so schrecklich finster -- als ob man geradezu was verbrochen
hätte.

Im Winter, wenn wir so manchmal Schlitten gefahren sind und sie kommen
dann in der Dunkelei in großen Trupps über die Berge, im Schneegestöber
und sie sollen ausweichen, da gehen sie vor den Pferden her und weichen
nicht aus. Da nehmen die Bauern manchmal den Peitschenstiel, anders
kommen sie nicht durch. Ach, und dann schimpfen sie hinterher. Hu! ich
habe mich manchmal so entsetzlich geängstigt.

Loth. Und nun denken Sie an: gerade um dieser Menschen willen -- vor
denen Sie sich so sehr fürchten, bin ich hierher gekommen.

Helene. Nein aber ...

Loth. Ganz im Ernst, sie interessiren mich hier mehr als alles Andere.

Helene. Niemand ausgenommen?

Loth. Nein.

Helene. Auch mein Schwager nicht ausgenommen?

Loth. Nein! -- Das Interesse für diese Menschen ist ein ganz anderes, --
höheres ... verzeihen Sie, Fräulein! Sie können das am Ende doch wohl
nicht verstehen.

Helene. Wieso nicht? Ich verstehe Sie sehr gut, Sie ... (Sie läßt einen
Brief aus der Tasche gleiten, Loth bückt sich darnach.) Ach, lassen Sie
... es ist nicht wichtig, nur eine gleichgültige Pensionskorrespondenz.

Loth. Sie sind in Pension gewesen?

Helene. Ja, in Herrnhut. Sie müssen nicht denken, daß ich ... nein,
nein, ich verstehe Sie schon.

Loth. Ich meine, die Arbeiter interessieren mich um ihrer selbst willen.

Helene. Ja, freilich, -- es ist ja sehr interessant ... so ein Bergmann
... wenn man's so nehmen will ... Es giebt ja Gegenden, wo man gar keine
findet, aber wenn man sie so täglich ...

Loth. Auch wenn man sie täglich sieht, Fräulein ... Man muß sie sogar
täglich sehen, um das Interessante an ihnen herauszufinden.

Helene. Nun, wenn es _so schwer_ herauszufinden ... was ist es denn
dann? das Interessante mein ich.

Loth. Es ist zum Beispiel interessant, daß diese Menschen, wie Sie
sagen, immer so gehässig oder finster blicken.

Helene. Wieso meinen Sie, daß das besonders interessant ist?

Loth. Weil es nicht das Gewöhnliche ist. Wir anderen pflegen doch nur
zeitweilig und keineswegs immer so zu blicken.

Helene. Ja, weshalb _blicken_ sie denn nur immer so ... so gehässig, so
mürrisch? Es muß doch einen Grund haben.

Loth. Ganz recht! und _den_ möchte ich gern herausfinden.

Helene. Ach _Sie_ sind! Sie lügen mir was vor. Was hätten Sie denn
davon, wenn Sie das auch wüßten?

Loth. Man könnte vielleicht Mittel finden, den Grund, warum diese Leute
immer so freudlos und gehässig sein müssen, wegzuräumen; -- man könnte
sie vielleicht glücklicher machen.

Helene (ein wenig verwirrt). Ich muß Ihnen ehrlich sagen, daß ... aber
gerade jetzt verstehe ich Sie doch vielleicht ein ganz klein wenig. --
Es ist mir nur ... nur so ganz _neu_, _so -- ganz_ -- neu!

Hoffmann (durch die Thüre rechts eintretend. Er hat eine Anzahl Briefe
in der Hand). So! da bin ich wieder. -- Eduard! daß die Briefe noch vor
8 auf der Post sind. (Er händigt dem Diener die Briefe ein, der Diener
ab.)

So, Kinder! jetzt können wir speisen. -- Unerlaubte Hitze hier!
September und solche Hitze! (Er hebt den Champagner aus dem Eiskübel.)
Veuve Cliquot: Eduard kennt meine stille Liebe. (Zu Loth gewendet.) Habt
ja furchtbar eifrig disputirt. (Tritt an den fertig gedeckten, mit
Delicatessen überladenen Abendtisch, reibt sich die Hände.) Na! das
sieht ja recht gut aus! (Mit einem verschmitzten Blick zu Loth hinüber.)
Meinst Du nicht auch? -- Uebrigens, Schwägerin! wir bekommen Besuch:
Kahl-Wilhelm. Er war auf dem Hof.

Helene (macht eine ungezogene Geberde).

Hoffmann. Aber Beste! Du thust fast, als ob ich ihn ... was kann denn
ich dafür? Hab ich ihn etwa _gerufen_? (Man hört schwere Schritte
draußen im Hausflur.) Ach! das Unheil schreitet schnelle.

   Kahl tritt ein, ohne vorher angeklopft zu haben. Er ist ein
   vierundzwanzigjähriger, plumper Bauernbursch, dem man es ansieht,
   daß er, so weit möglich, gern den feinen, noch mehr aber den
   reichen Mann herausstecken möchte. Seine Gesichtszüge sind grob,
   der Gesichtsausdruck vorwiegend dumm-pfiffig. Er ist bekleidet
   mit einem grünen Jaquet, bunter Sammtweste, dunklen Beinkleidern
   und Glanzlack-Schaftstiefeln. Als Kopfbedeckung dient ihm ein
   grüner Jägerhut mit Spielhahnfeder. Das Jaquet hat
   Hirschhornknöpfe, an der Uhrkette Hirschzähne etc. Stottert.

Kahl. Gun'n Abend mi'nander! (Er erblickt Loth, wird sehr verlegen und
macht stillstehend eine ziemlich klägliche Figur.)

Hoffmann (tritt zu ihm und reicht ihm die Hand aufmunternd). Guten
Abend, Herr Kahl!

Helene (unfreundlich). Guten Abend.

Kahl (geht mit schweren Schritten quer durch das ganze Zimmer auf Helene
zu und giebt ihr die Hand). 'n Abend och, Lene.

Hoffmann (zu Loth). Ich stelle Dir hiermit Herrn Kahl vor, unseren
Nachbarssohn.

Kahl (grinst und dreht den Hut. Verlegenheitsstille.)

Hoffmann. Zu Tisch Kinder! Fehlt noch Jemand? Ach, die Schwiegermama.
Miele! bitten Sie Frau Krause zu Tische.

                    Miele ab durch die Mittelthür.

Miele (draußen im Hausflur schreiend): Frau!! -- Frau!! Assa kumma! Sie
sill'n assa kumma!

   Helene und Hoffmann blicken einander an und lachen verständnißinnig,
   dann blicken sie vereint auf Loth.

Hoffmann (zu Loth). Ländlich, sittlich!

   Frau Krause erscheint, furchtbar aufgedonnert. Seide und
   kostbarer Schmuck. Haltung und Kleidung verrathen Hoffahrt,
   Dummstolz, unsinnige Eitelkeit.

Hoffmann. Ah! da ist Mama! -- Du gestattest, daß ich Dir meinen Freund
Dr. Loth vorstelle.

Frau Krause (macht einen undefinirbaren Knix). Ich bin so frei! (Nach
einer kleinen Pause.) Nein, aber auch, Herr Doktor, nahmen Sie mir's ock
bei Leibe nicht ibel! Ich muß mich zuerscht muß ich mich vor Ihn'n
vertefentiren, -- (sie spricht je länger, um so schneller) --
vertefentiren wegen meiner vorhinigten Benehmigung. Wissen Se, verstihn
Se, es komm' ein der Drehe bei uns eine so ane grußmächtige Menge
Stremer .... Se kinn's ni gleba, ma hoot mit dan Battelvulke seine liebe
Noth. A su enner, dar maust akrat wie a Ilster. Uf da Pfennig kimmt's
ins ne ernt oa, ne ock ne, ma braucht a ni dreimol rimzudrehn, an ken'n
Thoaler nich, ebb ma'n ausgibbt. De Krausa-Ludwig'n, _die_ iis geizig,
schlimmer wie a Homster egelganz, di ginnt ke'm Luder nischt. Ihrer is
gesturba aus Arjer, weil a lumpigte zwetausend ei Brassel verloern hoot.
Ne, ne! a su sein mir dorchaus nicht. Sahn Se, doas Buffett kust't mich
zwehundert Thoaler, a Transpurt ni gerechnet; na, d'r Beron Klinkow
keans au ne andersch honn.

   _Frau Spiller_ ist kurz nach Frau Krause ebenfalls eingetreten.
   Sie ist klein, schief und mit den zurückgelegten Sachen der Frau
   Krause herausgestutzt. Während Frau Krause spricht, hält sie mit
   einer gewissen Andacht die Augen zu ihr aufgeschlagen. Sie ist
   etwa fünfundfünfzig Jahre alt; ihr Ausathmen geschieht jedesmal
   mit einem leisen Stöhnen, welches auch, wenn sie redet,
   regelmäßig wie--m--hörbar wird.

Frau Spiller (mit unterwürfigem, wehmüthig geziertem _moll_-Ton, sehr
leise). Der Baron Klinkow haben genau dasselbe Buffet--m--.

Helene (zu Frau Krause). Mama! wollen wir uns nicht erst setzen, dann
.....

Frau Krause (wendet sich blitzschnell und trifft Helene mit einem
vernichtenden Blick; kurz und herrisch). _Schickt sich doas?_ (Frau
Krause, im Begriff sich zu setzen, erinnert sich, daß das Tischgebet
noch nicht gesprochen ist und faltet mechanisch, doch ohne ihrer Bosheit
im Uebrigen Herr zu sein, die Hände.)

Frau Spiller (spricht das Tischgebet).

   Komm, Herr Jesu, sei unser Gast.
   Segne, was du uns bescheeret hast.
   Amen.

   Alle setzen sich mit Geräusch. Mit dem Zulangen und Zureichen,
   welches einige Zeit in Anspruch nimmt, kommt man über die
   peinliche Situation hinweg.

Hoffmann (zu Loth). Lieber Freund, Du bedienst Dich wohl?! Austern?

Loth. Nun, will probiren. Es sind die ersten Austern, die ich esse.

Frau Krause (hat soeben eine Auster geschlürft. Mit vollem Mund.) In dar
Seisong, mein'n Se woll?

Loth. Ich meine _überhaupt_.

   Frau Krause und Frau Spiller wechseln Blicke.

Hoffmann (zu Kahl, der eine Citrone mit den Zähnen auspreßt). Zwei Tage
nicht gesehen, Herr Kahl! Tüchtig Mäuse gejagt in der Zeit?

Kahl. N... n.. ne!

Hoffmann (zu Loth). Herr Kahl ist nämlich ein leidenschaftlicher Jäger.

Kahl. D.. d. die M.. mm.. maus, das ist 'n in... in.. infamtes Am.. am..
amf ff.. fibium.

Helene (platzt heraus). Zu lächerlich ist das, alles schießt er todt,
Zahmes und Wildes.

Kahl. N.. nächten hab ich d.. d.. die alte Szss.. sau vu ins t.. todt
g.. g.. geschossen.

Loth. Da ist wohl schießen Ihre Hauptbeschäftigung?

Frau Krause. Herr Kahl thut's ock bloßig zum Prifatvergnigen.

Frau Spiller. Wald, Wild, Weib pflegten Seine Exellenz der Herr Minister
von Schadendorf oftmals zu sagen.

Kahl. I.. i.. iberm.. m.. murne hab'n mer T.. t.. tau.. t..
taubenschießen.

Loth. Was ist denn das: Taubenschießen?

Helene. Ach, ich kann so was nicht leiden; es ist doch nichts als eine
recht unbarmherzige Spielerei. Ungezogene Jungens, die mit Steinen nach
Fensterscheiben zielen, thun etwas Besseres.

Hoffmann. Du gehst zu weit, Helene.

Helene. Ich weiß nicht --, meinem Gefühl nach hat es weit mehr Sinn,
Fenster einzuschmeißen, als Tauben an einem Pfahl festzubinden und dann
mit Kugeln nach ihnen zu schießen.

Hoffmann. Na, Helene, -- man muß doch aber bedenken ....

Loth (irgend etwas mit Messer und Gabel schneidend). Es ist ein
schandhafter Unfug.

Kahl. Um die p. poar Tauba ....!

Frau Spiller (zu Loth). Der Herr Kahl -- m --, müssen Sie wissen, haben
zweihundert Stück im Schlage.

Loth. Die ganze Jagd ist ein Unfug.

Hoffmann. Aber ein unausrottbarer. Da werden zum Beispiel eben jetzt
wieder fünfhundert lebende Füchse gesucht; alle Förster hier herum und
auch sonst in Deutschland verlegen sich aufs Fuchsgraben.

Loth. Was macht man denn mit den vielen Füchsen?

Hoffmann. Sie kommen nach England, wo sie die Ehre haben, von Lord und
Ladys gleich vom Käfig weg zu Tode gehetzt zu werden.

Loth. Muhamedaner oder Christ, Bestie bleibt Bestie.

Hoffmann. Darf ich Dir Hummer reichen, Mama?

Frau Krause. Meinswegen, ei dieser Seisong sind se sehr gutt!

Frau Spiller. Gnädige Frau haben eine so feine Zunge -- m --!

Frau Krause (zu Loth). Hummer ha'n Sie woll auch noch nich gegassen.
Herr Dukter?

Loth. Ja, Hummer habe ich schon hin und wieder gegessen --, an der See
oben, in Warnemünde, wo ich geboren bin.

Frau Krause (zu Kahl). Gell, Wilhelm, ma weeß wirklich'n Gott manchmal
nich mee, was ma assen sull?

Kahl. J.. j.. ja, w.. w.. weeß ... weeß G.. Gott, Muhme.

Eduard (will Loth Champagner eingießen). Champagner.

Loth (hält sein Glas zu). Nein! ... danke!

Hoffmann. -- Mach' keinen Unsinn.

Helene. Wie, Sie trinken nicht?

Loth. Nein, Fräulein.

Hoffmann. Na, _hör'_ mal an: das ist aber doch ... das ist _lang_weilig.

Loth. Wenn ich tränke, würde ich noch langweiliger werden.

Helene. Das ist interessant, Herr Doktor.

Loth (ohne Tact). Daß ich langweiliger werde, wenn ich Wein trinke?

Helene (etwas betreten). Nein, ach nein, daß .... daß Sie nicht trinken
...., daß Sie überhaupt nicht trinken, meine ich.

Loth. Warum soll das interessant sein?

Helene (sehr roth werdend). Es ist .... ist nicht das Gewöhnliche. (Wird
noch röther und sehr verlegen.)

Loth (tollpatschig). Da haben Sie recht, leider.

Frau Krause (zu Loth). De Flasche kust uns fufza Mark, Sie kinn' a
dreiste trink'n. Direct vu Rheims iis a, mir satz'n Ihn gewiß nischt
Schlechtes vier, mir mieja salber nischt Schlechtes.

Frau Spiller. Ach, glauben Sie mich, -- m --, Herr Doktor, wenn Seine
Exellenz der Herr Minister von Schadendorf -- m -- so eine Tafel geführt
hätten ....

Kahl. Ohne men'n Wein kennt ich nich laben.

Helene (zu Loth). Sagen Sie uns doch, warum Sie nicht trinken!

Loth. Das kann gerne geschehen, ich ....

Hoffmann. Ae, was! alter Freund! (Er nimmt dem Diener die Flasche ab, um
nun seinerseits Loth zu bedrängen.) Denk' dran, wie manche hochfidele
Stunde wir früher mit einander ...

Loth. Nein, bitte bemühe Dich nicht, es ...

Hoffmann. Trink _heut_ mal!

Loth. Es ist alles vergebens.

Hoffmann. Mir zu Liebe!

   Hoffmann will eingießen, Loth wehrt ab; es entsteht ein kleines
   Handgemenge.

Loth. Nein! ... nein, wie gesagt ... nein! ... nein, danke.

Hoffmann. Aber _nimm_ mir's nicht übel ... das ist eine Marotte.

Kahl (zu Fr. Spiller). Wer nich will, dar hat schunn.

Frau Spiller (nickt ergeben).

Hoffmann. Uebrigens, des Menschen Wille ... und so weiter. So viel sage
ich nur: ohne ein Glas Wein bei Tisch ...

Loth. Ein Glas Bier zum Frühstück ...

Hoffmann. Nun ja, warum nicht? Ein Glas Bier ist was sehr gesundes.

Loth. Ein Cognac hie und da ...

Hoffmann. Na, wenn man das nicht mal haben sollte ... zum Asceten machst
Du mich nun und nimmer. Das heißt ja dem Leben allen Reiz nehmen.

Loth. Das kann ich nicht sagen. Ich bin mit den _normalen_ Reizen, die
mein Nervensystem treffen, durchaus zufrieden.

Hoffmann. Eine Gesellschaft, die trockenen Gaumens beisammen hockt, ist
und bleibt eine verzweifelt öde und langweilige --, für die ich mich im
Allgemeinen bedanke.

Frau Krause. Bei a Adlijen wird doch auch a so viel getrunk'n.

Frau Spiller (durch eine Verbeugung des Oberkörpers ergebenst
bestätigend). Es ist Schentelmen leicht viel Wein zu trinken.

Loth (zu Hoffmann). Mir geht es umgekehrt; mich _langweilt_ im
Allgemeinen eine Tafel, an der _viel_ getrunken wird.

Hoffmann. Es muß natürlich mäßig geschehen.

Loth. Was nennst Du mäßig?

Hoffmann. Nun, ... daß man noch immer bei Besinnung bleibt.

Loth. Aaah! ... also Du giebst zu: die Besinnung ist im Allgemeinen
durch den Alkohol-Genuß sehr gefährdet. -- Siehst Du! deshalb sind mir
Kneiptafeln -- langweilig.

Hoffmann. Fürchtest Du denn, so leicht Deine Besinnung zu verlieren?

Kahl. Iiii..... i.. ich habe n. n. neulich ene Flasche Rrr... r... rü..
rüd.. desheimer, ene Flasche Sssssekt get.. t.. trunken. Oben drauf d..
d.. d.. dann nnoch eine Flasche B.. b... bordeaux, aber besuffen woar
ich no n.. nich.

Loth (zu Hoffmann). Ach nein, Du weißt ja wohl, daß ich es war, der Euch
nach Hause brachte, wenn Ihr Euch übernommen hattet. Ich hab immer noch
die alte Bärennatur: nein, _deshalb_ bin ich nicht so ängstlich.

Hoffmann. Weshalb denn sonst?

Helene. Ja, warum trinken Sie denn eigentlich nicht? Bitte, sagen Sie es
doch.

Loth (zu Hoffmann). Damit Du doch beruhigt bist: ich trinke heut schon
deshalb nicht, weil ich mich ehrenwörtlich verpflichtet habe, geistige
Getränke zu meiden.

Hoffmann. Mit anderen Worten, Du bist glücklich bis zum
Mäßigkeitsvereinshelden herabgesunken.

Loth. Ich bin völliger Abstinent.

Hoffmann. Und auf wie lange, wenn man fragen darf, machst Du diese ....

Loth. Auf Lebenszeit.

Hoffmann (wirft Gabel und Messer weg und fährt halb vom Stuhle auf). Pf!
gerechter Strohsack!! (Er setzt sich wieder.) Offen gesagt, für so
kindisch ... verzeih das harte Wort.

Loth. Du kannst es gerne so benennen.

Hoffmann. Wie in aller Welt bist Du nur _darauf gekommen_?

Helene. Für so etwas müssen Sie einen sehr gewichtigen Grund haben --
denke ich mir wenigstens.

Loth. Der existirt allerdings. Sie, Fräulein! -- und Du, Hoffmann! weißt
wahrscheinlich nicht, welche furchtbare Rolle der Alkohol in unserem
modernen Leben spielt ... Lies _Bunge_, wenn Du Dir einen Begriff davon
machen willst. -- Mir ist noch gerade in Erinnerung, was ein gewisser
Everett über die Bedeutung des Alkohols für die Vereinigten Staaten
gesagt hat. -- Notabene, es bezieht sich auf einen Zeitraum von zehn
Jahren. Er meint also: der Alkohol hat direct eine Summe von 3
Milliarden und indirect von 600 Millionen Dollars verschlungen. Er hat
300000 Menschen getödtet, 100000 Kinder in die Armenhäuser geschickt,
weitere Tausende in die Gefängnisse und Arbeitshäuser getrieben, er hat
mindestens 2000 Selbstmorde verursacht. Er hat den Verlust von
mindestens 10 Millionen Dollars durch Brand und gewaltsame Zerstörung
verursacht, er hat 20000 Wittwen und schließlich nicht weniger als 1
Million Waisen geschaffen. Die Wirkung des Alkohols, das ist das
Schlimmste, äußert sich so zu sagen bis in's dritte und vierte Glied. --
Hätte ich nun das ehrenwörtliche Versprechen abgelegt, nicht zu
heirathen, dann könnte ich schon eher trinken, so aber ... meine
Vorfahren sind alle gesunde, kernige und wie ich weiß, äußerst mäßige
Menschen gewesen. Jede Bewegung, die ich mache, jede Strapaze, die ich
überstehe, jeder Athemzug gleichsam führt mir zu Gemüth, was ich ihnen
verdanke. Und dies, siehst Du, ist der Punkt: _ich bin absolut fest
entschlossen die Erbschaft, die ich gemacht habe, ganz ungeschmälert auf
meine Nachkommen zu bringen_.

Frau Krause. Du! -- Schwiegersuhn! -- inse Bargleute saufen woarhaftig
zu viel: doas muuß woar sein.

Kahl. Die saufen wie d' Schweine.

Helene. Ach, so was vererbt sich?

Loth. Es giebt Familien, die daran zu Grunde gehen, Trinkerfamilien.

Kahl (halb zu Frau Krause, halb zu Helene). Euer Aaler, dar treibt's au
a wing zu tull.

Helene (weiß wie ein Tuch im Gesicht, heftig). Ach, schwatzen Sie keinen
Unsinn!

Frau Krause. Ne, doch hier enner a su ein patziges Froovulk oa; a su ne
Prinzessen. Hängst de wieder a mol die Gnädige raus, wie? -- A su fährt
se a Zukinftigen oa. (Zu Loth, auf Kahl deutend.) 's is nämlich d'r
Zukinftige, missen Sie nahmen, Herr Dukter, 's is alles eim Renen.

Helene (aufspringend). Hör auf! oder ... _hör auf_, Mutter! oder ...

Frau Krause. Do hiert doch aber werklich ... na, do sprecha Se, Herr
Dukter, iis das wull Bildung, hä? Weeß Gott, ich hal' se wie mei egnes
Kind, aber die treib's reen zu tull.

Hoffmann (beschwichtigend). Ach, Mama! thu mir doch den Gefallen ....

Frau Krause. Neee! _groade_ -- iich sah doas nich ein -- a su ane Goans
wie die iis ... do hiert olle Gerechtigkeit uff ... su ane Titte!

Hoffmann. Mama, ich muß Dich aber wirklich doch jetzt bitten, Dich ...

Frau Krause (immer wüthender). Stats doaß doas Froovulk ei der
Wertschoft woas oagreft ... bewoare ne! Doa zeucht se an Flunsch biis
hinger beede Leffel. -- Oaber da Schillerich, oaber a Gethemoan, a sune
tummn Scheißkarle, die de nischt kinn'n als lieja: vu dan'e läßt sie
sich a Kupp verdrehn. Urnar zum Kränke krieja iis doas. (Schweigt bebend
vor Wuth.)

Hoffmann (begütigend). Nun -- sie wird ja nun wieder .... es war ja
vielleicht -- nicht ganz recht ... es ... (Giebt Helenen, die in
Erregung abseits getreten ist, einen Wink, auf den hin sich das Mädchen,
die Thränen gewaltsam zurückhaltend, wieder auf seinen Platz begiebt.)

Hoffmann (das nunmehr eingetretene peinliche Schweigen unterbrechend zu
Loth). Ja .. von was sprachen wir doch? ... Richtig! -- vom biederen
Alkohol. (Er hebt sein Glas.) Nun, Mama: Frieden! -- Komm, stoßen wir
an, -- seien wir friedlich, -- machen wir dem Alkohol Ehre, indem wir
friedlich sind. (Frau Krause, wenn auch etwas widerwillig, stößt doch
mit ihm an. Hoffmann, zu Helene gewendet.) Was, Helene?! -- Dein Glas
ist leer? ... Ei der Tausend, Loth! Du hast Schule gemacht.

Helene. Ach ... nein ... ich ...

Frau Spiller. Mein gnädiges Fräulein, so etwas läßt tief ....

Hoffmann. Aber Du warst doch sonst keine von den Zimperlichen.

Helene (batzig). Ich hab eben heut keine Neigung zum Trinken, _einfach_!

Hoffmann. Bitte, bitte, bitte _seeehr_ um Verzeihung ... Ja, von was
sprachen wir doch?

Loth. Wir sprachen davon, daß es Trinkerfamilien gäbe.

Hoffmann (aufs Neue betreten). Schon recht, schon recht, aber ...

   Man bemerkt zunehmenden Aerger in dem Benehmen der Frau Krause,
   während Herr Kahl sichtlich Mühe hat, das Lachen über etwas, das
   ihn innerlich furchtbar zu amüsiren scheint, zurückzuhalten.
   Helene beobachtet Kahl ihrerseits mit brennenden Augen und
   bereits mehrmals hat sie durch einen drohenden Blick Kahl davon
   zurückgehalten etwas auszusprechen, was ihm so zu sagen auf der
   Zunge liegt. Loth, ziemlich gleichmüthig, mit Schälen eines
   Apfels beschäftigt, bemerkt von alledem nichts.

Loth. Ihr scheint übrigens hier ziemlich damit gesegnet zu sein.

Hoffmann (nahezu fassungslos). Wieso ... mit ... mit was gesegnet?

Loth. Mit Trinkern natürlicherweise.

Hoffmann. Hm! ... meinst Du? ... ach ... jaja ..., allerdings, die
Bergleute .....

Loth. Nicht nur die Bergleute. Zum Beispiel hier in dem Wirthshaus, wo
ich abstieg, bevor ich zu Dir kam, da saß ein Kerl so: (Er stützt beide
Ellenbogen auf den Tisch, nimmt den Kopf in die Hände und stiert auf die
Tischplatte.)

Hoffmann. Wirklich? (Seine Verlegenheit hat den höchsten Grad erreicht;
Frau Krause hustet, Helene starrt noch immer auf Kahl, welcher jetzt am
ganzen Körper vor innerlichem Lachen bebt, sich aber doch noch so weit
bändigt, nicht laut herauszuplatzen.)

Loth. Es wundert mich, daß Du dieses -- Original -- könnte man beinahe
sagen, noch nicht kennst. Das Wirthshaus ist ja gleich hier nebenan das.
Mir wurde gesagt, es sei ein hiesiger steinreicher Bauer, der seine Tage
und Jahre buchstäblich in diesem selben Gastzimmer mit Schnapstrinken
zubrächte. Das reine Thier ist er natürlich. Diese furchtbar öden,
versoffenen Augen, mit denen er mich anstierte.

   Kahl, der bis hierher sich zurückgehalten hat, bricht in ein
   rohes, lautes, unaufhaltsames Gelächter aus, so daß Loth und
   Hoffmann, starr vor Staunen, ihn anblicken.

Kahl (unter dem Lachen hervorstammelnd). Woahrhaftig! das is ja ... das
is ja woahrhaftig der ... der Alte gewesen.

Helene (ist entsetzt und empört aufgesprungen. Zerknüllt die Serviette
und schleudert sie auf den Tisch. Bricht aus.) Sie sind ... -- (macht
die Bewegung des Ausspeiens) -- _pfui_! (Sie geht schnell ab.)

Kahl (die aus dem Bewußtsein eine große Dummheit gemacht zu haben,
entstandene Verlegenheit gewaltsam abreißend). Ach woas! ... Unsinn! 's
iis ju zu tumm! -- Iich gieh menner Wege. (Er setzt seinen Hut auf und
sagt, indem er abgeht, ohne sich noch einmal umzuwenden:) 'n Obend!

Frau Krause (ruft ihm nach). Koan Der'sch nich verdenken, Willem! (Sie
legt die Serviette zusammen und ruft dabei.) Miele! (Miele kommt.) Räum
ab! (Für sich, aber doch laut.) Su ane Gans.

Hoffmann (etwas aufgebracht). Ich muß aber doch ehrlich sagen, Mama! ..

Frau Krause. Mahr Dich aus. (Steht auf, schnell ab.)

Frau Spiller. Die gnädige Frau -- m -- haben heut manches häusliche
Aergerniß gehabt -- m --. Ich empfehle mich ganz ergebenst. (Sie steht
auf und betet still, unter Augenaufschlag, dann ab.)

   Miele und Eduard decken den Tisch ab. Hoffmann ist aufgestanden
   und kommt mit einem Zahnstocher im Mund nach dem Vordergrund,
   Loth folgt ihm.

Hoffmann. Ja, siehst Du, so sind die Weiber!

Loth. Ich begreife gar nichts von alledem.

Hoffmann. Ist auch nicht der Rede werth. -- So etwas kommt wie bekannt
in den allerfeinsten Familien vor. Das darf Dich nicht abhalten ein paar
Tage bei uns ...

Loth. Hätte gern Deine Frau kennen gelernt, warum läßt sie sich denn
nicht blicken?

Hoffmann (die Spitze einer frischen Cigarre abschneidend). Du begreifst,
in ihrem Zustand ... die Frauen lassen nun mal nicht von der Eitelkeit.
Komm! wollen uns draußen im Garten bischen ergehen. -- Eduard! den
Kaffee in die Laube.

Eduard. Sehr wohl.

   Hoffmann und Loth ab durch den Wintergarten. Eduard ab durch die
   Mittelthür, hierauf Miele, ein Brett voll Geschirr tragend,
   ebenfalls ab durch die Mittelthür. Einige Augenblicke bleibt das
   Zimmer leer, dann erscheint

Helene (erregt, mit verweinten Augen, das Taschentuch vor den Mund
haltend. Von der Mittelthür, durch welche sie eingetreten ist, macht sie
hastig ein paar Schritte nach links und lauscht an der Thür von
Hoffmann's Zimmer.) Oh! nicht fort! (Da sie hier nichts vernimmt, fliegt
sie zur Thür des Wintergartens hinüber, wo sie ebenfalls mit gespanntem
Ausdruck einige Secunden lauscht. Bittend und mit gefalteten Händen
inbrünstig.) Oh! nicht fort, geh nicht fort!

                          Der Vorhang fällt.



                             Zweiter Akt.


                       Morgens gegen vier Uhr.

   Im Wirthshaus sind die Fenster erleuchtet, ein grau-fahler
   Morgenschein durch den Thorweg, der sich ganz allmählich im Laufe
   des Vorgangs zu einer dunklen Röthe entwickelt, die sich dann,
   eben so allmählich, in helles Tageslicht auflöst. Unter dem
   Thorweg, auf der Erde sitzt _Beibst_ (etwa 60jährig) und dengelt
   seine Sense. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man kaum mehr als
   seine Silhouette, die gegen den grauen Morgenhimmel absticht,
   vernimmt aber das eintönige, ununterbrochene, regelmäßige
   Aufschlagen des Dengelhammers auf den Dengelambos. Dieses
   Geräusch bleibt während einiger Minuten allein hörbar, hierauf
   die feierliche Morgenstille, unterbrochen durch das Geschrei aus
   dem Wirthshaus abziehender Gäste. Die Wirthshausthür fliegt
   krachend ins Schloß. Die Lichter in den Fenstern verlöschen.
   Hundebellen fern, Hähne krähen laut durcheinander. Auf dem Gange
   vom Wirthshaus her wird eine dunkle Gestalt bemerklich, dieselbe
   bewegt sich in Zickzacklinien dem Hofe zu; es ist der Bauer
   Krause, welcher wie immer als letzter Gast das Wirthshaus
   verlassen hat.

Bauer Krause (ist gegen den Gartenzaun getaumelt, klammert sich mit den
Händen daran fest und brüllt mit einer etwas näselnden, betrunkenen
Stimme nach dem Wirthshaus zurück). 's Gaartla iis _mei_--ne! ... d'r
Kratsch'm iis _mei_--ne ... du Gostwerthlops! Dohie hä! (Er macht sich,
nachdem er noch einiges Unverständliche gemurmelt und geknurrt hat, vom
Zaune los und stürzt in den Hof, wo er glücklich den Sterzen eines
Pfluges zu fassen bekommt.) 's 'Gittla iis _mei_--ne. (Er quasselt halb
singend.) Trink ... ei ... Briderla, trink ... ei ... 'iderla,
Branntw... wwein ... 'acht Kurasche. Dohie hä -- (laut brüllend) -- bien
iich nee a hibscher Moan? .... Hoa iich nee a hibsch Weibla dohie hä?
... Hoa iich nee a poar hibsche Madel?

Helene (kommt hastig aus dem Hause. Man sieht, sie hat an Kleidern nur
umgenommen, soviel in aller Eile ihr möglich gewesen war.) Papa! ...
lieber Papa!! so komm doch schon. (Sie faßt ihn unterm Arm, versucht ihn
zu stützen und ins Haus zu ziehen.) K--omm doch ... nur ... schn--ell
in's Haus, komm doch n--ur schn--ell! Ach!

Bauer Krause (hat sich aufgerichtet, versucht gerade zu stehen, bringt
mit einiger Mühe und unter Zuhilfenahme beider Hände einen ledernen,
strotzenden Geldbeutel aus der Tasche seiner Hose. In dem ein wenig
helleren Morgenlichte erkennt man die sehr schäbige Bekleidung des etwa
50jährigen Mannes, die um nichts besser ist, als die des allergeringsten
Landarbeiters. Er ist im bloßen Kopf, sein graues, spärliches Haar
ungekämmt und struppig. Das schmutzige Hemd steht bis auf den Nabel
herab weit offen; an einem einzigen gestickten Hosenträger hängt die
ehemals gelbe, jetzt schmutzig glänzende, an den Knöcheln zugebundene
Lederhose; die nackten Füße stecken in einem Paar gestickter
Schlafschuhe, deren Stickerei noch sehr neu zu sein scheint. Jacke und
Weste trägt der Bauer nicht, die Hemdärmel sind nicht zugeknöpft.
Nachdem er den Geldbeutel glücklich herausgebracht hat, setzt er ihn mit
der rechten mehrmals auf die Handfläche der linken Hand, so daß das Geld
darin laut klimpert und klingt, dabei fixirt er seine Tochter mit
lascivem Blicke.) Dohie hä! 's Gald iis _mei_--neee! hä? Mech'st a poar
Thoalerla?

Helene. Ach, gr--oßer Gott! (Sie versucht mehrmals vergebens, ihn
mitzuziehen. Bei einem dieser Versuche umarmt er sie mit der Plumpheit
eines Gorillas und macht einige unzüchtige Griffe. Helene stößt
unterdrückte Hilfeschreie aus.) Gl--eich läßt Du l--os! Laß l--os!
bitte, Papa, ach! (Sie weint, schreit dann, plötzlich in äußerster
Angst, Abscheu und Wuth:) Thier, Schwein!

   Sie stößt ihn von sich. Der Bauer fällt langhin auf die Erde.
   Beibst kommt von seinem Platz unter dem Thorweg herbeigehinkt.
   Helene und Beibst machen sich daran, den Bauer aufzuheben.

Bauer Krause (lallt). Tr--ink mei Bri'erla, tr-- ...

   Der Bauer wird aufgehoben und stürzt, Beibst und Helene mit sich
   reißend, in das Haus. Einen Augenblick bleibt die Bühne leer. Im
   Hause hört man Lärm, Thürenschlagen. In einem Fenster wird Licht,
   hierauf kommt Beibst wieder aus dem Hause. Er reißt an seiner
   Lederhose ein Schwefelholz an, um die kurze Pfeife, welche ihm
   fast nie aus dem Munde kommt, damit in Brand zu stecken. Als er
   damit noch beschäftigt ist, schleicht _Kahl_ aus der Hausthüre.
   Er ist in Strümpfen, hat sein Jaquet über dem linken Arm hängen
   und trägt mit der linken Hand seine Schlafschuhe. Mit der rechten
   hält er seinen Hut, mit dem Munde seinen Hemdkragen. Etwa bis in
   die Mitte des Hofes gelangt, wendet er sich und sieht das Gesicht
   des Beibst auf sich gerichtet. Einen Augenblick scheint er
   unschlüssig, dann bringt er Hut und Hemdkragen in der Linken
   unter, greift in die Hosentasche und geht auf Beibst zu, dem er
   etwas in die Hand drückt.

Kahl. Do hot 'r an Thoaler .... oaber halt't Eure Gusche! (Er geht
eiligst über den Hof und steigt über den Staketenzaun rechts. Ab.)

   _Beibst_ hat mittels eines neuen Streichholzes seine Pfeife
   angezündet, hinkt bis unter den Thorweg, läßt sich nieder und
   nimmt seine Dengelarbeit von Neuem auf. Wieder eine Zeit lang
   nichts als das eintönige Aufschlagen des Dengelhammers und das
   Aechzen des alten Mannes, von kurzen Flüchen unterbrochen, wenn
   ihm etwas bei seiner Arbeit nicht nach Wunsch geht. Es ist um ein
   Beträchtliches heller geworden.

Loth (tritt aus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut mehrere
tiefe Athemzüge). H! .. h! .. Morgenluft! (Er geht langsam nach dem
Hintergrunde zu bis unter den Thorweg. Zu Beibst.) Guten Morgen! Schon
so früh wach?

Beibst (mißtrauisch aufschielend, unfreundlich). 'Murja! (Kleine Pause,
hierauf Beibst, ohne Loth's Anwesenheit weiter zu beachten, gleichsam im
Zwiegespräch mit seiner Sense, die er mehrmals aufgebracht hin und
herreißt.) Krummes Oos! na, werd's glei?! Ekch! Himmeldunnerschlag ja!
(Er dengelt weiter.)

Loth (hat sich zwischen die Sterzen eines Exstirpators niedergelassen).
Es giebt wohl Heuernte heut?

Beibst (grob). De Äsel gihn ei's Hä itzunder.

Loth. Nun, Ihr dengelt doch aber die Sense ...?

Beibst (zur Sense). Ekch! tumme Dare.

                        Kleine Pause, hierauf.

Loth. Wollt Ihr mir nicht sagen, wozu Ihr die Sense scharf macht, wenn
doch nicht Heuernte ist?

Beibst. Na, -- braucht ma ernt keene Sahnse zum Futter macha?

Loth. Ach so! Futter soll also geschnitten werden.

Beibst. Woas d'n suste?

Loth. Wird das alle Morgen geschnitten?

Beibst. Na! -- sool's Viech derhingern?

Loth. Ihr müßt schon 'n bischen Nachsicht mit mir haben! Ich bin eben
ein Städter; da kann man nicht alles so genau wissen von der
Landwirthschaft.

Beibst. Die Staadter glee -- ekch! -- de Staadter, die wissa doo glee
oals besser wie de Mensche vum Lande, hä?

Loth. Das trifft bei mir nicht zu. -- Könnt Ihr mir vielleicht nicht
erklären, was das für ein Instrument ist? Ich hab's wohl schon mal wo
gesehen, aber der Name ...

Beibst. Doasjenigte, uf dan Se sitza?! Woas ma su soat Extrabater nennt
ma doas.

Loth. Richtig, ein Exstirpator; wird der hier auch gebraucht?

Beibst. Leeder Goott's, nee. -- A läßt a verludern ... a ganza Acker,
reen verludern läßt a'n, d'r Pauer. A Oarmes mecht a Flecka hoa'nn -- ei
insa Bärta wächst kee Getreide -- oaber nee, lieberscht läßt a'n
verludern! -- Nischt thit wachsa, ok blußig Seide und Quecka.

Loth. Ja, die kriegt man schon damit heraus. Ich weiß, bei den Ikariern
hatte man auch solche Exstirpatoren, um das urbar gemachte Land vollends
zu reinigen.

Beibst. Wu sein denn die I..., wie Se glei soa'n, I...

Loth. Die Ikarier? In Amerika.

Beibst. Doo gibbts an schunn a sune Dinger?

Loth. Ja freilich.

Beibst. Woas iis denn doas fer a Vulk: die I... I...

Loth. Die Ikarier? -- Es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus
allen Nationen, die sich zusammen gethan haben; sie besitzen in Amerika
ein hübsches Stück Land, das sie gemeinsam bewirthschaften; alle Arbeit
und allen Verdienst theilen sie gleichmäßig. Keiner ist arm, es giebt
keine Armen unter ihnen.

Beibst, (dessen Gesichtsausdruck ein wenig freundlicher geworden war,
nimmt bei den letzten Worten Loth's wieder das alte mißtrauisch
feindselige Gepräge an; ohne Loth weiter zu beachten, hat er sich
neuerdings wieder ganz seiner Arbeit zugewendet und zwar mit den
Eingangsworten): Oost vu enner Sahnse!

Loth, (immer noch sitzend, betrachtet den Alten zuerst mit einem ruhigen
Lächeln und blickt dann hinaus in den erwachenden Morgen. Durch den
Thorweg erblickt man weitgedehnte Kleefelder und Wiesenflächen;
zwischendurch schlängelt sich ein Bach, dessen Lauf durch Erlen und
Weiden verrathen wird. Am Horizonte ein einzelner Bergkegel. Allerorten
haben die Lerchen eingesetzt, und ihr ununterbrochenes Getriller schallt
bald näher, bald ferner her bis in den Gutshof herein. Jetzt erhebt sich
Loth mit den Worten:) Man muß spazieren geh'n, der Morgen ist zu
prächtig. (Er geht durch den Thorweg hinaus. -- Man hört das Klappen von
Holzpantinen. Jemand kommt sehr schnell über die Bodentreppe des
Stallgebäudes herunter: es ist _Guste_.)

Guste, (eine ziemlich dicke Magd: bloßes Mieder, nackte Arme und Waden,
die bloßen Füße in Holzpantinen. Sie trägt eine brennende Laterne.) Guda
Murja, Voater Beibst.

Beibst (brummt).

Guste (blickt, die Augen mit der Hand beschattend, durch das Thor Loth
nach). Woas iis denn doas fer enner?

Beibst (verärgert). Dar koan Battelleute zum Noarr'n hoa'nn ... dar
leugt egelganz wie a Forr... vu dan luuß der de Hucke vuul liega.
(Beibst steht auf.) Macht enk de Roawer zerecht, Madel.

Guste, (welche dabei war, ihre Waden am Brunnen abzuwaschen, ist damit
fertig und sagt, bevor sie im Innern des Kuhstalls verschwindet): Glei,
glei! Voater Beibst.

Loth (kommt zurück, giebt Beibst Geld). Da ist 'ne Kleinigkeit. Geld
kann man immer brauchen.

Beibst (aufthauend, wie umgewandelt, mit aufrichtiger Gemüthlichkeit).
Ju, ju! do ha'n Se au recht ... na da dank ich au vielmools. -- Se sein
wull d'r Besuch zum Schwiegersuhne? (Auf einmal sehr gesprächig.) Wissa
Se: wenn Se, und Se wull'n da naus gihn auf a Barch zu, wissa Se, do
haal'n Se siich links, wissa Se, zängst 'nunder links, rechts gibt's
Risse. Mei Suhn meente, 's käm do dervoone, meent' a, weil se zu
schlecht verzimmern thäten, meent' a, de Barchmoanne, 's soatzt zu wing
Luhn, meent' a, und do giht's ok a su: woas hust'de, woas koanst'de, ei
a Gruba, verstiehn Se. -- Sahn Se! -- doo! -- immer links, rechts gibt's
Lecher. Vurigtes Johr erscht iis a Putterweib, wie se ging und stoand
iis se ei's Ardreich versunka, iich wiß nee amool, _wie_ viel Kloaftern
tief. Kee Mensch wußte wuhie -- wie gesoa't, links, immer links, doo
gihn Se sicher. (Ein Schuß fällt, Beibst, wie electrisirt, hinkt einige
Schritt in's Freie.)

Loth. Wer schießt denn da schon so frühe?

Beibst. Na, war denn suste? -- d'r Junge, dar meschante Junge.

Loth. Welcher Junge denn?

Beibst. Na, Kahl-Willem -- d'r Nupperschsuhn ... Na woart ok blußig due!
Ich hoa's gesahn, a schißt meiner Gitte de Lärcha.

Loth. Ihr hinkt ja.

Beibst. Doaß 's Goot erbarm', ja. (Droht mit der Faust nach dem Felde.)
Na woart' Du! woart' Du! ...

Loth. Was habt Ihr denn mit dem Bein gemacht?

Beibst. Iich?

Loth. Ja.

Beibst. 's iis a su 'nei kumma.

Loth. Habt Ihr Schmerzen?

Beibst (nach dem Bein greifend). 'S zerrt a su, 's zerrt infamt.

Loth. Habt Ihr keinen Arzt?

Beibst. Wissa Se, -- de Dukter, doas sein Oaffa, enner wie d'r andere!
-- Blußig inse Dukter, doas iis a ticht'er Moan.

Loth. Hat er Ihnen was genützt?

Beibst. Na -- verlecht a klee wing wull au oam Ende. A hoot mer'sch Been
geknet't: sahn Se, a su geknutscht und gehackt un ... oaber nee!!
derwegen nich! -- A iis ... na kurz un gutt, a hoot mit'n aarma Mensche
a Mitleed. -- A keeft'n de Med'zin und a verlangt nischt. A kimmt zu
jeder Zeet ...

Loth. Sie müssen sich das doch aber irgendwo zugezogen haben?! Haben Sie
immer so gehinkt?

Beibst. Nich die Oahnung!

Loth. Dann verstehe ich nicht recht, es muß doch eine Ursache ...

Beibst. Weeß iich's? (Er droht wieder mit der Faust.) Woart ok Due!
woart ok mit dem Geknackse.

Kahl (erscheint innerhalb seines Gartens. Er trägt in der rechten eine
Flinte am Lauf, seine linke Hand ist geschlossen. Ruft herüber.) Guten
Morjen ooch, Herr Dukter!

   Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste
   sowie eine andere Magd mit Namen Liese je eine Radwer zurecht
   gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie
   durch den Thorweg hinaus auf's Feld, an Beibst vorüber, der nach
   einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl
   hinüber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und
   die Mägde ab.

Loth (zu Kahl). Guten Morgen!

Kahl. Wull'n 'S amol was hibsches sah'n? (Er streckt den Arm mit der
geschlossenen Hand über den Zaun.)

Loth (nähergehend). Was haben Sie denn da?

Kahl. Rootha See! (Er öffnet gleich darauf seine Hand.)

Loth. Waas?! -- es ist also wirklich wahr: Sie schießen Lerchen! Nun für
diesen Unfug, Sie nichtsnutziger Bursche, verdienten Sie geohrfeigt zu
werden, verstehen Sie mich! (Er kehrt ihm den Rücken zu und geht quer
durch den Hof zurück, Beibst und den Mädchen nach. Ab.)

Kahl (starrt Loth einige Augenblicke dumm verblüfft nach, dann ballt er
die Faust verstohlen, sagt): Dukterluder! (wendet sich und verschwindet
rechts. -- Während einiger Augenblicke bleibt der Hof leer.)

   _Helene_, aus der Hausthür tretend, helles Sommerkleid, großer
   Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut dann einige Schritte auf
   den Thorweg zu, steht still und späht hinaus. Hierauf schlendert
   sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach
   dem Wirthshause führt. Große Packete von allerhand Thee hängen
   zum Trocknen über dem Zaune: daran riecht sie im Vorübergehen.
   Sie biegt auch Zweige von den Obstbäumen und betrachtet die sehr
   niedrig hängenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, daß Loth
   vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemächtigt sich ihrer eine
   noch stärkere Unruhe, so daß sie sich schließlich umwendet und
   vor Loth her in den Hof zurückgeht. Hier bemerkt sie, daß der
   Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch
   das kleine Zaunpförtchen des Obstgartens. Noch damit beschäftigt,
   die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist,
   herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen
   herangekommen ist angeredet.

Loth. Guten Morgen, Fräulein!

Helene. Guten Morgen! -- Der Wind hat die Schnur hinaufgejagt.

Loth. Erlauben Sie! (Geht ebenfalls durch das Pförtchen, bringt die
Schnur herunter und zieht den Schlag auf. Die Tauben fliegen aus.)

Helene. Ich danke sehr.

Loth (ist durch das Pförtchen wieder herausgetreten, bleibt aber
außerhalb des Zaunes und an diesen gelehnt stehen. Helene innerhalb
desselben. Nach einer kleinen Pause.) Pflegen Sie immer so früh auf zu
sein, Fräulein?

Helene. _Das_ eben -- wollte ich Sie auch fragen.

Loth. Ich --? nein! Die erste Nacht in einem fremden Hause passirt es
mir jedoch gewöhnlich.

Helene. Wie ... kommt das?

Loth. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, es hat keinen Zweck.

Helene. Ach, wieso denn nicht?

Loth. Wenigstens keinen ersichtlichen, praktischen Zweck.

Helene. Also wenn Sie irgend etwas thun oder denken, muß es einem
praktischen Zweck dienen?

Loth. Ganz recht? Uebrigens ...

Helene. Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht.

Loth. Was, Fräulein?

Helene. Genau das meinte die Stiefmutter, als sie mir vorgestern den
Werther aus der Hand riß.

Loth. Das ist ein dummes Buch.

Helene. Sagen Sie das nicht.

Loth. Das sage ich nochmal, Fräulein. Es ist ein Buch für Schwächlinge.

Helene. _Das_ -- kann wohl möglich sein.

Loth. Wie kommen Sie gerade auf _dieses_ Buch? Ist es Ihnen denn
verständlich?

Helene. Ich hoffe, ich ... zum Theil ganz gewiß. Es beruhigt so, darin
zu lesen. (Nach einer Pause.) Wenn's ein dummes Buch ist, wie Sie sagen,
könnten Sie mir etwas Besseres empfehlen?

Loth. Le... lesen Sie ... noa! ... kennen Sie den Kampf um Rom von Dahn?

Helene. Nein! Das Buch werde ich mir aber nun kaufen. Dient es einem
praktischen Zweck?

Loth. Einem vernünftigen Zweck überhaupt. Es malt die Menschen nicht wie
sie sind, sondern wie sie einmal werden sollen. Es wirkt vorbildlich.

Helene (mit Ueberzeugung). _Das ist schön._ (Kleine Pause, dann.)
Vielleicht geben Sie mir Auskunft, man redet so viel von Zola und Ibsen
in den Zeitungen: sind das große Dichter?

Loth. Es sind gar keine Dichter, sondern nothwendige Uebel, Fräulein.
Ich bin ehrlich durstig und verlange von der Dichtkunst einen klaren,
erfrischenden Trunk. -- Ich bin nicht krank. Was Zola und Ibsen bieten,
ist Medizin.

Helene (gleichsam unwillkürlich). Ach, dann wäre es doch vielleicht für
mich etwas.

Loth (bisher theilweise, jetzt ausschließlich in den Anblick des
thauigen Obstgartens vertieft). Es ist prächtig hier. Sehen Sie, wie die
Sonne über der Bergkuppe herauskommt. -- Viel Aepfel giebt es in Ihrem
Garten: eine schöne Ernte.

Helene. Drei Viertel davon wird auch dies Jahr wieder gestohlen werden.
Die Armuth hier herum ist zu groß.

Loth. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das Land liebe! Leider wächst
mein Weizen zum größten Theile in der Stadt. Aber nun will ich's mal
durchgenießen, das Landleben. Unsereiner hat so 'n bischen Sonne und
Frische mehr nöthig als sonst Jemand.

Helene (seufzend). Mehr nöthig, als .... inwiefern?

Loth. Weil man in einem harten Kampfe steht, dessen Ende man nicht
erleben kann.

Helene. Stehen wir anderen _nicht_ in einem solchen Kampfe?

Loth. Nein.

Helene. Aber -- in einem Kampfe -- stehen wir doch auch?!

Loth. Natürlicherweise! aber der kann enden.

Helene. _Kann_ -- da haben Sie recht! -- und wieso kann der nicht
endigen -- der, den Sie kämpfen, Herr Loth?

Loth. Ihr Kampf, das kann nur ein Kampf sein um persönliches
Wohlergehen. Der Einzelne kann dies, so weit menschenmöglich, erreichen.
Mein Kampf ist ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein,
so müßten es erst alle anderen Menschen um mich herum sein; ich müßte um
mich herum weder Krankheit noch Armuth, weder Knechtschaft noch
Gemeinheit sehen. Ich könnte mich so zu sagen nur als letzter an die
Tafel setzen.

Helene (mit Ueberzeugung). _Dann sind Sie ja ein sehr, sehr guter
Mensch!_

Loth (ein wenig betreten). Verdienst ist weiter nicht dabei, Fräulein,
ich bin so veranlagt. Ich muß übrigens sagen, daß mir der Kampf im
Interesse des Fortschritts doch große Befriedigung gewährt. Eine Art
Glück, die ich weit höher anschlage, als die, mit der sich der gemeine
Egoist zufrieden giebt.

Helene. Es giebt wohl nur sehr wenige Menschen, die so veranlagt sind.
-- Es muß ein Glück sein, mit solcher Veranlagung geboren zu sein.

Loth. Geboren wird man wohl auch nicht damit. Man kommt dazu durch die
Verkehrtheit unserer Verhältnisse, scheint mir; -- nur muß man für das
Verkehrte einen Sinn haben: _das_ ist es! Hat man den und leidet man so
bewußt unter den verkehrten Verhältnissen, dann wird man mit
Nothwendigkeit zu dem, was ich bin.

Helene. Wenn ich Sie nur besser .... welche Verhältnisse nennen Sie zum
Beispiel verkehrt?

Loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines
Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im Ueberflusse leben darf.
-- Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im
Krieg zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst,
wie es die Soldaten thun, mit einem Menschenabschlachtungs-Instrument,
wie es der Degen oder der Säbel ist, an der Seite stolz herumzulaufen.
Den Henker, der das mit dem Beile thäte, würde man zweifelsohne
steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion
der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei
ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden. Dies sind
einige unter Millionen, müssen Sie bedenken. Es kostet Mühe, sich durch
alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man muß früh anfangen.

Helene. Wie sind Sie denn nur so auf alles dies gekommen? Es ist so
einfach und doch kommt man nicht darauf.

Loth. Ich mag wohl durch meinen Entwickelungsgang darauf gekommen sein,
durch Gespräche mit Freunden, durch Lecture, durch eigenes Denken.
Hinter die erste Verkehrtheit kam ich als kleiner Junge. Ich log mal
sehr stark und bekam dafür die schrecklichsten Prügel von meinem Vater.
Kurz darauf fuhr ich mit ihm auf der Eisenbahn, und da merkte ich, daß
mein Vater auch log und es für ganz selbstverständlich hielt, zu lügen;
ich war damals fünf Jahre und mein Vater sagte dem Schaffner, ich sei
noch nicht vier, der freien Fahrt halber, welche Kinder unter vier
Jahren genießen. Dann sagte der Lehrer auch mal: sei fleißig, halt Dich
brav, dann wird es Dir auch unfehlbar gut gehen im Leben. Der Mann
lehrte uns eine Verkehrtheit, dahinter kam ich sehr bald. Mein Vater war
brav, ehrlich, durch und durch bieder, und ein Schuft, der noch jetzt
als reicher Mann lebt, betrog ihn um seine paar Tausend Thaler. Bei eben
diesem Schuft, der eine große Seifenfabrik besaß, mußte mein Vater
sogar, durch die Noth getrieben, in Stellung treten.

Helene. Unsereins wagt es gar nicht -- wagt es gar nicht, so etwas für
verkehrt anzusehen, höchstens ganz im Stillen empfindet man es. Man
empfindet es oft sogar, und dann -- wird einem ganz verzweifelt zu Muth.

Loth. Ich erinnere mich einer Verkehrtheit, die mir ganz besonders klar
als solche vor Augen trat. Bis dahin glaubte ich: der Mord werde unter
allen Umständen als ein Verbrechen bestraft; danach wurde mir jedoch
klar, daß nur die milderen Formen des Mordes ungesetzlich sind.

Helene. Wie wäre das wohl ....

Loth. Mein Vater war Siedemeister, wir wohnten dicht an der Fabrik,
unsere Fenster gingen auf den Fabrikhof. Da sah ich auch noch manches
außerdem. Es war ein Arbeiter, der fünf Jahre in der Fabrik gearbeitet
hatte. Er fing an stark zu husten und abzumagern ... ich weiß, wie uns
mein Vater bei Tisch erzählte: Burmeister -- so hieß der Arbeiter --
bekommt die Lungenschwindsucht, wenn er noch länger bei der
Seifenfabrikation bleibt. Der Doktor hat es ihm gesagt. -- Der Mann
hatte acht Kinder, und ausgemergelt wie er war, konnte er nirgends mehr
Arbeit finden. Er _mußte_ also in der Seifenfabrik bleiben, und der
Prinzipal that sich viel darauf zu gute, daß er ihn beibehielt. Er kam
sich unbedingt äußerst human vor. -- Eines Nachmittags, im August, es
war eine furchtbare Hitze, da quälte er sich mit einer Karre Kalk über
den Fabrikhof. -- Ich sah gerade aus dem Fenster, da merke ich, wie er
still steht -- wieder still steht und schließlich schlägt er lang auf
die Steine. -- Ich lief hinzu -- mein Vater kam, andere Arbeiter kamen,
aber er röchelte nur noch, und sein ganzer Mund war voll Blut. Ich half
ihn ins Haus tragen. Ein Haufe kalkiger, nach allerhand Chemikalien
stinkender Lumpen war er; bevor wir ihn im Hause hatten, war er schon
gestorben.

Helene. Ach, schrecklich ist das.

Loth. Kaum acht Tage später zogen wir seine Frau aus dem Fluß, in den
die verbrauchte Lauge unserer Fabrik abfloß. -- Ja, Fräulein! wenn man
dies alles kennt, wie ich es _jetzt_ kenne -- glauben Sie mir! -- dann
läßt es einem keine Ruhe mehr. Ein einfaches Stückchen Seife, bei dem
sich in der Welt sonst Niemand etwas denkt, ja, ein paar rein
gewaschene, gepflegte Hände schon können einen in die bitterste Laune
versetzen.

Helene. Ich hab auch mal so was gesehen. Hu! schrecklich war das,
_schrecklich_!

Loth. Was?

Helene. Der Sohn von einem Arbeitsmann wurde halbtodt hier
hereingetragen. Es ist nun ... drei Jahre vielleicht ist es her.

Loth. War er verunglückt?

Helene. Ja, drüben im Bärenstollen.

Loth. Ein Bergmann also?

Helene. Ja, die meisten jungen Leute hier herum gehen auf die Grube. --
Ein zweiter Sohn desselben Vaters war auch Schlepper und ist auch
verunglückt.

Loth. Beide todt?

Helene. Beide todt .... Einmal riß etwas an der Fahrkunst, das andere
Mal waren es schlagende Wetter. -- Der alte Beibst hat aber noch einen
dritten Sohn, der fährt auch seit Ostern ein.

Loth. Was Sie sagen! -- hat er nichts dawider?

Helene. Gar nichts, nein! Er ist nur jetzt noch weit mürrischer als
früher. Haben Sie ihn nicht schon gesehen?

Loth. Wieso ich?

Helene. Er saß ja heut früh nebenan, unter der Durchfahrt.

Loth. Ach! -- wie? .. Er arbeitet hier im Hofe?

Helene. Schon seit Jahren.

Loth. Er hinkt?

Helene. Ziemlich stark sogar.

Loth. Soosoo. -- Was ist ihm denn da passirt, mit dem Bein?

Helene. Das ist 'ne heikle Geschichte. Sie kennen doch den Herrn Kahl?
... da muß ich Ihnen aber ganz nahe kommen. Sein Vater, müssen Sie
wissen, war genau so ein Jagdnarr wie er. Er schoß hinter den
Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen, wenn auch nur in die Luft,
um ihnen Schrecken einzujagen. Er war auch sehr jähzornig, wissen Sie;
wenn er getrunken hatte, erst recht. Nu hat wohl der Beibst mal
gemuckscht -- er muckscht gern, wissen Sie, -- und da hat der Bauer die
Flinte zu packen gekriegt und ihm eine Ladung gegeben. Beibst, wissen
Sie, war nämlich früher beim Nachbar Kahl für Kutscher.

Loth. Frevel über Frevel, wohin man hört.

Helene (immer unsicherer und erregter). Ich hab auch schon manchmal so
bei mir gedacht .... sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid
gethan --: der alte Beibst und ..... Wenn die Bauern so roh und dumm
sind wie der -- wie der Streckmann, der -- läßt seine Knechte hungern
und füttert die Hunde mit Conditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich
aus der Pension zurück bin ... Ich hab auch mein Päckchen! -- aber ich
rede ja wohl Unsinn, -- es interessirt Sie ja gar nicht -- Sie lachen
mich im Stillen bloß aus.

Loth. Aber Fräulein, wie können Sie nur .... weshalb sollte ich Sie denn
....

Helene. Nun, etwa nicht? Sie denken doch: die ist auch nicht besser wie
die Anderen hier.

Loth. Ich denke von Niemand schlecht, Fräulein!

Helene. Das machen Sie mir nicht weis .... nein, nein!

Loth. Aber Fräulein! wann hatte ich Ihnen Veranlassung ...

Helene (nahe am Weinen). Ach, reden Sie doch nicht! Sie verachten uns,
verlassen Sie sich d'rauf -- Sie müssen uns ja doch verachten, --
(weinerlich) -- den Schwager mit, _mich_ mit. _Mich_ vor allen Dingen
und dazu, da -- zu haben Sie wahr... wahrhaftig auch Grund. (Sie wendet
Loth schnell den Rücken und geht, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, durch
den Obstgarten nach dem Hintergrunde zu ab. Loth tritt durch das
Pförtchen und folgt ihr langsam.)

Frau Krause (in überladener Morgentoilette, puterroth im Gesicht, aus
der Hausthür, schreit). Doas Loaster vu Froovulk! Marie! Ma--rie!! unter
men'n Dache? Weg muß doas Froovulk! (Sie rennt über den Hof und
verschwindet in der Stallthür. _Frau Spiller_, mit Häkelarbeit,
erscheint in der Hausthür. Im Stalle hört man Schimpfen und Heulen.)

Frau Krause (die heulende Magd vor sich hertreibend, aus dem Stall). Du
Hurenfroovulk Du! -- (Die Magd heult stärker) -- uuf der Stelle 'naus!
Sich Deine sieba Sacha z'samma und dann 'naus! (Helene, mit rothen Augen
kommt durch den Thorweg, bemerkt die Scene und steht abwartend still.)

Die Magd (entdeckt Frau Spiller, wirft Schemel und Milchgelte weg und
geht wüthend auf sie zu). Doas biin iich Ihn'n schuldig! Doas war iich
Ihn'n eitränka!! (Sie rennt schluchzend davon, die Bodentreppe hinauf.
Ab.)

Helene (zu Frau Krause tretend). Was hat sie denn gemacht?

Frau Krause (grob). Gieht's Diich oan, Goans?

Helene (heftig, fast weinend). Ja, mich geht's an.

Frau Spiller (schnell hinzutretend). Mein gnädiges Fräulein, so etwas
ist nicht für das Ohr eines jungen Mädchens wie ...

Frau Krause. Worum ok ne goar, Spillern! die iis au ne vu Marzepane.
Mit'n Grußknecht zusoamma gelah'n hot se ei en Bette. Do wißt de's.

Helene (in befehlendem Tone). Die Magd wird aber _doch_ bleiben.

Frau Krause. Weibsstück!

Helene. Gut! dann will ich dem Vater erzählen, daß Du mit Kahl Wilhelm
die Nächte ebenso verbringst.

Frau Krause (schlägt ihr eine Maulschelle). Du hust' an' Denkzettel!

Helene (todtbleich, aber noch fester). Die Magd bleibt aber _doch_,
sonst ... sonst bring ich's herum! Mit Kahl Wilhelm, Du! Dein Vetter ...
mein Bräut'jam ... Ich bring's herum.

Frau Krause (mit wankender Fassung). Wer koan doas soa'n?

Helene. Ich! Denn ich hab ihn heut Morgen aus Deinem Schlafzimmer .....
(Schnell ab ins Haus.)

   Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit
   Riechfläschchen zu ihr.

Frau Spiller. Gnädige Frau, gnädige Frau!

Frau Krause. Sp...illern, die Moa'd sss... sool dooblei'n.

                      Der Vorhang fällt schnell.



                             Dritter Akt.


   Zeit: wenige Minuten nach dem Vorfall zwischen Helene und ihrer
   Stiefmutter im Hofe. Der Schauplatz ist der des ersten Vorgangs.

   _Dr. Schimmelpfennig_ sitzt, ein Recept schreibend, Schlapphut,
   Zwirnhandschuhe und Stock vor sich auf der Tischplatte, an dem
   Tisch links im Vordergrunde. Er ist von Gestalt klein und
   gedrungen, hat schwarzes Wollhaar und einen ziemlich starken
   Schnurrbart. Schwarzer Rock im Schnitt der Jägerschen
   Normalröcke. Die Kleidung im Ganzen solid, aber nicht elegant.
   Hat die Gewohnheit, fast ununterbrochen seinen Schnurrbart zu
   streichen oder zu drehen, um so stärker, je erregter er innerlich
   wird. Sein Gesichtsausdruck, wenn er mit Hoffmann redet, ist
   gezwungen ruhig, ein Zug von Sarkasmus liegt um seine Mundwinkel.
   Seine Bewegungen sind lebhaft, fest und eckig, durchaus
   natürlich. Hoffmann, in seidenem Schlafrock und Pantoffeln, geht
   umher. Der Tisch rechts im Hintergrunde ist zum Frühstück
   hergerichtet. Feines Porzellan. Gebäck. Rumcaraffe etc.

Hoffmann. Herr Doktor, sind Sie mit dem Aussehen meiner Frau zufrieden?

Dr. Schimmelpfennig. Sie sieht ja ganz gut aus, warum nicht.

Hoffmann. Denken Sie, daß alles gut vorüber gehen wird?

Dr. Schimmelpfennig. Ich hoffe.

Hoffmann (nach einer Pause, zögernd). Herr Doktor, ich habe mir
vorgenommen -- schon seit Wochen -- Sie, sobald ich hierher käme, in
einer ganz bestimmten Sache um Ihren Rath zu bitten.

Dr. Schimmelpfennig, (der bis jetzt unter dem Schreiben geantwortet hat,
legt die Feder beiseite, steht auf und übergiebt Hoffmann das
geschriebene Recept). So! ... das lassen Sie wohl bald machen; -- (indem
er Hut, Handschuhe und Stock nimmt) -- über Kopfschmerz klagt Ihre Frau,
-- (in seinen Hut blickend, geschäftsmäßig) -- ehe ich es vergesse:
suchen Sie doch Ihrer Frau begreiflich zu machen, daß sie für das
kommende Lebewesen einigermaßen verantwortlich ist. Ich habe ihr bereits
selbst einiges gesagt -- über die Folgen des Schnürens.

Hoffmann. Ganz gewiß, Herr Doktor ... ich will ganz gewiß mein
Möglichstes thun, ihr ...

Dr. Schimmelpfennig (sich ein wenig linkisch verbeugend). Empfehle mich.
(Geht, bleibt wieder stehen.) Ach so! ... Sie wollten ja meinen Rath
hören. (Er blickt Hoffmann kalt an.)

Hoffmann. Ja, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit hätten ... (Nicht ohne
Affectirtheit.) Sie kennen das entsetzliche Ende meines ersten Jungen.
Sie haben es ja ganz aus der Nähe gesehen. Wie weit _ich_ damals war,
wissen Sie ja wohl auch. -- Man glaubt es nicht, dennoch: die Zeit
mildert! ... Schließlich habe ich sogar noch Grund zur Dankbarkeit, mein
sehnlichster Wunsch soll, wie es scheint, erfüllt werden. Sie werden
begreifen, daß ich alles thun muß ... Es hat mich schlaflose Nächte
genug gekostet und doch weiß ich noch nicht, noch _immer_ nicht, wie ich
es anstellen soll, um das jetzt noch ungeborene Geschöpf vor dem
furchtbaren Schicksale seines Brüderchens zu bewahren. Und das ist es,
weshalb ich Sie ...

Dr. Schimmelpfennig (trocken und geschäftsmäßig). Von seiner Mutter
trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen Entwickelung.

Hoffmann. Also doch?! -- Meinen Sie, völlig trennen? ... Soll es auch
nicht in demselben Hause mit ihr ...?

Dr. Schimmelpfennig. Nein, wenn es Ihnen ernst ist um die Erhaltung
Ihres Kindes, dann nicht. Ihr Vermögen gestattet Ihnen ja in dieser
Beziehung die freieste Bewegung.

Hoffmann. Gott sei Dank, ja! Ich habe auch schon in der Nähe von
Hirschberg eine Villa mit sehr großem Park angekauft. Nur wollte ich
auch meine Frau ...

Dr. Schimmelpfennig (dreht seinen Bart und starrt auf die Erde. Unter
Nachdenken.) Kaufen Sie doch Ihrer Frau irgend wo anders eine Villa ...

Hoffmann (zuckt die Achseln).

Dr. Schimmelpfennig (wie vorher). Können Sie nicht -- Ihre Schwägerin --
für die Aufgabe, dieses Kind zu erziehen, interessiren?

Hoffmann. Wenn Sie wüßten, Herr Doktor, was für Hindernisse ...
außerdem: ein unerfahrenes, junges Ding ... Mutter ist doch Mutter.

Dr. Schimmelpfennig. Sie wissen meine Meinung. Empfehle mich.

Hoffmann (mit Ueberfreundlichkeit um ihn herum complimentirend).
Empfehle mich ebenfalls! Ich bin Ihnen äußerst dankbar ...

                    Beide ab durch die Mittelthür.

   _Helene_, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, schluchzend,
   außer sich, kommt herein und läßt sich auf das Sopha links vorn
   hinfallen. Nach einigen Augenblicken tritt Hoffmann,
   Zeitungsblätter in den Händen haltend, abermals ein.

Hoffmann. Was ist denn _das_ --? Sag' mal, Schwägerin! soll denn das
noch lange so fort gehen? -- Seit ich hier bin, vergeht nicht ein Tag,
an dem ich Dich nicht weinen sehe.

Helene. Ach! -- was weißt Du!? -- Wenn Du überhaupt Sinn für so was
hätt'st, dann würd'st Du Dich vielmehr wundern, wenn ich mal nicht
weinte.

Hoffmann. -- Das leuchtet mir nicht ein, Schwägerin!

Helene. Mir um so mehr!

Hoffmann. ... Es muß doch wieder was passirt sein, hör' mal!

Helene (springt auf, stampft mit dem Fuße). Pfui! Pfui! ... und ich
mag's nicht mehr leiden ... Das hört auf! Ich lasse mir das nicht mehr
bieten! Ich sehe nicht ein warum ... ich ... (im Weinen erstickend).

Hoffmann. Willst Du mir denn nicht wenigstens sagen, worum sich's
handelt, damit ...

Helene (auf's Neue heftig ausbrechend). Alles ist mir egal! Schlimmer
kann's nicht kommen: -- einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Thier
-- vor dem die .... die eigene Tochter nicht sicher ist. -- Eine
ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln möchte
.. Dieses ganze Dasein überhaupt. -- Nein --! ich sehe nicht ein, wer
mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe fort! Ich renne
fort -- und wenn Ihr mich nicht loslaßt, dann .... Strick, Messer,
Revolver! .... mir egal! -- ich will nicht auch zum Branntwein greifen
wie meine Schwester.

Hoffmann (erschrocken, packt sie am Arm). Lene! .... Ich sag' Dir,
still! ... davon still!

Helene. Mir egal! .... mir ganz egal! -- Man ist ... man muß sich
schämen bis in die Seele 'nein. -- Man möchte was wissen, was sein, was
sein können -- und was ist man nu?

Hoffmann, (der ihren Arm noch nicht wieder losgelassen, fängt an, das
Mädchen allmählich nach dem Sopha hinzudrängen. Im Tone seiner Stimme
liegt nun plötzlich eine weichliche, übertriebene, gleichsam vibrirende
Milde.) _Lenchen_ --! Ich weiß ja recht gut, daß Du hier manches
auszustehen hast. Sei nur ruhig ...! Brauchst es mir gar nicht zu sagen.
(Er legt die Rechte liebkosend auf ihre Schulter, bringt sein Gesicht
nahe dem ihren.) Ich kann Dich gar nicht weinen sehen. Wahrhaftig! -- 's
thut mir weh. Sieh doch nur aber die Verhältnisse nicht schwärzer, als
sie sind --; und dann: -- hast Du vergessen, daß wir beide -- Du und ich
-- so zu sagen in der gleichen Lage sind? -- Ich bin in diese
Bauernatmosphäre hinein gekommen .... passe ich hinein? Genau so wenig
wie Du hoffentlich.

Helene (immer noch weinend). Hätte mein -- gutes -- M -- Muttelchen das
geahnt -- als sie .... als sie bestimmte -- daß ich in Herrnhut --
erzogen .... erzogen werden sollte. Hätte sie -- mich lieber ... mich
lieber zu Hause gelassen, dann hätte ich ... hätte ich wenigstens --
nichts Anderes kennen gelernt, wäre in dem Sumpf hier auf....
aufgewachsen --. Aber so ...

Hoffmann (hat Helene sanft auf das Sopha gezwungen und sitzt nun, eng an
sie gedrängt, neben ihr. Immer auffälliger verräth sich in seinen
Tröstungen das sinnliche Element.) Lenchen --! Sieh mich an, laß das gut
sein, tröste Dich mit mir. -- Ich brauch' Dir von Deiner Schwester nicht
zu sprechen. (Heiß und mit Innigkeit, indem er sie enger umschlingt.)
Ja, wäre sie wie _Du_ bist! ... So aber ... sag' selbst: was kann _sie_
mir sein? -- Wo lebt ein Mann, Lenchen, ein gebildeter Mann, -- (leiser)
-- dessen Frau von einer so unglückseligen Leidenschaft befallen ist? --
Man darf es gar nicht laut sagen: eine Frau -- und -- Branntwein ...
Nun, sprich, bin ich glücklicher? .... Denk an mein Fritzchen! -- Nun?
... bin ich am Ende besser dran, wie? ... (Immer leidenschaftlicher.)
Siehst Du: so hat's das Schicksal schließlich noch gut gemeint. Es hat
uns zu einander gebracht. -- Wir gehören für einander! Wir sind zu
Freunden voraus bestimmt, mit unsren gleichen Leiden. Nicht, Lenchen?
(Er umschlingt sie ganz. Sie läßt es geschehen, aber mit einem Ausdruck,
der besagt, daß sie sich zum Dulden zwingt. Sie ist still geworden und
scheint mit zitternder Spannung etwas zu erwarten, irgend eine
Gewißheit, eine Erfüllung, die unfehlbar herankommt.)

Hoffmann (zärtlich). Du solltest meinem Vorschlag folgen, solltest dies
Haus verlassen, bei uns wohnen. -- Das Kindchen, das kommt, braucht eine
Mutter. -- Komm! sei Du ihm das; -- (leidenschaftlich gerührt,
sentimental) -- sonst hat es eben keine Mutter. Und dann: -- bring ein
wenig, nur ein ganz, ganz klein wenig Licht in mein Leben. _Thuu's! --
thu -- 's!_ (Er will seinen Kopf an ihre Brust lehnen. Sie springt auf,
empört. In ihren Mienen verräth sich Verachtung, Ueberraschung, Ekel,
Haß.)

Helene. Schwager! Du bist, Du bist ... Jetzt kenn ich Dich durch und
durch. Bisher hab ich's nur so dunkel gefühlt. Jetzt weiß ich's ganz
gewiß.

Hoffmann (überrascht, fassungslos). Was ...? Helene ... -- einzig,
wirklich.

Helene. Jetzt weiß ich ganz gewiß, daß Du nicht um ein Haar besser bist
.... was denn! schlechter bist Du, der schlecht'ste von allen hier!

Hoffmann (steht auf, mit angenommener Kälte). Dein Betragen heut ist
sehr eigenthümlich, weißt Du!

Helene (tritt nahe zu ihm). Du gehst doch nur auf das eine Ziel los.
(Halblaut in sein Ohr.) Aber Du hast ganz andere Waffen als Vater und
Stiefmutter oder der ehrenfeste Herr Bräutigam, ganz andere. Gegen Dich
gehalten sind sie Lämmer, alle mit 'nander. Jetzt, jetzt auf einmal,
jetzt eben ist mir das sonnenklar geworden.

Hoffmann (in erheuchelter Entrüstung). Lene! Du bist .... Du bist nicht
bei Trost, das ist ja heller Wahn.... (Er unterbricht sich, schlägt sich
vor den Kopf.) Gott, wie wird mir denn auf einmal, natürlich! ... Du
hast .... es ist freilich noch sehr früh am Tage, aber ich wette, Du
hast .... Helene, Du hast heut früh schon mit Alfred Loth geredet.

Helene. Weshalb sollte ich denn nicht mit ihm geredet haben? Es ist ein
Mann, vor dem wir uns alle verstecken müßten vor Scham, wenn es mit
rechten Dingen zuginge.

Hoffmann. Also wirklich! ... Ach sooo! .... na jaaa! .. allerdings ...
da darf ich mich weiter nicht wundern -- So, so, so, hat also die
Gelegenheit benützt, über seinen Wohlthäter 'n bischen herzuziehen. Man
sollte immer auf dergleichen gefaßt sein, freilich!

Helene. Schwager! das ist nun geradezu _gemein_.

Hoffmann. Finde ich beinah auch!

Helene. Kein Sterbenswort, nicht ein Sterbenswort hat er gesagt über
Dich.

Hoffmann (ohne darauf einzugehen). Wenn die Sachen _so_ liegen, dann ist
es geradezu meine Pflicht, ich sage, meine Pflicht, als Verwandter,
einem so unerfahrenen Mädchen gegenüber wie Du bist .....

Helene. Unerfahrenes Mädchen --? Wie Du mir vorkommst!

Hoffmann (aufgebracht). Auf meine Verantwortung ist Loth hier in's Haus
gekommen. Nun mußt Du wissen: -- er ist -- gelinde gesprochen -- ein
höchst ge--fähr--licher Schwärmer, dieser Herr Loth.

Helene. Daß Du das von Herrn Loth sagst, hat für mich so etwas --
Verkehrtes -- etwas lächerlich Verkehrtes.

Hoffmann. Ein Schwärmer, der die Gabe hat, nicht nur Weibern, sondern
auch _vernünftigen_ Leuten die Köpfe zu verwirren.

Helene. Siehst Du: _wieder_ so eine Verkehrtheit! Mir ist es nach den
wenigen Worten, die ich mit Herrn Loth geredet habe, so wohlthuend klar
im Kopfe ....

Hoffmann (im Tone eines Verweises). Was ich Dir sage, ist durchaus
nichts Verkehrtes.

Helene. Man muß für das Verkehrte einen Sinn haben, und den hast Du eben
nicht.

Hoffmann (wie vorher). Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich erkläre Dir
nochmals, daß ich Dir nichts Verkehrtes sage, sondern etwas, was ich
Dich bitten muß, als thatsächlich wahr hinzunehmen .... Ich habe es an
mir erfahren: er benebelt einem den Kopf, und dann schwärmt man von
Völkerverbrüderung, von Freiheit und Gleichheit, setzt sich über Sitte
und Moral hinweg .... Wir wären damals um dieser Hirngespinste willen --
weiß der Himmel -- über die Leichen unserer Eltern hinweggeschritten, um
zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich Dir, würde erforderlichen Falls
noch heute dasselbe thun.

Helene. Wie viele Eltern mögen wohl alljährlich über die Leichen ihrer
Kinder schreiten, ohne daß Jemand ....

Hoffmann (ihr in die Rede fallend). Das ist Unsinn! Da hört _alles_ auf!
... Ich sage Dir, nimm Dich vor ihm in Acht, in jeder .... ich sage ganz
ausdrücklich, in _jeder_ Beziehung. -- Von moralischen Skrupeln ist da
keine Spur.

Helene. Ne, wie verkehrt dies nun wieder ist. Glaub' mir, Schwager,
fängt man erst mal an d'rauf zu achten .... es ist so schrecklich
interessant .....

Hoffmann. Sag' doch, was Du willst, gewarnt bist Du nun. Ich will Dir
nur noch ganz im Vertrauen mittheilen: ein Haar, und ich wäre damals
durch ihn und mit ihm greulich in die Tinte gerathen.

Helene. Wenn dieser Mensch so gefährlich ist, warum freutest Du Dich
denn gestern so aufrichtig, als ....

Hoffmann. Gott ja, er ist eben ein Jugendbekannter! Weißt Du denn, ob
nicht ganz bestimmte Gründe vorlagen ....

Helene. Gründe? Wie denn?

Hoffmann. Nur so. -- Käme er allerdings heut und wüßte ich, was ich
jetzt weiß --

Helene. Was weißt Du denn nur? Ich sagte Dir doch bereits, er hat kein
Sterbenswort über Dich verlauten lassen.

Hoffmann. -- Verlaß Dich d'rauf! Ich hätte mir's zweimal überlegt und
mich wahrscheinlich sehr in Acht genommen, ihn hier zu behalten. Loth
ist und bleibt 'n Mensch, dessen Umgang compromittirt. Die Behörden
haben ihn im Auge.

Helene. Ja, hat er denn ein Verbrechen begangen?

Hoffmann. Sprechen wir lieber darüber nicht. Laß es Dir genug sein,
Schwägerin, wenn ich Dir die Versicherung gebe: mit Ansichten, wie er
sie hat, in der Welt umherzulaufen, ist heutzutage weit schlimmer und
vor allem gefährlicher als stehlen.

Helene. Ich will's mir merken. -- Nun aber -- Schwager! hörst Du? Frag'
mich nicht -- wie ich nach Deinen Reden über Herrn Loth noch von _Dir_
denke. -- Hörst Du?

Hoffmann (cynisch kalt). Denkst Du denn wirklich, daß mir so ganz
besonders viel daran liegt das zu wissen? (Er drückt den Klingelknopf.)
Uebrigens höre ich ihn da eben hereinkommen.

                           Loth tritt ein.

Hoffmann. Nun --? gut geschlafen, alter Freund?

Loth. Gut, aber nicht lange. Sag' doch mal: ich sah da vorhin Jemand aus
dem Haus kommen, einen Herrn.

Hoffmann. Vermuthlich der Doktor, der soeben hier war. Ich erzählte Dir
ja ... dieser eigenthümliche Mischmasch von Härte und Sentimentalität.

   Helene verhandelt mit Eduard, der eben eingetreten ist. Er geht
   ab und servirt kurz darauf Thee und Kaffee.

Loth. Dieser Mischmasch, wie Du Dich ausdrückst, sah nämlich einem alten
Universitätsfreunde von mir furchtbar ähnlich -- ich hätte schwören
können, daß er es sei -- einem gewissen Schimmelpfennig.

Hoffmann (sich am Frühstückstisch niederlassend). Nu ja, ganz recht:
Schimmelpfennig!

Loth. Ganz recht? Was?

Hoffmann. Er heißt in der That Schimmelpfennig.

Loth. Wer? Der Doktor hier?

Hoffmann. Du sagtest es doch eben. Ja, der Doktor.

Loth. Dann .... das ist aber auch wirklich wunderlich! Unbedingt ist
er's dann.

Hoffmann. Siehst Du wohl, schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu
Lande. Du nimmst mir's nicht übel, wenn ich anfange; wir wollten uns
nämlich gerade zum Frühstück setzen. Bitte, nimm Platz! Du hast doch
wohl nicht schon irgendwo gefrühstückt?

Loth. Nein!

Hoffmann. Nun dann, also. (Er rückt, selbst sitzend, Loth einen Stuhl
zurecht. Hierauf zu Eduard, der mit Thee und Kaffee kommt.) Ae! wird ..
e .. meine Frau Schwiegermama nicht kommen?

Eduard. Die gnädige Frau und Frau Spiller werden auf ihrem Zimmer
frühstücken.

Hoffmann. Das ist aber doch noch nie ....

Helene (das Service zurechtrückend). Laß nur! Es hat seinen Grund.

Hoffmann. Ach so .. Loth! lang' zu .... ein Ei? Thee?

Loth. Könnte ich vielleicht lieber ein Glas Milch bekommen?

Hoffmann. Mit dem größten Vergnügen.

Helene. Eduard! Miele soll frisch einmelken.

Hoffmann (schält ein Ei ab). Milch -- brrr! mich schüttelt's. (Salz und
Pfeffer nehmend.) Sag' mal, Loth, was führt Dich eigentlich in unsre
Gegend? Ich hab' bisher ganz vergessen, Dich danach zu fragen.

Loth (bestreicht eine Semmel mit Butter). Ich möchte die hiesigen
Verhältnisse studiren.

Hoffmann (mit einem Aufblick). Bitte ...? ... was für Verhältnisse?

Loth. Präcise gesprochen: ich will die Lage der hiesigen Bergleute
studiren.

Hoffmann. Ach, die ist im Allgemeinen doch eine sehr gute.

Loth. Glaubst Du? -- Das wäre ja übrigens recht schön .... Doch eh ich's
vergesse: Du mußt mir dabei einen Dienst leisten. Du kannst Dich um die
Volkswirthschaft sehr verdient machen, wenn ....

Hoffmann. Ich? I! wieso ich?

Loth. Nun, Du hast doch den Verschleiß der hiesigen Gruben?

Hoffmann. Ja! und was dann?

Loth. Dann wird es Dir auch ein Leichtes sein, mir die Erlaubniß zur
Besichtigung der Gruben auszuwirken. Das heißt: ich will mindestens vier
Wochen lang täglich einfahren, damit ich den Betrieb einigermaßen kennen
lerne.

Hoffmann (leichthin). Was Du da unten zu sehen bekommst, willst Du dann
wohl schildern?

Loth. Ja. Meine Arbeit soll vorzugsweise eine descriptive werden.

Hoffmann. Das thut mir nun wirklich leid, mit der Sache habe ich gar
nichts zu thun. -- Du willst bloß über die Bergleute schreiben, wie?

Loth. Aus dieser Frage hört man, daß Du kein Volkswirthschaftler bist.

Hoffmann (in seinem Dünkel gekränkt). Bitte _sehr_ um Entschuldigung! Du
wirst mir wohl zutrauen ..... Warum? Ich sehe nicht ein, wieso man diese
Frage nicht thun kann? -- und schließlich: es wäre kein Wunder ....
Alles kann man nicht wissen.

Loth. Na, beruhige Dich nur, die Sache ist einfach die: wenn ich die
Lage der hiesigen Bergarbeiter studiren will, so ist es unumgänglich,
auch alle die Verhältnisse, welche diese Lage bedingen, zu berühren.

Hoffmann. In solchen Schriften wird mitunter schauderhaft übertrieben.

Loth. Von diesem Fehler gedenke ich mich frei zu halten.

Hoffmann. Das wird sehr löblich sein. (Er hat bereits mehrmals und jetzt
wiederum mit einem kurzen und prüfenden Blick Helenen gestreift, die mit
naiver Andacht an Loth's Lippen hängt, und fährt nun fort.) Doch .... es
ist urkomisch, wie einem so was ganz urplötzlich in den Sinn kommt. Wie
so was im Gehirn nur vor sich gehen mag?

Loth. Was ist Dir denn auf einmal in den Sinn gekommen?

Hoffmann. Es betrifft Dich. -- Ich dachte an Deine Ver..... nein, es ist
am Ende tactlos, in Gegenwart von einer jungen Dame von Deinen
Herzensgeheimnissen zu reden.

Helene. Ja, dann will ich doch lieber ....

Loth. Bitte sehr, Fräulein! .. _bleiben_ Sie ruhig, meinetwegen
wenigstens -- ich merke längst, worauf er hinaus will. Ist auch durchaus
nichts Gefährliches. (Zu Hoffmann.) Meine Verlobung, nicht wahr?

Hoffmann. Wenn Du selbst darauf kommst, ja! -- Ich dachte in der That an
Deine Verlobung mit Anna Faber.

Loth. Die ging auseinander -- naturgemäß -- als ich damals in's
Gefängniß mußte.

Hoffmann. Das war aber nicht hübsch von Deiner .....

Loth. Es war jedenfalls ehrlich von ihr! Ihr Absagebrief enthielt ihr
wahres Gesicht; hätte sie mir dies Gesicht früher gezeigt, dann hätte
sie sich selbst und auch mir manches ersparen können.

Hoffmann. Und seither hat Dein Herz nicht irgendwo festgehakt?

Loth. Nein.

Hoffmann. Natürlich! Nun: Büchse in's Korn geworfen -- heirathen
verschworen! verschworen wie den Alkohol! Was? Uebrigens _chacun à son
goût_.

Loth. Mein Geschmack ist es eben nicht, aber vielleicht mein Schicksal.
Auch habe ich Dir, soviel ich weiß, bereits einmal gesagt, daß ich in
Bezug auf das Heirathen nichts verschworen habe; was ich fürchte, ist:
daß es keine Frau geben wird, die sich für mich eignet.

Hoffmann. Ein großes Wort, Lothchen!

Loth. Im Ernst! -- Mag sein, daß man mit den Jahren zu kritisch wird und
zu wenig gesunden Instinkt besitzt. Ich halte den Instinkt für die beste
Garantie einer geeigneten Wahl.

Hoffmann (frivol). Der wird sich schon noch mal wiederfinden --
(lachend) -- der Instinkt nämlich.

Loth. -- Schließlich, was kann ich einer Frau bieten? Ich werde immer
mehr zweifelhaft, ob ich einer Frau zumuthen darf, mit dem kleinen
Theile meiner Persönlichkeit vorlieb zu nehmen, der nicht meiner
Lebensarbeit gehört -- dann fürchte ich mich auch vor der Sorge um die
Familie.

Hoffmann. Wa... was? -- vor der Sorge um die Familie? Kerl! hast Du denn
nicht Kopf, Arme, he?

Loth. Wie Du siehst. Aber ich sagte Dir ja schon, meine Arbeitskraft
gehört zum größten Theil meiner Lebensaufgabe und wird ihr immer zum
größten Theil gehören: sie ist also nicht mehr mein. Ich hätte außerdem
mit ganz besonderen Schwierigkeiten ....

Hoffmann. Pst! klingelt da nicht Jemand?

Loth. Du hältst das für Phrasengebimmel?

Hoffmann. Ehrlich gesprochen, es klingt etwas hohl! Unser einer ist
schließlich auch kein Buschmann, trotzdem man verheirathet ist. Gewisse
Menschen geberden sich immer, als ob sie ein Privilegium auf alle in der
Welt zu vollbringenden guten Thaten hätten.

Loth (heftig). Gar nicht! -- denk ich gar nicht d'ran! -- Wenn Du von
Deiner Lebensaufgabe nicht abgekommen wärst, so würde das an Deiner
glücklichen materiellen Lebenslage mitliegen.

Hoffmann (mit Ironie). Dann wäre das wohl auch eine Deiner Forderungen.

Loth. Wie? Forderungen? was?

Hoffmann. Ich meine: Du würdest bei einer Heirath auf Geld sehen.

Loth. Unbedingt.

Hoffmann. Und dann giebt es -- wie ich Dich kenne -- noch eine lange
Zaspel anderer Forderungen.

Loth. Sind vorhanden! Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum
Beispiel ist _conditio sine qua non_.

Hoffmann (lachend). Vorzüglich! Dann wird ja wohl vorher eine ärztliche
Untersuchung der Braut nothwendig werden. -- Göttlicher Hecht!

Loth (immer ernst). Ich stelle aber auch an mich Forderungen, mußt Du
nehmen.

Hoffmann (immer heiterer). Ich weiß, weiß! ... wie Du mal die Literatur
über Liebe durchgingst, um auf das Gewissenhafteste festzustellen ob
das, was Du damals für irgend eine Dame empfandest, auch wirklich Liebe
sei. Also sag' doch mal noch einige Deiner Forderungen.

Loth. Meine Frau müßte zum Beispiel entsagen können.

Helene. -- Wenn ... wenn .... Ach! ich will lieber nicht reden ... ich
wollte nur sagen: die Frau ist doch im Allgemeinen an's Entsagen
gewöhnt.

Loth. Um's Himmels willen! Sie verstehen mich durchaus falsch. So ist
das Entsagen nicht gemeint. Nur in sofern verlange ich Entsagung, oder
besser, nur auf den Theil meines Wesens, der meiner Lebensaufgabe
gehört, müßte sie freiwillig und mit Freuden verzichten. Nein, nein! im
Übrigen soll meine Frau fordern und immer fordern -- alles was ihr
Geschlecht im Laufe der Jahrtausende eingebüßt hat.

Hoffmann. Au! au! au! ... Frauenemancipation! -- wirklich Deine
Schwenkung war bewunderungswürdig -- nun bist Du im rechten Fahrwasser.
Fritz Loth, oder der Agitator in der Westentasche! ... Wie würdest Du
denn hierin Deine Forderungen formuliren, oder besser: wie weit müßte
Deine Frau emancipirt sein? -- Es amüsirt mich wirklich Dich anzuhören
-- Cigarren rauchen? Hosen tragen?

Loth. Das nun weniger -- aber -- sie müßte allerdings über gewisse
gesellschaftliche Vorurtheile hinaus sein. Sie müßte zum Beispiel nicht
davor zurückschrecken zuerst -- falls sie nämlich wirklich Liebe zu mir
empfände -- das bewußte Bekenntniß abzulegen.

Hoffmann (ist mit frühstücken zu Ende. Springt auf, in halb ernster,
halb komischer Entrüstung.) Weißt Du? das ... das ist ... eine geradezu
_unverschämte_ Forderung! mit der Du allerdings auch -- wie ich Dir
hiermit prophezeihe -- wenn Du nicht etwa vorziehst sie fallen zu
lassen, bis an Dein Lebensende herumlaufen wirst.

Helene (mit schwer bewältigter, innerer Erregung). Ich bitte die Herren
mich jetzt zu entschuldigen -- die Wirthschaft ... Du weißt, Schwager:
Mama ist in der Stube und da ...

Hoffmann. Laß Dich nicht abhalten.

                      Helene verbeugt sich; ab.

Hoffmann (mit dem Streichholzetui nach dem Cigarrenkistchen, das auf dem
Buffet steht, zuschreitend). Das muß wahr sein ... Du bringst einen in
Hitze, ... ordentlich unheimlich. (Nimmt eine Cigarre aus der Kiste und
läßt sich dann auf das Sopha links vorn nieder. Er schneidet die Spitze
der Cigarre ab und hält während des Folgenden die Cigarre in der linken,
das abgetrennte Spitzchen zwischen den Fingern der rechten Hand.) Bei
alledem ... es amüsirt doch. Und dann: Du glaubst nicht, wie wohl es
thut, so'n paar Tage auf dem Lande, abseit von den Geschäften,
zuzubringen. Wenn nur nicht heute dies verwünschte ... wie spät ist es
denn eigentlich? Ich muß nämlich leider Gottes heute zu einem Essen nach
der Stadt. -- Es war unumgänglich: dies Diner mußte ich geben. Was soll
man machen als Geschäftsmann? -- Eine Hand wäscht die andere. Die
Bergbeamten sind nun mal d'ran gewöhnt. -- Na! eine Cigarre kann man
noch rauchen -- in aller Gemüthsruhe. (Er trägt das Spitzchen nach dem
Spucknapf, läßt sich dann abermals auf das Sopha nieder und setzt seine
Cigarre in Brand.)

Loth (am Tisch; blättert stehend in einem Prachtwerk). Die Abenteuer des
Grafen Sandor.

Hoffmann. Diesen Unsinn findest Du hier bei den meisten Bauern
aufliegen.

Loth (unter dem Blättern). Wie alt ist eigentlich Deine Schwägerin?

Hoffmann. Im August einundzwanzig gewesen.

Loth. Ist sie leidend?

Hoffmann. Weiß nicht. - Glaube übrigens nicht -- macht sie Dir den
Eindruck? --

Loth. Sie sieht allerdings mehr verhärmt als krank aus.

Hoffmann. Na ja! die Scheerereien mit der Stiefmutter ...

Loth. Auch ziemlich reizbar scheint sie zu sein!?

Hoffmann. Unter solchen Verhältnissen ...... Ich möchte den sehen, der
unter solchen Verhältnissen nicht reizbar werden würde ...

Loth. Viel Energie scheint sie zu besitzen.

Hoffmann. Eigensinn!

Loth. Auch Gemüth, nicht?

Hoffmann. Zu viel mitunter .......

Loth. Wenn die Verhältnisse hier so mißlich für sie sind -- warum lebt
Deine Schwägerin dann nicht in _Deiner_ Familie?

Hoffmann. Frag' sie, warum! -- Oft genug hab ich ihr's angeboten.
Frauenzimmer haben eben ihre Schrullen. (Die Cigarre im Munde, zieht
Hoffmann ein Notizbuch und summirt einige Posten.) Du nimmst es mir doch
wohl nicht übel, wenn ich ... wenn ich Dich dann allein lassen muß?

Loth. Nein, gar nicht.

Hoffmann. Wie lange gedenkst Du denn noch ...?

Loth. Ich werde mir bald nachher eine Wohnung suchen. Wo wohnt denn
eigentlich Schimmelpfennig? Am besten, ich gehe zu ihm. Der wird mir
gewiß etwas vermitteln können. Hoffentlich findet sich bald etwas
Geeignetes, sonst würde ich die nächste Nacht im Gasthaus nebenan
zubringen.

Hoffmann. Wieso denn? Natürlich bleibst Du dann bis morgen bei uns.
Freilich, ich bin selbst nur Gast in diesem Hause -- sonst würde ich
Dich natürlich auffordern ... Du begreifst ...!

Loth. Vollkommen! ...

Hoffmann. Aber sag' doch mal -- sollte das wirklich Dein Ernst gewesen
sein ....?

Loth. Daß ich die nächste Nacht im Gast....?

Hoffmann. Unsinn! ... Bewahre! Was Du vorhin sagtest, meine ich. Die
Geschichte da -- mit Deiner vertrackten descriptiven Arbeit?

Loth. Weshalb nicht?

Hoffmann. Ich muß Dir gestehen, ich hielt es für Scherz. (Er erhebt
sich, vertraulich, halb und halb im Scherz.) Wie? Du solltest wirklich
fähig sein, hier ... gerade hier, wo ein Freund von Dir glücklich festen
Fuß gefaßt hat, den Boden zu unterwühlen?

Loth. Mein Ehrenwort, Hoffmann! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Du
Dich hier befändest. Hätte ich das gewußt ....

Hoffmann (springt auf, hocherfreut). Schon gut! schon gut! Wenn die
Sachen _so_ liegen .... siehst Du, das freut mich _aufrichtig_, daß ich
mich nicht in Dir getäuscht habe. Also, Du weißt es nun, und
selbstredend erhältst Du die Kosten der Reise und alles, was drum und
dran baumelt, von mir vergütet. Ziere Dich nicht! Es ist einfach meine
Freundespflicht .... Daran erkenne ich meinen alten, biederen Loth!
Denke mal an: ich hatte Dich wirklich eine Zeit lang ernstlich im
Verdacht .... Aber nun muß ich Dir auch ehrlich sagen, so schlecht, wie
ich mich zuweilen hinstelle, bin ich keineswegs. Ich habe Dich immer
hochgeschätzt, Dich und Dein ehrliches, consequentes Streben. Ich bin
der letzte, der gewisse, -- leider, leider mehr als berechtigte
Ansprüche der ausgebeuteten, unterdrückten Massen nicht gelten läßt. --
Ja, lächle nur, ich gehe sogar so weit zu bekennen, daß es im Reichstag
nur _eine_ Partei giebt, die Ideale hat: und das ist dieselbe, der Du
angehörst! .... Nur -- wie gesagt -- langsam! langsam! -- nichts
überstürzen. Es kommt alles, kommt alles, wie es kommen soll. Nur
Geduld! Geduld ....

Loth. Geduld muß man allerdings haben. Deshalb ist man aber noch nicht
berechtigt, die Hände in den Schooß zu legen!

Hoffmann. Ganz meine Ansicht! -- Ich hab' Dir überhaupt in Gedanken weit
öfter zugestimmt als mit Worten. Es ist 'ne Unsitte, ich geb's zu. Ich
hab' mir's angewöhnt, im Verkehr mit Leuten, die ich nicht gern in meine
Karten sehen lasse .... Auch in der Frauenfrage .... Du hast manches
sehr treffend geäußert. (Er ist inzwischen an's Telephon getreten, weckt
und spricht theils in's Telephon, theils zu Loth.) Die kleine Schwägerin
war übrigens ganz Ohr ... (In's Telephon.) Franz! In zehn Minuten muß
angespannt sein ... (Zu Loth.) Es hat ihr Eindruck gemacht ... (In's
Telephon.) Was? -- ach was, Unsinn! -- Na, da hört doch aber ..... Dann
schirren Sie schleunigst die Rappen an ..... (Zu Loth.) Warum sollte es
ihr keinen Eindruck machen? ... (In's Telephon.) Gerechter Strohsack,
zur Putzmacherin sagen Sie? Die gnädige Frau .... die gnä... Ja -- na
ja! aber sofort -- na ja! -- ja! -- schön! Schluß! (Nachdem er darauf
den Knopf der Hausklingel gedrückt, zu Loth.) Wart' nur ab, Du! Laß mich
nur erst den entsprechenden Monetenberg aufgeschichtet haben, vielleicht
geschieht dann etwas ... (Eduard ist eingetreten.) Eduard! Meine
Gamaschen, meinen Gehrock! (Eduard ab.) Vielleicht geschieht dann etwas,
was Ihr mir alle jetzt nicht zutraut .... Wenn Du in zwei oder drei
Tagen -- bis dahin wohnst Du unbedingt bei uns -- ich müßte es sonst als
eine grobe Beleidigung ansehen -- (er legt den Schlafrock ab) -- in zwei
bis drei Tagen also, wenn Du abzureisen gedenkst, bringe ich Dich mit
meiner Kutsche zur Bahn.

             Eduard mit Gehrock und Gamaschen tritt ein.

Hoffmann (indem er sich den Rock überziehen läßt). So! (Auf einen Stuhl
niedersitzend.) Nun die Stiefel! (Nachdem er einen derselben angezogen.)
Das wäre einer!

Loth. Du hast mich doch wohl nicht ganz verstanden.

Hoffmann. Ach ja! das ist leicht möglich. Man ist so raus aus all den
Sachen. Nur immer lederne Geschäftsangelegenheiten. Eduard! ist denn
noch keine Post gekommen? Warten Sie mal! -- Gehen Sie doch mal in mein
Zimmer! Auf dem Pult links liegt ein Schriftstück mit blauem Deckel,
bringen Sie's raus in die Wagentasche. (Eduard ab in die Thür rechts,
dann zurück und ab durch die Mittelthür.)

Loth. Ich meine ja nur: Du hast mich in _einer Beziehung_ nicht
verstanden.

Hoffmann (sich immer noch mit dem zweiten Schuh herumquälend). Upsa!
.... So! (Er steht auf und tritt die Schuhe ein.) Da wären wir. Nichts
ist unangenehmer als enge Schuhe ..... Was meintest Du eben?

Loth. Du sprachst von meiner Abreise .....

Hoffmann. Nun?

Loth. Ich habe Dir doch bereits gesagt, daß ich um eines ganz bestimmten
Zweckes willen hier am Ort bleiben muß.

Hoffmann (auf's Äußerste verblüfft und entrüstet zugleich). Hör' mal
....! Das ist aber beinahe _nichts_würdig! -- Weißt Du denn nicht, was
Du mir als Freund schuldest?

Loth. Doch wohl nicht den Verrath meiner Sache!?

Hoffmann (außer sich). Nun, dann ... dann habe ich auch nicht die
kleinste Veranlassung, Dir gegenüber als Freund zu verfahren. Ich sage
Dir also: daß ich Dein Auftreten hier -- gelinde gesprochen -- für
_fabelhaft_ dreist halte.

Loth (sehr ruhig). Vielleicht erklärst Du mir, was Dich berechtigt, mich
mit dergleichen Epitheta .....

Hoffmann. Das soll ich Dir auch noch erklären? Da hört eben
_verschiedenes_ auf! Um so was nicht zu fühlen, muß man Rhinoceroshaut
auf dem Leibe haben! Du kommst hierher, genieß'st meine
Gastfreundschaft, drisch'st mir ein paar Schock Deiner abgegriffnen
Phrasen vor, verdrehst meiner Schwägerin den Kopf, schwatzest von alter
Freundschaft und so was gut's und dann erzählst Du ganz naiv: Du
wolltest eine descriptive Arbeit über hiesige Verhältnisse verfertigen.
Ja, für was _hältst_ Du mich denn eigentlich? Meinst Du vielleicht, ich
wüßte nicht, daß solche sogenannte Arbeiten nichts als schamlose
Pamphlete sind? ... Solch eine Schmähschrift willst Du schreiben und
zwar über unseren Kohlendistrict. Solltest Du denn wirklich nicht
begreifen, wen diese Schmähschrift am allerschärfsten schädigen müßte?
Doch nur _mich_! -- Ich sage: man sollte Euch das Handwerk noch
gründlicher legen, als es bisher geschehen ist, Volksverführer! die Ihr
seid! Was thut Ihr? Ihr macht den Bergmann unzufrieden, anspruchsvoll,
reizt ihn auf, erbittert ihn, macht ihn aufsässig, ungehorsam,
unglücklich, spiegelt ihm goldene Berge vor und grapscht ihm unter der
Hand seine _paar_ Hungerpfennige aus der Tasche.

Loth. Erachtest Du Dich nun als demaskirt?

Hoffmann (roh). Ach was! Du lächerlicher, gespreizter Tugendmeier! Was
mir das wohl ausmacht, vor Dir demaskirt zu sein! -- Arbeite lieber! Laß
Deine albernen Faseleien! -- Thu was! Komm zu was! Ich brauche Niemand
um zweihundert Mark anzupumpen. (Schnell ab durch die Mittelthür.)

   Loth sieht ihm einige Augenblicke ruhig nach, dann greift er,
   nicht minder ruhig, in seine Brusttasche, zieht ein Portefeuille
   und entnimmt ihm ein Stück Papier (den Chec Hoffmann's), das er
   mehrmals durchreißt, um die Schnitzel dann langsam in den
   Kohlenkasten fallen zu lassen. Hierauf nimmt er Hut und Stock und
   wendet sich zum Gehen. Jetzt erscheint _Helene_ auf der Schwelle
   des Wintergartens.

Helene (leise). Herr Loth!

Loth (zuckt zusammen, wendet sich). Ah! Sie sind es. -- Nun -- dann --
kann ich _Ihnen_ doch wenigstens ein Lebewohl sagen.

Helene (unwillkürlich). War Ihnen das Bedürfniß?

Loth. Ja! -- es war mir Bedürfniß --! Vermuthlich -- wenn Sie da drin
gewesen sind -- haben Sie den Auftritt hier mit angehört -- und dann
.....

Helene. Ich habe alles mit angehört.

Loth. Nun -- dann -- wird es Sie nicht in Erstaunen setzen, wenn ich
dieses Haus so ohne Sang und Klang verlasse.

Helene. N -- nein! -- ich begreife --! ..... Vielleicht kann's Sie
milder gegen ihn stimmen ... mein Schwager bereut immer sehr schnell.
Ich hab's oft ...

Loth. Ganz möglich --! Vielleicht gerade deshalb aber ist das, was er
über mich sagte, seine wahre Meinung von mir. -- Es ist sogar unbedingt
seine wahre Meinung.

Helene. Glauben Sie das im Ernst?

Loth. Ja! -- im Ernst! Also .... (Er geht auf sie zu und giebt ihr die
Hand.) Leben Sie recht glücklich! (Er wendet sich und steht sogleich
wieder still.) Ich weiß nicht ....! oder besser: -- (Helenen klar und
ruhig ins Gesicht blickend) -- ich weiß, weiß erst seit ... seit diesem
Augenblick, daß es mir nicht ganz leicht ist, von hier fortzugehen ....
und .... ja ... und ... na ja!

Helene. Wenn ich Sie aber -- recht schön bäte .... recht sehr ... noch
weiter hier zu bleiben --?

Loth. Sie theilen also nicht die Meinung Ihres Schwagers?

Helene. Nein! -- und das -- wollte ich Ihnen unbedingt ... unbedingt
noch sagen, bevor ... bevor -- Sie -- gingen.

Loth (ergreift abermals ihre Hand). Das thut mir _wirklich_ wohl.

Helene (mit sich kämpfend. In einer sich schnell bis zur Bewußtlosigkeit
steigernden Erregung. Mühsam hervorstammelnd.) Auch noch mehr w--ollte
ich Ihnen ... Ihnen sagen, nämlich ... näm--lich, daß -- ich Sie sehr
hoch--achte und -- verehre -- wie ich bis jetzt .... bis jetzt noch --
keinen Mann ...., daß ich Ihnen -- vertraue, -- daß ich be--reit bin,
das ..... das zu beweisen -- daß ich -- etwas für -- Dich, Sie fühle ...
(Sinkt ohnmächtig in seine Arme.)

Loth. Helene!

                        Vorhang fällt schnell.



                             Vierter Akt.


   Wie im zweiten Akt: der Gutshof. Zeit: eine Viertelstunde nach
   Helenens Liebeserklärung.

   _Marie_ und _Golisch_, der Kuhjunge, schleppen sich mit einer
   hölzernen Lade die Bodentreppe herunter. Loth kommt reisefertig
   aus dem Hause und geht langsam und nachdenklich quer über den
   Hof. Bevor er in den Wirthshaussteg einbiegt, stößt er auf
   _Hoffmann_, der mit ziemlicher Eile durch den Hofeingang ihm
   entgegenkommt.

Hoffmann, (Cylinder, Glacéhandschuhe). Sei mir nicht böse. (Er verstellt
Loth den Weg und faßt seine beiden Hände.) Ich nehme hiermit alles
zurück! ... Nenne mir eine Genugthuung! ... Ich bin zu jeder Genugthuung
bereit! .... Ich bereue, bereue alles aufrichtig.

Loth. Das hilft Dir und mir wenig.

Hoffmann. Ach! -- wenn Du doch ... sieh mal ....! Mehr kann man doch
eigentlich nicht thun. Ich sage Dir: mein Gewissen hat mir keine Ruhe
gelassen! Dicht vor Jauer bin ich umgekehrt, .... daran solltest Du doch
schon erkennen, daß es mir Ernst ist. -- Wo wolltest Du hin ....?

Loth. In's Wirthshaus -- einstweilen.

Hoffmann. Ach, das darfst Du mir nicht anthun ...! Das thu mir nur nicht
an! Ich glaube ja, daß es Dich tief kränken mußte. 'S ist ja auch
vielleicht nicht so -- mit ein paar Worten wieder gut zu machen. Nur
nimm mir nicht jede Gelegenheit .... jede Möglichkeit, Dir zu beweisen
.... hörst Du? Kehr um! .... Bleib wenigstens bis ... bis morgen. Oder
bis ... bis ich zurückkomme. Ich muß mich noch einmal in Muße mit Dir
aussprechen darüber; -- das kannst Du mir nicht abschlagen.

Loth. Wenn Dir daran besonders viel gelegen ist ....

Hoffmann. Alles! ... auf Ehre! -- ist mir daran gelegen, alles! ....
Also komm! ... komm!! Kneif ja nicht aus! -- komm! (Er führt Loth, der
sich nun nicht mehr sträubt, in das Haus zurück. Beide ab.)

   Die entlassene Magd und der Kuhjunge haben inzwischen die Lade
   auf den Schubkarren gesetzt, Golisch hat die Traggurte
   umgenommen.

Marie, (während sie Golisch etwas in die Hand drückt). Doo! Gooschla!
hust a woas!

Der Junge (weist es ab). Behaal' Den'n Biema!

Marie. Ae! tumme Dare!

Der Junge. Na, wegen menner. (Er nimmt das Geld und thut es in seinen
ledernen Geldbeutel.)

Frau Spiller (von einem der Wohnhausfenster aus, ruft): Marie!

Marie. Woas wullt Er noo?

Frau Spiller (nach einer Minute aus der Hausthür tretend). Die gnädige
Frau will Dich behalten, wenn Du versprichst ....

Marie. Dreck! war ich er versprecha! -- Foahr zu, Goosch!

Frau Spiller (näher tretend). Die gnädige Frau will Dir auch etwas am
Lohn zulegen, wenn Du ..... (Plötzlich flüsternd.) Mach Der nischt
draus, Moad! se werd ok manchmal so'n bisken kullerig.

Marie (wüthend). Se maag siich ihre poar Greschla fer sich behahl'n! --
(Weinerlich.) Ehnder derhingern! (Sie folgt Gosch, der mit dem
Schubkarren vorangefahren ist.) Nee, a su woas oaber oo! -- Do sool eens
do glei' ... (Ab. Frau Spiller ihr nach. Ab.)

   Durch den Haupteingang kommt _Baer_, genannt Hopslabaer. Ein
   langer Mensch mit einem Geierhalse und Kropfe dran. Er geht
   barfuß und ohne Kopfbedeckung; die Beinkleider reichen, unten
   stark ausgefranst, bis wenig unter die Knie herab. Er hat eine
   Glatze; das vorhandene braune, verstaubte und verklebte Haar
   reicht ihm bis über die Schulter. Sein Gang ist straußenartig. An
   einer Schnur führt er ein Kinderwägelchen voll Sand mit sich.
   Sein Gesicht ist bartlos, die ganze Erscheinung deutet auf einen
   einige Zwanzig alten verwahrlosten Bauernburschen.

Baer (mit merkwürdig blökender Stimme). Saaa--a--and! Saa--and!

   Er geht durch den Hof und verschwindet zwischen Wohnhaus und
   Stallgebäude. _Hoffmann_ und _Helene_ aus dem Wohnhaus. Helene
   sieht bleich aus und trägt ein leeres Wasserglas in der Hand.

Hoffmann (zu Helene). Unterhalt ihn bissel! verstehst Du? -- Laß ihn
nicht fort -- es liegt mir sehr viel daran. -- So'n beleidigter Ehrgeiz
.... Adieu! -- Ach! Soll ich am Ende nicht fahren? -- Wie geht's mit
Martha? -- Ich hab so'n eigenthümliches Gefühl, als ob's bald .....
Unsinn! -- Adieu! ... höchste Eile! (Ruft.) Franz! Was die Pferde laufen
können! (Schnell ab durch den Haupteingang.)

   _Helene_ geht zur Pumpe, pumpt das leere Glas voll und leert es
   auf einen Zug. Ein zweites Glas Wasser leert sie zur Hälfte. Das
   Glas setzt sie dann auf das Pumpenrohr und schlendert langsam,
   von Zeit zu Zeit rückwärts schauend, durch den Thorweg hinaus.
   _Baer_ kommt zwischen Wohnhaus und Stallung hervor und hält mit
   seinem Wagen vor der Wohnhausthür still, wo Miele ihm Sand
   abnimmt. Indeß ist _Kahl_ von rechts innerhalb des Grenzzaunes
   sichtbar geworden, im Gespräch mit _Frau Spiller_, die außerhalb
   des Zaunes, also auf dem Terrain des Hofeingangs, sich befindet.
   Beide bewegen sich im Gespräch langsam längs des Zaunes hin.

Frau Spiller (leidend). Ach ja -- m -- gnädiger Herr Kahl! Ich hab -- m
-- manchmal so an Sie -- m -- gedacht -- m -- wenn ... wenn das gnädige
Freilein ... Sie ist doch nun mal -- m -- so zu sagen -- m -- mit Sie
verlobt, und da .... ach! -- m -- zu meiner Zeit ...!

Kahl (steigt auf die Bank unter der Eiche und befestigt einen
Meisekasten auf dem untersten Ast). W -- wenn werd denn d.. dd.. doas
D... d... d... dukterluder amol sssenner W... wwwege gihn? hä?

Frau Spiller. Ach, Herr Kahl! ich glaube -- m -- nicht so bald. -- A..
ach, Herr -- m -- Kahl, ich bin zwar so zu sagen -- m -- etwas -- m --
herabjekommen, aber ich weiß so zu sagen -- m --, was Bildung ist. In
dieser Hinsicht, Herr Kahl ...., das Freilein -- m -- das gnädige
Freilein ...., das handeln nicht gut gegen Ihnen -- nein! -- m -- darin,
so zu sagen -- m -- habe ich mir nie etwas zu Schulden kommen lassen --
m -- mein Gewissen -- m -- gnädiger Herr Kahl, ist darin so rein ... so
zu sagen, wie reiner Schnee.

   Baer hat sein Sandgeschäft abgewickelt und verläßt in diesem
   Augenblick, an Kahl vorübergehend, den Hof.

Kahl (entdeckt Baer und ruft). Hopslabaer, hops amool!

                Baer macht einen riesigen Luftsprung.

Kahl (vor Lachen wiehernd, ruft ein zweites Mal). Hopslabaer, hops
amool!

Frau Spiller. Nun da -- m -- ja, Herr Kahl! ...... ich meine es nur gut
mit Sie. Sie müssen Obacht geben -- m -- gnädiger Herr! Es -- m -- es
ist was im Gange mit dem gnädigen Fräulein und -- m -- m --

Kahl. D.. doas Dukterluder ... ok bbbblußig emool vor a Hunden -- blußig
e.. e.. e.. emool!

Frau Spiller (geheimnißvoll). Und was das nun noch -- m -- für ein
Indifidium ist. Ach -- m -- das gnädige Freilein thut mir auch _soo_
leid. Die Frau -- m -- vom Polizeidiener, die hat's vom Amte, glaub ich.
Es soll ein ganz -- m -- gefährlicher Mensch sein. Ihr Mann -- m -- soll
ihn so zu sagen -- m -- denken Sie nur, soll ihn -- m -- geradezu im
Auge behalten.

   _Loth_ aus dem Hause. Sieht sich um.

Frau Spiller. Seh'n Sie, nun jeht er dem gnädigen Freilein nach -- m --.
Aa... ach, _zuu_ leid thut es einem.

Kahl. Na wart'! (Ab.)

   _Frau Spiller_ geht nach der Hausthüre. Als sie an Loth
   vorbeikommt, macht sie eine tiefe Verbeugung. Ab in das Haus.

   _Loth_ langsam durch den Thorweg ab. Die _Kutschenfrau_, eine
   magere, abgehärmte und ausgehungerte Frauensperson, kommt
   zwischen Stallgebäude und Wohnhaus hervor. Sie trägt einen großen
   Topf unter ihrer Schürze versteckt und schleicht damit, sich
   überall ängstlich umblickend, nach dem Kuhstall. Ab in die
   Kuhstallthür. Die beiden _Mägde_, jede eine Schubkarre, hoch mit
   Klee beladen, vor sich herstoßend, kommen durch den Thorweg
   herein. _Beibst_, die Sense über der Schulter, die kurze Pfeife
   im Munde, folgt ihnen nach. Liese hat ihre Schubkarre vor die
   linke, Auguste vor die rechte Stallthür gefahren, und beide
   Mädchen beginnen große Arme voll Klee in den Stall hinein zu
   schaffen.

Liese (leer aus dem Stalle herauskommend). Du, Guste! de Marie iis furt.

Auguste. Joa wull doch?!

Liese. Gih nei! freu' die Kutscha-Franzen, se milkt er an Truppen Milch
ei.

Beibst (hängt seine Sense an der Wand auf). Na! doa lußt ok de Spillern
nee ernt derzune kumma.

Auguste. Oh jechtich! nee ok nee! bei Leibe nich!

Liese. A su a oarm Weib miit achta.

Auguste. Acht kleene Bälge! -- die wull'n laba.

Liese. Ne amool an Truppen Milch thun s' er ginn'n ... meschant iis
doas.

Auguste. Wu milkt sie denn?

Liese. Ganz derhinga, de neumalke Fenus!

Beibst (stopft seine Pfeife; den Tabaksbeutel mit den Zähnen
festhaltend, nuschelt er). De Marie wär' weg?

Liese. Ju, ju, 's iis fer gewiß! -- der Pfaarknecht hot gle bein er
geschloofa.

Beibst (den Tabaksbeutel in die Tasche steckend). Amool wiil jedes! --
au' de Frau. (Er zündet sich die Pfeife an, darauf durch den
Haupteingang ab. Im Abgehen.) Ich gih a wing frihsticka!

Die Kutschenfrau (den Topf voll Milch vorsichtig unter der Schürze,
guckt aus der Stallthür heraus). Sitt ma Jemanda?

Liese. Koanst kumma, Kutschen, ma sitt ken'n. Kumm! kumm schnell!

Kutschenfrau (im Vorübergehen zu den Mägden). Ok fersch Pappekindla!

Liese (ihr nachrufend). Schnell! S' kimmt Jemand. (_Kutschenfrau_
zwischen Wohnhaus und Stallung ab.)

Auguste. Blußig ok inse Frele.

   Die Mägde räumen nun weiter die Schubkarren ab und schieben sie,
   wenn sie leer sind, unter den Thorweg, hierauf beide ab in den
   Kuhstall.

   Loth und Helene kommen zum Thorweg herein.

Loth. Widerlicher Mensch! dieser Kahl, -- frecher Spion!

Helene. In der Laube vorn, glaub ich ... (Sie gehen durch das Pförtchen
in das Gartenstückchen links vorn und in die Laube daselbst.) Es ist
mein Lieblingsplatz. -- Hier bin ich noch am ungestörtesten, wenn ich
mal was lesen will.

Loth. Ein hübscher Platz hier. -- Wirklich! (Beide setzen sich, ein
wenig von einander getrennt, in der Laube nieder. Schweigen. Darauf
Loth.) Sie haben so sehr schönes und reiches Haar, Fräulein!

Helene. Ach ja, mein Schwager sagt das auch. Er meinte, er hätte es kaum
so gesehen -- auch in der Stadt nicht ... Der Zopf ist oben so dick wie
mein Handgelenk ... Wenn ich es losmache, dann reicht es mir bis zu den
Knien. Fühlen Sie mal --! Es fühlt sich wie Seide an, gelt?

Loth. Ganz wie Seide. (Ein Zittern durchläuft ihn, er beugt sich und
küßt das Haar.)

Helene (erschreckt). Ach nicht doch! Wenn ...

Loth. Helene --! War das vorhin nicht Dein Ernst?

Helene. Ach! -- ich schäme mich so schrecklich. Was habe ich nur
gemacht? -- Dir ... Ihnen an den Hals geworfen habe ich mich. -- Für was
müssen Sie mich halten ...!

Loth (rückt ihr näher, nimmt ihre Hand in die seine). Wenn Sie sich doch
_da_rüber beruhigen wollten!

Helene (seufzend). Ach, das müßte Schwester Schmittgen wissen .... ich
sehe gar nicht hin!

Loth. Wer ist Schwester Schmittgen?

Helene. Eine Lehrerin aus der Pension.

Loth. Wie können Sie sich nur über Schwester Schmittgen Gedanken machen!

Helene. Sie war sehr gut ....! (Sie lacht plötzlich heftig in sich
hinein.)

Loth. Warum lachst Du denn so auf einmal?

Helene (zwischen Pietät und Laune). Ach! .. Wenn sie auf dem Chor stand
und sang ... Sie hatte nur noch einen einzigen, langen Zahn .... da
sollte es immer heißen: Tröste, tröste mein Volk! und es kam immer
heraus: 'Röste, 'röste mein Volk! Das war zu drollig .... da mußten wir
immer so lachen .... wenn sie so durch den Saal .... 'röste! 'röste!
(Sie kann sich vor Lachen nicht lassen, Loth ist von ihrer Heiterkeit
angesteckt. Sie kommt ihm dabei so lieblich vor, daß er den Augenblick
benutzen will, den Arm um sie zu legen. Helene wehrt es ab.) Ach nein
doch ....! Ich habe mich Dir .... Ihnen an den Hals geworfen.

Loth. Ach! sagen Sie doch nicht so etwas.

Helene. Aber ich bin nicht schuld, Sie haben sich's selbst
zuzuschreiben. Warum verlangen Sie .....

   Loth legt nochmals seinen Arm um sie, zieht sie fester an sich.
   Anfangs sträubt sie sich ein wenig, dann giebt sie sich drein und
   blickt nun mit freier Glückseligkeit in Loth's glücktrunkenes
   Gesicht, das sich über das ihre beugt. Unversehens, aus einer
   gewissen Schüchternheit heraus küßt sie ihn zuerst auf den Mund.
   Beide werden roth, dann giebt Loth ihr den Kuß zurück; lang,
   innig, fest drückt sich sein Mund auf den ihren. Ein Geben und
   Nehmen von Küssen ist eine Zeit hindurch die einzige Unterhaltung
   -- stumm und beredt zugleich -- der beiden. Loth spricht dann
   zuerst.

Loth. Lene, nicht? Lene heißt Du hier so?

Helene (küßt ihn) ... Nenne mich anders ... Nenne mich, wie Du gern
möcht'st.

Loth. Liebste! ............

   Das Spiel mit dem Küssetauschen und sich gegenseitig Betrachten
   wiederholt sich.

Helene (von Loth's Armen fest umschlungen, ihren Kopf an seiner Brust
mit verschleierten, glückseligen Augen, flüstert im Ueberschwang). Ach!
-- wie schön! Wie schön --!

Loth. So mit Dir sterben!

Helene (mit Inbrunst). Leben! ... (Sie löst sich aus seinen Armen.)
Warum denn jetzt sterben? .... jetzt ...

Loth. Das mußt Du nicht falsch auffassen. Von jeher berausche ich mich
... besonders in glücklichen Momenten berausche ich mich in dem
Bewußtsein, es in der Hand zu haben, weißt Du!

Helene. Den Tod in der Hand zu haben?

Loth (ohne jede Sentimentalität). Ja! und so hat er gar nichts
Grausiges, im Gegentheil, so etwas Freundschaftliches hat er für mich.
Man ruft und weiß bestimmt, daß er kommt. Man kann sich dadurch über
alles Mögliche hinwegheben, Vergangenes -- und Zukünftiges ....
(Helenen's Hand betrachtend.) Du hast eine so wunderhübsche Hand. (Er
streichelt sie.)

Helene. Ach ja! -- so ..... (Sie drückt sich auf's Neue in seine Arme.)

Loth. Nein, weißt Du! ich hab' nicht gelebt! ... bisher nicht!

Helene. Denkst Du ich? ... Mir ist fast taumelig ..... taumelig bin ich
vor Glück. Gott! wie ist das -- nur so auf einmal .....

Loth. Ja, so auf _ein--mal_ ...

Helene. Hör' mal! so ist mir: die ganze Zeit meines Lebens -- ein Tag!
-- gestern und heut -- ein Jahr! gelt?

Loth. Erst gestern bin ich gekommen?

Helene. Ganz gewiß! -- eben! -- natürlich! .... Ach, ach! Du weißt es
nicht mal!

Loth. Es kommt mir wahrhaftig auch vor .......

Helene. Nicht --? Wie 'n ganzes, geschlagnes Jahr! -- Nicht --? (Halb
aufspringend.) Wart' ....! -- Kommt -- da nicht .... (Sie rücken aus
einander.) .... Ach! es ist mir auch -- egal. Ich bin jetzt -- so
muthig. (Sie bleibt sitzen und muntert Loth mit einem Blick auf näher zu
rücken, was dieser sogleich thut.)

Helene (in Loth's Armen). ... Du! -- Was thun wir denn nu zuerst?

Loth. Deine Stiefmutter würde mich wohl -- abweisen.

Helene. Ach, meine Stiefmutter .... das wird wohl gar nicht .... gar
nichts geht's die an! Ich mache, was ich will ..... Ich hab mein
mütterliches Erbtheil, mußt Du wissen.

Loth. Deshalb meinst Du .....

Helene. Ich bin majorenn. Vater muß mir's auszahlen.

Loth. Du stehst wohl nicht gut -- mit allen hier? -- Wohin ist denn Dein
Vater verreist?

Helene. Verr... Du hast ...? Ach, Du hast Vater noch nicht gesehen?

Loth. Nein! Hoffmann sagte mir ....

Helene. Doch! ... hast Du ihn schon einmal gesehen.

Loth. Ich wüßte nicht! ... Wo denn, Liebste?

Helene. Ich ... (Sie bricht in Thränen aus.) Nein, ich kann -- kann
Dir's noch nicht sagen .... zu furchtbar schrecklich ist das.

Loth. Furchtbar schrecklich? Aber Helene! ist denn Deinem Vater etwas
...

Helene. Ach! -- frag' mich nicht! Jetzt nicht! Später!

Loth. Was Du mir nicht freiwillig sagen willst, danach werde ich Dich
auch gewiß nicht mehr fragen ... Sieh mal, was das Geld anlangt ... im
schlimmsten Falle .... ich verdiene ja mit dem Artikelschreiben nicht
gerade überflüssig viel, aber ich denke, es müßte am Ende für uns beide
ganz leidlich hinreichen.

Helene. Und ich würde doch auch nicht müßig sein. Aber besser ist
besser. Das Erbtheil ist vollauf genug -- Und Du sollst Deine Aufgabe
.... nein, die sollst Du unter keiner Bedingung aufgeben, jetzt erst
recht ....! jetzt sollst Du erst recht die Hände frei bekommen.

Loth (sie innig küssend). Liebes, edles Geschöpf! ......

Helene. Hast Du mich wirklich lieb ...? ... Wirklich? ... wirklich?

Loth. Wirklich.

Helene. Sag hundert Mal wirklich?

Loth. Wirklich, wirklich und wahrhaftig.

Helene. Ach, weißt Du! Du schummelst!

Loth. Das wahrhaftig gilt hundert wirklich.

Helene. So!? wohl in Berlin?

Loth. Nein, eben in Witzdorf.

Helene. Ach, Du! ... Sieh meinen kleinen Finger und lache nicht.

Loth. Gern.

Helene. Hast Du au--ßer Dei--ner er--sten Braut noch andere ge....? Du!
Du lachst.

Loth. Ich will Dir was im Ernst sagen, Liebste, ich halte es für meine
Pflicht .... Ich habe mit einer großen Anzahl Frauen ...

Helene (schnell und heftig auffahrend, drückt ihm den Mund zu). Um Gott
...! sag' mir das einmal -- später -- wenn wir alt sind .... nach Jahren
-- wenn ich Dir sagen werde: jetzt -- hörst Du! nicht eher.

Loth. Gut! wie Du willst.

Helene. Lieber was Schönes jetzt! ... Paß auf: sprich mir mal das nach:

Loth. Was?

Helene. »Ich hab' Dich --

Loth. »Ich hab' Dich --

Helene. »und nur immer Dich --

Loth. »und nur immer Dich --

Helene. »geliebt -- geliebt Zeit meines Lebens --

Loth. »geliebt -- geliebt Zeit meines Lebens --

Helene. »und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben.«

Loth. »und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben,« und das ist
wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.

Helene (freudig). Das hab ich nicht gesagt.

Loth. Aber ich. (Küsse.) ...

Helene (summt ganz leise). Du, Du liegst mir im Her--zen ....

Loth. Jetzt sollst Du auch beichten.

Helene. Alles, was Du willst.

Loth. Beichte! Bin ich der erste?

Helene. Nein.

Loth. Wer?

Helene (übermüthig herauslachend). Koahl-Willem.

Loth (lachend). Wer noch?

Helene. Ach nein! weiter ist es wirklich Keiner. Du mußt mir glauben ...
Wirklich nicht. Warum sollte ich denn lügen ...?

Loth. Also doch noch Jemand?

Helene (heftig). Bitte, bitte, bitte, bitte, frag' mich jetzt nicht
darum. (Versteckt das Gesicht in den Händen, weint scheinbar ganz
unvermittelt.)

Loth. Aber ..... aber Lenchen! ich dringe ja durchaus nicht in Dich.

Helene. Später! alles, alles später.

Loth. Wie gesagt, Liebste ....

Helene. S' war Jemand -- mußt Du wissen -- den ich, ... weil ... weil er
unter schlechten mir weniger schlecht vorkam. Jetzt ist das ganz anders.
(Weinend an Loth's Halse, stürmisch.) Ach, wenn ich doch gar nicht mehr
von Dir fort müßte! Am liebsten ginge ich gleich auf der Stelle mit Dir.

Loth. Du hast es wohl sehr schlimm hier im Hause?

Helene. Ach, Du! -- Es ist ganz entsetzlich, wie es hier zugeht; ein
Leben wie -- das ..... wie das liebe Vieh, -- ich wäre darin umgekommen
ohne Dich -- mich schaudert's!

Loth. Ich glaube, es würde dich beruhigen, wenn Du mir alles offen
sagtest, Liebste!

Helene. Ja freilich! aber -- ich bring's nicht über mich. Jetzt nicht
..... jetzt noch nicht! -- Ich fürcht' mich förmlich.

Loth. Du warst in der Pension?

Helene. Die Mutter hat es bestimmt -- auf dem Sterbebett noch.

Loth. Auch Deine Schwester war ....?

Helene. Nein! -- die war immer zu Hause ... Und als ich dann nun vor
vier Jahren wiederkam, da fand ich -- einen Vater -- der .... eine
Stiefmutter -- die .... eine Schwester ... rath mal, was ich meine!

Loth. Deine Stiefmutter ist zänkisch. -- Nicht? -- Vielleicht
eifersüchtig? -- lieblos?

Helene. Der Vater ....?

Loth. Nun! -- der wird aller Wahrscheinlichkeit nach in ihr Horn blasen.
-- Tyrannisirt sie ihn vielleicht?

Helene. Wenn's _weiter_ nichts wär ... Nein! ... es ist zu entsetzlich!
-- Du kannst nicht darauf kommen -- daß .... daß _der_ -- mein Vater
.... daß es mein Vater war -- den -- Du ....

Loth. Weine nur nicht, Lenchen! .... siehst Du -- nun möcht ich beinah
ernstlich darauf dringen, daß Du mir ...

Helene. Nein! es geht nicht! Ich habe noch nicht die Kraft -- es -- Dir
....

Loth. Du reibst Dich auf, so.

Helene. Ich schäme mich zu bodenlos! -- Du ... Du wirst mich fortstoßen,
fortjagen ....! Es ist über alle Begriffe .... Ekelhaft ist es!

Loth. Lenchen, Du kennst mich nicht -- sonst würd'st Du mir so etwas
nicht zutrauen. -- Fortstoßen! fortjagen! Komme ich Dir denn wirklich so
brutal vor?

Helene. Schwager Hoffmann sagte: Du würdest -- kaltblütig .... Ach nein!
nein! nein! das thust Du doch nicht! gelt? -- Du schreitest nicht über
mich weg? thu es nicht!! -- Ich weiß nicht -- was -- dann noch aus --
mir werden sollte.

Loth. Ja, aber das ist ja Unsinn! Ich hätte ja gar keinen Grund dazu.

Helene. Also Du hältst es doch für möglich?!

Loth. Nein! -- eben _nicht_.

Helene. Aber wenn Du Dir einen Grund ausdenken kannst.

Loth. Es gäbe allerdings Gründe, aber -- die stehen nicht in Frage.

Helene. Und solche Gründe?

Loth. Nur, wer mich zum Verräther meiner selbst machen wollte, über den
müßte ich hinweggehen.

Helene. Das will ich gewiß nicht -- aber ich werde halt das Gefühl nicht
los.

Loth. Was für ein Gefühl, Liebste?

Helene. Es kommt vielleicht daher: ich bin so dumm! -- Ich hab' gar
nichts in mir. Ich weiß nicht mal, was das ist, Grundsätze. -- Gelt? das
ist doch schrecklich. Ich lieb' Dich nur so einfach! -- aber Du bist so
gut, so groß -- und hast so viel in Dir. Ich habe solche Angst, Du
könntest doch noch mal merken -- wenn ich was Dummes sage -- oder mache
-- daß es doch nicht geht, .... daß ich doch viel zu einfältig für Dich
bin .... Ich bin wirklich schlecht und dumm wie Bohnenstroh.

Loth. Was soll ich dazu sagen?! Du bist mir alles in allem! Alles in
allem bist Du mir! Mehr weiß ich nicht.

Helene. Und gesund bin ich ja auch .....

Loth. Sag' mal! sind Deine Eltern gesund?

Helene. Ja, das wohl! das heißt: die Mutter ist am Kindbettfieber
gestorben. Vater ist noch gesund; er muß sogar eine sehr starke Natur
haben. Aber ....

Loth. Na! -- siehst Du; also ...

Helene. Und wenn die Eltern nun nicht gesund wären --?

Loth (küßt Helene). Sie sind's ja doch, Lenchen.

Helene. Aber wenn sie es nicht wären --?

   _Frau Krause_ stößt ein Wohnhausfenster auf und ruft in den Hof.

Frau Krause. Ihr Madel! Ihr Maa..del!!

Liese (aus dem Kuhstall). Frau Krausen!?

Frau Krause. Renn' zur Müllern! S' giht luus!

Liese. Wa--a, zur Hebomme Millern, meen' Se?

Frau Krause. Na? lei'st uff a Uhr'n? (Sie schlägt das Fenster zu.)

   Liese rennt in den Stall und dann mit einem Tüchelchen um den
   Kopf zum Hofe hinaus. Frau Spiller erscheint in der Hausthür.

Frau Spiller (ruft). Fräulein Helene! ... Gnädiges Fräulein Helene!

Helene. Was nur da los sein mag?

Frau Spiller (sich der Laube nähernd). Fräulein Helene.

Helene. Ach! das wird's sein! -- die Schwester. Geh fort! da herum.
(Loth schnell links vorn ab. Helene tritt aus der Laube.)

Frau Spiller. Fräulein .....! Ach da sind Sie endlich.

Helene. Was is denn?

Frau Spiller. Aach -- m -- bei Frau Schwester (flüstert ihr etwas in's
Ohr) -- m -- m --

Helene. Mein Schwager hat anbefohlen, für den Fall sofort nach dem Arzt
zu schicken.

Frau Spiller. Gnädiges Fräulein -- m -- sie will doch aber -- m -- will
doch aber keinen Arzt -- m -- Die Aerzte, aach die -- m -- Aerzte! -- m
-- mit Gottes Beistand ...

                      Miele kommt aus dem Hause.

Helene. Miele! gehen Sie augenblicklich zum Dr. Schimmelpfennig.

Frau Spiller. Aber Fräulein ...

Frau Krause (aus dem Fenster, gebieterisch). Miele! Du kimmst ruff!

Helene (ebenso). Sie gehen zum Arzt, Miele. (Miele zieht sich in's Haus
zurück.) Nun, dann will ich selbst .... (Sie geht in's Haus und kommt,
den Strohhut am Arm, sogleich zurück.)

Frau Spiller. Dann -- m -- wird es schlimm. Wenn Sie den Arzt holen -- m
-- gnädiges Fräulein, dann -- m -- wird es gewiß schlimm.

   Helene geht an ihr vorüber. _Frau Spiller_ zieht sich
   kopfschüttelnd ins Haus zurück. Als Helene in die Hofeinfahrt
   biegt steht Kahl am Grenzzaun.

Kahl (ruft Helenen zu). Woas iis denn bei Eich luus?

(Helene hält im Lauf nicht inne, noch würdigt sie Kahl eines Blickes
oder einer Antwort.)

Kahl (lachend). Ihr ha't wull Schweinschlachta?



                             Fünfter Akt.


   Das Zimmer wie im ersten Akt. Zeit: gegen 2 Uhr Nachts. Im Zimmer
   herrscht Dunkelheit. Durch die offene Mittelthür dringt Licht aus
   dem erleuchteten Hausflur. Deutlich beleuchtet ist auch noch die
   Holztreppe in dem ersten Stock. Alles in diesem Akt -- bis auf
   wenige Ausnahmen -- wird in einem gedämpften Tone gesprochen.

   Eduard mit Licht tritt durch die Mittelthür ein. Er entzündet die
   Hängelampe über dem Ecktisch (Gasbeleuchtung). Als er damit
   beschäftigt ist, kommt Loth ebenfalls durch die Mittelthür.

Eduard. Ja ja! -- bei _die_ Zucht ... 't muß reen unmenschen meglich
sint, een Oge zuzuthun.

Loth. Ich wollte nicht mal schlafen. Ich habe geschrieben.

Eduard. Ach wat! (Er steckt an.) So! -- na jewiß! -- et mag ja woll
schwer jenug sin .... Wünschen der Herr Doktor vielleicht Dinte und
Feder?

Loth. Am Ende ... wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Eduard.

Eduard, (indem er Dinte und Feder auf den Tisch setzt). Ick menn all
immer, was 'n ehrlicher Mann is, der muß Haut und Knochen dransetzen um
jeden lumpichten Jroschen. Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. --
(Immer vertraulicher.) Aber _die_ Nation hier, die duht reen jar nischt;
so'n faules, nichtsnutziges Pack, so'n ... Der Herr Doktor mussen jewiß
ooch all dichtig in't Zeuch jehn, um det bisken Lebens_unterhalt_ wie
alle ehrlichen Leute.

Loth. Wünschte, ich brauchte es nicht!

Eduard. Na, wat meen' Se woll! ick ooch!

Loth. Fräulein Helene ist wohl bei ihrer Schwester?

Eduard. Allet wat wahr is: d' is 'n jutes Mä'chen! jeht ihr nich von der
Seite.

Loth (sieht auf die Uhr). Um 11 Uhr früh begannen die Wehen. Sie dauern
also ... fünfzehn Stunden dauern sie jetzt bereits. -- Fünfzehn lange
Stunden --!

Eduard. Weeß Jott! -- und det benimen se nu 't schwache Jeschlecht --
sie jappt aber ooch man nur noch so.

Loth. Herr Hoffmann ist auch oben!?

Eduard. Und ick sag Ihnen, 't reene Weib.

Loth. Das mit anzusehen ist wohl auch keine Kleinigkeit.

Eduard. I! nu! det will ick meenen! Na! eben is Doktor Schimmelpfennig
zujekommen. Det is 'n Mann, sag ick Ihnen: jrob wie 'ne Sackstrippe,
aber -- Zucker is 'n dummer Junge dajejen. Sagen Sie man bloß, wat it
aus det olle Berlin .... (Er unterbricht sich mit einem) Jott Strambach!
(da Hoffmann und der Doktor die Treppe herunter kommen).

         _Hoffmann_ und _Doktor Schimmelpfennig_ treten ein.

Hoffmann. Jetzt -- bleiben Sie doch wohl bei uns.

Dr. Schimmelpfennig. Ja! jetzt werde ich hier bleiben.

Hoffmann. Das ist mir eine große, große Beruhigung. -- Ein Glas Wein
...? Sie trinken doch ein Glas Wein, Herr Doktor!?

Dr. Schimmelpfennig. Wenn Sie etwas thun wollen, dann lassen Sie mir
schon lieber eine Tasse Kaffee brauen.

Hoffmann. Mit Vergnügen. -- Eduard! Kaffee für Herrn Doktor! (Eduard
ab.) Sie sind .....? Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf?

Dr. Schimmelpfennig. So lange Ihre Frau Kraft behält, ist jedenfalls
directe Gefahr nicht vorhanden. Warum haben Sie übrigens die junge
Hebamme nicht zugezogen? Ich hatte Ihnen doch eine empfohlen, so viel
ich weiß.

Hoffmann. Meine Schwiegermama ... was soll man machen? Wenn ich ehrlich
sein soll: auch meine Frau hatte kein Vertrauen zu der jungen Person.

Dr. Schimmelpfennig. Und zu diesem fossilen Gespenst haben Ihre Damen
Vertrauen?! Wohl bekomms! -- Sie möchten gern wieder hinauf?

Hoffmann. Ehrlich gesagt: ich habe nicht viel Ruhe hier unten.

Dr. Schimmelpfennig. Besser wär's freilich, Sie gingen irgend wohin, aus
dem Hause.

Hoffmann. Beim besten Willen das .... ach, Loth! da bist Du ja auch
noch. (Loth erhebt sich von dem Sopha im dunklen Vordergrunde und geht
auf die beiden zu.)

Dr. Schimmelpfennig (aufs Aeußerste überrascht). Donnerwetter!

Loth. Ich hörte schon, daß Du hier seist. Morgen hätte ich Dich
unbedingt aufgesucht.

   Beide schütteln sich tüchtig die Hände. Hoffmann benutzt den
   Augenblick, am Buffet schnell ein Glas Cognac hinunterzuspülen,
   darauf dann sich auf den Zehen hinaus und die Holztreppe hinauf
   zu schleichen.

   Das Gespräch der beiden Freunde steht am Anfang unverkennbar
   unter dem Einfluß einer gewissen leisen Zurückhaltung.

Dr. Schimmelpfennig. Du hast also wohl ... hahaha die alte, dumme
Geschichte vergessen? (Er legt Hut und Stock bei Seite.)

Loth. Längst vergessen, Schimmel!

Dr. Schimmelpfennig. Na, ich auch! das kannst Du Dir denken. -- (Sie
schütteln sich nochmals die Hände.) Ich habe in dem Nest hier so wenig
freudige Ueberraschungen gehabt, daß mir die Sache ganz curios vorkommt.
Merkwürdig! Gerade hier treffen wir uns. -- Merkwürdig!

Loth. Rein verschollen bist Du ja, Schimmel! Hätte Dich sonst längst mal
umgestoßen.

Dr. Schimmelpfennig. Unter Wasser gegangen wie ein Seehund.
Tiefseeforschungen gemacht. In anderthalb Jahren etwa hoffe ich wieder
aufzutauchen. Man muß materiell unabhängig sein, wissen Sie ... weißt
Du! wenn man etwas Brauchbares leisten will.

Loth. Also Du machst _auch_ Geld hier?

Dr. Schimmelpfennig. Natürlicherweise und zwar so viel als möglich. Was
sollte man hier auch anderes thun?

Loth. Du hätt'st doch mal was von Dir hören lassen sollen.

Dr. Schimmelpfennig. Erlauben Sie ... erlaube, hätte ich von mir was
hören lassen, dann hätte ich von Euch was wieder gehört, und ich wollte
durchaus nichts hören. Nichts, -- gar nichts, das hätte mich höchstens
von meiner Goldwäscherei abhalten können.

         Beide gehen langsamen Schritts auf und ab im Zimmer.

Loth. Na ja -- Du kannst Dich dann aber auch nicht wundern, daß sie ...
nämlich ich muß Dir sagen, sie haben Dich eigentlich alle, durch die
Bank, aufgegeben.

Dr. Schimmelpfennig. Sieht ihnen ähnlich. -- Bande! -- sollen schon was
merken.

Loth. Schimmel, genannt: das Rauhbein!

Dr. Schimmelpfennig. Du solltest nur sechs Jahre unter diesen Bauern
gelebt haben. Himmelhunde alle miteinander.

Loth. Das kann ich mir denken. -- Wie bist Du denn gerade nach Witzdorf
gekommen?

Dr. Schimmelpfennig. Wie's so geht. Damals mußte ich doch auskneifen,
von Jena weg.

Loth. War das vor meinem Reinfall?

Dr. Schimmelpfennig. Ja wohl. Kurze Zeit nachdem wir unser Zusammenleben
aufgesteckt hatten. In Zürich legte ich mich dann auf die Medicinerei,
zunächst um etwas für den Nothfall zu haben; dann fing aber die Sache an
mich zu interessiren, und jetzt bin ich mit Leib und Seele Medicus.

Loth. Und hierher ...? Wie kamst Du hier her?

Dr. Schimmelpfennig. Ach so! -- einfach! Als ich fertig war, da sagte
ich mir: nun vor allen Dingen einen hinreichenden Haufen Kies. Ich
dachte an Amerika, Süd- und Nord-Amerika, an Afrika, Australien, die
Sundainseln .... am Ende fiel mir ein, daß mein Knabenstreich ja
mittlerweile verjährt war; da habe ich mich denn entschlossen in die
Mausefalle zurückzukriechen.

Loth. Und Dein Schweizer-Examen?

Dr. Schimmelpfennig. Ich mußte eben die Geschichte hier noch mal über
mich ergehen lassen.

Loth. Du hast also das Staatsexamen zwei Mal gemacht, Kerl!?

Dr. Schimmelpfennig. Ja! -- Schließlich habe ich dann glücklicherweise
diese fette Weide hier ausfindig gemacht.

Loth. Du bist zähe, zum Beneiden.

Dr. Schimmelpfennig. Wenn man nur nicht plötzlich mal zusammenklappt. --
Na! schließlich ist's auch kein Unglück.

Loth. Hast Du denn 'ne große Praxis?

Dr. Schimmelpfennig. Ja! Mitunter komme ich erst um fünf Uhr früh zu
Bett. Um sieben Uhr fängt dann bereits wieder meine Sprechstunde an.

                   Eduard kommt und bringt Kaffee.

Dr. Schimmelpfennig, (indem er sich am Tisch niederläßt, zu Eduard).
Danke Eduard! -- (Zu Loth.) Kaffee saufe ich ... unheimlich.

Loth. Du solltest das lieber lassen mit dem Kaffee.

Dr. Schimmelpfennig. Was soll man machen?! (Er nimmt kleine Schlucke.)
Wie gesagt -- ein Jahr noch, dann -- hört's auf ... hoffentlich
wenigstens.

Loth. Willst Du dann gar nicht mehr practiciren?

Dr. Schimmelpfennig. Glaube nicht. Nein ... nicht mehr. (Er schiebt das
Tablette mit dem Kaffeegeschirr zurück, wischt sich den Mund.) Uebrigens
-- zeig' mal Deine Hand. (Loth hält ihm beide Hände hin.) Nein? -- keine
Dalekarlierin heimgeführt? -- Keine gefunden, wie? .... Wolltest doch
immer so 'n Ur- und Kernweib von wegen des gesunden Blutes. Hast
übrigens recht: wenn schon, denn schon ... oder nimmst Du's in dieser
Beziehung etwa nicht mehr so genau?

Loth. Na ob ...! und wie!

Dr. Schimmelpfennig. Ach, wenn die Bauern hier doch auch solche Ideen
hätten. Damit sieht's aber jämmerlich aus, sage ich Dir, Degeneration
auf der ganzen ... (Er hat seine Cigarrentasche halb aus der Brusttasche
gezogen, läßt sie aber wieder zurückgleiten und steht auf, als irgend
ein Laut durch die nur angelehnte Hausflurthür hereindringt.) Wart' mal!
(Er geht auf den Zehen bis zur Hausflurthür und horcht. Eine Thür geht
draußen, man hört einige Augenblicke deutlich das Wimmern der Wöchnerin.
Der Doktor sagt, zu Loth gewandt, leise:) Entschuldige! (und geht
hinaus).

   Einige Augenblicke durchmißt Loth, während draußen Thüren
   schlagen, Menschen die Treppe auf- und ablaufen, das Zimmer; dann
   setzt er sich in den Lehnsessel rechts vorn. Helene huscht herein
   und umschlingt Loth, der ihr Kommen nicht bemerkt hat, von
   rückwärts.

Loth (sich umblickend, sie ebenfalls umfassend). Lenchen!! (Er zieht sie
zu sich herunter und trotz gelinden Sträubens auf sein Knie. Helene
weint unter den Küssen, die er ihr giebt.) Ach, weine doch nicht,
Lenchen! Warum weinst Du denn so sehr?

Helene. Warum? weiß ich's?! .... Ich denk immer, ich treff' Dich nicht
mehr. Vorhin habe ich mich so erschrocken ....

Loth. Weshalb denn?

Helene. Weil ich Dich aus Deinem Zimmer treten hörte -- Ach! ... und die
Schwester -- wir armen, armen Weiber! -- die muß zu sehr ausstehen.

Loth. Der Schmerz vergißt sich schnell und auf den Tod geht's ja nicht.

Helene. Ach, Du! sie wünscht sich ihn ja ... sie jammert nur immer so:
laß mich doch sterben ... Der Doktor! (Sie springt auf und huscht in den
Wintergarten.)

Dr. Schimmelpfennig (im Hereintreten). Nun wünschte ich wirklich, daß
sich das Frauchen da oben 'n bissel beeilte! (Er läßt sich am Tisch
nieder, zieht neuerdings die Cigarrentasche, entnimmt ihr eine Cigarre
und legt diese neben sich.) Du kommst mit zu mir dann, wie? -- hab'
draußen so 'n nothwendiges Uebel mit zwei Gäulen davor, da können wir
drin zu mir fahren. (Seine Cigarre an der Tischkante klopfend.) Der süße
Ehestand! ja, ja! (Ein Zündholz anstreichend.) Also noch frisch, frei,
fromm, froh?

Loth. Hättest noch gut ein Paar Tage warten können mit Deiner Frage.

Dr. Schimmelpfennig (bereits mit brennender Cigarre). Wie? ... ach ...
ach so! -- (lachend) -- also endlich doch auf meine Sprünge gekommen.

Loth. Bist Du wirklich noch so entsetzlich pessimistisch in Bezug auf
Weiber?

Dr. Schimmelpfennig. Ent--setzlich!! (Dem Rauch seiner Cigarre
nachblickend.) Früher war ich Pessimist -- so zu sagen ahnungsweise ...

Loth. Hast Du denn inzwischen so besondere Erfahrungen gemacht?

Dr. Schimmelpfennig. Ja, allerdings! -- Auf meinem Schilde steht
nämlich: Specialist für Frauenkrankheiten. -- Die medicinische Praxis
macht nämlich furchtbar klug ... furchtbar -- gesund, ... ist Specificum
gegen ... allerlei Staupen!

Loth (lacht). Na, da könnten wir ja gleich wieder in der alten Tonart
anfangen. Ich hab' nämlich ... ich bin nämlich keineswegs auf Deine
Sprünge gekommen. Jetzt weniger als je! ... Auf diese Weise hast Du wohl
auch Dein Steckenpferd vertauscht?

Dr. Schimmelpfennig. Steckenpferd?

Loth. Die Frauenfrage war doch zu damaliger Zeit gewissermaßen Dein
Steckenpferd!

Dr. Schimmelpfennig. Ach so! -- Warum sollte ich es vertauscht haben?

Loth. Wenn Du über die Weiber noch schlechter denkst, als ...

Dr. Schimmelpfennig (ein wenig in Harnisch, erhebt sich und geht hin und
her, dabei spricht er). Ich -- denke nicht schlecht von den Weibern. --
Kein Bein! -- Nur über das Heirathen denke ich schlecht ... über die Ehe
... über die Ehe, und dann höchstens noch über die Männer denke ich
schlecht ... Die Frauenfrage soll mich nicht mehr interessiren? Ja,
weshalb hätte ich denn sonst sechs lange Jahre hier wie 'n Lastpferd
gearbeitet? Doch nur um alle meine verfügbaren Kräfte endlich mal ganz
der Lösung dieser Frage zu widmen. Wußtest Du denn das nicht von Anfang
an?

Loth. Wo hätte ich's denn _her_ wissen sollen?

Dr. Schimmelpfennig. Na, wie gesagt ... ich hab auch schon ein ziemlich
ausgiebiges Material gesammelt, das mir gute Dienste leisten ... bsst!
ich hab' mir das Schreien so angewöhnt. (Er schweigt, horcht, geht zur
Thür und kommt zurück.) Was hat _Dich_ denn eigentlich unter die
Goldbauern geführt?

Loth. Ich möchte die hiesigen Verhältnisse studiren.

Dr. Schimmelpfennig (mit gedämpfter Stimme). Idee! (Noch leiser.) Da
kannst Du bei mir auch Material bekommen.

Loth. Freilich, Du mußt ja sehr unterrichtet sein über die Zustände
hier. Wie sieht es denn so in den Familien aus?

Dr. Schimmelpfennig. E--lend! ..... durchgängig ... Suff! Völlerei,
Inzucht und in Folge davon -- Degenerationen auf der ganzen Linie.

Loth. Mit Ausnahmen doch!?

Dr. Schimmelpfennig. Kaum!

Loth (unruhig). Bist Du denn nicht zuweilen in ... in Versuchung
gerathen eine ... eine Witzdorfer Goldtochter zu heirathen?

Dr. Schimmelpfennig. Pfui Teufel! Kerl, für was hältst Du mich? --
Ebenso könntest Du mich fragen, ob ich ...

Loth (sehr bleich). Wie... wieso?

Dr. Schimmelpfennig. Weil ... Ist Dir was? (Er fixirt ihn einige
Augenblicke.)

Loth. Gar nichts! Was soll mir denn sein?

Dr. Schimmelpfennig (ist plötzlich sehr nachdenklich, geht und steht jäh
und mit einem leisen Pfiff still, blickt Loth abermals flüchtig an und
sagt dann halblaut zu sich selbst). Schlimm!

Loth. Du bist ja so sonderbar plötzlich.

Dr. Schimmelpfennig. Still! (Er horcht auf und verläßt dann schnell das
Zimmer durch die Mittelthür.)

Helene (nach einigen Augenblicken durch die Mittelthür; sie ruft).
Alfred! -- Alfred! ... Ach da bist Du -- Gott sei Dank!

Loth. Nun, ich sollte wohl am Ende gar fortgelaufen sein? (Umarmung.)

Helene (biegt sich zurück. Mit unverkennbarem Schrecken im Ausdruck.)
Alfred!

Loth. Was denn, Liebste?

Helene. Nichts, nichts!

Loth. Aber Du mußt doch was haben?

Helene. Du kamst mir so ... so kalt ... Ach, ich hab' solche schrecklich
dumme Einbildungen.

Loth. Wie stehts's denn oben?

Helene. Der Doktor zankt mit der Hebamme.

Loth. Wird's nicht bald zu Ende gehen?

Helene. Weiß ich's? -- Aber wenn's ... wenn's zu Ende ist, meine ich,
dann ...

Loth. Was dann? .... Sag' doch, bitte! was wolltest Du sagen?

Helene. Dann sollten wir bald von hier fortgehen. Gleich! Auf der
Stelle!

Loth. Wenn Du das wirklich für das Beste hältst, Lenchen --

Helene. Ja, ja! wir dürfen nicht warten! Es ist das Beste -- für Dich
und mich. Wenn Du mich nicht jetzt bald nimmst, dann läßt Du mich heilig
noch sitzen, und dann ... dann ... muß ich doch noch zu Grunde gehen.

Loth. Wie Du doch mißtrauisch bist, Lenchen!

Helene. Sag' das nicht, Liebster! Dir traut man, Dir muß man trauen!
.... Wenn ich erst Dein bin, dann ... Du verläßt mich dann ganz gewiß
nicht mehr. (Wie außer sich.) Ich beschwöre Dich! geh nicht fort! Verlaß
mich doch nur nicht. Geh -- nicht fort, Alfred! Alles ist aus, alles,
wenn Du einmal ohne mich von hier fortgehst.

Loth. Merkwürdig bist Du doch! .... Und da willst Du nicht mißtrauisch
sein? ... Oder sie plagen Dich, martern Dich hier ganz entsetzlich, mehr
als ich mir je .... Jedenfalls gehen wir aber noch diese Nacht. Ich bin
bereit. Sobald Du willst, gehen wir also.

Helene (gleichsam mit aufjauchzendem Dank ihm um den Hals fallend).
Geliebter! (Sie küßt ihn wie rasend und eilt schnell davon.)

   Dr. Schimmelpfennig tritt durch die Mitte ein, er bemerkt noch, wie
   Helene in der Wintergartenthür verschwindet.

Dr. Schimmelpfennig. Wer war das? -- Ach so! (In sich hinein.) Armes
Ding! (Er läßt sich mit einem Seufzer am Tisch nieder, findet die alte
Cigarre, wirft sie bei Seite, entnimmt dem Etui eine frische Cigarre und
fängt an, sie an der Tischkante zu klopfen, wobei er nachdenklich
darüber hinausstarrt.)

Loth, (der ihm zuschaut). Genau so pflegtest Du vor acht Jahren jede
Cigarre abzuklopfen, eh' Du zu rauchen anfingst.

Dr. Schimmelpfennig. Möglich --! (Als er mit Anrauchen fertig ist.) Hör'
mal, Du!

Loth. Ja, was denn?

Dr. Schimmelpfennig. Du wirst doch -- so bald die Geschichte oben
vorüber ist, mit zu mir kommen?

Loth. Das geht wirklich nicht! Leider.

Dr. Schimmelpfennig. Man hat so das Bedürfniß, sich mal wieder gründlich
von der Leber weg zu äußern.

Loth. Das hab ich so genau wie Du. Aber gerade daraus kannst Du sehen,
daß es heut absolut nicht in meiner Macht steht, mit Dir ....

Dr. Schimmelpfennig. Wenn ich Dir nun aber ausdrücklich und --
gewissermaßen feierlich erkläre: es ist eine bestimmte, äußerst wichtige
Angelegenheit, die ich mit Dir noch diese Nacht besprechen möchte ....
besprechen muß sogar, Loth!

Loth. Curios! Für blutigen Ernst soll ich doch das nicht etwa
hinnehmen?! Doch wohl nicht? -- So viel Jahre hätt'st Du damit gewartet
und nun hätte es nicht einen Tag mehr Zeit damit? -- Du kannst Dir doch
wohl denken, daß ich Dir keine Flausen vormache.

Dr. Schimmelpfennig. Also hat's doch seine Richtigkeit! (Er steht auf
und geht umher.)

Loth. Was hat seine Richtigkeit?

Dr. Schimmelpfennig, (vor Loth still stehend, mit einem geraden Blick in
seine Augen). Es ist also wirklich etwas im Gange zwischen Dir und
Helene Krause?

Loth. Ich? -- Wer hat Dir denn ...?

Dr. Schimmelpfennig. Wie bist Du nur in diese Familie ....?

Loth. Woher -- weißt Du denn das, Mensch?

Dr. Schimmelpfennig. Das war ja doch nicht schwer zu errathen.

Loth. Na, dann halt um Gottes Willen den Mund, daß nicht ....

Dr. Schimmelpfennig. Ihr seid also richtig verlobt?!

Loth. Wie man's nimmt. Jedenfalls sind wir beide einig.

Dr. Schimmelpfennig. Hm --! wie bist Du denn hier herein gerathen,
gerade in _diese_ Familie?

Loth. Hoffmann ist ja doch mein Schulfreund. Er war auch Mitglied --
auswärtiges allerdings -- Mitglied meines Colonial-Vereins.

Dr. Schimmelpfennig. Von der Sache hörte ich in Zürich. -- Also mit Dir
ist er umgegangen! Auf diese Weise wird mir der traurige Zwitter
erklärlich.

Loth. Ein Zwitter ist er allerdings.

Dr. Schimmelpfennig. Eigentlich nicht mal _das_. -- Ehrlich, Du! -- Ist
das wirklich Dein Ernst? -- die Geschichte mit der Krause?

Loth. Na, selbstverständlich! -- Zweifelst Du daran? Du wirst mich doch
nicht etwa für einen Schuft ...

Dr. Schimmelpfennig. Schon gut! Ereifere Dich nur nicht. Hättst Dich ja
verändert haben können während der langen Zeit. Warum nicht? Wär auch
gar kein Nachtheil! N' bissel Humor könnte Dir gar nicht schaden! Ich
seh' nicht ein, warum man alles so verflucht ernsthaft nehmen sollte.

Loth. Ernst ist es mir mehr als je. (Er erhebt sich und geht, immer ein
wenig zurück, neben Schimmelpfennig her.) Du kannst es ja nicht wissen,
auch sagen kann ich Dir's nicht mal, was dieses Verhältniß für mich
bedeutet.

Dr. Schimmelpfennig. Hm!

Loth. Kerl, Du hast keine Idee, was das für ein Zustand ist. Man kennt
ihn nicht, wenn man sich danach sehnt. Kennte man ihn, dann, dann müßte
man geradezu unsinnig werden vor Sehnsucht.

Dr. Schimmelpfennig. Das begreife der Teufel, wie Ihr zu dieser
unsinnigen Sehnsucht kommt.

Loth. Du bist auch noch nicht sicher davor.

Dr. Schimmelpfennig. Das möcht ich mal sehen.

Loth. Du redst wie der Blinde von der Farbe.

Dr. Schimmelpfennig. Was ich mir für das bischen Rausch koofe!
Lächerlich. Daraus eine lebenslängliche Ehe zu bauen .... da baut man
noch nicht mal so sicher als auf'n Sandhaufen.

Loth. Rausch -- Rausch -- wer von einem Rausch redet, -- na! der kennt
die Sache eben nicht. 'N Rausch ist flüchtig. Solche Räusche hab ich
schon gehabt, ich geb's zu. Aber _das_ ist was ganz Anderes.

Dr. Schimmelpfennig. Hm!

Loth. Ich bin dabei vollständig nüchtern. Denkst Du, daß ich meine
Liebste so -- na, wie soll ich sagen?! -- so mit 'ner -- na, wie soll
ich sagen?! mit ner großen Glorie sehe? Gar nicht! -- Sie hat Fehler,
ist auch nicht besonders schön, wenigstens -- na, häßlich ist sie auch
gerade nicht. Ganz objectiv geurtheilt, ich -- das ist ja schließlich
Geschmackssache -- ich hab' so'n hübsches Mädel noch nicht gesehen.
Also, Rausch -- Unsinn! Ich bin ja so nüchtern wie nur möglich. Aber,
siehst Du! _das_ ist eben das Merkwürdige: ich kann mich gar nicht mehr
ohne sie denken -- das kommt mir so vor wie 'ne Legirung, weißt Du, wie
wenn zwei Metalle so recht innig legirt sind, daß man gar nicht mehr
sagen kann, das ist _das_, das ist _das_. Und alles so furchtbar
selbstverständlich -- kurzum, ich quatsche vielleicht Unsinn -- oder was
ich sage, ist vielleicht in Deinen Augen Unsinn, aber so viel steht
fest: wer das nicht kennt, ist 'n erbärmlicher Frosch. Und so'n Frosch
war ich bisher -- und so'n Jammerfrosch bist Du noch.

Dr. Schimmelpfennig. Das ist ja richtig der ganze Symptomen-Complex. --
Daß Ihr Kerls doch immer bis über die Ohren in Dinge hineingerathet, die
Ihr theoretisch längst verworfen habt, wie zum Beispiel Du die Ehe. So
lange ich Dich kenne, laborirst Du an dieser unglückseligen Ehemanie.

Loth. Es ist Trieb bei mir, geradezu Trieb. Weiß Gott! mag ich mich
wenden, wie ich will.

Dr. Schimmelpfennig. Man kann schließlich auch einen Trieb
niederkämpfen.

Loth. Ja, wenn's 'n Zweck hat, warum nicht?

Dr. Schimmelpfennig. Hat's Heirathen etwa Zweck?

Loth. Das will ich meinen. Das hat Zweck! Bei mir hat es Zweck. Du weißt
nicht, wie ich mich durchgefressen hab' bis hierher. Ich mag nicht
sentimental werden. Ich hab's auch vielleicht nicht so gefühlt, es ist
mir vielleicht nicht ganz so klar bewußt geworden wie jetzt, daß ich in
meinem Streben etwas entsetzlich Ödes, gleichsam Maschinenmäßiges
angenommen hatte. Kein Geist, kein Temperament, kein Leben, ja wer weiß,
war noch Glauben in mir? Das alles kommt seit ... seit heut wieder in
mich gezogen. So merkwürdig voll, so ursprünglich, so fröhlich ...
Unsinn, Du capirst's ja doch nicht.

Dr. Schimmelpfennig. Was Ihr da alles nöthig habt, um flott zu bleiben,
Glaube, Liebe, Hoffnung. Für mich ist das Kram. Es ist eine ganz simple
Sache: die Menschheit liegt in der Agonie, und unser einer macht ihr mit
Narkoticis die Sache so erträglich als möglich.

Loth. Dein neuester Standpunkt?

Dr. Schimmelpfennig. Schon fünf bis sechs Jahre alt und immer derselbe.

Loth. Gratulire!

Dr. Schimmelpfennig. Danke!

                          Eine lange Pause.

Dr. Schimmelpfennig (nach einigen unruhigen Anläufen). Die Geschichte
ist leider die: ich halte mich für verpflichtet ... ich schulde Dir
unbedingt eine Aufklärung. Du wirst Helene Krause, glaub ich, nicht
heirathen können.

Loth (kalt). So, glaubst Du?

Dr. Schimmelpfennig. Ja, ich bin der Meinung. Es sind da Hindernisse
vorhanden, die gerade Dir ...

Loth. Hör' mal Du: mach' Dir darüber um Gottes Willen keine Scrupel. Die
Verhältnisse liegen auch gar nicht mal so complicirt, sind im Grunde
sogar furchtbar einfach.

Dr. Schimmelpfennig. Einfach _furchtbar_ solltest Du eher sagen.

Loth. Ich meine, was die Hindernisse anbetrifft.

Dr. Schimmelpfennig. Ich auch zum Theil. Aber auch überhaupt: ich kann
mir nicht denken, daß Du diese Verhältnisse hier kennen solltest.

Loth. Ich kenne sie aber doch ziemlich genau.

Dr. Schimmelpfennig. Dann mußt Du nothwendigerweise Deine Grundsätze
geändert haben.

Loth. Bitte, Schimmel, drück' Dich etwas deutlicher aus.

Dr. Schimmelpfennig. Du mußt unbedingt Deine Hauptforderung in Bezug auf
die Ehe fallen gelassen haben, obgleich Du vorhin durchblicken ließt, es
käme Dir nach wie vor darauf an, ein an Leib und Seele gesundes
Geschlecht in die Welt zu setzen.

Loth. Fallen gelassen? ... fallen gelassen? Wie soll ich denn das ...

Dr. Schimmelpfennig. Dann bleibt nichts übrig ... dann kennst Du eben
doch die Verhältnisse nicht. Dann weißt Du zum Beispiel nicht, daß
Hoffmann einen Sohn hatte, der mit drei Jahren bereits am Alkoholismus
zu Grunde ging.

Loth. Wa... was -- sagst Du?

Dr. Schimmelpfennig. S' thut mir leid, Loth, aber sagen muß ich Dir's
doch. Du kannst ja dann noch machen, was Du willst. Die Sache war kein
Spaß. Sie waren gerade wie jetzt zum Besuch hier. Sie ließen mich holen,
eine halbe Stunde zu spät. Der kleine Kerl hatte längst verblutet.

   Loth mit den Zeichen tiefer, furchtbarer Erschütterung an des
   Doktors Munde hängend.

Dr. Schimmelpfennig. Nach der Essigflasche hatte das dumme Kerlchen
gelangt in der Meinung, sein geliebter Fusel sei darin. Die Flasche war
herunter- und das Kind in die Scherben gefallen. Hier unten, siehst Du,
die _vena saphena_, die hatte es sich vollständig durchschnitten.

Loth. W... w...essen Kind sagst Du ...?

Dr. Schimmelpfennig. Hoffmann's und eben derselben Frau Kind, die da
oben wieder ... Und auch die trinkt, trinkt bis zur Besinnungslosigkeit,
trinkt, soviel sie bekommen kann.

Loth. Also von Hoffmann ... Hoffmann geht es nicht aus?!

Dr. Schimmelpfennig. Bewahre! Das ist tragisch an dem Menschen; er
leidet darunter, so viel er überhaupt leiden kann. Im Übrigen hat er's
gewußt, daß er in eine Potatorenfamilie hinein kam. Der Bauer nämlich
kommt überhaupt gar nicht mehr aus dem Wirthshaus.

Loth. Dann freilich -- begreife ich manches -- nein! Alles begreife ich
-- alles. (Nach einem dumpfen Schweigen.) Dann ist ihr Leben hier ...
Helenens Leben -- ein ... ein -- wie soll ich sagen?! mir fehlt der
Ausdruck dafür -- ... nicht?

Dr. Schimmelpfennig. Horrend geradezu! Das kann ich beurtheilen. Daß Du
bei ihr hängen bliebst, war mir auch von Anfang an sehr begreiflich.
Aber wie ges...

Loth. Schon gut! -- verstehe ... Thut denn ...? Könnte man nicht
vielleicht ... vielleicht könnte man Hoffmann bewegen etwas ... etwas zu
thun? Könntest Du nicht vielleicht -- ihn zu etwas bewegen? Man müßte
sie fortbringen aus dieser Sumpfluft.

Dr. Schimmelpfennig. Hoffmann?

Loth. Ja, Hoffmann.

Dr. Schimmelpfennig. Du kennst ihn schlecht ... Ich glaube zwar nicht,
daß er sie schon verdorben hat. Aber ihren Ruf hat er sicherlich _jetzt_
schon verdorben.

Loth (aufbrausend). Wenn das ist: ich schlag ihn ... Glaubst Du wirklich
...? hältst Du Hoffmann wirklich für fähig ...?

Dr. Schimmelpfennig. Zu allem, zu allem halte ich ihn fähig, wenn für
ihn ein Vergnügen dabei heraus springt.

Loth. Dann ist sie -- das keuscheste Geschöpf, was es giebt ...

   Loth nimmt langsam Hut und Stock und hängt sich ein Täschchen um.

Dr. Schimmelpfennig. Was gedenkst Du zu thun, Loth?

Loth. ... Nicht begegnen ...!

Dr. Schimmelpfennig. Du bist also entschlossen?

Loth. Wozu entschlossen?

Dr. Schimmelpfennig. Euer Verhältniß aufzulösen.

Loth. Wie sollt ich wohl dazu nicht entschlossen sein?

Dr. Schimmelpfennig. Ich kann Dir als Arzt noch sagen, daß Fälle bekannt
sind, wo solche vererbte Uebel unterdrückt worden sind, und Du würdest
ja gewiß Deinen Kindern eine rationelle Erziehung geben.

Loth. Es mögen solche Fälle vorkommen.

Dr. Schimmelpfennig. Und die Wahrscheinlichkeit ist vielleicht nicht so
gering, daß ...

Loth. Das kann uns nichts helfen, Schimmel. So steht es: es giebt drei
Möglichkeiten! Entweder ich heirathe sie, und dann ... nein, dieser
Ausweg existirt überhaupt nicht. Oder -- die bewußte Kugel. Na ja, dann
hätte man wenigstens Ruhe. Aber nein! So weit sind wir noch nicht, so
was kann man sich einstweilen noch nicht leisten -- also: leben!
kämpfen! -- Weiter, immer weiter. (Sein Blick fällt auf den Tisch, er
bemerkt das von Eduard zurecht gestellte Schreibzeug, setzt sich,
ergreift die Feder, zaudert, und sagt:) Oder am Ende ...?

Dr. Schimmelpfennig. Ich verspreche Dir, ihr die Lage so deutlich als
möglich vorzustellen.

Loth. Ja, ja! -- nur eben ... ich kann nicht anders. (Er schreibt,
adressirt und couvertirt. Er steht auf und reicht Schimmelpfennig die
Hand.) Im Übrigen verlasse ich mich -- auf Dich.

Dr. Schimmelpfennig. Du gehst zu mir, wie? Mein Kutscher soll Dich zu
mir fahren.

Loth. Sag' mal, sollte man denn nicht wenigstens versuchen -- sie aus
den Händen dieses ... dieses Menschen zu ziehen? ... Auf diese Weise
wird sie doch unfehlbar noch seine Beute.

Dr. Schimmelpfennig. Guter, bedauernswürdiger Kerl! Soll ich Dir was
rathen? Nimm ihr nicht das ... Wenige, was Du ihr noch übrig läßt.

Loth (tiefer Seufzer). Qual über ... hast vielleicht -- recht -- ja
wohl, unbedingt sogar.

   Man hört Jemand hastig die Treppe herunter kommen. Im nächsten
   Augenblick stürzt Hoffmann herein.

Hoffmann. Herr Doktor, ich bitte Sie um Gottes Willen ... sie ist
ohnmächtig ... die Wehen setzen aus ... wollen Sie nicht endlich ...

Dr. Schimmelpfennig. Ich komme hinauf. (Zu Loth bedeutungsvoll.) Auf
Wiedersehen! (Zu Hoffmann, der ihm nachfolgen will.) Herr Hoffmann, ich
muß Sie bitten ... eine Ablenkung oder Störung könnte verhängnißvoll ...
am liebsten wäre es mir, Sie blieben hier unten.

Hoffmann. Sie verlangen sehr viel, aber ... na!

Dr. Schimmelpfennig. Nicht mehr als billig. (Ab.)

                       Hoffmann bleibt zurück.

Hoffmann (bemerkt Loth). Ich zittere, die Aufregung steckt mir in allen
Gliedern. Sag' mal, Du willst fort?

Loth. Ja.

Hoffmann. Jetzt mitten in der Nacht?

Loth. Nur bis zu Schimmelpfennig.

Hoffmann. Ach so! Nun ... wie die Verhältnisse sich gestaltet haben, ist
es am Ende kein Vergnügen mehr bei uns ... Also leb' recht ...

Loth. Ich danke für die Gastfreundschaft.

Hoffmann. Und mit Deinem Plan, wie steht es da?

Loth. Plan?

Hoffmann. Deine Arbeit, Deine volkswirthschaftliche Arbeit über unseren
District, meine ich. Ich muß Dir sagen ... ich möchte Dich sogar als
Freund inständig und herzlich bitten ...

Loth. Beunruhige Dich weiter nicht. Morgen schon bin ich über alle
Berge.

Hoffmann. Das ist wirklich -- (unterbricht sich). --

Loth. Schön von Dir, wollt'st Du wohl sagen?

Hoffmann. Das heißt -- ja -- in gewisser Hinsicht; übrigens Du
entschuldigst mich, ich bin so entsetzlich aufgeregt. Zähle auf mich!
Die alten Freunde sind immer noch die besten. Adieu, Adieu.

                         Ab durch die Mitte.

Loth (wendet sich, bevor er zur Thür hinaustritt, noch einmal nach
rückwärts und nimmt mit den Augen noch einmal den ganzen Raum in sein
Gedächtniß auf. Hierauf zu sich.) Da könnt ich ja nun wohl -- gehen.
(Nach einem letzten Blick ab.)

   Das Zimmer bleibt für einige Augenblicke leer. Man vernimmt
   gedämpfte Rufe und das Geräusch von Schritten, dann erscheint
   Hoffmann. Er zieht, sobald er die Thür hinter sich geschlossen
   hat, unverhältnißmäßig ruhig sein Notizbuch und rechnet etwas;
   hierbei unterbricht er sich und lauscht, wird unruhig, schreitet
   zur Thür und lauscht wieder. Plötzlich rennt Jemand die Treppe
   herunter und herein stürzt Helene.

Helene (noch außen). Schwager! (In der Thür.) Schwager!

Hoffmann. Was ist denn -- los?

Helene. Mach Dich gefaßt: todtgeboren!

Hoffmann. Jesus Christus! (Er stürzt davon.)

                            Helene allein.

Sie sieht sich um und ruft leise: _Alfred! Alfred!_ und dann, als sie
keine Antwort erhält, in schneller Folge: _Alfred! Alfred!_ Dabei ist
sie bis zur Thür des Wintergartens geeilt, durch die sie spähend blickt.
Dann ab in den Wintergarten. Nach einer Weile erscheint sie wieder.
_Alfred!_ Immer unruhiger werdend, am Fenster, durch das sie
hinausblickt: _Alfred!_ Sie öffnet das Fenster und steigt auf einen
davor stehenden Stuhl. In diesem Augenblick klingt deutlich vom Hofe
herein das Geschrei des betrunkenen, aus dem Wirtshaus heimkehrenden
Bauern, ihres Vaters. _Dohie hä! biin iich nee a hibscher Moan? Hoa'
iich nee a hibsch Weib? Hoa' iich nee a poar hibsche Tächter dohie hä?_
Helene stößt einen kurzen Schrei aus und rennt wie gejagt nach der
Mittelthür. Von dort aus entdeckt sie den Brief, welchen Loth auf dem
Tisch zurückgelassen. Sie stürzt sich darauf, reißt ihn auf und
durchfliegt ihn, einzelne Worte aus seinem Inhalt laut hervorstoßend:
»_Unübersteiglich!_« ... »_Niemals wieder!_« Sie läßt den Brief fallen,
wankt. Zu Ende! Rafft sich auf, hält sich den Kopf mit beiden Händen,
kurz und scharf schreiend. _Zu En--de!_ Stürzt ab durch die Mitte. Der
Bauer draußen, schon aus geringerer Entfernung: _Dohie hä? iis ernt's
Gittla ne mei--ne? Hoa' iich ne a hibsch Weib? Bin iich nee a hibscher
Moan?_ Helene, immer noch suchend, wie eine halb Irrsinnige aus dem
Wintergarten hereinkommend, trifft auf Eduard, der etwas aus Hoffmann's
Zimmer zu holen geht. Sie redet ihn an. _Eduard!_ Er antwortet.
_Gnädiges Fräulein?_ Darauf sie: _Ich möchte ... möchte den Herrn Dr.
Loth_ ... Eduard antwortet: _Herr Dr. Loth sind in des Herrn Dr.
Schimmelpfennig's Wagen fortgefahren!_

Damit verschwindet er im Zimmer Hoffmann's. _Wahr!_ stößt Helene hervor
und hat einen Augenblick Mühe aufrecht zu stehen. Im nächsten durchfährt
sie eine verzweifelte Energie. Sie rennt nach dem Vordergrunde und
ergreift den Hirschfänger sammt Gehänge, der an dem Hirschgeweih über
dem Sopha befestigt ist. Sie verbirgt ihn und hält sich still im dunklen
Vordergrund, bis Eduard, aus Hoffmanns Zimmer kommend, zur Mittelthür
hinaus ist. Die Stimme des Bauern, immer deutlicher: _Dohie hä, biin
iich nee a hibscher Moan?_ Auf diese Laute, wie auf ein Signal hin,
springt Helene auf und verschwindet ihrerseits in Hoffmanns Zimmer. Das
Hauptzimmer ist leer, und man hört fortgesetzt die Stimme des Bauern:
Dohie hä, hoa' iich nee die schinsten Zähne, hä? Hoa' iich ne a hibsch
Gittla? _Miele_ kommt durch die Mittelthür. Sie blickt suchend umher und
ruft: _Freilein Helene!_ und wieder _Freilein Helene!_ Dazwischen die
Stimme des Bauern: _'s Gald iis mei--ne!_ Jetzt ist Miele ohne weiteres
Zögern in Hoffmanns Zimmer verschwunden, dessen Thüre sie offen läßt. Im
nächsten Augenblick stürzt sie heraus mit den Zeichen eines wahnsinnigen
Schrecks; schreiend dreht sie sich zwei -- dreimal um sich selber,
schreiend jagt sie durch die Mittelthür. Ihr ununterbrochenes Schreien,
mit der Entfernung immer schwächer werdend, ist noch einige weitere
Sekunden vernehmlich. Man hört nun die schwere Hausthüre aufgehen und
dröhnend in's Schloß fallen, das Schrittegeräusch des im Hausflur
herumtaumelnden Bauern, schließlich eine rohe, näselnde, lallende
Trinkerstimme ganz aus der Nähe durch den Raum gellen: Dohie hä! Hoa'
iich nee a poar hibsche Tächter?



                    Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.



Anmerkungen zur Transkription


Regieanweisungen im Dialogtext wurden in Klammern eingeschlossen.
Hervorhebungen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet.

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... vom Buffet, setzt alles auf den Tisch vor Loth. Grand
       Champague, ...
   ... vom Buffet, setzt alles auf den Tisch vor Loth. Grand
       Champagne, ...

   [S. 18]:
   ... Vancover-Island nur zum Zwecke parteilicher Agitation ...
   ... Vancouver-Island nur zum Zwecke parteilicher Agitation ...

   [S. 42]:
   ... auf seinen Patz begiebt. ...
   ... auf seinen Platz begiebt. ...

   [S. 49]:
   ... Loth trit aus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut
       mehrere ...
   ... Loth tritt aus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut
       mehrere ...

   [S. 112]:
   ... beleuchtet ist auch noch die Holztreppe in dem erstem Stock. ...
   ... beleuchtet ist auch noch die Holztreppe in dem ersten Stock. ...

   [S. 112]:
   ... Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. -- Immer verraulicher. ...
   ... Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. -- Immer
       vertraulicher. ...

   [S. 117]:
   ... Süd- nnd Nord-Amerika, an Afrika, Australien, die ...
   ... Süd- und Nord-Amerika, an Afrika, Australien, die ...

   [S. 122]:
   ... Loth. Wird's nicht bald zn Ende gehen? ...
   ... Loth. Wird's nicht bald zu Ende gehen? ...

   [S. 135]:
   ... Wintergarten hereinkommend, trifft aus Eduard, der etwas aus ...
   ... Wintergarten hereinkommend, trifft auf Eduard, der etwas aus ...





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