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Title: Die Gnadenwahl - Erzählung
Author: Thies, Hans Arthur
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Gnadenwahl - Erzählung" ***

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                          HANS ARTHUR THIES



                            DIE GNADENWAHL


                              ERZÄHLUNG



                               LEIPZIG
                          KURT WOLFF VERLAG



                  BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 70

              GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR



                              DEM GEIST
                    DER VOR DEN GROSSEN STELLUNGEN
                            IN BLUT FLOSS



Gegenüber dem Fenster, so tief in der Gasse, daß der Blick, es zu
fassen, sich aufheben mußte, wurde von lautlosen, in der Dämmrung kaum
sichtbaren Reitern ein weißes Blatt angeschlagen; die Reiter saßen auf;
die Pferde flohen wie in stummem Entsetzen über ihren eigenen Weg die
Straßenzeile hinab.

Das weiße Blatt, über eine Tafel geschlagen, die jahrelang mundtot das
Publikum angestarrt hatte, warf von dem Strebepfeiler des Doms herrisch,
selbstsicher, ansammelnd das Wort -- Krieg! herab; viele andre dazu,
aber dies vernehmlicher als die andern.

Dem Pfeiler gegenüber, oben am Fenster, hob sich der Blick eines Mannes
über das weiße Blatt hin; atmend überholte seine ganze Gestalt den
Blick; er drängte sich in den umdämmerten, einsamen Lichtstrahl ein;
stachelte sich an ihm auf; warf sich zurück.

Als habe sich um die trocknen, wie entzündet brennenden Augen ein
Schwarm Fliegen gesammelt, so empfand er es, daß um das weiße Blatt eine
schwärzliche Menge Menschen zu wimmeln begann. Er drückte mehrmals
schmerzlich die Lider zu und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Zu
ihm, dem Doktor Christianus, würden diese Menschen kommen; satt,
übersatt von jener weißen Speise würden sie heraufkommen: was sollte er
ihnen geben? Er würde nach seinen Worten greifen, Worte leerer als
Oblaten austeilen -- selbst hungrig, überhungrig nach Sättigung von
jenem Gericht, aus dem kolossische Laute, die Kehle ungewohnt füllend,
aufquollen.

Eine heftige Gebärde des Mannes am Fenster schlug mit dem Klingen der
unteren Türglocke zusammen. Er wandte sich um und wankte ein wenig
zurück, von zwei Augen gefaßt, die ihn in der Tiefe des Zimmers
auffingen. Er war erstaunt und leicht erschreckt: nur langsam gewann der
dunkle Samt, der sich in die gleichmäßig dunkle Täflung der Wand
einließ, von entblößten Armen her zu einem hellen Hals und Kopf mit
blondem Scheitel und perlhellen Augen anwachsend, die Gestalt einer
Frau. »Marie!« Es klang in seiner Stimme etwas, als sprängen hinter dem
Bewußtsein, jahrelang diesen unbestimmt verlangenden Blicken widerstrebt
zu haben, die leichten Tore des Abschieds auf, und wie nie, solange er
den Umgang dieser Frau empfunden hatte, begann er jetzt, wo er
entschlossen war, sie zu verlassen, ein Spiel mit ihr, lässig und
gewagt: er stellte sich vor sie, nah und breit, wiegte die Schenkel
leichthin, scherzte mit ihr: »Liebe --? Marie, was ist das? Aber das
Ineinander der Leiber und Kugeln, Leiber und Bajonette, das ist Einigung
allen Ernstes, das ist ein Kräftevergeben verschwenderischer als Liebe:
das geht bis ans Ende.« Sie lächelte.

Von Geräuschen, die die Treppe heraufschäumten, hoben sich standhafte
Schritte ab, betraten das hartschallende Holz des Flurs und kamen nahe.

»Guten Abend, Doktor! Morgen früh melde ich mich beim Regiment. Ihr
andern? Ach, die Alten! Ich -- wie froh bin ich, mich durch diese Nacht
zu diesem Morgen hinwachen zu können!«

Der Jüngling, braune Locken von der schwitzenden Stirn schlagend,
kreuzte seine Blicke mit denen des Älteren wie zum Gefecht; aber
lächelnd entzogen, wandte sich Christianus zu Maria:

»Werde ich mich nicht auch melden?« Und zu dem braunlockigen Freunde,
der knabenhaft aufleuchtete: »Hol die Lichter, Heinrich!«

Der Jüngling verließ die Stube, lachend, mit der Hand durchs Haar
wirbelnd: »Ich habe ihn untergekriegt!« dachte er, »den Immerfertigen --
ich habe ihn untergekriegt!«

Einige alte Männer traten ins Zimmer.

Der erste alte Mann verbeugte sich schwer vor Christianus und legte
erschüttert seine breite Hand über den weißen Bart auf der Brust: Was
der Doktor meine; ob man die Prüfung bestehen würde? -- Gewiß würde man
sie bestehen; jeder würde sein Teil tun. Die Erschütterung des alten
Mannes schien zu wachsen.

Ein andrer trat heran. Er bewegte sich auf unentschlossenen Füßen
zwischen dem Doktor und Maria, bis er in die Nähe der Frau verfiel und
sich sogleich zu ein paar Worten faßte: »Wir werden doch hoffentlich,
gnädige Frau, unsre Versammlungen auch während des Krieges fortsetzen,
und ich meine, Sie werden das Haus, in dem Sie uns zusammenführten, als
der Doktor seines Predigeramtes enthoben wurde, weiterhin unsrer kleinen
Gemeinde zur Verfügung stellen, auch wenn der Doktor ins Feld ausziehen
sollte.« Es war der Mietherr des Hauses. Er wartete keine Antwort ab,
sondern wandte sich einem Herrn zu, der sich am Türpfosten stieß.

»Ich bin heute wieder schlecht sichtbar,« sagte der alte Herr und gab
ein schluchzendes Gelächter von sich. Er rieb seine vom Star blinden
Augen mit klagend gebreiteter Hand und trat rasch, fast fallend auf
Maria zu, die einen Fuß zurückwich. »Welch ein Elend!« züngelte er, von
einem Fehler behindert, »gnädige Frau können sich freuen, daß Ihr Gemahl
tot ist,« und zog sich im Gefühl, eine Dummheit gesagt zu haben, zurück.

Mit schmerzlich gereckter Schulter schob sich Christianus an ihnen
vorüber. Heinrich kam mit einem Bündel brennender Kerzen im Arm herein
und ließ es auf dem Tisch nieder. Abwechselnd nahm er und die blonde
Frau ein Licht; sie zogen eine Lichterreihe aus dem Bündel heraus lang
über die Tafel. Der Saal entdeckte sich als weit und erfüllt von
Menschen; offne Zimmerfluchten verdämmerten an beiden Enden.

Es seien wohl alle Brüder zugegen? fragte Doktor Christianus. Ob man
beginnen könne?

Nein, man könne noch nicht beginnen. Man könne überhaupt nicht beginnen.
Ob der Meister ins Feld ziehe?

Sich überrascht vertiefend -- was zweifeln sie? -- gebot der Doktor
Ruhe.

Maria ließ sich auf ihrem Sitz neben ihm nieder; Heinrich lehnte sich
zurück und betrachtete am Doktor vorbei Maria.

Nein, man könne nicht beginnen. Der Meister dürfe nicht ins Feld ziehen.

Der Lärm hatte sich noch nicht gelegt, als er sich schon wieder
aufzuregen begann.

Von dem Platz dem Doktor gegenüber erhob sich der Starblinde, drängte
die Tische, die vor ihm zusammenfaßten, auseinander, so daß ein
Durchgang von ihm zu Christianus entstand, ließ sich vor dem Doktor auf
ein Knie nieder und -- wie ebbte der Lärm! wie beugten sich die Leiber
über die Tische! -- redete, von seinem Zungenfehler behindert: der
Meister dürfe nicht mitziehen; sie müßten ihren Meister behalten; was
aus ihnen werden sollte, wenn er sie verließe; es müsse ein Nachfolger
gewählt werden, der das Amt versähe, bis der Meister wiederkäme; ja, das
sei das Entsetzliche: ob er wiederkäme; man hörte im Kriege so oft, daß
einer der bedeutendsten Köpfe fiele; nein, er dürfe nicht mitziehen; er
müsse bleiben!

»Lieber,« -- der Meister legte die Hand auf des Knienden Kopf -- »das
sind doch Dinge, die bei Gott stehen,« -- nicht, als ob er hier eine
Pause gemacht hätte, aber ein Gedanke schien liegen zu bleiben, die
Worte hängten sich aus, schwebten ungefaßt und kamen darauf hinaus, daß
man diesen Abend, wenn es auch der letzte sei, unausgezeichnet, den
andern gleich begehen wollte.

Nein, man wollte nicht. Der Meister wolle nur über das Entsetzliche
hinwegkommen.

Da erhob sich der Unentschlossene, und seine Frage hatte etwas seltsam
Bestimmtes: Der Meister beabsichtige doch wohl gar nicht, ins Feld zu
ziehen? Soldat gewesen sei er doch nicht?

Gewiß würde er mitziehen; als Freiwilliger. Er würde Soldat sein wie
jeder andre. Ja: wie jeder andre.

Das gab dem Weißbärtigen, der bis dahin erschüttert gelauscht hatte,
einen Gedanken: Nein, wie jeder andre nicht. Jeder andre könne fallen.
Wenn der Meister fiele, so sei damit ein Zeichen gegeben: Gott habe
alsdann seine Hand von ihnen gezogen.

Jawohl: das wollten sie zum Zeichen nehmen: der Meister dürfe nicht
fallen; sonst sei die Zeit noch nicht reif für das Höchste, nicht reif
für seine Lehre; wenn er fiele, sei der ganze Kampf vergebens.

Sie möchten sich beruhigen: er würde nicht fallen, und wenn er fiele: er
würde wiederkommen, wenn die Zeit reif wäre.

Jawohl: er würde wiederkommen! War das nicht ein großartiger Gedanke?
Der Starblinde meinte sogleich, er dürfe auf Grund dieses Wortes erneut
seinem Gefühl Ausdruck geben, daß der Messias gekommen sei.

Man stutzte. Nicht dieses Einfalls wegen; dieser Einfall fand in der
Gesellschaft offne Herzen. Aber Heinrich, der bis dahin lautlos und
verloren dagesessen hatte, war aufgebrochen und hatte des Meisters
Schultern umschlungen:

»Wir wollen zusammenbleiben. Wir wollen uns helfen. Wir werden
heimkehren.«

»Wir werden heimkehren, mein lieber Heinrich,« sagte der Meister,
drängte den Jüngling sanft von sich, kehrte sich ab und ging, ohne einen
Blick an die Versammlung zu wenden, in eins der Nebenzimmer.

-- Immerhin: es war so: er konnte fallen. Wie jeder andre. Wie viel mehr
aber fiel mit ihm als mit jedem andern! Feigheit? Dieser Vorwurf läßt
sich zurückgeben. Niemand würde einem Heerführer, einem berühmten
General zumuten, mit seiner Stirn ein Schrapnell aufzufangen; was gibt
dem General das Recht, einen Volksführer, einen berühmten Prediger vor
die Gewehrläufe zu stellen?

Plötzlich erschrak er über einer Spur, die ihn in seinen Gedankengängen
aufhielt, einem Zeichen, das ihm sagte, daß Menschen vor ihm diese Gänge
durchrannt haben mußten; sie waren mit einem Namen bezeichnet; dieser
Name kehrte wieder an allen Wänden; jede Ecke, um die er bog, trug
dasselbe Wort -- Flucht; alle Winkel, alle Straßen, die er durchjagte --
Fahnenflucht; er stürzte in eine entlegene Gasse -- Fahnenflucht;
zitterte zurück auf einen Gemeinplatz: an allen Ecken: Fahnenflucht.

Er entsetzte sich; fühlte sich erst nach einigen Atemzügen erholt; stand
im Raum.

Er zog sich gewaltsam in die Dunkelheit zurück, zog das Dunkel über
sich, um unerhellt in die Helligkeit des Saals zu starren.

Sein Blick fiel auf Heinrich, der mit Maria plauderte. Er schien im
Anblick des Freundes zu versinken; nach und nach faßte er sich an den
harten, steilen, lichtumstrahlten Gebärden wieder; sein Auge weitete
sich; das Bild löste sich zum Gedanken, und er entsann sich immer mehr:

-- Wie feig, wie feig, zu fragen und zu denken! Kann es nicht sein, daß
du so sicher wie der deinen Weg gehst? Vielleicht ist der da draußen
schon ein abgemoderter Schädel, nur du siehst es nicht; vielleicht bist
du selbst ein Gerippe mit ein paar faulen Lappen, nur du weißt es nicht.
Das bißchen Zeit, bis du's weißt: was tut das? Aber wenn es der Ewigkeit
gefällt, dich noch eine Weile über der Erde zu halten, wird sie dann
nicht aus der Tiefe heraufgreifen können, dich tragen, dich
heraustragen? Oh wie unendlich würde mein Tag sein, wie voll dankbarer
Festigkeit mein Schritt, wenn ich nur einmal die Nähe Gottes erlebte!
Wie anders als jetzt! Wie ich jetzt bin, zweifelnd, bedenklich, von
Unruhe voll -- es ist gleich, ob ich stehe oder falle.

Er schien ihnen größer, als er, von vielen Kerzen erleuchtet, in den
Saal trat. Er übermannte Heinrich mit diesem kurzen: »Morgen früh,
Lieber,« und der Jüngling wagte nicht, seinen Blick, in dem ein großer
Triumph zertreten war, hinüberzusenden zu Maria.

                   *       *       *       *       *

Daß es Nacht ist, daß Reihen rechts, Reihen im Rücken, Reihen vorn
verlaufen, daß man einen Weg geht, über den feindliche Witterung
streicht: woraus ist das alles geworden? In welch winzigem Gelenk dreht
sich der Arm des Schicksals, der uns über die Erde hebt!

Ein Gewitter ist im Aufkommen. Windstöße spalten sich an ihnen vorüber.
Die Schollen, die am Tage wie gebrannter Ton dagelegen haben, sind
bleigrau geworden; es ist um ihre Füße herum alles wie gegossenes Blei,
das sich am Horizont zu Spitzen aufzackt: der Stadt.

Man hat sich durch die Dämmrung in den Abend geflüstert. Jetzt in der
Nacht -- o Erinnrung an jene schlummervolle Untätigkeit des nächtlichen
Menschen! -- wird man stille und schläft über marschierenden Füßen.

Nur Heinrich, der neben Christianus Schritt hält, spricht hie und da ein
Wort, heiter fast; denn er hat Christianus den Tag über fröhlich
gesehen. Sie schauen beide zur Erde: wie beruhigend liegt doch die Erde
unter unsern Füßen: nicht allzuhart verschließt sie sich den
todgeneigten Gliedern; nicht allzutief läßt sie den sich im Tod
Erholenden versinken.

Jetzt: ein Wind. Wind hat einen Ast von einem Baum gebrochen.
Christianus blickt auf. Die ersten Häuser leuchten weiß durch die Nacht.
Nein, es ist still; durchaus still. Nicht einmal in den Vorgärten
irgendein Laut.

Hagel? Es kann doch -- wir sind mitten im Sommer -- es kann doch nicht
Hagel geben? Aber es hagelt. Christianus lauscht auf. Es klopft an den
Stämmen wie Spechthämmern. Er fährt herum. An seinem Nebenmann hat es
einen Klang gegeben, als schlüge einer mit einem Klöppel einmal auf die
Trommel. Es bricht aus den Häusern. Der Tod trommelt. Er lockt zum
Avancieren in die Gärten. Sie verhäkeln sich im Gedörn und sinken
lautlos zusammen.

Christianus steigt einem Staket entgegen, langt über einfallenden Grund
nach Spitzen, kommt hinüber, hebt den Kolben auf: »Hund!« und fällt
zurück.

Vor seinen Augen ist es hell geworden; ein Busch ist vor ihm aufgeflammt
-- er sieht deutlich, wie er brennt und doch nicht verbrennt -- eine
weiße Gestalt ist auf ihn zugetreten, hat die Arme gebreitet und sagt:

»Gib mir deine Hand; ich will deine Gabe annehmen und dich erretten um
meinetwillen. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine
Hand; ich will.«

-- Dies ist alles sehr deutlich gewesen. Er hätte sich unterstehen
können, es wie einen transparenten Pergamentstreifen zwischen Hirn und
Stirnschale hervorzuziehen. Er hätte es tun können. Er sah nicht ein,
warum er nicht liegen bleiben sollte, wie er lag. Er würde herausgeführt
werden; irgendwie würde er herausgeführt werden. Zweifel? -- es war über
allem Zweifel; es war deutlich genug gewesen.

                   *       *       *       *       *

In der Stille erwachend, im Gefühl, als höbe der leichte Wind, der vor
Sonnenaufgang aus weißem Himmel heraufweht, ihn auf, hängt er die Arme
zwischen Baum und kleine Felsen und blickt um sich. Unter Bewaffneten,
die in groben Arbeitskitteln müde daliegen -- er weiß, es sind Tote --
ist er der einzig Lebendige. Er steht auf, geht lächelnd auf einen zu,
an ihm vorüber, an andern vorüber, wieder lächelnd auf einen zu. Muß es
sein? Er hebt ihn mit einem Arm hoch, streicht dem zurückhangenden Kopf
das Haar aus der Stirn, drängt einen Ärmel über die Schulter und -- oh!
es ist schwer, unendlich schwer -- nimmt Stück um Stück, bis an dem
Toten sich etwas regt: er strafft erschreckt das auflebende Hemd der
Leiche in seinen Waffenrock und überwirft sich mit dem grauen Kittel.
Als es getan ist, verfallen seine Glieder in Wanken; aber die Brust,
atemvoll tragend, fängt ihn auf. Er tritt auf die Landstraße und geht
mit den Blicken in sie hinein, sucht wundernd. Daß ich suchen muß! denkt
er. Da beginnen die Blätter der Bäume sich zu kräuseln, sie werfen sich
begeistert um und ins Ende der Heerstraße hinein; weißüberglänzte Vögel
streichen endlos wegabwärts; hinreißend zieht alles durch seinen Kopf --
eben noch lehnte der Kopf an einem Baumstamm -- jetzt bewegt er sich mit
dem bewegten Gelände wegabwärts.

Ans Ohr, das sich der lautlosen Luft, der Fülle schweigsamen Lichts
hingab, klangen vom Blutstrom her -- seltsam untertöntes Stillegefühl!
-- die letzten leichten Herzschläge der nächtlichen Erweckung; so
weitausgreifend wurde sein Schritt, so nachlässig ließ er alles Auf- und
Entgegenkommende gewähren, daß er nicht einmal widerstrebte, als ihm
plötzlich als das Ziel seines Weges Maria voranging.

Er erstaunte über nichts; Begegnungen erschreckten ihn nicht; es war
ihm, als habe er alles überholt, ehe es ihn ankam.

Maria war über allem; im Wasser seiner Augen, in Tränen tanzte ihr Licht
vor ihm her, wachsenden Glanzes, bald unerträglichen Feuers, bis sie am
Wegende erloschen, jedes Licht mit stumpfem Grauen austupfend, vor ihm
stand.

Auch das erstaunte ihn nicht. Kräftigend ging der Schlag durch ihn. Es
würde einen Kampf gelten. Er würde an einen Widerstand geraten, der so
groß wie die Welt werden und nur eine Grenze haben würde: den engen
Raum, den seine sieben Rippen umschlossen und in dem die weiße Gestalt
stand. Dagegen würden sie anrennen; anrennen, unwissend, gegen wen.

Vorerst hatte er das Bedürfnis zu schlafen. Er fragte Maria nach nichts,
sondern stieg, sich mit keinem Blick umwendend, die Treppe hinauf in die
Dachkammer. Da legte er sich neben das Bett auf den Fußboden, streckte
sich wie ein Hund aus, den Hals zurückgedehnt: schlafen!

                   *       *       *       *       *

Immer mehr wurden ihm die Stunden des Schlafs glückselige Stunden und
die des Wachens peinvoll erregte.

Er hängte, wenn er wachte, die Arme durch die Dachluke auf die heißen
und rauhen Ziegel und starrte die Spitzen drüben des Doms an, um die die
Dämmrung aufkam und der Abend einfiel. Die Speiteufel schrumpften
bläulich zusammen, blähten sich rötlich an ihn heran. Darunter brodelten
mit gurgelnden und platzenden Schaumbläschen die Geräusche der Stadt.

Das Fürchterlichste war, in der Nacht zu erwachen. Unmöglichkeit, etwas
zu unternehmen, Lähmung, gebundene Glieder hingen da an einem, daß ein
Wünschen nach Tag, Tätigkeit, Lärmen in Schweiß ausbrach.

Plötzlich war er bei Maria: als habe er Wand, Decken, alles Räumliche
durchbrochen. Und dann haftete sein Blick, sein Wort, seine Gebärde so
heftig in ihr, daß sie sich im Schmerz wand.

Sie verstand ihn nicht; sie wollte ihn nicht verstehen. Wenn sie in dem
allen nur eine Faser Gefühl für sich, für ihre Demut, für ihre Hingabe
entdeckt hätte, sie hätte sich daran geklammert; aber er redete -- halb
schien es, ohne sie anzusehen. Sie war ihm gegenüber immer in einem
Wunsche befangen und sie empfand: sich die Hand geben, bei jedem
Vorübergehen Worte sprechen, sich anblicken -- bei andern Menschen sind
die Tage ausgefüllt von solchen Dingen; bei uns sind sie durch solche
Dinge leer.

Er wiederum nahm ihre Sorgfalt um die Sachen seines Alltags als nichts.
Gewiß: sie tat alles -- sie verbarg ihn; er erkannte das an; aber seine
Dankbarkeit war nichts als ein Verzeihen. Sie ist ein Weib, sagte er
sich; sie versteht mich nicht; also soll sie mir dienen.

Da geschah es eines Tages, daß dies alles anders wurde.

Maria teilte Christianus mit, daß Heinrich käme, die letzten Wochen
heilender Wunde bei ihr und der Gemeinde zu verbringen.

Von dieser Wunde konnte Christianus nicht sprechen hören. Ein
Widerstand, ihm selber unbehaglich, wehrte sich wie mit tausend Armen
gegen ihre Nähe, und wie mit tausend Armen griff eine Begierde kalt und
angst aus ihm heraus nach Maria.

Er saß neben ihr; er suchte Worte, tiefe, tiefere Worte; er versuchte,
diese granitnen Blöcke, die Stirn, Kopf, Leib heißen, wegzuwälzen,
wegzubrechen von seinem Gedanken, von der weißen Gestalt, die innerst in
ihm leuchtet: plötzlich warf er sich steil zurück.

Eine Kraft durchstemmte seine Glieder, daß alles Steinerne, Versteinte
an ihm aufsprang: seine Mienen begannen zu flattern, daß sie nur noch
wie Schatten über einem aufgedeckten Gesichte schwammen; er hob die
Arme: »Es ist wie ein Ungeborenes und doch Empfangenes« und legte sie an
Mariens Brust und ihr Gesicht in beide Hände: »Hilflos.«

Dies Weibverwandte hatte sie von je an ihm geliebt; aber dies Neue,
Übermannende war hinzugekommen: es war das erste Mal, daß er sie
leiblich berührte; seine Hände lagen warm und dicht von ihren Schläfen
herab zu den Wangen; wie sollte da ihr Kopf nicht alles umdeuten, was
ihm und ihr bis jetzt entgegen gewesen war!

Sie war zufrieden; sie hatte ihn begriffen. Sie hatte ihn begriffen,
trotzdem er nichts gesagt hatte.

Er liebt mich, dachte sie.

Und: es ist geschehen! jauchzte in ihm jeder Atemzug. Die weiße Gestalt
ist ihr aufgegangen; ich trage sie nicht mehr allein in mir. Das
Unüberwindbare ist überwunden; der Anfang alles Geschehens ist
geschehen. Was hindert noch, daß die Dämme aufbrechen allerorts? Daß
alle erkennen, was mich berufen hat? Es wird geschehen.

                   *       *       *       *       *

Geduldig überstand er die Hölle unter seinen Füßen, die Versammlungen,
deren Geräusche allabendlich zu ihm heraufschlugen.

Heinrich machte die Zusammenkünfte zu Gedächtnisfeiern für den Toten.

Rührend und furchtbar, wenn Maria erzählte, wie der Harte, Verschlossene
aufgegangen war in Liebe zu dem gefallenen Freunde, wie er den Lebenden
vertilgte, indem er den Toten erweckte!

Christianus bemerkte, daß Maria mit ihrem Gefühl viel weniger als er in
dem Entsetzlichen stand, wie hier ein Mensch den andern mit
Erinnrungsherzblut erstickte, und viel mehr in dem Entzücken über die
Kraft und Heftigkeit dieser Hingabe. Er begann, diese Freundschaft zu
fürchten.

Zwar, wenn Maria heraufkam und die Gespräche halber Nächte vorbrachte,
die Lippen mit einem verwegenen Lächeln bewegend, und doch wie in einem
Märchen befangen, das Christianus wie ein großer Zauberer beherrschte,
wußte er: er war ihrer sicher.

Aber eines Abends trat sie herein und hatte einen entlegenen Glanz im
Auge.

Christianus fragte.

Sie erzählte.

Der Starblinde habe gegen alle Tröstungen Heinrichs prophezeit, der
Meister werde auferstehen. Da habe Heinrich geantwortet: »Blinder, du
hast recht; nur willst du mit tausend Schritten ermessen, was wir
Sehenden mit einem Blick erfassen: er ist auferstanden; er ist in uns,
für die er gestorben ist, auferstanden.«

Damit schwieg sie. Christianus wartete.

Aber sie hielt es für besser, jene wunderbaren Worte für sich zu
behalten, die Heinrich danach mit einer deutlichen kleinen Wendung zu
ihr hinüber gesprochen hatte -- wobei er seine Stimme hatte metallner
und seine Schritte straffer werden lassen --: »Das könnt ihr nicht
nachdenken, dies: daß ich, der ich genesen -- wie ihr sagen würdet,
auferstanden -- bin, mich wie von Licht und Luft begraben fühle; daß ich
sagen möchte, ich sei auferstanden, wenn ich in der Erde läge.«

Christianus begriff immerhin. Er richtete sich auf und befahl ihr, den
Versammelten und Heinrich -- auch Heinrich! Heinrich besonders! -- zu
sagen: der Blinde habe recht; er _werde_ auferstehen.

                   *       *       *       *       *

Heinrich erhob sich eben, um auf den prophezeienden Blinden einzureden:
da hörte er Mariens Stimme. Er wandte den Kopf.

»Der Blinde hat recht,« hörte er sie sagen. Und dann mit einem Atem, der
fast die Worte verschlug: »Der Meister _wird_ auferstehen.«

Erst als sie ausgesprochen hatte, wagte sie, zu ihm aufzusehen. Ihre
Blicke legten sich lange ineinander. Dann drehte ein Krampf dem Jüngling
Brust, Nacken und Kopf herum. Sie sah fort.

Als sie wieder aufblickte, hatte er das Zimmer verlassen.

                   *       *       *       *       *

Seit diesem Abend bestand Maria darauf, daß Christianus ihr Versprechen
einlöste.

Er mußte auferstehen.

Sie leitete alles.

Sie versammelte täglich die Gemeinde; sie ließ nicht ab, die bestimmte
Voraussage des Ereignisses zu wiederholen. Er befragte sie endlos und
eindringlich, um aus der Summe ihrer Beobachtungen seine Einstellung zu
finden. Sie gab ihm die Ergebnisse von Experimenten an die Hand. Etwa:
sie hatte auf die Frage, wann sie meine, daß der Meister auferstehen
würde, überrascht gezögert. Oder: sie hatte in einem Augenblick
nachdenklicher Stille halbhin gesagt, manchmal sei ihr doch, als ob sie
sich täusche -- Mißmut, Verzweiflung, ekelhafte Zerfällnis mit allem,
was Gott, Glaube, Zukunft heißt, sei hereingebrochen. Peinlich zu
denken, daß dieser Verdruß sich dem Volke, dem näheren, am Ende selbst
dem weiteren Lande mitteilen könne. Es war keine Frage: hier war er
berufen einzugreifen. Er sah sich mit einer Aufgabe in den Ring der
Gemeinschaft gestellt, sah den Horizont seines abgeschlossenen Daseins
sich lichten und dehnen. Es waren Bedenken da. Aber sie versicherte ihn:
diese Köpfe waren wunderbedürftig und durchaus bereit, ihn aufzunehmen.
Allerdings; aber -- Sie bedeutete ihm: dies waren nicht allein
wunderbedürftige Köpfe, dies waren auch wundergläubige Herzen; würden
diese wundergläubigen, diese nach der Erfüllung ihres Wunsches kindlich
frohen Herzen ihr Erlebnis unter die Menge tragen, ihren Glauben von den
Blöden, den Nichtbegnadeten zerstören lassen? Das würde nicht geschehen;
nur die Zuversicht würde sich überall wohltätig ausbreiten.

Sie ließ Christianus in Ungeduld aufgehen.

Sie bestätigte die Gemeinde in der Hoffnung auf die Wiederkunft des
Meisters.

Sie legte ihre Erwartung ineinander.

                   *       *       *       *       *

Als die ersten Hyazinthen blühten, brachte sie brennend rote Stöcke
herein. Die Sonne zitterte blaß, wie eben genesen, durchs Zimmer und
trug den kranken Duft der Blumen an sich. Durch dieses Spalier üppiger
Blüten und spitzer Sonne lief der Weg, den Christianus zu den Menschen
ging.

Die Sonne machte ihn hell. Alles strahlte an ihm. Er begegnete Maria und
lächelte; ging durch viele Zimmer, kam ihr wieder entgegen und lächelte
wieder.

Nur, daß er nicht jeden der Freunde einzeln begrüßen sollte -- er fühlte
sich so gemeinsam mit jedem einzelnen, fühlte die Hände in jedes
einzelnen Händen, den Kopf jedes einzelnen Kopf ganz nahe -- nur, daß er
warten sollte, bis alle versammelt wären und dann -- dies dann lag matt,
zog ihn nicht, lag ihm entgegen.

Aber es mußte auch so gehen. Gewiß, Maria hatte recht. Es würde auf ihre
Art sogar noch besser gehen.

Er wendete sich wieder in ein Nebenzimmer, wandelte hindurch, bog um
Ecken, Türen, lief durch Zimmerfluchten, Gänge -- seltsam! -- es war
hell, warm, fast heiß, und es war gar kein Geschrei da, und doch schrie
-- nein, es war unendlich leise, fern und verloren -- schrie es --
Flucht; er sah sich um: war er diese Gänge nicht schon einmal gegangen?
Nur war etwas Fertiges, Ausgemachtes an ihnen: als wäre alles fest
geworden. Er versuchte, sich zu entsetzen, und es gelang ihm nicht --
Flucht; er bog um Ecken, hob sich durch Türen -- Fahnenflucht; bewegte
sich vorüber an hundert mitziehenden Wänden: Fahnenflucht.

Ach, das war ein Wort, von Menschen gefunden, die nicht seines Sinnes
waren. Von dem Sinn, der ihn über die Menschen hob, lag dies Wort so
weit ab wie ein kleines Sandkorn, das ein Engel, aufsteigend, vom Fuß
fallen läßt. Für seinen Sinn gab es kein Wort. Aber für das, was er
getan hatte, gab es ein Wort: jenes. Liegt denn etwas zwischen dem Sinn,
in dem eine Tat getan wird, und dem Sinn, in dem sie betrachtet wird?
Ja: die Tat selber. Die Tat ist das Urteil. Aber ich kann das Urteil,
das nur meinen Fuß streift, beiseitetreten.

Es klirrt, klingt zu seinen Füßen; das Haus hat sich geöffnet: die
Menschen kommen.

Der Gedanke läuft aus und reißt wie ein dünn ausgezogener Glasfaden ab;
das Hirn tropft zusammen zu einem Klumpen Menschen.

Aus dieser Menge stellt er sich einzeln vor: hier diesen, dort jenen;
hebt ihn auf, betrachtet ihn, sieht ihm in die Augen: oh! überall glänzt
dieses selbe frohe Auferstehungslächeln, in tausend Augen leuchtet es,
Laute, unerhörte, läuten von Herzen zu Herzen hinüber, herüber; er
breitet die Arme, zieht alle an sich, nahe, näher; er ist ganz erfüllt
von ihnen.

Da stehen sie.

Sie haben alle die flachen Augen auf ihn gerichtet.

»Fahnenflucht.«

Eben hat einer gesagt: »Fahnenflucht.«

Ehe er sie begrüßt hat, hat einer das gesagt.

Er spannt die Arme heftig an, will sie erheben; sie sinken an ihm ab; er
fühlt, wie seine Gebärde in Hilflosigkeit verfällt. Der entstellte Blick
Mariens greift ihn an.

Sie weichen von ihm zurück wie Wasserkreise vom eingefallenen Stein.

Er drängt nach.

»Hört doch, ihr Feiglinge! Ihr tauben Fische und blinden Maulwürfe, hört
und seht! Was ist es, wovor ihr zurückweicht? Sollte ich als
unbeschwerlicher Sonnenstrahl vor euch hintreten? Da: da steht solch
eine Gestalt Sonne. Hat die euch getröstet? Hat die Laute zu euch
gesprochen, wie ich sie spreche? Hätte das laue Flämmchen, das mir
ähnelnd über euer schwaches Gehirn hinschwankte -- hätte das auferstehen
können? so viel Leiden übernehmen können, daß es zu euch kam? Mußte ich
nicht -- da ich es in Wirklichkeit bin -- mit Fleisch und Blut
herausgerettet werden, um zu euch zu kommen? Und nun weicht ihr vor
diesem selben Fleisch und Blut zurück?«

»Feiglinge« hätte er gesagt, begann unentschlossen eine Stimme; mit
diesem Argument begann sie; im Verlauf der weitern wurde sie seltsam
eindringlich.

Christianus hörte nicht zu. Es kam ihm bemerkenswert vor, daß er diesen
ganzen Auftritt früher, ehe er sich darin befand, auch nur als Licht,
gefügiges, wandelbares Licht gesehen hatte. Er war befremdet, die
Wirklichkeit jener Körper hinnehmen zu müssen; versuchten jene
vielleicht vergeblich, die Wirklichkeit des seinen zu vertilgen?

Er wußte nicht, ob sein Gegner geendet hatte; er fuhr fort:

»Was ist dies, was hier vor euch steht? Steht ihr etwa vor mir wie
durchschauliches Licht? Kenne ich, wenn ich eure Leiber, eure
verrotteten Bärte, eure zerrunzelten Stirnen, eure triefäugigen
Gesichter ansehe -- kenne ich dann die Klagen, die euch in wortlosen
Nächten durchklungen haben? Wenn ich eure steifhäutigen Hände, eure
überlederten Füße betrachte -- kenne ich dann eurer Gebete Bewegungen
und die Verzweiflungen eurer Wege? -- Ja! ja! _ich_ kenne sie! Aber
kennt _ihr_ durch meinen Anblick _mich_?«

Der weißbärtige Alte trat vor und legte erschüttert die Hand auf die
Brust: Sie wüßten ja, daß er ein andrer als sie sei; gewiß, es sei wahr,
er sei anders als sie; aber schuldig machten sie sich doch, wenn sie ihn
nicht anzeigten; gewissermaßen machten sie sich doch schuldig?

»Ja! geht, geht! zeigt an! Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Auf mich nicht.
Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Gebt acht, daß euch die Finger, daß euch
der Arm nicht verbrennt bis zur Achselhöhle: habt ihr jemals auf den
gezeigt, der dem Propheten im feurigen Busch erschien, und habt
geschrien: den greift! der ist's! Hebt eure Arme! schreit! Kennt ihr die
Verdammten, die mit ihrem Geschrei sich das Gericht sprachen? Ihr
seid's! An mir fahren eure Schreie vorbei wie Wind, und eure Arme schlag
ich beiseite wie klappernde Bretter; denn in mir ist die Kraft jenes,
der seine Erwählten durch das Geheul der innern Einöde, ja, durch die
Wüste voller Menschen sicher hindurchführt! Er sprang vor mich hin, als
ich den Kolben zum Kainshieb hob: Halt ein! Da brannte der Busch auf,
und seine Stimme rief: Geh zu ihnen! Ich will, daß deine Gabe an sie
komme! Und der das sprach, der steht seitdem in meiner Brust,
hochaufgerichtet, brandhell! Hebt die Arme! den greift! der ist's!«

»Oh! Woher? Wo?« Zwei Arme erhoben sich vor allen und griffen in die
Luft; wie die Klage eines Tieres breiteten sich Worte, vielfach von
Weinen geschlagene Worte aus: »Wo stehst du, Herr, den meine Arme
suchen? den der Herr über alle Herren hergesandt hat, uns dem Tal des
Jammers zu entführen? Wo finde ich dich, dir zu Füßen Dank, Lob,
Lobpreisung --«

An dem tastenden Blinden vorüber sperrte sich eine spitze, bestimmte
Bewegung.

Das sei eine wunderbare Geschichte. Darüber könne unsereins nicht
urteilen. Oder ob einer urteilen wolle?

Nein, allerdings, das sei schwer; darüber sei nicht leicht ein Wort zu
sagen. Man verstummte eine Weile. Da hob sich aus dem Hintergrunde hell,
fast singend, eine hohe, anfragende Stimme: »-- Heinrich?«

Das sei wahr: Heinrich! Der verstünde das wohl. Man wolle warten, bis
Heinrich komme. Der solle der Richter sein. Und bis dahin wolle man sich
jeden Schritts enthalten.

Sie traten zusammen und versprachen sich ihr Gelöbnis in die Hand.

In diesem Augenblick glitt die Sonne, die rückwärts und rückwärts
gewichen war, von Christianus ab. Sie hoben die Augen auf und sahen ihn
nicht. Langsam entgraute er dem Dämmer; seine Augen standen glanzlos vor
dem Gemäuer; er sah verstorben aus.

Es ging etwas wie die Scheu vor einem Toten durchs Zimmer; mit kalten
Schultern drängte sich die Menge und bewegte sich hinaus; es wurde leer;
leerer: das Zimmer war leer.

Plötzlich fühlte er den Boden zu seinen Füßen in die Tiefe stürzen, sah
ihn drüben gegen die Wand sich langsam heben und hoch an die Wand
gelehnt Maria. Die Kehle hell -- uneinhaltsam hört er ihre hohe Stimme
-- Heinrich? fragen -- das Kinn nachlässig verachtend gereckt, den Blick
abfällig auf ihn gesetzt, stand sie ihm gegenüber.

Er hob die Arme auf, und so verwilderten seine Gebärden an der Luft, in
der sie stand, daß sie wie Flammen gegen sie auszuschlagen schienen; er
schrie, und immer wachsend, verfingen sich die Schreie in hohen
Anrufungen, und angreifend: Mein Gott! Mein Gott! weinend, sank er in
sich zusammen.

So verfallen, fühlte er seine Füße plötzlich umrafft von zwei Armen. Er
sah sich wundernd um und fand es natürlich, daß der Boden ringsum sich
steifte, aber seltsam, daß die weite Fläche leer war. Wo er noch eben
über einer andringenden Flut aufgebraust war, kreiste Leere, Öde, nichts
als dies sanfte, umwogende Plätschern der Arme, dies Geringe, dem er
sich nicht entziehen konnte.

Er sah nieder zu dem Weibe: »So allein, Marie!«

Da öffnete sich unter ihm ein Blick voll Tränen; er beugte sich nieder
und hob sie auf.

Sie schloß unter seinen Griffen die Augen und schauderte zusammen.

Ihm war wohl dabei; es schien ihm, als sei alles recht so, überaus
gerecht; er faßte mit zärtlich gestreckten Fingern -- Mariens Kopf ruhte
in seiner Hand, ihr Leib auf seinem Arm -- nach den langen, weichen
Wimpern ihrer Lider -- nicht, als ob er sie zurückstreifen, gewaltsam
öffnen wollte: es war ihm, als streichelte er über einen Traum hin.

»Laß!« bat er. »Laß, Liebe!«

Langsam schlug sie die Lider zurück, warf aber den Kopf beiseite; er bog
sich nach und über sie; das Weiß ihres Auges spreizte sich ihm entgegen;
Duft und Hauch von Mund und Haar verwuchsen; unter dem Schatten seiner
Stirn blühte ihr Auge, das volle Dunkel inmitten auf; ihre Sinne gingen
ineinander.

                   *       *       *       *       *

Die Lockerungen und Eröffnungen dieser Stunde nahm Gott von Natur als
eine Gelegenheit, aus der Entfernung näher zu treten.

Christianus bemerkte die väterliche Gegenwart durchaus nicht sofort.

Er wandelte unbekümmert im hellen Mittag und verlachte sich, als ihm
war, als ob ihn eine fremde Stimme gerufen hätte.

»Du bleibst? Und wie lange?« hatte die Stimme gefragt.

Er wandte sich um und erschrak heftig.

Es war niemand im Zimmer als Maria. Halb saß, halb lag sie auf einem
Diwan, und von den heißen Wänden strahlte viel Licht in die großen
Falten ihres Kleides. Es war wirklich außer ihr niemand zu sehen. Aber
im Hintergrund ihrer unheimlich gebauschten Hüllen, im Schutz ihrer
weitgesetzten Gliedmaßen, über denen die sonst liebreich sprießende
Brust zusammengeschrumpft schien, verbarg sich, erwartete ihn etwas. Er
hatte vorübergehend die Empfindung, als stellte sich ihm gegenüber im
Schatten des Begreiflichen etwas der weißen Gestalt Ähnliches,
Unbeherrschbares, Zwingendes auf; er wagte nicht zu atmen und geriet
über dem Gedanken, zum ersten Mal vor der weißen Gestalt Angst empfunden
zu haben, in wachsende Angst.

Marie sah ihn mit einem unverwandten Lachen an.

Er fragte erschüttert: »Ist jemand hier, Marie? Oder warst du das, der
das sagte?«

Sie lachte auf, sprang auf und ging im Zimmer herum:

»Ja, ja. Hattest du Angst? Ich wollte dich nur fragen, wie lange du noch
bleiben wirst. Bleibst du noch lange?« Und plötzlich in sich hinein mit
abgefallener Stimme und ganz verändert: »Himmel! So weit! so weit!« Sie
zitterte und legte die Finger an die Lippen wie in Entsetzen vor ihren
eignen Lauten.

Sie schien wahnsinnig zu sein. Er war ihr unendlich fern und gab sich
Mühe, sich einzustellen. Darum näherte er sich ihr, sie zu umfassen.

»Nicht an mich!« rief sie und entsprang ihm. Er drang ihr nach: »Liebe,
sind wir nicht eins? und haben dies eine gemeinsam?« fragte er mit
großem Unbehagen, aber in der Hoffnung, sie zu beruhigen.

Sie versank: »Daß ich dich geliebt habe! Daß ich dich geliebt habe! Aber
ich sah dich so verlassen, so los, so -- hin, fort, nichts von dir übrig
-- und da! -- Geh doch! geh doch!« schrie sie auf, »daß ich dich wieder
lieben kann.«

Daran war ihm nicht gelegen; auch schien es ihm unmöglich, ihr noch
ferner zu sein, als er schon war. Er stand ihr gegenüber und blickte
gleichmütig auf sie hinab. Was bewegte sie? Je mehr sich in seinen Augen
der Grund ihrer Erregung verringerte, desto unmäßiger erschien ihm das
Meer von Bewegungen, das darüber hinging; und ihm wurde um so übler, je
tiefer er einsah, daß sie ihn mit dieser wilden Flut von Gebärden aus
ihrem Innern verwarf. Er gewöhnte sich an den Gedanken, in ihrem Herzen
keinen Raum zu haben, und alsbald dünkte ihn dies Herz winzig und er
sich dafür zu groß. Sie war fortan Rest für ihn. Wieviel hatte er ihr
geben wollen! Er fand es erbärmlich, so beherrscht vom eignen Wesen zu
sein, und unverzeihlich, nicht am andern teilnehmen zu können. Aber was
hatte man schließlich miteinander zu tun? Nichts. Er wünschte nur noch,
daß sie das einsähe.

Im Gegenteil kam sie auf ihn zu und legte sich an seine Brust. Sie
weinte.

»Das Kind --« sagte sie. »Siehst du: was soll aus mir und dir werden? Er
muß kommen. Und wenn er kommt, darfst du nicht mehr hier sein. Mit ihm
allein will ich schon alles ins Reine bringen. Aber bleiben kannst du
nicht« -- sie streifte ihn mit gespreizten Fingern von sich -- »Du bist
ja tot.«

Er war ratlos. Das Kind -- er sah ein, das war ein Ding, mit dem zu
rechnen war. Er war in eine sonderbare Lage geraten; es war nicht
abzusehen, wie er gegen das Kind aufkommen sollte. Da flog ihm die
Erinnrung zu, daß man von Müttern gehört hatte, die unter Einsatz des
Kindes bei der Geburt geschont wurden, und während dieser Gedanke
keulenhaft wuchs: konnte hier nicht unter Einsatz von Mutter und Kind
--? und er ihn aufhob, bereit, ihn in die Tat fallen zu lassen, kam es
ihm vor und hemmte ihn, daß sie seltsam von dem Kind gesprochen hatte.
Er fragte besinnungslos, vorerst sich zu vergewissern: »Du sagst er.
Weißt du, daß es ein Junge ist?«

Da lachte sie und -- widerwärtig, wie sie gleich Weibern, die haltlos
lachen, den Schoß vorstreckte! -- dies Lachen umschallte ihn, daß er aus
ihm heraus nur begriff, sie müsse von jemand anders als dem Kinde
gesprochen haben. Aber ehe er das ganz faßte, kam sie zu Atem:
»Heinrich? Der ist Manns genug, dich für ein Weib zu halten.«

Heinrich. Sie hatte Heinrich gemeint. Er stürzte sich, ohne an dem Hohn
zu haften, mit dem sie ihm nachsetzte, durch die einströmenden Gedanken
ihrer Absicht zu. Sie wollte jemand kommen lassen: sie wollte Heinrich
kommen lassen. Sie wollte etwas mit ihm ins Reine bringen: mit Heinrich
-- was? Alsbald stand ihm fest, und er glaubte, guten Grund zu haben,
darauf weiterzugehen: sie wollte Heinrich vor die verhohlene Finsternis
stellen, in der sie und das Kind lagen, um den heranwuchernden Gerüchten
zu wehren. Heinrich -- unendlich erhellt und lieblich erschien ihm dies
Waffentum -- sollte an Vaterstelle neben das Kind und die Ehre der
Mutter treten. Er bewunderte die Gewandtheit, mit der sie auf diesen
Gedanken gekommen war, und erstarrte vor den Untiefen der Heimtücke,
über die der Weg dahin führte. So raubtierhaft eingezogen kann nur ein
Weib über seiner Brut den andern ins Auge fassen; so kaltherzig
bedächtig nur ein Weib dem andern die Schlinge legen. Er ruhte auf der
Höhe dieser Betrachtung aus und atmete mit Behagen. Letzthin: wenn
Heinrich als Vater des Kindes galt, konnte er nicht seinen Nutzen daraus
ziehen? Er würde bleiben -- unverraten, ungefährdet. Seine Zähne
lichteten sich und lachten: wie abgefeimt hatte sie das alles bedacht!
-- er sprang von seinen Gedanken ab und an Maria und packte sie wie mit
Krallen: »Ja ja, Maria! Geh! schreib ihm! ganz sanft, ganz gelind, ganz
verschlagen! Du kannst es! Du kannst es! Er soll kommen; ich will es. Du
hast recht; anders kann ich nicht bleiben.«

Sie sah ihn lange und groß an. Dann sagte sie: »Ich _habe_ an Heinrich
geschrieben.«

Er erstarrte. Kälte durchsprang ihn. Er schlug zusammen.

»Ach! -- Geht es mir auf! Seid ihr einig miteinander? Sind meine Tage
schon gezählt? Drückt ihr mich heraus wie ein Giftgeschwür?«

Sie wandte sich leichthin ab: ob er denn vom ersten Tag an oder selbst,
ob er vom ersten Schritt an, den er hierher gegangen sei, geglaubt habe,
sich halten zu können?

Das bringt ihn hindurch. Er atmet sogar wieder. Er sagt:

»Ich _werde_ bleiben, Liebe.«

»Ich _werde_ auferstehen!« hallt es ihm da entgegen -- nein, keine
menschliche Stimme hat das gesagt! -- und ein fremdes Gelächter läßt ihn
hinter sich zurück.

                   *       *       *       *       *

Decken! Decken! Warme, dunkle Decken! Schlafen!

Mit gebreiteten Armen tanzt die weiße Gestalt durch ihn hin. »Gib mir
deine Hand!« -- Schlafen! »Ich will dich führen!« -- Schlafen! »Ich
will!« -- Schlafen! nur schlafen!

                   *       *       *       *       *

An der Tür rütteln verworrene Stimmen; er ist aufgewacht; er wagt nicht,
sich vom Bett zu erheben; er horcht. Eine weinende Stimme will etwas
Unabwendbares beschwichtigen: das ist sie! oh, das ist sie!

Sie steht Rede und Antwort auf viele Fragen; er horcht. Sie bleibt
standhaft bei einer immer wiederkehrenden letzten Frage: ob Er --? ob Er
--?

»Wartet! ihr habt versprochen zu warten! Wartet, bis Heinrich kommt!«

Nein, sie wollten nicht warten. Immer wieder diese flammenspitze,
schlangenhaft zustoßende Stimme. Sie wollten nicht warten. Sie wollten
ihn sehen.

Da brach er auf. Er griff nach seinen Kleidern; er war machtlos über
sie; sie flogen ihn an.

Er war draußen. Er war über einen gekommen wie über ein Nichts. »Hund!
Was willst du? Mit wem sie es gehalten? Fragt Heinrich!« Er schlug und
peitschte es in sie hinein: »Fragt Heinrich! Heinrich!«

Er blickte um sich. Das Gelichter! Verschrien spritzte es auseinander,
rollte in Ecken zusammen, tropfte vom Geländer, stockte die Treppe
abwärts.

Er versuchte, sich zu sammeln. Er sah seine Hände an, die schwer und
noch erfüllt vom Zustrom des Blutes an ihm hingen, -- was hatte er
getan? Schändlicher als die roten, feuchten Hände, die er nicht ablegen
konnte, -- er hatte gelogen. Am Pfosten der Tür, von Ekel durchstiegen,
stand Maria. Er schämte sich an ihr vorbei und schloß die Tür.

Sein Kopf -- das fühlte er -- verstand nicht mehr genug, um zu
entscheiden, was zu tun war. Das immerwährende Frage- und Antwortspiel
hatte ihn matt gemacht, und schwachsinnig hingegeben, schwang er
zwischen dann und wann auftönender grundloser Ruhe und dem Gekreisch
eisscharf klirrender Stimmen her und hin.

Nach langem Schlaf, beim Erwachen -- die Sonne schien dazu -- gelang ihm
dies: man muß nicht ängstlich werden; man muß der Welt zusetzen, bis sie
das letzte Wort spricht: Leben oder Tod.

Von diesem Gedanken an empfand er sich tief im Urteil und beruhigt wie
ein ergebener Gefangener.

Aber er vermochte sich nicht in dieser Ruhe zu halten. In den Füßen fing
es an: irgendeine Sehne beherrschte ihn; er entzog sich ihr, indem er
den Fuß krümmte; eine andre trat an; er wand sich unter unerlassener
Strenge. Dann verzog sich die Steifung in den Brustkorb; er legte sich
mit der Brust auf einen Bettpfosten und drehte sich darauf, oder er ging
hinaus in das Treppenhaus und zwängte sie in die Ecke des sich
aufwendenden Geländers.

Diese letzte, eigenartige Berührung war es besonders, die ihm wohltat,
und er pflegte sie noch, als er das krankhafte Bedürfnis danach längst
nicht mehr empfand. Durch den niederstürzenden Gitterschacht, der hinab
bis auf die Diele langte, vertrieb man sich die Zeit; da sah man die
blanken Fliesen glänzen; hörte das alte Weib Gemüse und Neuigkeiten
hereinbringen; fand selber mit vieler Aufmerksamkeit als Neuigkeit
heraus, daß es die Frau des Starblinden und Hebamme sei; bemerkte zum
ersten Mal, daß Mittwoch und Sonnabend wässrig riechen, und vergaß dabei
sich selbst.

                   *       *       *       *       *

Plötzlich versuchte er vergeblich, die Brust von dem schmalen
Geländerholz abzuheben; seine Augen rissen ihn immerfort hin, hefteten
seinen ganzen Körper fest.

Er hatte nach dem Klingen der Türglocke Marie unbeschwert von ihrer
Bürde über die Diele hüpfen sehen.

Er wollte ihr nach; ihm wogte der Atem, als höbe er ihn durch
Unermeßlichkeiten, und doch lag die Brust quer und fest auf dem
Geländerstreifen.

Eine hohe Stimme, entfesselt durch das ältliche Gebälk heraufspringend,
rief: »Heinrich!«

Darauf nichts. Nur daß er sich von dem Geländer los und bewegt fühlte.

Lange Schritte warfen ihren Schatten die Treppe hinab. Heinrich sah sich
um und stieß Maria, die an seinem Halse hing, von sich.

Christianus stand erbost über diese Bewegung, deren Roheit ihm erst
daran aufging, daß der andre sie ihm vorweggenommen hatte. Maria lag an
eine Bank hingeschleudert, und während Christianus betrachtete, wie das
schräg einfallende Licht des gelben Dielenfensters sie mit einer eklen
Haut überzog und die Schatten der Gitterstäbe, kreuzweis
übereinandergelegt, sich ihr aufdrückten, begann ein Krampf sie zu
biegen; Kopf, Hals und Brust streckten sich zum Schoß nieder, und ehe
sie, von der Welle losgelassen, die Antwort auf einen Blick hilflosen
Erschreckens fassen konnte, rollte der Krampf sie zum andern, zum
dritten Mal zusammen. Die Männer sahen sich an. Dann traten sie zu ihr,
griffen ihr unter die Arme und trugen sie die Treppe hinauf in ihre
Kammer.

»Heinrich!« bat sie, als beide sie gelagert und beengender Kleider
entledigt hatten.

Heinrich schrie, und erst jetzt bemerkte Christianus, wie mager und
verfallen sich Hals und Hände des Schreienden in die Luft streckten; er
schrie und entriß sich den weißen Armen, die an ihm aufgingen, und floh.
Noch ganz in das peinliche Gefühl dieses Schreies verstrickt, hörte
Christianus Marie ermattet sagen: »Niemand!« und so voll Weinens war
ihre Stimme, daß ihm die Tränen unhaltbar entbrachen. Er beugte sich
nieder und küßte sie: »Marie!«

»Hilf!« flog sie auf, »hilf mir! Hole sie! Links aus der Tür, Gasse
links, Gasse rechts, erstes, drittes, viertes, ja viertes Haus!«

Er rannte schon eine ganze Weile durch die Räume, ohne Heinrich gefunden
zu haben.

Da, an der Tür zum großen Versammlungszimmer, hielt er inne. Auf einer
Bank, die in einem Erker halb im Dunkel stand, saß Heinrich -- ruhig,
selbst auf die eindringenden Worte und hastigen Bestimmungen
Christianus' ohne Bewegung.

Schließlich, als Christianus ratlos schwieg, ließ er den vorgeschobenen
Kiefer fallen und sagte: »Wann war es doch, daß wir uns zum letzten Mal
sahen, Doktor?«

Christianus blieb nichts übrig, als sich der heimtückischen
Vertraulichkeit zu nähern.

»Mein lieber Heinrich,« sagte er, »du bist zu uns gekommen und zur
rechten Zeit. Willst du uns helfen?«

Heinrich beharrte: »Das war auf der Landstraße. Du nahmst dich gut aus
als Soldat. Ich hätte wer weiß was für dich getan.« Und plötzlich, als
habe er mit diesen Sätzen nur einen Anlauf gemacht: »Aber jetzt? -- was
willst du eigentlich von mir? Was wollt ihr alle von mir? Wozu soll ich
dienen?«

Christianus schwieg. Er sah den Fragenden mit einem langen, leeren Blick
an und wandte sich ab.

»Ich habe da zwei merkwürdige Briefe erhalten,« sprach Heinrich hinter
ihm her. »Der eine von diesen Leuten -- wie fremd man ihnen doch
geworden ist! --: nun, ich wußte ja, wozu ich kommen sollte. Aber sag
einmal selber: meinst du, das sei eine Sache für mich? Du hast den
Waffenrock hinter dir gelassen; ich bin darin stecken geblieben, und ich
soll urteilen? Du habest einen hohen Auftrag, schreibt man. Davon
verstehe ich nichts; was soll ich dazu sagen? Vielleicht dies: bleibe,
wie du bist, bleibe, wo du bist, solange es dir gefällt und gut geht.
Einmal muß ja das Ende kommen. Und der Ausgang sagt am besten, was der
Anfang wert war.«

Christianus warf sich über einem Fuß herum: »Du weißt sehr gut, daß ich
nicht bleiben kann, wenn du --«

Er schwieg mit einer Stimme, die er in der Schwebe hielt. Aber während
Heinrich wartete, bedachte Christianus, daß es gut sei, Heinrich den
Rest erraten zu lassen. Es gibt leisere Mittel, etwas zu sagen, als
Worte.

Unter diesem Gedanken her flatterte tiefgeduckt der Schrecken, etwas so
frech Überlegenes in sich zu haben: so etwas zu denken.

Heinrich lachte: »Das, -- das weiß ich. Und ich weiß auch, daß du mir
deshalb den andern Brief hast schreiben lassen. Klug! geschickt!
überlegen! Und ich der liebe Heinrich! Aber wenn du durchaus für das
Weib einen Mann brauchst -- da du es nicht selber sein kannst -- warum
gehst du nicht zu einem der Alten, am besten zu dem Blinden? Es wird dir
nicht schwer fallen. Klug! geschickt! überlegen!«

Christianus hob sich in Empörung auf; da verfing sich sein Hirn in dem
Sonderbaren, daß er gerade selbst dies Überlegene in sich bedacht hatte.
Er begann, sich vor sich selbst zu fürchten. Was war das, daß er hier
stand, unbeweglich in einer Menge von Bewegungen? Da war ein Strudel von
Menschen, die ihn alle angingen; da war ein Weib, mit dem er in
Berührung gekommen war und das ertrinkend aufquoll; da war ein Mensch,
nach dessen Hand er griff und der sich fortwährend von ihm abstieß.

Er sah weithin, und unfähig, sich im Gegenwärtigen zu sammeln, faßte er
sich in der Entfernung.

»War ich nicht Soldat wie du und ihr alle? Hielt der Waffenrock meine
Rippen nicht genau so steif wie eure? Brach ich nicht wie wir alle auf
und in den Garten und faßte an? Und da kam es. Plötzlich war es da. Es
war da, und ich durfte den Schlag nicht tun. Es warf mich hin und
besprach mich -- lähmend, angreifend, beschwichtigend.«

Heinrich war aufgestanden. Er schien in den Irrsalen irgendeiner Rührung
bewegt zu werden; aber während seine Arme aufgingen, sich nach
Christianus' Schultern hinüberzubrücken, schreckten seine Hände vor der
Berührung zurück. Er schrie auf:

»Ja! -- Es besprach dich -- lähmend, angreifend, beschwichtigend: geh
hin zu Maria! vertreib dir die Zeit mit ihr! mach Narren! Sag mir doch
einmal, wie es aussah, und -- mein lieber Christianus -- vielleicht hat
manch einer damit zu tun gehabt, ohne es ganz so ernst zu nehmen.«

»Wie -- es -- aussah? -- Mein Gott!« Er hatte es laut hervorgestoßen,
und es hatte doch nur ein Anruf innen sein sollen: mein Gott! nur nichts
merken lassen! Das ist ja fürchterlich: er kann sich wirklich nicht
entsinnen, wie es möglich gewesen ist, daß er hierher kam. Er erinnert
sich dunkel einer Gestalt und denkt in demselben Atemzug: nur keine
Pause machen! reden, reden! damit der andre nicht merkt -- Was nicht
merkt? denkt er und macht nun doch eine Pause. Daß er selbst gar nicht
an solche Dinge glaubt, von denen er eben gesprochen hat; daß es gar
keinen Sinn hat, von solchen Dingen vor vernünftigen Menschen zu
sprechen; daß er genarrt, vom Höchsten, Heiligsten, was er im Leben
erwartete, genarrt ist: »-- So etwas gibt es ja gar nicht!«

Das hatte er geschrien. Und gerade, als habe nicht er, sondern der andre
es geschrien, faßt ihn eine unausrottbare Wut gegen diesen andern, der
da sitzt, durch seine bloße Gegenwart ihn verdrängend, und es schlägt
kalt in ihm auf: dieser Mensch darf nicht bleiben; dieser Mensch darf
nicht recht behalten; denn -- du -- hast -- doch -- recht!

Er richtete sich auf, sank aber mithin zusammen, und von dieser
unerwarteten Bewegung zu kurzer Besinnung gebracht, fragte er, die Laute
unter zähen kleinen Bläschen bildend, die im Gaumen aufquollen:

»Fühlst du nicht, wie entsetzlich das ist: daß ich hier sitze, daß alles
einmal geschehen ist und ich nun in Worte verfalle und mich vergeblich
bemühe, aus ihnen herauszukommen und zu fassen, wie das alles geschehen
ist?«

Die Schwäche und Verwirrung, mit der dies Mühsame gesagt wurde, machte,
daß in Heinrich sich ein Ekel wie vor einer schweißdurchtropften Maske
aufspannte.

»Sagst du's selbst, daß du aus Worten nie herauskommst? Laß! laß sie!«

Christianus schrie scharf und lauter als das erste Mal. Er sah, wie die
Worte übersprangen, im Hirn des andern festen Fuß faßten, sich umwandten
und sich gegen ihn kehrten. Er wollte neue vorschicken.

Sie prallten vor dem wahnsinnigen Schatten, der aufgerichtet war, zum
Munde zurück: Heinrich stand vor ihm und reckte, von Hohn gebläht,
zwischen dürren Sehnen den Hals: »Geh! geh! Ich nehm dir die Dirne. Und
die Brut dazu. Aber geh!«

»Wohin?« fragte Christianus sinnlos.

Heinrich lachte, riß das Rockstück über der linken Brust zurück und
schoß mit spitzem Finger in die Mitte der Lache, die vom Halse herab bis
unter die Herzgrube das Leinen durchblutet hatte. »Dahin!« sagte er.

Christianus ging in Gedanken nach. Dann stockte er: »Ich darf nicht.«
Und zitternd unter den Brauen des Feindes -- der sich unheimlich aus dem
Freund herausverwandelt hatte -- suchend: »Warum setzt du mir mit deiner
Verlockung zu? Soll ich schwach werden? Soll ich diese Tage und Nächte
ausgehalten haben, um in dieser Nacht feige zu werden und umzukehren?«

»Mußt du feige werden, um umzukehren? Mutig, mutig bist du doch damals
umgekehrt, als es galt, durch den rechten Glauben in die -- Seligkeit --
dieser -- Tage -- und -- Nächte zu kommen!«

Christianus' Arme flackerten durch die Luft: »Nicht! nicht! nicht an
meinen Glauben!«

Heinrich lächelte: »Wie klug du bist, deinen Glauben vor deine Feigheit
zu hängen!«

»Schleichende Kröte du! Krötenschale! Schales Hirn du, das mit seiner
Klugheit nur Klugheit begreift! Klügeln, zweifeln, fragen -- ich will
nicht! Raum will ich dem Glauben geben, Raum dem ungeheißen
Aufsteigenden: kein Schatten des Hirns soll das Heilige streifen.«

»Es ist das Klügste.«

»Ich darf nicht anders.«

»Das lügst du dir ein.«

»Ich will dir beweisen --«

»Selbst zu beweisen, gibt dir die Absicht und die Feigheit ein.«

Christianus wankte. Wieder: diese Worte! Wie sie nur in den Dunstkreis
des andern geraten, werden sie schon Verräter, tragen die Farbe des
andern, richten sich gegen den, der sie ausschickt, starr,
bajonettfrech. Er muß hinüber! diesen schurkischen Worten Richtung
weisen, nachhelfen!

Er bog sich vor, streckte die Hand aus.

Der Hals, den er umkrampfte, erhob sich. Er schwang die Hand mitsamt der
Schwere, die über ihr hing, durch die Luft abwärts in die Ecke zwischen
Fußboden und Wand.

Es war ihm nicht, als ob er etwas Tatsächliches täte: er führte einen
Beweis; jeder Schlag war ein Argument; die Argumente waren unabweisbar.

Sonderbar kam es ihn an, daß geschrien wurde. Der im Begriff war,
ermordet zu werden, schrie nicht; er stöhnte. Aber es waren Schreie da;
Schreie, die von Wand zu Wand wankten, Schreie, die aus allen Ecken
zurückschreckten, Schreie, die durch die Decke brachen: ja: die Decke
war durchbrochen von Schreien.

Als er die Haut seiner innern Handfläche kalt werden fühlte, -- ein
Zeichen, daß das, was er gewollt hatte, beendet war -- hörte er auf zu
schlagen, und im selben Augenblick gingen die Schreie ein.

Es war still. Es war Zeit zum Nachdenken. Er stand neben dem Toten, und
alles um ihn herum war ganz nachdenklich geworden.

So weit kann es ein Mensch bringen. Man kann seinen Gegner von der
Wahrheit überzeugen; am besten überzeugt man ihn, indem man ihn
totschlägt und die Wahrheit allein glaubt. Es ist traurig, allein zu
glauben. Aber weiter kann es ein Mensch nicht bringen.

Er wandte sich ab und zum Fenster, öffnete es, kam zurück und stellte
sich wieder neben den Toten.

Was war das? Mit Grauen ging ihm auf, daß der Tote ihm mehr zu beweisen
begann, als er dem Lebenden hatte beweisen können. Der -- Tote -- hatte
-- doch -- recht!

Unbeherrschbar wuchs das Ungeheure auf. Es drängte seine Füße beiseite
und weiter: er mußte gehen. Aus dem lautlosen Luftkreis hatte er die
Antwort herausgeschlagen. Es war entschieden; sein Glaube hatte ihn
betrogen. Warum war ihm das geschehen?

Er brach weinend neben dem Toten zusammen und lag lange bis zum frühen
Morgen.

Dann stand er auf, hob sich durch die Tür und über kleine Stiegen zu der
Kammer hinauf, aus der -- wie ihm jetzt deutlich war -- die Schreie
gerufen hatten.

Er lehnte sich in die offne Tür und sah hin.

Über leblos gestreckten, steif eingefallenen Falten, die sich inmitten
des Bettes über gewundenen, im Sterben stehengebliebenen Knien zu einem
fürchterlichen Wirbel emporzogen, saß ein weißes Kind mit weitgeöffneten
Augen.

Der Schmerz, diese Augen auf sich gerichtet zu sehen, war unhaltbar. Er
näherte sich, wuchs auf das Unendliche zu; der Atem verging ihm im Auf
und Nieder der Tränen. Während er sich bewegte, fühlte er, wie ihm die
Stimme versagte: er hatte geredet.

Es tat ihm weh, den Schwung der Decken -- der ihm wie eine Weihe war --
zu zerstören; aber er öffnete das Bett, legte das Kind beiseite,
umhüllte die lebendige Wärme und breitete über den kalten Mutterleib das
Leinen; versah so seine ganze Barschaft.

Als es getan war, wandte er sich ab und ging die Treppe abwärts über
Gänge, in denen schon das Tageslicht aufkeimte, hinaus auf die Straße --
die Tür verschließen? Sie soll offen bleiben! Es soll alles offen
bleiben! Die Fenster, die Türen, weit offen: damit die Menschen kommen.
Die Menschen sollen kommen und sich an dem Kinde versuchen: auch an dem
Kinde.

                   *       *       *       *       *

Die weite Heerstraße verging in einem Himmel voll Licht. Weißüberglänzte
Vögel sprangen den Weg voran über Bäume von Ast zu Ast; wo er ging,
sangen sie.

Sie sangen noch vor der Holzbaude, unter deren Dach er sich ermüdet
setzte. Er streckte den Fuß aus und wartete, bis einer der Vögel kam und
sich darauf niederließ. Er sang; er neigte den Kopf und lauschte.

Wie schön war es, daß er sang! Auch, daß ein Mensch auf ihn zukam, um
mit ihm zu lauschen: wie schön war das! Er brauchte sich durch die
Schritte des Nächsten nicht stören zu lassen: er hielt den Kopf geneigt
und horchte.

Er möge sich beim General melden; sein Gesuch sei genehmigt; er möge
kommen.

Da fiel ihm ein, daß er gebeten hatte, man möge ihn beim nächsten Sturm
vor den Feind schicken.

Ein Sturm war für den Morgen des nächsten Tages angesetzt. Christianus
wurde eingereiht.

Die Nacht verbrachte er bis zum Morgengrauen in heftigen Erschütterungen
unter Anrufung eines Namens.

Als man zum Angriff aufsprang, war er der erste, der den feindlichen
Graben erreichte, von mehreren Kugeln durchbohrt, hineindrang und den
nachfolgenden Kameraden den Weg bahnte.

Außer ihm war niemand getroffen; man konnte sich sogleich um ihn
bemühen.

Aber während man das Blut, das aus seinen vielen Wunden pulste, zu
stillen versuchte, richtete er sich auf, breitete die Arme rückwärts
gegen die Grabenwand und zitterte einem Gesicht entgegen.

Eine weiße Gestalt war hervorgetreten, hatte ihm die Hände gereicht und
gesprochen:

»Gib mir deine Hand; ich will aus dem Licht mit dir in die Finsternis
scheiden. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine Hand;
ich will.«

Als strömten die breithin über die Erde gelagerten Lichtringe
auseinander und aufwärts und ergösse sich, von allen Seiten her mündend,
Erleuchtung in ihn, läßt er, was über ihm ist, aufschwimmen, läßt die
Hände unanhänglich schwinden, gibt die Glieder unendlicher Erweiterung
hin. Nach und nach tut es ihm wohl, dies und jenes zu vergessen. Er
sieht nur hin, wie ihn die weiße Gestalt hält.

Er ist zufrieden: es ist deutlich genug.

Wie die letzte hohe Befriedigung über ihn kommt, glaubt er, auch dies
letzte vergessen zu können: daß sein letzter Ruf oben im Licht gewesen
ist: »Für der Maria Kind!«



Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Gnadenwahl - Erzählung" ***

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