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Title: Das Heim und die Welt
Author: Tagore, Rabindranath
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das Heim und die Welt" ***

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                           RABINDRANATH TAGORE

                               GESAMMELTE
                                  WERKE


                              SECHSTER BAND


                          DAS HEIM UND DIE WELT

                                    *


                                 MÜNCHEN
                            KURT WOLFF VERLAG



                           RABINDRANATH TAGORE

                                DAS HEIM
                              UND DIE WELT

                                  ROMAN

                                    *


                                 MÜNCHEN
                            KURT WOLFF VERLAG



 Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
 selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
 Helene Meyer-Franck


             Copyright 1920 by Kurt Wolff Verlag in München



DAS HEIM UND DIE WELT



ERSTES KAPITEL


BIMALAS ERZÄHLUNG

I

Mutter, heute sehe ich wieder vor meinem Geiste dein rotes
Stirnzeichen[1], den Sari[2], den du zu tragen pflegtest, mit seinem
breiten, roten Saum, und deine wundervollen Augen voll Tiefe und
Frieden. Sie kamen am Anfang meiner Lebensbahn wie das erste Licht des
dämmernden Morgens und gaben mir goldenen Vorrat mit auf den Weg.

Das Antlitz meiner Mutter war dunkel, aber es hatte einen
Heiligenschein, und ihre Schönheit beschämte alle Eitelkeit der Schönen.


Jeder sagt, daß ich meiner Mutter ähnlich sehe. In meiner Kindheit
mochte ich dies gar nicht hören. Ich hatte das Gefühl, daß Gott
ungerechterweise eine Hülle um meine Glieder gelegt hätte, -- daß mein
dunkles Antlitz mir eigentlich nicht zukäme, sondern durch irgend ein
Versehen mir zuteil geworden wäre. Alles, was ich von Gott als
Entschädigung dafür erbitten konnte, war, daß ich zu der Idealgestalt
eines Weibes heranwachsen möchte, wie sie die großen Heldengedichte
schildern.

Als der Heiratsantrag für mich kam, prüfte der begleitende Astrolog
meine Handfläche und sagte: »Dies Mädchen hat gute Zeichen. Sie wird
eine ideale Ehefrau werden.«

Und alle Frauen, die es hörten, sagten: »Das ist kein Wunder, denn sie
gleicht ihrer Mutter.«

Ich wurde mit einem Radscha[3] vermählt. Als Kind war ich ganz vertraut
mit den Schilderungen von Märchenprinzen. Aber das Gesicht meines Gatten
war nicht so, daß die Phantasie ihn ins Märchenland verpflanzen würde.
Es war dunkel, ebenso dunkel wie meines. Das Gefühl der Scheu, das ich
wegen meines Mangels an körperlicher Schönheit hatte, wich dadurch
etwas; doch zugleich empfand ich im Herzen ein leises Bedauern.

Aber wenn unser Antlitz dem prüfenden Blick der Sinne ausweicht und sich
ins Heiligtum des Herzens rettet, da kann es sich selbst vergessen. Ich
weiß noch aus der Erfahrung meiner Kindheit, wie hingebende Liebe die
Schönheit selbst ist, von innen gesehen. Wenn meine Mutter die
verschiedenen Früchte, die sie selbst mit ihren liebenden Händen
sorgfältig geschält hatte, auf dem weißen Steinteller ordnete und sanft
mit dem Fächer wedelte, um die Fliegen zu verscheuchen, während mein
Vater beim Mahl saß, strömte ihre dienende Liebe in einer Schönheit aus,
die über alle äußere Form war. Schon in meiner frühen Kindheit konnte
ich die Macht dieser Schönheit fühlen. Sie war erhaben über alle Worte
und Zweifel und Berechnungen, sie war ganz Musik.

Ich erinnere mich noch deutlich, wie ich nach meiner Heirat früh am
Morgen vorsichtig und leise aufzustehen pflegte, um meines Gatten Füße
ehrfurchtsvoll zu berühren[4], ohne ihn zu wecken, und wie mir in
solchen Augenblicken war, als ob das rote Abzeichen auf meiner Stirn wie
der Morgenstern strahlte.

Eines Tages wachte er zufällig auf und fragte mich lächelnd: »Was ist
das, Bimala? Was tust du denn da?«

Ich werde nie vergessen, wie ich mich schämte, daß er mich ertappt
hatte. Er konnte möglicherweise denken, daß ich versuchte, mir heimlich
ein Verdienst zu erwerben. Aber nein, nein! Dies hatte nichts mit
Verdienst zu tun. Es war mein Frauenherz, das anbeten mußte, wenn es
lieben sollte.

Das Haus meines Schwiegervaters gehörte zu den altangesehenen seit den
Zeiten der Pâdischâhs[5]. Es hielt zum Teil noch an den altindischen
Gesetzen Manus und Paraschars fest, zum Teil hatten sich mongolische und
afghanische Sitten bei ihm eingebürgert. Aber mein Gatte war durchaus
modern. Er war der erste aus seinem Hause, der die Universität besuchte
und zum Magister promovierte. Sein ältester Bruder war dem Trunk ergeben
und jung gestorben, ohne Kinder zu hinterlassen. Mein Gatte trank nicht
und hatte keine Neigung zu Ausschweifungen. Diese Enthaltsamkeit war der
Familie so fremd, daß sie vielen kaum schicklich erschien. Sie waren der
Ansicht, daß Enthaltsamkeit nur denen ziemte, die nicht vom Glück
begünstigt sind. Denn der Mond hat Platz für Flecke, nicht die Sterne.

Die Eltern meines Gatten waren schon lange tot, und seine alte
Großmutter war die Herrin des Hauses. Mein Gatte war ihr Augapfel, ihr
höchstes Kleinod. Und so wurden ihm nie Schwierigkeiten gemacht, wenn er
sich nicht an die alten Bräuche hielt.

Als er Miß Gilby ins Haus brachte, damit sie mich unterrichte und mir
Gesellschaft leiste, setzte er seinen Willen durch, trotz der
geschwätzigen, giftigen Zungen zu Hause und draußen.

Mein Gatte hatte damals gerade seine erste akademische Prüfung bestanden
und bereitete sich auf die zweite vor; daher mußte er in Kalkutta wohnen
und Vorlesungen an der Universität hören. Er pflegte mir jeden Tag zu
schreiben, nur ein paar schlichte Zeilen, aber seine kühn geschwungene,
charaktervolle Handschrift blickte mich, ach, so zärtlich an! Ich
bewahrte seine Briefe in einer Schachtel von Sandelholz und bedeckte sie
jeden Tag mit frischen Blumen aus dem Garten.

Damals war schon das Bild des Prinzen aus dem Märchen verblaßt wie der
Mond im Licht des Morgens. In meinem Herzen thronte jetzt der Fürst
meiner wirklichen Welt. Ich war seine Königin. Ich hatte meinen Platz an
seiner Seite. Doch mein höchstes Glück bestand darin, daß mein wahrer
Platz zu seinen Füßen war.

Inzwischen bin ich in den Geist der modernen Zeit eingeführt und habe
seine Sprache sprechen gelernt. Daher ist es mir, als ob diese
schlichten Worte, die ich jetzt hier schreibe, schamhaft erröteten.
Abgesehen von meiner Bekanntschaft mit der modernen Lebenshaltung würde
mein natürliches Gefühl mir sagen, daß, wie es nicht von meinem Willen
abhing, daß ich als Weib auf diese Welt kam, so auch die
Hingebungsfähigkeit in der Liebe eines Weibes sich nicht lernen läßt wie
eine abgedroschene Stelle aus einer romantischen Dichtung, die ein
Schulmädchen andächtig in schöner Rundschrift in ihr Heft schreibt.

Aber mein Gatte gab mir nie Gelegenheit, ihm meine Verehrung zu zeigen.
Das war gerade seine Größe. Es sind Schwächlinge, die von ihren Frauen
unbedingte Hingabe als ihr Recht fordern; das ist eine Erniedrigung für
beide.

Seine Liebe zu mir schien die meine noch zu übertreffen, indem sie mich
mit Huldigungen und Reichtümern überschüttete. Aber ich hatte mehr das
Bedürfnis zu geben als zu empfangen; denn die Liebe will nicht geschont
und behütet sein: sie ist eine Landstreicherin, deren Blumen besser im
Staub der Straße als in den Kristallvasen des Gesellschaftszimmers
gedeihen.

Mein Gatte konnte nicht ganz mit den alten überlieferten Gewohnheiten
brechen, die in unserer Familie herrschten. Daher war es für uns schwer,
uns zu jeder beliebigen Tagesstunde zu sehen[6]. Ich wußte genau die
Zeit, wo er zu mir kommen konnte, und so war unser Zusammensein immer
mit liebender Sorgfalt vorbereitet. Es kam wie der Reim eines Gedichtes
im regelmäßigen Schritt des Rhythmus.

Wenn ich am Nachmittage meine Tagesarbeit beendet und mein Bad genommen
hatte, steckte ich mein Haar auf, erneuerte das rote Stirnzeichen und
legte meinen sorgfältig gefältelten Sari an und dann, nachdem ich mich
körperlich und geistig von allen häuslichen Pflichten freigemacht hatte,
widmete ich mich zu dieser bestimmten festlichen Stunde ganz dem Einen.
Die Zeit mit ihm an jedem Tage war kurz, und doch war sie unendlich.

Mein Gatte pflegte zu sagen, daß Mann und Weib gleich seien in ihrer
Liebe, weil sie gleichen Anspruch aneinander hätten. Ich widersprach ihm
nicht, aber mein Herz sagte mir, daß die Liebe bei zwei Menschen in
Wirklichkeit nie auf gleicher Höhe steht; nur hebt die höhere bei dem
Zusammensein den andern zur gleichen Höhe empor. Daher herrscht dauernd
die Freude der höheren Liebe; sie sinkt nie auf die Stufe der gemeinen
Alltäglichkeit herab.

Mein Geliebter, es war deiner würdig, daß du nie Verehrung von mir
erwartetest. Aber wenn du sie gelitten hättest, so hättest du mir in
Wahrheit einen Dienst erwiesen. Du zeigtest mir deine Liebe, indem du
mich schmücktest, mich ausbildetest, indem du mir alles gabst, um was
ich dich bat und um was ich dich nicht bat. Ich sah die Tiefe deiner
Liebe in deinen Augen, wenn du mich anblicktest. Ich habe den heimlichen
Seufzer des Schmerzes gesehen, den du aus Liebe zu mir unterdrücktest.
Du liebtest meinen Körper, als ob er eine Blume aus dem Paradiese wäre.
Du liebtest mein ganzes Wesen, als ob die Vorsehung es dir als seltene
Gabe anvertraut hätte.

Diese verschwenderische Liebe machte mich stolz und ließ mich glauben,
daß der Reichtum, der dich an meine Tür zog, ganz mir gehörte. Aber
solche Eitelkeit hemmt nur den Strom der freien Hingabe in der Liebe
eines Weibes. Wenn ich als Königin throne und Huldigung fordere, so
wächst diese Forderung beständig, sie ist nie befriedigt. Kann eine Frau
ihr wahres Glück in dem bloßen Bewußtsein finden, daß sie Macht über
einen Mann hat? Das einzige Heil des Weibes ist es, ihren Stolz in Liebe
aufzugeben.

Ich muß heute daran denken, wie damals, in jenen Tagen unseres Glückes,
die Flammen des Neides rings um uns aufsprangen. Dies war nur natürlich;
war ich doch durch bloßen Zufall und ohne mein Verdienst zu meinem Glück
gekommen. Aber die Vorsehung läßt den Born des Glückes nicht endlos
fließen, wenn die Ehrenschuld nicht immer wieder manchen langen Tag
hindurch bezahlt und somit der Besitz des Glückes gesichert wird. Gott
gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und
festzuhalten, müssen wir selbst haben. Ach um die Gaben, die unwürdigen
Händen entgleiten!

Sowohl die Mutter wie die Großmutter meines Gatten waren wegen ihrer
Schönheit berühmt gewesen. Und auch meine verwitwete Schwägerin war von
seltener Schönheit. Als nun das Schicksal sie dafür so einsam ließ,
gelobte die Großmutter, nie zu verlangen, daß ihr einziger Enkel bei
seiner Heirat auf Schönheit sähe. Nur die glückverheißenden Zeichen
verschafften mir den Eintritt in diese Familie; -- sonst hatte ich
keinen Anspruch darauf, hier zu sein.

In diesem Hause des Luxus war nur wenigen seiner Frauen die ihnen
gebührende Achtung zuteil geworden. Sie hatten sich jedoch an die Art
und Weise der Familie gewöhnt und es fertig gebracht, ihren Kopf über
Wasser zu halten, getragen von ihrer Würde als Fürstinnen eines alten
Hauses, wenn auch ihre Tränen in schäumendem Wein ertränkt und ihr
Weinen vom Geklingel der Fußspangen tanzender Mädchen übertönt wurde.
War es mein Verdienst, daß mein Gatte keine geistigen Getränke anrührte
noch seine Mannheit auf den Weibermärkten vergeudete? Welchen Zauber
wußte ich, der den wilden, unsteten Sinn des Mannes bändigte? Es war
mein Glück, nichts weiter. Denn meiner Schwägerin gegenüber war das
Schicksal sehr gefühllos gewesen. Ihr Festtag war zu Ende, als es noch
früh am Abend war, und das Licht ihrer Schönheit erleuchtete umsonst die
leeren Hallen und brannte herab, nachdem die Musik längst verstummt war.

Meine Schwägerin begegnete den modernen Anschauungen meines Gatten mit
Verachtung. Wie lächerlich, daß er das Familienschiff, das mit dem
ganzen Reichtum seines altehrwürdigen Ruhmes beladen war, unter der
Flagge solch einer unbedeutenden kleinen Frau segeln ließ! Wie oft mußte
ich die Geißel des Spottes fühlen! »Diebin, die sich die Liebe eines
Gatten gestohlen, Heuchlerin, die sich unter der Schamlosigkeit ihres
neumodischen Putzes verbirgt!« Die bunten modernen Gewänder, mit denen
mein Gatte mich zu schmücken liebte, erweckten ihre eifersüchtige Wut.
»Schämt sie sich denn gar nicht, ein Schaufenster aus sich zu machen, --
und noch dazu bei ihrem Äußern!«

Mein Gatte merkte dies alles, aber seine Sanftmut kannte keine Grenzen.
Er bat mich inständig, ihr zu verzeihen.

Ich weiß noch, wie ich einmal zu ihm sagte: »Die Seele der Frau ist so
klein und verkrüppelt.« »Wie die Füße der Chinesinnen«, erwiderte er.
»Hat die Gesellschaft sie nicht so eingezwängt, daß sie klein und
verkrüppelt werden mußten? Sie sind nur Opfer eines launischen
Schicksals. Wie kann man sie dafür verantwortlich machen?«

Es gelang meiner Schwägerin immer, alles, was sie wollte, von meinem
Gatten zu bekommen. Er überlegte nicht erst, ob ihre Bitten berechtigt
oder vernünftig wären. Aber am meisten empörte mich, daß sie ihm gar
nicht dankbar dafür war. Ich hatte meinem Gatten versprochen, auf ihr
Schelten nichts zu erwidern, aber dies brachte mich innerlich nur um so
mehr auf. Ich fühlte, daß Güte eine Grenze hat und, wenn man über diese
hinausgeht, leicht in Schwäche ausartet. Ja, soll ich ganz aufrichtig
sein? Ich habe oft gewünscht, daß mein Gatte die Männlichkeit haben
möchte, etwas weniger gut zu sein.

Meine Schwägerin, die Bara Rani[7], war noch jung und machte keinen
Anspruch auf Heiligkeit. Im Gegenteil, ihre Reden und Späße hatten
leicht etwas Keckes. Auch die jungen Mädchen, die sie um sich hatte,
waren ziemlich unverschämt. Aber niemand verwies ihr ihre Art; war dies
doch der Ton, an den man im Hause gewöhnt war. Was sie mir vor allem
mißgönnte, war, so schien es mir, das Glück, einen so untadelhaften
Gatten zu haben. Er jedoch empfand weniger die Fehler ihres Charakters
als die Traurigkeit ihres Schicksals.


II

Mein Gatte hatte den sehnlichen Wunsch, mich aus der Abgeschlossenheit
meines Frauengemaches hinaus in die Welt zu führen.

Eines Tages sagte ich zu ihm: »Wozu brauche ich die Welt da draußen?«

»Die Welt da draußen braucht dich vielleicht«, erwiderte er.

»Wenn sie so lange ohne mich fertig geworden ist, kann sie es auch noch
etwas länger. Sie wird schon nicht aus Sehnsucht nach mir zugrunde
gehen.«

»Ach, meinetwegen mag sie zugrunde gehen. Darum mache ich mir keine
Sorge. Ich denke an mich selbst.«

»O, wirklich! Was ist es denn mit dir?«

Mein Gatte lächelte schweigend.

Ich kannte seine Art und wehrte mich sogleich dagegen:

»Nein, nein, so entkommst du mir nicht. Ich muß wissen, was es ist.«

»Läßt sich denn alles mit Worten sagen?«

»Bitte, höre auf in Rätseln zu sprechen! Sag' mir...«

»Was ich möchte, ist, daß wir draußen auch in der Welt unser Leben ganz
miteinander teilten. Hier bleiben wir uns beide noch etwas schuldig.«

»Fehlt denn irgend etwas in der Liebe, die wir hier zu Hause einander
geben?«

»Hier gehst du ganz in mir auf. Du weißt weder, was du hast, noch, was
dir fehlt.«

»Ich mag nicht hören, wenn du so redest.«

»Ich möchte, daß du mitten in das Leben und Treiben hinauskämest und
die Wirklichkeit kennenlerntest. Du bist nicht dazu geschaffen, nur Tag
für Tag deine häuslichen Pflichten zu erfüllen und dein ganzes Leben in
der Plackerei des Haushalts zwischen den engen Mauern zuzubringen, die
die Traditionen um die Frau aufgerichtet haben. Erst wenn wir draußen in
der Welt der Wirklichkeit uns sehen und erkennen, wird unsere Liebe
vollkommen und wahr sein.«

»Wenn uns hier irgend etwas daran hindert, uns ganz zu erkennen, kann
ich nichts sagen. Aber ich meinesteils fühle nicht, daß irgend etwas
fehlt.«

»Gut, aber wenn auch das Hindernis nur auf meiner Seite ist, solltest du
da nicht helfen, es zu beseitigen?«

Solche Gespräche wiederholten sich öfters. Eines Tages sagte er: »Der
Mensch, der Verlangen hat nach seinem geschmorten Fisch, hat in seiner
Gier keine Gewissensbisse, wenn er den Fisch nach seinem Bedürfnis
zerschneidet. Aber der, der den Fisch liebt, möchte sich im Wasser an
ihm freuen, und wenn das unmöglich ist, wartet er am Ufer, und selbst
wenn er nach Hause kommt, ohne ihn erblickt zu haben, so hat er den
Trost, zu wissen, daß der Fisch gut aufgehoben ist. Jemanden in seiner
Vollkommenheit besitzen dürfen, ist der höchste Gewinn, aber wenn dies
unmöglich ist, so ist der zweithöchste, auf den Besitz zugunsten der
Vollkommenheit des andern zu verzichten.«

Ich hörte meinen Gatten nicht gern so über diesen Gegenstand sprechen,
aber nicht das war der Grund, weshalb ich mich weigerte, die
Frauengemächer zu verlassen. Seine Großmutter war noch am Leben. Mein
Gatte hatte mehr als neunundneunzig Prozent des Hauses mit dem
zwanzigsten Jahrhundert angefüllt, sehr gegen ihren Geschmack, aber doch
hatte sie es, ohne zu klagen, geduldet. Sie würde es ebenso geduldet
haben, wenn die Gemahlin des Radscha[8] ihre Zurückgezogenheit
aufgegeben hätte. Sie war sogar darauf gefaßt, daß dies geschehen
könnte. Aber mir schien die Sache nicht wichtig genug, um ihr diesen
Schmerz anzutun. Ich habe in Büchern gelesen, daß man uns als »Vögel im
Käfig« bezeichnet. Ich weiß nicht, wie es mit andern ist, aber für mich
umschloß dieser Käfig so viel, daß es in der ganzen Welt nicht Platz
gehabt hätte, -- so empfand ich es wenigstens damals.

Die Großmutter, die schon sehr alt war, hielt sehr viel von mir. Ihrer
Liebe lag wohl der Gedanke zugrunde, daß ich mit Hilfe der mir günstigen
Sterne es vermocht hatte, die Liebe meines Gatten zu gewinnen. Hatten
nicht die Männer von Natur den Hang, in Laster zu versinken? Keine von
den andern war mit all ihrer Schönheit imstande gewesen, ihren Gatten
davon zurückzuhalten, daß er Hals über Kopf dem höllischen Abgrund
zustürzte, der ihn verschlang und vernichtete. Sie glaubte, daß ich das
Mittel gewesen sei, jene Leidenschaften auszulöschen, die den Männern
ihrer Familie so verderblich geworden waren. Daher hütete sie mich wie
ihren größten Schatz und zitterte, sobald mir nur das Geringste fehlte.

Die Großmutter mochte die Kleider und Schmucksachen nicht leiden, die
mein Gatte in europäischen Läden kaufte, um sie mir umzuhängen. Aber
sie überlegte: Die Männer müssen nun einmal irgendein närrisches
Steckenpferd haben, das allemal viel Geld kostet. Es hat keinen Zweck,
zu versuchen, sie daran zu hindern; man kann nur froh sein, wenn sie
sich nicht ganz dabei zugrunde richten. Wenn mein Nikhil nicht immer
damit beschäftigt wäre, seine Frau mit schönen Kleidern zu umhängen, wer
weiß, an wen er sonst sein Geld verschwenden würde. Daher ließ sie,
immer wenn ein neues Kleid für mich ankam, meinen Gatten rufen und
freute sich mit ihm darüber.

Und so kam es, daß sie es war, die ihren Geschmack änderte. Ja, sie
wurde so sehr von dem modernen Geist beeinflußt, daß kein Abend hingehen
durfte, ohne daß ich ihr Geschichten aus englischen Büchern erzählte.

Nach dem Tode seiner Großmutter wollte mein Gatte gern, daß ich mit ihm
nach Kalkutta übersiedelte. Aber ich konnte mich nicht dazu
entschließen. War dies nicht unser Haus, das sie in allen Leiden und
Kümmernissen unter ihrer sorgenden Hut gehabt hatte? Würde nicht ein
Fluch mich treffen, wenn ich es verließe und fortzöge in die Stadt?
Dies war der Gedanke, der mich zurückhielt, als ihr leerer Platz mich
vorwurfsvoll ansah. Diese edle Frau war mit acht Jahren in dies Haus
gekommen, und als sie starb, war sie achtundsiebzig. Sie hatte kein
glückliches Leben gehabt. Das Schicksal hatte Pfeil auf Pfeil gegen ihre
Brust geschleudert und hatte doch nur immer mehr die unzerstörbare Kraft
ihrer Seele hervorströmen lassen. Dies große Haus war durch ihre Tränen
geweiht. Was sollte ich fern von ihm, im Staub von Kalkutta?

Mein Gatte hatte die Vorstellung, daß wir auf diese Weise meiner
Schwägerin den Trost verschaffen könnten, Herrin im Hause zu sein, und
zugleich unserm Leben mehr Raum verschaffen würden, sich auszudehnen.
Aber gerade hierin konnte ich ihm nicht zustimmen. Sie hatte mir das
Leben zur Plage gemacht, sie mißgönnte meinem Gatten sein Glück, und
dafür sollte sie jetzt belohnt werden! Und wenn wir nun eines Tages
hierher zurückkehren wollten? Würde ich da den ersten Platz
wiederbekommen?

»Was willst du mit dem ersten Platz?« pflegte mein Gatte zu sagen. »Gibt
es denn nichts Wertvolleres im Leben?«

Die Männer verstehen solche Dinge nie. Sie haben ihre Nester draußen,
sie kennen nicht die ganze Bedeutung des häuslichen Lebens. In diesen
Dingen sollten sie der weiblichen Führung folgen. -- So dachte ich
damals.

Für mich war der Hauptpunkt der, daß man sein Recht vertreten müsse.
Fortgehen und alles in den Händen des Feindes lassen, das wäre so gut
wie das Eingeständnis einer Niederlage gewesen.

Aber warum zwang mein Gatte mich nicht, mit ihm nach Kalkutta zu gehen?
Ich weiß den Grund. Er machte keinen Gebrauch von seiner Gewalt, gerade
weil er sie hatte.


III

Wenn jemand nach und nach die Kluft zwischen Tag und Nacht ausfüllen
wollte, so würde er eine Ewigkeit dazu brauchen. Aber die Sonne geht
auf, und die Dunkelheit ist verscheucht -- ein Augenblick genügt, einen
unendlichen Abstand zu überwinden.

Eines Tages begann in Bengalen die neue Zeit der Swadeschi-Bewegung[9];
aber wie es dazu kam, davon hatten wir keine klare Vorstellung. Es war
kein allmählicher Übergang von der Vergangenheit zur Gegenwart. Das ist,
glaube ich, der Grund, warum die neue Epoche wie eine Flut über unser
Land kam, die Deiche durchbrechend und all unsre Klugheit und Furcht mit
sich fortreißend. Wir hatten nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken
oder zu begreifen, was geschehen war oder was geschehen sollte.

Mein Herz und meine Sinne, meine Hoffnungen und meine Wünsche flammten
auf in der Leidenschaft dieser neuen Zeit. Wenn auch bis jetzt die
Mauern des Heims, das meinem Geiste doch letzten Endes die Welt bedeutet
hatte, noch nicht zerbrochen waren, so blickte ich doch über sie hinaus
in die Weite und hörte vom fernen Horizonte her eine Stimme, deren Worte
ich zwar nicht deutlich verstand, aber deren Ruf mir unmittelbar zum
Herzen ging.

Seit der Zeit, wo mein Gatte auf der Universität studierte, hatte er
versucht, dahin zu wirken, daß unser Volk die Dinge, die es brauchte, im
eigenen Lande erzeugte. Es gibt in unserer Gegend sehr viele
Dattelpalmen. Er versuchte, einen Apparat zu erfinden, womit der Saft
aus den Früchten ausgepreßt und dann zu Zucker und Sirup verkocht würde.
Man sagte mir, der Apparat funktioniere sehr gut, aber er preßte doch
noch mehr Geld aus dem Unternehmer heraus als Saft aus den Datteln. Bald
kam mein Gatte zu dem Schluß, daß unsre Versuche, unsre Industrie wieder
zu beleben, keinen Erfolg haben konnten, solange wir keine eigene Bank
hatten. Er versuchte damals, mich in die Volkswirtschaft einzuführen.
Dies allein hätte nun zwar nicht viel geschadet, aber er hatte es sich
in den Kopf gesetzt, auch seinen Landsleuten seine Ideen beizubringen
und so den Weg für eine Bank zu bahnen; und dann eröffnete er auch
tatsächlich ein kleines Bankgeschäft. Die hohen Zinsen jedoch, die
bewirkten, daß die Dorfleute begeistert herbeiströmten, um ihr Geld
hineinzutun, richteten bald die Bank gänzlich zugrunde.

Die alten Gutsverwalter waren bekümmert und ängstlich. Die Feinde
triumphierten. Von der ganzen Familie blieb nur meines Gatten Großmutter
gelassen und ruhig. Sie schalt mich, indem sie sagte: »Warum quält ihr
ihn alle so? Kümmert ihr euch sonst um das Schicksal des Gutes? Wie oft
habe ich schon erlebt, daß dies Gut dem Steuereinnehmer verpfändet
wurde! Sind die Männer denn wie die Frauen? Die Männer sind geborene
Verschwender und können nur Geld durchbringen. Sieh einmal, mein Kind,
du solltest dich glücklich schätzen, daß dein Gatte nicht auch noch
seine Gesundheit durchbringt!«

Die Liste derer, die von meinem Gatten unterstützt wurden, war sehr
lang. Wer nur einen neuen Webstuhl oder eine neue
Reisenthülsungsmaschine erfinden wollte, dem stand er bei bis zum
gänzlichen Ruin. Aber was mich am meisten ärgerte, war die Art, wie
Sandip Babu ihn ausbeutete, indem er seine Arbeit für die
Swadeschi-Bewegung als Vorwand gebrauchte. Was es auch war, sei es nun,
daß er eine Zeitung gründen oder eine Vortragsreise für die Sache
unternehmen wollte, oder daß er nach Ansicht seines Arztes
Luftveränderung brauchte, mein Gatte gab immer hin, ohne zu fragen. Und
dies gewährte er Sandip Babu noch außer der festgesetzten Summe, die
dieser regelmäßig für seinen Unterhalt von ihm erhielt. Das
Merkwürdigste dabei war, daß mein Gatte und Sandip Babu in ihren
Ansichten gar nicht übereinstimmten.

Sobald der Sturm der Swadeschi-Bewegung auch mir ins Blut gefahren war,
sagte ich zu meinem Gatten: »Ich muß alle meine ausländischen Kleider
verbrennen.«

»Warum willst du sie verbrennen?« sagte er. »Du brauchst sie ja nicht zu
tragen, solange du nicht willst.«

»Solange ich nicht will! Mein ganzes Leben lang...«

»Gut, trage sie denn nicht mehr! Aber wozu gleich feierlich einen
Scheiterhaufen errichten?«

»Wolltest du mich in meinem Entschluß hindern?«

»Was ich dir sagen möchte, ist dies: Warum wollt ihr nicht lieber
versuchen aufzubauen? Ihr solltet auch nicht einmal den zehnten Teil
eurer Kraft in diesem zerstörenden Haß vergeuden.«

»Dieser Haß wird uns die Kraft geben, aufzubauen.«

»Das ist, als ob ihr sagtet, ihr könntet das Haus nicht erleuchten,
ohne es anzuzünden.«

Bald kam ein neuer Verdruß. Als Miß Gilby zuerst in unser Haus gekommen
war, hatte es große Aufregung gegeben, die sich dann allmählich
beruhigte, als man sich an sie gewöhnte. Jetzt wurde die ganze Sache von
neuem aufgerührt. Ich hatte mich vorher nicht darum gekümmert, ob Miß
Gilby Europäerin oder Indierin sei, aber jetzt war es mir nicht mehr
einerlei. Ich sagte zu meinem Gatten: »Wir müssen Miß Gilby aus dem
Hause schaffen.«

Er schwieg.

Ich wurde heftig, und er ging traurig fort.

Nachdem ich mich ausgeweint hatte, war ich des Abends, als wir uns
wiedersahen, etwas ruhiger gestimmt. »Ich kann Miß Gilby nicht durch
einen Nebel von abstrakten Theorien ansehen,« sagte mein Gatte, »nur
weil sie Engländerin ist. Kannst du nach einer so langen Bekanntschaft
nicht über die Schranke eines bloßen Namens wegkommen? Kannst du nicht
daran denken, daß sie dich liebt?«

Ich war ein wenig beschämt und antwortete etwas gereizt: »Meinethalben
laß sie bleiben. Ich bin nicht darauf erpicht, sie fortzuschicken.«

Und Miß Gilby blieb.

Aber eines Tages hörte ich, daß ein junger Bursche sie auf dem Wege zur
Kirche beschimpft hatte. Es war ein Junge, den wir unterstützten. Mein
Gatte wies ihn aus dem Hause. Es gab an jenem Tage niemand, der meinem
Gatten diese Tat verzeihen konnte, -- selbst ich nicht. Diesmal ging Miß
Gilby von selbst. Sie weinte, als sie kam, um uns Lebewohl zu sagen,
aber mein Zorn schmolz nicht. Den armen Jungen so zu verklatschen, --
und dabei war er ein so prächtiger Junge, der über seiner Begeisterung
für die nationale Sache Essen und Trinken vergaß.

Mein Gatte brachte Miß Gilby in seinem eigenen Wagen zur Bahn. Ich fand,
daß er viel zu weit ging. Und als übertriebene Gerüchte von diesem
Vorfall Anlaß zu einem öffentlichen Skandal gaben, über den die
Zeitungen herfielen, fand ich, daß ihm ganz recht geschehen sei.

Ich war durch meines Gatten Tun oft in Unruhe versetzt, aber nie vorher
hatte ich mich seiner geschämt; doch jetzt mußte ich für ihn erröten.
Ich wußte nicht genau, und es war mir auch gleichgültig, welches Unrecht
der arme Noren Miß Gilby getan hatte oder getan haben sollte; aber wie
konnte man in solcher Zeit über so etwas zu Gericht sitzen! Ich hätte
die Gesinnung, die den kleinen Noren antrieb, der Engländerin seine
Verachtung zu zeigen, nicht unterdrücken mögen. Ich konnte nicht anders
als ein Zeichen von Schwäche darin sehen, daß mein Gatte eine so
einfache Sache nicht begriff. Und daher errötete ich für ihn.

Und doch lag es nicht so, daß mein Gatte sich weigerte, die
Swadeschi-Bewegung zu unterstützen oder daß er irgendwie der nationalen
Sache entgegenarbeitete. Er war nur nicht imstande, sich mit ganzem
Herzen dem Geist des »Bande Mataram«[10] hinzugeben.

»Ich will gern meinem Lande dienen,« sagte er, »aber die Gerechtigkeit
steht mir höher als das Vaterland. Wer Götzendienst mit seinem
Vaterlande treibt, ruft einen Fluch darauf herab.«


Fußnoten:

[1] Das Abzeichen des Frauenstandes bei den Hindus und das
Symbol der hingebenden Liebe, die dieser Stand in sich schließt.

[2] Das Hauptgewand der Hindufrauen.

[3] Radscha (Rajah), indischer Fürst.

[4] Dies ist eine äußere Form der Verehrung und geschieht,
indem man mit der Hand die Füße des Betreffenden und dann das eigene
Haupt leicht berührt. Es ist nicht allgemein Sitte, daß die Frau ihrem
Gatten ihre Verehrung in dieser Weise bezeugt. (Der englische Ausdruck
ist: to take the dust of one's feet.)

[5] Titel der islamischen Landesfürsten.

[6] Es würde nicht als schicklich angesehen werden, wenn ein
Mann beständig in dem Frauengemach aus und ein ginge, außer zu den
bestimmten Stunden, die dem Mahl oder der Ruhe gewidmet sind.

[7] Bara = älter; Tschota = jünger. In vornehmen Häusern
behalten die Witwen, obgleich sie nur auf eine lebenslängliche Rente vom
Vermögensanteil ihres Gatten Anspruch haben, doch den Rang nach ihrem
Alter, und die Titel Bara und Tschota bleiben bei den älteren und
jüngeren Zweigen der Familie, wenn auch der jüngere Zweig der
herrschende ist.

[8] Das Ansehen der Gemahlin des Radscha ist von höchster
Wichtigkeit bei den vornehmen Hindus.

[9] Die nationale Bewegung, welche im Anfang mehr
wirtschaftlichen als politischen Charakter hatte, da sie hauptsächlich
auf Ermutigung der einheimischen Industrie gerichtet war.

[10] »Heil dir, Mutter!«, die Anfangsworte eines Liedes von
Bankim Chatterjee, dem berühmten bengalischen Romanschreiber. Das Lied
ist jetzt zur Nationalhymne geworden, und Bande Mataram wurde seit der
Zeit der Swadeschi-Bewegung zum nationalen Losungsruf.



ZWEITES KAPITEL


BIMALAS ERZÄHLUNG

IV

Um diese Zeit geschah es, daß Sandip Babu mit seinen Anhängern in unsere
Gegend kam, um Reden im Dienste der Swadeschi-Bewegung zu halten.

Es soll eine große Versammlung in unsrer Tempelhalle stattfinden. Wir
Frauen sitzen dort auf der einen Seite, hinter einem Vorhang. Das
Triumphgeschrei Bande Mataram kommt näher, und ein Schauer läuft durch
alle meine Adern. Plötzlich strömt eine Schar von barfüßigen Jünglingen
im gelben Asketengewand und Turban in den Tempelhof, wie ein
schlammgeröteter Bach beim ersten Regenguß sich in das ausgetrocknete
Flußbett ergießt. Der ganze Raum ist angefüllt von einer ungeheuren
Menge, durch die man Sandip Babu trägt, auf einem großen Stuhl thronend,
den zehn bis zwölf Jünglinge auf den Schultern tragen.

Bande Mataram! Bande Mataram! Bande Mataram! Es ist, als ob der Himmel
bersten und in tausend Stücke zerreißen wollte.

Ich hatte Sandip Babus Bild schon früher gesehen. Es war etwas in
seinem Gesicht, was ich nicht mochte. Nicht, daß er häßlich war, -- im
Gegenteil, er hatte ein auffallend schönes Gesicht. Doch, ich weiß
nicht, es schien mir, daß trotz all der Schönheit zuviel gemeiner Stoff
hineingearbeitet war. Das Licht in seinen Augen schien mir nicht ganz
echt zu sein. Darum mochte ich nicht, daß mein Gatte unbedenklich allen
seinen Forderungen nachgab. Den Verlust des Geldes konnte ich schon
ertragen, aber es ärgerte mich, daß er meinen Gatten hinterging und
seine Freundschaft ausbeutete. Sein Benehmen war nicht das eines
Asketen, nicht einmal das eines Menschen in beschränkten Verhältnissen,
sondern durchaus stutzerhaft und verriet Liebe zum Luxus... Eine ganze
Reihe solcher Betrachtungen kommen mir heute wieder in den Sinn, aber
genug davon!

Als Sandip Babu jedoch an jenem Nachmittag zu sprechen anfing und die
Herzen der Menge bei seinen Worten wogten und schwollen, als ob sie alle
Schranken durchbrechen wollten, sah ich ihn wunderbar verklärt.
Besonders als seine Züge plötzlich von einem Strahl der untergehenden
Sonne erleuchtet wurden, die langsam unter die Linie des Tempeldaches
sank, da erschien er mir wie ein Gottgesandter.

Von Anfang bis zu Ende war seine Rede ein stürmischer Ausbruch. Sein
Vertrauen auf den Sieg der Sache war felsenfest. Ich weiß nicht, wie es
kam, aber ich merkte plötzlich, daß ich den Vorhang ungeduldig
zurückgeschlagen und den Blick fest auf ihn gerichtet hatte. Aber
niemand unter der Menge beachtete, was ich tat. Nur einmal bemerkte ich,
wie seine Augen mich anfunkelten, wie die Sterne des schicksalsvollen
Orions.

Ich hatte mich ganz vergessen. Ich war nicht mehr die Gemahlin des
Radscha, sondern die einzige Vertreterin von Bengalens Frauen. Und er
war der Streiter für Bengalen. Wie der Himmel sein Licht über ihn
ausgegossen hatte, so mußte auch der Segen einer Frau ihn für seine
Aufgabe weihen...

Es schien mir ganz deutlich, daß, seit er mich erblickt hatte, das Feuer
seiner Rede noch leidenschaftlicher emporgeflammt war. Indras Roß ließ
sich nicht bändigen, und nun kam das Rollen des Donners und das Leuchten
der Blitze. Ich sagte mir, daß seine Rede sich an meinen Augen entzündet
hatte; denn wir Frauen wachen nicht nur über das Feuer des häuslichen
Herdes, sondern über die Flamme der Seele selbst.

Als ich an jenem Abend heimkehrte, strahlte ich von einem neuen Gefühl
des Stolzes und der Freude. Der Sturm in mir hatte mein ganzes Wesen
aufgewühlt und seinen Schwerpunkt verschoben. Wie die Jungfrauen der
alten Griechen hätte ich gern meine langen, glänzenden Flechten
abgeschnitten, um eine Bogensehne für meinen Helden daraus zu machen.
Wenn mein äußerer Schmuck mit meinen Gefühlen in Verbindung gestanden
hätte, so würden Halsband und Armspangen ihren Verschluß gesprengt und
sich wie ein Schauer von Meteoren über die Versammlung ergossen haben.
Ich fühlte, daß ich ein persönliches Opfer bringen mußte, um den Sturm
der leidenschaftlichen Erregung in mir aushalten zu können.

Als mein Gatte später nach Hause kam, zitterte ich vor Angst, er könne
etwas sagen, was mit dem Siegeslied, das noch in meinen Ohren klang, in
Disharmonie wäre; ich fürchtete, sein Wahrheitsfanatismus könne ihn
verleiten, sich über irgend etwas, was am Nachmittag gesagt war,
mißbilligend zu äußern. Denn dann würde ich ihm offen getrotzt und ihn
gedemütigt haben. Aber er sagte kein Wort... und dies war mir auch
nicht recht. Er hätte sagen sollen: »Sandip hat mich zur Vernunft
gebracht. Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich diese ganze Zeit geirrt
habe.«

Ich hatte das Gefühl, daß er aus Ärger und Bosheit schwieg, daß er sich
eigensinnig der Begeisterung verschloß. Ich fragte ihn, wie lange Sandip
Babu bei uns bleiben würde.

»Er wird morgen in der Frühe nach Rangpur aufbrechen«, sagte mein Gatte.

»Muß es schon morgen sein?«

»Ja, er hat versprochen, dort zu reden.«

Ich schwieg eine Weile, dann fragte ich wieder: »Könnte er es nicht
möglich machen, noch einen Tag zu bleiben?«

»Das wird er schwerlich können. Aber warum möchtest du es?«

»Ich möchte ihn zum Mittagessen einladen und ihn dabei selbst bedienen.«

Mein Gatte war überrascht. Er hatte mich oft gebeten, dabei zu sein,
wenn er nahe Freunde zum Mittagessen bei sich hatte, aber ich hatte mich
nie dazu überreden lassen. Er sah mich einen Augenblick schweigend und
aufmerksam an, mit einem Blick, den ich nicht ganz verstand.

Plötzlich überkam mich ein Gefühl der Scham.

»Nein, nein,« rief ich, »das geht auf keinen Fall.«

»Warum nicht?« sagte er. »Ich will ihn selbst fragen; wenn es irgend
möglich ist, wird er sicher morgen noch bleiben.«

Es erwies sich als durchaus möglich.

Ich will ganz aufrichtig sein. An jenem Tage machte ich meinem Schöpfer
Vorwürfe, daß er mich nicht mit hervorragender Schönheit geschmückt
hatte, -- nicht daß ich damit hätte Herzen stehlen wollen, sondern weil
Schönheit verklärt. An diesem großen Tage sollten die Männer die
Gottheit des Landes im Weibe erkennen. Aber ach, die Augen der Männer
erkennen die Gottheit nicht, wenn es ihr an äußerer Schönheit fehlt.
Würde Sandip Babu die Schakti[11] unseres Landes in mir offenbart sehen?
Oder würde er mich nur für eine gewöhnliche Hausfrau halten?

An jenem Morgen besprengte ich mein herabhängendes Haar mit
wohlriechendem Wasser und band es in einen losen Knoten mit einem
rotseidenen Bande, das ich geschickt hindurchschlang. Das Mittagessen
sollte schon um zwölf sein, da hatte ich begreiflicherweise nicht die
Zeit, es nach meinem Bade noch in der gewohnten Weise in Flechten
hochzustecken. Ich zog einen goldgesäumten weißen Sari an, und auch mein
kurzärmeliges Muslinjäckchen hatte einen Goldsaum.

Ich war der Meinung, daß meine Kleidung eigentlich recht diskret sei und
daß nicht leicht etwas einfacher hätte sein können. Aber meine
Schwägerin, die zufällig vorbeiging, blieb plötzlich vor mir stehen, sah
mich von Kopf zu Fuß an und lächelte mit zusammengepreßten Lippen ein
vielsagendes Lächeln. Als ich sie nach dem Grunde fragte, sagte sie:
»Ich bewundere deinen Aufputz.«

»Was ist daran so Belustigendes?« fragte ich sehr geärgert.

»Er ist prächtig«, sagte sie. »Ich dachte mir eben, daß eine von jenen
tiefausgeschnittenen englischen Taillen ihn vollkommen machen würde.«
Nicht nur ihr Mund und ihre Augen, sondern ihr ganzer Körper schien von
unterdrücktem Lachen zu zucken, als sie das Zimmer verließ.

Ich war sehr, sehr böse und wollte im ersten Augenblick alles ausziehen
und meine Alltagskleider anlegen. Ich kann nicht genau sagen, was mich
hinderte, diesem Impuls zu folgen. Die Frauen sind die Zierde der
Gesellschaft -- so redete ich mir ein -- und mein Gatte würde es nicht
mögen, wenn ich nicht standesgemäß gekleidet vor Sandip Babu erschiene.

Meine Absicht war, erst zu erscheinen, nachdem sie sich schon zum
Mittagessen gesetzt hatten.

Bei der Beaufsichtigung des Bedienens hätte ich die erste Scheu am
besten überwinden können. Aber das Essen war nicht zur rechten Zeit
fertig, und es wurde spät. Inzwischen ließ mein Gatte mich rufen, um mir
den Gast vorzustellen.

Ich war schrecklich verlegen, als ich Sandip Babu ins Gesicht sehen
sollte. Es gelang mir jedoch, mich zu fassen, und ich sagte: »Es tut mir
sehr leid, daß es mit dem Essen so spät wird.«

Er kam ohne jede Verlegenheit auf mich zu und nahm an meiner Seite
Platz. »Ein Mittagessen,« sagte er, »bekomme ich irgendwie jeden Tag,
aber die Göttin des Überflusses bleibt hinter der Szene. Nun, da die
Göttin selbst erschienen ist, macht es wenig, wenn das Essen auf sich
warten läßt.«

Er war im Privatverkehr eben so emphatisch wie in seinen öffentlichen
Reden. Er zögerte nicht und schien daran gewöhnt, unaufgefordert den
Platz einzunehmen, den er sich wählte. Er erhob mit solcher Zuversicht
den Anspruch auf Vertraulichkeit, daß man sich im Unrecht gefühlt hätte,
wenn man sie ihm hätte streitig machen wollen.

Es war mir ein schrecklicher Gedanke, daß Sandip Babu mich für ein
schüchternes, altmodisches Häufchen Unbedeutendheit halten könnte. Aber
ich hätte ihn um mein Leben nicht mit geistreichen Erwiderungen
bezaubern oder blenden können. Wie war ich nur auf den unglücklichen
Einfall gekommen, so fragte ich mich zornig, solche lächerliche Figur
vor ihm zu spielen?

Als das Mittagessen vorüber war, wollte ich mich zurückziehen, aber
Sandip Babu, kühn wie immer, stellte sich mir in den Weg.

»Sie müssen mich nicht für so materiell halten«, sagte er. »Nicht das
Mittagessen veranlaßte mich zu bleiben, sondern Ihre Einladung. Wenn Sie
jetzt die Flucht ergriffen, so würden Sie mit Ihrem Gast kein ehrliches
Spiel treiben.«

Wenn er diese Worte nicht in heiterm und ungezwungenem Ton gesagt hätte,
so hätten sie mich wohl verstimmt. Aber ich mußte mir ja sagen, er stand
meinem Gatten so nahe, daß ich mich als seine Schwester ansehen konnte.

Während ich versuchte, mich innerlich auf diesen vertraulichen Ton
einzustellen, kam mir mein Gatte zu Hilfe, indem er sagte: »Könntest du
denn nicht wiederkommen, wenn du dein Mittagessen gehabt hast?«

»Aber Sie müssen uns Ihr Wort geben, bevor wir Sie fortlassen«, sagte
Sandip Babu.

»Ich verspreche es«, sagte ich mit einem leichten Lächeln.

»Ich will Ihnen sagen, warum ich Ihnen nicht trauen kann«, fuhr Sandip
Babu fort. »Nikhil ist nun schon neun Jahre verheiratet, und diese
ganze Zeit sind Sie mir ausgewichen. Wenn Sie dies nun wieder neun Jahre
lang tun, werden wir uns überhaupt nicht wiedersehen.«

Ich ging auf den Geist seiner Bemerkung ein und fragte leise: »Aber
warum sollten wir uns selbst dann nicht wiedersehen?«

»Mein Horoskop sagt mir, daß ich früh sterben werde. Keiner von meinen
Vorfahren hat sein dreißigstes Jahr überlebt. Ich bin jetzt
siebenundzwanzig.«

Er wußte, daß dies Eindruck machen würde. Und er mußte diesmal einen
leisen Ton von Besorgnis in meiner Stimme hören, als ich flüsternd
sagte: »Der Segen des ganzen Landes wird sicher den bösen Einfluß der
Sterne abwenden.«

»Dann muß die Gottheit des Landes selbst diesem Segen ihre Stimme
leihen. Dies ist der Grund, warum ich so eifrig wünsche, Sie möchten
wiederkommen, damit mein Talisman schon heute anfangen kann zu wirken.«

Sandip Babu hatte eine solche Art, alles im Sturm zu nehmen, daß ich gar
nicht dazu kam, ihm etwas übelzunehmen, was ich einem andern nie erlaubt
haben würde.

»Also«, schloß er lachend, »werde ich Ihren Gatten so lange als Geisel
hierbehalten, bis Sie zurückkommen.«

Als ich im Begriff war zu gehen, rief er: »Darf ich Sie um eine
Kleinigkeit bemühen?«

Ich wandte mich etwas erschrocken um.

»Erschrecken Sie nicht«, sagte er. »Es ist nur ein Glas Wasser. Sie
haben vielleicht bemerkt, daß ich beim Essen kein Wasser trank. Ich
trinke es etwas später.«

Ich mußte hierauf etwas Interesse zeigen und nach dem Grund fragen. Er
erzählte mir, daß er seit länger als einem halben Jahr an
Verdauungsbeschwerden gelitten und nun endlich, nachdem er alle
möglichen allopathischen und homöopathischen Mittel vergeblich versucht
hatte, mit einheimischen Heilmitteln ganz wundervolle Resultate erzielt
hätte.

»Sehen Sie,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, »Gott hat selbst meine
Gebrechen so eingerichtet, daß sie nur dem Bombardement mit
Swadeschi-Pillen weichen.«

Hier mischte sich mein Gatte ein. »Du mußt zugeben,« sagte er, »daß du
eine ebenso große Anziehungskraft für ausländische Medizin hast, wie
die Erde für Meteore. Du hast in deinem Wohnzimmer drei Schränke...«

Sandip Babu unterbrach ihn. »Weißt du, was die sind? Die sind die
Strafpolizei. Sie sind da, nicht weil man ihrer bedarf, sondern weil sie
uns durch die moderne Gesellschaftsordnung aufoktroyiert sind, daß sie
uns Geldstrafen auferlegen oder andere Unbill zufügen.«

Mein Gatte kann Übertreibungen nicht leiden, und ich merkte, daß er
verstimmt war. Aber jede Verzierung ist eine Übertreibung. Sie stammt
nicht von Gott, sondern vom Menschen. Ich weiß noch, wie ich einmal mich
meinem Gatten gegenüber verteidigte, als ich eine Unwahrheit gesagt
hatte: »Nur die Bäume und Tiere und Vögel sagen die Wahrheit ganz nackt,
weil es diesen armen Dingern an Erfindungsgabe fehlt. Hierin zeigen die
Menschen ihre Überlegenheit über die niedern Geschöpfe, und die Frauen
sind noch den Männern über. Wie reicher Schmuck der Frau wohl ansteht,
so auch Ausschmückung der Wahrheit.«

Als ich hinaustrat auf den Korridor, der zu den Frauengemächern führte,
sah ich meine Schwägerin an einem Fenster stehen, durch das man ins
Empfangszimmer sehen konnte. Sie versuchte durch die Jalousien zu
spähen.

»Du hier?« fragte ich überrascht.

»Auf dem Lauscherposten«, erwiderte sie.


V

Als ich zurückkam, entschuldigte sich Sandip Babu. »Ich fürchte, ich
habe Ihnen den Appetit verdorben«, sagte er besorgt.

Ich schämte mich sehr. Ich war wirklich unziemlich schnell mit meinem
Essen fertig geworden. Man konnte mir leicht nachrechnen, daß ich in der
Zeit nicht viel hatte essen können. Aber mir war nicht der Gedanke
gekommen, daß jemand nachrechnen würde.

Ich hatte das Gefühl, daß Sandip Babu meine Beschämung merkte, was sie
natürlich noch erhöhte. »Ich wußte wohl,« sagte er, »daß der Impuls des
scheuen Wildes Sie von mir trieb, um so mehr weiß ich es zu würdigen,
daß Sie Ihr Versprechen halten.«

Mir wollte keine passende Antwort einfallen, und so setzte ich mich
errötend und voll Unbehagen auf das eine Ende des Sofas. Die Vision, die
ich von mir selbst gehabt hatte, als die im Weibe verkörperte Gottheit,
die durch ihre bloße Gegenwart Sandip Babu krönte, in stolzer Majestät,
diese Vision war mir ganz entschwunden.

Sandip Babu begann absichtlich eine Diskussion mit meinem Gatten. Er
wußte, daß sein scharfer Verstand in schlagfertigen Entgegnungen am
besten zur Geltung kam. Ich habe seitdem oft beobachtet, daß er sich nie
eine Gelegenheit zum Wortgefecht entgehen ließ, wenn ich zufällig dabei
war.

Er kannte meines Gatten Ansichten über den Bande-Mataram-Kult und begann
in herausforderndem Tone: »Also du gibst nicht zu, daß man bei der
patriotischen Werbearbeit auch versuchen soll, auf die Phantasie zu
wirken?«

»Man darf schon auf sie wirken, Sandip, aber ich halte nichts davon,
wenn man alles damit machen will. Ich möchte mein Vaterland, so sehen,
wie es in Wahrheit ist, und darum würde ich mich scheuen und es für
unwürdig halten, mit hypnotisierenden patriotischen Reden zu arbeiten.«

»Aber was du hypnotisierende Reden nennst, ist für mich Wahrheit. Ich
glaube an mein Vaterland wie an meinen Gott. Mir ist die Menschheit
heilig. Gott offenbart sich sowohl im Menschen wie in seinem
Vaterlande.«

»Wenn du das wirklich glaubst, dann sollte es für dich keinen
Unterschied geben zwischen den verschiedenen Menschen und den
verschiedenen Ländern.«

»Ganz recht. Aber mein Gefühl ist begrenzt und kann nicht die ganze
Menschheit umfassen, daher verehre ich sie hier in meinem Volke.«

»Ich habe nichts gegen diese Verehrung als solche, aber wie willst du
Gott verehren, wenn du andere Völker hassest, in denen er sich
gleichfalls offenbart?«

»Der Haß ist auch ein Diener der Anbetung. Ardschuna gewann Mahadevas
Gnade[12] dadurch, daß er mit ihm rang. Gott wird am Ende mit uns sein,
wenn wir bereit sind, uns ihm im Streite zu stellen.«

»Wenn dem so ist, so sind beides seine Diener, die, welche deinem Volke
dienen, und die, welche ihm schaden. Aber wozu dann noch Patriotismus
predigen?«

»Wenn es sich um das eigene Volk handelt, ist es etwas anderes. Da
spricht das Herz deutlich und verlangt, daß wir ihm dienen.«

»Wenn du die Konsequenz dieser Beweisführung ziehst, so mußt du sagen,
daß, da Gott sich in uns offenbart, wir vor allen Dingen uns selbst
dienen müssen, weil unser natürlicher Instinkt dies fordert.«

»Nun höre einmal, Nikhil, dies ist alles nur dürre Logik. Begreifst du
denn nicht, daß es so etwas wie Gefühl gibt?«

»Ich will dir offen sagen, Sandip,« erwiderte mein Gatte, »gerade mein
Gefühl ist verletzt, wenn ihr Ungerechtigkeit zur Pflicht zu machen
sucht, und Gottlosigkeit zum sittlichen Ideal. Wenn ich nicht imstande
bin zu stehlen, so liegt die Ursache nicht in meinen logischen
Fähigkeiten, sondern in einem gewissen Gefühl von Selbstachtung und
Treue gegen meine Ideale.«

Ich kochte innerlich. Zuletzt konnte ich nicht länger schweigen. »Ist
nicht die Geschichte jedes Landes,« rief ich, »sei es nun England,
Frankreich, Deutschland oder Rußland, die Geschichte von Diebstählen,
die für das Vaterland begangen wurden?«

»Sie müssen für diese Diebstähle zahlen; sie müssen schon jetzt dafür
zahlen; ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende.«

»Auf jeden Fall,« fiel Sandip Babu ein, »meine ich, wir sollten es
ebenso machen wie sie. Laß uns nur einstweilen die Koffer unsres Landes
mit gestohlenen Schätzen füllen, und dann mögen, wie bei den andern
Ländern, Jahrhunderte darüber hingehen, ehe wir dafür zahlen, wenn es
überhaupt dazu kommt. Denn ich frage dich, wo findest du für diese
›Zahlen‹ ein Beispiel in der Geschichte?«

»Als Rom für seine Sünde zahlte, wußte es niemand. Die ganze Zeit schien
sein Glück unbegrenzt zu sein. Aber siehst du denn nicht das eine: wie
sie unter der Last ihrer politischen Lügen und Verrätereien
zusammenbrechen?«

Ich hatte nie vorher Gelegenheit gehabt, bei einer Diskussion zwischen
meinem Gatten und seinen Freunden zugegen zu sein. Immer, wenn er mit
mir stritt, konnte ich fühlen, wie ungern er mich in die Enge trieb.
Dies kam daher, daß er mich so liebte. Heute sah ich zum erstenmal seine
Fechtkunst im Wortstreite.

Dennoch wollte mein Herz nicht für ihn Partei nehmen. Ich suchte nach
einer Antwort, aber ich fand keine. Wenn jemand sich auf den Standpunkt
der Gerechtigkeit stellt, so klingt es häßlich, wenn man ihm sagt, daß
nicht alles, was gut ist, für das Leben taugt.

Plötzlich wandte sich Sandip Babu an mich mit der Frage: »Was sagen denn
Sie dazu?«

»Ich bin nicht für feine Unterscheidungen«, brach ich los. »Ich will
Ihnen ganz kurz und einfach sagen, wie ich empfinde. Ich bin nur ein
Mensch und habe als solcher meine Begierden. Ich möchte meinem
Vaterlande Gutes verschaffen. Zur Not würde ich es mit Gewalt nehmen
oder stehlen. Ich habe meine Galle. Ich könnte um meines Vaterlandes
willen in Wut geraten. Ich könnte, wenn es darauf ankäme, Mord und
Totschlag begehen, um seine Schmach zu rächen. Ich habe das Bedürfnis,
mich zu begeistern, und das, was mich begeistern soll, wie mein
Vaterland, muß mir in sinnfälliger Gestalt entgegentreten. Es muß ein
sichtbares Symbol haben, das seinen Zauber auf mich ausübt. Ich möchte
mein Vaterland personifizieren können und es Mutter, Göttin, Durga[13]
nennen -- und ich würde in seinem Dienst die Erde mit dem Blut meiner
Opfergaben röten. Ich bin ein Mensch, kein ›Heiliger‹.«

Sandip Babu sprang begeistert auf und rief: »Hurrah!« -- Im nächsten
Augenblick verbesserte er sich und rief: »Bande Mataram.«

Ein leiser Zug von Schmerz ging über das Gesicht meines Gatten. Seine
Stimme klang sehr sanft, als er zu mir sagte: »Auch ich bin kein
Heiliger, auch ich bin ein Mensch. Und daher darf ich niemals dulden,
daß das Böse, das in mir ist, zu einem Götzenbild des Vaterlandes
herausgeputzt wird -- niemals!«

Sandip Babu aber rief: »Sieh, Nikhil, wie die Wahrheit im Herzen des
Weibes Fleisch und Blut annimmt. Das Weib versteht es, grausam zu sein;
sein Wüten ist wie ein blinder Sturm. Es ist schön in seiner
Furchtbarkeit. Bei dem Manne ist es häßlich, weil es den nagenden Wurm
des Gedankens und der Vernunft in sich birgt. Ich sage dir, Nikhil,
unsre Frauen sind es, die das Vaterland retten werden. Jetzt ist nicht
die Zeit für ängstliche Skrupel. Wir müssen, ohne zu schwanken und ohne
zu überlegen, brutal sein. Wir müssen sündigen. Wir müssen unsern Frauen
rote Sandelpaste geben, daß sie unsre Sünde salben und auf den Thron
setzen. Erinnerst du dich noch der Worte des Dichters:

    Komm Sünde, schöne Sünde,
    Und gieß mit deinen brennend heißen Küssen
    Feurigen roten Wein in unser Blut!
    Gebieterisch laß die Trompete tönen
    Und kröne unsre Stirne mit dem Kranz
    Jauchzender Zügellosigkeit!
    O Göttin, große Schänderin, komm, salbe
    Die Brust uns schamlos mit dem schwarzen Schlamm der Schande!

Fort mit jener Gerechtigkeit, die den Feind nicht lächelnd ins Verderben
schleudern kann!«

Ein kalter Schauer durchlief mich, als Sandip Babu so stolz erhobenen
Hauptes, dem Impuls des Augenblicks folgend, alles verhöhnte, was die
Menschen in allen Ländern und zu allen Zeiten als ihr Höchstes geehrt
haben.

Aber in wildem Trotz aufstampfend, fuhr er fort: »Ich erkenne dich,
schöner Feuergeist, der das Heim zu Asche verbrennt, um mit seiner
Flamme die ganze Welt zu erleuchten. Gib uns den unbezwinglichen Mut,
uns in die tiefste Hölle des Verderbens zu stürzen! Gib allem, was
tödlich ist, den Reiz deiner Schönheit!«

Es war nicht klar, wen Sandip Babu mit diesen letzten Worten anrief.
Vielleicht war es die Gottheit, der sein Bande Mataram galt. Vielleicht
waren es die Frauen seines Vaterlandes im allgemeinen. Vielleicht auch
war es ihre Vertreterin, die Frau, die vor ihm stand. Er hätte noch im
gleichen Tone fortgefahren, wenn mein Gatte sich nicht plötzlich erhoben
und leicht seine Schulter berührend gesagt hätte: »Sandip, Tschandranath
Babu ist hier.«

Ich fuhr zusammen, und als ich mich umsah, erblickte ich einen alten
Herrn von ehrwürdigem Äußern, der ruhig abwartend an der Tür stand, in
Zweifel, ob er hereinkommen oder sich zurückziehen sollte. Auf seinem
Antlitz lag ein mildes Licht wie das der untergehenden Sonne.

Mein Gatte trat zu mir heran und flüsterte: »Dies ist mein Lehrer, von
dem ich dir so oft erzählt habe. Begrüße ihn, wie sich's gebührt!«

Ich neigte mich tief und berührte ehrfurchtsvoll seine Füße. Er segnete
mich und sagte: »Möge Gott Sie immer schützen, Mütterchen!«

Ach, ich hatte in jenem Augenblick solchen Segen so nötig.


Fußnoten:

[11] Kraft, Macht, insbesondere die magische Kraft eines
Gottes; sodann personifiziert als weibliche Gottheit. Speziell als Name
der Gemahlin Schivas, die auch Kali heißt. (Übers.)

[12] Ardschuna, der Hauptheld des Pāndustammes in dem großen
Heldenepos Mahābhārata. Mahādēva, »der große Gott«, Beiname Vischnus,
der in diesem Epos in menschlicher Gestalt auftritt, als Krischna, ein
Vetter Ardschunas, dem er als Wagenlenker dient. (Übers.)

[13] Ein andrer Name der Gemahlin Schivas, die sonst Uma, Kali
usw. heißt. (Übers.)


NIKHILS ERZÄHLUNG

I

Einst war ich so zuversichtlich in meinem Glauben, daß ich meinte, ich
würde alles tragen können, was mein Gott mir auferlegte. Ich wurde nie
auf die Probe gestellt. Jetzt, glaube ich, ist die Stunde gekommen.

Ich pflegte meine Seelenstärke zu prüfen, indem ich mir alle möglichen
Übel, die mir zustoßen könnten, vorstellte -- Armut, Kerker, Schande,
Tod, -- selbst den Tod Bimalas. Und wenn ich mir dann sagte, daß ich die
Kraft haben würde, das alles mit Standhaftigkeit zu ertragen, so sagte
ich sicher nicht zuviel. Nur eines war mir niemals in den Sinn gekommen,
und das ist es, woran ich heute denke und wovon ich nicht weiß, ob ich
es wirklich ertragen kann. Es ist, als ob ein Dorn mir irgendwo im
Herzen sitzt und mich beständig sticht, während ich bei meiner täglichen
Arbeit bin. Er scheint selbst weiterzustechen, wenn ich schlafe. Sobald
ich morgens erwache, fühle ich, daß das Antlitz des Himmels seinen Glanz
verloren hat. Was ist es? Was ist geschehen?

Mein Gefühl ist so empfindlich geworden, daß selbst mein vergangenes
Leben, das den Schein des Glückes trug, jetzt mein Herz mit seiner Lüge
martert, und die Sorge und Schande, die an mich heranschleichen, zeigen
sich immer unverhüllter, je mehr sie versuchen, ihr Antlitz zu
verbergen. Mein Herz ist ganz Auge geworden. Gerade die Dinge die
verborgen bleiben sollten, die ich nicht sehen will, drängen sich mir
auf.

Jetzt ist endlich der Tag gekommen, wo mein unglückliches Los sich in
einer langen Reihe von Schicksalsschlägen offenbaren soll. Ganz
unerwartet ist die bittre Not in dem Herzen eingekehrt, wo Überfluß zu
herrschen schien. Den Lohn, den ich für neun Jahre meiner Jugend der
Täuschung zahlte, muß ich jetzt der Wahrheit mit Zinsen zurückerstatten,
und ich werde mein Leben lang daran zu zahlen haben.

Was nützt es, daß ich meinen Stolz gewaltsam aufrechtzuerhalten suche?
Warum soll ich nicht zugeben, daß ich Mängel habe? Vielleicht fehlt mir
das unüberlegte Draufgängertum, das die Frauen an den Männern lieben.
Aber ist Stärke nur Entfaltung von Muskelkraft? Darf Stärke unbedenklich
die Schwachen in den Staub treten?

Doch was nützen alle diese Erwägungen? Würdigkeit kann man nicht dadurch
erwerben, daß man darüber disputiert. Und ich bin unwürdig, unwürdig,
unwürdig!

Aber wenn ich auch unwürdig bin, -- besteht nicht der wahre Wert der
Liebe darin, daß sie dem Unwürdigen immer wieder aus der Fülle ihres
eigenen Überflusses spendet? Für die Würdigen gibt es viele Arten von
Belohnungen auf Gottes Erde, aber die Liebe hat Gott besonders den
Unwürdigen vorbehalten.

Bis jetzt war Bimala, meine häusliche Bimala, das Produkt der räumlichen
Enge und der gewohnheitsmäßigen kleinen Pflichten. Ich fragte mich, ob
die Liebe, die sie mir gab, aus der Tiefe ihres Herzens quelle oder die
gewohnheitsmäßige Ausübung einer anerzogenen Pflicht sei.

Ich sehnte mich danach, Bimala in ihrer ganzen Wahrheit und Kraft
aufblühen zu sehen. Aber ich bedachte nicht, daß man alle Ansprüche
aufgeben muß, die sich auf herkömmliche Rechte gründen, wenn ein Mensch
sich in seinem wahren Wesen frei entfalten soll.

Warum hatte ich daran nicht gedacht? Geschah es aus dem Gefühl stolzer
Sicherheit im Besitz meines Weibes? Nein. Es geschah, weil ich das
vollste Vertrauen auf die Liebe setzte. Ich war eitel genug, zu
glauben, daß ich die Kraft in mir hätte, den Anblick der Wahrheit in
seiner erschreckenden Nacktheit zu ertragen. Ich wußte, daß ich die
Vorsehung versuchte, aber ich beharrte bei meinem stolzen Entschluß, die
Probe siegreich zu bestehen.

In einem Punkte hatte Bimala mich nicht verstanden. Sie konnte nicht
wirklich begreifen, daß in meinen Augen jede Anwendung von Gewalt
Schwäche ist. Nur die Schwachen wagen es nicht, gerecht zu sein. Sie
weichen der Verantwortlichkeit aus und versuchen auf unerlaubten
Richtwegen schnell zum Ziel zu kommen. Es macht Bimala ungeduldig, wenn
man Geduld zeigt. Sie liebt am Manne das Ungestüme, Heftige, Ungerechte.
Ihrer Ehrfurcht muß etwas Furcht beigemischt sein.

Ich hatte gehofft, daß Bimala, wenn sie in voller Freiheit draußen in
der Welt lebte, bald von dieser Schwäche frei werden würde. Aber jetzt
bin ich sicher, daß diese tief in ihrer Natur wurzelt. Sie liebt das
Geräuschvolle. Wenn sie die einfache Kost des Lebens recht genießen
soll, muß sie so scharf gewürzt sein, daß ihr Zunge und Gaumen brennen.
Aber mein Grundsatz war immer, meine Pflicht nie mit wildem Ungestüm zu
tun, noch mich durch den feurigen Wein der Erregung dazu anzustacheln.
Ich weiß, es wird Bimala schwer, diese Eigenschaft an mir zu achten, da
sie meine Skrupel für Schwäche hält, und sie ist böse auf mich, daß ich
nicht in blindem Eifer losstürme mit dem Ruf: Bande Mataram.

Und was diesen Punkt anbetrifft, so habe ich es darin mit allen meinen
Landsleuten verdorben, weil ich in ihren Lärm nicht einstimme. Sie sind
sicher, daß ich entweder Verlangen nach irgendeinem Titel habe oder mich
vor der Polizei fürchte. Die Polizei wiederum meint, daß ich zuviel
Sanftmut zeige, um nicht irgendeinen geheimen Anschlag zu planen.

Aber mein Gefühl sagt mir, daß die, welche sich nicht für ihr Vaterland
begeistern können, wenn sie es so sehen, wie es in Wahrheit ist, oder
die die Menschen nicht lieben können, gerade in ihrer Menschlichkeit, --
die ein Geschrei erheben und ihr Vaterland zum Götzen machen müssen, um
ihren Begeisterungsrausch aufrecht zu erhalten, -- daß diese den Rausch
selbst mehr als ihr Vaterland lieben.

Wenn wir versuchen, den Gegenstand unsrer Begeisterung höher zu stellen
als die Wahrheit, so zeigen wir damit, daß wir von Natur unfrei sind.
Unsre kranke Lebenskraft muß entweder von irgendeinem Wahn in Schwung
gebracht oder durch irgendeine weltliche oder geistliche Autorität
angetrieben werden, um in Bewegung zu kommen. Solange wir uns der
Wahrheit verschließen und nur durch hypnotische Einwirkung zur Tat
gedrängt werden können, solange müssen wir uns sagen, daß wir noch nicht
imstande sind, uns selbst zu regieren.

Als neulich Sandip mir vorwarf, daß es mir an Phantasie fehle und daß
ich daher mein Vaterland nicht als lebendige Idealgestalt sehen könne,
stimmte Bimala ihm zu. Ich sagte nichts zu meiner Verteidigung, denn was
hilft es zum Glück, wenn man im Wortstreit siegt? Ihre abweichende
Meinung beruhte ja nicht auf Mangel an Einsicht, sondern hatte ihren
Grund in der Andersartigkeit ihrer Natur.

Sie machen mir Phantasielosigkeit zum Vorwurf, -- das heißt bei ihnen,
daß ich wohl Öl in meiner Lampe habe, aber keine Flamme. Dies ist aber
gerade der Vorwurf, den ich ihnen mache. Ich möchte ihnen sagen: Ihr
seid dunkel wie die Feuersteine. Ihr müßt zu heftigen Zusammenstößen
kommen und Lärm machen, um Funken hervorzubringen. Doch diese
vereinzelten Blitze dienen nur eurer Eitelkeit, aber helfen euch nicht
zu klarem Sehen.

Ich habe seit einiger Zeit bemerkt, daß Sandip von groben Begierden
beherrscht wird. Seine Sinnlichkeit trübt sein religiöses Gefühl und
macht ihn tyrannisch in seinem Patriotismus. Sein Verstand ist scharf,
aber seine Natur ist roh, und so verherrlicht er seine selbstsüchtigen
Gelüste unter hochtönenden Namen. Der billige Trost des Hasses ist ihm
ebensosehr Bedürfnis wie die Befriedigung seiner Begierden. Bimala hat
mich früher oft vor seiner Geldgier gewarnt. Ich gab ihr innerlich
recht, aber ich konnte mich nicht überwinden, mit Sandip zu feilschen.
Ich schämte mich sogar, mir selber einzugestehen, daß er mich
ausbeutete.

Doch heute wird es schwer sein, Bimala begreiflich zu machen, daß
Sandips Vaterlandsliebe nur eine andre Form seiner begehrlichen
Eigenliebe ist. Bimalas Heldenverehrung für Sandip hält mich um so mehr
davon zurück, mit ihr über ihn zu sprechen, weil ich fürchte, daß eine
leise Regung von Eifersucht mich unbewußt zu Übertreibungen verleiten
könnte. Es kann sein, daß der Schmerz in meinem Herzen mir Sandips Bild
schon verzerrt. Und doch ist es vielleicht besser, mich auszusprechen,
als meine Gefühle weiter in mir nagen zu lassen.


II

Ich kenne meinen Lehrer nun schon dreißig Jahre. Weder Verleumdung noch
Mißgeschick, noch der Tod selbst haben irgendwelche Schrecken für ihn.
Nichts hätte mich retten können, der ich in die Traditionen dieser
unsrer Familie hineingeboren war, wenn er nicht in den Mittelpunkt
meines Lebens sein eignes gestellt hätte, mit seinem Frieden und seiner
Wahrheit und mit seinen Idealen. In ihm war für mich das Gute selbst
Gestalt geworden.

Mein Lehrer kam an jenem Tage zu mir und sagte: »Ist es nötig, daß du
Sandip noch länger hier zurückhältst?«

Er hatte von Natur ein so feines Empfinden für alle Anzeichen des
Übels, daß er sofort die Gefahr gespürt hatte. Er zeigt nicht leicht
seine innere Bewegung, aber an jenem Tage sah ich, wie die dunklen
Schatten kommenden Unheils ihn schreckten. Weiß ich doch, wie sehr er
mich liebt.

Beim Tee sagte ich zu Sandip: »Ich erhalte eben einen Brief von Rangpur.
Sie beklagen sich, daß ich dich selbstsüchtig hier festhalte. Wann
willst du dahin reisen?«

Bimala war dabei, den Tee einzuschenken. Ein Ausdruck der Enttäuschung
ging über ihr Gesicht. Sie warf Sandip schnell einen fragenden Blick zu.

»Ich habe mir gerade überlegt,« sagte Sandip, »daß dieses Hin- und
Herwandern doch eine ungeheure Kraftverschwendung für mich bedeutet. Ich
glaube, daß ich viel stärker und nachhaltiger wirken kann, wenn ich von
einem Mittelpunkt aus arbeite.«

Dabei sah er Bimala an und sagte: »Meinen Sie nicht auch?«

Bimala zögerte einen Augenblick, dann sagte sie: »Beides scheint mir
gut, -- sowohl von einem Mittelpunkt aus zu arbeiten als im Umherreisen.
Die Art, die Ihnen am meisten Befriedigung verschafft, ist für Sie die
richtige.«

»Dann will ich ganz offen sein,« sagte Sandip. »Ich habe nirgends etwas
gefunden, das allein imstande gewesen wäre, meine Begeisterung dauernd
wachzuhalten. Das ist der Grund, warum ich immer umherreiste und das
Volk entflammte, um aus seiner Begeisterung wieder Kraft für mich zu
schöpfen. Heute haben Sie mir die Sendung an mein Volk erteilt. Solch
Feuer habe ich nie in einem Menschen gefunden. Von Ihnen werde ich die
Flamme leihen, mit der ich ringsum im Lande das Feuer entzünden werde.
Nein, wenden Sie sich nicht beschämt ab! Schüchternheit und
Bescheidenheit ziemen sich nicht mehr für Sie. Sie sind die Königin
unsres Bienenstockes und wir, die Arbeitsbienen, werden uns um Sie
scharen. Sie werden unser Mittelpunkt sein und uns zu unsrer Arbeit
anfeuern.«

Bimala errötete über und über in verschämtem Stolz, und ihre Hand
zitterte, als sie fortfuhr, den Tee einzuschenken.

Eines Tages kam mein Lehrer zu mir und sagte: »Warum reist ihr beiden
nicht einmal zur Abwechselung nach Dardschiling? Du siehst nicht wohl
aus. Bekommst du genug Schlaf?«

Am Abend fragte ich Bimala, ob sie Lust hätte, eine kleine Reise in die
Berge zu machen. Ich wußte, daß sie sich sehnlich wünschte, den Himalaja
zu sehen. Aber sie wollte nicht... Die Sache des Vaterlandes hinderte
sie wohl!

Ich darf mein Vertrauen nicht verlieren, ich werde warten. Die
Durchfahrt von der engen zur weiten Welt ist stürmisch. Wenn sie sich an
die Freiheit gewöhnt hat, werde ich wissen, wo mein Platz ist. Wenn ich
erkenne, daß ich in die Einrichtungen der Welt da draußen nicht
hineinpasse, so werde ich nicht hadern mit meinem Schicksal, sondern
schweigend gehen... Gewalt anwenden? Wozu? Vermag Gewalt etwas gegen die
Wahrheit?


SANDIPS ERZÄHLUNG

I

Der Unfähige sagt: Was mir zugeteilt wird, ist mein. Und der Schwache
stimmt ihm zu. Aber die ganze Welt lehrt uns: Das nur ist wirklich mein,
was ich mir erobern kann. Mein Vaterland ist noch nicht dadurch mein,
daß ich darin geboren bin. Es wird erst mein an dem Tage, wo ich
imstande bin, es mir zu unterwerfen.

Jeder Mensch hat von Natur ein Recht auf Besitz, und daher ist Habsucht
etwas Natürliches.

Die Natur in ihrer Weisheit will nicht, daß wir ruhig verzichten. Wonach
mein Sinn verlangt, das muß meine Umgebung mir schaffen. Dies ist hier
auf Erden das einzig wahre Verhältnis zwischen unsrer innern und äußern
Welt. Überlaßt die sittlichen Ideale den armen, bleichsüchtigen
Geschöpfen, die zu matt sind, um zu begehren, und zu schwach, um
zuzugreifen. Die, welche mit ganzer Seele begehren und mit ganzem Herzen
genießen, für die es keine Bedenken und Skrupel gibt, sie sind die
Auserwählten und Gesalbten der Vorsehung. Für sie breitet die Natur ihre
reichsten und schönsten Schätze aus. Sie schwimmen durch Ströme,
springen über Mauern, stoßen Türen ein, um sich das zu verschaffen, was
ihnen der Mühe wert scheint. Auf diese Weise die Dinge erlangen ist
Genuß; denn jedes Ding erhält erst dadurch seinen Wert, daß man darum
kämpft.

Die Natur ist ganz bereit, sich hinzugeben, aber nur dem Räuber. Denn
sie hat Lust an diesem ungestümen Verlangen, an dieser gewaltsamen
Entführung. Und daher legt sie ihren Kranz nicht um den magern, dürren
Hals des Asketen. Die Musik des Hochzeitsmarsches ertönt. Ich darf die
Hochzeitsstunde nicht vorbeigehen lassen. Mein Herz ist voll Verlangen.
Denn -- wer ist der Bräutigam? Ich bin es. Die Braut gehört dem, der mit
der Fackel in der Hand zur rechten Stunde kommt. Der Bräutigam im
Hochzeitssaal der Natur kommt unerwartet und ungeladen.

Sollte ich mich schämen? Nein, ich kenne keine Scham! Ich fordere alles,
was ich haben möchte, und oft halte ich mich nicht erst mit Fordern auf,
bevor ich es nehme. Die, welche verzichten, weil sie sich nicht trauen
zuzugreifen, suchen diesen Verzicht mit einer Würde zu umkleiden, indem
sie ihn Bescheidenheit nennen.

Die Welt, in die wir geboren sind, ist eine Welt der Wirklichkeit. Wenn
ein Mensch vom Markt der wirklichen Dinge mit leeren Händen und leerem
Magen fortgeht und seinen Sack nur mit hochtrabenden Worten füllt, warum
ist er denn überhaupt in diese rauhe Welt gekommen? Wurden diese Leute
von den Epikuräern des Jenseits angestellt, um in ihrem Lustgarten, wo
ätherische Blumen und Früchte blühen und reifen, nach alten, lieblichen
Melodien ihre frommen Lieder zu singen? Ich stimme in diese Melodien
nicht ein, und jene ätherischen Früchte sind mir nicht nahrhaft genug.

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es
zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen; ich möchte mich vom Kopf
bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz
damit anfüllen. Die quiekenden Pfeifen derer, die sich durch ihr
moralisches Fasten aufgerieben haben, bis sie dürr und bleich geworden
sind wie verhungertes Ungeziefer in einem lange verlassenen Bett, werden
nie an mein Ohr dringen.

Ich möchte mich nicht verstellen, denn das wäre Feigheit. Aber wenn ich
mich nicht zur Verstellung entschließen könnte, wo Verstellung nötig
ist, das würde auch feige sein. Aus Habsucht baut ihr eure Mauern; aus
Habsucht durchbreche ich sie. Ihr gebraucht eure Macht; ich gebrauche
meine Geschicklichkeit. Dies sind die Wirklichkeiten des Lebens. Auf
ihnen beruhen König- und Kaiserreiche und alle die großen Unternehmungen
der Menschen.

Aber jene Avatáras[14], die von ihrem Paradiese herabsteigen, um in
einem heiligen Kauderwelsch zu uns zu sprechen -- sie predigen uns leere
Worte. Daher muß sich ihre ganze Weisheit, trotz des Beifalls, den sie
finden, doch schließlich in die Schlupfwinkel der Schwächlinge flüchten.
Die Starken, die Beherrscher der Welt, verachten sie. Die, welche den
Mut hatten, dies einzusehen, haben Erfolg gehabt, während jene armen
Wichte von ihrer Natur nach der einen Seite und von den Avatáras nach
der andern gezerrt werden; sie setzen den einen Fuß in das Boot der
Wirklichkeit und den andern in das Boot des Wesenlosen und sind auf
diese Weise in einer jämmerlichen Lage, da sie weder feststehen noch
vorwärtskommen können.

Es gibt viele Menschen, die nur geboren zu sein scheinen, um sich mit
Todesgedanken zu plagen. Vielleicht hat dieser über dem Leben hängende
Tod etwas von der Schönheit des Sonnenuntergangs, die sie bezaubert.
Nikhil lebt solch ein Leben, wenn man es überhaupt Leben nennen kann.
Vor Jahren hatte ich über diesen Punkt eine lange Auseinandersetzung mit
ihm.

»Es ist wahr,« sagte er, »daß man nur durch Gewalt etwas erlangen kann.
Aber was heißt denn Gewalt? Und was heißt erlangen? Die Kraft, an die
ich glaube, ist die Kraft des Entsagens.«

»Dich reizt also der Ruhm gänzlichen Bankrotts, der Ruhm, all deiner
Habe ledig zu werden?« rief ich aus.

»Genau so, wie es das Küchlein reizt, seiner Schale ledig zu werden«,
erwiderte er. »Die Schale ist sicher etwas Wirkliches, und doch wird sie
aufgegeben für Licht und Luft, die beide nichts Greifbares sind. Du
würdest das wohl einen armseligen Tausch nennen?«

Wenn Nikhil einmal anfängt, in Gleichnissen zu reden, so ist es
aussichtslos, ihm klarzumachen, daß er nur mit Worten operiert, nicht
mit Wirklichkeiten. Nun, meinetwegen mag er glücklich sein mit seinen
Gleichnissen. Wir sind die Fleischfresser auf dieser Welt; wir haben
Zähne und Krallen, wir verfolgen und packen zu und zerreißen. Wir geben
uns nicht damit zufrieden, das Gras, das wir am Morgen gegessen haben,
am Abend noch einmal wiederzukäuen. Jedenfalls können wir uns die Tür zu
unserm Lebensunterhalt nicht von euch Gleichniskrämern verriegeln
lassen. In solchem Fall müssen wir einfach rauben und stehlen; denn
leben müssen wir nun einmal.

Die Leute werden sagen, daß ich ein neues Lebensprinzip aufstelle, weil
man in dieser Welt anders zu reden pflegt, obgleich man in Wirklichkeit
immer danach handelt. Daher können sie nicht wie ich einsehen, daß dies
das einzig herrschende Sittlichkeitsprinzip ist. Ich weiß als Tatsache,
daß meine Ansicht durchaus keine abstrakte Theorie ist, denn sie hat
sich im praktischen Leben bewährt. Ich habe gefunden, daß meine Art
immer die Herzen der Frauen erobert, die mit den Füßen auf dem Boden
der Wirklichkeit stehen und nicht wie die Männer in mit Ideendunst
gefüllten Ballons im Traumland umherschweifen.

Die Frauen spüren in meinen Zügen, meinem Wesen, meiner Haltung, meiner
Rede eine despotische Leidenschaft, -- nicht eine Leidenschaft, die vom
Fieber der Askese verdorrt ist, nicht eine Leidenschaft, die bei jedem
Schritt in Zweifel und Bedenken rückwärts sieht, sondern eine
vollblütige Leidenschaft. Sie kommt schäumend und brausend wie die Flut
daher und brüllt ihr Verlangen hinaus. Die Frauen fühlen im innersten
Herzen, daß diese unbezähmbare Leidenschaft das Lebensblut der Welt ist;
sie kennt kein Gesetz als sich selbst und daher ist sie siegreich. Daher
haben sie sich so oft willig von der Flutwelle meiner Leidenschaft
hinreißen lassen, ohne zu fragen, ob Leben oder Tod das Ende ist.

Die, welche ihre Sehnsucht auf das Jenseits richten, geben ihrer
Begehrlichkeit nur eine andere Richtung. Es wird sich zeigen, wie hoch
der hervorstürzende Strahl ihres Springbrunnens steigen wird, und wie
lange seine Wasser spielen. Soviel ist gewiß: die Frauen sind nicht für
diese blassen Geschöpfe geschaffen, -- für diese idealistischen
Lotusesser.

»Wahlverwandtschaft!« Wenn es meinem Zweck entsprach, habe ich oft
gesagt, daß Gott bestimmte Paare für einander geschaffen hat und daß
ihre Vereinigung die einzig legitime Vereinigung ist, die höher ist, als
alle Vereinigungen durch das Gesetz. Denn obgleich der Mensch seiner
Natur folgen möchte, ist er nicht zufrieden, wenn er sich nicht hinter
irgendeiner Phrase verstecken kann -- und dies ist der Grund, warum die
Welt so von Lügen überschwemmt ist.

»Wahlverwandtschaft!« Warum sollte es nur eine geben? Man kann sie mit
Tausenden haben. Ich habe mich der Natur gegenüber nie verpflichtet, all
meine unzähligen Wahlverwandtschaften zu übersehen um einer einzigen
willen. Ich habe in meinem bisherigen Leben schon viele entdeckt, aber
darum ist die Tür der nächsten nicht verschlossen, -- und diese nächste
sehe ich deutlich vor Augen. Und auch sie hat ihre Wahlverwandtschaft
mit mir entdeckt.

Und nun?

Wenn ich sie nun nicht gewinne, will ich ein Feigling heißen.


Fußnoten:

[14] Verkörperung göttlicher Wesen, die als Menschen oder Tiere
auf der Erde geboren werden.



DRITTES KAPITEL


BIMALAS ERZÄHLUNG

VI

Wo war nur mein Schamgefühl geblieben? Ich hatte keine Zeit, über mich
nachzudenken. Meine Tage und Nächte gingen in einem Wirbel dahin, in
einem Strudel, dessen Mittelpunkt ich war. Überlegung und Zartgefühl
konnten gar nicht an mich heran.

Eines Tages machte meine Schwägerin meinem Gatten gegenüber die
Bemerkung: »Bis jetzt waren es immer die Frauen dieses Hauses, die
weinen mußten. Jetzt kommen die Männer an die Reihe.«

»Wir müssen aufpassen, daß sie auch richtig drankommen«, fuhr sie dann,
zu mir gewandt, fort. »Ich sehe, du bist kampfgerüstet, Tschota
Rani[15]. Schleudere ihnen nur deine Pfeile mitten ins Herz!«

Sie musterte mich mit scharfem Blick von oben bis unten. Nichts von dem
Farbenglanz, den meine Kleidung, mein Schmuck, meine Rede, mein ganzes
Wesen ausstrahlten, entging ihr. Heute schäme ich mich, davon zu
sprechen, aber damals fühlte ich keine Scham. Es war etwas in mir am
Werk, dessen ich mir selbst nicht bewußt war. Ich pflegte mich übermäßig
zu putzen, aber fast mechanisch, ohne besondere Absicht. Wohl wußte ich,
wie ich Sandip Babu am besten gefallen würde, aber dazu bedurfte ich
keiner besonderen Eingebung, denn er sprach ganz offen vor allen
darüber.

Eines Tages sagte er zu meinem Gatten: »Weißt du noch, Nikhil, als ich
unsre Bienenkönigin zuerst sah, da saß sie so ehrbar da in ihrem
goldgesäumten Sari. Ihre Augen sahen fragend ins Leere, wie verirrte
Sterne, als ob sie jahrtausendelang am Rande der Finsternis gestanden
und nach etwas Unbekanntem ausgeschaut hätte. Aber als ich sie sah,
fühlte ich, wie ein Schauer mich durchlief. Es war mir, als ob der
goldene Saum ihres Sari ihr eigenes inneres Feuer war, das aus ihr
hervorbrach und sie umzüngelte. Das ist die Flamme, die wir brauchen,
das sichtbare Feuer! Hören Sie einmal, Bienenkönigin, Sie müßten uns
wirklich die Gunst erweisen, sich noch einmal als lebendige Flamme zu
kleiden.«

Bis dahin war ich wie ein kleines Bächlein am Rande eines Dorfes
gewesen. Ton und Rhythmus waren anders als jetzt. Aber da kam die Flut
vom Meere herauf; meine Brust wogte, meine Ufer wichen, und die lauten
Trommelschläge der Meereswogen peitschten meinen Lauf zu tollem Rasen.
Ich wußte nicht, was die Stimme in meinem Blut sagen wollte. Wo war mein
früheres Selbst geblieben? Von woher strömte all dieser Glanz auf mich?
Sandips hungrige Augen brannten wie geweihte Lampen vor meinem Schrein.
Jeder seiner Blicke verkündete, daß ich ein Wunder war an Schönheit und
Macht; und der laute Schall seines Lobes, ob er es nun aussprach oder
nicht, übertönte alle andern Stimmen in meiner Welt. Hatte der Schöpfer
mich von neuem geschaffen? so fragte ich mich staunend. Wollte er mich
dafür entschädigen, daß er mich so lange vernachlässigt hatte? Ich, die
ich vorher ganz unscheinbar und unbedeutend gewesen war, war plötzlich
schön geworden und fühlte mich als Krone Bengalens.

Denn Sandip Babu war nicht irgendeiner. In ihm flossen Millionen Geister
des Landes zusammen. Wenn er mich die Königin des Bienenstocks nannte,
so jubelte der ganze Chor von begeisterten Patrioten mir zu. So kam es,
daß der laute Spott meiner Schwägerin mich gar nicht mehr berühren
konnte. Meine Beziehungen zu der ganzen Welt waren verwandelt. Sandip
Babu machte es mir klar, wie das ganze Land meiner bedurfte. Mir wurde
es damals nicht schwer, das zu glauben, denn ich fühlte in mir die
Kraft, alles zu tun. Ich war von göttlicher Kraft erfüllt. Es war etwas,
was ich nie vorher gefühlt hatte, was höher war, als ich selbst. Ich
hatte keine Zeit zu forschen, welcher Art es war. Es schien zu mir zu
gehören und doch über mich hinauszugehen. Es umfaßte ganz Bengalen.

Sandip Babu pflegte mich in allen wichtigen und unwichtigen Dingen, die
die nationale Sache angingen, um Rat zu fragen. Zuerst war ich sehr
verlegen und zögerte mit der Antwort, aber das verlor sich bald. Was ich
auch vorschlug, immer schien mein Rat ihn in Erstaunen zu setzen. Dann
geriet er in Begeisterung und sagte: Wir Männer können nur denken. Ihr
Frauen habt eine Art, ohne Denken zu verstehen. Die Frau ist Gottes
Phantasie entsprungen; den Mann hat er aus dem Stoff herausgehämmert.

Sandip Babu erhielt aus allen Teilen des Landes Briefe, die er mir
zeigte, um meine Meinung zu hören. Gelegentlich war er anderer Ansicht
als ich. Aber ich versuchte nicht, ihn zu überzeugen. Dann ließ er mich
wohl nach ein paar Tagen rufen -- als ob ihm plötzlich eine neue
Erkenntnis aufgegangen wäre -- und sagte: »Ich habe mich doch geirrt;
Sie hatten ganz recht mit Ihrer Ansicht.« Er gestand mir oft, daß er
immer, wo er meinem Rat entgegengehandelt, die Sache verkehrt gemacht
hätte. So kam ich allmählich zu der Überzeugung, daß hinter allem, was
geschah, Sandip Babu stände und daß Sandip Babu selbst von dem einfachen
Verstand einer Frau geleitet würde. Der Stolz auf eine große
Verantwortlichkeit erfüllte mein ganzes Wesen.

Mein Gatte hatte keinen Platz in unserm Rat. Sandip Babu behandelte ihn
wie einen jüngeren Bruder, den man persönlich wohl sehr gern hat, dessen
Rat in Geschäften man aber nicht brauchen kann. Er pflegte mit
nachsichtigem Lächeln von meines Gatten kindlicher Naivität zu sprechen,
indem er sagte, daß seine merkwürdigen Theorien und verkehrten Ideen
einen Anstrich von Humor hätten, der sie um so liebenswürdiger machte.
Es war anscheinend gerade diese Liebe zu Nikhil, die Sandip Babu bewog,
ihn nicht mit den Sorgen um das Vaterland zu belasten.

Die Natur hat in ihrer Apotheke viele Betäubungsmittel, die sie heimlich
anwendet, wenn sie Lebensbeziehungen verräterisch abschneiden will, so
daß niemand die Operation bemerkt, bis man endlich erwacht und sieht,
was für ein großer Schnitt gemacht ist. Als das Messer geschäftig war,
die innersten Bande meines Lebens abzuschneiden, war mein Geist so
umwölkt von den betäubenden Gasdünsten, daß ich nicht im geringsten
merkte, welche Grausamkeit da an mir begangen wurde. So ist wohl die
Natur der Frau. Wenn ihre Leidenschaft geweckt wird, so verliert sie das
Empfinden für alles andere. Wir Frauen gleichen dem Fluß: solange wir
innerhalb unsrer Ufer bleiben, spenden wir Fruchtbarkeit mit allem, was
wir haben; sobald wir sie überfluten, bringen wir Zerstörung mit allem,
was wir sind.


Fußnoten:

[15] Bimala war als Gattin des jüngeren Bruders die Tschota
Rani oder jüngere Herrin.


SANDIPS ERZÄHLUNG

II

Irgend etwas muß nicht in Ordnung sein. Ich merkte neulich etwas.

Seit meiner Ankunft war Nikhils Zimmer eine Art Zwischending geworden,
halb Frauengemach, halb Herrenzimmer: Bimala hatte Zutritt von den
Frauengemächern aus und ich von der andern Seite. Wenn wir nur langsamer
zu Werke gegangen wären und unsern Vorteil mit etwas mehr Vorsicht
wahrgenommen hätten, so hätten wir wohl kaum Anstoß bei andern erregt.
Aber wir ließen uns so von unserer Leidenschaft treiben, daß wir gar
nicht an die Folgen dachten.

Sobald Bima in Nikhils Zimmer kommt, merke ich es irgendwie in meinem.
Ich höre das Klingeln von Fußspangen oder andere kleine Geräusche; die
Tür wird vielleicht ein klein wenig energischer geschlossen als nötig
ist; der Bücherschrank ist etwas gequollen und knarrt, wenn man ihn
heftig öffnet. Wenn ich hineinkomme, finde ich Bima, die den Rücken zur
Tür gewandt hat und ganz darin vertieft ist, eins von den Büchern auf
den Borten auszusuchen. Und wie ich ihr meine Hilfe bei dieser
schwierigen Aufgabe anbiete, schrickt sie zusammen und lehnt ab; und
dann kommen wir ganz von selbst auf andere Sachen zu sprechen.

Neulich, an einem unheilvollen[16] Donnerstagnachmittag, kam ich auf den
Wink dieser Geräusche hastig aus meinem Zimmer. Auf dem Korridor stand
ein Mann Wache. Ich ging weiter, ohne ihn auch nur anzusehen; aber als
ich mich der Tür näherte, vertrat er mir den Weg und sagte: »Nicht da
hinein, Herr!«

»Nicht da hinein! Warum?«

»Die Herrin ist drinnen.«

»Gut, sage der Herrin, daß Sandip Babu sie zu sprechen wünscht.«

»Das geht nicht, Herr. Das ist gegen den Befehl.«

Ich war in hohem Grade aufgebracht. »Ich befehle es dir,« sagte ich mit
erhobener Stimme, »geh und melde mich!«


Der Bursche war durch meine Haltung etwas verblüfft.

Inzwischen hatte ich mich der Tür genähert. Ich hatte sie beinahe
erreicht, als er mir folgte und meinen Arm ergriff, indem er sagte:
»Nein, Herr, Sie dürfen nicht hinein.«

Was! Ein Bedienter wagte mich anzurühren! Ich machte meinen Arm mit
einem Ruck frei und gab dem Mann eine schallende Ohrfeige. Im selben
Augenblick kam Bima aus dem Zimmer und sah, wie der Mann im Begriff war,
frech gegen mich zu werden.

Ich werde nie das Bild vergessen, wie sie in ihrem Zorn dastand! Daß
Bima schön ist, ist meine eigene Entdeckung. Die meisten Leute hier
würden an ihr nichts Besonderes finden. Diese Tölpel würden ihre große,
schlanke Gestalt »schmächtig« nennen. Aber gerade diese Biegsamkeit
bewundere ich, sie ist wie ein lebenspendender Springbrunnen, der aus
der Tiefe der mütterlichen Erde aufsteigt. Ihre Hautfarbe ist dunkel,
aber von einem leuchtenden Dunkel wie die scharfe, blitzende Schneide
eines Schwertes.

»Nanku!« gebot sie, als sie in der Tür stand, den Arm gebieterisch
ausgestreckt, »geh fort!«

»Seien Sie nicht böse auf ihn«, sagte ich. »Wenn er Befehl hat, so bin
ich es, der fortgehen muß.«

Bimas Stimme zitterte noch, als sie erwiderte: »Sie dürfen nicht
fortgehen. Kommen Sie herein!«

Dies war keine Bitte, sondern auch ein Befehl! Ich folgte ihr, als sie
eintrat, setzte mich, nahm einen Fächer, der auf dem Tische lag und
fing an, mich zu fächeln. Bima kritzelte mit einem Bleistift etwas auf
ein Blatt Papier, rief einen Diener und gab es ihm mit den Worten:
»Bring' dies dem Maharadscha!«

»Verzeihen Sie mir«, sagte ich. »Ich war so außer mir, daß ich Ihren
Diener schlug.«

»Ihm geschah ganz recht«, sagte Bima.

»Aber der arme Bursche hatte im Grunde doch keine Schuld. Er gehorchte
nur seinem Befehl.«

In diesem Augenblick kam Nikhil herein. Ich stand hastig auf und trat
ans Fenster, den Rücken dem Zimmer zugekehrt.

»Der Türhüter Nanku hat Sandip Babu beleidigt«, sagte Bima zu Nikhil.

Nikhil schien so ehrlich überrascht, daß ich nicht umhin konnte, mich
umzuwenden und ihn anzustarren. Sollte er leugnen wollen? Selbst ein
ungewöhnlich guter Mann kann vor seiner Frau seinen Wahrheitsstolz nicht
aufrechterhalten, wenn die Frau danach ist.

»Er hatte die Frechheit, Sandip Babu den Weg zu vertreten, als er hier
herein wollte«, fuhr Bima fort. »Er sagte, er habe Befehl...«

»Befehl von wem?« fragte Nikhil.

»Wie soll ich das wissen?« rief Bima ungeduldig, während ihr vor Zorn
und Scham die Tränen in die Augen traten.

Nikhil ließ den Mann rufen und fragte ihn aus. »Es war nicht meine
Schuld«, wiederholte Nanku trotzig. »Ich hatte Befehl.«

»Wer gab dir den Befehl?«

»Die Bara Rani.«

Eine Weile schwiegen wir alle. Nachdem der Mann hinaus war, sagte Bima:
»Nanku muß fort.« Nikhil antwortete nicht. Ich sah, daß sein
Gerechtigkeitsgefühl sich dagegen sträubte. Immer neue Schwierigkeiten
stiegen vor ihm auf. Aber diesmal war die Lösung besonders schwer. Bima
war nicht die Frau, die eine Sache hingehen ließ. Sie mußte sich ihrer
Schwägerin gegenüber behaupten, dadurch, daß sie den Burschen bestrafte.
Und als Nikhil stumm blieb, sprühten ihre Augen Blitze. Sie wußte nicht,
wie sie ihre Verachtung für die Schwachmütigkeit ihres Gatten zum
Ausdruck bringen sollte. Nach einer Weile verließ Nikhil das Zimmer,
ohne ein Wort gesagt zu haben.

Am nächsten Tag war Nanku nicht zu sehen. Auf meine Frage sagte man mir,
daß er auf eins der andern Güter geschickt und daß es nicht sein Schade
sei.

Ich konnte ab und zu einen schnellen Blick werfen, der mir zeigte,
welche Verheerungen der hierdurch hervorgerufene Sturm hinter der Szene
anrichtete. Ich kann nur sagen, daß Nikhil ein merkwürdiges Geschöpf
ist, ganz anders als andere.

Das Resultat war, daß Bima mich von jetzt ab ohne weiteres zu einer
gemütlichen Unterhaltung ins Wohnzimmer rufen ließ, ohne irgendeinen
Vorwand oder Versuch, dem Zusammensein den Schein des Zufälligen zu
geben. So gaben wir fast jede Zurückhaltung auf, und was bisher
stillschweigend verstanden war, wurde jetzt offen ausgesprochen. Die
Gemahlin eines Radscha lebt sonst in einer Sternenregion, die dem
gewöhnlichen Sterblichen so fern ist, daß kein Weg zu ihr hinführt.
Welch ein Triumph der siegreich fortschreitenden Wahrheit war es doch,
daß allmählich, aber unaufhaltsam ein Schleier verhüllender Sitte nach
dem andern fiel, bis sich endlich die Natur in ihrer wahren Gestalt
zeigte.

Triumph der Wahrheit? Ja, der Wahrheit! Die gegenseitige Anziehung
zwischen Mann und Weib ist die Grundlage alles Seins. Die ganze Welt
der Materie, vom Staubkörnchen aufwärts, ist diesem Gesetz unterworfen.
Und doch versuchen die Menschen, sie hinter einem Schleier von Worten
verborgen zu halten, und wollen mit hausbackenen Verordnungen und
Verboten ein Hausgerät aus ihr machen.

Wenn trotz alledem die Natur beim Rufe der Wahrheit erwacht, welch ein
Zähneknirschen und Sich-an die-Brust-Schlagen! Aber kann man mit dem
Sturm streiten? Er gibt sich nicht die Mühe zu antworten, sondern
schüttelt nur seinen Gegner.

Ich genieße den Anblick dieser Wahrheit, die sich mir immer mehr
enthüllt. Wie lieblich sind diese zitternden Schritte, dies
Sichabwenden; wie lieblich sind diese kleinen Betrügereien, womit Bima
nicht nur andere, sondern auch sich selbst täuscht! Verstellung ist die
beste Waffe des Wirklichen dem Unwirklichen gegenüber, denn die Feinde
des Wirklichen suchen es immer zu verunehren, indem sie es roh nennen,
und daher muß es sich verstecken oder verstellen. Es darf nicht offen
bekennen: »Ja, ich bin roh, weil ich wahr bin. Ich bin Fleisch und Blut.
Ich bin Leidenschaft. Ich bin Hunger, der ohne Erbarmen und ohne Scham
zupackt.«

Ich sehe jetzt alles klar vor mir. Der Vorhang flattert, und durch den
Spalt kann ich die Vorbereitungen für die Katastrophe sehen. Das kleine
rote Band, das sich voll geheimen Verlangens durch die üppigen
Haarmassen schlängelt, ist der züngelnde Blitz in der Gewitterwolke. Ich
fühle die Glut ihrer Leidenschaft bei jeder Bewegung ihres Gewandes,
mehr als sie selbst vielleicht sie spürt.

Bima ist sich der Wirklichkeit nicht bewußt, weil sie sich ihrer schämt.
Denn die Menschen haben dieser Wirklichkeit einen schlimmen Namen
gegeben, sie nennen sie Satan. Und so muß sie sich in Gestalt einer
Schlange in den Garten des Paradieses schleichen und der erwählten
Gefährtin des Mannes ihre Geheimnisse ins Ohr flüstern und sie zum
Abfall bringen. Dann ist es aus mit aller Ruhe, bis der Tod das Ende
ist.

Meine arme kleine Bienenkönigin lebt wie im Traum. Sie weiß nicht,
welchen Weg sie geht. Es wäre nicht ratsam, sie vor der Zeit
aufzuwecken. Es ist am besten, daß ich so tue, als ob ich auch keine
Ahnung hätte.

Neulich beim Mittagessen starrte sie mich eigentümlich an, ohne zu
ahnen, was solche Blicke bedeuten. Als mein Blick dem ihren begegnete,
wandte sie sich ab. »Sie wundern sich über meinen Appetit«, sagte ich.
»Ich kann alles verbergen, nur nicht, daß ich gern esse. Aber warum
wollen Sie für mich erröten, wenn ich mich nicht schäme?«

Sie errötete nur noch tiefer und stotterte: »Nein, nein, ich sah nur...«

»Ich weiß«, unterbrach ich sie. »Die Frauen haben eine Schwäche für
begehrliche Männer, denn gerade durch unsere Begierden beherrschen sie
uns. Die Nachsicht, die sie mir immer gezeigt haben, hat mich nur noch
schamloser gemacht. Es macht mir gar nichts, wenn Sie zusehen, wie all
die guten Sachen bei mir verschwinden. Ich werde darum doch jeden Bissen
genießen.«

Neulich las ich ein englisches Buch, in dem sexuelle Fragen mit sehr
kühnem Realismus behandelt werden. Ich hatte es im Wohnzimmer liegen
lassen. Als ich am Nachmittag des folgenden Tages hineinkam, um irgend
etwas zu holen, saß Bima da, mit dem Buch in der Hand. Als sie meine
Schritte hörte, warf sie es eilig hin und legte ein anderes Buch darüber
-- einen Band Gedichte von Felicia Hemans.

»Ich habe nie begreifen können,« begann ich, »warum die Frauen so
verlegen sind, wenn man sie bei der Lektüre von Gedichten überrascht.
Wir Männer -- Juristen, Mechaniker oder was sonst -- hätten wohl einen
Grund, uns zu schämen. Wenn wir Gedichte lesen wollen, so sollten wir
sie in tiefer Nacht, bei verschlossenen Türen lesen. Aber ihr Frauen
seid der Poesie so verwandt. Der Schöpfer selbst ist ein lyrischer
Dichter; zu seinen Füßen muß Dschajadeva[17] seine göttliche Kunst geübt
haben.«

Bima antwortete nicht, sondern errötete nur verlegen. Sie tat, als ob
sie das Zimmer verlassen wollte. Doch ich hielt sie zurück. »Nein,
nein, bitte, lesen Sie weiter! Ich will nur ein Buch nehmen, das ich
hier habe liegen lassen, und machen, daß ich fortkomme.« Dabei nahm ich
mein Buch vom Tisch. »Es ist ein Glück, daß Ihnen nicht einfiel, hier
hinzusehen,« fuhr ich fort, »sonst hätten Sie Lust bekommen, mich zu
schelten.«

»Wirklich! Warum?« fragte Bima.

»Weil es keine Poesie ist«, sagte ich. »Es enthält nur nackte Tatsachen,
und stellt sie ganz ungeschminkt dar, ohne Ziererei. Ich wollte, Nikhil
läse es einmal.«

»Warum möchten Sie das?« fragte Bima mit leichtem Stirnrunzeln.

»Weil er ein Mann ist, einer von uns. Das einzige, was ich gegen ihn
habe, ist, daß er diese Welt nicht sieht, wie sie ist, sondern sich an
einem Traumbild von ihr ergötzt. Haben Sie nicht bemerkt, daß dies ihn
dazu verleitet, unsere nationale Swadeschi-Bewegung wie ein Stück
Dichtung anzusehen, die genau nach einem bestimmten Rhythmus
fortschreiten muß? Wir aber kommen mit unsrer Prosa wie mit Keulen
dazwischen und schlagen den ganzen Rhythmus zuschanden.«

»Was hat Ihr Buch mit der Swadeschi-Bewegung zu tun?«

»Das würden Sie gleich wissen, wenn Sie es gelesen hätten. Nikhil will
immer nach fertigen Grundsätzen vorgehen, bei der Swadeschi-Bewegung wie
bei allen andern Dingen; daher rennt er bei jeder Wendung gegen die
menschliche Natur an und fängt dann an, sie zu schmähen. Er will nicht
einsehen, daß die menschliche Natur älter ist als alle schönen
Grundsätze und sie auch alle überleben wird.«

Bima schwieg einen Augenblick, dann sagte sie ernst: »Ist es nicht in
der menschlichen Natur begründet, daß sie versucht, über sich
hinauszukommen?«

Ich mußte innerlich lächeln. »Das sind nicht deine Worte«, dachte ich
bei mir. »Die hast du von Nikhil gelernt. Du selbst bist ein gesundes
Menschenkind. Dein Blut hat die Stimme der Natur vernommen. Weiß ich
denn nicht, daß das Feuer des Lebens in allen deinen Adern brennt? Wie
lange wird es ihnen noch gelingen, dich mit dem kalten Umschlag der
Moral abzukühlen?«

»Die Schwachen sind in der Mehrheit«, sagte ich laut. »Sie vergiften die
Ohren der Menschen, indem sie solche Schlagworte beständig wiederholen.
Die Natur hat ihnen Kraft versagt -- nun suchen sie auf diese Weise die
andern zu schwächen.«

»Wir Frauen sind schwach«, erwiderte Bimala. »Daher müssen wir wohl an
der Verschwörung der Schwachen teilnehmen.«

»Ihr Frauen schwach!« rief ich lachend. »Die Männer verherrlichen eure
Zartheit und Zerbrechlichkeit, und darum haltet ihr euch selbst für
schwach. Aber gerade ihr Frauen seid die Starken. Die Männer machen ein
großes Wesen aus ihrer sogenannten Freiheit, aber die sich selbst
kennen, wissen, wie unfrei sie sind. Sie haben selbst die heiligen
Schriften verfaßt, um sich dadurch zu binden; aus ihrem Idealismus haben
sie goldene Ketten für die Frauen geschmiedet, mit denen sie sie
körperlich und geistig fesseln. Wenn die Männer nicht in so hohem Maße
die Fähigkeit hätten, sich in ihren eigenen Netzen zu fangen, so hätte
nichts ihnen die Freiheit nehmen können. Aber ihr Frauen habt Leib und
Seele der Wirklichkeit geöffnet. Ihr habt sie in euch empfangen und aus
euch geboren. Ihr habt sie an euren Brüsten genährt.«

Bima ist sehr belesen für eine Frau und nicht leicht dahin zu bringen,
meine Beweisgründe anzuerkennen. »Wenn dem so wäre,« wandte sie ein, »so
würden die Frauen wohl bald allen Reiz für die Männer verloren haben.«

»Die Frauen sehen diese Gefahr«, erwiderte ich. »Sie wissen, daß die
Männer getäuscht sein wollen, und so täuschen sie sie denn auch, wo sie
können, mit ihren eigenen Redensarten. Sie wissen, daß der Mann in
seinem Hang zum Laster den Rausch mehr als gesunde Nahrung liebt, und
daher bieten sie sich ihm als Rauschmittel dar. Die Frau brauchte sich
nicht zu verstellen, wenn sie es nicht um des Mannes willen täte.«

»Warum wollen Sie denn aber die Illusion zerstören?«

»Um der Freiheit willen. Ich möchte, daß mein Vaterland frei wäre. Ich
möchte aber auch, daß wir Menschen frei wären gegeneinander.«


III

Ich weiß wohl, daß es nicht ratsam ist, einen Schlafwandelnden plötzlich
zu wecken. Aber ich bin von Natur so ungestüm, daß eine zögernde Gangart
mir unmöglich ist. Ich wußte damals, daß ich viel wagte. Ich wußte, daß
der erste Stoß solcher Ideen den Menschen ganz aus dem Gleichgewicht
bringen kann. Aber bei den Frauen ist immer der Verwegenste der Sieger.

Wir waren auch schon gerade im besten Gange -- da mußte Nikhils alter
Lehrer Tschandranath Babu hereingestapft kommen! Es ließe sich ganz gut
auf dieser Welt leben, wenn diese Schulmeister nicht wären, die sie
einem verekeln und einem Lust machen, davonzulaufen. Die Menschen von
Nikhils Art möchten immer aus der Welt eine Schule machen. Und nun kam
diese Verkörperung einer Schule gerade im kritischen Moment herein.

Wir behalten alle immer in irgendeinem Winkel unsres Herzens noch etwas
vom Schuljungen und ich, selbst ich, fühlte mich etwas eingeschüchtert.
Die arme Bima aber ging gleich artig und feierlich an ihren Klassenplatz
als Erste. Sie schien sich plötzlich zu erinnern, daß sie geprüft werden
sollte.

Es gibt Leute, die sind wie Weichensteller: sie sind immer bereit, den
Zug unsrer Gedanken auf ein andres Geleise zu bringen.

Kaum war Tschandranath Babu da, so suchte er auch schon nach einem
Vorwande, wieder hinauszugehen. »Ich bitte um Verzeihung,« murmelte er,
»aber...«

Doch bevor er ausreden konnte, ging Bima schnell auf ihn zu, und sich
ehrfurchtsvoll vor ihm verneigend, sagte sie: »O, bitte, gehen Sie nicht
fort! Wollen Sie sich nicht setzen?« Sie sah aus wie ein Ertrinkender,
der nach einem Halt sucht -- der kleine Feigling.

Aber vielleicht irrte ich mich. Wahrscheinlich war ein klein wenig
weibliche Tücke dabei. Sie wollte vielleicht ihren Wert in meinen Augen
erhöhen. Oder sie wollte mir damit nur sagen: »Bilde dir nur keinen
Augenblick ein, daß du mich ganz überwunden hast! Meine Ehrfurcht vor
Tschandranath Babu ist doch noch größer.«

Nun meinetwegen, verehre ihn, soviel du willst! Davon leben ja die
Schulmeister. Aber da ich keiner bin, kann ich solche leeren Komplimente
entbehren.

Tschandranath Babu fing an, von der Swadeschi-Bewegung zu sprechen. Ich
dachte, ich wollte ihn in seinem Monolog fortfahren lassen. Es ist immer
das Gescheiteste, einen alten Mann so lange reden zu lassen, bis er von
selbst aufhört. Er hat dabei das Gefühl, daß er die Welt in Ordnung
bringt, und ahnt nicht, wie fern die wirkliche Welt von ihm und seinem
Geschwätz ist.

Aber selbst mein schlimmster Feind kann mir nicht nachsagen, daß ein
Übermaß von Geduld mein Fehler ist. Und als Tschandranath Babu sagte:
»Wenn wir erwarten, Früchte zu ernten, wo wir nicht gesät haben, so...«
mußte ich ihn unterbrechen. »Wer will denn Früchte haben?« rief ich.
»Wir richten uns nach dem Verfasser der Gita[18], der sagt, daß wir nur
an unser Handeln, nicht an die Früchte unsres Handelns denken sollen.«

»Was ist es denn aber, was ihr haben wollt?« fragte Tschandranath Babu.

»Dornen!« rief ich aus. »Sie sind umsonst zu haben.«

»Aber die Dornen belästigen nicht nur die andern«, erwiderte er. »Wer
sie sät, tritt sie sich selbst in die Füße.«

»Das sind alles ganz schöne Schulregeln«, entgegnete ich. »Wir wollen
einstweilen unsre brennende Sehnsucht stillen. Augenblicklich stechen
_uns_ die Dornen noch nicht; später, wenn wir sie fühlen, können wir
ja noch immer bereuen. Aber warum sollte uns der Gedanke überhaupt
schrecken? Wenn wir am Ende sterben müssen, haben wir Zeit genug,
abzukühlen. Solange die Flamme brennt, laß uns sieden und überkochen!«

Tschandranath Babu lächelte. »Kocht, soviel ihr wollt,« sagte er, »aber
haltet dies nur nicht für Arbeit oder Heldentum! Die Völker, die in der
Welt etwas erreicht haben, haben es durch Handeln, nicht durch
Überkochen erreicht. Aber die, welche die Arbeit immer gescheut haben,
wollen, wenn sie einmal plötzlich zum Bewußtsein ihrer elenden Lage
kommen, die Befreiung auf rechtlosem und gewaltsamem Wege erlangen.«

Ich gürtete gerade meine Lenden, um einen zermalmenden Ausfall gegen ihn
zu machen, als Nikhil zurückkam. Tschandranath Babu erhob sich und
sagte, zu Bima gewandt: »Jetzt muß ich gehen, Mütterchen, ich habe zu
arbeiten.«

Als er fort war, zeigte ich Nikhil das Buch, das ich in der Hand hatte.
»Ich erzählte gerade unsrer Bienenkönigin von diesem Buch«, sagte ich.

Neunundneunzig Prozent aller Menschen wollen durch Lügen getäuscht
werden, aber dieser ewige Schulmeisterzögling läßt sich leichter mit der
Wahrheit selbst täuschen. Ihm gegenüber ist Offenheit der beste Betrug.
Daher war es beim Spiel mit ihm das Einfachste für mich, meine Karten
offen auf den Tisch zu legen.

Nikhil las den Titel auf dem Einband, aber er sagte nichts. »Diese
Schriftsteller«, fuhr ich fort, »fegen mit ihrem Besen den ganzen Staub
von Redensarten weg, mit dem die Menschen unsre Welt zugedeckt haben.
Daher sagte ich eben gerade, ich möchte, du läsest es einmal.«

»Ich habe es gelesen«, sagte Nikhil.

»Nun, und was sagst du?«

»Es ist ganz gut für die, die sich Mühe geben, wirklich nachzudenken,
aber für die andern ist es Gift.«

»Was meinst du damit?«

»Wer predigt, daß alle gleichen Anspruch auf Eigentum haben, darf nicht
selbst ein Dieb sein. Denn wenn er das ist, predigt er Lügen. Und wer
eine Leidenschaft in sich nährt, der wird dies Buch nicht richtig
verstehen.«

»Die Leidenschaft«, rief ich aus, »ist gerade unser bester Führer. Wenn
wir ihm mißtrauen, so können wir ebensogut unsre Augen ausreißen, um
besser zu sehen.«

Nikhil wurde sichtlich erregt. »Die Leidenschaft«, sagte er, »hat nur
ihr Recht, solange wir sie zügeln. Wenn wir das, was wir richtig sehen
wollen, auf unsre Augen drücken, so verletzen wir sie nur, aber wir
sehen nichts. Und ebenso blendet uns auch die Heftigkeit der
Leidenschaft, die keinen Raum lassen will zwischen sich und dem
Gegenstande.«

»Es ist eure geistige Ziererei,« erwiderte ich, »die euch veranlaßt, in
sittlichem Zartgefühl zu schwelgen und die rauhe Seite der Wahrheit
nicht sehen zu wollen. Dadurch hüllt ihr nur die Dinge in einen
verklärenden Nimbus, statt mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen.«

»Aufwand von Kraft, wo Kraft nicht am Platze ist, fördert die Arbeit
nicht«, sagte Nikhil ungeduldig. »Aber warum streiten wir über diese
Dinge? Müßiges Streiten mit Worten nimmt nur den frischen Blütenstaub
von der Wahrheit.«

Ich wollte gern, daß Bima sich an der Diskussion beteiligte, aber bis
jetzt hatte sie noch kein Wort gesagt. Hatte ich ihr vielleicht einen zu
rauhen Stoß versetzt, so daß sie jetzt, von Zweifeln bestürmt, den
Wunsch hatte, wieder bei dem Schulmeister in die Lehre zu gehen? Und
doch brauchte sie diesen Stoß. Man muß vor allem erst einmal einsehen,
daß die Dinge nicht so fest stehen, wie man geglaubt hat.

»Ich bin ganz froh, daß ich dies Gespräch mit dir hatte,« sagte ich zu
Nikhil, »denn ich wollte gerade unsrer Bienenkönigin dies Buch zu lesen
geben.«

»Warum nicht?« sagte Nikhil. »Wenn ich es lesen konnte, warum sollte
Bimala es nicht auch lesen? Was ich besonders betonen möchte, ist dies,
daß die Leute in Europa alles vom wissenschaftlichen Standpunkt aus
ansehen. Aber der Mensch ist mehr als bloße Physiologie oder Biologie
oder Psychologie oder Soziologie. Vergiß das um Gottes willen nicht! Er
ist unendlich viel mehr, als was die Naturwissenschaft von ihm lehrt. Du
lachst über mich und nennst mich einen Schulmeisterzögling, aber das
bist du, nicht ich. Denn du suchst die Wahrheit über den Menschen bei
deinen naturwissenschaftlichen Lehrern und nicht in deinem eignen
Innern.«

»Aber wozu all diese Aufregung?« spottete ich.

»Weil ich sehe, daß du darauf ausgehst, den Menschen zu schmähen und
herabzusetzen.«

»Aber woraus in aller Welt schließt du das?«

»Aus allem, was du sagst und tust und womit du mein Gefühl verletzest.
Du richtest beständig deine Angriffe gegen alles Große und Selbstlose
und Schöne im Menschen.«

»Wie kommst du auf diese verrückte Idee?«

Nikhil erhob sich plötzlich. »Ich sage es dir gerade heraus, Sandip,«
sagte er, »du kannst den Menschen in mir tödlich verwunden, aber du
kannst ihn nicht töten. Darum bin ich bereit, alles zu erdulden, ganz
bewußt, mit offenen Augen.«

Mit diesen Worten verließ er eilig das Zimmer.

Ich stand noch ganz verblüfft da und sah ihm nach, als ich plötzlich ein
Buch fallen hörte, und als ich mich umwandte, sah ich Bima, die ihm
schnell und sichtlich betreten folgte, wobei sie vermied, mir nahe zu
kommen.

Ein merkwürdiges Geschöpf ist doch dieser Nikhil! Er fühlt die Gefahr,
die sein Heim bedroht, warum weist er mir nicht die Tür? Ich weiß, er
wartet, daß Bima ihm das Stichwort gibt. Sagt sie ihm, daß ihre Ehe ein
Irrtum gewesen ist, so beugt er sein Haupt und gibt zu, daß er einen
großen Fehler gemacht hat. Er hat nicht die Geistesstärke, sich klar zu
machen, daß es der größte aller Fehler ist, einen Fehler einzugestehen.
Er ist ein typisches Beispiel dafür, wie Idealismus zu Schwäche führt.
Ich kenne nicht seinesgleichen; er ist ein zu sonderbarer Kauz! Er
eignet sich kaum als Figur für einen Roman oder ein Drama, viel weniger
noch für das wirkliche Leben.

Und Bima? Ich fürchte, mit ihrem Traumleben ist es jetzt zu Ende. Sie
hat endlich verstanden, wohin die Straße führt, auf die sie sich
mitreißen ließ. Jetzt muß sie entweder ganz bewußt weiter oder umkehren.
Wahrscheinlich aber wird sie bald einen Schritt vorwärtsgehen, und dann
wieder einen Schritt zurückweichen. Aber das beunruhigt mich nicht. Wenn
man Feuer gefangen hat, so brennen die Flammen nur um so wilder, je mehr
man hin und her rennt. Der Schreck, den sie bekommen hat, wird ihre
Leidenschaft nur noch mehr anfachen.

Vielleicht ist es besser, wenn ich gar nicht viel zu ihr sage, sondern
ihr nur ein paar moderne Bücher zu lesen gebe. Auf diese Weise kann sie
allmählich zu der Überzeugung kommen, daß ein Mensch mit modernen
Ansichten die Leidenschaft als die höchste Wahrheit anerkennt und ehrt,
statt sich ihrer zu schämen und Entsagung zu predigen. Wenn sie sich an
irgend so ein Wort wie »modern« halten kann, so wird sie schon Kraft
haben, weiterzugehen.

Sei dem, wie ihm wolle, ich muß das Spiel verfolgen bis zum Ende des
fünften Aktes. Ich kann mich leider nicht rühmen, nur als Zuschauer
dabei zu sein, der vorn in der königlichen Loge sitzt und ab und zu
Beifall klatscht. Ich fühle, wie es an meinem Herzen reißt und in allen
meinen Nerven zuckt. Wenn ich abends das Licht gelöscht habe und im Bett
liege, so fühle ich mich von kleinen Berührungen, kleinen Blicken und
kleinen Worten umschwirrt, die die Dunkelheit anfüllen. Wenn ich des
Morgens aufstehe, so zittre ich vor lebhafter Erwartung, es ist, als ob
mein Blut nach dem Takt einer Musik durch meine Adern läuft...

Auf dem Tisch stand ein Doppelrahmen mit Bimas und Nikhils
Photographien. Ich hatte Bima herausgenommen und zeigte ihr gestern die
leere Seite, indem ich sagte: »Der Geiz macht den Diebstahl zu einer
Notwendigkeit, daher haben beide an der Sünde teil, der Geizige wie der
Dieb. Meinen Sie nicht auch?«

Bima lächelte ein wenig und sagte nur: »Es war kein gutes Bild.«

»Was soll man machen?« sagte ich. »Ein Bild bleibt immer nur ein Bild.
Ich muß mich schon damit zufrieden geben, so wie es ist.«

Bima nahm ein Buch auf und begann darin zu blättern. »Wenn Sie
unzufrieden sind,« sagte ich, »so muß ich mich wohl bemühen, den leeren
Platz auszufüllen.«

Heute habe ich ihn ausgefüllt. Diese Photographie von mir wurde vor
vielen Jahren gemacht. Damals waren meine Züge noch jugendlich, und
mein Geist war es auch. Damals hegte ich noch Illusionen über diese Welt
und über das Jenseits. Der Glaube betrügt die Menschen, aber er hat ein
Gutes: er gibt ihren Zügen einen höhern Glanz.

Mein Bild steht jetzt neben Nikhils, denn sind wir beide nicht alte
Freunde?


Fußnoten:

[16] Im Hindu-Kalender als Unglückstag bezeichnet.

[17] Der letzte bedeutende Sanskrit-Dichter, der im 12.
Jahrhundert in Bengalen lebte; Verfasser des Gitagovinda, einer Art
lyrischen Dramas, das die Liebe des Gottes Krischna (= Vischnu) und der
Hirtin Radha in glühenden Farben schildert, aber von den Anhängern der
Vischnu-Religion in mystisch allegorischem Sinne verstanden wird.
(Übers.)

[18] Die Bhagavad-Gîtâ (»Gesang des Erhabenen«), eine der
berühmtesten indischen Dichtungen, ein religiös-philosophisches
Lehrgedicht, das als Episode dem großen Epos Mahâbhârata eingelegt ist.
(Übers.)



VIERTES KAPITEL


NIKHILS ERZÄHLUNG

III

Ich habe mich nie viel mit mir selbst beschäftigt. Jetzt aber versuche
ich oft, Abstand von mir zu nehmen, um mich zu sehen, wie Bima mich
sieht. Was für ein Bild trübseliger Feierlichkeit bietet doch ein Mensch
wie ich, der die Dinge immer zu ernst nimmt.

Es ist ganz gewiß besser, die Sorgen wegzulachen, als die Welt mit
Tränen zu überschwemmen. Nur so kann die Welt wirklich weitergehen. Wir
genießen unsere Speise und unsern Schlaf nur, weil wir die Sorgen, die
überall, zu Hause und draußen, auf uns warten, wie leere Schatten
verscheuchen können. Wenn wir sie nur einen Augenblick ernst nehmen, wo
würde da unser Appetit und unser Schlaf bleiben?

Aber ich selbst kann mich nicht als einen dieser Schatten verscheuchen,
und daher liegt die Last meiner Sorge beständig schwer auf dem Herzen
meiner Welt.

Warum stellst du dich nicht hoch oben auf die große Heerstraße des
Weltalls und fühlst dich als einen Teil des Alls? Was ist dir Bima in
diesem ungeheuren, jahrtausendelangen Strom der Menschheit? Dein Weib?
Was ist ein Weib? Ein leerer Name, den du wie eine Seifenblase mit
deinem eigenen Atem groß gemacht und Tag und Nacht sorglich gehütet
hast, und der doch beim ersten Nadelstich von draußen zerplatzt.

Mein Weib, -- und also in Wahrheit ganz mein eigen! Wenn sie nun aber
sagt: »Nein, ich gehöre mir selber«, -- soll ich da antworten: »Wie kann
das sein? Gehörst du nicht mir?«

»Mein Weib«, -- genügt dieser Name als Beweis, daß sie mir gehört, oder
wird sie etwa sogar durch ihn mein Eigentum? Läßt sich eine ganze
Persönlichkeit in diesen Namen einfangen?

Mein Weib! -- Habe ich nicht in dieser kleinen Welt alles gehegt und
geliebt, was es Reines und Holdes in meinem Leben gab? Ich ließ es
keinen Augenblick von meinem Herzen, daß es mir nicht in den Staub
fallen sollte. Was habe ich nicht alles auf ihrem Altar geopfert an
Weihrauch der Verehrung und Musik der Leidenschaft, an Blumen, die der
Frühling und der Herbst mir brachten! Wenn sie sich nun wie ein
Papierboot in das schmutzige Wasser der Gosse hineintreiben läßt, --
sollte ich da nicht auch...?

Da falle ich wieder in mein altes Pathos! Warum »schmutzig«? Und warum
»Gosse«? Schmähworte, die man in einem Anfall von Eifersucht braucht,
ändern die Tatsachen nicht. Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist
sie es nicht, und kein Zürnen und Wüten und Streiten kann etwas daran
ändern. Wenn mein Herz bricht -- mag es brechen! Das wird die Welt
nicht zugrunde richten -- und mich auch nicht; denn der Mensch ist
soviel größer als die Dinge, die er in diesem Leben verliert.

Aber das ist die Rücksicht auf die Gesellschaft ... Die überlaß ich der
Gesellschaft selbst! Wenn ich weine, so weine ich für mich, nicht für
die Gesellschaft. Wenn Bima sagt, daß sie mir nicht gehört, was frage
ich dann danach, wo die ist, die die Gesellschaft als mein Weib ansieht!

Leid muß es geben; aber ich muß mich mit allen Mitteln, die in meiner
Macht sind, gegen eine Form der Selbstquälerei schützen: ich darf nicht
denken, daß das Leben seinen Wert verliert, wenn das Schicksal mich
einmal zurücksetzt. Der volle Wert des Lebens darf nicht für die enge
häusliche Welt eingesetzt werden; Erfolg oder Mißerfolg auf dem Gebiet
meiner persönlichen Leiden und Freuden sind zu belanglos, als daß sie
das ganze große Unternehmen des Lebens bankrott machen könnten.

Die Zeit ist gekommen, wo ich Bimala des ganzen ideellen Schmuckes
entkleiden muß, mit dem ich sie behangen habe. Ich gab meiner eigenen
Schwäche nach, als ich solchen Götzendienst mit ihr trieb. Ich war zu
maßlos in meinem Begehren. Ich machte einen Engel aus Bimala, um meinen
eigenen Genuß zu erhöhen. Aber Bimala ist, was sie ist. Es ist
widersinnig, zu erwarten, daß sie mir zu Gefallen die Rolle eines Engels
spielen sollte. Der Schöpfer ist nicht verpflichtet, mir Engel zu
schicken, nur weil ich Verlangen nach einem Idealbild von Vollkommenheit
habe, das nur in meiner Einbildung besteht.

Ich muß mir eingestehen, daß ich in Bimalas Leben nur ein Zufall gewesen
bin. Ihrer Natur nach ist für sie vielleicht nur mit einem Menschen wie
Sandip eine wahre Ehe möglich. Doch ich darf mir nun auch nicht in
falscher Bescheidenheit sagen, daß ich es verdiene, hinter ihm
zurückzustehen. Sandip hat gewiß manches sehr Anziehende, das auch auf
mich sehr stark wirkte, aber ich bin doch sicher, daß er nicht größer
ist als ich.

Wenn er heute den Siegeskranz davonträgt und ich übersehen werde, so
wird der, der ihm den Preis zuerkennt, einmal dafür Rechenschaft ablegen
müssen.

Ich sage dies nicht im Gefühl stolzer Überhebung. Die einfache
Notwendigkeit zwingt mich, mir allen Wert, den ich wirklich habe, zu
vergegenwärtigen, damit ich nicht ganz an mir selbst verzweifle. Möge
daher doch durch die schreckliche Erfahrung des Leides mir wenigstens
_eine_ Befreiung zuteil werden -- die Befreiung von dem Mangel an
Selbstvertrauen!

Ich habe unterscheiden gelernt, was ich wirklich in mir habe und was ich
törichterweise zu haben glaubte. Die Abrechnung ist gemacht, und das,
was übrig ist, bin ich selbst, -- nicht ein verkrüppeltes Selbst in
Fetzen und Lumpen, nicht ein krankes Selbst, das auf Krankenkost gesetzt
werden muß, sondern eine Seele, die das Schlimmste erduldet und es
überstanden hat.

Mein Lehrer ging eben durch das Zimmer und sagte, indem er mir die Hand
auf die Schulter legte: »Mach, daß du zu Bett kommst, Nikhil, es ist
spät in der Nacht.«

Ja, es ist so schwer für mich geworden, zu Bett zu gehen, bevor es spät
ist und Bima fest schläft. Am Tage sehen wir uns und sprechen sogar
miteinander; aber was soll ich sagen, wenn wir allein zusammen sind, in
der Stille der Nacht? -- Da schäme ich mich, körperlich und seelisch.

»Wie kommt es, mein Meister, daß Sie noch nicht schlafen?« fragte ich
zurück. Mein Lehrer lächelte ein wenig, als er hinausging, und sagte:
»Die Zeit des Schlafens ist für mich vorüber. Jetzt bin ich im Alter, wo
man wacht.«

Bis hier hatte ich geschrieben und wollte gerade aufstehen und zu Bett
gehen, da sah ich durch das Fenster vor mir, wie der schwere Mantel der
Juliwolke sich plötzlich etwas öffnete und ein großer Stern
hindurchschien. Er schien zu mir zu sagen: »Im Traumland knüpft man
Bande, und sie zerreißen wieder, aber ich bin immer hier -- die ewige
Lampe der Hochzeitsnacht.«

Und plötzlich wurde mein Herz von der Gewißheit erfüllt, daß hinter dem
Vorhang der körperlichen Dinge durch die Jahrtausende hindurch treu die
ewige Liebe wacht und auf mich wartet. Manches Leben hindurch habe ich
in manchem Spiegel ihr Bild gesehen, -- in zerbrochenen Spiegeln, in
gekrümmten Spiegeln, in staubigen Spiegeln. Und immer, wenn ich
versuchte, mir den Spiegel ganz zu eigen zu machen, und ihn sorgfältig
verschloß, dann sah ich das Bild nicht mehr. Aber wozu das alles? Was
habe ich mit dem Spiegel, oder überhaupt auch mit dem Bild zu tun?

Meine Geliebte, dein Lächeln wird nie ersterben, und an jedem Morgen
wird dein rotes Stirnzeichen mir neu leuchten.

»Welch kindischer Selbstbetrug!« spottet irgendein Teufel von seiner
dunklen Ecke aus, -- »mit solchem törichten Geschwätz bringt man Kinder
zur Ruhe!«

Das mag sein. Aber Millionen und Abermillionen von Kindern schreien und
müssen zur Ruhe gebracht werden. Kann es sein, daß all diese Scharen mit
einer Lüge gestillt werden? Nein, die ewige Liebe kann mich nicht
täuschen, denn sie ist wahr!

Sie ist wahr, darum habe ich sie so oft gesehen und werde sie immer
wieder sehen, selbst wo ich irre gehe, und selbst durch den dichtesten
Tränenschleier. Ich habe sie auf dem Marktplatz des Lebens gesehen und
im Gedränge verloren und wiedergefunden; und ich werde sie wiederfinden,
wenn ich durch die Spalte des Todes diesem Leben entronnen bin.

Ach, Grausame, spiele nicht länger mit mir! Wenn es mir nicht gelungen
ist, dich zu finden, indem ich den Spuren deiner Füße auf dem Wege, dem
Duft deines Haares in der Luft folgte, laß mich nicht ewig darum trauern
und weinen! Der Stern, der durch den Wolkenmantel glänzt, sagt mir, daß
ich nicht verzagen soll. Was ewig ist, muß unvergänglich sein.

Jetzt will ich zu meiner Bimala gehen. Sie wird ihre müden Glieder
ausgestreckt haben und eingeschlafen sein, erschlafft von all den innern
Kämpfen. Ich will einen Kuß auf ihre Stirn drücken, ohne sie
aufzuwecken, -- das soll mein Blumenopfer auf ihrem Altar sein. Ich
glaube, wenn ich auch alles vergäße nach dem Tode, -- all mein Irren und
all mein Leiden, -- die Erinnerung an diesen Kuß würde in mir
nachzittern, denn der Kranz, der aus den Küssen der Liebe gewoben ist,
wird einmal, nach vielen Existenzen, die ewige Liebe krönen.

Als der letzte Schlag verklungen war, der die zweite Stunde kündete, kam
meine Schwägerin ins Zimmer. »Aber was machst du denn, lieber Bruder?«
rief sie. »Geh doch um Gottes willen zu Bett und hör auf, dich so zu
quälen! Ich kann es nicht ertragen, zu sehen, wie du leidest.« Die
Tränen traten ihr in die Augen, als sie mich so bat.

Ich konnte kein Wort hervorbringen, sondern berührte nur in stummer
Ehrfurcht ihre Füße und ging zu Bett.


BIMALAS ERZÄHLUNG

VII

Zuerst argwöhnte ich nichts, fürchtete nichts; ich fühlte nur, daß ich
ganz meinem Vaterlande gehörte. Wie beglückend war diese rückhaltlose
Hingabe! Nun wurde es mir offenbar wie der Mensch in völliger
Selbstaufopferung seine höchste Seligkeit finden kann.

Ich glaube, daß dieser Rausch wohl allmählich ganz von selbst
vorübergegangen wäre. Aber das wollte Sandip Babu nicht; ich sollte ihn
erst ganz kennenlernen. Der Ton seiner Stimme war wie eine körperliche
Berührung, jeder seiner Blicke warf sich bettelnd mir zu Füßen. Und
hinter dem allen brannte eine Leidenschaft, so ungestüm, daß sie mich
hätte mit den Wurzeln ausreißen und an den Haaren mit sich schleifen
mögen.

Ich will der Wahrheit nicht ausweichen. Ich fühlte Tag und Nacht sein
zehrendes Verlangen. Es hatte etwas so wahnsinnig Verlockendes, mich in
den Abgrund solcher Leidenschaft zu stürzen. Wie furchtbar schien es,
wie schmachvoll, und doch wie süß! Dazu kam meine unbezähmbare Neugier,
die mich immer weitertrieb. Ich wußte so wenig von ihm, er konnte nie
und auf keine Weise mein werden, und seine Jugend loderte in tausend
Flammen auf -- ach, wie voller Geheimnis war diese ungeheure, heiße
Leidenschaft!

Im Anfang hatte ich ein Gefühl der Verehrung für Sandip, doch das
schwand bald. Ich hörte sogar auf, ihn zu achten; ja, ich begann, auf
ihn herabzusehen. Dennoch war mein Herz ein Instrument, das er
meisterhaft zu spielen wußte. Was nützte es, wenn ich vor seiner
Berührung zurückwich und sogar das Instrument selbst in mir haßte; es
mußte doch seinem Zauber gehorchen.

Ich muß gestehen, es war etwas in mir, was... wie soll ich sagen?...
etwas, was mich wünschen läßt, daß ich damals gestorben wäre.

Tschandranath Babu kommt immer, wenn er Zeit findet, zu mir. Er hat die
Kraft, meinen Geist zu einer Höhe zu erheben, von der ich in einem
Augenblick das Gebiet meines Lebens nach allen Seiten vor mir
ausgebreitet sehe und erkenne, wo seine wirklichen Grenzen sind und daß
ich töricht darüber hinausgehen wollte.

Aber was nützt das alles? Will ich denn wirklich Befreiung? Es ist, als
ob ich nur ein Gebet habe: mag Leid über unser Haus kommen, mag das
Beste in mir verkümmern und verdorren; wenn nur dieser süße Wahn mir
bleibt!

Wenn ich vor meiner Heirat meinen verstorbenen Schwager sah, wie er
wahnsinnig vor Trunkenheit seine Frau schlug und dann in rührseliger
Reue schluchzend und heulend gelobte, keinen Branntwein wieder
anzurühren, und wie er dann doch am selben Abend sich hinsetzte und ein
Glas nach dem andern trank, dann war ich von Ekel gegen ihn erfüllt.
Aber mein Rausch heute ist noch furchtbarer. Ich brauche mir das Gift
nicht erst zu verschaffen und einzuschenken: es quillt in meinen Adern,
und ich weiß nicht, wie ich ihm widerstehen soll.

Muß dies bis zum Ende meines Lebens so fortgehen? Bisweilen sehe ich
mich selbst erschrocken an und denke, mein Leben ist ein Nachtmar, der
plötzlich mit seiner ganzen Lüge verschwinden wird. Es ist so ganz
losgelöst von allem, was war, und hat keine Beziehung mehr zu seiner
Vergangenheit. Was es jetzt ist und wie es so werden konnte, kann ich
nicht verstehen.

Eines Tages sagte meine Schwägerin mit höhnischem Lachen: »Was für eine
rührend gastfreundliche Hausfrau wir doch haben! Ihr Gast will durchaus
nicht weichen. Zu unsrer Zeit hatten wir auch Gäste; aber wir kümmerten
uns nicht so ausgiebig um sie -- wir waren törichterweise zu sehr in
Anspruch genommen durch die Sorge für unsern Gatten. Der arme Nikhil muß
es büßen, daß er zu modern ist. Er hätte als Gast kommen sollen, wenn
er bleiben wollte. Jetzt sieht es so aus, als ob es für ihn Zeit wäre,
zu gehen.«

Dieser Sarkasmus traf mich nicht; denn ich wußte, daß es diesen Frauen
nicht gegeben ist, Art und Ursache meiner Hingebung zu verstehen. Das
begeisternde Gefühl, meinem Vaterlande Opfer zu bringen, stählte mich
damals, daß solche Pfeile mich nicht erreichen und verletzen konnten.


VIII

Seit einiger Zeit ist von der Sache des Vaterlandes gar nicht mehr die
Rede. Den Gegenstand unsrer Unterhaltung bilden jetzt die sexuellen
Probleme der Gegenwart und ähnliche Fragen, dazwischen etwas Poesie,
sowohl altindische wie moderne englische, und das Ganze ist immer
begleitet von einer tiefen Grundmelodie, wie ich sie nie vorher gehört
habe, voll Männlichkeit und zwingender Gewalt.

Es war so weit gekommen, daß wir jeden Vorwand verschmähten. Wir hatten
auch nicht den geringsten Scheingrund dafür, daß Sandip Babu noch immer
da blieb und daß ich von Zeit zu Zeit vertrauliche Gespräche mit ihm
hatte. Ich war in einem beständigen innern Kampf. Ich war zornig auf
mich selbst, auf meine Schwägerin, auf die Einrichtung der Welt, und ich
gelobte mir, nie wieder die Frauengemächer zu verlassen, und wenn ich
daran sterben sollte.

Zwei Tage lang tat ich keinen Schritt hinaus. Da wurde es mir zum ersten
Mal klar, wie weit es mit mir gekommen. Ich fand gar keinen Geschmack
mehr am Leben. Was ich auch anrührte, hätte ich am liebsten gleich
wieder hingeworfen. Ich fühlte, daß ich wartete, daß alle meine Nerven
vom Kopf bis zu den Zehen gespannt waren auf etwas, -- auf jemand; mein
Blut fieberte vor Erwartung.

Ich versuchte, mich durch Arbeit abzulenken. Der Fußboden des
Schlafzimmers war sauber genug, aber ich bestand darauf, daß er unter
meiner Aufsicht noch einmal gescheuert wurde. Die Sachen lagen ganz
ordentlich in den Schränken; ich zog sie alle heraus und ordnete sie
anders. Ich fand am Nachmittag nicht einmal Zeit, mein Haar
hochzustecken, ich band es nur lose zusammen und wirtschaftete umher und
plagte jeden. Dann fing ich an, in der Vorratskammer zu kramen. Die
Vorräte schienen mir sehr zusammengeschrumpft, und das konnte nicht mit
rechten Dingen zugegangen sein, aber ich fand nicht den Mut, irgend
jemand dafür zur Verantwortung zu ziehen, denn hätte der sich nicht
fragen müssen: »Wo hatte sie denn die ganze Zeit ihre Augen?«

Kurz, ich benahm mich an jenem Tage wie eine Besessene. Am nächsten Tag
versuchte ich, etwas zu lesen. Ich habe keine Ahnung, was ich las, aber
plötzlich merkte ich, daß ich ganz unbewußt, mit dem Buch in der Hand,
den Korridor entlang gegangen war, der zu den Außengemächern führte. Nun
stand ich an einem Fenster, der Veranda gegenüber, die sich vor der
Zimmerreihe auf der andern Seite des Hofes hinzieht. Es war mir, als ob
das eine dieser Zimmer zu einem andern Ufer entwichen wäre und die Fähre
aufgehört hätte zu fahren. Es war mir, als sei ich nur noch der Geist
von der, die ich vor zwei Tagen gewesen, verurteilt, dazubleiben, wo ich
war, ohne doch wirklich da zu sein, und immer sehnsüchtig
hinüberstarrend.

Als ich da stand, sah ich Sandip aus seinem Zimmer auf die Veranda
treten, eine Zeitung in der Hand. Ich konnte sehen, daß er furchtbar
aufgeregt war. Der Hof, das Geländer vor ihm, alles schien seine Wut zu
erregen. Er warf die Zeitung hin mit einer Gebärde, als hätte er die
ganze Welt zerreißen mögen.

Ich fühlte, daß ich mein Gelübde nicht länger halten konnte. Ich war im
Begriff, weiterzugehen, nach dem Wohnzimmer, als meine Schwägerin
plötzlich hinter mir stand. »O Himmel, dies setzt allem die Krone auf!«
rief sie aus, als sie wieder forthuschte. Danach hatte ich nicht mehr
den Mut, weiterzugehen.

Als am nächsten Morgen mein Mädchen kam und rief: »Herrin, es ist hohe
Zeit, die Vorräte herauszugeben«, warf ich ihr die Schlüssel hin mit den
Worten: »Sag Harimati, daß sie es besorgt«, und setzte mich mit einer
englischen Stickerei, die ich angefangen hatte, ans Fenster.

Da kam ein Diener mit einem Brief. »Von Sandip Babu«, sagte er. Welche
unerhörte Dreistigkeit! Was sollte der Bote davon denken? Mein Herz
zitterte, als ich den Brief erbrach. Er enthielt keine Anrede, sondern
nur die Worte: »Eine dringende Angelegenheit -- das Vaterland
betreffend. Sandip.«

Im selben Augenblick hatte ich die Stickerei beiseite geworfen und war
aufgesprungen. Ich ordnete mit ein paar Griffen mein Haar vor dem
Spiegel, den Sari wechselte ich nicht erst, sondern zog nur schnell eine
dazu passende Jacke an.

Ich mußte durch eine der Veranden, wo meine Schwägerin des Morgens zu
sitzen und Betel zu schneiden pflegt. Ich bekämpfte meine Verlegenheit.
»Wohin, Tschota Rani?« rief sie.

»Ins Wohnzimmer draußen.«

»So früh! Zu einer Matinee, wie?«

Und als ich ohne zu antworten weiterging, summte sie ein anzügliches
Lied hinter mir her.


IX

Als ich die Tür des Wohnzimmers öffnete, sah ich Sandip, der in einen
illustrierten Katalog von Gemälden der Britischen Akademie vertieft war
und der Tür den Rücken zukehrte. Er bildet sich ein, ein großer
Kunstkenner zu sein.

Eines Tages sagte mein Gatte zu ihm:

»Wenn die Künstler je einen Lehrmeister brauchen, so werden sie nie
darum in Verlegenheit sein, solange du da bist.« Es war sonst nicht die
Art meines Gatten, zu spotten, aber in letzter Zeit ist er anders darin,
und er verschont Sandip nie.

»Warum meinst du, daß die Künstler keine Lehrmeister brauchen?« fragte
Sandip.

»Weil der Künstler ein Schöpfer ist«, erwiderte mein Gatte. »Darum
sollten wir uns bescheiden damit begnügen, unsere Lehren über die Kunst
aus dem Werk des Künstlers zu entnehmen.«

Sandip lachte über solche Bescheidenheit und sagte: »Du meinst, daß
Demut das Kapital ist, das die meisten Zinsen einbringt. Ich bin aber
der Überzeugung, daß die, denen es an Stolz fehlt, dem Rohr gleichen,
das auf dem Wasser umhertreibt und keine Wurzeln im Boden hat.«

Die widersprechendsten Gefühle bewegten mich, wenn sie so redeten.
Einerseits wünschte ich sehnlichst, daß mein Gatte in dem Streit siegte
und daß Sandips Stolz gedemütigt würde. Und doch war es gerade dieser
nicht zu beugende Stolz Sandips, der mich so anzog. Er leuchtete wie ein
kostbarer Diamant, der keine Schüchternheit kennt und der Sonne selbst
keck ins Antlitz strahlt.

Ich trat ein. Sandip mußte meine Tritte hören, als ich mich näherte,
aber er tat, als hörte er nichts, und ließ seine Augen nicht von dem
Buch.

Ich fürchtete, daß er anfangen würde, über Kunst zu reden, denn wenn er
von Bildern spricht, kann ich meine Feinfühligkeit in bezug auf sie
nicht unterdrücken und habe immer große Mühe, bei seinen Reden meine
Selbstbeherrschung zu bewahren. Daher war ich schon beinahe im Begriff
umzukehren, als Sandip mit einem tiefen Seufzer aufsah und so tat, als
ob ihn mein plötzlicher Anblick erschreckte. »Ach, da sind Sie!« sagte
er.

In seinen Worten, in seinem Ton, in seinen Augen lag eine Welt von
Vorwurf, als ob die Ansprüche, die er an mich hatte, meine Abwesenheit,
wenn auch nur von ein paar Tagen, zu einem schweren Unrecht machten.
Wohl empfand ich diese Haltung als eine Beleidigung für mich, aber ach,
ich hatte nicht die Kraft, darüber zu zürnen.

Ich antwortete nicht, aber obgleich ich Sandip nicht ansah, konnte ich
nicht umhin, seinen anklagenden Blick zu fühlen, der sich in meinem
Gesicht festbohrte und nicht weichen wollte. Ich wünschte so sehr, er
möchte etwas sagen, daß ich hinter seinen Worten Schutz finden könnte.
Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht, aber endlich konnte ich es nicht
mehr aushalten. »Was ist das für eine Sache,« fragte ich, »worüber Sie
mich zu sprechen wünschten?«

Sandip tat wieder überrascht, als er sagte: »Muß es sich denn immer erst
um eine bestimmte Sache handeln? Ist Freundschaft an sich ein
Verbrechen? O, Bienenkönigin, daß Sie das Höchste, was es auf Erden
gibt, so gering schätzen! Darf man der Verehrung eines Herzens die Tür
schließen wie einem verlaufenen Hunde?«

Ich fühlte wieder, wie mein Herz in mir zitterte. Jetzt mußte die Krisis
kommen, zu ungestüm, um sich abwenden zu lassen. Freude und Angst
kämpfen in mir um die Herrschaft. Würden meine Schultern stark genug
sein, ihrem Ansturm standzuhalten, oder würde sie mich zu Boden werfen,
das Antlitz in den Staub?

Ich zitterte am ganzen Körper. Mich mit Gewalt bezwingend, wiederholte
ich: »Sie haben mich gerufen wegen einer Sache, die das Vaterland
angeht, daher habe ich meine häuslichen Pflichten gelassen, um zu hören,
was es gibt.«

»Das versuchte ich ja eben Ihnen klarzumachen«, sagte er mit einem
sarkastischen Lachen. »Wissen Sie denn nicht, daß ich gekommen bin, um
zu verehren? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich in Ihnen die Schakti
unsers Vaterlandes verkörpert sehe? Es handelt sich doch nicht nur um
unser geographisches Vaterland. Niemand kann sein Leben hingeben für
eine Landkarte! Wenn ich Sie vor mir sehe, dann nur wird mir die ganze
Schönheit meines Vaterlandes offenbar. Wenn Sie mich mit Ihren eigenen
Händen salben, dann werde ich mich von meinem Vaterlande geweiht fühlen;
und wenn ich mit diesem Bewußtsein im Herzen im Kampfe falle, so falle
ich nicht in den Staub eines Landes, das die Landkarte zeigt, sondern
mein Haupt sinkt nieder auf ein liebend ausgebreitetes Gewand -- wissen
Sie, an welches Gewand ich denke? An den erdroten Sari, den Sie neulich
trugen, mit dem breiten, blutroten Saum. Ich sehe ihn immer vor mir. Das
sind die Visionen, die im Leben Kraft und im Tode Freude geben!«

Sandips Augen sprühten Feuer, als er so sprach, aber ob es das Feuer
der Begeisterung oder das Feuer der Leidenschaft war, hätte ich nicht
sagen können. Ich mußte an den Tag denken, wo ich ihn zuerst reden hörte
und wo ich zweifelte, ob er ein Mensch oder eine lebendige Flamme sei.

Ich konnte kein Wort hervorbringen. Es ist nicht möglich, hinter den
Schranken äußeren Anstandes Schutz zu suchen, wenn in einem Augenblick
das Feuer aufspringt und mit blitzendem Schwert und brüllendem Gelächter
alles vernichtet, was der Geiz sorgsam aufgehäuft hat. Ich war in
Todesangst, daß er sich vergessen und meine Hand ergreifen könnte. Denn
er stand vor mir, am ganzen Körper bebend, wie eine züngelnde Flamme;
seine Augen sprühten versengende Funken auf mich.

»Wollen Sie denn ewig mit Ihren kleinlichen Pflichten im Haushalt
Götzendienst treiben«, rief er nach einer Pause, »Sie, die Sie die Macht
in sich haben, Leben oder Tod über uns zu verhängen? Soll diese Ihre
Macht in einer Zenana verborgen bleiben? Werfen Sie alle falsche Scheu
von sich, ich bitte Sie; machen Sie sich doch nichts aus dem Geflüster
um Sie herum! Werfen Sie sich noch heute mit offenen Armen in den Strom
der Freiheit draußen in der Welt!«

Wenn Sandip in dieser Weise seinen Kult des Vaterlandes mit seiner
Verehrung für mich verwebt, so beginnt mein Blut zu tanzen, und alle
Schranken, die mich zurückhalten, geraten ins Wanken. Seine Reden über
Kunst und sexuelle Probleme, seine Unterscheidungen zwischen dem
Wirklichen und Unwirklichen hatten nur den Geist des Widerspruchs in mir
hervorgerufen, der mich hinderte, sachlich zu antworten. Aber dieser
Geist ging jetzt in Flammen auf, und mit ihm mein Widerstand. Ich fühlte
mich durch meine Weiblichkeit verklärt und einer Göttin gleich. Warum
sollte ihr Glanz nicht sichtbar von meiner Stirn strahlen? Konnte meine
Stimme nicht ein Wort finden, einen vernehmlichen Ruf, der wie eine
heilige Zauberformel mein Vaterland weihte und entflammte?

Plötzlich stürzte mein Mädchen Rhema mit aufgelösten Haaren ins Zimmer.
»Geben Sie mir meinen Lohn und lassen Sie mich gehen«, schrie sie. »In
meinem ganzen Leben bin ich nicht so...« Das Übrige wurde von Schluchzen
erstickt.

»Was ist denn geschehen?«

Es stellte sich heraus, daß Thako, das Mädchen meiner Schwägerin, sie
ohne irgendwelchen Grund maßlos beschimpft hatte. Sie war in einem
solchen Zustand, daß ich mich vergeblich bemühte, sie zu beruhigen,
indem ich ihr sagte, ich wolle gleich nachher kommen und die Sache
untersuchen.

Der Schlamm häuslichen Lebens, der unter den Lotusblättern der
Weiblichkeit lag, kam an die Oberfläche. Damit Sandip nicht noch mehr
davon erblickte, eilte ich schnell zurück.


X

Meine Schwägerin war in ihr Betelnußschneiden vertieft, ein leises
Lächeln spielte um ihre Lippen, als ob nichts Verdrießliches passiert
wäre. Sie summte noch dasselbe Lied.

»Warum hat deine Thako die arme Khema so beschimpft?« brach ich los.

»Hat sie das? Das Weibsbild! Ich werde sie aus dem Hause peitschen
lassen. Wie schändlich, dir deinen Morgen so zu verderben! -- Aber was
hat denn auch diese Dirne Khema für Manieren, daß sie hingeht und dich
stört, wenn du beschäftigt bist? Plage du dich jedenfalls nicht mit
solchen häuslichen Zänkereien, Tschota Rani! Überlaß das nur mir und geh
wieder zu deinem Freunde!«

Wie plötzlich der Wind in den Segeln unsres Geistes umschlägt! Daß ich
Sandip draußen aufgesucht hatte, war in der Beleuchtung des Zenana-Kodex
etwas so Unerhörtes, daß ich nicht wußte, was ich antworten sollte und
in mein Zimmer ging. Ich wußte, daß meine Schwägerin dahinter steckte,
daß sie ihr Mädchen zu dieser Szene aufgereizt hatte. Aber ich fühlte
mich auf so unsicherem Boden, daß ich keinen Gegenhieb wagte.

Erst neulich hatte ich gesehen, daß ich den unbeugsamen Stolz, mit dem
ich von meinem Gatten die Entlassung Nankus gefordert hatte, nicht bis
zu Ende aufrechterhalten konnte. Ich wurde plötzlich verlegen, als die
Bara Rani kam und sagte: »Es ist wirklich ganz meine Schuld, lieber
Bruder. Wir sind altmodische Leute, und mir wollte die Art deines Sandip
Babu nicht recht gefallen, daher sagte ich dem Türhüter... aber wie
konnte ich wissen, daß unsre Tschota Rani dadurch beleidigt sein würde?
-- Ich hätte gerade das Gegenteil erwartet! Aber ich bin nun einmal so
unverbesserlich einfältig!«

Was so herrlich scheint, wenn man es von der Höhe der nationalen Sache
aus betrachtet, erscheint trübe und schmutzig, wenn man es von unten
sieht. Und bald steigert sich Unwillen und Zorn zu Abscheu.

Ich schloß mich in mein Zimmer ein, setzte mich ans Fenster und dachte
darüber nach, wie leicht das Leben doch sein würde, wenn man mit seiner
Umgebung in Harmonie bleiben könnte. Wie einfach und selbstverständlich
sitzt meine Schwägerin da auf der Veranda mit ihren Betelnüssen, und wie
unerreichbar fern ist mir mein natürlicher Platz bei meinen häuslichen
Pflichten gerückt! Wie soll das alles enden? fragte ich mich. Werde ich
je aus diesem Zustande wie aus einem Fiebertraum erwachen und alles
vergessen, oder werde ich zu einem Abgrund geschleppt, aus dem es in
diesem Leben kein Entrinnen gibt? Wie brachte ich es nur fertig, mein
Glück von mir zu stoßen und mein Leben so zu Grunde zu richten? Jeder
Winkel dieses Schlafzimmers, das ich vor neun Jahren als junge Frau
zuerst betrat, starrt mich erschrocken an.

Als mein Gatte von seinem Magisterexamen nach Hause kam, brachte er mir
diese Orchidee mit, die aus einem fernen Lande jenseits des Meeres
stammt. Unter diesen kleinen Blättern quoll solch eine Fülle von Blumen
hervor, es sah aus, als ob die Schönheit selbst ihr Füllhorn
ausgeschüttet hätte. Wir beschlossen, sie hier über dem Fenster
aufzuhängen. Sie blühte nur das eine Mal, aber wir haben immer gehofft,
daß sie noch einmal blühen würde. Aus Macht der Gewohnheit habe ich sie
selbst in diesen Tagen noch begossen, und sie ist noch grün.

Es sind jetzt vier Jahre her, da rahmte ich ein Bild meines Gatten in
Elfenbein und stellte es in die Nische da drüben. Wenn jetzt mein Blick
zufällig darauf fällt, so muß ich die Augen niederschlagen. Bis vorige
Woche pflegte ich es regelmäßig jeden Morgen nach dem Bade mit Blumen zu
schmücken, als eine Art Morgenopfer, das ich meiner Liebe brachte. Mein
Gatte schalt mich oft darum.

»Es beschämt mich, daß du mich auf eine Höhe erhebst, auf die ich nicht
gehöre«, sagte er eines Tages.

»Welch ein Unsinn!«

»Ich bin nicht nur beschämt, sondern auch eifersüchtig!«

»Nun höre ihn einer! Eifersüchtig auf wen denn, bitte?«

»Auf dies mein falsches Ich. Es zeigt nur, daß ich dir zu unbedeutend
bin, daß du einen außerordentlichen Mann haben möchtest, vor dessen
Überlegenheit du dich beugen kannst, und daher mußt du dir helfen, indem
du dir ein andres Ich von mir machst.«

»Es macht mich nur böse, wenn du so redest«, sagte ich.

»Was nützt es, daß du böse mit mir bist«, erwiderte er. »Schilt dein
Schicksal, daß es dir keine Wahl ließ, sondern dich zwang, mich
blindlings zu nehmen. Nun mußt du beständig versuchen, seinen Fehler
wieder gutzumachen, indem du in mir ein Muster aller Vollkommenheit zu
sehen suchst.«

Ich war damals so gekränkt durch diesen bloßen Gedanken, daß mir die
Tränen in die Augen traten. Und immer, wenn ich jetzt daran denke, muß
ich die Augen vor jener Nische niederschlagen.

Denn jetzt habe ich ein andres Bild in meinem Schmuckkasten. Als ich
neulich im Wohnzimmer aufräumte, nahm ich den Doppelrahmen fort, in dem
Sandips Bild neben dem meines Gatten steckte. Diesem Bild opfere ich
keine Blumen, sondern ich halte es unter meinem Schmuck verborgen. Es
übt einen um so größeren Zauber auf mich, weil ich es heimlich
aufbewahre. Ich betrachte es von Zeit zu Zeit bei verschlossenen Türen.
Des Abends schraube ich die Lampe hoch und sitze da, mit dem Bild in der
Hand, es unverwandt anstarrend. Und jeden Abend will ich es am
Lampenfeuer verbrennen, um es nie mehr zu sehen; aber jeden Abend
verberge ich es mit einem Seufzer wieder unter meinen Perlen und
Diamanten.

Ach, ich elendes Weib! Welch ein Reichtum von Liebe faßte jedes dieser
Schmuckstücke ein! Ach, warum bin ich nicht tot?

Sandip hatte mir klargemacht, daß es nicht in der Natur der Frau liegt,
zu zaudern. Für sie gibt es weder rechts noch links, -- sie geht immer
geradeaus. Wenn die Frauen unsres Vaterlandes aus ihrem Schlaf erwachen,
wiederholte er mir beständig, so werden sie mit Siegesgewißheit ihren
Ruf erschallen lassen: »Ich will!«

»Ich will« -- führte Sandip eines Tages aus, -- war das erste Wort am
Anfang der Schöpfung. Es wurde nicht von irgendeinem Grundsatz geleitet,
sondern es wurde zu Feuer und wandelte sich zu Sonnen und Sternen. Es
kennt keine Gerechtigkeit. Weil es den Menschen haben wollte, opferte es
unbarmherzig Millionen von Jahren hindurch Millionen Tiere auf, um zu
seinem Ziel zu kommen. Dieses furchtbare Wort »ich will« ist Fleisch
geworden im Weibe, und daher versuchen die Männer in ihrer Feigheit mit
allen Kräften, diese elementare Flut einzudämmen. Sie fürchten, daß sie,
wenn sie lachend dahintanzt, alle Hecken und Stützen ihres Kürbisfeldes
umreißen könnte. Die Menschen haben sich zu allen Zeiten geschmeichelt,
diese Kraft sicher in den Schranken der Konvenienz eingeschlossen zu
halten, aber sie sammelt sich an und wächst. Jetzt ist sie noch ruhig
und tief wie ein See, aber allmählich wird ihr Druck immer stärker, die
Deiche werden nachgeben, und die Kraft, die so lange stumm gewesen ist,
wird brüllend hervorstürzen mit dem Ruf: »Ich will!«

Solche Worte Sandips hallen in meinem Herzen wider wie die Schläge einer
Kriegstrommel. Sie bringen jeden Konflikt in mir zum Schweigen. Was
kümmert es mich, was die Leute von mir denken? Was bedeutet mir jene
Orchidee und jene Nische in meinem Schlafzimmer? Wodurch sollten sie die
Macht haben, mich zu verkleinern und zu beschämen? Das Urfeuer der
Schöpfung brennt in mir.

Ich fühlte mich versucht, die Orchidee herabzureißen und aus dem Fenster
zu werfen, die Nische ihres Bildes zu berauben und dem schamlosen Geist
der Zerstörung, der in mir wütete, die Zügel schießen zu lassen. Schon
hatte ich den Arm erhoben, um es zu tun, da krampfte ein plötzliches Weh
mein Herz zusammen, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich warf mich
nieder und schluchzte: »Wie soll dies alles enden, wie soll es enden?«


SANDIPS ERZÄHLUNG

IV

Wenn ich diese Seiten aus meiner Lebensgeschichte lese, so frage ich
mich ernstlich: Ist dies Sandip? Bestehe ich denn nur aus Worten? Bin
ich nur ein Buch mit einem Deckel von Fleisch und Blut?

Die Erde ist nicht ein totes Ding wie der Mond. Sie atmet, und der Atem
ihrer Flüsse und Meere hüllt sie ein. Sie ist bedeckt mit einem Mantel
aus ihrem eignen Staub, der in der Luft flattert. Der Zuschauer, der von
draußen auf die Erde blickt, sieht nur das Licht, das dieser Atem und
dieser Staub zurückwirft. Die Konturen der mächtigen Festländer kann er
nicht deutlich unterscheiden.

Der Mensch, der lebendig ist wie die Erde, ist auch in den Nebel seiner
Ideen eingehüllt, die er ausatmet. Die Konturen seines wahren Wesens
bleiben verborgen, und es scheint, als ob er auch nur aus Licht und
Schatten besteht.

Es scheint mir, daß ich in dieser meiner Lebensgeschichte gleichwie jene
Planeten nur das Bild meiner idealen Welt entfalte. Aber ich bin nicht
nur, was ich zu sein wünsche und glaube -- ich bin auch, was ich nicht
liebe und was ich nicht sein möchte. Meine Erschaffung hatte schon
begonnen, ehe ich geboren wurde. Ich hatte keine Wahl in bezug auf meine
Umgebung, und so muß ich versuchen, aus dem, was sich mir bietet, das
Beste zu machen.

Meine Weltanschauung macht mich gewiß, daß das Große grausam ist.
Gerecht sein ist für die Durchschnittsmenschen; es ist das Vorrecht der
Großen, ungerecht zu sein. Die Oberfläche der Erde war eben. Der Vulkan
stieß mit seinem feurigen Horn gegen sie und kam so zu seiner Höhe, --
er versuchte nicht, dem, was ihm im Wege stand, sondern nur sich selbst
gerecht zu werden. Erfolgreiche Ungerechtigkeit und natürliche
Grausamkeit sind die einzigen Kräfte gewesen, durch die der Einzelne
oder die Nation zu Reichtum und Herrschaft gekommen ist.

Daher predige ich die große Lehre von der Ungerechtigkeit. Ich sage
jedem: Befreiung ist auf Ungerechtigkeit gegründet. Ungerechtigkeit ist
das Feuer, das fortwährend etwas verzehren muß, damit es nicht zu Asche
wird. Wenn ein Einzelwesen oder Volk nicht mehr imstande ist, eine
Ungerechtigkeit zu begehen, wird es hinweggefegt und auf den
Kehrichthaufen der Welt geworfen.

Bis jetzt ist dies nur meine Theorie, mit der ich selbst noch nicht ganz
eins geworden bin. In meiner Rüstung sind Sprünge, durch die etwas sehr
Weiches und Empfindliches hindurchblickt. Weil, wie ich schon sagte, der
wesentliche Teil meines Ichs schon vor meiner gegenwärtigen Existenz
geschaffen wurde.

Von Zeit zu Zeit stelle ich meine Anhänger auf die Probe, um zu sehen,
wie weit sie es in dieser Grausamkeit gebracht haben. Eines Tages gingen
wir zu einem Picknick. Eine Ziege graste in der Nähe. Ich fragte: »Wer
ist unter euch, der mit diesem Messer der Ziege dort lebendig ein Bein
abschneiden und es mir bringen kann?« Während sie noch alle zögerten,
ging ich selbst hin und tat es. Einer von ihnen wurde ohnmächtig bei dem
Anblick. Aber als sie mich unbewegt sahen, berührten sie ehrfurchtsvoll
meine Füße und sagten, daß ich über alle menschliche Schwäche erhaben
sei. Das heißt, sie sahen an jenem Tage die Nebelhülle meiner Idee, aber
bemerkten nicht mein inneres Wesen, das ein launenhaftes Schicksal weich
und barmherzig geschaffen hat.

In dem gegenwärtigen Kapitel meines Lebens, dessen Interesse sich von
Tag zu Tag mehr um Bimala und Nikhil konzentriert, bleibt auch viel
unter der Oberfläche verborgen. Die Theorie, die mich beherrscht, formt
mein inneres Leben; dennoch entzieht sich ein großer Teil meines Lebens
ihrem Einfluß, und so entsteht ein Widerspruch zwischen meinem äußeren
Leben und seinem inneren Plan, ein Widerspruch, den ich, so gut ich
kann, zu verbergen suche, auch mir selber; denn sonst könnte er nicht
nur meine Pläne, sondern mein Leben selbst zum Scheitern bringen.

Das Leben ist unbestimmt und voller Widersprüche. Wir Menschen versuchen
mit unsern Ideen ihm eine besondere Gestalt zu geben, indem wir es in
eine bestimmte Form pressen, -- in die Bestimmtheit, die Erfolg hat.
Alle Welteroberer, von Alexander bis auf die amerikanischen Millionäre,
finden in Schwert oder Dollar das Sinnbild, nach dem sie ihr Wesen
formen, und dies ist die Quelle ihres Erfolges.

Der Hauptstreitpunkt zwischen Nikhil und mir besteht darin, daß,
obgleich unser beider Wahlspruch ist: »Erkenne dich selbst«, wir beide
es auf ganz verschiedene Weise deuten und infolgedessen seine
Selbsterkenntnis in meinen Augen das Gegenteil ist. »Wenn du auf deine
Weise Erfolg gewinnst,« wandte Nikhil bei einer Gelegenheit ein, »so
gewinnst du ihn auf Kosten der Seele, aber die Seele ist mehr wert als
der Erfolg.«

Ich antwortete nur: »Deine Worte sind abstrakt.«

»Das kann ich nicht ändern«, erwiderte Nikhil. »Eine Maschine ist
konkret genug, aber nicht so das Leben. Wenn du um der konkreten
Greifbarkeit willen das Leben als eine Maschine ansehen willst, so mußt
du dir nicht einbilden, daß du das Leben kennst. Die Seele ist nicht so
konkret wie der Erfolg, und daher verlierst du sie nur, wenn du dem
Erfolg nachjagst.«

»Wo ist sie denn, diese wunderbare Seele?«

»Da, wo sie sich im Unendlichen findet, jenseits allen Erfolges.«

»Aber was hat alles dies mit unsrer Arbeit für das Vaterland zu tun?«

»Damit ist es dieselbe Sache. Wo unser Vaterland sich selbst als
Endzweck setzt, da gewinnt es Erfolg auf Kosten seiner Seele. Wo es das
Höchste und Größte als letztes Ziel sieht, da versäumt es vielleicht den
Erfolg, aber es gewinnt an seiner Seele.«

»Gibt es dafür irgendein Vorbild in der Geschichte?«

»Der Mensch ist so groß, daß er nicht nur den Erfolg verschmähen,
sondern auch das Vorbild entbehren kann. Vielleicht gibt es kein Vorbild
dafür, ebensowenig wie das Samenkorn ein Vorbild für die Blume hat. Und
dennoch ist der Trieb des Samenkorns auf die Blume gerichtet.«

Es ist nicht so, daß ich Nikhils Standpunkt gar nicht verstehe; darin
liegt vielmehr die Gefahr für mich. Ich bin in Indien geboren, und das
Gift seines Idealismus steckt mir im Blut. Wie laut ich auch gegen die
Tollheit der Selbstverleugnung predige, ich kann mich selbst nicht ganz
von ihr freimachen.

So kommen heutzutage bei uns solche sonderbaren Widersprüche zustande.
Wir müssen unsre Religion haben und auch unsern Nationalismus, unsre
Bhagavadgita und unser Bande Mataram. Die Folge ist, daß beide zu kurz
kommen. Es ist, als ob man eine englische Militärkapelle neben unsern
indischen Flöten spielen ließe. Ich muß es mir zur Lebensaufgabe machen,
diesem fürchterlichen Durcheinander ein Ende zu machen.

Ich möchte, daß der europäische Stil bei uns zur Herrschaft käme, nicht
der indische. Dann könnten wir stolz die Fahne der Leidenschaft
hochflattern lassen, die die Natur uns mitgegeben hat auf das
Schlachtfeld des Lebens. Die Leidenschaft ist schön und rein, -- rein
wie die Lilie, die aus dem schlammigen Boden kommt. Sie steigt über
alles, was sie beflecken will, empor und braucht keine Kunstmittel, um
sich rein zu halten.


V

Eine Frage hat mich in diesen letzten Tagen gequält. Warum lasse ich zu,
daß mein Leben sich so mit Bimalas verstrickt? Bin ich denn ein von der
Strömung dahingetriebenes Stück Holz, das von jedem beliebigen Hindernis
aufgehalten wird?

Nicht als ob ich irgendwelche falsche Scham darüber empfände, daß Bimala
der Gegenstand meines Begehrens geworden ist. Es ist nur zu klar, wie
sehr sie mich braucht, und so betrachte ich sie als ganz rechtmäßig
mein. Die Frucht hängt mit dem Stengel am Zweig, aber das ist kein
Grund, weshalb der Stengel das Recht haben sollte, sie ewig
festzuhalten. Die reife Frucht fühlt, wie sie sich immer mehr vom
Stengel löst. Sie hat ihre ganze Süße für mich aufgespeichert: Hingabe
an mich ist Erfüllung ihres Daseins, ihres eigensten Wesens, ist ihre
wahre Sittlichkeit. Daher muß ich sie pflücken, denn ich darf sie nicht
um diese Erfüllung ihres Daseins bringen.

Aber was mich verdrießt, ist, daß ich mich immer mehr verstricke. Bin
ich nicht geboren, um zu herrschen, um mich auf mein eigenes Roß, die
Menge, zu schwingen und, die Zügel in der Hand, sie zu treiben, wie ich
will und wohin ich will, -- der Preis für mich und für sie nur die
Dornen und der Schmutz der Straße? Dies Roß wartet jetzt vor der Tür, es
scharrt ungeduldig den Boden und kaut am Gebiß, und sein Wiehern erfüllt
die Luft. Aber wo bin ich und was treibe ich, daß ich Tag für Tag die
herrliche Gelegenheit versäume?

Ich glaubte einst, ich sei ein Sturmwind, und die abgerissenen Blumen,
mit denen ich meinen Pfad bestreute, würden mich nicht im Fortschreiten
hindern. Aber ich bin nur eine Biene, die immer um dieselbe Blume
kreist. So trifft auch auf mich zu, was ich sagte: daß die Farbe, die
der Mensch sich mit seinen Ideen gibt, nur auf der Oberfläche liegt. Der
innere Mensch bleibt doch immer derselbe. Wenn jemand, der ganz in mich
hineinsehen könnte, meine Biographie schriebe, so würde er beweisen, daß
im Grunde gar kein Unterschied sei zwischen einem Kerl wie Pantschu und
mir, oder selbst zwischen Nikhil und mir!

Gestern abend blätterte ich in meinem alten Tagebuch... ich las, wie ich
gerade mein Examen gemacht hatte und mein Hirn von Philosophie zum
Bersten vollgepfropft war. Selbst damals schon hatte ich mir gelobt,
keinen Illusionen, weder eigenen noch fremden, Raum zu geben, sondern
mein Leben auf der Grundlage der Wirklichkeit aufzubauen. Aber wie ist
es tatsächlich bis jetzt damit gewesen? Wo ist die Festigkeit? Es
gleicht vielmehr einem Netzwerk, das, obgleich der Faden überall
zusammenhängt, doch zum größten Teil aus Löchern besteht. Ich mag
versuchen, was ich will, sie lassen sich nicht wegbringen. Und gerade
wie ich mich beglückwünsche, daß ich so sicher und unbeirrbar dem Faden
folge, gerate ich in solch ein schlimmes Loch. Denn ich habe angefangen,
Gewissensskrupel zu bekommen.

»Ich brauche es, es ist da; also nehme ich es mir.« -- Das ist eine
klare und gerade Politik. Wer kraftvoll und energisch sein Ziel
verfolgt, muß es sicher am Ende erreichen. Aber die Götter wollen nicht,
daß solche Reise leicht ist, daher senden sie die Sirene Mitgefühl aus,
daß sie den Wanderer vom Wege abbringt, indem sie seinen Blick mit
ihrem tränenvollen Nebelschleier trübt.

Ich sehe, die arme Bimala kämpft wie ein Wild, das in einer Schlinge
gefangen ist. Welche Todesangst ist in ihren Augen! Wie hat sie sich
wund gerissen an ihren Fesseln! Dieser Anblick sollte natürlich das Herz
eines richtigen Jägers froh machen. Und ich bin auch froh, aber ich bin
auch wieder gerührt; und daher stehe ich zögernd und kann mich nicht
entschließen, die Schlinge zuzuziehen.

Ich weiß, es hat Augenblicke gegeben, wo ich hätte zu ihr hinstürzen,
ihre Hände ergreifen und sie an meine Brust drücken können, ohne daß sie
Widerstand geleistet hätte. Hätte ich es getan, sie hätte kein Wort
gesagt. Sie wußte, daß eine Krisis drohte, die in einem Augenblick den
Sinn der ganzen Welt verändert haben würde. Und wie sie so vor der Höhle
stand, aus der das Unberechenbare und doch Erwartete hervorbrechen
sollte, wurde ihr Antlitz bleich, und ihre Augen glühten in Angst und
Leidenschaft. Wenn dieser Augenblick eingetreten wäre, so hätte in ihm
eine Ewigkeit Gestalt gewonnen, die unser Schicksal mit verhaltenem
Atem erwartete.

Aber ich habe diesen Augenblick entschlüpfen lassen. Ich habe nicht mit
rücksichtsloser Kraft zugegriffen und mich dessen versichert, was schon
fast mein war. Jetzt sehe ich klar, daß es in meiner Natur verborgene
Elemente waren, die sich mir offen als Hindernisse in den Weg stellten.

Genau auf dieselbe Weise wurde auch Ravana, der für mich der wahre Held
des Ramajana[19] ist, von seinem Schicksal ereilt. Er hielt Sita in
seinem Asokagarten in Gewahrsam und wartete, daß sie sich ihm geneigt
zeige, statt sie kurzerhand in seinen Harem zu führen. Diese schwache
Stelle in seinem sonst so großartigen Charakter machte die ganze
Entführungsgeschichte nutzlos. Eine ähnliche Anwandlung von
Gewissensskrupeln bewog ihn, seinem verräterischen Bruder nachzugeben,
statt vor ihm auf der Hut zu sein, und der Dank war, daß man ihn tötete.

So liegt die Tragik des Lebens im Menschen selbst begründet. Anfangs
liegt sie als winziger Keim irgendwo tief unten verborgen, um
schließlich doch hervorzubrechen und das ganze Gebäude zum Sturz zu
bringen. Die eigentliche Tragik besteht darin, daß der Mensch sich nicht
als das erkennt, was er wirklich ist.


VI

So ist es auch mit meinem Verhältnis zu Nikhil. Wenn ich auch weiß, daß
er verrückt ist, und über ihn lache, ich kann mich nicht ganz von dem
Gedanken frei machen, daß er mein Freund ist. Zuerst wies ich seinen
Standpunkt einfach ab, aber neuerdings hat er angefangen, mich zu
beschämen und zu versetzen. Daher habe ich versucht, wie früher mit ihm
zu diskutieren und dabei den alten begeisterten Ton anzuschlagen, aber
er klingt nicht echt. Ja, bisweilen lasse ich mich so weit verleiten,
daß ich meine Natur verleugne und so tue, als ob ich seiner Meinung
bin. Aber Verstellung liegt nicht in meiner Natur, und auch nicht in
der Nikhils; dies eine haben wir wenigstens gemeinsam. Daher ist es mir
jetzt lieber, wenn ich ihm gar nicht begegne, und ich habe angefangen,
ihm, soviel ich kann, aus dem Wege zu gehen.

Dies alles sind Zeichen von Schwäche. Sobald ein Mensch die Möglichkeit
eines Unrechts zugibt, wird es Tatsache und packt ihn an der Kehle, wie
sehr er auch versucht, allen Glauben an seine Existenz abzuschütteln.
Was ich Nikhil offen sagen möchte, ist, daß man Ereignissen wie diesen
als großen Wirklichkeiten ins Gesicht sehen muß, und daß das, was als
Wahrheit sein Recht hat, wahre Freunde nicht trennen sollte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß ich tatsächlich schwächer geworden bin.
Aber nicht diese Schwäche war es, durch die ich Bimala gewann; sie
versengte sich die Flügel an der Glut der Vollkraft meiner
rücksichtslosen Männlichkeit. Sobald Rauch diese Glut verdunkelt, wird
sie unsicher und verwirrt und weicht zurück. Dann kehrt sich ihr Gefühl
gegen mich, und sie möchte mir am liebsten den Kranz, mit dem sie mich
geschmückt hat, wieder abnehmen, aber sie kann es nicht; und so
schließt sie nur die Augen, um ihn nicht zu sehen.

Doch trotz alledem darf ich nicht von dem Pfad, den ich mir
vorgezeichnet habe, abweichen. Ich darf auf keinen Fall die Sache des
Vaterlandes im Stich lassen, und am wenigsten im gegenwärtigen
Augenblick. Bimala und mein Vaterland sollen mir hinfort eins sein. Der
stürmische Wind aus Westen, der dem Lande den Schleier des Gewissens
abgerissen hat, wird Bimala den Schleier des Weibes vom Antlitz reißen,
und diese Entschleierung wird kein Gebot der Scham verletzen. Wenn das
schaukelnde Schiff die Menge über den Ozean trägt und die Fahne des
Bande Mataram über ihm flattert, so wird es zugleich die Wiege meiner
Macht und meiner Liebe sein.

Bimala wird so verzückt sein, wenn sie die Befreiung ihres Vaterlandes
im Geiste schaut, daß ihre Bande von ihr abfallen werden, ohne daß sie
sich dessen schämt, ja sogar ohne daß sie es bemerkt. Ganz bezaubert von
der Schönheit dieser furchtbaren, zerstörenden Macht, wird sie keinen
Augenblick zögern, grausam zu sein. Ich habe in Bimalas Natur die
Grausamkeit wahrgenommen, die die wesentliche Kraft alles Seins ist, --
die Grausamkeit, die mit ihrer rücksichtslosen Gewalt die Schönheit der
Welt wahrt.

Wenn man nur die Frauen von den künstlichen Fesseln befreien könnte, die
die Männer ihnen angelegt, so hätten wir auf Erden ein lebendiges
Ebenbild der Kali, der schamlosen, mitleidslosen Göttin. Ich gehöre zu
den Dienern der Kali, und eines Tages werde ich ihr wahrhaft dienen,
indem ich Bimala als ihre Inkarnation auf den Altar der Zerstörung
erhebe. Zu solchem Dienst will ich mich bereiten.

Der Rückweg ist uns beiden für immer verschlossen. Wir werden einander
berauben, werden einander hassen, aber nie mehr voneinander frei werden.


Fußnoten:

[19] Râmâjana, das zweite große Heldenepos der altindischen
Literatur (neben dem Mahâbhârata). Der Hauptinhalt ist, wie dem Helden
Râma seine treue Gattin Sîtâ von dem Dämonen Râvana geraubt wird und wie
er sie mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman wiedergewinnt. (Übers.)



FÜNFTES KAPITEL


NIKHILS ERZÄHLUNG

IV

Alles rauscht und wogt in der Flut des Augusts. Die jungen Reisähren
glänzen wie die Glieder eines kleinen Kindes. Das Wasser ist in den
Garten beim Hause gedrungen. Das Morgenlicht gießt sich wie die Liebe
des blauen Himmels verschwenderisch über die Erde aus... Warum kann ich
nicht singen? Der ferne Fluß schimmert von Licht; die Blätter glitzern;
die Reisfelder erschauern in goldenem Leuchten; und in dieser
Herbstsymphonie bleibe ich allein stumm. Der Sonnenschein der Welt
trifft mein Herz mit seinen Strahlen, doch es wirft sie nicht zurück.

Wenn ich sehe, wie mir die Gabe versagt ist, meine Gefühle auszudrücken,
dann weiß ich, warum ich einsam bin. Wer könnte auf die Dauer Tag und
Nacht meine Gesellschaft ertragen? Bimala ist voll von Lebenskraft, und
daher bin ich ihrer in all den neun Jahren unsrer Ehe keinen Augenblick
überdrüssig geworden.

Mein Leben hat nur seine stumme Tiefe, aber kein murmelndes Rauschen.
Ich kann wie der stille See nur aufnehmen, nicht fortreißen. Und daher
ist meine Gesellschaft wie ein Fasten. Heute erkenne ich es klar, daß
Bimala die ganze Zeit an meiner Seite gedarbt hat.

Wen soll ich darum tadeln? Wie Vidjapati kann ich nur klagen:

    August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
    Und Tränenströme stürzen auf die Erde;
    Und, ach mein Haus ist leer.

Mein Haus, das sehe ich jetzt, war von Anfang an bestimmt, leer zu
bleiben, weil seine Türen sich nicht öffnen lassen. Aber bis jetzt wußte
ich nicht, daß seine Gottheit draußen saß. Ich war töricht genug zu
glauben, daß sie mein Opfer angenommen und mir dafür ihre Gnade
verliehen hätte. Aber ach, mein Haus ist die ganze Zeit leer gewesen.

Jedes Jahr um diese Zeit pflegten wir uns in einem Hausboot über die
weite Fläche des Samalda treiben zu lassen. Ich sagte oft zu Bimala, daß
jedes Lied immer wieder zu seiner Grundmelodie zurückkehren müsse. Die
ursprüngliche Grundmelodie jedes Liedes findet sich in der Natur, wo der
regenbeladene Wind über den rauschenden Strom hinfährt, wo die grüne
Erde sich den Schattenschleier übers Antlitz zieht und ihr Ohr dem
plaudernden Wasser zuneigt. Da ist es, wo am Anfang aller Zeiten Mann
und Weib sich zuerst begegneten, -- nicht zwischen Mauern. Und daher
müssen wir beide wenigstens einmal im Jahr zur Natur zurückkehren, um
unsre Liebe neu zu stimmen auf den ersten reinen Ton, in dem unsre
Herzen sich fanden.

Die beiden ersten Jahre unsrer Ehe verbrachte ich unsern Hochzeitstag in
Kalkutta, wo ich meine Examina machte. Aber von dem nächsten Jahre an,
in den sieben folgenden Jahren haben wir jedesmal diesen Tag inmitten
der blühenden Wasserlilien gefeiert. Jetzt beginnt eine andere Oktave
meines Lebens.

Es wird mir schwer, nicht daran zu denken, daß der August in diesem
Jahre wiedergekommen ist. Ob Bimala wohl daran denkt? Sie hat mich
nichts merken lassen. Alles um mich her ist stumm.

    August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
    Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
    Ach, und mein Haus ist leer.

Das Haus, das leer geworden ist, weil die Liebenden sich trennten, ist
doch mitten in seiner Leere noch von Musik durchzittert. Aber das Haus,
das leer geworden ist, weil die Herzen sich trennten, ist furchtbar in
seinem Schweigen. Selbst der Schrei des Schmerzes ist dort nicht am
Platz.

Dieser Schmerzensschrei muß in mir zum Schweigen gebracht werden.
Solange ich fortfahre zu leiden, wird Bimala nie wahrhaft frei werden.
Ich muß sie ganz freimachen, sonst werde ich mich selbst nie von der
Lüge befreien können...

Ich glaube, eins habe ich jetzt angefangen zu verstehen. Der Mensch hat
die Flamme der Liebe zwischen Mann und Weib so angefacht, daß sie über
ihr rechtmäßiges Gebiet hinaus um sich gegriffen hat, und er ihr jetzt
nicht mehr Halt gebieten kann. Der Mensch hat aus seiner Liebe einen
Götzendienst gemacht. Aber es wird Zeit, daß die Menschenopfer an ihrem
Altar aufhören ...

Ich ging heute morgen in mein Schlafzimmer, um ein Buch zu holen. Es ist
lange her, daß ich es am Tage betreten habe. Ein Schmerz schnitt mir
durch die Seele, als ich mich heute im Licht des Morgens darin
umblickte. Am Kleiderriegel hing ein Sari von Bimala, zum Gebrauch
fertig geplättet und gekräuselt. Auf dem Toilettentisch stand ihr
Parfüm, daneben lagen ihr Kamm, ihre Haarnadeln, und da war auch die
Scharlachpaste für das Stirnzeichen! Unten standen ihre goldgestickten
kleinen Schuhe.

Einst, in früheren Zeiten, als Bimala ihre Abneigung gegen Schuhe noch
nicht überwunden hatte, da brachte ich ihr diese von Lakhnau, um ihr
Lust dazu zu machen. Das erstemal wollte sie vor Scham zu Boden sinken,
als sie nur damit hinaus auf die Veranda gehen sollte.

Seitdem hat sie manches Paar zu Ende getragen, aber dies Paar hat sie
immer wie einen Schatz aufbewahrt. Als ich ihr zuerst diese Schuhe
zeigte, neckte ich sie mit einer merkwürdigen Gewohnheit, die sie hatte:
»Ich habe dich überrascht, wie du meine Füße ehrfurchtsvoll berührtest,
als du glaubtest, daß ich schliefe. Dies ist mein Liebesopfer, das die
Füße meiner Gottheit, wenn sie wach ist, immer in Ehrfurcht berühren
soll.« Allein sie wehrte erschrocken ab: »Du mußt nicht solche Sachen
sagen, sonst werde ich nie deine Schuhe tragen!«

Dies Schlafzimmer, -- es hat eine so feine Atmosphäre, die ich bis ins
innerste Herz spüre. Ich habe bis heute nie gewußt, wie mein durstendes
Herz seine Wurzeln ausgestreckt und sich um jeden einzelnen vertrauten
Gegenstand geklammert hat. Ich sehe, es genügt noch nicht, wenn ich die
Hauptwurzel ausreiße, um mein Leben zu befreien. Selbst diese kleinen
Schuhe halten mich fest.

Mein wandernder Blick fiel auf die Nische. Mein Bild da blickt noch
ebenso wie immer, obgleich die Blumen, die es schmückten, längst welk
und trocken sind. Von allen Dingen im Zimmer sind sie mit ihrem Gruß
allein aufrichtig. Sie sagen mir, daß sie nur noch da sind, weil es
nicht der Mühe lohnte, sie fortzunehmen. Doch mag es sein; ich will die
Wahrheit willkommen heißen, wenn sie auch in so dürrer und trostloser
Gestalt mir erscheint, und will auf die Zeit hoffen, wo ich imstande
sein werde, so unbewegt und ruhig auf alles hinzublicken, wie mein Bild
da oben in der Nische.

Als ich noch dastand, trat Bimala hinter mir ein. Ich wandte hastig
meinen Blick von der Nische ab zu dem Bücherregal und murmelte: »Ich
wollte mir nur Amiels Tagebücher[20] holen.« Wozu brauchte ich ihr
freiwillig eine Erklärung zu geben? Ich fühlte mich wie ein Übeltäter,
ein Eindringling, der ein Geheimnis, das er nicht wissen soll, ausspäht.
Ich konnte Bima nicht ins Gesicht sehen und eilte schnell hinaus.


V

Ich saß draußen in meinem Zimmer und hatte mir gerade gesagt, daß es
keinen Sinn hätte, wenn ich versuchte zu lesen oder mich irgendwie sonst
zu beschäftigen, -- es war mir, als ob alle meine künftigen Tage in eine
feste Masse zusammenfrieren und sich für immer schwer auf meine Brust
legen wollten, -- da kam Pantschu, der Pächter eines benachbarten
Zemindars[21] mit einem Korb voll Kokosnüsse und begrüßte mich
ehrerbietig.


»Nun, Pantschu«, sagte ich. »Was soll denn dies?« Ich hatte Pantschu
durch meinen Lehrer kennengelernt. Er war sehr arm, daher dachte ich,
der arme Bursche wollte sich durch dies Geschenk ein kleines Trinkgeld
verschaffen, um aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu kommen. Ich
nahm etwas Geld aus meiner Börse und hielt es ihm hin, aber er wehrte
mit gefalteten Händen ab: »Nein, Herr, das kann ich nicht nehmen!«

»Warum nicht, was hast du denn?«

»Lassen Sie mich Ihnen beichten, Herr. Einmal, als ich sehr in Not war,
stahl ich ein paar Kokosnüsse aus diesem Garten hier. Ich werde alt und
kann jeden Tag sterben, daher bin ich gekommen, um sie Ihnen
zurückzuzahlen.«

Amiels Tagebücher hätten mir an jenem Tage nicht helfen können, aber
diese Worte Pantschus machten mir das Herz leichter. Es gibt doch noch
andere Dinge im Leben als die Vereinigung oder Trennung von Mann und
Weib. Darüber hinaus erstreckt sich die große Welt, und man hat erst das
rechte Maß für seine eigenen Leiden und Freuden, wenn man mitten in
dieser Welt steht.

Pantschu hängt mit großer Verehrung an meinem Lehrer. Ich weiß recht
wohl, wie er sich abmüht, um das Notwendigste zum Leben aufzubringen. Er
steht jeden Morgen vor Tagesgrauen auf, watet mit seinem Korb voll
Betelpfefferblättern, Tabakrollen, farbigem Nähgarn, kleinen Kämmen,
Spiegeln und anderm Kram, den die Dorffrauen lieben, durch das knietiefe
Wasser des Sumpflandes und geht hinüber zu dem Namasudra-Viertel. Da
tauscht er seine Waren gegen Reis ein, wodurch er etwas mehr bekommt,
als er dafür bezahlt hat. Wenn er früh genug zurückkommt, geht er, nach
einer eiligen Mahlzeit, noch einmal fort zum Konditor, wo er beim
Schlagen des Zuckers für die Waffeln hilft. Sobald er heimkommt, setzt
er sich hin und macht Schildpattspangen und plagt sich oft dabei bis
Mitternacht. Und bei all dieser trostlosen Plackerei verdient er kaum so
viel, daß er und die Seinen sieben Monate hindurch zweimal am Tage essen
können. Um satt zu werden, trinkt er erst immer eine tüchtige Portion
Wasser, und seine Hauptnahrung sind die billigsten und minderwertigsten
Bananen. Und doch muß die Familie den übrigen Teil des Jahres mit einer
Mahlzeit auskommen.

Ich dachte einmal daran, ihm eine jährliche Unterstützung zu geben,
aber mein Lehrer sagte: »Du kannst das harte Los dieses Mannes nicht
ändern, du könntest nur ihn selbst mit deiner Gabe verderben. Mutter
Bengalen hat nicht nur diesen einen Pantschu. Wenn ihre Brüste
ausgetrocknet sind, so kann die Milch, die von außen kommt, das nicht
gutmachen.«

Solche Gedanken machen nachdenklich, und ich beschloß, es mir zur
Aufgabe zu machen, einen Ausweg aus der Not zu finden. Noch am selben
Tage sagte ich zu Bima: »Wir wollen unser Leben daran setzen, die Wurzel
dieses Übels in unserm Lande auszurotten.«

»Ich sehe, du bist mein Prinz Siddharta[22]«, erwiderte sie lächelnd.
»Aber gib nur acht, daß der Strom deiner Gefühle mich nicht am Ende auch
mit hinwegfegt!«

»Siddharta legte sein Gelübde allein ab. Ich möchte, daß wir es zusammen
tun.«

Wir kamen auf andere Dinge zu sprechen. Bimala ist nämlich im Grunde,
was man eine »lady« nennt. Wenn auch ihre Familie nicht in guten
Verhältnissen lebt, so ist sie doch eine geborene Fürstin. Sie zweifelt
nicht, daß es für die Sorgen und Leiden der niedrigeren Klassen einen
andern Maßstab gibt. Natürlich leiden sie beständig Mangel, aber es ist
nicht gesagt, daß dies für sie wirklich »Mangel« bedeutet. Sie fühlen
sich gerade in ihrer Enge wohl und sicher, wie der Teich in seinen
Ufern; wenn ihre Grenzen weitergesteckt werden, kommt nur der Schlamm
zum Vorschein.

In Wahrheit teilt Bimala doch nur mein Heim aber nicht mein Leben. Ich
hatte sie so vergrößert und ihr einen so großen Platz eingeräumt, daß,
als ich sie verlor, mein ganzes übriges Leben mir eng und klein schien.
Ich hatte alles andre in eine Ecke geworfen, um Platz für Bimala zu
machen, -- indem ich ganz dadurch in Anspruch genommen war, sie zu
schmücken und zu kleiden und zu erziehen und Tag und Nacht mich um sie
zu drehen, und dabei vergaß, wie groß die Menschheit ist und wie kostbar
des Menschen Leben. Wenn die Zufälligkeiten des täglichen Lebens
anfangen, den Menschen zu beherrschen, so sieht er die Wahrheit nicht
mehr und verliert seine Freiheit. Und Bimala nahm diese Zufälligkeiten
so peinlich wichtig, daß die Wahrheit sich mir ganz verbarg. Daher sehe
ich keinen Ausweg aus meinem Elend und starre nur immer auf den leeren
Platz, der mir die Welt bedeutete. Und so klingt mir an diesem
Augustmorgen schon stundenlang der alte Kehrreim im Ohr:

    »August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
    Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
    Ach, und mein Haus ist leer.«


Fußnoten:

[20] Henri Frédéric Amiel, Genfer Dichter und Philosoph
deutscher Schule (1821-81), besonders bekannt durch die Auszüge aus
seinen Tagebüchern, die nach seinem Tode veröffentlicht und ein
verbreitetes Erbauungsbuch wurden. (Übers.)

[21] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte
Hauptpächter eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.

[22] Der Name Buddhas, bevor er der Welt entsagte.


BIMALAS ERZÄHLUNG

XI

Die Veränderung, die mit einem Schlage über den Geist Bengalens gekommen
war, war ungeheuer. Es war, als ob der Ganges die Asche der
sechzigtausend Söhne Sagars[23] berührt hätte, die kein Feuer hatte
entzünden, kein Wasser in lebendige Erde hatte umwandeln können. Das
tote Bengalen stand plötzlich aus der Asche auf und sprach: »Hier bin
ich!«

Ich habe irgendwo gelesen, daß im alten Griechenland einmal ein
Bildhauer das Glück hatte, dem Bildnis, das er mit eigener Hand gemacht,
Leben zu verleihen. Doch selbst bei jenem Wunder war die Form schon da,
als das Leben entstand. Aber wo war die Einheit in diesem Haufen
unfruchtbarer Asche? Wäre sie hart gewesen, wie Stein, so hätten wir die
Hoffnung haben können, daß eine Form aus ihr entstehen könnte, wie ja
auch Ahalja, obgleich sie in Stein verwandelt war, doch ihre Menschheit
wieder erhielt. Aber diese zerstreute Asche muß dem Schöpfer zwischen
den Fingern hindurch in den Staub gefallen sein, um in alle Winde
verstreut zu werden. Sie hatte sich angehäuft, aber nie in sich
verbunden. Doch an diesem Tage, der für Bengalen gekommen war, nahm
selbst diese lose Masse Gestalt an und rief mit Donnerstimme dicht vor
unsrer Tür: »Hier bin ich!«

Wie konnten wir anders als an ein Wunder glauben? Es war, als ob dieser
Augenblick unsrer Geschichte uns wie ein Edelstein aus der Krone eines
trunkenen Gottes in die Hand gefallen wäre. Er hatte keine Ähnlichkeit
mit unsrer Vergangenheit; und so hofften wir nun, daß all unser Mangel
und Elend wie mit einem Zauberschlage verschwinden würde, daß es für uns
keine Grenze mehr gäbe zwischen dem Möglichen und Unmöglichen. Alles
schien uns zu sagen: »Es kommt, es ist da!«

So kamen wir zu dem Glauben, daß unsre Geschichte kein Roß brauchte,
sondern daß sie wie der himmlische Wagen aus eigener Kraft dahinfahren
würde. Auch brauchte man dem Fuhrmann keinen Lohn zu zahlen, man mußte
ihm nur ab und zu seinen Becher wieder mit Wein füllen. Und dann würden
wir das Ziel unsrer Hoffnungen in irgendeinem unmöglichen Paradies
erreichen.

Mein Gatte war nicht ganz teilnahmslos, aber während wir uns
begeisterten, schien er immer trauriger zu werden. Es war, als suche er
eine Vision hinter der wogenden Gegenwart.

Ich erinnere mich, wie er eines Tages bei einer der
Auseinandersetzungen, die er beständig mit Sandip hatte, sagte: »Das
Glück ist an unsre Tür gekommen und klopft an, nur um uns zu zeigen, daß
wir nicht in der Lage sind, es aufzunehmen, -- daß wir nicht alles
bereit gehalten haben, um es in unser Haus bitten zu können.«

»Nein«, war Sandips Antwort. »Du redest wie ein Atheist, weil du nicht
an unsre Götter glaubst. Uns ist es ganz deutlich offenbar geworden, daß
die Göttin mit ihrer Gabe gekommen ist, doch du mißtraust den
augenfälligen Zeichen ihrer Gegenwart.«

»Gerade weil ich so fest an meinen Gott glaube,« sagte mein Gatte, »bin
ich so gewiß, daß wir noch nicht zu seinem Dienst bereit sind. Gott hat
die Kraft, uns seine Gabe zu geben, aber wir müssen die Kraft haben, sie
anzunehmen.«

Solche Reden meines Gatten verdrossen mich nur. Ich konnte mich nicht
enthalten, mich einzumischen: »Du meinst, daß diese Begeisterung nur ein
Rausch ist, aber gibt solch ein Rausch nicht in gewisser Weise Kraft?«
»Ja«, erwiderte mein Gatte. »Er gibt vielleicht Kraft, aber keine
Waffen.«

»Kraft aber ist eine Gabe Gottes«, fuhr ich fort. »Waffen können von
bloßen Handwerkern beschafft werden.« Mein Gatte lächelte. »Die
Handwerker werden ihren Lohn fordern, bevor sie die Waffen liefern«,
sagte er.

Sandip warf sich in die Brust, als er erwiderte: »Sorge dich nur darum
nicht! Sie sollen ihren Lohn schon haben.«

»Ich werde die Festmusik bestellen, wenn sie ihre Bezahlung haben, nicht
vorher«, antwortete mein Gatte.

»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß wir auf deine Freigebigkeit
dafür angewiesen sind«, sagte Sandip spöttisch. »Unser Fest hängt nicht
von Geldzahlungen ab.«

Und er begann mit rauher Stimme zu singen:

    Mein Geliebter, der verschwenderisch seine Liebe ausschüttet und
        nach Lohn nicht fragt,
    Spielt die einfache kleine Flöte, die er für ein Nichts kaufte,
    Und mein Herz lauscht den Klängen, bis es sich ganz darin verliert.

Dann wandte er sich lächelnd zu mir und sagte: »Wenn ich singe,
Bienenkönigin, so will ich damit nur beweisen, daß, wenn unser Leben
voll Musik ist, wir eine schöne Stimme entbehren können. Wenn wir nur
singen, weil wir musikalisch sind, so hat das Lied nicht viel Wert. Nun,
da ein voller Strom von Musik über unser Land dahinflutet, lassen Sie
Nikhil seine Tonleiter üben, während wir mit unsern rauhen Stimmen das
Land aufrütteln:

    Mein Haus ruft mir zu: Warum willst du hinaus und willst draußen
        dein Alles verlieren?
    Doch mein Leben sagt: Nimm deine ganze Habe und gib sie den Winden
        preis!
    Ich folge dem Ruf des Lebens, was gilt mir das Gut, das doch
        entflieht?
    Muß ich den Untergang freien, so sei es lächelnd getan!
    Denn nur das Eine begehr' ich: den Todestrank der Unsterblichkeit.

Du mußt begreifen, Nikhil, daß wir alle unser Herz verloren haben.
Niemand kann uns länger in den Grenzen des leicht Möglichen festhalten
bei unsrer Jagd nach dem hoffnungslos Unmöglichen.

    Halten wollt ihr uns,
    Toren, die ihr nicht die unbändige Lust der Verwegenheit kennt,
    Die ihr den Ruf nicht hörtet, der uns kam vom Ziel des verschlungenen
        Pfades!
    Alles, was brav ist, gerade und glatt,
    Kopfüber damit in den Staub!«

Ich glaubte, mein Gatte wollte die Diskussion fortsetzen, aber er stand
schweigend auf und ließ uns allein.

Was mich innerlich aufwühlte, war nur das Widerspiel der stürmischen
Leidenschaft draußen, die über das Land hinfegte, von einem Ende zum
andern. Ich fühlte, wie der Herr meines Schicksals auf seinem
Siegeswagen schnell heranbrauste, und das Rollen der Räder fand einen
Widerhall in mir. Ich hatte beständig das Gefühl, daß jeden Augenblick
etwas Außerordentliches geschehen könnte, für das mich jedoch keine
Verantwortung träfe. War ich nicht in eine Sphäre gerückt, wo nach Recht
und Unrecht und den Gefühlen anderer nicht mehr gefragt wird? Hatte ich
dies je gewollt -- hatte ich je so etwas erhofft oder erwartet? Wer
könnte, wenn er mein ganzes bisheriges Leben ansieht, sagen, daß mich
irgendwelche Schuld träfe?

Mein ganzes Leben lang hatte ich getreulich am Altar meine Opfer
dargebracht, -- aber als endlich die göttliche Gnade sich offenbaren
sollte, erschien ein andrer Gott als der, dem ich zu dienen glaubte. Und
gleichwie das erwachte Land von dem Jubelruf Bande Mataram erzittert,
mit dem es den plötzlich vor ihm aufgetauchten Zukunftstraum begrüßt, so
schlagen alle Pulse dem plötzlich erschienenen, unbekannten, ungestümen
Fremden entgegen.

Eines Nachts verließ ich mein Bett und schlüpfte aus meinem Zimmer auf
die Terrasse draußen. Hinter unsrer Gartenmauer sind reifende
Reisfelder. Nach Norden zu sieht man durch die Bäume des Dorfes den Fluß
schimmern. Die ganze Landschaft lag in der Dunkelheit da wie der noch
schlummernde Keim einer neuen Zukunft.

In jener Zukunft sah ich mein Vaterland, ein Weib gleich mir, dastehen
und voll Erwartung ausspähen. Der plötzliche Ruf eines unbekannten Etwas
hat sie aus der Enge ihres Hauses herausgetrieben. Sie hat keine Zeit
gehabt zu warten und zu überlegen, oder sich eine Fackel anzuzünden,
sondern ist ohne Besinnen in das Dunkel hinausgestürzt. Ich weiß wohl,
wie ihre innerste Seele auf die fernen Flötenklänge, die sie rufen,
antwortet; wie ihre Brust wogt; wie sie fühlt, daß sie diesem
Unbekannten immer näher kommt, es schon erreicht hat, so daß sie sich
blind hineinstürzen kann. Sie ist nicht Mutter. Sie hört nicht auf den
Ruf ihrer hungrigen Kinder, vergeblich wartet am Abend das dunkle Heim
auf ihre Lampe. Sie eilt zu ihrem Stelldichein, denn dies ist das Land
der Wischnu-Dichter. Sie hat ihr Heim verlassen, ihre häuslichen
Pflichten vergessen; sie fühlt nichts als ein unermeßliches Sehnen, das
sie vorwärts treibt, -- auf welcher Straße, zu welchem Ziel, das gilt
ihr gleich.

Auch ich bin erfaßt von solchem Sehnen. Auch ich habe mein Heim verloren
und bin verirrt. Ziel und Weg liegen gleichdunkel vor mir. Ich fühle
nur, wie mich die Sehnsucht immer weiter treibt. Ach, du unseliger
Wanderer durch die Nacht; wenn der Morgen dämmert, wirst du keine Spur
eines Weges sehen, auf dem du zurückkehren könntest. Aber warum
zurückkehren? Der Tod ist ebensogut. Wenn das Dunkel mit seiner Flöte
mich zum Abgrund lockt, was kümmert mich das Hernach? Wenn seine
Finsternis mich verschlungen hat, so werde ich nicht mehr sein, und mit
mir sind Gut und Böse, Lachen und Tränen dahin.


XII

Da die Maschine der Zeit in Bengalen plötzlich mit Hochdruck arbeitete,
wurde, was schwer schien, leicht und die Ereignisse folgten einander
Schlag auf Schlag. Nichts ließ sich mehr zurückhalten, selbst in unserm
entlegenen Winkel. Anfangs war unser Distrikt zurück, denn mein Gatte
wollte keinen Zwang auf die Leute ausüben. »Die ihrem Vaterlande Opfer
bringen, sind in Wahrheit seine Diener,« sagte er oft, »aber die, welche
andere dazu zwingen, sind seine Feinde. Sie möchten die Freiheit an der
Wurzel abhauen, um sie am Gipfel zu erfassen.«

Aber als Sandip kam und sich hier niederließ und seine Anhänger
anfingen, im Lande umherzureisen und in Dörfern und Marktflecken ihre
Reden zu halten, da schlugen die Wellen der Erregung auch an unser Ufer.
Eine Schar junger Burschen aus dem Ort schlossen sich ihm an, darunter
sogar einige, die als ein Schandfleck für das Dorf bekannt waren. Aber
die Glut ihrer echten Begeisterung verklärte sie äußerlich und
innerlich. Es zeigte sich, wie aller Schmutz und Moder in einem Lande
plötzlich weggefegt wird, sobald die reine Brise einer großen Freude und
Hoffnung darüber hinfährt. Es ist in der Tat schwer für die Menschen,
offen und gerade und gesund zu sein, wenn ihr Vaterland geknechtet am
Boden liegt.

Nun richteten sich alle Blicke auf meinen Gatten, von dessen Gütern
allein ausländische Waren wie Zucker und Salz und Kleidungsstoffe nicht
verbannt waren. Selbst die Gutsbeamten wurden am Ende darüber verlegen
und beschämt. Und doch hatten noch vor einiger Zeit, als er anfing,
einheimische Artikel in unserm Dorfe einzuführen, jung und alt ihn
heimlich und öffentlich wegen seiner Torheit getadelt und verspottet.
Als es noch nicht ein Ruhm war, zur Swadeschi-Bewegung zu gehören,
hatten wir sie von ganzem Herzen verachtet.

Mein Gatte schärft noch immer seine indischen Bleistifte mit seinem
indischen Messer, schreibt mit Rohrfedern, trinkt Wasser aus einem
Zinngefäß und arbeitet des Abends beim Licht einer altmodischen Öllampe.
Aber solch langweiliger Zuckerwasser-Patriotismus sprach uns nicht an.
Wir schämten uns vielmehr immer der einfachen und unmodernen Einrichtung
seines Empfangszimmers, besonders wenn hohe Beamte oder andere Europäer
bei ihm zu Gaste waren.

Mein Gatte hörte meine Vorstellungen lächelnd an. »Warum regst du dich
über solche Kleinigkeiten auf?« pflegte er zu sagen.

»Sie werden uns für Barbaren halten oder jedenfalls finden, daß es uns
an feiner Lebensart fehlt.«

»Wenn sie das tun, so vergelte es ihnen dadurch, daß ich denke, ihre
Feinheit geht nicht tiefer als ihre weiße Haut.«

Mein Gatte hatte auf seinem Schreibtisch einen gewöhnlichen Messingtopf,
den er als Blumenvase benutzte. Oft, wenn ich hörte, daß er einen
europäischen Gast erwartete, schlich ich mich in sein Zimmer und setzte
an seine Stelle eine Kristallvase von europäischer Arbeit.

»Sieh einmal, Bimala,« wehrte er endlich, »jener Messingtopf weiß so
wenig von sich wie jene Blumen; aber dies Ding hier macht seinen Zweck
so laut bekannt, es paßt nur für künstliche Blumen.«

Nur die Bara Rani schmeichelt den Launen meines Gatten. Einmal kommt sie
ganz außer Atem an: »O, Bruder, hast du es schon gehört? Sie haben jetzt
im Dorf prachtvolle indische Seife! Ich bin zwar über die Jahre hinaus,
wo man sich jeden Luxus leistet, aber wenn sie keine tierischen Fette
enthält, möchte ich sie doch versuchen.«

Mein Gatte strahlt, wie er das hört, und nun wird das ganze Haus mit
indischen Seifen und Wohlgerüchen überschwemmt. Fürwahr eine schöne
Seife! Sie ist vielmehr eine Art scharfen Sodas. Und als ob ich nicht
ganz gut wüßte, daß meine Schwägerin für sich die alte europäische Seife
weiter gebraucht und diese den Mädchen zum Zeugwaschen gibt!

Ein andermal heißt es: »Ach lieber Bruder, besorge mir doch ein paar von
diesen neuen indischen Federhaltern!«

Ihr »Bruder« ist wieder glückstrahlend, und das Zimmer meiner Schwägerin
wird mit allen Arten von scheußlichen kleinen Stöcken garniert, die sich
Swadeschi-Federhalter nennen. Nicht, daß das irgendwelche Bedeutung für
sie hätte, denn Lesen und Schreiben ist nicht ihre Sache. Doch liegt auf
ihrem Schreibzeug noch immer derselbe elfenbeinerne Federhalter, der
einzige, den sie je benutzt hat.

In Wahrheit war dies alles nur gegen mich gerichtet, weil ich die
Schrullen meines Gatten nicht mitmachen wollte.

Es hatte keinen Sinn, daß ich versuchte, ihm die Unaufrichtigkeit meiner
Schwägerin zu beweisen; sein Gesicht wurde strenge, sobald ich nur daran
rührte. Man schafft sich nur Ärger, wenn man versucht, solchen Menschen
die Augen zu öffnen.

Die Bara Rani näht sehr gern. Eines Tages konnte ich nicht umhin
herauszuplatzen: »Was für eine Komödiantin du doch bist, Schwester! Wenn
dein ›Bruder‹ da ist, so bist du Feuer und Flamme für die
Swadeschi-Scheren, aber bei deiner Arbeit gebrauchst du jedesmal die
englischen.«

»Was schadet das?« erwiderte sie. »Siehst du denn nicht, wie es ihm
Freude macht? Wir sind hier zusammen im Hause aufgewachsen, und ich
kenne ihn von seiner Kindheit an. Ich kann es einfach nicht ertragen,
wie du, wenn er nicht mehr lächelt. Der Ärmste, er hat kein anderes
Vergnügen als das Kaufladenspiel. Du bist die Einzige, die ihn froh
machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«

»Was du auch sagst, es ist nicht recht zu heucheln«, erwiderte ich.

Meine Schwägerin lachte mir ins Gesicht. »Ach, du unschuldige kleine
Tschota Rani! Du bist so gerade wie der Rohrstock eines Schulmeisters,
nicht wahr? Aber eine rechte Frau ist nicht so geschaffen. Sie ist weich
und biegsam, so daß sie sich beugen kann, ohne krumm zu werden.«

Ich konnte die Worte nicht vergessen: »Du bist die Einzige, die ihn froh
machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«


XIII

Suksar, das auf unserm Gebiete liegt, ist eins der größten
Handelszentren im ganzen Distrikt. An der einen Seite eines Wassers wird
täglich Markt abgehalten, an der andern Seite findet einmal in der Woche
ein größerer Markt statt. In der Regenzeit, wenn der See mit dem Fluß
Verbindung hat und die Schiffe hinaufkommen können, werden große Mengen
Baumwollgarn und Stoffe für den Winter zum Verkauf dorthin gebracht.

Als unsre Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte, erklärte Sandip,
daß alle ausländischen Artikel samt dem Teufel der Ausländerei aus
unserm Gebiet vertrieben werden müßten.

»Selbstverständlich«, antwortete ich kampfbereit.

»Ich habe mit Nikhil deswegen gesprochen«, sagte Sandip. »Er sagt mir,
wir können Reden halten, soviel wir wollen, aber Zwang will er nicht
dulden.«

»Da lassen Sie mich nur machen«, sagte ich im stolzen Gefühl meiner
Macht. Ich wußte, wie tief die Liebe meines Gatten zu mir war. Wäre ich
bei Sinnen gewesen, so hätte ich mich eher in Stücke reißen lassen, als
daß ich in solchem Moment mein Recht darauf geltend gemacht hätte. Aber
Sandip sollte die ganze Macht seiner Gottheit kennen lernen.

Sandip hatte mir in seiner unwiderstehlichen Art klargemacht, wie die
Weltkraft sich jedem Einzelnen in Gestalt einer besonderen
Wahlverwandtschaft offenbart. »Die Philosophie der Wischnu-Verehrer«,
sagte er, »spricht von der Schakti der Freude, die im Herzen der
Schöpfung wohnt und das Herz der ewigen Liebe immer anzieht. Die
Menschen haben ein immerwährendes Verlangen, diese Schakti aus den
verborgenen Tiefen ihrer eignen Natur hervorzubringen, und die unter
uns, denen es gelingt, verstehen sogleich deutlich die Sprache der
Musik, die aus dem Dunkel zu uns hertönt.« Und sang:

    Meine Flöte, die von Liedern quoll, ist verstummt,
    Jetzt wo ich Antlitz in Antlitz dir gegenüberstehe.
    Mein Ruf suchte dich unter allen Himmeln, als du verborgen lagst;
    Nun findet all meine Sehnsucht Erfüllung im Lächeln deines Auges,
        Geliebte.

Während ich seinen Allegorien zuhörte, hatte ich vergessen, daß ich nur
ganz einfach Bimala war. Ich fühlte mich als Schakti, als Verkörperung
der Weltfreude. Nichts konnte mich hemmen, nichts war mir unmöglich; was
ich berührte, gewann neues Leben. Die Welt um mich her war durch mich
neu geschaffen; denn hatte nicht erst der antwortende Ruf meines Herzens
all dies Gold über den Herbsthimmel ausgegossen? Und diesen Helden,
diesen treuen Diener des Vaterlandes, der mir so ergeben war, -- diesen
feurigen Geist, diese brennende Kraft, diesen leuchtenden Genius, -- ihn
auch schuf ich jeden Augenblick neu. Habe ich nicht gesehen, wie meine
Gegenwart ihm immer wieder neues Leben einflößt?

Neulich bat mich Sandip, ich möchte Amulja, einen jungen Burschen und
eifrigen Anhänger von ihm, empfangen. Ich sah, wie sogleich ein neues
Licht in den Augen des Knaben aufflammte, und wußte, daß auch er die
Schakti-Kraft an mir gespürt und daß sie in seinem Blut zu wirken
begonnen hatte. »Was für eine Zauberin Sie doch sind!« rief Sandip am
nächsten Tage aus. »Amulja ist plötzlich kein Knabe mehr, die Fackel
seines Lebens brennt lichterloh. Wie kann sich Ihr Feuer unter dem Dach
Ihres Hauses verbergen? Früher oder später werden sie alle davon
berührt, und wenn alle Lampen brennen, welch einen Dewali-Karneval[24]
werden wir dann hier im Lande feiern!«

Vom Glanz meines eignen Nimbus geblendet, beschloß ich, meinem getreuen
Priester diese Gabe zu gewähren. Ich vermeinte in meiner stolzen
Überhebung, daß niemand mich in dem hindern könnte, was ich wirklich
wollte. Als ich nach diesem Gespräch mit Sandip in mein Zimmer
zurückkehrte, machte ich mein Haar los und band es wieder hoch. Miß
Gilby hatte mir gezeigt, wie man es von hinten hochbürstet und in einem
Knoten hochsteckt. Diese Frisur liebte mein Gatte ganz besonders. »Es
ist schade,« sagte er einmal, »daß die Vorsehung einem armen
Alltagsmenschen wie mir statt dem Dichter Kalidasa all die Wunder eines
Frauennackens offenbart hat. Der Dichter würde ihn vielleicht mit einem
Blumenstengel verglichen haben; aber ich empfinde ihn als eine Fackel,
die die schwarze Flamme deines Haares hochhält.«

Und dabei -- -- -- Aber warum, ach, warum muß ich an all das denken?

Ich ließ meinen Gatten rufen. Früher konnte ich hundert Vorwände jeder
Art ersinnen, um ihn zu veranlassen, zu mir zu kommen. Jetzt, da alles
das längst vorbei war, verstand ich diese Kunst nicht mehr.


Fußnoten:

[23] Der Fluch, der sie in Asche verwandelte, hatte verhängt,
daß sie nicht anders ins Leben zurückgerufen werden könnten, als wenn
der Ganges zu ihnen herabgebracht würde. (Anm. d. engl. Übers.)

[24] Dewali (eig. dīpāli »Reihe von Lampen«), Name
verschiedener Götterfeste, die mit nächtlichen Illuminationen gefeiert
werden. (Übers.)


NIKHILS ERZÄHLUNG

VI

Pantschus Frau ist eben an der Schwindsucht gestorben. Pantschu muß
sich einer feierlichen Zeremonie unterziehen, um sich von Sünde zu
reinigen und die Gemeinde zu versöhnen. Die Gemeinde hat berechnet und
ihm mitgeteilt, daß es 123 Rupien[25] kosten wird.

»Welch ein Unsinn!« rief ich empört. »Laß dich darauf nicht ein,
Pantschu! Was können sie dir tun?«

Indem er seine geduldigen Augen zu mir erhob wie ein todmüdes Lasttier,
sagte er: »Ach Herr, meine älteste Tochter muß ja doch verheiratet
werden. Und meine arme Frau muß ihre Totenfeier haben.«

»Selbst wenn irgendwelche Schuld dich träfe, Pantschu,« überlegte ich
laut, »so hast du sicher schon genug dafür gelitten.«

»Das ist wahr, Herr«, gab er treuherzig zu. »Ich mußte einen Teil meines
Landes verkaufen und den Rest verpfänden, um die Doktorrechnung zu
bezahlen. Aber um die Opfergebühren an die Brahmanen komme ich nicht
herum.«

Was ließ sich dagegen einwenden? »Wann wird die Zeit kommen,« so fragte
ich mich, »wo die Brahmanen selbst sich entsühnen müssen, weil sie
solche Opfer angenommen haben?«

Der arme Pantschu hatte die ganze Zeit gegen den Hunger kämpfen müssen,
jetzt nach dem Tode und Begräbnis seiner Frau gab er den Kampf auf. In
der Verzweiflung nach irgendeinem Trost suchend, fand er ihn zu den
Füßen eines wandernden Asketen, und es gelang ihm, so weit in der
Philosophie zu kommen, daß er seine hungernden Kinder vergaß. Er lebte
eine Zeitlang ganz in der Idee, daß alles eitel sei und daß, wenn es
keine Freuden hienieden gäbe, der Schmerz ebenso wenig wirklich sei. Und
eines Nachts verließ er seine Kleinen in ihrer baufälligen Hütte und
machte sich auf die Wanderung.

Ich erfuhr damals nichts davon, denn ich war in einer furchtbaren
Krisis, wo Götter und Teufel sich um meine Seele stritten. Mein Lehrer
sagte mir auch gar nicht, daß er die verlassenen Kleinen Pantschus unter
sein Dach genommen hatte und für sie sorgte, obgleich er allein im Hause
war und den ganzen Tag seine Schule hatte.

Nach einem Monat kam Pantschu zurück; sein asketischer Eifer war
beträchtlich abgekühlt. Seine beiden Ältesten, ein Junge und ein
Mädchen, schmiegten sich an ihn und fragten: »Wo bist du die ganze Zeit
gewesen, Vater?« Sein Jüngster saß auf seinem Schoß; sein kleinstes
Mädchen war von hinten an ihm heraufgeklettert und hatte ihm die Arme um
den Hals geschlungen, und sie weinten alle zusammen. »Ach Herr«,
schluchzte Pantschu endlich und wandte sich an meinen Lehrer. »Ich kann
diesen Kleinen nicht genug zu essen verschaffen, und ich kann es auch
nicht übers Herz bringen, fortzugehen und sie im Stich zu lassen. Was
für eine Sünde habe ich denn nur getan, daß ich so an Händen und Füßen
gebunden und gemartert werde?«

Inzwischen war der Faden von Pantschus kleinen Handelsbeziehungen
zerrissen, und er sah, daß er sie nicht wieder aufnehmen konnte. Er
klammerte sich an den Schutz, den mein Lehrer ihm bei seiner Heimkehr
unter seinem Dach geboten hatte, und sagte kein Wort von Nachhausegehen.
Mein Lehrer mußte endlich davon anfangen. »Hör' einmal, Pantschu,« sagte
er, »wenn du dich gar nicht um deine Hütte kümmerst, wird sie ganz und
gar einfallen. Ich will dir etwas Geld leihen, daß du wieder etwas
hausieren kannst, und dann kannst du es mir nach und nach zurückzahlen.«

Pantschu war nicht sehr erbaut davon, -- gab es denn gar nicht so etwas
wie Barmherzigkeit auf Erden? Und als mein Lehrer ihn bat, ihm einen
Schuldschein für das Geld auszustellen, da hatte er das Gefühl, daß ihm
an einer Unterstützung, die er zurückzahlen sollte, nicht viel gelegen
sein konnte. Mein Lehrer jedoch wollte ihn sich nicht gern durch ein
äußeres Almosen innerlich verpflichten. »Wer die Selbstachtung eines
Menschen zerstört, nimmt ihm seine Kaste«, meinte er.

Nachdem Pantschu den Schuldschein unterschrieben hatte, war sein Gruß
lange nicht mehr so ehrerbietig, auch die ehrfurchtsvolle Fußberührung
unterließ er ganz. Mein Lehrer lächelte darüber; ihm war nichts lieber,
als daß Pantschu weniger Unterwürfigkeit zeigte. »Es ist schon recht,
daß ein Mensch dem andern die schuldige Achtung erzeigt,« pflegte er zu
sagen, »aber was darüber hinausgeht, ist vom Übel.«

Pantschu begann, Stoffe auf dem Markt zu kaufen und im Dorf damit zu
hausieren. Er bekam zwar nicht viel bares Geld dafür, aber was er an
Waren erübrigen konnte, in Gestalt von Reis, Flachs und andern
Erzeugnissen des Feldes, verwandte er auf die Abzahlung seiner Schuld.
Nach zwei Monaten konnte er die erste Rate abzahlen, und dementsprechend
zog er auch von seinem Gruß etwas an Ehrerbietung ab. Ihm mußte das
Gefühl gekommen sein, daß der, den er als einen Heiligen verehrt hatte,
ein bloßer Mensch und nicht einmal über die Lockungen des Gewinnes
erhaben war.

Während Pantschu mit diesen Dingen beschäftigt war, drang plötzlich die
Sturmflut der Swadeschi-Bewegung auf ihn ein.


VII

Es war Ferienzeit, und viel junge Leute aus unserm Dorf und der
Nachbarschaft waren von ihren Schulen und Universitäten nach Hause
gekommen. Sie schlossen sich mit Begeisterung der Gefolgschaft Sandips
an, und einige gaben in ihrem Übereifer ihre Studien ganz auf. Viele von
ihnen waren Freischüler meiner Schule hier, einige erhielten Stipendien
von mir für ihr Studium in Kalkutta. Sie kamen geschlossen zu mir und
forderten, ich solle die fremden Waren von meinem Markt in Suksar
verbannen.

Ich sagte ihnen, ich könne das nicht tun.

Sie wurden sarkastisch: »Wie Maharadscha, würden Sie zuviel dabei
verlieren?«

Ich beachtete das Beleidigende in ihrem Ton nicht und wollte gerade
antworten, daß nicht ich, sondern die armen Händler und ihre Kunden den
Verlust haben würden, als mein Lehrer, der dabei war, sich einmischte.

»Ja, den Verlust wird er haben, nicht ihr, das ist klar«, sagte er.

»Aber fürs Vaterland...«

»Nicht der Boden ist das Vaterland, sondern die Menschen darauf«,
unterbrach sie mein Lehrer. »Habt ihr ihrem Schicksal sonst auch nur
einen Blick gegönnt? Aber jetzt wollt ihr ihnen vorschreiben, was für
Salz sie essen und was für Kleider sie tragen sollen. Warum sollten sie
sich solcher Tyrannei beugen, und warum sollten wir dazu helfen?«

»Aber wir selbst essen auch nur indisches Salz und Zucker und tragen
indische Stoffe.«

»Ihr könnt tun, was ihr wollt, um euren Zorn zu kühlen und euren
Fanatismus zu befriedigen. Ihr habt die Mittel und braucht nicht danach
zu fragen, was es kostet. Die Armen wollen euch auch nicht daran
hindern, aber ihr wollt durchaus, daß sie sich eurem Zwang unterwerfen.
Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist jeder Augenblick für sie ein
verzweifelter Kampf um die bloße Existenz; ihr könnt euch nicht einmal
vorstellen, wieviel ein paar Pennys für sie ausmachen, -- so wenig habt
ihr mit ihnen gemein. Ihr habt euer ganzes bisheriges Leben in einem
bessern und bequemern Abteil zugebracht, und jetzt kommt ihr plötzlich
her und wollt sie zu Werkzeugen eurer Wut machen. Das nenne ich feige.«

Es waren alles alte Schüler meines Lehrers, daher wagten sie nicht,
unehrerbietig zu werden, obgleich sie vor Zorn bebten. Sie wandten sich
zu mir: »Wollen Sie denn der Einzige sein, Maharadscha, der dem
Vaterlande in seinem Bestreben Hindernisse in den Weg legt?«

»Wer bin ich, daß ich so etwas wagen sollte? Würde ich denn nicht lieber
mein Leben hingeben, um ihm zu helfen?«

Der Wortführer lächelte hämisch, als er fragte: »Dürfen wir fragen, was
Sie denn Positives tun, um zu helfen?«

»Ich habe indisches Garn aufgekauft und es auf meinem Markt in Suksar
feilgehalten, und ich habe auch ganze Ballen davon auf die Märkte der
benachbarten Zemindars geschickt.«

»Aber wir sind auf Ihrem Markt gewesen, Maharadscha,« rief derselbe
Student aus, »und haben gefunden, daß niemand dies Garn kauft.«

»Das ist weder meine Schuld, noch die meines Marktes. Es zeigt nur, daß
nicht das ganze Land euer Gelübde abgelegt hat.«

»Es zeigt noch mehr«, nahm mein Lehrer das Wort. »Es zeigt, daß, was ihr
euch gelobt habt, nur dazu dient, andre zu plagen. Denn andre, die das
Gelübde nicht abgelegt haben, sollen erst alles für euch tun, damit ihr
das eure halten könnt. Ihr braucht Händler, die das Garn kaufen, Weber,
die es verarbeiten, und Kunden, denen es aufgenötigt wird. Und eure
Methode? Ihr macht Lärm, und der Zemindar zwingt die Leute mit Gewalt.
Und was kommt dabei heraus? Ihr wollt die Ehre davon haben, und die
andern sollen die Opfer bringen.«

»Und dürfen wir uns erlauben, zu fragen, was für Opfer Sie gebracht
haben?« fragte ein Naturwissenschaftler weiter.

»Wollt ihr das wissen?« rief mein Lehrer. »Nikhil selbst ist es, der das
indische Garn aufkaufen muß; er mußte eine Webschule gründen, damit es
gewebt wurde, und nach seinen bisherigen glänzenden Geschäftserfolgen
ist zu erwarten, daß seine Baumwollenstoffe, wenn sie so weit sind, daß
sie vom Webstuhl kommen, ihn ungefähr soviel kosten, als wenn sie von
Gold wären; daher werden sie vielleicht nur als Vorhänge in seinem
Gesellschaftszimmer Verwendung finden, obgleich sie auch für diesen
Zweck eigentlich zu dünn und durchsichtig sind. Wenn ihr einmal eures
Gelübdes überdrüssig seid, so werdet ihr es sein, die am lautesten über
ihre künstlerische Wirkung lachen. Und wenn die Kunstfertigkeit ihres
Gewebes je einmal richtig gewürdigt wird, so wird dies von Ausländern
geschehen.«

Ich kenne meinen Lehrer, solange ich lebe, aber nie habe ich ihn so
erregt gesehen. Ich konnte sehen, daß der Schmerz sich schon eine
Zeitlang still in seinem Herzen angehäuft hatte, weil er mich so über
alles liebt, und daß seine gewohnte Selbstbeherrschung schon lange
heimlich untergraben war und er nur noch mit Mühe an sich hielt.

»Sie sind soviel älter als wir«, sagte ein Student der Medizin. »Es
würde unziemlich sein, wollten wir mit Ihnen streiten. Aber, bitte,
sagen Sie uns endgültig, sind Sie entschlossen, die fremden Waren nicht
von Ihrem Markt zu entfernen?«

»Ich werde es nicht tun,« sagte ich, »weil sie nicht mir gehören.«

»Weil Sie dadurch Verluste erleiden würden«, lächelte der erste
Sprecher.

»Weil der, der den Verlust haben würde, auch die Entscheidung haben muß«,
erwiderte mein Lehrer.

Mit dem Ruf »Bande Mataram« verließen sie uns.


Fußnoten:

[25] Silbermünze von ungefähr 2 Mk. Wert.



SECHSTES KAPITEL


NIKHILS ERZÄHLUNG

VIII

Ein paar Tage später brachte mein Lehrer Pantschu zu mir. Sein Zemindar
hatte ihm eine Geldstrafe von hundert Rupien auferlegt und drohte, ihn
von seinem Hof zu jagen. »Was hat er denn getan?« fragte ich. »Man hat
ihn dabei ertappt, daß er ausländische Stoffe verkaufte«, war die
Antwort. Er bat und flehte Harisch Kundu, seinen Zemindar, an, er möge
ihm erlauben, seinen Vorrat, den er sich mit geliehenem Gelde gekauft
habe, abzusetzen, er wolle nie wieder mit fremden Waren handeln; aber
der Zemindar wollte nichts davon hören und bestand darauf, daß der
ausländische Stoff auf der Stelle verbrannt werde, wenn er freigelassen
werden wolle. Pantschu brach in seiner Verzweiflung trotzig los: »Das
kann ich nicht, dazu habe ich nicht die Mittel! Sie sind reich, warum
kaufen Sie es denn nicht auf und verbrennen es?«

Aber dies diente nur dazu, Harisch Kundu in Wut zu bringen, und er rief:
»Man muß dem Kerl Manieren beibringen, man gebe ihm eine Tracht Prügel!«
So bekam der arme Pantschu zu seiner Geldstrafe noch eine Prügelstrafe.

»Was wurde aus dem Stoff?«

»Der ganze Ballen wurde verbrannt.«

»Wer war sonst noch dabei?«

»Eine Menge Leute, die alle Bande Mataram schrieen. Sandip war auch da.
Er nahm etwas von der Asche und rief: ›Brüder! Dies ist der erste
Scheiterhaufen, den euer Dorf zur Totenfeier des ausländischen Handels
errichtet. Dies ist heilige Asche. Bestreut euch damit zum Zeichen eures
Swadeschi-Gelübdes.‹«

»Pantschu,« sagte ich, mich zu ihm wendend, »du mußt eine Klage
einreichen.«

»Niemand wird für mich zeugen«, erwiderte er.

»Niemand wird zeugen? -- Sandip! Sandip!«

Sandip kam auf meinen Ruf aus seinem Zimmer.

»Was ist los?« fragte er.

»Willst du nicht bezeugen, daß man diesem Mann seinen Stoff verbrannt
hat?«

Sandip lächelte. »Natürlich werde ich in dem Fall zeugen«, sagte er.
»Aber auf der Gegenseite.«

»Was verstehst du darunter,« rief ich aus, »auf dieser oder jener Seite
zeugen? Willst du nicht für die Wahrheit Zeugnis ablegen?«

»Ist das, was geschieht, die einzige Wahrheit?«

»Welch andre Wahrheit kann es denn noch geben?«

»Das, was geschehen sollte! Um die Wahrheit aufbauen zu können, brauchen
wir eine ganze Menge Lügen. Die, welche in dieser Welt vorwärtsgekommen
sind, haben die Wahrheit geschaffen, aber sie sind ihr nicht blind
gefolgt.«

»Und nun -?«

»Und nun will ich das tun, was ihr andern ›falsch Zeugnis reden‹ zu
nennen beliebt und was die getan haben, die Weltreiche geschaffen, neue
Gesellschaftsordnungen aufgebaut und religiöse Organisationen gegründet
haben. Die, welche herrschen wollen, scheuen die Lüge nicht; die Ketten
der Wahrheit sind für die, die unter ihre Herrschaft fallen werden. Hast
du denn keine Geschichte gelesen? Weißt du denn nicht, daß in den
ungeheuren Kesseln, in denen die großen politischen Entwicklungen
brodeln, Lügen die Hauptbestandteile sind?«

»Politik wird ohne Zweifel im großen ganzen in dieser Weise gebraut,
aber...«

»Ach, ich weiß! Du willst natürlich bei solchem Brauen nicht mittun. Du
willst lieber einer von denen sein, die den Mischmasch nachher mit
Gewalt hinunterwürgen müssen. Sie werden Bengalen teilen und sagen, daß
es zu eurem Besten ist. Sie werden der Erziehung einen Riegel
vorschieben, und das nennen sie das Niveau heben. Aber ihr werdet immer
als artige Jungen greinend in eurer Ecke sitzen bleiben. Wir bösen Buben
jedoch müssen sehen, ob wir nicht aus der Lüge eine Festung zu unsrer
Verteidigung errichten können.«

»Es hat keinen Zweck, über diese Dinge zu streiten,« mischte sich mein
Lehrer ein. »Wie können die, die die Wahrheit nicht in sich fühlen,
einsehen, daß das höchste Ziel des Menschen ist, sie aus ihrer
Verborgenheit ans Licht zu bringen, statt beständig materielle Werte
anzuhäufen?«

Sandip lachte. »Vortrefflich!« sagte er. »Eine Rede, ganz wie sie sich
für einen Schulmeister gehört. Diese Weisheit kenne ich aus Büchern,
aber in der wirklichen Welt habe ich gesehen, daß die Hauptbeschäftigung
der Menschen die Anhäufung von materiellen Werten ist. Die, welche
Meister in dieser Kunst sind, kündigen in ihrem Geschäft die größten
Lügen an, tragen mit ihren breitesten Federn falsche Rechnungen in ihre
politischen Hauptbücher ein, lassen täglich lügenstrotzende Zeitungen
vom Stapel und schicken Prediger in die Welt, die ihre Lügensaat
verbreiten wie Fliegen die Pestkeime. Ich bin ein bescheidener Schüler
dieser Großen. Als ich zur Kongreßpartei gehörte, trug ich nie Bedenken,
zehn Prozent Wahrheit mit neunzig Prozent Lüge zu verdünnen. Und wenn
ich jetzt auch nicht mehr zu der Partei gehöre, so habe ich darum doch
nicht die grundlegende Tatsache vergessen, daß das Ziel des Menschen
nicht die Wahrheit, sondern der Erfolg ist.«

»Der wahre Erfolg,« verbesserte mein Lehrer.

»Meinetwegen,« erwiderte Sandip, »aber die Frucht wahren Erfolges reift
nur auf dem gut geackerten Felde der Lüge. Die Wahrheit aber wächst von
selbst, wie das Unkraut und die Dornen, und nur Würmer können Frucht von
ihr erwarten.« Damit eilte er aus dem Zimmer.

Mein Lehrer lächelte, als er mich ansah. »Weißt du, Nikhil,« sagte er,
»ich glaube, Sandip ist nicht ohne Religion, seine Religion geht nur auf
die Kehrseite der Wahrheit, gleich wie der dunkle Neumond auch sein
Licht hat, wenn auch an der verkehrten Seite.«

»Darum auch eben,« stimmte ich zu, »habe ich auch immer eine Zuneigung
zu ihm gehabt, obgleich wir uns nie einigen konnten. Selbst jetzt kann
ich mich nicht über ihn entrüsten, obgleich er mich tief verletzt hat
und es vielleicht noch mehr tun wird.«

»Das ist mir klar geworden,« sagte mein Lehrer. »Ich habe mich lange
gewundert, daß du immer noch mit ihm Geduld hattest; ja, mitunter war
ich geneigt, es als Schwäche an dir zu tadeln. Jetzt sehe ich, daß ihr
beiden, wenn ihr euch auch nicht reimt, doch denselben Rhythmus habt.«

»Einen Reim brauche ich nicht, da mein Schicksal sich doch zu einem
›Verlorenen Paradies‹ zu gestalten scheint!« bemerkte ich, sein
Wortspiel aufnehmend.

»Aber was soll mit Pantschu werden?« fragte mein Lehrer.

»Sie sagen, daß Harisch Kundu ihn von seinem Hof weisen will. Wie wäre
es, wenn ich den Hof kaufte und ihn dann an Pantschu verpachtete?«

»Und seine Geldstrafe?«

»Wie kann der Zemindar die einziehen, wenn er mein Pächter wird?«

»Und der verbrannte Stoff?«

»Ich werde ihm andern verschaffen. Ich möchte sehen, ob irgend jemand es
wagt, meinem Pächter zu wehren, Handel zu treiben, wie es ihm gefällt.«

»Ich fürchte, Herr,« warf Pantschu mutlos ein, »daß, solange ihr reichen
Leute miteinander kämpft, die Geier der Polizei und des Gesetzes sich
fröhlich um euch ansammeln und die Menge ihren Spaß daran hat, aber wenn
es ans Töten geht, da wird der arme Pantschu allein an der Reihe sein.«

»Wieso? Was könnte dir geschehen?«

»Sie werden mir mein Haus niederbrennen, mit Kindern und allem.«

»Nun, für deine Kinder will ich sorgen«, sagte mein Lehrer. »Du kannst
darum Handel treiben, womit du willst. Sie sollen dir nichts anhaben.«

Noch am selben Tage kaufte ich Pantschus Hof, und er ging in aller Form
in meinen Besitz über. Dann kam gleich eine neue Störung.

Pantschu hatte den Pachthof als alleiniger Erbe von seinem Großvater
übernommen. Jeder wußte dies. Aber nun tauchte von irgendwoher eine
Tante auf, mit ihren Koffern und Bündeln, ihrem Rosenkranz und einer
verwitweten Nichte. Sie setzte sich in Pantschus Hause fest und erhob
Anspruch auf eine Leibrente.

Pantschu war wie vom Donner gerührt. »Meine Tante ist schon lange tot«,
wehrte er ab.

Ihm wurde erwidert, daß er an seines Onkels erste Frau dächte, aber
dieser Onkel hätte bald darauf eine zweite genommen.

»Aber mein Onkel starb vor meiner Tante«, rief Pantschu, der die Sache
immer weniger begriff. »Wie hatte er da noch Zeit, sich zum zweitenmal
zu verheiraten?«

Das war schon richtig. Aber Pantschu sollte bedenken, daß niemand
behauptet hätte, die zweite Ehe sei erst nach dem Tode der ersten Frau
geschlossen; sondern sein Onkel hätte noch zu ihren Lebzeiten eine
zweite Frau genommen. Da ihr aber der Gedanke, mit einer Nebengattin
zusammen zu leben, nicht angenehm war, so wäre sie bis zum Tode ihres
Gatten im Hause ihres Vaters geblieben, worauf sie fromm geworden wäre
und sich nach dem heiligen Brindaban zurückgezogen hätte, von wo sie
jetzt kam. Diese Tatsachen wären sowohl den Beamten Harisch Kundus wie
einigen seiner Pächter bekannt. Und wenn der Zemindar es nur energisch
genug verlangte, so würden sich sogar Zeugen finden, die an dem
Hochzeitsfest teilgenommen hatten.


IX

Eines Nachmittags, als ich gerade sehr beschäftigt war, kam Bescheid in
mein Geschäftszimmer, daß Bimala mich rufen ließe. Ich war überrascht.

»Wer, sagtest du, läßt mich rufen?« fragte ich den Boten.

»Die Maharani.«

»Die Bara Rani?«

»Nein, Herr, die Tschota Rani.«

Die Tschota Rani! Es schien mir eine Ewigkeit, daß sie mich nicht hatte
rufen lassen. Ich ließ alle warten und ging in die inneren Gemächer. Als
ich unser Zimmer betrat, wartete meiner eine neue Überraschung, denn als
ich Bimala dort fand, sah ich deutlich, daß sie sich für mich geputzt
hatte. Das Zimmer, das in letzter Zeit durch die beständige
Vernachlässigung ein etwas geistesabwesendes Aussehen bekommen hatte,
hatte an diesem Nachmittag etwas von seiner alten Ordnung wieder
erlangt. Ich stand schweigend da und sah Bimala fragend an.

Sie errötete leicht, und die Finger ihrer rechten Hand spielten eine
Zeitlang mit den Spangen auf ihrem linken Arm. Dann brach sie plötzlich
das Schweigen.

»Sag einmal, ist es recht, daß unser Markt der einzige in ganz Bengalen
ist, der ausländische Waren zuläßt?«

»Was wäre denn das Richtige, was man tun sollte?« fragte ich.

»Laß sie wegschaffen!«

»Aber die Waren gehören nicht mir.«

»Gehört nicht der Markt dir?«

»Er gehört vielmehr denen, die ihn zum Handel brauchen.«

»So laß sie mit indischen Waren handeln!«

»Nichts wäre mir lieber. Aber wenn sie es nun nicht tun?«

»Unsinn! Wie können sie so unverschämt sein? Bist du denn nicht...«

»Ich habe heute nachmittag sehr viel zu tun und kann mich mit
Auseinandersetzungen nicht aufhalten. Aber ich muß mich weigern,
jemanden zu tyrannisieren.«

»Du tust es ja nicht in deinem Interesse, sondern für das Vaterland.«

»Tyrannei für das Vaterland heißt Tyrannei gegen das Vaterland. Aber das
ist etwas, fürchte ich, was du nie verstehen wirst.« Und damit ging ich
fort.

Plötzlich leuchtete mir die Welt in neuer Klarheit. Es war mir, als
fühlte ich in meinem Blut, daß die Erde das Gewicht ihrer Körperlichkeit
verloren hatte, und daß ihre tägliche Aufgabe, das Leben auf sich zu
erhalten, keine Last mehr für sie war, sondern daß sie in wundervollem
Schwung durch den Raum wirbelte und den Rosenkranz ihrer Tage und Nächte
abbetete. Welch endlose Arbeit, und dabei welch unerschöpflich quellende
Kraft! Niemand wird sie aufhalten, o nein, niemand kann sie je
aufhalten! Aus der Tiefe meiner Seele sprang die Freude hoch auf wie ein
Wasserstrahl, als wollte sie den Himmel stürmen.

Ich habe hernach oft darüber nachgedacht, was es war, das mein Gefühl
damals so aufwallen machte. Zuerst fand ich keine Erklärung dafür. Aber
dann wurde mir klar, daß die Fessel, an der ich mich Tag und Nacht
innerlich wund gerieben hatte, zerbrochen war. Zu meinem Erstaunen
bemerkte ich, daß der trübe Schleier, der meinen Geist umdunkelt hatte,
geschwunden war. Ich konnte alles, was sich auf Bimala bezog,
wahrheitsgetreu vor mir sehn, wie auf einer photographischen Platte. Es
war offenbar, daß sie sich besonders geputzt hatte, um mir jenen Befehl
abzuschmeicheln. Bis dahin hatte ich Bimalas Schmuck nie als etwas von
ihr Unterschiedenes angesehen. Aber an jenem Tage erschien mir die Art,
in der sie sich nach englischer Mode frisiert hatte, als bloßer
äußerlicher Aufputz. Das, was vorher das Geheimnis ihrer Persönlichkeit
in sich trug und mir von unschätzbarem Wert gewesen war, war jetzt
darauf aus, sich wegzuwerfen.

Als ich aus dem Schlafzimmer, diesem zerbrochenen Käfig, hinaustrat in
das goldene Sonnenlicht draußen, fiel mein Blick auf die beiden Reihen
von Bauhinien neben dem Kiesweg vor meiner Veranda, die den Himmel mit
einer zarten Röte zu übergießen schienen. Eine Gruppe von Staren
schwatzte und lärmte nach Herzenslust unter den Bäumen. Hinten auf der
Wiese stand ein leerer Ochsenkarren, vornübergekippt, mit der Nase auf
dem Boden und den Schwanz hoch in der Luft, -- der eine von den
losgeschirrten Ochsen weidete im Grase, der andre hatte sich
niedergelegt und schloß behaglich die Augen, während eine Krähe auf
seinem Rücken saß und ihm die Insekten abpickte.

Es war mir, als wäre ich dem Herzschlag der großen Erde näher gekommen,
als ich sie so in der Schlichtheit ihres täglichen Lebens sah; ich
spürte ihren warmen Atem in dem Duft der Bauhinienblüten, und ein
Lobgesang von unsagbarem Wohllaut schien von dieser Welt aufzusteigen,
wo alle Wesen sich einer Freiheit erfreuen, an der auch ich teilhabe.

Wir Menschen sind fahrende Ritter, auf der Suche nach der Freiheit, zu
der uns unsre Ideale rufen. Sie, die uns das Banner webt, unter dem wir
ausziehen, ist das wahre Weib für uns. Wir müssen der, die uns in ihrem
Zaubernetz zu Hause zu halten sucht, die Maske abreißen und sie als das
erkennen, was sie ist. Wir müssen uns hüten, daß wir sie nicht in die
Reize unsrer eigenen Träume und Sehnsüchte kleiden und uns durch sie so
von unserm wahren Ziel abziehen lassen.

Heute weiß ich, daß ich obsiegen werde. Ich bin an das Tor der Einfalt
gekommen, ich sehe jetzt die Dinge wie sie sind. Ich selbst habe meine
Freiheit gewonnen, ich werde andern die Freiheit lassen. In meiner
Arbeit werde ich mein Heil finden.

Ich weiß, daß hin und wieder mein Herz mir weh tun wird, aber jetzt, da
ich seinen Schmerz in seiner ganzen Wahrheit verstehe, kann ich ihn
unbeachtet lassen. Jetzt, da ich weiß, daß er nur mich angeht, was hat
er da noch zu bedeuten? Das Leid, das der ganzen Menschheit gehört, soll
meine Krone sein.

Rette mich, Wahrheit! Laß mich nie wieder nach dem falschen Paradiese
der Illusion trachten! Wenn ich allein wandern muß, laß mich wenigstens
deinen Pfad gehen! Laß deine Trommelschläge mich zum Siege führen!


SANDIPS ERZÄHLUNG

VII

Bimala ließ mich an jenem Tage rufen; aber sie konnte zuerst kein Wort
hervorbringen und kämpfte eine Zeitlang mit den Tränen. Ich sah gleich,
daß sie bei Nikhil keinen Erfolg gehabt hatte. Sie war so voll stolzer
Zuversicht gewesen, daß sie ihren Willen durchsetzen würde, -- aber ich
hatte diese Zuversicht durchaus nicht teilen können. Die Frau kennt den
Mann sehr gut von der Seite, wo er schwach ist, aber sie ist ganz
unfähig, seine Stärke zu ermessen. Der Mann bleibt der Frau ebenso ein
Geheimnis wie die Frau dem Manne. Wenn dem nicht so wäre, so wäre die
Verschiedenheit der Geschlechter ja überflüssig und eine Kraftvergeudung
der Natur.

Ach, was ist es doch um den Stolz! Es schmerzte sie nicht, daß eine
notwendige Sache nicht zustande gekommen war, sondern daß eine Bitte,
die sie so viel Überwindung gekostet hatte, ihr abgeschlagen war. Welch
ein Reichtum an Farbe und Bewegung, Suggestion und Täuschung legt sich
doch um dieses »Ich« und »Mein« in der Frau! Darin liegt gerade ihre
Schönheit, -- sie ist so viel persönlicher als der Mann. Als der
Schöpfer den Mann machte, war er ein Schulmeister und hatte seinen Sack
voll von Geboten und Grundsätzen; aber als er an die Frau kam, legte er
seine Schulmeisterwürde nieder und wurde zum Künstler, der nur mit
Pinsel und Palette arbeitet.

Als Bimala so schweigend dastand in ihrem gebrochenen Stolz, mit heißen
Wangen und die Augen voll Tränen, wie eine Gewitterwolke, die mit Regen
beladen und mit Blitz gewaffnet am Horizonte droht, sah sie so
unwiderstehlich lieblich aus, daß ich nicht anders konnte, als zu ihr
gehen und ihre Hand fassen. Ihre Hand zitterte, aber sie entzog sie mir
nicht. »Bima,« sagte ich, »wir sind zwei Kameraden, die dasselbe Ziel
haben. Wir wollen uns hinsetzen und über die Sache sprechen.«

Ich führte sie widerstandslos zu einem Sessel. Aber wie sonderbar!
Gerade in diesem Augenblick fühlte meine ungestüme Leidenschaft eine
unerklärliche Hemmung, -- gleichwie der mächtige Padmastrom, der in
unaufhaltsamem Lauf dahineilt, plötzlich durch irgendein kleines Hemmnis
unter der Oberfläche von dem Ufer abgelenkt wird, das er zerbröckelt.
Als ich Bimalas Hand drückte, erklangen alle meine Nerven wie
Harfensaiten; aber dann verstummte die Symphonie plötzlich.

Was war es, das mich hemmte? Nicht eine bestimmte Sache; es war ein
Gewirr von vielen Dingen, -- nichts deutlich Greifbares, sondern nur
jenes unerklärliche Gefühl der Hemmung. So viel ist mir jedenfalls klar
geworden, daß ich nicht schwören kann, was ich in Wahrheit bin. Gerade
weil ich mir selber so ein Rätsel bin, fühle ich mich zu mir selbst so
hingezogen. Wenn ich einmal dahin kommen sollte, dies mein Ich ganz zu
erkennen, so würde ich es von mir werfen, -- und Glückseligkeit
erlangen!

Als Bimala sich setzte, wurde sie totenbleich. Auch sie mußte wohl
fühlen, welcher Gefahr sie entgangen war. Der Komet war schon über sie
hinweg, aber die Berührung seines brennenden Schweifes überwältigte sie.
Um ihr zu helfen, daß sie sich erholte, sagte ich: »Auf Hindernisse
mußten wir uns gefaßt machen, aber wir wollen tapfer weiterkämpfen und
uns nicht entmutigen lassen. Nicht wahr, Königin?«

Bimala versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein schwaches »Ja«
hervor.

»Lassen Sie uns unsern Feldzugsplan machen!« fuhr ich fort und zog
Bleistift und Papier aus der Tasche.

Ich begann eine Liste von den Mitarbeitern aus Kalkutta zu machen und
jedem seine Aufgabe zu bestimmen. Bimala unterbrach mich, bevor ich
fertig war, und sagte müde: »Lassen Sie das jetzt; ich komme heute abend
noch einmal«, und dann eilte sie aus dem Zimmer. Sie war augenscheinlich
nicht imstande, irgendeiner Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie
mußte eine Weile mit sich allein sein, -- vielleicht sich aufs Bett
legen und sich ordentlich ausweinen!

Als sie fort war, flammte meine Leidenschaft heißer auf, gleichwie die
Wolke sich tiefer färbt, wenn die Sonne hinabgesunken ist. Ich fühlte,
daß ich mir den Augenblick aller Augenblicke hatte entgleiten lassen.

Welch ein erbärmlicher Feigling war ich gewesen! Sie war gewiß aus
bloßem Ekel vor meinem schwächlichen Zaudern von mir gegangen, -- und
sie hatte recht!

Während diese Gedanken mich schmerzhaft durchzuckten, kam ein Diener und
meldete Amulja, einen unsrer jungen Leute. Ich hätte ihn am liebsten
abgewiesen, aber bevor ich mich dazu entschließen konnte, trat er ein.
Dann begannen wir über die Nachrichten zu sprechen, die wir von den
verschiedenen Distrikten hatten, und von ihren Kämpfen um ausländische
Waren, und bald war die Luft von allen berauschenden Dünsten gereinigt.
Mir war, als erwachte ich aus einem Traum. Ich sprang auf, ganz bereit
zum Kampf, -- Bande Mataram!

Es gab verschiedene Neuigkeiten. Die meisten von den Händlern, welche
Pächter von Harisch Kundu waren, waren zu uns übergegangen. Viele von
Nikhils Angestellten waren auch heimlich auf unsrer Seite und zogen die
Drähte in unserm Interesse. Die Kaufleute von Marwari erboten sich, eine
Geldbuße zu zahlen, wenn sie nur mit ihren augenblicklichen Vorräten
räumen dürften. Nur einige mohammedanische Händler waren noch
hartnäckig.

Einer von ihnen hatte ein paar deutsche Schaltücher für seine Familie
gekauft. Sie wurden ihm unterwegs abgenommen und von einem unsrer jungen
Leute aus dem Dorfe verbrannt. Dies hatte zu Unannehmlichkeiten Anlaß
gegeben. Wir waren bereit, ihm indische Wollstoffe dafür zu kaufen. Aber
wo waren billige indische Wollsachen zu haben? Wir konnten ihm seine
Tücher doch nicht gut durch Kaschmirschals ersetzen! Er ging und
beklagte sich bei Nikhil, der ihm riet, vor Gericht zu klagen. Natürlich
sorgten Nikhils Leute dafür, daß nichts dabei herauskam, da sein
Rechtsanwalt selbst auf unsrer Seite war.

Die Sache ist nämlich die: wenn wir die verbrannten ausländischen Stoffe
jedesmal durch indische Stoffe ersetzen und noch obendrein einen Prozeß
durchkämpfen sollen, -- woher sollen wir das Geld nehmen? Und das Beste
dabei ist, daß die Zerstörung ausländischer Waren den Bedarf noch
vermehrt und damit also den Fremden Vorteil bringt. Es geht ihnen damit
wie dem glücklichen Händler, dem der Nabob seine Kristalleuchter
zerbrach, weil ihm das Klirren des zerbrechenden Glases so viel Spaß
machte.

Eine andere Frage ist, ob wir, da es keine billigen bunten indischen
Wollstoffe gibt, die Boykottierung der ausländischen Flanelle und
Merinos so streng durchführen oder eine Ausnahme zu ihren Gunsten machen
sollen.

»Weißt du,« sagte ich schließlich in bezug auf den ersten Punkt, »wir
werden auf keinen Fall fortfahren, denen, deren ausländische Stoffe
beschlagnahmt sind, dafür indische Stoffe zum Geschenk zu machen. Die
Strafe soll sie treffen, nicht uns. Wenn sie uns verklagen, so müssen
wir es ihnen dadurch heimzahlen, daß wir ihnen ihre Scheunen
niederbrennen! -- Was erschreckt dich dabei, Amulja? Es ist nicht die
Aussicht auf ein großartiges Feuerwerk, was mich lockt. Du mußt
bedenken, daß wir im Kriege sind. Wenn du Angst hast, Leiden zu
verursachen, so geh und suche dir Liebesfreuden; für unsre Aufgabe
können wir dich dann nicht brauchen!«

Die zweite Frage entschied ich dahin, daß ausländische Waren auf jeden
Fall verboten bleiben sollten und wir uns auf keinen Kompromiß
einlassen wollten. In der guten alten Zeit, als man diese bunt gefärbten
ausländischen Schals bei uns noch nicht kannte, wurden unsre Landleute
ganz gut mit ihren einfachen baumwollenen Tüchern fertig, das müssen sie
wieder lernen. Sie sehen vielleicht nicht so prächtig aus, aber jetzt
ist nicht die Zeit, an das Aussehen zu denken.

Die meisten von den Bootsleuten waren dafür gewonnen, daß sie sich
weigerten, ausländische Waren überzusetzen, aber der Hauptfährmann,
Mirdschan, war noch widerspenstig.

»Könnten Sie nicht einfach sein Boot versenken?« fragte ich unsern
hiesigen Verwalter.

»Nichts leichter als das«, erwiderte er. »Aber wie, wenn man mich
nachher zur Verantwortung zieht?«

»Wer wird die Sache so plump anfangen, daß man ihn zur Verantwortung
ziehen kann? Doch wenn es dazu kommt, so will ich es schon auf mich
nehmen.«

Mirdschans Boot lag an der Landungsstelle angebunden, nachdem es die
Ladung zum Marktplatz übergesetzt hatte. Es war niemand darin, denn der
Geschäftsführer hatte eine Unterhaltung veranstaltet, zu der alle
eingeladen waren. Als es dunkel geworden war, wurde das Boot, nachdem
man es mit Schutt beladen hatte, durchbohrt und aufs Wasser gestoßen. Es
sank mitten auf dem Wasser.

Mirdschan verstand alles. Er kam weinend zu mir und bat um Gnade. »Ich
hatte unrecht, Herr --« begann er.

»Wie kommt es, daß du das jetzt plötzlich einsiehst?« fragte ich
höhnisch.

Er gab keine direkte Antwort. »Das Boot war 2000 Rupien wert«, sagte er.
»Ich sehe jetzt meine Schuld ein, und wenn Sie mir diesmal verzeihen, so
werde ich nie mehr...« und damit warf er sich mir zu Füßen.

Ich sagte ihm, er solle in zehn Tagen wiederkommen. Wenn wir ihm nur
gleich die 2000 Rupien bezahlen könnten, so würde er mit Leib und Seele
unser sein. Und er ist gerade der Mann, der unsrer Sache ungeheure
Dienste leisten könnte, wenn wir ihn für uns gewännen. Wir werden nie
ordentlich vorwärts kommen, wenn wir nicht die nötigen Mittel in Händen
haben.

Sobald Bimala des Abends ins Wohnzimmer kam, ging ich ihr entgegen:
»Königin! Alles ist bereit, der Erfolg wartet, aber wir müssen Geld
haben.«

»Geld? Wieviel?«

»Nicht so sehr viel, aber auf die eine oder andre Weise müssen wir es
bekommen.«

»Aber wieviel denn?«

»Augenblicklich genügen bloße 50000 Rupien.«

Bimala fuhr innerlich zusammen, als sie die Zahl hörte, aber sie
versuchte, es nicht zu zeigen. Wie konnte sie sich wieder geschlagen
geben?

»Königin!« sagte ich, »nur Sie können das Unmögliche möglich machen. Das
haben Sie in Wahrheit schon getan. Oh, daß ich Ihnen die ganze Größe
Ihrer Leistung zeigen könnte, dann würden Sie es wissen. Aber jetzt
handelt es sich um etwas anderes. Jetzt brauchen wir Geld.«

»Sie sollen es haben«, sagte sie.

Ich sah, daß sie auf den Gedanken gekommen war, ihre Schmucksachen zu
verkaufen. Daher sagte ich: »Ihre Schmucksachen müssen unsre Reserve
bleiben. Man kann nie wissen, wann wir sie brauchen.« Und als Bimala
mich in stummer Bestürzung anstarrte, fuhr ich fort: »Dies Geld muß aus
der Kasse Ihres Gatten kommen.«

Bimala war noch bestürzter. Nach einer langen Pause fragte sie: »Aber
wie soll ich sein Geld bekommen?«

»Gehört sein Geld nicht ebensogut Ihnen?«

»Ach, nein!« sagte sie, von neuem in ihrem Stolz verletzt.

»Nun,« rief ich, »dann gehört es auch nicht ihm, sondern seinem
Vaterlande, dem er es in der Zeit der Not entzogen hat!«

»Aber wie soll ich es mir verschaffen?« wiederholte sie.

»Verschaffen müssen und werden Sie es sich. Wie Sie es anfangen, das
wissen Sie selbst am besten. Sie müssen es sich für die Göttin
verschaffen, der es mit Recht gehört. Bande Mataram! Dies ist das
Zauberwort, das die Tür seines eisernen Geldschranks öffnen, die Wände
seiner Stahlkammer durchbrechen und die Herzen derer beschämen wird, die
pflichtvergessen ihrem Ruf nicht folgen. Sagen Sie Bande Mataram,
Bienenkönigin!«

»Bande Mataram!«



SIEBENTES KAPITEL


SANDIPS ERZÄHLUNG

VIII

Wir sind Männer, wir sind Könige, und unser Tribut muß uns werden.
Solange wir auf der Erde sind, haben wir sie geplündert; und je mehr wir
verlangten, je mehr hat sie uns gewährt. Von Urzeiten her haben wir
Männer Früchte gepflückt, Bäume abgehauen, den Boden umgegraben,
Säugetiere, Vögel und Fische getötet. Vom Meeresboden, aus den Tiefen
der Erde, ja aus dem Rachen des Todes haben wir errafft, was wir nur
erraffen konnten; keinen Verschluß in der Vorratskammer der Natur haben
wir respektiert und unerbrochen gelassen.

Die einzige Lust dieser Erde ist, das Begehren derer zu erfüllen, die
Männer sind. Die endlosen Opfer, die sie ihnen gebracht hat, sind es,
die sie fruchtbar und schön und vollkommen gemacht haben. Ohne diese
Opfer würde sie in der Wildnis verloren sein, sie würde sich selbst
nicht kennen, die Türen ihres Herzens würden sich nie geöffnet, ihre
Diamanten und Perlen nie das Licht erblickt haben.

So haben die Männer auch, nur dadurch, daß sie immer wieder forderten,
alle latenten Möglichkeiten der Frauen erschlossen. In dem Maße, wie sie
sich uns hingaben, haben sie immer ihre wahre Größe erlangt. Weil sie
alle Diamanten ihres Glücks und alle Perlen ihres Leides in unser
königliches Schatzhaus bringen mußten, haben sie ihren wahren Reichtum
gefunden. So bedeutet für die Männer »annehmen« in Wahrheit »geben«, und
für die Frauen heißt »geben« in Wahrheit »gewinnen«.

Was ich jedoch von Bimala verlangt habe, ist wirklich sehr viel! Zuerst
hatte ich Bedenken, denn es ist ja nun einmal eine Eigenschaft des
menschlichen Geistes, in zwecklosem Streit mit sich selbst zu sein. Ich
fürchtete, ich hätte ihr eine zu schwere Aufgabe auferlegt. Mein erster
Impuls war, sie zurückzurufen und ihr zu sagen, ich wollte lieber nicht
ihr Leben elend machen, dadurch, daß ich sie in alle diese Sorgen
hineinzöge. Ich vergaß in dem Augenblick, daß der Mann die Frau ja nicht
schonen darf, wenn er ihr Dasein fruchtbar machen will, daß es seine
Aufgabe ist, die Ruhe und Passivität ihres Wesens zu stören und dadurch,
daß er den unermeßlichen Abgrund des Leidens in ihr aufwühlt, der ganzen
Welt Segen zu bringen. Darum ist des Mannes Hand so stark und sein Griff
so fest.

Bimala hatte sich von ganzem Herzen danach gesehnt, daß ich, Sandip, ein
großes Opfer von ihr fordern, sie in den Tod schicken möchte. Welch
anderes Glück gab es denn sonst für sie? Hatte sie nicht alle diese öden
Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu Tode zu weinen, -- so
überdrüssig war sie der Eintönigkeit ihres ruhigen Glücks! Und daher
wurde, sobald sie mich erblickte, der Horizont ihres Herzens von den
Wolken verdunkelt, die ihr Leben mit Angst und Qual bedrohten. Wenn ich
Mitleid mit ihr habe und sie vor ihrem Leid zu bewahren suche, wozu bin
ich dann als Mann in die Welt gekommen?

Der wahre Grund meiner Bedenken ist, daß es sich bei meiner Bitte um
Geld handelt. Das sieht nach Bettelei aus, denn das Geld ist Sache des
Mannes, nicht der Frau. Darum mußte ich eine so große Summe nennen. Ein-
bis zweitausend hätte nach einem kleinlichen Diebstahl ausgesehen.
Fünfzigtausend hat die ganze Größe und Romantik eines kühnen Raubes.

Ach, aber ich hätte wirklich reich sein sollen! So viele von meinen
Wünschen haben immer wieder auf ihrem Wege zum Ziel haltmachen müssen,
nur weil es mir an Geld fehlte. Dies paßt nicht zu mir! Wäre das
Schicksal bloß ungerecht, so könnte ich es verzeihen, -- aber solche
Stillosigkeit ist unverzeihlich. Es ist nicht nur hart, daß ein Mann wie
ich nicht weiß, wie er es anfangen soll, seine Miete zu bezahlen, oder
daß er sorgfältig die Groschen für eine Fahrkarte zweiter Klasse
zusammensuchen muß, -- es ist plebejisch!

Es ist ebenso klar, daß Nikhils väterliches Erbe für ihn einen Überfluß
bedeutet. Zu ihm hätte Armut ganz gut gepaßt. Er hätte zusammen mit
seinem treuen Lehrer sich ganz fröhlich ins Joch des bedürftigen
Mittelstandes gespannt.

Es wäre mir eine Lust, könnte ich nur ein einziges Mal fünfzigtausend
Rupien im Dienste meines Vaterlandes und ganz nach meiner eigenen Laune
verschleudern. Ich bin ein geborener Nabob, und mein schönster Traum
ist, einmal, wenn auch nur für einen Tag, diese Maske der Armut
loszuwerden und mich in meiner wahren Gestalt zu sehen.

Ich habe jedoch meine ernsten Zweifel, ob Bimala je zu diesen 50000
Rupien gelangen wird, und wahrscheinlich werden es am Ende nicht mehr
als ein paar tausend werden. Meinetwegen. Der Weise nimmt noch lieber
ein halbes Brot oder auch nur ein Stückchen, als gar keines.

Ich muß später auf diese persönlichen Betrachtungen zurückkommen. Ich
erhalte Nachricht, daß man mich sofort braucht. Irgend etwas ist
verkehrt gegangen.

Es scheint, daß die Polizei von dem Manne, der Mirdschans Boot für uns
versenkt hat, Wind bekommen hat. Sie sind ihm auf der Spur, aber er ist
ein alter Sünder und sollte zu gerieben sein, um sich festzuschwatzen.
Doch man kann nie wissen. Nikhil ist aufgebracht, und sein Verwalter ist
vielleicht nicht imstande, nach seinem eigenen Kopf zu verfahren.

»Wenn ich Unannehmlichkeiten bekomme,« sagte der Verwalter, als er mich
sah, »werde ich Sie hineinziehen müssen.«

»Mit welcher Schlinge wollen Sie mich fangen?« fragte ich.

»Ich habe einen Brief von Ihnen und mehrere von Amulja Babu.«

Ich hatte nicht geahnt, daß der Brief mit der Bezeichnung »dringlich«,
den ich eilig beantworten mußte, nur eben dieses Zweckes wegen dringlich
gewesen war. Ich lerne allmählich eine ganze Menge Dinge.

Jetzt gilt es, die Polizei zu bestechen und Mirdschan Schweigegeld zu
zahlen. Und dabei ist gar kein Zweifel, daß viel von den Kosten dieses
patriotischen Unternehmens als Profit in die Taschen von Nikhils
Verwalter wandert. Doch ich muß für den Augenblick ein Auge zudrücken,
denn ruft er nicht sein Bande Mataram ebenso kräftig wie ich?

Diese Arbeit muß immer mit lecken Gefäßen getan werden, die die Hälfte
auslaufen lassen. Wir alle haben einen geheimen Fonds von sittlichem
Urteil in uns aufgespart, und so wollte ich mich schon über den
Verwalter entrüsten und in meinem Tagebuch eine Tirade gegen die
Unzuverlässigkeit meiner Landsleute loslassen. Aber wenn es einen Gott
gibt, so muß ich dankbar anerkennen, daß er mir einen scharfblickenden
Verstand gegeben hat, der sich selbst und die Dinge um sich herum klar
durchschaut. Ich kann wohl andre täuschen, aber nicht mich selber. Daher
konnte auch mein Zorn nicht standhalten.

Was wahr ist, ist weder gut noch böse, sondern einfach wahr. Ein See ist
nur das übriggebliebene Wasser, das nicht vom Boden eingesogen wurde.
Auf dem Grunde des Bande-Mataram-Kultes, wie überhaupt auf dem Grunde
aller weltlichen Dinge ist eine Schlammschicht, mit deren aufsaugender
Kraft man rechnen muß. Der Verwalter nimmt sich, was er braucht, wie
auch ich mir nehme, was ich brauche. Diese kleineren Forderungen bilden
einen Teil von dem, was die große Sache fordert, -- das Pferd muß
gefüttert und die Räder müssen geölt werden, wenn man gut vorwärts
kommen will.

Das Lange und Breite von der Sache ist, daß wir Geld haben müssen, und
das bald. Wir müssen es nehmen, wo wir es am leichtesten bekommen
können, denn wir können es uns nicht leisten zu warten. Ich weiß, daß
wir uns dadurch um größeren Gewinn bringen können; daß die 5000 Rupien
von heute vielleicht die 50000 von morgen im Keim ersticken. Aber ich
muß es daraufhin wagen. Habe ich nicht oft neckend zu Nikhil gesagt, daß
die, welche auf den Pfaden der Entsagung wandeln, gar nicht wissen, was
Opfer heißt. Wir begehrlichen Menschen sind es, die bei jedem Schritt
ihre Begierden opfern müssen!

Von den Todsünden ist die Begierde für die, die wirklich Männer sind,
aber die Illusion, die nur für Schwächlinge ist, hemmt sie. Denn diese
macht, daß sie ganz von der Vergangenheit und Zukunft eingenommen sind,
aber sie hat eine verteufelte Art, ihre Schritte in der Gegenwart zu
verwirren. Solche, die immer gespannt auf den Ruf aus der Ferne horchen
und dadurch den Ruf des Augenblicks überhören, sind wie Sakuntala[26],
die sich in Träumen von dem Geliebten verlor. Unerwartet kommt der Gast
und schleudert den Fluch, der sie gerade um das bringt, was sie
ersehnen.

Neulich drückte ich Bimalas Hand, und jene Berührung regt ihre Seele
noch auf, wie sie auch in mir nachzittert. Wiederholung darf dies Gefühl
nicht abstumpfen, denn dann würde zu etwas verstandesmäßig Bewußtem
herabsinken, was jetzt ganz Gefühl und Musik ist. Augenblicklich ist in
ihr kein Raum für die Frage »Warum?«.

Daher darf ich Bimala, die eins von den Geschöpfen ist, die die Illusion
nicht entbehren können, nicht ihres vollen Anteils daran berauben.

Was mich betrifft, so habe ich soviel anderes zu tun, daß ich mich für
den Augenblick damit begnügen muß, von dem Becher der Leidenschaft nur
zu nippen. O Mensch der Begierde! Zähme deine Gier und übe deine Finger
auf der Harfe der Illusion, bis sie ihren Saiten alle Töne der
Verführung entlocken! Jetzt ist noch nicht die Zeit, den Becher bis auf
den Grund zu leeren.


IX

Unsre Arbeit geht schnell vorwärts. Aber obgleich wir uns heiser
geschrien haben, indem wir die Muhammedaner für unsre Brüder erklärten,
haben wir doch einsehen müssen, daß es uns nie gelingen wird, sie ganz
auf unsre Seite zu bringen. Daher müssen wir sie nun ganz unterdrücken
und ihnen begreiflich machen, daß wir die Herren sind. Jetzt zeigen sie
die Zähne, aber eines Tages werden sie wie zahme Bären nach unsrer
Pfeife tanzen.

»Wenn es euch mit dem Gedanken eines vereinigten Indiens ernst ist,«
wendet Nikhil ein, »so müßt ihr die Muhammedaner als einen notwendigen
Teil desselben gelten lassen.«

»Ganz recht,« sagte ich, »aber wir müssen wissen, wo ihr Platz ist, und
dafür sorgen, daß sie da bleiben, sonst werden sie uns beständig
beschwerlich fallen.«

»So wollt ihr also Beschwerden verursachen, um Beschwerden zu
verhindern?«

»Und was wolltest du tun?«

»Es gibt nur ein bekanntes Mittel, Streit zu vermeiden,« sagte Nikhil
mit Betonung.

Ich weiß, daß Nikhils Reden, wie die Erzählungen guter Leute, immer mit
einer Moral enden. Das Merkwürdige ist, daß er trotz seiner Vertrautheit
mit moralischen Vorschriften noch immer an sie glaubt! Er ist ein
unverbesserlicher Schuljunge. Das einzig Gute an ihm ist seine
Aufrichtigkeit. Das Schlimme ist, daß seinesgleichen nicht einmal die
Endgültigkeit des Todes zugibt, sondern immer den Blick auf ein Hernach
richtet.

Ich habe mich lange mit einem Plan getragen, der, wenn ich ihn ausführen
könnte, das ganze Land in Flammen setzen würde. Wir werden niemals unsre
Landsleute zu wahrem Patriotismus aufrütteln, wenn wir ihnen das
Mutterland nicht irgendwie versinnbildlichen können. Wir müssen eine
Göttin von ihm machen. Meine Gefährten begriffen die Sache sofort. »Wir
müssen ein passendes Götzenbild erfinden,« riefen sie aus. »Erfinden
nützt nichts,« belehrte ich sie. »Wir müssen uns eins der anerkannten
Götzenbilder aneignen, dem die Verehrung des Volkes in den tief
gegrabenen Kanälen der Gewohnheit zuströmt, und es zum Repräsentanten
des Landes machen.«

Aber Nikhil muß natürlich auch dagegen seine Einwendungen machen. »Wir
dürfen nicht bei einer Sache, die wir für die rechte halten, zu
Täuschungen unsre Zuflucht nehmen,« sagte er vor einiger Zeit zu mir.

»Kleinere Geister brauchen Täuschungen,« sagte ich, »und die meisten
Menschen gehören nun einmal zu dieser Klasse. Darum richtet man in jedem
Lande Gottheiten auf, um die Illusionen im Volke aufrecht zu erhalten,
denn die Menschen sind sich ihrer Schwäche nur zu wohl bewußt.«

»Nein,« erwiderte er. »Gott ist nötig, um die Illusionen fortzuschaffen.
Die Gottheiten, die sie aufrecht halten, sind falsche Götter.«

»Was macht das? Wenn es nottut, müssen wir auch falsche Götter anrufen,
lieber als daß die Sache leidet. Unsre Illusionen sind noch lebendig
genug, aber zu unserm Unglück verstehen wir nicht, sie unserm Zweck
dienstbar zu machen. Sieh einmal die Brahmanen! Trotzdem wir sie wie
Halbgötter behandeln und unermüdlich ehrfurchtsvoll ihre Füße berühren,
sind sie doch eine Macht, die im Verfall ist.«

»Es wird immer eine große Klasse von Menschen geben, deren Natur es ist,
am Boden zu kriechen, und die nur durch Berührung mit den Füßen andrer
-- sei es auch in Gestalt von Fußtritten -- zu einer Tat gebracht werden
können. Welch ein Jammer ist es doch, daß wir die Brahmanen, nachdem wir
sie alle diese Jahrhunderte hindurch in unsrer Rüstkammer aufbewahrt und
in scharfem und gebrauchsfähigem Zustande erhalten haben, jetzt in der
Zeit der Not nicht verwenden können, um sie auf diesen Pöbel zu hetzen!«

Aber es ist unmöglich, Nikhil dies alles begreiflich zu machen. Er ist
so für die Wahrheit eingenommen, -- als ob es überhaupt eine objektive
Wahrheit gäbe! Wie oft habe ich versucht, ihm auseinanderzusetzen, daß
gerade in der Unwahrheit die eigentliche Wahrheit liegt. Früher erkannte
man bei uns diese Tatsache, und man hatte den Mut, zu erklären, daß für
die, die beschränkten Geistes sind, Lüge Wahrheit sei.

Denen, die wirklich glauben können, daß ihr Land eine Göttin ist, wird
ihr Bild als Ersatz für die Wahrheit dienen. Unsre Natur und unsre
Überlieferungen hindern uns, unser Vaterland als das, was es ist, zu
erkennen, aber wir können uns leicht dazu bringen, an sein Bild zu
glauben. Wer wirklich etwas erreichen will, darf diese Tatsache nicht
außer acht lassen.

Doch dies diente nur dazu, Nikhil aufzuregen. »Weil ihr die Kraft
verloren habt, den Weg der Wahrheit zu gehen, um euer Ziel zu
erreichen,« rief er aus, »wartet ihr beständig, daß euch irgendeine
wunderbare Gabe in den Schoß fallen soll. Jahrhundertelang habt ihr
versäumt, eurem Vaterlande zu dienen, und nun könnt ihr nichts andres
tun, als ein Götzenbild aus ihm machen und eure Hände ausstrecken, in
der Erwartung, daß euch die Gaben umsonst zufallen.«

»Wir wollen das Unmögliche vollbringen«, sagte ich. »Daher muß unser
Vaterland zum Gott gemacht werden.«

»Du willst damit sagen, daß ihr nicht den Mut für mögliche Aufgaben
habt«, erwiderte Nikhil. »Für das, was schon da ist, habt ihr keine
Augen; ihr wollt etwas Übernatürliches sehen.«

»Höre einmal, Nikhil«, sagte ich schließlich, aufs äußerste gereizt.
»Alles, was du da sagst, ist ganz gut als moralische Lehre. Diese
Gedanken haben als Milch für Säuglinge ihren Dienst getan, solange der
Mensch noch in diesem ersten Stadium seiner Entwicklung war, aber jetzt,
da er Zähne bekommen hat, braucht er andre Nahrung.«

»Sehen wir denn nicht mit unsern eignen Augen, wie Dinge, an deren
Aussaat wir nicht im Traum dachten, rings um uns her emporsprießen?
Durch welche Kraft? Durch die Kraft der Gottheit unsres Landes, die sich
darin offenbart. Der Genius der Zeit allein gibt der Gottheit ihr Bild.
Der Genius streitet nicht mit Worten, er schafft. Ich kann nur
gestalten, was der Geist des Landes aus sich gebiert.«

»Ich werde überall verkünden, daß die Göttin mich eines Traumes
gewürdigt hat. Ich werde den Brahmanen sagen, daß sie sie zu ihren
Priestern bestimmt hat und daß die Vernachlässigung ihres Dienstes,
deren sie sich schuldig gemacht haben, die Ursache ihres Niedergangs
ist. Und wenn du mir sagst, ich lüge, so antworte ich dir: Nein, ich
sage die Wahrheit, -- ja, mehr als das, ich sage die Wahrheit, die das
Vaterland schon lange aus meinem Munde zu hören erwartet. Wenn ich nur
die Gelegenheit hätte, ihnen meine Botschaft zu verkünden, so würdest du
über die Wirkung staunen.«

»Was ich fürchte,« sagte Nikhil, »ist, daß meine Lebenszeit begrenzt ist
und daß die Wirkung, von der du sprichst, nicht die endgültige Wirkung
ist. Sie wird Nachwirkungen haben, die sich noch nicht sogleich zeigen.«

»Mir ist es nur um die Wirkung zu tun, die sich auf das Heute
erstreckt.«

»Mir ist es um die Wirkung zu tun, die sich auf die Ewigkeit erstreckt«,
antwortete Nikhil.

Nikhil hat vielleicht auch seinen Anteil bekommen an Bengalens schönster
Gabe, der Phantasie, aber er hat sie ganz überwuchern und fast ersticken
lassen von einer ausländischen Pflanze, einer peinlichen
Gewissenhaftigkeit. Man denke nur an den Gottesdienst der Durga, den
Bengalen zu solcher Höhe entwickelt hat. Das ist eine seiner größten
Leistungen. Ich könnte schwören, daß Durga eine politische Göttin ist
und ursprünglich die Schakti des Patriotismus bedeutete zu der Zeit, als
Bengalen um Befreiung von der muhammedanischen Herrschaft betete.
Welcher andern Provinz Indiens ist es gelungen, für das Ideal, nach dem
es strebte, ein so wunderbares Sinnbild zu finden?

Nichts verriet deutlicher, wie gänzlich Nikhil diese göttliche Gabe der
Phantasie verloren hat, als die Antwort, die er mir gab. »Während der
muhammedanischen Herrschaft«, sagte er, »erhofften die Mahraten[27] und
Sikhs[28] Erfolge von den Waffen, die sie selbst ergriffen hatten. Der
Bengale begnügte sich damit, Waffen in die Hände der Göttin zu legen und
Beschwörungsformeln zu murmeln; und da sein Land nun nicht wirklich eine
Göttin war, so war das Einzige was für ihn dabei herauskam, die
abgehauenen Köpfe der Opferziegen und -büffel. Sobald wir das Wohl
unsres Landes auf dem Wege der Gerechtigkeit suchen, so wird der, der
größer ist als unser Land, uns wahren Erfolg gewähren.«

Das Gefährliche bei der Sache ist, daß Nikhils Worte sich auf dem Papier
immer so schön ausnehmen. Jedoch was ich sage, ist nicht dazu bestimmt,
auf Papier gekritzelt zu werden, sondern soll sich tief ins Herz des
Landes eingraben. Der Gelehrte hinterläßt uns in Druckerschwärze seine
Abhandlung über den Ackerbau; aber der Landmann gräbt mit der scharfen
Sichel seines Pfluges sein Werk tief in den Boden ein.


Fußnoten:

[26] Sakuntala war, nachdem der König, ihr Geliebter, mit dem
Versprechen, sie holen zu lassen, in sein Königreich heimgekehrt war, so
in Gedanken an ihn verloren, daß sie den Ruf des Eremiten, der als Gast
zu ihr kam, überhörte. Der Eremit sprach den Fluch über sie aus, daß der
Gegenstand ihrer Liebe sie ganz vergessen solle.

[27] Ein kriegerischer Volksstamm im Innern Indiens, der 1648
die Herrschaft des Großmoguls abschüttelte, erfolgreiche Eroberungszüge
unternahm und ein Jahrhundert hindurch eine beherrschende Rolle spielte.
(Übers.)

[28] Ursprünglich eine religiöse Sekte, gestiftet von Baba
Nanak (1468-1539), die eine Vereinigung des Islams und des Hinduismus
anstrebte. Sie verwandelte sich unter dem Druck von Verfolgungen in
einen fanatischen Kriegerstaat, der lange mit wechselndem Erfolge gegen
die Herrschaft des Großmoguls ankämpfte und sich schließlich mit den
Mahraten in ihr Erbe teilte. (Übers.)


X

Als ich Bimala danach zuerst wiedersah, schlug ich ohne weiteres gleich
hohe Töne an. »Ist es uns gelungen,« begann ich, »von ganzem Herzen an
den Gott zu glauben, auf dessen Erscheinen wir seit Millionen von Jahren
gewartet haben, um ihm zu dienen, und der sich uns jetzt endlich in
sichtbarer Gestalt offenbart hat?«

»Wie oft habe ich Ihnen gesagt,« fuhr ich fort, »daß ich, wenn ich Sie
nicht gesehen hätte, niemals mein ganzes Vaterland als eine Einheit
erkannt haben würde. Ich weiß noch nicht, ob Sie mich richtig verstehen.
Die Götter sind nur in ihrem Himmel unsichtbar, auf Erden zeigen sie
sich den Sterblichen.«

Bimala sah mich seltsam an, als sie ernst erwiderte: »Doch, ich verstehe
Sie, Sandip.« Es war das erste Mal, daß sie mich schlechtweg Sandip
nannte.

»Krischna,« fuhr ich fort, »den Ardschuna sonst nur als seinen
Wagenlenker gekannt hatte, offenbarte sich ihm eines Tages auch in
seiner göttlichen Gestalt, und an dem Tage sah Ardschuna die Wahrheit.
Ich habe Ihre göttliche Gestalt in meinem Vaterlande erblickt. Der
Ganges und der Brahmaputra sind die goldnen Ketten, die sich in vielen
Windungen um Ihren Nacken schlingen; im Waldsaum an den fernen Ufern des
dunklen Flusses erblickte ich die dunklen Wimpern Ihrer Augen; der
wechselnde Glanz Ihres Sari leuchtete mir in dem Spiel von Licht und
Schatten auf dem wogenden grünen Kornfeld, und die brennende
Sommerhitze, in der der Himmel schwer atmend daliegt, wie ein
verschmachtender Löwe in der Wüste, ist nichts als Ihre grausam
versengende Glut.«

»Da nun die Göttin ihrem Priester ihre Gegenwart in so wunderbarer
Gestalt offenbart hat, so ist meine Aufgabe, im ganzen Lande ihren
Dienst zu predigen, und dann wird das Land zu neuem Leben erwachen.

»›In allen Tempeln soll dein Bildnis thronen‹[29]. Aber unser Volk hat
die Wahrheit noch nicht erkannt. Daher möchte ich es in Ihrem Namen
aufrufen und in unsern Tempeln ein Bild der Göttin aufstellen, dem
niemand Glauben versagen kann. O meine Göttin, verleih mir die Macht
dazu!«

Bimala hatte die Augen geschlossen und saß da wie ein Steinbild. Hätte
ich weitergesprochen, so wäre sie in Verzückung erstarrt. Als ich
schwieg, schlug sie die Augen groß auf und murmelte wie betäubt mit
starrem Blick: »O Wanderer auf dem Pfade des Verderbens! Wer kann deine
Schritte aufhalten? Sehe ich doch, daß niemand deinen Begierden Einhalt
tut. Könige werden ihre Krone dir zu Füßen legen, die Reichen werden
sich beeilen, dir ihren Schatz zu öffnen; die nichts weiter haben,
werden bitten, ihr Leben für dich hingeben zu dürfen. O mein König, mein
Gott! Was du in mir siehst, weiß ich nicht, aber ich habe die
Unermeßlichkeit deiner Größe in meinem Herzen erkannt. Wer bin ich, was
bin ich, vor dir? Ach, wie furchtbar ist deine vernichtende Gewalt! Ich
werde nicht wahrhaft leben, bis sie mich ganz zerstört. Ich kann es
nicht länger ertragen, mir bricht das Herz.«

Bimala glitt von ihrem Stuhl und umklammerte meine Füße, und dann brach
sie in ein unaufhaltsames Schluchzen aus.

Dies ist nun wirklich Hypnotismus, -- der Zauber, mit dem man sich die
Welt unterwirft! Man bedarf dazu keiner Waffen, sondern nur einer
unwiderstehlichen Suggestionskraft. Wer sagt noch: »Die Wahrheit wird
triumphieren?«[30] Nein, es ist die Täuschung, die den endgültigen Sieg
davonträgt. Der Bengale hatte dies erkannt, als er das Bild der
zehnhändigen auf einem Löwen reitenden Göttin erfand und ihren Dienst in
seinem Lande verbreitete. Jetzt muß Bengalen ein neues Götzenbild
erfinden, um die Welt zu berücken und zu erobern. Bande Mataram!

Ich hob Bimala sanft auf und ließ sie auf ihren Stuhl nieder, und aus
Furcht, daß eine Reaktion eintreten könnte, begann ich von neuem, ohne
Zeit zu verlieren: »Königin! Die göttliche Mutter hat mir die Pflicht
auferlegt, ihr in diesem Lande einen Tempel zu bauen. Aber ach, ich bin
arm!«

Bimala war noch in höchster Erregung. Ihre Augen glühten dunkel, ihre
Stimme war heiser, als sie erwiderte: »Sie arm? Gehört nicht alles, was
jeder von uns besitzt, Ihnen? Wozu habe ich meine Kästen mit Juwelen?
Nehmen Sie all mein Gold und meine Edelsteine für Ihren Gottesdienst!
Ich brauche sie nicht!«

Bimala hatte mir schon einmal ihren Schmuck angeboten. Ich pflegte sonst
keine Grenzen zu setzen, aber ich fühlte, daß ich es hier mußte[31]. Ich
weiß, warum ich hier zaudere. Dem Mann geziemt es, der Frau Schmuck zu
schenken; es verletzt seine Männlichkeit, wenn er ihn von ihr annimmt.

Aber ich darf nicht an mich denken. Nehme ich ihn denn an? Er soll als
Opfer der göttlichen Mutter zu Füßen gelegt werden. O, es soll eine
großartige Opferfeier werden, wie das Land sie noch nie vorher gesehen
hat. Sie soll ein Markstein in unsrer Geschichte werden. Sie soll mein
höchstes Vermächtnis an die Nation sein. Unwissende Menschen beten
Götter an. Ich, Sandip, werde sie _erschaffen_.

Aber alles dies liegt noch in weiter Ferne. Wie werden wir der Not des
Augenblicks gerecht? Wenigstens dreitausend Rupien sind unbedingt nötig,
fünftausend würden gerade gut hinreichen. Aber wie in aller Welt könnte
ich jetzt von Geld sprechen, nachdem unsre Gedanken diesen hohen Flug
genommen haben? Und doch ist die Zeit kostbar!

Ich zwang alles Bedenken mit Gewalt nieder, als ich aufspringend rief:
»Königin! Unsre Mittel sind erschöpft, unser Werk wird daran scheitern!«

Bimala zuckte zusammen. Ich sah, sie dachte an die unmöglichen 50000
Rupien. Welche Last mußte sie die ganze Zeit auf dem Herzen gehabt
haben! Vielleicht hatte sie in schlaflosen Nächten darunter gestöhnt.
Was hatte sie sonst als Opfer ihrer Liebe darzubringen? Da sie mir nicht
ihr Herz selbst zu Füßen legen konnte, sehnte sie sich danach, diese
Summe, die für sie so hoffnungslos groß war, zum Träger ihrer
gefangenen Gefühle zu machen. Der Gedanke an das, was sie gelitten haben
mußte, berührte mein Gewissen quälend; denn sie war jetzt ganz mein. Die
Pflanze war mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und damit das
Schlimmste getan. Jetzt bedurfte es nur noch der sorgfältigen Pflege und
Nahrung.

»Königin!« sagte ich, »jetzt im Augenblick haben wir die 50000 Rupien
noch nicht gerade nötig. Ich denke, daß wir einstweilen mit 5000 oder
sogar mit 3000 auskommen.«

Sie war wie von einem Alp befreit. »Ich werde Ihnen 5000 holen«, sagte
sie in einem Ton, als wollte sie in ein Jubellied ausbrechen, -- in das
Lied, das Radhika in den Wischnu-Liedern sang:

    Die Blume aller Blumen will ich suchen,
    Daß sie als Schmuck die dunklen Flechten ziere,
    Wenn der Geliebte naht.

-- es ist dieselbe Weise, dasselbe Lied: fünftausend will ich bringen!
Mit dieser Blume will ich mein Haar schmücken!

Die Zurückhaltung der Flöte ist es, die diesem Liede seinen Wohllaut
gibt. Ich darf nicht meine Begierde zu heftig in ihr Rohr blasen
lassen, sonst würde, fürchte ich, statt der Musik die Frage ertönen:
»Warum?« »Wozu so viel?« »Woher soll ich das schaffen?« -- ganz andere
Töne, als das Lied, das Radhika sang! So habe ich recht, wenn ich sage,
die Illusion allein ist wirklich, -- sie ist die Flöte selbst, während
die Wahrheit nichts als ihre leere Höhlung ist. Nikhil hat in dieser
letzten Zeit diese bloße Leere spüren müssen, -- man sieht es an dem
Ausdruck seines Gesichts, der selbst mich schmerzlich berührt. Aber
Nikhil pflegte sich zu rühmen, daß es ihm um die Wahrheit zu tun sei,
während ich mich rühmte, daß ich mir die Illusion nicht rauben lassen
wollte. Nun hat jeder, was er wollte; was gibt es da zu klagen?

Um Bimalas Herz nicht aus der dünnen Luft des Idealismus zu reißen,
brach ich jede weitere Erörterung über die 5000 Rupien ab. Ich kam
wieder auf die Dämonen vernichtende Göttin und ihren Gottesdienst zu
sprechen. Wann sollte die Feierlichkeit stattfinden, und wo? In Ruimari,
einem Ort, der zu Nikhils Gebiet gehört, findet einmal im Jahre eine
grosse Messe statt, wo Hunderttausende von Pilgern sich versammeln. Das
würde eine großartige Gelegenheit sein für die feierliche Eröffnung des
Kultes unsrer Göttin.

Bimala glühte vor Begeisterung. Hier handelte es sich nicht um das
Verbrennen von ausländischen Stoffen oder gar um das Niederbrennen von
Scheunen, selbst Nikhil könnte also nichts dagegen haben, -- so meinte
sie. Aber ich lächelte innerlich. Wie wenig doch diese beiden Menschen,
die ganze neun Jahre lang Tag und Nacht zusammen gelebt haben, von
einander wissen! Sie wissen vielleicht etwas von ihrem häuslichen Leben,
aber wenn es sich um Außendinge handelt, so sind sie ganz ratlos. Sie
haben in dem schönen Wahn gelebt, daß das Heim und die Außenwelt in
vollkommener Harmonie ständen. Heute müssen sie zu ihrem Leidwesen
einsehen, daß es zu spät ist, die jahrelange Versäumnis nachzuholen und
beide miteinander in Harmonie zu bringen.

Doch was macht das? Mögen die, die den Fehler gemacht haben, beim
Zusammenstoß mit der Welt ihren Irrtum erkennen! Was kümmert mich ihre
Not? Für den Augenblick wird es mir lästig, Bimala noch länger wie einen
Fesselballon in höhern Regionen schweben zu lassen. Es ist besser, ich
bringe die Geldsache erst in Ordnung.

Als Bimala aufstand, um fortzugehen, und schon nahe der Tür war, sagte
ich so ganz nebenbei: »Und was das Geld anbetrifft...«

Bimala hielt an, und sich nach mir umsehend sagte sie: »Ende dieses
Monats, wenn ich mein Monatsgeld bekomme...«

»Das würde viel zu spät sein, fürchte ich.«

»Wann brauchen Sie es denn?«

»Morgen.«

»Gut -- Sie sollen es morgen haben.«


Fußnoten:

[29] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram von Bankin
Tschatterdschi.

[30] Ein Zitat aus den Upanischads.

[31] Es hängt eine Welt von Gefühlen an dem Schmuck der
bengalischen Frauen. Er legt nicht nur Zeugnis ab von der Liebe und
Achtung des Gebers, sondern er wird auch getragen als Symbol für alles,
was man am Weibe am höchsten schätzt, -- die beständige Sorge um das
Wohl ihres Gatten, die erfolgreiche Verrichtung aller materiellen und
geistigen Pflichten, die der Haushalt ihr auferlegt. Wenn der Gatte
stirbt und die Verantwortung für den Haushalt in andere Hände übergeht,
dann wirft die Witwe allen Schmuck beiseite, als ein Zeichen, daß sie
allen weltlichen Interessen entsagt. Zu jeder andern Zeit aber ist der
Verzicht auf Schmuck immer ein Zeichen von höchster Not und appelliert
als solches aufs lauteste an die Ritterlichkeit eines jeden Bengalen,
der zufällig Zeuge davon ist. (Anmerkg. d. engl. Übers.)



ACHTES KAPITEL


NIKHILS ERZÄHLUNG

X

Die Lokalzeitungen haben angefangen, Artikel und Briefe gegen mich zu
veröffentlichen, und ich höre, daß Karikaturen und Schmähschriften
folgen sollen. Witz und Humor lassen ihren Übermut an mir aus, und über
die Lügen, die auf diese Weise verbreitet werden, krümmt sich das ganze
Land vor Lachen. Sie wissen, daß sie das Monopol haben, die Leute mit
Schmutz zu bewerfen, und so kommt der harmlose Vorübergehende nicht
unbesudelt davon.

Sie sagen, daß meine sämtlichen Gutsinsassen, vom höchsten bis zum
niedrigsten, Freunde der Swadeschi-Bewegung sind, aber aus Furcht vor
mir es nicht wagen, sich als solche zu bekennen. Die wenigen, die tapfer
genug waren, mir zu trotzen, haben die ganze Härte meiner Verfolgung
fühlen müssen. Ich bin im geheimen Einverständnis mit der Polizei und
mit dem Magistrat, und diese verzweifelten Anstrengungen, mir zu meinem
ererbten Titel noch einen ausländischen zu erwerben, sollen alle
Aussicht auf Erfolg haben.

Auf der andern Seite sind die Zeitungen des Lobes voll von den Zemindars
Kundu und Tschakravarti, den treu ergebenen Söhnen des Vaterlandes. Wenn
das Land nur noch ein paar solche tapfre Patrioten mehr hätte, heißt es,
so würden die Fabriken von Manchester sich bald ihr eigenes Grablied
nach der Melodie des Bande Mataram singen müssen.

Dann folgt in blutroten Lettern eine Liste der verräterischen Zemindars,
deren Schatzhäuser man verbrannt hat, weil sie die Sache nicht
unterstützen wollten. »Das heilige Feuer«, heißt es weiter, »ist
aufgerufen, daß es seinen heiligen Beruf erfülle und das Land reinige,
und noch andere Kräfte sind am Werk, die dafür sorgen, daß die, die
nicht wahre Söhne des Mutterlandes sind, sich nicht länger auf seinem
Schoß breitmachen.« Die Unterschrift ist augenscheinlich ein Pseudonym.

Ich merkte, daß unsre Studenten dahinter steckten, daher ließ ich einige
von ihnen rufen und zeigte ihnen den Brief.

Einer der Studenten berichtete mir mit ernster Miene, sie hätten auch
gehört, daß eine Schar entschlossener Patrioten sich zusammengetan habe,
die rücksichtslos jedes Hindernis, das sich der Swadeschi-Bewegung
entgegenstellte, aus dem Wege räumen wolle.

»Wenn auch nur einer unserer Landsleute diesen verwegenen Gesellen zum
Opfer fällt,« sagte ich, »so bedeutet dies in der Tat eine Niederlage
unseres Vaterlandes.«

»Das verstehen wir nicht, Maharadscha«, sagte ein Student der
Geschichte.

Ich versuchte, ihnen meine Meinung zu erklären.

»Unser Vaterland«, sagte ich, »ist durch bloße Furcht bis an den Rand
des Abgrunds gebracht, -- Furcht vor den Göttern bis hinab zu der Furcht
vor der Polizei; und wenn ihr nun im Namen der Freiheit ein anderes
Schreckgespenst aufstellt, -- wie ihr es auch nennen mögt --, wenn ihr,
mit der Schwäche eures Vaterlandes rechnend, es durch offene Gewalt
eurem Willen unterwerfen wollt, so kann keiner, der sein Vaterland
wirklich liebt, auf eurer Seite sein.«

»Gibt es denn irgend ein Land,« fragte der Geschichtsstudent weiter,
»das sich aus einem andern Grunde als aus Furcht seiner Regierung
unterwirft?«

»Die Freiheit, die in einem Lande herrscht,« erwiderte ich, »kann man
nach dem Grade bemessen, in dem die Furcht dort herrscht. Wo ihre
Herrschaft sich auf die beschränkt, die rauben und plündern möchten, da
kann die Regierung sich rühmen, den Menschen von der Gewalttätigkeit des
Menschen befreit zu haben. Aber wo Furcht darüber wachen soll, wie die
Menschen sich kleiden, wo sie Handel treiben und was sie essen, da hat
man keine Achtung vor der Willensfreiheit des Menschen und zerstört die
Menschheit an der Wurzel.«

»Übt man in andern Ländern nicht auch solchen Zwang auf den
Einzelwillen?« fragte der Geschichtsstudent weiter.

»Wer leugnet dies?« rief ich aus. »Aber in allen diesen Ländern hat der
Mensch erst seine Menschheit zerstören müssen, damit die Sklaverei
gedeihen konnte.«

»Beweist es nicht vielmehr,« warf ein älterer Student dazwischen, »daß
Sklaverei dem Menschen angeboren und eine Grundtatsache seiner Natur
ist?«

»Sandip Babu setzte die Sache sehr klar auseinander«, sagte ein dritter.
»Er gab uns das Beispiel Ihres Nachbarn, des Zemindars Harisch Kundu.
Auf seinen Gütern würden Sie auch nicht eine einzige Unze ausländischen
Salzes finden. Woher kommt dies? Weil er immer mit eiserner Faust
regiert. Für die, die von Natur Sklaven sind, ist es das größte Elend,
wenn ihnen ein strenger Herr fehlt.«

»Ei, Herr,« fiel ein jüngerer Student ein, »haben Sie denn nicht von dem
widerspenstigen Pächter des andern Zemindars hier in der Nähe,
Tschakravarti, gehört, wie man gesetzlich gegen ihn vorging, bis er in
äußerste Not geriet? Als er schließlich gar nichts mehr zu essen hatte,
ging er aus, um die silbernen Schmuckstücke seiner Frau zu verkaufen,
aber niemand wagte, sie ihm abzunehmen. Dann bot ihm Tschakravartis
Verwalter fünf Rupien für alles zusammen. Sie waren über dreißig wert,
aber er mußte den Handel annehmen oder Hungers sterben. Nachdem der
Verwalter ihm die Sachen abgenommen hatte, sagte er kalt, daß diese fünf
Rupien auf seinen Pachtzins gutgeschrieben werden sollten! Als wir das
hörten, waren wir so empört, daß wir mit Tschakravarti oder seinem
Verwalter nichts mehr zu tun haben wollten, aber Sandip Babu sagte uns,
wenn wir die lebendigen Menschen so beiseite werfen wollten, so müßten
wir uns schließlich die Toten von den Verbrennungsplätzen holen, um
unsre Sache auszufechten! Lebendige Menschen wie diese, bewies er uns,
wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen, -- sie sind die
geborenen Herrscher. Die, die keine eigenen Wünsche haben, müssen sich
den Wünschen solcher Menschen fügen oder durch sie zugrunde gehen.
Sandip Babu stellte sie -- Kundu und Tschakravarti -- in Gegensatz zu
Ihnen, Maharadscha. Ihnen, sagte er, wird es bei all Ihren guten
Absichten nie gelingen, die Fahne der Swadeschi-Bewegung auf Ihrem
Gebiet aufzupflanzen.«

»Ich möchte«, sagte ich, »etwas Größeres pflanzen. Mir ist es nicht um
tote Pfähle zu tun, sondern um lebendige Bäume, und diese brauchen Zeit
zum Wachsen.«

»Ich fürchte, Herr,« bemerkte der Geschichtsstudent höhnisch, »Sie
werden weder Pfähle noch Bäume bekommen. Sandip Babu lehrt ganz richtig,
daß man zugreifen muß, wenn man etwas haben will. Wir brauchen alle
etwas Zeit, um dies zu lernen, weil es dem widerspricht, was wir in der
Schule gelernt haben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie einer von
Harisch Kundus Pachteinnehmern einen der Pächter, der nichts anderes
mehr zu verkaufen hatte, zwang, sein junges Weib herzugeben! An Käufern
fehlte es nicht, und die Forderung des Zemindars wurde befriedigt. Ich
kann Ihnen sagen, Herr, der Anblick des verzweifelten Mannes ließ mich
nächtelang nicht schlafen! Aber was mein Gefühl auch sagte, soviel war
mir klar, daß der Mann, der das Geld, das er haben will, zu bekommen
weiß, und sollte er auch das Weib seines Schuldners verkaufen, -- daß
dieser ein besserer Mann ist als ich. Ich gebe zu, daß ich nicht dazu
imstande wäre, ich bin ein Schwächling, meine Augen füllten sich beim
Anblick solcher Not mit Tränen. Aber wenn irgend jemand unser Vaterland
retten kann, so sind es diese Kundus und Tschakravartis und ihre Leute.«

Ich fand keine Worte für mein Entsetzen. »Wenn das, was Sie sagen, wahr
ist,« rief ich aus, »so sehe ich klar, daß es die Aufgabe meines Lebens
sein muß, das Vaterland zu retten. Die Sklaverei, die uns bis ins Mark
gedrungen ist, kommt bei dieser Gelegenheit als entsetzliche Tyrannei
zum Ausbruch. Ihr seid so gewohnt, euch aus Furcht der Macht zu
unterwerfen, daß für euch der Glaube an die Notwendigkeit der
Unterwerfung der Schwächeren eine Art Religion geworden ist. Mein Kampf
soll gegen diese Schwäche, gegen diese abscheuliche Grausamkeit
gerichtet sein.«

Diese Dinge, die für gewöhnliche Menschen so einfach sind, verwirren
sich unglaublich in den Köpfen der Studenten, und der einzige Zweck
ihrer historischen Sophistereien scheint zu sein, die Wahrheit zu
verdrehen!


XI

Pantschus vorgebliche Tante macht mir zu schaffen. Es wird schwer sein,
sie des Betrugs zu überführen, denn obwohl es oft schwierig oder
unmöglich ist, Zeugen für ein wirkliches Geschehnis zu finden, so
lassen sich doch immer für etwas, was gar nicht geschehen ist, unzählige
Beweise aufbringen. Der Zweck dieses Schachzuges ist augenscheinlich,
den Verkauf von Pantschus Pachthof an mich rückgängig zu machen.

Da ich keinen andern Ausweg finden konnte, dachte ich daran, Pantschu
auf meinem Gebiet ein Stück Land in Erbpacht zuzuweisen und eine Hütte
darauf bauen zu lassen. Aber mein Lehrer wollte davon nichts wissen. Er
meinte, ich solle solchem boshaften Treiben gegenüber nicht gutwillig
nachgeben, und erklärte sich bereit, die Sache selbst in die Hand zu
nehmen.

»Sie, Meister?« rief ich höchst überrascht.

»Ja, ich«, wiederholte er.

Ich konnte mir durchaus nicht vorstellen, wie mein Lehrer irgend etwas
gegen diese juristischen Ränke tun könnte. An diesem Abend kam er nicht
wie sonst zur gewohnten Stunde zu mir. Als ich mich nach ihm erkundigte,
erfuhr ich von seinem Diener, daß er mit einem kleinen Koffer, in den er
ein paar Sachen und etwas Bettzeug gepackt hatte, abgereist sei und in
einigen Tagen zurück sein werde. Ich dachte, daß er sich vielleicht
aufgemacht hätte, um im Dorf, wo der Onkel Pantschus gelebt hat, Zeugen
zu finden. Aber solch Unternehmen schien mir ganz aussichtslos...

Am Tage vergesse ich mich über meiner Arbeit. Aber wie der
Spätherbstnachmittag langsam vorrückt und die Farben am Himmel trübe
werden, trüben sich auch meine Gefühle. Es gibt viele in dieser Welt,
deren Seele in Steinhäusern wohnt, -- sie brauchen sich um das Draußen
nicht zu kümmern. Aber meine Seele wohnt unter den Bäumen im freien
Felde; sie nimmt die Botschaften, die die freien Winde bringen,
mittelbar in sich auf, und die ganze Tonleiter von Licht und Dunkel
findet Widerhall und Antwort in ihrer innersten Tiefe.

Solange der helle Tag um mich leuchtet und ich mitten im Getriebe der
Menschen bin, scheint es, als ob meinem Leben nichts fehlt. Aber wenn
die Farben am Horizont verblassen und der Himmel die Vorhänge über seine
Fenster zieht, dann fühlt mein Herz, daß der Abend auch für mich wie ein
Vorhang herabsinkt, um die Welt draußen auszuschließen und die Stunde zu
künden, wo die Dunkelheit sich mit dem Einen füllen muß. Erde, Himmel
und Wasser rufen es uns zu, und ich kann mein Ohr nicht ihrem Ruf
verschließen. Wenn daher die Dämmerung immer tiefer wird, wie der Blick
aus den dunklen Augen der Geliebten, so sagt mir mein ganzes Wesen, daß
die Arbeit allein nicht der wahre Sinn des Lebens sein kann, daß sie
allein nicht Inhalt und Zweck des menschlichen Daseins sein soll, denn
der Mensch soll nicht ein bloßer Sklave sein -- auch nicht der Sklave
des Wahren und Guten.

Ach, Nikhil, wo ist der Teil seines Selbst geblieben, der sonst, wenn
die Arbeit des Tages getan war, unter dem Sternenhimmel alle Fesseln von
sich warf und hineintauchte in die unendlichen Tiefen des nächtlichen
Dunkels? Wie furchtbar einsam ist doch der, dem in der Mannigfaltigkeit
des Lebens der Gefährte fehlt!

Neulich abends, um die Zeit, wo Tag und Nacht sich auf der Schwelle
begegnen, hatte ich gerade nicht zu arbeiten, war auch nicht zum
Arbeiten aufgelegt, und auch mein Lehrer war nicht da, um mir
Gesellschaft zu leisten. Mein Herz war wie ein leer dahintreibendes
Boot, das einen Ankerplatz sucht, und so schlenderte ich den inneren
Gärten zu. Ich liebe die Chrysanthemen sehr, und an der einen Seite des
Parkes habe ich ganze Reihen davon in allen Spielarten an der Mauer
entlang in Töpfen hintereinander aufstellen lassen. Als sie blühten, sah
es aus, als ob eine grüne Woge sich in Schaum von allen Regenbogenfarben
auflöste. Ich war längere Zeit nicht nach diesem Teil des Parkes
gekommen, und der Gedanke, meine Chrysanthemen nach langer Trennung
wiederzusehen, erfüllte mich mit freudiger Erwartung.

Als ich eintrat, sah der Vollmond gerade über die Mauer, deren Fuß noch
im tiefen Schatten lag. Es war, als ob er sich von hinten auf den Zehen
herangeschlichen hätte und mutwillig lächelnd der Dunkelheit die Augen
zuhielte. Als ich mich der Terrasse von Chrysanthemen näherte, sah ich
davor eine Gestalt im Grase ausgestreckt. Mein Herz stockte plötzlich.
Auch die Gestalt richtete sich beim Nahen meiner Schritte erschrocken
auf.

Was sollte ich in dem Augenblick tun? Ich schwankte, ob ich mich noch
schnell zurückziehen sollte. Auch Bimala überlegte augenscheinlich, wie
sie mir entkommen könnte. Aber es schien mir ebenso ungeschickt, jetzt
fortzugehen, wie zu bleiben. Bevor ich mich entschließen konnte, stand
Bimala auf, schlug das Ende ihres Sari über den Kopf und ging fort, den
inneren Gemächern zu.

Diese kurze Pause hatte genügt, um mir das ganze Elend Bimalas
klarzumachen. Und sofort verstummte die Klage meines eigenen Lebens. Ich
rief aus: »Bimala!«

Sie fuhr zusammen und hielt an, doch wandte sie sich nicht um. Ich trat
hinzu und stand vor ihr. Ihr Gesicht war im Schatten, das Mondlicht fiel
auf meines. Sie hatte die Augen gesenkt, die Hände krampfhaft
zusammengepreßt.

»Bimala,« sagte ich, »warum sollte ich versuchen, dich in diesem
verschlossenen Käfig bei mir festzuhalten? Weiß ich denn nicht, daß du
auf diese Weise vor Kummer und Sehnsucht vergehen mußt?«

Sie stand still da, ohne die Augen zu erheben oder ein Wort zu sagen.

»Ich weiß,« fuhr ich fort, »daß, wenn ich dich mit Gewalt gefesselt
halten wollte, mein ganzes Leben nichts mehr sein würde als eine
eiserne Kette. Welche Freude könnte ich davon haben?«

Sie schwieg noch immer.

»Daher sage ich dir aufrichtig, Bimala,« schloß ich, »du bist frei. Was
immer ich dir auch gewesen bin oder vergeblich zu sein versucht habe, --
deine Fessel will ich nicht sein.« Und damit ging ich nach den äußeren
Gemächern.

Nein, nein, es war weder ein großmütiger Impuls, noch war es
Gleichgültigkeit. Ich hatte nur einfach eingesehen, daß ich selbst nie
frei sein würde, solange ich andere in Unfreiheit ließe. Hätte ich
versucht, Bimala wie eine Schmuckkette um meinen Hals zu behalten, so
hätte diese Kette wie eine schwere Last auf mein Herz gedrückt. Habe ich
nicht aus tiefster Seele gebetet, daß ich willig mein Los auf mich
nehmen und auf Glück verzichten oder den Schmerz willkommen heißen
wollte, wenn ich nur nicht in Knechtschaft leben sollte? Wenn man sich
gewaltsam an die Lüge klammert und nicht von dem Glauben lassen will,
daß sie Wahrheit ist, so erdrosselt man sich selbst. Möge ich vor
solcher Selbstzerstörung bewahrt bleiben!

Als ich mein Zimmer betrat, fand ich meinen Lehrer dort wartend. Meine
erregten Gefühle wogten noch in mir. »Die Freiheit, Meister,« begann ich
ohne ein Wort der Begrüßung oder der Frage, »die Freiheit ist das
Höchste für den Menschen. Nichts läßt sich mit ihr vergleichen, -- gar
nichts!«

Überrascht über diesen Ausbruch, sah mein Lehrer schweigend zu mir auf.

»Aus Büchern kann man nichts verstehen«, fuhr ich fort. »Wir lesen in
den heiligen Schriften, daß unsre Begierden Fesseln sind, die so wohl
uns selbst, wie andre binden. Aber solche Worte an sich sind so leer.
Erst in dem Augenblick, wo wir den Vogel aus dem Käfig lassen, wird es
uns klar, wie unfrei der Vogel uns gemacht hatte. Was wir einkerkern, es
sei, was es sei, fesselt uns mit Begierde, deren Bande stärker sind als
eiserne Ketten. Ich sage Ihnen, Meister, dies ist es, was die Menschen
nie begreifen wollen. Sie alle versuchen irgend etwas zu reformieren,
was außerhalb ihrer selbst ist. Aber die eigenen Begierden sind es, die
reformiert werden müssen, sonst nichts, sonst nichts!«

»Wir meinen,« sagte er, »daß wir unser eigener Herr sind, wenn wir den
Gegenstand unsrer Begierden in unsre Hand bekommen haben, aber in
Wahrheit sind wir nur unser eigener Herr, wenn es uns gelingt, unser
Herz von unsern Begierden zu befreien.«

»Wenn wir das alles so in Worte fassen, Meister,« fuhr ich fort, »so
klingt es wie irgendeine sterile Greisenweisheit, aber wenn wir uns
etwas davon wirklich begreifen, so sehen wir, daß es amrita ist, das die
Götter tranken und unsterblich wurden. Wir können die Schönheit erst
erkennen, wenn wir sie freilassen. Es war Buddha, der die Welt eroberte,
nicht Alexander, -- dies ist falsch, wenn wir es in trockner Prosa
sagen, -- ach, wann werden wir es in die Welt hinaus singen können? Wann
werden alle diese innersten Wahrheiten des Universums überfließen über
die Seiten der gedruckten Bücher und sich zu einem heiligen Strom
vereinigen?«

Plötzlich fiel mir ein, daß ja mein Lehrer die letzten Tage verreist
gewesen war, und ich den Grund seiner Abwesenheit noch nicht erfahren
hatte. Ich schämte mich etwas über meine Gedankenlosigkeit und fragte
ihn: »Und wo sind Sie die ganze Zeit gewesen, Meister?«

»Bei Pantschu«, erwiderte er.

»Wirklich!« rief ich aus. »Sind Sie alle diese Tage dagewesen?«

Ja. Ich wollte mit der Frau, die sich seine Tante nennt, zu einer
Verständigung kommen. Sie konnte es gar nicht fassen, daß es unter den
Vornehmen solche Käuze gäbe, wie der, der Gastfreundschaft bei ihnen
suchte. Als sie sah, daß ich wirklich die Absicht hatte, zu bleiben,
fing sie an, sich etwas zu schämen. »Mütterchen,« sagte ich, »Sie werden
mich nicht los, selbst wenn Sie mich schlecht behandeln! Und solange ich
bleibe, bleibt Pantschu auch. Denn, nicht wahr, Sie müssen doch
einsehen, daß ich es nicht ruhig mit ansehen kann, wenn seine
mutterlosen Kleinen auf die Straße gesetzt werden?«

Sie hörte mir ein paar Tage lang zu, wenn ich so redete, ohne ja oder
nein zu sagen. Heute morgen sah ich, daß sie dabei war, ihr Bündel zu
schnüren. »Wir wollen zurück nach Brindaban«, sagte sie. »Geben Sie uns
das Geld für die Reise! Ich weiß, daß sie nicht nach Brindaban reisen
wird und daß ihre Reisekosten eine hübsche Summe ausmachen werden.
Deshalb komme ich zu dir.«

»Die Summe, die sie fordert, soll ihr bezahlt werden«, sagte ich.

»Die alte Frau ist gar nicht so übel«, sagte mein Lehrer nachdenklich.
»Pantschu war unsicher wegen ihrer Kaste und wollte nicht dulden, daß
sie die Wasserkrüge oder überhaupt etwas von seinen Sachen anrührte. So
zankten sie sich beständig. Als sie sah, daß ich nichts gegen ihre
Berührung hatte, sorgte sie mit großer Hingebung für mich. Sie ist eine
ausgezeichnete Köchin!«

»Aber der ganze Rest von Pantschus Achtung für mich schwand. Bis zuletzt
hatte er noch geglaubt, daß ich wenigstens ein harmloser und einfältiger
Mensch sei. Aber hier mußte er nun sehen, wie ich ganz unbedenklich
meine Kaste aufs Spiel setzte, um die alte Frau für meinen Zweck zu
gewinnen. Hätte ich versucht, ihr den Rang abzulaufen, indem ich irgend
jemandem eine Zeugenaussage eingedrillt hätte, das wäre etwas anderes
gewesen. Kriegslist muß man mit Kriegslist begegnen. Aber daß man sie
auf Kosten der Strenggläubigkeit übt, ist mehr, als er ertragen kann!«

»Jedenfalls muß ich auch nach der Abreise der Frau noch ein paar Tage
bei Pantschu bleiben, denn Harisch Kundu heckt vielleicht eine neue
Teufelei aus. Er hat zu seinen Trabanten gesagt, daß er sich begnügt
hätte, Pantschu mit einer Tante zu versehen, aber ich wäre sogar soweit
gegangen, ihm einen Vater zu verschaffen. Nun wollte er sehen, wie viele
Väter dazu gehörten, um ihn zu retten!«

»Ob es uns gelingt, ihn zu retten, oder nicht,« sagte ich, »wenn wir
zugrunde gehen bei dem Versuch, unser Vaterland aus den tausend
Schlingen zu retten, die diese Leute ihm aus Religion, Sitte und
Selbstsucht drehen, so wird unser Ende glücklich sein.«


BIMALAS ERZÄHLUNG

XIV

Wer hätte gedacht, daß sich so viel in diesem einen Leben ereignen
könnte? Es ist mir, als hätte ich eine ganze Reihe von Existenzen
durchlebt; die Zeit ist so schnell verflogen, ohne daß ich es merkte,
bis ich neulich plötzlich wie aus einem Traum erwachte.

Ich wußte, es würde eine Auseinandersetzung zwischen uns geben, als ich
mich entschloß, meinen Gatten zu bitten, die ausländischen Waren von
unserm Markt zu verbannen. Aber ich glaubte fest, ich würde es nicht
nötig haben, ihn mit Gründen zu überzeugen, der Zauber, der von mir
ausströmte, würde schon seine Wirkung tun. War nicht ein so gewaltiger
Mann wie Sandip mir hilflos zu Füßen gesunken, wie die mächtige
Meereswoge, die sich am Ufer bricht? Hatte ich ihn gerufen? Nein, meine
Zauberkraft hatte ihn angezogen. Und Amulja, der arme liebe Junge, als
er mich zuerst sah, wie war da der Strom seines Lebens in roter Glut
aufgeflammt, wie der Fluß beim Sonnenaufgang! Wahrlich, ich habe
empfunden, wie einer Göttin zumute sein muß, wenn sie auf das strahlende
Antlitz ihres Priesters herabschaut.

In der stolzen Zuversicht, den diese Beweise meiner Macht mir gegeben,
schickte ich mich an, meinem Gatten entgegenzutreten wie eine
gewitterschwangere Wolke. Aber was geschah? Nie in all diesen neun
Jahren sah ich einen so kühlen, fremden Blick in seinen Augen, -- wie
der Wüstenhimmel, der trocken und teilnahmlos auf alles niederblickt. Es
wäre mir eine solche Erleichterung gewesen, wenn er in Zorn aufgeflammt
wäre! Aber ich sah keine Möglichkeit, ihm nahezukommen. Ich fühlte mich
wie in einem Traume, in einem Traume, auf den nur das Dunkel der Nacht
folgen würde.

Früher beneidete ich meine Schwägerin immer wegen ihrer Schönheit.
Damals hatte ich das Gefühl, daß die Vorsehung mir keine eigene Macht
gegeben hätte, daß meine ganze Stärke in der Liebe läge, mit der mein
Gatte mich beschenkte. Jetzt, da ich den Becher der Macht zur Neige
geleert hatte und ihren Rausch nicht mehr entbehren konnte, fand ich
ihn plötzlich in Stücke zerbrochen zu meinen Füßen, und nichts schien
mir mehr des Lebens wert.

Wie fieberhaft hatte ich mich an jenem Tage mit meinem Haar gemüht! O
Schmach und Schande über mich! Meine Schwägerin hatte, als sie
vorbeikam, ausgerufen: »Ei, Tschota Rani, dein Haar scheint ja in die
Luft fliegen zu wollen. Paß nur auf, daß es nicht den Kopf mit
wegnimmt!«

Und dann neulich im Garten, wie leicht wurde es meinem Gatten, mir zu
sagen, daß er mich freigäbe! Aber läßt Freiheit -- leere Freiheit --
sich so leicht geben und nehmen? Es ist, als ob man einen Fisch in der
Luft in Freiheit setzte, -- denn wie kann ich außerhalb der Atmosphäre
liebender Sorge, die mich immer umgab, leben und atmen?

Als ich heute in mein Zimmer trat, sah ich nur Möbel -- nur die
Bettstelle, nur den Spiegel, nur den Kleiderriegel --, nicht die Seele,
die das Ganze sonst durchdrang und beherrschte. Statt dessen war da
Freiheit, nur Freiheit, bloße Leere. Ein trockenes Flußbett, in dem
alle Felsen und Kiesel bloß lagen. Kein Gefühl, nur Möbel!

Als ich in einen Zustand äußerster Verstörtheit geraten war und mich
fragte, ob mir überhaupt noch irgend etwas Wahres in meinem Leben
geblieben sei und wo es sein könne, begegnete ich zufällig wieder
Sandip. Da stieß Leben auf Leben, und die Funken sprühten, wie sie es
sonst getan. Hier war Wahrheit -- ungestüme Wahrheit, die schäumend in
das leere Flußbett stürzte und alle Grenzen überflutete, -- Wahrheit,
die tausendmal wahrer war als die Bara Rani mit ihrem Mädchen Thako und
ihren törichten Liedern und als alle die andern, die schwatzend und
lachend umherliefen...

»Fünfzigtausend!« hatte Sandip gefordert.

»Was sind fünfzigtausend?« rief mein Herz berauscht. »Sie sollen sie
haben.«

Wie und wo ich sie bekommen sollte, das waren untergeordnete Fragen, die
zunächst nicht in Betracht kamen. Wie war es denn mit mir gewesen? War
ich nicht in einem Augenblick aus meinem Nichts emporgehoben worden zu
einer Höhe, die alles überragte? So wird auch alles auf meinen Wink und
Ruf kommen. Ich werde sie mir verschaffen, auf jeden Fall verschaffen,
-- daran kann kein Zweifel sein.

In dieser Stimmung hatte ich Sandip neulich verlassen. Aber als ich dann
um mich blickte, wo war er da, der Baum des Überflusses? Ach, warum
verspottet und verhöhnt die Welt draußen unser Herz so?

Doch verschaffen muß ich es mir; wie, das gilt mir gleich, denn Sünde
gibt es hier nicht. Sünde befleckt nur die Schwachen; ich mit meiner
Schakti-Kraft stehe über ihr. Nur ein Gemeiner kann Diebstahl begehen,
der König erobert und nimmt sich die Beute, die ihm zukommt ... Ich muß
herausfinden, wo das Schatzamt ist, wer das Geld dorthin bringt und wer
es bewacht.

Ich brachte die halbe Nacht auf der Außenveranda zu und spähte nach der
Reihe der Geschäftsgebäude hinüber. Aber wie sollte ich die 50000 Rupien
aus den Klauen jener Eisenriegel herausbekommen? Wenn ich durch
irgendeinen Zauberspruch alle jene Wachen hätte tot zu Boden fallen
lassen können, ich hätte nicht gezögert, -- so erbarmungslos war mir zu
Sinn!

Aber während eine ganze Räuberbande im wirbelnden Hirn seiner Rani einen
Kriegstanz aufführte, lag das große Haus des Radscha in tiefstem Frieden
da. Die Glocke des Wächters kündete eine Stunde nach der andern, und der
Himmel sah still und gelassen auf mich herab.

Schließlich ließ ich Amulja rufen.

»Wir brauchen Geld für die nationale Sache«, sagte ich zu ihm. »Kannst
du es nicht aus dem Schatzamt schaffen?«

»Warum nicht?« sagte er, sich in die Brust werfend.

Ach, hatte ich nicht auch gerade so »Warum nicht?« geantwortet, als
Sandip mich fragte? Die Zuversicht des armen Burschen konnte mir nur
wenig Hoffnung geben.

»Wie willst du es anfangen?« fragte ich.

Die abenteuerlichen Pläne, die er darauf zu entfalten begann, lassen
sich nur in einem Schauerroman wiederholen.

»Nein, Amulja,« sagte ich strenge, »du darfst nicht kindisch sein.«

»Nun,« sagte er, »so will ich die Wächter bestechen.«

»Woher willst du das Geld dazu nehmen?«

»Ich kann den Bazar plündern,« antwortete er unverblüfft.

»Solche Dinge laß bleiben! Ich habe ja meine Schmucksachen, die ich dazu
brauchen kann.«

»Aber,« sagte Amulja, »mir fällt ein, daß sich der Schatzmeister nicht
bestechen läßt. Doch das macht nichts; es gibt ein anderes und
einfacheres Mittel.«

»Welches?«

»Warum brauchen Sie es zu wissen? Es ist ganz einfach.«

»Aber ich möchte es doch wissen.«

Amulja kramte in seiner Jackentasche und zog erst eine kleine Ausgabe
der Gita heraus, die er auf den Tisch legte, -- und dann eine kleine
Pistole, die er mir zeigte, ohne weiter etwas zu sagen.

Entsetzlich! Er besann sich keinen Augenblick, unsern guten alten
Schatzmeister[32] zu töten! Wenn man sein freimütiges, offenes Gesicht
sah, hätte man gedacht, daß er keiner Fliege wehtun könnte, aber was
waren das für Worte, die aus seinem Munde kamen! Es war klar, der
Schatzmeister war für ihn nichts Wirkliches und Lebendiges, das zu
seinem Gefühl sprach, sondern nur eine Leere, die ausgefüllt war mit
immer bereiten Sprüchen aus der Gita wie: »Wer den Leib tötet, tötet
nichts!«

»Aber Amulja, was denkst du dir nur?« rief ich endlich aus. »Weißt du
denn nicht, daß der gute alte Mann Frau und Kinder hat und daß er...«

»Wo sollen wir Männer finden, die keine Frauen und Kinder haben?«
unterbrach er mich. »Sehen Sie, Maharani, was wir Mitleid nennen, ist im
Grunde nur Mitleid mit uns selbst. Wir scheuen uns, unsre eigenen
weicheren Regungen und Gefühle zu verletzen, und daher schlagen wir
nicht zu! Das ist der Gipfel der Feigheit!«

Es machte mich betroffen, als ich Sandips Phrasen aus dem Munde dieses
Knaben hörte. Er war noch so rührend jung und unreif, -- in dem Alter,
wo man noch an das Gute als solches glauben kann, in dem Alter, wo man
wahrhaft lebt und wächst. Die Mutter in mir erwachte.

Für mich selbst gab es nicht Gut noch Böse mehr, -- gab es nur den Tod,
den schönen lockenden Tod. Aber als ich diesen Knaben so ruhig von der
Ermordung eines harmlosen alten Mannes reden hörte wie von einer ganz
gerechten Sache, überlief mich ein Schauder. Je deutlicher ich sah, daß
in seinem Herzen keine Sünde war, desto furchtbarer erschien mir die
Sünde in seinen Worten. Es war mir, als ob die Sünde der Väter an dem
unschuldigen Kinde heimgesucht würde.

Der Anblick seiner großen, von Glauben und Begeisterung leuchtenden
Augen schnitt mir durch die Seele. Er stürzte sich in seiner Verblendung
geradeswegs in den Schlund des Drachen, aus dem es keine Rückkehr gab.
Wie konnte ich ihn retten? Warum erweist sich mein Land nicht einmal als
wirkliche Mutter, die ihren Sohn ans Herz drückt und ausruft: »O, mein
Kind, mein Kind, was nützt es, daß du mich rettest, wenn ich dich nicht
retten kann?«

Ich weiß wohl, daß alle Macht auf Erden groß wird, wenn sie sich mit
dem Satan verbündet. Aber die Mutter ist da, daß sie, und wenn sie auch
ganz allein steht, dem Teufel trotze und sein Werk zu hindern suche. Die
Mutter macht sich nichts aus bloßem Erfolg, wie groß er auch sei, -- sie
will Leben geben und Leben erhalten. Und meine Seele streckt in
inbrünstigem Verlangen heute die Hände aus, dies Kind zu retten.

Eben noch habe ich ihn zum Raub aufgestachelt. Was ich nun auch dagegen
sagen mag, nimmt er als weibliche Schwäche. Sie lieben unsre Schwäche
nur, wenn sie die Welt in ihre Netze lockt!

»Du brauchst gar nichts zu tun, Amulja, ich werde das Geld schon
schaffen«, sagte ich endlich zu ihm.

Als er im Begriff war, aus der Tür zu gehen, rief ich ihn zurück.
»Amulja,« sagte ich, »ich bin deine ältere Schwester. Nach dem Kalender
ist heute nicht der Brudertag[33], aber in Wahrheit sind alle Tage im
Jahr Brudertage. Mein Segen sei mit dir! Möge Gott dich immer behüten!«

Diese unerwarteten Worte von meinen Lippen machten Amulja starr vor
Überraschung. Er stand eine Weile regungslos da. Dann kam er zu sich.
Und nun warf er sich vor mir nieder, als ein Zeichen, daß er meine
Schwesterschaft annahm und mir als Bruder seine Ehrfurcht bezeugte. Als
er sich erhob, waren seine Augen voll Tränen ... Ach, mein kleiner
Bruder! Ich eile mit schnellen Schritten dem Tode zu, laß mich all
deine Sünde mit mir nehmen! Möge deine Unschuld nie durch mich befleckt
werden!

Ich sagte zu ihm: »Gib mir diese Pistole als Brudergeschenk!«

»Was wollen Sie damit, Schwester?«

»Ich will mich mit dem Tod vertraut machen.«

»Das ist recht, Schwester. Auch unsre Frauen müssen lernen, wie man
stirbt und wie man tötet.« Und damit gab Amulja mir die Pistole.

Es war mir, als ob der Glanz seines jugendlichen Antlitzes mein Leben
mit der Ahnung eines neuen Morgenlichtes überstrahlte. Ich steckte die
Pistole zu mir. Möge dies Brudergeschenk die letzte Zuflucht in meiner
Not sein...

Nun, da die Tür zu der Kammer der Mutter in meinem Frauenherzen einmal
geöffnet war, glaubte ich, sie würde immer offenbleiben. Aber dieser
Pfad zum Heil wurde versperrt, als die Herrin den Platz der Mutter
einnahm und sie wieder schloß. Gleich am Tage darauf sah ich Sandip, und
sofort tanzte der Wahnsinn unverhüllt und zügellos in meinem Herzen.

Was war dies? War dies nun mein wahreres Ich? Nein, niemals! Nie vorher
hatte ich dieses schamlose, grausame Weib in mir gekannt. Der
Schlangenbeschwörer war gekommen und hatte getan, als ob er diese
Schlange aus den Falten meines Gewandes hervorzauberte, -- aber sie war
nie da, sie war die ganze Zeit bei ihm verborgen. Irgendein Dämon hat
Besitz von mir ergriffen, und was ich heute tue, ist sein Spiel und
Treiben -- es hat nichts mit mir zu tun.

Dieser Dämon war an jenem Tage unter der Maske eines Gottes mit seiner
roten Fackel zu mir gekommen und hatte gesagt: »Ich bin dein Land. Ich
bin deine Leuchte[34]. Ich bin dir mehr als irgendeiner von den Deinen.
Bande Mataram!« Und mit gefalteten Händen hatte ich geantwortet: »Du
bist meine Religion. Du bist mein Himmel. Alles andere, was mein ist,
soll von der Flut meiner Liebe zu dir hinweggefegt werden. Bande
Mataram!«

Fünftausend sind es? Fünftausend sollen es sein! Morgen brauchst du
sie? Morgen sollst du sie haben! In dieser rasenden Orgie soll dies
Opfer von 5000 sein wie der Schaum auf dem Becher, und dann auf zum
wilden Gelage! Die unbewegliche Welt soll unter unsern Füßen schwanken,
Feuer soll aus unsern Augen sprühen, ein Sturm soll uns im Ohr heulen,
und die Gestalten der Wirklichkeit und der Phantasie sollen
durcheinander im Nebel vor unsern Blicken tanzen. Und dann wollen wir
taumelnd in den Abgrund des Todes stürzen, -- und in einem Augenblick
wird alles Feuer erloschen, die Asche zerstreut sein, und nichts wird
übrigbleiben.


Fußnoten:

[32] Der Schatzmeister ist der Beamte, der am meisten mit der
weiblichen Gutsherrschaft in Berührung kommt, da er ihre Aufträge für
den Haushalt entgegennimmt und ihre Einkäufe besorgt, und so gehört er
mehr zur Familie als die andern.

[33] In bengalischen Häusern (vielleicht in Hinduhäusern
überall in Indien) wird die Tochter des Hauses mit besonderer Liebe
gehegt, weil sie nach dem Gebot der Sitte so früh verheiratet wird. So
nimmt sie liebe Erinnerungen mit in das Heim ihres Gatten, wo sie als
Fremde erst Wurzel fassen muß, bevor ihr die ihr gebührende Stellung
zuteil wird. Das Gefühl, das somit die junge Frau ihrem alten Heim
gegenüber bewahrt, kommt zum feierlichen Ausdruck an dem Brudertag, an
dem die Brüder ins Haus ihrer verheirateten Schwester geladen werden.
Ist die Schwester die ältere, so nimmt sie die Ehrfurchtsbezeugung ihrer
Brüder entgegen und gibt ihnen ihren Segen, und umgekehrt. Bei der
Gelegenheit werden Geschenke getauscht, die man als Gaben der Ehrfurcht
oder des Segens bezeichnet. (Anm. d. engl. Übers.)

[34] Im Englischen: I am your Sandip. Das indische Wort sandipu
bedeutend »flammend, leuchtend«. (Übers.)



NEUNTES KAPITEL


BIMALAS ERZÄHLUNG

XV

Eine Zeitlang grübelte ich vergeblich hin und her, wie ich das Geld
bekommen sollte, bis neulich plötzlich vor meiner aufs höchste erregten
Phantasie der Weg als deutliches Bild dastand.

Jedes Jahr, um die Zeit des Festes der Göttin Kali, macht mein Gatte
meiner Schwägerin ein Ehrengeschenk von 6000 Rupien, und immer wird es
auf ihr Konto bei der Bank in Kalkutta niedergelegt. In diesem Jahr
erhielt sie diese Ehrengabe wie gewöhnlich, aber das Geld ist noch nicht
auf die Bank gebracht und wird solange in einem eisernen Geldschrank
aufbewahrt, in einer Ecke des kleinen Ankleidezimmers neben unserm
Schlafzimmer.

Jedes Jahr bringt mein Gatte das Geld selbst auf die Bank. Diesmal hat
er noch keine Gelegenheit gehabt, in die Stadt zu fahren. Mußte ich
nicht darin die Hand der Vorsehung erkennen? Das Geld ist hier
zurückgehalten, weil das Vaterland es braucht, -- wer hätte da die
Macht, es ihm zu nehmen und es auf die Bank zu bringen? Und wie könnte
ich mich weigern, es fortzunehmen? Die Göttin der Zerstörung hält mir
ihren Blutbecher hin und ruft: »Gib mir zu trinken, ich bin durstig.«
Ich will ihr mein eignes Herzblut geben mit jenen 5000 Rupien. Große
Mutter! Der, der das Geld verliert, wird den Verlust kaum fühlen, aber
mich wirst du ganz zugrunde richten!

Wie manchesmal habe ich früher meine Schwägerin innerlich eine Diebin
genannt, weil sie meinem arglosen Gatten Geld abschmeichelte. Nach dem
Tode ihres Gatten brachte sie oft Sachen, die uns gehörten, für sich auf
die Seite. Ich pflegte meinen Gatten darauf aufmerksam zu machen, aber
er sagte nichts. Oft wurde ich böse und sagte: »Wenn du Lust hast zu
schenken, so schenke meinetwegen, soviel du willst, aber warum läßt du
dich bestehlen?« Die Vorsehung muß damals über meine Klagen gelächelt
haben, denn heute bin ich es, die das, was meiner Schwägerin gehört, aus
meines Gatten Geldschrank stiehlt.

Mein Gatte hat die Gewohnheit, die Schlüssel in seiner Tasche zu lassen,
wenn er sich vor dem Schlafengehen im Ankleidezimmer auszieht und sein
Zeug dort läßt. Ich suchte mir den Schlüssel zum Geldschrank heraus und
öffnete ihn. Es war mir, als ob das leise Geräusch die ganze Welt
aufwecken müßte! Meine Hände und Füße wurden plötzlich eiskalt, und ich
zitterte am ganzen Leibe.

In dem Geldschrank ist eine Schieblade. Als ich sie öffnete, fand ich
das Geld, nicht in Banknoten, sondern in eingewickelten Goldrollen. Ich
hatte keine Zeit, mir das, was ich brauchte, abzuzählen. Es waren
zwanzig Rollen. Ich nahm sie alle und knotete sie in eine Ecke meines
Sari.

Welch ein Gewicht war das! Es war, als ob die Last des Diebstahls mich
zu Boden zöge und mein Herz in den Staub drückte. Vielleicht hätten
Banknoten es mir weniger als Diebstahl erscheinen lassen, aber dies war
alles Gold.

Nachdem ich mich wie ein Dieb zurückgeschlichen hatte, erschien mir mein
Zimmer nicht mehr wie mein eignes. All die kostbaren Rechte, die ich
daran hatte, verschwanden vor meinem Diebstahl. Ich begann leise für
mich hin zu murmeln, als ob ich Zaubersprüche murmelte: »Bande Mataram,
Bande Mataram, mein Land, mein goldnes Land, all dies Gold ist für dich,
für niemanden sonst!«

Aber in der Nacht ist der Geist schwach. Ich ging mit geschlossenen
Augen durch das Schlafzimmer zurück, in dem mein Gatte schlief, und trat
hinaus auf die offene Terrasse davor; dort warf ich mich ausgestreckt
auf den Boden, den Zipfel meines Sari mit dem Golde gegen die Brust
gepreßt. Ich fühlte jede einzelne Goldrolle und es war, als ob jede
meinem Herzen einen schmerzhaften Stoß gab.

Die Nacht stand schweigend da mit erhobenem Zeigefinger. Ich konnte mein
Haus nicht als etwas von meinem Vaterlande Getrenntes empfinden: ich
hatte mein Haus beraubt, also hatte ich auch mein Vaterland beraubt.
Durch diese Sünde hatte mein Haus aufgehört mein zu sein, auch mein Land
war mir dadurch entfremdet. Wäre ich gestorben, indem ich für mein Land
betteln ging, selbst ohne Erfolg, so wäre das ein den Göttern
willkommenes Opfer gewesen. Aber Diebstahl ist niemals Gottesdienst, --
wie kann ich denn dies Gold opfern? Ach, wehe mir! Ich bin selbst dem
Verderben geweiht, muß ich nun auch mein Vaterland durch meine sündige
Berührung beflecken?

Der Weg, das Geld zurückzubringen, ist mir abgeschnitten. Ich habe nicht
die Kraft, in das Zimmer zurückzugehen, noch einmal den Schlüssel zu
nehmen, noch einmal den Geldschrank zu öffnen, -- ich würde auf der
Schwelle vor meines Gatten Tür ohnmächtig zusammenbrechen. Der einzige
Weg, der mir bleibt, ist der Weg geradeaus weiter. Doch ich habe auch
nicht die Kraft, mich bedachtsam hinzusetzen und die Geldstücke zu
zählen. Mögen sie in ihrer Hülle bleiben, ich kann jetzt nicht rechnen.

Der Winterhimmel war ganz klar. Die Sterne leuchteten hell. Wenn ich, so
dachte ich bei mir, als ich da draußen lag, alle diese Sterne, einen
nach dem andern, wie goldene Münzen für mein Vaterland stehlen müßte, --
diese Sterne, die die Dunkelheit so sorgfältig in ihrem Busen
aufbewahrt, -- dann würde der Himmel auf ewig seines Augenlichtes
beraubt und die Nacht auf ewig verwaist sein, und mein Diebstahl würde
die ganze Welt berauben. Aber war nicht auch eben das, was ich getan
hatte, ein Raub an der ganzen Welt, -- nicht nur ein Raub von Geld,
sondern auch von Vertrauen und Redlichkeit?

Ich brachte die Nacht auf der Terrasse liegend zu. Als endlich der
Morgen kam und ich sicher war, daß mein Gatte aufgestanden und nicht
mehr in seinem Zimmer war, da endlich wagte ich, den Schal über den Kopf
gezogen, wieder in mein Schlafzimmer zurückzugehen.

Meine Schwägerin war dabei, ihre Pflanzen zu begießen. Als sie mich von
ihrer Veranda aus vorübergehen sah, rief sie: »Hast du die Neuigkeit
gehört, Tschota Rani?«

Ich hielt an, vor Schrecken gelähmt. Es war mir, als ob die Goldrollen
unter dem Schal hoch anschwöllen. Ich fürchtete, sie würden zerplatzen
und als klirrender Regen auf den Boden niederprasseln und so vor allen
Dienstboten die Diebin entlarven, die sich um alles brachte, indem sie
ihren eignen Reichtum stahl.

»Deine Räuberbande,« fuhr sie fort, »hat ein anonymes Schreiben
geschickt, in dem sie droht, das Schatzamt zu plündern.«

Ich blieb still wie ein Dieb.

»Ich habe gerade Bruder Nikhil den Rat gegeben, sich um deinen Schutz zu
bemühen«, fuhr sie spottend fort. »Ruf deine Schergen zurück,
Räuberkönigin! Wir wollen deinem Bande Mataram Opfer bringen, wenn du
uns nur rettest. Ist das eine Welt heute! Aber verschont um Gottes
willen wenigstens unser Haus mit räuberischen Überfällen!«

Ich eilte, ohne zu antworten, in mein Zimmer. Ich hatte meinen Fuß auf
Triebsand gesetzt und konnte ihn nun nicht zurückziehen. Wenn ich mich
mühte, herauszukommen, würde ich nur noch tiefer versinken.

Wenn nur die Zeit kommen wollte, wo ich Sandip das Geld einhändigen
könnte! Ich konnte es nicht länger ertragen, sein Gewicht zermalmte
mich.

Es war noch früh, als ich Bescheid erhielt, daß Sandip mich erwartete.
Heute dachte ich nicht daran, mich zu schmücken. So wie ich war, in
meinen Schal gehüllt, eilte ich nach den äußeren Gemächern.

Als ich das Wohnzimmer betrat, fand ich Sandip und Amulja da beisammen.
Es war, als ob meine ganze Würde, meine ganze Ehre von Kopf zu Fuß
sausend durch meinen Körper fuhr und im Boden verschwand. Ich sollte
jetzt vor den Augen dieses Knaben die äußerste Schande einer Frau
bloßlegen! War es möglich, daß die beiden sich hier getroffen hatten, um
über meine Tat zu sprechen? War denn kein Fetzen eines Schleiers
geblieben, meine Schmach zu verhüllen?

Wir Frauen werden die Männer nie verstehen. Wenn sie sich einen Weg zu
ihrem Ziel bahnen wollen, so macht es ihnen nichts, das Herz der Welt in
Stücke zu brechen, um ihre Straße damit zu pflastern, damit ihr
Siegeswagen leichter dahinrollt. Wenn sie von ihrem Schaffensdrang
berauscht sind, zerstören sie mit Lust das, was der Schöpfer schuf.
Diese Schande, die mir das Herz bricht, würdigen sie nicht einmal eines
Blickes. Sie haben kein Gefühl für das Leben um sie her; ihr ganzes
Verlangen geht auf ihr Ziel. Was bin ich ihnen anders als eine
Wiesenblume auf dem Wege eines seine Ufer überflutenden Stromes?

Und welchen Nutzen wird meine Selbstvernichtung Sandip bringen? Nur 5000
Rupien? War ich denn nicht noch etwas mehr wert als 5000 Rupien? Ja,
freilich! Hatte ich das nicht von Sandip selbst gelernt, und konnte ich
nicht im Licht dieser Erkenntnis meine ganze übrige Welt verachten? Ich
war die Spenderin von Licht, von Leben, von Schakti-Kraft, von
Unsterblichkeit -- in diesem Glauben, in dieser Freude hatte ich alle
meine Schranken durchbrochen und war hinausgeeilt. Hätte irgend jemand
mir nun diesen Glauben bestätigt, mein Tod wäre Leben für mich gewesen.
Ich hätte nichts verloren, obgleich ich alles von mir geworfen hatte.

Soll ich jetzt glauben, daß dies alles Lüge war? Mußte die Lobeshymne,
die sie mir so begeistert sangen, mich aus meinem Himmel herabrufen,
nicht damit ich die Erde zum Himmel machte, sondern daß ich den Himmel
selbst in den Staub herabzöge?


XVI

»Das Geld, Königin?« fragte Sandip, mich gespannt ansehend.

Auch Amulja sah mich erwartungsvoll an. Der liebe Junge! Wenn er auch
nicht mein leiblicher Bruder ist, so liebe ich ihn doch wie einen
jüngern Bruder. Mit seinem ehrlichen Gesicht, seinem hellen Blick, mit
seiner ganzen unschuldigen Jugend sah er mich an. Und ich, eine Frau --
vom Geschlecht seiner Mutter -- wie konnte ich ihm Gift reichen, nur
weil er danach verlangte?

»Das Geld, Königin!« Sandips freche Forderung klang mir in den Ohren. In
meinem Gefühl von Scham und Zorn hätte ich ihm das Geld an den Kopf
werfen mögen. Ich konnte kaum den Knoten meines Sari auflösen, so
zitterten meine Finger. Endlich fielen die Geldrollen auf den Tisch.

Sandips Gesicht wurde finster... Er mußte glauben, es seien
Silberrollen... Welche Verachtung war in seinem Blick! Welcher Ekel vor
meiner Unfähigkeit! Es war fast, als hätte er mich schlagen mögen! Er
muß geglaubt haben, ich sei gekommen, um mit ihm zu unterhandeln, ihm
als Abschlagssumme für seine Forderung von 5000 Rupien ein paar hundert
zu bieten. Einen Augenblick glaubte ich, er würde die Geldrollen
ergreifen und aus dem Fenster werfen und mir erklären, er sei kein
Bettler, sondern ein König, der seinen Tribut fordert.

»Ist das alles?« fragte Amulja mit einer Stimme, so voll überquellenden
Mitleids, daß ich hätte laut aufschluchzen mögen. Ich preßte mein Herz
gewaltsam zusammen und nickte nur stumm mit dem Kopf.

Sandip war sprachlos. Er rührte weder die Rollen an, noch äußerte er
einen Laut.

Meine Demütigung schnitt dem Knaben ins Herz. Mit erheuchelter
Begeisterung rief er plötzlich aus: »Das ist eine ganze Menge. Damit
haben wir reichlich genug. Sie haben uns gerettet.« Und dabei riß er
eine der Rollen auf.

Die Goldstücke blitzten hervor. Und im selben Augenblick schwand auch
die dunkle Hülle von Sandips Gesicht. Er strahlte vor Entzücken.
Unfähig, den plötzlichen Umschlag seines Gefühls zu verbergen, sprang er
auf und eilte auf mich zu. Was er wollte, weiß ich nicht. Ich warf einen
hastigen Blick auf Amulja -- die Farbe war aus seinem Antlitz gewichen,
als hätte er einen Peitschenhieb bekommen. Dann stieß ich mit aller
Kraft Sandip zurück. Als er rückwärts taumelte, stieß er mit dem Kopf
gegen die Ecke des Marmortisches und fiel zu Boden. Dort lag er eine
Weile regungslos. Von der Anstrengung erschöpft, sank ich auf meinen
Stuhl zurück.

Amuljas Gesicht leuchtete freudig auf. Er wandte sich nicht einmal nach
Sandip um, sondern kam geradeswegs zu mir, berührte ehrfurchtsvoll meine
Füße und blieb dann vor mir auf dem Boden sitzen. Ach, mein kleiner
Bruder, mein Kind! Diese deine Ehrfurchtsbezeugung ist die letzte
Berührung des Himmels, die mir in meiner leer gewordenen Welt noch
zuteil wird! Ich konnte mich nicht länger halten, und meine Tränen
flossen heftig. Ich bedeckte die Augen mit dem Ende meines Sari, den ich
mit beiden Händen gegen das Gesicht preßte, und schluchzte und
schluchzte. Und immer, wenn meine Füße seine zarte Berührung spürten,
wodurch er mich zu trösten suchte, brachen meine Tränen von neuem
hervor.

Als ich mich nach einer Weile gefaßt hatte und aufblickte, sah ich
Sandip wieder am Tisch stehen und die Goldstücke in sein Taschentuch
knoten, als ob nichts geschehen wäre. Amulja erhob sich von seinem Platz
zu meinen Füßen; seine nassen Augen leuchteten.

Sandip sah mich ganz gelassen an und bemerkte: »Es sind sechstausend.«

»Wozu brauchen wir soviel, Sandip Babu?« rief Amulja.
»Dreitausendfünfhundert ist alles, was wir für unsre Arbeit nötig
haben.«

»Wir brauchen nicht nur Geld zu diesem einen Zweck«, erwiderte Sandip.
»Wir werden alles brauchen, was wir bekommen können.«

»Das mag sein«, sagte Amulja. »Aber für die Zukunft übernehme ich es,
Ihnen alles zu schaffen, was Sie brauchen. Von diesem geben Sie, bitte,
die übrigen zweitausendfünfhundert der Maharani zurück, Sandip Babu!«

Sandip sah mich fragend an.

»Nein, nein«, rief ich aus. »Ich rühre dies Geld nie wieder an. Machen
Sie damit, was Sie wollen!«

Sandip sah Amulja an. »Kann der Mann je geben, wie die Frau geben kann?«
sagte er.

»Sie sind Göttinnen!« stimmte Amulja begeistert zu.

»Wir Männer können höchstens das geben, was wir durch unsre Kraft
erringen«, fuhr Sandip fort. »Aber die Frauen geben sich selbst. Aus
ihrem eignen Leib gebären sie, mit ihrem eignen Leib nähren sie. Solche
Gaben sind die einzig wahren Gaben.« Dann wandte er sich zu mir.
»Königin,« sagte er, »wenn das, was Sie uns gegeben haben, nur Geld
wäre, so hätte ich es nicht angerührt. Aber Sie haben uns das gegeben,
was Ihnen mehr bedeutet als das Leben selbst.«

Es müssen zwei verschiedene Wesen im Menschen sein. Das eine in mir
sieht ein, daß Sandip versucht, mich zu täuschen; das andre will sich
gern täuschen lassen. Sandip hat Kraft, aber keine sittliche Stärke.
Dieselbe Gewalt, mit der er das Leben aufrüttelt, zerschmettert es auch
wieder. Seine Pfeile verfehlen nie ihr Ziel, wie die der Götter, aber
sie sind giftig wie die der bösen Geister.

Sandips Taschentuch war nicht groß genug, um all die Goldstücke zu
fassen. »Königin,« fragte er, »können Sie mir noch ein anderes geben?«

Als ich ihm meines gab, führte er es ehrfurchtsvoll an seine Stirn, und
dann kniete er plötzlich vor mir nieder. »Göttin!« rief er, »ich wollte
Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen, als ich mich Ihnen nahte, aber Sie
stießen mich zurück und warfen mich in den Staub. Sei es denn, ich nehme
Ihre Zurückweisung als ein Diadem, womit ich meine Stirn schmücke.« Und
damit wies er auf die Stelle, wo er sich im Fallen verletzt hatte.

Hatte ich ihn denn falsch verstanden? War es möglich, daß seine
ausgestreckten Hände wirklich meine Füße berühren wollten? Aber es war
sicher, daß selbst Amulja auch die Leidenschaft gesehen hatte, die aus
seinen Augen, aus seinem Antlitz glühte. Doch Sandip ist solch ein
Meister in der Kunst, seinen Lobgesang in Musik zu setzen, daß meine
Vernunft schweigt; ich verliere die Kraft, die Wahrheit zu sehen; mein
Blick ist umnebelt wie der des Opiumessers. Und so gab er mir
schließlich den Schlag, den ich ihm erteilt hatte, viel empfindlicher
zurück, denn die Wunde an seiner Stirn machte mein Herz bluten. Als
Sandip sich wieder erhob, war es mir als hätte mein Diebstahl eine Würde
bekommen und als lächelte das Gold, das auf dem Tisch glänzte, alle
Furcht vor Schande, alle Gewissensbisse hinweg.

Wie ich war auch Amulja wiedergewonnen. Seine Liebe zu Sandip, die einen
Augenblick einen Stoß erlitten hatte, flammte von neuem auf. Und der
Altar seiner Seele füllte sich aufs neue mit Opfergaben für Sandip und
mich. Sein kindlicher Glaube leuchtete wie das reine Licht des
Morgensterns aus seinen Augen.

Und nun lohte auch die Flamme meiner Sünde wieder hell auf. Als Amulja
mir ins Antlitz sah, erhob er die gefalteten Hände zum Gruß und rief:
»Bande Mataram!« Ich kann nicht erwarten, daß mich immer solche
Verehrung umgibt, und doch ist sie das einzige Mittel, meine
Selbstachtung am Leben zu erhalten.

Ich kann mein Schlafzimmer nicht mehr betreten. Es ist mir, als ob die
Bettstelle abwehrend eine Hand gegen mich ausstreckte, als ob der
eiserne Geldschrank mich stirnrunzelnd anblickte. Ich möchte diesem
beständigen Vorwurf, der mich quält, entrinnen. Ich möchte immer wieder
zu Sandip laufen, um ihn mein Lob singen zu hören. Es ist ja nur dieser
eine kleine Altar da, der aus den alles überspülenden Fluten meiner
Schande hervorragt, daher möchte ich mich Tag und Nacht an ihn klammern;
denn, wohin ich sonst treten will, ist ringsum Leere.

Lob, Lob, ich brauche unaufhörliches Lob. Ich kann nicht leben, wenn
mein Becher einen einzigen Augenblick leer bleibt. Daher brauche ich
heute von allem auf der Welt Sandip, als den einzigen Wert meines
Lebens.


XVII

Es ist mir jetzt unmöglich, mich zu meinem Gatten zu setzen, wenn er zu
seinen Mahlzeiten hereinkommt. Und doch empfinde ich es als eine solche
Schande, ihn allein zu lassen, daß ich das auch nicht fertig bringe.
Daher setze ich mich so hin, daß wir einander nicht ins Gesicht sehen
können. So saß ich neulich, als die Bara Rani hereinkam und sich zu uns
setzte.

»Es ist alles ganz schön und gut, Bruder, wenn du über diese Drohbriefe
lachst«, sagte sie. »Aber mich beunruhigen sie doch sehr. Hast du das
Geld, das du mir gabst, auf die Bank nach Kalkutta geschickt?«

»Nein, ich habe noch keine Zeit gehabt, es zu besorgen«, erwiderte mein
Gatte.

»Du bist so sorglos, lieber Bruder, du solltest lieber vorsichtig
sein...«

»Aber es ist im Ankleidezimmer da drinnen, in dem eisernen Geldschrank«,
sagte mein Gatte mit einem beruhigenden Lächeln.

»Wenn sie aber da hineinkommen? Man kann nie wissen!«

»Wenn sie bis dahin kommen, so können sie ebenso gut dich auch
forttragen!«

»Hab' keine Angst, an meiner armen Person vergreift sich niemand. Der
wahre Anziehungspunkt ist in deinem Zimmer! Aber Scherz beiseite, du
solltest es nicht wagen, Geld so im Zimmer aufzubewahren.«

»In ein paar Tagen werden die Regierungseinkünfte nach Kalkutta
gebracht. Dann schicke ich das Geld unter demselben Schutz zur Bank.«

»Gut. Aber vergiß es nur nicht ganz, du bist so zerstreut.«

»Selbst wenn das Geld verloren ginge, solange es in meinem Zimmer ist,
würde der Verlust doch nicht dich treffen, Schwester Rani.«

»Nun machst du mich aber böse, Bruder, wenn du so redest. Als ob ich
mich nur beunruhigte, weil das Geld mir gehört! Wenn du dein Geld
verlierst, glaubst du, daß mir das gleichgültig ist? Wenn das Schicksal
mir auch alles genommen hat, so hat es mich doch nicht gefühllos
gemacht für den Wert des treuesten Bruders, den es seit Lakschmans[35]
Zeiten her gegeben hat.«

»Nun, Tschota Rani, bist du zu Stein geworden? Du hast noch kein Wort
gesagt. Weißt du, Bruder, unsre Tschota Rani glaubt, ich wolle dir nur
schmeicheln. Wenn es darauf ankäme, würde ich es schon tun, aber ich
weiß, daß es bei meinem lieben alten Bruder nicht nötig ist.«

So plauderte die Bara Rani weiter und vergaß dabei nicht, ihren Bruder
auf diesen oder jenen Leckerbissen unter den Gerichten, die serviert
wurden, aufmerksam zu machen. Mein Kopf war die ganze Zeit in einem
Wirbel. Die Krisis nahte schnell. Das Geld mußte irgendwie wieder an
seinen Platz gebracht werden. Und während ich mein Hirn zermarterte, was
geschehen könne und wie es geschehen könne, wurde mir das unaufhörliche
Schwatzen meiner Schwägerin immer unerträglicher.

Und was alles noch schlimmer machte, war, daß nichts dem scharfen Blick
meiner Schwägerin entgehen konnte. Immer wieder sah sie mich prüfend von
der Seite an. Was sie auf meinem Gesicht lesen konnte, weiß ich nicht,
aber es war mir, als ob alles nur zu deutlich darauf geschrieben stände.


Dann tat ich etwas ganz Tollkühnes. Ich zwang mich zu einem leichten,
belustigten Lachen und sagte: »Ich sehe schon, daß der ganze Verdacht
der Bara Rani auf mich geht -- ihre Furcht vor Dieben und Räubern ist
nur Verstellung.«

Die Bara Rani lächelte boshaft. »Du hast recht, Schwester. Der Diebstahl
einer Frau ist der verhängnisvollste von allen Diebstählen. Aber wie
kannst du meiner Wachsamkeit entgehen? Bin ich ein Mann, daß du mich
täuschen könntest?«

»Wenn du mich so fürchtest,« entgegnete ich, »so laß mich dir alles, was
ich besitze, als Sicherheitspfand zur Aufbewahrung geben. Wenn du dann
etwas durch mich verlierst, so kannst du dich schadlos halten.«

»Nun höre einmal die kleine Einfalt«, wandte sie sich lachend an meinen
Gatten. »Weiß sie denn nicht, daß es Verluste gibt, die sich nicht
ersetzen lassen, weder in dieser Welt noch in einer andern?«

Mein Gatte mischte sich nicht in unser Wortgeplänkel. Als er fertig
war, ging er nach den äußern Gemächern, denn jetzt hält er seine
Mittagsruhe nicht mehr in unserm Zimmer.

Alle meine wertvolleren Juwelen waren auf dem Schatzamt in der Obhut des
Schatzmeisters. Doch auch das, was ich bei mir hatte, mußte noch
dreißig- bis vierzigtausend Rupien wert sein. Ich nahm meinen
Schmuckkasten und brachte ihn der Bara Rani. »Ich lasse diese Juwelen
bei dir, Schwester«, sagte ich, ihr den geöffneten Kasten hinhaltend.
»Dann brauchst du dir keine Sorge zu machen.«

Die Bara Rani machte eine Bewegung, als wollte sie sagen, daß ich sie
zur Verzweiflung brächte. »Ich weiß gar nicht, was ich von dir denken
soll, Tschota Rani«, sagte sie. »Glaubst du denn im Ernst, ich habe
schlaflose Nächte aus Angst, daß du mich beraubst?«

»Was wäre Schlimmes dabei, wenn du mir mißtrautest? Kann denn irgend
jemand sagen, daß er irgend jemand in dieser Welt kenne?«

»Du willst mich beschämen, indem du mir Vertrauen schenkst? Nein, nein!
Ich habe schon genug mit meinen eignen Schmucksachen zu hüten, ohne auch
noch die deinen zu bewachen. Komm, sei vernünftig und nimm sie weg, es
schnüffeln soviel Dienstboten herum.«

Ich ging aus dem Zimmer meiner Schwägerin geradeswegs nach dem
Wohnzimmer draußen und ließ Amulja rufen. Mit ihm kam auch Sandip. Ich
war in großer Hast und sagte zu Sandip: »Entschuldigen Sie, aber ich muß
ein paar Worte mit Amulja reden. Möchten Sie...«

Sandip lächelte verägert. »Also ich gehöre nicht dazu, wenn Sie mit
Amulja sprechen? Wenn Sie sich vorgenommen haben, ihn mir abspenstig zu
machen, so muß ich mich wohl ohne weiteres darein ergeben, da ich dann
doch keine Macht habe, ihn zurückzuhalten.«

Ich antwortete nicht, sondern wartete schweigend, daß er ginge.

»Gut denn«, fuhr Sandip fort. »Haben Sie Ihr tête-à-tête mit Amulja!
Aber danach müssen Sie mir auch eins gewähren, sonst würde es eine
Zurücksetzung für mich bedeuten. Ich kann alles ertragen, nur keine
Zurücksetzung. Ich muß immer den Löwenanteil haben. Deswegen bin ich ja
fortwährend mit der Vorsehung im Streit. Auch von ihr kann ich mir keine
Zurücksetzung gefallen lassen.«

Mit einem vernichtenden Blick auf Amulja verließ Sandip das Zimmer.

»Amulja, mein lieber, guter kleiner Bruder, du mußt etwas für mich tun«,
sagte ich.

»Was Sie mir auch auferlegen, Schwester, dafür werde ich mein Leben
einsetzen.«

Ich zog den Schmuckkasten aus den Falten meines Schals hervor und
stellte ihn vor ihn hin. »Verkaufe oder verpfände dies,« sagte ich, »und
verschaffe mir 6000 Rupien, so schnell du nur kannst!«

»Nein, nein, Schwester Rani«, sagte Amulja, aufs tiefste betroffen.
»Behalten Sie diese Juwelen! Ich werde Ihnen auch so 6000 verschaffen.«

»O, sei nicht töricht«, rief ich ungeduldig. »Es ist keine Zeit für
irgendwelche Phantastereien. Nimm diesen Kasten, fahre mit dem Nachtzuge
nach Kalkutta und bringe mir das Geld bestimmt bis übermorgen!«

Amulja nahm ein Diamanthalsband aus dem Kasten, hielt es hoch gegen das
Licht und legte es finster brütend wieder zurück.

»Ich weiß,« sagte ich zu ihm, »daß du niemals den richtigen Preis für
diese Diamanten bekommen wirst, daher gebe ich dir Schmucksachen im
Werte von ungefähr 30000. Es macht nichts, wenn sie alle draufgehen,
aber ich muß unbedingt die sechstausend haben.«

»Wissen Sie, Schwester Rani,« sagte Amulja, »daß ich mit Sandip Babu
einen Streit hatte wegen der 6000 Rupien, die er von Ihnen angenommen
hat? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie beschämend mir die Sache war. Aber
Sandip Babu behauptete, wir müßten selbst unser Schamgefühl dem
Vaterlande opfern. Das mag wohl sein. Aber hiermit ist es doch anders.
Ich fürchte mich nicht, für das Vaterland zu sterben, für das Vaterland
zu töten, -- soviel Schakti-Kraft ist mir verliehen. Aber ich kann die
Scham nicht überwinden, daß ich von Ihnen Geld genommen habe. Darin ist
Sandip mir voraus. Er hat keine Reue und Gewissensbisse. Er sagt, wir
müssen uns von der Idee freimachen, daß das Geld demjenigen gehöre, in
dessen Kasten es zufällig ist, -- wenn wir das nicht können, wo bleibt
da die Zauberkraft des Bande Mataram?«

Amulja geriet, während er so sprach, immer mehr in Begeisterung. Er wird
immer warm, wenn ich ihm zuhöre. »Die Gita lehrt uns,« fuhr er fort,
»daß niemand die Seele töten kann. Töten ist ein bloßes Wort. So ist es
auch mit dem Rauben von Geld. Wem gehört das Geld? Niemand hat es
erschaffen. Niemand kann es mit sich fortnehmen, wenn er aus diesem
Leben scheidet, denn es ist kein Teil seiner Seele. Heute gehört es mir,
morgen meinem Sohn, am nächsten Tage seinem Gläubiger. Da nun
tatsächlich das Geld niemandem gehört, warum sollte unsre Patrioten ein
Tadel treffen, wenn sie, anstatt es einem unwürdigen Sohne des
Vaterlandes zu lassen, selbst davon Gebrauch machen?«

Wenn ich Sandips Worte aus dem Munde dieses Knaben höre, zittere ich am
ganzen Leibe. Mögen Schlangenbändiger mit Schlangen spielen; wenn ihnen
ein Leid geschieht, so müssen sie darauf gefaßt sein. Aber diese Knaben
sind so unschuldig. Die ganze Welt sollte segnend ihre Arme über sie
breiten, um sie zu schützen. Sie spielen mit einer Schlange, deren Natur
sie nicht kennen, und wenn wir sehen, wie sie lächelnd und
vertrauensvoll ihre Hände ihren Giftzähnen nähern, so wird es uns klar,
wie furchtbar gefährlich die Schlange ist. Sandip hat ganz recht, wenn
er argwöhnt, daß ich, wenn ich selbst auch von seiner Hand den Tod
nehmen würde, ihm doch diesen Knaben entreißen und ihn retten werde.

»So wollen also die Patrioten das Geld für ihren eignen Gebrauch haben?«
fragte ich lächelnd.

»Gewiß wollen sie das!« sagte Amulja stolz. »Sind sie nicht unsre
Könige? Armut würde ihrer königlichen Macht Abbruch tun. Wissen Sie, daß
wir durchaus darauf halten, daß Sandip Babu erster Klasse reist? Er geht
königlichen Ehren nie aus dem Wege, aber er nimmt sie nicht um
seinetwillen an, sondern um unser aller Ehre willen. Die größte Waffe
derer, die die Welt beherrschen, sagt Sandip Babu, ist der Zauber ihres
äußern Prunkes. Das Gelübde der Armut würde nicht nur Kasteiung, es
würde Selbstmord für sie bedeuten.«

In diesem Augenblick trat Sandip geräuschlos ein. Ich warf hastig meinen
Schal über den Schmuckkasten.

»Ist das tête-à-tête noch nicht beendet?« fragte er in spöttischem Ton.

»Ja, wir sind ganz fertig«, sagte Amulja entschuldigend. »Es war nichts
Besonderes.«

»Nein, Amulja,« sagte ich, »wir sind noch nicht ganz fertig.«

»Dann muß Sandip wohl noch einmal abtreten?« sagte Sandip.

»Bitte.«

»Und was sein Wiederauftreten anbelangt...«

»Heute nicht. Ich habe keine Zeit.«

»Ach so!« sagte Sandip mit blitzenden Augen. »Keine Zeit zu vergeuden!
Nur für tête-à-têtes.«

Eifersucht! Wenn das starke Geschlecht Schwäche zeigt, so kann das
schwächere es sich nicht versagen, die Siegestrommel zu schlagen. Daher
wiederholte ich fest: »Ich habe wirklich keine Zeit.«

Sandip ging mit finsterm Gesicht hinaus. Amulja war ganz verstört.
»Schwester Rani«, sagte er in bittendem Ton, »Sandip Babu ist böse.«

»Er hat weder Ursache noch Recht, böse zu sein«, sagte ich heftig. »Laß
mich dich vor einer Sache warnen. Du darfst Sandip Babu nichts von dem
Verkauf meiner Schmucksachen sagen, -- bei deinem Leben nicht!«

»Nein, ich werde es nicht tun.«

»Dann warte lieber nicht mehr! Du mußt noch heute mit dem Abendzug
fahren.«

Amulja und ich verließen zusammen das Zimmer. Als wir hinaustraten auf
die Veranda, stand Sandip da. Ich merkte, daß er Amulja auflauerte. Um
ihn zu hindern, mußte ich ihn mit Beschlag belegen.

»Was ist es, was Sie mir sagen wollten, Sandip Babu?« fragte ich.

»Ich habe nichts Besonderes zu sagen -- ich wollte nur etwas plaudern.
Und da Sie keine Zeit haben...«

»Einen kleinen Augenblick habe ich noch für Sie.«

Inzwischen war Amulja fortgegangen. Als wir eintraten, fragte Sandip:

»Was war das für ein Kasten, den Amulja mitnahm?«

Der Kasten war also seinen Augen nicht entgangen.

Ich blieb fest. »Wenn ich es Ihnen hätte sagen können, so hätte ich ihn
ihm in Ihrer Gegenwart übergeben.«

»Sie denken also, Amulja wird es mir nicht sagen?«

»Nein, das wird er nicht tun.«

Sandip konnte seinen Zorn nicht länger verbergen. »Sie glauben, Sie
werden die Oberhand über mich gewinnen?« fuhr er auf. »Das wird nie
geschehen. Dieser Amulja würde glücklich sterben, wenn ich mich
herabließe, ihn mit meinen Füßen zu zertreten. Solange ich lebe, werde
ich es nicht dulden, daß Sie ihn sich zu Füßen zwingen.«

O, über die Schwachen! Endlich ist es Sandip klar geworden, daß er
schwach ist mir gegenüber. Daher dieser plötzliche Zornesausbruch. Er
hat eingesehen, daß er gegen die Macht, die mir gegeben ist, mit seiner
bloßen Kraft nichts ausrichtet. Mit einem Blick kann ich seine stärksten
Befestigungen zertrümmern. Nun muß er schlechterdings seine Zuflucht zum
Poltern nehmen. Ich antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln.
Endlich bin ich über ihn hinausgewachsen. Ich darf diese überlegene
Stellung nicht verlieren, darf nicht wieder tiefer hinabsteigen. In all
meiner Erniedrigung muß mir dieser kleine Rest von Würde bleiben!

»Ich weiß,« sagte Sandip nach einer Pause, »daß es Ihr Schmuckkasten
war.«

»Sie können raten, was Sie wollen,« sagte ich, »von mir werden Sie
nichts erfahren.«

»So vertrauen Sie also Amulja mehr als mir? Wissen Sie denn nicht, daß
der Junge der Schatten meines Schattens, das Echo meines Echos ist? Daß
er nichts ist, wenn ich nicht an seiner Seite bin?«

»Wo er nicht Ihr Echo ist, ist er er selbst, Amulja. Und dieser Amulja
ist es, dem ich mehr traue als Ihrem Echo!«

»Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie durch ein Versprechen gebunden
sind, all Ihren Schmuck für den Dienst der Göttin zu opfern. Dies Opfer
ist tatsächlich schon dargebracht.«

»Der Schmuck, den die Götter mir lassen, soll den Göttern geopfert
werden. Aber wie kann ich den den Göttern opfern, der mir gestohlen
ist?«

»Nun hören Sie, es nützt Ihnen nichts, daß Sie versuchen, mir auf diese
Weise zu entkommen. Jetzt bedarf es rücksichtsloser Arbeit. Wenn diese
Arbeit getan ist, können Sie nach Herzenslust Ihre weiblichen Listen
üben, und ich will Ihnen bei dieser Kurzweil helfen.«

Von dem Augenblick an, wo ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es
Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. Dadurch, daß
ich mich weggeworfen hatte, hatte ich nicht nur all meinen eignen Wert
zerstört, sondern auch Sandips Macht hatte ihren vollen Spielraum
eingebüßt. Man kann seine Schützenkunst nicht an einem Gegenstand üben,
der in greifbarer Nähe ist. Und so hat Sandip sein heroisches Aussehen
verloren. Seine Rede hat einen Ton von kleinlicher Streitsucht bekommen.

Sandip richtete seine glänzenden Augen voll auf mein Gesicht, bis sie
wie der durstige Mittagshimmel glühten. Ein paarmal machte er eine
Bewegung, als ob er aufspringen und sich auf mich stürzen wollte. Ein
Schwindel ergriff mich, meine Pulse stockten, es sauste mir in den
Ohren, ich fühlte, wenn ich jetzt dablieb, würde ich verloren sein.
Meine ganze Kraft zusammenraffend, riß ich mich vom Stuhl auf und eilte
zur Tür.

Aus Sandips trockner Kehle kam ein erstickter Ruf: »Wohin wollen Sie
fliehen, Königin?« Im nächsten Augenblick sprang er mit einem Satz auf,
um mich festzuhalten. Jedoch beim Laut von Schritten draußen vor der Tür
wich er schnell zurück und sank in seinen Stuhl. Ich stand vor dem
Bücherregal still und starrte die Titel an.

Als mein Gatte eintrat, rief Sandip aus: »Sag einmal, Nikhil, hast du
nicht Browning da unter deinen Büchern? Ich erzählte unsrer
Bienenkönigin eben von unserm Universitätsklub. Weißt du noch, wie wir
über die Übersetzung jener Verse von Browning stritten? Erinnerst du
dich nicht mehr daran?

    Warum blickte sie mich an,
    Wenn ich sie nicht lieben sollte?
    Gibt es nicht genug der Männer,
    -- Denn so nennen sie sich auch wohl --
    Die schon morgen kaum noch wissen,
    Wenn sie ihre ganze Seele
    Heute ihnen offenbarte!
    Doch daß ich aus anderm Stoffe,
    Wußte sie, als ihre Augen
    Über jene Schar hingleitend
    Plötzlich an mir haften blieben[36].

Ich brachte die Übersetzung ins Bengalische irgendwie zustande, aber das
Ergebnis war kaum ein bleibender Gewinn für die bengalische Literatur.
Ich habe einmal allen Ernstes geglaubt, ich sei auf dem Wege, ein
Dichter zu werden, aber die Vorsehung war gütig genug, mich vor solchem
Unheil zu bewahren. Erinnerst du dich an den alten Dakschina? Wenn er
nicht Salzinspektor geworden wäre, wäre er Dichter geworden. Ich weiß
noch heute, wie er... Nein, Bienenkönigin, es hat keinen Zweck, das
Regal zu durchstöbern. Nikhil hat seit seiner Heirat aufgehört, Gedichte
zu lesen, -- vielleicht hat er seitdem kein Bedürfnis mehr nach Poesie.
Aber ich glaube, ›das Fieber des Dichtens‹, wie es im Sanskrit heißt,
ist im Begriff, mich wieder anzufallen.«

»Ich bin gekommen, um dich zu warnen, Sandip«, sagte mein Gatte.

»Vor solchem Fieberanfall?«

Mein Gatte beachtete diesen Versuch zu scherzen nicht.

»Seit einiger Zeit«, fuhr er fort, »sind mohammedanische Priester am
Werk, die Muselmänner dieser Gegend aufzuwiegeln. Sie sind alle gegen
dich aufgebracht und können dich jeden Augenblick angreifen.«

»Kommst du, um mir zur Flucht zu raten?«

»Ich komme, um dir die Mitteilung zu machen, nicht, dir meinen Rat
anzubieten.«

»Wenn diese Besitzungen mir gehörten, so wären es die Priester, die
diese Warnung brauchten. Wenn du, statt zu versuchen, mich
einzuschüchtern, ihnen eine Probe deiner Energie gegeben hättest, das
wäre deiner und meiner würdiger gewesen. Weißt du, daß deine Schwäche
auch die Zemindars der Nachbarschaft ansteckt?«

»Ich habe dir meinen Rat nicht angeboten, Sandip. Ich wollte, du
behieltest deinen auch für dich. Er ist außerdem ganz überflüssig. Und
noch etwas anderes möchte ich dir sagen. Du und deine Anhänger haben im
geheimen meine Leute bedrückt und geplagt. Das kann ich nicht länger
dulden. Daher muß ich dich bitten, mein Gebiet zu verlassen.«

»Aus Furcht vor den Muselmännern, oder willst du mir noch eine andre
Furcht einjagen?«

»Es gibt eine Furcht, die nur die Feigen nicht kennen. Im Namen dieser
Furcht sage ich dir, Sandip, daß du fort mußt. In fünf Tagen werde ich
nach Kalkutta reisen. Ich möchte, daß du mich begleitest. Du kannst
natürlich in meinem Hause dort wohnen, dagegen habe ich nichts.«

»Gut, ich habe also noch fünf Tage Zeit. Inzwischen will ich Ihnen,
Bienenkönigin, deren Stock ich nun verlassen muß, mein Abschiedslied
summen. O, du Dichter des modernen Bengalen! Öffne mir deine Tore weit
und laß mich deine Verse plündern! Eigentlich bist du der Dieb, denn es
ist mein Lied, das du dir zu eigen gemacht hast, -- aber mag es
meinetwegen deinen Namen tragen, es gehört doch mir.« Damit stimmte er
mit seiner rauhen, etwas unsichern Baßstimme ein Lied nach der
Bhairavi-Weise an:

    Im Lenze deines Königtums, Geliebte,
    Da jagten sich Begegnen und Trennen in endlosem Spiel,
    Und Blumen erblühten auf der Spur der alten, die im Schatten welkten
        und starben.
    Im Lenze deines Königtums, Geliebte,
    Da erquoll jeder Begegnung mit dir ein Dankeslied.
    Doch hat nicht auch mein Abschied dir eine Gabe zu bieten?
    Ein zartes Hoffnungsblümchen, das ich heimlich im Schatten deines
        Blumengartens hegte:
    Mögen des Juliregens kühle Schauer
    Süß lindern deines Junis Glut!

Seine Kühnheit kennt keine Schranken, -- sie ist unverhüllt und nackt
wie das Feuer. Man kommt gar nicht dazu, ihr Halt zu gebieten,
ebensowenig wie man einen Donnerkeil aufhalten kann. Der Blitz flammt
plötzlich auf, allen Widerstand verspottend.

Ich verließ das Zimmer. Als ich über die Veranda nach den innern
Gemächern ging, stand Amulja plötzlich vor mir.

»Fürchten Sie nichts, Schwester Rani«, sagte er. »Ich reise heute abend
und werde nicht erfolglos zurückkehren.«

»Amulja,« sagte ich, ihm fest in sein von jugendlichem Eifer glühendes
Antlitz blickend, »ich fürchte nichts für mich, doch möge es nie dahin
kommen, daß ich nichts mehr für dich zu fürchten brauche.«

Amulja wandte sich, um fortzugehen, doch bevor er mir aus den Augen war,
rief ich ihn zurück und fragte: »Hast du eine Mutter, Amulja?«

»Ja.«

»Und eine Schwester?«

»Nein, ich bin das einzige Kind meiner Mutter. Mein Vater starb, als ich
noch ganz klein war.«

»Dann geh zurück zu deiner Mutter, Amulja!«

»Aber, Schwester Rani, jetzt habe ich beides, Mutter und Schwester.«

»So komm heute abend, bevor du abreisest, Amulja, und iß mit mir!«

»Dazu wird keine Zeit sein. Lassen Sie mich etwas Speise für unterwegs
mitnehmen, die Sie durch Ihre Berührung geweiht haben!«

»Was magst du besonders gern, Amulja?«

»Wenn ich bei meiner Mutter gewesen wäre, hätte sie mir eine Menge
Pousch-Kuchen gebacken. Backen Sie mir welche mit Ihren eignen Händen,
Schwester Rani!«


Fußnoten:

[35] Bruder von Rama, dem Helden des Ramajana, dessen Treue
gegen seinen Bruder und dessen Gattin Sita sprichwörtlich geworden ist.

[36] Die erste Strophe aus dem Gedicht Christina (Dramatic
Lyrics).



ZEHNTES KAPITEL


NIKHILS ERZÄHLUNG

XII

Ich hörte von meinem Lehrer, daß Sandip mit Harisch Kundu gemeinsame
Sache gemacht hätte und daß eine große Feier stattfinden sollte zu Ehren
der dämonenvernichtenden Göttin. Harisch Kundu erpreßte die Mittel dazu
von seinen Pächtern. Die gelehrten Brahmanen Kaviratna und Vidjavagisch
waren beauftragt, eine kunstvolle doppelsinnige Hymne zu verfassen.

Mein Lehrer hatte eben mit Sandip ein Wortgefecht darüber. »Auch bei den
Göttern gibt es eine Entwicklung«, sagte Sandip. »Der Enkel muß die
Götter, die sein Großvater schuf, nach seinem eignen Geschmack
ummodeln, sonst bleibt er ein Atheist. Meine Sendung ist es, die alten
Gottheiten der neuen Zeit anzupassen. Ich bin zum Erlöser der Götter
geboren, der sie von der Knechtschaft der Vergangenheit frei macht.«

Ich habe von unsrer Kindheit an gesehen, welch ein Ideengaukler Sandip
ist. Er hat kein Interesse daran, die Wahrheit zu entdecken, aber es
erfreut sein Herz, wenn er an ihr seinen Witz üben kann. Wenn er unter
den Wilden Afrikas geboren wäre, so hätte er eine schöne Zeit damit
zugebracht, ein Argument nach dem andern zu erfinden, um zu beweisen,
daß der Kannibalismus das beste Mittel ist, eine wahre Gemeinschaft
zwischen Mensch und Mensch herzustellen. Aber die, die sich mit Betrug
abgeben, betrügen schließlich sich selbst, und ich bin fest überzeugt,
daß Sandip, jedesmal, wenn er sich einen neuen Trugschluß ausgedacht
hat, sich einredet, er habe die Wahrheit gefunden, wie widerspruchsvoll
auch seine Schlüsse unter sich sein mögen.

Doch ich werde mich jedenfalls nicht dazu hergeben, die Fabrikation
solcher Rauschmittel in meinem Lande zu fördern. Die jungen Leute, die
bereit sind, sich in den Dienst ihres Vaterlandes zu stellen, dürfen
sich nicht an den Rausch gewöhnen. Wer andre durch Rauschmittel zur
Vollbringung eines Werkes treibt, sündigt an ihrer Seele.

Ich sah mich genötigt, Sandip in Bimalas Gegenwart zu sagen, daß er fort
müsse. Vielleicht werden beide mir falsche Beweggründe unterschieben.
Aber ich muß mich frei machen, auch von der Furcht mißverstanden zu
werden. Mag selbst Bimala mich mißverstehen...

Es kommen immer mehr mohammedanische Priester von Dacca herüber. Die
Muselmänner auf unserm Gebiet hatten mit der Zeit eine fast ebenso große
Abneigung gegen das Töten von Kühen bekommen wie die Hindus. Aber jetzt
tauchen hier und da Fälle auf, wo sie Kühe schlachten. Ich hörte zuerst
davon durch ein paar von meinen mohammedanischen Pächtern, die ihrem
Abscheu darüber Ausdruck gaben. Ich sah, daß wir hier in eine schwierige
Lage gerieten. Bisher waren ihre religiösen Gründe nur ein Vorwand, aber
dieser Vorwand wird zu wirklichem Fanatismus werden, sobald sie
Widerstand finden. Darin zeigt sich gerade der Scharfsinn dieser
Maßregel.

Ich ließ einige von meinen Hauptpächtern, die Hindus waren, rufen und
versuchte, ihnen die Sache im rechten Lichte darzustellen. »Wir können
selbst unerschütterlich an unsern Überzeugungen festhalten,« sagte ich,
»aber wir haben keine Macht über die Überzeugungen anderer. Wenn auch
viele unter uns der Wischnu-Religion angehören, so bringen doch die
Schakti-Gläubigen unter uns nichtsdestoweniger ihre Tieropfer dar.
Dagegen läßt sich nichts tun. Und ebenso müssen wir nun auch die
Mohammedaner gewähren lassen. Daher bitte ich euch, haltet euch von
allen Gewalttätigkeiten zurück!«

»Maharadscha,« erwiderten sie, »es ist so lange her, seit man von
solchem Frevel gehört hat.«

»Das kommt daher,« sagte ich, »weil sie sich aus eignem Antrieb dessen
enthielten. Laßt uns jetzt so verhalten, daß sie es von selbst wieder
tun. Aber wenn wir den Frieden brechen, bringen wir sie nicht dazu.«

»Nein, Maharadscha,« drängten sie, »jene guten alten Zeiten sind vorbei.
Dieser Frevel wird nicht aufhören, wenn Sie ihn nicht mit starker Hand
unterdrücken.«

»Unterdrückung«, erwiderte ich, »wird nicht nur das Küheschlachten nicht
verhindern können; sie kann dahin führen, daß auch Menschen
hingeschlachtet werden.«

Einer von ihnen hatte eine englische Schule besucht. Er hatte gelernt,
die Schlagworte des Tages nachzusprechen. »Es ist nicht nur eine Frage
der Strenggläubigkeit«, wandte er ein. »Unser Land ist im wesentlichen
ein ackerbautreibendes, und die Kühe sind...«

»Die Büffel in diesem Lande«, unterbrach ich ihn, »geben auch Milch und
werden zum Pflügen gebraucht. Und solange wir, ihre abgehauenen Köpfe
auf den Schultern und mit ihrem Blut befleckt, in unsern Tempeln rasende
Tänze aufführen, wird die Religion nur unserer spotten, wenn wir mit den
Mohammedanern in ihrem Namen streiten, und bei dem Streit um die
Wahrheit bleibt der Streit die einzige Wahrheit. Wenn nur die Kuh und
nicht der Büffel dem Schlachtmesser heilig sein soll, so ist dies
Buchstabendienst, aber nicht Religion.«

»Aber merken Sie denn nicht, Maharadscha, was die Ursache von allem
ist?« fuhr der englisch geschulte Pächter fort. »Dies ist alles nur
dadurch möglich geworden, daß der Mohammedaner sich sicher fühlt, selbst
wenn er das Gesetz bricht. Haben Sie nicht von dem Fall Patschurs
gehört?«

»Warum ist es möglich,« fragte ich, »die Mohammedaner so als Werkzeuge
gegen uns zu gebrauchen? Haben wir sie nicht durch unsere eigne
Unduldsamkeit dazu gemacht? Auf diese Weise straft uns jetzt die
Vorsehung, denn das Maß unsrer Sünde ist voll, und sie wird nun an uns
heimgesucht.«

»Nun gut, wenn dem so ist, so mag sie an uns heimgesucht werden. Aber
die Rache wird kommen. Wir sehen das untergraben, was die größte Stärke
unsrer Obrigkeit ausmachte, ihre Treue gegen ihre eignen Gesetze. Einst
waren sie wirkliche Könige, die des Rechtes walteten; jetzt werden sie
selbst Gesetzbrüchige und also nicht besser als Räuber. Die Geschichte
mag anders urteilen; aber unser Herz wird sie immer so richten...«

Die Verleumdungen gegen mich, die sich durch die Zeitungen verbreiten,
machen mich berüchtigt. Ich höre, daß man auf dem Verbrennungsplatz der
Tschakravartis unten am Fluß mein Bild mit aller Feierlichkeit und
großer Begeisterung verbrannt hat, und daß man andre Beschimpfungen
plant. Der Anlaß war, daß sie mich aufgefordert hatten, mich als
Aktionär bei der Gründung einer Baumwollspinnerei zu beteiligen. Ich
mußte ihnen sagen, daß ich nicht so sehr den Verlust meines eigenen
Geldes fürchtete, als mich mitschuldig zu machen am Verlust so vieler
armer Aktionäre.

»Sollen wir annehmen, Maharadscha,« sagten meine Besucher, »daß das
Wohl des Landes Ihnen gleichgültig ist?«

»Industrie kann das Wohl des Landes fördern,« versetzte ich, »aber der
bloße Wunsch, daß das Wohl des Landes gefördert werde, garantiert der
Industrie noch keinen Erfolg. Selbst als wir mit kühlem Kopf daran
gingen, wollte unsere Industrie nicht blühen. Haben wir irgend welchen
Grund, zu glauben, daß sie es jetzt tun würde, nur weil wir toll
geworden sind?«

»Warum sagen Sie nicht einfach, daß Sie Ihr Geld nicht wagen wollen?«

»Ich will mein Geld hineinstecken, wenn ich sehe, daß es Ihnen um die
Industrie selbst zu tun ist. Aber wenn Sie ein Feuer angezündet haben,
so ist damit noch nicht gesagt, daß Sie nun auch die Speise haben, die
damit gekocht werden soll.«


XIII

Was ist das? Unser Unterschatzamt in Tschakna ist geplündert! Eine
Geldsendung von 7500 Rupien sollte nach dem Hauptamt geschickt werden.
Der dortige Schatzmeister hatte die Barschaft beim Staatsschatzamt in
kleine Bankscheine eingewechselt, um sie bequemer tragen zu können, und
hielt sie in Paketen bereit. Mitten in der Nacht brach eine bewaffnete
Bande ins Zimmer ein und verwundete Kasim, den Wächter. Das merkwürdige
bei der Sache ist, daß sie nur 6000 Rupien genommen und das übrige auf
dem Boden ausgestreut haben, obgleich sie das ebenso leicht hätten
mitnehmen können. Jedenfalls ist der Beutezug der Banditen zu Ende, und
die Polizei beginnt ihren Beutezug. An Frieden ist jetzt nicht mehr zu
denken.

Als ich nach Hause kam, war die Nachricht mir schon vorausgeeilt. »Das
ist ja schrecklich, Bruder«, rief die Bara Rani. »Was sollen wir nur
tun?«

Ich nahm die Sache leicht, um sie zu beruhigen.

»Etwas ist uns geblieben«, sagte ich lächelnd. »Wir werden schon
irgendwie durchkommen.«

»Scherze nicht darüber, lieber Bruder. Warum sind sie alle so böse auf
dich? Kannst du ihnen denn nicht den Willen tun? Warum bringst du einen
jeden gegen dich auf?«

»Ich kann das Land nicht zugrunde gehen lassen, um sie zufrieden zu
stellen.«

»Wie entsetzlich war doch die Sache, die sie da auf dem
Verbrennungsplatz angestellt haben! Es ist eine Schande, daß man dich so
behandelt. Die Tschota Rani ist dank ihrer englischen Bildung über alle
Furcht erhaben, aber ich hatte nicht eher Ruhe, als bis ich nach dem
Priester geschickt hatte, daß er das Unheil abwendete. Tu's mir zuliebe
und reise nach Kalkutta, mein Liebling. Ich zittere, wenn ich denke, was
sie dir antun können, wenn du noch länger hier bleibst.«

Die aufrichtige Besorgtheit meiner Schwägerin rührte mich tief.

»Und Bruder,« fuhr sie fort, »habe ich dich nicht gewarnt, du solltest
lieber nicht soviel Geld in deinem Zimmer aufbewahren? Sie können jeden
Tag Wind davon bekommen. Es ist nicht wegen des Geldes -- aber wer
weiß...«

Um sie zu beruhigen, versprach ich, das Geld sofort nach dem Schatzamt
zu bringen und es dann mit der nächsten Gelegenheit nach Kalkutta zu
schicken. Wir gingen zusammen nach meinem Schlafzimmer. Die Tür zum
Ankleidezimmer war geschlossen. Als ich klopfte, rief Bimala drinnen:
»Ich ziehe mich an.«

»Nun, wie kommt es denn, daß die Tschota Rani sich so früh am Tage
anzieht?« rief meine Schwägerin. »Da ist wohl wieder eine ihrer Bande
Mataram-Versammlungen. Räuberkönigin,« rief sie Bimala scherzend zu,
»zählst du da drinnen deine Beute?«

»Ich sehe nachher nach dem Geld«, sagte ich und ging hinaus nach meinem
Geschäftszimmer.

Ich fand den Polizeiinspektor auf mich warten. »Haben Sie irgendeine
Spur von den Banditen?« fragte ich.

»Ich habe einen Verdacht.«

»Auf wen?«

»Auf Kasim, den Wächter.«

»Kasim? Aber wurde der nicht verwundet?«

»Nicht der Rede wert. Eine Fleischwunde am Bein, die er sich
wahrscheinlich selbst beigebracht hat.«

»Aber ich kann mich nicht entschließen, das von ihm zu glauben. Er ist
ein so treuer Diener.«

»Sie mögen ihn für treu gehalten haben, aber das hindert nicht, daß er
ein Dieb ist. Habe ich nicht erlebt, wie Menschen, denen man zwanzig
Jahre lang getraut hatte, plötzlich...«

»Selbst wenn es so wäre, so könnte ich ihn doch nicht ins Gefängnis
schicken. Aber warum sollte er den übrigen Teil des Geldes haben
umherliegen lassen?«

»Um den Verdacht von sich abzulenken. Was Sie auch sagen mögen,
Maharadscha, er ist ein alter Praktikus in solchen Schlichen. Er ist
zwar zu seiner Dienstzeit immer am Platz, aber ich bin sicher, daß er
bei allen Räubereien in der Nachbarschaft die Hand im Spiele hat.«

Und nun zählte mir der Inspektor die verschiedenen Methoden auf, wodurch
es möglich sei, an einem Raubanfall zwanzig bis dreißig Meilen weit fort
teilzunehmen und doch zur rechten Zeit wieder im Dienst zu sein.

»Haben Sie Kasim mitgebracht?« fragte ich.

»Nein,« war die Antwort, »er ist in Untersuchungshaft. Die Polizei ist
jetzt verpflichtet, die Untersuchung einzuleiten.«

»Ich möchte ihn sehen«, sagte ich.

Als ich in seine Zelle kam, fiel er mir weinend zu Füßen.

»Ich schwöre Ihnen bei Gott,« rief er, »daß ich es nicht getan habe.«

»Ich zweifle nicht an dir, Kasim«, beruhigte ich ihn. »Fürchte nichts.
Man kann dir nichts tun, wenn du unschuldig bist.«

Kasim war jedoch nicht imstande, einen zusammenhängenden Bericht von dem
Vorfall zu geben. Er übertrieb augenscheinlich. Vier- bis fünfhundert
Mann, große Gewehre, zahllose Schwerter spielten eine Rolle in seiner
Erzählung. Daran war entweder sein aufgeregter Zustand schuld, oder der
Wunsch, sich zu rechtfertigen, weil er sich so leicht hatte besiegen
lassen. Er behauptete, daß Harisch Kundu dahinterstecke; er war sogar
sicher, die Stimme Ekrams, seines Hauptpächters gehört zu haben.

»Nun höre einmal, Kasim,« mußte ich ihn warnen, »zieh du nicht mit
solchen Geschichten andere Leute in den Handel! Du hast nicht Harisch
Kundu oder irgend jemand anders anzuklagen.«


XIV

Als ich nach Hause ging, bat ich meinen Lehrer, mit zu mir
herüberzukommen. Er schüttelte ernst den Kopf. »Ich sehe nicht, wie
dies gut enden soll«, sagte er. »Die Leute ersticken ihr Gewissen und
setzen das Vaterland an seine Stelle. Alle Sünden des Landes werden
jetzt in ihrer ganzen nackten Häßlichkeit hervorbrechen.«

»Wer, meinen Sie, könnte...«

»Frage mich nicht! Aber die Sünde nimmt überhand. Schicke sie alle fort,
auf jeden Fall fort von hier!«

»Ich habe ihnen noch einen Tag gelassen. Sie werden übermorgen
fortgehen.«

»Und noch eins. Bringe Bimala nach Kalkutta! Sie bekommt hier ein zu
einseitiges Bild von der Welt draußen, sie kann die Menschen und Dinge
nicht in ihren richtigen Verhältnissen sehen. Zeige ihr die Welt -- die
Menschen und ihre Arbeit, -- gib ihr einen weiten Blick!«

»Das eben gedachte ich auch zu tun.«

»Nun, so schiebe es nicht auf! Ich sage dir, Nikhil, alle Rassen der
Welt müssen mit vereinten Kräften an der Geschichte der Menschheit
bauen, und solange sie noch ihr Gewissen um der Politik willen
verkaufen und ihr Vaterland zum Götzenbild machen, haben sie ihr Ziel
noch nicht erkannt. Ich weiß, daß Europa dies im Grunde nicht zugibt,
aber in diesem Punkte hat es kein Recht, unsern Lehrmeister zu spielen.
Die Menschen, die für die Wahrheit sterben, sind unsterblich; und wenn
ein ganzes Volk für die Wahrheit stirbt, so wird es auch in der
Geschichte der Menschheit Unsterblichkeit erringen. Möge hier in unserm
Indien unter dem Hohngelächter der Hölle das Gefühl für diese Wahrheit
lebendig werden! Welch furchtbare Sündenseuche ist aus fremden Ländern
in unser Land geschleppt...«

Der ganze Tag verging in der Unruhe, die die Untersuchung brachte. Ich
war ganz erschöpft, als ich mich abends zur Ruhe begab. Ich war noch
nicht dazugekommen, das Geld meiner Schwägerin nach dem Schatzamt zu
schicken, und verschob es bis zum nächsten Morgen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel. Ich glaubte,
irgendwo ein Stöhnen zu hören. Jemand mußte aufgeschrien haben.
Tränenschweres Schluchzen erklang wie Windstöße durch die Regennacht.
Mir war es, als ob der Schrei mitten aus meinem Zimmer gekommen wäre.
Doch ich war allein. Bimala hatte seit einigen Tagen ihr Bett in einem
andern Zimmer neben dem meinen. Ich stand auf, und als ich hinausging,
fand ich sie auf dem Balkon ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem
nackten Boden.

Was ich jetzt erlebte, läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur er weiß es,
der im Herzen der Welt sitzt und all ihr Weh in seinem eignen Herzen
fühlt. Der Himmel ist stumm, die Sterne schweigen, still liegt die Nacht
da, und inmitten von all diesem lautlosen Schweigen der eine
verzweifelte Schrei!

Wir geben solchem Leid Namen, gute oder schlechte, je nachdem wie es die
Wissenschaft einreiht, aber hat diese Todesangst, die aus einem
zerrissenen Herzen aufsteigt und sich in das bodenlose Dunkel ergießt,
überhaupt einen Namen? Als ich in jener Nacht unter dem schweigenden
Sternenhimmel auf jene Gestalt herabsah, erbebte meine Seele in heiliger
Scheu, und ich sagte zu mir selbst: »Wer bin ich, daß ich sie richten
sollte?« O Leben, o Tod, o Gott des ewigen Seins, ich beuge mein Haupt
in Schweigen dem Geheimnis, das in dir ist.

Einen Augenblick schwankte ich, ob ich umkehren sollte. Aber ich konnte
es nicht. Ich kniete neben Bimala nieder und legte meine Hand auf ihren
Kopf. Bei der ersten Berührung war es, als ob ihr ganzer Körper
erstarrte, aber im nächsten Augenblick löste sich die Starrheit, und die
Tränen brachen hervor. Ich strich sanft mit den Fingern über ihre Stirn.
Plötzlich tasteten ihre Hände nach meinen Füßen, sie zog sie zu sich
heran und preßte sie mit solcher Gewalt gegen ihre Brust, daß ich
dachte, ihr Herz würde brechen.


BIMALAS ERZÄHLUNG

XVIII

Amulja sollte heute morgen von Kalkutta zurückkehren. Ich hatte die
Dienstboten beauftragt, mich sofort zu benachrichtigen, wenn er ankäme,
aber ich hatte nirgends Ruhe. Endlich ging ich hinaus, um draußen im
Wohnzimmer auf ihn zu warten.

Als ich ihn ausschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen, muß ich nur
an mich gedacht haben. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ein so
junger Bursche, wenn er versuchte, solche wertvollen Juwelen zu
verkaufen, leicht in Verdacht geraten könnte. So hilflos sind wir
Frauen, daß wir, sobald Gefahr droht, die Last auf andre abschieben
müssen. Wenn wir ins Verderben geraten, so ziehen wir die, die uns
umgeben, mit hinab.

Ich hatte stolz gesagt, ich wolle Amulja retten, -- als ob ein
Ertrinkender andre retten könnte! Statt ihn zu retten, habe ich ihn in
sein Verhängnis geschickt. Mein lieber Bruder, eine solche Schwester bin
ich dir gewesen, daß der Tod an jenem Brudertag gelächelt haben muß, als
ich dir meinen Segen gab, -- ich, die unter der Last ihrer eigenen
Schuld zusammenbricht!

Ich fühle heute, daß der Mensch mitunter von dem Bösen wie von einer
Seuche befallen wird. Irgendein Keim fällt irgendwo hinein, und noch in
derselben Nacht naht mit großen Schritten der Tod.

Warum entfernt man solchen Kranken nicht von den übrigen Menschen? Ich
habe an mir selber erfahren, wie entsetzlich die Ansteckung ist, -- wie
eine glühende Fackel, die nach allen Seiten auszüngelt, um die Welt in
Flammen zu setzen.

Es schlug neun. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß Amulja in
Gefahr sei, daß er der Polizei in die Hände gefallen sei. Es herrscht
gewiß große Aufregung auf dem Polizeiamt: Wem gehören die Schmucksachen?
Wie hat er sie bekommen? Und schließlich werde ich öffentlich vor aller
Welt auf diese Fragen Antwort geben müssen.

Was für eine Antwort soll das sein? Endlich ist dein Tag gekommen, Bara
Rani, nachdem ich dich so lange verachtet habe. Dir wird deine Rache
werden, wenn das Publikum mich mit verächtlichen Blicken mustert. O
Gott, rette mich nur diesmal, und ich will all meinen Stolz meiner
Schwägerin zu Füßen werfen!

Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich ging geradewegs zu der Bara
Rani. Sie war auf der Veranda und würzte ihre Betelblätter. Thako war
bei ihr.

Beim Anblick Thakos wich ich einen Augenblick zurück, aber dann bezwang
ich mich, neigte mich tief vor meiner älteren Schwägerin und berührte
ehrfurchtsvoll ihre Füße.

»Du meine Güte, Tschota Rani,« rief sie aus, »was kommt dir denn in den
Sinn? Warum plötzlich diese Ehrfurcht?«

»Es ist mein Geburtstag heute, Schwester«, sagte ich. »Ich habe dich oft
gekränkt. Gib mir heute deinen Segen, daß ich es nie wieder tun möge!
Mein Wille ist so schwach.« Ich neigte mich noch einmal und ging eilig
fort, aber sie rief mich zurück.

»Du hast mir nie gesagt, daß heute dein Geburtstag ist, liebe Tschotie!
Komm doch heute nachmittag zum Tee zu mir. Das mußt du auf jeden Fall
tun!«

O Gott, laß es heute wirklich meinen Geburtstag sein! Kann ich nicht
noch einmal geboren werden? Reinige mich, mein Gott, und läutre mich und
versuche es noch einmal mit mir!

Ich ging wieder ins Wohnzimmer, wo ich Sandip fand. Es war, als ob ein
Gefühl von Ekel mir das Blut vergiftete. Das Gesicht, das ich im
Morgenlicht vor mir sah, hatte nichts von dem Zauberglanz des Genius.

»Verlassen Sie das Zimmer!« stieß ich hervor.

Sandip lächelte. »Da Amulja nicht hier ist,« bemerkte er, »sollte ich
meinen, ich sei jetzt an der Reihe, ein tête-à-tête mit Ihnen zu haben.«

Jetzt rächte sich meine Schuld. Wie konnte ich ihm das Recht wieder
nehmen, das ich ihm selbst gegeben hatte? »Ich möchte allein sein«,
wiederholte ich.

»Königin,« sagte er, »die Gegenwart eines andern hindert nicht, daß Sie
allein sind. Verwechseln Sie mich nicht mit jedem Beliebigen! Ich,
Sandip, bin immer allein, selbst wenn ich von Tausenden umgeben bin.«

»Bitte, kommen Sie zu einer andern Zeit! Heute morgen...«

»Warten Sie auf Amulja?«

Ich wandte mich zornig ab und wollte aus dem Zimmer gehen, als Sandip
aus den Falten seines Mantels meinen Schmuckkasten hervorzog und ihn
heftig auf den Marmortisch setzte. Ich war aufs höchste bestürzt. »Ist
denn Amulja nicht fort?« rief ich aus.

»Fort, wohin?«

»Nach Kalkutta?«

»Nein«, frohlockte Sandip.

O, so hatte mein Segen doch gewirkt. Er war gerettet. Mag nun Gottes
Strafe mich, die Diebin, treffen, wenn nur Amulja gerettet ist!

Der Wechsel im Ausdruck meines Gesichts reizte Sandip. »So erfreut,
Königin?« fragte er höhnisch. »Sind diese Schmucksachen so kostbar? Wie
konnten Sie sich denn dazu entschließen, sie der Göttin zu opfern? Denn
Sie haben sie ihr tatsächlich geopfert. Wollten Sie ihre Gabe nun
zurücknehmen?«

Der Stolz stirbt schwer und erhebt noch bis zum letzten Augenblick immer
wieder seine Krallen. Ich fühlte, ich mußte Sandip zeigen, daß der
Verlust der Schmucksachen mir vollständig gleichgültig war. »Wenn sie
Ihre Begierde erregt haben,« sagte ich, »so können Sie sie nehmen.«

»Meine Begierde umfaßt heute den Reichtum ganz Bengalens«, erwiderte
Sandip. »Gibt es eine größere Kraft als die Begierde? Sie ist das Roß
der Großen dieser Erde, wie der Elefant Airavat das Roß Indras. Diese
Juwelen gehören also mir?«

Als Sandip den Kasten nahm und wieder unter seinen Mantel barg, stürzte
Amulja herein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Lippen waren
trocken, sein Haar wirr; es war, als ob die Blüte seiner Jugend in einem
einzigen Tage verwelkt sei. Sein Anblick schnitt mir durch die Seele.

»Meinen Kasten!« rief er und stürzte geradewegs auf Sandip zu, ohne mich
anzusehen. »Haben Sie den Schmuckkasten aus meinem Koffer genommen?«

»Deinen Schmuckkasten?« fragte Sandip spöttisch.

»Es war mein Koffer!«

Sandip lachte auf. »Deine Unterscheidung zwischen mein und dein wird
etwas schwach, Amulja«, rief er. »Doch ich sehe, du wirst trotzdem als
frommer Priester sterben.«

Amulja sank auf den Stuhl und barg das Gesicht in den Händen. Ich trat
zu ihm und legte meine Hand auf seinen Kopf. »Was fehlt dir, Amulja?«
fragte ich.

Er sprang auf. »O Schwester Rani,« rief er, »ich wollte Ihnen so gern
selbst die Juwelen zurückgeben. Das wußte Sandip Babu, und nun ist er
mir zuvorgekommen.«

»Was liegt mir an den Juwelen?« sagte ich. »Laß ihn sie nehmen! Das
macht nichts.«

»Nehmen?« fragte er ganz verständnislos.

»Die Juwelen sind mein«, sagte Sandip. »Es sind die Insignien, die meine
Königin mir verliehen hat.«

»Nein, nein, nein!« rief Amulja leidenschaftlich. »Niemals, Schwester
Rani! Ich habe sie Ihnen zurückgebracht. Sie dürfen sie niemandem anders
geben.«

»Ich nehme deine Gabe an, mein kleiner Bruder«, sagte ich. »Aber laß
den, der Verlangen danach hat, seine Begierde befriedigen!«

Amulja funkelte Sandip Babu an wie ein Raubtier und stieß heiser hervor:
»Hören Sie, Sandip Babu, Sie wissen, daß selbst der Galgen mich nicht
schreckt. Wenn Sie sich unterstehen, diesen Schmuckkasten
wegzunehmen...«

Sandip lachte gezwungen und sagte: »Du solltest mittlerweile wissen,
Amulja, daß ich nicht der Mann bin, der sich vor dir fürchtet.«

»Bienenkönigin,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »ich bin heute nicht
hierher gekommen, um Ihnen die Schmucksachen zu nehmen, sondern um sie
Ihnen zu geben. Sie hätten unrecht getan, wenn Sie meine Gabe aus
Amuljas Händen angenommen hätten. Um dies zu verhindern, mußte ich mich
erst ihres Besitzes versichern. Nun nehmen Sie hier diese meine Juwelen
als eine Gabe von mir. Da sind sie! Verschwören Sie sich mit diesem
Burschen, soviel Sie wollen! Ich muß fort. Sie haben alle diese Tage
Ihre besonderen Gespräche gehabt, von denen ich nichts wissen sollte.
Wenn jetzt besondere Ereignisse kommen sollten, so geben Sie mir nicht
die Schuld!«

»Amulja,« fuhr er fort, »ich habe deine Koffer und Sachen nach deiner
Wohnung bringen lassen. Ich will nichts mehr in meinem Zimmer haben, was
dir gehört.« Nach diesem letzten Pfeilschuß eilte Sandip hinaus und warf
die Tür hinter sich zu.


XIX

»Ich habe keine Ruhe gehabt, Amulja,« sagte ich, »seit ich dich
wegschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen.«

»Warum, Schwester Rani?«

»Ich fürchtete, du könntest damit in Gefahr geraten, man könnte dich für
einen Dieb halten. Ich möchte lieber die 6000 Rupien gar nicht haben.
Jetzt mußt du noch etwas anderes mir zuliebe tun, du mußt gleich nach
Hause gehen zu deiner Mutter.«

Amulja zog ein kleines Päckchen hervor und sagte: »Aber Schwester, ich
habe die 6000.«

»Wo hast du sie her?«

»Ich versuchte alles mögliche, um Gold zu bekommen,« fuhr er fort, ohne
meine Frage zu beantworten, »aber es gelang mir nicht. So mußte ich das
Geld in Banknoten bringen.«

»Sag' mir aufrichtig, Amulja, schwöre mir, wo hast du das Geld her?«

»Das will ich Ihnen nicht sagen.«

Es wurde mir dunkel vor den Augen. »Was hast du Schreckliches getan?«
rief ich. »Ist es denn...«

»Ich weiß, Sie werden sagen, daß ich auf ungerechte Weise zu diesem
Gelde kam. Gut, ich gebe es zu. Aber ich habe den vollen Preis für meine
Schuld bezahlt. Daher ist das Geld jetzt mein.«

Ich wollte nicht mehr wissen. Das Blut erstarrte mir in den Adern.

»Schaffe es fort, Amulja«, flehte ich. »Bringe es wieder dahin, wo du es
hergenommen hast!«

»Das würde in der Tat schwer sein!«

»Es ist nicht schwer, lieber Bruder. Es war ein verhängnisvoller
Augenblick, als du mich zuerst sahst. Selbst Sandip hat dir nicht so
viel schaden können wie ich.«

Bei Sandips Namen fuhr er auf wie von einer Viper gestochen.

»Sandip!« rief er. »Durch Sie habe ich erst erkannt, was für ein Mensch
er ist. Wissen Sie, Schwester, daß er keinen Heller von dem Gold, das
er Ihnen abnahm, ausgegeben hat? Er schloß sich, nachdem er von Ihnen
gegangen war, in seinem Zimmer ein und weidete sich an dem Anblick
des Goldes, das er vor sich auf dem Fußboden ausbreitete. ›Dies ist
nicht Gold,‹ rief er aus, ›dies sind die Blütenblätter der göttlichen
Lotusblume der Macht; es sind Kristall gewordene Melodien aus den
Flöten, die im Paradiese des Reichtums erklingen! Ich kann es nicht
übers Herz bringen, sie zu wechseln, denn es ist, als sehnten sie sich,
die Erfüllung ihres Daseins zu finden als Schmuck um den Hals der
Schönheit. Amulja, mein Junge, blick' sie nicht mit deinem leiblichen
Auge an, sie sind das Lächeln Lakschmis, der bezaubernde Strahlenkranz
von Indras Gattin. Nein, nein, ich kann sie nicht dem Tölpel von
Verwalter überlassen. Ich bin sicher, Amulja, er hat uns belogen. Die
Polizei ist dem Manne, der das Boot versenkte, gar nicht auf der Spur.
Der Verwalter will nur etwas für sich dabei herausschlagen. Wir müssen
versuchen, die verhängnisvollen Briefe von ihm wiederzubekommen.‹«

»Ich fragte ihn, wie wir das anfangen sollten; er gebot mir, Drohungen
oder Gewalt anzuwenden. Ich war bereit, wenn er das Geld zurückgeben
wollte. Das könnten wir später erwägen war die Antwort. Ich will Ihnen
die Einzelheiten ersparen, Schwester, wie ich es endlich fertig brachte,
den Menschen so zu ängstigen, daß er die Briefe herausgab, die ich
verbrannte, es ist eine lange Geschichte. Am selben Abend noch kam ich
zu Sandip und sagte: ›Jetzt sind wir in Sicherheit. Geben Sie mir das
Gold, daß ich es morgen meiner Schwester, der Maharani zurückgebe!‹ Er
aber rief: ›Was ist das für eine Narrheit von dir? Du wirst bald vor dem
Sari deiner geliebten Schwester vom ganzen Vaterlande nichts mehr
sehen. Sag' Bande Mataram und banne den bösen Geist!‹«

»Sie kennen die Gewalt von Sandips Zauber, Schwester Rani. Das Gold
blieb in seinen Händen. Und ich verbrachte die lange dunkle Nacht auf
den Badestufen des Sees und murmelte: Bande Mataram.«

»Als Sie mir dann Ihre Juwelen zum Verkauf übergaben, ging ich noch
einmal zu Sandip. Ich konnte merken, daß er böse auf mich war. Aber er
versuchte, es nicht zu zeigen. ›Wenn du sie noch in irgendeinem Koffer
von mir aufbewahrt findest, magst du sie nehmen‹, sagte er und warf
mir die Schlüssel zu. Sie waren nirgends zu sehen. ›Sagen Sie mir, wo
sie sind‹, sagte ich. ›Ich werde es tun, wenn du von deiner Narrheit
geheilt bist, jetzt nicht‹, erwiderte er.«

»Als ich sah, daß er sich nicht bewegen ließ, mußte ich auf andre Mittel
sinnen. Ich versuchte das Gold gegen die 6000 Rupien in Banknoten von
ihm einzutauschen. ›Du sollst sie haben‹, sagte er und verschwand in
seinem Schlafzimmer, während ich draußen wartete. Dort erbrach er
meinen Koffer und ging durch eine andre Tür mit Ihrem Schmuckkasten
geradewegs zu Ihnen. Er wollte nicht, daß ich ihn Ihnen brächte, und nun
wagt er, ihn seine Gabe zu nennen. Wie kann ich sagen, wieviel er mir
geraubt hat! Niemals werde ich ihm verzeihen!«

»Aber eins ist gewiß, Schwester, die Macht, die er über mich hatte, ist
gänzlich gebrochen. Und Sie sind es, die sie gebrochen hat!«

»Lieber Bruder,« sagte ich, »wenn das wahr ist, so habe ich nicht
umsonst gelebt. Aber es bleibt noch mehr zu tun, Amulja. Es ist nicht
genug, daß der Zauber gebrochen ist. Seine häßlichen Spuren müssen
getilgt werden. Zögre nicht länger, geh' sogleich und bringe das Geld
dahin zurück, wo du es hergenommen hast! Kannst du es nicht tun, mein
Liebling?«

»Mit Ihrem Segen ist alles möglich, Schwester Rani!«

»Bedenke, daß es sich nicht um deine, sondern auch um meine Sühne
handelt. Ich bin eine Frau; die Außenwelt ist mir verschlossen, sonst
ginge ich selbst. Daß ich die Last meiner Sünde auf dich wälzen muß,
ist meine härteste Strafe.«

»Sagen Sie das nicht, Schwester! Der Weg, den ich ging, war nicht Ihr
Weg. Er lockte mich wegen seiner Gefahren und Schwierigkeiten. Jetzt, da
Ihr Weg mich ruft, mag er tausendmal schwieriger und gefährlicher sein,
Ihr Segen wird mir zum Ziel helfen. Es ist also Ihr Befehl, daß dies
Geld wieder an seinen Platz gebracht werde?«

»Nicht mein Befehl, mein Bruder, sondern ein Befehl von oben.«

»Davon weiß ich nichts. Für mich genügt es, wenn der Befehl von Ihren
Lippen kommt. Und, Schwester, ich hatte doch eine Einladung von Ihnen?
Um die darf ich nicht kommen. Sie müssen mir, bevor ich gehe, Ihr
prasad[37] geben. Dann werde ich, wenn es irgend möglich ist, noch vor
Abend meinen Auftrag erfüllen.«

Die Tränen traten mir in die Augen, als ich mit einem Versuch zu lächeln
sagte: »So sei es.«


Fußnoten:

[37] Speise, die durch die Berührung eines verehrten Menschen
geweiht ist.



ELFTES KAPITEL


BIMALAS ERZÄHLUNG

XX

Sobald Amulja hinaus war, sank mir der Mut. Auf welch gefährliches
Abenteuer hatte ich diesen einzigen Sohn seiner Mutter ausgesandt? O
Gott, warum mußte meine Sühne so weite Kreise ziehen! Konnte ich nicht
allein büßen, ohne daß so viel andere meine Strafe teilten? O, laß nicht
dies unschuldige Kind deinem Zorn zum Opfer fallen!

Ich rief ihn zurück, -- »Amulja!«

Meine Stimme klang so schwach, sie erreichte ihn nicht mehr.

Ich ging zur Tür und rief noch einmal: »Amulja!«

Er war fort.

»Wer ist da?«

»Ja, Maharani?«

»Geh' und sag' Amulja Babu, daß ich ihn zu sprechen wünsche!«

Was nun geschah, konnte ich nicht genau feststellen, -- vielleicht war
dem Manne Amuljas Name fremd, -- er kehrte unmittelbar darauf mit Sandip
zurück.

»Im selben Augenblick, als Sie mich fortschickten,« sagte er eintretend,
»hatte ich eine Ahnung, daß Sie mich zurückrufen würden. Die
Anziehungskraft desselben Mondes bewirkt beides, Ebbe und Flut. Ich war
so sicher, daß Sie mich würden rufen lassen, daß ich tatsächlich draußen
im Korridor wartete. Sobald ich Ihren Boten von Ihrem Zimmer her kommen
sah, sagte ich: ›Ja, ja, ich komme, ich komme sogleich!‹ bevor er nur
ein Wort äußern konnte. Das überraschte Gesicht dieses Hinterländers
hätten Sie sehen sollen! Er starrte mich mit offnem Munde an, als ob er
dächte, ich könne zaubern.«

»Alle Kämpfe in der Welt, Bienenkönigin,« fuhr Sandip in seiner Rede
fort, »sind in Wahrheit Kämpfe zwischen hypnotischen Kräften. Zauber
gegen Zauber geübt, -- geräuschlose Waffen, die auf unsichtbare Schilde
stoßen. In Ihnen habe ich endlich einen ebenbürtigen Gegner gefunden.
Ich weiß, Ihr Köcher ist gefüllt, Sie Meisterin im Streite! Sie sind die
Einzige in der Welt, die es fertig gebracht hat, Sandip fortzuschicken
und zurückzurufen, je nach Ihrem holden Willen. Nun liegt das Wild zu
Ihren Füßen. Was wollen Sie jetzt mit ihm tun? Wollen Sie ihm den
Gnadenstoß versetzen oder es in Ihrem Käfig gefangen halten? Doch ich
muß Sie vorher warnen, Königin, es wird Ihnen ebenso schwer werden, das
Tier auf der Stelle zu töten, wie es einzusperren. Jedenfalls sollten
Sie keine Zeit verlieren, Ihre Zauberwaffen zu gebrauchen.«

Sandip mußte die kommende Niederlage schon vorausspüren, und so
schwatzte er, um Zeit zu gewinnen, in einem fort, ohne eine Antwort
abzuwarten. Ich glaube, er wußte, daß ich den Boten nach Amulja
geschickt, dessen Namen der Mann sicher erwähnt hatte. Trotzdem brauchte
er absichtlich diesen Kunstgriff. Er wollte mir nicht Zeit lassen, ihm
zu sagen, daß ich Amulja und nicht ihn hätte sprechen wollen. Aber seine
Kriegslist war umsonst, denn sie zeigte nur seine Schwäche. Ich durfte
keinen Fußbreit von dem Boden weichen, den ich gewonnen hatte.

»Sandip Babu,« sagte ich, »ich bewundere, wie Sie so endlose Reden
halten können, ohne steckenzubleiben. Lernen Sie sie vorher auswendig?«

Ihm schoß das Blut ins Gesicht.

»Ich habe gehört,« fuhr ich fort, »daß unsre Redner von Beruf ein Buch
mit allen möglichen fertigen Reden haben, die sie sich dann für jede
beliebige Gelegenheit zurechtmachen können. Haben Sie auch solch Buch?«


Sandip knirschte seine Antwort zwischen den Zähnen hervor. »Die Natur
hat euch Frauen eine Menge Reize als Ausstattung mitgegeben, und darüber
hinaus habt ihr noch die Hilfe der Putzmacherin und des Juweliers; aber
glauben Sie nur nicht, daß wir Männer ganz ohne Waffen sind...«

»Sie täten besser, Ihr Buch noch einmal anzusehen, Sandip Babu. Sie
bringen alles durcheinander. Das kommt davon, wenn man die Dinge
auswendig lernt.«

»Sie!« stieß Sandip hervor, der nun alle Herrschaft über sich verlor.
»Haben Sie ein Recht, mich zu beschimpfen? Sie, die ich bis in die
kleinste Faser ihres Wesens kenne? Was...« Er konnte nicht
weitersprechen.

Sandip, dieser gewaltige Zauberer, ist vollständig hilflos, sobald sein
Zauber nicht wirken will. Von der Höhe seines stolzen Königtums war er
plötzlich auf die Stufe eines rohen Bauern gesunken. O, die Freude, ihn
so schwach zu sehen! Je beleidigender er in seiner Roheit wurde, je
stärker wallte diese Freude in mir auf. Seine Schlangenwindungen, mit
denen er mich umstrickte, versagen den Dienst, -- ich bin frei. Ich bin
gerettet, gerettet! Beleidige mich, beschimpfe mich, zeige dich in
deiner wahren Gestalt; nur verschone mich mit deinen falschen
Lobeshymnen!

In diesem Augenblick trat mein Gatte ein. Sandip hatte nicht die
Elastizität, sich wie sonst in einem Nu zusammenzuraffen. Mein Gatte sah
ihn eine Weile überrascht an. Wäre dies ein paar Tage früher gewesen, so
hätte ich mich geschämt. Aber nun war es mir gerade recht, was auch mein
Gatte denken mochte. Ich wollte meinem geschwächten Gegner den
entscheidenden Schlag versetzen.

Als mein Gatte uns beide in befangenem Schweigen verharren sah, zögerte
er erst ein wenig, dann setzte er sich. »Sandip,« sagte er, »ich suchte
dich und hörte, daß du hier seiest.«

»Allerdings bin ich hier«, sagte Sandip mit Nachdruck. »Die
Bienenkönigin ließ mich heute morgen rufen. Und ich, als ihr gehorsamer
Arbeiter im Stock, ließ alles liegen und folgte ihrem Ruf.«

»Ich fahre morgen nach Kalkutta. Du wirst mich begleiten.«

»Und warum, wenn ich fragen darf? Gehöre ich zu deinem Gefolge?«

»Nun gut, sagen wir, du reist nach Kalkutta und ich begleite dich.«

»Ich habe dort nichts zu tun.«

»Um so mehr Grund, daß du reisest. Du hast hier zuviel zu tun.«

»Ich werde mich nicht von der Stelle rühren.«

»So werde ich Gewalt brauchen.«

»Gut, so werde ich gehen. Aber die Welt besteht nicht nur aus Kalkutta
und deinen Besitzungen. Es gibt noch andere Orte auf der Landkarte.«

»Nach deinem bisherigen Verhalten hätte man kaum glauben sollen, daß es
außerhalb meiner Besitzungen noch einen Platz in der Welt gäbe.«

Sandip erhob sich. »Es kommt bisweilen vor,« sagte er, »daß ein einziger
Ort einem Menschen eine ganze Welt bedeutet. Mir bedeutete dieses
Zimmer die Welt, darum war ich hier wie festgewachsen.«

Dann wandte er sich nach mir hin. »Niemand als Sie, Bienenkönigin, wird
meine Worte verstehen, -- vielleicht nicht einmal Sie. Ich grüße Sie.
Mit Anbetung im Herzen verlasse ich Sie. Mein Losungswort ist ein andres
geworden, seit ich Sie gesehen. Es lautet nicht mehr Bande Mataram, Heil
dir, Mutter, sondern: Heil dir, Geliebte, Heil dir, Zauberin! Die Mutter
verleiht uns ihren Schutz, die Geliebte reißt uns zum Untergang, -- aber
dieser Untergang ist süß. Du rufst den Tod, Geliebte, und er naht mit
tanzenden Schritten, und mein Herz jauchzt beim Klirren seiner
Fußspangen. Du hast mir, deinem Diener, das Bild gewandelt, das ich von
unserm Bengalen hatte, -- ›dem Land der sanften Brise, des klaren
Wassers und der süßen Früchte‹[38]. Du hast kein Mitleid, meine
Geliebte. Du kommst zu mir mit deinem Giftbecher, und ich werde ihn bis
auf den letzten Tropfen leeren, um in Todesangst zu vergehen oder über
den Tod zu triumphieren.«

»Ja,« fuhr er fort. »Der Tag der Mutter ist vorbei. O Geliebte, meine
Geliebte, was gilt mir neben dir Wahrheit und Recht und selbst der
Himmel! Alle Pflichten sind zu Schatten geworden, alle Regeln und
Gesetze haben ihre Riegel gesprengt. O Geliebte, meine Geliebte, ich
könnte die ganze Welt in Flammen setzen bis auf das Stück Land, worauf
du deine kleinen Füße setztest, und dann in rasender Lust über die Asche
hintanzen... Ach, diese Menschen mit ihrer Sanftmut und Güte! Sie
möchten allen Gutes tun, -- als ob dies alles Wirklichkeit wäre! Nein,
nein! Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt als diese meine Liebe. Ich
neige mich vor dir. Meine Hingebung an dich hat mich grausam gemacht,
meine glühende Verehrung für dich hat die Flamme der Zerstörung in mir
entzündet. Ich bin nicht gerecht. Ich habe keinen Glauben, ich glaube
nur an sie, die sich mir allein in der Welt offenbart hat.«

Wunderbar! Noch vor einem Augenblick hatte ich diesen Menschen aus
tiefstem Herzen verachtet. Aber was ich für tote Asche gehalten hatte,
erwachte jetzt wieder zu lebendiger Glut. Das Feuer in ihm war echt,
daran war kein Zweifel. Ach, warum hat Gott den Menschen so zwiespältig
geschaffen? Wollte er nur seine göttliche Kunst zeigen? Noch vor wenigen
Minuten hatte ich gedacht, daß Sandip, den ich einst für einen Helden
gehalten hatte, nur ein armseliger Theaterheld sei. Aber auch darin
hatte ich nicht recht. Denn selbst unter dem Flitterkram des Theaters
kann sich zuweilen ein wahrer Held verbergen.

Es ist sehr viel Roheit, Sinnlichkeit und Lüge in Sandip, und seine
Seele ist mit mancher Lage von irdischen Stoffen bedeckt. Dennoch müssen
wir zugeben, daß in seiner innersten Tiefe vieles verborgen ist, was wir
nicht verstehen und nicht verstehen können, -- wie ja auch vieles in uns
selbst uns ein Rätsel bleibt. Ein wunderbares Wesen ist doch der Mensch!
Welchem großen, geheimnisvollen Zweck er dient, das weiß nur der große
Furchtbare[39], während wir unter der Last stöhnen. Schiva wird das
Chaos lichten. Er ist eitel Freude. Er wird unsre Bande zerbrechen.

Ich fühle immer wieder, wie zwei Wesen in mir sind. Das eine weicht vor
Sandip zurück, wenn er mir wie das Chaos selbst entgegentritt, das andre
wird gerade dadurch unwiderstehlich angezogen. Das sinkende Schiff zieht
alle, die es umschwimmen, in die Tiefe. Sandip ist solch eine
vernichtende Kraft. Seine ungeheure Anziehungskraft ergreift uns, bevor
Furcht uns warnt, und in einem Augenblick werden wir widerstandslos
hinabgezogen, fort von allem Licht, von allem Guten, von Luft und
Freiheit, von allem, was uns lieb und teuer war, -- hinab in den Abgrund
der Vernichtung.

Sandip ist als Bote gekommen aus einem fernen Reiche des Unheils, und
wie er über das Land schreitet und unheilige Zaubersprüche murmelt,
scharen sich alle Knaben und Jünglinge um ihn. Die Mutter sitzt im
Lotusherzen des Landes und wehklagt laut, denn sie haben ihre
Vorratskammer erbrochen, um dort ihr trunkenes Gelage zu halten. Ihre
Weinernte für den Trank der Unsterblichen schütten sie in den Staub;
ihre altehrwürdigen Geräte zertrümmern sie. Wohl fühle ich ihr Leid,
doch zugleich werde auch ich von dem Rausch mit fortgerissen.

Die Wahrheit selbst hat uns diese Versuchung geschickt, um unsre Treue
gegen ihre Gebote zu prüfen. Die Trunkenheit verkleidet sich in
himmlisches Gewand und tanzt vor den Pilgern her. »Ihr Narren,« ruft
sie, »die ihr den unfruchtbaren Weg der Entsagung geht! Er ist lang und
die Zeit vergeht euch langsam, wenn ihr ihn wandelt. Daher hat mich der
Schleuderer des Donnerkeils zu euch geschickt. Seht her! Ich, die
Schönheit, die Leidenschaft, rufe euch zu mir, -- in meiner Umarmung
sollt ihr Erfüllung finden.«

Nach einer Pause wandte Sandip sich noch einmal an mich. »Göttin, die
Zeit ist gekommen, wo ich dich verlassen muß. Es ist gut so. Deine Nähe
hat ihre Wirkung getan. Wenn ich noch länger säumte, würde sie
allmählich wieder aufgehoben. Wir verlieren alles, wenn wir in unsrer
unersättlichen Begierde das gemein machen wollen, was das Höchste auf
Erden ist. Was ewig ist im Augenblick, wird schal, wenn wir es in der
Zeit ausbreiten. Wir waren im Begriff, unsern unendlichen Augenblick zu
verderben, als du deinen Donnerkeil erhobst, der ihm zu Hilfe kam. Du
selbst rettetest die Reinheit deines Gottesdienstes und damit zugleich
auch deinen Priester. Um deines Gottesdienstes willen scheide ich heute.
Ja, Göttin, auch ich gebe dich heute frei. Mein irdischer Tempel konnte
dich nicht mehr fassen; er drohte jeden Augenblick zu bersten. Ich
scheide heute, um in einem größern Tempel dein größeres Ebenbild
anzubeten. Erst wenn ich fern von dir bin, wirst du wahrhaft mein
werden. Hier empfing ich nur deine Gunst, dort wird mir deine Gnade
zuteil werden.«

Mein Schmuckkasten stand noch auf dem Tisch. Ich hob ihn auf und sagte:
»Bringen Sie diese Juwelen der Gottheit, der ich diene, und opfern Sie
sie ihr in meinem Namen!«

Mein Gatte verharrte in Schweigen. Sandip verließ das Zimmer.


XXI

Ich hatte eben angefangen, ein paar Kuchen für Amulja zu backen, als die
Bara Rani erschien. »O Himmel,« rief sie aus, »ist es dahin gekommen,
daß du dir die Kuchen zu deinem Geburtstag selbst backen mußt?«

»Könnte ich sie nicht für jemand anders backen?« fragte ich.

»Aber an solchen Tagen solltest du nicht andre festlich bewirten,
sondern wir dich. Ich wollte gerade etwas Leckeres für dich
zubereiten[40], als ich die schreckliche Nachricht hörte, die mich ganz
aus der Fassung gebracht. Eine Schar von fünf- bis sechshundert Banditen
sollen in eins unsrer Schatzhäuser eingebrochen sein und sich mit 6000
Rupien davongemacht haben. Man erwartet, daß sie demnächst unser Haus
plündern werden.«

Ich war in hohem Grade erleichtert. So war es also doch unser eignes
Geld. Ich hätte am liebsten gleich Amulja rufen lassen, um ihm zu sagen,
daß er die Banknoten nur meinem Gatten einzuhändigen brauchte und die
Erklärung mir überlassen könnte.

»Du bist wirklich ein wunderliches Geschöpf!« rief meine Schwägerin aus,
als sie den Wechsel im Ausdruck meines Gesichts sah. »Kennst du denn gar
nicht so etwas wie Furcht?«

»Ich glaube nicht daran«, sagte ich. »Warum sollten sie unser Haus
plündern?«

»Du glaubst nicht daran, wahrhaftig! Wer hätte denn geglaubt, daß sie
unser Schatzhaus angreifen würden?«

Ich gab keine Antwort, sondern beugte mich über meine Kuchen, die ich
mit geriebenen Kokosnüssen füllte.

»Nun, ich muß gehen«, sagte die Bara Rani, nachdem sie mich noch einmal
verwundert angestarrt hatte. »Ich muß mit Bruder Nikhil sprechen und
dafür sorgen, daß mein Geld nach Kalkutta geschickt wird, bevor es zu
spät ist.«

Kaum war sie fort, so überließ ich die Kuchen sich selbst und stürzte in
mein Ankleidezimmer, das ich von innen abschloß. Meines Gatten Kittel
mit den Schlüsseln in der Tasche hing noch da, -- so vergeßlich war er.
Ich nahm den Schlüssel zu dem eisernen Geldschrank von dem Ring und
steckte ihn zu mir.

Da klopfte es an die Tür. »Ich bin beim Anziehen«, rief ich. Ich hörte,
wie die Bara Rani sagte: »Noch vor einer Minute sah ich sie beim
Kuchenbacken, und jetzt ist sie mit ihrem Putz beschäftigt. Mich soll
wundern, was ihr danach einfällt! Gewiß haben sie wieder eine ihrer
Bande-Mataram-Versammlungen.« »Höre einmal, Räuberkönigin,« rief sie zu
mir herein, »bist du dabei, deine Beute zu zählen?«

Als sie fort waren, öffnete ich den eisernen Geldschrank. Ich weiß
nicht, was mich dazu veranlaßte, vielleicht hatte ich die geheime
Hoffnung, daß alles ein Traum gewesen sei. Wie, wenn ich beim Öffnen der
inneren Schublade die Geldrollen an ihrem Platze fände?... Ach, alles
war so leer wie das Vertrauen, das ich verraten hatte.

Ich mußte die Komödie des Umkleidens durchführen. So frisierte ich mich
denn ganz überflüssigerweise noch einmal und steckte mein Haar anders
hoch. Als ich herauskam, spottete meine Schwägerin: »Wie oft ziehst du
dich heute noch um?«

»Es ist ja mein Geburtstag«, sagte ich.

»Ach, dafür ist dir jeder Vorwand recht«, erwiderte sie. »Ich habe in
meinem Leben viele eitle Leute gekannt, aber du übertriffst sie alle.«

Ich wollte gerade einen Diener rufen, um Amulja holen zu lassen, als
einer der Leute mir ein kleines Billett brachte. Es war von Amulja.

»Schwester,« schrieb er, »Sie haben mich auf heute nachmittag
eingeladen, aber mir schien es doch besser, nicht zu warten. Lassen Sie
mich erst Ihren Auftrag ausführen und dann zu meinem prasad kommen! Es
kann etwas spät werden.«

Wo mochte er hingehen, um das Geld zurückzugeben? Welcher neuen Gefahr
lief der arme Junge in die Arme? Ach du elendes Weib, du kannst ihn nur
wie einen Pfeil absenden, aber nicht zurückrufen, wenn du dein Ziel
verfehlst.

Ich hätte sogleich bekennen sollen, daß ich die Triebfeder dieses
Raubüberfalls war. Aber wir Frauen leben von dem Vertrauen unsrer
Umgebung, -- es bedeutet uns die Welt. Wenn es einmal offenbar wird, daß
wir dies Vertrauen heimlich verraten haben, so haben wir den Platz in
unsrer Welt verloren. Wir müssen auf den Trümmern dessen stehen, was wir
zerbrochen haben, und seine scharfen Kanten verwunden uns bei jeder
Bewegung. Sündigen ist leicht, aber Wiedergutmachen ist schwer,
besonders für eine Frau.

Seit einiger Zeit ist jede ungezwungene Annäherung an meinen Gatten mir
abgeschnitten. Wie konnte ich ihn nun plötzlich mit dieser
ungeheuerlichen Nachricht überfallen! Er kam heute sehr spät zum Essen,
es war fast zwei Uhr. Er war zerstreut und rührte kaum einen Bissen an.
Ich fühlte, daß ich sogar das Recht verscherzt hatte, ihn zu nötigen,
noch etwas mehr zu nehmen, und ich mußte mein Gesicht abwenden, um meine
Tränen zu verbergen.

Ich hätte so gern zu ihm gesagt: »Komm doch in unser Zimmer und ruhe ein
Weilchen; du siehst so müde aus.« Gerade schickte ich mich dazu an, als
ein Diener eilig die Nachricht brachte, daß der Polizeiinspektor
Pantschu zum Palast heraufgebracht hätte. Das Antlitz meines Gatten
überschattete sich noch mehr, und er ging hinaus, ohne sein Mahl zu
beenden.

Bald darauf erschien die Bara Rani. »Warum gabst du mir nicht Nachricht,
als Bruder Nikhil hereinkam?« beklagte sie sich. »Da er so spät kam,
dachte ich, ich könnte inzwischen mein Bad nehmen. Wie wurde er nur so
schnell mit dem Essen fertig?«

»Wolltest du etwas von ihm?«

»Was bedeutet das, daß ihr morgen beide nach Kalkutta reisen wollt? Aber
das sage ich euch, ich bleibe nicht allein hier. Ich würde mich bei
jedem Laut tot ängstigen, jetzt, wo alle diese Banditen hier ihr Wesen
treiben. Ist es ganz bestimmt, daß ihr morgen reist?«

»Ja«, sagte ich, obgleich ich erst eben jetzt davon hörte und außerdem
gar nicht sicher war, ob nicht bis dahin Ereignisse eintreten würden,
die es ganz gleichgültig machten, ob wir reisten oder blieben. Wie
danach unser Heim und unser Leben sich gestalten würden, konnte ich mir
gar nicht vorstellen, alles erschien mir so nebelhaft und gespenstisch.

In ein paar Stunden mußte mein jetzt noch verborgenes Schicksal sichtbar
werden. War niemand da, der den Flug dieser Stunde aufhalten konnte, so
daß ich Zeit gewann, wieder gutzumachen, soweit es in meiner Macht lag?
Die Zeit, wo der böse Same im Boden liegt, ist lang, -- so lang, daß man
gar nicht mehr fürchtet, er könne aufgehen. Aber sobald er aus dem Boden
hervorsprießt, wächst er so schnell, daß gar keine Zeit bleibt, ihn
zuzudecken, selbst nicht mit dem eigenen Leben.

Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken, sondern in stummer
Passivität dasitzen, bis der Zusammenbruch kommt. Laß ihn kommen, in ein
paar Tagen wird alles vorüber sein -- Entdeckung, Spott, Mitleid,
Fragen, Erklärungen -- alles.

Aber ich kann das Gesicht Amuljas nicht vergessen, so schön und
strahlend in seiner Hingebung. Er wartete nicht verzweifelt den
vernichtenden Schlag des Schicksals ab, sondern stürzte sich mutig
mitten in die Gefahr. Auf ihn blicke ich voll Ehrfurcht in meinem Elend.
Er ist mein Erlöser. Er nahm wie im Spiel die Last meiner Sünde auf
seine Schultern. Er wollte mich retten indem er die Strafe, die mir
bestimmt war, auf sein Haupt rief. Aber wie soll ich diese furchtbare
Gnade meines Gottes ertragen?

O, mein Kind, mein Kind, ich neige mich vor dir. Mein kleiner Bruder,
ich neige mich vor dir. Du bist rein, du bist schön, ich neige mich vor
dir. Möchtest du in deiner nächsten Existenz als mein eigenes Kind in
meine Arme kommen, -- das ist mein Gebet.


XXII

Das Gerücht von dem Raubüberfall verbreitete sich nach allen Seiten. Die
Polizei ging beständig ein und aus. Unsre Dienstboten waren in großer
Aufregung.

Khema, mein Mädchen, kam und sagte: »Ach, Maharani, um des Himmels
willen, bewahren Sie mir doch meine goldene Halskette und Armringe in
Ihrem eisernen Geldschrank auf!« Wem sollte ich erklären, daß die Rani
selbst dieses ganze Netz von Verwirrung gewoben und sich nun auch darin
gefangen hatte? Ich mußte die Rolle der gütigen Beschützerin spielen und
Khemas Schmucksachen und Thakos Ersparnisse in meine Obhut nehmen. Sogar
die Milchfrau brachte einen Koffer in mein Zimmer, in dem ein Sari aus
Benares und andre ihrer ihr wertvollen Habseligkeiten waren. »Ich bekam
diese Sachen zu Ihrer Hochzeit«, erzählte sie mir.

Wenn man morgen meinen eisernen Geldschrank öffnet in Gegenwart dieser
Frauen -- Khema, Thako, die Milchfrau und all die andern ... Ich darf
nicht daran denken! Ich will lieber versuchen, mir vorzustellen, wie es
sein wird, wenn dieser dritte Magh[41] nach einem Jahre wiederkehrt.

Amulja schreibt, daß er erst spät am Abend kommen wird. Ich kann nicht
so untätig allein mit meinen Gedanken bleiben, ich will ihm noch ein
paar Kuchen backen. Ich habe schon eine ganze Menge gebacken, aber ich
muß noch damit fortfahren. Wer wird sie essen? Ich werde sie unter die
Dienstboten verteilen. Das muß ich noch heute abend tun. Heute abend
läuft meine Frist ab. Das Morgen steht nicht mehr in meiner Hand.

Ich fuhr unermüdlich fort, einen Kuchen nach dem andern zu backen.
Bisweilen kam es mir vor, als ob ich oben irgendwo in unsern Zimmern ein
Geräusch hörte. Konnte es sein, daß mein Gatte den Schlüssel zum
Geldschrank vermißt und die Bara Rani nun die Dienstboten
zusammengerufen hatte, um suchen zu helfen? Nein, ich wollte nicht mehr
hinhören; es war am besten, die Tür zu schließen.

Ich war eben im Begriff, es zu tun, als Thako keuchend hereingestürzt
kam: »Maharani, o Maharani!«

»Mach', daß du fortkommst!« fuhr ich sie an. »Laß mich in Ruh!«

»Die Bara Rani läßt Sie rufen,« sagte sie. »Ihr Neffe hat ihr ein so
wundervolles Instrument von Kalkutta mitgebracht. Es spricht wie ein
Mensch. Kommen Sie und hören Sie!«

Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. So mußte jetzt von
allen Dingen auf der Welt ein Grammophon auf der Bildfläche erscheinen,
um bei jeder Drehung den näselnden Singsang seiner Arien zu wiederholen!
Welch fürchterliche Sache ist es doch um eine Maschine, die einen
Menschen nachäfft!

Die Schatten des Abends begannen zu sinken. Ich wußte, daß Amulja sich
sofort melden würde, wenn er zurückkäme, doch ich konnte nicht länger
warten. Ich rief einen Diener und sagte: »Geh und sag Amulja Babu, er
möchte sofort herkommen!« Der Mann kam nach einer Weile zurück mit dem
Bescheid, daß Amulja noch immer nicht zu Hause sei, er sei schon so
lange fort.

»Fort!« Dies letzte Wort tönte wie eine Klage durch das zunehmende
Dunkel an mein Ohr. Amulja fort! War er denn gekommen wie ein Strahl der
untergehenden Sonne, um auf immer zu verschwinden? Alle möglichen und
unmöglichen Gefahren schwirrten mir durch den Sinn. Ich war es, die ihn
in den Tod geschickt hatte. Wenn er ihm auch furchtlos entgegengegangen
war, das zeigte nur seine Seelengröße. Aber wie sollte ich hiernach noch
ohne ihn allein weiterleben?

Ich hatte kein Andenken von Amulja außer jener Pistole, seinem
Brudergeschenk. Sie erschien mir als ein Zeichen, das mir die Vorsehung
geschickt hatte. Diese Schuld, die mein Leben an seiner Wurzel vergiftet
hatte, -- mein Gott hatte mir in Gestalt eines Kindes das Mittel
gegeben, sie auszulöschen, und war dann entschwunden. O welche Fülle
erlösender Gnade lag in dieser Liebesgabe verborgen!

Ich öffnete meine Truhe, nahm die Pistole heraus und hob sie in
ehrfürchtiger Scheu an meine Stirn. In dem Augenblick erklangen die
Glocken vom Tempel unseres Hauses. Ich warf mich anbetend nieder.

Am Abend bewirtete ich das ganze Haus mit meinen Kuchen. »Du hast uns
einen wunderbaren Geburtstagsschmaus bereitet, und dazu noch ganz
allein!« rief meine Schwägerin aus. »Aber du mußt auch uns etwas zu tun
übrig lassen.« Und damit stellte sie ihr Grammophon an und ließ den
schrillen Sopran der Kalkuttaschen Sängerinnen durch das Haus tönen. Es
war, als hörte man einen Stall voll wiehernder Füllen.

Es wurde ziemlich spät, bis der Schmaus vorüber war. Ich hatte
plötzlich ein Verlangen, meine Geburtstagsfeier damit zu beenden, daß
ich die Füße meines Gatten ehrfurchtsvoll berührte. Ich ging hinauf ins
Schlafzimmer und fand ihn in tiefem Schlafe. Er hatte einen so
sorgenvollen, schweren Tag gehabt. Ich hob ganz, ganz sachte den Saum
des Mosquitonetzes und legte meinen Kopf neben seine Füße. Mein Haar
mußte ihn berührt haben, denn er bewegte im Schlaf die Füße und stieß
meinen Kopf weg.

Ich ging hinaus und setzte mich auf die Veranda an der Westseite. Ein
Wollbaum, der alle seine Blätter verloren hatte, stand in der Ferne da
wie ein Skelett. Hinter ihm sank die Mondsichel hinab. Plötzlich hatte
ich das Gefühl, daß selbst die Sterne des Himmels Furcht vor mir hätten,
daß die ganze Nachtwelt mich mißtrauisch anblickte. Warum? Weil ich
allein war.

Es gibt nichts Trostloseres in der Schöpfung als den Menschen, der
allein ist. Selbst der, dessen Angehörige alle einer nach dem andern
gestorben sind, ist nicht allein, Gesellschaft kommt ihm von jenseits
des Grabes. Doch der, dessen Angehörige noch leben, aber keine
Gemeinschaft mit ihm haben, der aus dem bunten Kreis eines vollen Heims
herausgefallen ist, dessen Dunkel blickt selbst das Sternenweltall mit
Schaudern an.

Wo ich bin, da bin ich nicht. Ich bin weit fort von denen, die um mich
sind. Ich lebe und bewege mich am Rande einer weltweiten Trennungskluft,
unsicher wie der Tautropfen auf dem Lotusblatt.

Warum verwandeln die Menschen sich nicht ganz, wenn sie sich verwandeln?
Wenn ich in mein Herz sehe, so finde ich noch alles da, was sonst da
war, -- nur ist alles auf den Kopf gestellt. Was schön geordnet war,
liegt wirr durcheinander. Die Perlen, die zu einem Halsband vereint
waren, rollen im Staub. Und so bricht mir das Herz.

Ich möchte sterben. Und doch wird in meinem Herzen alles fortleben, --
selbst im Tode kann ich nicht das Ende von allem sehen; der Tod bringt
nur noch größere Reuequalen. Was beendet werden soll, muß in diesem
Leben beendet werden, -- es gibt keinen andern Ausweg.

O vergib mir nur dies eine Mal noch, mein Gott! Alles, was du als
Reichtum meines Lebens in meine Hände legtest, habe ich mir zur Last
gemacht. Ich kann sie nicht länger tragen, noch sie abwerfen. O Herr,
laß noch einmal jene süßen Melodien auf deiner Flöte ertönen, die du
einst vor langer Zeit für mich spieltest, als du am rosigen Horizont
meines Morgenhimmels standest, -- und laß alle meine Verwirrungen
einfach und leicht sich lösen! Nur die Musik deiner Flöte kann heilen,
was zerbrochen, und reinigen, was beschmutzt ist. Schaffe mein Heim neu
mit deiner Musik! Ich weiß keine andere Rettung.

Ich warf mich ausgestreckt auf den Boden und schluchzte laut. Ich betete
um Erbarmen, um ein wenig Erbarmen von irgendwoher, um Zuflucht, um
irgendein Zeichen von Vergebung, eine Hoffnung, die das Ende bringen
könnte. »Herr!« gelobte ich, »ich will hier liegen und warten und warten
und weder Speise noch Trank anrühren, bis deine segnende Hand mich
berührt hat.«

Ich hörte das Geräusch von Tritten. Wer sagt, daß die Götter sich nicht
den Sterblichen zeigen? Ich wagte nicht mein Antlitz zu erheben, aus
Furcht, sein Anblick könne den Zauber verscheuchen. Komm, ach, komm und
laß deine Füße mein Haupt berühren! Komm, Herr, und setze deinen Fuß auf
mein pochendes Herz und laß mich in dem Augenblick sterben!

Er kam und setzte sich zu meinen Häupten. Wer? Mein Gatte! Im ersten
Augenblick, als ich seine Gegenwart fühlte, war mir, als sollten mir die
Sinne schwinden. Und dann brach all der Schmerz, der sich in meiner
Seele gestaut hatte, in einem unaufhaltsamen Tränenstrom hervor. Ich
preßte seine Füße an meinen Busen, als ob ich ihre Spur für immer dort
festhalten wollte.

Er streichelte zärtlich meinen Kopf. So empfing ich seinen Segen. Nun
werde ich morgen die Buße der öffentlichen Demütigung auf mich nehmen
können und sie mit geläutertem Herzen als Sühnopfer zu den Füßen meines
Gottes niederlegen.

Aber was meine Seele bedrückt, ist der Gedanke, daß die festlichen
Flöten, die vor neun Jahren bei meiner Hochzeit erklangen und mich in
diesem Hause willkommen hießen, mir nie in diesem Leben mehr erklingen
werden. Welche Buße gäbe es, die hart genug wäre, um mich noch einmal
als die für ihren Gatten geschmückte Braut auf denselben bräutlichen
Sitz zu erheben? Wieviel Jahre, wieviel Zeitalter, wieviel Weltalter
müssen vergehen, bis ich den Weg zurückfinde zu dem Platz, wo ich vor
neun Jahren stand?

Gott kann neue Dinge schaffen, aber hat selbst er die Macht, das neu zu
schaffen, was sich selbst zerstört hat?


Fußnoten:

[38] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram.

[39] Rudra, »der Furchtbare« (eig. wohl »der Brüllende«), der
ursprüngliche Name Schivas (so im Veda).

[40] Leckerbissen, die als Festgeschenk geboten werden, müssen
von der Dame des Hauses selbst zubereitet sein.

[41] Indischer Monat, etwa von Mitte Jan. bis Mitte Febr.



ZWÖLFTES KAPITEL


NIKHILS ERZÄHLUNG

XV

Heute reisen wir nach Kalkutta. Wenn wir nur immer fortfahren, unsre
Freuden und Leiden anzuhäufen, lasten sie schwer auf uns. Wir sollten
sie von uns werfen, denn wir haben nicht hier unsre Stätte, sondern sind
Pilger auf dem Pfade des Lebens. Wenn wir hier unser Haus bauen, kerkern
wir unsre Seele ein, bis sie in der Kerkerluft erstickt.

Meine Vereinigung mit dir, Geliebte, war nur für die Pilgerfahrt, die
hinter uns liegt; sie war gut, solange wir denselben Weg gingen, sie
wird uns nur hemmen, wenn wir versuchen, sie darüber hinaus zu erhalten.
Jetzt streifen wir diese Fessel ab. Wir haben die Reise nach andern
Zielen angetreten, und es muß uns genug sein, wenn wir einander einen
Blick zuwerfen oder im Vorübergehen die Hand des andern streifen
können. Und danach? Danach gelangen wir auf die größere Heerstraße der
Welt, in den endlosen Strom des Alllebens.

Wie unermeßlich viel bleibt mir noch, wenn wir geschieden sind!
Geliebte! Wenn ich lausche, höre ich die Flöte spielen, ich höre den
Quell ihrer Melodien hervorströmen aus der Kluft, die uns trennt. Der
unsterbliche Trank der Göttin versiegt nie. Sie zerbricht nur bisweilen
den Becher, aus dem wir ihn trinken, und lächelt, wenn sie uns so
untröstlich sieht über den unbedeutenden Verlust. Ich will nicht
stillstehen und die Scherben auflesen. Ich will vorwärtsschreiten, wenn
auch mit durstendem Herzen.

Die Bara Rani kam und fragte mich: »Was bedeutet denn das, Bruder, daß
diese Bücher eingepackt und kistenweise weggeschickt werden?«

»Das bedeutet nur, daß ich meine Liebe zu ihnen noch nicht habe
überwinden können,« erwiderte ich.

»Ich wollte nur, daß du deine Liebe auch einigen andern Dingen noch
bewahrtest! Hast du denn die Absicht, gar nicht nach Hause
zurückzukommen?«

»Ich werde hin und wieder kommen, aber ich werde mich hier nicht wieder
ganz einmauern.«

»O wirklich! Nun, da komm einmal in mein Zimmer und sieh, an wieviel
Dingen ich mit meiner Liebe hänge!« Damit nahm sie mich bei der Hand und
führte mich ab.

Im Zimmer meiner Schwägerin fand ich zahllose Koffer und Bündel fertig
gepackt. Sie öffnete einen der Koffer und sagte: »Sieh, Bruder, da habe
ich all meine Sachen zur Bereitung von pan[42]. In dieser Flasche habe
ich Katschupuder, das mit dem Pollen von Schraubenbaumblüten gewürzt
ist. In den kleinen Zinndosen sind lauter verschiedene Gewürze. Auch
meine Spielkarten und mein Damenbrett habe ich nicht vergessen. Wenn ihr
beiden zu beschäftigt seid, so werde ich schon andre Freunde da finden,
die ein Spiel mit mir machen. Erinnerst du dich noch an diesen Kamm? Es
ist einer von den Swadeschi-Kämmen, die du mir mitbrachtest...«

»Aber was bedeutet dies alles, Schwester Rani? Warum hast du denn all
diese Sachen gepackt?«

»Denkst du, ich gehe nicht mit euch?«

»Aber welche Idee!«

»Hab keine Angst! Ich werde weder mit dir kokettieren noch mit der
Tschota Rani streiten. Man muß doch eines Tages sterben, und man tut
ebenso gut, das Ufer des heiligen Ganges aufzusuchen, bevor es zu spät
ist. Der Gedanke, hier auf eurem elenden Verbrennungsplatz unter dem
verkrüppelten Feigenbaum eingeäschert zu werden, ist entsetzlich, --
darum habe ich mich nicht entschließen können, zu sterben und dich so
lange geplagt.«

Hier sprach endlich mein Heim zu mir mit seiner wahren Stimme. Die Bara
Rani war als Braut in unser Haus gekommen, als ich erst sechs Jahre alt
war. Wir haben an den schläfrigen Nachmittagen zusammen in einer Ecke
der Terrasse des Daches gespielt. Ich habe ihr oben vom Baum herunter
grüne Mangofrüchte zugeworfen, aus denen sie köstlich unverdauliche
chutnees machte, indem sie sie in dünne Scheiben zerschnitt und mit
Senf, Salz und verschiedenen Kräutern würzte. Meine Aufgabe war es, ihr
all die verbotenen Sachen aus der Vorratskammer zu holen, die sie für
das Hochzeitsfest ihrer Puppe brauchte, denn der Strafkodex meiner
Großmutter ließ nur für mich Ausnahmen zu. Und sie wählte mich immer zum
Boten an ihren Bruder, wenn sie ihm etwas Besonderes abschmeicheln
wollte, denn meinen ungestümen Bitten konnte er nicht widerstehen. Ich
weiß noch, wie ich damals unter den strengen Maßregeln der Ärzte litt,
die bei Fieberanfällen nur warmes Wasser und Kardamomlimonade
gestatteten, und wie meine Schwägerin meine Entbehrungen nicht mit
ansehen konnte und mir heimlich Leckerbissen brachte. Was für Schelte
bekam sie eines Tages, als sie dabei ertappt wurde!

Und als wir dann größer wurden, waren die Leiden und Freuden, die uns
miteinander verbanden, ernsterer Art. Wie wir mitunter in Streit
gerieten! Bisweilen, wenn eigennützige Interessen uns trennten, stieg
Mißtrauen und Eifersucht auf und brachte einen Riß in unsre
Freundschaft; und als die Tschota Rani zwischen uns trat, sah es so aus,
als ob dieser Riß nie wieder heilen würde. Aber es zeigte sich immer,
daß die heilenden Kräfte am Grunde stärker waren als die Wunden an der
Oberfläche.

So ist von Kindheit an bis heute eine innige Freundschaft zwischen uns
emporgewachsen, deren dichtbelaubte Zweige sich über jedes Zimmer, jede
Veranda, jede Terrasse dieses großen Hauses breiten. Als ich sah, wie
die Bara Rani sich bereit machte, mit all ihrer Habe dies unser Haus zu
verlassen, da fühlte ich, wie es an allen Banden, die uns
zusammenhielten, bis in die äußersten Enden schmerzhaft zerrte.

Ich wußte wohl den Grund, warum sie sich entschlossen hatte, dem
Unbekannten zuzutreiben und alle jene Bande zu zerschneiden, die sie mit
den täglichen Gewohnheiten an das Haus knüpften, das sie nie einen Tag
verlassen, nachdem sie es mit neun Jahren zuerst betreten hatte. Und
doch wollte sie diesen wahren Grund nicht über ihre Lippen kommen
lassen, sondern verbarg ihn lieber hinter andern, nichtigen Vorwänden.

Ich war der einzige, der ihr von allen Verwandten auf der Welt geblieben
war, und die arme unglückliche, verwitwete und kinderlose Frau hegte
diese Verwandtschaft mit aller Zärtlichkeit, die sie in ihrem Herzen
aufgespeichert hatte. Wie tief sie unsre beabsichtigte Trennung
empfunden hatte, fühlte ich erst, als ich zwischen ihren umhergestreuten
Koffern und Bündeln stand.

Ich erkannte mit einem Blick, daß die kleinen Zwistigkeiten wegen
Geldangelegenheiten, die sie oft mit Bimala hatte, nicht niederm
Eigennutz entsprangen, sondern sie fühlte, daß diese andere Frau, die
von Gott weiß woher kam, ihre Ansprüche an den einzigen Verwandten, der
ihr geblieben war, zurückdrängte und das Band zwischen ihm und ihr
lockerte! Sie war bei jedem Schritt verletzt worden und hatte doch kein
Recht, sich zu beklagen.

Und Bimala? Auch sie fühlte, daß die Ansprüche der Bara Rani an mich
sich nicht nur auf unsre Verwandtschaft gründeten, sondern ihren
tieferen Grund hatten, und sie war eifersüchtig auf dies Verhältnis
zwischen uns, das in unsre Kindheit zurückreichte.

Nun schlug mein Herz heftig gegen die Tür meiner Brust. Ich sank auf
einen der Koffer nieder und sagte: »Ach, Schwester Rani, wie glücklich
wäre ich, wenn die alten Zeiten, wo wir uns zuerst in diesem unserm
alten Hause sahen, wiederkehren wollten!«

»Nein, lieber Bruder,« erwiderte sie mit einem Seufzer, »ich möchte mein
Leben nicht noch einmal leben, -- nicht als Frau! Laß das, was ich zu
tragen gehabt habe, nur mit dieser einen Existenz zu Ende sein! Ich
könnte es nicht noch einmal ertragen.«

Ich sagte zu ihr: »Die Freiheit, zu der wir durch Leid gelangen, ist
größer als das Leid.«

»Das mag bei euch Männern so sein. Die Freiheit ist für euch. Aber wir
Frauen möchten andere fesseln oder möchten noch lieber selbst von ihnen
gefesselt werden. Nein, nein, Bruder, du wirst dich aus unsern Netzen
nicht losmachen können. Wenn du denn deine Flügel ausbreiten und
wegfliegen mußt, so mußt du mich mit dir nehmen; wir wollen nicht
zurückbleiben. Darum habe ich all dies schwere Gepäck zusammengetragen.
Man darf euch Männer nicht mit zu leichter Ladung laufen lassen.«

»Ich fühle das Gewicht deiner Worte,« sagte ich lachend, »und wenn wir
Männer nicht über die Lasten, die ihr uns auferlegt, klagen, so
geschieht es, weil ihr Frauen uns so freigebig belohnt für das, was ihr
uns zu tragen gebt.«

»Ihr tragt es,« sagte sie, »weil die Last aus so vielen kleinen Dingen
besteht. Immer, wenn ihr eins davon zurückweisen wollt, so führt es zu
seinen Gunsten an, daß es so leicht ist. Und so drücken wir euch mit all
den leichten Dingen zu Boden... Wann reisen wir ab?«

»Der Zug fährt heute abend um halb zwölf. Wir haben reichlich Zeit.«

»Nun sei ein einziges Mal in deinem Leben artig und höre auf das, was
ich sage! Schlaf dich heute nachmittag ordentlich aus! Du weißt, du
kannst im Zuge nie schlafen. Du bist so herunter, daß du jeden
Augenblick zusammenklappen kannst. Komm, nimm erst dein Bad.«

Als wir nach meinem Zimmer gingen, kam Khema, das Mädchen, herauf. Sie
zupfte verlegen an ihrem Schleier und sagte in leisem, entschuldigendem
Ton, daß der Polizei-Inspektor mit einem Gefangenen gekommen sei und den
Maharadscha zu sprechen wünsche.

»Ist der Maharadscha ein Dieb oder ein Räuber,« fuhr die Bara Rani auf,
»daß die Polizei beständig hinter ihm her sein muß? Geh und sag' dem
Inspektor, daß der Maharadscha beim Baden ist!«

»Laß mich nur mal sehen, was los ist,« bat ich. »Es kann etwas
Dringendes sein.«

»Nein, nein,« beharrte meine Schwägerin. »Unsre Tschota Rani hat gestern
abend eine Unmenge Kuchen gebacken. Ich werde dem Inspektor ein paar
schicken, damit er ruhig bleibt, bis du fertig bist.« Damit schob sie
mich in mein Zimmer und schloß die Tür hinter mir zu.

Ich hatte nicht die Kraft, mich solcher Tyrannei zu widersetzen, -- sie
ist so selten in dieser Welt. Mochte der Inspektor sich die Zeit mit
Kuchenessen vertreiben. Was machte es, wenn die Pflicht einmal ruhte?

Die Polizei war diese letzten Tage eifrig am Werke gewesen, bald diesen,
bald jenen zu verhaften. Jeden Tag wurde irgendein Unschuldiger zur
Erheiterung der Angestellten in mein Geschäftszimmer geführt. Ich
vermutete, daß sie jetzt wieder so ein unglückliches Opfer
herangeschleppt hatten. Aber warum sollte der Inspektor allein sich an
Kuchen gütlich tun? Das war nicht in der Ordnung. Ich stieß heftig gegen
die Tür.

»Wenn du toll werden willst, gieß dir schnell etwas Wasser über den Kopf
-- das wird dich abkühlen,« sagte meine Schwägerin vom Korridor aus.

»Schicke Kuchen für zwei hinunter«, rief ich. »Der, den man als Dieb
eingebracht hat, verdient sie vielleicht noch mehr. Laß ihm eine
tüchtige Portion geben!«

Ich beeilte mich mit meinem Bad. Als ich herauskam, saß Bimala draußen
vor der Tür auf dem Boden[43]. War es möglich, daß dies meine alte
stolze, verwöhnte Bimala war?

Welche Gunst konnte sie erbitten wollen, als sie da so vor meiner Tür
saß? Als ich stutzte und stehenblieb, stand sie auf und sagte leise mit
niedergeschlagenen Augen: »Ich möchte dich sprechen.«

»So komm herein«, sagte ich.

»Aber hast du gerade etwas Besonderes vor?«

»Ja, aber das macht nichts. Ich möchte hören ...«

»Nein, besorge das erst! Wir sprechen dann heute mittag, wenn du
gegessen hast.«

Ich ging in mein Zimmer, wo der Polizei-Inspektor seinen Teller ganz
leer gegessen hatte.

Aber sein Begleiter war noch mit Essen beschäftigt.

»Halloh!« rief ich überrascht aus. »Du, Amulja?«

»Ja, ich«, sagte Amulja, den Mund voll Kuchen. »Das war ein richtiger
Festschmaus. Und wenn's Ihnen recht ist, nehme ich den Rest mit.« Damit
band er die übrigen Kuchen in sein Taschentuch.

»Was bedeutet dies?« fragte ich, mit einem erstaunten Blick auf den
Inspektor.

Der Mann lachte. »Wir sind in bezug auf den Dieb noch ebenso klug,«
sagte er, »inzwischen wird das Geheimnis des Diebstahls immer dunkler.«
Damit zog er ein eingewickeltes Bündel hervor, das sich, als er es
aufband, als ein Päckchen Banknoten entpuppte. »Hier, Maharadscha,«
sagte der Inspektor, »sind Ihre sechstausend Rupien.«

»Wo hat man sie gefunden?«

»In Amulja Babus Händen. Er kam gestern abend zu Ihrem Verwalter in
Tschakna und sagte ihm, daß das Geld sich gefunden habe. Der Verwalter
war anscheinend in noch größerer Bestürzung über die Wiedererlangung des
Geldes, als er über den Raub gewesen war. Er fürchtete, man könne ihn im
Verdacht haben, erst die Banknoten beiseite gebracht und nun, aus Angst,
daß es herauskäme, sich dies Ammenmärchen ausgedacht zu haben. Er bat
Amulja, noch etwas zu warten, er wolle ihm eine Erfrischung bringen,
und kam geradeswegs zum Polizeiamt. Ich brach sofort auf, nahm Amulja
mit mir und habe den ganzen Morgen versucht, etwas aus ihm
herauszubringen. Er will nicht sagen, wo er das Geld bekommen hat. Ich
warnte ihn, er würde solange in Haft bleiben, bis er es sagte. In dem
Fall, meinte er, würde er lügen müssen. Gut, sagte ich, das solle er nur
tun. Dann sagte er aus, er habe das Geld unter einem Busch gefunden. Ich
machte darauf ihn aufmerksam, daß das Lügen so leicht nicht sei. Unter
welchem Busch er es denn gefunden habe? Und an welchem Ort? Was hatte er
da zu tun? -- Über das alles würde er seine Aussagen machen müssen.
›Seien Sie unbesorgt,‹ sagte er, ›ich habe ja noch Zeit genug, mir das
alles auszudenken.‹«

»Aber, Inspektor,« sagte ich, »warum belästigen Sie einen achtbaren
jungen Menschen wie Amulja Babu?«

»Ich habe nicht den Wunsch, ihn zu belästigen«, sagte der Inspektor. »Er
ist nicht nur aus guter Familie, sondern noch dazu der Sohn meines
Schulfreundes, Nibaran Babu. Ich will Ihnen genau sagen, Maharadscha,
wie die Sache liegt. Amulja kennt den Dieb, aber will ihn schützen,
indem er den Verdacht auf sich lenkt. Solche Bravourstückchen sehen ihm
gerade ähnlich. Ich will Ihnen mal was sagen, junger Mann,« wandte er
sich an Amulja, »ich war auch einmal achtzehn und Student in Ripon
College. Ich wäre beinahe ins Gefängnis gekommen, weil ich versuchte,
einen Droschkenkutscher gegen einen Polizisten in Schutz zu nehmen. Ich
kam mit genauer Not davon.«

»Maharadscha,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »der wirkliche Dieb
wird nun wahrscheinlich entkommen, aber ich glaube, ich weiß, wer hinter
der ganzen Sache steckt.«

»Wer denn?« fragte ich.

»Jener Verwalter, im Einverständnis mit dem Wächter Kasim.«

Als der Inspektor endlich fortgegangen war, nachdem er mir seine
Hypothese lang und breit auseinandergesetzt hatte, sagte ich zu Amulja:
»Wenn du mir sagst, wer das Geld genommen hat, verspreche ich dir, daß
niemandem ein Leid geschehen soll.«

»Ich habe es getan«, sagte er.

»Aber wie ist es möglich? Wie war denn das mit der ganzen Schar
bewaffneter Männer?...«

»Das war ich, ganz allein!«

Was Amulja mir nun erzählte, war in der Tat eine seltsame Geschichte.
Der Verwalter war gerade mit seinem Abendbrot fertig und dabei, sich auf
der Veranda den Mund zu spülen. Es war ziemlich dunkel. Amulja hatte in
jeder Tasche einen Revolver, von denen einer mit Platzpatronen, der
andre mit Kugeln geladen war. Vor dem Gesicht hatte er eine Maske. Er
hielt dem Verwalter plötzlich eine Blendlaterne vors Gesicht und gab
einen blinden Schuß ab. Der Mann fiel in Ohnmacht. Ein paar von den
Wächtern, die dienstfrei waren, kamen herzugelaufen, aber sobald Amulja
auch auf sie einen blinden Schuß abgab, verloren sie keine Zeit, sich in
Sicherheit zu bringen. Dann kam Kasim, der Dienst hatte, mit einem
dicken Knüppel herbeigestürzt. Diesmal feuerte Amulja einen scharfen
Schuß ab, wobei er nach Kasims Beinen zielte, und als dieser fühlte, daß
er getroffen war, brach er zusammen und fiel zu Boden. Amulja zwang dann
den zitternden Verwalter, der inzwischen zur Besinnung gekommen war, den
Geldschrank zu öffnen und ihm 6000 Rupien einzuhändigen. Darauf nahm er
eins von den Dienstpferden, galoppierte ein paar Meilen, ließ dann das
Pferd frei laufen und kam ruhig zu Fuß hierher zurück.

»Was veranlaßte dich zu diesem Streich, Amulja?« fragte ich.

»Ich hatte einen sehr gewichtigen Grund, Maharadscha«, erwiderte er.

»Aber warum versuchtest du denn, das Geld zurückzugeben?«

»Rufen Sie sie, auf deren Befehl ich es tat! In ihrer Gegenwart werde
ich alles bekennen.«

»Und wer ist ›sie‹?«

»Meine Schwester, die Tschota Rani!«

Ich ließ Bimala rufen. Sie kam zögernd, barfuß, den Kopf in einen weißen
Schal gehüllt. Ich hatte meine Bima nie so gesehen. Es war, als ob sie
sich in Morgenlicht gehüllt hätte.

Amulja warf sich vor ihr nieder und berührte ehrfurchtsvoll ihre Füße.
Als er sich dann erhob, sagte er: »Ihr Befehl ist ausgeführt,
Schwester. Das Geld ist zurückgegeben.«

»Du hast mich gerettet, mein kleiner Bruder«, sagte Bima.

»Ich habe immer Ihr Bild vor Augen gehabt und keine einzige Lüge
gesagt«, fuhr Amulja fort. »Mein Losungswort Bande Mataram habe ich zu
Ihren Füßen auf immer von mir geworfen. Ich habe auch schon meine
Belohnung bekommen, Ihren prasad, sobald ich in den Palast kam.«

Bima sah ihn bei seinen letzten Worten verständnislos an. Amulja zog
sein Taschentuch hervor, band es auf und zeigte ihr die Kuchen. »Ich
habe sie nicht alle gegessen«, sagte er. »Diese habe ich noch
aufbewahrt, damit Sie sie mir selbst vorlegen.«

Ich sah, daß ich hier überflüssig war und ging aus dem Zimmer. Ich
konnte predigen, soviel ich wollte, so sagte ich mir, zum Lohn für meine
Mühe verbrannte man mein Bild. Es war mir noch nicht gelungen, eine
einzige Seele vom Pfade des Verderbens zurückzubringen. Wer die Gabe
hat, kann es durch einen bloßen Wink. Meine Worte haben nicht diese
unauslöschliche Wirkung. Ich bin keine Flamme, sondern nur eine
schwarze, ausgebrannte Kohle. Ich kann keine Lampe anzünden. Mein Leben
zeigt es, -- meine Lampen bleiben alle unangezündet.


XVI

Ich kehrte langsam nach den innern Gemächern zurück. Unwillkürlich
lenkte ich meine Schritte nach dem Zimmer der Bara Rani. Ich hatte das
unwiderstehliche Bedürfnis, zu fühlen, daß dies mein Leben imstande
gewesen war, auf einer andern Lebensharfe eine Saite anzuschlagen, die
mir mit vollem, warmem Ton antwortete. Man kann die Erfüllung seines
Daseins nicht in sich selber finden, man muß sie draußen suchen.

Als ich an das Zimmer meiner Schwägerin kam, trat sie heraus und sagte:
»Ich fürchtete, du würdest dich schon wieder so lange aufhalten. Doch
ich habe dein Mittagessen schon bestellt, sobald ich dich kommen hörte.
Es wird sogleich gebracht.«

»Inzwischen will ich dein Geld aus meinem Schrank holen, damit ich es
bereit habe.«

Als wir nach meinem Zimmer gingen, fragte sie mich, ob der
Polizei-Inspektor irgendwelche Nachricht über den Raubüberfall gebracht
hätte. Ich hatte keine rechte Neigung, ihr eingehend zu berichten, wie
das Geld zurückgebracht worden sei, und antwortete ausweichend: »Ja,
sie machen viel Wesens von der Geschichte.«

Als ich in mein Ankleidezimmer kam und mein Schlüsselbund herausnahm,
war der Schlüssel zum Geldschrank nicht an dem Ring. Wie konnte ich nur
so blödsinnig zerstreut sein! Erst heute morgen hatte ich alle möglichen
Koffer und Schränke geöffnet und gar nicht bemerkt, daß dieser Schlüssel
fehlte.

»Was ist denn mit deinem Schlüssel passiert?« fragte meine Schwägerin.

Ich konnte es ihr nicht sagen und fuhr fort, eine Tasche um die andere
zu durchsuchen. Immer wieder suchte ich an denselben Stellen. Es wurde
uns beiden klar, daß der Schlüssel nicht verlegt sein könne. Jemand
mußte ihn vom Ring abgenommen haben. Wer konnte das sein? Wer hatte denn
sonst noch in dies Zimmer kommen können?

»Sorge dich nicht weiter darum«, sagte sie zu mir. »Iß erst zu Mittag!
Die Tschota Rani muß ihn selbst an sich genommen haben, als sie sah, wie
zerstreut du immer bist.«

Ich war innerlich jedoch sehr unruhig. Bima hatte nie einen von meinen
Schlüsseln genommen, ohne es mir zu sagen. Beim Mittagessen war sie
nicht zugegen; sie war damit beschäftigt, Amulja in ihrem Zimmer zu
bewirten. Meine Schwägerin wollte sie rufen lassen, aber ich bat sie, es
nicht zu tun.

Ich war gerade mit dem Essen fertig, als Bima hereinkam. Ich hätte
lieber nicht über die Sache mit dem Schlüssel gesprochen, solange die
Bara Rani dabei war, aber sobald sie Bima sah, fragte sie: »Weißt du,
mein Liebling, wo der Schlüssel zu dem Geldschrank ist?«

»Ich habe ihn«, war die Antwort.

»Habe ich's nicht gesagt?« rief meine Schwägerin triumphierend. »Unsre
Tschota Rani tut so, als ob diese Räubereien sie ganz kalt lassen, aber
heimlich trifft sie doch ihre Vorsichtsmaßregeln.«

Der Ausdruck in Bimas Gesicht ließ mich nichts Gutes ahnen. »Laßt den
Schlüssel jetzt«, sagte ich. »Ich nehme das Geld heute abend heraus.«

»Nun schiebst du es wieder auf«, sagte die Bara Rani. »Warum willst du
es nicht gleich jetzt, wo du daran denkst, herausnehmen und zum
Schatzamt schicken?«

»Ich habe es schon herausgenommen«, sagte Bima.

Ich stutzte.

»Wo hast du es denn?« fragte meine Schwägerin.

»Ich habe es ausgegeben.«

»Nun höre einer! Wofür hast du all das Geld ausgegeben?«

Bima antwortete nicht. Ich fragte nicht weiter. Die Bara Rani schien
etwas bemerken zu wollen, aber sie besann sich anders. »Nun, dann ist ja
alles in Ordnung«, sagte sie mit einem Blick auf mich. »Das machte ich
genau so mit meines Mannes Kleingeld. Ich wußte, es hatte keinen Sinn,
es ihm zu lassen, -- seine neunundneunzig Schmarotzer hätten es ihm doch
abgenommen. Du bist auch nicht viel anders, Bruder. Wieviel Mittel ihr
Männer habt, um Geld loszuwerden! Wir können es euch nur retten dadurch,
daß wir es euch stehlen. Nun komm aber! Fort mit dir, zu Bett!«

Die Bara Rani führte mich in mein Zimmer, aber ich wußte kaum, wohin ich
ging. Sie setzte sich an mein Bett, nachdem ich mich darauf
ausgestreckt hatte, und lächelte Bima zu. »Gib mir einen von deinen
pans, liebe Tschotie«, sagte sie. »Was, du hast keine? Du bist mir eine
schöne Hausfrau! Dann laß ein paar aus meinem Zimmer holen!«

»Aber hast du denn schon zu Mittag gegessen?« fragte ich besorgt.

»O, schon längst«, erwiderte sie. Das war augenscheinlich geflunkert.

Sie blieb neben meinem Bett sitzen und plauderte über alles Mögliche.
Das Mädchen kam und sagte Bima, daß ihr Mittagessen serviert sei und
kalt würde, aber sie schien es nicht zu hören. »Was, du hast noch nicht
gegessen? Was machst du für Geschichten! Es ist schon furchtbar spät.«
Damit führte die Bara Rani Bima mit sich fort.

Ich konnte erraten, daß zwischen diesen 6000 Rupien und dem Diebstahl
der andern ein Zusammenhang bestand. Aber ich bin nicht neugierig, zu
wissen, welcher Art er ist. Ich werde nie danach fragen.

Die Vorsehung formt unser Leben im groben, sie will, daß wir selbst die
letzte Hand anlegen und ihm seine endgültige Gestalt nach unserm Sinn
geben. Ich habe mich immer bemüht, bei der Gestaltung meines Lebens den
vom Schöpfer vorgezeichneten Linien zu folgen und ihm einen tiefen Sinn
zu geben. In diesem Bestreben habe ich mein ganzes Leben verbracht. Wie
ernstlich ich mich bemüht habe, meine Begierden im Zaum zu halten und
jede Selbstsucht in mir zu unterdrücken, weiß nur Er, der in unser Herz
sieht.

Aber die Schwierigkeit ist, daß unser Leben nicht uns allein gehört. Wir
können es nicht formen ohne die Hilfe unsrer Umgebung. Daher war es
immer mein Traum, Bima dafür zu gewinnen, daß sie mir bei dieser Arbeit
helfe. Ich liebte sie von ganzer Seele; daher glaubte ich fest, es müsse
mir gelingen.

Dann machte ich die Entdeckung, daß ich nicht zu den Menschen gehöre,
die so ganz einfach und natürlich ihre Umgebung zu dieser Arbeit an
ihrem Selbst heranziehen können. Ich habe den Lebensfunken erhalten,
aber ich kann ihn nicht weitergeben. Die, denen ich mein Alles gegeben
habe, haben es genommen, ohne mich selbst mitzunehmen.

Ich werde wirklich schwer geprüft. Immer, wenn ich am meisten eines
helfenden Gefährten bedarf, werde ich auf mich selbst zurückgewiesen.
Dennoch gelobe ich aufs neue, durchzuhalten in dieser Prüfungszeit.

So will ich denn allein meinen Dornenpfad gehen, bis die Reise dieses
Lebens zu Ende ist...

Mir ist der Gedanke gekommen, daß ich doch immer etwas Neigung zur
Tyrannei gehabt habe. Es war ein gewisser Despotismus in meinem
Verlangen, meine Beziehungen zu Bimala in eine feste, klar umrissene und
vollkommene Form zu bringen. Aber des Menschen Leben ist nicht dazu
bestimmt, in eine feste Form gepreßt zu werden. Und wenn wir versuchen,
dem Guten auf solche Weise Gestalt zu geben, als wäre es bloßer Stoff,
so rächt es sich furchtbar, dadurch, daß es das Leben verliert.

Erst jetzt ist es mir klar geworden, daß es diese unbewußte Tyrannei
gewesen sein muß, die uns allmählich voneinander entfernte. Als Bimalas
Leben nicht zu seiner wahren Höhe aufsteigen konnte, da ich es von oben
niederdrückte, mußte es sich dadurch einen Abfluß suchen, daß es seine
Ufer am Grunde unterhöhlte. Sie mußte diese 6000 Rupien stehlen, weil
sie mir gegenüber nicht offen sein konnte, weil sie fühlte, daß ich für
gewisse Dinge kein Verständnis hatte noch haben wollte.

Menschen wie ich, die von einer Idee beherrscht werden, sind mit denen
im Einklang, die ihren Überzeugungen zustimmen können; aber die andern
können nur mit uns fertig werden, wenn sie uns betrügen. Unser
hartnäckiger Eigensinn ist es, der selbst die Offensten und Geradesten
auf krumme Wege treibt. Bei dem Versuch, uns eine Gefährtin nach unserm
Sinn zu formen, verderben wir das Weib.

Könnte ich nicht noch einmal von vorn anfangen? Ja, dann würde ich den
Pfad der Einfalt gehen. Ich würde nicht versuchen, die Gefährtin meines
Lebens mit meinen Ideen zu binden, sondern die fröhliche Flöte meiner
Liebe spielen und fragen: Liebst du mich? Dann wachse nur, dir selber
treu, im Licht deiner Liebe! Laß Gottes Plan, der in dir lebendig ist,
triumphieren und laß meine Pläne beschämt umkehren!

Aber kann selbst die große Heilmutter Natur die Wunde heilen, die all
das Mißverstehen dieser letzten Zeit uns schlug? Die schützende Hülle,
unter der allein die stillen Kräfte der Natur wirken können, ist
auseinander gerissen. Wunden müssen verbunden werden -- können wir unsre
Wunde nicht mit unsrer Liebe verbinden, so daß ein Tag kommt, wo ihre
Narbe nicht mehr sichtbar sein wird? Ist es nicht zu spät? Wir haben so
viel Zeit verloren mit Mißverstehen; wir haben die ganze Zeit bis jetzt
gebraucht, um endlich zu verstehen, -- wie lange Zeit werden wir
brauchen, um wieder gutzumachen? Und wenn die Wunde wirklich heilt, --
kann die Zerstörung, die sie verursacht hat, je wieder gutgemacht
werden?

Ich hörte ein leises Geräusch an der Tür. Als ich mich umwandte, sah ich
Bimala durch die offene Tür verschwinden. Sie mußte an der Schwelle
gewartet haben, unschlüssig, ob sie hereinkommen sollte, und schließlich
hatte sie sich entschlossen, umzukehren. Ich sprang auf und stürzte zur
Tür und rief: »Bima!«

Sie stand still, doch wandte sie sich nicht um. Ich trat zu ihr, nahm
sie bei der Hand und führte sie in unser Zimmer zurück. Sie warf sich
mit dem Gesicht aufs Kissen und schluchzte unaufhaltsam. Ich sagte
nichts, sondern setzte mich nur still zu ihr und hielt ihre Hand.

Als der leidenschaftliche Ausbruch ihres Schmerzes sich gelegt hatte,
richtete sie sich auf. Ich wollte sie an meine Brust ziehen, aber sie
schob meine Arme zurück und kniete vor mir nieder, indem sie wiederholt
meine Füße ehrfurchtsvoll mit ihrer Stirn berührte. Ich zog hastig meine
Füße zurück, aber sie umklammerte sie mit ihren Armen und sagte mit
tränenerstickter Stimme. »Nein, nein, nein, du darfst deine Füße nicht
wegziehen! Laß mich meine Ehrfurcht verrichten!«

Da ließ ich sie gewähren.


Fußnoten:

[42] Rollen aus Betelpfefferblättern mit Stücken von Betelnuß,
Katschu und Gewürzen gefüllt, die als Kaumittel verwandt werden.

[43] Auf dem nackten Boden sitzen ist ein Zeichen von Trauer
und, von da aus übertragen, auch von Zerknirschung.


BIMALAS ERZÄHLUNG

XXIII

Auf, meine Seele! Jetzt ist die Zeit gekommen, dich dahin einzuschiffen,
wo der Strom der Liebe einmündet in das große Meer der Anbetung. In
diesem reinen Blau versinkt und verschwindet die ganze Last seines
Schlammes.

Jetzt fürchte ich nichts mehr, -- weder mich selbst, noch irgend jemand
anders. Ich bin durch Feuer hindurchgegangen. Was entzündlich war, ist
zu Asche verbrannt, was geblieben ist, ist unsterblich. Ich habe meine
Seele dem zu Füßen gelegt, der all meine Sünde in den Abgrund seines
eigenen Schmerzes versenkt hat.

Heute abend reisen wir nach Kalkutta. Meine innern Unruhen ließen mich
bis jetzt nicht dazu kommen, nach meinen Sachen zu sehen. Jetzt will ich
sie ordnen und einpacken.

Nach einer Weile merkte ich, daß mein Gatte auch gekommen war und beim
Packen half.

»Das geht aber nicht«, sagte ich. »Hast du mir nicht versprochen, zu
schlafen?«

»Das habe ich wohl versprochen,« erwiderte er, »aber der Schlaf hat mir
nicht versprochen, zu kommen und ist nirgends zu finden.«

»Nein, nein,« wiederholte ich, »das geht nicht. Leg dich wenigstens ein
Weilchen hin!«

»Aber wie kannst du allein dies noch alles schaffen?«

»Natürlich kann ich das.«

»Nun, du magst dich rühmen, ohne mich fertig werden zu können. Aber
offen gesagt, ich kann nicht ohne dich fertig werden. Selbst der Schlaf
wollte zu mir allein nicht in unser Zimmer kommen.« Damit machte er sich
wieder an die Arbeit.

Aber es kam eine Unterbrechung in Gestalt eines Dieners, der meldete,
daß Sandip Babu da sei und bäte, vorgelassen zu werden. Ich wagte nicht
zu fragen, wen er zu sprechen wünsche. Es war, als ob das Licht des
Himmels plötzlich zurückwiche wie die Blätter einer Mimose.

»Komm, Bima!« sagte mein Gatte. »Laß uns hören, was Sandip uns zu sagen
hat! Da er zurückgekommen ist, nachdem er sich schon verabschiedet
hatte, muß er uns etwas Besonderes zu sagen haben.«

Ich ging nur mit, weil es noch schwieriger gewesen wäre,
zurückzubleiben. Sandip starrte ein Bild an, das an der Wand hing. Als
wir eintraten, sagte er: »Ihr fragt euch gewiß, warum der Bursche noch
einmal wiedergekommen ist. Aber ihr wißt, der Geist ist nicht gebannt,
bis alle feierlichen Bräuche erfüllt sind.« Mit diesen Worten zog er
etwas aus seiner Tasche, das er in sein Taschentuch gebunden hatte,
legte es auf den Tisch und löste den Knoten auf. Es waren jene
Goldstücke.

»Versteh mich nicht falsch, Nikhil,« sagte er. »Du mußt dir nicht
einbilden, daß ich, von deinem Umgang angesteckt, plötzlich ehrlich
geworden bin; ich bin nicht der Mann, der mit schlotternden Knieen reuig
zurückkehrt, um unrechtmäßig erworbenes Geld wiederzubringen. Aber...«

Er stockte. Nach einer Pause wandte er sich zu Nikhil, aber seine Worte
waren an mich gerichtet:

»Ja, Bienenkönigin, endlich hat der Geist der Reue Einlaß gefunden in
meinem bisher ungestört ruhigen Gewissen. Da ich jede Nacht, sobald der
erste Schlaf vorüber ist, mit ihm zu kämpfen habe, kann ich ihn nicht
für ein bloßes Hirngespinst halten. Es gibt vor ihm kein Entrinnen,
selbst für mich nicht, bis die Schuld bezahlt ist. In die Hände jenes
Geistes lege ich daher, was ich zurückbringe. Göttin! Ihnen allein auf
der Welt kann ich nichts wegnehmen. Sie lassen mich nicht los, bis ich
ganz entblößt bin. Nehmen Sie auch dies zurück!«

Damit zog er den Schmuckkasten unter seinem Mantel hervor und setzte ihn
hin, und dann verließ er uns mit hastigen Schritten.

»Höre, Sandip,« rief mein Gatte ihm nach.

»Ich habe keine Zeit, Nikhil,« sagte Sandip, an der Tür stehenbleibend.
»Man sagt mir, daß die Muselmänner mich für einen unschätzbaren
Edelstein halten, und hinter mir her sind, um mich zu rauben und auf
ihrem Friedhof zu vergraben. Aber ich fühle, daß ich noch weiterleben
muß. Ich habe noch gerade 25 Minuten, um den Zug nach Norden zu
bekommen. Daher muß ich für jetzt Schluß machen; wir werden unsre
Unterredung bei der nächsten passenden Gelegenheit zu Ende führen. Wenn
du meinen Rat hören willst, so zögre du auch nicht, von hier
fortzukommen! Ich grüße Sie, Bienenkönigin, Königin der blutenden
Herzen, Königin der Vernichtung!«

Er stürzte hinaus. Ich stand unbeweglich; nie vorher war mir so klar
geworden, wie wertlos, wie armselig dies Gold und diese Juwelen sind.
Noch kurz vorher war ich geschäftig gewesen, mir zu überlegen, was ich
mitnehmen und wie ich es einpacken wollte. Jetzt fühlte ich, daß es
überhaupt nicht nötig war, irgendetwas mitzunehmen. Aufbrechen und
fortreisen so schnell wie möglich, darauf kam es an.

Mein Gatte trat zu mir und faßte meine Hand. »Es wird spät,« sagte er,
»wir haben nicht mehr viel Zeit, unsre Reisevorbereitungen zu beenden.«

In diesem Augenblick kam Tschandranath Babu plötzlich herein. Als er uns
beisammen fand, wich er erst zurück, doch dann sagte er: »Verzeihen Sie,
Mütterchen, wenn ich störe! Nikhil, die Muselmänner haben sich erhoben.
Sie plündern Harisch Kundus Schatzhaus. Das ist noch nicht so schlimm.
Aber entsetzlich ist es, wie sie den Frauen des Hauses Gewalt antun.«

»Ich komme,« sagte mein Gatte.

»Was kannst du da tun?« sagte ich und hielt bittend seine Hand fest.
»Ach Herr,« wandte ich mich an seinen Lehrer, »wollen Sie ihm nicht
sagen, daß er nicht hingeht?«

»Es gibt nichts Dringenderes zu tun, Mütterchen,« erwiderte er.

»Ängstige dich nicht, Bima,« rief mein Gatte mir im Fortgehen zu.

Als ich ans Fenster trat, sah ich ihn zu Pferde fortgaloppieren, ohne
irgendwelche Waffe in der Hand.

Gleich darauf kam die Bara Rani hereingestürzt. »Was hast du getan,
liebe Tschotie?« rief sie. »Wie konntest du ihn fortlassen?«

»Ruf sofort den Dewan[44],« sagte sie zu einem Diener.

Die Ranis zeigen sich sonst nicht dem Dewan, aber in dem Augenblick
waren der Bara Rani alle äußeren Formen gleichgültig.

»Schick dem Maharadscha sofort einen reitenden Boten nach und laß ihn
zurückrufen,« sagte sie, sobald der Dewan erschien.

»Wir haben ihn alle beschworen, nicht hinzureiten,« sagte der Dewan,
»aber er wollte nicht umkehren.«

»Laß ihm sagen, daß die Bara Rani krank ist, daß sie auf dem Sterbebett
liegt!« rief meine Schwägerin verzweifelt.

Als der Dewan hinausgegangen war, wandte sie sich wütend gegen mich. »O
du Hexe, du Ungetüm, konntest du nicht selbst sterben, statt ihn in den
Tod zu schicken!...«

Es begann zu dunkeln. Die Sonne ging hinter dem gefiederten Laubwerk des
blühenden Sadschnabaums unter. Ich sehe noch heute jede leise
Schattierung jenes Sonnenuntergangs vor mir. Zwei Wolkenmassen zu beiden
Seiten der sinkenden Sonnenscheibe gaben ihr das Aussehen eines
gewaltigen Vogels, der seine feurig gefiederten Schwingen weit
ausbreitete. Es war mir, als ob dieser verhängnisvolle Tag sich
aufmachte zu seinem Fluge über den Ozean der Nacht.

Es wurde dunkler und dunkler. Aus der Ferne wogte Waffenlärm heran und
wich dann wieder in das Dunkel zurück, wie die Flammen eines brennenden
Dorfes fern am Horizont aufzucken und wieder verschwinden.

Die Abendglocken erklangen von unserm Tempel. Ich wußte, die Bara Rani
saß jetzt da, die Hände in stillem Gebet gefaltet. Aber ich konnte
keinen Schritt vom Fenster weichen.

Die Straßen, das Dorf dahinter und die noch entfernteren Baumreihen
verschwammen immer mehr im Dunkel. Der See in unserm Park blickte mit
trübem Glanz zum Himmel auf, wie das Auge eines Blinden. Zur Linken
schien der Turm seinen Hals auszurecken, um etwas, was in der Ferne
geschah, zu erspähen.

Die Geräusche der Nacht nehmen alle Arten von Verkleidungen an. Ein
Zweig knackt, und man glaubt, ein Verfolgter renne um sein Leben. Eine
Tür schlägt zu, und es ist einem, als ob das Herz der Welt in jähem
Schreck pochte.

Lichter flackerten plötzlich unter dem Schatten der fernen Bäume auf und
verschwanden wieder. Ab und zu erklirrten Hufe, doch es waren nur
Reiter, die aus den Palasttoren ritten.

Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, daß, wenn ich nur sterben könnte,
alles gut sein würde. Solange ich lebte, griffen meine Sünden immer
weiter um sich und säten nach allen Seiten Zerstörung aus. Ich erinnerte
mich an die Pistole in meiner Truhe. Aber meine Füße wollten nicht vom
Fenster weg und sie holen. Wartete ich denn nicht auf mein Schicksal?

Die Nachtwache kündete feierlich die zehnte Stunde. Bald darauf tauchten
in der Ferne eine ganze Reihe Lichter auf, und eine große Schar von
Leuten wand sich wie eine große Schlange auf den dunklen Wegen den
Palasttoren zu.

Der Dewan stürzte ans Tor. In demselben Augenblick galoppierte ein
Reiter herein. »Wie steht es, Dschata?« fragte der Dewan.

»Nicht gut,« war die Antwort.

Ich hörte diese Worte ganz deutlich von meinem Fenster aus. Aber dann
wurde etwas geflüstert, was ich nicht verstehen konnte.

Dann kam eine Sänfte, der eine Bahre folgte. Der Doktor ging neben der
Sänfte.

»Was meinen Sie, Doktor?« fragte der Dewan.

»Ich kann noch nichts sagen,« erwiderte der Doktor. »Die Wunde am Kopf
ist ernst.«

»Und Amulja Babu?«

»Mit ihm ist es aus. Eine Kugel hat ihn ins Herz getroffen.«


Fußnoten:

[44] Eingeborener Angestellter eines großen bengalischen
Haushaltes, der den Verkehr mit den Eingeborenen vermittelt.



INHALT


          _Erstes Kapitel_

      Bimalas Erzählung I-III                 1


          _Zweites Kapitel_

      Bimalas Erzählung IV-V                 28

      Nikhils Erzählung I-II                 51

      Sandips Erzählung I                    62


          _Drittes Kapitel_

      Bimalas Erzählung VI                   71

      Sandips Erzählung II-III               78


          _Viertes Kapitel_

      Nikhils Erzählung III                 104

      Bimalas Erzählung VII-X               113

      Sandips Erzählung IV-VI               136


          _Fünftes Kapitel_

      Nikhils Erzählung IV-V                151

      Bimalas Erzählung XI-XIII             163

      Nikhils Erzählung VI-VII              182


          _Sechstes Kapitel_

      Nikhils Erzählung VIII-IX             192

      Sandips Erzählung VII                 207


          _Siebentes Kapitel_

      Sandips Erzählung VIII-X              218


          _Achtes Kapitel_

      Nikhils Erzählung X-XI                245

      Bimalas Erzählung XIV                 264


          _Neuntes Kapitel_

      Bimalas Erzählung XV-XVII             277


          _Zehntes Kapitel_

      Nikhils Erzählung XII-XIV             314

      Bimalas Erzählung XVIII-XIX           330


          _Elftes Kapitel_

      Bimalas Erzählung XX-XXII             344


          _Zwölftes Kapitel_

      Nikhils Erzählung XV-XVI              372

      Bimalas Erzählung XXIII               399



                              [Illustration]

                               _Gedruckt
                          im Frühjahr 1921 von
                             der Spamerschen
                              Buchdruckerei
                               in Leipzig_
                                    *



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