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Title: Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte
Author: Grohmann, Max, Lungwitz, Hermann
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Landesbibliothek - Staats - und Universitätsbibliothek
Dresden at http://www.slub-dresden.de )



    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt.

    Im Original in Fraktur gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



Geyer und das Obererzgebirge



    Das Obererzgebirge.

    Heimatkundliche Geschichtsbilder

    für

    Haus und Schule

    von

    Max Grohmann,

    Schuldirektor.

    Zweite veränderte und erweiterte Auflage.

    Annaberg 1900.

    Graser'sche Buchhandlung (Richard Liesche).
    Verlag.

[Illustration: Geyer]



    Geyer.

    Heimatkundliche Geschichtsbilder

    für

    Haus und Schule

    von

    H. Lungwitz,

    Oberlehrer.

    Geyer.

    Buchhandlung von Otto Stopp.



Inhaltsverzeichnis.


Geyer:


    1. Gründung und Wappen der Stadt Geyer.

    2. Die große Glocke in Geyer.

    3. Hieronymus Lotter.

    4. Geyer während des 30jährigen Krieges.

    5. Salzburger Emigranten ziehen durch Geyer.

    6. Evan Evans, der erste Baumwollspinner Sachsens.

    7. Die Binge auf dem Geyersberge bei Geyer.

    8. Das Steinkreuz auf dem Ziegelsberg in Geyer.

    9. Sage:
       Die Geyerschen Stadtpfeifer werden vom Greifenstein beschenkt.

    10. Kurzer Abriß der Geschichte des Rittergutes Geyersberg.


Das Obererzgebirge:

    Erster Abschnitt: Die Landschaft des Obererzgebirges.

    Zweiter Abschnitt: Das Volkstum des Obererzgebirges.

    Dritter Abschnitt: Die Besiedelung des Obererzgebirges.

    Vierter Abschnitt: Die Kriegszeiten des Obererzgebirges.

    Fünfter Abschnitt: Das Wirtschaftsleben des Obererzgebirges.

Ausführliches Inhaltsverzeichnis befindet sich am Schlusse des Buches.



1. Gründung und Wappen der Stadt Geyer.


Zweifellos ist die alte Bergstadt Geyer nach den Geiern benannt worden,
jenen Raubvögeln, die früher in dem waldreichen Erzgebirge häufig
nisteten. Die Sage schreibt ihnen die Veranlassung zur Gründung der
Stadt zu. Sie berichtet:

    »Einst hatten Geier dem Hühnerhofe des Rittergutes Tannenberg
    argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann
    sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp der
    bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen; er band
    daher sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand
    den Horst der Geier auf, zerstörte das Nest und erlegte auch
    die alten Vögel. Als er zu seinem Rosse zurückkam, hatte es mit
    seinen Hufen Zinnstein entblößt. Der Edelmann steckte einige
    Erzstücke zu sich, zeigte sie Kundigen, und auf deren Anraten
    schlug man an dieser Fundstelle ein. So wurde der Geyersberg
    fündig. Es geschah dies zu Anfang des 14. Jahrhunderts.«

So entstand das Bergwerk im Geyersberge, dessen Größe wir noch erkennen
und bewundern, wenn wir am Rande der gewaltigen Binge stehen, welche
durch den Einsturz dieses Bergwerkes entstanden ist.

Die Bergleute siedelten sich im Thale des Geyerbaches am Fuße des
Berges an, und immer mehr zogen herzu. Es bildete sich nach und nach
eine Stadt. Diese wurde Geyer genannt, weil Geier die Entdeckung des
Erzes und somit die Gründung der Stadt veranlaßt hatten.

Eine andere Überlieferung sagt, im Neste der Geier seien Zinngraupen
gewesen, das habe die Bergleute angeregt, in der Nähe zu schürfen, und
so seien die Erzschätze entdeckt worden.

So verdankt die Stadt Geyer der Sage nach Gründung und Namen den
Geiern. Der Name der Stadt ließe sich jedoch auch erklären, wenn jene
Gründungssagen nicht auf Wahrheit beruhten. Manche Stadt ist nach einem
nahen Berge benannt worden, man denke an Scheibenberg oder Schneeberg.
Geyer liegt an einem Berge, der früher mit undurchdringlichem
Waldgestrüpp und Felsblöcken bedeckt war, sodaß er einen Zufluchtsort
für die Geier bot und darum wohl schon in ältester Zeit »der
Geyersberg« genannt wurde. Geyer kann demnach den Namen auch von dem
nahen Geyersberge erhalten haben.

Da nun die Stadt Geyer ihren Namen, wenn nicht sogar ihre Entstehung,
den Geiern verdankt, führt sie diese Vögel auch in ihrem Wappen. Drei
Geierköpfe sind darauf zu sehen. Leider wissen wir nicht genau, wie
das Stadtwappen von Geyer ursprünglich aussah. In der Handschrift von
+Tschran+ (1775 beendet) heißt es:

    »Was das Wappen der Stadt anlanget, so ist darüber kein
    Document ausfindig zu machen. Am Rathause befindet sich das
    Stadtwappen, nach alter Bildhauer- und Wappenart in Stein
    gehauen, welches 3 Geyersköpfe in einem besonderen Schilde
    hat, darüber ein offener Helm mit 3 Spriegeln, und darauf ein
    Geyer befindlich, unter demselben aber die Jahreszahl 1496 in
    Mönchsschrift stehet.«

Das hier geschilderte Wappen ist noch erhalten, freilich arg
beschädigt. Der Verfasser dieses Abschnittes giebt auf der Bildertafel
die Zeichnung davon. Er hat darauf die fehlenden Teile ergänzt, soweit
sich ihre einstige Gestalt aus den Resten erkennen ließ. Es fehlten das
oberste Stück des Wappens mit dem Kopfe des Geiers auf dem Helme, sowie
fast alle Verzierungen um Helm und Schild. Gut erhalten ist der Stein
mit der Jahreszahl: ~Anno dm (= domini) MCCCCXCVI~.

Im Jahre 1496, zur Zeit der Gründung Annabergs, hat demnach Geyer
schon ein großes Rathaus besessen. Dasselbe ist aber 1844 durch ein
neues ersetzt worden, wobei das Wappen entfernt wurde. Es steht zu
erwarten, daß dieses nächstens wieder vervollständigt und an einen ihm
gebührenden Platz gebracht wird. Noch ist zu erkennen, daß das Wappen
vergoldet war und blauen Grund hatte.

+Tschran+ berichtet weiter, daß in der Hauptkirche über dem Ratschore
ein hölzernes Wappen in verändertem Aussehen angebracht gewesen
sei. Leider konnten wir dieses nicht ausfindig machen. Es wird
folgendermaßen beschrieben:

    »Im Schilde siehet man einen viereckigten Thurm im blauen
    Felde, mit offnem Thore, daran ein Schild mit 3 Geyersköpfen
    hängt. Der Helm darüber ist offen, mit einer goldnen Crone, und
    oben darauf ein Rittelgeyer befindlich.«

Auch das größere und kleinere Stadtsiegel, sowie das Bergamtsiegel
werden geschildert. Aus ersterem hat sich fast ohne Veränderung
das heutige Stadtwappen entwickelt. (Siehe die Bildertafel!) Die
Farben sind folgendermaßen angegeben: Der Turm im blauen Felde ist
rötlich. Auf jeder Seite stehen sieben goldene Sterne. Das Dach ist
schieferfarben und trägt zwei goldene Knöpfe mit Fähnlein. Der Schild
ist silbern und zeigt drei Geierköpfe in ihrer natürlichen Farbe.

Das Wappen von Geyer ist außerdem noch auf dem sogenannten
Dreilagensteine zu finden. Dieser ist ein uralter Grenzstein. Auf
ihm sieht man das Wappen von Geyer, das des Abtes von Grünhain und
dasjenige der Herren von Schönburg. Das Wappen von Geyer besteht darauf
nur aus drei Geierköpfen.

            Albert Major.


2. Die große Glocke in Geyer.

Schon in früher Morgenstunde nach der Nacht, in welcher Kunz von
Kaufungen die Prinzen geraubt hatte, begann die allgemeine Verfolgung
der Räuber. Da erklang auch vom Turm der Niklaskirche zu Geyer die
große Glocke, laut das geschehene Unheil kündend. Die Glocke zersprang.
Urban, der Neffe von Georg Schmidt, welcher zu dieser Zeit in Geyer
anwesend war, teilte bei seiner Rückkehr seinem Oheim das Ereignis mit.

    »Im Walde dort wert Cunz ertapt,
    Da wollt he Beeren naschen«

berichtet der uralte Berg-Reihen weiter. Der Kurfürst aber ließ später
aus Dankbarkeit gegen Gott für die glückliche Errettung seiner Söhne
auf seine Kosten die große Glocke in Geyer umgießen. Ungefähr in dieser
Weise wird in der landläufigen Art bei der Erzählung des Prinzenraubes
der Geyerschen Glocke gedacht.

Zunächst muß festgestellt werden, daß weder die Nikolaikirche, noch die
bald nach dem Prinzenraub umgegossene Glocke zur Zeit noch vorhanden
sind. Die große Nikolaikirche, welche östlich von der Stadt, links
von der Ehrenfriedersdorferstraße -- die Pflugschar durchschneidet
jetzt das Land -- stand, wird bereits 1491 urkundlich als nicht mehr
vorhanden bezeichnet, wahrscheinlich war sie durch Brand zerstört
worden. Bezüglich des Glockengusses fehlen allerdings gleichzeitige
Nachrichten; auch ist in dem bekannten Manifest, welches der Kurfürst
am Jakobitage (26. Juli) 1455 erließ, vom Glockenläuten nicht die Rede.
Peter Albinus ist der älteste bekannte Chronist, der den Prinzenraub
ausführlich erzählt, und er sagt in seiner Neuen Meißnischen Chronik
(1580): »Es haben sich die Hofleute nicht gesäumet, sondern von Stund
an in alle Gegenden geschickt und sind zum Teil selbst ausgeritten,
den Sturmschlag in allen Städten und Dörfern angehen lassen, daß also
das ganze Land rege wurde.« Albinus, als geborner Schneeberger, kannte
die Gebräuche des Erzgebirges; er wird wohl nicht ohne Grund vom
Sturmläuten berichtet haben.

Das wichtigste Zeugnis giebt uns der um die Geschichtsforschung in
Geyer so hochverdiente Pastor Blüher, der der Prinzenglocke eine
besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat und der den Umguß der Glocke auf
Kosten des Kurfürsten für wahr hält. Nach demselben waren auf der einen
Seite der Glocke die Bildnisse der beiden jungen Fürsten angebracht,
auf der andern Seite sah man Kunz auf der Erde liegend und das Pferd am
Zügel haltend, daneben den Fürsten Albrecht und den Köhler. Oben um die
Glocke stand der Vers:

    ~Filios Curt abripiebat Saxonis: Ergo
    Redditionem hoc aes Christiparae memorat.~

und unten:

    ~Aufugiente Ducum plagiario rupta, sed Almi
    Ensiferi sumtu sum reparata Patris.
    A. MCCCCLVI.~

Blüher hat beide Distichen in folgender Übersetzung wiedergegeben:

    Kurt entführte die fürstlichen Prinzen, die himmlische Jungfrau --
          Diese Glocke bezeugt's -- gab sie uns gnädig zurück.
    Ob des fliehenden Räubers der Prinzen laut stürmend zersprang ich,
          Doch aus fürstlichem Schatz ward ich wieder verjüngt.

Im Jahre 1580 besichtigte Herzog Albrecht die Prinzenglocke. Sie wurde
nach der Zerstörung der St. Niklaskirche im Turme der Lorenzkirche
aufgehängt. Die Freude über die schöne Glocke ist nicht von langer
Dauer gewesen, schon 1535 ist sie abermals zersprungen. Der Umguß der
neuen großen Glocke hat im Jahre 1539 stattgefunden, ob mit Beisteuer
Heinrichs des Frommen, wie vermutet wird, ist nicht erwiesen, er
geschah jedoch unzweifelhaft in der berühmten Hilligerschen Gießhütte
in Freiberg. Die große Glocke ist 1,60 ~m~ hoch, ihr Durchmesser
beträgt 1,80 ~m~, ihr Ton gilt allgemein als ausgezeichnet. In dem
breiten Laubwerkfries, das sie umgiebt, sind kleine Medaillons
angebracht, die Karl V., Ferdinand I. nebst Gemahlinnen etc.
darstellen. Vorzüglich gelungen ist das Rundbildnis Heinrichs des
Frommen, wovon wir auf der Bildertafel eine Abbildung bringen. Außerdem
ist noch der Bibelspruch Johannes 3: Also hat Gott die Welt etc. und
die Jahreszahl 1539 auf der Glocke angebracht. Die Angaben über die
Schwere der Glocke sind schwankend, ein Glockengießer versicherte
mir, daß sie über 100 Zentner wiegen müsse. Sei dem, wie ihm wolle,
die Geyersche Gemeinde hängt mit großer Liebe an ihrer Glocke. Dies
zeigte sich besonders im Jahre 1839, als die dreihundertjährige
Geburtstagsfeier derselben feierlich begangen wurde. Und noch heute
ruft der eherne Mund der großen Prinzenglocke die Gemeinde zum
Gotteshause und begleitet mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolle
Stunden!

            Hermann Lungwitz.


3. Hieronymus Lotter.

Von den Bildern, welche die Brüstung der Empore der St. Annenkirche in
Annaberg zieren, trug das 28. Bild, Kains Brudermord darstellend, die
Inschrift der Stifter »Michael Lotter und Barbara, dessen Ehefrau«.
Dies waren die Eltern des berühmten kurfürstlichen Baumeisters
Hieronymus Lotter. Michael Lotter war mit seiner Familie 1509 von
Nürnberg nach dem rasch emporblühenden Annaberg eingewandert und hatte
es hier durch seine Rührigkeit zu Ansehen und Wohlstand gebracht, sodaß
ihm seine Mitbürger das Amt eines Bürgermeisters übertrugen. Sein Sohn
Hieronymus hatte sich dem Baufach gewidmet und Leipzig als Schauplatz
seiner Thätigkeit gewählt. Hier baute er das Kornhaus auf dem Brühl,
das Badstubenhaus am Ranstädter Thor, erhöhte den Nikolaikirchturm
und versah ihn mit einer Wächterwohnung, brach das alte Rathaus ab
und vollendete den Neubau bis zur Bewohnbarkeit innerhalb 9 Monaten.
Fremde Kaufleute, die zur Ostermesse den Anfang des Neubaues mit
angesehen hatten, waren, als sie zur Michaelismesse wiederkehrten, »mit
Verwunderung über so unverhofften Fortgang fast erstarret«. Kurfürst
Moritz übertrug dem Baumeister Lotter, die Pleißenburg als Schloß
und Festungsbau neu herzustellen. Sein Nachfolger, Kurfürst Vater
August, ehrte seinen Baumeister auch dadurch, daß er, so oft er in
Leipzig allein oder in Begleitung seiner Gemahlin erschien, in Lotters
Behausung abstieg. Die Leipziger Bürger wählten den hervorragenden
Baumeister zu ihrem Bürgermeister.

Mit dem Jahre 1560 finden wir Hieronymus Lotter in der Bergstadt
Geyer. Er kaufte den Preußerhof, einen mit »Gerichten über Hals und
Hand« versehenen Freihof. Der Freihof stand an der Stelle, an welcher
sich die frühere Bürgerschule, die jetzige Posamentenfabrik des
Herrn Hermann Dietzsch, befindet. Später erwarb Lotter das Rittergut
Geyersberg mit etlichen nahestehenden Bürgerhäusern, die er zum Teil
abtrug, als er sein Wohnhaus von Grund aus neu aufführte. Dieses
Wohnhaus steht heute noch und befindet sich im Besitz des Herrn C. M.
Schürer. Überhaupt begann mit Lotter in Geyer ein neues Leben. Durch
seine Kunstfertigkeit zur Baulust angeregt, ließ der Rat die beiden
damals vorhandenen Brauhäuser und den Rathausturm neu herstellen, den
Wachtturm mit einer Türmerwohnung und mit Glocken versehen. Letztere
waren besonders dazu bestimmt, die Bergleute nach achtstündiger Schicht
zum Gebet und zur Arbeit zu rufen. Lotter unterhielt allein 300
Bergleute; denn er besaß den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues
nebst 8 Pochwerken, die teils in der Stadt, teils am Greifenbache lagen.

Wie in Leipzig, so war auch auf dem Lotterhofe, so hieß das Rittergut
von nun an, der Kurfürst nebst Gemahlin, so oft sie im Gebirge weilten,
Lotters Gast. Hier im kleinen Schreibstüblein suchte Kurfürst August
seinen Baumeister zu bestimmen, ihm auf dem Schellenberge ein Schloß,
die spätere Augustusburg, zu erbauen. Als ob Lotter geahnt hätte, wie
viel Beschwerlichkeit, Kümmernis und Undank gerade dieser Bau ihm
einbringen werde, ging er anfangs nicht auf den Plan ein, sondern schob
sein hohes Alter -- er stand damals in seinem 69. Lebensjahre -- vor.
Erst durch die Kurfürstin ließ Lotter sich bestimmen, ihrem Herrn und
Gemahl die Bitte nicht abzuschlagen.

Lotter hat den größten und schwierigsten Bau seines Lebens nicht
vollendet. Es wurde ihm die schmerzliche Demütigung, daß man den Bau
kurz vor seiner Vollendung dem Grafen Rochus von Linar übertrug.
Dem ungeduldigen und äußerst sparsamen Kurfürsten ging der Bau zu
langsam und verschlang zu große Summen. Dazu mag noch gekommen sein,
daß Neider dem Kurfürsten ins Ohr flüsterten, Lotter bereichere
sich an den Baugeldern, während es doch Thatsache ist, daß er von
der kurfürstlichen Kasse 15000 Gulden zu fordern hatte, die ihm nie
ausgezahlt worden sind, und ferner Thatsache ist, daß der reiche
Leipziger Bürgermeister und Bauherr wenige Jahre nach der Vollendung
der Augustusburg ein armer Mann war.

Tiefgekränkt zog sich Lotter auf seinen Geyersbergischen Hof zurück.
Aber auch hier erwartete ihn wenig Freude. Die bergmännischen
Unternehmungen waren mißglückt, die Seinigen drängten ihn um Herausgabe
des Erbes, kurz, der 82jährige Greis sah nur trübe Tage. Am 24. Juli
1580 legte er sein müdes Haupt für immer zur Ruhe. Auf dem Altarplatz
der St. Lorenzkirche zu Geyer ist Lotter begraben worden.

Und heute!

Eine der schönsten Straßen Geyers führt nach dem kurfürstlichen
Baumeister den Namen: Hieronymus Lotter-Straße. Am 8. Oktober 1893
brachte der Verein der Leipziger Architekten an Lotters Sterbehause,
das ist das von ihm erbaute Wohnhaus des Rittergutes, eine Gedenktafel
an, welche folgende Inschrift trägt:

    In diesem Hause starb
    Leipzigs großer Baumeister
    Hieronymus Lotter
    im 83. Lebensjahre 1580.
    Dem alten Meister
    zu seinem Gedächtnis
    Leipzigs Architekten 1893.

            Hermann Lungwitz.


4. Geyer während des dreißigjährigen Krieges.

Mit dem Jahre 1632 begann der dreißigjährige Krieg auch seine
Schrecknisse in unser sächsisches Erzgebirge zu verbreiten. Während
die kurfürstlichen Truppen in der Lausitz und in Schlesien standen,
sandte der kaiserliche Feldherr Wallenstein den General Holk mit
seinen raub- und blutgierigen Banden über Eger und Neudeck ab, um das
sächsische Land für die Verbindung seines Fürsten mit den Schweden
zu strafen. Alles auf das Wildeste verheerend, breiteten sie sich
im August des Jahres 1632 von Schneeberg durch den sogenannten
Grund kommend auch in der Umgegend von Annaberg aus. Das Geyersche
Rittergut wurde in dieser Zeit zweimal ausgeplündert und alles Vieh
hinweggetrieben; drei Jahre lang, nämlich bis zum Jahre 1635, mußte es
in wüstem Zustande und die Felder unbestellt bleiben. Ludwig Lotter,
der damalige Besitzer des Gutes und Enkel des großen kurfürstlichen
Baumeisters und Bürgermeisters zu Leipzig, Hieronymus Lotter, ward --
wie späterhin seine Erben in ihrem Belehnungsgesuch vom 31. August 1649
dem Kurfürsten klagen -- auf seinem Rittergute öfter »mit unerhörten
Schlägen traktiert, mit Stricken um Kopf und Hals gelegt gerädelt und
so henkermäßig gepeinigt, daß sein Leben mehr als einmal nur an einem
Faden hing«.

Fehlen auch leider die genaueren Zeitangaben jener Erlebnisse, so hat
man doch besondere Nachrichten über die Schicksale der Stadt in diesen
schrecklichen Zeiten, welche zur Aufhellung und Bestätigung des obigen
mitgeteilt zu werden verdienen.

Als General Holk im August 1632, um sich den Paß nach Böhmen zu
erhalten, Schwarzenberg durch den Hauptmann Ullersdorf mit seinen
Kroaten hatte besetzen lassen, schickte sie dieser in der Umgegend weit
und breit zu Kriegsforderungen, Brandschatzungen und Plünderungen aus.
Die Orte, welche das geforderte Geld nicht brachten oder aus Armut
nicht bringen konnten, ließ er pfänden, Vieh und Menschen wegführen,
jenes wurde wieder verhandelt oder nach Böhmen getrieben, die
gefangenen Personen aber bis zur Erlangung eines stattlichen Lösegeldes
behalten. So verfuhr man zu Hermannsdorf, Thum, Ehrenfriedersdorf
u. s. w., so auch zu Geyer. Hier fielen die Kroaten am 23. August
1633 ein, brandschatzten und plünderten noch überdies, wobei sie
große Grausamkeiten verübten. Ein zweiundachtzigjähriger Greis, der
Zehntner Elias Hammann, mußte viel Schläge und Martern erdulden; der
Viertelsmeister Puzscher ward vor seiner Hausthüre erschossen. Ein
gleicher Überfall erfolgte am 25. November. Bereits war die Stadt bei
den Durchmärschen total ausplündert und die Bewohner zu entfliehen
genötigt worden, sodaß Geyer fast wüste stand und nichts liefern
konnte. Doch hatte Hauptmann Ullersdorf durch seinen Schreiber Samuel
Metzler ausgekundschaftet, wenn die Entflohenen in ihre Wohnungen
zurückkehrten. So ließ er am 25. November früh 7 Uhr eine Abteilung
Kroaten in Geyer einfallen und 3 Personen gefänglich wegführen, den
Stadtrichter Georg Klauß, den Pfarrer Johann Andrä (einen Flüchtling
aus Kaden) und einen schottischen Bergherrn Paul Northofen, ließ sie
nach Schwarzenberg bringen, um für erstere beide 1000 Thaler Lösegeld
zu erpressen, letzteren aber, weil er auf einen über Kroaten gesetzten
Leutnant geschossen haben sollte, mit einem schmählichen Tod bedrohen.
Der Pfarrer löste sich mit Geld und Geschmeide von 400 Thaler an
Wert, die beiden anderen wurden gerettet durch sächsische Truppen,
die unter Oberst von Taube über Chemnitz anrückten, in Verbindung mit
dem in Zwickau liegenden Bosenschen Regimente das Schwarzenberger
Schloß eroberten und die Besatzung nebst ihrem Kommandanten Ullersdorf
gefangen nahmen. Dies geschah am 4. Dezember 1633.

Die Taubeschen und Bosenschen Regimenter besetzten nun auch die hiesige
Umgegend, in Annaberg blieben bis August 1634 4 Kompanien Reiter unter
Oberst Bodenhausen. Doch dauerten die feindlichen Streifzüge von
Böhmen aus fort, und endlich, nach dem Sieg bei Nördlingen über die
Schweden, erhielten die Kaiserlichen völlig die Oberhand in unserm
Gebirge, während die sächsischen Truppen sich auf Zschopau zurückziehen
mußten. Namentlich wiederholte der kaiserliche Oberstleutnant Schütz
von Schützky seinen schon im Mai versuchten Einfall am 28. September,
wobei er Annaberg und Umgebung mit unbarmherzigen Brandschatzungen
und Plünderungen heimsuchte, bis er, den Hauptmann Kurt Reinicke von
Kallenberg mit 30 Reitern zurücklassend, den 14. Oktober nach Zwickau
abzog. Dieser Hauptmann ließ Geyer von der angedrohten Plünderung mit
230 Thaler loskaufen und nachher dennoch plündern. Am 27. Oktober
erfolgte der Durchmarsch des kaiserlichen Obersten Schönickel, der, mit
5000 Mann auf seinem Rückzuge von Zwickau über Annaberg nach Böhmen
begriffen, in Geyer den Stadtrichter wegführen ließ und erst freigab,
als die Stadt ihn mit 37 Thaler eingelöst hatte. Diese letztere
Nachricht fand sich in einer hiesigen Gemeinderechnung; wie viel Not
und Jammer aber dabei verbreitet worden, läßt sich vermuten, wenn man
weiß, daß Schönickel, obwohl Chemnitzer von Geburt, doch fern von aller
Schonung gegen sein Vaterland war und durch Viehraub, Plünderung,
Sengen und Brennen (namentlich bei Zwickau, wo man eines Tages 15
Schadenfeuer zugleich sah) Furcht und Schrecken verbreitete.

Die heißersehnte Ruhe von solchem Ungemach trat für unser Gebirge und
das ganze Land erst ein, als der Kurfürst am 24. Juni 1635 Friede mit
dem Kaiser schloß und sich somit von den Schweden trennte.

Über die Zeit vom 24. August 1632 bis 25. Juni 1635 bemerkt erwähnte
Gemeinderechnung: »An Kontribution, Brandschatzung u. s. w. habe Geyer
2973 Thaler 4 Neugroschen 6 Pfennige aufbringen müssen, außer 200 Stück
Rindvieh, das kleine ungerechnet, 24 Pferde, 4 Gebräude Bier, die
zunichte gemacht worden.« Zwei Männer und eine Frau seien niedergemacht
worden, und wie viele verwundet oder des Ihrigen beraubt worden, sei
gar nicht zu ermessen.

Neue Drangsale brachte das Jahr 1639, als die Schweden unter General
Baner das Erzgebirge heimsuchten, um mit unmenschlicher Grausamkeit
Rache an den Bewohnern für des Kurfürsten Verbindung mit dem Kaiser zu
nehmen. Aber auch die kaiserlichen Scharen, die bald als Verfolgende,
bald als Verfolgte erschienen, verfuhren nicht viel milder. Damals
erlangte Geyer wenigstens bei den schwedischen Truppen Schonung durch
den hiesigen Pfarrer Hollenhagen, der denselben, wenn sie einbrechen
wollten, entgegen zu reiten pflegte und mit seiner Fürbitte für
die Gemeinde um so leichter Gehör fand, da er früher schwedischer
Feldprediger gewesen war. Bei Annäherung der Kaiserlichen verbarg er
sich mit der Gemeinde im Walde. Nach einer andern Geschichtsquelle
wird erzählt, daß dann die Frauen aus Furcht vor dem Feinde auf Bäumen
Platz genommen hätten und hier Zäckchen u. s. w. gefertigt hätten. Ein
Zeichen, daß auch schon zur Zeit des dreißigjährigen Krieges die Frauen
von Geyer durch Handarbeit zum Erlangen des täglichen Brotes beitrugen.

Als die Kaiserlichen von der Saale her durch das Erzgebirge gegen
die in Schlesien vordringenden Schweden zogen und die Durchzüge seit
Anfang des Februars 4 Monate lang dauerten, waren die Einwohner
(wie ein Zeitgenosse, der Scheibenberger Pfarrer Lehmann, in seiner
Kriegschronik erzählt) genötigt, von Haus und Hof zu fliehen, wenn
sie nicht den übertriebenen Forderungen genügen wollten oder konnten,
nämlich sich von Plünderung loskaufen, Salvegarde lösen, Proviant
liefern, Wege bessern, Vorspann leisten u. s. w. Bei ihrer Rückkehr
fanden die Geflüchteten dann gewöhnlich ihre Häuser niedergebrannt
oder ausgeplündert, die Mobilien zerschlagen, die Kirchen erbrochen
und für Stallung der Pferde benutzt, die Feldfrüchte teils abgeweidet,
teils abgemäht und weggebracht. Menschen und Vieh, wo sich dergleichen
treffen ließ, ward mit fortgenommen, ganze Dörfer wurden wüste, so
Jahnsbach, Schönfeld, Tannenberg.

Auch Geyer muß damals einen erbarmungswerten Anblick gewährt haben,
sagt ~P.~ Blüher in seinen Aufzeichnungen, und fährt derselbe in seiner
Beschreibung der Stadt, allerdings vor den Bränden in den Jahren 1854,
1862 und 1863 fort:

Wer vom alten Schießhausplatz aus über die Schützenhofgasse herab durch
die Badergasse an der Marktschmiede vorüber bis zum Bergamtshaus ging,
der sah zur Linken und vom Bergamtshause bis zur Tannenberger Grenze
zu seiner Rechten eine fast ununterbrochene Reihe in Asche liegender
Häuser und außerdem waren 8 Brandstätten in der Zinngasse, in der
Gegend, in welcher sich der große, freie Platz der ersten aufsteigenden
Straße gegenüber sich befindet. Noch im Jahre 1661 zählte man 118
Brandstätten und nur 83 bewohnte Häuser.

Der Friedensschluß, welcher den dreißigjährigen, unerhörten Trübsalen
ein Ziel setzte, erfolgte am 14. Oktober 1648 zu Osnabrück. Ganz
Deutschland erlangte dadurch die heißersehnte Ruhe. Das Friedensfest
wurde zwischen Kaiserlichen und Schweden im großen Saale des Rathauses
zu Nürnberg gefeiert. Während die Abgesandten in der hochgewölbten,
glänzend erleuchteten Halle ein Fest abhielten, waren für die Armen der
Stadt zwei Ochsen geschlachtet und viel Brot ausgeteilt worden, und aus
einem Löwenrachen lief sechs Stunden lang weißer und roter Wein herab.
Aus einem größeren Löwenrachen waren dreißig Jahre lang im ganzen
deutschen Reich Blut und Thränen geflossen!

            Hermann Lungwitz.


5. Salzburger Emigranten ziehen durch Geyer.

Als im Jahre 1732 der Erzbischof von Salzburg, Leopold Anton, Graf
von Firmian, die religiöse Unduldsamkeit bis auf das Äußerste trieb,
wanderten 30000 friedfertige, arbeitsame Protestanten aus und fanden
in dem Lande des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen gastliche
Aufnahme. Auf verschiedenen Wegen zogen die Emigranten ihrer neuen
Heimat zu, und so geschah es auch, daß ein Trupp Emigranten seinen
Weg durch Geyer nahm. Anfangs wollte der Kommissar Balzig die
Vertriebenen nicht durch unsere Stadt führen, da dieselbe sich zu
dieser Zeit infolge des Niederganges des Bergbaues in mißlichen
Verhältnissen befand. Doch, berichtet eine im Besitz des königlich
sächsischen Altertumsvereins befindliche Handschrift, gab sich
der damalige Geyersche Stadtrichter Neubert selbst die Mühe, am
5. August 1732 nach Zwönitz zu schicken, wo die Vertriebenen ihr
Nachtlager hätten und sich den Durchzug von ihnen auszubitten. Als
die Bürger Geyers dieses hörten, wurden sie ungemein erfreut, daß
sie das Glück genießen sollten, den Salzburgern Gutes zu erweisen.
Sie machten sich daraufhin für den kommenden Tag bereit, dieselben
mit möglicher Liebe aufzunehmen. Die Schule, der Prediger, der ganze
Rat und die Bürgerschaft gingen ihnen entgegen und empfingen sie mit
einer Rede. Sie führten die Vertriebenen bei vollem Geläute in die
Stadt, wobei dieselben bewegliche Lieder sangen und auf dem Markte
Betstunde hielten; verlesen wurde Jerem. Kap. 51, welches von Babels
Zerstörung handelt. Nach der Beendigung des Gottesdienstes verschwanden
gleichsam die Emigranten, denn die Einwohner nahmen sie in der größten
Geschwindigkeit mit sich, daß man auch für Geld keinen mehr bekommen
konnte. Der Priester der Stadt war ein wenig abgetreten, um einen
kranken Salzburger mit Trost aufzurichten. Er hätte gewiß leer ausgehen
müssen, wenn sich nicht der Kommissar über ihn erbarmet und ihm zu
zwei Personen geholfen hätte. Nach eingenommenem Mittagsmahle fing man
wieder an, mit der großen und weitberühmten Glocke zu läuten. Darauf
versammelten sich unsere Emigranten und man führte sie ebenso aus
der Stadt, wie man sie eingeholet hatte. Die Abschiedsrede gründete
sich auf Offenbarung St. Johannis 2, 10. Dies alles schrieb man in
die Kirchenmatricul, damit es zum ewigen Andenken beibehalten würde.
Sonntags darauf sammelte man auch hier die Kollekte, welche man in
Sachsen für die Salzburger zusammengelegt hatte, sie betrug 19 Thaler
7 Groschen; vorher war keine Kollekte so reichlich, so lange Geyer
gestanden hat. Die Emigranten zogen von hier aus nach Wolkenstein
weiter.

            Hermann Lungwitz.


6. Evan Evans, der erste Baumwollspinner Sachsens.

Unter den Prunkgeräten aus den früheren herzoglichen Schlössern, welche
im Museum zu Braunschweig aufbewahrt werden, findet sich auch ein
schmuckloses Spinnrad, das von Georg Jürgens, einem Braunschweiger,
gefertigt sein soll, der zur Zeit Luthers das Spinnrad erfand und
damit die seit Jahrtausenden zum Spinnen dienende Spindel außer
Gebrauch setzte. Geyer hätte ebenfalls Ursache, eine Maschinenspindel
im Rathaus aufzuhängen, denn Evan Evans, ein Geyerscher Bürger, war
es, der das Spinnrad durch das Einführen des Maschinenspinnens
in Sachsen verdrängte. Die Maschinenspinnerei ist eine englische
Erfindung. Man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu; doch haben
spätere Nachforschungen ergeben, daß er wohl ein großer Verbesserer,
aber nicht der Urerfinder des Maschinenspinnens gewesen ist. In
Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts
kleine Handmaschinen von 10 bis 20 Spulen zum Spinnen der Baumwolle
in Gebrauch. Gegen Ende desselben führte Karl Friedrich Bernhard
das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren
Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau
bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da
er aber als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu
bringen wußte, namentlich, wird erzählt, die Trommelschnur nicht
aufzuziehen verstand, so wurde ein englischer Spinner, Evan Evans,
aus England herübergerufen, der auch alsbald auf den Maschinen
Garn spann. Der Vater des sächsischen Maschinenspinnens, besonders
der Baumwollspinnerei, ist Evan Evans. Er ist 1765 in New-Wales in
England geboren und kam im März 1802 auf erhaltene Veranlassung aus
Manchester nach Sachsen. Nachdem er sich in Harthau als Spinnmeister
bewährt hatte, ging er nach Dittersdorf, um sich mit Maschinenbauen
zu beschäftigen. Mit dem Jahre 1809 siedelte er nach Geyer über und
legte drei Jahre später den Grund zu seiner eigenen großen Fabrik
im benachbarten Siebenhöfen. Evans zeichnete sich als Erfinder auf
dem Gebiete des Maschinenspinnens aus und wurde auch als solcher
wiederholt von der sächsischen Regierung ausgezeichnet. Er fertigte
die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag,
Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau etc., auch für
viele kleinere Werkstätten im Erzgebirge und im Vogtland, sowie in und
um Chemnitz. Evan Evans ist am 9. Dezember 1844 in einem Alter von 79
Jahren gestorben und liegt auf dem Friedhofe bei der Hauptkirche in
Geyer begraben. Die Saat aber, die der von groß und klein hochgeachtete
Bürger von Geyer gesät hat, grünt und blüht heute noch fort, denn am
Geyersbach, der der Zschopau zufließt, hat er seine erste Spinnerei
gegründet und längs des Zschopauflusses haben sich die größten
Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.

            Hermann Lungwitz.


7. Die Binge auf dem Geyersberge bei Geyer.

Einst hätten, so erzählt die Sage, Geier dem Hühnerhof des Rittergutes
Tannenberg argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann
sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp auf der
bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen, er band daher
sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand den Horst der
Rittelgeier auf, er zerstörte denselben, ebenso gelang es ihm, die
alten Vögel zu erlegen. Als er zu seinem Roß zurückkam, hatte es mit
seinen Hufen Zwitter und Zinngraupen entblößt. Der Edelmann steckte
das Erz zu sich, zeigte es Kundigen und auf deren Anraten schlug man
auf derselben Stelle ein. So wurde der Geyersberg fündig. Es geschah
dies nach Tschrans Vermutung zu Anfange des 14. Jahrhunderts. Die
Ansiedelung aber, welche sich wegen der schon früher aufgefundenen
reichen Silber- und Kupfererze in dem Thale gebildet hatte, bekam nach
den Raubvögeln den Namen Geyer, und noch heute führt diese Stadt drei
Geierköpfe im Wappen.

Die Ausbeute des Geyersberges scheint eine sehr reiche gewesen zu
sein, sind doch aus den Gruben nach einer vom Bergamt zu Freiberg
gemachten Zusammenstellung von der Auffindung bis zum Jahre 1845 (die
Ausbeute nach diesem Jahre ist ohne Belang) im ganzen rund 72600
Zentner Zinn gefördert worden, die einen Wert von 7 bis 8 Millionen
Mark darstellen. Das Werk im Geyersberg wurde Zwitterstockwerk
genannt. Unter Zwitter verstand der Bergmann den Zinnstein, ein dem
Gneise verwandtes oder mit ihm durch Übergänge verknüpftes Gestein,
hauptsächlich aus eisenschüssigen Quarzen, mit Chlorit, Arsenkies
und Zinnstein gemengt. Der Zinnstein in Gängen wurde zuweilen, wie
Charpentier berichtet, so reich befunden, daß drei Zentner Zinnerz zwei
Zentner Zinn beim Schmelzen gaben. Mit dem Bergbau im Geyersberg ist
die Geschichte der Stadt auf das Innigste verknüpft, kein Wunder, daß
auch die Sage die Erwerbsquelle umrankt wie der Epheu das verfallene
Bergschloß. Es berichtet eine alte Handschrift, auf dem Geyersberge
hätte sich ein Paar Raben aufgehalten, welche durch ihren hohen oder
niederen Flug Anzeichen von einer bevorstehenden Veränderung gaben,
bestünde dieselbe entweder in der kommenden teuren Zeit oder auch in
einem Unfalle, welcher dem Bergmann im Schoße der Erde zustieße. Das
Rabenpaar habe nie ein anderes neben sich geduldet, selbst die eigenen
Jungen habe es, sobald der Hafer begann, gegen den Schuß hin gelb
zu werden, mit Schnabelhieben davongetrieben. Ob sie auch im Herbst
1704 ein Anzeichen gaben, darüber schweigt die erwähnte Handschrift,
wohl aber geschah es, »daß eine große Wand oder Tagklippe niederging,
durch welchen Bergfall viel Holz verstürzet und die Häuser im Geyer
erschüttert worden, wie von einem Erdbeben«. Es mag eine furchtbare
Erschütterung gewesen sein, als die möglicherweise mit nicht allzu
großer Vorsicht angelegten Höhlen in sich zusammenbrachen, wodurch der
große Tagebruch, die Binge, entstand. Schon nach der ersten Senkung
muß die entstandene Vertiefung eine mächtige gewesen sein; denn als
im Herbste 1773 der Kurfürst und spätere König Friedrich August sein
durch die große Hungersnot heimgesuchtes Gebirge besuchte und auch am
7. September nach Geyer kam, zeigte man demselben den Geyersberg »und
bezeugte Ihro Churfürstliche Durchlaucht nicht undeutlich Höchstdero
Wohlgefallen an dessen grauen Altertume und Seltenheit«. Leider hatte
es mit dem einen Zusammenbruch nicht sein Bewenden, denn der Hauptbruch
erfolgte am 11. Mai 1803. Während die Grubenarbeiter bei dem Bruch
von 1704 durch vorherige Anzeichen in den Gruben gewarnt und daher
geflohen waren, wurden 1803 die beiden Bergleute Christian Gottlieb
Schramm und Johann Gotthilf Zimmermann, welche nach der Senkung
das Werk untersuchen wollten, ob weiterer Broterwerb möglich sei,
verschüttet. Ihre Leichen ruhen noch jetzt im Schoße der Binge. In dem
am Neujahrstage 1804 ausgetragenen Zettel klagt der Kirchner Hofmann:

    Zum neuen Jahr sei neues Glück,
    Mein Geyer, dir beschieden;
    Vergiß das alte Mißgeschick --
    Nur Stückwerk ist's hienieden!

    Der Geyersberg erzeugte zwar
    Uns bittre Thränen-Tage,
    Und Teurung blieb im alten Jahr
    Der Armen stete Klage.

    Ja Kirche, Schule, Rat und Euch,
    Geliebte Bürger, schütze
    Der gute Gott, er segne Euch
    Und sei der Knappschaft Stütze.

Obwohl der Betrieb des Bergbaues im Stockwerk vorläufig infolge
weiterer Brüche eingestellt werden mußte, nahm man ihn später, wenn
auch in geringerem Maße, wieder auf, bis mit dem Jahre 1855 das letzte
Zinnschmelzen stattfand. Die Förderkosten belaufen sich zu hoch im
Vergleich zum Preis des Zinnes, die reichen Gruben des Auslandes gaben
zu große Ausbeute.

Etwas Unheimliches über den Geyersberg berichtet M. Metzler in seinen
Totennachrichten von 1692. Da heißt es: Den 24. Novembris starb Gregor
Schneider, ein Kärner, welchem ein Spectrum am Geyersberge unter die
Augen gespeiet, daß ihm das ganze Angesicht verbrannt und das eine Auge
durch die Nasen ausgeschworen ist.

Heutzutage fürchtet man kein Gespenst mehr am Geyersberge; die Binge
ist vielmehr ein von nah und fern gern besuchter Ausflugspunkt in
unserem Erzgebirge. Nachdem der Wanderer sich an der köstlichen
Fernsicht geweidet hat, schaut er in die grausige Tiefe; das Werk,
welches fleißige Hände im Laufe von Jahrhunderten schufen, ist
zusammengestürzt. Da sieht man noch Spuren von früheren Förder- und
Abbaugängen, von Strecken etc. Die große Binge ist 70 ~m~ tief, gegen
200 ~m~ lang und 160 ~m~ breit. Aus der Ferne gesehen, gleicht sie
einem gewaltigen Krater, das dunkle Gestein ähnelt den Lavablöcken.


8. Das Steinkreuz auf dem Ziegelsberg in Geyer.

An Weichbildsgemarkungen, an Kreuzwegen, an Stadtthoren, vor
Kirchthüren, auf Gemeindeplätzen, an Ackerrainen, auf früheren
Richtstätten etc. findet man im Sachsenlande hier und da Steinkreuze
errichtet, deren Zweck im allgemeinen war, die Aufmerksamkeit der
Zeitgenossen und die Erinnerung der Nachkommen festzuhalten. Kreuze
stellte man in alten Zeiten auf Märkten, wo sonst Gericht gehalten
wurde, auf zum Zeichen, daß ein jeder hier vor Unrecht und Gewalt
gesichert sei und in Frieden wandeln könne, und zur Versicherung des
königlichen Willens hing man in den Städten, welchen Weich- oder
Stadtfriede gegeben war, des Königs Handschuh daran. Doch nicht allein
auf der Stelle, wo der Markt oder Gerichtsplatz war, errichtete man
derartige Kreuze, man setzte sie auch, soweit der Gerichtsbezirk
des Ortes sich erstreckte; daraus entstanden die unter dem Namen
Weichbilder bekannten Grenzsteine. Findet man jedoch an solchen Orten
Kreuze, die auf nichts, was zum Amte der weltlichen Obrigkeit gehört,
Beziehungen haben, jedoch außerhalb der gewöhnlichen Begräbnisstätten
stehen, so sind sie zum Andenken oder zur Förderung der Seelenruhe
gemordeter Personen von schuldigen, obgleich nicht vorsätzlichen
Totschlägern, die ihre That dadurch mit verbüßen mußten, errichtet
worden. Wenn ein Totschlag aus Zorn, Trunkenheit oder auf andere
unvorsätzliche Weise erfolgt war, so schloß in alter Zeit der Mörder
einen gerichtlichen Vergleich mit der Familie des Ermordeten ab, worin
er derselben eine Summe Geldes zu entrichten gelobte, wogegen er das
Versprechen erhielt, daß er wegen seiner That keine Verfolgung oder
Rache zu fürchten haben solle. Oft mußte sich außerdem der Mörder noch
zu einer kirchlichen Bußübung oder zur Errichtung eines Kreuzsteines
verpflichten.

Nach Blühers Aufzeichnungen ist in Geyer ein solcher Fall vorgekommen.
Im Jahre 1530 ward nämlich am Montag nach Michaelis von Balzer Bach
in Gemeinschaft von seinen Geschwistern und nächsten Verwandten
Bestimmung über 50 Gulden sogenanntes Blutgeld getroffen, welches sie
zur Sühne ihres vor 15 Jahren ermordeten Bruders erhalten hatten. Ob
von diesem Gelde auch ein Sühnekreuz errichtet oder ob es vollständig
dem »Gestifte unserer lieben Frau« zugewendet wurde, läßt sich aus
der beregten Quelle nicht ersehen. Ein Steinkreuz stand früher an der
alten Zolltafel, wie sich wohl die ältesten Bewohner der Stadt Geyer
erinnern können. Die Zolltafel war an der Ehrenfriedersdorfer Straße
aufgestellt, da, wo jetzt rechts der Weg nach der Binge abbiegt.

Ein Sühnekreuz mag aber das im Sommer 1890 zufällig aufgefundene
Steinkreuz auf der Verlängerung des Ziegelsberges sein. Wie kommt
aber das Richtschwert hinzu, dessen Umrisse ganz deutlich auf der
einen Seite des granitnen Kreuzes zu sehen sind? Auf der bekannten
Dillichschen Federzeichnung der Stadt Geyer findet sich der Galgen
zwar an dem Fußsteige, wo das Kreuz aufgefunden wurde, doch etwas
weiter hinauf nach dem Schlegelswald zu. Da jedoch von einer Bebauung
mit Häusern auf dem Ziegelsberg auf erwähnter Zeichnung noch keine
Andeutung vorhanden ist, da ferner das Steinkreuz in einer vom
Silberbergbau herrührenden Halde aufgefunden wurde, so schließt dies
durchaus nicht aus, daß an der Fundstelle in Geyers frühester Zeit
der Richtplatz zu suchen sei, und daß derselbe nur erst infolge des
Bergbaues und der Bebauung des Ziegelsberges weiter dem Walde zu
angelegt worden ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand vielmehr das
Kreuz auf der alten Richtstätte; das darauf gemeißelte Richtschwert
deutete an, daß der Mörder eigentlich an dieser Stelle sein Grab
habe finden müssen; denn bekanntlich wurden in früheren Zeiten die
Gerichteten an Ort und Stelle verscharrt.

Der hiesige Verschönerungsverein hat unter der Leitung des Herrn
Kaufmann Max Päßler das alte Steinkreuz wieder aufrichten und im
Grunde befestigen lassen. Es ist dies wohl das einzige in unserer
Amtshauptmannschaft, wenigstens führt ~Dr.~ R. Steche in seiner
»Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des
Königreichs Sachsen«, viertes Heft, keins auf, während in anderen
Amtshauptmannschaften verschiedene erwähnt werden und 1885 bei
Ausgabe des Heftes noch das Geyersche nicht bloßgelegt war. Der
Verschönerungsverein fühlt sich übrigens den beiden Herren Gustav
Morgenstern und Karl Einenkel zum Dank verpflichtet, da ersterer
das Kreuz, welches auf seinem Grund und Boden gefunden wurde,
bereitwilligst dem Verein übergab und letzterer die Aufstellung auf
seinem Eigentume gestattete.

Ein ähnliches Kreuz liegt umgestürzt und vergessen am Fußwege, welcher
von der Ehrenfriedersdorfer Hauptstraße links von der Großschen
Wirtschaft im Grunde des Greifenbaches abzweigt, einige hundert
Schritte oberhalb des Röhrgrabens. Der rührige Verschönerungsverein
unserer Nachbarstadt wird hoffentlich dieses Denkmal aus vergangenen
Tagen vor Überackerung und Einsinken schützen.

            Hermann Lungwitz.


9. Sage.

Die Geyerschen Stadtpfeifer werden vom Greifenstein beschenkt.

Einst hatten die Geyerschen Stadtpfeifer den Tanzenden im Thumer
Ratssaale bis tief in die Nacht hinein aufgespielt und traten, nachdem
der Reigen geendet, den Heimweg über den Greifenstein an. Als sie in
die Nähe der alten Felsen kamen, schien es ihnen, als ob dieselben in
einem besonderen Lichte erglänzten. Ein Spielmann machte den Vorschlag,
zu Ehren des Greifensteins eine muntere Weise zu blasen. Wie gesagt,
so gethan. Beim Abstieg nach Geyer sahen die Stadtpfeifer im Scheine
des Mondes große Zinnstufen am Wege liegen, sie meinten, der letzte
heftige Gewitterregen habe sie ausgewaschen. Ohne Säumen hoben sie
die Stufen auf und steckten sie in ihren Rucksack. Als die Frauen und
Kinder am andern Morgen die Rucksäcke nach einem Wurstzipfel oder sonst
einer Gabe durchsuchten, wurden sie die Stufen gewahr und brachten
sie zum Schmelzmeister. Der erkannte sie als reines Silber und lohnte
die Frauen reichlich. Nutzen hingegen habe die reiche Spende des
Greifensteins den Stadtpfeifern nicht gebracht, es sei alles wieder
durch die Musikantenkehle geflossen.

            Hermann Lungwitz.


10. Kurzer Abriß der Geschichte des Rittergutes Geyersberg.

Bereits mit dem Jahre 1510 erscheint im Erbbuch der Stadt Geyer das
Besitztum Kaspar Thieles als ein ansehnliches Gut aufgeführt. Nachdem
das Gut im Jahre 1535 in den Besitz +Christoph Schnees+ übergegangen
war, ließ es derselbe mit Genehmigung des Herzogs Heinrich zu einem
Ritterlehen oder sogenannten Freihof erheben, um es dadurch der
Stadtobrigkeit zu entziehen. Überhaupt scheint Schnee infolge seines
hochfahrenden und willkürlichen Wesens zu dem Stadtrat von Geyer in
sehr gespanntem Verhältnis gestanden zu haben, was aus den vielen
Streitigkeiten hervorgeht. Nach dem im Jahre 1556 erfolgten Tode
Schnees gestalteten sich die Verhältnisse des Freihofs »aufm Geyer«
insofern ungünstig, als der nunmehrige Besitzer desselben, +Heinrich
von Etzdorf+, als Amtmann von Koburg genötigt war, einen Verwalter,
Lorenz von Wolnitz, auf dem Gute einzusetzen, der so wenig Aufsicht
führte, daß der Rat in einem Schreiben vom Jahre 1564 über die durch
unvorsichtige Gebaren der Gutsinsassen verursachte Feuersgefahr sich
beschwerte und zugleich das Gemeindekapital von 247 fl. kündigte.
Darauf sahen sich Schnees Erben nach einem Käufer um, den sie im Jahre
1565 in dem kurfürstlichen Landbaumeister Hieronymus Lotter fanden.
Unter Lotters Verwaltung erreichte nicht nur das Rittergut seine
Blütezeit, sondern es begann überhaupt in Geyer ein neues Leben, da
Lotter den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues besaß, den er
schwunghaft betrieb. Von ihm erhielt das Gut den Namen »Geyersbergscher
Hof« oder »Rittergut Geyersberg«, wie er es auch durch kurfürstlichen
Lehnbrief vom Jahre 1569 erlangte, daß dasselbe auch auf die weibliche
Linie forterben durfte. Doch trotz aller Erfolge sollte er gegen
Ende seines Lebend noch in eine recht traurige Lage geraten, da er
bei seinem Landesfürsten in Ungnade fiel und durch unglückliche
Unternehmungen sein ganzes Vermögen verlor. Nach vierjährigem Elende
starb er 1580 und hinterließ seinen 3 Söhnen ein zerrüttetes Erbe. Sie
verkauften das Gut nach achtjährigem Besitze an ihren Hauptgläubiger
+Philipp Bruck+, und dieser überließ es bereits 1590 für 1300 fl.
an +Paul Tanner+ und dessen Schwägerin +Anna Buchner+, die bereits
vorher den Zinnhandel und Bergbau um Geyer in ihre Hände gebracht
hatten. Da aber seit dem Jahre 1599, in welchem der letzte Sohn Lotters
gestorben war, die Enkel des alten Lotter wieder Erbansprüche auf das
großväterliche Gut erhoben, so kam es zu einem recht langwierigen
Streit zwischen ihnen und den Tannerschen und Buchnerschen Erben,
woraus der häufige Wechsel der Besitzer des Geyersberges erklärlich
wird. Es folgten nämlich auf die Anna Buchner im Jahre 1615 zunächst
deren Erben bis 1617, dann Paul Tanner auf Neunhof, von welchem es im
Jahre 1619 der Hauptmann und Bergrat +Samson von Hohenwald+ in Preßnitz
kaufte. Letzterer suchte besonders durch Bierbrauerei und Holzverkauf
Nutzen aus dem Rittergute zu ziehen, obwohl er die Kaufsumme für
das Gut nie erlegte, sondern nur ein Angeld von 600 fl. an Tanner
entrichtet hatte. Inzwischen wußten die Enkel des alten Lotter durch
kurfürstlichen Bescheid den Kauf des genannten Hohenwald rückgängig
zu machen und verglichen sich bald darauf mit den Tannerschen und
Buchnerschen Erben, sodaß das Rittergut samt Zinnbergwerk im Jahre 1627
in den Besitz +Ludwig Lotters+ gegen Zahlung von 5000 fl. überging.
Alle Bemühungen des neuen Besitzers um Hebung des arg vernachlässigten
Gutes waren erfolglos in der Schreckenszeit des 30jährigen Krieges;
denn zweimal wurde der Geyersberg geplündert, sodaß er 3 Jahre lang
im wüsten Zustande blieb. Lotter selbst wurde öfter von den Feinden
mißhandelt und gepeinigt. Als er kurz nach dem Friedensschlusse aus
dem Leben schied, hatte der Besitz des Gutes so wenig Verlockendes für
seine Erben, daß das Gut bereits 1652 an einen böhmischen Exulanten,
+Edeslaw von Stampach+, verkauft wurde, der bereits das benachbarte
Rittergut Tannenberg besaß. Er erlebte ruhigere Zeiten bis zu seinem
Tode im Jahre 1666. Seine beiden Töchter verkaufen schon 1669 das
väterliche Erbe an den Obersten +Heinrich von Bünau+ für 1000 Mfl.,
welchem aber nur eine zehnmonatliche Verwaltung desselben beschieden
war. Auch seine Erben, 2 Töchter, dachten bald wieder an Veräußerung
des Gutes und verkauften es 1678 für 1200 Mfl. an den böhmischen
Exulanten und damaligen Besitzer des Rittergutes Tannenberg, +Felix
Friedrich Hruschka+ von Briexen. Auch dieser konnte in 26jähriger
Bewirtschaftung das Gut nicht heben, sondern hinterließ es bei seinem
Tode 1704 in ganz verfallenem und trostlosem Zustande, sodaß seine 4
Töchter das Kaufgebot des Georg Erasmus +von Hartitzsch+ in Lichtenberg
bei Freiberg gern annahmen. Da aber das Gut mit großen Schulden
belastet und in schwere Händel mit dem Stadtrat verflochten war, wurde
von den Gläubigern und vom Rate Einspruch gegen den Kauf erhoben. So
geschah es, daß Erasmus von Hartitzsch 1709 starb, ohne überhaupt in
den Besitz des Geyersbergs gelangt zu sein. Erst der nächste Kauf
des Oberstleutnants +von Haß+ wurde rechtskräftig. Haß, »ein Ordnung
und Frieden liebender Mann«, vermochte den Stadtrat zur Ausfertigung
einer Urkunde über Gerechtsame und Grenzen des Rittergutes, in welcher
als Zubehör desselben genannt werden: ein Brauhaus, ein Malzhaus,
die 2 Türme der Kirchhofmauer und ein überbautes Erbbegräbnis mit
Kirchenchor. Trotz eines Testamentes entstanden nach dem Tode des
alten Haß 1736 Streitigkeiten unter den Erbberechtigten, wobei sich
gelegentlich der Erörterungen über die eigentümlichen Verhältnisse des
Gutes ergab, daß es seit 1602 auf Bitten der +Anna Buchner+ in ein
Erbgut -- doch mit Vorbehalt der Lehensfolge -- verwandelt, demnach
unter dem Namen eines Erblehngutes fortgeführt worden sei. Das Gut
ward nunmehr 1744 einem Erben des letzten Besitzers, dem Hauptmann
+von Reitzenstein+, verlehnt. Unter seiner Verwaltung steigerte sich
der Wert desselben dergestalt, daß er es im Jahre 1754 für 3700
Thaler an +Julius Heinrich von Schütz+ auf Thum, Hauptmann der Ämter
Stollberg, Wolkenstein, Lauterstein und Frauenstein, verkaufen konnte.
Bald aber begannen die Leiden und Drangsale des 7jährigen Krieges,
während dessen Stadt und Rittergut Geyer durch Einquartierung und
Kontributionen stark litten. Amtshauptmann von Schütz starb in der
Zeit, da der Notstand seine höchste Stufe erreicht hatte, Anfang
des Jahres 1763. Seine Witwe verkaufte das Gut für 3400 Thaler an
den Oberstleutnant +Friedrich Theodor von Peterkowsky+. Der neue
Besitzer hatte noch unter den schweren Folgen des Krieges zu leiden,
welche durch die Teurung und Hungersnot der Jahre 1771 und 1772 noch
verschlimmert wurden. Als er 1781 starb, hinterließ er seinen Erben
das Gut mit einer schweren Schuldenlast. Mit Mühe behaupteten sich
die Erben 6 Jahre im Besitz, worauf Konkurs ausbrach. Bei der hierauf
folgenden öffentlichen Versteigerung wurde es dem Posamentiermeister
und Handelsmann +Johann Georg Thierfelder+ aus Thum für 3520 Thaler
zugesprochen. Er hätte es am liebsten bald wieder veräußert, wenn
sich ein Käufer gefunden hätte. So aber bewirtschaftete er es bis zu
seinem im Jahre 1813 erfolgten Tode. Erbin war seine einzige Tochter
+Frau Schulz+, welche wieder schwerere Zeiten erlebte, infolge deren
sie Teile ihres Grundstückes an den Tannenberger Rittergutsbesitzer,
Kaufmann +Hänel+ in Annaberg, verkaufte. Unter ihrem Sohne und
Nachfolger +Friedrich August Schulz+ gingen die mit dem Lehngute von
jeher verbundenen Ober- und Niedergerichte auf den Staat über; ebenso
machte sich das neue Grundsteuersystem bei dem Geyerschen Rittergute
geltend. Schulz verkaufte das Gut 1859 an +Karl Heinrich Zimmermann+
für 6420 Thaler. Derselbe nahm mit größter Energie die Verbesserung des
Gutes in Angriff, ließ die Gebäude neu herstellen und errichtete eine
Brauerei. Nachdem Herr Zimmermann das Gut eine lange Reihe von Jahren
vorzüglich bewirtschaftet hatte, wurde es im Jahre 1891 an Herrn Hugo
Diendorf zu einem Preis von 77000 Mark verkauft. Herr Zimmermann ist am
6. Dezember 1891 gestorben. Herr Diendorf veräußerte die Grundstücke,
und die Gebäude gingen am 8. September 1894 an Herrn Karl Wilhelm
Moritz Schürer über. Der genannte Herr verwendete die Nebengebäude
zur Errichtung einer Holzwarenfabrik, bekannt unter der Firma: Erste
Sächsische Waschbretterfabrik C. M. Schürer. Die Brauerei hatte bereits
vorher Herr Franz Naumann erworben. Noch schaut das im wesentlichen
unverändert gebliebene Wohnhaus des Hieronymus Lotter auf die alte
Bergstadt Geyer herab.

[Illustration]



Das Obererzgebirge.



Erster Abschnitt.

Die Landschaft des Obererzgebirges.


1. Unera Hamet.

    Wenn anr ins Gebörg rauf kimmt
    Dort aus n Niedrland,
    Do möcht r alles ah su sah,
    Wie sinst in Bichrn stahnd.

    Do sölln da altn Hammerschmied
    In gedn Nast rim stih
    Un Klipplmad mit Klipplsöck
    När eitl hutzn gih.

    A Wammes un da Pudelmitz
    Un ah da Ladrhus,
    Dos sölln da ganzn Leit noch trong,
    Geleich, öb kla, öb gruß.

    Do söll, wenn ah schuh Summer is,
    Dr Schnee zemstrim noch lieng,
    Da Kuhlnbrenner patznweis
    In dickn Wald rim krieng.

    Na, na, ihr Leit, su is fei net,
    Es is viel anrsch wurn,
    Es wärd in darer itzing Zeit
    Ka setts als Zeig geburn.

    Gebliem sei när da altn Barg,
    Es Wassr un dr Wind,
    Da Menschn sei was Anrsch wurn,
    Dos waß gedwedig Kind.

    Gebliem is ah da alta Sproch
    Noch bun a feins paar Leit,
    Sa schnadln odr egal dra
    In darer itzing Zeit.

    Gebliem is ah dr viela Rehng
    Un is halt egal reg,
    Is gu wos lus in Annebarg,
    Do hot's ah Niederschlög.

    Gebliem is odr ah noch wos
    In unrn wing Geblit,
    Un söll ah bleim wie unra Barg:
    A orndlich guts Gemit!

            Röder-Johanngeorgenstadt.


2. Das Lied vom Erzgebirge.

Weise: Gott sei mit dir, mein Sachsenland.

    Macht uns die Sorge still und matt
    Auf harter Lebensbahn,
    Sind wir des Kohlendunstes satt,
    Dann zieh'n wir flugs bergan:
    Hinauf, wo reine Lüfte weh'n,
    Im blauen Duft die fernen Gipfel steh'n,
    Hinauf, hinauf ins Bergrevier!

    O Greifenstein, o Morgenleit',
    Ihr locket mit Gewalt!
    O Auersberg im grünen Kleid,
    Du hoher Spiegelwald,
    Des Sonnenwirbels mächt'ger Thron:
    Ihr gebt dem Steiger schönsten Lohn;
    Seid uns gegrüßt vieltausendmal!

    Aus dunklen Forsten, treu gepflegt,
    Rinnt froh der reine Quell,
    Der Kuckuck ruft, der Finke schlägt,
    Die Amsel jubelt hell.
    Wie beut dem Aug' ein lieblich Bild
    Am steilen Hang das edle Wild.
    Wie schön bist du, o Erzgebirg'!

    Mit Felsenboden mutig ringt,
    Nicht achtend Sturm und Eis,
    Bis er zur kargen Frucht ihn zwingt,
    Des Erzgebirgers Fleiß.
    Dein zahlreich Volk auf magerm Land,
    Wie rührt es froh und flink die Hand:
    Glückauf, Glückauf, du wackerer Stamm!

    Orangen wachsen dir nicht wild,
    Auch Myrte schwer gedeiht,
    Dafür belebet dein Gefild
    Lust und Zufriedenheit.
    Und wird auch rar dein glänzend Erz:
    Du machst gesund ein jeglich Herz:
    Behüt dich Gott, du fröhlich Land!

            T. S.


3. Die Bedeutung des Erzgebirges für das Vaterland.

Das Erzgebirge ist seinem Hauptteile nach ein Kammgebirge.
Untergegangen sind die Erinnerungen an die Wenden, bis auf einige
Ortsnamen in ihrer Sprache. Auch sind im Aberglauben noch schwache
Spuren des kleinen, schwarzhaarigen, fremdsprechenden Volkes, das im
verschwiegenen Waldthale dem wenig freigebigen Boden mühsam Nahrung
abrang, sich in selbstgewebte grobe Leinen kleidete und vielleicht mit
dem behaarten Fell des bekämpften und erlegten Waldtieres gegen das
rauhfeuchte Klima des Miriquidiwaldes schützte.

Germanen bewohnten das Gebirge erst vom 14. Jahrhundert an. Im 15.
Jahrhundert werden Neustädtel, Schlema, Grünhain außer wendisch
benannten Orten schon erwähnt. Da nur wenige zum Kamme vordrangen,
blieb das wilde Waldgebirge eine Scheidewand zwischen den Wohnplätzen
der Slaven in Böhmen und derer in Sachsen. Die Scheidewand erleichterte
die Erhaltung und Einführung des Deutschtums und damit einer höheren
Entwicklungsstufe.

Diese schützende Rolle spielte das Gebirge auch im Hussitenkriege. Die
Gebirgsmauer hinderte die Unternehmungen der Hussiten sehr, indem sie
von einem eigentlichen Besitzergreifen des Landes abgehalten wurden.

Als im 30jährigen Kriege Sachsen Kriegsschauplatz wurde, da hinderte
das Gebirge den österreichischen Kaiser, das für ihn als Wiege der
Reformation wichtige Land zu behaupten und unmittelbar Einfluß zu
gewinnen.

Wie in geschichtlicher, so ist auch in natürlicher Beziehung das
Gebirge wichtig für Sachsen. Noch heute finden wir stattliche Wälder.
Der Wald aber ist der Vermittler zwischen Luft und Erde. Den rasenden
Lauf der Stürme weiß der Wald zu besänftigen, die gefahrdrohende
Gewitterelektrizität leitet er ab, das Wasser lenkt er in die Tiefe,
aus der es in dem Seitenthale als Quelle hervorbricht, die Fluren
des Landmanns tränkt er, dem Müller treibt er die Mühle und günstige
Gelegenheit zur Ansiedlung bietet er allen denen, die der Wasserkraft
bedürfen. Solche Ansiedlungen bergen die Thäler der Mulde, der
Zschopau, der Sehma, der Chemnitz. Im Sommer dient das Gebirge als
die Sparbüchse, die bei Wassermangel noch die Not lindern kann. Außer
dem Wasser spendet das Gebirge auch dem Lande Holz, das als Brenn-
und Bauholz verwertet wird. Zu erwähnen sind besonders die auf den
Holzreichtum sich stützenden bodenständigen Gewerbe, so früher die
Glasfabrikation, jetzt die Holzschleiferei und Spielwarenfabrikation.
Auch die Eisenindustrie, die früher im Gebirge blühte, war auf den
Holzreichtum zurückzuführen. Das Erlöschen derselben folgte auf die
Verteuerung des Holzes. Wichtig sind auch die Torflager.

Aber auch im Innern birgt das Erzgebirge Schätze fürs Land. Im
steinernen Gebirgskörper schlummerten Silberadern. Die Reichtümer
verhalfen den Landesfürsten zur Hebung der Macht und des Einflusses
unseres Landes. Es entstanden neue Bergorte, die vielfach für die
Entwicklung des Landes auch in geistiger Beziehung wichtig geworden
sind: wie Freiberg, Annaberg und andere Städte.

Mit dem Erzbergbau in Verbindung stehen die Blaufarbenwerke, die von
bedeutendem Einfluß auf Handelsbeziehungen zum Auslande wurden. Ihren
eigentlichen Ursprung haben die großartigen chemischen Fabriken in den
Glashütten gehabt, die der Holzreichtum des Gebirges in Begleitung der
Bergwerke entstehen ließ. 1822 erfand in Schneeberg ~Dr.~ +Geitner+ die
Bereitung des wichtigen Argentans oder Neusilbers. Eine Grube bei +Aue+
lieferte +Böttcher+ den Stoff zu seinen Versuchen, deren Ergebnis die
Porzellanerzeugung in Sachsen wurde.

Da die Bergleute Freunde des Bergmannssohnes Luther waren, so steht
auch mit dem Bergbau in Verbindung die Einwanderung Vertriebener aus
katholischen Ländern. Die Einwanderer brachten Gewerbefleiß und neue
Beschäftigungsarten ins Gebirge. Selbst nach dem Erliegen des Bergbaues
finden wir noch die Bodenbeschaffenheit wesentlich. Die dichte
Bevölkerungszahl im Bergbaugebiete erleichterte das Entstehen der
Hausindustrie, wie der Spitzenklöppelei und der Posamentenfabrikation.

Erst in neuerer Zeit sind die Kohlen, die am Fuße des Erzgebirges
reichlich vorhanden sind, von so weittragender Bedeutung geworden. Im
Zeitalter der Dampfkraft sind Kohle und Eisen Träger und Stützen der
Industrie.

Aus alledem geht hervor, daß unser heimisches Gebirge bedeutenden
Einfluß auf die Entwicklung unseres gesamten Vaterlandes geübt hat.

            Nach ~Dr.~ Jacobi.


4. Das Obererzgebirge.

Das Erzgebirge zerfällt in das westliche, mittlere und östliche
Erzgebirge. Das mittlere liegt zwischen Schwarzwasser und Freiberger
Mulde. Elster und Gottleuba begrenzen das ganze Gebirge im Westen und
Osten.

In der Richtung von Süd nach Nord unterscheidet man das +Obere+ und das
+Niedere Erzgebirge+; jenes reicht von dem zusammenhängenden Kamme,
der eine durchschnittliche Höhe von 800 m hat, etwa bis Falkenstein,
Schneeberg, Thum, Wolkenstein, Frauenstein und Schmiedeberg; dieses
von den genannten Orten bis in die Gegend von Zwickau, Lichtenstein,
Chemnitz, Frankenberg, Hainichen, Nossen, Tharandt. Im mittleren Teile
des Erzgebirges kommt der jähe Absturz nach Süden und die sanfte
Abdachung nach Norden am meisten zur Geltung.

Das Gebirge besteht aus Urgebirgsarten: Thon- und Glimmerschiefer,
Gneis und Granit. Gneis herrscht im Osten vor und reicht bis weit ins
mittlere Erzgebirge nach Schlettau, Wolkenstein, Schellenberg. Der
Gneis ist die wahre Erzmutter. Um Eibenstock herrscht der Granit.
Besonders bemerkenswert sind die Basaltberge des Obererzgebirges:
Pöhlberg, Bärenstein, Scheibenberg.

Aus Urgebirge bestehen: Keilberg (1238 m), Fichtelberg (1213 m), der
Spitzberg bei Gottesgab (1107 m), der Auersberg bei Wildenthal (1021
m), der Kupferhügel bei Kupferberg (906 m), der Schneckenstein bei
Gottesgab (874 m), die Morgenleite bei Schwarzenberg (808 m), der
Greifenstein bei Geyer (731 m).

Die Basaltberge sind: der Haßberg bei Preßnitz (991 m), der
Bärenstein bei Weipert (898 m), der Pöhlberg bei Annaberg (832 m),
der Scheibenberg bei gleichnamiger Stadt (805 m), letztere drei in
Grabhügelform.

Bei Eibenstock, Schwarzenberg und Crottendorf befinden sich große
Staatsforsten. Fichtenwald herrscht vor, doch finden sich bei
Marienberg und Steinbach auch zusammenhängende Buchenbestände.

Die wichtigsten Flußthäler des Obererzgebirges sind: das
Schwarzwasserthal, das Zschopauthal, das Flöhathal, das Sehmathal. Das
wildeste ist das der schwarzen Pockau.

Im Obererzgebirge sind folgende meteorologische Stationen zu merken:
Annaberg, Oberwiesenthal, Reitzenhain. Dem Obererzgebirge ist bisher
die Cholera fern geblieben. Bei Gottesgab und Oberwiesenthal erntet man
nur Hafer und Kartoffeln.

Bei der Urbarmachung des Gebirges verfuhr man nach dem Grundsatze: »Wo
der Pflug kann gehn, soll der Wald nicht stehn.« Am Kamme des Gebirges
beträgt die Bevölkerungsdichtigkeit 90--95 auf den Quadratkilometer, am
Abhange 145--155.

Wie anderwärts, so hat sich auch im Obererzgebirge jede Industrie
in bestimmten Bezirken festgesetzt, demgemäß giebt es bestimmte
Industriebezirke. Holzschleifereien, Sägemühlen, Baumwoll-, Woll- und
Flachsspinnereien, also alles Fabriken, welche Wasserkraft brauchen,
finden sich in den Thälern der Sehma, der Pöhla, der Preßnitz, der
Zschopau, der Flöha.

Bei Eibenstock und Schwarzenberg finden sich +Hohöfen+ mit Gießereien,
Hammer- und Walzwerken verbunden. Zinnhütten bestehen im Marienberger
Gebiete, Blaufarbenwerke zu Oberschlema, Niederpfannenstiel und
Zschorlau.

Der +Posamentierbezirk+ umfaßt die Ortschaften Annaberg, Buchholz,
Schlettau, Scheibenberg, Geyer, Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein.

Der Spitzenklöppelbezirk erstreckt sich von Marienberg über
Drehbach und Zwönitz bis Schneeberg und Eibenstock, und von da über
Johanngeorgenstadt, Wiesenthal und Kupferberg bis Reitzenhain und
Pobershau.

Eibenstock ist obererzgebirgischer Mittelpunkt des Näh- und
Stickereibezirkes.

Noch sind einzelne Orte mit besonderen Erzeugnissen zu erwähnen:
Annaberg, Buchholz, Scheibenberg fertigen Schnürleiber; Annaberg
und Buchholz Sargverzierungen; Buchholz besondere Kartonagen;
Johanngeorgenstadt Handschuhe; Karlsfeld Schwarzwälder Uhren. Annaberg
liefert auch Leonische Waren, das sind unechte Gold- und Silbertressen.
Wiesenthal fertigt Stecknadeln; Schönheide allerlei Bürsten, Pinsel und
Kardätschen; Lauter, Beierfeld, Bernsbach, Grünhain stellen Blechwaren,
besonders Blechlöffel, her; Zöblitz hat seine Serpentindrechselei;
Bernsbach seine Feuerschwamm- und Bockau seine Medizinbereitung.


5. Ehemaliges Landschaftsbild des Obererzgebirges.

Das +Obererzgebirge+ war nach +Lehmann+ ehedem allenthalben mit
dicken Wäldern bedeckt, mit Felsen und Bergen angefüllt, nach denen
ihre Namen haben: Rauen-, Harten-, Wolken-, Lauter-, Bären-, Katzen-,
Frauen-, Greifenstein, Pöhl-, Schwarzen-, Scheiben-, Keil-, Schotten-,
Zechenberg u. s. w. Ferner waren unzählige Moräste, Sümpfe, Moosräume,
Bruchwerke und Weiher in Räumen und Wäldern um und unter Platten,
Gottesgab, Johanngeorgenstadt, um Scheibenberg, Grünhain, Elterlein,
Schlettau, Geyer, Buchholz, Zöblitz, Lengefeld, Kühnhaide, bis die
Wälder abgetrieben, die Waldpässe gebrückt, die Wildberge nach ihren
Flügeln und Rundungen abgezogen, Floß- und andere Teiche angelegt
und durch Röschen und Stolln die Wasser abgezapft wurden. An diese
Beschaffenheit erinnern die Namen Moosraum, Rote Pfütze, Sauschwemme,
Thörichter See, Filzsumpf.

Wilde Katzen, Marder, Wiesel, Fischottern, Iltisse, Bären, Hirsche,
Wölfe, Wildschweine und Raubvögel bevölkerten die Gegend. Daher
kommen vor im Crottendorfer Revier die Namen: Vogelleite, Hirsch- und
Auerhahnpfalz, Sau- und Bärenfang, Lachsbach, Tier- und Saugarten; im
Grünhainer aber: Bärenacker, Fuchs- und Wolfstein; im Lauterschen:
Wolfslager, Dachslöcher, Hirschstein, Habichtsbüchel, Bärenstallung,
Wolfsgarten, Rabenberg.

Nach den schauerlichen Wäldern und Gründen sind benannt: Teufelsgrund,
Drachenleite, Teufelsstein u. a.

Nach feindlichen Einfällen und Kämpfen sind genannt: Streitknochen,
Kriegwald, Hundsmarder, Haderwinkel.

+Lehmann+ berichtet von den erzgebirgischen Wäldern: »Da hörte man
nichts als der Raben Rappen, der Bären Brummen, der Wölfe Heulen, der
Hirsche Börlen, der Füchse Bellen, der Auerhähne Pfalzen, der Ottern
Zischen, der Frösche Quaken und Racken; das machte einen Reisenden
so lustig, als hätte er Fliegenschwämme und Krähen gefressen. Das
waren damals die Lauten, Zithern, Violen, Posaunen, Trompeten,
Zinken, Flöten, Schalmeien, Schuarien, Baßgeigen, Clavicimbeln,
Trommeln, Heerpauken, Sackpfeifen, Orgeln, Glocken und musikalische
Waldinstrumente, welche unter dem Sausen der Winde, Grollen der Donner,
Gebrülle der Bestien, Geschnatter der Enten, Geächze der Hohlkrähe,
Uhuhen der Eulen, Schnarren der Schnarrer, Geschrei und Geschwirre der
Buchfinken, der Quäker, der Zippen, der Schneppen und anderen Gevögels
eine gräßliche Harmonie gegeben.«

Johann +Salianus+ verwundert sich in einem dem Rate 1507 gewidmeten
Gedichte, daß die Stadt Annaberg innerhalb 10 Jahren in dieser Wildnis
mit Mauern, Wällen und Gräben, mit herrlichen Häusern, mit verständigen
Ratsverwandten und bürgerlichen Rechten versehen und von einer so
volkreichen Gemeinde bewohnt werde. Diese Stadt sei auf einem wilden,
unfruchtbaren Boden, in Bergen und unter rauhem Himmel angelegt, da
vormals Herzog Georg unter lauter rohem Wald viel hundert Stück Bären,
Hirsche, Wölfe und andere wilde Tiere gejagt und niemand vermeint, daß
daselbst eine Stadt sollte angelegt werden.

Unsere Berge sind nach Lehmanns Benennung Warten, Wetterpropheten,
Zufluchtsorte, Jagdhausstellen, Grenzscheiden, Bollwerke,
Wasserständer, Futterkästen, Schatzkästen, Lustplätze, Denkpfeiler
Gottes!


6. Erzgebirgische Jagden.


~a.~ Eine Jagd im Erzgebirge im Jahre 1 nach Christo.

Über die +Urzeit+ unseres Gebirges mag uns folgendes +Märchen+ eines
Naturforschers ein Bild entrollen. Das heutige Erzgebirge, etwa in
der Gegend von Olbernhau, bildete ehemals einen großen Sumpf und See,
in welchem die Bewohner auf Pfählen ihre Wohnungen errichtet hatten.
In ihren Pfahlbauten übten die Männer das Töpfergewerbe aus, die
Frauen fertigten Webstoffe an. Tauschhandel trieb man mit wandernden
Phöniziern, die von dem Erzgebirge Zinn holten, dagegen Bernstein und
Feuerstein aus dem Norden, sowie aus Griechenland Bronze, gefertigt
aus Zinn und dem von Cypern kommenden Kupfer, brachten. Die Kleidung
der Urbewohner war sonderbar genug; so bestanden die Beinlinge oder
Hosen aus Birkenrinde. Wichtig waren die Waffen; sie bestanden aus
Bogen von Taxus oder Eibenbaumholz und aus Pfeilen mit Spitzen von
Knochen, Feuerstein, Bronze oder Eisen. Gewaltige Wurfspieße bildeten
im Vereine mit diesen Waffen die Ausrüstung zur Jagd, bei welcher große
Brakenhunde die Begleiter waren, während kläffende Nachkommen der
Schakale zu Hause Wache hielten. Die Jagdbeute bestand in gewaltigen
Tieren des Waldes: Elentieren oder Elch, Urochsen oder Wiesen- und
Auerochsen; auch der grimme Schalch oder Riesenhirsch fand sich
neben Bären und Wölfen in den ausgedehnten Waldungen vor. Hatte der
Ansiedler Beute gemacht, so grub er die Rune, die er selbst auf seinem
Körper hatte, in das erlegte Stück Wild und kennzeichnete es als
sein Eigentum; dann nahm der kühne Jäger Leber und Herz, sowie den
Herzknochen, welcher sich zwischen den Herzkammern befindet, mit nach
Hause, wo er von seinen Angehörigen festlich empfangen wurde. Auch
die Nachbarn fanden sich ein und es entwickelte sich das Gelage nach
der Jagd, bei welchem mächtige Braten und eine Unmenge von Bier, Met
oder Birkenschnaps vertilgt und dem alten Laster der Germanen, dem
Würfelspiele, gefrönt wurde. Bei dieser Gelegenheit verspielte man oft
Haus und Hof, Weib und Kind, sowie die Tiere und andere Habseligkeiten.
Aber nicht zu ernst war der Verlust zu nehmen; denn am andern Morgen
war alles wieder vergessen.

            Nach Prof. ~Dr.~ Marshall.


~b.~ Kurfürstliche Jagden im oberen Erzgebirge.

Unser +oberes Erzgebirge+ hat von jeher als +ergiebiges Jagdgebiet+
gegolten. Freilich ist es seit den Jahren 1831 und namentlich seit 1849
anders geworden, denn auch bei uns gehört es nun zu den Seltenheiten,
einen Hirsch im Freien beobachten zu können, dieses stattliche Tier,
den Stolz der Wälder und die Krone der Jagd. Die Kurfürsten von
Sachsen waren seit den Tagen des landwirtlichen August Freunde der
Jagd. Namentlich war Kurfürst Johann Georg I., welcher von 1611--1656
regierte, einer der gewaltigsten Jäger seiner Zeit. In der Königlichen
öffentlichen Bibliothek zu Dresden befindet sich ein Verzeichnis in
altsächsischer, schöner Schriftart, als ein stattlicher Band in grünem
Samt gebunden mit prächtig gravierten goldenen Beschlägen, Ecken und
Schließen versehen, es ist dies das Jagdbuch des Kurfürsten Johann
Georg I. Nach demselben hat der Kurfürst in der Zeit von 1611--1653
u. a. 15228 Hirsche, 29196 Eber, 203 Bären, 1543 Wölfe, 200 Luchse,
11811 Hasen und 18957 Füchse erlegt. Der Kurfürst hatte sich in einem
der Giebel des Residenzschlosses zu Dresden ein besonderes Zimmer
eingerichtet, welches das Paradies genannt wurde. Die Wände waren mit
Waldgegenden bemalt, dabei die Felsen der Bastei, auf denen Gemsen
zu sehen waren. In der Mitte waren zwei die Decke stützende Säulen
als Bäume mit ledernen Blättern geschmückt. Hier trieb der Kurfürst
anatomische Studien an dem erlegten Wild. Schon die Vorgänger von
Johann Georg hielten sich wegen der Jagd in unserem Gebirge auf,
getreulich hat es Christian Lehmann in seinem Historischen Schauplatz
berichtet. Herzog Heinrich fing in einer Stallung, also in einem
umfriedigten Raum, in +Wolkenstein+ am 14. September 1516 nicht weniger
als 43 Stück Wild, was zu jener Zeit als ein wahres Wunder angestaunt
wurde. Das Wild kam zum Kindtaufsschmaus, den der glückliche Waidmann
seinem Töchterlein, der Prinzessin Sibylle, in Freiberg ausrichtete.
1542 jagte Herzog Moritz im Gebirge und fing in +Grumbach+ drei
»schreckliche« Bären. Wegen der Nutzbarkeit an Fleisch, Fett und Haut
und wegen der mit seiner Erlegung verbundenen Gefahr gehörte die
Bärenjagd zur wichtigsten Jagdart. Übrigens berichtet ein Augenzeuge
weiter, daß Herzog Moritz außer den Bären in einer Stunde 7 Hirsche
geschossen habe, er sei grün gekleidet gewesen, habe einen englischen
Hund bei sich gehabt und seine Gemahlin habe mit 14 Frauenspersonen
neben ihm gestanden. Nach der Bärenhetze ließ er den Bauern ein Faß
Bier und den Bergleuten zwei Faß geben, weil sie das Beste gethan
hatten. Die Lust an der Jagd führte auch den Kurfürsten Vater August
in unser Gebirge, er scheint sich hauptsächlich in +Crottendorf+
aufgehalten zu haben, da der Chronist sagt: »~Anno~ 1567 kam er
(Kurfürst August) zu Crottendorf an, lag daselbst in Hackebeils Mühle,
bejagte die Wälder, schoß auch eine Stallung ab zu Crottendorf auf
David Georgens Feld, ließ das Wild da auswirken.« Als Friedrich
Wilhelm, Fürst zu Weimar, zehn Jahre lang Administrator in Kursachsen
war, ließ er alles Wild im Gebirge, jung und alt, wegschießen, sodaß
viele Jahre hindurch die Landleute zum Schutz ihrer Felder keiner
Wildzäune mehr bedurften. Das sah der alte Jägermeister von Rabenstein
nicht gern, denn er rief seinen Jägern zu: »Treibt fort, wenn gleich
etliche Stücke auf die Seite springen, denn die jungen Herren müssen
auch etwas behalten.« Herzog Johann Georg jagte im Jahre 1609 im
Gebirge und hielt sich auf dem Fichtelberg auf, da kam ein grausam
Wetter, daß auch der Donner in eine Tanne schlug, da zog der Herzog
den Hut ab und sagte: »Gott ist ein Herr!« Den Tag hernach gastierte
ihn Junker Rüdiger auf Sachsenfeld, und da ihn Nikol Klinger, Rüdigers
Schwähervater, fußfällig empfing, sagte er mit Darreichung der Hand:
»Alter, stehet auf!« Im Jahre 1609 im August lag dieser Herzog nieder
auf dem Hirschpfalz in der Hauerwiesen hinter dem Fichtelberg, da mußte
der Pfarrer aus +Wiesenthal+ am 19. August eine Wald- und Jagdpredigt
thun. ~Anno~ 1613 lag der Kurfürst Johann Georg acht Tage lang in
+Crottendorf+, fischte und jagte nur in den Vorbüschen und schoß bei
der Richterin Bretmühle ab, obgleich die Pest im Dorfe grassierte.
Im Jahre 1625 kam der Kurfürst Johann Georg mit seiner Gemahlin, den
jungen Prinzen und Fräulein am 11. Mai in +Annaberg+ an und schoß
den 7. Juni den Vogel ab. Der jungen Herrschaft wurde auch eine
Vogelstange zur Lust in Wiesenbad aufgerichtet, woselbst sie den Vogel
den 12. Juni abschossen. Der Kurfürst hielt auch ein Abschießen bei
+Annaberg+ im Hüttengrunde zwischen der Stadt und Frohnau, darunter
war ein so großer und starker Hirsch, daß er unter 2300 Tieren, die in
unterschiedlichen Stallungen auf dem Gebirge waren abgeschossen worden,
das allerschwerste gewesen ist.

Im August desselben Jahres und, wie es scheint, noch auf derselben
Jagdreise begriffen, wurde dem Kurfürsten und seiner Gemahlin angesagt,
daß der Hammerherr Heinrich von Elterlein auf dem Löwenthal so schöne
Fische in seinem Teiche und sonderlich große Forellen hätte, die er
lange gemästet habe. Da ließ der Kurfürst mit seiner Familie sich
anmelden, daß er dem Fischzug beiwohnen und denselben sehen wolle.
Um 10 Uhr früh kam der Kurfürst selbst mit seinem Jägermeister und
anderen Hofoffizieren und bestellte die Mahlzeit, mittlerweile wurde
der Teich gefischt; von dem Fischzug bekam der Kurfürst 3 Mandel der
schönsten Forellen, darunter war eine, die 8 Pfund wog. Es wurden die
Fische in Gegenwart des Fürsten von Darmstadt, der um ein Fräulein aus
dem kurfürstlichen Hause freite, gesotten und zu +Crottendorf+ auf die
Tafel getragen, darüber sich alle verwundert haben. In des Hammerherren
Stube wurde auf zwei Tafeln gespeist unter grünen Birken, doch war
der Fehler begangen worden, ehe sie sich zu Tische setzten, hatte man
zwar Kannen und Gießbecken aufgesetzt, aber kein Wasser drein gethan.
Da nun der Jägermeister dem Kurfürsten Wasser aufgießen wollte, war
keins drinnen, da gab es ein gutes Gelächter. Der Kurfürst zeigte sich
fröhlich, ritt spät von dannen, dankte mit der Hand, auch der Wirtin,
die in der Küche geschäftig war. »Ei,« sagte er, »habt Ihr nicht eine
räucherige Küche, doch die Küchen sind nicht anders. Gute Nacht!« Den
23. August hielt der Kurfürst ein Abschießen bei +Neudorf+, und es war
kurzweilig dabei, denn die +Crottendorfer+ hatten einen Bauern auf
die Wache gestellt, damit er aufmerke, wenn der Kurfürst aufsäße und
wieder nach Crottendorf wolle. Der Kurfürst allein und zu Fuß traf den
Bauern auf einem Hügel sitzend an; letzterer aß ein Stück Brot und der
Kurfürst setzte sich zu ihm. »Hast Du den Kurfürsten schon gesehen?«
fragte er ihn. »Nein, ich soll aufsehen, wenn er wird auf sein.«
»Wer, denkst denn Du, wer ich bin?« Der Bauer sieht ihn an, ohne den
Hut zu ziehen und ohne eine Reverenz zu machen und spricht endlich:
»Ich sehe wohl, daß Ihr ein Herr seid, Ihr habt doch Stiefel an.«
Während des weiteren Gespräches kommen die Jäger hinzu und verwundern
sich. Der Kurfürst aber lacht und spricht: »Einen solchen tölpischen
Fichtelberger habe ich im Gebirge noch nicht gesehen«, und läßt ihm
venedische Seife geben, d. i. ergänzt der Chronist, die Haare ein
wenig zausen. Von Crottendorf schickte der Kurfürst zwei Waldhüter mit
drei Wildtauben nach +Annaberg+ und verehrte dem Superintendenten,
dem Kapellenprediger und dem Hospitalpfarrer jedem eine. Als er in
+Steinbach+ 300 Stück Wild abgeschossen und auch ein Abschießen in
+Mauersberg+ gehalten hatte, kam er von Crottendorf nach +Schlettau+
und fischte daselbst zwei Teiche. Hier ereignete sich's, daß der Bäcker
Auersbach auf dem Teichdamm einen Fußfall vor dem Kurfürsten that
und um Verzeihung seinen Herrn anflehete. Er hatte nämlich an seinem
Krautzaun ein Stück Wild am Fuß in einer Schlinge gefangen. Kurfürst:
Was wolltest Du damit machen? Bäcker: Ach, gnädigster Kurfürst und
Herr, ich wollte dem Stück Wild nichts am Leben thun, sondern nur ein
paar Schläge geben, weil es mir das Kraut abgefressen hatte. Kurfürst:
Ja, Dir sollte man Schläge geben. Wenn ich Deines grauen Kopfes nicht
scheute, wollte ich Dir weisen, wie Du mein Vieh hegen solltest, laß
ich doch Dein Vieh auf meinem Grund und Boden gehen und zürne nicht
darum, gehe und hüte Dich.

Am 9. August 1628 hielt der Kurfürst ein Abschießen zwischen
+Steinbach+ und +Grumbach+, er erlegte dabei 570 Stück Wild. Er ließ
auch den Herrn Peter Versmann, Pfarrer zu Arnsfeld, vor sich predigen,
und da ihm seine Gaben wohl gefielen, versorgte er nicht allein sein
Haus mit Wildbret, sondern er befahl auch seinen Leibärzten, sie
sollten den armen Mann, weil er wassersüchtig war, doch heilen. Die
Ärzte versuchten ihr Heil, trieben zwar das Wasser heraus, aber der
Pfarrer fiel in die Schwindsucht, woran er starb. »Gesegne euch Gott,
ihr Hölzer, ich sehe euch nicht wieder,« waren die Abschiedsworte des
Kurfürsten an sein erzgebirgisches Jagdgebiet.

Die Fanfaren der kurfürstlichen Jäger sind in unserem Erzgebirge schon
seit langer Zeit verstummt, der Reichtum an Wild ist verschwunden,
dennoch ist die Poesie in unseren Wäldern nicht ganz dahin, denn noch
hört man, wenn auch vereinzelt, in unseren Staatsforsten auf dem Kamme
des Gebirges den Schrei des Hirsches und noch lacht in hoher Krone der
Auerhahn!

            Nach Lungwitz.


~c.~ Jagdfronden der Obererzgebirger.

Eine große Last waren die Jagddienste, welche die Unterthanen zu
leisten hatten. Im Amte +Crottendorf+ hatten von 302 Mann die eine
Hälfte die Seile in die Wildhecken einzubinden, wieder aufzuheben
und vor den Seilen aufs Wild zu warten; die andere Hälfte hatte
die Netze, Tücher und Seile aufzuhängen und zu trocknen, sowie das
Jagdzeug auf die Wolfsjagd zu fahren. Zu den Netzfuhren mußten
auch die Hammermeister Vorspann leisten und erhielten dann von den
dienstpflichtigen Dorfschaften für 4 Pferde 16 Groschen, für 2 Pferde
8 Groschen. Außerdem hatten die Dorfschaften noch die Wildbretfuhren,
die Abfuhr des erlegten Wildes, zu leisten, die Hammermeister, zwei
Jäger mit Jägerburschen, Hundebuben und Hunden, nach Gelegenheit der
angestellten Jagden mit Herberge und Mahl zu versorgen. Zu einer
im Jahre 1564 beabsichtigten kurfürstlichen Jagd im Erzgebirge
wurden erfordert: im Amte +Lauenstein+ 6 Wagen und 268 Mann, im
Amte +Altenberg+ 36 Wagen und 352 Mann, im Amte +Dippoldiswalde+ 17
Geschirre ohne Lohn, 13 für 12 Groschen täglich und 64 Mann, im Amte
+Stollberg+ 77 Geschirre und 293 Mann, im ganzen also 155 Geschirre und
1277 Mann zu Fuß. Im Amte +Lauterstein+ waren 700 Mann zu Jagddiensten
verpflichtet. Von den Dorfschaften des Amtes +Augustusburg+ mußten im
Jahre 1585 Dorfschellenberg, Grünberg und Marbach zu den Netz- und
Zeugfuhren jede zwei Wagen stellen. Genügte das nicht, so mußten die
482 Anspanner der anderen Amts-Dorfschaften helfen und erhielten dann
für jeden Wagen täglich 1 Gulden. Die Gemeinden zu Krummhennersdorf,
Dorfschellenberg, Euba, welche die Wolfsnetze und das im Amte
gepirschte Wildbret auf die Augustusburg oder nach Zschopau fuhren,
erhielten für jeden Schlitten 5 Groschen, eine Kanne Bier und ein
Hofbrot. Die Richter zu Flöha, Gornau, Metzdorf mußten jeder einen
Wagen stellen, die Anspanner von Hennersdorf im Winter für das Wild
Heu in die Mörbitz und hinter das Schloß fahren und jährlich zweimal
hinter dem Schlosse die Hirschlecken schlagen und erneuern, den Lehm
dazu schlagen und erneuern. Sie erhielten täglich ein Hofbrot. Alle
Einwohner des Amtes mußten zur Wolfsjagd als Läufer dienen, bei jeder
dritten Reihe die Häusler, doch waren 100 Mann aus verschiedenen
Dorfschaften ganz befreit.

Zur Erleichterung dieser Beschwerden, zur Verschonung der armen
Unterthanen und Ersparung großer Kosten errichtete der Kurfürst 1560 in
allen Kreisen Jagdzeughäuser, in welchen das für den betreffenden Kreis
notwendige Jagdzeug verwahrt und wodurch die Nachführung desselben
auf zu große Entfernungen vermieden wurde. Andere Erleichterungen
suchten sich manche Gemeinden selbst zu verschaffen. So erboten sich
die Untertanen des Amtes +Grünhain+, wenn ihnen die Fronen bei der
Wolfsjagd erlassen würden, 100 Mann jährlich 5 Wochen lang zur Räumung
der Wege im Amte +Schwarzenberg+ auf eigene Kosten zu stellen und zu
unterhalten. Auch die Erhaltung der Jagdhunde führte Belästigungen mit
sich. Während der Zeit, in welcher die Hunde zur Jagd nicht gebraucht
wurden, ließ der +Kurfürst August+ sie in die Ämter zur unentgeltlichen
Verpflegung verteilen.

            Nach Schlegel.


~d.~ Ein Jagdaufzug mit erzgebirgischen wilden Tieren in Dresden.

Im Jahre 1662 hielt +Christian Ernst, Markgraf zu Brandenburg+, mit
+Erdmute Sophia, Kurfürstl. Prinzessin zu Sachsen+, in +Dresden+
Hochzeit, bei welcher der damalige Kurprinz +Johann Georg+ III. und
nachmalige Kurfürst einen Jägeraufzug ausführte.

Vor dem Oberhofjägermeister schritten drei Waidmänner mit Leithunden.
Nachher kamen dreißig, je drei und drei, Oberförster, Forstburschen,
Wildmeister, Hof- und Landjäger. Zwei Riesen traten in Gestalt wilder
Männer auf. Ihnen zunächst folgten auf einem Festwagen, der einen
künstlichen Berg darstellte, gleich einem Walde mit Tieren und Vögeln
geziert, vier Personen mit Schalmeien. Seine prinzliche Durchlaucht
ritt in Dianengestalt auf einem weißen Hirsche. Nymphen schritten an
Lakeien statt vorauf, nebenher und hintennach. Dreißig nun folgende
Jäger trugen Schweineisen und Birschbüchsen. Drei Personen waren als
Löwenwärter in grüner Tracht und zwei Pfeifer wie Wilde gekleidet. Auf
ihrem Wagen befanden sich fünf junge Bären. Es folgte ein Kasten mit
zwei Tigertieren, je ein Käfig mit einem Löwen, einer Löwin, einem
weißen Bären. Jägerburschen führten englische Hunde. Vier Oberförster
begleiteten den größten, den brandenburgischen versinnbildlichenden
Bären. Hernach führte man +Herzog Moritzens+ Bären. Auch die wilden
Schweine fehlten nicht. Luchse, Wölfe und Füchse, Hasen, wilde
Kaninchen und Eichhörnchen, Fischottern, Wildkatzen, Marder und Hamster
zogen alle an den Augen der Schaulustigen vorüber. Auf Birschwagen
waren Hirsche geladen, der Wendewagen mit Hasen und Füchsen behangen.
Im ganzen Zuge befanden sich 265 Personen und 139 Pferde.

            Nach Chr. Lehmann.


~e.~ Wildschützen.

Die +Wildschützen+ haben nach Lehmann »auf dem Gebirge«, besonders auf
den hohen Wäldern um und hinter dem Fichtelberge großen Schaden verübt.
Sie haben das Wild haufenweise weggeschossen, die Häute in Böhmen
verkauft und sind so sicher gewesen, daß sie des Nachts bei den Köhlern
im Kohlkram gelegen, gesotten und gebraten, ihnen ihr Brot mit Gewalt
genommen haben und ihnen mit dem Tode drohten, wenn sie Verrat üben
würden.

Die Strafen waren hart. Zur Zeit des Herzogs Moritz band man einen
Wilderer auf einen lebendigen Hirsch und jagte das Tier in die Wildnis,
sodaß er jämmerlich ausstehen mußte. Das geschah, weil vorherige
Strafdrohungen nichts genützt hatten.

Als 1559 die Wälder mit der Herrschaft Crottendorf an Kursachsen kamen,
wurde Wolf Windreuter zum Oberförster nach Crottendorf gesetzt, der
1566 einen Wildzaun um die Grenzen bauen ließ, worüber man ein Jahr
brauchte und außer der Fron 1000 Thaler aufwendete. 1570 bis 1578
mußten kurfürstliche Trabanten die Wäldner bei ihren Umgängen um den
Grenzzaun begleiten, um den Wildschützen gewachsen zu sein. Für jeden
erschossenen Wilddieb erhielten sie 30, 40 bis 80 Thaler. Erschossene
hing man an den ersten besten Baum auf und nagelte über das Haupt ein
Hirschgeweih.


7. Eishöhlen im Erzgebirge.

Als Eishöhlen im Erzgebirge sind bekannt: der Garische Stollen, die
Ritterhöhle und die Stülpnerhöhle bei Ehrenfriedersdorf, die Binge
bei Geyer und die »Alte Thiele« bei Buchholz im sächsischen, die
Schneebinge bei Platten im böhmischen Erzgebirge. Diese Eishöhlen sind
natürliche oder künstliche Hohlräume im Felsgestein, welche das ganze
Jahr hindurch oder wenigstens während eines größeren Teiles desselben
Eis enthalten, das sich in ihnen selbst gebildet hat. Die Stülpnerhöhle
und die Ritterhöhle sind statische oder eigentliche Eishöhlen, auch
Sackhöhlen genannt, indem sie, nach hinten zu sich senkend, am unteren
Ende abgeschlossen sind, so daß die von außen eindringende kalte Luft
nach der Tiefe sinkt und dort die Eisbildung bewirkt; beim Eintritt
der wärmeren Jahreszeit aber hält sich durch das Schmelzen des Eises
die Temperatur lange Zeit in der Nähe des Nullpunktes, der Eisvorrat
geht daher nur ganz langsam seinem Ende entgegen. Der Garische Stollen
gehört zu den dynamischen Eishöhlen oder den Windröhren, bei denen
ein Spaltensystem, das vom Hintergrunde aus den Berg durchzieht, eine
unterirdische Verbindung mit höher gelegenen Stollen ermöglicht,
was zur Folge hat, daß sofort eine Luftströmung entsteht, wenn die
Temperatur innerhalb und außerhalb der Höhle verschieden ist, und
dadurch das Innere im Winter abgekühlt, im Sommer nur allmählich
erwärmt wird, das Eis also lange erhalten bleibt. In den Windröhren
herrscht meist ein starker Luftzug, während es in den Sackhöhlen
im Sommer vollkommen windstill ist. Die »Alte Thiele« stellt sich
als Übergang von den Sackhöhlen zu den Windröhren dar, indem sie
nach ihrer ganzen Anlage zu den ersteren gerechnet werden muß, aber
durch ihre hintere Kammer, welche die Verbindung mit anderen Gängen
herstellt, sich dem Charakter der letzteren nähert. Alle die genannten
Eishöhlen des Erzgebirges verdanken ihren Ursprung dem Bergbau; denn
sie befinden sich in Einsenkungen, welche durch den Zusammenbruch
vom Bergbau geschaffener unterirdischer Hohlräume entstanden sind.
Bis in den Mai und Juni hinein findet sich in ihnen Eis vor, in der
Schneebinge bei Platten, der eisreichsten dieser Höhlen, noch länger.
Dort wurde am 21. Juli 1894 die Tiefe des den Boden bedeckenden Firns
auf 1,5 bis 3,00 Meter bestimmt. Schon lange ist die Schneebinge wegen
ihres Eisreichtums im Sommer bekannt. In eisarmen Zeiten wird von ihr
Eis nach Karlsbad geführt; im Jahre 1863 soll sogar nach Leipzig zum
Turnfest Eis aus der Binge versendet worden sein. Gegenwärtig ist sie
an eine Bierbrauerei in Platten verpachtet.

            Nach Fitzner.


8. Die obererzgebirgischen Mineralquellen und Bäder.

Im Zusammenhange mit den reichen Erzgängen des Obererzgebirges, welche
Quarz, Hornstein, Jaspis, Chalcedon, Amethyst, Eisen- und Manganerze
enthalten, stehen eine Anzahl von Mineralquellen. Solche Gänge, die
als Quellengänge bezeichnet werden, sind die Wege, auf denen die
verschiedenen mineralischen Wässer unserer Gegend aus der Tiefe
hervorquellen.


1.

Im freundlichen Zschopauthale bricht in einer Meereshöhe von 434
Meter aus dem Gneisgebiete auf dem Ausstriche eines fast eine Meile
verfolgbaren Quarz- und Hornsteinganges, der häufig Amethyst führt,
eine Mineralquelle hervor, die zur Gründung des gutbesuchten Ortes
+Wiesenbad+ bei Annaberg führte. Das Wasser befindet sich in einem
großen, einige Meter tiefen, überbauten Behälter und zeichnet sich
durch außerordentliche Klarheit aus. Die fast fortwährend aufsteigenden
Kohlensäureblasen vermögen beinahe den Eindruck hervorzurufen, als ob
das Wasser siede. Es ist vollständig geruchlos. Die Quelle gehört zu
den warmen alkalischerdigen Säuerlingen und hat eine Wärme von 21,75°
C. Sie hat einen angenehmen, frischen Geschmack. In ihrer Wirkung
entspricht die Quelle dem Warmbade bei Wolkenstein und Warmbrunnen
in Schlesien. Überraschend sind die Wirkungen dieses Wassers bei
skrophulösen Krankheiten, besonders wenn mit dem Baden eine Milchkur
verbunden wird. Die Quelle wird besonders gegen Nervenschwäche,
Gicht, Rheumatismus, Lähmungen und Hautkrankheiten empfohlen. Der
alte berühmte Scheibenberger Geschichtsschreiber Christian Lehmann
erzählt in seinem 1699 erschienenen »Schauplatz des Obererzgebirges« 70
Krankheiten auf, gegen die das Wasser helfen sollte. Die Entdeckung des
Heilbrunnens soll sich von einem armen Manne herschreiben, der seine
ungesunden Schenkel in dem Wasser in der sogenannten Rosenaue gewaschen
hat und dann heil geworden ist.

Hans +Friedrich+, ein reicher Fundgrübner und Bergherr aus Geyer,
der das Dorf Wiesa besaß, faßte 1501 das Wasser in einem Kasten,
ließ ein Badehaus erbauen und dasselbe durch ein Röhrwerk mit dem
Quell verbinden. Er soll auch neben dem Bade ein Kirchlein zu Ehren
des heiligen Jobs oder Hiobs, des Helfers der Kranken und Schwachen,
errichtet haben, das vom Meißner Bischofe 1505 geweiht und vom Fürsten
Georg reich begabt wurde. Ein Meßpriester mußte den Badegästen, ehe
sie ins Bad gingen, eine Messe lesen. Im Jahre 1602 ließ sich die
Kurfürstin +Sophie+ ein eignes Haus bauen, wahrscheinlich an Stelle der
Kapelle, und man nannte darauf das Bad Sophienbad. Im Jahre 1699 aber
finden wir auch die Bezeichnung Wiesenbad oder St. Jobsbad.


2.

In einem Nebenthale des Zschopauthales, eine halbe Stunde von der
Stadt Wolkenstein entfernt, 458 Meter über dem Meeresspiegel liegt
ebenfalls in den Gneisformationen sehr geschützt +Warmbad Wolkenstein+.
Die Quelle ist die wärmste Sachsens mit einer Wärme von 31 °C. Man
nimmt an, daß sie auf dem im zweiglimmerigen Gneise aufsetzenden
Eisensteingange »Neugeboren Kindlein« ihren Ursprung habe und bei
dessen Abbau zufällig entdeckt worden sei. Sie bricht aus Drusen eines
Erzganges hervor. Nach einer älteren Zeichnung soll sich daselbst
ein Silbergang mit zwei Eisensteingängen kreuzen. Die ziemlich tief
liegende Quelle ist in neuerer Zeit frisch gefaßt und dadurch gegen
Zufluß von »wilden Wässern« geschützt worden. Mittels eines Hebewerkes
wird das Wasser nach dem Badehause geleitet, von wo es nach weiterer
Erwärmung in die einzelnen Zellen abfließt. Die Quelle spendet in
jeder Minute 150 Liter warmen Wassers. Das Wasser ist ebenfalls den
Säuerlingen zuzuzählen und hat große Ähnlichkeit mit dem Wiesenbader,
wie mit den berühmten Warmquellen von Wildbad in Württemberg, Gastein
und Pfeffers. Seine Wirkungen entsprechen dem Wiesenbader. Die Quelle
war schon im 14. Jahrhundert als heilkräftig bekannt. Es fanden starke
Wallfahrten nach dem Bade statt.


3.

Das Bad +Ottenstein+ bei Schwarzenberg liegt in einer Meereshöhe von
424 Meter im Glimmerschieferthale des Schwarzwassers. Die Anstalt ist
nach Nordosten und Nordwesten durch hohe Felsmassen gegen kalte Winde
geschützt. Die Quelle ist ein kaltes, an Kohlensäure nicht sehr reiches
Eisenwasser mit mittlerem Eisengehalte, das in Form von Trink- und
Badekuren Anwendung findet. Erfolgreich wurde das Bad bei Blutarmut,
Reißen, Nervenkrankheiten, Lähmungen, Magen- und Lungenkrankheiten
gebraucht.


4.

Außer diesen genannten Bädern gedenken wir noch derjenigen
Mineralquellen unserer Gegend, die ehemals zu Bädern benutzt wurden.
Manche erfreute sich sogar eines gewissen Rufes.

In +Niederzwönitz+ entspringen 580 Meter über dem Meere auf einer von
Fichten- und Kiefernwald umschlossenen Wiese nebeneinander 3 Quellen,
denen der Volksmund die Namen der »Gute Brunnen«, der »Krätzbrunnen«
und der »Augenbrunnen« gegeben hat. Die Wirkungen des Guten Brunnen
wurden bereits 1498 oder 1501 erkannt. 1608 wurde dieser Quell, nachdem
er in Vergessenheit gekommen, wieder gereinigt. Den Krätzbrunnen
entdeckte man 1646 und die Wirkungen des Augenbrunnens kamen 1717
zur Anerkennung. In der Nähe des »Guten Brunnens« soll ehemals eine
der heiligen Anna geweihte Kapelle gestanden haben, weshalb man ihn
auch »Annenbrunnen«, später aber »Tannenbrunnen« oder »Zu den drei
Tannen« nannte. Man sagt, Kenner hätten versichert, daß die Kanne
dieses Wassers einen Dukaten wert sei, wenn man das wilde Wasser davon
scheiden könnte.

Das +Marienberger+ Bad hatte die Quelle »Frischer Brunnen«, die 1553
bekannt wurde. In der Nähe des Zschopauer Thores in Marienberg giebt
es heute noch einen »Frischen Quell«, dessen Wasser jedoch nur als
Trinkwasser benutzt wird.

Das Bad +Raschau+ wurde 1808 eingerichtet. Nach ihm führt noch
ein Gasthaus in Raschau seinen Namen. Auch in der Nähe von
+Ehrenfriedersdorf+ giebt es einen Mineralquell, der bald als Stahl-,
bald als Sauerbrunnen bezeichnet wird. Im Jahre 1646 wurde in Grumbach
bei Jöhstadt am Walde nahe dem »Thumshirn-Brunnen« ein Heilbrunnen
entdeckt, dessen Wasser zu warmen Bädern gebraucht ward. Nach ihm war
eine Zeit lang großer Zulauf aus Meißen und Böhmen. Es wurden bei
ihm selbst Betstunden abgehalten. Auch in Neudorf und Crottendorf
hat man aus einer nicht mehr vorhandenen Quelle zur Kur getrunken.
Zwei eisenhaltige Quellen sollen vom Fichtelberge in den Zechengrund
abfließen.

+Mathesius+ sagt über die Gesundbrunnen und warmen Bäder des
Erzgebirges: »Unser Herr Gott ist ein weiser Hausvater. Weil er denn
weiß, daß arme Bergleute in Gruben und Hütten viel böses Wetter,
koblichten Stank, kalte Dämpfe, feuchten Brodel und giftigen Rauch in
sich ziehen, pflegt er neben die Bergwerke gemeiniglich eine eigene
Apotheke anzurichten, damit die Bergleute eine Bergarznei hätten wider
die Lähme und verschleimte Lunge, erkältete Mägen und verlähmte Glieder
und was der Bergsucht und Beschwerungen mehr sind.«

            Nach Köhler u. a.


9. Fischreichtum erzgebirgischer Flüsse.

Die Flüsse und Bäche Sachsens enthielten zu der Zeit, wo Petrus
+Albinus+ aus +Schneeberg+ seine 1590 erschienene »Meißnische Land-
und Bergchronik« schrieb, noch einen +Fischreichtum+, wie derselbe
trotz unserer künstlichen Fischzucht und Fischereigesetze bei den
durch Fabrikanlagen verunreinigten Gewässern, ihren Uferbauten und
Regulierungen, den Entwaldungen unserer Berge und anderen schädigenden
Einflüssen mehr, wohl kaum wieder erzielt werden dürfte.

Man fing in der Elbe bis zu 2 Zentner schwere Störe, und zwar galt als
die beste Fangzeit die Zeit der Rosenblüte; ebenso fehlten auch die
Welse nicht, die um Johannis am besten waren, »darnach,« so meldet
Albinus, »verbargen sie sich in die Felsen, darinnen verhielten sie
sich, bis sie die »Eglen«, d. h. wahrscheinlich die gemeinen Fischegel,
stachen, hernach machten sie sich wieder heraus«. Brassen und selbst
die noch jetzt aus der Ostsee in die Oder kommenden Zährten, ferner
Barben, Hechte, Aale, Aalraupen, Lampreten und Neunaugen, sowie Lachse
bevölkerten damals unsere Gewässer; in der Mulde fing man Barben bis zu
10 bis 15 Pfund, Lachse bis zu 18 Pfund, und zuweilen wurden 18pfündige
Hechte gefangen. Erwähnt wird dabei, daß man 1544 in der Ill bei
Straßburg einen Hecht von 26 Pfund und in dem Filzteiche bei Schneeberg
einen so großen fing, daß derselbe nicht Raum in einem Bierfasse
hatte. Dazu kamen noch in den Bächen zahlreiche Forellen, Steinbeißer
und Schmerlen, Gründlinge und Kaulbarsche vor, so daß die Fische vor
300 Jahren einen nicht unwesentlichen Teil der Ernährung, selbst des
ärmeren Volkes bilden konnten. Mit besonderer Vorliebe verweilt daher
auch Albinus bei diesem Kapitel seiner Landeschronik, und er begnügt
sich nicht, dabei nur die Namen der einzelnen Fische zu nennen, sondern
durch verschiedene beigefügte Bemerkungen über Laichzeit, Nahrungswert,
Schmackhaftigkeit und anderes mehr weiß er für seinen Gegenstand ein
noch größeres Interesse zu erregen. So meint er, daß der Hecht von
etlichen für den besten Fisch gehalten werde, doch scheint er der
Forelle, von welcher eine schwarzgefleckte Art aus dem Schwarzwasser
bei +Schwarzenberg+ und aus Bächen um +Crottendorf+ und +Annaberg+
angeführt wird, den Vorzug zu geben, indem er sie den gesündesten und
nahrhaftesten Fisch nennt, den man sogar in Wasserkästen groß ziehen
könne, so daß er darin 4- und 5pfündig werde. Von dem Salm oder Lachs
wird die Meinung damaliger Ärzte mitgeteilt, nach welcher dieser Fisch
»stärkerer und gröberer Nahrung sei und gesalzen dem Magen schädlich
sein solle«.

Im 16. Jahrhundert »sind die Bäche im Gebirge so fischreich gewesen,
daß die Köhler und Holzhauer, wenn sie sich bei Sommerzeit in Bächen
gebadet, sie die Waldforellen mit Händen gefangen haben. Nachdem aber
das Seifen aufgekommen war und Erze gewaschen wurden, sind die Bäche
verdorben, daß die Fische nicht mehr drinnen aufkommen mochten.«


10. Die Kartoffeln im Erzgebirge.

Bereits zu Anfange des 18. Jahrhunderts finden wir die Erdäpfel auch im
Erzgebirge. In unserer Gegend sind dieselben zuerst in +Crottendorf+
angepflanzt worden. Bewohner dieses Dorfes brachten in den Jahren 1712
oder 1713 von +Stützengrün+ und +Bärenwalde+ Samenkartoffeln dahin.
Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
wurde eine gewaltige Menge dieses Gewächses daselbst erbaut. In dem
benachbarten +Schlettau+ hat dann der Anbau der Kartoffeln zunächst
Anklang gefunden, da dieses Städtchen bereits in jener Zeit einen nicht
unbedeutenden Feldbau betrieb. Besondere Verdienste um die dortige
Heimischwerdung derselben erwarb sich der +Amtshauptmann Alexander
Christian von Beulwitz+, der daselbst 1715 bis 1725 wohnte und von
dem ihm gehörigen +Erlbach+ im Vogtlande den erforderlichen Samen
einführte. Von +Schlettau+ ging der Anbau über nach +Elterlein+,
+Grünhain+, +Zwönitz+ und deren Nachbarschaft. Eine Teuerung, die im
Jahre 1719 das Obergebirge drückte, wurde die Veranlassung zu immer
ausgedehnterem Anbau. Der damalige +Superintendent+ zu +Annaberg+,
~Dr.~ +Andreas Kunad+, forderte sogar in dem genannten Jahre in einer
Predigt auf, die Kartoffeln häufig zu bauen, »welches auch soviel
ausgerichtet, daß man sich allhier mit mehrerem Ernste der Sache
beflissen«. Namentlich im zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts
wurden die Kartoffelfelder immer zahlreicher auch um +Annaberg+. Der
Ertrag war ein sehr reichlicher, indem man zehn- bis fünfzehnfältig
erntete.

So war bereits vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Anbau
der Erdäpfel im Obergebirge ein verbreiteter, und die gebirgischen
Kartoffeln galten schon damals als durch Geschmack und Größe
ausgezeichnet. Sie verdrängten von den Fluren und aus dem Haushalte
mehr und mehr die Erbsen, Linsen und andere trockene Gemüse. Der Preis
war nach dem damaligen Geldwerte ein mittlerer. Der Scheffel kostete
von den geringeren Sorten 8, 9 und 10, von den besseren 16, 18 und 20
gute Groschen.

Schon damals, um 1740, baute man verschiedene Sorten, von denen
namentlich drei angeführt und beschrieben werden. Die sogenannten
+Jobsäpfel+, die ihren Namen davon hatten, daß sie bereits zu Jakobi,
25. Juli, reif wurden; sie galten für die beste Sorte. Sie haben
ziemlich große Knollen, eine dünne, gelbe Schale und in der Mitte eine
kleine Höhlung mit ein wenig Feuchtigkeit. Die +andere+ Sorte ist
kleiner, gleichfalls mit gelber Schale versehen, worüber sich noch ein
dünnes Häutchen befindet. Auch diese werden als mild und schmackhaft
bezeichnet. Die +dritte+ Sorte hat eine rötliche Haut und eine etwas
eckige Form, von Geschmack sind sie streng und unangenehm, sodaß sie
lediglich als Viehfutter benutzt werden.

Ebenso allmählich wie die Verbreitung der Kartoffeln geschah, ebenso
brach sich nur nach und nach der mannigfache Nutzen und Gebrauch
derselben Bahn. Man baute sie zunächst mehr zur Mästung und zur
Mehlbereitung. Das daraus gewonnene Mehl mischte man unter das
Brotmehl und erlangte dadurch ein billigeres Gebäck. Man verwendete
es als Stärke oder zu dem damals vielgebrauchten Puder. Das grün
abgeschnittene Kraut gab man den Kühen zu fressen, und die Butter bekam
dadurch, wie gesagt wird, einen guten Geschmack; getrocknet wurde
es im Winter in die Schafe gefüttert. Zeitig benutzte man natürlich
auch die besseren Sorten als Nahrungsmittel für die Menschen; aber es
ging ziemlich langsam, ehe man entweder durch eigenen Scharfsinn oder
durch Nachahmung fremder, namentlich bei den Engländern und Holländern
angewendeter Zubereitungsarten anfing, die Kartoffel zu braten und zu
rösten, mit Eiern zu vermischen und Klöße, Kuchen und »Strützel« daraus
zu backen, sowie Branntwein daraus zu brennen.

            Nach ~Dr.~ Spieß.


11. Reihenfolge der Städte Sachsens bezüglich ihrer Lage über der
Ostsee.

Es sind gelegen: Riesa 108 ~m~, Meißen 110 ~m~, Leipzig 111 ~m~,
Dresden 113,4 ~m~, Pirna 116 ~m~, Strehla 118 ~m~, Wurzen 120 ~m~,
Großenhain und Wehlen 123 ~m~, Markranstädt und Schandau 125 ~m~,
Königstein 127 ~m~, Oschatz 129 ~m~, Grimma und Taucha 130 ~m~, Zwenkau
und Trebsen 131 ~m~, Rötha 132 ~m~, Pegau 133 ~m~, Naunhof 134 ~m~,
Groitzsch 137 ~m~, Nerchau 138 ~m~, Borna 142 ~m~, Regis 144 ~m~,
Mügeln 147 ~m~, Brandis, Dahlen und Radeburg 150 ~m~, Colditz 155 ~m~,
Frohburg 162 ~m~, Rochlitz 166 ~m~, Döbeln 170 ~m~, Königsbrück 171
~m~, Lommatzsch 173 ~m~, Lausigk 175 ~m~, Dohna 177 ~m~, Lunzenau 179
~m~, Waldheim 186 ~m~, Mutzschen 189 ~m~, Weißenberg 198 ~m~, Roßwein
205 ~m~, Kamenz 206 ~m~, Ostritz 207 ~m~, Tharandt 215 ~m~, Leisnig und
Elster 218 ~m~, Bautzen 220 ~m~, Geithain 229 ~m~, Penig und Kohren 231
~m~, Bernstadt 234 ~m~, Crimmitschau 236 ~m~, Radeberg 242 ~m~, Zittau
und Meerane 246 ~m~, Nossen 256 ~m~, Waldenburg 257 ~m~, Geringswalde
259 ~m~, Mittweida und Hartha 260 ~m~, Frankenberg 262 ~m~, Glauchau
264 ~m~, Wilsdruff 265 ~m~, Zwickau und Schirgiswalde 267 ~m~, Löbau
268 ~m~, Pulsnitz 270 ~m~, Sebnitz 274 ~m~, Elsterberg 277 ~m~, Werdau
280 ~m~, Bischofswerda 290 ~m~, Berggießhübel 292 ~m~, Burgstädt 298
~m~, Mylau 302 ~m~, Chemnitz und Hainichen 304 ~m~, Hohnstein 308 ~m~,
Rabenau 311 ~m~, Lichtenstein 315 ~m~, Callnberg 318 ~m~, Siebenlehn
und Neusalza 326 ~m~, Glashütte 330 ~m~, Neustadt und Liebstadt 333
~m~, Zschopau und Gottleuba 338 ~m~, Aue 348 ~m~, Dippoldiswalde,
Ernstthal und Hartenstein 350 ~m~, Plauen und Wildenfels 352 ~m~,
Stolpen 360 ~m~, Kirchberg 363 ~m~, Limbach 371 ~m~, Hohenstein 374
~m~, Oederan und Netzschkau 380 ~m~, Reichenbach 390 ~m~, Freiberg
401 ~m~, Oelsnitz und Lengenfeld 404 ~m~, Lößnitz 422 ~m~, Stollberg
423 ~m~, Pausa 446 ~m~, Auerbach 450 ~m~, Neustädtel 468 ~m~, Brand,
Schneeberg und Wolkenstein 470 ~m~, Treuen und Schwarzenberg 471 ~m~,
Lengefeld 481 ~m~, Adorf 482 ~m~, Mühltroff 483 ~m~, Bärenstein 490
~m~, Markneukirchen 500 ~m~, Thum und Schellenberg 505 ~m~, Zwönitz 520
~m~, Lauenstein 526 ~m~, Ehrenfriedersdorf 533 ~m~, Buchholz 557 ~m~,
Schlettau 564 ~m~, Falkenstein 567 ~m~, Geising 590 ~m~, Geyer 592 ~m~,
Zöblitz 600 ~m~, Annaberg 602 ~m~, Marienberg und Elterlein 610 ~m~,
Grünhain 630 ~m~, Eibenstock 643 ~m~, Frauenstein 650 ~m~, Scheibenberg
669 ~m~, Sayda 677 ~m~, Schöneck 735 ~m~, Johanngeorgenstadt 750
~m~, Altenberg 751 ~m~, Jöhstadt 789 ~m~, Unterwiesenthal 868 ~m~,
Oberwiesenthal 913 ~m~. Daraus geht hervor, daß 40 Städte zwischen
100 und 200 ~m~, 33 zwischen 200 und 300, 27 zwischen 300 und 400, 17
zwischen 400 und 500, 11 zwischen 500 und 600, 9 zwischen 600 und 700,
4 zwischen 700 und 800, 1 zwischen 800 und 900 und 1 zwischen 900 und
1000 ~m~ gelegen sind. Chemnitz liegt z. B. 196 ~m~ höher als die am
tiefsten gelegene Stadt (Riesa) und 609 ~m~ tiefer als die am höchsten
gelegene Stadt (Oberwiesenthal). Bautzen ist zweimal, Glashütte dagegen
dreimal so hoch als Meißen gelegen. Neustadt und Liebstadt sind dreimal
so hoch als Leipzig gelegen. Aue ist dreimal so hoch als Pirna gelegen.
Stolpen ist dreimal so hoch als Wurzen gelegen. Zittau und Meerane sind
zweimal so hoch als Großenhain und Wehlen gelegen. Markneukirchen ist
viermal so hoch als Markranstädt und Schandau gelegen. Crimmitschau
ist zweimal und Geising fünfmal so hoch als Strehla gelegen. Mittweida
und Hartha sind zweimal, Reichenbach ist dreimal, Zwönitz viermal und
Frauenstein fünfmal so hoch als Grimma und Taucha gelegen. Frankenberg
ist zweimal so hoch als Zwenkau und Trebsen gelegen. Glauchau ist
zweimal so hoch als Röda gelegen. Löbau ist zweimal so hoch als Naunhof
gelegen. Sebnitz ist zweimal so hoch als Groitzsch gelegen. Zöblitz ist
viermal und Johanngeorgenstadt ist fünfmal so hoch als Brandis, Dahlen
und Radeburg gelegen. Dippoldiswalde, Ernstthal und Hartenstein sind
zweimal so hoch als Lausigk gelegen. Falkenstein ist dreimal so hoch
als Mutzschen gelegen. Neustädtel ist zweimal so hoch als Bernstadt
und Zwönitz zweimal so hoch als Mittweida und Hartha gelegen. Von den
höchstgelegenen Städten nimmt Oberwiesenthal die 1., Unterwiesenthal
die 2., Jöhstadt die 3., Scheibenberg die 8., Elterlein die 12.,
Annaberg die 13., Geyer die 15., Schlettau die 18. und Buchholz die 19.
Stelle ein.


12. De Stähd in'n Öber-Ärzgebärg.

Weise: Kimmt ä Bugerl u. s. w.

      In'n Gebärg hot's viel Stähdeln,
    Gruß' un kleene, gor fei.
    Ich will dir'sche auffädeln;
    Guck när sälberst ä nei!

      Aus der Zwick' thun se regieren
    Us un's Vugtland derzu;
    In der Ah' giehn se spazieren,
    Wenn se nischt hamm ze thu?

      Ach Herr, Jehstadt is gruslig,
    Thum un Geyer wuhl meh;
    Wiesenthal macht een'n duslig,
    Wenn mer stieht uf der Heh'.

      In Eimstock, do gibbt's Läben,
    In Kanngorngstadt härt's auf;
    Aber Neistähdl thut sich heben,
    Schniebärg is net neidsch drauf.

      Annebärg leit huch uben,
    Buchhuls glei nebenbei;
    Besser luhnt, als sinst Gruben,
    Pusementiererei.

      Schwarzenbärg is rumanisch,
    Wulkensteen is es ooch;
    Schlett' un Grienhahn is kumpanisch,
    Elterlein hot e Loch.

      Scheibenbärg hot en Hiegel,
    Där'n nischt eibringe thut;
    In Marienbärg kriegste Schniegel;
    Säller Zehbels hot's gut.

      Altenbärg häßt siwirisch,
    Doch 's is gor net su toll;
    Schmiedebärg wärd nu riehrisch;
    Sayd' un Frauensteen -- pascholl.

      Kumm när 'rauf, 's is net iebel;
    Alleng wird hie geärbt't;
    Freilich hot's ville Hiedel;
    Doch kah mer lähm, bis mer stärbt.

            H. in F.



Zweiter Abschnitt.

Das Volkstum des Obererzgebirgers.


13. Die Mundart des Obererzgebirgers.

Die erzgebirgische Mundart, die als ein ostfränkisch-obersächsischer
Mischdialekt bezeichnet wird, kann als eine einheitliche Mundart
aufgefaßt werden, da sie gewisse gemeinsame Züge hat, die nur ihr eigen
sind und durch die sie sich von allen Nachbarmundarten wesentlich
und bemerkbar unterscheidet. Aber innerhalb der Mundart sind die
Verschiedenheiten und Abweichungen, die besondern Eigentümlichkeiten
und unterscheidenden Merkmale so zahlreich und augenfällig, daß man
gut und gerne eine ziemliche Anzahl von Untermundarten unterscheiden
könnte. Ein tiefgreifender Unterschied macht sich zunächst geltend
zwischen der Sprechweise des östlichen Gebirges, wo die ostfränkischen
Bestandteile noch vorherrschen, und dem Westen, wo sie seltener und
meist verschliffen sind; fast ebenso bedeutend ist der Unterschied
zwischen dem oberen Gebirge und dem mittleren Höhenlande, wo ein
allmähliches Verblassen und Verwischen der weiter oben schärfer
hervortretenden Züge der Eigenart stattfindet. Aber auch sonst sind die
Unterschiede, die Besonderheiten häufig. Jede Gegend, jedes Thal, ja
jede Stadt hat ihre Eigentümlichkeiten, die als solche empfunden werden
und die Quelle gegenseitiger Hänseleien zu sein pflegen.

Wir wollen betrachten, »wies Vulk redt«, und das redet anders in Kamms
(Chemnitz), als in Edern (Oederan), anders in Griehah (Grünhain), als
in Zwehnz (Zwönitz).

Der Erzgebirger, besonders der Obererzgebirger, hat eine Vorliebe für
dumpfe Vokale und harte Konsonanten. So werden au, ä, eu und ei zu aa
(a), z. B. Fraa, Baar, Fraad, Staan; -- ei, eu und ö zu ä, z. B. lächt,
lächt'n, schännsta; -- e zu a, z. B. har; -- a zu oo, z. B. Soog'; --
o zu uu (u), z. B. Luus. So wird aus j: g, z. B. gän'r (jener), Gahr,
Gung, Gag'r (Jäger); -- aus g: k, z. B. genunk, Bark (Berg), Kelick
(Glück): -- aus h: k, z. B. Fluk (Floh).

Fälle von Lauterzeugungen, insbesondere Vokalerzeugungen zwischen
gewissen Konsonanten, sind nicht selten, so beispielsweise: Gelut =
Glut, geleich = gleich, Gelanz = Glanz, Gelaaben = Glauben, Galied'r =
Glieder, ferner: d'rkannt = erkannt, ahamm = heim, noochert = nachher,
weiter: Rumpes = Rumpf, Kupes = Kopf, ähnlich: Millich = Milch, Lärig
= Lerche, endlich: Taafet = Taufe, Garmerich = Jahrmarkt (vergl. in
Thüringen Almerich = Altenburg).

Weit häufiger aber sind die Ausstoßungen von Vokalen, die
Verschleifungen von Silben und Wörtern. Gewöhnlich ist der Vokal in
den unbetonten Vorsilben ge, ver u. s. w. kaum hörbar, z. B. g'triem =
getrieben. Manche Vorsilben verschwinden ganz, wie: 'rei = herein, 'ro
= heran, 'nunger = hinunter. Die unbetonten Endsilben werden entweder
ganz abgestoßen oder verschmelzen mit der Stammsilbe, z. B. bleim
= bleiben, proom = proben, uhm = oben, Laam = Leben, Oomd = Abend,
gaehmt = geebnet, wink = wenig, Kuhng = Kuchen, gebung = gebogen,
Seng = Segen, Kerng = Kirchen, aang = eigen, fluung = fluchen,
werng = würgen, v'rlaang = verleugnen, d'rwang = deswegen, Toong =
Tagen, hiesing = hiesigen, Kann'r = Kantor, Rutkaat = Rotkehlchen,
geha = gehauen, laen = legen, wer = würde, wurn = geworden. Die
Verkleinerungsendung lein erscheint in der Form: la (le). Für die
Adjektiv-Endung ig wird manchmal et gebraucht, z. B. schaaket =
scheckig, baanet = beinig. -- Aber nicht allein unbetonte Silben werden
abgestoßen und verschliffen, sondern auch solche mit einem Nebentone,
z. B. Nupr = Nachbar, schawern = scharwerken, Handschch = Handschuh,
Echerla = Eichhörnchen, Gahlich'n und Gahl'chen = gelbe Hühnchen, arb'n
= arbeiten, nong = nachher. Auch kurze Wörter werden mit einander
verschmolzen, z. B. wemmer = wenn wir, gimm'r = geh'n wir, vunna =
von ihm, hottene = hat er ihn, nu'ch = nun sich, ing = ich ihnen,
Bornkinnel = gebornes Kindlein, gippt'r = giebt ihrer, allezamm = alle
zusammen, immadim = um und um, ka'sn = kann es ihnen, guttegor = ganz
und gar, epps'n = ob sie ihn, würrerch = würde er sich.

Aus der Wortbeugung mögen nur die besondern Steigerungen serner von
sehr (= mehr) und ehnder von ehe, die eigentümlichen Zeitformen: huhl
für hielt, fuhl für fiel, fuhng für fing, gehatten für gehabt und
maanet für meinte erwähnt werden.

Die Sprache des Erzgebirgers weist noch manche Eigentümlichkeit auf.
So mischt er seiner Rede gern selbstgeschmiedete Wörter bei und
verunstaltet fremde aufs grausamste. Aus Larifari macht er »Larefar«,
das Korsett wird zu einem »Kartschetl«, das Porzellan zu »Porzelih«,
eine Guirlande zur »Gorlande«. Etwas ganz Neues ist »nieglnoglnei«,
wem man den Standpunkt klar machen will, den »laxenirt« man, und ein
ungezogener Junge wird nicht bei den Haaren, sondern »bun (beim) Wisch«
genommen. Während der Bauer des Niederlandes den ganzen Tag im Hofe
und Felde »scharwerkt«, »schabrt« der erzgebirgische; er heimst nicht
ein so viel als möglich, sondern er »schobert«, geht auch nicht zum
Nachbar auf Besuch, sondern »hutzn«. Ein lediger »Puß« (Bursche) macht
im Erzgebirge zwar keinen Lärm, aber großen »Teebes« oder »Teebs«.
Als Verkleinerungssilbe braucht der Erzgebirger statt chen und lein
»la« (»Kihla« = Kühchen, »Seila« = Schweinchen); außerdem ist er ein
Freund der Flickwörter »fei« und »eppr«. Auch die Namen pflegt er zu
verunstalten. Aus einem Ludwig macht er einen »Lud« oder »Wig« und
Gottlob, -fried, -lieb verkürzt er zu »Lub«, »Fried« und »Lieb«. Ebenso
sind im Erzgebirge die Spitznamen mehr denn anderswo daheim. Jeder im
Dorfe weiß z. B., wo der »Mahlhenner« wohnt, während ihm der mit Mehl
handelnde Heinrich so und so unbekannt ist. Auch fügt man den Taufnamen
gern dem Familiennamen bei. Man macht aus dem Gottlob Schulze einen
»Schulzenlob«, und sein Sohn Eduard wird zum »Schulzenlobward«, ja
selbst ein »Hansenfritzenkarlfried« ist keine so seltene Erscheinung.
Es bedingt schon einiges Nachdenken, um z. B. aus »Mahlhennerwigs Puß«
den Sohn von Mehlheinrichs Sohn Ludwig und aus »Fuchsdavidkordel« die
Tochter Konkordia des Gutsbesitzers David so und so, der zufällig
fuchsfarbige Pferde liebt, herauszufinden.

            Nach ~Dr.~ Oertel u. a.


14. Arzgebergsche Sprichwörtr.

('n Baur Hansgörg sei Lieblingsredn.)

      's hot jedr, sei ar, wos ar sei, es hot a jedr Stand,
    Ob im Gebörg, im Vugtland uhm, un ob im Niedrland,
    Sei eigne Red, sei eigne Sproch, sei eigne Lieblingssprich. --
    Wos Hansgörg denkt un wie ar schpricht, dos mächt derzahln heit
            iech. --

      Dr Hansgörg is net arm, net reich, 's is a gemachtr Maa,
    Ar guckt siech's 's Laam (wär jedr su!) su racht gemietlich a:
    Drim labt ar gut un reichlich a. »Dä wos mer spart am Mund,«
    (Dos is sei Red, schpricht mer dervu,) »dos kimmt ner für de Hund!«

      Kimmt mittigs vun dar Arb't ar rei zer Arntezeit vum Fald,
    Do warn de Pfahre ausgeschärrt un's Futtr hiegestallt.
    »Karline,« schpricht ar zu sei Fraa, »heit wor de Arbet schwer;
    Schaff's Assen rei, miech hungerts heit, su daß iech's haußen här!«

      Ja, 's Assen, dos is su sei Sach! Do ka ar wos vertrag'n.
    »Ach hätt« (su schpricht ar, wenn's 'ne schmeckt) »dr Buckel a en
            Mag'n!«
    Doch gibbts net viel und a nischt guts, denkt ar: »De bist betrug'n,
    Hansgörg, se ham dr wiedr mol a Halmel dorch's Maul gezug'n.«

      Im Abziehlich[1] do gieht ar noch, wie sist de Leit sei gang:
    In Laderhus'n, Bliemelwest, im Ruck miet Schößeln lang.
    »Miet setten neimodschen Gekrahm, do bleibt mer ner hibsch farn;
    Zög iech dos ah, iech säß dodrin, wie dr Fluk[2] in der Lotarn.«

      Dos Stodtvulk (na dos wißt'r schu!) dos ka ar net dersahn:
    »Weil dos de Fliegn niesen härt un a de Mickn gahn!«[3]
    Wenn su a Harrchen aus dr Stodt im Dorfe rimstulziert,
    Do denkt ar: »Du host ah noch nich en Maikafer bolwiert!«

      Nischt ka 'n mehr in de Wulle breng, als wenn zer Summrszeit
    De Stodtleit miet ihrn Rimgelaaf tutschlahn[4] de schiene Zeit;
    Un frögt su aner nach'n Wag, -- ar sogts, -- dä die sei schlimm!
    Doch denkt ar: »Su a Faullenzer, dar laaft meitog nischt im!«

      Noch en Maa kenn'ch, miet dan dr Görg nischt mehr mag ham za thu;
    Dos is dr neie Harr Schandarm! ('s is wagn dr Sunntigsruh!)
    Wenn ieber dan ward hargezug'n, do hilft ar orndlich miet;
    's is aner (dos is seine Red) »su vun dr siemten Bitt«.

      Ze Mittig sitzen Gung un Maad am Tisch in langer Reih;
    Un zählt sei Fraa de Orgelpfeif'n, mächt angst ihr warn derbei;
    Doch Hansgörg schpricht: »Ner net verzogt, ner fruh sein im
            Gemiet, --
    Wenn unser Harrgott 's Hasl gibbt, gibbt ar ah 's Grasl miet!«

      De Liesel, wos sei ältste is (se ward nu achtzah Gahr),
    Die is derpicht (mer sullt's net glaam) uffs Hochzichmachen gar;
    Dr Hansgörg schpricht: Do gibbts noch nischt; kriegst Manner noch
            wieviel, --
    A jedes Tippel kriegt sei Starz, a jede Barn[5] ihrn Stiel! --

      Su kännt iech viel noch niedrschreim aus Hansgörgs Lexikun,
    Doch mark iech schuh, 's ward eich zeviel, ihr habt schu sott
            dervun!
    's is lauter ungehubelts Zeig, -- ja, ja, 's is doch racht schlimm,
    Wenn aner net is gut beschlohn su unn'r de Nose[6] rim!

            Th. Krausch.

    [1] In der Kleidung.

    [2] Floh.

    [3] gähnen.

    [4] totschlagen.

    [5] Birnen.

    [6] Nase.


15. Der Volkscharakter der Erzgebirger.

Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und äußerst genügsam. Gern steht
er dem Fremden Rede, und im Zwiegespräche sucht er unaufgefordert das
Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von seiner Genügsamkeit zeugen die
einfache Wohnung und die noch einfachere Kost. Dazu kommt Frohsinn,
eine ungemeine Verträglichkeit und große Liebe zur Reinlichkeit.
Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch eifriger musiziert.
Klostergrab und Breitenbrunn, Kupferberg und Gottesgab, vor allem
aber Preßnitz senden Scharen von Musikern hinaus in die Welt. Während
es anderwärts oft nicht gut thut, wenn zwei Familien in demselben
Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge oft drei bis vier Familien in
einer Stube, ohne daß man viel von unfriedfertigen Auftritten hört;
sicherlich ein Beweis, daß die Bewohner sanft und schmiegsam sind.
Der Sinn für Reinlichkeit tritt dem Fremden ungesucht entgegen. Die
Gebäude gefallen meist schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und
Anstrich, und das Innere der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch
die daselbst herrschende Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich
getüncht, die Dielen weiß gescheuert, die Haus- und Küchengeräte
blank geputzt! Und wenn der Maßstab Liebigs richtig ist, daß man
die Kultur von Volksgruppen nach dem von ihnen verbrauchten Quantum
Seife beurteilen könne, so wird den Erzgebirgern eine bevorzugte
Stellung einzuräumen sein; denn nirgends wird wohl mehr als bei ihnen
gewaschen und gescheuert. In der That macht auch der geringe Mann im
Erzgebirge eher den Eindruck eines verarmten Gebildeten, denn eines
armen Natursohnes. Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die
wesentlichste Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher
zur Antwort bekommen: »Die Gemütlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort,
worunter man aber im allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und
anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam
beachtet, nicht nur was man sagt und was man thut. Gewandte Personen
gelten als »manierlich« und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen
werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet.
Durch die genannte »Gemütlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit
erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch
auch die Thatkraft und der Trieb zur Selbsterhaltung abgeschwächt.

Ganz besonders vor dem Niederländer zeichnet sich der Erzgebirger durch
seine Vorliebe für Tanzvergnügen aus; selbst in den kleinsten Dörfern
trifft man oft mehrere, ziemlich groß angelegte Tanzsäle an. Diese
Tanzlust ist vielleicht die Folge sowohl der zum Sitzen zwingenden
Hausindustrie, als auch der Grundlosigkeit der im Winter verschneiten,
im Frühjahr und Herbst aber aufgeweichten Wege; der Tanz bietet dann
oft allein Gelegenheit zu der nötigen Bewegung.

An den alten Resten verschwindenden Volkstums und Volksglaubens hängt
der Erzgebirger mit wunderbarer Festigkeit; Sagen und Mären, die sonst
verschwunden sind, haben sich hier erhalten.

In den erzgebirgischen Familien ist die Überlieferung noch lebendig.
Die alte Ahne im Lehnstuhle, die nicht mehr klöppeln kann, weil ihre
Finger zittern, erzählt den Kleinen die Wundersagen und die besonderen
Geschichten des Thals und des Dorfs, und die bleiben lebendig in den
Herzen und Köpfen und werden von den altgewordenen Hörern weiter
vererbt.

Hier oben ist noch manches lebendig, das anderwärts schon lange tot
ist und mit Moder bedeckt. Hier leben in den langen Winterabenden die
Gestalten der altdeutschen Sagen wieder auf, und leuchtenden Auges
lauschen die Kleinen den Mären von dem reichen Silberherrn, den der
Satan geholt, von dem Bergmann, der die Silberstufen gefunden hat, von
dem grauen Männchen in Schneeberg und dem Schwarzkünstler zu Geyer.
Die erzgebirgische Tracht ist zwar fast ganz verschwunden, -- nur
vereinzelt sieht man noch den roten Brustlatz mit blanken Knöpfen,
öfter noch die schwarzledernen Hosen und den Sammetbartel, -- aber
mit ihr nicht die eigenartige Sitte des Gebirges. Besonders mächtig
ist noch die christliche Sitte. Was im Niederlande schon als überlebt
beiseite geworfen ist, ist in den Bergen noch lebendig. Die christliche
Sitte ist aber nicht nur Äußerlichkeit, sie ist auch ein Ausdruck des
christlichen Sinns des Erzgebirges, der sich nicht nur in seinem Thun
und Treiben, nicht nur in seinem Verhältnisse zur Kirche, sondern
auch in seinen Sprichwörtern und seinen sprichwörtlichen Redensarten
kundgiebt. Gemeinsam mit dem Vogtländer ist ihm die sinnige Feier des
Weihnachtsfestes. Was bei jenem die Krippe, ist bei ihm das Bethlehem,
eine Darstellung des Weihnachtswunders, oft vom Vater geschnitzt,
oft auch in den Familien forterbend, um das sich die Familie zum
Feste sammelt. Die Stelle des Lichterbaumes wird, besonders in den
Bergwerksgegenden, durch einen Bergmann vertreten, der ein Licht hält,
oder auch durch einen großen Leuchter.

            Nach Prof. Berlet und Prof. ~Dr.~ Oertel.


16. Die obererzgebirgische Kirmes.

Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und
mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest
des Landmanns, die Kirmes. Es setzt schon lange voraus Herzen und
Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die
Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine
neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre
Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann, und die Botenfrau
muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen
häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat
ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie schon den Rahm
gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben, und bereitet
nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf
daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker,
um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel
der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. -- Aber noch
andere Opfer sind nötig. Ein Schwein soll geschlachtet, Sauleed oder
Krumbeh, Schlachtfest gehalten werden. Der Fleischer ist bestellt,
der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennholz sind schon
am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon
knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und
herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch
gemandelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit
Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher
mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht
das tote Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen
Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird
geteilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich
ertönt der Ruf: »Das Wurstfleisch ist fertig« und alles eilt herbei,
um an dem leckern Genuß sich zu laben. Das Schwertelfleisch wird an
die Hausgenossen und Nachbarn verschickt. Nun folgt das Bereiten und
Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein
tüchtiges Bratstück ist zur Kirmes ausgesucht und der Abend schließt
mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art
Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Die ärmeren Nachbarn holen
sich die Wurstbrühe. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall
wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmessonntag ist da.
Beim Aufgange der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme
durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle
in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. Die gute Kaffeekanne
dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Türmen von
Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre an,
und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst
wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag,
ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen
die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute
in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche,
deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik
nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge,
jeder seiner Wohnung zu. -- Welche Freude giebt es bei der Heimkunft.
Der Vetter aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus
einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen.
Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbsterbautem
Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten
Kartoffelklöße und Sauerkraut, weißes Brot und Bier, vielleicht auch
eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im
silberweißen Haar rückt seinen altertümlichen Lehnstuhl heran und von
seinem wirtlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem
ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet.
Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige
Kuchenteller bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins
Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen ihre Lust, wo auf Wegen und
Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen
und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neuesten Geschichten. Die
rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch
und Genuß vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man
wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr
begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen
Skat, auch Schafkopf oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr
geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich
zugerüstet ist. Alt und jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und
bald ist alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt
Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, oder Schinken mit Sauerkraut, dann
Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein,
selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch
eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo
nun auch die Verheirateten am Tanz sich beteiligen, bald einen Walzer,
bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die
Kirmeslust beschlossen und mit Kuchenpäckchen beladen ziehen die Gäste
dankend heim. -- Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich
an der Mittwoch Haus und Arbeit allmählich wieder in das ruhigere Gleis
einlenken. -- Am nächsten Sonntag verhallen in der Klein-Kirmes die
letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch
und die Hoffnung, daß nächstes Jahr wieder Kirmes ist.

            Nach Spieß.


17. Weihnachten im Obererzgebirge.

Unter allen Festen des Jahres nimmt im Gebirge unstreitig das
Weihnachtsfest die erste Stelle ein. Bereits einige Tage vor dem
heiligen Abend reinigt die Hausfrau mit ihren Töchtern das ganze
Haus, putzt Fenster und Gefäße und fegt die Stube. Auf die Dielen der
Wohnstube streut sie Stroh, welches auch, so lange die Zwölfnächte
dauern, liegen bleibt. Der heilige Abend gilt schon als halber
Feiertag. Erwachsene und Kinder haben ihr Sonntagskleid angelegt.
Aus der Kammer oder aus dem Keller werden die am Andreasabend
gebrochenen Reiser geholt, sie haben in der kurzen Zeit Schößlinge
getrieben. Kaum ist die Sonne zur Rüste gegangen, so vereinigen sich
die Familienglieder zum frohen Mahl, denn heute giebt es »Neunerlei«.
Die sonst so sparsame Hausfrau hat den Ihrigen Klöße, Bratwurst
und Linsen, Sauerkraut, Heidelbeeren und sonstige erzgebirgische
Feiertagsspeisen, sodaß sie neun Gerichte bilden, aufgetischt. Nach
dem Essen bestreut der Hausvater einige Brotschnitten mit Salz und
Nußkernen und giebt sie dem Vieh im Stalle, auch dieses soll wissen,
daß heute Weihnachten ist. Auch die Obstbäume im Garten beschenkt
er am Christabend, indem er sie mit einem Strohseile umwindet, aus
Dankbarkeit tragen sie im kommenden Jahre besser. Brot und Salz bleibt
im Tischtuche eingeschlagen auf dem Speisetisch während der Nacht
liegen, denn nur dann geht das ganze Jahr hindurch der Segen nicht
aus. Viele verbringen die Christnacht wachend, um, wie sie sagen, die
Metten nicht zu verschlafen. Das junge Volk vertreibt sich die Zeit
durch allerhand Kurzweil. In ein mit Wasser gefülltes Gefäß gießen
die Mädchen durch einen Erbschlüssel flüssiges Blei, aus der Form
des plötzlich erstarrten Tropfens suchen sie die Beschäftigung des
zukünftigen Bräutigams zu erraten. Drei Silberpfennige läßt man in
einer mit Wasser gefüllten Schüssel schwimmen, nähern sie sich, so
findet noch im Laufe des Jahres Hochzeit statt, wozu der Pfarrer,
welchen der dritte Pfennig darstellt, seinen Segen giebt. Ein
Auseinanderschwimmen bedeutet die Lösung der angeknüpften Liebschaft.
Die Zwölfzahl, nach den zwölf Monaten, ist bedeutungsvoll bei all
diesen abergläubischen Gebräuchen. Zwölf Schüsseln stellt man auf den
Tisch, worin in der einen ein Brautkranz, in der andern ein Totenkranz,
in der dritten ein Gevattersträußchen u. s. w. liegt, in die vorletzte
aber hat man helles und in die letzte trübes Wasser gegossen. Mit
verbundenen Augen nahet sich die fragende Person; je nach dem Wasser,
wonach dieselbe greift, wird das Jahr trüb oder heiter für sie
sein, wehe, wenn sie nach der Schüssel mit dem Totenkranze die Hand
ausstreckte! Zwölf Häufchen Salz formt der Landmann in der Christnacht
und stellt sie in Zwiebelschalen; nach der Feuchtigkeit, welche sie in
der Nacht angezogen haben, läßt sich bestimmen, welcher Monat trocken
oder feucht sein wird. Sind mehrere Töchter im Hause, so nimmt eine
nach der andern einen Schuh und wirft ihn nach der Thür; zeigt er mit
der Spitze nach dem Ausgange, so verläßt das Mädchen im Laufe des
kommenden Jahres das väterliche Haus.

Man achte auf die durch das Kochen des Wassers im Ofentopf entstandene
Musik, sie prophezeit das kommende Jahr. Um Mitternacht aber,
so lange die Turmuhr die zwölfte Stunde verkündet, spendet das
Brunnenrohr draußen im Hofe lautren Wein! Verschiedene Mitglieder
der Kantoreibrüderschaft steigen nach Mitternacht die steilen Stufen
im alten Wachtturme bis zur Türmerwohnung empor und singen da
Weihnachtslieder. Durch die offenen Fenster schallt der Choral: »Vom
Himmel hoch, da komm' ich her etc.« in die schweigende Winternacht
hinaus. Noch ist das Licht der Sterne nicht erblichen, da rufen die
Kirchenglocken zur Christmette. Reich und arm, groß und klein geht zum
Gotteshaus, wohl das ganze Jahr hindurch sieht dasselbe selten eine so
zahlreiche Menge Andächtiger, als an diesem Morgen. Vom Chore herab
ertönt das alte lateinische Weihnachtslied, das in der Übersetzung
lautet:

      Den die Hirten lobten sehre,
    und die Engel noch viel mehre,
    fürcht euch fürbaß nimmermehre,
    euch ist geboren der König der Ehre.

      Zu dem Kön'ge kam'n geritten,
    Gold, Weihrauch, Myrrhen brachten sie mite,
    sie fielen nieder auf ihre Knie,
    gelobt seist du, Herr, allhie!

      Freut euch alle mit Maria
    in des Himmels Hierarchia,
    da die Engel singen alle,
    In dem höchsten Thron mit Schalle.

      Lobet alle Leut' zugleiche
    Gottes Sohn vom Himmelreiche,
    uns zu Trost ist er geboren,
    Lob und Ehr' sei Gott dem Herrn!

Auch die Weissagung aus dem Propheten Jesaias, welche im 9. Kapitel
steht und mit den Worten anhebt: »Das Volk, so im Finstern wandelt,
sieht ein großes Licht etc.« wird gesungen. Ein jeder Kirchgänger hat
sein eigenes Mettenlicht mitgebracht, der Lichtstumpf wird später
daheim heilig aufbewahrt, denn zündet man denselben während eines
Gewitters an, so schlägt der Blitz nicht ein, so behauptet wenigstens
der Aberglaube. Die letzten Klänge der Orgel sind kaum verklungen,
so eilt schon die frohe Kinderschar den elterlichen Wohnungen zu, in
ihrer Abwesenheit hat ja das Christkind seine Gaben ausgebreitet.
Der Leuchter, welcher auch in der ärmsten Hütte nicht fehlt, ist
angezündet, die Pyramide dreht sich, der »Berg« strahlt im hellsten
Kerzenlicht. Der Berg ist ein in der Stubenecke terrassenförmig
aufgebauter Paradiesgarten mit Hirsch und Jäger, mit Stall und Krippe,
mit Engel und Stern, kurz mit allem, was der Vater in den langen
Winterabenden für seine Lieblinge zusammenbaute. Heller jedoch als die
Lichtlein strahlen die Augen der beglückten Kleinen.

Die Christnacht ist die erste Nacht der Zwölfnächte. Da muß man
auf die Träume achten, da sie in Erfüllung gehen. Die Zwölfnächte
werden im Erzgebirge auch wohl Innert- oder Internächte genannt, also
Zwischennächte, da sie zwischen dem heiligen Abend vor der Christnacht
und demjenigen vom Hohenneujahrstage liegen.

In Geyer knüpft sich an den Mettenbesuch folgende Sage: Ein altes
Mütterchen, welches von Kindheit an gewöhnt war, die Christmetten zu
besuchen, legte sich nicht schlafen, damit sie den Ruf der Glocken
nicht überhöre. Die Wanduhr war stehen geblieben, da schien es ihr, als
riefen die Glocken zur Kirche. Rasch macht sie sich zum Kirchgange auf,
die großen Bogenfenster der Kirche waren auch schon hell erleuchtet.
Wie früher hatte ein jeder Kirchgänger sein Mettenlicht angezündet, die
Weissagung wurde gesungen, so auch das ~Quem pastores~. Nur däuchte
es ihr, als ob die Andächtigen bleicher als sonst aussähen und als
sie näher hinschaute, waren es lauter Verstorbene. Eine Nachbarin
zupfte sie am Kleid und wisperte ihr ins Ohr: »Gevatterin, Ihr seid
zu früh und deshalb in die Totenmetten gekommen, dort seht Ihr die
Schattenbilder derer, die in dem kommenden Jahre die unseren werden.
Damit Ihr nicht auch dazu kommt, so werft beim Verlassen der Kirche
Euern Mantel ab.« Erschreckt verließ das Mütterchen die Kirche, that
aber, wie ihr die Gevatterin geheißen. Am andern Morgen fanden die
Kirchgänger auf jedem Grabe des Friedhofes, welcher die Kirche umgiebt,
ein Stückchen von dem Mantel, den die alte Frau beim Besuch der
Totenmetten getragen hatte.

            Nach Spieß.


18. Die Weihnachtsspiele im Obererzgebirge.

Weihnachtsspiele gab es noch in den beiden ersten Jahrzehnten unseres
Jahrhunderts im Erzgebirge und in dessen Nähe allenthalben, vorzüglich
aber waren sie da heimisch, wo Bergbau getrieben wird, und Bergleute
waren auch meist die Darsteller. Es gab zwei verschiedene Arten von
Christspielen, die Engelschar und die Königschar. Eigentlich hießen
so die Gesellschaften, welche sich gebildet hatten, um die Geburt
Christi darzustellen, aber man bezeichnete die Spiele selbst auch mit
diesem Namen. Die Engelschar bildeten zwei Engel in weißen Kleidern,
mit Flügeln und hohen goldpapiernen Kronen; dann der heilige Christ
selbst, der hier seltsamer Weise in Mannesgestalt auftritt, während die
Geschichte von seiner Geburt aufgeführt wird, der Bischof Martin und
der heilige Nikolaus, statt dessen an andern Orten Petrus auftrat,
welche ebenfalls in langen, weißen Gewändern gingen und Kronen trugen,
während Christus das Zepter, Martin eine Rute, Nikolaus einen grünen
Zweig, Petrus einen großen, gelben Schlüssel in der Hand hielt; ferner
Josef, Maria, der Wirt, zwei Hirten und der Knecht Ruprecht. Diese
zogen von Haus zu Haus. Der heilige Christ fragte nach dem Fleiß und
der Folgsamkeit der Kinder, Martin mußte sie im Katechismus prüfen
und Gebete aufsagen lassen, Ruprecht schreckte die Ungehorsamen durch
seine Drohungen, der heilige Christ aber beschenkte die Artigen; dann
wurden die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem, die Verkündigung
an die Hirten auf dem Felde und die Anbetung der Hirten im Stalle
dargestellt und an passenden Stellen Weihnachtslieder gesungen; zuletzt
verabschiedete sich Christus und die ganze Schar mit einer Ermahnung an
die Kinder.

Diese Art der Weihnachtsspiele ist wahrscheinlich die älteste. Als
unsere Vorfahren noch Heiden waren, so glaubten sie, daß in den zwölf
Nächten nach dem heidnischen Feste der Wintersonnenwende die Götter
sichtbar auf Erden herumzögen, und viele der noch heute üblichen
Weihnachtsgebräuche deuten noch auf diesen Glauben hin; selbst die zu
Weihnachten und zum neuen Jahre in manchen Gegenden vorgeschriebenen
Speisen sollen ursprünglich Opfermahlzeiten gewesen sein. Es ist
leicht möglich, daß in dieser Zeit die heidnischen Priester als Götter
verkleidet umherzogen, um das Volk oder wenigstens die Kinder in
Ehrfurcht vor den Göttern zu erhalten. Als aber die Deutschen Christen
wurden, behielt man die alte Sitte bei, nur traten an die Stelle der
alten Götter Christus, Maria und andere heilige Personen; nur der
Ruprecht, dessen Name »der Ruhmesprächtige« bedeutet und der eigentlich
der Gott Thor der alten Deutschen gewesen sein soll, der Gott des
Donners, blieb noch bei der Schar, aber nicht als Gott, sondern als
schreckende Knechtsgestalt, wie wir ja wissen, daß die Geistlichen,
da sie die Furcht vor den alten Göttern nicht ausrotten konnten, sie
wenigstens als böse oder finstere Mächte darstellten. Bemerkenswert ist
auch der Umstand, daß die Engelschar, wie die Leute sich ausdrücken,
»das Recht zu gehen«, d. h. herumzuziehen, vom ersten Advent bis zum
Neujahr oder Hohenneujahr hatte; vom Hohenneujahr bis zur Lichtmeß
hielt dann die Königschar ihre Umzüge. Diese bestand aus zwei Engeln,
Josef, Maria, dem Wirt, zwei oder drei Hirten, den drei Weisen
oder Königen aus dem Morgenlande, Herodes, seinem Diener und einem
Schriftgelehrten und führte die ganze Geschichte von der Geburt Christi
bis zum Kindermord in Bethlehem auf, und zwar in der Regel nicht von
Haus zu Haus ziehend, sondern in einem größeren Zimmer oder Saal, wo
die Zuschauer sich vorher versammelt hatten. An einigen Orten kennt man
die Engelschar gar nicht, man nennt dann die Spieler auch nicht die
Königschar, sondern die Heiligenchristspieler.

Das Obererzgebirge war früher der eigentliche Mittelpunkt der
Weihnachtsspiele. In Annaberg gab es selbst eine Gesellschaft, meist
aber kamen die Gesellschaften der umliegenden Ortschaften, die in der
Stadt ihre Christspiele aufführten. In der Umgegend von Annaberg giebt
es fast keinen Ort, der nicht früher seine Engel- oder Königschar oder
beide zugleich hatte. Noch in den 50er Jahren bestand eine Königschar
in Frohnau. 1838 wurde dieselbe das letzte Mal in Wiesa aufgeführt. In
+Hermannsdorf+ hat die Engelschar am Anfange dieses Jahrhunderts ihr
letzte Weihnachtsspiel aufgeführt. 1850 spielte man in Königswalde das
letzte Mal. In +Raschau+ gab es noch 1850 das Dreikönigsspiel; ebenso
in Grünhain und Crottendorf. In Geyer spielte die Engelschar etwa 1810
zum letzten Male. In Grumbach spielte man noch 1836--40. In den 40er
Jahren bestand die Bärensteiner Engelschar noch. Die allerjüngste
Aufführung der Engelschar geschah 1857 in Mildenau. -- In neuester Zeit
sind mehrfach Weihnachtsspiele veröffentlicht und mit Erfolg aufgeführt
worden.

            Nach Mosen.


19. Erzgebirgische Heilige Christfahrt aus der Zeit des 30jährigen
Krieges.

Die älteste Form des erzgebirgischen Weihnachtsspieles waren die
einfachen Hirtenspiele, welche die Verkündigung der Geburt Christi
auf dem Felde und die Anbetung des Christkindes durch die Hirten
behandelten. Hierzu kamen dann die »Heilige Christfahrten« und die
»Drei Königsspiele«. Aus der Verbindung der »Heiligen Christfahrt« mit
dem altüblichen Hirtenspiele ging die »Engelschar«, aus der Verbindung
des »Drei Königsspiels« mit demselben die »Königsschar« hervor. Während
»Engelscharen« und »Königsschar« vielfach erhalten sind, finden sich
»Heilige Christfahrten« nur selten.


Eine Komödia, welche am heiligen Weihnachtsabend die Lengenfelder
Jugend aufführt.

1631

+Personen+:

    Gabriel.
    Der Heiland.
    Nikolaus.
    Raphael.
    Uriel.
    Michael.

+Der Engel Gabriel.+

    Fried, Freud und ewig Seligkeit
      Sei euch allen von Gott bereit,
    Auch ein glückselig neues Jahr
      Geb euch Gott und immerdar!
    Weil heut zu dieser Abendzeit
      Die ganze werte Christenheit
    Sich freuen thut des heil'gen Christ,
      Der jetzt gar noch vorhanden ist,
    Insonderheit die Kinderlein
      An diesem Abend die frömmsten sein,
    Indem sie nach den schönen Gaben
      Ein herzliches Verlangen haben,
    So hat mich das Christkindelein
      Jetzt selbst zu euch gesandt herein,
    Daß ich euch seine Gegenwart
      Anzeigen soll zu dieser Fahrt,
    Und ihm bereite seinen Thron,
      Darauf sich setz der Gottessohn.
    Darum, ihr lieben Kinderlein,
      Seid still, merkt auf und lernet fein
    Alles, was euch der heil'ge Christ
      Befehlen wird zu dieser Frist.

    Hierauf klopft ein anderer Engel oder auch statt des Engels ein
    Bauer draußen an die Thür und spricht:

    Glück denen, die darinnen sein,
      Macht auf, macht auf und laßt uns ein!

    Dann tritt der Heiland ein, dem der Engel Michael vorangeht.

+Der Heiland.+

    Eine kurze Zeit verlaufen ist,
      Daß ich, genannt der heil'ge Christ,
    Mein' treuen Diener in alle Land
      Nicolaum hab' ausgesandt,
    Daß er zum Gebet und Frömmigkeit
      Die kindlich Jugend mach bereit.
    Weil aber die Zeit vorhanden ist,
      In welcher beschert der heil'ge Christ,
    So bin ich selber kommen rein,
      Zu sehen, ob die Kinderlein
    Gelebt han nach mein' Gebot,
      Ob sie auch treulich gefürchtet Gott,
    Ob sie auch meinen Namen geehrt
      Und fleißig Gottes Wort gehört,
    Ob sie Vater und Mutter fein
      Gehorcht und gehorsam gewest sein.
    Darum, ihr Eltern, so saget an,
      Wie sich die Kinder gehalten han.

    Beklagen sich die Eltern über ihre Kinder, so spricht der
    Heiland:

    Der Eltern kläglicher Bericht
      Erfreut mich itzund wahrlich nicht.
    Darum ich billig Ursach hab,
      Diesen Kindern durchaus keine Gab
    Zu geben. Drum nehmt, ihr Diener mein,
      Die Gaben, so ihr bracht herein.
    Ich weiß noch frömmer Kinderlein,
      Da woll'n wir jetzund kehren ein
    Und ihnen geben die schönen Gaben,
      Die sie gar wohl verdienet haben.

    Beklagen sie sich aber nicht, so hebt Uriel an zu klagen:

    Ja, lieben Eltern, es wäre fein,
      Wenn eure lieben Kinderlein
    Sich so verhielten, wie ihr bericht,
      Mein Mund aber ein andres spricht.
    Als ich und der vor wenig Tagen
      Vor diesem Haus vorüber zogen,
    War ein groß Geschrei und großer Saus
      Von euern Kindern in euerm Haus.
    Sie schrien und blökten so schrecklich,
      Daß wir beide entsetzten sich.
    Solchs ich nun nicht verschweigen kann,
      Sondern dem heil'gen Christ zeigen an.

+Darauf der Heiland+:

    Meines Knechts kläglicher Bericht
      Erfreut mich itzund wahrlich nicht
              u. s. w. (wie oben).

    Nikolaus tritt für die Kinder ein und spricht:

    O frommer Christe, Gottes Sohn,
      Der armen Kindlein doch verschon.
    Siehe doch, wie ihre Äugelein
      Und Mündlein auf dich gerichtet sein.
    Ach sieh, wie stehen sie so traurig,
      Ach sollt es nicht erbarmen dich,
    Bist du doch sonst gütig und milde,
      Freundlich und rechter Lieb ein Bilde,
    Insonderheit den Kindelein
      Pflegst du hold und gewogen sein,
    Sie sein unverständig und klein,
      Wissen noch nicht, was recht mag sein.
    Drum laß dein Zorn bald vergehen
      Und bleib allhier bei ihnen stehen.
    Thu anhören die Kinderlein!
      Vielleicht sie frömmer werden sein.

+Der Heiland.+

    Nikolaus, du treuer Knecht,
      Du erinnerst mich jetzund recht,
    Drum geh jetzt hin und stell vor dich
      Die Kinderlein fein ordentlich.

+Nikolaus.+

    Das der heil'ge Christ befohl'n allzeit
      Treulich zu thun bin ich bereit.
    Darum, ihr lieben Kinderlein,
      Stellt euch hier in die Ordnung fein
    Und thut hersagen, was ihr habt
      Gelernt nach meinem Mandat.

+Der Heiland.+

    Für mich dürft ihr euch fürchten nicht,
      Euch guts zu thun bin ich verpflicht.
    Mein Nam' ist Gott, mein Thun ist gut,
      Mein Feind ist der, so Schaden thut.
    Ich hab mit mir viel schöner Gaben
      Für Mägdlein und für junge Knaben,
    Welche ich denen thu geben,
      Die schön und hübsch können beten.
    Drum kommt, ihr lieben Kinderlein,
      Heran zu mir und betet fein!

    Nachdem die Kinder ihre Gebete hergesagt, spricht der Heiland:

    Das gefällt mir aus der Maßen wohl,
      Drum ich euch billig lohnen soll.
    Wohlan, Nikolaus, Diener mein,
      Teil aus die Gaben den Kinderlein!

+Nikolaus.+

    Es soll geschehen, drum nehmet jetzt
      Die Gaben, die der heil'ge Christ
    Jetzt geben thut euch Kinderlein,
      Dieweil ihr noch könnt beten fein.

+Der Heiland.+

    Ihr Kinderlein, nehmt so vor gut
      Und habt damit ein' guten Mut.
    Wenn ihr hinfort werd't frömmer sein,
      So will ich thun den Dienern mein
    Befehl'n, daß sie euch viel mehr
      Gaben heut diese Nacht bescher'n.
    Ich will euch auch geben allzeit
      Langes Leben und gute Gesundheit.
    Desgleichen all mein Engelein
      Soll'n euer Hüter und Wächter sein.
    Wohlauf, ihr Diener, allzumal
      Singt und lobt Gott mit Freudenschall.

    Dann singt man ein Lied und Michael sagt zum Schluß:

    Hiermit von hinnen scheiden wir
      Und wünsche, daß mögt erleben ihr
    In Fried und guter Gesundheit
      Das künftig Jahr und allezeit.
    Darzu auch denn der Engel Schar
      Wünscht ein glückselig neues Jahr.
    Ihr Kindlein habt ein gute Nacht,
      Was ihr gehört, fleißig betracht.
    Der Segen Gottes sei mit euch,
      Zu teil werd euch das Himmelreich.
    Guter Fried sei stets in dem Haus
      Allen, die gehen ein und aus!

            Nach den Kirchl. Mitteilungen aus Zwickau und Umgegend.


20. Erzgebirgische Weihnachtslieder.


~a.~ Dr Weihnachts-Heiligohmd.

    Heit is dr Heil'ge Ohmd! Ihr Maad,
      Kommt rei! mr gießn Blei!
    Rick', laaf geschwind zor Hanne-Christ:
      Se soll bei Zeitn rei!

    Mr hoom ne Lächter a'gebrannt!
      Satt nauf, ihr Maad! die Pracht!
    Do drihm bei eich is a racht fei:
      Ihr hatt ä Sau geschlacht!

    Iech ho mr ah ä Licht gekaaft
      Fer zwee-ä-zwanzig Pfeng.
    Gih, Hanne, hul' ä Tippl rei:
      Mei Lächter is ze eng!

    Kaar! zind ä Weihrauchkerzl a',
      Doß 's nooch Weihnachten riecht!
    Und stell's neer off dos Scherbel hie,
      Dos unnern Uf'n liegt!

    Lott'! dortn off der Hühnersteig,
      Do liegt menn Lob sei Blei:
    Na, rafl neer net su dort rim,
      Sist werd dr Krienerts schei!

    Denn 's Mannvolk hot sei Fraad an wos,
      Sei's ah an wos neer will:
    Mei Voter hot's an Vuglstelln,
      Dr Kaar, dar hot's an Spiel.

    Iech gieß fei erscht! ... Wann krieg iech dä?
      Satt har! ... enn Zwacknschmied! ...
    De Kaarlin' lacht: -- die denkt gewieß,
      Iech meen ihrn Richter-Fried!

    Mr hoom ah sachzn Butterstolln
      Su lank wie de Ufnbank:
    Ihr Maad, do werd gefrassn warn!
      Mr warn noch alle krank!

    Mr hoom ah Neinerleer gekocht!
      Ah Worscht mit Sauerkraut!
    Mei Mutter hot sich o'geplogt,
      Die ale gute Haut!

    Rick'! brock de Sammlmillich ei!
      Nasch ober net drvu!
    Ihr Gunge, werft känn Respl ro'
      In's Heilig-Ohm'nd-Struh!

    War giht dä iber'n Schwammetopp?!
      Nu Henner! ruhst de net?
    Nu wart neer: wenn dr Voter kimmt,
      Mußt warlich glei ze Bett!

    Nä horcht neer mol in Uf'ntopp
      Dos Rumpln und dos Geing!
    Na, weil es neer net winsln thut!
      -- Denn sist bedätt's noch Leing.

    Ne Heiling Ohmd im Mitternacht,
      Do läfft statt Wasser Wei.
    Wenn iech mich neer net färchtn thät,
      Iech hult' enn Topp voll rei.

    Denn drihm an Nachbersch Wassertrug,
      Do stiht ä grußer Ma',
    Und war net rachte Tatzn hot,
      Dann läßt er gar net na'!

    Lob'! hul' drweil benn Hanne-Lieb
      Ne Votr ä Kannl Bier!
    Und wenn de kimmst, do singe mr:
      »Ich freue mich in dir --«.

    Ihr Kinner, gitt in's Bett nu nauf:
      Dr Seeger zeigt schu Ees.
    Epp mir Weihnachtn widr erlaam? ...
      -- wie Gott will, su gescheh's!


~b.~ Ä annersch Weihnachtslied.

('n Hannerl sei Liedl.)

    Schwenzelenz! heit bie iech fruh!
    's wor mr lange Zeit net su!
      Will heit Teewes machn!
    Kinner, iech ho Gald wie Hei,
    's känne lächt zwee Tholer sei:
      Ja, drim ka' iech lachn!

    Satt dos Heiligohmd-Licht a'!
    's sei fei ruthe Bliemle dra'
      Und ä klaans Gesprichl!
    Ho zwee Grosch drfür bezohlt,
    Salwer 's su schie a'gemolt
      Wie ä Taffet-Tichl!

    Fix! ne Krunelächter ro',
    Dann iech zammgebitzlt ho
      Und vergoldt su machtig!
    Satt die golding Engele!
    Zwischen Sträuchle wackeln se!
      A! dos sieht su prachtig! --

    Su! nu is er a'gezündt:
    Ei wie schie dr Lächter brinnt!
      's kloppt mrsch Harz vor Fraadn!
    Ach, die Schwarzbeer-Sträuchle sei,
    A'gesah bei Licht, su fei!
      Thunne racht schie klaadn!

    Söll de ganze Sach wos taang,
    Müssmr ah ä Pfeifl raang:
      Drim will iech aans stoppn!
    Do -- dr Kopp von Porzelie:
    Is dar epper net racht schie?
      Muß ne erscht auskloppn.

    Noochert will iech hutzn gih.
    Heit beschert ne Kinnern schie!
      's is ju heit Bornkinnl!
    Komme ah de Maadle nooch!
    Bie dann Grethn gut mei Tog:
      's is ä lus's Gesinnl!

    Bie ä led'ger Boss und ho
    Nooch enn Schatz ball dort, ball do
      Schu gestrabt von Harzn: --
    Ober dos is wunnerlich!
    Kaane thut, als will se mich!
      -- na, iech ka's vrschmarzn! --

    Gute Nacht drweil, ihr Leit!
    Weckt miech morng ze rachter Zeit!
      Morng giht's in de Mettn!
    Wemmer su de halbe Nacht
    Hot fei lustig zugebracht,
      Kreicht mr in de Bettn.


21. Michel's Erzählung vom Annaberger Vogelschießen.

    Doletzt wor iech in Annebarg,
      (Gevatter, losst Eich grißn!)
    Do ho iech's Maul weit aufgesperrt:
      Do war ä Vuglschießn!
    Wos mr fer Zeich in Stedn macht! ...
    Ze Schanden ho iech miech gelacht.

    Frih Morngs, wie de Sonn aufgieng,
      Do fieng ah a' dr Rummel:
    Zwee Grenadierer ranntn rim
      Off'n Gassn mit dr Trummel;
    Die schlu'ng ganz drbarmlich drauf
    Und wecktn do de Herr'n auf.

    Nu mochtn welche drunner sei,
      Die's gar verschlofn hattn:
    Drim pumpertn se nochmol nei,
      Und dos off all'n Gassn.
    Nooch liefn d'Herrn in's Rothaus nei;
    Kä Fraa war oder net drbei.

    Do brachtn se enn Ma' gefihrt
      (Dacht', 's wär ä armer Sinder --),
    Dann hattn se schie ausgeziert,
      Glaabt mir'sch, ihr Harznskinder!
    Ne ganzn Rock mit Blach behängt! ...
    Möcht wissn, war setts Zeich drdenkt! --

    Nu liefn alle Leit drzu
      Und freetn sich net wenig.
    Dar Ma' sooch schwarz und gar net fruh:
      Se sahtn, 's wär dr »König«!
    Iech wollt eich schwörn bei meiner Seel:
    Dar Kienig hält sist Knöppln feel.

    Dann fihrtn se de Gassn nauf
      Mit Pfeifn und mit Trummeln
    Un alt und gung lief ah vurauf ...
      Dos war ä Lärm un Tummeln!
    Ä Ma' ä Stangl hot imwundn
    Und ene Schärz schie na'gebundn.

    Und vornewack do gieng ä Ma',
      Dar trug enn hölzern Vugl;
    Off'n Schießhaus trof mr noch enn a':
      Dar sooch eich erscht racht nubel!
    Dar war, su wahr dr Himmel labt,
    Mit Gold un Silber ganz beklabt!

    Iech meent': se würn dann Vugl wuhl
      Dann gnading Kienig schenken;
    Da wür ne noochert in de Kerch
      Neihänge zon A'denkn ...
    Do oder wur eich gar nischt draus:
    Se spießt'ne off ne Stang uhm naus.

    Nu dacht' iech oder ganz gewieß:
      Neer deshalb wär'sch geschah,
    Doß alle Leit racht u'schennirt
      Dann Vugl könntn sah.
    Denn weil dos Dink viel Arwett kust,
    Sääch jeder dodra seine Lust.

    Doch -- denkt eich neer dos Kinnerspiel:
      Se hattn gruße Bügel!
    Do schnelltn se gar grasslich viel
      Nauf kläne, gruße Prügel!
    Korzrim: es wurn Kopp, Flügel, Schwanz
    In ener Stund gottgar zmoranzt!

    Nu sogt mr neer! ... die tolle Walt! ...
      Ä setts Dink ze zerschmeißn! ...
    -- Ä Voter, dar off Ordning hält,
      Läßt Kinnern nischt zerreißn:
    De Altn wolln gescheidter sei?! ...
    Und schmeißn gar mit Prügeln drei?! ...

    Nu sooch iech eich zon Stadt-Thur raus
      Viel gruße Weibsn kumme.
    Iech dacht: »Wenn die dann Vugl sah ...
      Do warn se tichtig brumme!«
    Zerbricht mol Unner-eens enn Topp,
    Do zankt de Fraa: »Du Duselkopp!«

    Doch käne, käne saht ä Wort!
      Se hattn neer Vergnieng! ...
    War eich ä Stick von Vugl hatt,
      Dar gieng und ließ sich's wieng.
    De Weibsn schossn mit enn Ding
    Von Eisn, dos an Schnür'l hing.

    Aus ener Bud do bliesn raus
      Ä dutznd Mussegantn;
    Grod-rüber stahnd ä Leimet-Haus
      Fer Kienigs A'verwandtn.
    Do gienge gar viel Weiber nei: --
    Sölln Die dä alle seine sei? ...

    De Aa'ng hattn nu genunk,
      Doch net es Maul, dr Moong;
    Denn alles, wos mr ooß und trunk,
      Hatt' schrackich aufgeschloong!
    Von Frassn gob's de schwere Meng,
    ... Neer fahlet'n mr aam de Pfeng!

    Wos wetter sich noch zugetroong? ...
      Wess net! -- mir wursch ze lang!
    Miech that dr Dorscht und Hunger ploong,
      Drim bie iech ball gegang.
    Dos wußt iech nu: -- Trotz teiern Brud
    Hot's doch in Annebarg kä Nut!

            J. G. Grund.


22. Dos arzgebergische Mädl.

      Iech bi a gebergsch Mädl,
    Bi frumm un bi ah gut
    Und dreh zun Klippeln mei Fädl,
    :/: So arm iech bi, ho iech doch Muth. :/:

      Ho Ardeppln of men Tischl,
    Ka Schminkel Buttr drbei
    Un bi gesund wie a Fischl
    :/: Un trog ah kän Dokt'r wos ei. :/:

      Un ka iech net huchgelehrt redn
    Su wie's in Kerngbuch stieht,
    Su ka ich doch singe un batn
    :/: Un ah monch gebergsch Lied. :/:

      S' Karschettl, es Tichl, es Schärzl
    Is olles neiwaschn un schie',
    De schwäbischn Aermln an Leiwl,
    :/: Die ho iech gemanglt heit frieh. :/:

      N' Sunntig do thu iech mich putzn,
    No her iech de Predig mit oh,
    Nooch gieh iech zun Schwasterle hutzn,
    :/: Do sanne mer enannr när ah. :/:

      Wenn ohm'sd nooch häm werd gange,
    Sieht Schatzl mich sehnetlich oh,
    Un frogt mich: he host ke Verlange,
    :/: He, Schatzel, he brauchste kän Mo? :/:

      Wos latschte, wos patzschte mer wiedr,
    Mach mir ner kän Meerettig noh,
    De brauchst mich doch net erst ze froong,
    De sist marsch an Aange schieh oh.


23. Erzgebirger beim ersten sächsischen Volkstrachtenfest.

An dem Festzuge des ersten sächsischen Volkstrachtenfestes am 5. Juli
1896 in Dresden haben auch die Erzgebirger sich beteiligt und manche
ihnen noch eigentümliche Tracht aufgewiesen. Die erste Abteilung
des erzgebirgischen Zuges bildeten die Bergleute, und zwar zunächst
die Farbenwerk- und Hüttenleute mit Zimmerlingen und Maurern mit
Musikkorps, sodann die Gruppe aus den Blaufarbwerken in Oberschlema und
Pfannenstiel. Der Gruppe aus dem Kupferhammer »Grünthal« folgte die
Gruppe der Kohlenbergleute. Dem Bergmannszug schlossen sich noch Bauern
und Hausierer aus dem Erzgebirge an. Hierzu gehörten Löffelhändler aus
Beyerfeld, Spielwarenhändler aus Grünhainichen und Kastenleute aus
Jöhstadt. Den Schluß des Zuges bildete ein vollständig ausgerüsteter
erzgebirgischer Lastwagen, der vom Fuhrwerksbesitzer Israel in Löbtau
gestellt wurde.


24. Der Streittag.

Streiten ist an sich keine löbliche Eigenschaft, und am allerwenigsten
scheint ein sittlicher Grund vorzuliegen, die Erinnerung an einen
Streit in einem alljährlich wiederkehrenden, festlich begangenen Tage
festzuhalten und auf die kommenden Geschlechter zu vererben. Und doch
haben unsere biederen sächsischen Bergleute dies Ungeheuerliche fertig
gebracht und sie feiern alljährlich ihren »Streittag« als einziges
und höchstes Bergfest, im Schneeberger Bergrevier und auch wohl in
anderen am Tage Maria Magdalena, den 22. Juli. Die Grundlage dieses
Festes bildet das gewiß begreifliche Verlangen der geplagten Bergleute,
wenigstens an einem Tage im Jahre von ihrer saueren Arbeit »tief
unter der Erd'« ausruhen zu dürfen. Denn im Dienste der Sicherheit
und Regelmäßigkeit des Betriebes giebt es bekanntlich im Bergbau
keine eigentliche »Sonntagsruhe«, sondern unablässig arbeitet im
Schachte das sogenannte »Kunstgezeug« weiter, wie das von dem auf der
Halde stehenden Zechenhäuschen erklingende Bergglöckchen mit seinem
regelmäßigen »Kling« anzeigt. Zur Bedienung des »Kunstgezeugs« aber,
das den gesamten für den Grubenbau unentbehrlichen Maschinenbetrieb
zur Entfernung bez. Nutzbarmachung der Grubengewässer, der Förderung
des Gesteins, Beförderung der Belegschaft, d. h. der Mannschaften,
u. s. w. zu ordnen hat, sind Menschenkräfte unentbehrlich, und
würde einmal plötzlich das Bergglöckchen sein eintöniges »Kling«
nicht vernehmen lassen, so wäre die bange Furcht, daß die finsteren
Mächte des Abgrundes wieder einmal ihr unheimliches Zerstörungswerk
begonnen haben, leider nur allzusehr begründet. Da haben nun vor
Zeiten -- urkundlich läßt sich das Datum nicht genau feststellen
-- die Bergleute sich jenen Tag »erstritten«, um frei von den
Sorgen ihres schweren Berufs einmal sich und ihren Familien ganz
angehören zu können. Damit soll nicht gesagt sein, daß an diesem
Tage der Bergwerksbetrieb gänzlich eingestellt sei, das ist eben
nach unseren obigen Darlegungen undenkbar. Aber die nur irgendwie
abkömmlichen Mannschaften feiern an diesem Tage, und wer sonst, um
seinen Verdienst zu erhöhen, neben der Nacht- noch eine Tagschicht
verfuhr -- jede annähernd 10 Stunden umfassend -- der verzichtet
heute gewiß auf letztere und jede anderweite Nebenbeschäftigung
(Holzschnitzerei, Musikmachen, Garten- und Feldbau u. a.). Daß man
aber den Tag als höchstes Fest begeht, zeigt auch die Paradeuniform,
die heute selbst den einfachsten Ganghäuer schmückt. Die schönste
Zierde des Festes aber, will uns bedünken, und zugleich ein rührendes
Ueberbleibsel aus der oft zu Unrecht verspotteten »guten, alten Zeit«
bildet die feierliche Kirchenparade der Belegschaft des Reviers mit
nachfolgendem Festgottesdienst in der Hauptkirche. Die Bergleute waren
es bekanntlich, deren unverfälschter frommer Sinn frühzeitig die
Irrlehren der römischen Kirche erkannte und sich dem evangelischen
Glauben zuwandte. Noch heute erinnert ein mit einem Bibelbuch und
einem Kelche (aus Eisen) geschmückter gewaltiger Granitwürfel inmitten
des Schneeberger Grubenreviers auf dem »hohen Gebirge« an die
Knappschaftskapelle zu »St. Anna«, in der schon im Jahre der Uebergabe
der Augsburger Konfession (1530) evangelisch gepredigt wurde.

Die Kirchenparade der Bergleute am 22. Juli gestaltet sich besonders in
der ehrwürdigen Bergstadt Schneeberg zu einem hervorragend merkwürdigen
und glänzenden Schauspiele. Nicht nur, daß sich die Bergleute in ihrer
altertümlichen Tracht hier auch in größerer Anzahl beteiligen -- jetzt
etwa 500 Mann, vor 20 Jahren mochten es über 800 gewesen sein --,
sondern auch des gewaltigen Gotteshauses wegen, wohin sich der Zug
zur Festfeier bewegt. Die Schneeberger Hauptkirche, auf dem höchsten
Gipfel des Berges gelegen, welcher der Stadt ihren Namen gab, ist,
aus dem Ertrage der Gruben erbaut, schon in ihrem gewaltigen Umfange
ein Zeugnis frommen Bergmannssinnes und dem Bergheiligen St. Wolfgang
geweiht. Weit und licht, ohne beengende Emporen, an deren Stelle ein
in drittel Höhe um das ganze Gotteshaus herumlaufender Prozessionsgang
tritt -- der Bau wurde im Jahre 1516 katholisch begonnen, im Jahre
1540 aber vollendet und die Kirche evangelisch eingeweiht --, gehört
das Gotteshaus, das entsprechend seiner spätgotischen Bauart vor
nicht zu langer Zeit innerlich prächtig erneuert ward, zu Sachsens
größten Kirchen, dem nicht einmal die St. Annakirche in Annaberg
trotz ihrer gewaltigen Größe gleichkommt. Die ehernen Zungen des
harmonischen Geläutes (~G-dur~), darunter Sachsens größte Glocke,
die weit über 100 Zentner schwere »Donnerglocke«, begrüßen die in
festlichem Zuge Nahenden. Eine besondere Gruppe, die wegen ihrer
kleidsamen und eigenartigen Tracht stets ungeteilteste Aufmerksamkeit
erregt, sind die Blaufarbenarbeiter. Ihre blinkend weißen, faltigen
Blusenhemden, geschmückt mit den nötigen Rang- und Arbeitsabzeichen,
stehen seltsam mit den schwarzen, grün gesäumten Paradeuniformen
der übrigen Bergleute, deren Lederzeug (Berg- und Knieleder) heute
blankgeputzt ist. Altertümlich nimmt sich bei allen auch der
federgeschmückte Tschacko aus, während die bergmännischen Werkzeuge
-- Hammer, Schlägel, Fäustel, Spitzhacke etc. -- dem Ganzen ein etwas
militärisches Gepräge verleihen. Weniger soldatisch mutet uns die
eigenartige Gangart der Bergleute an, die ihnen offenbar infolge ihrer
Berufsarbeit zur andern Natur geworden ist: wir meinen das Vorbeugen
der Knie bei jedem Schritt. Der Volkswitz nennt daher den uralten
Marsch, nach dessen getragenen Klängen der Einzug erfolgt, nicht übel
den »Kniebiegel«. Im Gotteshause gebührt der Berggemeinde an diesem
Tage der unbedingte Vorrang, ja, in früheren Jahren mußten ihr sogar
die sogenannten »gelösten« Kirchenstühle aufgeschlossen und freigegeben
werden. Als Zeugnis für die festliche Bedeutung des Tages mag endlich
noch der Hinweis dienen, daß, wie an hohen Festen, auch der jeweilige
Oberpfarrer und Superintendent die »Bergpredigt« zu halten hat. Nach
beendetem Festgottesdienst zerstreut sich die Berggemeinde, die sich
übrigens nur aus den männlichen Familiengliedern zusammensetzt, soweit
diese beim Bergbau beschäftigt sind, in alle vier Winde.

Leider hat selbst unter den einst ihrer Frömmigkeit wegen bekannten
Bergleuten die Vergnügungssucht weit mehr Platz gegriffen, als bei der
einfachen Lebensführung, zu der die meisten dieser Familien genötigt
sind, erwartet werden dürfte und ihnen gut ist. Das junge Volk begiebt
sich zu Spiel und Tanz bei Bier und Branntwein und nur wenige der
Bergleute von altem Schrot und Korn ziehen es vor, daheim bei Weib
und Kind zu feiern und beim Klange der immer mehr in Vergessenheit
geratenden, teilweise recht anmutigen Bergmannslieder, die höchstens
noch um Weihnachten allgemeiner gehört werden, oder im harmlosen
Gespräch über des liebgewonnenen Standes Würde und Bürde die schönere
Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken. Einige suchen wohl auch die
benachbarten schattigen Wälder auf, um die gerade ihnen so überaus
nötige ozonreiche, würzige Luft zu genießen. Denn im allgemeinen ist
der Bergmann wie der Erzgebirger ein Stubenhocker, der beim geringsten
Luftzug zu erkranken fürchtet und daher äußerst selten, und auch dann
nur mit wohlverwahrtem Hals und Kopf, das Freie aufsucht, wobei ihn
manchmal selbst im Hochsommer ein Bedauern überkommen mag, daß nicht
auch hier, wie daheim, ein lustiges Feuer im Ofen prasselt. Gleichwohl
bildet der »Streittag« als einziges wirkliches Bergfest einen der
seltenen Lichtblicke im Leben des anspruchslosen schwarzen Völkchens
droben, und wenn es an demselben mit sprichwörtlicher Zähigkeit
festhält, so begreifen und billigen wir das nicht bloß vom materiellen,
sondern weit mehr vom idealen Standpunkte aus. Denn gerade in dieser
Zeit der Ernüchterung und des platten Materialismus ist es mehr denn je
geboten, die spärlichen Reste von Poesie und idealem Sinn, die unser
Volks- und Berufsleben noch aufweist, sorgsam zu hüten und zu bewahren.
Ein solcher Hauch von Poesie verklärte auch dereinst das harte
Bergmannsleben, und wer nur ein einziges Mal Anackers leider jetzt
so selten gewordenen »Bergmannsgruß«, der, wie Verfasser sich wohl
entsinnt, früher selbst in den Schulbüchern zu finden war, mit seiner
mächtig ergreifenden »Steiger-Arie«, seinen zarten Familienszenen u.
s. w. gehört hat, der wird auch verstehen, warum der echte und rechte
Bergmann selbst heute noch mit Begeisterung an seinem schweren Berufe
hängt; es ist etwas von dem Himmelssegen, den auch dieser Beruf in sich
trägt, wenn anders nur die, welche ihm angehören, sich aus der Tiefe
nach oben zu erheben wissen. Und das bedeutet auch der alte sinnige
Bergmannsgruß: »Glück auf!«

            Nach dem Wochenblatte.



Dritter Abschnitt.

Die Besiedelung des Obererzgebirges.


25. Die Besiedelung des Erzgebirges.


~a.~ Die Besiedelung des Erzgebirges in vorwettinischer Zeit.

Im 4. Jahrhundert rückten die +slawischen Stämme+ von Osten her vor.
Zwischen 454 und 495 drangen die Tschechen in Böhmen ein. Ungefähr zu
gleicher Zeit kamen aus der Weichsel- und Odergegend die Milczener,
Lutizier, Obotriten und Sorben bis in die später sächsischen, mecklen-
und brandenburgischen Länder. Von diesen rückten die Sorben oder
Serben, deren Name sie ganz besonders als ackerbautreibendes Volk
bezeichnet, in das spätere Meißnische und, da 531 von den Franken und
Sachsen das mächtige Reich der Thüringer vernichtet wurde, westwärts
bis zur Saale vor. Die +Sorben+ waren demnach die unmittelbar
nördlichen Nachbarn des alten Miriquidi. Sie gründeten sehr bald in den
fruchtbaren Niederungen und Thälern Orte und bebauten das Land. Aber
noch wurde dieses Volk von der Ansiedelung auf den rauhen, unwirtlichen
Waldhöhen abgeschreckt, bis endlich nach den langen Vernichtungskämpfen
der mächtigen deutschen Kaiser im 9. Jahrhundert, denen die Erbauung
der Burg Meißen folgte, und ganz besonders, als unter +Otto I.+
die Grafen Hermann Billung und Gero glücklich die letzte Erhebung
an der niederen Elbe und in den Lausitzen niederschlagen, die Macht
der Slaven völlig gebrochen war. Der Zinspflichtigkeit zu entgehen,
festhaltend an dem Glauben ihrer Väter, erfüllt mit tiefem Haß
gegen die christliche Geistlichkeit, welche von ihren Einkünften
an Getreide und Vieh, Leinwand, Honig und Wachs den zehnten Teil
forderte, zogen sich nun nach den für ihr Volk unglücklichen Kämpfen
zahlreiche sorbische Familien in das unfreundliche und von wilden
Tieren bevölkerte, aber ihnen doch Freiheit und Sicherheit gegen ihre
Besieger verheißende Erzgebirge zurück. So wurden bereits gegen Ende
des 10. Jahrhunderts von diesen slawischen Einwanderern daselbst
einzelne feste Niederlassungen gegründet. Immer höher stiegen sie,
vorzugsweise wohl in den Thälern und so dem Laufe der Gewässer
entgegen, auf der nordwestlichen Senkung des Gebirges bis ungefähr
zur Linie Eibenstock-Schlettau-Zöblitz-Sayda auf. Erst vom 12.
Jahrhundert an, da das Gebirge durch die Entdeckung reicher Silbererze
zum Erzgebirge wurde, drangen auch die +Deutschen+ zahlreicher vor,
gründeten Städte und Dörfer. Das germanische Element verschlang sehr
bald die slavischen Reste, wo sich dieselben bis dahin noch in einiger
Selbständigkeit erhalten hatten. Wohl erhielt sich noch, wenigstens
am Fuße des eigentlichen Gebirges, ihre Sprache; denn im Jahre 1327
wurde der Gebrauch derselben bei den Zwickauer Gerichten und in
Meißen sogar erst 1424 verboten; jedoch auch in den höher gelegenen
slavischen Ansiedelungen wird die Muttersprache nach Berührung mit den
später vorgedrungenen Deutschen nicht sobald erloschen sein, da viele
slavische Wörter, die selbst in der Gegenwart nicht verschwunden sind,
von den Deutschen festgehalten wurden.


            Nach ~Dr.~ Köhler.


~b.~ Die Besiedelung des oberen Erzgebirges in wettinischer Zeit.


1. Die wilde Ecke.

Vor über 400 Jahren, bis zum Jahre 1496, wo man +Annaberg+ gründete,
war die Stelle, an der jetzt die Stadt steht, nichts denn dicker,
finsterer Wald voll Steinblöcke und Felsen, überragt gleich einer Warte
von dem Pöhlberge. In den dichten Wäldern hauste mancherlei unzähliges
Getier. Des Nachts erklang das gellende Geschrei des Uhus und am Tage
krächzten Raubvögel und Unglück verkündende Raben massig in der Luft
und horsteten auf den hohen Fichten. Der Bär brummte, der Wolf heulte
und die Wildkatze schlich nach Beute. Der Fuchs und der Dachs führten
ihre Baue auf und auch das Wildschwein grunzte in den geringen grünen
Eichenwaldungen. Scheuen Blickes und eilenden Fußes umgingen die
bewaffneten Bewohner der benachbarten Häuerdorfer die »wilde Ecke«,
um nicht eine Beute der Raubtiere zu werden. Da die Gegend noch wenig
angebaut war, so mußte man die Nahrungsmittel weit herholen. Die »wilde
Ecke« führte darum auch noch den Namen »Hungerloch«.

Noch heute erinnert uns manches an die ehemalige Wildheit. Von Süden
grüßt uns der Bärenstein, im Norden liegen rechts vom Sehmaflusse die
Wolfshöhle und links der Sauwald. Auch die Fuchsgasse mag mit genannt
werden.

    »Sehr wild und felsicht war's in diesen Wald-Sudöden;
    Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind;
    Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten;
    Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«

            Nach Arnold und M. Chr. Lehmann.


2. Entstehung der Orte in Annabergs Umgegend.

Die Ansiedelungen im oberen Erzgebirge sind von sehr verschiedenem
Alter. Es läßt sich die Zeit der Gründung der einzelnen Städte und
Dörfer nur annähernd bestimmen. Im allgemeinen gilt, daß die Bebauung
für das Gebirge später eintrat, als für das Niederland und der Bergbau
auch in ältester Zeit Anlaß gab, die sonst gemiedene Wald- und
Berggegend zur Wohnstätte zu wählen. Aus der Benennung, welche man den
Ansiedelungen gab, läßt sich schließen, daß z. B. die Städte des oberen
Gebirges: +Lößnitz+, +Zwönitz+, +Zöblitz+, +Schlettau+ bereits während
der Zeit der Sorben-Wenden, also vor dem 10. Jahrhundert gegründet
worden sind.

Um das Jahr 1173 wurde das Kloster +Zelle+ bei Aue durch Mönche
aus dem Kloster zu Zelle bei Freiberg gegründet. -- Vorher, im 11.
Jahrhundert, mögen zum Schutz und Trutz die Burgen +Wolkenstein+ und
+Schwarzenberg+ mit den sich anschließenden Stadtgründungen entstanden
sein. +Elterlein+ scheint seine Entstehung dem Bergbaue auf Eisen im
12. Jahrhundert zu verdanken.

Unter Markgraf +Heinrich dem Erlauchten+, vielleicht auch früher,
entstand westlich von Elterlein die Ansiedelung von +Grünhain+.
Daselbst stiftete, wahrscheinlich 1238, +Meinherr II.+, Graf zu
Hartenstein und Burggraf zu Meißen, das Kloster Grünhain und stattete
dasselbe 1240 mit zehn Dörfern der Umgegend aus. Später kamen teils
durch Kauf, teils durch Schenkung noch andere Besitzungen hinzu, sodaß
eine große Anzahl Städte und Dörfer dem Kloster gehörten und sein
Gebiet im 15. Jahrhundert sich bis unterhalb Zwickau und einige Meilen
nach Böhmen hinein erstreckte. -- Außer dem Kloster Grünhain gehört dem
13. Jahrhundert noch die Entstehung der Stadt +Ehrenfriedersdorf+, d.
i. Herrenfriedersdorf, um 1240 an.

Das Städtchen +Geyer+ ist um 1395 infolge der reichen Anbrüche auf
Zinn, Silber und Kupfer von Ehrenfriedersdorf aus angelegt worden. --
Bald nach der Ansiedelung in Geyer soll zu Anfang des 15. Jahrhunderts
ebenfalls infolge des Bergbaues die benachbarte Stadt +Thum+ entstanden
sein.

Die um Annaberg gelegenen Dörfer +Frohnau+, +Kleinrückerswalde+,
+Geyersdorf+ u. a. sind früheren Ursprungs als Annaberg und Buchholz.


3. Entstehung Annabergs und anderer Bergstädte des Obererzgebirges.

In dem bei der Teilung 1485 von +Albert+ gewählten Meißnerlande war
nach dem Tode dieses Fürsten im Jahre 1500 sein Sohn +Georg der
Bärtige+ (1500--1539) gefolgt. Dieser war der eigentliche Gründer von
Annaberg, da sein Vater zu jener Zeit als »des Kaisers gewaltiger
Marschall und Bannermeister« Krieg mit den Niederländern führte und
seinem Sohne während seiner Abwesenheit die Regierung des Meißnerlandes
übertragen hatte. Als Georg 1500 zur selbständigen Regierung gelangte,
bewies er der durch ihn gegründeten Stadt vor allen seine Gunst und
Zuneigung und besuchte die reiche Bergstadt mehrmals von Dresden aus.
Er spendete bedeutende Beihilfen zum Bau der schönen Annenkirche
(1499--1525), ließ das Franziskaner-Kloster (1502--1512) erbauen und
begnadigte die Stadt mit vielen Rechten und Freiheiten.

Bald nach der Gründung der beiden sächsischen Städte +Annaberg+ und
+Buchholz+ entdeckte man auch Silber auf der böhmischen Seite des
Erzgebirges. Im Jahre 1516 ward +Joachimsthal+ in Böhmen gegründet und
1520 zur freien Bergstadt erhoben. Gewöhnlich nimmt man an, daß die
dort vom Jahre 1519 an geprägten Münzen abgekürzt »Thaler« genannt
worden seien und dadurch dieser Name für jede Münze von gleichem Werte
in Gebrauch kam, was aber von Sachkundigen bezweifelt wird. Man leitet
richtiger den Münznamen von ~talentum~ ab.

Was die Gründung anderer Städte des Obererzgebirges infolge reicher
Erzanbrüche betrifft, so merke man noch: Im Jahre 1517 wurden
+Gottesgab+, +Eibenstock+ und +Jöhstadt+, eigentlich Josephsstadt,
gegründet, 1521 +Marienberg+, 1522 +Scheibenberg+, 1526 +Wiesenthal+,
1532 +Platten+.

Das Gebiet, wo die Städte Gottesgab und Platten damals erbaut wurden,
gehörte 1459--1547 durch den Vertrag zu Eger zur Mark Meißen, fiel aber
infolge des Wittenberger Vertrages an Böhmen zurück.

+Jenesius+ sagt in seiner Geschichte Annabergs: »Die Bergstädte
haben ihren Namen nicht von ohngefähr, sondern aus reifem Nachdenken
bekommen. Meine Vaterstadt ist anfangs +Schreckenberg+ genannt worden.
Aber es wurde kurz hernach, auf Ansuchen des Herzogs Georg und der
Bürgerschaft durch den Kaiser Maximilian I. bewilligt, daß dieselbe
+Sankt Annaberg+ heißen sollte. Die böhmischen Grafen von Schlick
nahmen von der Benennung dieser Stadt Veranlassung, die von ihnen
erbaute Stadt nach dem Ehemanne der Anna +Joachimsthal+ zu nennen. Dies
bewog ferner den sächsischen Fürsten Heinrich den Frommen, den Bruder
Georgs, daß er der von ihm gegründeten Stadt den Namen +Marienberg+
beilegte und den Flecken, welcher an der äußersten Grenze des Meißener
Landes in waldiger Gegend liegt, +Jöhstadt+, d. i. Josephsstadt,
benannte. Es gefiel also den Herren dieser Länder, die Städte nach
denen zu benennen, die die Voreltern des Heilandes nach dem Fleische
waren, damit die Einwohner zur Verkündigung der Wohlthaten Christi
entzündet würden und sich ihnen mit Seele und Leib, mit Hab' und Gut
weihten.«


4. Jüngere Gründungen im Obererzgebirge.

Der Bergbau in Buchholz war durch einen furchtbaren Wolkenbruch am 21.
Juli 1565 fast ganz vernichtet worden, und im Jahre 1568 hatte die
Pest Annaberg und die Umgegend verheert. Auf Anregung des +Kurfürsten
August+ ward damals überall im Lande nach neuen Schätzen des Erdbodens
geforscht. So wurde 1546 der Serpentin bei +Zöblitz+ entdeckt. In den
Kalkbrüchen von +Crottendorf+ fand man 1575 abbauwürdige Marmorlager.
Der daselbst gebrochene Marmor ist bis auf die Gegenwart herab vielfach
zu Bauwerken und Kunstgegenständen verwendet worden. Seit einigen
Jahren hat jedoch die Ausbeute an Marmor aufgehört und es wird nur Kalk
gefunden.

            Nach Schulrat ~Dr.~ Spieß.


26. Die Urbarmachung des Gebirges.

Das wilde Gebirge ist auf mannigfaltige Weise urbar gemacht worden.
Es geschah durch Räumung und Abziehung der Wälder, Anlegung geraumer
Wege und Pässe, Brückung und Austrocknung der Moräste, Ausbrennung der
Heiden, Ebnung der struppichten und wilden Beerhübel. Auch geschah
es durch Ausrottung der Stockräume, Ablesung der Steine und mühsame
Wegschaffung der Wacken, womit die Berge und Felder überhäuft waren.
Das ist besonders bei so vielen mitten im wilden Walde angelegten
und erbauten Dörfern, Flecken und Städten geschehen. Ferner trug der
Bergbau zur Urbarmachung bei, indem dadurch vermöge der Bergfreiheit
viele hunderttausend Stämme und Schragen Holz weggetrieben und verbaut
wurden. Die Hammerwerke, welche durch ihre Holzbauer und Kohlenbrenner
die allergrößten Wälder sehr gelichtet haben, hatten auch daran Teil.

Bis tief in das 13. Jahrhundert hinein, dann wieder zu Ende des 15. und
Anfang des 16. Jahrhunderts, stellenweise selbst bis in die neueste
Zeit ist das Ausroden des Waldes, um Ackerland und auch Wiesenland
für neue Ansiedelungen zu gewinnen, im umfangreichsten Maße betrieben
worden. Jahrhunderte lang bildete der Wald den unerschöpflich
erscheinenden Vorrat, durch dessen Niederschlagen man Raum für Feld,
Holz für Bauten, Bergwerks- und Hüttenanlagen, Geld für Zinsen und
Steuern u. s. w. erlangen konnte, ohne an die Wiederaufforstung kahl
geschlagener Höhenzüge und Abhänge denken zu müssen. Der Wald war
die unerschöpfliche Geldquelle für den fortschreitenden Anbau. Erst
Jahrhunderte später, nachdem das Land durch die länger als ein halbes
Jahrtausend fortgesetzte Urbarmachung und Zerstörung des Waldgebietes
seine gegenwärtige Oberflächengestalt und Bedeckung gewonnen hat, ist
man zu der Überzeugung gekommen, der Waldvernichtung nicht bloß Einhalt
thun zu müssen, sondern auch das Waldgebiet durch Neuanpflanzung
erhalten und vergrößern zu sollen.

Mit dem Vordringen des deutschen Stammes in das Gebiet der Slaven
und in das Gebiet des waldbedeckten Gebirges beginnt erst die
geschichtliche Zeit diesem Landes. Wenn auch die Vorgänge, besonders
auf dem letzteren, vielfach unbekannt geblieben oder verschleiert
und entstellt auf die Nachwelt gekommen sind, lassen sich doch die
allgemeinen Grundzüge dieser Entwickelung noch erkennen.

            Nach ~M.~ Lehmann und Süßmilch.


27. Die obererzgebirgischen Ortsnamen.

Bei der anzutretenden Wanderung durch das Gebiet der Ortsnamen des
Obererzgebirges halten wir zuerst eine Umschau über die +Berge+. Die
Namen derselben tragen fast durchgehends deutsches Gepräge und sind
nach den verschiedensten Gesichtspunkten gegeben. Auf die Gestalt
weisen hin: Spitzberg, Ochsenkopf, Hut- und Kanzelberg, Hirnschädel;
auf das Klima oder die Unfruchtbarkeit einzelner Höhen: Kaltes Feld,
Kalter Muff, Kahler Berg, Kahle Höhe und Thürmrich, d. i. Dürrer Berg
(bei Frauenstein); nach den Pflanzen, die auf ihnen wuchsen oder
noch wachsen, sind benannt: Buch-, Eichel-, Ahorn-, Kiefern- und
Fichtelberg; nach den Tieren, die häufig dort angetroffen wurden:
Bären-, Wiesel- und Wolfsstein, Krahstein, d. i. Krähenstein und
Adlerstein; nach Erzen: der Kupferhübel und der Eisenberg. Einzelne,
wie der Kapellenberg, der Hofberg, der Zechenberg verdanken ihren Namen
bestimmten auf ihnen errichteten Gebäuden, andere, wie Andreasberg,
Gastberg, Geringsberg, Richterberg dem Besitzer der Fluren, auf denen
sie lagen. Einer ausdrücklichen Erwähnung verdient noch der Name der
bei Schwarzenberg sich erhebenden Morgenleite. Der zweite Teil dieses
Worten ist das ahd. ~hlita~, mhd. ~lite~, in Norwegen noch in der Form
~Lid~ bekannt. Derselbe bezeichnet eine Berglehne oder einen Abhang
und kommt in dieser Bedeutung im Erzgebirge außerordentlich häufig
vor. Man unterscheidet die Süd- und Nordseite eines Berges als Sommer-
und Winterleite: den ersteren Namen tragen in Annaberg zwei an der
Sommerseite eines Abhanges angelegte Gassen, den letzteren ein Teil
des Geyerschen Waldes; an der unteren Preßnitz heißt ein Abhang die
Hirschleite; in der Nähe von Dorfchemnitz bei Sayda finden sich Buch-
und Thonleite, bei Oederan die Hammerleite. In der sächsischen Holz-
und Forstordnung von 1560 werden aufgeführt: Habichts-, Pech-, Grase-,
Brand- und Trachenleite, und bei Elterlein heißt ein Dorf, in welchem
sich früher eine Bergwäsche befand, Waschleite. Von dem in vielen
unserer Bergnamen hervortretenden Grundworte Hübel, wie bei Lerchen-,
Zeisig- und Hahnenhübel, begegnet uns in oberdeutschen Gegenden in
Orts- und Bergnamen die umgestellte Form Bühel, ahd. ~puhil~. In
unserem Gebirge ist der Ausdruck unbekannt. Es ist durchaus nicht
unwahrscheinlich, daß der ehrwürdige Annaberger Geschichtsschreiber
Jenisius auf dem richtigen Wege ist, wenn er Pöhlberg auf jenes Bühel
zurückführt, aus welchem dann Pihl und Pehl als entstellte Formen
hervorgegangen sein würden.

Zwei bekannte Bergnamen, Auersberg und Rammelsberg, haben insofern noch
eine besondere Bedeutung, als sie auf die Frage nach der Besiedelung
unseres Gebirges führen. Wie die in andere Erdteile Ausgewanderten ihre
neuen Ansiedelungen mit Vorliebe nach heimatlichen Orten benennen,
so haben auch die durch Krieg und Hungersnot leidenden Harzer
Bergleute, die einst massenhaft in die silberhegenden Berge unseres
Vaterlandes einwanderten, Namen aus ihrer alten Heimat auf Wohnsitze
und Örtlichkeiten übertragen. Noch heute finden sich im Harze nicht
nur die erwähnten beiden Bergnamen, sondern auch zahlreiche Ortsnamen
des Gebirges wie Hohenstein, Kirchberg, Stollberg und der bekannte
Name Quedlinburg, den einmal unser Elterlein geführt haben soll. Ein
anderer heute noch im Harze vorkommender Bergname, der Eibenberg, läßt
es kaum zweifelhaft erscheinen, daß auch die Stadt Eibenstock als eine
Niederlassung jener Harzer Bergleute zu gelten habe und daß der Name
derselben wie der jenes Eibenberges auf die in Norddeutschland und auch
im Harze heimische Eibe oder den Taxusbaum zurückzuführen sei.

Wir steigen von den Höhen herab und wenden uns nach den +Waldungen+ und
+Fluren+. Wir beschränken uns namentlich auf Hervorhebung einiger aus
älterer Zeit überlieferter, jetzt unverständlich gewordener Benennungen
von Waldbezirken. Dahin gehören vor allem die mit »Struth« bezeichneten
Waldungen bei Bernsbach, Flöha und Plaue, sowie die obere und niedere
Struth im Westen von Langenau bei Freiberg. In diesem Ausdrucke lebt
noch ein altes deutsches Wort für Wald, Buschwerk oder Dickicht,
das heute nur noch in Hessen gebräuchliche, mhd. die ~strut~ oder
~struot~, fort. Der von Chemnitzer Geschichtsschreibern aufgeführte
Name Bramenwald, der heutige Zeisigwald bei Chemnitz, erklärt sich aus
dem ahd. der ~prâmo~ und die ~prâmà~, d. h. Dornstrauch, Dorngebüsch,
insbesondere Brombeerstrauch. Daß der bei Zöblitz wie bei Satzung
vorkommende Name Kriegwald in Beziehung steht zu den in diesen Wäldern
ausgefochtenen Kämpfen im Hussitenkriege, daran ist wohl um so weniger
zu zweifeln, als man dort noch im 17. Jahrhundert aufgeschichtete
Haufen von Totengebeinen und Waffen gefunden hat. Nicht an den Krieg,
wohl aber an die um Grenze und Rainung geführten Rechtsstreitigkeiten
einzelner Personen oder ganzer Gemeinden mag die in verschiedenen
Gegenden erscheinende Bezeichnung Streitwald erinnern. Die meisten
dieser Wald- und Flurbezeichnungen lehnen sich wiederum an +Tiernamen+
an: von diesen Bildungen seien nur die in Lehmanns »Schauplatz«
angeführten erwähnt: Aus den Lautersteinschen Wäldern: der Drachenwald,
Rabenberg, die Dachslöcher; auf dem Crottendorfer Oberforstgebiete:
die Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, der Säu- und Bärenfang,
Tier- und Saugarten; im Grünhainer Gebiete: der Bärenacker, Fuchs-
und Wolfsstein; auf dem Lauterschen: das Wolfslager, der Hirschstein,
Habichtshübel, die Bärenstallung, der Wolfsgarten, Rabenberg, die
Drachenleite, Bärenlage und Sauwiese.

Von den Höhen steigen wir herab in die +Thäler+ und gelangen so zu den
+Flüssen+. Bei ihnen ist die Namengebung ausgegangen vom Laufe und der
Gestalt derselben, der Farbe des Wassers, den anstehenden Pflanzen,
der Umgebung und zuweilen wohl auch von anliegenden Ortschaften. Die
Namen der größeren Flüsse Elbe, Elster und Mulde lassen ohne weiteres
ihren deutschen Ursprung erkennen. Auch die kleineren Gebirgsbäche wie
das Schwarzwasser, der Saubach, Rauschenbach, Sandbach, Schindelbach,
Goldkrönlebach, die zwei letzteren bei Großrückerswalde und Pobershau,
und andere sind von den Deutschen benannt worden. Für eine größere
Anzahl unserer Gebirgswässer läßt sich dagegen eine Ableitung aus dem
Deutschen nicht gewinnen. Aus der slawischen oder sorbenwendischen
Zeit stammen denn auch die zahlreichen slawischen Orts- und Flußnamen
unseres Gebirges. Der Name der Zschopau, nach welchem auch die Stadt
genannt ist, wird zurückgeführt auf slawisch ~Sapawa~ = die Reißende,
Zischende, Tosende; gleiche Bedeutung hat das tschechische ~bistry~,
von welchem die in Urkunden als ~flumen Bistrice~, später ~Wistricz~
aufgeführte Weißeritz den Namen hat; nach der Buche, slawisch ~buky~,
tschechisch ~buk~ ist die Bockau, nach der Birke, slawisch ~briza~ oder
~brschiza~ die Preßnitz, nach dem Biber, slawisch ~bibra~, tschechisch
~bobr~ die Bobritzsch, nach dem Wildschwein, slawisch ~svisnija~
die Zwönitz benannt. Die Chemnitz, urkundlich ~flumen Caminizi~,
heißt Steinbach, nach dem slawischen ~Kameni~ = Stein, und Lößnitz,
urkundlich ~Lessenitz~ aus slawisch ~lêsu~, tschechisch ~les~ = der
Wald oder Busch, bedeutet der Waldbach.

Unsere Wanderung in den Flußthälern auf- und abwärts und über die
Scheiden der Wasserläufe führt uns weiter zu den verschiedenen
+Ortschaften+, den freundlichen Städten und Städtchen und den
friedlichen, sauberen Dörfern unseres Gebirges.

Das Dorf Drebach bei Wolkenstein erscheint urkundlich als ~Träte-~,
~Tretebach~, ~Dratbach~. Der erste Teil diesem Namens, ~Drat~ oder
~Träte~, ist ein gutes deutsches Wort, ahd. ~drâti~, mhd. ~draete~ mit
der Bedeutung schnell, rasch. Dasselbe bezog sich auf den raschen
Lauf des durch den Ort eilenden Baches. Aber da es längst schon dem
Sprachbewußtsein entschwunden ist, suchte man sich den Namen Trätebach
durch Anlehnung an das geläufige Zeitwort drehen verständlich zu machen
und bildete mit Unterdrückung des inlautenden t Drehbach. Daß der
Volksgeist oft mit recht kühnen Deutungen bei der Hand ist, beweist
eine Mitteilung über das Städtchen Geyer, wonach dasselbe seinen Namen
vom Teufel haben soll, der auf einem Spaziergange beim Anblick der
unwirtlichen Gegend ausgerufen habe: »Pfui Geyer!«

Noch 1402 heißt der Ort Cappel bei Chemnitz zu der Capelln, das heißt
zu der zur Nikolaikirche gehörigen Kapelle. Die Namen Altenberg,
Breitenbrunn, Weißenborn heißen dementsprechend ursprünglich zu dem
alten Berge, dem breiten Brunnen, dem weißen Born. Gleiche Bedeutung
haben Neundorf, Naundorf, Neudorf, nämlich zu dem neuen Dorfe.
Siebenhöfen heißt eigentlich zu den sieben Höfen und ist benannt nach
den sieben Wirtschaftsgebäuden, aus welchen der zwischen Tannenberg und
Geyer liegende Ort anfangs bestand. Bei Lengefeld zeigt nur noch die
urkundliche Form Langenfeld die eigentliche Bedeutung.

Nun ist noch auf die äußeren Gründe einzugehen, von welchen sich
die einstigen Ansiedler bei der Benennung ihrer +Wohnplätze+ haben
leiten lassen. Als natürlichster Ausgangspunkt erscheint zunächst die
+Bodenerhebung+, das heißt, ob ein Ort auf oder an dem Berge, im Thale
oder in der Ebene angelegt wurde. Zahlreich sind die Zusammensetzungen,
wie die Städtenamen: Schneeberg, Schwarzenberg, Freiberg, und die
Dorfnamen: Grünthal, Blauenthal, Rothenthal. Auf die Höhenlage weisen
hin: Steinhübel, Berggießhübel, Scharfenstein, Wolkenstein. Höhen-
und Thallage zugleich deuten an Ober- und Unterwiesenthal. Nach der
Bodenbeschaffenheit ist benannt der Ort Sand bei Freiberg. Auch die
beiden Dörfer Grießbach bei Wolkenstein und Schneeberg haben ihren
Namen von dem Sande erhalten, den die hier fließenden Bäche an ihren
Ufern absetzen; denn der Ausdruck Grieß (mhd. ~griez~) bedeutet den
Sand am Ufer oder Grunde des Wassers. Bei den mit Haide gebildeten
Namen müssen wir an Orte denken, die im Heidelande gegründet wurden.
Kühnhaide oder ~Kienhain~ heißt eigentlich Fichtenheide.

Namengebend dient auch der +Wald+. Bildungen wie in Königswalde,
Fürstenwalde u. a. lassen sich schon seit dem 8. Jahrhundert
nachweisen. Ein Wäldchen nennen wir jetzt Hain; früher bedeutete das
aus ~hagan~ zusammengezogene Wort einen Dornbusch. Hierher gehören
Namen wie Grünhain, Altenhain, Pfaffenhain. Eine weitere Gruppe lehnt
sich an +Tier-+ und +Pflanzennamen+ an. Dem Worte Gablenz liegt zu
Grunde das Wort ~jablu~, der Apfelbaum, Geyer stammt von ~jawor~, der
Ahorn, Gelenau von ~jeleni~, der Hirsch. Zahlreiche Orte verdanken
dem Wasser ihre Namen. Flußnamen kehren als Ortsnamen wieder: Sehma,
Pöhla, Preßnitz. Dorfschaften wie Krumbach, Steinbach, Lauterbach sind
nach dem Laufe oder der besondern Eigentümlichkeit des sie berührenden
Gewässers benannt. Benennung wie Furth bei Chemnitz weisen auf
Übergangsstellen über die Gewässer hin.

Auch auf Personennamen sind Ortsnamen zurückzuführen. So ist es
bei den vier Städten, die nach der heiligen Familie genannt sind:
Annaberg, Marienberg, Jöhstadt, Joachimsthal; Johanngeorgenstadt,
Ober- und Niederneuschönberg sind in Anknüpfung an Johann Georg
I. und Caspar von Schönberg auf Pfaffroda benannt. Ohne weiteres
verständlich sind: Hermannsdorf, Erdmannsdorf. Cunersdorf weist auf
~Cunradisdorf~ und dies auf einen Konrad. Leukersdorf bei Zwönitz
wird noch 1306 ~Leutgersdorf~ genannt. Leutger ist der alte Namen
~Liutger~. Seifersdorf bei Dippoldiswalde, 1312 ~Syvirdisdorf~, führt
auf Siegfried, Röhrsdorf bei Chemnitz, urkundlich ~Rudigersdorf~
auf Rüdiger, Hilbersdorf, um 1290 ~Hillebrandisdorf~ auf Hildebrand
und Dittersbach bei Frankenberg, ehemals ~Dyterychsbach~, auf den
vielberühmten Namen Dietrich. Die letzten fünf Namen finden sich
sämtlich in Volksepos der Nibelungen; ihnen ließe sich leicht eine
Reihe anderer erzgebirgischer Ortsnamen anfügen, in denen uns
Personennamen aus der ältesten Zeit unserer deutschen Geschichte
entgegentreten.

            Nach Prof. ~Dr.~ Göpfert.


28. Die Dörfer.


~a.~ Slawische Dörfer.

Das slawische oder sorbenwendische Dorf, für dessen Anlage noch
zahlreiche Beispiele nördlich vom Erzgebirgsfuße zu finden sind, bildet
ein geschlossenes Ganze und bestätigt schon in seiner äußeren Form und
seinem Grundrisse die Verbindung des Gemeindewesens. Die vorwiegende
Form, gewissermaßen die Urgestalt des altslawischen Dorfes, ist die
+Kreisform+. Die sämtlichen Höfe desselben liegen aneinandergeschlossen
in einem Kreise, und nur ein Eingang führt in das Innere des Dorfes;
während die äußere Umfassung von Hecken oder Lehmwänden gewissermaßen
die erste Verteidigungslinie bildet. In der Mitte des Dorfes liegt
in der Regel ein Teich. Ein von Linden umfaßter Platz bildet die
Stätte der Gemeindeversammlungen und Beratungen. Häufig ist eine
kleine Kapelle neben demselben; während die Kirche in der Reihe der
Höfe liegt. Man kann für diese Dorfform noch zahlreiche Beispiele
sorbenwendischen Ursprungs auf dem unteren Rande und am Fuße des
Erzgebirgsabhanges nachweisen, häufig selbst da, wo die ursprüngliche
Form durch das Anwachsen des Ortes schon bedeutend verändert ist. Auf
dem eigentlichen Gebirgsabhange kommen sie über 250 ~m~ Meereshöhe
nicht mehr vor.

Als oberster Grundsatz allen Besitzes galt, daß die ganze Feldmark
des Dorfes an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldung, Umland und Wüstungen,
Bächen, Teichen u. s. w. der Gemeinde als Gesamtbesitz angehörte
und daß der einzelne Hofbesitzer nur als Mitglied der Gemeinde
gewissermaßen den Nießbrauch eines entsprechenden Teiles des
Gesamtbesitzes hatte.

            Nach M. v. Süßmilch.


~b.~ Deutsche Dörfer.

Anders als bei dem slawischen war es bei der Anlage der deutschen
Dörfer im Waldgebiete. Hier wurde das Gesamtgebiet des anzulegenden
Dorfes in so viele Teile geteilt, als Höfe gegründet werden sollten,
und der dieser Zahl entsprechende Raum in so viele geschlossene
aneinander stoßende Hufen zerlegt, als die Dorfgemeinde Höfe
zählen sollte. Daher bildeten die mit dem Gehöfte besetzten Hufe
ein geschlossenes Ganze. Garten, Feld, Wiese, Wald reihten sich im
Zusammenhange aneinander, wenn auch die Reihenfolge dieser Teile des
Ganzen in den einzelnen Fällen eine verschiedene war.

In der Regel wurden die einzelnen Höfe innerhalb der Gemeindeflur
+längs des Hauptweges+ mit entsprechendem Abstande aneinander gereiht.
Da die Niederlassung vorwiegend in breiteren Thalmulden erfolgte, so
wurde auf jeder Seite des Wasserlaufes in entsprechender Höhe über
der Thalsohle ein Hauptweg geführt, längs dessen die Höfe erbaut
wurden. Bei dieser Art von Ansiedelungen in den Thälern, wie sie im
Erzgebirge die vorwiegende ist, lagen innerhalb der Waldungen, welche
die verschiedene Thalgebiete trennenden Höhenrückenzüge bedeckten, die
Grenzlinien zwischen den in gleicher oder ähnlicher Weise angeordneten
Nachbargemeinden.

Ein jeder der Höfe lag in seinem ein unzertrenntes Ganze bildenden
Besitz. In der mehr oder weniger breiten Sohle der Thäler waren die
Wiesen, weiter oben auf dem Abhange und dessen weniger steiler Fläche
das Ackerfeld und auf dem Rande zwischen beiden der Hof mit seinen
Gebäuden und dem Garten. Weiter aufwärts lagen die Hutungen und oben
auf der Höhe der Wald.

Diese Art der Hufenteilung ist die im Erzgebirge bei seiner Besiedelung
vorwiegende gewesen. Weniger gebräuchlich, aber doch auch vorkommend,
ist die z. B. in Thüringen vorherrschende, mit der slawischen oder
sorbenwendischen Hufeneinteilung im Grundgedanken übereinstimmende
Hufengattung, bei welcher die Hufe aus einer großen Anzahl einzelner
Ackerstücke besteht, welche durch die Feldflur der Dorfgemeinde
verstreut liegen. Das gesamte Pflugland wird in eine Anzahl von
Vierecken dergestalt geteilt, daß der Boden eines jeden dieser Vierecke
von möglichst gleicher Beschaffenheit ist. Nun wird ein jedes dieser
Vierecke in so viele Streifen oder Gewende zerlegt, als die Flur Hufen
oder Höfe zählt, sodaß eine Hufe wie die andere aus ganz gleichen
Teilen zusammengesetzt ist.

Die Wiesen werden auch bei dieser Hufengattung besonders verteilt. In
der Regel erhielt eine jede Hufe Wiesenanteile in den drei schon im
frühesten Mittelalter unterschiedenen Wiesenlagen, und zwar Thal- oder
Bewässerungswiesen, Wiesen an den Hängen oder Thalhängen und Berg- oder
Höhenwiesen. Jede aus dieser Hufengattung bestehende Dorfflur bildet
ebenfalls ein geschlossenes Ganzes; die Hufe ist sogar vollständig
abgeschlossen, wie bei der ersten Hufengattung: denn jedes neugerodete
Stück Land liegt außerhalb der Hufe. Daher kommen neben der Hufe häufig
noch einzelne Äcker vor, besonders dann, wenn der Wald ursprünglich
geschlossenes Gemeindeeigentum war. -- Die zu dieser Hufengattung
gehörigen Hoferaithen liegen stets zu einem geschlossenen Dorfe
vereinigt beisammen.

Für die große Mehrzahl aller Dörfer im Erzgebirge, wenigstens soweit
sie mit Ackerbau und Viehzucht in Verbindung stehen oder wenigstens in
Verbindung gestanden haben, kann man die Ansiedelung der Dorfgemeinde
im ganzen als die Regel annehmen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß
eine kleine Ansiedelung durch Zuzug einer geschlossenen Menge neuer
Ansiedler mit einem Male oder durch allmählichen Zuwachs nach und nach
im Laufe der Jahrhunderte wesentlich vergrößert worden ist.

            Nach M. v. Süßmilch.


~c.~ Reste der sorbischwendischen Sprache.

Noch heuzutage sind auf dem Abhange des Erzgebirges mancherlei Wörter
und Bezeichnungen inmitten einer vollkommen deutsch erscheinenden
Bevölkerung gebräuchlich, welche auf sorbenwendischen Ursprung
zurückweisen. In der bergmännischen Sprache begegnen wir den Wörtern
»Halde« für eine Aufschüttung von Gesteinen, was auf ~halda~ =
der Weiler führt; »Perl«, der Breithammer, auf ~perlik~; »Kaue«,
das Stollenhaus, auf ~kavna~ = die Hütte; »Tscherper«, das Messer
der Bergleute, auf ~serp~ = die Sichel; »Nusche«, das schlechte
Messer (auch Kutternusche), auf ~nuz~ = das Messerchen; »Schragen«,
Holzschragen, ein bestimmtes Maß Holz auf ~srak~ = das Gestell (zum
Messen des Holzes); »Bähnert«, ein runder Korb, auf ~bane~ = der
Flechtkorb. Unter anderen Benennungen deuten »Latschen«, schlechte
oder geringe Schuhe, auf ~hlacice~ = Strümpfe; »Hütsche« auf ~hecna~ =
die niedere Bank; »Hurkel« auf ~hurka~ = der Hügel, Buckel; »Zieche«
auf ~cicha~ = der Bettüberzug. Ferner »Schlottig« auf ~slota~ =
Lumpengesindel; »Klike«, die Gesellschaft, auf ~klika~ = das Gespann,
Joch; »Schmant« auf ~smanta~ = Schmutz; ferner weist »Wischka« auf
~miska~ = der Eber; »Kunzen« auf ~cunce~ = das männliche Spanferkel.
An Orts- und Richtungsbezeichnungen und dergl. kann man aufführen:
»Nische« von ~nize~ = schrägüber; »lätsch« von ~lezny~ = falsch;
»quatsch« von ~kvaz~ = das Gekrächze; »pritsch« von ~pric~ = fort;
dergleichen an Zeitwörtern »hätscheln« von ~hejckám~ = auf dem Arme
schaukeln; »bischen«, das Kind auf dem Arme tragen und einsingen, von
~pisenka~ = das Lied; »dahlen« von ~dal~ = weitläufig (sprechen);
»tatschen« von ~tacim~ = im Kreise drehen (mit seiner Rede); »pesteln«
von ~pestam~ = vorsorgen, pflegen; »pitzeln« von ~piclam~ = mit
stumpfem Messer schneiden; »anfuzen«, jemand grob anreden, von ~fucim~
= sausen; »balzen« von ~palcivy~ = hitzig sein; »Husche« von ~husa~
(Hus) = Gans; »Kaluppe« oder Schaluppe (schlechte Hütte) von ~chalupa~
= Hütte; »paddeln« von ~padlám~ = in der Erde wühlen; »pomäle«
(behaglich, bequem) von ~pomalu~ = langsam; »ketscheln« von ~kecam~ =
spritzen, sudeln, besudeln u. a.

            Nach ~Dr.~ Göpfert u. M. v. Süßmilch.


29. Einzelansiedelungen im Obererzgebirge.

Der Einzelansiedler hatte vollständig freie Hand, sich anzubauen,
wo es ihm gefiel. Da gab es bis in die neueste Zeit Einzelhäuser im
Walde und Einzelgehöfte vor dem Walde und an dessen Rande, ungerechnet
die zahlreichen Mühlen, welche einsam an den Wasserläufen und in den
prächtigsten Thalstrecken entlang verstreut liegen. Die verschiedenen
Häusergruppen auf dem Gebirgszuge zwischen Freiberg und Brand, die
Höfe von Drachenwald und Neusorge, die Gehöfte und Häusergruppen
»Auf dem Gebirge« bei Marienberg, die verschiedenen Vorwerke bei
Ehrenfriedersdorf und Geyer, sowie im Nordosten von Annaberg und
im Norden von Buchholz, die Höfe am Bärenstein, die Vorwerke bei
Oberwiesenthal, die Berghäuser bei Unterwiesenthal, die Tellerhäuser
bei Oberwiesenthal, die verschiedenen Vorwerke bei Schwarzenberg,
Brünnlaß am Gleesberge, die Sonnenwirbelhäuser, die Unruhe, die
Spitzberghäuser, die Försterhäuser und andere geben sämtlich Beispiele
für die Einzelansiedelungen, sei es als Jäger, Wilddieb, Kohlenbrenner,
Bergmann, Viehzüchter und Ackerbauer.

            Nach M. v. Süßmilch.


30. Die Bauart des Erzgebirgshauses.

Das für das Erzgebirge eigentümliche Wohnhaus ist das Blockhaus. Das
ursprüngliche Blockhaus ist allerdings nur noch in mäßiger Anzahl zu
finden, da bei allen neuen Bauten die gesteigerten Holzpreise, sowie
staatliche und örtliche Bauvorschriften die Errichtung von wirklichen
Blockhäusern verbieten. Das Blockhaus, wie man es in der ursprünglichen
Bauweise an einzelnen Stellen noch vortrefflich erhalten findet, und
zwar für eine Familie, ist die Grundform für alle Hausbauten auf dem
Gebirge.

Auf einem Viereck von großen Steinen in Trockenmauer, seltener in Lehm-
oder Kalkbau, steht das aus zweikantig beschlagenen, auf den beiden
übrigen Seiten nur geschälten Balken errichtete Haus. Die Balken liegen
wagerecht; ihre Enden sind über einander geschnitten und ragen etwa
eine Hand breit vor. Die Balken waren 30 bis 35 ~cm~ starke Bohlen, und
man fügte dieselben zwischen stehende Säulen von 30 ~cm~ Stärke. Für
Thüre und Fenster sind entsprechende Öffnungen gelassen. Die inneren
Zwischenwände sind ebenfalls Blockwände. Nur zur Aufnahme der Esse und
Abgrenzung einer kleinen, schwarzberußten Sommerküche ist Mauerwerk
von mehr oder weniger hart gebrannten Ziegeln aufgeführt. Die Fugen
zwischen den Balken sind mit Moos, Erde oder Lehm ausgestopft und das
Innere ist mit Kalkfarbe gestrichen, bei wohlhäbigeren Bauten aber mit
Holzverkleidung bedeckt. Die Stuben- und Kammerdecke ist mit Brettern
zwischen den Balken verschlagen; die Fenster sind mit Läden versehen.
Die Holzverkleidungen sind meist in Felder geteilt; aber eigentliche
Holzschnitzereien sind nirgends zu treffen. Zunächst der kleinen
Hausflur befindet sich eine ungefähr 5 ~m~ im Gevierte haltende Stube,
an dieser eine Kammer. In der Stube steht ein großer Kachelofen, in der
kleinen Küche ein Herd. Das zweiseitige, mit Schindeln gedeckte Dach
bildet ein gleichseitiges Dreieck über den niederen Außenwänden. Die
über das Dach wenig aufragende Esse ist von Lehmsteinen oder Ziegeln
gebaut, mit einer Holzverkleidung umfaßt und mit einem Wetter- und
Schneedache überdeckt. Zu dem Dachboden führt eine offene Stiege. Dem
Verlaufe der Ansiedelung entsprechend, liegen die Häuser vereinzelt,
mitten im Lande, am Wege oder in Gruppen über oder nebeneinander, am
Abhange oder auf dem Bergvorsprunge.

            Nach M. v. Süßmilch.


31. Der erzgebirgische Kirchenbau.

Die Grundrisse der erzgebirgischen Kirchen verraten eine gemeinsame
Kunstanschauung. Die zu Annaberg besteht aus drei Schiffen, von welchen
das mittlere nur wenig breiter ist als die äußeren. Gegen Osten sind
drei aus dem Achteck gebildete Chorbauten angeordnet. Der Bau bildet im
übrigen ein Rechteck, welches etwa doppelt so lang als breit ist.

Die Kirche zu Pirna entspricht der Annaberger fast völlig. In dieser
Planbildung sehen wir die ältere Schule jener Gegend; denn die Pirnaer
Kirche entstand seit 1504. Ihr Meister dürfte jener +Peter von Pirna+
sein, von dem wir wissen, daß er vor +Jakob von Schweinfurt+ in
Annaberg baute.

Diese Grundrißform war keine neue. Ihre Wahl war vielleicht durch
Jerusalem beeinflußt; dort stand die Abtei St. Anna, die im 12.
Jahrhunderte von den Kreuzfahrern über der Gruft der Großmutter Christi
errichtet worden war. Auch sie zeigt jene Form und war eine jener
Heilstätten, die damals kein Wallfahrer unberührt ließ. Schwerlich ist
aber die Annenkirche in Jerusalem allein maßgebend gewesen. Das Vorbild
der Teynkirche zu Prag und verwandter Bauten wirkte jedenfalls mit.
Das dortige Chor findet sich schon 1388 an der Moritzkirche zu Halle
wiederholt.

Aber zwischen allen diesen Bauten und dem Annaberger besteht ein sehr
einschneidender Unterschied. Dort sind die Umfassungsmauern zwischen
die inneren Endungen der Strebepfeiler gestellt, sodaß diese nach
außen die Wandfläche gliedern; hier ist die Außenwand völlig glatt
gebildet, sind die Streben ganz nach innen gezogen. Ursprünglich
war die Hallenkirche geplant. Die folgenden Meister gingen erst
zur Emporenkirche über, wie in der Wolfgangskirche zu Schneeberg
und der Kirche zu Laun. Der Emporenumgang über den eingebauten
Kapellen erstreckte sich in Brüx nun auch über das Chor. Die reiche,
bildnerische Ausschmückung der Emporenbrüstungen, die feine Gliederung
der Pfeiler, die die Decke zu einem ganzen zusammenfassende Bildung
der sich durchdringenden Kurvenrippen, die Stellung der Kanzel -- alles
dies giebt solchen Kirchen im hohen Grade den Eindruck des Saalartigen,
des Gemeindebaues, der Predigtkirche, soweit dies bei gotischen
Formen überhaupt erreichbar ist. Ähnlich ist die Schneeberger Kirche
gestaltet. Schon hielt man hier nicht mehr für nötig, dem Mittelschiffe
einen chorartigen Abschluß zu geben. Der Altar steht frei vor der
ringsumlaufenden, den Eindruck des Raumes künstlerisch beherrschenden
Empore. Diese Form war entlehnt von der Marienkirche zu Zwickau, welche
1465--1475 erbaut wurde.

In der Kirche zu Oederan aber, wie in jenen zu Penig und Geithain
und sämtlichen kleineren Orten des Erzgebirges, ließ man auch die
Pfeiler als Dachstützen fort und schuf lediglich den von den Emporen
umgebenen Saal, an den das Chor als etwas Selbständiges sich anlegt.
Am entschiedensten und merkwürdigsten zeigt sich die neue Richtung an
der Kirche zu Joachimsthal, die erst nach dem Beginne der lutherischen
Reformation angelegt wurde. Die böhmische Bergstadt ist in vielen
Beziehungen eine Tochter Annabergs. Die ganze Anlage der Kirche ist
sehr nüchtern. Sie ist durchaus protestantisch, durchaus zweckmäßig,
durchaus im bewußten Gegensatze zu der Altarkirche des alten Glaubens
errichtet, sodaß hier dem Katholizismus ernste Schwierigkeiten
erwuchsen, als er den Bau für seinen Gottesdienst einrichten ließ.

War also das Aufgeben der malerisch reizvollen Grundrißformen der
Gotik zu Gunsten einer möglichst klaren, einheitlichen Raumgestaltung
ein Werk des Bestrebens, Predigt- und Gemeindekirchen zu schaffen, so
zeigt sich dies auch in der Pfeilerbildung. Die Pfeiler wurden nun
fast notwendige Übel. Man bildete sie deshalb so einfach als möglich
und suchte einen Stolz darin, die Zahl der Stützen unter den Gewölben
thunlichst zu beschränken. In Schneeberg ist die sehr nüchterne Führung
der Gewölblinien in allen drei Schiffen dieselbe; in Laun tritt eine
Eigentümlichkeit der Spätzeit der Gotik auf, nämlich die, daß die
Rippennetze aus Bogen gebildet sind, eine Erscheinung, die sich in
Brüx, am Hauptchor in Pirna, am Chor der Stadtkirche zu Lommatzsch
und an der Annaberger Kirche wiederholt. Diese Formen finden sich
auch wieder am Wradislavsaale des Schlosses auf dem Hradschin und
in dem erst durch +Jakob von Schweinfurt+ errichteten Wappensaale
der Albrechtsburg in Meißen. -- Von besonderer Wichtigkeit ist, zu
sehen, wie die Baumeister sich den Emporen gegenüber verhielten. Man
errichtete neben den Pfeilern des Mittelschiffes der alten Kirche
die neuen, schwächeren Pfeiler, spannte die Gewölbe ein und konnte
dann die alte Kirche aus dem Innern der neuen entfernen. So geschah
es in Annaberg. In Annaberg entwickelte sich der Emporenbau nur
schrittweise; der älteste Teil ist die »Musika«, die Orgelempore. In
der Marienberger Kirche (1558--1564 erbaut) liegt die Sakristei hinter
der Empore, welche den ganzen Bau umzieht. Das Chor als solches ist
ganz aus dem Plane gestrichen. In der Bergkirche zu Annaberg ruhen die
Emporen auf Säulen und ziehen sich ringsum. Jemehr die Strebepfeiler
nach innen rückten, desto ungegliederter wurde das Äußere. In Laun,
Freiberg, Schneeberg, Oederan, Buchholz erscheinen die Streben als
mehr oder minder schwache Wandstreifen. In Brüx und Annaberg sind die
Umfassungswände ebenso glatt wie an den meisten Schloßkapellen. Die Art
der Gotik ist umgewendet.

Während an dem Dome zu Köln, wie an den großen französischen Kirchen
eine gewaltige Zahl von Nebenkapellen, Strebepfeilern und Bogen,
Fialen, Brüstungen und Wimpergen sich äußerlich zeigt, die ein
schmales, schlank aufsteigendes Mittelschiff als eigentlichen Hauptraum
der Kirche umrahmen, erscheint hier ein äußerlich schmuckloser, ganz
nach innen gekehrter Hallenbau; während dort das Ganze in seinen
zahlreichen Teilen, seinen verschiedenen Schiffen und Kapellen dem
Wesen der Heiligen-, Klerikerkirche entspricht, ist hier der Predigtbau
bei allem Bauaufwande doch in seiner zweckdienlichen Einfachheit
ausgebildet, ein durchaus neues, zwar aus der Gotik entwickeltes, aber
keineswegs mehr mittelalterliches Werk geschaffen.

Licht! lautet eine Grundforderung der erzgebirgischen Bauten. Die
Meister der erzgebirgischen Predigtkirche fanden auch statt der
Abteilung des Baues in verschieden heilige Teile eine einheitliche
Form durch unbefangene Ausgestaltung der Forderungen des neuen
Gottesdienstes.

            Nach Gurlitt.


32. Die Wappen der Erzgebirgsstädte.

Es ist lehrreich, die Städtewappen des Erzgebirges zu vergleichen.
Dieselben trennen sich in zwei große Gruppen: in die Wappen der Städte,
welche vor 1500 bestanden, und in die der Städte, welche nach 1500
gegründet wurden. Diese letzteren sind alles Bergstädte, wie auch ihre
Bergmannswappen bezeugen.

Der größte Teil der alten Städte führt eine Stadtmauer mit Thor und
Türmen als Beleg ihrer Wehrhaftigkeit im Wappen. Diese Städte sind
sämtlich im 13. Jahrhundert, jedenfalls zu Anfang desselben, wo nicht
schon früher, am Ausgang des 12. Jahrhunderts, gegründet worden. So
haben Colditz, Leisnig, Döbeln, die drei alten Städte vor dem Fuße
des Erzgebirges, eine Mauer mit offenem Thor, Döbeln sogar drei, und
drei Türme. Colditz hat über dem mittelsten Turme einen Schild mit dem
Meißener Löwen, Leisnig vor dem Thore den Wappenschild der Burggrafen
von Leisnig. Freiberg führt eine Mauer mit Thor und drei Türmen,
vor dem Thore den Schild mit dem Meißener Löwen; Lößnitz eine Mauer
mit drei Türmen, vor deren mittelsten den Schild der Burggrafen von
Meißen; Elterlein eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, rechts oben an
der Mauer den Schild der Burggrafen von Meißen mit dem Andreaskreuz,
links oben den Schild der Grafen von Schönburg mit seinen zwei roten
Schrägstreifen. Wolkenstein führt eine Mauer mit offenem Thor und drei
Türmen, auf dem rechten bläst der Wächter ins Horn. Später hat man
das Wappen durch zwei zwischen die Türme gesetzte Schilderhäuschen
verunziert. Frankenberg hat eine Mauer mit Thor und zwei Türmen,
zwischen denen eine Jungfrau mit Kranz steht. Kirchberg, sowie Zschopau
hat eine Mauer mit Thor und drei Türmen; Chemnitz ebenfalls, an dem
mittelsten Turme jedoch den Schild mit dem Reichsadler. Öderan hat eine
Mauer mit Thor und zwei Türmen, zwischen denen sich ein Wagenrad als
Wahrzeichen der Heerstraße befindet. Die uralte Stadt Sayda hat nur den
Schönburgschen Löwen.

Die Ansiedelung im Waldgebiete bezeugen die Wappen von Geringswalde
oder Gerungiswalde, eine Tanne, an welcher sich ein Eber reibt, von
Grünhain mit drei Tannen, vor welchen ein Auerhahn steht. Hainichen
führt zwei umgeschlagene Tannen, auf dem einen Zweige sitzt ein
Vogel. Nossen hat drei große Bäume, zwischen denen ein Turm steht.
Dippoldiswalde zeigt zwei gekreuzte Eichen und das Brustbild eines
Mannes mit Bart. Zöblitz führt einen Bärenkopf in goldenem Schilde.

Die Wappen von Dohna und Frauenstein haben keine geschichtlichen
Beziehungen; ebensowenig das am Rathause von Geyer 1496 angebrachte
Stadtwappen mit den drei Geiersköpfen.

Ein uraltes, redendes Bergmannswappen führt Eibenstock, nämlich Rechen
und Radehaue als Wahrzeichen des Zinnseifens.

Die Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts gegründeten Bergstädte
Altenberg, Schneeberg, Aue, Annaberg, Buchholz, Sebastiansberg,
Marienberg, Scheibenberg, Oberwiesenthal, Sonneberg, Kupferberg,
Gottesgab, Platten, Jöhstadt, sowie das weit später gegründete
Johanngeorgenstadt führen sämtlich Bergmannswappen mit Schlägel
und Eisen, Hacken, Hauen, Keilen u. a. mit Heiligen- oder anderen
Schmuckbildern oder ohne solche.

            Nach M. v. Süßmilch.


33. Uralte Verkehrswege im Erzgebirge.

Die ersten Pfadmacher in den unwirtlichen, waldigen Schluchten und
Bergen unseres Gebirges sind jene großen Säugetiere gewesen, welche
in alter Zeit zahlreich unsere Gegenden durchstreiften. Die ersten,
die Wege herstellten, sind slavische Ansiedler gewesen. Es entstanden
eine Reihe von Burgen und Grenzfestungen, welche teils zum Schutz
der Straßen dienten, teils aber wohl auch allerlei Raubgesindel
Unterschlupf gewährten. So hören wir schon aus dem Jahre 968 von der
Burg Schellenberg, weiter von Rauenstein, Nieder- und Oberlauterstein,
Purschenstein, Sayda, Scharfenstein, Wolkenstein, Tannenberg, Stein,
Hartenstein, Schlettau, Schwarzenberg. Ums Jahr 923 wird bereits die
Burg Wildeck erwähnt, von deren Vorhandensein heute noch der Berchfrit,
der einen wesentlichen Bestandteil des Schlosses in Zschopau bildet,
Zeugnis ablegt. Ebenso soll bei Rittersgrün und Rübenau eine Burg
gestanden haben. Rauenstein wird zuerst urkundlich 1289 erwähnt,
Niederlauterstein 1315, während Sayda und Purschenstein im Jahre
1240 aus böhmischem in sächsischen Besitz kamen und Scharfenstein,
Wolkenstein und Schlettau im 12. Jahrhundert entstanden sein dürften.
Von der Burg Tannenberg, von der nur noch der bekannte alte viereckige
Turm übrig geblieben ist, wird in zeitgenössischen Quellen nichts
erwähnt. Alle diese Burgen lagen in der Nähe der großen Straßen, welche
am Gebirge entlang oder über dasselbe führten. Da ist zunächst die
alte Frankenstraße, welche vom Vogtlande durch das niedere Erzgebirge
nach Osten ging und von Plauen aus Reichenbach, Zwickau, Lichtenstein,
Chemnitz, Flöha und Freiberg berührte. Hier teilte sich die Straße,
indem die obere über Wilsdruff, die untere über Bobritzsch nach Dresden
führte. Parallel zu ihr hatte schon frühzeitig eine große Handelsstraße
im Egerthale Bedeutung, welche von Eger über Falkenau, Karlsbad, Kaden,
Komotau, Brüx nach Aussig lief. In die ersterwähnte Frankenstraße
mündeten von Norden mehrere Straßenzüge ein. So kreuzten dieselbe
in Plauen und Zwickau Straßen von Leipzig, welch letztere sich über
Kloster Grünhain, das ja früh schon mit Zwickau in enger Verbindung
stand, Elterlein, Schlettau nach Böhmen zog. Eine dritte Straße von
Leipzig fand in Chemnitz Anschluß an die Frankenstraße, welche von hier
aus nach dem Egerthale weiterführte. Ob diese Straße Karl der Große
bei seinem Zug nach Böhmen im Jahre 805 und Heinrich II. im Jahre 1004
benutzte, ist nicht genau festzustellen, aber nicht ausgeschlossen.
Die Straße ist in ihrem Vorhandensein bis Zschopau urkundlich
festgestellt, wie sie weiter verlief, ist nicht genau bekannt. Andere
Straßen führten von Zöblitz über Rübenau nach Görkau, von Marienberg
über Reitzenhain, Bastelberg (Sebastiansberg) nach Komotau, von
Zschopau über Mildenau, Jöhstadt nach Preßnitz. Auch Kühberg war schon
frühzeitig ein wichtiger Straßenpunkt. Alle diese Straßen dienten nicht
nur friedlichen Zwecken, oft sind Kriegsheere auf ihnen hin gezogen
und haben sich plündernd in die nächsten Marken ergossen. Ferner
wird Wolkenstein als an einer Straße nach Preßnitz liegend erwähnt,
welche vielleicht von Wolkenstein nach Chemnitz über Erfenschlag ging.
Christian Lehmann gedenkt auch eines Weges nach Satzung. Von der
Frankenstraße zweigte in Oederan die sogenannte alte Salzstraße nach
Süden ab, welche Freiberg und Sayda berührte und in Brüx Anschluß an
die nordböhmische Handelsstraße fand. Sayda war schon 1210 eine Zoll-
und Gerichtsstätte und das nahe gelegene Schloß Purschenstein findet
schon 1213 Erwähnung. Eine andere Straße ging schon in alter Zeit von
Freiberg über Frauenstein nach Teplitz. Freilich waren dies alles nicht
Straßen im heutigen Sinne, sie folgten meist weder den Höhenzügen, noch
den Thälern, sondern gingen bergauf, bergab, wie gerade das Gebiet
es ergab. Infolgedessen waren die Wege sehr beschwerlich, und die
Gefahren, die sie an sich boten, wurden noch durch die Unsicherheit
vermehrt, die durch allerlei Räuber und Buschklepper entstand. So blieb
es bis in das 15. Jahrhundert. Allmählich wurden die Straßen besser,
sie wurden vermessen und ordentlich in Stand gehalten, bis aus ihnen
die prächtigen Kunststraßen wurden, deren wir uns heute erfreuen.

            Nach ~Dr.~ Simon.


34. Die Pässe des Erzgebirges.

Die größeren Städte und Verkehrsmittelpunkte am Fuße des höheren
Erzgebirges verdanken ihre Entstehung nicht den Verkehrsstraßen. Es
haben vielmehr die Städte, die ursprünglich Mittelpunkte der Kultur
fruchtbarer Landstriche oder ergiebiger Bergbaugebiete waren, mit
der Zeit bewirkt, daß sich aus der Fülle möglicher Straßen bestimmte
Gruppen ausschieden.

Über den Kamm des Erzgebirges bestanden schon sehr früh verschiedene
Übergangspunkte. So bestand ein wichtiger Gebirgsübergang des Passes
von Dohna am Mückenberge. Der Name des »Langenbrückeberges« bei
Häselich scheint darauf hinzuweisen, daß sumpfige Strecken durch
Knüppeldämme wegsam gemacht waren. Die Pirnaer Straße kreuzte das
Gottleubathal und erreichte Nollendorf. Die Straßen bestanden, bevor
Dresden 1455 das Niederlagsrecht für die nach Böhmen gehenden Güter
erhalten hatte. Freiberg ist ebenfalls jünger als die Gebirgsübergänge
im Quellgebiete der östlichen Mulde und Flöha. Der Verkehr zog sich
hier über den Paß von Sayda. Diese auf dem hohen Gebirge gelegene
Stadt mußte als ein Ruhepunkt und wahrscheinlich auch als ehemalige
Grenz- und Zollstätte einzig durch die Straße nach Böhmen an Bedeutung
gewinnen. Übergangspunkte von Chemnitzer Straßen waren die Pässe von
Reitzenhain und Preßnitz. Es gab noch eine Anzahl Straßen, in der sich
die Chemnitzer Straße fächerartig spaltete.

Während im östlichen Gebirge auf böhmischer Seite die Stadt Teplitz
einen Teil der Straßen auf sich lenkte, fehlte nach Westen ein solcher
Mittelpunkt. So überschritten die von Chemnitz kommenden und nach
Prag Reisenden die Eger an einem andern Punkte als die, welche das
restliche Böhmen besuchten. Die Prager Straße lief über Reitzenhain
und überschritt bei Saaz oder Bostelberg die Eger, der westliche Paß
dagegen, der von Preßnitz, führte auf Kaaden.

Das westliche Erzgebirge haben immer nachbarliche Beziehungen mit
Böhmen verbunden. Wenn auch infolge der Silberfunde von Annaberg,
Joachimsthal, Schneeberg und Marienberg und dem Anwachsen der Einwohner
neue Straßen entstanden, so hat sich die Zahl der eigentlichen Pässe
nicht vermehrt, da der Abfluß des Silbers nach Norden in die Münze
des Landesherrn stattfand und so der Austausch der Waren auch dorthin
wies. Jedoch hat es weder vor noch nach der Blütezeit des Bergbaues
ganz an Verkehrsstraßen über das Gebirge gefehlt. So führte eine
solche von Zwickau über Eibenstock, Wildenthal, Sauersack, Frühbuß
und Schönlind. Eine Ablenkung von dieser Richtung von Wildenthal über
Johanngeorgenstadt, Platten und Bäringen nach Karlsbad ist erst durch
Aufblühen Johanngeorgenstadts veranlaßt worden.

Von Zwickau führte außerdem eine Straße über Lindenau, Zschorlau,
Bockau und Konradswiese nach Schwarzenberg und spaltete sich hier
in zwei Linien, deren eine über Bermsgrün, Crandorf, Breitenbrunn,
Wittigsthal, Platten und Bäringen sich nach Karlsbad wandte, die
andere dagegen den Paß aufsuchte, der dem Chemnitzer Straßenzuge
angehörte, also die Ortschaften Grünstädtel, Raschau, Crottendorf,
Cranzahl, Pleil, Preßnitz berührte. Karlsbad als Endpunkt der Zwickauer
Straßenzüge kommt erst seit dem Aufblühen der Stadt nach 1347 in
Betracht, vorher dürften Elbogen oder Falkenau die Straßenausgänge
beherrscht haben.

Die Pässe des Erzgebirges werden nur in Einzelheiten durch das Gelände
bestimmt. Die Flußthäler werden im Gebirge sorgfältig vermieden. Die
Eisenbahnen dringen meist bis zum Kamme in den Thälern vor. Die alten
Straßen teilen sich auf dem Kamme gewöhnlich in mehrere Züge. Sie sind
vom Verkehr zäh festgehalten worden.

            Nach Prof. ~Dr.~ Schurtz.


35. Die Verkehrswege.


~a.~ Die obererzgebirgischen Eisenbahnen.

Ihrer Eröffnungszeit nach durchziehen das Obererzgebirge zur
Zeit folgende Eisenbahnlinien: seit 1858 Zwickau-Schwarzenberg,
1859 Niederschlema-Schneeberg, 1866 Chemnitz-Annaberg, 1872
Annaberg-Weipert, 1875 Flöha-Reitzenhain mit Pockau-Olbernhau,
Chemnitz-Aue-Adorf, 1883 Schwarzenberg-Johanngeorgenstadt, 1886
Wilischthal-Ehrenfriedersdorf, Thum-Herold, 1888 Schönfeld-Geyer,
1889 Buchholz-Schwarzenberg mit Zweigbahn nach Obercrottendorf und
Oberrittersgrün, Zwönitz-Stollberg, 1892 Wolkenstein-Jöhstadt, 1897
Wilzschhaus-Carlsfeld, Mulda-Sayda, Cranzahl-Oberwiesenthal. -- Auf
böhmischer Seite sind folgende Linien zu merken: 1872 Komotau-Weipert,
1875 Krima-Reitzenhain, 1899 Johanngeorgenstadt-Neudeck.

Die Eisenbahnlinie
Zwickau-Glauchau-Chemnitz-Flöha-Freiberg-Hainsberg-Dresden ist
die Hauptlinie, an welche sich fast sämtliche erzgebirgische
Eisenbahnlinien anschließen.

Längs des Südfußes des Gebirges führt die Linie Tellnitz-Ossegg-Komotau
und Komotau-Karlsbad-Falkenau hin.


~b.~ Die alten Postsäulen.

Wenn in der alten guten Zeit jemand eine größere Reise unternahm, so
machte er wohl sein Testament, versammelte seine Familie um sich und
nahm rührend Abschied. Dann vertraute er sich dem Postillon an, der
ihm die anstrengende Fahrt durch die lustigen Weisen seinem Hornes
etwas angenehmer machte. An größeren Haltestellen besichtigten die
Reisenden die in der Nähe der Postmeisterei aufgestellten +Postsäulen+,
welche in Stein geschriebene Auskunft erteilten. Sie waren Spitzsäulen,
auf deren Seiten die Orte der Poststraße samt Entfernungszahl in
Meilen eingetragen waren. Viele solcher Säulen sind unter +August dem
Starken+ errichtet worden. Sie trugen das kurfürstlich sächsische und
königlich polnische Wappen. Manchenorts trifft man noch diese Reste
einer guten alten Zeit, über welche die Gegenwart mit Unrecht bei ihren
Verkehrserleichterungen lächelt.

Diese Säulen sind gewissermaßen Denkmale für die frühere Bedeutung der
Orte als Verkehrshauptpunkte.

            Nach dem Glückauf.


36. Die Bevölkerung des Obererzgebirges sonst und jetzt.

Die Einwohnerzahl erzgebirgischer Städte vor 100 Jahren unter Beifügung
der Ergebnisse der letzten Volkszählung im Jahre 1859 zeigt folgende
Zusammenstellung:

Es zählten im Jahre

                                1796             1895

                        Einwohner  Wohnhäuser  Einwohner

    Annaberg              4500        600        15025
    Buchholz              1400        180         7989
    Ehrenfriedersdorf     1000        200         5123
    Eibenstock            2000        300         7216
    Elterlein              900        150         2105
    Geyer                 1300        250         5764
    Grünhain               900        250         1813
    Jöhstadt              1300        200         2358
    Johanngeorgenstadt    3000        380         5313
    Lengefeld             1600        280         3431
    Marienberg            3000        600         6574
    Oberwiesenthal        1200        200         2031
    Scheibenberg           800        130         2567
    Schlettau              800        100         3175
    Schneeberg            4400        600         8284
    Schwarzenberg         1300        162         3738
    Stollberg             1600        400         7028
    Thum                  1000        130         4134
    Wolkenstein           1200        200         2099
    Zöblitz                800        110         2386
    Zschopau              3700        550         6962
    Zwickau               5000        900        50391
    Zwönitz               1200        200         2925

Wie schnell die Bevölkerungszahl unserer sächsischen Städte gewachsen
ist, dürften folgende Ergebnisse der +Volkszählung aus dem Jahre
1830+ darthun. Vor 70 Jahren hatte Dresden 63000 Einwohner; Freiberg
10000; Chemnitz 16500; Zschopau 5000: Annaberg 4500; Buchholz 2000;
Ehrenfriedersdorf 2000; Elterlein 1750; Geyer 2650; Grünhain 1500;
Jöhstadt 1500; Johanngeorgenstadt 3000; Lengefeld 1200; Marienberg
3000; Oberwiesenthal 1800; Scheibenberg 1400; Schlettau 1180;
Schwarzenberg 1800; Thum 1150; Wolkenstein 1600; Zöblitz 1150; Leipzig
40000; Schneeberg 6200; Zwickau 5500; Zwönitz 1600; Plauen 6600;
Oelsnitz 3200 etc.

Die Ergebnisse der +letzten Volkszählungen+ sind nach erfolgter
Zusammenstellung in Sachsen für die Stadtgemeinden bis zu 5000
Einwohnern folgende:

                         1895    1890

    Leipzig             399969  293525
    Dresden             336440  276085
    Chemnitz            161018  138955
    Plauen               55197   47008
    Zwickau              50391   44202
    Freiberg             29282   28954
    Zittau               28133   25394
    Glauchau             24885   23404
    Reichenbach          24411   21498
    Bautzen              23668   21517
    Crimmitschau         23554   19975
    Meerane              23003   22429
    Meißen               18828   17874
    Werdau               17356   16256
    Döbeln               15763   13890
    Wurzen               15674   14627
    Pirna                15672   13848
    Annaberg             15025   14959
    Mittweida            13451   11299
    Großenhain           12024   11946
    Frankenberg          11915   11369
    Riesa                11768    9389
    Oelsnitz             11557    9427
    Limbach              11429   11832
    Radeberg             10295    8739
    Oschatz              10012    9382
    Waldheim              9935    9215
    Grimma                9803    8935
    Löbau                 8694    7522
    Aue                   8415    6007
    Schneeberg            8284    8212
    Borna                 8251    7485
    Sebnitz               8199    7956
    Auerbach              8133    7481
    Hainichen             8066    8258
    Roßwein               8062    7602
    Falkenstein           8004    7068
    Buchholz              7989    7812
    Kirchberg             7910    7729
    Leisnig               7761    7946
    Kamenz                7694    7748
    Netzschkau            7538    6585
    Hohenstein            7534    7549
    Mylau                 7379    6354
    Markneukirchen        7270    6652
    Eibenstock            7216    7166
    Stollberg             7028    6937
    Zschopau              6962    7441
    Rochlitz              6847    6186
    Treuen                6784    6472
    Penig                 6582    6560
    Marienberg            6574    6301
    Lichtenstein          6468    5837
    Burgstädt             6458    6693
    Bischofswerda         5969    5512
    Lößnitz               5902    5887
    Markranstädt          5879    4991
    Geyer                 5764    5302
    Oederan               5516    5665
    Groitzsch             5451    5390
    Lengenfeld            5139    5213
    Ehrenfriedersdorf     5123    4599
    Colditz               5121    4681
    Johanngeorgenstadt    5113    5124
    Pegau                 5084    5286



Vierter Abschnitt.

Die Kriegszeiten des Obererzgebirges.


37. Der Kriegszug Kaiser Heinrichs II. über das Erzgebirge.

Von 999 bis 1002 regierte in Böhmen Herzog +Boleslaw III.+, Rothaar.
Dieser gab bei Antritt seiner Regierung Befehl, seine Brüder Jaromir
und Udalrich zu töten. Sie flohen hilfesuchend zu Kaiser Heinrich
II. Die Schwäche des Böhmenherzogs erkannte auch der Polenherzog
Boleslaw Chrobri, der, nachdem er früher schon Schlesien, Mähren und
die Slowakei erobert hatte, in Böhmen einrückte, Boleslaw entthronte
und seinen jüngsten Bruder zum Herzoge machte. Das war ein Tyrann
und Trunkenbold; er starb 1003. Nach ihm nötigte der Polenherzog den
Böhmen Rothaar wieder auf, welcher nun an seinen Feinden Rache nehmen
wollte. Am 10. Februar 1003 lud er die Vornehmsten des Reiches zu einer
Hoffestlichkeit ein, bei welcher er die Nichtsahnenden niedermetzeln
ließ. Das Volk rief den Polenherzog, der gern kam, Rothaar gefangen
nahm und ihn mit glühenden Blechen blenden ließ. Er starb in Polen in
der Gefangenschaft. Der Polenherzog kümmerte sich nicht um die Brüder
des Entthronten und dachte, ein großes Reich gegründet zu haben durch
die Vereinigung Polens und Böhmens.

Da er nicht dem Kaiser huldigte, brach sofort der Reichskrieg gegen
Polen aus.

Kaiser +Heinrich+, auch von den vertriebenen Prinzen gedrängt, ließ für
die Mitte August 1004 in Sachsen, Thüringen und Franken den Heerbann
nach Merseburg ausschreiben. Man glaubte, er werde in Polen einfallen,
er wandte sich aber plötzlich nach Süden und brach auf gänzlich
unbekanntem Wege über das Erzgebirge in Böhmen ein.

Als man Boleslaw Chrobri bei einem Gastmahl nach Prag die Nachricht
brachte, sagte er in anbetracht der bekannten Wildheit, Unwegsamkeit
und der Sümpfe des Erzgebirges: »Ja, wenn sie Frösche wären, könnten
sie wohl da hereinkommen, so aber nicht.«

Heinrich II. aber stand plötzlich vor Saaz, dessen polnische Besatzung
er mit Hilfe der Saazer selbst leicht bezwang. Er rückte gegen Prag
vor, das rasch erstürmt wurde. Jaromir ward auf Böhmens Thron erhoben.
Der kühne Zug Heinrichs über das Erzgebirge bleibt eine denkwürdige
geschichtliche That.

Man nimmt an, daß der Kriegszug über Chemnitz, Zschopau, Zöblitz,
Göttersdorf, Görkau stattgefunden haben müsse.

Chemnitz war eine kaiserliche Stadt, wo auch wie auf der Burg
Schellenberg kaiserliche Beamte und Vögte waren. Von dort aus trat
der Kaiser, der mit kundigen Führern versehen war, seinen für
damalige Zeit unerhörten Marsch durch die dichtesten Waldungen an,
rückte über Zschopau gegen Zöblitz, einen kleinen, von den Sorben
angelegten Weiler, vor. Von dort aus mögen einzelne Kühne bis zum
Kamme vorgedrungen sein, bis wohin Jäger wohl schon einen Pfad
nach Böhmen gebahnt hatten. Von solchen Führern unterstützt, muß
der kühne Kriegszug von Zöblitz über Beerhübel, Göttersdorf, einen
unzweifelhaft alten heidnischen Opferplatz, durchs »tiefe Thal« nach
Görkau stattgefunden haben. Da Kaiser Heinrich von einer Seite in
Böhmen einfallen wollte, wo noch nie zuvor ein Überfall geschehen war,
so mußte er vorher sorgfältige Erkundigungen einziehen, wo der Zug
durch den fast endlosen Wald am sichersten zu ermöglichen sein mochte.
Selbstverständlich mußte ihm von seinen Beamten in der kaiserlichen
Stadt Chemnitz, sowie dem Burgvogte von Schellenberg dieser Weg gegen
Böhmen genannt worden sein.

Dieser Kriegszug war es, der Böhmen für die Dauer mit dem angrenzenden
Meißenerlande in Verbindung brachte, wodurch die alte bekannte Meißener
Straße entstand, die von Meißen über Natschung nach Böhmen, über den
Beerhübel nach Göttersdorf, durchs »tiefe Thal« nach Görkau und von da
über Buschenpelz nach Prag führte. Dieser Straßenzug verlor wieder an
Bedeutung nach Eröffnung der Straße über Reitzenhain und Sebastiansberg.

            Nach Fischer.


38. Raubritterunwesen im Obererzgebirge.

Ein sächsischer Ritter, Dietrich von Vitzthum, beherbergte auf dem
uralten Schlosse zu Frauenstein eine Rotte von Raubgesindel und
würdigte sich zum Räuberhauptmann herab, indem er mit seinen Leuten,
größtenteils aus böhmischem Auswurf bestehend, am hellen Tage auf
Raub und Mord ausging und die ganze Gegend bis unter Freiberg, sowie
die Ortschaften, welche unter dem Kloster Altenzella standen, wie z.
B. Erbisdorf, Nossen u. s. w., unsicher machte. Da die Klagen über
den verwegenen Raubritter bis zum Kurfürsten von Sachsen drangen, so
sendete dieser, damals Friedrich der Sanftmütige, einen Truppenteil
nach Frauenstein. Die Räuber verteidigten sich tapfer; allein die
Soldaten belagerten das Schloß und erstürmten es nach blutigem Kampfe.
Das Raubschloß ging in Feuer auf und wurde zerstört bis auf zwei Türme,
die zum Teil heute noch stehen. Dietrich von Vitzthum wurde auf dem
Schloßhofe nach Urtel und Recht mit dem Schwert hingerichtet, die noch
lebenden Räuber aber wurden an den Bäumen des Waldes aufgehenkt. Dies
geschah im Dezember 1438. Die adelige Familie von Vitzthum warf aber
seit jener Zeit einen unvertilgbaren Haß auf den Kurfürsten, der später
eine Veranlassung zu dem verheerenden Bruderkrieg wurde.

            Nach Müller.


39. Der obererzgebirgische Schauplatz des Prinzenraubes.


~a.~ Altes Volkslied.

    Wir wollen ein Liedel heben an,
    Was sich hat angespunnen,
    Wie's in dem Meißnerlande gar schlecht war bestallt,
    Als sein jungen Fürsten geschah groß Gewalt
    Durch den Kunzen von Kaufungen, ja Kaufungen.

    Der Adler hat uf den Fels gebaut
    Ein schönes Nest mit Jungen,
    Und wie er einst war geflogen aus,
    Holete ein Geier die jungen Vögel raus,
    Drauf wards Nest leer gefungen, ja gefungen.

    Wo der Geier uf dem Dache sitzt,
    Da trugen die Küchlein selten;
    Es wären mein weele ein seltsam Narrenspiel,
    Welcher Fürst sein Räten getrauet soviel,
    Muß oft der Herrschaft entgelten, ja entgelten.

    Altenburg, du bist zwar eine feine Stadt,
    Dich thät er mit Untreu meinen,
    Da in dir waren all Hofleut rauschend voll,
    Kam Kunze mit Leitern und Buben toll
    Und holte die Fürsten so kleine, ja so kleine.

    Was blies Dich, Kunz, für Unlust an,
    Da Du ins Schloß mir steigest,
    Und stiehlst die zarten Herren raus
    Als der Kurfürst aber war nicht zu Haus',
    Die zarten Fürstenzweige, ja Fürstenzweige.

    Es war wohl als ein Wunderding,
    Wie sich das Land beweget,
    Was uf allen Straßen warn für Leut,
    Die den Räubern nachfolgeten in Zeit,
    Alles wibbelt, kribbelt, sich bereget, ja bereget.

    Im Walde dort ward Kunz ertappt,
    Da wollt he Beeren naschen,
    Were he in der Hast sacken fortgeritten,
    Das ihm die Köhler nit geleppischt hätten,
    Hett he sie kunt verpaschen, ja verpaschen.

    Aber sie wurden ihm wieder abgejagt
    Und Kunz mit seinen Gesellen
    Uf Grünhain in unsers Herrn Abt Gewalt
    Gebracht und darnoch auch uf Zwickau gestalt,
    Und mußten sich lan prellen, ja lan prellen.

    Davon fiel ab gar mancher Kopf,
    Und keiner, der gefangen,
    Kam aus der Haft ganzbeinigt davon;
    Schwert, Rad, Zangen und Strick, die waren ihr Lohn,
    Man sah die Rümper hangen, ja hangen.

    So geht's, wer wider die Obrigkeit
    Sich unbesonnen empöret;
    Wer es nicht meint, der schau an Kunzen,
    Sein Kopf thu zu Freiberg noch herußen schwungen,
    Und jedermann davon lehret, ja lehret.

    Gott thu der frommen Kurfürsten alls Guts
    Und laß die jungen Herren
    In keines Feindes Hand mehr also komm,
    Geb auch der Frau Kurfürstin viel fromm,
    Das sie sich in Ruhe vermehren, ja vermehren.

            Herder, Stimmen der Völker.


~b.~ Der Fürstenberg bei Grünhain.


1. Wie der Berg den Namen erhält.

Der jetzige +Fürstenberg+ trug vor dem Prinzenraube 1455 den Namen
+Schmiedewald+, welcher von den Geyerschen Schmieden herrührt, die das
Holz darauf kauften und zu Kohlen brennen ließen. In Geyer war als
einer alten Bergstadt das Schmiedehandwerk zahlreich und wohlhabend. Am
Fürstenberge befanden sich Bergwerksgruben, so rechts von der Quelle
die Fürstenberger Fundgrube, die auch Eisenstein baute, links von der
Quelle Himmlisch Heer, der Frischglückstolln, der Mohrenstolln. Auf der
Spitze der Berge befand sich ein Marmorbruch, dessen Marmor zu Kalk
gebrannt wurde.

Auf dem Schmiedewalde hauste der Köhler +Georg Schmidt+, als +Kunz von
Kaufungen+ mit dem geraubten Prinzen +Albrecht+ nahe der böhmischen
Grenze bei Schwarzenberg sich sicher fühlte und im Walde rastete.
Am Brunnen trank der Prinz. +Georg Schmidt+ gelang es, denselben zu
befreien und mit seinen Gehilfen die Räuber gefangen zu nehmen und nach
Grünhain ins Kloster zu bringen, wo der Abt +Liborius+ das weitere
besorgte. Seit diesem Ereignisse am Schmiedewalde führt der Berg den
Namen Fürstenberg.


2. Herzog Albrecht besucht seinen Befreiungsort.

1480 besuchte Herzog Albrecht den Berg, um selbst an dem Orte seiner
Errettung der Vorsehung zu danken. Zu jener Zeit lebten zu +Elterlein+
noch Urban Schmidt, sowie die Köhler Wiland und Fischer. Ersterer
war es, der als Köhlerbursche am Tage der Befreiung des Prinzen mit
Lebensmitteln aus Geyer kam und den alten Schmidt mit der Ursache
des Glockenstürmens bekannt machte; letztere halfen den Ritter Kunz
mit überwältigen. Diese drei Männer mußten Herzog Albrecht nach dem
Fürstenberge führen, um ihm daselbst den Ort seiner Befreiung zu
zeigen. Albrecht beschenkte seine schwarzen Führer reichlich, kam auch
nach Geyer und sah die zersprungene Glocke an.


~c.~ Wie das jetzige Brunnendenkmal geweiht wird.

Am 8. Juli des Jahres 1822 fand auf dem Fürstenberge zwischen
+Grünhain+ und +Raschau+ eine merkwürdige Feier der hier am 8. Juli
1455 erfolgten Rettung des von Kunz von Kaufungen entführten Prinzen
Albrecht statt.

An der Feierlichkeit der Weihe des errichteten Denkmals zur Erinnerung
an die schöne That des Köhlers Schmidt nahm die ganze Umgegend teil.
Die Schwarzenberger Bürgergarde marschierte schon vormittags 10 Uhr
auf den Platz. Mehr als 10000 Menschen drängten sich um die Pyramide
herum, erkletterten Bäume, erstiegen die Dächer der erbauten Buden.
Die Schützen von Crottendorf stellten sich auf dem Brunnenplatze
auf. Diesen folgten 230 Bergleute mit Fahnen und Bergmusik. Um 1 Uhr
donnerten Kanonen durch das Waldthal. Schon vorher waren Zwickauer
und Schneeberger Offiziere angekommen. Wie am 8. Juli des Jahres 1455
in der Umgegend die Sturmglocken ertönten, um alles zur Rettung der
Prinzen aufzubieten, so ertönten jetzt die Glocken der benachbarten
Orte zum Dank- und Freudenfeste der Rettung für Erhaltung des
Fürstenhauses.

Die Feier begann mit einem Weihelied und schloß mit einem solchen.
Die Predigt hielt Superintendent ~Dr.~ Lommatzsch aus Annaberg. Die
Sachsenhymne schloß die Feier.

Das Denkmal hat die Gestalt einer Pyramide, die auf einem Sockel von
in Jaspis übergehenden braunrotem Thoneisenstein steht. Das Denkmal
ist aus Granit in 13 Stufen und bei Schwarzenberg gehauen. Das Ganze
umschließt an der Hinterseite eine steinerne Mauer, an der sich
Ruhebänke befinden und die in der Mitte das Denkmal mit dem in dessen
Sockel entspringenden Fürstenbrunnen einfaßt.


~d.~ Das Köhlerhaus am Fürstenbrunnen.

Zur Beaufsichtigung des Denkmals und der dasselbe umgebenden Waldungen
errichtete man am Fürstenbrunnen für einen Köhler eine Hütte. Dazu
hatte auch König Friedrich August II. samt seiner Gemahlin beigetragen.
Am 27. September 1838 erfolgte die Hebung des Köhlerhauses. Die
Bergmusikanten der benachbarten Grube »Gottesgeschick« hatten sich
eingefunden. Pastor Richter aus Grünhain hielt die Rede. Schon
am 1. November konnte es bezogen werden. Auch erhielt der Ort
Schankerlaubnis. Die Vollendung des Baues erfolgte 1839.


~e.~ König Friedrich August II. und seine Gemahlin am Fürstenbrunnen.

Der Fürstenbrunnen erhielt noch vor Vollendung des Köhlerhauses
landesherrlichen Besuch. Nachdem König Friedrich August II. samt seiner
Gemahlin am 10. September 1838 in Annaberg übernachtet hatte, kam der
König am 11. September über Schlettau, Scheibenberg, Elterlein, Zwönitz
nach Grünhain mit Gefolge geritten, geruhte daselbst den Klostergarten
in Augenschein zu nehmen, wo noch das Gefängnis, Fuchsturm genannt, zu
sehen war, in dem Kunz von Kaufungen vom Abte Liborius festgehalten
wurde, und ritt sodann nach »Gottesgeschick«, um daselbst höchstdero
Frau Gemahlin, die von Scheibenberg kam und das Bergwerk besichtigt
hatte, abzuholen, um gemeinsam nach dem Fürstenbrunnen zu fahren. Hier
hatten sich zum Empfange die Schuljugend und der Frauenverein samt
einer großen Menschenmenge versammelt. Die hohen Herrschaften geleitete
der Amtshauptmann des Bezirks, Domherr Freiherr von Biedermann auf
Niederforchheim. 12 Grünhainer Mädchen streuten Blumen. Die Bergleute
brachten am Brunnen ein »Glückauf!« Einer von sieben Köhlern sprach ein
Gedicht. Zwei Mädchen reichten dem Könige einen Teller mit Waldbeeren
und der Königin einen Becher mit Wasser. In einer geschmückten
Bude speisten die hohen Herrschaften. Unter Hochrufen setzte das
Herrscherpaar die weitere Reise über Schwarzenberg nach Schneeberg fort.


~f.~ Sagen und Geschichten zum Prinzenraube.


1. Die große Glocke in Geyer.

Von der großen Glocke in dem alten Bergstädtchen Geyer, welche früher
in einem uralten viereckigen Turme an der Kirche hing, erzählt die
Sage, sie sei auf dem Geyersberge, an dessen Fuße die Stadt liegt,
durch eine Sau mehrere Ellen tief aus der Erde herausgewühlt und von
den Bürgern, welche sich dieses Fundes freuten, aufgehängt worden. Sie
soll aber nicht eher einen reinen und vollen Klang gegeben haben, als
bis ein Priester sie zu ihrer heiligen Bestimmung geweiht hatte.

Mit dem Reformationsfeste 1885 wurden es 350 Jahre, daß die jetzige
Glocke der protestantischen Gemeinde zu Geyer ihre eherne Stimme
geliehen hat. Sie trägt ein vortrefflich geschnittenes Rundbildnis des
+Herzogs Heinrich des Frommen+. Ihr erstes, majestätisches Geläute hat
sicher dem anwesenden Herzog Heinrich als Beförderer der evangelischen
Wahrheit und dem Feste der vollendeten Reformation in Geyer zugleich
gegolten. Die große Glocke hält 1,80 ~m~ im Durchmesser und ist 1,60
~m~ hoch. Sie stammt höchst wahrscheinlich aus der Hilligerschen
Gießhütte zu Freiberg. Sie trägt die ausgezeichnet geschnittene
Umschrift:

    »Also hot got dy welt geliebt, daß ehr seinen einigen son gab
    uf das alle dy an yn glauben nicht verloren werden sondern
    haben das ewige leben. Johann am III.

    MDXXXIX.«

Das Metall zum Guß der Glocke, die nach der Schätzung von
Sachverständigen gegen 63, nach dem Volksmunde aber 100 Zentner wiegt,
lieferte seinerzeit die berühmte Prinzenglocke, welche vom Kurfürsten
wegen des erfolgreichen Sturmläutens beim bekannten Prinzenraube der
Stadt geschenkt wurde. Auf dieser Glocke waren die Bildnisse der beiden
jungen Fürsten angebracht; auf der andern Seite sah man Kunz auf der
Erde liegend und das Pferd haltend, daneben den Fürsten Albrecht
und den Köhler. In der freieren Blüherschen Übersetzung lauten die
Glockenverse:

  1. »Kurt entführte die fürstlichen Prinzen; die himmlische Jungfrau --
     Diese Glocke bezeugt's -- gab sie uns gnädig zurück.

  2. Ob des fliehenden Räubers der Prinzen laut stürmend zersprang ich,
     Doch aus fürstlichem Schatz ward ich wieder verjüngt.«

Im Jahre 1480 besichtigte +Herzog Albrecht+ die Glocke, die leider 1535
sprang. Wahrscheinlich auf Kosten des +Herzogs Heinrich+ des Frommen
ist die jetzige Glocke umgegossen worden.

            Nach dem Annaberger Wochenblatte.


2. Der Fürstenbrunn bei Raschau.

Zwischen den Gebirgsstädtchen Schwarzenberg, Elterlein und Grünhain,
unweit der Dörfer Waschleite und Haide, bei der Dudels- oder
Oswaldkirche, liegt der geschichtlich merkwürdige +Fürstenbrunn+ am
Fürstenberge, der so genannt ist, weil in dessen Gegend die Befreiung
des Prinzen +Albert+ aus den Händen des Ritters Kunz von Kaufungen
am 8. Juli 1455 stattgefunden haben soll. Zur Erinnerung an diese
Begebenheit wurde am 8. Juli 1822 über dem sogenannten Fürstenbrunnen,
einer Waldquelle, ein Granitobelisk mit eiserner Inschriften-Tafel
errichtet. Auf dieser steht geschrieben:

    Fürstenbrunn.
    Hier wurde Prinz Albert, Ahnherr des Kgl. S. Fürstenhauses,
    am 8. Juli 1455
    durch den Köhler Georg Schmidt, hernach
    Triller genannt, aus Kunzens von
    Kaufungen Räuberhand befreit.

    Angebracht, den 8. Juli 1822.

In einer Nische des Fußgestelles ergießt sich über Kristalldrusen der
genannte Brunnen. Im Jahre 1838 wurde hier zum Schutze des Denkmals
eine Wohnung für eine Bergmannsfamilie erbaut. Jetzt ladet ein
Wirtshaus den Wanderer zur Ruhe ein.

            Nach Elfried von Taura.


3. Der Kretscham und Fürstenbrunnen bei Neudorf an der Sehma.

Neudorfs oberes Ende stößt an den Kretscham, welchen Namen der tiefere
Teil des angrenzenden Ortes +Rothensehma+ führt. Im engsten Sinne
ist der Kretscham ein Gasthof mit Freigut, einer Mühle und vielen
Vorrechten, auch zum Teil sehr altertümlicher Bauart. Nach einer
Volkssage soll hier und nicht am Fürstenberge bei Grünhain des +Prinzen
Alberts+ Errettung aus den Händen Kunzens von Kaufungen 1455 geschehen
sein. Noch zeigt man im Westen, diesseits eines alten Marmorbruches,
den Fürstenbrunnen und im Süden die Stätte des Kohlkrams, wo der mutige
Köhler Schmidt, der Triller genannt, sich aufhielt, welcher später die
Erlaubnis erhielt, hier an der böhmischen Straße den Kretscham oder
Gasthof anzulegen.

            Nach Herm. Grimm.


4. Die Prinzenkleider in der Kirche zu Ebersdorf.

Nachdem die beiden sächsischen Prinzen Ernst und Albert ihrem Räuber,
dem Ritter Kunz von Kaufungen, durch Gottes Hilfe glücklich entronnen
waren, machte der ganze Hof eine Wallfahrt nach der Ebersdorfer Kirche
bei Chemnitz, und der Kurfürst ließ daselbst die Kleider der beiden
jungen Herrlein, so sie bei ihrer Entführung angehabt, wie auch des
Köhlers Schmidt, der sie errettet hatte, Kittel und Kappe aufhängen.
Bei den Kleidern wurden folgende Verse angeschrieben:

    Kunz Kaufung, der viel wilde Mann,
    Im Meißnerland ist kommen an,
    Wohl auf das Schloß zu Altenborg,
    Sehr frech und kühn ohn' alle Sorg',
    Dem Fürsten allda seine Kind
    Entführt hat listig und geschwind,
    Der Kleider noch sie hängen seht,
    Ein jeder der fürüber geht,
    Die dazumal bald nach der That,
    Der Vater hergehänget hat.

Die gegenwärtig in der Pfarre zu Ebersdorf aufbewahrten Kleider der
Prinzen Ernst und Albert sind nur getreue Nachbildungen.

            Nach ~Dr.~ Köhlers Sagenbuch.


40. Die Hussitenkämpfe im Erzgebirge unter Friedrich dem Streitbaren.


~a.~ Der Ausbruch des Krieges.

Der Kampf gegen die Hussiten, dessen Last +Kaiser Sigismund+ auf
+Kurfürst Friedrich+ hauptsächlich abgewälzt hatte, begann nicht
glücklich. 1425 erlitten die Meißner unter großen Verlusten eine
Niederlage, sodaß »das Geschrei kam, wie die Hussiten willens wären,
ins Meißner Land einzufallen. Darüber erhub sich ein großer Schrecken.
Allenthalben wurde man rege, besserte Thore und Mauern aus, baute
Schläge und Brustwehren.«

Die zweite große Niederlage des Kurfürsten bei +Außig+ 1426 vermehrte
die allgemeinen Besorgnisse. Nach der von Kurfürst Friedrich
aufgegebenen Belagerung von +Mieß+, wo auf dem Rückzuge an zehntausend
Mann erschlagen worden sein sollen, drangen 1429 die Hussiten über
das Gebirge in das Meißner Land. ~M.~ +Chr. Lehmann+ berichtet, die
Hussiten seien durch den Komotauer Paß und den Kriegwald nach Zöblitz
und durch den Satzunger Paß und den Kriegwald an die Preßnitz gekommen.
Sie haben Lößnitz angegriffen; ob aber dieses der hussitischen
Tyrannei sich erwehrt, habe er nicht erfahren. Dagegen seien ringsum
die Dörfer verwüstet worden. Stadt und Kloster Grünhain, Klösterlein,
Aue, Schwarzenberg am Peler Passe sei ganz eingeäschert, seine drei
Ellen dicke Stadtmauer abgebrochen, Crottendorf ganz ausgeplündert,
Kraxdorf zerstört und als Neudorf wieder aufgebaut, Zwönitz verwüstet,
Burgstädtel, Elterlein, Schlettau, Sehma, Cranzahl, die Waldhäuser am
Bärensteine, in der Gegend des späteren Annaberg einige Dörfer, von
der Schmalzgrube an bis Preßnitz 26 Hammerhütten zerstört, Flecken und
Dörfer ringsum verwüstet, alles mit Brand, Zerstörung, Raub und Mord
heimgesucht worden. Nur Zschopau und Scharfenstein haben sie nicht viel
anhaben können.

            Nach Chr. Lehmann.


~b.~ Schrecknisse im Obererzgebirge während des Krieges.

1. Die Schrecknisse, welche die Züge der Hussiten mit sich brachten,
leben noch vielfach in unserer Gegend in der Überlieferung fort, und
die Sage hat manches dichtend hinzugefügt. So hat man die Begebenheiten
in der Schlacht bei Außig auch in die Gegend von Preßnitz verlegt.

Im Osten von +Jöhstadt+ verbreitet sich über steiles und hohes Gebirge
zwischen dem Schwarzwasser und der Preßnitz der Kriegwald, dessen Name
nicht ohne Wahrscheinlichkeit auf ein den Hussiten geliefertes, doch
für Sachsen unglücklich ausgefallenes Treffen bezogen wird. Man hat
ganze Haufen von Totengebeinen gefunden, die mit Moos so verwachsen
waren, daß sie gleichsam wie Stücke alter Mauern erschienen. Ferner
fand man daselbst viele Hufeisen, Pfeilspitzen, Hacken u. s. w. Das
»rote Wässerchen« an der böhmischen Landstraße wurde nach der Volkssage
von dem Blute benannt, das in jener Schlacht darin floß.

Wie die Hussiten sich Meister im Felde sahen, rüsteten sie sich
1426, um die entfremdeten Städte wieder zu erobern. Die Kurfürstin
von Sachsen ließ, inzwischen ihr Gemahl, der Kurfürst Friedrich, in
Ungarn war, bei Freiberg ein großes Heer sammeln, und als dasselbe
über den Wald kam, fand man bei dem Dorfe Preslitz (Preßnitz) den
Feind wohlgerüstet ihrer warten. Die Böhmen deckten sich mit ihren
Schilden und hatten ihr Lager mit einer Burg von 500 Wagen mit Ketten
umschlossen, führten auch lange Haken, mit denen sie die Reiter von
den Pferden zogen. Wiewohl nun die Sächsischen sie tapfer angriffen,
ihnen die Schilde mit Hellebarden vom Leibe zogen und lange fochten,
mußten sie doch endlich, von der Hitze noch mehr ermüdet und vom
Staube geblendet, die Flucht ergreifen. Der Graf von Gleichen und
sein Leutnant, der Graf von Thun, wurden mit 9000 Mann erschlagen,
darunter noch 12 Grafen, 4 Freiherren, viel Ritter und Edle, 21 derer
von Köckeritz und einer von Schönborn mit 5 Söhnen, da der sechste
daheim in der Wiege lag. Konrad von Einsiedel ward gefangen, kam in die
Türkei, ward nach 30 Jahren vor Belgrad wieder gefunden und daheim von
den Seinen fast nicht wieder erkannt. Es ward nachmals eine Kapelle
gebaut an einem Bächlein, das mit dem Blute der Erschlagenen soll
geflossen sein.

2. An die schreckliche Zeit der Hussiten erinnert uns auch die
Erzählung von dem +Mönchsgesichte an der Schlettauer Kirche+. Der
Pater Benno rettete vor dem mit Unheil drohenden Zuge der Hussiten ein
silbernes Kruzifix, das noch allein auf dem Altar stehen geblieben war,
indem er es um Mitternacht in die Kirchmauer vergrub; denn Altäre,
Bilder und ander heilig Gerät zerstörten die Horden. Am andern Morgen
wurde der Pater von den wilden Ketzern erschlagen. Dies träumte einem
Priester, welcher die Stelle dem Küster offenbarte, der aber Diebstahl
verübte und nun zur Strafe in der Mauer zu sehen ist. In einer
Mauernische der Elterleiner Kirche steht ein Kästchen, welches drei
Hussitenpfeile enthält.

3. Ebenso erinnern an die Züge der Hussiten das +Kreuz und der Kelch+
in der Mitte der etwa 60 ~m~ hohen, steilen Felsenwand, welche sich
an der Zschopau erhebt und das Schloß +Wolkenstein+ trägt. Die beiden
Wahrzeichen sind in Stein gehauen und sollen nach dem Volksmunde daran
erinnern, daß im Jahre 1428 die Hussiten einen katholischen Priester
töteten. Sie bedrohten ihn mit dem Tode. Er wollte aber gleichwohl
seinen Glauben nicht abschwören. Da schleppten sie ihn an den Rand der
steilen Felswand und stießen ihn dort hinab, von wo er in die Zschopau
zerschmettert stürzte.

4. Als im Sommer 1427 ein starker Haufe Hussiten über +Olbernhau+
und +Sayda+ durch das Gebirge herunter nach +Oederan+ zog, galt es
besonders dem Ottomar von Schönberg, welcher den Hussiten aus der
Gefangenschaft entwichen war und nun in seinem Schlosse Reinsberg
wohnte. Täglich wurde jetzt dieses Schloß drei Wochen lang von den
Hussiten gestürmt. Da rettete den geängstigten Schönberg sein Knappe
durch einen unterirdischen Gang, der sich in einem Busche vor dem
Schlosse öffnete. Diese Stelle soll noch heute mit einem Denksteine,
auf dem ein Kreuz eingehauen ist, bezeichnet sein. Ein bereit
gehaltenes Roß trug den Ritter in der dunklen Nacht durch den Forst auf
die nahe Straße nach Freiberg. Hier setzten ihm die wachsamen Hussiten
nach, und hart vor Freiberg hatten sie den fast zum Tode Gehetzten
beinahe eingeholt. Der Turmwächter auf dem Meißner Thore gewahrte in
der Morgendämmerung diese Menschenjagd. Er öffnete dem nahenden Ritter,
welcher ihm sein weißes Tuch entgegenschwang, einen Thorflügel, den er
vor den heransprengenden Hussiten schnell wieder zuschlug. Innerhalb
des Thores aber verließen den Ritter die Kräfte. Auf der Meißner Gasse
stürzte er mit dem Pferde und wurde tot in das nächste Haus getragen.
Auch diese Stelle ward mit einem Steine, den man später an die
Stadtmauer gelehnt hat, zum traurigen Andenken bezeichnet.

5. 1429 zog +Prokopius+ mit 300 der edelsten Hussiten aus der Lausitz
nach Basel zu einem Friedensversuche. Unangefochten zog dabei der
Furchtbare, vor dem die Kinder auf der Gasse davonliefen, über
Dresden und Freiberg durch Oederan. Einer von seinem Gefolge, Bodowin
von Horomirz wird er genannt, kam zwei Tage nachher ganz allein
durch Oederan. Da wurde er sogleich von den Oederanern ergriffen,
hinaus an das Weichbild an der Nossener Straße geschleppt, lebendig
gespießt und ihm ein silberner Helm oben auf den Pfahl genagelt, an
dem der Unglückliche verblutete. Weithin schimmerte in der Sonne diese
Silberkappe, an der sich niemand zu vergreifen wagte. Erst zur Zeit
der Reformation verschwand sie zugleich mit dem daneben errichteten
Heiligenbilde.

6. Zur Zeit der Hussitenkriege zogen die Scharen des gefürchteten
+Ziska+, nachdem sie die Stadt Komotau in Asche gelegt hatten,
auch auf die Stadt +Görkau+ und das Schloß +Rotenhaus+ los, um
unter den dortigen katholischen Bewohnern ebenfalls mit Blut und
Mord aufzuräumen. Es war am Schutzengelfeste, als sie durch einen
äußerst dichten Nebel auf ihrem Zuge dahin aufgehalten wurden und
sich erst dann wieder in Bewegung setzten, als sie ein aus der Ferne
herschallendes Hahnengeschrei vernahmen, welchem sie irre führte. Sie
gelangten in die Gegend östlich von der Stadt und kehrten nicht zurück.
Zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung ließen die Bewohner von
Görkau ein Kreuz anfertigen und auf dem Friedhofe aufstellen. Jetzt
steht es an der Straße von Udwitz nach Görkau und bei ihm eine Linde.

7. Auf dem Schlosse +Hartenberg+ lebte im Hussitenkriege eine
schöne, achtzehnjährige Jungfrau. Der mutterlosen Waise entriß auch
das Schwert eines wütenden Hussiten den Vater. Der noch vorhandene
Anverwandte, Jodok von Pichlberg, war eifriger Kelchdiener und wollte
sie, als sie ihn um Schutz anflehte, zum Übertritt bewegen. Sie
wollte die Lehren ihrer Mutter nicht abschwören und vertraute Gott,
dem Beschützer ihres Glaubens. Sie versah die Burg mit Lebensmitteln,
ließ Mauern, Streittürme und Befestigungen ausbessern und Schießpulver
herbeischaffen. -- In einer finstern Nacht rötete sich der Himmel
von mächtigen Feuersäulen, die aus den benachbarten, von den
Hussiten in Brand gesteckten Dörfern emporstiegen. Bald begehrte ein
Hussitenschwarm mit drohend grimmigen Worten Einlaß und Übergabe. Auf
die Verweigerung aber schrien hundert Stimmen schimpfend nach Sturm,
Pfeilen und Pechkränzen. Zdenka von Hartenberg ließ die Feuerschlünde
donnern; Steinregen fiel auf die Stürmenden; heißes Pech troff auf
sie herab. Da wiederholter Sturm nichts nützte, sollte die Burg
ausgehungert werden. Bald trat Nahrungsmangel ein; denn das verzagte
Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite ausgesteckte Notfahne
herbeirufen sollte, hatte die Gegend verlassen. In höchster Not ging
die Jungfrau in die Burgkapelle und stärkte sich im Gebete. Das letzte
Rehviertel wurde vors Thor geworfen, und durch Hornrufe wurden die
Belagerer ins Schloß gelockt. Man wollte bei freiem Abzuge die Burg
ergeben. Als die Brücke niederrasselte, zogen sechzehn alte, bleiche
Männer mit der alten Wärterin ab, und der Hussitenführer stürzte herein
mit seinen Horden. An einer Halle blieben sie stehen; denn in einem
Gemache stand Zdenka in bräutlichem Schmucke mit lodernder Fackel neben
einem Pulverfasse. Sie wollte die Burg in die Luft sprengen, um nicht
den Feinden in die Hände zu fallen. Da wälzte sich ein brausendes
Getöse gegen die Burg heran. Ein Haufen bewaffneten Landvolkes eilte
zum Entsatze herbei und überwältigte die Feinde. Gott dankend, sank
Zdenka auf die Knie.

8. In einem Gange des ehemaligen Benediktinerklosters zu Chemnitz
befand sich ein hölzernes +Christusbild+ mit einem krummen oder
schiefen Munde. Da nun die Hussiten in das Kloster einfielen und alles
darin verwüsteten, soll einer von ihnen das Bild verspottet haben. Von
Stund' an hatte derselbe nun einen solchen Mund und ist stumm geworden.

            Nach Chr. Lehmann, ~Dr.~ Spieß, ~Dr.~ Köhler.


~c.~ Wüste Marken im Obererzgebirge aus der Zeit der Hussitenkriege.

1. Mancher Ort ist durch die Hussiten zerstört worden, und nur noch
wüste Marken erinnern an sein einstiges Vorhandensein. Wo jetzt das
Dorf +Waschleite+ bei +Schwarzenberg+ liegt, hat ehedem das Dorf
Gleßberg am Fuße des Gleßberges oder des Schatzensteines gestanden.
Es erstreckte sich am oberen Teile des Oswaldbaches hin. Die Hussiten
haben es zerstört. Auf einem Teile der Gleßberger Fluren entstand das
jetzige Dorf Waschleite. Seinen Ursprung und Namen hat es von den
Erzwäschereien genommen, welche der reiche Hammerherr Kaspar Klinger
1500 nebst einer Schmelzhütte am Oswaldbache anlegte.

2. Vor der Gründung von +Neudorf+ an der Sehma, das mitten im Walde
aus Holzarbeiter-, Köhler- und Flößerhütten entstand, soll in seiner
Nähe nach Crottendorf zu ein Dorf mit Namen Kraxdorf oder Kraftsdorf
gestanden haben, wovon früher, und zwar auf dem westlich im Walde
gelegenen Morgenberge, noch Mauerreste, alte Schlösser und Schlüssel
gefunden wurden.

In einem kleinen Thale, welches Neudorf oberhalb der Kirche von West
nach Ost durchschneidet, hat man beim Wegräumen von Teichdämmen auf
dem Grunde derselben berußte Steine gefunden, die ihre Schwärze sehr
wahrscheinlich einst von einem Feuerherde erhalten hatten.

3. Unweit der Stadt Zöblitz, an den Ufern der Pockau, liegen die
Ruinen der alten Burgen +Ober-+ und +Niederlauterstein+. Die Burg
Oberlauterstein, welche eine Viertelstunde westlich von Zöblitz
über dem rechten Pockauufer auf einer felsigen Bergecke liegt,
wurde im Jahre 1430 von den Hussiten, die eben von der Verwüstung
der Schneeberger Bergwerke herkamen, geschleift. Das Schloß
Niederlauterstein, das nur einige Minuten unterhalb davon am linken
Pockauufer liegt, erhielt sich über 20 Jahre länger. Vieles erzählt man
sich von den früheren Besitzern desselben, den Herren von Berbisdorf,
deren einer 1520 bei einem Brande des Schlosses auf schreckliche Weise
sein Leben verlor. Es war Georg von Berbisdorf, ein gebrechlicher Greis
von 90 Jahren. Um ihn vom Flammentode zu retten, wollte man ihn, in
Tücher gewickelt, zu einem Fenster herablassen; allein die in Eile
nicht festgeknüpften Knoten lösten sich und der unglückliche Alte wurde
an den Felsen zerschmettert. 1559 kaufte +Kurfürst August+ das Schloß
von Kaspar von Berbisdorf und bestimmte es zum Sitze eines Amtes. Im
dreißigjährigen Kriege wurde es zerstört.

4. Sachsens »Kirchengallerie« erzählt, daß man in der Gegend von
+Johnsgrün+ öfters alte Schlüssel gefunden hat. Man schließt daraus,
daß die Gegend von Johnsgrün vor der Zeit des Hussitenkrieges stark
bevölkert gewesen sei.

5. Bei +Augustusburg+ giebt es wüste Marken, die auch an Hussitengreuel
erinnern. Zwischen Hennersdorf und Dorf Schellenberg verbreitet sich
der von Augustusburg bis in die Nähe von Waldkirchen reichende, große
+Mörbitzwald+, welcher von einem darin gestandenen Dorfe seinen Namen
haben soll. -- Der zwischen Borstendorf, Eppendorf, Lippersdorf,
Reifland in der dortigen Gegend gelegene Staatswald +Röthenbach+
enthält eine Wüstung und einen Bach gleichen Namens, an welchem das im
Hussitenkriege verschwundene, nach Borstendorf gepfarrt gewesene Dorf
Röthenbach lag. -- In dem im Staatsforste zwischen Euba, Bernsdorf und
Flöha gelegenen »+Strutwald+« soll auch vor dem Hussitenkriege ein Dorf
gestanden haben. Man hat dort beim Nachgraben Überreste von Häusern und
selbst von Gassen, sowie Brunnen und andere Spuren gefunden.

6. Da wo Wüstenbrand bei Hohenstein-Ernstthal liegt, hat das Dorf
+Gecksdorf+ der Sage nach gelegen, welches auch im Hussitenkriege
zerstört worden sein soll.

7. Der Sage nach ist der Anbau von +Mittel-+ mit +Ober-+ und
+Niedersayda+ in der Zeit des Hussitenkrieges unter Ziska und Prokopius
zwischen 1419 und 1435 geschehen, da viele der bedrängten Hussiten
auswanderten und sich in den waldigen Gegenden des Erzgebirges
anbauten. Noch in diesem Jahrhunderte lebten in Obersayda zwei
Familien, die Seyfertsche und Zimmermannsche, deren Vorfahren zu den
Ausgewanderten gehörten. Das wäre also ein seltenes Beispiel, wonach
auch die Hussiten einen Ort errichteten, anstatt zu zerstören.

            Nach ~Dr.~ Herzog, ~Dr.~ Köhler u. a.


41. Das Obererzgebirge im Bauernkriege.


~a.~ Die Kriegsereignisse.

Den Bauern drückten am Ende des Mittelalters allerhand Lasten
weltlicher wie geistlicher Herren. Er hatte Frondienste, Zehnten,
Zinsen und Abgaben aller Art zu leisten. Luther sagt: »Wenn der
Acker eines Bauern so viel Thaler wie Ähren trüge, es würde nur die
Ansprüche der Herren vergrößern.« Die Reformation sollte ihnen auch
ihre Menschenrechte vor die Seele führen. Mannigfache Flugschriften
erschienen, und bald entstand unter den Bauern eine Bewegung, die man
den +Bauernkrieg+ nannte. In 12 Artikeln waren die Forderungen der
Bauern zusammengefaßt.

An der allgemeinen Bewegung nahm auch das Sachsenland und unser
Obererzgebirge teil. Durch sein tyrannisches Wesen hatte sich besonders
Ernst von Schönburg hervorgethan, der damals im oberen Erzgebirge
ausgedehnte Besitzungen hatte. Ließ er doch zwei Annaberger Bürgern,
die in seinem Gebiete Fischdiebstahl begangen hatten, die Augen
ausstechen.

Wolf Göftel aus Buchholz und Andreas Ziehner, beides Bergknappen in
Marienberg, machten den vogtländischen Aufrührern zu Waldkirchen
bei Reichenbach die Artikel. Wir sehen, daß auch die Bergleute mit
fortgerissen wurden von der Bewegung. Größere Ansammlungen von Bauern
entstanden zunächst in Zwickau und Stollberg. Daher ist der Amtmann von
Annaberg und Schellenberg, Anton von Kospoth, der in letzterem Orte
seinen Wohnsitz hatte, bald in Annaberg, bald in Chemnitz, um Ruhe zu
stiften. Er gab dem Herzog Georg den Rat, die Schätze der Annenkirche
auf Schellenberg zu verwahren. Die Stadt aber blieb still und erklärte,
zum Herzoge zu halten. An Annaberg erging von diesem das Ersuchen,
sich dem Herzoge zum Kriegsdienste zu stellen. Feldhauptmann Utz von
Solgau aus Annaberg sollte das Werbegeschäft besorgen. In Thum, Geyer
und Ehrenfriedersdorf, auch in Joachimsthal forderten Maueranschläge
zum Kriegsdienste auf. Kospoth schrieb über die Annaberger wegen ihrer
Weigerung: »Es sei ein teuflisch Volk unter die Annaberger gekommen.«

Nachdem die aufrührerischen Bauern von Schneeberg, Aue, Schwarzenberg
und Zwönitz, von Raschau, Steinberg, Kühnheide und anderen Orten
Zuzug erhalten hatten, wandten sie sich gegen Klösterlein und Aue,
tranken dem Probst das Bier weg, führten 16 Stück Vieh und sämtliches
Getreide davon. Dann wandten sie sich gegen das Kloster Grünhain. Der
Abt schickte eiligst zum Bergvogte Matthis Busch nach Buchholz um
Hilfe. Dieser ritt mit wenigen nach Grünhain, wo er gegen 700 Bauern
die Bewachung des Klosters übernahm. Abt und Mönche wandten sich nach
Annaberg. Als das Kloster dem Richter und den Schöffen zu Grünhain zur
Verwahrung gegeben war, wurde es bald eine Beute der Aufrührer, die
es plünderten. Von Grünhain wandten sich die Haufen nach Schlettau,
bemächtigten sich der Stadt und des Schlosses. Ein anderer Haufe zog
nach Raschau und zerstörte die Kirche.

Herzog Heinrich verließ nach solchen Ereignissen Wolkenstein und
siedelte nach Freiberg über.

Als in Annaberg Bergvogt Hans Rühling die Bergleute nach ihren Plänen
fragte, erfuhr er, daß sie mit Leib und Leben für den Herzog einstehen
wollten. Bürgerwachen an den Thoren hielten Zuzug fern.

In Joachimsthal hatten sich die Leute der Grafen von Schlick in
gefahrdrohender Weise erhoben, das Schloß eingenommen und geplündert.
Da vermittelte der Rat von Annaberg mit Glück durch Abgesandte zwischen
den Streitenden.

Wolf Göftel und Andreas Ziehner waren immer unterwegs, um aufzuregen.
Sie machten den erzgebirgischen Bauern die Artikel und verpflichteten
sie, indem sie jeden eine Hand aufheben ließen, zum Zeichen, daß er bei
ihnen stehen wolle.

Den Geyerschen versprach Göftel mit den Bauern Hilfe. Das Bestreben der
Führer ging dahin, den Edelleuten ihre Sitze zu stürmen, den Fürsten
ins Land zu fallen, die Obrigkeit zu vertreiben, Wildbret und anderes
frei zu haben, die Klöster zu stürmen. Wenn sie in Grünhain, Marienberg
und Wolkenstein Glück gehabt hätten, wollten sie nach Chemnitz und
Kloster Zelle.

Zuerst fiel ihnen die Pfarre zu Mildenau zum Opfer. Die Mildenauer
teilten den Königswaldern mit, daß die Pfarre leer stehe, da der
Pfarrer geflohen sei; da zog der unternehmungslustige Richter
Rebentisch mit einer Anzahl Gesellen Sonntag, den 14. Mai, nach
Mildenau. Er kehrte um, aber die übrigen drangen in die Pfarre ein,
plünderten und zerschlugen alles und tranken dem Pfarrer das Bier aus.
Kospoth war auf diese Nachricht sofort mit 12 Pferden aufgebrochen. Bei
seinem Erscheinen verliefen sich die Aufrührer, sodaß er nur einige von
ihnen gefangen nehmen konnte. Weidenbach, der Wolkensteiner Amtmann,
dem sie übergeben wurden, ließ sie frei. Da wurden die Marienberger
nötig und überfielen die Rückerswalder Pfarre. Die Mildenauer zogen
nach Schönbrunn. Sie nahmen die Pfarre ein und trieben allerlei Unfug.
Lukas Merten aus Wolkenstein machte Butter in der Pfarre; dessen Sohn
schlachtete eine Kuh und kochte auch sogleich das Fleisch; Eulner
aus Neundorf zerschlug mit dem Berghammer ein Kruzifix und warf es
ins Wasser; Petzold aus Neundorf hieb dem Johannisbilde, das in der
Schönbrunner Pfarre hing, den Kopf ab, hing es an den Füßen auf und
trug es im warmen Bade umher zur Freude des Wirtes.

In Geyer unterblieb die Erstürmung der Pfarre, da es zum Ausgleich kam.
Die Drehbacher wollten sich gegen ihre Herren, die von Stangen auf
Drehbach, erheben. Gegen 400 Mann zogen vor das Schloß und verlangten
Freisprechung. Rudtloff von Stangen aber, ein furchtloser Mann,
erklärte, würden sie ihm und seiner Mutter etwas nehmen, so würde er
sie in Haus und Hof verbrennen. Da zogen sie ab.

In Zöblitz suchten zwei Häuer aus Marienberg Unruhe zu stiften. Sie
fanden Anhang. Die Aufständischen hatten vor, die Zöblitzer Pfarre zu
plündern, die aber geschützt wurde. Um diese Zeit ward auch die Pfarre
zu Lauterbach geplündert.

Am 17. Mai ließen die Gemeinden, die Herzog Heinrich unterthan waren,
als Schönbrunn, Neundorf, Wiesa, Drehbach, Venusberg, damals Feuchberg
genannt, und Hilbersdorf ihre Beschwerden durch den Wolkensteiner
Amtmann Balthasar von Weidenbach an den Herzog gelangen.

Erfüllt wurden die Forderungen der Bauern nicht. Nach der Niederlage
bei Frankenhausen zerstreuten sich die Unruhestifter. Viele flohen,
um harter Strafe zu entgehen, die auch nicht ausblieb. Herzog Georg
erschien bald im Erzgebirge. Am härtesten verfuhr Ernst von Schönberg
gegen die Aufständischen. Milde war Kurfürst Johann.

In Annaberg wurden vom Herzog Georg viele ausgewiesen oder in
Gefangenschaft gesetzt. Andere mußten die Mauern um Annaberg bauen
helfen. Herzog Heinrich ließ die Richter zu Mildenau, Arnsfeld und
Schönbrunn köpfen. Die Geringswalder und Rückerswalder wurden gespießt,
viele verloren ihre Güter.

Wolf Göftel, der Hauptführer im Erzgebirge, war entflohen. Ernst von
Schönburg schrieb an Herzog Georg, er habe dem Pfarrer zu Penitz die
Ohren abschneiden lassen. Zu Hartenstein ließ er einen henken und
fünf köpfen. In Elterlein büßten ebenfalls sieben die Köpfe ein, fünf
ließ er in der Scheibe einziehen, einen bei Rotensehma spießen und
viele andere an Geld und Freiheit strafen. Das war das Ergebnis der
bäuerlichen Bewegung.

            Nach ~Dr.~ Wolf.


~b.~ Die 12 Artikel der Bauern.

Eine allgemeine Gährung hatte sich der Gemüter bemächtigt.
Wanderprediger und Flugschriften trugen die Gedanken in das Volk
hinaus. Auf der einen Seite war lästig der Druck der Kirche und des
verderbten Pfaffenwesens, auf der anderen der Druck der weltlichen
Herren und die Vorrechte der Städte. Man darf sich nicht wundern,
wenn die Bewegung nächst der religiösen auch bald eine politische und
soziale Färbung annahm.

Die »zwölf Artikel« der Bauern geben ein Bild ihrer Forderungen.
»Die Gemeinde soll das Recht haben, den Prediger zu wählen und zu
entsetzen ... Der Prediger soll das reine Evangelium lehren ... Der
große Zehnte vom Getreide soll dem Pfarrer zum Unterhalte dienen; der
kleine Zehnte von den übrigen ländlichen Erzeugnissen und das Ehegeld
soll abgeschafft sein ... Sie wollen nicht unfrei sein, nicht Hörige,
Lite, Lassen, sondern freie Männer ... Die Frondienste sollen aufhören
und mit ihnen die Belastung der Güter und die Hutungsrechte ...
Gemeindeäcker, Wiesen und Forsten sollen an die Gemeinden zurückgegeben
werden ... Jagd und Fischerei frei sein.« Allen auf die 12 Artikel
gegründeten Forderungen war das Örtliche und Persönliche in reichem
Maße beigemischt.

Das Thun und Treiben der Bauern stand in vollem Widerspruche zu
ihren Erklärungen von Gehorsam, Gesetzlichkeit und Willigkeit, sich
eines besseren belehren zu lassen. Lärmen, Toben, Saufen, Fressen,
Unbotmäßigkeit, Plündern, Rauben, Verwüsten, Sengen und Brennen: das
waren ihre Heldenthaten.


~c.~ Anzeichen für den Bauernkrieg.

+Lehmann+ erzählt von einem Sturme, der für Abergläubische als
Anzeichen des Bauernkrieges galt. Ein Anzeichen war es, als am 15.
Februar 1525 des Nachts das mit Riegeln, Ketten und Schlössern stark
verwahrte Schloßthor in Joachimsthal von einem fast unnatürlich
gewaltsamen Winde aufgestoßen und geöffnet wurde. Es wurde so getrennt,
daß das Hinterteil des mittleren Riegels samt dem starken Thornagel und
der eisernen Feder geborsten und das Vorlegeschloß samt dem Kloben,
der das Thor mit einer starken eisernen Kette über dem Thorriegel
geschränkt, eine Stube weit davon auf dem Schloßplatze verschlossen
gelegen. Dieser ungemeine Sturm hat den damaligen Bauernkrieg nach sich
gezogen.


42. Das Obererzgebirge im Schmalkaldischen Kriege.


~a.~ Der Kriegsschauplatz im Obererzgebirge.

Als der +Schmalkaldische Bund+ siegreich gegen +Kaiser Karl V.+ zog,
fiel +Herzog Moritz+ in das Kurfürstentum Sachsen ein. Da trennte
sich am 23. November 1546 +Kurfürst Johann Friedrich+ von seinen
Bundesgenossen, um sein eigenes Land wiederzuerobern. Nachdem er
Leipzig vom 9. bis 27. Januar 1547 vergeblich belagert hatte, zog er
mit seinem Hauptheere in die Gegend von Borna und Altenburg. Von da
aus entsendete er einzelne Truppenabteilungen gegen die von +Moritz+
besetzten Landesteile und Städte, sowohl des herzoglichen als aus
kurfürstlichen Gebietes. Es gewannen Mitte Mai seine Heerhaufen die
Bergstädte +Annaberg+, +Marienberg+ und einige andere Orte dieser
Gegend und drangen bis +Joachimsthal+ vor.

In dem Schmalkaldischen Kriege scheint die Stadt +Geyer+ durch ihre
Doppelstellung zu dem albertinischen und ernestinischen Hause, die
auch in betreff des Bergbaues Schwierigkeiten machte, wenigstens auf
kurze Zeit in eine gefährliche Lage gekommen zu sein. Der Kurfürst
+Johann Friedrich+ war im Anfang März 1547 mit seinem Heere gegen
Rochlitz aufgebrochen und hatte hier den Markgrafen +Albrecht von
Brandenburg-Kulmbach+, damals des Herzogs Moritz Verbündeten, in
einem Treffen geschlagen. Während +Moritz+ und +August+ auf Dresden
zurückgingen, wandte sich der Kurfürst gegen das erzgebirgische
Oberland und nahm hier eine Stadt nach der andern, ohne aber seine
glücklichen Erfolge thatkräftig genug auszubeuten. In dieser für
das albertinische Haus gefahrvollen Zeit schrieb am 29. März
+Katharina+, die Witwe des Herzogs Heinrich, die sich gleichfalls nach
Dresden geflüchtet hatte, an ihre erzgebirgischen Städte +Geyer+,
+Ehrenfriedersdorf+, +Wolkenstein+ und warnte dieselben ernstlich, daß
sie sich nicht wider ihre Landesherren +Moritz+ und +August+ durch den
Kurfürsten +Johann Friedrich+ gebrauchen lassen sollten, von dessen
Kriegsvolk sie vor etlichen Tagen überzogen worden seien.

            Nach ~Dr.~ Spieß und ~Dr.~ Falke.


~b.~ Kriegsdrangsale in Zwickau.

Daß sich dieser Krieg, dessen Fäden beim Ausbruch in der Hauptsache
nach Süddeutschland führten, im weiteren Verlaufe nach Sachsen spielen
und dort zur Entscheidung kommen würde, hatte wohl niemand, die
beteiligten Führer nicht ausgenommen, geahnt. Auch unser Erzgebirge
mußte manche Sturzwelle desselben über sich ergehen sehen. Ganz
besonders hatte die Stadt Zwickau zu leiden. Diese galt in der
damaligen Zeit für eine ziemlich bedeutende Festung und wurde als
Schlüssel zum Vogtland und zur böhmischen Grenze angesehen. Ihre Bürger
waren gut kurfürstlich gesinnt. Ferdinand von Böhmen, der Bruder
des Kaisers, sollte zunächst die böhmischen Lehen des Kurfürsten
Johann Friedrich einnehmen und dann dem kaiserlichen Bundesgenossen
Herzog Moritz von Sachsen bei der Einnahme Zwickaus Hilfe leisten.
Die Zwickauer hatten schon im Sommer ihre Stadt gerüstet; durch den
kurfürstlichen Obristen Thumshirn waren Adelige, Bürger und Bauern
der Gegend gemustert worden. Die großen Geschütze der Stadt wurden
auf dem Anger vor der Stadtmauer versucht. Der Kurfürst schickte den
Zwickauern 1000 Scheffel Korn zur Versorgung für eine voraussichtliche
Belagerung. Die Besatzung bestand aus 7 Fähnlein Knechten, die sich
aus einem Fähnlein wirklichem Kriegsvolk und 6 Fähnlein Bauern
zusammensetzten. Die wohlgerüsteten Bürger sahen kampfesmutig der
Gefahr entgegen. Herzog Johann Wilhelm, der Sohn des Kurfürsten, wurde
um Hilfe angegangen, leider vergeblich. Er tröstete die Bittenden in
einem Schreiben mit den Worten, Gott werde den boshaften Anschlägen
wehren. Unterdessen zeigten sich die ersten Feinde im Erzgebirge.
Die Bergwerke von Platten und Gottesgab wurden durch wilde Horden
böhmischen Kriegsvolkes heimgesucht. Am 23. Oktober 1546 tauchten dort
die gefürchteten und berüchtigten Husaren, vom Volke Hussern genannt,
auf. Schrecken ging ihrem Erscheinen voraus, Schrecken verbreiteten sie
allenthalben, wo sie sich zeigten. Es waren aber zumeist kroatische,
walachische und polnische Grenzer. Leicht und ungerüstet saßen sie zu
Roß, nur mit Spieß und Tartsche, einem kleinen Schilde, bewaffnet.
Dem deutschen Landsknechte war nach Schilderungen der damaligen Zeit
dieses wüste Raubgesindel in seinen viehischen Gelüsten über. Wie
mögen die armen Gebirgler unter solchen Barbaren gelitten haben! Von
diesen aus dem Gebirge anrückenden Truppen Ferdinands erging die
erste Aufforderung an die Zwickauer, sich zu ergeben, wurde aber
abgewiesen. Da nahte Herzog Moritz. Er hatte Dresden mit nur wenigen
Reitern verlassen und eilte nach Annaberg. Dorthin rief er seine 9
Fähnlein Fußvolk, die während des Sommers in Chemnitz Quartier genommen
hatten. Auf dem Zuge nach Lößnitz verstärkten sich diese so, daß
Moritz vor Zwickau mit 12 Fähnlein Knechten und 600 Reitern ankam.
Dort gedachte er sich mit den Böhmen zu vereinigen, die über Eger in
das Vogtland eingefallen waren und dort unterdessen greulich hausten.
Am 2. November ließ Moritz die Zwickauer zur Ergebung auffordern. Die
Besatzung befand sich in verzweifelter Lage. Bei Adorf waren bereits
sechs Stück der Stadt Zwickau gehörige Büchsen unter dem Hauptmann
Erhard Zölchner verloren gegangen. Moritz stand wohlgerüstet vor den
Thoren, und die Böhmen und Hussern rückten aus dem Vogtlande an. Der
Kurfürst schickte Trostbriefe, aber die ersehnte Hilfe blieb aus.
Dennoch dachten die Bürger nicht an Unterwerfung. Die Stadt wurde gegen
ihren Willen durch die Befehlshaber Dolzig und Planitz übergeben. Am
6. November überreichte eine Abordnung von Ratsherren die Schlüssel
der Stadt an Moritz, am 8. leisteten ihm die Bürger auf dem Kaufhause
die Zwangshuldigung. Die Bauern verließen die Stadt, die kurfürstliche
Besatzung erhielt dem Vertrage gemäß freien Abzug, sie rückte mit
fliegenden Fahnen nach Wittenberg.

Moritz zog am andern Tage über Altenburg in nördlicher Richtung weiter,
auf seinem Zuge die Zwangshuldigung der Werdauer und Crimmitschauer
empfangend. Für die Bergstädte trat nun in gewissem Sinne Ruhe ein,
abgesehen von den Reibungen, die fortgesetzt zwischen der evangelischen
Bevölkerung und der katholischen Besatzung stattfanden; die Städte des
Herzogs Moritz machten hierin keine Ausnahme, weil der Herzog allgemein
als Judas an der guten lutherischen Sache angesehen wurde.

Unterdessen war der Kurfürst aus Süddeutschland über Naumburg, Jena,
Weimar, Langensalza und Halle gekommen und hatte im Sturme seine
verlorenen Städte wiedergenommen. Moritz geriet in Not. Seine einzige
Hoffnung beruhte auf den festen Punkten Leipzig, Dresden, Freiberg und
Zwickau, welche er noch in den Händen hatte. Aber von Zwickau trafen
täglich Nachrichten ein, wie der gemeine Mann gegen die Besatzung »ganz
seltsam und aufwägig« sei und durchaus dem alten Herrn anhinge. Der
Annaberger Stadthauptmann schickte einige hundert Knechte für Moritz
nach Zwickau, die Zwickauer weigerten sich, diese einzulassen. Der
Stadtoberst Wolf von Ende sandte eine Klage über die andere an Moritz,
bis dieser selbst in der Nacht zum 15. Januar 1547 über Freiberg und
Chemnitz in Zwickau ankam.

Er besichtigte die Befestigungen, legte noch ein Fähnlein Hakenschützen
und ein Geschwader Reiter in die Stadt und zwang die Bürger, ihm und
dem Böhmenkönig noch einmal zu huldigen. Da traf die Nachricht ein,
der Kurfürst, welcher 21 Tage vor Leipzig gelegen hatte, wolle in das
Gebirge rücken. In seiner Bedrängnis befahl Moritz, das Landvolk solle
sich in Dresden, Annaberg und Freiberg in seiner besten Wehr sammeln
und für einen Monat Versorgung mitbringen. Die Gebirgler waren zumeist
durch die Geistlichen gegen Moritz gestimmt und stellten sich nur in
geringer Zahl. Anfang Februar waren 5 Fähnlein böhmischer Knechte nach
Freiberg gekommen, um nach kurzer Rast weiterzuziehen, blieben aber
liegen, weil sie ihren Sold, den die Offiziere in Dresden verspielt
hatten, nicht bekamen. Natürlich mußten darunter die Freiberger bitter
leiden. Zwischen den Berghäuern und Soldknechten kam es dort zu
Thätlichkeiten, die selten unblutig abliefen. Als wenige Wochen darauf
die Freiberger Besatzung gemustert wurde, waren nicht weniger als 150
Knechte entlaufen.

Schrecklich war es während dieser Zeit den Zwickauern ergangen. Dort
war der Markgraf Albrecht von Brandenburg-Culmbach zur Sicherung
der von den Bürgern bedrohten Besatzung eingerückt. Als er aber
am 31. Januar nach Chemnitz beordert wurde, ließ er ohne weiteres
die Bürger aus der Stadt ausweisen. Nur die zur Arbeit nötigen
wurden zurückbehalten. Die Bürgerschaft zog an diesem Tage unter
entsetzlichem Jammer der Weiber und Kinder bei großer Kälte aus der
Heimat in die Nachbarstadt Schneeberg. In Zwickau wurde zum Zeichen des
Kriegsregiments auf dem Markte der Galgen aufgerichtet. Die Vorstädte
und 18 Dörfer der Umgegend legte die Besatzung in Asche. Die Plünderung
war allgemein. Als Gegenstück, angeblich aus Rache gegen den Zwickauer
Befehlshaber Wolf von Ende, Besitzer von Rochsburg, ließ der Kurfürst
Rochsburg verbrennen und die Höfe von Kriebstein ausbrennen. Furchtbar
litt das arme Sachsenland unter dem Vetternkriege, der sich immer
mehr zu Ungunsten des Herzogs neigte. Dieser zog sich deshalb nach
Freiberg zurück, um im Falle einer Niederlage Dresden oder Böhmen
nahe zu sein. Ja, selbst in Freiberg fühlte er sich nicht sicher; er
lebte in beständiger Furcht, daß ihm die Wege nach Böhmen versperrt
werden könnten. Am 8. März wurde Chemnitz durch eine kurfürstliche
Abteilung zur Übergabe aufgefordert, die Chemnitzer gaben gar keine
Antwort und blieben vorläufig unbehelligt. Im Erzgebirge aber wurde
der kurfürstliche Obrist Thumshirn, welcher von einem Streifzuge aus
Franken her anrückte, mit offenen Armen aufgenommen.

Die Annaberger empfingen ihn mit Freude, die Wolkensteiner und
Marienberger ergaben sich auf bloße Aufforderung. Die Ratsherren
dieser Städte waren zwar gegen sofortige Ergebung, allein das Volk,
das Moritz als Verräter ansah, riß die Gewalt an sich. Oederan und
Zschopau wurden am 27. und 28. März durch Thumshirn nach Annaberg zur
Huldigung befohlen. Auch Joachimsthal nahm dieser ein und veranlaßte
dadurch den Aufstand in Böhmen gegen Kaiser und König, der dort schon
lange gärte. Wäre Thumshirn in der eingeschlagenen Richtung weiter
vorgerückt, so hätte er Ferdinand und Moritz, die mit ihren Truppen
von Freiberg über Lauenstein nach Teplitz und Brüx zogen, um sich in
Eger mit dem Kaiser zu vereinigen, den Weg abschneiden können. Moritz
selbst war als letzter aus Freiberg am 24. März abgezogen, um den
üblen Eindruck seines fluchtartigen Aufbruchs zu verwischen. Sein Zug
ging über Frauenstein, Sayda und Klostergrab nach Brüx. Thumshirn
aber benutzte seinen Vorteil nicht, sondern plünderte das herzogliche
Schloß zu Marienberg und zog weiter brandschatzend durch das sächsische
Erzgebirge. Am 3. April fiel Chemnitz, am 8. Freiberg und das Amt
Schellenberg bei Chemnitz.

Trotz dieser Erfolge zog sich das Verderben dunkel und drohend über
die Kurfürstlichen zusammen. Lange hatte der Kaiser gezögert, ob
er sich um seiner Krankheit willen pflegen oder ins Feld ziehen
solle. Da verbreitete sich plötzlich die Nachricht, daß der Zug nach
Sachsen beschlossen sei. In Eger war noch in Gegenwart des Kaisers
das Osterfest feierlich begangen worden. Am 10. April rückte Herzog
Moritz, dem das ganze kaiserliche Heer folgte, mit einem Vortrab
im Vogtlande ein. Am 16. April unternahm der Obrist Kruda mit 800
Reitern, einigem Fußvolk und Geschütz einen Ausfall von Zwickau nach
Schneeberg, das sich nach kurzer Gegenwehr ergab, worauf der Obrist das
Ratskollegium und die höheren Bergbeamten mit fortschleppte und erst
nach Erlegung einer Summe von 500 Gulden wieder losgab. Am 16. April
war der Kaiser selbst in Werdau. Das nachbarliche Zwickau vermied er
absichtlich, weil dort eine fürchterliche Seuche wütete. -- Der weitere
Verlauf des schmalkaldischen Krieges bis zu dem Unglückstage auf der
Lochauer Haide bei Mühlberg an der Elbe ist allenthalben bekannt. Als
die aufrührerischen Böhmen von der Niederlage des Kurfürsten hörten,
unterwarfen sie sich kläglich und ließen Thumshirn mit seinen 4000
Fußknechten und 600 Reitern im Erzgebirge im Stich. Moritz beeilte
sich nun, diesem Rest der kurfürstlichen Truppen die Erzgebirgspässe
zu verlegen. Es gelang ihm nicht. Thumshirn brach durch und vereinigte
sich mit des Kaisers Feinden. Bald ertönten die Friedensglocken auch
im Erzgebirge, aber der ersehnte Frieden mochte nicht kommen. Lange
noch raubten und plünderten die unbezahlten Söldnerscharen im armen,
unglücklichen Lande.


~c.~ Drangsale in Schneeberg.

Obgleich nun am 24. April schon der Kurfürst Johann Friedrich auf
der Lochauer Haide Schlacht und Kurhut verloren hatte, so schwärmten
doch noch später kurfürstliche Truppen unter dem bekannten Obersten
von Thumshirn hier im Gebirge umher. Es war, wie es scheint, die
Kunde von des Kurfürsten Mißgeschick sogar da noch nicht bis hierher
gedrungen, als an einem schönen Frühlingstag, Sonntag Jubilate am 1.
Mai um 10 Uhr vormittags, eine stattliche Reiterschar von Zwickau
her durch die Zwickauer Gasse nach der sogenannten Fürstengasse, dem
heutigen Fürstenplatz in Schneeberg, hereingetrabt kam. Es waren
vornehme Kavaliere, unter ihnen ein Kaspar von Stadion, also wohl ein
Württemberger. Die Schneeberger aber, die etwa bei der Hand waren, um
die glänzenden Reiter anzustaunen, mögen thatsächlich wohl Mund und
Nase aufgesperrt haben, denn von den lauten Reden, die die Herren
wechselten, als sie sich vor Wenzel Gassauers Gasthof -- dem späteren
Fürstenhaus, einem Gebäude, das wechselvolle Schicksale gehabt --
von den Rossen schwangen, haben die Zuschauer wenig verstanden, da
hauptsächlich Spanier und Italiener sich darunter befanden. Vielleicht
ist einer von den Bergleuten, die in der Umgegend wohnten, dann
später den Leuten des Thumshirn in die Hände gelaufen, oder es hat
ein treuer Anhänger des Kurfürsten -- und das scheint bei der damals
in den Bergstädten vorhandenen Gesinnung gegenüber den katholischen
Hilfstruppen des Herzogs Moritz wahrscheinlicher -- Botschaft hinüber
in die Annaberger Gegend, wo die kurfürstlichen Völker streiften,
gesendet. Fast möchte man der Zeit nach freilich glauben, daß diese
schon nach unserer Gegend her unterwegs waren, denn gerade als die
28 kaiserlichen Offiziere unter fröhlichem Scherzen und Lachen beim
stattlichen Mahle waren, »etwan nach Mittags um 1 Uhr« heißt es in
der Chronik, da kam ein starker Haufe der Thumshirnschen Reiter
zum Hartensteiner Thor herein. Sie mögen wohl durch Nebengassen
heranschleichend das Haus umstellt haben, einen Warner für die
Schmausenden hat es aber nicht gegeben, denn urplötzlich brach das
Verhängnis über sie herein. Kaum hatten sie Zeit, nach der Wehr zu
eilen, ein fürchterliches Getöse entstand. Die Überraschten und vom
Wein vielleicht schon etwas Bemeisterten vermochten nichts gegen die
Übermacht. Ob sie sich auch tapfer zur Wehr setzten, einige auch die
Thür gewannen und die Treppe hinab mit wuchtigen Hieben sich Bahn
brachen, die Gegner waren zu stark, hier und da brach einer blutend
zusammen, zwölf wurden ihrer niedergemacht und einer, der sich auf die
Oberstube des Nebenhauses gerettet, dort zum Fenster heruntergestürzt;
die übrigen gaben sich gefangen.

            Nach ~Dr.~ Jakobi.


43. Der Dreißigjährige Krieg im oberen Erzgebirge.


~a.~ Kurfürst Johann Georgs I. Verteidigungswerk.

Schon im Jahre 1613, als die in Böhmen ausgebrochenen
Religionsstreitigkeiten und Unruhen immer bedenklicher wurden,
errichtete +Kurfürst Johann Georg I.+ von Sachsen für sein ganzes Land,
um dasselbe möglichst wehr- und kriegsfähig zu machen, ein sogenanntes
+Verteidigungswerk+, d. h. eine Art von Land- und Bürgerwehr, wozu
durch besondere Ausmusterungen die kriegstüchtigen Männer aus den
Städten und Dörfern ausgehoben und in besondere Haufen gebracht wurden.

So bestand das +Freiberger+ Verteidigungswerk aus der Mannschaft,
die nicht allein aus der Stadt und dem Amtsbezirke, sondern auch aus
dem +Wolkensteiner+, +Grünhainer+ und +Tharandter+ Amte genommen war
und zusammen 520 Mann ausmachte. Diese Mannschaften mußten von den
betreffenden Städten mit den nötigen Waffen und den vorgeschriebenen
Ausrüstungsstücken, nämlich grauen Röcken mit roten Aufschlägen, roten
Tuchstrümpfen und schwarzen Hüten versehen werden. Zum Unterhalte
dieser Verteidiger wurde im ganzen Lande eine Steuer ausgeschrieben,
wozu jede Stadt nach Verhältnis beizutragen hatte. Die +Marienberger+
Stadtgeschichte berichtet, daß von diesem Orte allein im Jahre 1631
nicht weniger als 513 Gld 9 Gr 2 Pf Angeld und 43 Scheffel 9½ Metze
Hafer an das Amt +Augustusburg+ abgegeben werden mußten. Im genannten
Jahre, wo die Kriegsunruhen die sächsischen Grenzen bereits aufs
schlimmste bedrohten, wurden von den erwähnten Verteidigern viele an
die sächsisch-böhmische Grenze geschickt, um da in Gemeinschaft mit
den gebirgischen Bewohnern alle Pässe zu verhauen oder wenigstens zu
bewachen und das Eindringen von feindlichen Streifhorden aus Böhmen zu
verhindern.

            Nach Donat-Holzhaus.


~b.~ Wie in Böhmen der Krieg ausbricht.

Kaum hatten sich die unglücklichen Bürger +Annabergs+ von den Schäden
des großen Brandes 1604 notdürftig erholt, da hatten sie um die
gerettete Habe wegen des in Böhmen 1618 ausgebrochenen Dreißigjährigen
Krieges zu fürchten. Von 1622 an suchten verschiedene böhmische
Protestanten in Annabergs Mauern eine Freistatt ihres bedrückten und
verfolgten Glaubens. Dieser Zuzug steigerte sich wesentlich 1625--26.
Namentlich viele Edelleute waren es, die sich hier niederließen. Zu
ihnen gehörte +Sidonie von Hassenstein+. Das gewöhnliche Volk bezog die
Dörfer oder gründete neue Ansiedelungen. So ließen sich in damaliger
Zeit eine Anzahl Flüchtiger in +Cranzahl+, +Bärenstein+, +Stahlberg+
und anderen Orten nieder. Aus einem Dorfe bei Elbogen hinter Karlsbad
flüchtete ein vertriebener Bauer, Barthel Leibelt, in die +Cranzahler+
Richterschmiede. Bei dem glaubensfrischen Steiger Christian Päßler in
+Stahlberg+, der an seiner Kirche sein Paradies gehabt hat, ließen
sich sehr viele nieder und bauten sich an. Wie groß die Glaubenstreue
gewesen ist, ersieht man daraus, daß Georg Wagner, Richter am
+Weipert+, 1643 als Apostata oder Abtrünniger erwähnt ist. Insbesondere
mußten auch die Geistlichen, in +Joachimsthal+ sogar 3, katholischen
Priestern und Mönchen weichen. Der Weiperter Pfarrer vermochte sich
bis 1625 zu halten. Als er da der Macht wich, zog er nach +Cranzahl+.
Seine Gemeinde ging mit ihm hier zur Kirche. Erwähnt sei noch, daß
1620 Michael Mahn und Joachim Petzelt von +Cranzahl+ in Böhmen von
Kriegsleuten angegriffen und ums Leben gebracht worden sind. Ihnen
wurden wenigstens in Cranzahl Leichenreden gehalten.

            Nach ~P.~ Schultze und Finck.


~c.~ Wie dem Obererzgebirge das Kriegsunglück naht.

Im Jahre 1629 wurde am 6. März zu Annaberg das +Restitutionsedikt+,
das die Herausgabe sämtlicher Kirchengüter forderte, veröffentlicht.
Bis zum Jahre 1629 hatte man im Erzgebirge von dem großen Kriege
in den deutschen Landen nur wenig bemerkt. Einige Durchmärsche
der Kaiserlichen über das Gebirge brachten nur vorübergehende
Unzuträglichkeiten. 1630 feierte man in allen protestantischen Kirchen
das Jubeljahr der Übergabe des +Augsburgischen Bekenntnisses+. Die
entscheidende Wendung brachte das Jahr 1631, nach +Gustav Adolfs+
Sieg bei +Breitenfeld+ am 7. September. Kurfürst +Johann Georg I.+
ließ nun Truppen werben. Die Erzgebirgspässe wurden besetzt. Der alte
+Slavenpaß+, der über +Weipert+ und +Komotau+ in das Egerthal führt,
bildete nun in dem wechselvollen Kriege eine viel benutzte Heerstraße.
»Das gute Gebirge mußte alle Parteien von Freund und Feind erdulden,
sie speisen, auslösen, fördern und hausen lassen.«

+Meltzer+ erzählt in seiner Stadtgeschichte Schneebergs von
Wunderzeichen am Himmel, welche den Krieg anzeigten. Am 25. Januar oder
Pauli Bekehrungstage 1630 hat man überall im Gebirge ein Feuer- und
Wunderzeichen am Himmel gesehen, als wenn unterschiedene Kriegstruppen
miteinander im Gefechte wären. Dergleichen hat man gehöret, als
wenn Musketen losgingen, zur Begrüßung geschossen würde. Dies haben
unzählige Personen mit Verwunderung und Schrecken beobachtet, aber
auch mit seiner Bedeutung in erfolgten feindlichen Einfällen und
Kriegsbewegungen erkannt.

            Nach Meltzer u. a.


~d.~ Wie wichtige Obererzgebirgspässe besetzt werden.

Drei Hauptpässe, erzählt +Chr. Lehmann+ in seinem »Schauplatze«,
gehen über dieses Gebirge nach Böhmen, nämlich der +Rittersgrüner+,
+Preßnitzer+ und +Reitzenhainer+. Der +Rittersgrüner+ liegt in einer
festen Enge, daß man den ganzen Grund mit einer Schanze sperren konnte,
und hat Holck viel Mühe und Beschwerden gekostet, ehe er durch das
enge und morastige Waldgebirge hat brechen können. Der Preßnitzer geht
über +Kühberg+, +Paßberg+ und ist ein gut Stück gebrücket. Die 10
Minuten langen Schanzen am +Blechhammer+ sind noch jetzt zu erkennen.
Der +Reitzenhainer+ geht über +Stollberg+, +Zschopau+ und +Marienberg+
hin, liegt mitten im Walde eine halbe Meile von +Paßberg+ und hat der
reisenden Leute halber einen Gasthof.

Durch diese Pässe haben die Gebirger im Dreißigjährigen Kriege großen
Schaden erlitten. Diese Waldpässe wurden im Jahre 1631 im September
weit und breit verhauen, viel tausend Bäume gefället, daß sie meist
mannshoch übereinander lagen, weder Roß noch Wagen durch konnten
und Korn, Malz und Mehl, alles herübergetragen oder geschleppt und
kümmerlich durchgezogen werden mußte.

Vor dem +Reitzenhainer Paß+ war eine böhmische Schanze und ein
Vorratshaus von Böhmen besetzt, welche der sächsische +Oberst Taube+
mit 1500 Mann zerstörte. An dem +Preßnitzer Paß+ hatte man zwei
Schanzen angelegt. Die eine war nahe an +Weipert+ am Grenzwasser beim
Gasthofe. Man hatte den Hof und das Haus mit hohen Pfählen verschanzt,
Schießlöcher durch die Ställe gemacht und den hohlen Weg zum Laufgraben
gebraucht. Das Wachhaus war mit Pfählen hoch verschanzt und darüber
eine kleine viereckige Schanze. Diesen Paß besetzte der auf +Preßnitz+
liegende +Hauptmann Krebs+ mit 50 Musketieren, setzte die nächsten
Dörfer umher in Kriegskosten, gab Schutzwachen aus nach +Crottendorf+,
+Sehma+, +Cranzahl+.

Ehe diese Pässe verhauen wurden, mußten die Gebirger vier Wochen lang
in großer Anzahl davorliegen. Die +Wolkensteiner+ bewachten den Paß
von +Reitzenhain+ und +Kriegwald+, die +Annaberger+ und +Grünhainer+
den +Preßnitzer+, das Amt +Schwarzenberg+ den Paß bei +Wiesenthal+ und
+Rittersgrün+.

Vor alters hatte man von +Freiberg+ die Pässe von +Frauenstein+,
+Reitzenhain+, +Preßnitz+. Durch diese sehr wilden und engen Pässe ist
man nach +Halle+, +Leipzig+ und dem +Harze+ gefahren und zwar nicht
ohne große Mühe und Gefahr wegen des Morastes, des tiefen Schnees und
der Räuber. Sie sind aber auf viertel, halbe und dreiviertel Meilen
gebessert und gebrücket, auch darum mit Zöllen und Geleitgeldern
beleget worden. Überdies findet man auch richtige Wege zur Jägerei und
Anführung der Zeugwagen. Bei +Joachimsthal+ ließ +General Holck+ einen
neuen Weg durch Aufhauung des Waldes räumen.

Ein Lichtungsweg oder Paß berührte also auch die +Bärensteiner+ und
+Weiperter+ Flur. Eine Fortsetzung der Handelsstraße von Prag nach
+Laun+, +Saaz+, +Kralup+ und +Kaden+ darstellend, zog er sich durch
+Reischdorf+ nach +Preßnitz+, wo ein Schloß mit drei Türmen stand,
von einem Wassergraben umgeben und geschützt durch eine Zugbrücke.
Von dieser mutmaßlichen Zollstätte führte der Paß nach +Pleil+ und
+Sorgenthal+, dem +Weißen Hirsch+ und durch die nördliche Spitze
+Weiperts+ nach dem +Blechhammer+ herunter. Hier überschritt er
den Grenzbach, die Pöhla, und ging über +Kühberg+ und +Zollhaus
Berghäusel+ nach +Cranzahl+ herein, von hier aber auf der »alten
Schlettauer Straße« nach +Schlettau+ und weiter nach +Elterlein+,
+Zwönitz+, +Stollberg+, +Leipzig+ und +Halle+, woher die Böhmen
das unentbehrliche Salz holten, das ihr Kesselland nicht besitzt.
Noch heute sind an vielen Stellen die tief und breit in Felsboden
ausgefahrenen Hohlwege sichtbar, wie am +Blechhammer+, in +Kühberg+,
vor dem Erbgerichte und auf der »alten Straße« nach Schlettau, das
übrigens noch im Jahre 1807 zur Wiederherstellung der Grenzbrücke am
Blechhammer 72 M beitragen mußte.

            Nach Chr. Lehmann und ~P.~ Schultze.


~e.~ Die ersten Kriegsdrangsale in Marienberg.

Am 16. September 1631 wurden 1500 Mann kaiserliches Fußvolk, das
bei Leipzig nach der Schlacht bei +Breitenfeld+, am 7. September,
sich ergeben hatte und nun freien Abzug nach Böhmen erhielt, durch
sächsische Reiterei und Infanterie bis +Reitzenhain+ geführt, bei
welcher Gelegenheit die Stadt Marienberg die genannten Truppenteile
aufzunehmen hatte und derselben ein Kostenaufwand von 425 Gld 20 Gr
erwuchs.

Sehr verhängnisvoll sollte das Jahr 1632 für +Marienberg+ werden. Dies
erfuhr die Stadt schon, als am 4. Mai die +Fürsten von Anhalt+ und der
von Altenburg auf dem Durchmarsche nach Böhmen mit zwei Regimentern
einrückten und einige Wochen später der sächsische +Oberst Vitzthum
von Eckstädt+ mit einem Reiterregimente die Stadt als Musterungsplatz
wählte. in beiden Fällen hatte dieselbe für Verpflegung u. a. 825 Thlr
5 Gr, sowie später noch 1435 Gld 9 Gr 8 Pf zu zahlen.

            Nach Donat-Holzhaus.


~f.~ Wallensteins Truppen kommen.

In großen Schrecken sollte das Obererzgebirge versetzt werden, als
+Wallenstein+ seine dem Laster ergebenen und aus allerlei Volk
zusammengelesenen Truppen nach Sachsen führte. Der +General Holck+,
Wallensteins Oberstfeldmarschall, ein Protestant aus Dänemark, sowie
der +Kroatenoberst Corbitz+ führten ihre Banden über +Altenberg+,
+Schneeberg+ und +Annaberg+ durch unser Gebirge, wodurch dieses aufs
höchste geängstigt ward. Am 10. August 1632 rückte der Vortrab des
Holckschen Heeres unter +Oberst Isaak von Brandenstein+ vor +Annaberg+,
wo nicht nur 2000 Thaler Brandschatzung gezahlt werden mußten,
sondern auch, trotz des gegebenen Ehrenwortes, die Stadt vor aller
Unbill zu schonen, in schrecklichster Weise geplündert und alles Vieh
weggetrieben wurde.

Nach dieser Heldenthat ging es weiter, und mitten in der Nacht kam die
Bande vor +Marienberg+ an. Ein kaiserlicher Trompeter sprengte vor
das verschlossene Annaberger Thor und begehrte im Namen des Kaisers
Öffnung und Übergabe der Stadt. Der +Bürgermeister Franke+ bat um einen
Tag Bedenkzeit; der Trompeter ritt zurück und nach einer in großer
Angst durchwachten Nacht öffnete man das Thor und -- nirgends war
ein feindlicher Soldat mehr zu erblicken. Die Gefahr war für diesmal
abgewendet; aber die Angst stieg wieder aufs höchste, als man vernahm,
daß der grausame +General Holck+ selbst bereits in +Schneeberg+
angekommen sei und sein Heer dort nicht nur alles geplündert
und zerstört, sondern auch Fliehende und Flehende unbarmherzig
niedergeschossen, viele Bürger getötet oder bis auf den Tod gequält, ja
den Stadtrichter vor der Thür seines Hauses und einen 90jährigen Greis,
den früheren +Bürgermeister von Schlackenwerth+, niedergemetzelt hatte.

Von +Eger+ kommend, drang 1632, Mitte August, der +General Holck+ mit
seinen Scharen über +Elbogen+, +Neudeck+ nach +Eibenstock+ und von da
gegen +Schneeberg+ vor. Gar übel haben die Kroaten überall gehaust.
+Schwarzenberg+, +Schneeberg+, +Lößnitz+, +Grünhain+, +Elterlein+,
+Geyer+ wurden geplündert und niedergebrannt. Schreckliche Zeiten waren
gekommen. Das liebe Getreide wurde zertreten, viele hundert Stück Vieh
wurden geraubt, von den Marketendern teuer verkauft, Brot und Bier
wurde durch dieselben abgeführt und dadurch Hunger, Brotmangel, Zagen
und Wehklagen verursacht.

            Nach Donat-Holzhaus u. a.


~g.~ Oberst Preuß vor Marienberg.

Am 21. August rückte +Oberst Preuß+ vor +Marienberg+, nachdem ihm
+Holck+, in Rücksicht darauf, daß die Stadt noch vom großen Brande her
zum Teil in Schutt lag, einige Schonung anempfohlen hatte. Am genannten
Tage früh 10 Uhr reitet ein Trompeter vor das verschlossene Thor und
verlangt, daß man öffne. Niemand hört ihn und erbittert reitet er zum
Heerhaufen zurück. Als auch auf eine erneute Aufforderung keine Antwort
erfolgte, ward Sturm geblasen, das Thor gesprengt, und vorsichtig
rückte man auf den großen, weiten Markt vor. Zwei volle Stunden läßt
der Oberst, der einen Hinterhalt vermutet, seine ungeduldigen Soldaten
hier stehen. Ringsum herrscht aber die Stille des Kirchhofs -- kein
Mensch zeigt sich! Da wird das Rathaus gewaltsam geöffnet; aber auch
hier ist kein Mensch zu finden. Selbst der Rat hatte den Mut verloren
und mit zuerst die Flucht ergriffen; alle Einwohner waren samt den
Geistlichen in den Wald geflohen und nur einige Arme und Kranke
zurückgeblieben. Der Ratsdiener aber und einige Bürger wurden noch in
der Nähe der Stadt ergriffen und von den Kroaten niedergeschossen.

Als die Bande sah, daß die Stadt aus Furcht vor der Gefahr preisgegeben
worden war, begann sofort die Plünderung, welche zehn volle Tage
hindurch fortgesetzt wurde. Mit einem unglaublichen Spürsinne wußten
die Soldaten in Kellern und Bergschächten, wohin man das Beste der Habe
vergraben und verborgen hatte, diese aufzufinden. Auf dem Rathause fand
man so viel Gold- und Silberzeug, daß damit allein die Stadt hätte von
der Plünderung befreit werden können, wenn der zweite Bürgermeister,
+Adam Genser+, nicht ganz und gar den Kopf verloren gehabt hätte. Als
derselbe sich nach einigen Tagen wieder aus dem +Reitzenhainer Walde+
hervor in die Stadt wagte, nahmen ihn die Kroaten gefangen und ließen
ihn nicht eher los, bis die Kämmerei 100 Thaler für ihn bezahlt hatte.

Hunger und Elend nahmen unter den unglücklichen Bewohnern überhand,
welche neun Tage in Höhlen und Klüften der Wälder gelebt hatten,
weshalb sich eine Anzahl mutiger Bürger entschloß, beim +Oberst Preuß+
um sichere Rückkehr in die Stadt zu bitten. Die Erlaubnis ward gegeben
und sogar eine Abteilung zur Deckung des traurigen Einzugs beordert,
und so kehrten am 30. August sämtliche Bewohner zurück, fanden aber
bald genug zu ihrem größten Schrecken, daß ihre so sicher geglaubte
Habe geraubt war. Der Stadtgeschichtsschreiber berichtet hierüber:
»38 Fähnlein Fußvolk sind auf dem Markte, als der Marsch wieder
fortgegangen, gestanden; die Reiterei ist aber bei der Stadt vorüber
nach +Freiberg+ zu marschiert; es ist weder Brot noch einiger Trunk in
der Stadt zu bekommen gewesen, und hat nach diesem Unglücke ein Brot
-- sonst einen Groschen -- 5 Groschen und eine Kanne Bier 3 Groschen
gegolten.« Auch wird noch weiter hinzugefügt: »Es sind auch 325
Personen an der Soldatenkrankheit gestorben, welche die kaiserlichen
Völker für Ausplünderung der armen Stadt als Trinkgeld hinterlassen.
Unter den Verstorbenen waren auch die Stadtschreiber Joachim Frank und
Josephus Collmann, sowie der Stadtrichter Heinrich von der Feldt.«
Übrigens lagen noch bis zum 25. September Soldaten in der Stadt, wo
sie bis auf 15 Mann, welche als Schutzgarde zurückgeblieben, abzogen.
Ehe aber der Aufbruch geschah, sollte zuvor einer, der einen Mönch
erschlagen, stranguliert werden, »hatte sich aber, als ein seltsamer
Abenteurer, vom Galgen wieder losgemacht«.

            Nach Donat-Holzhaus.


~h.~ Wie die Kaiserlichen nach der Lützner Niederlage im Gebirge hausen.

Früher ward in der gewölbten Sakristei der +Zwickauer Marienkirche+ ein
in Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der
Hauptmann Martin +Römer+ im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte.
An dieses Kreuz heftete sich der Fluch: »Wer ein Stücklein von diesem
Holze mit Gewalt nehmen wird, der sei verflucht und das heilige Kreuz
bringe ihn um.« Nun hat +Herzog von Friedland+ oder +Wallenstein+ am 1.
September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern +Graf Maximilian von
Wallenstein+ und +Graf Paul von Lichtenstein+ abholen und dem Kaiser
eigenmächtig im Namen der Stadt +Zwickau+ anbieten lassen. Nachdem
dies am 14. September geschehen, hat +Wallenstein+ am 6. November die
große +Schlacht bei Lützen+ verloren und seit dieser Zeit kein Glück
mehr gehabt, also daß er schließlich zu +Eger+ umgekommen ist. Auch die
beiden Grafen sind eines unnatürlichen Todes gestorben. So erzählt die
Sage. In der +Lützner Schlacht+ hat auch auf Seite der Kaiserlichen
+Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg+ mit gekämpft. Es ist derselbe,
welcher die +Kapelle+ auf dem +Kupferhügel+ in Böhmen gründete.
Er weihte sie der Maria. Man hat jeden Freitag zur Zeit der Blüte
des dortigen Bergbaues Gottesdienst darin gehalten. Später verfiel
sie und ward erst 1821 wieder hergestellt. Der Gründer, +Franz von
Sachsen-Lauenburg+, ist derjenige, welchem der Tod des Schwedenkönigs
+Gustav Adolf+ in der Schlacht bei +Lützen+ zugeschrieben wird. Die
kaiserliche Besatzung vor +Leipzig+ fiel den Schweden in die Hände,
wurde entwaffnet und von schwedischen Reitern auf dem +Weiperter Paß+
nach Böhmen geführt. Kaum war die schwedische Bedeckung fort, so fielen
die in die Wälder geflüchteten Bauern am +Kühberge+ über Wagen und
Rosse her und hieben die Begleitung der Rosse nieder.

Der Rückzug der Kaiserlichen nach der Schlacht bei +Lützen+ verbreitete
von neuem Schrecken, Elend und Not. Die Kaiserlichen trieben alles
Vieh, was sie überhaupt noch in den Ställen fanden, mit fort. Als
einigermaßen wieder Ruhe wurde, kamen die geflüchteten Landesbewohner
aus den Bergschluchten und Wäldern wieder hervor. Kaum elendes
Kleienbrot und Salz konnten sie auftreiben, als der Landmann wieder
zum Pfluge griff. -- Sogar +Bernhard von Weimar+ ließ +Wolkenstein+,
+Lauterstein+, +Augustusburg+, sowie die +Bergstädte+ brandschatzen.
Am 16. Dezember rückte er vor +Zwickau+, beschoß die sich lebhaft
verteidigende, von Kaiserlichen besetzte Stadt und legte mit dem Feuer
von acht halben Kanonen die Stadtmauer am Rößleinturme nieder, sodaß
die Kaiserlichen mit fliegenden Fahnen, Kugeln im Munde, brennender
Lunte und viel Vorratswagen abzogen.

Im nächsten Jahre 1633 kam +Holck+ wieder ins Gebirge. 16000
Kaiserliche zogen über den +Weiperter+ Paß nach Böhmen. Zwei Jahre lang
blieb derselbe besetzt. Alles wurde zu nichte gemacht. In +Schneeberg+
raubt er den Altar, heilige Geräte, Meßgewänder, vernichtete die Bilder
von Luther und Melanchthon. +Aue+ wurde niedergebrannt, +Lößnitz+
geplündert und ausgeraubt. Dazumal ist auch das Getreide im Felde an
vielen Orten niedergetreten worden. Wochenlang brachten die Bewohner
der Orte in den Wäldern zu.

Später befreite der sächsische +Oberst von Taube+ das Land von den
Kaiserlichen. Aber die eigene verwilderte Soldatenhorde hauste nicht
minder schrecklich. Es waren sächsische Dragoner, welche die Thore
von +Marienberg+ stürmten und die Stadt, wie später auch +Annaberg+,
plünderten.

            Nach ~Dr.~ Köhler, M. v. Süßmilch u. a.


~i.~ Wie die Bauern die Kaiserlichen vertreiben.

Als im Jahre 1632 die Kaiserlichen die Ausgänge der Pässe von
+Preßnitz+ und +Reitzenhain+ besetzt hielten, thaten sich die Bauern
zusammen, vertrieben die Kaiserlichen aus den Schanzen und lauerten
ihnen auf, wenn sie mit Beute durchs Gebirge zogen. Der Anführer der
Bauern war der +Amtsschösser+ von +Grünhain+, +Friedrich Türck+. Als
nun von allen Seiten Klagen über die Bauern beim +General Gallas+,
welcher um Freiberg lag, einliefen, schickte dieser wiederholt Boten
an +Türck+ mit Warnungen und Drohungen und verlangte Kriegskosten.
+Friedrich Türck+ wollte davon nichts wissen und ließ den Kaiserlichen
entbieten, er wollte ihnen Pestilenz, Pulver und Blei und alle
katholischen Steine aus dem Kloster Grünhain auf die Köpfe geben.
Dies konnte nicht ungestraft bleiben. +Gallas+ entsandte 2000 Pferde
mit 20 Standarten unter dem +Obersten Kehreuß+ gegen die Bauern
ins Gebirge. Am 7. November kamen sie auch durch +Kühnhaide+. Von
+Friedrich Türck+ wird gerühmt, »er habe seine Bauern dermaßen
begeistert und abgerichtet, daß sie frisch vorm Feinde standen, keine
Gefahr scheuten und sich trefflich wehrten, sonderlich, wenn er dabei
war und ihnen zusprach«. -- Es drängt sich die Vermutung auf, daß die
»+Türckenheide+« bei Kühnhaide ihren Namen von jenem Bauernführer
erhalten hat.

Auch in andern Gegenden wehrten sich die Bauern erfolgreich. Das
berichtet die Erzählung von den sechs Brüdern bei +Geyer+. Als
nämlich in demselben Jahre, 1632, kaiserliche Truppen von der Burg
+Scharfenstein+ die ganze Umgegend durchstreiften und plünderten,
war es einem Trupp herzhafter Burschen aus +Elterlein+ und +Zwönitz+
gelungen, in der Nähe von +Scharfenstein+ sechs Österreicher, welche im
dichten Walde schliefen, zu überfallen und gefangen zu nehmen. Was nun
mit den Gefangenen zu beginnen sei, darüber entstand bei den Siegern
heftiger Streit. Die von +Elterlein+ meinten, daß es das beste sei, sie
sämtlich totzuschlagen. Die von +Zwönitz+ wollten nichts davon wissen
und brachten es dahin, daß man beschloß, sie zum Heere zu bringen.
Sie zogen fort. Als sie in die Nähe von +Geyer+ kamen, erhob sich der
Streit von neuem, und weil die +Elterleiner+ mit Gewalt drohten, so
wurden die Zwönitzer voll Ärger und schieden von ihnen, die Gefangenen
ihrem Schicksale überlassend. Dieses war ein trauriges. Denn kaum waren
die +Zwönitzer+ im Walde verschwunden, so fielen die mordlustigen
Elterleiner über die wehrlosen Opfer ihrer Wut her und ermordeten fünf
Österreicher auf die grausamste Weise, den sechsten aber warfen sie
in ein tiefes Loch, in welchem ihn die Vorübergehenden noch am andern
Tage jammern hörten. Zum Gedächtnisse dieser Greuelthat heißt jene
Stelle der Wiesen bei Geyer noch jetzt »+Sechs Brüder+«, ohne daß man
bestimmen kann, ob wirklich die sechs unglücklichen Österreicher Brüder
gewesen sind.

Die unmenschliche Behandlung, welche die friedlichen Bewohner von
Freund und Feind zu erdulden hatten, brachte es so weit, daß eben jeder
Soldat, gleichviel, welcher Seite er angehörte, als Feind betrachtet
wurde. Daher herrschte zwischen den Bürgern und den Söldnerhorden
ein fortwährender Kriegszustand. Die Soldaten brannten, plünderten,
mordeten und schändeten; die Bewohner wehrten sich ihrer Haut und
wagten nicht selten auch den Angriff. Versprengte Soldaten wurden
unerbittlich niedergehauen. So lockten die Bauern von +Dorf-Chemnitz+
nach der Leipziger Schlacht sechs hungrige Soldaten und ein
Soldatenweib in den Wald, erschlugen sie und raubten alles, selbst
die Kleider. Als die Leichen verscharrt werden sollten, findet man
einen Halbtoten und macht ihn noch vollends nieder. Der +Jahnmartin+
am +Kühberge+ klagte oft, seine Hände röchen so nach Menschenfleisch;
denn er hatte viel Soldaten helfen erschlagen. 1641 erschlugen die
gebirgischen Bauern bei +Unterwiesenthal+ 9 Flüchtige von dem Heere
+Baners+, entkleideten sie und bedeckten sie mit Reisig: davon hat sich
einer wieder ermuntert und ist halbnackt nach Wiesenthal gekommen.

            Nach Chr. Lehmann und ~Dr.~ Pöschel.


~k.~ Das Kriegsjahr 1634.

Alle Schrecken des Kriegen kehrten im Jahre 1634 wieder. Namentlich
wütete zu jener Zeit der kaiserliche +Oberstleutnant Schutz von
Schutzky+ in unserem Gebirge, setzte unter anderm +Sayda+ in Flammen,
brandschatzte +Annaberg+ mit 1200 Thalern und rückte auch vor die
Stadt +Marienberg+. Hierüber berichtet die Stadtgeschichte: »Den 29.
September rückte ein kaiserlicher Oberstleutnant Hans Heinrich von und
zu Schutz zu Roß um 2 Uhr nachmittags vor die Stadt; solchem ging der
Rat entgegen und bat für die arme Stadt, da sich's denn etwas besser
angelassen als im ersten Einfall; er kam mit etlichen Pferden in die
Stadt und nahm sein Quartier bei Georg Löven. Da er nun eingelassen
worden war, begehrte er von der Stadt für die Plünderung und als
Lösegeld 6000 Thaler; es blieb auf der Geistlichen und des Rats Bitten
bei 1000 Thaler. Ingleichen wurden dem Oberst 65 Thaler Tafelgeld und
dem Regimentsquartiermeister 35 Thaler verehrt. Das Lösegeld wurde
halb, nämlich 500 Thaler, den folgenden Morgen ausgezahlt, die anderen
500 Thaler sollten innerhalb 14 Tagen abgestattet werden. Obgleich aber
der Rat wegen dieser 500 Thaler einen Schuldschein von sich ausstellte,
haben sie doch um mehrerer Versicherung den ältesten Ratsherrn Michael
Seeliger mitgenommen. Bei diesem ankommenden Volke entstand auch am
Michaelistage abends 7 Uhr eine von den Soldaten angelegte Feuersbrunst
vor dem Annaberger Thore und verderbte in solcher ein Haus und eine
Scheune und ward ein großes Geschrei in der Stadt, weil es sehr
nahe an der Stadtmauer war.« Die letzte Abzahlung der obengenannten
Brandschatzungssumme leistete die Stadt am 31. Oktober durch den
Bürgermeister Augustin Eckstein, und mußte dieselbe, da alle Geldmittel
erschöpft waren, zum größten Teile in Naturallieferungen, worunter auch
Heringe und Stockfische aufgeführt werden, geschehen.

In die bedenklichste Lage sollte die Stadt geraten, als im Oktober
1634 der österreichische +Major Beck+ den bisher verhauen gewesenen
+Paß bei Reitzenhain+ in einer Nacht öffnen ließ, sodaß nun diese
Heerstraße von hin- und herziehenden Heereshaufen wimmelte und es auch
zuweilen zu Gefechten zwischen sächsischen und kaiserlichen Truppen
kam. So entstand etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, auf
den +Lautaer+ und +Hilmersdorfer Höhen+, ein Treffen, später auch an
dem ganz nahen +Kaiserteiche+, wobei +Marienberg+ in die größte Gefahr
geriet. Täglich mit Brand und Plünderung bedroht und von Kroaten und
Spaniern umringt, sollte es immer und immer wieder für die in der Nähe
lagernden Truppen Lebensmittel schaffen. Es war der Mangel so groß, daß
der Rat das Brot von Haus zu Haus in einzelnen Stücken zusammentragen
ließ und es manche Eltern im Augenblicke, wo sie es essen wollten, den
hungernden Ihrigen entreißen mußten. Aus jenen trüben Tagen erzählt
der Geschichtsschreiber: »Es haben sich die Kroaten und spanischen
Regimenter vor die Stadt am Walde geleget, da denn die Offiziere auf
den Tag hereinkamen und mußten gespeiset werden, dem Volke aber alle
Tage 2 Faß Bier, Fleisch und Brot und wöchentlich jedem Regimente
20 Thaler Kriegskosten, welche 12 Tage gewährt, wobei das +Götzsche
Regiment+ noch dazukommt, welches gleichsam seine Verpflegung hat haben
müssen. Der +Kroatenoberst Joh. Tischler+ hat die Einquartierung in der
Stadt haben sollen, weil aber keine Möglichkeit, vornehmlich auch wegen
des sächsischen Volkes, welches in +Zschopau+ gelegen, da dann groß
Unglück der Stadt hätte entstehen sollen. So hat der Oberst +Tischler+
200 Thaler und 6 Paar Stiefel für die Einquartierung begehrt, ist
aber bei dem halben Teile verblieben, und ist damals große Not wegen
des lieben Brotes gewesen; denn man hat weder aus noch ein können
und vielmals die Ratspersonen und Bürger das Brot von Haus zu Haus
stückweis von Bürgern einbringen und korbweise nausschicken müssen.
Dieses aber alles mußte man dulden, daß die Stadt nicht in Brand
gestecket wurde.«

            Nach Donat-Holzhaus.


~l.~ Zschopau wird niedergebrannt.

Am 21. November 1634 war es, als die Bewohner +Marienbergs+ zu ihrem
größten Schrecken mitten in der Nacht den Himmel hoch gerötet sahen.
+Zschopau+ stand in Flammen, dessen Besatzung von 4 Regimentern
kaiserlicher Truppen unter dem +Obersten Colloredo+ überfallen worden
war. Sie richteten in der Stadt, welche mit Menschen überfüllt war,
da sich außer den Soldaten und Bürgern auch die Landleute darin
aufhielten, ein schreckliches Blutbad an. +Hering+ schildert das
Ereignis in folgender Weise: »Die Schlafenden schreckten plötzlich
durch den Ruf der Kriegstrompeten empor. Zschopau ist umringt; Frauen,
Kinder, Greise flüchten in die Keller; die Männer stürzen sich mit
hinaus und alle Schrecken der Schlacht erhöhen sich durch die dichte,
nur durch die tötenden Blitze der gelösten Gewehre erleuchtete
Finsternis. Es rast die Schlacht -- es wütet der Tod in allen Gassen;
es häufen sich Leichen von gefallenen Soldaten, Bürgern und Bauern,
und jetzt schlagen die Flammen empor -- rechts und links und fern und
nah steht die Stadt in Feuer. Dem Tode in den Flammen entfliehend,
stürzen die Versteckten hervor und suchen sich zu retten. Aber ach, wie
viele hatten dem Schutze der Keller sich lieber vertrauen wollen als
der würgenden Schlacht und waren hier erstickt. Außer den im Kampfe
Gefallenen zählte man am Morgen nach dieser schaudervollen Nacht 90
Leichen von Erstickten.

In Angst und Mitleid schloß sich in jener Nacht auch in +Marienberg+
kein Auge zum Schlummer. -- Da brauste nach Mitternacht das
rückkehrende Heer heran; alles wollte, nach Brot schreiend, in die
Stadt stürzen. +Oberst Colloredo+ aber ließ die Thore besetzen und
nur die Offiziere hinein, sodaß die schreckensreiche Nacht für
die Stadt ebenso glücklich endete, als sie über die Nachbarstadt
unbeschreibliches Elend und Unheil gebracht hatte.«

            Nach Hering-Holzhaus.


~m.~ Die Sachsen in Marienberg.

Auch der Anfang des Jahres 1635 war für die Stadt noch trübe genug,
und zwar kam diesmal die Bedrängnis nicht von feindlicher Seite,
sondern von sächsischen Truppen her. Am 2. Januar ritt der sächsische
+Oberstleutnant Unger+ mit 300 Dragonern vor die Stadt, wo die Thore
Tag und Nacht verschlossen gehalten wurden. Er begehrte Einlaß. Man
fürchtete sich aber vor den Sachsen ebenso, wie vor den Kaiserlichen,
und der Rat zögerte, ob er öffnen lassen sollte oder nicht. Da
verbreitete sich plötzlich allgemeiner Schrecken; denn krachend
ertönten die Schläge der Hämmer und Äxte, womit das Freiberger Thor
aufgehauen wurde. Gleich einem feindlichen Heere strömten die Krieger
herein. Von den zwei Mann, welche der Rat von der kaiserlichen
Besatzung in +Reitzenhain+ als Schutzwache erhalten hatte, war nichts
zu sehen. Man suchte nach ihnen, und der eine hatte sich in einen
Gasthof geflüchtet, während der andere glücklich nach +Reitzenhain+
entkommen war. Derjenige, welcher sich versteckt hatte, wurde von
einem Dragoner bemerkt, herunter geholt und auf den Markt vor den
Oberstleutnant gebracht; die Ratsherren baten für ihn, aber vergebens.
»Hund, knie nieder!« war die Antwort auf die inständigen Bitten, und
der Arme wurde sofort erschossen. Die Soldaten quartierten sich selbst
ein, und ist es nach den Worten des Geschichtsschreibers »zuletzt übel
hergegangen, indem sie geplündert; alle Pferde, so auch sind bei den
feindlichen Einfällen erhalten worden, haben sie mitgenommen, so haben
die Bürger damals ihren Schaden über 1700 Thlr angegeben, welches
nichts Geringes gewesen und die Stadt für die erschossene Schutzwache
auf große Bitte noch 28 Thlr bezahlen müssen, ohne, was sonsten an
Verheerung und anderem aufgegangen ist.«

            Nach Donat-Holzhaus.


~n.~ Wie die Schweden ins Gebirge kommen.


1. Der Beginn der Schwedengreuel.

Kurfürst +Johann Georg I.+ hatte am 30. Mai 1635 den +Prager Frieden+
geschlossen. Aber dieser Friede hatte die größten Drangsale für
Kursachsen im Gefolge. Verödung, Hungersnot und Pest waren schon da.
Nun brachte die gesteigerte Verwilderung und vor allem die Rachsucht
gegen die verlassenen Bundesgenossen die fürchterlichsten Greuel.
Hatten vorher nur die Kaiserlichen im Lande gehaust, so wurden von nun
an auch die Schweden zu Feinden und übertrumpften die Kaiserlichen an
Ingrimm und Wut.

Raub und Erpressungen bezeichneten ihren Weg. Städte und Dörfer wurden
verheert und niedergebrannt, Wohnungen und Eigentum zerstört. Keine
Kirche und Schule, kein Hospital, keine milde Stiftung wird verschont,
und die Bewohner werden aufs grausamste gequält, gemartert und
getötet. Die Verstorbenen in den Gräbern haben keine Ruhe vor ihnen.
Die Kruzifixe an den Wegen werden mutwillig zerhauen und verstümmelt.
Das Land war bis aufs Mark ausgesaugt. +Baner+ marschierte nach den
Bergstädten. Vor +Annaberg+ nahmen die Schweden allenthalben die besten
Pferde weg, ließen sich mit Kleidung, Schuhen, Stiefeln, Sätteln,
Hufeisen, Nägeln versehen.

Am südlichen Ende des zwischen +Chemnitz+ und +Schellenberg+ gelegenen
Dorfes +Euba+ erhebt sich eine kleine Anhöhe. Auf dieser befindet sich
eine einfache, hölzerne Säule, welche der Eigentümer der Anhöhe zu
erhalten hat. Man hält sie für einen ehemaligen Galgen, an dem eine
Abteilung Schweden, welche da ihrem Feinde gegenübergestanden hat,
einen gefangenen Spion aufgehängt haben soll.


2. Die Schweden werden aus Marienberg vertrieben.

Den 26. Februar 1639 nahte das schwedische Unheil auch der Stadt
Marienberg; denn der Geschichtsschreiber teilt folgendes mit: »Ein
schwedischer Fähnrich kam mit seinen Reitern und begehrte alsobald die
schwedischen 2000 Rthlr, so ihnen vor zwei Jahren sein Rest geblieben,
davon uns aber nichts wissend. Ist schwer hergegangen und hat der halbe
Teil an Geld, Pferden, Speisen, Schuhen, Stiefeln und Tuchen an 500
Rthlr zusammengelaufen, und 500 Rthlr alsdann Rest geblieben, haben's
aber doch bezahlen müssen, daher auch Stücke verpfändet worden, so den
Vermächtnissen und dem Armenkasten zuständig, weil sonst kein ander
Mittel gewesen.«

Im Februar 1639 floh alles, was fliehen konnte, in die Städte
+Freiberg+, +Annaberg+ und +Marienberg+; die Landgeistlichen schafften
ihre Frauen und Kinder wenigstens dahin in Sicherheit, um bei
wirklicher Gefahr schneller mit dem Reste der Kirchenkinder in die
Wälder flüchten zu können. Die Nähe der großen Waldungen ist damals für
das Gebirge die Rettung aus tausend Todesgefahren gewesen. Vom Februar
an streiften bereits schwedische Banden überall im Gebirge umher, und
es wurde damals auch von nur drei schwedischen Reitern das Schloß
+Lauterstein+ angezündet und in Asche gelegt.

Am 12. April, es war Karfreitag, kamen etwa 500 solcher schwedischer
Brandstifter, nachdem sie +Zöblitz+ geplündert und angezündet,
sowie dessen Bewohner in jeder Weise mißhandelt hatten, auch
nach +Marienberg+. Es heißt hierüber: »Dieselbigen kamen vor das
Annabergische Thor, wollen dasselbe aufhauen, gaben auch Feuer
darauf. Da man sie aber mit Gottes Hilfe durch hinausgeworfene Steine
abgetrieben, mußten sie weichen. Sie zündeten aber das Schießhaus an
und die Hilligersche Scheune, da denn die Bürgerschaft in sehr großer
Gefahr war.« Am ersten Osterfeiertage kehrten die Erbitterten in noch
größerer Anzahl zurück, aber ein gleicher Steinhagel lehrte ihre
verwundeten Köpfe, daß die Bürger hier fest wie ihre Steine wären.
Einige Tage darauf wurde erneuter Sturm dadurch glücklich abgewehrt,
daß die Bürger anstatt der Steine -- Brot hinauswarfen.

Glücklich sollte das fast täglich in Angst und Schrecken gesetzte
Marienberg am 10. August desselben Jahres wegkommen, als der
schwedische Oberst +Holck+ mit 250 Reitern und 200 Infanteristen Einlaß
in die Stadt verlangte. Zagend öffnete man die Thore, und drohend
ziehen die Schweden ein. Es fehlte Brot und Bier so ganz in der armen
Stadt, und diese wilden Gäste verlangten doch so viel und drohten,
die Stadt aufs äußerste zu quälen. Sie verteilen sich bereits in die
Häuser, wo Jungfrauen und Kinder sich verkrochen haben und angst- und
hungerbleich der Bürger die Räuber empfängt, die unter gräßlichen
Verwünschungen Geld, Brot und Bier und was nicht alles, fordern. Da --
ruft plötzlich die Trompete; die Soldaten stürzen auf den Markt vor;
dieser füllt sich mit sächsischen Dragonern; ein wütendes Gemetzel
beginnt; die Schweden ergeben sich; einzelne entfliehen; der Oberst mit
mehreren Offizieren und Frauen wird gefangen genommen, und es werden
gegen 6000 Rthlr Wert erbeutet. Der sächsische Oberst +Stritzky+ hatte
der Stadt Rettung gebracht.

            Nach Donat-Holzhaus.


3. Das Schreckensjahr 1639.

Das schrecklichste Jahr war das Jahr 1639.

Sobald die Schweden +Zwickau+ und +Chemnitz+ genommen hatten, teilte
+Baner+ wie das ganze Land, also auch den Obererzgebirgischen Kreis
unter seine Obersten und Regimenter. Das Amt +Schwarzenberg+ und Amt
+Grünhain+ kamen unter +Oberst Leßle+. Da war kein Amt, Stadt, Flecken,
Dorf oder Schloß im Gebirge, das nicht geplündert oder gebrandschatzt
wurde, von +Marienberg+ an im Gebirge hinunter bis an die +Flöha+ und
+Olbernhau+, ja gar nach Böhmen hinein.

Den 25. Februar kamen zwei Unteroffiziere vom +Leßlischen Regiment+.
Einer, +Barthel Moth+, kam ins Amt +Schwarzenberg+, der teilte
Sicherheitswachen aus. Das waren unberittene Reiter, die die Gemeinden
mußten verpflegen und versehen mit Pferden und Roßzeug, Stiefeln,
Kleidern, Röcken, Mänteln. Es wurde das ganze Amt gebrandschatzt um
6000 Thaler.

Der +Leutnant Peter Kupfer+ legte sich aufs Schloß in +Schlettau+ und
plünderte das Amt +Grünhain+ und was hineingehörte um 5000 Thaler,
auch +Schlettau+, auf welches allein 1250 Thaler kamen, nahm viel
an Geschmeide und auch den silbernen Schützenvogel, mitsamt den
Schulden 80 Thaler wert. Das Vieh mußten die +Schlettauer+ samt den
+Scheibenbergern+ nach +Schwarzenberg+ treiben. Das Volk war arm,
konnte nichts erwerben; daher konnten die Richter die Kriegssteuer
nicht eintreiben und zur rechten Zeit abstatten.

Der Richter +Hans Schwaner+ zu +Walthersdorf+ war nicht zu finden,
als die Boten +Kupfers+ erschienen. Da wurde der Ort zum großen Teile
niedergebrannt. Nichtsdestoweniger mußte das Dörflein seinen Teil
abstatten, alle Wochen 14 Thaler und Nahrungsmittel ohne Gnade geben.

Das Städtchen +Scheibenberg+ wollte der oben erwähnte Barthel Moth
wegbrennen lassen; doch es wurde durch Bitten und Versprechungen der
Bürger abgewendet. -- Es fehlte wenig, daß das ganze Amt +Wolkenstein+
von dem +Obersten Höcking+, der in +Annaberg+ auf Vorwache lag,
vernichtet worden wäre, weil dessen Vetter unterwegs von einer Rotte
loser Burschen erschlagen worden war. Das kurfürstliche Vorwerk und die
Schäferei zu +Geringswalde+, sowie der Försterhof zu +Hilmersdorf+,
die +Heinzebank+ genannt, waren bereits in Asche gelegt, da griff man
einen der Burschen auf, einen der harmlosesten, der nur das Pferd des
Ermordeten gehalten, prügelte ihn solange, bis er 21 Thaler und alle
seine Sachen, die er im Felde versteckt hatte, herausgab, und lieferte
ihn an den erzürnten Obersten ab. Dieser ließ ihn am 25. März vor dem
Thore vom Henker enthaupten und seinen Kopf aufs Rad legen. Das Haupt
eines +Buckauers+, der sich eines ähnlichen Vergehens schuldig gemacht
haben sollte, wurde zur Warnung für andere vor dem Thore auf eine
Stange gesteckt. Auch in +Wiesa+ war ein Soldat erschlagen worden;
da ließ der Oberst +Höcking+ die Edelfrau, der das Dorf gehörte, in
Annaberg einsperren, bis sie den Getöteten teuer bezahlte.

Aus dem gleichen Grunde wurden in +Königswalde+ elf Güter samt
dem Gerichte angezündet. Auch wurden im Dorfe +Olbernhau+ an der
Flöha Kirche, Pfarre, Schule, Försterhof und viele Bauernhäuser
niedergebrannt.

Nachdem +Baner+ im April die vereinigten Kaiserlichen und Kursachsen
bei +Chemnitz+ geschlagen, wobei fast das ganze sächsische Heer
aufgerieben worden war, gingen die Drangsale im Gebirge aufs neue an.
In +Annaberg+ lag ein schwedischer +Leutnant+, +Christian Zastro+, ein
Pommerischer von Adel, mit einer Sicherheitswache. Derselbe konnte es
nicht hindern, daß eine Abteilung Schweden am Palmsonntage einfiel
und vor ihrem Abzuge am nächsten Tage 3000 Thaler verpraßte. Als er
acht Tage später, am dritten Ostertage, den 16. April, 250 Mann vom
+Regimente Königsmark+, welche durch das Wolkensteiner Thor einfallen
wollten, nicht in die Stadt einließ, zündeten sie +Veit Wolfens+
Vorwerk an, schossen dessen Sohn, sowie den eines anderen Bürgers,
+Kaspar Enderlein+, die zum Löschen herbeieilten, nieder und stifteten
noch sonst viel Unglück.

+Zöblitz+ war am Gründonnerstage ganz ausgeplündert worden, und am
Karfreitage brannten es gar 500 Reiter weg. Da wurde auch von +Baners+
Scharen das Schloß +Niederlauterstein+ bei Zöblitz an der Pockau von
drei schwedischen Reitern in Brand gesteckt und von seinen Bewohnern
verlassen.

Vor +Marienberg+ erschien ein Trupp nach dem andern und begehrte
Einlaß, sodaß die Sicherheitswachen kaum Steine genug hatten, um
die Zudringlichen zurückzutreiben. Friedens halber mußte man ihnen
Brot und Bier hinausschicken. +Lößnitz+ und +Aue+ wurden wiederholt
geplündert. Am 19. April wurden die +Leßlischen Offiziere+ samt
den Sicherheitswachen abgefordert. Die Durchzüge der schwedischen
Regimenter nach Böhmen und ihre Kämpfe dauerten bis August. Den 23.
Mai wurden vier Regimenter unter den +Obersten+ und dem +Herzoge von
Holstein+ in +Annaberg+ untergebracht, die es so arg gemacht als auf
dem Lande, also daß mancher arme Landmann im Gebirge nicht einen Löffel
wiedergefunden, und viele feine Bürger mußten nach dem lieben Brot
gehen, weil es sehr teuer war und doch nichts zu erwerben war.

+Baner+ ließ nach dem ausgesogenen Böhmen Vorräte aus Sachsen
herbeischaffen. Ein solcher Vorratszug war unter starker Bedeckung
am 19. August abends um 5 Uhr von +Chemnitz+ aus in +Marienberg+
eingetroffen. Da erschien plötzlich der kurfürstliche Befehlshaber von
Freiberg, +Florian Stritzky+, mit vier Kompanien Dragonern und einer
starken Reiterabteilung aus +Dresden+, drang durch drei Thore in die
Stadt ein und fiel über die vom langen Marsche ermüdeten Schweden her.

Ein Major und acht Soldaten wurden erschossen, der gefürchtete +Oberst
Höcking+, vier Oberstleutnants, sieben Rittmeister, vier Hauptleute,
zwei Reiterfähnriche, zwei Fähnriche, viele Unteroffiziere und
Mannschaften gefangen genommen und samt ihrem Vorrate, ihren Weibern
und Sachen nach +Freiberg+ abgeführt. Auch der +Leutnant Zastro+ mit
seinem eigenen Schatze und 20000 Thalern Kriegskosten, die er für
seinen +Obersten Leßli+ eingetrieben hatte, befand sich unter den
Gefangenen. Viele Bürger von +Annaberg+, welche sich dem Obersten
Höcking angeschlossen hatten, um in dem schwedischen Lager ihre Waren
zu verhandeln, kamen bei dieser Gelegenheit ebenfalls um das Ihrige. Es
wurde ihnen alles als schwedische Beute mit abgenommen.

Seit +Gustav Adolfs+ Tode völlig im Kriege verwildert, brachen die
Schweden 1639 über das Erzgebirge in Böhmen ein und warfen Feuer
in jeden Ort, sodaß das +Egerland+ vom Gebirge aus einem riesigen
Flammenmeere glich. Vor den Unholden waren die Bewohner des Gebirges
wieder in die Wälder geflüchtet. Auf dem +Bärensteine+ war ein Wächter
bei einer hohen Stange. Nahte von irgend einer Seite ein Feind, so
warf er seine Stange um. Das war das verabredete Zeichen, auf das sich
alle ins Dickicht warfen. 1640 wurden die Schweden wieder nach Sachsen
getrieben. Sie deckten den Rückzug für ihre Geschütze und ihre Beute
in den Pässen auf dem Gebirgskamme. Auf diesem Rückzuge wohnte +Baner+
in Annaberg. Schon im nächsten Jahre erschien er wieder, verfolgt von
den Sachsen. Wie durch ein Wunder entkam er auf Eilmärschen. Sein
verschanztes Lager hielt die Kaiserlichen lange auf. Endlich steckte er
es in Brand und vernichtete seine 500 Vorratswagen. Nachzügler zündeten
+Hassenstein+, +Preßnitz+, den +Weiperter+ Grund an. 1643 gingen 600
Reiter +Torstensons+ durch die Pässe nach +Kaden+. 1644 waren Pässe und
Schanzen in den Händen der Kaiserlichen. Im Herbste stand +Torstenson+
davor und erzwang im Januar 1645 den Durchbruch nach Böhmen.

+Christian Lehmann+ erzählt, daß die Befreiung +Freibergs+ von den
Schweden zu Neujahr 1643 in +Elterlein+ einem Mädchen, das sich vor den
schwedischen Einfällen sehr geängstigt hat, im Traume sei geoffenbaret
worden. Sie hat im Traume gesehen, daß zwar +Torstenson+ die Stadt an
einer Kette hatte; aber es kam ein vornehmer Reiter mit einem bloßen
Schwerte geritten, der hieb die Kette mit einem Streiche entzwei, daß
der Torstenson mit der halben Kette zurückfiel. Darüber sind seine
Soldaten erschrocken und ausgerissen.

Nach sieben Wochen ging der Traum in Erfüllung, und der Feind mußte
abziehen.

Die Greuel nahmen im Gebirge erst ein Ende, als 1645 der Kurfürst mit
den Schweden den Waffenstillstand zu +Kötzschenbroda+ schloß.

            Nach Chr. Lehmann, ~Dr.~ Pöschel und ~P.~ Schultze.


4. Kriegsgreuel in Cranzahl.

Im Herbste 1640 mußte eine Beerdigung bis Sonntag Estomihi, also
Ende Februar, 1641 verschoben werden. Als am 18. Januar 1640 Georg
Ottens 84jährige Witwe begraben wurde, lief, nachdem die Einleitung
der Predigt vorüber war und soeben zur Erklärung geschritten werden
sollte, die Nachricht ein, es seien +Banersche+ Reiter mit etlichem
Vieh in der Nähe. Alle eilen aus der Kirche. Man bringt schnell den
Leichnam ins Ruhekämmerlein. Die Predigt ist nachher am Sonntage
Estomihi gehalten worden. Am 24. Januar ist ein 74jähriger Greis von
Cranzahl von den Soldaten des +Schwedengenerals Königsmarck+, die
hier, in Crottendorf, Neudorf, Weipert, der Sehma und diesem Gebirge
herum drei Tage und Nächte in Quartier gelegen, im Walde ertappt und
so mißhandelt worden, daß er am 30. desselben Monats starb und am 1.
Februar in des Pfarrers Abwesenheit, der sich verborgen halten mußte,
zugleich mit noch einem 78jährigen Manne mit Sang und Klang beerdigt
ward. Beiden ist am Sonntage Invocavit die Predigt gehalten worden.
Den 28. Februar fielen gegen Sonnenuntergang etliche +Banersche+
Reiter so plötzlich ein, daß die meisten es nicht gewahr wurden, bis
schon das Pfarrvieh auf den Platz bei der Brücke getrieben war. Daher
war niemand entwichen und weder Kuh noch Pferd, noch Samengetreide in
Wälder geborgen. Als nun diese Reiter fast alle Ställe geplündert,
kamen sie auch zu +Kaspar Schmiedel+, der sich seine zwei Pferde und
Kühe nicht nehmen lassen wollte, aber von ihnen mit einem Hammer so auf
den Arm geschlagen wurde, daß er ihn wenig mehr würde haben gebrauchen
können; sie hätten ihn auch erschossen, wenn das Gewehr nicht versagt
hätte. Als nun diese Horden das Vieh zusammengeraubt hatten, trieben
sie es nach Preßnitz zu. Um es auszulösen, liefen viele bis nach
Preßnitz nach. Da aber die Reiter weiterziehen und die Nacht anbricht,
bleiben sie dort. Nur Kaspar Schmiedel und Jakob Gruner laufen bis
nach Brunnersdorf. Da haben sich aber etliche böhmische Bauern in einem
Verstecke zusammengerottet und schießen auf die Reiter. Ein Trupp eilt
auf die Seite, zu erspähen, woher die Schüsse fallen, und wird unserer
Ortskinder gewahr. Sie eilen auf sie zu und fragen, wo sie das Rohr
hätten? Als sie sich aber entschuldigen, sie hätten nicht geschossen,
sondern wollten das Vieh von ihnen einlösen, glaubten es die Reiter
nicht, und flugs schießt einer auf Schmiedel, der, ins Herz getroffen,
tot niedersinkt. Auf Gruner aber, den Sohn des 1634 erschossenen Martin
Gruner, schoß ein zweiter Reiter, fehlte ihn jedoch; aber der Reiter
stieg vom Pferde, schlug ihn auf den rechten Arm, daß derselbe fast
herunter war, und stach ihn dermaßen in die Seite, daß er auch starb.
Sie blieben am Wege liegen. Geschehen war's nachts zwischen 12 und
1 Uhr. Am Morgen, einem Sonnabende, wurden sie von den in Preßnitz
Zurückgebliebenen gefunden, auf einen Schlitten aufgebahrt und am
Sonntag Reminiscere früh nach Hause gebracht. Welch Reminiscere!
Montag, den 2. März, hat man sie christlich und ehrlich vor überaus
großem Zudrange Einheimischer und Auswärtiger mit Predigt bestattet.
Schmiedel war 33, Gruner 30 Jahre alt.

            Nach ~P.~ Schultze.


~o.~ Wie General Wrangel nach Schlettau kommt.

Am 23. Februar 1646 lief der Waffenstillstand zwischen Kursachsen und
den Schweden zu Ende. Da kam +General Wrangel+ mit 20 Regimentern über
den Preßnitzer Paß und hatte das Hauptlager in +Schlettau+ bezogen. Der
linke Flügel lag im Felde und im Grunde bei den Teichen. Da standen
viele Oberste zu Roß und Fuß bei einem frischen Brünnlein, zogen ihre
silbernen und vergoldeten Becher heraus, schöpften Wasser, löschten
den Durst auf das Annaberger Bier. Sie lobten dabei das gute, gesunde
Wasser viel höher als Bier. Der Brunnen heißt der süße Kühl- und
Löschbrunnen.

An der Straße, die von Schlettau nach Scheibenberg führt, stand früher
ein altes, stark verwittertes Steinkreuz. Dasselbe soll die Stelle
bezeichnen, an welcher im Dreißigjährigen Kriege ein schwedischer
Offizier begraben wurde.

            Nach ~Dr.~ Köhler.


~p.~ Wie die Bewohner des Gebirges als Flüchtlinge leben.

Im Jahre 1620 waren 250 Menschen in einem Stollen am Wolfssteine bei
+Cranzahl+ verborgen. Die Wohnungen, die man während des Krieges in den
Wäldern aufschlug, konnten nur ganz dürftige sein und boten daher wenig
Schutz gegen die Witterung. Häufig benutzte man auch gleich natürliche
Tannenzelte, wie man sie von ästereichen oder ineinander verwachsenen
Bäumen gebildet fand. Wenn nun ein Sturmwind kam mit Sausen und Brausen
und mächtige Stämme rings um die Geflüchteten zu Boden geschlagen
wurden, da mußten die Flüchtigen jeden Augenblick darauf gefaßt sein,
von den stürzenden Bäumen zerschmettert zu werden. Am 14. Oktober
1630 wütete ein furchtbarer Sturm. Da erwies der gütige Gott seinen
allgewaltigen Schutz an flüchtigen Gebirgern. 21 Personen hatten ihre
Hütten unter eine dicke Tanne gebaut. Sie fielen unter dem Heulen
des Sturmes auf ihre Knie und beteten. Um 9 Uhr warf der Wind eine
zweiklafterige Tanne auf ihr Obdach. Diese blieb aber eine Elle hoch
über ihrer Hütte am Baume lehnen, und die andächtigen Flüchtlinge kamen
alle mit dem Leben davon.

Das Elend der in die Wälder Geflüchteten war, wenn größere feindliche
Scharen ihren Aufenthalt ausgespürt hatten, überaus schrecklich. Im
Walde wurden Betstunden und Predigten von den Priestern gehalten,
auf Baumstümpfen die unter so traurigen Umständen geborenen Kinder
getauft; sogar Eheschließungen fanden statt. 1639 ist am 8. April im
Walde bei +Cranzahl+, wo sich auch Wölfe und Bären so mehrten, daß sie
in Rudeln von 10 bis 20 den Soldaten nachliefen, um die Überreste vom
geschlachteten Vieh zu verschlingen, in dieser rauhen Jahreszeit ein
Kind getauft worden. Ähnliches wird auch von andern Gegenden berichtet.
Als die Bewohner von +Rabenau+ in die nahen Waldungen flüchteten,
hielten sie auch Gottesdienste im Freien ab. Es heißt der Felsen, von
dem herab die Pfarrer predigten, noch jetzt der +Predigtstuhl+ oder
die Kanzel. Im Gebirge hörte alle Gerechtigkeit, Andacht auf, und
aller Gottesdienst verfiel. In +Scheibenberg+ ist in 10 Wochen keine
Beichte gewesen. Auch sind wenig Predigten verrichtet worden wegen der
Unsicherheit vor den Feinden. Alles Volk hatte sich verlaufen.

Ebenso wurde für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt, so gut es ging.
Wie als Taufsteine, so mußten die Baumstöcke auch als Verkaufstische
für Fleischer und Brotträger dienen. Der Markt mit den Nahrungsmitteln
fand also im Walde statt.

Der Scheibenberger Pfarrer +Chr. Lehmann+ erzählt sehr eingehend von
den Drangsalen des Krieges. Er sagt unter anderem: »Ich habe mit meinen
Augen gesehen, daß im Jahre 1640, da die Schweden die +Gottesgaber
Wälder+ plünderten, einem vermögenden Handelsmanne nachjagten. Der ist
in einen stehenden, hohlen Baum gekrochen. Sein Weib hat die Öffnung
mit Moos artig verdeckt, damit er sicher bliebe. Mein Priesterrock
ist sechs Wochen lang in einem hohlen Baume gesteckt. Um +Steinbach+
und +Wolkenstein+ wachsen viele Eschen, daraus Lanzenschäfte zur
Kriegsrüstung acht und mehr Ellen lang gemacht wurden. Im Jahre 1633
fand der kaiserliche +Oberst Brandstein+ in +Preßnitz+ viel gesottenes
Harz. Er ließ daraus viel Pechkränze machen und damit den +Annabergern+
alle ihre Güter am +Bärensteine+ wegbrennen.«

Eine halbe Meile über +Satzungen+ an einem wilden, mit Kiefern
bewachsenen rauhen Ort ist ins Gevierte 30 Schritt breit und lang ein
Pfuhl mit rotem Moos bewachsen. Niemand soll sich früher gern allein an
diesen Ort gewagt haben. Im dreißigjährigen Kriege sind aber die Leute
auch dorthin geflohen, um sicher vor den Feinden zu sein. Doch haben
sie daselbst von den Gespenstern des Sees manche Anfechtung erdulden
müssen.

            Nach Chr. Lehmann.


~q.~ Wie die Landwirtschaft darniederliegt.

Während des Dreißigjährigen Krieges unterblieb das Bestellen der Felder
oft gänzlich. Man warf den Samen gleich auf die Stoppeln aus und mußte
ihn dort aus Furcht vor umherstreifenden feindlichen Abteilungen oft
vier bis fünf Wochen lang uneingeeggt liegen lassen. Höchstens wagte
man sich bei Nacht einmal an die Arbeit; dann spannten sich Männer und
Weiber an die Eggen. Mit dem Vieh lagen sie am Tage im Walde. Häufig
aber ersparten ihnen das Eggen, freilich auch das Einernten, die wilden
Schweine, welche nachts in Haufen kamen und den Samen »aufleckten«.
Zum Schutze gegen sie wurden die Zäune anderthalb Ellen hoch, fest und
dicht gemacht; aber es half doch nichts. Brachen die Tiere einmal im
Herbste in einen Acker ein, so verdarben sie in einer einzigen Nacht
ein großes Stück.

            Nach Chr. Lehmann.


~r.~ Die letzte Schlacht auf sächsischem Gebiete.

Für Sachsen endigte im allgemeinen 1645 mit dem +Waffenstillstande+
zu +Kötzschenbroda+ die persönliche Gefahr der Einwohner, sowie Raub
und Brand. Dagegen sah das sächsische Hochland noch an mehreren Orten
die früheren Greuel erneuert, indem die Schweden, die in Böhmen
hausten, die Flüchtlinge oft bis nach Sachsen verfolgten. +Annaberg+,
das mit seiner Umgebung seit 1632 fort und fort alljährlich teils von
kaiserlichen, teils von schwedischen Heerhaufen vielfach gelitten,
hatte in dieser ganzen Zeit des Waffenstillstandes eine sächsische
Besatzung. Eine Abteilung derselben traf am 15. Januar 1648 auf eine
kaiserliche Streifhorde bei dem Städtchen +Thum+, wo sofort ein
hitziges Reitergefecht entstand, weil man vergeblich die Kaiserlichen
für Schweden hielt. Die Leichen der Gefallenen blieben längere Zeit
liegen und davon heißt noch heute der Wiesengrund zwischen Thum und
Herold »+Das Elend+«. Dies war der letzte Kampf des Dreißigjährigen
Krieges auf sächsischem Boden. Zum Andenken daran hat man an der Straße
von +Thum+ nach +Ehrenfriedersdorf+ im Jahre 1848 eine Spitzsäule mit
Inschrift errichtet.

            Nach ~Dr.~ Spieß.


~s.~ Wie es nach dem Kriege im Gebirge aussah.

Wie es am Ende des Krieges in Sachsen und fast in jedem Orte
desselben aussah, schildert ein Zeitgenosse jenes Elends in folgender
ergreifenden Weise: »Ihr wisset, wie über Euch fliegende Drachen,
zerreißende Bären und Löwen gekommen sind, die Eure Städte ausgebrannt,
Eure Ernten, Ochsen und Schafe vor Euren Augen verzehrt, viele Tausende
Bürger und Bauern zu Tode gemartert und so barbarisch gehaust haben,
daß aller Menschen Sinne es nicht begreifen können. Wie jämmerlich
stehen Eure Städte und Flecken; da liegen sie verbrannt, zerstört, daß
weder Dach, Gesperr, Thüren oder Fenster zu sehen sind. Man wandert
oft zehn Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh, nicht
einen Sperling. In allen Dörfern sind die Häuser voller Leichname,
Mann, Weib, Kinder, Gesinde, Pferde, Schweine, Kühe und Ochsen, neben
und unter einander von Pest und Hunger erwürgt, voller Maden und Würmer
und von Wölfen, Hunden und Krähen zerfressen, weil niemand ist, der
sie begraben hat. Ihr wisset, wie Lebendige sich unter einander in
Kellern und Winkeln zerrissen, totgeschlagen und gegessen haben; daß
Eltern ihre toten Kinder, und Kinder ihre toten Eltern gegessen, daß
viele um einen toten Hund oder eine Katze gebettelt und das Aas aus den
Schindergruben genommen und verzehret haben.«

Zehn Jahre nach Beendigung des Krieges schrieb der Rat der Stadt
+Buchholz+: »Dieses offene Städtlein ist bei dem verderblichen
Kriegswesen durch vielfältige Einfälle, Ausplünderung, Durchzüge,
Einquartierung, hohe und schwere Kriegskosten und Auflagen gänzlich
verderbt und ruiniert worden, also, daß öfters in keinem Hause ein
Schloß, Band, Fenster, Ofen und anderer Hausrat gelassen, sondern alles
weggenommen, eingeschlagen und verbrannt, ja auch eine große Anzahl
Häuser und öffentliche Gebäude ganz und gar verwüstet und eingerissen
worden, sodaß sie noch jetzt öde und wüste liegen.«

Auch sind im Dreißigjährigen Kriege im Erzgebirge manche Orte von Grund
aus zerstört worden und als +wüste Marken+ liegen geblieben. Westlich
vom Morgenberge bei +Neudorf+ an der Sehma kamen die Waldarbeiter
nach einem Orte im Walde, wo früher ein Dorf mit Namen +Eibendorf+
gestanden hat, das in jener Zeit zerstört worden sein soll. Ein nach
+Frankenstein+ gepfarrtes Dorf +Ailitz+ soll vor dem Kriege zwischen
Frankenstein, Memmendorf und Hartha gestanden haben. Ebenso bezeichnet
man unterhalb Wingendorf eine Stelle am Kemnitzbache als diejenige,
wo das Dorf +Kuhren+ zerstört worden ist. Zwischen dem Städtchen
+Bärenstein+ und den Dörfern +Falkenhain+ und +Jahnsbach+ lag einst das
Dorf +Greifenbach+. Ebenso liegt zwischen Bärenstein und Börnichen die
Wüstung des Dorfes +Elend+.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern, wie
anderwärts so auch in +Scharfenstein+ Räuber und Wildschützen umher,
welche entlassene Söldlinge waren, denen das wüste Leben nun Gewohnheit
war. Ein +Herr von Einsiedel+, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß,
den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von
ihnen zu säubern. Es gelang ihm endlich, zwei derselben gefangen zu
nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That
ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr hatte einen
starken, lebenden Hirsch einfangen lassen. Die Diebe sollten auf ihn
gebunden werden. Das war einem zehnfachen Tode gleich zu achten. Man
hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere
ihre schreckliche Last zerfleischt und doch noch lebend mit sich
herumschleppten. Die Missethäter flehten da inständig um Gnade. Die
soll ihnen gewährt worden sein, weil sie versprochen haben, in drei
Tagen und Nächten einen Stollen durch die Felsenrippe am Fuße des
Schloßberges zu treiben, damit das Zschopauwasser mit viel Fall eine
Mühle treiben könne.

            Nach Holzhaus, ~Dr.~ Spieß und ~Dr.~ Köhler.


44. Im Nordischen Kriege.

Die Kriege und Durchmärsche, die in den ersten Jahrzehnten des 18.
Jahrhunderts verheerend über das Kurfürstentum Sachsen gingen,
erstreckten auch auf die Stadt +Geyer+ ihre niederschlagenden
Wirkungen, wovon sich vereinzelte Nachrichten auch in den Akten
erhalten haben. Zum Jahre 1701 bringt +Meltzer+ die Nachricht, daß
ansteckende Krankheiten durch dänische Soldaten nach +Annaberg+ wie
auch +Geyer+ getragen seien. Im Jahre 1706 wurde eine Kompanie Schweden
nach +Geyer+ gelegt, deren Feldprediger am Freitage und Sonntage in der
Hospitalkirche und am Weihnachtsfeste der Schweden in der Hauptkirche
predigte. Ein schwedischer Fähnrich, +Israel Hall+, wurde im Jahre 1707
in der Halle dieser Kirche begraben.

Am 23. Mai 1707 hielten die Büchsenschützen zu +Geyer+ zu den
gewöhnlichen Übungen ihren Auszug, wobei auch ein schwedischer
Feldwebel, +N. Topf+, Sohn des in Buchholz einquartierten Leutnants,
mit schoß und das Unglück hatte, einen unvorsichtigen Knaben zu
treffen. Vor Schrecken fiel er in Ohnmacht; doch zeigte sich die
Verwundung als nicht tödlich, da die Kugel durch den hohlen Leib
gegangen war. Am 23. August desselben Jahres zogen die Schweden
wieder ab. Am 30. August bat der Rat in einer besonderen Bittschrift
um Wiedererstattung der von den Schweden aus der Geleitskasse
mitgenommenen 13 fl 16 Gr oder um einen Nachlaß an dem Geleits- und
Gerichtspachtgeld, wurde aber mit solchem Ansuchen gänzlich ab und
zur Ruhe verwiesen. Da der Rat aber in seinen Bitten nicht nachließ,
erhielt er im Jahre 1709 die Erlaubnis, diese Summe, die er beschwören
mußte, bei der Bezahlung des Pachtgeldes in Anrechnung zu bringen.

Von +Tannenberg+ wird aus jener Zeit berichtet, daß am 27. November
1706 an 25 schwedische Soldaten mit einem Leutnant, einem Feldwebel
und einem Fahnenjunker einquartiert wurden. Dieselben haben alle Tage
zweimal Betstunden gehabt. Zu Weihnachten und am neuen Jahre 1707 haben
schwedische Feldprediger in der Tannenberger Kirche Predigt gehalten.
Nach Lichtmeß, den 4. Februar, 1707 hat sich ein schwedischer Student
in derselben Kirche als künftiger Feldprediger hören lassen. Es haben
zu dieser Zeit auf einmal ȟber die 400 Schweden und mehr in der
kleinen Kirche« Gottesdienst gehabt. »Das schwedische Volk ist von hier
aus dem Lande wieder weggekommen am 23. August 1707.«

Außer den genannten Orten +Annaberg+, +Geyer+ und +Tannenberg+ hatten
auch +Schneeberg+, +Wolkenstein+, +Marienberg+ und andere Städte des
Gebirges ebenfalls schwedische Besatzung. Bis zum Sommer 1707 blieben
die Schweden im Lande. Trotz des +Altranstädter+ Friedens vom 24.
September 1706 ruhte die Hand des Schwedenkönigs, +Karls XII.+, schwer
auf Sachsen. Die Schweden lagen in allen Städten. Sie hielten zwar
strenge Manneszucht, mußten aber von den hart gedrückten Einwohnern
beköstigt und gekleidet werden.

Die gesamten Kosten dieser schwedischen Besatzungen in Sachsen werden
auf 23 Millionen Thaler berechnet, und lange seufzten unsere Vorfahren
über diese neue »Schwedenangst«. Endlich im August 1707 verließen
die Schweden neugekleidet und wohlgenährt Sachsen, um gegen +Peter
den Großen+ von Rußland zu ziehen. Dort wurden sie im Jahre 1709 bei
+Pultawa+ geschlagen. Der größte Teil fiel, ein anderer wurde nach
+Sibirien+ geschickt und sehnte sich vergebens nach den Fleischtöpfen
Sachsens und den warmen Öfen des Erzgebirges zurück. Sie konnten
recht deutlich die Unwahrheit der Bezeichnung des Erzgebirges als
»sächsisches Sibirien« an sich erleben.

Die Schweden waren im September 1706 in einer Stärke von 19000 Mann
nicht im besten Zustande nach Sachsen gekommen. Viele Sachsen, auch
Erzgebirger, wurden dem schwedischen Heere einverleibt, sodaß das
schwedische Heer 32000 Mann stark, neugekleidet und wohlgerüstet, das
Land verließ.

            Nach ~Dr.~ Falke, Zippert, ~Dr.~ Spieß.


45. Das Obererzgebirge im Siebenjährigen Kriege.


1. Beginn des Krieges 1756.

Zehn Jahre des tiefsten Friedens waren seit dem zweiten Schlesischen
Kriege vergangen. Da brach plötzlich der König von Preußen 1756 auf
drei Punkten in Sachsen ein. Österreich und Rußland hatten ein Schutz-
und Trutzbündnis gegen Preußen geschlossen und sich alle Mühe gegeben,
den König von Polen und König von Sachsen mit in dies Bündnis zu
ziehen. +August+ weigerte sich, demselben beizutreten. Friedrich legte
die Unterhandlungen, die ihm durch den bestochenen Vaterlandsverräter
Menzel bekannt geworden waren, für eine Verschwörung zu seinem
Untergange aus und begann sofort den Krieg.

+Torgau+ wurde auf Befehl des preußischen Königs befestigt und daselbst
eine preußische Behörde eingesetzt, an welche alle Einkünfte aus den
besetzten sächsischen Landesteilen abgeliefert werden mußten.


2. Die Preußen im Erzgebirge.

Die Preußen waren bereits im September 1756 bis +Chemnitz+ vorgerückt
und begannen von da aus Anforderungen zu machen und Lieferungen
auszuschreiben im ganzen Gebirge, daß den Ortschaften, denen noch kein
feindlicher Krieger zu Gesicht gekommen war, das Dasein feindlicher
Soldaten mehr als zu sehr fühlbar wurde. Für sich durften übrigens
die Preußen nicht wirtschaften, sondern mußten ausgezeichnet gute
Manneszucht halten.


3. Die ersten Lieferungen.

Die erste Lieferung, welche nach dem Einrücken der Preußen in
+Chemnitz+ im ganzen Erzgebirge ausgeschrieben wurde, bestand darin,
daß jede Hufe im Gebirge täglich liefern mußte: 6 Pfund Brot, 3
Pfund Fleisch, 3 Kannen Bier, 12 Pfund Hafer, 13 Pfund Heu, 3 Metzen
Häckerling und 20 Pfund Stroh. Es wurden bald Lieferanten angestellt,
ein Hauptlieferant und ein Aufkäufer für das Gebirge verordnet.
Anfänglich wurde zwar alles bezahlt, aber im Monate Oktober mußte
alles unentgeltlich in das zu +Freiberg+ für die Preußen errichtete
Vorratslager abgeliefert werden.


4. Aushebungen im Erzgebirge.

Die 16000 Mann Sachsen, welche unter die preußischen Regimenter
gesteckt worden waren, entliefen scharenweise dem aufgedrungenen,
widernatürlichen Joche. Da gab der preußische König Befehl, daß die
sächsischen Landstände 10000 Rekruten für das Heer schaffen sollten.
Am 23. November rückten 100 preußische Husaren nach +Schneeberg+ ins
Winterquartier. Am 25. desselben Monats wurden in aller Stille alle
ledigen Männer von 18 bis 30 Jahren aufgeschrieben und am 30. November
nachts aus den Betten geholt und zur Aushebung abgeführt. Man kaufte
in Städten und in Dörfern, man fing sich gegenseitig die Leute weg.
Es entstanden tausenderlei Beschwerden und Feindschaften. Wenn aber
ein Ort mit seinen Rekruten in Rest blieb, so drangen Abteilungen
preußischer Krieger ein und griffen schonungslos auf, wen sie tauglich
fanden, nicht achtend, ob er Familienvater oder durch seine bürgerliche
Stellung vom Soldatendienste frei sei. Um das häufige Ausreißen zu
verhindern, erging aus dem zu +Torgau+ errichteten Kriegs-Direktorium
der Befehl, daß kein Sachse, welcher vom Regiment gewichen sei, in
seiner Heimat geduldet, sondern an den nächsten preußischen Truppenteil
abgeliefert werden solle. Wer einen solchen Flüchtigen verberge
oder ihm zur Flucht behilflich sei, sollte selbst als ein Ausreißer
behandelt werden. Dagegen sollten alle, welche sich freiwillig wieder
stellten, Begnadigung erhalten.

Ungestört vom Feinde blieb von der 146157 Mann starken preußischen
Armee der größte Teil während des Winters in Sachsen stehen. Wenn wir
hören, daß zu ihrer Erhaltung monatlich 911080 Thaler nötig waren, so
kann man sich denken, welche Kosten unserem Vaterlande entstanden.

Vorzüglich konnte es nicht fehlen, daß Lebensmittel aller Art im
Preise stiegen, besonders im Erzgebirge, da aus Böhmen nichts heraus
durfte. Als die preußischen Husaren im November in +Schneeberg+ zum
Winteraufenthalt einrückten, kostete ein Brot bereits 4 Groschen.


5. Nach der Schlacht bei Kolin 1757.

1757 im Frühlinge begann das preußische Heer zum Teil durch das
Erzgebirge in Böhmen einzubrechen. Kleinere Abteilungen blieben zur
Eintreibung der Lieferungen zurück. Allein nach der Schlacht von
+Kolin+ verfolgten die Österreicher ihre fliehenden Gegner nach
Sachsen. Das Gebirge bekam nun plötzlich auch einzelne Heeresteile
seiner Freunde und Beschützer zu Gesicht, die aber wie die eigentlichen
Feinde schalteten und walteten. Bei den Preußen war lobenswerte
Manneszucht. Bei den Österreichern ging das aber anders. Da waren
die Husaren, Kroaten und Panduren noch ganz so wie in den Zeiten des
Dreißigjährigen Krieges. Rauben und Plündern bei Freund und Feind blieb
diesen immer die Hauptsache.

Doch im August bemächtigte sich Friedrich wieder des Gebirges. In
+Schneeberg+ verordnete er am 2. Januar, daß sich die sächsischen
Stände am 14. Januar in Leipzig einfinden sollten bei 1000 Dukaten
Strafe, wer nicht erscheine. Das Ergebnis war: Sachsen mußte sofort
6000 Rekruten, 600 Artillerieknechte, 1200 Pferde schaffen und
Kriegskosten bezahlen. Auf den erzgebirgischen Kreis kam davon: 286875
Thaler 17 Groschen, 800 Rekruten, 67 Artillerieknechte und 150 Pferde,
was an den +Feldmarschall von Keith+ nach +Chemnitz+ abgeliefert werden
mußte. Als die Rekruteneinführung begann, nahmen die Preußen nur die
tüchtigsten Leute und Männer von ansehnlicher Größe.


6. Nach der Niederlage bei Hochkirch.

Nach der Niederlage bei +Hochkirch+ 1758 drangen die Österreicher und
die Reichsarmee zugleich in Sachsen ein. Ende November beherrschte
es aber doch wieder Friedrich. Am 20. November wurde ein Befehl
erlassen, daß 800 Wagen vom +erzgebirgischen Kreis+ nach +Chemnitz+
für die Preußen geliefert werden sollten. Oft trafen auch von beiden
Seiten Befehle zum Liefern zugleich ein. Wenn mit unsäglicher Mühe die
Gemeinden das Verlangte zusammengewürgt hatten und es an den bestimmten
Ort abliefern wollten, da überkam sie gar oftmals unterwegs der Gegner
von dem, für den die Lieferung bestimmt war, und nahm alles als gute
Beute oder ließ sich vielleicht durch ein ziemliches Lösegeld abfinden.


7. Die Auer Schlacht 1759.

Preußen, Österreicher und das Reichsheer belästigten auch 1759 unsere
Gegend. Friedrichs Bruder, +Heinrich+, lag in Sachsen. Dies erzeugte
eine Reihe von Durchzügen, die den armen Gebirgern namentlich große
Beschwerung brachten, da der österreichische +General Daun+ mit 30000
Mann durch das Gebirge von Böhmen aus in Sachsen einzubrechen drohte.
Am 1. Mai mußte der erzgebirgische Kreis 300 Wagen nach Chemnitz und
Zwickau stellen, auf jedem Wagen 12 Säcke.

Am Sonntage Exaudi, den 27. Mai, stießen Österreicher und Preußen
aufeinander. Der preußische +Oberst von Wolfersdorf+ trieb die
Österreicher, Husaren und Kroaten, unter +Generalmajor von Brentano+,
aus +Aue+ heraus. Den Kaiserlichen mußten die Lebensmittel auf
Schiebkarren nachgefahren werden, weil die wenigen noch vorhandenen
Wagen zum Fortschaffen der Verwundeten verwendet werden mußten. Das ist
die sogenannte +Auer Schlacht+.


8. Die Jahre 1760 und 1761.

Auch das Jahr 1760 brachte dem Gebirge eine Menge Drangsale. Die
Neigung des Volkes war für die an Manneszucht gewöhnten Preußen. Zu
Anfange des Jahres 1761 waren die Kaiserlichen von den Preußen ganz
aus dem Erzgebirge bis an die böhmische Grenze zurückgedrängt. Die
Preußen stellten jetzt viel ärgere Forderungen als früher. +Zwickau+
mußte 18000, +Annaberg+ 16000, +Schneeberg+ 16600, +Aue+ 3000 Thaler
Brandschatzung geben. Einquartierungen und alle anderen Steuern und
Abgaben waren noch außerdem zu leisten. Die Preußen verfuhren mit
einer Strenge, wie man sie nicht von ihnen gewohnt war. Mord und Brand
waren sofort die Losung, wenn das Geforderte nicht geschafft werden
konnte. Im Mai kamen die Kaiserlichen wieder, die sich als Retter
geehrt wissen wollten.


9. Das Ende des Krieges.

Im Juli 1762 hatten aber die Preußen unter dem +General Kleist+ schon
wieder bei +Zwickau+ ein Lager aufgeschlagen. Die Kaiserlichen zogen
sich zurück, ohne den Angriff abzuwarten.

Die Kriege zwischen Österreich und Preußen drückten mit
Einquartierungen und Kosten schwer auch auf +Geyer+ und schlugen die
Nahrung der Stadt vollends nieder. In einer Urkunde von 1762 bekannte
der Stadtrichter Christian Porges mit den Ratsherren, Viertelsmeistern
und einem Bürgerausschusse, daß die Gemeinde, um die von den Preußen
auferlegte Brandschatzung von 6000 Thalern, die in 3 Teilen von 8 zu 8
Tagen gezahlt werden sollte, aufzubringen, von Hofrat Karl Friedrich
Trier, Oberhofgerichtsassessor in Leipzig, 6000 Thaler aufgenommen
habe, unter der Bedingung, daß die anderen 3000 Thaler durch jährliche
Lieferung von 100 Schragen Holz, jeder Schragen drei Ellen hoch und
neun Ellen breit, an das Geyersche Vitriol- und Schwefelwerk vom Jahre
1763 an verzinst und abgezahlt werden sollten. Schon im folgenden
Jahre fand eine neue Anleihe statt. Ein Eintrag vom 15. Januar 1763
berichtet, daß die Preußen binnen wenigen Tagen wieder eine Summe von
6265 Thalern verlangt hätten; um dieses Geld aufzubringen, hätten
sich die Bürger insgesamt verbindlich gemacht, alle bei währenden
Kriegsdrangsalen erborgten und zu erborgenden Gelder samt Zinsen
künftig aus eigenen Mitteln und Vermögen wieder zu bezahlen, insoweit
solches nicht durch Holz, Stöcke und Kohlen geschehen könnte. Dieser
öffentlichen Verpflichtung der gesamten Bürgerschaft folgte, um der
gedrohten Ausplünderung zu entgehen, am 19. Januar 1763 das Bekenntnis
einer neuen Anleihe von 2000 Thalern bei Hofrat Trier mit 112 Thaler
Zinsen, die durch Lieferung von Stöcken an das Vitriolwerk bezahlt
werden sollten. Dieser Urkunde folgte am 3. Februar das Bekenntnis
der Gemeinde über eine Gesamtschuld von 10000 Thaler bei Hofrat
Trier mit dem Versprechen, die kurfürstliche Anerkennung binnen ¾
Jahr bei Personalarrest zu beschaffen. Die letzten 2000 Thaler waren
infolge einer dritten Kriegsforderung von 3480 Thaler unter denselben
Bedingungen aufgenommen worden.

Im Juli 1762 ist ein preußischer Truppenteil unter +Generalleutnant von
Seydlitz+, gegen 7000 Mann Kavallerie, Infanterie und Husaren, teils
durch +Tannenberg+ durchmarschiert, teils haben sie auf den Feldern
gerastet. Das ganze Kriegsvolk marschierte durch den Pfarrhof und hat
der damalige Geistliche 3 Schock Korn, ein Fuder Heu und 1½ Schragen
Holz eingebüßt. Vom 28. Dezember 1762 bis zum 2. Februar 1763 hat eine
Eskadron schwarzer Husaren unter +Rittmeister Franz v. Sorini+ in
+Tannenberg+ und in +Dörfel+ gelegen. Auch haben zu dieser Zeit zwölf
Husaren in Tannenberg das heilige Abendmahl genommen. Von einem Husaren
ist sogar ein Altartuch der Kirche verehrt worden.

Am 24. November 1762 schloß +Friedrich II.+ mit den Österreichern
einen Waffenstillstand, worauf ein Teil des Obergebirges in der Gewalt
der Kaiserlichen blieb. Am Fastnachtstage, den 15. Februar 1763, kam
endlich der ersehnte Frieden zu +Hubertusburg+ zustande. Auch in
unserer Gegend hatte man Veranlassung, Gott in besonderer kirchlicher
Feier zu danken.

            Nach Karl Lehmann, Zippert und ~Dr.~ Falke.


10. Ein Beispiel der Vaterlandsliebe aus dem Siebenjährigen Kriege.

Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des Siebenjährigen
Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein
bei Bleistadt Vater und Sohn vor einem Kienfeuer sitzend in einem
lauten Gespräch begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren
unterhaltend, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände,
welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und
hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein
Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den
hartnäckigsten Feind +Maria Theresias+ mit großem Eifer und gewisser
Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund
gesprächiger als je; denn eine österreichische Truppenabteilung, bei
deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten,
war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte
sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder
wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am
liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte
Bekanntschaft machen können.

»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete
den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in
die Stube warf. »Heraus mit Euch, oder das Feuer wird schnelle Beine
machen!«

Auf seinem Stelzfuß hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem
Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu
erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie
stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Alte erwiderte, daß er dieses
alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und
arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den
braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, sodaß die Preußen
diesen verschlossenen Leuten gegenüber einen anderen Weg einschlugen,
um zum Ziele zu gelangen.

Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen
wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen
Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und
nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben
mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit
gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebensoviele hinten und
an den Seiten, die Mannschaft folgt sechs Schritte entfernt nach. Du
führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher, und wenn
irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden Dich meine
Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme bedauernswerte Michel
leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte;
allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den
Versuch, die verhaßten Preußen irrezuführen, um die Soldaten seiner
Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald
gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins
Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben,
stirbst Du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg
mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade
auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die
unheimliche Stille, das raubtierartige Gebaren seiner schlagfertigen
Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute
von seinem Vater erzählten Kriegserlebnissen seine Thatkraft zeitigte
und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten
die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben
wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe
sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum
Stillstande gab. Diesen Augenblick benutzte der Bursche, sprang wie ein
Luchs auf den Befehlshaber und, ihn am Halse fest umschlingend, schrie
er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla! die Feinde!«
Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß
auf ewig seinen Mund verstummen machte, dessen Rufe die kaiserliche
Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat
betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.

            Nach Joh. Böhm.


46. Die Freiheitskriege.

Das Banner der sächsischen Freiwilligen.


1. Der Aufruf.

Unter dem Namen »+Das Banner der Freiwilligen+« sollte dem gebildeten
Teile des sächsischen Volkes, wie in Preußen durch die Jägerkorps,
Gelegenheit gegeben werden, seine Teilnahme an dem großen Werke der
Befreiung Deutschlands werkthätig an den Tag zu legen. Der Ausschuß des
+Erzgebirgischen Kreises+ zur Landesbewaffnung erließ deshalb folgenden
Aufruf:

»Das Vaterland erhebt sich zum heiligen Kampfe für Ehre, Recht und eine
bessere Zeit, die mutig erzwungen werden muß. Wem noch ein deutsches
Herz im Busen schlägt und wer den kräftigen, mutvollen Geist der
Sachsen treu bewahrt hat im Drange der Ereignisse, der hört mit lauter
Freude den Ruf der Ehre und des Vaterlandes. Schon strömen von allen
Seiten mutige Jünglinge und Männer in die Reihen der Freiwilligen, und
bald erhebt sich der Sachsen Banner in dichten Haufen der Edlen, Blut
und Leben dem heiligen Kampfe weihend.

Biedere Bewohner des Erzgebirges! -- stets brav und treu der Ehre und
dem Vaterlande -- eilt, den ersten Preis des mutigen Sinnes für die
gerechte Sache zu gewinnen. Sorgt, daß der alte Ruhm des Biedersinns
und der Vaterlandsliebe nicht unserem Kreise entrissen werde! Wer
von Euch könnte es ertragen, einst sagen zu hören, daß die Söhne des
Gebirges schmachvoll zurückgeblieben seien im großen Kampfe für die
gute Sache? Was Ihr jetzt thut für diese, wie Ihr jetzt Euch zeigt vor
den Augen der Völker, das entscheidet für Jahrhunderte hinaus über Eure
Ehre, das Glück Eurer Enkel, den Ruhm unseres Kreises!

Und Ihr werdet -- wir verbürgen das mit Stolz im voraus -- kräftig und
mutvoll Euch zeigen, werdet tapfere Beschützer des Rechts und willige
Förderer der guten Sache sein; Ihr werdet ruhmvoll kämpfen oder, wenn
die Umstände Euch diese Ehre versagen, eifrigst sorgen, daß das große
Werk des Volkes durch jedes Hilfsmittel, durch willige Opfer, That,
Kraft und warme Teilnahme mächtig gefördert und erleichtert werde.

Wir werden deshalb in den nächsten Tagen näher zu Euch reden. Um
indes im voraus dem edlen Drange derer, die bereits freiwillige
Beiträge zur Ausrüstung der unbemittelten Landesverteidiger bei uns
gemeldet haben und noch melden wollen, zu begegnen, haben wir eine
Kreiskasse zur Aufnahme solcher Beiträge bestimmt und ein offenes
Buch anlegen lassen, worin der Name und der Beitrag jedes edelmütigen
Vaterlandsfreundes, der auf diese ehrenvolle Weise seinen Eifer für die
gute Sache an den Tag legt, eingetragen wird. Diese schöne Liste soll
öffentlich bekannt gemacht werden, damit das Vaterland die Förderer
seiner Ehre und seiner Wohlfahrt kennen lerne. Diese Beiträge können
hier unmittelbar oder durch die Bezirksämter gemeldet werden.

        Ausschuß des Erzgebirgischen Kreises zur Landes-Bewaffnung.«


2. Die Einrichtung des Banners.

Das sächsische Banner sollte aus 5 Schwadronen Reiterei, 2 Regimentern
Jäger, 1 Kompanie Sappeurs und aus einem verhältnismäßigen
Artilleriekorps bestehen. Die Mitglieder des Banners erhielten den
Rang eines Gefreiten, Befreiung von körperlicher Züchtigung und wurden
mit »Sie« angeredet. Wer aus bürgerlichem Dienste in das Banner trat,
behielt sein Amt und die Einkünfte desselben. Nach Beendigung des
Krieges konnte jedes Banner in seine vorigen Verhältnisse zurücktreten.
Jeder, der den Feldzug mitgemacht hatte, sollte bei seiner Beförderung
im Dienste berücksichtigt werden. Die Freiwilligen des Banners mußten
sich selbst kleiden, beritten machen und womöglich auch bewaffnen.
Anfang Dezember war die Anzahl der Freiwilligen bereits auf 1500
gestiegen. Die angesehensten Männer traten in die Reihen der Gemeinen.
Einer der ersten Freiwilligen war der Professor +Krug+ in Leipzig,
der das Jahr zuvor Rektor Magnifikus gewesen war. Ebenso folgte der
Professor ~Dr.~ +Tzschirner+ in Leipzig als Feldprobst.

Aus +Schwarzenberg+ und dem Hammerwerke +Erla+ traten 17 junge Männer
zum Banner.

Aller Orten und Enden wurden zahllose Scharen von Rekruten geübt, um
geschickt zu werden, an der feierlichst verkündigten und versprochenen
Freiheit des deutschen Vaterlandes mit aller Macht kämpfen und arbeiten
zu helfen. Das Erzgebirge blieb nicht zurück. Mehrere Abteilungen
Landwehr bildeten sich auf den Bergen und in den Thälern desselben.
Auch das Banner erhielt manchen Gebirger in seinen stattlichen
Reihen. Das erste Bataillon des Banners empfing sogar eine Fahne von
+Schneeberg+.

            Nach Karl Lehmann.


47. Die Pest im Erzgebirge.


1. Wie die Pest in Annaberg auftritt.

Zu den Drangsalen durch den Feind gesellten sich die Verheerungen,
welche die Pest über das ganze obere Gebirge brachte. Sie wütete
besonders im August und September 1633 in +Annaberg+, +Marienberg+,
+Zöblitz+, +Altenberg+, +Zwickau+ und Umgegend. +Annaberg+ hatte
eine Menge der wegen Kriegsdrangsale flüchtigen Landleute nur eben
aufgenommen, als fast gleichzeitig die Pest ihren grauenhaften Einzug
hielt und in kürzester Zeit die meisten unglücklichen Flüchtlinge
tötete. Ebenso wurden viele Bewohner der Stadt selbst von der Seuche
erfaßt. Im August gab es in 140 Häusern Pestkranke. Es sind deshalb
manchen Sonntag 385 Abendmahlsgäste in der Kirche gewesen, um noch
Trost vor dem nahenden Tode zu suchen. Auch die meisten Schüler der
Lateinschule wurden dahingerafft, daß nur wenige, wie schon 1521,
übrig blieben. +General Holck+ starb auch 1633 zu +Adorf+ an der Pest.
Die an der ansteckenden Krankheit Verstorbenen, deren Särge man nicht
durch die Gottesackerkirche trug, schaffte man durch das von der
Geyersdorfer Straße unmittelbar hineinführende Thor. Es erhielt davon
den Namen »+Pestthor+«.

            Nach Arnold u. a.


2. Wie die Krankheit sich zeigt.

Die Krankheit besteht in einem durch Ansteckungsfähigkeit schnell
fortschreitenden Fieber, welches meist entzündlicher Natur ist und
einen nervösen und fauligen Zustand erzeugt, heftige Entzündung der
Drüsen, besonders in den Weichen, sowie den Blutschwären ähnliche
Beulen bildet, die äußerst schmerzhafte, bald in Brand übergehende
und entzündete Geschwülste in den häutigen und fleischigen Teilen des
Körpers verursachen. Sie tötete in den allermeisten Fällen oft schon in
wenigen Stunden, zuweilen aber auch erst nach einigen Tagen, manchmal
noch später. Sie ist wohl nie in ihrer das Leben und die Gesundheit
zerstörenden Wirkung von einer anderen Seuche übertroffen worden. Das
hauptsächlichste Mittel zur Verbreitung ist unstreitig das Pestgift,
welches durch die Krankheit selbst erzeugt wird und sich besonders
durch unmittelbare Berührung mitteilt.

            Nach ~Dr.~ Köhler.


3. Wie schon 1568 kein Geistlicher zu den Pestkranken gehen will.

Während früher unter allen erzgebirgischen Städten einzig +Schneeberg+
gänzlich von der Pest verschont blieb, wurde namentlich +Annaberg+
1568 furchtbar verheert. Das am 17. Juli desselben Jahres daselbst
beobachtete Erdbeben sah man als die Ursache der Krankheit an. Kein
Haus blieb damals verschont, und was sich heute noch, so berichtet
der Geschichtsschreiber, gesund begrüßte, war morgen schon eine
Beute der Pest. Vergeblich verlangten die Sterbenden nach Tröstung
durch das heilige Abendmahl, da die dasigen Geistlichen nicht zu den
Verpesteten gehen durften. Es erschien daher die Anstellung eines
besonderen Pestgeistlichen nötig. Aber niemand fand sich, der den
todbringenden Seelsorgerdienst übernehmen wollte. Damals irrte ein
geächteter sächsischer Geistlicher seit 5 Jahren unstät und flüchtig
in den böhmischen Grenzorten umher, +Wolfgang Uhle+, ein Bürgerssohn
aus +Elterlein+, welcher am 10. Juli 1563 als Pfarrer zu +Clausnitz+
in wildem Jähzorne den dortigen Dorfrichter Georg Biber mit einem
Hammer erschlagen hatte. Dem Vollzuge des über ihn ausgesprochenen
Todesurteils hatte er sich durch schnelle Flucht nach Böhmen entzogen,
wo er die Bedrängnis der Stadt +Annaberg+ erfuhr. Alsbald ließ er
dem Rate sagen, daß er sein ferneres Leben gern dem Troste und
Beistande der Pestkranken opfern wolle, wenn ihm Begnadigung gewährt
werde. +Kurfürst August+ begnadigte ihn hierauf auch wirklich unter
der Bedingung, daß er seines Berufes als Pestprediger treu warte.
Der Geächtete kehrte nun frei ins Vaterland zurück, begab sich nach
+Annaberg+, wo bereits 2228 Personen an der Pest verstorben waren,
setzte sich mutig der größten Gefahr aus, blieb aber wunderbarerweise
von der schrecklichen Krankheit unberührt. Als die Pest erloschen war,
wurde Uhle als für immer Begnadigter zum Pastor in +Breitenbrunn+
ernannt, wo er bis 1594 in Segen wirkte und im gedachten Jahre mitten
in der Ausübung seines Amtes am Altar von einem Schlagflusse getroffen
ward, sodaß er nach den Worten des Geschichtsschreibers so schnell zu
Boden sank, wie 30 Jahre zuvor der Unglückliche, den er erschlagen
hatte.

            Nach ~Dr.~ Köhler.


4. Wie man an Pestmacher glaubt.

Da man sich über die Ursache der todbringenden Pestkrankheit nicht
klar war, so vermutete man, die Totengräber wendeten Zaubermittel an,
um nur recht viel Leichen zu haben, damit ihre Einnahme sich mehre.
Sonderbare Sachen werden uns aus den Pestzeiten erzählt.

Im Jahre 1680 wurde zu +Geyer+ der Totengräber wegen Zauberei auf dem
Gottesacker verhaftet und gefänglich eingezogen. Man hatte ihn auf
den Markt gehen und aus einer Schachtel etwas ausstreuen sehen. Als
nun hernach allerhand Merkmale gesucht wurden, ihn seiner Bosheit zu
überweisen, fand man unter anderm, daß er sein eigenes Weib wieder
ausgegraben, ihr Augen, Nase und Zunge ausgeschnitten und die Teile
zu Pulver verbrannt hatte, welches er also auf die Gasse gestreut.
Er wurde deswegen mit dem Staupenschlag bestraft und ewig des Landes
verwiesen.

Zu +Wolkenstein+ hat im Jahre 1614 ein Totengräber einer Pestleiche
den Kopf im Grabe abgestoßen, diesen in seiner Stube an einer Schnur
in Teufelsnamen aufgehängt. Darin hat er Hefen, Bier und Blut von
Verstorbenen, ebenso Milch vermischt, warm gemacht und gegessen.
Soviel nun Tropfen aus dem schwitzenden Hirnschädel gefallen, so viele
Pestleichen hat er selbigen Tag gehabt. Dieser Pestzauberer hatte auch
zweierlei Pulver, ein gutes wider die Pest und ein ansteckendes, so er
aus einer Pestdrüse gemacht. Um solcher schrecklichen Übelthaten willen
ist er verbrannt worden.

Im Jahre 1620 regierte die Pest zu +Gottesgab+, davon der Ort halb
ausstarb. Der Totengräber kam in Verdacht, er habe die Seuche mit bösen
Mitteln verursacht. +Hans Leonhard+, ein verwegener Mühlknecht, der
eben aus dem Kriege gekommen, wagte sich hinein in des Totengräbers
Häuslein und fand einen Totenkopf über dem Ofen hängen. Darüber hat
er sich erbost und den Totengräber samt seinem Weibe krumm und lahm
gehauen. Er holt Feuer und brennt das Spital gar weg. Aus dem sind zwar
die tödlich Geschlagenen gekrochen. Aber dennoch sind sie an ihren
Wunden gestorben.

Im Jahre 1630 hatte eine gewisse Pittelin zu +Abertham+, einem früher
durch seinen Käse berühmten Dorfe, die Pest durch Zaubermittel
vermehren helfen. Wie sie in der Marter bekannte, hat sie eine Bürste
neben eine Leiche ins Grab geworfen, welche dann auf ihren Rat wieder
herausgenommen werden mußte, denn sonst würde nach ihrer Aussage ganz
Abertham aussterben. Schon 263 Personen waren gestorben. Es hat sich
mit der Bürste auch also befunden und wurde diese Pestzauberin am 18.
November in +Joachimsthal+ an einem Pfahl mit dem Strange erwürgt, die
Tochter von 13 Jahren enthauptet, beide Körper verbrannt und der Sohn
des Landes verwiesen.

            Nach ~Dr.~ Gräße.


5. Die letzte Pest im Erzgebirge.

+Pestopfer+ waren an Zahl 1582 in Großrückerswalde 51, 1585 in
Schwarzenberg 54, 1586 in Geyersdorf 86, in Kleinrückerswalde 61,
1607 in Aue 73, in Wiesenthal 50, in Joachimsthal 204, 1613 in Wiesa
133, 1625 in Zöblitz 323, 1626 in Gottesgab 178, in Breitenbrunn 81,
in Schwarzenberg 205, 1633 in Joachimsthal 800, in Breitenbrunn 145,
in Marienberg 117, 1634 in Wiesa 145, 1636 in Gottesgab 107, 1637 in
Schwarzenberg 262, in Bernsgrün 52, in Lengefeld 80, 1639 in Gottesgab
114, in Fernrückerswalde 205, in Cranzahl von 1582 bis 1640 auf 200.

1679 wütete in Wien die Pest. Von da aus verbreitete sie sich auch nach
Prag und schritt dann über die Grenze nach Sachsen.

Am 24. Oktober 1679 wurde ein »Fast-, Bet- und Bußtag um
pestilenzialischer Krankheiten« feierlich begangen. Furchtbar trat
der Würgengel im Erzgebirge auf. In Freiberg sollen 1200 Menschen
dahingestorben sein.

1680 zeigte sich der erste Pestfall in +Marienberg+, ihm folgten
554 Personen. In Wolkenstein fielen der Krankheit viele zum Opfer.
Annaberg, Schneeberg und Chemnitz wurden abgesperrt. In +Annaberg+
ließ man einen Spitzenhändler, welcher aus einem angesteckten Orte
kam, durch den Steckenknecht oder Gerichtsdiener gleich nach seinem
Eintritte aus der Stadt bringen. So erging es einem andern, der bald
auf freiem Felde hilflos niederfiel und verstarb. In der Stadt trat
Brotmangel ein. Die Bürger +Lahl+ und +Scheuereck+ setzten das eigene
Leben daran, ihre Leidensgenossen durch den gefahrvollen Ankauf von
Lebensmitteln vom Hungertode zu erretten. ~Dr.~ Macasius besuchte
ohne Scheu die Kranken und starb bald selbst. In Marienberg starben
beide Geistliche. In Rauenstein starben sieben Abendmahlsgäste. Bei
Reifland nahmen die Geängstigten das Abendmahl unter freiem Himmel. An
der Stelle errichtete man einen Denkstein zur Erinnerung an das letzte
Pestjahr in Sachsen.

            Nach Lehmann und B. Schlegel.


48. Die Teuerung und Hungersnot im Erzgebirge in den Jahren 1771 und
1772.

Auch bei dem besten Ertrage der Felder unseres Erzgebirges ist derselbe
nie zur Ernährung der dichten Bevölkerung hinreichend. Wir sind bei dem
Getreideeinkauf auf die Niederungen angewiesen, mit deren Bewohnern
wir gegen unsere Industrieerzeugnisse Brot eintauschen. Jetzt umspannt
das Eisenbahnnetz den ganzen Erdteil, aus den entferntesten Gegenden
kann mit Leichtigkeit Getreide herbeigebracht werden. Wie war es
aber früher, als es noch keine Bahnen gab, die Straßen noch nicht im
besten Zustande waren und oft der verschneite Hohlweg den Verkehr
auf Tage, ja auf Wochen hinaus hemmte? Auch in den Zeiten vor den
Eisenbahnen mußte das Getreide drunten im Niederlande gekauft oder
aus den gesegneten Gefilden des nahen Böhmerlandes herbeigeschafft
werden. Der Haupthandelsplatz war die Stadt Zwickau, hierher brachte
der Altenburger Bauer sein Korn, der Müller und Bäcker aus dem Gebirge
kaufte da ein. Wenn aber auch in den Niederungen Mißernte eingetreten
war, wenn Böhmen die Grenzen sperrte und kein Getreide hereinließ, dann
pochte die drückende Sorge um das tägliche Brot an die Pforten der
Wohnungen der sonst so frohgesinnten Gebirgsbewohner, dann trat wohl
eine Hungersnot ein, wie sie die Altvordern in den Jahren 1771 und 1772
erlebt haben.

Schon im Frühjahre 1770, als ein später Schneefall den Wintersaaten
großen Schaden zufügte und darauf anhaltendes Regenwetter folgte,
begann eine allgemeine Besorgnis um die Zukunft sich der Gemüter zu
bemächtigen; sie bestätigte sich in den seit Johannis von Woche zu
Woche steigenden Getreidepreisen und in einer Mißernte, die sich
nicht bloß über das Erzgebirge, nicht bloß über Sachsen, sondern
über die fruchtreichsten Gegenden Deutschlands erstreckte. War die
Bedrängnis schon groß, welche dadurch für die dichte Bevölkerung
unseres Obererzgebirges herbeigeführt wurde, so mußte sie sich zur
höchsten Not steigern, als im nächsten Jahre der späte Schneefall
und die regnerische Witterung sich wiederholte. Die Felder boten den
düstersten Anblick, sie waren von den Eigentümern entweder mit selbst
erbautem geringen oder teuer erkauftem Samen möglichst dünn bestreut,
oder aus Mangel an solchem gar nicht besät, und die Kartoffelsaat
war hier und da von den Armen wieder aufgewühlt. So ließ sich das
Schlimmste befürchten, eine nochmalige Mißernte. Und sie trat ein! --
trat zu einer Zeit ein, als auch die anderen Nahrungsquellen bei der
herrschenden Gewerblosigkeit versiegten und alle Zufuhren aus Sachsens
Kornkammern, aus Böhmen und Altenburg gehemmt waren. Da entrollte
sich endlich vollständig das Bild der furchtbarsten Hungersnot, die
je erlebt worden war. Man sah ganze Scharen von Bettlern umherziehen,
darunter Greise, die von ihren Angehörigen nicht mehr ernährt, fremde
Unterstützung suchen mußten, Jünglinge, die, sonst kräftig und blühend,
jetzt halb verschmachtet, mehr durch ihren Anblick, als durch Worte
sich Mitleid erflehten; Männer, die nach Verkauf des letzten, was sie
hatten, selbst ihrer Werkzeuge, an den Bettelstab gebracht waren,
viele, die bisher in Wohlstand gelebt, jetzt mit bitteren Thränen
anderer Milde ansprechen mußten. -- Man sah Scharen von Kindern, die,
von Eltern hilflos gelassen, Brot aus reicheren Händen zur Stillung
ihres Hungers zu erlangen suchten. Die Zahl der Bettler war so groß,
daß, wie z. B. Pastor Oesfeld aus Lößnitz versichert, an einem Tage oft
mehr als 400 vor den Thüren die Mildthätigkeit in Anspruch nahmen.

Der Kornpreis war vom Frühjahr 1770 bis dahin 1772 von 1 Thlr 4 Ggr
auf 14 Thlr gestiegen. Wie vielen Familien mochte es da unmöglich
geworden sein, das tägliche Brot zu kaufen. So nahm man seine Zuflucht
selbst zu den unnatürlichsten Nahrungsmitteln: die gröbsten Kleien,
unreife Waldbeeren, gekochtes Gras, zerriebene Baumrinde als Mehl und
dergleichen mehr mußte zur Stillung des peinigenden Hungers dienen.

Die unausbleiblichen Folgen waren bösartige, ansteckende Fieber,
die allenthalben die Opfer des Todes im Jahre 1772 ins Unglaubliche
vermehrten. In +Annaberg+ zählte man deren im erwähnten Jahre 490,
während nur 89 Kinder geboren wurden. Auf der Scheerbank starb im
Februar innerhalb vierzehn Tagen ein Haus, welches von 9 Personen
bewohnt war, ganz aus. Nach einer Angabe des +Geyerschen+ Rates
hatte man am 19. Mai schon 192 Leichen, darunter 50 Hausbesitzer. In
+Ehrenfriedersdorf+ konnte man keine Bretter mehr auffinden zu Särgen
für die Verstorbenen. Im Quartalbuch der Fleischer in derselben Stadt
heißt es vom Jahre 1773: »Das ehrsame Handwerk ist so in Verfall
gekommen, daß keiner imstande gewesen ist, etwas zu schlachten. Das
liebe Brot mußte mit Einteilung gegessen werden. Es sind in diesem
Jahre 585 Personen gestorben.« Die meisten Bewohner waren vom Hunger
völlig abgemattet. Manche sanken auf offener Straße um und blieben tot.
Wie es in solcher Zeit um die Ernährung und Pflege der Kinder im Hause
und ihrer Sittlichkeit außer demselben stand, kann man leicht vermuten.

Das 49. Stück des Dresdner gelehrten Anzeigers vom Jahre 1772 schreibt:
Hier ist ein Auszug aus einem Briefe eines sicheren Mannes, der am
4. September die Gegend nach +Johanngeorgenstadt+ zu durchreist hat:
Ich habe das Elend in +Breitenbrunn+, +Rittersgrün+, +Wiesenthal+,
+Crottendorf+, +Pöhla+, +Wildenthal+, +Eibenstock+ und +Neudorf+
gesehen. Nie wünsche ich mir und keinem andern, einen so traurigen
Anblick wieder zu erleben. Schon auf der Reise fand ich nicht wenige
unbesäet gebliebene, zum Teil schon zur Aussaat aufgerissene Felder:
auf diesen nichts als etwas Gras, das kaum zur Hutweide nutzen kann.
Auf den Wiesen noch vieles Heu, das nicht hatte eingebracht werden
können und nun verderben mußte, weil das Zugvieh und die erforderlichen
Kosten gemangelt hatten, oder wo der Hauswirt krank oder gar gestorben
war und ein Haus voll hilfloser Waisen hinterlassen hatte; die
Feldfrüchte, die nur in wenig Roggen, meist in Hafer bestunden,
gar dünn und noch hin und wieder grün wie Gras, und bei den schon
einfallenden kalten Nächten nicht viel Hoffnung zu ihrer Reife. Die
im Vergleich mit anderen Jahren wenig eingelegten Erdäpfel waren
schon großenteils ausgegraben und halb unreif verzehrt; die noch in
der Erde liegenden der Dieberei ausgesetzt, und auf allen Fall nur
ein Vorrat auf einige Wochen. Das innere Elend der Orte wage ich
mich gar nicht zu schildern. Traurig war es von vielen sogenannten
Halb- und Viertelgutsbesitzern zu hören, daß sie nicht eine Hand voll
Samen ausgesät hätten, daß ihr Rindvieh größtenteils verstoßen und
die wenigen Pferde aus Mangel an Futter gefallen wären; noch viel
trauriger, die meisten Einwohner nicht so notdürftig bekleidet, daß
sie ihre Blöße bedecken konnten, ihre Wohnungen von allem Hausgerät,
ihr Lager von Betten leer zu sehen. Kleider, Wäsche, Betten, Haus-
und Handwerksgeräte hatten die meisten, so viele die eisernen Töpfe
und bleiernen Röhren aus den Öfen, die Schlösser von den Thüren und
ihre Äxte verstoßen und um ein Geringes verkaufen müssen, viele haben
sogar die Fenster, die Ziegelsteine von den Feueressen etc. aus Not
verkauft. Viele Häuser, die ausgestorben waren, sind von ihren Nachbarn
eingerissen und das Holz verbrannt worden, um ihr und ihrer Kinder
Leben auf einige Tage zu fristen. Handwerker und Gewerbetreibende
hatten keinen Verdienst. Zu der schweren Arbeit in Eisenhämmern und
Holzschlägen, welche sonst den Mannspersonen ihren Verdienst schaffen,
jedoch jetzt auch liegen, sind sehr viele zu entkräftet. Oft müssen
sie von der Arbeit wieder abgehen, oft davon hinweggetragen werden;
ja einige sind tot dabei liegen geblieben. Ich habe Männer in ihren
besten Jahren gesehen, die nicht im stande waren, das ihnen geschenkte
Holz im Walde zu hauen und herein zu holen. Der Winter setzt die
Männer außer allen Verdienst. Der Lohn bei den Fabriken, für welche
die Weibspersonen und Kinder arbeiten, reicht nicht zu, das Brot der
arbeitenden Person zu bezahlen, geschweige ganze Familien zu ernähren,
Kranke zu erquicken, Kleider, Betten, Hausgeräte anzuschaffen. Ja, ich
habe Klöpplerinnen gefunden, die der Hunger dumm und blind gemacht
hatte; andere, die wegen zurückgebliebener Mattigkeit und blöden
Gesichts wie die Kinder, wieder mit kleinen Zäckchen und schmalen
Borten zu arbeiten anfangen mußten. Ich erstaunte über die Gelassenheit
der vielen Elenden, die mir allenthalben entgegenkamen, aber selbst
zu Kummer und Klagen schon zu empfindungslos, zum Teil auch schon
sorglos für sich und die Ihrigen waren, weil sie, wie mir einige
selbst sagten, sich auf den bevorstehenden Winter weder zu raten noch
zu helfen wußten. Viele haben sich schon des Lebens begeben. Die
Krankheiten hatten auch wieder sehr überhand genommen, vornehmlich
durch den Genuß unreifer Erdfrüchte und durch die Erkältung wegen
Mangels hinlänglicher Bedeckung am Tage sowohl, als besonders des
Nachts. Die meisten Genesenden können sich wegen der schweren Kost
nicht wieder erholen. -- Mit Nahrungsmitteln, die im Niederlande zu dem
notdürftigsten Unterhalte gehören, kann man hier Sterbende retten. Doch
habe ich in Breitenbrunn etliche vor Hunger schon halb Verschmachtete
gesehen, die keine Gabe mehr retten, sondern ihnen den Tod nur weniger
peinlich machen konnte. Viele wissen über keine Krankheit noch Schmerz
zu klagen, aber geschwollen, keuchend, ganz verschmachtet taumeln sie
umher, vermutlich sind ihre Eingeweide zusammengeschrumpft. -- Nur erst
vor vierzehn Tagen hatte man in der Gegend von Eibenstock zwei Kinder,
die in den Wald gegangen waren, um sogenannte Schwarzbeeren zu holen,
auf der Straße aus Mattigkeit umgefallen und tot gefunden. Die fremden
Almosen nehmen ab und die Kollekten jedes Ortes sind, wenn gleich
diejenigen, die noch wohlhabend heißen, über ihr Vermögen thun, doch
ein weniges für so viele Arme, die sich täglich vermehren. Mancher, der
noch vor etlichen Monaten Almosen gab, bittet jetzt um Almosen, und
dadurch wächst die Zahl der Armen, so viel auch hinwegsterben, doch
immer wieder so sehr, daß die an sich beträchtlichen Gnadengeschenke
nur kleine Gaben werden. 150 Scheffel Korn mußten jüngst unter 12800
Arme verteilt werden.

Ferner teilt die erwähnte Zeitung später mehr mit: Bei einem Bereisen
einiger Dorfschaften im Monat März fand ein gebirgischer Medikus zu
+Rittersgrün+ in einem Hause den Wirt mit seiner Frau und sechs Kindern
in äußerster Armut, das siebente, eine Tochter von neunzehn Jahren, die
für sich und die übrigen noch Brot verdienen konnte, war vor etlichen
Wochen gestorben, eine Tochter von sechzehn Jahren lag seit einigen
Tagen vor Hunger, ein Kind von neun Jahren an Hitze und Geschwulst,
eins von sieben Jahren an der Auszehrung darnieder. Von zwei Broten,
die der Hausvater in einer Woche noch verdienen konnte, und etwas Milch
von seiner Kuh mußten sie alle leben. Seine Kinder zu retten hatte er
diese Kuh verkaufen wollen, aber nirgends einen Käufer gefunden. In
einem andern Hause waren drei Genesene, aber der Hunger warf sie aufs
neue nieder. Ein Hausgenosse war vor zwei Tagen verhungert, lag aber
noch in dem Bette, in dem er gestorben war, weil Witwe und Kinder, alle
ganz unbedeckt, nichts zum Sarge auftreiben konnten. Nicht weit davon
lag der Wirt vom Hause abgemattet auf dem Boden, ohne etwas klagen zu
können. Dessen Bruder mit seiner Frau nebst sechs Kindern waren seit
sechs Wochen eins nach dem andern verhungert. -- In +Crottendorf+ fand
man einen Hausgenossen, dem in der Nacht vorher ein Kind verhungert
war, und zwei Kinder nebst der Mutter lagen verschmachtet dem Tode
nahe. Aus eben diesem Hause war ein Knabe betteln ausgegangen, aber
abends nicht heimgekommen. Tags darauf, da man das Haus öffnete, lag er
tot vor der Thüre, ohne Geld, ohne Brot etc.

Der Notschrei, welcher vom Gebirge her erklang, fand im ganzen
Sachsenlande und darüber hinaus Widerhall, durch Spenden suchte man
die Not zu lindern. Seit dem 12. Januar 1771 bis zu Ende 1773 sind
allein aus dem Leipziger privil. Intelligenz Comtoir 25726 Thlr 6
Gr 9 Pfg bares Geld, 300 Scheffel Getreide, 37 Zentner Reis, auch
viele Bücher und Kleidungsstücke an eingegangenen Wohlthaten in unser
Gebirge zu verzeichnen. Bereits im Januar 1772 bekam der Stadtrat zu
+Annaberg+ 100 Thaler von einem unbekannten Wohlthäter in Leipzig,
wovon 644 Brote, jedes zu 3 Pfund an 399 Familien oder an 1052 Personen
verteilt wurden. Chemnitz, Ehrenfriedersdorf, Eibenstock, Geyer,
Johanngeorgenstadt und Schneeberg werden als die Schauplätze des
größten Elends damaliger Zeit genannt.

Die immer hoffnungsreicher hervortretende Ernte des Jahres 1773
richtete endlich die fast bis zur Verzweiflung niedergebeugten
Gebirgsbewohner wieder auf und half durch ihre gesegneten Gaben die
letzte Not überwinden. Der Scheffel Korn, welcher 1772 mit 14 bis 15
Thalern bezahlt wurde, galt 1773 nur 4 Thaler und Anfang des Jahres
1777 nur 2 Thaler. Die Kartoffeln kosteten während der Hungerjahre
der Scheffel 2 Thaler 18 Groschen, am Anfang des Jahres 1774 nur 6
bis 8 Groschen. In einigen Städten ließ man Gedenkmünzen schlagen,
auf welchen die Getreidepreise in den Zeiten der großen Teuerung
verzeichnet stehen. Das +Annaberger Museum erzgebirgischer Altertümer+
besitzt deren mehrere, eine solche Bleimedaille aus dem Jahre 1772
zeigt z. B. auf der Vorderseite: Sachsens Denckmahl 1771. 1772. große
Theurung, schlechte Nahrung. Die Rückseite besagt: im Gebürge galt
1 Sch: Korn 13 Th: 1 Sch: Weitze 14 Th: 1 Sch: Gerste 9 Th: 1 Sch:
Haber 6 Th: 1 Pfd. Butter 8 gr. 1 Pfd. Brodt 2 gr. In Geyer ward am
16. August 1773 mit dem Erntedankfest das ausgeschriebene allgemeine
Dankfest für Rettung aus der großen Drangsal verbunden. Mit welcher
Rührung und Inbrunst mögen die Geretteten daran teilgenommen haben!

Im September des Jahres 1773 bereiste der damalige Kurfürst und spätere
König Friedrich August I. nebst Gemahlin und Gefolge das Gebirge,
überall reiche Mittel und infolge seiner Teilnahme Trost spendend.

Von Marienberg ging am 1. September die Reise zu Pferde über
Ehrenfriedersdorf, Geyer, Zwönitz, Lößnitz, Schlema nach Schneeberg und
von da an demselben Tage wieder zurück nach Marienberg. Am 2. September
war der hohe Herr in Annaberg. Dort wäre er beinahe verunglückt, weil
das Pferd vor den Schüssen scheute, die man am Pöhlberge ertönen ließ,
als er die Pöhlbergstraße aufwärts ritt.

            Nach Lungwitz.



Fünfter Abschnitt.

Das Wirtschaftsleben des Obererzgebirges.


49. Die obererzgebirgische Kohlenbrennerei.


~a.~ Die Entstehung des Gewerbes.

Der Name +Köhler+ gehört so recht dem Erzgebirge an, wo das
Kohlenbrennen seit Jahrhunderten für zahlreiche Bewohner einen
Erwerbszweig bildete, der noch in der Gegenwart, freilich bedeutend
sparsamer, in den oberen Waldbezirken, bei Zöblitz, Hirschenstand,
Carlsfeld und Morgenröte, bei Göttersdorf in Böhmen und anderwärts
angetroffen wird.

In der Geschichte und in den Sagen treten wiederholt Köhler auf.
Der Köhler Georg Schmidt befreite am Fürstenberge bei Schwarzenberg
den Prinzen Albert aus den Händen des Kunz von Kaufungen; ein
Köhler soll im Jahre 1458 im Walde beim Abräumen seines Meilers
ausgeschmolzenes Zinn gefunden haben, was Veranlassung zur Gründung
der Bergstadt Altenberg gab. Köhler haben sich nach der Sage zur
Zeit der Hussitenkriege im Walde, da wo jetzt +Crandorf+ liegt,
ihren Kohlenkram, d. h. Hütten aufgebaut, weshalb man den daselbst
entstandenen Ort zuerst Kram- und später +Crandorf+ genannt habe.

Als im Gebirge an zahlreichen Orten Eisenhütten entstanden, brannte
man auch überall in deren Nähe das Holz zu Kohlen, da diese
zum Ausschmelzen der Erze nötig waren. In der 1697 erneuerten
kurfürstlichen Holzordnung von 1560 wurde aber bestimmt, daß die
Köhler das Holz nicht mehr selbst schlagen lassen durften und das
Kohlenbrennen nur noch vom 25. März bis 16. Oktober zu gestatten sei.

In früherer Zeit wurden die Kohlen da und dort auch in muldenförmigen,
ungefähr einen Meter tiefen Gruben gebrannt, in welche man Reisig
und Holzabgänge warf, diese dann anzündete und mit Erde bedeckte.
Man erhielt auf diese Weise die sogenannten Grubenkohlen. Das
gebräuchlichste Verfahren bestand aber, wie noch jetzt, im Verkohlen
aufgebauter Meiler. Die größeren Kohlen wurden zur Verwendung für die
Zerrennfeuer, durch welche das Schmelzen des Eisens, um es weicher und
geschmeidiger zu machen, wiederholt ward, mit Dreschflegeln in kleinere
Stücke zerschlagen.

Es wird den Köhlern das Verdienst zugeschrieben, den Wald nach
und nach urbar gemacht und das Dorf +Ansprung+, welches im 16.
Jahrhundert +Aschberg+ hieß, gegründet zu haben. Es haben aber gewiß
auch die +Aschebrenner+ ihren Anteil an der Besiedelung der Gegend;
der Name dürfte auf das frühere Äschern, d. h. Aschebrennen zu
Pottaschebereitung, zurückzuführen sein.

Ehemalige Meilerstätten trifft man noch häufig im Gebirge an; manche
derselben stammen jedenfalls aus sehr alter Zeit. In der Mitte einer
Meilerstätte ward eine Stange eingeschlagen. Unten hin legte man
trockenes »Zünderholz«, dann wurden Stöcke rundum aufgeschichtet;
obenauf legte man schräg Scheitholz, sodaß das Ganze wie ein gewölbter
Backofen erschien. Die Eindeckung erfolgte mit Fichtenreisig, Erde und
Rasen. Der Köhler hat mittels der Zündlöcher für Gleichmäßigkeit im
Brande zu sorgen. Mit dem Schürbaum stößt er Löcher in die Decke, um
nachzufüllen. 10 Tage dauert die Arbeit. Einfach ist die Köhlerhütte in
seiner Nähe.

            Nach ~Dr.~ Köhler.


~b.~ Eine Köhlerwohnung in alter Zeit.

Umkränzt von riesigen Fichten rauchten und dampften kegelförmig
gebildete Meiler, und an die gewaltigen Baumstämme lehnten sich
niedrige, kunst- und schmucklos von eigner Hand erbaute Lehmhütten, vor
den brausenden Waldstürmen der Höhe Schutz suchend, an.

Höchst einfach, nach unseren Begriffen mehr als ärmlich, sah es in
diesen Hütten aus. Von Dielen erblickte man keine Spur, nur in der
Mitte erhob sich ein Tisch von ungehobelten Brettern auf vier in die
Erde eingeschlagenen Pfählen, umgeben von einigen gleichartigen Bänken
und Holzschemeln.

In einer Ecke stand der Ofen, wenn man eine Vertiefung im steinigen
Boden, von einigen Mauersteinen umgeben, so nennen will, in welchem
fast beständig ein helles Feuer brannte, bei dem die einfachen Gerichte
gekocht oder gebraten wurden. Einige rußige Töpfe und unförmliche
Tiegel, sowie hölzerne Teller und Löffel waren das einzige Haus- und
Küchengeräte. Schlösser an den Thüren wären unnötig gewesen; denn
wer sollte aus jenen Lehmhütten in finsterer Nacht etwas Erhebliches
stehlen? -- Unter dem Dache standen die Betten, unter welchen man sich
kunstlose Lagerstätten von Waldmoos, Heu oder Stroh auf rohen Dielen
zu denken hat. Eine Esse hielt man ebenfalls für überflüssig, denn der
Rauch fand durch die verschiedenen Ritze in der Thür und in den Wänden
einen ganz gemütlichen Ausweg. Die Stelle der Fenster ersetzten einige
viereckige Löcher in der Wand, durch die der goldene Sonnenstrahl die
inneren Herrlichkeiten erleuchtete und welche bei stürmischem Schnee-
und Regenwetter mit einem Brette verschlossen wurden.

            Nach Müller.


~c.~ Das Harzen in früherer Zeit.

Lehmann berichtet: »Es heißt insgemein der ganze böhmische gegen
Meißen zu an der Zschopau und an dem Schwarzwasser bis über den
Wiesenthalischen Fichtelberg Harz- oder Schwarzwald, davon jährlich
1000 Zentner Pech abgeharzt wurden.« Besonders die Crottendorfer
harzten viel und zogen handelnd in die Fremde und blieben oft Jahre
aus. Das Harzen erpachteten die Schwarzenberger im 16. Jahrhundert
von den Tettaus. 1648 wurde das Zinspech in Geld verwandelt. Die
Pechgewerken hatten 80 fl Zins abzustatten. Vor alters mußte der
fünfzehnte Zentner Zinspech ins kurfürstliche Amt geliefert werden.
1666 waren die Hölzer so verhauen und verkohlt, daß man kaum zwei
Zentner Pech herstellen konnte.

Die Rinden der Bäume wurden mit dem Harzeisen der Länge nach
aufgerissen. Im folgenden Jahre wurde das ausgetriebene Harz
abgeschabt. In der Pechhütte ward es in Kesseln gesotten und dann in
Formen gegossen.


50. Der ehemalige Zinnbergbau.

Gegenwärtig beobachtet man noch an manchen Orten unseres
Obererzgebirges +Raithalden+, das sind Anhäufungen tauben
Trümmergesteins, das nach dem Zinnseifen oder Auswaschen des Zinnerzes
übrig geblieben ist. Diese Halden sind durchwühlt worden. Durch
Zuführung von Wasser wurde aus ihnen nicht nur das Zinnerz, sondern
auch die Feinerde ausgeschieden. Nach Mathesius in Joachimsthal
führte der Zinnwäscher Wasser in zinnhaltige Gebiete und stach eine
torfähnliche Masse. Grobe Stoffe und Steine warf man mit der Gabel
heraus. Der gute Stein setzte sich dann zu Boden. Man reiniget ihn,
um dann das Zinn zu gewinnen. Diese Seifen befanden sich besonders in
flachen Thalmulden. Außer Zinnstein fand man auch Topas, Opal, Beryll,
letzten besonders im Denitzgrunde bei Eibenstock. Auch Goldkörner fand
man, so 1733 am Auersberge eins von 13 Aß Gewicht, das in demselben
Jahre dem Kurfürsten bei der Huldigung in Freiberg überreicht wurde.

Sehr zahlreich waren die Seifenwerke im Gebiete von Schneeberg und
Eibenstock. Zahlreich waren auch im 17. und 18. Jahrhundert die Seifen
in der Umgegend des Dorfes Bockau. Da hat man in jedem Thälchen
nach Zinnerzen gesucht. Das geschah im ganzen Gebirge bis nach
Johanngeorgenstadt hinauf.

Besonders bemerkenswert sind die Seifen bei Geyer und Umgebung, die zu
den ältesten gehören. Der jetzt durch seine Spielwaren weit bekannte
Ort Seiffen verdankt seine Entstehung auch dem Zinnbergbau.

            Nach ~Dr.~ Köhler.


51. Der ehemalige Silberbergbau.


~a.~ Altes Berglied.

+Ein Bergmann:+

    Wenn der Schacht erst eingesenket,
    Fahrt und Sprossen wohlverwahrt,
    Seil und Kübel eingehenket,
    Ist des edlen Bergmanns Art,
    Daß er mit Schlegel und Eisen
    Mag seine Kunst erweisen!

+Der volle Chor:+

    Daß er mit Schlägel und Eisen
    Mag seine Kunst erweisen!
          Hurra! -- Glückauf!

+Ein Bergmann:+

    Wenn das Glöcklein drei thut läuten,
    So heißt's: Bergmann, steh' auf mit Freuden,
    Es heißt: Bergmann, geh' auf die Zech,
    Dann wirst du wohl finden
    Steiger, Häuer und die Knecht!

+Chor:+

    Steiger, Häuer und die Knecht!
          Hurra! -- Glückauf!

+Ein Bergmann:+

    Zünd' ich an mein Grubenlicht,
    So heißt's: Bergmann, fahr an die Schicht,
    Fahr ein die Schächtlein tief und lang,
    Dann wirst du wohl finden
    Einen schönen Silbergang.

+Chor:+

    Einen schönen Silbergang.
          Hurra! -- Glückauf!

+Ein Bergmann:+

    Und als ich kam vor meinen Ort,
    Da saßen die lieben Engelein und wachten dort.
    Sie thun mich recht lehren und weisen,
    Wo ich soll ansetzen mit meinem Eisen.
    Schlag ich darauf mit allem Fleiß,
    Daß von mir abdringt der Schweiß,
    So bin ich doch derhalben nicht
    Verzaget, dieweil ich schönes Silber sah,
    Das Herzlein darauf thät lachen.

+Chor:+

    Das Herzlein darauf thät lachen.
          Hurra! -- Glückauf!

+Ein Bergmann:+

    Wenn die Schicht verfahren ist,
    Ruf' ich zu dir, Herr Jesu Christ,
    Befehl' Leib' und Seel' in deine Hände.
    Du wirst mich wohl führen
    In das himmlische Zelt.

+Chor:+

    Du wirst mich wohl führen
    In das himmlische Zelt.

+Chor:+

    Du wirst mich wohl führen
    In das himmlische Zelt.
          Hurra! -- Glückauf!


~b.~ Die Namen der Zechen.

Was die Namen der Zechen nach ihrer Entstehung und Bedeutung
anlangt, so ist zu merken, nur die wenigsten knüpfen an die
ursprüngliche Benennung des Ortes an, wo sie entstanden, oder an
bestimmte Eigentümlichkeiten der Zeche selbst und der bei ihrer
Eröffnung maßgebenden Umstände. Die meisten erklären sich aus dem
dem Bergmannsstande namentlich in früheren Jahrhunderten vor anderen
eigenen +frommen Glauben+ an die göttliche Allmacht, zum Teil auch
aus seinem Aberglauben. Frommer Glaube war maßgebend bei den überaus
zahlreichen Benennungen der Gruben nach Heiligen und anderem, der
Aberglaube in Namen wie Wilder Mann, Wilde Frau, Einhorn, Löwe, Wolf,
Rabe, Molch, Hase, Goldner Esel. Riesen und Einhörnern schrieb man die
Kraft zu, gewisse »Bergsäfte«, namentlich das Quecksilber, zu edlem
Erze zu verdichten. Der Molch sollte seinen Winterschlaf in der Nähe
geheimer Schätze halten. Wolf und Rabe galten als »weisende« Tiere.
Der Hase schien als fruchtbarstes Tier von guter Vorbedeutung zu sein.
Im Goldnen Esel hat man wohl gar eine Erinnerung an das Märchen vom
»Eselein, streck' dich« zu erblicken.

            Nach ~Dr.~ Bachmann.


~c.~ Obererzgebirgische Bergleute in der Fremde.

Bekannt und gut beglaubigt ist die Überlieferung, daß im 12.
Jahrhundert in unserem Sachsen zunächst der +Freiberger+ Bergbau durch
den Zuzug +Goslaer+ Bergleute aus dem +Harz+ begründet worden sei. Nach
seinen ursprünglichen Bewohnern, sächsischen Bergleuten aus dem Harz,
heißt heute noch ein Teil von Freiberg die »Sächsstadt«. Es steht fest,
daß umgekehrt im 16. Jahrhunderte Bewohner unseres Landes, Bergleute
aus dem +Obererzgebirge+ und namentlich aus dem westlichen Teile
desselben, der Gegend von +Freiberg+, +Annaberg+ und +Schneeberg+,
nach dem Oberharz gezogen sind und dort Anlaß zur Gründung namentlich
der Bergstädte +Andreasberg+, +Clausthal+, +Zellerfeld+, +Wildemann+,
+Lautenthal+ und +Altenau+ gegeben haben. Zwar war schon im 13.
Jahrhundert, von Goslar aus dahin verpflanzt, auch auf dem Oberharz
um das Kloster Celle her der Bergbau in Blüte gekommen, aber dieser
verfiel bald wieder, wie das Kloster selbst, bis bald kaum noch
eine Spur davon in dem wieder verödenden Lande sich zeigte. Erst im
Zeitalter der Reformation lockten reiche Silberanbrüche in der Gegend
des heutigen Andreasberg und anderswo eine bergbaulustige Bevölkerung
wieder herbei, nur konnte diese nicht aus der Nähe kommen, nicht aus
+Goslar+, das vielmehr selbst des Zuzuges bedurfte und zudem mit den
im Oberharz gebietenden Fürsten verfehdet war, und nicht aus dem
+Mansfeldischen+, sondern man mußte sie anderswo suchen. Daß man sich
zu diesem Zweck nach dem Erzgebirge gewendet, daß von dort her die
ohnedies stets wanderlustigen und auf jedes »neue Geschrei« hin leicht
beweglichen Bergknappen zugeströmt seien, das wird, soweit es nicht
urkundlich bezeugt ist, durch folgendes bewiesen.

Zunächst handelte es sich bei der Errichtung des neuen Bergwerks auf
dem Oberharz um +Stollenbau+, auf welchen sich damals eigentlich nur
»Meißnische Bergleute« aus dem oberen Gebirge, die deshalb auch in
aller Welt gesucht waren, verstanden. Die Chroniken von Freiberg,
Schneeberg, Annaberg etc. wissen zu erzählen, wie Bergleute aus
diesen Gegenden nach allen Teilen Europas gekommen seien und dorthin
ihr Bergrecht mitgebracht hätten, ja selbst in +Calcutta+, im fernen
Indien, finden wir solche und kaum 40 Jahre nach der Entdeckung
Amerikas im Dienste der +Welser+ auf dem fernen +San Domingo+. Die
Sendung einzelner hervorragender Bergverständiger, Bergmeister etc.
aus dem Erzgebirge nach dem Harz wird ausdrücklich bezeugt, und es
versteht sich ganz von selbst, daß diese nicht allein kamen, sondern
zur Ausführung der ihnen übertragenen Arbeiten Bergleute in größerer
Zahl mit sich führten. Diese ließen dann wieder, wie es heute noch
Sitte der Auswanderer ist, dafern es ihnen anders in der neuen Heimat
gefiel und daselbst wohlging, ihre Angehörigen und Freunde nachkommen,
und so entstand in dem Jahrhundert von 1520--1620 etwa eine größere
Kolonie von aus dem Meißnischen eingewanderten Bewohnern und damit
eine +Sprachinsel mit oberdeutscher Mundart+ mitten in dem sonst
niederdeutsch sprechenden Gebiet. Diese oberdeutsche Mundart aber ist
die des Erzgebirges, und zwar des westlichen Teiles desselben, und das
ist der Hauptbeweis für die Herkunft der ursprünglichen Bewohner jener
Harzstädte aus unserem Erzgebirge.

Es ist zu bemerken, daß die Ähnlichkeit des Oberharzischen und
Obererzgebirgischen in der That ganz außerordentlich groß und
gemeinsame Abstammung unabweisbar ist.

Ferner ist bemerkenswert das überaus häufige Vorkommen derselben
+Grubennamen+ im Oberharz und Erzgebirge und daß mindestens die große
Hälfte der im Oberharz vorkommenden Namen den älteren Bergwerken des
Erzgebirges entnommen ist. Da es sich bei der Namengebung namentlich
auch um solche von guter Vorbedeutung handelte, so sind Namen besondere
häufig, die als Benennungen solcher Zechen, welche im Erzgebirge
reiche Ausbeute gebracht hatten, bekannt waren, wie z. B. der Name der
stolzesten Schneeberger Zeche, »St. Georg«, deren ausgebrachtes Silber
auf 40 Tonnen Goldes, d. i. 4000000 Thaler, geschätzt wurde, auch im
Harz vorkommt, ebenso die »St. Anna«, die in Schneeberg schon 1478
gewaltig »schüttete« und 1528 von allen Gruben die größte Ausbeute gab.

            Nach ~Dr.~ Bochmann.


~d.~ Die bergmännischen Werkzeuge und sonstige Einrichtungen in
früherer Zeit.

Im Jahre 1497 findet man schon Spuren von den Kunstgezeugen in
der Schneeberger Gegend. 1504 bestand ebenda der erste bekannte
Pferdegöpel. 1512 führte Sigismund von Maltitz auf Dippoldiswalde die
+nassen Pochwerke+ zuerst daselbst ein. Seit 1529 waren gedruckte
Ausbeutebogen, seit 1533 sind Anschnittzettel statt der Kerbhölzer
üblich. 1550 wurden die Stangenkünste eingeführt, 1551 die Bergquartale
statt der vorherigen Drittale, mit Ausschluß des Obergebirges, wo
man schon seit 1477 nach Quartalen rechnete. Im Jahre 1555 wurde das
Rohschmelzen erfunden; in die Jahre 1540 bis 1560 fällt die Aufkunft
der Blaufarbenwerke. Im Jahre 1561 nahm die Stollnmaurung ihren
Anfang, 1567 die Grubenmaurung durch den Bergmeister Martin Plauer in
Freiberg. Vom Jahre 1578 schreibt sich die Anordnung des Gebets auf
den Gruben her. 1613 wurde das Sprengen mit Pulver eingeführt. Seit
1649 stiftete man Quartal-Bergpredigten. In den Jahren 1710--1717 wurde
die General-Schmelz-Administration eingeführt. Mit dem Bergbohren
machte damals man die ersten bekannten Versuche. 1731 schaffte man
beim Rechnungswesen die Meißnischen Gülden ab. 1765 ist die Freiberger
Bergakademie gegründet worden. Im Jahre 1768 ward das Tragen der
Berguniform verordnet und 1788 die Entführung der Amalgamation
versucht.

Der erzgebirgische Bergstaat zerfiel am Anfange unsern Jahrhunderts
in das Oberbergamt und in das Oberhüttenamt zu Freiberg. Unter
ersterem standen die Oberzehntner- und Austeilämter in Freiberg
und im Obergebirge, wo wir finden die Bergämter Annaberg, Geyer,
Ehrenfriedersdorf, Johanngeorgenstadt mit Schwarzenberg und Eibenstock,
Marienberg, Scheibenberg mit Oberwiesenthal.

Außer den Steigern giebt es: Kunstarbeiter, Ganghäuer, Helfersknechte,
Zimmerlinge, Doppelhäuer, Lehrhäuer, Siebsetzer, Treibeleute,
Haspelmeister, Nachtpocher, Gruben-, Wasch- und Scheidejungen. Eine
Schicht umfaßt 4, 6 oder 8 Stunden. Im Annaberger Bergamte gab es 5
Schichten die Woche, weil Sonnabend frei war.

Die Häuerglocke forderte zum Anfange auf. Seit 1595 wurde im Hut-
oder Zechenhause vor Beginn Betstunde gehalten. Im Huthause wohnt der
Steiger, der das Werkzeug bewahrt.

Ist ein Arbeiter alt oder krank, so heißt er bergfertig. Die
Büchsenpfennige fließen in die Knappschaftskasse.

Ehemals gab es in jedem Bergamte einen verpflichteten Rutengänger. Für
die Bergleute sind auch Getreidemagazine angelegt worden. Sie sind frei
von allen Abgaben.

Schon der Bergknabe vom 6. Jahre an kennt und übt den Fleiß als eine
der ersten Tugenden, und dadurch wird sie dem Bergmanne gleichsam zur
andern Natur. Die Poch- und Scheidejungen müssen bei Karbatschenstrafe
oder Vogelbolzen täglich ihre bestimmte Zahl Körbe voll Erz pochen,
ja sogar die Feiertage in den Wochentagen nach und nach mit
einbringen. Sie treiben einander häufig durch Wetten an. Wer z. B.
zum Johannisfeste am ersten mit der bestimmten Arbeit fertig ist oder
Schicht hat, heißt +König+ oder +Staatslümmel+ und wird, mit Blumen
oder Kränzen behangen, unter dem Vorantragen einer roten Fahne mit
Ehrenbezeigungen nach Hause geführt. Den aber, der zuletzt Schicht hat,
nennt man den +faulen Lümmel+ und begleitet ihn, ihn mit diesem Namen
neckend, nach seiner Wohnung.

Ein Schacht ist eine viereckige Öffnung, die senkrecht in die Erde
führt. Dahinein führen Fahrten oder Leitern. Die Absätze zum Ruhen
heißen Böhnen. Das Innere ist ausgezimmert oder ausgemauert. Die Stolln
führen wagerecht ins Gebirge und dienen zum Wasserabfluß, zur Zuführung
frischer Luft und Abfuhr des Erzes auf Hunden.

Gänge nennt der Bergmann nach ihrem Gehalte edel oder taub, mächtig
oder leer.

Fäustel, Schlägel, Bohrer sind Werkzeuge des Bergmanns. Das
Zutagefördern geschieht mit dem Haspel, an dem durch einen an dem Seile
hängenden Kübel die Erze emporgewunden werden. Tiefe Gruben brauchen
den Göpel, welchen Pferde oder Wasser treiben. Das Wasser heben die
»Künste« empor, deren Pumpen durch Räder getrieben werden.

Bergbauanteilscheine heißen Kuxe.

Im Berggebiete war das Holz ein wichtiges Bedürfnis. Das Auszimmern der
Schächte und Stolln, der Wasser- und Maschinenbau, die Schmelzöfen,
Schmiedehammer, Siedewerke, Pechhütten und dergleichen verschlangen
viel Holz. Schon im Anfange des 15. Jahrhunderts merkte man das. Der
Bergbau, das damalige weit stärkere Brauwesen, die häufigen Brände
nagten um die Wette an dem Kern der Waldungen. Hierdurch wurden die
ersten Flößen aus holzreichen in holzärmere Gegenden veranlaßt.

Steinkohlen benutzte man erst in der Mitte des 16., Torf im Anfange des
17. Jahrhunderts.

Der erste sächsische Fürst, der vom Bergsegen den besten Gebrauch
machte, war der Kurfürst August. Er ließ herrliche Schlösser bauen,
kaufte große Güter an, richtete nützliche Anstalten ein, rief Künstler
und Handwerker ins Land und sorgte bei alledem noch für seinen Schatz.
Unter ihm erhielt das Bergwesen weit bessere Einrichtung, und er ist
als der eigentliche +Gesetzgeber+ des Bergwesens zu betrachten.


~e.~ Die Verbreitung des obererzgebirgischen Bergbaues.


1. In seiner Blütezeit.

Erwiesenermaßen ist der +Freiberger Bergbau+ der älteste unseres
Landes, und zwar fällt die Entdeckung der Freiberger Erzgänge in
die Zeit zwischen 1162 und 1170. Die Sage von dem Goslarer Fuhrmann
weist auf Bergleute aus dem Harze hin, von wo auch eine Einwanderung
bergbaukundiger Sachsen in unser Erzgebirge in den Jahren 1167 und 1181
im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen +Heinrich dem Löwen+ und den
niedersächsischen Fürsten und Städten erfolgte. Um diese Zeit regierte
+Otto der Reiche+ in Sachsen. Die beginnende Ausbreitung des Bergbaues
tritt im ganzen in Wechselbeziehung zu der fortschreitenden Besiedelung
unserer Gegend, das heißt, entweder begann man da, wo deutsche
Niederlassungen auf dem Waldgebirge entstanden, nach Erz zu graben oder
der Erzsucher schweifte mit seiner Wünschelrute durch die Bergwildnis,
und da, wo er Erzgänge erschloß, entstanden neue Niederlassungen.

Im 13. Jahrhunderte finden wir die +Herren von Waldenburg+ bereits
im Besitze von Silberbergwerken zu +Wolkenstein+ und von Zinn- und
Silbergruben auf dem Sauberge bei +Ehrenfriedersdorf+. Mit dem Tode
+Heinrichs des Erlauchten+, 1288, schließt die erste Glanzzeit des
Freiberger Bergbaues. Dann kommt die Zeit, in welcher die Menschen
in den Schoß der Erde eindringen müssen. Der beschwerliche Schacht-
und Stollenbau ward nun erforderlich. Aus den Jahren 1335 und 1339
stammen dann die ersten Nachrichten über den Bergbau in dem unter die
+Burggrafen von Meißen+ gehörigen Gerichte +Frauenstein+, sowie in dem
zur Grafschaft +Hartenstein+ gehörigen Gebiete des Klosters +Grünhain+.

Im 15. Jahrhunderte kam neues Leben in den Bergbaubetrieb durch das
Fündigwerden der mächtigen Erzgänge auf dem +Schneeberg+. Damit beginnt
die zweite Blütezeit des erzgebirgischen Bergbaues. 1606 wurde eine
neue Bergordnung von den Landesherren erlassen.

Im Gebiete der +Herren von Waldenburg+ fand ein lebhafter
Bergbaubetrieb um das Jahr 1407 bei +Wolkenstein+, +Ehrenfriedersdorf+,
+Thum+, +Geyer+ und +Zschopau+ statt. Als 1470 bei +Schneeberg+
das Hauptsilberlager erschlossen wurde, da verließ der Bauer Acker
und Pflug, der Handwerker Werkstatt und Heimatsort; alles strömte
hinauf nach dem Schneeberg, um dort das erträumte Glück zu erjagen.
Einzelnen gelang es; Hunderte kehrten als Bettler, getäuscht und
verspottet, nach Hause zurück. Am Schneeberg sanken die uralten
Fichten- und Eichen-, Buchen- und Ahornwälder unter der Köhleraxt
dahin; sie alle verschwanden in den gierigen Schloten zahlloser
Schmelzhütten. Am Anfange des nächsten Jahrzehntes begann ein +Herr
von Schönburg-Glauchau+ in +Beierfeld bei Schwarzenberg+ nach Silber
zu graben und den schon früher betriebenen Bergbau am Galgenberge
bei +Elterlein+ fortzusetzen. Im Jahre 1484 sehen wir weiter ein
Bergwerk, die »Mönchsgrube« bei +Wüstenschletta+, später +Marienberg+,
in Betrieb, während ein Jahr später eine ältere, am +Eisenberg bei
Geyer+ gelegene Fundgrube wieder aufgethan wird. Schließlich werden
in derselben Zeit noch die Orte +Breitenbrunn+, +Breitenbach+, +Ober-
und Niederjugel+ in Urkunden erwähnt. Nicht minder zahlreich sind
endlich aber die Zeugnisse von einem lebhaften Bergbaubetriebe zu
+Ehrenfriedersdorf+, +Wolkenstein+, +Grünhain+ u. a.

Aber alle die genannten Bergwerke erlangten nicht die Bedeutung, wie
der gleichfalls inzwischen erschlossene +Annaberger Bergbau+. Am
Pöhlberge ist schon 1442 auf +St. Briccius+ Silber gefunden worden.
Die erste sichere Nachricht stammt aus dem Jahre 1483. Der eigentliche
Annaberger Bergbau aber knüpft sich ja an den +Schreckenberg+. Erst
vom 31. Juli 1492 hat sich eine Urkunde erhalten, in der den Gewerken
am Schreckenberge eine Münzfreiheit auf 6 Jahre gewährt wird. Die
entstehende Ansiedelung erhielt unterm 28. Oktober 1497 Stadt- und
Bergrecht und am 22. März 1501 den Namen St. Annaberg. Es entstanden
alsbald zahlreiche Zechen; allein in den Jahren 1496--1499 waren es 51;
in der Zeit von 1496--1530 sind nicht weniger als 380 Zechen in Betrieb
gewesen. Neben dem Schreckenberge werden aber auch schon 1497 Bergwerke
zu +Buchholz+ genannt.

Der +Eisenbergbau+ blühte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts,
namentlich im Gebiete des Klosters +Grünhain+, sodaß sich der Abt
dieses Klosters einen eigenen Bergmeister hielt und zu +Elterlein+
und +Waschleite+ seine Eisenhämmer besaß. Schließlich mag zum 15.
Jahrhundert auch noch des beginnenden Kohlenbaues gedacht werden,
insofern, als das schon genannte Kloster +Grünhain+ um die Mitte
dieses Jahrhunderts im Gemeindewald zu +Bockwa+ bei Zwickau ein
+Kohlenbergwerk+ besaß, von dem es den Kohlenzehnten erhob.

Das darauffolgende, das 16. Jahrhundert, war der Entwickelung
des erzgebirgischen Bergbaues im allgemeinen günstig, indem die
Landesfürsten, wie +Herzog Georg der Bärtige+, +Heinrich der
Fromme+ und +Moritz+ in den zuständigen Gebieten, nachmals aber
+Kurfürst August I.+, der große Volkswirt des 16. Jahrhunderts, im
ganzen Lande dem Bergbau eine vorzügliche Pflege angedeihen ließen.
1515 wird das Bergstädtchen +Brand+ gegründet, 1517 +Gottesgab+,
+Eibenstock+, +Jöhstadt+, 1521 +Marienberg+; gleichzeitig wird
+Schlettau+ zur Bergstadt erhoben. 1522 ist +Scheibenberg+ gegründet,
1526 +Wiesenthal+, 1532 +Platten+. 1534 werden wir durch eine
landesherrliche Bergordnung mit dem Bergbau zu +Schwarzenberg+,
+Gottesgab+ und dem Zinnbau zu +Platten+ bekannt gemacht; während
in den Jahren 1515--1537 nach einem Annaberger Silberbuche zu
+Annaberg+ 86, +Marienberg+ 17, +Elterlein+ 4, +Wiesenthal+ 2 und zu
+Scheibenberg+ 8 Zechen in Erzlieferung waren. Gleichzeitig deutet
eine Urkunde vom Jahre 1538 auf den auch zu +Olbernhau+ betriebenen
Bergbau. In den 50er Jahren finden sich dann Zechen zu +Lauterstein+,
zu +Drehbach+, zu +Scharfenstein+ und 1556 der Zinnbau zu +Eibenstock+
erwähnt. 1578 erfahren wir etwas vom Bergbau zu +Wildenau+, +Dörfel+
und +Jugel+. Seit 1573 wird dann die Stahlfabrikation erwähnt, und 1561
schon begegnen wir zahlreichen Eisen- und Blechhämmern, namentlich in
der +Schwarzenberger+ und +Eibenstocker+ Gegend. Seit 1561 finden wir
die Torfstecherei im oberen Erzgebirge erwähnt. In der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts wurden die +Marmorbrüche+ bei +Crottendorf+, 1583
die +Serpentinsteinbrüche+ zu +Zöblitz+ begonnen. Auch hatte man im
Jahre 1577 noch den Versuch gemacht, zu +Wolkenstein+ ein +Salzwerk+
anzulegen, ohne damit jedoch einen Erfolg zu erzielen.

Im nächsten Jahrhunderte vernichtete der Dreißigjährige Krieg den
Bergbau im Obererzgebirge fast ganz.

            Nach W. Zöller.


2. In späteren Jahrhunderten.

Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man auf dem Erzgebirge etwa 700
Gruben mit gegen 12000 Bergleuten, während 50000 Menschen vom Bergbau
lebten.

Der Erzgebirgische Bergstaat bestand 1815 aus dem Oberbergamt und dem
Oberhüttenamt zu Freiberg.

Unter dem Oberbergamt standen die beiden Oberzehntner- und
Austeilerämter in Freiberg und im Obergebirge, die Bergakademie
und die Bergämter Altenberg mit Berggießhübel und Glashütte,
Annaberg, Freiberg, Geyer mit Ehrenfriedersdorf, Johanngeorgenstadt
mit Schwarzenberg und Eibenstock, Marienberg, Scheibenberg mit
Oberwiesenthal und Hohenstein, Neugeysing, Bärenstein, Seiffen.

Unter dem Oberhüttenamte standen alle Schmelzhütten und das Halsbrücker
Amalgamirwerk. Dagegen waren die Saigerhütte Grünthal, das doppelte
Blaufarbenwerk in Oberschlema, die Blaufarben-Kommunfaktorei in
Schneeberg, das Pfannenstieler, Zschopauthaler und Schindlersche
Blaufarbenwerk unmittelbar unter dem Geheimen Finanz-Kollegium.

Unter der Verwaltung des Oberberghauptmanns Freiherr von Herder, 1821
Berghauptmann, 1826 Oberberghauptmann, entwickelte sich auf Grund der
alten Verfassung und eines edlen Standesgeistes ein außerordentlich
reges bergmännisches Leben. Neue Maschinen wurden in Anwendung
gebracht, das Schmelzwesen bedeutend verbessert, besonders seit der
Einführung der Koaks im Hüttenwesen 1820, und das Ausbringen bedeutend
erhöht, wenn es auch noch nicht den Umfang der neuesten Zeit erreichte.

Im Freiberger Revier baute man auf Silber und Blei, im Altenberger auf
Zinn und Eisen, im Glashütter auf Silber und Vitriol, schwefelsaure
Metallsalze, im Marienberger auf Silber, etwas Arsenik und Zinn, in
Geyer und Ehrenfriedersdorf auf Zinn, Vitriol und Arsenik, in Annaberg
auf Silber und Kobalt, im Scheibenberger Revier, welches jedoch in
dieser Zeit schon einging, auf Silber, Kobalt, Eisen, Arsenik, im
Johanngeorgenstädter auf Silber, Eisen, Zinn, Vitriol, Schwefel, und im
Schneeberger auf Silber, Kobalt, Wismut, Eisen, Vitriol, Schwefel und
Arsenik.

            Nach Süßmilch.


52. Die erzgebirgische Eisenindustrie.


~a.~ Die Eisenhämmer.

Die Hammerschmiede gehörten in früherer Zeit zu den Besonderheiten
des Erzgebirges. Heute noch ist der Beiname »Hammer« bei manchem Orte
gang und gäbe. Die »Hämmer« schmiedeten das Eisen nicht nur, wenn es
heiß, sondern auch, wo es zu Hause war; sie waren bodenwüchsig, diese
Eisenhämmer. St. Johann am Rotenberge bei Schwarzenberg, Irrgang an der
böhmischen Grenze, Rehhübel und Henneberger Zug bei Johanngeorgenstadt,
Vier Gesellen und Altermann beim Auersberge, Urbanus, Spitzleite bei
Eibenstock, Schwalbener Zug und Roter Kamm bei Schneeberg, das sind die
mächtigsten Eisenerzgangzüge, auf denen die Gewinnung jahrhundertelang
bergmännisch betrieben wurde. Vielfach sind diese Gänge zu Tage
ausgegangen: Frühzeitig hat man schon das Erz verwertet. Es ist
wahrscheinlich, daß der Aufschwung der Eisenhüttenwerke im 16. und 17.
Jahrhundert zu suchen ist. Im 16. Jahrhundert entstanden Muldenhammer,
Unter- und Oberblauenthal, Wildenthal, Breitenbach, die Hämmer von
Pöhla und Raschau. Im 17. Jahrhundert sind gegründet Carlsfeld und
Wittigsthal. Vom Jahre 1660 stammt ferner die »Hammerordnung« Kurfürst
Johann Georgs II. für die Blechhämmer in den Ämtern Schwarzenberg,
Wolkenstein und Lauterstein. 1775 sind im Bezirke des Kreisamtes
Schwarzenberg allein 18 Eisenhämmer, ohne die Waffen- und Drahthämmer,
im Gange gewesen. Heutzutage sind von den alten Eisenhämmern
noch Pöhla, Obermittweida, Erlahammer, Morgenröte, Rautenkranz,
Schönheiderhammer als Eisengießereien vorhanden. Der Hohofenbetrieb hat
ganz und gar aufgehört.

Es muß in der Zeit der Blüte dieser Eisenhämmer ein gar reges Leben
in den Gebirgsthälern gewesen sein. Da dampften die Hohöfen, die
Gebläse pfauchten, und hell erklang der Schall der mit der Hand
geschwungenen Hämmer zwischen den vereinzelteren dumpfen Schlägen
des großen Hammers, den Wasserkraft in Hub setzte. In den niederen
schwarzen Hütten rührten sie sich emsig, die rußigen Gestalten der
Hammerschmiede, die um die Frischfeuer, die Ambosse und Gießstätten
herum thätig waren. Sie bildeten eine echte und gerechte Zunft.
Manche der ersten von ihnen im wilden Waldgebirge werden stellenweise
ihr bißchen Eisenstein selbst erst gegraben haben, um es dann zu
verschmelzen. Meist hatten sie jedoch nur sogenannte »Zerrennfeuer«
und »Blauöfen«. Erstere sind Gebläseöfen gewesen, in denen nur Eisen
geschmolzen werden konnte, auch in letzteren konnte nur Harteisen
geschmolzen werden, doch sind die Blauöfen gewissermaßen als Vorstufe
der Hohöfen anzusehen. Ende des 16. Jahrhunderts scheinen die ersten
Hohöfen gebaut worden zu sein. Hammerschmiede hießen die Gesellen
dieser Hammermeister. Mitte des 18. Jahrhunderts stellte man schon
eiserne Kessel, Öfen, Ofentöpfe und dergleichen Gußwerke her. Im 17.
Jahrhundert, im Jahre 1683, hat man zu Carlsfeld ein Eisenschmiedewerk
angerichtet. Auch ein Pfannenschmiedewerk erstand. Die Hauptsache war
aber die Herstellung der Bleche. An die Blechhämmer schlossen sich die
zahlreichen Löffelschmiedereien an. Von diesem Gewerbe hat sich noch
ein bedeutender Rest erhalten.

            Nach ~Dr.~ Jacobi.


~b.~ In einer obererzgebirgischen Eisenhütte vor 50 Jahren.

Jedes Hammerwerk hat wenigstens einen Leiter, welcher ein technisch
gebildeter Mann sein muß, und einen Schichtmeister, dem das
Rechnungswesen anvertraut ist, während ersterem die technische
Leitung des Werkes obliegt. Zu dem Hohofen, in welchem der Eisenstein
geschmolzen wird, gehören 1 Steinpocher, 2 Aufgeber, 2 Hohöfner und 1
Schlacken- oder Wascheisenpocher. Ehe der Hohofen angeht, wird durch
den Leiter der untere Teil des Hohofens eingebaut, was man Zustellen
nennt; früher besorgte dies der Hohofenmeister. Bei einem Stabhammer
oder Frischfeuer, in welchem das rohe, durch den Hohofen gewonnene
Eisen ausgeschmiedet wird, arbeiten der Meister oder Frischer, der
Vorschmied, der Einschmelzer und ein Junge; zuweilen bei französischen
Feuern noch ein Fröner, welcher Vorschmiedsstelle dann mit versehen
muß. Die Arbeit der Hammerschmiede ist und bleibt wohl eine der
schwersten und schweißvollsten. Der Aufgeber muß in die Mündung des
Hohofens, wo die Flamme hoch in die Höhe schlägt, Kohlen und Eisenstein
schütten. Der Arbeiter in dem Frischfeuer steht neben dem Feuer, wo
das Roheisen gefrischt und geschmolzen wird, und muß das glühende
Eisen, mehrere Zentner schwer, herausnehmen, auf dem Amboß teilen und
die Teile ausschmieden. Während des Schmelzprozesses verdient ein
Hohöfner wöchentlich 3 Thaler, ein Aufgeber und Steinpocher 2 Thaler.
Der Meister erhält rohes Eisen und Kohlen und muß dafür eine bestimmte
Anzahl Stabeisen liefern. Hat er Überschuß, so ist der Gewinn sein,
allein er darf den Überschuß nur an den Hammerherrn verkaufen. Liefert
der Frischer nicht so viel Eisen, als er sich verbindlich gemacht hat
zu liefern, so muß er das Fehlende bezahlen. Seinen Arbeitslohn erhält
er nach dem Gewichte des ausgebrachten Stabeisens. In dem Zainhammer
wird das Arbeitslohn nach der Wage bezahlt, d. h. je mehr Wagen Eisen
die Arbeiter auszainen, desto mehr erhalten sie. Sie können ebensoviel
verdienen, als die Arbeiter beim Frischfeuer oder Stabhammer. Da die
Hammerschmiede während ihrer Arbeit einer großen Hitze ausgesetzt sind,
so ist ihre Kleidung sehr einfach. Sie gehen meist nur im blauen Hemde
und in leichten Hosen, welche ein langes Schurzfell festhält; früher
gingen sie meist nur im bloßen Hemde, weil der glühende Sinter, der
während der Arbeit herumspringt und mithin dem Arbeiter sehr oft auf
den Leib gerät, leichter auf die Erde fällt, wenn er das Schurzfell
lüftet. Das Rohschmelzen im Hohofen, das Toben der Hämmer, das Heulen
und Pfeifen der Gebläse und dabei das pausenweise Aufschlagen der
Gichtflamme, welches zur Nachtzeit dem Wetterleuchten ähnlich ist, die
von Kohlenstaub geschwärzten Arbeiter mit starken, ausdrucksvollen
Gesichtszügen, Zähnen wie Elfenbein, das Innere der Hände mit
hufartiger Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkigen Finger
anschließen, kann uns das Gemälde des Dichters versinnlichen, wenn
er von der Werkstätte des Vulkans und seiner Cyclopen schreibt.
Ein königlicher Hammer-Inspektor führt die Aufsicht über sämtliche
sächsischen Hammerwerke, geht den Werksbesitzern mit Rat an die Hand,
nimmt etwaige Beschwerden entgegen und sieht die Betriebstabellen ein.

Das Eisen, welches sich in 12stündiger Schicht im Hohofen angesammelt
hat, fließt einem Feuerstrom gleich in einen trogartigen Sandgraben,
welches Ablaufen, »Abstechen« heißt. Diese Masse erstarrt sehr bald und
heißt eine »Ganz«, weil es eine ganze rohe Eisenmasse ist. Eine solche
Ganz wiegt 3 bis 4 Zentner. Diese Gänze, sowie überhaupt das Roheisen,
werden, wie erwähnt, verfrischt. Das Walzen der Stäbe geschieht, um
aus den gefrischten, höchstens nur unter dem »Stirnhammer« etwas
vorgeschmiedeten Eisenmassen die Stäbe herzustellen, oder um die schon
unter dem »Aufwerfhammer« weiter ausgestreckten Kolben oder dicken
Stöcke zu verfeinern. Im ersten Falle wendet man erst Präparierwalzen
und nachher das eigentliche Stabwalzwerk an, im zweiten Falle
gebraucht man letzteres allein. Die dünnsten Stäbe werden oft durch
eine das Auswalzen an Schnelligkeit noch übertreffende Verfahrungsart
dargestellt, indem man 3 bis 5 Zoll breite und 30 bis 40 Fuß lange
gewalzte Schienen nach ihrer ganzen Länge in Streifen zerschneidet.
Hierzu bedient man sich des Eisenspaltwerkes, der Schneidewalzen.

            Nach Elfried v. Taura.


~c.~ Die Blechlöffelfabrikation.

Man darf nicht glauben, als würde der Löffel mit einem Male vollendet;
es gehen da eine Masse Arbeiten voraus, ehe er als solcher verkauft
werden kann. Zunächst bezieht die Fabrik das Eisen für alle Gattungen
von Löffeln von den Hammerwerken, wo es unter dem Namen Löffeleisen
in Stäbe geschmiedet und nach der Wage verkauft wird. Der Fabrikant
liefert dasselbe nach dem Gewichte an die Plattenschmiede, welche
zerstreut in nahen und entfernt liegenden Ortschaften wohnen; diese
verfertigen daraus die Platten, d. h. die ebenen, plattausgehenden
Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche
Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage etwa 36
Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabrikanten wieder nach dem
Gewichte abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände der
zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie einen
Amboß, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und nach
verschiedenen Größen und Gestalten eingelassen sind, und verschiedene
Teufhämmer haben. Dann bringt man sie wieder zur Ablieferung. Täglich
kann ein Löffelmacher 25 Dutzend abteufen. Endlich werden die Löffel
ins Zinnhaus abgegeben, da verzinnt, dann mit Kleie gescheuert,
sortiert und so vollendet aufs Lager und in den Handel gebracht.

            Nach Elfried v. Taura.


53. Die Blaufarbenwerke.


~a.~ Besuch eines alten Blaufarbenwerkes.

Elfried von Taura schildert den Besuch eines Blaufarbenwerkes zu
seiner Zeit wie folgt. Bei den Gesamt-Blaufarbenwerken, dem Schlemaer
und beiden gewerkschaftlichen zu Pfannenstiel und dem Schindlerschen
zwischen Aue und Schwarzenberg, ist die Einrichtung getroffen gewesen,
daß kein Werk seine gefertigten Farben für sich verkaufte, sondern
solche in das gemeinschaftliche Lager nach Leipzig und Schneeberg
lieferte. Diese Bestimmung der gleichen Absendung der Farben besorgte
der in Schneeberg wohnende Kommunfaktor. Die Ablieferung geschieht
demnach von allen Werken zu gleichen Teilen, sodaß das Ganze als ein
⁵/₅ betrachtet wird, wovon das königliche als Doppelwerk ⅖ und das
Gesamt Privatwerk ⅗ abliefert. Die Werke haben das Recht, daß alle
Kobalte, die im Lande gefunden werden, an sie verkauft werden müssen,
und darum kommen in jedem Quartal Berg- und Blaufarbenwerk-Offizianten,
zu welchen letztern die Faktore und Farbenmeister gehören, nach
Schneeberg, um die Kobalte chemisch zu untersuchen und nach dem
ausgefallenen Werte den Gruben die Kobalte zu bezahlen. Alle
Kobalterze werden geröstet, gepocht, kalziniert und mit andern
Materialien verschmolzen, um die blauen Farben zu bereiten. Jedes
Farbenwerk hat seine nötigen Schürer oder Schmelzer, Gemengmacher,
Kalzinierer, Waschstübner, Farbereiber, Oxydmacher u. s. w., die alle
den gemeinschaftlichen Namen Farbearbeiter oder Farbebursche führen.
Ihre Erzeugnisse sind Smalte, Safflor, Zaffers, Ultramarin. Zum
Schmelzen des Kobaltglases dient ein besonders eingerichteter Ofen,
in welchen Häfen aus festem, gutem Thon hineingebracht, in welche das
Gemenge eingelegt wird, um dies eben darin zu Glas zu verschmelzen.
Das Kobaltoxyd giebt mit Säure Salze, welche rot gefärbt sind.
Die zur Herstellung der Farben nötigen Hauptmaterialien sind: die
Kobalterze, Pottasche, Quarz, Arseniksäure als Zuschlag. Die Kobalterze
sind entweder schon oxydiert oder müssen oxydiert werden. Dieselben
werden zuvörderst gesaigert und dann geröstet, was in besondern
Öfen geschieht; das geröstete Erz wird gesiebt und so zur weiteren
Verarbeitung aufbewahrt. Der Quarz wird »gebrannt« und dann »gepocht«.
Das Gemenge wird im Schmelzofen geschmolzen, was gewöhnlich 8 Stunden
dauert. Ist die Masse flüssig, so schöpft man das Glas mit eisernen
Löffeln und bringt es in einen daneben stehenden Trog mit Wasser zum
»Abschrecken«. Unter dem Glase befindet sich im Schmelzhafen die
leichter flüssige »Speise«, welche nicht »abgeschreckt«, sondern in
eisernen Eingüssen, in Form von Schüsseln, hart an dem Ofen eingesenkt,
aufgesammelt wird. Die abgeschreckten blanken Gläser werden aus dem
Troge genommen und unter Pochstempeln gepocht, dann gesiebt, auf Mühlen
mit Wasser vermahlen. Der so gewonnene Schlamm kommt in ein Waschfaß,
wo die Abscheidung der Farben durch Niederschlagen erfolgt. Die über
dem Niederschlage stehende Flüssigkeit wird in die »Eschelfässer«
abgezapft, in denen man den »Eschel« gewinnt. Die gewonnene Farbe
sowohl als der Eschel werden wiederholt von den Waschstübnern
verwaschen, bis alles rein ist. Das trübe Wasser, vom Verwaschen der
Eschel bläulichgrau aussehend, setzt zuletzt den schlechtesten Eschel
in den »Sumpf« ab, d. i. »Sumpfeschel«, der den Glasgemengen wieder
beigesetzt wird. Die Farben und Eschel werden getrocknet, sowohl in den
geheizten Trockenstuben als auch von der Luft in Trockenhäusern, dann
zerrieben und gesiebt.

Jedes Werk wird verwaltet vom Faktor, dem bei dem königlichen Werke
noch ein Chemiker, bei dem Privatwerke zu Pfannenstiel noch ein
technischer Faktor (zugleich mit für das Schindlersche Werk) beigegeben
ist. Die Farbenbereitung leiten die Blaufarbenmeister. Sämtliche
Blaufarbenwerker müssen beim Läuten des Hüttenglöckleins punkt 5 Uhr
im Werke eintreffen: zuerst wird gebetet und gesungen, um 6 Uhr ist
alles in voller Thätigkeit. Abends um 6 Uhr, nachdem wieder gebetet und
gesungen worden, wird Schicht gemacht. Die Arbeiter haben bei Paraden
ihre besondere Tracht, bestehend in einem weißen Leinwandbergkittel
mit blauem Steh- und Hängekragen, weißen Leinwandhosen, blauem Schurz,
schwarzem Schachthut, den die Sachsenkokarde ziert. Die Offizianten
haben nach ihrem Range ganz die Uniform wie die Bergoffizianten. Ihr
Gruß ist »Glück auf«, ihre Zeichen sind Krücke und Kratze. -- Jeder
Arbeiter beginnt seine Laufbahn als Taglöhner. Zeigt er sich als
Taglöhner brav und brauchbar, so wird er »wirklicher Arbeiter« und darf
nun als Auszeichnung die weiße Schürze bei der Arbeit tragen.


~b.~ Sage von der Erfindung der Blaufarbenbereitung.

Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich
sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber,
so oder Kobold nannte man das taube Erz, welches das Silberausbringen
erschwerte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn
aus Westfalen, landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach
Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie und Naturlehre wohlerfahrener
junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige
Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Annas, der Tochter des
Hüttenmeisters Rauh, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen
das Jawort ihres Vaters, sodaß die Hochzeit auf das nächste Bergfest
bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, drohte Schürers Unstern
alle seine Hoffnungen zu vernichten. Nämlich in seiner Forschgier war
er auf den Gedanken geraten, den vielverrufenen Kobold, den verhaßten
Silberräuber, durch chemische Zubereitungen zu etwas Nützlichem
umzugestalten. Er machte demnach insgeheim in einer Schmelzhütte in
Oberschlema vielfache Versuche, und trieb es damit oft die ganze Nacht
hindurch, so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchymisterei und
Schwarzkünstelei geriet. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich
bei seinem früheren Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde
und durch seine Kenntnisse und sein Ansehen Neider gemacht hatte,
mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer
gewesen sei und man seine Auslieferung forderte, gebot der
Bürgermeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte
mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Fron, ihn festzunehmen,
fand aber die äußere Thür verschlossen und meldete es dem Bergmeister.
Diesen, sowie den Hüttenmeister Rauh und einige Geschworne trieb
jetzt die Neugier, mitzugehen. Die Thür wurde aufgesprengt, und mit
freudefunkelnden Augen trat der gesuchte Verbrecher den Eintretenden
entgegen. Aber wie staunte er, als der Fron ihn griff und ihn einen
Zauberer, Dieb und Partierer schalt! »Männer,« rief er, schnell sich
fassend, mit fester Stimme, »Männer, prüfet, ehe Ihr entscheidet!
Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet
her! Seht, dies wollte ich gewinnen und, Gott sei Dank, endlich ist's
gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Somit
reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehles hin.
Die Bergherren staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er
solche schöne Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig
und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei.
Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach,
alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu
erweisen. Dies gelang auch dem wackern Manne bald, und Schürer erhielt
nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen
blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder nannte, zu großen
Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters
glücklicher Eidam!


54. Torfstecherei im Erzgebirge.

Neben dem Filzteiche befindet sich eine beträchtliche Torfstecherei.
Man hat schon ums Jahr 1708 im obern Erzgebirge Versuche mit Torfgraben
gemacht, z. B. am Kranichsee bei Carlsfeld, bei Scheibenberg und
Schneeberg. Aber kein Mensch wollte Torf kaufen, denn man hatte des
Holzes genug; und so blieb es bei dem Versuche, der im Jahre 1756 fast
ebenso erfolglos wiederholt wurde. Man gab da für 1000 Torfziegel zu
stechen 10½ Groschen und verkaufte solche zu 21 Groschen. Aber die
Macht des Vorurteils war so groß, daß man den Torf nicht einmal umsonst
haben wollte, sodaß viele hunderttausend Stück Ziegel verdarben und
zerfielen. Erst seit dem Jahre 1789 wurde auf wiederholte Anordnung des
Finanzkollegiums die Torfstecherei am Filzteiche ordentlich in Gang
gebracht, und im Jahre 1790 wurden auch Trockenhäuser und Kohlenschauer
angelegt. Ein einziger Arbeiter konnte täglich über 1000 Stück stechen;
sogar Kinder verdienten dabei ihr Brot, denn man bediente sich ihrer
zum Zählen und Aufschlichten der Ziegel. Der Torf, ein aus Wurzeln
bestehender Filz, ist schwarzbraun. Die Ziegel wurden in den 4 großen
Trockenhäusern gedörrt und dann nach Schneeberg ins Torfmagazin
geschafft. Man verkohlte deren viele Hunderttausende in Meilern zu
36000 Stück. Im Jahre 1795 wurden 1000 Stück zu 8 Groschen verkauft.
-- Nicht weit vom Filzteiche ist auf Johannisgrüner Revier im Jahre
1791 eine zweite Torfstecherei angelegt worden. Die Torffeuerung ist in
Sachsen schon seit dem Jahre 1560 bekannt.

            Nach Schumann.


55. Die Auer Porzellanerde.

Bei Aue wurde noch am Anfange dieses Jahrhunderts in der +Fundgrube
des Weißen St. Andreas+ weiße Thonerde bergwerksmäßig gewonnen und
zur Verfertigung des Meißener Porzellans verwendet. Es fuhren außer
dem Steiger täglich 32 Bergleute an. Die Erde oder das »Weiße Zeug«
wurde getrocknet, von wilden Arten oder Beimischungen geschieden,
und fässerweise wurden aller 14 Tage gegen 120 Zentner durch zwei
verpflichtete Fuhrleute nach Meißen geschafft. Die Fässer waren
umschnürt und wohlversiegelt. Die Erde durfte nicht außer Lande
geschafft werden, ja auf der Zeche selbst bekam man sie kaum zu
sehen. In die Gruben, Trocken- und Vorratshäuser durfte niemand ohne
Erlaubnis. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Ausfuhr des
weißen Thons der Auer Gegend anfänglich bei großer Geldstrafe und
im Jahre 1745 sogar beim Strange verboten. Im 7jährigen Kriege ließ
Friedrich der Große mehrere Wagen voll Auer Erde nach Berlin schaffen,
um sie untersuchen zu lassen, damit er in seinen Ländern nach ähnlicher
graben lasse. Es entstand auch daraufhin die Berliner Porzellanfabrik.

            Nach Schumann.


56. Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge.


~a.~ Barbara Uttmann.

    O rauhes Erzgebirge, von Sturm und Frost gewiegt,
    Wohl klagt die Armut, weinend an deine Brust geschmiegt.
    Doch reich wie du im Innern an stufigblankem Erz,
    Schmückt dich auch, gottergeben, manch treues Menschenherz.

    Doch all dein Seelenreichtum und all dein Herzenswert
    In einer Frauenblume ward wunderhold verklärt.
    Sie stieg aus deinen Gründen als tröstend mildes Licht,
    Das um den Herd des Elends das Band der Liebe flicht.

    Das Band der Menschenliebe: denn sieh, da Nächte lang
    Sie still in Mitleidsthränen nach Kraft von oben rang,
    Gott bittend, sie zu lehren ein Werk, das fromm und frei,
    Die fleiß'ge Hand belohnend, der Armut Labung sei.

    Sie, als sie stand früh morgens im kalten Kämmerlein,
    Durch winterliche Scheiben umhaucht von Frührotschein,
    Ihr dämmerdunkles Sinnen ward plötzlich auch zum Tag:
    »Ich hab's, ich hab's gefunden, wenn Gott mir helfen mag!

    Du blumiges Gewebe an dir, lieb Fensterlein,
    Du bist der Hauch des Engels, der mir will gnädig sein!
    Lehr' mich, gefrorner Odem, nachahmen dein Gewand --
    Gewonnen sei den Bergen die Kunst vom Niederland!«

    Und emsig, fromm und freudig regt Hand und Nadel sich.
    Vergeblich mancher Anfang, umsonst wohl mancher Stich!
    Doch endlich, fest und sicher, gelingt's dem treuen Fleiß.
    Es ranken sich zu Blumen die Spitzen fein und weiß!

    Und aus den Hütten jubelnd herbei kommt klein und groß.
    Welch emsig Müh'n und Schaffen rings um der Mutter Schoß!
    Herdflammen knistern fröhlich, die Müh lohnt fern und nah:
    Das kam vom Segenswirken der edlen Barbara!

    Zu Annaberg, im Kirchhof, leis' rauscht der Lindenbaum,
    In schlanken Wipfeln flüstert's, wie sel'ger Geister Traum.
    Treu dankbar netzt den Hügel der Armut Thränentau
    Und preist des Erzgebirges verklärte Engelsfrau!

            Richard v. Meerheimb.


~b.~ Das Spitzenklöppeln im Obererzgebirge.

Aus früherer Zeit wird uns über das Spitzenklöppeln im Erzgebirge
folgendes Bild von +Berthold Sigismund+ entworfen:

Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster
eifrige Klöpplerinnen. In der schönen Jahreszeit trifft man ganze
Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien.
Im Winter kommen die Klöppelmädchen abends zusammen und arbeiten
gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der
Klöpplerinnen ist allerdings nicht sonderlich anmutig, indem sie beim
Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugen.
Die gewandten Bewegungen der Hände aber lassen sich ebenso schwer
darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers.
Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleiche zum
Gebrauche der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Die Verwunderung über die
Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das
äußerst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient.
Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuß langen, mit Kattun
umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelsack oder Klöppelkissen,
das mit einer großen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der
Klöppel selbst ist ein 10 ~cm~ langes, zur Form eines Trommelstockes
gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne
Hülse von 4 cm Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte
Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man
um einige Pfennige. Das Köpfchen ziert eine Perle. Jede Klöpplerin
sucht ihren Stolz in einer bunten Mannigfaltigkeit der letzteren. Zu
schmalen Spitzen gehören 2--4, zu breiten wohl 100 Paare. Um die Mitte
des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchen das Muster
durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief,
geschlungen. Zunächst werden soviele Fäden, als das Muster erfordert,
auf ebensoviele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten
geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln,
welches im wesentlichen nicht anders ist, als eine kunstvolle Art zu
flechten. Die Arbeiterin faßt mit den Fingerspitzen bald der rechten,
bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung
derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu
einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch
bunte, glasköpfige Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten.
Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben
gebraucht wurden und bis auf weiteres entbehrlich sind, dadurch,
daß sie dieselben mit einer großen Aufstecknadel seitlich am Kissen
feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der
Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder
sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter
zu arbeiten. -- Es ist begreiflich, daß die Fertigkeit, mit welcher die
Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur
durch Übung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch
Kinder schon im vierten und fünften Lebensjahre zu klöppeln anfangen.
Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst außer den Familien
mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.

            Nach Berthold Sigismund.


~c.~ Die Namen der Spitzenmuster.

    Erbsgrund, Batzen, Wickelkind,
    Töpfe, worin Blumen sind,
    Rohrstuhl, Mücken, Steingeränder,
    Wanzen und auch Schlangenbänder,
    Auch Pantoffeln, Hirschgeweih,
    Quärche, Schwanzbirn, Stickerei,
    Hummeln, türkisch zahm gemacht,
    Schneeball gar in schwarzer Pracht,
    Himmelswägel, Stiefelknecht,
    Maul vom Frosch -- ist auch nicht schlecht --,
    Katzenbuckel, Kuchenschieber,
    Wässerle, bald hell, bald trüber,
    Hacke, um das Kraut zu reißen,
    Kirchenfenster und Hufeisen
    Derart nennen, die da schwitzen
    An den Klöppeln, ihre Spitzen.

            Nach ~Dr.~ Otto Krause.


~d.~ Maria im Erzgebirge.

Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter
das kärgliche tägliche Brot erwerben. Da wurde ihm einst von der
reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin,
der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein
reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe
pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher
Lohn werden; beim Gegenteile erwartet sie dagegen Spott und bitterer
Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit. Doch
als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes
erwehren, und sie wankte todmüde an das Bett der Mutter hin. Aber
wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele.
Die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Schein, und leise trat eine
holde Frau ein mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die
Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen, und
die Klöppel flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen
war, sodaß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet
dalag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand
bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum
es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug
es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin
und belohnte die Arbeit so reichlich, wie nie zuvor. In dem Kleide
jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der
strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.

            Nach Bowitsch und ~Dr.~ Köhler.


~e.~ Die jetzigen Klöppelschulen.

In der Kreishauptmannschaft Zwickau bestehen 27 vom Staate
beaufsichtigte und unterstützte Spitzenklöppelschulen. Die Orte, in
denen sich die Schulen befinden, sind: Albernau, Aue, Bermsgrün,
Breitenbrunn, Crandorf, Elterlein, Grünhain, Hammerunterwiesenthal,
Haßlau (I und II), Hundshübel, Jöhstadt, Neustädtel, Oberwiesenthal,
Planitz (I und II), Pöhla, Rittersgrün (I, II und III), Rothenkirchen,
Schlema, Schneeberg, Schwarzenberg, Unterwiesenthal, Wilkau (Abteilung
~A~ und ~B~) und Zschorlau. Diese Schulen wurden im Jahre 1896 von
1303 Schülerinnen besucht. Der gesamte Arbeitsverdienst betrug
30177 M 48 Pf, durchschnittlich 23 M 16 Pf. Die gesamten Einnahmen
beliefen sich auf 22718 M 36 Pf und die Ausgaben auf 20717 M 51 Pf.
Als Staatsbeihilfen wurden 15580 M gewährt. Das Gesamtsparguthaben
der Klöppelschülerinnen bestand am Schlusse des Jahres 1896 in
29935 M 45 Pf. In der Kreishauptmannschaft Dresden besteht nur eine
Spitzenklöppelschule, nämlich in Brand bei Freiberg. Außerdem besteht
in Schneeberg die Königl. Spitzenklöppelmusterschule.


57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge.

Zahlreiche Erzgebirger früherer Zeit wanderten in jedem Jahre
monatelang gleich Zugvögeln in die Fremde, um dann wieder zur
heimischen Scholle zurückzukehren, die ihnen als das schönste
Erdenfleckchen erschien und darum über alles teuer war.

Die im Anschlusse an den erzgebirgischen Bergbau auf Eisen und andere
Metalle betriebenen Gewerbe erzeugten eine mannigfaltige Menge von
Gegenständen. Zahlreiche Bewohner fanden nicht nur unmittelbar beim
Eisenbergbau, sondern auch in den Hammerwerken, Walz- und Drahtwerken,
sowie bei der weiteren Bearbeitung des Eisens und Stahls zu Löffeln,
Nägeln, Nadeln, Schneidewerkzeugen Beschäftigung und Brot. Neben
den Waren aus verzinntem Blech wurden auch solche aus Schwarzblech
gefertigt. Im Raschauer Grunde war die Nagelfabrikation ein
Jahrhunderte alter Erwerbszweig.

Alle die genannten Erzeugnisse der Handarbeit unserer Erzgebirger
wurden nun von zahlreichen Personen im Kleinhandel vertrieben. So
bildete sich ein Wanderleben, das lange Zeit eine Eigentümlichkeit
vieler Bewohner des Erzgebirges gewesen ist. Schon 1628 besuchten die
+Bockauer+ mit hölzernen und blechernen Waren die Jahrmärkte viele
Meilen weit. Im 17. Jahrhunderte führten die Händler auch Eisenwaren
mit sich.

Die mit Blechwaren hausierenden +Schönheider+ nannte man
»Röhrenschieber«. Mit ihnen waren es auch +Bärenwalder+, +Bernsbacher+
und +Beierfelder+, welche auf Schiebkarren oder kleinen selbstgezogenen
Wagen die schwarzen Blech- und Eisenwaren von Ort zu Ort fuhren und so
lange von ihrem Dorfe fortblieben, bis sie alles verkauft hatten.

Neben den Haarnadeln und anderen in das Nadlergewerbe einschlagenden,
aus Stahl gefertigten Gegenständen lieferte Oberwiesenthal vor etwa
100 Jahren besonders auch Stecknadeln, zu denen der Messingdraht aus
Rodewisch bezogen wurde.

Unter den von erzgebirgischen Hausierern geführten Waren sind auch
Farben aus den obererzgebirgischen Blaufarbenwerken gewesen.

Als Landreisende können wir die Bergfertigen, alten oder kranken
Bergleute bezeichnen, welche mit Nachbildungen von Berg- und Pochwerken
umherzogen, um sie bei Jahrmärkten auf den Straßen, in Wirtsstuben oder
in den Schulen zu zeigen und zu erklären.

Als der Bergbau erlag, wandte man sich vielfach anderer Beschäftigung
zu. Zunächst bot der Wald mit seinem billigen Holze dazu Gelegenheit.
Aus kleinen Anfängen entstand die Holzwarenindustrie. »Seiffner
Waren« nannte man die Schachteln, Nadelbüchsen, Knöpfe, Spindeln und
dergleichen. Im Vogtlande nicht nur, auch im Erzgebirge und besonders
im Amte Schwarzenberg fanden viele Bewohner durch Pechsieden und
Rußbrennen Beschäftigung und Verdienst.

Die Rußbuttenmänner zogen Handel treibend im Lande umher. 1501 erhielt
Wilhelm von Tettau durch den Kurfürsten Friedrich den Weisen die
Belehnung über die Pechwälder der Herrschaft Schwarzenberg. In der
Neuzeit ist das Pechsieden untersagt.

Wie die Rußbuttenmänner, so sind auch die Bernsbacher, Beierfelder,
Neuhausener, Oberwiesenthaler und Wolkensteiner Händler mit
Feuerschwamm verschwunden. Der aus Buchenschwämmen bereitete
Feuerschwamm wurde nicht nur auf Messen und Jahrmärkten, sondern auch
im Hausierhandel verkauft.

In +Lauter+ bildet noch gegenwärtig die Korbflechterei einen
hervorragenden Erwerbszweig. Nicht nur aus Weidenruten, auch aus
Holzspänen und Wurzeln verfertigt man Körbe.

Besonders zahlreich waren die mit allerhand Arzneien, Ölen
umherziehenden Händler. Ihre Absatzgebiete waren außer den sächsischen
Erblanden die Ober- und Niederlausitz, Thüringen, Bayern, Mecklenburg,
Polen, Schwaben, Schweden, selbst die Türkei. Ausgedehnt war besonders
der Handel mit Schneeberger Schnupftabak. Der Hauptort seiner
Herstellung war Bockau. Aus heilkräftigen Kräutern wurden allerhand
Arzneien von den »Laboranten« hergestellt. 1782 waren in Bockau 20
»Laboratorien« im Gange. Noch 1799 beschäftigten sich 41 Personen mit
Herstellung von Arzneien oder dem Wurzel- und Kräuterhandel. Der Handel
blühte besonders am Anfange unseres Jahrhunderts in Bockau, Eibenstock,
Sosa, Jöhstadt, Jugel, Neudorf, Crottendorf, Johanngeorgenstadt,
Hundshübel, Lauter, Schneeberg.

Von dem Boden und seinen Erzeugnissen unabhängig entstanden die
Spitzenklöppelei, Posamenten- und Bürstenfabrikation. Auch diese
Erwerbszweige waren auf die Hausierer angewiesen, welche die Waren an
den Mann brachten.

Viele Hunderte zogen noch am Anfange unseres Jahrhunderts fast den
größten Teil des Jahres mit Blechwaren, blauer Farbe, Schwefel, mit
Spielzeug, Bändern und Spitzen, mit Schneeberger Schnupftabak, Pillen
und Pflastern, Schönheider Pinseln und Bürsten umher. Aber zum Winter
kehrten sie heim, wie die Strichvögel, und verzehrten, umnebelt von
Dünsten des vaterländischen Bodens, von Hütten und Hohofendampf, und
oft in verschneiter Heimat den sauer erworbenen Verdienst mit Weib und
Kind.

            Nach ~Dr.~ Köhler und Engelhardt.


58. Die erste Baumwollspinnerei Sachsens.

Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden
während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann,
sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in
verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl
noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht;
indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der
Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum
Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern
des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen,
von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und
Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern
verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes
aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen
der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall
in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war,
angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen,
seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!

Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische;
man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere
Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer,
aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre
1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der
Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche
Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts
kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen
Ende des Jahrhunderts führte Karl Friedrich Bernhard das englische
Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen;
sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz
durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als
bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte,
namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen
verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan
Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann.
K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig
vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.

Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales,
Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als
Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst
des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten
Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete
Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden
war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400
Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der
ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf
selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809
Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden
Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu
entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau,
Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen
im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810
brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine
zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst
in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte
Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte
er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung
in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500
Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des
Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener
Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige
Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein
Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche
Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des
Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der
Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in
Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79
Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der
Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.

Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne
des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der
Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne
(~Lacedreath~) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich
vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung
der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und
auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war
Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.

Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein
Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter
allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung«
zur Errichtung eines +Denkmals+ für Evan Evans aufgefordert. Dasselbe
sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen
letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich
durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung
der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer,
welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben
Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.

Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife
gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einer +Evansstiftung+ an den
technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die
Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen
Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen
Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und
Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der
Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu
rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die
größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.

Zu den beiden Faktoren, Steinkohle und Eisen, welche die Welt regieren,
ist als dritter die Baumwolle hinzugekommen. Der dünne, baumwollene
Faden bildet eine starke Kette von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu
Volk, von Werkstatt zu Werkstatt. Tausend fleißige Hände müssen sich
regen, ehe die Baumwolle verarbeitet zu dem Pflanzer und Erbauer
derselben zurückkehrt. Ein Neger z. B. arbeitet in einer Plantage
Brasiliens. Die gewonnene Baumwolle wird dem Händler eingeliefert,
wandert über den Ozean und kommt in eine erzgebirgische Spinnerei.
Als gesponnenes Garn geht sie nach Thum, wird hier gewirkt, und eine
Chemnitzer Weltfirma schickt sie über das Weltmeer zurück nach Amerika,
und hier gelangt sie schließlich als Strumpf wieder in die Hände
desjenigen Negers, welcher sie seiner Zeit als Wolle in der Kapsel von
der Staude pflückte.

            Nach Lungwitz.


59. Die gegenwärtigen Industriezweige im oberen Erzgebirge.

Im 16. Jahrhunderte verpflanzten ausgewanderte Schweizer die Musselin-
und Schleierweberei nach dem Vogtlande und dem daranliegenden
Erzgebirge. Nach den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges vermehrte
sich die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser
gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von
böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der
Heimat vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten
ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft
mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte
Dorf als Wüstung liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue
Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenige Jahre nach
dem Westfälischen Friedensschlusse, im Jahre 1654, von böhmischen
Vertriebenen angelegt worden.

Doch half auch zur Hebung des Gebirges, daß in den nächsten Jahrzehnten
neue Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde
Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden Baumwoll-Industrie,
der sich später die Wollindustrie anschloß. Der damalige Faden war
Handgespinst, und es mußten Tausende von Leuten sich rühren, um
den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf
Handmaschinen, von denen jede 10--30 Spulen zählte. Noch zu Anfange
unseres Jahrhunderts gab es 18000 Menschen, welche auf solche Art
Baumwolle spannen. -- Zu der Spinnerei gesellte sich die Weberei und
Strumpfwirkerei. Vor dem Dreißigjährigen Kriege hatte in Chemnitz
außer der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei
geblüht. Nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollweberei zu und
fertigte anfangs 1717 Barchent und dann 1725 Musseline und Kattune und
allerlei bunte Waren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen Bahn
mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein.
Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden. Sie
gewann aber erst große Bedeutung, als es dem Kaufmann Esche in Limbach
1776 gelungen war, mit Hilfe zweier geschickter Arbeiter den von dem
Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.

Auch das erzgebirgische Frauengewerbe erhielt im Laufe des 18.
Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige +Klara
Angermann+, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock
vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das Tambourieren oder
Sticken mit einer Häkelnadel gelernt und verpflanzte es 1775 nach
Eibenstock.

Rechnet man zu dem allen, daß der Bergbau durch die 1765 in Freiberg
errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun
im stande war, einen größeren »Teufen« abzubauen und minder edle
Erze zu verhütten, so wird man begreifen, daß schon im verflossenen
Jahrhunderte das Erzgebirge ein Hauptindustriegebiet für Sachsen, ja
für ganz Deutschland wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die
Großindustrie erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des
fabrikmäßigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der
Spinnmaschine, die 1775 durch +Richard Arkwright+ in England verbessert
wurde, die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen
Webstuhles wirkten entscheidend. Trotzdem daß die Handspinnmaschinen in
die Rumpelkammer verwiesen, das Weberschifflein der Hand des Arbeiters
entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten
beschränkt wurde, so wuchs die Erzeugung von Waren doch ungemein und
wurden überhaupt viel mehr Leute beschäftigt denn früher.

Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf, so die
1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete
Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und
ferner die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche
200--500 Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum
nicht zu verwickelte Muster um einen geringen Preis liefert. Beide
Maschinen machten der Frauenarbeit gefährlichen Wettbewerb, drückten
die Löhne herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das
Spinnrad und neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das
Strick- und Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel
zu entwinden. Aber durch den Übergang zu künstlicheren Mustern und die
Verbindung von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen,
sich neben und mit den Maschinen zu behaupten.

Im Sehmathale herrscht die Posamentenerzeugung als Hausindustrie und
zieht sich in starkbevölkerten Dörfern über Annaberg und Buchholz
bis zu dem Fichtelberge hinauf, an dessen Fuße die vier Städtlein
Wiesenthal liegen. Die Mannigfaltigkeit der Posamentenerzeugung läßt
sich nur andeuten; alles, was Kleiderbesatz und Garnitur heißt,
Ornamente, Knopf, Borte, Franse, Quaste, Schnur, wird gewirkt und
geschlungen, gedreht und genäht. Geht das Geschäft flott, wie
1844--1849, in den 60er Jahren, auch in den ersten 70er Jahren
noch, dann sind Tausende von Posamentierstühlen, Hunderte von
Mühlstühlen und Chenillemaschinen im Gange. Im Jahre 1863 hat ein
Annaberger Geschäft für 600000 Mark umgesetzt. Die Jahresausfuhr
nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welches ein Konsulat
in Annaberg unterhält, beträgt ungefähr 5½ Mill. Mark. Annaberg hat
über 100, Buchholz 30 Posamenten- und Spitzenhandlungen, Buchholz
100 Posamentenfabrikanten und Verleger. In Annaberg wohnen über
600, in Buchholz über 450 Posamentierer. In beiden Städten giebt es
zusammen 20 Schnurenfabriken. Besonders merkwürdige Erzeugnisse sind
Gold- und Silberspitzen in Annaberg und Kleinrückerswalde, sowie
gedrehte und geklöppelte Theater- und Uniformschnüre. Je nach der
herrschenden Mode werden fast auf dem ganzen Gebirge durch Frauen-
und Kinderhände Zwirn-, Woll- und Seidenspitzen geklöppelt. Der
Verdienst der Klöpplerinnen ist sehr gering, dennoch mögen manchmal
im Annaberg-Buchholzer Arbeitsbezirke 20000 Klöppelkissen in
Thätigkeit gewesen sein. Neue Geschäftszweige, welche bei gänzlichen
Modeveränderungen und umfänglichen Geschäftsstockungen allgemeine
Notstände nicht mehr aufkommen lassen, sind beispielsweise in
Buchholz durch 8 Kartonnagenfabriken und 6 Prägeanstalten vertreten.
Da werden Pappkartons, von den einfachsten Apothekerschächtelchen
bis zu den feinsten Bonbonnieren und Ostereiern, mit kostbaren
Stickereien und Gemälden, Holzkästen, von den billigsten Sparbüchsen
und Federkästchen bis zu den schönsten Schreibschatullen, Zigarren-
und Nähkästen hergestellt. Die Prägeanstalten liefern aus Gold- und
Silberpapier Sargverzierungen, welche das letzte Haus der Sterblichen
mit Randschmuck und sinnigen Bildern und Inschriften bedecken und in
teueren Formen besonders in Österreich, Ungarn, Spanien und Südamerika
beliebt sind, und fertigen aus Silber- und Papierkanevas tausenderlei
Unterlagen zu Stickereien, von den Buch- und Lesezeichen an bis zu
Lampen-Tellern und -Schirmen, Papierlaternen, Puppenstubenmöbeln und
dergleichen. Sie bringen »papierne Zinnsoldaten«, unter dem Christbaume
aufzustellende »Krippen«, »Christgeburten«, Jagden u. a. in den
Handel. Holzbildhauerwerkstätten liefern Schrankgesimse und Leisten,
Sargfüße und Flaschenpfropfen und dergleichen. -- Andere Geschäfte
versenden Kränze von Moos und trockenen Blumen, andere wieder Sträuße,
Borten und Kartons, Papier-Manschetten und -Spitzen. Auf eigenartigen
Stühlen werden Perlengewebe, Sessel, Kissen, Ofenschirme und Fußbänke
angefertigt, ein Ersatz kostspieliger Stickereien.

In der ganzen Umgegend von Annaberg und Buchholz ist denn auch
die Landwirtschaft von untergeordneter, die Industrie von weit
überwiegender Bedeutung. Ja, bezeichnend genug für die späte und doch
so schnelle Entwickelung des Obererzgebirges ist es, daß man auf der
alten Poststraße, ohne mehr als zwei Dörfer zu berühren, zwölf Städte
besuchen kann: Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Elterlein,
Zwönitz, Geyer, Thum, Ehrenfriedersdorf (Stadt), Wolkenstein,
Marienberg, Zöblitz.

            Nach Prof. Berlet und ~Dr.~ Manke.


60. Ehrentafel berühmter Obererzgebirger.

Das obere Erzgebirge ist die Heimat oder der längere Aufenthaltsort
einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten gewesen, die für die
Kulturentwickelung unseres engeren und weiteren Vaterlandes nicht
ohne Bedeutung geblieben sind. Zu ihnen gehören +Barbara Uttmann+,
die das Spitzenklöppeln 1561 in +Annaberg+ bekannt machte, und +Klara
Angermann+, welche in +Eibenstock+ 1775 das Tambourieren einführte.
1589 schon hat +Georg Einenkel+, angeblich aus +Dünkelsbühl+ in
Schwaben, das Posamentiergewerbe in +Buchholz+ eingeführt. 1776
gelang es dem Kaufmann +Esche+ in +Limbach+, den Strumpfwirkerstuhl
den Engländern nachzubauen. In der Nähe von +Geyer+ errichtete 1812
in +Siebenhöfen+ der um die sächsische +Baumwollenspinnerei+ sehr
verdiente +Evan Evans+ die erste Baumwollenspinnerei in Sachsen.

Aber außerdem giebt es noch eine Anzahl bekannter Männer des
Obererzgebirges, die auf Kunst und Wissenschaft, auf das ganze
Geistesleben des sächsischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben
sind. Wir gedenken des 1492 geborenen Rechenmeisters +Adam Ries+ aus
+Staffelstein+, der seine Rechenwerke in Annaberg als Bergbeamter
schuf. Ferner haben wir den berühmten Rektor der Annaberger
Lateinschule, +Johannes Rivius+, der 1552 in Meißen starb, zu nennen.
In +Grünhain+ wurde 1586 +Johann Hermann Schein+ geboren, der Dichter
des Liedes: »Mach's mit mir, Herr, nach deiner Güt'.« 1619 ist der
Dichter des Liedes: »Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort
anzuhören«, +Tobias Clausnitz+, in +Thum+ geboren worden. 1726 wurde
zu +Annaberg+ der berühmte Kinderfreund +Felix Weiße+ geboren. 1674
stellte in +Annaberg+ auf der Münzgasse in dem ihm vom Kurfürsten
+Johann Georg II.+ überlassenen Münzgewölbe der Chemiker +Kunkel+, als
einer der allerersten, +Phosphor+ her.

Zu den erwähnten fügen wir hier noch die Namen eines +Mykonius+,
+Sarcerius+, +Pufendorf+, +Gottfried Arnold+, +Kramer+ und +Duflos+.


1. Mykonius, ein Geschichtsschreiber der Reformation.

+Friedrich Mykonius+, eigentlich Mekum genannt, gehört zu der Reihe
der deutschen Kirchenreformatoren. Am 24. Dezember 1491 ist er zu
+Lichtenfels+ in Oberfranken geboren. Er gehört zu den bekanntesten
Schülern der Annaberger Lateinschule und ist als solcher schon berühmt
geworden durch sein bekanntes Gespräch mit Tetzel. 1510 trat er ins
Annaberger Franziskanerkloster ein, später in das zu Weimar. Er
gehört zu den ersten und eifrigsten Anhängern Luthers. 1524 ward er
evangelischer Pfarrer in Gotha. Am 2. Juli desselben Jahres predigte er
in Buchholz unter großem Andrange. Am 4. Mai 1539 hielt er in Annaberg
die erste evangelische Predigt. Als Superintendent von Gotha wirkte
er für die Einführung der Reformation in Thüringen, sowie in Leipzig,
wohin er 1539 berufen ward. Er nahm am Marburger Religionsgespräche
1529, an dem Schmalkaldner Tage 1537 und auch am Hagenauer
Religionsgespräche 1540 teil. Gestorben ist er 1546. Seine Geschichte
der Reformation erschien erst 1715 zu Gotha.

            Nach Ledderhose.


2. Sarcerius, der Reformator Nassaus.

Am 28. November 1501 wurde in +Annaberg+ einem schlichten Bergmanne
Namens +Scheurer+ ein Sohn geboren; das war der ehedem berühmte
+Erasmus Sarcerius+, wie sein Name lateinisch lautet. Der junge
Sarcerius besuchte die Lateinschulen Annabergs und Freibergs. In
Leipzig und Wittenberg studierte er Philosophie und Theologie.
Er gehört zu den eifrigsten Anhängern Luthers und seines
Reformationswerkes. Mehreren Schulen hat später Sarcerius entweder
als Konrektor oder Rektor vorgestanden; es waren Schulen in Rostock,
Lübeck, Dillenburg, Wien und Graz. In Österreich hielt er sich nicht
dauernd auf, weil er wegen seines Glaubens Anfeindungen ausgesetzt war.
Er kehrte nach Lübeck zurück, wo seit 1531 die Reformation eingeführt
worden war. Der Graf +Wilhelm der Reiche von Nassau+ berief ihn
in sein Land als Oberpfarrer, weil er die Reformation einzuführen
gedachte. Sarcerius wirkte in Nassau erfolgreich zu diesem Zwecke. Da
er sich aber dem 1548 von Kaiser +Karl V.+ aufgestellten »Interim«
nicht fügte, ging er, seines Amtes entsetzt, nach Annaberg. 1549 ward
er Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche, 1554 Pfarrer in Eisleben und
1559 Superintendent in Magdeburg. Am 28. November 1559 starb er. Er hat
zahlreiche Schriften hinterlassen.

            Nach ~Dr.~ Röselmüller.


3. Pufendorf, ein Mitbegründer der Wissenschaft des Natur- und
Völkerrechtes.

Freiherr +Samuel von Pufendorf+, einer der Gründer der Wissenschaft
des Natur- und Völkerrechtes, ist am 8. Januar 1632 zu +Dorfchemnitz+
geboren. Er besuchte die Fürstenschule zu Grimma, widmete sich dann in
Leipzig und Jena dem Studium der Rechte und wurde 1658 Hofmeister im
Hause des schwedischen Gesandten +Coyet+ in Kopenhagen. Die Schrift
»Elemente der allgemeinen Rechtswissenschaft«, welche 1660 in Haag
erschien, bewirkte 1661 seine Berufung zum Professor des Natur- und
Völkerrechts an die Universität +Heidelberg+. Doch schon 1670 folgte
Pufendorf einem Rufe an die neue schwedische Universität +Lund+. Durch
weitere Schriften erhob er das Naturrecht zu einer selbständigen
Wissenschaft. Für das Verhältnis des Staates zur Kirche schuf er die
von allen gegenwärtigen Staaten angenommene Theorie des Kollegialismus.
1686 wurde er nach +Stockholm+ berufen und zum Staatssekretär,
königlichen Hofrat und Historiographen ernannt. 1688 begab er sich nach
+Berlin+, wo er von dem Kurfürsten +Friedrich Wilhelm+ von Brandenburg
als Historiograph und Kammergerichtsbeisitzer angestellt und 1690
zum Geheimrat ernannt wurde. König +Karl XI.+ von Schweden erhob ihn
1694 in den Freiherrnstand. Er starb am 26. Oktober 1694 in +Berlin+.
Pufendorfs älterer Bruder, +Esaias Pufendorf+, starb am 26. Oktober
1689 als dänischer Gesandter in Regensburg. Derselbe hat mehrere
theologische und historische Schriften veröffentlicht.

            Nach Meyers Lexikon.


4. Gottfried Arnold, der Kirchen- und Ketzerhistoriker.

Der lutherische Theologe +Gottfried Arnold+ ist am 5. September 1666
zu +Annaberg+ geboren. Seine Studien machte er in +Wittenberg+. Im
Jahre 1697 ward er Professor der Geschichte in +Gießen+. Sein Verkehr
mit +Spener+ in Dresden regte ihn pietistisch an. In Frankfurt und
Quedlinburg kam er durch persönliche Verbindungen zu einem mystischen
Separatismus. Er enthielt sich des Kirchenbesuches und verschmähte
das heilige Abendmahl. 1698 legte er seine Professur nieder. Später,
1700, hat er sich verheiratet. Da er seine Ansichten geändert hatte,
wurde er Hofprediger der verwitweten +Herzogin von Sachsen-Eisenach+
in +Allstedt+. 1714 starb er in +Perleberg+ als Prediger, nachdem er
seit 1707 dort gelebt hatte. Vorher wirkte er seit 1704 als Prediger in
+Werben+. Von Arnold rühren mehrere mystische Schriften her. Geistliche
Lieder hat er auch gedichtet. Sein Hauptwerk aber ist die ihrer Zeit
schon durch die Darstellung Aufsehen erregende »Unparteiische Kirchen-
und Ketzerhistorie«, worin er der Ketzerei ein Streben nach wahrem
Christentume zuschrieb und ihre Berechtigung durch die Mängel und die
Ausbreitung der Kirche nachwies.

            Nach ~Dr.~ Röselmüller.


5. Kramer, der Kirchenliederdichter.

Der berühmte Kanzelredner und Kirchenliederdichter +Johannes Andreas
Kramer+ wurde 1723 in +Jöhstadt+ geboren. Er wurde 1748 Prediger zu
Krollwitz bei Magdeburg. 1750 schon treffen wir ihn als Oberhofprediger
in +Quedlinburg+. Seit 1754 ist er deutscher Hofprediger in
+Kopenhagen+ und seit 1765 zugleich Professor der Theologie ebenda
gewesen. +Lübeck+ berief ihn 1771 zum Superintendenten. Dann ward er
1774 erster Professor der Theologie in Kiel. Hier wurde er 1784 zum
Universitätskanzler und Rektor ernannt. Am 12. Juni 1788 starb er in
Kiel. -- Er stiftete ein homiletisches Institut und ist der Gründer
des ersten Schullehrerseminars für +Schleswig-Holstein+ geworden. Auch
gab er den Herzogtümern einen verbesserten Katechismus und ein neues
Gesangbuch. Am bekanntesten sind unter seinen Werken seine »Sämtlichen
Gedichte« und seine »Hinterlassenen Gedichte«, woraus viele Lieder in
die Gesangbücher übergegangen sind.

            Nach Meyers Lexikon.


6. Duflos, der Vater der Pharmazie.

Im Jahre 1889 starb zu +Annaberg+ der Geheime Rat Professor ~Dr.~
Adolf Ferdinand +Duflos+, Ritter u. s. w. Er stammt aus +Artenay+
bei Orleans in Frankreich und ist am 2. Februar 1802 daselbst
geboren. In den Napoleonischen Kriegen kam er mit seinem Vater nach
+Torgau+. Er fand ein Unterkommen bei dem dortigen Rektor Benedict,
welcher später die Waise bei seiner Übersiedelung als Rektor der
Lateinschule nach +Annaberg+ mit sich nahm. +Duflos+ trat als Lehrling
in die Annaberger Apotheke ein. Als einst, den 27. Februar 1817,
Apotheker Hertel einen Vortrag über die Beleuchtung durch Gaslicht
aus Steinkohlen nebst einigen erläuternden physikalischen Versuchen
in der Museumsgesellschaft zu Annaberg hielt, bereitete der damalige
Apothekerlehrling +Duflos+ das Gas dazu. Niemand mochte ahnen, zu
welcher Bedeutung der 15jährige noch in ganz Deutschland gelangen
würde. Er gilt in ganz Deutschland als »Vater der Pharmazie« und ist
Verfasser vieler hochgeschätzter chemischer Werke. Seit 1866 lebte
er in stiller Zurückgezogenheit in Annaberg. Sein Grab wird zu den
berühmtesten des schönen Friedhofes gezählt werden. Er liegt im
Brodengeyerschen Schwibbogen.

            Nach Fr. Brodengeyer und Ruhsam.

[Illustration]



Inhaltsverzeichnis.


    Das Obererzgebirge.


    Erster Abschnitt.

                                                      Seite

    =Die Landschaft des Obererzgebirges=                  1

    1. Unera Hamet                                        1

    2. Das Lied vom Erzgebirge                            1

    3. Die Bedeutung des Erzgebirges für das Vaterland    2

    4. Das Obererzgebirge                                 3

    5. Ehemaliges Landschaftsbild des Obererzgebirges     4

    6. Erzgebirgische Jagden                              5

       ~a.~ Eine Jagd im Erzgebirge im Jahre 1 nach
            Christo                                       5

       ~b.~ Kurfürstliche Jagden im oberen Erzgebirge     6

       ~e.~ Jagdfronden der Obererzgebirger               8

       ~d.~ Ein Jagdaufzug mit erzgebirgischen wilden
            Tieren in Dresden                             9

       ~e.~ Die Wildschützen                             10

    7. Eishöhlen im Erzgebirge                           10

    8. Die obererzgebirgischen Mineralquellen und Bäder  11

    9. Fischreichtum erzgebirgischer Flüsse              13

    10. Die Kartoffeln im Erzgebirge                     14

    11. Reihenfolge der Städte Sachsens bezüglich ihrer
        Lage über der Ostsee                             15

    12. De Stähd in'n Öber-Ärzgebärg                     16


    Zweiter Abschnitt.

    =Das Volkstum des Obererzgebirgers=                  17

    13. Die Mundart des Obererzgebirgers                 17

    14. Arzgebergsche Sprichwörter                       18

    15. Der Volkscharakter der Erzgebirger               19

    16. Die obererzgebirgische Kirmes                    21

    17. Weihnachten im Obererzgebirge                    22

    18. Die Weihnachtsspiele im Obererzgebirge           24

    19. Erzgebirgische Heilige Christfahrt aus der Zeit
        des 30jährigen Krieges                           26

    20. Erzgebirgische Weihnachtslieder                  27

        ~a.~ Dr Weihnachts-Heiligohmd                    27

        ~b.~ Ä annersch Weihnachtslied                   28

    21. Michels Erzählung vom Annaberger Vogelschießen   29

    22. Dos arzgebergische Mädl                          29

    23. Erzgebirger beim ersten sächsischen
        Volkstrachtenfest                                30

    24. Der Streittag                                    30


    Dritter Abschnitt.

    =Die Besiedelung des Obererzgebirges=                33

    25. Die Besiedelung des Erzgebirges                  33

        ~a.~ Die Besiedelung des Erzgebirges in
             vorwettinischer Zeit                        33

        ~b.~ Die Besiedelung des oberen Erzgebirges in
             wettinischer Zeit                           34

             1. Die wilde Ecke                           34

             2. Entstehung der Orte in Annabergs
                Umgegend                                 34

             3. Entstehung Annabergs und anderer
                Bergstädte des Obererzgebirges           35

             4. Jüngere Gründungen im Obererzgebirge     36

    26. Die Urbarmachung des Gebirges                    36

    27. Die obererzgebirgischen Ortsnamen                36

    28. Die Dörfer                                       40

        ~a.~ Slawische Dörfer                            40

        ~b.~ Deutsche Dörfer                             40

        ~c.~ Reste der sorbischwendischen Sprache        41

    29. Einzelansiedelungen im Obererzgebirge            42

    30. Die Bauart des Erzgebirgshauses                  42

    31. Der erzgebirgische Kirchenbau                    43

    32. Die Wappen der Erzgebirgsstädte                  45

    33. Uralte Verkehrswege im Erzgebirge                46

    34. Die Pässe des Erzgebirges                        47

    35. Die Verkehrswege                                 48

        ~a.~ Die obererzgebirgischen Eisenbahnen         48

        ~b.~ Die alten Postsäulen                        49

    36. Die Bevölkerung des Obererzgebirges sonst und
        jetzt                                            49


    Vierter Abschnitt.

    =Die Kriegszeiten des Obererzgebirges=               51

    37. Der Kriegszug Kaiser Heinrichs II. über das
        Erzgebirge                                       51

    38. Raubritterunwesen im Obererzgebirge              52

    39. Der obererzgebirgische Schauplatz des
        Prinzenraubes                                    52

        ~a.~ Altes Volkslied                             52

        ~b.~ Der Fürstenberg bei Grünhain                53

             1. Wie der Berg den Namen erhält            53

             2. Herzog Albrecht besucht seinen
                Befreiungsort                            53

        ~c.~ Wie das jetzige Brunnendenkmal geweiht wird 54

        ~d.~ Das Köhlerhaus am Fürstenbrunnen            54

        ~e.~ König Friedrich August II. und seine
             Gemahlin am Fürstenbrunnen                  54

        ~f.~ Sagen und Geschichten zum Prinzenraube      55

             1. Die große Glocke in Geyer                55

             2. Der Fürstenbrunn bei Raschau             55

             3. Der Kretscham und Fürstenbrunnen bei
                Neudorf a. d. Sehma                      56

             4. Die Prinzenkleider in der Kirche zu
                Ebersdorf                                56

    40. Die Hussitenkämpfe im Erzgebirge unter
        Friedrich dem Streitbaren                        57

        ~a.~ Der Ausbruch des Krieges                    57

        ~b.~ Schrecknisse im Obererzgebirge während
             des Krieges                                 57

        ~c.~ Wüste Marken im Obererzgebirge aus der
             Zeit der Hussitenkriege                     60

    41. Das Obererzgebirge im Bauernkriege               61

        ~a.~ Die Kriegsereignisse                        61

        ~b.~ Die 12 Artikel der Bauern                   63

        ~c.~ Anzeichen für den Bauernkrieg               63

    42. Das Obererzgebirge im Schmalkaldischen Kriege    64

        ~a.~ Der Kriegsschauplatz im Obererzgebirge      64

        ~b.~ Kriegsdrangsale in Zwickau                  64

        ~c.~ Drangsale in Schneeberg                     67

    43. Der Dreißigjährige Krieg im oberen Erzgebirge    68

        ~a.~ Kurfürst Johann Georgs I.
             Verteidigungswerk                           68

        ~b.~ Wie in Böhmen der Krieg ausbricht           69

        ~c.~ Wie dem Obererzgebirge das Kriegsunglück
             naht                                        69

        ~d.~ Wie wichtige Obererzgebirgspässe
             besetzt werden                              70

        ~e.~ Die ersten Kriegsdrangsale in Marienberg    71

        ~f.~ Wallensteins Truppen kommen                 71

        ~g.~ Oberst Preuß vor Marienberg                 72

        ~h.~ Wie die Kaiserlichen nach der Lützner
             Niederlage im Gebirge hausen                73

        ~i.~ Wie Bauern die Kaiserlichen vertreiben      74

        ~k.~ Das Kriegsjahr 1634                         75

        ~l.~ Zschopau wird niedergebrannt                76

        ~m.~ Die Sachsen in Marienberg                   77

        ~n.~ Wie die Schweden ins Gebirge kommen         77

             1. Der Beginn der Schwedengreuel            77

             2. Die Schweden werden aus Marienberg
                vertrieben                               78

             3. Das Schreckensjahr 1639                  79

             4. Kriegsgreuel in Cranzahl                 81

        ~o.~ Wie General Wrangel nach Schlettau kommt    82

        ~p.~ Wie die Bewohner des Gebirges als
             Flüchtlinge leben                           82

        ~q.~ Wie die Landwirtschaft darniederliegt       83

        ~r.~ Die letzte Schlacht auf
             sächsischem Gebiete                         84

        ~s.~ Wie es nach dem Kriege im Gebirge aussah    84

    44. Im nordischen Kriege                             85

    45. Das Obererzgebirge im Siebenjährigen Kriege      86

        1. Beginn des Krieges                            86

        2. Die Preußen im Erzgebirge                     86

        3. Die ersten Lieferungen                        87

        4. Aushebungen im Erzgebirge                     87

        5. Nach der Schlacht bei Kolin 1757              87

        6. Nach der Niederlage bei Hochkirch             88

        7. Die Auer Schlacht 1759                        88

        8. Die Jahre 1760 und 1761                       88

        9. Das Ende des Kriege                           89

       10. Ein Beispiel der Vaterlandsliebe aus dem
           Siebenjährigen Kriege                         90

    46. Die Freiheitskriege                              91

        Das Banner der sächsischen Freiwilligen          91

            1. Der Aufruf                                91

            2. Die Einrichtung des Banners               92

    47. Die Pest im Erzgebirge                           92

        1. Wie die Pest in Annaberg auftritt             92

        2. Wie die Krankheit sich zeigt                  93

        3. Wie schon 1568 kein Geistlicher mehr zu
           den Pestkranken gehen will                    93

        4. Wie man an Pestmacher glaubt                  93

        5. Die letzte Pest im Erzgebirge                 94

    48. Die Teuerung und Hungersnot im Erzgebirge
        1771 und 1772                                    95


    Fünfter Abschnitt.

    =Das Wirtschaftsleben des Obererzgebirges=          100

    49. Die obererzgebirgische Kohlenbrennerei          100

        ~a.~ Die Entstehung des Gewerbes                100

        ~b.~ Eine Köhlerwohnung in alter Zeit           101

        ~c.~ Das Harzen in früherer Zeit                101

    50. Der ehemalige Zinnbergbau                       101

    51. Der ehemalige Silberbergbau                     102

        ~a.~ Altes Berglied                             102

        ~b.~ Die Namen der Zechen                       103

        ~c.~ Obererzgebirgische Bergleute in der Fremde 103

        ~d.~ Die bergmännischen Werkzeuge etc.
             in früherer Zeit                           104

        ~e.~ Die Verbreitung des obererzgebirgischen
             Bergbaues                                  106

             1. In seiner Blütezeit                     106

             2. In späteren Jahrhunderten               108

    52. Die erzgebirgische Eisenindustrie               108

        ~a.~ Die Eisenhämmer                            108

        ~b.~ In einer obererzgebirgischen Eisenhütte
             vor 50 Jahren                              109

        ~c.~ Die Blechlöffelfabrikation                 110

    53. Die Blaufarbenwerke                             111

        ~a.~ Besuch eines alten Blaufarbenwerkes        111

        ~b.~ Sage von der Erfindung der
             Blaufarbenbereitung                        112

    54. Torfstecherei im Erzgebirge                     113

    55. Die Auer Porzellanerde                          114

    56. Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge              114

        ~a.~ Barbara Uttmann                            114

        ~b.~ Das Spitzenklöppeln im Obererzgebirge      115

        ~c.~ Die Namen der Spitzenmuster                115

        ~d.~ Maria im Erzgebirge                        116

        ~e.~ Die jetzigen Klöppelschulen                116

    57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge       116

    58. Die erste Baumwollspinnerei Sachsens            118

    59. Die gegenwärtigen Industriezweige im oberen
        Erzgebirge                                      120

    60. Ehrentafel berühmter Obererzgebirger:
        1. Mykonius 2. Sarcerius. 3. Pufendorf.
        4. Gottfried Arnold. 5. Kramer. 6. Duflos       122


Druck von +C. G. Roßberg+ in Frankenberg i. Sa.



Verlags-Verzeichnis

der Graser'schen Buchhandlung (Richard Liesche) in Annaberg.


I. Das Erzgebirge betreffend:

    =Das Erzgebirge.= Gemeinverständliche wissenschaftliche Aufsätze.
    Herausgegeben vom Erzgebirgs-Zweigverein Chemnitz. Band I M. 1,50:

      Die Namen des Erzgebirges. Von Professor ~Dr.~ S. +Ruge+.

      Über die Entstehung des Erzgebirges. Von ~Dr.~ T. +Sterzel+.

      Die räumliche Ausbreitung des erzgebirgischen Bergbaues im
      Mittelalter. Von W. +Zöllner+.

      Die Spielwaren-Industrie des Erzgebirges. Von H. +Gebauer+.

      Das Klima des Erzgebirges. Von ~Dr.~ H. +Hoppe+.

      Ein botanischer Frühlingsspaziergang von Chemnitz nach
      Lichtenwalde. Von ~Dr.~ E. R. +Zimmermann+.

    -- Band II M. 1,50:

      Erzgebirgisches Volks- und Wirtschaftsleben im 16. Jahrhundert.
      Von ~Dr.~ H. +Jacobi+.

      Flurnamen aus dem Erzgebirge. 1. und 2. Teil. Von E. +Weinhold+.

      Ausflug von Chemnitz nach Wildenthal und dem Kranichsee.
      Von Prof. ~Dr.~ +Zimmermann+.

      Thum während des dreißigjährigen Krieges. Von Paul +Schneider+.

    -- Band III. 1. Die Unruhen im Erzgebirge während des Bauernkrieges.
      Von ~Dr.~ +Paul Uhle+. M. --,50.

    =Album vom Obererzgebirge.= Visit M. 1,20.

    =Album des historischen Festzugs zum Jubiläum der Stadt Annaberg.
      1896.= M. 1,50.

    =Annaberger Bergmannsmarsch.= Nach alten Weisen gesetzt von
      E. +Stahl+

      für Pianoforte oder Zither         je M. --,60,
      für Hornmusik                         M.  1,20.
      für Orchester oder Harmonikamusik. je M.  1,80,
      für Kavalleriemusik                   M.  1,--.

    =Aus dem Zwönitzthale.= Herausgegeben vom Erzgebirgszweigverein
      Zwönitz, 1895/96. M. 1,--.

    +Bartusch+, P., Seminar-Oberlehrer, =Die Annaberger Lateinschule
      im 16. Jahrhundert=. Ein schulgeschichtliches Kulturbild. 1897.
      M. 2,50.

    +Berlet+, B., Professor, =Wegweiser durch das sächs.-böhm.
      Erzgebirge=. 1900. 9. von E. Prasse und ~Dr.~ Köhler
      bearbeitete Auflage, geb. M. 2,--.

    +Böthig+, B., =Hymnus auf Annaberg=, für Pianoforte M. 1,--.

    +Carl Crüwell+, =Das Stadttheater zu Annaberg=. Ein Gedenkblatt
      zum Tage der vierhunderjährigen Jubelfeier der Gründung der
      Stadt Annaberg. 1896. Komm.-Verlag. M. 2,--.

    +Ficker+, B., =Annaberg vom Jahre 1843--68=. (M. 2,50) für M. 1,25.

    +Finck+, =Barbara Uttmann, die Begründerin der Spitzen-Industrie
      im Erzgebirge=. M. --,50.

    =Führer durch Eibenstock, Wildenthal, Carlsfeld, Rautenkranz,
      Morgenröthe und Umgebungen.= Mit Karte, Panorama vom Auersberg
      und Bildern. M. --,50.

    +Frisch+, ~Dr. phil.~, =Die Flora des Pöhlberggebietes=. M. 1,50.

    =Gedichte und Geschichten in erzgebirgischer Mundart.=
      4 elegante Leinwandbände je 2,50 und 5 Hefte je --,70
      geheftet, --,80 kart.

      Die Sammlung erzgebirg. Gedichte und Geschichten spiegelt
      mit ihrem innig-sinnigen, ernstheiteren, herzerfreuenden
      Inhalt getreu den Sinn des Erzgebirgers wieder. Die Bändchen
      bieten Ernst und Scherz in bunter Reihe; voll tiefen Gemütes
      und oft zwerchfellerschütternden Humors sind sie eine
      kräftige, kerngesunde Kost und von Heft zu Heft finden sie
      erfreulicherweise immer mehr Anklang und Teilnahme bei den
      Freunden und Bewohnern unseres Erzgebirges.

    +Göpfert+, ~Dr.~, E., Prof., =Über den Unterricht in der
      Heimatkunde=. M. --,90.

    -- =Der Greifenstein zu Ehrenfriedersdorf und seine Sagen.=
      M. --,40.

    +Grohmann, Max+, =Das Obererzgebirge und seine Städte in Sage
      und Geschichte=. 2. erweiterte Auflage. 1900. ~a~) Gesamt-Ausgabe.
      ~b~) In Sonder-Ausgaben für jede Stadt einzeln.

    -- =Die St. Annenkirche als Mittelpunkt kirchlicher Kunst und
      religiösen Lebens in Annaberg.= M. --,50.

    +Herrig+, Seminar-Oberlehrer, =Geognostisch-geologische Beschreibung
      von Annaberg und Umgegend=. Kommissions-Verlag, M. 1,--.

    A. +Israel+ und J. +Ruhsam+, =Schlüssel zum Bestimmen der in der
      Umgegend von Annaberg-Buchholz wildwachsenden Pflanzen=. M. 2,80.

      Separat-Abdruck daraus: =Abbildungen der Pflanzen=. M. --,50.

    +Krauß+, P., =Touristenkarte vom Zentral-Erzgebirge.= 1 : 75000.
      M. --,90, aufgez. auf Lwd. M. 1,80.

    +Lindner+, =Wanderungen durch die interessantesten Gegenden
      des sächsischen Obererzgebirges.= Mit 12 Lithographien.
      1848. M. 2,40.

    +Lungwitz+, H., =Altes und Neues über Karl Stülpner,
      den Raubschützen des Obererzgebirges=. Komm.-Verlag.
      M. --,75.

    -- =Geschichte des Rittersgutes Tannenberg bei Geyer.= 1897.
      M. 1,--.

    +Metzner, Osk.+, =Das Erzgebirge und seine Bedeutung für die
      Kulturentwicklung Sachsens=. M. --,40.

    +Metzners+ =Führer durch das gesamte Vogtland=. 4. Auflage.
      Gesamtausgabe M. 2,50.

      -- 1. Teil: +Plauen und die vogtländische Schweiz+,
        mit 25 Illustrationen, einer Karte und Stadtplan.
        4. Auflage. M. --,50.

      -- 2. Teil: +Das Saalethal und das untere Elsterthal+,
        mit Illustrationen und einer Wegekarte.
        4. Auflage. M. 1,20.

      -- 3. Teil: +Das obere Vogtland und die Übergangstouren
        nach dem Erzgebirge.+ Mit Illustrationen,
        einer Wegekarte, Rundsicht vom Friedrich-Auguststein
        u. s. w. M. 1,20.

    =Mitteilungen des Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgeg.=
      Komm.-Verlag. Jahrbuch 1--6, je M. --,80 bis 1,50.

    +Peschel+, C., Pfarrer in Buchholz, =Aarzgebergsches Wiengliedl=
      für 4-stimmigen Männerchor oder Quartett.
      Partitur und Stimmen M. 1,60.

    =Prinzenraub, der sächsische=, nebst einer Beschreibung des Denkmals
      am Fürstenberge bei Grünhain. M. --,80.

    =Rückblicke auf Annabergs und seiner Umgebungen Vorzeit.=
      Hauptquellenwerk der Geschichte Annabergs und des
      Obererzgebirges. M. 2,--.

    =Rundsicht= vom Fichtelberg und Keilberg M. --,30, vom Auersberg
      M. --,30, vom Pöhlberg bei Annaberg M. --,30.

    +Schwerdtner+, E., Schulrat, =Vierter Bericht über das Königl.
      Lehrer-Seminar zu Annaberg. 1889--1896.= Komm.-Verlag, M. 2,50.

    +Siegel+, E., =Zur Geschichte des Posamentier-Gewerbes, besonders
      der erzgebirg. Posamentier-Industrie=. Geh. M. 2,50, geb. M. 3,--.

    +Siegert+, Hans, =A bieser Traam.= Schwank in erzgebirgischer
      Mundart. M. --,60.

    +Straumer+, F., Prof., =Allerlei aus dem Erzgebirge=. Bilder und
      Geschichten. Zwei Bände, geh. je M. 1,50, geb. M. 2,--.

    +Süßmilch-Hörnig+, M. v., Oberst z. D., =Das Erzgebirge in Vorzeit,
      Vergangenheit und Gegenwart=. Geh. M. 4,50, geb. M. 6,--.

      Dem von Süßmilch'schen Werke ist von den wissenschaftlichen
      wie politischen Zeitungen, von den besten Kennern
      unseres Gebirgslandes, von den Leitern des sächsischen
      Schulwesens glänzende Anerkennung zu teil geworden. Das
      Hohe Kultusministerium von Sachsen hat den Volks- und
      Schulbibliotheken, das Hohe Kriegsministerium den Truppenteilen
      und Militärbibliotheken der Königl. Sächs. Armee das Werk zur
      Anschaffung warm empfohlen.

    =Volkslieder aus dem Erzgebirge.= Gesammelt von ~Dr.~ A. Müller.
      M. 1,--.

    =Wanderungen durch das obere Zschopauthal (Crottendorf und
      Umgegend).= Komm.-Verlag, M. --,50.

    +Wildenhahn+, J., Prof., ~Dr.~, =Vortrag über Felix Weise
      aus Annaberg=. M. --,60.

    +Zabel+, H. P., =Chronik von Zöblitz=. Geh. M. 4,--.

    -- =Geschichte der Serpentinstein-Industrie von Zöblitz.=
      Geh. M. --,80.

    +Ziehnert+, W., =Sachsens Volkssagen. Balladen, Romanzen und
      Legenden=. 5. Aufl. Geh. M. 3,--, geb. M. 4,--.

    +Zimmermann+, K. E., =Aus Annabergs Vergangenheit=. M. --,60.


II. Verschiedenes:

    +Bothe+, Prof., ~Dr.~, =Sammlung von Rechenaufgaben für höhere
      Schulen=. 3. Auflage. 3 Hefte, je M. 1,-- bis M. 1,50.

    +Damm+, O., =Schopenhauers Ethik im Verhältnis zu seiner
      Erkenntnislehre=. M. 2,--.

    +Hahnemann+, B., =Praxis des Zeichen-Unterrichts=. M. 1,80.

    +Hartmann+, B., Direktor, ~Dr.~, =Das volkstümliche deutsche
      Kinderlied=. M. 1,--.

    =Jahresberichte des Annaberg-Buchholzer Vereins für Naturkunde.=
      Komm.-Verlag. 9 Hefte, je M. 1,25 bis M. 2,40.

    +Israel+, A., Schulrat, =Erfahrungen auf Alpenreisen=. M. --,60.

    +Israel+, G. A., Seminardirektor, =Einführung in das Gesangbuch
      für die evang.-luth. Landeskirche Sachsens=. M. 1,--.

    +Kaden+, Edmund, =Aus Höhen und Tiefen=. Gedichte. M. 1,75.

    +Krug+, J., =Rechnung mit gemeinen Brüchen=. M. --,80.

    +Lubrich+, Fritz, =Psalm 21=. Für gemischten Chor. Partitur und
      Stimmen, M. 1,60.

    =Naturgeschichtliche Tafeln für Schule und Haus.= 1) Eßbare Pilze,
      M. --,90. 2) Giftige Pilze, M. 1,20. 3) Die wichtigsten
      Schmetterlinge, M. 1,20. Großfolio-Wandtafeln in 10farbigem
      Buntdruck.

    =Mixtur, Musikalische=. M. --,50.

    +Röselmüller+, A. W., ~Dr.~, =Gottfried Arnold als
      Kirchenhistoriker, Mystiker und geistl. Liederdichter=.
      Komm.-Verlag, M. 1,--.

    -- =Das Leben und Wirken des Erasmus Sarcerius.= Komm.-Verlag,
      M. 1,--.

    =Sammlung christlicher Festspiele.=

      1. +Mosen+, =Christi Geburt=. In 7 Handlungen. 3. Auflage.
         M. --,60. Das beliebteste Weihnachtsspiel des Erzgebirges.

      2. +Schultze+, Pastor, =Joseph=. Biblisches Festspiel in
         5 Abteilungen und 17 Bildern. M. --,70.

      3. -- =Ruth=. Biblisches Festspiel. M. --,70.

      4. -- =Absalom=. Trauerspiel. M. --,90.

      5. +Wächter+, Archidiakonus, Annaberg, =Paulus in Ephesus=.
        Ein biblisches Drama. M. --,60.

      6. -- =Elis Söhne=. Biblisches Schauspiel. M --,70.

    +Schreyer+, W., Schulrat, =Entwurf zu Stoff- und Stundenplänen
      für die einfachen Volks- und allgemeinen Fortbildungsschulen,
      sowie eine Schulordnung=. M. 2,--.

    +Stiehler+, Kgl. Bezirksarzt, ~Dr.~, =Zur Schulgesundheitspflege=.
      M. --,25.

    +Stößner+, Prof., ~Dr.~, =Elemente der Geographie in Karten und
      Text=. 15. Auflage, geh. M. 1,50, geb. M. 2,--.

    +Vogel+, F. W., =Fibel für den vereinigten heimatkundlichen
      Anschauungs-, Sprech-, Schreib- und Leseunterricht=. M. --,60.

    -- =Die Forderungen der Gegenwart an die Volksschulfibel.= M. --,50.

    +Voigt+, G., ~Dr.~, =Friedrich Rückerts Gedankenlyrik=. M. 1,--.

    +Zeißig+, E., =Zur Reform des Geometrieunterrichts in der
      Volksschule=. M. --,60.

    +Zienert+, G., =Hochzeit beim Wastl-Wirth=. Schwank, M. 1,50,
      Klavierauszug, M. 3,--.

    -- =Im Wastlwirthshäusl=. Schwank, M. 1,50, Klavierauszug, M. 3,--.


Eine Anzahl kleiner Hefte und älterer Schriften ist nicht mit
aufgenommen.

Die Verlagsbuchhandlung sieht Angeboten neuer Manuskripte gern entgegen.

Graser'sche Buchhandlung (Richard Liesche) Verlag.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
    Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.

    Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

    S. 64: 1625 → 1525
      am 15. Februar {1525} des Nachts

    S. 81: Trauung → Beerdigung
      mußte eine {Beerdigung} bis Sonntag Estomihi





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