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Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Zweites Bändchen
Author: Kobbe, Theodor von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Zweites Bändchen" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
    vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.

    Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
    insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
    im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
    wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
    aber sinngemäß ergänzt.

    Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in voneinander
    abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb desselben
    Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original nicht
    verändert.

    In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge genannt, deren
    Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden können. Im
    vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in ‚Hamburger
    Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort verwendete
    ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.

    Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich doppelt
    verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende
    Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom
    Bearbeiter eingefügt.

    Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (S. 86-93) wurde
    im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken
    Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche
    Fassung. In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung
    zusammengefasst, danach folgt die deutsche; die ursprüngliche
    Formatierung wurde hierbei strikt beibehalten.

    Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
    abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
    verwendet:

    fett:       =Gleichheitszeichen=
    gesperrt:   +Pluszeichen+
    Antiqua:    _Unterstriche_

    Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
    Zeichen.

  ####################################################################



                      Humoristische Erinnerungen

                              aus meinem

                          academischen Leben

                                  in

                          Heidelberg und Kiel

                        in den Jahren 1817-1819

                                  von

                          Theodor von Kobbe.


                           Zweites Bändchen.


                                Bremen,
                      Verlag von Wilhelm Kaiser.


                                 1840.



                      Druck von F. W. Buschmann.



Inhaltsverzeichnis.


    Achtes Kapitel.                                                    1

    Neuntes Kapitel.                                                  25

    Zehntes Kapitel.                                                  77

    Elftes Kapitel.                                                  124

    Zwölftes Kapitel.                                                142

    Dreizehntes Kapitel.                                             162

    Vierzehntes und letztes Kapitel.                                 187



Achtes Kapitel.

    Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß.
    Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß
    in Auerbach. Philipp Stieffel.


Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten
meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis
Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.

Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr
zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche
Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in
Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. -- Aber schon um
den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste
Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.

Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers
»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel
verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr
Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche
Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem
Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft
wurde. -- Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich
unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit
dem ersten Character belohnt wurde.

      Wie einst mit flehendem Verlangen
    Pygmalion den Stein umschloß,
    Bis in des Marmors kalte Wangen
    Empfindung glühend sich ergoß,
    So schlang ich einst mit Liebesarmen
    Um _corpus juris_ mich mit Lust,
    Bis es zu athmen, zu erwarmen
    Begann an des Juristen Brust.
      Und theilend meine Flammentriebe
    Die Stumme eine Sprache fand,
    Mir wiedergab den Kuß der Liebe,
    Und meines Herzens Klang verstand.
    Da klang mir lieblich jede Stelle,
    Gleich reiner Quellen Silberfall,
    Selbst aus der trockensten Novelle
    Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.
      Es dehnte mit allmächt’gem Streben
    Die enge Brust ein kreisend All’,
    Hervorzutreten auf’s Catheder
    Mit Weisheitswort und Witzesschall.
    Wie groß war diese Welt gestaltet,
    So lang’ der Hörsaal mich noch barg,
    Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!
    Dies Wenige wie klein und karg!
      Wie sprang von Savigny beflügelt,
    Beglückt durch theoretschen Wahn,
    Von keiner Praxis noch gezügelt
    Ich da in die gelehrte Bahn!
    Bis an der Glosse bleichste Sterne
    Erhob mich der Entwürfe Flug;
    Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,
    Wohin ihr Flügel mich nicht trug.
      Wie leicht ward ich dahin getragen,
    Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!
    Auf meinem Tische, o! da lagen
    Die Folianten kreuz und queer!
    +Cujaz+ mit civilist’scher Krone,
    +Donell+ in des Systemes Glanz
    Auch +Schulting+ lockt mit reichem Lohne,
    Selbst +Glück+ mit rings verstohlnem Kranz.
      Doch ach! schon in des Sommers Mitte
    Verloren meine Gönner sich,
    Sie wandten treulos ihre Schritte,
    Und einer nach dem Andern wich.
    Zu leicht an sich war +Glück+ entflogen,
    +Cujazius+ blieb unenthüllt,
    In dem +Donell+ las ich zwei Bogen
    Und schnitt mir nur heraus sein Bild.
      Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,
    Doch +Schulting+ führte mich zu weit,
    Ach allzuschnell nach kurzem Lenze
    Entfloh die schöne Quellenzeit.
    Und immer stiller wards und immer
    Verlaß’ner auf dem Burschenpult.
    Von Savigny borgt ich noch Schimmer
    Doch dazu riß auch die Geduld.
      Von all dem rauschenden Geleite,
    Wer harrte liebend bei mir aus?
    Wer steht mir tröstend noch zur Seite,
    In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?
    O! die du alle Wunden heilest,
    Du Thibauts viel gefaßte Hand,
    Für das Examen Kraft ertheilest,
    Du, die ich ungesucht schon fand!
      Und du, der gern sich mit ihm gattet,
    Wie er der Prüfung Quaal beschwört,
    O +Höpfner+ Du, der nie ermattet,
    Der selten schafft, doch nie zerstört;
    Der zu dem Bau der Ewigkeiten
    Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
    Doch dem in des Examens Zeiten
    +Cujaz+ und _corpus juris_ weicht!

»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in
Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß
diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß,
selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung
nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen
meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn +»Eminenz«+
ausgestellt wurden.

Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede
Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf
einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen
Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen
Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war
mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und
Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der
zweite begrüßt. -- Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt,
die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem
Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein
großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. -- Glaubwürdigen
Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen
Loseburg (auch »+Schnurri-Major+, +Carbonädel+« genannt,) zu Bonn
gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher
später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll.
Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die
Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.

Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe
zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied
von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft
daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß
ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen
Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von
meinen Wangen.

Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst
genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide
zu verschmelzen.

Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden,
obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der
nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. -- Die Abreise
mußte aber simulirt werden.

Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.

Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit
gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.

Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem
Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war
schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der
Scheide, vor sich.

Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht
Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern
Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im
weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen
in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in
_escarpins_, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei _Chapeaux d’honneurs_
auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist.
-- Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen.

Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute
Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach
Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den
Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der
Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in
+Eminenz+ verwandelten.

Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich,
nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen
harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden.
Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen
stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg
zurückführen zu lassen.

Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur,
nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft
behandelte uns wie Philister.

Wir hatten uns burschikos überlebt.

Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war
zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer
umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte
auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten
als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing
und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher
Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition
stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische
viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als
eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.

Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt,
gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht
nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu
bringen versprochen hatte.

Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur
der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz,
ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden
der Welt!«

»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm
herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so
schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen
Zweifel wieder.«

Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden
Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger
warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der
Berichterstatter.

»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum
Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.

Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben,
daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die
Zurückbleibenden.

»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«

»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust
parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich
glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die
Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden
war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir
wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.

Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!!
»Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine
Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg
auszurichten, so sag es uns doch!«

Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total
gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins
Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten
hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde
in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.

Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise
und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen
Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden
Blicken.

Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer
Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe
Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen
gemacht. -- Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich
seiner nicht mehr.

Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von
den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht
verblasen hätten. -- Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in
der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller
Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. -- Solche Tonkünstler sind
wahre +Kaspar Hauser+, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen.
Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß
sie geigen sollten. -- Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt
und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders
nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.

Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen
Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen
Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich
gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station
trennen zu wollen.

»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir
reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals
gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der
Flasche zukommen lassen wollte.«

»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben
unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir
die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger
willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu
meinenden älteren Bruder spielen.«

»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe
das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, _fiat
justitia pereat mundus_.«

»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.

»Jawohl« entgegnete der Andere. -- »Der ist grade der competente
Richter dafür.«

Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren
unbrüderlichen Rechtshandel.

Es handelte sich nur darüber ob das Wort »+Philister+« bei den
Studenten einen +schlechten Kerl+ oder einen +Nicht-Burschen+ bedeute.

Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren
Worte

»+Es bedeutet beides+«

und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen
Cerevisianern zu träumen.

Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es
aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem
es ausgemacht hatte das ominöse Wort »+Philister+« nie wieder gegen
einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.

    Den Teufel spürt das Völkchen nie,
    Und wenn er sie beim Kragen hätte.

In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche
Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht
gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste
Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine
Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer
Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden
Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen
Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald
dessen Garaus gefolgt ist.

Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen
bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem
Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. -- »Ach! der ist ja
total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen
kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen
neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen
abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden
Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf
unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.

Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger
mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil
der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf
unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte.
Wir entschlossen uns daher den Kutscher _pro rata_ seines Weges, zu
bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen.
Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen
neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei
oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne
Unterbrechungen fortsetzen zu können.

Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein
Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den
versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt
zahlen müßten.

Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer
verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und
bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des
verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht
partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer
Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.

»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.

»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des _mille
bocus_, wohnt der Schultheiß.«

Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.

Die Karavane brach auf -- der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich,
mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen
der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch
den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; -- sodann der
Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die
Hornisten. --

Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und
zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der
Gerechtigkeit an.

Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall
ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen
kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den
körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen
haben.

Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von
dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung
erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten,
sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht
suchen wollten, öffnete er die Thür.

»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie
haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache
führen.«

Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich
bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.

Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung
der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in
unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.

Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich
aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte,
und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und
gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede
anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »+Er ist ein
grober Mensch+« begleitete.

Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben
werden.

Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten
Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine
erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die
Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das
ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand
der ehelichen Liebe.

»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen
Stuhl steigend, von wo er uns, ein »_mille bocus miniature_«, Alle
übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen
nach den göttlichen Gesetzen langte.

»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das
Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer
übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für
incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe
ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so
viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser
Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt
Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.

    »Von Rechts Wege.«

Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit
Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in
eine sprachlose Betrübniß.

Wir wandelten schweigend heim. -- »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin,
sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.

»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht
gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.

Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar
ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf
Rache. --

Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was
unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern
können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer
gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart
nicht wieder unternommen.

Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein
Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer
Stunde bekommen. --

»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs
Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr
gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und
der Proceß haben ihn entnüchtert.«

»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh
in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«

»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen
Beklagten an. -- »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den
Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«

Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht
hersetzen.

Aber ich thue es doch -- Nein, ich thue es nicht. -- Er sagte -- er
sagte, -- es ist demüthigend -- »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das
nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer
weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« --

Das war zu viel. -- Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb
ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der
tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.

Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige,
wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese
horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs
Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde
lagen.

Unsern _ci devant_ Kutscher hörte ich höhnisch lachen.

Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte
aber erst in derselben Stunde zu +Darmstadt+ an, als die von mir
ersehnte Post von +Frankfurt+ nach +Cassel+ abging. --

In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen
Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt
geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf
unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen
werden.

Mir schrieb ein Freund:

    »In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und
    obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in
    mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. -- Aber ach ich sehe
    Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie
    voriges Jahr mit Dir.«

Ich rescribirte meinen Cerevisianern:

    »Habt Ihr immer trüben Sinn
    An den Neckarthoren,
    Weil ich dort geschieden bin
    Und Euch dort verloren;
    Hebt doch Brust und Kopf empor,
    Habt Ihr’s nicht vernommen?
    Glaubt: durch dieses selbe Thor
    Werd’ ich wiederkommen.«

Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit
bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke
in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer
ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich
hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.

»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,«
bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines +Mannes+ nicht fähig
gehalten. -- Erlauben Sie mir eine Frage:

»Sind Sie verheirathet?«

»Nein! gnädige Frau!«

»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf
diese Weise selbst verjüngen können!«

»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.

»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel
Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen,
von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in
Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder
antworten?«

»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig
bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild
in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und
in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete
Professor an der polytechnischen Schule, +Philipp Stieffel+ in
Carlsruhe.« --

»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein
wackerer Vater.«



Neuntes Kapitel.

    Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W
    -- s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen
    Berliner. Kassel.


Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen.
Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt
zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse
vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch
keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete
das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und
Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren
anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben,
die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen
Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche
+Kant+ »+klein+« aber »+schön+« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist
ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit
dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen
treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so
macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so
lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie
der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie
er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in
der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und
wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu
gewähren. -- Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen
Glauben wie in Israel gefunden. --

Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden.
Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? -- Von den letzten wie von
den ersten, durch +Aufhebung+ des +Druckes+. Glaubt nur es ist kein
Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem
Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.

Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur _table d’hôte_! Ich
hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der
Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten
sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne
Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während
man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen
unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur,
lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein
Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu
fragen. Was heißt »Falkiren«?«

»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch
auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz
zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.

Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem
Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W--s« hatte mir dieser
entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben
gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch
seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht
vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben
erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen.
Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er
erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr
erst wieder verläßt.

Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem
Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde
und wie es mir schien, in B--schen Diensten stand. Dieser sprach von
einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des
Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige
unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse,
und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das
unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz
recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu
plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion
über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.

»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das
Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren
Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu
ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie.
Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott,
als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt,
beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser
Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung,
Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat
ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt
und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das
Verhältnis zum Absoluten +in Form des Gefühls, der Vorstellung
des Glaubens+, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles
nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form
auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für
ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der
zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte
Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis
gegeben.« --

Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath
herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber
sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner
eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich
hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«

»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete,
»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«

»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.

Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes
zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in
der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters
wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen
Greises zu hören.

Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß
er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,«
von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die
Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in
den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er
behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß
man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten
begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.

Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der
Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes,
überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne
gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei
diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange
hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts
durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief
entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine
Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise
einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz
gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon
Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte
sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei
einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als
er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu
gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen
dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe --
Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist
der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.

Das Desert wurde aufgetragen.

»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine
Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen
M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines
Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht
habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an
ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte
ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem
Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber
keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger
Kalk versprochen.«

»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.

»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe,
daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine
Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt
gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig.
Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne,
Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt
zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte
ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage,
namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des
Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte
zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war
bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben
deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum
Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie
müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an,
»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte
ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu
belegen.«

       *       *       *       *       *

K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß
erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht
abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:

    »Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere
    Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon
    geschrieben,« endete er.

»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als
Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt
hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte
der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und
Poet doch wohl haben, daß wenn es bei +großer+ Strafe verboten ist,
etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe
verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns
alliirt sind.«

»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das
kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher
Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch
bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu
erweisen.«

Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der
alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der
Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«,
fragte er mich sogar einmal.

»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit
Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon
ergriffen.«

»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber
Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. -- Denken Sie
sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche
Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat
sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«

Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich,
mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich
dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken
gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß
ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn
meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten
»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker,
seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. -- O
lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie
schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine
meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch
nennt »Ideale« seien. -- Das kann man freilich von den jetzigen nicht
sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn
alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das
Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine
Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, _par
preference_ vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.

Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie
jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so
haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht,
die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater
befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war
daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf
Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.

In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die
Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht
rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort
verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel
Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten
zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere
Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu
wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu
gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen -- willig
machten sie mir Platz.

Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel
heller war als das meinige.

Ich forschte nach der Ursache.

»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. --

»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art
Mitleiden.

»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als
saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine
Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«

»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das
ist ein großer Unterschied.«

»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei
Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein
ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem
Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä
Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und
Eppelwein ist ä großer Unterschied?«

»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl
von allen Seiten die Antwort.

»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine
Kunde Eppelwein vorsetze. -- Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich
gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein
getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick
und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu
geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä
großer Unterschied?«

»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein
großer Unterschied.«

»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost
mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne
Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die
Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch
ä Onkel und ä Braut --«

»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für
Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«

»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo
kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die
Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die
Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig,
und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit
einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und
de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke
hab’. -- Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn
mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so
spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich
anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein
Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« --
Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken
rothnasigen Oheim nit wenig. -- Da begab es sich, daß wir an eine
Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. -- Kenne Sie Auerbach
und de Wirth Dieffenbach?«

»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem
bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast
verstimmt.

»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort.
-- »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz
und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de
Onkel vorzutrage. -- Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er
sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. -- Leider kam er auf die
Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.

»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.

»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste
Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann
ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier,
wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«

»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer
Babett,« forschte ich.

»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit
de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt
ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm
trinke.«

»Nun und das wollten Sie nicht?«

»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang
indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich
erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch
gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei
und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. -- Das reizte
aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr
mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu,
ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt,
der ist nit von meine Blut. -- Ich blieb die Antwort nit schuldig, der
Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man
drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«

»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,«
ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene
Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. -- Ihr Schluchze das ich
obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß
wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp
fiel.«

»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von
Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims.
Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die
Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei
Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. -- »Sei letztsch Wort
ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«

»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde
dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim
nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich,
da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon
mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der
Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las,
daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen
Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese
Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte,
ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de
Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den
Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am
Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine
Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander
Städtche ein ander Mädche.«

»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin
anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der
Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett
ist ungesund und harthörig geworde. -- Ich sag oft zu mir selbst wer
weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein
hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich
ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf
meine Satz. -- Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« --

Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein
und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen
Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen
leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine
Begeisterung für den Eppelwein verdankte.

Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz
hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius
erinnert und an seinen Refrain:

    Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,
    Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.

Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse
entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der
Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt
mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä
großer Unterschied.«

Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten,
wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten
Schinkens nur zwei wunderliche Dinge -- ein ganz trüber Punsch und ein
Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt
war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger
Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf
der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir
um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die
Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit
ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts
als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei,
daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung
zu Stande gebracht habe. -- Solche weise Todtengespräche werden einst
in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach
ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine
traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich
lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn
den scheinbar frommen Satz geschaffen: _De mortuis et absentibus nil
nisi bene_. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit
ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach
dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in
diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange
ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure
Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste
Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker
entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und
verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu
geblendet, in viele kleine -- wie der gute Homer.

Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt
zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger
Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren
zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen
verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner
Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.

»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister,
»der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so
geschah’s. -- Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter
heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden
Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter
Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten.
Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer.
Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen
mit den Worten ihm nachstreckte:

»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« --

»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im
Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß
die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«

Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen
Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule
gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen
Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide
trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.

Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit
aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst
seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und
einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat
geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner
Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den
französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein
doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast
ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche
Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol
in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen
werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder
Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen
am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde
an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke
oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft
ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine
Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen
kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.

Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden
und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei,
war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche
Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren
damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.

Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf
jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die
andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich
hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine
knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner
waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages.
Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen
stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen
Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr
Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht
ganz täuschend reproducire. --

Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der
Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch
den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine
Taschenkalender feil bieten zu können.

»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene
ein, »dat is der Satiricker Friederich.«

»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.

Ich nickte bejahend.

»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister
an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des
sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen
Lectüre gekommen bin?«

»Wie sollte ich das wissen?«

»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir
noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de
Friedrichsstraße Nummer 46.«

Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.

»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier«
nennen that. -- Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene
können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will
mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«

»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der _minor natu_.

»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm
gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb
wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder +Defrene und
Compagnie+« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des
ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun
thäten.«

»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war
damals de rothe Lise?« --

»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de
Geliebte von den russischen Jelehrten.«

»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch
Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage
+hier+ zu besuchen, die Freundschaft thun will.«

»+Jette+, ick meehne +Lise+, sagte, das Ding soll vielleicht wol
angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung
dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und
dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«

»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach
Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben.
Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«

»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder,
den +Franz+,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.

»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so
hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf
weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den
Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von
die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff
geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin
unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den
leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und
nich kann. Hu! des ist jräsig!« --

Genug die Geschichte war uff en Donnerstag --

»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.

»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.

»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«

besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff
den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«

»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den
unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal
sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en
Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste
junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht
und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er
doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr
sagen will, er trägt die Medaille.

Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus
Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,«
ergänzte Defrene junior.

»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.

»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent
fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre
neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die
Thüre, und es trat ein Herr herein, der sich als der Gast vom Herrn
Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.

»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses
enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen
kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein
verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die
Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und
präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. --

»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff
er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den
Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:

»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich
bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer
sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich
am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine
Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein
das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die
Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war,
hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist
und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen
und den Fremden aufzubieten, -- doch über die Beschmutzung seiner
Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen,
und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. -- Als sich der
Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn
ejentlich heißen thäte. -- Lise wurde gerufen. Die sagte gleich,
der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber
jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, -- Ick hätte aber
ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die
Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe
Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des
alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären
mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für
einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen
müssen. -- Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt,
als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »+Friedrichs+,
+Schriftsteller+,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er
kann mir dreist noch zehn Male begießen. +Friedrichs+ der +Satiriker+,
ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende
und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können
denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von
unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören
und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner
Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die
satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden
kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn
ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem
Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter
seiner Zeit.«

»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des
Dichters?« forschte ich.

Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene
etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen
Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß
er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte
mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so
schrecklich aparti.«

»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den
großen Jean Paul.

Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen
Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde
Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr
zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige
Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme
versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im
Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station
mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften
Fremden ein.

Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen
wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten
und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen
wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und
Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als
Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine
düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person
schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit
der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen
Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die
Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen
Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein
Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.

Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren,
ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei
Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als
natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte
mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. -- Wir
plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein
Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das
Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz
erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; -- das Schicksal mit dem
Henker. -- Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es
ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an
die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er
begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte,
ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,«
versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« --

Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem
Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als
möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er
leider einen Collegen besuchen müsse.« -- Mir war das wunderlich daß
ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. --

Als ich an die _Table d’hôte_ kam fand ich meine Reisegefährten schon
in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die
mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo
zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen
auf einem Zimmer logirt?«

Ich machte ein verneinendes Zeichen.

»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig
beträgt, ist nichts anders als ein -- -- --«

Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine
höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst
das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein
»ist ein« -- noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem

    »+Scharfrichter+«

herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten
Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie
bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht
zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich
ausdrückten, +mich nicht dich nichts+ seinen »+hochmüthigen Kopp+« wol
herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum
Todtlachen jewesen.

Die Frau von Z--, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie
in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei
der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen
als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und
deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer
wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der
Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen
ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits
experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst
die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister
durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann
unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.

Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt
und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern
Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt
etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh
von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber,
womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel,
versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem
ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die
Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine
Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren
malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische
Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.

Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure
Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser
sind als ihr Ruf. -- Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes
Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute
zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten
Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der
Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die
Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« -- ausrief:
»Es freut mich für den Menschen -- aber, au waih! geschrieen für meine
Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet
mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«

Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem
Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin,
ausrief:

»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es
mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber
spreche.«

»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden
Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben
zu erfreuen schien.

»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste
Defrene.

»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal
Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«

Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine
Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei
seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen
eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit
anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett.
Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »_vingt-sept,
rouge impair et passe_« heraus; das erste Mal aber, als ich in den
Saal trat und nicht gesetzt hatte. -- Zum Zweiten, als ich den
vorhergehenden _coup_ mein letztes Achtgutegroschenstück verloren
hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in
der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen.
Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher
Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen
hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. -- Unter
den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen _guignon_ zu
nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich
sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld
mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren
dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels
angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante
Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer
des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner
Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im
Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die
Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich
verloren, anbringen könntet.«

Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde
dem Sprichwort »+Bankier ist ein Hund+« viel Qualität verleihn. Die
Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den
Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils
als _chevaliers de demie fortune_ in Einspännern, oder auch wol um
alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger
unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich
ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen
Appetit zum Essen haben, -- und daß sie tüchtig zusammen soupiren
wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,«
pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie
Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen
noch Geld zur Rückreise überher geben.«

Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem
benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren
leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren,
und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod
verzehren. Der Platz hat davon den Namen »+Schinkenhölzchen+,« und
ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat
ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem
Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen,
um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende
Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung
derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren.
-- An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause
fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten
einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch
gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen
väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die
Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der
Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.

Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich
fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend,
ich hätte ihm gerne ein »_dosine tandem carnifex!_« zugerufen, ich
fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das
zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der
Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald
links, der Schlaf floh mich. -- Voll Verzweiflung warf ich mich der
Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines
Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser
erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier
einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.

    (Alter Bursch und Fuchs treten auf.)

    +Alter Bursch.+

    Ich muß dich vor allen Dingen,
    Hier in dieses Wirthshaus bringen,
    Wo der Bursch fast immer kneipt;
    Kannst am Abend wie am Morgen,
    Beim Philister Porzel borgen,
    Wenn er auch oft doppelt schreibt.
    Ich bin ihm schon höllisch schuldig,
    Doch der Kerl der ist geduldig.

    +Fuchs.+

    Wenn das Tante wüßte, Fritze
    Mir verbot man Kaffeehäuser.

    +Alter Bursch.+

    O so sprich doch etwas leiser.
    Hört’ man deine schnöden Witze,
    Könnte man ja Wunder denken.

    +Fuchs.+

    Gott wie magst du Tante kränken.

    +Alter Bursch.+

    Mutter ist ein Frauenzimmer,
    Fürchtet sich bei Allem immer;
    Doch wie die Philister sagen,
    War Papa als Bursche schlimmer
    Hat sich alle Tag’ geschlagen.
    Ist ein Erzsuitier gewesen.
    Hab seinen Namen im Carcer gelesen.

    +Fuchs.+

    Fritz! nein ich bezweifle dies,
    Onkel der ist so vernünftig.

    +Alter Bursch.+

    Nun das werd ich auch zukünftig,
    Wahr ist es auf Cerevis.

    +Fuchs.+

    In den letzten zwei Semestern
    Sollt’st du wirklich fleißig sein.
    Das versprachst du mir noch gestern,
    So gewiß, und fest; allein --

    +Alter Bursch.+

    Ja ich will auch, laß das Lästern,

    +Fuchs.+

    Der verdammte Branntewein!
    Denke dran was du versprochen.

    +Alter Bursch.+

    Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?
    Hab’ die ganze Nacht gewacht,
    Immerfort hab’ ich studirt,
    Nicht gegrockt und nicht gebiert.

    +Fuchs.+

    Nun, das hast du brav gemacht.

    +Alter Bursch.+

    Heute mach ich eine Pause,
    Aber jetzt erzähl mir ja,
    Was macht Mutter und Papa
    Und die Schwestern denn im Hause?
    Und wie gehts in unserm Städtchen,
    Insbesondere mit den Mädchen?
    Sprich, was macht Louise Kranz?

    +Fuchs.+

    Neulich sah’ ich sie beim Tanz,
    Schwer hob sie die Schwanenbrust,
    Gerne wollt ich mit ihr tanzen,
    Doch sie hatte keine Lust.

    +Alter Bursch.+

    Warum machte sie Speranzen?
    Wenn sie mir das abgeschlagen,
    Hätt’ ich wollen sie curanzen!

    +Fuchs.+

    Gott! wie kannst du so was sagen?
    Denk dir, ihre Augensterne
    Blickten still und schmachtend nieder,
    Immer sprach sie ach! von dir.

    +Alter Bursch.+

    Ja sie mag mich höllisch gerne.
    Wenn die Besen sich verkeilen
    Sind sie einmal nicht zu heilen.

    +Fuchs.+

    Könnt wie du, ich, um sie minnen,
    All mein Leben setzt’ ich dran,
    Diesen Engel zu gewinnen. --

    +Alter Bursch.+

    Seht mir mal den Crassen an.

    +Fuchs.+

    Wird Ihr Vetter lange bleiben?
    Fragte sie von Schmerz erweicht,
    Gerne wollte ich an ihn schreiben,
    Doch ich fürchte daß er schweigt.
    Sieh so sprach sie, Du Profaner!

    +Alter Bursch.+

    Ach der Besen ist halb toll,
    Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,
    Aber ich war noch Primaner.

    +Fuchs.+

    Fritz bei dem verwandten Blute
    Das ja in uns beiden fließt,
    Und so wahr das reine Gute
    Ewig unvergänglich ist;
    Reich Louisen deine Rechte
    Wolle ihr dein Leben weihn,
    Eurem kommenden Geschlechte,
    Will ich Freund und Onkel sein.
    Nie mehr wird mein Auge trübe
    Denn ich denk’ an Körners »Durch«
    Ich veredle meine Liebe
    Gleich dem Ritter Toggenburg.
    Wenn ich dann oft einsam weine
    Daß Dein Mädchen mich verkannt,
    Daß die Holde nicht die Meine!
    Einst mich decket Grabes-Sand!
    Fritz! dann mögest Du ihr sagen,
    Opfer kennt die Liebe keine! --

    +Alter Bursch.+

    Das ist doch zum Überschlagen!

    +Fuchs.+

    Marmorstein! wirst du nicht roth?

    +Alter Bursch.+

    Die Louise Kranz in Ehren,
    Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod
    Eine Frau mir zu ernähren.

    +Fuchs.+

    Willst du denn des Mädchens Tod?

    +Alter Bursch.+

    Hör’! ich will sie dir cediren,
    Willst du tüchtig Wein poniren!
    Aber nimm es mir nicht krumm.

    +Fuchs.+

    Hör Elender! du bist dumm.
    Meines Hasses Fackel lodert. --
    Solch ein schändlicher Betrug!

    +Alter Bursch.+

    Das Wort »dumm« das ist genug.
    Du touchirst, weist nicht warum.
    Aber Fuchs du bist gefordert.

    +Fuchs.+

    Wohl! ich folg’ zum Waffentanz     (ab).

    +Alter Bursch.+

    Ich bin meiner Seel verplext,
    Wie kann mich der Jung’ touchiren?
    Die verdammte Lise Kranz
    Hat den Bengel wol behext?
    Doch der Fuchs muß revociren
    Millionen Donnerwetter!
    Hört man das im Vaterlande,
    Louis bleibt ja doch mein Vetter,
    Das wär’ eine ew’ge Schande. --

Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines
Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald
strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht
lieber Bruder« an mein Ohr! --

Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen
gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde,
an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.

»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair
der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit
uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien
machen.«

Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein
Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. -- »Laßt den Kerl
liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr
von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur
verstellt zu schlummern schien. --

Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen
war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der
Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner
erzählten.«

»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft
ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir
stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«

Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei
zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel
alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus
dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen
Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle
dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die
Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon
singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.

Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers
traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten
mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um
ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod,
(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche
Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose,
die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel
hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir
mit einigen feierlichen Worten kredenzte. --

Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun,
aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier
stürzten auf die Erde. -- --

Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte
nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre
übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie
im Schlaf gewesen.

Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend
anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun
gehabt,« bemerkte er jetzt. --

Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig
schweigend. --

Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der
Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.

»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit
irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«

Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung
sogleich gegenwärtig waren.

»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich
meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben
habe, Ihnen weh zu thun.« --

»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort
aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich
anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh
wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.

Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen
erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und
leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und
ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von
Posa sagt:

    »Er dachte klein von mir und starb.«

Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich!
ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses
Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko
noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne
wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen,
allein die sollen +klein+ von mir denken wenn ich sterbe, dafür
bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem
Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein
Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die _verité_
enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf
den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt
werden.



Zehntes Kapitel.

    Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine
    Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem
    Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp.
    Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius
    Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der
    Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.


Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen
Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil
meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie
werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie
meine academischen Reminiscenzen haben.

Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der
Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort
auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen.
Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809
erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau,
(_vulgo_ Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen
erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke,
denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das
wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat,
-- meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche
und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll
von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie
stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über
Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet -- und das
Motto meiner humoristischen Blätter: »_nil bonum nisi quod honestum_«
-- ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl
unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark
verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete
Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger
Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im
fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector«
verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen
Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im
Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise
»+königlich+« bestätigen.

An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht
diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags
vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine
meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich
für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich
einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die
Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug
hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel
wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie
die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin
Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel,
aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären,
verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich
alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch
der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und
zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine
geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse
lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch
auf die plattdeutsche Anfrage:

    Hehtst Du nich +Jan+ Matzen?

die Antwort

    »Ne, Klas Matzen.«

erhielt.

Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern
Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner,
heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den
Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man
erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum
Christum auch besser erkennen. --

Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische
Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.

Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol
durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand
erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr,
heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden
Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und
fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt
Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend
ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete,
als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat.
Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht
irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort
gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels
nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche
namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich
kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres
Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein
solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten
Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser
Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure
Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe
Minute in eiskaltem Wasser badet. _Probatum est_. Merke Du Dir es vor
allen Dingen, jedesmaliger _pro tempore_ Pastor in Kaltenkirchen!

Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg.
Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte,
ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den
Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und
verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.

Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen,
das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem
Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu
Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General
Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000,
nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die
Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und
wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich
umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche
die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich
vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten
_Skys_ und _Skas_ und _Witschs_ entströmten, als sie sich so in die
heimathlichen Gegenden versetzt sahen.

Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch,
vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr
als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das
gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen,
aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit
einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt
hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge
auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das
man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr
massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu
begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!)
zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu
haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam
Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus
Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. --

Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der
damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst
Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.

Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen,
ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an
der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die
Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine
bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt,
so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem
Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte
eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst
thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie
seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten
dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem
Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815
oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet,
daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von
Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen
Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch
hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht
ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein
Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu
sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied,
während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause
saß. -- Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und
klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine
gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die
ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete.
In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der +Becker+ und der
+Gley+ nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen
Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es
auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann
allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters
dieses _epitheton_, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel
»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung
die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.

Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und
des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine
unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das
Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm
dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto
herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich
dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.


_Actus III. Scena I._

_Thraso. Gnatho. Parmeno._


    _T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?_

    _G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem._

    _Dono, quam abs te datum esse: id vero serio
    Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet.
    Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum
    Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia._

    _G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas._

    _Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item._

    _G. Labore alieno magnam partam gloriam
    Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem,
    Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis?_

    _T. scilicet._

    _G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum.
    Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas,
    Hominum, aut negoti si quando odium ceperat,
    Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio:
    Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo._

    _T. tenes._

    _Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui,
    Regem elegantem narras. T. immo sic homo
    Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror,
    Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi,
    Mordere clanculum: ego non flocci pendere.
    Illi invidere misere, verum unus tamen,
    Impense, elephantis quem Indicis praeceferat._

    _Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato,
    Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?_

    _G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae!
    lugularas hominem quid ille? T. mutus illico._

    _G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum
    Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho,
    Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio,
    Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro.
    Plus millies audivi. T. una in convivio
    Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus
    Fort habui scortum: coepit ad id aludere
    Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens?
    Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae._

    _T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra_

    _Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi._

    _T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est._

    _G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero._

    _P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus._

    _Risu omnes, qui aderant emoriri: denique
    Metuebant omnes jam me. G. non injuria._


Aus dem Eunuchen des Terenz.[3]

+Dritter Act. Erste Scene.+

Thraso, Gnatho, Parmeno.

(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und
begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)

    Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?

    Gnatho. Unmenschlich.

    Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?

    Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von
    Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.

    Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine
    Leutchen herzuführen. Aber -- was sehe ich, den Offizier!

    Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne,
    schlägt mir ein.

    Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.

    Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen
    Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer _au
    contraire_.

    Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe.
    (Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.

    Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. --

    Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie
    gerichtet?

    Thraso. Das kannst Du glauben.

    Gnatho. Sie waren sein Favorit?

    Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine
    Pläne --

    Gnatho. Sapperment!

    Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er
    sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen -- -- Verstanden?

    Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele
    speien wollte --

    Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner
    gewesen sein.

    Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.

    Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.

    Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich
    cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie
    barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer
    Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun
    anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir,
    Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden
    Bestien commandiren?«

    Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt:
    mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?

    Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.

    Gnatho. Natürlich.

    Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher,
    niederträchtiger Erzschurke!

    Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den
    Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?

    Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir
    erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als
    tausend Male gehört.

    Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem
    Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren
    und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek
    in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«

    Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!

    Thraso. Was kommt Euch an?

    Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber
    ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.

    Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?

    Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum
    Todtlachen.

    Thraso. Der ist von meiner Fabrik.

    Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß
    er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.

    Parmeno. Hol’ Dich der Henker!

    Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?

    Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte
    vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.

    Gnatho. Und das von Rechtswegen.

Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu
unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich
verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen
einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen
waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines
Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort
trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein
interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen
Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts
desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und
Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts
überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen
Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger
Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe
in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die
Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte
der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den
Schillerschen setze.

In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei
eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn
man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel
anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle
nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache
weg.«

Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit
Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist
mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden
Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster
Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber
warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine
sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«

Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.

So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem
Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem
ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.

Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem
Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß
sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner
und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte
zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die
Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß
ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist
übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote.
Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie
die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version
aufgenommen werden muß.


Das Lied vom Prügel.

_Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango._

Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.

    War ein Prügel je auf Erden,
    Der dem jüngst zerbrochnen glich?
    Dennoch muß ein neuer werden;
    Denn mein alter hielt nicht Stich!
        Hilf mir, Anne, frisch!
        Bring den runden Tisch,
        Hol’ mir Beil und Hammer
        Aus der kleinen Kammer!
    Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten,
    Geziemt sich wol ein ernstes Wort;
    Wenn gute Reden sie begleiten,
    Dann fließt die Arbeit munter fort.
    So laßt uns denn mit Fleiß betrachten,
    Was durch des Prügels Kraft zerspringt;
    Den schlechten Mann muß man verachten,
    Der nie bedacht, was er vollbringt.
    Das ist’s ja, was den Custos zieret,
    Und dazu ward ihm der Verstand,
    Daß er der Schüler Schmerzen spüret,
    Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand.
        Reich’ das Holz mir aus der Ecke,
        Doch es sei noch etwas feucht,
        Daß ich es gehörig recke;
        Dann wird mir die Biegung leicht.
            Koch’ des Leimes Brei --
            Schnell den Topf herbei,
        Daß der Leim sich bald zertheile,
        Anne, blas in aller Eile!
    Was unter seines Daches Stube
    Der muth’ge Custos winden muß,
    Das fühlet der geschlag’ne Bube,
    Wenn er dem Lehrer macht Verdruß.
    Noch jucken wird’s in späten Tagen,
    Er wird vom herben Schmerz gequält,
    Betrübt wird er’s der Mutter klagen,
    Die grimmig auf den Lehrer schmäht;
    Was ihrem Sohn mit einem Stocke
    Das wechselnde Verhängniß bringt,
    Das schlägt sie an die große Glocke,
    Die es erbaulich weiter klingt.
        Blasen seh’ ich sich bewegen:
        Wohl, die Massen sind im Fluß.
        Du mußt Kohlen unterlegen,
        Das befördert schnell den Guß.
            Reich von ungefähr
            Mir ein Messer her,
        Daß den Stock ich ründe,
        Eh’ ich ihn umwinde.
    Denn, frühe in der Bürgerschule
    Begrüßt er das geliebte Kind
    Auf seines Lebens erstem Gange,
    Den er beim ABC beginnt;
    Ihm ruhen in der Zeiten Schooße
    Die schwarzen wie die heitern Loose.
    Der Custos nur allein macht Sorgen,
    Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen --
    Die Jahre fliegen pfeilgeschwind.
    Von _mensa_ reißt sich stolz der Knabe,
    Er stürmt nach Quarta freudig hin;
    Geleitet nur an meinem Stabe,
    Wächst ihm der Unart wilder Sinn,
    Und herrlich, in der Jugend Prangen,
    Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,
    Mit rothen ungeschminkten Wangen
    Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n.
    Doch tönet oft ein schweres Klagen
    Vom Knaben her: er irrt allein,
    Er muß sich mit dem Nepos plagen,
    Er flieht der Brüder wilde Reih’n,
    Es lauscht der Lehrer seinen Spuren,
    Er wird von seinem Fleiß beglückt,
    Und mit der schönsten aller Uhren
    Wird er vom Vater ausgeschmückt.
    O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen
    Für ihn, der keine Sorgen kennt!
    Er sieht für sich schon Prima offen,
    Er ist im Geiste schon Student,
    O, daß sie Gott ihm doch bewahre,
    Die erste Zeit der Flegeljahre!
        Wie sich schon die Blasen bräunen!
        Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
        Seh’n wir’s überglas’t erscheinen,
        Wird’s zum Decken zeitig sein.
            Anne, sei zur Hand!
            Leder von der Wand,
        Laß mich jetzt den Stock bekleben,
        Und mit Juchten fest umgeben. --
    Denn wo der Jugendseelen Flügel
    Begleitet wird von einem Prügel,
    Da giebt es eine gute Zucht.
    Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet,
    Sobald er böse Jugend findet,
    Dies Mittel keiner unversucht.
    Freudig machen sie Spectakel,
    Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt.
    Und mein allzu ernster Bakel
    Sie aus ihrem Frohsinn schreckt.
    Mancher Kantschuh ist zerbrochen,
    Schaden hab’ ich auch dabei,
    Und auf fühllos derben Knochen
    Ging mein letzter noch entzwei.
    Der Schüler geht fort,
    Der Custos muß bleiben,
    Der wechselt den Ort,
    Mich wird man nicht treiben.
    Gar Mancher steigt auf,
    In Tertia zu streben
    Für’s künftige Leben,
    Muß pflanzen und schaffen,
    Mehr hören, als gaffen,
    Muß Nächte studiren,
    Um was zu capiren,
    Muß wetten und wagen,
    Genie zu erjagen.
    Da wird nach Secunda der Schüler gehoben:
    Man hört den Director den Fleißigen loben,
    Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus.
    Und drinnen studirt
    Der _primus secundae_,
    Die Mutter der Klasse,
    Und herrschet weise
    In der Schüler Kreise,
    Und wehret dem Langen
    Und muthigt den Bangen,
    Und regt ohne Ende
    Die Zung’ und die Hände
    Und mehrt den Gewinn
    Mit ordnendem Sinn,
    Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme,
    Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme,
    Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank
    Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank.
    Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer
    Und ruhet nimmer.
    Und der Primaner mit frohem Blick
    Aus der Prima geöffnetem Fenster
    Ueberdenket sein blühend Glück,
    Wie die Schüler vor Arbeit vergehen
    Und um gnädige Strafe flehen;
    Sieht einen Knaben traurig gefangen,
    Welcher versucht die eisernen Stangen, --
    Rühmt sich mit stolzem Mund:
    Fest, wie der Erde Grund,
    Gegen des Lehrers Macht
    Steht unserer Klasse Pracht!
    Doch mit des Geschickes Mächten
    Ist kein ew’ger Bund zu flechten.
    Und das Unglück waltet schnell.
        Wohl, jetzt herrlich grad gerecket,
        Schön geründet ist der Stock;
        Doch, bevor ihn Leim bedecket,
        Mache mir ein Gläschen Grock.
            Etwas Aquavit
            Stärke mein Gemüth.
        Bei den so gelehrten Brocken
        Wird mir sonst die Zunge trocken.
    Wohlthätig sind der Schläge Macht,
    Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht,
    Und was er bildet, was er schafft,
    Das leite seiner Hände Kraft;
    Doch furchtbar wird der Hände Kraft,
    Wenn sie im Zorn sich aufgerafft.
    Einher tritt in der Schüler Kreis,
    Und selber führt den Rechtsbeweis. --
    Wehe! wenn da losgelassen
    Treffend voller Unverstand
    An die Ohren der Primaner
    Fliegt, die zornentbrannte Hand!
    Denn die jungen Leute hassen
    Einen Schlag von Lehrers Hand.
    Von dem Lehrer kommt die Wahrheit,
    Strömt die Klarheit;
    Doch der Lehrer ohne Wahl
    Schlägt auch ’Mal.
    Seht Ihr’s toben dort _in prima_?
    Roth wie Blut
    Ist der Lehrer.
    Das ist bösen Zornes Gut!
    Welche Worte!
    Der steht auf,
    Jener auf.
    Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter!
    Eilend fliegt er vom Katheder,
    Spricht: Heraus, Du Schwerenöther!
    Kochend wie aus Ofensschlunde
    Glüh’n die Augen; aus dem Munde
    Stürzen Buben, Jungen fallen,
    Böse Worte hört man schallen,
    Nicht geberdt sich,
    Nicht mehr wehrt sich
    Steffen, der in’s Freie flüchtet,
    Nach der Thür den Lauf gerichtet,
    Durch der Glieder lange Kette
    Um die Wette.
    Jenen Unfug zu bezahlen,
    Fliegen fast magnet’sche Strahlen.
    Keuchend Töffel kommt geflogen,
    Der den Zwist zu hemmen sucht.
    Steffen in der engen Bucht
    Will den Streit noch weiter führen,
    Hingeworfen an die Thüre,
    Und mit jedem Augenblicke
    Wächst der Lärm. Die junge Zucht
    Nimmt fast schon vor Angst die Flucht.
    Aber sieh, zu ihrem Glücke
    Thür aufgeht:
    Rektor steht
    Da, und Alles fliegt zum Sitze;
    Auf Befehl nimmt seine Mütze
    Jeder Schüler sich und geht. --
    Leergebrannt
    Ist die Stätte
    Wilder Stürme rauhes Bette,
    In der öden _prima_ Mauern
    Wohnt das Grauen,
    Und nur Secundaner trauren
    Schwitzend dort.
    Einen Blick
    Nach dem letzten
    Der Geschätzten
    Sendet Gurlitt noch zurück,
    Eilt fröhlich dann in seine Kammer.
    Was ihm der Trotzkopf auch geraubt,
    Ein süßer Trost ist ihm geblieben, --
    Er hat die Klasse seiner Lieben
    Drei volle Tage ausgesetzt. --
        Wohl, der Stock hat angenommen,
    Glücklich ist das Holz beklebt,
    Damit in den Saal zu kommen,
    Und der Stein im Kalk erbebt.
            Wenn man munter singt,
            Heiter scherzt und springt,
        Mache ich die Thüre offen
        Und die Horde schweigt betroffen.
    Des frechen Buben starken Rücken
    Vertrauen wir des Lehrers Saat,
    Und hoffen, daß sie keimen werde
    Zum Doctor, Pred’ger oder Rath.
    Doch einem undankbaren Herzen
    Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n,
    Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen,
    Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun.
        Aus dem Stadtthor,
        Schwer und bang
        Tönt der Schüler
        Ernster Gang.
    Sie begleiten, die das Feuer schürten,
    Einen armen Relegirten!
    Ach! es ist der theure Steffen,
    Ach! es ist der gute Schüler,
    Der das Scholarchat verkannte,
    Den der Herr Director bannte
    Aus der Schüler muntrer Schaar,
    Deren Eins und All’ er war,
    Denen er so sehr gefiel
    Durch Primaner Widerspiel.
    Weh! der Schule zarte Bande
    Sind gelös’t auf immerdar!
    Er studirt in fernem Lande,
    Der der Klasse Seele war;
    Denn es fehlt sein treues Pochen,
    Seine Sorge wacht nicht mehr,
    Und seit sieben vollen Wochen
    Ist der liebe Karzer leer.

Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:

    »Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
    Verderblich ist des Tigers Zahn;
    Jedoch das schrecklichste der Schrecken,
    Das ist der böse Zimmermann!«

lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der
Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen
harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt,
zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und
mich, da sie selbst _mala fide_ waren, nicht _bona fide_ consiliiren
konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie
seines Pensionärs und Secundaners gelacht.

Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie
»+Gurlitt+«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er
eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte.
Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich
mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.

Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin
übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner
mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die
Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch
auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der _disciplina
scholastica_ mit eiserner Ruthe handhabte, _au fond_ ein höchst humaner
und gutmüthiger Mensch war. _Incuriosus_ in Bezug auf die Dinge des
Lebens, verwechselte er _Fouqué_ und _Fouché_, litt nicht, daß die
gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese
Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens
eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken
durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen
Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen
über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und
er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche
Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei
Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage
hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es
auch nie zwei Tage hinter einander regne. -- »Wie das?« fragte Gurlitt
erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die
Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt
verwirrt.

Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz
seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als
bis zur _classis latina et graeca secunda_, und das Letztere nur
deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage:
»Was das _verbum_ für eine Zeit sei?« mit großem Glücke _aoristus
primus_ geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme
Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit
genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte
heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß
durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn
erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie,
mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so
desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt
vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der _Clavis
ciceronia_, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte
und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er
_litem_, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der
Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von
ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem
jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. --
»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es
aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die
Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der
Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen
zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete
Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«

Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die
Erklärung über den _infinitivus historicus_. Nachdem er gezeigt hatte,
daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich
der Invinitiv des Affects sei, wie »_me hoc pati, me hoc ferre_?«
den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er
oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den
_infinitivus historicus_ durch das ausgelassene Wort »_coepit_« zu
erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der
Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen
Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran
erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte
der _infinitivus historicus_ abhänge? Der prüfende Lehrer, der den
Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am
Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der _infinitivus
historicus_ hängt von _coepit_ ab.« -- Schweigend ließ der Lehrer die
jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort
»_coepisse_« als _infinitivus historicus_ kam. »Von welchem Worte
hängt der _infinitivus historicus_ ab?« fragte nun der gekränkte
Collaborator. »Von dem Worte _coepit_,« rief die Jugend. »Recht,«
entgegnete der Lehrer -- _coepit_, _coepisse_ --

Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger
Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn
Jemand habe beschenken hören: -- »Wenn Sie so fortfahren, fleißig
vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein
Fünkchen lernen.«

In _politicis_ war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen
Hamburgern, die in ihrem _vitae curriculo_ beim Eintritt in _prima_
der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes
Staats erwähnten, mit der Bemerkung: _hoc falsum est, ut ex scriptis
Hafneri_ (des dänischen Obristen) _apparet_. -- Am empfindlichsten war
Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben
scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege
Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden
aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten
erzählte.

In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist.
Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die
symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den
Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus,
daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber
doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können,
gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«

Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor +Hipp+, der eigentliche
Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen
verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus,
von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und
Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol
der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht
eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet;
Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine
Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß
ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch,
dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande
war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets
in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so
daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil
er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges
Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er
sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher
Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es
sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu
fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher
Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten
Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten
Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die
Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war
übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe.
Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.

Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor
Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem
Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch,
welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte.
Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel
deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.

Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken,
daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder
Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst
unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine
Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.


+Der Strauch und die Eiche.+

    In eines Strauches Schatten war gepflanzt
    Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;
    Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,
    Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.
    Allein die Eiche hob sich himmelwärts
    Und sah beschämend auf den Strauch hinab.

       *       *       *       *       *

    So sucht auch oft des Schülers freien Sinn
    Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.

Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast
alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich
habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen
diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen
das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch
in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm
abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie
gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch
diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem
Professor Zimmermann gleichsam eine _reparation d’honneur_ wegen meiner
Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.

                (Der Magister tritt auf.)

    Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!
    Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
    Ist das eine Klasse von Studiosen?
    Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?
    Werft Ihr so mit frechem Blick,
    Als hätte der allmächtige Fick[5]
    Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?
    Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,
    Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?
    _Quid hic statis otiosi_?
    Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?
    Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:
    Die Primaner haben sich schlecht betragen,
    Einer ist an die Ohren geschlagen,
    Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,
    Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,
    Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,
    Als in den Unterricht des Herrn Enke;
    Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,
    Als für den gelehrten Doctor Strauch:
    Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,
    Als französische Dictate des feinen Lemenz;
    Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,
    Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.
    Die Lehrer studiren Tag und Nacht,
    Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.
    Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;
    Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,
    Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,
    Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!
    Der Custos steckt seine dicke Ruthe
    Vor seiner Bude Fenster aus,
    Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,
    Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.
    Um unser berühmtes Gymnasium
    Leider Gottes -- giebt man nichts um.
    Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,
    Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:
    Anstatt in Folianten aus Bibliotheken
    Les’t Ihr in alten Romanencharteken,
    Und das beschimpfende Carzer allhie
    Ist worden Euer täglich’ Logis. --
    Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!
    Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,
    Von dem Greuel und Heidenleben,
    Dem sich _primi_ und Schüler ergeben.
    Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,
    Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;
    Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,
    Wie auf den Branntwein das Trunkensein;
    Das zu lieben, erregt das _jus_,
    Das ist die Ordnung im Livius[6].
    »_Sed ubi erit spes literarum_,
    _Me si vexatis_?« Wie soll man siegen,
    Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?
    Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.
    Eine Frau hier in der Nachbarschaft
    Fand ihren bösen Ehemann wieder,
    Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7],
    Napoleon seine vertriebenen Brüder:
    Aber wer bei Schülern sucht
    Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,
    Der wird nie seine Hoffnung erjagen,
    Thut er auch alle Rücken zerschlagen.
    Zu dem König der Franzosen,
    Wie wir lesen im Correspondenten,
    Kamen sogar Soldaten gelaufen,
    Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,
    Fragten ihn: »_Sire! que faire?_«
    Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?
    _Et il repond_, und er sagt:
    _Dites: »Vive le roi!_«
    Wenn Ihr keine Nelken tragt,
    _L’etat c’est moi_,
    Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,
    _Suivez le roi_, Euch begnügt
    _Avec les fleurs de lis_, mit meinen Orden, --
    Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. --
    Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen
    Deiner Lehrer nicht übel auskramen;
    Aber wo hört man mehr blasphemiren,
    Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?
    Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,
    Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,
    Müßtet geben ein Zweimarkstück her,
    Es wäre die hamburger Bank bald leer;
    Und wenn für jede Travestie,
    Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,
    Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,
    Das Getränke würde bald schier Wasser sein.
    Der alte Gurlitt war auch Primaner,
    Der gelehrte Hipp lange Tertianer,
    Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,
    Daß die Beiden jemals witzig gewesen?
    Muß man den Mund doch, ich sollte
    Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«
    Zum Exponiren und Butterbrod;
    Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,
    Der als Humor aus Eurem Munde quillt.
    Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!
    Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:
    Ihr studirt auf Ränke immerfort.
    Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,
    Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen
    Ist man nicht sicher, in seinem Haus,
    Ihr hebt mir Nachts die Laden aus
    Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.
    Was sagt Doctor Gurlitt? »_Assidui estote_,
    Spart die _clavis Ernesti_ vom Morgenbrode!«
    Aber wie soll man die Schüler loben,
    Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,
    Weil der Professor Zimmermann
    Die Menschen ohne Strafe regieren kann!

Der Professor +Köstlin+ war ein interessanter und vielseitig gebildeter
Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod
herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. -- Von den übrigen
Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor
Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein
gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing
unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler
desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem
Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten
Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl
entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen
läßt:

    »Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,
    Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«

Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur
etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen
Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt
wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen«
vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns,
oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen
mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe.
Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen
+Pelt+ und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge,
hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in
Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres
Wissen, die erste Rolle spielte.

Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht
alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben
ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine
bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. -- Das
Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine
gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau
und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen
zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen
nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem
großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem
redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom
Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen
sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und
Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der
Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden
der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so
wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine
interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu
nennen. -- Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren
Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent
der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies
bekannte Holsteinsche _cerveau brulè_, voll herrlicher Anlagen, ist
von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den
Todesengel befreit.



Elftes Kapitel.

    v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine
    Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.


Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten
Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der
noch in Hamburg lebende Russische Minister +von Struve+, ein als
Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer
zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen
Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe
daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines
Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben
scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird,
von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre
Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. --
Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme,
vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen
der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter
beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde
oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. --

Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das
Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein
gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei
dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war
ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins
der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche
Junggesellensteuer in Hamburg, die +Trinkgelder+, abgeschafft, mit
denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß,
und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer
sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging
es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine
vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von
Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge
Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später,
jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die
literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde.
Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines
»+Hermann und Dorothee+,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen
lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste
Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« -- Als
Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als
Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick
seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte,
und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige
Wort »Champagner« aus.

Der Sohn des Consuls Mellis’h, +Charles+, war mit mir bei Zimmermann in
Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer.
Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in
seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen,
wenn er nicht unter die _torys_ gegangen wäre, zu denen sein Vater,
ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.

Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor
allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast
immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem
leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der
seine zehn Stunden _uno tenore_ wegschnarchte und sich weder durch
meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen
und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche
Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die
Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte,
abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur
je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen
Geschöpfen begnadigt hat.

Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles
zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm,
waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die
einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten,
kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da
fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »_God save the king_«, bald
»_Rule Britannia_« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab
geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber
bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und
Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin
ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein
ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«

Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren,
chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu
musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf
einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so
den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch
meine Lebendigkeit bei den Worten: »_rule the waves_« einen sanfteren
Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im
Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: _For
Britons never shall be slaves_.

Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor
Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch
keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge
stören lasse und wollte ihm ein _privilegium de non cantando_ nicht
zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles
wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war
großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie
lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor
meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus,
schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. --

Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre
später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen
liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele
interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische
Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »+Misthaufen+«
nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut.
Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner,
zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns
zu verweilen. »_Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo
gefattigeerd?_« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie
so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: _Myn Her ik ben
gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet_. (Mein
Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)

Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und
Mellis’hens rechte Hand, hieß +Wesselhoeft+ und bekleidet noch
jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in
seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen
Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers
vereinigte.

Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte,
ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum +bloß+ gab, daß
er nie seine Garderobe, d. h den Titel als _maître de la garderobe_
ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem
republikanischen Hamburg, wo übrigens die _haute volée_ oft auch sehr
an die _noble aristrocraci_ von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt.
Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte
eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte.
Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern
Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen
sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von
ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse
und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer
Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister
bestohlen war -- geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu
sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«

Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener
Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen
poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders
Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der
Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur
stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben,
den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale
Devrient nur als »+Franz Moor+« erreicht haben soll. Nie vergesse ich
Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge
zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »+Lenore+« im
schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd
gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen
Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten -- Schröder war aber auch
in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere
jungen Histrionen höchstens eine _Radawazka_ einstudiren.

Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger
Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf
erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege
gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren
Rollen, wie im »+zerbrochnen Krug+« eignete, oft aber auch sehr störend
einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien
gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent
als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein
»+leichtsinniger Lügner+,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn
als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z.
B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben
haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director
zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst
liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche
Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen
Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und
verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.

    »Die Elemente rasten nie,
    Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,
    Sagt mir Ihr Philosophen, wie
    Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«

Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller
Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie
ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor,
auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht
verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben
kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar
keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein
alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine
niedliche Oper »+das Dorf im Gebirge+« war immer zum brechen voll,
wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab,
wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise
begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt
hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit
einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert
den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger
Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste
Jugendliebe nie alt wird.

Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen
verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher.
Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne
der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt
er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen
Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und
brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters
aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder
Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder
sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter
Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen
Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi
freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt
haben soll.

Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen
Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram
über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich
in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine
Unsterblichkeit? -- Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene
Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem
Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern
eingenommen werden könne? --

Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um
den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den
sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige
Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod
sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber
einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch
eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.

Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg
nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den
ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war,
nicht getröstet habe.

»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.«
»Ich muß +Ranz+ trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann
zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese
Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« -- »Aber, lieber Mann! es
regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau
vor.

»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte
zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle
gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen
und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen,
»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei
anwenden.« -- --

Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens
Pfarrei. --

Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. -- »Ranz,
ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende
Freund an, »weine Ranz.« -- --

Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein
Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu
einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. --

Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. -- Ranz ward
endlich thränenlos.

»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa,
»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«

Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung
gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell
und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man
doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden
sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre
zeigen. --

+Herzfeld+ war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich
überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch +Kühne+, jetzt »Lenz«
genannt, und der alte +Schwarz+. Das war ein _ensemble_, wie ich es
niemals wiedergesehen. +Lebrun+ trat zu meiner Zeit zum ersten Male,
ich glaube als »+Perin+« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann
schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von
den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche
übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht.
Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.

Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle
+Wrede+, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die
allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein
solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd
auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als
Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so
sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler,
die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die
Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige
Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«

Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! --

Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine
mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld«
und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen;
denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm
nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen
von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde
wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector
»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen
mit passenden Stücken aufwarten würde.

Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin
begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten
Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der
dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben
Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die
Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst
ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz
reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr
witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. --

Da _acta Hamburgensia_ ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung
der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen
des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist,
weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von
einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so
wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter
keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln
können mag, als mancher Geistlicher -- vom Schinderknecht. Und der
jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte,
schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich
gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen
mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich
Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in
den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit
einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die,
nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen
Sätzen immer also: -- Swig man still Magret, -- dat is so slimm nig --
dat kann den +Besten paßeeren+, und zeigte auch noch nach ihrem Tode
dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf,
während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte,
ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand
hinfiel. -- Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. --

Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:

    »Schon zückt nach jedem Nacken
    Die Schärfe die nach meinem zückt«

verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt
vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse,
so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre
Waffe unwillkührlich fallen, ließen.

Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform,
während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von
mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir
nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst
empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann
wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.

Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die
Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden,
wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der
Strafe überbringt.



Zwölftes Kapitel.

    Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie.
    Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy.
    Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.


Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und
organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr
von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde,
Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn
irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes
Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte.
Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer
von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück
Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen
und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die
ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis
zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu
zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht -- Entweder dod
schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder
todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen
Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.

Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges
Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem
ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen
niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger
Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt,
dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über
Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten
Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg
französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee
angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er
mitgemacht, »+keine+« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert
haben: _Point de bataille, point de colonel_.

Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal
von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?«
worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator
Meier.«

Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein
recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in
Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z.
B. in Bremen, die Conscription.

Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück
lateinisch nie _tychopolitanus_, sondern bescheiden, fast so zu sagen
deutsch weg, _glockstadienis_ schreib, war ich durch meine Geburt doch
ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur
zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt
hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel
Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre
später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in
Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so
lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den
er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug
Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch
patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische
Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen
Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders
mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte
Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für
die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der
Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die
verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen
überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. --

Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu
verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher
auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit
gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000
Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie
sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt
gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen
»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf
ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand
damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in
den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden,
der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand,
als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in
Altona angekommen war. Damals las man:

»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier
angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.

Altona, den. ..

    L. S. Meier,
    (_id est_ Schukelmeier.)«

Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat,
welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete,
mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen
Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in
Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche
Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch
unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen
brachten.

Ein geistreicher Hamburger war +Pedro Gabe+ der Sohn des dortigen
Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum
eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er.
Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der
Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so
mache ich das ganze menschliche Leben durch.«

»Ich gehe in die +ABC-Straße+; das ABC ist dasjenige, was die Menschen
zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den +Gänsemarkt+,
welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum
+Jungfernstieg+.«

    »O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,
    Der ersten Liebe goldne Zeit!«

»Ich gerathe nun auf die +Kunst+, die mich an das Streben geistreicher
Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das +Zuchthaus+,
der Weg der Gottlosen; gerade aus der +St. Petrikirchhof+, der frühe
Tod; rechts das +Johanniskloster+, für das beschauliche, ascethische
Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den
+Berg+, denke in der +Reichenstraße+ an den Gewinn und verfolge so
meinen Weg zur +Börse+.«

Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche
seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den
Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit
ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die
Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister,
auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und
zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen
Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe
gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß
ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit
gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die
Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter
Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so
daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese
sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete
Sieger entflohen.

Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die
Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren,
welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos
verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts
von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen
erfahren konnte.

Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten,
sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß
sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben.
Wer kennt nicht den Namen +Salomon Heine+ als den des Rothschild von
Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen
Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der
jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens
auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem
allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz
mit dem _Dr._ Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht
unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie
gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen
dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß
sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses
verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten
Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die
Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während
der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie
einst im _coin du roi_ im Theater _francais_ die pariser Schöngeister
rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie
gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr
Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel
breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden
zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst
aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel
mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an
Güte nicht gleich kam.

Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege,
wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der
Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen
Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit
Resignation ausrufen:

»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is
min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.«
(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg,
da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den
Teufel kriegt.)« --

Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine
Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische
geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht
erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das
unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider
sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.

Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward
praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen
wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres.
Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen,
und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel
endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und
_Saint Peray_. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem
er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.

Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und
versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx:
»_Smollis_ (Brüderschaft) müssen wir trinken!«

Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in
Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge
Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer
zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg
vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die
Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren,
sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben
dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger
Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche
Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer
nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief
er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch
hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit
den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das
ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod
erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer
heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte,
sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.

Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen,
ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige
Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo
auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von
Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom
Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht
weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten
Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das
Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten.
Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der,
wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die
Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf
die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen,
von Ihrer Familie?« -- »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der
lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß
die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von
meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an
mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge
oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten
Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens
ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer
erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich
dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen,
wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche
sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen
Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen
wollte. -- Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für
die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der
Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war
eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen
und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich
aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten
Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr,
Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,«
worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.

Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um
mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit
zu verwandeln, welche man »+Humor+« nennt, und nur eine mühsame
Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines
Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden,
daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen
Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht
ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein
Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden
kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich
werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten
geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine
Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben,
Glauben beimessen wird.

Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich
übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen
Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit
höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste
veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei
solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.

Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen.
-- Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon
an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit
ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der
jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt,
brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger
Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab
ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt.
-- Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette
lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner
übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche
Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er
verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück:
wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der
vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. -- Anders ist es bei uns in
Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.

Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück,
äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen.
Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit
der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft.
Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die
Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. --

Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs
auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen
Windes nur +ein+ Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die
Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug,
raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater
gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der
selige Herr!«

Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung
den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so
schön singt:

    »Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,
    Denn er hat es hart gegeben.
    Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,
    Denn er führt das rechte Leben.«

bewegte mein Herzblut.

Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter
diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen
Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen.
Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher
kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der
Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem
sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein
sollte, während ein anderer Vierspänner über den +Berg+ nach der Börse
hineilte. -- Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht
am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt
nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt
machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden
Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig
ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu
haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor
ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in
der Ordnung sei. -- Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der
alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort
ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war
ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein,
obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem
lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur
Erde.

Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch
Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.

Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit
man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die
Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages
besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren
großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm
die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause
empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur
zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei;
wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an
Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn
des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der,
kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren
sei.

Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge
Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche
mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm
Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »_God save
the king_« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen
Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus
dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre
Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.

Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch
fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit
lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater
Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte,
aber auch einige der Komik hervorrief.

Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden.
Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer
Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die
Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber
Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein
Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben
untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl
Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern
Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich
immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in
deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und
Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit
dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth
ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem
Menschen getäuscht sieht. »_Distinguendum._« Einige Menschen sind
unsterblich und einige sind es nicht.

Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg
unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt
sehr materiell gewordenen Gelehrten.



Dreizehntes Kapitel.

    Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus
    E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen.
    Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D--s
    und D--r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und
    Wegelagerung. Citation vor das Arctius.


Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen,
welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur
auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte,
worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus
belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und
fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen
elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen
Vacanz Hunderte, -- ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals«
erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar
Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich
jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem
Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir,
ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im
Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen
Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht
einmal eine _sella curulis_, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine
so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines
dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen
sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen,
so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in
den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch
ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten -- --

Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten
Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich
hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker
aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber
nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch
meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim
Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging;
dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines
alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren
hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise
seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen
Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war
auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in
dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788
hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals
ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut
predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden
haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein
ich müßte doch ein +niederträchtiger Kerl+ sein wenn ich mich in
meinen Jahren noch bessern wollte.

Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,«
welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches
in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und
andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es
wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird
es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen
Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen
Skizzen einzuschalten.

»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem
Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten
Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und
andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die
Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am
Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und
Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665
vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie
auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese
sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht
irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen
gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen
Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein,
Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird.
Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach
demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel
»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen
Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als
Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche
eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in
solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt,
das trauliche »Du«, das _Smollis_ aufgehoben, und Alles bewegt sich
in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme
machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr
Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge
eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage
gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre
Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten
im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief
sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das
vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine
Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz
und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter,
wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage
duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre
nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) --
Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern
theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf
eben so viele hundert Thaler an.

»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen
süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind
meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von
allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in
dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von
einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt
findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt
von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche
die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine
grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den
Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser
Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des
Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte,
antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung
einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«

Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr
und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein,
wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern
Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger
zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist
eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter
duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder
ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten
der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden,
warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie
einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und
Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern
an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern
ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches
Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten
zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? -- Wahrlich ich sage Euch,
Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters
aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr
das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch
ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig
genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer
vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.

Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen +Pfaff+,
dem vielgeliebten +Dahlmann+, dem Menschen rettenden +Ritter+, vor
allen Dingen der Statsrath +Cramer+ zu merken, der sowohl als Jurist
wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern
einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm
gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem
vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf
dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch
aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie
schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte,
und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr,
ich glaubte, es sei +meine+ Nase.« Mit dem Professor der deutschen
Sprache, Adolph +Nasser+, einem süßflötenden und lispelnden Männchen
aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das
Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild,
welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, -- hatte
Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf
Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren.
Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen,
Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen
hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit
Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um
Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn
verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung
nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen
Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers
Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht
hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.

Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich
auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum
ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts
destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, +Justizrath+, der andere,
ein Herr Maas, +Kriegsrath+.

Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere
Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel
absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei
machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das
eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten,
und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben
zurückkehrten.

Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen,
und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es
jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche
geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen
Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer
Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in
den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe
für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen,
und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende
Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche
heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert
an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil
unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen
eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine
gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus.
--

Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich
einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit
seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine
ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium.
Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie,
dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in
Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »+ochsen+,« (der
technischem Ausdruck der Studenten für »+fleißig sein+«) wollte.
Allein des Morgens schadeten die +Katzen+ dem +Ochsen+. Denn Slenz
hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und
in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon
viele mit Frühlingsahnung einfanden, -- sie mit seiner Flinte zu
verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »_salvum conductum_«
denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die
kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als
Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo
sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel
Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.

Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem
biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von
Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner
und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange
ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt
werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner
juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der
Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über
die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz
einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage,
und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.

Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche
waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund
v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich
nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm
an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer
kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.

»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß
Sie den verdammten D--r fodern.«

»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?«
versetzte mein Freund.

»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,«
versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur
morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß
sie in Blut abwaschen.«

»Sie wissen mein lieber Herr D--r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich
mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich
schon mehrere Male das _consilium_ unterschrieben, und möchte nicht
gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.

»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine
Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht
wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet
fort.

Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst
überreden wollte.

»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.

    »Der Herr Obergerichtsanwald D--s, ein braver couragöser Philister,
    der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe,
    Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz
    der Heidelberger _Cerevisia_.«

»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung
überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, _qui cito dat, bis
dat_, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. -- Es galt aber
doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose
Notwendigkeit an.

O Sie Goldmann! rief D--r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! --

»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.

»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D--r. Auf Pistolen oder Degen,
einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften
Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme
und Sie näher instruire?«

»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge
waren noch nicht verklungen, als D--s in mein Zimmer trat. Nach einigen
Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D--r.

D--s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege
sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen,
daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D--r zu fodern. Diese
Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich
verdroß. -- Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja
Alles aus Liebe für Slenz.

D--r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf
8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches
ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine
jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm
freilich auch am Ende den Verstand kostete. -- Zum Theil verdienten
diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte.
Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu
improvisiren. Der Advokat +Hagemeister+ in Kiel, vulgo von den
Bauern ohne alle Ironie »+Hagelmeister+« genannt, kam einmal in ein
Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des
Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das
Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten,
und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht
führen wolle.

»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend
schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« --
und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz
andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt
werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden
triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden
Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, -- so daß diese
begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’
nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« -- »Bravo Herr
Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für
uns geschrieben haben.« -- -- --

Ich trat also in D--r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich.
Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald
eintrat.

»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit
diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. --

»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort?
»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war,
hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie
der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so
allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«

»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des
Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen
hatte, denn sofort schellte D--r. und bestellte bei dem so schnell
eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. --

Ich deprecirte.

»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich
lasse Sie nicht.«

Er zog mich auf das Sopha. --

»Herr D--r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen
Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts
annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. --«

»Wie so? lieber Herr von Kobbe. --«

»Ich soll Sie vom Advokaten D--s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel
wie, fordern.«

»So?« rief D--r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der
Bekanntschaft des Herrn D--s. kommen?«

In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr
D--r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht
beantworten. -- Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu
gedenken. -- Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf
eine unumwundene Erklärung.

»Wenn Herr D--s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf
ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat
Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- und wenn --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«

Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D--s noch alte
Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur
Stunde von D--s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen,
von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß.
Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern
und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu
brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von
der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade
den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen
am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn
entfährt.[11]

D--s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen
Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet
haben, wo dieser in _N^o 1_, dem Professoren und Philister-Zimmer, des
Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas
ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber
sofort dem Bürgermeister _coeram multis testibus_ eine heftige Ohrfeige
applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich
sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr
Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen
König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht
begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«

D--r concludirte endlich nach allen »+Wenns+« dahin, daß, wenn alle
diese »+Wenns+« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D--s
die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen.

Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich
beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt
hat, -- und berichtete dem Hrn. D--s und seiner ihn umgebenden
Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D--r bewögen, die von mir
geschehenen Forderung zu verweigern.

»O über den Cujon!« lachte D--s -- »er glaubt, eine _exceptio litis
ingressum impediens_ zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr
von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«

Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die
verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall
eingelassen zu haben, ertragen.

Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu
entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir
das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht
sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten,
und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich
wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein
vortrefflicher Arzt, der Doktor +Ritter+, dessen Liebe oder Kunst ich
mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die
mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. --

Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen
Frühlingstage ging D--r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe
rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem
Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei
Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters
übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: -- -- -- --
-- Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:

    »Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von
    Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen,
    Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s.
    w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren
    Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche
    Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich
    zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den
    Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten
    geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit
    zu entweihen.« --

Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D--r sei gestern vom
Advocat D--s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur
die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück
verhütet.

Der Advocat D--r reichte sofort eine Denunciation wegen
Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten _foro_ des
_delicti commissi_ ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden
die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung,
daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.

Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das _arctius_ citirt, welches,
wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des
academischen Senats bestand.

Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer
angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D--s an den
Herrn Advocaten D--r habe.

Ich referirte dem _arctius_ die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser,
und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu
erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien.
Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen
wollten, mußte ich abtreten.

Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete
innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. -- Denn wenn
ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte
ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu
schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu
ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten,
als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als
Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase
Champagner wieder zu erzählen.

»Der _arctius_ kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der
Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu
machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten,
wenn die Forderung des Advocaten D--s vom Advocaten D--r angenommen
worden wäre.«

Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. -- Ich dankte für gnädige
Nichtstrafe sehr lebhaft.

»Schon gut!« bedeutete man mir.

Allein ich war im Fluß der Rede und kam _parlando_ nimmer mehr
hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe,
als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe.
Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner
Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und
Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. -- Da klingelte
zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s
Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.

Glücklicherweise fiel mir der Satz ein: »_Incidit in Scyllam qui vult
vitare Charybden_.« Ich schwieg und zog von dannen.

Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte
Kanonisirung ihres _arctius_.

Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran
denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob
vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.



Vierzehntes und letztes Kapitel.

    Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. _Dr._ O., der
    Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. --


Der Professor +Burchardi+ wollte damals promoviren und veranlaßte
mich, ihm zu opponiren.

Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater
gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem
ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde,
abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher
Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg
niedergesunken sei.

Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der
alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung
sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.

Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und
Erbarmen erwachen wollte. -- Allein ich irrte mich! -- Wir haben für
unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete
unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es
thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch,
Ihr Freunde des Vaters! --

Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück,
ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der
älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von
Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte _Vulgata_ restituiren
wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen
Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher
dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir
selbst kann ich das leider nicht. --

In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien
Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da
sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes
Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden,
sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt
hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.

Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich
beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir
nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen
Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.

Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch
zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen
verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe
er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt
verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß
ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde
sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«

Welche Eventualmaxime!

Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen
näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora
verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo
war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas
für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er
hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors
Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und _in specie_ der
Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung
des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen
Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz
der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. -- Ich hatte dabei zur
Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und
suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten.
Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe
an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn
eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er,
was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der
Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem
Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber
doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen
ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes
diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem
Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie
indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.

Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:

    Ewig bleib ich der (die) Deine,
    Ewig bleibst Du die (der) Meine,
    Was auch der Alte spricht

mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte,
auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man
eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter
agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte
das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen
Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.

Einer der witzigsten Studenten war der joviale _Dr. med._ O.... in
Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen
Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr _brevi
manu_ entschied: »_Fiat justitia_«, und an die Thür dessen Nachbars
eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager
nicht glücklich war: »_Pereat mundus._« Diese für keinen Arzt
schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender,
als derselbe den Spottnamen +Würgengel+ führte, den er daher hatte, daß
er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater
Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die
Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er
dies mit den Worten gethan:

    »Auch der Würgengel trat in mein Haus«,

was die böse Welt anstatt auf den »+Todesengel+« auf den »+Hausarzt+«
bezogen hatte. --

Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer
Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große
Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu
sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er
die ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: _Sed sat iam verba
fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque
adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo._ (Wir haben genug
geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten
Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire
ich Dir.

Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader
war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen
mit den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen _cosus_ für einen
_casus_ verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der Spitznamen Herr
»_Cosus_« seiner Frau der »_cosa_« geworden. Die Söhne und Töchter
wurden aber respective _cosellus_ und _cosella_ genannt. --

Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich die
_medicina forensis_ hörte die er mit einem ungemeinen Humor docirte.
Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von denen
er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen wollte
und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm
Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den
Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die
Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod,
allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil
hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick
geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder
in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz
und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. --
Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur
Erwägung.«

Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit
verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen
Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch
Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte
Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter
die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer
gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,«
pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden
Theil seines Körpers in _efigie_ Preis geben, um damit die Wissenschaft
zu bereichern.«

Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit,
hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von
ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich
ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und
er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der
Wein oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen _Dr._ L-- aus Plön
in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein
Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen
Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an
den Commandanten geschriebener Brief dem Patriarchen der Studenten
seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. -- So schaden
Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. --
Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene
Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen,
aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere
Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den
Worten an:

    A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame
    gesagt?«

    H. »Ja.«

    A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«

    H. »Das thue ich nicht.«

    A. »Das sollen Sie.«

    H. »Das will ich nicht.«

    A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«

    H. »Das wissen Sie nicht.«

Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun
hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. --

Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine
academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser
Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben, wie sie mir die
Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein
Zweck erreicht. --

Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im
Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten
zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes
Vorbild an Güte des Herzens bleibt. -- Diese Hände bezeugen dabei,
daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können,
erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und
längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten
Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese
tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn
ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich
und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere
Unabhängigkeit.

Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige
Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere
und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für
die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich
beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die
Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in
der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und »Demokritslust« nennen.
Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den
Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz
Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe
einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor.

Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz
und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln.


Ende des zweiten und letzten Bändchens.



Beim Verleger dieses ist ferner erschienen:

    Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen:
    Historischer Roman. 8. 1830.

    1 Rt. 4 ggr.


    -- -- humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh. 21 ggr.


    -- -- Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder:
    achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8.
    1826.

    12 ggr.


    -- -- Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle,
    der anonyme Brief. 8. 1835. brosch.


    -- -- Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch. 1
    Rt. 8 ggr.

    -- -- Briefe über Helgoland, nebst poetischen und prosaischen
    Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch. 12 ggr.

       *       *       *       *       *

Sodann erschien so eben:

    Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und
    Griechenland. 2 Bde.
    1r Bd.: Reise in Italien 1 Rt. 12 ggr.
    2r Bd.: Reise in Griechenland. 1 Rt. 12 ggr.

    Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde.

    1 Rt. 16 ggr.



Fußnoten:

[1] Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment »Lieblosigkeit.«

[2] Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der Wirthshäuser
bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde hergenommen sind,
als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder), Jappob (Japp auf),
Kruppunner (Kriech unter), und Oha.

[3] Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen
Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria.

[4] _Senex depontanus._ Ein Greis, der nicht mehr über die Brücke zu
den Volkscomitien gehen durfte.

[5] Name des damaligen Custos.

[6] Die Anspielung ist etwas _à la Pater Abraham a Santa Clara_.
Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren, Freßnarren,
Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht auch
geschrieben: _Narraverunt patres et nos narravimus omnes_.«

[7] Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern
veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter
Vereinigung zurückgekehrt.

[8] Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule Professor
+Struve+, den bekannten Virgil’schen Vers

_Superet modo Mantua nobis O Mantua nimium vicina miserae Cremonae_

sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an:

_Superet modo Altona nobis O Altona, nimium vicina_ (allzunah) _misero
Hamburgo_.


[9] Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen Excellenzen
mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde in Gnaden
abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines Generallieutnants
bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den Majestäten, während sich
die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der linken Seite des Wagens
begnügen mußten.

[10] Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines Freicorps im
Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde Potentaten
zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen Tod in
Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete. Seine
Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.« Als
diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden sie
von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den
Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen.

[11] Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit Geplagten
sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der Hafer
stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn bekanntlich
nicht bekommen.

[12] Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem abgelegt
und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen Güter
ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die Gräflich
Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den letzten
gehöre, auch für meinen Magen. -- Wer will meinen Anspruch an die
dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig Edelgüter
-- Wer bietet Geld?





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Zweites Bändchen" ***

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