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Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Erstes Bändchen
Author: Kobbe, Theodor von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Erstes Bändchen" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
    vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.

    Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
    insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
    im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
    wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
    aber sinngemäß ergänzt.

    Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.

    Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
    abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
    verwendet:

    fett:       =Gleichheitszeichen=
    gesperrt:   +Pluszeichen+
    Antiqua:    _Unterstriche_

    Das Zeichen für ‚Pfund‘ wird in der vorliegenden Version durch die
    Abkürzung ‚lb.‘ ersetzt.

  ####################################################################



                      Humoristische Erinnerungen

                              aus meinem

                          academischen Leben

                                  in

                          Heidelberg und Kiel

                       +in den Jahren+ 1817-1819

                                  von

                          Theodor von Kobbe.

                           Erstes Bändchen.

                                Bremen,
                      Verlag von Wilhelm Kaiser.

                                 1840.



                      Druck von F. W. Buschmann.



                               +Meinen+

                         Universitätsfreunden

                          voll unsterblicher

                             +Erinnerung+

                               gewidmet.



Inhaltsverzeichnis.


    Vorwort.                                                           I

    Erstes Kapitel.                                                    1

    Zweites Kapitel.                                                  13

    Drittes Kapitel.                                                  39

    Viertes Kapitel.                                                  79

    Fünftes Kapitel.                                                 105

    Sechstes Kapitel.                                                126

    Siebentes Kapitel.                                               145

    Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der
    Abgeordneten-Versammlung zu Jena.                                187



+Vorwort.+

_Smollis_ Ihr Herren!


Während des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in
Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung
mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur
totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte,
mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite
34 Zeile 9, +negierend+ statt +regierend+, S. 20. Z. 12, +Hirschhorn+
für +Hirschhern+. S. 16. Z. 21, +Choragen+ für +Choragee+. S. 151. Z.
21, +Jena’s+ für +Jonas+ zu lesen, und hie und da sogar ein Wort zu
suppliren.

Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl
instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von
Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen
Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir
+Amnestie+, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel unserer
humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und es ist
mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:

    _Fiducit!_

    +Oldenburg+
    im Großherzogthum Oldenburg
    im August 1840.

    Theodor von Kobbe.



Erstes Kapitel.

    Weinheim. Graf M. -- J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die
    Burschenschaft. Ms. Duell. -- Js Rappierjunge.


»Wie heißt diese Station?«

»Weinheim. -- Sie ist die letzte vor Heidelberg.«

»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J.
darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«

M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.«
Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«

»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,«
lautete die Antwort.

»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.

»Und denn will sich der Ort noch +Weinheim+ nennen. Die einzigste
Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht
wird. +Wasserheim+ sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.

»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als
wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort
unserer Bestimmung zu gelangen.

»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der
schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.

Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. -- Wir waren dort
Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und
mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz
gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser
dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der
Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.

Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der
Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl
vor sich her trieb.

»+Maulthier+,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der
Burschensprache.

Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten
war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der
Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten
Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein
älteres Aussehen verdankte, -- und zwar dahin bewilligt, daß er
behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.

J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge
Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir
schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.

Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen
unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von
mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.

»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.

M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir
die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.

»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis
Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde
das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn
Beinen,« beanfragte der Fremde.

Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später
keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor
Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das
Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe,
der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. -- Ist es mir doch
noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken
zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte.
Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede
Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender
Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche
Zeit der Ideale schwelgt.

Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut.
J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine
peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den
Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, -- zum Geständniß
seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm
darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche
Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M.
sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt
einnimmt. --

Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. -- Sobald es
Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. -- Aber
das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit
ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein
Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer
Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.

Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.

Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur
hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre
Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht,
das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.

Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht
weiter konnte. --

Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.

Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg
erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin
fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die
Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.

Der Eindruck war unbeschreiblich.

Der Postillon führte uns zum goldenen +Hecht+, auf ausdrückliches
Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der
Stelle:

    »Zum blauen +Hecht+ trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«

dabei erinnerte.

M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner
Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in
Heidelberg erkundigen.

Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich
in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima
Heidelbergs.

»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit
ausgestreckter Hand anredete.

Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung.
Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der
Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei
bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor,
wenn ich Unverdauliches gegessen habe.

»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der
Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder
höher als eine Pistole anschlagen.«

Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche
Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. -- Ich habe
viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, -- doch weg mit
allen Klatschereien, sie sind alle todt, _requiescant in pace_.

Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich
fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen,
wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten
Türken.

Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes
Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade
im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien
einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende
nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal
entschuldigen.

Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den
ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die
Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten,
besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den
Mittagstisch genommen.

       *       *       *       *       *

Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg.
Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben,
im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund,
kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge
fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen,
da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise
hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte,
zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.

       *       *       *       *       *

Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu
Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein
durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen
bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen
Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen
Schaden, annahm. --

Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich
bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche
Verbindung wir treten wollten. -- Ich hatte von den Burschenschaftlern
die Arndtschen Lieder:

»Was ist des Deutschen Vaterland?«

»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«

so wie das Körnersche:

»Wie wir so treu beisammen stehn.«

gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut
durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu
können. --

Ich eröffnete dies M.

Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das
Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.

Ich trat in die Burschenschaft.

Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu
sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. --

Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M.,
mit einer klaffenden Wunde in der Brust. -- Ein feindlicher
Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N.,
war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite
gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit
Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl
hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche
auch ich verwickelt war.

Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung
einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.

In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus
verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich
verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu
können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen
Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.

Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen
Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die
Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.

Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter
einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im
Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr
zurück nach Heidelberg.«

S. that wie ihm der Engel geheißen.

+Chelius+ aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei
Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine
Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden.

Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.

Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche
Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. --

Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt
hatte. --

Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten
Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die
er gar nicht kannte, erlaubt hatte.

R -- bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen
werth.«

Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften
Rappieren.

»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that,
einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona
erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir
einen.«

»Du Fuchs!« lachte N.

N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein
wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er
nahm ihn daher sich »_sûr_« wie die Studenten es nennen.

Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug
eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.

N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus
dem Munde geschlagen.

Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg
war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.

Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.



Zweites Kapitel.

    Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm
    Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß,
    Wambold, Morstadt, Uexküll.


Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch
+Göthe+, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich
nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht
hatte. -- Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen,
sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen,
welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu
benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der
Mephisto, _sit venia verbo_, hatte die Gestalt des Schülers angenommen
und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu
sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre
1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme
nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in
Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.

Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen
die +Boißerée+schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang,
mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre
Urheber ausgerufen haben soll: +Das waren noch Dichter!+ Bei dieser
Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen
Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche
der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei
Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung,
als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria
vor, zum Besten zu geben pflegte:

    »Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren
    Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit,
    bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte
    noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer
    seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den
    Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen
    Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,«
    erreichen zu können. +Wolfgang+ erklärte aber rundweg, er wolle den
    Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden
    Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung
    des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn
    sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte
    durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für
    den _envagé_ seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche
    waren aber vergebens. +Göthe+ blieb regierend im Bette liegen. Da
    verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er
    den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des
    Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf
    die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen
    Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte
    Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die
    heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches
    calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen
    Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange
    warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den
    Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des
    Faust’s erkennen konnte.«

Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist +Ludwig Robert+ gewiß
mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder +Rahels+,
hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen
Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen
»+Ich+« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz
durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. -- Welch
einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf
uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein
Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die
Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des
Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, +ja
was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen+« --
Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den
Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische
Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß
von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann
gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. --

Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar
um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen
für +Sie+ zu schreiben, geziemt uns nicht.«

»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas
aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf
er ihm nicht sagen; daher wird +Robert+, weil er +Kobbe+ sehr lieb
gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und
Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.

    Ihr Robert«

Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.

Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. -- Freilich
demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem
schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter
Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels
mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch
darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja
alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle
jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«

Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig
Roberts so wenig =Epoche= gemacht haben, und selbst jetzt selten
genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. -- Denn
in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz
+Jahnisch+ und +Arendtsch+; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor
die Augen der Leser bringen. Roberts »+Kämpfe der Zeit+« erregten einen
rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen
Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der
Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs
sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich
vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages
anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in
demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten
der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel,
dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen
wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. -- Wenig bekannt ist
Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares
Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit
willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein
Beifall zollendes Publikum erworben hat.

An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in
demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das
meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese
Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige
eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große
pecuniäre Opfer erlößte. -- Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren
Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige
Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe
erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. -- Ihr Herz brach mit
seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet.
Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars
erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer
weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des
Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel
die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«

Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thorbecke aus Osnabrück,
welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch
eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich
zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen
Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der
Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen
Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit,
den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher
unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier
+Hirschhern+ zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen
Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:

    »+Hirschhern+ kräftig gegen Schwindel,
    Wenn man weiß nicht aus noch ein,
    Muß verwahrt mit einem Spündel,
    Alsobald verschlossen sein.
    Darum halt ihn fest im Glase,
    Jenen Geist, der sonst verfliegt;
    Sonst behältst Du wohl die Nase,
    Aber nichts woran sie riecht.«

Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner
wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.

    »Was willst du singen?
    Willst Du singen ein lustig Lied?
    Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser
    Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,
    Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
           Das Schiff läuft aus,
           Kommt wieder nach Haus.
    Ich fliege nicht auf dem Wasser
    Mit Well’ und Freude.
           Was willst du singen!
    Willst du singen ein traurig Lied?
           Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer
    Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz
    Wie einen Eimer in die Tiefe,
    Verlorenes zu schöpfen:
    Sänger traurigen Liedes
    Stehet im segelnden Schiffe still,
    Meinet, meinet nicht fortzugehn.
           Kein lustig Lied, kein traurig Lied
           Willst du singen?
           Schweigen will mein Herz?
    Nicht schweigen!
    Singen will es sehnend Lied!
    Wer singet ein sehnend Lied,
    Solche Stille Schauer erfährt,
    Als wer von Land und Freunden schied
    Und das weite Meer befährt,
    Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
    Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,
    Sehnend Lied ist mitten auf der See:
    Unten Liebe oben Himmel,
    Nirgends Land;
    Und aus Wolken und aus Wasser
    Eine ausgestreckte Hand.
    Auf einander Wellen reiten,
    Gegen einander Winde streiten,
    Sausen, Brausen,
    O wie schön, schön
    Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«

Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit
entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:

=Im Walde.=

    Im Wald ist es herrlich!
    Im Wald ist es herrlich,
    Am Abend ist schön im Walde gehn,
    Die Bäume wie stille Freunde stehn,
    Aus jedem Strauch die Liebste tritt,
    Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,
    Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!
        Welch wonniglich Graun,
    Da hinnein zu schaun!
    Der Wind durch die Zweige sehnend streicht
    Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,
    Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt
    Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt
    Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.
        Als ging’s im Himmel hinnein
    Ist hier mit der Liebsten seyn,
    Schneller kann keine Reise geschehn,
    Als mit dem Monde zu gehn.
    Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit
    Ist die ganze reiche Herrlichkeit,
    Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.

Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche
Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast
mit dem unglücklichen Obersten +Massenbach+, welcher sich vor seiner
Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in
Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. -- »Mein Gott, wie kann
man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst
Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke
die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch
warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr
Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem
Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«

Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten
gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager
mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne
Flitterwochen.

    »Ich hin sonst allen Menschen gut
    Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«

möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller
ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den
ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen
empfunden habe.

Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche
Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und
wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die
allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle
versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich
bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten
Erröthen, bedanke. --

Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine
Scheidung von Tisch -- wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem
Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit
ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden
Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche
gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei
Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des
Gegenwärtigen war.

Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean
Paul +Richter+, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der
geistreiche +Börne+ in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein
würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den
Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser,
die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur
als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden
Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle,
Festordner, Adjudanten und _Chapeaux d’honneur_ bilden, wurde von der
Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen,
die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte.
Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der
Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die
Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die
Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.

Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem
edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. -- Andere
Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich
noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach
einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge
vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich
ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen
genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore
gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten
Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von
Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem
an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten
die Worte: Es lebe +Jean Paul+[1], der große Dichter, der deutsche
Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner
Melodie auf die Töne des »_God save the king_« gepfropft. Jean Paul
erschien beim ersten gehörten Ausruf. -- Die breite Stirn, das nur vom
Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn
gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende
Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und
nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die
ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen
eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des
Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem
großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen
Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun,
dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle
segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit
reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«

Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer
enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen
schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war
als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht
umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den
Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand
reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr
zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem
großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen
Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul,
»hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«

Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige
Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte
Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit
Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts.
Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei,
den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen
Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur
Rückkehr. -- Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund,
den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der
vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten
übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.

In jener Zeit war ein _Clair-voyant_ in Heidelberg, welcher ein sehr
großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der
Mann hieß wenn ich nicht irre »+Auth+,« war der Sohn eines Quacksalbers
und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich
aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem
magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem
etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und
Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere
Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche
der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren
fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig,
und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand
des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben
und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist,
ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu
verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte,
als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.

Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das
Collegium _medicum_ und namentlich der Professor Tiedemann sei
beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants +Auth+ zu untersuchen
und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der
Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit
+Auth+ auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf
gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe,
sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs
am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver
haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe
verschwinden lassen.

Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem
Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern.
Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit
gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon
in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und
in die beste Laune gerieth.

Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft
in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb
er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit
ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die
Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen
fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige
Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche
Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein
Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte
schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean
Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag
bildete die Nachwelt.

       *       *       *       *       *

In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student,
den ich +Meier+ nennen will, und der immer mit den größten
Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal
Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen.
Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging
dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich
nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb
ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde
nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s
und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit
einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche
Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«

»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren,
»ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer
erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich
bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den
Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«

Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier
gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir
dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt
schon auffinden.

Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich
Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich
vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean
Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute
Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte,
das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge
solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem
chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu
einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des
Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer
Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist.
-- Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul
gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken,
soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die
Höhlen der Vorstellung geflohen sein.

+Heinrich Voß+ war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei
ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus
der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen
Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem
andern Sinne nannte, das _puer heidelbergensis_. Von sechs bis zwölf
arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung,
dann ging er zum Vater und las dem seine _pensa_ vor. Sein ganzes
Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der
strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er
kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er
eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern,
stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor
Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft
erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim
Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den
Tod des corpulenten Mannes erfrühen. -- Einer der Genossen seiner
Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger
Schule angestellte Professor +Martens+, ein wohldenkender aber stets
regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß,
noch mehr aber den dänischen Dichter +Holberg+ anerkannte, den er, wie
ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und
zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht
in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander
die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher
einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen.

Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch
einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse
ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit
derselbe zu helfen bereit war.

    Heidelberg, den 18. October 1817.

    »Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres
    Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht
    sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und
    mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der
    Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es
    nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen,
    verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt
    der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die
    Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder
    würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift
    nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen,
    wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu
    legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden
    Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu
    unterzeichnen.«

    =_Dr._ Heinrich Voß=,
    Professor der Philosophie auf der
    hiesigen Universität.

Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe
dinirten, ist ein Domherr v. +Wambold+ zu rechnen, ein Epikuräer,
im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum
gegründet hätte; dann -- +Morstadt+ mein alter Freund, dieses
Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier,
und wenigstens _esprit pour quatre_, hat, und ein origineller
Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher
im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen
schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und
Soupers meines Lebens verlebt.

Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten
seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von
einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater
vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von
dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so
vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch
erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich
auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die
sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet,
günstig geäußert hatte.

Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer
umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann
nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck
machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden
Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur
+Speisen+, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben
nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich
wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. -- Dann ging der alte
Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der
Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten
Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden
bewogen habe. -- »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei
dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine
Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias
Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser
Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. -- Er zog
jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem
mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm
erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie
ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine
bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er
so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran
gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam,
sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« --
Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß
Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten
einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen
Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und
respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich
habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den
Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ
ausweichend zu bescheiden.



Drittes Kapitel.

    Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die
    Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die
    Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die
    Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen.
    Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.


Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen
entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg
mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen
hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur
Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren
des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die
Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen
in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher
Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die
Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. -- Eine
strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre
1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus
Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in
der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den
ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen
dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf
den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung
könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit
den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger
und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung
predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte
und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das
Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. -- Hier sind übrigens die großen
Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther
erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat
als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein
weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten
wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »+was man Respect
nennt+,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die
Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen
müsse, bis man die Welt verbessern könne.

Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet
worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes
Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist,
welches aber doch hier seinen Platz finden mag.

    =Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.=

    In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als
    Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N...
    als Sprecher gewählt.

    von L... erschien und erklärte:

    »Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und
    Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr.
    von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen,
    da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2
    fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch
    Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe
    N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld
    angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese
    Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir
    das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert:
    »»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen.
    Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »+Büberei+.« Da v.
    L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N...
    geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N...
    das Wort »+Büberei+« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen.
    -- N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb
    drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«

    von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen
    gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im
    Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.

    N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld
    geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort
    »+Büberei+« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden
    Sinne ausgesprochen.

    Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:

    Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund,
    nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe.
    Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell
    als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher
    hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. -- Da das
    Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu
    dem Worte +Büberei+, welchem übrigens in diesem Lande auch
    nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur
    +Kinderei+ bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald
    v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in
    der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.

    V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei«
    zurück.

    Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.

Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind
doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur
zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den
Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.

Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre
unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft
zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer
burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die
Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die
ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor
die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar
gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent
die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien,
Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen
bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein
Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war
aber noch bisher unterblieben. -- Aber ein unglücklicher Neuseeländer,
den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war
kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem
Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz _tres faciunt
collegium_ seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben
schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke
Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der
Überwundene trank »_smollis_« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief:
Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer
geworden bist.

Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es
gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch
bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig
Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt
schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die
Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein
solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen
accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten,
daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst,
hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in
Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben,
freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft
machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder
wenigstens beim _Pereat_, (auch Lustig meine Sieben; besonders in
Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht
wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim
zu den Gastwirth +Freund+, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren
gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte _uno tenore_
durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder
berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich
hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir
schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar
einige consilirte.

War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu
nennen, so überschritt er doch das Maaß. -- Der Gedanke, den Biergenuß
zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu
behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier
gar nicht liebte, der Stifter einer +Cerevisia+ zu werden, die im
humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens
unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der
Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert
habe und legte mir den Titel »+Eminenz+« bei. Zu gleicher Zeit erließ
ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; _Eminentia errare
nequit_ (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der
andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »_pour le merite_,«
den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche
durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch
auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in
den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, _Eminentibus_,
_Eminentia_ (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade
waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.«
Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt,
so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs,
(Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch
bekleidete. -- Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher
sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem
ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die
Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn
schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem
Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der
Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte:

    »Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das
    Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den
    Tod der Biervernunft und Eminenzen.«

Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden
Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein
Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch
wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im
Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der
in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir
lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den
Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft
in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung
von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll
anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:

    Nimm jetzt des Bieres Glas
    Biere es aus fürbaß,
    Biere mit Eil’
    Daß Dich das Bier bewegt
    Zur Biervernunft Dich trägt,
    Daß Dein Herz bierig schlägt
    Biervernunft Heil!

mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen.
Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus
untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne
sich von mir den Cerevissegen: _Sit aqua tua cerevisia_ (Dein Wasser
sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine
Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals
ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen
Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben
Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen
werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere
Universitätsjahre +vorgestern+ -- unsere zwanzig Jahre der Trennung
+gestern+, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe +Heute+ sein
sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn,
daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen,
gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm +gestern+ zehn
Kinder geboren.

Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität
zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte.
Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die
Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung,
sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich
der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu
erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie
möglich. -- Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige
neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines +Biervaters+, +Bierkanzlers+
und +Adoption+ eines +Königlichen Sohnes+, und als ich endlich meiner
Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der
Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In
diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei
ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und
Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich
das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt
zu sehen.

Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen
Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte
dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren
Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir
jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich
sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem
Tode bewahrt habe.

Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein
Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe
lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst
Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der
Biervernunft. -- Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern
wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, _eventualiter_ aber
einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. -- Bemerkenswerth
ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen
Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht
entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.

Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in
den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit
seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei
verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner _Thibaut_
und _corpus juris_ standen stets einige Bierkrüge, welche er zum
Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle
Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor -- Gut war
die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« -- Dies
Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb
fünf Minuten geschehen. -- Als nun X. einmal von Kameraden, die an der
Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und
Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein
Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der
ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel
genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X.
paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer
ungeheuren Quantität _Gèrevis_ aus dem Status der Schande.

Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein
Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie
bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des _Careau_
König die +Eminenz+ sei, die andern Könige »+Großkreutze+,« welche
sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die
Eminenz ausgespielt wurde. _Careau_ König stach Alles, _Careau_ Dame,
(das Bierfräulein) den _Careau_ Buben, (den Bierjunker) die übrigen
_Careaus_ Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern
Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im
Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das
Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will
ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel
hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst
schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist.
Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen.
Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die
Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:

    (Melodie: _Gaudeamus_.)

    _Venit, virgo hilaris
    Casum nullum timens
    Sed puella rapitur
    Et a rege capitur
    Vah! puella cadit._

Das Kobbeschef (von _jeu_) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen
an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.

Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und
eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre
Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr
angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten
Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten
für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr
willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld
hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt.
Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden
Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. -- Schlimm
für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht
leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich
den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens
mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide,
grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne,
die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre
Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. _Gloriam
quam pepere majores, digne studeat servare posteritas._ Ein gewisser
C. schoß sich, -- eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier
Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten
lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die
Vorsehung die Worte ausstieß: +Weiß der Teufel ich glaube es ist ein
Gott+!

Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen
glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen
Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu
einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach
Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den
Worten: »+So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen+.« Diese
unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit
bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen
liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem,
wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste
Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen
sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und
Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen
Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die
Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen
befreundet war. Die Namen _Gulefoky_ und _Porten_ sind mir in das Herz
gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie
recht Muth fassen können.

Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die
Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren
Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters
oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer
humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie
durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn
es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig +duckten+. Man
konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend
demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man
verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das
Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten
einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: -- »Aber!
meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott!
(Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße
rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den
Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch
von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.

Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so
mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer
Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an
ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich
den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die
einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren
auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe
Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein
Normalstaat, Holberg das größte poetische _ingenium_ der Schöpfung
und nichts schwerer als +paa+ (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu
studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger
_Petrus á memoria_ sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher
zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder
Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid,
sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen
kann, der auch höchst selten verpaßt wird. -- Jetzt nimmt Einen der
Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und
schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn
so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. -- Würde
übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein
sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines
ganzen Honorars verlustig geht.

In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron
und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg
auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren
Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten,
ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte,
daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich
Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.

Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte
sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit
der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt,
wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei
der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen
betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen
ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That
wohl daran ihre Beispiele »+von edlen Handlungen illustrer Personen+«
unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem
Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein
Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er
mehr als +Familien-+ denn +Adelsstolz+ hervortritt, sich mithin auch
gegen seines Gleichen geltend macht.

Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien
der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei
Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und
mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war
auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf
das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein
poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.

Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten
deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern
Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu
meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie
hafteten Alle _in solidum_ unter sich, war Einer schwer erkrankt,
so schienen sie alle +plurig+, war Einer beleidigt, so schien die
deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die
Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte,
schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der
gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten
Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die
Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche
Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur
Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und
ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt.
Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem
Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen
Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei
gesprochen wurde. --

Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das
Begeisternde angriff. -- Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der
ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug
eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig
antwortete: Ich will in den Himmel steigen.

Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G.,
der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren
Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug
des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur
Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken
ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine
Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit
zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich
G. ihm als meinem Übernachbar, -- bei meinem Lever sofort seinen
Namen zu rufen. -- Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht
lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen
gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der
Mittelbadgasse.

Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern
(Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten,
indessen kein Arg weiter daraus gehabt. -- Nun begab es sich, daß nicht
gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um
Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß
ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen
zurief und dann mich auf mein Lager warf.

Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und
Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben
auf seinen Arm gestützt, schlafend. -- »Ei was Herr Schwarz!« hub ich
an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so
früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem
Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut
gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf
dieser Seit’ ist hundsmüd!«

»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«

»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt
Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um
fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande
und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe
mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G.
gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge
um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir
lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«

»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll
Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn
oder gar Euer Wecker sein soll.«

Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den
Burschen.

Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen
und tranken im +Kaffeehause+ ihr Bier. -- Mir fällt dabei ein,
daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben
so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »_lusus_« _a non
lucendo_. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige
Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen
Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das
Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.

Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im
Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter
einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste
würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von
edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche
Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der
ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman +Schindler+ in
Glarus. -- Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze
überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten
flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden
Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er
starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich,
obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde
gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student
mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines
gewilligt hatte.

Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die
Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes
Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros
verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden
Herren befehdeten. Sie contrahirten:

»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander
los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die
Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein
Einziger in der Kampfhalle fehlte. --

So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder
Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.

Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft.
Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt,
seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam
eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch
seine Verwundung beendigt.

Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit
Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre
Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,«
versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle
Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi
dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der
Burschenschaft setze. --

Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines
Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich
die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle
contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei
annullirt wurden.

Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler,
worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt
wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren.
Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner
unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige
Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche
Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der
bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der
guten alten Zeit geseufzt.

Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer
erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer
nicht des kräftigen O., des biedern F.? -- Der liebenswürdige Bremer
Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen
gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom
Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen
geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit,
wie viel +Mark+ der und oder habe, ob der Commerz-Deputation +löblich+
oder +wohllöblich+ gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen
ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie
ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen
Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und
Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen
Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer
reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber
Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze
Straße des Hamburger Berges geschieden sind. -- Der geistvolle +Bluhme+
mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen
+Siemsen+ in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel
mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar
sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte
indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. --

Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg
unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl
der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben
daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen
Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel
(Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch _lansquene_) und vor
allen Dingen das sogenannte _L’hombré_ mit Ohren, das Pharospiel ein.
-- Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole
auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt
wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in
einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. --

Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn
er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der
gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in
jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden
Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student
in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für
seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten
zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu
bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.

Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer,
dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der
Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche
über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und
fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß
erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines
Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich
kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum
Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des _Cerevisia_.

Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen
Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen
Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich
überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter
hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch
ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten
Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es
gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich
habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches
Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen
zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast
nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft
an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.

Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens
von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus
gerechtfertigt. -- Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges,
arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel
auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen?
Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die
Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier
eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen
Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.

Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände
durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte
Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand
in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in
Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man
ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover,
ja in Hannover, -- es ist schauderhaft es zu sagen, aber +wahr,
verschlickert+ man ihn, in Kuchen. -- -- -- -- --

Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit
überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will.
Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen
dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein
junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb
Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch
mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel
Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in
»Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl.
m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu
Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich --
wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung
oder seinen Hut anstatt der Makrone, -- er wird fast nie ein Märtyrer,
gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. --

       *       *       *       *       *

Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen
am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen
warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. -- Selbst
Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes
unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.

Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden
an einer _table d’hôte_ zum Besten gegeben. Während diese
lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover
ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht -- die Worte aus:
»Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle
seine Conditorläden.«

Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man,
wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich
der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein
arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder
Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden
und anspruchlos an das Ohr fluthet. -- Die Worte erinnern dann an die
Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von
Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird,
behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf
das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. -- Genießt man
diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines
Wasserfalls, der Klang überwältigt den Sinn der Rede -- und man
schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher
thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.

Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:

»Hatten dos wohhl jesehn.«

Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem
am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres
Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder
Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne
alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.

Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die
Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den
Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies _par
excellence_ von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den
Residenzbewohnern Hannovers.

Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die
»schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im
Jahr 1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit
vielen Jahren ein gemeinschaftliches Corps gebildet hatten. Ihr Chef
war der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod
seines Hundes »+Peter Fix+« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt
wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der
Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male
das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften
durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet,
sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er
sich sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen,
welches St. mit großen Euphemismus, ein +Duett+ nannte. Tief ergriff
den Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne
Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund
gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:

    _Chorus Guestphalorum._

    _Moestus noster flet praefectus
    Et dolore est confectus,
    Quia Canis interfectus._

    _St._

    _Tu mi canis, quem amisi
    Quocum cecini et risi,
    Mente adsis, faveas,
    Neque canes occurentes
    Tibi instant nune et dentes,
    Terram levem habeas._

    _Chorus Guestphalorum._

    _Petre Fixe! the clamamus.
    Justa tibi ut solvamus,
    Et quae decent, tribuamus._

Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten
gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen
wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren
geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der
Vorstellung hat. -- Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten
unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden
examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in +allen+
Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer
gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein
Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen
residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden
haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen
immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines
verhungerten Harfenmädchens vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern
ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren
wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen
ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens
originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.

Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen,
so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und
eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden
würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe
gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im
buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in
der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die
Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der
Prophezeiung des Tübinger Professors +Bengel+ freilich schon 1836
hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt
noch nicht völlig reif zu sein scheint.

Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß
sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die
Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und somit des
Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es
fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht
den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten
durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht)
Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen
Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen
Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt
sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote
vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen
Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend
vorgestellt:

»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:

»+Ich nenne mir+ _Lottum_.«

Der Sachse:

»Ich heeße Musemeischel.«

Der Westphale:

»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)

Der Rheinländer:

»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben
soll.

Ein Holländer +Ruhs+, der schönste und kräftigste Student seiner
Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch
nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst
meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren
mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch
satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. --



Viertes Kapitel.

    Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek.
    Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser.
    Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die
    Pedelle, Krings und Ritter.

+Thibaut+ ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft die
Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er über
den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, indem
er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich zu
machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten
gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg
selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin
mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte.
Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe
gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem
Rufe nach Jena zu folgen.

Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch
als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die
Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu
hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim
der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen
mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls
einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und +Paer+ den
+Kotzebue+ der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es besonders
nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine Historie von
Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen Dichter ein
von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo einschmuggeln
gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche Schiller das Product
eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar ein Trauerspiel
vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte Kotzebue
noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr seine
krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe: »Das
Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein, das ist
das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die Bühne
durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.« --

       *       *       *       *       *

Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem
Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich
ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich
meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt
gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die
Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich
instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten und
ob ein Lehn nur durch _dolus_ oder auch durch _culpa_ verloren wird,
hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging dann getrost in
die Aula.

Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für
die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis
waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden
mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen
Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:

[4]_Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus
susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et
certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me
impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed
dicendum est coram tantis +viris+, +quorum+ magna atque divina adeo
doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur
veniam +viri doctissimi+ si +aures+ vestras tam +teneras+ in audiendis
dissouis latinae linguae vocibus fatigem._

Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen
Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie
wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner
Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah,
ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig:
»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie
ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen,
wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre _vocativi
pluralis_ hineinschlucken müssen.«

Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf
Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung
lehren:

In Heidelberg war ein Doctor _juris insigni cum laude_ promovirt,
welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte
abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische
Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre
Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte
betreten der Doctor. »Aber da steht ja _publice defendet_ in Ihren
Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen
vertheidigen werde.« -- »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort,
»fordern Sie ihr Geld zurück, »_+publice+_« heißt ja auf Kosten des
Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß
_+publice+ institui jussit_ nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ
dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der
_insignicum laude_ geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um
sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser
ihn nur zum Besten gehabt habe. --

»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen
sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende
Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines
Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der
überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er
ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt,
der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche
Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell
kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben
Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen
das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie
einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede
erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.

»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die
Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit
Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon
gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«

Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen
Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal
aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der
Meinung aller Juristen die Phrase:

    »Herzallerliebstes Schatze mein!«

kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:

    »Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«

Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der
Materie über die _culpa_ eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und
wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen.
Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen
Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«

Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters.
Ich habe ihn einen angesehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine
Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine
Unbefangenheit nicht total rauben möge. --

Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der
sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem
Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen:
Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf
der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«

Der Geheimerath +Nägeli+ war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist
berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es
noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden
Ansichten über das »+mir+« und »+mich+« zu theilen. Ich habe ihn nur
einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr feinen
psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. -- »Immer,«
sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich über
die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches
ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde,
aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich
auf den Grund. Man wollte mich durch die Schätze nur dazu bestimmen,
mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen
Rothschild zu behandeln habe.« --

Der Professor +Walch+ war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles fremd
war was nicht im _corpus juris_ stand. Als er einmal Ebbe und Fluth
nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner jovialen
Freunde durch die juristische Formel: Wenn _Cajus_ kommt so geht
_Sempronius_, und wenn _Sempronius_ kommt so geht _Cajus_. Aha nun
verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das Beispiel macht mir die
Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.

Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt
wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen
zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem
von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein
herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:

    »Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren
    Petschaften.«

Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger
Alter. -- Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem
getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast Thränen der
Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar
Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung
zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos
über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine
strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte,
war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte,
dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl
des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben,
übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer
wohldenkender Vierfüßler.

In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige
geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu
setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten
Gestalt hieher setzen will.


+Meine Lehrer in Heidelberg+ 1817 1818.

Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige
Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner Art
und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der Jugend
einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte Identität
wurde verbannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch machte das
Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. Zunächst war ich
an +Creuzer+ gewiesen, der wie jeder Scholarch, denn er dachte gewiß
an eine Creuzersche philologische Schule, den noch rathlosen Studenten
ganz ausschließend in seinen Karren spannen wollte. Seine Symbolik
machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der höchsten Begeisterung
vor, als wenn er selbst eine Incarnation des Wischnu oder Kneph, so
nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit der höchsten Ehrfurcht
wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst behandelt und ob er
gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen schloß, so wurde er
doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte nicht eine Abmahnung
profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es benahm der Begeisterung
nichts, daß das dritte Wort im Citat aus Jablonsky, Zoega, Porphyrius,
Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch nicht daß er in einer Hand die
Kreide in der andern den Schwamm in die Höhe hob, viel Taback nahm
und über die _ars poetica_ sprach. Das Komischste war die Überfüllung
des Locals, so daß kein Gang zwischen ihm und den Subsellien gelassen
war, der letzt hereingetretene Zuhörer so saß, daß man die Thür nicht
mehr öffnen konnte und einer sogar seinen Platz im Katheder selber
neben den Füßen des Meisters hatte. Aus allen Facultäten waren Zuhörer
da und ließen sich das confuseste Gemisch von Wahrheit und Dichtung
(oft schon Dichtung bei den Alten, die Creuzer für die Sache selbst
nahm) ächt philologischen Wissens und der willkürlichsten Etymologie,
ohne Plan und Zweck als etwa den, alles Höchste und Erleuchtetste des
Geistes in der vorgeschichtlichen Zeit zu suchen, und das Dasein des
Menschengeschlechts ins Unendliche der Vergangenheit auszudehnen, die
Methode ohne Philosophie, die Begeisterung ohne Poesie, und doch beides
zur Schau tragen wollend, vortragen, verloren sich seine romantischen
Reflexionen doch nur in trocknen Adversarienkram. +Hegel+ war gerufen
durch Daub, aber wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften
noch bei Schwarz Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers
+Voß+, war auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des
Griechischen und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet
worden wäre, es zu benutzen. +Paulus+ stand damals noch frisch in dem
Rufe, in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein,
der Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und
war der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die
alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen schickten ihre
Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien,
also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein
Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder
nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als
mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde
Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand
und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als
daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren
Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses
Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn
Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So
auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und
die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der
Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk
eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles
nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen,
denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und
seiner Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue
genannt stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf den Inhalt ankam,
der wahr oder falsch, gut oder böse sein konnte. -- Wenn +Paulus+
für uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und
die Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung
keiner Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so
war es entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger +Hegel+, der sich
um unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches
Messer in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir
es ahneten. Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die
tiefste Polemik des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren
war uns gänzlich verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und
blieben leer. Nur wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und
ließen sich durch das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der
zuhörenden Köpfe, welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf
der andern den Vortheil der _tabula rasa_, die nun sogleich mit dem
rechten und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu
anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als
der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in
ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes
oder jeden dritten Satz mit »also« begann, so daß es Hohlköpfe in
seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also«
einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen
davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange
die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung
gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei
dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen
des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe
der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen,
denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.

Der interessanteste meiner Lehrer war +Carl Daub+, ein Kurhesse, also
Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel,
der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber
sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände
genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht
nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht
und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die
Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht
hinaus gekommen, und mußte darum consequent die Philosophie für das
Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des
religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig
gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die
Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb
derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch
das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der
Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb
die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den
Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation
festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil
seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein
schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht
schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine
Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in
dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt
gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit
dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die
ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der
Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem
Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der
subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das
interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing
Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben
gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters
der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den
schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten,
wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd:
meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann,
erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch
ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und
arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte.
Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für
ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der
Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie
gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus
auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel
sprach er damals mit der höchsten Achtung und Bewundrung. Und
obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub
mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der
Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war,
aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker
ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik,
Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine
Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht
hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken
und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den
klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige Wort
gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf dem
Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen werden.
-- Den Hofrath +Langsdorff+ kannte ich nicht als Lehrer, denn er hat zu
unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war sein Ruf größer
als seine Leistungen, die schon verschollen sind. +Schweins+ dagegen
hat die Mathematik in einer ansprechenden Nimbus zerstreuenden Methode
vorgetragen und lebt in einer Schule junger Mathematiker fort, mit
denen er aber, sobald sie etwas drucken lassen, in öffentlichen Streit
geräth wegen vermeintlichen Plagiat’s. Es ist dies eine Schwachheit
von ihm. Er stand in Heidelberg ganz allein, und hat sich hungernd
herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit heirathete er hülfsbedürftig seine
gesetzte Köchin, und hat noch ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit,
Halsleiden, machten ihn sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe
aß, ohne vorher das Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die
Schmerzen nicht schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich
hatte im Winter früh 7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn
antraf, als einen Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich
nie vertragen, desto besser machte er den Vater und Rather der jungen
Leute unter denen er am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und
sich am liebsten der politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing
er immer mit älteren oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer
von 3-4 sein, während zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik,
brachte ich sie in 2 Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in
der schwersten Parthie gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich
auf das fleißigste benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag
war, daß er so viel thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte
er: vervielfachen statt multipliciren, theilen, messen (schöner
Unterschied) statt dividiren, -- Verbindungen statt Combinationen; die
Trigonometrie heißt bei ihm: Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er:
Größenlehre, und eine wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie
der Zahlen. Er ist ein Franzosenfeind und beweiset, daß ein _Lacroix_
und _Laplace_ ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.

Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des
als Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten +Schlosser+. Dieser,
der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen
gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm
seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab
es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit
einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich
blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben
zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum
einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen
Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu
Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die
gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden
sich in einem wirbelnden Gewirre, welches sinnbetäubend war. Bei
der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb
war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken
lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie
seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen
auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes
Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes,
welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält,
ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles
seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er
zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut
die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines
Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine
christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des
gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für
alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel
vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und
deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die
stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und
die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht hinaus, und mit
weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er
versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben,
und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen,
die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des
achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die
Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die
Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den
Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt
von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den
Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr
tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität
als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten
Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in
ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit
denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben
mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die
Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die
Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben
sie von Hegel nichts verstanden, als seine großen Ausfällen zu §. 320
der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die
sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke
wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er
keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner
Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der
Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat
hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem
Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke
behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen
müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte,
daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann begann
seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen Theile er
griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister ist +Gmelin+,
der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die dicken Bände seiner
Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging und dabei beständig
experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns nur auch eine solche
Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, also zu breit gab,
Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, Geognosie ist unterstützt
durch seine autoptische Virtuosität im Erkennen der Mineralogie, durch
eine köstliche, vollständige auch krystallographische Sammlung durch
Modelle und Abbildungen. -- +Schelver+, der Magnetiseur, war mehr im
magnetischen Rapport mit der Geschichte (so nannte er die Entwicklung)
der Pflanzen, als stark in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von
denen ihn hin und wieder die aus seinem eignen botanischen Garten in
Verlegenheit setzten.

Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.

Der Pedell +Krings+ war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines
gutmüthigen Collegen +Ritter+, der fortwährend an den Don Juanschen
Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht hohen
Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte die
Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre
Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und
Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar
eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem
Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und
sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.

»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen,
»vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v.
F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch eine gute Anstellung
in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R.
wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer
über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein
rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen
Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen
unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte
Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen,
was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner
damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde
offenbart. -- Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. --

Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu
vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf
Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei
Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus
der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines
Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem
Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft
sehr komisch, wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger
Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem
ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen
sah. --

Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst
keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse
wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf
gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu
+arretiren+ oder besser gesagt, zum +Prorector+ zu +entbieten+.
Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der
große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in
der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren
Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. --



Fünftes Kapitel.

    Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der
    Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter.
    Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer,
    Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.


Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den
Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher
zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen
Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden
Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben
Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien
war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er
hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen:
»Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf
seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er
ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten,
welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die
vollkommene Wahrheit der Anfuhr. -- Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo
ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem
Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf,
den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn
gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal
zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler
von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie
ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen.
Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten,
er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J.
der Vorläufer des Hugoschen _Johann von Island_, jener Ausgeburt der
Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen
Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.

Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut
und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet
hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein
Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in
seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder
erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu
sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in
die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen
gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer,
das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.

Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur
fremd sind. -- Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender
in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. -- Nun ist Alles
klar.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818
zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs
Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen.
Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm,
ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den
alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten.
Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum
verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg
mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben
gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem
Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei
verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer
in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht
von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo
das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing,
hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der
Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn
zum Schutz herbeiholen zu lassen.

Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem
Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte,
schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer
glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder
der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das
eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten
Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich
den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu
Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:

    »Und als er ein Stück gereiset war,
    Sieht er sechs Gräber graben.
    Wiederum dum da, wiederum dum da,
    Sieht er sechs Gräber graben,
    Ach liebste liebste Gräber mein
    Was grabt Ihr da für’n Grabe,
    Wiederum u. s. w.
    Was grabt Ihr da für’n Grabe.
    Das graben wir für Seine Braut,
    Die ist diese Nacht gestorben.
    Wiederum u. s. w.
    Die ist diese Nacht gestorben.«

Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste
Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten
Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle.
Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen
Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann
wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf
den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte
sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des
Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur
drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.

Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen.
Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb
eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch
seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt,
dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich
lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht
glaube. -- Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige
Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch
in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still
er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des
Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den
Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da
er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den
Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.

Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück
hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit.
Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden,
die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt,
ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die
Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor
sich Hinstarrende, belebte. -- Und doch passirte bei meinem Anblick
das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine
Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im
Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich
schwer, doch deutlich aussprach, -- dann aber mit grinsenden Lächeln
wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren
der Todesengel erlöst hat. --Der alte Papa Ditteney ist ihr schon
mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater
vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister
nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine
öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen
Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht
annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel
verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort
Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern,
als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre
gebettelt.«

Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich
langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren
getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in
Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem
bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen
pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier
des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es
wurde wie man zu sagen pflegte, +contrahirt+. Der Bruch zwischen den
Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der
Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke
zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten _Clarina_: »Kattel,
kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage
ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete
die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede
nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke
Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit
Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht
dorthin, wo nicht getanzt wurde. -- »Ich tanze mit alle Herre Juriste
mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch.

Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je
eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch
ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter,
ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, --
aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn
zerschellt hat. --

Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und
Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren,
außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und
Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft
ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.--
(v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und
ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter
und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen
gestellt wurde, +ohne Hunde+, ohne +brennende Pfeife+ und wenn derselbe
kein _alibo_ behaupte, auch im +Frack+ zu erscheinen.

Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. -- Jetzt
fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn
die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern,
was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da
diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir
unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino
fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern
dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man
sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt
in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse
zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster
hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder
gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie
das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in
die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des
Handwerksstandes zu tanzen. -- Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf
über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders
belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen
giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich
erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung
fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei
vor Liebe nicht hassen und verachten können. -- Ist es mir doch später
einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner
durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann
nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist.
Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und
einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu
bedienen hatte.«

Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen
häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche
übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten
und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten:
»Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen
einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«

Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher
damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos _vis a vis_
residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins
das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich
ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst
klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts
unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.

Das rosige kindliche +Fränzchen+, die Jugendliebe meines theuersten
Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen.
Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue
Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen
Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren,
der mein lieber Pathe geworden ist.

Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen
Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes
gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist,
die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern
der blühenden Kinder zu reproduciren.

Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die
vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus
einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern
mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen
und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine
eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen
vorzustellen.

Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn,
besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich
fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung
an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure
Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland
gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner
Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der
unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift
strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden
Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst
auch Du mir ein, süße +Selmy+! Du schönes Mädchen aus N., Du meine
erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter
den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen
Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich
doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst.
Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie
eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und
Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in
Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit
meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch
Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines
hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So
weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach,
einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. -- --

Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon
vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich
bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher
Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte:
»Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach
einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren
vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie
zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt
durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.«
--

Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die
träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren
Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die
zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein
Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte
kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken
darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr
freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.

»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd,
die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau
Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber
nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir
gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die,
selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte
Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen.
»Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte
sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend.
»Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie
sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« -- »Sie haben vielleicht
dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich
entsinne mich Ihrer nicht mehr.« -- »Besinnen Sie sich einmal, ich
bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. -- »Heißen Sie
von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s
Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche
trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen
Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« -- »Ja!« versetzte
die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach
Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und
meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung
daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester
meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb,
wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem
Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie
erkennen.« -- »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen
Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« --
»Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein
ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß;
ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:

    »Klopf ich an deine Pforte an,
    Einst im Verlauf des Lebens,
    So sei es nicht vergebens.«

Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte
dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen.
Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie,
seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen
Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte:
»Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe
und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune
sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. -- --

Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818
erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein.
Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden
davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht
mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er
denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche
unter dem lauten Zuruf »+Herbschthau+« gepritscht, und mußte sich
durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -- Bald wurde der
Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer,
größtentheils Bewohner des Städtchens +Eberbach+, welche auf dem trägen
Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten,
da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen:
»+Eberbächer Kukuksfresser+,« »+Eberbächer Säckbrenner+!« u. dgl.
beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken,
daß +Eberbach+ ungefähr den Rang von +Schöppenstedt+, +Schilda+,
+Krähwinkel+ und +Buxtehude+ hat und daß von seinem Magistrate erzählt
wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot
gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe.
Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke
zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens
bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.

Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei
und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen
Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur
bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und
das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den
Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen
heutigen Tages eine _colonne mobile_, erstürmten die Weinberge, wo sie
sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer
wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und
Weintrauben holten.

       *       *       *       *       *

Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre,
wird er trinkbar und unter den Namen »+ä Schoppe neie+« gefordert.
Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr
berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps.
-- Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach
oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz
erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der
Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt
saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß
es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa
das Bedenken gemacht wurde: -- »Eine Herbscht hält der Josep de neie
wol aus, aber länger nit.«

Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder
zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar!
alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten
sich todt getrunken.

+Adam Müller+, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern
Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der _table
d’hôte_ im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft
von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit
entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es
ihm eingebe. -- Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische
Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch
mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. -- Der
Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag
speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in
seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch
geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner
Gemeinde erklärte.

Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr
von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung
witzig: »_maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze
jours_«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer
bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf
eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er
sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der
Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge
Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich
diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen.
Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia,
der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in
Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der
indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher
Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.



Sechstes Kapitel.

    Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der
    Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim.
    Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier.
    Metzger Eisengrein.

»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin
Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem
Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die
dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen
+Odenwald+ gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins
Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese
Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich
war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen
Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber
geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein
Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den
Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches
von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon,
der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und
die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten
beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt
erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen
hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen
ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen
Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem
vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern
geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer
Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine
blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich,
wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher
zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt,
meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft
verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe
Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen
der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende
Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein
Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann
zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz
oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.

Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von
Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit.
Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das
Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie
haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen
benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit
maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren
spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. --

Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie
genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im
verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust
Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen
weiß ich wenig zu sagen, nur daß der +König+ der +Schuldenmacher+ bei
ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die
geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem
oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe
versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend.
Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch
die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt
wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und
Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer
Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen,
der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges
Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das
Sprichwort:

»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« -- so wahr als hier.
Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an
den Hals gelegt, -- so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt
eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf
einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die
Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem
Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg
auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:

    In meine Seiten greif ich ein,
    Sie müssen alle hinter drein.

Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer
anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.

Der Graf von +Erbach+ war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den
vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich
auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der
Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen
sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des
unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die
Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche
doch wol der Kirchhof _pére la Chaise_ bei Paris, wo bekanntlich
die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten
Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und
Accessionen requiriren könnte. --

In +Eilbach+, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß,
welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger
Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes.
Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt
entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein
hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum
(nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe)
von einem +Bäcker+ u. Weinwirth in +Nürnberg+ erstanden, welcher aber
bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten
den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre
Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank
bitter intimirt. --

Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen
Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.

Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen
weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.

Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn
es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf
sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief
in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er +schenkte+
dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih
_accessit_, das zweite, sein _ci devant_ Bestes, dem nur zwei Zacken
gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll
dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft
Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.

Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in
einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen
je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten
alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch
den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des
Roulets oder des _trente et quarante_, welches mit seinem trügerischen
Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische
wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken
heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten,
welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach
Rastadt hingingen, -- und von den ankommenden Landleuten, die mit
Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, --
um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr
pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen
verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch
verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. -- Ein ähnliches
Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach,
einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. --
Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem
Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer
solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin
wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden
zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer
Italienischen Reise die Wegelagerer thun. --

Ich wiederhole hier mein Catonisches »_caeterum censeo_« das wie ein
rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden
endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der
Hölle ausgerottet werden? -- Man rechnet Louis Philipp manches, was
sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der
Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im
Pantheon.

Der +Wolfsbrunnen+, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin,
tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch
in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach
+Neckargemünd+, +Neckarsteinnach+ und seinen vier Schwesterburgen,
wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein
und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick,
besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.

Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte
man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den
schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch
das Birkenauer Thal bei +Weinheim+ so wie die ganze Gegend um dieses
Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender
und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb
des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als
ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, -- da bekam ich die Idee, daß
hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar
wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich
würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.

Drei Male in der Woche war in +Manheim+ Schauspiel, wohin man
gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr.
Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des
alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer
artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten
Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann.
-- Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines
alten Ehepaars Namens »+Sauerwein+«, die keine andere Kinder als ihren
Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie
züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des
eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. -- Das
gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig,
noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen,
den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende
Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend,
allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S.,
dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht
diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an
einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück
kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu
wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung
in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich
der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte,
und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen
Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene
zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar
der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin
fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor
zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide
alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel
wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und
neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«

Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten
Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben
in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt
war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren
versuchter Vergiftung. -- Die meisten lagen in Manheim wo sie einen
Clubb hatten, in dem Einem Alles +spanisch+ vorkam, da dort wo
möglich, +spanisch+ gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint
die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (_Acti labores
jacundae_.)

Ein +Lieutenant+ L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei
der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier
nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse
den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der
Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L.
hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der
die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt
gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige
Rettungsmittel verordnet. -- L. hatte geschwankt, endlich aber die
Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise,
aber eindringlich das Wort »+Terpentin+« in die Ohren geraunt hatte.
Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier
auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl
hineingegossen und es mit Lappen umwunden.

»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen
Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel
verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem
schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im
Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde
in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit
zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. -- Und siehe der Bösewicht leerte
mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn
er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«

Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen
Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht
wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete
ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt
gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster
dienen.

Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus
freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch
selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die
Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der
letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen
alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des
Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die
demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und
Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.«
-- Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell
vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen
blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon
seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an
einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben.
Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum
Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief
erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir
sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.

Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.

      »O daß ich tief
    Im Grünwald schlief
    Von wehenden Bäumen umschattet,
    Im Erdenschooß
    Des Jammers los,
    Worunter das Leben ermattet.
      Die Thrän’ versiegt
    In Ruh’ gewiegt
    So lieg ich auf kühlendem Bette;
    Im Abendschein
    Strahl’n Perlenreih’n,
    Und schmücken die ruhige Stätte.
      Kein Leichenstein
    Auf mein Gebein!
    Der Fremde vorüber mag wallen,
    Im Frühlingsblau
    Im Himmelsthau
    So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.
      O daß ich tief
    Im Grünwald schlief
    Von wehenden Bäumen umschattet,
    Im Erdenschooß,
    Des Jammers los,
    Worunter das Leben ermattet.«

Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten
Charakteren, Poesie und Prosa weckt. --

Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen
Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine
Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen
bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch
auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie
ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde,
die ewigen Burschen (_juvenes perpetui_), nicht für die Philister,
die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. -- Also heraus damit:

Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus
Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu +Pferde+ comitiren.
Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das
Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee,
die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack,
einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit
ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener,
deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an
dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.

Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem
Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen
Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität
aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles
+Kriegsrecht+ sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des
Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr
General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem
Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls
die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.

Die Antwort auf dieses Manifest, welches ich im Namen unseres
bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend.
Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt,
wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte,
geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige
Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von
unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung
gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht
erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse
steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof
lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger
Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten
Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis
vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes
vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen
starrten.

Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der Hannoverschen reitenden
Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu
haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der
Kriegskunst zu entgehen droht.

»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein
hervortretender Schwäbischer Officier. -- »Um Vergebung unser Säbel
schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein
Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort.
»Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule
zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr
Lieutnant!« --

Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur
Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig
aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals
auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute
Reise. -- Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange _furore_
unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer
oder gar Relegation vollbracht war. --

Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem
Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht
irre mit Namen »+Eisengrein+« sollte sich gegen den ersteren einer
Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen
verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft«
bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so
bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später
der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.

Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger
Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich
wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der
Refrain gelautet haben soll.

    1) Wer wird denn wohl der Thäter sein?
    _Chorus._ »Der Metzger Eisengrein.«
    _Calumniare audacter, semper aliquit haeret._

Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen
guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten
alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren:
»Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter +Eisengrein+ verübt.«

Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.



Siebentes Kapitel.

    Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate.
    Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar.
    Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von
    Jena. Ankunft in Jena.


Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben
an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des
+Wartburgfestes+ eingeladen. Schon damals war ich von der Heidelberger
Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke aber, daß ich
ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin ein gar zu junger
Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige Majorität zu meinem
Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr als ich, und reißte
fort nach Eisenach.

Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich
zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen
Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen
Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten
Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung,
war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament
begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt,
die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben
genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er
auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen
würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und
so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück
bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen
Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule des
Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. -- Wahrlich! es giebt nichts
Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen von den
Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu fürchten.
Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der +Mangel+
die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten ist, so tritt nach dem
Abgange von der Universität, vielleicht die ersten vier Wochen nach der
Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in welchen der Schneider
einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren angefertigt und von
dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch eine entsetzliche
Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies vertilgt wird,
-- ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, daß man
veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für seinen
ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß irgend
eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, die ein
Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein _collegium medicum_, an
dem allerkräftigsten demagogischen _fluidum_ eines sothanen Candidaten
durch ihre erste Anrede beschaffen.

Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte
man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten,
edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät
eine barbarische Strenge an, und schuf so -- +Zeloten+ und +Märtyrer+.
Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der unglückliche Kotzebue
ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte fast aller Verurtheilten.
Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die Schuld nicht eigentlich
an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, eigennützigen und
schwachen Benehmen der meisten academischen Senate lag. Denn wenn die
Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als eine unschädliche
Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller academischen
Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen allerdings
möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften ist, als
die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen temporisirten
viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom demagogischen Kitzel
angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm juckte, bis er auf das
Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil ließen sie aus Furcht ihre
Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, nahmen eidliche Versicherungen
der Nichtexistenzen von Verbindungen entgegen, deren Mitglieder ihnen
alle namentlich bekannt waren, und nur wenn ein mächtiger Erlaß von
Oben kam, übernahm es einer der Professoren, und zwar dann gewöhnlich
der rigoristischste, die von ihm selbst genährten und gesäugten
Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit zu überliefern.

Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte
Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. -- Daß
aber, (+das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen+,) bis
1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische
Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich
später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena
abgehalten wurden, evident belegen zu können.

Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete
und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen vorher
bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein Gelehrter
einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, ein +Rippel+
etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches Vortrinken sich bis
zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr erinnerlichen Gradationen,
steigerte. +Rippel+ war aber auch ein Krug, welcher das angegebene
Quantum faßte und insbesondere in der Weberei von den hübschen Töchtern
credenzt wurde. Über den historischen Ursprung dieser Namen wußte
Niemand, selbst nicht die weibliche Ganymede etwas anzugeben.

Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst
beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann
unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis zusammengescharrt
hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf
einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen,
ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und
Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den
engen Chor, indem er ausrief:

    »Wo sind die Heidelberger Burschen?
    Die Heidelberger müssen mich sehen.«

Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren
_cidevant studio_. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger gefunden,
als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief:

    »Kinder! ich bin »+Rippel+,« ich bin ein +Avantagewort+, ich bin
    +Rippel+, nachdem die Heidelberger Bierkrüge +Rippel+ genannt
    werden.«

Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen
sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen
Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben.

Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle
Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen
Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem
Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt bis Eisenach
reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine
Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß.
Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in
Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt:

    »Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in
    der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben.
    Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem
    Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten
    Rohr und schneiden Pfeifen.« --

In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier
trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein
Von?« Ich antwortete sehr prägnant »+Zufällig ja+,« weshalb ich nun
eine Vernehmung _ad personalia_ bestehen mußte. Als ich Gotha verließ,
geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch gemacht
hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei.

Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen, +Schillers+
Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst nicht als ich den
Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber faßte ihn sein
Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den Herrn »»+Hofrath+
von +Schiller+,«« Ja der liegt hier. Der Herr +Hofrath+ muß sehr viele
Verbindungen in der Welt gehabt, in Geschäftssachen alle seine Kunden
sehr gut bedient und sehr viel Gutes gethan haben, denn alle Reisende
fragen nach dem Herrn Hofrath mehr, als nach allen Geheimeräthen.« --
Damals wunderte ich mich, nachher habe ich in vielen Orten mehrere
solche Todtengräber kennen gelernt, welche ihre Schriftsteller nur nach
der Classe und Ordnung kennen, in welche sie das Linne’sche System des
Staats, die Rangordnung setzt. -- Aber in Weimar mag dies Ignoriren der
großen Geister überhaupt zu Hause sein. --

»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der
Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts
ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr
Keheimerath macht auch +Fehrsche+.«

Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen,
wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch
Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und
hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen auf
meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich
die +Pfannkuchen+ des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen ich
übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in der
Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre lang
nachher den Artikel +_omelette_+ auf den Repertoirs der Restaurants mit
der Hand bedecken mußte. -- Jetzt bin ich, wie überhaupt mit dem ganzen
Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen versöhnt und rufe gar oft bei
dem Anblicke leider aus: »_quel bruit pour une omelette_.«

Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt
war ich wegen körperlicher Schwäche +gefahren+. Es schien mir aber
des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, zu
Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung,
überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser
vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die
in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und
athemlos zu +Ketschau+, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar nach
Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen eines
weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin undeutsche
Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre verdeckt und
ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits verliehen hatte.
--

Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein
Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege
gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer
und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach
Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus
mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah
ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs
auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der
Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden
kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn
auch nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte
dem +Freiknechte+ Jonas. -- Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz
und Mitleid kämpften alsbald in mir. -- Auf einem solchen Karren als
Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen,
ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich
hatte ihr einen verächtlichen _characterum indelebilem_ angehängt,
das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter Witze für
die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals war
_Jules Janins_ »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen und die
Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite habe ich
immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die Ansicht
gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« gebe,
der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung nicht
den +Ganzmeister+ im Samariterwesen als +Halbmeister+ demüthigen, und
ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort verlassen. Habe ich
es doch nie über das Herz bringen können, undankbar zu sein!

»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,«
raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff
und ausführte.

»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig
vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen
zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande
an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und
Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die Ehre, welche eigentlich
nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel
keine Realität hat.«

»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister,
»Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«

»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung
Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten
giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im
Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen.
Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer
kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine
Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man
an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich,
daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der
Meinung Anderer bestehen.«

Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«

»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande
nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß
sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß ihnen irgend ein
Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen
Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die
Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor
etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit,
welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die
Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention
abstehen, denn dann könne ja jeder +Esel+ und +Dummkopf+ Halbmeister
werden.««

Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit
dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann
folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er
nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen
wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen
dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die
Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. -- Und hier mag
es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht
ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu
erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag,
viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche Einem das Leben zu
retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. --

Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die
Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden
Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen;
als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter
Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator
auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst
amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine
köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte
recommandiren. Bringt Wölnitzer -- Pfui doch! Schwerstädter -- nein,
Lichtenhainer -- warum nicht gar! -- Oberweimarisches Bier wird ihm
munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die
Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath
seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von
allen Bieren auf den Tisch zu stellen.

Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, und
marschirten an meine Mundküste, um sich von mir +köhren+ zu lassen.
Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der verschiedenen
Sorten mit meinen Lippen, etwa wie die mütterlichen Augen auf den
Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.

Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in
ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte.
Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es
probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über
den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere
starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein
Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo
derzeit immer Wein getrunken wurde.

Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu
schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die
Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch
seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche
nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer
Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der
Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden
war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem
Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden
travestirten Blicken von Stolbergs altem Ritter. »Wer war das?« fragte
ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,«
belehrte mich mein Nachbar.

»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und
Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich
vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle)
und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür
aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden
Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser
moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«

Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der,
wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als
Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt
und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht,
ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei
Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren
lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte
überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf
dem Jenaer Markte auszulöschen.

Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder einige Bundestagsgesandte
ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den
Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie
einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils
nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den
academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren
verklärt.

Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem
Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General
ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils
ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden
Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten,
damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal
anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn
man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war
auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen,
worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.

»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,«
bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend,
»da Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«

Und der wäre?

»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans
gestohlen hat.«

O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich
selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen.
Allein die _levis notae macula_, welche A. der Heidelberger
Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte
ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner
Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in
unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne.
Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was
ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger
Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.«
--

»Du bist +gefordert+,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz meiner
nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick laut
lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu erbittern
schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein im
Westphälischen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für die
Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch +Obstagium+ genannt.
Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner
versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte
Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte
einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu
verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch
die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten,
wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so
durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für
sie in eine Herberge einreiten, wo immer das +Einlager+ (das auch
deshalb das +Einreiten+ heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn
Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.

Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur
den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde
ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.

Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese
Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so
mehr jubelten aber ihre Feinde im Stillen, begeistert durch die
Ermunterungen ihres despotischen Generals.

Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein
Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das
auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe,
plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.

»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte
er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste
Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste
erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier
das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)

Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber
gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende
Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier
zur Versöhnung.

Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert,
als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte
sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er
behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen
bedienten, und die lernenden und lehrenden Mitglieder der Academie
mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren«
anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie
enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres
Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie
reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen
Herren gemodelt haben. -- Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen
Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit
zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine
Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte
er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein
Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte
er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle
+Deutsche+ und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«

Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und
des Abendessens einen besondern Anblick. -- Wenn man in die Thüre
des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen
wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche
unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten werden
kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde
dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund
des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein
zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war,
welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern
Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer
vereinigte. --

Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in
Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen,
denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten
Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher.
_Condordia res parvae erescunt -- Gloria virtutis comes. -- Vivat
circulus fratrum Rhenanorum_, Elise ist ein Engel, gekreuzte Schläger,
Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, 1800,« und
manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren es die den
archäologischen Hunger viel mehr als den physischen befriedigten. Der
räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem Rathskeller ohne
Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, welches man in Rüben
verhüllt ihm auftischte, +Rindfleisch+ sein sollte.

Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach
Ziegenhain. -- Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach
meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles
auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar
bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft
alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt
zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand
sich ein Freund in der Noth. --- Sobald aber alle gehörig mit einem
Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die
Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich
sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig
»+Thus der achte+« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog der
Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen
Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden
aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.

Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die
Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis
mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten, es
wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes
freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine
Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie
selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des
Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem
Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung
zu nehmen. --

Mir fiel oft das Sprichwort dort ein -- »Ein Engel löffelt mit dem
Andern.«

Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen
und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz
unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da,
wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung
nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von
Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes
in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu
conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion,
und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt
schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind
dies +Loresen+ und +Sand+. Der Dänische Canzleirath Loresen war damals
von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner imponirte
er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch seinen
Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er war und es
ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen Schritte, von
denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm nur auf fremde
Einflüsterungen gethan sind. -- Überhaupt ist es nicht zu leugnen, daß
die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im bösen Sinne
über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer machte.
Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:

    »Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«

Ein ähnlicher Character war der +Sands+. Die Ermordung Kotzebues war
lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale Schwachköpfigkeit
des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles und Großes in
ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu lesen, die er
mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast französischer
Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:

    Lieber Freund, wer Dir vertraut,
    Der hat auf keinen +Sand+ gebaut.

Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln
sah, antwortete darauf diese ernste Worte:

»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm
selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und
Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem
Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses
wollen wir wohl bedenken, -- aber wollen wir dann noch Wohlgefallen
haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und
Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land
zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß
nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen,
berufen ist?«

Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. --

    Jena, am Burschentage vom 29. März
           bis 14. April 1818.
    Dein deutscher Bruder +Carl Sand+,
      G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.

Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich
denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von
Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite
und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« --

Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg
nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s,
den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich
glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena
vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in
Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der
angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.

Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen
Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe,
komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen
ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch
mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf,
ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht
zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf
der Schnellpost reiset und nur 30 lb. an Bagage frei hat. Und was
zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein
Leichenhemd. Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und
wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden
kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner
Erzählung zu steigen. -- Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung
worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu
den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen.
Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker,
einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das
Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei
Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der
von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des
Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze
Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah
er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin +Hedemann+ einen
Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage
aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder,
ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter
Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen
Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche ihm ehren
sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich
bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für
Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus
viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist
geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität
als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele
erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen
von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich
übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle
meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte
Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und
nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von
Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen
Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister
sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden
vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese
_crassa minerva_ ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur
noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn
Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen auf, ob ich ihm nicht im Jahre
1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, +daß ich innerhalb drei Tagen
ein Bein brechen würde+. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes
Ausgleiten die _tibia_ zersprengt. --

Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen.
Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich
bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich
der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt,
denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage
seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald
als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich
spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei
um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, daß
wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner _villa_ kehre, welche vor
dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den Todtenweg
hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde nicht recht
richtig ist, -- -- sobald mir irgend ein Geist begegnet, sei es ein
edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder nur so ein
Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: »Bester! oder
Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der Braunschweigischen
Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die Verstorbenen müssen
allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, vielleicht aus
Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher blamirt, nicht zu
antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf losgeht sind
sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, in denen
sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas alter
Weibersommer befindet.

Doch zur Sache. -- Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus
Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages
ging ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist,
ich glaube aber es war der jetzige Professor +Leo+ in Halle über das
_forum_ vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März zur
Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches
auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden
ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um
mich Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den +Lausewenzel+
nicht mehr +bleffen+ möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn Du
sechs gute Groschen für das Viertelpfund anwenden willst, so gehe nur
in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger
+Justus+ bekommen.« »Hängt!« (das lateinische _accipio_) entgegnete
ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus, worin sich
der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen warteten meiner
draußen. --

Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir,
daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen
wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als
+Leiche+ auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen sogleich und
beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller Mittag. --

Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr
Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.«
»Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für
mein Gottes-Urtheil suchend.

»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den
Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.«

In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet
Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß
ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus.

Wenn man im Norden einen Bauer fragt: »Freund! wie weit habe ich bis
zu X.?« so hört man nicht selten die Antwort: »Eine Pfeife Taback.« Es
wird von den Antwortenden darunter eine gewisse Zeit verstanden. In
diesem Sinne kann ich von einem Viertelpfund Taback weiter referiren.
Ich blies meine letzte Pfeife nach wenigen Tagen aus dem zweiten Stock
der Jenaer Marktapotheke in die Luft, als ich vor dem bereits erwähnten
Kramladen, dicht an der Sonne, einen Leichenzug halten sah.

Ich gestehe, nie in meinem Leben von einer solchen innern Angst
ergriffen worden zu sein, als an dem fraglichen Nachmittage. »Seht
Ihr,« rief ich aus, abermals eine Vision wähnend, mit dem Finger nach
dem Kramladen zeigend, »seht Ihr was dort vorgeht?«

»Es ist ein Leichenzug,« war die, aus dem Munde der Gegenwärtigen
einstimmig hervordringende Antwort.

In Bremen lebt ein geistreicher Schiffsmackler Namens +Heineken+, der
erste und vielleicht der einzigste, welcher nach einem Compaß von
Schwedisch nach Russisch Lappland gesteuert ist. Zehn Tage und zehn
Nächte hat derselbe sich mit gefrorner Milch und Fleisch vom Rennthier
und mit Branntwein genährt, und schon die Hoffnung aufgegeben, je
wieder menschliche Wohnungen in diesen Schnee- und Eisgefilden zu
finden, als er endlich am eilften an einem Tannengehölz gekommen ist,
aus dem ein Hundegebell ihm die Nähe von bald gefundenen Menschen
verkündigt hat. »Nie,« pflegte er oft zu sagen, »hat mich eine
menschliche Stimme, nie der Ton einer Sängerin so entzückt, wie dies
Wau-Wau eines unvernünftigen Thieres.«

So war auch mir zu Muthe, als ich merkte, daß meine Erscheinung kein
Spuck sei, sondern diesmal wirklich Realität hatte. Neugierde und
Tabacksbedürfniß führten mich indessen noch an demselben Tage in das
Haus des Krämers, dessen Tod mir die Nachbarn bestätigt hatten. Im
Anfang gab der Bursch mir sorglos die verlangte _herba nicotiana_;
als ich ihn aber an meinen prophetischen Spruch erinnerte, wurde er
kreidebleich und rief aus: »I Herr Jesus es ist wahr, Sie haben den
Tod meines Herrn vorausgesagt, er ist noch an demselben Abend, da Sie
zuletzt hier waren am Schlagfluß gestorben.«

Ich überlasse die nähere Anatomie dieser Geschichte den Medizinern,
Philosophen und selbst den, bald hiezu berechtigt werdenden
Wassertrinkern, wahr ist sie auf Cerevis und Ehrenwort. Überhaupt
lüge ich nie, habe es auch nicht nöthig. Denn warum? Es wäre dies
ein abscheulicher Luxus. Mir passirt Gott sei Dank! und Gott leider!
vielmehr, als sich die tollste Fieberphantasie auszubrüten vermag, und
vor allen auf Reisen; ich brauche oft nur das Erlebte zu schildern um
zu riskiren, daß man mich für einen Münchhausen hält. Zwar gilt von mir
auch der Göthische Vers:

    »Das Geisterreich ist nicht verschlossen;
    Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist todt,
    Auf Schüler! bade unverdrossen
    Die ird’sche Brust im Morgenroth.«

Ich bin vigilant und _Vigilantibus_, »_jura sunt scripta_« sagen
wir Juristen. Zudem versäume ich nicht leicht eine Gelegenheit, um
meinen Abentheuerschatz zu bereichern. Wenn ich reise und es bricht in
dem Orte wo ich mich befinde, sei es auch in der weit entferntesten
Vorstadt, Feuer aus, so stehe ich auf und eile hin, wie ein guter
Landesherr, weil ich mich für einen humoristischen Prinzen von Geblüt
ansehe, dem zu Ehren das Feuerwerk gegeben wird.

Hiebei fällt mir wieder eine Erzählung aus dem Philisterio ein, die an
das Unglaubliche gränzt und meinen Satz schlagend bewahrheitet. Also
wieder ein Passagier der in mein Schiff springt.

Ich besitze das Talent, so ziemlich jeden Dialect zu copiren, und ein
wie schlechtes musicalisches Ohr ich auch habe, so scharf und sicher
höre ich doch aus jeder Rede des einzelnen Deutschen den Ort seiner
Geburt oder besser gesagt, seiner Erziehung, und bin dabei im Stande
die meisten gehörten Idiome zu reproduciren.

Hiebei will ich eine Historie zum Besten geben, welche der
Vergangenheit entrissen zu werden verdient. --

Vor ungefähr 6 bis 8 Jahren saß ich in den Gasthof _hôtel de Russie_ in
Oldenburg an der _table d’hôte_, mir zur Rechten der noch lebende Agent
Herr +Jürgens+, am Ende der Tafel ein Hannoverscher Officier Herr Major
+Magius+, welcher mit seinem Nachbar sich über Paganini unterhielt.

»Können Sie nun wohl rathen, was der Officier für ein Landsmann ist?
raunte mir mein Nachbar zu.« --

Ich besann mich, auf die Rede des Majors horchend, dann aber sage ich:
»Der Herr spricht wie ein +Lübecker+.«

»Wollen Sie eine Flasche Wein darauf wetten?« lächelte Herr Jürgens
scherzend.

»Die ist gehalten,« entgegnete ich.

Ich wartete nun bis Herr Magius einen Punct in der Rede hatte und bat
ihn dann da wir eben eine Wette gemacht hätten, um Bescheid was er für
ein Landsmann sei.

»Das werden Sie nun und nimmer rathen,« versetzte der Herr Major
ablehnend, und gab dann eine Menge, mich freilich nicht von meiner
Juryüberzeugung abbringende Gründe an, weshalb es unmöglich sei, daß
ich seine Heimath errathe. Mir ist nur der, seines längern Aufenthaltes
in Italien vor allen noch erinnerlich. --

Endlich schloß der Redner: »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich ein
geborner +Lübecker+ bin.«

»Ich danke Herr Major! ich habe meine Wette gewonnen.«

Während mein Treffer dem Herrn Magius wol etwas magisch vorkommen
mochte, ich hingegen mich des Triumphzuges meines Steckenpferdes
freute, erhob sich ein jüdischer Kaufmann, welcher mir die viel
kitzlichere Frage stellte ob ich wol merken könne woher er denn sei.

Das war eine sehr schwere Nuß. Man weiß, daß der Dialect der Juden eben
so selten wie ihr Herz an einer Provinz gebunden ist, und wenn der
Frager auch zu den Gebildeten seines Volkes gehörte, so war er doch
nicht frei von der mosaischen Pronunciation. -- Indessen gab ein Gott
mir doch folgende Antwort in die Seele:

»Ich kann aus Ihrem angebornen Dialect nicht recht klug werden. Bald
reden Sie wie ein Nordhesse, bald wie ein Hamburger.«

»Wunderbar!« rief der besiegte Sphinx, »Ich bin in Bückeburg geboren
und erzogen, allein seit zehn Jahren in Hamburg etablirt.«

Mit diesem Knalleffect ist meine Geschichte noch nicht aus.

Sie kam mir nämlich etwa anderthalb Jahre später, an einer Abendtafel
in demselben Hause, als von Dialecten die Rede war, wieder in den Sinn.
Ich erzählte sie den um mich her sitzenden Oldenburgern.

Der Obergerichtsanwald Herr +Hahne+ bemerkte scherzend, daß man wol
daran gewöhnt sei, nie eine Unwahrheit zu hören, daß diese Geschichte
mit dem Bückeburger Juden doch zu sehr in das Gebiet des Unglaublichen
gehe, und wenigstens auf einer Täuschung beruhen müsse.

Leider war Herr Jürgens nicht zugegen. --

Die Möglichkeit eines Zweifels an meiner Rede jagte mir das Blut in das
Gesicht. --

Das Roth aber ist die Farbe der Schuld wie der Unschuld. Es ist die
Leibfarbe des Defensors wie des Anklägers.

Man schien dem meinigen eine böse Deutung zu geben.

Der Gedanke war höchst peinigend.

Da erhob sich ein _deus ex machina_ im Hintergrunde an der Wirthstafel.

»Ich kann die Geschichte eidlich bezeugen,« rief es aus, »sie ist mir
passirt.« -- Und siehe! ich erkannte meinen bis dahin nicht beachteten
Bückeburger-Hamburger, dessen Persönlichkeit bereits aus meinem
Gedächtniß desertirt war.

Schon während der ersten Tage meiner Ankunft in Jena war Wit v. Dörring
als Fuchs dort angelangt. Es waren schon unterweges Zeichen und Wunder
mit ihm geschehen, man hatte ihm in Erfurt seinen ganzen Wechsel
gestohlen.

Dieser rubricirte Exdemagoge, der in den neuern Zeiten eine so
verschiedene Beurtheilung erfahren hat, verrieth schon in seiner
Jugend seltene Anlagen. In seinem vierten Jahre hielt er vor seiner
vortrefflichen, jetzt verstorbenen Mutter ganze Predigten aus dem
Stegreife. Seine Mitschüler, zu denen ich auch gehörte, liebten ihn. Zu
allen Aufopferungen bereit, zeigte er ein liebenswürdiges Herz. Sein
Hang zum Mysticismus aber blieb in seiner Seele und er redete oft
wie ein Missionär. Das aber verdroß den alten Doctor +Gurlitt+, der
damals Director des Johannei in Hamburg war, welches Wit von Altona aus
frequentirte. Gurlitt sprach oft von orthodoxen Rindfleischseelen, und
pflegte die Mystiker Hechte zu nennen.

Ein Tag in jedem Monat war zu öffentlichen Redeübungen in den
verschiedenen Sprachen bestimmt. Wit hatte das Thema: »Wer die Gottheit
fassen will, der ist verloren,« gewählt und sprach mit ergreifenden
Worten, aber manche dunkle Deutung war in seine blumenreiche Rede
gewirkt. Mit komischem Ernste betrachtete ihn der alte Schulmonarch.
Zitternd ging er zu ihm als er geendet hatte, und eine große Thräne
entperlte den Augen des gutmeinenden Greises. »Liebes Kind, ich fürchte
am Ende, Sie glauben an den Teufel?« rief er bebend. »Ja, Herr Doctor,«
versetzte Wit sich verbeugend: »den lasse ich mir nicht nehmen!« »Armer
junger Mensch,« versetzte Gurlitt betrübt: »wie oft werden Sie noch die
Alten vertiren und revertiren müssen, ehe Sie zur richtigen Ansicht in
der Religion gelangen!«

Nach wenigen Tagen hatten sich sämmtliche Abgeordnete eingefunden.
In dem Burschenhause, dessen Wirth der altdeutsch gewordene +Senft+
war und zu dem man durch ein enges Gäßchen vom Markt aus geht, wurden
unsere Versammlungen vom 29. März bis zum 3. April 1818 gehalten. Wir
saßen an einem Tisch der mit schwarzem Tuch behangen, welches mit
goldenen und rothen Frangen, unsern Farben, verbrämt war. Die Sitzungen
waren öffentlich, doch trennte eine Barriere die Deputirten von den
Zuhörern, welchen zwar auch zu reden vergönnt war aber erst dann, wenn
der Präsident ihnen das Wort bewilligt hatte. --

Vor zehn Jahren habe ich die Verhandlungen, welche ich der Heidelberger
Burschenschaft übergeben, ohne daß ich eine Abschrift davon behalten
hatte -- in einem kleinen Hannoverschen Ort, bei einem jungen
Staatsdiener zu meiner großen Freude wiedergefunden und zum Geschenk
erhalten. Ich stehe nicht an dieselben mitzutheilen, theils um jene
Gerüchte zu wiederlegen, als habe jener Burschencongreß die geringste
revolutionäre Tendenz gehabt, theils um darzuthun, daß man im Anfang
durch Mißgriffe die Studenten wie schon erwähnt zu Zeloten und
Märtyrern gemacht hat.

Wahrlich! ich verpflichte mich unter Garantie meines Kopfs, eine ganze
Universität von funfzehnhundert Studenten, in der besten Ordnung in
der loyalsten Stimmung und ferne von jeder Aufregung zu halten, ihre
Phantasie zu beschäftigen ohne sie zu verbrennen und durch die Burschen
fortwährend selbst von ihren geheimsten Gedanken in Kenntniß gesetzt
zu werden. Aber man muß auch das Gemüth haben auf die Jugend zu wirken
und sie ruhig gewähren lassen, wenn sie in die Sackgassen der Phantasie
laufen. Sie kommen schon von selbst zurück und schlagen dann beschämt
die Augen nieder.

»_Pueri sunt pueri, pueri puerilia tractant._«



Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der
Abgeordneten-Versammlung zu Jena.


+=Protocoll,=+

+gehalten in der Versammlung der Abgeordneten verschiedener Deutscher
Hochschulen, zu Jena am 29. März 1818.+

1) Es wurden die Vollmachten der durch Abgeordnete an der Versammlung
Theil nehmenden Hochschulen Berlin, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel,
Königsberg, Leipzig, Marburg und Rostock, mündlich oder schriftlich
bekannt gemacht.

2) Veranlaßt durch die Abgeordneten des Berliner Burschenvereins
und den erwählten Abgesandten derjenigen nicht verbündeten Berliner
Burschen, welche auf ihrer Hochschule eine allgemeine Burschenschaft
nach Zweck und Form gegründet sehn wünschen, entstand die Frage, ob der
Abgeordnete des Letztern eine entscheidende Stimme haben könne, welche
Frage durch Stimmenmehrheit mit »nein« beantwortet wurde.

3) Wurde von den sämmtlichen stimmenfähigen Burschenabgeordneten,
erstens R. aus Jena zum Sprecher, zweitens W. zum Schreiber in den
Versammlungen gewählt.

4) Nach einer Ermahnung von R., den Zweck der Versammlung im Auge
habend, Ruhe, Ordnung und Bestimmtheit zu zeigen, wurde beschlossen,
alle Verhandlungen nach Stimmenmehrheit zu entscheiden, und vom
Sprecher rechts abzustimmen, jedoch mit Vorbehalt, daß alle Beschlüsse
nur dann gültig wären, für die Hochschulen, wenn sie sich mit den
Vollmachten der Abgeordneten derselben vereinigen ließen.

5) Wurden die angekommenen abschlägigen Antworten von einigen Deutschen
Hochschulen verlesen. Göttingen, Tübingen und Erlangen hatten entweder
keine Abgeordnete stellen wollen oder können, und dieß schriftlich
erklärt.

6) K. aus Heidelberg forderte auf Vergessen aller Selbst und
Partheisucht, den großen Zweck der Versammlung zu erfassen und in
reiner Liebe zum Wahren und Guten so zu reden und zu handeln, wie jeder
es verantworten könne vor Gott und seinem Gewissen.

7) Wurden die Angelegenheiten der Halleschen Burschenschaft, an sich,
und in Verhältniß und Gegensatz der sogen. Sulphuria verhandelt. Es
wurde beschlossen, daß diejenigen, welche sich mit ihrem Ehrenworte
verpflichtet hatten, wegen der Unterdrückung der dortigen Teutonia
Halle zu verlassen, nachher aber diese Verbindlichkeit nicht erfüllten,
weil manche Gründe zu ihrer Entschuldigung vorhanden waren, nicht
streng nach den Buchstaben des Gesetzes gerichtet werden sollten,
sondern alle die von ihnen als ehrliche und wehrliche Burschen
anzuerkennen wären, deren Entschuldigungsgründe von der Halleschen
Burschenschaft als triftig entweder schon anerkannt wären, oder noch
würden, sie aber durch eine von der sämmtlichen Versammlung des
Abgeordneten zu unterschreibende Urkunde ihrer Übereilung und ihres
Leichtsinnes wegen eine Rüge erhalten sollten. Hierdurch wurde zugleich
die Hallesche Burschenschaft, in welcher sich einige von den genannten
Burschen befanden, als rechtmäßig anerkannt.

+Anmerkung.+ K. aus Heidelberg bat zu bemerken, daß er deswegen
vorzüglich auf Anerkennung und Verweis gestimmt habe, weil K. die
Versicherung gegeben, daß ihm von einem ehemaligen Teutonen gesagt
sei, er habe an dem bekannten Abende einige Hallesche Burschen blos
zu einer +bedingten+ Unterschrift aufgefordert. K. meinte daher, daß
dieses von einem jeden gehört sein könne, oder auch von denen, die es
gehört hätten, verbreitet, also die Präsumtion für Straflosigkeit sei,
und ein Verweis genüge.

Die Halleschen Sulpfuristen betreffend, wurde durch Stimmenmehrheit
ausgemacht, daß, da die von ihnen am meisten Beleidigten um Milde für
sie baten, ferner wohl zu wünschen stand, daß auch in Halle wiederum
ein kräftiges und einiges Burschenleben sich gestalte und gedeihe,
ihnen eine allgemeine Verzeihung und Erlösung vom Banne gewährt werde,
wenn sie folgende Bedingungen eingehen würden:

    _a_) Daß sie nach Namhaftmachung aller ihrer Mitglieder mit dem
    Ehrenworte sich verbürgten, die unter ihnen bestehende Verbindung
    aufzuheben.

    _b_) Sich verpflichteten, die Hallesche Burschenschaft und ihren
    Brauch anzuerkennen.

    _c_) Sich gefallen lassen wollten, daß bei dem Wunsche einzelner,
    von ihnen, in die Hallische Burschenschaft, oder in eine auf andern
    Hochschulen bestehende Verbindung einzutreten, über diese erst
    abgestimmt werde.

+Anmerkung+ _a_) K. von Heidelberg erklärte, daß er im Namen seiner
Burschenschaft den Verruf nicht eigentlich aufheben könne, indem
derselbe bisher von ihr noch nicht ausgesprochen sei, und zwar aus dem
Grunde, weil Heidelberg noch nicht im Cartel mit Halle, beschlossen
habe, die Sache selbst zu untersuchen. Er hebe aber im Namen
Heidelbergs den Vorbehalt der näheren Untersuchung auf, und trete oben
genannten Bestimmungen bei.

+Anmerkung+ _b_) Marburg stimmte obiger Meinung aus dem besondern
Grunde bei, daß diejenigen nicht namhaft gemacht werden könnten, durch
welche die Teutonia bei der Regierung angeklagt sei.

+Anmerkung+ _c_) In Königsberg war die Acht über die Sulpfuria nicht
ausgesprochen, weil die Partheiungen in Halle dort nicht genug bekannt
geworden waren.

            R. -- Sprecher.

            W. -- Schreiber.

    Graf v. K. -- für +Jena+.

            L. -- }
                  } für +Kiel+.
            R. -- }

         F. D. -- }
                  } für +Königsberg+.
         L. L. -- }

      C. F. L. -- }
                  } für +Leipzig+.
         D. E. -- }

         E. B. -- für +Marburg+.

         A. B. -- }
                  } für +Berlin+.
      A. v. B. -- }

      T. v. K. -- für +Heidelberg+.

         F. S. -- }
                  } für +Halle+.
            D. -- }

         W. W. -- für +Rostock+.

            Folgen die Unterschriften.


Protocoll,

gehalten in der Versammlung der Abgeordneten Morgens den 30. März.

1) Zu den für die Theilnehmer der Hallischen Sulpfuria zu bestimmenden
Puncten und Bedingungen wurde noch hinzu gefügt, daß sie selbst jeden
von ihnen, der die abgefaßte Schrift nicht unterschreiben wolle,
als Verrufenen anerkennen und gegen ihn verfahren wollten, wie der
Burschenbrauch der Hallischen Burschenschaft bestimme.

2) Es erschienen die Bevollmächtigten der Hallischen Sulpfuria und
unterschrieben die verlangten Puncte, und es war also für ihre Person
der Bann aufgehoben.[6]

3) Ein aus Leipzig angekommener Brief wurde verlesen. Der
Seniorenconvent erklärte darin, daß man zur Förderung aller guten
Zwecke bereit sei, daß aber nach seiner Meinung eine allgemeine
Burschenschaft in Leipzig nicht leicht errichtet werden könne.

4) Es wurden die mündlichen und schriftlichen Klagepuncte des
ehemaligen Breslauer Burschen U. (jetzt in Berlin) gegen die Polen in
Breslau gehört, und beschlossen, er solle den Thatbestand schriftlich
aufsetzen, damit dann, nachdem auch jene gehört wären, in der Sache ein
Weiteres bestimmt werden könne.[7]

5) Nachdem auf diese Weise die auf Brauchssachen Bezug habenden
Angelegenheiten abgemacht waren, wurde zur Besprechung über die
Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft geschritten. J.,
Abgeordneter von mehreren Burschenschaften aus Berlin, die eine solche
wünschten, erkannte, auf Befragen den erwählten Sprecher und Schreiber
an.

6) Es wurden von R. 19 Puncte als Grundlage zu einer allgemeinen
Burschenschaft verlesen, und über dieselben einzeln abgestimmt. Leipzig
begab sich seine Stimme, weil dort noch Landsmannschaften beständen.

Punct 1.[8] wurde von allen Deutschen Hochschulen anerkannt.

Punct 2. gleichfalls anerkannt. K. behielt sich nähere Erläuterung bei
§ 4. vor.

+Anmerkung.+ Es wurde bestimmt, daß eine Deutsche Burschenschaft
Ausländer unter sich aufnehmen +könne+, wenn sie nur von ihnen
überzeugt sei, daß sie dem Zwecke einer allgemeinen Deutschen
Burschenschaft nicht schädlich, sondern eher förderlich sein würden,
daß dieselben auch Ausländern eine eigene Verbindung neben sich
gestatten könne, wenn nur diese ihr untergeordnet blieben, +allein+ in
Brauchssachen entscheidend stimmfähig sei, jedoch so, daß die Deutsche
Burschenschaft wenigstens immer ⅔ der Stimmen erhalte.

K. für Heidelberg erklärte, daß die Burschenschaft sich, wegen
der Zwistigkeiten und Vereine, die noch außer der Burschenschaft
in Heidelberg beständen, aller Rechte auf Renoncen und
Nicht-Burschenschaftsmitglieder enthalte, wenn sie nicht mit ihnen in
Collision käme.

Die Kieler Abgeordneten behielten der Entscheidung ihrer Burschenschaft
vor, ob der von ihr anerkannte Burschenbrauch in allen seinen
Beziehungen auch für die nicht Verbündeten verpflichtend sein solle.

    F. d. U.


+=Protocoll,=+

+Abends am 30. gehalten.+

§. 1. K. wurde auf Verlangen sein Freund L. aus Heidelberg als
Rathgeber in schwierigen Fällen zugesellt.

§. 2. Weitere Berathung über die vorgeschlagenen Puncte:

§. 3. wurde allgemein anerkannt.

§. 4. wurde nach §. 2. eingeschränkt.

K. bezieht sich auf die gemachten Modificationen. V. B. und L.
erkannten dies und das nachfolgende nur in so weit an, als es sich mit
ihren Vollmachten vereinigen ließ.

§. 5. Hiebei wurde vor dem Worte öffentlich »wo möglich« eingeschaltet.

Das Wort unauflöslich wurde weggelassen. D. erklärte es dahin, daß
er glaube, die Verbindung müsse geistig unauflöslich, auch fürs
bürgerliche Leben fortbestehen.

§. 6. beschränkt sich auf §. 2. Ob Nichtchristen aufzunehmen seien,
wurde der Entscheidung der einzelnen Burschenschaften überlassen.

§. 7. wurde mit der Bemerkung angenommen, daß es jeder Burschenschaft
frei stehe zu bestimmen, ob nach der Exmatrikulation jemand von
ihr noch als Bursch anzusehen sei, oder nicht. Die Königsberqer
Abgeordneten behielten sich vor, daß die darüber in ihrem Brauch
enthaltenen nähern Bestimmungen in Kraft bleiben sollten.

§. 8. 9. und 10. wurde angenommen.

§. 11. von den Meisten gebilligt.

Heidelberg stimmt in der Idee dem §. 11. alsdann bei, wenn jeder
ehrenhafte Bursch aufnahmsfähig ist. Die Verhältnisse selbst haben die
Realisirung dieser Idee dort noch nicht gestattet. -- Kiel bezog sich
auf seine Anmerkung nach §. 2.

§. 12. angenommen. -- Kiel erklärte, da bis her dort keine Wilden
gewesen seien, sei noch nicht bestimmt worden, in wie fern der
Burschenbrauch auch für Nichtverbündete gelte.

§. 13. angenommen.

§. 14. Hiebei verwiesen nur die Kieler auf das oben in dieser Beziehung
Gesagte.

    F. d. U.


+=Protocoll,=+

+gehalten den 31. März.+

1) Wurden die von U. abgefaßten Klagepuncte verlesen und beschlossen,
es solle in Breslau Aufhebung des Verrufes und Rechtfertigung wegen des
Überfalls verlangt, U. aber so lange ganz schuldlos angesehen werden.

2) Wurde angezeigt, daß die Gießner geschrieben hätten, sie wären
verhindert worden Abgeordnete nach Jena zu senden, indem der Senat
allen solchen Relegationen angedroht habe.

3) Es wurde in der abgebrochenen Berathung wieder fortgeschritten.

§. 15. angenommen.

§. 16. wurde folgendermaßen abgeändert. Es bleibt der gesammten
Deutschen Burschenschaft das Recht, die Verfassungen der einzelnen
Hochschulen, wo Burschenschaften sind, einzusehn und zu beurtheilen,
ob, und in wie fern sie der Grundidee entsprechen, und bei etwanigen
anstößigen dieselbe um Abstellung derselben anzugehn.

§. 17. Hier wurde die Bestimmung hinzugefügt, daß wenn die Casse
einer, oder mehrerer Burschenschaften zu den Kosten der Reise nicht
hinreiche, eine allgemeine Casse nach Verhältniß des Einkommens der
Burschenschaften eingerichtet, und dadurch die Reise erleichtert werden
solle.

§. 18. Hier wurde Eisenach vorläufig als Versammlungsort bestimmt.

§. 19. Es wurde hinzugefügt, daß bei den genannten Berathungen ⅔ der
Stimmen entscheiden sollten.

4) Der Vorschlag, alle Jahre am 18. Juni ein Fest zu feiern, wobei
man sich vorzüglich der Brüder an andern Orten in traulicher Liebe
erinnere, wurde gebilligt.

5) Die Abgeordneten der Leipziger Hochschule behielten sich vor, daß,
wenn bei ihnen gleichfalls eine allgemeine Burschenschaft zu Stande
gekommen wäre, auch ihr das hier den einzelnen Hochschulen gegebenes
Recht, den verlesenen Puncten Anmerkungen hinzuzufügen, aufgehoben
bleiben solle, und es wurde dieß allgemein gebilligt.

    F. d. U.


+=Protocoll,=+

+vom 1. April 1818.+

1) L. aus Königsberg zeigte an, daß, da sein Mitabgeordneter D. unwohl
sei, er seine Stimme mit übernommen habe, D. sich aber etwanige
Bemerkungen noch vorbehalte.

2) B. für Marburg dankte den Jenaern für die Abfassung der 19 Puncte,
bemühte sich darauf, auseinanderzusetzen, wodurch wir etwa den
darin aufgestellten Zweck erreichen möchten, wobei er vor allen zur
Erlangung wahrer vaterländischer Bildung, Streben nach umfassender
Kenntniß, Ehrenhaftigkeit, und Freiheit, aber was die Burschenschaften
auszeichnend unterscheiden solle, rücksichtslosen Gemeingeist und
möglichste Gleichheit der Rechte empfahl. Es wurde von R. antwortend
auf den 10. Punct verwiesen, wo schon zum Theil darüber verhandelt
sei. Nur wurde noch in Betreff der Gleichheit vor dem Rechte folgendes
Nähere verhandelt.

Es entstand:

    _a_)[9] Die Frage, ob ein Fuchs zum Vorsteher erwählt werden könne,
    welche im Allgemeinen verneint wurde.

    _b_) Ob einem Fuchs Stimmrecht zuzuerkennen sei.

Die übrigen Hochschulen bejahten die Frage; Jena, Kiel, Königsberg und
Marburg aber, deren Bevollmächtigte noch nicht von ihrer Verfassung
abgehen konnten, behielten sich Berathung mit ihren Burschenschaften
vor. -- Es wurde noch der Vorschlag gemacht, ob nicht diejenigen
Burschenschaften, welche Füchse entweder nicht sogleich aufnehmen,
oder denselben nach der Aufnahme keine Stimmfähigkeit zuerkennen
würden, allen den Füchsen, welche einzutreten wünschten, Erlaubniß
und Veranlassung geben wollten, vor der Aufnahme eine gewisse Anzahl
von Versammlungen zu besuchen, damit auf der einen Seite dieselben
Gelegenheit bekämen, die Eigenthümlichkeit des Lebens auf den
Hochschulen kennen zu lernen, auf der andern Seite aber das peinliche
Gefühl bei ihnen vermieden werde, einem Ganzen anzugehören, über dessen
Wohl ihnen keine entscheidende Stimme zustehe, und so das Gesetz der
möglichsten Gleichheit der Rechte nicht gekränkt werde.

+Anmerkung.+ K. für Heidelberg bemerkte, daß er um des Allgemeinen
willen von der Wahlfähigkeit zum Vorsteheramte für sogen. Füchse
abstehe, wenn die anderen Hochschulen sich zur Stimmfähigkeit für Alle
verstehen wollten.

Und es geschehe dies besonders der Einheit des Gesetzes willen.

3) Wurde der Wunsch geäußert, daß bei der Aufnahme alle Abstimmung
durch bloßes Ja oder Nein wegfallen möge, sondern laut und mit
Anführung der etwanigen Gründe gegen den Aufzunehmenden gestimmt werde,
wobei auf §. 9. und 10. verwiesen wurde. -- Rostock behielt sich hiebei
Berathung mit ihrer Burschenschaft vor.

4) Wurde als zum Wesen der Burschenschaft gehörig anerkannt, daß
kein Zweikampf zwischen den einzelnen Burschenschaften, als solchen,
statt finden dürfe, sondern jeder unter ihnen obwaltende Streit
schiedsrichterlich ausgeglichen werden müsse.

5) Wurde festgesetzt, es solle in dieser Versammlung der Abgeordneten
noch kein förmliches Cartel, oder eine Verfassungsurkunde der
großen allgemeinen Deutschen Burschenschaft verfaßt, sondern blos
einige Grundgesetze derselben vorläufig entworfen werden, damit die
Abgeordneten sie zur Berathung ihrer Burschenschaft mitnehmen könnten.
Die vollständige Ausarbeitung müsse bis zur Versammlung am 18. Oktober
ausgesetzt bleiben.

6) Sollte auch an die Hochschulen, welche keine Abgeordnete hierher
gesandt, der Entwurf dieser Gesetze, die 19 Puncte zugleich mit einer
Schrift, welche die Ansichten der Abgeordneten von dem Wesen der
Burschenschaft näher ausspräche, so wie auch eine Aufforderung, dem
hier gebilligten Grundsätzen beizutreten, übersandt werden.

+Anmerkung.+ Berlin behielt sich vor, zu dieser Aufforderung nur dann
mitzuwirken, wenn ihr Verein als Burschenschaft anerkannt würde.

    F. d. U.


+=Protocoll,=+

+gehalten Nachmittags am 1. April.+

1) Die Verfassungsurkunde des Berliner Burschenvereins wurde verlesen
und nach mannigfachen Verhandlungen, theils über seine innere
Einrichtungen, theils über seine Verhältnisse zu den Nichtverbündeten,
wurde das Urtheil der Abgeordneten gefordert, ob der Berliner
Burschenverein nach Zweck und Form eine Burschenschaft zu nennen sei.

_a_) Jena erklärte sich dahin, dieser Verein entspreche nicht der Idee
einer allgemeinen Burschenschaft, weil:

    1) Die Eintheilung nach Provinzen zu Partheiung, Eifersucht und
    Kastengeist Anlaß geben könne.

    2) Hinsichtlich der Abstimmung der einzelnen Landsmannschaften für
    sich, der Begriff der Gerechtigkeit dadurch gefährdet werde, daß
    Fälle möglich blieben, wo wenige über viele entscheiden könnten.

    3) Die Privatinstitution jeder Landsmannschaft dem Gemeingeiste
    hinderlich sein müsse.

_b_) Die Kieler Abgeordneten stimmten im Ganzen der obigen Erklärung
bei, glaubten aber, daß es nur geringer Veränderungen bedürfe, um
die genannte Verfassung der Idee einer allgemeinen Burschenschaft
entsprechend zu machen.

_c_) Königsberg meinte, daß gegen diesen Verein noch besonders zu
erinnern sein möchte, daß der Entschluß, für eigne volksthümliche
Bildung zu wirken, in der vorgelesenen Urkunde nicht genug
hervorgehoben sei.

_d_) Marburg bezog sich auf die von Jena gemachte Bemerkung in
Hinsicht auf das Abstimmen nach einzelnen Landsmannschaften, und
führte gegen diese Eintheilung überhaupt die Erfahrung an, daß solche
stehende Abtheilungen der allgemein zu fördernden Eintracht durch
unvorherzusehende Vorfälle nur zu leicht gefährlich würden.

_e_) Halle erklärte sich dahin, es stimme im Allgemeinen mit der
vorigen Bemerkung überein und fürchte besonders Hervortreten von
Eifersucht bei dieser landsmannschaftlichen Eintheilung.

_f_) Heidelberg urtheilt, daß nach provisorischer Annahme der bekannten
19 Puncte der Geist des Berliner Burschenvereins als Deutscher
Burschenschaftsgeist anzuerkennen sei, daß diese Idee aber vernichtet
werden müsse:

    1) Durch die Einrichtung, daß nicht _viritim_ gestimmt werde.

    2) Durch Unwandelbarkeit und Ungleichheit der Mitgliederzahl der
    einzelnen Abtheilungen.

    3) Durch Beibehalt der Privatinstitutionen und hält

    4) noch für nützlich, wenn für diese Abtheilungen ein andrer Name
    angenommen werde.

_g_) Rostock erklärte, es glaube, daß die Verfassung der Berliner
Verbindung aus der Grundidee einer allgemeinen Deutschen Burschenschaft
hervorgegangen sei, bei Einrichtung der Form aber einiges dieser
Form nicht genau Entsprechende vielleicht aus etwas zu ängstlicher
Berücksichtigung der Schwierigkeiten, welche örtliche Verhältnisse
ergaben, entsprungen sei, und deßhalb gewiß leicht abgestellt werden
könne.

_h_) J. meinte, daß zur Ausführung der Grundidee einer allgemeinen
Deutschen Burschenschaft auch allgemeine Versammlungen unerläßlich
seien.

2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der
Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten
und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen
über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten
Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich
den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich
solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn
sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache
einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer
Verbindung eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.

3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden
sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch
nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena
einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter
erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.[10]

    F. d. U.


+=Protocoll= den 2. April.+

1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt
und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden
solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche
für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.

2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der
Burschenschaft zu Jena zuerst das Amt der Geschäftsführung in
allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.

3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab
dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die
Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende
Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben,
wurden als zweckmäßig anerkannt.

    _a_) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche Burschenschaften in
    der Idee +ein Ganzes ausmachen+.

    _b_) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung jeder einzelnen
    Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen müsse.

    _c_) Es bleibt also auch der allgemeinen Deutschen Burschenschaft
    die Entscheidung überlassen, ob eine Vereinigung auf einer
    Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, oder nicht.

    _d_) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine allgemeine
    Bundessitzung nothwendig.

    _e_) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher zu einer bestimmten
    Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um über allgemeine
    Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.

    _f_) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich jede Burschenschaft
    unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher gehörenden in den
    Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und anderer noch zu
    entwerfenden Beschränkungen.

    _g_) Die Bundessitzung ist noch besonders schiedsrichterlicher
    Behörde in Streitigkeiten einzelner Burschenschaften.

    _h_) Ihr bleibt die oberste Leitung der Geschäftsführung überlassen.

    _i_) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche Burschenschaft
    anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie durch
    Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als
    gültig für ihren Verein annimmt.

    _k_) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu sendenden Abgeordneten
    muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl derselben 3 sein.

    _l_) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem nächsten allgemeinen
    Bundestage von jeder Hochschule ein Verfassungsentwurf der großen
    allgemeinen Deutschen Burschenschaft mitgebracht werde, damit
    daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.

    _m_) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die Bundessitzung
    beziehen, werden von der geschäftsführenden Burschenschaft
    geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena
    einzusenden.

4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur
allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen
Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,[11] worüber
aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so
wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein
Wartburgsfest beschlossen werde.

5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen
hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine
allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen
läge, etwas geschehen möge.

6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor
und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.

7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das
erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde
vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.

8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der wahren Burschenehre
und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen
Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die
Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den
Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung
Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo
möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem
Versuche den Zweikampf zulassen. -- Es wurde dies zu weit ausgedehnt
gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule
eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe
verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die
Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen
bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.

9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe
der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.

10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den
10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.

11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen
sind, theils Abschriften des Protocolls und der 19 Puncte, theils der
Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher
Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle.
In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst
bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls
das oben Genannte übersenden wolle.

Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen,
Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg
und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den
Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.

    F. d. U.


Protocoll,

gehalten am 3. April.

1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige
Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten
vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde
gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.

2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H.
bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben.
Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht
als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die
Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und
war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief
von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen
Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer
Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch
des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. -- Endlicher Beschluß in dieser
Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre
Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen
Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn
von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und
hieher mitzutheilen.

3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der
Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle
erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch
einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des
Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden
solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten
Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß
einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.

4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser
Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein
wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden
dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen
Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber
weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch
überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und
zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie
sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen
wären.

Göthe, welcher damals seinen _procès monstre_ mit dem Großherzog von
Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem
großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der
Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt.

»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden
ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect,
welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht
ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten
etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes
Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war
in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken
entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg
wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten,
Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte
ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach
erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es
soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und
ich folgte. -- Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer
Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »+Respekt+«
nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der
Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die
probateste Weise.

Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, -- ich fühlte das meine schon im voraus
verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick.
-- Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann.
Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein
travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation,
indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge-
heimerath« heraus brachte.

Excellenz oder besser: »_Ecce Lenz_« wäre überhaupt passender gewesen,
denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich
bin nicht der Geheimerath.« --

Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge +Lenz+.

Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am
Ende des Zimmers am Fenster stehend.

Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich
bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. -- Bald glaubte
ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des
Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir
etwas gebrochen. -- Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein.
»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen
Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die
schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« --

Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu
wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. -- Dann brachte ich
das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner
Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der
Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als
den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe
Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer
poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock
der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte,
ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und
wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber
auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie
geruhten sich zu erkundigen, wie +groß Föhr+ sei.

Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner
Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm
getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit
dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein
Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft
diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.

Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich,
wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, -- in dieser
geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »+Eine
Quadratmeile.+«

Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf
dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen
machte. -- Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit
Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden.
Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von
Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« -- verwandelte aber als
ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende +mir+ in
uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam,
mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen
zu wollen. -- Ich empfahl mich daher.

Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem
alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald
wieder zu besuchen.

Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir
übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären
kann. --

Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei
Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen
sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.

Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst
ergötzliche Anecdote.

Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen
Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller
Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten
verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte
dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen
hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen
stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.

»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen
Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.

»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie
glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor
wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:

    »Fest gemauert in der Erden
    Steht die Form aus Lehm gebrannt.«

Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine
Verwechslung mit Schiller gelacht.

Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird,
wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios
rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde
noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben
gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »+Standrede+«
folgte.

Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen
Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die
schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber
eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren
erinnerte. -- Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden
der Meklenburger W. -- Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn
Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm
wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen
gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung
bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren
Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren
zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den
lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ,
war in der That ungemein humoristisch.

Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit
dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine
Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar
Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der
Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich
(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines
Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine
hohe Protection versprach.

In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes,
Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in
Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem
er als Hauslehrer sich bei einem Grafen +d’Olonne+ die erforderlichen
Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war.
Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich
nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. -- Christian hat das
Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.


+Ende des ersten Bändchens.+



Fußnoten:

[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!«

[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge
nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. -- Die
Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich
eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen,
welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im
Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter
entzwei gehen.

[3]

    »Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
    Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.«


[4] »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche Geschäft
einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich zuerst
nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich
nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich
zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein
Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden
Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn
ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so
zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen,
Zwang anthue.«

[5] In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von denen die
Eine zu stark, die Andere zu mager war.

[6] Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug mitgemacht hatten,
und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, vor die Barriere
traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen rehabilitirt wurden.
Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. --

[7] Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche Mißhandlungen
so erbittert, daß er nur den Namen »_furioso_« trug. Er sprach immer
nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole oder ein Schurke« u.
dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann allemal der sanfte
Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für die Polinnen, da seine
Mutter eine solche sei, welche _Furioso_ allemal wenn auch ungern
ertheilte.

[8] Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem Besitz -- Um
das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu geben, habe
ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht auslassen zu
dürfen geglaubt.

[9] In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz
aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit
den älteren Burschen.

[10] Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres lag
damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge
Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige
Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht
hätten.

[11] Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?

[12] Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den ich
vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts
zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen
vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich
wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation
damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den
Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Erstes Bändchen" ***

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