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Title: Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)
Author: Chownitz, Julian
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1842 erschienenen Ausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert.

    Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
    insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
    im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
    sowie eingedeutschte Fremdwörter wurden nicht korrigiert; einzelne
    unleserliche Buchstaben wurden aber sinngemäß ergänzt.

    Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.

    Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
    abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
    verwendet:

    gesperrt:   +Pluszeichen+
    Antiqua:    _Unterstriche_

  ####################################################################



                              Cölestine,
                                 oder
                        der eheliche Verdacht.

                                  Von

                           Julian Chownitz,

         Verfasser von: Moderne Liebe, Marie Capelle, Leontin,
              Eugen Neuland, Geld und Herz, Heinrich von
                          Sternfels u. s. w.

                            Zweiter Theil.

                         Mit 3 Illustrationen.

                            [Illustration]

                               Leipzig,
                        Verlag von Franz Peter.

                                 1842.



                              Cölestine,
                                 oder
                        der eheliche Verdacht.



Inhaltsverzeichnis.


    Erstes Kapitel.
      Edmund und einer seiner besten Freunde.                          3

    Zweites Kapitel.
      Die Nichtswürdigen.                                             33

    Drittes Kapitel.
      Der Schmerz der Gatten.                                         58

    Viertes Kapitel.
      Hoffnung, Verzweiflung, Resignation.                            76

    Fünftes Kapitel.
      Die Promenade auf der Bastei.                                   95

    Sechstes Kapitel.
      Immer noch Promenade.                                          124

    Siebentes Kapitel.
      Der Zurückgezogene.                                            150

    Achtes Kapitel.
      Die Verlassene.                                                189

    Neuntes Kapitel.
      Trauer und Verzweiflung.                                       210

    Zehntes Kapitel.
      Auf der That ertappt.                                          234

    Elftes Kapitel.
      Die Katastrophe.                                               240

    Zwölftes Kapitel.
      Das Fest bei dem Chevalier von Marsan.                         245

    Dreizehntes Kapitel.
      Schluß.                                                        280



Erstes Kapitel.

Edmund und einer seiner besten Freunde.


Seit dem beim Schlusse des vorhergehenden Bandes erzählten Vorfall sind
zwei Tage vergangen. --

Es ist jetzt nahe vor Tagesanbruch und wir haben das uns bereits
bekannte Logis Edmunds von Randow vor unsern Augen. Wir wissen,
dasselbe befand sich im väterlichen Hause und nahm hier einen ziemlich
ausgedehnten Raum ein. Wo wir uns jetzt befinden, dies ist das
Schlafzimmer des jungen Mannes -- wir müssen gestehen, daß sich hier
seit der Zeit unseres früheren Besuches so Manches, und zwar nicht zum
Vortheile, verändert hat, was, wenn es eine Folgerung auf den Bewohner
gestattet, diesen in ein sehr trauriges Licht stellen wird.

Mitten im Gemache steht ein Bett, über welchem sich aus Seidenzeug
ein drapirtes Zelt erhebt -- aber einige dieser Draperien sind hart
beschädigt -- einige, wie es scheint, erst gestern oder heute mitten
entzwei gerissen worden.... Das Bett ist nicht einmal aufgedeckt und
doch liegt eine Person darauf, von der wir später reden werden. --
Rings herum erblickt man umgestürzte Meubel, zerbrochenes Geschirre --
hingeschleuderte Kleidungsstücke; -- ferner sind die Fenster angelweit
offen, wiewohl es draußen stürmt (wir befinden uns im Anfange des
Winters,) und selbst die Thür ist nicht fest verschlossen, sondern wird
vom Zugwind hin- und herbewegt.... Kurz in diesem Zimmer deutet Alles
darauf, daß hier nur ein Trunkener schlafen und ein Liederlicher wohnen
kann. --

Wir haben uns nicht geirrt. Jene Person +auf+ dem Bette ist
wirklich in dem bezeichneten Zustande: sie liegt nur halb entkleidet,
und zwar so, daß der eine ihrer Füße (er ist mit einem Stiefel
versehen) sich auf dem Bette befindet, der andere (dieser ist ohne
Stiefel) neben demselben herunterhängt; die Arme sind in einer
ähnlichen Positur -- und der Kopf folgt jenem Arme, der über den Rand
hinausragt. -- Diese Person ist +Edmund+. --

Nicht weit von hier, an die Wand gerückt, steht ein Sopha, welches
ebenfalls aussieht, als hätte man darauf z. B. getanzt. Hier liegt ein
zweites Individuum im tiefsten Schlaf versunken, was durch zeitweises
kräftiges Schnarchen hinlänglich bestätigt wird... auch dieses
Individuum ward gestern vom Genius der Nüchternheit nicht begleitet
-- und was seine Gestalt betrifft, so war sie uns schon einigemal
vorgekommen. Jedoch ist hier weder der edle Venusritter von Althing --
noch etwa gar (das Gegentheil wäre indeß nicht so ganz unmöglich) der
tapfere Graf von Wollheim gemeint.... an Herrn von Marsan ist nicht zu
denken. -- Eine ganz andere Person tritt hier vor unsere Erinnerung und
wir fühlen uns hierbei zu den Anfangspunkten gegenwärtiger Geschichte
versetzt. Kurz: der Baron von Leuben, jener bleiche, schwärmerische,
wilde Jüngling, den die Vermählung Cölestinens so unglücklich gemacht
hatte -- steht, oder vielmehr liegt hier vor uns. -- Wie aber ist er
hierher gekommen? wie in diesen Zustand, der nicht sein gewöhnlicher
war, gerathen? -- welche innige Verbindung herrscht zwischen ihm
und Edmund, da ihre Bekanntschaft in früherer Zeit doch eine ganz
alltägliche, wie sie unter allen jüngern Leuten eines Standes
herrscht, war? -- -- Geduld, alle diese Fragen sollen früher oder
später beantwortet werden. Man sieht es, daß auch dieser Mensch stark
betrunken ist; indeß hat sein Zustand bei ihm keine so eclatanten
Symptome hervorgebracht -- -- entweder ist seine Natur kräftiger, wie
jene Edmunds (was aber nicht scheint) -- oder -- --[A]

Edmund scheint den Schlaf schon vor dem Eintreten in dieses
Schlafzimmer, worin indeß das Gelage nicht stattfand, -- antizipirt zu
haben... er befindet sich jetzt in jenem abscheulichen Zustande, wo die
Dünste des Weines bereits den Kopf, die Hefen jedoch den Magen noch
nicht verlassen haben. Man schläft nicht -- man ist nicht mehr ohne
Besinnung -- aber man wird von schmachvoller Uebelkeit gequält. --

In dieser Indigestion (gleichgesinnte Jünglinge in Deutschland nennen
sie: +Katzenjammer+) fährt Edmund auf seinem Lager, welches
für ihn eine Folter ist -- wüthend hin und her -- er möchte Alles
zerbrechen und zersprengen -- er möchte die ganze Welt zerreißen, nur
um aus ihr, d. h. aus sich selber herauszukommen..... Alle Augenblicke
sehen wir die Lage des wackern Jünglings verändert -- und haben wir
früher eines seiner Beine aus dem Bette heraushängen sehen, so wird uns
jetzt das Vergnügen zu Theil, beide so zu erblicken.... später will
sogar der Kopf der Mutter Erde näher kommen.... kurz: ein Kaleidoskop
bietet nicht so viel abwechselnde Bilder wie Edmunds Lage in dieser
Stunde.

„Verflucht!“ schreit der junge Ehrenmann in einem Anfalle von
Verzweiflung auf: „wird denn das ewig so währen? -- Seit einer Stunde“
(seit dieser Zeit +wußte+ er von seinem Zustande -- früher hatte
er in demselben blos vegetirt,) „seit einer Stunde leide ich wie ein
Lazarus... und Keiner von den Spitzbuben, meinen Bedienten, kommt
-- mir Hilfe zu leisten.... Ah, Ah! die Schurken haben seit einiger
Zeit allen Respect vor mir verloren.... Seit dieser Hund von einem
+Lips+ mich besucht -- seit ich so recht wie der Herrgott in
Frankreich lebe -- -- sind die Kerle wie verwechselt.... ja sie werden
mit mir ordentlich familiär... Doch was red’ ich da? -- Es gehört nicht
hierher... Lieber will ich klingeln -- -- aber der Teufel weiß, wo die
Klingel ist... und gepocht hab’ ich bereits hinlänglich, ohne etwas
auszurichten.... auch das Rufen wird nichts nützen: -- Johann! - Franz!
-- Karl! -- Karl! -- oder Charles!....“ brüllte er, hörte jedoch bald
auf: „es ist umsonst -- Oh! Oh! Uh! Buh! Auh! -- -- Hätt’ ich nur einen
-- Tropfen Sodawasser...“ setzte er ermattet hinzu.

„Und jener Kerl dort -- --“ fing er später wieder an, „jener Lump von
einem Freunde dort auf dem Sopha... wie der schnarcht -- schläft --
und sich um mich, der hier fast des Teufels wird -- nicht für einen
Dreier Werthes bekümmert.... Heda! Holla! -- Leuben! -- -- Klotz,
Murmelthier!... Wirst Du endlich erwachen? -- -- Aber das schläft --
als sollte es erst zum jüngsten Tag wieder aufstehen!“ --

In diesem Augenblick brach, durch einen allzuhastigen Ruck, den unser
Tugendheld that, die Bettstelle unter ihm durch -- -- und alsbald
fühlte der Unglückliche sich mit einem Ende seines Körpers zwölf
Zoll über, mit dem andern zwei Fuß unter seinem vorigen Horizont. Er
schrie entsetzlich -- denn abgesehen von dem Schmerze, den ihm dieser
Wechselfall verursachte -- wußte er im Schrecken auch nicht sogleich,
was mit ihm geschah. --

Bei dem Schrei erwachte der jenseitige Tugendspiegel auf dem Sopha --
streckte die Arme von sich -- und stammelte auf eine Weise, als hätte
er den Mund mit Brei gefüllt: „Nun, was ist denn das hier -- für ein
Tausend Donnerwetter! -- -- Was geschieht denn?“

„Oh weh! Oh weh!“ jammerte Edmund...

„Schweige doch -- -- und störe einen ehrlichen Menschen nicht in seiner
Ruhe -- -- Du -- Du --“

„Hol’ Dich der Kuckuk -- sammt Deiner Ruhe, abscheulicher Kerl -- der
seit einem halben Tage schläft -- wie ein Pflanzer in Domingo ... Oh
weh! Au! Au! -- ich bin gerädert!“

„Lass’ mich zufrieden.... Ich möchte schlafen!“ murmelte Jener und
drehte sich um...

„Nein, nein, Du sollst nicht schlafen! Das ist schändlich! Du sollst
mir helfen aus diesem verdammten Abgrunde herauszukommen.... Hörst Du!
Oh weh!“

Der Andere brummte etwas Unverständliches und legte sich gemüthlich auf
den Bauch...

„Aber -- zum Henker! -- Hörst Du denn nicht, Leuben?... ich bin
gerädert -- zerfleischt -- -- zu Hilfe! -- -- Au! die verdammte
Bettstelle! der verdammte Zustand!“

Der edle Baron indeß gab als ganze Antwort einige Schnarchlaute zum
Besten. -- Da wurde jedoch unser Mann wüthend, griff um sich herum --
zog eine Latte aus der Bettstelle und warf sie mit einem Fluche seinem
Kameraden dermaßen auf die Beine, daß -- einen solchen Schlag auf den
Kopf -- die Welt um einen Biedermann ärmer geworden wäre. --

Mit einem Satz stand Leuben auf seinen magnetisirten Beinen (nur nicht
ganz fest) -- und indem er versuchte die Augen aufzuthun, welche jedoch
wie zusammengenäht waren, rief er: „Was ist denn das! Ist hier der
Beelzebub los.... und schmeißt nach mir mit Knitteln?... Was ist denn
das? Was ist denn das?“

„Still! still!“ entgegnete Edmund, der unter dem Einfluß der letztern
Begebenheit abermals um einen Grad nüchterner geworden schien: „Still!
Mach’ kein solches Geschrei! Es war eine Latte und weiter nichts! --
-- Ich habe Dich mit derselben geweckt, da es auf andere Weise nicht
ging....“

„Hol’ Euch -- allesammt der Teufel...“ schrie Leuben, der zu glauben
schien -- in einer Gesellschaft von Mehrern zu sein...; dann bückte
er sich mechanisch und rieb an seinem Beine, fiel jedoch bei dieser
Operation zurück auf’s Sopha, wo er alsbald wieder eingeschlafen sein
würde, hätte Edmund sich jetzt nicht aus den Trümmern und Matratzen
losgewickelt und wäre er nicht zu ihm hin gewankt, rufend: „Aber nein!
Du sollst nicht länger schnarchen -- abscheulicher Kerl. Bei der
Hölle, Du sollst kein Auge mehr zuthun -- -- denn so allein halte ich
es in diesem Zustande nicht aus....“ Und er rüttelte und schüttelte
den Braven so lange, bis dieser, abermals sich die Augen reibend, in
gähnender Weise ausrief: „Nun, es ist vorbei! -- Aus ist es mit dem
schönen Schlafe! -- -- Aber, zum Henker... wozu soll ich denn jetzt
mitten in der Nacht wachen?“

„Weil ich auch wache...“

„Und weshalb wachst Du?“

„Weil ich nicht schlafen kann... weil ich wie ein Märtyrer leide...
und...“

„Du wie ein Märtyrer?“

„Die verfl-- Fête! Ich werde an sie denken!“

„Ja -- es war eine herrliche Fête!“

„Hol’ sie der Teufel! -- -- Sie hat mich vollständig ruinirt, an Leib
und Seele...“

„Aber, das begreife ich nicht... Ah! Ah!“ Und er gähnte wie ein
Lohnkutscher.

„-- -- Ich begreife es um so mehr! -- Oh! Oh! -- -- Wenn nur erst
dieser schmähliche Katzenjammer vorüber wäre! Ich habe doch im Leben
so manchen verdaut... aber einer wie dieser ist in Europa noch nicht
vorgekommen...“

„Du hast also den Katzenjammer! Was ist dabei? -- Lumperei! Weiter
nichts als Lumperei....“

„Ja, ja -- -- ich merke aber, daß mein Katzenjammer nicht nur
ein physischer ist, sondern aus physischem und moralischem
zusammengesetzt...“

„Aus moralischem?... Wenn auch!... Was will das noch Alles sagen? --
habe im Leben so manchen allermoralischsten Katzenjammer verarbeitet --
und stehe noch da, als eine Säule der Junggesellenschaft...“

„Thor! Weißt Du denn auch, auf was sich dieser mein moralischer
Katzenjammer gründet? -- Er gründet sich auf 8000 Stück Dukaten, die
ich in Zeit von vier Stunden zahlen muß.“

„Muß, muß! -- was heißt das: muß?“ versetzte Leuben, und in diesem
Augenblicke hätte Einer, der schärfer sah als jetzt Edmund -- bemerken
können, daß hinter dieser Gleichgiltigkeit und Trunkenheit, hinter
dieser ganzen Geberdung Leubens .... noch etwas steckte, welches aussah
wie der böse Geist Mephistopheles, als er in Auerbachs Keller hinter
einem mit Flaschen und Betrunkenen besetzten Tische stand. --

Um nicht lange in Räthseln zu sprechen, erklären wir frischweg, Leuben
war zwar berauscht -- jedoch nicht so sehr, wie er +that+.

Ein scheußliches Lächeln hatte sich nach obigen Worten über seine Züge
ausgedehnt... und er wiederholte:

„Muß! Muß! -- Du mußt in vier Stunden 8000 Dukaten zahlen, sagst Du?...
Ich aber sage: ein Mann kennt das Wort „Muß“ gar nicht...“

„Ja -- Du hast leicht reden!... Wäre ich in Deinen Verhältnissen! --
Erstens -- reich wie ein Nabob und dazu Herr seines Vermögens; sodann
überhaupt nicht an Familienrücksichten gebunden -- -- drittens, was
die Hauptsache ist, ein Kerl, der die Kaltblütigkeit eines Krokodils
besitzt, wenn es sich um Dinge handelt, die Einem an den +Hals+
gehen... endlich viertens, und dies ist die hauptsächlichste
Hauptsache: Du Beneidenswerther besitzest noch Deine Seele! Hast sie
dem Beelzebub noch nicht verkauft... dem Beelzebub, welcher unter uns
einherschreitet in der Gestalt des Meisters Lips.... Oh, Oh! meine
Zunge brennt schon, wenn ich diesen Namen nur nenne.“

„Nun -- gut; aber was ist mit diesem Lips weiter? -- Mache Dich von
dem Spitzbuben los!....“

„-- Mensch! Mensch! -- dies ist leichter gesagt, als gethan. „Mache
Dich los!“ wie schnell ist das ausgesprochen! -- Aber ich sage Dir:
eher macht man sich aus den lieblichen Umarmungen der Menschenfresser
los, wie von Meister Lips -- besonders wenn man sich mit ihm bereits so
weit eingelassen, wie -- leider Unsereins.“

Leuben neigte sich ein wenig zur Erde, um die Freude, von der sein
Gesicht strahlte, zu verbergen; darauf fragte er in neugierigem Tone:
-- -- „Also ihm hast Du die 8000 Ducaten zu bezahlen....?“

„Freilich -- freilich, Du Narr, Du! -- Ihm, dem Meister Lips -- und
dann noch jenem verfl-- Coujon, den Du seit vier oder fünf Tagen zu den
Orgien mitbringst, die wir bei jener saubern Frau Wratschifratschi --
oder wie sie sonst heißt.... kurz bei jener tugendhaften Dame mit ihrem
halben Dutzend tugendhafter Freundinnen feiern; -- -- diesen zwei
Menschen bin ich 8000 Dukaten schuldig; dem Ersteren zwei -- dem Andern
sechs Tausend....“

„Du nanntest meinen Freund einen Coujon, obwohl er ein Ehrenmann ist,
wie Du oder ein Anderer; doch das mag Dir um unseres beiderseitigen
Zustandes willen hingehn. -- --“

„Was -- Zustandes! Ich wiederhole nochmals: ein Coujon, ein Spitzbube
ist der Kerl ... ein falscher Spieler, woran nicht zu zweifeln; denn
seit vier oder fünf Tagen hat er mir mit einer Regelmäßigkeit, die
mathematisch genau ist, ungefähr 10,000 Dukaten abgenommen... und ich,
ich Thor, ich spielte mit ihm noch immerfort .... spielte, als mein
Geld verloren war, auf Ehrenwort.... und.... beraubte meine..... doch
genug!“

Edmund schwieg plötzlich. Ein besseres Gefühl schien über ihn gekommen
zu sein, welches die nichtswürdigen Gesinnungen, die seine Brust jetzt
beherrschten, auf einen Augenblick überwand.... er ging wieder zu
seinem Bette zurück -- legte sich darauf und barg sein Gesicht in die
Kissen....

Der Andere aber schickte ihm einen Blick nach, der von der Natur des
Basilisken geborgt zu sein schien -- nickte mit dem Kopfe und rieb
sich die Hände; sodann streckte er sich der Länge nach und mit großer
Behaglichkeit ebenfalls auf sein Sopha hin -- und begann wieder...:
„Und diese beiden Gläubiger, sagst Du, holen in vier Stunden ihre 8000
Dukaten? -- Aber woher dies Zusammentreffen? -- Es wirft auf meinen
Freund ein ungünstigeres Licht, als mir lieb ist....“

„Hol’ ihn der Henker, Deinen Freund, sammt allen Lichtern, die jemals
auf eine solche Schandgestalt wie die seine gefallen sind! -- -- Aber
eben dies Zusammentreffen, wie zufällig dasselbe auch sein mag, gleicht
einem geheimen Fingerzeig Gottes, der so viel sagen will, als: diese
zwei Schufte gehören neben einander.... Wenigstens, was mich betrifft,
ich dachte gestern, als ich diesem saubern Freunde Deines Herzens
sagte, er möge heute 11 Uhr Vormittags sein Geld bei mir in Empfang
nehmen -- damals dachte ich nicht daran, daß zur selben Zeit auch
Meister Lips hier erscheinen werde, wiewohl ich es längst wußte.....
und jenes Spiel einige Minuten früher blos in der einzigen Hoffnung
eingegangen war, das Geld, welches ich für Lips heute brauchte, dabei
zu gewinnen --“

„Mit diesen Worten, mein Bester, vernichtest Du ja selbst den Verdacht,
welchen Du vorhin auf meinen Freund +Theobald Wurmholzer+ so
ungerechter Weise geworfen.... Hast Du ihn für keinen ehrlichen Mann
gehalten, so hättest Du mit ihm nicht spielen sollen.... allein eben
weil Du mit ihm spieltest, gabst Du ihm so zu sagen selbst das Zeugniß,
daß er einer sei.“

„Schon gut, schon gut!“ versetzte Edmund, und fing wieder an, sich
umherzudrehen -- -- „Deine Argumentation scheint sehr richtig....
allein der verd-- Katzenjammer kommt schon wieder.... Uh! Puh!“

„Der moralische -- oder der physische? --“

„Beide, beide! -- Weh mir!“

Mittlerweile war es hell geworden, der Tag guckte zu den Fenstern
herein, was ihm sehr bequem wurde, denn diese waren noch offen, wie
zur Nachtzeit. Indessen fing das Schneegestöber, welches draußen
herrschte, an, seine Wirkung bis mitten ins Gemach zu verbreiten --
weshalb Leuben aufstand, um Fenster und Thür zu schließen; und als er
zufälligerweise die letztern heftig zuschlug, schrie Edmund erschreckt
auf: „Ach! wer kommt da! Sollten es bereits die zwei Schurken sein....?“

„Welche -- Schurken?“

„Lips -- und jener ehrliche Wurmholzer. --“ Erst jetzt erhob er sein
edles Haupt: „Ach!“ sagte er nach der Thür sehend -- mit erleichtertem
Herzen: „sie sind es nicht. -- Freilich aber,“ begann er nach einer
Pause: „werden sie nicht lange ausbleiben. Die eilfte Stunde wird
herankommen, ehe man sich’s versieht. -- Heute galoppirt die Zeit, wie
ein arabischer Renner.... Kannst Du mir vielleicht sagen, was jetzt die
Uhr ist?“

„Ich vergaß meine Uhr zu Hause... Indeß kannst Du ja nach einer von den
Deinigen sehen.“

„Nach einer von den meinigen?!“ wiederholte der wackere Sprosse des
Randow’schen Hauses mit kläglicher Stimme. „Wo sind die -- meinigen! --
Der Teufel hat sie bereits alle geholt....“

„Alle?“

„Ja -- ja; mein lieber Freund -- Lips kann mehr von diesem Kapitel
erzählen....“

„Ich will nicht hoffen -- daß dieser Elende Dich schon sogar um Deine
Uhren gebracht hat --“

„Um meine Uhren? -- Ach, er hat mich noch um so manches Andere
gebracht! Die Uhren, die Ringe, die Ketten, die Waffen, die
tausenderlei hübschen glänzenden Sachen.... sie sind alle sein -- --
-- Ja sogar -- -- Kleider, Wäsche -- Requisiten -- -- Oh! verfl--
Katzenjammer!“

Der Andere schlug, da ihm Edmund in’s Gesicht sah, die Hände zusammen,
mit einer Miene voll zärtlichen Mitleids und Schreckens rufend:
„Allein -- wie konntest Du es nur so weit kommen lassen, unglücklicher
Freund?!“ Er wischte sich eine Thräne aus dem Auge: „Sahst Du denn
nicht, mit wem Du es zu thun hattest.... Meister Lips hätte Dir ja
gleich beim ersten Handel, den Du mit ihm eingingst, die Lust zu einem
zweiten benehmen sollen....“

„O mein Freund!“ seufzte Edmund: „sprich lieber: mit dem +ersten+
Handel hatte der nichtswürdige Kehlabschneider +zugleich alle
übrigen gemacht+.... Einmal in seine Klauen gerathen, gehörte
ich für immer ihm.... ich konnte nicht mehr los! Glaube mir, das
Alles kann ich Dir nicht so leicht erzählen -- wie leicht es ihm zu
+vollbringen+ war.... ich kann Dir von dem Wie und Warum keine
Erklärung geben: ich kann Dir nur sagen: es ist geschehen -- Punktum!
Damit ist Alles gesagt. --“

„Und wenn,“ fuhr der Taugenichts fort, „wenn ich Dir zum Schluß noch
einige Notizen geben soll, so werden es folgende sein: Lips hat
Wechsel, Obligationen, Hypotheken von mir in Händen -- bei deren
Erinnerung mir schon der Kopf schwindelt -- und das Hirn in demselben
siedet..... Der Satan weiß es, wie ich mich aus den schauderhaften
Papieren herauswickle! Soviel jedoch ist gewiß: daß Meister Lips mich
mit Haut und Haar in seiner Gewalt hat -- und es kostet ihm nur ein
Wort -- so bringt er mich dahin, wo Heulen und Zähnklappern herrscht.“

Eine tiefe Pause entstand. --

„Aber,“ begann jetzt Leuben: „kannst Du denn hierbei nicht die Hilfe
der Deinigen in Anspruch nehmen, Edmund? -- Ich bin gewiß, Dein
Vater, Deine Mutter würden Dich gerne aus dieser Verlegenheit ziehen
-- es bedarf vielleicht nur eines offenen und zugleich reumüthigen
Bekenntnisses von Deiner Seite. -- Du siehst, ich rede zu Dir als
Freund.“

Es hatte leicht reden, dieses edle Herz. War es ihm doch hinlänglich
bewußt, daß der General für seinen Sohn in diesem Falle nichts thun
würde; ja, daß er, unterrichtet von dem wüsten, unvernünftigen und
unehrenhaften Treiben des Letztern -- vielleicht ganz und gar seine
Hand von ihm abziehen, ihn verstoßen dürfte. Der Charakter und die
Grundsätze des alten Herrn bürgten dafür.

Edmund begnügte sich daher auch, statt aller Antwort -- laut und mit
einem gräßlichen Tone aufzulachen; sodann barg er das Gesicht in beide
Hände und blieb völlig stumm.

„Und Deine Schwester?“ fing Jener wieder an. „Sollte Cölestine, welche
Dich doch so zärtlich liebt und zugleich von Deiner innigen Neigung zu
ihr überzeugt ist -- sollte sie Dich nicht retten können?... Freilich
ist sie in diesem Augenblick noch nicht Herrin ihres Vermögens --
und darf über das eigene eben so wenig, wie über jenes ihres Mannes
verfügen. Gleichwohl scheint es, daß es ihr im Ganzen nicht schwer
werden sollte.... mehrere tausend Gulden aufzutreiben....“

„Wo denn?“ fuhr der Jüngling dazwischen. „Etwa bei Meister Lips?“

„Nein doch! -- aber -- ich meine -- -- sie besitzt ja Kostbarkeiten,
Juwelen -- Schmuck -- --“

Edmund stieß bei diesen Worten einen tiefen, erschütternden Seufzer,
der aus dem innersten Grunde der Seele kam, aus. Seine Augen wurden
feucht, und als er die folgenden Worte sprach, schluchzte er wie ein
Knabe: „Ach, unglückliche Schwester! Arme Cölestine! Liebevolles,
heiliges Herz -- -- -- womit, womit hast Du dies Alles verdient! -- --
O! Ich bin ein Frevler, ein Nichtswürdiger, ein Verräther an Dir und
Deiner Liebe! -- Und ich verdiene nicht mehr in Dein mitleidvolles,
zärtliches Auge zu blicken! -- Ja, ja! Möge es sich mir auf ewig
verschließen.... möge es Einem leuchten, der dessen würdiger ist, als
ich... -- O, ich Elender!“ schrie er im gewaltigen Schmerze auf: „ich
verachte mich! ich speie mich an!“

Nach diesen Worten schien es, als bräche sein innerstes Wesen zusammen.
Er lag bewegungslos, starr wie ein Leichnam da -- -- und hätte nicht
das schwere Stöhnen, welches er von Zeit zu Zeit hören ließ, Kunde von
seinem Leben gegeben -- man würde ihn haben hinaustragen können zur
Bestattung. -- Daher gab er auch auf die Frage, welche Leuben zuletzt
an ihn that: „Und Marsan -- Dein Freund, der glänzende, großmüthige
Marsan? -- -- Weshalb vertraust Du Dich nicht ihm an?“ -- keine Antwort.

-- -- Wir hoffen, der Charakter Edmunds von Randow ist unsern Lesern
bereits deutlich genug vor Augen gestellt. -- Wie aus mehrfachen
Scenen, in denen wir diesem jungen Menschen begegnet sind -- erhellt,
haben wir es hier mit einer, aus zweien, scheinbar widerstreitenden
Hälften zusammengesetzten, Natur zu thun -- diese Hälften jedoch, diese
scheinbaren Gegensätze -- sind nichts weiter, als die zwei Theile
einer aus derselben Wurzel entsprießenden Pflanze -- einer Blume, die
Blüthen und zugleich scharfe Dornen trägt...

Wir wollen uns sogleich weitläuftiger über diese Sache auslassen
und versuchen, ein Spiegelbild jener Menschengattung zu liefern --
in welcher der Krankheitsstoff unserer Zeit am entschiedensten zum
Durchbruch gekommen. --

Edmund war ein leichtsinniger, ein verschwenderischer, ein
nichtsthuender junger Mensch, der jedoch in gewissen Fällen der
wärmsten Hingebung, der edelmüthigsten Aufopferung -- und einer bis zur
reinsten Liebe gesteigerten Zuneigung fähig war. -- Er an und für sich
war wenig... durch Denjenigen, an welchen er sich anschloß, konnte er
jedoch Alles werden. Er hatte von der Natur weiter nichts mitbekommen,
als ein weiches Herz und einen heitern Sinn; diese Gabe aber ist
äußerst gefährlich; ohne die richtige Pflege bildet sich durch sie ein
Charakter heraus, der zuerst blos +gut+ und +schwach+ scheint
-- später jedoch +leichtfertig+ und +thöricht+ wird. Vermöge
des Ersteren hing Edmund seinen Verwandten und darunter besonders
seiner Schwester mit schwärmischer Liebe an -- vermöge des Letztern
schloß er schnell mit Jedermann -- am schnellsten mit lustigen Brüdern
Bekanntschaften und Bündnisse.

Welche Resultate für sein Leben, für seine persönlichen Verhältnisse
hieraus erwuchsen, ließ sich voraussehen. Da es in der menschlichen
Natur liegt, mit einem Gemüthe, wie das Edmunds, dem Bösen zugänglicher
zu sein als dem Guten, so war auch nichts natürlicher, als daß bei ihm
der Einfluß seiner +Freunde+ jenen seiner Verwandten nicht nur
überwog -- sondern in progressivem Verhältniß langsam vernichtete,
dermaßen, daß Edmund zum Beispiele im gegenwärtigen Zeitpunkte --
Dank dem elenden Leuben -- Althing -- dem alten Wollheim und dem
Würger Lips, der anfangs als +Freund in der Noth+ galt, -- Dank
also diesen schlechten Freunden -- in diesem Augenblick auf einem
schauderhaften Gipfel des Elends und der geheimen Noth stand.

Daß es das Geld ist, welches im vorliegenden Falle wieder den _nervus
rerum_ vorstellt, läßt sich leicht errathen; wann sollte dieses
fluchwürdige Princip nicht das herrschende gewesen sein -- -- mag
man auch die Bücher der Weltgeschichte, von den grauen Zeiten des
Alterthums bis auf die neuesten, durchblättern.... wo war es dies nicht
stets? -- Fürwahr, man ist versucht, dieses Princip für dasjenige zu
nehmen -- von welchem die Bücher der heiligen wie die der weltlichen
Weisheit als von dem +bösen+ sprechen. -- --

Wir könnten hier eine lange Expectoration einschließen -- wir könnten
hier mit sanften Engelsstimmen sowohl wie mit dem Brüllen des Donners
reden, um unserm Satz die rechte Verständlichkeit und Kraft zu
verleihen; wir könnten tausend Mal fragen: „Wo ist das Gute, welches
durch den Mammon gestiftet wurde?“ -- ohne daß man uns hierauf auch nur
eine einzige Antwort zu geben vermöchte; -- -- wir könnten hinwieder
fragen: „Wo ist das Böse, das durch ihn angerichtet wurde?“ und auf der
ganzen Erde würde jeder Punkt rufen: „Hier! hier! hier!“

-- Doch zu solchen Experimenten ist hier weder Zeit noch Raum, und so
kehren wir denn wieder zu den wesentlichen Theilen unserer Darstellung
zurück.

Als wir Edmund zum ersten Male sahen, fanden wir im Aeußern einen jener
lustigen, ausgelassenen, dabei gutmüthigen jungen Kavaliere, an welchen
in großen Städten eben kein Mangel ist. Wir hatten jedoch zu jener
Zeit uns noch nicht näher um ihn bekümmert... wir hatten noch nicht
nach seinen inneren Zuständen geforscht und so konnten wir leicht über
ihn +lachen+; wir hatten noch keine Ursache, uns wegen seiner zu
+betrüben+ -- denn ein Mensch kann lustig, ausgelassen und bei
dem Allen doch sehr glücklich sein. Als uns Edmunds schönes Verhältniß
zu Cölestine, als uns einige der edleren Eigenschaften seines Herzens
bekannt wurden -- mußten wir sogar für ihn eingenommen werden. --
-- Aber nur zu bald enthüllten sich unserem Blick alle jene düstern
Einzelheiten dieses Wesens und Lebens, welche nicht mehr geeignet sind
zu belustigen, sondern wodurch unsere bisherige Theilnahme dem Schreck,
ja dem Ekel wich. -- Wir sahen Edmund nicht mehr blos aus Leichtsinn
und Unüberlegtheit sich thörichten Neigungen hingeben -- sondern mit
schamlosem Bewußtsein; -- ja wir erblickten ihn zuletzt sogar in den
Armen der nichtswürdigsten Laster.... und bald, bald werden wir mit
Entsetzen vor ihm fliehen. --

Dahin jedoch mußte die Consequenz eines Treibens, wie das seinige war,
ihn führen, und dahin wird Jeder kommen, der, gleich ihm, auf die
Sirenentöne jener Leute hört, die sich uns im gewöhnlichen Leben häufig
als unsere „+besten Freunde+“ bezeichnen. -- Wenn wir die Liste
der Kameraden Edmunds durchgehen -- welche Subjecte finden wir da!
Alle Sorten der Thorheit und des Lasters -- von der niedrigsten Stufe
bis zur schwindelndsten Höhe. Zuerst den im Ganzen unschädlichsten
alten Gecken +Althing+, an dessen Seite er zuerst die traurige
Süßigkeit des Müßiggangs und die lügnerische der Galanterie kennen
lernte; sodann den albernen Jäger und Säufer Wollheim -- mit dessen
Hilfe er schon um einige Stufen höher stieg. -- Diese zwei Leute
beglückten ihn durch jahrelangen Umgang und nannten ihn in allem
Ernste ihren „+Schüler+“, sowie er dieselben lange Zeit hindurch
als seine „+Meister+“ anerkannte. Später sodann machte er die
Bekanntschaft des Chevaliers -- und diese wirkte eben wegen ihrer
direkten Entgegengesetztheit am verderblichsten unter allen bisherigen
auf ihn; denn durch dieselbe plötzlich in eine Sphäre gerissen,
worin er sich noch niemals befunden -- gerieth er in abscheuliche
Verlegenheiten -- denen er nur dadurch entkam, daß er seine Zuflucht zu
dem allesvermögenden Götzen des Geldes nahm -- ein Götze, welcher den
jungen wüsten Verschwender rasch in die Klauen seines Priesters: des
Meister Lips führte...

Zu Allem diesen kam noch, gleichsam als Krone des Werkes -- die
Verbindung mit Leuben, welche dieser seit Kurzem absichtlich und
dringend suchte und auch sehr leicht gefunden hatte. -- Leuben, früher
ein gewöhnlicher Mensch und ein verliebter Wahnsinniger, trat ihm jetzt
als der ausgemachteste Roué entgegen und führte ihn in noch tiefere und
stinkendere Kloaken des Lebens -- als in welchen der Thor Edmund bisher
gewatet hatte.

-- -- So standen die Sachen und nun antworte man uns: ist hier nicht
ein ursprünglich zu Gutem bestimmtes Gemüth, eine an sich reine
und edle Natur untergegangen? Doch -- so mächtig ist der Keim des
Göttlichen in uns, daß er, und wäre er auch nur so groß wie ein
Samenkorn, die hundertfachen Schichten des Lasters und des Bösen, von
denen er eingeschlossen wird, und die ihn gerne ersticken möchten,
dennoch durchdringt -- um über ihnen, wenn auch nur auf Augenblicke zu
leuchten.... den blinden Thoren sehen zu machen.

-- Die gefürchtete Stunde nahte heran; je näher sie kam, je heftiger
zitterte das Herz in dem Leibe des Elenden. Leuben hatte ihn verlassen
.... er wollte nur kurze Zeit wegbleiben, um seinen Anzug in Ordnung
zu bringen, dann wollte er, wie er sagte, wieder kommen, und aus
freiem Antriebe seinen „unglücklichen lieben Freund Edmund“ mit einem
Darlehen -- gegen die Wuth des Meister Lips schützen. Das hatte er
ihm gelobt. -- Was er jedoch that, bestand in Folgendem: er verfügte
sich von hier zuerst zu dem andern „lieben Freunde“ +Theobald
Wurmholzer+, sodann -- denn die Verbindungen, welche er seit einiger
Zeit angeknüpft hatte, reichten weit -- zu seinem dritten „lieben
Freunde“ dem Meister +Sophronias Lips+.... und setzte diese zwei
Ehrenmänner von der Gemüthslage Edmunds in Kenntniß. -- Er handelte,
wie man sieht, nach einem Systeme, dessen Ziele uns immer näher und
immer zahlreicher vor den Blick treten -- bis wir sie zuletzt als
Schlußstein eines ganzen Intriguengebäudes sehen werden -- welches
Gebäude bestimmt ist, auf die Welt darunter zusammenzustürzen, -- wenn
anders nicht etwa eine mächtigere Hand noch bei Zeiten dazwischen
fährt, zertrümmernd den arglistigen, verderbenschwangeren Bau....
erlösend und versöhnend die Welt, welche so lange in diesem Kerker
geseufzet. --



Zweites Kapitel.

Die Nichtswürdigen.


Eben hatte es auf einem Thurme in der Nähe elf Uhr geschlagen. Dieser
Klang tönte erschütternd durch die Ohren Edmunds, welcher sich
von seinem Lager noch immer nicht erhoben hatte, sondern dasselbe
Stunde für Stunde mit seinem Angstschweiße tränkte -- gleich einem
Armensünder-Lager. Wir haben bereits Vieles von dem Treiben und Thun
dieses verlornen Jünglings erzählt -- wir haben jedoch noch nicht
Alles, noch nicht das Letzte gesagt. -- Edmund von Randow, der Sohn
eines der edelsten und ruhmvollsten Häuser des Landes, war nicht
nur Müßiggänger, Libertin, Verschwender, Spieler und ein Roué der
gemeinsten Klasse geworden -- -- Edmund von Randow, der Sohn eines der
ersten und vornehmsten Geschlechter zweier Reiche -- -- war sogar bis
zum +Betrüger+ hinabgestürzt....

Nachdem wir dies entsetzliche Wort ausgesprochen haben, bleibt uns
nichts anderes übrig, als es zu rechtfertigen, und dies soll sofort
geschehen.

Es waren seit dem letzten Glockenschlage noch kaum einige Minuten
verflossen, als nicht der Baron von Leuben, wohl aber Herr Theobald
Wurmholzer in’s Zimmer trat. Auf die Stirne dieses Menschen hatte sein
Leben und sein Handwerk Züge gezeichnet, die nicht zu verkennen waren.
-- Herr Theobald erschien mit einer lustigen Schurkenmiene und einem
schmetternden „Guten Morgen!“ Als er Edmund, dessen Zustand und Lage
erblickte -- brach er laut in die Worte aus: „_Sacre bleu!_ Was
ist denn das? Hat für meinen Busenfreund Edmund der Hahn noch nicht
gekräht? -- _Bougre!_ das nenn’ ich einen guten Schlaf -- der
freilich auch einem guten Tage folgt....“

Edmund begnügte sich damit, sich halb aufzurichten und dem
Abscheulichen eine Art von Willkomm entgegen zu murmeln, womit dieser
zufrieden schien, denn er setzte sich, nach dem Brauche solcher Herren,
ohneweiteres auf das Bett -- und fuhr in seiner lärmenden Weise fort:
„Sie werden wissen, mein verehrungswürdiger Freund Randow -- daß ich
nicht gekommen wäre, Ihren süßen Schlaf zu stören, nöthigte mich hierzu
nicht jene dringende Pflicht, die ich gegen mich selber habe und die
Ihnen hinlänglich bekannt ist; Sie begreifen --: Die heiligste Pflicht
des Gentlemans und Spielers besteht in --“

Edmund fuhr bei dem letzteren Worte ein wenig überrascht in die Höhe
--: „Sie nennen sich also kurzweg: einen Spieler!“

„Darauf kommt es hier nicht an und es wird Ihnen auch gewiß sehr
gleichgiltig sein...“

„Ich meine nur -- -- bisher haben Sie sich unter diesem Titel noch
nicht vorgestellt....“

„_Diable!_ -- dies will ich schon glauben!... Wer in der Welt wird
sich bei einem fremden Menschen gleich als +Spieler+ einführen?
-- Es wäre sehr gegen die Lebensart! -- Allein nachdem man zusammen
drei bis vier Nächte hindurch am grünen Tische gesessen -- nachdem man
mit Einem überdies auf Ehrenwort gespielt -- und endlich gar an ihn
eine Forderung von circa 2000 Ducaten zu stellen hat -- darf man sich
doch wohl kurzweg als das bezeichnen, ... was man ist, _Tonneur de
Dieu!_ -- Welchen Titel soll man für sich erfinden? -- -- Man hat
von Jemand für einige Sätze im _rouge et noir_ 2000 Ducaten zu
fordern... also ist man ein +Spieler+.“

„An dieser Logik ist wohl nichts auszusetzen --“ versetzte Edmund
eintönig und mit bitterem Lächeln -- --; „ich hätte längst selber von
ihr Gebrauch machen sollen....“

„Allein, wie ich sehe, _mon cher_ -- -- so jagen wir uns da
mit einer nutzlosen Phraseologie ab... und beim Himmel! meine Zeit
ist sehr kostbar: ich habe heute noch wichtige Geschäfte in Ordnung
zu bringen. Kommen wir daher zur Sache! -- +Haben Sie das Geld in
Bereitschaft+, _mon petit coeur_?“

Mit kurzen Worten antwortete Randow: „Ich habe nichts in Bereitschaft.
Ich besitze keinen Heller!“

„Wie -- Sie besitzen keinen Heller!“ schrie Herr Theobald so mächtig,
daß es draußen auf allen Gängen widerhallte: „_Morbleu!_ -- Sie
besitzen keinen Heller!“ Theobald war aufgesprungen und hatte sich vor
ihn hingestellt: „Was ist dies für eine sonderbare Erklärung -- mein
Herr von Randow?“

„Die Erklärung ist sehr einfach und noch dabei sehr wahr;“ sprach
Edmund mit einer Ruhe, deren man ihn nach seiner früheren Stimmung
nicht fähig hätte halten sollen. -- Allein freilich die früheren
Bewegungen seines Innern standen weniger mit diesem als mit dem andern
Falle, mit dem Meister Lips, in Verbindung.

„_Enfin!_“ rief der Spieler: „Sie zahlen also nicht: Sie tragen
Ihre Schuld nicht ab -- mein Herr?“

„Es ist mir unmöglich -- mein Herr.“

„Wissen Sie auch, mein Herr -- daß dies eine Ehrenschuld ist?... daß
Sie auf’s +Wort+ gespielt haben?“

„Ich weiß es, ich weiß Alles.“

„Und dennoch -- glauben Sie mir so mit der größten Seelenruhe sagen zu
dürfen, daß Sie nicht zahlen wollen?...“

„Allein -- was soll ich Anderes thun? Sagen Sie es selbst, mein
Herr!...“

„Dies -- _mon Dieu_!“ versetzte scheußlich lachend Herr Theobald
-- der nach Art der Leute seines Metiers unabläßlich mit französischen
Brocken um sich herum warf... „Dies, _mon Dieu_ -- ist doch
fürwahr nicht meine Sache... es geht mich nicht im Geringsten an...
_Sacre!_ Was soll ich Ihnen denn noch sonst sagen, als: zahlen
Sie! zahlen Sie -- -- ich muß auch zahlen! -- --“

Der junge Mensch antwortete nicht -- er seufzte nur und rieb sich die
Stirne, die zu zerspringen drohte unter den Gedanken, welche -- nicht
Herrn Theobald betrafen.

„Endlich, mein Herr,“ nahm dieser sich zusammen und blickte ihn wild
und finster an: „Endlich -- damit wir zum Schlusse kommen: was ist
Ihre Absicht? Wollen Sie mich als Mann von Ehre, wie es Ihrem Stande
angemessen, befriedigen -- oder aber wünschen Sie, daß ich noch in
dieser Stunde zu Ihrem Vater gehe -- -- und den würdigen General von
Randow veranlasse, das Wort seines Sohnes und dessen Reputation zu
retten?... _Morbleu!_“

Der Spieler war richtig berathen. Kaum hatte er den Namen von Edmunds
Vater genannt, als der Jüngling erschrocken vom Lager aufsprang und
im Nu aufrecht stehend sich seinem Gläubiger gegenüber befand: „Um
Gotteswillen, mein Herr!“ rief er mit bebender Zunge: „Thun Sie das
nicht! Machen Sie keinen Schritt aus diesem Zimmer -- bevor unsere
Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht ist. -- -- Sie wollen, ich soll
Ihnen 2000 Ducaten bezahlen. -- Nun wohl -- nun wohl.“

Er sann einen Augenblick nach -- -- jetzt hatte sein ganzes Denken sich
um diesen Punkt konzentrirt: „Hören Sie meinen Vorschlag! -- Gedulden
Sie sich noch bis morgen -- dann sollen Sie Alles bis auf den letzten
Pfennig erhalten...“

„_Tonneur!_ -- --“ versetzte der Spieler schon mit einem viel
heiteren Tone: „das geht nicht, mein Bester! -- Das wird nicht
gehen! .... Wie ich es immer auch herumdrehe -- wie ich auch immer
kalkulire.... ich brauche das Geld noch heute...“

„Nun denn --“ bedeutete Jener, dem der Angstschweiß von der Stirne
rann: „dann geben Sie mir mindestens einige Stunden Frist -- -- z. B.
bis zum Nachmittage...“

Nach einer Pause rief Theobald aus: „_Eh bien donc!_ -- Bis zum
Nachmittage -- 3 Uhr will ich warten, _mon coeur_... bis 3 Uhr
also .... Jedoch länger nicht eine Minute... fürwahr ich kann nicht!
_Parole d’honneur_ -- es liegt nicht in meiner Macht.... es ist
unmöglich ... _c’est impossible!_“

„Nun denn -- um 3 Uhr holen Sie hier das Geld ab.“

„_Bon, bon!_ -- Ich werde hier sein -- _sans doute_ --
ich werde erscheinen, _mon très cher ami_! -- Also: -- _au
revoir_!“

Er reichte ihm die Hand hin -- die der Unglückliche ergriff und
drückte, als sei sie die Hand eines Ehrenmannes. Darauf verließ
Monsieur Theobald Wurmholzer das Zimmer. --

-- Kaum war er fort, als schon wieder an der Thür geklopft wurde.
Dieses Klopfen erkannte Edmund -- es drang ihm erschütternd durch
Mark und Bein. Sogleich öffnete sich die Thür und herein trat, mit
lächelndem Joko-Gesichte und der trauten Keule in der Hand, Meister
Sophronias Lips, Wechsler, Antiquar, Juwelier, Hühneraugen-Operateur
und Würgengel dieser guten Stadt. Er war ganz so anzuschauen, wie
wir ihn sahen, als uns das unaussprechliche Glück ward, zum ersten
Male mit ihm zusammenzutreffen. Da war wieder der mittelalterliche
Gustav-Adolph’sche Rock, halb Frack und halb Jacke -- da waren wieder
die antediluvianischen Beinkleider -- da die Wunderstiefeln, der eine
mit Stulpen, der andere ritterlich trichterförmig mit einem Stück
Sporren daran -- da war auch der Hut, _vulgo_ Pferdesattel --
da die heidnische Priesterweste -- -- da endlich -- und natürlich im
vollen Glanze, die herrliche Keule, diese Königin unter den Handstützen.

„Mein Gnädigster -- ich habe die Ehre, Ihnen einen vortrefflichen Tag
zu wünschen... ’s ist recht kalt heute, auf Ehrenwort!“ So begrüßte der
Biedermann unseren Freund, der sich bei dessen Eintritt erhoben hatte
und ihm wie einem Manne von Rang entgegen ging... jedoch sprach Edmund
nicht ein Wort. Um so mehr Gelegenheit hatte hierzu Meister Lips und er
schien Lust zu haben, heute von dieser Gelegenheit den ausgedehntesten
Gebrauch zu machen: „Nun, wie geht es Euer Gnaden?“ begann er lächelnd,
mit dem Kopfe nickend und seine holde Keule schwingend: „Wie befinden
Sie sich, mein Gnädiger, he? -- Hoffentlich geht es Denenselben recht
wohl -- was mich ausnehmend freuen würde, auf Ehrenwort! -- Und wie
haben Dieselben geschlafen?... Wahrscheinlich gut!“

Wie schon gesagt, Edmund war, trotz dieser Zuvorkommenheit und
Cordialität des Meister Lips -- an Worten ein Bettler; kaum daß er ihm
alle diese Fragen im Allgemeinen beantwortete; jedoch schien Lips das
nicht zu beachten und fuhr fort, seine Freundlichkeit zu verdoppeln,
zu verdreifachen... so daß es eine wahre Lust war, diesen, an sich so
cynischen Philosophen, jetzt eine Fluth der galantesten Redensarten
ausströmen zu hören.

Im Ganzen fand eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lipsens
gegenwärtigem Betragen und demjenigen statt, welches Herr Theobald
Wurmholzer bei seinem Eintritt in diese Stube angenommen hatte. Die
Sache ist sehr einfach. Sie wiederholt sich bei jedem Gläubiger. Wenn
Euch ein solcher besucht, ist er die Artigkeit und Liebenswürdigkeit
selber -- -- kaum aber habt Ihr mit ihm einige Worte gesprochen, so
wirft er rasch die Maske ab -- -- er will von Euch Geld haben und keine
Worte -- er wird ernst -- grob -- unverschämt -- so zwar, daß Ihr,
die Ihr anfangs die zärtlichsten Freunde zu sein schienet -- als die
bittersten Gegner, als Feinde auf Tod und Leben von einander scheidet.
-- -- -- -- Eine merkwürdige psychologische Erscheinung; jedoch sehr
bewährt, sehr bewährt!

Doch folgen wir ruhig dem Gange des Gespräches unserer zwei Männer und
sehen wir zu, wie sich dasselbe nach und nach entwickeln wird.

„Allein -- mein theuerster, mein verehrtester, mein süßester Gnädiger
-- -- Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, wie Sie so eigentlich
sich fühlen; und doch wissen Sie, welchen namenlos gewaltigen Antheil
ich an Dero Wohlbefinden nehme -- -- Auf Ehrenwort! ich würde lieber
mir selbst meine rechte Hand abhauen -- -- als daß ich Sie nur den
allerleisesten Schaden nehmen sähe. Auf Ehrenwort!“

„Ich danke, Herr Lips, ich danke!“ antwortete der Jüngling und setzte
sich neben den Alten, welcher auf dem Sopha Platz genommen...: „Ich
glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß es mit meiner Gesundheit
leidlich steht -- bis auf eine kleine Erregung noch von gestern
her.....“

„Ei, ei -- Sie müssen sich schonen, Gnädigster! Wirklich, das müssen
Sie.... So eben bemerke ich, daß Ihr theures Angesicht wirklich Spuren
trägt von -- von -- -- nun gleichviel wovon.... Doch, mit einem
Worte, Sie müssen sich schonen. O wie schade wäre es um einen so
ausgezeichneten Kavalier!“

„Sie sind sehr gütig, mein Herr....“

„Es ist mein heiligster Ernst, auf Ehrenwort! -- Allein weshalb nennen
Euer Gnaden -- mich heute stets „mein Herr“ und „Sie“ und so fort?....
Womit habe ich es verdient, daß das trauliche, das ehrende +Du+,
womit Sie zu anderer Zeit mich anredeten und was meinem treuen Herzen
so wohl that -- daß es, sage ich, heute plötzlich verschwunden ist?....“

Hierauf erwiderte Edmund nichts. Sein Blick, der starr vor sich hin
gerichtet war, verdüsterte sich immer mehr; denn diese sarkastische
Freundlichkeit des alten Schurken erschreckte ihn mit Recht im
Innersten der Seele...

„Und wozu,“ fuhr dieser fort, -- „sind hier die Fenster geöffnet,
gnädiger Herr? -- Dies kann für eine so zarte und edle Constitution,
wie die Ihre, sehr nachtheilig werden. -- Und als treuer Freund oder
vielmehr Diener halte ich es für meine Pflicht, dieses große Unglück
nach Möglichkeit zu verhüten.... weshalb ich mir auch die Freiheit
nehme, Ihre Fenster ein wenig zu schließen.... oder aber mich selbst
vor sie hinzustellen, um auf solche Weise mit meinem eigenen Leibe Sie
zu schützen...... Auf Ehrenwort!“ Wirklich ging er hin und that, wie
er sagte; er verschloß die Fenster -- und da eines derselben vom Winde
in der Nacht zerschlagen worden war, stellte er sich da gleich einer
Schildwache auf....

„Allein,“ fuhr er fort und balancirte seine Keule auf dem Nagel des
kleinen Fingers -- „allein,“ sagte er und jetzt ließ er dieses ungefähr
20 Pfund schwere Instrument wieder herabgleiten und begann dasselbe in
einem Kreise herumzuschwingen, gerade so als wäre es eine Reitgerte
-- --: „ich sehe, daß meine Reden Ihnen Langeweile verursachen --
Hochgebietender .... und so will ich Sie denn nicht länger mit
ähnlichen belästigen, sondern mich augenblicklich hinwegzaubern --
sobald ich nur erst noch zwei unumgänglich nothwendige Wörtchen mit
Höchstdenselben gesprochen haben werde. Also: wie steht es mit unserer
Angelegenheit, Durchlaucht? Haben Allerhöchstdieselben jene lumpichten
6000 Holländerchen schon in Bereitschaft gelegt?... und wo sind die
allerliebsten Dingerchen -- damit ich sie berge in meinen väterlichen
Schooß?“

Hier nun wieder ging an dem Jünglinge eine Veränderung vor, welche mit
der vorigen in Gegenwart Theobalds, und zwar aus derselben Ursache
entsprungen, eine große Aehnlichkeit hatte... Edmund erhob sich kalt
und ruhig, sein Auge richtete sich fest auf seinen Gegner und sein
ganzes Wesen schien plötzlich jener wunderbaren Fassung theilhaftig
geworden zu sein, welche uns stets vom Muthe -- nicht selten aber
auch von der Verzweiflung verliehen wird. „Herr Lips,“ begann Edmund
mit Würde: „wozu sollen wir diese Sachen in die Länge oder gar in’s
Scherzhafte ziehen. Reden wir ernst und kurz mit einander -- denn bei
Gott! mir ist es sehr ernst um die ganze Angelegenheit. Sie, vermöge
Ihres Scharfblickes und Ihrer Menschenkenntniß (Eigenschaften, die
Ihnen selbst Ihr Feind zugestehen muß) --“

Signor Lips verbeugte sich und salutirte mit seiner Keule wie ein
Offizier mit seinem Degen --

„Sie können sich unmöglich auch nur einen Augenblick lang über die
Lage, worin Sie mich jetzt finden, täuschen. Sie wissen recht gut --
daß ich ärmer bin als ein Bettler -- zahlungsunfähiger als ein Kind
-- daß ich indessen auch den redlichsten und eifrigsten Willen habe,
Alles zu thun, was in meiner Macht steht, -- und sollte es auch mit
Aufopferung meines halben Lebens geschehen...“

Die plötzliche Metamorphose im Wesen des Jünglings hatte auch eine in
dem des Greises hervorgerufen, welche zwar ebenfalls ernst und finster
erschien, dabei jedoch einen Strahl von tiefer Ironie nur um so greller
durchblicken ließ, je mehr dieser unterdrückt werden sollte...

„Das ist -- wie mich dünkt -- das alte Lied!“ hatte Lips mit tiefer
Stimme gesprochen .... „Dieses alte Lied jedoch behagt mir in diesem
Augenblick so wenig, daß ich, sollte ich es noch einmal hören müssen,
lieber entschlossen bin, die Zither sowohl wie den Zitherschläger in
tausend Stücken zu zertrümmern..... Ist das Deutsch gesprochen...?“

Edmunds Lippe zitterte ohnmächtig und wortlos -- sein Athmen, sein
Seufzen, wodurch seine Brust bewegt wurde, glich dem Stöhnen eines
Kranken... er fühlte sich hinsinken und mußte sein Haupt auf die Lehne
des Sopha’s legen -- --. Da begann Lips wieder im strengen Tone:

„Sie wissen, wie die Sachen stehen -- mein Bester. Ich habe nicht
nöthig, sie Ihnen weitläuftig wiederzukäuen. -- -- Sie sind erstens
zwei Wechsel, jeden à 1500 Dukaten mir zu bezahlen schuldig -- macht:
3000 _netto_. -- Sodann besitze ich von Ihnen einen dritten
Wechsel à 1000 Dukaten -- trassirt auf Ihren Herrn Schwager, den
hochgebornen und insbesondere hochzuverehrenden Herrn Grafen Alexander
von A--x, und angeblich acceptirt von Hochdemselben -- -- was sich
jedoch später als eine Lüge, d. h. eine Namensfälschung -- d. h. ein
Criminalverbrechen zweiter Klasse erwies, denn nicht der hochgeborne
Herr Graf hat seinen Namen geschrieben -- sondern Sie machten diesen
allerliebsten Streich selber... hehehe!.... -- -- Maßen ich jedoch
in meiner Brust kein Felsenherz -- sondern ein so weiches wie
Schwanenflaum trage -- auf Ehrenwort! -- habe ich mich vor einigen
Tagen in dieser Angelegenheit mit Ihnen dahin geeinigt, daß Sie mir
anstatt der auf dem falschen Wechsel notirten 1000 Dukaten -- 2000
ausbezahlen sollten... was ein wahrhaft christlicher Handel ist..... Da
haben Sie die ganze Sachlage, da den ganzen Casus, wie wir Philosophen
sagen.... Auf Ehrenwort!“

Statt aller Antwort schüttelte der unglückliche junge Mensch wie
sinnlos das Haupt -- -- und schlug sodann ein kurzes heiseres Gelächter
auf. --

„Was -- Sie lachen noch, mein Bester? -- -- Mir aber, das versichere
ich Ihnen -- ist es in diesem Augenblicke gar nicht zum Lachen .... und
gleichwohl dürfte dazu an mir die Reihe noch eher sein, als an Ihnen.
Dies wollte ich blos so nebenbei bemerkt haben. Und jetzt noch einmal
deutsch gesprochen: Ich bitte mir höflichst 6000 Dukaten aus!“

„Ich besitze nicht 6000 Heller --“

„Nun wohl, noch deutscher: Sie haben einen reichen Papa -- -- Papa wird
das Sümmchen bezahlen --“

„Herr Lips, mein Vater bezahlt für mich nichts. Sie wissen es sehr gut.“

„Dann wird Mama es thun....“ fuhr der Wucherer fort und schwang seine
Keule....

„Meine Mutter kann es ebenfalls nicht, da die Kasse sich nicht in
ihren Händen befindet....“

„Ferner haben Sie eine geliebte und liebende Schwester, mein Freund....“

„Auch Cölestine ist nicht im Stande, mir zu helfen....“

„... Zuletzt bleibt uns noch immer der Herr Graf von A--x, auf welchen
ja auch dies Haupt-Papierchen ausgestellt ist....“

„O -- um aller Seligkeit willen.... mein Herr!“ schrie Edmund auf:
„bringen Sie mich nicht zum Wahnsinn! -- -- Das Alles, was Sie da
vorgeschlagen haben -- hilft zu Nichts. -- Allein, Sie reden immer von
6000 Dukaten .... mein Herr! Habe ich Ihnen denn nicht vor ein paar
Tagen einen +Schmuck+ im Werthe von fast eben so viel überliefert....
weil Sie mir schon damals mit der Geltendmachung des unglückseligen
falschen Papiers -- zu dessen Anfertigung ich mich in halber
Trunkenheit verleiten ließ -- drohten.... Und diesen Schmuck rechnen
Sie für nichts....“

„Ei bewahre!“ versetzte Lips: „wie sollt’ ich das? Halten Sie mich nur
nicht für einen so unbilligen, gefühllosen Menschen! -- Diesen Schmuck
im Werthe von fast 5000 Dukaten gaben Sie mir (Sie müssen sich dessen
noch erinnern,) als blose Abschlagzahlung, weil ich damals von Ihnen
neben diesen dreien annoch im Besitze von zwei älteren Papierchen war
-- wir haben die ersteren vernichtet und ich habe mit dem verfänglichen
bösen Rechte gezögert bis zum heutigen Tage, wo Sie mir das Ganze
bezahlen (will sagen diese 3 vorliegenden Wechselchen honoriren) sollen
-- oder aber Alles steht wie zuvor. Ist das klar gesprochen?“

Nach einigem qualvollen Grübeln versetzte Edmund: „Hören Sie mich,
mein Herr! Um was ist es Ihnen zu thun? -- Um Bezahlung, nicht wahr?
-- -- Nun denn: warten Sie noch einige Tage.... mittlerweile werde ich
Gelegenheit haben, mit meiner Schwester -- vielleicht auch mit meinem
Vater zu reden. Denn so geradezu kann ich mit einer solchen Forderung
nicht vor sie hintreten. Der Letztere würde es mir kurzweg abschlagen
-- ja, erführe er den vollen Thatbestand -- so wäre es mit mir für
immer aus; meine Schwester aber müßte, angenommen, daß sie Etwas thun
könnte -- die Summe jedenfalls erst zu borgen suchen.... denn sie kann
über ihr Vermögen bis jetzt noch nicht verfügen... Geben Sie mir also
5-6 Tage! Herr Lips -- --“

„Fünf bis sechs Tage!“ schrie dieser: „Wo denken Sie hin, das ist
unmöglich! Bis dahin gehe ich ohne das Geld zu Grunde!... Fünf bis
sechs Tage! -- Um Gotteswillen machen Sie mich nicht unglücklich!“

„Aber -- mein Herr -- es ist -- --“

„Wissen Sie was? damit Sie immer mehr meine rührend gefühlvolle Seele
kennen lernen sollen.... einen halben Tag will ich Ihnen noch gewähren!
-- Aber länger ist es mir nicht möglich -- auf Ehrenwort!...“

„Das hilft zu nichts! das ist umsonst!“ versetzte Edmund dumpf und
faßte sein Haupt zwischen beide Hände, um zu verhindern, daß es
zerspringe.

„Nun denn -- noch einen halben Tag dazu! -- Aber auf Ehrenwort!....
das ist Alles, zu was ich mich als Christ -- ja und wäre ich selbst
Herrnhuther, herbeilassen kann!“ Er schwang seine Keule fürchterlich
im Kreise, daß sie in der Luft saus’te, wie ein großes Mühlrad. --

„Erbarmen Sie sich meiner! -- Sie sehen -- ich gehe zu Grunde! Was soll
ich in 24 Stunden ausrichten?.... Sind sie vorüber -- so stehen wir
gewiß noch auf dem alten Fleck, weh mir!“

„Weh +mir+! +mir+! ich habe das Recht, dies auszurufen,“
schrie Lips wild -- und arbeitete mit der Keule umher, wie
Herkules, als er gegen den Nemäischen Löwen auszog.... „Nun denn
-- Donnerwetter!“ brüllte der Wucherer und schlug mit ihr jetzt so
gewaltig auf den Boden, daß in den Dielen ein Loch entstand: „so gebe
ich Ihnen denn eine Frist von 48 Stunden -- mein Mann! Aber,“ setzte
er drohend wie ein Caraibe hinzu und rollte gräßlich die Augen: „sind
diese verstrichen und ich habe mein Geld nicht.... dann, mein Mann
-- lasse ich Sie durch zwei handfeste Polizeisoldaten holen -- und
Ihnen kurzweg den Prozeß machen wegen Wechselfälschung, Betrügerei,
Erpressung -- und noch einiger andern Nebenumstände... so wahr ich
Sophronias Lips heiße und eben sowohl der Freund der Guten wie der
Schrecken der Bösen bin.... Hier haben Sie mein siebenfaches Ehrenwort
darauf! -- -- Wohlan denn: auf Wiedersehen!“ brüllte er wie ein Orkan.

Jetzt stürzte er fort -- man hörte draußen nur noch einige
Keulenschläge, die er im Zorne gegen das Pflaster des Ganges machte....

„Auf Wiedersehen!“ dies sonst so freundliche Wort hätte kein Teufel
fürchterlicher aussprechen können, als es Meister Lips gethan; es klang
ganz so als hätte er gerufen: „Auf Wiederwürgen!“

                               *       *
                                   *

Die anberaumte Frist war verstrichen.

Edmund, der nicht vermochte, die 6000 Dukaten aufzutreiben -- war
verschwunden. Niemand wußte, wohin er kam; doch meldete einige Tage
darauf ein Brief, der seinen Eltern von Prag aus zugesendet wurde,
daß er in einer Ehrensache gezwungen gewesen sei, an die Grenze des
Kaiserstaates zu flüchten -- von wo er ihnen jedoch bald weitere
Nachrichten werde zufließen lassen....

                               *       *
                                   *

Ach, welch ein Schlag traf die armen Eltern! Kaum hatten sie den
Brief Edmunds gelesen, als sie von fremder Seite eine ganz andere
Kunde empfingen. -- +Ihr Sohn war der Wechselfälschung und anderer
Verbrechen angeklagt.+

Lips war der Kläger.

Leuben hatte ihn dazu bewogen, indem er ihm die volle Summe von 8000
Dukaten zu bezahlen versprach und im Augenblick der Denunciation auch
sogleich 6000 bezahlte.



Drittes Kapitel.

Der Schmerz der Gatten.


Wir müssen uns bei unserer Erzählung nun um einige Tage in der
Geschichte zurückversetzen. Es handelt sich darum, wieder zu Cölestinen
und ihrem Gatten zurückzukehren, und sie in dem Augenblick und an
jenem Orte aufzusuchen, wo wir beide zuletzt verließen. -- Wir wissen,
wie jene furchtbare Scene geendet, in welcher Alexander einen so
unzweifelhaften Beweis für die Untreue seines jungen Weibes erhalten
zu haben glaubte -- wir wissen, daß er damals mit zertretenem Herzen
und vernichtetem Sinne auf sein Zimmer floh und sich in das Dunkel
desselben barg, wo ihm wohler ward, denn die äußere Lichtlosigkeit des
Ortes harmonirte mit der dumpfen Finsterniß seiner Brust.

Dies ist Alles, was wir von der Begebenheit wissen; hier schnitten wir
uns den ferneren Pfad ab -- hier eröffnen wir uns denselben wieder und
wandeln darauf fort. --

Es ist von uns schon in irgend einem andern Buche gesagt worden --
daß es Keiner versuchen möge, die Qualen eines unglücklich Liebenden
zu beschreiben; denn für diesen Schmerz haben wir keine Worte, für
dies Unglück keine Farben.... Dieser Schmerz ist unbedingt der größte,
der tiefste und der zerstörendste, von dem ein Menschenherz getroffen
werden kann. -- Was sind alle Wunden, alle Qualen, jedes Siechthum des
Körpers... was sind alle Leiden des Geistes und Herzens: Armuth, Noth,
Verbannung, Demüthigung, Verläumdung, verfehltes Streben, verletzter
Ehrgeiz, Verrath des Freundes -- Undank des Kindes -- -- und wie sie
alle heißen mögen, die zahllosen Köpfe der Hydra, welche am Herzen der
Edelsten genagt haben -- -- was sind sie alle gegen die Hyänenbisse
der Eifersucht, gegen die Harpyien-Wuth betrogener, verrathener Liebe.
-- -- Jedes Leiden, mag es auch noch so groß sein, hat dennoch seine
bestimmte Begrenzung -- über diesen Umkreis hinaus fängt wieder die
Welt für uns an mit ihren, wenn auch noch so wenigen, Freuden.... Nur
Liebe, Liebe, zertretene Liebe kennt außer sich keine Empfindung....
denn sie ist so ungeheuer, daß sie den ganzen Raum unseres Daseins
einnimmt -- unsern ganzen Horizont erfüllt. -- Wir haben außer ihr
keine Welt -- keinen Himmel und keine Erde; -- und weil +sie+
denn so ganz und gar +Hölle+ ist, so leben wir in dieser auch vom
Scheitel bis zur Sohle....

Fürwahr, wenn Einer es verdient, daß wir ihm eine Zähre des Mitleids
weihen, so ist es der unglücklich Liebende.... er, der in seinem
größten Schmerze selbst nicht weinen kann.

Da kommen sie dann, die Tage -- in denen er sich flüchtet in den Schooß
der Wüsten und Einöden -- in Höhlen -- Klüfte und Abgründe und auf
die Gipfel riesiger Berge -- hin, wo die wilden Thiere, der Wolf und
der Steinadler hausen.... bei denen, wie er glaubt, er mehr Liebe und
Treue finden wird, wie unter Menschen.... denn das ist nebenbei auch
sein Fluch, daß er, betrogen von +einem+ Weibe, sie alle, ja die
ganze Menschheit für Heuchler und Verräther hält.... Da kommen sie
dann, die Nächte, in denen allein er wagt zurückzukehren zur Stadt, wo
ihn jetzt keine Menschenblicke vergiften -- und keine Menschenworte
verrathen können.... aber er kommt nicht hierher, um zur gewohnten
Lebensweise zurückzukehren -- um sein Haus zu betreten oder gar seine
Lagerstätte aufzusuchen.... nein, er kam nur, weil ihn unbewußt der
Magnet zurückgezogen hat -- der ihn zwingt, bei +ihrem+ Hause
vorbei zu gehen, wenn sie vielleicht längst schläft -- -- sich
ihrem Fenster gegenüber in irgend einen Winkel zu bergen und es
anzustarren -- mit der Qual eines Verdammten es anzustarren -- hinter
dessen herabgelassenen Gardinen sie den süßen Schlaf der Glücklichen
schläft.... Aber es dauert nicht lange -- so reißt es ihn empor und
treibt mit wilder Gewalt ihn von hier weg -- weit, weit weg -- peitscht
mit Wuth seine Füße, daß sie rennen -- rasen möchten bis an’s Ende
der Welt ...... Jedoch nicht lange verträgt die elende Kreatur diesen
Kampf... sie sinkt nieder -- und wenig fehlt, so würde sie ihren Geist
aushauchen... dessen Leben jedoch aufgespart wird zu neuen Qualen....

So war es auch mit Alexander... so litt und kämpfte auch er. --

Zwei Tage lang blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer, ließ
Niemand vor sich, selbst seine treuesten Diener nicht; was er an
Lebensbedürfnissen für seine körperliche Hälfte brauchte -- ließ er
sich wie ein Gefangener durch die Thür reichen. -- Da erzählten sich
die Diener wunderliche Sagen von ihrem Herrn und was mit demselben
vorgegangen sei -- so wie von dessen Aussehen. Ein in geheimnißvollen
Dingen erfahrner alter Lakai (er hatte früher bei einem englischen
Lord gedient, der viel mit Magnetismus, Sterndeuterei und „andern
schwarzen Künsten“ sich abgegeben) meinte: des gnädigen Herrn
bleiche Miene und sein übernatürlich glänzender Blick -- sodann
die sonderbar eingesunkenen Wangen deuteten bestimmt -- auf einen
Verkehr mit überirdischen Mächten hin, welcher in dem verschlossenen
Studierzimmer, wo all’ die großen Bücher und die wunderbaren Werkzeuge
(Kunstrequisiten) lagen -- stattfände...... Wozu ein anderer alter
Diener mit einer rothen großen Nase, worauf viele kleine blaue
Karbunkel, bemerkte: deshalb höre man zu Zeiten, besonders des Nachts,
auch ein so heftiges Gehen und ein so wirres Hin- und Herreden...
solche außerordentlichen Rufe, und was dergleichen mehr ist. -- Dieser
alte Freund hatte -- wenn er betrunken war, schon so manchen Geist
gesehen...

Am meisten bestärkte der Umstand die Dienerschaft in ihrem Glauben, daß
ihr Gebieter -- sich standhaft weigerte, seine Frau vor sich kommen zu
lassen, trotzdem, daß sie Tag und Nacht darum flehte....

In der That hatte Alexander allen Versuchen, die sie machte, um
zu ihm zu gelangen, widerstanden. Ihre Bitten, ihre Klagen, ihr
verzweiflungsvolles Flehen verhallte vor der Thür und wurde nur von den
todten Wänden, nicht von ihm, vernommen....

Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht, wo er sie mit dem fremden
Manne ertappt, hatte sie vergebens gewartet, ihn bei sich in ihrem
Schlafzimmer, in ihrem Boudoir oder im Gemache, wo sie gewöhnlich
zusammen frühstückten, eintreten zu sehen.... sie hatte nach ihm
geschickt, und als man ihr die Nachricht brachte, er sei noch in
seinem Studierzimmer eingeschlossen -- -- begab sie sich selbst auf
den Weg dahin, um ihn, wie sie glaubte, aus allzuemsiger Arbeit
hervorzuziehen.... Sie gelangte zur Thür: wie erstaunte sie, dieselbe
geschlossen zu finden; jetzt rief sie ihm -- jetzt bat sie ihn, sie
bei sich einzulassen.... da wuchs ihr Staunen, denn er antwortete
nicht. -- Nun glaubte sie, er sei nicht mehr hier, und schon wollte
sie den Rückweg antreten -- -- da hörte sie ihn drinnen einen schweren
Seufzer ausstoßen.... und voll Entsetzen schrie sie auf: „Um Gott! --
Alexander, was ist Dir geschehen? -- -- Hörst Du mich denn nicht?...“
Und weil er noch immer nicht antwortete, so rief sie Diener herbei und
gebot ihnen, die Thür mit Gewalt zu öffnen, wähnend, eine Ohnmacht,
irgend eine schreckliche Krankheit habe ihren Gatten überfallen....

In diesem Augenblick ertönte drinnen seine Stimme finster und
gebietend: „Mir ist nichts widerfahren! -- Wage es Niemand, in meine
Nähe zu kommen. Ich werde die übrigen Befehle geben!“ --

Von dieser Stunde an -- sehen wir das junge Weib fast den ganzen
Tag über und tief in die Nacht hinein sich stundenlang vor der Thür
aufhalten und mit ihren stummen und lauten Bitten, mit ihren Thränen
und Seufzern die Luft erfüllen.... Doch, wie schon gesagt, er, der
Unglückliche drinnen hört sie nicht.... ihn umschließt die glühende
eiserne Mauer seines Schmerzes mit den scharfen Zacken der Schande
umgeben... dieser Wall ist undurchdringlich. --

Endlich nach vielem Sinnen hatte Cölestine ein Mittel erdacht. In
einer Stunde -- es war zur tiefen Nachtzeit -- nahte sie sich, wie sie
so oft gethan, still auf den Fußspitzen dem Zimmer ihres Mannes. Vor
der Thür angelangt, horchte sie lange -- sie vernahm außer dem Picken
einer Pendule, die darinnen stand, nichts -- als die tiefen und starken
Athemzüge eines in tiefen Schlummer Versunkenen. Es war Alexander.
Behende holte sie aus ihrem Busen einen Schlüssel hervor, welchen sie
in’s Geheim hatte verfertigen lassen -- und steckte ihn behutsam in’s
Schlüsselloch.... Welches Glück! Er paßte vollkommen -- er drehte sich
ohne Geräusch im Schlosse herum... nach zwei Augenblicken war die Thür
geöffnet....

Cölestine stand im Gemache ihres Mannes. Sie schloß sogleich hinter
sich zu, damit nicht ein Windzug die Thür bewege oder von draußen
irgend ein Geräusch hereinschalle. -- Auf dem Tische brannte im düstern
Lichte die Lampe und beleuchtete die Gestalt Alexanders, welcher
angezogen auf einem Ruhebette hingestreckt schlief -- und dessen
gramgebleichtes Antlitz -- worin zwei Tage die Leiden eines halben
Lebens eingezeichnet hatten -- auf die Brust herabgesunken, ihm das
Ansehen eines Mannes gab, der in der Kraft seiner Jahre dahinwelkt --
-- eine Eiche, getroffen vom scharfen Beil.

Namenloser Schmerz schien die Seele Cölestinens zu durchziehen, als sie
das sah -- und da sie diesem Schmerz keinen Laut geben durfte, war es
ihr, als ob ihre Brust mitten entzwei reißen sollte...

Da schien der Schlafende sich zu bewegen -- er wandte sein Haupt nach
der Seite und sodann nickte er mit demselben wie zur Bejahung, wobei
seine Lippen murmelten:

„Ja, ja, gewiß, sie hat mich betrogen!“

Diese Worte schnitten Cölestinen durch die Seele -- sie vermochte
sich nicht mehr zu bemeistern -- alle Besinnung, alle Kraft hatte sie
verlassen -- und mit dem lauten Ausrufe, dessen Ton jammervoll klang --:

„Nein! Gewiß, sie hat Dich nicht betrogen!“ stürzte sie vor ihn auf die
Steine hin.... ohne nur zu wissen, was sie that.

Alexander erwachte: „Wer ist da?!“ rief er wild auf -- und blickte um
sich...

„Ich, ich -- Dein unglückliches Weib, bin es! Cölestine, die elendeste
der Frauen, kniet hier vor Dir -- sinkt an Deinem Lager nieder, wo sie
gerne sterben und mit ihrem Tode es bezeugen möchte -- wie sehr Du sie
verkannt....“

Mehr vermochte sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht zu sprechen; --
ihre Lippe schien erlahmt, ihre Zunge dürr wie getrocknetes Laub.....

Er sah sie von seinem Lager mit seinen glühend düstern Augen, welche
in ihren tiefen Höhlen unbeweglich starrten, an -- er sah sie lange,
lange, stumm und regungslos an -- nach und nach nahm seine leidenvolle
Miene den Ausdruck des Staunens -- der Verwunderung an -- -- ein kaum
merkliches und auch sehr trauriges Lächeln zog sich um seinen Mund, aus
welchem mit tiefem und leisem Tone die Worte kamen:

„Sie sind es? -- Aber was wollen +Sie+ hier?“

Er betonte das Wort „Sie“....

„Oh, mein Gatte!“ dieser Ruf rang sich unter Schluchzen und schwerem
Athmen aus ihrer Brust endlich los.... „Oh, mein Gatte!“ wiederholte
sie, indem sie zitternd die Hände emporstreckte. -- --

Jetzt richtete er sich auf -- und verließ rasch sein Lager -- trat bis
zur Mitte des Gemaches und sagte hier halbabgewendet -- dumpf:

„Verlassen Sie mich -- Gräfin!“

Sodann ging er zu einem Lehnstuhle und ließ sich hier nieder --

„Oh, mein Gott! Mein Schöpfer!“ rief Cölestine mit herzzerreißender
Stimme... rang die Hände -- und bedeckte mit ihnen ihr von Thränen
überfluthendes Gesicht, dessen Muskeln sich convulsivisch zu jenem
entsetzlichen Schmerzensausdrucke bewegten -- welcher mit dem Lachen so
viele Aehnlichkeit hat und den höchsten Grad innerer Leiden andeutet....

Eine Pause entstand.

Cölestine lag noch immer vor dem Ruhebette auf den Knieen, denn sie
hatte nicht die Kraft, den Platz zu verlassen. Er sah sie mit keinem
Blicke an, sondern starrte düster grollend vor sich hin -- auf die
Wand, an welcher ein Bild hing, den Abschied Ulysses von seinem Weibe
vorstellend.... Ein bitteres Lächeln malte sich auf seinem Gesichte,
doch blieb er stumm, ließ keinen Laut seinem Munde entschweben....

Jetzt wurden die Klagetöne der jungen Frau zum wilden Geschrei:
„Weh mir Armen!“ rief sie: „Was habe ich verbrochen, daß mich dies
entsetzliche Schicksal trifft?! -- Womit habe ich den Himmel beleidigt
-- daß er so grausam mich straft -- dieses namenlose, unmenschliche
Leiden auf mich herabsendet?... Weh! -- Ich vermag es nicht länger
zu tragen... mein Leben droht auszulöschen. -- O du mein Schöpfer,
welches soll denn meine Schuld sein? Rede, rede, Vater im Himmel! Was
ist denn mein Verbrechen?... Etwa, daß ich diesen Mann, den du mir
zum Gatten gabst, liebte -- mehr liebte als mich -- als Vater und
Mutter -- mehr vielleicht selbst als dich!? -- -- -- -- Ja, ja,“ fuhr
sie fort, zusammensinkend auf den Boden -- und sich mit der Hand am
Rande des Ruhebettes haltend -- „ja,“ sagte sie mit gedämpfterem Tone:
„dies ist vielleicht ein Verbrechen -- aber es ist mein einziges, mein
ganzes..... doch ist es ein Verbrechen an dir, o Herr des Himmels, --
-- und darum, darum strafst du mich -- es ist klar!“

„Aber,“ fuhr sie plötzlich empor und wieder schienen alle Lebensgeister
ihr Herz zu erfüllen, mit neuer Kraft ihr Wesen stählend: „warum denn
pflanztest du diese rasende, diese wahnsinnige Liebe in mich -- -- wenn
sie eine verbrecherische ist?? -- -- Bin ich,“ schrie sie gewaltig auf:
„jetzt noch immer schuldig?! Redet, verkündet mir es -- -- ihr Himmel!“

„Ach -- --“ sagte sie nach einer Weile, traurig das Haupt senkend
und wieder ganz zusammenfallend: „Ihr seid und bleibt stumm... ihr
habt keine Sprache für den Unglücklichen... ihr redet nur mit den
Glücklichen....“ Da riß sie sich heftig vom Orte weg -- auf den Knieen
schleppte sie sich in rasender Eile vor ihren Gatten hin -- zu dessen
Füßen sie mit dem Rufe:

„So nenne Du, mein Gatte, mir das Wort, welches mich verdammt! So
antworte Du, Mann, den ich so liebte, auf meine Frage? --“

Alexander jedoch bewegte sich nicht -- er blieb düster, kalt und stumm
wie eine Bildsäule; erst nach einer Pause schien einiges Leben in ihn
zu kommen, aber nur, um den Arm auszustrecken, um mit ihm gegen die
Thüre zu weisen, so als sollte das heißen: „Fort, fort -- fort von
mir.... ich habe mit Dir nichts weiter zu schaffen....“

[Illustration: Seite 70.]

„Aber,“ rief sie mit erstickter Stimme und umschlang seine Kniee,
„man hört ja den Mörder, den Todtschläger, bevor man ihn verurtheilt
und richtet... ja man redet sogar zu den unvernünftigen Thieren, zum
Hunde, zu einem Pferde, indem man es züchtiget.... Nur mir, mir
gegenüber ist Alles stumm, wie das Grab -- welches sein Opfer auch
verschlingt, ohne ihm davon etwas zu sagen... O, Alexander! nimm mein
Leben hin! tödte mich sogleich -- -- aber früher sage mir, weshalb Du
mich verstoßen hast... denn es muß das verabscheuungswürdigste Laster
sein...!“

Hier öffnete sich sogleich der Mund dieses zu Eis erstarrten Mannes:
„Ja -- -- es ist das verabscheuungswürdigste der Laster! Du hast es
selber ausgesprochen -- heuchlerisches Weib! Untreue, Verrath der
ehelichen Liebe -- -- es gibt kein entsetzlicheres Verbrechen, dessen
die Menschenbrust fähig wäre!“

„O ewige Vorsicht! -- ich habe es geahnt. -- So hat mein Fürchten mich
nicht getäuscht! ... das, wovon ich am weitesten entfernt bin, wird mir
aufgebürdet. -- Herr meines Lebens! nimm mich zu dir! Denn, schuldlos,
wie ich bin, vermag ich unter so furchtbarer Anklage nicht länger zu
athmen!...“

Nach diesen Worten, welche die Arme mit matter, kaum hörbarer
Stimme aussprach -- -- fiel sie auf den Boden hin und verlor alles
Bewußtsein....

Sie lag bleich und athemlos da wie eine Leiche.

Er aber stand auf, nahm sie auf seine Arme und trug sie hinweg aus
diesem Gemache in eines der ihrigen, sodann rief er Cölestinens
Dienerinnen herbei, denen er die Ohnmächtige übergab. Als dieses
geschehen war, verfügte er sich wieder in sein Zimmer, verschloß
diesmal die Thür mit mehreren Schlössern, rückte zum Ueberfluß noch
einen Schrank vor dieselbe und so gesichert vor jedem ferneren
Besuch, abgeschnitten von der ganzen Welt, überließ er sich jetzt den
finstersten seiner Gedanken.

„Ja, ja,“ sprach er zu sich: „trotz dieses Wehgeschreies und dieser
Verzweiflung -- trotz dieser dreisten und geläufigen Berufung auf
ihren Schöpfer -- trotz aller erschütternden Liebesrufe und rührenden
Betheuerungen der Unschuld .... ist sie dennoch eine Verrätherin. --
Und eben deshalb eine um so größere! -- -- -- Hab’ ich sie doch mit
diesen meinen eigenen Augen auf frischer That ertappt -- -- wär’ mir
daran gelegen gewesen -- so hätte ich mit zwei Schritten am Schauplatze
des Verbrechens sein und es mit Händen greifen können..... Und
dennoch, dennoch dieser Schmerz, diese Thränen, diese Schwüre, diese
Verzweiflung -- diese Anrufung Gottes.... O, sie ist die abgefeimteste
Heuchlerin, die je von der Erde getragen wurde! Aus ihr könnte man
tausend Verrätherinnen und Giftmischerinnen und Mörderinnen machen.....
Lass’t ihr Blut auf die Erde tröpfeln -- und ihr vergiftet die ganze
Erde -- diesen alten, harten, felsigen Ball, der schon so vielen Uebeln
widerstanden! -- Sie ist ein Teufel mit dem Lächeln eines Engels im
Gesichte und dem Glorienschein einer Heiligen um das Haupt....“ Er
schwieg einige Augenblicke.... „Böses, böses Weib!“ fuhr er darauf
fort.... „Wer hätte das Alles in ihr gesucht?! -- -- Als ich sie zum
ersten Male sah, trat sie als eine jener zarten Jungfrauen, deren Seele
eine Lilie ist, eine Lilie aus dem Garten Gottes -- vor mich .... sie
trat als holde, lieblich-unschuldige Fee, als eine jener guten Feen,
die in alten Zeiten die Schutzgeister der Menschen waren, vor mein
Angesicht -- -- -- -- damals, damals hätte ich, wären die Gedanken
meines Hirnes nur im geringsten fähig gewesen, sie zu beflecken,
den Blitz des Himmels selbst auf mich herabgerufen, daß er mich
zerschmettere.... Damals! Ach, welche Zeiten und welche Gefühle! -- --
Und jetzt, jetzt! -- -- Wer hätte glauben sollen -- daß trotz ihrer
elysäischen Gestalten und ihrer ambrosischen Düfte jene Zeiten doch
nur von Trug und Verrath geschwängert waren?.... Allein, so ist der
Mensch! Er hofft und vertraut bis zu des Abgrunds Rand -- und glaubt
nicht eher an ihn, als bis er hineingestürzt ist und sich windet mit
zerschmettertem Haupte zwischen Molchen und scheußlichen Ungeheuern....“

Der Graf ging lange im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen,
ohne nur einmal aufzublicken -- -- aber im Stillen hielt er eine
entsetzliche Gedankenjagd -- -- und die schwarzen Ideen tummelten sich
immer dichter neben ihm -- um ihn und über ihm... sie schlossen ihn
von allen Seiten ein, wie ein wildes Heer von dämonischen Erd- und
Luftgeistern....

Da brach der erste Lichtstrahl der heraufsteigenden Morgensonne durch
den Rand seiner Gardinen und traf sein Antlitz.... und als wäre ein
Bote des Ewigen zu ihm herangeflogen und hätte seine Stirne mit
glänzenden Strahlenfingern berührt.... erhob aus dem wilden dunkeln
blutigen Chaos seiner Seele sich ein weißer Gedanke, so daß er schrie:

„Und wenn sie dennoch unschuldig wäre?!!“

„O mein Gott!“ flüsterte er leise: „was hätte ich dann gethan!“

Mit dieser Idee entschlief er bald darauf, denn sein Physisches
vermochte nicht länger dieser unsäglichen und abwechselnden An- und
Abspannung zu widerstehen.



Viertes Kapitel.

Hoffnung, Verzweiflung, Resignation.


Als Alexander erwachte, mochte es bereits wieder gegen Abend sein,
wenigstens umgab ihn im Zimmer eine Dunkelheit, welche nicht allein
durch die ausgebrannte Lampe erzeugt ward. Doch was kümmerte ihn Zeit,
Licht, Sonnenschein -- Finsterniß.... lebte er doch kaum mehr in der
Außenwelt, sondern hatte sich ganz zurückgezogen in den tiefsten
Winkel seines Herzens. Die Idee, mit welcher er eingeschlafen war
-- begleitete auch wieder sein Erwachen, und darum war dies das
freundlichste seit vielen Tagen. --

Ja, sie konnte dennoch unschuldig sein! -- Trotz aller Beweise, trotz
aller Zeugnisse, worunter die wichtigsten allerdings die seiner
eigenen Augen waren -- konnte doch dasjenige, was schon tausendmal
geschehen war, auch noch dies eine Mal eintreffen: Cölestine konnte
verkannt, verläumdet, sie konnte durch eines boshaften Dämons Gaukelei
verläumdet worden sein. -- Denn ist es wohl nicht schon vorgekommen
-- daß man z. B. einen Unglücklichen des Mordes -- eine Unglückliche
der Giftmischerei +überführt hatte+ .... sie starben den Tod des
Gesetzes.... und nach Jahren erwies es sich, daß sie +unschuldig
waren+?

Ach, die +Liebe+ klammert sich so gerne an einen solchen
Hoffnungsanker an -- und zwar erst dann recht eifrig, wenn des
Sturmes Wuth wild über sie eingebrochen ist. -- Die Liebe, wenn
sie zur Leidenschaft, zur Tyrannei geworden -- lebt in Contrasten
und ist bisweilen fähig, von der rasendsten Eifersucht -- zur
fanatischen Gläubigkeit umzuspringen.... je nachdem diese oder jene
ihr Befriedigung schafft. -- „Nie,“ sagt ein geistreicher deutscher
Schriftsteller,[B] „war eine Liebe echt und tief, wenn dieselbe nicht
fähig ist, heute für denselben Gegenstand zu leben -- für welchen sie
gestern in den Tod gehen wollte.....“

Weshalb sollte der arme Gatte nicht den Trost hinnehmen, der ihm
plötzlich wie durch unsichtbare Geisterschwingen zugeweht wurde --
da dieser Trost seinem leidensheißen Herzen doch so wohl that? --
-- Und daß er ihm kam -- wenn es auch noch so plötzlich, noch so
unerwartet und unbestimmt geschah -- -- wer wird daran zweifeln, wenn
er anders das Menschenherz kennt? -- Kommen und gehen von Augenblick zu
Augenblick nicht die verschiedenartigsten Empfindungen in und aus uns
-- -- ohne daß wir wüßten, woher und wohin? -- -- Aber sie kommen doch
und scheiden doch.... das ist gewiß -- -- und es scheint uns dann, als
würde mit einem Male ein Räthsel aufgelöst durch unsichtbare Hände --
-- wozu wir uns lange vergebliche Mühe gaben.

O -- trotz unseren enormen Fortschritten im Felde der Erkenntniß sind
wir noch lange nicht dahin gekommen, die einfachsten Dinge, welche uns
umgeben, zu verstehen. --

Alexander erhob sich vom Lager. Er begann wieder seine Wanderungen
durch’s Gemach. Bunte Bilder flohen vor ihm vorüber -- lange hatte sein
Auge freundlicher Farben entbehrt...

„Nein, nein!“ rief er aus --: „so sehr kann Lüge die Wahrheit doch
nicht nachahmen!... Sie kann Thränen weinen -- Seufzer ausstoßen --
sie kann sich im Staube winden und verzweiflungsvoll aufschreien,
daß sie unschuldig sei... sie kann Alles, Alles, was körperlich und
sichtbar erscheint, imitiren, wie wir es am guten Schauspieler sehen;
jedoch sie kann den Popanz, welchen sie geschaffen, nicht beleben
-- kann ihm keine Seele einhauchen -- kann ihm jene geistige Gewalt
nicht verleihen, die allmächtig zu unserem Geiste spricht, diesen
zu sich hinreißt, daß er nicht widerstehen kann und sich mit ihr
vereiniget, versöhnt. -- Das, das kann die Lüge nicht! -- Das ist nur
der Himmelstochter Wahrheit vorbehalten. -- -- -- -- Und,“ rief er
frohlockend aus: „ihren Einfluß habe ich erfahren -- -- obgleich erst
jetzt, jetzt dies Bewußtsein in mir aufgegangen.... Cölestine ist keine
Verbrecherin... dies wird mir so klar, daß ich erstaune und mich
verfluche, es nicht längst eingesehen zu haben....“

„Allein -- ich weiß schon, weshalb es nicht geschah! Ich +wollte+
nicht, daß es geschehe... ich widersetzte mich gewaltsam der
Ueberzeugung! Ich Thor -- ich Elender marterte mich geflissentlich mit
Schrecknissen, die nicht sind noch waren.“

Voll von dieser neuen Aussicht auf eine neue schöne und blühende Welt
-- machte Alexander sich auf und verließ sein Zimmer, entschlossen,
seine Gemahlin aufzusuchen, sich zu ihren Füßen zu werfen und in einer
Fluth reuiger Thränen seine Schuld abzuwaschen; denn er hoffte, daß
Cölestinens, aus einem Himmel von Güte und Liebe bestehendes Herz sie
ihm verzeihen werde....

Als er auf den Corridor trat, sah er, daß es in der That bereits
wieder dunkel sei. Im Hause war Alles still -- man rüstete sich
zum Schlafengehen. So gelangte er, ohne gesehen zu werden, vor die
Wohnzimmer seiner Frau. Auch hier herrschte die tiefste Stille --
auch hier begegnete man Niemand. Alexander glaubte zuerst, Cölestine
sei entweder nicht zu Hause oder sie habe sich in ihre hintersten
Gemächer zurückgezogen -- -- da vernahm er plötzlich ihre Stimme, die
im zweiten Zimmer Jemand einen Auftrag zu geben schien... und obgleich
diese Stimme kraftlos und eintönig redete, hatte er doch folgende
Worte verstanden: „Aber -- um Alles in der Welt, daß kein Auge dies
Schreiben erblickt, noch Euch selbst, die Ihr damit fortgeht. Stanislaw
-- ich vertraue Dir hier mein halbes Leben an.... erinnere Dich, daß
Du seit 30 Jahren der treueste Diener unseres Hauses bist.... Vermeide
besonders die Zimmer des Grafen....“

Diese leisen Worte machten Alexander fast taub; er, der erst so heiter,
so rasch, so leichtfüßig hierher kam, vermochte in diesem Augenblicke
sich kaum aufrecht zu halten.... Er zog sich seitwärts von der Thür
zurück, lehnte sich hier an die Wand -- und lauerte auf den Boten. --
Dieser trat wirklich heraus -- aber in demselben Momente stürzte sein
Gebieter auf ihn und entriß ihm den Brief.......

Er war an den Chevalier von Marsan gerichtet und enthielt folgende
Zeilen...:

    „Ich bin krank und im höchsten Grade geschwächt -- vermag also
    nicht an dem bestimmten Orte zu erscheinen; ich hoffe daher, daß
    Sie die Mühe auf sich nehmen werden, zu mir zu kommen -- -- -- doch
    säumen Sie keinen Augenblick. Es erwartet Sie mit Ungeduld

    Cölestine v. A--x.

    _NB._ Vermeiden Sie es, von den Dienern unseres Hauses
    gesehen zu werden -- der heutige Abend ist sehr günstig zu einer
    Zusammenkunft, um so mehr, da mein Mann sich noch immer auf seinem
    Zimmer eingeschlossen hält.“

So war sie also dennoch schuldig! -- -- --

Als Alexander diese Zeilen gelesen hatte, glaubte er, die Welt um
ihn und er in ihr werde vergehen. Er befand sich einige Augenblicke
hindurch in einem Zustand, der nicht Leben und nicht Tod -- sondern
eine von jenen schrecklichen Krisen ist, in denen einst das
Menschengeschlecht entweder ganz untergehen -- oder neu und fremdartig
wiedergeboren werden wird. --

                               *       *
                                   *

Einige Stunden darauf lag der Graf in einem heftigen Delirium. Die
widerstrebendsten und gewaltsamsten Stürme dieses Tages und jener Nacht
hatten ihn niedergeworfen. Vielleicht war dieser Ausgang noch ein Glück
für ihn; denn jedenfalls konnte der Wahnsinn ihm keine grauenvolleren
Gestalten vorspiegeln, als wovon das bewußtvolle Leben für ihn jetzt
so reich gewesen wäre. -- So sorgt eine allgütige Natur für ihre Wesen
selbst durch Strafen -- und sie reicht uns oft Gift, um uns vor einem
tödtlicheren, welches wir unwissentlich aus der Atmosphäre eingesogen
haben, zu schützen...

Der Kranke verlor vom ersten Momente an die Fähigkeit, seine Umgebung
zu erkennen -- und so wußte er nicht, daß Cölestine an seinem Bette
saß und ihn mit zärtlicher Besorgniß pflegte. Sie, die noch vor Kurzem
selbst krank und hilflos da lag, schien jetzt wie durch ein Wunder von
neuer Lebenskraft erfüllt zu sein.... Woher diese Wirkung? Hatte die
Zusammenkunft mit Marsan -- denn er hatte sich auch ohne Aufforderung
fast zur selben Stunde eingestellt -- -- diese Folge gehabt?... War
sie dadurch so glücklich geworden, daß sie in einigen Augenblicken
völlig genas?....

Sonst wäre wohl auch Liebe, Zärtlichkeit für einen unglücklichen
Gatten im Stande, eine solche Umwandlung hervorzubringen; -- -- aber
wie sollte man nach einem Briefe wie der obige auf dergleichen rechnen
können? --

Es kann jedoch nicht geläugnet werden, daß der Eifer, womit Cölestine
ihren kranken Mann pflegte, einen Ausdruck tiefer und inniger Liebe
hatte -- -- und es trat die merkwürdige Erscheinung ein, daß, je
nachdem sich der Zustand Alexanders augenblicklich zu bessern oder zu
verschlimmern schien -- -- sie im letztern Falle an Kraft zu gewinnen,
-- im erstern wieder zu erschlaffen und so zu sagen in ihren vorigen
leidenden Zustand zurückzufallen schien. --

Aber wer enträthselt das innere Wesen und den Grund solcher
eigenthümlichen und geheimnißvollen Vorkommnisse in des Menschen
Brust?.. Irren wir doch so leicht im +Deuten+... und können nur
von demjenigen etwas Bestimmtes sagen, was wir +wissen+. Wir
hatten ja eben erst vor Kurzem ein Beispiel an Alexander: es hatte
sich im Widerstreit seiner Meinungen über Cölestine zuletzt eine Stimme
zu ihren +Gunsten+ erhoben.... und schon einige Stunden darauf sah
er seine Prophezeihung so grausam verspottet. --

Die Krankheit machte in kurzer Zeit rasche Fortschritte, doch hofften
die Aerzte von seiner kräftigen Natur, daß sie das Uebel langsamer
oder schneller besiegen werde.... da jedoch der Ausspruch eines Arztes
niemals untrüglich sein kann, so war es natürlich, daß eine liebende
und in Angst harrende Gattin nur geringen Trost aus ihm schöpfen
konnte; sah man jedoch Cölestinens Schmerz, so mußte man sie für eine
solche Gattin halten. --

Da saß sie durch Tage und Nächte neben seinem Haupte, reichte ihm
Arznei, Tränke -- pflegte seiner mit weinenden Augen und diente ihm
wie eine Magd; denn sie litt es nicht, daß ein Anderer auch nur den
kleinsten Dienst bei ihm versähe, wenn sie hierzu selber Kraft und
Stärke fand. -- -- Unter solchen Umständen mußte das Wort des Arztes
wahr werden und ihr Kummer, ihre Angst, ihre Verzweiflung, vergebens.
-- In Alexanders Befinden trat eine sichtbare Besserung ein -- und
nun stürzte die junge Frau auf ihre Kniee und pries Gott im lauten
Dankgebete. -- Wie harrte sie mit zitternder Ungeduld des ersten
lichten und bekenntnißvollen Augenblicks.... dann wollte sie mit
Alexander reden, sich vertheidigen -- und sie hoffte gewiß, daß er ihr
glauben werde....

O der Getäuschte! -- -- Er erwachte wirklich, er sah sie mit klaren
Augen an, wie sie vor ihm stand -- die Arme ausbreitete, mit
thränenvollem Antlitz ihm entgegenlächelte und schon den Mund aufthat
-- -- -- -- Aber es war ihr nicht vergönnt, weiter zu kommen... Bis
hierher nur erfüllte sich ihre Hoffnung, hier schnitt er sie ihr ab --
denn sein Vertrauen zu ihr war dahin, seit der Glaube an ihr Herz ihn
gänzlich verlassen hatte.... Vergebens sank sie noch einmal vor ihm
auf die Kniee.... ihr Anblick war erschütternd.... Er aber, der Gatte
deutete ihr an, daß sie ihn verlassen möge -- und als sie dies Gebot
nicht befolgte, sah man seinen Zustand sich augenblicklich auf eine
entsetzliche Weise verschlimmern....

„Sie werden ihn tödten, wenn Sie länger hier bleiben,“ bedeutete
traurig der Arzt -- -- und sie ging -- sie kam nicht mehr zu seinem
Lager.

Einige Tage darauf war er so weit hergestellt, daß er sich nun wieder
erheben und sein Bett verlassen konnte. Er brachte jetzt den größten
Theil des Tages in einem Armstuhl, umgeben von Büchern und Schriften,
zu, worunter ihn besonders die letzteren beschäftigten. -- Besuche nahm
er nicht an -- selbst Briefe ließ er durch seinen Sekretär eröffnen,
und wies jeden, mochte er auch direkt und dringend an ihn lauten, von
sich. Er besaß keine Geheimnisse und überdies hatte der Sekretär sein
volles Vertrauen....

Unter den Schreiben, welche anlangten, befanden sich drei von
Cölestine, deren Inhalt uns eben so unbekannt geblieben ist, wie er
es für Alexander und selbst für seinen Sekretär war -- denn dieser
Ehrenmann siegelte sie, ohne sie gelesen zu haben, wieder zu.

Es war gegen Ende Dezembers, als Alexander Wien verließ, gefolgt nur
von seinem Sekretär und einigen vertrauten Dienern. Er hinterließ für
Cölestine folgendes Schreiben:

    „Gräfin! -- Ich verlasse Sie, Ihr Haus und die Residenz, ohne
    Ihnen sagen zu können, wohin ich reise und welches der Ort meines
    ferneren Aufenthaltes sein wird. Zu Ihrer Beruhigung -- denn sie
    wird wohl nur auf diese Weise zu erzielen sein -- hinterlasse ich
    Ihnen beiliegende schriftliche Erklärung, worin +ich mich+ die
    Ursache unserer raschen und plötzlichen Trennung nenne und woraus
    keine Schuld hervorgeht, die nicht auf mein Haupt fiele; Sie werden
    Gelegenheit finden, von diesem Dokument den nützlichsten Gebrauch
    zu machen -- und ich wünsche Ihnen herzlich Glück, wenn damit
    sowohl Ihre Wünsche wie die Anforderungen der Welt beschwichtigt
    werden, woran ich nicht einen Augenblick zweifle. -- -- Alles, was
    ich hinterlassen habe, ist zu Ihrer unbeschränktesten Verfügung
    gestellt. -- Ihre Verhältnisse bleiben demnach ganz dieselben,
    welche sie zu meiner Zeit waren -- -- ich vergesse hinzuzusetzen:
    wahrscheinlich werden sie noch weit angenehmer sein; -- ich
    verspreche mich abermals: sie werden dies ganz +gewiß+
    sein! -- -- Gnädige Frau.... erlauben Sie mir jetzt eine kleine
    Eigennützigkeit. In Anerkennung des Dienstes, welchen ich Ihnen
    leiste, lassen Sie mich an Sie die Bitte stellen: falls Sie meinen
    Aufenthalt errathen oder erfahren sollten -- so schreiben Sie
    mir nicht -- noch schicken Sie eine dritte Person zu mir -- am
    wenigsten aber kommen Sie selbst...... Dies wird wohl schwerlich
    geschehen -- es ist fast albern, daran zu denken -- jedoch für den
    Fall dieser oder jener Möglichkeiten erfahren Sie, daß mein Zorn
    dadurch auf’s Aeußerste gereizt und ich zu einer That fähig wäre,
    die sowohl Sie als mich entehren könnte. -- Schonen Sie also unser
    Beider Namen -- wenigstens von dieser Seite. --

    Und nun habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen, als: leben Sie für
    immer wohl.

    Alexander Graf v. A--x.“

Diesen Brief empfing Cölestine zwei Stunden nach ihres Mannes Abreise,
welche früh Morgens, da noch das ganze Haus schlief, geschah, und
wozu die nöthigen Vorbereitungen bereits getroffen waren. Man wird
begreifen, welchen Eindruck diese Zeilen auf sie machten, sobald man
ihren jetzigen Seelenzustand erwägt. Mit Worten ließe sich unmöglich
ein Gemälde davon geben -- man muß dies Geschäft der Phantasie des
einzelnen Lesers überlassen... Genug an dem, ihrer Gesundheit, welche
in den letzteren Tagen fürchterlich zerrüttet worden war, wurde durch
dies Ereigniß gleichsam der letzte Stoß gegeben.... Die Rollen hatten
sich jetzt umgekehrt; -- sie nahm ihres Gatten Stelle ein... ein böses
Fieber zehrte an ihrem Leben.

Aber Cölestine besaß keinen so treuen Pfleger, wie ihm in ihr gelebt
hatte.... denn ihre Eltern und ihre Freunde, so theuer sie ihrem Herzen
auch waren, konnten ihr gleichwohl den Verlust eines Gatten nicht
ersetzen. -- --

So liebte sie ihn also dennoch? Leider ist es uns noch immer nicht
vergönnt, den Schleier von einem Verhältnisse wegzuziehen, welches
sich erst spät entwickeln soll -- welches noch immer im Werden
begriffen ist, und wobei wir, vermöge unserer schöpferischen
Machtvollkommenheit, und vermöge der Kunstzwecke, die uns bei dieser
Schöpfung leiten -- den Schluß des Processes noch in einige Ferne
hinausgesetzt haben....

Welches Aufsehen die Trennung des Grafen von seiner Gemahlin, die eben
so unerwartet wie von außerordentlichen Umständen begleitet war, in den
Kreisen der Residenz erregte, wird man begreifen.... Die Leute _du
bon ton_ waren entzückt, wie sie sich nicht erinnerten, es seit
Jahren gewesen zu sein -- denn da hatten sie ja einen vollständigen
„+Skandal+“. Und da man, wie in der Regel und nach den Gesetzen
der feinen Lebensart geschieht, die Schuld auf den der Gesellschaft
mißfälligen Theil warf, welches -- da die Gesellschaft von Damen
repräsentirt wird -- hier Cölestine war, die man um ihres Glückes
willen haßte, so fing man alsbald an, ihr alle mögliche Vergehungen und
Sünden aufzubürden -- daß sie in wenigen Stunden da stand, wie eine zum
Tode reife Verbrecherin...

„Ach!“ rief man -- „diese Komödie hat zwar rascher geendiget, als man
erwartete -- jedoch sie hatte ganz so geendigt, wie vorausgesagt
worden war...“

„Es war in der That -- ein so vortrefflicher Mann, dieser Graf A--x....
etwas närrisch zwar und spleenhaft -- -- allein man hielt ihn mit Recht
für einen der geistreichsten Köpfe im Ministerium -- und was für ein
Herz er besaß, bewiesen uns die ersten Zeiten seiner Ehe, welche ihn
so sehr beseligten.... Ach, der Arme! er dachte gewiß nicht, daß es so
kommen würde! Er hat es auch wahrlich nicht verdient!“

„O!“ bemerkte das Stiftsfräulein Eugenie von Bomben gegen die Gräfin
von Wollheim -- „ich begreife ganz wohl den Zusammenhang dieses
„+Falles+“, nachdem ich in Erfahrung brachte, man habe die Gräfin
A--x bei der letzten Sitzung des Frauenvereins -- kurz vor Eintritt
ihres „+Falles+“ -- zum Mitglied vorgeschlagen. -- Beim Nero! ich
finde jetzt ihren „+Fall+“ ganz natürlich....“ Und hierbei rieb
sich die huldvolle Dame ihre knöchernen Hände und zeigte lachend ihre
zahnlose Mundhöhle....

Was Cölestine betraf, so machte sie keinen Versuch, alle diese Gerüchte
zu widerlegen, welches ihr durch einfache Berufung auf das ihr von
Alexander hinterlassene Dokument doch so leicht möglich gewesen wäre.
-- Jedoch von diesem Gebrauch zu machen, lag fern von ihr, eben so
fern wie die Menschenliebe von jenen Herzen, die so schöne Dinge von
ihr ersannen. Was kümmerte sie alles dieses! Was ging sie die Welt --
was die Ereignisse an, welche außer ihrer Brust stattfanden! -- -- Ihr
eigenes, persönliches Dasein war in diesem Augenblicke an schmerzvollen
Ereignissen reich genug. --

Die Krankheit, welche sie überfallen hatte, war eine jener träg und
dumpf fortschreitenden, die sichtbar keine Gefahr drohen und für
unbedeutender angesehen werden, als sie es in der That sind. Es nagt
ein Wurm innerlich an unserem Herzen -- er hat den Kern schon zur
Hälfte aufgezehrt -- während von Außen die Hülle in rosiger Frische
glänzt, gleich der Schale eines Granatapfels...... Cölestine --
nachdem sie den ersten und heftigsten Anfall, der sie zwang, sich
niederzulegen, überwunden -- trotzte den ferneren dadurch, daß sie
das Lager floh und umherwandelte, als hätte sie die Kräfte dazu; dies
jedoch war auch nur einer so lebensvollen und jugendlichen Natur
wie die ihrige möglich. -- Ihr sonst so heiterer, naturfrischer, so
leichter und geschmeidiger Sinn verhütete es, daß sie in jene stumpfe
Melancholie verfiel, der jedes andere Gemüth unter solchen Umständen
erlegen wäre. Kurz die junge Frau hatte über sich und ihr Uebel bald so
große Herrschaft erlangt -- -- daß sie das letztere in den hintersten
Winkel ihres Herzens zurückdrängen und äußerlich fast eben so heiter,
wie in ihren schöneren Tagen, erscheinen konnte.....

Sie öffnete ihr Haus jetzt wieder einem Kreise vertrauterer Personen
und ließ sich selbst wieder in jener Welt sehen, die früher, als sie
noch im Hause der Eltern wohnte, die ihrige gewesen war. --



Fünftes Kapitel.

Die Promenade auf der Bastei.


Die Promenaden auf der Bastei und in der Stadt auf dem Graben und
Kohlmarkt waren an der Tagesordnung. Um die Mittagszeit sah man
hier die ganze schöne Welt umherstreifen, um ihren beiden höchsten
Verrichtungen obzuliegen: -- zu sehen und gesehen zu werden und zwar in
möglichst ausgedehntem Umfange.

Ha! Welche große, welche magnifique Welt sich da tummelt und bewegt!
Die Sache ist wirklich viel weniger komisch, als wofür wir sie
anfangs nehmen wollten -- denn wir haben es hier nicht nur mit den
belachenswerthen Seiten der Gesellschaft, sondern mit ihr +ganz+
zu thun, und dabei gibt es auch noch so manches Stück Ernst. -- Wir
wollen das vollständige Gemälde zu zeichnen versuchen und dabei
+keiner Partie+ vergessen.

Sehen Sie jene stattliche, große Dame dort: eine Junogestalt! und ihr
Arm in dem eines kleinen, dünnen, feinen Mannes mit einem noch feineren
Lächeln und einem allerfeinsten Augenkneifen. -- -- Kennen Sie dieses
Paar? Es ist eines der bedeutendsten und angesehensten der Residenz.
-- Sie werden den Namen des kleinen feinen Mannes mit sehr -- großen
Buchstaben im +Staats+-Schematismus gedruckt finden. -- -- Dort
weiter vorn drei weibliche Gestalten und zwei Herrn, ein älterer mit
grauen und wie’s scheint gepuderten Haaren -- auf der andern Seite ein
schlanker, blühender, kräftig schöner Jüngling. Er ist der Bruder der
zwei jungen Damen, neben welchen er geht und der Sohn jener dritten so
wie des alten Herrn mit den weißen Haaren.... O der Letztere ist auch
ein sehr großer, großer, vielbedeutender Mann, ein berühmter Mann sogar
-- und bei dem Allen ein so guter freundlicher, herablassender Mann. --

Hat man einmal bei ihm Etwas zu thun gehabt, wird man nie die edle
Güte vergessen, mit der er uns behandelte.

Auch jene zahlreiche und etwas prunkende Gesellschaft weiter hinten
führt einen hochklingenden Familiennamen -- aber dies ist auch Alles,
was man von ihr sagen kann. Es ist immerhin schön, einen edlen Namen zu
besitzen -- schöner aber ist es, ihn mit neuen Ehren zu umgeben. Die
üppige Pracht, welche hier von den Töchtern des Hauses entfaltet wird,
will noch nichts sagen gegen jenen feenhaften Glanz, womit sie bei
festlichen Anlässen im Salon die Blicke ihrer Gäste blenden. -- --

Bemerken Sie die dicke, schwerfällige Frau dort in dem ponceaurothen
Sammtpelze.... und die goldene wurstförmige Kette, die, fast eben
so dick wie sie selbst, um ihren Hals baumelt? -- Das zeigt sich
sogleich, wie es ist. Es ist aber ordinär; es ist plebejisch -- es ist
banquiermäßig. Diese Familie ist reich! Hier haben Sie Alles, was man
von ihr sagen kann; und dies ist viel weniger, als was ich Ihnen vorhin
berichtet habe.

Ha, wie er mit seinem Geld in der Tasche klappert! Der Herr Bankier
hat sogar in seinen Winter-Oberrock Geld gesteckt. Sein Geld ist die
unsichtbare Leibgarde, mit der er sich stets umgibt -- und ohne welche
er sich niemals für sicher hält. --

Dies ist auch eines von den vielen Unglücken des Glückes, d. h. Geldes.
--

Und jener hübsche ernste Mann im schwarzen Kleide mit der eleganten,
stillen Würde im ganzen Wesen -- und mit dem unaussprechlich
geistreichen Zug im Angesichte, der an die Züge jenes größten Mannes
unserer Zeit und unseres Landes erinnert, dessen Namen ich nicht
auszusprechen wage....

Ach, dort erblicken wir +ihn+!! Schnell -- damit uns sein
Erscheinen nicht verschwindet, denn nur selten ist uns sein Anblick
gegönnt. -- O, wie muß das Herz jedes Oesterreichers schlagen, wenn
er bedenkt, daß dieser Mann ihm und seinem Volke angehört. Eine
Göttergestalt! -- Ihr olympischer Blick und Ihr ambrosisches Lächeln
hat die Zeit vollständiger bezwungen, als das Schwert jenes großen
Eroberers, dessen +gewaltigster Feind er+ war. O Fürst, vergönne
dem treuesten Deiner Verehrer -- Dir seine Huldigung darzubringen!

Ja, hier hat die Macht des Genies sich manifestirt. Lauter als alle
Dichterworte verkündeten es die seinen, daß der Geist der Herrscher der
Welt ist -- -- und Ihr bornirten Priester des Geistes redet noch vom
Zwange desselben. Wie kann derjenige die Geister fesseln, der selbst
der reinste und größte unter ihnen ist? Freilich, der Geistesunflath
ist ihm zuwider -- wie für die reinen Cherubim jene sündigen Geister
ein Gräuel waren, die von ihnen in den Abgrund gestoßen wurden.

-- Immer tauchen neue Gestalten um uns auf. Dies nimmt kein Ende. Stets
neue Schönheit und neue Pracht. -- Ach, zu dieser Promenade braucht man
tausend Augen und ein tausendfältiges Entzücken.

Aber damit wir auch die Aversseite nicht vergessen, wird es nöthig
sein, zu ihr sofort überzugehen. Hier begegnen wir sogleich lauter
bekannten Gestalten, und da durch dieselben einzeln uns das Ganze
skizzirt wird, dessen Theil sie sind -- so werden wir bei ihnen auch
stehen bleiben und unsere Beobachtungen nicht weiter ausdehnen. --
Zuerst erblicken wir unsern guten +alten+ Freund (oder, weil
er dies übel nehmen könnte, unsern guten Freund in +seinen besten
Jahren+) -- den Herrn von Althing, ersten Verführer der Residenz
und Despoten aller Frauenherzen; -- da wir bereits seit langer Zeit
von ihm getrennt waren, dürfte uns dies Wiedersehen vielleicht nicht
unangenehm sein. -- O, er ist auch noch immer der Vorige! Keine Linie
fehlt an diesem ausdrucksvollen, herrlichen, reizenden, gefährlichen
Männerbilde! -- da der lächelnde Blick -- das feurig strahlende
Siegerauge -- die hochgeröthete Wange -- der stolze Schnurbart -- der
Hut kühn und ein wenig auf die Seite des +kunstreichen+ Haarbaues
gerückt.... Diese so edeln und herkulischen Gliedmaßen, diesmal in
einen eleganten und stattlichen Oberrock gehüllt.... ein Kaschmir um
den Hals geworfen.... und durch ein Knopfloch blüht eine rothe Blume
so täuschend hervor, daß es wie ein Ordensband aussieht.... ferner ein
Lorgnon in der Hand (obwohl unser Mann, wie er selbst sagt -- +wie
ein Falke+ sieht) -- -- die Sporen, die sind nicht vergessen....
und auch die Reitgerte nicht, daß es aussehen soll, als habe er so eben
einen Ritt gemacht... was, seiner Behauptung nach, immer vortheilhaft
für einen Mann ist. -- Ihn begleitet ein alter Herr, dessen Gesicht
mit mehr Recht ewige Jugend verkündete, als das Althings -- wiewohl in
diesem Augenblick eine sonderbare Melancholie, die im Grunde zu dem
Gesichte des Mannes nicht paßte, mit der Fröhlichkeit in seinem Wesen
abwechselte. Es ist der Graf von +Wollheim+, unser biederer Jäger
oder eigentlich wackerer Trinker. Er hatte sich, seit sein Schüler,
Freund und guter Genius, den er auch sein „Jüngelchen“ nannte, für ihn
gewissermaßen auf immer verloren war, an Denjenigen gehängt, der außer
ihm der einzige Freund des Entflohenen schien... und welcher, wenn er
auch diesen nicht ersetzte, den Nimrod doch an ihn erinnerte.... und so
eine Art unvollkommener Illusion für die Wirklichkeit bot.

Lustig war zu gewissen Augenblicken der Anblick dieser Beiden -- er bot
dann einen Contrast, wie man ihn im Leben nicht besser findet....

„Ist das Wetter heute nicht köstlich, mein lieber Graf und Freund?“
denn Althing, der dies sprach, war aller Menschen, die er kannte,
„+Freund+“. „Ist dieser Decembertag nicht schöner als der beste
August, ich meine nämlich, wo die Hitze so groß ist -- daß man es auf
der Straße nicht aushalten kann -- und nichts zu sehen bekommt von der
Welt -- außer etwa ein miserables Quadrat von einigen Klaftern -- durch
sein Zimmerfenster...?“

„Ja, gewiß -- +lieber Althing+,“ -- der Jäger hatte in Bezug
auf das Obige denselben Charakter... „ja, Sie haben ganz Recht....
Uebrigens ist es im December auch zu Hause angenehm -- man erhitzt sich
nicht so leicht, mag man im Zimmer oder im -- -- Kell....“ Er sprach
das Wort nicht aus... sondern glaubte sehr geistreich einzulenken,
indem er hinzusetzte...: „Man kann in dieser Saison auch mehr
+vertragen+, hahahaha! hahahaha!“ -- --

„Was meinen Sie damit, bester Graf.... +mehr vertragen+?“

„-- Nun -- ich sage: mehr Wei... +Wei+...“ der +Wein+
wollte nicht so leicht von seiner Zunge gehen -- „Weibesblicke --
Liebesblicke -- zarte Winke mit schönen Augen und Fingern.... hehe!“ Er
war überzeugt, seine Sachen ungeheuer klug gemacht zu haben....

„Ha!“ rief mit einem Male der Andere, der so eben wieder mit dem
Sporren hängen blieb, aber glücklicher Weise nicht in seinen
Beinkleidern -- -- „haben Sie das dort nicht bemerkt ... bester Graf?
Wie?“

„Das dort? -- Jenes Gasthausschild da drüben über dem Kanale? Es gehört
dem Hôtel „Zum goldnen Lamm“ -- woselbst man kolossale Rheinweine
bekommt, mein Lieber...“

„Ach, welches Mißverständniß!... Rheinwein! -- Wer spricht davon?
-- Welche abscheuliche Verwechslung einer ordinären Sache mit dem
extraordinärsten -- göttlichsten Dinge von der Welt. -- Da... sehen
Sie denn noch nicht.... die himmelblaue Pelerine dort! -- -- O, mein
Freund! Welch’ ein Blick war das, welchen ich so eben erhaschte....“

„Pah!“ -- versetzte der Jäger, dem wir diese Benennung jetzt nur noch
aus Pietät geben, denn seit so und so langer Zeit hatte er seinem
frühern Geschäft fast gänzlich entsagt und seine ganze Aufmerksamkeit
nur demjenigen, bei welchem wir ihn in dieser Geschichte so zahlreich
begegnet sind, zugewendet... „Pah!“ sagte er, seine heitere Miene
wurde traurig -- sein Blick suchte die Erde, der ganze Mensch war wie
verwechselt.... „Pah!“ wiederholte er nochmals: „was liegt mir an
diesen Blicken -- Thorheiten -- Spielereien...“

„Das nennen Sie Thorheit! Spielerei! unglücklicher Mann, dem nie die
süßeste der Göttinnen gelächelt -- sonst müßten Sie mit mehr Ehrfurcht
von ihrem Dienste sprechen.... Aber wie, mein Freund, wollen denn Ihre
Beine nicht mehr vorwärts gehen! Ich muß Sie ja fortziehen...“

Wollheim stieß einen Seufzer aus, so tief, als komme er aus jener
Tiefe, in welcher Fässer liegen....

„Vorwärts, vorwärts, mein Guter! Sie verderben mir sonst gänzlich
mein Glück -- das so eben im vollen Anzuge ist! Ach, ach! schon
wieder ein Blick! Sie hat sich jetzt mindestens zum siebenten Male
nach mir umgesehen -- -- und wie hat sie sich umgesehen!... Alle
Donner! Die versteht es -- so jung das Püppchen auch noch ist. Doch
heut zu Tage sind wir in diesen Dingen enorm vorgerückt.... Unsere
Töchterchen und Fräuleinchen von 15 bis 16 Jahren -- das sind gerade
die routinirtesten.... Kein Wunder! Sie haben an der Seite Mama’s eine
gute Schule....“

Die ganze Antwort Wollheims war wieder blos ein schauderhafter
Seufzer, und sein Gang wurde nachgerade so schwer und lästig, daß
Althing Mühe hatte, mit ihm fortzukommen... „Zum Guckuk... Herr Graf!
was soll das heißen? -- Sie ruiniren mich förmlich! -- -- Sie werfen
mir Felsenblöcke in den Weg -- -- Ach! Ach! -- Schon wieder! -- Nun,
diesmal mußte es ein Blinder bemerkt haben! -- Diese liebe Kleine mit
ihrer himmelblauen Pelerine -- bringt mich ganz in Aufruhr! Das Blut
siedet in meinen Adern... wie es uns jungen Leuten schon bisweilen
geht... denn in unseren Jahren steckt noch ein ganzer Vesuv und zwei
Hekla in unserer Brust... _A propos_, was meine Brust betrifft,
wie finden Sie ihre Wölbung und Breite, liebster Graf? Bei Gott!
kein Flöckchen Watte im Rock... kein Flöckchen! Nun, was sagen Sie?“
Der Dicke spreitete hierbei seine Brust ungeheuer aus und klopfte auf
dieselbe: „Ja! das ist so fest wie Stahl! Nicht wahr? Reden Sie doch!“

Nimrod ließ statt dessen den Kopf auf die Brust fallen -- blieb stehen
und langte sein Taschentuch heraus, mit welchem er, unter Ausstoßung
sonderbarer Laute, die eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Schluchzen
hatten -- über sein Gesicht fuhr und sich die Augen wischte... Er sahe
so fast aus -- wie der König Gambrinus, als er eines Morgens erfuhr,
daß der Hagel seine Hopfengärten zusammengeschlagen habe....

Wirklich schluchzte der tapfere Jäger Wollheim in diesem Augenblicke. --

Aber der Liebesheld gerieth darüber in einen unmenschlichen Affekt. Was
Geier -- es war auch keine Kleinigkeit -- in diesem Augenblick, wo er
auf einer neuen Siegesbahn so rasch wie Amors Pfeil selbst forteilte,
mit einem _espèce_ von altem Narren stehen zu bleiben und dessen
sentimentalen Firlefanz mit anzusehen. --

„Wollen Sie mich denn dem Wahnsinn in die Arme werfen?“ rief er,
vergessend, wo sie sich befanden -- und rüttelte ihn am Arme, daß der
Alte das Gleichgewicht verlor und umzufallen drohte -- jedoch noch
zeitig genug von Althings Armen aufgefangen wurde: „Ach, Sie sind ein
Satan -- in Freundesgestalt! Sie peinigen mich -- Sie bringen mich um
den sichern Himmel!“ schrie dieser.

„Ich bin -- sehr unglücklich....“ stammelte der Jäger.

„Aber -- ich nicht minder!“ tobte empört Althing.

„-- O -- ich habe einen Freund an ihm verloren...“

„-- Ich werde bald meinen ganzen Verstand verlieren... oder Sie hier
stehen lassen, Herr Graf!“

„Meinetwegen, wie es Ihnen gefällt, Althing. Mich kann jetzt kein
Unglück mehr treffen...“

„Aber zum Teufel! so kommen Sie doch! -- Die Pelerine entfernt sich
immer mehr.... sie ist ganz wild über mein Zurückbleiben.... Vorwärts!
Sie können die Begleiterin der Pelerine auf’s Korn nehmen....“

„Hol’ sie beide der schwarze Jäger!“ brach mit einem Male Nimrod
wüthend und in seiner ursprünglichen Derbheit aus: „Was gehen mich
diese dummen -- Schürzen da an! -- -- In meiner Brust ist ein so großer
Riß, daß alle Schürzen und Pelerinen der Erde ihn nicht auszufüllen
vermögen... Ach! nach Prag, sagt man, sei er gegangen.... Ich fürchte,
ich fürchte -- er ist in dem verfl-- Duell geblieben und in eine Welt
gegangen -- wo es weder Mosler noch Gumpeldskirchner gibt -- -- Uh!“

Althing tanzte fast vor Wuth und Ungeduld -- er drehte seinen
Schnurbart (seit der letzten +heißen+ Affaire hatte er sich wieder
einen wachsen lassen -- und zwar einen, dessen Gleichen man suchen
mußte!), daß dieser Schnurbart auf einer Seite die Farbe changirte oder
besser gesagt: -- seine natürliche bekam....

Man muß wissen, daß Althing die Maxime aller Bösewichter seines
Schlages besaß, die, einem merkwürdigen Widerspruch gemäß, einen eben
so großen Drang, eine Dame zu verfolgen, als Scheu, sie anzusprechen,
haben, -- weshalb sie sich gerne bei einem +Begleiter+ Muth holen...
Indeß gründet sich diese Maxime oft auf einen sehr vernünftigen
Umstand: diese Herren suchen sich ihre Kameraden so aus -- daß
sie ihnen bei dem _tête à tête_ nicht schaden können, sondern im
Gegentheile noch ihrer Schönheit als Folie dienen.

Der Stutzer-Veteran drang deshalb unausgesetzt in Wollheim, mit ihm
weiter zu gehen -- dieser jedoch, als wollte er es ihm zum Possen thun,
bewegte sich nicht von der Stelle -- sondern schien hier erstarren zu
wollen....

„O mein Gott! was ist dieser Wollheim für ein Mensch!“ fing Althing an,
der sich jetzt auf’s Jammern zu legen schien, da es auf andere Weise
nicht mehr ging. --

„Mensch -- oder nicht Mensch! Lassen Sie mich in Ruhe... und stören Sie
mich in meinen Betrachtungen nicht!“ polterte der Jäger.

„Aber -- haben Sie denn gar kein Mitgefühl -- bester Graf! -- Sehen
Sie, wie ich Sie bitte...“

„Fort damit -- oder ich werde wüthend!“

„Theuerster Freund!“

„Ich werde grob!“

„Lieber Graf und Gönner....“

„Ich werde massiv!“

„Alter Bruder -- und Kamerad...“

„Ich prügle Sie...“ brüllte Wollheim und holte hier mit der Faust in
der That aus; -- wodurch er bewies, daß Sentimentalität und Prügellust
näher beisammen stehen, als unsere Psychologen bisher geglaubt haben.

Bei den letzten Worten und der sie so ausdrucksvoll begleitenden
Geberde -- sprang der Günstling der Venus entsetzt zurück, wobei ein
Dutzend Menschen, die hinter seinem Rücken vorbeigingen, seinen Sprung
begleiteten -- -- die in ein lautschallendes Gelächter ausbrachen, das
sich bald in der ganzen Umgebung verbreitete. -- Man blieb stehen...
man wollte sich amusiren -- und schon war wieder die Polizei daran,
sich hineinzumischen, als der Jäger plötzlich den Kopf um zwei Zoll
höher als gewöhnlich erhob -- eine grandiose Idee malte sich auf seiner
Stirn; er warf geringschätzende Blicke -- zuckte die Achseln -- und
schlug mit stolzen Schritten den Weg nach dem „Goldnen Lamm“ in der
Leopoldstadt ein.

Hier ließ er sich ein Zimmer im hintern Hofe geben

    „dort wo jenes altersgrauen
    Kellers Zinnen herüberschauen!“

ein mäßiges Stückfaß wurde zu ihm hereingerollt -- er schloß sich mit
demselben ein und war für diesen Tag, sowie für kommende Nacht nicht
mehr zu sehen. --

Althing hatte sich behende aus dem Menschenknäuel losgewickelt, er war
den Blicken entschwunden, bevor diese Zeit hatten, sich von dem weit
interessanteren Objekte, dem Jäger -- abzuwenden... er eilte, flog in
Sturmesschritten der himmelblauen Pelerine nach. --

Jedoch sie verdiente es auch. Es war eine köstliche Blondine von 16-18
Jahren oder etwas drüber. -- Allein unser Althing war auch ein Kenner,
das mußte man ihm lassen. Wäre Alles bei ihm so vortrefflich bestellt
gewesen, wie diese Eigenschaft -- dann freilich würde er weit seltener
in die Lage gekommen sein, schrecklich immer nur in Illusionen zu
schweben -- was indeß für ihn keineswegs ein Unglück zu sein schien,
denn er hatte das Talent, nicht daran zu glauben -- -- er hatte das
seltene Vermögen, aus allen Unglücksfällen zusammengenommen sich erst
so recht sein Glück herauszubilden: er war dem Schicksal gegenüber die
personifizirte Ironie.

Endlich holte er seine Pelerine ein: „Allerliebst!“ rief er sich zu:
„sie hat sich so eben wieder nach mir umgesehen! Ihr Auge schien mich
schmelzen zu wollen. -- Hehehe! Das Glück, Freund Althing, kennt weder
Ziel noch Maaß... Dies ist heute schon die dritte, welcher ich zugleich
in den Weg laufe und die mich nicht mehr losläßt.... Aber ist das auch
recht von dir, Spitzbube von einem Don Juan? -- Du liegst bis über die
Schultern bereits in andern Liebesfesseln -- man hofft auf deine Treue
-- man würde unglücklich werden, falls man dich des Gegentheils fähig
hielte -- -- man würde sich den Tod um dich geben... und dennoch läufst
du da dieser kleinen Schelmin nach -- -- die bereits heute die -- --
ach, ich vergesse es immer -- die wievielte sie sei -- ja richtig, die
dritte ist sie! -- Bei meiner Annehmlichkeit! Das ist nicht recht --
das!!... Und jetzt ist gerade die Stunde, wo sie mir, meine holde Nina,
das Rendezvous geben will, Nina, die mich seit vier Tagen bei sich
empfängt, in ihrem kleinen Zimmerchen -- -- welches Zimmerchen sattsam
unsere beiderseitigen Schwüre gehört hat.... u. s. w. u. s. w. -- --“

Er sprach hier die volle Wahrheit, -- das Alles verhielt sich wirklich
so, wie er sagte; diese Nina empfing ihn in der That bei sich,
schwur ihm in der That heiße Liebe und ewige Treue -- gab ihm große
Beweise.... wie sie das jedoch meinte, wird sich später zeigen...

Althing ging jetzt dicht hinter der blauen Pelerine einher, sie
mußte, falls sie sich jetzt noch einmal umsah, unmittelbar in sein
rothglänzendes Gesicht, gleichsam wie eine blutig aufsteigende
Sonnenscheibe, sehen -- -- und es ließ sich erwarten, daß dadurch ihre
Augen geblendet würden.... Wirklich geschah dies ganz so. Sie sah sich
um, sie fuhr erschrocken zusammen vor Althings Strahlenangesichte....
sie bedeckte sich obendrein auch noch die Augen.... kurz unser Dicker
glaubte das Recht zu haben, so zu sich zu sprechen:

„Ah! Ah! -- das ist zu stark! -- Das hätte die Welt sehen sollen! --
O warum ist in diesem Augenblick hier nicht das Menschengeschlecht
versammelt, um Zeuge meines Triumphes zu sein!... Bei Gott! Venus,
-- meine Beschützerin! so Etwas ist einer einfachen Mannsperson noch
gar nicht passirt! -- Das sollte gedruckt, -- unbedingt gedruckt,
oder noch besser -- in Erz gegossen werden, um der Unsterblichkeit
anheimzufallen. -- Aber, ach! Was sollte +dir+ unmöglich sein,
mächtiger Althing! -- In der That -- -- ich fange an, rasenden Respect
vor mir selbst zu bekommen und mich für eine Art von Auserwählten
des Himmels zu halten ... für ein Wesen, das mehr ist als Mensch...
für einen Halb- oder wenigstens Viertels-Gott ... Schade, daß ich
die nähere Eintheilung dieser mythologischen Materie nicht genauer
kenne. -- Und warum,“ fuhr er fort, immerwährend seinen Platz
hinter der jungen Dame behauptend -- „schlägt sie jetzt mit ihrer
Gesellschaft diesen Seitenweg da ein?... Ach! sicherlich will sie
in’s Paradies-Gärtchen gehen -- in den Salon -- ein abgesondertes
Kabinetchen... hehehe! hab’ ich’s nicht errathen? -- Freund Althing...
ich sage Dir: du wirst in Zeit von einer Viertelstunde die Seligkeiten
der hohen Olympier genießen -- unter deren Zahl du gewissermaßen auch
schon gehörst....“

In diesem Augenblick betraten jene Damen wirklich das Paradiesgärtlein,
jedoch hielten sie sich in dem dortigen Etablissement nicht auf,
sondern durchschritten dasselbe, um sich hinten durch die Burg nach der
Stadt zu begeben... „Gleichviel!“ murmelte Althing: „der Ort macht es
nicht aus -- sondern die Gelegenheit. -- Wahrscheinlich will sie einen
bessern Platz finden.... oder aber, was noch möglicher ist -- ihre
Gesellschaft, worunter mir eine Mama zu sein scheint, gibt es nicht zu,
steht ihr im Wege... Nun, wir werden bald sehen -- was so viel heißt,
als +siegen+!“

Endlich in einem Gäßchen zwischen der Bastei und der Stadt blieb die
Pelerine mit ihrer Begleiterschaft stehen: „Aha!“ lachte der Dicke:
„jetzt wird’s losgehen! Mache dich gefaßt, Althing! Ueberwinde sie!
Werfe sie in einem Augenblick zu deinen Füßen....“

Die Pelerine drehte sich um -- -- und winkte ihm... „O! das hatte ich
erwartet! die Festung ist erstürmt!“ Kaum hatte er dies gesagt -- so
trat er vor das Mädchen hin und verbeugte sich mit einer lächelnden
und stolzen Miene, die einem Cäsar wohl angestanden hätte: „Sie sind
sehr gütig, mein Fräulein,“ begann er in vornehm-nachlässigem Tone
-- -- und lüftete den Hut ein wenig.... „Sie kennen mich gewiß schon
längst!“ fuhr er mit einer kühnen Ueberzeugung von seiner berühmten
Liebenswürdigkeit fort.

„Mein Herr von Althing,“ entgegnete das Mädchen: „Sie haben es
errathen.... der Ruf Ihrer Eigenschaften ist bis zu uns gedrungen --
und erfüllte mich seit jener Zeit mit der lebhaftesten Begierde, Sie
kennen zu lernen.... Deshalb erlaubte ich mir auch -- Ihren Blicken
und Winken auf der Bastei -- (wenn ich sie anders recht verstand,)
nachzugeben -- und hier diesen weniger bemerkten Ort aufzusuchen -- --
um -- um mit Bewilligung meiner guten Mutter ... die ich Ihnen hiermit
vorzustellen die Ehre habe --“

Man verbeugte sich beiderseitig; der Stutzer sah sich einem alten
Monstrum gegenüber, das geeignet war, Schrecken einzuflößen...

„Also mit Erlaubniß meiner Mama,“ fuhr das Mädchen fort -- „habe ich
gewagt, Ihnen Gelegenheit zu geben -- --“

„Damit ich,“ fiel Althing mit jener Emphase ein, der man geflissentlich
einen künstlichen Anstrich gibt, um die Leute glauben zu machen, man
verstünde sich in solchen Affairen meisterhaft zu benehmen und sei
des Sieges schon im Voraus gewiß: „damit ich Ihnen die zärtlichen und
glühenden Empfindungen, von welchen diese Brust voll ist.... so, daß
das Herz davon in Flammen aufgehen muß...“

„Lassen wir das!“ lächelte die Jugendliche: „und kommen wir auf andere
Dinge -- --“

„Nein, nein! denn meine Seele, mein ganzes Wesen ist von Ihrem Bilde,
von Ihrer Liebenswürdigkeit, von Ihrem Zauber hingerissen... und vermag
nicht zu leben...“

„-- Muß vergehen -- nicht wahr? hahaha! -- Nur weiter, mein Herr.“

„-- Ich müßte vergehen -- sterben vor Schmerz und Verzweiflung -- wenn
--“

„Weiter, weiter!“

„Sie können noch spotten -- können so kalt sein -- da ich glühe und
brenne -- und fast zu Asche werde....“

„Das sind die gewöhnlichen Phrasen...“

„O halten Sie mich nicht für einen gewöhnlichen Thoren -- und dieses
Gefühl in meiner Brust für kein alltägliches. -- Ich schwöre bei meiner
Seligkeit, daß ich zum Sterben Sie liebe -- nur Sie ganz allein!...“

„Aber Sie haben mich ja noch nie gesehen!“

„Wie können Sie nur so Etwas denken. Ich kenne Sie seit sehr langer
Zeit -- und gleich Ihrem Schatten schleiche ich Ihnen -- freilich aus
Scheu ungesehen -- nach.... Wo Sie sind, bin auch ich -- ich kann nicht
leben ohne Dich, angebetetes, englisches Wesen.... Du lehrtest mir
die Liebe kennen -- früher war ich unschuldig und unerfahren, wie so
mancher unter uns Jünglingen... Du warst das erste Frauenbild, zu dem
ich wagte, die Augen aufzuschlagen .... Liebe mich -- oder mein Loos
ist schauderhafter Tod!“

Bei diesen Worten, in die sich zuletzt unwillkührlich die angeborne
Verliebtheit des alten Gecken mischte -- fiel er, trotz December und
Schnee, vor das Mädchen auf die Kniee -- breitete die Hände aus wie ein
betender Bramine -- verdrehte die Augen und flüsterte mit möglichst
matter Stimme: „Oder den Tod! den Tod! --“

In diesem Momente erhob sich um ihn ein lautes Gelächter und eine Dame,
für welche unser Ritter bisher keine Aufmerksamkeit hatte -- da sich
diese derselben geflissentlich zu entziehen wußte, trat vor, schlug
ihren Schleier zurück (solche Damen tragen bisweilen auch im Winter
Schleier) und rief:

„So also! dies ist die Treue, welche Sie mir angelobten! So halten Sie
also Ihre Versprechungen -- Ihre Schwüre!... O es ist schändlich, Herr
von Althing! -- es ist schändlich, ein Mädchen auf diese Weise -- vor
ihren eigenen Augen zu hintergehen! -- Es ist entsetzlich... und nie
wird Ihnen das der Himmel verzeihen!“

Der dicke Held glaubte unter die Erde zu versinken. Er sah -- +Nina+,
seine +Nina+ in leibhafter Gestalt vor sich.

„Ich wollte,“ begann sie heftig: „Sie auf die Probe stellen! Und so hat
man also bestanden? Glaubt man mit einem armen Mädchen blos sein Spiel
treiben zu dürfen!... Zuerst macht man sie verrückt vor Liebe -- -- und
dann und dann -- --“

Er hatte sich jetzt aus dem Schnee erhoben, aber seine Beinkleider
waren durch und durch naß...: „O, mein Fräulein -- o, geliebte Nina!“
wandte er sich mit flehender Geberde und gesenktem Haupte an diese:
„Verzeihung -- theures Wesen! Engel in Menschengestalt -- Verzeihung
für diesen Fehltritt.... welcher, bei allen Göttern! der erste meines
Lebens ist. O, verkennen Sie mich nicht.... beurtheile mich nicht
falsch, mein süßes Täubchen -- meine Geliebte! Suche dem Dinge auf den
Grund zu kommen -- und Du wirst finden, daß ich -- -- nur in einer Art
von Geistesabwesenheit dieser Dame da eine Liebeserklärung machen
konnte. -- Wahrhaftig -- mein Kopf -- mein Hirn -- mein ganzes Wesen
ist so sehr mit Dir beschäftigt, daß ich durch vieles Denken an Dich,
wie’s scheint, mein Denkvermögen geschwächt habe... daß ich verwirrt
wurde... daß ich ein Thor wurde -- ein Narr -- ein dummer Teufel --
oder was Du sonst willst.... O! wie bereue ich das Alles! Könnt’ ich es
ungeschehen machen -- mein halbes Leben wollte ich drum hingeben -- und
bei meinen Jahren habe ich noch eine schöne Strecke Zeit vor mir! -- --
Oh! Oh! ich Unseliger! ich unerfahrner junger Thor!“

Die Gesellschaft konnte das Lachen nicht bezähmen -- man nahm die
Taschentücher zu Hilfe, um die Gesichter dahinter zu verbergen. --
Althing, in seiner Consternation, nahm dieses jedoch anders: „O!“
schrie er mächtig auf: „Sie weinen -- meine Verehrtesten! Weint denn
heute die ganze Welt? -- Es ist fürwahr ein trauriger Tag! -- Und auch
Nina -- meine angebetete Nina weint... sie schluchzt -- ihre Brust --
ihre Schultern -- ihr ganzer Körper schluchzt -- -- und ihr schönes,
liebes Gesicht wird mir durch das Tuch entzogen... Doch, ja, ich habe
es verdient! Ich klage mich an! Ich verabscheue, ich verachte mich!
-- -- O!“ schrie er abermals auf -- und fiel, trotz der durchnäßten
Beinkleider (er trug jedoch unter ihnen dreifaches Flanell und noch
überdies Watte), abermals in den Schnee: „O! mir kann niemals verziehen
werden! das seh’ ich... Niemals, niemals! -- Ich werde nicht mehr
geliebt, mein Glück und -- Alles ist dahin!“

Jetzt endlich reichte Nina ihm die Hand -- und sprach hinter dem
Schnupftuche hervor: „Nun denn -- es sei Dir verziehen, Treuloser! Du
verdienst es zwar nicht und ich sollte Dich ewig hassen -- Dich fliehen
-- -- aber, mein Herz spricht so laut zu Deinen Gunsten... daß ich
nicht umhin kann...“

„Ah!“ jauchzte Althing und fuhr mit einem lebhaften Satze in die Höhe:
„Du Engel! Du Engel! -- Sie hat verziehen! Sie nimmt mich wieder zu
sich auf.... Ach! ich wußte es wohl,“ murmelte er vor sich: „mir
widersteht man nicht! -- -- ich bleibe allemal Sieger, Ueberwinder! --
-- Doch,“ sagte er zu der Gesellschaft -- -- „da Sie, meine Damen,“ --
es war nämlich noch eine Vierte da -- „Zeugen waren, sowohl von unserm
Zwist als auch von unserer Versöhnung -- -- so werden Sie, wie ich
hoffe, es mir nicht abschlagen, wenn ich Sie einlade, diesen Tag durch
irgend ein frohes Fest zu verherrlichen. Ich denke, wir könnten uns, so
wie wir da sind -- in die Wohnung meiner geliebten Nina verfügen, und
dort zusammen im fröhlichen Vereine -- ein kleines Mahl mit Champagner
einnehmen. Was sagen Sie dazu?“

„Angenommen, angenommen!“ erhob Nina ihre Stimme und wie ein Echo
wiederholten die drei andern Huldinnen: „Angenommen! Angenommen!“ Man
ging. --



Sechstes Kapitel.

Immer noch Promenade.


Noch war die Promenade der _beau monde_ nicht zu Ende. Im Gegentheil
ostentirte sie jetzt, da das bürgerliche Element sich ausgeschieden
hatte, um zu Tische zu gehen -- ihre interessantere, fashionablere
Seite. -- Sie erhob sich aus einem mechanischen und materiellen
Umhertreiben -- zur Conversation im Freien. Und jetzt sehen wir uns
gezwungen, jene Gestalten und Charaktere, welche wir zu Anfang des
vorigen Kapitels eingeführt haben, wieder herbeizurufen, da dieselben
nunmehr die agirenden Hauptfiguren geworden sind...

Umgeben von einem Zirkel älterer und jüngerer Personen, worunter
illustre Namen der Residenz -- schreitet Herr von Marsan langsam den
Wall entlang, indem er in einer Auseinandersetzung begriffen scheint,
an welcher seine ganze Suite, man möchte sagen, mit Andacht theilnimmt.
-- Dieser Cavalier, den wir seit einiger Zeit aus dem Auge verloren
haben, spielt jetzt in der höchsten Welt der Hauptstadt eine Rolle vom
höchsten Range. Dies mächtige Emporkommen hat er nicht blos seinem
Namen, seinem Reichthume und seinem Geiste oder seiner Schönheit zu
danken -- sondern vornehmlich den mehrfältigen Affairen, in die er
während der letzten Zeit sich als Hauptperson zu verflechten wußte --
und worunter die Angelegenheit zwischen dem Grafen A--x und Cölestine
-- nur eine einzelne war; denn in Bezug auf diese sprach alle Welt ihm
die Initiative zu, nannte ihn die veranlassende Ursache der Trennung
-- und setzte hinzu: er sei noch immer der Geliebte Cölestinens, die
nur um seinetwillen ihr Schicksal mit so großer Heiterkeit zu tragen
wisse. -- Unter seinen andern Liaisons war eine zweite von eben solchen
eklatanten Folgen gewesen -- nämlich sein Verhältniß zur Herzogin
von S--; Marsan, von einem ihrer früheren Anbeter gefordert, schoß
diesem eine Kugel so durch den Kopf, daß der letztere in hundert Stücke
auseinander flog, gleich einem Apfel. -- --

Der Chevalier hatte in der That, und zwar nicht nur in Wien, sein
Renommée als Schrecken der Männer, wie als Abgott der Frauen, mit
einem Worte als Muster eines vornehmen Mannes, eines _grand seigneur_
von altem Schlage zu behaupten gewußt. -- Wenn ihm indessen sein
stolzer, vornehmer und überlegener Charakter bei seinem Geschlechte
viel verdarb, so wußte er zur gelegenen Zeit durch eine Menge von
Talenten Manches wieder gut zu machen -- und hatte er z. B. heute einen
Nebenbuhler bei der oder jener Frau besiegt, so versöhnte er ihn morgen
dadurch, daß er einer andern Leidenschaft desselben schmeichelte: einen
Reiter ließ er beim Wettrennen den Preis gewinnen -- an einen Spieler
verlor er Geld -- einem Dritten ward er in dessen Carriere behilflich,
so daß am Ende alle Mißtöne um ihn herum sich zur schönsten Harmonie
auflösten: diese Harmonie sang sein Lob und es wiederhallte in der
Welt....

Indeß würde man irren, wenn man glaubte, der Chevalier verstände nur
auf diesem wenig erhabenen Felde Lorbeeren einzuerndten; -- das, was er
im Salon einer großen Dame war, galt er auch im Kabinet eines großen
Herrn, denn seine Hilfsquellen waren unerschöpflich, und sein Charakter
im Sinne der großen Welt allseitig. Er wäre als Geschäftsmann, als
Staatsmann vielleicht nicht minder groß geworden, wie er es jetzt
als einfacher Weltmann war -- und obgleich er vorgezogen hatte, die
letztere Stellung einzunehmen, so sah er doch recht gut ein, daß er
dieselbe nicht werde behaupten können, ohne von Zeit zu Zeit den Arm
in die andere Sphäre hinüberzustrecken oder gar einen Schritt auf
das jenseitige Territorium zu thun. -- Daher sagte das Gerücht nicht
zu viel, welches ihn in letzterer Zeit irgend einen diplomatischen
Auftrag übernehmen und deshalb so fleißig in den Häusern fremder
und hiesiger Minister aus- und eingehen ließ. Dieser Auftrag mußte
außerordentlich mysteriöser Natur sein, denn so viel sich die Fama der
guten Gesellschaft sich auch Mühe gab, ihn zu errathen, es wollte ihr
durchaus nicht gelingen.

-- Ohne uns mit dem eigentlichen Inhalte der Conversation, welche im
jetzigen Augenblicke zwischen Marsan und jener Gesellschaft, von der
wir ihn begleitet sehen, stattfand, zu befassen, müssen wir dennoch
bemerken, daß dieselbe auf doppeltem Gebiete umherstreifte, und ihn so
recht in den Brennpunkt seiner gesammten Fähigkeiten -- an die Spitze
der Bestrebungen seines ganzen Standes stellte. Er glänzte hier mit
seinem Geiste erstens als Cavalier und zweitens als Mann von Geist und
politischem Einfluß -- -- er beschäftigte den ganzen Kreis mit den
mannigfachsten Dingen -- und während er diesem Herrn seine Ansicht über
den Unterschied zwischen Patschuli und Moschus mittheilte -- ließ er
gegen jenes Mitglied des diplomatischen Corps eine feine politische
Anmerkung fallen, in einer Sprache, welche kein Anderer verstand....

„Zum Henker!“ flüsterten etliche junge Attaché’s am äußersten Flügel:
„dieser Mensch kann Alles.... mich dünkt, er würde sogar auf einem
Seile tanzen...“

„Er wird dies nicht nöthig haben, um sich früher oder später den Hals
zu brechen!“ meinte Einer, der zu den Wenigen gehörte, die Marsan sich
noch nicht verbunden hatte...

Die Sache war, daß der Chevalier den Grundsatz hatte, sich auch eine
gewisse Anzahl +Feinde+ zu erhalten, da auch sie für einen Mann
der großen Welt unentbehrlich sind. --

In einiger Entfernung von dem Chevalier bewegte sich eine andere
Gesellschaft. Es befanden sich hier die Generalin E--z, Herr von
Labers, die Gräfin Wollheim an der Seite des Fräuleins Eugenie von
Bomben, dieser frommen Seele der abendländischen Christenheit.

Die Rede war von demjenigen, den man seit zwei Stunden beständig vor
Augen hatte... von Herrn von Marsan. -- Man erörterte so eben den
traurigen Fall in des Grafen von A--x Hause, und Herr von Labers hatte
ihn eine von jenen Schickungen genannt, womit die Gottheit bisweilen
gute Menschen heimsucht, um ihre Kraft zu erproben und zu stählen --
oder auch um sie nach dem Kampfe des Sieges um so froher werden zu
lassen. -- Jedermann stimmte in diese schöne Ansicht ein... nur das
Stiftsfräulein lächelte still vor sich hin, indem sie die Achseln
zuckte, was ihr um so leichter fiel, als diese schon von Natur schief
und „nervös“ waren.

„Die Oede und Melancholie in den Häusern des Generals Randow und
seiner Tochter -- läßt sich durch das eifrigste Bestreben, das vorige
Leben in sie herbeizuzaubern -- nicht unterdrücken.... Es zieht ein
schlimmer Geist durch diese Hallen, trotz aller geweihten Kerzen, die
darin brennen, und die einen Tag erlügen wollen,“ -- bemerkte die alte
Wittwe des Feldmarschallieutenants; sie schloß mit den Worten: „Dieses
Unglück hat sogar mich erschüttert -- diese Trauer hat sich sogar mir
mitgetheilt.“

„Aber,“ sagte Gräfin Wollheim, „wie konnte man nur so grausam sein, und
das Räthselhafte in dieser Begebenheit dadurch erklären, daß man Herrn
von Marsan mit ihr in eine Verbindung brachte, welche Verbindung --“

Hierbei fiel Herr von Labers ein: „durch die Würde der jungen Gräfin
hinlänglich widerlegt ist. -- Ach, wir leben in einer Zeit, die sich
mit Gewissen und Ehre bereits so weit abgefunden hat, daß man beide nur
mehr dem Namen nach gebraucht.... Man könnte unsere Epoche, ähnlich
wie man frühere die des +Glaubens+ -- des +Schwertes+ -- der +Barbarei+
-- der +Philosophie+ -- der +Umwälzungen+ -- nannte: eine Epoche der
+Lüge+ oder des +Wahnsinns+ nennen.“

„Man geht so weit, zu behaupten,“ nahm Gräfin Wollheim wieder das Wort:
-- „Graf Alexander habe gegründeten Verdacht -- Beweise sogar, daß
Cölestine --“

„Entsetzlich! Und so Etwas behauptet man wirklich?“ rief die Generalin
E--z.

„-- -- Und mit Recht!“ flüsterte das Stiftsfräulein der Gräfin zu: „Mit
Recht!“ Die edle Menschenfreundin konnte die Vertheidigung der Tugend
nicht länger mehr anhören....

„Was hat man nicht Alles bereits in der Welt behauptet!“ sagte Labers
lächelnd: „dergleichen Gerüchte schaden jedoch nicht mehr... Der,
welcher sie spricht, so wie der, welcher sie hört, glauben Beide nicht
mehr an sie.“

„Der Graf soll für Cölestine ein Schreiben hinterlassen haben.... worin
er Punkt für Punkt seine Anklage vorbringt... da soll es unter Anderem
auch heißen: er habe mit eigenen Augen die Zeichen bemerkt, welche
Cölestine mit dem Chevalier auf irgend einem Balle gewechselt...“

„Die Zeichen waren +handgreiflich+,“ flüsterte die Stiftsdame....

„Ferner,“ fuhr die Gräfin fort: „gleich nach diesem Balle habe
Cölestine mit dem Chevalier eine geheime Zusammenkunft gehabt...“

„In ihrem eigenen Boudoir -- oder vielmehr Schlafzimmer, und zur
Nachtzeit, da Alles schlief... sie war drei volle Stunden mit ihm
eingeschlossen; -- ihr Mann hat sie auf dem Verbrechen ertappt -- ihr
Wesen -- ihre Kleidung befand sich in einem Zustande...“

„Still doch!“ bedeutete die Gräfin der zischelnden Schlange. „Auch,“
wandte sich die alte Dame zur Gesellschaft: „von einem Billetdoux
spricht man, worin die junge Frau Herrn von Marsan ein zweites _tête
à tête_ bewilligt haben soll.“

„Und dieses Billetdoux,“ raunte Fräulein Eugenie trunken vor Freude
ihrer Begleiterin zu -- „fiel dem Grafen in die Hände -- -- er hatte
jetzt ein Selbstbekenntniß -- eine Selbstanklage der Verbrecherin. --
Ja, einer Verbrecherin!“ fuhr die Philanthropin wild fort: „wie die
Erde noch keine abscheulichere getragen hat -- wie selbst Babel sie
ausspeien würde -- -- während der saubere Frauenverein sie in ihren
Schooß aufnehmen und mit dem Mantel seiner Tugendlichkeit bedecken will
-- welche Tugendlichkeit durch diesen Fall allein schon ihre Erklärung
findet, hehe! -- O! Wie bin ich gerächt! Wie hat der Himmel selbst
sich zu meinem Partisan erhoben! -- Bei allen Kneifzangen Nero’s! bei
dem Skalpirmesser der Indianer! -- ich bin mit der Gerechtigkeit des
ewigen Schicksals ausgesöhnt. -- Ich murre nicht ferner... ich neige
mich in Demuth und werde im Stillen fort arbeiten am allgemeinen Werke
der Liebe. Erst vor Kurzem habe ich wieder ein neues Surrogat für die
+Armenspeise+ erfunden; es besteht in einem Mehl, welches man aus
gestoßenen Tannenzapfen gewinnt, und welches Mehl die Eigenschaft hat,
daß es die Speiseröhre anschwellt; wenn Einem aber die Speiseröhre
geschwollen ist, kann man nicht viel essen, man lebt daher äußerst
billig....“

„Zu den schmählichen Verläumdungen, von denen wir so eben gesprochen,“
sagte Labers -- „gehört auch die, welche einen neuen Beweis gegen die
arme Gräfin A--x in dem Umstande sieht, daß der Chevalier von Marsan
seit der Abwesenheit ihres Gemahls ihr Haus nicht mehr besucht. Diese
so natürliche Thatsache -- diese Delikatesse von Seiten Marsans legt
man demselben als eine abscheuliche Absichtlichkeit aus, als wollte er
den Gerüchten keine neue Nahrung geben.“

„Es ist wahr,“ murmelte die Stiftsdame: „daß er sie am Tage nicht
besucht, das wäre auch sehr albern.... sie kommen zur Nachtzeit
zusammen, halten ihre Bacchanalien unter dem Schleier der Mitternacht
-- und das scheint mir weit vernünftiger.... hehe! --“

In diesem Augenblick stieß man durch ein Ungefähr, welches Marsan und
seine Gesellschaft zwang, stillzustehen, mit der letzteren zusammen
und machte den ferneren Weg an ihrer Seite, wobei sich nun nichts mehr
zutrug, was irgend verdiente, hier aufgezeichnet zu werden. --

                               *       *
                                   *

Wie wir wissen, hatte Althing jenen vier Damen, mit welchen wir ihn in
einer „hohlen Gasse“ getroffen haben, zu einer Mahlzeit eingeladen,
die bei der Gebieterin seines Herzens (Keiner glaubte er noch so tief
in’s Herz gewachsen zu sein!) statt finden sollte. Ferner wissen wir,
daß er sich mit ihnen sofort auf den Weg begeben habe. -- O, es war
ein hitziger Kerl, dieser Althing! Er hatte Temperament und Feuer
für Zehn! -- -- Nach mannigfachen Krümmungen durch enge Gäßchen und
Durchgänge gelangte man endlich auf’s Salzgries -- denn hier wohnte die
Dulcinea des Ritters. Als echte Dulcinea wohnte sie dem Himmel näher
als der Erde; -- -- Althings Geliebten hatten überhaupt alle diese
Eigenthümlichkeit. -- Sie wohnten sämmtlich nicht unter sechs Treppen.
-- Aber wem, der je ein glühendes Jünglingsherz im Busen trug -- sind
sechs Treppen mehr als eine Kleinigkeit gewesen -- über welche er
hinwegeilte, während man kaum zwei Schnippchen schlug? -- Daher kommt
es auch, daß unser Mann seit den drei Tagen, da er seine holde Nina die
+Seine+ nannte -- mindestens schon vierzig Mal diese allerliebsten
sechs Treppen auf und ab gelaufen war. --

Er bewies dies auch jetzt. Ehe man sich’s versah, war er oben -- -- die
vier Schönen keuchten ihm mühsam nach, hatten es ihm jedoch nur bis zum
zweiten Treppenabsatze nachthun können. --

Fräulein +Nina’s+ Wohnung bestand in zwei Zimmern und einer Art
Küche, die zugleich als Vorzimmer diente. Wir sagen zwei Zimmer --
weil wir uns gerne nach dem Sprachgebrauche der Personen richten,
mit welchen wir zu thun haben, und Fräulein Nina sprach stets von
ihren „zwei Zimmern.“ Wer aber war dieses Fräulein? Hierher paßt
dasjenige, was ein trefflicher französischer Novellist der neuesten
Zeit, +Charles de Bernard+ in einem seiner Werke[C] über jene
Gattung Menschen in Paris sagt, die man dort die +problematischen
Existenzen+ nennt.

„Diese Parias,“ sagt unser Schriftsteller -- „von denen man nicht weiß,
woher sie kommen, noch wohin sie gehen, ohne eine Familie, die sie
anerkennt, ohne einen Stand, den sie zu gestehen wagen, frei von allen
Pflichten -- besitzen nur so viel Erde, als die Blumenvasen ihrer
Salons enthalten, und leben wie Paschas. Wie wunderbar und doch so
gewöhnlich! Aehnlich den Lilien, von denen die Bibel spricht, arbeiten
sie nicht und spinnen auch nicht, und dennoch bietet manchmal ihr Luxus
den Herrlichkeiten der Prinzen Trotz..... Verfolgt sie bis zu ihrem
Ursprunge, diese Bäche mit unverschämtem Rauschen, mit den golden
schimmernden Wellen, wie der Pactol, ihr werdet unfehlbar an eine
unreine Quelle kommen... u. s. w.“

Ohne die Dame, von der wir sprechen, in die höchste Klasse dieser
Existenzen zu rangiren, ohne sie zu den weiblichen Industrierittern
_par excellence_ zählen zu wollen, müssen wir von ihr doch
sagen, daß es ihr an nichts fehlte -- um stets vor der Welt in einer
reizenden Hülle erscheinen und Dummköpfe verdrehen zu können... Ihre
Begleiterinnen und die Alte, welche sich als ihre Mutter gerirte, (man
kennt diesen Posten!) waren natürlich ihres Gleichen.

„Meine Freunde und Freundinnen, machen Sie sich es bei mir so bequem
als möglich...!“ fing Fräulein Nina an die Frau vom Hause zu spielen
-- nachdem Alles eingetreten war und Platz genommen hatte -- -- „und
um Ihnen mit gutem Beispiele vorauszugehen, will ich selbst den Anfang
machen....“ Sie trat in ihr +zweites Zimmer+, blieb daselbst
einige Minuten lang, und erschien sodann -- vollständig metamorphosirt
bei der Gesellschaft.... so daß Althing nicht umhin konnte, einen Ruf
der Ueberraschung auszustoßen....

Seine Dame hatte ihr Costume so weit abgeworfen, daß das jetzige
sehr stark an jenes von Adam und Eva erinnerte: sie trug über ihren
ursprünglichen Reizen weiter nichts, als einen Unterrock und eine Art
Camisol aus Mousselin, welches im Winde flatterte, offen wie eine
Flagge. -- Sogleich eilten auch die andern Damenschaften in das Kabinet
und erschienen nach einer gleichen Zeit in einem überraschend ähnlichen
Anzuge.... Dieses Intervall, so klein es war, hatte der verliebte
Ritter gewandt zu benutzen gewußt; er hatte seine Dame zu sich auf den
Schoß gezogen -- ihr einige Dutzend Schwüre ertheilt und abgenommen --
auch etwelche Küsse und andere Zärtlichkeiten.

„Aber wer wird nach dem Gasthause gehen, um das Nöthige
herbeizuschaffen?“ frugen die Damen, kaum daß sie zurückkehrten....

„Die Sache ist sehr einfach,“ erwiderte +Nina+...: „meine Mutter
wird so gut sein und den Aufwärter aus der +Stadt Neapel+
herbescheiden -- -- den hübschen Joseph.... bei dem mein Freund
+Achilles+.... so heißt Du doch, nicht wahr...?“

„+Achilles+ -- ganz recht, meine Geliebte!“ versetzte Althing und
klirrte mit seinen Sporren....

„Nun, bei ihm kannst Du sodann Alles bestellen, was wir brauchen...
Habe ich nicht Recht, theurer Achilles?“

„Vollkommen, vollkommen!“ lächelte der Dicke -- der sich mit diesem
Namen, den er so eben erst angenommen hatte, sehr zu gefallen schien...

Ohne Säumen begab sich die ehrwürdige Mutter des Fräuleins, so wie
sie da stand -- nach dem Gasthause zur „Stadt Neapel“... Sie mochte
ähnliche Wege schon oft in solchem Costume gemacht haben....

Während ihrer Abwesenheit unterhielt man sich über Verschiedenes... was
aber nicht ganz nach Althings Geschmacke war, denn er wollte sich blos
mit Einem beschäftigen. Er hielt seine Angebetete noch immer auf dem
Schoße und schwitzte dicke Tropfen unter der Anstrengung, die es ihm
verursachte, nebenbei noch gegen die Uebrigen den Liebenswürdigen zu
spielen... Indeß war er darüber nicht böse, denn er zeigte sich gerne
gewandt in den Künsten der Galanterie, welche ja sämmtlich in sein Fach
einschlugen.

Der schöne Joseph und die alte Vettel erschienen bald im Zimmer. Der
erstere brachte mit der Karte jene ungeheure Aufmerksamkeit der Wiener
Kellner mit, woran sich die des übrigen Deutschland ein Beispiel
nehmen sollten. Nebenbei lachte der schöne Joseph zu Zeiten auf so
eigenthümliche Weise -- hiervon sah jedoch Althing nichts, welcher sich
in die grundlosen aber auch goldhaltigen Schachten der Speisekarte
vergraben hatte. -- Nina aber schien diesen Blick Josephs ganz gut
bemerkt zu haben und sie gab dem schönen Joseph einen bedeutsamen Wink.

In kurzer Zeit bog sich der Tisch unter einer zahlreichen Menge von
Speisen und Getränken ... das Mahl begann und ward demselben, wie sich
vermuthen ließ, von sämmtlichen Gästen eine gebührende Ehre angethan.
Diese Damen aßen auf eine Weise -- als hätten sie entweder noch niemals
gegessen oder als sollten sie in Zukunft nimmer essen -- und wenn man
sagt, daß die Liebe den Appetit benimmt, so hatte dies Sprichwort
bei Fräulein Nina total Unrecht, denn diese aß und trank allein eben
so viel, wie die Andern zusammen genommen. -- Bald wurden Toaste
ausgebracht und von diesem Zeitpunkte an bekam Mahl wie Gesellschaft
eine neue, nämlich die eigentliche Gestalt... d. h. alle Schranken
fielen, welche die thörichte Sitte erschaffen hatte -- wenn auch nicht
zum Besten dieses Hauses. -- Man fing an zu schreien, zu singen --
und Althing wurde so leidenschaftlich, daß Nina, die er noch immer
umherzerrte, ausrief:

„Aber haben Sie denn den -- Koller!“

„Nein, meine Geliebte -- sondern ich bin sterblich in Sie verliebt, ich
könnte in dieser Stunde es mit einer Million Teufel aufnehmen, wenn die
Sie mir entreißen wollten...“

„O, das ist nicht nöthig! Ich würde mich freiwillig für Dich
entscheiden -- mein holder Achill -- und wären es selbst eine Million
Engel. Du weißt, wie ich Dich liebe!“

„Wirklich? -- Und dies scheint nicht blos Redensart? -- Ach Du machst
mich zum glücklichsten der Menschen.... Wie schade, daß wir hier vor
Zeugen sind! Ach, wären wir allein!“

„Ja, wären wir allein!“

„O -- das sollte eine Wonne sein!“ schmachtete der alte Narr und
verdrehte die Augen, wie ein andächtiger Derwisch...

„Ja -- es sollte eine Seligkeit sein!“ wiederholte sie und verdrehte
nicht minder die Augen ... jedoch nur, um ihren Freundinnen ein Zeichen
zu geben, was diese verstanden und mit einem Kopfnicken beantworteten.

„O, ich bete Dich an!“ seufzte Nina, gleichsam zerfließend in
Liebeseligkeit....

„Und erst ich Dich!“ ächzte Althing, dessen Leidenschaft sein Mieder
in der Weste und seinen Gurt um den Bauch sprengen zu wollen schien.

„Ach -- ach -- -- diese abscheulichen Menschen da! Wie sie uns
anglotzen!“ flüsterte sie ihm in’s Ohr...

„Ich wollte -- der Satan holte sie, trotzdem daß Deine Mutter dabei ist
-- -- und führte sie dahin, wo der Pfeffer wächst...“

„Trinke doch -- mein süßer Achill!“

„Ja -- ja -- ich glaube jedoch schon ein wenig zu viel getrunken zu
haben....“

Er stieß wirklich bereits mit der Zunge an.

„Was schadet das! Der Wein gibt Muth ... und endlich werden wir dieses
Volk da, welches uns belästigt -- zur Thür hinauswerfen...“

„Ja! das -- wollen wir! -- Das ist ein köstlicher Einfall! -- Wein,
Wein herbei! -- So! Ein großes Glas! -- Ich leere es auf einen Zug!
-- -- Alle Donner! -- Nun habe ich die Kraft -- es mit allen Hexen
des Blocksberges aufzunehmen..... Komm! komm!“ schrie er, hinlänglich
trunken, um kein Körnchen Verstand mehr zu besitzen: „Komm! -- Wir
wollen diese alten und jungen Dämchen -- über die Treppe schmeißen....
Vorwärts, meine Freundin: das wird für uns nur ein Kinderspiel sein! --
Ich habe es tausend Mal schon mit einer dreifachen Mehrzahl aufgenommen
und blieb immer Sieger!.... O, es soll eine Metzelei geben... daß es
eine Freude ist... Blut soll fließen...“

[Illustration: Seite 144.]

Und während er diesen Unsinn mit einer Mordbrennerstimme schrie --
stürzte er mit dem Vorlegelöffel bewaffnet auf diese Frauenzimmer, die
ihrerseits ebenfalls ein fürchterliches Geschrei erhoben -- und nach
Hilfe rufend zur Thür hinausstürzten -- über die Treppe hinabliefen,
wohin er ihnen, durch den leichtgewonnenen Erfolg übermüthig gemacht,
mit rasender Kampfeswuth nachfolgte -- jedoch nur einige Stufen -- denn
dann stolperte er über ein Paar -- fiel und rollte gleich einer Walze
volle vier Treppen hinab bis zur zweiten Etage -- wo er auf dem Flur
liegen blieb. Ein schauderhaftes Wehegeschrei entfuhr ihm hier: „Ich
bin zerschlagen... ich bin todt... ich bin aufgeplatzt... mit mir ist
es aus....“ Sodann verlor er die Besinnung, und was mit ihm weiter
geschah, wußte er nicht.

Genug an dem, daß er sich Tags darauf bei vollkommenem Wohlbefinden in
den Armen seiner süßen Nina erblickte, welche auch in diesem Augenblick
zärtliche Thränen über den Unfall weinte, dem er gestern zur Beute
geworden.... Wie zu erwarten stand, war mit der Gefahr auch seine Angst
und sein Kleinmuth vorbei... seine Courage wuchs wieder riesengroß --
die Flammen seines Herzens loderten bis zum Dache des Hauses hinauf
-- und begruben ihn und die schöne Nina, daß von den Beiden nichts zu
sehen war....

Erst Nachmittag erhob sich der Sieger vom Schlachtfelde. Er ging nach
dem andern Zimmer, wo seine Sachen lagen, machte Toilette -- und wollte
diese damit beendigen, daß er sich mit Uhr, mit Ringen schmückte und
nach seiner Brieftasche suchte.... Aber welches Entsetzen! -- als er
bemerkte, daß nichts von alle dem zu finden war....

„Wo ist meine Uhr hingekommen?“ schrie er... „Wo sind meine Ringe
hingekommen? -- Es befindet sich unter ihnen ein Solitär von Werth und
die Uhr hat 800 Gulden gekostet...! -- Und wo, wo ist meine Brieftasche
-- diese Brieftasche enthielt 1000 Gulden und noch andere Papiere von
Werth!“

Auf sein Lärmen trat Nina herein: „Aber was ist Ihnen denn, mein Herr?“
sagte sie, die Hände zusammenschlagend. „Sie geberden sich ja wie toll?“

„Und das soll man nicht sein -- wenn man so bestohlen wird.... wie es
mir bei Ihnen geschah.“

„Mein Herr -- Sie erlauben sich da, einen Schimpf auf mich zu werfen,
den ich nicht dulde ... Ich werde sogleich meinen Freund, der zehn
Schritte weit von hier auf derselben Etage wohnt, herbeirufen, damit
er mich vor der Behandlung schütze, die Sie sich unterstehen, mir
widerfahren zu lassen.“ -- Jetzt eilte die Holde fort und erschien
wirklich gleich darauf mit einem großen schwarzen Kerl, der einen
Räuberhauptmann in den Abruzzen hätte vorstellen können.

„Wie -- Sie unterstehen sich?“ begann der Kerl und rollte ein Paar
Augen, die bei Gott -- wie kleine Granaten aussahen. „Sie wagen es,
meine Freundin zu beschimpfen... von Diebstahl zu sprechen... von
verlornen Uhren -- Ringen u. dergl....“ Mit diesen Worten trat er ihm
dicht bis vor’s Gesicht hin, so daß der dicke Liebesheld erschrocken
sich zurückzog, und mit bleichen Lippen stammelte: „Aber -- was wollen
Sie -- mein Herr -- ich habe ja -- -- das Recht -- zu glauben -- --“

„Was?“ brüllte der Schwarze: „Sie haben gar kein Recht,
Niederträchtigkeiten zu glauben... Entweder haben Sie nicht einmal eine
Uhr, einen Ring oder eine Brieftasche besessen -- -- und das Ganze ist
nur eine elende Ausflucht, um der Bezahlung zu entgehen, welche Sie für
das gestrige Mahl zu leisten haben... Oder aber, angenommen, daß Sie
jene Sachen wirklich bei sich gehabt haben, so müssen Sie dieselben
gestern, während Sie mit den Damen Skandal machten -- sich umherhetzten
und zuletzt wie ein Igel über die Treppe rollten... bei dieser
Spazierfahrt müssen Sie Ihre Preciosen verloren haben. -- Begreifen
Sie mich nun?! -- Verstehen Sie -- mein Freund, wie? -- Oder aber --
capiren Sie mich noch immer nicht?!“

Die letzten Worte brüllte der verdammte Schwarze mit einer Bärenstimme
und begleitete sie mit solchen Wolfs-Geberden -- daß der alte Adonis zu
zittern anfing, wie Einer, der das kalte Fieber hat, -- und ferner kein
Wort hervorzubringen vermochte -- als: „Schon gut -- schon gut -- --
ich bin -- ja -- zufrieden....“

„Wenn dies der Fall ist,“ versetzte der Schwarze, ein wenig den Ton
seiner Bärenstimme mäßigend: „so können Sie gehen -- -- aber,“ fuhr er
fort und wieder brüllte er ganz entsetzlich: „wofern Sie von der ganzen
Geschichte nur das Geringste verlauten lassen, oder es wagen -- damit
vor Gericht zu erscheinen, dann nehmen Sie Ihren Kopf in Acht.... ich
reiße Ihnen denselben herab, wie einen Kohl aus dem Garten...“

„Es soll nicht geschehen!“ bebte Althing und pries seinen Schöpfer, als
er zur Thür hinaus war: „Das ist ja ganz unglaublich!“ sagte er zu sich
auf der Straße: „Es wohnen ja da Menschenfresser unter uns! -- Wenig
fehlte, so hätte der Kerl mir den Kopf abgebissen.... Gott sei meiner
armen Seele gnädig!...“

Noch nie war er von einem Rendezvous trauriger heimgekehrt, als
diesmal.



Siebentes Kapitel.

Der Zurückgezogene.


In einem alten abgelegenen Schlosse der Provinz, wohin seit einer
langen Reihe von Jahren kein anderer Fuß gekommen war, als der der
Landleute aus der Umgegend, welche kamen, dem Amtmanne (Verwalter)
den Zehnten einzuliefern oder den gesetzlichen Arbeitsdienst auf dem
Gute ihres Grundherrn zu verrichten -- in diesem einsamen düstern
Schlosse, dessen Ursprung sich in die graue Feudalzeit verlor, war seit
einigen Wochen ein regeres Leben eingezogen und mehrere Menschen gingen
dort ab und zu, wo früher lange Zeit hindurch nur Fledermäuse und
anderes Gethier umhergezogen waren. Dieses Schloß nun gehörte zu den
Besitzungen des Grafen Alexander von A--x, war jedoch seiner Gemahlin
sowie seinen Freunden aus verschiedenen Gründen unbekannt geblieben,
worunter wir sogleich einen anführen wollen.

An dieses Schloß knüpften sich sonderbare Erinnerungen aus der
Jugendzeit des Grafen, die er hier im Kreise ähnlich gesinnter
Gesellen -- auf eine Lord Byron’s würdige Weise durchlebt hatte. Hier
wurden einst jene wilden, wüsten Orgien um Mitternacht gefeiert --
hier Mädchen verführt und Gott gelästert -- hier in Wein, Würfeln
und wüthender Leidenschaft ein Dienst Moloch’s begangen, von welchem
der Aberglaube der Bauern noch jetzt, wie von einem übernatürlichen
Treiben, woran der Teufel in eigener Person theilgenommen, sprach --
und welche Epoche diejenige in des Grafen Leben war, von der dunkle
Sagen selbst in die Hauptstadt gedrungen waren.

Wir haben hiervon bereits am Eingange der gegenwärtigen Novelle
gehandelt. --

Natürlich, daß Alexander vor der Gesellschaft und besonders vor seiner
Gemahlin einen Ort geheim zu halten suchte, an welchen sich ein
Abschnitt seines Lebens knüpfte, den er in gereifteren Jahren und
namentlich unter seinen ersten Verhältnissen zu Cölestine alle Ursache
hatte zu desavouiren. -- Man wußte wohl, daß er wild und unbändig
gelebt hatte -- aber +wo+ dies stattgefunden, konnte Niemand
sagen. -- Jetzt in der verhängnißvollsten Lage seines Lebens erndtete
Alexander die Früchte seiner klugen Verschwiegenheit -- -- er konnte,
da er sich von seinem Hause und von der Welt trennte, in ein Schloß
einziehen, von dem Niemand Kunde hatte, und wo er gesichert war, wie
ein Verstorbener.

Seit seiner Trennung von Cölestine lebte er hier. Wie uns bewußt
ist, war seine Umgebung sehr klein und beschränkte sich auf den
Sekretär und einige Diener, auf deren Treue und Verschwiegenheit er
bauen konnte. Die Absicht, mit der er hierher gekommen, war, sich
von allen Geschäften und vom Verkehr mit der Gesellschaft überhaupt
zurückzuziehen und in Zukunft nur mehr als freiwilliger Verbannter,
als Anachoret zu leben, zurückgezogen in seinen Stolz, in seinen
Groll. -- In späteren Jahren wollte er nebenbei auch noch eine Reise,
vielleicht eine sehr große vornehmen -- stets jedoch seine Einsamkeit
behaupten. Er glaubte, die Welt hinlänglich kennen gelernt zu haben,
und -- fand nur Verachtungswürdiges in ihrem Bereiche. Denn es hatte
ihn nicht nur sein Weib betrogen -- seine Freunde, seine Bekannten,
die, welche sich seine Getreuen, seine Brüder nannten -- sie Alle, aus
früherer sowohl wie späterer Zeit, waren falsch, tückisch, heuchlerisch
und feige gewesen, hatten ihm geschmeichelt, so lange es ihr Vortheil
war, und flohen ihn, als er in’s Unglück kam. Diese Ansichten --
welche übrigens bei ihm schon seit langer Zeit existirten -- waren
jedoch nicht ganz das Resultat des Lebens, wie er glaubte, sondern sie
beruhten großentheils auf seinem krankhaften, trübsinnigen und düstern
Charakter, den wir hinlänglich kennen. -- Mag dem indeß sein, wie ihm
wolle, er war ein Unglücklicher, in der That ein solcher, und nicht
blos ein affektirender... Er verdient beklagt und nicht verspottet zu
werden.

Es wäre hier vielleicht der passende Ort, zwischen diesem Charakter und
einigen ähnlichen, welche die neuere Poesie hervorgebracht hat, eine
Parallele zu ziehen -- denn die moderne Romantik und Dramatik ist reich
an düstern und stolzen Melancholikern -- wie die moderne Zeit, diese
Zeit schwärmerischer, hochklingender Wünsche und schaler, trauriger
Erfolge. Sollen wir hier die +Lara’s+, die +Corsaren+, die +Werther+,
die +Meinau’s+, die +Arthur’s+, die +Wally’s+, die +Helden Georg
Sand’s+ citiren? -- Doch nein, wir enthalten uns dessen, es würde doch
eine undankbare Mühe sein, da man mit diesem Thema gegen eine nüchterne
unbarmherzige Kritik stößt -- der es gefällt, dasjenige wegzuspotten,
was doch vor ihren Augen in düsterer Wirklichkeit steht -- wollte sie
sich nur die Mühe nehmen, die Augen aufzuthun. -- Aber schon weil man
so gerne darüber spottet -- existirt es; denn am heftigsten hat sich
die Satyre stets gegen das +Bestehende+ gerichtet. --

Die Lebensweise Alexanders auf dem alten Schlosse war einförmig und
bitterlich traurig. Er bewohnte einige Zimmer, die ihm die Aussicht
auf den Wald und See boten, von welchen zwei Seiten des Schlosses
umgeben waren. Diese Zimmer standen noch so, wie sie einer seiner
Vorfahren mütterlicher Seits vor mehr als 100 Jahren verlassen hatte.
Da sich die Conservationssorgen des Verwalters vorzüglich diesem
Theile des Hauses zuwandten, so war es ihm gelungen, hier Alles noch
im reinsten Geschmacke der Zeit der +Theresia+ zu erhalten ... Diese
Zeit aber, die Freundin eines eben so prunkenden als reellen Luxus,
hatte hier in fünf oder sechs Gemächern einen Reichthum an Sachen
und Verzierungen aufgehäuft, womit man heut zu Tage ein großes,
weitläuftiges Haus vollständig versehen könnte. -- -- Die schweren
Seiden- und Sammttapeten, welche die Wände verhüllten, waren allein so
viel werth, wie das ganze Ameublement einer mäßigen Wohnung unserer
Zeit... Diese prachtvollen Spiegel aus venetianischen Fabriken --
diese kunstreichen Uhren in kolossalen Gehäusen, wovon jedes ein
Meisterwerk damaliger Kunst... diese Armstühle, schwer vergoldet
und mit dicken Brokatstoffen, woran tausenderlei Blumen und Farben
glänzten, überzogen... diese Tische aus einem Eichenholz, welches
noch jetzt hart war wie Granit -- -- diese Schränke mit den in’s
Fabelhafte gehenden Arabesken überladen -- -- diese Tischchen und
Kästchen von eingelegter Arbeit... endlich diese großen Familien- und
Schlachtengemälde aus einer Schule, die es mit den besten unserer
Zeit aufnehmen konnte... und zum Schlusse noch alles das Uebrige,
wovon eine hochadelige Wohnung damaliger Zeit erfüllt war und worunter
sich Gegenstände befanden, deren Namen uns nicht einmal mehr geläufig
sind... kurz in dieser Umgebung von 1700 und einigen Jahren lebte jetzt
Alexander, ein moderner Mann, ein Zeitgenosse von uns.

Noch vor Tagesanbruch erhob er sich aus seinem feudalen Himmelbette,
kleidete sich ohne Beihilfe eines Kammerdieners an und lehnte sich
durch’s offene Fenster in die kalte Luft eines dunklen Wintermorgens
hinaus.... Es machte ihm ein stolzes Vergnügen, die Natur vor sich in
ihrer erhabenen Erstarrung -- den Himmel in seinem grauen, zerrissenen
Königsmantel zu sehen.... Und wenn so kein einziges Sternlein blinkte
-- der Mond sich dicht verhüllt hatte -- wenn der karge Wiederschein
des Eises und Schnees das einzige Licht des Horizontes war -- daß
solchergestalt dessen Dunkelheit erst recht sichtbar wurde... dann
freute sich sein Herz, denn es fand jetzt Uebereinstimmung mit sich
selbst, nach der ja ein jedes Herz verlangt -- mag dieser Einklang auch
noch so traurig sein. Die Dienerschaft hatte den strengsten Auftrag,
sich ihm nie anders, als gerufen zu nähern -- -- und oft verging ein
halber Tag, ehe er nach dem Verwalter, Sekretär oder sonst Jemand
verlangte. -- Häufig noch vor Sonnenaufgang ging der Graf in einen
Mantel gehüllt hinaus in’s Freie und streifte bis in den abgelegensten
Theil der Landschaft hinaus... Der Jäger traf ihn dann am Morgen mitten
im Walde eine Meile vom Schlosse entfernt. Hier saß er auf einem
hohen Felsenvorsprung -- -- und starrte hinaus in’s Leere, Gott weiß
wohin.... der Jäger aber schlug ein Kreuz, denn dieser Felsen war aus
der Vorzeit her sehr berüchtigt, was schon sein Name „der Heidenfelsen“
hinlänglich andeutet -- und überdies noch leiblich gefährlich, denn
von ihm war es so schwer herab zu kommen, daß Niemand Lust hatte,
+hinauf+ zu gehen....

Die übrigen Stunden des Vormittags brachte Alexander eingeschlossen
in seiner Bibliothek zu, die hier sehr alt, aber eben deshalb ganz
seinem Bedürfniß gemäß war. -- Besonders an diese Bibliothek knüpfte
der gemeine Aberglaube -- seine Beweise an. -- Hier wie dort in der
Stadt übten die großen Bücher und unerklärbaren Instrumente auf die
guten Leute der Gesindstube und des Dorfes eine unheimliche Macht aus;
denn die Macht der Bücher ist so gewaltig, daß derjenige, welcher sich
sträubt, den Gott in ihnen anzuerkennen, wenigstens vor dem Teufel
zittern muß, den sie enthalten sollen. --

Das Mittagsmahl verzehrte Alexander ebenfalls einsam in einem
weitläuftigen Speisesaale, was einen sonderbaren, gespensterhaften
Anblick bot und die Diener, welche die Speisen hereintrugen, zittern
machte, so daß sie zwei oder drei Mal schon die Teller hatten fallen
und den Wein auf die Tafeldecke fließen lassen.... Nur wenn der
Sekretär oder der Verwalter ihren Herrn dringend zu sprechen hatten,
durften sie ihn bei seiner einsamen Mahlzeit -- dafür aber auch zu
keiner andern Stunde -- besuchen, und er wies ihnen dann sich gegenüber
einen Platz an, jedoch ohne sie zum Essen aufzufordern.... was einiger
Maßen der Mahlzeit mit dem steinernen Gaste ähnlich sah. --

Nach Tische machte er einen Ritt -- Niemand wußte wohin, denn noch
Niemand hatte ihn hierbei begleitet. -- Oft kehrte er erst in später
Nacht zurück, schweißtriefend oder durchnäßt vom Unwetter, das Pferd
aber häufig so ermattet, daß er es lange nicht wieder brauchen konnte
und der aufmerksamsten Pflege übergeben mußte.

Die schroffe Abgesondertheit, welche er im Schlosse gegenüber seinen
Beamten und Dienern behauptete... änderte er auch nicht außerhalb
desselben -- und er blieb seinen Unterthanen jetzt eben so fremd, wie
er es ihnen seit jeher gewesen war. -- Nur in einer Hinsicht priesen
sie sich, im Vergleich zu jenen früheren Zeiten, glücklich, und ihre
diesfälligen Befürchtungen waren nicht eingetroffen. Früher verdarb
er mit seinen Gesellen ihre Felder -- hetzte ihr Vieh -- und bei den
Jagden sie selbst -- entführte ihre Mädchen -- und lästerte ihren
Gott.... jetzt that er, wenn auch nicht unmittelbar, fast eben so viel
Gutes an ihnen; so zwar, als hätte er den Willen gehabt, ihnen den
alten Schaden zehnfach zu ersetzen, und Wunden, welche längst vernarbt
waren, als frischgeschlagene zu heilen. -- In kurzer Zeit wurde der
Name des „gnädigen Herrn Grafen“ eben so gesegnet, als er früher
verflucht ward -- und während man damals wünschte, jener Teufel, mit
dem er einen Bund geschlossen, möchte ihn recht bald holen -- betete
man nunmehr für die Seele des armen Herrn, auf daß ihr Satan und seine
höllische Macht fern bleibe. -- In Wahrheit, eines Tages begab sich
eine Deputation aus den zwei nächsten Dörfern zum Pfarrer und ersuchte
denselben ernstlich, kraft seiner priesterlichen Würde in dieser Sache
das Seinige zu thun, was in nichts Geringerem bestehen sollte, als in
der Austreibung Beelzebubs aus dem Leibe des „gnädigen Herrn.“ Der
Pfarrer -- ein in dieser Hinsicht mit ihnen auf gleicher Geistesstufe
stehender Mann -- nahm Alles wirklich so, wie es ihm geboten wurde,
und versprach, nach Kräften für die Erlösung des Gutsherrn zu wirken;
hierbei schien ihm der Exorzismus eben so wohl das einzige, wie das
unzweifelhafteste Mittel, da dies Mittel sich obendrein erst vor Kurzem
an einer Viehmagd bewährt hatte, die nächtlich stets von einem großen,
dicken bösen Geiste geplagt wurde, der in ihren Stall kam und sie
während des Schlafes (die Dirne hatte einen etwas kräftigen Schlaf,)
so lange quälte und drückte, bis sie stets davon erwachte und ihn mit
dem Besen davon trieb. -- Seit der Geistliche nun den Exorzismus mit
ihr vorgenommen hatte -- war vom Teufel keine Spur mehr zu sehen. --
Zufällig nur erkrankte um dieselbe Zeit ein großer dicker Knecht in
der Nachbarschaft, welcher Umstand jedoch weder von der Magd, noch
vom Teufelsbanner, noch aber von den andern klugen Köpfen des Dorfes
berücksichtigt wurde.

Der Pfarrer empfing die Deputation in seinem Hofe, als er eben aus
dem Gänsestall, mit einer fetten Gans unter dem Arme, kam: „Also, Ihr
meint, der gnädige Herr sei wirklich vom -- Gott sei bei uns besessen,
liebe Kinder?“

„Ganz gewiß, Euer Hochwürden -- -- und vielleicht nicht blos von
einem; es mögen da wohl ein Dutzend in ihm ihr arges Wesen treiben!“
antwortete der Führer dieser Deputation, ein alter Bauer, der schon
drei Mal in Wien und einmal sogar in München gewesen war, deshalb auch
für ein absonderliches Lumen galt. --

„Aber welche Beweise habt Ihr, meine lieben Pfarrkinder, daß dies mit
dem gnädigen Herrn wirklich --?“ er sprach das Wort nicht aus, denn so
eben hatte die Gans unter seinem Arme sich ein wenig allzunatürlich
betragen und den Pfarrrock des guten Pfründners in Verlegenheit
gebracht, -- -- sogleich beeilten sich die Mitglieder der Deputation,
ihm ihre Dienste anzubieten, wischten und putzten mit Fingern und
Rockärmeln, bis die Verlegenheit der schwarzen Toga gehoben war. --

Der Pfarrer, noch immer die Gans fest unterm Arme haltend -- dankte
ihnen lächelnd und fuhr nun im Verhöre fort: „Ich fragte Euch, Ihr
lieben Leute, nach den Beweisen, auf die Ihr Euere Behauptung von des
Herrn Grafen Unglück stützt? Was habt Ihr Besonderes an ihm bemerkt?“

„Euer Hochwürden -- -- erstens ist der gnädige Herr ohne die gnädige
Frau, auf die wir uns so gefreut haben und zu deren Empfang wir sogar
eine Triumphpforte aus Pappe, mit Raketen und Puffern gespickt, beim
Kaufmann bestellt haben, gekommen....“

Der Pfarrer dachte ein wenig nach, gab dann der Gans, welche sich zu
bewegen anfing, einen Schlag auf den Kopf und versetzte ernst: „Das ist
Etwas! -- -- Aber ferner?“

„Ferner,“ fuhr der Sprecher fort: „ferner ist der gnädige Herr den
ganzen Tag über eingeschlossen -- redet mit keiner Menschenseele....
sondern blos --“

„Sondern blos -- -- meine Kinder?“

„Mit sich selbst!“

„So?!“ betonte der Parochus -- und gab seiner Gans abermals einen
Schlag, denn sie wollte keine Ruhe annehmen, sie schien ein äußerst
rebellisches Gemüth....: „Das ist,“ nahm er jetzt das Wort und machte
dabei die allertiefsinnigste Miene: „das ist allerdings ein wichtiger
Umstand, meine Freunde.... Er redet mit sich selbst -- -- das ist
böser, als ich glaubte. Doch weiter -- weiter -- ich muß Alles wissen!“

„Der gnädige Herr Graf macht ferner oft um Mitternacht einsame
Spaziergänge in den Wald -- und man sieht ihn in der Morgendämmerung
auf dem +Heidenfelsen+ sitzen, wobei er wild die Augen rollt, wie
zwei feurige Kugeln -- mit den Armen umherficht, als kämpfte er gegen
Jemand in der Luft -- und dabei hört man in der Nähe ein gellendes
Hohngelächter ..... selbst Feuerflammen blitzen auf und der ganze Ort
hat dann einen Schwefelgeruch.“

„Gott steh’ uns bei!“ rief hier der fromme Priester und entsetzte sich
so, daß er die Gans losließ, welche unter abscheulichem Geschrei auf
die Erde fiel und mitten zwischen die Beine der Deputirten fuhr, daß
diese, in der Meinung, es sei der Teufel selbst, von dem sie so eben
sprachen -- in Aufruhr geriethen -- -- und sammt dem Pfarrer, der so
wie sie dachte, in alle Winde auseinander stoben.

Die Illusion war in der That zu stark geworden.

Tags darauf kamen sie wieder zusammen und nun wurde ausgemacht, daß
Se. Hochwürden im Ornate und mit den nöthigen Requisiten versehen --
auch von ihnen, den Deputirten, begleitet, dem Grafen auf einer seiner
Wanderungen nachfolgen, an einem bösen Orte mit ihm zusammentreffen und
ohne Rücksicht auf den unterthanlichen Respekt ihn umzingeln sollten
-- der Geistliche aber sollte dann zu ihm in den Kreis treten, um das
heilsame Werk in aller Form zu vollbringen. --

Zum größten Mißvergnügen der braven Leute machte ihr Gebieter seit
einiger Zeit seine Ausflüge nur zu Pferde, und da konnten sie auf ihren
Dorfmähren ihm nicht nachsetzen; überhaupt verstand der geistliche Herr
auch besser in seinem Lehnstuhle, als auf einem Pferde zu sitzen -- und
so mußte man denn auf ein neues Auskunftsmittel denken.

Man hatte bemerkt, daß der Graf in letzterer Zeit seine Touren weniger
geheimnißvoll als sonst gemacht -- auch dabei stets eine und dieselbe
Richtung eingeschlagen habe, woraus man scharfsinnig schloß: er muß ein
+bestimmtes+ Ziel verfolgen. Voll von diesem fruchtbaren Gedanken
-- unternahmen die Teufelsaustreiber Folgendes. Zuerst versahen sie
sich mit Lebensmitteln auf mehrere Tage, denn sie waren fest überzeugt,
der Graf begebe sich täglich mindestens 20-30 Meilen weit, was ihm
bei seinem höllischen Mittel sehr leicht fiel. Nach diesem stellten
sie sich auf die Lauer und beobachteten sein Abreiten vom Schlosse;
sie folgten ihm nun auf seinem Wege ungesehen nach -- behielten ihn
jedoch, so lange es ging, im Auge. Als sie ihn nicht mehr sahen
-- -- hielten sie an, lagerten sich neben dem Wege im Gebüsch und
warteten hier bis Morgen, wo er wieder vorbeikommen würde. Er erschien
wirklich -- und nun nahmen sie die gestrige Operation von Neuem vor,
sie begleiteten ihn wieder auf versteckten Wegen -- so lange, bis er
wieder ihren Blicken entschwand ... dann blieben sie abermals stehen --
und wiederholten dies geduldig, bis sie mit ihm fast zugleich an dem
verhängnißvollen Orte anlangten.

Es war dies ein kleiner Weiler, drei Stunden vom Schlosse entfernt.
-- Die Deputation jedoch bildete sich wirklich ein, zum wenigsten zwei
Tagereisen weit sich von ihren Dörfern zu befinden.

Man quartierte sich in der verlassenen Lehmhütte irgend eines Hirten
ein, denn um ihrem Wahnsinn die Krone aufzusetzen, bildeten sich
die braven Leute auch noch ein, äußerst ermüdet zu sein. Man wollte
den nächsten Tag abwarten, heute nichts Ernstliches mehr vornehmen,
sondern höchstens insgeheim Erkundigungen einziehen und das große Werk
vorbereiten. Und was man in Erfahrung brachte, schien den guten Leuten
schrecklich genug, um die Haare ihres Hauptes sich emporsträuben zu
machen. In einem kleinen, am äußersten Ende des Weilers gelegenen
Hause sollte nämlich eine Frau mit ihrer Tochter wohnen, welche die
Besitzerin dieses Grundstücks war -- da der Mann bereits vor längerer
Zeit gestorben. Wovon diese zwei Frauen sich nährten, konnte man
nie erfahren; es fehlte ihnen an nichts und -- doch arbeiteten sie
nicht, sondern ließen auf einem Theile ihres Ackers, für den sie
keinen Pächter fanden, Gras und wildes Gesträuch wachsen. Sie pflogen
mit den Dorfleuten durchaus keinen Umgang -- was für die Mutter
des Mädchens auch unmöglich gewesen wäre, denn sie litt an einem
langwierigen Siechthum, welches man, da das so ganz in den Kram der
hiesigen Einwohner paßte, dem bösen Geiste zuschrieb, der in diesem
abgeschlossenen Hause sich aufhalte. Man wußte nur noch zu sagen,
daß das Mädchen von ungewöhnlicher, zarter Schönheit sei, gar nicht
aussehe, wie ein Bauernkind, und daß sie allemal zu gewissen Zeiten des
Jahres nach dem herrschaftlichen Schlosse gehe, obgleich der Weiler
nicht zu Alexanders Besitzungen gehörte. Alles das war, wie man sieht,
sehr wenig in der Ordnung, sehr geheimnißvoll, und daher teufelsmäßig.

-- Dieses Haus und diese Leute nun hatte der Graf seit einigen Wochen
regelmäßig Tag für Tag besucht und bei ihnen oft bis zum späten Abend
verweilt. Man wollte gehört haben, wie dann die „Besessene“ drinnen
in der Stube -- schrie, heulte und wildes Zeug trieb -- während das
Mädchen laut weinte -- der Graf aber mit ernster und gemessener Stimme
unverständliche Worte dazwischen sprach -- gleichsam, als redete
er mit dem Bösen in der Kranken. Oft wurde der Lärm, welchen diese
machte und das mystische Zureden des Grafen so laut und eifrig, daß
die ehrlichen Horcher davon liefen, fürchtend, die Alte würde noch zum
Fenster herausspringen -- und Unheil im Dorfe anrichten....

Es war heute gerade Mittwoch, und der Pfarrer bezeugte darüber eine
große Freude, „denn,“ sagte er zu seiner kleinen Heerde -- „der morgige
Tag, als ein +Donnerstag+, ist zur Bannung des bösen Geistes,
welcher, wie klar am Tage liegt, in diesem Hause einen Hauptstapelplatz
besitzt, außerordentlich günstig.“ Am Donnerstag war der Graf früh
Morgens im Weiler angekommen, und nachdem er sein Pferd in einem
Nachbarhause eingestellt hatte, verfügte er sich nach der Wohnung der
zwei Frauen; die Verschwornen, oder besser, die Alliirten säumten
nicht, auf Umwegen ihm rasch zu folgen, und nahmen, indem sie hinten
über eine Gartenmauer setzten, von dem Hause in so weit Besitz, als
sie nur mehr in die Stube einzudringen brauchten. Sie zögerten jedoch
mit diesem letzten Schritt -- denn der Pfarrer wollte den Teufel
zuvörderst +behorchen+ -- um zu sehen, was es für ein Teufel wäre
und wieviel Gesellen er bei sich habe... Se. Hochwürden steckten sich
daher in’s Ofenloch und -- -- vernahmen, sahen auch durch eine Ritze
wunderliche Dinge.

In einer kleinen Stube, deren Fenster mit Vorhängen aus grüner Sersche
verhangen und außerdem auch noch durch Blumenranken verstellt waren --
-- die Einrichtung hier deutete auf kein Bauernhaus, sondern athmete
bürgerlichen Wohlstand -- -- stand ein großes Bette mit dem weißesten
Linnenzeug überzogen, darin lag eine kranke Frau. Neben ihrem Kopfe
saß ein junges Mädchen von seltener Anmuth, nicht über 15 Jahre alt
-- und zu den Füßen des Bettes saß der Graf. -- Auf dem Gesichte der
Kranken wechselte ein lebhaftes Mienenspiel, welches demselben bald den
Ausdruck ungeheuren Schmerzes -- und gleich darauf wieder jenen sanfter
Ergebung, inniger Rührung ertheilte. In diesem Augenblick schien der
letztere Ausdruck auf längere Zeit den Sieg davon tragen zu wollen;
die kranke Frau -- sie mochte nicht viel über 30 Jahre alt sein --
stieß einen langen Seufzer aus, richtete das zuvor flammende Auge mit
unendlicher Milde auf Alexander und sprach mit einer Stimme, die aus
innerstem Herzen zu kommen schien: „So sind Sie also gekommen!... So
haben Sie also der armen niedern Frau, die Sie einst durch Ihre Liebe
so glücklich machten, nicht vergessen, Herr Graf?“

Hier schwieg sie ermattet und faltete die Hände, als wollte sie ihm
damit jenen Dank ausdrücken, welchen zu stammeln ihre Lippe zu schwach
war.

„Nein, nein!“ antwortete Alexander bewegt und düster sie anblickend
-- „ich habe Ihrer nicht vergessen -- Margaretha... Ich habe nicht
vergessen, wie Sie mich liebten, als ich im wüsten Jugendtaumel ein
reines und treues Herz noch nicht schätzen gelernt hatte.... Jetzt ist
es anders geworden....“ setzte er leise vor sich hinzu: „O!“ sagte
er mit gebrochenem Tone: „Wie haben Sie mich geliebt! Und wie habe
ich es Ihnen vergolten!“ Nach diesen Worten sank sein Haupt auf die
Brust herab, welche heftig athmend einen schweren Kampf zu bestehen
schien....

„Ja,“ entgegnete sie -- „ich habe Sie so geliebt, Herr Graf -- daß ich
um Ihretwillen elend, entsetzlich elend geworden bin.... die unheilbare
Krankheit, an der ich leide, hat bereits mein Lebensmark aufgezehrt --
-- und bald -- bald....“ Sie wollte fortfahren, hatte jedoch hierzu
nicht mehr die Kraft.

Mittlerweile erfüllte das Schluchzen des Mädchens das Gemach und
Alexander reichte ihr die eine, ihrer Mutter die andere Hand, so daß
Geliebte und Tochter von ihm gehalten wurden.

Denn so verhielt es sich in der That. Alexandrine, dies der Name des
Mädchens -- war sein Kind; ihre Mutter hatte vor sechzehn Jahren
zu jenen Unglücklichen gehört, die sich damals den schmeichelnden
Lockungen und der rohen Gewalt des Wüstlings ergeben hatten, bei
jenen Orgien, welche er mit einem Trupp ähnlich gesinnter Freunde
feierte.... Der Unterschied zwischen ihr und den andern Opfern seiner
wilden Begierden war der -- daß sie unglücklich genug war, eine
wahre Leidenschaft für ihren Verführer zu fassen, durch welche sie,
nachdem sie lange mit ihr gekämpft und sie in ihrem späteren ehelichen
Verhältniß auch zum Scheine bezwungen hatte -- zuletzt in jene
schreckliche Krankheit fiel, die jetzt an ihrem letzten Lebensmark
zehrte. --

„Sie wollten vorhin noch etwas sagen -- liebe Margarethe!“ erinnerte
nach einer Weile der Graf: „Reden Sie! Häufen Sie Anklage auf Anklage
über mein Haupt... führen Sie Verbrechen auf Verbrechen an, die ich
an Ihnen begangen habe, als ich noch der Thor war, zu glauben, die
Welt sei nur da, mir das, was ich damals Freude und Lust nannte, zu
bereiten. -- O beginnen Sie! Scheuen Sie sich nicht -- ich werde Alles
geduldig anhören... und meine Reue wird Ihrem Zorne, Ihrem Unglück
gleich sein...“

„Nein --“ sagte Margarethe: „glauben Sie ja nicht -- daß ich Ihnen
zürne!... Ich würde Sie ja dann nie geliebt haben, Herr Graf! -- --
Ach, ich schelte Sie nicht -- ich habe Sie niemals gescholten, daß
Sie ein armes Mädchen verließen -- Sie, ein großer Herr. Was sollten,
was konnten Sie denn anders thun.... früher oder später mußte es doch
geschehen. Wer hieß mich eine so maßlose Liebe für Sie fassen... der
so hoch über mir steht und sich nur auf einen Augenblick zu mir
herunterneigen konnte... Waren Sie denn nicht ehrlich genug an jenem
Abend, da Sie mich zum ersten Male -- in Ihr Schloß brachten -- und
Ihren Freunden zeigten -- ausrufend: „das kleine Ding da sagt, sie
liebe mich und wolle nicht, daß ich auch noch Andern gut sei.... das
Närrchen -- das thörichte Landkind... Sie macht mich lachen!...“ Hatte
ich beim Anhören dieser Worte denn nöthig, Ihnen noch weiter zu folgen?
-- Und doch folgte ich, und doch kam ich noch so oft selbst und zog
Sie noch so oft an meine Brust.... Ich kann,“ schloß die Frau, „Ihnen
nichts aufbürden, Herr Graf.... Ich kann nur über mein Schicksal
weinen.... Dieses allein hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe,
nicht Sie.“

Die Rede hatte Margarethe so angegriffen, daß sie nach den letzten
Worten in eine Art Lethargie verfiel -- worin sie ein leibhaftes Bild
des Todes vorstellte.

Alexander verhüllte sich das Gesicht mit beiden Händen -- das Mädchen
aber warf sich auf ihre Mutter hin, umklammerte sie mit beiden Händen
und schrie angstvoll: „Mutter! Mutter! -- liebe gute Mutter.... fasse
Dich.... stirb mir nicht.... der Herr Graf ist ja hier! Du siehst
ihn ja vor Dir stehen.... und sagtest Du nicht stets: „Ach, wenn nur
er kommen möchte! Wenn er nur da wäre! Wenn ich ihn nur noch ein
Mal mit meinen Augen sehen könnte... denn er ist Dein Vater und ich
habe Dich ihm geboren!...“ Das sagtest Du so oft, gute Mutter -- und
setztest hinzu -- -- „dann, dann würde ich wieder ruhig -- dann sollte
meine Seele zufrieden und mein Leib gesund werden!“ Und -- nun da er
hier ist, er, den ich so gern Vater nenne, weil er so gut gegen mich
und Dich ist... nun, meine arme Mutter, hältst Du Dein Versprechen
nicht.... nun wirst Du mir wieder unglücklich, krank und elend! --
-- O mein Gott! mein Gott -- erbarme Dich unser!“ So jammerte dieses
zarte, unschuldige Geschöpf, dessen Miene der Ausdruck frommer, inniger
Herzensgüte war und dessen Stimme so hold und rein klang, daß man sie
tief gerührt hörte. -- In der That schien diese holde Stimme auch
wunderbar auf die Kranke zu wirken -- sie regte sich wieder und begann
nach einer Weile in eine Art von Clairvoyance zu fallen: „Kommt doch
her und seht mich an --“ sprach sie -- „wie schön ich bin, wie gut
ich es habe! Mich liebt ein junger schmucker Graf... Er hat es mir
tausend Mal sagen wollen.... aber er schwieg immer.... weil er mich
damit zu erzürnen fürchtete....! -- -- Oh, er weiß aber auch, daß ich
ihn liebe.... Nein, nein! er weiß nichts, gar nichts! -- -- Er hat
keine Ahnung davon! -- Und ich -- ich will es ihm auch nicht früher
sagen, als um Mitternacht.... wenn wir schlafen .... dann will ich ihn
aufwecken und flüstern: -- -- Schäme Dich, schmucker Edelmann -- -- Ich
bin blos eine Bauerndirne -- und Du gibst Dich mit mir ab. -- Oder nein
-- Du magst mich nicht -- und +ich+ laufe Dir nach.... Hahaha! --
-- Mit Hunden solltest Du mich vertreiben lassen -- denn ich belästige
Dich in Deinem goldnen Schlosse.... und Deine Ahnen, die grinsen auf
mich herab und sprechen: Was will die unter uns? -- Gehört sie denn
hierher? -- Mag sie dahin gehen, woher sie kam.... von den Mägden! --
Ah! Ah! das ist recht! das ist gut! -- Es geschieht ihr, wie sie es
verdient. -- Fort mit ihr! Hinaus aus dem Schlosse! Hinaus aus dem
Dorfe! Einen Mühlstein um den Hals -- und in’s Wasser mit ihr, der
schändlichen Dirne! -- --“

Dieser Irrsinn artete jedoch keineswegs aus; er hatte keine
Gewaltthätigkeiten im Gefolge, wie er denn auch erst seit Kurzem sich
bei der Kranken einstellte, jedoch mit immer größerer Intensität. --

Endlich nach einer viertelstündigen Dauer hörte dieser trostlose
Zustand auf und die Spuren des Paroxysmus schwanden allgemach dahin
-- -- der allmächtigen Rückkehr jener Milde und stillen Zufriedenheit
Platz machend, welche eine Folge der Gegenwart Alexanders zu sein
schienen... Nach einem innigen, seelenvollen Blick, den sie lange auf
ihm verweilen ließ -- redete die arme Margaretha wieder: „O -- er ist
noch immer da.... Er geht, er verläßt mich nicht! Er spottet nicht
über mich... es ekelt ihm nicht vor mir! O, wie gut ist er!... und
ich, ich habe ihn so verkannt.... Ich, so geringe Ansprüche ich an
ihn auch hatte und so wenig ich auch hoffen durfte, daß sie durch ihn
erfüllt würden -- (denn am Ende hat er ja doch Alles gethan, was er mir
schuldig war: indem er für unsere Zukunft sorgte) -- -- ich sehe jetzt
dennoch Alles über die Maßen erfüllt! -- Er ist hier! Er kommt täglich
an meine Lagerstätte...“

Sie schwieg. Augenscheinlich schien die Quelle ihres Lebens schon
gänzlich verrinnen zu wollen; man hörte ihr Rauschen von Stunde zu
Stunde weniger. Vor mehreren Monaten konnte Margaretha noch frei in der
Stube umhergehen -- jetzt seit langer Zeit hatte sie das Bett nicht
mehr verlassen -- und nur die Intervalle ihres Leidens, nicht aber
das Wesen desselben, waren seit Alexanders Besuchen ein wenig milder
geworden. --

„Ich weiß,“ sagte sie nach einer Weile, wobei sie in den Armen ihres
Kindes lag: „daß diese Stube und meine Nähe kein Aufenthalt für Dich
ist -- theurer Alexander. Das, was der Schmerz und meine Traurigkeit
mich zu Zeiten ausstoßen ließ, sollte Dir ewig verborgen bleiben. Es
ist nicht gut -- wenn ein Kind die Vergehungen ihrer Mutter aus dem
eigenen Munde derselben hört -- ihre Schande mit eigenen Augen sieht
-- es ist kummervoll und wenig lehrreich für sie. -- Aber,“ setzte sie
darauf weinend hinzu: „vielleicht ist es eben gut und nützlich! --
Du hast an mir ein Beispiel, meine Tochter, -- dem Du nicht nachahmen
wirst! --“

„O,“ dachte Alexander bei sich, dessen Herz blutete, -- „ich habe
dieses Alles verdient! -- Die Strafe, welche ich in diesem Augenblick
erleide -- ist schwer, aber gerecht. -- -- Mein Uebermuth, meine
wilde Begierde hat hier zwei Seelen zu Grunde gerichtet -- -- denn
was war das Leben von Mutter und Tochter? Eine Kette von Schmerz! --
-- -- -- Ach, ach!“ versank er immer tiefer in den Abgrund seiner
Selbstanklagen: „und erst jetzt denke ich daran! Jetzt, nach 12
Jahren.... nachdem es längst zu spät -- nachdem eines dieser Herzen
gebrochen ist.... denn bald, bald wird es ausgepocht haben! Jetzt
erst nahe ich mich ihm -- und will ihm Rettung bringen... So wäre ich
niemals hierher geführt worden, wenn mich nicht das eigene Unglück
hierher geführt hätte! -- So mußte ich selbst erst betrogen und
verlassen werden, um zu begreifen, wie entsetzlich das schmerzt?! --
Ja, ja, arme Märtyrin der Treue, die Du da vor mir liegst -- ich habe
es jetzt selbst kennen gelernt -- wie bitter die Täuschungen, wie
tödtlich die Leiden der Liebe sind. -- O, um aller Seligkeit willen
möchte ich kein Herz mehr kränken, das mich geliebt hat -- eher wollte
ich sterben, als noch einmal falsch lieben! -- -- Falsche Liebe! --
Teufel in Heiligengestalt, du küssest unser Herz, um mit unsichtbarem
Vampyrrüssel das Blut aus demselben zu saugen!... Falsche Liebe --
ewige Paradiesesschlange! die du seit Jahrtausenden die Menschheit
verlockest -- ihr süßes Glück versprichst und ewigen Tod sendest. --
-- -- -- O, mich faßt fürwahr der Glaube, daß wahre Liebe gar nicht
lebe. Sie ist ein Hirngespinnst, ein Traum der Dichter! -- Noch nie
hat es eine glückliche Liebe gegeben .... mir ist keine bekannt.
Entweder betrog er sie -- oder sie betrog ihn. Das ist das Ende vom
Liede. -- Wer etwas Besseres über die Sache zu sagen weiß, der komme
hierher und rede... er soll an mir einen aufmerksamen Zuhörer finden --
aber glauben, glauben werde ich ihm nicht, bis er mir Beweise bringt;
handgreifliche Beweise. -- O, der +Prinz von Dänemark+ hat Recht:
„Wir sind Alle geborne Schurken!“ -- Dies ist der größte Lehrsatz in
Poesie und Geschichte....“

Er war bei seinem Monolog unwillkührlich laut geworden und Mutter wie
Tochter hörten seiner Rede mit Verwunderung zu. Da wandte er sich an
Alexandrine, ergriff das liebliche junge Wesen an beiden Händen und zog
es zu sich an seine Brust -- dann legte er eine seiner Hände auf ihr
Haupt, sah ihr ernst und schwermüthig in’s rosige Angesicht und sprach:

[Illustration: Seite 181]

„Vertraue keinem Manne, wenn Du groß sein wirst... und fliehe Jeden,
der Dir von Liebe sprechen will. Denn sei gewiß, er will Dich betrügen!
-- Achte auf meine Worte, holdes Kind, und präge sie Deinem jungen
Gedächtnisse ein. Vielleicht verstehst Du ihren Sinn noch nicht
ganz.... O möchte er Dir nie durch die Erfahrung deutlich werden!“
Jetzt verstummte er und ergab sich den zärtlichsten Liebkosungen, die
er im Uebermaße an das Mädchen verschwendete, und wobei die Thränen
dieses sonst so festen Mannes rannen, als hätte er damit alle Flecken
der Geburt von Alexandrinen abwaschen wollen.

„Nie hätte ich gedacht,“ flüsterte er ihr zu: „ein so liebes Kind --
ein so holdes Töchterchen zu besitzen! -- Ach, ach, Dein Vater hatte
Dich gänzlich vergessen -- arme Kleine.... nur einmal im Jahre, wenn er
Euch seine karge Unterstützung auf’s Schloß sendete, erinnerte er sich
während eines Momentes, daß Ihr noch lebt. -- Aber wie geschah das? --
So erinnert der große Herr sich seines Knechtes, seiner Magd -- seines
Hundes. Er weiß blos, daß er ihnen zu essen geben muß; im Uebrigen hat
er keine Gedanken für sie. -- -- O Schmach! O Schande! und auf diese
Weise wurdet Ihr von mir behandelt.... Ihr, die Ihr zwei Engel seid,
für welche diese Erde zu schlecht, zu niedrig ist. Ach, erst jetzt bin
ich fähig, Euern Werth zu schätzen -- da ich sehe, daß Ihr das seit 13
Jahren in Geduld traget, unter dessen Last ich seit etlichen Wochen
schon fast zusammengebrochen bin -- O, meine Tochter, noch ein Mal!
Liebe keinen Menschen! -- Niemand ist Deiner würdig... denn Du bist das
Ebenbild Deiner Mutter, an Leib wie an Seele. -- Liebe niemals! -- Es
gibt keine Liebe! -- --“

„-- -- Und was ist denn das Gefühl,“ fragte er sich rasch: „welches
Margarethe einst mir -- -- und ich Cölestinen gewidmet? -- Ist dies
denn nicht Liebe? -- -- -- -- O! O!“ stöhnte er: „Man könnte wahnsinnig
werden, wenn man lange nachdenkt! -- Eine schreckliche Verwirrung
entsteht in unserm Gehirne, wenn es über diesen Punkt grübelt. Tausend
Fälle verneinen -- zwei bejahen das Dasein der Liebe... Also lebt Liebe
doch!“ rief er mit einem Male aus: „Ja, sie lebt! -- -- -- -- Aber ich,
ich werde sie nimmer mehr finden!“

Er blieb noch mehrere Stunden bei den Frauen. Die Kranke sprach nur
wenig und die ganze Thätigkeit des jungen Mädchens schien sich auf
Weinen und stilles Wehklagen zu beschränken .... denn dieses Kind
hatte eine Vorahnung von der baldigen Auflösung ihrer Mutter. Alles
Zureden, alle Trostsprüche, alle Liebkosungen des Grafen konnten sie
nicht beruhigen -- -- indeß die Kranke selbst den Tod nicht zu fürchten
schien, da sie ja, wie sie sich mit erschütternder Wonne ausdrückte:
„in den Armen ihres wiedergefundenen Freundes und Herrn sterben
werde!“ --

Ein stiller Trübsinn lagerte sich zuletzt über Alexanders ganzes Wesen
-- weit tiefer, als jener, der ihm angeboren war und mit welchem er
sich seit so vielen Jahren umhertrug. -- So, in dieser Stimmung nahm er
Abschied von der Kranken, indem er versprach, morgen früher als sonst
wiederzukommen und nicht eher zu scheiden, als zu dieser gegenwärtigen
Stunde. --

Alexandrine begleitete ihn über die Schwelle des Hauses, wo er sie
auf die Arme nahm und lange, lange, so fest und warm an seine Brust
drückte, als wollte er sie nicht wieder fortlassen .... nachdem er ihr
noch einen Kuß auf die weiße Stirne gegeben.... entfernte er sich mit
raschen Schritten durch das Gärtchen, von dessen Thür er den Schlüssel
hatte....

Kaum war er auf freiem Felde angelangt -- als eine Bande fremder Kerle,
wovon Einige Pechfackeln, Andere Stöcke und Prügel in der Hand trugen,
ihm entgegen stürzten, drei bis vier sprangen heraus wie Tieger, und
sich an seinen Arm, an seinen ganzen Körper hängend, rissen sie ihn zu
Boden, legten ihn platt auf die Erde, mit dem Gesichte gegen den Himmel
gekehrt, der diesmal voller Sterne war.

Darauf trat einer, schwarz wie ein Schornsteinfeger aussehend, vor ihn
hin -- fing an in lateinischer Sprache zu singen, zu schreien und zu
heulen... ging und lief rund herum -- goß ihm eine Menge Wassers auf
den Kopf -- und räucherte mit allen möglichen wohl und übel riechenden
Spezereien dazu -- darauf badete er ihm noch einmal das Gesicht --
und zuletzt warf er eine Decke über ihn, die den unglücklichen Grafen
ganz einhüllte. -- Er sah nichts mehr -- aber bald fühlte er um so
mehr: nämlich fürchterliche Prügel, die es von Außen hageldicht auf
ihn regnete.... Alles dieses unter einem betäubenden, wüthenden
Geschrei der ganzen Bande und dem Kommandoruf des Schwarzen.... Nur
der außergewöhnlichen Körperkraft Alexanders konnte es gelingen, sich
in Kurzem aufzuraffen und dem Todtschlag unter den Händen dieser Rotte
von tollen Spitzbuben zu entgehen... Hierbei diente ihm die Decke als
Schild und Schutzmittel, denn er hielt sie so vor sich hin, daß die
Streiche und Schläge nur sie trafen.

„Ihr Schurken!“ schrie er: „seid Ihr denn wahnsinnig oder habt Ihr
wirklich ein Bubenstück vor? -- Kennt Ihr mich denn nicht? -- Ich bin
der Graf von A--x!“

„Ja, ja -- wir wissen es sehr gut, gnädiger Herr! Wir kennen
Hochdieselben! -- O wir wissen Alles! -- aber eben deshalb -- schlagt
zu, Kameraden! Immer zu! Damit der Teufel den Leib des guten Herrn
verläßt! --“ Dies waren die Worte, womit der schwarze Anführer seine
Schaar ermunterte....

Endlich bemächtigte sich der Graf des Knittels eines dieser Kerle und
nun warf er sich auf die nächsten, worunter der Anführer selbst, den
er zu Boden schlug, worauf die Andern sogleich die Flucht ergriffen,
heulend:

„Ach! der Teufel ist mächtig! Er hat unsern heiligen Pfarrer
überwunden! Gott steh uns bei!“

Jetzt erkannte Alexander den Pfarrer, und brachte endlich auch in
Erfahrung, daß seine eigenen geliebten Unterthanen es waren, mit denen
er so eben einen Strauß zu bestehen gehabt. --

„Aber,“ wandte er sich an den Geistlichen: „sagen Sie mir, was soll
denn das bedeuten? ... Sind Sie denn sammt Ihren Pfarrkindern um den
Verstand gekommen?“

„Das nicht, gnädiger Herr,“ versetzte dieser, sich mit seinen
zerschlagenen Gliedern jämmerlich am Boden windend: „Wir hatten Gutes
mit Ihnen vor.“

„Wie -- Gutes?“

„Wir wollten Ihnen den Teufel austreiben.“

„Und dies sagen Sie selbst, der Pfarrer, der Lehrer, der Führer dieser
Bauern, dem es obliegt, ihren Geist zu erhellen und ihr Herz zu
veredeln? -- Sie sprechen vom Teufel Austreiben? --“

„Allerdings, gnädiger Herr!... Und haben wir Sie denn nicht gesehen,
nicht gehört -- wie Sie da drinnen bei der +besessenen Frau+
allerhand Teufelszeug trieben -- weinten, lachten, beteten -- und sich
mit diesem Weibe, die gewiß eine Hexe ist -- auf eine Weise einließen,
daß es uns, Ihren getreuen Unterthanen, ein wahrer Gräuel war. Können
Sie es läugnen: Sie umarmten das verfluchte Weib!“

Alexanders Gesicht verfinsterte sich jetzt zum wilden Zorne: „Mein
Herr,“ sagte er zu dem Pfarrer -- „Sie sind von diesem Augenblick an
Ihrer Pfründe verlustig und ich werde deshalb nach meiner Ankunft auf
dem Schlosse sogleich das Nöthige verfügen... denn wie mir dieser
Vorfall lehrt, so sind Sie weit eher dem Amte eines Stockmeisters oder
Banditenchefs als eines Seelsorgers gewachsen... Erwarten Sie morgen
meine fernere Entschließung. -- Was jedoch diese Kerle dort betrifft,“
fuhr er, auf die in einiger Entfernung stehenden Bauern deutend, fort:
„so sollen sie ihrer wohlverdienten Strafe nicht entgehen. Ich werde
ihnen für die Zukunft die Lust benehmen, sich um den Geisteszustand
ihrer Herrschaft zu bekümmern....“

Damit entfernte sich Alexander, ging nach dem Gasthause, wo sein Pferd
stand, und ritt von da nach dem Schlosse zurück. --



Achtes Kapitel.

Die Verlassene.


Die Sachen in der Stadt standen indeß noch immer auf dem alten Punkte.
Cölestinens Haus war nach wie vor den ausgewählteren ihrer Bekannten
geöffnet -- nur daß keine größeren Soirées und _jours fixes_ mehr
statt fanden. In letzterer Zeit hatte die junge Frau sich inniger
als je an ihre Eltern angeschlossen; man sah sie nicht anders als
in Gesellschaft ihrer Mutter. Dieselbe schien mit ihr irgend ein
Geheimniß zu theilen, denn es geschah häufig, daß sich die Frauen für
mehrere Stunden mit einander einschlossen, und selbst vor den Augen
der Leute wechselten sie Winke, verständigten sich mit abgebrochenen,
geheimnißvollen Worten, ja es geschah ein Mal, daß Cölestine die
Generalin mitten aus einem Zirkel von Damen herausholte, sie, zu
großer Aergerniß aller Leute vom guten Ton -- aus dem Salon entführte,
und mit ihr erst nach einer starken Stunde zurückkam.

„Ei!“ sagten die redlichen Freunde des Hauses: „wozu braucht es aller
dieser Umstände? -- Die Gräfin hätte es ihrer Mutter gleich hier sagen
können -- um was es sich handelt. Man ist ja von Allem auf’s Genaueste
unterrichtet...“

„Natürlich! Es betrifft den geliebten Herrn von -- Marsan! Was sonst?“
flüsterte eine Dame...

„O sagen Sie es nur gerade heraus, meine Liebe,“ bemerkte das
Stiftsfräulein: „Wenn Sie Etwas wissen -- theilen Sie uns es ohne Scheu
mit... denn wir haben bereits so viel in dieser Sache erfahren und
gesehen -- daß uns nichts mehr in Erstaunen setzen kann. Das Einzige
blos wundert mich, daß diese junge Gräfin noch immer nicht zum Mitglied
des Frauenvereins ernannt ist....“

„Sie gibt als Grund an -- mit ihrem eigenen Unglück hinlänglich
beschäftigt zu sein und nicht an fremde Dinge denken zu können!“

„O man kennt das!“ lachte die Stiftsdame: „Eigenes Unglück meint sie
vielleicht damit -- daß Herr von Marsan gestern das Rendezvous nicht
eingehalten hat, welches sie ihm zu jeder Mitternachtsstunde in seinem
eigenen Quartiere gibt. -- Denn er hat nur zu diesem Behufe das einsame
Haus, wo er jetzt wohnt, gemiethet...“

„Was sagen Sie da, mein bestes Fräulein?“ riefen Zwei aus dem Kreise:
„ein Rendezvous um Mitternacht in seinem eigenen Hause...?“

„Wie ich sagte: Punkt Zwölf -- mit dem letzten Glockenschlage können
Sie, wenn Sie sich anders hierzu die Mühe nehmen wollen -- dieses
Musterbild einer Gattin und eines Mitgliedes des Frauenvereins -- Sie
können sie, sage ich, in eine fremdartige Kleidung gehüllt, aber leicht
an ihrem ganzen Wesen erkenntlich, ihr Haus durch ein Hinterpförtchen
verlassen und zu Fuße den Weg nach der Wohnung des Chevaliers
einschlagen sehen. Zehn Schritte von ihrem Hause erwartet sie, hinter
einen Vorsprung versteckt -- Marsan..... sie gehen sodann eiligen
Schrittes, und indem sie sich tausendmal umsehen, eine Strecke fort, wo
ein verschlossener Wagen bereit steht, der sie aufnimmt und bis in das
Haus des Chevaliers bringt. Nach Verlauf von zwei bis drei Stunden...
wird die Fahrt auf dieselbe Weise zurückgemacht.... und so weiß diese
kleine Cölestine vortrefflich ihr Leben zu genießen, sich wegen ihrer
Strohwittwenschaft zu entschädigen.“

Die Zuhörerinnen waren erstarrt. Sie glaubten zu träumen und fingen an
umherzublicken, ob wirklich Alles noch auf dem alten Platze stehe. --

„Aber,“ rief endlich die Eine aus: „ist es denn denkbar! Es wäre
ein Fall, der seines Gleichen nicht hat: denn zu diesem Grade der
Verstellungskunst hat es noch Keine gebracht. Sieht man sie an, scheint
sie einen entsetzlichen Kummer niederzukämpfen und nur heiter zu sein
-- um ihrer Freunde, ihrer Gesellschaft willen. Wie oft hört man sie im
Gespräche plötzlich verstummen -- und Seufzer ausstoßen -- oft sieht
man sich ihre Augen mit Thränen anfüllen... und das geschieht Alles so
wie unwillkührlich, als könnte sie es länger nicht mehr zurückhalten. O
die abscheuliche Heuchlerin! --“

„Allein,“ bemerkte eine dritte Dame: „Cölestinens Wesen scheint
sichtbar untergraben, was man auch dagegen sagen mag. Das ist nicht
mehr die blühende Gesichtsfarbe -- das glänzende Auge... das leichte,
übermüthige Schaffen und Treiben.... Ihr Teint muß durch künstliche
Mittel aufgefrischt werden -- ihr Gang ist schleppend -- ihre Hand
zittert....“

Hier schlug das Stiftsfräulein ein merkwürdiges Gelächter auf: „O,“
sagte sie: „diese Symptome können ganz wohl einen andern Grund haben --
-- denn man hat das Beispiel an jener italienischen Signora R**, welche
vor zwei Jahren hier starb....“

Die Zuhörerinnen wandten sich bei diesen Worten von der Sprecherin
ab, welche vermöge ihrer tapfern Zunge so eben im Begriffe war, eine
Geschichte preis zu geben, die man sich bisher nur in Bierhäusern
erzählte. --

Dieses Gespräch fand an demjenigen Tage statt, von welchem wir zuletzt
sprachen.

Heute empfing von drei bis sechs Uhr Cölestine ihre Freunde bei sich.
Man hatte ein Concert angekündigt, bei welchem ein eben durchreisender
berühmter Künstler mitwirken und an dessen Schlusse eine Romanze von
Cölestine selbst vorgetragen werden sollte. -- Sie saß, während ihre
Gäste kamen, in einem Armstuhle, dem Eingange des kleinern Salons
gerade gegenüber... Sie war ungewöhnlich bleich, und die bläulichen
Ringe, von welchen seit einiger Zeit ihre Augen umkreis’t waren, ließen
die letzteren heute ungewöhnlich tiefliegend erscheinen. Ungeachtet
dieser und anderer Zeichen eines inneren Leidens -- eines leisen,
schleichenden und giftigen Siechthums jedoch war die verlassene Gattin
liebenswürdig gegen ihre Gesellschaft wie immer und eifrig bemüht,
derselben eine Fröhlichkeit mitzutheilen, von welcher sie selber doch
nichts besaß. Ihr Anzug war fast zu einfach und ein strenges Auge
konnte selbst jene kleinen Nachlässigkeiten daran wahrnehmen, vor
welchen sich eine elegante Dame der großen Welt stets in Acht nimmt und
die sie sich höchstens in ihrem Boudoir erlaubt. Die Gräfin trug ein
blaßblaues Morgenkleid und im Haare einige dunkelblaue Schleifen, was
Alles nur dazu beitrug, ihr Aussehen noch leidender zu machen... Selbst
die kleine Lorgnette von Schildkröte, mit Perlen besetzt, hatte sie
heute vergessen....

Sie empfing jede einzelne Person, die sich ihr näherte, mit mehr als
gewöhnlicher Salonshöflichkeit... ihr Willkommen war wirklich innig
und aus dem Herzen kommend; denn sie befand sich in einer sonderbaren
weichen Stimmung, welche sie nicht, wie sonst, zu bemeistern vermochte,
welche durchschien -- und von gewissen Leuten, deren Geschäft dies ist,
im Stillen belacht wurde. --

„Nun, meine Theure, was habe ich Ihnen gesagt? Ist dieses Betragen
nicht lächerlich und selbst beleidigend. Will man uns durch diese
zärtlichen Worte und Blicke nicht gleichsam sagen: das ist gut für
Euch! Ihr braucht nichts Besseres! -- Ich wiederhole es Ihnen: diese
Gräfin hat uns heute um sich versammelt -- um uns auf ihre Weise zum
Besten zu haben.... Aber sie soll sich täuschen! --“

„Sehen Sie doch! da redet sie mit Herrn von Labers. Fällt sie ihm nicht
beinahe zu Füßen!... Haha! Wie abgeschmackt! Es fehlt nur noch, daß
sie uns heute mit gebrochener Stimme feierlichst ankündigt, sie wolle
sich in ein Trappistenkloster zurückziehen -- -- und darauf morgen mit
Marsan durchgeht...“

Man erräth es, wer so gesprochen.

In diesem Augenblick trat General Randow mit seiner Gemahlin ein --
und bei ihrem Anblick war es, wo Cölestine sich zum ersten Male erhob,
um den geliebten Eltern entgegen zu gehen. Mit einer unbezwingbaren
Rührung, mit einem Wesen, welches auf innerste Erschütterung
hindeutete, warf sie sich in die Arme der Mutter; und ein feines Ohr
hätte sie leise die paar Worte aussprechen hören: „Noch immer kein
Trost!“

„Von beiden Seiten nicht?“ fragte eben so die Generalin, und Cölestine
bejahte nur mit einer stummen Senkung des Hauptes, welches so schwer
geworden war, daß sie es mehrere Minuten lang auf die Schulter der
Matrone legen mußte.

„Sagen Sie mir --“ redeten jene Freundinnen unter einander: „was
bedeutet wieder diese Farce da? -- Es fehlt nichts weiter, als daß man
uns in diesem Schauspielhause Entrée bezahlen läßt...“

„Bei Nero! -- Sie fangen zu schluchzen an -- _in conspectu
populi_, wie man sich ausdrückt. -- O schändlich! -- Ich wollte,
daß ich diese beiden Heuchlerinnen in meinen Fußangeln hätte und daß
sie Beide nur +einen+ Hals besäßen.... Sie wissen, was ich mit
demselben anfangen wollte.“

„Und dieser Labers! -- Der Mann wird, nachdem man ihm die Weisheit der
Braminen und die Güte des Sokrates zugeschrieben, plötzlich auf seine
alten Tage ein Narr.... Er sieht den Zweien von Ferne zu und auch seine
Augen befeuchten sich...“

„Der alte General hingegen scheint mir noch der Vernünftigste in dem
ganzen Quartett. Das ist ein wahrer Ehrenmann! -- Er würdigt die
Affectation seiner Frauen keines Blickes; er bemerkt sie nicht -- er
geht zu einigen alten Herrn und stimmt in ihr Gelächter ein, welches
wahrscheinlich irgend einer Anekdote gilt, die Graf Wollheim dort
erzählt...“

„Und welche natürlich erlogen ist.... so, als hätte sie jener famöse
Herr von Althing erzählt, den man seines hübschen Lebenswandels wegen
in keinem Cirkel mehr duldet...“

„Der aber bis zum letzten dennoch der intime Freund von Cölestinens
liebenswürdigem Bruder Edmund war...“

„An dem sich auch die Folgen dieses Umgangs bewährten -- hahaha!“

„Eigentlich, meine Freundinnen -- sollte dieser Fall uns aus der
Familie der Randow verbannt haben...“

„Wir besuchen dieses Haus auch nur, um uns an dem immer tieferen
Herabsinken desselben zu belustigen -- beim Nero und Domitian!“

Die Verläumderinnen hatten sich jedoch sehr geirrt, als sie glaubten,
der General sei zu jenen Herren getreten, um an ihrer Lustbarkeit
theilzunehmen; der General war seit dem Unglück seines Sohnes und
seiner Tochter ernst geworden, wie er es nie gewesen. Nicht daß er
sich der Fassungslosigkeit und dem Schmerze seiner Gemahlin hingegeben
hätte -- er blieb kalt und fest bei diesem Begegniß, bei diesem Schlage
seines Hauses -- aber die chevalereske Heiterkeit und der männliche
Frohsinn, welche ihn sonst so liebenswerth gemacht hatten, waren auf
immer von ihm gewichen... und diesmal, in dieser Stunde und bei dieser
Gesellschaft, hatte er am allerwenigsten Ursache, ihn zurückzurufen,
denn man hatte hier so eben über +Edmund+ gesprochen, auf welches
Thema der alte Jäger den Discours gebracht, weil er da in seinem
Elemente war. Wider Erwarten sah sich nun Wollheim von dem General auf
die Seite gezogen und dieser redete ihn an:

„Herr Graf, wenn ich Sie bitten darf, so leiten Sie das Gespräch
nie wieder so, wie es eben geschah; ich würde es sonst als eine
Beleidigung, die mir selbst widerführe, aufzunehmen gezwungen sein
und dieselbe mit Bedauern rächen müssen. Ohnehin gehen in der
Hauptstadt hierüber die tollsten Sagen, so daß ich nicht weiß, was
ich mehr bewundern soll, den Erfindungsgeist, der sie ausbrütete,
oder die Leichtgläubigkeit, welche ihnen Glauben schenkt... Mein Sohn
hat sich, seinen Namen und sein ganzes Haus in eine traurige Lage
versetzt, dies bekenne ich mit Schmerz.... aber ich würde Niemand
rathen, den bedauernswerthen Jüngling, der seine Ehre vielleicht, wie
ein mißbrauchtes Mädchen ihre Tugend, durch fremde Gewaltthätigkeit
verloren hat, zu verspotten... Wäre mein Sohn von Natur ehrlos und
nichtswürdig, so würde ich selbst kein Wort über ihn verlieren, sondern
seinen Namen mit eigener Hand aus meinem Stammbaume streichen. --
So aber umhüllt noch ein schreckliches Dunkel die Umstände seines
Verbrechens -- ich weiß nur so viel, daß Edmund von Randow stets
würdig war mein Sohn zu heißen, und bis ich ihn selbst nicht über
seine That vernommen und seine Vertheidigung angehört habe -- bin ich
entschlossen, ihn abermals, außer vor dem Gesetze, wohin mein Arm nicht
reicht, auf’s ernstlichste zu vertreten!“

„Bravo!“ schrie der Jäger, nachdem er die letzten Worte angehört hatte
-- und kaum sich länger zu halten im Stande war: „Bravo, alter Vater,
tapferer General! -- Das nenne ich gesprochen.... wie sich’s gehört
-- und wäre es nicht hier vor den Augen aller Leute, ich würde Ihnen,
hol’ mich Dieser und Jener, nicht nur um den Hals, sondern kurzweg um
die Kniee fallen. Ja -- Sie haben Recht! Edmund, mein theurer Edmund,
mein Jüngelchen, mein Schüler ist ein Ehrenmann. Wer etwas Anderes
behauptet, dem schieße ich eine Handvoll Entenschrotte in den Bauch.
Aber wie konnten Sie’s nur übel nehmen, daß ich von ihm sprach? Ich
erzählte ja das Rühmlichste. Ich sprach von einem Pirschen, welches
jetzt vor zwei Jahren zwischen uns stattfand und wobei Edmund, der
brave Junge, mir in demselben Augenblick, als eben ein alter Petz aus
dem Gesträuche auf mich herausbrach, das Leben rettete, indem er diesem
dicken Petz sein Jagdmesser bis an’s Heft -- ja ich glaube sogar auch
noch seinen Arm mit in den Hals steckte.... worauf ich dann meinen
unvergleichlichen Schüler mit 18 Kannen Dickbier regalirte -- so daß
er drei volle Tage weder A noch B sagen konnte -- --“ hier hielt der
Nimrod inne, merkend, daß er im Begriffe stehe, einen dummen Streich zu
machen und Dinge -- wiewohl große erhabene Dinge! -- am unrechten Orte
zu erzählen. --

Der General beruhigte sich seit dieser Erklärung, doch schien ihn der
Nachsatz sichtbarlich zu verdrießen und sein Unmuth kehrte wieder,
sich in folgenden Worten Luft machend: „Lieber Graf Wollheim, die
Sachen, welche Sie da erzählen, so wie überhaupt Ihr ganzes Verhältniß
zu Edmund, hat, glauben Sie mir, auch das Seinige dazu beigetragen,
den jungen Menschen zu dem Punkte zu bringen, wo wir ihn jetzt mit
Schmerz erblicken.... Nicht daß ich Sie nur im Mindesten beleidigen
und Ihren Umgang mit Edmund in direkte Verbindung mit seinem letzten
unglückseligen Streiche bringen wollte... das sei fern von mir. Jedoch
unter die bösen Gewohnheiten, welche seinen Verstand und sein Gemüth
befleckt und ihn zu immer traurigeren Verirrungen geführt haben....
gehörte auch die +Unmäßigkeit+....“

Der Jäger wollte hier lebhaft losbrechen; seine Meinung über
Unmäßigkeit war eine ganz andere, als die des Generals, und er war fest
überzeugt, an Edmund nur Gutes gethan, ihn, wie er sagte, „zu einem
tüchtigen Kerle“ herangebildet zu haben. -- Der General verhinderte
indeß jede weitere Erklärung, indem er fortging und seine Schritte zu
der früheren Gesellschaft lenkte, aufmerksam zuhörend, was sie sprach
-- eifersüchtig den Ruf seines armen Kindes bewachend. --

Mittlerweile hatte das Concert seinen Anfang genommen. Eine tiefe
Stille entstand, nur zeitweise auf den entfernteren Punkten des
Salons von einigen alten Frauen und einem Paar junger Leute von jener
Sorte unterbrochen, die für nichts Sinn haben, außer für ihre eigenen
Wichtigkeiten -- -- und die ein Privilegium zu besitzen glauben,
überall stören, überall ihre alten Albernheiten zum tausendsten Male
wiederholen, überall lachen -- überall Lärm machen zu dürfen.

„Ach -- welch’ ein Gesicht -- das dort gegenüber von dem Cello....
sehen Sie nur, lieber Arthur!“

„Haha! -- ein allerliebster Kerl!... Gewiß irgend ein großer
Kunstkenner.... seine rothe Nase bezeichnet ihn als Freund der
Geister...“

„Und jenes Fräulein dort weiter! Kennen Sie sie nicht? Sie scheint zum
ersten Male in einer Gesellschaft, denn sie macht allen Leuten Platz,
die sich ihr nähern...“

„Ach! Köstlich! Welche Bereitwilligkeit! Die trifft man heut zu Tage
nicht überall....“

„Uebrigens scheint sie mir nicht ohne +Raison+[D] zu sein! das
wäre vielleicht so Etwas für Dich -- Du mein ruinirter Lancelot! --“

Der, dem dieser Name galt, entgegnete: „Du irrst; ich bin von diesem
Systeme -- eine Partie zu +suchen+, abgekommen, und habe mir ein
neues gewählt; die Fortune muß +selbst kommen+ und.... sie wird
nicht ausbleiben.“

„Einstweilen behilft sich Lancelot mit seiner Fürstin... dabei ist
wenigstens nichts zu verlieren, haha!“

„Sie ist sein tägliches Brod... diese gute Herzogin. Sie schützt
wenigstens vor dem --“

„Still, meine Herren! Ich werde alle weiteren Explicationen ernstlich
nehmen.....“

Das erste Musikstück war zu Ende. Die jungen Herren hatten davon
gerade die letzte Note gehört... und sie bereiteten sich vor, es bei
dem zweiten eben so zu machen. -- Indessen widmete ein großer Theil
der Versammlung den Productionen große Aufmerksamkeit -- und Cölestine
selbst schien durch die Macht Polyhymnia’s dem trüben Diesseits
entrückt, zu den Regionen einer schönern Welt getragen zu werden. Ihr
Auge blickte seelenvoll vor sich, ihr Ohr schien mit Wonne in diese
Harmonie zu versinken... Einige Augenblicke lang schwand selbst die
kalte Blässe von ihrem Gesichte, eine zarte ätherische Röthe flog
ihre Wangen an.... so daß sie jetzt jedes künstlichen Mittels hätten
entbehren können. --

Sie saß zwischen ihrer Mutter und der Generalin E--z, welche beide sie
abwechselnd betrachteten und wovon die erstere mit tiefer Rührung den
kurzen Frieden in ihrer Tochter Brust einziehen sah.

Trotzdem unterließen Frauen mit Drachenherzen es nicht, giftige
Bemerkungen dicht hinter dem Rücken der Verlassenen anzustellen -- die
jedoch an der anderweitigen Aufmerksamkeit Cölestinens ihre Wirkung
gänzlich verfehlten und von Niemand vernommen wurden, als von den
Sprecherinnen selbst....

„Manche Musik klingt nicht so angenehm, wie diese da... zum Beispiel
jene, von welcher das Ohr eines armen getäuschten Gatten beständig
erfüllt sein muß....“

„Ach -- es gibt Leute, die so Etwas nicht einsehen!“ bemerkte die
Stiftsdame: „die von Natur dazu geboren sind, Disharmonie in der Welt
zu erzeugen -- und ihren Eltern, ihren Gatten, Freunden und der ganzen
Menschheit das Gehör zu zerreißen.... Trotzdem aber geben sie sich
große Mühe, für absonderliche Tonkünstler und Tonkünstlerinnen zu
gelten.... O man kennt diese Gattung!“

„-- -- Können Sie mir nicht sagen, liebste Beste --“ fing die Vorige
nach einer Pause an: „wie es mit dem armen Grafen von A--x steht. Hat
man noch keine Nachrichten von ihm -- und weiß man nichts über seinen
Aufenthalt, seine Lebensweise?“

„Es thut mir leid,“ versetzte die Stiftsdame -- „Ihnen damit nicht
dienen zu können. -- Zuverläßlich jedoch hat sich der würdige und
hochgeschätzte Graf nach irgend einer entfernten Gegend begeben... denn
ich zweifle, daß er es in dieser Stadt oder in geringer Entfernung von
derselben lange hätte aushalten können. -- -- Man würde in kurzer Zeit
Gelegenheit gefunden haben -- -- das alte Spiel zu erneuern... man
hätte durch eine kluge, listige Behandlung ihn nach und nach wieder zu
gewinnen verstanden... man hätte durch zweite und dritte Personen auf
ihn gewirkt.... oder auch durch Briefe....“

„Das Alles,“ erhob jetzt ein Herr, der wie aus den Wolken gefallen
schien, den Niemand kommen und hier auftreten sah, sondern der hier
inmitten dieser würdigen Damen plötzlich empor tauchte, seine Stimme:
„das Alles,“ sagte er, „ist geschehen, meine Damen. Obgleich der Graf
von A--x hundert Meilen von hier entfernt in einem verborgenen Thale,
einsam wie Timon und verschanzt wie dieser, lebt -- hat man doch Mittel
gefunden, ihn auszukundschaften, hat sein heiliges Asyl entweiht --
hat seiner Einsamkeit und Trauer nicht geschont -- hat ihn durch feile
Zwischenträger belagern -- mit Lügen und Versprechungen bestürmen
lassen.... kurz hat ihm zum zweiten Male eine arglistige Lockspeise
vorsetzen lassen, um ihn zum zweiten Male damit zu vergiften.....“

Seit Kurzem war Cölestine gezwungen, diesem Gespräch zuzuhören,
denn es wurde immer lauter geführt. Bei den letzten Worten sah man
ein tödtliches Grau über ihr Gesicht ziehen.... sie bebte an allen
Gliedern, und eben schien sie die Besinnung verlieren zu wollen, als
der Ruf:

„Ihre Romanze ist an der Reihe, Gräfin!“ sie weckte und mit einer Art
künstlicher, elektrischer, gewaltsamer Lebenskraft erfüllte.

Sie stand auf und ging an den Flügel.

Hier nahm sie neben einem Herrn, der sie accompagniren sollte, Platz.
Aber als man die Notenhefte der Romanze suchte -- fand man dieselben
nicht. Und doch waren sie früher vor dem Anfange der Matinée von ihr
selbst aufgelegt worden. Das Ganze schien mit einem Wunder zuzugehen;
aber der Gesellschaft, obgleich diese die Wunder in neuerer Zeit wieder
außerordentlich liebt, schien mit dem gegenwärtigen keineswegs ein
Gefallen zu geschehen. Man bestand darauf, daß Cölestine singen sollte,
und da ihr in dem Gedränge, worin sie sich befand, nichts Anderes
einfiel, stimmte sie ein +Lied+ an, das sie ihrem Gatten sehr oft
vorgesungen hatte und welches diesem so gefiel, daß er es für seinen
Lieblingsgesang erklärte...

    „Abend ist, ein tiefes Schweigen
    Zieht herauf vom Meeresstrand;
    Himmelslichter sinken, neigen
    Sich zum grauen Uferrand.

    Siehst Du dort des Sternleins Schimmer,
    Eilend nach dem größern Stern?! --
    So auch folg’ ich ewig, immer,
    Dir, Geliebter, nah und fern.

    Sieh’ die Fluth das größ’re fassen!
    Auch das kleine stürzt sich drein!
    -- So auch könnt’ ich nicht allein
    Dich Geliebter sinken lassen!! -- --“

Nachdem Cölestine den letzten Vers gesungen -- fiel sie leblos auf die
Lehne ihres Stuhles zurück. --

Alles erhob sich -- fuhr durcheinander -- man eilte von hundert Seiten
der Gräfin zu Hilfe.

In dieser allgemeinen Verwirrung schlich sich jener Fremde, der zuvor
die verhängnißvollen Worte hinter dem Stuhle Cölestinens gesprochen,
hinaus.

Es war derselbe unbekannte und geheimnißvolle Mensch, den wir schon
früher einige Mal in den Salons Alexanders und anderswo umherschleichen
sahen -- finster und unheimlich wie das Verhängniß.



Neuntes Kapitel.

Trauer und Verzweiflung.


Was Alexander auf seinem Schlosse und in seiner Einsamkeit betraf, so
lebte er daselbst noch stets in der alten Weise. Seine Tagesordnung
blieb die nämliche, seine Absonderung, seine düstere Kälte, sein Haß
gegen die Menschen, seine finstere Sucht, sie zu vermeiden, und seine
scheue Angst, wenn er ihnen nicht ausweichen konnte -- -- bei dem Allem
jedoch auch seine Mildthätigkeit, seine geheim ausgeübte Menschenliebe,
sie waren sämmtlich die früheren. Täglich machte er den Ritt aus dem
Schlosse nach jener Gegend, welche wir kennen -- täglich besuchte er
die kranke Margaretha und blieb in letzterer Zeit oft vom frühen Morgen
bis in die tiefste Nacht an ihrem Krankenlager... Er hatte ihr einen
geschickten und zuverläßlichen Arzt geschickt, der seine Wohnung im
Orte selbst nahm, um stets bei ihr zu sein, sobald sie seine Hülfe
brauchte. -- Ach, Alles das half zu nichts ... es war der menschlichen
Kunst nicht mehr möglich, dort etwas zu thun, wo die Natur bereits ihre
Verwesung vorbereitete....

Da ward der Schmerz Alexanders übergroß; dieser Mann, sonst stolz,
kalt und schroff, schien seine inneren Stützen zu verlieren, schien
zusammenzubrechen, gleich einem untergrabenen Kraftbau. -- Er konnte
sich nicht länger beherrschen: seine gepreßte und geängstigte Seele
machte sich in einem lauten, entsetzlichen Schmerzensschrei Luft -- und
nachdem dieser ausgestoßen war, flossen seine Zähren gleich mächtigen
Bächen, als sollten sie die lange Tafel seiner Schuld, alle Vergehungen
seines früheren Lebens abwaschen. Er ward zum Kinde, ja weniger als
dieses, denn das kleine Mädchen zu seinen Füßen besaß jetzt mehr
Fassung als er: „O!“ rief er, der draußen den Stolz so gut zu behaupten
verstand: „könnte ich Dich, arme Dulderin, mit der Hälfte meines
Lebens, meines Glückes, meiner Seligkeit retten, ja mit dem Ganzen --
-- ich würde es thun, denn Du hast es um mich verdient! -- Ach, warum
habe ich es früher nicht erkannt, warum vorsätzlich mich dem Bewußtsein
entzogen, daß ein Herz lebt, welches so große Liebe zu mir trug, daß
sie um ihretwillen in den Tod ging... eine Liebe, die nur gleichkommt
an Macht jener Falschheit und jenem Trug, welche mich die ganze übrige
Welt empfinden ließ, O wie glücklich hätte ich sein können! -- In
dieser Erkenntniß möchte jetzt meine Seele sich auflösen in ungeheuren
Klagen. Was hatte ich nöthig, das Glück und die Liebe dort zu suchen,
wo sie nicht sind?... Was hatte ich nöthig, im rauschenden Leben der
Welt nach dem zu haschen, was nur in stiller Einsamkeit wohnen kann:
nach einem Herzen! -- -- O sie blühte nur in einem grünen Thale unter
einem bescheidenen Dache -- die treue Liebe!... aber sie schien mir zu
niedrig -- ich suchte eine stolze, erhabene; und was fand ich? Traurige
Täuschung! bittere Enttäuschung. -- -- Ha! ich möchte mich darob in
einen Ocean des ewigen Todes stürzen! --“

-- -- An einem schönen warmen Frühlingsabend starb Margaretha. Man
hatte sie in ihrem letzten Augenblicke in das Gärtchen hinausgetragen,
denn so wünschte sie es. Alexander saß wie immer neben ihr, düsterer,
trostloser, zerrissener als je; und jetzt sprach +sie+ ihm Muth zu...
jetzt suchte +sie+ ihm jene Säule wieder, an die er sich lehnen
sollte. Sie hielt seine Hand in der ihrigen, auf welcher schon kalter
Todesschweiß perlte -- und unverwandt haftete der brechende Blick
ihres Auges auf ihm, welches Auge noch immer voll war von jener
tiefen, unergründlichen Liebe. -- „Ich gehe ruhig aus dieser Welt --“
lispelte sie, Wort für Wort mühsam aussprechend und nach jedem schwer
aufathmend: „ich sterbe glücklicher, als ich zu hoffen wagte.... Habe
ich ja den Geliebten meiner Seele noch einmal zu mir kommen und sein
Herz mir in inniger Zärtlichkeit sich zuwenden sehen.... Was soll ich
mehr von meinem Schöpfer verlangen....?.... Er hat mich reichlich
belohnt für allen Kummer.... Sein heiliger Name sei gepriesen!... Und
nun noch eine Bitte --“ flüsterte sie kaum vernehmbar...: „erbarme Dich
Deines Kindes -- Alexander!!. Lebt Beide wohl!!...“

Sie hatte ihren Geist ausgehaucht. --

Alexander ließ nun, die theuren Ueberreste gebührend zu ehren, sie
in dem Erbbegräbniß seiner mütterlichen Ahnen beisetzen. Den Schmerz
dieser Tage, dieser Stunden zu schildern ist unmöglich, aber seine
Größe läßt sich in Erwägung der nunmehrigen völligen Hoffnungslosigkeit
Alexanders recht wohl begreifen. -- Dieser Mann betrachtete sich jetzt
so wie Einer, der früher nackt und arm war, plötzlich einen großen
Schatz fand, welcher ihm jedoch, kaum daß er ihn besaß -- -- durch eine
unerbittliche dunkle Macht entrissen wurde, mit der Gewißheit, daß er
nie wieder ihn erlangen -- und in Zukunft wieder wie früher nackt, arm
und elend bleiben werde. --

Jedoch nein! Nicht ganz war er dies. Ein leichter Punkt war ihm in dem
trostlosen Dunkel seines Daseins doch noch geblieben -- eine grüne,
blüthenreiche Oase auf seiner fernern Reise durch die Sandwüste des
Lebens: das Kind Margaretha’s -- sein Kind -- seine holde Tochter
Alexandrine.

Sein düsteres Schweigen, sein finsterer Ernst stieg von Tag zu Tage.
Er verließ jetzt nicht mehr sein Schloß, sein Gemach -- und kein
Menschenantlitz bekam ihn zu sehen; selbst die nothwendigsten Geschäfte
wurden zurückgewiesen und der Besorgung seiner Beamten überlassen....
Nur Alexandrine, dieses junge Wesen voll Anmuth und himmlischer Güte,
blieb an seiner Seite -- gleich einem Schutzgeist suchte sie die bösen
Stunden zu verscheuchen, von denen er wie von einem Heere wandernder
Dämonen umschwirrt wurde. --

Aber es gelang ihr meistens nicht -- und im glücklichen Falle nur auf
Augenblicke; waren diese vorbei, waren die zarten Kräfte des Kindes
erschöpft -- so kehrten jene mit Wuth zurück und schleuderten ihn
wie einen Zwerg zu Boden. Unter den Leuten seiner Umgebung gewannen
die Sagen, welche über ihn gingen, einen immer schauerlicheren
Charakter... Alles das, was unerklärlich für den gemeinen Sinn war,
wurde von demselben auf’s schlimmste gedeutet, und so brachte man den
armen Grafen, den man früher mit bösen Geistern, einer Besessenen und
Hexe verkehren sah -- jetzt gar mit der Hölle in _pleno corpore_
-- d. h. mit der ganzen und vollen Zahl höllischer Heerscharen
in Verbindung, wobei man nicht vergaß, zu behaupten, diese hätten
unsichtbar vom ganzen Schloß Besitz genommen, und umtanzten bei Tage
den Herrn, zur Nachtzeit den Sarg der Hexe, die unten in der adeligen
Gruft lag... Bald, sagten sie, werde das ganze Schloß in Rauch aufgehen
-- der Pechgeruch sei bereits allerwärts zu verspüren. --

Auch von Alexandrine war da noch Vieles zu bemerken. Es ließ sich
nicht bezweifeln, daß irgend ein häßlicher Kobold in dieser zarten
Mädchenhülle verborgen sei, der die Bestimmung habe, den verlornen
Grafen zu bewachen -- ihn keinen Schritt von der Straße abweichen zu
lassen, welche glatt und schnurstracks zum Königreiche Lucifers führt...

Ungeachtet dieser freundlichen Beurtheilung, womit seine Diener und
Unterthanen ihn beglückten, unterließ er, der sich deshalb einmal mit
seinem Verwalter berathen hatte, nicht, ihnen Tag für Tag Gutes zu
erweisen, ihnen die Lasten zu verringern, die Pflichten angenehm zu
machen -- ihre Vergehungen mit Nachsicht zu bestrafen, dagegen bei
Belohnungen großmüthig zu verfahren und sich hierbei an kein anderes
Maß zu binden, als an das eines gütigen Herzens. --

Glaube man ja nicht, daß es ihm hierbei um einen Zweck zu thun
war... er wollte durch diese Veranstaltungen weder berühmt noch
beliebt werden; es war weder die armselige Affektation eines
unglücklichen Theaterhelden -- noch die wohlberechnende Klugheit eines
menschenfreundlichen Wucherers... es war einfach der dunkle, aber
mächtige Trieb jener Herzen, die in den Byron’schen Menschenhassern
wohnen und auf deren Grunde die edelsten Menschenfreunde verborgen
sind; edle, erhabene, tiefe, excentrische und gewaltig empfindende
Naturen, die vom Glück eben so heftig bewegt werden, wie sie das
Unglück erschüttert, so daß sie dort wie hier jeden Halt verlieren,
außer den Edelmuth, der nie von ihnen weicht, der kostbar blinkt, wie
die Perle in der Muschel, mag diese auch getödtet werden und verwesen.
--

So ward z. B. jenen um das Seelenheil ihres Herrn so eifrig besorgt
gewesenen Leuten, deren Tollheit sich unter die Kutte ihres Pfarrherrn
verbarg -- die angedrohte Strafe erlassen, dem letztern jedoch
bedeutet, das Kapitel des Exorcismus _in praxi_ aus seiner Liturgie zu
streichen, was der geängstigte Geistliche um seiner Pfarrkinder und
Gänse willen auch zu thun angelobte -- jedoch mit schwerem Herzen, denn
er war auf seine Teufelsbannkunst stolzer, als auf alle seine übrigen
Kenntnisse und Fähigkeiten, sowohl im Latein wie im Griechischen und
Hebräischen, worin er freilich kein Weltwunder sein mochte.

                               *       *
                                   *

Wider seinen ausdrücklichen Befehl fand der Graf die Thür seines
Schlafzimmers heute nur blos angelehnt, nicht zugeschlossen, und
eben wollte er seinen Kammerdiener rufen, um ihn wegen dieser
Nachlässigkeit, die seiner jetzigen Meinung nach ein Verbrechen war,
zur Rede zu stellen ... als seine Blicke auf den Tisch neben die Lampe
fielen -- und eines Briefes gewahrten, der mit großer Hast hingeworfen
zu sein schien, denn er lag so, daß er jeden Augenblick auf die Erde
fallen konnte...

Bevor der Graf diesen Brief zur Hand nahm, that er nun dennoch das,
wozu er schon früher entschlossen war, er klingelte und ließ sein
ganzes Hauspersonal zusammenkommen, vom Sekretär und Verwalter bis zum
letzten Bedienten. Als die Leute beisammen waren, redete er sie mit
finsterer Strenge an:

„Wer von Euch hat es gewagt, diese Thür hier zu öffnen?“

Sie sahen ihren Herrn erschreckt an und wandten sich mit fragenden
Blicken zu einander.

Der Kammerdiener trat vor und sprach zitternd: „Vor einer Stunde,
gnädiger Herr, habe ich das Schlafzimmer geöffnet und darin Alles in
Ordnung gebracht -- sogleich jedoch trat ich wieder heraus und kann es
beschwören, daß ich die Thüre fest verschlossen habe.“

„Gut!“ versetzte Alexander: „ich will Dir glauben, Antoni; ich
weiß, Du lügst nicht, ich weiß auch, daß Du Deinen Dienst pünktlich
versiehst und daß meine Befehle Dir heilig sind.... Anfangs hatte meine
Vermuthung Dich getroffen -- -- doch jetzt bin ich vom Gegentheil
überzeugt und habe deshalb die Andern hierher beschieden. -- -- Nun,“
rief er mit lauter Stimme: „meldet sich Niemand von Euch? Ist der
Schuldige etwa nicht hier?“

Alles blieb stumm.

Der Graf, in Zorn gerathend, stampfte auf den Boden: „Ich will es
wissen! Weh demjenigen, den ich später selber als den Thäter entdecke.
Er trete lieber gleich hervor!“

Nichts; kein Laut.

Da trat Alexander in das Schlafzimmer zurück... nahm den Brief vom
Tische, und ohne dessen Aufschrift zu lesen, wies er ihn der Schaar
vor: „Dieses Schreiben ist hinein gelegt worden -- -- der Kammerdiener
trägt die Schuld nicht .... Wer also hat sich unterstanden....?“

Tiefe Stille. --

In diesem Augenblicke glitten seine Blicke unwillkührlich über die
Aufschrift hin -- und als hätte ein Krampf seine Hände ergriffen,
zerknitterte er das Papier und drückte es so zusammen, daß es einen
Knäuel bildete....

Jetzt wie von einem unwiderstehlichen Gedanken erfaßt -- verabschiedete
er rasch die Domestiken -- eilte in das Gemach -- entfaltete den
Knäuel und las nun auf der Rückseite des Briefes mit den Schriftzügen
+Cölestinens+:

    „+An den Herrn Grafen Alexander von A--x! --+

    +Man bittet ihn flehentlichst, diesen Brief zu öffnen.+“

Ein nie gefühlter Drang trieb ihn, dieser Bitte zu willfahren, derselbe
Drang, welcher ihn zu dem vorigen Schritte genöthigt hatte. Er erbrach
das Siegel, der Inhalt des Briefes lautete:

    „Mein theurer, heißgeliebter Gemahl!“

Bei dieser Stelle angelangt, wollte er das Papier zerreißen -- doch las
er noch einige Zeilen.

    „Ein wahrer und aufrichtiger Freund, ein solcher, dem der erhabene
    Name +Freund in der Noth+ gebührt -- überbringt Ihnen diesen
    Brief. Er wird Mittel finden, zu Ihnen zu gelangen, mögen Sie die
    eherne Mauer, womit Sie sich gegen mich und die Welt umgeben, auch
    verdreifachen. -- Und so weiß ich, daß diese Zeilen gewiß in Ihre
    Hände kommen, die theuren Augen meines Gemahles, meines angebeteten
    Alexander auf ihnen ruhen werden. Ja -- so nenne ich Sie! und ich
    rufe Gott, der uns erschaffen hat durch einen Wink seiner Hand, der
    uns vernichten kann durch einen solchen -- ihn rufe ich an, mich zu
    hören, indem ich Sie so nenne.... mich in dem Augenblick, wo ich
    das Wort ausspreche, zu zerschmettern, wenn es eine Lüge enthält.
    -- O Alexander! Alexander! Wohin ist es mit uns gekommen? -- Hätte
    ich das denken sollen -- hätte ich es selbst im Wahnsinn eines
    hitzigen Fiebers damals denken sollen, als es noch nicht so um
    uns stand, wie in dieser entsetzlichen Stunde... denn jede Stunde
    ist jetzt entsetzlicher als die vorhergehende -- das Schicksal
    scheint sich an mir erschöpfen zu wollen in seinem Reichthum an
    Elend! Es hat schon den ganzen Köcher über mich ausgeleert... und
    doch treffen mich noch mit jedem neuen Athemzuge neue giftigere
    Pfeile. -- -- O mein Gott, mein Gott! Erbarme Dich meiner und
    seiner! Sende einen Deiner allgewaltigen Lichtstrahle herab in
    diese Finsternisse!... Du bist ja der Beschützer der Unglücklichen,
    der Unschuldigen und Verfolgten... Warum hast Du deine Gnade
    nicht auch für mich -- die mit ihrem reinen Herzen vor Dir liegt
    im Staube?... Ich bin ja schuldlos wie ein lallendes Kind -- wie
    der Gedanke eines frommen Dichters! -- Du siehst es -- Du weißt
    es -- Du allein kannst es bezeugen -- -- und doch schweigst Du,
    Unerforschlicher, heiliger Vater der Menschen! -- rede zu ihm nur
    ein Wort -- flüstere es ihm im Wehen des Morgenwindes, oder wenn
    der Zephyr Abends an seine Schläfe streift, zu: ich bin unschuldig,
    sein Weib war unschuldig, wird es bleiben bis zum letzten Schlage
    eines Herzens, das nur für ihn pocht. -- Mein Gemahl, mein Gatte --
    warum sollte ich das Alles sagen, da nichts mich dazu zwingt? Sie
    haben nach Ihrer Trennung von mir meine Verhältnisse so gestellt,
    daß, wäre nicht meine Liebe zu Ihnen, ich mich darin nur glücklich
    fühlen könnte. Wäre ich eine Verbrecherin -- so könnte ich ja
    nichts sehnlicher wünschen, als den Fortbestand meiner jetzigen
    Lage. -- Aber ich bin keine Verbrecherin, ich bin Ihre treue Gattin
    -- Ihr treues Weib vor den guten Menschen und vor Gott. Ich bin so
    rein von aller Schuld wie die Engel im Himmel es sind... Und ich
    kann von mir sagen: ich will vor den Spiegel der Tugend treten und
    es wird kein Fleckchen seine klare Fläche trüben. -- -- Welches
    sind die Zeugnisse, die gegen mich sprechen? -- Nennen Sie mir sie!
    Ich, ich darf keine anführen, um mich zu vertheidigen, -- -- dies
    ist der Tugend nicht eigen, hierzu darf sie sich nicht herablassen.
    Und wollte ich überhaupt reden -- -- wollte ich von demjenigen
    reden, was allein noch einen Schein, einen Schatten von Zweifel auf
    mich werfen kann, so würde ich anderweitig ein Verbrechen begehen.
    -- Doch dies ist es nicht, was Ihren Verdacht erwecken konnte ....
    es muß etwas Anderes sein. Ein böser Geist muß zwischen uns stehen
    -- der einen bösen Samen aussäet... dieser Samen wächst in rasender
    Schnelligkeit zur Höhe -- und verbirgt mich in meiner Unschuld
    dem Auge des Gatten. -- -- O Alexander, einzig Geliebter Deines
    Geschlechtes!.... Gewiß, die Dinge werden nicht ewig so bleiben....
    es wird endlich eine mildere Sonne ihr Licht über uns ergießen
    -- aber Du wirst dann mein treues Herz nur durch einen grünen
    Rasenhügel erblicken. Und diese Zeit wird bald kommen, früher als
    Du wohl glaubst.... Alexander, es kann nicht mehr bis zum kommenden
    Sommer währen, nicht mehr bis zu dem Tage, wo die Schwalben gezogen
    kommen, um ihr himmlisches Nest zu suchen -- und auch ich werde in
    meine Heimath hinüber ziehen.... Könntest Du diese elende Hülle
    sehen, die einst so blühend, so fröhlich, so heiter, so glücklich,
    so voll berauschender Lust vor Dir stand, die nicht nur durch ihre
    Jugendkraft, sondern auch durch Deine Liebe so große Ansprüche an
    das Leben hatte -- könntest Du sie jetzt sehen, wie sie stündlich
    mehr zusammenfällt und eine Frucht für das Grab wird .... o, ich
    wage es zu hoffen, Du würdest Dich besinnen -- vielleicht nur
    zuerst aus Schrecken oder Mitleid -- aber gleichviel, Du würdest in
    Dich gehen -- Deine Sehkraft anstrengen... sie würde diese dünne
    Hülle durchdringen -- und drinnen das Herz im hintersten Winkel
    vor Jammer und Trübsal zusammengeschrumpft sehen.... mein Herz,
    dieses treue, zärtliche, gute Herz, dieses Herz eines Kindes und
    einer Gattin zugleich....

    „Doch ich höre auf zu rufen und zu wehklagen! -- Ich schließe
    diesen Brief. -- Sollte es der letzte sein, der den Weg zu Dir fand
    .... sollten diese Zeilen die Abschiedszeilen eines unglücklichen
    Weibes von ihrem heißgeliebten Gatten -- sollte dieser Gruß der
    letzte Gruß einer verkannten Frau von ihrem allzustrengen Manne
    sein: so grüße ich Dich aus den innersten, unergründlichen Tiefen
    meiner treuen Seele und flehe den allmächtigen Gott an, Dich stets
    mit Glück und holder Zufriedenheit zu umgeben -- Dich durch dieses
    Leben wie durch einen blühenden Garten zu führen -- am Ziele deines
    Weges aber Dir eine Aussicht zu öffnen, die in den Kreis seliger
    Cherubim und zu den Geliebten Gottes reicht, deren einer Du werden
    mögest....

    „Dort, dort, Alexander, werden wir uns gewiß endlich finden!

    „-- -- Ach ich kann dieses Schreiben nicht schließen, ohne mit
    herzzerreißender Stimme zu rufen: ich bin unschuldig, ich bin
    unschuldig, ich bin unschuldig! --

    +Cölestine+.“

Alexander hatte den Brief bis zu Ende gelesen. -- Als er vorüber war,
fiel er kraftlos in einen Lehnstuhl und lange fand er keinen Gedanken,
keine Empfindung, kein Bewußtsein. -- Eine betäubende Leere allein
erfüllte Alles in ihm und um ihn. So wie ihm jetzt geschah, war ihm
noch niemals geschehen.... vergebens hätte er diesem sonderbaren Anfall
widerstrebt, er war, ehe er sich’s versah, dessen Sclave, gefesselt an
Händen und Füßen -- an Seele und Leib. -- Ein tausendstimmiges Chaos
rauschte, braus’te, klang und summte um seine Ohren -- und es schien
nicht anders, als hätte die Natur alle ihre Kräfte, leibhafte und
geisterhafte, entfesselt, um sie gegen ihn zu senden, nicht damit sie
ihn vernichten, sondern damit sie ihn in eine grenzenlose Verwirrung
brächten, die länger dauernd den Bau seines Wesens zerrütten und
zuletzt mit Wahnsinn endigen mußte. Zum Glück haftete dieser Zustand
nicht lange unverändert an ihm -- er machte nach und nach einer
völligen Dumpfheit Platz -- und war früher das Ohr das Mittel gewesen,
durch welches die Ereignisse an seiner Seele rüttelten, so wurde es
jetzt, nachdem der Gehörsinn völlig aufgehoben schien, das Auge. Eine
Welt voll Visionen tummelte sich vor seiner Pupille -- -- bunt und
düster, groß und klein, monströs und edel -- rasch und langsam -- wild
und sanft: Figuren auf Figuren von unübersehbarer Menge, wie die Wellen
eines brandenden Meeres! Es war ein Zug, der keinen Anfang und kein
Ende nahm. -- O wie sie tanzten -- sprangen -- ras’ten... früher waren
sie doch so ganz sachte auf glattem Boden dahingehuscht... aber nun
mit einem Male hatte sie alle irgend ein wüster Wirbel erfaßt -- und
die stille Kirchenfahrt wurde zum tollen Hochzeitszug -- zum wüthenden
Teufelstanz...

Seine Hirnschale drohte zu zerspringen ob des vielen Sehens; -- das
innerlich kochende Gehirn schien bereits durch einige Poren durch die
Augenhöhlen herauszuzischen.... wild warf sich der unselige Seher mit
dem Angesichte gegen den Erdboden und wühlte mit den Fingern darin;
er hätte ihn gern zur unermeßlichen Tiefe aufgewühlt, um sich selbst
hineinzulegen.... Da endlich däuchte es ihm, er läge wirklich schon
darin -- er empfand lindernde Kühle und ihn umfing finstere Nacht....
Alle Gestalten waren verschwunden... der Gesichtssinn hatte seinen
Dienst vollbracht, war erlahmt...

Ach, mein Gott -- noch immer hatte das Schicksal nicht das rechte
Organ gefunden, wodurch es deutlich zu dem Elenden sprechen konnte,
so deutlich nämlich, daß er es verstand und vom Verständniß zu Grunde
ging. -- Denn so hatte es das böse Schicksal gewollt;... nicht im
Tollsinn sollte er reden -- es wollte ihn im Bewußtsein seines
namenlosen Elends hinabschleudern zum Orkus.

Darum wandte es sich jetzt von seinen äußern Talenten zu den innern
-- zu den scharfen geistigen Medien; es faßte ihn mit Geierkrallen
unmittelbar am Herzen -- und spie in’s Antlitz seiner Psyche... Es
rollte mit einem Ruck zwei ungeheure Berge von Schuld vor seine
+Erinnerung+ hin -- sie glichen zweien Scheiterhaufen, und auf dem
Gipfel des einen lag Margaretha gefesselt und gebunden -- auf jenem
des andern aber -- Cölestine.... und er selbst, er lief mit einer
brennenden Fackel hin und zündete zuerst den einen, darauf den andern
an... und tanzte dann zwischen beiden -- und schürte ihr Feuer --
und wandte sich mit gotteslästerlichen Gebeten an den Himmel, den er
anflehte, ihm seine Blitze zu Hilfe zu senden, weil dies irdische
Feuer zu schwach brenne.... und droben auf den Holzstößen, wo die
Flammen über ihnen zusammenschlugen -- heulten die Opfer unter rasenden
Martern -- und schrien auch zum Himmel auf -- aber sie schrien um
eine Fluth, die herabstürzen sollte auf ihre brennenden Glieder und
glimmenden Haare -- und als der Himmel kein Wasser senden wollte --
-- da verlangten sie nun auch mehr Feuer -- sengende Blitze.... damit
ihre Qual schneller ein Ende nähme.... Aber nichts von dem Allen ward
erhört! -- Alles ging seinen natürlichen Gang. -- Alles, was geschah,
geschah durch ihn, durch den Henker, durch Alexander -- er allein briet
seinem Herzen dies höllische Mahl -- und er allein verschlang es, der
ärgste unter den Cannibalen -- -- ein Teufel in adeliger gesitteter
Mannesgestalt. --

Er erwachte. --

„Ja!“ schrie er händeringend auf: „Ich bin ein Würgengel! So wie die
Eine fromm und schuldlos war -- -- so wird es wahrscheinlich auch die
Andere sein.... Ich habe die Eine gelästert und zerstört -- ich habe
es ohne Zweifel auch mit der Andern so gemacht... Es wird mir klar,
ich bin auserkoren -- gleich dem Satan die Kinder Gottes zu verlocken
und zu verderben.... Cölestine, Du bist rein und fleckenlos wie es
Margaretha war... jene wie Dich tödtete mein Wahnsinn!“

Kaum hatte er dies gesprochen -- als neben ihm eine gellende Lache
aufschlug, welcher die Worte folgten:

„Armseliger Tropf! So ist also wieder all’ Deine Mannheit dahin? --
dahin Dein Stolz und Deine ganze Größe? -- -- Geh, geh -- Du bist der
Kleinen Kleinster!... ein Knabe, der gerne ein Riese sein möchte....
stets aber von einem +Weibe+ überwunden wird. Auf Deiner Stirne
brennt mit unauslöschlichen Zügen das Schandmal: „Weiberknecht!“ --
-- und all Dein Thun hat seine Qual in der eitlen Laune irgend eines
Weibes. -- -- Tausendfach verhöhnter Liebhaber und Gatte -- Du wirst
es bleiben bis an’s Ende Deiner Tage!... So bist Du schon wieder Narr
genug -- den glatten Worten eines Weiberzüngleins zu glauben? -- --
Wohlan! Geh’ hin -- begib Dich um Mitternacht zu der Wohnung dieser
Cölestine -- -- schleiche Dich hinter die Gartenmauer Deines Hauses
-- kaure hinter einem Strauche -- -- und Du wirst Deine treue Gattin
kommen sehen, verhüllt mit Schleier und Tüchern... darauf tritt ihr
der schöne schlanke Geliebte entgegen (Du kennst ihn wohl!) -- -- sie
umfängt ihn mit brünstigen Armen -- er entführt sie rasch -- denn kein
köstlicher Augenblick ist zu versäumen.... Wohin führt er sie? -- -- --
Nach +seiner+ Wohnung, nach +seinem+ Hause .... hier bringen
sie zwei Stunden zu, um einander zu küssen und über Dich zu lachen!“

Jetzt verstummte die Stimme.

Jetzt erst gewahrte Alexander, daß er sich außerhalb seines Schlosses
im dichten Walde am Rande des Sees befinde. --

Von dem fremden Sprecher aber war nichts zu sehen; keine Spur mehr zu
entdecken. -- Freilich jedoch herrschte bereits finstere Nacht und am
Himmel blinkte nicht ein Sternchen....

Wie er hierher kam aus seinem Schlafgemache, wußte er sich nicht zu
sagen; doch erfuhr er am andern Morgen, daß er gestern Abend in tiefen
Gedanken versunken herausgewandert sei in’s Freie, der Pförtner hatte
ihm erstaunt nachgesehen, jedoch weder gewagt, mit ihm zu sprechen,
noch ihm zu folgen. --



Zehntes Kapitel.

Auf der That ertappt.


Noch an diesem Tage verließ der Graf allein und ohne alle Begleitung
das Schloß und begab sich in einer unscheinbaren Kutsche nach der
Residenz; er passirte unerkannt die Linien und stieg in einem der
armseligsten Gasthöfe ab. Hier nannte er einen fremden Namen, und
nachdem er ein einfaches Zimmer bezogen, schloß er sich, seiner
Gewohnheit nach, darin ein. Er hatte nichts anderes mitgebracht,
als seinen Mantel und unter demselben ein Paar lange, dünne,
scharfgeschliffene Klingen, von moderner Pariser Arbeit. Mit ihnen
unter dem Arme, von seinem Mantel eingehüllt, verließ er Abends in
tiefer Dunkelheit seinen Gasthof, bezahlte den Wirth und begab sich
sofort zu seinem Notar, den er gewiß war jetzt zu Hause zu treffen.
Diesem händigte er ein versiegeltes Paket ein mit dem Bedeuten, es nach
drei Tagen in dem Falle zu öffnen, als er bis dahin keine Gegenordre
erhalten hätte. --

Das Paket enthielt Alexanders letzten Willen.

Nunmehr, mit seinen bürgerlichen Angelegenheiten in Ordnung -- eilte
er, denen seines Herzens und seiner Ehre Genüge zu leisten. Er trat
den Weg nach seinem Palaste an, und da er wußte, daß seine Gegner sich
der verborgenen Pfade bedienen würden, wählte er die allgemeine breite
Heerstraße, auf der er auch ungesehen bis an den bezeichneten Platz
gelangte. Es war ihm, der mit der Oertlichkeit dieses Gebäudes, welches
er selbst hatte aufführen lassen, sehr vertraut war, leicht, sich hier
zu verbergen, ohne daß Jemand seine Nähe ahnte. --

Keines Dieners Auge, keines Hundes Wachsamkeit hatte ihn entdeckt und
mit bitterem Lächeln sagte er zu sich:

„Ich bin in meinem Hause sehr treu bewacht!“

Es schlug jetzt halb Zwölf. -- Er setzte sich auf den Boden, legte
die Waffen vor sich hin und betrachtete mit Wohlgefallen ihre Spitzen
-- denn diesmal schimmerten die Sterne, auch hatte sein Blick eine
wunderbare Schärfe gewonnen, die jener eines Geiers glich.

Langsam, träg und faul zog die Zeit hin -- Alexander meinte, diese
halbe Stunde sei hinreichend, eine neue Welt zu bauen oder zu
zerstören... an dem letztern Gedanken hielt er sich mit Wonne. --
Endlich schlug es Zwölf....

In diesem Augenblicke raschelten seitwärts die Zweige des Gebüsches
-- und heraus trat ein Mann, ebenfalls in einen Mantel gehüllt. -- Er
wandte ihm den Rücken zu, und schritt langsam zur Gartenmauer, und zu
dessen Pförtchen, welches hier auf’s freie Feld führte.

Selbst dem penetrirenden Blicke Alexanders war es nicht möglich, den
Mann zu erkennen -- sein Mantel verbarg ihn vollständig, überdies
schien er sich noch durch andere Mittel unkenntlich gemacht zu haben.
-- Jedoch es war kein Zweifel, daß es ein junger Mensch sei, und an
Größe glich er vollkommen dem Chevalier von Marsan. --

Es vergingen einige Augenblicke und leise ohne daß man es hörte, drehte
der Schlüssel sich um, das Pförtchen ging auf.... eine Dame trat
heraus. --

Auch sie war trefflich maskirt, so daß selbst Alexander unter anderen
Umständen seine Frau nicht erkannt hätte -- ihr Gang aber verrieth sie
ihm dennoch. --

Ohne ein Wort zu wechseln, stürzten die beiden Personen sich in die
Arme und blieben lange so -- dann still, wie sie gekommen waren,
rafften sie sich auf, und schlugen eilig einen Weg ein, welcher unter
dem Schutze der Gebüsche und Bäume nach der Stadt führte.

Längst schon hatte auch Alexander sich erhoben -- und folgte ihnen
in einiger Entfernung Schritt für Schritt, nahe genug, um sie stets
im Auge zu behalten -- und doch so weit, um mit Hülfe der sich
darbietenden Deckungsmittel selbst ungesehen zu bleiben. -- Man hatte
auf diese Weise ungefähr einige hundert Schritte zurückgelegt -- als
er am Eingange einer breiten, aber öden und unbewohnten Straße einen
Wagen halten sah.... und vermittelst seines wie durch Zaubermacht
geschärften Blickes -- sogleich +Marsan’s Equipage+ erkannte.....

In diesem Momente riß es ihn mit tausend Ketten empor, er vergaß aller
Vorsichtsmaßregeln -- stürzte der Buhlerin und ihrem Buhlen nach, die
Erstere drehte sich rasch um und stieß den Ruf aus: „Um Gotteswillen!
Ein Mann hinter uns!“ -- dann liefen Beide eilig auf die Equipage zu...
aber sie hatten sie noch nicht erreicht, der Kutscher hatte Cölestinens
vernehmlichen Befehl: „Rasch den Schlag aufgemacht!“ noch nicht
vollziehen können, als Alexander schon dicht hinter ihnen war -- und
(seines Vorsatzes, dem Mann einen von den Degen anzubieten, vergessend)
mit beiden, gleich einem Mörder, über ihn herfiel, den einen in dessen
rechten Arm, den andern ihm in’s Gesicht bohrte. --

Aber jetzt ward er verhindert, sie noch weiter zu gebrauchen... er
fühlte sich rückwärts überfallen, von zwei gewaltigen Fäusten gepackt,
entwaffnet und so zu Boden geschleudert, als sollte er sich nie wieder
erheben... Der Kutscher (denn er war es) hob die Degen auf, packte den
Verwundeten in den Wagen, schob Cölestine hinten nach und im wilden
Galopp rollte die Equipage über das Straßenpflaster dahin.

Alles das geschah in Zeit von einigen Minuten -- kein Wort war
gewechselt worden -- kein Laut dem Munde der betheiligten Personen
entfallen -- der Verwundete schien entweder vom Schreck oder vom Stich
leblos geworden zu sein .... er lag gleich einer Leiche in dem Schoße
Cölestinens. --

Beim Einsteigen in den Wagen hatte Cölestine dem Kutscher zugerufen:
„+Nach der Wohnung des Chevaliers von Marsan!+“ -- Dies war das
einzige Wort gewesen. Alexander hatte es noch gehört. --



Elftes Kapitel.

Die Katastrophe.


Aber die Mauern einer großen Stadt haben tausend Ohren und die Ziegel
auf dem Dache Millionen Augen; es wird Alles gesehen und gehört, mag es
auch im tiefsten Dunkel der Nacht und im abgelegensten Winkel geschehen
-- überdies nimmt die Polizei, vermöge einer ihrer Eigenschaften, die
man bei der Wiener’schen +Allwissenheit+ nennen darf, von Allem
schleunigst Notiz -- mit einem Worte, zwei Tage nach obiger Begebenheit
sprach man in den Cirkeln von einem Mordanfall, der in der N*straße
auf zwei Personen gemacht worden sei, welche Personen sich nur durch
rasche Flucht in der Equipage des Chevaliers von Marsan ihrem sichern
Tode entzogen hätten.

Zu erzählen oder vielmehr zu erklären, auf welche Weise die Fama zur
Kenntniß dieser einzelnen Umstände kam, ist uns nicht möglich -- denn
was Alexander betraf, so hatte dieser von dem Augenblick, wo die
Equipage abfuhr, bis zur gegenwärtigen Stunde, nicht die geringste
Unannehmlichkeit zu bestehen gehabt. Er war damals bald nach seinem
Unfalle vom Straßenpflaster aufgestanden, ohne Jemand um sich zu
erblicken -- -- und seit der Zeit wohnte er bei seinem Rechtsanwalt,
in dessen Hause er sich von einer Unpäßlichkeit zu erholen suchte.
-- -- Anderseits konnte Cölestine doch unmöglich selbst das Gerücht
ausgestreut haben -- und auch von dem Kutscher war dergleichen nicht
zu erwarten. -- -- Die einzige Möglichkeit war diese: es hatte Jemand
Fremder der nächtlichen Affaire zugesehen, allein wie dieser Mensch
war, wagte er es nicht, sich selbst auf den Kampfplatz zu verfügen,
sondern eilte -- da ohnedies in dieser Straße keine Hilfe zu erlangen
war -- nach der Wache oder Polizei. -- Als dieselbe erschien,
war jedoch nicht nur der Wagen, sondern auch Alexander bereits
verschwunden. --

Der Letztere hatte gegen seinen Anwalt geschwiegen -- er gab vor,
einen Zweikampf bestanden zu haben, der für ihn glücklicher als
für seinen Gegner ausfiel.... im Uebrigen zeigte er sich äußerlich
heiter und sogar humoristisch -- während in seiner Seele eine Hölle
glühte... deren Flammen nur gemildert wurden durch die wenigen Tropfen
von Hoffnung, daß er den Buhlen seines Weibes schwer, vielleicht gar
tödtlich verwundet habe....

Allein was war das Alles! -- Nicht nur dessen Leben wollte er haben
-- nicht nur das Herz ihm aus dem Busen reißen und dessen heißes
feindliches Blut trinken... er lechzte nach der Seele Marsan’s -- er
wünschte, daß er ihn in einem unvorbereiteten Augenblicke, da dessen
Gewissen mit gräuligen Sünden beladen gewesen sei, getödtet hätte -- so
daß die Seele des Verhaßten zur ewigen Verdammniß hinab fuhr! -- Das
wünschte er, darnach rief er alle dunklen Mächte an.

-- -- Ach, welches Erstaunen, welches Entsetzen erfaßte ihn, als sein
Wirth ihn benachrichtigte, im Hause des Chevaliers werde nächster Tage
ein großes Fest begangen werden -- die Veranlassung hierzu sei die
Ernennung Marsans zum Gesandten am Hofe von G**, wohin er sich alsbald
begeben werde. Das Fest sollte an Glanz Alles überbieten, was in dieser
Art bei einem vornehmen Garçon noch je vorgekommen. Er, Marsan selbst,
wollte dabei die Honneurs machen.

Dies Alles schien dem Grafen ein alberner Traum oder eine elende
Mystifikation; nach einigen Minuten jedoch sah er, daß er vollkommen
wache, und erinnerte sich, daß den Worten des Notars stets zu glauben
war. So gehörte also das Ganze in die Welt der Wunder, welche man am
besten mit Auge, Hand und Ohr controlirt.

Das Letztere zu thun war Alexander entschlossen. Er wollte in eigener
Person dem Feste beiwohnen, -- bis dahin jedoch sich hüten, darüber
nachzudenken.... denn das Nachdenken konnte ihn zum Wahnwitz führen.



Zwölftes Kapitel.

Das Fest bei dem Chevalier von Marsan.


Das Haus des Chevaliers -- ein neues Gebäude, welches sehr einsam in
der Gegend des Belvedere lag -- war seinen Gästen geöffnet, die zahllos
heranströmten, um ihm zu seiner Ernennung Glück zu wünschen.

Das in Rede stehende Fest fand in den Abendstunden statt, weil ein
Ball mit demselben verbunden werden sollte. Das Haus oder Hôtel oder
der Palast war in seinen zwei Etagen glänzend erleuchtet, so daß
die Lichter noch draußen hundert Schritte im Umkreise Tageshelle
verbreiteten; -- und eine Wagenburg war unten aufgefahren, die den Neid
jeder einzelnen Person durch deren Wagen sie vermehrt wurde, erregen
mochte. Fürstliche, herzogliche, hochgräfliche und Wappen von allen
andern Ritterklassen waren da an den Schlägen zu sehen... fabelhaft
prunkende Livreen tummelten sich neben denselben umher.

Vor dem Portale des Hôtels aber standen zwei Portiers, so groß
wie Patagonier -- und mit so langen Stöcken, daß jeder eine gute
Kosakenlanze hätte abgeben können -- dies jedoch, wie natürlich, ohne
den mächtigen Knopf aus massivem Silber.

Eine Suite von zwölf Gemächern, worunter drei große Salons, war oben
im ersten Stock bereit, diese Tausende von Personen aufzunehmen --
deren Blick beim Eintritt geblendet wurde von einem in Wahrheit
orientalischen Luxus. Denn das ganze Haus Marsans war in diesem
Geschmacke eingerichtet -- und schon unten an den Treppen hatten
uns schwarze Kammerdiener empfangen, während hier in den Sälen
die aufwartende Dienerschaft aus lauter echten Abyssiniern in dem
malerischen Costume ihres Vaterlandes bestand. -- Jedoch wollte der
Herr des Hauses den Orientalismus nicht so weit treiben, daß er zum
Besten jener Gäste, die für denselben keine so große Leidenschaft
nährten, wie in diesem Augenblick er -- nicht auch einige Europäer
mit schwarzen, betreßten Fracks unter seine Söhne des Islams gemischt
hätte. --

Der Boden dieser Appartements war theils mit trefflichen Teppichen
aus Aleppo belegt -- theils mit einer Art von feinen Binsendecken,
welche so glatt waren, daß man darauf tanzen konnte, und die in Skios
verfertiget werden. An den Wänden hingen köstliche bunte Stoffe --
zwischen welchen Säulen von Marmor standen mit abentheuerlichen
Kapitälern und Sockeln versehen, so daß sie aus dem Serail des
Padischah oder Mehemed Ali genommen schienen; in den Draperien
wechselte der Damast aus Damaskus mit den Shawls aus Teheran und
Kashemir -- schwerlastende Stickereien, Franzen und Quasten faßten den
Rand ein. -- Springbrunnen, mit wohlriechendem Wasser gefüllt, standen
in den Ecken, und in der Mitte eines Salons befand sich ein Bassin
aus carrarischem Marmor, worin Goldfischchen schwammen und welches
tropische Gewächse und Blumen umgaben, aus deren Zweigen, trat man mit
dem Fuß zwischen sie, liebliche Musik ertönte... Es waren lauter Weisen
in jenem klagenden Tone, wie man sie unter den Mauern eines Harems zu
hören bekommt.

Kurz hier fehlte nur noch der Pascha, mit der langen Pfeife, auf
Polster hingestreckt und von seiner Lieblingssklavin umkos’t.

„Zum Teufel!“ sprachen junge Herrn in strohfarbigen Glacéhandschuhen,
die von Patschuli dufteten: „Zum Teufel! -- Wo befinden wir uns? --
Sind das die Gärten der Semiramis oder ist es das Terrain der Mährchen
von Tausend und einer Nacht...?“

Die guten Herrn! -- Sie hielten die Semiramis wahrscheinlich auch für
irgend eine Sultanin im Lande der Gläubigen. --

Herr von Marsan empfing die ankommenden Personen in einem Mittelsaale.
-- Er war im einfachen Salonanzuge -- braunem Frack, schwarzen
Beinkleidern von Seide und eben solchen Escarpins; ein weißes Halstuch
-- unter welchem das Offizierkreuz der Ehrenlegion hing, welches er
mit seinem Gesandtschaftsposten zugleich erhalten hatte.

Unter der Gesellschaft befanden sich von denen, welche wir kennen:
der General und die Generalin von Randow -- Herr von Labers, der die
Feldmarschallieutenants-Wittwe E--z begleitete, dann die Gräfin von
Wollheim mit ihrem Gemahl. -- Natürlich, daß Cölestine fehlte, und
Herrn von Porgenau sammt Gemahlin anlangend, so waren diese gar nicht
geladen worden: in den Augen Marsans zählten sie zur Canaille, wohin er
jedoch auch den Grafen Wollheim gestellt hätte, wäre dieser durch seine
strumpfstrickende Frau nicht ein Freund des Generals gewesen. -- Leider
trat mit jener gutherzigen Dame auch das Stiftsfräulein von Bomben
herein, ohne daß sie eine Karte empfangen hätte; aber der Tag war zu
wichtig: mehrere Damen, Mitglieder des Frauenvereins, waren zugegen,
und mit diesen hatte dieses menschenfreundliche Ex-Mitglied diesmal
etwas Besonderes vor.

Hätte ein Maler den Begriff der +Liebenswürdigkeit+ personificiren
und durch Pinsel und Palette auf Leinwand werfen sollen -- so brauchte
er heute nur das Portrait Herrn von Marsans zu zeichnen; da war keine
Zuthat, keine Idealisirung des Stoffes nöthig: er selbst, in baarem
Wirklich, war Ideal.

Selbst seine Feinde (und auch er hatte deren) waren entzückt -- um ihn
schaarten sich nur Zufriedene, Glückliche.

Bald hatten sich Gruppen und Kreise gebildet. --

Neben einer Fontaine saßen einige Damen, unter denen die Gräfin von
Wollheim und das Fräulein von Bomben hervorstachen. Man unterhielt sich
hier über das Fest, über den Geber desselben -- und erschöpfte sich in
Conjunkturen wegen der glänzenden Belohnung, die ihm sein König für
einige wichtige Dienste in letzterer Zeit zuertheilt hatte. Unvermerkt
wußte das Stiftsfräulein, welches die schöne Kunst besaß, das Wort
überall an sich zu reißen, das Gespräch auf einen neuen Gegenstand zu
bringen, auf einen ihrer Lieblingsgegenstände.

„Sie haben wohl schon von dem remarkablen Falle gehört, meine Damen --
der sich vor einigen Tagen in der N** Straße zugetragen und welcher
in naher Verbindung mit dem Chevalier von Marsan, besser gesagt in
+direkter Verbindung mit ihm+, steht?“

Es ließen sich nun einige Angaben vernehmen -- die alle von dem
wirklichen Faktum abwichen und auch alle unter einander verschieden
waren.

„Nein, nein!“ versetzte das Stiftsfräulein: „das Alles ist nichts! --
Weit von der Scheibe! wie man zu sagen pflegt. Ich bin über den Punkt
genau unterrichtet und kann Ihnen aus authentischen Quellen Geschöpftes
mittheilen. So hören Sie denn!“ --

„Vor vier Tagen -- doch es war zur Nachtzeit, es war nach Mitternacht
-- hielt die Equipage des Chevaliers, welche aus diesem Hause
abgefahren war, wie gewöhnlich in der N** Straße, und er, nämlich
Herr von Marsan, stieg heraus. Nachdem er seinem Kutscher den Befehl
ertheilt hatte, ihn hier zu erwarten (+wie gewöhnlich!+ muß ich
hinzusetzen), bis er zurückkehren werde, begab er sich zu Fuße auf
Umwegen nach der Wohnung der Gräfin A--x, zu dem Gartenpförtchen (Alles
wie gewöhnlich, meine Damen). -- Hier wartete er einige Augenblicke,
nach welchen sich das Pförtchen öffnete und Cölestine bis über die
Zähne maskirt heraustrat, (wie gewöhnlich). Sie fiel ihm um den Hals
und rief: „Endlich! Endlich! Nach langem Harren und Fürchten....
endlich bist Du da, Geliebter, und ich kann Dich an mein Herz drücken.
-- Böser, böser Mann -- warum hast Du mich eine so ewig lange Zeit in
ängstlicher Ungeduld harren lassen?... Es ist ja beinahe fünf Minuten
später, als Du kommen solltest!“ Hahaha! Hahaha! -- Was sagen Sie
dazu -- meine Damen?“ wandte die Erzählerin sich zu ihrer Umgebung,
fuhr jedoch gleich darauf wieder fort: „Nachdem sie diese schönen
Worte ausgesprochen, die edle Gräfin von A--x, auch dasjenige, was sie
enthielten, richtig gethan hatte (wie gewöhnlich!), hing sie sich an
den Arm des zärtlich Geliebten und schlug mit ihm den Weg nach seinem
Hause, nach diesem Hause hier, ein -- -- (Alles wie gewöhnlich!) Ach,
welcher zauberische Spazierweg Nachts im Mondenschein durch eine
entlegene, höchst romantische Gegend! Welche Worte wurden da, welche
Blicke ausgetauscht -- welche Küsse rauschten durch die heilige Stille
der Nacht -- welche Liebesseufzer -- oder auch Liebesgestöhne.... und
was sonst noch Alles!? -- Denn Sie wissen doch, Gräfin Cölestine ist
eine Candidatin des hohen Frauenvereins.... hahaha!“

„Zur Sache, beste Freundin! zur Sache!“ -- riefen die ungeduldigen
Zuhörerinnen, die anstatt der Floskeln Thatsachen verlangten.

„Nun denn also weiter! -- Die zwei holden Leutchen vergnügten sich drei
Stunden lang im freien Felde zwischen Sträuchern und Bäumen .... der
gute Mond sah anfangs recht gutmüthig schalkhaft in diese Wirthschaft
hinein... zuletzt jedoch mochte es selbst ihm, dem Langmüthigen, zu
toll werden -- und was thut er, der brave alte Kerl? -- Er sendet
leise und klug einen seiner schärfsten Strahlen auf die pittoreske
Gruppe des Liebespaares, so daß diese, trotz der getreuen Büsche und
Blätter, so grell beschienen wird, wie am Tage... Alles das war noch
immer wie gewöhnlich! -- Jetzt jedoch kommt etwas Ungewöhnliches...
Im Augenblicke der vollen Beleuchtung... stürzt ein Mann, der sich
bisher versteckt gehalten, hervor und auf die engverschlungene Gruppe
des Liebespaars... der Mann hat einen Degen -- und will damit die
Verbrecher züchtigen.... Jedoch ist dieser Mann ein Ehrenmann, ein
Biedermann, ein Engel von einem Manne; statt allein auf die Beiden
loszustürzen, wozu er doch das vollkommenste Recht besaß, bietet
er dem Chevalier einen Degen an und will es mit ihm im Zweikampfe
ausmachen. ... Armer Ehrenmann! Armer Biedermann! -- Was geschieht
anstatt dessen? -- -- In dem Augenblick, wo er sich seinem Gegner
nähert und ihm eine von den zwei Waffen, die er selbst mitgebracht
hatte, anbietet -- entreißt die zärtliche Gräfin Cölestine ihm dieselbe
und fällt ihn von hinten mit der Wuth einer Tigerin an.... (Wer hätte
dies Alles der sanftmüthigen Gräfin zugetraut!) .... Nunmehr versieht
sich Herr von Marsan seines Vortheils, ihm kann man so etwas weniger
übel nehmen -- -- stürzt seinerseits auf den armen Mann, welcher
alsbald zu Boden gerissen -- und, (durch wen von Beiden weiß man nicht)
dermaßen zugerichtet wird, daß er aus mehreren Wunden blutet und ein
entsetzliches Wehgeschrei ausstößt...“

„Das ist Alles selbst entsetzlich!“ schauderte der Zirkel, spannte aber
seine Aufmerksamkeit immer schärfer an.

„Bei diesem Ruf entfliehen die Verbrecher, und eilen dem Platze zu, wo
noch die Equipage Marsans steht... aber Wuth und Verzweiflung gaben dem
Verwundeten die Kraft, sich wieder rasch vom Boden aufzuraffen -- und
er folgt den Zweien nach. Das war ein Rennen und ein Laufen! Man hätte
es für eine Jagd halten können -- oder für ein Wettrennen... hahaha! --
Und das Geschrei des Verfolgenden, wie der Verfolgten! -- -- „Elende!
Ihr sollt es mit Eurem Leben büßen!“ „„Allmächtiger Himmel! rette
uns!““ -- u. s. w. -- -- Aber der Himmel und respective die Göttin
Venus weiß die Ihrigen zu beschützen... mit einem Worte: der Rächer
war eben am Wagenschlage angelangt -- als die Equipage mit dem darin
geborgenen Liebespaar pfeilschnell abfuhr... so daß der Arme nur mehr
ein entsetzliches Wuthgeheul ausstoßen konnte.... Venus, Amor, sowie
den ganzen Himmel verfluchend.... und das mit Recht, denn rathen Sie,
meine Freundinnen, wer dieser arme Mann wohl war --?“

„Nun -- es wird doch nicht...?“ hieß es wie aus einem Munde.

„Ja, ja -- -- es war ihr Mann, +Cölestinens Mann+, der arme,
bedauernswürdige, redliche und betrogene Graf +Alexander von
A--x+, einer der edelsten Cavaliere dieser Residenz war es!“

Nach einer Pause voll tiefen Erstaunens -- fragte eine von den Damen:
„So ist er also hier in der Residenz?... So liegt er also irgend wo
krank, verwundet zum Sterben, der edle, gute, unglückliche Graf...“

„Wie Sie sagen, so ist es, meine Beste. Er liegt in einer elenden Hütte
-- denn seine treulose Gemahlin und ihr Haus will er nicht mehr sehen
-- krank, leidend, zum Tode verwundet ... wahrscheinlich wird der
Märtyrer bald seinen Geist ausgehaucht haben....“

„Das Alles scheint mir indessen doch ein wenig unglaublich!“ bemerkte
jetzt Gräfin Wollheim, nachdem sie lange mit einem ziemlich hohen
Grade von Mißbehagen zugehört hatte, ohne sich entschließen zu können,
drein zu reden; endlich war es ihr indessen doch zu bunt geworden: sie
konnte diese Anklagen gegen ihre Freundin Cölestine nicht länger ruhig
mit anhören.... wiewohl es ihr auch anderseits wieder schwer fiel,
gegen das Fräulein von Bomben aufzutreten -- da diese sich ja ebenfalls
ihrer Freundschaft erfreute.

„Reden wir lieber von etwas Anderem!“ bemerkte die brave Gräfin, welche
mit dieser Wendung einen Meisterstreich ausgeführt zu haben glaubte:
„Reden wir von unseren Arbeiten, von unseren Beschäftigungen, wenn es
Ihnen gefällt, meine Damen. Was mich betrifft... so habe ich wieder
eine Jacke und drei Paar Strümpfe von starker Wolle gestrickt....“

„Ah, ah! für den edlen Frauenverein!“ fiel die Stiftsdame ein.... „Wer
weiß,“ lachte sie, „welchem braunen Bauerburschen diese Jacke von einer
der hohen Vorsteherinnen zugedacht werden wird.... haha!“

Bei diesen Worten ging der Chevalier an der Gesellschaft vorüber:
„Meine Damen -- meine Gnädigen,“ sagte er mit einem artigen Lächeln:
„man rüstet sich zum Spiel, zum Tanze. Welchem Vergnügen werden Sie den
Vorzug geben?“

„Natürlich dem erstern -- wenn wir bei dem zweiten nicht blose
Zuschauer bleiben wollen!“ bemerkte das Fräulein.

„Nun denn erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm biete, um Sie nach dem
Spielzimmer zu führen....“

Er begleitete die Gräfin von Wollheim -- die Andern folgten.

„Ich werde dort, wie ich hoffe, die edlen Mitglieder des saubern
Frauenvereins finden!“ murmelte das Fräulein zwischen den Lippen --
denn Zähne, wie wir wissen, hatte sie keine -- dann rief sie mit Zorn
aus: „Beim Domitian, Alarich und Genserich! -- ich werde Ihnen heute
zeigen, mit wem sie’s eigentlich zu thun haben.... Hilf Samiel!“

So wie der Graf Wollheim seine Frau nach dem Spielzimmer gehen sah,
machte auch er sich auf und folgte -- nicht ihr, sondern seinem Stern,
das will sagen: seinem Durst. Er hatte bisher mit zwei oder drei
Herren, die sich für außerordentliche Jäger hielten, gesprochen und
fand -- daß wenn sie auch mit einem Theil der edlen Weidmannskunst
umzugehen verstanden, sie doch im andern keinen Bescheid wußten.... und
dieser zweite Theil schien ihm seit langer Zeit der +erste+ zu sein.
Er fand nämlich, daß, während jene zwei Herren nur immer von Hirschen,
Ebern, dem Anstand, der Fährte, dem Hallali -- Fängern -- Suchern --
Schlingen und Doppelbüchsen redeten -- -- sie der +Humpen+, +Krüge+,
+Flaschen+ und +Fässer+ niemals erwähnten. -- Das schien ihm jedoch
eine sehr miserable Jägerei -- er ärgerte sich dabei im Stillen schier
zu Tode -- jemehr aber sein Aerger wuchs, desto mehr wuchs auch sein
Durst, wie jeder Physiolog oder Patholog Euch haarscharf beweisen
wird. -- -- Er riß sich demnach in einem Augenblicke, wo dies thunlich
war, von dieser schlechten Gesellschaft los -- sagte, er wollte seine
Gemahlin begleiten -- statt dessen begleitete er sich selbst -- in die
Kellnerei. Wir sehen ihn hier noch einige Zeit, darauf verschwindet er
hinter mannigfachem Trinkgeschirre unseren Blicken. --

Der General und die Generalin hatten sich auch zu den Spieltischen
begeben, und so ist denn jetzt beinahe der ganze Kreis unserer
Bekannten auf einem Punkte vereint, gleichsam als hätte das Schicksal
sie mit Willen hier zusammengeführt. -- -- Da saß die Wittwe E--z und
ihr gegenüber Herr von Labers; gleich daneben General Randow, die
Gräfin Wollheim und die Generalin.... ferner mehrere Damen und Herren,
die zur nähern Bekanntschaft der Letzteren gehörten und die wir oft in
ihrem oder ihrer Tochter Salon angetroffen haben. Der Chevalier trat
auf kurze Zeit herein, begab sich jedoch bald wieder in den Salon,
wo getanzt wurde und wo seine Anwesenheit dringend erforderlich war.
Dieser Salon stand mit dem Spielzimmer, von welchem wir hier sprechen,
durch zwei große offene Thüren in Verbindung, und man konnte ihn daher
seiner ganzen Ausdehnung nach von jedem Spieltische aus übersehen....

Dieser Umstand war für das fromme Stiftsfräulein von unberechenbarem
Nutzen -- denn sie auf ihrem Sitze konnte jetzt den ganzen Kreis ihrer
Feindinnen -- Opfer darf man wohl sagen --: sie konnte acht oder
zehn Damen, welche neben einander im Salon saßen, beständig im Auge
behalten; und diese Damen gehörten sämmtlich zum Frauenverein.

In der Brust der seltenen Menschenfreundin kochten in diesem
Augenblick, wie in einem Hexenkessel, Gift, Galle, Rache, Schlangen
und Ottern -- nebst noch andern Species, mit denen man seine Feinde
vertilgt; sie warf zeitweise wahre Belialsblicke hinüber, und wenn
sie dann jene Frauen so sorglos und heiter sah, murmelte sie vor sich
hin: „O auch Babylon war vergnügt und lachte -- bevor der Donner
d’reinschlug... hahaha! Geduld -- Samiel umschleicht Euch schon!...
Hilf Samiel!“

In diesem Augenblicke gab sie einem dicken Kerl, der in der Tracht
eines Verschnittenen steckte -- und einen großen Korb in der Hand hielt
(der Kerl war so eben erst eingetreten und hinter einer Draperie stehen
geblieben, so daß er noch von Niemand bemerkt wurde), einen Wink; er
trat mit seinem Korbe vor und auf ein neues raschgegebenes Zeichen
schritt er in den Salon -- geradewegs auf die Damen des Frauenvereins
zu, denen er, bevor sie noch Zeit hatten, sich von ihrer Ueberraschung
zu erholen, den Korb vor die Füße stellte -- worauf er rasch in’s
dichteste Gedränge verschwand...

Jetzt ertönte ein lautes Geschrei aus dem Korbe -- man öffnete ihn.....
und Alles prallte zurück.

In dem Korbe lagen drei kleine Kinder, deren jedes einen Zettel in der
Hand hielt, wovon der erste so lautete:

    „An die Frau Baronin von **!“

    Geliebteste! -- Hier sende ich Ihnen Ihren und meinen Sohn zurück,
    welchen ich Ihrem Willen gemäß insgeheim bei meiner Mutter erziehen
    lassen sollte, nachdem Sie ihn dort geboren hatten, während die
    Welt glaubt, Sie seien mittlerweile auf einer Reise nach Venedig
    begriffen gewesen. Da Sie meiner Mutter, der armen Frau, das
    Kostgeld bereits seit 14 Tagen nicht haben zugehen lassen, sehen
    wir uns zu dem gegenwärtigen Schritte gezwungen, falls das kleine
    Würmchen nicht Hungers sterben soll.

    Ganz der Ihrige
    bis in den Tod
    +Andreas Tunker+,
    Schmiedegeselle in Penzing.

Die andern zwei Zettel, an zwei andere Frauen, welche ebenfalls hier
saßen, gerichtet -- enthielten ähnlichen Text, daher wir es für
überflüssig halten, denselben anzuführen.

Es gab eine entsetzliche Scene! Die Residenz hatte sie bisher noch
nicht erlebt -- -- aber das Unerhörte erneuert sich in unserer Zeit,
besonders wenn es von dieser natürlichen Art ist, wie das gegenwärtige.

Nachdem die betreffenden Frauen gebührend in Ohnmacht gesunken waren,
nachdem man sie und auch die Kinder weggebracht hatte -- nachdem
schließlich die edelste der Stiftsdamen und Menschenbeglückerinnen im
Stillen ein heißes Dankgebet an Samiel oder irgend einen Andern von
seiner Sippschaft gerichtet hatte.... gab sich die übrige Gesellschaft
im Aeußern wieder zur Ruhe.... wie es jedoch im Geheimen bei ihr
bestellt war, davon wird man sich leicht einen Begriff machen.

Der Herr des Hauses war durch den Vorfall auf’s Tödtlichste
verletzt.... er hatte sogleich allen seinen Domestiken den Befehl
ertheilt, dem dicken Ueberbringer des überraschenden Festgeschenkes
nachzusetzen.... von demselben war indessen keine Spur mehr zu
entdecken.

Dieses Intermezzo war kaum zu Ende -- -- als ein zweites, ein anderes,
dem es ebenfalls nicht an Originalität gebrach, begann....

Die nach dem Korridor gehende Thür des Spielzimmers wurde aufgerissen
und zwei Menschen stürzten herein, deren Aussehen und Zustand der
ganzen Gesellschaft einen Schrei entriß...

Ein älterer, großer, starker Mann, der von allen gebräuchlichen
Kleidungsstücken nur die Beinkleider und das Hemde auf dem Leibe hatte
-- welches letztere jedoch sowohl vorne offen und aufgerissen, wie an
dem Arme bis über die Ellbogen hinaufgeschürzt war.... stolperte mit
einem rothen, erhitzten Gesichte, in dem die Augen furchtbar rollten,
herein -- schrie mit einer Stimme, die einem Löwen anzugehören schien
und focht dabei mit den Armen in der Luft umher:

„Ha! --“ rief er: „endlich sind wir da! -- Endlich haben wir den Platz
gefunden! -- Endlich können wir uns produziren....“

Bevor wir jedoch weiter gehen, müssen wir erzählen, wie der Zweite
aussah.

Dieser war ein ganz junger Mensch -- und befand sich in demselben
Zustande, wie sein Begleiter. Sein Gesicht war krankhaft, bleich, und
selbst der Geist, welcher jetzt im Innern der Brust wirkte, vermochte
nicht, ihm eine lebhaftere Röthe zu verleihen; dieses Gesicht nun hatte
auf der einen Wange eine große, weit klaffende Wunde, von welcher, wie
es schien, erst vor Kurzem, und zwar gewaltsamer Weise, der Verband
abgerissen worden war.... auch der rechte Arm war verwundet und es
drang selbst durch das Hemd noch Blut heraus. Im Uebrigen erschien der
Anzug des Jünglings noch paradiesischer wie jener des Alten.... maßen
dieser biedere Jüngling in Socken umher ging und das Beinkleid bis zum
Bauch hatte herabfallen lassen. -- --

Man wird es vielleicht schon errathen haben: wir sehen +Wollheim+
und +Edmund+ im erleuchtetsten Zustande vor uns....

„Oh!“ brüllte der Nimrod: „das war ein schändlicher Streich, welchen
man mir seit so vielen Monaten gespielt hat.... Man hat mir meinen
Freund, Schüler, mein Jüngelchen entzogen.... man hat ihn unten in der
Nähe des Kellers in einer verschlossenen Stube gefangen gehalten....
Beim St. Hubertus! Das ist ein Verbrechen, welches mindestens der
+Waldbrennerei+ gleichkommt und mit dem Spießen sollte bestraft
werden.... Da gehe ich armer verlassener Jägersmann, in meiner Trübsal
-- Stärkung zu suchen in unterirdischen Räumen -- über die Treppe
hinab. -- Ich verfolge meine Fährte in diesem guten Hause hier Schritt
für Schritt und gelange richtig.... vor die Kellerthüre. -- Aber,
Alle Sechzehnender! -- -- sie ist verschlossen.... da fange ich an zu
rütteln -- -- es geht nicht -- -- da rufe ich und schreie nach dem
Kellermeister.... Jetzt plötzlich geht eine andere Thür neben mir
auf.... und wer stürzt mir um den Hals?.... Der Kellermeister aller
Kellermeister! -- Mein Freund, mein Schüler, mein Jüngelchen, mein
Stolz, mein Königshirsch.... kurz Edmund!“

Bei diesen Worten stürzte nun auch er ihm um den Hals und diese beiden
trefflichen Schützen begannen laut heulend zu weinen. --

„Ich wollte blos,“ sagte der Graf: „der Welt und seinen betrübten
Eltern ihn zeigen, ihnen verkünden, daß er lebt -- lebt -- in ihrer
Nähe ist -- und weder bei einem Duell bei Prag fiel, noch sonst wohin
an’s Ende der Welt reis’te.... wie so oft von schändlichen Lügenmäulern
vorgegeben wurde.... Aber,“ schrie der Jäger wild auf wie im Walde:
„das muß untersucht werden! Alle Kreuz- und Quer-Fährten, das muß
untersucht werden! Weßhalb hat man diesen jungen hoffnungsvollen Ritter
und Waidmann in Gefangenschaft gehalten?.... weßhalb hat man diese
Blume der Jünglinge hinter Riegel und Schloß gesteckt?.... denn er
schmachtete da unten in dem dumpfen Loche, wie er sagte, seit mehrern
Monaten. -- Weßhalb also, frag’ ich noch einmal?...“ Hier wurde der
Redner jedoch so schwach, daß er sein Gleichgewicht verlor und auf die
Stiftsdame fiel....

Marsan hatte der Scene mit wüthenden Blicken zugesehen und eben sich
beeilt, mit Hilfe zweier Herrn sich der Trunkenen zu bemeistern,
als, an diesem, an Ereignissen unerschöpflichen, Tage -- ein neues
hereinbrach.

In dem Augenblick, wo Marsan auf Edmund zuschritt, trat eine Person --
von Außen herein und stellte sich rasch zwischen Beide.

+Es war der Graf Alexander von A--x.+

Er sah bleich wie der Tod aus und stützte sich auf einen Stock.

Mit der Hast des Blitzes -- warf er seinen Blick auf den Chevalier
und sodann auf Edmund ... da trug sich ein physiologisches Phänomen
zu, welches unerhört sein mochte. Die bleiche Krankenmiene Alexanders
-- strahlte im Nu von Leben, Kraft und Entzücken.... und seine früher
convulsivisch zuckenden Lippen stießen einen mächtigen Freudenruf aus:

„Großer Gott -- was seh ich! Ist es möglich! -- Nicht Sie, mein
Herr,“ wandte er sich zum Chevalier „sind in jener Nacht von einem
Degen getroffen worden -- sondern +Edmund+ der Bruder meiner
Frau...?.... So hat also er Cölestinen begleitet und nicht Sie....“

Da faltete sich wieder die Stirne Alexanders plötzlich und er sprach
dumpf: „Aber wie dies Alles zusammenhängt, will mir nicht klar
werden... O vielleicht ist das Schreckliche dennoch geschehen.....“

Marsan besann sich einen Augenblick; sodann ergriff er rasch den Grafen
bei der Hand und zog ihn mit sich fort in ein Kabinet. -- --

Hier begann er:

„Da es so weit gekommen ist, daß nichts mehr verschwiegen werden kann
-- da das Schicksal selbst einen Zipfel des Tuches aufhob, womit ein
Geheimniß bedeckt war, welches nur noch kurze Zeit hätte bedeckt
bleiben sollen, da dann vielleicht andere günstige Umstände eingetreten
wären, so erfahren Sie, Herr Graf, zuerst: Ihre Gemahlin ist so
unschuldig wie ein neugebornes Kind. --“

„Aber Beweise! Beweise!“ schrie Alexander, unter dessen Füßen es
brannte -- über dessen Haupte die Welt einzustürzen drohte....

„Hier sind die Beweise. Edmund von Randow, der Bruder Ihrer Gemahlin,
hat sich durch leichtsinnigen Unbedacht und durch böse Gesellschaft
schon frühzeitig in die mißlichsten Umstände gebracht -- seine Finanzen
zerrüttet und Wucherern sich in die Arme geworfen. Anstatt seine
Lebensweise zu ändern -- oder aber sich seinem Vater anzuvertrauen
und von ihm einen größeren Geldzufluß für sich zu erwirken -- schritt
der schlechtberathene junge Mann auf seinem alten Wege fort....
gerieth aus einer Verlegenheit in eine größere.... und wurde zuletzt
mit einem unvergleichlichen Seelenverkäufer, +Lips+ oder wie
dieser Kerl sonst heißt, bekannt; dieser verleitete ihn, um ihn ganz
in seine Hände zu bekommen -- selbst zu schändlichen Streichen!...
zum Verkauf seines Eigenthums! seiner Kostbarkeiten, seiner Möbel....
und so fort! Um diese Zeit traf ich mit Edmund zusammen; -- ich halte
es für meine Pflicht, jetzt ein Bekenntniß abzulegen, welches mir
in diesem Augenblick zu thun möglich ist, da ich noch zeitig genug
von einem Vorhaben abstand, welches mich Ihnen gegenüber schuldig
gemacht hätte: Ich liebte Ihre Gemahlin -- und ich habe es gewagt,
ihr meine Leidenschaft merken zu lassen. -- Ich glaubte Anfangs, von
ihr ermuthigt zu werden (Sie werden ohne Zweifel sich jener Tage in
Ihrem Salon so wie in jenem der Generalin E--z erinnern, Herr Graf!)
-- -- aber ich irrte mich, wie ich später sah: das, was ich für eine
Gewährung meiner Ansprüche hielt, war von Seite Cölestinens nichts
als Artigkeit und jene lebhafte Geselligkeit, soll ich vielleicht
sagen auch ein wenig -- Koketterie gewesen, welche unbeschadet ihrem
Herzen -- ihr eigenthümlich ist. -- -- Herr Graf, wissen Sie, worum es
sich damals im Salon der Generalswittwe E--z besonders handelte?...
Wissen Sie, weshalb bald ich, bald Edmund sich der Gräfin so dringend
näherten? Damals wollte Edmund, in seinem +eigenen Interesse+
um des Himmelswillen -- mit ihr sprechen; er hatte, wie ich später
erfuhr, damals den traurigen Fehltritt begangen, welcher nachher die
Quelle all seines -- so wie des Unglückes Cölestinens und des Ihrigen
gewesen ist. -- Um kurz zu sein: Edmund hatte falsche Papiere auf
+Ihren+ Namen, Herr Graf, gemacht und dieselben mit seinem eigenen
Herzen zugleich in die Geierskralle des Herrn +Lips+ gelegt...
Lips wollte sie an jenem Abende noch Ihnen präsentiren -- oder von
Edmund den dreifachen baaren Betrag haben .... und der unselige
Jüngling wandte sich, da er sich an sonst Niemand wenden zu dürfen
glaubte -- an seine Schwester, die ihm ihren +Schmuck+.... einen
Schmuck, welchen sie von Ihnen erhalten, gab. -- Dies geschah noch in
derselben Nacht, bald nach der Abfahrt von dem Hause der Generalin
E--z; -- -- Edmund hatte mit seiner Schwester eine Zusammenkunft auf
+ihrem Boudoir, nach Mitternacht+.“ -- -- Hier entfuhr den Lippen
Alexanders ein Schrei der Ueberraschung: „Er also war es gewesen!?“
Marsan aber fuhr fort: „Dieses Geschenk jedoch war für ihn nichts mehr
als ein Palliativ gewesen..... der Werth des Schmuckes reichte nicht
aus.. und Lips +prolongirte+ blos das falsche Papier -- -- behielt
es jedoch bei sich. -- Schon nach wenigen Tagen bestand er unerbittlich
auf +Bezahlung+ desselben.... Edmund hatte entweder den Kopf
oder alles Herz, allen Glauben verloren, denn er hätte sich ja leicht
+mir+ anvertrauen können, ja selbst Sie, mein Herr, obwohl Sie ihn
eines falschen Verdachtes wegen, den ich bei Ihnen jetzt vernichtet
zu haben glaube, haßten -- würden den Aermsten gewiß nicht haben
untergehen lassen... Allein dieser Jüngling war bestimmt -- sich und
seine Familie ganz und gar elend zu machen.... er harrte, harrte, bis
irgend ein Gott aus der Luft seinen mächtigen Arm herabneigen werde....
er harrte, oder vielleicht lebte er in einer Art von Wahnsinn fort --
-- bis der tödtliche Streich geschah.... Sein Würger erschien, forderte
das Geld und -- -- da er es nicht erhielt, ging er vor Gericht. -- --“

„Hier ist ein Räthsel, welches ich nicht zu lösen vermag. Weßhalb ging
Lips vor Gericht? Es war einfacher, sich an Sie oder an die Eltern des
jungen Mannes zu wenden.... so konnte er schleunig zu seinem Gelde
gelangen. Was hatte er von der öffentlichen Compromittirung Edmunds? --
-- Oder war hier nicht +persönliche+ Beziehung mit im Spiel? -- --
Doch, ich hoffe, auch auf diesen dunklen Punkt wird noch Licht fallen.“

„Edmund, von dem Schritte seines Gläubigers in Kenntniß gesetzt --
verbarg sich und entdeckte seiner Familie, er sei nach Prag oder an
die Grenze verreis’t. Ach vergebens! Auch für sie war das blos ein
Palliativ. Sie erfuhren das Unglück Ihres Sohnes noch in derselben
Stunde. -- -- Edmunds Aufenthalt in dieser Zeit war Niemand bekannt,
als seiner Schwester ... später auch seiner Mutter. Aber dieses
Versteck war gegen die Nachstellung der Häscher nicht hinlänglich
gesichert.... und in einem Anfall von Verzweiflung warf Cölestine das
Geheimniß in meine Hände.... sie machte mich zu ihrem Vertrauten,
sie beschied mich.... brieflich ... aber das mißglückte durch Ihre
Dazwischenkunft, Herr Graf.... sie beschied mich sodann durch eine
mündliche Botschaft zu sich. -- Ich entsprach mit Begeisterung dem
ehrenden Vertrauen: ich stellte mich in Person bei ihr ein -- -- und
hier wurde zwischen uns festgesetzt, daß Edmund in +meinem+ Hause
ein verborgenes Zimmer bewohnen sollte. -- Alles dieses wurde sofort in
Vollzug gesetzt....“

„Ihr Haß, mein Herr, gegen Edmund, die Schwierigkeit, diesen Haß
anders zu zerstreuen als durch Blosgebung der Schande des Jünglings
-- die unbezwinglich stolze und hartnäckige Weigerung Ihrer Gemahlin,
Ihnen Alles zu enthüllen.... (sie zog diesem Schritte den Tod vor!)
endlich... die Hoffnung, daß nach und nach, wenn auch in späterer
Zeit -- der Sturm doch wieder vorüberziehen werde.... bewirkten, daß
Cölestine den schrecklichsten Verdacht auf ihr Haupt fallen sah -- ohne
etwas thun zu können -- als zu weinen, zu klagen -- zu verzweifeln....
Sie reis’ten von Wien ab, Herr Graf, Sie bewirkten eine eklatante
Trennung -- -- und Cölestine mußte das Alles geschehen lassen, konnte,
ob auch ihr Herz im Todeskampfe zuckte -- Sie nicht einmal mit einer
Hand zurückhalten. -- Allein Edmund, ihr unglücklicher Bruder, war
geborgen; das gab ihrem Herzen einen schwachen -- mattglimmenden Trost.
Sie kennen die zärtliche Liebe der beiden Geschwister: Cölestine wollte
lieber selbst elend sein, als es ihren Bruder sein lassen. --“

„Sie sah ihn jede Nacht. Jede Nacht um zwölf Uhr erwartete er sie an
dem Gartenpförtchen +Ihres+ Hauses und meine Equipage brachte
Beide hierher in +dieses Haus+ -- wo sie auf Edmunds Zimmer
Stunden lang beisammen blieben.... Wie viele Thränen sind da geflossen!
-- --“

„Doch weiter! -- Meiner Mühe gelang es -- Ihren Aufenthalt zu
entdecken, Herr Graf.... ich wollte für die arme Frau Alles thun, was
in meinen Kräften stand, und so war ich der Ueberbringer ihres Briefes
an Sie auf Ihrem Schlosse, mein Herr......“

„Hier endet meine Erzählung. Ich weiß nichts mehr hinzuzufügen. --“

„Es ist genug!“ versetzte der Graf, kaum noch athmend. Er war in einen
Sessel gesunken. -- Diese Ereignisse hatten seine ganze Mannheit
erschüttert.

Die Freude ist oft schrecklicher als der Schmerz, besonders bei jenen
Naturen, denen dieser häufiger, als jene zu Theil wird. --

In diesem Augenblicke fühlte Alexander Jemand in seine Arme stürzen....
er erhob das matte Auge. Es war +Cölestine+, seine Gattin, die vor
ihm auf den Knieen lag! --

Der Chevalier hatte ihr Nachricht gegeben. --

„Nun Du Alles weißt,“ sagte sie: „braucht mein Mund nicht mehr zu
sprechen und mein Herz nicht mehr in namenloser Scham zu ersterben....
Du weißt Alles, Alexander! Alles, Alles; -- -- Und dies Alles bestätigt
das Wort: „Ich bin unschuldig! ich bin Dir treu gewesen!““

-- -- Endlich glaubte er ihr. --

Der Chevalier verließ das Gemach. --

Nichts von dem Allen, was in dieser seligen Stunde, deren Zeuge nur
Gott war, zwischen den Gatten vorging... nichts von den wollustvollen
Thränen und von den selig-wehmuthvollen Freudenergüssen. -- Alexander
hatte Cölestine treu erfunden -- der Nebel des Mißtrauens war
zerrissen -- die Schatten der Zwietracht flohen mit ihm davon -- die
Welt war wieder schön -- die Erde hatte ihr Grün, der Himmel seine
Sonnenpracht...

Alexander erfuhr nun auch noch so manche von jenen Dingen, die zu
allererst den Keim des Argwohns in seine Brust gelegt hatten; er
erfuhr, daß jene Blume, jene Hortensie, die er einst im Schlafgemache
gefunden und welche ihn zuerst so unglücklich machte, die Stelle
eines Amulet vertreten habe. Es war Cölestinen von einer alten Frau
angerathen worden, und so sprach die Wahrsagerin: so lange diese Blume
an dem Busen der jungen Frau ruhen werde, so lange werde sie mit ihrem
Gatten glücklich sein. --

Das hatte sich denn im Laufe der Zeit auch bewährt.

Ferner: die zwei Briefe, die er in ihrem Boudoir gefunden, waren von
niemand Anderem, als ihrem Bruder Edmund, eben so auch die Haarlocke --
und die Ringe....

Auf die Zahlen hatte sie in die Lotterie gesetzt....

Noch blieb jedoch Etwas zu lösen übrig.

Wer war jener geheimnißvolle, finstere Warner gewesen, der sich dem
Grafen überall unsichtbar in den Weg gestellt, an die Fersen gehangen
und so Schreckliches geweissagt hatte, was auch stets, dem Scheine nach
wenigstens, eingetroffen war. So lange dieser Punkt nicht erörtert war
-- konnte Alexander doch noch nicht so ganz vollkommen beruhigt sein.
-- Sodann, wer war jener zweite sonderbare, nicht minder geheimnißvolle
Mensch, der gleich einem Gespenste sich in die Salons der Gräfin und
ihrer Freunde schlich -- man hatte ihn nicht kommen, man hatte ihn
nicht gehen sehen; man hatte nur seine bösen Rufe gehört und seine
unheimliche Gestalt geschaut? -- --

Auch hierüber wollen wir sogleich Auskunft ertheilen.



Dreizehntes Kapitel.

Schluß.


Es war am heutigen Tage unser schöner Freund Althing in den Prater, der
zu dieser Zeit schon seine grünen Sprößlinge aussendete -- spazieren
gegangen, und nachdem er sich, Gott weiß aus welcher Laune, in dessen
entferntesten Garten verloren hatte -- war er auf eine Dame gestoßen,
welche mit einem Buche in der Hand hier auf einem abgebrochenen
Baumstamme saß. Diese Dame schien sehr in ihrer Lektüre vertieft und
wendete keinen Blick ab von derselben; doch unser Adonis ließ sich
dadurch nicht irre machen, sondern setzte sich ohne weiteres neben sie
hin und redete dieselbe an...

Da hob sie zwei Augen empor -- so blau wie der Saphir und ein Gesicht
so schön wie ein junger Morgen; nämlich seiner Meinung nach. Noch nie
glaubte Herr von Althing das gefühlt zu haben, was jetzt in seiner
Brust vorging (wir wissen jedoch, er glaubte stets also!) -- -- und,
wie es seine Art war, er machte hier dem Mädchen ohne weiteres seine
Liebeserklärung....

Und sofort stand sie auf, verließ den Platz, und ging weiter. Er aber
ging nach; und als sie den Weg nach der Stadt einschlug, folgte er ihr
ebenfalls dorthin.

Sie führte ihn auf diese Weise aus einer Straße in die andere, bis sie
zuletzt auf der +Bettlerstiege+ in ein Haus trat, sich jedoch
zuvor noch umsah.

„Richtig!“ lächelte Althing und griff vorsichtig an seinen gefärbten
Schnurbart; „die ist total in mich verschossen! -- Ach! dieser Blick
war zu stark! -- Armes Mädchen -- Du sollst erhört werden.... denn
was ich für Dich empfinde, ist +wahre+ Liebe!... Zum +ersten
Male+ durchdringt dieses höhere Gefühl meine Jünglingsbrust! Ich
sehe -- bei meinem bisherigen Leben kommt nichts heraus -- ich bin
entschlossen, ein neues anzufangen.“

Er trat nun ebenfalls in das Haus -- und da er das Mädchen nach dem
hintersten Winkel desselben gehen sah, ging er auch dahin -- -- doch
fürchtete er hier zu einer gewissen Abtheilung zu gelangen, die einem
Parfümerie-Laden eben nicht ähnlich ist. Statt dessen gelangte er zu
einer hölzernen Treppe und stieg sieben volle Etagen -- wie es stets
sein Geschick wollte -- der Dulcinea nach. Endlich trat er fast mit ihr
zugleich in eine kleine räucherige Stube, welche ihres Gleichen nicht
hatte.... jetzt sah er sich mit dem Mädchen allein.

„Aber was hat das zu bedeuten, mein Herr?“ fragte sie....

„Es hat zu bedeuten, mein Fräulein, daß ich Sie liebe.“

„Und weiter? --“

„Daß ich ohne Sie nicht leben kann.“

„Allein -- --“

„Kurz... da ich jetzt in den besten Jahren bin und es mir auch nebenbei
ernstlich vorgenommen habe -- biete ich Ihnen meine Hand an....“

Bei diesen Worten lief das Mädchen zur Thür hinaus.

Er stand einige Secunden verblüfft auf dem Platze, da vernahm er im
Nebenzimmer zwei Männerstimmen, die sich zu zanken schienen. --

„Ich sage Ihnen, daß ich keinen Tag länger auf den letzten Posten,
welchen Sie mir von der Affaire noch schulden, warte. Wo Sie mich
nicht noch heute bezahlen -- zeige ich die ganze Geschichte durch ein
anonymes Schreiben dem +Grafen von A--x+, so wie dem +Generale
von Randow+ an... die mögen es Ihnen dann entgelten, was durch Ihre
Bemühung dem armen jungen Menschen +Edmund+ Schlimmes widerfahren
ist... Auf Ehre!“

Bei Nennung dieser Namen stutzte Althing und stellte sich näher an die
Wand, um besser zu hören:

„Sie müssen noch kurze Zeit Geduld haben, mein Bester!“ ließ sich die
andere Stimme vernehmen -- und Althing glaubte sie zu erkennen.

„Uebrigens,“ fuhr diese Stimme fort -- „halte ich Sie nicht für den
Thoren, das zu thun, womit Sie so eben drohten, denn was gewinnen
+Sie+ damit? Nichts.“

„Aber Sie, mein Liebster, verlieren doch -- auf Ehre!“

„Aber dann kann ich Sie dafür auch auf’s Zuchthaus bringen -- guter
Lips.“

„Wir sind gegen solche Möglichkeiten sicher gestellt, mein Guter; auf
Ehre!“

„Das wollen wir doch sehen -- hahaha!“

„Ja -- das werden wir auch sehen, hahaha .... ohne daß ich
hinzuzusetzen brauche: -- Auf Ehre!“

Jetzt wurde eine Thür zugeworfen und bald darauf entfernte sich Jemand
unter schallendem Gelächter über die Treppe.

Gleich darauf trat das Mädchen herein; an ihrer Seite aber schritt
jener Sterbliche, welchen wir als unsern wackern Meister Lips bereits
seit lange zu kennen die besondere Ehre haben. --

„Dieser Herr hier will mich zur Frau nehmen!“ sagte sie kurz.

„Ist das wahr?“ fragte Lips eben so kurz den Adonis.

„Gewiß!“ antwortete dieser ein wenig erstaunt.

„Meine Tochter Philomela,“ sagte Lips zu ihm gewendet, „ist ein sehr
gebildetes Mädchen; sie ist eine +Emancipirte+! -- Mit dieser
Erklärung werden Sie genug haben. Sie kann Latein, Französisch,
Griechisch, Slowakisch, Hebräisch, Chaldäisch, Maurisch, Ungrisch,
Böhmisch, Hindostanisch, Malajisch -- und auch Deutsch; ferner ist sie
in der Astronomie, der Chemie, der Physik, der Musik, der Geographie
-- der Skulptur -- in den Militairwissenschaften -- in der Aesthetik
und Botanik -- in der Heraldik und Anatomie -- endlich in allen übrigen
weißen, schwarzen, braunen und gelben Wissenschaften und Künsten
bewandert. Auf Ehrenwort! -- -- Sie sehen, mein Herr, was Sie Alles mit
ihr bekommen! Sie bekommen in diesem Mädchen eine ganze Universität. --
-- +Jedoch was bringen Sie mit, mein Herr?+“

„Ich bin der Herr von Althing -- --“

„Das ist Nebensache, auf Ehre! -- Was +haben+ Sie, frage ich, mein
Lieber?“

„Wohlan -- ich besitze eine Rente von 8000 Gulden Silbergeld -- -- --“

„Ah -- Unterthänigster Diener! -- das läßt sich hören, auf Ehre. --
Also Sie wollen meine Tochter zum Weibe?“

„Ja.“

„Nun gut -- Sie sollen sie haben, jedoch mit der Bedingung, daß Sie
die 8000 Gulden jährlich durch mich erheben lassen. -- Sein Sie jedoch
unbesorgt; Sie sollen Ihr Geld in monatlichen Raten -- bei Heller und
Pfennig von mir ausgezahlt bekommen.... ich will mit dem Ganzen nur
+speculiren+, jedoch zu +meinem Besten+. Ist Ihnen dieser +Contract+
genehm, so machen wir ihn sogleich als +Ehecontract+ in aller
gesetzlichen Form giltig?“

Althing willigte ein. Er war froh, endlich einmal ein Weib gefunden zu
haben, die, wie er sah, es mit ihm ernstlich meinte.

Noch in der nämlichen Stunde wurde das Instrument von einem
Rechtsverständigen aufgesetzt und mit gesetzlicher Kraft versehen. --

                               *       *
                                   *

Und noch an demselben Tage erfuhr +Alexander+ von dem Adonis, welcher
sich deßhalb eigens zu ihn verfügte, Alles das, was wir bereits
wissen; nämlich, daß Lips nur auf Veranlassung des Barons +von Leuben+,
jenes finstern, leidenschaftlichen, abgewiesenen Anbeters Cölestinens,
die Wechselfälschung Edmunds vor Gericht geltend gemacht hatte. --

Ein Zweikampf war die Folge davon. Leuben, tödtlich verwundet, bekannte
mit ersterbenden Lippen, daß er nicht nur Cölestinen, sondern auch
ihrem Manne, ihrem Bruder, ihrem ganzen Hause Rache geschworen --
die er auch, so weit als es irgend seiner menschlichen Kraft möglich
war, vollzogen habe. Damals bei der Trauung habe er nach Alexander
geschossen, jedoch nicht getroffen; darauf habe er Stunde für Stunde
auf das Unglück Beider gesonnen.... es sei ihm auch gelungen, dasselbe
bis zum jetzigen Augenblicke zu nähren; und -- -- jener geheime
+Warner+, jener Unglücksbote Alexanders -- sowie jener mysteriöse,
durch Maskirung unkenntlich gemachte Fremde in dem Salon Cölestinens
sei +er+ gewesen.

Nach dieser Beichte hauchte der Elende seinen Geist aus.

Was Edmunds Schicksal betraf, so gelang es dem Einflusse des Grafen,
sowie wie jenem des Chevaliers, dasselbe zum Guten zu wenden; er wurde
zuletzt noch der Freund seines Schwagers -- und wir sehen ihn in
späterer Zeit sogar eine sehr bemerkenswerthe Staats-Carriere machen.

-- Was die übrigen Personen angeht, welche in dieser Geschichte
auftraten, so wird ihr ferneres Schicksal mit wenigen Zügen angedeutet
werden können.

Das Stiftsfräulein nahm ein schauderhaftes Ende, wie dies edle Herz es
auch verdiente. Bei einer Probe, welche sie mit ihrem neuerfundenen
+Tannenzapfenmehl+ bei sich selbst machte, bekam sie den Magenbrand und
starb unter Convulsionen, wobei sie jedoch stets bei Nero schwur, daß
ihre Erfindung vortrefflich sei und der Menschheit zum Heil gereichen
werde. --

Gräfin von Wollheim strickte ihre Strümpfe für den
Wohlthätigkeitsverein fort und fort. Ihr Gemahl, als er keinen
Gefährten mehr beim Fasse fand, wurde wieder Jäger, jedoch entsagte er
dem geliebten Fasse nicht gänzlich.

Frau von Porgenau lachte ein Mal über einen Witz ihres Mannes so sehr,
daß sie todt auf dem Platze blieb. Er, der berühmte Bonmotist hingegen,
wurde immer berühmter; nur ließ man ihn in keinem Salon mehr zu.

Der Chevalier von Marsan war und blieb auch in der Ferne der Freund
Cölestinens, ihres Gemahls und ihrer Eltern. Seine frühere Leidenschaft
für die Gräfin übertrug er auf zehn Andere. --

Die kleine, schöne Alexandrine wurde von Cölestine an Kindesstatt
angenommen; sie blühte inmitten der glücklichen Gatten, deren einziges
Kind sie nicht lange blieb -- zur edlen Jungfrau heran. --


                                 Ende.



Gedruckt bei +Friedrich Andrä+.



Fußnoten:

[A] Man verzeihe uns diese Clauren’sche Abbrechung. D. Verf.

[B] A. von Sternberg.

[C] Ikarus Flügel.

[D] Geld.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Zweiter Theil (von 2)" ***

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