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Title: Deutsche Humoristen (7. Band)
Author: Thoma, Ludwig, Greinz, Rudolf, Enking, Ottomar, Schussen, Wilhelm, Croissant-Rust, Anna
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Deutsche Humoristen (7. Band)" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt.

    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in Antiqua
    gesetzter Text ist ~so markiert~.

    Im Original kursiver Text ist _so gekennzeichnet_, fetter Text ist
    =so markiert=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.


[Illustration: F 2.394 b IX 13: 50.000]

Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß
aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden
Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des
deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der
schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt
sie alljährl. an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken
sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher.
Bis Ende 1912 wurden 534.020 Bücher im Werte von Mk. 608.837,83 an
Volksbibliotheken verteilt.

Die Auflage unserer »Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Ende
1912:

        =über 1¾ Millionen Exemplare.=

Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. +Für Beiträge
von 2 Mk.+ an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines Einzelbandes
ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung. Ausführliche
Drucksachen stehen kostenlos zur Verfügung.


Gute billige Bücher

(zum Teil künstlerisch illustriert, für die Jugend besonders geeignete
Bücher sind mit * versehen). Bisher sind erschienen:


Hausbücherei

(gebunden, jeder Band in sich abgeschlossen 1 Mark, Vorzugspreis für 11
Bände -- beliebig gemischt -- nur 10 Mark)

    *Bd. 1. +Heinrich von Kleist+: =Michael Kohlhaas=. Mit Bild Kleists
      und 7 Vollbildern. _11.--20. Taus._

    *Bd. 2. +Goethe+: =Götz von Berlichingen=. Mit Bild Goethes.

    *Bd. 3. =Deutsche Humoristen Band 1=: P. Rosegger, W. Raabe, Fr.
      Reuter und A. Roderich. _56.--70. Taus._

    Bd. 4. =Deutsche Humoristen Band 2=: Cl. Brentano, E. Th. A.
      Hoffmann, H. Zschokke. _26.--35. Taus._

    *Bd. 5. =Deutsche Humoristen Band 3=: Hans Hoffmann, Otto Ernst,
      Max Eyth, Helene Böhlau. _36.--45. T._

    Bd. 6/7. =Balladenbuch Band 1=: Neuere Dichter. _21.--30. T._

    Bd. 8. +Herm. Kurz+: =Der Weihnachtsfund=. Eine Volkserzählung. Mit
      Bild Kurz'. _11.--15. Taus._

    Bd. 9. =Novellenbuch Band 1=: C. F. Meyer, E. v. Wildenbruch, Fr.
      Spielhagen, Detl. v. Liliencron. _26.--35. Taus._

    Bd. 10. =Dorfgeschichten= (+Novellenbuch+ Band 2): E. Wichert, H.
      Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. _16.--25. T._

    Bd. 11. Schiller: =Philosophische Gedichte=. Ausgew. u. eingel. v.
      Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. _6.--10. T._

    Bd. 12/13. Schiller: =Briefe=. Ausgew. und eingel. von Prof. E.
      Kühnemann. _6.--10. Taus._

    Bd. 14. =Geschichten aus deutscher Vorzeit= (+Novellenbuch+ Band
      3): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff.

    *Bd. 15. =Seegeschichten= (+Novellenbuch+ Bd. 4): J. Nettelbeck, W.
      Jensen, Wilh. Poeck, Johs. Wilda u. a. _21.--30. T._

    Bd. 16. =Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes=. Mit Bild u.
      Silhouette Mörikes. _11.--20. Taus._

    Bd. 17. =Heine-Buch=. Eine Auswahl von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild
      Heines. _6.--10. Taus._

    Bd. 18/19. =Goethes ausgewählte Briefe=. Herausgeg. v. ~Dr.~ Wilh.
      Bode-Weimar. _11.--15. Taus._

    *Bd. 20/21. =Deutsches Weihnachtsbuch=. Eine Sammlung der schönsten
      und beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa.
      _21.--30. Taus._

    Bd. 22. =Frauennovellen= (+Novellenbuch+ Band 5): Cl. Viebig, L. v.
      Strauß u. Torney u. a. m. _21.--30. Taus._

    Bd. 23. =Kindheitsgeschichten=: H. Aeckerle, M. Lienert, M. v.
      Rentz, Hans Land, Eh. Niese, Th. Mann u. a.

    *Bd. 24. =Kriegsgeschichten=: H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La
      Roche, D. v. Liliencron, Th. Fontane u. a.

    *Bd. 25/26. =Balladenbuch Band 2=: ältere Dichter. _6.--10. T._

    *Bd. 27. +Karl Immermann+: =Preußische Jugend zur Zeit Napoleons=.
      Eingeleitet von ~Dr.~ Wilh. Bode. Illustr.

    Bd. 28. =Martin Luther als deutscher Klassiker=.

    Bd. 29/30. =Deutsche Humoristen Band 4/5=. (Humoristische
      Gedichte.) _11.--20. Taus._

    Bd. 31. =Deutsche Humoristen Band 6=: (Humor. Erzählungen.)

    *Bd. 32. +Max Eyth+: =Geld und Erfahrung= (humoristische
      Erzählung). Illustriert. _21.--30. Taus._

    *Bd. 33. +Ludwig Uhland+: =Ausgewählte Balladen und Romanzen=. Mit
      Illustrationen. _6.--10. Taus._

    Bd. 34. +J. J. David+: =Mährische Dorfgeschichten=. Ruzena Capek.
      Cyrill Wallenta. _6.--10. Taus._

    *Bd. 35. +Ludwig Finckh+: =Rapunzel=. _21.--30. Taus._

    Bd. 36. +Grethe Auer+: =Marraksch=. (6 Jahre in Marokko.) Mit Bild
      Gr. Auers u. Einl. v. ~Dr.~ H. Bloesch. _11.--15. T._

    Bd. 37. +Ernst Wichert+: =Die Schwestern=. Illustriert.

    Bd. 38. =Musikergeschichten=: K. Söhle, R. H. Bartsch, W.
      Schmidtbonn, E. v. Wolzogen.

    Bd. 39. +Emil Ertl+: =Der Salto mortale und andere Geschichten=.
      Illustriert.

    Bd. 40. +Jürgen Jürgensen+: =Kongo-Geschichten=. (7 Jahre in
      Afrika.) Illustriert. _11.--20. Taus._

    Bd. 41. +Christian Reuter+: =Schelmuffskys kuriöse
      Reisebeschreibung= (humoristisch). Illustriert.

    *Bd. 42. =Die deutschen Lande in der Dichtung Band 1:= Deutschland.
      Mit 16 Zeichn. v. Walter Strich-Chapell u. 7 Bild.

    Bd. 43. +Ernst Zahn+: =Der Schatten.= Illustr. _11.--20. Taus._

    *Bd. 44. +Adolf Schmitthenner+: =Treuherzige Geschichten.=

    Bd. 45. +Hans Hoffmann+: =Die Teufelsmauer und andere Erzählungen.=
      Illustriert.

    *Bd. 46. +Andreas Streicher+: =Schillers Flucht von Stuttgart.=
      Illustriert.

    Bd. 47. +Friedrich Hebbel+: =Die Nibelungen 1=: Der gehörnte
      Siegfried. Siegfrieds Tod. Illustriert.

    Bd. 48. +Friedrich Hebbel+: =Die Nibelungen 2=: Kriemhilds Rache.
      Illustriert.

    Bd. 49. =Deutsche Humoristen Band 7=: Enking, Greinz, Thoma u. a.
      Illustriert.

    Bd. 50. +Alfred Huggenberger+: =Bauernland.= Illustriert.

    Bd. 51/52. +Ad. Müller-Guttenbrunn+: =Deutscher Kampf.= Illustriert.


Vorzugsausgaben

+in prächtigem, biegsamem Einband+ mit Goldschnitt sind zum Preise von
je =4 Mark= hergestellt von:

        Bd. 6/7 (rot, Ganzleder)
        Bd. 12/13 (grün, Ganzleder)
        Bd. 18/19 (grau, Ganzleder)
        Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid)
        Bd. 25/26 (rot, Ganzleder)
        Bd. 29/30 (rot, Ganzleder)
        Bd. 38 (rot, Ganzleder) M. 3.--
        Bd. 39 (lila Lein. m. Gold) M. 2.--
        Bd. 51/52 (rot, Ganzleder)


Volksbücher (zum Teil illustriert)

*Heft 1. 50 Ged. v. +Goethe+. Geh. 20, geb. 50 Pf. _11.--20. T._

*Heft 2. +Schiller+: Tell. _21.--30. T._ Geh. 30, geb. 60 Pf.

*Heft 3. +Schiller+: Balladen. _36.--40. T._ Geh. 20, geb. 50 Pf.

*Heft 4. +Schiller+: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. Geh. 30, geb.
60 Pf. _11.--20. T._

*Heft 5. +Schiller+: Wallensteins Tod. Geh. 30, geb. 60 Pf.

_Heft 4 u. 5 in einen Band gebunden 1 Mark. 11.--20. T._

Heft 6. +Brentano+: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem schönen
Annerl. Geh. 15, geb. 40 Pf. _11.--20. T._

Heft 7. +E. Th. A. Hoffmann+: Das Fräulein von Scuderi. Illustr. Geh.
20, geb. 50 Pf.

Heft 8. +Fr. Halm+: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. Geh. 20,
geb. 50 Pf. _11.--20. T._

*Heft 9. +Fritz Reuter+: Woans ick tau 'ne Fru kamm. Geh. 15, geb. 40
Pf. _11.--20. T._

Heft 10. +Max Eyth+: Der blinde Passagier. Illustr. Geh. 20, geb. 50
Pf. _31.--40. T._

Heft 11. +Marie von Ebner-Eschenbach+: Die Freiherren v. Gemperlein.
Ill. _21.--30. T._ Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 12. +Wilhelm Jensen+: Über der Heide. 25, geb. 55 Pf.

*Heft 13. +Ernst Wichert+: Der Wilddieb. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 14. +Levin Schücking+: Die drei Großmächte. Illustr. Geh. 25, geb.
55 Pf. _11.--20. T._

Heft 15. +Ludwig Anzengruber+: Der Erbonkel u. a. Geschichten.
_11.--20. Taus._ Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 16. +Helene Böhlau+: Kußwirkungen. _11.--20. T._ Geh. 20, geb. 50
Pf.

Heft 17. +Ilse Frapan+: Die Last. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 18. +H. v. Kleist+: Die Verlobung in St. Domingo. Das Erdbeben in
Chili. Der Zweikampf. _11.--20. Taus._ Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 19. +Peter Rosegger+: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. Geh. 30, geb.
60 Pf. _21.--30. T._

Heft 20. +Ernst Zahn+: Die Mutter. Geh. 20, geb. 50 Pf.

*Heft 21. +E. J. Groth+: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustrationen.
Geh. 15, geb. 40 Pf. _21.--30. Taus._

*Heft 22. +A. Schmitthenner+: Die Frühglocke. Illustr. Geh. 20, geb. 50
Pf. _21.--30. T._

*Heft 23. +G. Freytag+: Karl d. Große. Minnesang und Minnedienst. Geh.
25, geb. 55 Pf.

Heft 24. +Fr. Spielhagen+: Hans und Grete. Mit Illustr. _11.--20.T._
Geh. 40, geb. 75 Pf.

Heft 25. +St. v. Kotze+: Geschichten a. Australien. _11.--20. T._ Geh.
25, geb. 55 Pf.

Heft 26. +Paul Heyse+: Andrea Delfin. Geh. 30, geb. 60 Pf.

*Heft 27. +H. Villinger+: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill.
_11.--20. T._ Geh. 20, geb. 50 Pf.

*Heft 28. +Otto Ludwig+: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. _11.--20.
T._ Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 29. +Richard Huldschiner+: Fegefeuer. 70 Pf., geb. 1 M.

Heft 30. +Franz Grillparzer+: Weh dem, der lügt! Geh. 25, geb. 55 Pf.
_11.--20. T._

*Heft 31. +Paula Dehmel+: Märchenbüchlein. Mit 2 bunten Voll- u. 4
Halb-Bildern. Geh. 30, geb. 70 Pf.

Heft 32. +Auguste Supper+: Die Hexe von Steinbronn. Ill. Geh. 10, geb.
40 Pf.

Heft 33. +Adolf Wilbrandt+: Der Mitschuldige. Ill. Geh. 30, geb. 70 Pf.

Heft 34. +Gottfried Keller+: Kleider machen Leute. Illustr. Geh. 30,
geb. 70 Pf.

Heft 35. +W. v. Uxkull+: Das Kriegsgericht. Illustr. Geh. 25, geb. 60
Pf.

Heft 36. +Paul Schreckenbach+: Volksbuch vaterländischer Dichtung. Geh.
50, geb. 80 Pf., Lederband m. Goldschnitt 2 M.

*+Schillerbuch+, enth. Einleitung über Schillers Leben, die Glocke,
Balladen, Tell. Mit Bild. 346 S. _21.--30. T._ Geb. 1 M.


Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.



    Hausbücherei

    der Deutschen Dichter-
    Gedächtnis-Stiftung

    49. Band

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
    1913

    1.--10. Tausend



    Deutsche Humoristen

    7. Band

    Ottomar Enking ▣ Anna Croissant-Rust
    Rudolf Greinz ▣ Wilhelm Schussen
    Ludwig Thoma ▣ Sophus Bonde
    Wilhelm Fischer-Graz

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
    1913

    1.--10. Tausend



Inhaltsverzeichnis zu den übrigen Bänden der »Deutschen Humoristen«


    Band 1: +Friedr. Theodor Vischer+: Humorist. Gedicht. +Peter
      Rosegger+: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß. Wie wir
      die Gürtelsprenge haben gehalten. +Wilhelm Raabe+: Der Marsch
      nach Hause. +Fritz Reuter+: Woans ick tau 'ne Fru kamm. +Albert
      Roderich+: Nemesis. 46.--55. Tausend.

    Band 2: +Clemens Brentano+: Die mehreren Wehmüller oder ungarische
      Nationalgesichter. +E. Th. A. Hoffmann+: Die Königsbraut.
      +Heinrich Zschokke+: Die Nacht in Brczwezmcisl. 26.--35. Tausend.

    Band 3: +Hans Hoffmann+: Eistrug. +Otto Ernst+: Die Gemeinschaft
      der Brüder vom geruhigen Leben. +Max Eyth+: Der blinde Passagier.
      +Helene Böhlau+: Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.
      36.--45. Tausend.

    Band 4/5 (Doppelband): +Humoristische Gedichte+. Eine hervorragende
      Sammlung der schönsten heiteren Gedichte bis auf die neueste
      Zeit. 352 Seiten. 11.--20. Tausend.

    Band 6: +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«.
      +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt. +Fr. Th. Vischer+:
      Die Tücke des Objekts. +Ad. Bayersdorfer+: Die militärpflichtige
      Tante. +Henry F. Urban+: Der Eishund. +Ludwig Thoma+: Besserung.
      11.--20. Tausend.

        Preis jeder dauerhaft gebundene Band 1 Mark.



Inhaltsverzeichnis

    ▣ zum 7. Bande der ▣
    »Deutschen Humoristen«


    +Enking, Ottomar+: Das Kriegerfest in Wettorp      7--32

    +Croissant-Rust, Anna+: Der Herr Buchhalter       33--48

    +Schussen, Wilhelm+: Pilgrime                     49--71

    +Greinz, Rudolf+: Das Hennendiandl                73--85

    +Bonde, Sophus+: Jochen Appelbaums Galion        87--102

    +Thoma, Ludwig+: Unser guater, alter
    Herzog Karl is a Rindviech                      103--111

    +Fischer-Graz, Wilhelm+: Die Rebenbäckerin      113--159



Vorbemerkungen zum siebenten Bande


Die Erzählung »Das Kriegerfest in Wettorp« von Ottomar Enking ist mit
freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus
dem Roman »Ikariden« (Dresden: Verlag von Carl Reißner).

»Der Herr Buchhalter« von Anna Croissant-Rust ist mit gütiger Erlaubnis
der Verfasserin und des Verlegers abgedruckt aus Anna Croissant-Rusts
Buch »Aus unseres Herrgotts Tiergarten« (Stuttgart: Deutsche
Verlags-Anstalt).

Für den Abdruck der »Pilgrime« schulden wir Herrn Wilhelm Schussen Dank.

»Das Hennendiandl« von Rudolf Greinz ist mit freundlicher Erlaubnis
des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Rudolf Greinz' Buch
»Bergbauern« (Leipzig: Verlag von L. Staackmann).

Für die Abdruckserlaubnis von »Unser guater, alter Herzog Karl is a
Rindviech« von Ludwig Thoma schulden wir dem Verfasser und dem Verlage
Albert Langen in München Dank.

»Jochen Appelbaums Galion« von Sophus Bonde ist mit freundlicher
Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Sophus Bondes
Buch »Schimannsgarn« (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt).

»Die Rebenbäckerin« von Wilhelm Fischer-Graz ist mit gütiger Erlaubnis
des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Wilhelm Fischers Buch
»Unter altem Himmel« (München: Verlag von Georg Müller).



Ottomar Enking:

Das Kriegerfest in Wettorp


Wenn Thomas Mann der Dichter des niederdeutschen Patriziertums ist,
so ist +Ottomar Enking+ der berufene Schilderer des niederdeutschen
+Kleinbürgertumes+. Beide Gesellschaftsschichten umspinnt die leise
Tragik: stehen geblieben zu sein, überholt zu sein von einer Zeit der
lärmenden Maschinen, der konzentrierten Kräfte und des gesteigerten
und gehetzten Lebenstempos. Herrisch verfolgt diese Zeit ihr Ziel und
schreitet unerbittlich über die kleinen gedrückten oder verzweifelt
aufbegehrenden Existenzen hinweg: über verstörte Patriarchen, die
»die Welt nicht mehr verstehen«, und über sehnsüchtige Mädchenseelen,
die am Zwiespalt zwischen der beengenden Überlieferung und der
lockenden Freiheit zerbrechen. In die behagliche Selbstgenügsamkeit
und behäbige Selbstzufriedenheit, mit der sich die Gestalten der
Reuterzeit bewegten, kommt nun ein weher Ton wie von einer Glocke, die
zersprang. Denn das Gefühl des Überholtseins gibt Bitterkeit oder,
vom Betrachter aus, Ironie. Das Genrebild geht durch die Schule der
naturalistischen Impression, die Beobachtung wird exakter, schärfer,
unbeirrter, erreicht eine verblüffende Fertigkeit, Dinge, Geräusche
und Bewegungen sinnfällig zu machen, und stellt die Alltagstypen der
deutschen Kleinstadt greifbar nahe und unauslöschlich vor uns hin: mit
einem wehmütigen +Humor+, der zugleich mitfühlende Liebe und ironische
Überlegenheit ist und der ihren Untergang ohne jede Sentimentalität
verklärt. +Enking+, der früher Schauspieler, dann Redakteur war
und jetzt als freier Schriftsteller in Dresden lebt, ist seiner
Geburtsstadt nach Kieler (er wurde dort am 28. September 1867 geboren).
Einzelne seiner Werke, so der Roman »Johann Rolfs«, spielen sich auch
auf Kieler Boden ab; für seine Hauptwerke ist jedoch Wismar das, was
Lübeck für Manns »Buddenbrooks« ist: es ist das »Koggenstedt« jener
Romanfolge, als deren Meisterstück mit Fug und Recht die »+Familie P.
C. Behm+« gilt.

            L. Adelt.

        Gauting,
        im September 1913.



[Illustration]



Das Kriegerfest in Wettorp.


Viele, viele Nachtsitzungen hatte das »Geschäftsführende und
Hauptkomitee für das zwanzigjährige Stiftungsfest des Kriegervereins
von Wettorp und Umgegend sowie die Enthüllung des Denkmals für Kaiser
Wilhelm den Großen« im Landhause abgehalten, viele Vornotizen und
Hinweise hatten in den »Wettorper Nachrichten« gestanden, und viele
eifrige Straßenunterhaltungen über das Fest und das Denkmal waren von
den patriotischen Bürgern Wettorps gepflogen worden. Ja, viel, viel war
geschehen, bis endlich der ersehnte Augusttag erschien, der Wettorp in
einen noch nie dagewesenen Rausch und Jubel versetzte. Schon am Abend
vorher, am Freitage, kamen die fremden Gäste, denn die ganze Umgegend
war eingeladen. Die Straßen waren schön geschmückt, Girlanden hingen
quer von Haus zu Haus, und unter ihrer Mitte schwankten bemalte Tafeln
mit sinnigen Kernsprüchen.

Am Sonnabend, morgens um 6 Uhr, zog der Ortsmusikus mit seinen
Trommlern, Bläsern und Klarinettisten durch die Straßen des
Ortes; das war der »Weckruf«, wie es im Programm hieß. Die braven
Kriegervereinsmitglieder ärgerten sich zwar über das frühe Getute, aber
ohne Reveille läßt sich ja nun einmal kein Kriegerfest feiern, und
deshalb beruhigten sie sich und schliefen wieder ein.

Um 9 Uhr gab es eine große Sehenswürdigkeit: der Neustädter
Militärverein hielt nämlich seinen Einzug. Er hatte seine eigene
Kapelle mitgebracht, die der Ortsmusikus allerdings als eine
Gesellschaft Bremer Stadtmusikanten bezeichnete; aber es war doch
etwas besonderes, was sich die Neustädter leisteten, und die
Militärvereinsmitglieder blickten stolz um sich herum, während sie
im strammen Takte vorwärts marschierten. Sie hatten wahrhaftig auch
alles Recht, stolz zu sein, denn außer der Musik trabten vor ihrem
Zuge noch drei feurige Rappen, auf denen Herolde saßen. Diese drei
Männer hatten sich großartig bunt kostümiert und wilde Bärte ins
Gesicht geklebt, die freilich immer herabfielen, weil sich der Gummi
vom Schwitzen auflöste. Aber wenn auch die Bärte so oft auf ihren
Sattel niedersanken, daß sie sie schließlich beiseite unter das Volk
warfen: Herolde waren sie deshalb doch mit ihren Heroldsstäben in der
Hand, den grauen Schlapphüten auf dem Kopfe, den Wappenwämsern um die
Brust und den hohen Stiefeln an den Beinen. Sie fühlten ihre Würde und
stützten ihre Stäbe in die Seiten, wie sie es wohl im illustrierten
Sonntagsblatte bei Bildern von Königen gesehen hatten.

Ihre Pferde waren nicht minder frohgemut, daß sie heute, anstatt den
Roggen einzufahren, als edle Araber durch Wettorps Straßen hindurch
angestaunt wurden. So achtunggebietend zog der Neustädter Militärverein
in den Festort ein.

Im Laufe des Sonnabendmorgens versammelten sich also wohl an die
vierhundert Krieger in Wettorp, alte und junge, und die alten trugen
ihre Zylinder vom Jahre 1848. -- Um 11 Uhr begann der »offizielle
Frühschoppen mit Musik« im Landhause. Der Ortsmusikus ließ blasen,
was die Trompeten halten konnten; er hatte ein außergewöhnlich
patriotisches Programm zusammengestellt, das denn auch von den Kriegern
vollauf gewürdigt wurde.

Währenddessen war die kleine Mieze Stamm, des Landhauswirts Tochter,
die dazu auserkoren war, als Germania bei der Denkmalsenthüllung das
Festgedicht zu sprechen, in ihrem Stübchen sehr beschäftigt. Schon um
12 Uhr hüllte sie sich unter dem Beistande der Wirtschafterin in den
weißen Germania-Mantel, den sie sich selbst zurechtgeschneidert hatte;
sie ließ sich frisieren mit Locken an den Seiten, und die Flut des
lichten Haares fiel wellig über ihre Schultern. Dann wurden die bis zum
Ellenbogen freien Arme mit goldenen Armbändern aus poliertem Messing
geschmückt, und auf das Haupt drückte ihr die Wirtschafterin das Diadem
mit dem größten und buntesten Edelsteine, der aus der Maskengarderobe
zu entleihen gewesen war. Majestätisch sah die kleine Mieze aus, und
sie freute sich auch erst ihres Spiegelbildes; aber dann kam die Angst
über sie, und bleich und zitternd ging sie umher und murmelte immer und
immer wieder, daß nun der schöne Tag gekommen sei. Essen konnte sie
nichts.

Genau um ein Viertel vor drei Uhr fuhr der alte Kutscher Engel mit
seiner Kalesche vor, und tief aufseufzend, mit einem Stoßgebet an den
lieben, lieben Gott, stieg die Germania in den Karren, der sie zum
Richtplatze führen sollte. Sie kam auf dem Markte an, wo es schon
ganz voll von Leuten war, und wurde vom Ortsvorsteher sogar dem Herrn
Geh. Regierungsrat v. Zabrowski und dem Herrn Regierungsassessor v.
Schmidt vorgestellt, die die allergnädigste Miene machten, weil sie
doch bei der Denkmalsenthüllung die Vertreter der hohen Regierung und
des Kaisers bildeten. Der Regierungsassessor konnte es sich freilich
trotz seiner hohen Würde nicht versagen, nach Miezes rundem Arm zu
schielen. Der Geh. Regierungsrat indessen war ganz nur Vertreter Seiner
Majestät. Die hohen Herren, der Ortsvorsteher, die Gemeinderäte, die
Schulbehörde und die Geistlichkeit, die Herren vom Komitee und Mieze
Stamm stellten sich unter dem Thronhimmel auf, der dem noch verhüllten
Denkmal gegenüber erbaut war. Der Thronhimmel bestand aus vier Stangen,
über die oben Leinwand gezogen war, und das ganze hatte Gärtner Meyer
mit Laub bewunden.

[Illustration]

Der Ortsvorsteher blickte prüfend in die Runde, ob auch alles in
Ordnung sei. Rings auf dem Markte, in einiger Entfernung von dem
Denkmal, hatten sich die Kriegervereine aufgestellt, die Fahnen wehten
über den Zylindern der Kameraden. Links von dem Thronhimmel standen
die vereinigten Gesangvereine, und alles war so ruhig und feierlich,
daß es dem Ortsvorsteher ordentlich zu Herzen ging. Er hatte seinen
Hochzeitsfrack heute nicht umsonst angezogen, das fühlte er deutlich.
Er sah also in die Runde, und sein Blick fiel auch auf die zwei
Sitzreihen, rechts vom Denkmal, auf denen die Honoratiorenfrauen
des Ortes in ihrem besten Staate saßen, und auf den alten Orts- und
Polizeidiener Pilgerim, der da stand und die Schnur hielt, mit der
die Hülle des Denkmals nach oben zusammengerafft wurde. Alles war in
Ordnung. Der Ortsvorsteher nahm seinen Zylinder ab, rieb sich mit
dem Taschentuche die Tropfen von der Stirn, trat vor und verbeugte
sich nach der Seite, auf der sich die hohen Herren befanden. Der
Geh. Regierungsrat nickte, der Ortsvorsteher winkte den Sängern,
der Ortsmusikus, der alles einübte, was in Wettorp an Gesang- und
Orchesterkunst geleistet wurde, hob den Taktstock, und es ertönte
prachtvoll: »Seht den Sieger ...«

Alle waren ergriffen. -- Als der Gesang sein Ende gefunden hatte,
verbeugte sich der Ortsvorsteher wieder, wischte sich nochmals die
Stirn und begann seine Festrede: daß er die hohe Ehre habe, die
Vertreter Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers und einer
hohen Regierung untertänigst und ehrfurchtsvollst zu begrüßen, und daß
es eine hohe Ehre für den Ort sei, einen solchen Tag feiern zu können.
Er wies hin auf die zusammengeströmten Scharen der ehemaligen Krieger,
und angesichts dieses Denkmals fordere er sie alle auf, den Treueschwur
zu erneuern für Kaiser und Reich. Er schloß damit, daß er die hohen
Vertreter einer hohen Regierung bat, Sr. Majestät den Ausdruck der
unwandelbarsten Liebe Wettorps zu überbringen.

Der Geh. Regierungsrat trat nach dieser Rede vor, nahm den feinen Hut
ab, steckte einen Augenblick den zweiten und den mittleren Finger
zwischen den obersten und den zweiten Frackknopf und fing nun an: »Mein
lieber Herr Ortsvorsteher! Verehrte Festgenossen und Kameraden! Als
Vertreter der Regierung Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers,
Königs und Herrn bin ich hierher gekommen, um an dem nationalen
Ereignisse, das dieser Tag für Wettorp darstellt, teilzunehmen. Es hat
die hohe Staatsregierung mit außerordentlicher Befriedigung erfüllt,
daß nun auch in Wettorp durch das einmütige Zusammengehen aller
gutgesinnten Bürger ein Denkmal für seine hochselige Majestät Kaiser
Wilhelm den Großen errichtet werden konnte. Der Opfersinn der Bürger
ist der beste Beweis dafür, daß der Geist des Umsturzes (er sprach das
Wort mit harter, erhobener Stimme, und der Regierungsassessor runzelte
finster die Stirn dabei), daß dieser Geist der Vaterlandslosigkeit
und der Verachtung alles Ehrwürdigen und Großen keine Stätte in Ihrer
blühenden Ortschaft gefunden hat. Möchte es so bleiben! Möchten Sie
sich stets bewußt sein des innigen Zusammenhanges zwischen der Krone
und dem Staatsbürger, jenes Zusammenhanges, der Preußen groß gemacht
hat und der jetzt auch diese Provinz mit seinem Segen überströmt. Ich
sehe hier die tapferen Veteranen, die in den Schlachten gestanden und
dem Tode getrotzt haben für die Freiheit Schleswig-Holsteins, ich
grüße diese Männer, die für die edelsten Güter ihres Vaterlandes alles
hinzugeben bereit waren. Wenn ich daher meiner leider notwendigen
frühen Abreise wegen schon jetzt dem festgebenden Vereine, dem
Kriegervereine für Wettorp und Umgegend, meine aufrichtigsten
Glückwünsche zu seiner zwanzigjährigen Stiftungsfeier ausspreche im
Namen einer hohen Staatsregierung, so bin ich mir bewußt, daß solche
Glückwünsche an keiner besseren Stätte zum Ausdruck gebracht werden
können, als an dieser, wo, jetzt noch verhüllt, bald aber als ein
glänzendes Wahrbild des Patriotismus, das Kaiserdenkmal aufragt.
Halten Sie fest, das bitte ich Sie in dieser erhebenden Stunde, an
dem nationalen Gedanken, seien Sie eingedenk des hohen Berufes,
den die Kriegervereine zu erfüllen haben: ein Bollwerk zu bilden
wider die Macht eines unterminierenden, destruktiven Geistes (das
kam wieder mit erhobener Stimme heraus, und der Regierungsassessor,
der so lange auf Miezes Arme geblickt hatte, reckte sich hoch auf
und zog die Brauen drohend zusammen). Mögen Sie noch oft Ihr
Stiftungsfest im Kreise Ihrer anderen Kameraden von nah und fern so
schön und von allen Umständen so begünstigt begehen wie heute. Das
sind unsere Glückwünsche. -- Jetzt aber (er trat weiter vor, und der
Regierungsassessor blieb immer einen Schritt hinter ihm) lassen Sie
uns die Hülle von dem Denkmal gleiten sehen (Ortsdiener Pilgerim
faßte das Tau fester und sah unverwandt zu seinem Vorgesetzten,
dem Ortsvorsteher, hin), mit dem Gelöbnis, daß wir nie vergessen
wollen, was Kaiser Wilhelm der Große für uns und besonders für unsere
engere Heimat getan hat und gleich ihm sein erhabener Enkel, unser
allergnädigster Kaiser, König und Herr. Wir fassen daher alle unsere
Hoffnungen, alle unsere Gefühle, unsere ganze vaterländische Gesinnung
in dem Rufe zusammen (der Ortsvorsteher erhob den Zeigefinger,
Ortsdiener Pilgerim paßte mit allen Seelenkräften auf): Se. Majestät
unser allergnädigster Kaiser, König und Herr -- Hurra! Hurra! Hurra!«

Ortsdiener Pilgerim riß an der Schnur, so stark er nur konnte, die
Leinewand flog davon, und im Sonnenschein grüßte die eherne Büste mit
dem mildig ernsten Gesichte des alten guten Kaisers von dem blanken
granitenen Sockel herab. Die Musik blies Tusch auf Tusch, die alten und
jungen Männer riefen Hurra, die Hüte waren von den Köpfen gerissen.
Die Frauen waren aufgestanden und schwenkten ihre Tücher, die Fahnen
wehten.

Dann stimmte der Ortsmusikus an: Deutschland, Deutschland über alles,
und alle sangen voll wahrer Inbrunst mit; die Frauen weinten vor
Rührung. Und alle blickten auf zu dem neu enthüllten Bildwerk. Am
lautesten aber sangen hinter der festlichen Schar die Wettorper Jungen,
die vorhin schon ein ganz gewaltiges Hurrageschrei angestimmt hatten.

Der Ortsvorsteher atmete auf, daß alles so gut gegangen war. Er hatte
immer gefürchtet, Ortsdiener Pilgerim möge nicht schnell oder stark
genug ziehen oder das Tau möchte sich verwickeln, oder es möchte sonst
irgend etwas geschehen, was die Feier störte.

Als der Gesang verklungen war, trat die kleine Germania-Mieze, die
auch so gerührt war von den schönen Reden und von des alten Kaisers
freundlichem Gesichte, erst ein wenig zaghaft, dann aber tapfer vor
und deklamierte ihr Gedicht. Und es klang so brav, wie die Kleine es
hersagte in ihrer natürlichen, herzlichen Weise, und sie legte den Ton
auch immer auf die Hauptstellen, und andächtig lauschten alle rings
im Kreise auf Kaiser ... Reiser ... Gut und Blut ... Todesmut ...
Vaterland ... Herz und Hand. -- Mieze kam so in Begeisterung bei ihrem
Sprechen, daß ihre frischen Wangen glühten. -- Am Ende ihres Gedichtes
legte die Germania einen hübschen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter
Schleife am Fuße des Denkmals nieder und knickste zierlich, als
der Geh. Regierungsrat zu ihr kam und ihr die Hand gab, um sie zu
beglückwünschen zu ihrem schönen Erfolg. Auch der Regierungsassessor
bekam ein Patschhändchen ab.

»Gnädiges Fräulein,« sagte er, -- »geradezu tadellos, ein--fach
ta--del--los.«

Noch aber war nicht alles zu Ende. Der Geh. Regierungsrat winkte dem
gallonierten Diener, der sich so lange ganz beiseite gehalten hatte,
und der brachte ihm drei kleine Etuis. Der Regierungsrat, auf dessen
eigener Brust fünf Orden funkelten, hielt nun eine kurze Ansprache,
in der er betonte, wie sehr es ihn freue, auch der Überbringer
mehrerer allerhöchster Auszeichnungen zu sein. Und dann überreichte
er dem Ortsvorsteher den Kronenorden vierter Klasse und teilte ihm
gleichzeitig mit, daß ihm der Titel Bürgermeister verliehen sei; dem
Wettorper Kriegervereine hatte der Kaiser einen Fahnennagel gestiftet,
und Ortsdiener Pilgerim erhielt das allgemeine Ehrenzeichen in Gold.
Der neue Bürgermeister machte bei seiner Auszeichnung ein ernstes
Gesicht und antwortete nur ein paar stotternde Worte: wäre sein Kaiser
dagewesen, so hätte er ihm stumm die Hand gedrückt, so mächtig wirkte
die Ehre auf den einfachen Mann. Der Vorsitzende des Kriegervereins
hielt den Fahnennagel in der Hand und zeigte ihn all seinen Nachbarn,
und Ortsdiener Pilgerim glänzte. Nun löste sich die strenge Ordnung,
und es gab ein großes Gratulieren und Händeschütteln. Der Herr Geh.
Regierungsrat und der Regierungsassessor verabschiedeten sich,
nachdem sie das Denkmal eingehend gemustert hatten, und fuhren, vom
Bürgermeister begleitet, zum Bahnhofe, denn sie mußten heute abend in
Kiel sein; Se. Exz. der Herr Kultusminister ~Dr.~ Bosse kam abends.
Damit war denn die Denkmalsenthüllung vorbei.

Auf dem Markte ordneten sich währenddessen die Vereine wieder und
zogen zum Landhause. Da war im Garten großes Konzert, die vereinigten
Gesangvereine trugen ihre Weisen vor, und die Kameraden saßen alle
beisammen mit Frauen und Kindern und waren so recht von Herzen vergnügt
und zufrieden. Damit ging der Nachmittag hin, und am Abend nach neun
Uhr, als es schon dunkel war, brannte Apotheker Juliussen das große
Extra-Brillantfeuerwerk ab. Wie die Feuerräder zischten und wirbelten,
wie die ~pots à feu~ knallten, wie die Schwärmer knatterten und die
Goldregenspringbrunnen funkelten. Nur mit den Raketen wollte es
nicht immer recht gehen, und jedesmal, wenn eine hochging, bliesen
die Musikanten mit verstärktem Pust, damit die Raketen mehr Schwung
bekämen. Und das Blasen half auch wirklich manchmal.

»Fihtz,« sagte die erste Rakete, und dann ging sie oben aus; »Ffiehtz,«
sagte die andere und stieß mit dem Kopfe gegen einen Baumast, daß es
knallte; »Ffi-i-htz,« sagte die dritte und richtig: »knatter, knatter,
knatter« hörte man in der Luft, und rote, grüne und weiße Leuchtkugeln
bubbelten heraus und sanken im Bogen langsam herab, bis sie verglommen.
-- »Oh,« sagten ringsum die Veteranen und die Veteranen-Frauen und
-Kinder, »wie herrlich!« -- Die Musik war stolz auf ihren Erfolg, denn
sie war es gewesen, die dieser Rakete gerade zur rechten Zeit den
nötigen Auftrieb verliehen hatte. Und deshalb paßte sie nun erst recht
auf.

»Fiehtz-z-z-tz,« sagte die vierte Rakete, und »tschinkte« machten die
Musiker gleichzeitig, und siehe da: das Wunderwerk zerteilte sich im
Äther, und eine goldene Flut rieselte hernieder. »Oh,« sagten die
Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »das war aber wirklich
wieder herrlich!«

»Fitzefitzefitz,« sagte die fünfte Rakete, und »tschumbdi« ließ die
Musik sich im rechten Augenblicke vernehmen, während die Pauke auch
noch ihr Besonderes tat und »plumm« machte, und wahrhaftig, es half
wieder, denn »sisisisi« tönte es von droben herab, und singende
Sternlein schwebten am Himmel.

»Nein doch!« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder.
»So was haben wir denn doch noch nicht gesehen!«

Dann sagten noch ein paar Raketen »fihtz«, und die Musiker bemühten
sich redlich, sie ordentlich hoch zu bringen mit tschumbdi, tschintata
und plumm, -- meist gelang es, bisweilen kamen sie aber mit ihrer
Aufmunterung auch etwas zu spät.

Schön war es aber eigentlich immer.

Und am nächtlichen Firmament blinkten traurig die armen natürlichen
Sternlein, die nicht gegen Apotheker Juliussens Feuerwerk aufkommen
konnten.

Den Schluß bildete die Erstürmung von Alexandria, -- die war ordentlich
beängstigend, denn es knallte und fauchte und zischte und sprühte
durcheinander, daß einem schier schwindelig wurde. Dann kamen drei
Kanonenschläge, bei denen die Veteranen von der Artillerie an ihre
alten Hinterlader dachten und die Frauen und Kinder »Uhch!« schrien,
und endlich wurde der ganze, durch Papierlaternen erhellte Garten mit
bengalischen Flammen in rotes und grünes Licht getaucht.

»Ah, nein doch! So furchtbar hell!« sagten die Veteranen und die
Veteranen-Frauen und -Kinder.

Dann ging es heim, nachdem die vereinigten Gesangvereine noch voll
tiefer Empfindung: »Gute Nacht, gute Nacht, mit Näglein bedacht«
gesungen hatten. Die Gäste begaben sich in ihr Freilogis bei den
Wettorper Kameraden oder zu den Massenquartieren, die im »Blauen Löwen«
und im »Landhause« hergerichtet waren.

Der neue Bürgermeister gab seiner Frau vor dem Zubettgehen einen
herzlichen Kuß und meinte: »Siehst du, Dora, -- unser Kaiser -- das is
'n +Mann+, den muß man +achten+.«

Und der Tag war so schön verlaufen, wie überhaupt nur das
zwanzigjährige Stiftungsfest eines Kriegervereins und eine
Denkmalsenthüllungsfeier verlaufen kann.

Am Sonntagmorgen fand Konzert auf dem Eichenberg bei Wettorp statt,
und nach dem Kirchgange wanderten die Kameraden erst ganz gemütlich
durch die Straßen. Die Musik, die am frühen Morgen vom Kirchturm herab
Choräle geblasen hatte, spielte von zwölf bis ein Uhr auf dem Markte
vor dem Denkmal, das weidlich angestaunt ward, und als sie geendet
hatte, da traten die Vereine zum Festzuge an. Knaben mit Tafeln, auf
denen die Ortschaften der verschiedenen Vereine geschrieben standen,
stellten sich in bestimmter Entfernung hintereinander auf, und bei
ihnen versammelten sich die Mitglieder. Bald war der ganze Markt
voll. Der Vorsitzende vom Wettorper Kriegervereine kommandierte:
»Stillgestanden!« und die Alten nahmen ihre Arme fest zusammen und
machten ein Dienstgesicht, so gut es noch anging. Der Vorsitzende
befahl: »Fahnensektionen -- vor! Fahnen holen!« und von jedem Vereine
schritten drei Männer ins Rathaus, um die Wahrzeichen an sich zu
nehmen. Der Ortsmusikus paßte mit erhobenem Taktstocke auf, und
sobald die erste Fahnenspitze sichtbar wurde, senkte er den Stab, und
»tra--tatata--diida« ging es los, während alle Veteranen und Kameraden
den Kopf entblößten, bis die Fahnen sich eingereiht hatten. Die Musik
stellte sich nun an die Spitze des Zuges. »Bataillon Marsch!« hieß das
Kommando, und der Festzug setzte sich in Bewegung. Die Kameraden hatten
alle ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt, und die blinkerten goldig im
warmen, lustigen Sonnenscheine. So marschierten sie durch die Straßen;
aus den Fenstern warfen ihnen Frauen und Mädchen kleine Sträuße und
einzelne Blumen zu, die die Vorübergehenden mit ihren verarbeiteten
Händen auffangen sollten, aber sie waren zu ungeschickt dazu, und die
Blumen fielen zwischen den gespreizten Fingern hindurch zur Erde, um
von den Hinterleuten halb zertreten aufgehoben zu werden. So pilgerten
die Alten hinter der Musik und den wehenden Fahnen her und gaben sich
bisweilen einen Ruck, wenn der Ortsmusikus ein recht forsches Stück
spielen ließ, das sie wohl anno 1848 oder 1870 schon gehört hatten.

Zu beiden Seiten des Zuges aber standen die Wettorper, Frauen und
Männer, dichtgedrängt, ließen alles vorbeimarschieren und eilten dann
schnell durch eine Querstraße bis dahin, wo sie den Zug später wieder
sehen konnten.

»Tschingda tschingda dudeldudeldudel bumm,« machte die Ortskapelle und
so gelangten alle ins Landhaus, wo das Festessen stattfand. Das war
nun ein wahrer Hochgenuß. Königinnen-Kraftsuppe mit Fleischklößen und
Spargel gab es zwar nur wenig auf den Tellern, denn wenig Suppe geben
ist vornehm, die Butten mit der Mehlsauce waren schon kalt, aber das
kam nur daher, daß sich der Festzug um eine halbe Stunde verspätet
hatte und daß so viele mit essen wollten, die sich vorher nicht
angemeldet hatten. Das Roastbeef dagegen war nun wunderbar zart. --
»Ja,« sagten die Wettorper, »Fru Stamm weet, wo 'n Stück Ossenfleesch
bradn wardn mutt. Na, un de Sohs' de mugg man ja rein mit Lepeln eten.«
Und alles, was dann noch kam, Früchte, Brot, Butter und Käse, war gut
und reichlich, und das Eis war nicht zu kalt. Nein, für zwei Mark »das
trockene Kuvert« hatte man da ein herrliches Essen. Und der Wein war
auch so schön; je zwei Kameraden tranken meist eine Flasche.

»He +farvt+ örntlich, -- kick mal, wo rod min Glas is. Un denn is he
bannig stark, aber wenn man twee Mark föftig för so 'n Buddel utgifft,
denn will man em ock +marken+[1] können. Junge, wat markt man em!«

Und Reden wurden gehalten. Erst auf den Kaiser, dann auf die Gäste,
dann auf den Wettorper Verein, dann auf den Bürgermeister, dann auf
das Komitee, dann auf die Frauen, dann auf Deutschland, dann auf
Schleswig-Holstein, dann auf alle Kriegervereine, dann auf die deutsche
Flotte, dann auf die Kaiserin, dann auf Mieze, dann auf alles Mögliche
-- -- man konnte die Redner gar nicht mehr verstehen, so laut wurde es
mittlerweile im Saale und so dicht war der Zigarrendampf. Wenn aber
einer sein Glas erhob und hoch! hoch! hoch! rief zum Zeichen, daß er
mit seiner Ansprache zu Ende war, so erhoben sie alle die Gläser mit
und riefen alle mit hoch! hoch! hoch! -- Es war auch einerlei, meinten
sie, auf wen das Hoch ausgebracht wurde: zugute mußte es ihm ja unter
allen Umständen kommen, wenn sie nur kräftig mitschrieen. -- Die
Ortskapelle musizierte auf der Tribüne und spielte ein patriotisches
Potpourri nach dem andern, und sie sangen alle mit »lalala,« denn den
Text kannten sie nicht oder doch nur die erste Strophe jedes Liedes.

Natürlich waren hier nur die Herren versammelt; die Damen tranken
während des Festessens ihren Kaffee im Garten und blickten wohl einmal
durch die Saalfenster, ob ihre Männer es auch nicht zu arg trieben;
aber die fühlten sich sicher und ließen sich weder durch Winke noch
durch Blicke davon abbringen, sich noch eine Flasche Rotwein mit ihrem
Nachbar zu teilen.

Um sechs Uhr erst wurde der Saal geräumt, und in einer halben Stunde
war alles, was an das Essen erinnerte, beseitigt. Das Trompetensignal,
der Ruf zum Sammeln, ertönte, die Veteranen mit den Ihrigen strömten
wieder herein, wunderten sich, daß alles so schnell verändert war, und
setzten sich erwartungsvoll hin mit dem Gesichte zur Bühne gewandt, wo
das Festspiel aufgeführt wurde.

So schönes Theater hatten die Kriegsveteranen und Kameraden nie
gesehen. Als der Vorhang nach dem rührenden bengalischen Lichte und
nach dem herrlichen lebenden Bilde fiel, da klatschten sie, was sie nur
klatschen konnten.

Und dann begann der Kommers. An vier langen Tafeln, ebenso wie vorhin
beim Festessen, hatten die Kameraden Platz gefunden, und lustig flogen
die Worte hin und her.

Die Lieder waren alle in Reihenfolge, wie sie gesungen werden
sollten, auf ein Blatt gedruckt, und ganz zum Schlusse stand auch
»Schleswig-Holstein, meerumschlungen«. -- Und niemand wußte recht,
wie es eigentlich kam, -- eben war die Wacht am Rhein verbraust, und
es sollte nun »Wohlauf, ihr wackeren Kameraden« kommen, -- aber auf
einmal ertönte, als hätte man sich vorher dazu verabredet, außer der
Reihenfolge der Anfang des Schleswig-Holstein-Liedes, -- erst hier
und da -- ein paar alte schleswig-holsteinische Lehrer mochten damit
angefangen haben, dann fielen immer mehr und mehr ein, die Musik mußte
sich dem allgemeinen Willen fügen, die alten Kämpen erhoben sich von
ihren Plätzen, stützten die Hände auf den Tisch, blickten in die Höhe
mit begeisterten Augen und es klang:

    »Schleswig-Holstein meerumschlungen --«

Und es kam eine Kraft über sie, wie damals, als sie für die Freiheit
ihrer Heimat ins Feld zogen, als die Hand den Säbel fest umfassen und
das Auge die Büchse scharf richten konnte.

    »deutscher Sitte hohe Wacht --«

Ihre Stimme zitterte bei diesen Klängen; die hohe Wacht, die hatten sie
einst gehalten und deutsch waren sie gewesen bis in ihr innerstes Mark
hinein.

    »wahre treu, was schwer errungen --«

Und sie dachten an alles Schwere, was sie durchgemacht hatten in Kampf
und Sturm, und an die Sorgen, die sie einst für die Ihren daheim im
Herzen getragen hatten. Und es war wie ein schmerzliches Zucken um ihre
Mundwinkel, als die Alten so da standen, die Blicke aufwärts und die
Hände auf den Tisch gestützt.

    »bis ein schön'rer Morgen tagt --«

Ja, jetzt war alles ganz anders gekommen, als damals, wo sie um ihre
Freiheit streiten mußten. Freilich, ihr Herzog war ihnen genommen, aber
ihre Herzogstochter, die war jetzt deutsche Kaiserin. Es hatte schön
getagt auf die Nacht des Kampfes.

    »Schleswig-Holstein stammverwandt --«

Alle fühlten sie sich als Brüder, so innig miteinander verwoben, und
sahen einander in die Augen, wie sie das sangen, und Tränen blinkten
darin, und sie nickten einander zu mit den braven, geraden Gesichtern.

    »wanke nicht, mein Vaterland!«

Sie hoben die Gläser, die Alten und die Jungen, und stießen an und
schüttelten einander die Hände und waren einander gut und umarmten die
Kameraden. Und dann wiederholten sie die beiden letzten Zeilen:

    »Schleswig-Holstein stammverwandt,
    wanke nicht, mein Vaterland!«

Und als diese einfachen Veteranen das Wort »Vaterland« aussprachen,
so ernst begeistert, so innig trotz der Rauheit der Stimmen, da lag
für die Jungen im Saale das Geheimnis geoffenbart, warum wir jetzt ein
einiges Deutschland haben!

Das war das Kriegerfest in Wettorp.



Anna Croissant-Rust:

Der Herr Buchhalter


Für +Anna Croissant-Rust+, die am 10. Dezember 1860 in Dürkheim a.
d. Haardt geboren und in München-Pasing wohnhaft ist, lassen sich
drei Stufen künstlerischer Entwicklung feststellen. Ihre ersten
»Lebensstücke« und Volksdramen sind im Grundton herb, brüchig,
grell, aber bereits bewundernswert in ihrer Objektivität und klugen
Beobachtung. Ihre »Gedichte in Prosa« verraten ein durchaus eigenes
lyrisches Talent, das um seine Form ringt. Danach aber kommt es wie
eine innere Befreiung über die Dichterin: wo vordem nur einzelne
heitere und ironische Lichter spielten, da bricht jetzt die Sonne des
Humors durch und steht sieghaft und erwärmend über den Härten und
Unverständigkeiten des Alltags. Keiner unter den heutigen Künstlern hat
aus eingeborener tragischer Grundstimmung heraus so ernst und schwer
um sein bißchen +Heiterkeit und Lebensfrohsinn+ gerungen wie diese
herbe und doch zutiefst herzensgütige Frau. Mag +Anna Croissant-Rust+
von Menschen oder von Tieren erzählen, mag sie uns nach der Pfalz
oder nach Tirol führen, mögen die Leutchen ihrer Geschichten in der
Kleinstadt die Köpfe zu aller Narretei zusammenstecken oder auf den
verschneiten Einödshöfen der Berge gegen die Härte der Natur und des
Herzens ankämpfen: immer erhebt uns die tapfere Hand der Dichterin aus
den Niederungen des Lebens in die reine Luft geläuterter Menschlichkeit.

            L. Adelt.



Der Herr Buchhalter.


Jeden Mittag und jeden Abend sitzt er in der Post. Er kennt kein
anderes Wirtshaus, hat den Fuß nie in ein anderes gesetzt. Nicht etwa,
weil sie schlechter sind, davon weiß er nichts; aber er ist ein Mann
von Charakter. Hat er einmal angefangen, sein Mittagmahl und sein
Abendessen in der Post zu nehmen, so bleibt's dabei, das gehört sich;
unnötige Veränderungen in der Lebensweise sind nur Schwächen, wert
eines Lächelns. Konsequent muß man sein!

Er hat seinen Stammtisch, seinen Stammplatz, sein Stammkrügel, sein
Stammglas, seinen Stammserviettenring und -- wehe der Kellnerin, die
ihm einmal im Drang der Geschäfte etwas anderes vorzustellen oder
vorzulegen wagte! Den Wechsel der Kellnerinnen hat er noch stets dem
Wirt als persönliche Beleidigung angerechnet, und so unbefangen ihm
jede »Neue« entgegentrat, so befangen war der Wirt, so befangen wurde
auch bald die Neue. Das war doch wohl die größte Rücksichtslosigkeit!
Hatte man so ein Frauenzimmer jahrelang erzogen, und wenn sie sich dem
Ideal nun etwas näherte, schickte man sie ihm vor der Nase fort.

In den zwölf Jahren, seit er hier aß, war das schon sechsmal geschehen.
Die immerhin freundschaftlichen Beziehungen, die er mit dem Wirt
unterhielt -- sie grüßten sich stets beim Kommen und Gehen --, wurden
dadurch erheblich getrübt, und es dauerte immer ein Vierteljahr, bis er
den Gruß des Wirtes wieder sah.

Draußen in der großen Kunstmühle, die der schnell rauschende Silberbach
trieb, war er seit zwölf Jahren Buchhalter, dort wohnte er, und nur
des Mittags, Sommer wie Winter, bei Schnee und Regen und Sonnenschein,
erschien er fünf Minuten nach zwölf auf der Post, und des Abends fünf
Minuten nach sieben.

Er war ehemaliger Soldat, -- er behauptete Leutnant, die Bauern
Feldwebel -- und hatte sich beim Manöver eine Verletzung zugezogen,
die ihn dienstuntauglich machte. Noch jetzt schleppte er den einen
Fuß etwas nach, und die Schmerzen, die ihm der Witterungswechsel
brachte, veranlaßten ihn immer zu lauten Ausbrüchen über die unsinnige
Soldatenschinderei, die nur den Preußen zu verdanken sei. An den alten
Soldaten erinnerte außer dem kleinen, etwas borstigen Schnurrbart,
der in zwei fest gezwirbelten Spitzen auslief, nichts als das
kurzgeschorene Haar und die rotbraune, etwas cholerische Gesichtsfarbe.
Er war mittelgroß und eher schmächtig, schwarz von Haar und Bart, mit
kleinen, etwas gewölbten, stechenden, dunkeln Augen.

Wenn er so am Kopfende seines Tisches saß, die Zigarre, die er stets
in einem Röhrchen rauchte, nach oben gestemmt, die Unterlippe vor- und
aufwärts geschoben, die beiden Arme aufgestützt, und über den Tisch
blickend, so sah er niederschmetternd selbstbewußt aus.

Mit ihm aßen ein paar Adspiranten[2] der kleinen Bahnstation, ein
junger Schreiber und der unverheiratete Bahnmeister. Doch stets blieben
die beiden Stühle rechts und links vom Herrn Buchhalter leer, das
war der Brauch von Anbeginn gewesen, und daran durfte nicht getippt
werden. Während der Mahlzeiten hatte der Tisch zu schweigen, das heißt,
+er+ sprach nicht und verbat sich auch nachdrücklich eine lautere
Unterhaltung. So wurde also am Tisch unten nur gewispert, man bot sich
mit stummem Nicken die Platten und begehrte säuselnd nach Brot und
Bier. Wie ein frischer Wind wehte in diese gedrückte Atmosphäre stets
die resche Art einer neuen Kellnerin herein, die mit voller Naivetät
und, der Pflichten ihres Amtes bewußt, die Herrn zum »Dischkriern«
animieren wollte, und voll Heiterkeit mit ihrer Unterhaltungsgabe wie
eine Fregatte mit vollen Segeln an dem Tisch landete. Zuerst legte er
die Zigarre weg; dann stemmte er den linken Arm ein, seine blanken,
kleinen Augen fuhren wie Blitze hin und her, und alsbald brach auch
schon das Donnerwetter los.

»Jetz' schaugt's ma dö an! Na, frei' di' ner[3], Madl, i' werd' dir
Mores lehren! So a G'schroa machen! Du ungebildete Bersohn! Wos? --
Stad bist! Ball[4] i' red', hot a jed's stad[5] z' sein, verstanden?«
-- Eine einzige hatte es je gewagt, ihm sofort prompt zu erwidern,
+beide+ Arme einstemmend und ihn auch gehörig anblitzend: »Jö,
schaugt's den an, den z'widern Raunzer[6]! I' tua, wos i mog, und von
dir laß i' mir nix anschaffen.«

Aber sie wurde augenblicklich von der Strafe ereilt. Mit einem Satz war
er in der Höhe, und so sehr sich die im übrigen Handfeste wehrte, hatte
er sie mit einem einzigen Griff beim Halse gepackt und hinausgedreht.
Da er kleiner war als sie und bei der Prozedur verschiedene Tritte
und Püffe abkriegte, war es für die aller Pietät baren, frivolen
Adspiranten eine solche Wonne, daß sie die Füße auf die Stühle zogen
und sich in die Zunge bissen, um nicht gerade herauslachen zu müssen,
während der kleine Schreiber, der schon von Amts wegen darauf eingeübt
war, lautlos grinste, und der Bahnmeister, etwas schwerfälligeren
Temperaments, mit offenem Maul dem hochnotpeinlichen Halsgericht zusah.

Diese eine, die aller Tradition solchergestalt Hohn gesprochen,
mußte auf kategorischen Wunsch des Herrn Buchhalters entlassen
werden. Der Wirt leistete zu Anfang energischen Widerstand, denn alle
übrigen Eigenschaften der Hebe standen ganz im Einklang mit ihrer
Handfestigkeit und stempelten sie zum Ideal einer Kellnerin.

Aber der »Buachhalter« drohte, das Haus »nie mehr zu betreten« -- es
war eine der dramatischsten Szenen seines Lebens; schließlich war er
der älteste Stammgast, der Wirt unterlag also der Übermacht seiner
Persönlichkeit, achselzuckend und mit der Miene, wie man etwa einem
ungezogenen Kinde nachgibt.

Am Stammtisch hatte die Sache ein Nachspiel, als der »Buachhalter« um
die gewöhnliche Zeit verschwunden war. Alles ging da außer Rand und
Band, »es lösten sich alle Bande frommer Scheu«, es war die reinste
Meuterei.

Über den Wirt ging's her vorerst, denn die »Resche« hatte ihnen samt
und sonders den Eindruck gemacht, wie wenn man sie +unbedingt+ da
lassen müsse, und wenn's nur wäre, um ein Gegengewicht gegen »den da
oben« zu haben.

»So a Hanswurscht, der Wirt! Na, so 'was! Aber gar koan Kurasch. +Der+
hätt' i sein mög'n, i hätt' anderscht aufg'muckt. Herr di Gatti, +dem+
hätt' i 's zoagt! Was is denn dös iwerhaupt's für a Wirtschaft? Is denn
ner +der+ da? Zahl'n mir unser Zeig net grad a so wie der? Wenn mir
g'sagt hätten, mir möchten 's Madl b'halten, was er epper[7] da g'macht
hätt'!? Dös war' a Hetz' word'n! Mir derften uns schließli' nimmer z'
schnaufen trau'n. War uns scho' z' dumm! Mir san a so viel wia der
da herinnet, und mir leiden amal dös nimmer, jetz' muaß 's anderscht
geh'n!«

So schrien und schimpften und brüllten sie durcheinander, schauten sich
kampfmutig und mit roten Köpfen an und hieben auf den Tisch, daß die
Gläser sprangen.

Da tat sich die Türe auf, der Herr Buchhalter erschien aufs neue,
zwickte die Äuglein zusammen, und ein paar Hohnfalten liefen vom Mund
abwärts, als er die aufgeregten »Mander« sah.

»Ös scheint's enk[8] ja recht guat z' unterhalten!« sagte er in einem
Ton, der, oberflächlich gehört, ans Väterliche gemahnte, für die
Eingeweihten aber ein Sturmsignal barg.

Ruhig hängte er seinen Mantel an den Nagel, das Lodenhütl, das er immer
etwas links trug, dazu, rückte sich den Stuhl zurecht und -- setzte
sich.

»I' hab' ja d' Innsbrucker heut no' net g'lesen mit der saudummen
G'schicht',« sagte er.

Die »Mander« saßen stumm und stocherten in ihren Tellern weiter, die
Augen fest auf die Überreste ihrer Mahlzeit geheftet.

»I' hab' heut d' Innsbrucker no' net g'lesen,« wiederholte er mit
gehobener Stimme, und seine Gesichtsfarbe vertiefte sich um einige
Nüancen.

Ein leises Gebrumm ging unter den Verschworenen herum, ein Räuspern --
»Dort hängt s' ja, Sakrament!« schrie er und deutete an die Wand, wo
sie über dem Kopfe des jüngsten Adspiranten hing.

»Jessas, was hast d' denn? So gib's eahm doch!« Und mit Reden und
Stößen und Püffen wurde der Hartnäckige aufgemuntert, bis er sie
dem vor Zorn Blauroten, der mit seinen bösen Augen förmlich auf ihn
einstach, reichte.

So endete die so merkwürdige Verschwörung, und bis dato ist noch keiner
gekommen, der den Bann gebrochen hätte, dem Milieu nicht unterlegen
wäre.

Zwar gab es immer von Zeit zu Zeit einen neuen Adspiranten, und das war
immer eine »Gaudi«[9] für die Wissenden. Gewöhnlich setzte er sich auf
einen der leeren Stühle, fing als artiger Mann eine Konversation mit
dem Ältesten der Gesellschaft an, also mit ihm, dem k. k. Feldwebel in
Pension und jetzigen Buchhalter, ließ sich vielleicht durch sein erstes
Gegengrunzen nicht einmal abschrecken und redete weiter -- dann langte
der Gewaltige gewöhnlich die größte Zeitung, die über seinem Haupte
hing, herab, hielt sie vor sein Antlitz, daß oben nur das Ende seines
Haarschopfes und das Ende seiner Zigarre herausragte. War der Kerl
frech, so plapperte er weiter, bis ihm aus den Tiefen ein: »Halten's
jetzt Eahna Maul oder nöt?« entgegenscholl -- dann wagte er vielleicht
noch ein: »Sie, aber erlauben's!« -- »Nix erlaub' i, 's Maul habt's
z' halten.« -- War er nicht frech, so wandte er sich nach den ersten
deutlichen Winken an die unten Sitzenden, um dort Unterhaltung zu
suchen. Aber hier bekam er nur Kopfnicken, unartikulierte Laute und
Achselzucken als Antwort, und seine Verwirrung, sowie das Gesicht, das
über der Zeitung auftauchte und +einmal+ mit den andern gemeinsame
Sache machte, war ihre einzige Entschädigung und ihre einzige Rache.
Deshalb wurde keiner eingeweiht.

Mit den Zeitungen hatte es auch seinen Haken. Er las sie genau
der Reihe nach, und jedem Neuling passierte es, daß er in seiner
Verlegenheit gewöhnlich nach irgend einer dieser Zeitungen griff. Der
Buchhalter las die seine ruhig weiter, bis die andere an die Reihe
kam; dann sagte er gewöhnlich: »Erlauben's!« und nahm sie einfach dem
Lesenden aus der Hand.

Protestierte der, so fielen die anderen über ihn her: »Sie kommt jetzt
dran, lassen Sie's eahm doch, Sie können's ja später lesen!« Und der
Herr Buchhalter bekam sie jedesmal, klein gekriegt hatte er noch jeden.

Vom Beginn des Essens bis zum Schluß las er. Er löffelte hinter der
Zeitung seine Suppe, er stocherte mit der rechten Hand im Essen, links
hielt er sein »Bladl« -- er war kein großer Esser, aber Roten trank er
gern und viel.

Nicht etwa, daß er während des ganzen Mahles geschwiegen hätte! Er
liebte es, einige Pointen aus der Zeitung zuerst halblaut, dann
ganz laut zu lesen, mit Bemerkungen wie: »Dös is do' zu narrisch,
jetz' ham's im Landtag ...« und er heischte Repliken von der
Tischgesellschaft. Keinen Widerspruch, aber Anteilnahme. Fiel diese
zu lahm aus, so rief er wohl: »Schlaft's denn heut alle? San dös
Mannsbilder!« Auch die Neuigkeiten des kleinen Ortes stieß er unter dem
Lesen hinter der Zeitung heraus, kurz, bissig, mit einem eigentümlich
meckernden Lachen.

Er sah es als Beleidigung an, wenn der Tisch Neues wußte und nicht
verriet. Wußten die »Untern« etwas, so fing ein leises Gesäusel
am Tisch an, das ihn zuerst nicht irritierte, denn das kam, in
schicklichen Grenzen, hie und da vor; aber wenn es vernehmbarer wurde,
spitzte er die Ohren, und sein Schopf, das Ende der Zigarre und dann
die Äuglein kamen nach und nach hinter der Zeitung zum Vorschein. Das
war das Signal zum Ausbruch, und nun wollte jeder mit der Neuigkeit
herausplatzen, bis er endlich einen direkt darum anredete. Dann war's
aber immer noch kein leichtes; man mußte die richtige Form finden,
witzig sein, besonders wenn es Weibergeschichten waren. Trug man die
nicht gut vor, so raunzte er wohl: »Machen's an Spektakel wegen aner
solch'n Bagadelln!«

Er war ein ausgesprochener Weiberfeind und sprach nur mit äußerster
Verachtung von den Frauen. Zum Saubermachen, zum Putzen und
»Nah'n« kann man sie brauchen, meinte er, »aber net amal 's Kochen
verstehngen's -- i mog mi net ärgern!«

Und als einmal ein Vorwitziger rief: »Aber 's Kinderbringen!«
entgegnete er nicht ohne Würde: »O na, mei' Liaber, grad dös
verstehngen heutigen Tags die wenigsten; drum, i sag's net umasunst,
sie san verpfuscht um und um, und net der Müah wert, daß d' über sie
red'st.« Wußte er von einem der »Untern« etwa, daß er verliebt war,
so war der vor seinen bissigen Bemerkungen nicht sicher; ängstlich
hielten sie drum alles geheim, was mit der Liebe zusammenhing. Als der
Bahnmeister sich verlobte, blieb er lieber von der Post weg, anstatt
sich seinen Spötteleien auszusetzen, und ging in weitem Bogen um den
»Pascha von der Mühle«, wie sie ihn unter sich nannten, herum.

Da rieb er sich schmunzelnd die Hände. Feiner und größer war noch
keiner seiner Triumphe gewesen. »Secht's 'n?! -- und solche Mannsbilder
seid's allz'samm'!« Bei solchen Vorkommnissen liebte er es, weit über
seine Zeit sitzen zu bleiben, und weit über sein Maß zu trinken, das
immer sehr respektabel war. Der Zustand der Bärbeißigkeit schlug nach
zwölf Uhr in den der Jovialität um; er erzählte mit halb krähender,
halb kichernder Stimme, immer dabei die Zigarre mit der Spitze gen
Himmel streckend, dem ganzen, vor Vergnügen wiehernden Gastzimmer alle
möglichen Liebesgeschichten. Besonders die seiner Tischrunde. Es begann
etwa mit: »Da sitzt a aso Oaner[10]«, und endete mit: »werd scho' 'no
schaug'n, so a Gimpel, so a verliabter.«

In der Nacht hatte dann die Korona das Vergnügen, ihn nach Hause zu
geleiten, und es gehörte zur süßesten Erfüllung aller schlummernden
Rachegelüste, wenn sie den Lallenden, Schimpfenden und Wankenden durch
einen gelinden Stoß, den er in seinem Zustand nicht bemerkte, im Winter
in den Schnee, im Herbst und Frühjahr in den Schmutz und im Sommer in
den Staub werfen konnten. Niemals waren sie ausgesöhnter mit ihrem
Schicksal, und niemals fühlten sie sich dem Pascha überlegener.

Singend, pfeifend und laut lachend zogen sie durch die Gassen, und
sogar den nächsten Morgen hielt die Kampfstimmung noch an -- es war
beinah' wie zur Zeit der Saison, wo alle Bande auseinander gingen, wenn
die Fremden kamen: wo sich die Unterschiede verwischten, die beiden
Stühle nicht leer bleiben durften, wo sie alle eng gedrängt sitzen
mußten und laut reden durften, so wie ihnen der Schnabel gewachsen
war, denn in dem allgemeinen Geräusch ging das bißchen Lärm, das sie
machten, so wie so unter.

Dann saß er am Tisch, förmlich gekauert unter der Zeitung. Nie warf
er einen Blick vor, nie grüßte er jemanden, nie sprach er während der
Zeit. Der Ingrimm häufte sich so in ihm, daß er sichtbarlich magerer
wurde, nichts mehr aß und ganz gealtert aussah. O, wenn er sie alle
hätte vertilgen können! Alle, alle! Und jährlich wurden's mehr, und
keiner war unter ihnen, der sich auch nur um ihn kümmerte! Er sehnte
den September herbei, als die Zeit der Erlösung, und wenn der letzte
den Rücken gekehrt, so rief er aus: »Is 's jetz' endlich dahin, dös
G'sindel? Koan Respekt vor nix! Den anständigen Menschen d' Luft
verpesten, 'n Platz versitzen und d' Ohren doret schrei'n, daß an
andrer gar nimma aufkimmt! Und dös wollen gebildete Leut' sein? Pfui
Teifel! Da san mir scho' andere, da herinn in die Berg'!«

[Illustration]



Wilhelm Schussen:

Pilgrime


Abseits vom Heer der modernen Literaten und Poeten steht +Wilhelm
Schussen+, ein +eigenwilliger+ und +eigenartiger+ Kopf, ein Verneiner
aller Gesellschaftslügen und aller Scheinwerte unserer Kultur, ein
rarer Vogel, der seine »philosophischen Kuckuckseier« in das enge
Nest der Konvention legt. Vor seinem ehrlichen und rücksichtslosen
Suchertum fallen die Kulissen unserer öffentlichen und persönlichen
Zustände; Heuchler und Schelme zu entlarven ist ihm ein grimmiges
Bedürfnis. Fern allem Zelotismus und Pharisäertum aber bricht er nicht
selbstzufrieden den Stab über den armen Sündern -- was er will und
dichterisch gestaltet, ist die +sittliche Läuterung+ des irrenden
Menschen. Eine kraftvolle, reiche und ungesuchte Sprache spiegelt seine
kantige und starke Persönlichkeit. Gleich dem Vinzenz Faulhaber seines
Schelmenromanes stammt Schussen aus dem Schwäbischen; er ist am 11.
August 1874 in Schussenried geboren. Sein bürgerlicher Name lautet
+Wilhelm Frick+ in Fürstenfeldbruck bei München.

            L. Adelt.



Pilgrime.


Da sah ich kürzlich in einer Sammlung japanischer Beinschnitzereien
unter den vielen kunstvoll gearbeiteten Gegenständen auch ein
entzückend hübsches elfenbeinernes Figürchen, das den schlauen Meister
Reineke als Pilger darstellte, wie er, eingehüllt in einen Mantel
und die mit dem Pilgerstab versehenen Hände vor dem Leibe gekreuzt,
barfüßig auf dem Wanderwege Halt macht und sich eben wieder einmal
umsieht, ob keine Augen in der Nähe wachen.

Er wird, das merkt man seinen Mienen schon im voraus an, sich herzlich
satt lachen, wenn er sich unbehelligt weiß, oder er wird, sofern etwa
eine alte Frau oder eine junge, die sich an seiner Gottseligkeit
erbauen wollen, vorbeikommen, das Haupt noch tiefer herunterfallen
lassen und die Züge noch mehr verklären und mit schönen Lichtern
begießen.

Und jetzt fallen einem ganz von selber alle die alten Geschichten
wieder ein. Und man denkt wieder sofort daran, wie der Spitzbube
sich gar einmal als Beichtvater vermummte und im Dämmer der
Adventszeit einen Dom entheiligte und daselbst Männern und Frauen
und Kindern und Nonnen und Kapuzinern die Beichte abnahm und eines
jeden Gewissen erforschte und einem jeden seinen Zuspruch erteilte
und von allen Sünden lossprach und eine gehörige Buße auferlegte. Es
ist selbstverständlich, daß er so nebenzu auch an die eigene Seele
dachte und die gute Gelegenheit nicht ohne Nutzen gebrauchen wollte.
Befahl er doch einem bekannten Weinhändler, der immer den Wein
verbesserte, weil ihm der Regen unseres Herrgotts nicht genügte, zur
heilsamen Buße einen großen Korb Weintrauben bei Nacht und Nebel nach
einem stundenweit entfernten Walde zu tragen und dort am Fuße der
sogenannten Geistereiche niederzulegen. Auch forschte er einen reuigen
Rentner, der ihm bekannte, er hätte bei einem Gansessen des Guten ein
bißchen zu viel getan, so lange aus, bis er wußte, wieviel Gänse der
Geflügelstall noch beherbergte und wann die Magd des Abends schlösse
und des Morgens wieder öffnete. Es ist ja auch nichts Neues, daß er
dann beim Bekenntnisse einer schon angejahrten Jungfer laut auflachte
und die Füße unterm Rock vorstreckte und auf diese Weise entlarvt und
vom Meßner fortgeprügelt wurde. --

Das sind die alten Geschichten, die, wie die hübsche Elfenbeinfigur
bestätigt, auch den Japanern und wohl auch anderen Völkern nicht fremd
bleiben konnten. Solche Streiche hat nun der Schreinermeister Lorenz
Daisenrieder nie ausgeführt. Das leuchtet ohne weiteres in die Augen.

Aber Schloßverwalter des Schlosses zu Wittenberg hätte er doch einmal
gar zu gerne werden mögen und wäre es beinahe auch geworden, wenn
jene unglückselige Wallfahrt, die hier erzählt werden soll, nicht so
übel geendet hätte. Übrigens war wieder einmal seine Frau Mechthilde
an allem schuldig gewesen. Das war so die Regel. Und er hätte es
eigentlich wissen können.

»Lorenz,« hatte sie abends im Bett zu ihm gesagt, »wenn ich du wäre,
Lorenz, tät ich schon lieber meinen Kopf durch ein Schloßfenster
hinausstrecken als durch ein Schiebefenster, wo du ihn übrigens nicht
mal durchbringst, weil er zu dick ist.«

»Drum hab' ich mich ja bereits an den Laden gelegt,« versetzte er, sich
ein paarmal tüchtig rülpsend.

»Was heißt an den Laden gelegt? Mit dem An-den-Laden-gelegt ist noch
nichts getan. Regen mußt du dich, Lorenz, wenn du es zu was bringen
willst.«

»Petitioniert hab' ich,« sagte er darauf.

»Ach was, petitioniert,« sagte sie.

»Der Graf ist ein Esel. Ganz Wittenberg weiß es. Sonst tät er sich ein
sauberes Weib ein und ließe es sich mit ihr wohl sein.«

»Die alte Schloßverwalterin habe nach dem Tode ihres Mannes ein
Vermögen von dreißigtausend Mark fortgeschleppt, hört man,« erzählte
Frau Mechthilde.

Daisenrieder richtete sich im Bett auf und sagte: »Das finde ich nicht
'mal so viel. Es wird sich einer doch auch noch ein paar Groschen
ersparen dürfen, wenn er sich so und so lange abplagt.«

»Wieviel hast denn du schon erspart?« spottete sie, und es war gut, daß
er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

»Drum hab' ich ja auch petitioniert,« versetzte er ärgerlich. »Davon
bist mir jetzt aber sofort still. Sag' lieber, auf welcher Geldbank
hast denn du deinen Profit aufgehoben? Und hast auch dein Papier gut
versorgt? Und bist auch Mitglied der Wach- und Schließgesellschaft,
damit dir niemand deinen Reichtum stiehlt?«

»Der Schloßpastor habe großen Einfluß auf den Grafen, heißt es,«
behauptete sie weiter.

»Der Domänenrat Mehltreter wird wohl auch ein Wort haben,« widersprach
er mit Fleiß.

»Davon hab' ich noch nichts gehört,« beharrte sie, richtete sich
ebenfalls auf und stützte den Rücken mit ihren beiden Kopfkissen. »Wenn
man nur mal den Kaplan für sich hätte, dann ginge es; verlaß dich
drauf.«

»Gestern bin ich dem Grafen begegnet,« erzählte er.

»Wo bist du ihm begegnet?« fragte sie angelegentlich.

»Im Sägewerk natürlich, wo er Tag für Tag aufpaßt und die Stämme zählt
und die Bretter zählt und acht gibt, daß der Wind keinen Splitter
fortweht. Und derweil kriegt sein Geld Füße und verschwindet zu allen
Hintertüren hinaus.«

»Hast ihn doch angesprochen?«

»Nein,« sagte er.

»Das hättest aber tun müssen, Lorenz. Wie kann man so was
vergleichgültigen?« tadelte sie und schlug mit den Händen auf das
bauschige Oberbett. »Guten Tag, Herr Graf, hätt' ich an deiner Stell'
gesagt, guten Tag, mit Verlaub und nichts für ungut, Herr Graf, aber
ich hätt' ein kleines Anliegen, Herr Graf. Nehmen es Seine Durchlaucht
nicht in übel, wenn ich halt so frei war und um die Verwaltersstell'
eingegeben hab', und wenn ich jetzt noch so beiläufig ein gutes Wort
für mich einlege, Herr Graf. So hätt' ich gesagt, wenn ich an deiner
Stell' gewesen wär. Und dann hätt' ich ihm den ganzen Fall gründlich
expliziert.«

»Wenn dir aber der Graf über die Eichenstämme weg davongesprungen wäre,
wie er es mir getan hat, wie hättest du dann gesagt?« foppte er.

»Es gibt nichts anderes, als man wendet sich noch extra an den Kaplan,«
sagte sie.

»Das darfst mich nicht lang' heißen. Das tu' ich schon. Aber das tun
die andern alle auch. Soweit wirst du die Welt kennen,« sagte er und
rülpste sich wieder.

»So meine ich es jetzt nicht, Lorenz,« erklärte sie zutulich und strich
mit den Handflächen über die Bettzieche weg. »Man müßte sich beim
Kaplan nur erst mal gut dranmachen, Lorenz, verstehst du mich, und ihn
für sich gewinnen. Verstehst du mich?«

Daisenrieder aber ließ sich wieder auf sein Kissen zurückfallen, schloß
die Lider und hörte der Frau Mechthilde zu, halb davon träumend, wie
schön es wäre, wenn er die Stelle bekäme, und halb neugierig darauf,
was seine Frau ihm nun wieder für Mittel vorschlüge. Er war übrigens
zum voraus sicher, daß er keines dieser Mittel anwenden würde, sondern
vielmehr ganz seinem eigenen Kopf folgen müsse, wenn er etwas erreichen
wollte.

»Der Herr Kaplan sei jeden Mittag um viere in der Schloßkirche und bete
sein Brevier, hab' ich sagen hören, und ich selber hab' ihn auch schon
dort angetroffen,« sagte sie weiter.

»Jawohl, und was willst du damit?« fragte er aus seinem Dunkel heraus.

»Man müßte die nächsten Tage z. B. mal -- eine Wallfahrt machen,«
rückte sie endlich heraus.

»Jetzt glaub' ich bald, du rappelst, Mechthild'!« rief er aus.

»Man könnte zum Beispiel ganz gut die Stationen beten, und wenn uns
dann noch zufällig jemand vom Schloß sehen tät, wär's auch kein Schaden
nicht. Jetzt, wo das Laub von den Bäumen weg ist, sieht man deutlich
vom Schloß auf den Kreuzweg hinüber,« redete sie aber unbekümmert
weiter. Er lachte immer nur und stieß den Atem so heftig durch die
Nase, als wollte er eine Dampfmaschine nachahmen.

»Und zum Schluß täte man die Aufopferung in der Schloßkirche abmachen.
Da brauchst gar nit lachen, Lorenz. Das wär' noch gar nichts
Einfältiges und auch gar nichts Unrechtes. Und wenn's was nützen tät,
wär's dir so lieb wie mir. Das ist nun mal so: wenn man Wasser will,
muß man zum Brunnen gehen. Auch ist das Wallfahrten noch nie eine Sünd'
gewesen. Und wenn man Gott darum bitten darf, daß man in Himmel kommt,
darf man ihn auch darum bitten, daß man Schloßverwalter wird,« sagte
sie allen Ernstes. »Daß du aber die Stellung so gut wie jeder andere
versehen kannst, wirst mir wohl noch glauben wollen,« schloß sie, an
seine schwache Seite sich wendend.

»Sicher mal so gut oder besser als der alte Schloßverwalter selig,«
sagte Daisenrieder nun ganz ernsthaft.

»Na also, was besinnst du dich dann noch lang?« predigte sie, indem sie
ihr vom hellen Übereifer locker gewordenes Kopftuch festband.

»Das erste wär', daß ich das Einfahrtstor anders anstreichen ließe oder
es selber anstriche. Es ist eine Schand', was das Tor für ein Gesicht
gegen die Straße hin macht,« sagte er. »Und auch die drei alten Eschen
im Hof müßten mir umgemacht werden.«

»Na also!« ermutigte sie ihn.

»Und inwendig im Schloß fehlt es auch da und dort. Eine Schand', solch'
ausgeschlorkte Fliesen, wie sie der untere Flur noch hat.«

»Na, also, siehst du, du hättest doch den Kopf dazu, Lorenz.«

»Was aber eben nicht anders sein könnte, ließe ich natürlich wie es
ist. Denn wenn ich mal Verwalter wär', wär' mir meine Ruh' eben wohl
was wert, verstehst mich? Das kann ich dir gleich zum voraus sagen.«

»Na, also!« rief sie zum vierten Male.

Er drehte sich um und legte sich auf die Seite, sein Antlitz der Frau
Mechthilde zuwendend. »Das Einfachste wär', man tät' die Sach' gleich
morgen nachmittag abmachen. Zur Hildegard oben, die ja doch alles
gewußt haben muß, tät man ganz einfach sagen, man müsse auf eine
Hochzeit oder zur Kindstauf' nach Moosheim. Was meinst?«

»Daß du ganz recht hast, mein' ich,« lobte sie ihn. »Ich sag's ja
immer, es kommt bloß darauf an, daß der Kaplan mal eine gewisse Ansicht
von dir kriegt, und die kann er nur kriegen, wenn er dich sieht. Ein
Kaplan ist in diesem Punkt auch ein Mensch wie wir andern. Und nachher
kannst du dann immer noch bei ihm vorstellig werden und beim Grafen
Besuch machen und beim Domänenrat oder wo du willst. Wenn's nur mal
erst richtig angefaßt ist, das andere kommt dann von selber; verlaß
dich darauf. Aber richtig anfassen muß man es.« Sie wiederholten noch
einigemal, was sie eben gesprochen hatten, und es blieb nun dabei, daß
sie morgen nach dem Mittagessen ihre Wallfahrt ausführen wollten.

Nun war es ganz still in der Kammer, und man hörte draußen einen Hund
dumpf vor sich hinbellen und dann wieder breit hinausheulen.

»Wenn das Viech mal still wär', hätt' ich nichts dagegen,« schalt er.

»Es ist dem Feilenhauer seiner. Wenn du recht nachguckst, hat der
Feilenhauer auch um die Verwalterstell' angehalten. Aber kriegen tut
sie halt bloß einer,« redete sie ihm zu, weil sie wußte, daß er nur
der Stelle wegen auf den Hund so bös war.

Jetzt klingelte das Ladenglöckchen beim Strumpfwirker drüben, und bald
darauf ließ der Nachbar den Rollladen herunter.

»Schon neune,« gähnte Frau Mechthilde in einem langgezogenen hellen
Schwung.

»Wär' wirklich nichts Dummes, die Schloßverwalterstelle,« murmelte er
nochmals, halb in Schlaf und Traum. -- -- --

Des andern Morgens ging Daisenrieder zunächst wie gewöhnlich seinen
Handwerkspflichten nach. Er schritt also, den Bleistift hinterm Ohr
und den gelben Maßstab in der ausgeschlitzten Rocktasche, durch die
Baldungsstraße und Goethestraße, rauchte seine Zigarre und überdachte,
wie er dem Kleiderschrank der Frau Stiegele wieder auf die Beine helfen
könnte. Jedenfalls mußte er sich den Kleiderschrank erst mal ansehen,
wenn er ihn aufrichten wollte. Vorher konnte er überhaupt nichts sagen.
Die Frau Stiegele hatte da merkwürdige Ansichten. So schnell ging das
Ding doch nicht ...

Mußte ein neuer Fuß eingesetzt werden. »Würde innerhalb der nächsten
acht Tage, spätestens aber bis zum Thomastag erledigt werden,«
versprach er der Frau Stiegele.

Nun wollte er heim, um den Kindersarg, der bereits vollendet in der
Werkstatt stand, zu Oberlehrers zu tragen, ward aber auf dem Weg
vom Rathausdiener aufgehalten, der ihm bekannt gab, daß die Tür zum
Sitzungssaal ripste. Nach einer halben Stunde war der Fehler behoben
und die Tür konnte nun ohne Ripsen auf- und zugemacht werden. Und
Daisenrieder entzündete die vierte Zigarre am Stummel der dritten und
wandelte heim zum Vesperbrot.

»Wär' schon recht schön, wenn er, statt so umherzuwalzen, zu einem
der schönen Schloßfenster über Wittenberg her und ins weite Tal
hinunterschauen dürfte.« -- -- --

Sein Frühtrunk in der Schwanenwirtschaft fiel heute reichlicher als
gewöhnlich aus. Dann sägte er vor dem Mittagessen noch eine Weile an
einem Brett herum. »Wär' doch recht schön, wenn -- --.«

       *       *       *       *       *

Um die zweite Mittagsstunde verließen die beiden Pilgrime ihre kleine
Klause.

Daisenrieder hatte seinen schwarzen Flügelrock angezogen, den er seit
seiner Hochzeit bei allen wichtigen Gelegenheiten trug. So konnte
er auch die Ausrede, sie gingen zu einer Kindstaufe nach Moosheim,
leichter aufrechterhalten. Und die Frau Mechthilde hatte das schöne
rot und blau gestreifte Kopftuch auf, dessen lange Fransen so drollig
auf dem dunkeln Obermäntelchen hüpften, und hatte den blauen Rock an,
den sie nun sorgfältig hochhob, damit ihm kein Leides geschähe und
der rote, halbflanellene Unterrock auch zu seinem Rechte käme. An
der ersten Kreuzwegstation legte Daisenrieder seine Zigarre weg, auf
den Astwinkel eines nahen Birnbaumes. Alsdann nahm er den schwarzen
Filzhut vom Kopf und hielt ihn mit den Daumen der gefalteten Hände
dicht vor den Leib. Nun sah man auch seine helle Glatze, über die ein
paar einsame Fäden krochen, ins Ferne hineinstrahlen. Ein luftiges
Schweißwölkchen aber rauchte und wirbelte gen Himmel hinauf. Die runden
Wangen waren hochrot, und die drusige Nase ragte glanzblau aus der Glut
heraus. Vom fetten Nacken quoll ein dicker Wulst gegen den schwarzen
Flügelrock herunter. Die kühle Dezemberluft aber spielte mit den beiden
Rockschößen und machte es so der Frau Sonne möglich, sich hin und
wieder in dem breiten Hosenspiegel zu beschauen.

Wenn Daisenrieder oder die Frau Mechthilde jetzt um sich geblickt
hätten, hätten sie noch sehen müssen, wie der Schloßkaplan zum Tor
hinauswanderte und auf der andern Seite des Schloßberges den Staffelweg
hinunterstieg. Denn der Schreinermeister Daisenrieder hatte in der Tat
einige Aussicht auf den Verwalterposten. Seine Bewerbung hatte einen
ganz guten Eindruck gemacht. Und nun sollte der Herr Kaplan den Mann
aufsuchen und mit ihm reden und dann seinen Bericht erstatten. --

Die Frau Mechthilde aber begann jetzt das Stationengebet. Und dann
beteten beide zusammen und fügten das Vaterunser an.

Sie beteten recht und im Ernste, wie es sich geziemte, und machten
ihre Kniebeuge, wie es sich gehörte, und betrachteten die gemalte
Leidensgeschichte des Herrn und machten ihre Anmutungen dazu. Und
freilich, zwischen-hinein dachten sie auch an die Verwalterstelle.
Das war nur menschlich und natürlich. Und wenn sie die Stelle auf
dem Kreuzweg erbeten konnten, so war das nur löblich. -- -- In der
Nähe des Schlosses, wohin die Stationen führten, wurden ihre Stimmen
noch eindringlicher. Und das Rauchwölkchen über dem kahlen Haupte des
Schreinermeisters ward noch sehnlicher.

So aber etwa der Graf vom Schloß aus zusah oder zuhörte, so war da
gar nichts dabei. Das konnte einem im Gegenteil nur angenehm sein. Es
hatte ja ein jeder Mensch seinen freien Willen, zuzuschauen oder nicht
zuzuschauen, und es hatte ein jeder Christenmensch das Recht, sein
Licht auf den Scheffel zu stellen und leuchten zu lassen. Dies lehrte
schon die Heilige Schrift. -- --

Der Graf hatte indessen weder die Augen noch die Ohren an einem der
hohen Fenster, sondern weilte um diese Stunde oben in der Seitengalerie
der Kirche, die durch einen Gang mit dem Schlosse verbunden war. Hier
pflegte er täglich ziemlich lange zu verharren und dann auch sogar ein
Auge auf den Schloßkaplan, der im Chorgestühl unten seinen Platz hatte,
durchs Gitter zu werfen.

Auch diese Tatsache war in Wittenberg nicht unbekannt. Im
Herrenstübchen zum Hahnenkeller vollends wußte man ganz genau, daß der
Graf seine Frömmigkeit manchmal bis zum Äußersten trieb und selbst
seinem Schloßkaplan hin und wieder Schwierigkeiten bereitete.

»Er sollte sich eine Frau nehmen und auf die Jagd und in Gesellschaft
gehen und nicht bloß Bretter zählen,« sagte auch der Herr Kaplan, wenn
er im Hahnenkeller im Kreise seiner Freunde saß.

Merkwürdigerweise hatte die Frau Mechthilde, die doch sonst alles
wußte, nie davon erfahren.

Als unsere Pilgrime laut betend die Kirche betraten, war noch kein
Kaplan zu erblicken.

»Er wird schon kommen,« sagte Frau Mechthilde zwischen ihr Vaterunser
hinein und schritt auf die vorderste Stuhlreihe der Frauenseite zu,
während ihr Mann Daisenrieder rechts auf der Männerseite Platz nahm.

Dem Grafen in der Galerie oben gefiel der schlichte Sinn dieser Leute.
Neugierig guckte er durch eine Lücke des Gitters. Er erkannte die Leute
zwar nicht gleich genau und bei Namen, aber er erinnerte sich doch, daß
er schon in seiner Sägemühle mit dem Manne zu schaffen gehabt hatte.
Und nun kam ihm auch plötzlich der Name des Mannes wieder. Daisenrieder
hieß er, ganz richtig, derselbige, der sich auch um die Verwalterstelle
gemeldet hatte.

Mit hallender Stimme sprach Frau Mechthilde das Gebet zur vierzehnten
Station noch einmal vor. Daisenrieder aber hatte unterdessen den Kopf
nach links und rechts gedreht. Denn er war allmählich müde geworden.
Und als er sich überzeugt hatte, daß keine Seele zugegen war, sagte
er mißmutig: »Das haben wir doch schon gebetet. Ich werd' doch nicht
zweimal das Gleiche beten. Überhaupt fang' ich allmählich an, genug zu
kriegen.«

»Er kann alle Augenblicke kommen,« warnte Frau Mechthilde und erstach
ihn fast mit ihren Augen. Und dann wiederholte sie das Gebet.

»Jedenfalls möcht' ich mich jetzt ein bisserl verschnaufen,« brummte
er trotzig. Gleichzeitig ließ er sich auf das Sitzbrett fallen, daß es
krachte, holte sein rotes Sacktuch aus der hinteren Flügeltasche und
trocknete sich den Schweiß vom Haupt und vom Hals und vom Nacken und
blies die Hitze von sich weg.

»Geh, mach keine Dummheiten, Lorenz, nun kann er jeden Augenblick da
sein,« warnte sie inständig.

»Dann ist's immer noch Zeit. Ich sag' dir, ich bin hundsmüd',« warf er
ihr trotzig zu.

»Du verdummst noch die ganze Wallfahrt.«

»Aber der einzige Dumme bin ich, gottlob, ja nicht. Verstehst mich?«
lachte er beißend.

»Sei wenigstens jetzt ruhig! Wenn du schon nimmer mittun willst,
so verhalt' dich wenigstens ruhig,« keuchte sie, ihren Zorn
hinunterwürgend.

Und jetzt war es so still in dem Gotteshause, daß man einander atmen
hörte. Die Stille sang einem förmlich in den Ohren.

»Ich laß mich aufhängen, er kommt nicht,« sagte Daisenrieder nach einer
Weile wieder.

»Lorenz! Sei doch wenigstens ruhig.«

Die gemalten Fenster zu beiden Seiten des Hochaltars waren wirklich
wunderschön. Die Muttergottes mit dem Kinde und die Engel sahen einen
so traulich an, und ihre farbigen Kleider glänzten prächtig im Licht
der Sonne. Man konnte schon eine Zeit lang seine Augen unterhalten und
gute Gedanken im Kopfe haben, aber alles hatte seine Zeit und sein
Ende. Und beten konnte man ja nach all dem Ärger nicht!

[Illustration]

»Ich sag's nochmal, ich laß mich aufhängen, er kommt nicht.«

»Jetzt hab doch bloß ein bisserl Vernunft und Geduld, Lorenz!« flehte
sie.

Er holte noch einmal das Sacktuch aus der Flügeltasche hervor und
trocknete sich noch einmal umständlich ab. Dann entdeckte er einen
breiten Lichtstreifen, der durch eine Scheibe auf den Kirchengang
hereinfiel. Die unzähligen Sonnenstäubchen wogten darin auf und nieder
und hin und her und wirbelten im Kreise herum, wenn er nur das Haupt
bewegte oder den Unterarm aufhob und wieder sinken ließ. Das Spiel war
wie hergerichtet zum Betrachten und Beobachten. Doch eine Ewigkeit lang
konnte man auch das nicht betreiben.

»Weißt was? Jetzt mach' ich mein Kreuz und mach', daß ich hinkomm', von
wo ich herkommen bin,« fuhr er plötzlich auf.

»Vielleicht ist er heut verhindert und kommt ein bisserl später,« sagte
sie noch einmal in gutem.

»Geh, was kümmert mich überhaupt dein Kaplan,« ärgerte er sich immer
mehr.

»Schrei wenigstens nicht so!« flehte sie.

»Meinetwegen kann er es auch hören, wenn er Lust hat. Das schert mich
gar nicht. Verstehst mich? Eine recht einfältige Sach', die du da ins
Werk gesetzt hast, daß du's nur weißt!« warf er ihr hin, ohne seine
Stimme im mindesten zu sparen.

»Aber du bist doch mitgangen,« entgegnete sie jetzt stechend, und die
bunten Kopftuchfransen wehten aufgeregt um das dunkle Obermäntelchen.

»Man sollt' sich nie von einem Weibsbild was raten lassen! Ich hab' es
mir aber auch gleich gedacht,« schimpfte er aus dem Vollen.

»Aber mit bist doch!« versetzte sie noch spitziger. »Und wenn du
Schloßverwalter werden tätst, wär's dir auch recht, oder nicht? Das
wirst wohl nicht leugnen wollen.«

»Aber deine einfältige Wallfahrt brauchte man deswegen noch lang'
nicht! So eine Dummheit!« schrie er wütend ihr entgegen.

»Daß du dein Lebtag nie Schloßverwalter wirst, das kann ich dir nun
nächstens schwören! Dann läßt du halt einen andern auf den Platz sich
hinsetzen und trägst deine Kindssärge spazieren bis an dein seliges
Ende! Eine wirklich nette Aussicht!« rief sie voll Galle.

»Nun hörst mir aber auf! Verstanden?« schrie er und ging auf sie zu.

»Fällt mir gar nicht ein,« erklärte sie jedoch gleichmütig und schaute
ihm fest ins Gesicht.

»Gut, dann adjö, ich geh' jetzt heim. Tu, was du willst,« sagte er
in verändertem Tone. »Meinetwegen kannst du ja auch dableiben und auf
deinen Kaplan warten, so lange es dir nur beliebt, und ihn heiraten,
wenn es dir gefällig ist, und den Grafen dazu, wenn du Lust hast! Ich
hab' gar nichts dagegen! Ich geh' jetzt meiner Wege, adjö.«

»Du bist doch ein rechter Dummkopf, Lorenz!« platzte sie heraus. »Das
sag' ich dir aber jetzt, so oft du es nur haben willst!«

»Und wenn wir jetzt nicht in der Kirch' wären, tät ich dir jetzt eine
herunterhauen! Das sag' ich dir ebenfalls! Und jetzt machst gleich, daß
du mit heimkommst, oder ich sag' dir noch was andres! Verstehst mich?
Denn verlaß dich drauf, daß ich dir von jetzt ab um den Schloßverwalter
keinen Schritt mehr mache, und weder zum Kaplan noch zu Pilatus, noch
zum Grafen, noch sonst wohin gehe, sondern Kindssärge spazieren trage,
so lang es mir Spaß macht. Verstehst mich? Und schließlich ist das so
schön und so nützlich wie das einfältige Bretterzählen, das der Graf
besorgt. Und überhaupt, unter so einem Esel möcht' ich nicht 'mal
Verwalter sein. Verstehst mich? Nun wirst wohl keinen Zweifel mehr über
meine Gesinnung haben? Und jetzt machst sofort, daß du heimkommst!«
schrie er, alles Bessern vergessend.

»Wenn ich möcht,« entgegnete sie leise und grimmig. Und dann kniete
sie ihm zum Trotz wieder nieder und begann laut und klingend vor sich
hin zu beten.

Daisenrieder aber stand mit geballten Fäusten hinter ihr und fletschte
die Zähne. Und wer weiß, wohin ihn der nächste Augenblick noch gebracht
hätte, wenn nicht vom Galeriegitter oben plötzlich eine Stimme gerufen
hätte: »Es genügt jetzt schon, ihr frommen Leute, es genügt jetzt
schon.«

[Illustration]



Rudolf Greinz:

Das Hennendiandl


+Rudolf Greinz+ ist +Tiroler+ und ist ein Erzähler von der guten alten
Art. Als Tiroler kennt er seine Landsleute, kennt diese Holzbauern,
Knechte und Mägde, die uns seine Geschichten schildern: die Biederen
und die Verschlagenen, die Dickköpfigen und die Leichtherzigen, die
Gutmütigen und die Geizhälse, wie sie nur noch der Herr Pfarrer vom
Beichtstuhl her kennt. Die Romane und Novellen nicht minder als die
»Bauernbibel«, das »Krippenspiel« nicht minder als die dem Leben
nachgedichteten drolligen »Marterln« beweisen diese innige Vertrautheit
mit der Vorstellungswelt des Tiroler Bauern und eine wahrhaft
dichterische Kraft der Einfühlung. Eine besondere Neigung hat Greinz,
auch darin seinem steirischen Nachbar Rosegger verwandt, für die
+Schnurre+, die seinem Vergnügen an bäurischen Till-Eulenspiegeleien
und seinem Humor volkstümlich entgegenkommt: sein herzhaftes Lachen
lacht aller Torheiten und liebt dabei doch die törichten Menschlein,
die sie begehen. Greinz lebt in München; geboren ist er in Pradl, am
16. August 1866.

            L. Adelt.



Das Hennendiandl.


Die dummen Geschichten, die einem selber passiert sind, erzählt man
regelmäßig am unliebsten. Zur heilsamen Buße für unterschiedliche
Sünden muß ich mein Abenteuer mit dem Hennendiandl aber doch einmal
auskramen.

Es ist schon ziemlich lange her. Ich war damals in der höchsten
Blütezeit der holdesten Jugendeselei. Es war in den Ferien nach meiner
Gymnasialmatura. Ich genoß meine frisch erworbene Freiheit mit vollen
Zügen in Gestalt einer Sommerfrische im Brandenberger Tal.

Von Rattenberg im Unterinntal aus wanderte ich an einem Julitage
mit dem Schnerfer[11] am Rücken über das uralte romantische
Frauenklösterlein Mariatal in die Bergeinsamkeit von Brandenberg.
Durch rauschenden Buchenwald entlang der Brandenberger Ache, deren
spiegelklares Wasser einen ganz eigenartigen Perlmutterglanz hat.
Völlig wie zauberische Farben von Märchenbronnen. Eine weite Strecke
über einen schier ebenen Saumpfad und schließlich steil empor nach der
im Hintergrund des Tals gelegenen Gemeinde Aschau.

Ein richtiger Schinderweg, der einem bei Sonnenglut den letzten
Schweißtropfen aus den Poren treibt. Aber droben auf den grünen
Bergmatten, über die sich weit verstreut die Bauernhöfe von Aschau
breiten, ist's dann um so herrlicher. Man sieht nicht allzu fern in der
Runde. Die Welt ist eng begrenzt da droben. Um so leichter vergißt man
auf die Welt draußen.

Aschau hat ein einziges kleines Wirtshäusl. Ein richtiges
Bauernwirtshäusl, in dem es wohl einen guten Tropfen Wein, aber in der
Kost verdammt wenig Abwechslung gibt. Speckknödel, Schmarrn, Geselchtes
mit Kraut, Topfenbaunzen[12] oder Erdäpfelnudel, das macht so ziemlich
die ganze Speiskarte aus. Höchstens einmal ein frisches Schweinernes,
wenn gerade ein Bauer schlachtet.

An Werktagen war es recht einsam in dem Wirtshäusl. Kaum daß sich hie
und da ein Gast dahin verirrte. An Sonn- und Feiertagen ging es aber
sehr lebhaft zu. Da kamen die Bauern und Knechte und huldigten dem
Vergnügen des Kegelscheibens. Es war eine prächtige Kegelbahn beim
Wirt, auf der oft hitzige Schlachten ausgefochten wurden.

Schon am ersten Sonntag meiner Sommerfrische in Aschau hatte ich den
Kranzelscheiber Lex kennen gelernt, der alsbald mein besonderer Freund
und Vertrauter wurde. Mit seinem gewöhnlichen Namen hieß er Alexius
Hupfauf und war Knecht beim Kirchebner, einem größern Bauern in Aschau.
Der Lex war der beste Kegler in der ganzen Gegend. Daher auch sein Name
Kranzelscheiber Lex.

Er weihte mich in die höheren Geheimnisse des Kegelscheibens ein. Wie
man eine sogenannte »Prälatenwurst« scheibt, d. h. auf einen einzigen
Wurf die drei mittleren Kegel mitsamt dem König zu Fall bringt. Dann
die schwierigere Technik der Kranzeln. Da gilt es, auf drei Würfe
sämtliche Kegel mit Ausnahme des Königs in der Mitte zu fällen. Und
endlich das Ideal jedes Keglers: das Naturkranzel. Das ist das oben
erwähnte Kranzel auf einen einzigen Wurf. Die Naturkranzeln sind
übrigens so selten, daß sie mit Jahr und Datum an den Balken der
Kegelbahn angekreidet werden.

In der freien Zeit, die mir das Kegelscheiben und das
Herumstrapanzen[13] in der Gegend ließ, hatte ich mich schauderhaft
verliebt. Der Gegenstand meiner Verehrung war ein junges, etwa
neunzehnjähriges Diandl mit dunkelbraunen Zöpfen, braunen lustigen
Augen und einem herzigen G'sichtel. Das Vronele beim Gschwentnerbauern.

Der Gschwentner war der reichste Bauer in Aschau. Sein Gehöft konnte
wahrhaft stattlich genannt werden. Ein breit und massig hingebautes
Bauernhaus mit großem Stall, Heustadel und Tennen und mit einem
ausgedehnten grünen Anger.

Die Gschwentnerbäuerin hatte eine geradezu leidenschaftliche Vorliebe
für Geflügelzucht. Das größte Kontingent stellten natürlich die
Hennen. Es waren aber auch ziemlich viele Enten und Gänse auf dem Hofe
vorhanden. Sogar ein welscher Truthahn stolzierte in dem Anger umher.

Für die Hennen hatte der Bauer einen eigenen Stall errichtet. Ein
kleiner Teil des Tennen war zum Hennenstall umgebaut worden, zu dem vom
Erdboden aus ein schmales Stiegerl hinaufführte.

Für die Hennen und das übrige Geflügel hatte sich die Bäuerin eine
eigene Dirn angestellt, die in Aschau allgemein nur das Hennendiandl
hieß. Und dieses Hennendiandl war eben das Vronele, an die ich mein
Herz verloren hatte.

Natürlich hatte meine Angebetete davon keine Ahnung. Über ein paar
schüchterne Versuche, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, war ich
nicht hinausgekommen. Und diese Gespräche drehten sich immer nur um
die Hennen. Bei diesem Thema blieb ich unrettbar kleben und suchte
vergebens den nötigen Übergang zu einer Eröffnung meiner Gefühle.

In dieser verzwickten Lage kam mir der Kranzelscheiber Lex zu Hilfe,
den ich in mein Geheimnis einweihte. Er hatte mir mit entschieden
großer Aufmerksamkeit schweigend zugehört, lachte unter meiner
Erzählung mehrmals verschmitzt und tat schließlich die schmeichelhafte
Äußerung: »Weißt was, du bist a dalketer[14] Teufl. Ös Stadtlinger
habt's halt alle an Leibschaden im Hirn! Dö G'schicht' mit 'm
Hennendiandl hast ja ganz verdraht ang'fangt: da muaßt zum Vronele
fensterln geh'n, wenn d' wissen willst, wia d' dran bist!«

Als ich ihm erklärte, daß ich so was doch nicht recht wagen würde, fuhr
mich der Lex an: »Laß dich nit auslachen, du Trauminit! Wenn du dein
Herz in der Hosen hast statt am richtigen Fleck, nacher wirst nia was
ausrichten bei an saubern Diandl! Übrigens, weil's du bist, will i 's
erste Mal mit dir geh'n und dir 's Loaterl halten.«

Ich war überglücklich, daß sich der Lex so echt freundschaftlich meiner
annahm, und befand mich drei Tage lang in großer Aufregung und in
spannender Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Denn so lang
dauerte es noch, bis der Fensterlgang angetreten wurde.

Es müsse eine stockfinstre Nacht sein, hatte der Lex gesagt. Da jetzt
Neumond eintrete, hätte ich gerade die günstigste Zeit erwischt.
Inzwischen hatte mir der Lex auch gesteckt, daß mich, soweit er sich
auskenne, das Vronele gar nicht so ungern sehe.

Stockfinstre Nacht war's, als ich mit dem Lex den Weg zum
Gschwentnerhof hinauftappte. Schwere Wolken zogen am Himmel. Eine
schwüle Sommernacht. Ich stolperte neben dem Lex dahin, der eine kleine
Leiter trug.

Endlich kamen wir an den Angerzaun des Gschwentner. Ein Gatterl
knarrte. Es ging über weichen Rasen dahin. Das Gehöft war nur in ganz
verschwommenen Umrissen gegen den dunklen Nachthimmel zu erkennen. Kein
Lüfterl regte sich. Ein paarmal wäre ich bei einem Haar mit dem Schädel
gegen einen der Bäume im Anger gerannt.

Jetzt schienen wir zur Stelle zu sein. Wenigstens machte der Lex Halt
und lehnte die Leiter gegen die Mauer. Mein Herz klopfte hörbar.

»Da is 's Kammerfensterl vom Vronele!« flüsterte der Lex. »Jatz pass'
auf, damit 's nächste Mal 's Fensterln selber kannst!«

Der Lex tat mit der Zunge ein paar Schnaggler, daß es klang wie
gedämpftes Peitschenknallen. Dann begann er halblaut mit unterdrückter
Stimme zu singen:

    Diandl, mach's Riegerl auf,
    mach' mir dei' Riegerl auf,
    Diandl, mach auf!
    Lass' mich nit lang so pass'n
    da herunt' auf der freien Gass'n,
    Diandl, mach auf!
    Diandl, Diandl, kennst mich nit,
    oder is dös dei' Fensterl nit? --
    Diandl, mach auf! ...

Und so ging es noch ein paar Strophen weiter. Nichts rührte sich.

»I will amal z'erst aufisteig'n und a bissel anklopfen!« sagte der
Kranzelscheiber Lex leise und stieg im nächsten Augenblick flink wie
ein ›Oacherl‹[15] die Leitersprossen empor. Ich hörte, wie er mehrmals
klopfte.

Wiederum lautlose Stille. Dann hörte ich den Lex sagen: »Mir scheint,
's Vronele rührt sich schon!«

Bald darauf vernahm ich, wie sich etwas in den Angeln drehte.
Gleichzeitig kletterte der Lex die Leiter wieder herunter.

»Sie hat 's Fensterl aufg'macht!« flüsterte er. »Schleun'[16] dich,
steig' ein!«

Er schob mich gewaltsam zur Leiter und schob noch hinter mir nach, daß
ich, ob ich nun wollte oder nicht, nach oben klettern mußte.

»Steig' ein!« hörte ich den Lex, der hinter mir auf der Leiter stand.

Ich tastete um mich und griff eine Art Fensterbalken. Eine warme
dunstige Luft schlug mir entgegen.

»Steig' ein!« hörte ich noch den Lex sagen. Dann schob er mich durch
die Öffnung im Gebälk durch. Ich purzelte nach vorn ins Dunkle. Noch
ein kräftiger Schub des Lex, und ich war drinnen. Hinter mir hörte ich
es zuschlagen und einen Riegel vorschieben.

Das war das Werk weniger Sekunden. Ich tastete um mich und griff mit
den Händen in lauter Stroh. Dann richtete ich mich auf und stieß mir
den Kopf derart an den Überboden des Raumes, in den ich geraten war,
daß mir die hellen Funken vor den Augen tanzten und ich unwillkürlich
in die Knie sank.

Gleich darauf ging rings um mich herum ein Heidenspektakel los. Ein
Springen und Flattern und aufgeregtes Gackern, daß ich vorläufig
ganz betäubt war. Ich kam jedoch rasch genug zu der Erkenntnis, daß
ich mich nirgend anderswo befand, als im Hennenstall. Das in seiner
Nachtruhe gestörte und durch meinen plötzlichen Einbruch ganz entsetzte
Hennenvolk tobte wie wahnsinnig um mich herum.

Ich schlug mit beiden Armen aus und trommelte mit den Fäusten gegen
die feste Balkenwand. »Lex!« rief ich, »Lex! I bin im Hennenstall. Wir
haben 's Fensterl verfehlt! Mach' auf, Lex!«

Keine Antwort erfolgte. Ich glaubte jedoch ein unterdrücktes Lachen von
draußen zu hören.

»Aufmachen, Lex! Hast g'hört!« trommelte ich weiter. Keine Erhörung. So
polterte ich wohl noch eine Viertelstunde.

Während dieser Zeit kam es mir zur Erkenntnis, daß der verflixte Lex
mir einen Possen gespielt hatte. Je mehr ich wütete, desto rasender
wurden die Hennen.

Daß man im Haus von dem Spektakel im Hennenstall nichts hörte, dafür
fand ich erst später die Erklärung. Der Tennen lag weit nach rückwärts
und war von dem Haus durch den Stall und durch den mächtigen Heustadel
getrennt. Zudem gingen die Fenster der Schlafkammern alle nach vorn
heraus. Bei dem gesunden Schlaf, den ein Bauer hat, hätte ich also wohl
noch die halbe Nacht toben können.

Ich beruhigte mich aber schließlich und kauerte mich in stumpfer
Verzweiflung in eine Ecke des Hennenstalles, durch dessen Türl mich der
Lex statt durch Vroneles Fensterl hatte schlüpfen lassen. Ich kam mir
unsäglich dumm vor. Ich glaube sogar, ich habe vor Zorn geweint.

Mit mir beruhigten sich auch die Hennen. Sie schienen sich mit meiner
Anwesenheit abgefunden zu haben. Nur hie und da flatterte eine herum.
Dann aber hockten sie offenbar wieder auf.

Es kommt mir vor, als ob ich einige Zeit geschlafen hätte. Neuerliches
Geflatter brachte mich wieder zu mir selber.

Durch die Ritzen im Holzbau des Hennenstalles brachen die Strahlen der
Morgensonne. Ich hörte, wie sich Schritte näherten. Ein Riegel wurde
zurückgeschoben. Das Türl tat sich auf. Der helle Morgen schien herein.

Draußen stand das Vronele und lockte die Hennen ... »Bull ... Bull ...
Bull ... Bulliii ...« das Geflügel enteilte dem Stall.

Zuletzt guckte das lachende Gesicht des Hennendiandls in den Stall
herein. »Oha, da hockt noch a Gockl drin!« rief sie.

Ich sprang in meiner Ecke empor, stieß mir den Schädel noch einmal
damisch an, kroch durch das Türl an dem Vronele vorüber ins Freie,
setzte wie gehetzt mit ein paar Sprüngen über das Hennenstiegerl
hinunter und von da fort über den Anger, hinaus beim Gatterl und weit
weg vom Gschwentnerhof.

Das Hennendiandl aber hörte ich hinter mir drein lachen, daß es völlig
erstickte.

So geschämt, wie damals vor dem Hennendiandl, habe ich mich in meinem
ganzen Leben nie. Noch am gleichen Tage packte ich meinen »Schnerfer«
und wanderte talauswärts, um das Zelt meiner Sommerfrische in einer
andern Gegend aufzuschlagen. Den Kranzelscheiber Lex aber könnte ich
heute noch bei lebendigem Leib braten.

Gesehen habe ich den Lex nicht mehr. Von der Wirtin in Aschau erfuhr
ich jedoch vor meinem Abschied durch vorsichtiges Herumfragen, daß der
Lex schon seit mehr als einem Jahr der Schatz des Vronele war. Aller
Voraussicht nach ist er in jener Nacht, während ich im Hennenstall
dunstete, selber beim Hennendiandl fensterln gegangen und hat sich
recht ausgiebig über mich lustig gemacht.

Vielleicht hat der Kranzelscheiber Lex im Laufe der Begebenheiten das
Hennendiandl geheiratet. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall soll ihn
der Teufel holen!

[Illustration]



Sophus Bonde:

Jochen Appelbaums Galion


+Sophus Bonde+ (Deckname) ist von der +Waterkant+: er versteht es,
sein Garn zu spinnen, wie nur je ein Seebär aus der Zeit, da es noch
keine Dampfer gab. Bei Windstille, wenn der Schuner tagelang mit
schlappen Segeln liegt, auf Wache in sternenklaren Nächten, an freiem
Sonntagnachmittagen, wenn Gelächter und Gesang, Musik und Tanz die
strenge Disziplin des Dienstes ablösen, da kommt auch heute noch an
Bord die eingeborene Seemannslust am Fabulieren zu ihrem Recht. Die
Phantasie entfaltet sich an der unendlichen Weite des Meeres, der
Klabautermann und tausend alte Sagen steigen aus ihm auf, +eigene
Erlebnisse+ zu Wasser und zu Lande verspinnen sich zu einem mehr oder
weniger kunstvollen Netze lustiger und gruseliger, abenteuerlicher und
märchenhafter Begebenheiten. Solch ein Erzähler von der Art, die heute
auszusterben droht, ist +Sophus Bonde+. Derber Humor und unverwüstliche
Lebenslust machen seine Geschichten zu einem Jungborn der Gesundheit,
des Behagens und der Freude an den bunten Möglichkeiten des Daseins.

            L. Adelt.



Jochen Appelbaums Galion.


Kap Lizard hatten wir längst hinter uns, und wir liefen vor
einem steifen Ostsüdost durch den Atlantik. Eines Tages, es war
Sonntagnachmittag, hatten wir es uns hinter der Back[17] bequem
gemacht und lagen und saßen in zwanglosen Gruppen herum. Einige hatten
ihren Nähbeutel neben sich und besserten ihre Sachen aus. Jochen
Appelbaum, der Segelmacher, war dabei, mit kunstgeübter Hand einen
Bettvorleger für seine Frau herzustellen. Die Vorlage dazu, eine
Fregatte unter vollen Segeln, hatte ich, der ich zeichnerisch veranlagt
war, ausgeführt und war dadurch noch eine Stufe höher in seiner Gunst
gestiegen. Nun zog er bunte Wolle, Faden neben Faden, die Farben zu der
Zeichnung passend, durch das Stück Segeltuch, welches die Grundlage
darstellte, und worauf die Zeichnung ausgeführt war. Über ein Jahr
brauchte er zu dieser Arbeit. Als sie fertig war, war es wirklich ein
Prachtstück seemännischer Kunstfertigkeit und Geduld und fand unter den
Kameraden die höchste Bewunderung.

Es wurde hin und her geredet, über dies und jenes, und als eine
Stockung eintrat und das Gespräch nicht weiter wollte, meinte der
Karpenter[18]: »Wie wär dat, wenn ein von uns ein Ende Schimannsgarn
spinnt, de Tid löbt denn so moy und een wird nicht dümmer davon. Laat
man ein los, Sailmocher, du heß veel von de Sort in't Hellegatt[19].
Man los!«

Jochen Appelbaum schmunzelte und meinte: »Tja, wenn't jug Spaas mokt,
will ik jug ein lütt Geschicht ut mine Orlogstid[20] vertellen.«

»Ja, man tau! Man tau!« riefen die Gasten im Chor und rückten dichter
zusammen, damit ihnen ja nichts von der Erzählung verloren ginge.

»In den Jahren achteinhundertvierundföftig und fifundföftig diente
ich in der dän'schen Marine als Matrose, und zwar an Bord von de
Kreuzerfregatt ›Jülland‹.«

»Wie kömmt dat, dat du in de dän'sche Marin deint hast, wo wir
alle sonst in die dütsche deinen möten?« fragte der Matrose Franz
Klattstert, ein Danziger.

[Illustration]

»Dat will ich di seggen,« erwiderte der Segelmacher. »Erstens hatte
Deutschland damals noch keine Marine, zweitens war Schleswig noch
dänisch und die jungen Leute mußten darum noch ihre Militärpflicht in
Dänemark absolvieren, und drüttens bis du een Schaapskopp, wenn du dat
nicht weißt ...

Ich war also als Orlogsgast eingezogen und diente auf der
Kreuzerfregatte ›Jülland‹. Nun müßt ihr euch aber nicht so 'n Fregatt
mit den heutigen Schlamasselkastens, die sie Kriegsschiffe nennen,
vergleichen. Nein, das war ein richtiges Schiff, wie unser hier,
mit richtigen Masten, mit Rahen, Segel und Takel; von richtigen
Schiffsbauers gebaut und getakelt, und nicht so 'n Mißgeburt, wie die
Eisenfritzen jetzt bauen. Damals mußte das Schiff mit Seeleute bemannt
sein, wie unser Schipp hier, und nicht, wie die heutigen Kriegskastens,
mit schmeerigen Heizers und sottigen Trimmers; und de Offizeers wären
Seeleute, die von der Pike auf gedient hatten, wie unsereins, und
ebensogut ein Ende splissen konnten wie ihr Besteck machen, und anderes
zu denken hatten als an't Zähne- und Nägelputzen. Seeleute waren es,
die mit 'n Schipp sailen konnten wie unser Keppen Claasen. Das waren
Seeleute dörch und dörch und keine Herrens von die Marineakademie mit
Lacksteweln und Jungfernmaneeren. Frag mal einen von dissen Herrens
Offizeers auf den eisernen Kriegskastens, ob sie es wagen, mit einer
Kreuzerfregatte unter vollen Segeln und mit guter Brise auf ihren
Ankerplatz im Hafen raufzufahren und dort mit dem Schiff um die Boje
wenden und stillhalten wie ein Streichholtschachtel im Nachttopp! Tja!
Das waren Seeleute, düsse Offizeers von damals! -- Seeleute!

Nu also, mit so 'n Schipp war ich los, und wir waren an zweihundert
Mann an Bord, lauter junge Seebären, die sich vor kein Düwel und kein
Wetter fürchteten. Wir waren auf eine Tour ins Mittelmeer, als wir
plötzlich Order kriegten, nach den dänischen Besitzungen in Westindien
zu gehen. Die Niggers auf der Insel Sankt Thomas waren aufrührerisch
geworden und murksten ihre weißen Herren ab. Wir sollten nun hin und
die schwarzen Banditen beruhigen.

Das war wenigstens mal was anderes. Ein willkommenes Abenteuer, eine
Unterbrechung in dat ewige Einerlei. Na, nun steuerten wir so schnell
wie die Schute laufen wollte quer dörch den Atlantik nach den Kleinen
Antillen, wo die Insel Sankt Thomas liegt. In ohngefähr fünf Wochen,
nachdem wir die Order gekriegt hatten, warfen wir Anker auf der Reede
von Charlotte Amalie. Tja, so heißt die Hauptstadt von der Insel. Als
die nötigen Formalitäten nun erledigt waren, wurden hundertundfünfzig
Mann an Land gesetzt, die im Verein mit der Besatzung der Insel
die Niggers, die im Inneren die Plantagen verwüsteten, die Häuser
ansengelten und ihre Herren abmurksten, bändigen sollten.

Ich war zu meinem Unglück auch mit bei die Landpartie.

Der erste Tag verging mit An'tlandsetten, Lagerinrichten und
Teltupschlagen[21].

Am zweiten Tag ging de Jagd los. In kleinen Abteilungen ging es in die
Plantagen und Wälder, wo die schwarzen Deuwels sich versteckt halten
sollten.

O, Gottegott, wie hatten die schwarzen Beesters gehaust: überall
verwüstete Zuckerplantagen und niedergebrannte Häuser, aber nirgends
eine Spur von die Schwarzen.

Wir waren strenge gewarnt worden, jo und jo nicht im Vordringen die
Fühlung miteinander zu verlieren. Die Schwarzen liebten es, vereinzelnd
gehende Mannschaften zu überfallen und niederzumachen.

Nun weiß ich nicht mehr, wie es eigentlich zuging und wie es kam,
aber mit einmal hatte ich und noch zwei Kameraden die bewußte Fühlung
verloren.

Wir befanden uns gerade in einem Palmenwald. Es war eine Hitze darin
wie in ein Backofen beim Feinbrotbacken, und uns lief der Schmalz in
dicken Tränen man immer so den Puckel herunter. ›Gottsverdammi,‹ sagt
dann mit einmal der eine Kamerad, Chrischan Kluth hieß er mit Namen,
›wißt ihr was,‹ sagt er, ›ich will euch man was sagen und ein Vorschlag
machen: Ich hab' es nu satt, in diese gräuliche Bruthitze immer so
bergab und bergauf zu laufen und nichts zu fressen als trocknes Brot
und nichts zu trinken als lummeriges Wasser aus der Feldflasche. Wenn
man wenigstens die Niggers zu sehen bekäme, damit man 'n bischen
losballern konnt, oder 'n paar lüttje Niggerdeerns, woran man sacht
seine Freude hatte, denn ließe ich es mir wohl gefallen; aber so? Nei.
Ich hab' keine Lust mehr. Ich mache euch einen Vorschlag: Wir drei
machen unter diesen schönen Bäumen eine halbe Stunde Pause, machen uns
lang und nehmen ein Auge voll Schlaf.‹

›Du haßt 'n anschläg'schen Kopp, wenn du einen mit 'n Knüppel
drankriegst,‹ sagte darauf der andere Kamerad, Anders Lütgen, ›aber
wenn wir nu bei das Langmachen überrascht werden, was dann? Wir
befinden uns sozusagen auf dem Kriegspfad, und wenn wir hier beim
Schlafen überrascht werden sollten, denn so glaub' ich allemal, daß
uns das ganz eklich bekommen würde.‹

›Ich will euch mal was sagen,‹ sagte ich dann, ›der Vorschlag ist
beachtenswert und durchaus nicht zu verachten. Ich für meinen Teil
hab' es auch schon längst dick und satt, denn mir ist am heutigen Tage
in der entfamigten Hitze mindestens drei Pfund Schmalz aus dem Puckel
gelaufen. -- Nu will ich euch mal was sagen, zwei Mann machen eine
halbe Stunde lang und einer hält unterdessen die Wache. Kömmt denn
was, purrt er die beiden raus. Wir sagen dann, wir hätten verdächtige
Geräusche gehört und hätten uns aufs Lauern gelegt.‹

›Und wenn die Niggers nu kommen,‹ meinte Chrischan Kluth, ›was dann?‹

›Na, dann muß die Wache natürlich auch purren und gleich mit die
Ballerbüx da mank ballern,‹ sagte ich dann.

Na, wir wurden schließlich über die Sache einig und suchten mank die
Bäume und Büsche nach einem schönen molligen Lagerplatz.

Wir finden auch bald einen, an 'ne kleine Lichtung, unter einem großen
Baum.

Durch Los wurde Chrischan Kluth zur Wache bestimmt.

Wir verabredeten uns, daß er nach einer halben Stunde mich wecken
sollte, worauf er eine halbe Stunde schlafen konnte.

Nun legten wir uns in den Schatten von dem großen Baum, ins weiche,
schöne Gras und schliefen in der bannigen Hitze auch baldigst ein.

Wie lange wir geschlafen haben, weiß ich nicht, Chrischan wußte es
nachher auch nicht, denn als er sah, wie friedlich wir schliefen,
dachte er: ›Ach wat, 'n lütt bitten Nicken kannst du auch, hier ist's
ja still und friedlich wie daheim in Mudders Schlafstube; hier findet
uns kein Minsch. Schlafen tue ich ja auch nicht, blots 'n lütt bitten
Nicken.‹

Und Chrischan nickt und schläft ein.

Als wir endlich aufwachten, war es schon spät am Nachmittag, und um uns
rum krimmelte und wimmelte es von Niggers. Einige waren schon dabei,
uns festzubinden.

O Gottegott, dachte ich, nu is deine letzte Stunde gekommen. Und ich
dachte, ob der liebe Gott mir auch alle meine Sünden vergeben würde ...«

»Du dachst also, dat du mit alle dine Sünden in den Himmel kämest?«
bemerkte hier der Karpenter.

»Tja, dacht hew ik dat, denn ich bin doch as en Kristenmensch getauft
und konfirmeert worden, und wenn ich auch veel sündigt hev, von wegen
das Fluchen und das Kömtrinken und de lütten Deerns, so dacht ich und
denk ich noch: wenn de Köm nicht zum Saufen und de lütten Deerns nicht
tom Leifhewen da sind, denn had de leif Gott se ok nicht erschaffen.
Also so schlimm mit meine Sünden wäre das nu nicht. -- -- -- Ja, wo
wär' ich nu noch? Ach so! Bei die Niggers, als sie uns festbanden.
Na, die verankerten uns nun, jeden an einen Baum; die beiden anderen
mir gegenüber. Dann drehten sie aus trockenes Gras dicke Knebels, die
sie uns in die Hälse wrangten, so daß wir weder schreien noch jappen
konnten. Darauf käm ein von die schwarzen Kerle mit ein Pott voll rote
Farbe und begann unsere Nasen damit einzuseifen. Ich hatte, wie gesagt,
ein Grasknebel im Halse, wenn ich den nicht gehabt hätte, hätte ich
lauthals lachen müssen, so sahen die beiden anderen aus!

Ihre Gurken glühten und glommten wie frisch geputzten
Backbordpositionslaternen in dunkler Nacht.

Aber, wie gesagt, lachen konnte ich nicht, denn mir stach ja ein Bündel
Gras ins Maul, und außerdem würde mir auch schnell genug das Lachen
vergangen sein, denn ich, oder richtiger mein Galion, erhielt Besuch;
wie es schien, ein Liebhaber von die rote Farbe. Und das war so eine
Art Wespe, die sich ohne weiteres und ohne viel zu fragen auf meine
Nase niederließ und sich dort breit machte. Sie lief hin und her,
schnurrte und tanzte und wollte schließlich auch nach Binnenbord. Doch
das kitzelte ganz infam; ich mußte niesen.

Nun wurde die Bestie wild, brummelte ein paarmal in fürchterlicher
Fahrt hin und her und stach mir dann pardauz mitten auf die
Nasenspitze. Kaum war dies geschehen, kamen noch so ein paar fleigende
Beesters und machten das erste Beest Gesellschaft. Meine Kollegen
drüben ging es auch nicht besser; sie hatten auch Besuch bekommen und
mußten auch gräsig niesen und prusten.

Und de entfamigten schwatten Kierls lachten und lachten, als wenn sie
sich kaputt lachen sollten; und dabei riefen sie: ›Dannebrogsnäs',
Dannebrogsnäs'!‹ und lachten und lachten immer döller.

Na, ich glaube, ich hätte selbst mitgelacht, wenn ich an ihre Stelle
gewesen wäre. Auf unsere Galione waren nun nicht mehr ein, zwei oder
drei Stück, nein, hunnert! dusend! Wespen, fleigende Ameisen und weiß
der Deuwel was für ein entfamigtes Krabbelzeug da zugange war. Wie
Immenklumpen an Immenkörben im Hochsommer sahen unsere Nasen aus. Und
da es ganz grauenhaft juckte und kitzelte, mußten wir immerfort niesen,
und dafür zwickten und zwackten die Beesters uns, daß uns grün und geel
vor den Augen wurde.

Währenddessen waren immer mehr Niggers hinzugekommen, und bei jedem,
der hinzukam, riefen sie: ›Dannebrogsnäs'!‹ und wollten sich vor Lachen
rein ausschütten.

Da, mit einmal hör' ich einen scharfen Pfiff, und im selbigen
Augenblick sind die Schwarzen futsch; verschwunden, als wenn sie
weggeblasen wären. Dann nach einer Weile raschelte es im Busch,
und eine Abteilung von unseren Leuten, die auf der Suche nach uns
waren, kam zum Vorschein. Na, sie befreiten uns ja nun und wrangten
uns die Knebels aus den Hälsen, aber als sie uns richtig besahen,
lachten sie auch, noch veel döller als de Niggers. Und der Führer,
ein Decksoffizeer, schrie, indem er sich den Bauch vor Lachen hielt:
›Himmeldonnerfrikandelle und Schwarzsauer! Hat man je im Leben so
was gesehen! Eure Galione glühen ja wie Bomben vor der Explosion! An
Bord mit euch, ihr Schweinehunde! Vierzehn Tage Kasten bei Wasser und
Brot soll euch gewiß und sicher sein, so wahr als ich Offizeer Seiner
Majestät Schiff »Jülland« bin. Ich will euch zeigen, was es bedeutet,
sich den Galion verschampfeeren zu lassen!‹

Na, als wir an Bord kamen. Dieses Leben! Was haben sie gelacht!

Unsere Gurken sahen aber auch aus! Angeschwollen waren sie und dick wie
Bürgermeisterbirnen; und glühen täten sie wie Mardelspicker im Feuer.
Gott bewahre, war das eine Qual!

Wir kühlten ja so viel wie möglich, und der Schwulst ging schließlich
auch weg, aber die rote Farbe konnten wir nicht wegkriegen, die ist
geblieben bis zum heutigen Tag. Sie ist in die Nase eintätowiert, aber
nicht von Tätowatöre, sondern von westindische Insekters.«

Hier schwieg der Sailmacher; sein Garn war zu Ende. Ich aber sprang auf
und lief ins Logis, setzte mich auf meine Kiste und lachte, lachte mit
der ganzen unbändigen Lachlust der Jugend.

Nun polterte auch der Jungmann herein, warf sich auf die Bank und
lachte.

»Nei, Minsch!« schrie er, »dat is jo rein zu doll!«

Er krümmte sich vor Lachen.

Der verehrte Leser fragt jedenfalls erstaunt, warum die Jungen nach dem
Logis laufen, um zu lachen.

Tja, dat is nu man so.

Das übermäßige Lachen und das Führen vorlauter Redensarten ist ein für
allemal dem Jungen an Bord verboten, wenn er die Erlaubnis erhält,
den Erzählungen der Vollbefahrenen zuzuhören. Hierüber hatte mich
rechtzeitig der Zimmermann aufgeklärt:

»Solang as du noch nicht drög[22] achter de Ohren büßt, büßt du 'n
Näswaater. Und wat 'n Näswaater is, de heet dat Mul to hollen, wenn
vernünftige Leute reden, und hat aufzumerken und ornlich zuzuhören,
damit er was lernt und nachher was versteht. Und dunn hett 'n Näswaater
nicht zu lachen, wie 'n dumme Aujust in't Zirkus, und nicht zu
fnistern[23] wie 'n unschüllig Jumfer op de Hochtid.«

Unter sotanen Verhältnissen blieb uns also nichts anderes übrig, als
uns seitwärts ins Logis zu schlagen und dort zu lachen. Und das taten
wir diesmal gründlich und mit gebührender Andacht.



Ludwig Thoma:

Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech


Eine kämpferische Natur ist +Ludwig Thoma+, der Peter Schlemihl des
»Simplizissimus« und Mitbegründer des »März«, der unerbittliche
Peitschenschwinger über alles, was ihn bureaukratisch, engherzig und
heuchlerisch im lieben Bayernlande scheint, der schärfste +Satiriker+
und urwüchsigste Humorist der jüngeren Generation und -- darüber hinaus
-- der beste Schilderer des +bayrischen Bauerntumes+. Seine Fähigkeit,
sich in andere Existenzen einzufühlen, ist erstaunlich: er +ist+
»Lausbub«, Bauernbursch, ländlicher Abgeordneter, Krieger, Vagabund,
ist es restlos in Denkungsart, Haltung, Ausdrucksweise, Schicksal.
Nie stört eine Wendung, die im Munde des Sprechenden unecht klingt;
nie tun sich Ausblicke auf, die über den Horizont des dargestellten
Kreises hinausgehen. Es hieße indes das Wesen des künstlerischen
Schaffens verkennen, wollte man diese auffällige Unmittelbarkeit der
Schilderung als naives Fabuliertalent deuten. Sie ist im gleichen Maße
auch Ausdruck einer hohen und gepflegten literarischen Kultur, die
das eigene Ich des Autors hinter dem Gestalteten unsichtbar macht.
Gerade dadurch, daß +Thoma+ die Menschen und ihre Zustände für sich
selber reden läßt, erzielt er +soziale Wirkungen+, um die sich die
Tendenzschriftstellerei mit grellen Farben und dicken Unterstreichungen
vergebens bemüht. Und darum wirkt auch sein Humor so außerordentlich:
weil er aus den Dingen selbst hervorgeht und nicht erst von der
vorgefaßten Absicht des Dichters in sie hineingelegt werden muß.
+Thoma+, der am 21. Januar 1867 zu Oberammergau geboren wurde und
vom Jus zur Literatur kam, handhabt mit gleicher Meisterschaft das
pointierte politische Gedicht wie den Leitartikel, die kurze satirische
Skizze wie den wuchtig ausholenden Bauernroman (»Andreas Vöst«), den
auf einen witzigen und schlagkräftigen Einfall gestellten Einakter wie
das Volksstück großen Stils (»Magdalena«).

            L. Adelt.



Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.


Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung
bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern
wird in der deutschen Welt.

Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.

Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein
billiges Winterquartier verschaffen können.

Und das ist hart.

Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.

Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn
lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.

Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!

Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender
Handwerksbursche. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn der Apfelbaum am
Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen
liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue
Luft nachschaut. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn die Kornähren
sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen
erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll,
wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn
die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.

Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber[24] in
die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und
pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt?

Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht, oder die Schneeflocken
wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt
sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken?

Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er
sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es
nicht tropft.

Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in
seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. --

Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver
Landesfürst.

Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in
gewissen Beziehungen zu ihm.

Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier
trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.

Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in
den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte.

Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden
Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig
doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter
ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen
des Simon Lackner.

Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht
übel, wenn seine Gendarmen grob und rauhhändig waren.

Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe
liebenswürdig geschaffen.

Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen?

Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre
einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm
nicht innewohnte.

Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein
schützendes Dach zu kommen.

[Illustration]

Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum
herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag,
hinaus.

Dort versteckte er sich in einen Holzschuppen, welcher gegenüber dem
Eingange der Anstalt lag, und wartete.

Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie
mit lauter Stimme:

»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!«

Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den
frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang
gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn
sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise
ein Winterquartier verschaffen wollte.

Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.

Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit.

Man wußte es nicht mehr anders.

Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute der
Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte: »Jetzt
wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern Tag
zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom
Holzschuppen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a
Rindviech.«

Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die
Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.

Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl is
a ...«

»Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen schon Ihre
fünf Monat.«

Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich
durch das Herzogtum Neuburg.

Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III.
sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen,
ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war
nicht ernst gemeint.

Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund
Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die
Wintersnot hinweggeholfen hat.

Ist das nicht hart?

[Illustration]



Wilhelm Fischer-Graz:

Die Rebenbäckerin


Die alte Poetenstadt Graz beherbergt in unsern Tagen das
Dichterquartett Rosegger, +Wilhelm Fischer+, Ertl, Decsey. Fischer ist
der Romantiker unter den vieren, ein feiner und bedachtsamer Sinnierer,
der durch alle Jahrhunderte deutscher +Vergangenheit+ wandelt, um
sich ein wenig fremd und unbehaglich an der Schwelle unserer Zeit
wiederzufinden. Seine Dichtung fließt aus zwei Quellen: einer lyrischen
und einer philosophischen. Beide durchdringen und vereinen sich zu
einer »Poetenphilosophie«, die dem Gedanken lebendige Form und Seele
gibt. So anmutvoll und innig Fischer die Dinge der Natur und des
Menschenherzens zu schildern weiß, so stehen sie doch nie artistisch
für sich, sondern immer unter der höheren Einsicht ihrer eigentlichen
Bedeutung: »Es ist der Vorzug höherer Naturen, daß sie die Welt mit
allen ihren Einzelheiten immer symbolisch sehen.« Diese Einsicht aber
ist Fischers unerschütterlicher Glaube an das ursprünglich +Gute im
Menschen+, ist Ehrfurcht und Andacht vor der Gottestat der Schöpfung,
ist -- mit einem Romantitel Fischers zu reden -- »+die Freude am
Licht+«. Ja, Licht, viel Licht ist in seinen Büchern: Licht, Wärme
-- Sonne. Sie wärmen innerlich und beglücken, mögen sie nun von alten
Sitten, von Kindern, Märchen oder Gedanken erzählen. Aber freilich: die
Jahre des Naturalismus waren Fischers nach innen gekehrter Art nicht
gewogen; erst als die Gemüter aus der Dürre des nackt Gegenständlichen
wieder nach tieferer Erquickung verlangten, besann man sich auf den
Grazer Stadtbibliothekar und Stadtpoeten und griff froh erstaunt
nach seinen neuen und älteren Büchern als nach dem lange vermißten
Labetrunk. Viele, viele Jahre hat der Dichter (der am 18. April 1849 zu
Tschakathurn in Ungarn geboren wurde) darauf warten müssen.

            L. Adelt.



Die Rebenbäckerin.


Frau Walburga, Meisterin ihres Hauses und eine jugendliche Witwe,
war nicht ganz so schlank wie die Reben, die sich an ihrem Fenster
emporrankten, aber sie war blond, rosig, rundlich und ein hübsches
Weib. Sie hieß auch die Rebenbäckerin, und nahrhaftes braunes und
weißes Gebäck ging aus Stube und Laden hervor, die Käufer anzulocken
und die Nachbarschaft zu versorgen. Sie wohnte in der alten Stadt Graz,
nahe der südlichen Ringmauer und lebte unbeengt und ungekränkt, es sei
denn, daß ihr die Ermahnung der Zunftmeister, sich baldigst wieder
zu verehelichen, zuweilen Sorge schuf. Jedoch erkannte sie es selber
als billig und ordnungsgemäß, daß die ehrsame Bäckerinnung wieder
vervollständigt werde und daß sie, Frau Walburga, sich ein Haupt und
einen Meister in nicht zu ferner Zeit erwählen müsse. Zwar besaß sie
einen Altgesellen, der Heinrich Harer hieß und ihres Gewerkes redlich
und emsig pflog, und der ihr nicht übler dünkte als ein anderer Mann,
von dem es im Hinblick auf das Weib heißt: er soll dein Herr und
Meister sein. Allein dieser Geselle hatte unterschiedliche sonderbare
Eigenschaften, so daß sie sich nicht entschließen konnte, ihn zu einem
vertrauteren Umgange zu ermuntern. Denn er mochte weder seine eigenen
Guttaten ins rechte Licht setzen, noch die Vorzüge anderer nach Gebühr
würdigen und war infolgedessen unfreundlicher, als es sich in der Nähe
eines jungen Weibes geziemte, das von der Zunftobrigkeit verhalten
wurde, sich nach einem passenden Ehewirte umzusehen. Und da sie es als
den Brauch ihres Geschlechtes erkannte, dem Manne ein begehrtes Glück
zu spenden, und dieses Gesellen Herz nicht gläubig genug schien für
die Offenbarung eines solchen: so blieb sie die Meisterin und er der
Knecht. Sie zuckte die Achsel, wenn sie seiner in der einsamsten Stunde
gedachte, und schüttelte den Gedanken an ihn wieder ab. Das Gewerke
jedoch gewann unter seiner Obhut eine günstige Ausbreitung, und dessen
war sie wohl zufrieden.

Dann grüßte sie noch ein zweiter Geselle im Hause als Meisterin.
Dieser war um einige Jahre jünger als Heinrich Harer, gehabte sich
meistens wohlgemut, dankte dem lieben Herrgott für das Leben und alles
holdselige, was darin sprießt, gar herzlich und schätzte demgemäß alles
nach rechtem Verdienste; auch war er mit sich selber nicht unzufrieden.
Er hieß Jost Seydlin.

Die beiden Gesellen hielten gute Kameradschaft miteinander, und Frau
Walburga war auch damit wohl zufrieden.

Zuweilen dachte sie: »Wäre Jost, der wohlgemute Mann, mein Altgeselle,
so würde sich +das+ leichter fügen, was ich einmal zu tun verhalten
bin; denn er ist hellen Angesichts und klaren Gemütes und würde sich
leichtlich zu mir finden, sobald ihm nur mein Auge ein wenig zusprechen
wollte in aller Züchtigkeit und ihm sagen, daß seine Art mir nicht
zuwider sei; aber so ist er es nicht, sondern Altgeselle ist Heinrich
Harer, der weiß nicht zu schätzen, was ein braves Weib wert ist.«

Beide Gesellen waren von guter Herkunft und im Unterlande geboren,
Bürgersöhne, deren sich keine rechtschaffene Frau zu schämen brauchte,
um mit einem von ihnen nach abgelegtem Witwentuch im hellen Gewande
jugendlich und rosig zur Kirche zu gehen. So schaltete Frau Walburga
denn über beide und über alles andere Gesinde als Haupt im Hause und
mußte noch zur Zeit vergessen, daß über des Weibes Leib des Mannes
Haupt ragen soll.

Eines Tages ging sie eine weise Frau um Rat fragen. Diese wohnte im
Davidgäßchen und war kundig eines tiefen Blickes in verborgene Dinge.

»Sag mir an, gute Frau,« sprach die Meisterin, »was du von meinen
künftigen Tagen zu wissen vermagst. Was mir zu Troste geschehen kann,
das will ich gerne von dir hören und dir's auch herzlich lohnen, wenn
es zutrifft.«

»Komm wieder am dritten Tage,« sprach die weise Frau.

Und als sie wiedergekommen war, empfing sie den Bescheid: »Du wirst,
ehe das Jahr sich neigt, mit einem Manne zur Kirche gehen.«

»Ein Mann! ist das alles?« lachte die Meisterin; »und wie beschaffen
ist er, mit dem ich zur Kirche gehen soll?«

»Wie einer, der sich alles holden zu seiner lieben Ehefrauen versehen
mag und ihr redlich vergilt, was sie ihm treulich gewährt: so daß du
dich ihm unterschmiegen und dein Haupt an seiner Brust bergen kannst.«

»Das soll mir nicht zum Untroste geschehen, Frau Monika,« sprach die
Meisterin mit Erröten, »wenn es in Züchten nach dem Gebote der heiligen
Kirche über mich erfüllt wird. Aber welcher Gestalt hast du ihn
gesehen? Ist er braun oder blond?«

»Ich habe sein Bildnis nur zu nächtiger Weile gesehen, und da war es
nicht zu erkennen, ob ihm brauner oder blonder Bart um die Lippen
sproßt; aber es ist ein stattlicher Mann, das kann ich dir höchlich
beteuern. Laß dir damit Genüge sein.«

»Das will ich,« sprach die Meisterin, lohnte der weisen Frau und
ging mit erleichtertem Herzen heim. Als sie über die Herrengasse
schritt, kam ihr die Stadtwache mit Pfeifen und Trommeln entgegen, und
es gab einen hellen und freudigen Schall. +Den+ nahm sie zur guten
Vorbedeutung und lächelte, so daß ihr Antlitz überschienen ward und die
Vorübergehenden sagten: »Seht, Frau Walburga, die Rebenbäckerin! Das
ist ein junges Weib, das manchem Manne guten Mut geben könnte.«

Sie aber schritt weiter und dachte: »Wen erblicke ich zuerst, wenn ich
ins Haus komme? Das will ich mir merken.«

Aber sie erblickte einen, bevor sie ins Haus kam. Denn vom Dache
schien etwas Weißes herab, wie eine Gestalt, und als sie nahe gekommen
war, blickte sie erstaunt hinan und rief: »Was tust du auf dem Dache,
Geselle Heinrich?«

Er antwortete von oben her: »Eine Krähe rupfte das Gras zwischen den
Schindeln aus, und einige morsche sind schon herabgefallen. Da rupfe
ich das Gras selber aus und lege neue Schindeln an die Stelle von
denen, die herabgefallen sind.«

»O du weiße Krähe!« sprach sie lachend, »wie du fürsorglich bist für
mein Hausdach!«

[Illustration]

Sie sah, wie sicher er sich auf seinem hohen Sitze gehabte, und
dachte bei sich: »Herr Mennhart, mein seliger Ehewirt, hätte das
Stücklein da oben nicht ausführen können, denn er keuchte schon, wenn
er die Treppe hinanstieg, und die Leiter hätte ihn nicht getragen. Ich
armes, junges Maidlein, als ich zu ihm mit dem Brautkranze kam, war er
schon ungefüge. Nun habe ihn Gott selig!«

Sie ging ins Haus und da kam ihr Jost Seydlin entgegen, grüßte sie
freundlich und sagte, daß er alles wohl verrichtet habe und daß das
Gebäck schön geraten sei.

Sie lobte ihn und sprach: »Du tust allezeit, wie es einem guten Knechte
geziemt, Jost!« und ging in ihre Stube. Dort sann sie darüber nach,
wie es sich wohl fügen möchte; denn sie hatte Heinrich Harer zwar
zuerst erblickt, aber nicht im Hause, und Jost Seydlin war ihr zwar
im Hause begegnet, aber sie hatte ihn nicht zuerst gesehen. Das schuf
ihr manches Bedenken den Tag hindurch, bis sie sich zur Ruhe legte. Da
wollte sie acht haben auf das, was sie träumen werde, und entschlief
mit einem kleinen Seufzer.

Am andern Morgen erwachte sie frisch und erzählte sich von ihrem Traume
nicht viel; aber sie sah in ihrem Handspiegel, daß die Wange rot war,
wie es sich für eine junge Frau geziemte. Dann ging sie hinab in ihrem
dunklen Kleide, über welches die blonden Haare aus dem Kopfbunde
hervorglänzten, rief Heinrich Harer und befahl ihm alles, was am Tage
zu schaffen war. So sagte sie auch: »Geh' hinaus zu den Deutschherren
am Leech und lege die Reitung[25] vor um das Brot, das wir ihnen die
Zeit her geschickt haben. Sie wollen nämlich die Abrechnung für das
vergangene Vierteljahr, und bringe das Geld heim. Aber von morgen an
schickst du mehr hinaus als bisher, wie dieser Zettel hier besagt, denn
sie sind zufrieden mit unserer Art und bestellen auch Weißgebäck für
Herrentisch und Siechensaal.«

Darauf ging Heinrich in seine Kammer, legte die Rechnung und zog seine
blaue Sonntagsjoppe an, strich sich das dunkle Haar zurecht und machte
sich auf den Weg. Bald schritt er durch das südliche Stadttor hinaus
und ließ sich die sonnige Luft um Stirn und Schläfen streichen. Wenig
acht hatte er der Blumen, die aus dem Grase lugten; doch als er auf
den grünen Anger kam, da war ein Teich und es flog ein Storch auf, der
erregte seine Aufmerksamkeit. Und wie das schon kommt, spann er seine
Gedanken fort, als er weiter schritt:

»Wer unter eigenem Dache sitzt, sprach er, hat es gut; er erfreut
sich an Weib und Kindern, ist Stadtbürger und die Leute schenken ihm
Achtung. Er legt seinen Fleiß daran, seine Habe redlich zu mehren, und
sein Wort gilt viel in der Zunft, wenn er zu reden anhebt. Wird er alt,
kann er eine Tochter aussteuern oder einen Sohn in die Fremde schicken,
auf daß er sich die Welt mit eigenen Augen betrachte. Kommt dann die
Zeit, so sagt er sich: ›Das ist ein gutes Tagewerk, wo das Leben mit
Arbeit vollbracht ward. Auch hab' ich leidlich gut Gemach all meine
Tage gehabt und meinen Leib mit Ehren gefristet. Das hat Gott immerdar
für mich gewaltet, weil ich seines Rates in Demut gepflegt habe nach
der Stimme des Gewissens!‹ Also möchte einer sagen und wäre zufrieden.
Ich aber bin ein solcher Mann nicht, weil ich mir nicht getraue, an
etwas mich herzlich zu freuen, aus Furcht, daß es nicht anhalten und
allzu rasch verschwinden werde. Täusche ich mich jedoch darin, so will
ich es meinem lieben Herrgott im Himmel immerdar danken.«

Und er blickte in den blauen Himmel hinauf und machte ein ernsthaft
Gesicht, das gar finster aussah. Das bemerkte der Pförtner noch, als
Heinrich am Leech angelangt war und in das Haus der Deutschherren
schritt; denn jener sprach:

»Geselle, schenkst du mir einen guten Tag, so mache keine bösen Falten
dazu. Du hast noch eine glatte Stirn; warte, bis die Zeit dir die
Jahre, die du ihr schuldest, in Kerben einschneidet. Das wird sie
getreulich tun, so dir wie mir, der ich alt bin. Doch ist mir ein
fröhlich Antlitz willkommener denn eines, worüber der Schatten eines
Raben geflogen ist.«

Da lächelte Heinrich ein wenig und erwiderte: »Bruder Stockald, Ihr
seht mehr, als ich Euch zusprechen kann; denn ich bin ein fröhlicher
Bursche, der immer sagt: Nimm's, wie du's findst. Und find' ich Euch
wohlgemut, so verdrießt es mich nicht, das weiß Gott.«

Und er schritt hinein zum Kastner, legte seine Rechnung und empfing das
Geld.

Als er wieder in den Hof kam, sah er durch das Gatter den Gartenmeister
in den Beeten schaffen und Pflänzlinge einsetzen. Dieser rief ihn zu
sich, und Heinrich ging in den Garten und gesellte sich auf eine Weile
dem freundlichen Manne und sprach: »Bruder Pilgram, Ihr schafft rüstig!«

»Wie sollte ich nicht, Geselle Heinrich! Scheint doch die Sonne, das
Erdreich ist warm und feucht, und der Brodem, der aufsteigt, duftet mir
ins Herz. Noch liegt der Schnee auf der Kuppe des Schöckels und die
Gleinalpe ist weiß, doch auf dem Rosenberge grünt es, und es blüht in
den Tälern. Arbeit schafft uns Zufriedenheit. Nimmt dich das wunder?
So lange du wirkst, lebst du: das sag einer dem andern.«

»Jawohl. Seid Ihr auch glücklich, Bruder Pilgram?«

»Was heißt das, glücklich, mein Geselle? Ich bin ein alter Mann und
tanze nicht mehr. Hab' auch wenig im Leben getanzt. Ich habe Genügen;
das ist alles. Beginnt es zu sprossen, so lebe ich jedes Frühjahr aufs
neue auf mit meinen Pflegekindern, den Pflanzen vielgestalteter Art.
Man sagt: der tanzt gut, dem das Glück aufspielt; aber der schreitet
geruhig, der den Tanzlärm weit im Rücken hat, wie ich, und mit keinem
wüsten Kopfe zu Bette geht, wenn das Spiel aus ist. Mit mir hat es in
all diesen Tagen keine Not mehr. Du aber, Geselle, magst noch tanzen.«

»Das ist wahr, Bruder Pilgram. Wo ich vor mich hinschaue, da wächst ein
Tanzboden heraus. Meint Ihr nicht?« Und er lächelte ein wenig.

Darauf sprach jener: »Sei nicht vorlaut, mein Geselle. Dein Kopf steht
immer zwischen den beiden Achseln, wo du auch hinschauen magst. Du
bleibst der gewisse Heinrich Harer. Und ist in deinem Kopfe klarer
Wein, so kannst du das Leben genießen. Sage nur niemals: Wann hab' ich
nicht gewollt, dann hab' ich gesollt; und alles ist gut.«

Er setzte den Fuß auf die Gartenschaufel, grub in die Erde und warf
die dunkle Scholle auf. Da splitterte etwas unter dem Grabscheite, und
es waren Scherben, die in der Erde lagen.

»Siehe da,« sprach er, »tönerne Scherben!«

Er bückte sich, las die Bruchstücke auf und warf sie zur Seite.

»Das mag lange in der Erde gelegen haben. Oftmals schon stieß meine
Schaufel auf solch irdenes Geräte, und viele solcher Gefäße stehen
unversehrt im Hause. Die hat der Spittler an sich genommen und verwahrt
darin allerlei, was er zu Heilmitteln für die Siechen zusammenstellt
oder braut. Siehe, da ist wieder so ein Ding!«

Er hob eine kleine Vase auf und reinigte sie von der feuchten Erde, die
daran klebte.

Das Ding mit dem schlanken Leibe und dem zierlichen Halse gefiel dem
Gesellen gar wohl, und er sprach: »Wenn ich es hätte, das Gefäßlein,
ich wollte es mir verwahren.«

Und der Gartenmeister erwiderte: »Trag es dem Bruder Spittler hinauf,
vielleicht schenkt er es dir, denn er hat schon viel davon auf dem
Gesimse seiner Arzneistube stehen.«

Das ließ sich Heinrich gesagt sein, nahm das fremdartige Ding und begab
sich damit zum Spittler hinauf. Dieser war ein leutseliger Herr und
hörte das Anliegen des Gesellen mit Vergunst an. Er sah ihm freundlich
ins Antlitz und sprach dann schalkhaft:

»Heinrich Harer, ich habe dir schon längst etwas Gutes zugedacht, weil
dein Gebäck uns ohne Tadel zu Hofe kommt. Dies nun hier ist ein gar
wundersames Gefäß, das du mir gebracht hast, und dein guter Geist hieß
es dich von mir begehren. Denn es stammt aus grauen Zeiten und ward aus
dem heiligen Lande nach der Stadt Rom getragen. Und da die Römer vor
vielen, vielen Jahren auch hier hausten, so haben sie es in der Erde
zurückgelassen und verborgen wie ein seltenes Gut. Aber zum Schatze
soll es erst für dich werden durch das, was ich hineingeben will,
nämlich etwas Geheimes, was ich aus dem heiligen Lande mitgebracht
habe: etwas von einem köstlichen Elixiere. Und so lange du es
besitzest, wirst du zufrieden sein. Das merke dir.«

Und er ließ den erstaunten Heinrich stehen, ging in ein Nebengemach und
kehrte nach einer Weile mit dem Gefäße zurück. Das war nun mit einem
dichten Stöpsel versehen, und etwas wie ein lieblicher Rosenduft stieg
daraus empor, trotzdem es sorglich verschlossen war.

»Da nimm, Heinz. Du trägst nun die +Zufriedenheit+ nach Hause, die ist
in diesem Gefäße verschlossen. Verwahre es wohl und öffne es niemals,
sonst fliegt sie dir davon.«

Er entzog sich dem Danke des Gesellen, der zufrieden mit seinem Schatze
in die Stadt zurückging. Zu Hause gab er das empfangene Geld der
Frau Walburga, stieg sodann in seine Stube hinauf und verwahrte das
wundersame Gut gar sorglich in der Truhe, und dachte noch viel darüber
nach, daß er nun die Zufriedenheit bei sich geborgen habe und allen
Übeln, die ihn sonst angefaßt, hinfürder stattlich begegnen könne.

Er spottete zwar selber über sich und sprach: »Herz, stelle dich
ungebärdig, wie du willst, du hast nun die Zufriedenheit!« betrachtete
jedoch das Ding mit Scheu, und der Wohlgeruch, der daraus emporstieg,
behagte ihm auf seltsam liebliche Weise.

Seinem Mitgesellen Jost Seydlin aber konnte es nicht lange verborgen
bleiben, daß etwas aus der Truhe heraus die Kammer durchduftete,
und Heinrich teilte ihm auch mit, daß er ein kleines Töpfchen von
Meister Altfried, dem Spittler bei den Deutschherren, bekommen habe
und daß er es niemals öffnen dürfe; aber von der geheimen Kraft der
Zufriedenheit, die darin verborgen war, berichtete er nichts, weil er
selber nicht ganz daran glaubte und doch sich scheute, seinen Unglauben
zu verlautbaren.

Dem Jost Seydlin gefiel das Ding, als er es ihm zeigte, gar wohl, und
er begehrte es selber zu besitzen. Doch um Geld war es nicht feil und
Jost Seydlin sprach mitleidig: »Das ist etwas für ein Weib, das eine
feine Nase hat; was willst du damit, Heinz?«

Worauf jener erwiderte: »Daß ich es besitze, dessen bin ich zufrieden.
Da sollst du nichts dawider haben, Geselle Jost. Ich will mich an
seinem Geruche so lange erlaben, als ich zufrieden bin.«

Und er lächelte ein wenig, als er so sprach.

Jost ließ es dabei bewenden, denn er war gutherzig und mochte sonst
auch jedem gönnen, was einer besaß.

Da geschah es aber, daß ein Gesellenschießen des Montags auf Pfingsten
stattfand und die Innungen auf die Morellenwiese mit Armbrust und
Zielbolzen hinauszogen. Heinrich Harer und Jost Seydlin waren
auch dabei und wurden in die Rotte der Bäcker, Müller und Metzger
eingeschrieben.

Es war ein gar festlich und fröhlich Treiben auf der Wiese, und viele
bewährten sich als gute Schießgesellen, die um die ausgestellten
Kleinode warben. In aufgeschlagenen Zelten saßen die Frauen und
Mägdlein wohlgeschmückt, in festlicher Tracht, und sie ergötzten sich
ehrsam und lobten jeden trefflichen Mann. Auch die alten Meister
saßen beim Pfingstbiere und Weine inmitten ihrer Sippe als Häupter,
lobten Sankt Martin, indem sie sich gütlich taten, und sprachen sich
zustimmend aus über jeden gelungenen Schuß; denn es war eine gute
Gesellenschaft zusammengeströmt, die mochte jedweder Innung zum Frommen
sich reichlich Lob verdienen.

Der Abstand von den Scheiben ward bis zu 140 Schritten abgemessen, und
jeder mußte ehrlich mit schwebendem Arm und aufgereckt schießen, wie es
die Satzung gebot. Heinrich Harer und Jost Seydlin hielten sich wacker:
die Zielbolzen, die mit ihren Namen bezeichnet waren, staken zumeist
im innersten Zirkel der Scheibe. Endlich traf Heinrich zweimal den
Nagel und war nahe daran, den ausgesetzten Preis von drei Goldgulden zu
gewinnen.

Da sprach Jost Seydlin zu ihm: »Geselle Heinz! wenn ich dreimal den
Nagel treffe unter den neun Schüssen, die mir noch bleiben und dir den
Preis entraffe, was wirst du dazu sagen?«

Worauf Heinrich erwiderte: »Jost, das mag nicht sein.«

Und jener: »Was soll die Wette gelten? Ich will es Sankt Martin
geloben.«

»Was du setzest, Jost; ich setze dagegen.«

»Wohlan denn, Heinz, ich wette mit dir um das Töpfchen, was in deiner
Truhe liegt und das dir der Meister Spittler vom Deutschherrenhause
geschenkt hat und setze dir dagegen mein welsches Weidmesser, dessen
Griff mit Silber eingelegt ist.«

Heinrich sprach: »Das gilt.«

Da geschah es, daß Jost Seydlin dreimal den Nagel auf den Kopf traf und
damit den Preis und zugleich Heinrichs Vase der Zufriedenheit gewann.
Jost Seydlin war ein schmucker Geselle, und die Mägdlein sahen heimlich
und offen auf ihn und lächelten ihm auch wohl zu; Heinrich aber war
verdrießlich.

Ein Tanz im Grünen folgte auf das Schießen, und da tat sich Jost auch
regsam hervor und war vergnügt.

Des anderen Tages öffnete Heinrich die Truhe und gab seinem Mitgesellen
das Gefäß, das jener gewonnen hatte, und dachte bei sich:

»Nun ist es mit der Zufriedenheit wieder aus! Meister Altfried, der
deutsche Herr, hat es gewiß gut mit mir gemeint. Doch sei es! ich bin
nicht geboren, um zufrieden zu sein.«

Jost Seydlin betrachtete das Ding eine Weile und hatte sein Behagen
daran; nach einiger Zeit aber sprach er: »Das wird einem schönen Weibe
besser in die Nase duften als mir;« und schenkte es der Meisterin.
Diese nahm es willig an, weil die Vase überaus zierlich war, und
stellte das Geschenk mit freundlichem Danke in ihren Almer zu Kräutern
und Heilsalben, die von Zeit zu Zeit für das Haus gebraucht wurden. So
besaß nun Frau Walburga das Gefäß, das Heinrich Harers Zufriedenheit
sollte sein. Sie aber sprach zu sich:

»Warum hat nicht er selber daran gedacht, mir das Riechtöpfchen
zu verehren, bevor er es an Jost Seydlin durch eine Wette beim
Gesellenschießen verloren hat, wie mir dieser erzählt hat? Er geht
halt andern Dingen nach, als sich mir gefällig zu zeigen, und daß ich
viel an ihn denke, dessen wird mir wohl guter Rat. Er will sich keine
Gunst von mir erwerben, darum soll sein Lob auch nicht von mir gemehrt
werden.«

Und ihr Antlitz, das unter dem blonden Haare heiter wie Tageslicht
scheinen konnte, wenn ihr Herz guten Mutes war, wurde wie von einem
Wölklein bedeckt, sobald sie Heinrich Harer erblickte. Dieser aber
sagte sich:

»Ich weiß nicht, was an der Sache ist; jedoch meine Zufriedenheit habe
ich verloren. Immer mehr wird es klar: Meister Altfried hat es redlich
mit mir gemeint, und nun habe ich freventlich mein Gut dahingegeben.
Das ist zur Zeit in einer Frauen Händen, deren Wille sich wenig
glimpflich zu mir neigt, was ich nicht um sie verdient hätte, der ich
mich ihres Dienstes fürsorglich angenommen habe. Aber das macht es,
weil meine Zufriedenheit nicht mehr bei mir, sondern bei ihr steht;
und darf ich verlangen, daß sie mir solche wiedergebe? Nein. Wie sollte
ich ihr mit diesem Ansinnen nahen dürfen? Ich will's auch nicht.«

So blieb er unmutig wie vorher, während Jost Seydlin fröhlich mit sich
und andern war. Frau Walburga hörte ihm auch freundlich zu, wenn er
erzählte, wie trefflich er die Armbrust geführt; auch durfte er mit Fug
den Zielbolzen rühmen, der ihm den Preis von drei Goldgulden gewonnen
hatte. Sie lachte wohl mit ihm, aber als er ihr einmal zu nahe ins Auge
blicken wollte, sprach sie als Meisterin:

»Geselle Jost, diese und jene Arbeit ist nicht getan; merk' auf den
Lehrjungen, der feiert, weil du plauderst. Auf mein Gewerk muß ich
sehen, daß meine Habe nicht schwinde. Wie sollte ich arme Witib mein
Leben fristen, wenn ich nicht darüber wachte, daß alles von statten
gehe und daß die Kundschaften zufrieden seien, wiederkommen, wenn sie
gegangen sind, und Braun- und Weißbrot der Rebenbäckerin loben! Dabei
wird die Habe gemehrt und ich darf mich sehen lassen. Wer hilfe mir
sonst! Eine alleinstehende Frau muß in allem zwiefach fürsorglich sein,
auf daß die Wirtschaft nicht den Krebsgang wandle. Dazu gehört aber,
daß die Knechte ihren Fleiß daran legen, die Arbeit zu fördern!«

»Meisterin,« frug Jost darauf, »müßt Ihr denn immer allein stehen?«

Und sein hübsches Gesicht ward noch lebendiger als zuvor.

Rasch erwiderte sie: »Habe ich dir darüber Rechenschaft abzulegen, ob
ich allein stehen mag oder nicht? Soll ich dich etwa um Rat fragen, mit
wem ich zur Kirche gehen und zu wem ich mich fügen soll! Du gütiger
Heiland, mit den Hauswirten hat es auch nicht lauter Trost, wie ich
an meinem Herrn Mennhart erfahren habe, der noch keiner von den
schlechtesten war und den Gott selig ruhen lasse! Da muß denn eine Frau
vorsichtig sein und nichts übereilen!«

»Meisterin, wenn aber einer käme, der das Handwerk auf fremdem Boden
schon gegrüßt hat; der zwar noch kein Altgeselle, aber es bald werden
kann; leidlich jung und frisch, aus ehrsamem einheimischem Hause,
dessen Vater ein gut Stück Geld in seine Hände zu legen vermöchte, um
die Wirtschaft zu mehren; einer, der Euch holden Mut trägt: was würdet
Ihr einem solchen zur Antwort geben?«

Da lachte sie hell auf und sprach: »Das weiß ich nicht. Müßte mir ihn
wohl eher genau ansehen.«

»Und dann --?«

»Dann möchte ich sagen: Kommt morgen wieder!«

»Und wenn er morgen wiederkäme?«

»Dann wollte ich ihm sagen: Kommt so lange morgen, bis ich Euch sage:
Morgen ist heute.«

»Das will ich mir merken,« sagte Jost Seydlin mit zarter Stimme.

Sie aber sprach mit köstlich hellem Lachen: »Geh', geh', Geselle. An
die Arbeit. In die Backstube! Da magst du dich erkühlen. Das sei dein
Lohn, weil du so mit mir redest.«

Und Jost Seydlin ging von dannen und war rot vor Freude, weil das Auge
der Frau ihm zugeglänzt hatte. Er verstand sich auch darunter alles
Gute und war mit sich zufrieden. Er dachte sich: »Du bist auf fremder
Erde gewandert, Jost, und dir ward sauer und süß bekannt; warum sollst
du nicht darauf denken, dir den eigenen Hausstand zu gründen mit einer
Frau, deren junger, stolzer Leib noch wie magdlich blüht? Das laß dir
gesagt sein, Jost.«

Und er machte einen Freudensprung, als er in die Backstube trat. Dort
lag ihm ob zu schaffen, wie es einem ehrlichen Gesellen in seinem
Gewerke geziemte: das Brot nach gutem Gewichte kräftig und nahrsam
reifen zu lassen, denn der Altgeselle Heinrich war diesmal abwesend und
in die Mühle nach Leuzendorf gegangen; weshalb Jost zu allem sehen,
überall Hand anlegen und alles überwachen mußte. Dabei war sein Sinnen
so wohlgemut und wonnesam in die Zukunft gerichtet, daß er seines
Werkes zur Stunde weniger sorglich achtete, als es sonst geschehen wäre.

Das wurde denn am nächsten Tage in unerfreulicher Weise ruchbar. Denn
als an einem Wochenmarkttage standen auf dem Platze vor der städtischen
Schranne die Bäcker in den Brotbänken und hielten feil. Auch Frau
Walburga waltete mit dem Lehrjungen Cyprian, der ihr zur Hand ging,
ihres Gewerkes und des Verkaufes.

Der Brotschreiber, Meister Niclas, kam und prüfte das Gewicht alles
ausgestellten Gebäckes nach Satzung auf der Wage und tat auch so mit
dem Brote der Rebenbäckerin. Da zog er seine Brauen plötzlich empor; er
nahm einen zweiten Laib und fand das nämliche wie vorher; er nahm einen
dritten Laib und das Ergebnis blieb das gleiche, worauf er verkündete:

»Nach Inhaltung und Ordnung der Brottafel allhiesiger Stadt Graz wird
das Gewicht eures Brotes, Frau Walburga Mennhartin, als ungenügend
und zu gering befunden; denn es fehlen satzungsgemäße sieben Lot auf
das Pfund; weshalb erstlich der Preis von vier Pfennigen auf die
Hälfte herabzusetzen ist und Ihr, Frau Walburga Mennhartin, sodann der
herkömmlichen Buße verfallen seid.«

Damit ging er und die Rebenbäckerin blieb bestürzt zurück. Ihr war der
Markt verdorben und sie dachte, daß sie entgelten müsse, was Spruch
und Forderung der Altmänner von ihr heischen würden. Da litt es sie
nicht länger zu verweilen, sie verließ den Markt und ging in das
Haus des Zunftmeisters, Adam Grasweins. Dieser hatte schon durch den
Brotschreiber von dem Ereignis vernommen und mochte gerne ein strenges
Antlitz zeigen, jedoch gelang ihm dies der jungen Rebenbäckerin
gegenüber nicht gänzlich, als er sie bestürzt in die Stube treten sah.
So sprach er denn freundlich:

»Ei, Frau Walburga, Ihr bringt mir böse Mär. Wahrlich, Ihr habt Euch
nicht guter Dinge beflissen, als Ihr Euer Brot mit unechtem Gewichte zu
Markte brachtet. Da müßt Ihr Buße leisten, wie es die Satzung heischt.
Und ist es mir leid, weil es Euch betrifft, eine junge, ehrsame Witib,
so vermag ich Euch doch nicht zu helfen. Setzt Euch hieher, liebe Frau!«

Und sie erwiderte: »Meister Graswein, ich habe bisher immer mein Gewerk
in Ehren geführt und noch weiß ich nicht, welch böser Zufall dies
zuwege gebracht hat, einen meiner Knechte also zu betören, daß er des
rechten Maßes und Gewichtes vergessen hat. Nun sagt mir, was soll die
Sühne sein?«

»Die Sühne, Frau Walburga! Ei, Ihr müßt ein Bad in der Mur nehmen, weil
Ihr so hübsch seid.«

»Ach, Herr Vater, wollt Ihr grobe Wolle spinnen?«

»Mit nichten, Fraue. Mit Euch wäre nur klare Seide zu spinnen. Doch
bin ich alt und nicht ledigen Standes; es kommt mir denn nicht mehr
zu, um Euch zu freien, was ich wohl noch täte, wenn es anders wäre.
Doch der Spruch, der die Sühne bestimmt, lautet: Welcher immer aus
der Bäckerinnung Brot mit unrechtem Gewichte in die Bänke bringt, der
soll gebüßt werden damit, daß sein Leib in das Wasser der Mur getaucht
werde einmalig, ohne daß es ihm weiter zum Schaden gereiche. -- Das
ist altes Recht, und niemand wird vermögen, Euch davon zu lösen. Nun,
werdet nicht herb, liebe Fraue! Ihr wählt Euch einen Stellvertreter,
einen Mann, der die Sühne auf sich nimmt, einen Eurer Knechte, der mit
seinem Leibe für Euch einsteht. Dann ist es wohl Zeit, daß Ihr ihm den
Dienst lohnet, wer es immer sei. Denn er hat auf sich genommen, was nur
Euer eigener Hauswirt, wenn er noch lebte, um Recht erduldet hätte. Ist
Euch ein solcher Geselle ansonst mit guten Sitten zu Gesichte gestanden
und ist er für die Meisterschaft reif, so mögt Ihr ihm wohl Holdes
gönnen und mit ihm in gegebener Zeit zur Kirche gehen. Denn seht, die
Altmänner rügen es schon lange, daß noch immer um Euretwillen ein Sitz
an der Zunftlade leer steht, weil Ihr bis nun Euch kein neues Ehehaupt
gewählt habt und keinen Mann, der Euch Meister sei, mit dem Ihr auch
Euer Leben in Ehren sänftlich vertreiben könntet. Und so Ihr jemandem
Gunst erweisen wolltet, lieblich als es Frauenart ist, das würde
Euch von jedem guten Manne freudiglich gedankt werden. Habt Ihr doch
zwei Gesellen aus ehrsamen Bürgerhäusern in Eurem Gewerke, die auch
Vaterserbe zu erwarten haben: der eine aus Leibnitz, der andere aus
Eibiswald; wer von diesen beiden die Sühne auf sich nimmt, der hat Eure
Sache vertreten, und sein Haupt hat für Euren Leib gegolten. Darum,
liebe Tochter, tu' dich deiner Sorgen ab und gib der Satzung und der
Ehe ihren Lauf.«

Also tröstete sie Meister Graswein, und sie schied von ihm sinnend und
ging in ihr Haus.

Dort kam ihr Jost mit der Miene eines armen Sünders entgegen. Als sie
seiner ansichtig wurde, sprach sie zornig:

[Illustration]

»Was hast du mir angetan, böser Knecht? Ei, fürwahr, du hast gestern
zuviel des süßen Weines getrunken, und da ist dir ein solcher Rauch
und Nebel davon erwachsen, daß du Maß und Gewicht nicht mehr
unterscheiden konntest.«

»Besänftigt Euer Gemüt, Meisterin,« erwiderte Jost demütig. »Ich weiß
von keinem andern süßen Weine, als daß ich Euch zu tief in die hellen
Augen geblickt habe, und davon ist mir allerdings eine solche Wirrnis
im Haupte erwachsen, daß ich des rechten Gewichtes verfehlt habe. Auch
hat vielleicht die Katze am Backtroge gerochen, was alleweil Unheil
bringt, wie Ihr wißt, obgleich ich dem Lehrjungen Cyprian aufgetragen,
der Katzenwache zu pflegen.«

»Schweig mir davon, böser Schalk, und rede dich nicht auf die Katze
aus. Was du getan hast, das ist mir zum Schaden geschehen. Und soll ich
etwa schuld sein, daß du keine Augen im Kopfe hast?«

»Meisterin, eben weil ich Augen im Kopfe habe, die von Eurer
Holdseligkeit zu sehr erfüllt wurden, habe ich nicht klar gesehen.«

»Höre, Geselle! dieses Werkes, mich unnützerweile anzublicken, sollst
du ledig stehen und dich deiner redlichen Arbeit annehmen. Ach, ich
armes Weib, nun soll ich ihn gar verblendet haben, daß er Übles
schaffe!«

»Nein, Meisterin, Ihr könnt nur zu gutem Schaffen anregen.«

»Schweig still und bring mich nicht noch mehr auf! Deine sanfte Rede
achte ich keine Bohne wert, wenn du kein getreuer Knecht bist, der für
die Ehre der Wirtschaft sorgt. Was soll nun daraus werden? Kennst du
die Sühne, die auf unrechtes Brotgewicht steht?«

»Ich kenne sie, Meisterin; es ist die Bäckerschupfe. Doch nehme
ich die Strafe willig auf mich und gehe für Euch gerne ins Wasser,
der ich für Euch lieber durchs Feuer ginge. Was ist auch in dieser
Sommerzeit schlimmes um ein Bad in der Mur? ich lasse mich gerne da
hineinschnellen, und lachen die Leute, so lache ich mit. Weiß ich doch,
daß Euch damit alles wieder ins gleiche gebracht wird, was durch dieses
mein leidiges Versehen verschuldet wurde.«

»So? Du willst die Strafe für mich auf deinen Leib nehmen?«

»Das ist mir eben und recht, Meisterin.«

»Das mag nicht sein, Jost. Du könntest dich im Wasser erkälten, denn
du bist ein überaus zierlicher Geselle. Mir wäre leid um dich. Das muß
Heinrich Harer, der Altgeselle, tun, nicht du.«

»Aber, Meisterin, wenn ich mich der Sühne mit Herzenslust unterwinde
um Euretwillen und um meines eigenen Fehles willen, was habt Ihr
dawider? Ich bitte Euch, so Ihr mir Gunst erweisen wollt, einem, der
Euch immerdar getreulich zu dienen hofft, -- so laßt mich tun, wie ich
gesagt habe.«

»Nein, das mag nicht sein, Jost. Um dich wär' mir bange, daß du dich zu
rasch erkühlen könntest. Heinrich ist härter als du, und mag sich dem
billig unterwerfen. Laß es dir gesagt sein und widerrede mir in nichts,
soll ich dir fürder gut sein.«

Und ihre hellen Augen lachten ihn an, ob freundlich, ob spöttisch, daß
wußte er nicht zu deuten; doch war er zufrieden mit sich.

Sie aber dachte: »Wer gibt mir einen gesunden Rat, wie ich Heinrich
Harer dazu gewinnen möchte, daß er mir gehorsam sei?«

Und als dieser aus der Mühle heimkam, rief sie ihn freundlich in ihre
Stube und hieß ihn, sich nahe zu ihr setzen, weil sie um eine wichtige
Sache mit ihm Rat zu pflegen hätte. Sie teilte ihm zuvor das Ereignis
haarklein mit, um zu sehen, wie er sich dazu verhalten würde.

Heinrich sprach: »Das ist uns ein Schade und ein Spott. Wie konnte sich
Jost also vergessen? Was hat ihm so kläglich den Sinn verwirrt?«

»Was ihm den Sinn verwirrt hat, Heinrich, wie soll ich das wissen?
Doch ist geschehen, was nicht zu ändern ist. Aber wenn du mir hilfst,
so habe ich nimmer Sorge um mein Leben. Du sollst dich für mein Haus
und Gewerke der Sühne unterziehen, und alles wird wieder eben sein wie
vorher.«

»Ich? Was sagt Ihr? Das soll Jost tun. Wer kann mich des verübten
Fehlers zeihen?«

»Niemand. Aber wenn du die Strafe um meinetwillen auf dich nimmst, so
bist du mein Stellvertreter und gibst mir in meiner Bekümmernis ganze
Freude, Heinrich.«

»Meisterin, wie könnt Ihr verlangen, daß ich ins Wasser geschnellt
werde um etwas, was ich nicht begangen habe, und daß ich dann in
törichter Weise umhergehen soll? Das wäre mir leid.«

»Heinrich, mir liegt es am Herzen, daß ich kein Leid an dir sehe; aber
auch du sollst mich aus meiner Kümmernis erretten und mein Gewerk
wieder frei machen dadurch, daß du dich fügest. Laß dich den Spott
der Leute geringe achten; du bleibst nach wie vorher ehrlich und hast
meinen Dank gewonnen.«

»Nein, Meisterin.«

Da seufzte sie und sprach:

»Ach, ich armes Weib, wie freundlos und verlassen stehe ich in der
Welt, und niemand nimmt sich meiner an.«

Und eine Träne blinkte in ihrem Auge.

Da ward Heinrich bewegt und sagte:

»Meisterin, Ihr tut mir unrecht!«

»Nein; da hast du meine Hand, ich will nichts von dir begehren, was dir
unmöglich dünkt zu erfüllen.«

Sie reichte ihm die Hand, die sie lind in die seine schmiegte, und in
ihrem blauen Auge blinkte noch immer die Träne, als sie sich bekümmert
gegen ihn neigte, und er vermeinte das warme Blut ihres jungen Leibes
gegen sich rauschen zu hören; doch war es nur sein eigener Herzschlag,
der rascher ging. Und da geschah es, daß er plötzlich einen leisen,
feinen Duft einatmete, der ihm überaus köstlich schien; der kam
aus dem verschlossenen Kasten, in welchen Frau Walburga die Vase
gestellt hatte, die Heinrich vom Meister Spittler, dem Deutschherren,
bekommen hatte. Ohne daß er wußte woher, stieg es wie eine bezaubernde
Zufriedenheit in seinem Herzen auf; sein dunkler Blick, der noch immer
nach der Träne in der Meisterin Auge sah, erglänzte wärmer, und er
dachte:

»Wer mag ihr widerstehen, so sie bekümmert ist und holdselig wie nie
vorher! Sie wirrt mir beinahe den Sinn.«

Und er sprach: »Meisterin, sei es Torheit oder nicht: ich will tun, was
Ihr mich heißet.«

Da dankte sie ihm mit Lächeln und freundlichen Worten:

»Wohlan, du treuer Knecht, du hast es um mich verdient, daß ich dich
immer in Ehren halte. Nun geh an deine Arbeit! ich will es dem Meister
Graswein vermelden, daß du als mein Stellvertreter die Buße auf dich
nimmst.«

Heinrich ging, und als er aus dem Bereiche des jungen Weibes gekommen
war, sprach er: »Du hast dich in einen törichten Handel eingelassen,
Geselle; aber wer war noch nie ein Tor, so ihn ein Weib dazu machen
wollte? Das hörte ich immer sagen und habe es nun an mir selber
erfahren.«

Und er war wieder unzufrieden; denn das Gefäß der Zufriedenheit besaß
Frau Walburga.

Sie aber ging zu Meister Graswein und teilte ihm mit, daß Heinrich
Harer ihr Stellvertreter sei. Das lobte der Zunftmeister und hielt
Heinrich für den rechten Mann, Haus und Ehre zu behüten, welche
letztere nach vollzogener Sühne wieder hergestellt sein werde. Weil
Heinrich sich mit gutem Willen ihres Dienstes bisher immer beflissen
habe, so sei er es wert, Gunst von ihr zu empfangen. »Und ist er erst
dein trauter Ehewirt, so wird er noch deine Habe mehren, liebe Tochter,
obzwar dein Anwesen schon jetzt stattlich ist und du des guten Ackers
vor dem Tore und des Weingartens am Rosenberge nicht entbehrst, wie ich
weiß. Das sei dir auch herzlich gegönnt, daß du dich wieder mit einem
guten Meister deines Lebens freuen magst, denn dir jungem Weibe ziemt
solches gar lieblich, wenn auch deine Wange noch mehr erröten wird, als
wie jetzt, da ich dieses in Ehren sage.«

»Aber, Vater Graswein,« sprach sie, »wie denkt Ihr gleich so vieles!
Behüte mich Gott, daß ich etwas übereilen sollte, was noch lange nicht
so nötig ist, als Ihr meint. Habe ich gesagt, daß mein Knecht Heinrich
mir so zu Gesichte steht, daß ich nicht an ihm vorbeiblicken könnte?
Ach, da müßte ich verunehrt sein, und mein guter Ruf wäre geschmälert!
Das sollt Ihr nicht denken, Meister Graswein.«

»Nun, nun, Tochter!« begütigte er sie; »das wird sich alles zur Zeit
fügen, und ich gedenke bald fröhlich zu sein, nämlich, wenn du Hochzeit
hältst.«

»Das wird noch lange nicht sein,« sagte sie und lächelte dem Altmanne
freundlich zu, der ihr auch bedeutungsvoll zunickte, und so schieden
sie.

Heinrich aber wartete mißmutig auf den Tag, der ihm von den
Zunftältesten, die zur Frist Morgensprache an der Lade hielten, mit
Spruch und Forderung bestimmt wurde, für die Verletzung der Brottafel
in herkömmlicher Weise zu büßen. Es war der St. Jakobstag, und zwar
zur Zeit des Sonnenunterganges, da die Bäckerknechte, die an ihm das
Urteil vollstrecken sollten, Feierabend hatten.

Zur bestimmten Zeit bewegte sich denn der Zug mit dem armen Sünder in
der Mitte, von einem großen Haufen Volkes geleitet, vom Zunfthause
im Sacke aus durch das innere und äußere Murtor bis zur Brücke und
schwenkte nach rechts in den Wehrgang ab, der zwischen Strom und
Ringmauer lag. Dort war der Schneller errichtet, in dessen Korb sich
herkömmlicherweise der notdürftig bekleidete Büßer setzen mußte, um in
die Mur geschnellt zu werden. Dann wartete seiner ein Nachen im Wasser,
um ihn herauszufischen; und darauf kam der allerspöttlichste Schluß der
peinlichen Handlung, indem der getauchte Sünder durch die Gasse der
johlenden Volksmenge heimrennen mußte, um sich zu trocknen.

In solcher Weise begann denn auch jetzt das Schauspiel und nahm seinen
Verlauf.

Heinrich setzte sich in den Korb, versuchte zu lächeln und blickte
finster. Die Stange des Schnellers stand schräg über den Strom geneigt;
die Seile, welche in den Rollen gingen, wurden angezogen und der Büßer
schwebte hinan; dann ließen die Knechte die Seile plötzlich fahren
und der Korb mit dem Insassen wurde dermaßen in die Flut geschnellt,
daß die Woge darüber hinwegrauschte und kein Haar am Kopfe des Büßers
sichtbar blieb.

Alsogleich begannen sie den Korb wieder emporzuwinden, der Nachen
war bereit, um den Getauchten aufzunehmen; aber da war das Unerhörte
geschehen: ein Schrei des Staunens und des Entsetzens erhob sich, denn
der Korb war leer. Hatte der Darinsitzende sich nicht an den beiden
Henkeln festgehalten, oder geschah es durch andere Ursache, genug, die
Woge hatte ihn mitgerissen, er war fortgespült worden: Heinrich Harer
war verschwunden.

Die Sonne war hinter dem Frauenkogel untergegangen, der Strom floß halb
im Dämmer, halb im Lichte des Abends dahin, und wie auch alle spähen
mochten, kein menschlicher Leib war fernab in der Flut zu erblicken.
Ausrufe des Bedauerns und der Klage erhoben sich laut und lauter: »Er
ist tot! er ist dahin, der wackere Heinrich ist verschwunden. Die Mur
trägt seinen toten Leib nach Wildon hinab!« Nur einige besonnene Männer
meinten, daß Heinrich unter dem Wasser davongeschwommen sei.

Dieses glaubte auch Jost Seydlin, dem es bekannt war, daß sein Geselle
trefflich schwimmen und auch eine beträchtliche Strecke unter dem
Wasser den Atem an sich halten konnte, wie er es gesehen hatte, wenn
jener in Leuzendorf an der Mühle zu baden pflegte. Freilich schien ihm
die Sache nicht geheuer, denn er dachte: Heinrich ist stark, aber die
Mur ist doch stärker; und da er sich die Schuld an dem ganzen Ereignis
zumessen mußte, so ward sein Herz bedrückt. Doch entschlug er sich
wieder bald der Sorge, indem er allen, die umherstanden, sagte: »Sorgt
nicht! Heinrich, der kühne Geselle, geht nicht unter. Das hat er mit
freiem Willen getan, um nicht gebadet wie eine Maus unter dem Spotte
des Volkes heimrennen zu müssen. Das glaubt mir!«

In gleicher Weise suchte Jost Frau Walburga zu beruhigen, die tödlich
erschrocken war, als sie zu Hause das Ereignis vernommen hatte,
und zunächst in Klagen ausbrach, dann Jost des ganzen Handels zu
beschuldigen anfing, so daß er zerknirscht von dannen schlich, jedoch
zwischen den Zähnen immer noch murmelte: »Ich verwette meinen Kopf, daß
Heinrich heil davongekommen ist.«

Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, die Bürger der Stadt hatten
den Fall sattsam besprochen und dann ihre Haustüren geschlossen und
sich zur Ruhe begeben. Frau Walburga jedoch konnte keinen Schlaf
finden; sie saß einsam in ihrer Stube und klagte und rang mit Angst
und Hoffnung. Es war dunkel um sie; kaum sandte von außen der halbe
Mond etwas Licht herein, der gegen Westen am Himmel stand, und dunkel
war ihr Herz und kaum von halber Hoffnung durchleuchtet.

Sie dachte: »Seh' ich Heinrich noch einmal in meinem Leben wieder, so
will ich ihm alles Gute, was ich vermag, erweisen, ich armes Weib!
Ist es aber, daß er gestorben ist, dann will ich keine Freude mehr im
Leben haben. Hilf mir, heilige Walburga, mit deiner Fürsprache, und
ich will dein Andenken mit zwei der schönsten Wachskerzen minnen, die
Meister Sebald, der Lebzelter, in seinem Laden hat! Auch will ich an
der Kirchtüre den Armen durch drei Wochen teilen, so viel ihrer dort
stehen, das gelobe ich dir!«

Da tönte ein leiser Laut durch die dunkle Stube: »Frau Walburga!«

Sie schrak zusammen, so daß ihr Busen sich ungestüm hob und senkte, und
sie lauschte ängstlich.

Deutlich vernahm sie noch einmal den Ruf: »Frau Walburga!« und er tönte
vom Fenster her.

Sie raffte sich auf und schritt hoffend und zagend dahin und siehe!
draußen schmiegte sich ein Antlitz ans Gitter, und zwischen den
Blumenstöcken hindurch erkannte sie im Dämmerlichte der Nacht
Heinrich, der an dem Weinrebenstocke an der Giebelseite des Hauses
emporgeklettert war und sie mit Namen anrief.

Sie frug ihn mit unterdrücktem Jauchzen freudiglich: »Heinrich, bist du
es?«

»Ich bin's,« flüsterte er, »die Haustüre ist verschlossen, öffnet mir,
Meisterin.«

»Warte,« flüsterte auch sie, »ich komme hinab. Ach, es sieht dich wohl
niemand vor meinem Fenster?«

»Die Rebenblätter verbergen mich, Meisterin,« antwortete er.

»Laß dich wieder hinab, Heinrich, ich komme gleich.«

Sie zündete ein Lämpchen an, nahm den Hausschlüssel von der Wand und
ging leise auf den Zehen die Stiege hinunter, barg das Flämmchen mit
der Hand und öffnete die Türe. Er kam herein und sie verschloß wieder
die Haustüre, faßte ihn bei der Hand und sprach: »Komm, daß dich
niemand sehe!«

Das Gesinde schlief schon, nur aus dem hintern Gebäude, wo die
Backstube lag, drang ein Lichtschein in den Hausflur und sie führte ihn
hinauf in ihre Stube. Dort angelangt, stellte sie das Lämpchen auf den
Tisch und sprach: »Du hast dich in dem Murwasser erkältet, Heinrich.«

Sie öffnete rasch eine Spinde und gab ihm ein Kleid, das einst Herr
Mennhart getragen hatte, und gebot ihm, sich darein zu hüllen, daß er
sich erwärme, während sie sich abwandte.

Heinrich tat nach ihrem Geheiße, und dann kehrte sie ihm ihr
ängstliches und doch lachendes Antlitz zu und sprach: »Ach, wie hab'
ich mich um dich gesorgt! Wie warst du so verwegen, dem Strom zu
trauen! Doch es hat dir nicht geschadet, du lebst und bist da. Wie war
ich bekümmert! Ich hätte in meinem ganzen Leben keine frohe Stunde
mehr gehabt, wenn dir etwas zugestoßen wäre! Du Armer, hast mein Gebot
erfüllt und nur ich wäre schuld an deinem Untergange gewesen! Aber
nun ist's gut, und ich will es Gott und allen Heiligen herzinniglich
danken, daß dir kein Unheil widerfahren ist. Wie hast du es nur
angestellt, böser Knecht, mich so zu verwirren und auch alle Leute, die
nichts mehr von dir sahen, als du ins Wasser geschnellt wurdest. Man
erzählte mir's.«

»Hätte ich mich sollen dem Spott des Volkes aussetzen und nach Hause
rennen? dann wäre ich zeitlebens in törichter Weise umhergegangen.
Nein, ich schwamm unter dem Wasser, solange ich es vermochte, und
als ich wieder auftauchte, war ich auf einer dämmerigen Stelle des
Stromes angelangt, wo man mich nicht sehen konnte. Dann hab' ich
mich nach links in den Stadtgraben hinein gewendet; denn ich habe
gewußt, daß dort am südlichen Wehrturm ein Wasserpförtchen ist, welches
in Friedenszeiten immer offen steht und durch das man leichtlich
hereingelangen kann. Dort hab' ich mich nahe der Mauer so lange im
Schilfe geborgen, bis die Nacht gekommen ist, daß mich niemand sehen
konnte, und dann schlich ich mich behutsam hindurch und bin hierher
gekommen, wie Ihr seht, Meisterin.«

»So verwegen warst du, Heinrich! Und das kalte Gebirgswasser! Wie
leicht hättest du dich für dein Leben verkälten können! Und deine Hände
sind noch starr und kalt; ich will sie dir mit meinen eigenen wärmen.
Nein, laß nur! Du hast es um mich verdient. Doch warte, so wird es
besser sein.«

Sie nahm ein lindes Tuch und rieb ihm die Pulse an beiden Handgelenken
eifrig; dann trocknete sie ihm die noch immer feuchten Haare an den
Schläfen und richtete bald Worte des Bedauerns, bald des Vorwurfes an
ihn, so daß es Heinrich warm wurde.

»Meisterin, wie sorgt Ihr so traulich um mich!« sprach er. »Mir ist
unter Euren linden Händen wärmer denn je geworden, und weil ich Euch
so nahe in die Augen sehe, vermeine ich schier, der lichte Mai sei
gekommen, der alle Herzen zur Freude bewegt. Ihr seid mir so nahe, daß
ich Euch umfassen kann, und da ist mir's, als blühte die Stube um mich
her.«

»Nein, laß mich, Heinrich. Und sieh, hier am Arme bist du verwundet, du
hast dich verletzt!«

»Geritzt. Das bedeutet nichts.«

»Wie du das weißt! Nein, ich habe ganz nahe eine Heilsalbe im Almer,
damit will ich deines Armes pflegen.«

Sie öffnete die Tür des Kastens und nahm, wie sie meinte, das Töpfchen
mit der gewünschten Salbe heraus; aber in aller Eile versah sie sich,
und es war ein anderes Gefäß, was sie in der Hand hielt. Und da geschah
es, daß ihr dasselbe zu Boden fiel und alsbald in Scherben zerbrach.
Ein wundersamer Duft erfüllte plötzlich die Stube.

»O weh!« klagte sie, »wie habe ich fehlgegriffen! Das ist das
Riechtöpfchen, welches du, Heinrich, vom Meister Spittler bekommen
hast, und nicht die Heilsalbe: das liegt nun in Scherben.«

Heinrich aber ward verwirrt und dachte: »Liegt nun meine Zufriedenheit
in Scherben, so muß die Fraue sie mir wiedergeben. War es mir doch
vorher, als blühte die Stube um mich her. Nun blüht es in der Tat
plötzlich wie von tausend Rosen; solch köstlicher Geist war in der Vase
verborgen, daß davon die Stube in einen Rosengarten verwandelt ist und
ich wie trunken bin.«

Dann sprach er: »Meisterin, als mir der deutsche Herr das Töpflein
geschenkt hat, da pries er es als gar wundersam. Es stammt aus grauen
Zeiten und ward aus dem heiligen Lande hierher getragen. Aber zum
Schatze soll es erst für dich werden, Heinrich -- so seine Worte --
durch das, was ich hineingeben will, nämlich etwas Geheimes und überaus
Holdes. Und solange du es besitzest, wirst du zufrieden sein. Also war
meine Zufriedenheit in dieser Vase verschlossen, die ist nun verloren.
Jetzt steht aber die Sache so, daß der Geist, der darin verschlossen
war, mein Herz trunken gemacht hat und unzufrieden, und nur wenn
Euer Herz, Meisterin, sich zu mir in Liebe gesellt, kann ich wieder
zufrieden werden. Und trunken wie ich bin, vermeine ich, daß sich
das Glück zu mir gewendet hat, und ich will es festhalten und nimmer
verlieren.«

Da vergaß er auf alles, begann das junge Weib zu trauten und wollte um
sein Mannesrecht mit ihr dingen.

Sie aber entrang sich bald ihrer Schwäche, hielt ihn fern und faltete
die Hände bittend:

»Nein, Herzensheinz! das sei dir verwehrt! Ich habe dich auch lieb,
aber so deine Treue mir unverloren bleiben soll, darfst du nicht
deinen Willen wider Gott vollbringen. Denn ich will früh und spät der
Zucht und Ehren pflegen und nur, wenn wir zueinander gebunden sind
durch das Wort des Priesters in der Kirche, dann will ich dich deiner
Treue genießen lassen und dir Macht über mich geben. Denn dann steht
es auch in meinem Willen, daß ich dir hold sei. Bis dahin aber bin ich
dir fremd, Herzensheinz, und du sollst mir gehorchen, wenn du mich lieb
hast. Dann will ich dir auch dereinst als dein Eheweib freudiglich
Gehorsam leisten. Nun aber sollst du gehen, weil es nicht gut ist, daß
wir länger beisammen bleiben.«

»Sei es denn!« sprach er leise. »Mein Wille und meine Zufriedenheit
stehen bei dir, und darf ich um dich freien und bist du mein
holdseliges Weib, so will ich Zeit meines Lebens der Unzufriedenheit
widersagen.«

Und also schied er von ihr.

Da hatte die weise Frau Monika und auch Meister Graswein, der Altmann,
doch recht behalten. Denn eine fröhliche Hochzeit ward am St.
Martinstage gefeiert, als Meister Heinrich Harer mit seinem angetrauten
Weibe aus der Pfarrkirche St. Egydi mit Festgeleite nach Hause kam. Das
wird ein zufriedener Mann werden, dachte sich mancher. Am Abend tanzte
auch Jost Seydlin fröhlich, und als er in die Nähe der jungen Ehefrau
kam, sagte er: »Heut ist morgen, nicht wahr, Meisterin?«

»Ja, heut ist morgen und das ganze Leben.«

Jost aber dachte sich: »Ist's nicht die, so wird es wohl eine andere
sein, die ich bekomme,« und war mit sich zufrieden.



    Fußnoten

    [1] merken.

    [2] niedere Beamte.

    [3] freu' dich nur.

    [4] sobald.

    [5] still.

    [6] widerwärtigen Grobian.

    [7] etwa.

    [8] Ihr scheint euch.

    [9] Vergnügen.

    [10] auch so Einer.

    [11] Rucksack.

    [12] Mehlspeise aus Topfen.

    [13] Herumstreichen.

    [14] dummer.

    [15] Eichhörnchen.

    [16] Eile.

    [17] Vorderdeck.

    [18] Schiffszimmermann.

    [19] Segelkammer, hier: Vorratskammer.

    [20] Kriegsdienst.

    [21] Zelte aufschlagen.

    [22] trocken.

    [23] unterdrückt zu lachen.

    [24] Weidenstämme.

    [25] Rechnung.



Als 41. Band der »Hausbücherei« ist erschienen:


Schelmuffskys

wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser
und zu Lande

von

Christian Reuter

Mit einer Einleitung von ~Dr.~ +Gottlieb Fritz+ und Bildern von +Ludwig
Berwald+

= Preis gebunden 1 Mark =

Die Prachtgestalt des Helden mit seiner Renommiersucht und grotesken
Erfindungsgabe kann sich ruhig neben +Falstaff sehen lassen und
übertrifft an komischer Kraft den Münchhausen um ein bedeutendes+.

        Eins der lustigsten Bücher
        der Weltliteratur

... »Das alles ist so meisterhaft und lustig aufgebaut und garantiert
so totsicher einige amüsante Stunden, daß man dem netten Buche die
weiteste Verbreitung wünschen kann.«



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen:

    S. 116: pflag → pflog
      ihres Gewerkes redlich und emsig {pflog}





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Deutsche Humoristen (7. Band)" ***

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