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Title: Der Sachsenspiegel - Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit
Author: Wolff, Julius
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Sachsenspiegel - Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


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    Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Julius Wolff

    Der Sachsenspiegel

    Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit

    Mit 8 Vollbildern von

    F. Schwormstädt

    [Illustration]

    Verlag von Paul List in Leipzig



Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung in andere Sprachen
vorbehalten.

~Copyright 1912 by Paul List, Leipzig~


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig



Erstes Kapitel.


Etwa drei Pfeilschüsse vom Waldessaum entfernt lag ein einsames Gehöft
an der Kreuzung zweier Landstraßen, deren befahrenste mäßig ansteigend
in das Harzgebirge hineinführte. Viele von denen, die wegemüd
daherkamen, Kärrner und Handelsleute, Reiter und Fußgänger, machten
hier halt, um sich und ihren Pferden einige Rast und Stärkung zu gönnen
oder auch um für die Nacht Herberge zu nehmen. Denn über dem Eingange
zu dem zweistöckigen Hauptgebäude aus Holzfachwerk mit vorspringendem
Strohdach hing an einem ausgestreckten, schmiedeeisernen Arm ein
Faßreif mit einer darin stehenden verrosteten Blechkanne zum Zeichen,
daß dies Haus ein Gasthaus sei. Den gepflasterten Hof dahinter umgaben
in weitem Viereck Speicher, Schuppen und Stallungen, und daran schloß
sich ein großer, mit einem Lattenzaun umhegter Garten, in welchem
unzählige Apfel- und Birnbäume jetzt mit ihrer vollen Blüte prangten.

Von dieser umfangreichen Hofstatt aus hatte man einen freien Blick in
die Landschaft, auf eine vieltürmige Stadt mit ragender Kaiserpfalz,
auf Dörfer, grüne Getreidefluren und gelbe Rapsfelder und auf Höhen
und Hügel mit vereinzelten Warten. Rechts und links zogen sich
zackige Klippen in meilenlang ausgedehnter, aber durch Zwischenräume
unterbrochener Kette durch die wellige Ebene dahin, und in bläulich
dämmernder Ferne erhob der gewaltige Blocksberg seinen sagenumwobenen
Gipfel.

In dem Baumgarten befanden sich fest eingerammte Tische und Bänke,
in deren Platten und Bohlen mancherlei Figuren geritzt waren,
gotischen Runen oder alten sächsischen Hausmarken ähnlich, und etliche
Schreibkundige hatten ihren Namen oder nur seine Anfangslettern eckig
und ungestalt eingeschnitten. Das war das Fremdenbuch des »Gasthauses
am Scheidewege«.

Unter den hunderten von Bäumen fiel ein großer Apfelbaum besonders
auf, an dessen rundum breit ausladenden Zweigen sich Blüte dicht an
Blüte drängte, einzeln, in Sträußchen und Büscheln, weiß und blaßrot
von wunderbarer Zartheit und Schönheit, daß es eine wahre Pracht und
Augenweide war. Dort boten, abseits von den andern, ein kleinerer
Tisch und zwei Schemel mit bunt bemalten Rücklehnen einen bevorzugten
Ruheplatz für vornehmeren Besuch als die Fuhrleute, Viehtreiber und
Krämer waren, die auf den tannenen Bänken beim Biere schwatzten und
lärmten.

An diesem Tische saß bei schon sinkender Sonne ein bespornter,
hochgewachsener Mann, dem man trotz seiner schlichten Reisetracht den
ritterbürtigen Herrn deutlich genug ansah. Er mochte ungefähr in der
Mitte der dreißiger Jahre sein, und seine ernsten, ausdrucksvollen
Züge mit der schön gemeißelten Stirn zeigten die Spuren angestrengter
Geistesarbeit. Den Ellenbogen aufgestemmt, das Haupt mit der Hand
gestützt, starrte er träumerisch vor sich hin und regte zuweilen die
Lippen wie in unhörbar geflüstertem Selbstgespräch. Vor ihm auf dem
Tische standen ein Steinkrug und zwei Zinnbecher, und abwechselnd tat
er einen Trunk bald aus dem einen, bald aus dem andern, vorher mit
beiden leise anklingend.

So hatte er lange in fern schweifenden Gedanken gesessen, als er
plötzlich, darin gestört, den Kopf zur Seite wandte und horchte. Er
hatte auf der Straße herannahendes Getrappel von acht eisenbeschlagenen
Pferdehufen vernommen, das vor der Tür des Gasthauses anhielt, sich
bald darauf dem Hofe zubewegte und allmählich verhallte. Es mußten
also zwei Reiter gekommen und abgestiegen sein. Das war nichts
Ungewöhnliches an diesem belebten Kreuzwege und hatte auch für den
Einsamen keine Bedeutung, denn er erwartete keinen Gefährten hier.
Dennoch hob ein tiefer Atemzug seine Brust, und wehmütig blickte er auf
den leeren Platz sich gegenüber.

Nach einer kleinen Weile erschien ein neuer Gast in dem Baumgarten, sah
sich nach einem bequemen Sitz um, stutzte und schritt dann schnell auf
den Zweibechermann zu, ihn mit den Worten begrüßend: »Täusche ich mich,
oder bist du es wirklich, Eike von Repgow?«

[Illustration: »Täusche ich mich, oder bist du es wirklich, Eike von
Repgow?«]

»Graf Hoyer von Falkenstein!« rief der andere aufspringend und dem
Ankömmlinge beide Hände entgegenstreckend. »O wie freue ich mich dieses
unverhofften Wiedersehens!«

»Du hast Gesellschaft,« sagte der Graf, auf den zweiten Becher weisend.

»Nein, ich bin allein,« gab der Befragte zur Antwort.

»Allein? ja, was tust du denn hier?«

»Trinken und träumen, Herr Graf! weiter nichts. Der Stuhl ist frei, der
Becher aber nicht.«

Verwundert schaute Graf Hoyer den Jüngeren an und ließ sich, ohne eine
Erklärung der ihm unverständlichen Rede zu fordern, auf dem unbesetzten
Schemel nieder.

Er war ein Mann von mittelgroßer Gestalt mit grauem Haar und mochte
wohl sechzig Jahre oder mehr auf seinen breiten Schultern tragen. Aus
seinem durchfurchten Gesicht mit buschigen Brauen über den herrisch
blickenden Augen sprach befehlerische Willenskraft.

Die Wirtin brachte einen dritten Becher, den Eike sofort mit Wein aus
dem irdenen Kruge füllte, worauf die beiden Herren sich freundlich
zutranken.

»Haben uns lange nicht gesehen, Eike!« begann der Ältere.

»Seit etwa zehn Jahren nicht, Herr Graf!« erwiderte der Jüngere.

»Aber ich kenne dich schon aus der Zeit her, da du die Kinderschuhe
noch nicht ausgezogen hattest und mir mit dem Scheitel kaum an die
Hüfte reichtest,« bemerkte Graf Hoyer. »Das war, als ich meinen lieben
Freund, deinen Vater -- Gott hab' ihn selig! einmal in Reppechowe
besuchte. Da hab' ich dich auf meinen Knien reiten lassen. Das rechte
war dein Schlachtroß, das galoppieren mußte, weil du mir das Schienbein
weidlich mit den Hacken sporntest, und das linke war dein Reisegaul,
auf dem du hin und her schwanktest, weil er, wie ich dir weismachte,
einen sehr holprigen Feldweg trotten mußte. Erinnerst du dich?«

»Gewiß!« bejahte Eike die Frage. »Und nicht lange danach war ich
einmal bei Euch auf dem Falkenstein, wohin mein Vater mich mitgenommen
hatte. Da zeigtet Ihr mir auf dem Burghofe den Ziehbrunnen mit dem
Haspel und dem Eimer an einer eisernen Kette und sagtet mir, daß er
über zweihundert Fuß tief wäre und da unten ein Neck hauste, den man
zu Zeiten lustig plätschern und singen hörte, was dann immer als
Ankündigung von etwas Erfreulichem aufgefaßt würde. Manchmal aber
rumorte er auch unwirsch, und dann wäre stets ein Unheil im Anzuge.
Ihr warntet mich auch, einen Stein in den Brunnen zu werfen, denn das
erboste den Neck, und dann würde er tückisch.«

»Stimmt alles,« sagte der Graf, »nur daß ich den Neck niemals singen
oder rumoren gehört habe. Es ist ein Märlein, wie so viele hier im Harz
erzählt werden. Vor allem künde mir eines, Eike!« fuhr er dann fort,
»hast du daheim ein liebes Weib?«

»Nein, ich bin Junggesell, Herr Graf. Habe zum Werben und Freien noch
keine Zeit gehabt und, offen gestanden, auch wenig Neigung dazu.«

»Schade! solltest dir doch bald eine Herrin in deinen Burgstall führen.
Nun, so berichte mir jetzt von deines Lebens einspänniger Fahrt.«

»Gern, doch erst müssen wir wieder Wein haben, denn in dem Kruge ist
kein Tropfen mehr,« sprach Eike und winkte der im Garten waltenden
Schenkin.

»Und einen kräftigen Imbiß soll sie uns auch bringen,« fügte Graf Hoyer
hinzu. »Mich hat auf dem langen Ritt nicht bloß Durst, sondern auch ein
grimmiger Hunger überfallen.«

»Woher kommt Ihr?« fragte Eike.

»Von Wernigerode, wo ich einen Enkel des Grafen Christian über die
Taufe gehalten habe. Da wurde wacker gebügelt gestern, denn es waren
viel ritterliche Herren aus der Umgegend mit trinkfesten Kehlen dort.«

Nachdem das blitzsaubere Mädchen den frisch gefüllten Krug und ein
einfach ländliches Abendbrot aufgetischt hatte, hub Eike von Repgow an:
»Daß ich eine Reihe von Jahren erst als Edelknabe und dann als Knappe
beim Markgrafen Dietrich von Meißen war, wo ich höfischen Brauch,
Waffenhandwerk und nebenbei noch mancherlei anderes, mehr als mich
verlangte, aus dicken Büchern und aus dem Munde umständlich dozierender
Magister und Mönche lernen sollte, wißt Ihr wohl.«

»Von deinem Aufenthalt dort weiß ich, und das übrige kann ich mir
denken,« lachte der Graf. »Ging wohl hoch her bei dem künstlerisch
angehauchten Markgrafen, dem ehrgeizigen Gönner fahrender Sänger und
Spielleute?«

»Hoch ging es nicht her, sondern manchmal sogar ziemlich dürftig. Man
nannte ihn nicht umsonst Dietrich den Bedrängten, weil er von seinen
nächsten Verwandten viel Anfechtung und Drangsal auszustehen hatte,
aber wir junges Volk waren allweg guter Dinge, und ich denke gern an
jene Zeit zurück.«

»Na, und dann?«

»Dann blieb ich zu Hause in Reppechowe, wo ich doch wieder die Nase in
Bücher und Schriften steckte, die ich mir oft von weither verschaffte,
denn mir war in Meißen ein schulfüchsiger Wissensdrang angeflogen, der
mir keine Ruhe mehr ließ. Diese Bücherschnüffelei trieb ich so lange,
bis mich mein Vater auf meinen dringenden Wunsch nach Bologna schickte.«

»Nach Bologna? was hattest du denn in Bologna zu suchen?«

»Die Rechte zu studieren. Und das kam so. Mein Vater hatte einen
Rechtsstreit anhängig gemacht, bei dem er ins Unrecht gesetzt wurde,
weil in Reppechowe, das jenseits der Elbe liegt, ein anderes Recht
gilt als diesseits, wo der Gegner heimisch war, und doch wohnten beide,
Kläger und Beklagter in Anhalt, nur wenige Wegstunden voneinander.
Damit uns nun solche Unbill nicht noch einmal widerfahre, wollte ich
mich des Studiums der Rechte befleißigen. Außerdem hoffte ich auch,
dermaleinst den Schöffenstuhl meines Vaters in Salbke einnehmen zu
können, und wollte mich darauf gründlich vorbereiten, um später einmal
ein guter Urteilsfinder zu sein.«

»Soso! das muß ich loben,« sagte der Graf. »Gefiel dir's in Bologna?«

»Es war die weitaus glücklichste Zeit meines Lebens. Auf der hohen
Schule dort waren zu tausenden die Söhne aus aller Herren Ländern. Man
sprach deshalb immer lateinisch, und die hochgelahrten Herren ~doctores
juris~, die ~judices~, wie sie sich nannten, hielten auch die Kollegia
in Latein, das ich wie meine Muttersprache beherrschte. Wir schwärmten,
zechten, fochten --«

»Und liebten, -- nicht zu vergessen! nicht wahr?«

»Ich nicht, ich nahm es ernst mit der Arbeit, so wenig mir auch das
dort ausschließlich behandelte römische Recht behagte, an Stelle dessen
ich ein allgemeines deutsches Recht für unser Volk ersehnte und ...«

Eike brach jählings ab, obwohl ihm offenbar noch etwas auf der Zunge
schwebte, was er verschwieg.

Graf Hoyer wartete vergeblich auf den Schluß des Satzes. Dann fragte
er: »Und als du von Bologna heimkehrtest, was tatest du da?«

Eike zögerte auch jetzt mit der Antwort und sagte dann etwas
verlegen: »Ich -- ich lernte zu Hause fleißig weiter und gab mir,
viel im Lande umherreitend, alle Mühe, mich mit den alten sächsischen
Gewohnheitsrechten bekannt zu machen, immer im Hinblick auf den mir
von ferne winkenden Schöffenstuhl.«

»Nun, Schöffe bist du ja geworden, soviel ich weiß,« sprach der Graf.
»Wie stehst du denn in der Heerschildordnung? Hast du nicht irgendwo
die Schwertleite erhalten?«

»O ja. Um den mir angeborenen Schild auch durch eine Waffentat in
Panzer und Sturmhut zu erwerben, nahm ich als Knappe Kriegsdienst beim
Fürsten Heinrich von Anhalt und kämpfte unter ihm und für ihn in seiner
blutigen Fehde gegen die aufrührerischen Lehnsleute im Hasgau, nach
deren endlicher Besiegung er mich zum Ritter schlug. Ich dachte, er
würde mich nun zu seinem Kanzler oder Justitiarius machen, aber daraus
wurde nichts, nur als Schöffen hat er mich nach meines Vaters Tode mit
Brief und Siegel bestallt.«

Graf Hoyer hob den Becher, trank seinem schöffenbaren jungen Freunde zu
und sagte: »Heil dir, Ritter Eike von Repgow! Aber jetzt erkläre mir:
was hat es zu bedeuten, daß du hier einsam und allein aus zwei Bechern
trinkst?«

Über Eikes Gesicht flog ein Schatten, und mit schwerem Ton kam es von
seinen Lippen: »Ich trinke hier mit einem Abgeschiedenen, einem Toten.«

»Was?!« rief der Graf, »gibst du dir hier ein Stelldichein mit einem
Zechbruder aus jener Welt? Den möcht' ich sehen, Eike! Kannst du
ihn nicht beschwören, daß er erscheint? mich gelüstet's, einmal mit
einem ritterlichen Spukgespenst nicht die Klingen, aber die Becher zu
kreuzen.«

»Er würde meiner Beschwörung nicht Folge leisten,« erwiderte Eike. »In
die Wirklichkeit kehrt er niemals wieder, nur in meiner Einbildung
sitzt er dort an der Stelle, wo Ihr jetzt sitzt und wo ich früher
manche Stunde fröhlich mit ihm becherte.«

»Heraus mit der Geschichte! ich werde nicht lachen und spotten.«

»Gut, so höret! Kurz nach meiner Ankunft in Bologna lernte ich dort
einen Altersgenossen kennen, der gleich mir dem Studium der Rechte an
der hohen Schule oblag und mit dem ich bald innige Freundschaft schloß.
Er hieß Hinrik Warendorp, entstammte einem alten Geschlecht der nunmehr
freien Reichsstadt Lübeck und war der Sohn eines hochangesehenen Rats-
und Handelsherren. Wir trieben unser Fach fortan gemeinsam, verließen
nach dreijährigem Aufenthalt die Hochschule auch an demselben Tage und
zogen zusammen nach Deutschland zurück bis hierher, zum Gasthaus am
Scheidewege. Dann trennten sich unsere Pfade; er ritt nordwärts zur
Trave, ich ostwärts zur Elbe, nachdem wir ausgemacht hatten, uns jedes
Jahr zur Apfelblütezeit hier zu treffen und ein paar Tage lang unsere
köstlichen Erinnerungen zu pflegen. Dreimal glückte das, dann blieb er
aus. Auf einer Fahrt nach Wisby war sein Schiff in einen furchtbaren
Sturm geraten. Eine gewaltige Sturzsee hatte ihn über Bord gerissen,
und unrettbar war er in den tobenden Wellen versunken. Und diese
Botschaft erhielt ich hier an diesem Tische, an dem ich, nichts ahnend,
seiner Ankunft harrte.«

Der Erzähler hielt inne, um erst seines Schmerzes Herr zu werden, ehe
er weiter sprechen konnte: »Nun komme ich alljährlich einmal allein her
zum Gedächtnis meines lieben Trautgesellen, sehe ihn hier leibhaftig
vor mir, rede mit ihm, stoße mit meinem Becher an den seinigen, als
schwänge seine Hand ihn mir zu, und trinke aus beiden.«

Graf Hoyer von Falkenstein saß regungslos still. Dann sagte er:
»Jetzt stoße ich mit dir an zu Ehren des Toten, dem du eine so treue
Freundschaft bewahrst. Deine Erzählung hat mich gepackt,« fuhr er
nach dem Trunke fort, »und auch ich habe eine Kunde, die dich nicht
unberührt lassen wird. Du feierst hier das Angedenken eines, der deinem
Herzen nahe stand, aber ganz Germanien hat jetzt einen Größeren zu
betrauern.«

»Wen?« fragte Eike schnell, »doch nicht etwa Kaiser Friedrich den
Hohenstaufen?«

»Nein, -- Herrn Walter von der Vogelweide.«

»Walter von der Vogelweide ist tot?« rief Eike in jähem Schrecken aus
und griff sich an die Stirn, als könnt' er's nicht fassen.

»In vergangener Woche ist er aus dieser Zeitlichkeit geschieden, und im
Kreuzgang des Neumünsters zu Würzburg haben sie ihn begraben.«

»O mein Gott! mein Gott! und ich Narr, ich blöder Tor habe Jahr auf
Jahr die Fahrt zu ihm verschoben, den ich aufsuchen wollte, um mir
bei ihm Mut und Rat für ein großes Werk zu holen. Und nun ist es zu
spät, nun ist sein weiser, weithin tönender Liedermund, der dem Kaiser
und dem Papste die Wahrheit sagte und an dem unser ganzes Volk mit
freudiger Bewunderung hing, auf ewig verstummt. -- Ich kannte ihn, Graf
Hoyer, und er war mir hold und gewogen, der ritterliche Minnesänger.«

»Du hast ihn gekannt?«

»Ja freilich! er war mondelang in Meißen der hochwillkommene Gast des
Markgrafen Dietrich, während ich dort nicht mehr Edelknabe, sondern
schon Knappe war. Ich habe sein Antlitz geschaut mit den strahlenden
Augen, habe seine Stimme gehört, und meine Hand hat oft in der seinen
gelegen. Und wie hab' ich ihm gelauscht, wenn er von Wien berichtete
und dem Herzog Leopoldus gloriosus oder von dem glänzenden Hofe des
Landgrafen Hermann von Thüringen und dem großen Sängerkrieg auf der
Wartburg!«

»Ich könnte dich darum beneiden, Eike, daß du diesen gottbegnadeten
Mann gekannt hast,« sagte der Graf.

Mittlerweile war die Dämmerung immer stärker geworden, in der die
vielen Tausende von weißen Blüten an den Fruchtbäumen noch hell
schimmerten wie kleine, in die Kronen gehängte Lämpchen. Am Himmelszelt
blinkten schon einzelne Sterne, zu denen sich allmählich mehr und
mehr gesellten. Ein Knecht des Gasthauses steckte in die Ringe der im
Garten aufgestellten Pfähle lange brennende Kienspäne, die im nächsten
Umkreise eine spärliche Beleuchtung spendeten. An den Biertafeln war es
stiller geworden, denn einer nach dem andern der vorher so lauten Gäste
hatte sich sacht davongeschlichen zu dem Strohlager, das ihnen für
mehrere gemeinsam in den Schuppen bereitet war.

Eike blickte zu den Sternen empor und sprach: »Es ist klarer Himmel,
wir werden morgen einen guten Tag haben zu unserer Weiterreise.«

»Wie sagtest du?« fragte der Graf mit einem halb unterdrückten Gähnen.

»Es war nur eine Bemerkung über das Wetter,« erwiderte Eike. »Ihr seid
müde, Herr Graf; wollt Ihr nicht zur Ruhe gehen? ich trinke den Krug
hier noch aus.«

»Hast recht, Eike; ich bin müde,« mußte der Graf zugeben. »Es ist
gestern spät geworden bei dem Taufschmause. Der Halberstädter Domherr
Konrad von Alvensleben fand, als wir Männer unter uns waren, bis tief
in die Nacht hinein kein Ende mit seinen lustigen Geschichten und
Schwänken. Nur eines möchte ich noch wissen, ehe ich schlafen gehe.
Du erwähntest vorhin ein großes Werk, über das du Walter von der
Vogelweide hättest um Rat bitten wollen. Was planst du denn für ein
Werk?«

»Herr Graf, heute nichts mehr davon!« entgegnete Eike. »Wir sehen uns
wohl morgen noch, bevor wir voneinander scheiden.«

»Doch, sag' es mir! sonst grübele ich darüber und schlafe trotz aller
Müdigkeit nicht ein.«

»Nun denn, -- ich plane ein neues, einheitliches Gesetzbuch für ganz
Sachsenland.«

»Eike! Eike! ein einheitliches Gesetzbuch für ganz Sachsenland?! Wie
meinst du denn das?«

»Morgen, Herr Graf, will ich Euch Rede stehen.« Damit lehnte Eike jede
weitere Auskunft heut abend entschieden ab. Sie erhoben sich beide und
schüttelten sich die Hände zur guten Nacht. Der Graf begab sich in das
Haus und murmelte vor sich hin: »Ein Gesetzbuch für ganz Sachsenland!
ein verwegener Gedanke!« --

Eike von Repgow saß wieder allein am Tische unter dem blühenden
Apfelbaum und trank den Krug langsam aus.

Es reute ihn fast, seinen Plan dem Falkensteiner verraten zu haben, und
er erteilte sich selber, nur leider zu spät, die kluge Mahnung: »Von
einem wichtigen Fürnehmen soll man nicht vorher sagen: ich +will+ das
tun, sondern nach dem Vollbringen: ich +habe+ es getan. Denkst du nicht
auch so, Hinrik Warendorp?«



Zweites Kapitel.


Als sich in der Frühe Graf Hoyer und Eike zum Morgenbrot trafen, das
sie wieder im Garten an demselben Tisch einnahmen, an dem sie gestern
abend gesessen hatten, und Eike den Falkensteiner fragte, wie er geruht
hätte, erwiderte dieser: »In der ersten Hälfte der Nacht ganz gut, aber
nachher hat mich dein Gesetzbuch doch ein paar Stunden Schlaf gekostet,
denn es lag mir schwer wie ein Alp auf der Brust, und ich mußte fort
und fort daran denken.«

»Nun, ein großer, dickleibiger Foliant wie das ~corpus juris~
Justinians wird es nicht werden, Herr Graf,« lächelte Eike. »Ich werde
mich kurz fassen, daß es handlich ist und Schöffe, Schultheiß und
Fronbote es in der Tasche mitnehmen können, wenn sie sich zur Dingstatt
begeben.«

»Ich bin sehr neugierig darauf,« gestand der Graf, »und schlage vor,
daß wir uns hier beim Frühmahl nicht lange versitzen, sondern bald
aufbrechen und du mich ein Stück Weges begleitest. Das Gescheiteste
wäre, wenn wir selbander langsam zu Fuß wanderten, wobei du mir
dein sonderbares Vorhaben in aller Gemächlichkeit auseinandersetzen
könntest. Ich schicke meinen Leibknecht mit den Pferden voran, und dein
Roß kann sich derweilen noch ausruhen, denn du hast heute noch einen
weiteren Ritt zu deiner Nachtherberge als ich nach dem Selketal und zur
Burg hinauf.«

Diesem Vorschlage stimmte Eike gern zu, und als sie ihr Frühstück, bei
dem sie von dem Buche nicht sprachen, beendet hatten, machten sich die
Herren zu ihrem Gange bereit und traten ihn wohlgemut an.

Alsobald sie auf der Landstraße sanft ansteigend den Saum des Waldes
erreicht hatten, blieben sie stehen, wandten sich um und schauten
noch einmal zurück. Da lag in geringer Entfernung das große Gehöft
des Gasthauses am Scheideweg in der Maienpracht seiner Blütenbäume so
malerisch vor und unter ihnen, daß sie sich von dem fesselnden Anblick
kaum trennen konnten. Aus einem Schornstein wirbelte blauer Rauch
kerzengerade in die Höhe, denn es regte sich kein Lüftchen, und die
Flügel der Windmühle auf dem Hügel da rechts harrten vergeblich der
treibenden Kraft. Auf dem Hofe, den man von hier aus übersehen konnte,
spannten die Fuhrleute ihre Gäule an die Wagen, und ihr Reden und Rufen
hallte durch die Stille deutlich zu den Rastenden herauf. Von den
Dörfern in der Umgegend führten die Hirten ihre Herden auf die Weide,
und über die lachenden Fluren streckte sich weit und breit der Friede
eines gesegneten Wohlstandes.

»Vorwärts!« gebot der Graf, und sie schritten wieder fürbaß und in den
frühlingsduftigen, taufunkelnden Wald hinein, wo das junge Laub der
Sträucher und Bäume, von den Sonnenstrahlen hell durchleuchtet, mit dem
frischesten, saftigsten Grün alle Wipfel und Zweige füllte, daß unten
auf Gras und Moos scharf begrenzte Lichter und Schatten wechselten.
Und nicht lautlos war es in Geäst und Gebüsch. Muntere Vogelstimmen
erklangen ringsum. Amseln flöteten, Pirol und Kuckuck riefen, Finken
schlugen, und Grasmücken sangen lockende, werbende Liebeslieder.

Nachdem die Wanderer, mit vollen Zügen die wonnesame Waldluft atmend,
eine Zeitlang schweigend nebeneinander hergegangen waren, begann Graf
Hoyer: »Nun sprich, Eike! aber fang von vorn an, wie der Plan des neuen
Gesetzbuches in deinem Kopf allmählich gereift ist. Entstanden ist er
also, wie du gestern sagtest, infolge des Ungerichtes, das dein Vater
einst über sich ergehen lassen mußte.«

»Nein, Herr Graf! Der übel verlaufene Rechtshandel meines Vaters
war nur der Anstoß zu meinem Besuche der hohen Schule in Bologna,«
entgegnete Eike. »Dort erst, je mehr ich mich in das Studium vertiefte,
sah ich ein, daß das römische Recht nun und nimmer unserem Volke
frommen kann. Aber ich war damals schon alt und gewitzt genug, um auch
die großen Schäden und Mängel unserer eigenen Rechtverhältnisse zu
erkennen und daß sie einer gründlichen Wandlung dringend bedürften.
›Gewalt fährt auf der Straße, und Fried und Recht sind sehre wund,‹
singt Walter von der Vogelweide. Und er hat wahrhaftig recht; die
widerspruchvollsten Satzungen zur Entscheidung über Schuld und Unschuld
laufen bei uns durcheinander und gegeneinander wie die kribbelnden
Tierlein in einem Ameisenhaufen. Was ist das für ein jämmerlicher
Zustand, daß hinter jedem Grenzstein, in jedem Gau und jeder Stadt
ein anderes Recht gilt, ja, daß zwischen Mann und Frau, die ehelich
zusammen hausen, oft weit voneinander abweichende Bestimmungen zur
Anwendung kommen, wenn die beiden aus zwei verschiedenen, noch so nahe
belegenen Ortschaften gebürtig sind! Unsere Rechtspflege, das Verfahren
vor dem Schöffenstuhl auf der Dingstatt, Gerüfte und Klage, Eidstabung,
Verfestung und Urteilsspruch liegen im Argen und müssen geändert
werden. Dem Volke muß das natürliche Rechtsgefühl und damit auch die
Rechtssicherheit wiedergegeben werden in einheitlichen und einfältigen
Gesetzen, die sich aus den Erscheinungen und Ereignissen des täglichen
Lebens selber entwickeln, statt in verknöcherten Institutionen, starren
Paragraphen und verzwickten Kautelen, die dem gemeinen Sinn unfaßbar
und dunkel sind.«

Der Graf hatte dem erregt Sprechenden aufmerksam zugehört, nickte
beifällig und fragte nun: »Und welche Rechtsgebiete hast du dir zur
Verbesserung ausersehen?«

»Alle, mit denen Herr und Knecht, Bürger und Bauer in Berührung kommen
und die dem Höchsten wie dem Geringsten im Reich an Leib oder Seele
gehen,« gab Eike stolz zur Antwort. »Land- und Lehnrecht, Hof- und
Erbrecht und was sonst noch mit diesen Gruppen irgendwie zusammenhängt.«

»Ein weites Feld, eine gewaltige Aufgabe!« sagte der Graf, »wirst du
sie lösen können?«

»Ich hoffe es zuversichtlich, denn ich bin gut gerüstet mit allem für
meinen Zweck Wissenswerten.«

Graf Hoyer schwieg nachdenklich. Dann kam aus seinem Munde die Frage:
»Hast du deinen Plan außer mit mir noch mit einem andern Menschen
besprochen?«

»Jawohl, mit meinem getreuen Kumpan Hinrik Warendorp, und er hat
mir mannigfach dabei geholfen, hat mir, so lange er lebte, eigene
Wahrnehmungen und Erfahrungen über alte Volks- und Gewohnheitsrechte in
seiner Vaterstadt Lübeck und in Stormarn und Holstein mitgeteilt und
mir schriftliche Auszüge aus Urkunden, Handfesten und Verbriefungen
gesandt, wie ich mir solche auch selber aus allen Teilen Altsachsens in
Menge herbeigeschleppt habe.«

»Und sonst hast du niemand eingeweiht?«

»Doch! noch einen,« erwiderte Eike noch stolzer als vorher, »aber Ihr
werdet nicht raten, +wen+.«

»Nun?«

»Kaiser Friedrich den Hohenstaufen.«

»Mensch! Das hast du gewagt?« rief der Graf erschrocken aus, »dem
Kaiser hast du's offenbart? Du selbst ihm selber?«

»Auge in Auge! und ich bin froh, daß ich's getan habe, denn der gewagte
Schritt war kein verlorener.«

»Wie bist du nur an ihn herangekommen? was sagte er zu deinem kühnen
Unterfangen? wie nahm er's auf?«

»Über alles Erwarten huldvoll und gnädig,« versicherte Eike. »Laßt Euch
erzählen. Während meines letzten Studienjahres in Bologna hatte der
Kaiser einen Reichstag nach Cremona einberufen, um die sich trutzig
gegen ihn auflehnenden Städte des lombardischen Bundes gefügig und
unterwürfig zu machen und auch um den Kreuzzug endlich in die Wege zu
leiten, den er dem Papste Honorius bei Strafe des Bannes hatte geloben
müssen. Da nahm ich die günstige Gelegenheit wahr, ritt von Bologna
nach Cremona und trug dem großdenkenden Hohenstaufen meinen schon
fest aufgebauten Plan freimütig und ausführlich vor. Er schenkte mir
geduldiges Gehör und gab mir unverhohlen seine Zustimmung zu erkennen.
Ich sehe ihn noch, wie er ernst und hoheitsvoll mir gegenüberstand und,
so lange ich redete, den durchdringenden Blick nicht von mir abließ. Du
willst, hub er an, als ich geendet hatte, mit deinem Buche den Sachsen
einen Spiegel des Rechtes vorhalten, eines einheitlichen Rechtes, nach
welchem alle Lebenden auf sächsischer Erde ohne Ansehung des Standes
und der Geburt mit gleichem Maße gemessen und gerichtet werden sollen.
Das gefällt mir, Eike von Repgow! Ich selber habe schon mehr als
einmal zu einer solchen Gesetzgebung, wie sie dir im Sinn liegt, den
Anlauf genommen, aber bei meinen unaufhörlichen Streitigkeiten mit den
Päpsten und den harten Kämpfen hier in der Lombardei und in Apulien
gebricht es mir an Zeit zu einer so umfassenden Arbeit. Jetzt hetzen
sie von Rom zum Kreuzzuge, um mich aus Italien loszuwerden und nach
Belieben hier schalten und walten zu können. Nun schaffe du, was ich
als deutscher Kaiser und König nicht vermag. Doch Schutz und Schirm
will ich dir gewähren und, soweit mein weltlicher Arm reicht, die
Hand über dir halten. Wenn ich dein Buch, wie ich hoffe, gutheißen
kann, will ich ihm allen Vorschub leisten und ihm Kraft und Geltung
verleihen in Herzogtümern und Grafschaften, in Stadt und Land. Also
Gott befohlen, Eike von Repgow! geh mutig und getrost ans Werk, laß
dich durch nichts beirren und berufe dich auf mich. -- So, Graf Hoyer,«
schloß Eike seinen Bericht, »so sprach der hochsinnige Kaiser zu mir;
all mein Lebtag werd' ich's nicht vergessen.«

Graf Hoyer war immer langsamer gegangen und hatte seinen
Wandergenossen, von dem Gehörten ganz erfüllt, oft prüfend und wägend
angeschaut. Jetzt sprach er: »Den Friedrich von Hohenstaufen gesehen
und gesprochen zu haben ist für jedermann ein Glück und eine Ehre.
Möge dir seine gnädige Verheißung von Nutzen sein! Meine beiden Söhne,
Otto und Arnulf, auch längst zu Rittern geschlagen, stehen bei des
Kaisers Heer in Apulien und haben ihn vielleicht auch schon zu Gesicht
bekommen. Aber jetzt laß uns ein wenig ruhen, Eike,« fügte er im tiefen
Walde stehen bleibend und sich verschnaufend hinzu. Damit streckte er
sich auf Gras und Kraut in den Schatten einer mächtigen Eiche, und sein
junger Gefährte tat das gleiche.

Der Graf schob sich beide Hände unter den Kopf und dehnte mit Behagen
die müden Glieder. »Wie gut liegt sich's hier!« sagte er. »Unter
dieser Eiche hat in den sieben Jahrhunderten, auf die ich ihr Alter
schätze, gewiß mancher Weidmann bei seinem Pirschgange gerastet, hat
den Eschenspeer und den Eibenbogen an den Stamm gelehnt, aus der
Dachsfelltasche den spärlichen Imbiß hervorgeholt und ihn mit seinem
treuen Stöberhunde redlich geteilt. Und nun liegen wir hier, und auch
uns zu Häupten rauscht die Eiche und raunt von längst verklungenen
Zeiten, da die Frankenkönige und die Sachsenherzöge das Land
durchritten, in allen Gauen selber zu Gericht saßen und mit eigenem
Munde über männiglich, über Freie und Hörige Recht sprachen ohne
geschriebene Gesetze.« Er hielt sinnend ein Weilchen inne und fuhr dann
fort: »Wenn ich dich recht verstanden habe, so hast du alles, was du an
Schriften und Aufzeichnungen zu deinem Werke gebrauchst, schon hübsch
beieinander und kannst nun die Feder ansetzen, um das, was sich als
Stoff und Inhalt des Buches drängend und treibend in dir angehäuft hat,
zu Papiere zu bringen. Ist es nicht so?«

»Ja, so ist es,« erwiderte Eike, »dies war meine letzte Reise, auf
der ich mir noch etwas Fehlendes heranzuschaffen hatte. Jetzt kann's
losgehen mit der Schreiberei.«

»Gut!« sprach der Graf, »und wenn du mir nun eine Freude machen willst,
Eike, eine große Freude, so komm schnurstracks zu mir und schreibe dein
Gesetzbuch bei mir auf Burg Falkenstein!«

»Graf Hoyer!« rief Eike und schnellte aus seiner liegenden Stellung
empor, so daß er nun aufrecht saß. »Das ist ein sehr freundliches
Anerbieten von Euch, aber mit allem Danke muß ich die Einladung
ablehnen, um Eures Burgfriedens willen.«

»Was schert dich denn mein Burgfriede? für den laß mich sorgen!«

»Ich würde Euch Unrast und Ungelegenheiten schaffen mit allerlei
Rücksichten, die Ihr in Eurer Güte meinetwegen vielleicht nehmen zu
müssen glaubtet, und mein Einlager würde von langer Dauer sein, wenn
ich mein Buch von Anfang bis zu Ende bei Euch --«

»Bleibe so lange du willst und rede nicht von Ungelegenheiten,«
unterbrach ihn der Graf. »Davon wirst du nichts spüren, wirst dich wohl
fühlen in unsern Bergen und Wäldern, wohler und frischer als in dem
staubigen Flachland an der Elbe.«

»Daran zweifle ich nicht, aber es geht nicht.«

»Warum denn nicht? Dein festes Haus in Reppechowe werden sie dir nicht
wegtragen, auch wenn du's nicht selber bewachst.«

»Ach, abkömmlich wäre ich schon; ich habe einen tüchtigen Meier, der
mir mein kleines Lehngut bestens verwaltet und in Ordnung hält.«

»Nun also!«

»Es wird mir sehr schwer, nein zu sagen, Herr Graf, aber --«

»So sage doch ja!« lachte der Graf, »wozu denn die Ausflüchte?«

Eike schaute den so herzlich auf ihn Eindringenden überlegsam an. Dann
hellten sich seine Züge auf wie nach einem gefaßten Entschluß, und
völlig überwunden erklärte er: »Nun denn, -- in Gottes Namen, ja! ich
komme.«

»Abgemacht!« rief der Graf, und Hand schlug fest in Hand. »Du wirst
auf der Burg vollkommene Ruhe zur Arbeit haben, kannst auch, wenn du
Lust hast, pirschen gehen und dich überhaupt mit deiner Zeit ganz nach
deinem Gefallen einrichten. Die Gräfin und ich werden dir alles zu
Liebe tun, was wir wissen und können, sollst Feuer ohne Rauch, ein
krachendes Bett und einen immer gefüllten Becher finden, aus dem du so
lange trinken kannst, bis du eine Taube auf dem Dache für zwei Krähen
ansiehst. Bei der Arbeit sollst du nie gestört werden; vielleicht kann
ich dir aber hier und da mit Wink und Weisung an die Hand gehen, denn
als Gerichtsherr der Grafschaft bin auch ich des Sachsenrechtes nicht
ganz unkundig.«

»Rat und Hilfe werde ich dankbar von Euch annehmen, Herr Graf.«

»Zur Hilfe bei deiner Schreiberei stelle ich dir meinen Sekretarius
zur Verfügung, einen jungen Menschen aus dem Burggesinde, für den ich
ohnehin zu wenig Beschäftigung habe. Geschickt und brauchbar ist er.«

»Auch sicher und zuverlässig?«

»Wenn man ihn kurz und unter strenger Fuchtel hält, ist mit ihm
anzukommen, denn er hat nicht zu verachtende Fähigkeiten, aber auch den
Kopf voll Schnurren und Flausen,« versetzte der Graf. »Wilfred Bogner
heißt er und ist der Sohn meines verstorbenen Wild- und Waffenmeisters,
der im Kampfe mit einem von ihm angeschossenen Bären sein Leben
einbüßte. Ich nahm mich des gänzlich verwaisten Jungen an und schickte
ihn auf die Klosterschule zu Gröningen bei Halberstadt, weil ich den
Abt des Benediktinerstiftes kenne. Einige Jahre lang tat der Wilfred
dort gut, lernte leicht und fleißig, und es wäre vielleicht noch einmal
etwas Ordentliches aus ihm geworden, wenn sie ihn nicht eines dummen
Streiches wegen weggejagt hätten.«

»Was hat er denn ausgefressen?«

»Sie hatten im Kloster einen schwarzen Pudel; den hat sich der Bengel
aus reinem Übermut eines Tages vorgenommen und ihm heimlich eine
regelrechte, kreisrunde Tonsur von einem Ohre zum andern geschoren,
kahl bis auf den Schädel. Die Patres waren natürlich empört über dieses
Sakrileg, das nicht ungerochen hingehen durfte.«

»Aber wie wurde denn der Verbrecher entdeckt?«

»Durch den Pudel selber. Dieser war zu allen im Kloster, Mönchen
und Schülern, freundlich und zutulich. Von Stund an aber benahm er
sich gegen Wilfred äußerst feindselig und bissig und ließ sich nicht
mehr von ihm anfassen. Das fiel auf, und in ein gründliches Verhör
genommen, mußte der Bösewicht nach hartnäckigem Leugnen seinen
Frevel endlich eingestehen. Da wurde er erst so lange in den Karzer
gesteckt, bis dem armen Pudel seine geschorene Platte wieder dicht
und krauswollig zugewachsen war, und dann von der Klosterschule
relegiert. Darauf hat er sich, ich weiß nicht wie lange, als Vagant in
der Welt umhergetrieben, bis er plötzlich abgerissen und verlottert
auf dem Falkenstein erschien und um Aufnahme bettelte. Ich ließ mich
erweichen und nahm den windschaffenen Gesellen in Erinnerung an die
treuen Dienste seines Vaters in Gnaden wieder auf, und seitdem hat er
sich während der ganzen Zeit hier nichts zuschulden kommen lassen. Den
sollst du zum Schreiber haben, Eike, aber paß ihm auf die Finger, rat'
ich dir. Wann wirst du dich einfinden?«

»Ich denke, in einigen Tagen, Herr Graf,« versprach Eike. »Ich muß
zuvörderst mein Haus bestellen und meine Schriften ordnen. Dann komme
ich mit Sack und Pack bei Euch eingeritten.«

»Bist allstunds willkommen, aber jetzt muß ich weiter. Hilf mir auf!«

Eike unterstützte den Grafen mit seiner jungen Kraft. Als dieser aber
auf den Füßen stand, drückte er die Hand aufs Herz und sagte: »Ich
kann nicht länger gehen, ich muß in den Sattel. Vor vierzehn Jahren
traf mich auf einem Turnier in Frankfurt ein Lanzenstoß, der das Herz
streifte und die Lunge berührte. Davon ist mir eine Herzschwäche
zurückgeblieben, die sich mit dem zunehmenden Alter immer häufiger und
stärker fühlbar macht. Lange Zeit hat sie mich verschont gelassen,
aber heut ist sie wieder im Anzuge, wahrscheinlich veranlaßt durch das
andauernde Trinkgelage in Wernigerode. -- Ich habe mein Hifthorn nicht
bei mir; kannst du auf dem Finger pfeifen, Eike?«

»Versteht sich, Herr Graf!«

Ein gellender Pfiff Eikes durchdrang die Stille des Waldes, und sofort
ertönte von fern auch die Antwort in derselben Weise. »Das ist Folkmar,
der auf uns wartet,« sprach der Graf.

Bald hörten sie Hufschlag und sahen den Reitenden mit den Pferden nahen.

Als er bei ihnen anhielt und abgestiegen war, schwang sich Graf Hoyer
in die Bügel, was trotz seiner Atemnot ganz leidlich vonstatten ging.
»Also auf Wiedersehen auf dem Falkenstein!« rief er, Eike vom Sattel
aus die Hand reichend.

»Auf Wiedersehen! und ich bitte, der Frau Gräfin meinen ehrerbietigen
Gruß zu bestellen.«

Der Graf nickte, gab aber keine Antwort darauf und ritt mit seinem
Dienstmannen langsam davon.

Eike von Repgow blickte den Reitern sinnend nach, solange er sie sehen
konnte. »Auf dem Falkenstein, der waldumrauschten Bergfeste, soll ich
mein Buch schreiben; einen herrlicheren Schreibsitz kann ich mir nicht
wünschen«, sprach er zu sich selber. »Nun mit aller Kraft freudig ans
Werk, und Schaffenslust soll mir die Gedanken beflügeln!«



Drittes Kapitel.


In einem unbeschwerlichen Ritt, meist auf schattigen Waldwegen, langte
Graf Hoyer nach mehrtägiger Abwesenheit spät nachmittags auf seiner
einen hohen Berg krönenden, alle Wipfel überragenden Burg Falkenstein
an. Von seiner Gemahlin begrüßt und nach seinen Erlebnissen befragt
berichtete er ihr, so wie er vom Pferde gestiegen war, zunächst von
der Taufe in Wernigerode, welche anderen Gäste er dort getroffen und
welchen Verlauf das glänzende Fest genommen hatte.

Dann erzählte er ihr von seiner zufälligen Begegnung mit dem Sohn eines
lieben, alten Freundes, dem Ritter Eike von Repgow, den er in einem
einsamen Gasthause beim Weine sitzend vorgefunden hätte. Da hätten
sie ein freudiges Wiedersehen gefeiert, auch beide in der Herberge
genächtigt und heute morgen eine sehr erfrischende Fußwanderung durch
den Wald miteinander gemacht so weit ihn sein junger Gefährte, den
er von Kindesbeinen an kennte, hätte begleiten können. Dann rückte
er damit heraus, daß er den Anhaltiner, der in der Gegend von Aken,
aber jenseits der Elbe, auf seinem Lehngute hauste, zu einem längeren
Besuch auf dem Falkenstein eingeladen hätte, damit der Gast ein von
ihm geplantes, groß angelegtes Werk, ein neues Gesetzbuch über das
Sachsenrecht, schriebe.

»Ein Gesetzbuch?« sprach die Gräfin verwundert. »Ist er denn ein
Rechtsgelehrter? Du nanntest ihn doch Ritter.«

»Er ist beides,« bestätigte der Graf, »hat auf der hohen Schule zu
Bologna die Rechte studiert und fühlt nun als schöffenbar freier
Mann den unüberwindlichen Drang, seine erworbenen Kenntnisse zum
Wohle unseres Sachsenvolkes zu verwerten, dessen sehr verwickelte
Rechtszustände nach seiner und meiner Ansicht einer durchgreifenden
Änderung bedürfen. Aber du magst das alles aus seinem eigenen Munde
hören, denn in einigen Tagen wird er hier eintreffen.«

Die Gräfin schwieg, und ihrem unfrohen Gesichtsausdrucke nach
schien ihr die Ankündigung wenig Freude zu bereiten. Ein trockener,
langweiliger Gelehrter, dachte sie, der, statt als Ritter mit Schwert
und Lanze kampfliche Abenteuer zu bestehen, sich als Gesetzgeber
aufspielen will und sich dünkelhaft vermißt, nach seinen verschrobenen
Begriffen das Volk zu beglücken und die Welt zu verbessern.

»Ist er verheiratet und bringt er seine Frau etwa mit?« fragte sie
spitz.

»Nein,« entgegnete der Graf, »er ist noch ledig. Du darfst dir also
seine Huldigungen ruhig gefallen lassen.«

»Mich verlangt nicht nach seinen Huldigungen.«

»O er weiß, was sich edlen Frauen gegenüber schickt und ihnen nach
höfischer Sitte gebührt, Gerlinde!«

»Wo sollte er denn das gelernt haben? etwa in Bologna?«

»Nein, aber beim Markgrafen Dietrich von Meißen und beim Fürsten
Heinrich von Anhalt, der ihn für rühmliche Waffentaten zum Ritter
geschlagen hat,« bedeutete sie der Graf in verweisendem Tone.

Darauf gab Gräfin Gerlinde keine Antwort. Sie war verstimmt in der ihr
unliebsamen Aussicht auf die dauernde Gesellschaft eines ihr völlig
Unbekannten, zu dessen Art und Wesen sie nach der erhaltenen Mitteilung
kein rechtes Vertrauen zu fassen vermochte. Eine dunkle Ahnung stieg
in ihr auf, daß der Besuch allerhand Störungen und Mißhelligkeiten
veranlassen könnte, und sie nahm sich vor, sehr zurückhaltend zu sein
gegen diesen halb Ritter, halb Gelehrten, den ihr Gemahl von der
Landstraße aufgelesen und flugs zu sich eingeladen hatte, nur weil
er der Sohn eines alten Freundes war, dessen der Graf ihr gegenüber
niemals Erwähnung getan hatte.

Schweigend hörte sie auch sein Ersuchen an, für den Gast ein
behagliches Zimmer mit einem großen Schreibtisch und mit
Büchergestellen sowie ein bequemes Schlafgemach herrichten zu lassen,
aber bei der Ausführung dieses Auftrages, die sie selbst leitete, kamen
ihr andere Gedanken.

Der Besuch, auf den sie schon neugierig zu werden anfing, war doch
immerhin eine Abwechselung in der Eintönigkeit ihres Lebens, und
möglicherweise war der Herr -- wie hieß er? Eike von Repgow, Eike,
ein merkwürdiger Name! -- ein Mensch, an dessen Gegenwart man sich
gewöhnen konnte, zumal wenn man mußte. »So mag er denn kommen, der
Weltverbesserer! die Burgfrau wird dem gelehrten Gaste eine sorgliche
Wirtin sein, und die Dame wird sich auch mit dem verschrobensten Ritter
leidlich abzufinden wissen.« --

Beinah eine Woche später als Graf Hoyer ritt Eike von Repgow das
Selketal entlang und hatte seine Freude an dem herrlichen Eichen- und
Buchenwalde, der nirgends im Harze schöner und üppiger zu sehen ist
als an den Berghalden zu beiden Seiten dieses Tales, das jetzt schon
zum größten Teil im Schatten lag, während der Rücken des Höhenzuges
und seine hie und da aufragenden Kuppen noch von der Sonne beschienen
wurden. Der Wald reichte bis unmittelbar an die Umwallung des
Falkensteins heran, dessen trutziger Bergfried dem Nahenden in rosig
schimmernder Beleuchtung winkte und in ihm die Erinnerung an seine
Reise hierher als Knabe mit dem Vater weckte.

Unweit einer klappernden Mühle bog der Weg zur Burg von der Talstraße
ab, und Eike mußte der Steilheit wegen bald absitzen und sein Pferd am
Zügel führen, denn dieses hatte einen großen, mit Kleidern und noch
mehr mit Schriftstücken vollgepfropften Mantelsack zu tragen.

Es dauerte wohl eine Stunde, ehe er sein Ziel erreichte, doch eine
kleine Strecke vor dem Burggraben hielt er noch einmal an, weil er
hoch über sich in einer alten Buche, deren Äste bis tief hinab dem
mächtigen Stamm entwuchsen, Töne vernahm, wie aus einer Vogelkehle
herausgeschmettert. Aber ein Vogel konnte es nicht sein, denn zu so
weit vorgerückter Tageszeit sang kein Vogel mehr außer Nachtigall und
Amsel, und so süß berückend klang die Musika doch nicht. Es mußte ein
Mensch sein, der, dem Spähenden nicht sichtbar, im Gezweige des Baumes
hockte und auf einem Instrumente blies, von dem sich Eike keine klare
Vorstellung machen konnte.

»Heda! Du floitierender Buchfink,« rief er hinauf, »komm mal
heruntergeflattert aus deinem dichten Laubzelt, ich möchte den Schnabel
sehen, der so verlockend trillern kann.«

Da ward es still in der Buchenkrone. Dann hörte Eike, wie jemand an
Stamm und Zweigen herabrutschte, und bald sprang ein schlanker junger
Mensch ihm gerade vor die Füße, der ihm eine ungelenke Verbeugung
machte und ihn mit blinzelnden Augen dreist anstarrte. Zwischen den
Nesteln seines Wamses steckte ein mit Löchern zum Blasen versehener
Stengel Schilfrohr. Das war also die Schalmei, auf welcher der im
Grünen Versteckte gedudelt hatte.

»Hat man auf dem Falkenstein soviel freie Zeit, daß man wie ein Affe
auf die Bäume klettert und wie ein Starmatz zwitschert?« redete ihn
Eike an.

»O ich hätte nichts dagegen einzuwenden, Herr, wenn ich noch mehr
Freiheit hätte, um zu tun, was mir beliebt,« erwiderte der andere keck
und unverfroren.

»So bist du gewiß der Wilfred Bogner,« sagte Eike, worauf der richtig
Erkannte zustimmend nickte. »Nun, ich kann dir von deinem Überfluß an
Muße ein Erkleckliches abnehmen, ich habe Arbeit für dich.«

»Ach du lieber Gott! da seid Ihr wohl gar der Ritter Eike von Repgow?«
fragte der erst so Fürwitzige nun erschrocken.

»Du lieber Gott! ja, der bin ich, wenn du's mir zugute halten willst,«
sprach Eike belustigt.

»Darum hat auch der Neck im Ziehbrunnen vor drei Tagen so grausam
rumort, und nun ist --«

»Und nun ist das Unheil da, willst du sagen; danke für den freundlichen
~prospectus~!« lachte Eike. »Der Herr Graf hat mich wohl dem Herrn
Sekretarius schon angekündigt?«

»Ja freilich, Herr! ich weiß Bescheid, schreiben soll ich,« gab Wilfred
kleinlaut zur Antwort.

»Richtig! jetzt komm mit und geleite mich durch Umwallung und Tor zu
deinem gnädigen Burgherrn,« gebot Eike.

Er schwang sich in den Sattel, denn er wollte nicht wie ein Säumer mit
seinem Packtier, sondern ritterlich hoch zu Roß in die Burg einziehen.

Wilfred schlich de- und wehmütig wie ein geprügelter Hund hinter dem
Reiter her.

Sie mußten über die Zugbrücke und dann mehrere Tore durchschreiten.
Gleich hinter dem ersten enteilte einer der Burgmannen, wahrscheinlich,
um die Ankunft des Gastes zu melden.

Im Burghofe wies Eike zum Brunnen hin und sagte: »Nun horche mal hinab,
ob der Neck da unten nicht singt vor Freude, daß ich gekommen bin.«

Wilfred beugte sich über den Rand des Brunnengemäuers und tat so, als
ob er dem Befehle Folge leistete. »Ich höre nichts,« sprach er mit
einem boshaften Grinsen.

Eike sprang aus den Bügeln, ein Knecht nahm ihm das Pferd ab und
schnallte den Mantelsack los. Als Eike sich umwandte, trat ihm aus
einer Tür Graf Hoyer mit ausgestreckten Armen entgegen. »Bist du
endlich da, Eike?« rief er freudig, »mit welcher Ungeduld haben wir
deiner geharrt! Komm, die Gräfin erwartet dich oben.«

Als Eike sah, daß der Knecht sein Pferd in den Stall brachte, fragte
er: »Auf welche Weise kann ich den Braunen morgen nach Hause schicken?«

»Den laß nur hier,« erwiderte der Graf. »Er soll bis an den Bauch
im Stroh und bis über die Naslöcher im Hafer stehen. Ein tüchtiger
Reiseklepper!« fügte er hinzu, das starkknochige Tier musternd.

»Ich habe viele Meilen zwischen Rhein und Elbe mit ihm zurückgelegt,«
sprach Eike, »bin bei Schöffen, Schultheißen und Bauermeistern mit ihm
gewesen, und er hat bei mancher Unterredung aus dem Stegreif über Land-
und Lehnrecht die Ohren gespitzt.«

Sie stiegen eine steinerne Wendeltreppe hinan. Oben führte der Graf
den Freund in ein reich ausgestattetes Empfangsgemach, und Eike
stand, betroffen, sprachlos vor Staunen, einer schönen, +jungen+ Frau
gegenüber.

»Auch die Burgfrau heißt den Gast ihres Gatten willkommen,« sagte sie,
nicht steif und hoffärtig, aber doch etwas gemessen und sichtlich
selber überrascht über die stattliche, fast jugendliche Erscheinung des
Ankömmlings, den sie sich ganz anders gedacht hatte.

Eike konnte ihr nur mit einigen kurzen, verbindlichen Worten danken,
auf die sie erwiderte: »Ich möchte Euch, ehe Ihr hier Platz nehmt, Euer
Losament zeigen, Herr Ritter von Repgow. Bitte, folgt mir.«

Sie schritten alle drei, die Gräfin voran, durch einen langen,
schmalen, mittels zahlreicher Luken erhellten Gang, den Fräuleingang
geheißen, wie der Graf erklärte, zu dem nach seinen Angaben höchst
behaglich eingerichteten Zimmer. Die Gräfin öffnete die Tür und lud mit
einer Handbewegung den Gast zur Besitznahme ein.

Eike, sich darin umschauend und dann an eines der drei Fenster tretend,
rief aus: »Was? hier soll ich wohnen? das ist ja viel zu prächtig
für mich. Hier wird mir die Arbeit schwer werden, diese herrliche
Aussicht in das Tal vor Augen mit den Bergen und Wäldern und den grünen
Wiesen, durch die sich der erlenbekränzte Fluß in gefälligen Windungen
schlängelt. Da muß einem ja das Herz aufgehen vor Entzücken, aber die
Schreiberei wird dabei zu kurz kommen, gnädigste Gräfin!«

Mit einem zufriedenen Lächeln antwortete Gräfin Gerlinde auf diese
begeisterten Äußerungen: »Nicht beeinträchtigen, sondern Eure Arbeit
fördern möge der freie Blick in diese schöne Natur, und ich wünsche
Euch Heil und Segen dazu hier unter unserem Dache.« Dann zog sie sich
zurück und ließ die beiden Männer allein.

Als sie den Fräuleingang wieder durchwandelte, flüsterte sie: »Wie ein
Gelehrter sieht er eigentlich nicht aus, aber ein Ritter ist er.« --

»Ich habe deine Verwunderung bemerkt, als du die Gräfin sahest,« begann
Graf Hoyer unter vier Augen mit Eike. »Sie ist meine zweite Frau, was
ich dir neulich mitzuteilen vergaß. Nachdem mir vor acht Jahren der Tod
meine liebe Bertrade entrissen hatte, ward es mir öd und einsiedlerisch
hier, denn ich war allein, meine Söhne waren damals schon auswärts. Da,
als ich zwei Jahre später auf einer Fahrt durch Franken einmal zu einem
mir befreundeten Ritter auf Burg Schwanenfeld kam, wurde mein Herz
von einer schnellen Neigung zu einer seiner fünf Töchter erfaßt. Ich
zauderte nicht und warb um sie. Auch das damals zweiundzwanzigjährige
Mädchen besann sich nicht lange und nahm meinen Antrag an, denn die
Familie lebte bei geringem Besitz einsam, wie abgeschieden von der
Welt, und die Freier blieben aus. Der Brautkauf mit dem Vater war bald
geschlossen, und sowohl der Muntschatz wie die Morgengabe und die
Leibzucht, die ich zu bestellen gelobte, waren reichlich bemessen. So
ward Gerlinde mein Weib, und mich hat es nicht gereut, denn mit ihr kam
wieder Sonnenschein und Leben auf den Falkenstein, obwohl wir keinen
regen Verkehr mit Standesgenossen haben und ich, der ich soviel älter
bin, der noch jungen Frau wenig bieten kann. Ob sich Gerlinde an meiner
Seite glücklich und zufrieden fühlt, weiß ich nicht. Dir wird es leicht
werden, dich gut mit ihr zu stellen, denn sie ist eine offenherzige,
zugängliche Natur und besitzt eine nicht gewöhnliche Geistesbildung.
Nimm dich ihrer, wenn du Lust und Zeit dazu hast, ein wenig an; sie und
ich werden es dir Dank wissen.«

»Ich werde mich nach besten Kräften um die Huld der Frau Gräfin
bemühen,« sprach Eike mit einem verlegenen Lächeln, »aber ich bin in
zartem Frauendienst nicht erfahren und geübt, Graf Hoyer, und die Frau
Gräfin wird viel Nachsicht mit mir haben müssen, bis ich mir ihre Gunst
und Gewogenheit errungen habe.«

»Auf das ~experimentum~ bin ich gespannt, Eike,« lachte der Graf.
»Jetzt ruhe dich aus, bis Folkmar dich zum Abendessen ruft; lange wird
es nicht mehr dauern. Du bleibst wie du da bist; meine Frau ist nicht
anspruchsvoll, und wir drei sind ja Gottlob! unter uns allein, worauf
ich mich unbändig freue. Auf Wiedersehen!« Damit ging er. --

»Seine zweite Frau und achtundzwanzig Jahre, wenn ich richtig rechne!«
sprach Eike, sich auf eine Ruhebank hinstreckend. »Daher auch die
fehlende Antwort, als ich ihm bei unserem Abschied unter der Eiche
einen Gruß an seine Gemahlin auftrug, nicht ahnend, daß Frau Bertrade
längst nicht mehr unter den Lebenden ist. -- Und er weiß nicht, ob sich
Frau Gerlinde an seiner Seite glücklich fühlt? Wie ist es nur möglich,
so etwas nicht zu wissen! Hat sie es ihm nie gezeigt, ihm niemals
unwillkürlich verraten? Da müßte sie ja ein sehr kühles Menschenkind
sein, und dagegen sprechen ihre glutsprühenden Augen. -- Um ihre Gunst
soll ich mich bewerben. Als ob ich nicht andere Dinge im Kopf hätte!
Wenn mich der erste, flüchtige Eindruck nicht täuscht, ist sie aller
Verehrung wert, und die will ich ihr auch gern darbringen, mehr aber
nicht, und mehr wird sie auch nicht von mir erwarten. Eine hochmütige
Tyrannin, die bedingungslose Unterwerfung fordert und gefallsüchtig
von früh bis spät umschmeichelt sein will, ist sie sicher nicht. Ihre
Augen freilich, die sind gefährlich, -- +mir+ gefährlich? ach, ich bin
gepanzert mit dreifachem Erz. Wenn aber nun --«

Es klopfte. »Seid Ihr es, Folkmar?«

»Jawohl, Herr Ritter! die Frau Gräfin läßt zu Tische bitten,« klang es
durch die Tür zurück.

»Ich komme sogleich.« --

Der Tisch stand im Speisesaale gedeckt, nur die Speisen und das Getränk
nebst den Trinkgeschirren fehlten noch darauf. Daher empfing Gräfin
Gerlinde den neuen Burgbewohner mit den Worten: »Ein wenig müssen wir
uns noch gedulden, Herr von Repgow, und ich will Euch unterdessen
mit unserer gewohnten Zeiteinteilung bekannt machen. Das Morgenbrot
wird Euch Melissa, meine Gürtelmagd, in Euer Gemach bringen zu jeder
Stunde, die Ihr bestimmen werdet. Zu Mittag essen wir, wann die Sonne
am höchsten steht, und abends so wie heute. Im übrigen seid Ihr völlig
frei und an nichts gebunden. Ist Euch das recht so?«

»Edle Frau, Ihr habt zu befehlen, ich bin mit allem zufrieden.
Jeglicher Ordnung, die in diesen Mauern herrscht, werde ich mich willig
fügen und mit Freuden Euren leisesten Winken gehorchen,« erwiderte Eike
sich ritterlich verneigend und der Gräfin die Hand küssend.

»Das heißt,« fiel Graf Hoyer ein, »wenn du in der Zwischenzeit einmal
Hunger verspürst, legst du ihn meiner Frau ans Herz, und sooft dich
Durst anwandelt, wendest du dich an mich, Eike; ich habe Verständnis
für dergleichen Gefühle.«

»Aber auch Ihr müßt das richtig verstehen, Herr Ritter,« fügte die
Gräfin schalkhaft hinzu. »+Euer+ Durst wird meinem Gemahl stets ebenso
willkommen sein wie sein eigener, schon der guten Gelegenheit wegen,
mittrinken zu können.«

»Sonst darf ich's nämlich nicht, denn sie erlaubt mir selten einen
biederen Trunk außer der Reihe,« lachte der Graf. »Wenn ich aber einen
Genossen dabei habe, dem ich mit dem Becher Bescheid tun muß, drückt
sie ein Auge zu.«

»Beide!« sprach die Gräfin nachdrücklich mit einem Seufzer, der etwas
Drolliges hatte. »Ah, da kommt unsere Mahlzeit,« rief sie gleich darauf
vergnügt, als sich die Tür öffnete.

Folkmar trat ein, aber mit leeren Händen.

»Folkmar, du bringst weniger als nichts, du bringst etwas Unangenehmes«
sagte der Graf stirnrunzelnd. »Was ist geschehen?«

»Herr Graf, der Ritter Dowald von Ascharien ist soeben angekommen,«
meldete der Diener mit einem Gesicht, so grämlich wie drei Tage
Regenwetter.

»Daß dich der Donner und Hagel erschlag!« brauste der Graf zornwütig
auf. »Ist denn die Zugbrücke noch nicht aufgezogen?«

»Goswig wollte es eben tun, da war aber der Ritter mit seinem Rosse
schon mitten darauf.«

»Was? zu Rosse ist er? aus wessen Stalle mag er sich das wohl
ge--liehen haben! denn geschenkt hat es ihm niemand und verkauft erst
recht nicht,« brummte der Graf. »Und heute just! daß er uns gerade heut
auf den Hals kommen muß! Wo steckt er denn nun?«

»Er bittet, sich erst umkleiden zu dürfen, ehe er vor den Herrschaften
erscheint, denn so wie er wäre, könnte er sich nicht zeigen,« erwiderte
Folkmar.

»Das will ich ihm unbesehen glauben; es wird mit seiner Ausstaffierung
schäbig genug bestellt sein,« höhnte der Graf. »Schaff' ihn in das
kleine Turmgemach und hilf ihm, brauchst dich aber damit nicht zu
beeilen. Melissa mag uns inzwischen bedienen, denn warten werden wir
auf den alten Schmarutzer nicht, und sie soll nun die gewöhnlichen,
zinnernen Becher aufsetzen.«

Des Grafen Freude war zerstört, seine gute Laune dahin. »Dieser Dowald
von Ascharien,« wandte er sich zu Eike, der das alles staunend mit
angehört hatte, »ist ein fahrender Ritter, ein edles Blut, das wenig
hat und viel vertut. Er nennt sich einen Vetter des Fürsten von Anhalt,
mit dem er aber nur sehr weitläufig versippt ist und vor dem er sich
seines verworfenen Umhertreibens wegen nicht blicken lassen darf.
Er besaß früher einen kleinen Hof bei Aschersleben, der ihm jedoch
längst abgepfändet worden ist, hat nicht Hind, nicht Kind, ist ein
unleidlicher Schwätzer, bis über die Ohren verschuldet und kriegt
nirgend mehr einen Heller geborgt. Nun brandschatzt er alle Burgen
im weitesten Umkreise, pokuliert und prahlt mit den unglaublichsten
Abenteuern, in denen er selbst stets den siegreichen Helden spielt.
Daneben behauptet er, überall eingeladen zu sein, aber wer sein Nahen
wittert, läßt schnell die Brücke aufziehen und verleugnet sich vor ihm,
denn wo er sich einmal zu Labe und Ruhestatt eingenistet hat, da wird
man ihn sobald nicht wieder los.«

Graf Hoyer wäre in dieser wenig schmeichelhaften Schilderung noch
fortgefahren, wenn der so übel Beleumundete jetzt nicht geräuschvoll
in den Speisesaal eingetreten wäre, wo sich die drei bereits zu Tische
gesetzt hatten. Während er fast stürmisch die Gräfin überfiel, die
seinen sprudelnden Wortschwall sehr gelassen hinnahm, flüsterte der
Graf, mit einem tadelnden Seitenblick auf den achselzuckenden Diener,
Eike zu: »Das nennt er sich umkleiden! einen Rock von +mir+ hat er
angezogen, den ich nun niemals wiedersehe.« Dem Grafen schüttelte
Ritter Dowald die Hand, als ob er sie gar nicht wieder loslassen
wollte, und als er mit Eike die unumgängliche Begrüßung tauschte,
betrachtete er diesen mit mißfälliger Miene wie einen hier sehr
Überflüssigen.

Er war fast kahlköpfig mit einem roten, gedunsenen Gesicht, rechts und
links lang starrendem, grauweißem Schnurrbart und von vierschrötigem
Gliederbau. Ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, ließ er sich an
dem inzwischen für ihn gedeckten Platze nieder und griff sofort nach
allem gierig zu, was an Speise und Trank aufgetragen war. Dabei sprach
er so viel, daß niemand ein Wort dazwischen reden konnte, berichtete,
von wannen er käme und daß man dort vergeblich alles aufgeboten, ihn
noch länger zu halten; aber eine unbezwingliche Sehnsucht nach seinem
lieben alten Freunde Hoyer hätte ihn hergetrieben, wozu der Graf ein
sauersüßes Gesicht machte und die Gräfin ein spöttisches Lächeln nicht
unterdrücken konnte.

Auf diese ungemütliche Weise wurde den anderen der Abend verdorben, und
ihr trauliches Beisammensein, auf das sie sich so gefreut hatten, ging
ihnen durch die aufdringliche Schwatzhaftigkeit des ungebetenen Gastes,
der stets seine eigenen, oft ziemlich gewagten Späße wiehernd belachte,
verloren.

Nach Verlauf von zwei langsam schleichenden Stunden hob Gräfin Gerlinde
die Tafel auf, auch Graf Hoyer entschuldigte sich, und Eike schützte
Müdigkeit von seinem Reiseritt vor, so daß dem Ascharier nichts übrig
blieb, als für heute auf einen weiteren fleißigen Becherschwung zu
verzichten und sich innerlich grollend in sein Turmzimmer hinauf zu
begeben. Die drei wünschten ihm laut gute Nacht, heimlich aber etwas
ganz Anderes.



Viertes Kapitel.


Am nächsten Morgen machte sich Eike an das Auspacken seines großen
Mantelsackes, und Wilfred, der ihm dabei helfen mußte, staunte über
die Menge umschnürter und mit Aufschriften versehener Bündel, die nach
ihrem Inhalte reihenweise geordnet und in das Büchergestell gelegt
wurden, damit man Gewünschtes ohne langes Suchen mit dem ersten Griffe
herausfand. Das Staunen des Schreibers wurde aber noch überwogen von
seinem Unbehagen angesichts der Fülle von Schriften und der Stöße von
Papier und Pergament, die ihm ein bedrohliches Maß von zu leistender
Arbeit weissagten. Dazu kam die seine Sorge noch verstärkende Frage
Eikes, ob er auch wohl einen reichlichen Vorrat von Schreibsaft in
Bereitschaft hätte.

»Jawohl!« versicherte Wilfred mit leisem Stöhnen, »eine ganze
Kruke voll, aus Galläpfeln, Wasser und Vitriol zusammengequirlt,
kohlpechrabenschwarz wie der Teufel, vergilbt nicht, verlischt nicht,
jedes Wort damit wie für die Ewigkeit geschrieben. Auch roten für die
Initialen und Majuskeln. Tinte mischen und Eselshaut zu Pergament
glätten habe ich in der Klosterschule gelernt.«

»Und Pudeln eine Platte scheren auch, nicht wahr?«

Wilfred, durch diese Erinnerung an seine Gröninger Freveltat gereizt,
gab keck zur Antwort: »Allerdings, und wenn Ihr einmal Bischof werdet,
Herr, empfehle ich mich Euch als Tonsor; unterm Krummstab lebt sich's
lustig.«

Ein frecher Bursche! dachte Eike und forschte weiter, ob er auch Federn
geschnitten hätte.

»Auch das,« erwiderte der Schreiber ungeduldig, »Gänsefedern und
Rabenfedern, spitze und breite, je nach Bedarf, und Pinsel hab' ich
auch nebst Farben und Goldpigment, alles fix und fertig.«

»Schön!« sprach Eike, »hier hast du Papier. Nun setze dich und
schreibe, was ich dir vorsage; ich möchte deine Handschrift sehen.«

Der Schreiber nahm Platz, und Eike diktierte: »Zwei Schwerter ließ Gott
auf Erden, zu beschirmen die Christenheit. Dem Papste ist gesetzt das
geistliche, dem Kaiser das weltliche. Dem Papste ist auch gesetzt, zu
beschiedener Zeit auf einem weißen Rosse zu reiten, und der Kaiser soll
ihm den Stegreif halten, auf daß der Sattel sich nicht wende.«

»Ei, dann möchte ich lieber Papst als Kaiser sein,« meinte Wilfred, als
er die Zeilen beendet hatte.

»Hüte dich, daß du nicht einmal rückwärts auf einem Esel reiten mußt,
statt des Zaumes den Schwanz des Bruder Langohr in der Hand,« duckte
Eike den Vorlauten, während er das Geschriebene betrachtete.

Wilfred schwieg, kaute an der Feder und dachte: Hoppla! der gelehrte
Ritter dünkt sich wohl im kurulischen Sessel zu fahren; da wird es noch
Tänze geben zwischen uns.

»Mit deiner Schrift bin ich zufrieden, sie ist gut,« lobte Eike.

»Das Papier ist aber auch gut,« erklärte Wilfred.

»Hat ein großes Handelshaus in Lübeck für mich aus Burgund bezogen,«
berichtete Eike.

»Aus Burgund? Da war ich auch einmal auf meinen Wanderfahrten. Der
Wein dort ist köstlich und billig, wenn man ihn nicht bezahlt,« lachte
Wilfred, dem das übermütige Vagantenblut noch in den Adern prickelte.

Sie schichteten und ordneten weiter, wobei Wilfred die Aufschriften
der Bündel las, Namen von Gesetzen und Rechten, Willküren, Weistümern
und Regesten, die er noch niemals in seinem Leben gehört hatte. Ihm
graute davor, sich in sie hineinfinden und mit ihnen vertraut machen
zu sollen. Das kann eine recht erbauliche Sache werden, sagte er sich,
wo bleibt da meine schöne Mußezeit? Und es war so hübsch ruhig und
friedlich hier auf der Burg, ehe dieser aus der Art geschlagene Ritter
auf den unglücklichen Gedanken kam, hier, ausgesucht hier auf dem
Falkenstein ein Gesetzbuch schreiben zu wollen.

Als sämtliche Schriftenbündel in dem Bücherrück übersichtlich
untergebracht waren, sprach Eike zu seinem Gehilfen: »Ich irre wohl
nicht, wenn ich annehme, daß dein dringendstes Arbeitsbedürfnis für
diesen Vormittag gestillt ist.«

»Ich bin jederzeit zu Euren Diensten, Herr,« erwiderte Wilfred
höflich und zugleich erfreut über die damit kundgegebene Absicht des
Gestrengen, die Kramerei einstellen und die Schreiberei noch nicht
beginnen zu wollen. Trotzdem fügte er mit erheucheltem Pflichteifer
hinzu: »Es ist aber noch lange nicht Mittag.«

»Weiß wohl,« sagte Eike, »aber zu dem, was ich jetzt zu tun habe, kann
ich deines Beistandes entraten. Ich muß mir die zunächst benötigten
Schriftstücke aussuchen und zurechtlegen, und dabei kann mir niemand
helfen. Du bist also vorläufig deines schätzbaren Dienstes ledig.«

Nach einer stummen Verbeugung verließ Wilfred das Zimmer mit einer
bemerkenswerten Geschwindigkeit.

Er wollte sich nach seinem im Turm befindlichen Kämmerlein
hinaufbegeben und tat dies ganz leise, denn er scheute die auf
dem Wege dahin leicht mögliche Begegnung mit einem, dem er lieber
auswiche. Der Ritter Dowald von Ascharien, von dessen überraschender
Ankunft gestern abend er gehört hatte, war derjenige, mit dem er ein
Wiedersehen vermeiden möchte, denn die beiden kannten sich von einem,
allerdings schon einige Zeit zurückliegenden, für Wilfred aber sehr
unrühmlichen Abenteuer her. Das sollte ihm nun freilich nicht gelingen.
Aufwärts schleichend vernahm er zu seinem Schrecken schon ganz nahe
die schweren, hallenden Schritte des noch höher im Turm Wohnenden die
Wendeltreppe herabkommen, und gleich darauf standen sie sich gegenüber.
Nun konnte er dem Gefürchteten nicht mehr entrinnen. Zum Umkehren
war es zu spät, das hätte wie feige Flucht ausgesehen, und an ein
schattenhaft stilles Vorbeihuschen war auch nicht zu denken, weil des
Ritters feiste Gestalt den engen Treppengang von Wand zu Wand ausfüllte.

Dowald erkannte den zufällig Gestellten sofort und rief höchst
verwundert aus: »Wen sehen meine Augen? Wie kommst denn du hierher, du
spitzbübischer Landstreicher?«

»Ich bin hier auf der Burg geboren, Herr Ritter, und bin der
Sekretarius des Herrn Grafen von Falkenstein,« erwiderte Wilfred, der
seine Unverfrorenheit schnell wieder gefunden hatte.

»Ist die Möglichkeit! Der Sekretarius des Herrn Grafen. Gibt es denn
hier soviel Tintenkleckserei zu besorgen?«

»Augenblicklich bin ich der Amanuensis des Herrn Ritters Eike von
Repgow.«

»Ah, das ist der Fremde, den ich gestern abend hier antraf. Was tut
denn +der+ hier?«

»Wir schreiben hier ein neues Gesetzbuch,« brüstete sich Wilfred, »ein
großes Hauptwerk über die sonderbarsten Rechte.«

»Wir? wer sind +wir+?«

»Na, ich und der Ritter Eike von Repgow.«

»So! Du und der Ritter. Was du sagst! also ihr schreibt hier ein neues
Gesetzbuch. Das ist ja sehr merkwürdig.«

»Ich weiß nicht, ob ich Euch das anvertrauen darf, und, Herr Ritter,
ich hab' eine Bitte an Euch,« sprach Wilfred jetzt demütig und
bescheiden. »Verratet nichts von der Judengeschichte damals am
Kattenbach. Erinnert Ihr Euch?«

»Ganz genau, hab' ein gutes Gedächtnis, Wilfred Bogner. Aber ich bin
verschwiegen, werde nichts verraten, weder von dem neuen Gesetzbuch
noch von der Judengeschichte. Jetzt laß mich vorbei, ich will in den
Stall, nach meinem Rosse zu schauen.«

Wilfred mußte umkehren und die Stufen hinabgehen bis zu einem
Treppenabsatz, der soviel Raum bot, daß die beiden einander ausbiegen
konnten.

»Ein Unglück kommt selten allein,« knurrte Wilfred, als er wieder
treppauf stieg. »Erst der Reppechower, für den ich mir die Finger krumm
und lahm schreiben soll, und dann der Ascharier, der den verflixten
Vagantenstreich von mir weiß. Aber er will ja schweigen, hat er
versprochen.« --

Kurze Zeit nach dieser für Wilfred peinlichen Begegnung trat Graf
Hoyer in Eikes Gemach, um sich bei seinem lieben Gaste umzusehen und
ihn zu fragen, ob ihm nicht irgend etwas fehle, worauf ihm Eike die
Versicherung gab, daß er sich hier vollkommen wohl und behaglich fühle
und ihm nichts zu wünschen übrig bleibe.

Danach begann der Graf unvermittelt: »Eike, mir geht etwas im Kopf
herum. Wie werden wir den dickfelligen Ascharier wieder los?«

»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, Herr Graf,« erwiderte Eike,
»und mir ist ein Einfall gekommen, der freilich, wenn seine Ausführung
mißglückte, in das Gegenteil des erstrebten Zweckes umschlagen könnte.«

»Laß hören!« sagte der Graf gespannt.

Eike fuhr fort: »Ritter Dowald sieht mir nicht danach aus, als ob er
sich viel aus schriftlicher Arbeit machte.«

»Der? nein!«, bestätigte der Graf lachend. »Auf einem Sitz hält er nur
aus im Sattel oder beim vollen Humpen. Er schlägt eine gute Klinge und
führt auch die Lanze tadellos, aber der Gänsekiel taugt nicht für seine
Eisenfaust. Worauf willst du denn damit hinaus?«

»Auf eine List, Graf Hoyer. Sagt ihm, wir könnten uns hier nicht um ihn
kümmern, hätten Tag für Tag von früh bis spät mit der Abschrift eines
seltenen und berühmten Kodex zu tun, ein äußerst mühseliges Geschäft,
weil die alte Handschrift sehr schwer zu entziffern wäre. Was das für
ein Kodex ist, braucht er ja nicht zu wissen, darf überhaupt von dem
Gesetzbuche nichts erfahren.«

»Hm! und du glaubst, damit würden wir ihn los, daß wir uns nicht um ihn
kümmern? Du kennst ihn nicht, Eike! Der setzt sich hier wochenlang fest
und vertreibt sich die Zeit mit Essen und Trinken. Ob wir dabei mittun
oder nicht, danach fragt er so wenig wie das Kamel nach dem Purpur.«

»Aber er soll bei +unserem+ Zeitvertreib mittun; abschreiben soll er
uns helfen!« rief Eike.

»Uns abschreiben helfen? Das ist ein köstlicher Gedanke,« lachte der
Graf.

»Nur unter dieser Bedingung dürfte er hier bleiben, müßt Ihr ihm sagen,
wir brauchten notwendig noch eine fleißige Schreibhand. Haltet Ihr es
für möglich, daß er darauf eingeht?«

»Nun und nimmermehr! ja, wenn es sich um einen gewagten Heckenritt
handelt, so einen beuteverheißenden Schnapphahnzug, -- da steht er
seinen Mann, aber vor Geschreibsel in Klausur nimmt er Reißaus und läßt
uns seines Rosses Eisen sehen.«

»Und dann haben wir gewonnen Spiel,« lachte nun auch Eike aus frohem
Herzen.

»Eike, wenn das glückt,« sagte der Graf, »laß ich hoch oben am
Bergfried als Abschiedsgruß für den fahrenden Ritter eine Fahne
heraushängen. Heute mittag bei Tische werd' ich's ihm beibringen, und
dann paß einmal auf, wie schleunig er Fersengeld gibt. Und sobald
er zum Tore hinaus ist, lasse ich die Brücke aufziehen, damit er
sich draußen nicht etwa eines anderen besinnt, umkehrt und wieder
hereinkommt. Und dann, heut abend, da trinken wir eins auf seinen Ritt
ins Blaue, denn wo er zu Nacht Unterschlupf suchen soll, weiß er gewiß
selber nicht; er findet ja nirgend eine offene Tür.« --

Die Mittagsstunde kam heran und sollte für den Grafen und Eike zunächst
eine unliebsame Überraschung bringen, auf die sie nicht gefaßt sein
konnten und die in ihrem Angriffsplan eine kleine Verschiebung
verursachte.

Kaum hatten sich die drei Herren mit der Gräfin zu Tische gesetzt,
als Ritter Dowald anfing: »Euer Sekretarius Wilfred Bogner hat mir
die seltsam lautende Mitteilung gemacht, Graf Hoyer, daß er mit dem
hier gegenwärtigen Herrn ein neues Gesetzbuch über höchst sonderbare
Rechte ausarbeitet. Was soll denn das, wenn ich fragen darf, für ein
Gesetzbuch werden, Herr von Repgow?«

Die beiden Männer stutzten erst und krausten unwillig die Stirnen,
brachen aber dann in ein schallendes Gelächter aus, in das auch Gräfin
Gerlinde belustigt mit einstimmte.

»Der Fred ist wohl verrückt geworden,« schäumte danach Graf Hoyer
auf, »der und an einem Gesetzbuche mitarbeiten! Der Schreibknecht
meines gelehrten jungen Freundes ist er, und für ihn abschreiben
soll er, weiter nichts. Aber wie seid Ihr denn mit dem Windbeutel
zusammengekommen?«

»O, wir sind gute Bekannte,« erwiderte Dowald, »ich traf ihn einmal
weit von hier, auf einsamen Wegen, abseits von der Landstraße, die ich,
einer unabweislichen Einladung folgend, dahinritt. Da hörte ich aus
geringer Entfernung plötzlich ein fürchterliches Zetermordiogeschrei
und sprengte schnurstracks darauf los, um vielleicht schwer Bedrängten,
von Räubern Angefallenen zu Hilfe zu kommen. Es war auch so, wie ich
vermutete. Eine Bande nichtsnutzigen Gesindels hatte zwei wandernde
Juden ausgeplündert, ihnen ihre ganze Barschaft abgenommen, sie dann
Rücken an Rücken mit Stricken zusammengebunden und war eben im Begriff,
die vor Todesangst Zitternden in den vorüberfließenden Bach zu werfen.
Ich, wie der Blitz aus den Bügeln, packte den Rädelsführer, Euren
Wilfred, am Kragen und zwang ihm mit gezogenem Schwerte das geraubte
Geld, ein rundes, nicht zu verachtendes Sümmchen, wieder ab, während
das übrige Gelichter sich eilig aus dem Staube machte. Dann band ich
die beiden Juden los, die nicht wußten, wie sie mir danken sollten und
allen Segen des Gottes Israels auf mein Haupt herabbeschworen.«

Die Tischgenossen hatten dem Erzähler aufmerksam zugehört und harrten
nun des noch Fehlenden, denn dies konnte unmöglich das Ende der
Geschichte sein, und daß der hier als preislicher Held auftretende
Ritter damit zurückhielt, kam ihnen verdächtig vor. Sie wollten darum
alles wissen, und um von dem Ruhmredigen den Austrag des Überfalles
zu erfahren, richtete zuerst Eike die Frage an ihn: »Habt Ihr denn
den Rädelsführer nicht weidlich durchgeprügelt oder ihm sonst einen
unvergeßlichen Denkzettel erteilt?«

»Nein, mich tätlich an ihm zu vergreifen hielt ich unter meiner
Ritterehre,« versetzte Dowald stolz. »Aber er mußte mir seinen Namen
nennen, und ich sagte ihm auch den meinigen mit dem Zusatz, ich wäre
Gerichtsherr in dem Gau und würde mir sein Malefizgesicht auf das
genaueste merken. Darob erschrak er gewaltig und flehte mich himmelhoch
an, Gnade zu üben und ihn laufen zu lassen. Das tat ich denn auch, die
Juden aber nahm ich mit, das heißt, ich ließ sie neben meinem Pferde
einhertrotten so lange, bis sie vor den vielleicht in der Nähe auf sie
lauernden Strichvögeln sicher sein konnten.«

»Und das geraubte Geld gabt Ihr den beiden Juden natürlich zurück,«
sagte der Graf.

»Zur Hälfte,« erwiderte Dowald, »die andere Hälfte behielt ich als
verdienten Lohn für die Lebensrettung.«

»Nur die Hälfte behieltet Ihr? wie großmütig!«

»O sie waren sehr erfreut, soviel wiederzubekommen.«

»Hatten gar nichts erwartet, nicht wahr?«

»Es schien mir in der Tat so,« gab Ritter Dowald zu ohne den Sinn
dieser fast beleidigenden Frage zu verstehen.

»Nun aber bitte ich Euch, Eurem Schreiber den jugendlichen
Schelmenstreich nicht nachzutragen,« schloß er.

»Deswegen könnt Ihr ruhig schlafen,« erwiderte der Graf. »Dieser
jugendliche Schelmenstreich, wie Ihr die Beraubung harmloser Wanderer
mit gewohnter Milde nennt, wird wohl nicht der einzige von ihm
verbrochene sein. Er hat aus seiner Vagantenzeit gewiß mehr solcher
Stücklein auf dem Kerbholz, von denen ich nichts weiß und nichts wissen
will.«

»Recht so, Graf Hoyer! wir sind doch auch einmal jung gewesen.«

»Ja freilich! und Ihr seid es beinahe noch, so tapfer und geschäftsklug
habt Ihr Euch bei dem Handel benommen,« sprach der Graf mit anzüglichem
Tone.

Dowald fühlte den ihm versetzten Stich und schwieg. Ihm ward durch
diese recht deutliche Anspielung doch allmählich klar, daß er sich mit
der Erzählung der abenteuerlichen Begebenheit in ein sehr ungünstiges
Licht gerückt hatte.

Auch die anderen saßen unter diesem Eindrucke eine Weile stumm da, bis
Gräfin Gerlinde das Gespräch wieder aufnahm mit der Frage: »Habt Ihr
bei Eurem unverhofften Wiedersehen mit dem ehemaligen Strichvogel die
Erinnerung an jenes erste Zusammentreffen aufgefrischt, Herr Ritter?«

»Nur ganz beiläufig erwähnten wir es unter uns, gnädigste Gräfin,«
erwiderte Dowald verlegen, nun auch noch in dem erwachenden
Bewußtsein seines Wilfred gegenüber begangenen Wortbruches, da er
doch Verschwiegenheit gelobt hatte. Um weiteren Erörterungen über den
heikelen Gegenstand vorzubeugen, wandte er sich schnell an Eike und
sagte: »Mit Eurem Gesetzbuche könntet Ihr übrigens ein gutes Werk tun,
Herr von Repgow.«

»Inwiefern, Herr von Ascharien?« fragte Eike wißbegierig.

»Ihr solltet Euch der armen fahrenden Ritter annehmen und in Eurem
Buche die Bestimmung festlegen, daß wir mit Sorgen und Nöten schwer
Beladenen überall nur die halbe Zeche, kein Wegegeld, keinen
Brückenzoll, keine Zinsen für Schulden und vor allem keine Steuern und
Beden zu bezahlen hätten.«

»Dowald! +Ihr+ Zeche und Zinsen bezahlen?« lachte der Graf frei heraus.

Auch Gräfin Gerlinde lächelte verstohlen und biß sich auf die Lippen,
um einen lauten Heiterkeitsausbruch zurückzuhalten.

Eike aber erwiderte scheinbar ganz ernsthaft: »Kein übler Vorschlag von
Eurem Standpunkte aus. Aber was würden wohl die Wirte, die Gläubiger,
und die kaiserlichen Säckelmeister dazu sagen?«

»Die kaiserlichen Säckelmeister mögen sich die Steuern und Abgaben zu
des Reiches Nutz und Notdurft aus den Taschen des geringen Volkes, der
Handels- und Gewerbsleute, Handwerker und Pfahlbürger holen, aber nicht
der edlen Ritterschaft aufbürden, der man mit so etwas nicht kommen
darf, weil sie ihr Geld zu ihrem eigenen standesmäßigen Auftreten
braucht,« schnarrte der selbstsüchtige Ascharier.

»Was Ihr da verlangt, edler Ritter, wäre für die in meinem Gesetzbuch
angestrebte Rechtsgleichheit ein Schlag ins Gesicht,« entgegnete Eike
empört.

Auch Graf Hoyer fühlte sich in seiner echt vornehmen Denkungsart durch
das unerhörte Ansinnen tief verletzt, wollte sich aber auf einen Streit
darüber mit dem verbohrten Querkopf nicht einlassen und hielt es jetzt
für an der Zeit, mit dem verabredeten Plane zur Abschüttelung des
Überlästigen einzugreifen. Er begann: »Wir hatten uns vorgenommen, Euch
über Repgows Buch genauen Bericht zu erstatten, und nun ist uns Fred
damit zuvorgekommen. Aber es gibt ein Mittel, Euch gründlicher in das
Werk einzuführen als es die weitschweifigste Belehrung vermöchte. Ich
habe Euch nämlich einen dringenden Wunsch ans Herz zu legen, dessen
Erfüllung Ihr mir schwerlich versagen werdet, Dowald.«

»Ich kann mir keinen Wunsch denken, den ich Euch nicht mit Freuden
erfüllen würde, Graf Hoyer,« versicherte der Ritter mit einem Tone, der
auf bedingungslose Bereitwilligkeit zu allem schließen ließ.

»Das freut mich, und ich habe auch nichts anderes von Euch erwartet,«
fuhr der Graf fort. »Seht mal, wir beide, Repgow und ich, haben mit dem
Gesetzbuch alle Hände voll zu tun und wissen gar nicht, wie wir allein
damit fertig werden sollen, denn die Sache drängt zur größten Eile. Wie
wäre es nun, wenn Ihr uns einige Wochen lang beim Schreiben fleißig
hülfet?«

Dem Ascharier blieb vor Schreck der Bissen im Munde stecken. Er legte
das Messer nieder und starrte den Grafen sprachlos an. Dann ermannte er
sich und brachte nun stotternd vor: »O wie gerne, wie sehr gerne tät
ich das, lieber Graf! aber -- jammerschade! leider, leider muß ich heut
nachmittag fort nach der Heimburg, wo man mich bestimmt und ungeduldig
erwartet, denn ich habe dem zweitgeborenen Regensteiner, der dort
oben auf dem Kegel horstet, meinen Besuch hoch und heilig versprechen
müssen.«

Graf Hoyer wiegte das Haupt hin und her wie mit dem tiefsten Bedauern
und in der bittersten Enttäuschung. »Das trifft sich schlecht,« sprach
er, sich mühsam beherrschend, »ich hatte schon meine Hoffnung auf
Euch gesetzt. Daß Ihr des Schreibens kundig seid, weiß ich, und es
braucht ja nicht so schön zu werden wie eine kunstvoll gedrechselte
Mönchschrift. Könnt Ihr uns nicht wenigstens heute nachmittag noch ein
paar Stunden helfen?«

»Nein, nein! es geht nicht, es geht nicht,« beteuerte Dowald,
Angstschweiß auf der Stirn. »Es ist ein weiter Ritt nach der Heimburg
und schon die höchste Zeit zum Aufbruch, ich sollte längst in den
Bügeln sein. -- Folkmar,« rief er dem Diener zu, »laß mir mein Roß
satteln, aber schnell! -- Mit diesem Abschiedstrunke dank ich Euch,
Graf Hoyer, und Euch, Gräfin Gerlinde. Ich wäre so gern noch geblieben
und weiß, ihr hättet mich gern hier behalten, aber diesmal geht's
nicht, ich komme bald einmal wieder und dann will ich bleiben so lange
wie ihr wollt; heute geht's nicht, ich muß fort, muß gleich fort.« --

Als kaum ein Viertelstündchen später Ritter Dowald aus der Burg hinaus
war, jubelte Eike: »Der Streich wäre gelungen, Graf Hoyer! nun heraus
mit der Fahne am Bergfried!«

»-- Nein!« entschied der Graf, »ich ärgere mich.«

»Worüber?«

»Daß der alte Schwätzer durch Freds alberne Prahlerei von deinem Buche
weiß.«

»Ja, den berühmten Kodex konnten wir ihm danach freilich nicht
aufbinden.«

»Ach, das ist Nebensache, aber der Ascharier kann's Maul nicht
halten,« stieß Graf Hoyer grimmig hervor. »Er wird es allenthalben
herumträtschen, daß hier auf dem Falkenstein ein neues Gesetzbuch
geschrieben wird, und nun werden sie uns von allen Seiten mit törichten
Fragen und aufdringlichen Ratschlägen kommen.«

»Mögen sie kommen!« sprach Eike, »dagegen bin ich gefeit, und den
unbequemen Einlieger sind wir glücklich los.«

»Fein eingefädelt habt ihr euer boshaftes Fürnehmen gegen ihn,«
bemerkte die Gräfin.

»Bedanke dich bei Eike!« bedeutete sie der Graf, »der hat's ausgeheckt.«

»Ein Meisterstück, Herr von Repgow! aber hartherzig und grausam.«

»Schmerzt Euch sein Scheiden?«

»Durchaus nicht! aber der arme Mensch dauert mich. Ihr habt ihn verjagt
und vertrieben durch eure schändliche List, indem ihr ihn bei seiner
schwachen Seite faßtet. Wo soll er nun hin, der nicht Heim, nicht Herd,
kein Obdach und keinen Gastfreund hat, dem er willkommen wäre?«

»Du hast recht, Gerlinde,« sprach der Graf. »Ein armer, bedauernswerter
Mensch ist, wer keinen Freund, keinen wahren Herzensfreund hat.
Innerlich einsam geht er durchs Leben, ob er auch hundert Gesellen hat,
die mit ihm bechern und bankettieren, ihn umschwärmen und umschwänzeln,
ihn aber nicht lieben und achten.«



Fünftes Kapitel.


Von dem kleinen Garten innerhalb der Burgumwallung führten Stufen
zu einem geräumigen Altan empor, der mit einer gemauerten Brustwehr
umgürtet war. Aus dieser erhoben sich in gleichmäßigen Abständen
steinerne Säulen, ein Gitterwerk von Latten tragend, das den ganzen
Altan mit einem luftig durchbrochenen Dach überspannte. Denn sowohl
die Säulen als auch das wagerechte Spalier waren mit Efeu und
anderen Schlinggewächsen berankt, deren Blätter zwar hier und da den
Sonnenstrahlen einen Durchschlupf erlaubten, aber den größten Teil der
Plattform beschatteten. Nur wenn sich die Sonne am Spätnachmittage
tiefer senkte, konnte sie ungehindert eindringen, jedoch befanden sich
zwischen den Säulen leinene Vorhänge, die zugezogen werden konnten und
dann vor Blendung schützten.

Hier von der Hochwacht hatte man einen herrlichen Blick in das Tal
und auf den dichten, krausen Wald, dessen Laub vom hellsten bis zum
dunkelsten Grün in wohltuendem Gemisch und Wechsel üppig prangte. Weit
umfassend war die Aussicht nicht, weil sie durch die Krümmungen des
Tales und die sich voreinander schiebenden Berge beschränkt war. Fern
im Westen aber zeigte sich bei klarem Wetter der Gipfel des Brockens,
mit seiner stolz geschwungenen Linie die nahen Berge hoch überragend.

Außer unermüdlichen Vogelstimmen jeglicher Art, rufend und flötend,
lockend und girrend, tönte kein Laut von unten herauf. Nur in den
vom Winde geschaukelten Wipfeln und Zweigen der Bäume regte sich
zuweilen ein Brausen und Rauschen oder ein Lispeln und Säuseln wie
Liebesgeflüster oder wie geheimnisvolles Raunen von alten Mären und
Sagen. Wer das deuten und verstehen wollte, hörte bald ein Grollen und
Drohen, bald ein heißes Sehnen und leises Klagen heraus, oder legte der
Lauschende das alles selber hinein, wie es in den von Gefühlen bewegten
Saiten seines eigenen Herzens erklang? --

Gräfin Gerlinde stand an der Brüstung, und ihre schlanke Gestalt in
hellem Gewande hob sich von dem satten Waldesgrün drüben wirkungsvoll
ab.

Sie gedachte der unwilligen Äußerungen ihres Gemahls heute mittag nach
dem Abzuge des Ritters Dowald von Ascharien und konnte sich seinen
Verdruß über dessen Mitwissen von dem Gesetzbuche nicht erklären.

Enthielt es denn etwas Verfängliches, Gefährliches, dessen
Bekanntwerden den Männern Sorgen schaffen konnte? Es war doch nach
seiner Vollendung für die weiteste Verbreitung im Sachsenlande
bestimmt, und jetzt wollte man es vor dem keineswegs scharfsinnigen
Ascharier wie ein Geheimnis hüten?

Allerdings, sie wußte so gut wie nichts davon. Der Graf hatte sie schon
bei seiner Ankündigung von Eikes Besuch vertröstet, daß sie alles, was
ihr von dem Inhalt zu wissen nötig oder wünschenswert wäre, aus des
Verfassers eigenem Munde hören sollte, und ihre verzeihliche Neugier
wäre gewiß schon gestern befriedigt worden, wenn das Hereinplatzen
jenes ungebetenen Gastes die offene Aussprache nicht unterdrückt hätte.

Heut abend jedoch und hier auf dem Altan stand ihr der Genuß bevor,
in das groß angelegte Werk, wie es ihr Gemahl genannt hatte,
eingeweiht zu werden. Der Genuß? wird es wirklich ein Genuß für sie
werden? fragte sie sich. Trockene Rechtsgelehrsamkeit zählte nicht
zu ihren Liebhabereien, und sie konnte dem Dozierenden keineswegs
ein aufmerksames Gehör versprechen. Indessen -- Repgows ritterliches
Wesen bürgte ihr einigermaßen dafür, daß er sie nicht mit geistlosen,
spitzfindigen Tüfteleien über verzwickte Rechtverhältnisse langweilen
würde.

Also wollte sie es darauf ankommen lassen, was sie von dem ihr bis
jetzt durchaus wohlgefälligen Manne für Weisheiten vernehmen würde,
und, falls er sie damit nicht zu fesseln vermochte, frühzeitig müde
werden und vor seinen weitläufigen Auseinandersetzungen die Flucht
ergreifen.

Die Schatten wurden länger und länger; im Tale herrschte tiefe Ruhe
und ein alles Lebende hold beschirmender Friede. Die Sonne ging in
Gold und Purpur zu Gnaden, und die Hitze des Tages wich allmählich
einer angenehmen, leis fächelnden Kühle, in der sich wonnig atmen ließ.
Auch aus dem ganzen Bereiche der Burg, dem Hochbau, den Wohnräumen der
Mannen und des Gesindes, dem Hof und den Ställen drang kein störendes
Geräusch zu der abgelegenen Empore, auf die sich die Herrin des
Schlosses wie auf eine umhegte Freistatt gern zurückzog, wenn sie mit
ihren Gedanken allein sein wollte.

Jetzt nahten Schritte und veranlaßten die Einsame, die sich inzwischen
einen Schemel an die Brustwehr gerückt hatte, umzuschauen. Folkmar
und Melissa kamen mit allerhand Gerät die Stufen herauf, um hier
den Tisch zum Abendessen zu decken. Folkmar stellte die selten in
Gebrauch genommenen silbernen Pokale auf, was sicherlich nicht ohne den
ausdrücklichen Befehl des Grafen geschah und seine Absicht verriet,
der kleinen Tafelrunde einen etwas prunkhaften Anstrich zu geben. Dann
brachte er auch eine hohe, silberne Weinkanne in einem kupfernen Kübel
mit kaltem Brunnenwasser. Die Gräfin lächelte zu diesen ungewöhnlichen
Vorbereitungen und dachte: ob Hoyer auch dem Koch heimlich Weisung
gegeben hat, ein Festmahl anzurichten vor Freude, daß er den Ascharier
so schnell wieder losgeworden ist? Nun, wenn die geistige Nahrung so
gut ausfällt, wie die leibliche Verpflegung zu werden verspricht, --
mir soll's recht sein.

Bald hörte sie die beiden Herren in lebhaftem Gespräch durch den Garten
daherkommen, erhob sich und winkte ihnen freundlich zu. Ein dickes
Aktenbündel bringt der Herr Magister wenigstens zu seinem Vortrage
nicht mit, sagte sie sich mit einem Gefühl der Erleichterung.

»Haben wir warten lassen, Gerlinde?« fragte der Graf von unten herauf
in offenbar fröhlicher Stimmung.

»Es ist alles bereit,« erwiderte sie, »aber ich wußte meine Ungeduld zu
zügeln, so gespannt ich auch auf die Geheimnisse bin, die uns Herr von
Repgow enthüllen wird.«

»Geheimnisse sind es nicht, gnädigste Gräfin, was ich Euch und dem
Grafen von den Dingen, die mich beschäftigen, mitteilen kann, falls Ihr
überhaupt etwas davon zu wissen begehrt,« versetzte Eike.

»Doch, Eike!« rief der Graf vergnügt, »ein noch ungeschriebenes
und noch ungelesenes Buch ist immer ein Geheimnis für jedermann,
ausgenommen den Autor.«

»Und ich bin in der Tat begierig, soviel davon zu erfahren, wie Ihr mir
anvertrauen wollt und ich begreifen kann,« fügte die Gräfin hinzu.

»Letzteres wird nicht allzuviel werden,« lächelte der Graf. »Du mußt
dich auf die gelehrtesten Erörterungen gefaßt machen.«

»Ich werde mich bemühen, so gelehrig wie möglich zu sein, gestrenger
Herr Ehgemahl,« gab sie ihm mit einer schelmischen Verneigung zurück.

Sie gingen zu Tisch und nahmen Platz. Die Gräfin legte dem Gaste vor,
und der Graf füllte aus der Kanne die silbernen Pokale. Dann erhob er
den seinigen und sprach fast feierlich: »Dies ist der erste Trunk,
Eike, den ich dir auf das gute Gelingen deines Werkes zubringe. Möge es
dir zum Ruhme und unserem Sachsenvolke zum Heil und Segen gereichen.«

Die drei Becher klangen aneinander, und die Blicke begegneten sich.

Darauf trat ein längeres Schweigen ein, aber nicht bloß von der
Tätigkeit des Essens geboten, sondern mehr noch in der zurückhaltenden
Erwartung jedes der drei, daß einer von ihnen mit der Behandlung des
Gegenstandes beginnen würde, auf den es ihnen heute einzig und allein
ankam.

Gerlinde war es, die den Bann endlich brach mit einer Aufforderung
zum Reden an Eike, die so klang, als wäre die Besprechung schon im
besten Gange. »Sagt mir zuvörderst, Herr von Repgow,« hub sie an, »wie
seid Ihr auf den kühnen Gedanken gekommen, ein neues Gesetzbuch zu
schreiben?«

»Aus Entrüstung über unsern unerträglichen Rechtswirrwarr, aus Mitleid
mit unserem armen Volke und aus dem unwiderstehlichen Drange, hier
helfend und bessernd einzugreifen soviel ich, alle Kraft daran
setzend, vermag,« gab ihr Eike zum Bescheide.

»Rechtswirrwarr sagt Ihr? ist denn der so groß?«

»Zum Himmel schreiend, Frau Gräfin! Kein Mensch in ganz Sachsen weiß,
woran er ist und an was er sich halten soll. Wenn ein Bauer die Grenzen
seiner Dorfmark überschreitet, wenn ein Bürger einen Freund in einer
benachbarten Stadt besucht, ein Lehnsmann zu Fuß oder zu Pferd den
nächsten Gau betritt, so steht er sofort unter anderen Gesetzen als zu
Hause und wird für sein Tun oder Lassen nach Rechten zur Verantwortung
gezogen, die er nicht kennt, die seinen heimatlichen oft in der
unverständlichsten Weise widersprechen, ihn Unrecht und Unbill dünken
und ihn in unbewußte Schuld verstricken. Soviel Grafschaften, Städte
und Dörfer wir haben, fast soviel grundverschiedene Rechte haben wir
auch.«

»Das wußte ich nicht und kann es mir auch gar nicht vorstellen.«

»Es ist auch schier unglaublich,« sprach Eike. »Ein Beispiel wie es mir
gerade so einfällt. Mann und Weib haben kein gezweiet Gut bei ihrem
Leib, lautet der alte Satz. Der Mann nimmt das ganze Vermögen der Frau
in seine Gewere zu rechter Vormundschaft, und Frauengut soll weder
wachsen noch schwinden. Aber nicht überall wird das so gehandhabt. In
einer Stadt an der Weser lebte ein Ehepaar im innigsten Einvernehmen.
Der Mann war in dieser Stadt geboren, die Frau aber in einer anderen,
nicht weit davon entfernten. Als der Vater der Frau starb, hinterließ
er ein Testament, in welchem er seine Tochter als Erbin seines
gesamten Nachlasses eingesetzt hatte. Der Gatte verlangte nun im
Namen seiner Frau die Auslieferung der Erbschaft, worauf er nach dem
Stadtrecht seines Wohnortes vollen Anspruch hatte. Aber die Übergabe
wurde ihm verweigert, weil in der Geburtsstadt der Frau letztwillige
Verfügungen unerlaubt und ungültig waren. Und weshalb? auf Betreiben
der Geistlichkeit, weil ihr damit sehr erhebliche Anteile an der
Hinterlassenschaft eines Verstorbenen entgingen, die ihr ohne Testament
unbestritten zufielen. -- Dem wollte der Vater der Frau dem Verbote zum
Trotz vorbeugen. Aber es nutzte nichts, seine Tochter erhielt das ihr
zugeschriebene Erbe erst nach einem sehr belangreichen Abzuge, den der
Prior eines Klosters einsackte. Wären alle drei, der Mann, die Frau und
deren Vater, in der Stadt gebürtig gewesen, wo Testamente Kraft und
Gültigkeit hatten, so hätte der Frau die Erbschaft nicht geschmälert
werden dürfen. So aber hatte jede dieser beiden Städte ihr besonderes
Erbrecht, und der Mann war anderen Gesetzen unterworfen als seine mit
ihm zusammenlebende Ehefrau.«

»Das ist allerdings höchst seltsam,« sagte die Gräfin.

»Und wie gedenkst du das Erbrecht zu behandeln?« fragte der Graf.

»Folgendermaßen. Alle, die gleich nahe zur Sippe stehen, erben
unbeschränkt zu gleichen Teilen und brauchen von dem fahrenden Gut
niemand etwas abzugeben. Kein Geistlicher, sei er Bischof, Abt oder
Mönch, und kein Stift oder Kloster darf von einem Laien etwas erben;
nur bei Lebzeiten ihnen freiwillig gemachte Schenkungen dürfen sie
annehmen. Der älteste Sohn erhält als nächster Schwertmage vom
Heergeräte stets des Vaters Schwert, sein bestes Roß, gesattelt und
gezäumt, seinen besten Harnisch und einen Heerpfühl. Die verwitwete
Mutter ist Gast im Erbe des Sohnes, aber er muß ihr am Tisch und am
Herd den besten Platz einräumen.«

»Merke dir das, Gerlinde!« sprach der Graf mit einem eigentümlichen
Lächeln zu seiner Gemahlin.

Aber diese verstand den Wink in die Zukunft nicht oder wollte ihn nicht
verstehen. Sie war in ihren Gedanken noch mit dem beschäftigt, was Eike
über die Erbunfähigkeit der Geistlichen gesagt hatte, und wandte nun
dagegen ein: »Mit der unchristlichen Enterbung der Geistlichen und der
Klöster beeinträchtigt Ihr doch die Einkünfte der Kirche.«

[Illustration: »Frau Gräfin, ich schreibe mein Buch keineswegs mit dem
Vorsatze, die Kirche schädigen zu wollen.«]

Eike zuckte die Achseln und erwiderte: »Frau Gräfin, ich schreibe mein
Buch keineswegs mit dem Vorsatze, die Kirche schädigen zu wollen; ich
will nur das Recht schaffen und die Gerechtigkeit auf den Schild heben.«

»Und wie die Kirche dabei fährt, ist Euch gleichgültig!«

»Die Kirche ist schon +zu+ reich und +zu+ mächtig, und ihr Übergewicht
über die weltlichen Stände darf nicht durch ein diesen zugefügtes
Unrecht noch verstärkt werden.«

Gräfin Gerlinde schüttelte, in dem ihr anerzogenen streng kirchlichen
Sinne gekränkt, mißbilligend das Haupt und schwieg.

»Ihr seid damit nicht einverstanden, edle Frau,« fuhr Eike fort, »aber
die Sache muß endlich einmal geregelt werden. In manchen Gegenden
nämlich begünstigt die Geistlichkeit die Errichtung von Testamenten
und hilft gern dabei, um erbschleichen und der Kirche möglichst viele
Vermächtnisse sichern zu können. Darum sollen Geistliche überhaupt
nichts von Laien erben, weder mit noch ohne Testament.«

»Wie wollt Ihr das ändern?« fragte die Gräfin. »Wie wollt Ihr das,
was dort als Recht gilt und anderswo als Unrecht empfunden wird, in
Übereinstimmung bringen?«

»Durch Rechtseinheit binnen ganz Sachsenland!« tönte es wie ein
Schlachtruf von des Ritters Munde. »Gleiches Recht für alle ohne
Unterschied des Standes, ohne Ansehen der Person. Das natürliche
Rechtsgefühl muß dem Volke erhalten bleiben oder wieder geweckt werden,
wo es eingeschlafen und ihm verloren gegangen ist, damit auch der
Ärmste weiß, was sein unanfechtbares Recht ist.«

»Darüber läßt das seit tausend Jahren bei uns eingeführte römische
Recht keinen Zweifel,« behauptete die Gräfin.

Eike staunte, wie bewandert die junge Frau in diesen schwierigen
Begriffen war, und entgegnete: »Hoch, sehr hoch schätze ich das
tief durchdachte, sorgfältig ausgearbeitete römische Recht, aber
unser Volk kennt es zu wenig, mag es nicht und wird sich nie mit ihm
befreunden. Darum will ich dem Volke das deutsche Recht wahren, das
mit ihm verwachsen ist und das es vom römischen nicht überwuchern und
verdrängen lassen will. Und nicht bloß im Wortlaut des geschriebenen
Gesetzes, sondern auch im gehandhabten Verfahren an der Dingstatt soll
es ihm lebendig bleiben. Sitzend findet man Urteil, stehend schilt man
Urteil unter Königsbann, heißt es da. Jedermann soll seine nothaftige
Klage vorbringen und das Gerüfte schreien, denn das Gerüfte ist der
Klage Beginn, und der verfestete Mann soll vor Schultheiß und Schöffen
seine Aussage bei den Heiligen bewähren, soll auch einen Fürsprech
haben, der aber kein Pfaffe sein darf. Kann er vor dem Gaugrafen im
Echtding nicht aufkommen, so soll er seinen Gegner übersiebenen durch
Eideshelfer oder dadurch, daß er ihn zum Kampfe grüßt, das heißt, daß
er zu sieben Mann mit andern sieben für seine Sache kämpft. Wer dann
siegt, der hat das Urteil behalten und ist im Rechte. Der andere wird
von der Schöffenbank abgewiesen und hat, je nach Befund, Wehrgeld,
Wedde und Buße zu zahlen. Der überführte Verbrecher aber soll, wenn
es ihm nicht gleich an Haut und Haar geht, nur da Frieden haben, wo
man ihn weder sieht noch hört. So ist deutsche Art seit erdenklichen
Zeiten.«

»Das Übersiebenen läuft auf Gottesurteil hinaus,« sagte der Graf.
»Willst du die Ordalien nicht abschaffen?«

»Nein, wenigstens nicht ganz,« erwiderte Eike. »Glühendes Eisen tragen,
über glühende Pflugscharen schreiten, in einen Kessel siedenden Wassers
greifen bis an den Ellenbogen soll dem Beklagten auch künftig zum
Beweise seiner Unschuld gestattet sein, wenn er sich anders keinen
Frieden wirken kann. Das Volk hängt von alters an diesen wundersamen
Entscheidungen, sieht in ihnen die Offenbarung des göttlichen Willens
und nennt sie darum Gottesurteile.«

Die Gräfin, die der letzten Erklärung Eikes nur mit halbem Ohre gefolgt
und in ein beharrliches Nachdenken versunken gewesen war, sagte jetzt:
»Ich kann mir nicht helfen, Herr von Repgow, aber ich hoffe, daß Ihr
mit dem, was Ihr uns hier von Eurem gesetzgeberischen Vorhaben so
mutvoll enthülltet, nicht durchdringt. Es gibt noch einen Kaiser im
Reiche als obersten Hüter alles Rechtes.«

Eike lächelte fein und blickte fragend den Grafen an, der ihm blinzelnd
zunickte: »Jaja, nur heraus damit!«

Mit der Ruhe und Sicherheit eines entschlossenen, zielbewußten Mannes
sprach Eike nun: »Ich +war+ beim Kaiser, Frau Gräfin, und habe ihm
die wichtigsten Punkte meines Planes vorgetragen. Er hat mich in Huld
und Gnaden angehört, mir in allen Dingen zugestimmt und mir seinen
mächtigen Schutz und Schirm versprochen.«

Gräfin Gerlinde war zuerst sprachlos gegenüber dieser sie im höchsten
Maße überraschenden Kunde. Dann faßte sie sich und stellte den
Reppechower etwas von oben herab mit der herausfordernden Anzweiflung:
»Auch in +den+ Dingen zugestimmt, deren Spitze gegen die Kirche
gerichtet ist?«

»In denen am meisten,« triumphierte Eike.

»Echt hohenstaufisch!« höhnte die Gräfin in unverhohlenem Ärger.

»Echt hohenstaufisch!« wiederholte Eike mit Nachdruck, »das ist das
richtige Wort, Frau Gräfin. Durch alle Kämpfe des Kaisers mit den
Päpsten geht ein großartiger Zug entschiedenen Eintretens für die
Unabhängigkeit des Reiches, der Fürsten und des Volkes von geistlicher
Überhebung und Unterdrückung. Das Volk muß wissen, daß Kaiser und
Reich ihm Recht und Gesetz vorschreiben, nicht Papst und Kirche. Der
Herrschsucht des Klerus und seiner Anmaßung, sich die Seelen der
Menschen in ihrem Glauben und Denken bedingungslos zu unterwerfen, muß
ein Damm gesetzt werden. Das Recht muß über die Gewalt, Vernunft über
den Unsinn siegen. So sprach Kaiser Friedrich zu mir, als ich in jener
mir unvergeßlichen Stunde zu Cremona vor ihm stand.«

Wie Schlag auf Schlag trafen diese Worte die besiegte Gegnerin, und sie
wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. »Erzählt mir mehr von dem
vergötterten Freidenker Friedrich von Hohenstaufen,« bat sie dann, aber
es klang immer noch ein wenig spöttisch.

Das tat Eike gern und berichtete ihr von seinem Besuche beim Kaiser und
seiner Unterredung mit ihm so fesselnd und eindringlich, daß sie mit
unverwandten Augen an seinen Lippen hing und alles, was er vorbrachte,
mit wehendem Atem in sich einsog. --

Das Mahl auf dem Altan dehnte sich lange aus, denn die drei vergaßen
über dem lebhaften Sprechen und dem lernbegierigen Hören beinah das
Essen. Eike geriet mehr und mehr in Begeisterung, Gerlinde empfand das
Bestrickende seines Wesens und ward immer stärker davon angezogen,
und Graf Hoyer ward immer heiterer und zugleich stolzer auf seinen
rückhaltlos aus sich herausgehenden jungen Freund. Auch der edle Wein,
den einzuschenken mit stummer oder lauter Mahnung zum Trinken der Graf
+nicht+ vergaß, wirkte auf die Stimmung und erhöhte sie zu einmütiger
Fröhlichkeit.

Als der Graf wieder einmal den Becher Eikes gefüllt hatte, sagte
dieser: »Graf Hoyer, mich will fast bedünken, Ihr habt einen Fehltritt
vom Wege Rechtens zu büßen und wollt ihn mit freigebiger Spendung eines
reichlich bemessenen Trunkes sühnen.«

»Wie meinst du das?« fragte der Graf.

»Ja, es gab oder gibt vielleicht noch einen alten Brauch,
wahrscheinlich heidnischer Herkunft, nach dem verfallene Gerichtsbußen
und Pfänder lustig vertrunken wurden. Die Buße wurde dann so hoch
wie möglich veranschlagt und die Menge des von dem Sünder herbei zu
schaffenden Getränkes nach der Zahl der auf der Dingbank Sitzenden
berechnet. Da hieß es dann ›bei Strafe einer oder mehrerer Tonnen
eingebrauten Bieres‹, und man nannte das ›vom Vogtsstab zehren‹. Dem
das Urteil fällenden Richter aber gebührte der Antrunk.«

Sie lachten, und der Graf sagte: »Ich bin mir zwar keines Fehltrittes
bewußt, aber du wirst doch diese köstliche Verordnung hoffentlich in
den Artikel Strafrecht aufnehmen.«

»Selbstverständlich!« versprach Eike und grüßte den Burgherrn trunkfroh
mit dem vollen Pokal.

»Wenn Ihr mehr so ergötzliche Stücklein wißt und der Nachwelt
aufbewahren wollt, könnte auch ich mich vielleicht mit Eurem Buche
noch aussöhnen, Herr von Repgow,« sprach die Gräfin mit einem
huldvollen Lächeln.

»Wirklich, Frau Gräfin? Das würde mich sehr freuen,« erwiderte Eike.
»Ich habe in der Tat auf meinen Streifereien manche närrischen und
auch manche tief bedeutsamen Dinge erfahren. Da gab es zum Beispiel
einen spaßhaften Brauch, wie man einen ertappten Übeltäter behandelte,
über dessen Vergehen man gern ein Auge zudrücken und den man deshalb,
so man ihn nicht im eigenen Gau aburteilen mußte, entschlüpfen lassen
wollte. Dann führte man ihn an die Grenze des zuständigen Bezirkes,
lieferte ihn aber nicht dem Fronboten aus, sondern band ihn mit einem
Zwirnsfaden an den Grenzpfahl und überließ ihn dort seinem Schicksal,
das ja nun die in der Hand hatten, deren Gerichtsbarkeit er damit
übergeben war. Sobald sich aber die Häscher entfernt hatten, löste der
Angebundene mit Leichtigkeit seine dünnen Fesseln und entsprang, aller
Strafe frei und ledig, und kein Hahn krähte danach.«

»Das gehört in das Fremdlingsrecht, Eike,« bemerkte der Graf.

»Werde mich hüten, einer solchen Art von Rechtspflege irgend welchen
Vorschub zu leisten,« versetzte Eike. »Aber hört von einem anderen
Brauche, der für die tief eingewurzelte Heiligkeit des Hausfriedens ein
beredtes Zeugnis gibt. Ehemals war es in Dörfern und einsamen Gehöften
allgemeine Sitte, nachts die Haustür auszuhängen und den Eingang für
jeden, den es danach gelüsten sollte, frei und offen zu lassen. Niemand
wagte es, die Schwelle zu überschreiten, so hoch und unverbrüchlich
ehrte man dieses blinde Vertrauen.«

»Ein schöner Zug deutschen Volkslebens,« sagte der Graf, »aber ich
lasse mein Außentor lieber nicht offen stehen, obwohl ich gegenwärtig
keinen bösen Feind zu fürchten habe.«

»Des Ritters Dowald von Ascharien wegen, denkst du. Ja, der könnte
vielleicht einmal bei Nacht und Nebel einreiten,« lachte die Gräfin.

»Richtig! der brächte das fertig, wenn er wüßte, daß die Brücke nicht
aufgezogen ist.« --

Es war spät geworden und beinahe dunkel. Aber sie wollten auf dem
Altan weder Fackeln noch Kerzen haben; die silbernen Trinkgeräte
blinkten noch sichtbar genug, und der Becher fand auch ohne Beleuchtung
unfehlbar den Weg zum Munde. Trotzdem und obgleich es windstill und
auch noch warm war, riet die Gräfin bald zum Aufbruch um ihres Gatten
willen, dessen Herzen ein noch längeres Trinken schädlich werden konnte.

»Schon?« meinte der Graf, »es sitzt sich so wohlig hier, und ich bin in
Eurem scharfen Geplänkel kaum zu Worte gekommen. Auch ist uns Eike noch
manches Wichtige schuldig geblieben; vom Lehnsrecht, vom Land-, Stadt-
und Weichbildrecht hat er uns bis jetzt noch gar nichts gesagt.«

»Das kann er ein andermal nachholen,« erwiderte die Gräfin, »heute hat
er uns aus seinem reichen Wissen schon die Hülle und Fülle geboten.
Wir werden stets mit Freuden seinen weiteren Mitteilungen lauschen und
dürfen darauf hoffen; nicht wahr, Herr von Repgow?«

»Gewiß, Frau Gräfin! ich bin jederzeit gern bereit dazu,« versicherte
Eike. »Nur möchte ich Euch nicht mit Aufdeckung zu vieler Einzelheiten
ermüden. Ich kann Euch doch nicht alle Kapitel meines Buches in
endloser Reihe vorführen mit den unzähligen verschiedenen Rechten, die
ich dazu gesammelt und den Anschauungen und Anforderungen der Gegenwart
gemäß bearbeitet und ausgebildet habe.«

»Ich füge mich, für heute sei es genug,« sagte der Graf und sträubte
sich nicht länger gegen den Vorschlag seiner Gemahlin, sich zur Ruhe zu
begeben. Unten im Garten wartete schon Folkmar mit einer Laterne, um
für die Herrschaften die Pfade zur Burg hinein genügend zu erhellen.

Sie erhoben sich vom Tisch, alle drei der Freude voll über diesen so
schön verlebten Abend, und traten, als könnten sie sich noch nicht
trennen, an die Brüstung, von wo aus jedoch nichts mehr zu sehen
war als die oberen Umrisse der Berge, wie sie sich matt vom Himmel
abzeichneten. Im Tal und über allen Wipfeln und Gipfeln träumte die von
Sternenglanz durchflimmerte Frühlingsnacht.



Sechstes Kapitel.


Die Tage auf der Burg zogen einer wie der andere gleichmäßig vorüber,
und zwischen den gräflichen Wirten und ihrem Gaste waltete fröhliche
Eintracht. Eike war rastlos an der Arbeit und diktierte Wilfred bald
aus dem Kopf in die Feder, bald ließ er ihn Abschrift machen von dem,
was er selber schon im Ausdruck fertig mit vielen Änderungen und
Verbesserungen zwischen den Zeilen zu Papier gebracht hatte.

Selten kam bei Tische die Rede wieder auf das Buch und dann nur mit
wenigen Worten, weil Eike erregte Auseinandersetzungen über strittige
Punkte aus Rücksicht auf die Gräfin vermeiden wollte, so gern er auch
ihre oft treffenden Bemerkungen anhörte, die sogar manchmal zu noch
größerer Klärung seiner eigenen Ausführungen beitrugen.

Ihre Einwände gegen Eikes Beurteilung mancher Dinge flossen aus
zwei verschiedenen Quellen. Einerseits aus der streng kirchlichen
Richtung, in der sie von klein auf erzogen war, und andernteils aus den
geschichtlichen Überlieferungen ihrer Vorfahren, denn ihre Mutter war
der Sprößling einer lombardischen Adelsfamilie. Die Lombarden aber
waren seit Menschenaltern die unversöhnlichen Gegner der Hohenstaufen
und daher voreingenommen und widerspenstig gegen alles, was die
deutschen Kaiser anordneten, begünstigten und beschützten. Diese auch
gegen Friedrich II. aufsässige Gesinnung hatte sich auf Gerlinde
vererbt.

Die südländische Abstammung verriet schon ihr Äußeres. Sie hatte
schwarzes Haar, dunkle, glutvolle Augen und eine ins Bräunliche
spielende Hautfarbe. Aber auch ihre lebhafte Art im Sprechen und
Sichgeben deutete auf Heißblütigkeit und Leidenschaftlichkeit
als angeborene Eigenschaften der italienischen Rasse. Sie konnte
die stolz gebietende Herrin herauskehren, aber auch von heiterer
Natürlichkeit und Herzensgüte sein gegen alle Insassen der Burg, die
mit nie wankender Treue an ihr hingen und jedem ihrer Befehle freudig
gehorchten.

Als sie Gräfin von Falkenstein geworden war, hatte sie das Schloß
ausgerüstet mit allem, was das Leben angenehm und genußreich machen
konnte, vorgefunden, hatte aber auch das Ihrige getan, diesen Zustand
zu erhalten, und der Ausschmückung der Wohnräume noch manches
ergänzende und verschönernde Gerät hinzugefügt. Das größte Gemach in
der Burg hieß der Speisesaal, weil die Herrschaften dort zu speisen
pflegten, aber die Bezeichnung Saal verdiente es kaum, denn es war
nur von mäßigem Umfang, doch immerhin größer als alle anderen. Man
hatte bereits Glasfenster auf dem Falkenstein, auch farbige und mit
gemusterten Vorhängen versehene. Die Wände der Gemächer waren entweder
bemalt mit figürlichen Darstellungen aus der heiligen Legende und
dem sächsischen Sagenkreise oder mit kostbaren Geweben, sogenannten
›heidnischen Teppichen‹ aus dem Morgenlande bedeckt. Auch die auf
Kragsteinen oder Säulen ruhenden Rauchmäntel der Kamine, in denen beim
flackernden Feuer mit Thymian und Wacholder geräuchert wurde, waren
mit Malereien oder breiten, bestickten Borten verziert, und von den
Gewölben schwebten hölzerne Kronleuchter, auf deren Stacheln dicke
Kerzen gespießt waren. Über die schweren Tische und die geschnitzten
Truhen waren bunte Tücher gebreitet und Rückelaken über die Lehnen der
Sessel, zumeist Gerlindes eigenhändige Arbeit, weil sie sich viel und
gern mit kunstfertigen Stickereien beschäftigte.

Aber auch in ihrer persönlichen Erscheinung bewies Gräfin Gerlinde
erlesenen Geschmack und Schönheitssinn und verstand es, sich gut zu
kleiden. Ihre hochgebaute Gestalt mit den herrlichen Gliedern war meist
in ein hell schimmerndes Gewand gehüllt, das von einem mit blitzenden
Steinen besetzten, vorn lang niederhängenden Gürtel umschlossen war und
in weichen Falten zu den Füßen hinabfloß. Das Haar trug sie gewöhnlich
aufgelöst, daß es ihr in seiner üppigen Fülle frei über Nacken und
Rücken wallte, um die Stirn aber ein Schapel, ein einfaches Band oder
einen schmalen Goldreif, im Sommer auch wohl einen Kranz von Blumen
oder frischem Laub.

Zu ihrem liebsten Zeitvertreib gehörten außer der Stickerei vornehmlich
Gesang und Harfenspiel, die nicht nur ihr selber Freude machten,
sondern auch dem Gottesdienst in der Kapelle zustatten kamen. Graf
Hoyer duldete nämlich seit Jahren keinen Burgkaplan mehr auf dem
Falkenstein, weil er mit dem zuletzt angestellten eine schlimme
Erfahrung machen mußte, die ihn zur sofortigen Entlassung des
Pflichtvergessenen bewogen und ihm dieses allgemein übliche Hofamt
verleidet hatte. Seitdem hielt er die sonntäglichen Andachten in der
Kapelle selber ab.

Auf einem schönen Kissen von Brokat, in den Blumenranken mit darin
sitzenden Vögeln eingewebt waren, kniete er vor dem Altar und betete
seiner kleinen Burggemeinde das ~Pater noster~, das Ave Maria und
die Litanei vor, wozu die Versammelten die Responsorien murmelten.
Bisweilen kam ein Mönch aus dem Kloster Hagenrode, nahe bei Harzgerode,
und las die Messe. Dann saß die Gräfin auf einer Empore, spielte eine
fromme Weise auf ihrer Harfe und sang ein ernstes Lied mit einer
wohllautenden, etwas tief liegenden Stimme.

Wenn dann die Sonne durch die gemalten Fenster schien und die
Kapelle mit farbigem Licht erfüllte, so schwebte durch den Raum eine
weihevolle, die Gemüter erhebende Gottesnähe. --

Schon waren der Gräfin sechs Jahre an der Seite ihres viel älteren
Gemahls ohne irgendein denkwürdiges Ereignis langsam dahingegangen. Nur
selten hatte sie den Falkenstein zu einem Ausflug in eine benachbarte
Grafschaft verlassen und nur dann und wann den kurzen Besuch
befreundeter Standesgenossen empfangen. Und nun hatte sie auf einmal
und auf die voraussichtliche Dauer von mindestens sechs Monaten einen
Gast in der Burg, der ihr, ehe sie ihn kannte, wenig willkommen gewesen
war.

Das hatte sich von dem Tage seines Eintreffens an geändert. Eike von
Repgow war ihr ein werter und lieber Gesell geworden, dessen Gegenwart
sie erfreute und dessen ritterliches Wesen sie in hohem Grade anmutete.
Mit seinen weit ausgreifenden gesetzgeberischen Plänen konnte sie
freilich nicht gleichen Schritt halten, ihre Ansichten und Meinungen
mit den seinigen nicht immer in Einklang bringen und seine entschiedene
Abneigung gegen Kirche und Geistlichkeit nur tief bedauern. Seiner
Unkirchlichkeit wegen machte sie sich sogar ernste Sorgen um ihn und
überlegte schon, wie sie ihn sacht und allmählich zu einer anderen,
der ihrigen mehr entsprechenden Auffassung bekehren könnte, freilich
mit nur schwacher Hoffnung, soviel Einfluß auf den in sich gefesteten
Denker und Gelehrten zu gewinnen.

Dennoch erfüllte sie sein kühnes Werk, sein Mut und sein Wille,
Rechtseinheit in ganz Sachsenland einzuführen, mit der größten
Hochachtung. »Das Recht schaffen und die Gerechtigkeit auf den Schild
heben,« hatte er gesagt. Klang das nicht wie ein Wahlspruch für sein
ganzes Leben und Streben?

Durchdrungen von der Anerkennung seiner vaterländischen Gesinnung
bewunderte sie zugleich sein umfassendes Wissen und seine hinreißende
Beredsamkeit, womit er sie gefangen nahm und wie mit Zauberbanden
fesselte.

Jener Abend auf dem Altan haftete, obwohl er schon Wochen zurücklag,
unauslöschlich eingeprägt in ihrer Erinnerung, und ihr klopfte das
Herz, wenn sie sich vergegenwärtigte, wie Eike ihr dort gegenüber
gesessen und das, was ihn im Innersten bewegte, ihr und dem Grafen
offenbart hatte. Sie sah ihn noch in der jugendlichen Vollkraft seiner
Jahre mit den edel geformten Zügen und den flammenden Augen, hörte
noch seine vor Erregung manchmal leis bebende Stimme und empfand noch
einmal die heimlichen Schauer, die sie bei seinem packenden Vortrage
durchrieselt hatten. Und so sah sie ihn nun tagtäglich, und auch
dann, wenn er körperlich nicht zur Stelle war, stand doch sein Bild,
wie sie es sich von ihm schuf, lebendig vor ihr und ließ sich nicht
verscheuchen. Wohl versuchte sie, dagegen anzukämpfen und sich von dem
bestrickenden Banne frei zu machen mit dem ihr strenggläubiges Gewissen
aufrüttelnden Bedenken: er ist doch ein halber, wenn nicht ein ganzer
Ketzer, mit dem man Mitleid haben, dem man aber nicht uneingeschränkte
Verehrung zollen kann. Was half es ihr? Eike von Repgow war in ihr
Leben getreten wie ein Stern, der jetzt erst am Himmel aufgegangen war
und mächtig in ihr Schicksal einzugreifen drohte. In träumerischer
Bangnis fragte sie sich: wird er dir Glück oder Unglück bringen?

Es war in ihrem kleinen, höchst behaglich eingerichteten Frauengemach,
wo sie sich solchen Erwägungen hingegeben hatte. Dort befand sich
unter allerlei kostbarem Hausrat ein schlichtes Betpult, ein altes
Erbstück ihrer Familie, das sie von Hause hierher mitgebracht hatte
und über dem an der Wand eine aus Elfenbein geschnitzte Mutter Gottes
mit dem Jesuskinde hing. Hier kniete jetzt Gräfin Gerlinde nieder und
betete zur heiligen Jungfrau für Eike von Repgows schwer gefährdetes
Seelenheil. --

Der tagsüber in seinen Schriften vergrabene Gast ahnte nicht, daß die
Herrin der Burg sich soviel mit ihm beschäftigte und mit welcherlei
Betrachtungen sie ihn unablässig umwob. Nur mittags und abends kam
er aus seiner Werkstatt in die Räume, die zum gemeinsamen Aufenthalt
dienten, und pflegte mit Graf und Gräfin eine alle drei erfrischende
Geselligkeit. Dort ruhten Gerlindes Augen oft sinnend auf seinem
Antlitz, als wollten sie eindringen in den tiefen Schacht, dem er
das Gold und das Eisen entnahm, woraus er in stiller Geistesarbeit
seinem Volke Gesetze schmiedete. Wenn sich dann sein und ihr Blick
zufällig begegneten, schlug sie geschwind die Augen nieder, und ein
rosiger Hauch glitt über ihre bräunlichen Wangen. O wie schön war sie
dann in ihrer rührenden Beschämung und Verwirrung! Eike fühlte sich
davon ergriffen, und ihm war, als müßte er sein Haupt neigen vor so
entzückender, unbewußter Anmut. Höher aber als ihre blühende Schönheit
schätzte er ihre geistigen Vorzüge, ihre schnelle Auffassungsgabe und
ihre stets bereite Empfänglichkeit für alles, was dem Leben inneren
Wert oder äußeren Schmuck verlieh. Während der Mahlzeiten plauderte er
gern mit ihr über Dinge, die ihnen beiden am Herzen lagen, und hörte
ihr ebenso begierig zu wie sie ihm. Nur über sein Buch sprach er fast
niemals, obwohl sie ihn bei Tische mehrmals darauf hindrängte, weil
sie in der Unterhaltung über seine fortschreitende Arbeit den Weg zu
gegenseitiger seelischer Annäherung und wachsendem Vertrauen sah.

Eike merkte wohl ihre Absicht, ihn auszuforschen, aber nicht den damit
verfolgten Zweck, sondern glaubte, daß sie nur Gelegenheit zu erneutem
Streiten suche, um sich in glänzenden Wortgefechten mit ihm zu messen.
Hätte er Gerlindes wahren Zweck erkannt, hätte er ihr mit Freuden jeden
Einblick in sein Werk gestattet, seiner und ihrer sicher, daß er mit
seinen Aufklärungen ihre Zweifel und Bedenken zerstreuen und sie ihm
zur Verständigung das weiteste Entgegenkommen zeigen würde. Nur ihr zu
Liebe hielt er ja, in seinem Irrtum befangen, mit seinen lehrhaften
Erläuterungen zurück, um sie nicht zum Widerspruch zu reizen, zu
verstimmen und dadurch das freundliche Verhältnis, das zwischen ihnen
waltete, zu trüben.

Darum blieb er bei seiner unausgesprochenen Weigerung, und ihre
deutlichen Winke, mehr von seinem Buche zu reden, prallten an
seiner hartnäckigen Verschlossenheit, deren Gründen sie vergeblich
nachspürte, machtlos ab. Aber ihr Verkehr miteinander litt unter dieser
Geheimtuerei, wie es die Gräfin nannte, durchaus nicht. Der war bei
regem Meinungsaustausch über allerhand sonstige, des Erwähnens werte
Gegenstände nach wie vor ein heiterer, harmloser, bald schalkhaft und
neckisch, bald ernst und sinnig, von Eikes Seite stets ehrerbietig, von
ihrer feinfühlig und ohne jede Zimperlichkeit.

Während er ihr nun in dem einen Punkte nicht nachgab, warb er bei
allen anderen Gelegenheiten des täglichen Umganges mit desto größerer
Beflissenheit um ihre Gunst, die sie ihm auch, holdselig dazu lächelnd,
reichlich zuteil werden ließ. Dabei wehrte er sich nicht gegen den
Eindruck, den ihre sinnberückende Erscheinung und ihr liebenswürdiges
Wesen allstunds auf ihn machte. Er folgte mit den Augen allen ihren
Bewegungen, zumal ihrem schwunghaften, federnden Schreiten, das in den
Gemächern wie im Freien etwas leicht Schwebendes und Hoheitliches hatte.

Diesen Eindruck, der so stark war, daß Eike ihn nicht verhehlen konnte,
wurde Gerlinde bald gewahr, und, ob auch weit entfernt von kleinlicher
Eitelkeit und Gefallsucht, vergaß sie doch nie, auf sich zu achten und
sich ihm stets von der vorteilhaftesten Seite zu zeigen.

So spannen sich von innen heraus und außen herum allmählich zarte,
geisterhafte Fäden zwischen ihr und ihm, die sich miteinander
verschlangen und verknüpften und zu einem dichten Gewebe der hinüber
und herüber gleitenden Gedanken und Gefühle wurden. --

Graf Hoyer hatte seine Freude an dem trauten Einvernehmen Eikes mit
Gerlinde und trug, was er konnte, dazu bei. Hatte er doch seinem
Gaste gleich bei dessen Ankunft den Wunsch ans Herz gelegt, sich mit
seiner jungen Gemahlin auf einen guten Fuß zu stellen und sich in
aufmunternder Weise soviel wie möglich mit ihr abzugeben; er und sie
würden es ihm Dank wissen. Und nun sah er zu seiner Genugtuung, wie
Gerlinde seit Eikes Anwesenheit förmlich auflebte und einen Frohsinn
entfaltete, den er noch gar nicht an ihr kannte.

Eikes wiederholte Ablehnung, zu Gerlinde von seinem Buche zu reden,
deutete er sich ganz richtig, daß er nur ihre leicht verletzte
Hinneigung zu kirchlichen Dingen, die er seinerseits nicht teilte,
rücksichtsvoll schonen wollte. Gegen ihn selbst, den Grafen, der ihn
zuweilen in seinem Arbeitsgemach aufsuchte, verhielt er sich keineswegs
so ablehnend, sondern besprach manche Einzelheiten mit ihm und holte
in wichtigen Fragen gern den Rat des erfahrenen und weltkundigen
Gerichtsherrn ein, wobei er dann oft »+unser+ Buch« statt mein Buch
sagte, eine für den Grafen schmeichelhafte, aber ehrlich gemeinte
Bezeichnung, die Hoyer als unverdient zurückwies. Manchmal kam es aber
auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden, die sie hitzig
miteinander durchfochten, bis einer den anderen überzeugte. Das gelang
indessen nicht immer, und wenn Eike bei dem blieb, was er geschrieben
hatte, mußte der Graf nachgeben, was übrigens ihrer Freundschaft keinen
Abbruch tat.

Von seiner Herzschwäche hatte der Graf jetzt wenig zu leiden, so daß er
ohne Beschwer im Forst umherwandern und auf die Berge steigen konnte.
Er ließ sich in stundenweiter Entfernung von der Burg ein Jagdhäuschen
errichten, um, mit dem nötigen Mundvorrat versehen, dort zu nächtigen
und im Morgengrauen auf den Anstand zu gehen.

Gewinn von des Grafen zeitweiliger Abwesenheit hatte nur Wilfred, weil
sein Plagegeist, der schreibwütige Ritter, der ihm und sich selber
wenig Muße gönnte, an solchen Tagen das Beisammensein mit der Gräfin
merklich ausdehnte und infolgedessen seinem schmählich Unterjochten
nicht beständig auf die Finger passen konnte. Das machte sich der auf
rastlose Arbeit gar nicht Erpichte natürlich zunutze, legte, falls er
überhaupt im Zimmer und auf seinem Schreibstuhl hocken blieb, die Feder
vergnügt bei Seite und streckte sich auch wohl auf der Ruhebank lang
aus, als wäre er nun der Herr in diesen schönen vier Wänden.

Er sehnte sich schon längst wieder nach einem freien Tage, um zwei
Besuche abzustatten, die er bisher aus mancherlei Gründen hatte
aufschieben müssen. Aber morgen war ja wieder Sonntag, da hoffte er
alle Hindernisse beseitigen und sein Vorhaben endlich ausführen zu
können.



Siebentes Kapitel.


Gräfin Gerlinde hatte es schon bald nach ihrem Einzuge auf dem
Falkenstein durchgesetzt, daß an Sonn- und Feiertagen keine anderen
Beschäftigungen in der Burg vorgenommen werden durften als die
notwendigen Verrichtungen im Haushalt. Selbst Eike fügte sich ihrer
freundlichen Bitte, dann zur Heiligung des Tages auch auf seine
völlig geräuschlose Schreibarbeit zu verzichten, was er ohne den ihm
ausgesprochenen Wunsch nicht getan haben würde. Daß er dem Gottesdienst
in der Kapelle beiwohnte, verstand sich von selbst, zumal Gerlinde
durch Harfenspiel und Gesang dabei mitwirkte.

Heute war Sonntag, und der Falkenstein stand, von der Morgensonne
beschienen, auf seiner Bergeshöhe wie ein einsames, verwunschenes
Schloß, in dem kein Leben war. Kein lautes Hantieren und Scharwerken,
kein Pferdegetrappel und Rüdengebell störte die Ruhe, nur daß einmal
die Kette des Ziehbrunnens klirrte, wenn sie in der Küche Wasser
brauchten. Die Dienstleute, die über den Hof gingen oder treppauf und
treppab stiegen, traten leise auf und sprachen mit gedämpfter Stimme.
Auch von innen heraus drang kein Ton durch die dicken Mauern, als wenn
die vielen, die in den Gebäuden ihren Pflichten obliegend hausten, den
Tag verschlafen wollten. Es herrschte von früh bis nach vollbrachtem
Gottesdienst, der ziemlich spät begann und gewöhnlich erst kurz vor
Mittag endete, eine fast unheimliche Stille, aber die Herrin wollte
es so haben, also ward es so gehalten, und niemand wagte, gegen den
eingeführten Brauch zu verstoßen.

Von Mittag an aber konnten alle, Mannen, Jäger, Knechte und Mägde,
tun und treiben, was ihnen beliebte; kein unduldsamer Befehl lähmte
ihre Belustigungen und verbot ihnen den Mund. Sie durften, falls
nicht besondere Verabredungen und Veranstaltungen vorlagen, dann auch
gehen, wohin sie wollten, wenn sie nur abends vor Toresschluß wieder
innerhalb der Ringmauern waren, und daß sie dies waren, dafür sorgte
des Torhüters unbestechliche Wachsamkeit. --

Wilfred genoß in den Kreisen des Burggesindes ein gewisses Ansehen,
das er weniger seinen persönlichen Eigenschaften als seiner Herkunft
und seiner Ausnahmestellung verdankte, denn er gehörte nicht zu den
Dienenden, wenn er auch mit ihnen lebte und ganz so wie sie unter der
Botmäßigkeit des Grafen stand. Er war der Sohn des verstorbenen Wild-
und Waffenmeisters, der nächst den Herrschaften der erste auf der
Burg gewesen war, kam in Ausübung seines Amtes als Schreiber häufiger
in unmittelbare Berührung mit dem Grafen und galt als ehemaliger
Klosterschüler bei den übrigen Untergebenen für einen Studierten, der
beinahe geistlich geworden wäre.

Daher spielte er in der Dirnitz, dem Versammlungs- und Aufenthaltsraum
der Dienerschaft, eine seiner Meinung nach große Rolle, die jedoch von
Neidern und Gegnern, an denen es ihm auch nicht gebrach, zuweilen
stark angefochten wurde. Er war nicht Jüngling mehr, aber auch noch
nicht zum Manne gereift, von schmeidiger, leichtbeweglicher Gestalt
und selbstbewußtem, meist seelensvergnügtem Gesichtsausdruck. Sein
lockiges, braunes Haar hing ihm ziemlich tief in die Stirn, und aus
seinen ebenfalls braunen Augen lugte eine lauernde Verschlagenheit. Die
anderen hörten ihn gern von seinen Vagantenfahrten und den Abenteuern,
die er in der Fremde erlebt haben wollte, berichten und hatten ihren
Spaß an den frechen Aufschneidereien, die er ihnen dabei unverfroren
auftischte. So erzählte er einmal, er wäre eines Tages gegen Abend
mit zweien seinesgleichen in ein Dorf gekommen, wo sie gebettelt
hätten, und weil man ihnen nichts geben und sie auch nicht herbergen
wollte, hätten sie die hartherzigen Geizhälse mit höllischen Flüchen
und kabbalistischen Beschwörungen überschüttet, um sie zu ängstigen.
Da wären sie aber von ihnen ergriffen und alle drei in einen Teich
geworfen worden. Und was hätten +sie+ nun getan? sie hätten das
ganze Dorf in Brand gesteckt, um an dem Feuer ihre nassen Kleider zu
trocknen. Solcherlei Geschichten brachte er immer neue, eine immer
noch toller und verwegener als die andere, vor, und Mannen und Mägde
lohnten es ihm mit Beifall und fröhlichem Lachen. Manche von ihnen
trauten ihm aber nicht und meinten, er würde gewiß noch weit schlimmere
Stücklein auf der Seele haben, denn ihn scheuchte doch kein Strohwisch
von verbotenen Wegen, worauf Wilfred überlegen schmunzelte, was soviel
heißen sollte wie: na, wenn ich reden wollte!

Seine aufmerksamste Zuhörerin und zugleich treueste Anhängerin war
die rotblonde, sehr hübsche und aufgeweckte Zofe Melissa, die er
bei seinen gelegentlich ausgeführten Schwänken hier stets auf seiner
Seite hatte. Der Schalk saß ihr im Nacken, aus ihren spiegelhellen
Augen blitzte es wie Frühlingsgruß, und ihre schwellenden Lippen
konnten verführerisch lächeln, als spräche sie: trutz! wer darf mich
küssen? was Wilfred übrigens öfter tat und sie ihm selten wehrte.
Denn die beiden hatten ein heimliches Techtelmechtel miteinander, das
jedoch über lustige Neckereien und unverfängliche Liebkosungen nicht
hinausging.

Wie willig sie ihrem Günstling bei seinen Schelmenstreichen half,
bewies ein Vorfall, der nichts anderes als die von Wilfred ausgeheckte
Vergeltung für eine ihm vom Torwart Goswig zugefügte Unbill war.

Dieser hatte den Schreiber, als er einmal ein wenig zu spät von der
Talmühle heimkehrte, nicht mehr in die Burg eingelassen, trotz seinem
Bitten und Flehen das eben erst geschlossene Tor nicht wieder geöffnet
und ihm von innen höhnisch zugerufen: »Komm zur rechten Zeit, du
Nachtschwärmer! Dann findest du immer Einlaß; jetzt wünsch ich dir
angenehme Ruh draußen im Grünen.« Es war aber damals noch gar nicht
grün im Walde, denn das Laub der Sträucher und Bäume fing erst an, sich
zu entfalten und gewährte daher dem Ausgesperrten keinen Schutz vor dem
in der ganzen Nacht herabrieselnden Regen, der ihn bis auf die Haut
durchnäßte.

Gern hätte er dieses feuchte Nachtquartier verschwiegen, wenn er
nicht infolge der Erkältung, die er sich dabei zugezogen, am Morgen
stockheiser geworden und dies mehrere Tage lang geblieben wäre. Das
ließ sich natürlich nicht verheimlichen, und nach der Ursache davon
befragt, mußte er seine nächtliche Aussperrung eingestehen und hatte
nun neben dem Schaden auch noch den erbarmungslosen Spott sämtlicher
Burgbewohner zu tragen. Dafür wollte er sich an dem schändlichen Alten
mit einem empfindlichen Schabernack rächen.

Goswig trug Winters und Sommers eine Pelzkappe von Marderfell, die er
während der Mahlzeiten in der Dirnitz ab und bei Seite legte. Eines
Sonntags nun, wo der Abendtrunk für die Leute stets sehr reichlich
gespendet wurde, stahl sich Wilfred mit der Pelzkappe hinaus und
bestrich sie inwendig mit Vogelleim, den ihm Melissa zu dem Zwecke
bereitet hatte. Diese mußte dann den Torwart durch ihr Geplauder so
lange beim Becher festhalten, bis er mehr als genug hatte. Als er sich
dann die Kappe vor dem Abschiede, den Melissa möglichst zu verzögern
suchte, wieder aufstülpte, merkte er in seinem angeheiterten Zustande
nicht, was inzwischen damit geschehen war. Auf dem Wege zu seinem
Torstübchen war sie ihm nun schon so fest angeklebt, daß er sie nicht
vom Kopfe losbekommen konnte und sich mit ihr zu Bett legen mußte.
Anderen Mittags behielt er sie gegen seine Gewohnheit bei Tische auf,
und darüber zur Rede gestellt stieß er ärgerlich heraus: »Ist mir über
Nacht angewachsen, ich kriege sie nicht ab; die alte Heidin Suffie, die
mir spinnefeinde Zaubersche, muß sie mir angehext haben.« Wilfred und
Melissa tauschten verstohlen einen Blick, und letztere sagte am Ende
des gemeinsamen Mahles: »Goswig, gegen Großmutter Suffies Hexerei bin
ich machtlos, aber versuchen will ich's doch, Euch davon zu befreien;
haltet mal still!« Nun machte sie sich über ihn her, um ihm die
angeleimte Pelzmütze vom Kopfe herunterzuziehen. Aber das ging nicht so
leicht vonstatten, trotzdem zwei andere Mädchen, die entweder den Spuk
durchschauten oder von Melissa eingeweiht waren, sie kichernd dabei
unterstützten. Mit warmem Wasser erweichten sie den hart gewordenen
Klebstoff und zupften und zerrten alle drei vorn, hinten und über den
Ohren an der Mütze herum, daß er vor Schmerzen jammerte und stöhnte.

Als er, von der Marter endlich erlöst, sich die Innenseite seiner
Pelzkappe betrachtete, schrie er auf: »Was? das ist keine Hexenkunst,
das ist ja Vogelleim! kein anderer als der Böswichtsbube der Fred
ist's gewesen, und du falsche Kammerkatze -- ich seh dir's an -- hast
deine Krallenpfoten, mit denen du mich so grausam am Kopfe gezwickt
und gezwackt hast, dabei im Spiele gehabt,« wandte er sich, die Faust
schüttelnd, zu Melissa. »Aber wartet, ihr hinterlistigen Satanskinder,
das will ich euch ankreiden und mit Zinsen heimzahlen!« Wutschnaubend
entwich er aus der Dirnitz, war noch tagelang muckig und einsilbig
und schnitt alles Gehänsel über den ihm angetanen Schimpf mit kurzen,
derben Worten ab.

Wilfred aber beruhigte die von Goswigs Drohungen eingeschüchterte
Melissa mit dem Hinweis, daß sie ja unter dem Schutz der Gräfin stünde,
und er selber wüßte nun, wie er mit dem alten Bärbeiß dran wäre und
würde, ohne ihn im geringsten zu fürchten, auf seiner Hut vor ihm
sein. Damit gab sie sich zufrieden und dankte ihrem Tröster in der
zärtlichsten Weise.

Melissa war gegen die Fehler und Untugenden ihres Freundes keineswegs
blind und hielt doch treulich zu ihm, obwohl sie keine Hoffnung auf
eine glückliche Zukunft an seiner Seite hatte. Was sie eigentlich zu
dem übermütigen Gesellen so stark hinzog, davon konnte sie sich selber
keine Rechenschaft geben. Es war nun einmal so, und sie machte sich
nicht viel Gedanken darüber.

Aus einer ihr sonniges Dasein etwas verdunkelnden Wolke aber fiel
zuweilen ein Tropfen Wermut in den Becher ihrer sprudelnden Lebenslust.
Sie hatte erfahren, daß Wilfred sich um die Gunst einer anderen
bemühte, und wenn dies auch nicht aus Liebe geschah, so war sie doch
stets betrübt und gekränkt, wenn er sich zu jener hinschlich, zu
einer, die zum Arbeiten zu faul und zum Denken zu dumm war. Es war die
Tochter des Talmüllers, ein noch nicht mal hübsches, verzogenes und
launenhaftes Ding, das aber ein nicht unbeträchtliches väterliches Erbe
zu erwarten hatte. Nach diesem Goldfisch angelte Wilfred, scharwenzelte
um die Begehrenswerte herum und führte seine gerissensten Künste ins
Treffen, sie sich gewogen zu machen. Luitgard -- so hieß sie -- nahm
seine Huldigungen einmal entgegenkommend, ein andermal nachlässig hin,
wies ihn schnippisch ab oder ermunterte ihn, wenn sie gerade keinen
anderen Anbeter am Bändel hatte. Sie besaß nämlich ihres Geldes wegen
deren mehrere in der Umgegend, die sie mit gefallsüchtigem Betragen
anlockte und mit halben Verheißungen hinhielt und denen sie dann
wieder, je nach Laune, hochnäsig und schroff den Rücken zukehrte. So
trieb sie auch mit Wilfred ihr leichtfertiges und schnödes Spiel,
wollte es jedoch mit ihm ebensowenig wie mit den anderen verderben,
weil sie das Schmeicheln und Schöntun junger Männer nicht entbehren
konnte. Dem »armseligen Federklauber, dem flattrigen Habenichts,
der sich als verlumpter Vagant Gott weiß wie und wo in der Welt
herumgetrieben,« die Hand zum Bunde fürs Leben zu reichen, fiel ihr im
Traume nicht ein. »Er hat vielleicht einmal einen Tisch und nichts
darauf, eine Kanne und nichts darin, einen Spieß am Feuer und nichts
daran,« hatte sie einmal von ihm gehöhnt.

Heute, am Sonntagnachmittag, eilte er seit langer Zeit zum ersten Male
wieder zu ihr, und das war der eine von den zwei Besuchen, nach denen
er sich schon lange gesehnt hatte.



Achtes Kapitel.


Die Talmühle, ein dem Grafen eigenes Erblehen, lag nahe dem Fuße
des Bergkegels, der Schloß Falkenstein trug, an der vielgewundenen
Selke, die mit alten Weidenbäumen und mit Erlengesträuch umsäumt
war und an deren Ufern dichtes Röhricht mit violetten Federbüschen
und großblättriger Huflattich wuchs. Durch ihre glitzernden Wellen
schossen rotgesprenkelte Forellen hin und her, und über ihrem
Spiegel tanzten Mückenschwärme. Auf den Strohdächern der niedrigen
Mühlengebäude wucherte Moos und kugelige Hauswurz mit mattrosigen
Blüten auf fleischigem Stengel. Das Wasserrad stand heute still, aber
wenn es sich rauschend und schaumsprühend drehte, einen durchsichtigen
Silberschleier über den Schaufeln, so gab das ein schönes, lebendiges
Bild, das Blick und Gedanken des vorüberkommenden Wanderers eine Weile
festhielt.

Wilfred traf bei seiner Ankunft dort die Bewohner zu Hause mit Ausnahme
des einzigen Sohnes, der als Mühlknappe dem Vater im Handwerk rüstig
beistand, sich aber heute nach Meisdorf beurlaubt hatte, wo er gute
Gesellen beim Sonntagsbier im Kruge zum braunen Hirsche sitzen wußte.

Groß willkommen in der Mühle hieß man ihn nicht und hätte ihn
wahrscheinlich noch kühler aufgenommen, wenn sein Vater nicht ein
alter, treuer Freund des Müllers und seiner Frau gewesen wäre, dessen
Andenken sie in Ehren hielten und um dessentwillen sie den Sohn
nachsichtig duldeten. Meister Beutling war ein ernster, arbeitsamer
Mann und seine Kathrin eine still schaltende Hausfrau, die beide nach
dem Besuche nichts fragten und sich auch nicht um ihn kümmerten, ihn
ihrer Tochter überlassend, die ihn schon bald genug wieder los werden
würde.

Kaum zwanzig Schritte von der Mühle stand eine alte Linde mit einer
Bank und einem Tisch unter ihren schattenden Zweigen, dessen Platte
ein ausgedienter Mühlstein war. Die Linde blühte jetzt und verbreitete
einen starken, fast berauschenden Duft um sich her, während in ihrer
mächtigen Krone das Gesumm der Bienen tönte, denn Meister Beutling
hielt sich eine Anzahl Bienenstöcke, mit deren Honig er auch das Schloß
versorgte.

Dorthin begaben sich Luitgard und Wilfred, und er begann das Gespräch
mit der Bitte um Entschuldigung, daß er so lange nicht hier gewesen
wäre, worauf ihm Luitgard, die ihn gar nicht vermißt hatte, mit
geschürzter Lippe erwiderte, o wenn er keine Zeit hätte, brauchte er
sich um ihretwillen die Schuhsohlen nicht abzulaufen. Als ihr Wilfred
nun erklärte, womit er alle seine Zeit hätte hinbringen, was und wie
angestrengt er hätte arbeiten müssen, zeigte sie geringe Teilnahme an
der Art seiner Beschäftigung und schien an den bedeutenden Einfluß,
dessen er sich bei der gemeinschaftlich mit dem Ritter Eike von Repgow
betriebenen Abfassung eines großartigen Werkes rühmte, nicht zu
glauben. Es war überhaupt heute nichts Rechtes mit ihr anzufangen,
sie war wieder einmal nicht gut aufgelegt, wortkarg und mürrisch.
So unermüdlich auch Wilfred Redegabe, Witz und Scharfsinn aufbot,
es gelang ihm nicht, die gegen alles Gleichgültige zugänglicher und
freundlicher zu stimmen. Die Unterhaltung geriet mehr und mehr ins
Stocken und wäre vielleicht ganz versiegt, wenn sich jetzt nicht ein
drittes Menschenkind zu den beiden unter der Linde gesellt hätte.

Suffie, Großmutter Suffie, wie sie ringsumher genannt wurde,
eine uralte Greisin, kam vom Hause an einem Krückstocke langsam
herangeschritten. Sie mußte einst von hochragender Gestalt gewesen
sein; jetzt war sie von der Last der Jahre gebeugt, aber nicht
gebrochen, denn in dem hinfälligen Körper wohnte noch immer eine die
Ihrigen oft überraschende Geistes- und Willenskraft. Weiß war ihr Haar,
ihr lederfarbenes Gesicht von unzähligen Runzeln durchfurcht, und ihre
großen Eulenaugen funkelten hell und scharfblickend. Sie hatte hier
in der Talmühle, wo sie geboren war, Kinder und Enkel ins Grab sinken
sehen und erwartete nun bei ihrem letzten Enkel, dem jetzigen Müller,
den Tod, der sie aber vergessen zu haben schien. So wandelte sie, eine
Erscheinung aus der Vorzeit, selber schier unveränderlich, durch die
immer wechselnde Gegenwart und wußte nicht, wie alt sie war.

Ihre Erinnerungen reichten bis in ihre Jugend, viele bis in ihre
Kindheit zurück, und wenn die Müllersleute abends um sie versammelt am
Herdfeuer saßen, gab sie den Hochaufhorchenden manche davon zum besten.
Ihre stolzeste war, daß sie einmal als halbwüchsiges Mädchen Herzog
Heinrich den Löwen gesehen hatte, als er mit einem großen Gefolge von
Rittern und Reisigen über den Harz nach dem Kyffhäuser gezogen war,
um sich von Kaiser Friedrich dem Rotbart mit dem Herzogtum Bayern
belehnen zu lassen. Durch das Selketal war er zwar nicht gekommen, aber
tausende waren von nah und fern herbeigeströmt, um den mächtigsten Mann
im Reiche von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Daraus konnten die
Nachgeborenen berechnen, daß sie über hundert Jahre alt sein mußte.

Eine Christin war sie nicht und wollte es nicht sein, sondern hielt
mit finsterer Zähigkeit an dem Heidentum fest, das in den Bergen
und Wäldern des Harzes noch Jahrhunderte lang nach den blutigen
Sachsenkriegen Kaiser Karls des Großen im Verborgenen fortlebte.
Wegen ihrer Kenntnis von längst abgekommenen Sitten und Bräuchen,
von heilkräftigen Kräutern und Wurzeln, ihres Bewandertseins in
Zaubersprüchen, Wundsegen, Blutstillen und anderen Heimlichkeiten
erfreute sie sich eines so weit verbreiteten Rufes, daß manch einer
und eine kam, sie in Körperleiden und Herzensnöten um Rat und Hilfe
anzugehen. In der Familie genoß sie die größte Verehrung, und über ihre
Urenkelin Luitgard hatte sie mehr Gewalt als Vater und Mutter, denn
selbst das eigensinnige, schwer zu bändigende Mädchen fügte sich der
das ganze Hauswesen beherrschenden Ahnin.

Als die Alte herangekommen war, stand Wilfred auf und begrüßte sie mit
der Frage: »Wie geht's, Großmutter Suffie?«

»Schlecht, mein Junge! Das siehst du doch,« ächzte sie, auf der Bank
schwerfällig Platz nehmend. »Die Gicht im rechten Bein läßt mich nicht
los. Alle Morcheln, die ich mir da hinten aus dem trocknen Kiefernboden
gebrochen habe, wollen nicht helfen gegen das Gebreste, es ist ein
Elend. Ich kann nicht mehr auf die Berge klettern, mich nicht mal
mehr zum Sonnwendfeuer schleppen, und das frißt mir am Herzen. Es ist
jetzt schon das dritte Mal, daß ich dabei fehlen muß, seit mich mein
Vater als Siebenjährige zuerst mit hinaufgenommen hat, wo sie -- du
wirst es ja wissen und darüber schweigen -- wo die, die noch getreulich
dem großen Wode und der Frau Holle anhängen, sich zusammenfinden, die
alten heiligen Gebete raunen, Lose werfen und Hand in Hand durchs
Feuer springen. Hab's als schmucke Maid auch getan mit manchem jungen
Burschen, der schon lange nicht mehr springt. Seit Jahren war ich immer
die Älteste dabei und wußte mehr als alle.«

Wenn Suffie ins Reden kam, wurde sie geschwätzig und hörte so bald
nicht wieder auf. »Großmutter,« begann Wilfred, »Ihr habt doch meinem
Vater selig so manchen guten Rat gegeben und --«

»Freilich, Fred, freilich!« unterbrach sie ihn sofort wieder, »gegen
Tollwut mußte er ein Wolfsauge bei sich tragen und um den Hals eine
Schnur von Krebsscheren gegen das Gewehr des groben Keilers, aber gegen
Bärenpranken ist kein Kraut gewachsen; mit so 'nem Untier durfte er
ohne ein paar starke Hetzrüden nicht anbinden.«

»Ich wollte nur sagen,« fuhr Wilfred fort, als er wieder zu Worte kam,
»wißt Ihr denn kein Mittel zu Eurem eigenen Gesunden, daß Ihr wieder
springen lernt?«

»Nichts, mein Junge, nichts,« erwiderte sie, das greise Haupt
schüttelnd, »ich muß stillhalten, bis das alte Gerippe mit seiner Sense
kommt und mich abmäht. Ein Menschenleben geht hin wie der Rauch, das
ist so, seit die Welt im Wasser unterging.«

»Na, vorher wird's auch wohl nicht anders gewesen sein,« mischte sich
Luitgard naseweis ein, »und Ihr seht doch unsern Schornstein schon
recht lange rauchen, Großmutter.«

»Dir etwan schon zu lange, Luit?« begehrte Suffie auf. »Was weißt du
dummes Balg von leben und sterben? In den zwölf Julnächten vorigen
Winter hab' ich's einmal grausig hier durchs Tal toben und heulen
hören, da muß Wode mit seinem wütenden Heer dicht über uns hingezogen
sein, hat mir wohl einen Wink geben wollen, mich fertig zu machen.
Hätt' er sich sparen können, der große Schimmelreiter, ich bin fertig.«

»Das eilt wohl nicht, Großmutter,« lächelte Wilfred. »Es hat
schon manche um Lichtmeß gedacht, sie hätte ihr letztes Süpplein
ausgelöffelt, und ist doch noch zu Walpurgis mit auf den Blocksberg
geritten.«

»Zähme deine Zunge!« fuhr die Alte auf ihn los, richtete sich steif in
die Höhe und maß den Kecken mit einem bösen Blicke. »Eine Besenhexe bin
ich nicht.«

»Euch hab' ich damit nicht gemeint, es war nur ein Gleichnis,«
beruhigte er die Beleidigte. »Es gibt Jüngere, die mit dem Teufel einen
Tanz wagen, wenn die Engel nichts von ihnen wissen wollen.«

»Ach so!« lachte Luitgard, »nun, du hast ja oben auf dem Falkenstein
einen blonden Engel, der gewiß nicht spröde ist und dir bei Tag und
Nacht keinen Tanz versagt.«

»Darum kümmre dich nicht!« wies sie Wilfred scharf ab. »Die du im Sinn
hast, zeigt mir ein holderes Gesicht als du.«

»Richtig, Falkenstein!« fiel Suffie ein. »Ihr habt ja schon seit Wochen
einen fürnehmen Gast; was tut denn der so lange bei euch? harft und
singt wohl mit der schönen, jungen Gräfin?«

»Nein, er arbeitet mit mir.«

»Arbeitet mit dir?«

»Ja, sie kritzeln ein Buch zusammen,« spottete Luitgard. »Denkt Euch,
Großmutter, ein Buch, ein Gesetzbuch!«

»Davon verstehe ich nichts,« sagte die Alte. »Schreiberei ist
verfluchtes Satanswerk und schafft nur Unheil.«

»Sagt das nicht, Großmutter! Das Mühlen- und Wasserrecht kommt auch
in unserem Buche vor,« belehrte sie Wilfred, »höret ein Exemplum. Vor
jedem Mühlengerinne muß ein Merkpfahl eingerammt sein, der anzeigt, wie
hoch der Müller das Wasser in seinem Graben halten darf, nämlich nur
so hoch, daß eine Biene mit aufgereckten Ohren auf dem Pfahle sitzen
kann und sich dabei die Füße, aber nicht den Leib benetzt. Nun liegt es
in meiner Hand, statt eine Biene mit ausgereckten Ohren zu schreiben
ein Frosch mit hervorstehenden Glotzaugen. Das macht einen großen
Unterschied aus, denn dann kann der Müller das Wasser viel höher stauen
und seinem Rade mehr Kraft geben. Begreift Ihr das?«

»Ei wohl, schreibe so, Fred, und hole dir von Luit den Dank dafür.«

»Mir läuft unser Wasserrad schnell genug,« kam es verächtlich von des
Mädchens Lippen. »Meinetwegen kann sich Fred selber auf den Merkpfahl
setzen, von mir hat er keinen Dank zu verlangen.«

Der ihm von der Übellaunigen heute wieder zuteil werdenden schlechten
Behandlung endlich überdrüssig, erhob sich Wilfred nach dieser
wegwerfenden Äußerung und ging, sich nur von Suffie verabschiedend,
mißmutig davon.

Aber statt sich von hier aus geradwegs auf den Falkenstein
zurückzubegeben, bog er nach rechts ab und schlug sich bergan steigend
in das Dickicht, in dem er spurlos verschwand.

Er wollte noch den anderen der zwei Besuche abstatten, die er sich
für diesen Sonntag vorgenommen hatte, und da, wohin es ihn jetzt zog,
war er einer freundlicheren Aufnahme sicher. Denn dort wußte er einen
trauten Kumpan, der ihn gewiß schon seit langem sehnlichst erwartete.

In schnurgerader Richtung querwaldein dringend gelangte er zu einer
alten Buche, deren gewaltige Wurzeln in großen, schlangenartigen
Windungen und Krümmungen aus der Erde hervorragten. In einer ihrer
Gabelungen dicht am Stamme ließ sich Wilfred nieder und saß da,
auch im Rücken gestützt, so bequem wie zwischen den Armlehnen eines
moosgepolsterten Sessels. Nun holte er seine Rohrflöte hervor, die dem
Ritter Eike von Repgow bei der Ankunft auf dem Falkenstein den ersten
Willkomm zugetrillert hatte, und fing an darauf zu blasen. Nach einem
Weilchen hielt er inne und horchte. Alles still, nichts regte sich. Er
hub von neuem zu blasen an und diesmal stärker, wonach er wieder wie
ein Vogelsteller bewegungslos lauschte. Endlich vernahm er ein leises
Geräusch, nur ein paar Pulsschläge lang, dann verstummte es. Bald
erklang es wieder, immer noch leise, aber schon näher. Es war, als wenn
etwas Lebendiges behutsam heranschlich oder kroch, und jetzt sah er im
niedrigen Unterholz zwei fest auf ihn gespannte Lichter glänzen. Gleich
darauf raschelte es durch Laub und Kraut, und husch! sprang ihm mit
flinkem Satz ein Fuchs auf den Schoß.

»Schlitzohr, bist du da?« rief er und umfing das Tier, das sich ihm wie
ein treuer Hund anschmiegte und schlau blinzelnd zu ihm aufäugte.

Das war der Freund, dem sein Besuch galt und mit dem er sich verstand
wie ein Mensch mit dem andern, nur daß dem Vierfüßler die Sprache
fehlte. Wilfred hatte ihn einst als Junges nicht weit von hier durch
einen glücklichen Zufall erhascht, ihn mühsam mit unendlicher Geduld
gezähmt, ihn mit allerhand Atzung geködert und gekirrt, bis sich der
äußerst vorsichtig Witternde allmählich an seinen Wohltäter gewöhnte
und ihm endlich so anhänglich wurde, daß er dessen Flötenspiel, wenn
er es hörte, Folge leistete und sich hier auf dem Kirrplatz ohne
Scheu bei ihm einfand. Wilfred nannte ihn Füchslein, Reinecke oder
auch Schlitzohr, weil er vor Jahr und Tag in des Fuchses rechtem
Lauscher einen langen, nicht verheilten Schlitz entdeckt hatte, den der
streitbare Held wahrscheinlich im Kampfe mit einem seinesgleichen um
den Besitz einer schönen Füchsin davongetragen hatte.

Nun sprach er mit ihm ganz wie mit einem Freunde, wenn er auch
keine Antwort von ihm erhielt. »Haben uns lange nicht gesehen, mein
Füchslein,« begann er, »ich konnte nicht kommen, mußte immer schreiben,
schreiben und schreiben. Du weißt nicht, was das ist, schreiben?
ja, sei du froh, daß du nicht schreiben gelernt hast, mein munterer
Waldgesell! Das ist eine grausame Erfindung, eine Qual für uns arme,
sündhafte Menschen, mit der dein und mein Schöpfer euch unschuldige
Tiere in Gnaden verschont hat. Was macht denn die holde Frau Fähe?
und wieviel liebe Kinderchen habt ihr denn in eurem Bau? bringe sie
doch einmal mit und führe sie mir vor, ob sie auch sauber gewaschen
und artig erzogen sind. Aber halt! ich habe ja was für dich, hier!« Er
griff in die Tasche und gab seinem rothaarigen Liebling zwei Eier, die
er heut in aller Frühe aus dem Hühnerstall des Falkensteins gemaust
hatte. Der Fuchs verzehrte sie mit Begier, während ihm Wilfred den
glatten Sommerpelz kraute und sich seine dicke Lunte ein paarmal durch
die Hand gleiten ließ.

Nach diesem erquicklichen Imbiß lag der Fuchs in Wilfreds Armen und
schien sich da sehr wohl und gedocken zu fühlen. Manchmal reckte er
den Kopf, windete und spitzte die Lauscher, wenn sich im Gebüsch oder
in einem Baum etwas regte, das ihm vielleicht eine willkommene Beute
verhieß. Dann duckte ihn Wilfred jedesmal schnell nieder und sagte:
»Nichts da, Reinecke! Singvögelein sollst du nicht begehren, das habe
ich dir doch schon oft genug strengstens verboten. Halte dich an
Mäuse, Käfer, Schnecken und ähnliche schmackhafte Dinge, die für uns
Ungeziefer, für euch aber Leibgerichte sind, verstehst du?« Der Fuchs
lugte ihn an, leckte sich die Schnauze und machte ein Gesicht, als ob
er lachen wollte. Da packte ihn Wilfred beim Fell, drückte seinen Kopf
zärtlich an die eigene Wange, klopfte, hätschelte und hudelte ihn nach
Herzenslust, und Meister Reinecke ließ sich das alles mit dem größten
Behagen gefallen und hob manchmal spielerisch einen Vorderlauf, als
wollte er dabei mittun und das Gekose des ihm so wohlgewogenen Menschen
erwidern.

So hatten es die beiden schon unzählige Male hier getrieben, und wenn
sie sich trennen mußten und Wilfred den Heimweg antrat, trabte der
Fuchs eine Strecke lang hinter ihm her, blieb dann traurig stehen,
äugte ihm nach und lauschte seinen Schritten, bis sie in der Ferne
verhallten.

Auch heute war es für Wilfred Zeit zum Aufbruch, denn er hatte
versprochen, zum Abendtisch in der Dirnitz zurück zu sein. »Ich muß
fort, mein Schlitzohr,« sagte er, »gib mir's Pfötchen und gehab' dich
wohl bis auf baldig Wiedersehen.« Dann setzte er den Fuchs sanft und
zärtlich wie eine Mutter ihr Kind nieder, stand von seinem Wurzelthron
auf und schied von dem Busenfreunde.

Stunden wie diese waren Wilfreds glücklichste. Auf der Burg hatte
er keinen, der ihm so traute und dem er so trauen konnte wie diesem
freien Sohn der Wildnis. Der schalt ihn nicht, demütigte und kränkte
ihn nicht, sah ihn nicht scheel und mißgünstig oder über die Achsel
an wie seine menschlichen Lebensgefährten, denen er nichts galt, die
seine Fähigkeiten und sein Wissen nicht schätzten und das Gute, das
neben manchem Verwahrlosten doch auch in ihm steckte, nicht anerkennen
wollten. Kein Wunder, daß er sich vor ihnen verschloß, ihnen ihre
Nichtachtung in gleicher Münze herausgab und sich für das, was er von
ihnen zu leiden hatte, mit kleinen Bosheiten und hinterrücks gespielten
Possen rächte. Dadurch kam in das Wesen des zu Leichtsinn und Übermut
Veranlagten ein mißfälliger Zug. Hier aber bei seinem Fuchse war er ein
Naturkind wie dieser, da fand er Zuflucht und Erholung wie anderswo
nimmer.

In viel froherer Stimmung als vorher wanderte er jetzt in der Stille
des Waldes dahin, durch dessen Gezweig schräge Sonnenstrahlen blitzten
und um silbergraue Buchenstämme schlüpften. Das muffige Betragen der
Müllerstochter schlug er sich aus dem Sinn und nahm sich vor, heut
abend zu Melissa, der immer heiteren und einzigen ihm zugetanen, recht
freundlich zu sein. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß er zu Luitgard
gegangen war, und damit hatte er ihr Kummer bereitet, für den er sie
entschädigen wollte.

Als er dem Falkenstein schon so nahe war, daß man sein Blasen dort wohl
hören könnte, setzte er die Waldflöte an die Lippen und schickte der
Getreuen einen schmetternden Gruß nach dem andern als seine Rückkehr
ankündende Boten voraus. Aber nicht lange währte es, da sah er Melissa
unter den Bäumen daherkommen. Sie war ihm, ihn um diese Zeit erwartend,
auf dem Wege zu Tal ein Stückchen entgegengegangen, hatte aber dann,
sein Blasen vernehmend, flugs die Richtung eingeschlagen, aus der die
Klänge lockten, nun genau wissend, von wannen er kam. Sobald sie seiner
ansichtig wurde, lief und sprang sie über Stock und Stein auf ihn zu,
und er fing sie in seinen Armen auf. »Du warst bei deinem Füchslein,«
jubelte sie, denn ihr allein war diese heimliche Waldfreundschaft
bekannt, »ich dachte, du wärest ...«

Sie konnte nicht ausreden, Wilfreds Kuß verschloß ihr den Mund.



Neuntes Kapitel.


Der Sonnwendtag war äußerlich von anderen Tagen durch nichts
unterschieden vorübergegangen, und nur die Kundigen wußten, daß in
der Nacht auf schwer zugänglichen Bergkuppen und kleinen, versteckten
Waldblößen die Feuer unter fast tausendjährigen Eichen gebrannt hatten
und von den verschwiegenen Bekennern des Wodanglaubens mit uralten
Bräuchen und Beschwörungen umwandelt und umtanzt worden waren. Auch
ein paar der ältesten Burgmannen des Falkensteins hatten an der
Feier teilgenommen, und Goswig hatte ihnen die Brücke nieder und das
Pförtchen im Tor offen gelassen, damit sie im Morgengrauen unbemerkt
einschlüpfen konnten. Das war von jeher so gehalten worden und dem
Grafen keineswegs unbekannt. Seine Vorfahren hatten es einer dem andern
überliefert und dem Nachfolger geraten, darüber ein Auge zuzudrücken,
wenn die schlechten Christen sonst gute Menschen und zuverlässige
Vasallen wären. Nur die Gräfin durfte nichts davon erfahren, denn
nimmermehr hätte sie Heidenleute im Gesinde geduldet.

Nun brütete der Sommer mit seiner stärksten Glut über Wald und Flur,
um Körner und Früchte zu reifen, obwohl jetzt jeder Tag schon um einen
Hahnenschritt kürzer wurde als der gestrige. Das Laub war noch frisch
und saftig, von häufigen Gewitterregen vor zu frühem Welken bewahrt,
und die Waldblumen blühten üppig im Grün der Kräuter und Gräser.

Die Insassen der Burg lagen ihren täglichen Pflichten ob, gingen in den
leichtesten Kleidern einher und hatten von der Hitze wenig zu leiden,
da es innerhalb der dicken Mauern fast noch kühler war als im Schatten
des dicht bestandenen Hochwaldes. Sie waren alle froh und zufrieden mit
Ausnahme von zweien, und diese waren Wilfred und Eike von Repgow.

Wilfred seufzte unter der Fron seines handwerksmäßigen
Schreiberdienstes und klagte Melissa, daß ihm von seinem jetzt manchmal
recht borstigen Herrn und Meister eine allzu scharfe Rüge erteilt
worden wäre, weil er sich in einem Kapitel über Bannleihe, Fahnen- und
Zepterlehen einige Auslassungen und Fehler im Texte hätte zuschulden
kommen lassen, und nun sollte er die Abschrift des ganzen Kapitels am
nächsten Sonntag aufs neue anfertigen und könnte dann nicht zu seinem
lieben Fuchse gehen.

Auf Melissas Frage, was das wäre, Bannleihe und Fahnenlehen, hatte
er ihr erklärt: »Bannleihe ist die königliche Bestallung für die
Träger der gräflichen Gerichtsbarkeit. Fahnenlehen bezeichnet und
unterscheidet in der Heerschildordnung die Schöffenbarfreien, die unter
Königsbann, und die bei ihren eigenen Hulden dingen. Wahrzeichen der
königlichen Gerichtshoheit ist die Gerichtsfahne. Wahrzeichen für die
Edelinge auf den Schöffenstühlen sind Kreuz, Schwert, Strohwisch, Hut
und eiserne Hand. Das habe ich verwechselt und durcheinander gebracht;
irren ist menschlich.«

Gegen Melissas Meinung, daß ihm dann ganz recht geschähe, wenn er die
Arbeit noch einmal machen müsse, hatte er eingewandt, Sonntagsarbeit
wäre wider die Hausordnung und von der Frau Gräfin verboten, und sollte
ihm dergleichen noch einmal zugemutet werden, würde er sich über seinen
Peiniger beschweren. Darauf hatte ihm Melissa geantwortet: »So! und was
würde die Folge davon sein? dann ließe dich der Ritter die ganze Nacht
am Tische sitzen, um die verpfuschte Abschrift genau und ordentlich
zu liefern.« Diese Möglichkeit hatte dem eine unverkürzte Nachtruhe
Liebenden schreckhaft eingeleuchtet, und knirschend über sein hartes
Los hatte er sich von der treuen Warnerin getrennt. --

Auch Eike war unzufrieden, nicht bloß mit Wilfred, sondern auch mit
sich selber. Er war in der Ausdrucksweise einzelner Stellen seines
Konzeptes, das er doch so volkstümlich wie möglich gestalten wollte,
auf unvorhergesehene Schwierigkeiten gestoßen, die ihm tagelang
zu schaffen machten. Er wählte und verwarf sprachliche Formen und
Satzgefüge, bis er sich zur Klärung und völligen Beherrschung des
widerspenstigen Stoffes durchgekämpft hatte.

In solche ihm bisher gänzlich fremde, die Arbeit hemmende
Verlegenheiten war er letzterzeit mehrmals geraten und so auch heute
wieder, wo er sich abmühte, die Machtbereiche und Amtsbefugnisse
der weltlichen und der geistlichen Gerichte gegeneinander abzuwägen
und miteinander zu vereinbaren. ›Weltliches Gericht und geistliches
sollen miteinander gehen‹ lautete eine seiner Aufzeichnungen zu
diesem Kapitel. Aber wie war das in die Wege zu leiten und mit
unbestreitbarem Erfolge durchzuführen? Sodann kam die Frage, ob bei
einem Zwiespalt in derselben Sache das weltliche oder das geistliche
Urteil das ausschlaggebende, obsiegende sein sollte, und ferner, ob
der vom Papst ausgesprochene Bann, der das Heil der Seele schädigte,
oder die vom Kaiser verhängte Reichsacht, die den Betroffenen an Leib
und Leben bedrohte, als die härtere Strafe zu betrachten sei. Bei so
grundsätzlichen, in Gemüt und Gewissen der Menschen eingreifenden
Entscheidungen mußte auf Gewohnheitsrecht und die althergebrachten,
tief eingewurzelten Anschauungen des Volkes Rücksicht genommen werden.

Doch auch diesmal gelang es ihm, die Schwierigkeiten zu überwinden, und
als er endlich das, was ihm das Rechte dünkte, gefunden, und es von der
Feder schwarz auf weiß festgehalten vor sich hatte, lehnte er sich in
seinen Sessel zurück und atmete erleichtert auf.

»Eike, dieser Artikel deines Gesetzbuches wird bei allen Geschorenen
und Kuttenträgern vom stolzesten Bischof bis zum erbärmlichsten
Bettelmönch böses Blut machen,« murmelte er vor sich hin. »Hättest du
dabei Gräfin Gerlinde zu Rate gezogen, würde sie anders entschieden
haben. Selbstverständlich, hätte sie gesagt, ist das geistliche Gericht
das höchste, das geistliche Urteil das ausschlaggebende und der
Bannfluch seiner Heiligkeit des Papstes die schwerste Strafe, die einen
sündhaften Christenmenschen für Zeit und Ewigkeit treffen kann.«

Er versank in tiefes Sinnen, schloß die Augen und malte sich aus,
wie sie mit Glaubenseifer und frommen Überzeugungen gewappnet, ihn
angegriffen, ihre Meinung verfochten und ihn mit Vorstellungen und
Bitten zu beeinflussen gesucht hätte. Und sich mehr und mehr in seinen
Träumen von ihr einspinnend sah er sie im Geiste leibhaftig an seinem
Schreibtische sich gegenüberstehen in all ihrer strahlenden Schönheit.
Er sah ihre herrliche Gestalt im fließenden, schmiegsamen Gewande, ihr
Antlitz, ihren bezaubernden Blick, ihr sonniges Lächeln. Da weckte ihn
ein Geräusch aus seinem Dämmerzustande und brachte ihn zum Bewußtsein
der Wirklichkeit zurück, die ihm ein anderes Gesicht zeigte als das
schnell zerronnene, verführerische Traumbild.

Schon in manchen Stunden waren ihm Zweifel gekommen, wie er im Grunde
mit Gräfin Gerlinde daran war, denn ihr Benehmen gegen ihn war von
einer Unbeständigkeit, die er sich nicht zu erklären vermochte. Sie
konnte herb und verschlossen sein und dann wieder verbindlich und
mitteilsam. Was hatten diese, durch äußere Vorgänge nicht veranlaßten
Wechsel in ihrer Stimmung zu bedeuten? Verzieh sie ihm seine
weltliche Gesinnung nicht? Oder wurde ihr sein Verbleiben hier auf
die Dauer lästig, daß sie ihm dies zu erkennen geben und dann ihre
ablehnende Haltung, sie am nächsten Tage bereuend, durch verdoppelte
Freundlichkeit wett machen wollte? In keinem von beiden konnte
er die eigentliche Ursache ihres unsteten, zwischen zutraulichem
Entgegenkommen und sprödem Zurückweichen schwankenden Wesens erblicken,
und Launen, unberechenbare, unbegreifliche Launen hatte er niemals
an ihr wahrgenommen. Sie war ihm ein Rätsel, aber gerade +dieses+
Rätsel holdester Weiblichkeit zu lösen und in seinen dunkelsten Tiefen
hellsehend zu werden, reizte ihn.

Heute, nach ihrer wundersamen Erscheinung vor seinem inneren Auge,
konnte er seine zerstreuten Gedanken nicht mehr sammeln. Eine fiebernde
Unrast befiel ihn, daß er sich in seinem Gemache wie in einem Gefängnis
fühlte, dem er entfliehen wollte. Er mußte hinweg aus diesen Mauern,
in den Wald hinein, unter brausende Wipfel und segelnde Wolken, um
seinen benommenen Kopf von Dumpfheit und Wirrsal frei zu machen und
frische Kraft zur Arbeit zu gewinnen.

Es war ein zum Wandern einladender Vormittag mit halbbedecktem Himmel
und mäßig wehendem Winde, und Eike verließ seine Schreibstube in der
Hoffnung, da draußen Ruhe und Erholung zu finden. Eilenden Fußes stieg
er die Treppe hinab.

Auf dem Burghof fand er Folkmar mit zwei gesattelten Pferden. »Wo soll
es hingehen, Folkmar?« fragte er verwundert.

»Nach Quedlinburg, Herr Ritter,« erwiderte der Diener. »In der Frühe
ist ein Bote eingetroffen, der den Herrn Grafen --«

Da trat Graf Hoyer schon aus der Tür und verständigte den Freund: »Ich
muß nach Quedlinburg zur Äbtissin Osterlindis. Sie ist eine Verwandte
von mir, eine Gräfin Falkenstein, und ich bin ihr Schirmvogt. Es
handelt sich um die Entscheidung eines verwickelten Rechtsstreites mit
dem Bischof von Halberstadt, und du solltest mitkommen, Eike, und als
schöffenbarer Mann von Fach mir helfen, das Urteil zu finden.«

»Gern tät' ichs, Herr Graf!« gab Eike zur Antwort, »aber ich muß mich
hier selber mit verzwickten Problemen herumschlagen.«

»Dann auf Wiedersehen hoffentlich morgen abend, und überarbeite dich
nicht, Eike!« sagte der Graf, schwang sich in den Sattel und ritt mit
Folkmar ab.

»Gottbefohlen und gutes Gedinge!« rief ihm Eike nach.

Der Graf bog in den Reitweg ein, während Eike auf dem schmalen und
kürzeren Fußpfade zu Tale strebte.

»Morgen abend -- hoffentlich -- also zwei Tage mit Gerlinde allein
hier,« sprach er nachdenklich zu sich selber. »Wie wird sie sich da
gehaben? wird sie nun den Schleier ein wenig lüften, mit dem sie
bis jetzt ihr Innerstes scheu verhüllte, oder wird sie auch unter
vier Augen das Buch mit sieben Siegeln bleiben? Gern träte ich ihr
näher, und sie sollte doch allmählich zu der Ansicht gelangt sein,
daß die Verehrung, die ich ihr unverhohlen entgegenbringe, keine
oberflächliche, gekünstelte Höflichkeit ist, sondern mir aus dem Herzen
kommt. Ich begehre nichts von ihr, was sie nicht gewähren darf, aber
etwas mehr bare Münze von ihrem geistigen und seelischen Eigentum
könnte sie mir wohl zufließen lassen; einzig mit anmutigem Getändel und
lächelnder Huld ist das nicht getan. Ich will so ernst von ihr genommen
werden wie ich sie selber nehme.«

So redete Eike im Bergabgehen krittelnd und mäkelnd in sich hinein und
ahnte nicht, was alles sich in Gerlinde hinter dem anmutigen Getändel
und der lächelnden Huld verschanzte.

Unten im Tale mit der weiten, entzückenden Aussicht auf Wiesen und
Wälder, die beruhigend auf ihn wirkte, entschlug er sich aber seiner
grilligen Betrachtungen, überschritt das Tal und stieg auf der anderen
Seite gemächlich wieder bergan.

Er ging ohne Weg und Steg, schweifte bald rechts, bald links ab, wenn
ihn eine daherleuchtende Blüte lockte oder ihn das Rascheln eines durch
Gestrüpp und Gerank flüchtenden Tieres aufmerken ließ. Aus den Buchen
und Eichenkronen erscholl ein wuchtiges Rauschen und bewegliches
Tuscheln, und ein leises Säuseln und Pfeifen schwirrte durch die Nadeln
der Fichten. Die Blumen wiegten sich auf ihren Stengeln, und die
wispernden Gräser neigten und nickten sich nachbarlich zu. Was mochten
sich die Kinder des Waldes erzählen, die Blätter und Halme und all das
Gewürm, das da kroch und krabbelte, burrte und surrte? Hatten auch
sie ihre Sorgen und ihre Freuden, ihre geflüsterten Liebeshändel und
Klatschgeschichten wie das Menschenvolk, das ihre Sprache wohl hörte,
aber nicht verstand? Eike wandelte still durch das vieltausendfältige
Naturleben, gab sich dem Genuß, es bis ins kleinste zu beobachten,
geflissentlich hin und dachte weder an weltliche noch an geistliche
Gerichtsbarkeit.

Dabei war er, kaum wissend wie, auf dem Bergesrücken angekommen und
hatte nun den Falkenstein in gleicher Höhe jenseits des Tales vor sich.
Da hielt er an und schaute lange hinüber. Die steingraue Burg ragte nur
mit dem Obergeschoß und dem Turm über das Laub der Bäume hinaus und hob
sich in scharfkantigen Umrissen von dem weißen Gewölk malerisch ab.
Eike erkannte die Fenster seiner Wohnstätte, wo er, über ungezählte
Papiere gebeugt, sich Tag für Tag angestrengt mühte, und sah auch den
Altan, auf dem er am zweiten Abend nach seiner Ankunft mit dem Grafen
und der Gräfin bis in die Nacht hinein gesessen und ihnen Vortrag
gehalten hatte. Doch, wo war das kleine, trauliche Gemach Gerlindes?
-- das herauszufinden war ihm nicht möglich. Wie aber wäre es, wenn er
sich jetzt dahin versetzen und wie sie an seinem Schreibtisch plötzlich
an ihrem Stickrahmen leibhaftig vor ihr erscheinen könnte? Er mußte
lachen über den tollen Einfall, ihr einen spukhaften Gegenbesuch zu
machen, und wollte den Heimweg antreten, denn das Blinken seiner
Fenster da drüben erinnerte ihn an die Arbeit, die seiner dort harrte
und bei der ihn in den letzten anderthalb Wochen oft Unsicherheit und
Zagen bedrückt hatten. Aber da hemmte seinen Fuß und fesselte seinen
Blick einer, der das besaß, was ihm fehlte, -- himmelantragende,
raumdurchmessende Flügel.

Von Süden her kam ein Adler geflogen, kam näher und beschrieb, ohne
die mächtigen Schwingen zu regen, hoch über ihm schwebend immer den
gleichen Kreis. Dieses Schauspiel ließ Eike nicht los, und er folgte
mit den Augen dem Zuge des stolzen Fliegers. Vogelflug hatte im alten
Rom eine prophetische Bedeutung, und den unverwandt Hinaufspähenden
durchzuckte ein seltsamer Gedanke. Sollte das eine Botschaft an ihn
aus weiter Ferne sein? Sandte den Beherrscher der Lüfte, den König der
gefiederten Welt ihm ein anderer Herrscher, ein wirklicher König zu,
Kaiser Friedrich der Hohenstaufe, mit Wink und Mahnung, allen Kleinmut
aus seiner Seele zu verbannen und sich mit den Schwingen des Geistes
zu freier Schaffenskraft zu erheben, sein Werk freudig zu fördern und
glücklich zu vollenden? Ja! so war es, so sollte es sein, so nahm es
Eike hin und winkte dem kaiserlichen Sendboten dort oben seinen Dank
dafür zu, daß er ihm wieder Vertrauen und Zuversicht zu seiner Arbeit
eingeflößt hatte.

Nun ging er fröhlich und leicht wie selber von Fittichen getragen
bergab und pflückte unterwegs eine Handvoll Waldblumen, die er zu einem
Strauße für Gräfin Gerlinde band.

Zeitig genug vor Mittag durchschritt er das Burgtor, eilte treppauf
und begab sich zu der Kemenate der Gräfin. Ehe er jedoch ganz heran
war, vernahm er Saitenklänge darin, näherte sich behutsam der Tür und
horchte. Es war nur ein lebhaft bewegtes Vorspiel gewesen, denn jetzt
begann Gerlinde zu singen und Wort für Wort verstand der Lauschende den
Text ihres Liedes.

    Von den Saiten soll es brausen,
    Was am hellen Tag mit Macht
    Mich bestürmt, mit leisem Grausen
    Mich beschleicht in dunkler Nacht.

    Nicht mit Worten kann ichs sagen,
    Was mich treibt ohn' Ruh und Rast,
    Und in Schweigen sie zu tragen
    Ist zu schwer die süße Last.

    Ach, ich fühl' es jede Stunde,
    Wie es in mir wühlt und nagt,
    Was sich aus des Herzens Grunde
    Doch nicht auf die Lippe wagt.

    Aber ist's auch in der Stille
    Strengen Pflichten untertan,
    Ist es einmal Schicksal Wille,
    Bricht sich auch Gebundnes Bahn.

    Was sind Fesseln, was sind Schranken
    Einem Wunsch, der nimmer ruht,
    Dessen heimlichste Gedanken
    Schnell verrät der Wangen Glut.

    Angst und Leid sind zu besiegen,
    Tränen werden weggelacht,
    Alles läßt in Schlaf sich wiegen,
    Nur die Sehnsucht wacht und wacht.

Dem in unverkennbarer Erregtheit gesungenen Liede folgte ein Nachspiel
auf der Harfe, das allmählich abschwellend in wehmütigen Akkorden
ausklang.

Eike, tief ergriffen von dem, was er gehört hatte, mochte jetzt nicht
eintreten, um der Gräfin seinen Blumenstrauß zu überreichen. Er legte
ihn auf der Türschwelle nieder und ging leise davon.



Zehntes Kapitel.


In seinem Zimmer angekommen, saß Eike vor sich hinstierend auf der
Ruhebank und sann. Was hatte Gerlindes Lied zu bedeuten? Trug sie eine
heimliche Liebe im Herzen, am Ende gar eine von dem Geliebten nicht
erkannte oder nicht erwiderte Liebe? Aber von einer Frau wie Gerlinde
geliebt zu werden und sie nicht wieder zu lieben, däuchte ihm ein Ding
der Unmöglichkeit. Oder sollte es eine unvergessene, unverwindliche
Jugendliebe sein, der sie aus irgendwelchen Gründen hatte entsagen
müssen? Arme Gräfin von Falkenstein, die alles zu ihrer Verfügung
hatte, was eines Wunsches wert war, nur nicht des Lebens höchstes Glück!

Es klopfte. Melissa kam und lud Eike gefällig knicksend zum
Mittagessen. Ungesäumt folgte er der Aufforderung. Im Speisesaal trat
ihm die Gräfin etwas beklommen entgegen und dankte ihm mit ein paar
schüchternen Worten für den schönen Waldblumenstrauß, den sie in einem
tönernen Ziergefäß mitten auf den Eßtisch gestellt hatte. In ihrem
unsicher forschenden Blicke las Eike die bange Frage: hast du mein Lied
gehört? Die Annahme, daß er es gehört hatte, lag sehr nahe, denn er
mußte zu der Zeit, da sie gesungen hatte, mit seinen Blumen an ihrer
Tür gewesen sein. Von diesem Drucke wollte er sie befreien.

Im unbefangensten Plauderton begann er: »Ich hatte mir heute morgen mit
kniffligen Erwägungen den Kopf warm gemacht und fühlte das Bedürfnis,
frische Luft zu schöpfen. Darum ging ich zu Tale und von Tale wieder
zu Berge, und da blühten im Walde so viel Blumen, daß ich etliche
pflückte, um sie Euch zu bringen. Damit heimgekehrt horchte ich an
Eurer Tür, aber es war und blieb innen alles mäuschenstill; Ihr waret
also gewiß nicht in dem Gemach, und da ich in Eurer Abwesenheit nicht
eindringen wollte, legte ich den Strauß auf Eure Schwelle. Es freut
mich, daß Ihr ihn gefunden habt und ihm solche Ehre erweist,« schloß er
mit einer Handbewegung nach dem lieblichen Tafelschmuck.

»Ich danke Euch nochmals für Euer freundliches meiner Gedenken, Herr
von Repgow,« sagte Gerlinde, nun fest überzeugt, daß er von dem Liede
nichts wußte, weil er wohl schon vorher dagewesen war, obgleich sie
seinen Schritt nicht vernommen hatte.

»O ich habe von da drüben auch nach Euren Fenstern gespäht, sie aber
nicht entdecken können,« sprach er.

»Dann werde ich künftig, sobald ich Euch auf den Bergen dort weiß, das
Fenster öffnen und Euch mit dem Tuche zuwinken.«

»Und ich werde Euch den Gruß erwidern, wenn ich ihn sehe.«

»Und mir wieder ein paar Blumen pflücken, gelt?«

Eike nickte und führte die Gräfin zu Tische, denn Melissa war
eingetreten, ihres Dienstes zu walten.

Es war nicht das erste Mal, daß die beiden allein miteinander speisten,
aber heute geschah es unter veränderten Umständen. Eike war im Besitz
eines Geheimnisses seiner Tischgenossin, wußte, daß sie von einer
ungestillten Sehnsucht erfüllt war, und konnte der Versuchung nicht
widerstehen, zu ermitteln, wer und wes Art derjenige war, dem diese
Sehnsucht galt.

Unauffällig lenkte er das Gespräch auf geselligen Verkehr im
allgemeinen und fragte dann so nebenbei, mit welchen schildbürtigen
Herren und Damen sie und ihr Gemahl hier Umgang pflegten, Gerlinde
erteilte ihm mit vollkommenem Gleichmut Auskunft, nannte einige
gräfliche Häuser und andere in der Umgegend ansässige Adelsgeschlechter
und schilderte ihm auch einzelne Angehörige dieser Familien ohne
sich für einen im geringsten zu erwärmen. Eike fand also mit diesem
ausgestreckten Fühler keinen Stützpunkt, von wo aus er dem von Gerlinde
Begünstigten hätte auf die Spur kommen können, und gab es auf, weiter
danach zu kundschaften, sich damit vertröstend, daß ihn vielleicht der
Zufall einmal auf die richtige Fährte brächte.

Gräfin Gerlinde machte bei Tische die aufmerksame Wirtin, ermunterte
Eike in Vertretung ihres Gatten zum Trinken, sprang in der Unterhaltung
von einem Gegenstand zum andern, fühlte dem Gaste auf den Zahn, ob
er dies und jenes wüßte und wie er über das eine oder das andere
dächte, und disputierte mit ihm nach Herzenslust. Plötzlich fing
sie an lateinisch zu sprechen. Sie wollte nicht etwa Eike gegenüber
damit prahlen, sagte auch nichts, was die ab- und zugehende Melissa
nicht hören durfte, sondern tat es lediglich in einem heiteren
Sichgehenlassen.

Eike blickte sie höchst verwundert an, worauf sie mit ihrem
berückendsten Schelmenlächeln fragte: »~Quidnam stuperes tu sophista?~«

Er antwortete: »~Admiror te dominam doctissimam dulce ridentem dulce
loquentem latine.~«

»Das ist kein Wunder,« belehrte sie ihn auf lateinisch. »In Franken,
Bayern und Schwaben sprechen alle ritterlichen Frauen und Fräulein
Latein, wenn auch gewiß nicht ein tadellos ciceronianisches.«

Sie fuhren nun auch fort, Latein zu reden, das ihnen beiden geläufig
von den Lippen floß.

Melissa, die natürlich kein Wort verstand, machte ein ganz
verschmitztes Gesicht dazu und nahm sich vor, niemand in der Burg etwas
davon zu sagen, auch Wilfred nicht, dachte sich aber ihr Teil dabei und
gönnte ihrer lieben Herrin das, was sie sich dachte.

Während des Mahles zog Gerlinde eine Blume aus dem Strauße und steckte
sie sich an die Brust. »Wißt Ihr, wie sie heißt?« fragte sie, jetzt
wieder auf deutsch. »Glockenblume nennt man sie.«

»Ich kenne sie wohl,« erwiderte Eike, »und habe sie gern ihrer schönen,
blauen Farbe und ihres zarten, schlanken Wuchses wegen. Ihr Name ist
sehr bezeichnend für die Form der Blüten; wenn ein Lufthauch sie
bewegt, gleichen sie wirklich schwingenden Glocken, nur daß sie leider
stumm sind. Freilich,« fügte er lächelnd hinzu, »man hört manchmal
Glockenläuten und weiß nicht, von wannen es tönt.«

Gerlinde erschrak. Sollte das eine Anspielung sein? Hatte er doch ihr
Lied erlauscht und möchte nun wissen, woher, welchem Herzenserlebnis
entstammend die Klage der Sehnsucht kam und wohin, zu wem sie ging?
Aber dem, was er ihr von seinem Horchen an ihrer Tür gesagt hatte, daß
es mäuschenstill in ihrem Gemach gewesen wäre, mußte sie doch Glauben
schenken, und seine ihr verfänglich klingenden Worte hatten auch wohl
gar keine Anspielung sein sollen. Nach kurzem Sinnen sprach sie: »Die
Glocken läuten den Lebendigen und den Toten. Die Toten hören sie nicht
mehr, und unter den Lebenden dringt ihre Stimme nur den Gläubigen ins
Gemüt.«

»Und Euch, Ritter, zähle ich nicht zu den Gläubigen. Nicht wahr,
Frau Gräfin? so würde der Schluß Eures Satzes lauten, wenn Ihr ihn
aussprechen wolltet,« fiel Eike lachend ein.

Da mußte sie mitlachen und sagte: »Wie gut Ihr doch raten könnt, Herr
Ritter von Repgow!«

Mit dem von Eike im rechten Augenblick herangezogenen Scherze über
seine ihm von der Gräfin schon öfter vorgeworfene Ungläubigkeit war der
kleine Zwischenfall erledigt, worüber er selber froh war, denn er hatte
ihn unvorsichtigerweise herbeigeführt. Die ihm achtlos entschlüpfte
Äußerung war in der Tat eine, wenn auch ungewollte, Anspielung auf
das zufällig vernommene Lied gewesen, die er sofort bereute, als er
Gerlindes Erschrecken darüber bemerkte. Diese schien sich indessen
beruhigt zu haben ohne zu argwöhnen, daß er ihr mit der Versicherung
lautloser Stille in ihrem Gemach nicht die Wahrheit gesagt hatte. Um
auch die letzte Spur des peinlichen Gefühls, ihm singend ihr Inneres
enthüllt zu haben, in ihr auszulöschen, fing er nun seinerseits an,
wieder lateinisch mit ihr zu reden, weil sie dabei schärfer aufpassen
mußte und sich nicht von Nebengedanken abziehen lassen durfte.

Sie ging mit Vergnügen darauf ein, zumal sie selten Gelegenheit
hatte, sich im Gebrauch der von ihr treulich gepflegten altrömischen
Weltsprache zu üben, der man sich hier im Sachsenlande nicht so häufig
bediente wie in Gerlindes fränkischer Heimat.

Das hatte sie ihm vorhin schon gesagt, als er sich über ihr
Lateinsprechen gewundert hatte, und hier knüpfte er nun an und bat sie,
ihm von ihrer Heimat, ihren Eltern und Geschwistern zu erzählen, doch
wieder in der Hoffnung, aus ihrer Jugendgeschichte vielleicht etwas zu
erfahren, was ihn über ihr Herzeleid einigermaßen aufklären konnte. Es
war jedoch nicht eitel Neugier, was ihn dazu bewog, vielmehr innige
Teilnahme für die ihm mit jedem Tage rätselhafter werdende Frau, die
in seiner Gesellschaft so sorglos und fröhlich war und sich in der
Einsamkeit einer, wie es schien, unbezwinglichen Schwermut ergab.

Gerlinde beschrieb ihm die väterliche Burg und deren Lage und
berichtete über ihr Jugendleben von Kindheit an bis zu ihrem Verlöbnis
mit dem Grafen von Falkenstein in aller Ausführlichkeit, aber ein
Ereignis, das möglicherweise auf ihre Zukunft hätte einwirken können,
oder die leiseste Hindeutung auf eine frühere, verstohlene Neigung von
ihr zu einem anderen kam dabei nicht heraus, und der Schleier, der über
ihrem Seelenzustande hing, war nach wie vor für Eike undurchdringlich.

Er hätte ihr so gern über ihre Trübsal hinweggeholfen, ihre Sehnsucht
mit ernsten, verständigen Gründen gedämpft und beschwichtigt, aber dann
hätte er ihr ja eingestehen müssen, daß und auf welche Weise er davon
Kenntnis erhalten hatte, und auf ihr sich ihm freiwillig erschließendes
Vertrauen hatte er keinen Anspruch. Hätte sie in seiner Gegenwart
einmal ein Zeichen von Niedergeschlagenheit gegeben, sei es mit einem
sich ihrer Brust entringenden Seufzer oder mit einem überquellenden,
schmerzbewegten Worte, so hätte er sie fragen können: was ist Euch? was
bedrückt Euch, Gräfin Gerlinde? Aber nichts dergleichen geschah, sie
hatte sich mit straffer Selbstbeherrschung in der Gewalt, und ihm blieb
nichts übrig, als sie im stillen weiter zu beobachten und die nächste
Gelegenheit, wenn sie sich doch einmal vergaß, wahrzunehmen, um ihrem
jungen, verzweifelnden Herzen mit liebevoller Tröstung beizuspringen.

Das Mittagsmahl war längst beendet, und Eike erhob sich, um an seine
Arbeit zu gehen, von der ihn Gerlinde nicht zurückhalten wollte.

Als er sich von seiner liebenswürdigen, aber gegen alle
Aufklärungsversuche hartnäckig verschlossenen Wirtin bis zum Abend
verabschiedete, sagte sie: »Seid Ihr damit einverstanden, edler Ritter
und ungläubiger Rechtsgelehrter, daß wir unser Abendbrot heut auf dem
Altan einnehmen?«

»Mit Freuden, Frau Gräfin!« erwiderte er, »es ist ja Euer
Lieblingsplatz und darum auch der meinige.«

»Just darum?« sprach sie mit einem sehr freundlichen Blick. »So kommt
nicht zu spät; ich zähle die Stunden und von der letzten die Minuten,
bis Ihr erscheint. Könnt Ihr Schachzabel spielen?«

»O ja, aber nur mangelhaft.«

»Desto besser für mich! dann schlage ich Euch, besiege Euch,
triumphiere über Euch, und für jedes verlorene Spiel müßt Ihr mir Buße
zahlen, Wedde nennt Ihr's ja wohl in Eurer vertrackten Rechtssprache.«

»Jawohl, das ist ungefähr dasselbe. Aber worin soll die Wedde
bestehen?« fragte er nicht ohne einige Spannung auf die Antwort.

»Das wartet in Demut ab,« lachte sie. »Heut abend spielen wir Schach;
jetzt macht, daß Ihr fortkommt!«

Eike ging. Draußen schüttelte er den Kopf und dachte: Wunderschön ist
sie, grundgescheit ist sie, kann seelenvergnügt sein, und heimlich
verzehrt sie sich in Gram und glühender Sehnsucht. Da werde ein Mensch
klug draus! --

Diesmal brauchte ihn Melissa nicht zu rufen. Eike fand sich sehr
frühzeitig auf dem Altan ein, wo die Gräfin seiner schon harrte und ihn
freudig mit den Worten empfing: »Mehr als pünktlich!«

»Ich wollte Euch beim Zählen der Minuten ein Viertelhundert ersparen,«
scherzte er. »Zählen ist ein langweiliger Zeitvertreib.«

»Und bei einem Stelldichein warten müssen ist eine Geduldprobe, die die
gute Laune verdirbt.«

»Habt Ihr Erfahrung darin?« lächelte er.

»Ei nun, warum sollte ich nicht?« meinte sie neckisch.

Es war alles bereit und sie setzten sich. Der einfache Imbiß war
schnell verzehrt, denn sie aßen beide wenig und sprachen auch wenig
dabei, als erwöge jeder schon seinen Angriffsplan für das bevorstehende
Turnier.

Als Melissa dann den Tisch abgeräumt hatte, brachte sie das große
Schachbrett mit den etwas massigen, aber kunstvoll geschnitzten
Elfenbeinfiguren geschleppt, und das Spiel konnte beginnen.

Nachdem sie gelost hatten, zog Gerlinde mit Weiß an und zeigte sich
anfangs ihrem Gegner entschieden überlegen, obwohl er sich tapfer
verteidigte und sich nirgend eine Blöße gab. Aber das änderte sich.
Die Gräfin ließ bald in der nötigen Aufmerksamkeit nach, spielte immer
langsamer und beging Fehler, auf die Eike sofort großmütig hinwies,
statt sie ungerügt zu seinem Vorteil auszunutzen. Das ärgerte die
Gräfin; sie wollte nicht von ihm geschont sein, aber vorsichtiger wurde
sie deshalb doch nicht.

Als sie wieder einmal über die Maßen zögerte, ehe sie eine Figur
anrührte, und er sich auf einen besonders schlauen Zug von ihr gefaßt
machte, überraschte sie ihn statt dessen mit der Frage: »Wie lange ist
es her, daß Ihr in Bologna waret?«

Mitten im Spiel schweifte sie ab auf ein so fernliegendes Gebiet! Kurz
gemessen lautete sein Bescheid: »Fünf Jahre sind es her, daß ich von
Bologna nach Cremona zum Kaiser Friedrich ritt und dann heimkehrte.«

»Gab es in Bologna viel schöne Frauen und Mädchen?« forschte sie weiter.

»Das festzustellen gehörte nicht zu meinem Studium. Nach Frauen und
Mädchen habe ich mich dort wenig umgesehen.«

»Wer Euch das glauben soll!« lachte sie. »Habt Ihr denn ein Herz von
Stein?«

»Das möchte ich nicht behaupten,« erwiderte Eike, den dieses ausholende
Verhör nachgerade belustigte. »Aber wenn auch,« fuhr er mutwillig fort,
»aus dem härtesten Stein kann man Funken schlagen.«

»Wirklich? kann Euer Herz Funken sprühen, lichterlohe Funken? Hat es
auch schon einmal Feuer gefangen?«

»Nein, es ist nicht leicht entzündbar.«

»Das --« weiß ich, wollte sie sagen, hielt aber an sich und sagte:
»Das lob' ich. Und dann die Rechtseinheit, das Sachsenrecht und die
fürchterlichen Gesetze! die nehmen es wohl völlig in Anspruch?«

»Nun ja!« entgegnete er, »auch der Gesetzgeber und Richter muß ein
Mensch sein, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und es bei der
Entscheidung jedes einzelnen Falles mitreden läßt. Übrigens, wollen wir
nicht weiter spielen? Ihr seid am Zuge.«

»Ich? ich bin am Zuge?« schrak sie auf, und ohne Besinnen zog sie.

»Aber Gräfin!« rief er, auf das Schachbrett zeigend, »seht doch hier!
soll ich Euch denn Euren Rochen wegstibitzen? Flugs schiebt den
Elefanten zur Seite, sonst wird er erbarmungslos abgeführt.«

Sie biß sich auf die Lippen, nahm den Zug zurück und tat einen andern,
der auch wieder falsch war und infolgedessen ihr Eike, diesmal ohne sie
zu warnen, einen Läufer raubte.

»O weh! wie dumm!« sagte sie. »Ihr seid mir über, ich unterliege.«

»Eure Schuld, nicht mein Verdienst.«

»Und aufrichtig seid Ihr auch,« lachte sie, »aber noch habt Ihr nicht
gewonnen.«

Sie war und blieb zerstreut, mit ihren Gedanken ganz wo anders, so daß
Eike ihrem König und mehrmals ihrer Königin Schach bieten konnte. Da
nahm sie sich zusammen, besser Acht zu geben, und der Kampf zwischen
den Schwarzen und den Weißen spann sich langsam weiter.

Bald aber fing sie von neuem an: »Wann werdet Ihr wieder einmal auf die
Berge steigen?«

»Wenn mir wieder einmal der Kopf brummt und ich nicht mehr aus und ein
weiß.«

»Laßt mich Euch helfen bei Eurer Arbeit!« Es klang so bittend.

Dankbar blickte er sie an, schüttelte aber lächelnd das Haupt und
sprach: »Unmöglich! das könnt Ihr nicht.«

»Stolzer Mann, Ihr denkt zu gering von mir,« schmollte sie.

»Zu gering? ach! viel größer als Ihr -- zu wissen braucht, Gräfin
Gerlinde!« schoß es ihm aus dem Grunde seines Herzens heraus.

Da leuchteten ihr die Augen in einem freudigen Glanz, und ihre Brust
wogte auf und nieder.

Sie vertieften sich wieder in das Spiel, und es verging geraume
Zeit, ohne daß ein einziges Wort zwischen ihnen fiel. Als aber Eike
wieder einmal lange auf einen Zug der Gräfin warten mußte und endlich
ungeduldig zu ihr aufsah, begegnete er dem Blicke Gerlindes, der
traumverloren auf ihm ruhte. Purpurglut übergoß ihr Antlitz; verwirrt
und beschämt, bei ihrer Versunkenheit in seinem Anblick von ihm
betroffen zu sein, wandte sie sich ab. Dann sich fassend brachte sie,
noch zitternd vor Erregung, hastig hervor: »Verzeiht! ich betrachtete
Eure Gesichtszüge, weil sie mich an eine altrömische Gemme meiner
Mutter erinnern, einen kostbaren Sardonyx mit einem schönen, überaus
feingeschnittenen männlichen Kopf, dem Ihr so ähnlich seht, als hättet
Ihr selber dem Bildner dazu gesessen.«

»Auch diese Figuren sind geschnitzt wie von Künstlerhand, zumal die
zwei Königinnen. Aber wenn ich sie mit Euch vergleiche,« fügte er
höflich hinzu, -- »keine von beiden ist so schön wie Ihr, Gräfin
Gerlinde!«

»Schmeichler!«

»Ich schmeichle nicht, Ihr seid eine geborene Königin.«

»Der Ihr einmal über das andere trutzig Schach bietet.«

»Möge die Königin sich schützen und hüten vor ihrem untertänigen
Verfolger, der sie offen anfeindet und heimlich verehrt.«

»Sich schützen und hüten!« wiederholte Gerlinde leise. »Dazu ist sie zu
schwach gegen -- gegen die Übermacht, die sie bedrängt und bezwingt,
und -- und -- --« Sie brach ab und sprang von ihrem Sitz empor. »Ich
gebe das Spiel auf, ich kann nicht mehr,« hauchte sie bebend. »Geht,
geht, Eike von Repgow! ich brauche Ruhe.«

Er ging nicht; da tat sie es. Ihn und das Schachbrett im Stich lassend
schritt sie die Stufen des Altans hinab und eilte wie gescheucht durch
den Garten in die Burg.

Verwundert blickte Eike der Flüchtenden nach. Was -- was ist das?



Elftes Kapitel.


Eike hatte eine fast schlaflose Nacht. Aufregende Gedanken wirbelten
ihm im Kopf herum, hielten ihn wach und verschleierten ihm wie wallende
Nebel die Tragweite seiner heutigen Erlebnisse. Auf seiner stillen
Morgenwanderung durch den Wald hatte er frische Kraft und Sammlung zur
Arbeit gesucht und gefunden, und hier im Schlosse war ihm die draußen
gewonnene Ruhe wieder verloren gegangen. Zwar sträubte er sich dagegen,
eine vermeintliche Entdeckung als unumstößliche Gewißheit hinzunehmen.
Wenn er aber die beiden zeitlich getrennten Vorgänge des Tages,
Gerlindes leidenschaftliches Lied und ihre Verwirrung beim Schach,
aneinander reihte und in ursächlichen Zusammenhang brachte, mußte er
auf die Vermutung kommen, daß +ihm+ ihre ungestillte Sehnsucht galt.

Wie ein Schlag aus dem Dunkeln traf es ihn. Was um Gottes willen
sollte daraus werden, wenn das Wahrheit und Wirklichkeit wäre? Ein
Schrecken überfiel Eike bei der Vorstellung von sich daraus ergebenden
Möglichkeiten, die zu schicksalsschweren Ereignissen führen konnten,
und zum erstenmal in seinem Leben wünschte er sich zu irren, sich ganz
und gar gründlich zu irren.

Heute mittag bei Tische hatte er sich noch durch scheinbar harmlose
Fragen und auf Schleichwegen vergeblich bemüht, den zu ermitteln, an
den das Lied der Sehnsucht gerichtet war; nur an sich selber hatte er
dabei nicht gedacht, und nun waren ihm plötzlich die Schuppen von den
Augen gefallen.

Rückschauend ließ er die ganze Zeit seines Hierseins an sich
vorüberziehen, um die Spur zu finden, die ihn zur Erkenntnis von
Gerlindes Seelenzustand leiten konnte. Aber kein ihn ermutigende
Entgegenkommen, nicht das kleinste Zeichen einer unerlaubten, die
Grenzen gern erwiesener Gastfreundlichkeit überschreitenden Huld und
auch kein übereiltes Sichvergessen der jugendlich lebhaften Frau
tauchte in seiner Erinnerung auf.

Und wie war es denn mit +seinem+ Herzen bestellt? Von Anfang an war er
von der natürlichen Anmut der Gräfin angezogen, bestrickt, bezaubert
worden, und bald hatten ihre vielseitige, der seinigen ebenbürtige
Bildung, ihre schnelle Auffassung und Verarbeitung alles dessen, was
Geist und Gemüt anging, ihm erst eine aufrichtige Verehrung für sie und
endlich eine tiefe Neigung zu ihr eingeflößt.

Da prüfte er sich ernstlich, ob +er+ nicht seinerseits die gegenwärtige
Lage der Dinge verschuldet, ob er sich der Gräfin nicht zu sehr
genähert, nicht zu dreist um ihre Gunst geworben hätte. Nein, das
hatte er nicht getan, hatte nicht mit leichtfertig kosigem Minnedienst
nach ihrer Gnade getrachtet und brauchte sich keines Verstoßes gegen
höfische Sitte und mannhaft ehrbare Ritterlichkeit zu bezichtigen.
Heut abend auf dem Altan, als sie ihm vorwarf, daß er zu gering von
ihr dächte, hatte er sich zu einer fast schon zuvielsagenden Andeutung
hinreißen lassen, die er jetzt bereute. Nie wieder sollte dergleichen
über seine Lippen kommen, denn nun und nimmer durfte Gerlinde erfahren,
was sich für sie in ihm regte.

Sie aber hatte, wohl sehr gegen ihren Willen, ihm ihr Herzensgeheimnis
so offensichtlich enthüllt, daß er an ihren Gefühlen kaum noch zweifeln
konnte. Was wollte der ihn wie mit Armen umschlingende Blick, bei dem
er sie überraschte und für den sie die zwar geschickte, aber wenig
glaubhafte Ausrede von seiner Ähnlichkeit mit einer altrömischen Gemme
fand? Und was für eine Übermacht war es, der sie nicht standzuhalten
vermochte und vor der sie in Bangen und Beben die Flucht ergriff? doch
keine andere als die der Bezwingerin aller Menschenherzen.

Und von deren Einflüsterungen getrieben hatte ihm Gerlinde sogar
bei seiner Arbeit helfen wollen. Diese Hilfe, doch sicher auch in
der Hoffnung angeboten, seine Gesetzgebung dabei in ihrem Sinne
beeinflussen zu können, hatte er natürlich ablehnen müssen. Aber
wie unsäglich würde es ihn gefreut haben, wenn er sich wie über
so viele andere Dinge auch über das Werk seines Lebens in inniger
Übereinstimmung mit ihr befunden hätte! Das war jedoch leider nicht der
Fall, wie er sich erst kürzlich wieder einmal überzeugen mußte, als das
Gespräch, von der Gräfin darauf hingelenkt, auf sein Buch gekommen war.

Den Kopf voll mit einer von ihm geplanten Bestimmung gegen eine zu
Unrecht bestehende kirchliche Einrichtung, die auf das Rechtsgebiet
hinübergriff, hatte er einen scharfen Tadel darüber ausgesprochen. Er
hatte es eine von der Geistlichkeit beliebte falsche Auslegung und
mißbräuchliche Nutzanwendung dogmatischer Satzungen genannt und damit
die Gräfin in ihrer bedingungslosen Gläubigkeit verletzt. Da war sie
zornig aufgefahren: »Davon will ich nichts hören, das macht mit Euch
allein aus! Wenn Ihr bekrittelt und verspottet, was mir heilig ist, so
wird niemals Eintracht und Friede zwischen uns sein.« Danach hatte sie
ihm den Rücken gekehrt und ihn wie einen gescholtenen Knaben stehen
lassen.

In diesem klaffenden Zwiespalt war etwas, das Eike nicht begriff. Er
begriff nicht, wie das Abstoßende, das ihr aus seiner freigeistigen
Richtung so schroff entgegentrat, und das Anziehende, das sie an seine
Person und seinen Umgang fesselte, sich in ihrem Herzen zu dem Gefühl
aufrichtiger Zuneigung verschmelzen konnten. Über diesen Widerspruch
mochte er in der schon weit vorgeschrittenen Nacht nicht mehr brüten
und grübeln, denn jetzt siegte die Macht der Natur über den Ermüdeten
und versenkte ihn endlich in erlösenden Schlummer.

Aber kein ruhiger, erquicklicher Schlaf breitete seine sanften Fittiche
über ihn; unsinnige, zusammenhanglose Träume suchten ihn auf seinem
Lager heim und umgarnten ihn mit beklemmenden Vorstellungen.

Eike saß wieder am Schachbrett, nicht auf dem Altan, sondern im
Gemach der Gräfin, doch nicht diese, sondern Graf Hoyer war sein
Widerpart, und das Gefecht war schon in voller Entwicklung. Eike
verriet von vornherein und mit jedem Zuge das Bestreben, die Königin
seines Gegners gefangen zu nehmen. Der Graf durchschaute diesen Plan,
richtete sein Spiel danach ein und ging aus tapferer Verteidigung der
unablässig Verfolgten zu scharfem Angriff über, so daß der Kampf ein
sehr erhitzter und erbitterter wurde. Gräfin Gerlinde saß abseits,
hielt die Harfe im Arm und ließ aus den Saiten die Melodie ihres
Sehnsuchtsliedes ertönen, Eike dabei unverwandt anblickend. Dieser
horchte danach hin und rief sich zu den leise rauschenden Klängen die
Worte des Liedes zurück, soviel ihm davon im Gedächtnis geblieben
war. Das lenkte seine Aufmerksamkeit vom Schachbrett ab und verwirrte
ihn. Es war ihm, als würden die Elfenbeinfiguren so klotzig schwer,
daß er sie kaum von der Stelle bewegen konnte. Sie rückten überhaupt
nicht dahin, wohin er sie haben wollte, entglitten seiner zitternden
Hand und wandelten unbotmäßig ihre eigenen Wege, wobei sie Fehler über
Fehler machten, Eike beträchtliche Verluste auf dem Schlachtfelde
erlitt und von seinem Ziele, sich die Königin zu erobern, immer weiter
abgedrängt wurde. Er schämte sich seiner unausbleiblichen Niederlage
unter den Augen der geliebten Frau, und es erboste ihn, wenn der Graf
mit grimmig drohender Stimme ihm Schach und aber Schach entgegenschrie.
Und doch konnte er keinen Laut des Unmutes aus seiner wie zugeschnürten
Kehle hervorbringen und konnte auch, als wäre er auf seinem Stuhle
festgenagelt, nicht aufspringen und davonlaufen, wie es Gerlinde heut
abend auf dem Altan getan hatte. Hilflos flehend sah er zu ihr hinüber,
aber sie rührte sich nicht vom Flecke, ihm beizustehen und ihn aus
seiner verzweifelten Lage zu retten, was sie, wenn sie gewollt hätte,
mit ihrer Meisterschaft auf dem Brette vielleicht noch gekonnt hätte.
Es schien ihm sogar, als zuckte eine Regung von Spott um ihren schönen
roten Mund. Bald war sein König unentrinnbar umstellt und damit das
Spiel für Eike verloren, weil Gerlinde ihn mit den Klängen ihres Liedes
berückt und aus der Fassung gebracht hatte. Unter dem schallenden
Hohngelächter des Grafen zerrann das grausame Traumbild.

Eike perlte der Schweiß auf der Stirn, und er lag, er wußte nicht
wie lange, wachend und schwer atmend im Bette. Als er aber wieder
eingeschlafen war, gaben ihn die äffenden Gesichte noch nicht frei;
nur der Schauplatz und die handelnden Personen wechselten.

Sein zweiter, mehr possenhafter als beängstigender Traum gestaltete
sich folgendermaßen.

Eike trat, von den Bergen kommend, in sein Arbeitszimmer, aber die
beiden, die er zu seinem Erstaunen dort antraf, hörten und sahen ihn
nicht, als wäre er ein luftiger, unkörperlicher Schemen, und ließen
sich in ihrem Tun nicht im mindesten stören. Wilfred und der allzeit
wegfertige Ritter Dowald von Ascharien waren es. Sie saßen sich
gegenüber am Schreibtisch und hatten einen irdenen Weinkrug und zwei
Becher zwischen sich stehen, deren einen der Ritter eben bis auf den
Grund leerte. Wilfred, sich in Eikes Lehnstuhl breit machend, hielt ein
Pergamentblatt in der Hand und begann, dem listig schmunzelnden Pracher
vorzulesen, was er darauf niedergeschrieben hatte.

Vom Zech- und Schenkenrecht und von ritterlichen Schulden.

Paragraph eins. So ein fahrender Ritter eine Trinkstube, Schenke oder
Herberge in Stadt oder Dorf oder an offener Landstraße mit seiner
Einkehr tags oder nachts beehrt, hat sich der Wirt mit abgenommener
Kopfbedeckung dem fürnehmen Gaste ~devotissime~ zu nähern und ihn
nach seinen Befehlen zu fragen. Jedwedem Wunsch und Wink des Herrn
nach Speis' und Trank hat der Wirt schleunig zu gehorchen und das
Beste aufzutischen, was er in Küche und Keller hat. Bei Berechnung der
Zeche darf er höchstens die Hälfte des Selbstkostenpreises erbitten,
und für den seltenen, aber doch möglichen Fall, daß der ritterliche
Herr ausnahmsweise kein Geld in seinem Säckel hat, soll der Wirt
die aufgelaufene Zeche ins Kerbholz schneiden oder in sein Büchlein
schreiben -- »Oder auch in den Schornstein,« flocht Dowald lachend ein
-- und soll sich bei der gnädigen Verabschiedung des Gastes mit tiefer
Verneigung für die ihm erwiesene große Ehre seines Besuches geziemend
bedanken.

Paragraph zwei. So ein edler, schildbürtiger Herr sich herabläßt, von
einem Bürger oder Bauer ein bares Darlehen zu nehmen, soll er von
jeglicher Zinszahlung frei sein, und niemals darf er von dem Verleiher
daran erinnert und an die Rückgabe des Geldes gemahnt werden. Auch
darf der Gläubiger von des Ritters liegender oder fahrender Habe, Haus
und Heim, von seinem Heergerät, Gewett und Gerade niemals irgend etwas
fordern oder pfänden lassen. Allsobald sieben Jahre und drei Tage nach
Abschluß des Leihgeschäftes ohne Rückzahlung des Betrages vergangen
sind, ist der Schuldschein für Leiher und Verleiher wie für ihre
beiderseitigen Erben verfallen, und damit ist die Sache für alle Zeiten
von Rechts wegen abgetan und erledigt.

»Genügt Euch das, Herr Ritter?« schloß Wilfred seinen Vortrag.

»Vollkommen! Du scheinst bei dem Reppechower in der Kunst des
Gesetzemachens etwas gelernt zu haben,« erwiderte Dowald. »Aber wird er
das alles so Wort für Wort in sein Buch aufnehmen?«

»Um das durchzusetzen müßt Ihr Euch hinter die Frau Gräfin stecken,«
sagte Wilfred. »Die vermag alles über den ihr jederzeit willfährigen
Ritter von Repgow und kann von ihm verlangen, was sie will.«

Bis hierher hatte Eike die ungeheuerlichen Verrücktheiten, die der
Ascharier schon bei seinem unwillkommenen Besuch hier in übermeßlichen
Wünschen zum besten gegeben hatte, regungslos mit angehört. Als aber
der unverschämte Schreiber es wagte, Gerlinde in so beleidigender
Weise bei der Durchführung der ihm von dem alten Abenteurer
eingetrichterten Maßregeln heranzuziehen, geriet er in kochende Wut,
sprang herzu, packte den Steinkrug, ihn dem nichtswürdigen Gesellen an
den Kopf zu werfen und -- erwachte aus seinem wüsten Traum. Er hatte
sich bei der heftigen Bewegung des Ausholens zum Wurfe mit der Hand an
den Bettpfosten gestoßen, und der ihm dadurch verursachte Schmerz hatte
ihn geweckt. --

Der Morgen graute, und so dunkel es noch in Eikes Schlafzimmer
war, wo er die darin befindlichen Gegenstände noch nicht mal recht
unterscheiden konnte, so düster und dunstig war es auch in seinem
Kopfe. Ob er überhaupt das alles in seinem Traume genau wörtlich
so gehört hatte, wie er es sich einbildete, oder ob die Erinnerung
an Dowalds damals geäußertes Verlangen nach einem so beschaffenen
ritterlichen Schenken- und Schuldenrecht dabei stark nachhalf, wußte er
selber nicht, dachte auch nicht weiter darüber nach.

Aber jetzt schon aufstehen? bewahre! Er hatte noch lange nicht
ausgeschlafen; das wollte er nachholen, und wenn auch die helle Sonne
ihn noch auf dem Pfühl bescheinen sollte. Seine von anstrengender
Arbeit überreizten Nerven bedurften der Schonung, und die wollte er
ihnen angedeihen lassen. Er reckte und streckte sich wohlig im Bette,
schloß die Augen, um von dem mit jeder Minute mehr eindringenden
Tageslichte nicht gestört zu werden und entschlummerte noch einmal.



Zwölftes Kapitel.


Früher als er gewollt war Eike auf den Beinen, und nicht der Burg
und Berg überflutende Sonnenschein war es, der ihn vom Lager lockte,
sondern die innere Unruhe, die ihm seit gestern im Blute gärte, hatte
ihn aufgerüttelt, daß es ihn nicht mehr im Bette litt. Ein strahlender
Morgen begrüßte ihn. Kaum halb bekleidet riß er ein Fenster auf und
sog mit durstigen Zügen die jetzt noch kühle Luft ein, die ihn wie
ein spülendes Bad erfrischte. Das Tal lag zum Teil noch im Schatten,
aber hier auf der Höhe flimmerte und funkelte es um die Stämme und im
Gebüsch wie züngelnde Flammen. Die Blätter in den Wipfeln der Bäume
wurden von einem leichten Winde bewegt und blinkten noch feucht vom
Tau, der ihrem spätsommerlichen Grün einen frühlingsartigen Glanz
verlieh.

Eike begab sich in sein schon ganz durchleuchtetes Arbeitszimmer
nebenan, und da, beim Anblick seiner vielen Schriftstücke auf dem
Tisch und im Büchergestell schüttelte er die dumpfen Träume der Nacht
vollends von sich ab. Die Träume, ja! aber leider nicht zugleich die
Gedanken und Zweifel, die ihn +vor+ den Träumen bedrängt hatten.

Es war doch immerhin möglich, daß ihn seine Wahrnehmungen täuschten.
Gerlindes Zerstreutheit beim Schachspiel und ihre überstürzte Flucht
konnten andere Ursachen haben als seine sie erregende und verwirrende
Nähe, und ihrem Liede konnte sie einen anderen, weit in die Ferne
gehenden Weg gewiesen haben als den zu ihm.

Was sollte er nun glauben und was nicht? Über Schein oder Wirklichkeit
von Gerlindes Liebe mußte er sich unter allen Umständen Gewißheit
verschaffen, und dazu mußte er wieder mit ihr zusammen sein, draußen
unter freiem Himmel auf versteckten Pfaden, wo kein Mensch sie sehen
und hören konnte.

Ihm fiel ein, daß sie ihn beim Schachspiel gefragt hatte, wann er
einmal wieder auf die Berge stiege. Den Wunsch, ihn dann begleiten zu
dürfen, hatte sie zwar nicht hinzugefügt, aber doch wohl im stillen
gehegt. Heute schon wollte er ihn ihr erfüllen, obgleich er dann wieder
kostbare Stunden verlor wie gestern, wo er den ganzen Vormittag müßig
im Walde umhergestrichen war. An arbeiten war ja doch nicht zu denken,
solange er von Zweifeln hin und her geworfen wurde wie ein steuerloses
Schiff auf sturmbewegtem Meere. Wie aber, wenn sich Gerlinde weigerte,
ihm in die Einsamkeit zu folgen? Nun, dann wußte er genug, dann
getraute sie sich nicht mehr, mit ihm allein zu sein, weil sie sich
vor ihm und wohl noch mehr vor sich selber, vor ihrer Schwachheit ihm
gegenüber fürchtete.

Als Melissa kam und ihm sein Frühstück brachte, erkundigte er sich nach
dem Befinden ihrer Herrin.

»Ich kann es nicht loben,« gestand Melissa mit bekümmerter Miene. »Die
Frau Gräfin sieht blaß und angegriffen aus wie nach einer schlaflosen
Nacht, was ich gar nicht an ihr kenne. Sie ist überhaupt seit einiger
Zeit anders als sonst, oft so schwermütig, als trüge sie ein heimliches
Leid mit sich herum.« Dabei blickte das kluge Mädchen Eike forschend
an, der wohl merkte, daß Melissa mehr wußte als sie sagen wollte.

»So! schlecht geschlafen,« sprach er, keineswegs überrascht von dieser
Kunde. »Nun, da würde ihr eine kleine Wanderung durch den Wald gewiß
gut tun. Bestelle ihr doch, ich ginge heute wieder auf die Berge, ob
die Frau Gräfin mich begleiten wollte und ich sie dazu abholen dürfte.
Und bringe mir Bescheid, Melissa!«

»Sofort, Herr!« erwiderte die gefällige Zofe, sichtlich froh über die
ihr aufgetragene Botschaft, mit der sie leichtfüßig entschlüpfte.

Eike setzte sich zu seinem Morgenimbiß, ohne darauf zu achten, was
und wie viel oder wie wenig er davon genoß, denn er war in zu großer
Spannung, was Gerlinde beschließen würde.

Bald kehrte Melissa zurück und meldete: »Die Frau Gräfin ist sehr
erfreut über den Vorschlag und erwartet den Herrn Ritter nach beendetem
Frühmahl oder zu jeder ihm beliebigen Stunde.«

»Gut! ich werde sie nicht lange warten lassen,« versprach er. --

In mindestens ebenso großer Erregung wie Eike befand sich Gerlinde
nach Empfang seines Vorschlages, mit ihm auf die Berge zu steigen.
Sie verhehlte sich nicht, daß sie sich ihm gegenüber auf dem Altan
vergessen hatte, und sorgte, daß er sie durchschaut und ihren
Gemütszustand richtig erkannt haben könnte. Zu welchem Zwecke wollte
er sie nun sprechen? Entweder um sie als strenger Sittenrichter in die
gebührlichen Schranken ihrer Pflicht zurückzuweisen oder, wenn das
Herz auch ihm voll war von dem, was das ihrige erfüllte, um ihr das
zu sagen und ihr seine Liebe zu gestehen. O Glück ohne Grenzen, wenn
er das täte! Wenn er es nun aber nicht tat, sondern schwieg? -- Mochte
er kommen! sie wollte ihn, wenn er nicht freiwillig beichtete, auf die
Probe stellen, um zu erfahren, ob es heiß oder kalt in ihm war, und sie
wußte auch schon, wo und wie sie das machen wollte.

Und Eike kam.

»Ein guter Gedanke, Herr von Repgow, mich auf Euren Waldgang
mitzunehmen!« Mit diesen Worten empfing ihn Gerlinde in der heitersten
Weise und bot ihm die Hand, als er eintrat, aber das Herz klopfte ihr
bei dem Wiedersehen nach dem gestrigen Abend.

»Ich konnte den Verführungskünsten dieses herrlichen Morgens nicht
widerstehen und wollte auch Euch gern zu seinem vollen Genuß im Freien
verhelfen,« erklärte er.

»Aber hat Euch denn Euer Studium Urlaub gegeben, Euch mir zu widmen,
der Ihr doch so haushälterisch mit Eurer Zeit umgeht?« fragte sie.

»Gerade zu meinem Studium finde ich da draußen die beste Kraft,«
erwiderte er.

»Ja, wenn Ihr allein geht und sinnt und grübelt; bei mir werdet Ihr
schwerlich Begeisterung dafür suchen.«

»Da seid Ihr im Irrtum, Frau Gräfin,« widersprach er. »Auch bei Euch
suche ich sie und verdanke Euch manche Stunde fördersamer Anregung.«

»Also helfe ich Euch doch ein wenig bei der Arbeit, auch ohne Euer
Verlangen danach,« lächelte sie.

»Willkommen sind mir Eure Einwürfe stets, denn sie schärfen mir die
Klarheit des Denkens,« versetzte er.

Mit so vorläufigen, ihre wahre Absicht verhüllenden Reden trachteten
beide, über die Verlegenheit der ersten Minuten hinwegzukommen, konnten
jedoch ihrer Befangenheit noch nicht ganz Herr werden, und schon als
sie die Treppe hinab und über den Burghof schritten, war das Gespräch
verstummt. Gerlinde aber war froh, daß Eike nicht gefragt hatte, warum
sie vor Beendigung des Schachspieles plötzlich aufgesprungen und
davongelaufen war.

Eine kurze Strecke hielten sie sich auf dem Fußsteig zu Tale; dann bog
die Gräfin links ab in den dichten Wald hinein, wo es keinen Weg mehr
gab. Eike folgte ihr, und sie erwartete nun, daß er beginnen würde,
ihre Gefühle zu dämpfen oder ihr die seinigen, gleichgearteten zu
offenbaren. Er machte aber keine Anstalten dazu, weder zu dem einen
noch zu dem andern. Weshalb zaudert er wohl? dachte Gerlinde.

Sie wollte ihm zu Hilfe kommen, ihn anregen, ihn in eine gehobene
Stimmung versetzen.

Auf einer kleinen Lichtung blieb sie stehen, schaute zu den Bäumen
empor und sprach: »Wann ist der deutsche Wald am schönsten? Im
Frühling, wenn die Knospen brechen und ihre zarten Fähnlein entfalten,
alles blüht und duftet und schmetternde Stimmen aus hundert Vogelkehlen
erschallen? Im Sommer, wenn alle diese mächtigen Kronen voll belaubt
sind und es in ihnen schwingt und wogt, flüstert und rauscht? Oder was
meint Ihr zum Herbste, wenn der Wald von Sturmesodem durchfaucht, sich
schüttelt und braust und wieder, von Sonnenschein überflossen, in allen
Farben, in Grün und Gold, in Purpur und Violett schillert und prunkt?
Und habt Ihr ihn schon einmal im tiefen Winter gesehen in seinem
starren, überwältigenden Todesschweigen, wenn die Tannen wie Gespenster
in weißen Mänteln stehen und ihre Zweige sich senken unter der Last des
Schnees, der glimmert und glitzert wie mit Diamantsplittern übersät?«

Eike blickte sie erstaunt an und sagte lächelnd: »Ihr seid eine
Dichterin, Gräfin Gerlinde!«

»Eine Dichterin! habt Ihr kein anderes Empfinden dafür als
achselzuckenden Spott, nüchterner Schriftgelehrter?« ereiferte sie
sich. »Ist es nicht ein unermeßliches Wunder, dieses durch die
Jahrtausende sich gleichbleibende Blühen und Welken und wieder
Erblühen? Es geschieht auch nach Gesetzen, aber nach unwandelbaren,
ewigen, nicht nach solchen, wie die eurer Doktorenzunft, an denen
beständig herumgeflickt und gebastelt wird und die, was gestern noch
als Recht galt, morgen zum Unrecht stempeln.«

»Weil die Natur selber in ihrem Werden und Wirken unwandelbar ist,
müssen es auch ihre Gesetze sein,« entgegnete er. »Und weil die
Menschheit sich in einem unaufhaltsamen sittlichen und wirtschaftlichen
Fortschritt bewegt, müssen auch menschliches Recht und Gesetz stetig
fortschreiten und in lebendigem Flusse bleiben. Begreift Ihr das?«

Nun sah Gerlinde ihn verdutzt an, und wie verletzt von seiner Frage
erwiderte sie fast unmutig: »Ja! so dumm bin ich nicht, das nicht zu
verstehen.«

»Ist auch schon ein Fortschritt,« lachte er.

»Wollt Ihr dann nicht auch gleich ein neues Gesetz dafür machen?«

»O ich wüßte schon eines.«

»Nun?«

»Wenn eine Frau einen Mann gut und recht versteht, so soll sie ihm
ihr Herz erschließen und ihm in allen Dingen Glauben und Vertrauen
schenken.«

Da hatte sie's!

Das also war es, was er von ihr wollte; sie sollte ihm rückhaltlos ihr
Innerstes eröffnen. Dazu trieb es sie ja längst mit einem kaum noch zu
bändigenden Drange, aber erst dann wollte sie es tun, wenn sie über
+ihn+ im Reinen war und er sich +ihr+ erschlossen hatte. Nur Zug um Zug
konnte das geschehen.

Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, was sie ihm antworten sollte, ging
sie schnell weiter und eilte auf einen Trupp blaßroten Wegerich zu,
der abseiten im Gebüsch stand und von dessen wohlriechenden Blüten sie
wählerisch einige pflückte.

Eike blieb nicht zurück und war bald wieder an ihrer Seite. Da knüpfte
sie den abgerissenen Faden an: »Ich glaube und vertraue Euch, Eike von
Repgow! und wenn ich von Gesetzen sprach, die immer wieder geändert
werden müßten und im Handumdrehen aus Recht Unrecht machten, so bezog
sich das nicht auf die Gesetze, die +Ihr+ schreibt, denn ich habe eine
sehr hohe Meinung von Eurem Werke. Ihr habt mit Eurer Arbeit etwas
in mein Leben getragen, an das ich bisher nie gedacht habe und das
mir nie wieder verloren gehen kann. Immer deutlicher erkenne ich die
Kühnheit und Großartigkeit Eures Planes, eine allgemeine Rechtseinheit
herzustellen, und vor allem bewundere ich Eure hingebende Liebe zu
Eurer Heimat und Eurem Volke, die wie ein breiter, wellenschlagender
Strom, Fruchtkeime und Goldkörner mit sich führend, durch Euer
hochherziges Schaffen fließt. Über manche Einzelheiten werden wir uns
nie verständigen, aber ich achte Eure Anschauungen über göttliche und
menschliche Dinge, weil sie auf Überzeugung beruhen. So ist es doch
Euer Gesetzbuch, was uns einander nahe gebracht hat und uns niemals
voneinander scheiden soll.«

»Gräfin Gerlinde! Dank für diese Worte!« rief er, ihre Hand zu festem
Druck erfassend. »O könntet Ihr ermessen, wie unaussprechlich glücklich
Ihr mich damit macht! Ihr und Kaiser Friedrich seid die zwei, die mich
fort und fort auf dem Wege meiner Gedanken begleiten.«

»Was soll der Kaiser dabei?« fragte sie mit leicht gekräuselter Stirn.

»Er hat mir gestern einen Gruß gesandt. Verzeiht,« unterbrach er sich,
»das ist nicht wörtlich zu nehmen. Als ich gestern morgen da drüben
auf dem Berge war, verstimmt, bedrückt, zweifelnd an meiner Kraft zur
Vollendung des Werkes, da kam von Süden her ein Adler geflogen und zog
seine Kreise in den Lüften gerade über meinem Haupte wie mich schirmend
und begnadend mit seinen mächtig gebreiteten Schwingen. Der Flug des
königlichen Vogels war mir wie ein Zeichen, eine Botschaft des Kaisers
aus Italien, daß ich nicht verzagen sollte. Da faßte ich wieder Mut,
und als ich heimkam, war ich getrost und sicher, das vollbringen zu
können, was ich begonnen, und jetzt habe ich auch Euren Segen dazu. Nun
fliegt meine Hoffnung hoch, höher als der Adler, bis zu den Sternen
empor.«

Als ihn Gerlinde so voll Begeisterung und Freude sah, trieb es sie, ihm
eine Frage vorzulegen, die sie in der Unsicherheit ihrer Beziehungen zu
Eike Tag und Nacht beschäftigte.

»Sagt mir,« begann sie, »Ihr, die Ihr alle menschlichen Rechte kennt,
darüber viel nachgedacht habt und für alt und jung, für reich und arm
Gesetze schafft, sagt mir: welches Recht ist größer und stärker, das
Recht der Vernunft oder das des Herzens? habt Ihr ein Gesetz, das in
dem Streite zwischen Pflicht und Neigung unfehlbar entscheidet?«

Da merkte Eike, daß Gerlinde selber mitten in dem Kampfe zwischen
Pflicht und Neigung stand, wollte es jedoch ihr allein überlassen, ihn
durchzufechten, um an der Weise, wie sie dies tun würde, den Grad ihrer
Liebe zu bemessen, an der er nun nicht mehr zweifelte.

»Gerlinde,« sprach er, »es gibt Dinge im menschlichen Leben, die sich
durch Recht und Gesetz nicht regeln lassen. Ein fein empfindendes
und tapferes Herz trifft, vor eine schwere Wahl gestellt, auch ohne
gesetzlichen Zwang das Richtige.«

Mit dieser kurzen Antwort, die weder ein Urteil noch einen Rat
enthielt, mußte sich Gerlinde wohl oder übel begnügen, und sie
wanderten eine Weile stumm nebeneinander dahin, wobei es Eike so
schien, als ob Gerlinde jetzt noch entschlossener und schneller
vorwärts schritte. Als sie aber immer tiefer in die pfadlose Wildnis
gerieten, fragte er: »Findet Ihr Euch hier im Walde überall zurecht?«

»Eine Stunde im Umkreise der Burg wohl, darüber hinaus jedoch nicht,«
erwiderte sie. »Hier führe ich Euch einen verbotenen Weg.«

»Ich sehe keinen,« versetzte er.

»Ist auch nicht nötig, wenn ich ihn nur weiß zu dem, was ich Euch
zeigen will. Also folgt mir oder bleibt mir zur Seite.«

Er fügte sich ihrem Willen, und bald kamen sie zu einer
dunkelschattigen, schier grausigen Schlucht, in der ein murmelndes
Bächlein zu Tale rann. Diese mußten sie durchschreiten, aber
abschüssiges, zerklüftetes Gestein und sperriges Gestrüpp erschwerten
den Übergang, und Eike bot seiner unerschrockenen Gefährtin jede
mögliche Hilfe. Ihn durchschauerte es wonnig, wie sie sich bei der
Kletterei auf seine Schulter stützte, sich an ihn schmiegte, während
sie mit der freien Hand das Kleid raffte, so daß er die schmalen Füße
sah, wie sie achtsam sicheren Halt für jeden ihrer Tritte suchte.

Auf der anderen Seite der Schlucht mußten sie nun wieder hinauf, aber
das wurde ihnen leichter als bergab, und drüben hatten sie nicht viel
mehr zu steigen.

Ungetüme Eichen und Buchen reckten ihre Riesenstämme und ihre
gewaltigen Äste in die Höhe und Breite, üppig wucherndes Farrenkraut,
mannigfaltige Sträucher und Stauden mit Blüten und Früchten, Pilze
mit roten und gelben Hüten wuchsen da und eine Menge in allen Farben
schillernder Blumen. Vom Himmel war wenig zu sehen, so dicht verzweigte
sich das Laub der Baumkronen, durch dessen dunkelgrüne Schatten Vögel
schwirrten, auch wohl einmal ein Eichhörnchen sprang oder ein Marder
huschte. Unten am Boden raschelte kleineres Getier durch knorriges
Wurzelgeflecht und niederes Gekräutig dahin und daher. Es war ringsum
eine lebensvolle, kraft- und saftstrotzende, ganz märchenhafte
Waldeinsamkeit, deren sinnbestrickendem Bann sich die zwei Menschen
wortlos hingaben.

Endlich gelangten sie zu dem von der Gräfin erstrebten Ziel. Es war
die aus einem Klippenspalt hervorrieselnde, kristallklare Quelle des
Bächleins, das seinen geschlängelten Lauf durch die düstere Schlucht
nahm. Sie war beckenartig von einem niedrigen, grünbemoosten, stark
zerfallenen Gemäuer eingefaßt, von dem hie und da wie durch gewaltsame
Zerstörung verstreute Trümmer umherlagen. Über dem Sprudel, nur ein
wenig seitwärts von der Klippe, erhob sich der halbmannshohe Rest
eines vierkantig aus einem Stück gehauenen Denksteins, auf dem noch die
verwitterten Spuren einer eingemeißelten Runenschrift erkennbar waren.

Mit Staunen betrachtete Eike diesen verborgenen Schauplatz einer fernen
Vergangenheit.

»Nun will ich Euch künden, wohin ich Euch geführt habe,« hub Gerlinde
schwer atmend an. »Dies hier nennt man den Heidenquell, denn es war
einst ein der heidnischen Göttin Holda geweihtes Heiligtum, dessen
Besuch und Anbetung die hierher entsandten Männer mit Kreuz und
Skapulier unter Androhung furchtbarer Höllenstrafen verboten und
verfluchten. Sein Wasser war wundertätig und ist es heute noch, wie
Großmutter Suffie in der Talmühle behauptet.«

»Und was für Wunder wirkt es? heilt es Krankheiten und Gebrechen?«

»Es macht Blinde sehend, wenn sie es in der richtigen Weise anwenden.
In alten Zeiten mußten sie dazu einen tiefsinnigen Beschwörungsspruch
raunen, den mir Suffie aber nicht mitteilen konnte,« sprach Gerlinde,
immer unruhiger und erregter werdend.

»Nun, wir beide sind ja, Gott sei Dank, nicht blind, brauchen also das
Wasser an uns nicht zu erproben,« lächelte er.

»Doch, Eike von Repgow, laßt es uns erproben!« bat sie inständig.

»Ja, ist es denn so wohlschmeckend oder vielleicht so
gesundheitstärkend, daß es sich eines Trunkes verlohnt? Ich trinke
alles, was +Ihr+ mir kredenzt; habt Ihr ein Becherlein in der Tasche?«

»Trinken wollen wir nicht; der Zauber vollzieht sich in anderer Art,«
erwiderte sie. »Taucht den Finger in die Quelle und benetzt mir die
Augen mit dem wundertätigen Naß; ich werde Euch den gleichen Dienst
erweisen. Dann werden wir sehend und können beide einer in des anderen
Herzen lesen.«

Er erschrak bei diesem seltsamen Begehren, das ihm die Augen auch ohne
Benetzung zu einem Einblick in ihr Herz vollends öffnete. »Ihr, eine
christgläubige Frau, wollt einem alten Heidenbrauche frönen?« hielt
er ihr vor, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, an dessen Wirkung
er zwar nicht glaubte, das ihn aber zwang, zu sagen, was er gern
verschwiegen hätte.

Es half ihm nichts. Mit den Worten: »Nicht in dem heidnischen Brauch,
in dem Wasser selber steckt die geheimnisvolle Kraft, von Gott
hineingelegt,« schritt sie dem Rande des Beckens zu.

[Illustration: »Halt, Gräfin! Dieses Orakel versuche ich nicht,«
erklärte er.]

Da vertrat er ihr den Weg. »Halt, Gräfin! dieses Orakel versuche ich
nicht,« erklärte er.

»Warum nicht? wollt Ihr nicht wissend +werden+, weil Ihr schon wissend
+seid+?« fragte sie mit vor Freude erglühendem Antlitz.

»Ich +bin+ wissend, Gerlinde!« sprach er ernst, »und ich weiß auch den
Beschwörungsspruch, der uns beiden einzig frommt. Er lautet: entsagen
und schweigen!«

Bis ins Mark getroffen starrte sie ihn an. Sie hatte verstanden.
Tränen rollten ihr über die Wangen und schluchzend sank sie ihm an die
Brust. --

Lange, lange hielt er sie fest umschlungen, bis sie ruhiger wurde und
sich sanft von ihm löste.

»Komm!« mahnte er, »das Wunder ist geschehen, unsere Herzen haben sich
erschlossen, wie der Born dort aus dem Felsgestein bricht, aber kein
Quellenzauber befreit uns von dem Leid, das wir, du und ich, durch
unser Leben tragen müssen.«

»Wir werden es tragen, Eike, da wir nun beide selig, ach nein! unselig
wissend sind. ~Ego sum tu et es ego~,« sprach sie gefaßt und ergriff
seine Hand, die sie leise drückte.

Schweigend traten sie den Rückweg zur Burg an, doch nach zehn Schritten
wandte sich Gerlinde um und blickte noch einmal nach der Stelle hin, wo
sie in selbstvergessener Umarmung einander gefunden hatten.



Dreizehntes Kapitel.


Nun war alles geklärt, jeder Zweifel gehoben, die Entscheidung
gefallen. Eike wußte sich von Gerlinde geliebt mit der ganzen
Leidenschaftlichkeit ihres heißen, südlichen Blutes, und das gleiche
wußte sie auch von ihm. Beide waren mit dem nämlichen Vorhaben in den
Wald gegangen, die Gefühle des anderen zu ergründen ohne die eigenen
zu enthüllen, und doch war auch dieses geschehen. Zu Hause nun, in
seinem Zimmer, der Werkstatt seines Schaffens, erwachte in Eike der
Mann des Rechtes, der Verfasser und Verkünder strenger Gesetze, gegen
die er selber nicht einmal in Wünschen und Gedanken freveln durfte,
und er war der Gast von Gerlindes nichts ahnendem Gatten. Wie hatte
er das nur vergessen können, als er dort in der zauberumsponnenen
Wildnis am Heidenquell die in Lust und Leid Erzitternde in seinen Armen
hielt! Aber sollte er sie schroff und schnöde zurückstoßen, da er sie
doch liebte? Er hatte sie nicht an sich gerissen, hatte sie nicht
gelockt und gekirrt, nicht mit zärtlichem Gekose ihre Sinne betört.
Mit dem Bewußtsein, die Gebote der Pflicht und Ehre weder mit Wort
noch Tat verletzt zu haben, beruhigte er sein Gewissen, und bei dem
Entschlusse, auf alle Freuden, die ihm in erreichbarer Nähe winkten, zu
verzichten, wollte er bleiben, welche Kämpfe und Versuchungen er auch
im Bannkreise der inniggeliebten, verführerisch schönen Frau noch zu
bestehen haben mochte; sein Herz sollte schweigen und auch sein Mund. --

Andere Gefühle beseelten Gerlinde, als sie aus dem Walde zurückkam und
in ihrem Gemach allein war. Das erste, was sie dort tat, war, daß sie
an dem Betpult niederkniete, der heiligen Jungfrau für das namenlose
Glück, von Eike geliebt zu werden, dankte und sie anflehte, diese
Liebe zu segnen und zu schirmen, in ihrer Unschuld nicht bedenkend,
daß seine Liebe zu ihr wie ihre zu ihm eine sträfliche war, an der die
Himmelskönigin kein Wohlgefallen haben konnte. Dann betete sie für
das zeitliche und ewige Heil des Geliebten, daran die Bitte knüpfend,
ihm Kraft zur Vollendung seines Werkes zu verleihen und ihm dabei
die Wege zu führen, die den Frommen und Gläubigen, in Sonderheit der
hochwürdigen Geistlichkeit genehm wären.

Danach erhob sie sich freudig, nur noch mit der einen Sorge, ob es ihr
gelingen würde, ihre Liebe vor den Insassen der Burg und am meisten --
hier schrak sie auf -- vor ihrem Gemahl zu verbergen. An den hatte sie
noch gar nicht gedacht und daß sie an ihm einen Raub beging, wenn sie
ihr Herz einem anderen Manne schenkte. Einen Raub? sie entzog ihm ja
nichts von dem, was er von ihr fordern konnte. Sie schätzte und ehrte
ihn, hatte ihn auch auf ihre Weise lieb, aber glücklich und zufrieden
war sie an Hoyers Seite nicht. Trotzdem wollte sie nun doppelt
aufmerksam und freundlich gegen ihn sein, um ihn, soviel sie vermochte,
für das zu entschädigen, was sie in Hülle und Fülle dem andern weihte.

War denn aber ihre und Eikes Liebe unter der Bedingung schweigender
Entsagung ein so ungetrübtes Glück, daß sie es so recht aus dem Vollen
schwelgend genießen konnte? Nur tief verhohlen sollte diese Liebe ein
kümmerliches Dasein fristen, wie eingekerkert, in Banden geschlagen.
Niemals sollte die Darbende dem, was nach Befreiung in ihr rang und
lechzte, rückhaltlosen Ausdruck geben, niemals in den Armen dessen,
an dem ihre Seele hing, wonnetrunken aufjauchzen, sondern ihre Liebe
als schwer lastendes Leid durchs Leben tragen. Würde sie das vermögen?
würde nicht über kurz oder lang einmal die Stunde kommen, wo sie es
unwiderstehlich reizte, die Fesseln zu sprengen und sich an Eikes Brust
zu werfen? Sie konnte nicht dafür bürgen, sich allzeit fest in der
Gewalt zu haben.

Wie wohl +er+ darüber dachte, ob er wohl willig und fähig war, auf
immer wunschlos zu entsagen? Es schien ihr so; schon auf dem Rückwege
hatte er damit angefangen, denn kein liebeatmendes Wort war seinem
Munde entflohen.

Als sie nach dem vorsichtigen Überschreiten der Schlucht bequem
nebeneinander gehen und dabei mehr auf alle die Vögel und Blumen rings
um sie her achten konnten, hatte Eike die Rede auf den berühmten
und begeisterten Freund dieser holden Geschöpfe, auf Walter von der
Vogelweide gebracht und Gerlinde von seiner Bekanntschaft mit ihm
am Hofe des Markgrafen von Meißen erzählt. Dabei hatte er öfter den
Dichter selber sprechen lassen von »der kleinen Vöglein Singen«
und von den »lichten Blumen, die aus dem grünen Grase lächeln, als
erhofften sie auch des Wanderers nickenden Gruß«, und noch manche
andere wohlklingende Verse des großen Meisters in die Unterhaltung
eingeflochten. Gerlinde, der Walters Lieder keineswegs fremd waren,
hatte ihm gern zu gehört und erwartet, daß ihn sein Gedenken des
Verherrlichers der hohen Minne, des unvergleichlichen Sängers von »des
Herzens Lehendienst«, auf seine Minne zu ihr hinleiten würden. Das war
jedoch nicht erfolgt; er hatte jede auf sich bezügliche Anknüpfung an
Walters Dichtungen vermieden.

Nun wollte sie sich seinem Verlangen völliger Enthaltung aller
Liebesbeweise unterordnen, wollte schweigen, wenn er schwieg und sein
Benehmen als Richtschnur ihres eigenen betrachten, wozu das nahe
bevorstehende Mittagsmahl eine gute Gelegenheit bot. --

Bald saßen sie sich am Tische gegenüber. Während Melissa sie bediente
und auch ohne nötige Handreichungen im Saale anwesend blieb, gab es
sich von selber, daß sie nur über gleichgültige Dinge plauderten.
Doch erwähnte Gerlinde der schlauen Gürtelmagd wegen absichtlich und
ausführlich ihrer vergnüglichen Wanderung im unbefangensten Tone,
als hätte sich in der unbelauschten Waldeinsamkeit durchaus nichts
Besondere zugetragen. Eike, der den Zweck, die neugierige Horcherin
zu täuschen, erkannte, ging sofort darauf ein, und erinnerte noch an
einzelne Naturschönheiten, die ihm auf ihrem Wege durch Berg und Tal
aufgefallen waren. Daß sie am Heidenquell gewesen, verschwiegen sie
wohlweislich.

Als Melissa einmal verschwunden war, erkundigte sich Gerlinde bei
ihrem Gaste nach dem Stande seiner Arbeit, mit der er ja einen
ganzen und einen halben Tag gefeiert hätte, und zwar zumeist ihr zu
Gefallen, wofür sie ihm sehr dankbar wäre. Er gab ihr zur Antwort,
daß er allerdings die versäumte Zeit, die er aber, weil in ihrer
Gesellschaft verbracht, durchaus nicht als eine verlorene bezeichnen
könnte, mit angestrengtem Fleiß wieder einholen müsse, und fügte
hinzu: »Ich brenne darauf, heute nachmittag da wieder anzufangen, wo
ich gestern morgen aufgehört habe, und hoffe auch, schnell wieder in
flotten Schwung und gutes Fahrwasser zu kommen, wenn mich auch manche
dringlichen Ausführungen noch hartes Kopfzerbrechen kosten werden.«

»O Ihr werdet auch das Schwierigste zwingen, wenn Ihr wollt,« sagte sie
aufmunternd. »Ich glaube an die alles besiegende Kraft Eures Geistes
wie an das Licht der Sonne.« Dann, als Melissa wieder eingetreten war,
fuhr sie auf lateinisch fort: »~Tu, dum tua navis in alto est, hoc
age.~«

Er erwiderte: »~Fata regunt homines, certa stant omnia lege, tu credula
pia!~«

Sie sprachen nun auch weiter Latein, obwohl sie ihr Geheimnis, von dem
nur die klugen Waldvöglein wußten, mit keiner Silbe berührten.

Melissa spitzte die Ohren, und als sie wieder hinausgegangen war,
spöttelte sie jenseits der Türe: »Jetzt nennen sie sich schon du; das
haben sie sicher da unten im versteckten Waldesgrunde zusammengeknotet
und denken, ich merke nichts, die blind Verliebten. Meinetwegen könnt
ihr deutsch reden, was ihr wollt; ich verrate euch nicht.«

Die beiden im Saale führten ihren Vorsatz, sich zu beherrschen, durch,
so schwer es ihnen auch wurde, und über ihre heimliche Liebe fiel weder
ein deutsches noch ein lateinisches Wort. Nur von Blick zu Blicke flog
es stumm hin und her: ~ego sum tu et tu es ego~.

Es war das letzte Mittagessen, das sie allein miteinander einnahmen,
denn heut abend konnten sie den Grafen von seinem Ritt nach Quedlinburg
zurück erwarten, und beiden war es recht, daß er wiederkam, denn an
seiner Gegenwart hatten sie einen noch festeren Halt und Schutz, sich
nicht zu vergessen und zu unerlaubtem Tun hinreißen zu lassen.

Eike begab sich nach Beendigung des Mahles in sein Zimmer und setzte
sich sogleich an seine Arbeit, in die er sich nach Möglichkeit
vertiefte, um keinen störenden, sinnberückenden Vorstellungen Einkehr
bei sich zu gestatten.

Gerlinde ging in ihr Gemach, streckte sich dort auf das Spannbrett,
eine nur zum Ausruhen am Tage dienende Polsterbank mit einer
Wolfsfelldecke, und versank bald in einen erquicklichen Schlummer.

Fast eine Stunde schlief sie, erwachte frisch und gestärkt davon und
überdachte, nun freier und unabhängiger von dem augenblicklichen
Eindruck des Geschehens, die Erlebnisse des heutigen Morgens. Die
Gefühle, die sich ihrer dabei bemächtigten, verlangten aber nach
Worten; schnell richtete sie sich auf, nahm die Harfe von der Wand und
hub an zu singen:

    Seid mir gegrüßt, Gedanken,
    Die ihr im Streite siegt
    Und euch wie Efeuranken
    Um meine Stirne schmiegt.

    Wollt mild und freundlich walten
    In meines Herzens Haus,
    Gleich holden Traumgestalten
    Schwebt leise ein und aus.

    Das Zweifeln all und Bangen,
    Wie liegt es nun so fern,
    Derweil mir aufgegangen
    Mein schöner Morgenstern.

    Er wird mein Schicksal weben,
    Mir weisen Weg und Zelt,
    Hell strahlt er in mein Leben,
    In meine stille Welt.

    Und muß ich auch verschweigen,
    Wovon die Brust mir schwillt,
    Will mich in Demut neigen,
    Das Sehnen ist gestillt.

Im Nachspiel ließ sie sanft ausklingen, was sie während der nur
halblaut vorgebrachten Strophen bewegt hatte. Dann saß sie lange in
Sinnen verloren, hatte die Harfe aufs Knie gestellt, auf deren Hals
die gefalteten Hände und auf die Hände das gedankenschwere Haupt
gelegt. Sie hatte nicht alles, was sie in sich trug, ausgesprochen,
hatte mit anderen Empfindungen, die ihr Inneres durchkreuzten, noch
zurückgehalten. Fragen, die sie gelöst, Zweifel, die sie überwunden
wähnte, tauchten noch einmal in ihr auf, und ihre Sehnsucht war von dem
Liede nicht in den Schlaf gesungen. Da griff sie wieder in die Saiten
und begann aufs neue:

    Liebt +er+ mich in Treuen so wie ich ihn
    Mit unverlöschlichen Gluten,
    Und fühlt auch er durch die Seele ziehn
    des Aufruhrs wogende Fluten?
    Der Wissende, weiß er denn wohl genau,
    Was Sehnsucht zischelt ins Ohr der Frau?

    Wie Wanderer sich begegnen im Land,
    So haben wir zwei uns gefunden
    Und können uns kaum nur drücken die Hand
    In kärglichen, flüchtigen Stunden,
    Und ich, in des Liebsten Eigen und Lehn,
    Möcht' immerfort ihm in die Augen sehn.

    Doch soll es nicht sein, o bitteres Weh!
    Die Glocken läuten zum Scheiden,
    In unseren Sommer fällt Reif und Schnee,
    Wir sollen uns missen und meiden.
    Ich gehe zugrunde vor zehrender Not
    Und schwinde dahin wie das Abendrot.

Sie hatte sich in eine drangvolle Gemütsverfassung hineingesungen.
Nagender Schmerz peinigte sie, kühner Wagemut flammte in ihr auf und
kam in den Tönen zum Ausdruck, die sie jetzt den Saiten entriß. Ohne
Unterbrechung ging sie in ein immer stürmischer werdendes Vorspiel
über, bis sie die Melodie fand zu dem, was ihr nun aus dem übervollen
Herzen von den Lippen strömte:

    Richter und Schöffen, ich komme zu klagen!
    Dumpfes, erdrückendes Leid soll ich tragen,
    Wo mir die Seele von Jubel erklingt
    Und mit Gewalt der Erfüllung entgegen
    Wachsende, treibende Wünsche sich regen
    Wie sich die Rose der Knospe entringt.

    Niemals hat mir meine Jugend geschäumet,
    Habe nur immer gehofft und geträumet,
    Wußte bis heute vom Glücke nicht viel.
    Jetzo mein Erbteil davon zu begehren
    Sollen mir Himmel und Hölle nicht wehren,
    Gölt' es ein noch so gefährliches Spiel.

    Ob es zum Guten, zum Bösen sich wende,
    Mit der Geduld bin ich endlich am Ende,
    Fester Entschluß ist des Handelns Beginn.
    Trostlos entsagen und immer entsagen?
    Lieber zu Trümmern gleich alles zerschlagen,
    Was mir einst heilig -- es fahre dahin!

    Kann ich nicht retten die sündige Seele,
    Wer von den Sterblichen ist ohne Fehle?
    Wo ist auf Erden vor Qualen ein Schutz?
    Schuld im Gewissen ist's nicht, was ich scheue,
    Mir graut nicht vor bohrender Reue,
    Mit meiner Liebe biet' ich ihr Trutz.

Zu den letzten Worten des Liedes schlug sie die Harfe so übermäßig
stark, daß eine Saite mit schrillem Mißton zersprang. Erschrocken
starrte sie auf die beschädigte Vertraute ihrer Leiden und Freuden.

Ihr war warm geworden vom Singen, und sie trachtete hinaus ins Freie,
sich das erhitzte Blut zu kühlen. So ging sie zum Altan, zu der Stätte,
auf der sie schon manchmal Ruhe und Sammlung gesucht und gefunden
hatte. Da stand sie vorn an der Brüstung, wo der Wind durch die Bäume
rauschte, sie mit kräftigem Hauch anblies, rüttelte und schüttelte,
daß ihr gelöstes Haar sie in langen Strähnen umflatterte. Sie achtete
dessen nicht, horchte nur auf das Sausen und Brausen des Windes, als
hörte sie Stimmen darin, die verständlich zu ihr sprachen und ihr
zu Herzen gingen. Aus einer höheren, unbekannten Welt, in der die
Geschicke der Menschen von weisen Händen gewogen wurden, sang nun er
ihr ein Lied; -- klang es von harren und hoffen oder von scheiden und
meiden?



Vierzehntes Kapitel.


Da Graf Hoyer bis zum Abend noch nicht auf den Falkenstein
zurückgekehrt war, mußten Gerlinde und Eike wieder allein miteinander
speisen, und Gerlinde freute sich darauf. Sie hoffte, daß sich Eike
inzwischen besonnen haben und ihr nun wenigstens durch größere
Traulichkeit und Innigkeit im Verhalten einen stummen Beweis seiner
Liebe geben würde.

Als die Essenszeit schon erheblich überschritten war, sandte Gerlinde
ihre Zofe zu Eike, ihn herbeizurufen. Melissa überbrachte ihr jedoch
die Bestellung, Herr von Repgow ließe bitten, ihn bei Tische zu
entschuldigen, er säße so tief in der Arbeit, daß er nicht abbrechen
könnte und noch Stunden lang zu schreiben hätte. Frau Gräfin möchte die
Güte haben, ihm einen kleinen Imbiß auf sein Zimmer zu schicken.

Gerlinde mußte sich beim Anhören dieser Meldung sehr zusammennehmen, um
ihren Unmut darüber vor Melissa zu verbergen. Sie wandte sich ab und
sprach: »So bring ihm, was er begehrt, und sag' ihm, ich wünschte ihm
eine geruhsame Nacht.«

Nun war ihr die Freude verdorben. Enttäuscht und sorgenvoll spürte sie
nach dem Grunde von Eikes nichtiger Ausrede, denn sie glaubte nicht an
die Unaufschiebbarkeit seiner Arbeit, deren Vollendung doch wahrlich
nicht an Tage gebunden war; er konnte ja morgen ausführen, was er
heute nicht fertig schaffte. Nein, nein! er machte bitteren Ernst mit
seiner Entsagung und wollte dem Alleinsein mit ihr aus dem Wege gehen.
War das aber wirklich nur übertrieben gewissenhafte Entsagung? oder
war es Mangel an Liebe? Gegen diese niederschmetternde Deutung seiner
Weigerung, mit ihr zu essen, sträubte sie sich heftig, und es stieg ihr
ein tröstlicher, beglückender Gedanke auf. Vielleicht geschah es gerade
aus Liebe zu ihr, daß er es nach dem Vorgang am Heidenquell vermeiden
wollte, ohne Zeugen mit ihr zu sein. Diese feinfühlige Rücksichtnahme
auf sie und -- einen anderen mußte sie anerkennen und ehren, wenn ihr
auch etwas weniger Selbstbeherrschung seinerseits nicht unwillkommen
gewesen wäre.

Als Melissa mit Eikes Dank zurückkehrte, berichtete sie, der Ritter
säße gar nicht an seinem Schreibtische, sondern wandelte rastlos von
einem Ende des Zimmers zum andern. Plötzlich wäre er vor ihr stehen
geblieben, hätte sie nachdenklich angeschaut und eine Handbewegung nach
dem aufgetragenen Abendbrot hin gemacht, als hätte er sagen wollen:
Nimm's wieder mit! ich komme. Aber dann hätte er den Kopf geschüttelt
und leise vor sich hinbrummend sein unstetes Umherrennen wieder
aufgenommen.

Gerlinde lächelte beseligt, denn nun wußte sie, was es mit der
angeblichen Arbeit auf sich hatte und daß Eike nur darum ihrer
Einladung widerstand, weil er ebenso wie sie mit leidenschaftsvollen
Empfindungen rang, denen er nicht ungezügelten Lauf lassen wollte.

Melissa dagegen dachte in ihres Herzens Einfalt: Jetzt haben sie sich
zum ersten Male gezankt, und nun stolziert er in seinem Bücherkäfig
wie ein knurrender Löwe umher, muckt mit seiner Löwin und will in
seinem Ingrimm nicht einmal das Futter mit ihr teilen. Schadet nichts!
so'n kleiner Liebesstreit hat auch sein Gutes, und je bissiger er
war, je rührender und süßer ist danach die zärtliche Versöhnung. Wenn
es sich der Herr Graf nur noch ein paar Tage bei der hochwürdigsten
Äbtissin in Quedlinburg gefallen lassen wollte, damit sich die beiden
hier ungestört einander widmen können. Ich werde wachen, daß er sie
nicht einmal unvermutet überrascht; das wäre eine schöne Geschichte!

Während Melissa die Gräfin bei Tische versorgte und sah, wie trefflich
es ihrer lieben Herrin mundete, folgerte sie: Na, den Appetit hat ihr
des tapferen Ritters Halsstarrigkeit wenigstens nicht beeinträchtigt.
Ob ihm der kalte Wildschweinsrücken auch so schmeckt?

Eine Stunde blieb Gerlinde nach dem Abendessen noch auf und grübelte
fort und fort über Eikes Absage, die ihr nicht aus dem Sinn wollte.
Dann begab sie sich, zeitiger als es ihre Gewohnheit war, in ihr
fürstlich ausgestattetes Schlafgemach, das außer ihr und Melissa
niemand betreten durfte, und ließ sich von der Jungfer entkleiden.

»Höre, wie der Wind braust!« sprach sie. »Ob ein Gewitter im Anzug ist?
mir ist so schwer in den Gliedern.«

Und noch schwerer im Herzen, dachte Melissa. Zur Antwort gab sie: »Ich
glaube nicht, Frau Gräfin, es ist nicht schwül draußen.«

»Doch, doch! mir klang es eben schon wie ferner Donner,« behauptete
Gerlinde. »Da wird der Graf eine üble Nacht haben.«

»Wird der gnädige Herr morgen heimkehren?« fragte Melissa.

»Ich hoffe es, Melissa, aber ich weiß es nicht,« erwiderte die Gräfin.

Darauf schwieg die Neugierige, und nachdem sie ihren letzten Dienst
getan und die Herrin zu Bett gebracht hatte, löschte sie das Licht und
entschwand geräuschlos. Draußen sagte sie sich: »Ich hoffe es, -- das
soll so viel heißen wie: er wird doch nicht?!«

Auch Eike war, nachdem er den Imbiß kaum zur Hälfte verzehrt hatte, die
Einsamkeit heute schier unerträglich, und doch war er zufrieden mit
sich, daß er sich das Opfer auferlegt hatte und in seinem Entschlusse,
das abendliche Zusammensein mit Gerlinde zu vermeiden, fest geblieben
war. Die späte Stunde, die lautlose Stille in der Burg, das Halbdunkel
in den lauschigen Winkeln des Saales mit den zum Kosen einladenden
Sitzen, -- in dem allen lauerten Gefahren, denen er sich und die
Geliebte nicht aussetzen wollte.

Was nun anfangen mit der heißen Sehnsucht im Herzen? Natürlich
arbeiten! Aber wenn er einmal sinnend und suchend aufschaute, die
geschickteste Wendung zu finden für das, was er niederschreiben wollte,
würde ihm Gerlindes verlockende Gestalt erscheinen, die da drüben so
einsam saß wie er hier. Er bedurfte eines äußeren Zwanges, der ihm die
Pfade seines Denkens gebieterisch vorzeichnete.

Da kam ihm ein aus der Verlegenheit helfender, guter Gedanke, --
Wilfred mußte heran! Dem wollte er einen Teil von dem in die Feder
diktieren, was er heute nachmittag nur flüchtig auf das Papier
geworfen hatte. Dabei mußte er seine ganze Aufmerksamkeit auf den zu
behandelnden Stoff lenken und durfte sich durch nichts beirren lassen.

Er wußte, daß Wilfred jetzt in der Dirnitz war und dort das versammelte
Burggesinde mit seinen Schnurren und Schwänken unterhielt. Seiner
habhaft werden konnte er aber nur, wenn er ihn sich selber herausholte,
denn einen Boten hatte er nicht zu versenden. Ohne Säumen machte er
sich auf, doch ein glücklicher Zufall führte ihm schon auf der Treppe
den Knecht in den Weg, der sein hier im Geschirrbau eingestelltes Pferd
wartete und es auch, weil Eike dazu keine Zeit hatte, täglich bewegte,
damit es vom Stehen nicht steif und vom gräflichen Hafer nicht zu fett
wurde.

»Sibold,« sprach er ihn an, »geh in die Dirnitz und schicke mir den
Wilfred, ich hätte eilige Arbeit für ihn, er sollte gleich kommen.«

»Den Fred meint Ihr?« fragte der Knecht. »Ja, Herr, der wird da schwer
loszukriegen sein, aber ich schaffe ihn Euch, und wenn ich ihn an
Händen und Füßen gebunden bringen müßte.«

»Dann schnür' ihm die Hände nicht zu fest,« erwiderte lachend Eike,
»denn er soll noch schreiben bei mir, viel schreiben.«

Darauf machten sie beide Kehrt auf der Treppe. Eike stieg wieder zu
seinem Zimmer empor, und der Knecht trollte sich nach der Dirnitz.

Als Sibold hier dem Lustigsten im ganzen Kreise, der sich einer so
haarsträubenden Zumutung, jetzt, bei nachtschlafender Zeit noch
schreiben zu sollen, nicht im entferntesten gewärtigte, den Befehl des
Ritters vor aller Ohren laut verkündete, saß Wilfred vor Schreck starr
und versteinert da, während sämtliche Anwesenden in ein schallendes
Gelächter ausbrachen und den giftig Dreinschauenden mit dem foppenden
Singsang anjohlten: »Schreib, Schreiberlein, schreib! schreiben ist
Zeitvertreib.« Nur Melissa beteiligte sich nicht an dem Spotte, sondern
schenkte ihrem Günstling einen mitleidvollen Blick.

Ingrimmig erhob sich der Gehänselte und stapfte zu der Folterkammer
hinauf, wie er Eikes Arbeitszimmer nannte, wenn er darin sitzen und
schreiben mußte.

Diesmal mußte er bis tief in die Nacht hinein aushalten, ehe der
erbarmungslose Gesetzgeber beim Schluß eines größeren Abschnittes
mit dem Diktieren endlich Schicht machte und seinen erbosten
Gehilfen entließ, der oben in seinem Turmlosier stöhnte: »O Jammer
und Elend! was wird mein liebes Füchslein sagen, wenn ich ihm diese
Niederträchtigkeit erzähle!«

Eike ging dann auch zur Ruhe und dachte, sich abgespannt die Stirne
streichend: Der Abend wäre also überstanden; hättest ihn angenehmer
verleben können.

[Illustration: Eike diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen
Wilfred die andere Hälfte.]

Am Morgen wurde die Schreibarbeit beizeiten wieder aufgenommen. Eike
diktierte dem noch nicht recht ausgeschlafenen Wilfred die andere
Hälfte des nur in vorläufigen Aufzeichnungen Niedergelegten, und das
währte bis gegen Mittag, wo der schmetternde Hornruf des Türmers die
Ankunft des Burgherrn meldete. Eike, um ihn zu empfangen, eilte aus dem
Gemach, womit sich auch Wilfred als beurlaubt betrachtete, demgemäß er
schleunig entwischte.

Mit beklommener Brust schritt Eike die Treppe hinunter, da er jetzt
dem gegenüber treten sollte, mit dessen Gattin er das verhängnisvolle
Erlebnis am Heidenquell gehabt hatte. Denn obschon dies nicht von ihm
herbeigeführt war, fühlte er sich mit seiner verbotenen Liebe doch
nicht frei von Schuld.

Graf Hoyer rief ihm schon vom Sattel aus zu: »Horrido, Eike! da bin ich
wieder.«

Dann stieg er vom Pferde, und sie schüttelten sich die Hände. »Die
Sache hat länger gedauert als ich dachte, habe einen harten Strauß
mit durchfechten müssen,« begann der Graf und fügte gleich die Frage
hinzu: »Was hast du denn neulich auf der Pirsch geschossen?«

»Ich war nicht auf der Pirsch,« erwiderte Eike.

»Nicht? aber du hattest doch, als ich mich hier von dir verabschiedete,
die Armbrust auf dem Rücken, wie mir däuchte.«

»Nein, Herr Graf! da habt Ihr Euch getäuscht; ich wollte nur Luft
schöpfen.«

»Aha! Luft schöpfen, na ja! hast's auch nötig, siehst blaß genug
aus von dem ewigen Stubenhocken und Gesetzemachen,« schalt der Graf
freundschaftlich. »Wann wirst du denn dein Weidmannsheil endlich hier
versuchen? Die Jagdhütte da oben ist längst fertig und harrt immer noch
ihres ersten nächtlichen Einliegers. Du solltest sie einweihen, dann
würde ich sie auf deinen Namen taufen. Eike von Repgow-Hütte, klingt
das nicht hübsch?«

»Wenigstens mir sehr schmeichelhaft, Herr Graf,« versetzte Eike. »Aber
es wäre eine unverdiente Ehre, denn ich habe keine Zeit zum Pirschen.«

»Keine Zeit! nächstens werde ich dem Herrn Rechtsgelehrten einmal eine
Vorlesung über das Gastrecht halten, ich meine, über die Rechte, die
dir als Gast hier zustehen, auch auf der Wildbahn, Eike! denn Pflichten
hast du auf dem Falkenstein nicht, wie du weißt.«

Unter diesem Gespräch, zu dem das bei weitem meiste der Graf
beigetragen hatte, waren sie die Treppe hinaufgekommen und trennten
sich oben, der Graf mit den Worten: »Ich will erst meine Frau begrüßen
und mir's dann ein wenig bequem machen; bei Tische werde ich euch
berichten, was ich in Quedlinburg zu schaffen hatte.«

In seinem Zimmer sagte sich Eike: Ȇber das Gastrecht will er mich
belehren, und ich hätte hier keine Pflichten. Hab' ich nicht schon
beides verletzt, als ich Gerlinde in meinen Armen hielt? Ich konnte ihm
nichts darauf antworten, und wie wird +sie+ damit fertig werden ihm
gegenüber?«

Das Mahl ließ sich indessen ganz behaglich an. Graf Hoyer war in der
besten Laune und die Gräfin so heiter und gesprächig, als laste nicht
der geringste Druck auf ihr. Da fand auch Eike schnell den rechten
Ton in der Unterhaltung, und die drei tafelten wieder so traulich
miteinander wie vorher, ehe der Graf ausgeritten war. Die gefürchtete
Frage: was habt ihr beiden denn während meiner Abwesenheit hier
angefangen? stellte er glücklicherweise nicht, sondern gab ihnen
nun über seinen Aufenthalt in Quedlinburg eingehende Auskunft, die
er durch eingeschaltete Bemerkungen noch des näheren erläuterte und
vervollständigte.

Es handelte sich dort um den alten Streit über die Palmsonntagfeier,
den die jetzt regierende Äbtissin Osterlindis von ihren Vorgängerinnen
Bertradis und Kunigunde geerbt hatte. Seit einer langen Reihe von
Jahren war es Brauch, daß der Bischof von Halberstadt mit dem gesamten
Domkapitel und einer erklecklichen Zahl noch anderer Prälaten und
Kleriker am Palmsonntag nach Quedlinburg kam und von der Äbtissin in
ihrem Schlosse festlich bewirtet wurde. Für die Einwohner der Stadt
war das ein sehr anziehendes Schauspiel, und es gab stets einen großen
Andrang neugierigen Volkes, das den Einzug der kirchlichen Würdenträger
in ihren reichgeschmückten Pontifikalgewändern sehen und womöglich auch
dem prunkhaften Gottesdienst in der herrlichen Basilika der ehemaligen
Kaiserpfalz beiwohnen wollte.

Diese Bewirtungen hatten jedoch einen immer ausgedehnteren Umfang
angenommen. Der Bischof rückte mit einem Gefolge von mehr als hundert
Pferden an, und die geistlichen Herren, die nach überstandener
Fastenzeit einen sehr regen Appetit auf ein auserlesenes Gastmahl
mitbrachten, schmausten und schwelgten in einer Weise, die dem Stifte
fast unerschwingliche Kosten verursachte. Das noch ferner geduldig
über sich ergehen zu lassen hatten sich schon frühere Äbtissinnen
geweigert und sich wegen dieses unablösbaren Servituts, wofür es
die Bischöfe erklärten, mit Beschwerden an den Papst gewandt, durch
die aber keine Abstellung des Unfugs erreicht wurde. Nun hatte auch
Äbtissin Osterlindis den Papst um einen Machtspruch gebeten, und Gregor
IX. hatte den Abt von Walkenried zum bevollmächtigten Schiedsrichter
ernannt, während der Bischof von Halberstadt, Graf Friedrich von
Kirchberg, den Domherrn Konrad von Alvensleben als seinen Vertreter
abgeordnet und die Äbtissin den Schirmvogt des Stiftes, Grafen Hoyer
von Falkenstein, zu ihrem Beistande angerufen hatte. Diese drei Herren
sollten den Hader schlichten.

Nun entspannen sich in Gegenwart der Äbtissin hartnäckige
Auseinandersetzungen zwischen dem Domherrn und dem Grafen, bis keiner
von beiden noch etwas Neues vorzubringen wußte. Der Abt von Walkenried,
ein würdiger und kluger Prälat, der den Frieden liebte und das
Ungebührliche der bischöflichen Ansprüche wohl einsehen mochte, hatte
die Verfechter der widerstrebenden Meinungen ruhig ausreden lassen und
dann den Streit dahin entschieden, daß die Bewirtung des Bischofs nebst
Gefolge nicht mehr stattfinden und die Äbtissin als Entschädigung dafür
eine nur mäßige jährliche Abgabe an das Domkapitel leisten sollte. Die
Domina war über den endgültigen Austrag des Zwistes zu ihren Gunsten
hoch erfreut und ihrem Vetter Hoyer für die tapfere und wirksame
Geltendmachung ihres Standpunktes sehr dankbar.

Nach dem ausführlichen Berichte des Grafen verharrten Eike und Gerlinde
in Schweigen, so daß er fragte: »Nun? was sagt ihr denn dazu?«

»Daß der Abt von Walkenried ein weises und gerechtes Urteil gefällt
hat,« sprach Eike.

»Natürlich! ~semper contra clerum~ ist Euer Grundsatz,« fuhr die Gräfin
mit einem vorwurfsvollen Blick auf, und sich zu ihrem Gemahl wendend
fügte sie hinzu: »Du wirst dir mit deiner heftigen Parteinahme für die
Äbtissin den Bischof zum unversöhnlichen Feinde gemacht haben, der sich
dafür an dir rächen wird.«

»Mag er's versuchen!« erwiderte der Graf, »ich fürchte seine Rache
nicht. Wir Harzgrafen stehen alle für einen und einer für alle gegen
den übermütigen Träger der Inful. Übrigens habe ich auch Freunde im
Domkapitel, zum Beispiel Konrad von Alvensleben, so scharf ich auch
mit ihm gestritten habe. Bei dem fröhlichen Mahle, daß die Äbtissin
in ihrer Freude uns dreien zu Ehren herrichten ließ, haben wir,
Alvensleben und ich, uns ganz vortrefflich miteinander vertragen,
und diese liebenswürdige Veranstaltung hat mich in Quedlinburg noch
zurückgehalten, sonst wäre ich gestern schon heimgekehrt.«

»Wir haben dich allerdings bestimmt erwartet,« sagte die Gräfin.

»Das glaube ich gern,« lachte der Graf. »Zur Besänftigung deines
Zornes über mein Ausbleiben hat mir Osterlindis ein Geschenk für dich
mitgegeben. Hier, diese zierliche Halskette mit der goldnen Kapsel
daran, die eine Reliquie, einen Backenzahn des heiligen Eleutherius,
enthält. Hast du von diesem Heiligen schon einmal gehört?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»Der Name ist ein griechische Wort, das so viel wie freisinnig
bedeutet,« mischte sich Eike mit einem anzüglichen Lächeln ein.

»Dieser heilige Backenzahn besitzt nämlich Zauberkraft,« fuhr der Graf
fort. »Man soll ihn um den Hals tragen, wenn man vor einer besonders
schwierigen Entscheidung steht und einen harten Entschluß fassen muß;
es ist also, mit Verlaub zu sagen, ein Nußknackerzauber.«

»Abscheulich!« rief die Gräfin entrüstet und zugleich verlegen, wagte
aber nicht, Eike dabei anzusehen, weil sie sich von der unbewußten
und ungewollten Anspielung auf die schwere Entschließung, die ihr ja
in ihrem Verhältnis zu Eike früher oder später bevorstand, getroffen
fühlte.

Das Mittagsmahl endete jedoch in so guter Eintracht der drei, wie es
begonnen hatte. Nur in Gerlinde blieb eine kleine Verstimmung darüber
zurück, daß ein hoher Würdenträger der Kirche, ein Bischof, in dem
Streit um eine ihres Erachtens unzweifelhaft aufrecht zu haltende
Observanz den kürzeren gezogen hatte.



Fünfzehntes Kapitel.


Auf dem Falkenstein herrschte jetzt ein betriebsamer Zustand. Der Graf
hatte in seiner Kanzlei mit dringenden Verwaltungsangelegenheiten
zu tun, Eike saß an seinem Gesetzbuch, und Gerlinde am Stickrahmen.
Dieses Einsiedlerische der drei ritterlichen Burgbewohner war kein ganz
freiwilliges; sie wurden durch die Unwirtlichkeit des Wetters genötigt,
sich in ihren Gemächern zu halten, und blieben jeder für sich allein.

Der Sommer schien zu Rüste gehen zu wollen und kündigte dies den
Menschen hier oben in den Bergen frühzeitiger und empfindlicher an als
unten im Flachlande, wo er noch etwas länger zu verweilen gedachte.
Falbe Blätter wirbelten von den Zweigen herab, herbstliche Windstöße
fuhren durch den Wald, und Regenschauer prasselten aus tiefhängenden
Wolken hernieder. Die Vogelstimmen waren im Gebüsch verstummt, denn
die meisten der geflügelten Wanderer waren schon gen Süden gezogen.
Nur eine Schar von Dohlen umkreiste, sobald es sich einmal ein wenig
aufklärte, mit hellem jack jack den Bergfried, um den der Wind lauter
pfiff und fauchte als unten in dem vor seinen wuchtigsten Schlägen
geschützten Tale. Die Sonntage zeigten ein noch grämlicheres Gesicht
als die auch schon recht verdrießlichen Werktage und wurden aus den
geöffneten Schleusen des Himmels reichlich mit Wasser überschüttet. Im
Walde war es überall so patschnaß, daß sich Wilfred nicht zu seinem
Fuchse stehlen und auch nicht den längst geplanten Besuch bei Luitgard
in der Mühle abstatten konnte. Da war es nicht zu verwundern, daß in
den Mauern der Burg eine allgemeine, ansteckende Niedergeschlagenheit
Platz griff.

Außer dem dunkeln Gewölk, das sich langsam über das Gebirge
dahinwälzte, stiegen aber auch noch andere, bedrohlichere Schatten
herauf.

Graf Hoyer hatte in Quedlinburg von der Äbtissin und vom Domherrn von
Alvensleben, zu denen Nachrichten aus der Ferne schneller gelangten als
zu dem einsam im Harze gelegenen Falkenstein, mancherlei erfahren, was
dazu angetan war, allerorten Beunruhigung und Mißmut hervorzurufen.

Kaiser Friedrich hatte in Italien neue Kämpfe zu bestehen, die weniger
mit den Waffen als mit langwierigen Verhandlungen ausgefochten
werden mußten. Der dem Papste unter Mitwirkung der deutschen Fürsten
aufgezwungene Friede von San Germano, wo Gregor den Kaiser auch von dem
noch auf ihm lastenden Banne lösen mußte, hatte zwar den kriegerischen
Unternehmungen Einhalt geboten, aber die Spannung zwischen den beiden
Herren der Welt keineswegs beseitigt. Diese dauerte im geheimen fort,
und jetzt fand der Kaiser wider Erwarten sogar Unterstützung bei der
Geistlichkeit, die dem Papste grollte, weil er von ihren Gütern Zehnten
zur Fortsetzung der Feindseligkeiten gegen den stolzen Ghibellinen
einzog. Der nur äußerlich geschlossene Friede stand also auf schwachen
Füßen. Der unbeugsame Hohenstaufe hatte jedoch zwei tüchtige Männer zu
Beratern: seinen aus der Gelehrtenschule zu Bologna hervorgegangenen
Hofrichter Petrus de Vinea und den Großmeister des deutschen Ordens
Hermann von Salza. Ihren klugen und tatkräftigen Bemühungen gelang
es, eine ehrenvolle und allem Anschein nach aufrichtige Versöhnung
der beiden Widersacher in Anagni zuwege zu bringen, bei der kein
Kardinal zugegen, sondern Hermann von Salza der einzige Zeuge sein
durfte. Nun hielten es nicht nur die deutschen Fürsten für an der
Zeit, ausgedehntere Territorialrechte für sich zu fordern, sondern
auch die Bürgerschaften begehrten mehr Freiheit und Selbständigkeit in
ihrem städtischen Regiment, wogegen sich der Kaiser nach den mit den
lombardischen Städten gemachten bitteren Erfahrungen durchaus ablehnend
verhielt.

So ließ man den mächtigen Lenker des Reiches nicht zu Atem kommen,
sondern trieb ihn aus einer Bedrängnis in die andere, und Eike
fürchtete, daß unter diesen schwierigen Verhältnissen auch in den
deutschen Herzogtümern und Grafschaften Unruhen und Verwicklungen
entstehen würden, die der Einführung und Verbreitung seines
Gesetzbuches hinderlich werden könnten.

Aber das nicht allein. Erst kürzlich hatte Friedrich eine von Petrus
de Vinea herrührende Verordnung bestätigt, die ein neues bürgerliches
und öffentliches Recht begründen sollte und in welcher unter anderem
die Unterwerfung der Geistlichen unter die weltliche Obrigkeit
ausgesprochen war. Dies war ja ganz in Eikes Sinne gedacht und getan,
aber nun befiel ihn die Angst, Vineas Buch könnte seinem Sachsenrecht,
das er noch unter der Feder hatte, zuvorkommen, ihm den Rang ablaufen
und es in das Hintertreffen verweisen.

Da galt es, alle Kräfte anspannen, damit er das rüstig fortschreitende
Werk so bald wie möglich seinem Volke darbringen könnte, also arbeiten,
immer nur arbeiten. Und hier in seiner stillen Klause suchte er sich
vor dem von weitem zu ihm dringenden welterschütternden Lärm kämpfender
Zwietracht unter den Gewalthabern oder nach Gewalt Strebenden soviel
wie möglich zu verschließen.

Graf Hoyer ließ den Freund in seiner angestrengten Tätigkeit
unbehelligt, weil er wußte, was diesen zu so rastlosem Fleiße spornte.
Eike hatte ihm gesagt, daß es sich jetzt für ihn um einen Wettstreit
mit Petrus de Vinea handele, und die Vorhaltung des Grafen, daß doch
sein Rechtsbuch ein bedeutenderes und viel umfassenderes sei als das
des kaiserlichen Hofrichters, konnte seine Sorgen nicht zerstreuen.

Gar nicht erbaut von Eikes Überstürzung seiner Arbeit war Gerlinde,
denn nun sah sie den allstunds Ersehnten noch weniger als bisher; kaum
bei Tische hielt er stand, war wortkarg und hatte den Kopf von anderen
Dingen voll als von dem Verlangen, ihr seine Liebe immer wieder aufs
neue zu erkennen zu geben. O dieses unselige Gesetzbuch! seufzte sie in
heller Verzweiflung.

Der scheidende Sommer wehrte sich noch gegen das Vordringen des
Herbstes, mußte aber seinem unablässigen Angreifer doch endlich
weichen und ihm das Feld räumen. Und nun, da er im Besitze war, zeigte
sich der Sieger von seiner freundlichsten Seite. Mit strahlendem
Sonnenschein hielt er seinen Einzug in das eroberte Gebiet, vergoldete
das Laub der Buchen, Eichen und Birken und färbte die Blättlein der
Heidelbeeren purpurn, die in breiten Ansiedlungen zwischen dunkelgrünen
Wachholderbüschen einen gar lieblichen Anblick boten, während rote
Vogelbeeren und Hagebutten nebst blauschwarzen Schlehen sich hie und
da in Baumwuchs und Strauchwerk mischten. Schneeweiße, vom Volke
Altweibersommer genannte Spinnfäden schwebten durch das Tal, blieben
hie und da an einem Strauche haften, bis sie sich wieder losringelten
und weiter flogen, um mit ihren mehr als klafterlangen Wimpeln anderswo
zu landen. Wohin ihre Reise ging, wußten die winzigen Segler, die in
dem luftigen Schifflein saßen, selber nicht, denn sie mußten sich
willenlos von jedem Hauche treiben lassen, weil sie kein Steuer an Bord
hatten.

An einem dieser sonnigen Herbsttage langten liebe Gäste auf dem
Falkenstein an. Graf Burkhard von Mansfeld und seine Schwiegertochter
Irma ritten ein und brachten mit ihrem unerwarteten Erscheinen eine
wohltuende Abwechselung in das Stilleben der Burg, von den Bewohnern
freudig bewillkommnet.

Die Grafen Burkhard und Hoyer waren gute Freunde und ehemalige
Waffenbrüder, und ein ebenso inniges Verhältnis bestand seit ihrer
fast gleichzeitigen Verheiratung auch zwischen den Gräfinnen Irma und
Gerlinde.

Gleich nach der Begrüßung fragte Graf Hoyer: »Warum hat euch dein Sohn
nicht begleitet?«

»Alwin ist mit zwei Waldhütern den Wilderern in unseren Forsten auf der
Fährte, und gerade heute hofft er sie fahen zu können,« erwiderte Graf
Burkhard. »Wie steht es denn bei dir mit dem edlen Waidwerk?«

»Schlecht; ich darf nicht mehr auf die Berge steigen.«

»Rumort das Herz wieder?«

Graf Hoyer nickte und winkte dem Freunde mit der Hand, davon zu
schweigen.

Burkhard forschte auch nicht weiter danach, sondern sagte nach einem
Weilchen: »Ich mußte dich einmal wiedersehen und wollte dir auch
danken für die unermeßliche Freude, die du mir bereitet hast.«

»Womit?« fragte der andere erstaunt.

»Damit, daß du mir den ehrenfesten Ritter Dowald von Ascharien
zugeschickt hast.«

»Burkhard! traust du mir das zu?«

»Bewahre! er behauptet aber, du hättest ihn an mich gewiesen, weil ich
einen guten Posten für ihn hätte.«

»Etwan als Kellermeister? Den alten verlotterten Säufer?«

»O er war ungewöhnlich gut ausstaffiert.«

»Das glaub' ich! mit meinem besten Rocke, den er mir ausgeführt
hat,« lachte Graf Hoyer. »Er wollte von hier auf die Heimburg zum
Regensteiner, der ihn dringend eingeladen hätte.«

»Eingeladen! als ob den ein vernünftiger Mensch zu sich einlüde! Drei
Tage lag er bei mir auf der Bärenhaut; damit hatte ich genug von ihm
und schob ihn sachte ab.«

»Wohin denn nun?«

»In die Gegend von Halberstadt und dann die Bode entlang wollte er
reiten, wie er vorgab. Dort hätte er vermögende Gönner und wackere
Gesellen.«

»Denen gönne ich ihn,« spottete Hoyer und fuhr dann fort: »Ich bin an
dem Überfall des Aschariers zwar unschuldig, möchte mich aber doch mit
einem ehrlichen Sühnetrunk vor dir reinigen. Komm mit mir zu einem
guten Tropfen in mein Kämmerlein; die beiden jungen Weibsen werden uns
zwei Alte nicht vermissen.«

Als sie in Hoyers Zimmer beim Weine saßen, begann der Mansfelder: »Ich
habe noch einen Pfeil im Köcher. Was ist das mit dem neuen Gesetzbuch,
das hier auf dem Falkenstein geschrieben wird?«

»Dacht' ich's doch!« rief Hoyer. »Dir hätt' ich heute auch ohne deine
Frage alles gesagt, aber dem Dowald wollt' ich's verschweigen. Das
glückte jedoch nicht; einer meiner Dienstleute, ehemals Klosterschüler
in Gröningen, der dem Rechtskundigen die Abschriften besorgt, hat es
dem alten Schnüffler verraten.«

»Dowald war auf den Ritter von Repgow schlecht zu sprechen.«

»Sehr begreiflich, denn mit der Aufforderung, uns abschreiben zu
helfen, haben wir den Faulpelz schon am ersten Tage nach seiner
Ankunft ausgeräuchert. Du wirst ja bei Tische die Bekanntschaft meines
gelehrten Freundes machen; jetzt darf ich ihn von seiner Arbeit nicht
aufstöbern. So höre denn!«

Nun erstattete Graf Hoyer seinem Besuche genauen Bericht, erzählte
ihm, wie er den Reppechower einst zufällig im Gasthaus am Scheideweg
getroffen, dieser ihm dort seine Absichten anvertraut und er ihn
darauf eingeladen hätte, sein Buch auf dem Falkenstein zu schreiben.
Hier hätte ihn Eike tiefer in seinen Plan eingeweiht, ihn von der
Notwendigkeit einer Verbesserung der deutschen Rechtsverhältnisse
überzeugt und ihm die Grundsätze, die ihn dabei leiteten, ausführlich
entwickelt, was alles Graf Hoyer nun seinerseits dem ihm gegenüber
Sitzenden klärlich darlegte.

Graf Burkhard folgte dem umständlichen Vortrage mit gespannter
Aufmerksamkeit, und nachdem er sich über einzelne Punkte nähere
Auskunft erbeten hatte, die durchaus zu seiner Befriedigung ausfiel,
stimmte der von dem Ascharier ganz falsch Unterrichtete dem kühnen
Plane, Rechtseinheit in ganz Sachsenland zu schaffen, freudig zu.

»Du bist also mit allem, was ich dir mitgeteilt habe, einverstanden?«
fragte Hoyer.

»Vollkommen.«

»Das ist mir viel wert, denn ich nehme Verbindlichkeit und Bürgschaft
für das Buch auf mich,« erklärte Hoyer, »und man kann nicht wissen, ob
man nach der Veröffentlichung so durchgreifender Änderung in unserem
Gerichtswesen, die vielleicht manchem Widerspruch im Lande begegnen
wird, nicht einmal einen starken Rückhalt gegen gehässige Angriffe
braucht.«

»Sie werden nicht ausbleiben,« versetzte Burkhard. »Auf mich kannst
du zählen, ich halte treu zu dir und dem mutigen Gesetzgeber. Hast du
schon mit Hohnstein darüber gesprochen?«

»Nein.«

»Oder mit dem Blankenburger?«

»Auch nicht.«

»Wie ich die beiden kenne, werden sie sich gewiß uns anschließen, und
von dem gesunden Sinn unserer anderen Standesgenossen in den Harzer
Grafschaften erwarte ich das gleiche. Du aber wirst einst stolz darauf
sein, Hoyer, daß diese patriotische Tat von deiner Burg Falkenstein
abgegangen ist.«

»Ich hoffe es, Burkhard!«

»Gott segne das Werk!« sagte der Mansfelder, und sie schüttelten sich
die Hände und tranken auf gutes Gelingen.

Den beiden Freundinnen war es ganz recht, daß die Herren sie allein
gelassen hatten, denn sie sahen sich selten und hatten nun den Wunsch,
sich wieder einmal gründlich untereinander auszusprechen.

Auch Gräfin Irma war ein hübsche Frau, schlank, mit blondem Haar,
graublauen, lustigen Augen und von zarter Gesichtsfarbe. Sie hatte,
obwohl Mutter von zwei Kindern, nicht die liebreizende Fülle wie
Gerlinde, die dennoch einen jugendlicheren Eindruck machte als die
um zwei Jahre Jüngere. Die Blonde und die Schwarze bildeten einen
anmutigen Gegensatz zwischen der norddeutschen und der südländischen
Rasse, und auch in ihrem Wesen zeigte sich ein beträchtlicher
Unterschied. Irma war leichtlebig, flink und beweglich, während
Gerlinde die äußerlich gelassenere, innerlich aber tiefer angelegte,
leidenschaftlichere Natur war.

Fröhlich plaudernd wandelten sie aus dem Empfangsraum nach dem Gemach
der Burgherrin. Hier aber, schon beim Öffnen der Tür, bekam Gerlinde
einen Schreck und wollte über die Schwelle vorauseilen, um in dem
Zimmer schnell etwas zu verdecken, was die Eintretende nicht sehen
sollte. Zu spät; Irma schritt sofort auf den Stickrahmen zu, der am
Fenster stand und von dem die gerade daran beschäftigt Gewesene bei
der Meldung des überraschenden Besuches aufgesprungen war ohne an die
Beseitigung der heimlichen Arbeit zu denken.

»Ei wie schön!« rief Irma, »was soll das werden? wohl ein Kursît? und
wie kunstvoll ist das beinah fertige Wappen, bei dessen Ausführung
ich dich gestört habe, denn die Nadel steckt noch darin. Aber das ist
nicht das gräflich Falkensteinsche; ist es das deines fränkischen
Geschlechts?«

»Nein, es ist das Wappen des Herrn von Repgow,« gab Gerlinde verlegen
zur Antwort.

»Ach, das ist euer Gast, der das Buch hier schreibt. Ja, reitet denn
der noch in die Schranken? ist er denn nicht ein Rechtsgelehrter, ein
alter Herr, bei dem von Turnier und Lanzenrennen keine Rede mehr sein
kann?«

»Da irrst du, es ist kein alter Herr,« lächelte Gerlinde. »Im
Gegenteil, er ist noch jung, ein stattlicher, streitbarer Ritter, der
zu Fuß und zu Pferd, mit dem Schwert und mit der Feder seinen Mann
steht. Sieh ihn nur erst und dann urteile selbst!«

Das in den Rahmen Gespannte war allerdings ein Kursît von blauer Seide,
d. h. ein kurzer, ärmelloser Wappenrock, wie ihn die Schildbürtigen bei
festlichen Aufzügen oder Turnieren über dem Harnisch zu tragen pflegten.

Irma hatte, die Stickerei betrachtend, Gerlindes Verlegenheit nicht
bemerkt. Jetzt horchte sie jedoch auf und fragte, nachdem beide auf der
Wolfsfellbank Platz genommen hatten: »Ist dieser Herr von Repgow dir
ein willkommener Gast?«

»Anfangs war er mir das nicht, und es wurde mir nicht leicht, mich mit
ihm zu vertragen,« erwiderte Gerlinde. »Er huldigt kirchenfeindlichen
Grundsätzen, die er auch in seinem Gesetzbuch zur Geltung bringt und
über die wir mehr als einmal hart aneinander geraten sind. Aber als ich
ihn allmählich näher kennen lernte, flößte er mir immer mehr Vertrauen,
immer größere Achtung ein, die sich bald zu dem Gefühl der Bewunderung
steigerte. Ich versichere dir, Irma, noch niemals ist mir ein Mann
begegnet, bei dem Ritterlichkeit und Gelehrsamkeit, ernster Sinn und
froher Lebensmut so herrlich vereint waren wie bei Herrn Eike von
Repgow.«

»Du singst sein Lob in hohen Tönen,« warf Irma ein.

»Muß ich auch,« rief Gerlinde, »und es reicht noch lange nicht an das
heran, was er wirklich ist. Wenn du ihn voll Begeisterung von seinem
umfassenden Werke reden hörtest, würde er dir als ein sieghafter Held
erscheinen, der sich mit seiner Willenskraft die halbe Welt erobern
könnte.«

Aus der Maßen erstaunt über die schwärmerischen Worte der Freundin
fragte Irma: »Ja, sage mir, Gerlinde, -- liebst du ihn denn?«

»Ja! ich liebe ihn,« bekannte Gerlinde errötend, doch frei und stolz.

»Weiß er das?«

»Ja!«

»Und -- liebt er dich wieder?«

»Ich glaube es, aber -- --«

»Nun? was aber? sprich weiter! weshalb der bange Seufzer?«

»Wir sollen unserem Glück entsagen, verlangt er,« gestand Gerlinde.

»Verlangt er, dein turnierfähiger Gast, der willensstarke Held?«
lachte Irma hell heraus. »Du, auf diesen geharnischten Büßer mit der
Dornenkrone der Entsagung in den Locken bin ich neugierig.«

»Seine Liebe ist eine so selbstlose, daß er mir um meiner Herzensruhe
willen das Opfer strenger Zurückhaltung bringt.«

»Ein seltsames Mittel, Herzensruhe zu schaffen und Sehnsucht zu
stillen,« spöttelte die Mansfelderin. »Von stummer Verehrung wird ein
hungriges Herz nicht satt. Hauche dem Marmorbilde warmes Leben ein, daß
es aus seiner Starrheit erwacht und von dem hohen Sockel unbeweglicher
Tugend mit offenen Armen herabsteigt. Frauen wie wir vermögen über die
Männer alles, was wir wollen.«

»Ich darf aber nichts wollen und wagen, was wider Gottes Gebot wäre.
Die heilige Jungfrau würde zürnend ihr Angesicht von mir abkehren, und
ich wäre eine Verlorene.«

»Du sollst dich nicht verlieren, sollst deinem Herrn Gemahl nicht Hals
über Kopf untreu werden,« sprach Irma. »Aber,« fuhr sie fort, »in eurem
trübseligen Eulennest hier, wo hinreichend dafür gesorgt ist, daß die
Bäume der Lustbarkeit nicht in den Himmel wachsen, darfst du dir wohl
einmal ein kurzweiliges Minnespiel erlauben, daß deiner unsterblichen
Seele keinen Schaden zufügen wird. Wenn dein nachsichtiger
Gewissenspfleger, der Abt von Gröningen, im blütenprangenden Wonnemond
wiederkommt, dir die Beichte abzunehmen, wird er dich für das Beten von
drei Rosenkränzen gern von dem fröhlichen Sündenfall absolvieren.«

»Irma!« begehrte Gerlinde empört gegen die Spötterin auf, »wenn du
das ein kurzweiliges Minnespiel nennen kannst, so begreifst du den
furchtbaren Ernst meiner Lage nicht, in der ich mich verzweifelnd
abquäle, in der ich mit mir ringe und kämpfe, daß es fast über meine
Kräfte geht. Ich ertrag' es nicht länger, und --« Stürzende Tränen
erstickten ihre Stimme.

Nun endlich sah die leichtherzige, aber keineswegs gefühllose Freundin,
daß es sich hier doch um eine echte, große Liebe handelte, eine
Angelegenheit so verhängnisvoller Art, daß guter Rat dabei teuer
war. Sie zog die Weinende in ihre Arme und redete ihr tröstlich zu:
»Ruhig, Linde, ruhig! ihr werdet euch beide schon auf den richtigen
Fuß miteinander zu stellen wissen. Suche eine offene, trauliche
Aussprache mit dem Ritter, damit ihr eine Form des Umganges findet, an
dem ihr eure Freude haben könnt. Ich kann mir denken, was du dagegen
einzuwenden hast, aber jetzt nichts mehr davon! Du bist schon aufgeregt
genug. Komm hinaus ins Freie, laß dir vom frischen Herbstwind die
heißen Wangen kühlen und schöpfe Atem, gewinne Ruhe. Komm! wir gehen
auf den Altan.«

Das taten sie. Auf dem Altan sagte Gerlinde: »Hier war es, wo uns
Eike von Repgow zuerst Plan und Inhalt seines Buches offenbarte; nie
vergesse ich jenen Frühlingsabend.«

Dann standen sie an der Brüstung und schauten sinnend in das friedliche
Tal hinab. Was der Wind Gerlinde in die Ohren raunte, verriet sie nicht.

Statt Eike durch Folkmar zum Mittagessen rufen zu lassen, holten ihn
die beiden Grafen selber aus seinem Zimmer dazu ab.

Schon über diese ihm erwiesene Ehre war er hoch erfreut, noch weit mehr
aber über die ihm vom Grafen von Mansfeld zuteil werdende Anerkennung
seines unbeirrten Strebens, Rechtseinheit im Sachsenlande zu schaffen.

»Kann ich Euch bei Eurer schwierigen Arbeit einen Dienst oder irgend
welche Hilfe leisten, Herr von Repgow, so bitte ich, über mich zu
verfügen,« schloß Graf Burkhard seine Begrüßung, während er Eikes Hand
fest in der seinen hielt.

»Ich danke Euch, Herr Graf!« erwiderte Eike. »Euer Einverständnis mit
meinem Unternehmen ist mir eine große Genugtuung.«

Graf Hoyer aber sagte: »Welch eine Schicksalsgunst ist es für mich,
Eike, daß wir uns im Gasthaus am Scheideweg getroffen haben! du machst
den Falkenstein zu einem über das ganze Reich hin leuchtenden Gipfel
der Gerechtigkeit, wie sich mein Jugendfreund vorhin mir gegenüber so
ungefähr ausdrückte, und dabei weiß er noch gar nicht, wie sehr du
mir und meiner Frau das Leben durch deine Gegenwart verschönst und
erheiterst. Am liebsten ließe ich dich nie wieder fort von hier.«

Eike schwieg. Was hätte er auch auf diese Worte erwidern sollen?

Dann gingen sie zusammen nach dem Speisesaal, wo die beiden Frauen
ihrer bereits harrten.

Gräfin Irma unterzog den Burggast, der ihr nach Gerlindes Eröffnungen
kein gleichgültiger Fremder mehr war, einer scharfen Prüfung, deren
Befund wohl ein durchaus wohlgefälliger sein mußte, denn sie war sehr
freundlich zu dem ihr ritterlich begegnenden Mann. Bei Tische knüpfte
sie mehrmals ein Gespräch mit ihm an, aber zu einem längeren Austausch
kamen sie nicht, weil die Grafen immer wieder von dem Gesetzbuch
anfingen und die alten verworrenen Rechtsbräuche mit den neuen, von
Eike angebahnten verglichen, von denen er manche dem Mansfelder noch
näher erläutern mußte.

Unterdessen beobachtete Irma insgeheim ihre Freundin, deren Augen
beständig an Eikes Lippen hingen, die sich aber in ihrer nachwirkenden
Erregung an der allgemeinen Unterhaltung nur wenig beteiligte, obwohl
Irma sie durch geschickt eingestreute Scherze von ihrem Leid abzulenken
suchte.

Graf Hoyer wurde nicht müde, seinen jungen Freund zu rühmen und
seiner noch in der Zukunft ruhenden Verdienste wegen zu feiern,
wobei Graf Burkhard kräftig in dasselbe Horn stieß. Irma wechselte
einen flüchtigen Blick mit Gerlinde, der sie den inneren, kaum zu
bemeisternden Jubel vom erglühenden Gesichte las.

In vorgerückter Nachmittagstunde brach Graf Burkhard mit seiner
lustigen Schwiegertochter auf, und als Gerlinde dieser den Mantel um
die Schultern legte, fragte sie leise: »Nun? was sagst du?«

Irma flüsterte ihr eilig zu: »Du hast recht, er ist ein ganzer Mann
und deiner Liebe wert; darum bleibe ich dabei, daß du sobald wie
möglich eine Unterredung mit ihm herbeiführst. Ihr müßt euch über euer
Verhalten untereinander klar werden und einen Entschluß fassen; so
geht's nicht weiter.«

Von den Falkensteinern und Eike auf den Burghof begleitet
verabschiedeten sich die Mansfelder mit vielen Händeschütteln von ihren
Gastfreunden, stiegen zu Pferde und ritten ab.



Sechzehntes Kapitel.


Der Besuch des Grafen von Mansfeld hatte Eikes Mut zu seinem Werke
wesentlich gestärkt und ihn so mancher Sorgen, die ihn in letzter
Zeit beschwert hatten, enthoben. Graf Burkhard war der Sproß eines
der ältesten deutschen Grafengeschlechter und genoß landein, landaus
eines hohen Ansehens, so daß Eike wahrlich allen Grund hatte, sich des
rückhaltlos abgesprochenen Beifalls des welterfahrenen Mannes zu freuen
und auf seine Befürwortung und Unterstützung der von ihm geschriebenen
Gesetze zu hoffen.

Nun hätte er sich mit doppeltem Eifer seiner Arbeit widmen können,
hätte ihm nicht eines wie Feuer auf der Seele gebrannt, -- das
grenzenlose Vertrauen des Grafen Hoyer. Er betrachtete seine Liebe zu
Gerlinde als einen Verrat, einen Einbruch in die Unverletzbarkeit des
Gastrechtes, und unter diesen Umständen die Gunst und Güte des Grafen
immerfort hinzunehmen, von ihm zu hören, daß er ihn gar nicht wieder
fortlassen möchte, an einem Tisch mit ihm zu sitzen, ihm in die Augen
zu sehen, -- das alles wurde ihm von Tag zu Tag peinlicher. Unablässig
gemahnte er sich an seinen verantwortungsvollen Beruf als Vertreter
des Rechtes, aller Rechte, auch der durch einen Ehebund geheiligten.

Noch war ja nicht das geringste geschehen, was er zu bereuen hätte.
Noch nicht! aber war er sicher, daß nicht über kurz oder lang etwas
geschehen könnte, wofür es keine Entschuldigung und keine Verzeihung
gab? Auf Gerlindes Beschränkung war kein Verlaß. Die mit allen Fasern
und Fibern an ihm Hängende verlor immer mehr die Herrschaft ihrer
selbst; erst jüngst, in Anwesenheit der Mansfelder, hatte er mit
Schrecken wahrgenommen, wie aufgeregt sie gewesen war, wie sehnsüchtig
ihr Blick den seinen gesucht hatte. Daher schwebte er in beständiger
Furcht, die in ihrer Leidenschaftlichkeit Unberechenbare könnte sich,
von ihren Gefühlen hingerissen, einmal völlig vergessen und vor den
Augen und Ohren des Grafen oder eines vom Gesinde eine Torheit begehen,
die sie und ihn als Frevler an Zucht und Sitte brandmarkte.

Auch Gerlinde war ohne Ruh und Rast und wußte nicht, was tun und
was lassen. Du mußt ihn zur Rede stellen und vereint mit ihm einen
Entschluß fassen, wie ihr euren Verkehr hier gestalten wollt, so hatte
Irmas Rat gelautet. Sollte sie ihm folgen? allen Stolz hintansetzen und
nur dem ungestümen Drange ihres Herzens gehorchen? Ach, schon längst
trieb es sie, den Weg ihrer Wünsche zu gehen, wenn ihr der Geliebte nur
ein weniges entgegenkäme. Gern wollte sie sich von ihm führen lassen,
wohin es ihm gefiele, wie sie ihn durch die Wildnis geführt hatte zu
jener zauberumwobenen Stätte, wo ihrer beide Liebe aus ihren Herzen
hervorgebrochen war. Sie wollte, von seinen Armen umschlungen, aus
seinem Munde Worte der Liebe hören, nach denen sie dürstete wie eine
Verschmachtende nach einem rettenden Trunk.

Aber ihr fehlte noch immer der Mut zum ersten Schritt, und doch sagte
sie sich: du mußt dich entscheiden, zagen und zaudern wäre jämmerliche
Schwäche. Da beschloß sie nach kurzem Kampfe, die Wallfahrt nach
dem Glücke, dem einzigen Glücke, das sie begehrte, auf eigene Faust
anzutreten; der Zufall und die Gelegenheit sollten ihr die Pfade ebnen
und die Brücken bauen.

Eine Woche lang mußte sie sich indessen noch gedulden, ehe die Stunde
zum Handeln schlug, mußte jeden Mittag und jeden Abend willig oder
unwillig mit anhören, wie die beiden Männer über das Gesetzbuch
sprachen und stritten. Seit sie ihn auf der Waldwanderung ihrer
freudigen Zustimmung zu dem Werke versichert hatte, war Eike auch
in ihrer Gegenwart mit seinen Mitteilungen darüber freigebiger, und
manchmal griff sie selber mit klugen, oft den Nagel auf den Kopf
treffenden Bemerkungen in das Wortgefecht ein. Meist aber gingen die
gründlichen Erörterungen über ihren Gesichtskreis hinaus, zumal wenn
sich Eike umständlich über das friesische Recht, das der Engern und
Westfalen oder über das bayrische und alemannische und gar über das
Volksrecht der Angelsachsen ausließ, die er alle unter einen Hut
bringen wollte. Das war die Welt, in der er lebte und webte und die
von der, in welcher sie mit ihrem Sehnen und Hoffen die Tage kommen
und schwinden sah, sternenweit getrennt war. Was kümmerten sie die
Volksrechte der Angelsachsen! Auf die Rechte des Herzens, die sie an
ihn hatte, schien er sich nicht zu besinnen.

Endlich nahte eine Gelegenheit, die ihr, wenn sie sich in ihren
Berechnungen nicht täuschte, ein Alleinsein mit dem schwer Zugänglichen
ermöglichen konnte.

Allherbstlich wurde ein Gedenktag in der Geschichte des
Falkensteinschen Grafenhauses auf der Burg gefeiert zur Erinnerung an
die vor fast zweihundert Jahren erfolgte Belehnung des Ahnherrn mit der
Gaugrafschaft. Früher hatte dabei ein üppiges Gastmahl im Schlosse mit
den Familien des benachbarten Adels stattgefunden. Das hatte Graf Hoyer
längst abgestellt, aber dem Burggesinde sollte der altherkömmliche
Brauch und seine Bedeutung erhalten bleiben und deshalb wurde ihm an
dem Abend in der Dirnitz ein vergnüglicher Schmaus angerichtet, zu
dem auch stets der Talmüller, Meister Beutling mit Frau und Kindern,
geladen wurde; Großmutter Suffie konnte ihres hohen Alters wegen den
Berg nicht mehr erklimmen.

Heute war dieser Abend, und die gewölbte Halle war zu dem Bankett hell
erleuchtet und festlich geschmückt. Gewinde von Tannenreisern und von
Eichen- und Buchenlaub schlangen sich kreuzweis hinüber und herüber,
und aus den Rüstkammern hatte man Schwerter und Spieße, zerschrotene
Helme, zerbeulte Schilde und verblichene Fahnen geholt und an den
Wänden in malerischer Anordnung aufgehängt.

Graf Hoyer hielt in friedlichen Zeiten keine starke Besatzung in der
Burg, und doch war die Versammlung eine zahlreiche. Der Wild- und
Waffenmeister, Reisige, Jäger, Stellmacher und Schmied, Torwart und
Türmer, Diener und Knechte, der Kellermeister und der Koch mit den
Küchenfrauen, Zofen und Mägde saßen in ihren besten Kleidern an der
langen, in der Mitte des Raumes befindlichen Tafel und ließen es sich
bei den reichlich aufgetragenen Speisen und Getränken wohl sein,
scherzten und neckten sich, lachten und sangen.

Für die später zu erwartende Herrschaft war seitwärts von der großen
Tafel ein besonderer Tisch gedeckt, und beim Eintritt des Grafen und
der Gräfin mit Eike von Repgow blies der Türmer auf seinem Horn einen
fröhlichen Willkomm, wobei sich alle erhoben und stehen blieben,
bis jene dort Platz genommen hatten. Dann durfte jedoch, nach dem
ausdrücklichen Willen des Grafen, keineswegs eine verschüchterte Stille
walten, sondern die Unterhaltung mußte ihren zwanglosen Verlauf weiter
nehmen.

Nachdem der Burgherr eine Zeit lang dem lustigen Treiben mit Behagen
zugeschaut hatte, ging er zu diesem und jenem seiner Leute und hatte
für jeden ein gnädiges Wort. Auch Gräfin Gerlinde besuchte mehrere der
an der Tafel sitzenden Frauen zu einer kurzen Begrüßung. Eike, den alle
hoch achteten, weil sie wußten, was er mit seiner Feder hier tat, auch
für sie tat, um ihnen und ihresgleichen im Lande ein besseres Hof- und
Dienstmannenrecht zu schaffen. Eike wandelte, den Becher in der Hand,
umher und ehrte die ihm Bekanntesten mit einem freundlichen Zutrunk, so
den Wildmeister, die über diese Auszeichnung errötende Melissa, seinen
Schreiber Wilfred und sogar den treuen Pfleger seines Rosses, den
biedern Sibold.

Der Wildmeister brachte an: »Herr von Repgow, wenn Ihr bei Eurer Arbeit
an das Wildbannrecht kommt, hätte ich ein paar bescheidene Wünsche.«

»Und die wären?« fragte Eike.

»Ja, die muß ich Euch allein vortragen, wenn Ihr einmal die Armbrust
auf die Schulter nehmt und wir auf die Pirsch gehen. Übrigens nichts
für ungut, Herr Ritter! Weidmanns Heil!«

»Ich kann Euch leider nicht Weidmanns Dank sagen, Wildmeister, denn
ich bin kein hirschgerechter Jäger,« erwiderte Eike.

»Du hast ganz recht, Scharruhn,« fiel der Graf ein, der sich zufällig
in der Nähe befand, »ich liege dem Ritter schon lange damit in den
Ohren. Nimm ihn nur einmal mit und stelle ihn gut an, wo ein Zwölfender
wechselt.«

»Das will ich gern tun, Herr Graf,« versetzte der graubärtige
Waldläufer. »Sie röhren noch, und ich würde mich freuen, wenn ich Herrn
von Repgows Kappe mit einem Eichenbruche zieren könnte.«

Eike lächelte und schüttelte ungläubig sein ausdrucksvolles Denkerhaupt.

Noch eine Viertelstunde bewegte sich der Graf unter seinem ihm
anhänglich ergebenen Gesinde; dann hatte er genug von dem Tumult und
verließ bei schon herabgesunkener Nacht ohne Aufsehen, nur von Folkmar
zu seiner Bedienung begleitet, die geräuschvoll zechende Gesellschaft.

Damit hatte Gerlinde gerechnet, und als bei Hoyers Verabschiedung von
ihnen auch Eike Miene machte zu gehen, flüsterte sie ihm zu: »Ich bitte
Euch, bleibt noch!«

Er stutzte vor dem eigentümlichen Ton, mit dem sie das gesagt hatte,
blieb aber, dieser Aufforderung nachgebend, bei ihr.

Sie war nun, mit Eike allein an dem kleinen Tische, von einer
fieberhaften Unruhe, zerstreut, geistesabwesend, und bald nach Folkmars
Rückkehr in die Halle sprach sie entschlossen: »Jetzt ist es Zeit,
kommt!«

Sie erhoben sich, und sofort war Melissa zur Verfügung der Herrin, die
ihr hastig befahl: »Geh voraus, mache Licht im Schlafzimmer und erwarte
mich oben.«

Stumm schritten die zwei über den vom Monde beschienenen Burghof an dem
Brunnen vorüber, dessen von vier Pfeilern getragenes, seltsam geformtes
Dach einen unheimlichen Schatten auf den stillen Platz warf.

Aber nicht in das Schloß führte Gerlinde den ihr verwundert Folgenden
so schnell, daß er Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten, sondern in
den Burggarten und dann die Stufen empor auf den Altan.

Dort trat sie geisterbleich, zitternd vor ihn hin, keines Wortes
mächtig. Sie hatte sich alles sorglich ausgedacht, was sie ihm sagen
wollte, und nun war sie unfähig, es vorzubringen.

»Gerlinde! was ist Euch? was ist geschehen?« fragte er bestürzt.

»Ich -- ich kann nicht mehr leben so,« stieß sie aus gewaltig
arbeitender Brust heraus.

»Um Gottes willen, redet! was ist geschehen?«

»Wie könnt Ihr noch fragen! Ahnt Ihr, ratet Ihr nicht, was mich in
Verzweiflung treibt?« stöhnte sie. »Denkt an den Heidenquell!«

Da wußte er auf einmal alles. Die Leidenschaft ging mit ihr durch, zum
rasenden Sturm entfesselt.

»Gerlinde!« sprach er ernst mit warnend erhobenem Finger, »dann
denkt auch Ihr an das, was ich Euch dort gesagt habe. Wir müssen uns
überwinden, dürfen nicht pflichtvergessen die Schranken durchbrechen,
die uns unverrückbar gezogen sind.«

»Uns überwinden!« wiederholte sie bitteren Tones. »Wenn Ihr es könnt,
-- ich kann es nicht.«

»Glaubt Ihr, daß es mir leicht wird? Was Euch im Innersten bewegt, das
schlägt auch hier seine schütternden Wellen, und doch müssen wir es
niederringen, und sollten wir darüber zugrunde gehen.«

»Ich bin schon nahe daran,« flüsterte sie. Dann fuhr sie immer erregter
werdend fort: »Das eine Wort, das unauslöschlich in unseren Herzen
geschrieben steht, ist niemals zwischen uns gesprochen worden; jetzt
spreche ich es aus: Liebe -- Liebe läßt sich nicht niederringen, Eike
von Repgow!«

Mit einem schmerzlichen Lächeln entgegnete er: »Man lernt im Leben
manches, was einem erst unmöglich däuchte. Das Schicksal ist stärker
als wir, Gerlinde.«

»Der Starke schafft sich sein Schicksal selbst.«

»Ein Glück, auf Unrecht und Schuld erbaut, ist kein wahres Glück,
ist ein unseliges Los, ein Fluch, dem wir nie und nirgend auf Erden
entrinnen könnten.«

»Er falle auf +mein+ Haupt! ich werde ihn tragen,« rief sie
herausfordernd, hoch aufgereckt.

Eike schwieg, denn mit Worten waren Gerlindes heiß überquellende
Gefühle nicht zu widerlegen. Aber er mußte seine ganze Mannheit
aufbieten, der Liebeatmenden, Liebeverlangenden gegenüber fest zu
bleiben. In verführerischer Schönheit stand sie vor ihm; er brauchte
nur die Arme auszustrecken, sie an sich zu reißen, und sie war sein.

Ihm bebte das Herz, ihm siedete das Blut in den Adern; er war auch ein
Mensch. Was sollte er beginnen, sich und die Geliebte aus der sie beide
umgarnenden Gefahr zu befreien? Dazu gab es nur ein einziges Mittel,
und schnell faßte er in diesen schwersten Augenblicken seines Lebens
den Entschluß, der dem Kampf ein Ende machte. Mild und doch mit aller
Bestimmtheit sprach er: »Gerlinde, wir müssen scheiden.«

Fragend, verständnislos blickte sie ihn an.

»Ich meine, es ist ratsam, nein, nötig, daß wir uns auf eine Weile
trennen,« erklärte er schonend, ihre Hand mit seinen beiden umfassend.
»Seht Ihr das ein, Gerlinde?«

Da sank ihr wie geknickt das Haupt auf die Brust, aber kein Laut kam
mehr von ihren Lippen. Sie entzog ihm ihre Hand und ging still davon.

»Lebt wohl, Gerlinde!« rief er ihr nach, »ich reite morgen heim nach
Reppechowe.«

Sie erwiderte nichts, wandte sich nicht nach ihm um, schritt langsam
die Stufen vollends hinab und verschwand in der dämmrigen Nacht.

Eike blieb auf dem Altan in tiefen Gedanken. Er hatte getan, was er als
ehrlicher, gewissenhafter Mensch und als Gast des Grafen tun mußte,
aber ihm war wund und wehe im Herzen. Einem Traumwandler gleich begab
er sich durch den Garten zum Schlosse.

Hell und heiter schien der zunehmende Mond vom Himmel, und von der
Dirnitz her scholl jauchzender Gesang.



Siebzehntes Kapitel.


Halb betäubt von dem Mißerfolg ihrer erregten Aussprache mit Eike
langte Gerlinde in ihrem Schlafgemach an, bemerkte aber trotzdem
den beobachtenden Blick Melissas, der mit einem schlauen Lächeln
über sie hinglitt. Das Lächeln wich jedoch schnell einem Ausdruck
des Erschreckens vor den verstörten Zügen der Gräfin. Auch das sah
Gerlinde noch. Melissa wußte also nicht allein, warum sie so lange
auf ihre Herrin hatte warten müssen und mit wem sich diese versäumt
hatte, sondern auch, daß die Zusammenkunft in nächtlicher Stunde keine
erfreuliche gewesen war.

Sie machte sich nichts daraus, mochte jene denken, was sie wollte, ihr
war jetzt alles gleichgültig. Die Erde hatte keine Blüten, der Himmel
keine Sterne mehr, da einer von ihr schied, ohne den ihr das Leben zu
einem jämmerlichen Schattenspiel wurde.

Kein Schlummer senkte sich lind und heilsam auf Gerlindes tränennasse
Augen und erlaubte ihr, von dem ihr versagten Glücke wenigstens zu
träumen, dessen Verwirklichung sie von der Allmacht der Liebe so
sehnlichst erhofft hatte. Mit grausamer Zähigkeit hielt sie der
Gedanke wach, daß Eike von Repgow sie morgen verlassen würde. Sie
sollte ihn nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr an seinem
Schaffen teilnehmen. Auch dieses Glück hatte sie sich mit ihrem
leidenschaftlichen Vorgehen verscherzt, und den, dem sie es verdankte,
vertrieb sie aus der ihm lieb gewordenen Stätte, von wo das Werk mit
dem aufsteigenden Ruhme seines Schöpfers in die staunende Welt hatte
hinauswandern sollen.

Und dabei mußte sie sich zu ihrer Beschämung noch gestehen, daß Eike
mit seiner Ablehnung ihres Verlangens nach innigerem Verkehr im Rechte
war und nicht anders handeln konnte, wenn er den Burgfrieden nicht
gefährden und den schönen Einklang fröhlicher Gastfreundschaft nicht
verstimmen wollte.

Aber über die Trennung von ihm konnte sie nicht hinwegkommen, konnte
sich kein Bild davon machen, was werden würde, wenn er nicht mehr hier
war. Sie wollte auch morgen nicht Abschied von ihm nehmen, weil sie
es nicht wagte, sich die Kraft nicht zutraute, ihm, ehe er zu Pferde
stieg, in Gegenwart ihres Gatten die Hand zu reichen und lachenden
Mundes zu sprechen: Auf Wiedersehen!

Wiedersehen? ja, wie war das denn? Eike hatte gesagt: »Wir müssen
uns eine Weile trennen.« Eine Weile! wie schätzte er denn die Zeit?
auf Tage oder auf Wochen? Darüber hatte er sich ihres Wissens nicht
geäußert, und sie schöpfte daraus die Hoffnung, daß er binnen kurzem
wiederkommen würde. Nur eines war ihr noch unerfindlich. Wie wollte
er dem Grafen gegenüber seine plötzliche Abreise begründen? denn die
Wahrheit, daß er ihretwegen ginge, durfte er ja nicht sagen. Dafür
einen glaubhaften Vorwand zu ersinnen mußte sie ihm überlassen, ihm
dabei helfen konnte und wollte sie nicht.

Noch lange floh sie der Schlaf. Endlich aber erbarmte er sich ihrer und
deckte den dicht gewobenen Schleier des Vergessens über sie.

Auch für Eike war diese Nacht eine ruhelose. Nicht, daß er wieder
wankend wurde und sich noch einmal überlegte, was er tun oder lassen
sollte. O nein! sein Entschluß stand unerschütterlich fest in ihm.
Morgen wollte er Burg Falkenstein auf Nimmerwiederkehr verlassen; es
mußte sein. Gerlinde hatte den am Heidenquell eingegangenen Vertrag
gebrochen und damit sich und ihn in eine auf die Dauer unhaltbare Lage
gebracht. Was bis jetzt scheu und verborgen als beseligendes Geheimnis
zwischen ihnen gewaltet hatte, war gegen die Abrede schweigenden
Entsagens an das Licht gezogen worden und hatte, frank und frei
ausgesprochen, seinen zartesten Duft und Schmelz eingebüßt. Aber das
nicht allein. Nach der beiderseitigen Offenbarung ihrer Liebe würde die
bisher bewahrte Vorsicht in ihrem Benehmen zueinander mehr und mehr
schwinden und die Gefahr der Entdeckung ihres verpönten Herzensbundes
mit jedem Tage wachsen, wenn er jetzt noch hier bliebe.

Noch ahnte Graf Hoyer nichts und schenkte dem als Gast unter seinem
Dache Hausenden unbegrenztes, unbedingtes Vertrauen, das schändlich zu
mißbrauchen Eike ein entsetzlicher Gedanke war. Schlimm genug schon,
daß er dem edlen Manne den wahren Grund seines Abschieds zu verhüllen,
mit Lug und Trug unter die Augen treten mußte.

Das konnte er sich nun leider nicht ersparen und hatte auch schon eine
geschwinde Ausflucht bei der Hand. Er wollte sagen, er müsse stracks
nach Reppechowe reiten, um sich eine Anzahl von seinen dort noch
befindlichen Aufzeichnungen zu holen, die er früher als überflüssig
erachtet hätte, deren er jedoch, wie er sich jetzt überzeugt, durchaus
benötigt wäre. Forschte der Graf, wie zu erwarten war, nach der Ursache
seines langen, seines gänzlichen Ausbleibens, so würde sich später wohl
auch dafür eine annehmbare Erklärung finden lassen.

Das Gesetzbuch war zu drei Vierteln fertig; das letzte Viertel mußte
Eike nun zu Hause schreiben, eine ihn keineswegs lockende Aussicht.
Wilfreds Hilfe würde ihm gewiß manchmal dabei fehlen, aber das war das
wenigste. Was alles andere er dabei schmerzlich entbehren würde, --
daran mochte er gar nicht denken.

Früh morgens erhob er sich vom Lager. Sein letzter Tag auf dem
Falkenstein war angebrochen, und nun stand er vor einem Abschnitt, an
einer Wendung seines Lebens. Wie traurig würde er in ein paar Stunden
den Berg hinunter reiten, den er vor wenigen Monaten so freudig
heraufgeritten war! Von einem wehmütigen Gefühl durchschauert trat
er ans Fenster, um das fesselnde Bild, das sich ihm hier bot, noch
einmal tief in sich einzusaugen. Er schaute zu den Bergen hinüber, in
das breite Tal hinab und auf den herbstlich bunten Wald, den er in
sprossendem Frühlingsgrün gesehen hatte. Dort drüben hatte er einst
gerastet und mit spähenden Augen Gerlindes Kemenate gesucht, als von
Süden her der Adler geflogen kam, der ihm, wie er träumte, einen Gruß
vom Kaiser Friedrich brachte. Jetzt zogen, vom Westwind getrieben,
graue Wolken über das Tal hin, und kein Fleckchen blauen Himmels zeigte
sich ihm zu einem freundlichen Fahrewohl.

Er kehrte sich vom Fenster ab seinem Gemache zu und ließ sinnend
den Blick auf seinem Schreibtisch ruhen, wo er die langen Tage
gesessen und an seinem Gesetzbuch geschrieben hatte. Gerlinde und das
Sachsenrecht, das waren die festen Pole, um die sich sein Dasein hier
gedreht hatte. Das Buch nahm er mit sich, aber von der Geliebten mußte
er scheiden. Doch er wollte nicht weich werden, mußte sich zur Reise
rüsten, seinen Mantelsack packen und dann Abschied nehmen.

Als er dem Bücherrück zuschritt, seine Papiere zu sammeln, fiel ihm
noch eine List ein, die seine Absicht, auf immer davonzugehen, besser
verdeckte als gefälschte Worte. Er wollte außer seinem fertigen
Manuskript nebst Wilfreds Abschriften davon nur das einstecken,
dessen er zur Fortsetzung des Werkes noch bedurfte, alles übrige aber
zurücklassen, als ob er bald wiederkommen und hier weiter arbeiten
würde.

Das Einpacken war schnell besorgt, und nun war es Zeit, dem
Grafen seinen Entschluß mitzuteilen und die Veranlassung dazu
auseinanderzusetzen. Eike machte sich also auf den Weg, und das wurde
ihm ein sehr schwerer Gang.

Graf Hoyer nahm das ihm dringlich Vorgestellte als hinreichenden Grund
zu einer Heimfahrt gläubig hin, fragte jedoch: »Kann denn die dir
fehlenden Schriften nicht Sibold holen?«

»Nein, sie sind eingeschlossen, und ich muß auch selber wählen, um die
richtigen herauszufinden,« erklärte Eike.

»Nun, wenn du dieserhalb durchaus nach Reppechowe mußt, so reite in
Gottes Namen hin,« sagte der Graf, »ich reite mit.«

Eike erschrak nicht wenig, denn dieses gutgemeinte Anerbieten warf
seinen Plan völlig über den Haufen. Der Graf würde nicht ohne ihn
umkehren, sondern ihn mit einigen zum Schein zusammengerafften
Papieren sofort wieder nach dem Falkenstein entführen wollen. Dem mußte
er vorbeugen und dem alten Herrn das Mitreiten auszureden suchen.

»Herr Graf,« begann er in fürsorglichem Tone, »zur Elbe hin ist es ein
weiter Weg.«

»Bis an die Elbe will ich dich auch nicht bringen,« erwiderte Hoyer.
»Nur eine kleine Strecke will ich dich begleiten, muß einmal wieder in
den Sattel und fühle mich jetzt gesund und kräftig genug dazu. Wann
willst du abreiten?«

»In dieser Stunde noch, wenn es Euch genehm ist,« entgegnete Eike
erleichtert aufatmend. »Mein Mantelsack ist gepackt und mein Pferd
bestellt.«

»Und wann gedenkst du wiederzukommen?«

Diese verfängliche und doch so natürliche Frage trieb den eben erst
aus einer schlimmen Verlegenheit Entschlüpften aufs neue in die Enge.
»Wann ich wiederkomme, -- ja -- das -- das hängt von den Umständen ab,
das kann ich auch nicht annähernd bestimmen, muß zu Hause einen ganzen
Stapel von losen Blättern und Zetteln durchmustern, und das wird wohl
mehrere Tage in Anspruch nehmen,« gab er stockend zur Antwort.

»So so! hm!« machte der Graf kopfschüttelnd. »Na, dann also vorwärts!
ich werde mich zum Aufsitzen bereit machen.«

Als sie sich eine halbe Stunde später auf dem Burghof trafen, wo die
Pferde ihrer schon harrten, richtete der Graf dem sehr ernst gestimmten
Freunde aus: »Meine Frau läßt sich entschuldigen, weil sie noch in
ihrem schlichtesten Morgengewand ist. Ich habe ihr gesagt, daß und
warum du uns auf einige Tage verlassen müßtest. Sie wünscht dir mit
ihrem besten Reisesegen glückliche Fahrt.«

Dann schwangen sie sich in die Bügel, und Eike ritt mit dem Grafen ab,
weil er nicht zum Schelmen an ihm werden wollte.

Unten im Tale blickte er noch einmal zur Burg empor, aber kein
Schleier, kein Tuch winkte ihm von oben einen Abschiedsgruß zu.



Achtzehntes Kapitel.


Geräuschvoll hatte Eikes Gegenwart nie gewirkt. Er hatte tagaus, tagein
still in seinem Zimmer gesessen und geschrieben, immer geschrieben,
aber nun, nach seinem Abgange, schien es in der Burg noch stiller
geworden zu sein. Er fehlte allen, denn alle bis zum untersten Knecht
und zur jüngsten Magd hatten ihn lieb gewonnen und die wenigen Dienste,
deren der anspruchslose, leutselige Gelehrte bedurfte, gern geleistet.
Am schmerzlichsten vermißte ihn Gräfin Gerlinde, obwohl seine
Abwesenheit, nach der Andeutung des Grafen, nur von kurzer Dauer sein
sollte. Sie vermied es, ihren Gemahl zu fragen, ob Eike unterwegs etwas
über den mutmaßlichen Tag seiner Rückkehr geäußert hätte, so sehr sie
auch darauf brannte, dies zu erfahren, um ihm einen festlichen Empfang
bereiten zu können. Dem Türmer hatte sie schon anbefohlen, einen laut
schmetternden Ruf zu blasen, sobald er den Gast im Tale heranreiten
sähe.

Als sie einmal sein Zimmer mit einer Andacht, als wäre es ein
Heiligtum, betrat, sah sie dort, welch eine Menge von Schriftstücken
er zurückgelassen hatte, die er alle noch bearbeiten wollte; also
wiederkommen mußte er.

Auch sie selber war, als er abritt, mit ihrer Stickerei für ihn noch
nicht fertig, an der sie, des Entfernten gedenkend, emsig weiter
wirkte. Dennoch waren es trübe Stunden, die sie am Rahmen verbrachte,
von keinem Sonnenstrahl freundlich erhellt, denn der Himmel hatte sich
in Dunst und Wolken gehüllt, und der Wind summte eine schwermütige
Weise um die Zinnen der Burg, zu der die Wetterfahne mißtönig knarrte.
Sonst hatte sich Gerlinde mit fleißigen Fingern allmählig an die
Mittags- und Abendmahlzeit herangestichelt in der frohen Gewißheit,
den Geliebten sich dann gegenüber zu haben. Wenn Melissa sie jetzt zu
Tische rief, schnellte sie nicht wie der Vogel vom Ast flink vom Stuhl
empor, sondern erhob sich lässig und unlustig, blickte nicht in ihren
silbernen Handspiegel, sich das wellige Haar an Stirn und Schläfen zu
ordnen, und eilte nicht beflügelten Schrittes zum Speisesaal.

Auch Graf Hoyer war in keiner erbaulichen Verfassung. Der Ritt in Eikes
Begleitung, den er weiter ausgedehnt als er sich vorgenommen, hatte ihm
nicht gut getan. Dazu kam, daß er jetzt etwas entbehren mußte, was ihm
zu einem seelischen Bedürfnis geworden war, die Besprechungen mit Eike
über dessen Werk. Diese empfindliche Lücke in seinem täglichen Leben
machte ihn oft übellaunig, worunter auch Gräfin Gerlinde zu leiden
hatte.

Der einzige, der Eikes Verschwinden nicht bedauerte, war Wilfred, weil
er nun von aller Last und Plage befreit war und seine Zeit verwenden
oder vielmehr totschlagen konnte, wie es ihm gefiel. Er besuchte sein
liebes Füchslein draußen im Walde, lungerte in den Ställen bei Rossen
und Rüden herum, störte mit Geschwätz und läppischen Flausen das
Burggesinde bei der Arbeit, begegnete aber allen neugierigen Fragen
nach der Ursache und der Dauer von des Ritters Abwesenheit mit der
geheimniskrämerischen Ausrede, daß er als Eingeweihter zum Schweigen
verpflichtet sei und nichts verraten dürfe.

Eike hatte sich unter demselben Vorwande von ihm verabschiedet, den
er dem Grafen Hoyer gegenüber gebraucht hatte. Wilfred aber glaubte
nicht recht an das Herbeiholen noch anderen schriftlichen Stoffes,
sondern sah darin nur einen ziemlich fadenscheinigen Deckmantel für die
unbegreifliche Flucht, die ihm einen etwas verdächtigen Anstrich hatte.
Einen Zwist zwischen der Herrschaft und dem Gaste konnte es nicht
gegeben haben; sonst hätte der Graf ihn nicht begleitet. Da mußten
also andere, schwerwiegende Gründe vorliegen, die er noch nicht zu
durchschauen vermochte. Er wußte nur, daß Eike nicht alle Aktenbündel
mit sich genommen hatte, und es stachelte ihn, herauszukriegen, welche
Papiere er hier zurückgelassen hatte. Zu dem Zwecke stahl er sich in
des Ritters Zimmer, durchstöberte die dort noch lagernden Schriftstücke
und fand, daß nur die in dem Gesetzbuche bereits verarbeiteten
hiergeblieben waren, die anderen, ihrer Benutzung noch harrenden aber
in dem Regal fehlten. Daraus folgerte er, daß der von hier Ausgerückte
sein langweiliges Buch in Reppechowe fertig schreiben, also nicht
wiederkommen wollte, eine Entdeckung, die ihn überaus fröhlich stimmte,
die er jedoch für sich zu behalten beschloß, weil er sie vielleicht
irgendwie zu seinem Vorteil verwerten konnte.

Auch Melissa zerbrach sich den Kopf über Eikes plötzliche Abreise, doch
sollte ihr des Rätsels Lösung nicht lange zu schaffen machen. Nach
einigen Tagen fing die Gräfin aus freien Stücken an, davon zu sprechen
und das in wohlerwogener Absicht.

Gerlinde war überzeugt, daß ihre scharfsichtige, hellhörige Gürtelmagd
längst wußte oder wenigstens ahnte, wie sie mit Eike stand, wollte aber
nicht, daß sich Melissa über seine Entfernung eine falsche Meinung
bildete und eine ehrenrührige, seinem Rufe schadende Veranlassung dazu
vermutete. Darum sagte sie eines Morgens so beiläufig: »Nächstens
wird auch Herr von Repgow wiederkommen, Melissa; wir können ihn jetzt
fast jeden Augenblick erwarten. Er ist nach seinem Lehen an der Elbe
geritten, um sich noch einige ihm nötige Schriften für seine Arbeiten
zu holen.« Melissa äußerte, sich in die Seele der Gräfin versetzend,
ihre lebhafte Freude darüber und schob die ihr an der Gebieterin bisher
völlig fremde Unsicherheit und Befangenheit bei der Mitteilung auf
die Ungeduld des Hoffens und Harrens, die sie ihr seit dem Abzuge des
Ritters deutlich ansah.

Zum Teil hatte sie das Richtige damit getroffen, aber nicht ganz. Es
war nicht bloß Ungeduld, es war schon Zagen und Bangen, was sich der
Vereinsamten mehr und mehr bemächtigte.

Gerlinde hatte sich die Frist bis zu Eikes Wiederkehr so berechnet:
zwei Tage für den Hinweg nach Reppechowe, höchstens zwei für den
Aufenthalt dort zur Auswahl der Skripturen und zwei für den Rückweg,
also zusammen, reichlich bemessen, sechs Tage, und heute waren schon
acht nach seinem Wegritt verflossen. Das beunruhigte sie und weckte ihr
Zweifel, ob er überhaupt jemals wiederkommen würde.

Diese Sorge entging der treuen Dienerin nicht, und nun versuchte sie,
den sich mit jedem Tage steigernden Trübsinn ihrer lieben Herrin mit
bescheiden tröstlichem Zuspruch nach Möglichkeit zu vertreiben. Dazu
schüttelte Gerlinde nur traurig das Haupt, seufzte und schwieg.

Verdüstert und vergrämt saß sie endlos lange Stunden in ihrem Zimmer,
fand auch am Stickrahmen keine Linderung und Stillung ihres Schmerzes,
und ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem Geliebten sank und sank.

Da, in ihres Herzens bitterer Not, nahm sie ihre Zuflucht zur Harfe,
spielte erst eine sanft hinschwebende Melodie, schlug dann bewegtere
Töne an und sang dazu:

    Ein Falke strich daher im Forst,
    Und als er hier gebaut den Horst,
    Da hab' ichs kommen sehen.
    Ich spürte seiner Flügel Schlag
    Wie Kosewind am Maientag
    Mich wonniglich umwehen.

    Ich hätt' ihn gerne mir gezähmt,
    Vor seiner Augen Blick beschämt
    Mußt' ich die Wimpern senken.
    Ich habe seinem Wort gelauscht,
    Mich aufgerichtet, mich berauscht
    An seinem kühnen Denken.

    Mit Geistes Kraft bezwang er mich,
    Stolz, immer stolzer schwang er sich
    Empor ob meinem Haupte.
    Ich folgte seinem hohen Flug,
    Weil Sehnsucht hin zu ihm mich trug,
    Der meine Ruh mir raubte.

    Nun aber über Berg und Tal
    Ist er zu meines Herzens Qual
    Von dannen doch gezogen.
    Wann kehrest du zu mir zurück,
    Wie weit, mitnehmend all mein Glück,
    Hast, Falk, du dich verflogen?

Bei dem einen Liede blieb es nicht. Sie behielt die Harfe im Arm,
drückte sie an ihre wogende Brust und starrte, auf der Wolfsbank
sitzend, mit feucht schimmernden Augen ins Leere. Dann hub sie wieder
an:

    Vergebens in die Ferne
    Tauch' ich den müden Blick,
    Umsonst frag' ich die Sterne:
    Wie lenkt ihr mein Geschick?

    O laßt dies Leben enden
    Und schiebt den Riegel vor,
    Nichts hat mehr zu verschwenden,
    Wer alles schon verlor.

    Ich wandelte auf Wegen,
    Beglänzt von Sonnenschein,
    Jetzt möcht' ich still mich legen
    Ins dunkle Kämmerlein.

    Mir blühten ringsum Rosen
    In funkelhellem Tau,
    Jetzt ist in Sturmes Tosen
    Der Himmel wolkengrau.

    Und aus den Saitensträngen
    Kein Lied mehr davon schallt,
    Was mir mit Wunderklängen
    Im Traum nur widerhallt.

Auch damit hatte sie noch nicht genug; es lag ihr zu vieles auf der
Seele, was herunter mußte, und noch einmal begann sie in ihrer Gefühle
wehmutvollem Drang:

    Blätter fallen nieder,
    Blumen welken auch,
    Doch sie kommen wieder
    Mit des Frühlings Hauch.

    Ist das Herz gebrochen,
    Blüht es nimmer neu,
    In den Wind gesprochen
    Waren Lieb und Treu.

    Was man nie besessen,
    Läßt man leicht zurück,
    Schwer ist zu vergessen
    Ein verlornes Glück.

    Mein kann ich nicht nennen,
    Was so lockend gleißt,
    Daß man soll erkennen,
    Was entsagen heißt.

    Ach, ich will entsagen,
    Aller Hoffnung bloß,
    Schweigend will ich tragen
    Mein verzweifelt Los.

    Dürft darum nicht wähnen,
    Daß mein Herz versteint,
    Saht ja nicht die Tränen,
    Die ich Nachts geweint.

Ganz leise nur waren die Worte ihren Lippen entflohen, und es war
ihr, als hätte nicht sie mit dem Spiel ihrer Finger die Töne aus den
schwirrenden Saiten hervorgebracht, sondern als wäre die Harfe wie
eine andere, teilnehmende Sängerin mit eigener, lebendiger Stimme zur
Begleitung eingefallen. Danach erhob sie sich langsam, hängte die Harfe
wieder an die Wand und sprach schmerzbewegt: »Verstumme nun, du traute
Genossin meines Leides! Dies wird das letzte Lied gewesen sein, das wir
zwei miteinander gesungen haben.« --

Die Fanfare des Türmers erklang noch immer nicht, so sehr auch alles,
was Ohren hatte in der Burg, darauf wartete und horchte. Denn der
Wächter auf der Plattform des Bergfrieds hatte es allen gesagt: »Wenn
ihr mich jetzt einmal recht laut und lustig tuten hört, so bedeutet
das: unser Ritter kommt wieder. Die Gräfin hat's befohlen, ich soll ihn
in alle vier Winde ankündigen, daß die Füchse im Bau und die Ratten in
ihren Löchern die Lauscher spitzen.«

»Da könnt ihr lange warten!« hatte Wilfred dazu listig in sich
hineingekeckert. »Den bläst hier kein Hornstoß wieder an.« Seit er
unbeschränkte Freiheit hatte, war der Leichtfuß voll Übermut und lief,
wann und wo es nur anging, Melissa nach, bei der er jetzt mehr denn je
in Gunst stand, weil er zu ihrer Freude in der Dirnitz öfter mit ihr
getanzt hatte als mit der ihr verhaßten Müllerstochter. Nun hatte er
sie aber jüngst einmal belauert, wie sie aus dem obersten Ausguck des
Schlosses nach der Stelle hinlugte, wo die Landstraße um die Berge in
das Tal einbog. Das verdroß ihn, und als sie auf den Burghof herabkam,
warf er ihr vor: »Ich habe dich gesehen, wie du dir da oben den Hals
ausrecktest nach einem, in den du verliebt bist, du falsche Katze!
aber das nützt dir nichts, er kommt nicht wieder, der versessene
Rechtsklitterer.«

»Erstens, Fred, bin ich keine falsche Katze, zweitens bin ich nicht
verliebt in den Ritter, und drittens kommt er allerdings wieder; er
holt sich nur neue Schriftstücke von seinem Lehngute,« erwiderte
Melissa.

»Jawohl! das hat er mir auch aufgebunden, nichts als eitel Flunkerei!«
höhnte Wilfred. »Ich sage dir, er kehrt nicht auf den Falkenstein
zurück.«

»Warum sollte er denn nicht zurückkehren?« fragte Melissa. »Er ist ja
in Fried und Freundschaft von hier geschieden.«

»Er wird schon wissen warum.«

»Ach was, dummes Zeug, eine rein aus der Luft gegriffene törichte
Einbildung von dir!«

»Wollen wir wetten, daß er nicht wiederkommt?«

»Ja! um was?«

»Um sieben Küsse.«

»Gleich sieben auf einmal?«

»Auf einmal! einen nach dem andern natürlich.«

»Aber warum just sieben? einer wäre wohl auch genug,« meinte Melissa.

»Weil sieben eine heilige Zahl ist. Sieben Sakramente gibt es, sieben
Todsünden, sieben Planeten, sieben Weltwunder und sieben freie Künste.
Sieben Tage hat die Woche und sieben Heerschilde das Lehnrecht,«
dozierte er großartig.

»Der gut abgerichtete Klosterschüler spukt dir noch im Kopfe, Fred,
aber von dem Rechtsklitterer scheinst du doch auch was gelernt zu
haben,« hänselte ihn Melissa.

»Mehr als mich verlangte,« lachte er. »Also gilt's? sieben Küsse! Wenn
er von heute binnen zweimal sieben Nächten nicht hier ist, hab ich die
Wette gewonnen.«

»Meinetwegen!«

»Topp!« sagte Wilfred, »er kommt nicht.«

»Topp! er kommt,« behauptete die Streitlustige.

Er hielt ihr die Hand hin, und Melissa schlug ein.

»Was habt ihr euch denn so feierlich gelobt?« fragte herzutretend
Goswig, der, hinter einer Säule des Brunnens verborgen, die miteinander
Tuschelnden heimlich beobachtet hatte. »Wollt ihr freien? Du hast
nichts, und sie hat auch nichts als ihr hübsches Lärvchen und ihr
schnippisches Schleckermäulchen.«

»Aber viel mehr Verstand als unter einer gewissen Marderpelzmütze zu
finden ist,« trumpfte Melissa den sich ungerufen Einmischenden ab, der
von der Wette und ihrem Preise glücklicherweise nichts gehört hatte.

»Wir haben gewettet,« fügte Wilfred hinzu, »ob einer, den wir kennen,
abends nach dem vierten oder fünften Kruge Bier noch Mann und Weib
voneinander unterscheiden kann.«

»Laßt's doch einmal drauf ankommen, ihr beiden!« knurrte der Alte und
zog sich beleidigt in seinen Schmollwinkel, das Torstübchen, zurück. --

Dem Grafen Hoyer wurde Eikes Abwesenheit, je länger sie währte,
je unverständlicher, denn er konnte sie auf keine Weise mit der
ihm dargelegten Absicht des Freundes in Einklang bringen. Nun ließ
es ihm keine Ruhe mehr; er wollte wissen, was dahinter steckte.
Vielleicht konnte ihm Wilfred Auskunft geben. Sofort beschickte er den
Schreibgehilfen seines beurlaubten Gastes, um aus ihm eine Deutung von
Eikes Verschwinden herauszupressen.

Wilfred, der immer ein gebrochen Schwert und nie ein ganz reines
Gewissen hatte, erschien mit ängstlich klopfendem Hasenherzen vor dem
gestrengen Burgherrn und war auf manches gefaßt, nur nicht auf etwas
Erfreuliches.

Der Graf stellte jedoch in einem fast gnädigen Ton die Frage an
ihn: »Wilfred, hat dir Herr von Repgow Näheres über die Zeit seiner
Wiederkehr gesagt?«

»Nein, Herr Graf! er wollte sich nur noch einige Schriftstücke für sein
herrliches Gesetzbuch holen,« entgegnete Wilfred.

»Ganz recht,« sprach der Graf, »aber davon könnte er doch längst wieder
hier sein.«

»Das hab' ich mir auch schon gedacht.«

»So! Du auch, -- und was denkst du dir sonst noch?«

Wilfred zuckte die Achseln und erwiderte: »Nichts, Herr Graf! mich hat
Herr von Repgow nicht ins Vertrauen gezogen.«

»Besinne dich wohl! es kommt mir viel darauf an,« ging ihm der Graf nun
schärfer zu Leibe.

»Ich habe keinerlei Vermutung über den Verbleib des Ritters,« log
Wilfred unsicher und eingeschüchtert.

»Du kannst mir also nicht den geringsten Anhalt über die Pläne und
Maßnahmen des Ritters geben?« fragte der Graf noch einmal dringlich den
vor ihm Zitternden.

»Ich glaube, Herr Graf --«

»Ach was, glauben! tu, was ich dir befohlen habe,« schnitt ihm der Graf
schnell das Wort ab und winkte ihm, zu gehen, denn in diesem Augenblick
war die Gräfin eingetreten, die von diesem Gespräch nichts wissen
sollte.

Wilfred, froh, daß das peinliche Verhör damit ein Ende hatte, machte
sich schleunig aus dem Staube.

Er war gerade auf dem Sprunge gewesen, seine Entdeckung in bezug
auf die von Eike mitgenommenen und von ihm hiergelassenen Papiere
einzugestehen. Wäre ihm dazu Zeit gelassen worden, so hätte der Graf
erfahren, daß Eike niemals wiederkommen wollte, und das hätte zu
Erörterungen im Schlosse führen können, von denen sich der diesmal
Unschuldige nichts Gutes versprach. Diese Gefahr war durch den Eintritt
der Gräfin abgewendet.

Gerlinde hatte mit ihrem Gemahl nur eine kurze Besprechung über eine
Wirtschaftsangelegenheit, in der sie seinen Rat zu hören wünschte und
nach deren Erledigung sie ihn wieder verließ.

Dem Grafen war es aufgefallen, wie bleich und bekümmert sie ausgesehen
hatte, und er brauchte nach der Ursache davon nicht zu suchen. »Eike
fehlt ihr ebenso wie mir,« sprach er zu sich, »sie härmt sich um
ihn, und das ist sehr begreiflich. Sie standen so freundschaftlich
miteinander, er unterhielt sie so gut, und sie redete so gern mit ihm
von seinem Werke, wie ich, ganz wie ich. Das soll nun alles mit einem
Male vorbei sein? nein! auch ich will ihn wiederhaben, und ihr bereite
ich eine Freude, wenn ich ihn wieder einfange und sie eines schönen
Tages mit seiner Rückkehr überrasche.«

Er erhob sich und schritt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf
und ab. »Wenn ich reiten könnte, holt' ich ihn mir selber. Aber
schreiben werd' ich ihm, einen geharnischten Brief, der ihm an Herz und
Nieren geht. Scharruhn muß damit hin zu ihm und mir den Abtrünnigen
heranschaffen.«

Er beschied den Wildmeister, auf den er sich unbedingt verlassen
konnte, zu sich und eröffnete ihm: »Scharruhn, du mußt morgen zu Herrn
von Repgow reiten nach Reppechowe, gegenüber von Aken an der Elbe,
darfst aber keiner Menschenseele sagen, wohin dein Weg geht, hörst du?
keiner Menschenseele, auch nicht der Gräfin und keinem vom Burggesinde.
Ich werde dir einen Brief mitgeben, und nicht Antwort sollst du mir
darauf bringen, sondern den Ritter selber, wie er geht und steht, und
läßt keine Ausrede, keine Entschuldigung von ihm gelten. Bist du im
klaren, Alter?«

»Wie ein Schweißhund auf frischer Fährte, Herr Graf!«

»Gut! dann sattle nach der Morgensuppe. In vier, spätestens fünf Tagen
erwarte ich dich mit dem Ritter zurück. Den Brief werde ich dir heute
noch hier in meinem Zimmer einhändigen, ehe du zum Abendtrunk in die
Dirnitz gehst.«

»Es wird alles so geschehen, wie Ihr befehlt, Herr Graf,« sprach der
Wildmeister, verneigte sich ehrerbietig und trat ab.

Abends stellte er sich wieder ein und nahm den Brief in Empfang, der
folgendermaßen lautete:

        Eike von Repgow!

    Wo bleibst Du? warum kommst Du nicht wieder? was soll ich davon
    denken? Du fehlst uns, mir und der Gräfin, an allen Ecken und
    Enden, und wir wollen Dich wiederhaben. Wahrscheinlich hast Du
    Dich dort in die gefundenen Schriften verbissen und vergißt uns
    darüber statt mit ihnen zu uns zurückzukehren und hier weiter
    zu arbeiten. Du hast Dein Buch manchmal +unser+ Buch genannt,
    und nun willst Du mich der größten, der einzigen Freude meiner
    letzten paar Jahre berauben, daran teilzunehmen? Das darfst Du
    mir nicht antun, Eike! Ich beschwöre Dich: komm wieder! Der
    Wildmeister hat gemessenen Befehl, Dich uns zurückzubringen,
    und wir lassen ihn nicht über die Zugbrücke ohne Dich. ~Dixi.~
    Auf Wiedersehen, mein Eike!

            Hoyer von Falkenstein.

Am andern Morgen ritt der mit so dringender Botschaft Betraute in
seinem besten Jagdkoller, Weidmesser an der Hüfte, von der Burg ab. Am
Tore fragte ihn Goswig: »Wo hinaus hoch zu Rosse?«

»Ins Thüringerland zum Brautlauf,« gab ihm der im Sattel zur Antwort.
»Hab' da noch eine Feinsliebste sitzen; die will ich heimführen.«

»Da wird's aber Zeit mit dem Kränzlein,« lachte Goswig. »Wird wohl
schon eine recht ehrwürdige Jungfrau sein, oder ist's eine gut
erhaltene Wittib mit einem erklecklichen Sparpfennig zu unterst in der
Truhe?«

»Wart' es ab, alter Kettenhund, und belle sie nicht an, wenn ich mit
ihr meinen Einzug halte,« erwiderte der Weidmann.

»Na dann Heil und Segen zum fröhlichen Beilager, du übermütiger alter
Hagestolz!« rief ihm der Torhüter nach.



Neunzehntes Kapitel.


Trägen Ganges glitten inhaltleere Tage am Falkenstein vorüber; keiner
brachte den entflohenen Gast zurück, aber jeder belud das Herz der
Gräfin mit schwererem Leid. Nirgend hatte sie Ruhe, durchirrte die
Treppen und Flure des Schlosses, horchte auf jedes Geräusch draußen,
auf jeden Hufschlag im Burghof, und jeden ihr zufällig Begegnenden,
Mann wie Magd, sah sie erwartungsvoll an, ob er ihr nicht melden
wollte: der Ritter von Repgow ist wieder da. Auch von ihm selber kam
keine Botschaft, keine Entschuldigung seines langen Fernbleibens; er
hatte die hier um ihn Trauernde vergessen.

Ihr Andenken aus seiner Seele verbannt, ihre Liebe von ihm verschmäht,
ihr ganzes Dasein vor ihm versunken wie ein in bodenlose Tiefe
geschleuderter Stein, das war mehr als Gerlinde zu tragen vermochte.

»Gott im Himmel, gib ihn mir wieder!« betete sie mit gerungenen Händen.
»Ich gelobe, mich seinen strengsten Befehlen zu unterwerfen; kein
Wort, kein Blick und kein Seufzer soll ihm fürderhin etwas von der
verzehrenden Glut ungestillter Sehnsucht verraten, an der ich ohne ihn
elend zugrunde gehe.«

Ach, sie wußte wohl, daß Gebet und Gelübde umsonst waren; ihr blieb
kein Schimmer von Hoffnung auf sein Wiederkommen.

Schon mehrmals hatte sich ihr in der Abenddämmerung ihres einsamen
Zimmers ein aus dem Dunkel heranschleichendes Gespenst genaht, dessen
Geisterhauch sie mit kaltem Schauder spürte. Anfangs hatte sie die
Kraft besessen, den Dämon mit frommer Entrüstung von sich zu weisen,
doch er kehrte wieder, wich und wankte nicht und hängte sich an sie wie
ihr Schatten. Sie gewöhnte sich an ihn, befreundete sich mit ihm, und
bald erschien er ihr nicht mehr als Dämon, sondern als ein Erlöser aus
folternden Qualen. Es war der Gedanke, aus dem Leben zu scheiden, da
Eike von ihr geschieden war, und endlich reifte der Plan zum Entschluß,
über dessen Ausführung in einer unentdeckbaren Weise sie nun ernstlich
nachsann.

Ein Dolchstoß ins Herz würde sich als eigene Tat offenbaren und
schonungslose Fragen nach dem Beweggrunde zur Folge haben. Es gab steil
abfallende Felsen hier in der Umgegend, und ein Fehltritt würde den
Absturz erklären, aber das war ihr nicht sicher genug; dabei könnte
sie sich, statt die Vernichtung zu finden, vielleicht nur eine mäßige
Verletzung zuziehen, mit der ihr nicht gedient war. Sie dachte an die
ägyptische Königin Kleopatra, die sich eine Schlange an den Busen
setzte, aber die Schlangen waren ihr ein zu widerwärtiges Gezücht, und
es gab ja noch andere Gifte als Schlangengift. Ha! jetzt hatte sies.

Großmutter Suffie, die das Gras wachsen hörte, die Sprache der Vögel
verstand, die Säfte aller Pflanzen kannte und damit Menschen gesund und
krank machen konnte, die sollte ihr raten und helfen. Ohne Säumen trat
sie den Weg zur Talmühle an. --

Die Gräfin und die uralte Müllerin waren seit Jahren schon gute
Nachbarn und Gefreunde. Gerlinde hatte die in vielen Dingen
Wohlbewanderte öfter besucht, sich an ihrer abergläubischen
Spruchweisheit ergötzt und ihre nützlichen Winke über Landesbrauch
und Gewohnheit, Hausarzneien und Heilmittel nicht zu ihrem Schaden
befolgt. Suffie hatte ihr immer willig des langen und breiten Auskunft
gegeben, und zu diesen Unterredungen ließen sämtliche Beutlings nach
ehrfürchtiger Begrüßung der Herrin die zwei stets unter sich allein in
der Stube.

Suffies faltenreiches Gesicht glänzte in Freuden auf beim Erscheinen
der Gräfin, und kaum daß diese Platz genommen hatte, wurde sie von der
Geschwätzigen mit einem Schwall von Fragen überschüttet, wie sie den
Sommer verlebt, ob sie fleißig gestickt, täglich Harfe gespielt und
gesungen und was sie sonst noch getan und getrieben, da sie sich seit
undenklicher Zeit nicht in der Mühle hätte blicken lassen. »Freilich,«
fügte sie, ohne auf die Antwort zu hören, hinzu, »Ihr habt einen Gast
im Schlosse, einen vornehmen, jungen Ritter, der Euch geflissentlich
mit minniger Kortasie aufwarten wird. Da ist es nicht zu verlangen, daß
Ihr Euch auf eine alte, verschrumpelte Unke besinnt wie ich bin.«

»Unkenhaft schaut Ihr nicht aus, Großmutter,« versicherte die Gräfin.
»Schon das lustige Gefunkel Eurer Augen straft Eure Worte Lügen.«

»Die Augen, ja, die tun noch allweg ihren Dienst,« versetzte Suffie.
»Ich erkenne noch genau, wohin die Wetterfahne oben auf Eurem Dache
zeigt.«

Auch vom Grafen Hoyer, von Wilfred, von Melissa und noch mehreren ihres
Hofstaates mußte Gerlinde erzählen, denn die neuigkeitsüchtige Alte
wollte über alle Burgbewohner auf dem laufenden erhalten sein.

Die Gräfin saß wie auf Kohlen vor Ungeduld, die eigenartige
Veranlassung ihres Besuches anbringen zu können. Endlich gelang ihr
dies. »Großmutter Suffie,« begann sie mit erregt hastender Stimme,
»ich komme, Euch einmal wieder um einen guten Rat zu bitten. Ihr wißt
ja mit allerlei Ziefer und Zauber Bescheid; nun sagt mir, wie wir uns
der abscheulichen Ratten erwehren sollen, die auf dem Falkenstein in
erschreckender Weise überhand nehmen. In die aufgestellten Fallen
gehen sie nicht mehr, und die Hunde werden auch nicht Herr über die
entsetzliche Plage. Was sollen wir dagegen tun?«

»Da müßt Ihr den Biestern Gift legen, gnädigste Frau Gräfin!« erklärte
Suffie ohne Bedenken.

»Ja, Gift, -- das wird schwer zu haben sein,« meinte die Burgfrau
vorsichtig, Suffies Anerbieten erwartend, es ihr beschaffen zu wollen.

»Nichts leichter als das!« lachte die Alte. »Tollkirsche ist das Beste,
zu dem ich Euch raten kann; das räumt im Umsehen unter dem garstigen
Viehzeug auf, denn es wächst nichts Giftigeres im ganzen Gebirge.«

»Wächst es auch hier?« fragte Gerlinde begierig.

»Am Heidenquell wuchert es, Frau Gräfin! Kennt Ihr den?«

Am Heidenquell! wie ihr der Name ins Herz griff! »Ob ich ihn kenne,
Großmutter Suffie!« sagte sie mit einem wehmütigen Lächeln. »Ihr selber
habt mich ja einst zu dem der Frau Holle geweihten wundertätigen Born
hingewiesen.«

»Hab' ich? ach ja, ich erinnere mich,« bestätigte die alte Heidin.
»Wenn man über die neunzig Jahre hinauskommt, wird das Gedächtnis immer
schwächer; das werdet Ihr an Euch auch noch einmal erfahren, liebe,
junge Gräfin. Wie alt seid Ihr denn?«

»Achtundzwanzig.«

»O da habt Ihr ja noch ein ganzes, langes Leben voll Glück und Freuden
vor Euch.«

Gerlinde schwieg und blickte verlegen zu Boden. Dann bat sie, ihr das
Aussehen der Tollkirschen zu schildern, und lauschte der Beschreibung
mit größter Aufmerksamkeit.

Suffie belehrte sie: »Es ist ein krautartiger Strauch, etwa eine Elle
hoch, mit länglichen, zugespitzten Blättern und glänzend schwarzen
Beeren. Den müßt Ihr mitsamt den Wurzeln ausgraben, denn die Wurzeln
und die Blätter sind das Giftigste an ihm, nicht die Beeren. Also nur
die Wurzeln und die Blätter müßt Ihr in Wasser zu einem dicken Brei
einkochen und etwas Speck dazutun. Wenn davon so ein liebes Tierchen
nur ein Fingerhütlein voll nascht, dauert es keine Stunde, und es
streckt alle Viere von sich.«

»So rasch wirkt es?«

»So rasch geht es, so stark ist das Gift,« nickte die Sachverständige.
»Ihr müßt deshalb mit aller Fürsichtigkeit dabei zu Werke gehen und
Euch dann gleich die Hände waschen, denn wenn Ihr nachher beim Sticken
an den Finger leckt, um die Seide in das Nadelöhr zu fädeln, könnte
es leicht um Euch geschehen sein. Aber Ihr werdet ja das Kochen nicht
selbst besorgen.«

»Doch, ich möchte keinen meiner Leute einer solchen Gefahr aussetzen,«
fiel Gerlinde geängstigt ein. »Ich habe in meinem Schlafgemach eine
kleine Weingeistlampe, auf der ich mir zuweilen ein Tränklein gegen
Heiserkeit beim Singen braue.«

»Gut, desto besser! dann bleibt das feine Mittelchen unter uns. Sagt's
niemand, daß ich es Euch angeraten habe,« raunte Suffie.

»Ach nein! ich werde -- stumm sein,« gab ihr Gerlinde ernst zur
Antwort. »Laßt auch Ihr niemals verlauten, daß ich Euch danach gefragt
habe, niemals!« Sie erhob sich, drückte der Alten die knöcherne Hand
und sprach: »Habt Dank, Großmutter Suffie, und -- lebt wohl!«

»Ich freue mich immer, wenn ich Euch zu Willen und Gefallen sein kann,«
erwiderte Suffie und geleitete, auf ihren Krückstock gestützt, die
Gräfin zum Zaun des Mühlengehöftes. Dort blickte sie der Scheidenden
nach und murmelte, das greise Haupt schüttelnd: »Ratten? und darum
kommt sie selbst? wunderlich, sehr wunderlich! Sie war so seltsam
unruhig wie sonst nie, sah auch schlecht aus, blaß und abgezehrt, und
ihre Augen flackerten unstet wie bei einer, die nicht Frieden im Herzen
hat. Sie wird doch mit den Tollkirschen nichts Arglistiges im Sinn
haben? Wem anders aber als Ratten sollte sie Gift mischen wollen? doch
nicht etwan ...? ach, schäme dich, altes, dummes Weib!« Mit gebeugtem
Nacken humpelte sie nach dem Hause zurück. --

Gerlinde, den Burgberg hinansteigend, gedachte Eikes. Was würde er
sagen, wenn er ihr plötzliches Hinsterben erfuhr? würde er glauben, daß
sie eines natürlichen Todes verblichen war? Gewiß nicht! er, er allein,
würde sofort die volle Wahrheit erfassen, aber auch unverbrüchlich
schweigen. Nur peinigte es sie, daß er auf den Gedanken kommen könnte,
an ihrem Tode schuld zu sein! Das mußte sie durchaus verhüten und ihn
vor dieser Angst bewahren. Sollte sie ihm zum Zeichen, daß sie ihm
nicht grolle, noch einen letzten Gruß senden? nein! das wäre für den
Überbringer wie für jeden, dem das Gerücht von solchem auffälligen
Scheidegruß zu Ohren drang, der deutliche Beweis ihres vorsätzlichen
Handelns.

Aufrichtiges Mitleid fühlte sie mit dem Grafen, ihrem Gemahl, der
in den sechs Jahren ihrer Ehe stets liebevoll und freundlich gegen
sie gewesen war und der mit ihr nun auch die zweite Gattin verlor
und wieder zum Witwer wurde. Und nicht einmal Abschied nehmen durfte
sie von ihm; hinterrücks mußte sie von ihm gehen, nachdem sie jede
erkennbare Spur ihrer grausigen Tat getilgt und verwischt haben würde,
mit welchem Schrecken er dann auch, das Ungeheure nicht begreifend, vor
ihrer entseelten Hülle stehen würde. Den ihm damit zugefügten großen
Schmerz bat sie ihm jetzt schon im stillen ab und wollte, ehe sie den
Löffel mit dem Gift zum Munde führte, an ihrem Betpult auch die heilige
Jungfrau um Vergebung dieser Sünde inbrünstig anflehen.

Oben im Schlosse muteten sie die gewohnten Räume fremd an, als
gehörte sie nicht mehr hierher, schon einer anderen Welt verschrieben
und verfallen, und doch mußte sie bis morgen nachmittag hier noch
ausharren, weil es heute für den Gang nach dem Heidenquell zu spät
geworden war.

Von allem, was sie besaß, hätte sie nur ihre kleine Harfe und ihren
Rosenkranz, ein altes Erbstück ihrer Mutter, mit großen, schön
geschliffenen Bergkristall- und Bernsteinkugeln, gern mit ins Grab
genommen, aber sie durfte ja keine Bestimmungen treffen, die als
Vorbereitungen zum Sterben angesehen werden könnten.

In der Nacht schlief sie wenig, und die Zeit von früh bis Mittag wurde
ihr sehr lang. --

Endlich war sie wieder inmitten der einsamen Wildnis, durch die sie
sich im Sommer mit Eike Bahn gebrochen hatte, und da kamen ihr die
Erinnerungen an jenen seligen Morgen wie grüßende Wanderer entgegen.
Jedes ihrer damaligen Gespräche über die Schönheit des Waldes in den
wechselnden Jahreszeiten, über die Gesetze der Natur und der Menschen,
über Eikes Rechtsbuch und Walters Minnesang hallte traumhaft in ihr
wider.

Die zerklüftete Schlucht mußte sie diesmal allein überwinden
und vollbrachte es ohne Anwandlung von Schwachheit mit dem
unerschütterlichen Willen, ihr Ziel zu erreichen.

Bald hatte sie es erreicht und stand nun nahe der Klippe, aus der
das als wundertätig gepriesene Wasser unter dem Denkstein mit der
verwitterten Runenschrift hervorquoll, auf derselben Stelle, wo sie
Eike von Repgow schluchzend an die Brust gesunken war.

Jetzt stand sie erhobenen Hauptes und ließ den Blick in die Runde
schweifen, um den geheimnisvollen Waldeszauber noch einmal, zum letzten
Male, zu genießen.

Dann wandte sie sich langsam den schon entdeckten Stauden mit den
spitzen Blättern und den schwarzen Beeren zu, kniete bei der einen und
der andern nieder, grub sie, ihre zarten Hände nicht schonend, mitsamt
den Wurzeln aus und legte sie in das dazu mitgebrachte Tuch, das sie an
den vier Zipfeln verknüpfte.

Darauf trat sie festen Schrittes den Heimweg an und schaute nicht mehr
zurück nach der Stätte, wo das Glück einst dicht an ihr vorbei geflogen
war.



Zwanzigstes Kapitel.


Die liebe Nachmittagssonne bestrahlte Giebel, Dächer und Zinnen des
Falkensteins mit einem behäbigen Lächeln und schien alles, was da
fleucht und kreucht, in den Schlaf gezwinkert zu haben, denn nichts
regte sich innerhalb der Umwallung, kein Ton, kein Tritt klang durch
die friedliche Stille. An den Wänden gähnte eine wahrhaft feiertägliche
Langeweile, und war doch gar kein Feiertag heute, nicht einmal der
Namenstag des kleinsten Kalenderheiligen, mit dem man es aus irgend
einem Grunde doch auch nicht gern verderben will.

Diese beschauliche Ruhe verwandelte sich indessen schnell in das
Gegenteil, als vom Turm ein dröhnender Hornruf erscholl, der in eine
lockende Jagdweise überging. Da ward es lebendig in der Burg. Von
allen Seiten, über alle Treppen und aus allen Türen kamen die Insassen
zusammengelaufen, als wäre Feuerlärm geblasen worden. Aber alle zeigten
fröhliche Gesichter, denn sie wußten, was das zu bedeuten hatte. Der
Ritter Eike von Repgow mußte im Anzuge sein, und nun standen sie in
dichten Haufen auf dem Burghof, ihn zu erwarten.

Auch Graf Hoyer war herbeigeeilt, ihn an der Spitze seines vollzählig
versammelten Gesindes zu begrüßen. Nach seiner Gemahlin spähte er
jedoch vergebens aus. »Wo ist die Gräfin?« fragte er verwundert.

Melissa gab Antwort: »Die Frau Gräfin hat vor kaum einer Stunde das
Schloß verlassen, wohl zu einer Wanderung in den Wald.«

»Was hat sie denn jetzt allein im Walde zu suchen? das ist doch sonst
nicht ihre Gewohnheit,« sprach der Graf, ungehalten, daß sie bei der
Wiederkehr des Freundes nicht zur Stelle war.

Da kam Eike schon mit dem Wildmeister durch das innere Tor eingeritten,
und auf seinen Zügen glänzte die Freude, sich so allgemein
bewillkommnet zu sehen. Er sprang vom Pferde und schritt auf den Grafen
zu, der ihn in seine Arme schloß und frohgemut ausrief: »Eike! haben
wir dich endlich wieder? Den Wild- und Waffenmeister mußte ich dir
also erst auf den Hals schicken, um dich in Haft und Gewahrsam nehmen
zu lassen, du trotzköpfiger Ausreißer! Komm hinauf! oben sollst du mir
beichten, warum du so lange ausgeblieben bist, kannst mir dabei den
größten Bären aufbinden, der im Harzwald herumzottelt, ich will alles
auf Treu und Glauben hinnehmen, was menschenmöglich ist.«

Ehe die Herren in das Schloß eintraten, wandte sich Eike zu den
Umstehenden und nickte und winkte ihnen seinen Dank zu für den
freundlichen Empfang. Dem Schreiber reichte er die Hand und sagte: »Ich
bringe viel Arbeit mit, Wilfred!«

Melissa schabte dem verblüfft Dreinschauenden lachend mit den
Zeigefingern Rübchen in ihrem Triumph, recht behalten und ihre Wette
gewonnen zu haben.

Graf Hoyer geleitete seinen lieben, wieder eingebrachten Gefangenen in
dessen früheres Losier und blieb dort bei ihm.

»Nun sag's kurz, Eike! was hast du zu deiner Entschuldigung
anzuführen?« begann er.

»Nichts, Herr Graf!« gestand Eike verlegen und kleinlaut.

»Du hast dich in die zu Hause noch vorgefundenen Papiere wie ein Dachs
eingegraben und dich dann aus deinem vollgestopften Bau nicht wieder
herauswühlen können, nicht wahr?«

»Ja, so ist es.«

»Na, mach' nur nicht so ein jämmerliche Armsündergesicht, als hättest
du Wunder was verbrochen!« beruhigte ihn der Graf in seiner heiter
biderben Weise, »nun du wieder hier bist, soll dir alles verziehen
sein. Wir haben dich, wie ich dir schrieb, hier schwer vermißt, auch
meine Frau; ich hab's ihr angemerkt, wie sie sich um dich härmte, wäre
fast eifersüchtig auf dich geworden,« fügte er launig hinzu. »Sie
ist in den Wald gegangen, konnte ja Tag und Stunde deiner Ankunft
so wenig wissen wie ich. Gesteh mal aufrichtig: wärest du auch ohne
den Wildmeister und meinen Brief gekommen?« Eike zuckte die Achseln;
ihm war schwül zumute. »Vielleicht nicht so schnell,« erwiderte er
ausweichend. »Aber Eure dringende Aufforderung zur Rückkehr war mir
eine große Freude, und ich danke Euch von Herzen dafür, Graf Hoyer!«

»Also ein kluger Gedanke von mir,« belobte sich der Graf. »Hat dir
Scharruhn denn nun seine Wünsche in bezug auf den Wildbann vorgetragen,
von denen er an dem Abend in der Dirnitz sprach?«

»Jawohl, es betraf einige Fragen des Jagdrechts,« versetzte Eike. »Er
verlangte für die Bannforsten des Harzes größeren Schutz gegen jeden,
der sie betritt. Die Armbrust müßte abgespannt, der Köcher geschlossen,
die Bracken angekoppelt und allen Tieren dort Friede gewirkt sein
außer Bären, Wölfen und Füchsen. Ferner forderte er höhere Bußen für
getötete singende und krimmende Vögel, womit er die Beizfalken meinte.
Die Weiber dürften nur soviel Reisig auflesen wie die Krähe vom Baume
tritt, und wenn einem Bauer etwas an seinem Wagen zerbricht, dürfte er
sich soviel Holz aus dem Walde hauen wie zur Ausbesserung des Schadens
nötig ist, mehr nicht. In alledem konnte ich ihm beipflichten und
werde das in den Artikeln des Jagd- und Forstrechts berücksichtigen.
Dagegen verweigerte ich ihm die Aufhebung des Verbotes, die Saaten
auf dem Felde durch Jagen und Hetzen niederzutreten, sobald das
Korn schon Knoten und Gelenke an den Halmen angesetzt hat. Sich
empfindlichen Jagd- und Wildschaden gefallen zu lassen ist den Bauern
nicht zuzumuten. Aber da predigte ich tauben Weidmannsohren. Er vergalt
mir meine vergebliche Belehrung mit der Erzählung einiger köstlichen
Jagdgeschichten, die meine Gläubigkeit mehrmals auf eine harte Probe
stellten. Ich hinwiederum mußte ihm bei Sankt Huberten mein Wort darauf
geben, jetzt mit ihm oder ohne ihn zuweilen auf die Pirsch zu gehen.
Das will ich auch tun, habe eure frische, kräftige Harzluft blutnötig
nach dem langen Stubensitzen.«

»Man sieht dir's an, also Weidmanns Heil!« sprach der Graf und erhob
sich. »Jetzt wirst du deine Schriften auspacken und ordnen wollen, und
dabei will ich dich nicht stören.«

»Ich möchte lieber den Spuren der Frau Gräfin folgen,« erwiderte Eike.
»Vielleicht begegne ich ihr im Forste.«

»Tu das, Eike!« sagte der Graf. »Wird die eine Freude haben, wenn du
unverhofft und plötzlich wie ein Waldschrat vor ihr auftauchst! Das
möcht' ich mit ansehen, aber ich kann nicht mit. Auf Wiedersehen bei
Tisch!« Damit ließ er den Freund allein. --

Nun war Eike doch wieder da, wohin niemals zurückzukehren er sich fest
vorgenommen hatte, und es war ihm lieb, daß er wieder hier war. Auch
ihm hatte in seiner stillen Behausung zu Reppechowe vieles von dem
gefehlt, was ihm auf dem Falkenstein zur freundlichen Gepflogenheit
geworden war. Besonders trug er an der Trennung von Gerlinde, je
länger sie währte, je schwerer, und er hatte sich nach der angebeteten
Frau gesehnt. Jetzt, vor dem Wiederbeisammensein mit ihr konnte er
sich des ernsten Bedenkens nicht entschlagen, ob sie die dazu nötige
Selbstbeherrschung ihm gegenüber betätigen würde. Die nächste Stunde
mußte ihn darüber aufklären.

Er hatte in Reppechowe fleißig an seinem Buche geschaffen und brachte
ein zwei Finger dickes Heft von dort geleisteter Arbeit mit, aber
nichts von neuen Aufzeichnungen, sondern nur die alten, von hier
entführten und sein ganzes, bis zum jetzigen Stande der Entwickelung
gediehenes Manuskript nebst Wilfreds Abschriften.

Mit dem Auspacken und Ordnen seiner Papiere hatte es keine Eile; jetzt
lag ihm wichtigeres am Herzen, das Wiedersehen mit Gerlinde.

Aber wo sie finden im weiten Walde? Er mußte es aufs Geratewohl
versuchen und schritt ohne Säumen fürbaß.

Als er schon etwas entfernt von der Burg unter den hohen Eichen und
Buchen war, erinnerte er sich, von ihr einmal gehört zu haben, daß sie
auf ihren einsamen Streifereien die urwüchsige Wildnis in der Gegend
des Heidenquells allen anderen Gebieten der Umgebung vorziehe. Einen
Pfad dahin gab es nicht, aber die Richtung wußte er, und die schlug er
nun in herzklopfender Spannung ein.

Oftmals blieb er bei seinem Vordringen stehen, lugte und lauschte nach
rechts und links, damit Gerlinde nicht etwa seitwärts unbemerkt von ihm
vorüberwandelte. Sollte er mit weithin schallender Stimme ihren Namen
rufen? Das könnte sie, wenn sie den Ruf vernähme, befürchten lassen,
daß auf der Burg ein Unglück geschehen wäre, dessentwegen man Boten
nach ihr ausgesandt hätte. Deshalb unterließ er es.

[Illustration: Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich
belaubten Busch, um Gerlinde beobachten zu können.]

Endlich sah er in einiger Entfernung etwas Helles durch die Bäume und
Sträucher schimmern, was sich bewegte und sich näherte. Das mußte sie
sein. Schnell verbarg er sich hinter einem noch ziemlich belaubten
Busch, um sie beobachten zu können, ehe sie ihn entdeckte.

Es war Gerlinde. Mit einem kleinen Bündel kam sie gesenkten Hauptes
langsam daher.

Als sie heran war, trat er vor, streckte ihr beide Hände entgegen und
sagte ruhig: »Gerlinde!«

Erschrocken blickte sie auf und stand wie angedonnert, zitternd und
sprachlos da. Dann ließ sie das Tuch, in dem die eingesammelten
Pflanzen steckten, zur Erde gleiten und legte in Eikes Hände die
ihrigen, die er fest umschloß und an seine Lippen drückte.

In dem nämlichen ruhigen Tone fuhr er fort: »Da bin ich wieder,
Gerlinde. Ich bin Euch nachgegangen, weil ich Euch auf diesem Wege zu
finden hoffte.«

Während ihre Hände noch in den seinen lagen, atmete sie hoch auf, und
ihn wie eine überirdische Erscheinung betrachtend, stammelte sie: »Sagt
mir, -- ist dies kein Traum? seid Ihr es wirklich, Eike von Repgow?«

»Wirklich und leibhaftig, Gerlinde!« lächelte er. »Ich bin
zurückgekehrt, um mein Buch hier zu vollenden. Ist Euch das recht?«

»Ach! -- was fragt Ihr? seid mir willkommen viel tausendmal!« klang es
ihm jubelnd entgegen.

Da küßte er noch einmal ihre Hände und sprach: »Ich danke Euch,
Gerlinde! Kommt schnell zur Burg; der Graf erwartet uns, denn ich habe
ihm gesagt, daß ich Euch im Walde suchen wollte.«

Er hob das Bündel vom Boden auf, um es ihr zu tragen. Dabei löste sich
der zu leicht geschlungene Knoten, und die Tollkirschen fielen heraus.

Sofort erkannte Eike das todbringende Gift; ein fürchterlicher Verdacht
packte ihn und wurde ihm zur Gewißheit, als er Gerlindes angststarrende
Augen und ihre zuckenden Lippen sah.

Nun weiß er alles! war nach fassungsloser Verwirrung ihr erster
greifbarer Gedanke, und eine Blutwelle schoß ihr bis zur Stirn hinauf.

Mit geschwinder Geistesgegenwart bezwang Eike seine gewaltige
Erschütterung, und mit gemacht gleichmütigem Tone sprach er: »Ich
möchte Euch warnen, Gerlinde, diese Pflanzen wie einen Blumenstrauß in
Euer Zimmer zu stellen. Sie nehmen sich zwar äußerlich recht hübsch
aus, verbreiten aber eine Ausdünstung um sich her, die heftiges Kopfweh
erzeugt. Ihr erlaubt wohl, daß ich das Euch sicher nicht bekannte
Unkraut beseitige.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte er die
Tollkirschen mit dem Fuß ins Gebüsch und warf das Tuch hinterdrein.

Gerlinde sagte kein Wort, und eine Zeitlang gingen sie stumm
nebeneinander dahin, denn keiner mochte dem andern offenbaren, was
seine ganze Seele erfüllte. Eike hatte soeben mit Entsetzen erfahren,
zu welchem verzweifelten Schritt Gerlinde in ihrem Liebesleid fähig
war. Den Tod hatte sie sich seinetwegen geben wollen. Morgen wäre er zu
spät gekommen und hätte sie nicht mehr lebend angetroffen. Sie hatte
sich also die Ruhe völliger Entsagung noch nicht erkämpft. Würde ihr
das bei seiner Anwesenheit und unter seinem Einfluß vielleicht besser
gelingen? Er hoffte es und beschloß, ihr mit kühler Besonnenheit dabei
behilflich zu sein. Denn er sah ein, daß er es, ohne ihr Leben aufs
Spiel zu setzen, nicht wagen durfte, wieder von ihr zu scheiden, ehe
nicht die Vollendung seines Werkes die wohlbegründete Veranlassung dazu
gab.

Um das beklemmende Schweigen nicht noch länger andauern zu lassen, fing
er an: »Ich bin im Burghof vom Grafen und von allen seinen Leuten sehr
herzlich empfangen worden.«

»Hättet Ihr uns Eure Rückkehr vorher angemeldet, hätte ich bei Eurer
Begrüßung wahrlich nicht gefehlt,« bedeutete ihn Gerlinde.

»Wie konnte ich denn? der Wildmeister hat mich doch wie ein Häscher
überfallen und geholt,« entgegnete er lustig.

»Der Wildmeister hat Euch geholt?« fragte sie höchst erstaunt.

»Freilich! der Wildmeister mit dem Briefe des Grafen.«

»Der Graf hat Euch geschrieben?«

»Jawohl! wißt Ihr das nicht?«

»Nein!«

O weh! da hatte er etwas ausgeplaudert, was er nicht hätte verraten
sollen; aber wie konnte er das ahnen!

Nicht freiwillig, nicht von seinem Herzen getrieben ist er
zurückgekommen, sondern dazu überredet und gezwungen, dachte Gerlinde
enttäuscht.

Ihre Niedergeschlagenheit bemerkend und verstehend suchte er seine
Übereilung gutzumachen, indem er nicht sehr geschickt einlenkte: »Ich
hätte den Abschnitt, den ich just unter der Feder hatte, gern erst
noch fertig geschafft, was nur einen kurzen Aufschub erfordert hätte,
aber der Wildmeister drängte so entschieden zur Eile, daß ich mitten
im Kapitel abbrechen und alles zusammenpacken mußte, um gleich mit ihm
zurückzureiten.«

Gerlinde war sich nun vollständig klar darüber, daß es Eike mit seiner
gänzlichen Trennung von ihr auf Nimmerwiederkehr bitterer Ernst gewesen
war, den er, wenn sie fortan nicht die größte Zurückhaltung bewahrte,
noch einmal und dann unwiderruflich gegen sie anwenden würde. Sie war
auch überzeugt, daß Eike nicht allein wußte, zu welchem Zwecke sie
die Tollkirschen gesammelt hatte, sondern auch, daß sie sein heutiges
Eintreffen auf dem Falkenstein einzig der Aufforderung des Grafen
zuschrieb und an seine geplante Rückkehr ohne diese Aufforderung nicht
glaubte.

So wußte jeder um das Geheimnis des anderen, aber beide schwiegen im
Weiterwandern, denn die Gedanken hielten die Zungen gebunden.

Allmählich gelang es ihnen jedoch, den Bann von sich abzuschütteln und
ein harmloses Gespräch mit einander zu führen, so daß sie in der Burg
mit fast fröhlichen Gesichtern erschienen. --

Am Abendtische saßen die drei in alter Traulichkeit einmütig beisammen,
und es war ihnen, als wäre Eike gar nicht von hier fort gewesen. Er
mußte von dem Aufenthalt in seiner Heimat und besonders von der
Förderung seiner Arbeit erzählen. Graf Hoyer war wieder mit allem Eifer
bei der Sache und ebenso Gräfin Gerlinde, die mit den Männern stritt,
scherzte und lachte. Hatte sie doch Eike wieder sich gegenüber, fing
ihm die Worte vom Munde und las ihm aus den Augen, daß er sie doch noch
liebte. Da versanken ihr die Erinnerungen an die qualvollen letzten
Tage wie ein nächtlicher Spuk in das Nichts der Vergessenheit.

Im Lauf des Mahles beim herzerfreuenden Wein sagte Eike nach einer
kleinen Stille: »Auf meinem Ritt nach Reppechowe habe ich eine ganz
besondere Genugtuung gehabt.«

Graf und Gräfin blickten ihn erwartungsvoll an.

»Wieder einen geflügelten Gruß von Eurem erhabenen Beschützer Kaiser
Friedrich?« fragte Gerlinde schalkhaft.

»Nein, so hoch hinaus nicht, aber etwas Ähnliches. Bald nachdem Ihr,
Herr Graf, von mir abgeschwenkt waret, traf ich mit den Grafen Johann
von Blankenburg und Günter von Regenstein zusammen. Sie kamen selbander
von einem Gastmahl beim Fürsten Heinrich von Anhalt und hatten dort
von meinem Gesetzbuch gehört. Der Fürst, bei dem ich, wie Ihr wißt,
eine Zeitlang als Knappe in Kriegsdiensten stand und der mich zum
Ritter geschlagen, hatte sich vor allen seinen Gästen über mich und
mein Bestreben, Rechtseinheit zu schaffen, das ganz und gar in seinem
Sinne wäre, außerordentlich günstig geäußert und mir den besten Erfolg
gewünscht, zu dem er alles, was er könnte, gern beitragen wollte. Graf
Burkhard von Mansfeld hatte ihn auf einem Jagdausfluge eingeweiht und
ihm eine warme Teilnahme an meinem Unternehmen eingeflößt.«

»Der wackere Mensch! aber das war von ihm zu erwarten,« warf Graf Hoyer
dazwischen.

»Ich konnte mit den beiden Grafen eine gute Strecke Weges reiten, und
da nahm ich die Gelegenheit wahr, mit den Herren mancherlei Gerechtsame
ausführlich zu besprechen.«

»Sehr gut, ausgezeichnet, Eike!« rief Graf Hoyer. »Der Blankenburger
und der Regensteiner und die übrigen, die mit bei dem Gastmahl gewesen
sind, werden das dort Vernommene nun noch weiter herumbringen, und du
wirst dir, ehe du deine Schrift fertig hast, schon eine Menge Anhänger
und Freunde im Lande erobert haben.«

»Jaja, aber an Gegnern wird es mir auch nicht fehlen,« wandte Eike ein.
»Neben dem Grafen von Regenstein hatte ein ritterlicher Lehnsmann des
Fürsten aus dem Hasgau gesessen, und der war anderer Meinung gewesen.
Er hatte aus dem Munde -- nun, wessen wohl?«

»Dowalds von Ascharien?«

»Dowalds von Ascharien scharf absprechende Urteile gehört und sie dem
Grafen Günter hinterbracht, ohne indessen bei diesem ein geneigtes Ohr
zu finden.«

»Der alte Esel, der Ascharier, der es uns nie verzeihen wird, daß
wir ihm damals so schnell heimgeleuchtet haben, wird mit seinen
hirnverbrannten, nur von schnödem Eigennutz eingegebenen Anschauungen
von Gerechtigkeit und Billigkeit nirgend Gehör finden,« brauste Graf
Hoyer auf.

»Er soll mir nur noch einmal auf den Falkenstein kommen! da werde ich
einen rascheren Kehraus mit ihm machen als ihr es getan habt,« drohte
Gräfin Gerlinde in flammender Entrüstung.

»Allen Dank für Euer huldvolles Fürnehmen, Frau Gräfin!« lachte Eike.
»Aber der gekränkte Ehrenmann wird auf seinen rastlosen Stegreiffahrten
solche hämischen Anzettelungen überall unter denen ausstreuen, die
einen Strang mit ihm ziehen, wird sie gegen mich aufhetzen und mir
Feinde werben.«

»Die schlagen wir aus dem Felde,« tröstete ihn der Graf. »Es ist von
großem Werte, daß meine lieben Waffenbrüder, die Harzgrafen, jetzt
schon Kenntnis von deinen Bestrebungen erhalten. Von ihnen und ihrer
Gefolgschaft verbreitet wird die Kunde vom Aufkommen einer neuen
Rechtsordnung immer weitere Kreise ziehen und allerwegen freudig
begrüßt werden, denn das Verlangen danach ist im ganzen Volke
vorhanden. Heilo, Eike! stoß' an, -- unser Sachsenrecht!«

Drei Becher klangen aneinander, und sechs Augen blitzten sich an in
hochfliegender Hoffnung. --

Als Gerlinde zu später Nachtstunde ihre Gemächer betrat, nickte sie
mit einem glücklichen Lächeln ihrer Harfe zu und flüsterte: »Du! wir
bleiben noch zusammen, und morgen singen wir wieder.«



Einundzwanzigstes Kapitel.


»Ach, war das eine Nacht voll Schlaf! und ich lebe noch, sehe die Sonne
und den blauen Himmel, und Er ist wieder da, nur durch ein paar Wände
von mir getrennt. Heilige Mutter Gottes, ich danke dir!«

Mit diesem ihr aus voller Brust kommenden Ausruf reckte und streckte
Gerlinde morgens beim Erwachen behaglich die ausgeruhten Glieder, blieb
aber noch auf dem schwellenden Lager und fragte sich, Vergangenes und
Künftiges bedenkend, wie es nun mit ihr und Eike hier werden sollte. --
Alles so, wie es gewesen war, nur in einem Punkte anders. Von jetzt an
wollte sie sich schweigend mit dem Besitz seiner Liebe begnügen und ihn
in der heimlichsten Kammer ihres Herzens bewahren wie einen güldenen
Hort, den ihr keine Macht der Erde rauben oder verleiden sollte.

Sie überlegte nicht im einzelnen, wie sie ihr Benehmen gegen Eike
einrichten wollte, denn das würde sich in den Bahnen, die sie sich
unabweichbar vorgeschrieben hatte, von selber ergeben. Auch das
Alleinsein mit ihm scheute sie nicht, wünschte es vielmehr herbei, um
ihm zeigen zu können, daß er keine Torheit, keinen überschäumenden
Gefühlserguß mehr von ihr zu befürchten hatte.

So in ihrem Innern gefestigt, erhob sie sich und sah dem aufsteigenden
Tage mutig entgegen. --

Beim Frühmahl tauschten Graf und Gräfin ihre Wahrnehmungen über Eikes
Aussehen aus, das sie nicht rühmen konnten, denn beiden war er bleich
und abgearbeitet erschienen. Der Graf sagte: »Er will nun öfter einmal
pirschen gehen, und das wird ihm gut tun. Ob er ein trefflicher
Schütz ist, weiß ich nicht und traue ihm in dieser Beziehung nicht
viel zu; soll mich wundern, ob er Haar oder Feder heimbringen wird.
Das schleichende und streichende Raubzeug wird wohl vor seinen Bolzen
sicher sein.«

»Er wird zur Ausübung des Weidwerks wenig Zeit und Gelegenheit gehabt
haben,« meinte Gerlinde. »Der Wildmeister sollte ihn füglich dazu
anlernen.«

»O der wird gern dazu bereit sein,« erwiderte der Graf.

Sie hatte des Wildmeisters erwähnt in der Erwartung, daß der Graf nun
dessen Sendung zu Eike mit dem Briefe zur Sprache bringen würde; das
geschah indessen nicht. Warum wohl nicht? dachte Gerlinde. Sie wollte
nicht davon anfangen, daß ihr Eike Mitteilung von dieser Botschaft
gemacht hatte, ohne die er gestern nicht wiedergekommen und sie heute
nicht mehr am Leben wäre. Das konnte sie ihrem Gatten freilich nicht
sagen, denn er durfte niemals erfahren, aus welcher furchtbaren Not
und Verzweiflung er durch sein Eingreifen ahnungslos zu ihrem Retter
geworden war. Aber das war wohl Gottes Wille gewesen, der mit seiner
unerforschlichen Weisheit ihr Schicksal so wunderbar gelenkt hatte. Von
diesem Glauben durchdrungen und gehoben vermochte sie jetzt nicht von
anderen, gleichgültigen Dingen zu reden, stand deshalb auf und begab
sich in ihr Zimmer.

Ihre Seele war des Dankes so voll gegen den Allbarmherzigen, daß sie
die Harfe nahm und mit halblauter Stimme sang:

    Könnt' ich mit Engelszunge singen,
    Ein Cherub in dem großen Heer
    Der Himmlischen mit Schwert und Schwingen,
    Im Halleluja sollte klingen
    Mein Saitenspiel zu Gottes Ehr.

    Er hielt mich, als ich fast verloren,
    Mit seiner gnadenreichen Hand,
    Und die ich mir den Tod erkoren,
    Ich atme nun wie neugeboren,
    Als schaut' ich das gelobte Land.

    Mit Freundes Arm umfangt mich wieder
    Des Daseins holde Wirklichkeit,
    Und sanft, wie mit des Schwans Gefieder
    Senkt Ruh und Friede sich hernieder
    In meine Brust, von Schuld befreit.

    Still will ich in des Lichtes Glanze
    Einhergehn mit ergebnem Sinn
    Und bei der Horen schnellem Tanze
    Gleichwie geschmückt mit grünem Kranze
    Ausblicken zu den Sternen hin.

Sie hatte das Lied stehend gesungen, setzte sich nun auf das Spannbett
und verharrte, wie durch ein dargebrachtes Opfer entsündigt, eine
Weile regungslos. Dann gingen ihre Gedanken andere Wege. Der gewaltige
Umschwung in ihrer Lage von gestern auf heute warf ihr eine Fülle von
Glück in den Schoß, und auch diesen Empfindungen mußte sie Worte und
Töne leihen. Erregter, schwärmerischer als das erste erklang das zweite
Lied:

    Ich hab' es getragen und standhaft verhehlt,
    Behutsam im Tiefsten verborgen,
    Was mir wie leuchtende Sonne gefehlt
    Am wolkenverschleierten Morgen.
    Doch nun ist die Not und das Bangen vorbei,
    Nun sing' ich und jubele Tandaradei!

    Es ist mir, als käme der Frühling gebraust
    Mit Stürmen, mit Wachsen und Werden,
    Die Hölle hat mir in der Seele gehaust,
    Jetzt hab' ich den Himmel auf Erden.
    Die Welt hat verwandelt sich wohl über Nacht,
    Sie schimmert und glänzt mir in zaubrischer Pracht.

    Ihn habe ich wieder, den heiß ich ersehnt
    Bei jeglichem Herzensschlage,
    Mit übermenschlichem Glücke belehnt
    Erfreu' ich mich nun meiner Tage,
    Denn er, der mir alle die Seligkeit gibt,
    Mein ist er und bleibt er, dieweil er mich liebt.

Damit hatte sie das, was sie am mächtigsten bewegte, laut und
lustig wie Lerchengeschmetter hervorgewirbelt und streckte sich nun
zufriedenen Herzens auf der Ruhebank aus.

Der, dem dieser Überschwang der Gefühle gegolten hatte, Eike von
Repgow, saß wieder auf seinem alten Platz und war fleißig an der
Arbeit. Er hatte diese Nacht, ehe er einschlief, die gestrigen
Ereignisse noch einmal im Geiste an sich vorüberziehen lassen und war
nach reiflichem Nachdenken zu der Überzeugung gelangt, daß die Gefahr
für Gerlindes Leben nach seiner Rückkehr verschwunden war und sie den
Tod nicht noch einmal suchen würde, auch dann nicht, wenn er eines,
nicht mehr allzufernen Tages auf eine unberechenbar lange Zeit von ihr
Abschied nehmen mußte.

Diese Zuversicht schöpfte er hauptsächlich aus seiner Beobachtung ihres
teils ruhigen, teils sehr heiteren Gebarens gestern abend bei Tisch,
das nicht die leiseste Nachwirkung ihres düsteren Vorhabens verraten
hatte. Darum hoffte er auch, daß sie sich nunmehr in ihrem Verkehr
miteinander als ebenso maßvoll und willensstark erweisen würde wie er.

Seine Liebe gab der ihrigen nichts nach, nur daß er sie zu zügeln
wußte, so unsäglich schwer ihm dies auch manchmal wurde. Ihm wollte
das Herz überwallen und auf die Zunge springen, wenn er ihre schöne,
schlanke Gestalt vor sich hatte, ihr in die dunklen Augen sah und ihrer
klang- und seelenvollen Stimme lauschte. Dann kostete es ihn die größte
Überwindung, sie nicht rasch in die Arme zu schließen und fest an seine
Brust zu drücken. Doch er wollte seinem Vorsatz, bei der bisher geübten
Zurückhaltung zu beharren, bis zur letzten Stunde seines Hierseins treu
bleiben, und die Vertiefung in seine Arbeit sollte ihm sicheren Schutz
gewähren gegen aufrührerische Gedanken und begehrliche Wünsche.

Er arbeitete jetzt stets allein, wie er es in Reppechowe gemußt
und dadurch sich angewöhnt hatte. Wilfred ließ er oben in seinem
Turmstübchen Abschriften machen, und weil der jetzt fleißige und flinke
Gehilfe damit gut vorwärts kam, ließ er ihn von dem bereits Erledigten
noch eine zweite Abschrift anfertigen.

Da begegnete ihm eines Morgens etwas ganz Merkwürdiges. Es klopfte an
der Tür, und auf sein Herein! traten Wilfred und Melissa zu ihm ins
Gemach, wo jeder dem andern überließ, zuerst das Wort zu ergreifen.

Erstaunt fragte Eike: »Nun? was habt ihr zwei auf dem Herzen? ihr seht
mir aus, als hättet ihr euch gezankt und ich sollte einen Sühneversuch
mit euch anstellen; redet!«

Mit einer Schüchternheit, die ihrem hübschen Gesicht höchst anmutig
stand, begann Melissa: »Es ist so, wie Ihr sagt, Herr von Repgow. Wir
wollten Euch züchtig und bescheiden bitten, als Rechtsgelehrter einen
Streit zwischen uns zu schlichten, in dem wir uns nicht einigen können.«

»Da bin ich aber neugierig,« versetzte Eike. »Trage mir euren Handel
vor, Melissa! ich werde, wenn ich das Urteil finde, den Spruch fällen.«

»Es geht um eine Wette,« berichtete sie. »Wir haben gewettet, ob Ihr
von Reppechowe nach dem Falkenstein zurückkehren würdet oder nicht.
Fred schwur Stein und Bein, Ihr kämet nicht wieder, ich dagegen hielt
Euch die Stange und behauptete, Ihr kämet wieder, und nun seid Ihr da,
und ich habe die Wette gewonnen.«

»Das ist klar wie die Sonne, du hast die Wette gewonnen, Melissa,«
bestätigte Eike. »Will Fred etwa die Buße nicht zahlen?«

»Gewiß will ich sie zahlen,« fiel Wilfred ein, »aber Melissa will sie
nicht nehmen.«

»Will sie nicht nehmen? ach! -- Wie hoch beläuft sich der Preis? um was
habt ihr gewettet?«

Da wollte keiner mit der Sprache heraus.

»Melissa, ihr habt mich als Schiedsrichter angerufen, und ich bin ein
schöffenbarer Mann, dem du die Wahrheit sagen mußt, denn ich kann dir
den Eid staben, wenn ich will,« vermahnte sie Eike. »Um was habt ihr
gewettet?«

»Um -- um sieben Küsse,« flüsterte sie errötend.

»Um sieben Küsse?« lachte Eike hell auf und schnellte vom Sitz empor.
»Eine Wette um sieben Küsse! etwas Närrischeres gibt's doch in der
Welt nicht, und das hab' ich auch noch nicht erlebt, daß der Schuldner
seine Schuld bezahlen und der Gläubiger sie nicht nehmen will.«

»Habt Ihr darüber nichts in Eurem Rechtsbuch, Herr Ritter?« fragte
Melissa.

»Bis jetzt noch nicht,« lachte Eike wieder. »Aber das könnte allerdings
ein feines Stückchen werden, ein Kapitel über das Kußrecht; das fehlt
noch zwischen all den anderen Rechten. Hast du schon einmal von dem
großen Minnesänger Walter von der Vogelweide gehört, Melissa?«

»Ei ja! Unter der Linden auf der Heide --«

»Richtig! so fängt eins seiner schönsten Lieder an. Er sagt auch:
Küsse sind der Minne Rosen. Und ein anderer, genannt der tugendhafte
Schreiber, singt: Minne ist Mannes Mund an Weibes Munde.«

Melissa schlug hold verschämt die Augen nieder und schielte dann
verstohlen zu Wilfred hin.

»Dichter sind kluge Leute und kennen sich in den höchsten und süßesten
Freuden des Herzens gründlich aus,« fügte Eike hinzu. »Warum willst du
dir denn die Küsse von Wilfred nicht gefallen lassen?«

»Weil er mich geärgert hat,« stieß sie störrisch hervor. »Luitgard, die
heimtückische Müllerstochter, steckt dahinter, doch das gehört nicht
hierher.«

»Nein, das geht mich nichts an,« stimmte Eike zu. »Aber jeder von
euch hat hier sowohl ein Recht wie eine Pflicht, und denen muß Genüge
geschehen. Wilfred hat die Pflicht, die Buße für die verlorene Wette
bar und blank zu erlegen, und das Recht, zu verlangen, daß du sie von
ihm annimmst, es sei denn, daß ihr einen Vergleich schlösset, der euch
über das eine und das andere hinweg hilft. Wie steht es damit?«

»Ich bin bereit dazu und will mich mit der Hälfte zufrieden geben,«
erklärte Wilfred.

»Das soll heißen: Du wünschest, daß dir Melissa die Hälfte deiner
Schuld erläßt, -- in Ansehung des Objektes ein sonderbarer Wunsch.«

»Die ganze erlasse ich ihm, verzichte auf alles,« rief Melissa ziemlich
erregt.

»Das darfst du nicht, ich will durch Annahme der Buße von meiner Schuld
befreit werden,« begehrte Wilfred auf.

»Wenn dich die Schuld drückt, geh doch wieder zu Luitgard, die erlöst
dich gern davon,« höhnte Melissa.

»Mit der hab' ich nicht gewettet,« entgegnete Wilfred brummig. »Auf
weniger als die Hälfte lasse ich mich nicht herunterdrücken, und
wenn mir mein Recht nicht freiwillig gewährt wird, so nehme ich's
mir.« Dabei machte er eine Bewegung gegen Melissa, als wollte er sie
überfallen, so daß sie erschrocken einen Schritt von ihm zurückwich.

»Halt!« lachte Eike, »das verbiet' ich, das wäre Mundraub im
wörtlichsten Sinne, und der ist strafbar. Übrigens, wie denkt ihr euch
denn die Teilung der Buße in zwei Hälften? Die Hälfte von sieben Küssen
sind drei und ein halber. Worin sich aber ein halber Kuß von einem
ganzen unterscheiden soll, kann ich mir nicht vorstellen, mit einem
halben wüßte ich, weder als Schöffe auf dem Stuhl noch als Mensch im
Leben etwas anzufangen.«

So eine verwünschte Wette! woher mag der Windhund, der Wilfred, die
Witterung haben, daß ich nicht wiederkommen wollte? dachte er, fand
aber den Schlüssel zu diesem Geheimnis nicht.

Dann hub er wieder an: »Ja, wenn es sich um gemünztes Geld handelte!
Den Hof- und Pachtzins oder den Zehnten kann man dem Zinsherrn auf die
Schwelle legen, an den Zaun oder an die Türklinke binden, daß er ihn
dort findet, steht in meinem Gesetzbuch. Aber beim Küssen ist diese
Art von Schuldentilgung nicht anwendbar. Ein ganz verzwickter ~casus~!
-- ~non liquet, non liquet!~« murrte er und rannte, die Hände auf dem
Rücken, im Zimmer hin und her.

»Ihr seid doch nun einmal Rechtsgelehrter, Herr Ritter, und müßt
unseren Streit zum Austrag bringen können,« erinnerte ihn Melissa.

Da blieb er vor ihnen stehen und sagte entschlossen: »Ja! will ich
auch. Und wenn ihr mit eurer Sache zur höchsten Dingstatt unter
Königsbann ginget, würdet ihr auch keinen anderen Spruch erhalten als
den, den ich euch jetzt verkündigen werde. Also höret, wie von Rechts
wegen erkannt wird. Du, Wilfred, hast die Wette verloren und mußt
die Buße unweigerlich zahlen. Du, Melissa, hast die Wette gewonnen,
kannst die Zahlung fordern, mußt sie aber auch ebenso unweigerlich
einstecken. Von Teilung kann keine Rede sein, sieben Küsse habt ihr
euch zu versetzen, keinen mehr und keinen weniger, dabei bleibt es.
Wenn binnen heut und drei Tagen das gesprochene Recht ~in optima forma~
erfüllt ist, dann ist die Sache damit abgetan und erledigt. Wenn aber
nicht, dann kann der Unbefriedigte wieder hier vor meinen Stuhl kommen
und gegen den Widerspenstigen das Gerüfte schreien, das heißt die Klage
erheben und dann auch die Zwangsvollstreckung beantragen. Fürsprecher,
Bürgen und Eideshelfer braucht ihr nicht, denn ihr seid beide eures
Paktes geständig. Geht! ~actum est.~«

»Wir bedanken uns schön für den gnädigen und weisen Spruch, Herr
Ritter,« sagte Wilfred vergnügt mit einer tiefen Verbeugung.

»Mit dir wette ich in meinem Leben nicht wieder,« schmollte Melissa,
als sie mit Wilfred hinaus ging.

Eike blickte ihnen kopfschüttelnd nach und lachte, sich selbst
verspottend: »Und das nennst du Urteil finden, schöffenbarer Mann?« --

Draußen auf dem einsamen Flur sprach Wilfred: »Der Ritter hat zu meinen
Gunsten entschieden, Melissa. Nun will ich dir auch sagen, daß ich gar
nicht in der Talmühle gewesen bin; nicht von Luitgard, sondern von
meinem lieben Füchslein kam ich, als du mich neulich im Walde sahest.«

»Ist das wahr?« fragte sie, halb noch zweifelnd, halb in zitternder
Freude.

»Ich schwöre es dir bei deinem seidenweichen Blondhaar, deinen
liebestrahlenden Augen und deinem purpurroten Munde. Glaubst du's nun?«

»Ja!« jauchzte sie auf und umschlang ihn mit beiden Armen.

Da küßte er sie, bis ihr der Atem verging.

»Hör' auf!« keuchte sie, »jetzt sind es schon zehn.«

»Macht nichts, zehn ist auch eine heilige Zahl. Denk' an die zehn
Gebote, und in keinem heißt es: Du sollst nicht küssen.«



Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Die Zwietracht zwischen Wilfred und Melissa war durch seine
Versicherung, daß er gar nicht in der Talmühle gewesen wäre,
vollständig gehoben, und nach dem endgültigen Austrag ihrer Wette
waltete wieder Friede und Freundschaft zwischen ihnen. Auf Melissas
Frage, warum er das nicht vor Anrufung des Ritters gesagt hätte,
erwiderte er, es hätte ihm Spaß gemacht, sich an ihrer Eifersucht zu
weiden, worauf sie ihn einen abgefeimten Bösewicht schalt.

Dem Wortlaut nach hatte Wilfred nicht gelogen, als er schwur, daß er
an dem Tage, da sie ihn hätte aus dem Walde kommen sehen, nicht bei
Luitgard, sondern bei seinem Fuchse gewesen wäre. Daß er aber einige
Tage vorher einen wenig erfreulichen Besuch in der Talmühle gemacht
hatte, verschwieg er, und diese Tatsache bestimmte ihn auch, nicht gar
zu frech die gekränkte Unschuld zu spielen. Nachdem er nun aus dem
Streit um die sieben Küsse als Sieger hervorgegangen war, wollte er das
ihm treu anhängliche Mädchen, das er viel lieber hatte als die trotzige
Kratzbürste da unten im Tale, beruhigen und versöhnen, was er ja auch
›~in optima forma~‹, wie es in dem Schiedsspruch ausbedungen war,
schicklich und glimpflich besorgt hatte.

Zur Befestigung des wieder hergestellten herzlichen Einvernehmen trug
bald darauf ein mißliches Ereignis bei, das Wilfred einen großen
Schmerz bereitete und Melissas inniges Mitgefühl erregte.

Eike wollte sich jetzt dann und wann eine Ausspannung von seiner
anstrengenden Arbeit gönnen und, wie er sich vorgenommen, ein wenig
des edlen Weidwerks pflegen. Er ließ also den Wild- und Waffenmeister
um eine Armbrust und einen Köcher voll scharfer Bolzen bitten und zog
hoffnungsvoll damit zu Holze.

Als er nun von solchem Pirschgang einmal mit einer Beute auf der
Schulter heimkehrte, fand er zufällig Wilfred und Melissa auf dem
Burghof plaudernd am Brunnen stehen und warf Wilfred das erlegte Stück
Wild im Schwunge zu mit den Worten: »Da hast du Reinhart den Voß und
kannst dir aus dem Balg einen schönen Pelzkragen für dein Winterwams
machen lassen.«

Wilfred fing das Tier mit den Armen auf und erkannte an dem Schlitz im
Ohr seinen Fuchs, den Eike erschossen hatte. Er konnte vor Wut keinen
Ton hervorbringen, drückte sein liebes Füchslein an sein Gesicht und
wischte sich mit der dicken Lunte die ihm feucht werdenden Augen.

Eike hatte dessen nicht acht und begab sich ohne weiteres in die
Burg. Melissa, die sofort begriff, welcher Tort Wilfred damit angetan
war, wollte ihm ihr herzliches Bedauern aussprechen. Er aber hob die
geballte Faust und drohte dem Schützen nach: »Den Schuß wirst du noch
einmal bereuen, Ritter von Repgow!«

Sie erschrak vor dem Ausdruck grimmigen Hasses und wilder Rachgier in
Wilfreds Zügen und hielt ihm zu seiner Besänftigung vor, daß es doch
nicht des Ritters Absicht gewesen wäre, ausgesucht +diesen+ Fuchs,
seinen zutraulichen Waldgesellen, zu töten, von dessen Zähmung Eike
nichts wußte. Wilfred unterbrach sie jedoch schluchzend: »Meinen
besten, einzigen Freund, den ich auf der Welt hatte!«

Seinen besten, einzigen Freund! wiederholte sich Melissa bitter und
traurig. Und ich? bin ich ihm nichts? nicht einmal soviel wie der Fuchs
ihm war? »Laß ihn von einem Jäger abbalgen,« sagte sie gutmütig. »Ich
will dir den Pelzkragen anfertigen zum Andenken an deinen Liebling
--« und an mich, hätte sie beinah hinzugefügt, verschluckte diesen
heimlichen Wunsch jedoch. --

Mit dem bisher guten Verhältnis zwischen Eike und seinem Gehilfen war
es nun vorbei. Wilfred sprach mit jenem fortan kein Wort mehr als er
durchaus mußte, tat die ihm aufgebürdete Arbeit verdrossener denn je
und wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, dem Mörder seines lieben
Schlitzohrs einen recht bösen Possen spielen zu können.

Dem nun öfter, doch ohne jeglichen Erfolg die Wildbahn besuchenden
Gelehrten fiel das veränderte Benehmen des Schreibers nicht auf. Ihm
waren Kopf und Herz voll von seiner Arbeit und von seiner Liebe zu
Gerlinde, deren gemessenes, aber stets fröhliches Wesen ihn wahrhaft
beglückte. Da durfte auch er sich zwanglos geben, und weil er sich
seinen Wirten jetzt mehr widmen konnte, dehnten sich die Mahlzeiten
länger aus und wurden noch heiterer als bisher.

Einmal forderte ihn die Gräfin sogar zum Schachzabel auf, um, wie
sie lachend sagte, die Niederlage wett zu machen, die er ihr einst
beigebracht hatte. Eike ging gern auf den Vorschlag ein, und diesmal
war er der Unaufmerksame, Zerstreute, denn er mußte fortwährend an das
Spiel auf dem Altan denken, das Gerlinde, in ihrer leidenschaftlichen
Erregtheit damals die Flucht ergreifend, kurzer Hand abgebrochen
hatte. Heute war sie ruhig, durchkreuzte die Züge nicht wieder mit
abschweifenden Fragen, nahm ihrem Gegner eine Hauptfigur nach der
andern und setzte ihn binnen einer halben Stunde matt. Sie hatte ihm
zeigen wollen, daß sie nicht nur Meister auf dem Schachbrett, sondern
jetzt auch Meister ihrer Gefühle sei.

Graf Hoyer hatte sich, als die beiden das Spiel begannen, in seine
Gemächer zurückgezogen, weil ihn das müßige Zuschauen nicht lockte und
eine Unterhaltung dabei nicht möglich war. Ihn beschäftigte in dieser
Zeit unausgesetzt Eikes allmählich der Vollendung entgegen reifendes
Werk, und mit Bedauern sah er den Tag von weitem herankommen, wo der
Unermüdliche sein ~Finis~ darunter schreiben und dann dem Falkenstein
für immer Valet sagen würde. Trotzdem empfand er die reinste, innigste
Freude über den baldigen Abschluß der großartigen Schöpfung und genoß
schon im voraus den Triumph, ringsumher rühmen zu können: »Und das ist
in meiner Burg, unter meinen Augen zustande gekommen!« --

Da traf eines Nachmittages unerwarteter Besuch ein. Es war Herr
Engelhard, der Abt des Klosters Gröningen an der Bode unweit
Halberstadt. Dieser pflegte jährlich einmal hier einzukehren, las
Messe, hörte Beichte und ließ es sich in der Burg ein paar Tage
wohl sein. Stets kam er in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten,
war auch heuer Anfang Mai schon hier gewesen, und sein nochmaliges
Erscheinen im Spätherbst wunderte den Grafen und die Gräfin. Er war ein
Mann in höheren Jahren, mit fast weißem Haar und klugen Äuglein im
vollwangigen Antlitz, der vergnügt plaudern und scherzen konnte, alle
kirchlichen Angelegenheiten aber sehr ernst nahm.

Mit dem Beweggrunde zu seiner zweiten Reise hierher rückte er
vorläufig nicht heraus, und als sich Eike zum Abendessen im Speisesaal
einstellte, war er keineswegs überrascht, schon einen Gast auf dem
Falkenstein vorzufinden. Die beiden Herren wurden miteinander bekannt
gemacht, wobei es Graf Hoyer indessen nicht für nötig hielt, den
Hochwürdigen in der schwarzen Ordenstracht der Benediktiner mit dem
goldenen Kreuz auf der Brust über den Grund der Anwesenheit seines
jungen Freundes aufzuklären. Die gegenseitige Begrüßung war eine
durchaus freundliche, und es entspann sich schnell ein lebhaftes
Tischgespräch. Manchmal sah der Abt den Ritter sinnend und prüfend
an, und zuweilen schien es, als wollte er ihm mit unverfänglichen,
leicht hingeworfenen Fragen über seine Ansichten von weltlichen
Dingen im allgemeinen ein wenig auf den Zahn fühlen. Zur Erörterung
von Gegenständen, über die sich hätte streiten lassen, kam es jedoch
nicht, und so verlief das Mahl von Anfang bis zu Ende einträchtig und
frohmütig.

Am Vormittag schlug der Abt, nachdem er in der Kapelle die Messe
gelesen hatte, der Gräfin bei dem schönen Herbstwetter einen Gang in
den Wald vor, den sie nicht ablehnen konnte.

Unter den Bäumen, deren entlaubte Zweige den noch wärmenden
Sonnenstrahlen freien Durchlaß gewährten, wandelten sie gemächlich
dahin und unterhielten sich über den Sommer und die Ernte, die
Familienverhältnisse der benachbarten Adelsgeschlechter und die
Botmäßigkeit der Lehns- und Dienstleute. Hier anknüpfend brachte
der geistliche Würdenträger die Rede auf Wilfred, dessen er sich
als einstigen Zöglings der Gröninger Klosterschule erinnerte, und
erkundigte sich nach dem gegenwärtigen sittlichen Verhalten des damals
leichtfertigen Burschen.

Die Gräfin konnte nur gute Auskunft geben, denn es war kein Tadel über
Wilfred verlautbart.

»Nun er zu seinen Jahren gekommen ist, wird er ja hoffentlich
vernünftig werden,« sprach der Abt. »Was tut und treibt er denn hier
auf dem Falkenstein?«

»Der Graf hat ihn nach seinen Vagantenirrfahrten wieder in Gnaden
aufgenommen, und jetzt versieht er das Amt eines Schreibers bei Herrn
von Repgow,« berichtete die Gräfin.

»Dann besorgt er also wohl die Niederschrift oder die Abschrift des
neuen Gesetzbuches, das der Ritter hier ausarbeitet?«

»Ihr wißt davon?« erstaunte Gerlinde.

»Man hat gelegentlich dies und jenes davon gehört,« gab der Abt
ausweichend zur Antwort. »Seid Ihr in den Geist und Inhalt einigermaßen
eingeweiht, Frau Gräfin?«

»Gewiß! ziemlich genau sogar,« erwiderte Gerlinde.

»Darf ich fragen, was für ein Urteil Ihr Euch darüber gebildet habt?«

»Das denkbar günstigste, hochwürdiger Herr!«

»Ei, ei! und ist dieses Lob ohne jede Einschränkung?«

»Das Werk ist von der höchsten Bedeutung und zeugt von einer
außerordentlichen Kenntnis unserer Rechtszustände, die Herr von Repgow
für einer gründlichen Besserung sehr bedürftig erklärt. Es behandelt
das Lehnrecht, das Land-, Stadt-, Hof-, Send- und Dingrecht, das Ehe-
und Erbrecht, das Weichbildrecht und das Gewohnheitsrecht,« zählte
Gerlinde der Reihe nach auf.

»Ihr habt das Kirchenrecht vergessen, Frau Gräfin,« betonte Herr
Engelhard. »Sollte das in dem Elaborat des Ritters nicht die ihm
gebührende Berücksichtigung finden?«

»Das Recht der Kirche und der ihr Geweihten fährt darin nicht so gut
wie alle die anderen Rechte,« gestand Gerlinde.

»Das wäre doch sehr zu beklagen. Dann ist es wohl gar in einem ganz
freidenkerischen Geiste geschrieben?« forschte der Benediktiner mit
einem lauernden Blick.

»Ja, das läßt sich leider nicht leugnen,« gab Gerlinde unumwunden zu.
»Das ist aber auch das einzige, woran ich Anstoß nehme.«

»Könnt Ihr auf den jungen Edeling, der mit seiner stattlichen
Erscheinung viel eher in den Sattel und in den Harnisch als an den
Schreibtisch des Gelehrten paßt, nicht einwirken, daß er Euch zu Liebe
dieser verderblichen Richtung absagt und der Kirche gegenüber andere,
ehrfürchtigere, wohlwollendere Saiten aufzieht? Ihr tätet damit ein
gutes, Gott wohlgefälliges Werk,« sprach der Abt.

Mir zu Liebe? dachte Gerlinde betroffen. Was will er damit sagen?
sollte er gemerkt haben, was es mit mir und Eike im geheimen für eine
Bewandtnis hat?

»Nein, hochwürdiger Herr! ich habe keinen Einfluß auf den
Ritter,« erwiderte sie. »Er ist in seinen Grundsätzen und in den
Schlußfolgerungen seiner Wissenschaft so selbständig und unabirrbar
fest, daß er Einrede und Widerspruch von einem Nichtfachmann und
vollends von einer Frau nicht dulden würde.«

»Schade, sehr schade!« meinte der mit seiner Zumutung Abgewiesene,
strich sich nachdenklich das glatte, runde Kinn und lenkte die
Unterhaltung in andere Bahnen.

Er hatte aus der ihm bereitwillig Rede stehenden Schloßherrin alles
herausgeholt, was sie ihm an wünschenswerten Nachrichten zu liefern
vermochte, und hatte außerdem noch eine zweite Quelle zu seiner
Verfügung, aus der er wahrscheinlich noch mehr ins einzelne Gehendes
schöpfen konnte.

In die Burg zurückgekehrt machte die Gräfin ihrem Gemahl ausführliche
Mitteilung von ihrem ernsten Gespräch mit dem Abte.

»Nun, da hast du ja mit deinen Offenbarungen und Fingerzeigen dem
wißbegierigen Seelenhirten recht gründlich auf die Sprünge geholfen,«
sagte der Graf mißbilligend.

»Das habe ich nicht getan,« beteuerte sie gekränkt. »Er fragte mich
nach dem Gesetzbuch, dessen bald beendete Schöpfung ihm bekannt war.«

»Ihm bekannt war? Dann kommt das wieder von den verfluchten
Quertreibereien des Aschariers her,« fuhr der Graf wütend auf. »Wenn
ich doch dem Landstörzer, dem Dowald, an den Hals könnte! dem wollte
ich die Hölle heiß machen.«

»Die Grafen von Blankenburg und Regenstein wußten doch auch schon
davon, wie uns Eike sagte,« wandte Gerlinde ein.

»O die Grafen, das ist gut, aber die Pfaffen, das ist schlimm,«
rief der Graf, »und ein echter, ausbündiger Pfaff mit seiner klug
berechneten Geschmeidigkeit und salbungsvollen Verschmitztheit ist
der Gröninger auch. Ja, wenn es den heuchlerischen Kuttenträgern in
Wahrheit um den reinen, christlichen Glauben, um das Evangelium der
Liebe zu tun wäre! aber das dient ihnen nur zum Deckmantel ihrer
schändlichen Absichten. Unbeschränkte Macht, bedingsloser Einfluß nach
oben und nach unten und zu diesen Zwecken die Knechtung alles Denkens
und Fühlens im Volke ist es, was sie anstreben, und es zu erreichen
ist ihnen kein Mittel zu schlecht. Hat er von dir verlangt, ihm zu
beichten?«

»Nein.«

»Natürlich nicht!« lachte der Graf. »Das Beichtgeheimnis darf er
nicht verraten, aber Geständnisse außerhalb des Beichtstuhles sind
vogelfrei. Er ist ja doch nur dazu hergekommen, um hinterlistig das
auszukundschaften und demnächst kanonisch auszubeuten, was du in deiner
gottesfürchtigen Frömmigkeit die Güte hattest, ihm über Eikes Gesinnung
anzuvertrauen.«

Die Gräfin war bestürzt und bereute, sich zum Abte so offenherzig
ausgelassen zu haben.

Bei Tische zeigte sich der Benediktiner ganz anders gegen Eike als
gestern abend, zwar höflich, aber kühl und zurückhaltend, und es gab
eine etwas gedrückte Stimmung. Nur Graf und Gräfin durchschauten diesen
Wechsel in seinem Benehmen; Eike ahnte nichts, denn seines Werkes wurde
auch heute mittag mit keiner Silbe gedacht.

Nach dem Mahle, während Graf Hoyer der Ruhe pflegte, wollte Herr
Engelhard seine zweite Erkenntnisquelle sprudeln lassen und beschied
den ehemaligen Klosterschüler zu sich in sein Losament.

Da hatte die Stunde der Vergeltung für den getöteten Fuchs geschlagen,
und zur Ausführung des Planes, den sich Wilfred seit der Ankunft des
Abtes aufgebaut hatte, kam dieser ihm auf mehr als halbem Wege entgegen.

»Wilfred Bogner,« redete ihn der Prälat an, »ich denke, du weißt, daß
du die sehr gelinde Bestrafung deines abscheulichen Pudelstreiches in
Gröningen nur mir zu verdanken hast, nicht wahr?«

»Ja, das weiß ich und werde Euch Eure große Nachsicht mit meinem
Leichtsinn nie vergessen, hochwürdigster Herr,« erwiderte Wilfred
demütig.

»Gut! Du besorgst die Abschrift von dem Buche des Ritters von Repgow,
mußt also über den Inhalt unterrichtet sein.«

»~Prorsus et perfecte~, hochwürdigster Herr!«

»Dann frage ich dich: in welcher Weise werden die kirchlichen
Verhältnisse in diesen neuen Gesetzen behandelt?«

»In einer ganz unverantwortlichen Weise, hochwürdiger Herr!« erwiderte
Wilfred ohne Zögern. »Die Rechte unserer heiligen Kirche und die der
hochwürdigen Geistlichkeit werden über alle Maßen beschränkt und
geschädigt, geradezu mit Füßen getreten.«

»Was du sagst! erkläre dich näher!«

»Zum Beispiel ist die Erbfähigkeit der Geistlichen einschließlich der
Bischöfe und Äbte, sowie aller Klöster und Stifter gänzlich abgeschafft
und in Zukunft null und nichtig.«

»Wilfred! das ist doch nicht möglich.«

[Illustration: »Hochwürdiger Herr, es steht schwarz auf weiß von meiner
Hand geschrieben.«]

»Hochwürdiger Herr, es steht schwarz auf weiß von meiner Hand
geschrieben,« versicherte Wilfred.

»Ist dir die Abschrift zugänglich, so daß du mich Einsicht darin nehmen
lassen könntest?«

»Ich habe sie oben in meinem Turmstübchen, aber hochwürdiger Herr, --
wenn Ihr mir die große Ehre erweisen wolltet, mich dort zu besuchen,
oder wenn ich mit dem Aktenstoß zu Euch herunterkäme und es sähe
jemand, so würde das sehr auffallen und einen unliebsamen Verdacht
erregen,« stellte Wilfred dem Abte vor.

»Da hast du recht, aber ich möchte mich doch gern mit eigenen Augen von
dem überzeugen, was du mir zu meinem Entsetzen aufgedeckt hast.«

»Wie wäre es denn, hochwürdiger Herr, wenn ich Euch kurze Auszüge
von einigen der verwerflichsten Stellen des Buches machte, die
Ihr einstecken und mitnehmen könntet?« erbot sich der schamlose
Ränkeschmied.

»Ein vortrefflicher Vorschlag, Wilfred!« rief der Prälat frohlockend.
»Ich müßte sie freilich bis morgen früh haben, weil ich dann abreisen
will.«

»Heut abend noch, hochwürdiger Herr! aber wo und wie soll ich sie Euch
ohne Zeugen einhändigen?«

»Hm! weißt du was?« flüsterte der Abt. »Wenn ich heut abend mit den
gräflichen Herrschaften bei Tisch sitze, schleichst du dich hier ein
und legst mir das Schriftstück in mein Bett unter den Pfühl zu Häupten.
Verstehst du?«

»~Optime~, hochwürdiger Herr! so werd' ich's machen,« versprach Wilfred.

»Habe Dank, Wilfred!« schloß der Abt die Unterredung, dem schändlichen
Zwischenträger die Hand reichend, »und wenn du einmal eine Bitte hast,
die ich erfüllen kann, so wende dich an mich, sollst ein offenes Ohr
bei mir finden.«

Wilfred ging ab und lachte sich draußen ins Fäustchen: »Das wird eine
Wirkung tun, von der sich der gelehrte Ritter nichts träumen läßt, und
damit wird mein armes Füchslein gerächt.« --

Abends war der geistliche Herr wieder in der heitersten Laune und
unterhielt mit dem Vorbringen mancherlei drolliger Erlebnisse seine
Tischgenossen aufs angenehmste.

Er konnte wohl aufgeräumt sein, hatte er doch zur Bekämpfung und
Unterwerfung des unkirchlichen Freidenkers eine scharf geschliffene
Waffe schon so gut wie in der Tasche.

Gräfin Gerlinde aber getröstete sich aus der besonderen Freundlichkeit,
die er Eike erwies, der Hoffnung, daß er nichts Arges gegen diesen im
Schilde führe.

Vor Aufhebung der Tafel kündigte er seine Absicht an, morgen wieder
abzureiten, und da konnte sich Graf Hoyer doch nicht enthalten, ihn
nach dem Zwecke seiner Herbstreise zu fragen.

Der Abt zog die Augenbrauen hoch und legte den Zeigefinger auf den
gespitzten Mund. »~Secretum coenubii~, Herr Graf!« sagte er dann. »Ich
hatte hier in der Gegend wichtiges zu ordnen und habe den kleinen
Abstecher hierher nur gemacht, um Euch, meinen langjährigen Freund und
Gönner, und Euer huldvolles Ehgemahl wiederzusehen.«

Der Graf lächelte nur zu dieser wohlfeilen Ausrede, die ihn in dem
bestärkte, was er über den unzeitigen Besuch des Benediktiners zur
Gräfin geäußert hatte.

Als sich der gefährliche Gast zur Ruhe begab, fand er unter seinem
Kopfkissen versteckt die ihm von Wilfred verheißenen Beweisstücke, und
seine Neugier war so groß, daß er sie beim Schein der Lampe sofort
zu lesen begann. Es waren vielleicht acht oder zehn zusammenhanglose
gesetzliche Bestimmungen, die seinen höchsten Unwillen erregten und ihn
öfter zu heftigem Kopfschütteln und Ausrufen des Zornes brachten, bis
er mit einem empörten »~Anathema esto!~« seine Prüfung abschloß. »Aber
welche meisterliche Handschrift hat sich der nichtsnutzige Schlingel
der Wilfred angeeignet!« murmelte er dann, »fast wie in unsern besten
Brevieren; solchen Schönschreiber haben wir im Kloster nicht.«
Bedächtig stieg er ins Bett und schlief den Schlaf des Gerechten.

Anderen Morgens kletterte er auf seinen gut genährten, alten Gaul,
verabschiedete sich im Burghof von Hoyer und Eike und ritt von dannen.

Die beiden Zurückbleibenden gingen hinauf zur Gräfin und überbrachten
ihr den Gruß und Segen des mit seiner erlisteten Beute vergnügt
abziehenden Mönches.

»Eike, du hast da unten auf dem Burghof einem bösen Feinde von dir die
Hand gedrückt,« sprach der Graf.

»Glaubt Ihr?«

»Ja! und ich habe triftige Gründe zu dieser Vermutung.

Er kennt den Geist deines Gesetzbuches und wird dir einen derben Strick
daraus drehen.«

Daß Gerlinde dem Abt diese Erkenntnis vermittelt hatte, verschwieg er.
Sie aber war sich dessen reumütig bewußt und ängstigte sich nun erst
recht um das durch ihre Schuld bedrohte Schicksal Eikes und seines
Buches.

»Auf Feinde muß ich gefaßt sein, Herr Graf,« erwiderte Eike. »Aber das
soll mich nicht anfechten, und wenn sie mir mit Bann und Scheiterhaufen
drohen, ich widerrufe nichts.«

»Nimm es nicht auf die leichte Achsel,« warnte der Graf. »Sie werden
dir, wenn sie können, mit einem bösen ~judicium~ über den Hals kommen.«

»Ich fürchte mich nicht, Graf Hoyer, und werde mich meiner Haut zu
wehren wissen,« gab ihm Eike zur Antwort. »Hab' ich doch den Kaiser auf
meiner Seite,« fügte er vertrauensvoll hinzu.

»Auf die Hilfe des Kaisers poche nicht allzu kühn; der ist zu fern
vom deutschen Reich, um entschieden für dich eintreten zu können. Aber
du hast ja noch andere mächtige Freunde zu deinem Schutz, die dich
nicht im Stich lassen werden, und vorläufig bist und bleibst du hier in
Sicherheit und kommst so bald nicht von uns los.«

»Wenn mein Buch fertig ist, muß ich scheiden,« sprach Eike, hütete sich
aber, Gerlinde dabei anzusehen.



Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Graf Hoyer trug schwerer an den jüngst zu Gerlinde und Eike geäußerten
Sorgen, als er die beiden wissen lassen wollte und überlegte, wie er
den Folgen des Engelhardschen Besuches abwehrend begegnen könnte.
War er auch gewöhnt, jeder Gefahr die Stirn zu bieten, wollte er
sich doch von keiner unvorbereitet überraschen lassen und traf
seine Vorkehrungen, wenn er vermutete, daß und aus welcher Richtung
ein Unheil gegen ihn heranzog. Dem Abte von Gröningen, dem Eikes
Gesetzbuch, seit er nähere Kenntnis davon hatte, ein Dorn im Auge war,
traute er nicht über den Weg und hielt ihn eines irgendwie ausführbaren
Handstreiches, sich in den Besitz der schriftlichen Ausarbeitung zu
setzen, für ebenso fähig wie willig. Deshalb beauftragte er den Wild-
und Waffenmeister, dem Türmer und dem Torwart die größte Wachsamkeit
einzuschärfen, daß sich nicht verdächtiges Gesindel in die Burg
einschleiche.

»Wird nach Euren Befehlen geschehen, Herr Graf,« erwiderte der
Wildmeister. »Goswig darf nicht schlafen; er soll die untere Spitze
seines Spießes auf seinen Fuß und die obere unter sein Kinn stellen,
damit er nicht einnickt.« --

Eike kamen solche Gedanken nicht in den Sinn, obschon es auch ihm
unerwünscht war, daß die Klerisei von seiner Neugestaltung des
deutschen Rechtswesens vorzeitig Kunde erhalten hatte und ihn nun
mit allerhand anmaßlichen Einreden, Verwahrungen und Bestreitungen
belästigen und in seiner noch unvollendeten Arbeit stören konnte. Die
Angriffe von jener Seite her erwartete er erst dann, wenn sein Buch in
die Welt hinausgegangen, im ganzen Reiche verbreitet und nichts mehr
daran zu bessern, d. h. zu verderben war.

Dagegen drängten sich ihm Betrachtungen anderer Art auf und stellten
ihn vor Fragen, die er sich nicht beantworten konnte.

Schon in den ersten Tagen nach der Abreise des kirchlichen
Würdenträgers war es ihm aufgefallen, daß sich Gerlinde scheuer gegen
ihn benahm und ihm mehr auswich als bisher. Wie sollte er sich das
erklären?

Seit seiner Rückkehr von Reppechowe hatte sich ein so
freundschaftlicher, herzlicher Verkehr zwischen ihnen herausgebildet,
daß sie die frühere Zurückhaltung mehr und mehr abgestreift hatten,
und nun war plötzlich eine Abkühlung bei Gerlinde eingetreten. Sollte
auch hierbei der geistliche Herr seine Hand im Spiele haben? Hatte
sie ihm Beichte abgelegt und ihm ihre Liebe gestanden, worauf er als
Bedingung der Absolution von dieser Sünde die äußerste Beschränkung im
Umgang mit ihm, mit Eike, über sie verhängt hatte? Gerade jetzt, nicht
lange vor seinem Scheiden, empfand er den Wandel in ihrem Gebaren sehr
schmerzlich, denn je näher die Trennung rückte, desto größer ward in
ihm das Verlangen nach dem innigsten Einvernehmen mit ihr.

Die Ursache von Gerlindes scheuem Wesen sollte er jedoch bald auch ohne
Nachforschung erfahren.

Melissa erschien bei ihm mit der Bestellung, die Frau Gräfin ließe
Herrn von Repgow um eine Unterredung in ihrem Gemach bitten.

Das hatte sie noch niemals getan, da mußte etwas ganz Außerordentliches
vorgefallen sein. Von Unruhe getrieben begab sich Eike zur Kemenate der
Herrin.

»Ihr habt befohlen, Gräfin,« sprach er, als er eingetreten war.

»Befohlen, Eike! wie sollte ich Euch wohl jemals etwas befehlen!«
entgegnete sie mit sanftem Vorwurf. »Euch etwas Schändliches abzubitten
hab' ich.«

Verwundert über diese seltsame Einleitung schwieg er, des Kommenden
gewärtig.

Gerlinde zauderte noch mit ihrem Schuldbekenntnis und stieß dann heftig
hervor: »Ich habe Euch verraten, Eike!«

»Ihr mich verraten, Gerlinde?« erwiderte er nun erst recht betroffen,
»das glaub' ich Euch nicht.«

»Ich habe dem Abte den Inhalt Eures Buches verraten, -- da habt Ihr's
mit einem Worte.«

»Weiter nichts?« sagte er gelassen.

»Es bedeutet mehr und schlimmeres als Ihr denkt.«

»Habt Ihr ihm auch -- noch etwas Anderes gebeichtet?«

»Nein, nichts Anderes, und es war auch nicht im Beichtstuhl. Draußen im
Walde hat er mich zur Rede gestellt, und da hab' ich ihm ausgeplaudert,
was ich wußte und was ich hätte verschweigen sollen.«

»Was ist da noch groß zu verschweigen? die Sache ist längst kein
Geheimnis mehr im Sachsenlande,« suchte er sie zu beruhigen.

»Hoyer hat mich deswegen tüchtig ausgescholten, und wie ernst er
die Sache nimmt, habt Ihr aus seinem eigenen Munde gehört,« sprach
Gerlinde mit ängstlicher Hast.

»Und was habe ich ihm darauf geantwortet? daß ich mich durch den
Widerspruch des Klerus nicht im mindesten einschüchtern ließe,«
versetzte Eike. »Was habt Ihr denn dem Ketzerriecher graulich
Verbrecherisches von mir ausgeplaudert?« fragte er dann sorglos
scherzend.

»Er wollte wissen, ob in Euren Gesetzen auch den Rechten der Kirche
und der Geistlichkeit die gebührende, ehrfurchtsvolle Berücksichtigung
zuteil würde.«

»Und das habt Ihr natürlich schlankweg verneint.«

»Ja!« gestand Gerlinde. »Ich habe zugegeben, daß ich in dieser
Beziehung nicht gleicher Meinung mit Euch wäre und an Eurer Behandlung
dieser Dinge erheblichen Anstoß nähme. Damit hab' ich auch Euch selbst
gegenüber niemals hinter dem Berge gehalten.«

»Zu meiner Freude, Gerlinde, habt Ihr das nicht getan,« versetzte er
treuherzig. »Aber was sagte der hochwürdige Herr dazu?«

»Er wünschte, daß ich meinen Einfluß auf Euch benutzen und Euch bewegen
sollte, die kirchenfeindlichen Stellen von Grund aus zu ändern.«

»Und Ihr?«

»Ich erklärte ihm, daß ich keinen Einfluß auf Euch besäße,« erwiderte
sie, die Wimpern senkend.

»Eine Ausrede, die zur Abwehr der unzarten Zumutung ganz an ihrem
Platze war,« sprach Eike. »Aber in Wahrheit trifft das nicht zu,
Gerlinde; Ihr vermögt viel, vermögt alles über mich. Nur«, fügte er
hinzu, »meine Überzeugung von dem, was recht ist, opfere ich auch --«

Er brach ab und beendete den Satz nicht.

»Nun?«

»-- auch aller meiner unwandelbaren Liebe zu Euch nicht.«

»+Meine+ Liebe wird die Eurige nicht auf diese harte Probe stellen,«
flüsterte sie, helle Glut auf den Wangen.

Es war wieder ein so gefährlicher Moment wie in jener Nacht auf dem
Altan. Eine einzige Bewegung jetzt von ihm zu ihr, und sie hätten sich
Brust an Brust gelegen.

Doch Eike behielt Gewalt über sich. Er stand auf, schritt ein paarmal
im Zimmer hin und her und fragte dann ruhig: »Habt Ihr dem Abte
wörtliches mitgeteilt?«

»Nein, nicht das mindeste,« versicherte sie.

»So weiß er ja gar nichts,« lachte Eike. »Was will er denn? Mag er doch
warten, bis er eine Abschrift vor sich hat und Grund zu Ärgernis darin
findet. Das wird er freilich wohl, und dann mag er meinetwegen Lärm
schlagen, mich soll's wenig kümmern.«

»Verzeiht Ihr mir meine Unbesonnenheit, Eike?« fing Gerlinde nach
kurzem Schweigen an.

»Gerlinde!« rief er mit herzinnigem Ton. »Ich bin ja unsagbar glücklich
über diese Lösung des Rätsels, denn Euer Wesen in letzter Zeit war mir
ein Rätsel, über das ich mir trübe Gedanken machte. Ich glaubte, Ihr
hättet --«

»-- Euch nicht mehr lieb?« fiel sie rasch ein.

»Nein, -- Ihr hättet dem Abte gelobt, mich zu meiden.«

»Das Gelübde hätte ich ihm nie getan, und wenn er Himmel und Hölle
dazu in Bewegung gesetzt hätte,« rief sie. »Ich schämte mich meiner
Angeberei und konnte Euch nur deshalb nicht mehr so unbefangen begegnen
wie sonst. Das ertrug ich nicht länger, und darum ließ ich Euch bitten,
zu mir zu kommen.«

»Das Beste, was Ihr tun konntet.«

»Ich wußte ja, daß Ihr mich freundlich anhören würdet. Und nun -- wie
soll ich Euch danken, Eike, daß Ihr diesen Druck jetzt von mir genommen
habt?« fuhr sie tief erregt fort, sah ihn mit feucht schimmernden Augen
an und reichte ihm die Hand, die er mit seinen beiden umfaßte und
inbrünstig küßte.

Dann stürmte er hinaus wie gescheucht von einer Macht, die stärker war
als er und die ihn übermannt hätte, wenn er noch geblieben wäre.

Mit geteilten Gefühlen blickte Gerlinde ihm nach.

Ihr war ein Stein von der Seele, daß Eike ihr den begangenen Fehler
verziehen hatte und sie nun wieder frank und frei mit ihm verkehren
konnte. Aber -- »ein Handkuß und mehr nicht!« seufzte sie.

Als er von ihrem großen Einfluß auf ihn und von seiner unwandelbaren
Liebe zu ihr sprach, hatte sie erwartet, daß er ihr diese Liebe noch in
anderer Weise als bloß mit Worten bezeugen würde.

Wie konnte sie das nur erwarten! Hatte sie denn vergessen, was sie
sich nach seiner Rückkehr von Reppechowe gelobt hatte den festen
Vorsatz, nichts mehr von ihm verlangen zu wollen? Brach doch wieder
die Sehnsucht nach seinen umfangenden Armen in ihr durch? Nicht um
diese Sehnsucht zu stillen, hatte sie ihn zu sich berufen, sondern nur
zu einer offenen Aussprache und aufrichtigen Versöhnung, die ja auch
schnell zustande gekommen war und deren es gar nicht bedurfte, weil er
der Reumütigen nicht im mindesten zürnte. Dabei war es ihnen beiden
heiß ums Herz geworden, und Eike, um -- wie sie deutlich erkannte --
die Versuchung seiner eigenen Erregtheit zu fliehen, war just so eilig
ihr entronnen wie sie damals ihm beim Schachspiel auf dem Altan.

Sie aber drängte es, dem schmerzlichen Vermissen dessen, was sie einen
Augenblick erhofft hatte, in Tönen Ausdruck zu geben, nahm die Harfe
zur Hand und sang:

    Ich muß dich, Liebe, fragen:
    Schaffst du mehr Lust, mehr Leid?
    Sind Geben und Versagen
    Dir wie ein wechselnd Kleid?
    Bald läßt du Rosen mich brechen
    Und bald von Dornen mich stechen.

    Ich weiß, mit welchen Mächten
    Die Herzen du gewinnst,
    An Tagen und in Nächten
    Sie zauberstark umspinnst.
    Du lockst mit seligen Freuden,
    Hast Schätze zu vergeuden.

    Doch fährt auf hohen Wogen
    Das Glück gradwegs daher,
    Weicht mir aus im Bogen
    Und grüßt mich nimmermehr.
    Stets muß ich schweigend mich fügen,
    Hoffnungen schmeicheln und trügen.

    Glaubt' ich's zu guter Stunde
    Schon fest an mich geknüpft,
    Ist's meinem durst'gen Munde
    Flugs wiederum entschlüpft.
    Es ist ein Nahen und Schwinden,
    Ein Suchen und doch kein Finden.

Nun saß sie, dachte nur an Eike von Repgow und sah ihn im Geiste,
wie er vor ihr gestanden hatte, wägend und mit sich kämpfend, was er
tun sollte. Um sich seine männliche Erscheinung noch deutlicher und
herrlicher vorzustellen, öffnete sie eine eichengeschnitzte Truhe,
nahm das nun fertige Kursît heraus und betrachtete es sinnend. Es
mußte ihn prächtig kleiden, aber die Ritter pflegten es über Brünne
und Halsberge zu tragen. Würde sie Eike jemals geharnischt im Sattel
sehen, wo doch, wie der Abt gemeint hatte und sie selber glaubte, weit
eher sein Platz war als am pergamentbeladenen Schreibtisch? Träumerisch
vergegenwärtigte sie sich sein Bild im Schmucke dieses blauseidenen
Wappenrockes, den sie ihm schenken wollte, wenn er auf immerdar von
dannen ritt. »Auf immerdar!« sprach sie traurig, den Wappenrock wieder
verschließend. »Möchtest du noch lange hier ruhen, Werk meiner Hände!«



Vierundzwanzigstes Kapitel.


Auf Burg Falkenstein bewegte sich alles wieder in den gewohnten
Geleisen von Ruhe und Behaglichkeit, und der Besuch des Abtes hatte
keinerlei Nachwirkungen.

Graf Hoyer wurde ganz irr an dem vorwitzigen Prälaten, gegen dessen
Anschläge er bereits Vorsichtsmaßregeln angeordnet hatte und der nun
doch nichts Feindliches wider ihn oder Eike zu planen schien. Sollte er
dem ehrenwerten Gottesmann mit seinem Verdacht Unrecht getan haben? Das
wollte ihm nicht einleuchten, und in völlige Sicherheit ließ er sich
durch dessen vorläufige Untätigkeit noch nicht einwiegen, weil er dem
Frieden nicht traute.

Die Gräfin aber war glücklich, daß nichts von dem geschah, womit ihr
der Graf nach ihrem Gespräch mit dem geistlichen Herrn bange gemacht
hatte, und glaubte an keine Gefahr mehr für Eike, zumal ihr dieser alle
Besorgnis so überzeugend ausgeredet hatte.

Der Meistbeteiligte, Eike, sah in dem Zwischenfall nur eines der
Hindernisse, die jeder nach einem hohen Ziel Strebende auf seinem Wege
zu überwinden hatte, und dachte nicht weiter daran.

Dagegen befand sich Wilfred in einer täglich wachsenden Aufregung
und konnte nicht begreifen, warum der Hochwürdige von den ihm
eingehändigten Auszügen noch immer keinen Gebrauch machte. Ihn
stachelte ungeduldige Rachsucht, die ja der Beweggrund zu seinem
schnöden Verrat gewesen war und deren für Eike verderbliche Folgen er
schadenfroh mit ansehen wollte.

Trotzdem war ihm unheimlich zumute, denn er verhehlte sich nicht, daß
von diesen Folgen einige auch ihn selber treffen konnten, wenn es sich
durch eine strenge Untersuchung herausstellte, daß er der hinterlistige
Unterstützer des gegen Eike einzuleitenden Verfahren gewesen war.

Er hatte seine Drohung, sich für den Schuß auf den Fuchs rächen zu
wollen, in Gegenwart Melissas ausgestoßen. Das Mädchen war ihm herzlich
zugetan und unbedingt ergeben, konnte aber, wenn es dazu gezwungen
wurde, zu einer ihn schwer belastenden Zeugin werden, deren fast
überführender Aussage gegenüber ihm kein Leugnen half.

Dann war er gerichtet und geächtet, mußte sein Bündel schnüren und
wieder als Vagant in die weite Welt hinaus wandern, was für ihn hieß:
ins Elend gehen.

Und der Winter war im Anzuge. Stürme, die den Wald durchbrausten und
die Äste der Eichen und Buchen knarren und knacken machten, auch wohl
ein herabwirbelndes Schneegestöber oder ein knatternder Graupelschauer
kündigten als Vorboten sein Nahen an. Wo sollte da ein mit Schimpf und
Schanden weggejagter Landstreicher ein schützendes Obdach finden und
womit auf den an allem Eßbaren und Verdaulichen leeren Feldern den
nagenden Hunger stillen?

Melissa las ihm die Unzufriedenheit und Verbitterung vom Gesicht,
und selbst ihrer liebenswürdigen Zärtlichkeit gelang es nicht, ihn
aufzumuntern oder dem Verstockten mit Fragen den Grund seiner üblen
Laune zu entlocken. --

Da trat ein Ereignis ein, das zwar an sich nicht groß verwunderlich
war, den Grafen jedoch veranlaßte, seine Gemahlin und Eike zu sich in
sein Zimmer zu entbieten, um sich mit ihnen darüber zu besprechen.

Sie kamen und fanden den Burgherrn mit gekrauster Stirn in seinem
bequemen Faltestuhl sitzen und -- wohl nicht zum erstenmal -- einen
soeben empfangenen Brief lesen.

»Ein reitender Bote hat mir aus dem Stift zu Quedlinburg ein Schreiben
überbracht, aus dem ich nicht klug werde,« begann er. »Die Kanonissin
Gertrud von Amfurt fordert mich namens der Äbtissin zum schleunigen
Besuch auf in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die keinen Aufschub
vertrüge und über die sie sich brieflich nicht äußern könnte. Was
haltet ihr davon?«

Eike hob ratlos die Schultern.

»Sollte der Palmsonntagstreit mit dem Bischof wieder aufflackern?«
meinte die Gräfin.

»Daran habe ich auch schon gedacht,« sprach der Graf, »aber der Streit
ist endgültig entschieden und beigelegt, und daraus würden sie auch
kein Hehl machen. Wenn es überhaupt etwas wäre, das meine Schirmvogtei
betrifft, würden sie es doch wenigstens angedeutet haben. Das Traurige
ist, daß ich nicht imstande bin, aufs Pferd zu steigen und nach
Quedlinburg zu reiten. Also mußt du hin, Eike!«

Gerlinde machte eine erschrockene Bewegung, weil plötzlich eine Ahnung
in ihr auftauchte, die sie in die Worte faßte: »Es wird doch keine
Falle sein?«

»Eine Falle?«

»Ja, eine vom Gröninger Abt gestellte Falle. Kennst du die Handschrift
der Kanonissin?«

»Nein.«

»Warum schreibt Osterlindis nicht selbst? Der Brief könnte gefälscht
sein. Man weiß vielleicht, daß du nicht reiten kannst und baut darauf,
daß Herr von Repgow --«

»Ah, jetzt verstehe ich dich,« unterbrach sie der Graf. »Du fürchtest,
daß sie Eike einen Hinterhalt legen wollen. Tod und Teufel! das wäre
doch ein Schelmenstück sondergleichen.«

Eike schüttelte den Kopf und sagte ruhig: »Darauf lass' ich's ankommen;
ich reite morgen früh nach Quedlinburg, wenn Ihr glaubt, Herr Graf,
daß mir die Äbtissin soviel Vertrauen schenkt, mich anstandslos in die
vorliegenden Dinge einzuweihen.«

»Das wird sie gewiß,« erwiderte der Graf, »ich werde dir ein
paar Zeilen an sie mitgeben. Sie ist meine Verwandte von der
Schwertmagensippe, eine Gräfin Falkenstein, und hat als Äbtissin des
freiweltlichen Stiftes den Rang einer reichsunmittelbaren Fürstin.
Also niemand außer dem Kaiser hat ihr dreinzureden, was sie tun oder
lassen will. Du nimmst Sibold mit und hast auch noch den Reitenden
hinter dir, der das Schreiben gebracht hat. Wenn du morgen frühzeitig
satteln läßt, kannst du gegen Abend wieder hier sein. Bist du aber bis
übermorgen mittag nicht zurück, so schicke ich dir den Wildmeister mit
einem Fähnlein gewappneter Reisiger nach. Einer von ihnen wird ja wohl
lebendig wiederkommen und melden können, was aus dir geworden ist,«
fügte er lachend hinzu.

Eike lachte mit, aber Gerlinde war still und nachdenklich, denn ihr
bangte ernstlich um Eikes Sicherheit.

Es blieb bei der getroffenen Verabredung und sowohl an Sibold wie an
den stiftischen Boten erging der Befehl, morgen früh mit dem Ritter von
Repgow zu reiten.

Nach der Beratung verließen Gerlinde und Eike den Grafen, und jeden
der drei beschäftigte die mit solcher Dringlichkeit und Heimlichkeit
betriebene Angelegenheit insbesondere.

Graf Hoyer wollte den Verdacht seiner Gemahlin, daß die Aufforderung
zu dem Besuch eine vom Abt gestellte Falle sein könnte, nicht ganz von
der Hand weisen. Gerade dieser, nicht die Äbtissin, wußte, daß ihm
das Reiten schon zu beschwerlich war, und da lag es sehr nahe, daß er
den Gastfreund als seinen Vertreter nach Quedlinburg entsenden würde,
woraus sich die Möglichkeit ergab, sich Eikes aus einem Hinterhalt zu
bemächtigen.

Allein bei Licht besehen wäre es doch eine gar zu große Kühnheit,
ja Frechheit seitens des Abtes, Eike unterwegs gewaltsam aufheben
zu lassen und ihn als Gefangenen in eine Gröninger Klosterzelle zu
sperren, um dort seine gesetzgeberische Arbeit zu überwachen und ganz
im Sinne des herrschsüchtigen Klerus zu leiten. Das wäre ein völlig
aussichtsloser Versuch, denn eher machte der Rhein in seinem Laufe
Kehrt und flösse bergauf von Köln nach Konstanz, als daß sich Eike nur
einen Strohhalm breit beugen ließ.

»Nein, nein!« sprach Hoyer zu sich selbst, »zu so grob zutappenden
Übergriffen nimmt der vorsichtige Benediktiner seine Zuflucht nicht,
der spinnt feineres Garn für seine Netze und würde sich ohne höheren
Auftrag, auf eigene Verantwortung nimmer so weit vorwagen. Aber
welcher Höhere sollte ihm einen solchen Auftrag erteilen? der Bischof?
der bedient sich keines vorgeschobenen Handlangers, sondern packt
selber rasch zu, wo er einzuschreiten für nötig findet. Also abwarten!
Eike wird morgen kein Abenteuer zu bestehen haben, es sei denn ein
ritterlich gefälliges im Quedlinburger Schlosse, wo es sich vielleicht
nur um Rat und Rechtsbeistand handelt, ein umstrittenes Kunkellehen
für eine der Konventualinnen zu ergattern, welche ›sehr wichtige
Angelegenheit‹ die gute Osterlindis zu einer ~res divina~ aufbauscht.«

Gerlinde wurde nicht so schnell mit ihren Sorgen fertig, und daß auch
der Graf mit Gefahren für Eike rechnete, ging daraus hervor, daß er
ihm, falls er bis übermorgen mittag nicht zurück wäre, eine Schar
Reisige nachschicken wollte. Ja, übermorgen konnten die leicht zu spät
kommen, die sollte ihm Hoyer lieber gleich morgen zu Schutz und Geleit
mitgeben, aber ihn darum bitten mochte sie nicht, um nicht eine allzu
warme Teilnahme durchblicken zu lassen.

Einer freute sich auf den Ritt nach Quedlinburg, der berühmten
Heinrichsstadt, wo die Kaiser sächsischen und fränkischen Stammes oft
ihr Hoflager aufgeschlagen und manchen glänzenden Reichstag abgehalten
hatten. Das war Eike; noch niemals war er in der schön gelegenen Stadt
gewesen, hatte sie mit ihrem Schloß und dem ragenden Dom immer nur von
weitem gesehen, wenn er sich mit seinem Freunde Hinrik Warendorp ein
Stelldichein im Gasthaus am Scheideweg gegeben. Die Besprechung mit der
Domina würde hoffentlich nicht so lange währen, daß ihm nicht noch Zeit
genug übrig bliebe, sich in dem mauerumgürteten Quitilingeburg gehörig
umschauen zu können.

Als sie sich spät abends gute Nacht wünschten, fragte Gerlinde mit
innigstem Ton: »Werdet Ihr mir auch wiederkommen, Eike?« Und wie
berückend sah sie ihn dabei an mit ihren großen, dunklen Augen!

»Wenn sie mich nicht einfangen und in Ketten schließen, komme ich
wieder, Gerlinde; ich lasse Euch mein Herz als Geisel,« entgegnete er
lächelnd mit einem treufesten Händedruck und hätte sie so gern, so gern
dabei geküßt.

In der Morgenfrühe ritt er frohgemut ab und die zwei Knechte in
gebührendem Abstand hinter ihm. Er hatte Wetterglück; ein lauer Wind
wehte, und vom nur spärlich bewölkten Himmel schien die Sonne, was er
sich zum guten Zeichen nahm.

Wilfred hatte ihn abreiten sehen und sagte nachher zu Melissa: »Diesmal
brauchen wir nicht zu wetten, ob er wiederkommt; er hatte nicht den
Mantelsack voll Schriften hinter sich auf dem Pferde, und die Reise
geht nur bis Quedlinburg, wie ich von Sibold erfuhr. Was mag er da zu
schaffen haben?«

»Wohl eine Rechtssache bei der Äbtissin,« meinte Melissa. »Ich war mit
meiner Herrin einmal dort; o da oben auf dem Schloß ist's herrlich,
Fred! prächtiger als in unserer Burg hier. Schade, daß der Ritter dich
nicht als Schreiber mitgenommen hat; ich hätt' es dir gegönnt.«

»In Quedlinburg wird es auch schon Gerichtsschreiber geben.«

»Aber keinen so gescheiten und schmucken wie du, Fred!« sprach sie
schmeichelnd.

»Danke, mein Liebchen!« lachte er, doch es klang ein wenig gezwungen. --

Gerlinde wurde der Tag unendlich lang, sie zählte die Stunden, und als
der Abend niedersank und es zu dunkeln begann, ward ihr bang und immer
bänger.

Sie mußte sich mit ihrem Gemahl allein zu Tisch setzen, aber als sie
einsilbig und gedankenvoll eben Platz genommen hatten, tat sich die
Tür auf, und Eike trat in den Speisesaal.

»Eike!!« scholl es wie +ein+ Freudenschrei aus beider Munde, und viel
fehlte nicht, daß Gerlinde von ihrem Stuhl auf und dem Ersehnten in die
Arme gesprungen wäre.

»Also nicht gefangen und eingesperrt!« rief der Graf. »Komm her, setze
dich und erzähle! ich kann es kaum erwarten, alles von dir zu hören. So
sprich doch, Mensch!«

»Erst einen Trunk!« bat Eike, »dieser trockene Herbstwind dörrt einem
die Kehle schauderhaft aus.«

Gerlinde schenkte ihm geschwind ein, und nach einem tüchtigen Zug aus
dem Becher hub er an: »Na, -- Seine Hochwürden, der Abt von Gröningen
läßt grüßen.«

»Was? Du hast ihn gesprochen?«

»Das nicht, aber seine Fußstapfen, will sagen sein Machwerk hab' ich
deutlich erkannt.«

»Weiter, weiter!«

»Am Tage von Mariä Opfer kommt der Halberstädter Domdechant Herr Anno
von Drondorf mit Vollmacht des Bischofs hierher auf den Falkenstein, um
wegen meines Buches mit mir ins Gericht zu gehen.«

Starres Schweigen folgte dieser wie ein Blitz einschlagenden Nachricht.

Gerlinde saß tief erschrocken da. Das war die Wirkung ihrer
Geständnisse zum Abte, der dadurch den Bischof gegen Eike aufgehetzt
hatte! Sie machte sich wieder die bittersten Vorwürfe.

Der Graf war sehr ernst, aber vollkommen ruhig. »Hast du das von der
Äbtissin selbst?« fragte er.

»Ja!«

»Erzähle der Reihe nach.«

»Die Kapellanin Fräulein Adelheid von Hakeborn meldete mich der
Domina an, und es dauerte eine Weile, bis sie mich zu empfangen
geneigt war. Sie war erstaunt und, wie mir schien, wenig zufrieden,
statt Eurer einen ihr völlig Fremden vor sich zu sehen. Als ich ihr
aber Euer Brieflein dargereicht und sie es gelesen hatte, sagte sie
verbindlich: Mein lieber Vetter Hoyer schreibt mir, er könnte leider
nicht nach Quedlinburg reiten, ich möchte Euch das gleiche Vertrauen
schenken wie ihm selber, und das will ich auf die gute Empfehlung hin
auch tun. Darauf eröffnete sie mir unter der Bedingung strengster
Verschwiegenheit, der Domherr Konrad von Alvensleben, der ihr und
ebenso Euch befreundet sei, habe ihr den Wink zukommen lassen, daß der
Domdechant an dem genannten Tage hier erscheinen werde. Das habe sie
Euch mündlich mitteilen wollen, weil ihr eine briefliche Preisgebung
des Geheimnisses zu bedenklich gewesen wäre. Näheres wisse sie nicht,
als daß unzweifelhaft eine feindselige Absicht dahinter stecke. Ihr
aber würdet schon verstehen, was dieser Schritt zu bedeuten habe.«

»O ja, ich verstehe es,« versetzte der Graf mit dem Tone beißenden
Spottes.

»Ich auch,« sagte die Gräfin. »Osterlindis ist dir für deine
Entscheidung des Palmsonntagstreites zu ihren Gunsten Dank schuldig,
den Bischof aber hast du dir damit, wie ich dir damals gleich
prophezeite, zum unversöhnlichen Feinde gemacht, und als dem Protektor
des Herrn von Repgow und seines Buches, das unter deinem Dache und mit
deiner Billigung geschrieben ist --«

»-- wird er nun auch mit mir den Zank vom Zaune brechen,« fiel der Graf
ein. »Darauf bin ich gefaßt, und der Domdechant Anno von Drondorf ist
ganz der Mann dazu, den Kampf aufzunehmen. Er ist aus anderem Holz
geschnitzt als der Abt von Gröningen, ist gelehrt, schlangenkundig und
doch zu stolz, um zu heucheln, und auch bei ihm kommt dreimal voran
alles Kirchliche und dann erst ganz nebensächlich das Irdische und
Menschliche. So ist er die zuverlässigste Stütze des Bischofs, der
sich eifersüchtig und trotzig auf seine geistlichen und weltlichen
Hoheitsrechte steift und großmächtig den Krummstab über seiner Diözese
schwingt. Wir haben es also mit nicht zu verachtenden Gegnern zu
tun, Eike, und da gilt es, der anrückenden Gewalt auch mit Gewalt zu
begegnen, die Hand am Schwertgriff und den Fuß fast schon im Bügel.« So
sprach der Graf, und die beiden andern sahen's und hörten's ihm an, daß
er zum äußersten Widerstand entschlossen war.

»Ich bedaure, Herr Graf, daß ich es bin, der Euch in diese leidigen
Zwistigkeiten verstrickt,« sagte Eike.

»Deine Sache ist meine Sache,« erwiderte der Graf, »und auch meine
wackeren Gesellen, die Harzgrafen, werden sie zu der ihrigen machen.
Ich werde sie zu einer gemeinschaftlichen Beratung einberufen und bin
überzeugt, daß wir alle eines Sinnes und Willens sein werden, uns den
Halberstädtern mit stahlharter Zähigkeit entgegen zu stemmen. Dein
Kodex ist hier im Harz entstanden, und wir Harzer werden ihn mit allem
Nachdruck vertreten und salvieren. Bis zu Mariä Opfer sind es von heut
an noch sechs Tage; die müssen ausgenutzt werden, damit die Grafen,
wenn der Domdechant eintrifft, hier versammelt sind.«

»Aber ich hoffe, Graf Hoyer, Ihr laßt mich an dem Scharmützel
teilnehmen.«

»Nicht nur teilnehmen, Eike! Du bist der Angegriffene und verteidigst
dich selber, wir wollen nur deine Schildhalter sein. Und nun trink und
erzähle uns noch etwas von Quedlinburg.«

»O, da habe ich viel Schönes und Merkwürdiges gesehen,« berichtete
Eike. »Vor dem Mittagsmahl hat mich Fräulein Adelheid von Hakeborn
herumgeführt und mir alles gezeigt und erklärt. Besonders erfreute
mich der herrliche Ausblick vom Schloß weit ins Land hinein, auf
das ganze lang gestreckte Gebirge von Ballenstedt an gen Westen auf
die Teufelsmauer, die Lauenburg, das Felsentor des Bodetales, nach
Blankenburg, dem schroff abstürzenden Regenstein und im Hintergrunde
zu dem alles beherrschenden Brocken, dessen Kuppe weiß beschneit
herüberleuchtete. Auch in die wundervolle Basilika hat mich die
junge Kapellanin geführt und zu den Grabstätten König Heinrichs des
Vogelstellers und seiner Gemahlin Mathilde. Es waren erhebende und
nachhaltige Eindrücke, die ich in der hochberühmten Stadt empfing, und
darüber vergaß ich alle meine Sorgen.«

»Recht so, Eike!« sprach Gerlinde. »Wie sagt Horaz? ›In bedrängter Zeit
bewahre dir ein Herz voll Gleichmut‹.«



Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Sechs Briefe, freilich nur kurze und alle von gleichlautendem Inhalt,
hatte Graf Hoyer am nächsten Morgen zu schreiben, und drei Knechte
mußten satteln, um sie zu den Burgen der ihm befreundeten Grafen im
Harzgau, Schwabengau und Helmgau zu bringen.

Die Mägde mußten die Gastzimmer herrichten, der Koch hatte sich eine
Menge Mundvorrat, Fleisch, Geflügel und andere Lebensmittel aus
Ballenstedt zu beschaffen und der Wildmeister für Rot- und Schwarzwild
zu sorgen, denn die erwarteten Herren, die mehrere Tage zu bewirten
waren, kamen nicht allein, sondern brachten jeder einen Gefolgsmann mit.

Die Dienstleute wunderten sich nicht wenig über die umfassenden
Vorbereitungen, zu denen ihres Wissens kein Anlaß vorlag, auch kein
Namens- oder Gedenktag, und Mariä Opfer war nicht ein so hohes
Kirchenfest, daß man es sich üppige Gastereien kosten ließe.

Am meisten war Wilfred über die Entsendung gleich dreier reitenden
Boten erstaunt, denen noch dazu größte Eile und strengste
Verschwiegenheit anbefohlen war, so daß sie dem neugierigen Schreiber
jede Auskunft verweigerten, wo sie die ihnen auf die Seele gebundenen
Briefe abzuliefern hätten.

Was war da im Gange? eine überschwengliche Ehrung des Herrn von Repgow
zur Feier der Vollendung seines Werkes? aber so weit war es ja damit
noch gar nicht, wie er, der stetige Helfer daran, doch am besten
beurteilen konnte. Das wäre ein ausgezahlter Lohn vor getaner Arbeit,
also nicht als wahrscheinlich anzunehmen.

Dennoch blieb Wilfred dabei, daß diese geräuschvollen Veranstaltungen
in irgend welchem Zusammenhange mit dem Ritter stehen mußten, als gelte
es, ihm ein glänzendes Fest zu bereiten, zu dem vielleicht sogar die
Äbtissin von Quedlinburg, bei der er gestern gewesen war, die Anregung
gegeben hatte und zu dessen Verherrlichung der Graf nun noch andere
adlige Familien brieflich aufforderte.

Dann aber war die Mühe, die er sich mit den schriftlichen Auszügen
für den Abt von Gröningen gemacht hatte, umsonst gewesen. Statt
der dem Gelehrten rachsüchtig eingerührten Verlegenheiten und
Niederlagen sollte dieser nun eitel Lorbeeren ernten, weil der Abt
die ihm gelieferten Handhaben zur Demütigung des Feindes leider und
unbegreiflicherweise nicht benutzte.

Von Melissa war nichts herauszukriegen, denn die Gräfin hielt den Grund
der getroffenen Anordnungen auch vor ihrer getreuen Gürtelmagd geheim,
und da mußte sich Wilfred mit seinem schadhaften Gewissen zur Geduld
bequemen, bis die Tatsachen selber den Schleier lüfteten, der das
Nächstkünftige undurchdringlich verhüllte.

Um ihn nicht noch mehr zu beunruhigen, verschwieg ihm Melissa die
von ihr gemachte Beobachtung, daß ihre Herrin sichtlich verstimmt
und bedrückt sei, als wäre ihr der Empfang der zu beherbergenden
Gesellschaft lästig und die von ihrem Gemahl eingeladenen Gäste
unwillkommen.

Hierin täuschte sich die kleine Zofe jedoch. Die Gäste waren Gerlinde
sehr willkommen bis auf den einen ungebetenen, den Domdechanten von
Halberstadt. Sie wußte, was bei dieser Zusammenkunft für Eike von
Repgow auf dem Spiele stand, und konnte sich der festen Zuversicht
ihres Gemahls, die Gefahr mit Hilfe der anderen Harzgrafen zu
beschwören, nicht sorglos anschließen. Darum schwebte sie beständig
zwischen Angst und Hoffnung in der peinvollen Ungewißheit, welchen
Ausgang die bevorstehenden Verhandlungen nehmen würden.

In ihr wogte ein heißer Kampf der Gefühle. Mit ihrem gläubigen Sinn war
sie auf der Seite des Bischofs und des vornehmen Kapitulars, den er
als Richter hersandte, und mit ihrem liebenden Herzen hing sie an dem
Urheber des bedrohten Werkes und wünschte ihm in dem Streite mit seinen
Gegnern den Sieg.

Über diesen inneren Zwiespalt ging sie ernsthaft mit sich zu Rate.
Eikes Überzeugungen achtete sie aufs höchste, und bei so wesentlich
voneinander abweichenden Anschauungen, wie die seinigen und die ihrigen
waren, mußte einer von beiden, er oder sie, im Irrtum sein. Sie war in
Ehrfurcht vor der christlichen Kirchenlehre, deren Satzungen ihr als
oberstes, unumstößliches Gebot im menschlichen Leben galten, erzogen
und aufgewachsen und hatte nie von anderen Rechten gehört als von den
altererbten des Lehnsherrn gegen seine Lehnsleute, und nun kam ein
ritterlicher Mann, der sich gegen die bisher unbestrittene geistliche
Macht aufbäumte, ganz neue Begriffe von Recht und Unrecht aufbrachte
und deren Anwendung in allen Verhältnissen und in allen Schichten des
Volkes durchsetzen wollte. Aber -- und das gereichte ihr doch wieder
zur Beruhigung -- er wandelte diesen viel Mut und Selbstvertrauen
erfordernden Weg nicht allein, ihr Gemahl und seine gräflichen
Standesgenossen schritten neben ihm, ihn mit dem Klange ihrer Namen,
und, wenn nötig, mit Waffengewalt zu schützen und zu stützen.

Da mußte die in einfältige Frömmigkeit gewiegte Frau wohl an
ihrem Wunderglauben irre werden und sich der besseren Einsicht
welterfahrener Männer unterwerfen. Jetzt war ihr sehnlichster Wunsch,
dem Lanzenstechen zwischen dem Ritter und dem Dechanten beiwohnen zu
dürfen, was man ihr aber schwerlich gestatten würde. --

Von den abgeschickten Boten kehrten zwei noch an demselben Abend
zurück, der dritte erst am nächsten Mittag. Sie brachten von sämtlichen
Geladenen Zusagen mit Ausnahme des ältesten von ihnen, des Grafen
Christian von Wernigerode, den eine Unpäßlichkeit zu kommen verhinderte.

Schon zwei Tage vor Mariä Opfer traf als erster Graf Burkhard von
Mansfeld ein, und tags darauf kamen die Grafen Johann von Blankenburg
und Günther von Regenstein angeritten. Diese drei Herren waren über
Eikes Pläne bereits unterrichtet und mit ihm in vollem Einverständnis.
Deshalb verschob man allen Meinungsaustausch bis zur Ankunft der noch
fehlenden Grafen Heinrich von Hohnstein und Botho von Stolberg, die für
seine Bestrebungen erst gewonnen werden mußten, was Hoyer und Burkhard
auf sich nahmen.

Auch die beiden aus dem Helmgau fanden sich rechtzeitig ein, und
zwar ebenso wie die übrigen Herren ohne ihre Gemahlinnen, worüber
Wilfred wieder den Kopf schüttelte, darauf neugierig, ob trotzdem die
Äbtissin von Quedlinburg mit einigen ihrer Stiftsdamen zu dem Festmahl
erscheinen würde, das man dem Reppechower zu Ehren anrichtete.

Fünf der Harzgrafen waren nun um den sechsten, den Falkensteiner,
versammelt und begaben sich, nachdem auch die zwei Letztgekommenen die
Schloßherrin höflich begrüßt hatten, in Hoyers Gemach, um sofort mit
ihren Besprechungen zu beginnen.

Die Veranlassung zu dieser eilig anberaumten Tagung kannten sie alle
schon aus Hoyers Einladungsschreiben, und dieser hielt nun seinen
Gästen einen klaren, fließenden Vortrag über die für Volk und Vaterland
unschätzbar hohe Bedeutung der in Rede stehenden gesetzgeberischen
Arbeit, dem die Hörer mit gefesselter Aufmerksamkeit folgten. Dann
machte er ihnen Mitteilung von dem sich dagegen erhebenden Widerspruch
der Geistlichkeit, der unzweifelhaft aus dem Munde des morgen
eintreffenden Domdechanten von Halberstadt einen vom Bischof genau
vorgezeichneten Ausdruck finden dürfte.

An den mit allseitigem Beifall belohnten und auf fruchtbaren Boden
gefallenen Vortrag knüpfte sich eine Reihe besonders von den beiden
Helmgauern gestellter, die verschiedenen Rechtsgebiete berührender und
ins einzelne gehender Fragen, auf die Eike oder auch die Grafen Hoyer
und Burkhard mehr oder minder ausführlichen Bescheid gaben.

Heinrich von Hohnstein, eine reckenhafte Gestalt mit markigen,
gebräunten Zügen, der man den heißspornigen Kampfhahn und wetterharten
Pirschgänger auf den ersten Blick ansah, erkundigte sich nach der
Behandlung des Forst- und Wildbannes in dem Gesetzbuch, und als ihm
Eike befriedigende Auskunft über Hegung und Schonung und über den
Schutz gegen Wild- und Holzdiebe erteilte, lachte er dröhnend auf:
»Dann habt Ihr mich schon mit Leib und Seele im Sack und könnt von
mir verlangen, was Ihr wollt. Um all das andere Zeug scher' ich mich
den Teufel, das fegt Ihr besser auf einen Haufen als ich, Ritter von
Repgow!«

Graf Botho von Stolberg, ein bedachtsamer, kirchenfreundlicher Herr,
äußerte sich dahin, daß man doch auf die Stellung der Geistlichen im
Reich und im Volke gebührliche Rücksicht nehmen und ihnen hie und da
des lieben Friedens willen ein wenig durch die Finger sehen müsse.

»Was? des lieben Friedens willen, Botho?« fuhr der Hohnsteiner wild
auf. »Halten denn die Pfaffen Frieden oder stiften sie Haß, Verfolgung
und Zwietracht? Was fragen die nach Kaiser und Reich, nach Volk und
Vaterland! Herrschen und gebieten wollen sie und wie Tyrannen schalten
und walten. Ihre die Wahrheit verdrehenden Hetz- und Schimpfworte, mit
denen sie wie mit Pflastersteinen um sich werfen, klingen weiß Gott!
nicht nach Frieden, und wo es gilt, ihrem frechen Hochmut den Garaus zu
machen, da schlag' ich wuchtig mit drein!«

Darüber kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. Der Stolberger
verteidigte den Klerus, aber die anderen pflichteten dem Hohnsteiner
bei, trieben den Grafen Botho ungestüm in die Enge und redeten, oft
alle zugleich, so lange auf ihn ein, bis er endlich keine stichhaltigen
Gegenvorstellungen mehr vorzubringen wußte. Den Grafen Günther von
Regenstein, der auch ein rascher Draufgänger war, suchte sein Freund
Johann von Blankenburg zu zügeln, und den Hohnsteiner zu besänftigen
hatte Graf Hoyer viel Mühe.

Diesen ermahnte Graf Burkhard von Mansfeld, sich nicht zu große
Anstrengungen beim Sprechen zuzumuten. Er riet, die Verhandlungen
für heute abzubrechen und erst in Gegenwart des Domdechanten
weiterzuführen, dem gegenüber er auf festen Zusammenhalt und volle
Einstimmigkeit der Anwesenden hoffe.

Damit waren alle einverstanden. Die wenigen noch nicht ganz
ausgeglichenen, aber leicht überbrückbaren Spaltungen in der Erörterung
von Nebendingen wurden beiseite gelassen, und keiner der über die
Grundzüge der neuen Rechtsordnung schon so gut wie Geeinigten trug
dem andern ein derbes Wort nach, das ihm in der Hitze des Gefechts
ungewollt entschlüpft war.

Längst waren im Zimmer die Kerzen angezündet, und schon vor einer
halben Stunde hatte Folkmar den Kopf zur Tür hineingesteckt und dem
Schloßherrn zugewinkt, daß es Essenszeit wäre. Das war jedoch in dem
eifrigen Reden und Streiten von niemand beachtet worden.

Jetzt erschien unerwartet Gräfin Gerlinde, was allgemeine Verwunderung
und Freude erregte und dem bereits erklärten Burgfrieden eine gewisse
Weihe gab. Die ritterlichen Herren erhoben sich und vernahmen aus dem
Munde ihrer verehrten Wirtin die anmutig einladende Mitteilung, daß der
Tisch gedeckt sei.

»Halali!« rief Heinrich von Hohnstein in singendem Ton. »Verzeiht, Frau
Gräfin! wir konnten mit meinem alten Freunde Stolberg nicht fertig
werden; er will den Papst entthronen und allen Geistlichen vom Bischof
bis zum letzten Leutpriester den Brotkorb höher hängen. Mich dauerten
die armen Unterdrückten, schwer Verkannten, und ich trat mit ein paar
begütigenden Worten entschieden für sie ein. So ist uns die Zeit im
Fluge vergangen, aber jetzt sind wir einig und ganz zu Euren Befehlen,
holdeste aller Frauen!«

Da lachten sie alle, auch Botho von Stolberg und Gerlinde, die den
bitteren Spott des unbändigen Raufboldes deutlich herausfühlte.

Graf Burkhard von Mansfeld bot der Gräfin den Arm und führte sie in den
Speisesaal, wo er an der Tafel zu ihrer Linken Platz nahm, während Graf
Hohnstein ihr Nachbar zur Rechten wurde. Eike wußte es einzurichten,
daß er neben dem Grafen von Stolberg zu sitzen kam, den er gern noch
ein wenig zu seinen Gunsten bearbeiten wollte.

Es ging bei Tische sehr lustig her. Heute waren sie ja noch unter sich,
ohne den Domdechanten, und dachten nicht daran, wie das morgen und
übermorgen werden würde, wenn die Schlacht zwischen geistlicher Willkür
und weltlicher Rechtsordnung geschlagen war.

Die Herren erzählten sich Jagdabenteuer, Fehdegeschichten und
Reiterstücklein, sprachen von Pferden und Hunden und auch wohl von
Frauenschönheit und Minne.

Graf Hohnstein war an der Seite der Gräfin von sprudelnder Laune, doch
sie hielt ihn in Schach, daß er nicht zu weit über die Stränge schlug,
wobei ihr Graf Burkhard redlich half. Übrigens gewährte sie ihm große
Nachsicht und konnte über seine tollen Späße herzlich lachen.

Eike führte mit dem Stolberger Grafen ein halblautes Gespräch und
schien sich in der Tat mit dem ernsten Manne leidlich zu verständigen.
Gerlinde horchte hin und warf zuweilen ein ermunterndes Wort
dazwischen, um ihn auf heitere Dinge abzulenken. Dann lächelte er ihr
freundlich zu, ließ sich aber in seinem Bestreben, den Grafen für sich
zu gewinnen, nicht stören.

Die beiden Grafen von Blankenburg und Regenstein plauderten miteinander
über Forst- und Feldwirtschaft und ergötzten sich an den drolligen
Einfällen des Hohnsteiners und den schlagfertigen Erwiderungen des
Mansfelder Grafen.

Nur Graf Hoyer war schweigsam. Ihn beschäftigte fortwährend die
ziemlich stürmisch verlaufenene Beratung, denn er fühlte sich
verantwortlich für alles, was sich in den nächsten Tagen hier auf
seiner Burg entrollen und entladen würde.

Erst zu später Nachtstunde hob Gerlinde die Tafel auf, und damit endete
das für alle Gäste erfreuliche Mahl.



Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Heute war die Vigilie von Mariä Opfer und das Eintreffen des
Domdechanten zu erwarten. Da er jedoch vor Mittag kaum hier sein
konnte, hatten die Grafen den Morgen zu ihrer freien Verfügung, was der
von ihnen erzielten Einigung sehr zustatten kommen sollte.

Nach gemeinschaftlich genossenem Frühmahl wünschte Graf Botho von
Stolberg eine nochmalige kurze Besprechung der Herren mit dem Ritter
von Repgow, weil er ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten habe.

Sie gingen willig darauf ein und saßen bald um ihn versammelt wieder
in Hoyers Gemach. Dort nahm er das Wort und erklärte, er habe
während der halb schlaflosen Nacht die ihm gemachten eindringlichen
Vorstellungen auf das genaueste erwogen und gestehe zu, daß sich die
Geistlichkeit allerdings manche unerträglichen Übergriffe in weltliche
Hoheitsrechte und Lehnsverhältnisse zuschulden kommen lasse, denen
mit Ernst gesteuert werden müsse. Da ihm viel daran liege, sich mit
seinen lieben Freunden und Wappengenossen in vollem Einklang zu
befinden, ziehe er seine gestern erhobenen Bedenken gegen einige
anfechtbare Bestimmungen des neuen Gesetzbuches hiermit zurück, wenn
ihm der Herr Verfasser nur in einem Punkte nachgeben wolle. Es heiße,
geistliches Recht und weltliches sollen miteinander gehen; er schlage
jedoch vor, daß die Rechtsverfahren ganz voneinander getrennt würden
und in rein geistlichen Angelegenheiten, die mit weltlichen Händeln
nichts zu schaffen hätten, die geistlichen Gerichte allein urteilen
sollten und ebenso umgekehrt. Eine derartige, streng durchgeführte
Sonderung empfehle sich sowohl aus Gründen der Gerechtigkeit wie
der Zweckmäßigkeit, um unbefugte Einmischungen, Mißhelligkeiten und
Reibereien in Zukunft zu vermeiden. Er bitte die Herren, sich über
seinen Vorschlag zu äußern.

Sie blickten zu Eike hin, um erst die Meinung des Rechtsgelehrten zu
hören.

Der sprach nach kurzem Besinnen: »Das ist ein guter, annehmbarer
Vorschlag, den ich als Kanon meinem Buche einverleiben werde mit dem
Wunsche und unter der Voraussetzung, daß er überall richtig ausgelegt
und gewissenhaft befolgt wird.«

Seinem Ausspruch stimmten die anderen gern zu, voller Freude, daß
mit diesem Zugeständnis die angestrebte Einmütigkeit erreicht war,
welchem Gefühl Graf Hohnstein Ausdruck verlieh, indem er die Hände
zusammenschlagend ausrief: »Na, da wären wir ja nun Gott sei Dank!
alle ein Herz und eine Seele. Nun möge das strahlende Kirchenlicht aus
Halberstadt den bischöflichen Segen über uns arme Sünder ausgießen.
Wir wollen den Leisetreter mit Sammetpfötchen bewillkommnen und mit
Blechhandschuhen verabschieden.«

Sie lachten über die von dem lustigen Helmgauer ausgegebene Losung, und
die Sitzung war aus.

Darauf zerstreuten sich die Herren und vertrieben sich die Zeit bis
zur Mittagsstunde jeder nach seinem Belieben. Der Mansfelder und der
Stolberger besichtigten die Rosse in den Ställen. Graf Hohnstein ging
mit Eike auf den Altan und schaute zu den Bergen hinüber und in den
Forst, ob sein scharfes Jägerauge nicht äsendes oder ziehendes Wild
entdeckte. Die beiden immer aufgeräumten Grafen von Blankenburg und
Regenstein klopften bei der Gräfin an und machten ihr, da sie ihnen
in ihre Kemenate einzudringen erlaubte, um die Wette den Hof, was
sich Gerlinde in Huld und Gnade gefallen ließ. Graf Hoyer aber blieb
in seinem Zimmer und streckte sich zu einer kurzen Ruhe aus, deren er
dringend bedurfte. --

Als das Mittagessen längst vorüber war und es zu dämmern begann,
erscholl vom Bergfried ein ungewöhnlicher Hornruf, der den Wissenden
die Ankunft des Domdechanten verkündete und Gerlinde aus träumenden
Gedanken aufschreckte, denn mit dem feierlich Angeblasenen nahte sich
das dem Geliebten drohende Verhängnis.

Graf Hoyer stieg die Treppe hinab, um den Prälaten zu empfangen, mochte
diesen auch eine so rücksichtsvolle Aufmerksamkeit Wunder nehmen und
vielleicht kopfscheu machen.

Die Begrüßung war eine beiderseits ehrerbietige. Der Dechant hielt das
Entgegenkommen des Schloßherrn für eine althergebrachte Gepflogenheit
beim Ertönen der Fanfare vom Turm und fand dies einen sehr lobenswerten
Brauch. Der Graf aber geleitete den neuen Gast in das für ihn bereite
Losament, wo er ihn der Bedienung Folkmars überließ.

Wilfred hatte gesehen, daß ein hoher Geistlicher in den Burghof
geritten war, und witterte sofort, daß dieser Besuch eine Folge von dem
des Abtes von Gröningen war, der nun doch endlich Unkraut in Repgows
blühenden Weizen gesät zu haben schien. Also darum die festlichen
Vorbereitungen, die ihm jetzt weniger zu einer Ehrung Eikes als zu
einem Henkermahl für diesen geeignet däuchten. Teils frohlockend,
daß das Verderben den Bücherwurm ereilte, teils bangend vor dem, was
ihm selber dabei widerfahren könnte, verkroch er sich still in sein
Kämmerlein.

In einem großen Gemache waren sämtliche Grafen mit Eike von Repgow um
die Gräfin geschart, die durch ihre Gegenwart dem Empfang eine heiter
gesellige Form geben sollte, welche Aufgabe, als es so weit war,
Gerlinde auch mit Geschick und Anmut löste.

Beim Eintritt des Dechanten flog ein kaum merkliches Zeichen des
Erstaunens über sein Gesicht, das aber ebenso schnell wieder
verschwand, wie es aufgeblitzt war. Mit weltmännischer Gewandtheit
verneigte er sich vor der Gräfin und wechselte ein paar artige Worte
mit ihr. Jedem der Grafen, die ihm alle bekannt waren, reichte er
die Hand und fragte nicht nach den Umständen dieses unverhofften
Wiedersehens. Dann kam Eike an die Reihe, dessen Namen ihm Graf Hoyer
nannte, obschon der geistliche Herr ohnehin nicht zweifeln konnte, daß
er den jetzt vor sich hatte, den hier zu finden er sicher gewesen war.

Da standen sie nun, von allen Anwesenden heimlich beobachtet, die
beiden, der Kapitular und der Ritter, Auge in Auge gegenüber und maßen
sich mit prüfenden Blicken. Sie waren sich ihrer Stellung zueinander
bewußt, aber ihre Mienen verrieten nichts Feindseliges, und die Ursache
ihrer Begegnung hier auf dem Falkenstein wurde auch in ihrem flüchtigen
Gespräch nicht berührt. In ihrem Innern waren sie kampfgerüstet,
äußerlich wahrten sie eine achtungsvolle Höflichkeit.

Herr Anno von Drondorf war von hochgewachsener, hagerer Gestalt mit
einem bleichen, scharf geschnittenen Antlitz, grauem Haar und einem
Paar tief in ihren Höhlen liegender Augen, über die sich dichte,
geradlinige Brauen zogen. Seine Bewegungen waren gemessen, seine
Redeweise kühl und überlegt, seine ganze Erscheinung würdig und
vornehm. Aber unter der Maske der Ruhe und Zurückhaltung ließ sich
seinem sicheren Auftreten nach unerschütterliche Willenskraft und
Entschlossenheit vermuten.

Man kam alsbald in ein allgemeines Gespräch, das sich unter absichtlich
reger Beteiligung der Gräfin in ebenen Geleisen hielt und sich mühsam
bis zur Tischzeit hinschleppte.

Nachher, im Speisesaal, wurde das anders. Der Domdechant, der zwischen
Gräfin Gerlinde und dem Grafen Johann von Blankenburg saß, wachte aus
seiner Versonnenheit auf und unterhielt sich mit seinen Tischnachbarn
sehr lebhaft über klösterliche Kunst und Wissenschaft und über
geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit, wobei er öfter das Wort an
den ihm gegenübersitzenden Eike richtete, um dessen Kenntnisse auch in
Dingen zu erforschen, die außerhalb seines Faches, der Rechtspflege,
lagen.

Gerlinde freute sich zwar über die Zuvorkommenheit des Prälaten
gegen den Gelehrten, ließ sich aber dadurch nicht bestechen und zu
schmeichelnden Hoffnungen verführen, sondern war beständig auf der Hut,
jeder etwa verletzenden Äußerung zwischen den beiden vorzubeugen. Es
bedurfte jedoch solcher Fürsorge nicht, denn von keiner Seite kam es zu
Erörterungen, die den Frieden hätten stören können.

Auch Graf Hoyer bemühte sich, seinem Gaste das Verweilen in einem
Kreise, in dem er nur Gegner um sich hatte, so angenehm wie möglich
zu machen und hielt seinen Freund Hohnstein, der immer auf dem Sprunge
war, den Halberstädter herauszufordern und zu reizen, beschwichtigend
im Zaune.

Als zum Nachtisch noch ein neuer Wein aufgetragen wurde, fragte der
Dechant den Grafen Hoyer, ob es ihm recht sei, wenn er morgen früh in
der Burgkapelle eine Messe läse.

Der Graf nahm das Anerbieten mit verbindlichem Dank an, worauf sich der
Dechant erhob und die Gesellschaft nach einer leichten Verbeugung in
die Runde schnell verließ.

Die anderen blieben noch beisammen, um ihre Eindrücke von dem ernsten,
aber gefällig umgänglichen Mann auszutauschen.

Graf Burkhard von Mansfeld meinte: »Nach dem äußeren Verhalten des
hochwürdigen Herrn fürchte ich für morgen keine schweren Zerwürfnisse
zwischen ihm und uns.«

»Trau' ihm nicht, Burkhard!« riet Graf Hohnstein. »Er wird uns morgen
die Krallen schon zeigen, die er heute noch versteckt hielt, und
scheint in allen Sätteln gerecht zu sein; ich bin auf ein scharfes
Rennen mit ihm gefaßt.«

»Es wäre mir lieb, wenn wir einen allzu harten Zusammenstoß mit ihm
vermeiden könnten,« sagte Graf Hoyer.

»Aber von Nachgeben unserseits kann doch keine Rede sein,« fuhr Graf
Günther von Regenstein auf.

»Vielleicht kämen wir mit Milde weiter als mit Schroffheit,« sprach
Botho von Stolberg.

»Mit Milde, Botho!« spottete Hohnstein. »Reich' einem Pfaffen den
kleinen Finger, und er nimmt die ganze Hand. Du stehst ihm von uns
allen am nächsten und solltest ihn doch besser kennen.«

»O Gott! wie wird das werden?« seufzte Gerlinde.

»Es wird nicht so heiß hergehen, wie Ihr denkt, Frau Gräfin,« tröstete
sie Johann von Blankenburg. »Der Prälat ist an Selbstbeherrschung
gewöhnt und im Kapitel gut geschult.«

»Aber an Spitzfindigkeit uns allen über,« fiel der Hohnsteiner sofort
wieder ein.

»Mich soll er nicht überlisten, Herr Graf,« mischte sich endlich auch
Eike in das Gespräch. »Bei dem, was ich mit ihm auszumachen habe, lasse
ich mich in keiner noch so fein gelegten Schlinge fangen.«

Diese Versicherung aus dem Munde des einzigen Gefährdeten freute die
Grafen und wirkte auch auf Gerlinde beruhigend, so daß die Besprechung
über den schwer zu durchschauenden geistlichen Herrn damit ihren
Abschluß fand. --

Als am anderen Morgen das Glöcklein zum Gottesdienst rief, begaben
sich sämtliche Insassen der Burg in die Kapelle, so viele darin Raum
hatten, um die Messe zu hören, zu der die nötigen Prachtgewänder auf
dem Falkenstein vorhanden waren. Ein junger Jäger versah das Amt des
Ministranten, und Gräfin Gerlinde sang zur Erhöhung der Feier eine
von Harfenspiel begleitete Hymne, die sie schon als Mädchen in ihrer
fränkischen Heimat gelernt hatte.

Das Mittagmahl war heute später angesetzt als sonst, weil, sobald der
Zelebrant seinen Morgenimbiß verzehrt haben würde, die Verhandlungen
beginnen sollten, deren Dauer nicht im voraus abzuschätzen war.

Laut Verabredung versammelten sich die Herren im Gemache des Grafen
Hoyer, wo sie den Domdechanten nicht ohne einige Spannung auf das, was
er hier vorbringen würde, erwarteten.

Als er eintrat, wunderte er sich aufs neue, auch jetzt, zu dieser
wichtigen Beratung, die Grafen wieder alle beisammen zu finden, und
schloß daraus, daß er hier nicht bloß mit Eike von Repgow, sondern auch
mit den gewiß zu dessen Beistand herbeigeeilten Machthabern zu kämpfen
haben würde.

Er unterdrückte jedoch seine Überraschung, und nachdem er in der Mitte
seiner mutmaßlichen Gegner am Tische Platz genommen hatte, hub er ohne
Säumen an: »Ihr erratet wohl, erlauchte, edle Herren, mit welchem
Auftrage mich mein hochwürdigster Bischof hierher entsandt hat. Ich
soll gegen das von dem hier anwesenden Herrn von Repgow verfaßte
Gesetzbuch Einspruch erheben, weil es in einzelnen Teilen seines
Inhaltes den Grundsätzen und Überlieferungen unserer heiligen Kirche
zuwiderläuft und dem Ansehen der ihrem Dienste geweihten Geistlichen
Abbruch tut.«

»Darf ich vorerst fragen, hochwürdiger Herr,« schaltete Graf Hoyer ein,
»wie Ihr auf die Vermutung gekommen seid, daß die Rechtsauffassung des
Ritters von Repgow den Grundsätzen der Kirche zuwiderläuft?«

»Wir sind gewarnt worden, Herr Graf,« entgegnete der Dechant, ohne
den Namen des Warners zu nennen, und fuhr dann, sich an Eike wendend,
sogleich fort: »Erklärt mir, Herr Ritter von Repgow, mit welcher
Absicht Ihr Euer Buch geschrieben habt.«

»Mit der Absicht, in ganz Sachsenland Rechtseinheit zu schaffen,
in allen Herzogtümern und Grafschaften, allen Städten und Dörfern,
gleiches Recht für alle ohne Unterschied des Standes und der Geburt,«
lautete unverzüglich Eikes Antwort.

»Habt Ihr auch wohl in Betracht gezogen, ob es Gottes Wille sein kann,
daß Ihr den einen nehmt, was Ihr den andern gebt?«

»Ich gebe Gott, was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber
auch dem Volke, was des Volkes ist.«

»Das klingt fromm und christlich, Herr Ritter! und doch geht Ihr in
Eurem Buche auf eine Trennung von Recht und Glauben aus.«

»Nein, hochwürdiger Herr! Ich ehre Gottes heilige Gebote, aber der
Glaube hat nichts zu schaffen mit der Erkenntnis des Guten und des
Bösen beim Urteilen und Richten über eine vollführte Tat.«

»Unsere Erkenntnis von gut und böse ist Stückwerk wie all unser
Wissen,« erwiderte der Prälat. »Das aber unterliegt keinem Zweifel:
zwischen kanonischem und öffentlichem Recht besteht ein unvereinbarer
Gegensatz.«

»Das bestreit' ich, Herr Domdechant! Wenn jedermann Recht geschieht und
niemand Unrecht, kann die Kirche und die Laienwelt zufrieden sein.«

»Da täuscht Ihr Euch. Mit Gesetzen könnt Ihr der Menschheit den
seelischen Frieden, der doch hienieden das Höchste ist, nicht
gewährleisten.«

»Aber ihm ein gutes Fundament schaffen. Auf vernünftigen, allgemein
gültigen Gesetzen beruht die Sicherheit und Wohlfahrt des einzelnen
wie der Gesamtheit, und eine geordnete Rechtspflege, zu der das
Volk Vertrauen hat, ist eins der unschätzbarsten Güter, die man ihm
bescheren kann.«

»Ein wahres Wort!« rief Burkhard von Mansfeld, worauf sich im ganzen
Kreise unverhohlener Beifall kundgab.

»Euer gräflich Hochgeschlecht in unverbrüchlichen Ehren, edle Herren,«
kehrte sich der Kapitular zu den Umsitzenden, »aber mit gnädiger
Erlaubung frage ich euch: sind wir etwa bisher ohne Rechtsprechung
im deutschen Reiche gewesen? Seit unvordenklichen Zeiten ist von den
Schöffenstühlen unter Königsbann nach alter, guter Gewohnheit geurteilt
worden.«

»Und auf den althergebrachten Volks- und Gewohnheitsrechten habe ich
mein neues Recht aufgebaut und von ihnen so viel darin beibehalten,
wie nur möglich war,« beschied ihn Eike. »Aber mit dem schauderhaften
Wirrwarr, daß in jedem Gau, nein, in jeder Stadt ein anderes Recht
gilt, muß endlich von Grund aus aufgeräumt werden.«

»Ja, hochwürdiger Herr, das ist unser aller Meinung,« fiel Graf Hoyer
ein, und die anderen stimmten ihm zu.

»Eure Dignität auch in unverbrüchlichen Ehren, Herr Domdechant,«
spottete Graf Hohnstein, »doch wisset: unsere Landsassen, Semperfreien,
Bürger und Bauern verlangen mit demselben Maße gemessen zu werden wie
die Höchsten im Reiche, einzig den Kaiser ausgenommen, ob sie eine
Krone auf dem Haupte tragen oder die Inful, oder ob sie barhäuptig
und barfuß gehen. In den festen Schranken des Gesetzes soll der
Schöffenstuhl über allem, auch über dem Bischofsstuhl stehen.«

Im Dechanten wallte es grimmig auf. »Unerhört!« stieß er erregt aus.
»Ihr treibt das Spiel zu hoch.«

»Spiel? das ist kein Spiel, es ist uns allen bitterer Ernst damit, Herr
Domdechant!« drohte der Graf von Regenstein.

»Wirklich? Fast sieht es so aus. Die Herren scheinen sich im geheimen
schon verständigt zu haben. Waret ihr denn auf mein Kommen vorbereitet?«

»Wir sind auch -- gewarnt worden,« versetzte Graf Hoyer anzüglich, »und
jetzt, hochwürdiger Herr, wollet uns mitteilen, an welchen Satzungen
des Ritters Ihr Anstoß nehmt.«

»Gern will ich das, Herr Graf! dazu bin ich ja hier,« sagte der
Halberstädter, der auf diese Aufforderung nur gewartet hatte. »Also
zum ersten! da steht: der Papst darf den Kaiser nicht bannen. Diese
Bestimmung ist ein offenbares ~sacrilegium~. Der Papst ist das
unfehlbare Oberhaupt aller Christenheit und kann bannen und lösen
nach seinem alleinigen Bedünken. Schon mancher Papst hat einen Kaiser
gebannt, und erst vor ein paar Jahren hat der heilige Vater seinen
trotzigen Widersacher, den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten in den
Bann getan.«

»Kein Papst kann Ghibelline sein,« rief Graf Johann von Blankenburg.

Ohne den Zwischenruf zu beachten, fuhr der Prälat fort: »Dem Papste
das Bannen verbieten zu wollen, ist ein keckerer Angriff auf die
unantastbare Hoheit der Kirche, als wenn Ihr dem Kaiser das Recht der
Begnadigung absprechen wolltet. Aber höret weiter. In dem Buche steht
geschrieben: kein Geistlicher, sei er Bischof, Abt oder Mönch, und kein
Stift oder Kloster darf Laiengut erben.«

»Vortrefflich! damit wird der geistlichen Erbschleicherei ein Riegel
vorgeschoben,« lachte der Hohnsteiner. »Den Bettelstab ließet Ihr
pfänden, wenn etwas aus ihm herauszuschlagen wäre, euch und eure
Klöster zu bereichern.«

»Wir suchen nicht die Säckel, sondern die Seelen,« verwies ihn der
Dechant. »Ferner heißt es: jedweder Christenmensch soll auf der
Dingstatt einen Fürsprecher haben, aber kein Pfaffe darf es sein.«

»Wozu auch?« meinte einer der Grafen. »Auf der Dingstatt muß
Wahrheit und Freiheit des Wortes herrschen, und die zu vertreten taugt
kein Pfaffe.«

»Was ist Wahrheit? was ist Freiheit? kann mir das einer von euch
sagen?« fragte stolz der Kapitular. »Ihr schweigt; dann weiter!
da steht: jeglicher Schatz, der tiefer in der Erde liegt, als die
Pflugschar geht, kommt in des Königs Gewalt, auch wenn er auf
bischöflichem Grund und Boden gefunden wird.«

»Grabt ihr geistlichen Herren nach Schätzen, die weder Motten noch Rost
fressen, und sammelt euch welche im Himmel, wie die Heilige Schrift es
lehrt,« ließ sich endlich auch Graf Botho von Stolberg vernehmen.

Der Dechant streifte ihn mit einem vorwurfsvollem Blicke, daß selbst er
sich den anderen anschloß. Dann sprach er: »Ich glaube, edle Herren,
daß ich euch nun der ketzerischen Stellen genug angeführt habe, die
mich zur entschiedenen Verdammung des neuen Gesetzbuches drängen.
Wenn --«

»Aha! kreuzige! kreuzige!« brüllte Hohnstein dazwischen.

»Wenn ihr aber deren mehr begehret,« -- er griff in die Tasche seines
langen Priestergewandes und holte einige beschriebene Blätter daraus
hervor, die er empor hielt, -- »hier habe ich ihrer noch etliche.«

Eike von Repgow, der mit steigender Verwunderung den Reden seines
Gegners gefolgt war, fragte jetzt: »Habt Ihr mir beim Schreiben über
die Schulter gesehen, Herr Domdechant? denn alles, was Ihr hier
vorgebracht habt, steht wörtlich so in meinem Buche.«

»Wir haben einen zauberkundigen Klosterbruder in unseren Diensten, der
die Kunst besitzt, sich unsichtbar zu machen,« erwiderte der Dechant
mit einem boshaften Lächeln auf den schmalen Lippen. »Der hat hinter
Euch gestanden, Herr Ritter von Repgow, hat sich die ihm mißfälligen
Stellen aufgezeichnet und sie uns schwarz auf weiß in seiner schönen
Mönchsschrift übereignet.«

»Wollt Ihr mir einen Einblick gestatten, hochwürdiger Herr?« mischte
sich jetzt Graf Hoyer ein, von einer plötzlichen Unruhe erfaßt.

[Illustration: »Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der
Übermütige und gab dem Grafen die Papiere.]

»Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der Übermütige und gab
dem Grafen die Papiere.

Der Graf blickte hinein und sank erschrocken an die Rücklehne seines
Stuhles. Dann rief er erbittert: »Eike, +den+ Klosterbruder kennen wir
und seinen würdigen Abt auch!« Damit reichte er die Schriften seinem
jungen Freunde über den Tisch hin.

»Oh der Bube! der schändliche Bube!« grollte Eike, nachdem er
hineingesehen hatte.

»Eike,« fing der Graf wieder an, »draußen auf dem Gange wirst du
Folkmar finden. Bitte, sag' ihm, er solle sofort den Torwart hierher
bescheiden.«

Eike tat nach des Grafen Wunsch.

Die anderen saßen alle sprachlos und begriffen nicht, was das zu
bedeuten hatte.

Der Dechant aber ahnte den Zusammenhang des hier Vorsichgehenden
und schaute ärgerlich und bestürzt darein. Er hatte angenommen, die
Abschrift rühre von niemand anders als von einem Mönche des Klosters
Gröningen her, der ihren Inhalt den mündlichen Mitteilungen eines
zufällig Eingeweihten verdankte, dessen Namen man dem Domkapitel nicht
genannt hatte. Nun bereute er, die Papiere aus der Hand gegeben und
damit den arglistigen Trug enthüllt zu haben.

Es ward eine lange, unheimliche Stille, bis der Torwart eintrat.

»Goswig,« befahl der Graf, »die Zugbrücke hoch! kein Mensch kommt aus
der Burg hinaus ohne meine ausdrückliche Erlaubnis!«

Goswig verbeugte sich und verschwand.

Darauf wandte sich der Graf zum Kapitular: »Der Famulus des Ritters
ist in Eurem Auftrage bestochen worden und hat Euch diese Auszüge
verräterischerweise angefertigt und ausgeliefert; es ist seine
Handschrift. Er wird es zu büßen haben; mit Euch, Herr Domdechant,
verhandle ich nicht mehr; Ihr kämpft nicht mit ehrlichen Waffen.«

Zornbebend erhob sich der Dechant. Aber mit erzwungener Ruhe sprach er:
»Dann habe ich nur noch die Frage an den Ritter von Repgow zu richten,
ob er widerrufen und die ketzerischen Bestimmungen in seinem Buche
ändern und tilgen will.«

»Nicht ein Wort!« erklärte Eike.

»So wird der hochwürdigste Bischof nicht umhinkönnen, den großen
Kirchenbann über Euch zu verhängen,« entgegnete streng und finster
blickend Herr Anno von Drondorf.

Da sprangen alle auf und schrien laut durcheinander. »Er wage es!« hieß
es. »Wir Harzer zittern nicht vor Kutte und Krummstab mit gefaltenen
Händen und gebogenen Knien.«

Graf Hoyer winkte ihnen: laßt mich reden! Und er sprach: »Wenn das
geschieht, Herr Domdechant, daß der Ritter von Repgow seines gar nicht
hoch genug anzuschlagenden Werkes wegen gebannt wird, sage ich im Namen
aller hier anwesenden Herren dem Bischof ab und kündige ihm die Fehde
an. Mit unsern Lehnsleuten und unserm reisigen Volk werden wir ihn
überfallen, ihn von seinem Sitz vertreiben, sein Land mit Feuer und
Schwert verheeren und verwüsten. Das meldet Eurem Bischof!«

»Es geschehe nach Gottes gewaltigem Willen!« sagte der Dechant. »Ich
habe hier nichts mehr zu reden und zu tun und verabschiede mich von
euch, erlauchte Herren, mit schwerem Herzen, aber mit dem Bewußtsein,
meine Pflicht erfüllt zu haben.«

Graf Hoyer erwiderte nur: »Für Euch, Herr, ist die Brücke frei.«

Eine stumme Verbeugung, und der Gesandte des Bischofs schritt langsam
und mit steifem Nacken aus dem Gemach.

Sobald er hinaus war, brach der Sturm los. Sie drückten Hoyer und Eike
die Hand und wußten sich vor Freude nicht zu lassen.

»Horrido!« jauchzte Graf Hohnstein, »die Gäule aus dem Stall! Fehde,
Fehde mit dem Bischof von Halberstadt! das klingt wie Hifthornschall
und Rüdengeläut auf der Fährte eines geweihten Hirsches.«

»Und unser Feldgeschrei ist: ›Rechtseinheit in ganz Sachsenland!‹« rief
Graf Hoyer.

»Rechtseinheit in ganz Sachsenland!« wiederholten einstimmig und
begeistert alle die anderen. Der Bund der Harzgrafen war geschlossen
und besiegelt.



Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Nun gab es mittags doch ein freudigeres Mahl als gestern abend. Wie
nach einem erfochtenen Siege saßen sie alle frohgemut an der Tafel,
und der Mann mit dem steinernen Gesicht und dem hohlen, verschleierten
Blick war nicht mehr unter ihnen. Eike wurde der Ehrenplatz an der
Seite der Gräfin zugewiesen, und das Tischgespräch drehte sich
ausschließlich um die Verhandlung mit dem verfolgungssüchtigen
geistlichen Gegner, wobei die Herren sich mit Behagen an die scharf
gewürzten Reden und Antworten erinnerten, die sich wie blitzende
Klingen gekreuzt hatten.

Als Gerlinde erfuhr, daß Wilfred heimlich für den Abt von Gröningen
Auszüge aus dem Gesetzbuch angefertigt hatte, war sie einesteils über
diese Schändlichkeit empört, andernteils aber beruhigt, daß sie sich
nun keine Vorwürfe mehr zu machen brauchte, als hätte sie durch ihre
Andeutungen zu dem hinterlistigen Aushorcher den gefährlichen Streit
wider Willen angezettelt.

Sie flüsterte Eike zu: »Also bin doch nicht ich die Verräterin, die das
Unheil über Euch heraufbeschworen hat, Eike.«

»Das habe ich auch nie geglaubt, Gerlinde,« erwiderte er leise. »Ich
wußte, daß Ihr daran unschuldig waret.«

»Was wird nun mit dem nichtswürdigen Menschen?« fragte sie.

»Er ist eingesperrt. Der Graf hat ihm den Befehl gesandt, sein Zimmer
unter keinen Umständen zu verlassen; im nächsten Gauding soll über ihn
abgeurteilt werden.«

Die Grafen unterhielten sich darüber, was der Bischof tun, ob er
ungeachtet ihrer drohenden Haltung den Kirchenbann über Eike verhängen
würde.

»Er wird sich dreimal besinnen,« sagte Graf Burkhard von Mansfeld.
»Unsere Macht ist zu groß, und wir werden noch Bundesgenossen werben;
ich nehme den Fürsten Heinrich von Anhalt auf mich.«

»Ich den Grafen Christian von Wernigerode,« fiel der Blankenburger ein.

»Und sollte der Bischof sein Aufgebot an Kriegsmannen etwa verstärken,
so tun wir dasselbe und bringen wohl auch den Landgrafen Hermann von
Thüringen und den Markgrafen Dietrich von Meißen noch auf unsere
Seite,« meinte der Graf von Regenstein.

»Laßt euch doch darum keine grauen Haare wachsen,« sprach Graf Hoyer.
»Der Bischof wird es nimmermehr wagen, uns durch Bannung unseres
Freundes Repgow kecklich herauszufordern.«

»Oh er ist ein gar trutziger Herr, der, wo er Gelegenheit dazu hat,
gern den streitbaren Kirchenfürsten herauskehrt,« behauptete Graf Botho
von Stolberg.

»Mir soll's recht sein,« lachte der Hohnsteiner, »ich reite mit
Vergnügen zur Abwechslung auch einmal gegen einen Bischof an.«

»Wenn es aber, was Gott verhüte, meinethalben zu einer großen Fehde
oder gar zu einem weitschichtigen Kriege kommen sollte, dann möchte ich
auch in Helm und Harnisch mit Euch zu Felde ziehen, Herr Graf,« sagte
Eike.

»Der Wunsch ist begreiflich und wird Euch mit Freuden erfüllt werden,
damit Ihr selber Eurem Gesetzbuch in den Reihen Eurer Feinde mit dem
Schwerte Bahn brecht,« erwiderte der Hohnsteiner.

Und dann trägt er vielleicht mein Kursît einmal über der Rüstung,
dachte Gerlinde.

Alle wollten sich gern für den Ritter schlagen, der dem Domdechanten so
mannhaft die Stirn geboten hatte. Das ihm dafür reichlich gespendete
Lob machte Gerlinde so stolz, als würde es ihr selber gezollt. Immer
mußte sie sich zu ihm hinwenden und den gefeierten Helden und Gelehrten
zu ihrer Linken bewundernd ansehen.

Am anderen Morgen zogen die fünf Grafen mit ihrem Gefolge fröhlich vom
Falkenstein ab, nachdem ihnen Eike für ihren entschlossenen Beistand
noch einmal gedankt hatte. --

Nun wurde es wieder still und friedlich in der Burg. Eike war wieder
fleißig an der Arbeit, als wäre seit seinem Ritt nach Quedlinburg
nichts Besonderes hier vorgegangen. Es fehlten nur noch wenige Artikel
zur Vollendung seines Werkes, und er beeilte sich nicht damit, weil er
das Scheiden von Gerlinde gern noch etwas verzögern wollte.

Sie wußte, daß es kaum Wochen, vielleicht nur noch Tage waren bis
zur Trennung, vor der ihr graute. Soviel wie möglich suchte sie
seine Gesellschaft, denn ihrer bemächtigte sich eine so verlangende
Sehnsucht, wie sie sie glühender noch nie empfunden hatte. Wenn sie
mit ihm allein war, was jetzt häufiger geschah denn je, rollte ihr
das Blut wie flüssiges Feuer durch die Glieder, und mehr als einmal
war sie nahe daran, sich an seine Brust zu werfen und sich an dieser
Zufluchtstätte ihrer grenzenlosen Liebe auszujubeln oder auszuweinen.

Eike war es, der den Kopf oben behielt und die Herrschaft über sich
nicht einen Augenblick verlor, doch Gerlinde merkte es ihm an, wie
schwer auch er mit sich kämpfte, und jeder las im Herzen des andern: o
wärest du mein! Aber -- ein blankes Schwert lag zwischen ihnen.

Graf Hoyer sah, was in den beiden sich regte, doch kein Groll stieg
in ihm auf, denn er fühlte, auch seine Tage waren gezählt, nur in
einem andern Sinn als die seines jungen Freundes. Nicht die leiseste
Andeutung, auch nicht im Scherze, entschlüpfte ihm darüber, daß er
wußte, wie es mit ihm bestellt war. Auch die Erkenntnis seines eigenen
Schicksals verhehlte er ihnen sorgsam, und das Verhältnis zwischen den
dreien blieb ein ungetrübt heiteres und trauliches wie es immer gewesen
war.

Gerlinde trug Eike die schüchterne Bitte vor, er möge ihr erlauben, an
Wilfreds Statt die noch übrige Abschrift zu übernehmen.

Das freundliche Anerbieten rührte ihn, doch weigerte er sich, der
geliebten Frau diese Mühwaltung aufzubürden.

»Ihr machtet mir eine Freude damit, Eike,« sprach sie. »Denkt doch,
welche Erinnerung es für mich wäre, bei dem letzten Abschnitt Eures
Buches ein klein wenig mitgewirkt zu haben!«

Da willigte er ein, denn ihm wäre es ein reiches Geschenk, einige
Blätter, von Gerlinde geschrieben, zu besitzen, die er zeitlebens
aufbewahren würde.

Nun saß sie in ihrem kleinen Gemach, ließ Stickrahmen und Harfe bei
Seite und schrieb, was der Liebste geschaffen hatte. --

Wilfred hockte in seinem Kämmerlein, obwohl er nicht eingeschlossen
war, wie in einem Kerker, geknickt und reuevoll am leeren Tisch, von
dem ihm die fertigen Abschriften durch Folkmar abgeholt worden waren.

Die Begebenheiten der letzten Tage hatten die schlimmste Wendung
für ihn genommen. Er war, wie er es nach dem geübten Verrat schon
gefürchtet, wirklich in die Grube gefallen, die er dem Ritter gegraben,
und nicht diesen, sondern ihn selber hatte das Verhängnis getroffen.

Melissa war trostlos, ehe sie noch wußte, was eigentlich vorgefallen
war. Sie besuchte den Gefangenen, und auf ihre Frage, was er denn
Böses verbrochen, gestand er ihr seine Untat, zu der ihn der Abt von
Gröningen verleitet hätte.

»Das ist also deine Rache für den Fuchs. Fred, Fred, was hast du
angerichtet!« jammerte sie, »hast dich ins Unglück gestürzt, und
deines Bleibens auf dem Falkenstein kann nimmer sein. Was wird mit dir
geschehen? und was wird aus mir ohne dich?«

»Das weiß der Himmel!« seufzte er. »Ich bin ein verfemter Mensch; sie
werden mir auf der Richtstatt die Schreiberhand abhacken, mit der ich
gesündigt habe.«

Ihr schauderte bei diesen Worten. Sie umschlang ihn, herzte und küßte
ihn, um ihn aus seiner tiefen Kümmernis aufzurütteln.

In ihren Armen vergaß er das Verzweifelte seiner Lage und erwiderte
ihre Liebkosungen mit einer Leidenschaft, gegen die sich das
schmiegsame Mädchen nicht sträubte.

Dann setzte sie sich ihm auf's Knie, und ihren zerzausten Blondkopf
an seine Schulter lehnend beriet sie mit ihm, ob nicht eine Rettung
möglich wäre.

Aber Wilfred schüttelte zu allem, was Melissa vorschlug, ungläubig
den Kopf und fand selber keinen Ausweg, den Banden zu entrinnen, in
die er verstrickt war. »Goswig ist mein geschworener Feind und wird
mir gegenüber niemals ein Auge zudrücken,« sprach er mutlos. »Er kann
es auch gar nicht, denn er ist für mich verantwortlich und der Graf
würde ihn aus dem Dienst jagen, wenn er mich auskommen ließe. Gib jede
Hoffnung auf!«

Mit tränenbenetztem Antlitz entwand sie sich ihm.

Zwei Tage später aber kam sie wieder zu ihm geschlichen in der
Dämmerung und mit einem Bündel, das sie vor ihm entfaltete. »Hier
hast du ein Kleid von mir,« sagte sie, »das ziehst du an und stiehlst
dich darin zum Tor hinaus; es dunkelt schon, aber die Zugbrücke ist
noch nicht hoch. Goswig wird dich für eine Magd halten, deren Friedel
draußen auf sie wartet, und wird dich nicht anrufen. Auch habe ich ihm
soeben noch einen großen Krug Bier geschickt, von dem er so leicht
nicht aufsteht.«

Wilfred dankte ihr, von der Hoffnung belebt, durch die klug ersonnene
List zur Freiheit zu gelangen, in der herzlichsten Weise, und Melissa
half ihm schnell und geschickt in das Kleid hinein.

Erst freute sie sich und lachte über seine Verwandlung in ein
Mädchen, dann aber sprach sie betrübt: »O Fred! werden wir uns jemals
wiedersehen? wohin gehst du nun?«

»Ich weiß schon, wo ich Unterschlupf finde, sobald ich aus der
Burg heraus bin,« beruhigte er sie. »Ich pilgere schnurstracks
nach Gröningen und bitte um Anstellung als Schreiblehrer in der
Klosterschule, aus der sie mich einst verstoßen haben. Der Abt hat
mir versprochen, sich meiner anzunehmen, wenn ich in Not geriete.
Vielleicht kann ich auch dort sogar einmal Bibliothekar werden.«

»So geh mit Gott!« schluchzte sie an seinem Halse, entwich und eilte
in den Burghof hinab, um aus einem Versteck den Verlauf der Flucht zu
beobachten.

Sie sah, wie sich Fred in der Dämmerung dicht an den Hofgebäuden
entlang drückte, manchmal horchend stehen blieb und dann behutsam
weiterschlich. Ungeduld und fiebernde Angst erfaßte sie, daß er
dabei so langsam vorwärts kam, und der Atem stockte ihr, als er beim
Torstübchen noch einmal anhielt, um zu spähen und zu sichern, ehe er
sich an der offnen Tür vorübertraute.

Plötzlich schritt er rasch aus, aber in seiner großen Erregung nicht
leise genug.

Goswig mußte das Geräusch seiner Schritte vernommen haben und schaute
auf. Die weibliche Gestalt da draußen schien ihm verdächtig; das war
keine der Burgmägde. Er trat aus seinem Häuschen heraus, und als die
Eilige auf seinen Anruf nicht stand, sprang er ihr hurtig nach.

Nun wurde gerade das, was Wilfred retten sollte, Melissas Kleid, zu
seinem Verderben, denn weil es ihm oben etwas zu eng war und ihm unten
die Glieder bis auf die Füße umbauschte, hinderte es ihn im Laufen.

Goswig war ihm bei der Verfolgung bald auf den Fersen, holte ihn ein
und hatte eine diebische Freude an seinem Fange.

»Erbarmt Euch, Goswig, und laßt mich los!« bettelte der am Kragen
Gepackte.

»Nichts da! Du und Melissa, ihr meintet einmal, ich könnte nach dem
dritten Kruge Bier nicht mehr Mann und Weib unterscheiden. Jetzt habe
ich dir gezeigt, daß ich das trotz deiner Verkappung doch kann, und
ich bin dir auch noch den Lohn für die angeleimte Pelzkappe schuldig,«
höhnte Goswig. »Komm, mein Bürschlein! jetzt sperr' ich dich fester
ein.«

An einen Faustkampf mit dem noch sehr rüstigen und kräftigen Torhüter
konnte Wilfred in der ihn einspannenden Frauenkleidung nicht denken,
und so mußte er sich von dem hartherzigen Alten widerstandslos abführen
lassen in das mit Schloß und Riegel versehene Turmgewölbe, aus dem ein
Entweichen nicht möglich war.

Melissa, zu Tod erschrocken, flog die Treppe hinauf zur Gräfin, fiel
ihr zu Füßen, erzählte ihr mit halb von Weinen erstickter Stimme,
was sich eben ereignet hatte, und flehte sie an, beim Herrn Grafen
die Begnadigung Wilfreds zu erwirken. Er habe sich nur auf Anstiften
des Abtes von Gröningen zur Herstellung der Abschriften bequemt und
sich auch an Herrn von Repgow für das Erschießen seines gezähmten
Fuchses rächen wollen. Zugleich bekannte sie, dem Schreiber bei seinem
Fluchtversuche mit der Hergabe eines ihrer Kleider behilflich gewesen
zu sein.

Die Gräfin wußte bis jetzt noch nichts von dem Fuchse, fühlte jedoch
ihrer getreuen Zofe wegen, deren Neigung zu Wilfred ihr nicht verborgen
geblieben war, Mitleid mit den beiden und versprach, für den Bösewicht
bei ihrem Gemahl ein gutes Wort einzulegen, dessen Erfolg sie freilich
nicht verbürgen könne.

Melissa küßte ihrer huldvollen Herrin die Hand und entfernte sich,
Hoffnung im Herzen. --

Ganz glatt ging das schwierige Unternehmen, den erzürnten Grafen zu
versöhnen, zwar nicht vonstatten, aber er ebnete unabsichtlich der
wohlwollenden Vermittlerin den Weg dazu.

Am Abendtische lachte er gleich anfangs ein paarmal vergnügt vor
sich hin, und als ihn Eike und Gerlinde darob anstaunten, begann er
schmunzelnd: »Ihr werdet nicht raten, worüber ich lache. Denkt euch,
vor kaum zwei Stunden ist der Taugenichts und Hansnarr, der Wilfred,
vom Torwart bei einem verwegenen Fluchtversuch erwischt worden und noch
dazu in Weiberkleidung! Der Affe muß also unter unseren Burgschönen
eine Liebste haben, die ihn mit ihrer Sonntagswat ausstaffiert hat.
Jetzt sitzt er aber in einem Gewahrsam, aus dem er nicht wieder
auskommen wird. Was sagt ihr zu dem Possenspiel?« schloß er immer noch
lachend.

»Ich kann dir mehr darüber mitteilen als du weißt, Hoyer,« sprach
Gerlinde. »Die Weiberkleidung hat ihm Melissa geliehen, und als er von
Goswig wieder eingefangen war, hat sie mich fußfällig angefleht, ihm
deine Verzeihung zu erwirken.«

»Was? dem Halunken soll ich verzeihen? davon kann gar keine Rede sein,«
entgegnete der Graf.

»Höre mich weiter!« bat die Gräfin. »Wilfred ist vom Gröninger Abt zu
dem Verrat aufgestachelt und verführt worden. Daneben hat er sich an
Eike rächen wollen, weil der ihm seinen gezähmten Fuchs, mit dem er im
Walde wie mit einem folgsamen Hunde verkehrte, erschossen hat.«

Eike sagte höchst verwundert: »Von Wilfreds Fuchse habe ich nie etwas
gehört. Jetzt kann ich mir auch seinen Schrecken erklären, als ich ihm
den toten Liebling an den Kopf warf, und ihm seinen Schmerz darüber und
sein Rachegelüst vollkommen nachfühlen. Das sind nun doch Umstände,
Herr Graf, die eine mildere Beurteilung des Falles erheischen und der
Erwägung wert sind.«

Der Graf schwieg.

Aber Eike ließ nicht ab und fuhr inständig fort: »Es ist, glaub' ich,
die erste Bitte, Graf Hoyer, die ich an Euch richte; erfüllt sie mir!
übt Gnade gegen den Verbrecher und gebt ihn frei.«

»Eike, du, der Mann des Gesetzes, verlangst, daß Gnade vor Recht
ergehe? Das verstehe ich nicht,« erwiderte der Graf.

»Laß dich erweichen, Hoyer!« drang auch Gerlinde auf ihn ein, seine
Hand ergreifend.

Graf Hoyer blickte den einen und die andere nachdenklich und noch
unschlüssig an. Endlich gab er nach. »Na, sei's drum! Euren vereinten
Bitten und besonders deiner hochherzigen Fürsprache, Eike, will ich
mich nicht halsstarrig verschließen. Der windschaffene Gesell ist frei,
vogelfrei und soll sich zum -- Kuckuck scheren!«

»Ich danke dir, Hoyer!« sprach die Gräfin, »und wie wird sich Melissa
freuen!«

»Halt einmal! Melissa!« rief der Graf, schon wieder lachend. »Sie ist
seine Mitschuldige; was fangen wir mit der an? sie auch verstoßen? Dann
schweifen die zwei als fahrende Leute schnorrend und schnarrenzend,
echtlos, rechtlos in der Welt umher, und dazu ist das Mädchen zu gut.
Und sie als Nonne in ein Kloster zu vergraben, wäre doch auch nicht zu
verantworten.«

»Das gäbe eine lustige Nonne,« lächelte Gerlinde. »Nein, nein! von
Melissa trenne ich mich nicht, sie bleibt, wo ich bleibe; ich will ihr
Tugendwächter sein und ihr einmal einen wackeren Mann verschaffen.«



Achtundzwanzigstes Kapitel.


Der Winter zog frühzeitig ins Gebirge ein. Als die auf dem Falkenstein
eines Morgens erwachten, sahen sie den Wald ringsum voll Rauhreif,
in dessen feinen Nadeln und Kristallen sich die vom klaren Himmel
scheinende Sonne flitternd und glitzernd spiegelte. Das Jungvolk, die
Sträucher und Stauden, hatte sich bräutlich zarte Spitzenschleier
umgehängt, als wollten sie alle zur Kirche gehen, und die alten,
ernsthaften Bäume machten das mit und taten, als wollten sie
den Weihnachtsmann oder Knecht Ruprecht spielen. Aber für eitel
Mummenschanz war das Gepränge doch viel zu schön, zu feierlich und
herrlich; nur schade, daß der holde Zauber nicht lange Stand hielt.

Im Laufe des Vormittags verfinsterte sich der Horizont, und es fing an
zu schneien. Große Flocken wie aufgeplusterte Daunen schwebten langsam
nieder gleich einem gekräuselten Vorhang, der die jenseitigen Halden
und Höhen verhüllte. Dächer und Zinnen wurden weiß, und den Burghof
bedeckte ein blendendes Leilach, auf dem die frischen Fußstapfen von
Menschen und Tieren schnell wieder verschwanden.

Und seltsam! mit dem ersten Schnee in das Selketal kam die letzte Zeile
in Eikes Buch hinein. Gegen Mittag war es, als er sie niederschrieb
und einen dicken Strich darunter machte. Dann lehnte er sich im Stuhle
zurück und schaute sinnend in das stille Geriesel vor seinen Fenstern.

Es war ihm ein erhebendes Bewußtsein, das Werk, mit dessen Plan,
Vorbereitung und Ausarbeitung er sich Jahre lang beschäftigt und gemüht
hatte, glücklich vollendet und damit etwas geschaffen zu haben, was
ihm der giftigste Haß und der geschwollenste Neid nicht im geringsten
vereiteln oder verkleinern konnten.

Hier auf dem Falkenstein hatte er es vollführt. Hätte er es bei sich
zu Hause auf dem von seinen Vätern ererbten Lehen zu Reppechowe
geschrieben, wäre es genau so ausgefallen wie hier, und kein Abt, kein
Domdechant wäre ihm dort mit böswilligen Ränken und der Forderung des
Widerrufs gekommen. Aber auch keine Gerlinde hätte ihn als seine Muse
dabei hold umschwebt und mit ihrer Liebe begnadet.

Und nun mußte geschieden sein von der gesegneten Stätte des Wirkens und
des höchsten Glückes.

Niemand vertrieb ihn, allein sich untätig hier zu verliegen, beständig
Gerlindes sehnendes Leid vor Augen zu haben und den Kampf mit seinen
eigenen rebellischen Gefühlen immer noch weiter zu führen, das brachte
Eike von Repgow nicht fertig. Kurz entschloß er sich, morgen früh
abzureisen.

Er begann, seine Papiere zu sichten, legte die losen, ungehefteten
Bogen seines zu einem beträchtlichen Umfang angewachsenen Manuskriptes
vor sich auf den Tisch, blätterte darin, las den Anfang von den zwei
Schwertern, zu beschirmen die Christenheit, den Schluß von der
Schuldlosigkeit des Wirtes gegenüber einem Friedensbrecher in der
Herberge, hie und da die Überschriften einzelner Artikel und klappte es
befriedigt wieder zu. --

Wilfred war aus Berg und Tal auf dem Wege zur Klosterschule in
Gröningen. Nach einem herzzerreißenden Abschied von Melissa war er,
nur von Goswigs höhnischem Fahrwohl geleitet, über die Zugbrücke weg
gewandert, an seinem Wamse den Pelzkragen aus dem Balg des Fuchses, den
er so oft im Walde auf seinem Schoß gestreichelt hatte.

An den Abenden in der Dirnitz vermißte man anfangs den durchtriebenen
Schelm und erzählte sich noch manchen seiner tollen Vagantenstreiche,
aber eine Träne weinte ihm, außer Melissa, keiner vom Gesinde nach. Sie
hatten vom Wildmeister seinen an dem allverehrten Ritter von Repgow
begangenen Verrat erfahren und verurteilten diese Treulosigkeit in den
schärfsten Ausdrücken.

Weder der Graf noch Eike hatte ihn nach der Entdeckung seines Frevels
noch gesehen. Graf Hoyer hatte ihn aus den Ringmauern der Burg
verbannt, und damit war der Lump für beide abgetan.

Eike überlegte jetzt, wie er es seinen lieben Gastfreunden
beibringen sollte, daß er sie nun verlassen würde. Aber da galt kein
Hinausschieben; er mußte es ihnen ohne Umschweife sofort ankündigen.

Darum war er heute Mittag der erste im Speisesaal und empfing den
Grafen und die Gräfin mit der gewichtigen Nachricht: »Mein Buch ist
fertig, der letzte Federstrich daran getan.«

Die Wirkung dieser Mitteilung auf die beiden war eine wesentlich
verschiedene.

Graf Hoyer empfand aufrichtige Freude über den Abschluß des Werkes,
dessen gedeihliches Werden sie tagtäglich miterstrebt und miterlebt
hatten. Gerlinde wurde jedoch schwer davon getroffen und suchte ihren
Schmerz über die nun unmittelbar bevorstehende Trennung nur dadurch zu
verbergen, daß sie schnell einspringend sagte: »Aber ich habe ja noch
nicht alles abgeschrieben; das kann doch das Ende nicht sein, was ich
zuletzt von Euch erhielt.«

»Nur ein Blatt fehlt noch, dessen Abschrift ich heute nachmittag selber
besorgen werde,« erwiderte Eike.

»Nein, gebt es mir!« bat sie, »ich will auch den Schluß noch schreiben.«

»Gut! so werd' ich's Euch schicken,« versprach er.

»Heute nachmittag? Ist's denn so eilig?« fragte der Graf. »Wann willst
du denn fort?«

»Morgen früh.«

»Warum denn morgen früh schon?«

»Es muß sein, Herr Graf! jeder Tag mehr macht mir den Abschied
schwerer.«

»Hast recht,« sprach der Graf, »mir geht es ebenso.«

Sie setzten sich zu Tisch, redeten aber wenig und aßen auch wenig; auf
allen dreien lastete die Trauer über das Scheiden.

Als sie aufstanden, sagte der Graf: »Heut' abend wollen wir noch
fröhlich sein. Schaff' ein würziges Mahl, Gerlinde, und einen guten
Trunk.«

Dann verfügten sie sich jeder in sein Gemach.

Dort schritt Gerlinde erregt und ruhelos auf und nieder. Es wollte ihr
nicht in den Sinn, daß morgen alles aus und vorbei sein sollte, was
seit dem knospenden Frühling, im blühenden Sommer und welkenden Herbst
bis zum eisfrierenden Winter ihre Tage und Gedanken erfüllt hatte.

An die Zukunft mochte sie nicht denken, und da kam die Vergangenheit
mit leisen Fittichen zu ihr herangeschwebt, umwob sie mit einem lichten
Schimmer wie sanftes Abendrot, zeigte ihr freundliche Bilder, mahnte
sie an frohe Stunden, und die Betrachtungen, die sich daran knüpften,
senkten Frieden in ihre wunde Seele.

Worüber hatte sie sich denn zu beklagen? War scheiden und meiden nicht
Menschenlos, so lange Staubgeborene auf Erden wandelten? und war ihr
Schicksal ein grausameres als das tausend anderer, die ihr Liebstes mit
blutendem Herzen hingeben mußten?

Eike schied von ihr nicht spurlos wie ein im nächtlichen Dunkel
verlöschender Stern. Sie wollte seine aufsteigende Lebensbahn weit
in die Ferne verfolgen, und er hinterließ ihr etwas, was ihr nie
entschwinden und was kein noch so feindliches Geschick ihr jemals
rauben konnte, -- ein beseligendes Glück. Oder wäre eine tiefinnige
Liebe, und zwar eine ebenso heiß erwiderte wie empfundene Liebe, selbst
unter der harten Bedingung und mit dem schweren Opfer der Entsagung,
kein Glück? Sie hatte es innerhalb dieser Schranken sattsam genossen,
und kein grauer Schatten trübte, keine bittere Reue vergällte ihr die
traumhaft süße Erinnerung.

Ihr wurde freier und leichter zu Mute; klar und bestimmt, mit
hausfraulichem Pflichtgefühl traf sie ihre Anordnungen für das
Abschiedsmahl.

Danach stapfte sie in schützender Umhüllung durch den Schnee zum Altan
und pflückte, weil es kein anderes Grün mehr gab, einige Efeuranken, um
daraus für Eike einen Kranz zu winden.

Von diesem Gange in ihr Zimmer zurückkehrend fand sie dort das Blatt,
das sie zur Abschrift noch von ihm verlangt hatte. Ohne Aufhören
schrieb sie, bis das letzte Wort auf dem Papiere stand, und schickte
beides Eike durch Melissa zu.

Dann flocht sie den Kranz, bog und formte ihn, hier locker und luftig,
dort dicht und gedrungen, dabei leise singend und summend und stets
den im Geiste vor sich, dem sie das Laubgewinde auf die Stirn drücken
wollte.

Darauf holte sie das Kursît hervor, das sie Eike heut überreichen
wollte, prüfte es noch einmal mit Kennerblick und legte es dann
sorgfältig wieder zusammen.

Inzwischen war es Zeit geworden, sich zum Mahle anzukleiden. Sie wählte
ein helles, festliches Gewand, ein reich verziertes, goldenes Schapel
für ihr Rabenhaar und ein von Edelsteinen blitzendes Geschmeide für
Hals und Brust. So geschmückt wollte sie heute vor Eike erscheinen, ihm
zu Ehren und zu ihrem Gedächtnis in seinem Sinn und Herzen.

[Illustration: »Bückt Euch ein wenig, hoher Ritter! ich will Euch für
Eure gloriose Arbeit feierlich krönen.«]

Im Speisezimmer hängte sie das Kursît über die Rücklehne seines
Stuhles, und als die Herren zugleich eintraten, ging sie mit dem
Kranz in der Hand auf Eike zu und sagte: »Bückt Euch ein wenig, hoher
Ritter! ich will Euch für Eure gloriose Arbeit feierlich krönen.« Er
beugte sich etwas herab, und während sie ihm den Kranz auf dem Haupte
zurechtrückte, fuhr sie fort: »Lorbeer, wie er Euch von Rechts wegen
gebührte, habe ich leider nicht; darum müßt Ihr mit Efeu von unserem
Altan fürlieb nehmen.«

»Von Euch bekränzt dünk' ich mich doch ein ~laureatus~ zu sein,«
erwiderte er, stolz auf die ihn berauschende Huld und Auszeichnung.

Sodann führte sie ihn an seinen Platz, wies auf das Kursît und sprach:
»Diesen Wappenrock bitte ich Euch zu meinem Angedenken mitzunehmen;
tragt ihn stets als Sieger im Turnier!«

Staunend besichtigte er die kostbare Stickerei und sagte: »Laßt mich
die fleißigen Hände küssen, die mir ein solches Prachtkleid gewoben
haben!«

Graf Hoyer hatte den beiden Vorgängen mit einem verschmitzten Lächeln
beigewohnt. Jetzt nahm er das Wort: »Das beste kann doch ich dir
bescheren, Eike!« Er griff in die Tasche, schwenkte dann einen Brief
in der Rechten und rief: »Hier eine Botschaft, die ihr gewiß mit
Freuden hören werdet! Es gibt keine Fehde, der Bischof von Halberstadt
duckt sich vor der verbündeten harzgräflichen Kriegsmacht. Die
Äbtissin Osterlindis schreibt mir, und diesmal eigenhändig, sie wisse
aus sicherster Quelle, daß der Bischof auf dringendes Anraten des
von dem greisen und weisen Dompropst Meinhard von Kranichfeld stark
beeinflußten Kapitels davon absehe, den Bann über dich zu verhängen.
Dagegen will er dich greulichen Ketzer beim Kanzler und Hofrichter
des Kaisers, Herrn Petrus de Vinea, verklagen und hofft von ihm ein
entschiedenes weltliches Einschreiten gegen dein verruchtes Gesetzbuch.
Graust dir davor, Eike?«

»Nein, Herr Graf!« lachte Eike. »Kaiser Friedrich spricht noch viel
weniger die Reichsacht über mich aus als Papst oder Bischof den
Kirchenbann.«

»Nun, dann können wir uns getrost zu Tische setzen. Schenk' ein,
Gerlinde, auf daß auch der Wein unsre Herzen erfreue!«

Die Gräfin füllte mit vor Erregung zitternder Hand die silbernen
Pokale, die heut aufgestellt waren, und der Graf fuhr fort: »Auf den
Frieden und auf unsere treue Freundschaft!«

Sie stießen miteinander an, und nachdem sie getrunken hatten, sprach
der Graf wieder: »Du hast mit deinem Werke eine große, befreiende, ewig
denkwürdige Tat vollbracht, Eike, und jetzt richte ich eine Frage an
dich, auf deren Beantwortung ich sehr begierig bin. Wie willst du es
nennen?«

»Der +Sachsenspiegel+ soll es heißen,« erwiderte Eike mit erhobener
Stimme.

»Der Sachsenspiegel?«

»Ja! der Titel stand bei mir fest, ehe ich eine Zeile geschrieben
hatte, und dem Kaiser Friedrich verdanke ich ihn. Er sagte in Cremona
zu mir: ›Du willst also den Sachsen einen Spiegel des Rechtes
vorhalten.‹ Das treffliche Wort merkte ich mir, Graf Hoyer, und unter
dieser Flagge soll mein hochgetakelt Schiff mit vollen Segeln in die
Flut des Lebens hinausfahren.«

»Dann: Gott segne den Sachsenspiegel!« rief der Graf, den Pokal noch
einmal schwingend.

»Und seinem Verfasser Ruhm und Ehre!« fügte Gerlinde mit strahlenden
Augen hinzu. »Das Sachsenvolk wird Euch jauchzend auf den Schild heben
und Euren Namen mit goldenen Lettern in die Chroniken schreiben.«

Eike tat mit dem Becher Bescheid, schwieg aber zu diesem Lobgesang und
betrachtete Gerlindes liebreizende Gestalt. Wie wunderschön sie heut
wieder war mit dem blinkenden Schapel, das wie ein Diadem ihr über den
Rücken lang herabfließendes Haar an Stirn und Schläfen umzirkte, und
mit dem funkelnden Geschmeid auf der wogenden Brust.

Nun plauderten sie fröhlich und gedachten der ganzen Zeit ihres
traulichen Beisammenhausens von dem Tage der Ankunft Eikes bis zur
gegenwärtigen Stunde.

»Weißt du noch, Eike,« erinnerte ihn der Graf, »wie wir oberhalb des
Reißaus -- so nennen sie nämlich dort dein Gasthaus am Scheidewege
-- im Walde unter der alten Eiche lagen, du mir von deinem Plan
erzähltest, und wie ich dich darauf einlud, zu uns auf den Falkenstein
zu kommen und hier dein Buch zu schreiben? Du schlugst das erst aus mit
allerlei schrulligen Bedenken, von denen ich dich jedoch bald bekehrte,
und dann schlugst du ein in meine Hand, unser Pakt war geschlossen, und
heut ist er bis auf den letzten Buchstaben erfüllt.«

»Ich weiß alles noch, Graf Hoyer, nur nicht, wie ich Euch für Eure
hingebende Gastfreundschaft danken soll.«

»Mit dem, was du uns in den sechs Monden hier gewesen bist, hast du uns
mehr gegeben als wir dir, und wer hier dem anderen Dank schuldet, das
mag ein Klügerer raten.«

»Mir aus der Seele gesprochen! ich schulde Euch mehr als ich sagen
kann,« stimmte Gerlinde zu, und Eike verstand, wie tiefinnerlich sie
das meinte.

Dann kamen sie auf den Abt von Gröningen und den Domdechanten von
Halberstadt zu reden und machten sich über beide lustig.

»Die Verhandlung mit dem Dechanten vergesse ich mein Lebtag nicht,«
sprach der Graf. »Das war ein gefährlich Ding, Eike, und hätten nicht
die anderen alle so treulich zu uns gehalten, hätte eine böse Saat
daraus aufschießen können. Dann hätten wir uns zu einer großen Fehde
wappnen müssen, und im Sachsenlande hätte es geraucht von brennenden
Städten und Dörfern. Übrigens, -- vom Fehderecht steht nichts in deinem
sonst alles umfassenden Bande.«

»Das ist Sache der Ritterschaft, Graf Hoyer, und geht das Volk im
großen und ganzen nichts an,« erwiderte Eike. »Auch der Krieg erfordert
menschliche Gesetze, und je ritterlicher sie sind, desto besser, aber
es ist nicht meines Amtes, sie aufzuschreiben. Rechtseinheit läßt sich
nicht mit bluttriefendem Schwert erzwingen, dazu muß Friede auf Erden
seien.«

Und ritterlich, herrlich schaute er aus, wie er das sagte. Gerlinde
trank ihm freudig zu und konnte den Blick nicht von ihm wenden.

Graf Hoyer brach auf. »Ich habe genug und will mich zu Bett legen.
Nein, du bleibst noch, Eike!« gebot er, »meine Frau leistet dir gern
Gesellschaft, und ich sehe dich noch morgen früh. Also zum letzten
Male Gute Nacht, Eike von Repgow!« Er winkte ihm und seiner Gemahlin
freundlich zu und begab sich zur Ruhe. --

Da saßen die zwei nun wieder allein am Tische wie bei dem Fest in der
Dirnitz, als der Graf ebenso von ihnen gegangen war und ehe sie hinauf
zum Altan gestiegen.

Sie sahen sich an, aber keiner konnte sprechen; die Stunde der Trennung
war da.

»Laßt uns scheiden, Gerlinde!« fing Eike aufstehend endlich an. »Wir
wissen alles einer vom anderen, zwischen uns waltet Herzenseinheit;
machen wir uns den Abschied nicht allzu schwer.«

Sie nickte stumm und erhob sich zögernd.

»Werdet Ihr wiederkommen, Eike?« flüsterte sie.

»Ich -- komme wieder, Gerlinde!«

Sie gab ihm die Hand, deren Beben er fühlte. »Fahrewohl!« hauchte sie.

»Lebewohl, Gerlinde!«

Rasch schritt er zur Tür. Doch ehe er hinaus war, hörte er hinter sich
gedämpfte Schmerzenslaute.

Er wandte sich um. Gerlinde stand regungslos und starrte ihn an mit
Augen, in denen verzehrende Sehnsucht glühte.

Da hielt ihn keine Macht im Himmel und auf Erden mehr von ihr zurück.
Er sprang in ihre ihm entgegengestreckten Arme, und sie küßten sich
heiß und lange.

Dann riß er sich los, ging davon und zog die Tür sacht hinter sich zu.

Gerlinde sank neben ihrem Stuhle nieder, legte das Antlitz auf den Sitz
und weinte, -- sie wußte selber nicht, ob vor herzbrechendem Leid oder
vor überschwenglichem Glück.



Neunundzwanzigstes Kapitel.


Kurz nach Weihnachten war es, da wehte auf dem Bergfried des
Falkensteins die schwarze Todesfahne. Graf Hoyer hatte das Zeitliche
gesegnet, ein Herzschlag hatte den urwüchsigen Stamm gefällt.

Die Trauer um den Hingang des hochgemuten, milden und gerechten Herrn
war in der Burg, in seiner Grafschaft und im ganzen Gebirge überall,
wo man ihn gekannt hatte und wohin der Ruf seines ritterlichen Wesens
gedrungen war, eine große und aufrichtige.

Gräfin Gerlinde war tief erschüttert. Der Verblichene war ihr in ihrer
kurzen Ehe ein treuer Gefährte gewesen, der sie mit selbstloser Liebe
gehegt und gepflegt, sie auf Händen getragen, ihr jeden Wunsch von den
Augen abgelesen und mit Freuden erfüllt hatte. Sie wollte sein Andenken
allezeit in Ehren halten.

Seinen beiden Söhnen, die am kaiserlichen Hof in Sizilien weilten,
wurde die schmerzliche Kunde sofort zugesandt. Das nahm freilich eine
lange Frist in Anspruch und geschah von der Abtei Walkenried aus, die
im deutschen Reich und bis nach Welschland hinein Zweigniederlassungen
hatte. Diese schickten Laienbrüder als stets wechselnde Boten von einem
Kloster zum anderen und beförderten auf solche Art von geregeltem
Nachrichtendienst Briefschaften und Meldungen in die entlegenste Ferne.
Den Harzgrafen, den Adelsgeschlechtern in den benachbarten Gauen und
vor allen Eike von Repgow überbrachten Knechte vom Falkenstein die
wehmütige Ansage. --

Eike hatte nicht geglaubt, daß er schon so bald wieder dahin
zurückkehren würde, von wo er vor fünf Wochen geschieden war. Still
ritt er, von zwiespältigen Gefühlen ergriffen, durch den winterlich
schweigenden Wald zwischen kahlästigen Eichen und Buchen und dunkeln,
in dicke, weiße Schneepelze gehüllte Tannen. Er hatte seinen
väterlichen Freund wahrhaft verehrt und geliebt, und der unerwartet
früh eingetretene Tod des edlen Mannes ging ihm sehr nahe, aber --
Gerlinde war nun frei. Dieses Gedankens konnte er sich trotzdem nicht
entschlagen.

Das Wiedersehen der beiden war ein tief bewegtes. Nur einen festen
Händedruck und einen ernsten Blick tauschten sie, kein einziges Wort.

Auch die Harzgrafen, die unlängst so einmütig mit Hoyer gegen den
Domdechanten gestritten und so fröhlich mit ihn gebechert hatten,
fanden sich alle ein, um der Trauerfeier beizuwohnen und ihrem treuen
Wappengenossen die letzte Ehre zu erweisen.

Der Prior des Klosters Hagenrode hielt vor den in der Kapelle
versammelten Leidtragenden die Exequien ab, und die ihn begleitenden
Mönche sangen an der Bahre das düstere ~De profundis~. Nach der
Seelenmesse wurde der entschlafene Burgherr in der Gruft unter dem
Altar in seinen Steinsarg gebettet.

Dann ritten die Herren den Berg wieder hinab, und auch bei seiner
Verabschiedung von Gerlinde blieb Eike so stumm wie bei seiner
Ankunft. --

Die junge Witwe schloß sich von allem Verkehr mit der Außenwelt
unnahbar ab und lebte in völliger Einsamkeit. Nur ihre Freundin Gräfin
Irma von Mansfeld machte ihr einen Beileidsbesuch. Als sie aber eine
Andeutung in die Zukunft mit bezug auf Eike wagte, wehrte Gerlinde mit
einer Handbewegung jede Aussprache darüber ab.

Niemand konnte ihr ins Herz sehen, ob sich dort Wünsche und Hoffnungen
regten, aber verschwiegene, sehnende Grüße flogen durch die Lüfte
zwischen ihr und Eike hinüber und herüber. --

Eike nahm aus einem Kloster unweit seiner Heimat ein paar Mönche
zu sich nach Reppechowe und ließ durch ihre Hände seine Arbeit
vervielfältigen, die er nun an die Harzgrafen und andere ihm
befreundete Herren schickte. Von allen erhielt er Dankschreiben voll
lobender Anerkennung und geriet dadurch in einen Briefwechsel, der ihm
zu großer Genugtuung gereichte und seine Tage ausfüllte.

Als die wärmere Jahreszeit herankam, fing er an zu bauen und sein
festes Herrenhaus behaglich einzurichten, als hätte er über kurz oder
lang vornehme und verwöhnte Gäste zu beherbergen, und auch diese
Beschäftigung machte ihm Freude, besonders im Hinblick auf den Zweck
der wohnlichen Veränderungen.

So verging ein Monat nach dem andern. Immer mehr Abschriften des
Sachsenspiegel wanderten ins Land zu Fürstenhöfen, Rittersitzen,
Schöffenstühlen und Ratskollegien, und bald klang der Name des
Verfassers bewundert von Gau zu Gau. -- --

Fast anderthalb Jahre waren seit der Vollendung des Werkes verstrichen.
Es war wieder Mai, und Eike saß wieder unter den blühenden Apfelbäumen
im Garten des Gasthauses am Scheidewege, hatte wieder zwei Becher vor
sich auf dem Tische und unsichtbar sich gegenüber seinen unvergeßlichen
Freund Hinrik Warendorp, mit dem er stumme Gedankenzwiesprach hielt.

Was sagst du nun, Hinrik? begann er lautlos ohne die Lippen zu
bewegen. Jetzt bin ich auf der Brautfahrt und hole mir die in mein
Haus, der mein ganzes Herz zu eigen ist. O könntest du mitkommen,
Hinrik, und Gerlindes Brautführer sein! Ach, und könntest du mein Buch
lesen, Hinrik, über dessen Entstehen und Werden wir so manchesmal
beraten und gebrütet haben, in Bologna schon und hier unter diesem
blütenstrotzenden Apfelbaum! Erinnerst du dich? Hinrik, Hinrik, du hast
mir oft gefehlt im letzten Lustrum, aber niemals so wie jetzt auf dem
Ritt zum Falkenstein, hoch über dem waldesgrünen Selketal.

So dachte Eike, nahm die zwei Becher in seine Hände, stieß mit dem
einen an den andern und trank aus beiden zu des lieben, toten Freundes
ehrendem Gedächtnis. -- --

In der Schloßkapelle wurde das Paar vom Hagenröder Prior getraut. Graf
Otto, der jetzige Gebieter der Grafschaft, war Gerlindes Brautführer,
und bei dem prunkvollen Hochzeitsmahl waren die Mansfelder Herrschaften
und die Grafen Heinrich von Hohnstein und Johann von Blankenburg
geladene und freudig teilnehmende Gäste.

Dann entführte Eike seine in Schönheit blühende, von Glück strahlende
junge Frau nach seiner Heimat an der Elbe, machte aber auf dem Wege
dahin Rast mit ihr im Gasthaus am Scheideweg und erzählte ihr an
seinem Lieblingsplatz im Baumgarten von seinem Freunde Hinrik Warendorp.

Zu Reppechowe, in der fruchtbaren, doch jedes landschaftlichen
Reizes ermangelnden Ebene, fand sich Gerlinde schnell in ihre neue
Häuslichkeit hinein und genoß an der Seite des geliebten Gatten
eine Herzensseligkeit, der sie oft mit Gesang und Harfenspiel
schwärmerischen Ausdruck gab.

In Eikes Arbeitszimmer entdeckte sie ein Andenken, dessen Aufbewahrung
sie innig freute. Seinem Schreibtisch gerade gegenüber, so daß, wenn er
den Kopf hob, sein Blick darauf fallen mußte, hing an der Wand über dem
Schrein, der seine gesammelten Urkunden und Papiere barg, der nun welke
Efeukranz, den sie ihm zum Abschiedsmahl auf dem Falkenstein gewunden
hatte.

       *       *       *       *       *

Der Sachsenspiegel hatte einen ganz unvergleichlichen Erfolg und
wurde in mehr als zweihundert schönen Pergamentabschriften, zum
Teil mit farbenprächtigen, goldgehöhten Initialen, Majuskeln und
Randverzierungen verbreitet, Handschriften, die zu den kostbarsten
Schätzen staatlicher und städtischer Büchereien gehören. Obwohl nach
Eikes Tode von Papst Gregor XI. als ketzerisch verdammt, wurde er doch
sehr bald das allgemein und am höchsten geltende Recht im Sachsenlande
zwischen Elbe und Weser, dann bis an den Rhein, an Nord- und Ostsee, in
den baltischen Provinzen, im slavischen Osten und in den Niederlanden.
In manchen Gegenden Deutschlands ist er mit einzelnen seiner Sätze
und Bestimmungen noch immer lebendig, und die Rechtsgelehrten finden
selbst in vielen neueren Gesetzen seine unverkennbaren Spuren. Auch
wurde er die einflußreiche Quelle und das Vorbild für das süddeutsche
Gesetzbuch, den noch zu Eikes Lebzeiten entstandenen Schwabenspiegel.

Unbestritten ist der Sachsenspiegel das bedeutendste gesetzgeberische
Werk zwischen den Kapitularien Karls des Großen und unserm heutigen
Bürgerlichen Gesetzbuch.

Seine Bedeutung reicht aber über das Juristische des Inhalts noch
hinaus. Er bewirkte überall, wo er Fuß faßte, einen geistigen,
sittlichen und wirtschaftlichen Aufschwung des nationalen Lebens und
brachte dem Volke das Bewußtsein nahe, einem durch ihn geschaffenen
Ganzen anzugehören, das, ob auch in verschiedene Stämme geteilt, fortan
unter einem einheitlichen Recht und Gesetz stand. --

Das Geschlecht derer von Repgow blühte nach seinem gelehrten Ahnherrn
noch fast sechs Jahrhunderte. Der letzte seines Stammes, Johann von
Repgow, war Oberstleutnant in einem preußischen Füsilierbataillon und
starb 1812 ohne männliche Nachkommen.

Um Eikes Stirn aber flocht an Stelle des Efeukranzes, den ihm die Liebe
wand, die dankbare Nachwelt den Lorbeer unvergänglichen Ruhmes.



    Julius Wolffs
    Sämtliche Werke

(Vollständig in zwei Serien)

Inhaltsbeschreibung der ersten Serie

Romane = 8 Bände

Geheftet à 3 M., elegant gebunden à 4 M.

Einzelne Bände werden nicht abgegeben.


Der Raubgraf.

Eine Geschichte aus dem Harzgau nennt Jul. Wolff anspruchslos seinen
Roman aus dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts; und gerade dieses
Werk bietet ganz besondere Reize. Als gründlicher Kenner seiner Heimat,
des Harzes, war er wohl der berufenste Übermittler seiner Geschichte.
In den prächtigen Untergrund des an Naturschönheiten reichen Harzgaus
hat er markige Gestalten gestellt, charakteristische Figuren, bei
denen auch der Humor nicht zu kurz kommt, und einen Liebesroman in die
Erzählung verwebt, der sich in scharfen Konflikten bewegt. Die Sprache
ist stellenweise hoch poetisch, durchgehend aber fesselnd.


Der Sülfmeister.

Eine alte Stadtgeschichte. Jul. Wolff hat für diesen Roman, der
in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts spielt, als Schauplatz
der Handlung die alte ehrwürdige Stadt Lüneburg ausersehen, in der
ein heftiger Kampf der Bürgerschaft und der Prälaten gegen den Rat
entbrannte wegen der vom Rat unrechtmäßig einbehaltenen Einkünfte aus
der berühmten Salzquelle, die er zur Deckung unbedacht entstandener
Schulden verwenden wollte. Der Böttchermeister Gotthold Henneberg,
genannt der Sülfmeister, steht im Mittelpunkt der Handlung, eine
historisch verbürgte, charakterfeste Gestalt; das Leben in seinem
Hause und in seiner Familie, wie auch dasjenige anderer Handwerker,
mit ihren Sitten und Gebräuchen nimmt breiten Raum ein, Schilderungen
der herrlichen Lüneburger Heide und der hochinteressanten Stadt mit
ihren alten Baulichkeiten sind besonders liebevoll dargestellt.
Alfred Buhemann schreibt in seiner Besprechung: »Der Sülfmeister ist
eine kulturhistorische Dichtung ersten Ranges insofern, als sie das
mittelalterliche Treiben der Zünfte und Handwerker selbst bis ins
kleinste mit fast photographischer Form abspiegelt.«


Der Sachsenspiegel.

Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit. In diesem hat Julius Wolff
wiederum den heimatlichen Boden betreten und damit einen seiner besten
Romane getroffen in mustergültiger Sprache. Es handelt sich um das
berühmte Gesetzbuch, das im dreizehnten Jahrhundert vor Ritter Eyke
von Bey auf Schloß Falkenstein niedergeschrieben wurde, von dem noch
heute Spuren im BGB. vorhanden sind. Die Personen sind zum größten
Teile historisch und urkundlich beglaubigt. Die Anfeindungen, die das
hochbedeutende Gesetzbuch von seiten des Klerus zu bestehen hatte,
und eine tiefeingreifende Liebesgeschichte, die zu dramatischen
Verwicklungen führt, bilden die Haupthandlung, der jedoch auch heitere
Szenen beigegeben sind.


Das Recht der Hagestolze.

Eine Heiratsgeschichte, ist durchweg heiteren Inhalts. Das romantische
Neckartal, am Ende des vierzehnten Jahrhunderts zur Zeit der
unausgesetzten Fehden, ist der Schauplatz dieses Romanes. Ein seltsamer
Abschnitt des deutschen Erbrechts jener Zeit, genannt das Recht der
Hagestolze, gibt das Motiv zu dieser lustigen Geschichte. Mitgliedern
der Rittergeschlechter, die auf den zahlreichen Burgen dort hausten,
deren berühmtestes der Landschaden von Steinach war, und der stolzen
Herrin der schön gelegenen Minenburg bei Neckargartach, sind die
Hauptrollen der Heiratsgeschichte zugeteilt, die sich durch anmutige
heitere Episoden auszeichnet.


Die Hohkönigsburg.

Eine Fehdegeschichte versetzt uns in den sagenumwobenen Wasgau mit
seien Wäldern und Burgen. Der wechselvolle Gang einer ritterlichen
Fehde um den Besitz der Hohkönigsburg, der größten gewaltigen Burg
im Elsaß, spielt zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, als das
alte Hohenstaufenschloß nach seiner Zerstörung wieder herrlich
aufgebaut war und Gegenstand erbitterten Streites zwischen den
mächtigsten Adelsgeschlechtern wurde. Eine anmutige Liebesgeschichte,
mannigfaltige Abenteuer spielen hinein, ein Pfeifertag wie er damals
in der Gegend alle Jahre gefeiert wurde, mit seiner Festfeier,
Trinkgelage und Gerichtssitzung, bildet das farbenbunte und fröhliche
Mittelstück, wie den Angelpunkt der Handlung. Karl Frenzel sagt davon
in der Nationalzeitung: »Das alles weiß Julius Wolff mit frischer
Anschaulichkeit und anmutendem Humor zu schildern und in seine Fabel
geschickt mit dem Zuständlichen zu verbinden.«


Das schwarze Weib.

Roman aus der Zeit des Bauernkrieges. Wieder ist es ein markantes
Bild aus der deutschen Vergangenheit, das Julius Wolff in bekannter
Meisterschaft vorführt. Die Schicksale einer heldenmütigen
Freiheitskämpferin, deren Leben wenig bekannt, doch urkundlich
nachweisbar ist und der die Geschichte den wohlverdienten Lorbeer
versagt hat. Sie schließt sich denen an, die äußerlich ihresgleichen
sind, um ihren ganzen Haß an den herzlosen Bedrückern des Volkes
auszulassen. Sie wird mit Florian Geyer die Seele des Bundschuh.
Die abenteuerlichen Erlebnisse und die seelischen Kämpfe der Heldin
bilden den Hauptinhalt des Romans, der in großen Zügen und fesselnden
Schilderungen ein eingerahmtes Bild von der furchtbaren Revolution des
sechzehnten Jahrhunderts entrollt.


Das Wildfangrecht.

Eine pfälzische Geschichte. Ein altes Regal des Kaisers, schon unter
König Wenzel erwähnt, gibt Julius Wolff das Motiv zu seiner sich im
siebzehnten Jahrhundert im Städtchen Wachenheim begebenden Geschichte.
Das Wildfangrecht hat einst zu ernsten Streitigkeiten zwischen dem
Pfalzgrafen Carl Ludwig bei Rhein und seinen Nachbarn geführt,
namentlich dem Erzbischof von Mainz, und es vermochte die davon
Betroffenen in die bösesten Situationen bringen. Von Sonnenschein und
Weinduft umhaucht bilden Liebesleid und Liebesglück den Inhalt der
lebendigen, auf dem Hintergrunde des pfälzischen Winzerlebens sich
abspielenden Geschichte. Sie gewährt uns Einblick in das häusliche
Leben der Wachenheimer und die mühevolle und dabei fröhliche Arbeit der
Winzer, in das vergnügte Treiben in den Spinnstuben; alle Gestalten
treten plastisch in die Erscheinung. Prof. Dr. Fritze schreibt darüber
in der Weserzeitung: »Diese neueste Schöpfung stellt der Frische des
dreiundsiebzigjährigen Verfassers ein rühmliches Zeugnis aus und
erweckt die erfreulichen Hoffnungen auf weitere Gaben seiner als
unerschöpflich erscheinenden dichterischen Gestaltungskraft.«


Zweifel der Liebe.

Roman aus der Gegenwart. Im vorliegenden Roman verläßt Julius Wolff
das von ihm mit Vorliebe und großer Begabung gepflegte Gebiet der
Romantik. Eine feinsinnige Studie bietet er in diesem Werke. Sie führt
uns tiefempfundene Seelenstimmungen des Helden vor, eines jungen
Offiziers, der zu ehrenhaft ist, um der Angebeteten seines Herzens
seine Liebe zu gestehen, da er nicht die Mittel besitzt, um ein armes
Mädchen zu heiraten. Das ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie
ewig neu. Die daraus folgenden Verwicklungen sind geschickt geschürzt
und gut gelöst. Gleich die Einführung des jungen Offiziers in seine
Junggesellenwohnung, das Leben auf den Straßen, wie die anderen
Gestalten sind mit guter Beobachtung gezeichnet, und leibhaftig ist
jede, von den anderen sich abhebend, vor uns hingestellt. Im »Deutschen
Offiziersblatt« schloß die Besprechung mit den Worten: Nicht nur die
gleiche Handlung und die klare Schilderung der Charaktere, auch die
schöne, vornehme Sprache machen das Lesen dieses Buches zum Genuß. Karl
Frenzel, der berühmte Kritiker, schreibt in der Nationalzeitung zu
Julius Wolffs 70. Geburtstage: »Der Ton bist Du, wie der Farbenmeister.
Kein Wunder darum, daß Maler und Musikanten aus Deiner Dichtung Born
vergnüglich schöpfen. Gibt's in der Menschlichkeit doch nichts so Hohes
und nichts so Kleines, das Du nicht besungen. Gewähren Himmel und Erde
uns doch kein seltnes Schauspiel, das Du nicht gemalt.«


Als Jubiläumsschrift für das deutsche Volk ist erschienen:

    Die
    Völkerschlacht bei Leipzig

    Ein Gedenkblatt zur 100jährigen Jubelfeier

    Der deutschen Jugend erzählt

    von

        Paul Benndorf

    Oktav, ca. 150 Seiten mit 48 Abbildungen und 3 Plänen

    Preis gebunden 3 Mark

Der durch seine stadtgeschichtlichen Forschungen bekannte
Verfasser bietet in diesem nach authentischen Quellen bearbeiteten
Geschichtswerke der deutschen Jugend, der Schule und dem Volke eine
dauernde Erinnerungsgabe an diese große Zeit der Freiheitskämpfe, die
ihren Abschluß in der Völkerschlacht bei Leipzig und mit dem Sturze
Napoleons fanden. Ein Jahrhundert ist im Strom der Zeit dahingeflossen,
aber das Gedächtnis an jene Helden und Vaterlandsfreunde, die ihr Blut
und Gut für Deutschlands Ehre, für die Rettung ihres Volkstums freudig
dahingaben, darf nie und nimmer im deutschen Volke erlöschen. Jene edle
Begeisterung für Wahrheit, Freiheit und Recht wach zu erhalten und
aufzufrischen. Dazu diene das bedeutungsvolle Stück Weltgeschichte: Die
Völkerschlacht bei Leipzig.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

    Korrekturen:

    S. 265: Fußtapfen → Fußstapfen
      aber seine {Fußstapfen}, will sagen sein Machwerk





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Sachsenspiegel - Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit" ***

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