Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch
Author: Clauren, Heinrich
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1823 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
    beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
    waren oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachige Zitate und
    Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

    Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von der
    Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
    vorliegenden Fassung mit den folgenden Symbolen gekennzeichnet:

    gesperrt:  +Pluszeichen+
    Antiqua:   ~Tilden~

  ####################################################################



                           Scherz und Ernst

                                  von
                              H. Clauren.

                           Zweite Sammlung.

                           Erstes Bändchen.

                                Inhalt:
                  Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch.



                                  Des

                    Vaters Sünde, der Mutter Fluch,

                                  von

                              H. Clauren.


                            Dresden, 1823,
                   in der Arnoldischen Buchhandlung.



Der Admiralitätsrath kam von der Session, und lächelte freundlich, als
Hulda ihm, wie gewöhnlich, Hut und Stock abnehmend, versicherte, daß es
mit der Mutter recht leidlich gehe; sie hofft, setzte das Mädchen mit
kindlicher Freude hinzu: heute wieder mit uns essen zu können; suche
sie da nur möglichst aufzuheitern; sie bedarf dessen in ihrer jetzigen
Stimmung mehr, als aller Arznei; ich habe alles Ersinnliche gethan, um
sie ein wenig zu zerstreuen, und sie hat sich diesen Morgen viel besser
befunden, als die ganze letzte Zeit über.

Der Vater küßte das holde Kind auf die Stirn, und ging mit bejahendem
Kopfnicken, auf den Zehen, in das Krankenzimmer der Mutter.

Hulda ließ in diesem den kleinen Tisch nur mit drei Gedecken belegen
und die Mutter nahm an demselben ihren Platz. Hulda faltete die Hände
und sprach, nach des frommen Hauses alter Sitte, das Gebet zu dem, der
seine Welt mit Liebe nähret, laut; in ihrem himmelwärts gehobenen
Blick, in dem Tone ihrer Worte sah und hörte man die freudige Rührung,
daß die geliebte Mutter sich auf dem Wege der Wiedergenesung, und
seit vielen Monaten, heute zum ersten Male, in der Mitte des trauten
Familienkreises befand.

Dem Vater trieb das Mädchen mit seiner einfachen, herzlichen Weise,
Thränen in die Augen. Er reichte schweigend dem lieblichen Kinde, nach
dem Gebete, die Hand, und zog die Rechte der Gattinn an seine Lippen.
Diese aber ließ die stille Feier ihres Genesungfestes unerwiedert,
tadelte das Essen, und warf der armen Hulda, die sich in sorglicher
Auswahl des Beßten erschöpft hatte, Mangel an Aufmerksamkeit vor; sie
würde, die ganze Tischzeit über, diesen Mißton festgehalten haben, wenn
nicht der Vater, der Bitte des Mädchens eingedenk, die finstern Grillen
der Leidenden immer abzulenken verstanden und, zu ihrer Aufheiterung,
das Gespräch auf allerlei Gegenstände geleitet hätte. Die frohe Laune
und die Gemüthlichkeit ohnehin selbst, ward ihm diese Aufgabe nicht
schwer, zumal heute, wo ihm, wie Hulda schon bei der zweiten Schüssel
bemerkt hatte, beständig ein leichtes Lächeln um die Lippen schwebte;
wie sie den Vater kannte, mußte ihm auf jedem Fall etwas komisches
begegnet seyn, was sein Inneres noch angenehm beschäftigte, und als sie
ihm, da er wieder einmal vor sich heimlich lächelte, ihre Vermuthung
mittheilte, meinte er, daß sie nicht unrecht habe.

Er erzählte jetzt, daß schon seit länger denn vierzehn Tagen, ihm,
allemal, wenn er Mittags aus der Session komme, ein junger Mensch, auf
einer und derselben Stelle, unweit der Hauptwache, begegne; Beiden sey
das aufgefallen, sie hätten bisher allemal, jeder für seine Rechnung,
ein wenig gelacht und heute habe der junge Mensch höflich den Hut
gezogen, und höchst freundlich gegrüßt, er, der Vater aber, mitten im
Gegenkomplimente, über das Spaßhafte des täglichen Zusammentreffens,
sich nicht enthalten können, laut aufzulachen. Ich sehe uns, setzte er
scherzend hinzu, wenn das lange so fort geht, noch am Ende die dicksten
Freunde werden.

Diese Worte, so unbedeutend sie jetzt klangen, so gewichtig, so
eisenschwer wurden sie in der Folge. Manches Wort mag so in den Kreisen
der Menschen, kaum gehört, verhallen, was ihnen der Schlüssel zu den
Geheimnissen ihrer ganzen Zukunft seyn könnte. Wohl uns, daß es so ist.

Du bist morgen, fuhr er, zu Hulda gewendet, fort: bei Linsings auf
dem Balle. Der Alte kennt die ganze Stadt; gewiß weiß der, wer der
junge Mann ist; frag’ ihn doch; der Mensch kann vier- fünfundzwanzig
höchstens alt seyn, und das kaum. --

Hulda legte, mit komischer Naivität, den Zeigefinger der Rechten, an
das Daumen-Spitzchen der linken Hand, als wolle sie die beschriebenen
Eigenschaften des Fraglichen, an den Fingern abzählen, --

Hat einen recht hübschen, braunen Lockenkopf --

Hulda war beim Zeigefinger der linken Hand --

Sehr freundliche, dunkelblaue Augen, --

Hulda stand am Mittelfinger, aber in beide kleine Hände schlug, wie aus
ungesehenen Wetterwolken, ein leises Zittern, daß sie damit unter den
Tisch fuhr, und nicht weiter zählte; denn der Vater, der jetzt von der
römischen Nase, von dem Grübchen im Kinn, von den perlweißen Zähnen im
wohlgeformten Munde, von dem kräftigen Aeußeren, der freien stolzen
Haltung, und der blühenden Gesundheit des jungen Menschen sprach, und
den einfachen Geschmack seiner eleganten Kleidung und den Schnee seiner
Wäsche lobte, mahlte den nämlichen allerliebsten jungen Mann, der --
sie glühte im ganzen Gesichtchen, und wagte nicht, die Augen vom Teller
aufzuschlagen; die Mutter aber ward kreideweiß, legte den Kopf in den
hohen Lehnstuhl zurück, und die todtenblassen Lippen lispelten leise:
nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll.

Hulda und der Vater sprangen auf; Letzterer holte das Riechfläschchen
und Hulda trocknete der Angegriffenen den kalten Schweiß, der ihr in
glänzenden Tropfen auf der Stirne stand. Man brachte die Kranke wieder
zu Bette, und beide stimmten in der Meinung überein, daß die Mutter
sich zu zeitig herausgewagt habe, und daß der eben sich ereignete
Zufall, Wirkung ihrer noch zu großen Körperschwäche sey.

Den Nachmittag befand sich die Mutter zwar wieder etwas besser; aber,
wenn sich Hulda ihrem Lager näherte, fand sie die Leidende fast immer
in Thränen, und fragte sie, was dem Mütterchen fehle, so entgegnete
dieses mit milder Freundlichkeit, sie solle sich darüber nicht
beunruhigen, es werde wohl bald vorübergehen; dem gepreßten Herzen thue
es zuweilen wohl, sich still ausweinen zu können, und so hätte sie auch
jetzt eine Art von Erleichterung darin gefunden; daher ihr gegenwärtig
viel wohler sey, als vorhin.

Mein Mütterchen, sagte Hulda, mit weicher Stimme, und beugte sich
zu ihr herab: dem gepreßten Herzen? -- was fehlt Dir? was hast Du?
vielleicht können wir helfen; Du weißt ja, wir --

Aber die Mutter verneinte schweigend, streichelte die rosige Wange des
süßen Kindes, und bat, sie allein zu lassen, um ein wenig zu schlafen.

Hulda ging in den Garten hinab, setzte sich auf den Balkon des
Saales, von dem aus sie die herrlichste Aussicht auf den Hafen,
und rechts auf den grünen Riesenspiegel des unermeßlichen Meeres
hatte, und wollte arbeiten; aber der junge Mensch -- das braune
Lockenhaar, die veilchenblauen Augen, die frischen Lippen, und
wenn diese sich lächelnd öffneten, der Schmelz der blendendweißen
Zähne, und das Schelmengrübchen in Wange und Kinn -- waren es die
leisen Abendlüftchen, die aus den geheimen Tiefen des Meeres
herüberflogen und die Blumen auf ihrem Balkon und die leichte Hülle
ihres Busens säuselnd durchkühlten, oder waren es die ersten Schauer
der jungfräulichen Liebe, -- es überhauchte sie auf einmal ein so
wunderbares Frösteln durch Blut und Adern, daß sie die Hand auf das
drängende Herz legte, und sich, ohne Worte, fragte, was das sey.

Der junge Mensch, es mußte ein Fremder seyn, denn früher hatte sie ihn
nie bemerkt; am vorigen Sonntage hatte er, in der Kirche, ihr gegenüber
gesessen, und kein Auge von ihr verwandt; zwei Tage später war sie
ausgegangen, um einige Kleinigkeiten in einer Modehandlung zu kaufen;
nicht zwei Minuten, und der hübsche Fremde tritt ein, und fragt nach
französischen Blumen. Der Wohllaut seiner Stimme, das Fremdländische
seiner Aussprache, -- lächelnd sprach sie ihm halblaut nach. Hier
oben auf dem Balkon hörte sie ja Niemand. Sie ärgerte sich noch, daß
sie nicht, unter irgend einem Vorwande, länger in dem Kaufgewölbe
geblieben; sie schämte sich, daß, als der Fremde weggegangen, sie
wieder zurückgekehrt war, um auch so ein Bouquet von brennender Liebe
zu verlangen, als der Herr eben eins gekauft hatte; sie freute sich,
daß die Modehändlerinn erwähnte, wie der Herr das Bouquet zwar gewählt,
dasselbe aber, weil es, nach seiner Meinung, nicht brennend roth genug
gewesen, nicht gekauft habe; sie lachte heimlich, daß sie nun auch das
Roth der Blumen zu blaß gefunden, und sie darum auch nicht genommen,
und sie beruhigte sich, daß -- lag denn darin nicht der offenbare
Beweis, daß er, lediglich und einzig und allein, um ihretwillen, in
das Putzgewölbe gekommen war; hätte er das Bouquet gekauft, -- sie
beugte sich tiefer auf ihre Nätherei nieder, denn es war, als führe
ihr ein schmerzlicher Dolchstich mitten durch das Herz -- hätte er die
Blumen gekauft, so müßte er Jemand gehabt haben, dem er sie schenke,
aber so -- sie sah wieder freundlich auf, -- und lachte leicht hin in
die grünen Wogen des fast windstillen Meeres -- denn daß er ihr, und
nur ihr zu Gefallen gegangen war, das lag ja am Tage; brennende Liebe
hatte er verlangt! Er konnte ja nicht deutlicher reden! dieß Roth --
alle Pariser Blumenfabrikanten waren nicht im Stande, es schöner zu
liefern -- dieß Roth schien ihm noch nicht brennend genug. Gestern,
als er vor dem Hause vorbeiging, -- wäre nur nicht Hafen-Kapitains
Linchen gewesen, -- hätte sie so gern das Fenster ein wenig geöffnet,
denn der Mutter ist frische Luft im Zimmer zuweilen recht zuträglich;
aber so mußte sie hinter dem Vorhange blos ein Bischen lauschen,
denn Linchen, das dumme Ding drüben, stand in dem Erker, wie vom
bösen Schicksal hinbestellt, das hätte den Augenblick gewußt, was es
bedeute, und wahrhaftig, das Mädchen wäre auch stockblind gewesen,
wenn es das nicht gemerkt hätte, denn mit unverwandtem Blicke auf das
Fenster, geht er, als wollte und müßte er die Scheiben mit den Augen
durchbohren; der alte Kohlenträger schreit zweimal, Platz da, Platz
da, noch ein Schritt, da stößt der lange Kohlensack, der weit über
den Kopf des tief gebückten Trägers hervorragt, den Stillverzückten
in das Gesicht; dieser prallt rechts, rennt den alten Gipsitaliener,
der sein ganzes Büsten- und Figuren-Magazin von Kaisern, Königen,
Gelehrten und Grazien, auf einem langen Brete, auf der Schulter
trägt, mit sich nieder, reißt im Stolpern den Markt-Tisch der dicken
böhmischen Glashändlerinn an der Ecke, sammt dem ganzen Kram, über
den Haufen, und schlüpft, fast auf allen Vieren weiter turkelnd, in
die, zum Glück offenstehende Apotheke; beschwichtiget hier, wie später
das Hausmädchen berichtete, die ungestümen und mehr denn heidnischen
Entschädigungforderungen des italienischen Gipsmannes und der
böhmischen Glasfrau, mit ungezähltem Golde, und entzieht sich, durch
eine wohlthätige Seitenthür die in das Nebengäßchen, dem, um Gips- und
Glas-Ruinen zusammengeströmten Janhagel von Matrosen und Straßenjungen.

Sie mußte noch kichern, wenn sie an die verwünschte Scene dachte, aber
über Hafenkapitains einfältige Lina konnte sie sich ärgern. Diese
hatte sich zum Fenster heraus gelegt, und vor Lachen gerade heraus
geschrien. Gott! die ging nun doch eigentlich die Geschichte auch nicht
im Mindesten etwas an; und in dem lauten Lachen, in dem Herauslegen,
lag so etwas Gemeines, so etwas Schadenfrohes; das Mädchen war ihr
lange schon zuwider gewesen, aber jetzt konnte sie es gar nicht mehr
ausstehen. Die Böhmin aber und der Italiener schienen recht gute
Menschen zu seyn; Beide hatten, nach des Hausmädchens Rapport, in der
Apotheke gemeint, dergleichen Unfälle könnten dem beßten Menschen
begegnen, und es wäre nur ein wahres Glück, daß der hübsche Herr
keinen Schaden genommen habe, denn um ein solches junges liebes Blut,
wäre es doch ewig Schade gewesen.

Und nun heute, muß der Vater von dem Menschen bei Tische anfangen; denn
daß das der nämliche war, litt gar keinen Zweifel. Sie -- sie selbst,
sollte sich nach ihm erkundigen. Das konnte sie ja nicht; ja wenn das
abscheuliche Rothwerden nicht wäre. Der alte Handels-Gerichts-Director
Linsing, wenn der sie dazu ansah, mit seinem blinzelnden Blick, er
stand ganz lebendig vor ihr, das eine Auge ganz zu, und das andere
so scharf auf sie gerichtet, -- nein, sie konnte gewiß kein Wort
herausbringen; er mußte bestimmt denken, sie frage mehr im eigenen, als
in des Vaters Namen. Und dann, die Linsingschen Mädchen! Hätten die nur
etwas der Art ergattert, sie hätten sie zu Tode gequält. Wissen mochte
sie es wohl freilich gern, und der alte Linsing, der Director, konnte
ihr alles wahrscheinlich ganz genau sagen; des Mannes Haus stand allen
Fremden offen; wer nur das Weichbild der Stadt betrat, und nicht ganz
ohne alle Bekanntschaft kam, war in diesem gastfreundlichen Hause
eingeführt; sie probirte drei- viermal, wie sie fragen wollte, ohne
Verdacht zu erregen, aber -- nein es ging nicht; sie stockte jetzt
schon, wenn ihre Lippen, von der ganzen Welt ungehört, die Anmuth des
Mannes, in Worten aussprechen sollten, dessen Namen zu wissen, der
Vater begehre; wie sollte sie sich getrauen, dieses Wagestück der
jungfräulichen Liebe, im Kreise einer Familie zu vollführen, die, bei
ihrem Scharfsinn in dergleichen kleinen Neckereien, das Verfängliche
ihrer schüchternen Rede, gleich aus der ersten Sylbe -- Was ist das?
-- da unten im Hafen, auf dem amerikanischen Dreimaster? so wahr
der Herr lebt, da stand der junge Fremde auf dem Verdeck. Er hing
nachläßig den einen Fuß über die Laufplanken, welche den Raum für die
Finknetze umzäunen; dann sprach er, den linken Arm um den Besahnsmast
geschlungen, mit dem Steuermann; ging hierauf mit diesem und sah nach
dem Bug und nach dem Vorspill, stieg, es verging ihr der Athem, auf
die Spitze des Kraanbalkens, lief, flink wie ein Eichhörnchen, auf das
Bugspriet hinaus, setzte auf die Riegel des Galjons herab, kletterte,
trotz der beßten Katze, vom Vorsteven weiter hinauf, und hatte dem
Steuermanne überall etwas zu zeigen und zu weisen; und dieser nickte,
immer den Hut in der Hand, sehr ehrerbietig, daß es schier aussah, als
sey das amerikanische Prachtschiff des jungen Mannes Eigenthum.

Gar nicht übel, so ein Schiffchen, sagte lächelnd Hulda halb laut, und
weidete sich an dem Anblick des jungen stattlichen Schiffsherrn; bisher
hatte sie ihn immer im schwarzen Frack gesehen, jetzt -- bestimmt hatte
er gar kein Logis in der Stadt gemiethet, sondern wohnte, wie das in
den Seehäfen wohl gewöhnlich ist, in der Kajüte seines Dreimasters --
jetzt hatte er es sich bequem gemacht, und sich in sein seemännisches
Negligee geworfen; die Tracht stand ihm, meinte Hulda, die in ihrer
ungesehenen blumenumdufteten Höhe kein Auge von dem frischen, kräftigen
Seefahrer verwendete, wunderhübsch. Jacke und Beinkleider von seidenem
streifigen Zeuche; um den Hals ein schottisches Tuch geschlungen,
dessen leicht geschürzter Knoten auf die offene Brust herabhing; so
stand er vom Abendglanze der untergehenden Sonne mild umflossen, und
horchte den melodischen Gesängen zu, die auf dem Deck seines Schiffes,
vier brandschwarze Neger in ihrer Landessprache recht sinnig begonnen,
und lachte über das von dem Deck des neben ihm liegenden Fahrzeuges,
emporgellende Gezwitscher der tausend und aber tausend goldgelben
Kanarienvögel, die in dem blühenden Orangenwalde, mit dem sie heute
erst von den Kanarischen Inseln angekommen waren, frei herumschwärmten,
und immer schärfer schrieen, je lauter die Neger sangen.

Im Saale stand -- der Herr Amerikaner zwischen den schwarzen Sängern
und den gelben Schreiern, er sah gar zu niedlich aus, sie mußte ihn
einmal recht betrachten, es sah sie ja Niemand hier, -- im Saale stand
ein kleines Fernrohr des Vaters; sie schlüpfte hinein, holte es, kam
wieder heraus, baute sich auf ihrem Nähtischchen ein kleines Versteck
von recht groß buschigen Levkoitöpfen, streckte dann ihr Fernröhrchen
dazwischen und lugte, im Geheimen nun überselig, herab, und -- sah
nichts, denn der Gesuchte war von seinem Verdecke verschwunden.

Sie überflog rasch mit einem Blick den ganzen Hafen, ob er sich etwa
unterdessen in ein Boot geworfen habe, und sich an das Land setzen
lasse; aber der ganze Hafen war zwar mit solchen kleinen hin und her
gehenden Dingern, wie bedeckt, doch der, dem sie nachspähte, fand sich
in keinem; der Mensch geht am Ende, sagte sie, mit dem Auge wieder
vor ihrem Fernrohr: mit den Hühnern zu Bette! aber an solch einem
himmlischen Abend, sich jetzt schon schlafen zu legen, nein das ist ja
nicht -- sie fuhr in diesem Augenblicke mit dem Rohre an der Seitenwand
seines Schiffes herab, da -- als schlüge der Blitz ihr das verwünschte
Ding aus der Hand, so erschrak sie, und fuhr mit einem lauten Ach, in
die Höhe; denn in der einen Geschützpforte des obern Verdecks, hatte
der Schelm, hinten im Dunkeln gestanden, ein ellenlanges Telescop vor
sich, und dieses gerade auf sie gerichtet; mit diesem Goliath von
Telescop langte er sich alle, Millionen Meilen weite Sterne vom Himmel
herunter, wie genau mußte er sie hier oben nicht beobachtet haben. Wie
mochte er lachen, als er sah, wie sie hinter den Levkoibüschen stecke
und ihn auf dem Verdecke suchte -- was mußte er von ihr -- nein, sie
konnte um keinen Preis länger oben bleiben; sie fühlte, ihre Wangen
glühten, wie Feuer, und angezogen war sie heute auch nicht besonders;
auf eine solche Special-Musterung, wie der da unten, hinter seinen
Stauchweegers, über sie hielt, hatte sie sich heute freilich nicht
eingerichtet; sie packte ihre Nätherei, mit der sie diesen Abend nicht
weit gekommen war, wieder zusammen; er stand -- sie warf nur einen
halben Viertelsseitenblick hinab, und erkannte, mit bloßen Augen, das
große Spährohr, das jetzt, über eine brabanter Elle lang, aus der
Geschützpforte hervorragte, -- er stand noch immer da, und wenn sie
gleich nicht in Abrede stellte, daß sie in seinem Benehmen, sich mit
dem langen Dinge nicht vor seinen Matrosen und allen Leuten, auf das
Verdeck zu stellen, eine Art von Zartheit finden müsse; so meinte
sie doch auf der andern Seite, daß er die ganze Sternguckerei hätte
unterweges lassen können, denn wenn das einer ihrer Bekannten, von
denen beständig mehrere am Bord bald dieses, bald jenes Schiffes im
Hafen sich befanden, gewahrte, so wäre in den ersten vier und zwanzig
Stunden, in der ganzen Stadt herum, daß -- Gott! der Mensch stand immer
noch da; sie hatte nur herab geschielt, aber das Rohr war auf sie
gestellt, als hätte es der erste Zieler der Welt gerichtet; sie ward
so unnennbar süß befangen, daß sie, vor heimlichem Lachen, sich über
das unausstehliche dicke Rohr, gar nicht recht ärgern konnte. Lange
schon hätte sie vom Balkon gehen können, aber es gab noch erschrecklich
viel dort oben zu schäftern; der Nähtisch war so staubig, der mußte
abgewischt werden; die Blumen in den Töpfen -- nein der Vater mußte mit
dem Gärtner wirklich einmal ein recht ernstlich Wort reden; da war auch
nicht ein Stock ausgeputzt, keiner angebunden, keiner -- sie nahm einen
Topf nach dem andern vor und hatte tausend Arbeit. Das gigantische
Rohr, es stand wahrhaftig noch unverrückt. Anfangs war ihr die Sache
verdrüßlich gewesen, jetzt, meinte sie bei sich selbst, fange sie an,
ihr Spaß zu machen.

Die kleinen goldgefiederten Insulaner waren unterdessen müde geworden
und hatten unter den Orangenblüthen, deren aromatischer Duft die
ganze Atmosphäre durchwürzte, ihre Nesterchen gesucht; auf dem
schwarzbetheerten Grönlandsfahrer links weiter unten, streckten die
thranigen Matrosen sich der Länge nach, unter dem Fockmast zur Ruhe;
die Neger auf der amerikanischen Fregatte sangen der scheidenden
Sonne, die eben, ihre Brüder und Schwestern zu wecken, hinab sank,
die wehmüthigsten Melodieen der Sehnsucht und Liebe nach, und immer
stiller und lautloser ward es im Hafen; im Westen aber flammte das
Feuergold der Himmlischen, und bekantete die dunkeln Nachtwolken,
die tief unten am Horizonte dem Meere entstiegen, mit glühenden
Säumen. Die indischen weichen Lieder der Schwarzen, klangen in Huldas
Herzen seltsam wieder; ihr entzückter Blick staunte schweigend in die
unbeschreibliche Pracht der Abendfeier; die Nachtwinde, die auf der
gränzenlosen Fläche des Meeresspiegels, ihr eigenes Spiel treiben,
jagten das leichte, golddurchblitzte Abendgewölk vor sich her, daß sich
daraus oft wunderbare Gestalten bildeten, deren Deutung die Sinnige,
ohne die Phantasie sehr anzustrengen, leicht zu finden vermeinte. Die
Eisberge, die sich dort in das Unermeßliche hinaufthürmten, mit den
zwei riesenmäßigen Bären und der tiefe Schnee -- nun, daß das auf
Nordamerika zielte, und zwar auf das alleroberste am Nordpol selbst,
das lag wohl außer Zweifel. Der ungeheure Wasserfall von mehr denn 4000
Fuß in der Breite, mit seinen Tafel-Felsen, und seinen Staubwolken, und
Strudeln und Wirbeln, -- das war der furchtbare Katarakt des +Niagara+,
durch den in jeder Minute 700,000 Tonnen Wasser, von unermeßlicher
Höhe, unter donnerndem Getöse herabstürzen; die schwarzen kleinen
Thiere, rechts unter dem Cran-berries-[1] Gebüsche, das waren gewiß die
pechschwarzen Eichhörnchen, die oft in einem Tage zu 50,000 durch den
St. Lorenzostrom schwimmen. Die Thürme und die herrliche große Kuppel,
das war das Jesuiten-Kollegium und das Franziskaner-Kloster und das
neue Schloß zu Quebeck; sie kannte den Prospect aus dem trefflichen
Kupferstich, der im Putzzimmer des englischen Konsuls hing; der
dichte hohe Laubwald im Hintergrunde links -- auch dieser mußte ein
amerikanischer seyn, denn dort nur prangen die Wälder, wie sie gelesen
hatte, in solchem bunten Farbenspiel. Aber tiefer unten am Himmel stand
auf dem Gipfel eines gigantischen Granitberges, eine dürre menschliche
Gestalt; Beinkleider, Stiefeln und Strümpfe von Seehundsfellen; ein
Hemde von Seerabenhaut; schwarze dünne straffe Haare; ein großer Kopf;
dünne Beine, und die Farbe des Gesichts olivengrün. -- Richtig,
sagte sie lachend: das ist ein Eskimo auf Labrador, also auch ein
Amerikaner! Der Glimmerschiefer dort an der nackten Felswand; die
schönen himmelblauen +Hypersthene+, der Polarfuchs, der Papagaytaucher,
richtig, richtig, das sind alles heimische Dinge jenes Welttheils; in
der Zeichnung von Upernamik,[2] die wir neulich vom Onkel aus Herrnhut
bekamen, ist das alles bis auf die geringste Kleinigkeit da. Jetzt
bildete sich ein Kr -- ja es ward aus düstern Wolken ein langes hohes
Kreuz! sie erschrack im Geheimsten ihrer Seele über das sonderbare
Zeichen des Leidens, und schüttelte sinnend den Kopf, und sagte
heimlich, weg, weg, denn sie konnte kaum mehr hinsehen, in das magische
Zauberspiel, so ganz eigen erschien ihr das bedeutsame Marterholz, das
fest und unbeweglich dastand, als sey es für die Ewigkeit gezimmert;
es wich nicht und wankte nicht, und unten am Stamme gestaltete sich
auf dunstigem Nebellager, eine weibliche Figur, die, je länger Hulda
hinsah, sich immer mehr und mehr der wolkigen Schleier enthüllte, bis
denn endlich die Mutter in kolossaler Größe, aus dem dunkeln Chaos
heraustrat, angethan mit einem milchweißen Sterbekleide, über dem
Haupte einen goldlichten Heiligenschein; ihre Linke ruhte auf einem
Monumente von weißlich grauem Gestein; ihre Rechte aber hielt sie
furchtbar drohend, in die Höhe gehoben. --

Mein Mütterchen, rief Hulda seltsam ergriffen: was zürnt mir deine
sanfte Liebe? was deutet der graue Grabstein, das weiße Sterbegewand,
und der goldige Reif? und -- das Kreuz, das entsetzliche Kreuz! will es
denn noch immer nicht weichen? --

Es ward dem Mädchen angst und wehe in der gepreßten Brust; es konnte
den Blick nicht mehr hinrichten in die gespenstigen Bilder; sie wendete
sich, und erfreute sich an der herrlichen Abendbeleuchtung, in der die
alte gothische Sophienkirche, drüben über dem Hafen, prangte; alle die
langen Fenster waren lauter flimmernde Goldspiegel; das braunrothe
Gemäuer schien mit Metall überzogen, und in der dunkelblauen Abendluft
blitzte der große Knopf am himmelhohen Thurme, wie -- ja, sie hatte
nach dem Amerikaner wirklich nicht wieder sehen wollen, am wenigsten
jetzt, aber daß ihr Blick, als sie nach der Spitze des Sophienthurms
hinauf sah, beim Mastkorb[3] des amerikanischen Dreimasters vorbei
streifte, und daß in diesem, der junge Wagehals, fröhlich und
wohlgemuth saß, davor konnte sie nicht. Er hatte das heimtückische
lange Sehrohr mit oben, und ergötzte sich an der Aussicht rund um. Der
Mastbaum war bestimmt über 100 Fuß hoch,[4] und der Mensch beinelte
da oben mit beiden Füßen, und trieb allerlei Kurzweil, als säße er im
Sopha; er -- nein sie konnte nicht mehr hinsehen; sie waren sich Beide
jetzt einander so nahe, und der dreuste Patron gab seinen Wunsch, in
der luftigen Höhe hier oben, eine kleine scherzhafte Unterhaltung
anzuknüpfen, so deutlich zu erkennen, daß sie nur durch geschwindes
Wegwenden vermeiden konnte, nicht von ihm im nächsten Augenblicke
freundnachbarlich begrüßt zu werden. Doch ein wenig heimlich und
verstohlen hinüber zu schielen, versagte sie sich nicht; der junge
muthige Seelöwe -- er war gar zu hübsch.

Das Gebilde der Nachtwolken am Abendhimmel, war unterdessen gänzlich
verschwunden, nur das Kreuz war noch etwas sichtbar, doch nicht
mehr so düster und schwarzdunkel, wie vorhin; es schwebte, vom
letzten Strahlen-Glanze der scheidenden Sonne durchglüht, tiefer im
Hintergrunde, und zerfloß allmählich in unermeßlicher Ferne, vor
Huldas Augen, in die Feierpracht des milden Lichts, das in rosiger
Herrlichkeit, jetzt rein und klar, im gränzenlosen Raume flammte, und
sich in den ruhigen Wogen des unübersehbaren Meeres wiederspiegelte;
Milliarden Silbersternchen schillerten auf der ewig sich hebenden
und senkenden chrysoprasgrünen Fläche, und hüpften in die weißen
Schaumwellen der sanften Brandung, verschwanden und waren im Nu
wieder tausendfältig da, und Hulda hob, verloren im Entzücken des
unbeschreiblich großen Schauspiels, das Auge zu dem, der über den
Wolken thront, und legte die Hände, gefaltet, auf das in süßer
Vollkommenheit klopfende Herz.

Auf der äußersten Höhe der See, am Horizonte, hatte sie schon lange
einen schwarzen Punkt gewahrt; er war jetzt näher gekommen, hatte
geschossen, die Flagge in Schau wehen lassen und aufgebraßt,[5] und die
Lotsen eilten in ihren Booten hinaus, um den englischen Brigkutter, der
sich aus jenem schwarzen Pünktlein nach und nach geformt hatte, in den
Hafen zu bugsiren.

Als der Kutter das Hafenfort passirte, begrüßte ihn dieses mit seinem
Geschütz; sämmtliche vor Anker liegende Fahrzeuge bewillkommten es mit
dem gewöhnlichen Hurrah, und der junge Freund im Mastkorbe, schnitt
ihm, aus läppischem Muthwillen, die tiefsten Komplimente hinab, so daß
Hulda über den komischen Menschen laut -- ach nein -- das Hähnlein
im Korbe ward keck -- mitten unter den Bücklingen, die er dem Kutter
machte, warf der junge Herr Amerikaner, -- sie hatte es wohl gesehen,
-- der Nachbarinn auf dem Balkon, ein halb Dutzend Küsse zu. An den
Ufern des Missisippi mochte das vielleicht Mode seyn, aber nicht hier
zu Lande; sie flüchtete in den Saal zurück, eilte, ohne das Unheil,
welches der englische Kutter ihr brachte, zu ahnen, auf ihr Zimmer;
drängte das Gesicht, auf dem, -- sie wußte selbst nicht warum, --
Freude, Muthwille, Lachen und Ausgelassenheit, aus allen Zügen blitzte,
vor dem Spiegel in die Schranken des Ernstes zurück, und ging, nachdem
sich das Roth, das ihr der Aerger über den vorwitzigen Nachbar im
Mastkorbe, auf die Wangen gegossen, ein wenig verloren hatte, zur
Mutter.

Diese befand sich über alle Erwartung wohl; sie scherzte, seit mehreren
Wochen zum ersten Male, wieder mit Hulda; sie streichelte ihr die
Wange; sie liebkos’te das holde Kind mit den zartesten Namen und
betrachtete es fast unverwandten Blickes, mit sichtbarem Wohlgefallen.

Hulda konnte sich die auffallende Umwandlung platterdings nicht
erklären; sie frug die Mutter, ob in ihrer Abwesenheit etwas
vorgefallen sey, was die glückliche heitere Stimmung bewirkte, allein
die Mutter erwiederte lachend: soll ich mich meines Kindes nicht
freuen? Du bist so fromm und gut; Du bist so frisch und gesund, so
groß, und -- die Mutter darf das ja dem bescheidenen Kinde in das
Gesicht sagen, und so hübsch geworden, und wer dich vor ein paar Jahren
sah, und Dir jetzt wieder begegnet, kennt Dich nicht mehr. Wie lange
wird es werden, und ich flechte Dir den Brautkranz in’s Haar!

Der lieblichen Hulda flog alles Blut in die Wangen; davon hatte die
Mutter im Leben noch nicht gesprochen. Man hatte sie immer noch wie
ein Kind behandelt; die Mutter hatte sie, noch vor wenigen Tagen, ihr
Kälbchen geheißen, und gefragt, wenn sie denn einmal die Kinderschuhe
ausziehen werde, und jetzt -- vom Brautkranz! -- sollte unterdessen
etwa der wilde Mensch, der Amerikaner -- aber der war ja seit heute
Mittag nicht von seinem Verdeck gekommen, der saß ja bestimmt noch in
seinem Korbe. Nein, das war nicht möglich!

Es sollte mich, fuhr die Mutter freundlich fort: nichts glücklicher
machen, als wenn ich noch die Seligkeit haben sollte, Dich vor meinem
Hinscheiden, an der Seite eines recht wackern Mannes zu sehen.

Dem Mädchen verging der Athem. Das Gesicht brannte ihm, wie Feuer!
Der Dreimaster, das Kreuz, die drohende Mutter, das Sterbegewand,
der englische Kutter, der Grabstein, alles wirrte sich ihr in dem
Augenblick vor die Seele; sie wollte sich zum Scherz zwingen, und der
Mutter versichern, daß es mit dem Brautkranz noch lange Zeit habe, aber
-- kein Wort konnte sie über die Lippen bringen. Hatte der Mensch mit
dem braunen Lockenkopfe und den veilchenblauen Augen -- denn keinen
andern konnte die Mutter meinen, weil kein anderer auf der ganzen Welt
in ihrem jungfräulichen, vor wenigen Minuten noch fest verschlossenen
Herzen lebte -- hatte der vielleicht durch einen Dritten -- nein aber
so rasend konnte er, wenn sie ihm auch, nach seinem Benehmen, alle
Tollheiten zutrauen mußte, doch nicht seyn.

Schenkt mir der liebe Herr Gott, setzte die Mutter ernster werdend
hinzu: meine Gesundheit wieder, und fristet er mir mein Leben, so
gehört es zu dessen einziger Glückseligkeit, daß ich Dich in der Nähe
behalte. Mütter, die das Liebste ihres Herzens, ihre Kinder, aus dem
Hause in die weite Welt ziehen sehen, büßen mehr denn die Hälfte ihres
ganzen Lebensglücks unwiederbringlich ein. Du bist jetzt in den Jahren,
meine herzensliebe Hulda, daß Du meine Freundin seyn kannst; hier, das
weißt Du, mein Kind, ist niemand, dem diese Stelle zu Theil ward. Die
Männer gehören dem Getriebe der Geschäfte, der halben Welt; und meine
Sophie, meine treue Schwester, haben sie zweitausend Meilen weit von
mir weggeführt. Die wußte -- sie sprach leiser, ihre Stimme ward weich
und stille Thränen traten ihr in das lebensmüde Auge -- die wußte
alles; meinen Kummer und meinen Schmerz; auch meine Freuden wußte sie;
ihr Gatte führte sie mit sich aus meinen Armen über das Weltmeer, und
so habe ich seitdem zwanzig lange Jahre allein gestanden, bis Du jetzt
heranwuchsest, um mir den Rest meiner Tage durch Deine Freundschaft,
Deine Liebe zu versüßen, und mir die Augen, wenn sie im Tode sich
brechen, zum ewigen Schlummer zu schließen. Nicht wahr mein einziges,
mein süßes Kind, Du gehst nicht von mir?

Nein mein Mütterchen, rief Hulda tief bewegt, und dachte in diesem
Augenblicke an nichts, als an die heilige Pflicht, die der Vater
dessen, der die Kindlein zu sich kommen ließ, um sie zu segnen, in die
fromme Brust jedes guten Menschen gelegt hat. Sie wollte noch etwas
sagen, aber die Mutter unterbrach sie mitten in der Rede.

Der Vater, hob sie an, und es war, als verhalte sie die Miene des
Verdrusses mit Mühe: der Vater gab Dir heute den Auftrag, Dich nach
dem jungen Fremden -- sie hielt inne, und legte die Hand krampfhaft
zuckend, sich auf die Augen -- nach dem jungen Fremden zu erkundigen.
Thue das nicht, Hulda, Männer sind in dergleichen Fällen leichter,
unzarter; Du aber wirst fühlen, daß sich das nicht schickt; der alte
Director, Du kennst ihn, und besonders die Linsing’schen Mädchen -- sie
machte ein Gesicht, als seyen ihr letztere unbeschreiblich zuwider --
bestimmt dächten diese, Du fragtest aus ganz besonderen Ursachen nach
dem -- nach dem Menschen.

Der armen Hulda flog ein geheimes Zittern durch alle Glieder, als
die Mutter des Klettervirtuosen auf dem Rösterwerk gedachte; um nur
davon abzukommen, und um -- sie konnte aus dem Gesichte der Mutter
nicht recht klug werden; es mußte ihr jemand von dem Unbekannten etwas
gesagt haben, und um also zu erfahren, wer etwa mit der Mutter sprach,
fragte sie, nach der Versicherung, daß sie, auch ohne die freundliche
Erinnerung der Mutter, die Frage nach dem Fremden, bei Directors
nicht gethan haben würde, querfeldein, ob unterdessen, daß sie im
Garten arbeitete, Jemand bei der Mutter war; diese aber erwiederte
halb lächelnd: kein Mensch, und versicherte, sie habe fast die ganze
Zeit geschlafen, sey vor wenigen Augenblicken erst erwacht und -- sie
betonte das Wort, -- +gleich+ mit dem Gefühle der angenehmsten
Erheiterung.

Kurz darauf erzählte die Köchinn, welcher Hulda, zum Abendessen,
mehreres heraus gab, wie sie sich vorhin über Maklers Suschen ärgerte;
das kam, fuhr sie, der Schiffssprache wohl kundig, fort: das kam die
Treppe herauf gebraus’t, wie ein fliegender Sturmwind zwischen den
Wendekreisen. Ich bat höflich, die Segel back zu brassen, weil die Frau
Admiralitätsräthinn schlafe; Orkan-Suschen aber blieb beim steifen
Winde, verlangte dringend, mit der Frau Räthinn zu sprechen, that
erschrecklich fröhlich, als habe es, wer weiß, was vor eine glatte
Fahrt, setzte alle Segel bei und mudderte gerades Weges in die Stube.
Aber keine fünf Minuten, so wendete der Schnellsegler durch den Wind,
und fuhr von dannen, woher er kam.

Hulda stutzte!

Was war das! die Mutter, sonst die Wahrheit selbst, hatte auf die
Frage, ob Jemand bei ihr war, geantwortet, kein Mensch! und doch war
Suschen -- was konnte das Mädchen bei der Mutter gewollt haben? was
konnte das so dringende Geschäft gewesen seyn? sollte der Mensch
mit dem langen Sehrohr -- der Mutter sonderbare Aeußerung über das
Heirathen, -- aber -- einfältiger Gedanke; so etwas -- wenn auch
Suschen in +seinem+ Auftrage gekommen wäre, so etwas macht sich
doch nicht in solcher Eil, in solcher Hast ab. Zwar -- das Mädchen
konnte ja blos einen Brief von ihm bringen -- doch -- nein, die Liebe
ist unausstehlich! sie macht alles möglich, sie setzt sich über alles
weg; das Allerunwahrscheinlichste wird dem liebenden Glauben zur
unumstößlichen Thatsache. Suschen war ein dummes gutherziges Ding; der
junge Fremde hatte sich, seiner Geschäfte wegen, bei dem Vater, dem
Schiffsmakler gemeldet; das Gespräch war auf dieß und jenes gekommen,
am Ende auch auf den Herrn Admiralitätsrath Splügen, und dessen Jungfer
Tochter; der Herr Fremde hatte -- denn +der+ konnte sich nicht
verstellen, das hatte ihm Hulda nun schon abgemerkt, -- geäußert, daß
er dieser Hulda Splügen gar nicht gram sey, Mamsell Suschen, die sich
nur zu gern in alles mengte, hatte in ihrer lieben Unbefangenheit sich
erboten --

Der Vater lachte laut auf, denn, eben von seiner Erholung zu Hause
gekommen, hatte er auf dem Flur der Tochter schon lange zugesehen, die,
in Gedanken verloren, wie eine Bildsäule stand, das Wachslicht dicht
vor das Näschen hielt und, mit beiden Augen starr in das milde Licht
schauend, die Flammengluth nicht ahnete, zu der die ersten Liebesfunken
in der geheimsten Tiefe ihres Innern, binnen wenigen Stunden,
emporgelodert waren.

Hulda erschrak über die unvermuthete Nähe des Vaters und sein
ironisches Lachen so heftig, daß das Licht auslöschte, und das war auch
recht gut, denn sonst hätte der Vater den Scharlach gewahren müssen,
der sich über das Zaubergesichtchen der liebholden Träumerinn, mit
Blitzesschnelle ergossen hatte.

Sie ging zurück, das Licht wieder anzuzünden, und als sie es brachte,
war der Vater, der vorhin so fröhlich geschienen hatte, verstimmt und
befangen; er sah den Liebling seines Herzens mit ungewissem Blicke
an, ging im Zimmer auf und ab, gab seiner Frau die Hand, schüttelte
schweigend den Kopf, sagte still vor sich hin, nein, -- nein, und ging
in sein Kabinet.

Was war dem Vater? fragte Hulda besorglich -- die Mutter aber
entgegnete, nichts, Kind, Du weißt ja, wie die Männer sind.

Hulda schwieg, aber es ward ihr, sie konnte sich selbst nicht sagen,
warum, bange in der beklommenen Brust, denn ohne Bedeutung war des
Vaters: nein, nein! und der Mutter unterdrückte Verdrüßlichkeit nicht;
und daß sie im Spiele war, lag klar am Tage; der Vater sah sie gar zu
sonderbar an. Am Ende -- ganz gewiß hatte die Mutter den Brief, den ihr
Suschen brachte, und in welchem der da unten im Hafen ihrer erwähnte,
dem Vater mitgetheilt, und dieser zu dem Antrage des Tollkühnen, sein
einziges Kind ihm mit nach Amerika zu geben, -- das vorbedeutende nein,
nein gesagt -- aber das konnte es ja auch nicht seyn! denn der Mutter
schien dieses hingeworfene nein nein, gar nicht recht! -- Je mehr sie
sich alle Umstände zusammensetzte, desto verwirrter ward sie in ihrer
Logik; und sie zagte jetzt dem Abendbrode entgegen, wo sie zwischen den
beiden räthselvollen Aeltern sitzen sollte, ohne zu wissen, woran sie
sey. Sie glaubte, die Mutter werde wegen des Unfalles von heute Mittag,
nicht mit zu Tische gehen, aber, als wolle diese Vater und Tochter
absichtlich mit einander nicht allein lassen, sie behauptete, daß ihr
recht wohl sey, und kam.

Der Vater -- das war so seine Art, wenn er mit der Mutter eine kleine
vorübergehende Unannehmlichkeit gehabt hatte, -- entfernte sich auf
einige Minuten in sein Kabinet, kam dann mit erzwungener Laune zurück,
gedachte des Vorfalls mit keiner Sylbe weiter, und bemühte sich, das
gute Vernehmen, durch erkünstelte Heiterkeit, möglichst bald wieder
herzustellen; der Vater brachte seinen, in aller Geschwindigkeit
zusammengestoppelten Humor mit zu Tische; wenn er aber, mitten im
Gespräch, Hulda ansah, dann schien dieser es immer, als wenn sein Blick
ihr verstohlen sagen wollte, mein armes Kind, wenn Du doch wüßtest, was
sie mit dir vorhätten. Doch späterhin, als er die Galle, die in ihm
mochte rege werden, mit seinem vortrefflichen Loignon verdünnte, schien
er das Krüppelchen, was ihm das Schicksal, vor dem Traualtare, an sein
Lebensglück gebunden hatte, auf einige Augenblicke wieder vergessen zu
haben; er ward freundlicher, und erzählte von den Begebnissen des Tages
mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit und fröhlichen Laune.

Apropos, begann er unter andern, zu Hulda gewendet: Du brauchst Dich
morgen bei Direktors nach dem jungen Fremden nicht zu erkundigen. Hulda
schlug die Augen auf den Teller nieder, und ärgerte sich über sich
selbst, denn schon dieß einzige Wort jagte ihr eine stechende Röthe
auf die Wangen; die Mutter aber legte Messer und Gabel weg, als vergehe
ihr Essen und Trinken.

Beides bemerkte der Vater nicht, und berichtete nun, daß der junge
Mann aus Mexiko sey. Ich weiß jetzt alles, fuhr er fort: er ist am
Bord seines eigenen Schiffes, mit einer reichen Ladung von Vanille,
Seide, Balsam und Kakao, aus dem Südseehafen Acapulco in See gegangen,
und will hier Leinwand, als Rückfracht nehmen. Am Isthmus von Panama
hat er weitläufige Kolonien; und aus den undurchdringlichen Wäldern
seiner Heimath, versieht er mit Schiffsbauholz die Häfen von Veracrux
und ganz Nordamerika. Mit den Tschipewäern, den Missuriern und den
Biberindianern oben am Eismeere und mit den Huronen und Algonkinen in
Kanada, hat er einen ausgebreiteten Handel mit Pelzwaaren, und von
Yukatan an der Hondurasbai zieht er jährlich ungeheure Quantitäten
Kampecheholz, mit dem ihr violett färbt, und unsere Aerzte die Ruhr
vertreiben; und an den unerschöpflichen Gold- und Silbergruben seines
Vaterlandes, deren Ausbeute jährlich 23 Millionen Piaster beträgt,
hat er einen namhaften Antheil; seht Kinder, das ist ein Kaufmännchen,
gegen den die Krämer unserer kleinbürgerlichen Seestadt sich alle
verstecken müssen. Das Schiff, mit dem er gekommen ist, heißt, wie Du
Frauchen, Antoinette, und --

Der Mutter ward wieder übel und wehe; sie lehnte sich in den Sessel
zurück, wehrte mit der Hand, als wolle sie sagen: nichts mehr, nichts
mehr davon, und verlangte zu Bette. Sie rief zweimal Hulda, dem
Dienstmädchen zu klingeln, aber diese war ja in Acapulco, und sah ihn
mit seiner Vanille und Seide, mit seinem Kakao und Balsam, dort die
Anker lichten, und durchwandelte mit ihm seine Pflanzungen auf der
Erdenge von Panama und hüllte sich in die prächtigsten Pelze, die er
bei den Huronen und Biberindianern so eben erkauft hatte, und nahm sich
vor, von nun an nichts als violett zu tragen, weil aus +seinen+
Händen die Farbe kam; selbst ein wenig Ruhr hätte sie nicht übel
genommen, denn +er+ war es ja, der ihr das Heilmittel dagegen, aus
dem fernen Welttheil brachte.

Aber Hulda, Du sollst ja der Babette klingeln; sagte der Vater
verwundert, und sah der Stillverzückten in das starr auf einen Punkt
vor sich hin geheftete Auge.

Gleich, gleich! entgegnete das Mädchen, aus seinen seligen Träumen
schnell auffahrend, eilte, statt zur Klingelschnur am Sopha, auf den
Flur hinaus, und zog an der Thürklingel, daß alle Domestiken zusammen
kamen und, in der Meinung, ein Fremder läute den rasenden Sturm, von
Ferne schon riefen: nun, nun, nur sachte, wir sind ja nicht taub.

Hulda aber war über das laut schellende Gebimmel der dummen Glocke,
die, einmal so heftig in Bewegung gesetzt, nicht wieder schweigen
wollte, längst wieder zu sich gekommen, und flüchtete, um dem Gefrage
der Aeltern und der Leute, die sie alle für halb verrückt ansehen
mußten, aus dem Wege zu gehen, in den Garten.

Nein, sagte sie zu sich selbst, das muß anders werden; das taugt
nicht. Bei Gott, ich finge an, selbst an meinem Verstande zu zweifeln,
wenn das länger so fortgehen sollte. Er muß heraus aus dem Kopfe
und aus -- sie wollte hinzusetzen, und aus dem Herzen, aber in dem
Augenblick ertönte ein mit ungemeiner Zartheit geblasener Flötenaccord;
schmeichelnde Nachtlüftchen trugen ihn ihr zum lauschenden Ohr, und
säuselten ihr zu: das ist von ihm.

Sie stand wie angewurzelt --

Das ist von ihm? fragte sie lächelnd, und horchte mit stockendem Athem
nach den lieblichen Lauten, die ihr zum Herzen sprachen! aber sie waren
im Dunkel der sie umgebenden Stille verhallt; sie hörte nichts weiter.

Albernes Ding, sprach sie, sich selbst verweisend, von ihm -- als ob es
nicht tausend Andere im Hafen und in den benachbarten Gärten, und am
Gestade des Meeres, auch seyn könnten. Die Flöte blasen mehr ehrliche
Leute -- Nur noch einmal möchte sie es hören, und sie wollte dann
bestimmt wissen, wo der Vogel sitze.

Am Ende saß er oben, auf dem Balkon des Gartenhauses, wo sie vorhin
gesessen; dort oben regte sich wahrhaftig etwas, und die Balkonthüre
öffnete sich langsam. Aber, um Gotteswillen, wie hier heraufgekommen?
-- doch -- der Kletterkatze, die vorhin von dem Schiffe zur Schlupe an
dem Baumtau hinab gerutscht, und von da, auf demselben halsbrechenden
Wege, wieder hinauf gekommen war, mit einer Sicherheit, als sey das
schwankende Tau eine breite Prachttreppe mit eisernen Geländern -- was
war +der+ nicht möglich? Es bewegte sich oben wieder. --

Etwas war da --

Hinaufgehen und nachsehen? --

Um keinen Preis! War er es, was mußte er von ihr denken! -- War es ein
Dritter, so setzte sie sich der Gefahr aus, einen Todesschreck davon zu
tragen. -- Die Leute aus dem Hause rufen? -- wenn er es nun war, -- die
Geschichte wäre ja morgen in der ganzen Stadt bekannt geworden! -- War
es gar nichts, hatte sie sich getäuscht, so mußten die Leute, die sie
vorhin erst hatten Sturm läuten sehen, und fest von ihr aufgefordert
wurden, etwas zu suchen, was gar nicht da war, in allem Ernste glauben,
sie sey zum Tollhause reif, und ein Dritter -- konnte in dem leeren
Gartenhause nicht viel nehmen.

Sie stand, unverwandten Blickes auf den Balkon gerichtet. Das
Auge, jetzt mehr an die Dunkelheit gewöhnt, erkannte endlich in
dem Verdächtigen, den unschuldigen Orangeriebaum; und die daneben
befindlichen großen Levkoibüsche bewegten sich, wenn sie wirklich
vielleicht ein wenig auf und ab geschwankt hatten, vom Windzuge
berührt, der aus der halb offen gelassenen Balkonthür kommen mochte.

Es zog sie unwiderstehlich auf den Balkon; sie mußte ja die Thür
zumachen.

Im Hinaufgehen -- es war, als hörte sie die Flöte wieder. Sie eilte auf
den Balkon!

Millionen Sterne flimmerten am schwarzen Himmelszelte; am fernen
Gestade rauschte das Meer in sanfter Brandung; im Hafen aber schlief
alles; nur die kupferne Lampe im Nachthause, wo der Steuercompaß steht,
brannte auf jedem Schiffe, und hier und da war noch ein Lichtchen in
den Kajüten sichtbar. Auch den Bord der Antoinette schien der Gott des
Schlafes geentert zu haben, denn es rührte sich da unten kein Mäuschen.
Aber -- jetzt ertönte die himmlische Flöte noch einmal. Es klang, wie
das Locken der Liebe, in dem der Sprosser zu seinem Nachtigallweibchen
spricht; so sehnsüchtig und so schmelzend; erst bittender Scherz,
in kurzen, rund abgebrochenen Sätzen, dann lange, lange Töne gezogen
durch die Gluth der zärtlichsten Leidenschaft, und immer stärker und
stärker werdend, und hoch hinausgehend über das Reich alles Irdischen,
und endlich, zum Zeichen des Glaubens an freundliche Erhörung der
schüchternen Bitte, ein sich bald in kräftige Volltöne, bald in ein
süßes, hinsterbendes Pianissimo auflösender Doppeltriller.

Allerliebst, allerliebst, sagte Hulda leise, und holte jetzt erst
wieder Athem, denn sie hatte ihn in der überseligen Brust verhalten,
so lange die süßen Laute zu ihr sprachen, um von der Sphärenmusik
nichts zu verlieren. Sie kamen ja doch vom Deck der Antoinette herauf;
sie sah, so viel die Sternenhelle es gestattete, ganz deutlich da
unten, auf der Tasche[6] des Schiffes, nach ihrer Seite zu, etwas
sich bewegen, und aus dem wehmüthigen spanischen Liedchen, das die
Flöte spielte, zog Hulda die Ueberzeugung, daß sie sich nicht irrte.
Der Mexikaner mußte ja ein spanisches Lied blasen! Ihr kam es recht
eigentlich spanisch vor. Konsuls Alwine besaß bei einem vollständigen
Musikalien-Vorrath aller National-Melodien, dasselbe Lied, und hatte es
früher schon zwanzigmal wohl gesungen, aber so klang es nie.

Man konnte aber auch nichts weicheres, nichts rührenderes hören, als
diese Melodie aus dieser Brust. Es war, als wollte der junge hübsche
Mensch da unten, seine ganze Seele aushauchen, so deutlich sprach das
Instrument den süßen Schmerz seines liebekranken Herzens aus. Vorhin so
läppisch, und jetzt so sanft, so leidend, so schmachtend.

Was für ein kurioser Mensch muß das seyn, dachte Hulda bei sich selbst,
heimlich lachend, und fragte nach einer Weile, durch seine süße Klage
weich geworden, halb leise herab: warum so traurig mein Freund? und die
milden Sterne am dunkeln Himmelszelte, spiegelten sich in den Perlen,
die ihr an den seidenen Wimpern hingen. Das Wasser war ihr in die Augen
gekommen, sie wußte selbst nicht wie. Sie hätte zerfließen mögen in nie
gekannte Lust und Freude. Seine zarte Klage that ihr unaussprechlich
wohl; sie verstand jeden Hauch seiner Lippen; sie verriethen ihr,
durch das heimliche Dunkel der Nacht, die frischblutende Wunde, die ihr
Liebreiz dem Schwärmer schlug, das süße Wehe, in dem der glückliche
Dulder schier zu vergehen glaubte, und die Südgluth seiner Leidenschaft.

Aber vom Meere herüber zog jetzt der Wind schärfer, durchreifte
die warme Sommernacht mit eisigen Schauern und mahnte Hulda an das
Nachhausegehen. Sie warf -- es sah es ja niemand, als der liebe Herr
Gott, der die ungeheure Gewalt der Liebe in die Brust des Menschen
gesenkt hat, und dieser deutete es gewiß nicht übel, -- sie warf,
zum Danke für das hübsche Abendständchen, einen recht herzlichen Kuß
herab, und sagte kaum hörbar, gute Nacht, mein lieber, lieber Freund,
gute Nacht, und eilte in das Haus zurück; noch im Gehen warf sie
einen scheuen Blick in die Himmelsgegend, wo sie, heute Abend, die
sonderbaren Figuren und Gestalten sah; aber der Grabstein und das
Kreuz, und das Drohbild der zürnenden Mutter, hatten die schwarzen
Nachtwolken längst mit undurchdringlichem Schleier verhüllt.

Reiße, mitleidiges Schicksal, den Vorhang vor den Schrecknissen der
Zukunft nicht zu früh von einander; laß den armen Menschen ihren Wahn,
daß sie geboren sind, um immer glücklich zu seyn.

Hulda hatte sich gefreut, von ihm zu träumen, aber damit war es dießmal
nichts; sie träumte wohl, doch nicht von ihm. Tante Sophie sandte ihr
von Lima aus, schwarzen Krepp zu einem Ballkleide, und einen Schmuck
von böhmischen Glasperlen, und schrieb ihr einen solchen launigen,
verwirrten Brief dazu, daß sie, als sie am Morgen erwachte, noch
darüber lachen mußte. Sie erzählte der Mutter davon, diese lachte mit,
und sagte mit sonderbarer Betonung, schwarzer Krepp von daher, hat
eine recht eigene Bedeutung; Hulda wollte fragen, welche, aber die
Mutter fuhr, des Ballkleides Erwähnung eingedenk, gleich fort, von
Huldas heutigem Anzuge zu sprechen, und meinte, daß, wie sie hörte, bei
Directors sehr große Gesellschaft seyn werde, und äußerte daher den
Wunsch, daß Hulda heute vorzüglich elegant erscheinen möge.

Diese schien dazu keine rechte Lust zu haben, denn Er war ja doch nicht
dort, und Anderen gefallen zu wollen, kam ihr nicht im entferntesten
in den Sinn; indessen um der Mutter den Willen zu thun, schmückte sie
sich mit dem Beßten ihrer geschmackvollen Garderobe.

Sie war verstimmt und konnte den ganzen Tag platterdings ihren Frohsinn
nicht wieder finden. Zweimal war sie auf dem Balkon gewesen; verkaufte
er an seiner mitgebrachten Ladung, oder lief er nach der Leinwand zur
Rückfracht herum, oder hatte er eine Andere gefunden, die ihm -- als
schnitt ihr Jemand mit scharfschneidigem Stahle das Herz mitten von
einander, so zuckte sie bei dem Gedanken zusammen -- sie krampfte die
Hand in einander, und sah mit recht bösem Blick hinab auf das Deck
der Antoinette; aber er war nicht da; zum vierten Male, kurz zuvor,
ehe sie zu Directors fuhr, bestieg sie noch einmal den Balkon; sie
mußte sich da noch einen recht schönen Orangenzweig holen, und all
die hundert Orangerie-Bäume im Garten unten, blühten nicht so schön,
als der auf dem Balkon. Wie ein Engel vom Himmel gekommen, sah das
bildschöne Mädchen in ihrem blendendweißen Prachtgewande, auf dem, in
luftiger Höhe kühn schwebenden Balkon aus. Von den Verdecken aller
Schiffe im Hafen, sahen sie nach der himmlischen Gestalt herauf, und
in den Sprachen aller Völker der Erde, ertönte einstimmig das Urtheil,
daß das ein wunderhübsches Kind sey; aber Er -- Er war immer noch
nicht da. Abscheulicher Mexikaner, rief sie im drohenden Scherz leise
hinab: wo steckst Du? In dem Augenblick kommandirte eine Stimme auf der
Antoinette, spanisch: ~Saldat a la banda~, (fallt auf’s Fallreep)
und die Matrosen ließen die Fallreepstreppe an der Steuerbordseite
hinab, und der alte Doctor Brehme stieg am Bord.

Er ist krank, sagte sie mit gebrochener Stimme: und er hat keine, die
ihn pflegt, und ich bin böse auf ihn gewesen, daß er nicht da war, und
er ist doch so unschuldig. Ich, ich bin die Ursache seiner Krankheit,
denn bestimmt hat er sich gestern Abend, da draußen auf der Galerie, in
dem kalten Meeres-Thau erkältet, und nun kann ich ihm meine Sorgfalt,
meine herzliche Theilnahme mit nichts, mit gar nichts beweisen. Gott,
wenn es nur nicht gefährlich ist -- der Tante schwarzes Kreppkleid aus
Lima! -- da habe ich ja die schreckliche Lösung des Traumes, über den
ich und die Mutter heute früh noch lachten.

Aber hier sind Sie? unterbrach ihr Selbstgespräch die athemlose
Köchinn: die vierrädrige Barkasse liegt vor der Thür schon länger denn
eine halbe Stunde. Der Steuermann vorn auf dem Bratspill klatscht, zum
Zeichen, daß er da sey, mit seinem Steuerruderchen, daß alle Leute
auf der Straße stehen bleiben; er hat schon, Gott weiß wie lange, die
Pitsjahrs-Flagge am Vortop aufgehießt,[7] und ich kann Sie nirgends
finden. Wollen Sie nicht Extraliegegeld zahlen, so kommen Sie ja gleich.

Sie mußte fort, in die widrige Gesellschaft, in der sie keine Freude
finden konnte.

Das ist kein Ballgesicht, sagte die Mutter, als sie kam, um sich bei
dieser zu verabschieden: was fehlt dir Kind? Du hast ja nasse Augen,
Mädchen?

Nichts, mein Mütterchen, man hat so seine Tage, entgegnete Hulda
lächelnd: ich bliebe heute viel lieber zu Hause; die Mutter aber
meinte, wenn sie nicht krank sey, so müsse sie sich dergleichen
Mißlaunen nicht so hingeben; sie werde sich bestimmt recht wohl
dort befinden, und da viel Fremde eingeladen wären, gewiß manche
interessante Bekanntschaften machen. Dein Englisch, setzte sie
mütterlich wohlwollend hinzu: mußt Du noch viel mehr üben; wenn Du mit
jungen Britten sprichst, bist Du immer etwas befangen; hast Du daher
Gelegenheit, heute englisch zu sprechen, so versäume sie nicht; das ist
so gut, als hättest Du beim Lehrmeister zwei Stunden.

Desto geläufiger geht es jetzt mit dem Spanischen, entgegnete Hulda
selbstzufrieden, und dachte im Stillen, daß sie mit dem jungen
Mexikaner sich gewiß recht gut verständigen wollte, wenn sie ihn nur
einmal spräche; die Mutter aber erwiederte scharf, daß +die+
Sprache ihr eigentlich ganz überflüssig, und der Unterricht darin,
gleich vom Anbeginn an, ihrem Willen ganz entgegen gewesen sey;
sie empfahl ihr, beim Tanze sich recht in Acht zu nehmen, wünschte
ihr recht viel Vergnügen, und freute sich, morgen früh von ihr
umständlichen Bericht über das Fest zu vernehmen.

Der Wirrkopf mit den blauen Augen krank in der Kajüte, und sie auf dem
Balle! Ein recht widriger Kontrast! Sie nahm sich vor, keinen Schritt
zu tanzen, und recht zeitig nach Hause zu fahren; vielleicht war es
doch noch möglich, heute Abend, auf seinem Verdeck, von ihm etwas zu
erspähen, und wenn es auch nur das Licht in seiner Kajüte sey. In dem
Augenblick, als sie in das Vorzimmer des Gesellschaftsaales trat, holte
sie der Doktor Brehme ein, der ebenfalls als Gast hier erschien. Sie
waren, fragte sie, vom Zufall überrascht: eben am Bord der Antoinette
im Hafen; haben Sie dort einen Kranken? Sie erschrak, als sie die Frage
glücklich heraus hatte, aber so gestellt, konnte der Doctor ja ihren
Grund unmöglich bemerken; doch die Antwort blieb ihr der Gefragte
schuldig; denn die Flügel der Saalthüre öffneten sich, und sie mußte
eintreten.

Sie verneigte sich mit holder Anmuth gegen den großen glänzenden
Halbkreis der geschmückten Versammlung, und ein halbleiser Beifallslaut
in der ganzen Gesellschaft, sprach das stille Entzücken aus, mit dem
die Erscheinung der Liebreizenden alle Anwesenden überrascht hatte.
Schönheit, Unschuld und Jugend, diesen drei Grazien wird überall
die zarteste Huldigung zu Theil. Aber zauberischer als heute, hatten
auch des Mädchens älteste Bekanntinnen es nie gesehen. Hulda schaute
mit schüchterner Befangenheit im Zirkel umher, um die Frau vom Hause
herauszufinden, da traf ihr Blick auf den jungen Mexikaner. Der Wirth
des Hause wisperte ihm in das Ohr: das ist unser Admiralschiff, das
schönste Mädchen der Stadt, und der junge Fremde erwiederte freundlich
lächelnd: ich streiche die Flagge.[8] Der Director näherte sich dem
holden Mädchen, um es zu bewillkommen, führte es seiner Gattinn zu,
fragte nach dem Befinden der Mutter, und betheuerte mit schönen Worten,
daß Hulda immer liebenswürdig sey, aber heute müßte Adonis selbst ihre
Toilette gemacht haben, denn reizvoller sey sie nie gewesen. Europa,
setzte er scherzend hinzu: Europa nicht allein, liegt Ihnen zu Füßen;
die fernsten Welttheile bringen Ihnen sogar ihre Huldigungen dar.

Der glatte Freund aller schönen Mädchen und Frauen, ein deckenhoher
Spiegel, vor dem sie eben stand, und auf den sie verstohlen einen
halben Seitenblick warf, flüsterte ihrer kleinen Eitelkeit zu, daß sie
heute recht hübsch sey, und des Mexikaners seemännisches Kompliment
vom Streichen der Flagge, hatte ihrem Ohre wohlgefällig geschmeichelt.
Der junge Mann schien das Deutsche recht gut zu sprechen. Schade!
-- sie hätte sich lieber spanisch mit ihm unterhalten; die andern
hätten dann ihr Gespräch nicht verstanden, und ihm, meinte sie, wäre
es gewiß angenehm auffallend gewesen, hier ein Mädchen zu finden, das
seine Muttersprache verstehe. Sie war, wie wohl jedes anspruchlose
Mädchen, mit einer Art von Beklommenheit, in den großen eleganten
Kreis getreten, aber jetzt, -- war es der Beifall, den sie in jedem
Auge gelesen, oder das, was der Herr vom Hause, der Director, von den
Huldigungen der fernen Welttheile gesagt, oder was da drüben der junge
hübsche Mensch mit den dunkelblauen Augen, vom Flaggen hatte fallen
lassen, kurz sie fühlte, daß sie hier das Admiralschiff führe. Aber so
kühn sie auch jetzt in See stach, so konnte sie doch ihr Auge nicht
zu ihm selbst wenden; das Herz klopfte ihr unter dem Blumenstrauß am
Busen, daß alle Blätterchen zitterten.

Maklers Suschen war auch da. Hulda ging auf sie zu, um über ihren
gestrigen Sturmbesuch, von ihr näheren Aufschluß zu erhalten, diese
aber stellte der Neugierigen den neben ihr stehenden Herrn vor, und
fragte heimlich lachend, ob sie ihn nicht mehr kenne?

Ein linkischer, dürrer langer Stock, mit hängenden Knieen; mit, bis
über die klapperbeinigen Waden, herabhängenden endlosen Rockschößen
und, dem ganzen, allem Geschmack und allem Anstande Hohn sprechenden
Aeußern nach, ein forcirter Engländer; das Auge grau und matt; das
durch die enge Halsbinde roth geschnürte Gesicht mit Blüthchen und
Schwären bedeckt, und in jedem Zuge Spuren eines Londoner Wüstlings,
der nur in den ~Passages of Leicester, Fitzroy Square, Straffort
Street~, und ähnlichen Orten, seinen Freuden nachgejagt, und nichts,
als Langeweile und Lebensüberdruß aus jener Nebelinsel mitgebracht
hatte. Er redete Hulda englisch an, und versicherte, daß er das
Deutsche während der sechs Jahre seiner Abwesenheit fast ganz vergessen
habe, und Hulda erkannte in ihm, Suschens Bruder, Kasperchen, einen
sonst gewaltig dummen Jungen, den die ganze Stadt ehedem hänselte,
und der, als Deutschlands männliche Jugend das Schwerdt ergriff, um
Napoleons Tyrannenketten zu zerhauen, sich aus angeborner Abneigung
gegen das Kriegsleben, nach London verkrümelte, um dort die Sache
in Ruhe abzuwarten. Mit dem Vermögen und dem Kredit seines Vaters,
eines sehr wohlhabenden Mannes, führte ihm der Zufall einen jungen
mittellosen, aber höchst speculativen Engländer zu, der sich mit ihm
verband, und ihm, in der goldnen Zeit der brittischen Alleinherrschaft
auf allen Meeren, sehr große Reichthümer erwarb, und jetzt war
Kasperchen, nachdem die dummen Teufel, seine wackern Jugendbekannten,
Arm und Beine, Blut und Leben verloren hatten, mit fast einer Million
Thalern, auf dem gestrigen Kutter, nach Hause gekommen, weil in der
einfältigen Friedenszeit, drüben auf der Krämer-Insel, nichts Rechtes
mehr zu verdienen war. Das Alles erzählte Kasperchen der überraschten
Hulda englisch, und lag dabei mit dem lüsternen Blick seiner verlebten
Augen, so starr auf des wunderlieblichen Kindes frischen Liebesreizen,
daß diesem vor den Faunenblicken des achtundzwanzigjährigen Greises,
angst und bange ward, und sie mit heimlichem Grauen sich von ihm
wandte, denn es war ihr in seiner Nähe, als stände sie in einem
Dunstkreise von allerlei schmorenden Giften.

Die junge Welt rüstete sich zum Tanze, und Suschen fragte den Bruder,
ob er nicht Hulda auffordern wolle; dieser meinte aber, in London tanze
ein junger Mann von feinem Geschmack gar nicht; man stelle sich, den
Hut in der Hand, unter die Zuschauer und spiele ein Bischen Moquirens,
das wäre ein göttliches Vergnügen, und ergötze im geistreichen Cirkel
viel mehr, als die albernen Hopsasas, bei denen die Tänzer mehr Schweiß
vergössen, als das ganze Fest des einfältigen Wirthes gewöhnlich werth
sey.

Suschen lachte beifällig, und fragte Hulda, ob der Bruder sich
in den paar Jahren nicht sehr zu seinem Vortheil geändert habe.
Außerordentlich, erwiederte diese, von kaltem Schauder überreift, und
dankte ihrem Schöpfer, als der Director kam, und sie durch das Gesuch,
mit ihm den Ball zu eröffnen, der Fortsetzung dieser Unterhaltung
überhob.

Die Flügelthüren des hocherleuchteten Ballsaales flogen auf.
Eine herrliche Polonaise mit Trompeten und Pauken, begrüßte die
Eintretenden, an deren Spitze die engelschöne Hulda, an der Hand
des gastlichen Wirthes voranschwebte. Sie tanzte mit hinreißender
Anmuth, aber ihr war es, als hätte sie Blei in allen Gelenken, denn
der Mexikaner -- warum hatte sie aber auch hingesehen! doch, nur
vorbeigestreift war ihr Blick, ach nur so halb vorbei geflogen -- er
tanzte mit Gustchen, der Tochter vom Hause, und war, einen Augenblick
nur von ihr in einer Tour abgekommen, so verwirrt geworden, daß er alle
Gissing[9] verlor, einen wahren Wan-Cours in lauter loxodromischen
Linien[10] steuerte, und, wie ohne Compaß, verweht und verschlagen, im
Saale herumirrte, bis sein Convoi, Directors Gustchen, ihn wieder in
die Colonne bugsirte.

Der kühne Mensch, der die halbe Welt umsegelt, der mehr denn zwanzigmal
den dringendsten Gefahren des Lebens die Brust muthig gewiesen, und
wenn alles um ihn herum zu verzagen angefangen, den Kopf allein oben
behalten hatte -- jetzt -- ein einziger Blick von diesem zauberholden
Mädchen -- und er war in den Grund gebohrt. Ohne es selbst zu wissen,
legte er seine Rechte, so oft er sie in der Polonaise frei bekam, auf
das Herz, als ras’ten in diesem alle zwei und dreißig Compaß-Striche
vom Boreas bis zum Mesocircius gegen einander.

Ihr Schiff hat einen Leck gesprungen, sagte Gustchen lachend, darf ich
mit einem gespickten Bonnet[11] aufwarten, oder am Ende ist wohl gar
ein Pfröpfchen nöthig?[12]

Seyn Sie ein mitleidiger Lotsen, erwiederte der junge Mexikaner
bittend: und bringen Sie mich in die Docke[13]; Sie kennen das
Fahrwasser hier, und die Untiefen und Bänke; meine Anker und Taue sind
klar[14] und meine Pässe in beßter Ordnung.

Ich verstehe, mein Freund, entgegnete Gustchen schalkhaft: behalten Sie
aber nur die freundlich leuchtende Blüse da vorn an der Spitze unserer
Polonaisenzunge, hübsch im Auge, und Sie werden alle Bänke und Klippen
glücklich umfahren.

Während dieses sinnigen Zwiesprachs, in dem Gustchen, Hulda’s innern
Werth, des breiteren auseinandersetzte, fragte diese der Vater, was
sie denn zu dem englisirten Casperchen gesagt habe, und zog über den
unausstehlichen Gast waidlich her; nein, fuhr er fort und tanzte neben
der Horchenden plaudernd weiter: nein, da lobe ich mir den jungen
Mexikaner; das ist ein flottes Kerlchen; wie eine Tanne gewachsen,
Licht im Kopfe, Gesundheit auf den Wangen, Kraft im Arme, und Courage
in der Brust. Im vierzehnten Jahre schon hat er als Cadett bei der
Marine gedient, und zwei Seegefechte mitgemacht; Huldchen, das will
was sagen; so eine Geschichte ist wahrhaftig nicht spaßhaft; ringsum
Tod, und nirgends Rettung -- erlauben Sie! mein Sopha ist mir lieber;
so viel Haare der Mensch auch auf den Zähnen hat, aber davon spricht
er doch mit allem Respekt. Vom Despensero[15] hat er sich nach und
nach bis zum Teniente[16] hinauf geschwungen, und nach dem Frieden als
Capitain seinen Abschied genommen; seitdem hat er den Geschäften seines
früher schon verstorbenen Vaters sich selbst unterzogen und, Huldchen,
die gehen in das Ganze; solcher Schiffe, als er hier im Hafen liegen
hat, besitzt er netto ein Dutzend, und was kosten die, und was bringen
die ein! Huldchen, der Mensch scheint zum Anker gehen zu wollen, wird
-- er tippte ihr schelmisch-lächelnd auf das Herz -- wird hier der
Flügel[17] wohl Grund fassen?

Herr Direktor, entgegnete Hulda, im dunkelsten Purpur erglühend, und
haschte mit Hast nach einem andern Gegenstande des Gesprächs: wir
tanzen jetzt vor, und sollen nicht plaudern.

Lassen Sie, Huldchen, entgegnete der Tänzer mit gutmüthigem Spötteln:
die andern kommen schon nach, ich weiß, was ich weiß; umsonst klettert
so ein seefüßiges[18] Eichhörnchen nicht auf den Mars, umsonst bläs’t
der blöde Schäfer nicht stundenlang die zartesten Lieder seiner Leiden,
auf der schmachtenden Flöte; umsonst legt er sich am hellen lichten
Tage nicht auf die Astronomie! Huldchen erlauben Sie mir aber nun auch
bei Ihnen ein kleines Lothchen zu werfen.[19]

Unsere Polonaise nimmt kein Ende, sagte Hulda, -- halb todt vor
Schrecken, daß der Direktor, Gott weiß woher, des Mexikaners gestrige
Faseleien kannte, als hätte er sie selbst mit angesehen, -- wir werden
aufhören müssen.

Gleich, erwiederte der Direktor: sobald Sie mir gesagt haben, wie es
mit Ihrem Ankergrunde aussieht; und sollten wir bis morgen früh hier
herum polonisiren, eher lasse ich Sie nicht los.

Fürchten Sie, auf scharfen[20] oder auf Wellgrund[21] zu stoßen? fragte
Hulda lächelnd, und verbeugte sich, um den Tanz zu beendigen und dem
weitern Examen zu entgehen; da folgten denn die übrigen Tanzenden dem
Signale des Schlusses, und Gustchen kam als treuer Lotse, und führte
den blanken See-Capitain durch das Gewirre der aufgelös’ten Tanzpaare,
und stellte ihn der Lieblichen vor, mit der Bemerkung, daß er gekommen,
um sie um den nächsten Walzer zu bitten.

Der Capitain hatte unterdessen wieder Besinnung und Ruhe gewonnen;
er näherte sich der Königinn des Balles zwar Anfangs mit einiger
Schüchternheit, die ihm jedoch recht gut ließ, aber nach und nach ward
er unbefangener; er nannte Hulda seine schöne Nachbarinn, und machte
ihr im Scherz Vorwürfe über die Härte, mit der sie ihre armen Blumen
auf dem Balkon habe bisher verschmachten lassen. Gestern, meinte er,
hätten sie von ihrer stiefmütterlichen Milde die ersten Tröpfchen
Wasser endlich einmal bekommen, und so viel er von Weitem erkenne,
wären doch Blumen darunter, die täglich wollten begossen seyn. Die
schöne Zeit ihrer Blüthe, setzte er mit einem halb unterdrückten
Seufzer hinzu: dauert ja ohnehin nur einige Wochen noch; dann sind sie
vergangen, und dann ruft sie die herzlichste Pflege nicht wieder in das
Leben zurück.

Hulda -- kein Mensch in der Welt hatte sie die Spitzbuben Sprache der
Liebe gelehrt, aber, so sind die allerdurchtriebensten Spitzbuben
unter der Sonne, die Mädchen, wenn es die Linguistik des Herzens gilt;
Schlauköpfchen Hulda verstand jedes Wort.

Nach ihrer Grammaire übersetzte sie sich die sinnige Rede des
jungen Capitains, den sie jetzt in der Nähe noch viel tausendmal
liebenswürdiger fand, und dessen schönes, reines Deutsch ihrem Ohr
unbeschreiblich wohlklingend lautete, also: Seit ich im Hafen liege,
bist Du ein einziges Mal nur auf Deinem Balkon sichtbar gewesen. Ich
sehne mich nach Dir, wie deine Blumen nach frischem Wasser; in Kurzem
lichte ich die Anker. Sey barmherzig, und schenke mir bis dahin die
Freude, Dich zu sehen, täglich.

Es entspann sich von da ab, das Gespräch immer lebendiger, beide
waren bald wie vertraute Bekannte; in dem ganzen Wesen des jungen
Seemannes lag so etwas herzliches, offenes, biederes, und Hulda, das
reizende Himmelskind, ward so ungebunden, und entfaltete ihren tiefen
Werth mit solcher Anmuth, und gab sich ihm so natürlich hin, daß der
Handelsgerichts-Direktor, der Beide von Ferne bemerkte, zu Gustchen und
deren Bräutigam sagte: Kinder, die da drüben segeln vor dem Winde[22],
das Schiffchen lüstert auf’s Steuer, wie ein Häring[23].

Je mehr der Ueberglückliche das Mädchen ansah, desto bestimmter
überzeugte er sich, dieses Gesicht schon irgendwo im Leben gesehen
zu haben, nur war es, wie ihm dünkte, blässer, und vielleicht etwas
weniger schön gewesen. Er sann und sann, aber das war ja nicht möglich.
Es war dieß der erste europäische Hafen, den er besuchte, und Hulda war
keine zehn Meilen über die Küste des Meeres hinaus gekommen.

Endlich -- ja, jetzt hatte er es. Ein musterhaft gearbeitetes
Miniatur-Bild mit goldenem Reif -- bei seinem verstorbenen Vater hatte
er es einmal -- doch eben begann der muntere Walzer.

Brust an Brust, Auge im Auge, die Arme süß verschlungen, drehte das
bildschöne Paar, im getäfelten spiegelglatten Saale lustig auf und
ab, daß die rasche Musik kaum Athem hatte, den beiden sausenden
Wirbelwinden zu folgen. Wie eine Luft-Säule um ihre Achse mit
Schnelligkeit sich dreht, und dabei immer weiter und weiter von dannen
braus’t, wie der gewaltsame Küsel[24] auf des Meeres Spiegelfläche,
so luftig und leicht flogen sie, eng in einander verschränkt, dahin,
und entzückten, durch ihre zauberische Anmuth, den ganzen Saal. Selbst
Caspar, der bei einem Ausfluge nach Paris, Anatole und die Bigottini,
den gewandten Hoguet und die vierte Grazie, die liebliche Lemiere,
und in London die Milanie und Lupino gesehen hatte, und alles, was
nicht von daher war, gern herabwürdigte, gerieth über die Federkraft
dieses Zephyrpaares in eine solche Exstase, daß er, von der haardünnen
Scheitel bis zu den schlotternden Knieen, ein hüpfendes Zucken im
ganzen Leibe verspürte, und jetzt gern mitgetanzt hätte, wenn die
kranken Röhren seiner schwachen Gebeine solches zu leisten nur irgend
im Stande gewesen wären.

Er trat, als der Walzer endete, näher zu Hulda, und wollte ihr etwas
Schönes sagen, aber es war ihr, als überflöge sie ein eisiger Reif,
so kalt wurden ihr Stirn und Wange, Hals und Busen, in der Nähe des
englischen Narren. Den Capitain ignorirte er, das war, meinte er,
brittische Sitte; wollte der Mensch Bekanntschaft mit ihm machen, so
konnte er ihn anreden; aber dazu schien der Mexikaner nicht viel Lust
zu haben. Hulda hatte Casperchen stehen lassen, ein Gleiches that der
Capitain; diese suchte dafür Hulda auf, und setzte sich auf den neben
ihr befindlichen Sessel.

Die deutschen Engländer sind mir in den Tod zuwider, sagte Hulda: der
Mensch ist bei uns geboren und erzogen, ein Paar Jahre nur in London
gewesen, und thut nun, als ob er von seiner lieben Muttersprache kein
Wort mehr kennte.

Unsere Eskimo’s, hob der Capitain lachend an, sehen nicht viel
besser aus; ziehen sie dem Patron einen grönländischen Frack von
Seehundsfellen an, so haben Sie in dem olivenfarbenen Gesichte mit dem
starren, dünnen kohlenschwarzen Haar, einen Grand von Labrador, wie er
leibt und lebt.

Hulda erschrack über das hingeworfene Gleichniß des Scherzenden; denn
sie gedachte des Eskimo’s am gestrigen Abendhimmel, dem Casperchen, bei
näherer Betrachtung, wie ein Ei dem andern glich. Der Capitain aber,
der jetzt Hulda in tiefem Sinnen bemerkt hatte, sprang auf, und rief:
sie ist es wahrhaftig selbst; -- nur bleibt mir ewig unbegreiflich, wie
das Bild --

Kolonne, Kolonne, ertönte es im Saale; man trat zur Ecossaise an, und
Hulda ward ihm von einem Dritten entführt.

Er sah ihr nach, und in seinem schmachtenden Blicke lag das Uebermaß
seines Entzückens, das Mädchen gefunden zu haben, das von der frühesten
Jugend ab, in jenem ferneren Welttheile, sein Herz so wunderbar
beschäftigt, und den ersten Träumen seiner Schwärmerei, wie ein
zauberisches Ideal vorgeschwebt hatte.

Gustchen, Bräutchen, Schutzgeist, rief er, als diese zufällig eben
bei ihm vorüberging, seiner nicht mehr mächtig: seyn Sie meine
Vermittlerinn.

Gustchen stutzte freundlich, und sah ihm staunend in das Gesicht.

Sie sind Braut, fuhr er fort: Sie verstehen mich daher, Sie müssen,
Sie werden mich verstehen. Sagen Sie dem Götterkinde mit den großen
brennenden Augen da drüben, daß es mich zum Glücklichsten aller
Glücklichen machen kann. Der Orizava bei uns, hat zwanzig Jahre lang
Feuer gespieen, aber er ist gegen die Glut, die mir hier in der Brust
lodert, ein wahrer Bärenberg[25] auf der Iwan-Maien-Insel.

Gustchen wehete sich, das Lachen verhaltend, Kühlung mit dem
Taschentuche zu.

Sprechen Sie mit dem Engelskinde, sagte der Capitain ängstlich bittend
und nahm Gustchens Hand zwischen die seinen: ohne Hulda kann ich nicht
zurück; ich bin ihr fremd, und in den Paar Tagen meines Hierseyns kann
sie mich nicht kennen lernen, nicht liebgewinnen; aber -- ach Gott,
wenn ich mich ihr nur so recht -- ich weiß selber nicht, wie ich sagen
soll; so ist mir in meinem Leben nicht gewesen; ich möchte, daß sie
durch mich durchsehen könnte, sie würde keinen Schattenfleck in mir
finden; ich bin rein und klar, und was ihr Herz nur wünschte, will ich
ihr gewähren. Auf den Händen will ich sie tragen, sie soll ein Leben
haben, wie im Himmel. Gustchen, liebes englisches Gustchen, sprechen
Sie mit ihr, aber heute noch; morgen ist dann unsere Verbindung, und --

Warum nicht lieber heute gleich? fiel ihm Gustchen, dem die
entsetzliche Eile höchst komisch vorkam, in das Wort.

Mir auch recht, fuhr er ernsthaft und dringend fort: auch heute noch.
Meine Ladung ist gelöscht, mein Schiff hat die Rückfracht eingenommen,
ich kann morgen fort -- mit ihr, mit ihr in See.

Aber, mein Himmel, fragte Gustchen, und schüttelte über den
unaufhaltsamen Ehelustigen den Kopf: warum denn das alles so rasch?

Ich kann, ich darf nicht warten, entgegnete der Capitain: ich gehe
von hier nach Vera Cruz, verweile ich hier zu lange, so komme ich im
März hin -- und Kind, dann wirthschaften dort unter dem brennenden
Himmel der Tropen-Länder, die Nordwestwinde so fürchterlich, daß das
auftobende Meer oft hoch über Stadtmauer schlägt -- dann ginge meine
Antoinette mit Mann und Maus zu Grunde -- und ach Gott, meine Hulda,
mein liebes, niedliches Herzensmäuschen -- ich gäbe mich ja selbst
jenseits nicht zufrieden, wenn diese durch mein Zaudern hier, dort im
Angesichte des +Cofers von Perote+ und der Gebirge von +Villa
Ricca+ ihr Blüthenleben in der Tiefe des Meeres endete. Gustchen,
seyn Sie christlich. Sprechen Sie für mich. Im Tempel des Mondes,
der auf dem Hügel von +Toatihuacan+ noch aus den Zeiten der
+Olmeken+ dicht vor Mexico prangt, lasse ich, zum ewigen Danke,
Ihren Namen in Gold graben.

Liebster Capitain, erwiederte Gustchen und legte sorglich die Hand auf
seine Stirn: haben Sie Pulk[26] am Bord ihrer Fregatte?

Berauscht bin ich, Gustchen, versetzte Alonso: aber nur von der Liebe,
und dieser selige Rausch soll nicht eher verfliegen, als bis die
Granitwände des Hafens +Acapulco+ zu Staub zermürmelt sind.

Aber lieber Freund, erwiederte Gustchen, mit herzlicher Theilnahme:
Ihre Liebe, verzeihen Sie meiner Offenheit, aber sie kommt mir vor, wie
die +Nortes de Hueso colorado+, in ihrem Meerbusen, von denen Sie
uns heute Mittag erzählten.

Ein Windstoß -- ein rasender Windstoß nur sollte meine Liebe seyn?
fragte Alonso laut lachend. Mein Kind, lesen Sie +Halley+, und
+d’Alembert+, +Bernoulli+ und +de Luc+; die werden Ihnen
von den +beständigen+ Ostwinden zwischen den Wendekreisen ein
Mehreres erzählen; zu +der+ Sorte, Engel, gehört meine Liebe.

Also immer doch Wind, und Wind und Wind, fiel ihm Gustchen bedenklich
in das Wort.

Der Wind ist mein Element, Gustchen, sagte Alonso entschuldigend: er
führte mich hierher und mit seiner Hülfe werde ich meine himmlische
Hulda, die glänzendste aller Prisen, glücklich aufbringen.

Haben Sie denn schon den Marquebrief dazu, mein Herr Capitain, fragte
scherzend Gustchen: ohne diesen, nehmen Sie sich in Acht, unsere
See-Gesetze sind streng, ohne diesen sehen wir Sie als Räuber an.

Sie sollen mir den Marquebrief ausfertigen, Gustchen, Sie, entgegnete
Alonso, und schien die Idee zu haben, daß sie die Sache gleich in’s
Werk setzen sollte; aber Gustchen fragte, was er wohl glaube, daß
Hulda von ihm denken werde, wenn er nach der ersten Unterhaltung von
wenigen Minuten ihr, ohne sie im mindesten näher zu kennen, seine Hand
antrage, und von ihr verlangen wolle, sich hierüber gleich stehenden
Fußes zu erklären. Vater und Mutter auf immer und ewig zu verlassen,
setzte Gustchen hinzu: und einem Manne, mit dem man keine tausend Worte
gewechselt, den man kaum sechszig Minuten gesehen hat, zwei tausend
Meilen weit zu folgen, und ihm die ganze Lebenszeit zu gehören, Freund
Capitain, ist diese Idee kein Windstoß? und dann, Sie selbst, Sie
wissen ja vom Mädchen nichts, als daß es hübsch ist. Von seinem frommen
Wandel, von der Reinheit seiner Sitte, von seiner Häuslichkeit, von
seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, von seinem fröhlichen, heiteren
Sinn, von seiner himmlischen Herzensgüte, wissen Sie noch kein Wort!
Lernen Sie dieses seltene Wesen, mit seinem rein kindlichen Gemüth,
mit seinem Zartgefühl, im ganzen Umfange seines Werthes erst kennen,
recht genau kennen, ergründen Sie in der Tiefe dieser schönen Seele,
die in ihrer Lage wahrhaft heilige Gabe, zwischen Vater und Mutter,
die ewig kalt neben einander durch das Leben gehen, die versöhnende
Vermittlerinn zu seyn; betrachten Sie die namenlose Liebe, mit der
jedes der unter sich heimlich verfeindeten Eltern, an diesem ihnen, im
eigentlichen Sinne des Worts, von Gott gesandten Kinde hängt, und wie
es jedem derselben, das, durch ihre sonderbare gegenseitige Stellung
freudenleere Leben, durch die zarteste Pflichterfüllung, durch die
anständigste Beseitigung aller Veranlassungen zu Mißhelligkeiten, und
durch Scherz und Frohsinn zu versüßen weiß, und Sie werden es lieben
müssen.

Aber da soll doch mein großes Raa-Segel, mit allen Bolten, Schoten,
Halsen und Nockbindseln, wie mitten von einander reißen! Gott verzeih
mir die schwere Sünde, aber ich liebe das Mädchen ja schon bis zum
Rasendwerden. Gustchen, wenn Sie das noch nicht weg haben, so ist ihr
Peil-Compaß keinen Schuß Pulver werth. Sie reden vom Kennenlernen;
als ob ich das Himmelskind nicht schon durch und durch kennte; alle
Menschen, die ich hier spreche, sagen, was Sie sagen; überall höre ich
nichts als Gutes -- und ach, schon in Mexico -- ich war, glaube ich,
noch nicht einmal wohlbestallter Seecadet -- betete ich dieses Ideal
schon an, mit einer Gluth, mit einer --

In Mexiko? fragte Gustchen gespannter und war nahe daran, ihn für
wenigstens halb wahnsinnig zu erklären.

Sagen Sie, hob er über etwas tief brütend an: hat sich Hulda je mahlen
-- doch das ist ja wieder nicht möglich; ich sah das Bild vor länger
denn zehn Jahren, und da war Hulda ja noch ein Kind.

Wahrhaftig, ich glaube, Sie reden irre, hob Gustchen scherzend an: was
denn vor ein Bild?

Hat Hulda, versetzte Alonso, im Sinnen und Nachdenken ganz verloren:
irgend eine ältere Person ihrer Familie, etwa die Mutter oder eine
Verwandte, der sie ähnlich, aber sehr ähnlich sieht?

Der Mutter, entgegnete Gustchen, den Sinn der sonderbaren Frage nicht
verstehend: gleicht sie zum Sprechen, nur daß diese natürlich 20-22
Jahre älter ist und durch beständiges Kränkeln --

Zum Sprechen? fiel er ihr hastig in das Wort; ist die Mutter hier?

Die finden Sie in keiner Gesellschaft; seit dem ersten Augenblicke
ihres Hierseyns ist, wie die Eltern mir oft erzählt haben, die Kirche
der einzige Ort gewesen, den sie besucht; sie scheint mit der Welt
zerfallen zu seyn, und meidet alle Menschen. Außer alten Maklers, die
zu den Stillen im Lande gehören, geht sie mit keiner Seele um.

Seit dem ersten Augenblicke ihres Hierseyns sagen Sie, fuhr Alonso in
großer Spannung fort: ist die Mutter nicht von hier?

Nein, erwiederte Gustchen, und konnte nicht begreifen, was der
Großinquisitor mit allen diesen umständlichen Fragen wollte: sie ist,
wenn ich nicht irre, aus Frankfurt am Main.

Alonso fuhr bei dem Worte, wie vom Blitz getroffen auf. Merkwürdig,
rief er und legte sich die Hand vor die Augen, als starre er vor dem
verworrenen Gewebe der menschlichen Schicksale, zu dem er den Faden
fand, erschrocken zurück: aus Frankfurt am Main? Gustchen, wäre ich
Intendant von Mexico, für diese Nachricht beliehe ich Sie auf ewige
Zeiten mit den Silbergängen von +Guanaxuato+, +Zacatacas+ und
+Tasco+.

Gustchen hielt lachend die Hand hin, um den Muthschein auf diese
unermeßlichen Gruben in Empfang zu nehmen, aber Alonso eilte fort, ging
in eines der entlegensten Zimmer, das eine Alabaster-Lampe mit ihrem
traulichen Halbdunkel beleuchtete, warf sich dann auf das Sopha, und
verlor sich in die Erinnerung seiner Jugend, und in die Pläne seiner
Zukunft. Die Stille des Kabinets that ihm unendlich wohl, und das
Rauschen der fernen Tanzmusik wiegte ihn in die süßesten Träume.

Nach länger denn einer Stunde fand ihn Gustchen, das mit dem Bräutigam
jetzt kam, um ihn aufzusuchen.

Ist das, hob die Muthwillige an: auf Ihren mexikanischen Bällen Mode,
daß die jungen Herren, statt fröhlich zu tanzen und guter Dinge zu
seyn, -- sie wollte weiter reden, aber da fiel ihr Blick in seine
nassen Augen, die durch zerdrückte Thränen die sanfte Bitte thaten,
seiner nicht zu spotten.

Was ist Ihnen, Freund? fragte Woldemar, der Bräutigam, mit milder Rede:
Auguste hat mir mitgetheilt, was Sie ihr vertraut; seyn Sie offen gegen
uns, wir meinen es ehrlich und gut; was ist Ihnen?

Nichts, nichts, entgegnete Alonso wehmüthig lächelnd: ich dachte nur an
meinen Vater! wenn der noch lebte, und ich führte ihm Hulda als Tochter
zu -- ich kenne kein seligeres Glück. Laßt, ich bitte Euch Kinder,
laßt Euch durch das sonderbare Gefühl, was mich überrascht hat, in
Eurer Freude nicht stören. Auf der ganzen Erde, in Eurer alten und in
meiner neuen Welt, habe ich Niemand, der die entsetzliche Leere füllt,
die mir das Herz so weit und so öde macht; ich habe mich in Arbeit
und Geschäfte gestürzt, und meinte, darüber das himmlische Sehnen
zu vergessen, was mit süßem Schmerze die Brust mir zerquält. Aber
an all dem Gelde, womit Fleiß und Ordnung sich bei uns so reichlich
belohnt sehen, konnte ich keine Freude haben; es fehlte mir immer
und immer, was ich zu nennen nicht vermochte, da sah ich Euch Beide,
vom trauten Familienkreise umschlossen, täglich im Arme bräutlicher
Liebe, hörte von Euren Lippen Euer Glück preisen, las in Euern Augen
Euer neidenswerthes Loos, und wußte nun, was mir gefehlt hatte. Hulda
-- Ihr kennt ja die Scham der Liebe; sie kann und mag die Geschichte
ihres Geheimnisses nicht verrathen; ich weiß auch selbst nicht mehr,
wie das Alles kam; aber wie ich sie das Erstemal sah -- mein Vater,
ich war noch Kind, als er starb, aber jene Stunde, die letzte seines
Lebens, werde ich nie vergessen -- der ließ sich von Manuel, seinem
treuen Sclaven, aus dem Wand-Schränkchen, wozu er Schlüssel unterm
Kopfkissen hervorholte, ein Miniaturgemälde bringen -- ich sehe es noch
vor mir; ein schön gestalteter Frauenkopf; vor allem fiel mir die
Lockenpracht des dunkelen Haares auf; accurat so hatte mein Vater einen
Onyx, auf dem sich eine herrliche Camee der Julia, der Tochter des
Kaisers August befand; mit kindischer Neugierde fragte ich ihn, ob das
die Kaisertochter Julia sey; aber, als ich das schwarze brennende Auge
sah, und die Purpurlippen und das Lächeln in den Mundwinkeln, da meinte
ich, es sey wohl meine selige Mutter, denn so hatte Manuel mir sie oft
beschrieben, der sie gesehen, als sie mit dem Vater eben aus Europa
gekommen war.

Sie sollte es seyn, entgegnete mein Vater, und betrachtete das Bild
lange mit thränenschwerem Auge, und drückte es an seine, in leisen
Todesschauern zuckenden Lippen. Seitdem habe ich das Bild nie wieder
gesehen, ich weiß auch nicht, wohin es nach dem Tode des Vaters kam,
aber die sanften Züge dieses himmlischen Gesichts, waren mir geblieben;
allmählich war die Idee an die wunderschöne Kaisertochter und an die
Mutter, aus meiner Seele geschwunden, und an beider Stelle ein Wesen
mir vor die Phantasie getreten, das meine Heilige ward. Ich sah es in
meinen Träumen, ich liebte es als meinen Schutzgeist, bis ich nach und
nach älter ward, und dieß Nebelbild meiner jugendlichen Schwärmereien
allmählich aus dem Gedächtnisse verlor. Aber als ich hier Hulda das
erste Mal sah, das schwarzbraune Haar in Flechten und Locken wie die
Camee der römischen Kaisertochter; die seelenvollen großen Augen unter
den schön geschweiften Bogen; die würzigen Lippen; den Carmin auf der
pfirsichsammetnen Wange, den zartgeformten Hals; die volle, in frommer
Keuschheit ruhig wogende Schwanenbrust, und über das alles den Geist
der höchsten Anmuth, den Himmelsglanz der reinsten Unschuld, den
unnennbaren Zauber der süßesten Liebe, da hatte ich meinen Schutzgeist,
die Heilige meiner Jugend wiedergefunden. Sie oder keine! hat mein Herz
laut gesprochen. Jetzt wißt Ihr, meine Freunde, wie es mit mir steht!
helft mir, mein Glück mit erringen. Ohne Hulda kann ich nicht leben.

Der Bräutigam schloß Alonso herzlich an seine Brust, und stimmte in
Gustchens Versicherung ein, daß, so viel sie wüßten, Hulda’s Herz
noch frei sey, und -- doch sie trat mit Emma, Gustchens Schwester,
eben selbst in das Kabinet. Beide Mädchen hatten das Brautpaar in
allen Zimmern gesucht, und Hulda war nicht wenig überrascht, dasselbe
in tiefem und wie es schien, in recht ernstem Gespräch mit Alonso
verloren, hier zu finden.

Wir sprechen von Ihnen, hob Alonso an und erfaßte ihre Hand, und machte
ein so feierliches Gesicht dazu, daß Gustchen angst und bange wurde,
denn sie meinte, er würde gleich auf dem Fleck um Hulda förmlich
anhalten. Bei Unterhaltungen dieser Art war, nach ihrer Ansicht, jeder
Zeuge lästig; sie entfernte sich also mit ihrem Bräutigam und Emma
heimlich, und Alonso wußte dieß ihr Dank, denn er mußte seinem Herzen
Luft machen, und Hulda sagen, wie unendlich er sie liebe.

Hulda hörte ihm mit stillem Wohlgefallen zu; er sprach mit sanfter,
ernster Rede, wie es dem Manne ziemt, wenn er das heilige Geheimniß
seines Herzens dem Mädchen gesteht, das er sich zur Lebensgefährtinn
erkohr. Sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah; sie hörte das
Geständniß seiner Liebe mit einer Fassung, als wäre sie darauf
vorbereitet. -- Sie war es ja auch wirklich; sein Benehmen, seine
Blicke hatten ihr ja längst gesagt, was jetzt seine Lippen mit so
reizender Schüchternheit wiederholten. Er setzte ihr mit der Offenheit,
die er ihr als rechtlicher Mann schuldig war, die Lage seiner Umstände
aus einander, und aus seinen schlichten Aeußerungen über diesen Punkt,
der ihr, einzig und allein um der Eltern willen, der Berücksichtigung
nicht unwerth zu seyn schien, konnte sie wohl abnehmen, daß Alonso, in
seinem Vaterlande, in welchem Personen von zehn und zwölf Millionen
Piastern[27] nichts Seltenes sind, nicht der Aermste war, und einen
ganz vorzüglichen Werth legte sie auf den Schluß seines Antrages, in
welchem er sich erbot, seinen Wohnsitz, wenn es ihr in Mexico nicht
gefallen sollte, künftig nach Europa, an jeden ihr beliebigen Ort
verlegen zu wollen. An ihrer Seite, meine Hulda, setzte er herzlich
und mit unbeschreiblicher Zartheit hinzu: werde ich in den milden
Bambuswäldern von Loxa, wie in den wüsten Steppen des goldreichen
Choco, in den ewig sanften Frühlingsländern von Xaleppa und Tasco, wie
zwischen den grauenhaften todtenstillen Eiswänden auf Smeerenborg an
der Spitze des Nordpols, glücklich und zufrieden leben; Sie schaffen
mir in der neuen, wie in der alten Welt, mein Paradies, und eben
so wenig, als der Vulkan von Masaya, dessen goldige Flammensäule,
beständig und immer, zwanzig Meilen weit in das Land leuchtet, seines
Feuerstrahls je beraubt werden wird, eben so wenig wird die Gluth
meiner Liebe je verl --

Herr Kapitain, unterbrach ihn Hulda mädchenhaft züchtig, und schlug den
Zauberblick ihrer zärtlichen Augen, in welchen das Entzücken der Liebe
lächelte, vor dem lodernden Liebesvulkan zur Erde nieder: Sie sehen
mich heute zum ersten Mal; diese Raschheit -- ich weiß nicht --

Entschuldigen Sie diese, hob Alonso bittend an, und legte ihre Hand auf
sein stürmisch bewegtes Herz: mit der heißen Zone meines Geburtlandes;
dort, wo die Ananas und der Pisang, das Zuckerrohr und die Fächerpalme,
die Sie hier nur mit Glasfenstern und Oefen treiben, wild wachsen, wo
alle, auch hier heimische Früchte, saftreicher und frischer gedeihen,
wo manches, wie z. B. die Mimosen, die Sie hier im Blumentopfe als
ärmliches Pflänzchen ziehen, mannhohes Buschwerk ist, wo die Tannen,
wie z. B. auf dem Olymp in Neugeorgien, eine Höhe von dreihundert
Fuß erreichen, dort sind auch die Menschen anders; ihre Leidenschaft
ist glühender, ihr Handeln rascher, ihr Wirken kräftiger. Langes
Zaudern, wie es das Ceremonielle der europäischen Sitte verlangen
mag, verstattet mir meine Lage nicht. Schlagen Sie ein, meine einzige
Hulda; mein Herz ist gediegen und schlackenfrei, wie das Gold im
Berge +Ilimani+,[28] krystallrein meine Seele, gesund und frisch
mein Blut; Gott sey mein Zeuge, daß ich Keine liebe, als nur Sie; die
allererste Liebe, Hulda, Himmelskind, sind Sie, und neben Ihnen kann
ich Keine denken.

Er umschlang das wunderschöne Mädchen, das in süßer Verwirrung sich
vergaß und, ohne es zu wissen, das schmachtende Auge zu ihm aufhob,
und ihm, mit beredtem Blicke, seine Gegenliebe schweigend gestand; da
zog der Ueberglückliche die Heißgeliebte enger an die, in Freude und
Seligkeit überströmende Brust, und die stummen Lippen näherten sich
einander zum feierlichen Verlobung-K --

Aber Kinder, rief der Bräutigam, und klatschte lachend in die Hände,
daß Beide auseinander prallten: der ganze Ball fragt nach dem Herrn
Mexicaner und nach Ihnen, meine Hulda, und unterdessen steht Ihr hier,
am fernsten Ende des Hauses, und raspelt mit einander Süßholz! Ja, wenn
man heut zu Tage das junge Volk nur eine Minute aus den Augen läßt!
Geben Sie mir den Arm, Hulda, und Sie, Capitain, folgen in einer Weile
nach.

Hulda ging willenlos, und ihrer selbst sich unbewußt, neben dem
Bräutigam her, denn sie war in diesem Augenblick mehr in Neuspanien,
als auf dem Balle; Alonso aber stand eine lange Weile noch, in
lautloser Verzückung in dem Cabinet, faltete die Hände hoch in die Luft
hinaus, und rief endlich, als hätte es ihm bis dahin an Athem gefehlt:
Hulda! Dein! mit treuer Liebe bis zum Tode, Dein.

Hulda hatte unterdessen zur Francaise antreten müssen; aber mit dem
Tanzen ging es heute platterdings nicht; sie machte nichts als lauter
Unordnung im ganzen Quarree, denn er stand ja da in dem Fensterbogen
des Saales, mit verschränkten Armen, und starrte bald nach ihr herüber,
bald sah er durch die schwitzenden Scheiben hinauf zu den Sternen.
Droben waren Vater und Mutter. Beide hatte er kaum recht gekannt, aber
es war ihm, als müsse er heute mit ihnen sprechen, ihnen sein Glück
erzählen, und Sie um ihren Segen bitten.

Ein bildschöner Abend, sagte Hafencapitains Lina, die schon lange
die Gelegenheit abgepaßt hatte, mit dem crösusreichen Capitain,
das Gespräch anzuknüpfen, näherte sich ihm mit einer leichten
Verbeugung, warf das Auge in den flimmernden Sternenhimmel, streifte
auf dem Rückwege auf die arme Erdenwelt, mit ihren Blicken an dem
reizenden Fremdling vorüber, und drückte die dürre Brust aus dem
kaffeegelben brabanter Kantenbesatz ihres heidnisch zusammengeschnürten
Ballleibchens möglichst heraus.

Bildschön, bildschön! entgegnete er, noch in tiefen Gedanken, und
beantwortete ihre entgegenkommende Verbeugung mit einem kurzen
Bückling.

Bei Ihnen zu Hause, fuhr sie fort, und fand den jungen Piaster-Adonis,
den sie bisher immer nur von ferne gesehen hatte, im Geheimen ganz
unaussprechlich liebenswürdig: ist es dort jetzt Tag oder Nacht?

Stockfinster, stockfinster, antwortete Alonso, ohne zu wissen, was er
sprach, denn er hatte in die Sterne am Himmel, und in die der Augen
seines Engels drüben in der Francaise gesehen, und sie hatten ihm
freundlich geleuchtet.

Des Hafencapitains eitles Töchterchen vermeinte, in seiner
Kurzsylbigkeit ein stummes Zeichen seiner Huldigung zu finden; ihr
Liebesreiz hatte den blöden Schäfer befangen gemacht, er hatte vor
Entzücken die Sprache verloren; ich habe mir, hob sie, um das Gespräch
weiter zu führen, und nach und nach die unsichtbaren Fesseln zu lösen,
in die ihn ihr zartes Entgegenkommen geschlagen hatte, traulich an: ich
habe mir dort alle Menschen schwarz gedacht; indessen --

Pechschwarz, pechschwarz! fiel er ihr in das Wort, und ging aus dem
Fenster, als triebe ihn die Unleidliche von dannen; sie aber sah ihm
zärtlich lächelnd nach; zehnmal wiederholte sie sich sein bildschön,
stockfinster, und pechschwarz; mehr, als die drei Worte hatte sie von
ihm nicht gehört; aber sie hallten in ihrem girrenden Taubenherzen
wieder, als hätte sie ein Seraph zu ihr gesprochen.

Allen ihren Bekanntinnen erzählte sie, was der Mexikaner für ein ganz
allerliebster Mensch sey; ihr guter Geist müsse ihr gerathen haben, die
Francaise nicht mit zu tanzen; sie habe unterdessen eine Unterhaltung
mit dem Manne gehabt, die ihr tausendmal lieber gewesen sey, als
zehn Cottillons und alle Francaisen der Welt. Hulda, deren Tanz eben
beendigt war, stand in der Nähe und hörte jedes Wort.

Ein Glück war, setzte Lina mit recht feiner Koketterie hinzu: daß uns
Niemand behorchte, denn der Mensch hat die Gabe, einem so niedliche
Schmeicheleien zu sagen, daß man wahrhaftig recht bescheiden seyn muß,
um nicht ein Bischen sehr eitel zu werden.

Was sprach er denn von pechschwarz? fragte des reichen Rheders
goldgelockte Tochter Alma, die in ihrem Quarree, dem Fenster zunächst
gestanden hatte.

Was mußt Du für Oehrchen haben, erwiederte Lina mit sichtbarer Freude,
von ihm länger reden zu können. Wir sprachen von den Mexikanerinnen; er
lobte ihr schwarzes, seidenes Haar, aber solch pechrabenschwarzes, wie
das meine, betheuerte er, in ganz Südamerika nicht gefunden zu haben;
er bestand darauf, daß ich ihm eine Locke mitgeben sollte, -- da kann
der gute Freund aber lange warten.

Nun, und was war denn das mit dem stockfinster, fragte Alma weiter
und die umstehenden Mädchen stießen sich heimlich mit den Elnbogen
und ergötzten sich an des einfältigen Dinges ihnen längst bekanntem
unerträglichem Dünkel; Hulda aber fühlte, wie die bitterste Galle sich
auf die Frühlingssaat ihrer Liebe ergoß, und die frischen Keime alle,
wie Mehlthau, vergiftete.

Nein, auch das hast Du gehört, sagte staunend Lina, und lachte: ei,
das war nichts, als dummes verrücktes Zeug; ich lobte nämlich die
Beleuchtung des Saals, und sagte, bei ihm, unterm Aequator könnte es in
der Mittagsstunde nicht heller seyn; da meinte er aber, und legte die
Hand sich auf das Herz, ihm sey alles stockfinster gewesen, bis ich in
den Saal getreten; da habe ich ihm aber gut darauf gedient. Ich sage
Euch, er kann einem Dinge weiß machen, man traut seinen eigenen Ohren
nicht mehr. Aber liebste Alma, weiter hast Du doch nichts gehört?

Von bildschön war noch die Rede, versetzte diese, und wollte weiter
reden, aber Linchen hielt ihr den kleinen Schelmenmund zu, und rief:
nein das ist abscheulich von Dir; aber warte nur, ich will mich bei
Dir auch einmal auf’s Horchen legen, und dann alles ausplaudern, ohne
Schonung. Ich konnte ja nichts dafür, wenn Du Achtung gegeben hast,
so wirst Du gesehen haben, wie er mir auf allen Schritten und Tritten
nachging, und mich wie ein Schatten verfolgte, bis ich da, wo Du
tanztest, an das Fenster kam; da konnte ich vor vier, fünf Herren, die
dort standen, nicht weiter, und fing an zu sprechen, und --

Platz da, Platz da! erscholl es im Saale, und ein auf des Sturmwindes
brausenden Flügeln heranwalzendes Paar schob Linchen, des Teufels
Lügenkind, meuchlings auf die Seite, und sprengte das kleine, um sie
versammelte Auditorium aus einander; Hulda wendete sich, sagte,
im ganzen Gesicht kreideweiß und den zerreissendsten Krampf in der
gequälten Brust, halb laut vor sich hin: das ist abscheulich! und stand
vor Alonso, der sie zum Walzer aufforderte.

Was ist abscheulich, fragte Alonso freundlich, und wollte sich mit ihr
in die Reihe der Tanzpaare stellen; sie aber wand sich aus seinem Arme,
gab eine sie schnell anwandelnde Unpäßlichkeit vor, und eilte in das
nächste Seitenzimmer.

Alonso folgte ihr, doch sie bat ihn, sie allein zu lassen, so dringend,
daß er, in der Voraussetzung, weiblicher Hülfe zu bedürfen, zu Gustchen
eilte, und diese ersuchte, ihr Beistand zu leisten.

Gustchen fand sie in Thränen; auf alle Fragen, was ihr fehle, erhielt
die Bereitwillige keine Antwort, und als Gustchen erzählte, mit welcher
Todesangst Alonso sie aufsuchte und wie ängstlich Händeringend er bat,
ihr auf das Schleunigste beizuspringen, erwiederte sie schneidend kurz:
nichts von ihm, ich bitte Dich, um Gotteswillen, nie wieder ein Wort
von ihm; laß mir meinen Wagen holen, ich kann nicht bleiben.

Aber sage Mädchen, begann Gustchen theilnehmend: was hast Du, was ist
Dir?

Morgen, erwiederte bittend Hulda, und zitterte am ganzen Körper: morgen
will ich Dir alles erzählen; jetzt nur den Wagen.

Gustchen schüttelte bedenklich den Kopf; das Mädchen war vorhin, wie
sie kam, leichenbleich gewesen, jetzt brannte ihm dunkele Röthe auf
Stirn, Wange und Brust; es weinte schluchzend, und das Blut jagte ihm
mit solch’ tobendem Rasen durch alle Pulse, daß der Busen fieberhaft
schnell auf- und abwogte.

Gustchen ging, und Hulda sank auf das Sopha, und gab sich ihrem
Schmerze mit kindischer Schwäche hin.

Du bist nicht wohl, höre ich, fragte sie Alma, und legte ihr sorglich
die Hand auf die brennende Stirn; Hulda aber that sich Gewalt an, sich
vor ihr zu verbergen, und versicherte, ihr kleiner Unfall habe nicht
viel auf sich, und werde hoffentlich bald vorübergehen; was sagst
Du, hob Alma, um die Leidende ein wenig zu zerstreuen, lachend an:
was sagst Du zu der göttlichen Geschichte mit dem alten Dinge, der
Caroline? sieh, ich stand drei Schritte von ihr, und habe jede Sylbe
gehört; an dem ganzen Auftritte ist doch kein wahres Wort; das Mädchen
kann lügen, wie gedruckt.

Hulda horchte hoch auf, und Gustchen kam zurück, und berichtete, daß
der Wagen bestellt sey.

Sie -- fuhr Alma unbefangen fort, und ahnte nicht, welchen heilenden
Balsam sie auf die blutenden Wunden in Hulda’s zerrissenem Herzen
legte: +sie+ kam auf ihn zu! +sie+ drängte sich an ihn heran;
+sie+ knüpfte die Unterhaltung an! und er, Gott weiß, was ihm im
Kopfe stecken mochte, er hörte gar nicht auf sie, er antwortete, ohne
sie anzusehen, kurz und einsylbig, und ließ sie, da sie ihm anfing
unerträglich zu werden, im Fensterbogen stehen.

Und die Locke? fragte Hulda, wie aus bösem Traume erwachend, und die
Wolkenschleier, die ihren Blick trübten, verschwanden und das Auge
glänzte wieder, wie die Sonne nach schwerem überstandenem Gewitter.

Der Mensch hat nicht daran gedacht, entgegnete Alma: ich sage Dir
ja, die Caroline hat uns da, in aller Geschwindigkeit, eine Komödie
vorgelogen, an der auch nicht ein einziges --

Wieder besser? fragte Alonso zärtlich besorgt und steckte den braunen
Lockenkopf zur Thür herein, und in Hulda’s freundlichem Lächeln lag die
Versicherung ihrer völligen Genesung; sie hatte ihm ungeheuer Unrecht
gethan, und mußte das schon ein Bischen wieder gut machen; sie bot
ihm die zarte weiche Hand, und -- der Mensch ist seiner nicht immer
mächtig -- und drückte seine Rechte zum Dank für seine Theilnahme recht
herzlich; dieser sanfte Druck, so unmerklich er auch seyn mochte,
schlug in das südamerikanische glühende Blut so allmächtig ein,
daß Alonso, überglücklich, Hulda’s Händchen mit leidenschaftlicher
Heftigkeit an seine Lippen zog, und komisch naiv versicherte, daß er
ihrer Unpäßlichkeit noch recht viele kleine Rückfälle wünsche; denn
Krankheiten dieser Symptome machten sie unendlich liebenswürdig. Der
schuldlose Mensch! hätte er nur ihre Krankheit gekannt!

Der Bediente, der jetzt meldete, daß der Wagen vorgefahren sey,
setzte Hulda in unbeschreibliche Verlegenheit. Gustchen, das Alma’s
Erzählung mit angehört, und sich aus dieser Hulda’s plötzliches
Erkranken sattsam erklärt hatte, that, aus neckender Schadenfreude,
der Gepreßten nicht den Gefallen, ihr zum Bleiben zuzureden. Alma aber,
das schlaue Kind, das sich, die beiden Menschen einander gegenüber,
Hulda’s schnelles Uebelbefinden, die Heilkraft ihrer Erzählung, und
Hulda’s Freundlichkeit gegen Alonso, in der eine förmliche Abbitte
für begangenes schweres Unrecht lag, mit mathematischer Gewißheit aus
einandersetzte, sagte zum Bedienten mit einem launigen Seitenblick auf
Hulda: wir sind jetzt wieder besser, der Wagen kann abbestellt werden.
Gott gebe, setzte die Scharfsichtige, als der Bediente abgetreten war,
hinzu, und sah dabei recht drohend aus: Gott gebe, daß wir auf immer
kurirt sind.

Gustchen lachte laut auf, und klatschte vor Freude über Alma’s tiefen
Blick in die Hände; Hulda aber sagte, halb böse: das ist nicht hübsch
von Euch; sie legte das erglühende Gesichtchen auf Alma’s Achsel, denn
sie schämte sich vor den beiden Mädchen, denen die Geschichte der
viertelstündigen Krankheit und Genesung das Geheimniß ihrer unendlichen
Liebe, so wie die Gewalt der Eifersucht über ihr armes Herz, verrathen
hatte.

Mein liebreizendes Mädchen, flisterte ihr Alma, die Purpurwange
streichelnd, heimlich in das Ohr: zieh hin in Frieden, und hüte Dich
vor solchem Krankwerden. Dein Mexikaner ist entsetzlich hübsch, dem
kann kein Mädchen gram seyn; wehrst Du der Eifersucht nicht, so stirbst
Du in den ersten acht Tagen nach der Hochzeit.

Haben Sie Anfälle der Art schon öfter gehabt? fragte Alonso mit
gutmüthiger Besorglichkeit. Alle drei Mädchen mußten ihm in das Gesicht
lachen, und Alma versicherte, daß dieß der guten Hulda zum ersten
Male in ihrem Leben widerfahren sey; dießmal habe sie die arme Kranke
geheilt, hinsichtlich der Zukunft aber hänge es vorzüglich von ihm ab,
ob sich der Anlaß zu öfteren Rückfällen zeigen werde.

Aber Alma, rief Hulda verlegen und unwillig, und eilte, um den
Neckereien der beiden heillosen Mädchen zu entkommen, in den Saal;
Alonso, dem dieß alles Hieroglyphen waren, fragte Gustchen scherzend,
ob er verrathen oder verkauft sey, und diese entgegnete ihm mit
schäkerndem Muthwillen: verrathen +und+ verkauft.

Ein kurzer Trompetenschmetter rief zur langen Tafel. Alonso, dem dieses
europäische Speisesignal fremd war, fragte Alma nach der Bedeutung
desselben, und während ihm diese erklärte, daß der Trompetenschall für
jeden Herrn das Zeichen sey, der Dame, neben der er bei Tafel sitzen
sollte, den Arm zu bieten, und sie in den Speisesaal zu führen, war
Casperchen gekommen, und hatte der erschrockenen Hulda eröffnet, daß
ihm das Glück zu Theil worden sey, für diesen Abend ihr Tischnachbar
zu seyn; Alma, die im Gespräch mit Alonso, davon so wenig, als dieser
selbst bemerkt hatte, ward von einem jungen Herrn abgeholt; Gustchen
flog bereits mit ihrem Bräutigam der Tafel zu, und Alonso, der jetzt
allein im Ballsaale stand, und sich in der süßen Hoffnung, neben Hulda
zu sitzen, nach dieser umsah, bekam vor Unmuth fast eine Ohnmacht, als
Hafen-Capitains unausstehliches Linchen auf ihn zueilte, sich Glück
wünschte, vom umsichtigen Wirth des Hauses, einem so interessanten
Manne, zur Tischnachbarinn bestimmt zu seyn, ihn um seinen Arm bat, und
die Versicherung hinzufügte, daß sie sich über alle Maßen freue, recht
viel von seinem Vaterlande zu hören, daß Neuspanien ihr Lieblingsland,
und es, von ihrer frühesten Jugend an, ihr höchster Wunsch sey, in
jenen herrlichen Gefilden, wo Gold und Silber, wie hier zu Lande die
Feldsteine, umher lägen, das Hüttchen ihres häuslichen Friedens für
immer zu bauen.

Der häßliche Mischmasch mit den Tischplätzen war von Suschen und
Linchen gekartet worden. Caspar hatte, nach Gustchens Anordnung neben
letzterer, und Alonso, wie sich von selbst verstand, neben Hulda sitzen
sollen. Casperchen aber erklärte seiner Schwester, daß, wenn er nicht
neben Hulda zu sitzen komme, er gleich nach Hause fahre, und Linchen
steckte Suschen, der junge Mexikaner habe sich recht bitterlich bei ihr
beklagt, beim Tische ihre Nachbarschaft einzubüßen, und so hatte denn
Maklers Suschen den Wechsel der Plätze eigenmächtig veranstaltet, und
freute sich, dem Bruder der Freundinn und dem armen Capitain geholfen
zu haben; auch Hulda, meinte sie, werde ihr heimlich Dank wissen,
denn was konnte ihr an dem Amerikaner liegen, der in wenigen Tagen,
vielleicht auf ewig, wieder in See stach, statt daß Casperchen sich
mit seinem in London ihm zugeströmten Gelde hier niederließ, und nach
dem, zwischen den beiden Müttern längst verabredeten, der armen Hulda
aber noch nicht bekannten Plane, dieser ehestens seine Hand zu bieten
bestimmt war.

Hulda aß, vor Unmuth über den unwillkommenen Nachbar, an dessen Stelle
sie sich einen ganz andern gedacht hatte, keinen Bissen, und sprach
kein Wort. Casperchen erzählte ihr von London, von seinen Geschäften
und von seinem Gelde, lobte ihre schöne, weiße Haut und ihr Fleisch,
und versicherte recht spaßhafter Weise, daß eine Brittinn, mit der
er eine kleine vorübergehende Liebschaft gehabt habe, ihr ähnlich
sehe, wie eine Schwester der andern, ließ nicht undeutlich fallen,
daß er, des Herumschwärmens müde, nunmehr in den Stand der heiligen
Ehe zu treten, nicht übel Willens sey, daß er, wie er sich recht zart
ausdrückte, glaube, seine Hörner abgelaufen zu haben, und nun eine Frau
suche, die sich in der Welt zu zeigen wisse, ihn seinen Gang gehen
lasse, und dabei so hübsch sey, daß sich alle Leute wundern müßten, wie
er zu der schönen Frau kam.

Hulda hörte von dem unerträglichen Gespräche keine Sylbe; sie sah
links weg; schräg über, weit unten am Ende der fast unabsehbaren
langen Tafel, saß Alonso; er aß und trank, als sollte er von morgen
an, zeitlebens auf der Hungerinsel Kodiak hausen; man sah es ihm an,
er aß und trank nur aus Verdruß. Der zudringlichen Karoline, die
ihn mit tausend Fragen peinigte, antwortete er nur mit Kopfnicken
oder Schütteln, denn sprechen konnte er nicht, weil er beständig
entweder volle Backen, oder das Glas am Munde hatte. So ärgerlich
Hulda auch war, sie mußte doch über ihn lachen; je zärtlicher ihm
Karoline zusetzte, desto größere Bissen steckte er sich in den Mund;
je deutlicher die Ausbrüche ihres Liebesdranges wurden, in desto
längeren Zügen schlürfte er seinen Wein, so daß, als sie alle Register
vergeblich gezogen hatte, und er auf alles nichts, oder höchstens ein
kurzes hm, erwiederte, sie eher neben einem Kannibalen, als neben einem
Neuspanier zu sitzen wähnte.

Jetzt kam -- der Spaßvogel, der Herr Oberkonstabler hatte die witzige
Gesundheit:

    Es lebe, wer gern trinkt und liebt,
    Und seiner Nachbarinn ein Küßchen giebt

ausgebracht, -- die Reihe an Alonso. Linchen machte die Schalkhafte;
sie breitete die Serviette, wie einen Vorhang, zwischen sich und ihm,
und versteckte sich schäkernd dahinter, den Sturm des liebeglühenden
Amerikaners mit Verlangen erwartend. Alonso aber that, als habe er von
der ganzen Gesundheit keine Sylbe gehört, und als Linchen des längern
Harrens müde, den zärtlichen Schelmenblick über den obern Rand ihres
Keuschheitserviettchens warf, saß er ganz ruhig und bearbeitete die
gutgespickte Brust eines feisten Fasans, mit unendlichem Appetite; die
Umsitzenden lachten laut, und Linchen schmollte mit dem mexikanischen
Klotze, wie sie ihn nun nannte, von Grund des Herzens.

Gustchen, das am ganz entgegengesetzten Ende der Tafel saß, und in
der Meinung stand, Alonso und Hulda im traulichsten Gespräch zusammen
zu finden, erstaunte, als sie jetzt an des Bräutigams Arm die Runde
machte, um mit den Gästen ihres Vaters ein freundliches Tischwort zu
wechseln, nicht wenig, Freund Alonso hier neben Hafencapitains Linchen,
und drüben schräg über, Hulda neben Casperchen zu finden. Sie fragte
Alonso heimlich, was ihn bewog, seinen Platz, den sie ihm neben Hulda
bestimmte, zu wechseln; dieser aber, da er hörte, daß ihm sein Recht,
durch die Eigenmächtigkeit eines Dritten, gekürzt wurde, sprang auf,
eilte, mit zornfunkelnder Röthe im ganzen Gesichte, zu Casperchen,
tippte ihm so kräftig auf die Achseln, daß dieser noch acht Tage daran
zu fühlen hatte, und ersuchte ihn, augenblicklich aufzustehen, und
ihm Platz zu machen. Hulda zitterte vor Schreck am ganzen Körper,
Casperchen aber sah sich um, affektirte den Unbefangenen, und that, als
verstände er die sonderbare Zumuthung nicht.

Herr, sagte Alonso, seiner Wuth fast nicht mehr Meister: ich breche
Ihnen hier auf dem Fleck Ihre kranken morschen Knochen in einander,
wenn Sie mir nicht den Augenblick meinen Platz räumen. Zaudern Sie nur
eine Sekunde, so trete ich Ihnen das Lebenslicht mit den Beinen aus.
Er blickte ihm dabei so grimmig in die Augen, und griff ihm in das
mürbe Schulterblatt, auf dem zufällig seine Hand lag, so gräßlich, daß
Casperchen wohl abnahm, wie mit dieser Riesenkraft nicht zu spaßen sey.

Um kein Aufsehen zu machen! entgegnete Casperchen, und die Lippen
flogen ihm, daß er kaum reden, und die Kniee schlotterten ihm, daß
er kaum gehen konnte; und so schlich er, hinter der Tafel, die ihn
fast laut bespöttelte, zur böslicher Weise verlassenen Lina, die das
erbärmliche Surrogat ihres verlornen Mexikaners kaum eines Blickes
würdigte.

Was haben Sie gemacht? fragte Hulda den siegreichen Alonso, mit
verhaltenem Unwillen. Die ganze Gesellschaft sieht mit zweideutigem
Blick auf mich; ich sitze wie am Pranger, und morgen bin ich das
Gespräch aller Zirkel in der ganzen Stadt.

Was ich gemacht habe? erwiederte Alonso, bis zum Muthwillen fröhlich
-- mir mein Recht bewahrt, und das ist jedes Ehrenmannes Pflicht. So
lange ich glaubte, daß der Wirth des Hauses mich da hinüber neben die
Schmachtlampe bestimmt hatte, so lange mußte ich, als Gast, seine
getroffene Einrichtung ehren; sobald aber Gustchen mir sagte, daß mir
Unrecht geschah, sobald mußte der Patron, der mir schon vom ersten
Eintritt in die Gesellschaft, wie Brechpulver war, wieder herausgeben,
was er mir raubte; und hätte es mir, oder ihm, auf der Stelle das
Leben kosten sollen, ich wäre nicht gewichen. Der Seelenverkäufer hat
mir eine Stunde gestohlen, die mir mit dem ganzen Lumpenleben dieses
Lurrendrehers[29] nicht ersetzt werden kann -- und was die Stadt
anbelangt, die lassen Sie sprechen, was sie will; sie soll hoffentlich
noch mehr von uns zu erzählen bekommen; glauben Sie, die meisten
Menschen, selbst in den Zirkeln der höheren Stände, die wir für die
geistreichern halten sollen, wüßten oft gar nichts zu reden, wenn sie
nicht über die Leute sprechen dürften. Die Stadt wird uns ordentlich
verbindlich seyn, wenn wir ihr einmal etwas zu reden geben. -- Hulda,
setzte er ernster werdend hinzu: meine einzige, liebe Hulda, reichen
Sie mir Ihre Hand, ich bringe Ihre Gesundheit aus, und die ganze Stadt
weiß alsdann, woran sie ist. --

Hulda verging fast vor Todesangst, denn er griff schon zum Glase, und
wollte sich vom Stuhle erheben.

Stürmisches Ungethüm, sagte sie, und wollte böse seyn, und konnte
doch nicht auf ihn grollen; aber mit Wort und Blick bat sie auf
das dringendste, sie nicht in diese entsetzliche Verlegenheit zu
setzen. Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt, fügte sie, mit
niedergeschlagenen Augen hinzu, denn sie fühlte, daß das, was sie sagen
wollte, mehr, als ein halbes Jawort war, aber der Dränger -- preßte er
es ihr nicht durch den kecken Vorsatz ab, ihre und seine Gesundheit,
als Braut und Bräutigam, ausbringen zu wollen? Mußte sie, um ihn davon
abzuhalten, nicht zum letzten Mittel greifen? Sie haben vorhin Ihrer
Eltern erwähnt; was würden die meinigen von Ihnen halten müssen, wenn
Sie hier, ohne ihnen ein Wort gegönnt zu haben --

Darf ich kommen? wann? morgen früh? wie viel Uhr? fiel er ihr in die
Rede, und küßte, vor Freude halb unsinnig, ihr die Hand bald wund.

Aber Alonso, sagte flehentlich die vom ganzen Umkreise mit Lorgnetten
und Brillen Beliebäugelte: die ganze Gesellschaft sieht ja auf uns; wir
sind ja nicht allein!

Wollte doch Gott, erwiederte er lachend: wir säßen auf den berüchtigten
Inseln zwischen dem Nordcap Tschalaginskoi und Siberien; die sind von
Rhinoceros- und Elephantenknochen zusammen gefroren; auf denen wohnt
kein Mensch; dort sähe uns Niemand!

Hulda wollte sich dieses paradisische Eldorado verbitten, aber eben
kam Gustchen, und meldete ihr den Wunsch des Vaters, baldigst zu Hause
zu kommen, weil die Mutter wieder recht krank sey. Sie stand daher
eilig auf, bat, vorfahren zu lassen, und hörte, von der unerwarteten
Nachricht erschüttert, nur mit halbem Ohr, Alonso’s Bedauern, daß sie
die Gesellschaft so zeitig verlasse, so wie seine wiederholte Frage,
ob und wann er morgen früh kommen dürfe, und seine kaum gewagte Bitte,
heute Abend noch, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, wenigstens
morgen ihrer Blumen auf dem Balkon zu gedenken. Er begleitete sie
bis zum Wagen, und schien wohl auf einen Gutenachtkuß im Stillen
gerechnet zu haben, aber, vor dem Kutscher und den zwei Bedienten mit
Windlichtern und Fackeln, hatte der Schüchterne doch nicht den Muth,
sich vielleicht einer abschlägigen Weisung auszusetzen.

Was sollte er jetzt noch in der Gesellschaft! er flüchtete in seine
stille Kajüte, und blickte, von Zeit zu Zeit, mit der stillen
Sehnsucht glühender Liebe, nach dem Balkon hinauf, aber es ward tiefe
Mitternacht, und Hulda blieb aus.

Die Kindespflicht fesselte sie an das Bette der leidenden Mutter, die
wieder recht krank gewesen war, jetzt aber ein wenig mehr Ruhe bekam,
und nach einer Weile einschlummerte.

Der Vater winkte dem Mädchen in das Nebenzimmer.

Wie ist es gekommen, fragte Hulda ängstlich, daß Mutterchen so
plötzlich wieder erkrankt ist? sie befand sich heute Mittag so wohl!
hätte ich den Rückfall nur ahnen können, ich hätte ja keinen Fuß aus
dem Hause gesetzt; ich mache mir jetzt ordentlich ein Gewissen daraus!

Wie ist es gekommen, erwiederte der Vater verdrüßlich: Du warst kaum
fort, so ließen sich Maklers melden; ich kann die scheinheiligen
Menschen, die ewig und immer die Gottesfurcht im Munde und die
unmenschlichste Kälte im Herzen haben, nicht leiden, und bat, daß sie
ihnen absagen lasse; aber sie meinte, daß ihr recht wohl sey, daß sie
sich nach Unterhaltung sehne, daß sie die Veranlassung des Besuches
schon wisse, und sie daher nur kommen möchten. Ich ging, weil ich das
frömmelnde Wesen der beiden Menschen nun einmal platterdings nicht
ausstehen kann, auf die Ressource, und kam vor einer Stunde erst
wieder. Da rief mich denn die Mutter an das Bette, und machte mich,
nach einer langen, weit ausgeholten Einleitung über die Nothwendigkeit,
auf Dein zeitliches Glück nun mit Ernst bedacht zu seyn, mit dem ihr,
diesen Nachmittag, eröffneten Antrage der Eltern bekannt, Dich ihrem
Caspar zur Frau zu geben?

Mich? -- dem Caspar? fragte Hulda erbleicht.

Mach’, was Du willst, fuhr der Vater fort: aber ich kann mir nicht
denken, daß ein reines keusches Mädchen, wie Du, meine Hulda, mit dem
ausgemergelten Menschen glücklich seyn kann. Ich habe ihn heute früh
gesehen. Wie die leibhaftige Sünde sieht er aus, und dabei so brutal,
so plump, so ungeschlacht! das soll englisch seyn! der Narr! Die
Britten sind Ehrenleute, die auf feine Manier und Anstand, auf Sitte
und Anspruchlosigkeit eben so streng halten, als wir. -- Mein einziges
Kind diesem entnervten Wüstlinge in die Arme zu legen! -- nein, es wäre
mir nicht möglich. -- Ich entgegnete dieß der Mutter, aber sie bestand
mit ungewohnter Festigkeit darauf; sie lobte die Eltern, als fromme
christliche Leute, den Sohn als gewandten, mit Glücksgütern reich
begabten Kaufmann; und das Suschen, das einfältige Ding, das allen
Menschen nach dem Munde redet, um sich bei allen einzuschmeicheln, als
ein gefügiges liebenswürdiges Wesen, versicherte wiederholentlich, daß
sie für Dich und uns kein größeres Glück kenne, als Dich in diesem
Hause aufgehoben zu wissen, in welchem Religion und Tugend heimisch
wären, und wo in einem Tage mehr und frömmer und andächtiger gebetet
werde, als in der ganzen Stadt in einem Jahre, und bestürmte mich um
meine Einwilligung in die Verbindung.

Ich war bis dahin recht ruhig geblieben, und hatte mich möglichst
zu fassen gesucht; als ich aber aus ihren Reden merkte, daß von
Caspars Eltern, die, wie Du weißt, auf die Mutter von je an, einen
unbegreiflichen Einfluß gehabt haben, diese Parthie schon seit
längerer Zeit abgekartet war, und ich gewahrte, daß sie, ohne meinen
Einwendungen vorhaltende Gründe entgegen zu setzen, auf ihrem Willen
fest beharrte, mochte ich -- es galt ja Dein ganzes Lebensglück, mein
einzig liebes Kind -- mochte ich wohl etwas zu heftig geworden seyn.
Unser Zweisprach ward immer lebhafter, ich vergaß, daß die arme Mutter
krank war, ich platzte mit dem, seit Jahren schon verhaltenem Grolle
gegen das Schleichervolk, die Maklers, aus der Brust heraus, und das
erschütterte dann die Mutter so, daß sie in die heftigsten Krämpfe
verfiel, und ihr Zustand so bedenklich ward, daß ich Dich holen lassen
mußte. Habe ich gefehlt, so mag mir Gott verzeihen, aber sprach ich
nicht für Dich, wer sollte Deiner sich annehmen, und wo ist der Vater,
der bei ruhigem Blute bleiben kann, wenn er sieht, daß sein Kind, sein
einziges Kind, aus bloßem Vorurtheil, aus blinder Geistesbefangenheit,
um das Heil seines ganzen Lebens hienieden gebracht werden soll. Jetzt
geh, meine Tochter, und leg’ Dich nieder, und bete zu Gott, daß er der
Mutter erkaltetes Herz erwärme, damit sie von Dir nicht fordere, was
Deinen Vater in die Grube bringen würde; denn den Menschen an Deiner
Seite als meinen Schwiegersohn, zu sehen, würde ich kein halbes Jahr
überleben.

Seyn Sie auf die Mutter nicht böse, mein Vater, hob Hulda an, und
weinte kindlich fromme Thränen: sie meint es gut mit mir, und glaubt,
mein Glück durch diese Verbindung zu begründen; wenn ich ihr aber
sagen werde, daß ich den Menschen +nie+ lieben +kann+, wird
sie sicher von dem Plane abstehen. Sie ist ja gut und verständig; ich
will schon mit ihr reden, daß meine Worte Eingang finden sollen in ihr
mütterliches Herz.

Thue das, mein Kind, sagte der Vater: und leg Dich nun zur Ruhe, und
bereite Dich zu morgen vor, daß Du gefaßt bist, und ihre Wünsche
zurückweisen kannst, ohne Gefährdung ihrer Gesundheit.

Hulda legte sich wohl nieder, aber schlafen konnte sie nicht; die Augen
fielen ihr vor Müdigkeit zwar hundertmal zu, aber sie schlug sie auch
hundertmal wieder auf, denn bald umklammerte sie Caspar mit seinen
langen dürren Armen, bald sah sie sich von einem Schlangenindianer
an den Gewässern der Columbia verfolgt; bald lustwandelte sie mit
Alonso am Meerbusen von Florida, umduftet von den hier wild wachsenden
Orangen, im Schatten der breitblättrigen Banane und des zierlichen
Bambusbusches; bald sprang das sanftmüthige flüchtige Thier, die
Antelope, an den himmelhohen Basaltwänden des obern Missuri vor ihnen
vorüber; -- bald hörte sie seine sanfte Rede, und sah in das dunkele
Veilchenblau seiner großen Augen und fühlte das Schwellen seiner
frischen Lippen auf ihrem rosigen Munde. Bald schwebte sie, umschlungen
von seinem kräftigen Arm, und unter vollstimmiger Begleitung eines
köstlichen Walzers, zum Ballsaal hinaus, über die blauen Berge am
Kanhawa, über die goldgedeckten Tempel der Omegas im Innern von Guyana
hin, bis zu den blumenreichen Küsten des stillen Meeres; -- bald kamen
wieder die Bilder am gestrigen Abendhimmel ihr vor die träumende
Seele, und das lange hohe Kreuz und die drohende Mutter und die dürre
Gestalt des Eskimos auf Labrador. -- Da habe ich ja, sagte sie von der
Stille der Mitternacht umdunkelt, leise zu sich selbst: da habe ich ja
die Deutung jener Himmelsbilder! das Kreuz -- ach es ist so schwarz
und so schwer, und das Gesicht der Mutter so kalt und finster -- und
der entsetzliche Eskimo mit der grausenden Larve -- weg, weg mit den
schrecklichen Bildern -- an ihn will ich denken, der so freundlich
mit mir sprach, dessen Rede mir so wohl klang, dessen Seele so klar
vor mir liegt, wie die Krystallquellen am Fuße der Luftvulkane[30]
bei Turbako; in dessen Armen mir war, als stände ich kühl beschattet
vom silberglänzenden Laubwerk des Riesenbaums.[31] -- Aber, kann ich
denn auch im Traume nicht aus dem verwünschten Amerika heraus, sagte
sie jetzt völlig erwacht, und konnte nun nicht mehr schlafen, und
wiederholte sich, vom Frühroth des ersten Morgengoldes im Bettchen
freundlich begrüßt, alles, was er gesprochen, und hatte vor der
heutigen Unterhaltung mit der Mutter keine Angst mehr, denn er wollte
ja selbst kommen, und mit ihm hielt Casperchen keinen Vergleich aus;
sah die Mutter auf zeitliches Gut, so wog der zwanzigste Theil von
Alonsos Vermögen, den ganzen Caspar auf, und da Alonso erklärt hatte,
daß die Wahl des künftigen Wohnorts lediglich von ihr abhängen solle;
so verstand es sich, daß sie ihrem gestrigen Versprechen eingedenk, die
Mutter nicht verlassen, sondern wenigstens so lange als diese lebe,
hier bleiben werde, und somit war jede Schwierigkeit beseitiget.

Armes, getäuschtes Mädchen!

Beim Frühstück schon, trat die Mutter mit den Absichten hervor,
die ihr Caspars Eltern gestern eröffnet hatten; sie erinnerte Hulda
an deren gegebenes Versprechen, sich nicht außerhalb des Orts zu
verheirathen; hielt der Familie, in deren Kreise sie künftig leben
werde, die gebührende Lobrede, und ließ sich über Caspars wohlgeordnete
Vermögensumstände und seine, im Auslande erworbene Bildung des weiteren
aus; vergaß auch nicht die Schwierigkeit, bei der gegenwärtigen
Heirathscheu der meisten jungen Leute im Orte, eine ähnliche
vortheilhafte Parthie sobald wieder zu finden, in das gehörige Licht
zu setzen, und schloß mit der Bemerkung, daß sie auf dieß alles, von
der gehorsamen und liebenden Tochter, eine, den elterlichen Wünschen
entsprechende Erklärung erwarte.

Hulda bog freundlich lächelnd aus; kam Alonso, der blühend schöne,
frische Mann, dem der liebe Herr Gott die Reinheit des unverdorbensten
Herzens, die Unschuld der zartesten Sitte, und die Gediegenheit der
ehrenfesten Grundsätze auf jeden Zug seines einnehmenden Gesichts
geprägt hatte, und hörte die Mutter von den zehn Millionen Piaster, die
ihm der alte Handelsgerichtsdirector nachrechnen wollte, und erfuhr
sie, daß ihr Hulda nicht aus dem Hause geführt werden, sondern bis
an des Lebens Ende bei ihr bleiben sollte, so war von dem Casperchen
keine Rede mehr; das stand mit mathematischer Gewißheit ihr im Köpfchen
geschrieben; und kommen wollte er ja; er hatte es versprochen, und
dieser wunderhübsche Mund hatte gewiß noch keine Lüge gesagt. Sie
küßte der Mutter die Hand, nahm die ganze Sache als einen leichten
Scherz, indem es bei ihrer Jugend keine Eile habe, meinte, daß es
ihr ordentlich lächerlich sey, jetzt an das Heirathen zu denken, und
betheuerte, daß vor allem erst die geliebte Mutter gesund werden müsse,
und sich dann hierüber ja wohl werde ein Mehreres sprechen lassen.

Damit kam die Schlaue aber nicht los. Die Mutter ward empfindlich und
begriff nicht, wie der besonnenen Hulda, die kein Kind mehr sey, ein
so wichtiger Schritt, als die Verbindung eines Mädchens mit einem
jungen Manne, auf die ganze Lebenszeit wäre, lächerlich seyn könne,
und bat sie, dem sehr wichtigen Gegenstande einen Augenblick ernster
Betrachtung zu schenken. Meine Tage, setzte sie hinzu: sind gezählt,
ich habe auf dieser Welt keinen Wunsch mehr, als Dich glücklich zu
wissen; ich habe zu Gott gebetet, daß er mir in dieser letzten Sorge
hienieden, seinen Beistand nicht versage; er hat mir in den Eltern
des, Dir vom Schicksal Bestimmten, christlich gesinnte Rathgeber
geschenkt, und daß der Himmel unsern Beschluß segnet, beweis’t, daß der
junge Mann, der Deine Hand begehrt, noch ehe ich die Augen schließe,
glücklich und mit dem reichen Erwerbe seines redlichen Fleißes hier
eintrifft, und ich die Freude noch erlebe, Dir den Brautkranz in das
Haar zu flechten, und Deinen Ehrentag mit zu feiern. Ich bin daher fest
überzeugt, daß das Werk, was wir mit frommem Gebet begannen, ein Gott
wohlgefälliges sey, und Dein Glück und Deine Zufriedenheit begründen
werde. Ich sehe also keinen Grund ab, warum Du mit Deiner Erklärung
bis zu dem sehr ungewissen, und wahrscheinlich nie eintretenden
Zeitpunkt meiner Genesung, Anstand nehmen willst, besonders da eine
Menge Eltern hier, welche unbescholtene und mannbare Töchter haben,
den von Dir herbeigeführten Aufschub mit Freuden benutzen, und den
Entschluß des jungen Mannes, Dir seine Hand zu bieten, durch allerhand
Zwischenträgereien schwankend, und ihn, am Ende, Dir selbst abwendig
zu machen suchen würden. Alle diese Umstände bestimmen mich, Deine
Erklärung und, da Du gegen das Haus so wenig als gegen ihn selbst
etwas einwenden kannst, Dein Jawort in dieser Sache +jetzt+ zu
gewärtigen.

Die arme Hulda verlor fast die Fassung. In diesem Augenblicke der
Mutter zu sagen, daß ihr Herz nicht mehr frei sey, war nicht möglich.
Die Mutter kannte ja den nicht, dem es gehörte. -- Sie hatte, als der
Vater zum ersten Male von ihm sprach, und ihn vom Kopfe bis zum Fuß
beschrieb, gesagt: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben
soll; als der Vater vorgestern Abend bei Tische von ihm wieder anfing,
legte sie Messer und Gabel weg; wie dieser äusserte, daß des
jungen Mannes Schiff ihren Namen führe, klagte sie über heftigeres
Uebelseyn; gestern früh erregte der schwarze Krepp, den Tante Sophie,
von Lima aus, im Traume sandte, ihr spöttelndes Gelächter. Sie eiferte
gegen die spanische Sprache; -- alles das zusammen genommen, webte in
dem feinfühlenden Mädchen eine Ahnung, deren Daseyn es sich kaum selbst
recht bewußt war; aber es mußte etwas seyn, was mit ihm, wenn auch,
wie natürlich, in ganz entfernter Beziehung stand, und was der Mutter
an ihm unlieb war; doch sie hatte ihn selbst ja noch nicht gesehen,
ihm konnte, nach Almas Geständniß, kein Mädchen gram seyn; bei seinem
Anblick war bestimmt auch die Mutter gewonnen; er kam gewiß heute,
spätestens morgen, allerspätestens übermorgen. Drei Tage also bat sich
Hulda Bedenkzeit aus, küßte der Mutter beide Hände, und ärgerte sich,
daß sie nicht einmal so viel Gewalt über sich hatte, wenigstens ein
ernsthaftes Gesicht zu machen. Aber der ewig wolkenlose Südhimmel des
paradisischen Climas, in dem ihr Alonso geboren wurde, lag in ihrer
Seele, in ihrem Auge; die heimliche Freude, die Mutter mit einem
zehntausendmal bessern Schwiegersohne zu überraschen, blitzte ihr aus
allen Mienen, und sich zu verstellen, hatte ja das reine Wesen nie
gelernt.

Die drei Tage sind Dir vergönnt, sagte die Mutter nach einigem Besinnen
höchst mißgelaunt; aber ich begreife Dich nicht; Du behandelst den
Schritt, zu dem jedes wohlgesittete Mädchen mit feierlichem Ernst sich
vorbereitet, so leichtsinnig, als wäre es eine Ballangelegenheit; wenn
Du vorliesest, so steht Dir bei irgend einer sentimentalen Stelle
gleich das Wasser in den Augen, und jetzt ist Dir das Lachen näher, als
das Weinen, und wo hier zwanzig Mädchen aus den ersten Familien mit
beiden Händen zugreifen würden, thust Du, als ob Dir die angetragene,
weiß Gott, doch höchst ehrenwerthe Parthie noch nicht gut genug wäre.
Auf was willst Du denn warten? Auf was bildest Du Dir denn ein,
Ansprüche machen zu können. Unsere Umstände sind, wie Du weißt, im
Gegensatz vieler hier weit reicheren Häuser, nicht glänzend; und Dein
Bischen Larve -- mein Kind, es hat schönere Mädchen gegeben, und sie
sind alle verblüht. Also sehe ich nicht ab, auf was Du glaubst groß
pochen zu können, oder -- fragte sie nach einer kurzen Pause, die Worte
scharf und hart betonend, und durchbohrte das Mädchen mit stechendem
Blick: steckt Dir etwas anders im Kopfe?

Nichts, als der gestrige Ball, entgegnete erschrocken das wahrhafte
Kind, das noch nie gelogen, und bückte sich auf die Hand der Mutter
tief nieder, denn das erste Morgenroth der heimlichen Liebe überhauchte
die Lilienwangen der Liebreizenden, mit dem dunkelsten Purpur.

Warum nicht auch Deine Puppen, erwiederte die Mutter mit saurer
Bitterkeit: wahrhaftig, man sollte denken, Du hättest noch gestern
damit gespielt, so kindisch benimmst Du Dich heute. Geh und sammle
Dich; und wenn Du Deinen Ball, und Deine Narrenpossen verschlafen hast,
so komme wieder, daß wir, wie es einem Mädchen Deines Alters ziemt, ein
verständiges Wort weiter über die Sache reden können.

Sie wendete sich in ihrem Bette verdrüßlich nach der Wand zu, und
Hulda, der es nun anfing recht ernsthaft zu Muthe zu werden, flüchtete
zum Vater, der von einem Geschäftsgange eben jetzt zu Hause kam.

Nun Mädchen, rief dieser ihr entgegen: Du siehst ja recht bedeutsam
aus! hat die Mutter mit Dir schon gesprochen?

Ich habe drei Tage Bedenkzeit, entgegnete triumphirend die Tochter, und
sah den Vater, der sie so unaussprechlich liebte, der so herzensgut
war, und von dem jungen Seemanne gestern und vorgestern nichts als
Liebes und Gutes gesprochen hatte, mit einem Blicke an, als fragte
sie sich, ob sie es wagen dürfe, ihm ehrlich und offen zu beichten.
Väterchen, hob sie an, und lehnte die Wange an seine Brust, damit er
ihr zu dem, was sie ihm zu sagen habe, nicht in das Gesicht sehen möge:
liebes Väterchen, mit dem Caspar ist es nichts.

Gut, mein Kind, erwiederte der Alte lächelnd: darüber sind wir, Gott
sey Dank, einverstanden, und die Mutter wird am Ende auch die Idee
aufgeben.

Aber, fuhr sie leiser fort, und senkte die Augenlieder, als schäme sie
sich vor sich selber: aber mit einem andern -- vielleicht -- da ist es
nicht ganz richtig. Sie lag mit dem Ohr dicht an des Vaters Herzen; sie
hörte es schlagen -- das Herz, das es so redlich mit ihr meinte, es
schlug ruhig fort -- der Vater sprach kein Wort, er schien noch Näheres
von ihr zu gewärtigen.

Dir, mein liebes Väterchen, fuhr sie mit verhaltener Stimme fort, und
schlang beide Arme dichter um ihn: muß ich mich vertrauen; noch ist das
heilige Geheimniß über meine Lippen nicht gekommen, noch weiß es, außer
Dir --

Die ganze Stadt, fiel ihr der Vater lachend in das Wort, und küßte
segnend dem einzigen, dem lieblichen Kinde Stirne und Mund, und die
hellen Thränen der süßesten Freude des Menschen, der Elternfreude über
das Glück des geliebten Kindes, zitterten ihm im Auge.

Die ganze Stadt? wiederholte Hulda staunend, und sah dem Vater in das
freundlich naße Auge, und las in diesem ihr Glück und ihre Hoffnungen.

Wo ich bei unsern Bekannten heute früh hinkam, versetzte der Vater:
machte man mir große Gratulationen; die Menschen waren gestern auf
dem Balle gewesen, und hatten von da das Gerücht Deiner Brautschaft
mitgebracht; ich werde neugierig, der Sache näher auf die Spur zu
kommen, steige zu Directors, und höre denn da zu meiner nicht geringen
Verwunderung, daß mein Herr Mexikaner -- o, nun weiß ich wohl, warum
mich der Patron immer bei der Hauptwache abgepaßt hat. Höre, Huldchen,
etwas Schlechtes hast Du Dir nicht ausgesucht, den alten Linsing hat er
zu seinem Brautwerber erkohren, und sich an den Rechten gewendet; der
Mann ist in ihn selber verliebt, wie ein Mädchen. Wenn er nur halb so
brav und gut ist, als der Director ihn schildert, so mag er um Deine
Hand werben, Hulda, und er soll mir willkommen seyn.

Mein Vater, mein einziger lieber englischer Vater! rief Hulda im
Uebermaße ihres Entzückens, und sank ihm, trunken vor Freude und Wonne,
in die Arme.

Sein Vermögen, fuhr der Alte fort, und hob die Brust höher, denn
es that ihm wohl, seine Tochter im Besitz solcher unermeßlichen
Reichthümer zu sehen, -- der alte wackere Linsing hat ihm gesagt, daß,
wenn er sich mit der Sache befassen solle, der junge Mann ihm über
seine Lage reinen Wein einschenken, und seine Angaben ihm möglichst
belegen müsse; die Nachweisung seines Vermögens wird nur glaubhaft,
wenn man sie nach dem Maßstabe berechnet, der nur dort, in jener
Heimath des Reichthums und Ueberflusses denkbar ist. Nach unserm Gelde
angeschlagen, reicht Dir der Ehrenmann mit seiner Hand, ein Besitzthum
von ungefähr funfzehn Millionen[32] Thalern -- ich kann Dir zehn
deutsche Fürsten nennen, die mit diesem mexikanischen Krösus gern
tauschen würden, und von +der+ Seite also betrachtet, ist das
Glück meines Kindes gesichert; er hat zwar geäußert, sich, wenn Du
es durchaus wünschest, hier ansiedeln zu wollen: allein, wenn es ihm
irgend schwer wird, sein Vaterland Preis zu geben -- ich ziehe mit
der Mutter den Augenblick hin; dort, wo der Oelbaum gedeiht, und der
Paradiesfeigenbaum, wo der Weitzen dreißigfältig trägt, die Ananas, wie
bei uns die Heidelbeeren, in den Wäldern überall wild wachsen, und die
Sonnenblume sechsmal größer ist, als hier zu Lande; dort, wo ein ewiger
Frühling blüht, und den dunkelblauen Himmel keine Wolke trübt; wo nur
leichte Morgennebel und des Thaues Perlentropfen die blumenbedeckten
Fluren netzen, und des Meeres Winde die Lüfte kühlen; dort muß ja auch
der Mensch kräftiger aufleben und der Kranke genesen -- Der einzige
Zweifel --

Hulda zog die schönen Augenbrauen zusammen, und harrte mit ängstlichem
Blick auf die Zweifel des Vaters, der recht bedenklich den Kopf wiegte,
und mit der Sprache nicht heraus zu wollen schien.

Der einzige Zweifel ist jetzt daher nur der, ob auch Du, meine Hulda,
in seine und meine Wünsche Dich fügen, ob Du Dich entschließen wirst,
ihm Deine Hand, und Dein Herz --

Mein Väterchen -- unterbrach ihn Hulda verschämt lächelnd: was können
Sie einem angst machen! Dieser einzige Zweifel wird sich wohl heben
lassen. Sprechen Sie ihn nur erst selbst, und sein treues biederes
Herz, sein fröhlicher Sinn, sein offenes trauliches Wesen, seine
anspruchlose Natürlichkeit werden Ihnen gewiß gefallen; auch ist er
-- setzte sie, mit gesenktem Köpfchen schmunzelnd hinzu: nicht ganz
häßlich.

Nun aber sag’ mir Kind, fragte der Vater, das Lächeln mit Mühe
verhaltend: wie hat sich das alles so schnell gemacht? Du bist ja kaum
drei, vier Stunden auf dem Balle gewesen?

Mit der Liebe? entgegnete Hulda, und machte ein recht naives
Professorgesicht dazu: mit der Liebe, ich meine die so recht
eigentliche liebe Liebe, ist es, glaube ich, wie mit der Ewigkeit;
sie hat keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß selbst nicht, wie das
alles kam. Auf dem Balle aber sahen wir uns auch nicht zum ersten
Male; wir kennen uns schon viel länger, und nun erzählte sie, wie er
ihr in der Kirche gegenüber saß, und von dem Zusammentreffen in der
Modehandlung, und von der Unglücksgeschichte mit der Glashändlerinn und
dem Gipsitaliener, und von den Kinderstreichen auf dem Verdecke seines
Dreimasters, und oben im Mars, und von dem verwünschten Sehrohre, und
der schmachtenden Flöte, und von -- Babette platzte zum Zimmer herein,
und meldete den Capitain Don Mantequilla.

Hulda rief fröhlich: das ist er! schlüpfte -- denn wie sie war, im
nachlässigsten Morgenputz, konnte sie sich nicht vor ihm sehen lassen,
-- schlüpfte durch eine Seitenthür und eilte auf ihr Zimmer, um sich
anzukleiden.

Er war gekommen, er hatte Wort gehalten. Er sprach die Eltern um ihre
Hand an.

Wer mahlt des Mädchens Entzücken, wer das süße Beben ihres in Liebe
und Freude erglühenden Busens!

Blumen, Band, Perlen, Häubchen, nichts paßte ihr heute in das Haar;
die Locken liefen nicht, wie sie sollten; beide Händchen flogen ihr
zitternd; sie konnte nicht zu Stande kommen. Das Morgenkleid war zu
einfach, +das+ zu geschmückt, alle Kasten standen offen, alle
Kommodenfächer, alle Schränke, alle Cartons! Sie holte aus allen das
Beßte, und nichts war gut genug; der Spiegel -- sie kam sich bleich,
reizlos, nicht ein Bischen hübsch vor; nein der Spiegel war Schuld
daran, der hing im allerschlechtesten Lichte -- aber der in der
Toilette, den sie nach allen Weltgegenden richtete, gab ihr Bild um
kein Haar besser zurück; am Ende war sie in ein blaßblaues Kleid und in
rothe Schuhe gefahren, und hatte auf den gelben Morgenhut ein grünes
Bouquet gesteckt -- blau, roth, gelb und grün -- i Gott bewahre, rief
sie lachend: lieber gar alle Farben mit einander, daß er denkt, es
komme ein lebendiges Prisma, -- in zwei Minuten hatte sie alles wieder
von sich geworfen, und machte ihre Toilette von Neuem -- lassen wir die
Selige in dem bunten Chaos ihrer Garderobenherrlichkeiten fröhlich
gewähren -- es war ja ohnehin fast das letzte Scheide-Lächeln ihrer
untergehenden Freudensonne; denn ach! nur zu bald trübten sich am
Horizonte ihres Lebens die Wolken, aus denen der Sturm sich gestaltete,
der alle ihre Blumen entblättern, alle ihre Bänder zerreißen, alle ihre
Hoffnungen zertrümmern, ihr ganzes Lebens-Glück auf immer und ewig
vernichten sollte! --

Wahr und ehrlich, kurz und offen hatte Alonso mit dem Vater gesprochen.
Es bedurfte keines weitläufigen Eingangs; Director Linsing hatte beiden
schon die nöthigen Präliminarien eröffnet. Alonso machte seinen Antrag
mit so zarter Bescheidenheit; legte in denselben so viel Feierliches;
sprach von der Unmöglichkeit, ohne Hulda leben zu können, mit so vieler
Rührung; entschuldigte seine, durch den Drang der für den Seemann
vollgiltigen Umstände herbeigeführte Eile, die ihn nöthige, vielleicht
schon in wenigen Tagen die Anker zu lichten, so wahr und einfach, und
gelobte, den Pflichten des Gatten und des Sohnes bis zu seinem Tode
treu zu seyn, mit solch’ frommer Rede, daß der alte Herr sich der
Thränen nicht länger enthalten konnte, den jungen Mann an sein Herz
drückte, und ihm, aus voller Brust und im heiligsten Vertrauen auf
dessen Rechtlichkeit, sein einziges Kind, das Liebste dieser Welt, in
die neue mitzugeben unbedenklich versprach.

Auf Alonso’s Wunsch, der Mutter jetzt vorgestellt zu werden, erwiederte
indessen der Vater, daß er sie, ihrer Kränklichkeit halber, erst dazu
ein wenig vorbereiten müsse; er bäte daher, ihn morgen wieder mit
seinem Besuche zu beehren, wo er ihn bei ihr einführen wolle; zugleich
ersuchte er ihn, nicht gleich das erste Mal, des eigentlichen Zwecks
seines Besuches zu erwähnen, sondern unter dem Vorwand zu kommen, daß
er hörte, sie habe eine Schwester in Lima, und er wolle sich daher
erkundigen, ob sie dahin ihm etwa Aufträge mitgeben wolle.

Auch Hulda darf ich nicht sehen? fragte Alonso mit kindlicher
Befangenheit, und versicherte, daß ihm die Zeit von gestern Abend bis
jetzt eine halbe Ewigkeit gedauert habe; da ließ denn der Vater das
Mädchen holen, und es kam im einfachsten Hauskleide, bloß, dem neuen
Vaterlande zu Ehren, eine prächtige, blühende Datura[33] am Busen, und
drei von Tante Sophie zum Geschenk erhaltene Schnüre californischer
Perlen um den Hals. Aber schön war Hulda zum Entzücken; die Liebe hatte
ihre Wangen geröthet, die Freude lachte ihr im ganzen Gesichtchen, und
das bräutliche Schmachten der keuschesten Jungfräulichkeit schwamm in
dem Feuerblick ihres großen himmlischen Auges. Mit frommer Weihe legte
der Alte das unberührte Kleinod seines Vaterherzens an die Brust des
schönen jungen Mannes aus der neuen Welt, den der Zufall zweitausend
Meilen weit hergeführt hatte, um zu den Füßen eines der reizendsten
Mädchen unsers alten ehrlichen Welttheils, das zarte Geständniß
abzulegen, daß das eigentliche wahre Glück des Menschen nur in den
Armen einer liebenden Gattinn heimisch sey, die unsere Freuden und
Leiden redlich theile, und durch ihre Reize, wie durch ihre Tugenden,
unsere Tage verschönere.

Braut Hulda hob den Entzückten an ihre treue Brust, und wie die
bekannte wunderschöne Gruppe von Amor und Psyche, so lieblich in
einander verschlungen, stand das Paar, Auge in Auge, Mund an Mund,
und feierte die seligste Minute glücklich Liebender, die Minute des
Verlobung-Kusses.

Alonso zog sich einen prächtigen Smaragdring vom Finger, überreichte
ihn der überraschten Hulda, und sagte: aus +Deinen+ Brüchen an der
Küste von Manta[34] nimm dieß als Morgengabe von mir gütig an, doch
mein ganzes Hab’ ist ja Dein. Den leisesten Deiner Wünsche -- vertrau’
ihn mir, meine einzige, meine himmlische Hulda, und ich werde kein
größeres Glück kennen, als ihn Dir zu erfüllen. Ich könnte zehnmal
reicher seyn, als ich es bin; allein ich achtete des eiteln Geldes
nicht, weil ich tausendmal mehr hatte, als ich brauchte; jetzt Dir die
Welt zum Paradies zu schaffen, ist mein Streben; nun will ich erst mit
Freuden mich in die Geschäfte werfen; ich habe einen Zweck, das Lächeln
Deiner Huld! Des Meeres Wogen, der Winde Hauch, des Nordens Eis und
Schnee, der Sonne Gluth in unserm Süden, kurz, alle Elemente will ich
mir zinsbar machen, und meines Vaterlandes Kern ist rein gediegenes
Gold; heraus aus meiner Erde tiefen Schachten sollen, meine Hulda,
Dir, mein Fleiß und meine Kunst das mächtige Metall im Ueberflusse
fördern! Vor Dir will ich die Früchte meines Fleißes, die Schätze,
die des Handels Treiben mir zusammen häufet, niederlegen, und Deiner
Lippen süßer Kuß, ein Blick aus Deinem Augenpaar, und das Geständniß
Deines Rosenmundes, daß Dich es nicht gereut, Dein Herz und Deine Hand
mir fremdem Mann vertraut zu haben, -- dieß, Hulda, dieß soll mehr mir
seyn, als all das kalte Gold, das im ersten beßten Brennspiegel sich zu
+nichts+ verflüchtiget, das immer irdisch bleibt, und droben gar
nichts gilt.

Ehe sich Alonso verabschiedete, lud er den Vater und Hulda ein, sich es
bei ihm heute Abend, am Bord seiner Antoinette gefallen zu lassen.

Der Vater sah die Tochter, die Tochter den Vater an. Beiden war es um
die Mutter zu thun; sah man das Mädchen mit dem Vater am Bord des
mexikanischen Dreimasters, so war Huldas Verbindung mit Alonso, von dem
zur Zeit die Mutter noch kein Wort wußte, in den Augen der ganzen Stadt
keinem Zweifel mehr unterworfen, und daß dieß gegen die Mutter nicht
gerechtfertigt werden konnte, fühlten beide, indessen Hulda richtete
den bittenden Blick, daß er zusagen möge, zu freundlich auf den Vater,
und diesem that die kleine Eitelkeit, den Leuten möglichst bald kund
zu thun, daß der mexikanische Capitain Mantequilla mit dem Dutzend
dreimastigen Schiffen auf der See, und den Silbergruben in Loretto, den
Goldbergwerken in Oaxaca, den Zuckerplantagen unfern Vera-Crux und den
15 Millionen Thalern, und den andern unzähligen Herrlichkeiten, der
Herr Schwiegersohn des Herrn Admiralitätraths Splügen sey, zu wohl,
auch hatte der lebensfrohe Alte einen vergnügten Abend zu lieb, als daß
er abschlagen konnte.

Alonso eilte fröhlich von dannen, und der Vater und Hulda überboten
sich einander in dem Lobe des Liebenswürdigen; -- doch die Mutter, die
Mutter fiel beiden nur zu bald ein, aber sie wichen von einander in den
Ansichten ab, wie ihr die Sache, die den Plänen mit Casperchen so ganz
entgegen war, am beßten beizubringen sey.

Hulda, welche in ihrem süßen Liebeswahn die Ueberzeugung hatte, daß
Alonso’s persönliche Anmuth die Mutter am meisten bestimmen würde,
den werthlosen Caspar fallen zu lassen, war der Meinung, daß es
das Gerathenste gewesen wäre, den Capitain gleich jetzt der Mutter
vorzustellen, sie jedoch später erst, wenn sie den liebenswerthen
Mann hätte selbst näher kennen gelernt, von seinen Heirathanträgen
zu unterrichten; der Vater hingegen, der, wie alle fröhliche Leute,
jede Unannehmlichkeit gern so weit als möglich hinaus schob, der im
Voraus sah, daß die Erscheinung des jungen Mannes, welcher der Mutter
längst entworfenen Pläne mit einem Male vernichten sollte, sehr harte
Auftritte herbeiführen würde, und, nach seiner Ansicht sehr richtig
berechnete, daß, wenn er mit Hulda diesen Nachmittag den Capitain am
Bord besuchte, und sich dadurch das Gerücht von dessen Verbindung
mit seiner Tochter gehörig in der Stadt verbreitet habe, die Mutter
dann, um der Ehre ihres Kindes willen, diesen einmal geschehenen
öffentlichen Schritt nicht zurück nehmen könnte, behauptete, daß es
viel besser sey, wenn er ihr heute den Mexikaner vorläufig auf morgen
anmelde, daß man, bei der Reizbarkeit ihres Charakters überhaupt alles
sogenannte, mit der Thüre in das Haus fallen, vermeiden müsse, und daß
daher alles viel besser gehen werde, wenn es nicht zu übertrieben rasch
gehe, weil, wie auch Hulda selbst wisse, der Mutter, im Allgemeinen,
jeder Schein von Uebereilung, besonders in einer so delikaten
Angelegenheit, verhaßt sey.

Hulda äußerte, auch wieder sehr richtig, die Besorgniß, daß Caspars
Eltern, die von ihrem bekannt gewordenen Verhältniß zu Alonso eben
so genau unterrichtet wären, als alle andere Leute auf dem gestrigen
Balle, es gewiß an nichts fehlen lassen würden, um die Mutter davon
in Kenntniß zu setzen; dadurch aber würde Alonso’s Spiel unendlich
erschwert werden, denn, daß ihn diese schleichende Kopfhänger-Familie
dabei in das allernachtheiligste Licht setzen werde, sey im Voraus
anzunehmen; doch der Vater beschwichtigte ihre Furcht durch die
Versicherung, dem vorzubauen. Er gab zu dem Ende allen Domestiken im
Hause, unter dem Vorwande, daß seine Frau, ihrer Gesundheit wegen,
aller lästigen Besuche heute überhoben seyn wolle, den Befehl,
Niemand, ohne Unterschied, zu ihr zu lassen, und um ihr, wenn sie es
etwa klingeln hörte, keinen Anlaß zu geben, zu fragen, wer da war, so
umwickelte er den Klöppel der Hausglocke eigenhändig mit Papier und
Leinwand.

So glaubte er, in jeder Hinsicht seine Sache ganz vortrefflich gemacht
zu haben, und lächelte bei sich selbst über die Heimlichkeit, zu der er
sich, wie er es entschuldigte, durch den Drang der Umstände bequemen
müsse.

Dem Zartfühlenden regte sich wohl etwas in der Brust, was ihm sagte,
daß nicht recht sey, was er thue, daß alle Heimlichkeiten zwischen
Eheleuten nichts taugen, und daß aber -- beruhigte er sein Gewissen:
hat es nicht Antoinette an Dich gebracht? warum besteht sie auf Hulda’s
Verbindung mit dem unerträglichen Caspar, als läge alles Heil der
Erden in diesem widrigen Menschen? Warum hört sie auf das Zuflistern
gehaltloser Frömmelei mehr, als auf das Wort der Vernunft und des
Herzens? Warum gibt sie gleich Krämpfe und Schwindel und Anwandelung
von Ohnmachten vor, wenn irgend ein Gegenstand im Gespräch berührt
wird, von dem sie nicht sprechen will? Mit den Waffen, mit denen
sie, aus blinder Vorliebe für eine einmal eingewurzelte Marotte, auf
das Glück ihres eigenen Kindes los geht, als wollte und müßte sie es
vernichten, wollen wir ihre Batterie demontiren. Maklers müssen außer
Einfluß gesetzt, das heißt, entfernt gehalten werden; heute sind wir
auf dem Dreimaster unten im Hafen noch recht lustig, und morgen stelle
ich meine Heeresmasse in Schlachtordnung; die Mutter wird totaliter
aus dem Felde geschlagen, und über’s Jahr, wenn wir das Kind in seinem
Mexiko besuchen, und dieses uns einen bausbäckigen Enkel entgegen
bringt, und unser europäisches genügsames Auge fast erblindet, vor dem
Glanz des Ueberflusses und des Glücks, in dem Hulda dort schwelgt,
und ihr Mund freudig bekennet, daß sie, an Alonso’s Seite, die
neidenswertheste Frau in allen fünf Welttheilen sey, da, da -- soll
die Mutter mir danken, daß ich ihrem kleinen Eigensinne nicht fröhnte,
sondern dem herz- und marklosen Casperchen die Thür wies, und --

Die gedämpfte Klingel klapperte draußen; der Admiralitätrath hielt
lauschend mitten in seinem Monologe inne.

Es war richtig Casperchen. Die Frau Räthinn schlafe, hieß es, und
der Ehelustige zog ab. Später kam Suschen; dann der Herr Makler; den
Beschluß machte dessen liebwertheste Hälfte.

Dasselbe Manöuvre begann auch nach dem Essen; alle viere kamen einzeln
und alle viere wurden abgewiesen.

Schlafen, schlafen, und immer schlafen, hatte die Maklerinn, vor
innerer Bosheit kochend, mit freundlichem Lächeln zu Babette gesagt:
sie haben der Frau am Ende ein Ruhepülverchen gegeben, aber, und wenn
sie Mithridat genossen, ich muß sie aufwecken, aufrütteln muß ich sie,
da es noch Zeit ist; ich komme wieder, mein Lämmchen, und zum dritten
Male laß ich mich nicht abweisen.

Meine Frau will allein seyn, entgegnete der Admiralitätrath der
berichtenden Babette: verstehst Du, sie +will+ heute Niemand
sprechen; darnach wird sich gerichtet.

Mit diesen Worten ging er, Hulda am Arme, in den Hafen. Der Mutter
hatte er gesagt, sie wollten nur einen kleinen Spaziergang machen,
weil der Nachmittag gar zu schön sey.

Schon lange lag Alonso’s große Barkasse nebst der Travalje und
der Kapitains-Schaluppe am Lande; alle drei Fahrzeuge hatten sich
unterdessen allmählig mit den eingeladenen Gästen aus der Stadt
gefüllt, und sobald jetzt Hulda und der Admiralitätrath an den Bord
der Barkasse gekommen waren, und sich die drei Fahrzeuge, nach der
Antoinette zu, in Bewegung setzten, gab der mexikanische stolze
Dreimaster eine Kanonensalve, daß alle Fenster in der Stadt klirrten;
-- und sämmtliche, im Hafen liegende Schiffe begrüßten die Ankommenden
mit dem Donner ihres Geschützes, denn auf alle Fahrzeuge klein und groß
im ganzen Hafen, hatte der überglückliche Alonso, Speise und Trank in
Ueberfluß vertheilt, so daß die Matrosen, ohne Ausnahme, des süßen
Weines voll waren und die neue Capitainfrau immer drauf los leben
ließen, noch ehe sie dieselbe gesehen hatten; alle Capitaine aber, so
viel ihrer im Hafen vor Anker lagen, hatte Alonso auf seinem Schiffe,
heute Mittag schon, stattlich bewirthet, und hielt sie noch um sich
versammelt, so daß die Herren lustig und guter Dinge waren, und der
heranschwimmenden jungen, himmelschönen Frau Kolleginn zur See, die
gebührende Ehre, von den, unter ihren Befehlen stehenden Schiffen aus,
geziemend erweisen zu lassen, sich nicht versagen mochten. Und Alonso’s
scharf gebautes Prachtschiff, und die Fahrzeuge aller Nationen im
Hafen, strichen vor der liebreizenden Königinn des Tages, Flaggen und
Segel, und von den buntbewimpelten Masten und im hohen Tauwerk aller
Schiffe, erscholl aus dem Munde des Schiffvolks aller Welttheile, ein
tausendstimmiges Hurrah, Hurrah, Hurrah! und in dieß alles schmetterte
und wirbelte das, aus der Stadt geholte große Musikchor auf der
Antoinette, mit Trompeten und Pauken, daß kein Mensch sein eigenes Wort
zu hören im Stande war. Alonso selbst, in der herrlichen Uniform der
spanischen Marine, stand, kräftig und schön, wie ein junger Gott, auf
der Steuerbordseite der Antoinette, und kommandirte ~Listo, Saltad
a la banda!~[35] und ein Theil seiner Neger, die alle sich in das
beßte Zeug geworfen hatten, und recht stattlich aussahen, stellten sich
eilends an beiden Seiten der Fallreepstreppe, von oben nach unten,
in Parade; und das Fallreep[36] selbst war oben am Schiffe, an einem
metallenen Köcher mit Kupidos goldenen Pfeilen befestiget, und mit
purpurrothem Tuche überzogen, und von Knopf zu Knopf[37] hingen leichte
Gewinde von brennender Liebe, deren Deutung Hulda, bei der Erinnerung
ihrer ersten Bekanntschaft mit Alonso im Putzladen, nicht schwer ward.

Die allgemeine Huldigung, mit der die Bescheidene, vor den Augen der,
am Ufer, in dichten Massen zusammengedrängten Neugierigen, vom ganzen
Hafen bewillkommt wurde, hatte Hulda sonderbar bewegt; es traten ihr,
als sie den Fuß auf die unterste Stufe der Fallreepstreppe setzte, und
mit diesem gleichsam den ersten Schritt in ihr nunmehriges Vaterland,
in die neue Welt that, Thränen in’s fröhlich lachende Auge. Alonso
umschlang öffentlich, vor Hafen und Stadt, im Angesichte seines Meeres
und ihrer Erde, die liebreizende Braut, und seine Neger, über funfzig
an der Zahl, riefen dreimal Hurrah, und warfen sich ihrer milden
Gebieterinn zu Füßen. Der Pilot,[38] der Primero Contramaestro[39]
und der Guardian[40] aber, näherten sich der neuen Herrinn, und
überreichten ihr, nach ächt altmexikanischer Sitte,[41] einen Strauß
von frischen Blumen; der Pilot, ein kräftig schöner, schwarzer
Mann, redete die Gefeierte spanisch an, prieß Don Alonso, als ihren
gütigen Herrn, und wünschte sich und all den tausend Sclaven in der
fernen Heimath Glück, daß der Kapitain ihnen eine Mutter zuführe,
deren Tugenden Don Alonso’s Auswahl verbürge. Du bist, setzte er im
Ueberwallen seines Gefühls, und im Glauben seiner Väter, hinzu: Du
bist herrlich, wie die Sonne, und freundlich, wie der Mond, und wer
den milden Sternen Deiner Augen folgt, wird den Pfad zum Himmel nicht
verfehlen. Sey, Du blendend weißer Engel, uns und unsern Kindern unsere
Sonne, unser Mond; Tonatiuh[42] hat Dich geschmückt mit ihrem Roth,
und Meztli Dich mit seinem Glanze; Du bist so schön, als wärest Du das
Kind von beiden; wir werden göttlich Dich verehren, denn nur in Deiner
zarten Hand liegt unser Glück. Sey immer gütig uns. Die Sonne zürnt
ja nie, und nie der Mond, und schwebst Du einstens spät hinüber, wo
keine Stürme heulen, und keine Donner brausen, so soll der Weg nach
Deinem Hügel unserer Enkel Alameda[43] seyn; sie werden räuchern Dir
das stille Blumen-Grab mit Cobans beßtem Weihrauch und mit Ambra von
Masaya, und Dir die Gruft umpflanzen mit Pomeranzen und Limonen, und
mit Cypressen und mit des ewigen Friedens schattenreichen Palmen. Da
sollst Du schlummern kühl, denn, unserer Enkel Thränen um die verlorne
Mutter, werden netzen jene Bäume, daß sie gedeihen, und noch in
fernster Zeit, wie feste Denksäulen des Dankes, hoch hinaus ragen in
unsers Himmels schöne Luft.

Hulda reichte dem Sprecher, dem die hellen Zähren über die schwarzen
Backen rollten, die weiße Hand, und beantwortete seine herzliche Rede,
in recht geläufigem Spanisch.

Der alte Admiralitätrath dachte, es wäre Pfingsten, so hatte sich der
Geist des Herrn über sein gelehriges Töchterlein ergossen. Es war aber
der heilige Geist der Liebe, der das holde Mädchen, das im Spanischen
früher wohl hinlänglichen Unterricht, aber wenige Uebung gehabt hatte,
jetzt ohne Anstoß und Furcht in fremder Zunge reden ließ, daß die
ganze Mannschaft der Antoinette darob laut entzückt war.

Der blendend weiße Engel, das himmlische Kind der Sonne und des
Mondes, versprach ihnen, ihr und der Ihrigen Schutzgeist zu seyn;
ihre Frauen und ihre Kinder begrüßte sie in der Ferne, als ihre
Pfleglinge; ihr Wohlstand solle das Ziel ihrer Wünsche werden, und im
Zauberergusse ihres glühenden Gefühls, gelobte sie ihnen und allen
ihren Familien, mit dem Beistande ihres Gottes, und von Don Alonso’s
menschenfreundlicher Güte unterstützt, ihr zeitliches Glück nach
Kräften begründen zu wollen.

Sämmtliche Neger drängten sich, von den Reizen des schneezarten
Seraphs, und dessen einfacher Rede tief ergriffen, um sie herum, und
küßten ihr den Saum ihres Gewandes, und schworen ihr unaufgefordert
Liebe, Treue und Gehorsam. Alonso aber, hingerissen von dem Entzücken
seiner ehrlichen Neger, und bezaubert von der, in ihrer Art einzigen
Gruppe der schwarzen Figuren, um seine schlanke Lilie, schenkte
mit feierlichen Worten, zum ewigen Andenken des heutigen Festes,
den Sclaven ihre Freiheit, und Hulda mischte in den Jubel der
Freigelassenen, ihren herzlichen Dank, und betheuerte dem edlen
Menschen, daß er ihr kein erfreulicheres Brautgeschenk hätte ersinnen
können.

Jetzt ging es zur Tafel, und was beide Welten, und das Meer und
die Erde dem leckern Gaum zu bieten nur vermochten, das war mit
verschwenderischer Pracht hier aufgetischt. So gegessen und getrunken
war in der ehrsamen Hafenstadt, seit der Legung ihres ersten
Grundsteins, nicht geworden, und alle Gäste versicherten einstimmig,
daß Capitain Mantequilla der vortrefflichste Mensch unter der Sonne
sey. Die Seeluft macht durstig; wenigstens leerte man alle Flaschen
des köstlichen Weins, so daß viele Gäste, die rank[44] worden waren
und übervolle Ladung hatten, das Wasser des ganzen Binnenhafens, für
lauter Champagner ansahen, andere den großen Mastbaum, als ihren
dicksten Freund, inbrünstiglich umarmten, und andere wieder, in der
Weinrührung, so windelweich wurden, daß sie in das Besahnsegel,
heimlicher Weise Thränen der zärtlichsten Freundschaft weinten. Alonso
hatte den Nachtisch mit lauter amerikanischen Früchten besetzen lassen;
Aepfel von Gili, von der Größe eines Menschenkopfs; sechszehnlöthige
Pfirsichen von Valparayso und Mendoza; zwölfpfündige Weintrauben von
Talca, Vanille von Paraguay, Pisangäpfel, Pomeranzen und Limonen, und
zwanzig andere saftreiche und kühlende Obstarten; jetzt aber zu guter
Letzt, credenzte er den feurigsten Liqueurwein seines Vaterlandes, den
kostbaren Rebensaft von Passo del Norte.[45] +Der+ brachte mit
seinem dunkelflüssigen Golde alle gute Geister in Aufruhr, und Alles
erklärte, mit tausend Freuden dahin zu gehen, wo dieses Götterblut
flösse. Alonso stand, vom rauschenden Gewühl der Gäste entfernt, mit
Hulda vorn am Bratspill, hielt die Glückliche im Arme, und fragte
scherzend: ob er die Anker lichten, und mit der ganzen Gesellschaft,
wie sie hier wäre, in die neue Welt segeln solle?

Ich bin wohl bereit, entgegnete Hulda mit bräutlicher Liebe, und
schmiegte sich dichter an den Mann, der sie zweitausend Meilen weit,
über das Meer führen wollte, und an dem sie sich fest halten sollte in
allen Stürmen des Lebens: die alle hier aber mag ich nicht mitnehmen.
Mit Dir allein, Alonso, will ich seyn; an Deiner Seite bedarf ich
keines Menschen. Dir will ich folgen, wohin Du willst. Auf Deinem
Eigenthume, hier auf Deinem Schiffe, auf dem Dein kühner Arm mich durch
des Meeres wilde Wogen, und durch der Winde grausende Gewalt hinüber
führen will, in Deines Vaterlandes weite Ferne, hier laß mich Liebe
Dir, und Treue schwören. Dein menschlich fühlend Herz, gab Deinen
armen Negern das höchste Gut, die Freiheit. Mir kann es Höheres nicht
geben, als sich selbst. Schwöre mir Alonso Deine Liebe, und auf Dein
Herz will ich meine Rechte legen, und Gott der Herr soll meinen Eid der
Treue hören. Ihr glaubig frommer Blick flog auf zu dem, den sie zum
Zeugen ihres Schwures gefordert hatte, da schwebte am Wolkenhimmel --
auf derselben Stelle -- sie schrak zurück, und barg das geisterbleiche
Antlitz an Don Alonso’s Brust.

Was ist Dir, Hulda? fragte dieser erstaunt; sie aber schauerte kalt in
einander, und wieß, ohne aufzusehen, nach dem Abendroth, und fragte:
siehst Du nichts?

Dort, erwiederte Alonso lächelnd: die Gottheit meiner Schwarzen,
schließt dort ihr müdes Auge, und zieht sich vor ihr Lager den
Wolkenvorhang lauschig zu; mit Gold hat sie die Zipfel all gesäumt; sie
macht das stets recht zierlich; und rechts am Bette steht ein Baum, ein
blühend schöner Bananas.

Ein Baum? fuhr Hulda ängstlich auf! Ein Kreuz, Alonso, ist’s. Ein
hohes, langes Kreuz -- und dicht daneben liegt -- mein Heiland und mein
Gott -- am Stamme des Kreuzes betet meine Mutter --

Aber liebholdes Wesen, entgegnete beruhigend Alonso: was regt Dich so
allmächtig auf! Ein Kreuz? -- nun ja, wenn Du ein Bischen davon, und
ein Bischen dazu thust, und überall mit Deiner Phantasie nachhelfen
willst, verwandelt sich am Ende mein Paradiesfeigenbaum[46] in Dein
Kreuz, und -- die Wolke da unten -- hm -- ja -- eine weibliche Figur
ist es -- aber, was bringst Du Deine gute Mutter in dieses Nebelspiel,
und wie, ich bitte Dich, wie kann ein bischen Wasserdunst solch
Gaukelwerk erhitzter Phantasie Dir gleich zusammen treiben? der Passo
del Norte hat Dich nicht etwa, setzte er in süßer Liebeständelei hinzu,
und tippte auf Hulda’s Stirn: mein trautes Kind, berückt?

O scherze nicht, Alonso, entgegnete Hulda erschüttert, und bat, sie und
den Vater bald zu entlassen, weil sie zur Mutter müsse.

Du kömmst mir nicht vom Bord, erwiederte Alonso, und umfaßte Hulda mit
inniger Liebe: ich bin fest segelklar[47] und warte nur auf guten Wind.
Beim ersten Lüftchen setze ich meine Segel bei, und steche frisch und
wohlgemuth, mit meinem Bräutchen, in die hohe See.

Alonso, doch nicht ohne meiner Mutter Segen? fragte Hulda ernst: und
doch nicht ohne des Dieners Christi fromme Weihe?

Das wird mir alles viel zu lang, entgegnete Alonso mit heißer Ungeduld.
Die Mutter -- ja; die werd’ ich morgen sprechen; sie soll uns segnen,
Hulda. Was aber das Copuliren hier betrifft -- ich bitte Dich, eh’ sich
das alles ordnet, der Trauschein meiner Eltern, das Zeugniß meiner
Taufe -- das alles muß herbei, ehe wir das Aufgebot verlangen können.
-- So lange kann und darf ich hier nicht warten. Viel besser ist’s,
Du gehst als Braut zu mir an Bord. Auch mitten auf der See ist unser
Gott bei uns. Wirf Deine Anker in mein Herz, sie greifen da in festen
Grund. Als Braut, vertraue mir, als unberührte Braut führt Dich Alonso
heim. Es liegt für mich ein namenloser Zauber in dem Gedanken! Gewähre
mir, zum Zeichen Deines Glaubens an meine Ehrfurcht vor Deiner Tugend,
diesen Wunsch. Sechs Monden sind es nur, dann steigt die Jungfrau an
das Land der neuen Welt, und sinkt in Mexiko, vor Gottes Hochaltar in
unsrer goldgeschmückten Kathedrale, als junge Frau an meine Brust, zu
lohnen mir die uns selbst aufgelegte süße Pein der schmerzlichsten
Entsagung, durch ihrer Liebe Vollgenuß.

Gib den Gedanken auf, versetzte bittend Hulda: ich traue Dir und mir,
denn keuscher Liebe ist die schwerste Prüfung leicht; die Eltern
aber würden darein sich nimmer fügen; doch morgen früh darüber mehr!
Vielleicht läßt sich das alles leichter machen, als Du denkst, das
liebe Gold ist ja der beßte Hebel aller Hindernisse, und auch die gute
Kirche läßt das Dispensiren sich bezahlen. Jetzt lebe wohl, Alonso,
gute Nacht, und süße Träume!

Ein langer, langer Abschiedkuß, und Hulda fuhr mit ihrem Vater an das
Land zurück. Trompeten schmetterten ihr nach, und wilde Paukenwirbel;
und Hurrah schrie das Schiffsvolk aller Decke, und des Kanonendonners
furchtbares Krachen verkündete dem Hafen und der Stadt, daß jetzt des
Mexikaners schöne Braut nach Hause fahre. Alonso wehte ihr mit weißem
Tuche, so lang sein Blick sie noch erreichen konnte, den Wunsch der
guten Nacht noch nach, und alle seine Gäste, die Becher in der Hand,
schrien Vivat, Vivat hoch, und blieben bis zur späten Mitternacht, und
tollten auf des Bräutigams Schiffe, als wäre morgen Hochzeit, und heute
Polterabend.

Alonso nahm, sobald Hulda ihn verlassen hatte, an dem Tanz und dem
rasenden Lärmen der fast überlustigen Gäste keinen unmittelbaren
Antheil; er blieb zwar der Rolle des gastlichen Wirths, mit der
artigsten Aufmerksamkeit, treu; aber, wo er konnte entfernte er sich,
und wenn er allein war, und ungesehen, so stellte er sich hin, und
schaute durch die Dunkelheit der Nacht hinauf nach dem bewußten Balkon.

Endlich erschien etwas Weißes da oben, und kaum gewahrten dieß einige,
die ihn belauscht hatten, als der Spektakel von neuem begann, und die
ganze Gesellschaft der weißen Erscheinung mit Trompeten und Pauken, und
dem Hurrah der Neger, ein Vivat ausbrachte, daß es drüben an den Mauern
der schlummernden Stadt widerhallte.

In dem Augenblicke zündeten die Mexikaner, und hundert Matrosen anderer
Schiffe, die sie sich zur Hülfe geholt hatten, mehrere tausend Laternen
an, die an den Seiten des Schiffes, am Tauwerk, und an den Mastbäumen,
bis zum Mars hinauf, in zierlicher Ordnung hingen, und einen
unbeschreiblich schönen Anblick gewährten. Oben auf dem Topp des großen
und des Fockmastes, waren Sonne und Mond in herrlichen Transparents
zu sehen, und die unzähligen Lichter auf dem kaum merkbar hin und her
schwankenden Schiffe, die sich in dem schillernden Wasser rings um,
hundertmal wiederspiegelten, stellten den ganzen hochbeleuchteten
Dreimaster in einen zauberisch schönen Feuerkreis.

Alonso freute sich, daß diese feenartige Ueberraschung, die er Hulda
zu Ehren veranstaltet hatte, nicht von ihr unbemerkt geblieben war;
sie hatte ihm, von der Höhe ihres Balkons herab, einen herzlichen
Kuß zugeworfen, und er schwamm nun in einem Meere von Fröhlichkeit.
Er gab noch heraus, was Butlerei[48] und Kambüse[49] vermochten, und
man schwärmte bis zum hellen Morgen, wo die armen, diese Nacht oft
gestörten gelbgefiederten Schreihälse auf dem benachbarten canarischen
Schiffe, den Tag verkündeten, und man die gastliche Antoinette verließ.

Doch einen Augenblick noch auf Hulda zurück. Als sie mit dem Vater zu
Hause kam, empfing sie die Mutter mit verweinten Augen.

Ihr habt Euch auf Eurem Spaziergange ja recht lange verweilt, sagte sie
kalt, und durchbohrte Hulda mit einem pfeilscharfen Blicke.

Wir sind in Gesellschaft gewesen, entgegnete Hulda offen, und morgen
früh wird --

Erspare Deine Bekenntnisse, fiel sie dem Mädchen, das ihr jetzt das
Geständniß seiner glücklichen Liebe ablegen wollte, bitter in das Wort.
-- Deine zärtliche -- fuhr sie zum Manne fort: Deine zärtliche Vorsorge
für meine Ruhe hat Dir wenig geholfen; ich weiß alles, leider durch
Fremde. Mein Kind hat sein Vertrauen zu mir verloren; wo Vertrauen
fehlt, ist auch keine Liebe, Hulda, ich bitte Dich um Gotteswillen,
womit habe ich dieß verdient? Ich habe seit Empfang dieser Zeilen
-- sie wies auf ein Billet der Maklerin -- Stunden gelebt, die mir
den Abschied aus diesem Leben leider recht erleichtern. Ich träumte,
wenigstens von meinem einzigen Kinde geliebt zu seyn! -- und dieses
hintergeht mich, hintergeht mich da, wo andere gute Töchter sich der
Mutter, ihrer ersten, ihrer treuesten Freundin, vor allen andern
vertrauen. -- Die ganze Stadt weiß, was mir, von Dir, von meinem Kinde
verborgen wird. Gott im Himmel! habe ich denn auf der ganzen Welt
keinen Freund mehr, als den Tod? --

Antoinette! hob der Vater ruhig an: seit Du mir Deine Hand gabst, habe
ich nie hinter Deinem Rücken gehandelt; traue mir so viel Selbstgefühl
zu, daß ich jetzt nicht anfangen werde, mich einem Fehler Preis zu
geben, der -- er sagte das mit weicher Stimme -- auch den letzten
Pfeiler unsers häuslichen Glücks untergraben würde. Was ich gethan
habe, kann jeder wissen. Der Mann, der sich um Hulda’s Hand bewirbt,
wollte heute früh schon Dich begrüßen; ich hielt ihn davon ab, und
bat um Aufschub bis morgen, weil ich auf den Besuch Dich vorbereiten
wollte; von seiner jugendlichen Raschheit mußte ich fürchten, daß
er gleich heute mit seinem Anliegen hervortreten möchte; von Deiner
Liebe zum einmal gefaßten Plane aber, daß Du, krank und mißgelaunt,
nicht möchtest Dich ihm so erklären, wie wir mit ihm es wünschen. Ein
+solcher+ Schwiegersohn, ist er einmal gekränkt, kömmt nicht
leicht wieder, und darum rieth mir die Vernunft, mit Vorsicht hier
an’s Werk zu gehen. Er lud uns beide zu sich ein; ich sagte zu, um
unterdessen, bis ich mit Dir darüber sprechen konnte, den Mann, dem
wir das Kind auf Lebenszeit hingeben sollen, noch näher zu ergründen.
Daß seine Absicht ruchtbar ward, daß Maklers sie Dir hinterbringen,
und ihres Sohnes Nebenbuhler in schwarzen Schatten stellen würden,
konnte ich mir denken, und darum suchte ich die Menschen, wenigstens
bis morgen, von Dir zu entfernen, damit Du ihn dann ohne Vorurtheil
sähest, und zwischen ihm und Maklers Caspar freie Wahl hättest. Wenn
ich hierinn gefehlt habe, so verzeihe mir Gott; ich that es nur, um
Hulda’s Beßten willen. Du liebst das Kind, wie ich, und darum wirst
auch Du mir gern vergeben, wenn mein Verfahren Dich beleidigt hat.
Wehe wollte ich damit, beim Himmel, Dir nicht thun. Den Zweck, Alonso
näher zu erforschen, habe ich nun zwar ganz verfehlt, denn in dem Saus
und Braus von hundert frohen Gästen, ließ sich des Menschen Herz nicht
sonderlich sondiren; indeß, was ich sah und was ich hörte, bezeichnet
wohl den Mann, der unserm Kinde, außer Glanz und Reichthum, ein reines
Herz darbringt, und, gute Antoinette, das ist in der Liebe und in der
Ehe, ja doch immer der beßte Hausrath!

Die mexikanischen Weine müssen Euch über die europäischen Hindernisse
hinweggehoben haben, oder ich begreife Dich und Hulda nicht, entgegnete
die Mutter mit erzwungener Ruhe: lies doch den Brief meiner ehrlichen
Maklerin. Der Mensch kann der gefährlichste Abenteurer seyn; das
kümmert euch nicht. Er lügt Euch seine Piaster millionen weise her,
und ihr seyd, mit der ganzen Stadt, gutmüthig genug, seine Prahlereien
ihm auf’s Wort zu glauben. Er will von deutscher Abkunft seyn, und
nennt sich Mantequilla! er hat gar, hie und da, den kecken tollen
Wunsch geäußert, das Kind als Braut nach Mexiko zu nehmen, weil ihm der
Trauschein seiner Aeltern und sein Tauf-Zeugniß nicht herzuschaffen
seyen. Wer weiß, was für verlaufenes Gesindel seine Eltern sind! daß
sie niemals getraut, und daß er nicht getauft -- beweis’t sein leerer
Vorwand! Und einem solchen soll mein Kind, mein einziges Kind, geopfert
werden? Nein -- nimmermehr. Wär’ frommer Sinn in seiner Heidenbrust,
und hätte alles, was er sagt, recht seinen Grund, so gäbe er der Sache
Raum, und käm nach Jahresfrist zurück, und brächte die Documente alle
mit, die wir verlangen müssen, wenn uns der Vorwurf unsrer Mitwelt
nicht treffen soll, daß wir ganz ohne Kopf handelten.

Das alles, liebe Frau, begann der Vater sanft: läßt morgen sich
besprechen; das Mädchen ist noch jung, und kann das Jahr noch warten.
Zwei tausend Meilen hin, zwei tausend Meilen her, sind wohl kein
kleiner Weg; indessen muß Alonso sich, bestehest Du darauf, mit
kindlichem Gehorsam darein fügen; die Liebe mag ihm Zeit und Weg
verkürzen. Auch hat er sich, wenn Du es wünschest, schon erklärt, sein
Vaterland ganz aufzugeben, und hier bei uns sein Lebenlang zu bleiben;
ich mochte ihm sein Wort deßhalb nicht fodern, denn aus dem ungeheuern
Geschäft, was dort sich um ihn treibt, sich hieher in unsern Hökerkram
zu setzen, kann seine Jugendkraft, die immer höher strebt, nicht
reizen. Der zärtlichen Mutter aber, die das Kind ungern von sich ziehen
sieht, ist wohl ein Vorschlag dieser Art nicht zu verargen. Sprich
morgen selbst mit ihm. Vielleicht erfüllt er Deine Wünsche.

Die Mutter hatte still und ruhig zugehört; ihr Gesicht schien sich bei
dem, was der Vater zuletzt anführte, ein wenig aufzuheitern.

Hulda kniete neben dem Bette nieder, und küßte ihre Hand, und fragte
leise, ob Mütterchen noch böse sey.

Sie schwieg und lächelte, und eine stille Thräne zitterte ihr im halb
erloschenen Auge.

Der Vater benutzte die in ihrem Innern vorgehende mildere Stimmung, und
erzählte, daß der alte Linsing, der recht geläufig spanisch spreche,
sich mit dem Steuermann und dem Guardian, so wie mit einigen Matrosen
auf der Antoinette unterhalten, und sie, hinsichtlich der Vermögenslage
ihres Capitains, recht umständlich über dieß und jenes ausgefragt, daß
aber, nach dem was sie darüber hätten fallen lassen, Alonso eher zu
wenig, als zu viel davon gesagt habe. Er kann, setzte er hinzu, weil er
bemerkt hatte, daß die Idee von Alonso’s hiesiger Niederlassung, der
Mutter vorzüglich zusagte: mit seinen funfzehn Millionen hier leben,
wie ein Fürst.

Und meine Hulda liebt den fremden Mann? fragte die Mutter mit mildem
Worte.

Wie keinen andern, lispelte Hulda leise, und bog sich auf der Mutter
Hand herab.

Ich werde, versetzte die Mutter mit einem Tone, als wolle sie Hulda und
den Vater überzeugen, daß beide sich in ihr geirrt hatten: ich werde
meines Kindes Glück nicht stören. Ich habe zwar geglaubt, daß der, den
ich im Stillen erwählte, auch Hulda werde wohlgefallen, doch, wenn das
nicht soll seyn, kann ich mich gern fügen. Ist das, was von Alonso’s
fabelhaftem Reichthum Ihr erzählt, zur Hälfte nur gegründet, und ist
er meines Kindes Liebe werth, und kann er meinen Wunsch erfüllen, und
seinen Wohnplatz bald, auf immer her verlegen! so kenne ich meine
Mutterpflicht, und werde ihr nichts schuldig bleiben. Mit Freuden
opfere ich dann jene kleine Grille, und segne Euren Bund.

Hulda traute ihrem Ohre kaum; sie umschlang die zärtliche Mutter, und
bedeckte ihre bleiche Wange mit den Küssen der kindlichsten Liebe. Noch
danke nicht, mein Kind, sagte die Mutter freundlich: erst wünsche ich
den Mann zu sehen, dem es gelang, dieß reine Herz so schnell für sich
zu gewinnen; doch -- jetzt nichts, nichts mehr davon. Ihr wißt, ich
liebe nicht viel Worte.

Da eilte Hulda von dannen und flog in den Garten, um dem vor Freude
und Entzücken fast zerspringenden Herzen Luft zu machen. So rasch, so
leicht der Mutter Sinn zu wenden, hatte sie sich nicht gedacht. Die
Schickung wollte alles so; der Finger dessen, der das Herz des Menschen
lenkt, ließ sich hier nicht verkennen. Den ganzen Tag war sie noch
nicht auf dem Balkon gewesen, und hatte es Alonso doch versprochen! Ein
wenig mußte sie hinauf, und kaum, als sie sich sehen ließ, stand, wie
durch einen Zauberschlag, das ganze Schiff, vom Wasserspiegel bis zum
Topp, so herrlich groß beleuchtet -- ganz oben -- höher noch als sie,
die Sonne und der Mond -- der Mexikaner sanfte Götter! verschwunden
war am schwarzen Himmel das Kreuz und alle dräuende Gestalten. Nur
Jauchzen hörte sie vom Schiff herauf und laute Freude, und mit der
Liebe glücklichstem Entzücken warf sie dem schönen Mann, der beide Arme
ihr entgegen breitete, die süßesten der Küsse zu.

Er kam den folgenden Morgen bei früher Tageszeit, hörte von Hulda und
dem Vater, wie die Sachen sich unterdessen gestaltet hatten, und welche
Wünsche ihm würden eröffnet werden, und trat, in beider Mitte, in das
Zimmer der Mutter.

Ein Fieberblitz zuckte dieser durch alle Glieder, als sie seiner
ansichtig ward; sie schrie laut auf und verhüllte das Gesicht mit ihrem
Tuche, als hätte sie ein Gespenst gesehen.

Der Capitain Don Mantequila, hob der Vater, wegen dieses sonderbaren
Auftritts, sehr verlegen an, und wollte ihr Alonso vorstellen. Sie aber
rief: um Gotteswillen weg, weg -- das ist sein Gesicht -- das ist er
selbst. Warum -- ich frage Dich furchtbare Allmacht, warum mir hier, am
Rande des Grabes, noch diese ungeheure Qual! --

Antoinette, sagte der Vater höchlich bestürzt: was ist Dir? Mütterchen,
rief Hulda, und stürzte vor ihr Bette auf die Knie nieder: um
Gotteswillen sprich -- was hast Du für ein böses Traumgesicht?

Laßt mich sterben! tödtet mich! macht meinem entsetzlichen Leben ein
Ende! entgegnete die Mutter aus schwer gepreßter Brust, und rang die
Hände mit abgewendetem Gesicht -- +das+, +das+ soll Hulda’s
Gatte seyn? Ein Teufel ist es, den die Hölle ausgespien! Ich habe ihm
geflucht! Sie richtete sich in die Höhe, die Augen rollten funkelnd
ihr im Kopfe, die bleichen Wangen brannten dunkelroth, und krampfhaft
bebten ihr die blassen Lippen -- Es ist die letzte Stunde meines
Lebens! des Todes Schauer rieseln kalt mir durch die Seele -- die Rache
Gottes führt Dich Sünder zum Gericht. Ich fluche dreimal Dir -- Fluch,
Fluch, Fluch, Dir schauderhaftem Ungeheuer! --

Um Jesus Christi willen, Mutter! schrie Hulda außer sich, und faßte
die drohende Rechte der Schrecklichen, die vor ihr grausend lag, wie
jenes Wolkenbild am Himmel.

Der Mutter aber war der Athem ausgegangen -- der Tod schlug grinsend
seine kalten Arme um die sichere Beute -- die Pulse stockten, und wie
das letzte Gift des unversöhnlichsten Ingrimms, so trat ihr der weiße
Schaum auf die zuckenden Lippen. --

Alonso schwankte vom Vater begleitet lautlos zur Thüre hinaus.

Der Mutter brechendes Auge suchte ihn, und da es ihn nicht mehr fand,
ward sie ruhiger. -- Sie athmete schwer. -- Sie seufzte tief -- eine
Riesenlast lag ihr auf dem Herzen. Sie hatte aber nicht die Kraft mehr,
sich sie abzuwälzen. Nur abgebrochene Worte, die kaum mehr verständlich
waren, konnte sie hervorbringen.

Sie faßte Hulda’s Hand, und drückte sie heftig in die ihrigen. Mit
höchster Anstrengung sammelte sie den Rest ihrer Kräfte, und sprach in
kurzen Sätzen, halb laut -- Die letzte Bitte Deiner Mutter! schwöre
mir, ihm nimmer zu gehören --

Du bist krank, meine Mutter, sagte Hulda weinend: Deine Phantasie --

Nein, erwiederte die Sterbende: ist er es nicht, so ist’s sein Sohn;
ich habe ihm geflucht bis in das dritte Glied -- Sophie wird Dir alles
sagen.

Der Heiland hat verziehen, entgegnete Hulda: er betete für seine
Feinde; und Du, mein Mütterchen, willst scheiden aus der Welt mit
solchem Groll, und wie -- wie kann Alonso den verdienen, da Du ihn nie
sahest?

Gott strafte auch der Väter Sünde bis in’s vierte Glied. Alonso soll
des Vaters Sünde büßen.

Kennst Du den Vater denn?

Ein schwerer Seufzer war die Antwort; das Auge fand die letzten
Thränen; -- die Arme schluchzte laut, das hart gequälte Herz ward
endlich weich und milde.

Nimm Mutter, Deinen Fluch zurück, bat Hulda christlich fromm, in Angst
und Schmerz ganz aufgelös’t. Der Tod versöhnt ja alles! Laß beten mich
für Deiner Seele Ruhe. O -- Mutter richte nicht! Ich weiß nicht, was
man gegen Dich verbrochen hat. Alonso aber ist nicht schuldig! Und Gott
allein ist unser Richter. Mach’ Dir die Sterbestunde leicht. Vergib,
so wird auch Gott Dir gern vergeben, und Engel werden Deine fromme
Seele zu seinen Himmeln sanft geleiten.

Da fiel ein Schuß, ein zweiter, und ein dritter, und von dem Hafenfort
erdonnerte des Abschiedgrusses Antwort.

Alonso geht in See, schrie händeringend Hulda, und sank ohnmächtig in
einander. --

       *       *       *       *       *

Die Unglückliche hatte sich nicht getäuscht.

Alonso, bis in den Grund der Seele erschüttert, des Mutterfluches
grause Worte in dem Herzen, kam todtenbleich an seines Schiffes Bord.

Er fand den alten Linsing, warf weinend sich ihm in die Arme und rief,
vom scharfen Schmerz zerrissen: Ich muß von dannen, ich muß fort.
Allmählig nur gelang dem antheilvollen Freunde, das schreckliche
Begebniß ihm abzufragen.

Alonso, hob er tröstend an: nur hier nicht gleich so rasch gehandelt.
Die Frau hat phantasirt; ein Mißverständniß seltner Art muß hier zum
Grunde liegen. Mein Freund, mein lieber Sohn, sey ruhig. Es wird, es
muß sich alles noch enträthseln.

Kann Hulda den je lieben, den ihrer Mutter Fluch getroffen hat? fragte
Alonso und starrte dunkeln Blickes vor sich hin. Ich ahne Gräßliches!
Ein Mißverständniß ist es nicht. Die Frau gehörte dieser Welt schon
nicht mehr an, und drüben sieht man heller, als wir blöde Menschen.
Sie hat sich nicht geirrt. Mein Vater -- und ihr Bild! Im Sterben noch
war sie sich ähnlich. -- Antoinette nannte sie der Mann -- des Vaters
Lieblingsname -- zu ehren ihn, hab’ ich mein Schiff also genannt.
-- Aus Frankfurt sagt Auguste -- aus jedem Umstand press’ ich einen
Tropfen zu dem Gifte, das mir in ihrem Fluche liegt. Und Hulda -- mein
ganzes Glück, mein Leben -- dem Fluchbedeckten darf sie ja die reine
Hand in Ewigkeit nicht reichen. -- O -- hätt’ ich doch aus meinem
Scherze Ernst gemacht; ich wollte gestern mit ihr fort, -- da hielt
sie mich, um ihrer Mutter Segen willen. Statt dessen schleuderte die
Sterbende, aus ihres Grabes Schauertiefe, mir ihren Fluch in’s todte
Leben nach! -- So wahr mein Gott im hohen reinen Himmel -- ich büße
eine fremde Schuld. -- Was helfen nun mir alle Millionen! Das Höchste
meines Lebens, das Herz des Engels ist mir freventlich geraubt, und ich
bin bettelarm! So lang ich athme, wird das meine ihr allein gehören.
-- Nein, außer ihr kann Keine ich je lieben! -- Mein alter Herr und
Freund, bringt meine Schwüre ihr. Der Sonne Strahl soll langsam quälend
mich vertrocknen, des Mondes mildes Licht mir nimmer wieder scheinen,
und meines großen Gottes Rache fort und fort mich überall verfolgen,
wenn meinen Schwur der Treue ich je breche. Bringt, Freund, ihr diesen
Kuß! Ich kann sie nimmer wieder sehen.

Alonso, liebster Freund, ermahnte bittend der Director: ach haltet
diesesmal nur Euern raschen Sinn im Zügel. Die Mutter ist ja krank, sie
kann sich bessern; das böse Wort, dem Irrthum bloß enteilt, kann sie
ja widerrufen. -- Sie kann vielleicht auch sterben, und dann ist Hulda
frei! --

So denkt Ihr hier in Eurer alten Welt? fragte Alonso bitter. Ein
Irrthum war es nicht! Der Geist des höhern Lichts sprach aus des
Todtenrichters Munde. Und lebt sie Jahre noch, sie wird, sie kann nicht
widerrufen. Und thät sie es -- meint Ihr, daß sie damit den in Gift
getauchten Dolch mir aus dem Herzen ziehen könnte, den sie tief hinein
gestoßen hat? Was ich hörte, ich kann es nicht ungehört machen. Ich
könnte nimmermehr mit Liebe mich ihr nahen; ich könnte nie Vertrauen zu
ihr fassen. Sie könnte Mutter nimmermehr mir seyn. -- Und frei, sagt
Ihr, sey Hulda wenn sie stürbe? Wohl werden Wunder nicht geschehn, wenn
Hulda mir die Hand nach ihrer Mutter Tode gäbe. Kann Hulda aber das?
Kann Hulda an der Seite des Verfluchten sich eine Stunde nur des Lebens
freuen? -- Beim kleinsten Mißgeschick -- muß sie nicht immer gleich des
Mutterfluches harte Folgen fürchten? -- Das Drohbild, was sie gestern
in den Wolken sah! -- Mein Gott und Herr, soll das ein Vorgefühl des
Jammers, den der Zorn der Mutter uns bereitet hat, gewesen seyn? --
Ich kann nicht bleiben; -- ich muß fort. Sie noch einmal zu sehen, ist
mehr als ich ertragen kann. -- Mein Arm darf sie nicht mehr umfangen!
Sie muß mich fliehen, ich bin geächtet. -- In wenig Stunden bin ich der
ganzen Stadt Gespött! man zeigt mit Fingern auf den kühnen Fremden, der
sich erdreistete, der Blumen lieblichste Europa’s Gärten zu entführen,
und den ein Weib mit Fluch und Bann belegte! -- Nein! fort von hier!
hinaus in’s wilde Meer! vielleicht wirft bald eine Welle mich in des
Abgrunds dunkle Tiefe! -- Gott sey mir Armen gnädig.

Mit wildem Ungestüm sprang er zum Fockmast vor, und schrie den Negern
zu: ~Listo! levad el ancla~,[50] und andern: ~Listo! dad vela~[51];
und pfeilschnell flogen sie auf ihre Posten. Die schweren Anker wanden
sich aus ihrem Grunde, und in die aufgehießten Segel blies der leichte
Landwind seewärts.

Alonso ließ ein kleines Boot aussetzen, um den alten Linsing an das
Land zu bringen. Noch einmal schloß er ihn in seine Arme. Ein heißer
Thränenstrom entstürzte seinen Augen. Mein letztes Wort ist Hulda! rief
er im Schmerz der Trennung fast vergehend. Beschwöret sie, mit Liebe
meiner immer eingedenk zu bleiben. -- Doch ihre Hand sey frei. Kann
sie mit einem Andern glücklich seyn, so segne ich den Bund, mag es mir
auch das Leben kosten. Kein Bild, kein Blatt, nicht eine Locke, ich
habe nichts von ihr, das süße Wehe nur in der gequälten Brust. Noch
höre ich den Wohllaut ihrer Stimme, noch sehe ich die reizende Gestalt;
mein guter Gott, laß mir dies beides nur, so lange ich das Leben hier
noch friste. -- Noch einmal laßt mich athmen tief -- es ist die Luft
in der sie lebt, laßt ihres Athems Würze mich einsaugen. -- Ich sehe
sie ja +nie+ -- verstehst Du alter Freund, verstehst Du dieses
Schreckenswort? -- Ich sehe nie sie wieder; -- die Lootsen kommen an
den Bord, aus Euerm Hafen mich zu bringen. Gehabt Euch wohl. Ich steure
meinen Cours in’s Grab. Mein Herzensfreund, wenn Du mich liebst, so
bitte mit mir Gott, daß er das liebeleere Leben mir bald ende. Dort
oben gilt kein Fluch. Dort seh ich Hulda wieder! -- Dank Dir, mein
alter Freund, daß Du die bittere Scheidestunde mir versüßest. Bring
Frau und Kindern meinen Gruß. Dieß, Linsing, meiner Hulda!

Er gab ihm aus einem neben ihm stehenden Blumentopfe, einen Zweig
brennender Liebe, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, zog ihn noch
einmal an sein Herz, und die Kanonen seines Schiffes sagten dem Hafen
Lebewohl.

Linsing ließ sich an das Land setzen, und Alonso stand wie ein
Wahnsinniger, mit starrem Blicke nach dem Balkon gerichtet.

Weiter und weiter trieb der Wind die Antoinette hinaus, dem
unermeßlichen Weltmeere zu -- Hulda erschien nicht -- Alonso’s Kräfte
schwanden. Die starke Eiche brach, wie mürbes Rohr, zusammen. Er stieß
der bittersten Verzweiflung lauten Schrei aus der zerrissenen Brust,
und stürzte halb todt auf das Verdeck; da eilten seine treuen Neger
schnell herbei, und trugen ihren Herrn erstarrt in die Kajütte.

       *       *       *       *       *

Wer mahlt der armen Hulda namenlosen Schmerz, als sie erwachte. Die
Mutter lag entseelt vor ihr im Bette. Das Herz, es schlug nicht mehr,
kein Athemzug -- das starre Auge hatte nicht mehr Leben, vom bittern
Todeskampf war das Gesicht entstellt -- der Fluch -- es war, als hätte
sie ihn nicht zurück genommen, als wäre sie mit ihm zur Unterwelt
gefahren.

Des Kindes Angstgeschrei rief den Vater und die Bedienung herbei.
Auch der Arzt kam. Alle Mittel, des Todes Macht zu bannen, blieben
erfolglos.

Hulda konnte nicht bleiben; das furchtbar zürnende Gesicht der -- mein
Jesus, rief sie laut: ich will ja, Mutter, Deinen Willen thun, nur
zürne mir im Tode nicht! Ich war Dein liebes Kind ja immer, und Gott
wird Kraft mir geben, daß ich -- O Mutter, Mutter, höre noch aus Deiner
fernen Welt auf Deines Kindes banges Flehen -- geh’ nicht mit diesem
Groll in Deine stille Gruft.

Der Vater bat weinend die Umstehenden, Hulda auf ihr Zimmer zu bringen.
Bete mein Kind, sagte er, ihr ängstliches Zagen beschwichtigend: auf
Deinen Knieen um die Ruhe der Verklärten. Alles meines Bestrebens
ungeachtet, hat ihr das Leben der Freuden wenig nur geboten. Sie nannte
oft den Tod nur ihren einzigen Freund. Sein sanfter Schlaf möge ihr die
Erquickung schenken, die sie hier nirgends finden konnte, und jenseits,
wo uns kein Kummer trüben soll und wo wir klarer schauen werden, wird
sich vielleicht auch mir des Trübsinns Grund eröffnen, der überall die
Rosen ihres Lebens bleichte.

Hulda, in Thränen der kindlichsten Wehmuth zerfließend, lag in ihrem
Zimmer, vor ihrem Gott gebeugt, als der alte Linsing eintrat, die
brennende Liebe ihr reichte, Alonso’s Scheidekuß ihr auf die Lippen
drückte, und ihre vorhin geäußerte, über das plötzliche Verscheiden der
Mutter aber wieder entschwundene Ahnung von Alonsos Abreise, durch die
einfachen, im Munde des tief gerührten Mannes kaum vernehmbaren Worte:
Er ist fort! bestätigte.

Sie sah den Todesboten mit thränenschweren Augen an, that aus der
blutenden Brust einen lauten Schmerzensschrei und sank, dem Jammer des
Lebens auf ewig verfallen, ohne Besinnung zu Boden.

Nach einer Stunde erst kam sie so weit wieder zu sich, daß sie ihrer
Sinne mächtig ward. Unter dem Vorwande, frische Luft zu schöpfen, ging
sie in den Garten, trat später in den Saal und bestieg den Balkon.

Auf der Stelle im Hafen, wo die prächtige Antoinette vor Anker lag,
befand sich jetzt ein unansehnlicher Grönlandsfahrer; draußen auf dem
Meere, ganz oben, auf der fernsten Höhe des Wasserspiegels, gewahrte
sie einen schwarzen Punkt. Das war Alonso’s Schiff; mit gebrochenem
Herzen rief sie dem Entschwindenden, der unauslöschlichen Liebe
verzweiflungvolles Lebewohl, leise nach, und sah, still vor sich
weinend, starren Auges, nach dem immer mehr und mehr enteilenden Punkte
hin, bis er verschwand.

Zehnmal wischte sie sich die aus der gepreßten Brust unaufhaltsam
hervorquellenden Thränen von den Wimpern, um noch einmal, nur noch ein
einziges Mal das fliehende Schiff zu erspähen. Aber ihr Auge erreichte
es nicht mehr! --

Die Mutter todt, Alonso fort! -- Vielleicht auf immer und ewig fort! --

Die Unglückliche drückte das letzte Zeichen seiner Treue, die
brennende Liebe, an die Lippen, und überließ sich, still weinend, der
schmerzlichsten Trauer.

       *       *       *       *       *

Die Leiche der Mutter zu sehen, hatte sie absichtlich gemieden; das
zürnende Drohgesicht -- es wich nicht von ihrem innern Auge; sie sah es
wachend und träumend.

Am Begräbnißtage -- sie hatte den entsetzlichen Augenblick lange
gefürchtet, wo sie der Hülle der Vorangegangenen zum letzten Mal sich
nähern sollte, um ihr der Kindesliebe frommen Dank zu bringen, und ihr
zur Nacht des langen Schlafs, die Ruhe der Seligen zu wünschen -- am
Begräbnißtage trat sie an den Sarg.

Der Mutter Züge hatten sich verändert; nichts trübte mehr die
qualerfüllte Brust, in der das frömmste Herz geschlagen. Der Kummer
dieses Lebens drückte nicht mehr auf die Engelreine. Versöhnt mit dem
Geschick, und harrend ihres Lohns, der droben guter Menschen wartet,
lag sie, wie eine Gottverklärte da. Ein mildes Lächeln schwebte in
jedem ihrer Züge; es war, als spräch’ ihr blasser Mund, mein Glück war
nicht von dieser Welt. Jetzt ist mir wohl. Der Gott, der jede still
geweinte Thräne zählt, wiegt jede mir durch tausend Freuden auf.

Mein Mütterchen, sagte Hulda mit der Wehmuth leisestem Tone, und kniete
am Sarge nieder: Du zürnest nicht mehr mit mir? Du behältst mir drüben
Deine Liebe? Dein Kind darf furchtlos an das Wiedersehen denken? --
Der in den letzten Augenblicken Deines Lebens den Frieden Deiner Seele
störte, er hat zum Opfer sich und mich gebracht. Das Kind soll folgsam
seiner Mutter seyn. So hat sein edles Herz gewollt. Laß nun auch ab
von Deinem Hasse gegen ihn, und kann aus jenen Lichtgefilden, in
denen Deine Seele schwebt, auf Dein verwais’tes Kind Dein mütterlicher
Segen wirken, so gib mir Kräfte, daß ich ertrage, was Dein Gebot mir
auferlegt; und ist es in dem Plane des Geschicks, daß des irdischen
Lebens Glück unwiderruflich mir verloren sey, so rufe Du mich bald,
daß ich Dir folge, denn diese arme Welt gewährt mir keine Freude mehr.
Schlaf sanft, mein Mütterchen! die Klage meiner Leiden soll in Deiner
Ruhe Dich nicht stören. Kein Vorwurf soll in Deine stille Kammer Dich
begleiten. Mein Heiland starb am martervollen Kreuze; er duldete und
schwieg; auch ich will schweigend dulden. Vergebung flehete er, weil
sie nicht wußten, was sie thaten. Vielleicht hast Du, mein Mütterchen,
auch nicht gewußt, warum Du mir gethan, was meines Lebens Blüthe
vernichtet hat, auf ewig. Mein Jesus lehrte mich, in diesem Fall,
Vergebung Dir erbitten; und so soll Gott sich Deiner mild erbarmen, und
wenn Du fehltest, mit seiner Liebe nur Dich richten. In Deinem Willen
lag gewiß mein Wohl, und darum sey entladen aller Schuld, und kehre ein
in Deiner Freuden Reich.

Sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände, und wimmerte, leise
schluchzend. Da traten die mit schwarzem Krepp umflorten Träger
ein, und verschlossen den Sarg. Einen Blick noch warf sie auf die
Entschlafene, einen Blick der Liebe, der Verzeihung und des Friedens;
und der Gott, der den schuldlosen Kindern das Himmelreich verheißet,
und in seinem unerforschlichen Willen von seinen Auserwählten oft der
Prüfung schwere Opfer fodert, schenkte ihrem Herzen wohlthätige Thränen
und sanften Trost.

       *       *       *       *       *

Mit einem spanischen Schiffe, das einige Wochen später nach dem Hafen
von Calao[52] abging, hatte Hulda den Tod der Mutter deren Schwester,
der Tante Sophie in Lima berichtet, sie von ihren Verhältnissen zu
Alonso in Kenntniß gesetzt, und sie zugleich um die Aufschlüsse über
der Mutter unerklärliche Abneigung gegen letztern gebeten.

       *       *       *       *       *

Der Kummer über den Verlornen; der Schmerz, daß die erste Freundinn
ihres Herzens, ihre Mutter, ein Bündniß nicht gebilliget hatte, in dem
Hulda ihr ganzes Lebensglück zu finden meinte; die zweitausend Meilen
weite Trennung von dem Treugeliebten; der sich täglich mehr begründete
Zweifel eines möglichen Wiedersehens; das heimliche Spötteln mancher
werthlosen Menschen; die heimtückische Rachsucht der Makler-Familie,
die sich freute, das unglückliche Mädchen auf alle ersinnliche Art zu
kränken; das lange vergebliche Harren auf eine endliche Nachricht von
ihm und der Tante -- Alles dieß nagte zerstörend an Hulda’s frischer
Jugendkraft. Sie verlor allen Reiz am Leben, zog sich aus allen
gesellschaftlichen Kreisen, mied alle Zerstreuungen, und lebte nur
ihrem stillen Kummer und der Erinnerung der seligen Stunden, die ihr in
Alonso’s Nähe vom Geschick, nur viel zu spärlich, zugemessen gewesen
waren.

Einem reinen, zartfühlenden Mädchen ist kein Gift gefährlicher, als das
des Grams der Liebe. Wie schmerzlich hatte dieses hier gewüthet! Die
schöne Knospe, sie war geknickt. Verwelkt waren Blätter und Zweige;
verdorrt der Saft des Lebens!

Ich kannte Hulda’s Lage, und meine herzliche Theilnahme erwarb mir ihr
freundliches Wohlwollen.

Sie sprach, wenn sie mit Gustchen, ihrer vertrautesten Freundinn allein
war, gern von Alonso, -- aus der geheimsten Tiefe ihrer Seele schien
dann immer noch ein schwacher Strahl der Hoffnung aufzublitzen, daß
eine Verbindung mit dem Geliebten ihres Herzens doch möglich sey.

Ihre blasse Wange röthete sich dann ein wenig, und das thränenmüde Auge
blickte mit wehmüthigem Lächeln in die Zukunft. Sie glich der Sonne
am frühen Herbstabend, die, hinter trüben Wolken hinabsinkend, noch
einmal der Erde den freundlichen Scheideblick zuwirft. In ihrem großen,
geistvollen Auge lag ein Himmel voll Seligkeit, und wenn sie vom Herzen
zum Herzen sprach, glaubte man eine Heilige der christlichen Vorwelt zu
hören, so demüthig war ihr Sinn, so gottergeben ihr engelreines Gemüth,
so vorbereitet ihre Seele auf das Jenseit, dem sie, durch Vollendung
ihres edlen Selbst, entgegen reifte. Nur wenn die Rede auf ihn kam, an
dem ihr Herz mit unaussprechlicher Liebe hing, trat die Anhänglichkeit
an das Irdische mit all ihrem Zauber wieder vor; sie erschrak dann
über die kalte Hand des Todes, die ihr den Blüthenreiz der Jugend so
grausam abgestreift, das frische Purpurroth auf ihrer Lilienwange in
kranke Leichenblässe gewandelt, und des Fleisches kräftige Frische
so unerbittlich gewelkt hatte. Ihr Lieblingsaufenthalt war auf dem
Balkon; wer die süßeste Sehnsucht der Liebe mahlen wollte, mußte dieß
Mädchen sehen, wenn es oft Stunden lang, unverwendeten Blickes, in das
unermeßliche Weltmeer schauete; und dann, heimlich vor sich hin, die
Augen voll Wasser, den Kopf schüttelte, und leise sagte: er kömmt immer
noch nicht.

       *       *       *       *       *

Endlich, nach vierzehn langen Monaten, trafen Briefe von der Tante
Sophie ein.

Der Mutter Wille, schrieb diese unter andern: ist, wie Du mir sagst,
daß ich Dir das dunkele Räthsel löse, das der Unglücklichen Leben bis
zur letzten Stunde trübte, und Dir, meine theure Hulda, alle Deine
Hoffnungen, all’ Dein Glück, unwiederbringlich vernichtet hat.

Ich erfülle diesen Willen mit schwerem Herzen, weil ich des
Unerforschlichen Wege, auf denen sich Folgen an Ursachen in ewiger
Kette fortreihen, hier so sichtbar gezeichnet finde, daß ich alle
Menschen laut und dringend beschwören möchte, jeden ihrer Schritte,
jede ihrer Handlungen, und alles, was der Natur der Dinge nach, daraus
entstehen muß, prüfend zu berathen, um seine Seele nicht mit Vorwürfen
zu belasten, die keine Macht der Welt von uns zu nehmen vermag.

Antoinette ward, in der Blüthe ihrer Jahre, von einem jungen Manne
geliebt, der ihren Reizen und ihren Tugenden mit unbeschreiblicher
Leidenschaftlichkeit huldigte. Selbst ohne Vermögen, bot er, in
leichter Hoffnung auf künftiges Glück, und ohne zu überrechnen, was zur
Führung eines auch nur mittelmäßigen Hausstandes unentbehrlich nöthig
ist, dem Mädchen seines Herzens die Hand; unsere Eltern aber, wie die
seinigen, konnten diesen raschen Schritt nicht billigen, und empfahlen
dem Heirathlustigen, die Verbesserung seiner Lage abzuwarten, die ihm,
bei seinen Kenntnissen, mit der Zeit nicht entstehen könne.

Man hielt die Trennung beider Liebenden für das zweckmäßigste Mittel,
ihn von allen Zerstreuungen abzuhalten, um sich desto bestimmter seinem
Berufe widmen, und die Begründung seiner künftigen Selbständigkeit
desto ungestörter bewirken zu können.

Er verließ, unter den heiligsten Schwüren ewiger Treue, unser
Frankfurt, und ging nach Hamburg, um auf dem Comptoir eines der ersten
dasigen Häuser zu arbeiten. Mangel an festen Grundsätzen, rasches
Temperament, und Gelegenheit -- wie viele junge Männer unsrer Zeit
mögen diesen verführerischen Dämonen ihres Lebensglücks sich nicht
schon in die Arme geworfen haben, ohne die Folgen ihrer Unbesonnenheit
zu berechnen -- Ein junges, unerfahrnes Mädchen von gutem Herkommen,
wohnt mit ihm in einem und dem nämlichen Hause; sie sehen sich
täglich; ihr beiderseitiger Umgang wird vertrauter, und der Mann, der
vor wenigen Monaten noch, zu Antoinettens Füßen die Reinheit seiner
Liebe mit tausend Eiden bekräftigte, mußte, um die Gefallene nicht
dem Spotte der Welt Preis zu geben, mit ihr flüchten. In Mexiko gebar
sie Alonso, und starb vor Gram über ihren Leichtsinn, der sie aus dem
Kreise ihrer achtbaren Familie in einen fremden Erdstrich bannte, worin
sie sich arm und verlassen fühlte und, nachdem der erste Rausch der
Leidenschaft verflogen war, sich von dem nicht mehr geliebt sah, dem
sie alles geopfert hatte. Alonso’s Vater machte seine Talente bald
geltend; wer hier Thätigkeit mit Umsicht verbindet, +muß+ sein
Ziel erreichen; das Glück war dem Manne, der sich nun mit rastlosem
Eifer in die Geschäfte warf, vorzüglich günstig, und so hinterließ er
seinem eingebornen Sohne ein Vermögen, welches, selbst nach hiesigem
Maßstabe, zu den bedeutendern gehört. Seinen deutschen Namen, Schmalz,
hatte er, wahrscheinlich um unentdeckt zu bleiben, oder weil die sechs
Consonanten in Einer Sylbe, dem spanischen und indischen Munde seiner
Geschäftsverbündeten und Untergebenen unaussprechbar waren, in das
Spanische übersetzt, und sich daher Mantequilla genannt; oft schon
hatte ich von dem reichen Mantequilla in Mexiko gehört, ohne zu ahnen,
daß dieß der Unbesonnene sey, der meiner Antoinette das Herz gebrochen
hat.

Auf diese hatte seine Treulosigkeit einen furchtbaren Eindruck
gemacht. Sie war von dem Augenblicke an, da sie die Nachricht seiner
Flucht hörte, wie umgewandelt; sonst die fröhliche Unbefangenheit,
die Gutmüthigkeit, die Liebe selbst, ward sie kalt und verschlossen;
sie haßte das Leben und seine Freuden; in ihrem Innern gährte eine
Säure, eine Bitterkeit, die sie gegen alle Menschen immer mehr und mehr
verfeindeten; ihre Vernunft nur und ihr Pflichtgefühl, zügelten ihren
heimlichen Ingrimm gegen die ganze Welt; sie glaubte an keine Eide
mehr; sie hielt das ganze Menschengeschlecht für entwürdiget.

Dein Vater, von dem Reize ihrer blendenden Schönheit hingerissen,
warb um ihre Hand; er ward von allen seinen Freunden gewarnt; allein
der joviale Mann hielt ihre Kälte für Tiefe des Gemüths; ihre
Zurückgezogenheit für Folge ihrer bisher eingeschränkten Lebensweise;
ihre Bitterkeit, für Witz. Sie gab ihm ihre Hand ohne Liebe; sie gab
sie ihm, weil es unsere Aeltern wünschten, weil sie jede ihrer Wünsche
als unwiderrufliches Gesetz ansah, und weil sie jede ihrer Pflichten
mit einer Strenge gegen sich selbst erfüllte, die an Märtyrerwahn
gränzte. Es that ihr wohl, sich dem älterlichen Willen zum Opfer
zu bringen; ihr Leben hatte, nach ihrer trüben Ansicht, doch nun
wenigstens +einen+ Zweck gehabt.

Es gibt, für den Mann von Gefühl, kein entsetzlicheres Loos unter dem
Monde, als mit einer Gattinn verbunden zu seyn, die ihm, aus mehreren
bewegenden Nebenumständen, nur nicht aus dem Drange ihres Herzens,
ihre Hand gegeben. Antoinette erkannte alle Bemühungen Deines Vaters,
ihr das Leben angenehm zu machen, sich in ihre unermüdlichen Launen
zu fügen, und ihr Beweise seines herzlichsten Wohlwollens, seiner
innigsten Liebe zu geben, an; aber sie konnte ihm dafür nichts, als
bloßen Dank wiedergeben; sie haßte sich darüber selbst; sie klagte, in
jedem ihrer Briefe, sich deßhalb selber an; die engelgleiche Schonung,
mit der Dein Vater ihr zurückstoßendes Benehmen trug, und gegen andere
sogar entschuldigte, drückte sie noch tiefer nieder; sie setzte sich
in ihren schwermüthigen Selbstbetrachtungen zusammen, daß sie ihm und
andern eine Last sey, und zerfiel so mit dem innern Glauben an sich
und ihren Werth immer mehr. Eine sonderbare Frömmelei, der sie sich,
nach ihren Briefen, besonders in der spätern Zeit, hingegeben zu haben,
und in der sie, wie aus mehreren ihrer Aeußerungen hervorging, von
einem dortigen mit ihr befreundetem Hause, bestärkt zu werden schien,
dämpfte ihre zuweilen rege werdenden Bemühungen, sich aus sich selbst
heraus zu reißen, noch mehr. Sie hielt jede Widerwärtigkeit für eine
ausdrückliche Schickung Gottes, welcher die züchtige, die er lieb
habe, und fügte sich zur Duldsamkeit der strengsten Büßerinnen unsrer
christlichen Vorzeit. Ewig und ewig wühlte aber das Andenken an die
Wehthat des Meineidigen, in ihrem tausendfach zerrissenen Herzen. Ach
könnten die Männer das Unermeßliche der Liebe ahnen, das im keuschen
Busen der Jungfrau so allmächtig wogt, sie würden die ungeheure Qual
verstehen, die eine solche Liebe leidet, wenn sie betrogen wird!
Verdamme nicht Deine unglückliche Mutter, wenn sie, -- diese brennende
Qual mehr denn zwanzig Jahre im gewaltsam verschlossenen Herzen, in
der Stunde des ersehnten Todes, Alonso erkennend, -- den wortbrüchigen
Vater verfluchte! Es liegt in diesem Fluche etwas so schauderhaft
Gräßliches, daß mir die Sinne vergingen, als ich ihn las. Hörten ihn
doch alle, die sich eines gleichen Verbrechens schuldig wissen!

Deine Briefe, meine Hulda, bestimmten mich zu einer Reise nach Mexiko.
Nach meiner festen Ueberzeugung galten die grausenden Verwünschungen
der Sterbenden nicht dem schuldlosen Sohne, sondern der Sünde des
Vaters. Alonso’s Aehnlichkeit mit diesem hatte der Unglücklichen, die
auf der furchtbaren Schauerbrücke zwischen dieß und jenseits stand, wo
alle Sehnen, alle Nerven, alle Fibern im Kampfe mit dem wüthenden Tode,
bis zum Zerspringen gereizt, wo ihre Sinne krampfhaft zerrüttet, wo die
unsichtbaren Bande zwischen Seele und Körper, von der erbarmunglosen
Parze schon halb zerschnitten waren, jene Aehnlichkeit, sage ich, hatte
in diesem entsetzlichen Augenblicke, ihrer verworrenen Phantasie das
Bild des Treulosen wie mit einem Zauberschlage vorgeführt; dem Jahre
lang, unter der Gewalt der Vernunft erlegenen Herzen entstürzte fest
das bitterste aller Gifte, das Gift gekränkter Liebe. Das Recht, was
sie sich anmaßte, den Vater im Sohne noch zu hassen, ist ein Beweis
ihres Wahnsinns mehr. Ihr frommer Geist war schon von ihr gewichen;
diese Aeußerung war nur die letzte Zuckung ihres verblutenden Herzens.
Nur einen lichten Augenblick hätte sie noch haben dürfen, nur der
ernsten Zusprache eines verständigen Freundes hätte es bedurft, und
jene unseligen Worte wären über ihre Lippen nicht gekommen, oder von
ihr, mit ihrem milden christlichen Sinne, widerrufen worden.

Im Plane der Vorsehung hat es anders gelegen! Jene Sünde des Vaters
hat den schuldlosen Sohn zum Opfer gefordert.

Bereite Dich vor, meine Hulda, das Schmerzlichste zu hören.

Ein Schwarzer empfing mich und meinen Gatten in Alonso’s fürstlichem
Palaste.

Auf unsere Frage nach seinem Herrn, brach der Mann in sanfte Thränen
aus. Nur zu seiner Ruhestätte kann ich Euch geleiten, entgegnete er,
mein edler Herr ist todt!

Hulda, halte fest an Gott und seinen Glauben! Alonso ist in der Blüthe
seines Lebens, in des Todes kalte Arme gesunken.

Wenige Tage nach seiner Abfahrt aus Euerm Hafen, hatte ihn, wie der
Neger erzählte, ein hitziges Fieber befallen. Der Steuermann, der
Bootsmann, der Guardian, alle bitten ihn, zurückzukehren; er aber
besteht auf der Fortsetzung der Fahrt; nach zwei langen Monaten fängt
die Kraft des Rüstigen endlich an, sich allmählig wieder zu regen;
alles preis’t Gott, der ihn, ohne ärztliche Hülfe wieder genesen ließ;
nur ihm macht die Rückkehr in das Leben keine Freude; er, sonst der
Lebendigste, der Heiterste auf dem Schiffe, sitzt in sich gekehrt
und still, mit dem Gesichte nach Europa gewendet; spricht kein Wort,
ist weich wie ein Kind, und hat oft heiße Thränen im Auge. Der Pilot,
ein verständiger Mann, naht sich ihm mit bescheidener Frage nach der
Ursache seines Kummers, glaubt, daß er körperlich leide, und bitter,
seinen Cours auf die zunächst liegende Insel richten zu dürfen, um da
für seine Gesundheit besser sorgen zu können; Alonso aber reicht ihm
freundlich dankend die Hand, bittet, die Fahrt nach Vera-Cruz möglichst
zu beschleunigen, behauptet, daß ihm auf dieser Welt Niemand helfen
könne, setzt späterhin sein Testament auf, und übergibt es, für den
Fall seines Todes auf der See, gedachten drei Schiffsoffizieren mit den
gewöhnlichen Förmlichkeiten.

Ein anhaltender, sehr bedeutender Sturm, der das Schiff mehrere
hundert Meilen verschlägt, und die angreifendsten Anstrengungen
nöthig macht, deren sich Alonso, um die Mannschaft zu retten, Tag und
Nacht unterzieht, bewirken in seiner Krankheit einen gefährlichen
Rückfall. Seine Kräfte schwinden immer mehr, und nur mit Mühe gelingt
es ihm, kaum noch lebend nach einer höchst mühvollen Fahrt, im Hafen
von Vera-Cruz, endlich an das Land zu setzen. Man bringt ihn in das
benachbarte Xalappa[53], das eine gesündere und angenehmere Lage hat,
als Vera-Cruz selbst; allein er dringt darauf, nach Mexiko geschafft zu
werden; die erdrückende Hitze auf den Dünen[54], über die ihn, in einem
Ruhebette, seine treuen Sclaven tragen, verschlimmert seine Krankheit,
und kaum in Mexiko angelangt, verscheidet er nach kurzem Leiden.

Sein letztes Wort war Dein Name, meine unglückliche Hulda. An Dich
sind die Zeilen gerichtet, die er am Bord der Antoinette geschrieben,
und unter Deiner Adresse versiegelt hinterlassen hat, und die mir, da
ich mich als Deiner Mutter Schwester auswies, zur Weiterbeförderung
an Dich, ausgehändigt worden sind. Alonso muß ein sehr edler Mensch
gewesen seyn. Er hat im Testamente seinen sämmtlichen Sclaven die
Freiheit geschenkt, und sie mit Mitteln zur Rückkehr in ihre Heimath
versehen. Ganz Mexiko rühmt ihn, als ein Muster von Sittenreinheit; der
Ruf seiner Tugend, seiner Kenntnisse und seines Wandels hat ihm die
Liebe und Achtung der ganzen Stadt gewonnen, und ein recht rührender
Beweis der zarten Anhänglichkeit seiner Umgebungen war, daß uns alle
Personen im Hause, als wir nach seinem Grabmal wandelten, schweigend
Hand und Fuß küßten, als wollten sie uns für die letzte Ehre danken,
die wir ihrem angebeteten Herrn erwiesen. Das Monument, unter dem seine
Hülle ruht, ist ein einfacher Würfel von weißlich grauem, sehr schön
geschliffenen Granit. Es liegt unfern der Stadt, auf dem Hügel von
Toatihuacan, zwischen den majestätischen Trümmern der, den indischen
Göttern, dem Monde und der Sonne, geweihten Pyramiden, in der Mitte
eines heiligen Palmenhains, rings umgeben von einem Kranze frisch
gepflanzter brennender Liebe. Wir knieten, vom Dunkel der stillen
Friedens-Palmen umschattet, am Grabe nieder, und beteten für Alonso und
für Dich. --

Alonso’s mit schwacher Hand geschriebene Zeilen lauten also:

Meine ewig einzige Hulda! Nur, wenn ich hinüber gegangen bin in die
Gefilde der Seligen, empfängst Du dieses Blatt. Ruht Dein Auge also
darauf, so bin ich schon drüben in dem Lande des Friedens, in dem keine
Täuschung mehr gilt, in dem nur die Wahrheit und das Recht dem Throne
des Allmächtigen zur Seite stehen.

Ich habe eine schwere Krankheit überstanden; meine Leute glauben
mich genesen, aber ich fühle, daß meiner Stunden nur wenige noch
sind. Erinnert an meine Sterblichkeit, habe ich meinen letzten Willen
aufgesetzt, Kraft dessen Du die alleinige Erbinn dessen bist, was die
Menschen zeitliches Glück nennen. Danke mir dafür nicht, denn es war
seit dem Augenblicke, als Du mir Deine Hand gabst, ja schon Dein. Das
Testament selbst, das gleich nach meiner Landung unserm Alcalde Mayor
wird eingehändigt werden, bedarf, nach unserm Gesetz, die Bestätigung
des Vicekönigs, für deren Bewirkung die nöthige Sorge getragen werden
soll.

Ich mag und kann nicht mehr leben. Ohne Dich, meine angebetete Hulda,
hat die ganze Welt keinen Werth für mich. Zwischen uns hat sich der
Fluch der sterbenden Mutter, wie ein glühender Markstein gestellt. Der
Geächtete, der Verfluchte konnte Dir nie seine Hand bieten! Es ist
mir gewesen, als wäre mein Gehirn aus dem Schädel gebrannt, denn ich
habe den Gedanken, Dich, Dich meine Hulda, auf diese Weise aufgeben zu
müssen, nicht fassen können.

Im Wahnwitz des hitzigen Fiebers, an dem ich krank lag, war mir am
wohlsten. Da hielt ich Dich noch für mein; da spann ich mir die
Sekunde, die ich mit Dir lebte, zu Tagen aus; jedes Wort, jeder Blick,
jedes Lächeln von Dir, Du alleiniger Engel meines Lebens, war mir
gegenwärtig, und in meiner glücklichen Einsamkeit störte mich nichts,
als das Toben der Wellen, die sich an den Seiten meines Dreimasters
schäumend brachen. Ich sprach, ich kos’te mit Dir; ich sog aus Deinen
Augen, von Deinen Lippen, aus Deinen tausendfachen Reizen das Süßeste
der Liebe.

Nach und nach verflogen meine Fieberträume; ich kehrte in das
schauerkalte, der Verzweiflung heimgefallene Leben zurück, und bin
unterdessen tausend Meilen von Dir weggekommen. Sonst, Du in diesen
meinen Armen, an dieser meiner Brust! -- jetzt -- ein halbes Weltmeer
zwischen uns! -- Ich sehe und sehe, aber mitten auf dem unermeßlichen
Ozean erspähe ich nichts, als Himmel und Wasser, Dunst und Nebel; dieß
armselige Gewand unsers ganzen Erdballs begränzt mir den Blick nach
Deinen Küsten, und meine Einsamkeit ist fürchterlich, weil sie ewig
ist. Ich kann mit glühender Sehnsucht hinabblicken in den Abgrund des
Meeres, denn nur mit meinem Tode hört mein Unglück auf.

Jenseits sollen die in Gott Entschlafenen sich wieder finden! Hast
Du dieß Blatt in Deinen Händen, so habe ich, wenn jene wohlthuende
Hoffnung des himmlischen Wiedersehens kein leeres Trostwort unsers
Glaubens ist, und Deine Mutter unterdessen den letzten Todeskampf auch
überstanden hat, sie gefunden, und bin von ihr jener Unheil bringenden
Verwünschung entlastet worden. Ich bin dann rein von aller Sünde, auch
von der, die aus falscher Ansicht mir aufgebürdet wurde, und Du kannst
und darfst an mich denken, ohne mit Deinem engelreinen Herzen Dich
meiner zu schämen!

Weine um mich nicht, Hulda. Ich fürchte den Tod nicht, und wenn Du
diese Zeilen liesest, habe ich ja den letzten Kampf schon glücklich
gekämpft. Die Trennung von Dir, meine einzige geliebte Hulda, war mir
wahrhaftig schwerer, als mir die vom Leben werden kann. Nun Du mir
fehlst, fehlt mir alles. Athemholen und Essen und Trinken heißt noch
nicht Leben. Ehe ich Dich kannte, liebte ich neben Gott meinem Herrn,
meiner Neger sanfte Gottheiten, den Mond und die Sonne. Seit Dich mein
Auge sah, vergaß ich beide, denn beide, die alles belebende Kraft der
Sonne, und die stille Milde des freundlichen Mondes, fand ich in Dir
wieder. Nun ich Dich nicht mehr sehen kann, mag ich auch die Götter
meiner Neger nicht; nur nach des Grabes Dunkel sehnt sich mein müdes
Herz.

Lebe wohl, meine Treugeliebte! behalte die Ueberzeugung fest, daß der
Fluch Deiner Mutter mich unschuldig traf. Du warst meine erste, meine
einzige Liebe. Schuldlos wie das Kind, das in der frühesten Jugend
der himmlische Vater zu sich ruft, scheide ich aus diesem Leben. Die
Gluth der Liebe, die von Deinen zauberischen Reizen angefacht, in
meinem Herzen mit Riesengewalt empor loderte, sie soll nur im engen
finstern Grabe, oder wenn ich auf der See noch sterbe, nur in der
unergründlichen Tiefe des großen Weltmeeres erkalten. -- Dir meine
Hulda -- das Laster des Neides ist dem Sterbenden fremd -- Dir gebe
ich Dein Gelöbniß der Treue hiermit feierlich zurück. Findest Du einen
Mann Deiner Liebe werth, so reiche ihm Deine Hand, und sey mit ihm
glücklich. Vergiß meiner nie, und bete für das Heil meiner Seele.

Weiter hatte Alonso, vermuthlich wegen Körperschwäche, nicht schreiben
können; die letzten Worte waren ohnehin schon fast ganz unleserlich.
Hulda reichte leichenbleich die Blätter dem Vater. Sie war vom Schreck
so durchbebt, daß sie kein Wort sprechen konnte; ein Schauer jagte nach
dem andern ihr durch Mark und Blut, sie zitterte an allen Gliedern, und
das starre Auge netzte keine Thräne.

Ich konnte, sagte sie endlich nach langer Weile, ihre
Leichtgläubigkeit sich selbst verweisend, mit erschütternder Kälte: ich
konnte noch hoffen, und die Mutter hatte mir in jenem Wolkenbilde doch
schon seinen Grabstein gezeigt! Weißlich grau war damals das Gestein,
und daß jener schreckliche Spiegel meiner Zukunft nicht lüge, schleifen
sie den Würfel, der auf seinem Grabe ruht, von weißlich grauem Granit!

Mehr sprach sie keine Sylbe; sie ging, wie im Traume, nach dem
Garten-Saal, und trat auf den Balkon. Da erst, als sie in die Gegend
hinschaute, in die er gesegelt war, ohne je wieder zurückzukommen, trat
ihr das Wasser in die Augen, da erst fand das schwer belastete Herz
Erleichterung durch sanfte Thränen.

Ich will, sagte sie, und reichte dem Vater wehmüthig die Hand: mit der
Vorsehung nicht hadern; ich will nicht murren! aber womit habe ich
dieses entsetzliche Loos verdient? Was habe ich gegen den Allgerechten
verbrochen, daß ich dieser Strafe werth wäre? Für meinen Verlust ist
hienieden kein Ersatz denkbar; mißbillige daher, mein armer Vater,
mißbillige es nicht, wenn ich meinen Gott im Himmel bitte, mich bald
von hier abzurufen. Drüben soll ich ihn ja wieder sehen, dort darf
ich ihn ja lieben. Einen Vortheil, ja einen habe ich aus meinem
unermeßlichen Unglück gerettet, den Vortheil des leichten Todes.
Die letzte Stunde dieses freudenleeren Lebens -- wann schlägt sie
mir? Andere schaudern ihr entgegen, mir ist sie das Einzige, wornach
ich mich hier noch sehne. Allgütiger, ende bald mit mir. Sie sah
noch einmal über das Meer hinüber, sie lispelte leise: Mein Alonso,
schlummere im Schatten Deiner Friedenspalmen sanft und ruhig. Deine
brennende Liebe nehme ich mit in meine Gruft. Noch einen Blick -- es
war der letzte -- warf sie rund um auf Land und Meer, verließ, sanft
weinend, ihren Lieblingsplatz, den Balkon, und hat ihn nie wieder
betreten.

Denselben Abend noch -- dieß zarte Gemüth konnte die ungeheure Last
eines solchen Schmerzes nicht lange ertragen, der Gram zerfraß diese
noch nicht einmal ganz entfaltete Blüthenknospe mit eiliger Gier --
denselben Abend noch mußte sich Hulda legen; sie sandte nach Gustchen
und deren Bräutigam; sie fühlte das allmählige Verrinnen ihrer
Lebenskraft, und freute sich der Gewißheit dieses Gefühls. Sie sandte
zu der Familie, die durch heuchlerische Frömmelei Einfluß auf die
Mutter gehabt, und dadurch wohl manches Unheil gestiftet hatte, und
ließ ihr sagen, daß sie ohne Groll von hinnen scheide; sie ordnete ihr
Begräbniß an, und bat um das heilige Abendmahl.

Es war Mitternacht, als der Prediger, der nämliche, der Hulda getauft,
der sie confirmirt hatte, und der von ihr im Stillen schon bestimmt
gewesen war, den Bund ihrer Liebe mit Alonso vor dem Traualtar
einzusegnen, an ihr Lager trat, um ihr das letzte Mahl der Liebe und
Versöhnung zu reichen, und der Kirche Segen ihr in das dunkle Reich des
Todes mitzugeben.

Die Umstehenden knieten an ihrem Bette nieder; sie reichte ihnen allen
die Hand, als wolle sie Abschied von ihnen nehmen, um dann die letzten
Augenblicke ihres Lebens ungestört sich allein zu gehören, und nahm
nun mit unbeschreiblicher Rührung, aus der Hand des Dieners Christi,
eines ehrwürdigen alten Mannes, das Mahl, das der zu seinem Gedächtniß
einsetzte, der den Menschen die reinste Liebe und den Leidenden
das höchste Bild der frommen Duldung war, der in der strengsten
Pflichterfüllung unser Aller Meister ist, und der den Sterbenden
seine schützenden Engel mit dem Freudenlichte seines Worts und seiner
Hoffnungen entgegen sendet, daß sie die Gläubigen sicher geleiten durch
das Dunkel der langen Todesnacht.

Vor dem Hause hob jetzt das Schülerchor, mit gedämpfter Stimme, das
fromme Lied: +Jesus meine Zuversicht+, an; der Geistliche segnete
sie zur ewigen Ruhe ein, und noch hatte das Lied nicht geendiget, als
Hulda, des Lebens müde, ihr Haupt neigte, und lautlos, ohne Schmerz und
ohne Klage hinüber schlummerte in das Reich der Seligen. -- Noch ein
leiser Seufzer, und die Engelreine hatte vollendet.

Die Glocken der Stadt schlugen Eins. +Ihr+ dämmerte der Morgen der
ewigen Verklärung.

Auguste, ihre treueste Freundinn, drückte ihr die Augen zu -- Alonso’s
letztes Andenken, die brennende Liebe schmückte Hulda’s Brust im Sarge.

Auch ihr Grab deckt ein großer Würfel von geschliffenem Granit; statt
der nur in Alonso’s Heimath, im Freien gedeihenden Palmen, beschatten
Trauerweiden ihre Gruft. --

Sie ruhe in Frieden!

       *       *       *       *       *

Uns allen aber einst solch einen sanften Tod.



    Gedruckt in der Gerlachischen Buchdruckerei.



    Bei der +Arnoldischen+ Buchhandlung in Dresden sind folgende
    schöngeistige Schriften erschienen und um die beigesetzten Preise
    durch alle Buchhandlungen zu bekommen:


    Abendzeitung, herausgegeben von Th. Hell u. Fr. Kind, auf das Jahr

    1817. 6 Thlr.
    1818. 6 Thlr.
    1819. 6 Thlr.
    1820. 6 Thlr.
    1822. 6 Thlr.
    1823. 9 Thlr.

    A. Apel, die Aitolier. Tragödie m. K.      1 Thlr.
    -- -- Kunz von Kauffung. Trauerspiel.      20 Gr.

    Das Gespenst. Drei Erzählungen von Fr. Laun, Fr. Kind und G.
        Schilling.      1 Thlr. 6 gl.

    Der Mantel. Drei Erzählungen v. Fr. Laun, K. Streckfuß und G.
        Schilling.      1 Thlr. 6 gl.

    Ich und meine Frau. Drei Erzählungen von Fr. Laun, W. A. Lindau
        und G. Schilling.      1 Thlr. 6 gl.

    H. Clauren. Lustspiele. 2 Thle. 1818.      2 Thlr. 6 gl.
    -- -- Scherz und Ernst. 10 Theile.      10 Thlr.
    -- -- des Lebens Höchstes ist die Liebe. 2 Thle. 1822.      2 Thlr.
    -- -- Das Pfänderspiel. 1820.      1 Thlr. 6 gl.
    -- -- Der Vorposten. Schauspiel. 1821.      16 gl.
    -- -- Das Vogelschießen. Lustspiel. 1822.      21 gl.
    -- -- Der Liebe reinstes Opfer. 1821.      18 gl.
    -- -- Rangsucht und Wahnglaube. 1821.      22 gl.
    -- -- Liesli und Elsi, zwei Schweizergeschichten. 1821. geb.
        1 Thlr. 8 gl.
    -- -- Das Schlachtschwert. Eine Erzählung. 1821.      18 gl.

    C. W. Contessa. Erzählungen. 2 Theile. 1819.      2 Thlr.

    Th. Hell, Bühne der Ausländer. 3 Bde.      3 Thlr. 6 gl.
    -- -- Lyratöne. 2 Thle. m. K. 1821.      2 Thlr.

    E. v. Houwald, Erzählungen. 1819.      1 Thlr. 4 gl.

    Fr. Laun, der wilde Jäger. 1820.      1 Thlr. 6 gl.
    -- -- Welcher? Drei Erzählungen verwandten Inhalts. 1821.
        1 Thlr. 3 gl.

    W. A. Lindau, Lebensbilder. 2 Thle. 1816. 1 Thlr. 12 gl.
    -- -- -- Die Braut. Ein Gemälde nach W. Scott. 3 Thle. 1822. 2te
        Aufl.      3 Thlr.
    -- -- -- Eduard, nach Walter Scott. 4 Thle. 1822.      4 Thlr.
        18 gl.
    -- -- -- Das Herz von Mid-Lothian, nach W. Scott, 1r, 2r Thl. 1822.
        2 Thlr.
    -- -- -- Erzählungen nach Washington Irwing, a. d. Engl. 1822.
        21 gl.
    -- -- -- Anastasius, Abenteuer eines Griechen. Nach dem Engl.
        2 Thle. 1822.      2 Thlr. 16 gl.
             dessen 3r Theil. 1823.      1 Thlr. 8 gl.

    R. Roos. Gedichte. 1820.      1 Thlr.
             deren 2r Theil. 1823.      1 Thlr. 3 gl.
    -- -- Erzählungen. 1820.      1 Thlr. 3 gl.

    Salomon, Parabeln. 1819.      1 Thlr.

    St. Schütze, Heitere Stunden, 1r Theil. 1821.      1 Thlr. 3 gl.
             deren 2r Thl. 1822.      1 Thlr. 3 gl.

    K. Streckfuß, Erzählungen. 1812.      1 Thlr.

    Taillefas, Schreckensscenen aus dem Norden. 1820.      1 Thlr.

    C. F. van der Velde, Erzstufen. 3 Thle. 1819.      2 Thlr. 18 gl.
    -- -- -- -- Prinz Friedrich. 1820.      1 Thlr. 12 gl.
    -- -- -- -- Die Eroberung von Mexiko, 3 Thle. 1821.      3 Thlr.
    -- -- -- -- Der Maltheser. 1822.      1 Thlr. 12 gl.
    -- -- -- -- Die Lichtensteiner. 1822.      1 Thlr.
    -- -- -- -- Die Wiedertäufer. 1822.      1 Thlr. 3 gl.
    -- -- -- -- Die Patrizier. 1823.
    -- -- -- -- Arwed Gyllnstierna. 2 Theile 1823.

    Die erste Sammlung der Schriften von Gustav Schilling besteht
    aus 50 Bänden, welche im Ladenpreise 50 Thlr. kosten. Um aber
    den Freunden einer neuen Sammlung den Ankauf der frühern zu
    erleichtern, geben wir solche für 33 Thlr. Sächs. Cour., wofür sie
    durch alle solide Buchhandlungen zu erlangen ist.

    Es sind in jener Sammlung enthalten: 1) das Weib wie es ist. 3te
    verb. Aufl. 2. 3. 4.) Die Ignoranten. 3 Thle. 3te verb. Aufl. 5.
    6. 7. 8.) Der Liebesdienst. 3 Thle. 9. 10.) Die schöne Sibille. 2
    Thle. 3te verb. Aufl. 11.) Bagatellen v. Z. Kukuck. 2te verb. Aufl.
    12. 13. 14. 15.) Erzählungen. 4 Thle. 16. 17. 18.) Geschichten. 3
    Thle. 19. 20. 21.) Irrlichter. 3 Thle. 22. 23.) Abendgenossen. 2
    Thle. 2te verb. Aufl. 24.) Das Orakel. 25. 26.) Laura im Bade. 2
    Thle. 27.) Der Beichtvater. 2te aus 2 in 1 Bd. gedrängte Aufl. 31.)
    Die Wunderapotheke. 32.) Der Weihnachtabend. 2te verb. Aufl. 33.)
    Die Neuntödter. 34.) Die Geister des Erzgebirges. 35. 36.) Flocken.
    2 Thle. 37. 38.) Gottholds Abenteuer. 2 Thle. 2te verb. Aufl. 39.)
    Wallmann der Schütze. 40.) Die Nachwehen. 41.) Freudengeister. 42.)
    Die Bedrängten. 43. 44.) Der Roman im Romane. 2 Thle. 2te verb.
    Aufl. 45.) Die Heimsuchung. 46.) Blätter aus dem Buche der Vorzeit.
    47.) Orangen. 2te aus 2 in 1 Bd. gedrängte Aufl. 48.) Flämmchen.
    49.) Die Versucherinnen. 2te verb. Aufl. 50.) Das Teufelshäuschen.

    Die zweite Sammlung erscheint in Lieferungen zu 5 Bänden, welche im
    Ladenpreise 5 Thlr., gegen Vorausbezahlung aber nur 4 Thlr. kosten.

    In der ersten Lieferung sind enthalten: 1.) Der Mann wie er ist.
    2te verb. Aufl. 2. 3. 4.) Verkümmerung. 3 Thle. 5.) Heimchen. 6.
    7.) Stoffe. 2 Theile. 8. 9. 10.) Die Familie Bürger. 3 Theile 1820.

    In der zweiten: 6. 7.) Stoffe. 2 Thle. 8. 9. 10.) Die Familie
    Bürger. 3 Thle.

    In der dritten sind enthalten: 11. 12. 13.) Wallows Töchter. 3 Thle.
        1821. 3 Thlr. 6 gr. 14. 15.) Zeichnungen. 2 Thle.      1 Thlr.
        18 gl.

    In der vierten: 16. 17.) Wolfgang. 2 Thle. 2 Thlr. 6 gr. 18. 19.
        20.) Häusliche Bilder. 3 Theile. 1822.      2 Thlr. 18 gr.


Arnoldische Buchhandlung.



FUSSNOTEN:

[1] Eine Art großer Heidelbeeren (~vaccinium macro carcon~) in der
Gegend von Buffalo-Creek zu Hause.

[2] Die nördlichste Niederlassung der Herrnhuter in Grönland 72° 82, N.
B.

[3] Eigentlich sagt der Seemann nicht Mastkorb, sondern Mars. Da
indessen nur wenige Leser der Schiffssprache dürften kundig seyn,
glaubte ich den ersteren, ihnen bekannteren Ausdruck beibehalten zu
müssen.

[4] Bei großen Kauffahrern von 500 Lasten, (zwanzigtausend Centnern)
hat der Mastbaum gewöhnlich eine Länge von 110 Fuß.

[5] Dieß heißt, etliche von den Segeln backbrassen und andere
beiprassen, so daß sie unter einander eine entgegengesetzte Richtung
haben, und das Schiff beinahe auf einer Stelle liegen bleibt.

[6] Taschen heißen die drei Fuß breiten Gallerien, die an den Seiten
des Schiffes nach dem Hintertheile zu, angebracht werden.

[7] Dieß ist das Zeichen, durch welches ein segelfertiges Schiff, den
am Lande befindlichen Passagieren zu verstehen gibt, sich baldigst an
Bord zu verfügen.

[8] Die Flagge niederlassen, oder die Flagge streichen, ist der
seemännische ehrfurchtvollste Bückling.

[9] Gissing ist die muthmaßliche Berechnung der Stellen, auf der sich
das Schiff in See befindet, ohne Sonne und Sterne beobachten zu können.

[10] Ein falscher Cours mit Schneckenlinien.

[11] Ein Stück Bonnetsegel mit Werg benäht und mit Asche bestreut, mit
dem man an der äußern Seite des Schiffs die schadhafte Stelle unter dem
Wasser bedeckt.

[12] Haben in Seeschlachten die Seiten des Schiffes, durch
Kanonenkugeln lecke Stellen bekommen, so werden letztere durch Pfropfen
von Holz, mit Werg umzogen, verstopft.

[13] Ein gemauerter Raum im Hafen, zum Ausbessern leck gewordener
Schiffe.

[14] Klar nennt man das Tauwerk, wenn es unverworren, nicht verwickelt
ist, den Anker aber, wenn er dergestalt in Ordnung liegt, daß man
alsbald die Parturlinie losmachen, und den Anker fallen lassen kann,
auf daß er Grund fasse.

[15] Im Spanischen das, was auf andern Schiffen der Bottelier heißt;
der Aufseher über die Lebensmittel, Magazine.

[16] Schiffslieutenant.

[17] Die platte dreieckige Spitze des Ankerarms.

[18] Seefüßig seyn, heißt, den Seedienst gewohnt seyn, und selbst beim
Schlingern des Schiffes, am Tauwerk auf- und abklettern zu können.

[19] Die Tiefe und Beschaffenheit des Meergrundes durch das Loth zu
untersuchen.

[20] Scharfer Grund besteht aus spitzigen Klippen, und ist darum dem
Kabeltau gefährlich. Die Griechen nannten unser Kabeltau, Kamelos.
Die Stelle im Evangelisten Matth. „+Es ist leichter, daß ein Kameel
durch ein Nadelöhr gehe+“, ist daher wohl falsch übersetzt, und sollte
eigentlich heißen: es ist leichter, daß ein Kabeltau (ein Ankertau)
durch ein Nadelöhr gehe etc.

[21] Unbeständiger, aus Triebsand bestehender Grund.

[22] Vor dem Winde segeln heißt, den Wind so hinter sich haben, daß er
gerade in die vollen Segel bläs’t.

[23] Ein bei Seeleuten übliches Sprichwort, welches so viel sagt, als,
das Schiff fährt sich gut.

[24] Eine Art sehr heftiger Wirbelwind.

[25] Ein ungeheurer Eisberg am Nordpol.

[26] Gegohrner Saft von +Agaven+, den die mexikanischen Indianer wegen
des leichten Champagner-Rausches, den er bewirkt, ungemein lieben. Die
Franzosen nennen das Getränke +Pulgue de Maguay+.

[27] Ein Piaster ist ungefähr 1½ Thaler werth.

[28] Man findet daselbst Stücke reines, gediegenes Gold, von denen ein
einziges 50 Pfund und oft noch mehr, wiegt.

[29] Ein im Seerechte gebräuchliches Wort, das einen Menschen
bezeichnet, der sich durch allerlei Winkelzüge, einen schlechten Namen
gemacht hat.

[30] Die Volcantitos in Goldcastilien.

[31] ~Anacardium caracoli~ erreicht gewöhnlich die Höhe von 350-380 Fuß.

[32] Ein solches Vermögen in der Hand eines Privatmannes kann nur denen
fabelhaft klingen, welche von den, in den Gegenden von Mexiko, Lima und
Peru heimischen Reichthümern keinen Begriff haben.

Um ungefähr eine Idee von dem zu geben, was man, in jenem Mutterlande
der Gold- und Silberschätze, Wohlhabenheit nennt, darf ich nur
anführen, daß in der Nationalgarde zu Lima, keiner aufgenommen wird,
welcher nicht ein baares Vermögen von 4 Millionen Piaster (6 Millionen
Thaler) nachweisen kann, und daß dieses respectable Corps, im Jahre
1804, aus 386 Mann bestand.

[33] Unstreitig eine der schönsten Blumen der amerikanischen Flora.

[34] Im Gouvernement Atacames im obern Peru. Die dortigen Smaragdgruben
sind vielleicht die reichsten der ganzen Welt.

[35] „Fallt auf’s Fallreep.“ Dieß ist eine der größten
Ehrenbezeigungen, zu der die Mannschaft nur beordert wird, wenn sehr
vornehme Personen an Bord eines Schiffs kommen.

[36] Das Tau, welches an beiden Seiten der Treppe befindlich ist, um
sich beim Hinaufsteigen daran zu halten.

[37] Am Fallreep befinden sich in einer Entfernung von einem Fuß,
kleine Knöpfe oder Knoten, um sich besser am Tau halten zu können; man
nennt einen solchen Knopf bei manchen Völkern auch Maus, Stegmaus, bei
den Spaniern ~Barrilete de estay~.

    [38] Steuermann } die nach dem Capitain folgenden

    [39] Bootsmann  } Offiziere auf einem

    [40] Schimann   } Kauffahrteischiffe.

[41] Auch Malte-Brün beurkundet in seinem neuesten Gemälde von Amerika
(Buch 9.) daß die schöne, zu Cortez Zeiten übliche Gewohnheit, einen
Blumenstrauß, als das köstlichste Geschenk anzusehen, das man einem
verehrten Gaste überreichen kann, sich in Mexiko und Guatimala, noch
bis auf den heutigen Tag unter den Indianern erhalten habe.

[42] Bekanntlich verehren die Mexikaner unter diesem Namen Sonne und
Mond, als ihre einzigen Gottheiten.

[43] Hauptspaziergang.

[44] Ein Schiff nennt man rank, das sich, weil es im obern Raum
überladen ist, leicht auf die Seite neigt.

[45] Unweit ~Santa-Fe~.

[46] Bananas, und Paradiesfeigenbaum und Pisang, ist ein und dasselbe.
Ein einziger Zweig hat oft 200 Früchte, und wiegt 80-90 Pfund.

[47] Ich bin mit dem ganzen Schiff zum Abgehen in völliger Bereitschaft.

[48] Die Kammer in einem Schiffe, welche statt des Kellers und
Speisegewölbes dient.

[49] Die Schiffsküche.

[50] Das auf spanischen Schiffen gewöhnliche Kommando, die Anker zu
lichten.

[51] Der Befehl, die Segel beizusetzen.

[52] Einige Stunden von diesem Hafen liegt Lima.

[53] Die bekannte Heilwurzel Jalapa hat von dieser Stadt ihren Namen.

[54] Rings um Vera-Cruz sind die Ebenen mit brennendem Flugsande
bedeckt, der die hier ohnehin heimische Hitze fast unerträglich macht,
und in Verbindung mit dem stehenden Wasser des ~Baxio de la Tembladera~
die hier ewigen Wechselfieber und das gefährliche ~Vomito prieto~
(schwarze Erbrechen) verursacht.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home